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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-06 02:47:16 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Eine dänische Geschichte - -Author: Adele Schopenhauer - -Release Date: July 18, 2016 [EBook #52602] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DÄNISCHE GESCHICHTE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - Eine dänische Geschichte. - - Roman - - von - - Adele Schopenhauer. - - Braunschweig, - Druck und Verlag von George Westermann. - - 1848. - - - - -Auf der süd-östlichen Küste der Insel Laaland erhebt sich das alte -Städtchen Nysted, welches sich zu den frühesten Dänemarks zählt, da -es schon im Jahr 1409 durch Erich von Pommern Stadtrechte erhielt. -Wie aus einem dicken Laubkranze schaut es von seinem grünenden Hügel -aus weit hinein in das Land -- über Laaland und Falster hin, ja -dem Meer entlang bis nach Femern und Rostock, und seine berühmten -Lindengänge erzählen sich im Abendwind ganz wundersame Geschichten: -der träumerische Nachthauch streicht über heidnische Grabhügel, über -verfallene Gerichts- und Opferstätten hin, und hilft dem kundigen Greis -die in seinem Kopf zerstreuten, halbverlorenen Klänge der alten Saga -zusammensuchen, die ihm vom Ur-Ahn auf Großvater und Vater vererbt -sind. Denn der Nordländer, besonders aber der Landbewohner hört gar -gern erzählen von lang vergangenen Tagen, wenn der strenge Winter -ihm Thor und Fensterladen schließt und ihn zurückdrängt in die engen -Kammern. - -Auf dem höchsten Steine der ehemaligen Schanze, an der Mündung des -Hafens, saß ein junger Mann, nachdenklich beide Arme auf ein Mauerstück -gelehnt und schauete bald zum bewölkten Himmel auf, bald in die frische -Landschaft hinein, sah aber dabei aus, als gedenke er gar anderer -Ruinen, gar anderer Hügel und Meere; ihm war das Herz sichtlich -schwer. Auch er war ein beliebter Erzähler des Städtchens; er hatte -oft und gern seinen staunenden Zuhörern den bunten Schleier seiner -südlichen Anschauungen über dies stille Grau der Nebel hingebreitet, -in denen der Frühling, wie ein Kind in seinen Windeln, tief in's Jahr -hinein schläft, und dann mit einem Male aufspringt, da ist in voller -Schöne und Kraft und wie ein junger Herkules die alte Winterschlange -zerdrückt. Das hat der höhere Norden mit dem Süden gemein, daß dort wie -hier der ganze Lenz, wie seine einzelne Blüthe, in der geschwellten -Knospe steckt; und ihn der heiße Sonnenstrahl plötzlich erweckt zum -üppigsten Leben, während man in Mittel-Deutschland ihn lange kommen -sieht, und heute die Primel, morgen die Kirschenblüthe findet, eine -Woche lang das Maienglöckchen erwartet, und so allmälig Blume um Blume -willkommen heißt und begrüßt. - -Drei Monate schon war der Reisende in Nysted; seit drei Wochen liebte -er; seit drei Wochen war ihm, außer dem kleinen Fleck Erde Laaland, die -übrige Welt dunkler geworden als der bewölkte Himmel, den er anstarrte. --- Darum also war er in Italien gewesen, hatte Rom gesehen, dort und -in Florenz Jahre lang studirt, um hier hoffnungslos einem bleichen -Mädchenantlitz gegenüber festzuwurzeln? -- Wo waren dann seine Wünsche -und Träume geblieben, und all die weitausgreifenden Pläne der Seinen? --- Wie welke Blätter im Sturm kreisten und wirbelten Erinnerungen und -Vorstellungen durch seine Seele: -- er gedachte seiner Mutter in Plön, -wohin sie von Copenhagen gezogen, um wohlfeil zu leben, einsam mit -einer alten Magd, jeden Pfennig zu sparen und mitten in den Unruhen -des Kriegs ihn zum Künstler zu bilden; er gedachte seines Ohms, des -Rathsverwandten Hagemeister, der als solcher eine kleine Anstellung -in Roeskilde erhalten, und mit unsäglicher Mühe durch des Bischofs -Gnade den Auftrag ihm verschafft hatte, der zuerst ihn nach Nysted -geführt. -- Eben durchbrach die Sonne, mit hellem blassen Strahl -sie durchschneidend, die schwere Wolkenhülle; aufblitzte der goldne -Thurmknopf der das ganze Städtchen hoch überragenden Kirche; die -Arbeitsstunde war gekommen, und die Möglichkeit im alterthümlichen Bau -des Gotteshauses die Farben zu sehen und scharf zu unterscheiden; -- -der Maler warf alle Gedanken zur Seite und eilte der Bucht entlang den -Weg zurück in die Stadt, die steile Gasse hinauf zur Kirche; sie war -geschlossen am Werkestag; das Frühgebet war längst vorüber. Thorald -mußte herumgehen bis an des Küsters Haus; er klopfte leise an die -runden Scheiben des kleinen Fensters, es öffnete sich sogleich und ein -feiner Mädchenkopf beugte sich hervor. - -»Ei guten Morgen, Herr Eynerssen! Der Vater ist nicht mehr daheim, -er ist auf Schloß Aalholm zum Grafen, und ich soll Euch führen; die -Schlüssel hat er mir gelassen, ich komme gleich hinab!« - -Im Augenblicke stand sie, in ein bescheiden Mäntelchen gehüllt, neben -ihm, -- »aber laßt Ihr mich nun auch das Gemälde sehen, lieber Herr? -ich habe mich so lange darauf gefreut, allein der Vater ist so streng; -der hält am gegebenen Wort wie eine Eisenklammer. Ihn kümmert es gar -nicht, daß mich die Christine und Elisabeth und Sophie verspotten, weil -ich, gleichsam ein Kirchenkind, das Bild noch nicht gesehen, da Ihr es -doch schon vor drei Tagen hingebracht.« -- - -»Wenn es fertig ist, Gianina, sollst Du es zuerst sehen, früher als -alle Anderen; heute aber kann ich Dir den Gefallen nicht thun, ich muß -den Eindruck, den es macht, an Ort und Stelle selbst betrachten, ihn -wohl berechnen, manches ändern und hineinmalen.« -- - -»Da verwälscht Ihr mir wieder meinen ehrlichen Christennamen und thut -mir dennoch nicht das kleinste zu Liebe! +Johanna+ heiß ich, hundertmal -habe ich's Euch schon gesagt! Würde das klingen ›Gianina Kaalund‹? -hört doch selbst, wie das acht und kracht! Es paßt zusammen wie die -Faust auf's Auge.« - -Während dem Sprechen hatte das Mädchen die schweren Schlösser geöffnet; -sie traten durch die Sacristei, welche der Kirche anhing wie ein -unförmliches Schwalbennest, in die dämmernde Stille des Seitenschiffs. -Die weißgetünchten Räume gehörten dem normannisch-romanischen Styl -an, der edle Bau war frei und nicht durch schwerfällige Mittelchöre -verunstaltet; ein frommes, freudiges Dankgefühl schlug an des Malers -Herz -- rasch schritt er vor nach der Mitte des Altars und überflog mit -flammendem Auge die seiner Tafel bestimmte Stelle; hinter derselben -stand das wohl verhangene Bild. Daneben lehnten eine Leiter und eine -staffeleiartige Vorrichtung, um das Gemälde in die ihm bestimmte Höhe -zu bringen und ihm das passende Licht zu geben. Der Maler hatte die -Absicht, an Ort und Stelle das Gemälde zu vollenden, und dann erst dem -Magistrat, welcher es für die Stadtgemeine bestellt, zu überantworten. - -Unterdessen war Carlson, ein langer blonder Knabe, welcher dem Maler -aufwartete, mit dem Malergeräth angelangt. Thorald und er gaben sich -sogleich daran die Tafel aufzustellen. Das Mädchen hatte der Künstler -längst vergessen. - -Die Kleine war scheinbar hinausgegangen, dann umgekehrt und hinter -einen der großen Pfeiler geschlüpft; sie schaute von dort sachte hervor -auf Beider Treiben, in der Hoffnung, wenigstens von weitem ihre Neugier -befriedigen zu können. - -Jetzt war das Bild mit dem leeren Altarraum in gleiche Höhe gebracht, -es stand demselben zur Seite; Carlson ward entlassen. Zögernd blieb der -Meister mit verschränkten Armen vor seinem Werke stehen, als scheue -er die Enthüllung desselben. -- Carlson strich dem Pfeiler vorüber, -welcher Johannen barg; sie glitt geschickt um denselben herum und war -nun dem Gemälde um so näher. Endlich flog der Vorhang zurück. »Mein -Jesus, das Schloßfräulein!« schrie Johanna sich selbst vergessend auf. -Wie von einem elektrischen Schlage getroffen taumelte der Maler zurück. -»Du hier, Johanna? und Sie -- Helene? das Fräulein von Gejern wollte -ich sagen -- aber wo, um Gotteswillen, wo ist sie? sprich doch Mädchen!« - -»Was fällt Euch ein! Ihr träumt, lieber Herr. Das Fräulein außer aller -Kirchenzeit hier in dem verschlossenen Gotteshause? ich meine +da+ -die heilige Martha neben unserer Herrgottsmutter auf dem Gemälde, sie -ist ihr ja wie aus den Augen geschnitten! Wird sich die wundern, und -der Herr Graf! -- aber der Johannes sieht ihr wahrhaftig auch etwas -ähnlich! -- und davon sagt mir der Vater kein Sterbenswort!« - -Heiß erröthete der junge Mann, ob aus Liebesentzücken oder Scham ist -schwer zu sagen, denn die in's Auge fallende Aehnlichkeit war ihm -unbewußt aus der Seele in die Farbe seiner Pinsel gedrungen; dann -versuchte er des Mädchens Ausspruch zu widerlegen, ja, er schalt -ihn sogar eine thörichte Einbildung, der des Fräuleins Ohr ja nicht -berühren dürfe; er bewies ihr den Irrthum in tausend Abweichungen des -Originals vom Bilde. -- - -»Meinetwegen, lieber Herr Eynerssen, ich gebe Euch gern zu, daß unser -Fräulein weder so betrübt aussieht -- Gott sei Dank! noch so fromm; -aber +das+ sind ihre schönen lichtbraunen Haare, ihre klaren Augen --- das ist die schmale Unterlippe, mit der sie so drollig trotzen -kann, das ist ihre freie gerade Nase; es ist ja zum Sprechen! Und so -narret mich doch nicht, indem Ihr mir weiß machen wollt, es sei das -Alles ganz von selbst gekommen, habt Ihr doch eben das Conterfei der -drei Fräulein im Schlosse vollendet, da hattet Ihr ja die allerbeste -Gelegenheit, dasselbe Gesicht hier zu wiederholen. Die Lisbeth hat die -Bilder gesehen und kann gar nicht aufhören, die Aehnlichkeit derselben -zu rühmen!« - -»Ich bitte, Kind, jetzt laß mich arbeiten,« bat der Maler. »Geh' jetzt --- thu' mir den Gefallen! Drei Stunden lang habe ich auf den hellen Tag -und auf das Sonnenlicht gewartet.« -- -- - -»Ja wohl, ich gehe schon, aber ich hätte Euch doch gern noch viel -gefragt; mir ist, als müsse ich Euch danken für Labung und Gottesgabe! -Die heilige Mutter am Kreuz ist gar so schön, und Christus sieht auf -uns mit solcher Barmherzigkeit hernieder, daß man so recht im Gemüthe -fühlt, wie er für uns gestorben ist!« - -Als sie draußen war, schob Thorald die Riegel vor und kehrte dann zu -seinem Bild zurück; er wollte die Aehnlichkeit wegbringen durch ein -paar kühne Pinselstriche, wär's auch auf Kosten seines Bildes, aber den -geliebten reinen Zügen gegenüber sanken ihm Hand und Muth. -- »Haben -es doch Rafael und Andrea auch gethan!« flüsterte er vor sich hin -- -»vielleicht gewahrt sie es nicht einmal; mir ist's wie eine Todsünde, -die wunderbare Harmonie dieses Antlitzes zu zerstören! Was auch für -Herzeleid und Verdruß mir daraus erwachse, ich vermag es nicht.« - - -In einem nicht eben uneleganten, nur etwas schwerfälligen Pavillon in -chinesischem Geschmack, der sich neben dem alten gothischen Schloßbau -drollig genug ausnahm, und recht wie zum Spott unserer schwächlichen -Modernität mit dessen vier, fünf Ellen dicken Mauern contrastirte, -saßen am Abend desselben Tages drei junge Mädchen, zwei von ihnen -mit Nähen und Spitzen-Klöppeln emsig beschäftigt; -- Laaland bewahrt -noch seine primitive Fabriken- und Lädenscheu, und Nysteds 800 -Einwohner gehen alle, von der Mode unberührt und unbelästigt, im -großväterlichen und großmütterlichen Schnitt einher. Die Damen mußten -also nothgedrungen zu ihrer eigenen Modernisirung Hand anlegen. Den -beiden fleißigen Schwestern gegenüber saß Helene, mit dem Rücken nach -dem Fenster gekehrt, und schaute verstohlen über die Schultern hinweg, -der Lindenallee entlang, welche Schloß und Städtchen verbindet. Sie -beachtete keines der Copenhager Gesellschaftsbilder, welche jene -Beiden mit unerschöpflicher Phantasie ihr entwarfen; wie aus einer -weitentlegenen Welt schaute sie sichtlich, ohne alles Verständniß des -ihr Vorgetragenen, über den kleinen schmalen Theetisch zu den lustigen -Schwätzerinnen hin, die, glücklicherweise viel zu sehr mit sich selbst -beschäftigt, ihre Zerstreutheit nicht bemerkten. -- - -»Bruder Joachim und Elisabeth kommen auch zum Pferderennen nach -Copenhagen,« sagte Amalie, »Christian will nur ein halb Dutzend -Ackerpferde zum Verkauf hinüberschicken -- wird sie nicht Staat machen, -die Gnädige. Nun, da bekommen wir wenigstens neue Muster.« - -»Nach Wallöe? o ja! aber schwerlich bis hieher nach Laaland! Und alles -können wir doch nicht selbst machen, oder gedenkst Du in Nysted eine -Putzmacherin zu suchen? Danke Gott, wenn Du einen Schuster findest!« - -»Wie Du nun wieder übertreibst, Annette, Dir ist der Aufenthalt hier -zuwider, und doch ist er so friedlich, so recht gleichförmig und ruhig, -wie ich immer leben möchte; ich habe diese grünen fetten Weiden gern.« - -»Gern? ist's etwa angenehm zwischen Ochsen und Kühen, durch Dick und -Dünn in schweren Holzschuhen dem Sonnenuntergange entgegen zu waten, im -Moor stecken zu bleiben und dann allenfalls vom alten Niels gerettet, -wie ein nasser Sack in irgend einem Bauernhofe als »Gräfliches -Eigenthum« abgeliefert zu werden?« - -»Uebt man doch kein Morast-Strandrecht an uns aus! Ich bin lieber hier -als in Wallöe; das Stift wird mir nicht zum Vaterhause. Hätte Christian -mein Herz für Aalholm, es sollte bald hier anders werden. Es war auch -anders zu der Mutter Zeit, sogar noch in des Vaters Witwen-Jahren, ehe -all die Modernisirungsversuche den Bauernstand uns fern stellten; es -war etwas patriarchalisches in der Abhängigkeit.« - -»Ich meine, der Bauernstand sei unserer Gegenwart etwas näher getreten, -als für unser Aller Glück nothwendig,« erwiederte Annette; das hübsche -Milch- und Rosen-Gesichtchen überflog ein Zug seltsam spöttischer -Bitterkeit. - -Am gegenüberliegenden Ende des Gartens erschien jetzt eine bleiche -noch jugendliche Frau; sie trat aus dem Schlosse und schritt mühsam -die hohe Steintreppe hinab in den Gang, der zum Pavillon führte; ihr -etwas trüber Blick überflog die Kieswege und die steifgeschnittenen -Taxuswände, als suche er etwas; ein leises, fast unmerkliches -Kopfschütteln sprach aus, daß sie es nicht gefunden; -- so näherte -sie sich langsam den Schwestern. Helene, ihren wogenden Träumen -hingegeben, bemerkte es nicht; die andern Beiden blieben in plötzlich -veränderter Haltung sitzen, etwas Gliederpuppenartiges und angestrengt -Eckiges legte sich über dieselben und es breitete sich eine feine, doch -keineswegs grelle Affectation über den ganzen Ausdruck ihres eben noch -so ganz natürlichen Wesens aus. - - * * * * * - -Eva, so hieß die Neuhinzugetretene, grüßte freundlich ihre -Schwägerinnen und setzte sich zu ihnen; sie athmete beklommen. In -Laaland geboren, hatten ihr dennoch der feuchte Moorboden und dessen -ungesunde Ausdünstungen geschadet; ihre Gesundheit war zerstört. Sie -hatte mit ihrem Gemahl, dem Grafen Christian, fünfzehn Jahre in Jütland -zugebracht, bis das ihm nach seines Vaters Tode zufallende Majorat sie -veranlaßte, nach Aalholm zu ziehen. Jütland aber ist der romantische -Theil Dänemarks; es hat weder Fühnens überreiche Vegetation, noch -Seelands städtischen Reiz, aber es vereinigt den Wechsel wilder, rauher -und fruchtbarer Gegenden; es hat die höchsten Berge, Waldungen und -Seen, anmuthige Buchten und Flüsse -- und sein kaltes Klima ist nicht -schädlich wie das des kaum sich über den Meeresspiegel erhebenden -Laaland. - -Eva legte leise ihre schmale abgemagerte Hand auf Helenens Schulter, um -sie aus ihren wachen Träumen zu erwecken; »es ist schön heute Abend,« -sagte sie, »seit dem Mittag hat sich der Horizont entwölkt, wolltest -Du nicht ausgehen oder ausfahren?« »Meinst Du, daß es schön bleiben -wird, bis Sonntag und wir Alle nach Nysted in die Kirche gehen können?« -fragte, gleich in ihre Gedanken ganz zurücksinkend, das Mädchen. Sie -schüttelte die lichtbraunen Locken aus dem Gesicht und hob das von -Johannen beschriebene Antlitz zu der vor ihr Stehenden empor; man -fühlte die Wärme und Innigkeit des strahlenden Blickes, die vertrauende -Liebe, die sie der Schwägerin verband. »Ich glaube,« fuhr sie leicht -erröthend fort, »das Altarblatt wird fertig sein, es könnte wohl zur -Feier des Johannistages aufgestellt werden.« -- - -»Freilich haben wir lange genug darauf gehofft, aber Du vergißt, liebes -Kind, daß unsere Herren nach Copenhagen wollten.« -- - -»Bewahre! Christian schickt nur seine Pferde hin und Joachim und -Friedrich gehen von ihren Gütern aus direct, ohne mit uns zusammen zu -treffen; sie gedenken zum Erntefest hier auf Aalholm uns zu besuchen,« -sagte Annette. Die arme Gräfin wurde noch ein wenig bleicher als sie -gewesen, Christian hatte ihr von all diesen Veränderungen seiner Pläne -nichts gesagt! - - * * * * * - -Helene sah sie sorglich an, »Christian,« sagte sie, »hat erst gestern -Abend die Briefe erhalten, er ist mit dem Inspector nach Engholm; Du -weißt, heute Morgen hat er eine Kiste Bücher bekommen, und vermuthlich -über die Geistesverwandten die Brüder vergessen!« -- Schmeichelnd -streichelte sie die zitternde Hand, welche von der Schulter -herabgeglitten jetzt in der ihren lag. »Oder mich!« -- seufzte Eva, -unhörbar leise. - -Ein Männertritt erklang über den Kies der Gartenwege; während des -kurzen Gesprächs war nun, doch von Helene nicht unbemerkt, Thorald am -Pavillon vorbei und durch die kleine Gartenpforte hereingekommen; er -trat, sich entschuldigend, daß er nicht angemeldet, zu den Damen. -- - -Er mochte Helenen früher auf diese Weise allein angetroffen haben, -denn Beide waren sichtlich verlegen, und die andern Schwestern -flüsterten sich etwas zu: Annette zuckte lächelnd die Achseln. Die -Gräfin blieb verstimmt und wurde mit jedem Augenblicke trauriger. -Das Gespräch drehte sich um die Politik des Auslandes und die damals -noch wie elektrisch auf die Gemüther rückwirkenden Nachrichten aus -Frankreich. Thoralds Aufenthalt als Künstler in Italien, auf dem so -vielfach erschütterten Boden, in der von tausend Freiheitsträumen -und Kriegsereignissen bewegten Zeit, hatte für die Frauen etwas -Fabelhaftes, das ihn wie mit einer Aureola umwob. - -Endlich kam auch Graf Christian; eine edle Erscheinung. Er ging ein -wenig vorn übergebogen aus übler Angewöhnung; richtete er in irgend -einer Geistes- oder Gemüthsanregung sich auf, so gewann seine Gestalt -etwas Ritterliches, das an Majestät grenzte. Seine Züge hatten eine -formelle Strenge angenommen, die nicht mit physischer Kraft gepaart, -fast unnatürlich erschien; die schmale kleine Hand und die dünnen -Knöchel derselben verriethen sogar eine körperliche Schwäche, die -jedoch nicht ohne Anmuth hervortrat. Ohne unbeholfen sich zu zeigen, -war der Graf leicht, selbst im engsten Familienkreise verlegen, seine -etwas ungelenke Vornehmigkeit und der seinen Tagen anhangende Mangel -einer vollendeten Erziehung, welche überall Sicherheit gewährt, -trugen Schuld daran. Unendlich schön waren seine dunkelgrauen Augen; -sie hatten einen wunderbaren Reiz, den man sich nicht zu erklären -vermochte, denn sie belebten sich selten; eine Art schwermüthiger -Düsterheit war in ihm allmälig zu der stillen Beschaulichkeit geworden, -die ihn fast zum Gelehrten stempelte. Fünfzehn Jahre hindurch hatte -er in einem jütländischen Dorfe gelebt, und war auch dort ein Träumer -geblieben, den nur momentane Noth zum Handeln zwang, den selbst die -Beschränkung der Armuth nicht zum praktischen Menschen auszubilden -vermochte. Er war zeitgemäß elegant gekleidet, hatte feine Wäsche und -ungepudertes Haar, überhaupt aber eine gewisse Zierlichkeit, welche -gegen die Derbheit seiner Gutsnachbarn abstach. - -Im Eintreten fiel sein Blick auf den Maler, seine Stirn umwölkte sich. - -Thorald unterhielt die Damen voller Laune und Gewandtheit, kaum -unterbrach des Hausherrn Ankunft das Gespräch, denn die Mädchen -dürsteten in ihrer Abgeschiedenheit nach überseeischen Neuigkeiten; -Besuche waren bei der Unfahrbarkeit der Wege selten. - -Als Thorald endlich neben Helenen einen unbemerkten Augenblick gewann, -flüsterte er ihr die Bitte zu, wo möglich sein nun aufgestelltes morgen -zu vollendendes Bild vor dem Sonntagsgottesdienste in der Kirche zu -sehen. Glühend vor innerer Lust und in gegenseitig sie überwältigender -Leidenschaft ganz versunken standen Beide vor einander, ihn steigerte -ein stolzes Selbstgefühl, sie berauschte der Gedanke an seinen -künftigen Ruhm; denn selten nur kamen Künstler auf die stille Insel. -Der nur von Ackerbau lebende Laaländer vermag sie nicht herzulocken! -Seit Menschengedenken hatte man keinen Maler in Nysted gesehen, und -die beiden schönen Gemälde der alten Kirche dankten ihr Entstehen -katholischen Donatoren, und gehörten weit früheren Jahrhunderten an. - -»Graf Brahe Trollenburg« meldete ein vierschrötiger Diener, welcher -trotz seiner Livrée einem deutschen Großknecht nicht unähnlich sah --- Fräulein Annette erröthete zur Rose! -- Der reiche Gutsbesitzer -aus Seeland war ihr nicht fremd! Während ihres Winteraufenthaltes -in der Residenz, so kurz er gewesen, hatte sich in dem jungen Manne -eine dauerndere Empfänglichkeit für des Laaländer Fräuleins Reize -erzeugt, als den Copenhager Damen billig schien. Der Graf war reich -und eine vortreffliche Partie. Er war nach Aalholm gekommen, um das -Herzensterrain seiner Schönen zu sondiren und im Ehestandshafen zu -ankern. - -An der Art, mit welcher Graf Christian ihn bewillkommnete, erst seiner -Gemahlin vorstellte und ihn dann seinen Schwestern zuführte, errieth -Thorald sogleich den künftigen Schwager, -- eine unaussprechliche -Beklommenheit bemächtigte sich seiner, die eben noch so fließenden -Erzählungen aus Italien stockten, des Hofmanns Gegenwart drückte ihn -zurück in den Schatten. Es war bei dem sehr abgeglätteten Tone des -Trollenburg nicht leicht zu durchschauen, welcher der drei Damen die -Bewerbung des vor kurzem Majoratsherr Gewordnen gelte -- es drückte -dem Maler fast das Herz ab; in verzweifelnder Stimmung verließ er die -Gesellschaft, man machte keinen Versuch ihn zurück zu halten; trostlos -kehrte er zu dem Städtchen zurück. - -Unweit des Thores begegnete ihm Johanna, sie hatte den Leuten auf dem -Felde ihr Vesperbrot gebracht, und trug eine Menge Geräthschaften und -einen großen schweren Wasserkrug heim. Sie näherte sich Thorald, um -ihn zu fragen, ob er in die Kirche verlange, der Vater sei auf der -Feldarbeit mit dem Knecht; sie hätten's eilig, denn morgen sei an ihnen -die Frohnfuhre, der Acker aber erst halb bestellt. - -»Frohndienst? Ihr als Bürger? unmöglich!« - -»Doch, lieber Herr, wir haben von Alters her Land in Pacht vom Herrn -Grafen; obschon wir eines Theils losgekaufte Bauern sind, stehen wir -ihm noch in Frohn und Zehnten. Der Herr aber ist glimpflich, allein -der Vogt! Erbarme sich Gott! Ehmals, da wir Leibeigne waren, mag es -noch schlimmer hergegangen sein; Großvater hat uns oft geklagt, wie -die Verwalter zu seiner Zeit den Bauern geschunden! Wie er in der -Kornschatzung nicht nur gehäuftes Maß, sondern noch eine Zugabe für's -Schwinden oder Senken habe liefern müssen -- wie nicht nur bloß die -armen Gäule ihm zur Ackerfrohne eingespannt wurden, o nein, wie sie zum -eignen Dienste jedes Knechtes, jeder Magd des Herrnhofes bereit sein -mußten; konnte doch damals nicht einmal der Hundejunge zu Fuße durch -das Moor, stand gleich der Bauer bis zum Knöchel d'rin, und watete -selbst schwerbelastet neben seinem Vieh, um das Getreide zur Mühle zu -fahren, den Sand vom Strande zu holen für den Vogt -- o lieber Herr! es -war eine harte, schwere Zeit! Selbst unsre liebe Gräfin weiß ein Lied -von ihr zu singen; helf' ihr Gott! und sie ist doch uns Allen eine so -gnädige Herrschaft!« - -So unbequem Thorald die Anrede der Dirne empfunden, so ganz verloren -ihr frischer Reiz dem Jüngling gegenüber blieb, so blitzstrahlartig -traf ihn dieses Wort. »Was meinst Du, Mädchen?« fragte er harsch ihren -Arm ergreifend, »was soll das heißen?« - -»O nichts für ungut, lieber Herr, verzeiht! Ihr wißt ja selber wohl, -daß unsre Gräfin die Tochter des Peter Owens ist, der den großen Hof -zu Engbolle in Pacht hat; es ist freilich nicht gut davon reden, die -gnädige Herrschaft hört's nicht gern; aber Ihr, was geht es Euch an! -da droben zu Aalholm, ja, das ist etwas anders, ein Jeder sagt, es sei -ein Nagel zum Sarg des Hochseeligen gewesen und geblieben!« Sie hob -den Krug, den sie neben sich auf einen Stein gestellt, mühsam auf, -um weiter zu gehen, Thorald stand ihr freundlich bei -- »was hast Du -denn da?« fragte er zerstreut, all seine Gedanken waren noch bei ihrer -Erzählung. -- - -»Wasser vom Bärenborn für Fräulein Helene.« - -»Seit wann thust denn Du Schloßdienste?« - -»Ei im Schloß bin ich wohl selten genug! Aber das Fräulein wäscht sich -nur mit dem Bärenborn, und wir Töchter der Frohn- und Festebauern -müssen ihr Reihe herum das Wasser holen. Es ist freilich ein wenig -weit,« setzte sie hinzu, indem sie mit dem Schürzenzipfel die Stirne -trocknete, »es sind wohl anderthalb Stunden Wegs von uns aus dorthin, -darum hat mir's warm gemacht!« -- - -»Aber wer hat Euch denn befohlen das Wasser zu holen?« - -»Wer anders als der Vogt? die Herrschaft weiß wohl kaum davon! Er ist -es noch von Alters her gewohnt, die Bauern zu Paaren zu treiben! Die -Alten sind alle so; macht es doch unserer Gräfin Vater nicht besser! -Der nimmt das Joch aus Gewohnheit selbst über den Nacken! Nun, kommt's -nicht arg, fügt man sich schon.« - -Lustig schritt sie mit ihrem Kruge weiter. - -Die Gräfin eines Pachters -- Peter Owens Kind? +Das+ also ist die -unsichtbare dunkle Last, an welcher das arme Weib so schwer trägt? -ihr Großvater Leibeigener, der Vater Frohnpflichtiger, wenn auch wohl -längst abgekaufter Bauer -- und sie die Gutsherrschaft -- die +Gräfin+! -Also da sind wir +noch+? seufzte der junge Mann. O wahr, trotz den -Bestrebungen der Edelsten unseres Volks, trotz Moltke, Reventlov und -Colbiornsen +noch+ nicht weiter? Wie unsäglich langsam reift die Saat -des Guten -- bedarf sie denn wirklich des blutgetränkten Bodens? -- - -In Italien und Frankreich, die er durchreis't, standen damals Bildung -und Volksgesinnung auf einem so andern Höhepunkte. Napoleon hatte eben -Italien unterjocht, indem er es republikanisirte; es war ein Lichtblick -seines gewaltigen Lebens, -- die vorangegangenen Uebertreibungen der -Schreckenszeit hoben die Gegenwart glänzender hervor; Jeder wollte dort -wenigstens einen Theil der ihr entströmenden Freiheit für seine oder -seiner Kinder Existenz, während im Norden die Meisten vor dem Gedanken -an die ihr gefallenen Opfer zurückbebten, und deren Vollgewinn in -seiner damaligen Form kaum angenommen haben würden, hätte er sich ihnen -geboten. - -Anders freilich dachte und fühlte die Jugend, ihr war der Blutsaum -des Gewandes der Freiheit Morgenröthe geblieben. Der gestörte Zustand -der aus ihren Angeln gerissenen Maschine, die wir Bürgerlichkeit -nennen, erschien ihr minder grell und qualvoll, als den Alten, welche -der verarmten Familienväter, der kinderlos gewordnen Mütter, der -Gattinnen, die ihr Theuerstes auf der Guillotine verloren, gedachten. --- Frankreichs glänzende Redner hatten auch in Dänemark den heißen -Durst nach einer nie empfundenen Gleichheit der Stände erweckt, -versprach er doch dem edlern Individuum den unermeßlichen Reichthum -einer vollständigen Entfaltung, den der innerlich Hochbegabte am -schmerzlichsten entbehrt, und heißer ersehnt, als der Bettler das -materielle Gut des Vornehmen. - -Dem rohen Rausch vernichtender, zerstörender Bestialität des -französischen Pöbels lag eigentlich das nämliche Gefühl zu Grunde, -das hier und da den Schwärmer verleitete: eine Ueberschätzung seiner -selbst. Umsonst haben tausendjährige Erfahrungen uns die Lehre -wiederholt, daß dem +wirklich+ bedeutenden Menschen, dem Genie, der -vollständigen Geisteskraft weder äußere Verhältnisse, noch irgend eine -andre Zeitgewalt hemmende Fesseln anzulegen vermögen; für die Meisten -sind der obscure Mönch Luther, der Schiffsjunge Peter von Rußland, und -der uns viel näher stehende Napoleon Bonaparte keine Beispiele. - -Ist nun dem Menschenherzen so natürlich, im angeborenen Streben nach -Glück den größten Maßstab für die eigenen Forderungen zu wählen, -ohne sie mit den eigenen Leistungen irgend in ein Gleichgewicht zu -bringen, um wie viel edler erscheinen jene seltenen Naturen, die -ohne persönliches Bedürfen, unter günstigen Verhältnissen, nur für -die Menge fordern und, ihre Nation vertretend, sich selbst aufopfern -für ein allgemeines Wohl! Fast alle wahren Wohlthäter der Menschheit -haben jedoch nicht bloß gewaltig, sondern eben so mild als besonnen -gehandelt. Sie sind Sterne gewesen, welche nicht nur das Dunkel -des Augenblicks durchleuchteten, sondern in jeder Nacht von neuem -auftauchten und hinter den sie bergenden Wolken fortschimmerten, bis -ihr Strahl sie zu durchbrechen vermochte. - - * * * * * - -Die Namen der hochherzigen Männer, welche unter Friedrich ~V.~ und -Christian ~VII.~ es unternahmen, Dänemarks Bauern allmälig Freiheit -und Wohlstand zu bereiten, werden nie in seiner Geschichte verklingen, -so langsam auch ihr oft unterbrochenes Werk vorwärts schritt, ihre -Beharrlichkeit brachte sie an das Ziel. -- - -Wie aber die Natur den festen Eichenwald gern mit Vögeln und -Schmetterlingen durchjauchzt und belebt, so stehen immer zwischen -solchen ernsten, tiefen Charakteren, aus deren Reichthum Tausende ihren -kurzen Lebensfaden spinnen, leichte harmlose Wesen, welche gern überall -das Schönste und Beste fördern möchten, es auch manchmal zu erfassen, -in der Regel aber +nie+ es festzuhalten vermögen. - -Dieser höchst nothwendigen Mehrzahl der Menschen, welche das -eigentliche Element gesellschaftlicher Verbindungen ausmachen, werden -allerdings nur die ihnen durch Geburt, Reichthum oder Zufall gegebenen -Verhältnisse zum äußern Halt, daher die vielen Klagen über verfehlte -Existenz und gehemmtes Talent. Ich glaube aber, daß wir kein einziges -Beispiel haben, daß die ganze Gesellschaftswelt, in Bausch und Bogen -genommen, je im Stande gewesen ist, den Außerordentlichen zu hemmen, -das gesunde Genie zu zerstören! -- - -Thorald fand den Gang der Umstände zu langsam; ihn drängte eine innere -Unruhe zum Handeln; in Napoleon sah er den Retter der Welt. »Der -Schneckenlauf der Bildung meines Vaterlandes,« sagte er, »beut mir nur -Kränkung und Lähmung meines Talents. Die Schwere veralteter Vorurtheile -legt sich auf jede Hoffnung! Auch in Copenhagen schreitet die Kunst -nur unter dem Schutz des Fabrikwesens vorwärts. In Frankreich, in -Italien entfaltet eine kräftigere Hand das Panier der Freiheit! Die -ihr gefallenen Opfer schlummern unter der grünen Rasenhülle, lebt noch -irgend etwas von ihnen weiter in jener unendlichen Himmelsbläue voll -unbekannter Welten, so ist dort das hienieden Unvermeidliche längst -verziehen. Uns bleibt die Sorge, es nicht unnütz erscheinen zu lassen, -den mit Feuer und Schwert bearbeiteten Acker zu besäen! Der Verlust, -den Tausende beweinen, muß zum Glücke Tausender erblühen. Auch ich kann -nur dort mir ein Loos erschaffen, das Helenen anzubieten würdig.« - -Wenn sie aber mit Dir entflöhe! so dachte er in andern Momenten; allein -wie sie erhalten, durch welche Mittel, -- ob sie reich ist? -- Ihm war -die Frage nie eingefallen, er war zu sorglos dazu. Auch galten in -Dänemark damals noch die Majorate und fast alle Töchter hochadliger -Familien standen in dieser Hinsicht einander gleich. So schob er gern -den Gedanken zurück, von Helenens Gelde zu leben, alles Andere wollte -er ihr danken. Wenn er aber an Heirath dachte, -- und seit drei Wochen -that er es stündlich, -- so schwebte ihm allemal ein Verhältniß vor, -als Hofmaler, als bevorzugter Künstler in einer königlichen Residenz. --- Dann durfte sein Ruhm neben der Geliebten Adel sich stellen; auf -die aller natürlichste Weise vergaß Thorald seine republikanischen -Gesinnungen und daß er eben in der Nysteder Kirche sein +erstes+ -historisches Gemälde aufstellte! - -Seine Arbeit vergaß er indessen doch nicht; kaum war der erste -Sonnenstrahl erwacht, so saß er auf seinem Gerüste vor dem Altarblatte; -was ihm überhaupt zu thun möglich, war bald gethan. Er saß noch oben, -als die angelehnte Thür leise in ihren Angeln sich drehte, und Helene -von ihrer Kammerjungfer begleitet in die Kirche trat; sie hatte -Commissionen im Städtchen gemacht, die offene Thür bemerkt, und so -war ihr plötzlich eingefallen, einen Augenblick einzutreten. -- Der -überglückliche Künstler sprang zu ihr hinab, das Gerüst ward mit -zitternden Händen zur Seite geschoben, -- großer Gott! auf dem Altar -stand ihr Bild! Daß er sie als eine der Frauen dargestellt, welche -die zusammensinkende Mutter unseres Herrn unterstützen, hatte an sich -nichts den ernsten protestantischen Sinn Verletzendes -- und wie ein -Strom stürzte der Jubel ihr in's Herz! - - * * * * * - -Thorald dagegen stand mit gesenktem Blicke bebend ihr zur Seite, eine -tödtliche Blässe hatte seine Züge überdeckt -- er wagte nicht sie -anzusehen. Endlich war der Zustand nicht mehr zu ertragen: er schlug -die Augen auf -- Gott sei Dank, daß es eine Zeit im Menschenleben -giebt, in welcher man keiner Worte bedarf, sich alles Nöthige zu sagen! -»Aber,« fuhr sie fort, nachdem er in ihrem Antlitz gelesen, was er zur -Beseligung des Augenblickes bedurfte, »was wird mein Bruder, was werden -Bürger und Bauern sagen? ich bin es freilich nicht, denn die Maria -Jacoba ist ja viel tausendmal schöner als ich, dennoch --« - -»Helene! kann ich für die unbewußte Schuld? Des alten Küsters Tochter -Johanna war die erste, welche mir es aussprach; ich wollte sogar -diese mir aus dem Tiefsten meines Innern entquollene Aehnlichkeit -zerstören, aber mir bebte die Hand, wie bei einer verruchten That, ich -vermochte es nicht.« Heißer erröthete das Mädchen, heftiger schlugen -des Künstlers Pulse: vor dem Altar sprachen sich Beider Herzen aus. Dem -voltairisirenden Jüngling, der eben noch mit den Jacobinern zur »Göttin -der Vernunft« geschworen hätte, trat die Liebe sanft, voll religiöser -Empfindungen, wie ein ihn heiligender Glaube in die unruhige Seele, und -schuf sie um zum Tempel des innigsten, frömmsten Gefühls. - -Noch schwelgten die Liebenden im Anschauen ihres gegenseitigen Glücks, -ohne im mindesten der Erde und ihrer conventionellen Bedingungen -zu gedenken, als wiederum die Kirchenthür in ihren schweren Angeln -dröhnte, diesmal aber heftig aufgerissen ward. »Der Herr Graf,« sagte -das im Hintergrund vergessene Kammermädchen, »der Herr Graf.« Zum -Glück war sie eine Copenhagerin! - - * * * * * - -Graf Christian prallte zurück, als er das erglühte, bebende Paar in -traulichem Beisammensein vor dem Altar erblickte; aber sein Gesicht -nahm den Ausdruck des wüthensten Zornes an, als er die Aehnlichkeit mit -seiner Schwester gewahrte, die momentan noch auffallender erschien, -weil Helene zufällig mit aufwärts gewandtem Haupte zu Thorald in die -Höhe sah, wie auf dem Bilde die Maria Jacoba zur Mutter Gottes. - - * * * * * - -»Herr! was soll das?« polterte der kaum seiner selbst Mächtige und -dennoch innerlich Verlegene. Mit jedem Wort steigerte er sich mehr und -mehr, um seiner Stimme Herr zu werden, »Sie haben sich erlaubt, die -Ihnen von mir und meiner Familie aufgetragene Arbeit zu mißbrauchen, -die Züge eines Fräulein von Gejern, wie die eines Modells zu einer -Figur Ihres Gemäldes zu benutzen! Sind Sie von Sinnen, auf diese Weise -einen im ganzen Reich geachteten Namen zu prostituiren? Das Gemälde -muß fort von hier, oder die Züge dieser Martha -- oder wie sie heißt, -müssen verändert werden.« - -»Herr Graf, diese Aehnlichkeit ist weder einem der mir aufgetragenen -Familienportraits gestohlen, -- mein Altarblatt ist weit früher gemalt -als jene, -- noch habe ich die Comtesse wie ein Modell zu behandeln -gewagt. Wenngleich eine zufällige Aehnlichkeit die Züge meiner Jacoba -verschönt, so liegt darin nichts Entwürdigendes. Meine Kunst ist -heiligend, nicht befleckend! Rafael, Domenichino, del Sarto haben -alle Großen ihrer Zeit, den Papst, die Fürsten, die edlen Frauen aus -königlichen Geschlechtern auf ihren Gemälden verewigt. Wenn aus ihren -Worten eine gewisse Unkenntniß dieser Umstände hervortritt, so muß ich -dennoch anerkennen, daß Sie in andern gelehrten Fächern so Bedeutendes -leisten, daß Ihnen für die Kunstgeschichte keine Zeit blieb -- gewiß -würden Sie in Frankreich oder Italien --« - -»Unsinn! Unsinn! Wir sind Protestanten, Herr Eynerssen, verstehen -Sie das? ganze Protestanten, keine Halbkatholiken, keine Deïsten, -sondern Lutheraner! -- schon +das+ ändert unsere Verhältnisse! Wir -sind Dänen! das ändert unsere Ansichten des Schicklichen; was in -diesem Augenblicke in Frankreich und Italien, als die mit dem Blute -des Adels gedüngte Frucht höherer Bildung gilt, vergeben Sie -- kann -ich als dänischer Graf weder ehren noch anerkennen! Da ich mir aber -erlaube, über meine vaterländischen Zustände und die bei uns längst -festgestellten gesellschaftlichen Formen selbständig zu urtheilen, so -bitte ich Dich,« -- fuhr er gegen das Fräulein gewandt fort -- »um -Deinen Arm, um Dich zur Kutsche zu geleiten. Läßt Du mir da die neuen -Mecklenburger Rappen zwei Stunden an der Sonnengluth stehen, daß sie -die Hufe sich zerschlagen! Ich werde mir das Weitere in Bezug auf Sie, -Herr Eynerssen, und auf die Maria Jacoba vorbehalten. Für jetzt ersuche -ich Sie nur auf das Bestimmteste und Höflichste, es zu machen, wie Ihre -Kunstvorfahren mehr als einmal gethan: durch einige wohlberechnete -Pinselstriche, die, wie sie mich versichern, Comtesse Gejer ganz wider -Ihren Willen zur Jacoba stempelnde Aehnlichkeit zu +vernichten+, und -werde ich ferner stehenden Fußes mir erlauben, den Herrn Magistrat zu -benachrichtigen, daß einige nöthige Retouchen die Enthüllung Ihres -Altarblattes am Johannisfeste unmöglich machen und selbige um ein -paar Tage hinausschieben; es sei denn, daß Sie mit diesen Aenderungen -sogleich --« - -»+Ich+ könnte mir vor Allem erlauben Ihnen zu bemerken, Herr Graf, daß -ich vollkommen mündig und erfahren genug bin, dem Magistrat selbst -vorzutragen, was ich für nöthig erachte« -- -- - -In Todesangst blickte Helene, hinter dem Grafen halb verborgen, zum -Geliebten hinüber, noch ein Wort und der Bruch war unvermeidlich, -unheilbar! -- - -»Ich erlaube mir aber nur als Künstler zu antworten, daß es zu dieser -Aenderung +zu spät+ ist,« fuhr Thorald fort, »mein Bild ist seit -mehreren Tagen vollendet, ich habe sogar eben einen ersten leichten -Firniß darüber gezogen; Ew. Gnaden Kunstsinn und Geschmack werden Ihnen -die Ueberzeugung davon geben, wenn Sie es einer nähern Betrachtung -würdigen.« - -Aber Geschmack und Kunstsinn des Grafen reichten keineswegs an die -strenge Ansicht desselben in Betreff der Frauen-Ehre, deren Zartheit -in seinen Augen jeder Hauch zu trüben vermochte; sie reichten eben so -wenig an das beleidigte Gefühl seines Adelstolzes. Auf's schmerzlichste -erregt, war jetzt Graf Christian jeder Verlegenheit, aber auch jeder -Schonung bloß, -- Wort um Wort flogen in immer verletzenderer Schnelle -hin und wider, Christian vergaß sich endlich so weit, den Maler daran -zu erinnern, daß er, außer der Verwendung des Bischofs zu Roeskilde, -seiner eigenen Vermittlung die Bestellung des Altarblattes zu danken -habe. - -An dieser unseligen Mahnung brachen des Jünglings Fassung und alle -Vorsätze seiner Liebe. Seine Künstlereitelkeit war zu peinlich -verletzt. Mit mehr Hochmuth als Stolz erklärte er die ganze Arbeit in -Nysted für eine bloße Probe, die er mit seinem eigenen Talent gemacht, -welche aber von dem kleinen Städtchen einer unbedeutenden dänischen -Insel aus, keineswegs ihm als Kunstwerk großen Ruf zu erwerben -geeignet sei. Von Copenhagen her könne es allein ihm gelingen, sich -in der Welt Bahn zu brechen; nur vom Königshofe stehe zu erwarten, -daß etwas wirklich Förderndes für seine Kunst geschähe. Unglücklicher -Weise setzte er dabei den ganzen langsamen Bildungsgang Dänemarks in -ein höchst ungünstiges Licht, und vergaß der ungeheuren Opfer, welche -gerade jene Zeit dem höhern Adel auferlegte; denn der junge Maler -kannte die blutige Geschichte Frankreichs in ihrer grellen Buntheit -besser, als die des eigenen Vaterlandes. - -Graf Christian dagegen war mit dem tiefaufgewühlten Boden vertraut, -dem er Schätze der Erkenntniß entrungen, in welchem er zahllose -Leichen seiner Jugendhoffnungen und manch' schmerzliches Verleugnen -seines Familienstolzes geborgen. Die Wahrheiten, die er auf demselben -angebaut, hatten längst Frucht getragen. Unpraktisch im kleinen -Thun des täglichen Lebens, ungeschickt wie ein Kind in Handhabung -des Zufalls und seiner flüchtigen Gunst, wenn es seine eigne -Persönlichkeit galt, war er in Bezug auf Staatsverhältnisse fest und -klar. Als Theoretiker schloß er sich den bedeutendsten Reformatoren -der Bauernsache an, als Individuum hatte er in Ausübung des einmal -Angenommenen nie das Billige verweigert. Ordnung und Freiheit -waren ihm gleichbedeutend, er selbst hatte auf Laaland die ersten -Schritte zu Lösung des Leibzwangs und des Gemeinbesitzes gethan, -ja, zuerst Erbpacht auf seiner Herrschaft gewährt, aber daß er es -gethan, verlangte er anerkannt zu sehen. +Nie+ war ihm eingefallen, -seinem Range dabei etwas vergeben zu können, oder die gewährten -+Menschenrechte+ als Aufhebung der seines +Adels+ anzusehen. So empfand -er auch Thoralds Nichtbeachten des für ihn Geschehenen als schwarzen -Undank, ja als Gemeinheit und Frechheit. - -Sehr trocken fragte er den Maler, ob er von seiner Stelle aus, ohne -Unterstützung des Adels, am Hofe Zutritt zu erlangen erwarte? Ob ihm -das verwandtschaftliche Verhältniß zwischen seiner und des Bischofs -Familie unbekannt sei, daß er auf die ihm in Bezug auf Comtesse Gejer -eben mitgetheilten Bemerkungen so gar nicht achte, als müßten dieselben -nicht in jenem Hause ihr Echo finden? - -Es legte sich eine Art Geringschätzung in Ton und Haltung des Grafen, -die für Thorald unerträglich war. Als Christian seine durchaus -verletzende Rede mit dem übermüthigen Rathe schloß, lieber bei dem -macht- und geldlosen Adel der französischen Emigranten, oder bei den -Jacobinern die rasche Erfüllung seiner hochfahrenden Pläne zu suchen, -brach Helene in Thränen aus; alle Rücksicht gegen den Bruder vergessend -stürzte sie auf den Künstler zu, und beschwor ihn auf's zärtlichste, -sogleich die Kirche zu verlassen, diese Unwürdigkeiten nicht länger -anzuhören, das Unstatthafte in Christians Betragen um ihretwillen zu -verzeihen. - -Erschreckt starrte der Graf die Schwester an, das Unpassende des ganzen -Auftritts fiel mit Zentnerschwere auf ihn und lähmte ihm die Gedanken; -in peinlicher Verlegenheit riß er den Arm des Mädchens an sich und -führte sie fast gewaltsam zum Wagen. Er war zu tief verletzt, um sich -weiter auszusprechen, -- als das Zöfchen aber Miene machte, zu Fuß zu -gehen, winkte er ihr peremptorisch zu, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen. - -Zu Haus angelangt, geleitete er Helenen bis in ihr Zimmer, an der Thür -desselben ergriff er heftig des Kammermädchens Arm. »Ein anständiger -Dienstbote mischt sich nicht in seiner Herrschaft Angelegenheiten, und -wo ihm der Zufall etwas offenbart, daß ihn nichts angeht, hält er das -Maul! Verstanden Jungfer?« - -Marie küßte schweigend dem Grafen die Hand, verbeugte sich demuthsvoll -und folgte ihrem Fräulein, und so groß war des Gebietenden Gewalt, -daß sie auch draußen bloß durch Seufzer dem sie drückenden Geheimniß -Luft gab. Graf Christian aber zog sich stumm in seine eigenen Gemächer -zurück und erschien erst Mittags, um dem Brahe Trollenburg bei Tische -die Honneurs zu machen. - -Aufschreiend in wildem Schmerz, warf sich der allein in der Kirche -zurückgebliebene Thorald auf die Stufen des Altars nieder. Was er -selbst zuerst als nothwendig und schicklich empfunden, erschien ihm -nun maßlose Tyrannei. War ihm früher Helene theuer gewesen, so hatte -jetzt ihr Selbstvergessen um seines, des armen Künstlers willen, -dem hochmüthigen Bruder gegenüber, seine Neigung zur heftigsten -Leidenschaft erhöht. -- Mit anbetender Inbrunst blickte er auf das -Bild, das ihr Antlitz ihm vergegenwärtigte -- etwas an demselben -zu ändern war zum Sacrilegium geworden, aber nun wollte er es gar -nicht mehr der Kirche lassen, er wollte es mit sich fortnehmen, nach -Deutschland oder Frankreich. -- In wüsten, undeutlichen Träumen verging -ihm der Tag. -- - -Es war gegen Abend; die Sonnenstrahlen durchbohrten mit langen gelben -Streiflichtern die schmalen Bogenfenster, und streiften die mit grauem -Sandstein umränderten Gewölbbogen; an den hohen Pfeilerbündeln, an -den Seitenchören hin, am Metall des Altarkreuzes, an den messingenen -Leuchtern spielten hell aufblitzende Lichtpunkte -- draußen wurde es -allmälig still; die Leute kehrten von der Landarbeit heim. Langsam -verstummend sank die gelbrothe Sonnenscheibe zurück in ihr von Nebeln -umflortes Meeresbett. - -Noch immer lag Thorald regungslos, mit sich selber uneins an derselben -Stelle. Eine kleine weiche Hand faßte, ihn aufrüttelnd, seine Schulter. -»Lieber Herr! Ihr seid gewiß erkrankt! Hättet ihr nur laut gerufen, -ich habe vor der Hausthüre mein Garn geweift, ich hätte Euch sicher -vernommen. Es hat sich keiner hieher in die dunkle Kirche getraut. Als -aber der Vater heimkam zum Abendbrot und die offne Thüre gewahrte, -Herr Je! hat er mich gescholten! Ich glaubte Euch nun fort und des -Zuschließens vergessen. -- Kommt, steht auf, ich stütze Euch, kommt -mit nach Hause! dann koche ich Euch Lindenblüthenthee, das wärmt; die -alte Halle ist so eisig kalt! Könnt Ihr Euch aufrichten? O mein Gott! -bald hätt' ich's vergessen: auch einen Brief habe ich an Euch, von -Schloß Aalholm; der Gänsebub' hat ihn gebracht -- aber was ist Euch? -Wo wollt Ihr denn hin? Herr Eynerssen! Herr Thorald! Wartet doch!« -- -Johanna hatte gut rufen und schelten: Thorald, der Helenens Handschrift -erkannt, stürzte plötzlich wie von Feuersgluth durchströmt fort, -ohne auf sie zu hören, um in abgeschlossener Stille, fern von jedem -störenden Menschenblick, das verhängnißvolle Blatt zu lesen. - - -Erst nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen und Jeder auf sein -Zimmer sich zurückgezogen, trat Graf Christian bei Helenen ein. -- -Finster, mit umwölkter Stirn und zusammengezogenen Brauen, näherte er -sich dem Mädchen und setzte sich in der Mauervertiefung des Fensters -ihr gegenüber, in einen altvätrisch geschnitzten Sessel, den er -vorzüglich gern bei allen Familienmittheilungen einzunehmen pflegte. - -Helene war innerlich entschlossen, all sein Thun lächerlich zu finden, -sie hatte sich mit Uebermuth und Unverletzbarkeit gerüstet, und bot ihm -ruhig die heitre Stirn. - -Ehe aber noch der etwas Verlegene den Anfang seiner beabsichtigten -Rede gefunden, begann sie selbst: »Erlaube mir, lieber Christian, uns -beiden ein Wort Verschwendung zu sparen. Deine Absicht ist, mir mein -Betragen in der Kirche, Herrn Eynerssen gegenüber vorzuhalten und mich -zu fragen: ob ich um die Dich so scharf verletzende Aehnlichkeit meiner -Züge mit denen einer seiner heiligen Frauen gewußt -- oder gar sie -gebilligt. Beides kann ich verneinen; ich hatte keine Ahnung davon, ehe -ich die Kirche betrat. Das Uebrige aber läßt sich mit einem einzigen -Worte abthun: ich +liebe+ Thorald Eynerssen!« - -Christian ward bleich; auch er hatte in seiner Jugend empfunden, wie -jetzt Helene! er fühlte, daß sie festen Willens auf den Ereignissen -seines früheren Lebens fuße; ein schneidendes Weh trat ihm an's Herz, -und riß gespenstisch all die Leichen längst abgestorbener Schmerzen -an's Licht. Seine frühe Heirath mit der Tochter eines Feste-Bauers, -dem sein Vater, Graf Thugge, die Freiheit geschenkt, hatte ihn elend -gemacht; sie hatte ihn fünfzehn Jahre lang dem väterlichen Hause -entfremdet! Der alte Graf hatte den Feste-Bauer zum Pachter eines -seiner Höfe angenommen -- so hatte die unglückselige Neigung der -jungen Leute sich entsponnen. Fünfzehn lange Jahre hatte Christian in -Jütland in tiefster Abgeschlossenheit und drückender Armuth verlebt, -unerbittlich vom Vater verstoßen -- verflucht! -- Und dieser Vaterfluch -war seiner liebebedürfenden Seele zu einer sein ganzes Dasein -überschattenden Wolke geworden, und blieb es, selbst als er endlich des -Vaters Vergebung gewann! -- - -In der öden Einsamkeit der rauhen Haide, in Mariager, einem elenden, -kleinen Städtchen, das dem tief einschneidenden Fiörd durch einen -kleinen Seehafen seinen Unterhalt abgewinnt, ohne alle gewohnten -Bequemlichkeiten, ohne irgend eine Lebensgier, sah der Arme seine -ganze Jugend verstreichen![1] Mit täglichen Geldverlegenheiten um's -tägliche Brot kämpfend, saß er freund- und freudelos der Gattin allein -gegenüber: unter Standesgenossen ein Bauer, -- unter Bauern ein -Bettelgraf! Von Menschen umgeben, deren ganze Industrie sich auf den -Hausfleiß grober Webereien und Fertigung schwerer Holzschuhe erstreckt, -blieb er allem Umgang fern. Stolz und verschüchtert zugleich, fand -seine ohnedies scheue Natur überall Widersprüche, die ihn schmerzten. -Seine Leidenschaft hatte der Besitz abgekühlt, was an ihr durch äußern -Widerstand zu phantastisch-schöner Uebertreibung aufgeschossen, wie -eine Wunderblüthe -- war fruchtlos abgewelkt: seine Ehe war kinderlos -geblieben. Er liebte seine sanfte treue Gattin, allein in der -immergleichen unpoetischen Stille ihres Zusammenlebens, traten oft -Pausen des Verstehens, schmerzliche Lücken ein; der Tag ward lang, -riesig gedehnt überwuchs ihn der frühbeginnende nordische Abend, das -Bedürfniß die Zeit auszufüllen machte sich geltend. - -Der junge Mann fing an zu lesen, aus Holstein, Schleswig und Copenhagen -Bücher sich zu verschreiben, eifrig zu studiren, über mühsam errungener -Kenntniß zu brüten. - -Nun vergaß er die Kränkungen der Welt, verschmerzte die Trennung -von den Seinen -- allein er vergaß auch seine Frau; er versank in -tiefsinniges Forschen, vergrub sich in Geschichte und Philosophie. -- -Eva erschrak als sie plötzlich entdeckte, daß sie eifersüchtig sei. -Eifersüchtig! und nicht mehr wie ehemals auf eine schöne Dirne, deren -Augen Christian gelobt, deren schlanken Leib er im »Fangtanz« fester -umschlossen -- sondern auf seine von ihr abgewandte Seele, auf seine -Bücher und Plancharten, um seiner nun ganz von der ihren abgelös'ten -Existenz willen. O wie lange Tage weinte die arme Eva -- er merkte es -nicht einmal! wie weinte sie, daß sie nicht klug, nicht unterrichtet -genug sei für ihren Christian! - -Endlich begann sie Unterricht zu suchen, sich eifrig mit Stundennehmen -abzuquälen, um ihm nachzustreben, ihn wieder verstehen zu lernen. -Es vergingen viele Monate ehe sie nothdürftig Schreiben und Lesen -sich angeeignet, -- er aber hatte schon wieder andere Interessen -gewonnen, trieb jetzt Physik und Astronomie, machte Experimente -- und -Schulden, um sich vermittelst der Schiffsgelegenheit des kleinen Hafens -ausländische Schriften und astronomische Instrumente kommen zu lassen. -Wieder war er ihr in endloser Weite voran! Sie litt sehr! Endlich -bemerkte er es. - --- Das Alles und weit mehr noch glitt mit grausenhafter Geschwindigkeit -Christians innerem Auge vorüber; als er das leibliche aufschlug, saß -seine Schwester, den einen Fuß hochgestellt und auf das Knie den Arm -gestützt, in dessen Hand das rothgeweinte Antlitz ruhte, mit dem -eigenwillig kecken Ausdruck in den Zügen, den er an sich selber kannte! -An dem nämlichen Fenster hatte er tausend Mal so gesessen und in -der nämlichen Stellung starr auf das mondlichte, hochaufwogende Meer -geschaut, -- wie eben jetzt Helene! -- - -Denn die kaum minutenlange Pause zwischen ihrer kecken Anrede und des -Bruders zögernder Antwort, hatte auch ihr das Herz wach gerüttelt; -die angenommene Heiterkeit war ausgelöscht, der nackte, bittere Trotz -an deren Stelle getreten. Fest entschlossen für ihr Glück zu kämpfen, -fühlte sie darum nicht minder den Druck lastender Erinnerung. Auch des -ihr drohenden harten Widerstandes war sie mit tiefstem Grauen sich -bewußt -- sah sie doch täglich dem stillen Vergehen ihrer Schwägerin, -der immer zunehmenden Kälte zwischen den Eheleuten zu, sie mußte -es sich eingestehen, daß aus Christians eigenen Erfahrungen der -furchtbarste Feind ihr erwachse. - -Auch war der schon bei ihrer Geburt halb Verwais'ten ein entsetzliches -Bild von des Vaters Zorn gegen Christian geblieben, das mit dem -seltsamen Lebenswandel des seit ihrer Mutter Tode ganz Vereinsamten -in Verbindung stand, -- das Urtheil der ganzen Familie betrachtete -damals den verbannten Sohn wie etwa einen Pestkranken; niemand von -den Geschwistern, den Vettern und Basen hatte ihn wiedergesehen, -niemand nannte ohne besondere Nöthigung Christians Namen! die andern -Brüder, jetzt beide an reiche, wenngleich bürgerliche Frauen vermählt, -waren damals noch zu jung zum heirathen. Der bloße Gedanke an eine -Verbindung mit einer kaum dem Leibzwang entrissenen Bauerndirne, -war ihnen empörend und lächerlich zugleich; mit ausgelassenem Hohn -erzählten sie einander von einem Vetter des Mädchens, den der Vogt mit -Peitschenhieben zum zwölfjährigen Soldatendienste gezwungen, eines -leichten Vergehens halber ihn vom Hof gejagt und unter die Miliz -gesteckt -- dem Kinde war die Geschichte immer peinlich gewesen. -Die bösen Buben hatten es dann erst recht geneckt, »wärst +Du+ es, -Püppchen, und nicht unser Aeltester, wir drehten Dir lieber den Hals -um, eh' wir die Schande noch einmal erlebten!« »Ja«, sagte lachend der -Andere, »das wäre auch noch schlimmer, unser Blut adelt das Weib an -unserer Seite und läßt unsern Söhnen den Namen des Vaters, aber so ein -Bürgerlümmel machte +sie+ zu seines Gleichen.« Helenchen hatte nicht -verstanden was sie meinten, aber die Angst hatte ihr Thränen erpreßt. - -So saß auch sie sinnend jetzt dem Bruder gegenüber, die dunkle -Gedankenspindel drehend und abwindend, ohn' Ende -- -- - -»Helene!« sagte sehr trübe, aber auf edle Weise der Graf, »Du hast -Elend genug, zu aufgehäuften Massen an einander gedrängt, unter uns -erlebt; hast Dich groß gesogen daran und stark. Seit ich denken kann, -geschah das Ungehörige in unserm Hause, zerrieben sich die besten -Kräfte unseres Stamms umsonst an ihren eigenen Auswüchsen. Ich frage -Dich also nicht, willst Du den alten, kaum entschlummerten Unfrieden in -seiner dämonischen, Dir wohlbekannten Gestalt von neuem erwecken -- ich -warne Dich auch nicht, das Alles wäre umsonst! Denn Du bist eine Gejer! -Aber sieh in mir Deinen Widersacher. Was +ich+ gegen diesen Zuwachs -unseres Familienelends zu thun vermag, das erwarte von mir. Kannst Du -Dich selbst überwinden, so traue mir Liebe, Ausdauer und jedes Opfer -für Dein Wohl zu. -- Kannst Du es nicht, mußt Du Deinem wilden Sinn -genügen, nun -- vergieb! so beachte wenigstens Deine Frauenehre, wenn -die Ehre Deines Namens Dir nichts gilt; wirf Dich nicht weg, auch nicht -an den Besten! Laufe diesem Abenteurer nicht nach, hänge Dich der -sich frisch entwickelnden Kraft des Jünglings nicht an, wie eine ihn -hemmende, sein Talent zerdrückende Last -- hüte Dich, daß der zu seiner -Qual Vergötterte, Dich nicht mit Füßen trete! Oh! man hat Beispiele -davon.« -- Mit einem tiefen Seufzer, ohne Helenen weiter anzusehen, -stand Graf Christian auf und schritt schweigend zur Thür hinaus. - -»Er mich nicht lieben? o nein, nein, dann wäre ja gar nichts mehr -+wahr+ auf der Welt!« Helene barg aufjammernd vor Schmerz das Gesicht -in beide Hände und schluchzte convulsivisch. -- Endlich sprang sie auf, -ihr ganzes Wesen trug wieder den Stempel der kühnen Entschlossenheit, -mit welcher sie vorhin den Bruder empfangen. Sie trat an den Tisch -und schrieb, obwohl mit zitterndem Herzen, dennoch mit fester Hand an -Thorald Eynerssen. - -»Sie haben Unwürdiges für mich ertragen, Thorald, aber gerade dies -Ertragen gilt in meinen Augen mehr als eine Heldenthat, denn Sie haben -Kraft sich zu vertheidigen, und nur um meinetwillen haben Sie geduldig -die Last auf sich genommen, die Sie hinwerfen konnten; allein sie -hätte sich zur unübersteiglichen Mauer zwischen uns erhoben, hätten -Sie meinen Bruder behandelt, wie er es verdiente! Ich danke Ihnen, -Thorald, mit jedem Hauch meines Daseins. -- Und doch weil ich nun in -der That, nicht mehr im bloßen Wort den Rückstrahl Ihrer Liebe gesehen, -muß ich eben um dieser mich beglückenden Liebe willen, ein neues, -noch schwereres Opfer von Ihnen verlangen. Vielleicht sollte ich in -mädchenhafter Scheu Sie Schritt vor Schritt errathen lassen, was ich -so offen Ihnen gestehe, allein wir leben in einer so bewegten Zeit, -daß auch eines Mädchens Herz von dem sie durchglühenden Muth erfaßt -und fortgerissen wird aus seinem eigenen heimathlichen Rückhalt! Die -aufgegangene Freiheitssonne ruft +alle+ Lebenskeime an's Licht -- sogar -in unsern kalten Norden dringt ihr Strahl. Drückt im Allgemeinen unser -Volk noch die Kette in der Welt längst als lächerlich abgeschaffter -Vorurtheile, so ist es gewiß um so mehr an jedem einzelnen -Freigesinnten, das Band zu brechen, das ihn hemmt, denn Millionen -einzelner Ringe bilden ja die Fessel, in welcher Dänemark bis zu diesem -Augenblicke schmachtet. -- - -In +diesem+ Sinne, Thorald, betrachten Sie mein Thun, ich +will+ und -+werde+ frei sein, die Banden abstreifen, die mich an diese Scholle -binden so gut wie den Leibeigenen, dem wir die Freiheit geben, mir -aber wird Ihre Liebe sie gewähren! Aber um dieses Augenblickes willen, -welcher unwiderruflich kommen muß, ist jetzt ruhige Besonnenheit -nöthig, bringen Sie ihr das Opfer des gegenwärtigen Moments: Niemand -darf ahnen, was wir einander sind, ehe wir beide Laaland hinter uns -haben, und in Copenhagen (Kjöbenhavn) uns wieder finden! Vernichten -Sie die mich beseligende Aehnlichkeit auf Ihrem Gemälde, sie verräth -uns. Wie mein Bruder, denken all meine Verwandte, denken alle Männer -im Städtchen, ja auf unserer ganzen Insel. Was in Frankreich Ihnen und -mir zur höchsten Ehre gereichte, erscheint hier als Beleidigung einer -achtbaren Familie, ja als Beleidigung meiner selbst. Vernichten Sie die -allzu sehr in's Auge fallende Aehnlichkeit und ist dies geschehen, dann -bleiben Sie ruhig hier, vollenden Sie die begonnenen Arbeiten, welche -in der Residenz Ihnen leicht die Bahn brechen werden, die Ihr Talent -sucht -- und überlassen Sie Ihrer Helene das Uebrige. Christian soll -nicht in Zweifel bleiben, um wessentwillen Sie das Bild geändert, und -zu seinem Schrecken nur zu bald einsehen, wie wenig Sie seiner elenden -Hülfe bedürfen!« - - +Helene.+ - -»Für den Augenblick ist es genug,« sagte sie, das Blatt faltend, -»Christians mich erniedrigende Ansicht soll keinen Einfluß ausüben auf -mich. Du hast ganz Recht, Bruder, ich bin eine Gejer, und wir haben -harte Köpfe, mögen sie grau sein oder blond!« - -Allein trotz dieser heldenmäßigen Aeußerung wußte Helene doch nicht, -wie das Billet in des Geliebten Hände bringen; ihrer Kammerjungfer -traute sie nicht mehr, des Grafen Worte hatten das Mädchen -verschüchtert. Den Brief verbergend, eilte sie selbst die große Treppe -hinab, um einen Boten sich zu suchen; auf dem Corridor hörte sie -Stimmen, die Thüre des gemeinschaftlichen Wohnzimmers der Schwestern, -an welchem sie vorüberschritt, war nur angelehnt; drinnen unterhielten -sich Beide mit Mademoiselle Nordermule, einer bucklichen, kleinen -Gouvernante, welche alle Drei von der Wiege an auferzogen. - -Mademoiselle Nordermule erhob in diesem Augenblick die Stimme, so -hoch es die Schwäche ihrer kleinen, sehr untersetzten Gestalt irgend -gestattete, und fuhr in ernstem Pathos fort: »wenn wir lieben! aber -Kinder, wie +selten+ geräth eine Ehe ohne wahre Zuneigung! wie selten -werden die dissonirenden Lebensmelodien auch nur leidlich tacktfest -zusammen durchgespielt bis zu Ende, ohne zerrissene Herzen und -zerrissene Saiten der armen Weiberseele, die zuletzt ganz dumpf und -klanglos, gar keinen Lebenston mehr wiederhallt! O, Ihr Lieben, wie -viele Frauen verdummen gänzlich in einer sogenannten »guten« häuslichen -Ehe, in der sie eigentlich eben -- bloß keine Prügel bekommen! Darum -kann ich Helenen, deren Charakter nun einmal durchaus in keine solche -sich finden würde, nur bemitleiden, daß sie auf diesen Abweg gerieth, -keineswegs sie verdammen; sie wird, wie es auch sich füge, Thränen -genug zu vergießen haben!« -- »Aha, mein Regenvögelchen!« sagte gerührt -und heimlich lächelnd Helene; »es prophezeit wie immer schlecht -Wetter!« Leise schlich sie hinab in die Küche. - -In dem hochgewölbten, weiten Raume, den ein ungeheuer großer, aber -niedriger Herd mit spitz in Dachform sich erhebendem Kamin erwärmte, -saßen alle Knechte und Mägde des Herrnhofes auf Holz-Schemeln und -Stühlen um das Feuer her; eine rothbäckige Dirne stand neben dem -an einer Zackenstange hängenden eisernen Kessel und rührte mit -langgestieltem Holzlöffel »Manna« in die saure, kochende Milch zum -Brei, welcher eine Hauptschüssel der laaländer Kost ausmacht. Von -der Küche führten beiden Hauptwänden entlang eine Menge Thüren zu -den Schlafstätten des Dienstvolks; in den Zwischenräumen, welche sie -freiließen, dem Herd gegenüber, standen an der Mauer hochrückige -Bänke, vor diesen der mit einem weißen Tuch überdeckte lange Tisch, -der broddelnden Abendmahlzeit harrend; Brot, Käse, Butter und gedörrte -Fische waren schon auf demselben bereit gestellt. Blankes Kupfer- und -Zinngeräth schmückte den vorspringenden Rand des Schornsteines, auch -in den schön gemalten Eckschränken glänzten durch die Glasscheiben -eine Menge blinkender Dinge, Glasgeschirr und Porzellan flimmerten im -letzten Abendroth der immer noch am weiten Horizont zögernden Sonne. -Man gewahrte sie durch eine nach dem innern Hof weit offenstehende -Thüre. Die kleinen Bogenfenster der Küche hätten durch ihre -bleigefaßten runden Scheiben, ohne diese Hülfe die Dämmerung längst zur -Nacht werden lassen; vorsorglich waren auch die Messinglampen am Herd -bereits angezündet. - -Die Männer, welche er um sich versammelte, strickten Netze oder -schnitzten Quirl und Löffel, andre machten Holzschuh und die langen, -nur im Norden bekannten Schlittschuhschiffchen, auf welchen der Bote -über das Eis hinfliegt; sogar die Livréebedienten halfen; die Weiber -spannen und strickten wollene Strümpfe, ein paar webten auf kleinen -tragbaren Webstühlen grobes Linnenzeug. In der geöffneten Pforte -stand halb drinnen halb draußen der Gänsebub, um Theil an der schönen -Geschichte zu nehmen, die ein alter Jütländer abwechselnd sprechend und -singend vortrug; -- auf den Gänsebuben aber hatte es Helene abgesehen, -er sollte ihr Liebesbote sein, denn er konnte weder lesen noch -schreiben. - -Der alte Jütländer, der als Torfbauer im Lande umherzog, trug etwas -aus dem Bauernaufruhr (1441) in Nord-Jütland vor, wie in der Hangarde -auf dem St. Jürgens-Berge, nicht weit von Aagaard, zwischen ihnen und -dem Grundherrn eine blutige Schlacht geliefert, in welcher Eske Brock -von ihnen erschlagen und in Stücken gehauen worden. Da rüstete sich -der erzürnte König selber, und die Sache nahm eine andre Wendung: die -Bauern hatten auf dem hohen Berge eine Wagenburg um sich geschlagen, so -daß die Reiterei ihnen nichts anhaben konnte, -- die Grundherren aber -gewannen etliche unter ihnen mit goldnem Versprechen, und klein und -immer kleiner ward der tapfere Haufe. Der Alte sang: - - »Erstlich gingen die Morsinger fort, - Sodann die Verräther von Thy; - Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch - Und diese wollten nicht fliehn! - - Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch, - Und diese wollten nicht fliehn; - Bauten eine Wagenburg sich, - Ließen Alle ihr Leben dort!« - -Mit glühenden Köpfen lauschte der ganze Kreis dem Erzähler -- als aber -Helene eintrat, flogen alle auf von ihren Sitzen, und der Freiheitssang -stockte. Sie winkte freundlich und schritt sogleich auf den Gänsepeter -zu. - -»Du trägst mir das Papier sogleich zur Mamsell Johanna, des Kirchners -Tochter,« sagte sie laut, »und sie soll Alles recht gut versorgen und -bestellen!« - -Seufzend ließ der lange gelbhaarige Junge die Wendelbo'r in ihrer -Wagenburg, lüpfte die Pelzkappe und trollte sich von dannen. Helenen -war leicht und froh um's Herz; eine Weile sah sie dem Burschen nach, ob -er nicht umkehre, aber der laaländer Bauer war Dienst gewohnt und bange -dazu! - -Als Helene wieder auf der Treppe war, begann der Freiheitssang von -neuem; ach, in diesem Augenblick hätte sie gern der ganzen Welt -Freiheit gegönnt und gegeben! sie war durchaus auf der Seite der -Revolutionairen. -- Das Gespräch der drei Damen war noch nicht beendet --- »daß eine solche Leidenschaft für ein Fräulein ihres Standes -unstatthaft sei;« schloß die Nordermule. »Solche Heftigkeit verdirbt -den Teint, man kann sogar leicht eine rothe Nase davon tragen, oder -kupfrig werden. Giebt es denn zwischen dieser Excentricität und -gänzlicher Apathie kein drittes? Wie unendlich glücklicher sind Sie, -theure Amalie, daß Sie so ruhigen Gemüths die Abwesenheit des Barons -als eine Ihnen von Gott gesandte Prüfung hinzunehmen vermögen. Zu -Lichtmeß werden es fünf Jahr, daß Sie ihm das Jawort gegeben, und Sie -blühen trotz ihrer herzlichen Liebe zu ihm in ungekränkter Anmuth und -Frische.« - -»Wir wollen dennoch hoffen,« erwiederte lachend Amalie, »daß der etwas -farblose Roman meines Lebens sich in Bälde zu einer Feyenschen Idylle -wandeln wird; Baron Arnsöndal hat die Freiherrschaft seines alten -Oheims endlich übernehmen können, und ich darf hoffen, mit Annetten -zugleich meine Hochzeit zu feiern.« - -Gerührt schloß die Nordermule ihren ältesten Zögling in die Arme, und -benetzte dessen Locken mit Thränen; Amalie war um fast acht Jahre älter -als Helene, und allerdings war es die höchste Zeit zur Ausführung der -längst skizzirten Idylle zu schreiten! -- - -Helene war unbemerkt eingetreten, sie stand auf der Schwelle und lehnte -unsäglich gelangweilt das Haupt an den Thürpfosten. - -»Nun wird es zwei Ausstattungen zugleich zu bereiten geben,« sagte, -sorgsam Aug' und Wange trocknend, die kleine Alte. »Ach, wenn man dabei -an alle die gegenüber aufgehäuften Schätze denkt.« -- - -»Um Himmels willen, ~ma bonne~,« rief, hocherfreut diesen Gegenstand -einmal erwähnt zu hören, Annette, »sagen Sie mir endlich, was man -in diesen ewig vor Luft, Sonne und Menschen verschlossenen Zimmern -bewahrt! Hundertmal schon habe ich Sie fragen wollen, welchen Schatz -eigentlich diese Zauberhöhle umschließt?« - -»Was denn anders als unserer verstorbenen Tante Ausstattung,« fuhr -Amalie fast zürnend auf, »Du mußt es ja längst wissen! plage doch -unsere arme gute Emerenzia nicht! Die Erinnerung an jene alte -vergessene Geschichte macht sie jedesmal nervös und krank!« - -»Ja ja!« sagte starr vor sich hinschauend, aber die hochliegenden, -wasserblauen Augen bewußtlos in's Leere gerichtet, die kleine Bucklige. -»+So+ ist es! es war die glänzende Ausstattung der unvergleichlichen -Ulrike, des Sterns meiner Kindheit und Jugend! ach, ich habe ihn nie -in seiner ganzen Lichteskraft leuchten gesehen! Nur wenige Wochen vor -ihrem Tode kehrte ihr das volle Bewußtsein zurück; sie flammte noch -einmal auf, wie eine verlöschende Kerze. Liebe Kinder, ich bin recht -viele Jahre über die Erde hingewandert, manchen Sommer und Winter -entlang, doch ihres Gleichen an Sanftmuth und eingeborner Sitte ist mir -nimmer zum zweitenmal begegnet! Wer Ulriken sah, hätte auch ohne unsre -heilige Offenbarung an den Himmel und seine ewige Vergeltung geglaubt!« - -»Aber liebe Nordermule,« rief plötzlich vortretend Helene, »Du mußt -ja noch ein Kind gewesen sein, als die Tante verschied, ich habe sie -niemals gesehen, bei meiner Geburt war sie vermuthlich schon lange -todt.« Seitdem das Gespräch um diesen Gegenstand sich drehte, war sie -dem Gange desselben aufmerksam gefolgt. - -Die Alte schüttelte verneinend das Haupt. »Es sind kaum dreißig Jahre, -daß unser theures Fröken[2] geendet,« erwiederte sie, »ich aber zähle -sechs und funfzig Jahre!« - -»So haben Sie Ulriken noch jung gekannt?« fragten wie aus einem Munde -die drei Schwestern. - -»Ja und nein. Körperlich hatte der Herr sie lange noch frisch erhalten, -allein die Blüthe der Seele war geknickt. Meine Mutter, welche als -Kammerfrau im Dienst ihrer Hochwürden der Frau Fürstin Abatissin zu -Wallöe im Stift lebte, hat mir das Meiste von ihr erzählt, da jene das -Fröken eigentlich auferzogen und mit zärtlichster Liebe ihm anhing. -Tausendmal hat sie mir von Ulrikens außerordentlicher Schönheit -gesprochen, auch konnte ich selbst deren Spuren noch lange, lange -ihr ansehen. -- Damals, als sie sechzehn Jahre alt war, und meine -Mutter eben ihren Dienst angetreten, sagte man: auch die müdeste Seele -des aller ärmsten Fäestebönders[3] sei fröhlich geworden und frei, -wenn ihn das Fröken begrüßt! Wenn sie leichten Ganges über die Haide -hineilte am frühesten Morgen, wenn der Nachthauch noch scheidend über -die Haide streicht und sie aufwogen macht wie das Wasser im Belt, so -blieben, trotz dem drohenden, scheltenden Vogt, Alle die zur Arbeit -gehen sollten auf der Thürschwelle stehen, und schauten ihr nach wie -dem guten Omen! Aber freilich kannte sie auch jedes Einzelnen Weib -und Kind, scheute vor keiner mit Stroh und Schilf überdeckten Hütte -zurück, saß ungeachtet des dicken Rauchs der schornsteinlosen Küchen -mitten unter ihnen und hörte mitleidig all der Bauern Klagen; oder -sie erzählte den Kindern wunderschöne Mähren von unseren tapfern -Seehelden und ihren gewonnenen Schlachten, von Juels und Tordenskiods -Waffenthaten; sogar die alte Saga wußte das Fröken zu singen! Waren -dann die Männer alle fortgezogen auf den Delphinen- oder Seehundsfang, -und der Vogt trieb deren Weiber an zur Feldarbeit, oder sandte sie gar -hinaus auf Botengängen tief hinein in's Land, dann saß sie Stundenlang -bei den Allerkleinsten, wartete und fütterte sie und lehrte die -Größeren. Ach, ich selbst werde nie vergessen, mit welchem Glockentone -sie die alte schöne Geschichte sang, vom guten König Sueno und seinem -strengen Freunde, dem Bischof Wilhelm in Roeskilde; da blieb kein Auge -trocken im weiten Kreis.« -- - -»Aber,« unterbrach abermals Annette die Erzählerin, »war denn die -Tante eine Gelehrte? woher wußte sie denn das Alles? In ihrer Jugend -hatten doch die Frauen viel weniger Gelegenheit sich auszubilden als -wir jetzt, sie lernten ja kaum nothdürftig lesen und schreiben! Wie war -denn gerade Ulriken eine so viel bessere Erziehung geworden?« - -Die kleine Nordermule schrak zusammen, als habe sie eine Schlange -gestochen, und wurde blaß, blaß wie der Tod; ihre Züge nahmen einen -Ausdruck tiefster Zerknirschung an, der ihnen sonst gar nicht eigen, -sie war sichtlich mit ihrem Gewissen in Streit gerathen, und warf sich -innerlich ein Unrecht vor. »Ich weiß das Nähere nicht,« erwiederte -sie ganz beklommen, »aber es ist spät; über dem Schwatzen haben wir -das Wegräumen des Theezeugs, und ich glaube gar der Schlafenszeit -vergessen.« - -Es ward den Mädchen unmöglich, das Gespräch von neuem anzuknüpfen. - - -Helene hatte ihren Zweck erreicht; mit schwerem Seufzen und schwererem -Herzen hatte Thorald, den Bitten der Geliebten zufolge, den Haaren -seiner Maria Jacoba eine dunklere Färbung gegeben, das Blau ihrer Augen -in Schwarz verwandelt und so das Frappant-Individuelle der Aehnlichkeit -seines Bildes mit den Zügen des Schloßfräuleins gemildert, -- was -davon noch geblieben, konnte dem unbefangenen Blick für bloßen Zufall -gelten, ja vielleicht ganz ihm entgehen. Am Johannis-Sonntage hatte -die feierliche Enthüllung des Gemäldes stattgefunden; der Magistrat -und ganz Nysted waren auf's höchste befriedigt, die Anerkennung und -Dankbarkeit der Bürger sprach sich allgemein und beinahe rührend aus, -denn der Alt-Lutheraner hängt fast dem Katholiken gleich an würdiger -Ausschmückung seiner Gotteshäuser. Vielleicht waren es eben die -sinnlichen Zeichen, mit denen er gern seine Verehrung des Höchsten -umkleidet, welche jenen Tagen unsre religiösen Spaltungen ersparten. -Das Gemüth bedarf einer Gefühlsumfriedung, wird ihm diese, so hält es -oft den zweifelnden Geist mit in den Schranken einer liebgewordenen -Gewöhnung. - -Graf Christian hatte öffentlich in der Kirche dem Künstler seinen Dank -ausgesprochen, im Schloß war derselbe nicht wieder gesehen worden, und -keine Einladung irgend eines Mitgliedes der gräflichen Familie berief -ihn dahin zurück. - -Schloß Aalholm hatte indessen festliche Tage erlebt; alle Mitglieder -der Familie waren anwesend, um die feierliche Doppel-Verlobung zu -begehen. Die in Seeland und Fühnen ansässigen Brüder waren mit ihren -Gemahlinnen herübergekommen, die künftigen Schwäger zu begrüßen und -Schnepfen zu schießen; das Alles war prächtig! -- - -Helene hatte viel von dieser Zusammenkunft erwartet; sie hoffte die -jüngern Brüder zu gewinnen, denn beider Frauen waren bürgerlich -geboren, allein ihre Pläne scheiterten an Christians strengbesonnener -Festigkeit; er vereitelte ihr jede Privatunterredung mit ihnen. Auch -waren allerdings die Verhältnisse in sich selbst sehr verschieden -von denen des Malers. Janfru Abilgaard, welche erst vor kurzem dem -jüngsten Grafen ihre Hand gereicht, war einem in Dänemark hochberühmten -Geschlecht entsprossen. Die ältere Schwägerin, Gräfin Friedrich-Gejer, -die wir aus Amaliens und Annettens Unterredung als Gegenstand ihres -heimlichen Neides kennen gelernt, war eine geadelte, unermeßlich reiche -Banquierstochter aus Hamburg. Sie hatte ihrem Gemahl ein bedeutendes -Vermögen und Güter auf Seeland zugebracht, auf denen sie, wie in ihrem -Winter-Hôtel zu Copenhagen, die glänzenste Existenz ihm bereitete. - -Friedrich war der Crösus in der Familie und lebte danach, in grellem -Gegensatz zum Aalholmer Stammhause, dessen Bewohner seit Jahrhunderten -Abgeschiedenheit und Stille vorzogen, ihre Besitzungen unter ihren -Augen bewirthschaften ließen, selten in Staatsangelegenheiten sich -mischten, keine Art Hofdienst bekleideten, und alljährlich auf wenige -Wochen in der Residenz am Hofe zu erscheinen pflegten. - -Von dem Allen machte der jetzige Majoratsherr eine Art Ausnahme. -Seit Christian ~VII.~ Regierungsantritt hatte er, wie schon erwähnt, -so lebhaft es seiner Eigenthümlichkeit nach möglich, des Königs -Bestrebungen in der Bauernsache sich angeschlossen. Dieser hatte -schon im ersten Jahre seiner Thronbesteigung, im Amte Copenhagen alle -seine einzeln liegenden Höfe parcellirt als Eigenthum den Bauern -überlassen. Der Graf hatte später, als ihm das Majorat zufiel, diesem -edlen Beispiel zufolge höchst wohlthätig in Laaland gewirkt für die -gute Sache; sein Jütländer Aufenthalt hatte ihn mit den Mißständen -und Bedürfnissen des unglückseligen entwürdigten Landmanns vertraut -gemacht, und seine Handlungsweise und die Opfer, welche er seiner -bessern Erkenntniß gebracht, hatten ihm auch die Gunst Friedrichs ~VI.~ -erworben. Er machte keinen Gebrauch dieses Vorzugs. Wie seinem Vater, -dem seligen Grafen Thugge, blieb das persönliche Erscheinen am Hofe -in Copenhagens eleganten Kreisen ihm eine peinigende Pflicht, ja eine -unerträgliche Last, der er auf jede Weise sich zu entziehen suchte. Die -ihm gewordene Auszeichnung, die ausgesprochene Gnade und Theilnahme der -beiden Monarchen verwirrte, ja verscheuchte ihn. Selten sah man ihn -länger als eine Woche hindurch in der Residenz, wohin er um die Zeit -des königlichen Geburtsfestes seine Schwestern geleitete, dann aber so -bald als möglich dem Schutze ihrer anderen Brüder sie überließ. - -Zu der drei Mädchen Qual gehörte dagegen ein fast unbeachtetes -Auftreten an der Seite der sie in Allem überflügelnden Hamburger -Tante, deren Luxus sie zerdrückte, deren Manieren ihnen mißfielen, -deren Geld-Aristokratie sie verdroß, und besonders in den beiden -Aeltern fast Abneigung und noch viel größere Oppositionen im -täglichen Verkehr erzeugten, als die, mit welchen sie der kranken und -resignirten Eva sich entgegenstellten, der sie die geringe Herkunft und -leibeigene Geburt nicht zu verzeihen vermochten. -- All diese kleinen -Lebensstörungen und stündlichen Hemmnisse hatten in beiden rückwirkend -einen wirklich verblendeten Adelstolz geweckt, der sich überall -aussprach, und jetzt auch Helenens Wünschen, ihrer Neigung zu Thorald, -jede begütigende Vermittlung versagte. - -Noch in den Kinderschuhen hatte Helenens Wesen eine von dem -Bildungsgange der Schwestern ganz abweichende Richtung erhalten. Das -in der Wiege verwais'te Kind, -- die Mutter war in Wochen gestorben --- fiel abwechselnd bald in diese bald in jene Hand. Ihr lebhafter, -prägnanter Geist, der besonders ältern Männern ungemein anziehend -erschien, gewann ihr frühe schon Freunde aus allen Ständen; besonders -aber in Copenhagen, wohin sie den ältern Schwestern folgen mußte, -waren einige ehemalige Gefährten ihres Vaters, deren Umgang Einfluß -auf ihre Denkart und innere eigene Seelenerziehung hatte, ohne daß -jene es beabsichtigten. Die kleine Nordermule sah voller Schrecken der -plötzlichen Entfaltung der ihren Zögling aufwärts tragenden Flügel zu, -ohne den ihr unerreichbaren Flug derselben verfolgen zu können; im -zehnten Jahre schon war Helene ihrer eigentlichen Leitung entwachsen. --- Der liebreizenden äußern Erscheinung des Mädchens that keine -Willkür, noch auferlegte Regel Eintrag, sie blieb durchaus natürlich -und einfach; an ihren Putz dachte sie wenig, gerade weil ihr Alles gut -stand, an ihr Benehmen noch weniger, es umwogte sie beständig eine -unbewußte Grazie, ein Sichgehenlassen, das dem Bewegen eines jungen -Rehes gleich. Träumerisch und doch voll stets regsamer Gedanken, saß -sie mitten unter Verwandten und Gespielen allein, immer in sich mit -etwas außer ihrem Kreise und Bereich beschäftigt. So machte sie der -Anfang der französischen Revolution, die wohl unter allen Ländern in -Skandinavien am einflußlosesten blieb, zur Jacobinerin; die Kargheit -der in ihrem Vaterlande und insbesondere in ihrem Vaterhause seltenen -Detailnachrichten entflammten sie immer mehr, und ließen sie einen -heiligenden Nimbus um Alles das breiten, was ihrem eigentlichen -Charakter fern, ihr halbes Verstehen in endlose Widersprüche gestürzt -haben müßte. Bald schwärmte sie für Mirabeau und Charlotte Corday, bald -vertheidigte sie Robespierre und schauderte mit frommen Entsetzen vor -der Schwestern Theilnahmlosigkeit zurück, die in Mußestunden in die -Revolution blickten, wie in einen Guckkasten, und der amerikanischen -Kriegsscenen nur beim Einkauf englischer Waaren gedachten. - -So entwickelte sich Helene zur blühenden Jungfrau. Während die älteren -Fräulein, unter tausend kleinen Qualen und Freuden des geselligen -Verkehrs, eine Menge Verhältnisse alljährlich knüpften und lös'ten, nur -von Liebhabern, Courmachen, Pferderennen, Schlittenfahrten und Bällen -träumten, und am Ende doch Jahr aus Jahr ein unvermählt blieben, hatte -das kaum erwachsene Mädchen in seiner anmuthreichen Absonderlichkeit -eine Anzahl ernstlicher Verehrer und sogar einige sich nähernde -Bewerber gefunden. Sie aber wies lachend Alle ab, glaubte ihren -Betheurungen selten oder gar nicht, sprach mitten in deren pathetischen -Erklärungen von etwas Anderem, und versicherte ihrem sie tadelnden -Bruder: »all diese Geschichten wären ihr ganz unsäglich langweilig, der -Langenweile aber meine sie zur Genüge in Aalholm finden zu können.« -Mademoiselle Nordermule war in Verzweiflung. -- Helene war sogar -einmal, während einer etwas langgedehnten Liebes- und Heirathsbewerbung -zum Salon hinausgegangen, aus Zerstreuung. Helenens Schwestern gaben -ihr Recht, »weil sie noch ein Kind sei.« Eine Heirath der viel jüngeren -Schwester hätte ihnen den Anstrich höheren Alters gegeben. - -Die kleine Gouvernante ließ sich nicht irre machen! Helene zählte -damals zwanzig Jahr, obschon sie aussah wie ein Mädchen von sechzehn; -sie suchte auf jede Art ihres Lieblings Glück zu fördern, warnte sie -vor späterer Vereinsamung und ermahnte sie, der Tage zu gedenken, von -denen geschrieben steht, »daß sie uns nicht gefallen werden.« - -Helene aber lachte. »Ich will weder einen Kohl- und Krautjunker, der -seine Ochsen, Kühe, Hunde und Pferde lieber hat als mich, noch einen -voltairisirenden Salons-Cavalier, der jeder Schürze nachläuft, und -nicht einmal die heilige Jungfrau Maria in Ruhe lassen kann, ohne üble -Nachrede; begegne ich nicht endlich einem wirklichen menschlichen -Menschen, der kein bloßer Repräsentant seiner gesellschaftlichen -Stellung ist, so will ich auf meinem Stift bleiben und dort wie meine -sieben Cousinen Gejer-Mogenstrupp als Chanoinesse alt und grau werden. -Ich bedarf einen Freund, der mich den Reichthum der von mir kaum -geahneten Welt kennen lehre, der mir die Seele mit edlen, heitern -Bildern füllt -- ich kann nicht bloß von Arbeit und Pflichten leben, -ich bedarf auch Genuß! Was hilft mir die Hesperiden-Ferne, in welche -mich Dichter und Künstler schauen lassen, wenn sie mir unerreichbar -bleibt, wenn ich in meiner engen Gegenwart geistigen Hungers sterbe? Es -kann nicht Jeder, wie mein Bruder, ein Gelehrter sein, der sich über -einen Schmerz oder Verdruß wegexperimentirt; es kann auch nicht Jeder -immer nur der Bauern +Rechte+ und seine eigenen während +des Unrechts+ -vergessen, das ihm am allernächsten steht! Ich würde meinen Mann ganz -miserabel behandeln, oder mich von ihm mißhandeln lassen, das ist eine -entsetzliche Sclaverei! -- Wenn so ein armer Schelm von Bauernbengel -unser Leibeigener wird, weil er auf unserm Hofe mit dem andern lieben -Hausvieh geboren, und wir ihn verkaufen dürfen an die Miliz, wie einen -jungen Jagdhund, so thut mir das von ganzem Herzen weh! ich gönne es -ihm, wenn er loskommen und uns entwischen kann, aber es langweilt mich -schon daran zu denken, wenn ich ihm nicht helfen kann; ist es dann -also nicht thöricht, mich selbst der Leibeigenschaft, der ich so tief -in's Auge gesehen, bei einem Manne Preis zu geben, dessen Fesseln ich -nun und nimmer zu entrinnen hoffen darf? es gilt da kein Loskauf, -Emerenzia! oder soll ich, wie meine schöne Schwägerin, seine Gebieterin -sein, ihn zu meinem Sclaven machen, und mich innerlich den ganzen Tag -seiner schämen?« Die kleine Nordermule seufzte und -- schwieg. - -Jahr um Jahre schlichen auf diese Weise vorüber. Comtesse Amalie war -verlobt, Annette hatte alle Aussicht es zu werden. Helene kehrte -unveränderten Sinnes aus der Hauptstadt zurück, nur begann ihr die -innere Einsamkeit schwerer zu werden; es giebt Mädchen, bei denen das -Herz weit später erblüht, als der Körper. Zum ersten Male schlich sich -ihr die Sehnsucht in den Frühling. - -Die Nordermule seufzte noch schwerer -- Helene wies ihre Bewerber bloß -auf etwas höflichere Weise ab. »Ich mache künftig in meinem Stift -meinen alten Verehrern und deren Kindern Confitüren und backe ihnen -Pfefferkuchen, wie meine sieben Cousinen Mogenstrupp,« versicherte sie -komisch-ernst. - -»Auf dem Stift ergrauen, wie jene Sieben?« sie waren der Nordermule -entsetzlicher als die Sieben vor Theben. - -»Aber Emerenzia! kannst Du Dich nicht erinnern, daß sie uns in -Copenhagen besuchten, wie meine Schwestern auf die ersten Bälle -gingen, und ich noch ein kleines Kind war? Schon damals haben sie -mir einen imposanten, ganz majestätischen Eindruck hinterlassen; sie -gingen alle überein gekleidet und trugen gewaltige Kreuze um den Hals -gehängt an schweren Ketten, und in der Linken ein Schnupftuch und -einen Stockschirm mit Gold- und Perlemutterknöpfen. Ihre Mutter war -bildschön gewesen, hatte sich früh vermählt und war in guter Zeit -Witwe geworden, eine strahlende, reizende Witwe. Wuchsen ihr da mitten -in ihren Successen sieben lange Töchter zur Seite auf, die auch gar -nicht übel waren, blonde, braune und schwarze! Was konnte die arme -Frau Besseres thun, sich der Nebenbuhlerinnen zu erwehren, an deren -Seite sie in den königlichen Soireen erscheinen mußte, als -- die -Töchter zu Caricaturen aufzuputzen, bis die armen, in unglaublicher -Abenteuerlichkeit mit Juwelen, Blumen, Bändern überladenen Mädchen, -durch die Barrière der Lächerlichkeit von aller Jugend abgesondert, -wie eine Gesellschafts-Chimäre dastanden, die nur dazu diente, der -alternden Armida Reize zu erhöhen. Die immer noch hebeartig blühende -Mutter bejammerte »das unglaubliche Ungeschick« ihrer Töchter, -und eines schönen Tags dämmerte diesen eine Ahnung auf, daß sie -lächerliche Figuren geworden! So saßen sie wie Tarock-Karten lang -und bunt an die Salonwände gelehnt, blieben sitzen, wenn die Andern -zu Menuet, Quadrille und Anglaise flogen, blieben sitzen, bis sie -endlich fortzogen in ihre Stifts-Curien, und sitzen dort noch, einsam, -hehr und adelstolz, wie früher in den jungfräulichen Zellen ihres -Familienschlosses.« - -»Und die Mutter?« -- die Nordermule sah bei der Erzählung wie ein -Frühlingsungewitter aus: sie lachte und weinte, wie Sonnenschein und -Regenguß, zu gleicher Zeit. - -»Ach, ~ma bonne~, das ist eine hochtragische Geschichte! Die Mutter -starb, ~au beau milieu de ses succès~, als es ganz unmöglich war zu -verhehlen: daß die vierzigjährigen Mädchen -- erwachsen wären!« - -»Aber Helene! welch ein Gedanke Dich diesen Schwestern zu vergleichen, -sie fanden nie einen Mann und --« - -»Sie fanden vielleicht bloß einen, wie ich ihn auch finden werde, einen -Mann -- im Mond? Den man nicht heirathen +kann+, weil er bürgerlich -ist, und sein Kohlkopf und Dornbusch auch, oder weil er uns nicht -mag, oder weil er nichts taugt, einen Mann, der nicht reich, nicht -vornehm, nicht klug, nicht schön genug für die +ganze+ ihn natürlich -+mitheirathende Familie+ ist! Vielleicht dachte Eine oder die Andre -wie ich, und wollte für sich selbst heirathen, vielleicht waren sie -aber auch den Männern gar zu herrlich und majestätisch --« - -»Helene!« - -»Warte nur, Emerenzia, Du sollst sie selbst sehen! Drei von ihnen leben -jetzt in Wallöe und im Herbst besuchen sie die Andern um Marzipan zu -backen. Und doch! weißt Du, Nordermule, die armen alten Mädchen sind -wahrscheinlich unter sich glücklicher als hier Christians Frau! o die -milde, geduldige Eva --« - -Die Gouvernante schwieg; sie fand es nicht anständig, des Grafen, ihres -Brotherrn, Verhältnisse zu besprechen. Lachend drückte ihr Helene die -Hand, die Beiden verstanden sich vollkommen. - -Und wenig Wochen nach dieser Unterredung sollte ein junger Maler die -Portraits der drei Fräulein machen -- und die Liebenden sahen einander -zum ersten Mal. - -Ich weiß nicht, ob schon von einer Frau ausgesprochen worden, wie ein -Mädchen das nahende Geschick ihres künftigen Daseins vorausempfindet -beim ersten Anblick eines Mannes, den es ernst und leidenschaftlich -zu lieben bestimmt ist. Ich glaube jeder tiefen, das ganze Wesen -durchglühenden Empfindung geht ein Durchzittern des Herzens voran, das -keiner andern Lebensahnung gleicht, ein plötzliches bebendes Verstummen -der Gedanken, die nicht wagen, den Gegenstand zu berühren, der wie -das Geheimniß des nahenden Tages die plötzlich aufwogenden Stimmen -der Natur aufruft aus dem Schlummer -- alle anderen Empfindungen -der Seele schlagen an wie erwachende Vögel in der sich lichtenden, -der Sonne vorangehenden Dämmerung; alle Blüthen der Seele stehen in -Thränen und öffnen dem nahenden Tage ihren Kelch; es legt sich ein -tiefes, heiliges Mysterium über die innere, wie über die Außenwelt: -der nächste Augenblick muß es durchzuckend lösen -- o, wer ewig an -dieser Zauberschwelle weilen könnte, durchbräche +nie+ die Sonne der -Wirklichkeit, so schön sie ist, den Goldsaum der Wolkenbilder, die den -fernen Himmel mit ihrem rosigen, wogenden Leben umhüllen und ihn der -Erde verbinden! -- - -Und Thorald? Nun Thorald empfand nicht eben die erste Liebe, aber -dennoch die erste festhaltende, ernste Neigung seines Lebens. -Sein einfacheres, alltäglicheres Gefühl glich weniger einem zur -Priesterschaft des Lebens heiligenden Mysterium, allein mit jedem -Tage wurde es tiefer und wahrer. Anfangs sah er in Helenen noch die -vornehme Dame, empfand den Unterschied der Stände als drückende Last; -mit Gewalt hätte er seiner wachsenden Leidenschaft entfliehen mögen, er -gedachte seiner Kunst, seiner Mutter und einer Menge vorübergezogener -Empfindungen, die ihn abwechselnd beherrscht hatten und dann in sich -selbst verflüchtigt worden waren in Rauch und Dunst; er schalt sich, -daß ihm eine ähnliche Behandlung seiner Liebe zu Helenen mißlang; -nach und nach siegten das Herz in ihm und die Natur, die sich nicht -gebieten läßt! er liebte das Mädchen täglich inniger und menschlicher. -Thorald war keineswegs, was die Geliebte in ihm sah, was die Zeit, -die er durchlebt, ihn erscheinen machte, aber er war ein redlicher, -aufrichtiger Mann, mit einem Fond unendlicher Gutmüthigkeit; die -gewaltsamen Ereignisse, die er miterfahren, hatten ihn eine Strecke mit -sich fortgerissen; nun war ihm eigentlich unsäglich wohl, in die ihm -natürliche Beschränkung und Harmonie des Empfindens zurückzukehren. Von -der Mutter und einer alten Magd bis in's siebzehnte Jahr erzogen, lagen -eine Menge weiblich ausgebildeter zarter Gefühle in seiner noch nicht -ganz ausgearbeiteten Seele; er schämte sich ihrer in Männerkreisen, in -Italien waren sie von ihm selbst vergessen und zurückgedrängt worden, -nun erblühten sie alle in zauberischer Frische, -- trotz seines Kummers -war Thorald unbeschreiblich glücklich! - -Graf Christian hatte sich gegen seine beiden Brüder ausgesprochen. Man -war darin übereinstimmend, Helenens Neigung wie eine romantische Grille -zu behandeln, der nichts wirkliche Folgen zu geben vermöge, da sie in -keins der bestehenden Verhältnisse passe. Nur im äußersten Nothfall -sollte offenbarer Widerstand ihr entgegentreten. Christian war der -einzige unter den Brüdern, der wider Willen an eine wahre Gefühlstiefe -ihrer Liebe glaubte und den möglichen Ernst derselben scheute; -Friedrich und Johannes lachten ihn aus, beide waren Welt- und Hofleute. -»Helene ist volle vierundzwanzig Jahr, und folglich über Nußschalen- -und Hüttenalter hinaus,« versicherten sie. - -Vielleicht wäre man zu kräftigeren Maßregeln geschritten, hätte man -nicht jede öffentlich wiedertönende Erinnerung an des Erbgrafen arge -Mißheirath zu meiden gesucht. Die beiden Brüder boten dem Maler Arbeit -auf ihren Gütern zu Fühnen und Seeland, verschafften ihm auch bei den -arglosen Schwägern und anderen Nachbarn und Freunden Bestellungen. -Thorald ward mit Arbeitsvorschlägen überhäuft, -- die alle ihn von -Laaland zu entfernen bezweckten. Wirklich ging er nach Fühnen, aber -nach vierzehn Tagen war er wieder in Nysted. Dann kehrte er wieder zu -den begonnenen Bildern zurück. Auf diese Weise wechselte er fortdauernd -den Aufenthalt, ohne je sein Mädchen aus den Augen zu verlieren; beim -Küster behielt er ein Absteigequartier, er malte den Alten und eine -Anzahl Bauern als Studium, Johannen aus Dankbarkeit; -- man konnte -ihm nichts anhaben, es blieb unmöglich, ihn ganz von der Insel zu -vertreiben. - -Eine fortgesetzte Correspondenz mit der fast mündig gewordenen -Schwester zu hindern, gelang noch weniger; Christian bemerkte Helenens -schadenfrohes Lächeln und beschloß ernstere Mittel zu ergreifen. - -Unterdessen schritten die Vorbereitungen zu den im Herbst bestimmten -beiden Hochzeiten täglich weiter. Vieles wurde in Copenhagen -bestellt, anderes zur See aus Schleswig und Hamburg verschrieben; -eine Tüchtigkeit der Pracht waltete überall vor. Zuletzt kamen die -Truhen in den verschlossenen ehemaligen Wohnzimmern der Tante zur -Sprache. Sie hatte diese als achtzehnjähriges Mädchen verlassen, und -nur wenige Monate vor ihrem Tode von neuem auf kurze Zeit bezogen; -seit dreißig Jahren standen sie verödet. Graf Christian erklärte -seinen drei Schwestern ehe man sie öffnete, der Augenblick eines nur -sie allein betreffenden Erbschaftsantritts sei gekommen, er bäte sie, -sich untereinander über die Theilung der von ihrer seligen Tante -zurückgelassenen Ausstattung zu vereinen, deren Inhalt ihm selbst -fremd sei, da kein Anspruch irgend einer Art ihn berechtigt habe, -bis zu diesem Tage die Schlösser dieser Truhen zu öffnen. »Du,« -sagte er scharf betonend zu Helenen, »wirst die Güte haben, den dir -zufallenden Antheil dieser Gegenstände meinen oder meiner Gemahlin -Händen anzuvertrauen, da es meine Pflicht ist, ihn erst bei Deinem -einstigen Einzug in eines würdigen Gatten Haus Dir zu freier Benutzung -zu überliefern, über die Theilung jedoch schon jetzt mit den Schwestern -Dich zu besprechen, wirst Du mir hoffentlich nicht abschlagen.« - -Eva war als bloße Zuschauerin bei diesen Verhandlungen gegenwärtig -und sehr bewegt; deutlich blickte aus all ihrem Thun der Kummer über -Helenens und Christians Spannung; Thorald erschien ihr als Störer eines -Hausfriedens, den die Arme mit unerschöpflicher Geduld zu erschaffen -stets von neuem träumte. -- Die kleine Nordermule schwamm in Thränen, -welche selbst der Respect für den Grafen nicht zu stillen vermochte. - -Auf ein sehr kleines Vorgemach mit nur einem einzigen Fenster folgte -eine Art Wohnzimmer, das der Einrichtung nach mitunter zum Empfang -seltener Besuche gedient haben mochte. In dessen Mitte stand ein großer -Tisch, auf demselben Tintefaß und Feder, auch einige Lehrbücher -lagen dabei, das Ganze machte den Eindruck, als habe hier ein Kind -Unterricht empfangen, -- etwas weiter zurück, dem Fenster näher, stand -ein niedriger Stuhl, und vor demselben einer jener schon erwähnten -kleinen Webstühle, -- »ach,« rief die Nordermule in heißere Thränen -ausbrechend, »hier saß die Schließerin mit der Arbeit, während der -Stunden, in welcher --« - -Ein drohender Blick aus des Grafen aufflammendem Auge schloß ihr den -Mund. -- Das Gemach war durchweg mit weiß überstrichenem Holzgetäfel -bekleidet, die grün- und goldumrandeten Medaillons seiner Wandfelder -zeigten verblaßte Spuren schäferlicher Darstellungen im damaligen -Geschmack; es waren ziemlich plumpe Nachahmungen der französischen -Vorbilder jener Zeit; die ausgeschweiften, geschmacklosen Möbel, auch -weiß mit Gold und Rohrgeflechten statt der Sitzpolster, gehörten -ebenfalls dorthin. - -Das hintere anstoßende Schlafzimmer hatte seinen aus einer weit frühern -Periode stammenden ernsten Charakter bewahrt, sogar sein gothisches -Bogenfenster mit den in Blei gefaßten runden Scheiben, in dessen -Mauertiefen ein hochrückiger Nußbaumsessel stand. Etwas weiterhin -gewahrte man einen schön geschnitzten Betschemel, und auf dessen Pult -ein Kruzifix und eine schwere mit Klammern geschlossene Bibel. Die weiß -getünchte, nur mit Eichenholz umrahmte Wand, deren Hälfte das große -geblümte Gardinenbett einnahm, den Fenstern gegenüber der riesige blaue -Porcellan-Kachelofen, -- das Alles paßte weit eher zum Aeußern des -Schloßbaues. Ein Stickrahmen bewahrte die in Seide noch unvollendete -Großmuth Alexanders, -- ein Eckschrank die kleine Hausapotheke, -und über derselben zwei Reihen französischer und dänischer Bücher, -poetischen und geschichtlichen Inhalts; an sie schlossen sich eine -isländische Bibel, eine Sprachlehre und einige zum Studium dieses -nördlichen Idioms nöthige Hülfsschriften. An der dem Bett gegenüber -frei gebliebenen Wand standen vier herrlich in Nußbaum geschnitzte, -mit künstlichen Messingbeschlägen gezierte Truhen, -- sie nehmen -allgemein noch in den ältern dänischen Familien die Stelle unserer -Wasch- und Kleiderschränke ein, und stehen meist in den von einem zum -andern Gemach führenden Gängen. -- Wie es schien, hatte man sie aus -dem Vorzimmer der Sicherheit wegen in diesen Theil der Wohnung der -Verstorbenen gebracht. Alle zeigten die schön in Metall ciselirten -Wappen des Hauses, nur eine trug den Namen der ehemaligen Besitzerin. -- - -Sei es die drückende Luft des allzulange verschlossenen Zimmers, -oder lag wirklich in dem Allen der Nachklang einer jungfräulichen -Abgeschiedenheit, einer so recht heimlich ertragenen Herbheit des -vernichtenden Geschicks, alle Anwesenden waren ernst, ja fast wehmüthig -gestimmt, als endlich die fast verrosteten Schlüssel in ihren Höhlen -sich drehten, und die Truhen ihre geheimen Schätze zu Tage förderten. -Der Inhalt bot ein individuell-seltsames Gemisch von Kostbarkeiten! -Ueber den reichen, schwer seidenen Damaststücken und den gestickten -Brocaten zu Kleidern, neben den Chagrinétuis mit Bonbonièren, -Zitternadeln, Ketten, Ringen, Armspangen und all dem übrigen prächtigen -Putz einer vornehmen Dame der damaligen Zeit, lagen abgewelkte Sträuße -kleiner Wiesenblumen, -- Schreibbücher eines Kindes, Repetitionen -und Aufsätze, -- Ausarbeitungen für einen gründlichern Unterricht -als er damals gebräuchlich, geschriebene Bruchstücke der nordischen -Saga, endlich ein in Silber gefaßtes kleines Medaillon, fast ärmlich -abstechend gegen all die Herrlichkeiten, mit dem Miniaturbilde eines -jungen Mannes. -- Diese Truhe schien die Einzige zu sein, welche -die Besitzerin geöffnet, die folgenden enthielten Schätze an feiner -Wäsche, eine silberne Toilette, alles was zum persönlichen Gebrauch -einer Fürstin geeignet; die letzte Kiste barg, was der Haushalt einer -jungen Frau in glänzenden Verhältnissen fordern kann. -- Alles war mit -sorgsamster Auswahl bereitet, und zeugte von der mütterlichen Liebe der -fürstlichen Erzieherin Ulrikens. - -Während die älteren Schwestern gierig den Inhalt der Kasten musterten, -und über dessen Eintheilung in drei gleiche Loose den Druck der -beklommenen Luft im Gemach vergaßen, athmete Helene schwer und -schwerer! Sie hatte sich des kleinen Medaillons bemächtigt und -betrachtete mit immer traurigerer Miene die bleichen sanften Züge, -die es ihr bot. Die schwarze Kleidung des Jünglings verrieth den -Candidaten, -- »ihr Lehrer oder ihr Liebster?« dachte das Mädchen. -- - -»Auch hier das nämliche Geschick! den alten Fluch des Hauses,« hauchte -kaum vernehmbar Eva, die ihr über die Schulter blickte. Helene sah -sie an, sie war blaß und zitterte merklich; sie bat die immer noch -auspackenden Schwestern das Medaillon ihr zuzutheilen, und erhielt es -leicht, denn es war altmodisch gefaßt und unschön als Schmuck. - -Endlich waren die Loose fertig, die Schwestern theilten nach Zufall, -- -am Boden blieben die welken Frühlingsblüthen und die Papiere; die arme -Nordermule sammelte Alles auf; Eva hatte bereits die sie beengenden -Räume verlassen, -- der Anblick war ihr unerträglich. - -Sobald der Eifer der besitznehmenden Schwestern es ihr gestatteten, -entzog auch Helene sich dem ihr durchaus peinlichen Eindruck. Die ganze -Scene machte ihr das Herz schwer; es kam ihr Alles, sogar ihre eigne -Theilnahme daran, wie eine Entweihung, wie das gewaltsame Eindrängen -in ein zartes, jungfräulich verhülltes Leben vor, das selbst der Tod -nicht abzuschließen und dem frevelnden Blick des fremden Auges zu -bergen vermöge, während lange qualvolle Jahre daran gesetzt worden, -diesen einzigen armseligen Zweck zu erreichen. - -Als sie die Schwelle ihres Zimmers eben überschritt, streifte -sie Christians Arm, und seine Hand ergriff unvermuthet die ihre. -»Helene,« sagte er ernst und strenge, »Du trägst den Schlüssel dieses -bejammernswerthen Geschickes mit Dir fort,« er deutete mit dem Blick -auf das Medaillon, »es hat trübe unser aller Dasein umleuchtet, wie -ein Nordlicht, ohne unsre Wege zu erhellen, ohne unserm Auge die Bahn -deutlicher zu machen, die wir zu durchwandern gezwungen! Gebe Dir Gott -mehr Glück und mehr Besonnenheit als ihr, und ein klareres Verständniß -des Unabwendbaren! Du kennst bisher nur die +Lösung+ dieses traurigen -Räthsels!« - -»Ja,« erwiederte Helene gepreßt, »ja, mir ahnet, daß sie für gleichen -Lebenseinsatz einen entsetzlichern Verlust, für gleiche Schuld -- wenn -es eine ist! eine schwerere Buße zu ertragen gehabt, als wir Alle!« - -Christian lächelte bitter. »Es kennt keiner das Gewicht der Bürde des -Nächsten!« Er war mit eingetreten und ging in fast leidenschaftlicher -Erregung eine Weile auf und nieder. Endlich blieb er vor ihr stehen; -»es kann nicht schaden,« setzte er mit unbeschreiblich traurigem Tone -hinzu, »daß Du einmal die Dir noch unbekannten Schicksale Deiner -nächsten Verwandten, ja Deines älterlichen Hauses in's Auge fassest -- -komm setze Dich zu mir.« - -Helenens weiche Stimmung ließ sie dem Bruder schweigend willfahren; sie -hoffte die Erzählung werde die Tante betreffen, hier in ihren eigenen -Räumen scheute sie nicht, mit dem Einzigen, der um das Geheimniß zu -wissen schien, davon zu reden; -- so hängt auch das edelste, zarteste -Gefühl vom Eindruck äußerer Umgebung ab! -- - -»So weit meine eigne Erfahrung reicht,« begann Christian, »habe -ich stets bemerkt, daß in all den Einzelgruppen der menschlichen -Gesellschaft, die wir »Familien« nennen, ein nämliches Grundprinzip -des Glückes wie des Elends in fast all ihren Mitgliedern in -unzähligen Umgestaltungen sich wiederholt. Es geht damit, wie mit -der Aehnlichkeit der Gesichtszüge, die selbst, wo sie in Einzelfällen -in gerader Linie verschwindet, in verwandtschaftlichen Kreuzungen, im -Großneffen, im Enkelkind, in Tanten und Basen wieder auftaucht und -sich unverändert geltend macht. Davon hat man tausende von Beispielen -überall. Psychologisch erklärt sich aber das erste Phänomen, wenn man -auf diesen Erscheinungen körperlicher Gleichheiten weiter zu fußen -versucht und beachtet, wie sie Jahrhunderte zurück sich erstrecken, und -eben so fortdauern um uns her, bis gewaltsam ihm aufgedrungene fremde -Schößlinge den alten Familienstamm in seiner Wurzeltiefe und Wipfelhöhe -überwuchert haben! -- Es läßt sich gar wohl begreifen, daß auch die dem -Leibe inwohnende +Seele+ ihre eben so bis in den späten Ur-Enkel, durch -Mischung sich analoger Körper- und Geisteskräfte, erzeugten ähnlichen -Gebrechen und Tugenden bewahrt, und daß auf diese Weise der einzelne, -sehr reich begabte Mensch zum Schöpfer einer Scala von herbeigezogenen -Geschicken wird, die zusammenklingen, weil sie auf +einem+ ihnen allen -eigenthümlichen Grundton beruhen! Nennt doch selbst ein Volkswort -Jeden seines eigenen Unglücks Schmied! Und +so+ wird denn Fluch und -Segen des längst schlummernden Ahnherrn immer von neuem erweckt, -bis der letzte seines Namens und Stammes zu Grabe getragen ist.« -- -Erstaunt sah Helene den Bruder an; wie kam der sich nur mit abstrackter -Gelehrsamkeit beschäftigende Mann, der Philosoph, zu diesen Ansichten -eines Schwärmers? - -»Seit unseres Großvaters Jugend, welche in die erste Hälfte des -vorigen Jahrhunderts zurückreicht, hat jedes unsre Familie befallende -Mißgeschick, das bald auf entwürdigende Weise deren zarteste Hoffnungen -brach, bald den eigenen Herd, das Herz des Hauses zum Schauplatz des -Ungehörigen machte, sein Entstehen einer durch Liebesraserei erzeugten -Verblendung zu verdanken. Jede Neigung ist bei uns durch Widerspruch -zur Leidenschaft ausgeartet, jedes das Dasein erhellende Licht zum -wilden Feuer, das den Aufbau unseres Lebens zerstört, das Dach über -unseren Häuptern verzehrt, uns arm und bloß, als Bettler in der -leergewordenen Existenz zurückläßt!« - -»Unser Großvater lebte in äußerlich günstigeren Verhältnissen als wir. -Seine Jünglingszeit fällt in die Glanzperiode Niel Juuls und seiner -Siege über die Schweden. Owen focht unter dem großen Feldherrn und -zeichnete sich aus; das Vaterland nannte mit dem des Helden zugleich -+seinen+ Namen! Die der Krone geleisteten Dienste verschafften ihm die -Hand einer dem königlichen Hause verwandten jungen Dame, der Fürstin -Harald-Friedrichsborg. Bei anscheinend blühender Gesundheit bemächtigte -sich ihrer bald nach der Vermählung ein heimlich schleichendes Uebel, -das in fortgesetztes Kränkeln überging, und die Geburten einer Tochter -(der Tante Ulrike) und zweier Söhne schwächten den zarten Körper der -jungen Frau noch mehr. Auch das in ihren Verhältnissen unvermeidliche, -geräuschvolle Hofleben schadete ihr, es raubte ihr die Möglichkeit -einer allmäligen Erholung; sie starb, nachdem sie einem dritten Sohn, -unserm Vater, das Leben gegeben, gleich nach dessen Geburt. - -Grenzenlos war des Gatten Schmerz! In wahnsinniger Verzweiflung starrte -er anfangs den Ueberbringer der Todesbotschaft regungslos an; dann -aber sprang er einem wüthenden Tiger gleich, der seine Beute erfaßt, -auf den Unschuldigen los, warf ihn zu Boden und trat ihn mit Füßen! -Noch in der nämlichen Nacht starb der schwer Verletzte an den Folgen -der erlittenen Mißhandlung. Des Königs Liebling aber, Graf Owen, -entging jeder Anklage und Strafe, sogar der seines eigenen Gewissens; -war es ja doch sein Leibeigener, den er zertreten wie einen Wurm! wer -kümmerte in damaliger Zeit sich um den Gebrauch den Er, der Herr, -von seinem Erb- und Eigenthum gemacht! -- Aber die Verblendung des -unsinnigen Zornes gegen das ihn betreffende Geschick riß ihn weiter -fort auf der entsetzlichen Bahn, auch -- dem eigenen Kinde, das diesem -Unglück die Geburt dankte, dessen Eintritt in die Welt das Dasein der -Mutter gekostet -- dem Neugebornen +fluchte+ er. -- Der unnatürliche -Fluch trug bittre, giftige Frucht! Der Verlust seiner Liebe hat an uns -Allen in der Liebe sich erneut und gerächt, mochte sie gewähren oder -versagen, als gebühre +uns+ die Buße seiner Schuld. - -Drei Söhne hatte die Gräfin geboren. Die zwei Aeltesten starben in -den ersten Jahren auf fast unerklärliche Weise, ohne vorhergegangene -Krankheit, vielleicht an von der Mutter ererbter Schwäche, sie welkten -dahin, wie eine Blüthe abfällt vom Zweige. Unser Vater dagegen war -kräftig. Mit furchtbarer Strenge erzogen, auf jede Weise abgehärtet, -wuchs er unter fremder Leitung auf; oft mischten sich Willkür und -Grausamkeit in die Erziehung, die ihm ward. Der Großvater liebte ihn -nicht, nannte ihn fortgesetzt den Mörder seiner Mutter, und sandte ihn -endlich nach Skovkloster in die von Herluff Trolle eingerichtete adlige -Hochschule, um ihn nur Jahre lang fern von sich halten und seinen -Anblick vermeiden zu können. -- - -Eine scheue Niedergeschlagenheit bemächtigte sich dort des Knaben -- -selbst Güte und Wohlwollen Einzelner, denen er Mitleid einflößte, -vermochten nicht mehr ihn aufzurichten. Auch der Schwester durfte er -nur in seltenen Zwischenräumen sich nahen; als sie erwuchs, sah er -sie gar nicht mehr: so ward der einzige Sohn und Erbe ein Fremder im -eigenen Vaterhause. -- - -Eine immer mehr überhand nehmende Melancholie breitete ihren -düstern, ihm die ganze Welt umhüllenden Flor über des Armen schönste -Jugendzeit. Jedes eigene freie Streben ward ihm untersagt, man zwang -ihn in den Militairdienst, während ihn eine mächtige Neigung zum -damals noch brach liegenden Felde des Naturstudiums, besonders zur -Botanik hinzog; man drängte den Verschüchterten in eine Hofcarrière, -wo er seines verlegenen Betragens, seiner nicht brillanten äußeren -Erscheinung wegen, kein Glück machen konnte -- ja es nicht einmal zu -wollen vermochte, da die tiefste Sehnsucht seines Innern nur Stille -und Abgeschiedenheit erstrebte. -- Als er mündig und durch seines -Vaters Tod Erbe dieser Besitzungen geworden, bewarb er sich um die -Hand unserer Mutter. Er hatte sie in den Hofzirkeln der Königin kennen -gelernt und empfand die heftigste Leidenschaft für sie -- hiermit -beginnt ein neuer Abschnitt unserer unseligen Familiengeschichte.« - -»Aber,« sagte Helene, »ihm ward das Jawort der Geliebten, sein Gefühl -ward erwiedert.« - -Ohne ihre Bemerkung zu beachten, fuhr Christian fort: »unsere schöne -geistreiche Mutter reichte dem Liebenden liebelos, gezwungen von ihrer -Familie, die Hand! Eine unerwiederte Leidenschaft ist immer ein das -Seelenleben spaltendes Weh; Besitz und stete Gegenwart steigern es -zum unerträglichen! Sie war sein! Willenlos und widerstandlos ward -sie ihm verbunden, aber eiskalt blieben die Lippen, auf welche er die -seinen preßte, theilnahmlos blieb die Seele, der er unablässig die -seine zu erschließen strebte. Ein entsetzlicher Kampf um Ruhe und Glück -begann unter Beiden; je mehr er forderte, je weniger fühlte sie sich -im Stande, das Verlangte zu gewähren. Seine Eifersucht ward erregt; -ob sie gerecht oder nicht, wagt der Sohn nicht zu entscheiden! Auch -auf unseren Kinderhäuptern lastete das Unglück; mich den Erstgeborenen -unter Euch empfing, wenn auch kein Fluch, doch das Gefühl innerer -Verzweiflung, statt des Kusses der Freude! --« - - * * * * * - -Er schwieg. »Aber die Tante?« fragte schüchtern Helene; in dem trüben -Wahn des Bruders lag etwas seltsam Ansteckendes -- »aber die Tante, -wie traf denn eben sie, die Schuldloseste unter Allen, das aller -Entsetzlichste! war sie denn --« - -Christian rang sichtlich mit dem Entschluß in seiner Erzählung -fortzufahren -- in dem Augenblick ertönte der langgezogene Schrei einer -Seemöve oder des Wettervogels; es war nicht die Stunde, in welcher das -Thier zu schreien pflegt, aufmerksam horchte Christian hin. Er war -aufgestanden und an's Fenster getreten, und kehrte so Helene den Rücken -zu. Nach wenigen Secunden erklang der Schrei zum zweitenmal -- zufällig -wandte sich der Graf in demselben Augenblick der Schwester zu -- sie -war feuerroth geworden und näherte sich in sichtlicher Verlegenheit der -Thüre eines anstoßenden kleinen Jagdsalons, welcher die erste Etage -eines der Eckthürmchen des Schlosses einnahm -- wie der Blitz stand -Christian neben ihr; ehe er selbst sich seiner Absicht bewußt, hatte er -gewaltsam die Thüre desselben aufgerissen und befand sich bereits in -dem runden, durch mehrere große Fenster erhellten Saal. Aus dem einen -derselben sah man über den Garten weg auf einen lieblichen kleinen -Landsee, welcher die Besitzung Aalholm von dieser Seite begrenzt. --- Drüben stand Thorald! Nach einer längeren Abwesenheit in Fühnen, -von wo ihn die Sehnsucht, Helene zu sehen, zurückgetrieben, hatte der -Unbesonnene nicht unterlassen können, ihr ein Zeichen seiner Rückkehr -zu geben. -- - -»Tod und Teufel!« schrie der Graf, »wagt der Bube einem Fräulein -von Gejern zu rufen, wie einer Bauerndirne.« -- Besinnungslos vor -aufwogendem, entsetzlichen Zorn riß er hastig eine von den Jagdflinten -herab, welche an den Wänden hingen, und legte an. Heftig, aber -keineswegs fassungslos ergriff Helene seinen Arm und schleuderte die -Mündung des Gewehrs seitwärts. -- »Unsinniger!« rief sie mit strafender -fester Stimme, »meinst Du einen Leibeigenen vor Dir zu haben, der -willig sich mit Füßen treten läßt?« - -Der sich entladende Schuß war durch das Nebenfenster gegangen, das -zufällig offen stand, die Schrotkörner streiften die Zweige der Allee, -ohne irgend Schaden zu verursachen. Helene und Christian standen -wortlos, zornig sich in's Auge blickend, einander gegenüber, als Eva -von dem Knall erschreckt in's Zimmer stürzte, »was ist vorgefallen, -was um Gotteswillen giebt es hier?« -- rief sie in namenloser Angst, -auf Beide zueilend. »Gar nichts,« sagte trocken mit ruhigem Ton Helene, -»Christian hat nach einer Möve am Weiher geschossen und sie verfehlt.« - -Des Bruders Auge dankte ihr; er hing die Flinte wieder zu den übrigen -an ihren frühern Platz und reichte Eva die Hand; »es thut mir leid, -Kind, daß meine Unbesonnenheit Dich erschreckt hat.« Ohne weitere -Worte verließ er die Frauen -- Helene rang nach Fassung, ihre Augen -durchbohrten das Wäldchen, in welchem der Liebste entschwunden. Eva -kannte sie viel zu genau, um nicht bei näherer Betrachtung, mit einer -von der Welt abgeschiedenen Kranken oft eigenen Beobachtungsgabe, zu -errathen, was eigentlich vorgefallen. -- »Unvorsichtige!« flüsterte -sie, Helenens Hand zwischen der ihren pressend, »willst Du denn -durchaus ihn und Dich selbst elend machen? Ach, Du kennst nicht die -volle ganze Kraft der Gefahr, welcher Du trotzig entgegen treten zu -können wähnst! -- War Thorald hier im Schloß?« - -»Nein, dort am Weiher.« - -Eva seufzte tief auf, dann fuhr sie mit sichtlicher Selbstüberwindung -fort, weil sie es für Recht hielt zu reden. »Ich kenne Christian besser -wie Du! glaube mir, er ist unbeugsam, hoffe +nie+ den auf einen Punkt -eigensinnig Verhärteten zu erweichen, nie wird er seine Einwilligung -gewähren.« »Er ist nicht mein Vater, nur mein Bruder,« sagte das -Mädchen ernst und fest, »seine Gewalt über mich muß Grenzen haben, -obschon er mein Vormund ist, jedenfalls ist sie weder unabwendbar noch -lebenslang dauernd. Ich bin in seinem Hause, Eva, und werde nichts -thun, was ihn ernstlich kränken könnte, aber ich bin frei wie er« -- -sie erschrack als die letzten Worte über ihre Lippen kamen. - -Eva aber schüttelte traurig den Kopf, »das Land, seine Sitten, der -Stamm, dem Du angehörst, bilden eine dreifache Mauer um Dich und Deine -erträumte Freiheit. Es ist nicht bloß Dein Bruder, nicht nur sein -Adelstolz -- warum wirst Du blaß bei dem Worte, das ich millionenfach -durchdacht habe? es ist mehr als Alles der Charakter des ganzen -+Landes+, das Zusammenfallen der allerverschiedensten Vorurtheile und -dabei das Zusammenwirken der so von einander abweichenden Ansichten -auf denselben Punkt, +dies+ hast Du zu scheuen, das ist die Kette mit -den vielen kleinen Ringen, die sie um Dich schlingen --« Helene legte -das müde Haupt auf die Fensterbank und schauete trostlos über den See, -»mein Gott, mein Gott, wo er nur sein mag?« - - * * * * * - -»Und errängest Du es dennoch, des Künstlers Gattin zu werden, glaubst -Du man würde Deine frühere Stellung vergessen, oder wirklich Dich -aufnehmen unter den andern Bürger-Frauen und unter ihren Familien! --- Ach, sie sind -- und vielleicht mit vielem Recht -- stolzer als -Ihr! Eben weil sie ihre Vortheile, Aemter, ihre Privilegien, ihr Brot -erkämpfen, und das mit sauerem Schweiß Errungene zu wahren nöthig -haben, deshalb stoßen sie Eure Gemeinschaft zurück, Euch +gleich+ -gestellt sein wollen sie nicht, herabsteigen sollt Ihr zu ihnen, -+dann+ erst wollen sie mit Euch sich wiederum erheben, auf Euren -ungeschmälerten Platz, erst +dann+ ihn mit Euch theilen. Das, meine -Helene, ist hier die Stimmung des Bürgers -- und in so fern sein Kopf -klar genug, auch des Bauern!« - -»Wenn sie einander begegnen im Wäldchen!« seufzte Helene -- das -Nächstliegende verschlang in ihr stets Vergangenheit und Gegenwart. - -Träumerisch die schmalen Händchen über die Brust faltend, wehmüthig die -blauen Augen zu Helenen aufgeschlagen, mit dem rührensten Ausdruck der -Innigkeit und Treue in den Zügen, saß indessen die Sprecherin da, immer -noch bemüht der Freundin aufgeregte Geister zu beschwichtigen, vor -allem aber sie abzuhalten, in den Garten zu gehen! -- Eva sprach fast -niemals über sich -- Helene empfand den ganzen Werth des ihr gebrachten -Opfers, auch dessen sanft verschleierte Absicht -- sie war selbst von -der Nothwendigkeit überzeugt, eine persönliche Einmischung in +diesem+ -Augenblick meiden zu müssen, aber all ihre Gedanken flatterten dennoch, -wie Vögel dem Frühling, so dem nun wieder Angekommenen, dem Geliebten -zu! Jeder Widerspruch strenger oder liebreicher Art brach an dem -mächtigen Gefühl des Mädchens. -- - -»Nie werde ich's vergessen,« fuhr Eva in immer weicheren Tönen -fort, »wie nach Graf Owens Tod --« sie vermochte noch nicht »mein -Schwiegervater« zu sagen -- »nachdem ich schon fast ein Jahr hier -auf dem Schlosse wohnte, Christian meinem alten Vater mich als seine -Frau vorzustellen beschloß; es war ihm schwer geworden, ich wußte es -wohl! Du Helene warst ein Kind, und bliebst bei Emerenzia! Amalie und -Annette begleiteten uns; ich glaube,« setzte sie mit leicht bebender -Stimme hinzu, »Christian hatte es den Schwestern befohlen -- es war -darauf abgesehen, mir durch diesen Schritt mit einem Male eine feste -Stellung zwischen den Bauern und +seiner+ Familie, besonders den -Brüdern gegenüber zu geben, denn ich selbst war schüchtern wie ein -Rothkehlchen, das sich im Zimmer verflogen und keinen Ausweg kennt; -ich fürchtete mich in dem großen Schlosse, verlief, verirrte mich -in dessen Gängen, ich hatte nie ein solches Gebäude bewohnt -- so -lange ich auch schon damals Christians Gattin war, denn ich habe im -fünfzehnten Jahre geheirathet, so wußte ich doch hier in der neuen, -von der Jütländischen so ganz verschiedenen Umgebung, mich nicht in -meine Lage zu schicken! Und doch,« fuhr sie fort, -- ihre Absicht -Helenen vom Gegentheil zu überzeugen momentan ganz aus den Augen -verlierend, -- »doch war das eben eine wunderschöne Zeit! Christian war -so himmlisch gütig, die angetretene Majorats-Erbschaft zwang ihn zu -immer regerer Thätigkeit, wie ein Schutzengel stand er mir zur Seite -und lieh mir den Schild seiner männlichen Klugheit und Festigkeit; --- nun, wir fuhren also nach Engbolle. Wie klopfte mir das Herz, -als ich nach sechzehn Jahren den Hof von weitem sah! aber alles war -stattlich verändert; mein Vater bewohnte nicht mehr eine Kathe, die -man Winters über mit Laub und Schilf überdecken muß, um sich darin -vor der Kälte zu schützen, ein ganz neuer Bau erhob vier stattliche -Mauern an deren Stelle; das ehemalige Wirthschaftshaus, in welchem wir -nur ein paar kleine Zimmer hatten, war nun zu Stallungen und zu einer -großen Milcherei umgewandelt; -- als wir in den viereckigen Hof traten, -blinkten mir die hellen Fenster entgegen, hinter denen mein so schwer -gekränkter lieber Vater wohnte; seitwärts aus den Nebengebäuden klang -das Brüllen des reichlichen Viehstandes -- an einer andern Stelle -sah ich die Scheune, vor deren Thor das bunte Gefieder der Hühner im -Sonnenschein glänzte, o Gott, mir ging das Herz im Jubel auf -- jetzt -öffnete sich die Thüre, mein Vater -- er war ein Greis geworden -- -erschien auf der Schwelle! ich ließ Christians Arm los und stürzte -über den Hof ihm entgegen; mir schossen die Thränen in die Augen, kaum -vermochte ich »Vater, lieber Vater« ihm zuzurufen, »ich bin's, kennt -Ihr mich noch?« -- mit abgezogener Kappe kam mein Vater die steinerne -Haustreppe herab; ohne mit einem Blicke meine Anrede zu erwiedern ging -er demüthig seinem Gebieter und den Gräfinnen entgegen, deren Hand er -bewillkommnend küßte -- mir brachen die Kniee, ich fühlte mich dem -Umsinken nahe, aber ich wollte mich fassen, den andern Leuten, den -versammelten Knechten und Mägden kein Aergerniß geben; ich näherte -mich ihm abermals, bezwang mein Herz und redete ihn noch einmal an; -jetzt kamen meine drei Brüder auch hinzu, als ich sie verließ, waren -sie kleine Kinder; wie er, traten sie festen Schrittes zwischen -mich und meines Vaters ehrwürdige Gestalt, dankten dem Grafen, den -Schwestern für die Ehre ihres Besuchs und luden sie ein in's Haus zu -treten; Keiner hatte einen Blick, ein Wort für die Verstoßene! -- Mir -schwanden die Sinne! Amalie und Christian faßten mich unter den Arm und -führten mich die Stufen hinan zu meines Vaters Hause! ich ließ Alles -geschehen, setzte mich nur mechanisch auf den mir bereit gestellten -Sessel -- Beide überhäuften mich mit der zartesten Güte und Sorgfalt. -Mein Vater und meine Brüder standen scheu und ehrfurchtsvoll, Alle in -eine Ecke des Gemachs zusammengedrängt und warteten ohne ein Zeichen -des Mitgefühls, bis Christian zu ihnen trat und den Erstern zu sich -rief; -- beide gingen hinaus in eine anstoßende Kammer. Was sie dort -mit einander verhandelt, habe ich nie genau erfahren; ich weiß nur, -daß Bitte und Befehl als gleich unwirksam sich erwiesen! Mein Vater -und seine Söhne erklärten alle vier respectsvoll und sehr fest: sie -wüßten was sich schicke und gebühre; in ihren Augen bliebe ich eine -Pflichtvergessene, die ihre eigne Familie bitterlich gekränkt, ihre -gnädige Herrschaft aber auf's freventlichste beleidigt, er wünsche, -setzte mein Vater mit schwankender Stimme hinzu, daß mir der selige -Graf Thugge nicht in der letzten Erdenstunde geflucht! -- Christian -versicherte dem mühsam sich aufrecht haltenden Alten, daß jener mir und -ihm verziehen, und mit uns Beiden ausgesöhnt in seinen Armen gestorben -sei. »Das war sehr gnädig und sehr edel, unser Herrgott lohne es ihm -im Paradiese,« sagte mein armer Vater; dann bat er »den gestrengen -Herrn Grafen« ihn zu entlassen, »er fühle sich ein wenig schwach -heute.« -- Als ich mich etwas erholt und äußerlich gefaßt, geleitete -mich Christian zum Wagen, ach! ich glaubte mich aufzulösen in Thränen, -als ich in den Hof zurücktrat, wo noch wie vor einer Stunde Alles im -Sonnenschein so lachend und glänzend vor mir lag! Nochmals nahten Vater -und Brüder dem Wagen -- o mein Gott! ich sah die lieben theuren Züge -so nahe, so ganz nahe vor mir, ich hätte sie mit meinen Händen an mich -ziehen, mit meinen bebenden Lippen sie berühren können! Ebenso demüthig -wie sie dieselben empfangen, empfahlen sich alle Vier der Gnade der -beiden »Fröken und des Herrn Grafen;« ich sah das Zucken in den -Gesichtsmuskeln des armen, alten Mannes, der so unsäglich litt durch -und um mich! ich sah zwei glänzende Thränen in meines jüngsten Bruders -großen, blauen Augen, aber dennoch blieb Aller Haltung so fest und -entschieden, daß mein Muth an ihr brach; ich wagte keinen Laut mehr. -Mein Vater hielt sich bis zu diesem letzten Augenblicke -- ach Gott! -dem letzten, in dem ich jemals ihn sehen sollte, stramm; Christian -zitterte wie ein Espenlaub an meiner Seite -- die Pferde zogen an, wir -rollten fort; -- als ich nach einem mehrwöchentlichen Krankenlager -erwachte, hatten sie meinen Vater schon begraben; die Bauern sagten, es -habe ihm ein schwerer Kummer das Herz abgedrückt.« -- - -Schluchzend warf Helene ihre beiden Arme um Eva's Hals; jetzt sah und -empfand sie nur deren Schmerz, sogar Thoralds Bild ward dadurch für -einen Moment in den Hintergrund gedrängt. - -Draußen war unterdessen, wie vorauszusehen, Thorald und der Graf -zusammengetroffen. Allein der Gang zum Weiher, und vor Allem das tiefe -Schamgefühl des Bewußtseins, auf Thorald geschossen zu haben, hatten -den Grafen abgekühlt, und er zügelte diesmal seine Worte. Das Gespräch -zwischen den Männern war sehr ernst, aber keiner von ihnen hatte bei -der Erinnerung an dasselbe zu erröthen, es blieb gegenseitige Achtung -als Schutzgeist ihm zur Seite. Christian verfehlte nicht, seine allen -Männern seines Standes gemeine Ansicht, daß man gar übel ein Verhältniß -zu dem Mädchen das man +heirathen+ will, mit einer Heimlichkeit des -Verkehrs beginne; sein Urtheil darüber machte Thorald warm, ohne von -Grund aus ihn zu überzeugen, ja es regte seinen innern Stolz auf so -schmerzlich verletzende Weise an, daß er endlich erklärte: zwar werde -er nun und nimmer seinen Anspruch auf Herz und Hand Helenens aufgeben, -die willig beide ihm zugesagt, allein obgleich er sich zu keiner Art -von Entsagung veranlaßt fühle, da er sich und die Geliebte als völlig -frei und unabhängig betrachte, so sei er doch von seiner und ihrer -Treue so fest überzeugt, daß er es darauf wagen könne, und er wolle -sogleich, ehe ihn irgend Jemand gesehen, nach Fühnen zurückkehren, -wenn der Graf durch seine häufige Anwesenheit ihren Ruf für wirklich -gefährdet halte. Nur möchten, bat er, der Herr Graf sich nicht irren -über den Grad des von ihm gewährten Zugeständnisses, er werde Mittel -und Wege finden, Helenen die Erklärung seines jetzigen Schrittes -zukommen zu lassen, denn je mehr er ihrer gewiß sei, je unmöglicher sei -ihm es zu ertragen, auch nur einen Augenblick von ihr mißverstanden zu -sein durch eigene Schuld. - -Es lag etwas so ächt Menschlich-Natürliches, ja eine solche Würde -der Wahrheit in Thoralds Benehmen, daß der Graf davon erschüttert -sich fühlte; zum ersten Mal seit seinen Jugendjahren fiel ihm die -Möglichkeit einer wirklich dauernden Empfindung der Liebe ein. Nach -wenigen Secunden jedoch war er, trotz seines angeborenen Hanges -zur Träumerei, schon wieder zum klaren Ueberblick der Verhältnisse -gekommen, er fühlte durch Thoralds augenblickliche Abreise nicht -nur den Ruf der Schwester gesichert, sondern im schlimmsten Falle, -wenn es ihm nicht gelingen sollte, zu einer +andern+ Verbindung -sie zu vermögen, wenigstens in dieser Prüfung des Jünglings eine -Art Bürgschaft, ein ~bonheur allemand~, daß das hereinbrechende -Unglück einer Verbindung mit ihm und einer Trennung von den Ihren -sich tröstlich gestalte. So nahm er wirklich Thoralds Erbieten an; -aber er verlangte das Opfer, wenn es gebracht werde, vollständig, und -augenblickliche Rückreise Thoralds. - -»Das macht die Sache schlimmer, man kann mich auf Laaland bereits -gesehen haben,« sagte der Künstler, -- ihn verletzte der Stachel -geheimen Mißtrauens, -- »aber ich bin erbötig, sogleich überzusetzen -nach Falstern, wo ich ein paar Skizzen aufzunehmen habe.« - -Dieser Beschluß ward festgehalten. Allein der Graf war, wenn er -einmal seiner gewohnten schweigsamen Contemplation entrissen und zur -Thätigkeit gelangt war, nicht der Mann, auf halbem Wege stehen zu -bleiben. »Wie gedenken Sie denn der Comtesse Gejern diese Nachricht -von Ihrer augenblicklichen Entfernung zukommen zu lassen?« fragte -er scharf. -- Thorald war gefangen; er konnte und wollte den Weg, -den seine Correspondenz mit der Geliebten zu nehmen pflegte, nicht -verrathen, weniger aber noch konnte er von Falstern aus ihn einschlagen --- er zögerte einige Secunden -- -- - -»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Christian, »daß ich der Comtesse -die Nachricht in der jetzigen Stunde noch zukommen lassen werde, -schreiben Sie ein paar Zeilen.« Erstaunt blickte Thorald auf -- es war -dem Grafen Ernst. »Aus Ihrer Hand soll die Gräfin die Nachricht -- mein -Herr? Nein, ich muß einen Boten --« - -Christians Zorn flammte auf; allein wie bei der Schwester überwog -bei ihm der momentane Impuls eines eben jetzt zu Erstrebenden, und -in diesem Augenblick lag ihm vor Allem daran, jede Zusammenkunft der -Liebenden und jeden längern Aufenthalt Thoralds auf der Insel zu -verhindern -- »ich werde ihr das Billet +senden+,« sagte er kurz. -Thorald verbeugte sich stumm, riß ein Blatt aus seinem Taschenbuche und -schrieb. - -Es war eine wunderliche, fast komische Situation. Der Eine als -Vertrauter und Bote einer von ihm so hart gefährdeten Liebe des -Andern; im Künstler überwog das Ironische derselben; auch lag im ganzen -seiner Jugend diese etwas barocke, ritterliche Handlungsweise nicht -fern; eine fröhliche Sorglosigkeit gestaltete sich fast in Leichtsinn -indem er schrieb, nur die Anrede hatte ihn ein wenig verlegen gemacht, -denn das Blatt ging ohne Siegel; -- Christian hatte sich in anständiger -Entfernung unter eine Buche gesetzt, aber während der Maler schrieb, -waren seine Gedanken längst abwärts geflogen, ihn beschäftigte eben die -Solution eines naturhistorischen Problems -- fast hatte er die ganze -Sache vergessen, als ihm Thorald das Blatt überreichte. Er faltete -es nochmals und steckte es ein; es waren wenige Worte. Der Liebende -verließ sich darauf, daß Helene +zwischen+ den Zeilen durch zu lesen -verstehen werde, was nur sein Herz, nicht seine Hand dem Blättchen -anvertraut. - -Die Männer trennten sich ohne weitere Erklärung. Als Thorald festen -Schritts den Richtpfad nach dem Strande einschlug, um zur Fähre zu -gelangen, sagte Christian ihm nachblickend: »Schade, daß er kein -Edelmann ist, er hat einen edlen Anstand und präsentirt sich gut.« Dann -wandte er sich dem Schlosse zu. - -Das Gespräch der beiden Frauen war eben beendet, als ein Diener Helenen -das Billet überbrachte -- sie las es, sagte keine Silbe, drückte Eva -die Hand und zog stumm sich in ihr Zimmer zurück. - -Dort brach sie in heftiges Weinen aus. »Dieser Sieg, Christian,« sagte -sie stolz das Haupt zurückwerfend, »soll Dir theuer zu stehen kommen --- daß Du ihn auf diese Art zum Nichthandeln, zum Rücktreten, zur -Entfernung treibst, lös't mich von jeder Verpflichtung, drängt mir -Entschluß und Handlung auf! -- Was können sie mir denn thun, diese -hochmüthigen Brüder, wie mich zwingen? Etwa wie die Tante -- nein, -nein, +die+ Zeiten sind vorbei!« - -Es war schon längst dunkle Nacht. Helene konnte den Gedankenflug -ihrer Seele nicht beherrschen, Schlaf und Ruhe waren nicht zu hoffen. -Sie trat an das noch offene Fenster -- der Wind erhob sich eben, es -war gegen Mitternacht, er strich von der fernen See herüber an den -Ufern hin, schüttelte tiefer in's Land eindringend die alten Buchen -aus dem Schlummer und pfiff und heulte in den Vorsprüngen und Erkern -des Schloßbaues -- es graus'te Helenen. Ob er noch auf dem Meere? Es -ist weit hin bis zur Fähre, dachte sie. Es war eine der wunderlichen -Nächte, in welchen die Windsbräute flaggen, und gleichsam aus dem -tiefen Nebelgrunde der Dünen aufsteigend, ihre langen weißgrauen -Schleier schräg herabhängen lassen bis dicht auf den Erdboden, dann -urplötzlich aufjubelnd wie losgebundene Mänaden, wildaufschreiend mit -dem langen pfeifenden Ton, den nur der Nordländer kennt, über die -See sich stürzen, das fliehende Boot gierig zu erhaschen, das ihnen -zu entgehen gemeint; -- Hui! nun muß es tanzen, Kiel auf und ein, -drüber hin ras't eine Welle, -- wieder eine -- so fort Woge um Woge! -Dem Ruderer schwinden Sterne, Himmel, Kahn und Strand; aber die wilde -tolle Nixe, die ihren Liebsten sucht, zwischen Meer und Erde, ruht -nicht, bis sie Alles, Mann und Maus durchnäßt hat im Boot; -- wie ein -Pfeil schießt das Schifflein über die schaumbedeckte Fluth -- und -mit einem Male, wie auf Zauberspruch, ist Alles vorüber! Da ist der -klare Himmel, die Sterne flimmern wie erschrocken von dem sündhaften -Spiel, es ist aber Alles glatt, still, sogar hell am Ufer und zur -See: die erzürnte Wasser-Liebste hat ausgetobt. Ein langer keuchender -Windzug trocknet rasch Segel und Leute; bis es einer andern ähnlichen -Erscheinung begegnet, hat das Boot Ruhe, oft sogar eine schnelle, -glückliche Fahrt. - - * * * * * - -Helene wickelte sich fester in ihren Mantel und beugte sich aus dem -Fenster vor, in die Nacht hinaus, um den Stimmen derselben zu lauschen. -Es war ruhiger geworden. Nun hatte Thorald gewiß Falstern erreicht. -Aber nun hatte auch die neue Trennung erst recht eigentlich begonnen; -der Unbesonnene hatte ja Christian sein Wort gegeben, vorläufig -sein Kommen ganz einzustellen. -- Sie trat zurück in's Zimmer. Ihr -schauderte vor der Möglichkeit des Traums, der nach so verworrenem -Tage ihrer harren könne. Die Nacht blieb ihr unheimlich, im Spiegel -erschreckte sie das eigene wachsbleiche Gesicht -- im Hause schien -Alles zu schlafen. Sogar ihre eigene Dienerin hatte sie hinweg und zu -Bette geschickt. - -Sie hätte viel gegeben für irgend einen befreundeten Laut -- -endlich öffnete sie ihre Stubenthür und lauschte gespannt, sie -wußte selbst nicht auf was, in die Dunkelheit hinaus; -- plötzlich -erblickte sie einen hellen Lichtschein unter der Thüre des einen ihr -gegenüberliegenden Zimmers hervordringen, er kam aus dem Cabinet der -Nordermule; sie huschte eilig hin, öffnete leise und trat ein. - -Obschon die Mittage noch heiß waren, begannen schon kühlere Nächte an -den fliehenden Sommer zu mahnen, ältliche oder schwächliche Leute, -wie Emerenzia, froren mitunter. Vielleicht hatte sie deshalb Feuer -angemacht, denn aus der weit aufstehenden Ofenthüre leuchtete eine -prasselnde Flamme Helenen entgegen. Die Nordermule saß auf einem -niedrigen Schemel vor derselben, auf ihren Knieen hatte sie die welken -Blumen und Kränze der Tante liegen und die Schreibereien, die sich -in den Truhen vorgefunden; sie war beschäftigt, das Alles mit einem -seidenen Bande aneinander zu binden, und schien die Absicht zu haben, -ein Todtenopfer auf dem vor ihr brennenden Holzstoß zu halten. - -Als sie Jemand hinter sich vernahm, sah sie sich nicht um, sondern -kreuzte schnell die Hände über beide Augen und beugte das Haupt tief -herunter, daß es fast die Knie berührte. - -»Sie hält mich für eine Erscheinung, vielleicht gar für der armen Tante -Ulrike Seele!« -- hörbaren Schritts trat sie näher und legte die Hand -auf der Geängsteten Schulter. »Ich bin es,« sagte sie mit recht ruhiger -Stimme, »ich kam, weil ich vom Vorplatz aus noch Licht in Deinem Zimmer -gewahrte.« - -Es lag immer in allem Thun Helenens, Emerenzia gegenüber, eine -liebenswürdige, schonende Zartheit; auch jetzt schien sie deren Schreck -gar nicht zu gewahren, denn sie kannte ihrer Freundin krankhafte -Scheu, lächerlich zu erscheinen; -- alle von der Natur stiefmütterlich -behandelten Menschen haben sie. -- Die Alte hob die Hände vom Gesicht -und ließ sie auf die welken Blumen in ihren Schooß sinken. -- »Bist Du -unwohl?« fragte sie besorgt. - -»Nein, aber bewegt, wie Du selbst, im Geist und Gemüth; ich kann nicht -schlafen. Laß uns Dein begonnenes Todtenopfer zusammen vollenden, -aber während die Flammen seine Heimlichkeiten schützend verzehren, -erzähle mir von dem edlen Wesen, an welchem Dein Herz, wie ich sehe, so -schmerzlich hängt -- sprich mir von dem Leben, dessen letzte Glücksspur -wir vielleicht eben vertilgen!« - -In fast andächtiger Stille schichtete Emerenzia die Blüthen und Blätter -auf den kleinen Holzstoß und blickte schweigend darauf hin, bis sie -zu Asche gebrannt in sich zusammensanken: »Gewiß,« sagte sie endlich, -»ich durfte sie in keine andre Hand kommen lassen, obgleich das Alles -eigentlich der Familie --« - -»Der Familie gehörte, die sich so wenig daraus machte, daß sie diese -Erinnerungen den Fußtritten der Domestiken überließ, wenn Deine treue -Hand sich nicht derselben angenommen! Ach Emerenzia, die Spuren eines -ewigen Gefühls vergehen wie Spreu vor dem Winde in der Erdenwelt!« - -»Ein Engel sammelt sie droben!« sagte fromm die Nordermule. - -»So hat er diese wunderbar klagende Nacht und Dich zu Vollstreckern des -Liebestestamentes der Tante gemacht,« erwiederte Helene, und zog einen -zweiten Schemel zum Feuer, auf dem sie Platz nahm. »Erzähle! bitte, -bitte.« - -Die Alte nickte und begann; anfangs starrte sie fortgesetzt in die -Flammen, bis sie, wie ein Sänger der Saga, mehr und mehr in sich selbst -versank und der sie umgebenden Welt nicht mehr gewahrte, endlich aber -mit höchster Begeisterung erzählte. - -»Ich habe vergessen, in welchem Jahre es geschah, allein unser Graf -Thugge war noch ein kleiner Knabe, als er, um zu der Schule auf -Skovkloster sich vorzubereiten, einen Hofmeister erhalten sollte, bei -welchem er bessern Unterricht und weniger harte Worte und Schläge -bekäme, denn das Kind war tödtlich verschüchtert und des eigenen -Geistes oft nicht mächtig vor Angst. Eine plötzliche Krankheit hatte -seinen Peiniger fortgerafft. Bei dieser Gelegenheit, meinte der -alte Graf, könne auch das um acht oder neun Jahr ältere Fräulein -die nöthigen Repetitionsstunden erhalten, um seine Erziehung ganz -zu vollenden. Es war um das Ende Novembers in einer unruhigen -Sturmesnacht, wo der wilde Jäger Holske Darske durch die Waldung jagt, -wo Alles ächzt und knarrt in Haus und Hof, die Thiere in den Stallungen -vor Unbehagen aufbrüllen und die ganze Natur in hundert Stimmen -aufseufzt und wehklagt, als ob sie auch einsam sich fühlen könnte, wie -der Mensch. Das junge Mädchen saß im Saal dem Vater gegenüber, der über -Landcharten und Briefen brütete und kaum sie bemerkte, der Bruder aber -war in der Küche dem alten Hannes auf den Knieen eingeschlafen -- er -durfte den Saal nicht betreten, wenn der Vater zugegen. - -Ulriken war unbeschreiblich betrübt zu Muthe, sie war erst seit wenig -Monaten in des strengen, kalten Vaters Schloß; die liebende Hand der -Fürstin Sophie, die sie erzogen, fehlte ihr überall; ohne besondern -Grund hatte der alte Graf sie berufen; er wollte sie um sich haben, sie -kennen lernen und ihre Geisteskräfte prüfen, ehe er sie einführe in -die große Welt Copenhagens und des Hofs. Ihn selbst aber hielten seit -Monden Podagra und Geschäftsverhältnisse auf dieser Besitzung fest. -Die Morgenröthe der Freiheit des Bauern begann kaum erst zu dämmern, -und ihr Herannahen war dem stolzen Grafen, dessen Hochmuth keine Art -Beschränkung, auch nicht die einer selbst gewährten Gnade ertrug, -qualvoll und fast lächerlich, denn er glaubte an keine Gleichheit der -Menschenrechte, und alle für die große Nationalbefreiung Wirkenden, -kamen ihm wie Kinder vor, die mit dem Feuer spielen. Indessen bereitete -er sich vor, an den Hof zu gehen, denn er empfand den Druck einer -nahenden Explosion, welcher er scharfen Blicks dort entgegenzutreten -entschlossen. Ueber die Parzellirungen und Landesverhältnisse -studirend, saß er dann Abends dem Kinde gegenüber, das kaum eine -gefallene Rolle Seide aufzuheben, kaum zu athmen wagte, um ihn nicht zu -erzürnen. - -Jetzt schlugen alle Hunde an, ein Fremder hatte den Hof überschritten; -eine seltene Erscheinung in dieser Jahrszeit; man hörte die Tritte -desselben auf dem knisternden Schnee, gleich darauf ward die Glocke an -der Thüre angezogen und der neue Hofmeister ward dem Grafen angemeldet. -Ulrike wollte, schüchtern wie sie war, sogleich den Saal verlassen, -der Graf befahl ihr zu bleiben, »damit er sie mit ihrem neuen -Informator bekannt machen könne« -- das war das erste Mal, daß er über -eine solche Absicht sich gegen sie aussprach. Du hast das Bild dessen, -der nun eintrat, gesehen; das schmale Gesicht mit den dunkelblauen -Augen und dem festgeschlossenen Munde, von lichtbraunen natürlichen -Locken umwoben, die bis tief in den Nacken sich kräuselten, und nicht -gepudert, nicht gebunden waren, die schwarze Kleidung, welche gegen den -farbigen Hofputz der damaligen Cavaliere so sehr abstach, Alles das -zusammengenommen machte den Jüngling zu einer auffallenden Erscheinung --- man konnte ihn wahrhaft schön nennen den Bewohnern des Schlosses -gegenüber, die sämmtlich trotzig und verzagt, der unseligen Heftigkeit -des Grafen wegen einen Ausdruck verbissenen Ingrimms oder knechtischer -Unterwerfung zeigten, der, in vielen der alten runzlichen Gesichter -Caricatur geworden, etwas Abschreckendes hatte. - -Ulrike ließ die Hände auf den Rahmen sinken, der ihre Tapisserie -umschloß, sah mit weitgeöffneten Augen wie geblendet einige Secunden -ihn an, als aber der Vater mit herablassendem Hochmuth ihr den neuen -Lehrer vorstellte, neigte sie den schönen Oberkörper demüthig, wie die -Madonna sich vor dem Engel der Verkündigung beugt, sie fühlte sich -nicht fest auf den Füßen und hätte um die Welt keine der üblichen, ihr -eingelernten Verneigungen machen können; erst nachdem der Graf den -Angekommenen zum Ausruhen entlassen, vermochte sie die Erlaubniß sich -zu erbitten, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. - -Draußen brach sie in helle Thränen aus -- ihr war unsäglich glücklich -zu Muthe, als sei einer der Engel ihrer Träume wachend ihr begegnet. --- Sie sahen sich von da an täglich, Johannes gab ihr anfangs mit dem -Knaben zugleich Unterricht, dann aber ihr allein, in Gegenwart der -alten Schließerin, oder der alten Kammerfrau Ulrikens, welche ihr die -Fürstin, bei welcher sie ihre Kindheit verbracht, mitgegeben in des -Vaters Haushalt. Sehr bald wußte Ulrike um alle Verhältnisse ihres -Lehrers; den Vater hatte er frühe verloren, die Mutter zog mit ihm und -den andern Geschwistern nach Roeskilde; in der alten Gräberstadt, -in welcher fast alle Könige des Oldenburger Hauses ihre Ruhestätte -gefunden und in dem noch poetischern Leïre, das Skiold, der Sohn -Odins, zum Wohnsitz sich erwählt, im Herthedal, wo überall noch das -Blutgeheimniß jenes wunderbaren Dienstes der nordischen Diana seine -Zauber ausbreitet, sog sich der Knabe groß an poetischen Eindrücken, -und die damals entkeimte Vorliebe zu älteren Sagen ward im Jüngling -zum besonnenen Studium. Später hatte er, mit Hülfe eines Gönners, der -Theologie sich gewidmet und den Doctorhut erworben, doch »könnten noch -Jahre vergehen, -- meinte er selbst, -- ehe ihm eine Pfarre zugetheilt -würde;« der arme Candidat fand das sehr begreiflich, gab es doch gewiß -noch Gelehrtere, Würdigere als er -- und allerdings regte sich damals -noch ein sehr ernstes, edles Streben in der Theologie. - -Wie gläubig beseligt lauschte Ulrike seinen den Menschen als Gottes -Ebenbildern so fest vertrauenden Worten! Er ward ihr lieb, wie etwas, -das sie vorher nie weder gedacht noch gewünscht, noch empfunden; es war -der plötzlich von oben herabgesenkte Himmel, der sich auf die Erde -gelagert und sie zum Paradiese umgeschaffen! - -Daß seine Neigungen gar bald auch die ihren wurden war nur natürlich, -sie begann mit ihm die Geschichte ihres Vaterlandes zu studiren; der -lange stets mit der Hierarchie sich erneuende Reformationskampf, an -welchem die Herrscher Dänemarks so ernsten Antheil genommen, der -Bürgerkrieg, der sich um Christian ~II.~ willen bis auf diese schon -damals von ihren Vorfahren bewohnten Inseln, ja sogar in seinen -Einzelheiten bis in das Schloß Aalholm gezogen, in welchem sie jetzt -lebte, alles dies wurde dem lebhaften Sinn des schönen Mädchens zum -Element einer stillen, innern Welt, in der sie arglos weiter lebte --- ohne Vorblick in die Zukunft. Zuweilen fand sie Johannes' Bild -in irgend einem edlen geschichtlichen Charakter, in einer schönen -Selbstaufopferung, weit seltner sich selbst! Als sie einmal mit ihm die -schöne Mähr von Gioès, Tochter Brigitta, las, die einem Bischof verlobt -gewesen, ehe er selbst sich ausschließlich der Kirche weihte, wurde sie -wehmüthig, ohne zu errathen, was an deren Geschick sie rühre. - -Von Allen ungeahnt wuchs ihre Seele, entfaltete sich ihr Geist --- dennoch fand sie Niemand verändert; theils weil alles in ihr -harmonisch und sanft geblieben, theils weil unter diesen stillen, meist -niedergeschlagenen Blicken, die nur zu erwachen schienen wenn der -Geliebte sie weckte, dann aber eine Welt der Poesie und Intelligenz -ausströmten, Keiner eine Bedeutung suchte. Die Tage spannen sich in -äußerlich ziemlich farbloser Einförmigkeit ab, die Liebenden wußten es -nicht einmal. Aber Johannes wollte nach seiner einfachen Weise bald -diese bald jene Erleichterung den Armen, den Geknechteten gewähren, -welche er, der sich selbst mit einem Male so glücklich fühlte, um -sich sah -- ich habe Dir angedeutet, wie er auch hier auf Ulriken -einwirkte! Der alte Graf ahnete von dem Allen nichts, wohl hätten die -ergrimmten Vögte oft das Fröken verklagt, daß es ihnen die Bauern zu -Faullenzern mache, aber die entsetzliche Angst vor der mit dem höhern -Alter unzähmbar gewordnen Wuth des Alten, dessen Zorn oft unerwartete -Richtungen annahm, fesselte die Gemeinheit und Bestialität, daß sie -still lagen zu den Füßen der Jungfrau, wie die alten Legenden von -Raubthieren und Schlangen uns erzählen. - -Als nun um die Weihnachtszeit der Graf nach Copenhagen gegangen, blieb -Ulrike, fast sich selbst überlassen, daheim allein mit ihrem Lehrer -zurück; eine ergraute und halb blinde Anverwandte, welche zum Stift -Wallöe gehörte, dessen Abatissin die Fürstin Sophie geworden, war kaum -zurechnungsfähig, und befand sich gern in Johannes' Gesellschaft, -der sie mit gütiger Aufmerksamkeit behandelte, weil sie alt und -gebrechlich. -- - -Nach einiger Zeit sandte Graf Owen einen Tanzmeister aus Copenhagen; -Ulrike sollte auf dem Gute tanzen lernen, um bei einem spätern Feste -am Hofe auftreten zu können. Der alte Franzose wurde leicht im Schloß -untergebracht, der neue Unterricht begann. -- Um die üblichen Tänze -einüben zu können, mußten mehrere Theilnehmer an demselben gefunden -werden; man zog ein paar Fräulein aus der Nachbarschaft hinzu, auch -deren Brüder und Johannes mußten figuriren. Die Liebenden tanzten -zusammen, die Jugend schlug rosig aus beider Herzen und Wangen; sie -waren unsäglich glücklich. Dennoch blieben Beide unbefangen, sie gaben -ihrem Glück keinen Namen. - -So ging der Winter vorüber, der Graf kehrte zurück. Der Vater ließ -das Töchterchen ihm vortanzen und war zufrieden; er hielt ein kleines -Examen mit der an allen Gliedern Zitternden; auch hier schien er mit -überraschter Freude ihre wissenschaftlichen Fortschritte zu gewahren. -Abends war die letzte große Tanzstunde, er sah den Hofmeister Ulriken -gegenüber die Touren einer Anglaise tanzen -- er runzelte die Stirn und -schwieg. - - * * * * * - -Die Unterrichtsstunden mit Johannes nahmen ungehindert ihren Fortgang, --- zuweilen erschien der alte Herr unvermuthet während derselben im -Zimmer seiner Tochter; er sagte kein Wort. -- Einmal begegnete er -Ulriken in der Allee, sie war von einem Diener begleitet, der ihr einen -großen Korb mit Lebensmitteln und Arzeneien zu einer Kranken trug -- -Graf Owen fragte nach keinen Details, er schwieg, allein er ward noch -finsterer und redete stets streng und in fast barschem Ton, sowohl mit -dem Candidaten als mit seiner Tochter. Die Schloßbewohner überkam ein -geheimes Grauen. - -Eines Morgens ließ er Ulrike zu sich rufen. Es waren eine Menge Kisten -und Schachteln aus der Residenz angekommen, mit Kleiderstoffen, -Stickereien, feiner Wäsche und Mustern dazu; er befahl ihr für ihre -Ausstattung nach Copenhagen zu sorgen, wohin sie ihn zum Johannisfeste -auf eine Woche begleiten solle, um der königlichen Familie vorgestellt -zu werden; er hoffe, setzte er hinzu, sie als +Braut+ wieder -heimzuführen. - -Ulrike stand regungslos vor ihm wie ein Marmorbild, alle Farbe war -von dem schneeweißen Gesicht gewichen, sie verstand nicht mehr, was -er diesen letzten Worten noch hinzufügte, mechanisch verneigte sie -sich, nach damaliger streng respectvoller Sitte, als er geendet, und -ging in ihr Zimmer. Erst dort besann sie sich, erst dort wurde ihr der -ungeheure Schmerz einer möglichen Trennung deutlich. - -Ulrike fiel nicht in Ohnmacht, streckte sich nicht tödlich ermattet auf -ein Canapee oder in eine ~Chaise longue~, -- sie saß ganz still und -ehrbar auf ihrem gewöhnlichen Platz und strickte Filet, als Johannes -eintrat um ihr eine Unterrichtsstunde zu geben. Er kam noch heiter -herein, wie ein sonnenheller Morgen, allein ein einziger Blick auf -sie gab ihm das Gefühl eines unermeßlichen Unglücks, das ihn und sie -betroffen. Neben ihr, etwas mehr zurück, saß die alte Cousine halb im -Schlummer; er vermochte nicht es zu beachten, sein Herz kannte keine -Nebenwege zum ihren, er fragte kurz und gerade heraus -- sie antwortete -eben so und sagte in dieser Antwort Alles. -- Die Cousine war fest -eingeschlafen. - -Die nächste Viertelstunde fand zwei selige Menschen, die mitten -in dem sie dicht umwachsenden Elend desselben vergaßen, über dem -unbegrenzbaren Glück ihrer gegenseitigen Liebe. Zum ersten Mal hatten -sie sich ausgesprochen über ihr Gefühl; die Alte hatte schlafend dabei -gesessen; es ist wunderschön, daß man der Jugend das Glück nie ganz -verkümmern kann! - -Der folgende und noch gar mancher Tag nach ihm vergingen, und es hatte -sich nichts geändert im Lauf derselben; nur flogen der Liebenden Pulse -in heftigeren Schlägen, nur wechselten die Stunden der hoffnungslosen -Verzweiflung und der seligsten Zuversicht in Beiden -- und seltsam, -und doch nur menschlich-natürlich: die letztern überwogten, ja -vernichteten allmälig die Verzweiflung, mit welcher sie anfangs der -Zukunft gedacht; es konnte ja noch lange, lange so bleiben wie jetzt! -Ulrike war fest entschlossen, keinem Andern ihre Hand zu reichen, -den ihr vorzuschlagenden Bräutigam nicht anzunehmen, was auch daraus -entstehe. Immer wollte sie so fort leben, nie sich vermählen, Johannes -aber sollte einst eine Pfarre auf einem der benachbarten Güter oder in -Nysted, oder auf Falstern erhalten; so schwatzte sie in liebenswerther -Kindlichkeit ihm leise flüsternd den Kummer fort aus der Seele, -- wenn -er ihr zuhörte, beseligte ihn der Klang ihrer Stimme; konnte er ihren -Glauben an die günstige Gestaltung ihres Geschicks nicht unbedingt -theilen, so endete doch momentan alles Leiden in ihm, denn er dachte -nicht weiter. -- - -In der Nacht, wenn er allein auf seinem Zimmer war, fiel ihm die große -Sünde auf's Herz, die er an ihr begehe! -- trostlos warf er sich auf -die Knie und flehte Gott um Erbarmen an, -- etwas Bestimmtes zu -erbitten vermochte er nicht, denn er konnte nicht anders, als sie -lieben! Manchmal dachte er, in Copenhagen werde sie ihn vergessen, er -rief sich all die schönen reichen und edlen Männer in's Gedächtniß, die -er dem Namen nach kannte, denen sie aber wirklich begegnen werde; er -zwang wohl auch seine Lippen zum Gebet: daß ihr der Allmächtige dort -Vergessenheit gewähre und höchstes Glück in den Armen eines Würdigern -als er selbst -- und -- in heiße Thränen brach er aus, denn klar wie -die Wahrheit des heiligen Evangeliums stand es ihm fest und licht in -der Seele: Ulrike werde doch nie einen Andern lieben als ihn, und nie -einem Andern angehören! -- - -Der Mai neigte dem Ende sich zu. Als Johannes eines Tages von Ulriken -ging, der er ihre gewöhnliche Unterrichtsstunde gegeben, berief ihn -der Leibdiener des Grafen in dessen Cabinet. Owen hatte einen, wie es -schien, eben erhaltenen Brief in der Hand, welchen er ihm überreichte. -»Herr Candidat,« redete er ihn ganz freundlich an, »Sie sind wie Sie -aus beikommendem Schreiben ersehen, zum Pfarrer ordinirt; hier ist Ihre -Bestallung und ein Handschreiben des Probstes. Sie gehen nach Island; -Ihr Kirchspiel liegt in Rangewallsyssel. Ich wünsche Ihnen Glück! -Sie werden aber in vierundzwanzig Stunden Laaland verlassen müssen, -um erst in Copenhagen einige nöthige Instructionen sich zu holen, -vielleicht werden Sie auch wünschen, die Ihrigen noch in Roeskilde zu -sehen und Abschied von Ihrer Mutter zu nehmen. Das Schiff, mit welchem -Sie reisen, lichtet den zweiten Juni die Anker, geniren Sie sich ja -nicht wegen uns!« Graf Owen stand auf, verbeugte sich und verließ das -Zimmer. -- - -Island! vielleicht hat die Natur keinem Lande der Welt ein -abschreckenderes Aeußeres gegeben, als dieser vulkanischen Felseninsel, -deren Inneres ein Geheimniß des Schöpfers geblieben ist bis zum -heutigen Tage; in phantastisch-wilder Erscheinung hat er sie als -Räthsel dem hohen Norden hingestellt; Niemand hat es zu lösen gewagt! --- Unermessen, unbetreten dehnen sich Islands innere Eisklüfte, heben -sich seine Hochgebirge, kein Wandrer wagt sie zu durchdringen, keine -Gewinnsucht lockt je den Jägersmann in ihre gänzlich unbewohnte -Bergesöde, nicht einmal ein Vogel durchschneidet sie im vorübereilenden -Flug! Eismassen, Rauch- und Feuersäulen drängen sich dort aus dem -geologisch reichen Grunde, treiben von Innen heraus unaufhörlich -Lava, Asche und rollende Steine herab auf die karge Vegetation des -bewohnten Strandes, der, ein schmaler Landstrich, die Felsmassen -umgürtet, welche hinter ihm sich erheben. Acht lange Monate ist auch -dies Ufergestade mit seiner spitz ausgezackten Granitkrone, welche von -zahllos eindringenden Fiörden durchschnitten wird, von Eisschollen -überdeckt, -- den kurzen Sommer hindurch umbraus't es ein immer wild -aufschäumendes Meer, das nur des Winters Strenge mit den starken -Eisesbanden zur Ruhe zwingt. Wildströme reißen sich aufgischtend vom -Hochgebirge los und stürmen jauchzend diesem Meere zu, dessen heftige -Brandung ihren tollen Schaumgruß erwiedernd ihnen entgegen sich drängt; -im Osten sprudelt der Torfa in bacchantischem Uebermuth seine glühenden -Quellen mitten aus dem Eismeer hervor, während im Gaukakal-Thale -die Geiser aus weitem, tiefen Becken ihre geisterartigen Strahlen -fast unabsehbar hoch miteinander wetteifernd in die Lüfte senden, -- -vielleicht ist ihre wunderbare Schönheit eine Botschaft aus der Tiefe -in die Himmelsferne, die das Farbenspiel ihrer Regenbogen weiter -trägt! -- - -Ganz oben aber, hinter allen diesen beschneieten Gipfeln, im weiten -Kreise der vulkanischen Riesen, die sechs bis sieben Tausend Fuß -hoch hinausragen über die Meeresfläche, liegen ganz oben, wie ein -schauerliches Gnomenmährchen, die unermeßlichen weiß und blauen -Eisfelder in ewigem Verstummen; sie bilden den Zauberring, der, in -strengem Gegensatz zu ihrer unstörbaren Todtenstille, einen in ihrer -innersten Tiefe kochenden Feuerheerd umfaßt, in dessen Abgründen und -Kratern die Elemente unaufhörlich gegeneinander kämpfen. - -Und dennoch waren es alle diese Schrecknisse nicht, welche den wie von -plötzlicher Todesbotschaft Betroffenen im Cabinet des Grafen gefesselt -auf den schwankenden Füßen an dieselbe Stelle bannten, an welcher er -die ihn vernichtende Nachricht empfangen; der eine Gedanke, den seine -Seele anstarrte, wie die verglas'ten Augen das Blatt in seiner Hand, -war nur der einer unabsehbar trennenden Weite, in welcher er von der -Geliebten leben sollte, -- abgeschieden, losgerissen von ihr, ohne -Gruß, ohne erreichbare Nachricht, ohne einen einzigen Ton ihrer Lippen, -ihres Gemüths! Eine lange Reihe von Jahren, vielleicht das ganze Dasein -lang -- immer, immer so fort, bis in's Grab! -- - -Was kümmerte ihn, ob Islands rauhes Clima keine Frucht am Baum, -keinen Halm auf dem Felde reifen läßt, kein grüner Laubast dem müden -Wandrer sein Dach beut, und kaum die Birke mit ihrem Schattentraum ihn -umspielt, was kümmerte ihn die Kargheit aller Existenz auf der Insel, -die künftig ihn umfangen sollte; ach ihre Moose, ihre Beeren, ihre -Zwerggewächse hätten ja zum Paradiese sich umgestaltet, wäre er nur -einmal am Ende der langen Winternacht dem Frühlingsbilde Ulrikens dort -begegnet! hätte nur +eine+ Hoffnung ihm folgen dürfen in die Verbannung! - -Und doch kam dem frommen Manne, der Gott immer willig zu gehorsamen -gewohnt war, auch jetzt in die so tief zerrissene Seele keinen Moment -der Gedanke, sich diesem ihm aufgebürdeten Geschick zu widersetzen, -+dem+, was in seinem Berufe lag, gewaltsam sich zu entziehen; er bot -die todeswunde Brust zuckend, mit thränendem Blick, aber entschlossen -dem Schmerz und der Erfüllung seiner Pflicht! Wie der Missionair aus -dem Kreise seiner Lieben, wie der Märtyrer zum Tode, schritt auch -er gläubig-ergeben in Unabwendbares, für sein und Ihr Herz um Kraft -flehend, dem Ziele zu; ihm fiel nicht ein, an seinem Schicksale zu -mäkeln!« -- »Aber sie, aber Ulrike?« rief mit Thränen überströmtem -Blick Helene, »wie überlebte die Unglückselige den Schlag?« - - * * * * * - -»Ich kann Dir nichts vom Scheiden der Liebenden sagen, -- denn kein -Auge hat es gesehen, keine Lippe je ein Laut übertreten, der jenen -heiligen Schmerz berührt hätte! -- Als er fort war, erschien Ulrike -wie gewöhnlich am Mittagstisch ihres Herrn Vaters; sie war sehr blaß -und fast bewegungslos; mit erloschenen Augen saß sie da, legte ihm die -Speisen vor, vermochte aber selbst nicht zu essen, -- er hielt sie für -krank und nannte das Uebel eine Erkältung. - -Wie dem Jüngling, den er hinweggesandt in das Schneegrab seiner -Erdenhoffnungen, war auch dem Alten an Island bloß die möglichst weite -Entfernung von Ulriken wichtig gewesen; an eine Steigerung der Jenem -auferlegten Qual durch kleinere oder größere Entsagungen hatte er -dabei so wenig als Johannes selbst gedacht; gänzliche, unabsehbare -Trennung war das Ziel seiner Bestrebungen, als er seinen ganzen Einfluß -in Copenhagen aufbot, dem jungen Candidaten eine Predigerstelle zu -verschaffen, die ihn von Seeland in eine Pönitenzpfarre trieb. - -Als Ulrikens Zustand den nächsten und mehrere ihm folgende Tage -unverändert der nämliche blieb, fiel dennoch dem Grafen kein einziges -Mal bei, daß sie, die hochgeborne Comtesse, um einen elenden kleinen -Landpfarrer sich ernstlich gräme; er glaubte die ganze Sache durch -dessen Entfernung im Keime erstickt, und betrachtete die von ihm -gemachten Bemerkungen als Beweise der thörichten Zudringlichkeit und -Anmaßung des jungen Mannes. -- - -Am zweiten Juni lichtete in Copenhagen das Schiff, welches den -Prediger in seine neue Heimath führte, die Anker, -- am zweiten Juni -legte sich Ulrike an einer bedeutenden hitzigen Fieberkrankheit, -von welcher sie erst nach vielen Monden genas. -- Genas? ja, sie -stand auf, sie ging im Zimmer umher, antwortete freundlich auf jede -Frage, allein sie blieb wie ein schlaftrunkenes todtmüdes Kind, meist -unbeschäftigt, mit niedergeschlagenem Blick, still auf den Boden -starrend, in ihren Zimmern sitzen, -- von einer Präsentation am Hofe, -von gesellschaftlichem Auftreten konnte gar keine Rede sein. - -Die Fürstin Abatissin zu Wallöe erbat von der Königin den nie in ihrer -Stellung geforderten Urlaub, scheute die Winterreise nicht, kam mit -Lebensgefahr über den Belt und nach Laaland auf unsere Insel. - -Die Kranke schauete sie mit verwundertem glasigen Blicke an -- und -erkannte sie nicht! Jetzt stieg der Schatten seiner unbedachten That -wie ein drohendes Gespenst vor dem erschreckten Vater auf, -- ihn -durchzuckte eine entsetzliche Ahnung, aber er schwieg! Niemand wußte -um den Zusammenhang des Geschehenen, Niemand verstand den Zustand des -unglückseligen Herzens, das die Sehnsucht geistzerstörend, langsam -überwuchs!« - -»Um Gottes willen,« schrie Helene auf, mit gewaltiger Kraft den Arm der -begeisterten Erzählerin erfassend, »sie war, -- sie wurde --« - -»+Wahnsinnig!+« erwiederte Emerenzia. »Tiefsinnig nannten die Aerzte -ihren Zustand, er ward allmälig zu einem stillen, tiefen Wahn, der -ihr bald die Wirklichkeit überdeckte! Nach einigen auf dem Schloß -verlebten Wochen nahm die Fürstin das arme himmelschöne Kind, mit dem -stets gesenkten Haupt, mit sich in das Stift. Nachdem sie abgereis't, -trafen die früher zu ihrer Ausstattung mit großer Freigebigkeit von der -Abatissin in Paris, Stockholm, Hamburg und Copenhagen bestellten Gaben -hier ein; Stoffe, Edelsteine, Putz und Spitzen; -- ihr nicht mit in -das Stift angenommenes kleines Privatvermögen hatte Ulrikens Pflegerin -großentheils zu diesen Ankäufen verwandt. - -Die mütterliche Freundin errieth den stummen Schmerz ihres Lieblings; -in Wallöe versuchte sie die geistige Zerrüttung ihrer theuren -Pflegetochter, wenn auch nicht zu heilen, doch deren Fortschritt -zu hemmen und ihren Zustand zu lindern. Sie schuf Ulriken einen -künstlichen Zusammenhang mit dem Leben des Geliebten, sie brachte -ihr Bücher über das Land, das ihn umfing, andere, welche die Sprache -desselben behandelten, sie umgab sie mit Bildern und Nachrichten von -dort, erzählte ihr von den Natur-Wundern desselben, von den Landseen, -Gletschern, Nordlichtern und Leuchtkugeln; unermüdlich suchte sie nur -einen Wechsel der Gedanken hervorzulocken in ihr -- ach, nur selten -gelang es. Es war die Vergangenheit, welche das kranke Hirn, das wunde -Herz in ihren Banden hielt. Seit sie den Vater nicht mehr um sich sah, -war allerdings Ulrike ruhiger; wenn sie allein zu sein glaubte, sang -sie die Lieder, die sie von Johannes gelernt, spielte auf dem Spinett -die Tänze, die sie mit ihm getanzt -- oder bewegte sich im Rhythmus -derselben anmuthig hin und her, wie vor dem Tanzmeister -- andere Male -hielt sie allein Stunde mit sich selber -- es lag eine so seelenvolle -Milde in Allem was sie that, daß man sie nicht für wahnsinnig halten -konnte, wenn man sie länger sah, sondern ihren Zustand der stillen -Versunkenheit in einen sie stets absorbirenden Gedanken zuschreiben -mußte. -- Qualvoll waren ihr die »langen Tage;« an solchen mußten die -Fenster verhangen werden, sie weinte dann unablässig. Meine Mutter -war bei ihr, auch ich trat mit in ihren Dienst, wenn ich schon keinen -bestimmten Posten im Hause bekleidete. -- Ach, nur zu bald gestattete -ihr die Hoffnungslosigkeit ihres Uebels den längeren Aufenthalt im -Stifte nicht mehr. Nach dem plötzlichen Tode ihrer Pflegemutter brachte -man sie in das nahe gelegene Wohnhaus des Gutes Steinburg; dort sah sie -plötzlich von allen äußern Erinnerungszeichen ihrer früheren Jahre sich -abgeschnitten, sie ward stummer, scheuer denn je und sprach gar nicht -mehr.« - -»Und der Großvater?« fragte Helene. - -»Das mit den Jahren zunehmende Gefühl seines Elendes machte ihn nicht -weicher. Aetzender nur grub sich ihm das Gift der Vergangenheit in -die Gedanken; es ward sehr schwer mit ihm auszukommen, besonders -nachdem die Comtesse von den Aerzten als unheilbar erklärt. Er ging -zurück nach Copenhagen; man sagt, er habe am Spieltisch Zerstreuung und -Vergessenheit gesucht. Seine Tochter nannte er +nie+, man glaubte dort, -sie sei frühe gestorben. Er widersprach nicht. Graf Thugge war nun -erwachsen, hatte eine Carrière gemacht, und verlobte sich mit unserer -seligen Gräfin; Graf Owen übergab ihm das Majorats-Gut und kehrte -+nie+ dahin zurück. Ein paar Jahre später stand sein Catafalk hier im -Schloß-Saal. Niemand wagte Ulriken herzubringen, sie blieb von uns -umgeben in ihrer Abgeschiedenheit, trug immer die nämliche Kleidung, -wie sie in Aalholm in ihrer Jugendzeit sie getragen, sang immer noch -mit leiser Stimme die alten Lieder, blätterte in den Büchern und -Schreibheften, dachte immer, immer nur an Ihn! Wenn sie vor den großen -Schloßspiegeln mit ihm zu tanzen wähnte, hat mich oft gegraus't, -- -daß sie älter ward, schien sie nicht zu bemerken, auch blieb sie lange -Jahre hindurch schön --« - -»Ich bitte Dich um Gotteswillen höre auf, Emerenzia, mich schaudert -vor diesem endlosen Elend, das Du einer Parze gleich vor mir abwindest, -ohne zum Abschluß zu kommen,« unterbrach sie Helene. Die kleine -Nordermule schien ihr im Feuerflackerschein ganz groß geworden und -anders, ihre Züge hatten einen ungewohnten Ernst, ihr Auge brannte und -ihre Rede floß in vorher ihr nie eigenem Wohlklang und Rhythmus. -- Die -Begeisterte flößte dem Mädchen eine fast unbezwingliche Furcht ein. Es -schlug drei Uhr an der Thurmglocke und der erste Hahnschrei tönte über -die Haide. »Gehen wir zu Bett, Emerenzia,« sagte leise mit abgewandtem -Haupt Helene, »die Geister meiner Familie umdrängen mir die Brust, ich -kann nicht mehr -- -- Gott helfe uns Allen zur Ruhe!« -- Die Nordermule -hatte den Kopf wieder in die Hand gestützt, mit welcher sie die Augen -sich verhüllte; sie blieb bei ihren Erinnerungen am Feuer sitzen, bis -der graue Herbsttag sie mit fahlem Lichte umfloß und ihre müden Augen -schmerzlich berührte! - - -Nicht wenig überrascht war Graf Christian, als am nächsten Morgen -sein bestimmt ausgesprochener Wunsch, in wenig Tagen schon mit -der ganzen Familie nach Seeland zu übersiedeln, um dort möglichst -bald die projectirten Vermählungen zu vollziehen, von keiner Seite -Widerspruch fand. Die Bräute brannten darauf, die in den Truhen der -Tante enthaltenen Schätze würdigen Kleiderkünstlern, Modistinnen, -Nähterinnen und Juwelieren zu gehöriger Verwendung zu übergeben, und -durch sie ihren Ausstattungen einen ganz ungewöhnlichen Glanz zu -verleihen; Eva wünschte durch Entfernung von Aalholm Wiederholungen -einer Scene wie die gestrige zu meiden; und Helene? Sie hatte den -nächtlichen Graus zwar verschlafen, allein seine Nachwirkung blieb -immer noch unbesiegt in ihrer Seele zurück. Sie fühlte sich wie aus -anderm Geschlechte entsprossen mitten unter den Ihrigen, ihr schauderte -vor der heimtückischen dunklen Gewalt, welche Owen Ulriken gegenüber -angewandt; denn sie war sich's sehr wohl bewußt, daß auf die eine oder -andere Art Christian etwas Aehnliches an ihr versuchen könne, oder wenn -auch nicht direct an ihr, doch um so leichter an Thorald, den er schon -auf so unbegreifliche Weise von ihr getrennt und auf die uninteressante -Insel Falstern zu gehen gezwungen! Sein Einfluß kam ihr wahrhaft -dämonisch vor; »es läßt sich nicht absehen,« sagte sie sich selbst, -»auf welchen Abweg der Imagination er ihn drängen, welche bösen Geister -er in Thoralds einfachem, reinen Sinne zu erwecken vermag, auf welche -Weise er durch die Macht der Idee ihn zu leiten verstehen wird, um -vielleicht mit teuflischer Spitzfindigkeit meinen armen arglosen Freund -nach Frankreich zurückzudrängen und ihn von mir zu entfernen!« - -Scheu wich sie Christians sie durchbohrendem Blicke aus, als sie statt -aller Antwort auf seine Anfrage: ob ihr die beschleunigte Reise genehm? -ihrer Kammerfrau befahl, sogleich zum Einpacken die nöthigen Anstalten -zu beginnen. - -Sie machte ihn nicht irre! In der Leichtigkeit ihres Nachgebens hörte -er das Zusammenklingen der Waffen, mit welchen sie wahrscheinlich in -Copenhagen ihm entgegen zu treten beschlossen. Die Geschwister maßen -einander mit heimlich drohenden Blicken, aber kein Wort, kein Hauch -verrieth den Schmerz der inneren Wunden, die sie sich schlugen. - -Die Liebe ist erfinderisch; Thorald und Helene fanden, allen -Bestrebungen des Grafen zum Trotz, Mittel, sich gegenseitig von der -Abreise und der Möglichkeit, einander in Copenhagen zu treffen, zu -benachrichtigen. Christian sah bloß an des Mädchens ruhigerer Fassung, -daß sie dieselbe erhalten. - - -Copenhagens oder, wie eigentlich der Däne sagt, Kjöbenhavns -großstädtischem Reiz ist trotz aller ihm aufgedrungenen -Sittenverderbniß der eleganten Welt, eine Art nordischer Häuslichkeit, -fast sagte ich »eine nordische Sentimentalität und Bürgerlichkeit« -eigen, welche andern Residenzen gleichen Ranges fehlt. Diesen -vorherrschenden Charakterzug, welchen ihm die Sinnesart eines sehr -großen Theils seiner Einwohner giebt, theilt es weder mit London, -Paris oder Neapel, noch mit Berlin und Wien! Sei es wirkliche, -ursprüngliche Sittenreinheit, sei es angenommene Form, ein stiller -Geist spricht noch aus allen Schilderungen, welche uns Skandinaviens -neuere Literatur bietet; alle Beschreibungen der dortigen Zustände -zeugen von einem hohen Grade eigentlichen bequemen Familienlebens, wie -von einer neben dem blasirten Sinn des hochadligen Cavaliers erhaltenen -Sitten-Einfachheit der höhern Stände. - -Vielleicht sind die Dänen trotz der bei ihnen vorherrschenden -literarischen Bildung ein wenig altmodisch, allein sie wagen ein -freieres Wort, sie zeigen in der Gesellschaft mehr Herz, sogar mehr -Gemüths-Eigenthümlichkeit als wir, und während oft Modenübertreibung -und carikirte Annahme ausländischer Manier beim Einzelnen nicht -abzuleugnen, tritt dagegen auch eben so häufig bei andern eine rein -bewahrte, edle Individualität zu Tage; besonders bei den Frauen. - -In den neunziger Jahren, in denen die Begebenheiten sich zutrugen, -welche diese Blätter uns bewahrt haben, waren nun diese Sitten noch bei -weitem einfacher als heut zu Tage; die Strenge religiöser Moralität -war vorherrschender, und das bürgerliche Behaben bei den vornehmen -Familien allgemein. Grell stach die mit den Emigrirten aus Frankreich -überkommene voltairisirende Bildung gegen die streng lutherische -Orthodoxie ab, welche großentheils vom Königshause ausgehend auch auf -das Hofleben einwirkte. - -Der Luxus, welchen der Reichthum des Adels in der Hauptstadt -hervorrief, war ebenfalls tüchtiger und reeller als in unserer Zeit, -und die Ausstattung der beiden Bräute ein ganz bedeutendes Stück -Arbeit, bei welcher Amalie und Annette die Hülfe ihrer Freunde -ernstlich in Anspruch zu nehmen gedachten. Hierbei kam ihnen nun ein -besonderer Umstand zu statten. - -Die Familie des Grafen Gejer besaß seit Jahrhunderten schon -gemeinschaftlich ein Haus, welches bald dieser bald jener Bruder bei -seiner zufälligen Anwesenheit in Copenhagen bezog; nur Graf Friedrich -machte seit seiner Vermählung eine Ausnahme; da er mit seiner Gemahlin -die Winterzeit regelmäßig in der Residenz zubrachte, hatten sie sich -in der Breitengasse angekauft. Bedeutende Familien wohnten weder in -den Hanse-Städten noch in Dänemark zur Miethe. -- Während der häufig -drei Viertel des Jahres dauernden Abwesenheit der Grafen Gejern blieb -die Wohnung derselben bis auf einen Theil des Erdgeschosses leer -stehen; diesen hatte einer der älteren Freunde Helenens, den sie, -wie schon erwähnt, vom Vater ererbt, seit mehr denn dreißig Jahren -inne und bewohnte ihn mit Frau und Kindern. Die ganze gräfliche -Familie war dem Obergerichts-Advokaten Alslev eng befreundet; alle -ihre Angelegenheiten waren demselben bekannt und gingen, wenn sie mit -dem Gericht in Beziehung standen, durch seine Hände; die gütige Frau -Obergerichts-Advokatin aber pflegte die Aufsicht und die Schlüssel -des Hauses zu übernehmen, wenn die Damen in das Stift Wallöe oder in -Christians Schloß zurückkehrten, und war das Factotum des weiblichen -Personals. - -Der Obergerichts-Advokat war ein etwas untersetzter, immer noch -sehr kräftiger Siebenziger, dessen breite Stirn einen hohen Grad -Intelligenz zeigte. Die mit seiner Stellung stets Hand in Hand gehende -Menschenkenntniß hatte der Güte seines Herzens keinen Eintrag gethan, -und mit den Jahren war nur eine gewisse breite Redseligkeit in ihm -entwickelt worden, welche den Zweck zu haben schien, den Nächsten von -seinem Durchblick aller ihn umgebenden Verhältnisse zu überzeugen. -Griffen diese in das Staatsleben ein, so ward freilich eine Art -Resignation des Zuhörers nothwendig, welchen er freundlich durch ein -»Geben Sie wohl Acht!« in gleich regem Interesse zu erhalten suchte. - -Es wagte auch nicht leicht Einer sich seinen stets sachkundigen und -sehr genauen Erörterungen zu entziehen, denn der wackere Herr verstand -durchaus keinen Spaß, wenn es Gemeinwohl galt! Er pflegte sogar, wenn -man nicht achtsam blieb, seine Rede durch ein plötzliches »na! sehen -Sie, Männchen, daß Sie keine wahre Theilnahme für die Sache haben!« -abzubrechen und dem jungen Bewerber um Amt und Anstellung selten die -Zerstreutheit und Fahrlässigkeit zu vergessen! Ueberhaupt war ein -unermüdlich edler Ernst in all seinem Thun vorherrschend, der sehr wohl -in den Drang der Gegenwart Dänemarks paßte und ihm einen bedeutenden -Einfluß in den Gestaltungen des öffentlichen Lebens erworben hatte. -Dasselbe warme Herz aber, das für's Allgemeine so theilnehmend sich -aussprach, schlug auch dem Wohl und Wehe des Einzelnen eben so -unveränderlich treu entgegen, und die seltne Geduld, mit welcher er des -Kleinbürgers und Bauern Klage anhörte, hatte ihm eine ungewöhnliche -Popularität in Seeland erworben. - - * * * * * - -Die Aussicht, dem eben beschriebenen Ehrenmanne und seiner -trefflichen, in ihrem Fach gleich tüchtigen Gattin sich zu nähern -und auf langgewohnte Weise die Interessen, Leiden und Freuden des -Augenblicks mit ihnen zu besprechen, belebte die Brust jedes Mitgliedes -der Gejerschen Familie, als die schweren Wagen derselben durch das -Osterthor der Stadt fuhren. Christian und Helene hofften jedes am -Obergerichts-Advokaten einen Verbündeten gegen des Andern Starrsinn zu -gewinnen, die zwei Bräute aber waren im Voraus der thätigsten Hülfe der -Frau Alslev gewiß, die seit den Kinderjahren wie eine Mutter ihnen zur -Seite gestanden. - -Beim Aussteigen sprang Helene dem sie am Wagenschlage bewillkommnenden -Freund in den Arm, und flüsterte ihm zu, sie bedürfe seiner Hülfe -und einer baldigen Unterredung; leider nahm Christian denselben -sogleich mit lauten einfachen Worten in Beschlag, indem er ihn um ein -Detail der Staatsschuld fragte, das den guten arglosen Mann in eine -ziemlich breite Auseinandersetzung und durch diese bis in des Grafen -Arbeitszimmer zog; -- auch Graf Friedrich war unterdessen angelangt, -also an eine Privatunterredung mit Helenen für den Augenblick nicht zu -denken! - -Helene sah ihren Bruder scharf an, blieb aber heiter -- »sie muß einen -wunderlichen Rückhalt haben,« dachte er. - -Als die drei Männer allein waren, (der jüngere Graf war noch nicht in -Copenhagen angelangt,) legte Christian dem alten Freunde die ganze -Sachlage vor, indem er ihm zugleich die Scene mittheilte, welche ihrer -Aller Ankunft beschleunigt hatte. - -»Sie würde als des Malers Gattin unglücklich sein und sich elend -machen,« setzte Graf Friedrich hinzu, »ihre Apanage reicht nicht zur -Hälfte für die Ausgaben eines Haushalts, der junge Mann aber hat nichts -als einen sehr neu und wohlerhaltenen Pinsel.« - -»Herr Graf,« sagte Alslev, nachdem er Beiden aufmerksam zugehört; »die -Frage ist, hat er Talent und Fleiß? Arbeit möchte der noch so lang zu -hoffende Friede in unseren Kirchen und Schlössern zur Genüge bringen! -Allein die Comtesse ist verwöhnt, und Er hat allerdings keinen Rang ihr -zu bieten.« - -»Lieber Freund,« erwiederte etwas ungeduldig Graf Friedrich, »sie kann -doch nicht mit dem Burschen von Stadt zu Stadt auf's Handwerk ziehen?« - -»Der Herr Graf haben in Hinsicht auf Rang und Verwöhnung vollkommen -Recht,« versicherte der Alte; »doch ist die zweite eigentliche Frage, -hat der Mensch eine Gesinnung, einen Charakter, ein gewisses Bleibendes -in sich? denn nur im Gegenfall dürfen wir hoffen, Comtesse Helene -anderes Sinnes zu machen!« - -Beide Brüder sahen den Advokaten verwundert an. »Ich kenne Herz und -Kopf der Comtesse,« fuhr der Alte fort, »sind beide übereinstimmend -dem Jüngling günstig, ohne innern Widerspruch, so bleibt den -Herren Grafen nur die Wahl zwischen dem Veralten im Stift, oder der -mißfälligen Vermählung für sie.« -- Alslev war traurig geworden, im -Herzen dauerte ihn Helene, er theilte die Vorurtheile seiner Tage und -betrachtete, abgesehen von möglicher pecuniärer Sorge, +jede+ nicht -standesgleiche Heirath als ein Unglück. Die Ehen aller drei Brüder, -welche so heftig gegen einen ähnlichen Schritt der Schwester sich -aussprachen, fesselten ihm die Zunge; hatten doch Alle bürgerliche -Frauen, und hatten, was dem alten Rechtsgelehrten nicht unwichtig war, -keine Familienstatuten sich ihrem Entschlusse zu seiner Zeit entgegen -gestellt! - -Seinen ernsten Worten zum Trotz baten ihn beide Brüder dringend -um Vermittlung und Beistand, und er versprach Helenen abzurathen; -natürlich führten alle Gründe des an die reiche deutsche Frau -vermählten Friedrich auf die Unmöglichkeit des Auskommens zurück, -während Christians edlere Sinnesart ihn auf Verschiedenheit aller -äußeren Verhältnisse der Familien aufmerksam zu machen versuchte. Der -unbestechliche Alte sah Beide mit durchdringendem Blicke an, und ein -fast unmerkliches Lächeln zog über seine Lippen. »Geben Sie recht -Acht!« sagte er endlich, »Comtesse Helene ist ihrer +Mutter+ Kind; an -Reichthum ist ihr ganz und gar +nichts+ gelegen, obschon sie dessen -bedarf, und auch ihres Großvaters Geist spukt ihr im Köpfchen; sie -versteht zu +wollen+! Wenn Er nur kein Revolutionsnarr ist,« brummte -der Alte im Herausgehen, »und die ganze Welt mit dem Schwerte pflügen -und mit Blut düngen will, anstatt dem Felde anzusehen, welcher Saat es -angemessen!« - -Als der Obergerichts-Advokat in sein Schreibzimmer trat, saß Helene -schon darin; rasch sprang sie auf, lief auf ihn zu und bot ihm beide -Hände zugleich; »erst jetzt lieb Väterchen begrüße ich Sie recht aus -Herzensgrund, ich habe sehr viel zu fragen und zu sagen, aber vor allem -dies: daß ich unverändert und unveränderlich Ihre alte Helene bin!« - -»Seh' es schon, lieb Fröken,« sagte lächelnd der Advokat, indem er -der »Alten« Hände an sein Herz drückte, »sehe es an der kleinen -Fingerspitze da in meiner Hand!« - -»Nun denn, lieb Väterchen, quälen Sie mich nicht mit dem, was meine -Brüder Ihnen gesagt und -- folgen Sie den »bösen Buben« nicht!« - -»Die Brüder haben recht, Helene!« - -»Weil die Männer immer »recht haben« uns gegenüber! Als mein Bruder -Christian wie toll und blind in des Fäestebönders Tochter verliebt -war, hatte er recht, und heirathete sie frischweg; als mein zweiter -Bruder Friedrich ohne alle Liebe Geld und Gut über unsern alten Adel -erhob, billigte ganz Copenhagen die »Partie,« (im Goldkäfig sitzen ist -indessen Geschmackssache) -- als nun vor kurzem mein dritter Bruder -eine schöne und edle Frau nahm, die 25 Jahre jünger ist als er -- o -da fandet Ihr +Alle+, daß er +recht+ hatte; denn eine junge Frau ist -liebenswerther als eine alte! Nun aber Väterchen, soll ich denn nicht -beispielsweise von dem außerordentlich vielen Recht meiner Brüder -profitiren und das »Rechte« ihnen nachthun? -- Ich habe doch wahrhaftig -+den+ Fall einer nicht ebenbürtigen Vermählung in unserer Familie -nicht erfunden! Daß die Männer immer Recht haben, ist übrigens eine -sehr alte Geschichte, schon Adam hat bei Gott Vater der Eva Unrecht -gegeben, weil sie ihm den Apfel -- --« - -»Helene! damit kommen wir nicht weiter! Sie können Thorald nicht -heirathen --« - -»Und warum?« - -»Weil er unter vier bis fünf Jahren nicht im Stande sein wird eine Frau -zu ernähren! Und bis dahin --« - -Stumm kehrte Helene zu ihrem bei des Advokaten Eintritt verlassenen -Platz zurück und nahm einen großen Folioband in die Hand, den sie -vorhin durchblättert. »Sie vergessen, lieber Alslev,« sagte sie fest -und ernst, »daß ich die jüngste von meinen Schwestern und von unserem -Hause bin. Lesen Sie einmal hier --« - -»Helene!« - -Sie warf sich schluchzend in seine Arme. »Helfe mir Gott, Vater, ich -kann und darf nicht anders! Haben Sie denn wirklich den Muth mir zu -befehlen, gar nicht -- auch nicht vier, fünf Jahre glücklich zu sein?« - -Sie herzte und küßte den guten alten Herrn, bis ihm die Perrücke ganz -schief stand; verlegen rückte er sie zurecht und rief halb ärgerlich -und halb gerührt, indem er schnell seinen bestaubten Pergamentband in -die Registratur einrangirte, »meine Bücher zu nehmen, meine Notizen! -Helene! Helene!« - -Als er aber umsah, war sie längst verschwunden. - - -Wenn es Abend wurde und die Damen nicht ausgebeten waren, pflegten sie -ungemein gern im netten spiegelblank-reinlichen Wohnzimmer der alten -Frau Alslev ihren Thee zu nehmen. - -Sieben Kinder, darunter fünf Söhne, hatte die würdige Alte aufgezogen -und erzogen, mit sorglichem Blick die ersten Schritte auf den -erwählten Lebensbahnen eines jeden von ihnen geleitet, mit kräftiger -Hand und noch kräftigerem Geist die Schwachen unterstützt, Glück und -Gelingen, Krankheit und Noth all der ihr vom Gatten ganz überlassenen -Kinder redlich getheilt. »Es schlägt in ihr Departement,« sagte der -Gerichts-Advokat, »das Haus und was darin ziemt der Weiberhand zu -regieren, +meine+ Kinder laufen draußen barfuß umher, der Staat ist -mein Haushalt und Gott sei's geklagt, er ist voller Stiefkinder, die -ich nur ungern anerkennen mag, so fremd stehen sie zum Ganzen.« - - * * * * * - -Mit unsäglicher Liebe hingen Töchter und Söhne der Mutter Alslev an, -von letzteren waren mehrere außerhalb verheirathet und wiederum zog -die Matrone nun die Enkel groß; zwei Knaben waren von ihren Eltern der -Schule wegen nach Copenhagen gethan in's großväterliche Haus. Fast -jeden Abend kamen auch die in der Stadt ebenfalls längst vermählten -Töchter mit ihren Kindern, und ein großer Familienkreis ordnete sich -um den wohlbereiteten Theetisch. Ein Fest wie das der Ankunft der -gräflichen Geschwister, mit denen Alle von Jugend auf in Verbindung -standen, mußte natürlich den ersten Abend besonders anziehend machen. -Jedes Mitglied der Familie suchte seine Freude an den Tag zu legen, -und die Stunden eilten mit geflügelten Schritten der Nacht entgegen, -als ein lautes Klopfen an der Hausthüre Allen vernehmlich, noch einen -verspäteten Gast verkündete. - -Erstaunt durchflog der Hausfrau klares Auge den weiten Ring, den die -Liebe um sie zog, es fehlte Niemand an der gewohnten Stelle. - -Jetzt kam ein alter, mit der Herrschaft ergrauter Diener ein wenig -verlegen lächelnd auf die Hausmutter zu, und flüsterte eine, wie es -schien, ihr gar befremdliche Meldung! »Ich komme selbst, Peter, bittet -nur den Fremden, wenige Augenblicke unten zu verziehen.« - -»-- Draußen steht ein sonderbarer Mann, halb wie ein Bauer, halb wie -ein Geistlicher gekleidet,« erzählte mittlerweile der junge Heinrich, -Alslevs Enkelkind, den aufhorchenden Mädchen, »hat einen langen weißen -Bart und ein ganz runzliches, liebes Gesicht; er muß lange nicht bei -uns gewesen sein, denn obschon er nach Großmama fragte, sah er mich -für meinen Vater an! seine kleinen Hände zittern vor Altersfrost und -er hat ein kleines Büchlein mit, das sollte Peter herauftragen, und -uns Alle darin lesen lassen, so würden wir ihn schon kennen und ihm -erlauben einzutreten. Ich wollte ihn gleich mit mir nehmen und ihn -heraufführen, ihn aber schien die schöne Einrichtung, welche der Herr -Graf beim Einzug der Fröken machen ließ, fast zu erschrecken, er fragte -immer wieder: ob er auch gewiß nicht irre? Den neuen Teppich auf der -Treppe getraute er sich kaum zu betreten und war höchst besorgt, etwas -zu beschmutzen oder zu verderben; es war drollig anzusehen.« - -»Und doch kannte er unser Haus?« fragte Amalie. »Ja wohl!« -- In diesem -Augenblicke trat mit freudeverklärtem Angesichte die Hausmutter ein, -den wunderlichen Fremden an der Hand. »Ich bringe Euch einen alten -Freund,« rief sie fröhlich den Kindern entgegen, »Kund Jürgenssen, -der vor fünf und zwanzig Jahren viel hundertmal auf seinen Knien Euch -gehalten und Euch wunderschöne Elfenmährchen und Saga's aus unserer -Vorzeit erzählt, dem guten Pfarrherrn von Saurbar am Hualfiorden in -Island. Ich denke Ihr kennt ihn Alle noch! Damals waren Vater und ich -ein gut Theil jünger, gingen mitunter wohl zu Mummereien, Theatern und -Concert; dann saß der gute Jürgenssen bei Euch und vertrat, wie's -eigentlich wohl der Geistliche überall sollte, Vater und Mutter Euch -zugleich! Ja, ja, das thatet Ihr, und wenn wir heimkehrten zu Nacht, -lagen die Kleinen in ihren Bettchen mit gefaltenen Händchen und waren -über den Abendsegen sanft eingeschlafen, den Ihr sie sprechen gelehrt!« - -»O liebes, gütiges Väterchen!« riefen nun zugleich die Söhne und -Töchter des Hauses, stürzten auf den Alten los, ergriffen und drückten -seine Hände, er aber bebte vor Freude und Rührung. »Und seid Ihr es -denn wirklich, wirklich wieder herübergekommen zu uns, aus Eurem -Schnee- und Eiseilande? Und Ihr bringt nun den Winter bei uns zu, -in Kjöbenhavn, nicht wahr? Tausend und aber tausend Mal willkommen! -Da seht,« rief ein herrlich blühendes junges Weib, Alslevs jüngstes -Töchterchen, »da sind schon meine Kinder, die auf Eure schönen -Sagageschichten warten, nun könnt Ihr denen so herrliches Spielwerk -schnitzen, wie Ihr uns es gethan, es wird sie ergötzen, wie vor fünf -und zwanzig Jahren uns!« - -»Ja! ich besinne mich,« sagte einer der jüngeren Söhne, »Ihr kommt aus -Island, eines schweren Prozesses wegen; eine herbe Klage war's, die Ihr -dem Vater übergabt!« -- - -»Käme er nur selbst, der liebe theure Herr!« meinte der Pfarrer, den -die Freude jung und lebendig machte, »daß ich ihm danken könnte und ihn -begrüßen aus Herzensgrund.« - -Die Mutter führte nun Kinder und Enkel auf, eins nach dem andern; immer -entzückter wurde der Alte, verwechselte aber doch noch oft die Enkel -mit jenen, weil sie »so gar prächtig herangewachsen!« Die älteren -Fröken waren auch hinzugetreten, der gute Mann kannte sie gleich; außer -sich war die kleine Nordermule, die er fast vergessen, nur besann er -sich noch, zum höchsten Glück! »Ich war ja damals mit dem Fröken Amalie -hier, wie konntet Ihr nicht gleich meiner Euch erinnern,« klagte sie; -»doch erzählt uns nur, woher Ihr nach so langen Jahren endlich kommt, -fast seht Ihr aus wie damals, als wir von Euch Abschied nahmen -- --« - -»Es war am Abend vor dem Johannisfeste,« sagte der Pfarrer, »o ich weiß -+Alles+ noch!« er nahm sein altes Büchlein wieder aus der Brusttasche; -ein Stammbuch war es, wohl an fünfzig Jahr alt! »Da, da steht Ihr -Alle!« jubelte er auf, »Frau Alslev und Janfru Sophie, Janfru Fredrika.« - -»Bitte zu sagen: Frau Amtmännin Solwig,« lachte die kleine Frau -- - -»Schön, schön,« erwiederte der Alte, »damals aber durfte ich mir die -Janfru nur unter diesem Namen mit fortnehmen, in meinen Erinnerungen; -sie war eben zwei Jahre alt, und ich führte ihr die Hand, ja, ja, bis -auf das kleinste Kind hat jedes hier mir sein Kreuzlein hingemalt, -wenn es noch nicht zu schreiben verstand, in das Gedenkblatt der -Familie des edelsten Menschen, den ich je gekannt!« -- »Ach, auch ich -weiß jetzt wieder Alles,« versicherte Sophie, »es war Frühling, den -Abend hattet Ihr uns von den Pilgerwallfahrten zu den Quellen und -ihren guten Geistern erzählt, wie sie in der Johannisnacht unternommen -werden müssen, und von den kleinen Engeln, welche sie bewachen; -dann schrieben wir uns ein, Ihr hattet das Büchlein noch aus Euren -Studentenjahren; das sind schon fünf und zwanzig Jahr?« - -Und Kopf an Köpfchen drängte sich zum vollen Kranz um die hohe Lehne -des Sessels, zu welchem die Mutter den vor Freude an allen Gliedern -Zitternden geführt, »ja, ja!« rief er aus, »+das+ ist das Büchlein,« -und Schwarz- und Blauäugelein schaute ihm über die Schulter auf die -beschriebenen Blätter, »+das+ ist Großvaters Hand,« -- »dies Mutters -Schrift!« »Hier bin ich!« rief ein Drittes, »hier Fröken Amalie, -Annette!« »Nur ich bin nirgends,« sagte fast traurig Helene! -- - -»Kind,« erwiederte lachend die Nordermule, »Du warst noch nicht einmal -geboren!« »Die Gräfin Gejern wie sie leibte und lebte!« schaltete der -Pfarrherr ein, und schaute wohlgefällig das schöne Mädchen an, -- dann -fuhr er fort, »es gab mir selbigen Abends, ehe ich von dannen zog, der -hochverehrte Herr Alslev noch ein gar schönes, werthvolles Geschenk.« -- - -»Ja, ich entsinne mich,« sagte die Mutter, »wir brachten Euch als -Mitgabe in Euer kaltes Land einen warmen Festrock, den wir Euch baten -uns zu lieb zu tragen.« -- - -»Und ob ich's thue!« rief der Pfarrer, »da, da ist das gute, gar wohl -erhaltne Kleid, kennt Ihr es noch?« Und im freudigen Eifer erhob er -die Taschenklappen und die Schöße des schwarzen Rockes, zeigte sie -jubelnd und jauchzend den Kindern -- dichter und dichter umdrängten ihn -diese. -- - -»Ach,« sagte leise die Nordermule zu Helenen, »das gute treue und -dankbare Herz! So ein armer Pfarrer in Island hat kaum einige dreißig -Thaler Einnahme von seinem Kirchspiel, das weit ausgebreitet viele, -viele Meilen umfaßt!« - -Der Pfarrer hatte das leise Wort gehört. »Schon wahr,« sagte er, -»allein, was braucht man auch des Geldes viel? Immer trägt man doch -nicht so gute Kleider wie dieses ist, und habe ich doch mein sauber -Stückchen Kirchenland! Freilich reift mir kein Korn darauf, aber ich -ziehe doch Kartoffeln, Kohl und herrliches Futter für meine zwei Kühe! -Ja, ja Janfru Nordermule, der Kund hat die schönsten Thiere weit und -breit, -- wäre mir nicht die Hausfrau gestorben, wie gar leicht wäre -mir das Leben! -- Bücher fehlen mir sehr! +die+ sind theuer, denn zu -Lairar druckt man nur Katechismen und Andachtsschriften -- und das ist -die einzige Druckerei, die wir in Island haben!« - -»Aber wovon lebt Ihr denn?« fragten die Kinder. -- »Ei nun, seit dem -die Stadt Reikiawik erbaut, fehlt es nicht einmal mehr an Brot und -Fleisch; wir haben ja aber immer Vögel und Fische! Den Sandhafer, den -herrlichen Melia giebt uns Gott, wie einst den Israeliten das Manna, -ohne Säen und Pflanzen!« - -Mit tiefer Bewegung lauschte Helene dem zufriedenen Manne, der den -Kindern vom Tauschhandel auf der Insel selbst und von den »Gnaden -Gottes,« wie er den Robbenfang und die Eidergans nannte, immer eifriger -und glückseliger erzählte, da schloß er plötzlich, »ach, was die -+Natur+ an Island thut, ist schön und ein gar werthvolles Geschenk des -Herrn, allein die Menschen gönnen es einander nicht und verderben sich -gegenseitig das Leben. Als ich im Jahre siebzig zuerst meine Klage vor -der geheimen Conferenz-Commission des Ministers Struensee eingereicht -hatte, glaubte ich freilich mich gesichert für immer!« - -»Der Vater! der Vater!« riefen die Kinder; jedes eilte auf den -Advokaten zu, ihm zuerst die erfreuliche Kunde zu bringen; obschon er -vor all den zugleich auf ihn eindringenden Stimmen kein Wort verstand, -hatte sein scharfes Auge alsbald den isländer Pfarrer erkannt. Alslev -vergaß nicht leicht, wen er einmal gesehen. »Herzlich willkommen, -Ehrwürden!« rief er und bot ihm gastfreundlich die Hand. »Ihr habt -lange uns nicht besucht und findet in und außer dem Hause eine neue -Welt, aber immer das nämliche herzliche Willkommen!« - -Die Männer saßen nun nieder und das Gespräch nahm eine ernstere Wendung -und ging bald über auf's Allgemeine. -- - -Trotz der anerkannten Hinneigung der Isländer zu jedem -wissenschaftlichen und literarischen Streben, liegt die Insel doch -zu sehr außer allem eigentlichen europäischen Lebensinteresse, als -daß Nachrichten entfernter Länder leicht sie erreichen sollten. Die -Nachrichten der Gegenwart, eben war in Frankreich das Directorium -an die Stelle des Convents getreten, Napoleons phänomenartiges -Auftauchen aus dem Chaos der sich wieder gebärenden Zeit, Alles dies -war dem erstaunten Hörer, wie eine zweite Weltschöpfung, unfaßlich -überwältigend. Er stand +noch+ mit trauernder Seele am Grabe der jungen -schönen Königin seines Heimathlandes, die er gesehen, verehrt, und -die während seiner Abwesenheit von Kjöbenhavn so schmachvoll in Zelle -geendet. - -Und grell erhob sich neben diesem ungeheuren Wechsel der riesigen -Begebenheiten einer Gegenwart, welche selbst Gott in seinen Himmeln -und den blutenden Heiland an seinem Erdenkreuz zu bezweifeln -und anzugreifen gewagt, sein eignes sich immer gleichbleibendes -individuelles Dasein. Was er am Gerichtshofe Christian ~VII.~ durch -Struensee's Hülfe erlangt, und als Beute in seine ferne Heimath mit -sich fort genommen, kam er jetzt zum zweiten Male zu fordern nach -Kjöbenhavn; Struensee, der jungen Königin Partei, alle Minister -damaliger Tage, waren längst untergegangen im Kampf eigener und -fremder Gewalt, er fand zwar wieder einen Grafen Bernstorff am -Staatsruder, statt des damals eben seiner Stelle entsetzten trefflichen -Mannes, allein es war ein Andrer, den er daheim nicht einmal nennen -gehört! Es übernahm das Alles fast den gealterten Mann, der zuletzt, -beide Hände vor das Gesicht geschlagen, zusammenzubrechen schien unter -der ungeheuren sich ihm entgegenwälzenden Last der Eindrücke des -Augenblicks. - -Leise nahte sich Helene und legte ihre weiße kleine Hand auf -seine zitternden, in den ergrauten Haaren wühlenden Finger, »die -Zeit schreitet schnell, Ehrwürden,« sagte sie, »ist es nun nicht -wunderschön, daß die Natur und des Einzelnen Herz sich dennoch in -ihr gleich zu bleiben vermögen, trotz ihres Riesengangs? Höchstens -reißt er das irdische Leben mit sich fort, wenn wir uns nur in uns -selbst recht fest auf den Füßen zu stellen vermögen. Seht, Alles um -Euch ist ganz anders geworden; wenn Ihr morgen am Tage ausgeht, und -durch die verödeten Straßen Kjöbenhavns, werdet Ihr noch weit mehr -erschrecken! Ihr werdet Christianborgs ungeheuren Schutthaufen finden -und die Brandstätte des Gammel-Holms, -- seit drei Monaten liegt ein -Viertel unsrer Vaterstadt in Asche, -- nun Ehrwürden, ist's nicht -wunderschön, daß Menschenwerk und Menschenleben so zusammenfallen -zu einer grauenhaft erhabenen Ruine, und der winzig kleine Punkt im -Universum, der feste Charakter eines Menschen durchwächst sie dennoch -mit seiner unbesiegbaren Liebeskraft? Ihr steht mit dem alten Rock, -den Ihr vor fünf und zwanzig Jahren hier im Hause empfingt, über dem -alten unverändert sich gleichschlagenden Herzen, voller Treue wieder -hier unter uns, und Eure kleine schwache Brust zeugt von der Ewigkeit, -während Alles was Euch und uns umgiebt nur von der Vergänglichkeit zu -uns redet!« - -Dankbar blickte der Pfarrer sie an, keines Wortes mächtig, zog er ihre -Hände an seine Lippen. -- - -Bleich wie ein Todter starrte der unlängst in's Zimmer getretene -Christian auf sie, -- er fühlte den durch ihre Neigung zu Thorald -plötzlich erwachsenden mächtigen Charakter des Mädchens. Der alte -Alslev blickte zärtlich zu ihr hinüber, ihn freute das Aufkeimen und -Erblühen der von ihm gepflegten Saat. »Sie wird Festigkeit haben wie -ihre Mutter, und wie sich auch ihre Verhältnisse gestalten mögen, -+sie+ wird glücklicher sein!« -- Die kleine Nordermule aber warf sich -innerlich alles vor, was sie ihr erzählt, von der Tante Lieben und -Leiden, -- »eine Unbesonnenheit wird sie begehen!« sagte sie leise, -vorsichtig die gutmüthigen blauen Augen niederschlagend, daß ja keiner -in ihnen lese! der kleinen Bucklichen Seele war stets in siebenfache -Schleier gehüllt! - -Einer wunderbaren Klage halber war der alte Kund Jürgenssen von Island -im späten, schon gefahrdrohenden Herbst nach Copenhagen gekommen. Sein -im Borgefiords-Syssel, am Huatfiorden gelegenes Kirchspiel erstreckte -sich an beiden Meerbusen nach Leirar hin, und dann tief landeinwärts -über viele einzeln liegende Pachthöfe und Häuerlingshäuser weiter. -Nun aber gab es bis zum Jahre 1782 auf ganz Island weder Städte, noch -Marktflecken, noch Dörfer; die Einwohner lebten zerstreut in den vor -Stürmen am meisten geschützten Orten und lehnten gern ihre Gehöfte, die -alle aus Lava und Treibholz erbaut, einander glichen wie ein Tropfen -Meerwasser dem andern, bald da, bald dort an einen sie deckenden, -vielleicht gar überhangenden Felsrücken, um gegen arge Wetterunbill -möglichst sicher zu sein. - -Fromm und ohne Klage zogen sie Sonntags oft meilenweit zum entlegenen -Gotteshause, ihren Seelsorger predigen zu hören; er war meistens -zugleich dabei ihr Arzt, jedenfalls ihr vertrauter, väterlicher -Freund, der in aller Noth und Freude, beim Ein- und Austritt in ihr -mühevolles Sein ihnen treu zur Seite blieb und des Lebens Drangsal -ihnen tragen half, wenn ihre eigene Kraft ermattete. Denn wie sein -schwer herniederhängender Himmel, ist der Isländer trübe, schwermüthig, -ihn drückt das Leben, seine Freude besteht meist in ernsten Dingen, -er singt auf vaterländische Weisen seine Sagen, hört gern Snorro -Sturlesons Dichtungen und die Edda, und spielt das ernste Königsspiel: -Schach! -- - -Die später allmälig angelegten sechs Handelsstädte, welche +noch+ die -einzigen der Eisinsel, bestehen außer Reikiawik, das wohl über sechzig -Häuser zählt, auch nur aus wenigen größern Kaufmannswohnungen und -um diese herliegende Packhäuser und Magazine; alle sind einstöckig, -niedrig, roth angestrichen, der Wärme wegen oft mit grünem Rasen -belegt. Die Pachthöfe entbehren meist den Luxus eines Schornsteins, -eines Ofens oder gar gläserner Fensterscheiben, denn die wilden Orcane -gestatten ihn nicht. Unsäglich beschwerlich und dennoch durch seine -tief eingreifende Wirksamkeit heilig-schön, ist hier der Beruf des -Pfarrers! Der von ihm viele, viele Stunden weit durch die menschenöden -und dennoch stets bewohnten Districte getragene Kelch des Herrn wirkt -dort noch beseligend auf den Todeskranken; und Taufe und Trauung -werden, wenn sie Wochen hindurch bis zum Erstlings-Sonnenstrahl des -Frühlings verschoben worden, in vielen Herzen um so frommer ersehnt, so -daß dem Priester der schwere Gang gelohnt wird und sein eigener Beruf -verklärt vor seinem geistigen Auge sich erhebt. - - * * * * * - -Wie zart wiederhallte dieses Gefühl in des bescheidenen, orthodoxen -Kunds Seele! und dennoch war er angeklagt, hart angeschuldet von dem -Probst seines Districts, und wie einst vor 25 Jahren jetzt abermals -vor das Consistorialgericht des Bisthums Reikiawik gestellt, weil -er »aus Trägheit« die Leichen der in seinem Sprengel Verstorbenen -unbeerdigt lasse, ja, auf Monatelang bloß in den Schnee sie einsenke, -ehe er dem müden Leibe einer den Trauerort vielleicht rastlos -umkreisenden Seele, die letzte Gott geweihte Ruhestätte auf dem -Kirchhof gönne und durch das Wort des Herrn dieselbe ihr bereite! -- -O wie lange, bittre Nächte hatte der Arme verweint, bei der rauhen -Grausamkeit dieser Anklage! -- Das Bewahren der Körper im Schnee war -eine harte Nothwendigkeit, welche indessen nur die entferntesten -Mitglieder seines Kirchspiels traf, denen das Erreichen des sehr -entlegenen Gottesackers mit der Leiche fast unmöglich war. Oft war -das Leben der Träger beim Transport des Sarges in Gefahr gerathen, -sie versanken in Schnee und Eisspalten; der ihn selbst treffenden -Beschwerde hätte der fromme Mann nicht geachtet, kaum sie erwähnt, -obschon er mehrmals durch dieselbe erkrankt; allein eine größere Anzahl -seiner stündlich Bedürfender litt darunter! - -Der Probst war ihm nicht gewogen, seine Rechtfertigung ward verworfen, -schwere Klage gegen ihn im Consistorio erhoben! -- Im Gefühl seines -guten Rechts war Jürgenssen vor fünf und zwanzig Jahren nach Copenhagen -gesegelt. Seiner einfachen Seele war die damalige Aufhebung aller -Ministerien und die Gewalt, mit welcher Struensee eine Menge wirklicher -Verbesserungen einführte, nur eine Vereinfachung des Geschäftsgangs -gewesen, er hatte für den Günstling des Königs geschwärmt und an -die wirkliche Thätigkeit des Letztern lange nach Ausbruch seiner -Geistesschwäche geglaubt. Mit der leicht erworbenen Rechtfertigung und -günstigen Entscheidung seines Prozesses war er damals heimgekehrt; die -gänzliche Umgestaltung der dänischen, und mithin der provinziellen -Verhältnisse hatte auch diese längst entschlafene Anklage erweckt, von -neuem war ihm aus Reikiawik der Befehl augenblicklicher und wirklicher -Bestattung der in seinem Kirchspiel Verstorbenen zugekommen. -- Allein -zu dem Schnee seiner Gebirge hatte sich nun dem armen Pfarrer der -Schnee des Alters gesellt, der sich auf seinem müden Haupte gesammelt, -und man altert schnell, bei so schwerem Beruf, in solchem Clima! Dem -Prediger blieb nur die Wahl zwischen freiwilligem Aufgeben seines -bisherigen Berufs, oder des Versuchs, eine erneute Vergünstigung von -Copenhagen aus zu erhalten, seine Leichen in das weiße Schleiertuch der -Erde zu hüllen, bis der Frühling das Herz der alten Mutter erwärme, und -sie das entschlafene Kind in ihre treuen Arme aufzunehmen im Stande. - -Von seiner Kirche den Kund bannen, hieß ihn tödten! sie war seine -Liebste, seine Welt! Von Katharina, seiner verstorbenen Ehefrau, -hatte er ein holdseliges Töchterchen; Mathilde (so hieß sie nach -der unglücklichen Königin) -- war die einzige, welche außer der dem -öffentlichen Gottesdienst geweihten Stunde den geheiligten Raum mit -ihm betreten und Küsters-Dienst, in Reinigung und Ausschmückung der -Kirche, mit ihm theilen durfte. Was sie Kostbares besaßen, ward zur -Zier des Altars, der Kanzel, ja des kleinen Chors verwandt. An einem -Pfeiler hing ein Kupferstich, das Bildniß des Vaters Alslev, des -»edelsten Menschen, den er je gekannt!« Dieser Ehre hielt er nur ihn -für würdig; während seines ersten, dreimonatlichen Aufenthalts hatte -er in der Residenz all seine ihm für das ganze Leben ausreichende -Menschenkenntniß gesammelt; Alslevs klares, festes Wollen und -bestimmtes Handeln hatte ihn zur verehrenden Begeisterung fortgerissen, -sein treuer Sinn bewahrte sie in immer gleichbleibender Erinnerung. - -Alle diese kleinen und doch ihrem bisherigen Erfahren fremden Züge -aus einem beschränkten, fast von jeder Bequemlichkeit entblößten, -rein-menschlichen Dasein rührten Helenen unsäglich, allein sie baueten -sich auf zur trennenden Mauer zwischen ihr und den einzig mit den -Vermählungsfeierlichkeiten und den Ausstattungen beschäftigten und -erfüllten Geschwistern. - -Außer Christian waren Alle, selbst die Brüder durch ihre Frauen in -den Taumel der Hoffeste und Zerstreuungen hineingerissen, mit welchen -man Christian ~VII.~ fortwährend umgab. Die Grafen Schimmelmann und -Bernstorff waren nur theilweis im Volk geliebt, im Innern des Staats -gab es viel Unzufriedene. Die dänische Politik ging darauf aus, mit -allen auf Dänemark einwirkenden Mächten Frieden zu halten, aber trotz -der dabei zu Tage gelegten Würde und äußerlichen Größe, ließ sich eine -gewisse Unsicherheit der Ansichten wie der Verhältnisse kaum bergen. -Alle Geschäfte, welche die verschiedenen, nach Struensee's Sturz wieder -eingeführten Canzeleien dem Staatsrath vorlegten, mußten in doppelten -Sitzungen vorgetragen werden; in der Versammlung beim Erbprinzen -Friedrich wurden die Resolutionen gefaßt, alsdann in einer zweiten -dem Könige zum Schein vorgelegt, der sie halb bewußtlos unterschrieb. -Das war eine unsäglich betrübte Comödie, und ihre Rückwirkung auf das -Volk war es nicht minder! Der arme Prediger litt unbeschreiblich, sein -beschränkter Geist sah überall böse Dämonen sich drohend gegen sein -ihm so theures Vaterland erheben; so lange seine Sache bei Gericht -anhängig blieb, war Helene sein einziger Trost, und die ganz einfachen -und zugleich so tief poetischen Lebens-Anschauungen desselben, ließen -dagegen dem aufgeregten Sinn des Mädchens alles Treiben der Vornehmen -und des Adels im widerwärtigsten Lichte erscheinen, ja sie steigerten -ihren Entschluß, mit Thorald ein von diesen hemmenden Einschränkungen -freies Leben zu führen zur entsetzlichsten Pein. - -Thoralds leichteres Blut ließ ihn einfacher seine Bahn weiter ziehen; -er war in Copenhagen, arbeitete in der noch neuen und unvollständigen -Academie, gefiel durch heitere wohlwollende Theilnahme, umarmte den -alten Kund, der ihn auf Helenens Bitte besuchte, machte das Portrait -des kleinen, leider kränklichen Kronprinzen, und war bei jeder -einzelnen Nachricht von Frankreich aus überzeugt: auch im Norden -müsse jede kleine Meuterei, jede Unzufriedenheit des durch Monopole -gedrückten Handelstandes nächstens große Umwälzungen herbeiführen, -welche dem Charakter und einer der Nation inwohnenden Gleichmüthigkeit -und sehr ernsten Besonnenheit widersprachen. Er selbst war kaum noch -ein Däne; der lange Aufenthalt in Italien und Frankreich hatte alle -vorspringenden National-Eigenschaften in ihm verwischt. - -Graf Christian vermied Erörterungen, welche zu nichts Glücklichem -führen konnten, Alslev und er waren verstimmt, weil sie sich nicht zu -gleicher Ansicht zu vereinen vermochten; in sich selbst streng und -scharf concentrirt beobachtete der Advocat den Maler genau; er hätte -so gern etwas Bedeutendes aus ihm gemacht, ihn durch einen glücklichen -Wurf Geld und ein den Rang übertragendes Wirken verschafft -- Thorald -aber war und blieb eine hoffende, dem Leben vertrauende, sorglose -Künstlerseele; er war überzeugt, einmal ein unsäglich schönes Bild zu -malen, das ihm Ruf, Ruhm, Brot, und den Besitz der Geliebten zusichere. -Unterdessen aber malte er eine Menge gleichgültiger Portraits, wurde -Mode beim höchsten Adel und bei den Prinzessinnen, und begriff Helenens -leise Klage nicht; sie sah weiter hinaus als er! - -Die Hochzeittage mit ihren prächtigen Toiletten, alle den -Gnadenbezeugungen der alten Königin, welche sich der »endlich wieder -standesmäßigen Heirathen in der Familie Gejer« erfreute, das große -Festmahl, und die lästigen, das Zartgefühl der Neuvermählten nicht -sonderlich schonenden Gratulations-Visiten am Morgen nach dem Beilager --- Alles das war vorüber! Nach den erwiederten Besuchen bei der über -halb Copenhagen reichenden Vettern- und Cousinenschaar, wollten die -neuen Ehepaare auf ihre Güter. Am Morgen vor dem Abschiedstage fuhren -zwei schwere Caleschen in den Hof -- die Neuvermählten waren schon auf -ihren Berufswegen, und die Meldung des Besuchs erging an die »Gräfin -Gejer!« Es waren die sieben Gejer-Mogenstrupp, Hochwürden! Sie wurden -zu Eva geführt; welch ein Elend einen Bedienten vom Lande zu haben! -der redliche Nysteder kannte die Weltverhältnisse nicht! Da standen -sie, grau und Ehrfurcht erregend, in stummer Erhabenheit, wie sieben -Wartthürme des Mittelalters die anmuthige Eva umgebend, und vermochten -kaum das schwere Haupt ein klein wenig zu neigen, zum Gruß! Tödtlicher -Schreck lähmte ihre riesigen Glieder: sie, die Hochadeligsten -aller Chanoinessen, hatten der »wegen Kränklichkeit« nicht an den -Hof gehenden Fästebönders Tochter, der nie zum Gesellschaftskreis -mitzählenden Pseudo-Gräfin, die +erste Visite+ gemacht -- - - * * * * * - -Mit eben so viel Anmuth als Würde empfing sie die liebenswürdige, -sanfte Eva; sie errieth leicht, daß der hohe Besuch ihrer Schwägerin -Helene gälte, deren Rückkehr in das Stift Wallöe bereits festgesetzt -war, und ließ diese sogleich zu sich bitten. Wie ein Frühlingsvöglein -schwebte die kleine Comtesse herein und auf die sieben Wartthürme -zu, welche sie sogleich im Flug der zierlichsten Worte umkreis'te, -und ihnen zu dem Zufall Glück wünschte, ihre leider fast nonnenhaft -zurückgezogene Schwägerin auf diese Weise kennen gelernt zu haben! -So leichten Kampfes waren jedoch die empörten Stifts-Damen nicht -zu beschwichtigen! Es entspann sich eine jener gesellschaftlichen -Fehden, welche nur Frauen führen und kennen; mit hinreißender Anmuth -verstand es Helene, jedem Worte, das Eva sprach, volle Geltung zu -verschaffen, und deren Charakter, Stellung, Güte und Glück fortwährend -hervorzuheben, indem sie selbst sich ihr gänzlich unterordnete und -sogar den Rang der regierenden Gräfin und verheiratheten Frau in -volles Licht setzte. Die sieben Mogenstrupps rissen unermeßliche -Augen auf -- sie fühlten sich angegriffen bis in's eigentliche -Mark ihres Lebens -- und schritten zur Rache! Alle Sieben begannen -mit unendlicher Volubilität von lauter kleinen Hofgeschichten und -Familienangelegenheiten der höchsten Kreise, als von bekannten Dingen -zu sprechen, indem sie sorgsam alle darin vorkommenden Personen nur -bei Vornamen oder den Spitz-Namen nannten, die man ihnen in jenem -Cirkel gab; Eva konnte um alle diese Einzelnheiten nicht wissen, und -die siegreichen Sieben stellten sich auf solche Weise zu Helenen in -intimen Rapport, während sie die Gräfin aus dem Interesse des Gesprächs -gewaltsam herausdrängten, um sie fühlen zu machen, daß sie jenem -Cirkel der königlichen Familie und des sie eng umgebenden Adels nicht -angehöre, obschon sie Christians Titel führe. - - * * * * * - -Helene gab nicht nach! Geschickt deckte sie sogleich ihre Schwägerin -mit dem Schilde des Ausländisch-Modischen, warf nebenbei mit der -persönlichen Gunst der verwitweten Königin um sich, als habe sie -dieselbe in der Tasche, und überwältigte endlich in fortgesetztem -Gespräch den Feind durch eine Menge Anekdoten vom englischen, -russischen und schwedischen Hofe, mit denen sie die der ganzen -civilisirten Außenwelt entfremdeten Mogenstrupps dermaßen betäubte, -daß ihnen nichts übrig blieb, als die herkömmlichen Stiftsgeschenke an -Elixiren, Rosenwasser und Confitüren zur Reise der »theuren Cousinen« -in ihre Hände niederzulegen und den formellen Rückzug anzutreten. - -Als sie fort waren, warf sich die ermüdete Siegerin auf das Sopha, -ein Paar großer Thränen perlten in ihren Augen. Es ist sehr schwer zu -sagen, warum sie weinte, ob aus Nichtachtung oder Ueberschätzung der so -eben hart von ihr angegriffenen Vorurtheile! - -Eva blieb still und gelassen, wie immer; ihr fehlte nie etwas anderes, -als ihres Christians volle Liebe, wie sie einst sie gekannt und -besessen. - -Allein am nämlichen Vormittage schrieb Helene zwei Briefe; den ersten -an Thorald. Sie bot ihm an, mit ihm zu fliehen nach Frankreich -oder Italien. »All diese Einwirkungen und Rückspiegelungen -angenommener, langjähriger Vorurtheile werden aus Pygmäen zu uns -überwältigenden Riesen, wenn wir den hiesigen gewohnten Familien- und -Gesellschaftsformen ausgesetzt bleiben! An jedem andern Orte, um wie -mehr in einem anderen Lande, verlieren sie alle Geltung. - -So wenig als unsere monopolisirende, auf Fabrikwesen und Gewerbefleiß -angelegte Academie Ihrem Kunststreben wirklich fördernd genügen kann, -eben so wenig würde Ihnen ein Lebenskreis genügen, in welchem wir -stets defensiv aufzutreten hätten! -- Den ganzen Morgen hindurch habe -ich für meine Schwägerin mit den scharfen Waffen der Ironie gegen die -Thorheit meiner sogenannten Standesgenossen gekämpft, gegen die armen -Mogenstrupps, die am Ende glücklicher sind als Jene, denn sie haben -sich mit dem Leben außer ihrem Stift und mit den persönlichen Wünschen -abgefunden; dennoch habe ich sie und mich mit den spielend geführten -Waffen verletzt -- verletzen +müssen+! - -O Thorald, lassen Sie uns den Muth fassen, unser Vaterland auf -vielleicht zehn, zwölf Jahre zu verlassen, in Frankreich, England, -Deutschland -- wo Sie wollen, zu leben, menschlich frei zu sein! uns -bleibt keine Wahl, wenn nicht unsere edelsten Seelenkräfte einer -fortgesetzten, sie verkrüppelnden Entwürdigung ausgesetzt bleiben -sollen!« - -Den Rest des Briefes nahm der Ausdruck der tiefsten, weiblichsten -Zärtlichkeit ein, und die Bitte, sie bei einer gemeinschaftlichen -Bekannten zu erwarten, bei welcher sie zuweilen sich getroffen. - -Das zweite Schreiben war an den Grafen Christian; es ward abgesandt, -als Helene zu jener Freundin gefahren, bei welcher sie Thorald zu -finden hoffte. Sie schrieb: - -»Du hast Wort gehalten, Christian, Du sagtest mir, als meinen -Widersacher Dich anzusehen, und hast offenbar und insgeheim als -solchen Dich mir bewährt. Kämpfe mit gleichen Waffen ehren die -muthig Streitenden, die unsern sind nicht einmal gleich, sondern -die Deinen stärker -- dennoch hast Du mir alle mögliche Ehre durch -Deine hartnäckigen, unablässigen Angriffe erzeigt. -- Vergieb den -trüben Scherz, ich gehe wahrlich nicht darauf aus, Dir wehe zu -thun; ehemals kanntest Du mich; Du bist aber in den letzten Jahren -immer unglücklicher geworden, und Thränen, sagt man, machen blind; -darum wähnst Du auch durch Gewalt mich zu besiegen und vermöchtest -doch höchstens mich zu tödten aus Scherz, nicht aber mich bis zur -Regungslosigkeit zu zerdrücken, wie jene Unglückselige, die wir nicht -nennen wollen! - -Mir scheint, Du hast in unserer Familienstellung eine unbedeutende -Kleinigkeit übersehen, nämlich: daß ich das jüngste Fräulein unseres -Hauses bin, und mir bei einer keineswegs durch Adelsforderung -verklausulirten Verheirathung als solchem die zehntausend Thaler -Mitgift zufallen, welche die Schwester des Grafen Owen, unsere -Großtante, uns ausgesetzt hat. Ich wußte seit Jahren um diese Sache, -und der Instinct der Schwachen ließ mich in Alslevs Studirzimmer unser -Familienbuch, und in diesem die Notiz darüber finden, während Du bei -unserer Ankunft Dich seiner sogleich bemächtigtest, ihn in Dein Zimmer, -und mir und meinem Vertrauen zu entführen für gut fandest. -- Ich -werde auf diese Summe Anspruch machen, Du hast kein Recht, mir sie zu -verweigern, mich aber wird dies Geld vor jedem Mangel schützen, bis es -meinem theuren Thorald gelungen sein wird, uns Beiden eine nur auf -sein Talent und seine eigene Kraft begründete Existenz zu sichern.« - - -Trostlos kehrte Helene heim vom Besuch der arglosen Freundin, bei -welcher sie Thorald gesehen! Sie hatte Gelegenheit gefunden ihn zu -sprechen, sogar allein eine lange Unterredung mit ihm gehabt -- aber -ach! -- Thorald hatte mit dem vollen Ausdruck der zärtlichsten Liebe -in Blick und Wort dennoch auf das Allerbestimmteste sich geweigert mit -ihr zu fliehen! -- Sein dem Grafen Christian im Wäldchen auf Laaland -gegebenes Wort, »nichts zu thun, was Helenens Ruf der Welt oder dem -bösen Leumund des Kreises, welchem sie angehöre, preisgäbe,« -- war er -entschlossen zu halten. - -»Laß mich als fester Mann ihm gegenüberstehen bleiben, wie ich dort -am See mich vor ihm als solcher empfand,« bat er sie, »damit er einst -Deinem Gemahl seine Achtung nicht zu versagen im Stande! Sobald mir -möglich sein wird Dir meine Hand zu bieten, wird das Vermögen, welches -Du mir zuzubringen gedenkst, mir den Trost gewähren, Dich wenigstens -nicht harter Entbehrungen durch unsere Liebe ausgesetzt zu sehen, -allein nur in unserm Vaterlande, nur öffentlich, vor Deiner Familie und -Aller Augen, darf ich als mein eigen Dich an mein Herz schließen, als -meine Frau Dich heimführen, wäre es auch gegen den Willen der Deinen!« - -Was sie ihm auch einwandte, glitt an der einmal empfangenen -Gedanken- und Gefühlsrichtung seines einfachen Charakters ab; sobald -Thorald nicht durch äußere Uebermacht gesteigert aus sich selbst -herausgetrieben zu enthusiastischer Heftigkeit hingerissen handelte, -war er gerade und redlich in allem Thun; er vermochte sein Glück nicht -um den verlangten Preis zu erkaufen. - -»Kein Flecken darf durch meine Liebe zu Dir auf den Schnee Deiner -Seele fallen! Nicht Deiner stolzen Familie, nicht Christians Versagen -schreckt mich, auch ohne alle Einwilligung der Dich mir Mißgönnenden -werde ich Dich einst mein nennen, aber öffentlich, nicht insgeheim. -- -Sind wir aber einmal verbunden, dann Liebste, dann laß uns fortziehen, -daß sich der allerschönste Erdenhimmel, das blaue Zelt Italiens über -unser Glück hinwölbe, seine klare Sonne freudig uns in's Herz scheine, -und wir all den grauen Jammer ihrer Pergamente und Diplome vergessen.« - - * * * * * - -Ach, Helene wußte nur zu genau, daß kein Priester sie trauen werde in -Dänemark, ohne Einwilligung des Bruders, welcher nach Landessitte und -Brauch Vaterstelle an ihr vertreten, fast seit ihrer Geburt. - - * * * * * - -Im höchsten Grade verstimmt schritten Graf Christian und Alslev in -dessen Studirzimmer auf und nieder; das sorgsam geführte Register aller -im Archiv der Familie Gejer enthaltenen Documente lag im uns wohl -bekannten Pergamentbande auf dem Pulte des Advokaten. »Und so,« schloß -dieser seinen Bericht, »fand sie schon am ersten Tage ihrer Ankunft -Gelegenheit, eine Schrift zu sehen, deren Inhalt ich ihr absichtlich -verborgen.« - -»Und schwieg darüber bis heute!« setzte der Graf hinzu, »auch dahinter -muß eine Absicht versteckt sein --« - -»Nein,« erwiederte Alslev, »die Comtesse läßt sich ungern vom -Augenblick zu Gewaltschritten drängen, und concentrirt auf diese Weise -für den Nothfall all ihre Kraft. Ich glaubte behaupten zu dürfen, daß -wenn der Herr Graf Dero Abreise, und mithin Gräfin Helenens Rückkehr -in's Stift etwas weniger hastig betrieben, dieselbe ruhig hier verweilt -haben würde; hätte die Academie dem wirklich talentvollen jungen Manne -die Professur gewährt -- sie wäre sogar ruhig nach Wallöe gezogen; ihre -Pläne sind noch nicht reif!« - -»Am Ende hätten wir doch nur einen Aufschub erlangt! Ich kenne Helene -besser! Hier hilft +nur+ die stärkere Gewalt. Zum Glück kann ich auf -das Bestimmteste ihr meine Einwilligung versagen; sie mag meinen Tod -abwarten und --« - -Des Advokaten Züge überflog ein leiser Spott, -- »und in zwei Monaten -ist sie mündig,« fügte er der abgebrochenen Phrase an. »Ich bekenne, -daß ich nicht ganz begreife, weshalb gerade der jüngsten Comtesse -Heirath dem gräflichen Hause so ganz besonders wichtig. --« - -»Haben Sie nie bedacht, daß von den Töchtern unseres Hauses, deren -eine unseren Namen dem ihres Gemahls beifügen kann, die Erhaltung -des Geschlechts der Gejer oder wenigstens der Hauptlinie der Familie -abhängt, oder abhängen wird, denn --« - -»Allerdings scheint wenig Aussicht zu einer Descendenz des Grafen -Friedrich geblieben; aber Graf Joachim --« - -»Ist schwächlich wie ich! Ich kann und werde diese Verbindung mit -dem jungen Roturier von einer zu ganz unbekannten Größen gehörenden -Abstammung +nie+ zugeben! Ich bin uns Allen schuldig, unter keiner -Bedingung es zu thun. -- Morgen soll mir Helene auf ihr Stift nach -Wallöe!« - -»Darf ich Ihnen rathen, so überreizen Sie das heftige Mädchen nicht! -Treiben Sie sie nicht auf's Aeußerste --« - -»Was kann sie in solcher Geschwindigkeit, binnen vierundzwanzig Stunden -unternehmen, Alslev? Auch Sie übertreiben!« - -»Sie könnte zum Beispiel den Geliebten dahin vermögen, mit ihr nach -Frankreich oder England zu fliehen.« - -»Tod und Teufel! Alslev! eine Gräfin Gejern!« - -»Ist vor Allem ein Weib, und hier ein leidenschaftlich liebendes --« - -»Sie haben Recht. Man muß ihr jede Möglichkeit zur Flucht abschneiden, -sie bewachen, ihr Gesellschaft leisten, wollte ich sagen --« - -Und unterdessen schwamm Helene in Thränen, weil Thorald unerbittlich -blieb! - -Es giebt eine Menge weiblicher Wesen, welche von der Natur zu -Vertrauten-Rollen im großen Lebens-Drama bezeichnet scheinen, sie -kommen niemals dahin, eigene reelle Verhältnisse, reinpersönliche -Erfahrungen zu haben, ihr Leben wird von Andern gelebt, sie verfließen -ganz in Anderer Individualität, in Anderer Leid und Lust. Zu diesen -Naturen gehörte die Nordermule, sie ging auf in der drei Gräfinnen -Persönlichkeit. Seitdem die zwei Aelteren vermählt und von Copenhagen -fortgezogen, hatte eine unbeschreiblich tiefe Melancholie das gute -alte Mädchen erfaßt, alle ihre Stunden waren ihr übrig geblieben! --- Daß Helene ihrer nicht bedürfe, war ihr längst deutlich geworden, -nun fürchtete sie, daß ein rascher Schritt derselben sie sogar um den -Anblick des letzten ihr gebliebenen Zöglings bringen und dann ihr -armes Leben zu einer ganz zwecklosen Leere sich ausdehnen werde. Schon -die alljährig sich erneuende Rückkehr in's Stift war ihr qualvoll, -sie gehörte auf keine Weise zu demselben; von Alters her war ihr das -ehemalige Stübchen ihrer Mutter geblieben, welche, wie schon erwähnt, -in der verstorbenen Fürstin Abatissin Diensten gestanden. Wie ein -Stück Möbel oder sonstiges Geräth, hatte man sie dem Haushalt der -wahnsinnigen Ulrike zugestellt, bei welcher sie lange Jahre geblieben --- später hatte Graf Thugge sie zur Pflege und Erziehung seiner drei -Töchter nach Aalholm berufen. - -Starr vor sich hinblickend, überdachte die kleine Buckliche ihre lange -ereignißlose Existenz; ein Lichtpunkt derselben blieb Ulrikens erster -Anblick; Emerenzia hatte sie zum ersten Mal in einer künstlichen -Dämmerung, bei zugezogenen rothen Vorhängen gesehen und zwar jener -unbewußt; denn nur nach und nach hatte man die Leidende an die Nähe der -Fremden gewöhnen können. Wie heiß und jugendfrisch hatte sie von jenem -Moment an für die schöne Trauergestalt gefühlt und geschwärmt, die kaum -halberschaut ein Ideal aller Schönheit und weiblichen Vollkommenheit -ihr geblieben. Ach, die stets nur mit dem Bilde des ihr entrissenen -Liebsten sich beschäftigte, in dem einzigen Gedanken absorbirte Ulrike, -hatte die leidenschaftliche Hingebung des armen Mädchens nicht einmal -bemerkt. Dennoch hatte diese den schönsten Theil ihrer Jugendjahre -ihrer Pflege geopfert, und aus den Erinnerungen an jene Zeit den -Nimbus all ihrer Träume gewoben -- für noch blüthenlosere Tage, voll -noch herberer Realität. Der verschwiegenen Treue der allmälig mit dem -Hause Gejer so eng Verwachsenden, deren Gegenwart man bedurfte ohne -sie zu beachten, deren Lebenskraft man verbrauchte ohne je darüber -nachzudenken, war die ganze Qual des Mitgefühls der unseligen Ehe des -Grafen Thugge aufgebürdet worden. - -Alle Phasen des überhand nehmenden riesigen Elends, das verschmähte -Liebe, Haß, Argwohn und Flatterhaftigkeit einem Ehebande zu bereiten -vermögen, hatte sie mit durchlebt; die ganze dem kleinsten Samenkorn -des Unrechts entwachsende Wucht gegenseitiger Versündigung mitgetragen, -all den Seelenverrath sich täglich erneuender Verzweiflung an allem -Guten, an Gott, Menschen und dem eigenen unbarmherzigen Selbst hatte -die arme Nordermule mit durchfühlt in endloser Gewissenspein. Es hatte -Niemand je daran gedacht es ihr anzurechnen, oder gar es ihr zu danken. - -Später hatte Emerenzia dem Leben der Kinder eben so rücksichtslos -Körper und Seele geweiht. Jene schwersten Ereignisse waren -vorübergezogen, Graf und Gräfin ruhten endlich im Grabe. Nun nahmen -Glück und Leid der Uebriggebliebenen ihre von dem Dasein Emerenzia's -weit abführende Richtung. Neue Fäden knüpften sich zum Gewebe besserer -Tage -- die Nordermule blieb verlassen allein zurück; die sie mit ihrem -Herzblut genährt, zogen fort; weder Licht noch Schatten der ihr nun -entfremdeten Existenzen der Geliebten fiel mehr auf sie zurück. -- Sie -hatte die Erlaubniß nach Belieben im Schlosse oder auf dem Stifte zu -weilen. -- - -Große schwere Thränen rollten über die bleichen gefurchten Wangen der -Alten; es sah es ja Niemand, sie durfte schon weinen. Da öffnete sich -leise die Thüre ihres Stübchens -- es war Graf Christian, der eintrat. - -»Liebe Emerenzia,« sagte er kurz aufathmend, eilig, in gepreßtem Tone, -»Sie wissen, wie ich voraussetzen muß, Alles was hier im Hause, was -in Helenens Seele sich zuträgt -- ich brauche mich nicht deutlicher -zu erklären. Es soll eine große Unbesonnenheit, ein Unrecht begangen -werden -- Sie müssen das hindern, oder vielmehr mir helfen es zu -hintertreiben. Meines seligen Vaters Zimmer grenzt an das meiner -Schwester; -- ich bitte Sie dort insgeheim diese Nacht zuzubringen -- -die Fenster gehen nach dem Garten wie Sie wissen -- auch diesen Abend -ersuche ich Sie, sich dort oder bei der Comtesse aufzuhalten. Sie -verstehen mich doch genau? Helene darf nicht sich selbst überlassen -bleiben, nicht unbeachtet -- und man kann sie doch nicht bewachen -lassen.« - -Der Graf trocknete sich heftig mit dem Schnupftuch die Stirn, sie war -mit Schweiß überdeckt, trotz der Kälte im Zimmer. - -»O weh! also hatte mein banges Herz richtig geahnt, was uns bedroht!« -sagte die Nordermule zu sich selbst. Sie war schon aufgestanden, um dem -erhaltenen Befehl augenblicklich Folge zu leisten; »aber,« bemerkte sie -zaghaft zögernd, »wird der Comtesse mein ungewohnter Aufenthalt in den -Gemächern des seligen Herrn Grafen nicht sehr auffallend sein? oder -wird sie vielleicht auf meine Gegenwart gar keine Rücksicht nehmen? -ich wäre ja nicht einmal im Stande sie zurückzuhalten.« -- Glühendroth -wurde Christian, er biß sich in die Lippen, »im Nothfall rufen -- -schreien Sie! ich -- begreifen Sie denn nicht? -- ich werde angezogen -in meinem Zimmer wachen. Muß man,« setzte er ungeduldig mit dem Fuß -stampfend hinzu, »einer Person, welche ein Viertel Säculum im Hause, -mit schlagender Derbheit auch das Zarteste breit treten, damit sie es -erfasse und ihr wie einem Neuling, wie einem unserer ausländischen -Diener +befehlen+? -- Sie werden das sich im Augenblick als passend und -nothwendig Herausstellende thun, Jungfrau Nordermule,« setzte er stolz -den Kopf zurückwerfend, mit dunkel aufblitzendem Auge sie durchbohrend -hinzu, »oder -- hätte ich mich geirrt? wüßte Die, welcher wir, mein -Vater und ich, ehemals die Ehre unseres Hauses unbedingt anvertrauen -durften, jetzt keinen Rath mehr zu finden, das Rechte zu thun? Hat -Helenens Wahnsinn auch Sie so verblendet, daß Sie wie ein kleines -Pensionsmädchen ihr beizustehen wähnen, indem Sie die bereits Taumelnde -dem Abgrunde zustoßen, an dessen Rande sie steht? -- Ist es möglich!« -rief er plötzlich, auf's Leidenschaftlichste erregt zum Himmel -aufblickend und die gefaltenen Hände schmerzhaft gegen die auffliegende -Brust gedrückt, »auch hier habe ich geirrt!« - -»O nein, nein, niemals!« rief in die Knie sinkend und seinen Rock -ergreifend die Nordermule, »um Gotteswillen kein Mißtrauen! es würde -mir das Leben kosten! Alles, Alles, was Sie wünschen, soll geschehen, -wüßte ich nur genau, wie das Rechte erreichen; ach, Graf Christian, ich -bin nicht mehr stark und jung wie in jenen Tagen, der Körper altert, -bleibt auch das Herz jung!« - -Lebhaft riß Christian die Bebende auf, alle Muskeln seines edlen -Gesichtes vibrirten, tief beschämt führte er sie sorgsam zu einem -Sessel; er sprach kein Wort. Sie sah zu ihm auf, wie ein sterbender -Katholik zu seinem Schutzpatron, der sie vertreten soll vor dem ewigen -Richter. Endlich, als sie nicht mehr so convulsivisch schluchzte, nahm -er, in den gewohnten etwas unsichern Ton zurückfallend, ihre Hand, -»vergeben Sie,« sagte er, »ich habe Sie durch meine Heftigkeit sehr -erschreckt! Ich war nicht darauf vorbereitet einer unserer Familie so -ergebene Person« -- das Wort Freundin brachte er nicht über die Lippen --- »Erörterungen so schmerzhafter Art geben zu müssen.« Leise drückte -er die ergriffene Hand, und Emerenzia blieb allein. Eine wunderbare -Verklärung überzog die unschönen Züge des armen alten Mädchens; also -hatte er doch wirklich einmal gewußt, was sie mit seiner Mutter -ertragen, um seinetwillen! Seine Jugendgestalt schwebte ihrem innern -Blicke vorüber. Dann sah sie die Stelle noch einmal an, wo er vor ihr -gestanden, und die Stuhllehne, auf welcher seine Hand geruht, während -sie da saß und weinte -- und begab sich, fest entschlossen, Alles zu -Erhaltung der Ehre und Wohlfahrt der Familie zu thun, in das Zimmer des -verstorbenen Grafen Thugge. - -Vor Helenen stand in der nämlichen Stunde der gute isländische -Pfarrherr, hielt begütigend, wie ein mildrichtender Vater, ihre kleine -Hand in seinen beiden großen und endete eine lange tröstende Rede mit -diesen Worten: - -»Glauben Sie mir, theure Comtesse, jede willkürliche Abweichung von -den uns vorgezeichneten Lebenswegen, obschon sie in der Zulassung des -Höchsten liegt, denn sonst könnte sie ja nicht geschehen, bringt neues -Leid, statt des gehofften Erdenglücks. Der gewaltsam Handelnde erzeugt -neue Gewaltsamkeit. Ist es Ihnen möglich, so greifen Sie nicht jetzt, -nicht in einem Augenblicke in Ihr Geschick, in welchem alle Tiefen -Ihrer Seele vom Schmerz aufgewühlt sind!« - -»Ach, würdiger Herr,« erwiederte Helene, »Sie sind über all diesen -täglich sich erneuenden Quälereien hinaus, Sie leben Ihr einfaches, -gottergebenes Dasein so still für sich hin, wie können Sie die Pein -all der civilisirten Nadelstiche mir nachempfinden, wie ich unter den -Meinen, wie in der Gesellschaft ich sie erdulde.« - -»Und doch lehrt mich nicht nur die Religion, welche für alles -Menschenweh dem aufrichtig das Gute Wollenden die Gefühlsfäden -verleiht, das fremde Leid zu erkennen; auch die Geschichte meiner Väter -mahnt mich zum Verständniß des meiner Stütze Bedürfenden. -- Zwar -haben wir Geistlichen auf Island keine blutige Fehden mehr, wie im 16. -Jahrhundert, aber wie um die Mitte desselben Bischof Arensen mit seinen -beiden Söhnen den Tod auf dem Schaffot dem Versprechen vorzog, das man -ihm abverlangte: sich nicht an seinen Feinden zu rächen, wie er in -starrer Unbeugsamkeit, ohne ein Wort der Selbstvertheidigung lieber als -Majestäts-Verbrecher das Todesurtheil über sich aussprechen ließ, um -nur das stolze Herz nicht demüthigen zu müssen, im Zugeständniß seiner -Unbill, so denkt noch jeder einzelne Bewohner unserer Insel. Je rauher -das Clima, je schneidend schärfer der Wille, je karger die Gaben des -erkaltenden Bodens, je eigensinniger der Mensch in jedem ihn und die -Seinen betreffenden Entschluß! Wäre ich sonst wohl hier? -- Ach der -Isländer härtet seine Seele im Frost, wie das Eisen im Feuer. So kenne -ich denn gar wohl die Tiefen der übermüthigen Menschenbrust, die weder -in Haß noch in Liebe das richtige Maß zu halten im Stande. Mein Heiland -und Herr! Seit mehr denn zweihundert Jahren schon liest der isländische -Bauer die Bibel in seiner eigenen Muttersprache, und immer noch -erweicht ihm Gottes mildes Wort nicht das verstockte Herz, -- sehen -Sie, lieb Fröken, so weiß ich denn auch um die Gewalt der Leidenschaft, -hab' auch ich selber sie nie empfunden -- sie spiegelt sich auf gleiche -Art in der Nation, wie im Individuum: von Leidenschaft seid Ihr +Alle+ -bewegt! --« - -»So soll ich den Mann, der mir unbedingt vertraut, einer Grille -meiner Brüder wegen verlassen? -- Ihn aufgeben in einem Augenblick, -wo der Adel überall wie ein veraltetes, menschliches Institut in sich -zusammenbricht, und zurücksinkt in die eigene Unbedeutenheit -- wo er -allmälig nur zum Hofgewand sich gestaltet, das man ab- und anlegt nach -Belieben, eben da soll ich Thorald aufgeben? Ihn den Liebenden? Ihn der -mich beglückt? Habe ich denn zur Aufrechthaltung des alten adeligen -Stammes, wenn sie denn wirklich als etwas Wünschenswerthes gelten soll, -nicht Brüder und Schwestern --« - -»Aufgeben? nein! aber warten! die Gestaltung dieser gährenden -Volksmassen in ihren immer schnelleren Bewegungen abwarten, die Zeit -arbeitet an einer Krisis, --« - -»Abwarten! -- Jürgenssen! Sie haben wohl niemals von dem Geschick -gehört, das die Liebe den Unglückseligen unseres Hauses zu bereiten -pflegt. O es ist grauenhaft, mit welcher vornehmlächelnden Heiterkeit -wir ganz unmerklich Herzen zu brechen, keimende Hoffnungen zu knicken -verstehen! Sie haben wohl niemals von meiner verstorbenen Tante Ulrike -gehört?« - -»O wohl und oft!« - -»Und -- auch von meinem Vater?« - -»Fast mehr als Sie, liebe Comtesse, von ihm wissen mögen!« - -»Und Sie muthen dennoch mir zu, einem Ausspruch mich zu unterwerfen, -der solche Opfer seinem lächerlichen Götzen bringt, oder eine äußere -Hülfe zu hoffen?« -- - -»O, liebes Fröken,« sagte der schon bei den ersten Worten, welche -das Leben ihrer Vorgänger im Leide berührten, in sich und seine -Erinnerungen versunkene Kind, »welch ein edles Herz hatte Ihr Vater! -Als er auf unsere Insel kam, war ich eben erst von Norwegen herüber -gekommen, wo ich zu Drontheim auf der Schule gewesen. Ich war fast noch -ein Knabe. Aber immer wieder und wieder erzählten sich die Männer auf -der Insel von dem traurigen und liebreichen Manne, der einer Rose wegen -nach Island gereis't und --« - -»Mein Vater auf Island? Sie träumen lieber Kund!« -- Der gute Pfarrer -schüttelte sanft das Haupt: »sollte man Sie, theures Fröken, um das -Erkennen der Trefflichkeit Ihres Herrn Vaters gebracht haben? Das ist -ja kaum möglich! es ist ja so herrlich dieses Bild seines dortigen -Aufenthaltes, es ist ja so recht wie ein von der Gnade des Herrn uns -hingestelltes leuchtendes Sternbild, das den Erdenweg uns erleichtert, -indem es an den Himmel uns erinnert!« - -Helene sah ihn mit bittenden Blicken an. - -Der gute Alte setzte sich, wie immer etwas ängstlich ungeschickt »in -den prächtigen Zimmern« mit dem Rücken gegen die Thür, welche Helenens -Stube mit der des verstorbenen Grafen verband. - -»Es war im Frühling des Jahrs 1763« -- ein leiser Seufzer drang aus -dem Nebenzimmer an Helenens Ohr -- ein Schauer überflog ihre Glieder, -sie wickelte sich fester in ihrem Shawl, »als ein ältlicher Herr,« -fuhr der Pfarrer fort, »der sich insbesondere mit Naturwissenschaften -befaßte, zu uns herüber kam -- hier im Lande mag es wohl schon Sommer -gewesen sein, denn er war kurze Zeit vor dem Johannisfeste; -- über -die Eilande Engey und Vidöe, wo sonst das große Mönchskloster lag --- das jetzt ein königlicher Hof geworden, des Eiderdaunenverkaufs -wegen -- war der fremde Herr nach Reikiawik gekommen, das damals nur -ein elendes Dorf von wenig Häusern war. Nach dem Kloster auf Vidöe -war er gegangen, um eine Blume zu suchen, eine Rankenrose, sagte -man, welche in anderen Ländern eine große Seltenheit sein soll, bei -uns aber dem Hochgebirge wild entsprießt, wie den Gletschern in der -Schweiz die Alpenrose. Ehemals hatte die Rose im Mönchskloster fast -das ganze dem Brüderhause anhangende Kirchlein umwoben, nun seitdem -ihre Pfleger vertrieben und ausgestorben, war sie verkommen, wie das -ganze Gärtlein; keine Spur war dort mehr von ihr zu finden. An der so -eifrig gesuchten Rose aber hing des Wandrers ganzes Herz, ihretwegen, -sagte er, habe er die Heimath verlassen, er bedürfe sie, um sie in ein -großes Buch zu legen, und die Beschreibung derselben einem botanischen -Werke einzuverleiben, an welchem er arbeitete. Es müßten, meinten -die isländer Häuerlinge, dem guten blassen Herrn, der immer so ernst -und trübe vor sich hinsähe, daheim viel traurige Prüfungen auferlegt -worden sein, die ihn so recht gerade zu in das Herz getroffen, daß er -an so kleinen Dingen Trost zu suchen in die Fremde ziehe! Er wollte von -uns aus nach Rangavallesyssel, wo er im Hochlande die Rose zu finden -sicher war« -- der Seufzer in der Nebenstube wiederholte sich, ein -beklommenes, schweres Athmen ward in der Stille, welche nur Kunds milde -Stimme belebte, deutlich hörbar. Rasch sprang Helene auf und öffnete -die Thüre hinter dem durchaus arglosen Kund: die Nordermule saß in des -Grafen Zimmer an der Wand in der nächsten Nähe desselben, jedes seiner -Worte mußte dort ihr vernehmlich gewesen sein. - -Einen Augenblick maß des Mädchens glühender Blick Beide -- »ich bin -wohl hier in meinen Zimmern bewacht?« fragte sie sehr ernst, dann -setzte sie scherzend hinzu: »Du kannst ruhig zu Bette gehen Emerenzia, -wenn Du es nicht vorziehst unseres lieben Pfarrers Erzählung mit -anzuhören, ich entfliehe Euch nicht! denn -- Thorald hat nicht -+gewollt+! das kannst Du denen sagen, welche Dich hierher postirt,« -setzte sie mit leicht bebender Lippe hinzu, indem sie fortgesetzt -schärfer und richtender der armen Nordermule in das erbleichende -Antlitz schaute; »aber nun, lieb Väterchen, fahrt fort in Eurer -seltsamen Geschichte der Wunderrose, die nur auf Schnee und Eis -erblüht!« - -»Ach,« sagte die Nordermule, »Alles, was der hochwürdige Herr erzählt -hat, so fabel- oder mährchenhaft es klingt, ist buchstäblich wahr! Ja, -Graf Thugge's Herz war zum Brechen voll und schwer, als er fortzog in -die nordischen Lande. Lange Jahre schon hatte er in der Botanik und -im Besitz irgend einer seltnen Pflanze, von welcher in ganz Dänemark -kein zweites Exemplar sich fand, die einzige Erheiterung seiner trüben -Tage gesucht. Die Frau Gräfin brachte immer längere Zeit, ja drei -Viertel des Jahrs bei ihren Freunden in Copenhagen zu, der arme Herr -blieb ganz allein mit uns auf dem Schlosse; Graf Christian war in -Bauerntracht entflohen und lebte in Jütland, die beiden anderen Junker -in entfernten Schulen; ich war abwechselnd hier bei den Kindern, oder -bei der Comtesse Ulrike. Wenn er nun die übergroße Einsamkeit seines -Lebens, (denn allen Umgang mit den Gutsnachbarn mied er), nicht länger -zu tragen vermochte, machte der Graf Reisen, nach Versailles, nach -England, und öfterer noch nach Holland, um seltne Gewächse zu sehen -und für sein Herbarium zu kaufen. In der Pflanzenwelt, sagte er, ist -Stille und Frieden, sie verblühen und verwelken sanft! So schritt er -leisen Schrittes zwischen den Wiesen-Blumen und unter den Riesenbäumen -des Parks hin, er liebte sie und betrachtete sie wie Verwandte; keinen -Stamm durfte man fällen, keinen Zweig knicken, keine Blüthe stören -durch Berührung! Mit den Sträuchern und Bäumen sprach er auch immer, -weit seltner mit uns! Im Winter trug er sich die Scherben voll Blüthen -in's Zimmer, war auch viel im Gewächshaus und spielte oft halbe Nächte -hindurch auf der Geige; dann mochten ihn wohl frohe Erinnerungen -umschweben, man sah ihn zuweilen mit der Violine in der Hand vor den -großen Saalspiegeln sich rhythmisch bewegen, fast wie auf Schloß -Steinburg die Comtesse, aber nur mit fest geschlossenen Augen. -- - -Weil das Alles Jahre lang immer sich erneuete, waren wir an sein -stilles Walten gewöhnt und suchten in solchen Augenblicken nur die -kleinen Kinder ihm fern zu halten, daß keines ihn störe. -- Immer -größer aber wurden seine Reisen, und führten ihn immer weiter hinweg. -Nun war es um die Zeit, daß wir zuerst an einen Versuch dachten, die -Comtesse hierher zu bringen, um dem Arzt näher zu sein, als der Graf -gerade einen Theil seiner Fels-Flora ordnete, deren Herbarium in -Steinburg lag. Da fehlte denn in der Reihe der wildwachsenden Rosen -eine hochnordische Alpenpflanze, welche alle Kälte überdauert und auf -das Gletschermeer ihre Blüthen wirft; Tag und Nacht dachte unser Graf -nur an sie, und beschloß endlich mit einem der Frühlingsschiffe nach -Island zu gehen, um sie zu holen. - -Ich weiß nicht wie es zuging, daß wir gerade über diese Reise so -ungewöhnlich viel redeten, die weite Entfernung, das rauhe Clima -machten uns besorgt -- es hat wohl so kommen sollen, nach des -Allmächtigen Willen! -- Kurz, wir vergaßen uns so weit, sogar in der -stets tief in ihren eigenen Gedanken versunkenen Ulrike Gegenwart von -des Grafen Absicht zu sprechen -- plötzlich horcht sie auf! ihr Auge -wird blau und strahlend, die Sehkraft desselben concentrirt sich in -der Pupille, jeder Bewegung mächtig, wendet sich ihr Antlitz uns zu. -»Nach +Island+?« fragt sie, »wer will nach Island?« -- Wir erzählen -ihr, glauben aber, daß sie nicht auf unsere Rede achten wird -- -aufmerksam, ohne einen Laut zu verlieren, lauscht sie unserer Antwort, -dann richtet sie plötzlich sich auf und steht vor uns. »Meinen Bruder! -ich will meinen Bruder sprechen,« sagt sie, fest und vollkommen ihrer -selbst bewußt. Welch ein Anblick! Diese tief verhüllte Herzensjugend, -die so plötzlich ihre Decke durchbrach, und vergeistigend die längst -verschrumpften Züge der Greisin durchleuchtete! Ihre gekrümmte, vom -Alter schon klein gewordene Gestalt streckte sich, uns Alle ergriff -eine unsägliche Ehrfurcht, denn es war, als ob Gott zu uns spräche aus -dieser mit einem Mal sich erfrischenden Vergänglichkeit -- sie wurde -beinahe schön wie in ihrer Jugend, durch das Erwachen eines himmlischen -Ausdruckes ihres Gesichts -- »Ich will meinen Bruder sprechen, meinen -Bruder!« wiederholte sie immer von neuem. - -Ein Reitknecht warf sich auf's Pferd und eilte zum Herrn Grafen, dem -er unterwegs schon begegnete, (des Herbariums halber hatte dieser nach -Steinburg gewollt), und Hans gab ihm die Nachricht, daß die Comtesse -ganz zusammenhängend gesprochen, und dringend nach ihm verlangt habe. - -»Das ist der nahende Tod!« rief der Erschrockene, »sie stirbt!« Rasch -sprang er aus dem Wagen, warf sich auf des Reitknechts Pferd, und -sprengte in rasendem Galopp zu uns herüber. - -Allein es war nicht die Hand des Todes, nur die der Liebe, welche das -Herz der Kranken berührt! -- Sie erkannte ihn sogleich; »Bruder,« sagte -sie, »die Frauen sagen mir, daß Du nach Island reisen willst« -- »ja,« -erwiederte der Staunende, sie wie ein Wunder anstarrend -- »ja Ulrike, -ich habe dort ein Geschäft, und will morgen schon hin.« - -»In der Sundlendinga Fiordung,« fuhr sie mit immer gleicher -Besonnenheit fort, »mußt Du nach dem Rangavallesyssel fragen, zwischen -den Apa- und Huitaae-Seen geht der Weg -- da liegt Skalholt, und etwas -höher hinauf das Pfarrhaus; drinnen wohnt ein sehr alter Mann, der -Prediger einer weit an den Bergen hin zerstreuten Gemeine, sie zieht -sich bis zu dem Markarfiorden hin, da mußt Du nach Johannes Thorson -fragen, und in seine Wohnung gehen. Frage nur recht genau, sie werden -Dich gern berichten; da findest Du einen alten Mann, alt und grau wie -ich, mit hellen blauen Augen, ach, du wirst ihn gleich erkennen, wenn -du ihn von Ulrike Gejer gegrüßt! Sage ihm, sie habe nie seiner Liebe -vergessen, und nie einem Andern die Hand gereicht, nie sei sie wieder -fröhlich geworden, nie habe sie wieder gelacht; Tag und Nacht, Wochen, -Monate, Jahre um Jahre, das ganze lange Leben hindurch habe sie nur -seiner gedacht -- immer -- nie weiter gedacht -- immer nur sein, sein -bis zum Tode!« - -Als sie diese Worte gesagt, vermochte sie nichts mehr hinzuzufügen, -ihre Kraft war gebrochen; sie sank zusammen und wir trugen sie hinaus -auf ihr Lager. Sie blieb still wie schlafend liegen, noch viele -folgende Tage hindurch; dann stand sie auf, fiel aber bald wieder in -ihre alte träumerische Geistesabwesenheit zurück, und sprach nicht -mehr. -- Der Graf reis'te am nächsten Morgen ab nach Island.« - -Mit sanfter Aufmerksamkeit hatte Kund der Nordermule unerwarteten -Eingriff in seine Erzählung hingenommen, mit wachsender Theilnahme, und -immer gespannter war er ihren Worten gefolgt. - -»Ja! so war es!« sagte er endlich, »gerade so erfuhren wir nach und -nach aus des Grafen Munde alle Einzelnheiten, die wir gar nicht -ahneten. Kaum hatte er unter unserer Leitung dem Rangavallesyssel sich -genähert, so fiel ihm auf, wie alle Pfade und Stege auf dem Gebirge -rein gehalten, und mit Wahrzeichen versehen, daß der Bergsteigende -die Richtung nicht verliere und nicht versinke in um das Frühjahr -von der Felswand sich lösenden weichen Schnee, oder begraben werde -in den leicht überdeckten Eisspalten. Die Bewohner des Syssels wären -reinlicher und besser gekleidet, meinte er, und ihn freute, wie -die Kinder, denen wir begegneten, alle gern Bericht gaben von der -Bergesrose, und sich erboten, sie zu suchen, falls sie schon erblüht, -sonst aber den Strauch mit den Wurzeln dem fremden Herrn zu bringen. - -Unter uns dachte Keiner an diesen großen Unterschied, welchen die -Gemeine der seltnen Sanftmuth und Geisteskraft ihres Predigers zu -danken hatte, welcher seit fast einem Menschenalter, ohne Weib und -eignes Kind, nur seinem Kirchspiel und dem Wohl seiner Pfarrkinder -lebte. Nun es der dänische Herr bemerkte, fiel es plötzlich uns Allen -auf. - - * * * * * - -Des guten Johannes Wohnung war ganz aus grau und rother Lava -erbaut; um dieselbe her lagen, da sie sehr klein war, noch mehrere -ebenfalls einstöckige Wirthschaftsgebäude zur Stallung des Viehs, zu -Schlafkammern des Gesindes und zu Aufbewahrung der Wintervorräthe -bestimmt; alle waren, wie das Sitte bei uns, roth angestrichen und mit -grünendem Rasen belegt. Dem Grafen schauderte vor der anscheinenden -Aermlichkeit und Oede dieses Aufenthalts, doch war alles, was er sah, -auffallend gut gehalten und glänzend rein: kein Fensterladen gebrochen, -kein Mist oder Unrath in Winkeln aufgehäuft, kein vernachlässigtes, -umherliegendes Ackergeräth zu sehen, Alles war sauber und geordnet. - -Als wir nun einsprachen, herrschte drinnen in der kleinen Stube -die nämliche stille Reinlichkeit; es war, als sei es immer Sonntag -drinnen: das Zimmerchen war weiß getüncht, auf saubern Regalen standen -lange Reihen dänischer Bücher, unter Glas und Rahmen hingen an der -Wand sorgfältig getrocknete Blumensträuße aus Dänemark, wie hier die -Wiese sie beut. Neben dem wohleingerichteten Schreibtisch, dem Feuer -zunächst, stand ein Körbchen, drinnen lag ein krankes Lamm, das der -Alte pflegte. Der Pfarrherr war nicht im Augenblicke daheim, die Magd -brachte uns einen Morgenimbiß, trockne Fische, gekochte Eier, Käse -und Blanda -- und die Burschen, die aus Reikiawik uns hergeleitet, -erzählten, wie der Pfarrer sie alle gelehrt, die Kartoffeln besser zu -bauen, wie er eigenhändig ihre Gärtchen angelegt habe, ihre Arbeiter -geleitet, ihre Häuser gerichtet unter dem Felsendach; immer war es der -Pfarrer, von welchem alles Gute kam, was sie thaten oder hatten, -- mit -thränendem Blick gedachten die alte Magd und der Knecht seines hohen -Alters, und der wenigen Ruhe, die er sich gönne! Was sollte wohl aus -ihnen werden, wenn sie ihn nun verlören? Und er war beinahe an die -Achtzig! Auch dem Grafen wurden die Augen feucht; da hörte man Schritte -und Jubelgrüße der Kinder draußen; es war der gute Prediger Johannes, -der heimkam aus dem Gebirg, wo er Kranke besucht. - -Ein durch die Jahre, wie Janfru Emerenzia von dem Fröken Ulrike es -bemerkte, tiefgekrümmter und durch die Grabesnähe schmächtig gewordener -Greis erschien an der Schwelle, mit einem Haupt voll schneeweißer -Locken, die zu beiden Seiten des ganz schmalen Gesichtchens auf die -Schultern herabfielen; sein Auge war noch hell und scharf, und der -Schnitt der Züge, wenn man sie nur erst recht angesehen, und über -alle Narben und Zeichen, welche Wetter-Unbill, Alter und Gram ihnen -aufgeprägt, hinaus war, immer noch auffallend edel und schön. Wie eine -Glocke tief und fromm klang seine milde Stimme; es war, als läge schon -im Ton derselben eine Beschwichtigung für den Leidenden, ihm seine -Noth Klagenden. Ueber dem geistlichen Gewande trug er einen schwarzen -Mantel, der um den Leib mit einem Strick von Ziegenhaar gegürtet war, -daß der Orcan ihn nicht an demselben zu erfassen und vom Felsrand -hinab in die Tiefe zu schleudern vermöge; auf dem Kopf hatte er eine -Pelzkappe, die er beim Eintritt nebst seinem Alpenstock der alten Magd -übergab. - -Freundlich und würdig begrüßte er den Fremden, als er ihn genauer -in's Auge faßte, überflog ein leichtes Zittern die ganze Erscheinung; -er fuhr mit der bebenden Hand über die Stirn -- als müßte er einen -Gedanken verscheuchen, doch setzte er sich schnell gefaßt zu uns -und entschuldigte, ihn herzlich bewillkommnend, bei seinem Gast -sein spätes Erscheinen. Graf Thugge erzählte dagegen ihm nun von -seinem botanischen Reisezweck und seiner Absicht, die Geiser und das -Hochgebirg aufzusuchen, und der Alte gab mit umsichtiger Ortskenntniß -ihm Bescheid. Wir anderen ihn Geleitenden hatten uns in einen -entfernten Winkel des Gemachs zurückgezogen, die Unterredung der beiden -Männer nicht zu stören; von dem, was sie betreffen werde, hatten wir -keine Ahnung; der Graf aber schien unsrer Gegenwart ganz zu vergessen. -Nachdem er dem Pfarrer für die ihm gegebene Auskunft gedankt, sagte -er ihm, daß er noch einen Auftrag, einen Gruß ihm zu überbringen -versprochen, und nannte des Frökens Namen. Als der Schall dieses Wortes -sein Ohr traf, schrak der Pfarrer zusammen, als habe ein elektrischer -Schlag ihn berührt -- dann aber vergeistigte sich die ganze zitternde -Greisesgestalt, einen Augenblick ward sie strahlend schön, durch -einen fast überirdischen Ausdruck; Johannes stand mit himmelaufwärts -gerichtetem Antlitz wie ein Prophet vor uns, der zu seinem Gotte -spricht, aller Erdengram war von ihm abgefallen; es war der heiße Dank -der Seele, der im preisenden Gebet zum Ewigen sich erhob für den ihm -endlich gewordenen, ein Leben lang ersehnten Augenblick. - -Graf Thugge vollendete seinen Bericht; ach, es blieb unmöglich, dem -Alten die Trauerkunde von Ulrikens Geisteszustande zu bergen! Demüthig -mit vor den zitternden Lippen gefaltenen Händen nahm er schweigend -sie hin; es lag etwas Unantastbares in der höchsten Freude, die ihm -geworden, nichts vermochte sie ganz zu zerstören; in frommer Ergebung -hörte er dem Grafen zu. -- »Sie sind Thugge! mein einstiger Schüler,« -sagte er endlich, »der hoffnungsvolle und doch so traurige Knabe, den -ich nur kurze Zeit unterrichtete und dann verlor! -- wie dachten wir -Beide so oft auch Ihrer! Auch diese Freude, Sie wiederzusehen, hat -mir der Herr geschenkt, o was sind alle Leiden, die uns Menschenhand -auferlegt, gegen seine allerbarmende Gnade! --« - -Er stand auf und näherte sich den mit Papier verklebten Fenstern, um -in hellerem Licht den Grafen besser zu sehen; es war als tränke er -Ausdruck und Form seiner Züge, als zöge er sie mit aller Seelenkraft -in sein Gemüth, um nur ja nie sie zu vergessen! -- Endlich richtete -er gefaßter den klaren Blick auf ihn: »Sagen Sie ihr,« sprach er -mit fester, sonorer Stimme, »daß auch ich keine Andre geliebt -- ja -nicht einmal ein andres Weib bemerkt auf der ganzen Welt! Daß auch -ich täglich immer und immer ihrer gedacht: daß Schmerz und Seligkeit -meiner Liebe zu ihr niemals geendet! meine Pfarre hat mich gerettet!« --- Unfähig weiter zu reden, drückte er dem Grafen die Hand, wandte sich -ab und trat in eine kleine Kammer, in welcher er schlief; die Thüre -zog er leise hinter sich zu. -- - -Uns aber winkte der Graf und wir gingen ernst, wortlos, wie aus der -Kirche, hinaus, schwangen uns auf unsere vor der Thüre angebundenen -Pferde und ritten schweigend dem Hecla zu. Draußen schien es -Frühling geworden, eine warme belebende Sonne vergoldete den fernen -Gebirgsschnee, und ließ die Gletscherspalten im reinsten Saphirblau -erscheinen, die Schneeammer sang, und die Kinder liefen uns mit -Alpenblüthen entgegen, die sie während unseres Aufenthaltes in der -Pfarre gesucht. - -Der Graf kehrte nicht nach Rangavallesyssel zurück; allein er -weilte noch mehrere Tage in der Sundlendinga Fiordung, und sprach -den Stiftsamtmann zu Reikiawik, bei welchem er eine große Geldsumme -niederlegte für die Gemeine von Skalholt, um jedem Wunsch des würdigen -Pfarrers für dieselbe, welcher bisher durch Unzulänglichkeit der Mittel -unerfüllt geblieben, zu willfahren. - -Johannes errichtete im nächsten Jahr sein kleines Hospital und verband -mit demselben, wie er Jahre lang gewünscht, eine Apotheke. -- Wenn Ihr -einmal nach Island kommt, lieb Fröken, will ich Euch das Granit- und -Krystall-Denkmal zeigen, das die Gemeine dem guten dänischen Grafen -erbauet; -- die Leute wissen seinen Namen nicht, auch der Stiftsamtmann -weiß ihn nicht, allein wenn der Johannistag kommt und die Schneeammer -singt, eilen alle Einwohner von Skalholt, dasselbe zu bekränzen, und -finden es oft schon von tausend blühenden Rankenrosen dicht umwoben.« - - -Am späten Abende versuchte Alslev noch einmal in einer langen -Unterredung seiner jungen Freundin tief erregtes Gemüth zu -beschwichtigen. Er fand sie sehr schmerzlich bewegt: -- das Bild eines -zu lebenslanger Einsamkeit verdammten Herzens stand unaufhörlich ihrem -inneren Blicke gegenüber; ein unsägliches Grauen vor dem Scheiden aus -Thoralds unmittelbarer Nähe, und vor der durch eigenes Leid nie zu -erweichenden Hartnäckigkeit des Stammes, dem sie angehörte, hatte sich -ihrer bemächtigt; ach, nur zu deutlich empfand sie im eigenen Busen -dessen unbeugsamen Eigensinn! - -Alslev bewies ihr, daß jeder Versuch vergeblich sein würde, die von -ihrer Großtante testamentarisch dem jüngsten Fräulein des älteren -Familienzweiges hinterlassene Dot, anders, als im Augenblick ihrer -öffentlichen Verlobung in Anspruch zu nehmen, und daß diese +nie+ -zuzugeben Graf Christian jetzt fest entschlossen. Auf dem Rechtswege -einer gerichtlichen Klage aber könne nur dann etwas erreicht werden, -wenn Thorald eine Frau zu ernähren im Stande, der Unannehmlichkeit des -öffentlichen Verfahrens und des Verstoßes gegen altes Herkommen und -gewohnte Sitte gar nicht zu gedenken! -- Er vertröstete sie auf den -Zeitpunkt, in welchem Thorald durch die zu hoffende Professor-Stelle -an der neu errichteten Akademie, um ihre Hand beim Bruder anzuhalten -befähigt sein werde, weil irgend ein unberechenbarer äußerer Umstand -sich ihr günstig gestalten, oder auf Christians störrischen Sinn -Einfluß gewinnen könne! Kjöbenhavn, meinte er, sei groß genug, ihr, -welche kaum ein paar Wochen alljährlich in seinen höheren Kreisen -zugebracht, den Unterschied zwischen diesen und der erwählten -bürgerlichen Lebensstellung nicht allzu schmerzlich fühlbar zu machen, -wenn es ihr nur glücke, die Zustimmung des nach Landesweise Vaterstelle -an ihr Vertretenden zu gewinnen. - -»Und,« fragte erbebend das Mädchen, »wie lange Zeit, theurer Alslev, -kann es erfordern, bis Thorald jenen Punkt erreicht?« - -»Wenn ihm jetzt gelingt, die Portraits der Königin Juliane Maria und -des Prinzen Friedrich zu deren Zufriedenheit zu vollenden und diesem -Auftrag noch einige andre bedeutende Bestellungen folgen, so zweifle -ich kaum, daß er die offne Professur nicht bald erhalte, doch können -allerdings noch zwei, drei Jahre vergehen, ehe er ein kleines Vermögen -erworben.« - -»Zwei, -- drei Jahre! Alslev!« - -»Helene! Sie sagen mir ja, Ihre Liebe sei ewig, werde das Leben -überdauern!« - -»Aber wir werden nicht immer jung bleiben, Alslev, und die Zeit ist -eine so furchtbare Macht, sie kann eben so gut Tod und Verzweiflung -uns bringen,« -- wieder flog ihrem Geiste das Geschick der wahnsinnig -gewordenen Tante vorüber! Alslev schüttelte das ernste Haupt; ihm -erschien Alles gering neben der Kraft des eignen unbeugsamen Willens. -»Wer etwas erreichen will, muß warten können,« sagte er stolz. - -Bitterlich weinte Helene. Ach, noch vor wenig Stunden hatte ihr das -Loos der Liebenden so sanfte, süße Thränen entlockt! damals hatte nur -die Poesie eines alle Qual und Lust, Jugend, Alter, jeden Wechsel des -Lebens überdauernden Gefühls sie erfaßt; jetzt sah sie nicht mehr die -im Geist einander begegnenden bejahrten Liebenden, denen die eigne -Treue zum Bürgen einer die schwere Erdenlast durchwachsenden Hoffnung -geworden, sie sah nur die furchtbare, nackte Realität des Leids! Das -einsame Todtenbett der gewaltsam Getrennten, zwischen denen sich das -weite Meer des ganzen wogenden Daseins ausgedehnt, und welche nicht -einmal die letzte Stunde desselben wiedervereinte! -- - -Thoralds schriftliche Versicherung, daß er ihr nach Kiögge folgen -und ganz gewiß von dort Mittel finden werde, sie im Stift zu sehen, -vermochte nicht die tiefe, fast krankhafte Niedergeschlagenheit ihres -Gemüthes zu heben. -- Trostlos warf sie sich in den Wagen, trostlos -empfing sie im Vorüberrollen ihres harrenden Freundes Abschiedsgruß. -- -Trostlos erreichte sie bei einbrechendem Abend das Ziel ihrer Reise. - -Eine Meile abwärts von der ehemaligen kleinen Festung Kiögge, welche -längst im Lauf der Zeiten ihre mittelalterlichen Ringmauern, ihre -Gräben und Wälle eingebüßt, liegt in lieblichster Umgebung, von den -herrlichsten Buchenhainen umgürtet, das große adlige Schloß und -Damenstift Wallöe. Weiter zurück, nach der Seeseite zu, zieht sich das -Dörfchen hin mit seiner schönen Kirche; ungemein fruchtbar und anmuthig -ist die Gegend. - -Das Schloß selbst, im Geschmack der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts -erbauet, scheint eine Art deutsch-gothische Uebertragung zum Zopfstyl, -vielleicht ist es ein wenig zu überladen im architektonischen Schmuck; -die zwei breiten Wassergräben mit Zugbrücken, die beiden hohen -Thürme an seinen Flanken, der eine rund, der andre viereckig, deren -Kupferdächer in der Sonne glitzern und glänzen, geben der schönen -Façade ein ehrenfestes, burgartiges Ansehen. Die sehr solide Unterlage -des Baues besteht aus großen grauen Sandsteinquadern; der obere -Theil prangte in den Tagen, von welchen wir erzählen, noch in seiner -ursprünglichen rothen Backsteinfarbe; unter jeder Fensterflucht ziehen -sich breite, ebenfalls graue, Sandsteingurten hin, vom selben Material -ist die reiche Steinmetzenarbeit der Fenstergiebel; zwischen diesen -und wo es irgend sonst noch ausführbar, sind graue rosettenartige -Verzierungen angebracht; höchst charakteristische Hautreliefsköpfe, -die sonderbar dämonisch auf den Eintretenden herabschauen! Ueber dem -Haupteingange prangt das ebenfalls in Stein gehauene riesige Wappen der -Gründerin des Stiftes; es steht unter unmittelbarem Schutze der Königin. - -Das Ganze macht, trotz des zwischen dem Ehrwürdigen und Barocken -schwankenden Styls, einen ernsten Eindruck, durch Größe und -Uebereinstimmung edler Proportionen. - -Als der Wagen über die Brücke fuhr, schreckte Helene auf aus ihren -Träumen; aber der Ausdruck stiller Abgeschlossenheit der Umgebung, -die etwas feierliche Ehrbarkeit des alten Stiftsbedienten, der sie -am Thor empfing, wie die in ihren Zimmern herrschende peinliche -Ordnung berührte sie schmerzlich. Alles erinnerte sie an Begräbniß und -Gefängniß, und die draußen in buntem Herbstschmuck wogende Waldnatur, -mit all ihrem Drossel- und Finkenschlag, mit dem unsäglich lieblichen, -allmäligen Stillwerden der eintretenden Dämmerung, reizten sie durch -den Widerspruch mit ihrem Innern zu immer verzweifelnderer Stimmung. - -Sie bewohnte das letzte Zimmer zur linken Hand eines ziemlich -langen Ganges; um es zu erreichen, mußte sie an den jetzt noch leer -stehenden Stuben ihrer Schwestern vorüber, das Vorzimmer, das ihnen -gemeinschaftlich war, schloß eine Glasthüre; ließ Helene die ihres -eigenen Gemachs offen, so blickte sie durch dieselbe auf den matt -erhellten Corridor. - -Nach einer etwas späteren Präsentation bei der alten sehr kränklichen -Abatissin, entschuldigte sich Helene mit Kopfschmerz, entzog sich dem -gemeinschaftlichen Abendmahl und eilte zurück in ihre Wohnung. Die -neugierigen Fragen nach allen gesellschaftlichen Verhältnissen und den -Hochzeitsfeierlichkeiten reizten ihre Nerven bis zum Unerträglichen. - -Als sie den langen Gang durchschritt, gewahrte sie durch die Glasthüre -im matten, nicht eigentlich klaren Mondenlicht in ihrem Vorzimmer eine -Art Bewegung, -- wie ein wehender Vorhang wogte etwas durchsichtig -Weißes in demselben. Des Mädchens Charakter neigte weder zur Furcht -noch eigentlicher Exaltation, -- die momentane Ueberspannung all ihrer -Kräfte war ihr selbst fühlbar; so blieb sie besonnen auf dem Gange -stehen, ungefähr in der Mitte desselben, und schloß beide Augen mit der -vorgelegten Hand. -- Erst als sie ihr Herz ruhiger schlagen fühlte, -öffnete sie dieselben, es war Alles still. -- Wunderliche Einbildung! -sagte sich Helene und setzte ihren Weg fort, -- in demselben Augenblick -erhob sich's wieder, die Bewegung mehrte sich, allein das nebelartige -Wesen hatte zur Gestalt sich verdichtet, welche mit langem weißen Arm -rückwärts zu deuten, ja zu drohen schien! Jetzt stürzte Helene in -fliegendem Lauf auf dieselbe zu, »es hat sich Jemand eingeschlichen,« -war ihr einziger Gedanke, Thoralds Briefe auf dem Schreibtisch -ihre einzige Sorge. -- -- Die Figur wurde compact, -- sie stand -mit gläsernem, wasserblauen Blick und todtenbleichem Antlitz dicht -hinter der Glasscheibe, -- es war eine steinalte Frau in wunderlichem -jugendlichen Aufputz, in weißem Kleid, eine blaßrosa Schleife in dem -schneeweißen Haar, und die dünne weiße Hand winkte zurück! zurück! mit -immer steigender, ängstlicher Hast: zurück! - -Jesus! es sind der Tante Zimmer, die ich bewohne! durchblitzte es -Helenens Gehirn, aufschreiend sank sie bewußtlos zu Boden. - -Als sie zu sich kam, standen der alte Diener und die Kammerfrau, welche -im Stift sie bediente, vor ihr, man hatte sie ohnmächtig im Corridor -gefunden, aufgenommen, in ihre Stube getragen und in einen Fauteuil -gesetzt, man sprach von lauter Hausmitteln, vom Arzt, der Apotheke und -einem heftigen Blutandrang, -- nach wenigen Secunden war ihr die volle -Geisteskraft zurückgekehrt. - -Sie bat Niemand weiter zu rufen, die Damen nicht an der Tafel zu -stören, nahm geduldig den ihr gebotenen Thee, ließ gelassen sich zu -Bette bringen. Die dienstgewohnte alte Margareth bestand darauf, im -Vorzimmer zu wachen; auch das ließ die Comtesse ruhig geschehen. - -Ein tiefes Besinnen hatte ihre ganze Seele erfaßt, »es war die -Tante!« sagte sie sich selbst, »sie warnte; ich soll nicht elend -sein wie sie. Abwärts, zurück winkte der lange schneeweiße Arm, der -Finger deutete den Gang entlang. -- Wohin? hinaus? der Treppe zu?« -- -Alles Grausen war dem Mädchen untergegangen im seltsam angestrengten -Bemühen, die Absicht der ihr wohlwollenden Erscheinung zu verstehen, --- die grübelnden Gedanken begannen einander zu drängen, sie wurden -zu Bildern, die sich mischten und theilten, -- zusammen- und wieder -auseinander flossen, -- wie eine anschlagende Glocke tönte es ihr im -Ohr, leiser, endlos dazwischen fort, die Töne wurden Musik, -- Gesang, --- Schlaf. - --- In das weit offene Schloßthor wallte ein Festzug in fremder, -altmodiger Kleidung in den Saal, in welchem alle großen Feierlichkeiten -des Hauses Statt zu finden pflegten, Helene kannte Niemanden von all -den Versammelten; unter dem rothsammetnen Baldachin stand eine schöne -Frau, vor ihr, den Rücken Helenen zugekehrt, kniete eine Dame in der -Galatracht der Priorinnen des Stifts, -- die Königin nahm die Insignien -des Ordens und eine Pergamentrolle von einem Sammetkissen, das ein -Cavalier hielt, -- auf dem Kissen, auf den Sammetbehängen immer das -Wappen der fürstlichen Gründerin und Beschirmerin des Stifts zahllos -wiederholt; -- »überall das Wappen der +Königin+!« dachte Helene, -- -»ja, an den Wänden, -- über der Thüre des Refectoriums, die nach dem -Gange führt, überall +das Wappen+,« -- sie erwachte? -- Hell und klar -drang die Sonne durch den halbgeschlossenen Vorhang, -- sie warf ihn -zurück und sog mit langem genesenen Blick die Pracht der herbstlichen, -rings ihr entgegen quellenden, bunten Fülle ein! »Der Mensch +kann+ -glücklich sein,« sagte sie, »auch ich +will+ glücklich sein.« - -Den ganzen Morgen blieb Helene in ihrem Zimmer eingeschlossen und -schrieb. Die Nacht, der wirre, nur den unmittelbaren Schutz der -Königin andeutende Traum, mochte er dem Zufall oder der ungeheuren -geistigen Arbeit des gewaltsamen Nachsinnens sein Entstehen danken, -hatte einen klaren, festen Entschluß in ihr gereift. Eine Ordensdame -des königlichen Stifts Wallöe hatte den Rang einer hochadligen -Erbtochter; -- zu einer Vermählung nach freier Willkür bedurfte sie -+nur+ der Zustimmung ihrer Majestät! Helene war die erste Dame des -Stifts Wallöe, welche in diesem Augenblick von jenem höchsten Anrecht -Gebrauch zu machen beschloß und sie führte den Entschluß durch! - - -In der verwitweten Königin Juliane Marie Privatgemache, stand -ihres Eintritts gewärtig und ihrer harrend ein junger, schöner -Mann; die hochgerötheten Wangen und die fliegende Brust, deren -convulsivisch-heftigen Herzschlag das Spitzen-Jabeau verrieth, -bezeugten, daß die ehrfurchtsvoll-ruhige, fast hofmännische Haltung -desselben, eine mühsam erzwungene! Er hielt ein paar Chagrinleder-Etuis -in der Hand, welche kleine Wiederholungen zweier, auf der Staffelei am -Fenster bereit gestellter Portraits der Königin und ihres erhabenen -Sohnes Friedrich umschlossen. In einzelnen Pausen der sein Haupt -durchjagenden Gedanken, blickte er mit Wohlgefallen auf die in -herrlichen Goldrahmen prangenden Staffeleibilder, besonders auf das der -Königin, -- es war wirklich ein sehr gelungenes Portrait; französische -Erinnerungen der damaligen Behandlungsweise schienen des Künstlers Hand -geleitet zu haben, und gerade diesen Zügen war sie ungemein günstig; -der Hang zur Intrigue, der in denselben fast kleinlich hervorstechend -sich zeigte, war in anmuthige Schlauheit und feine Ironie übersetzt, -der fast hinterlistig-scharfe Blick gewandt mit einer königlichen, -stolzen Haltung gepaart, so daß er ohne hochmüthig zu erscheinen, -durchdringende Klugheit aussprach, die sich der eigenen Kraft bewußt -ist. - -Kurz, es war dem Maler gelungen, durch eine sehr geistreiche -Schmeichelei auf dennoch nicht unwahre Weise, die Eigenschaften der -Seele hier so zu idealisiren, wie wohl andere Künstler bei äußeren -Eigenschaften der Gestalt es zu thun pflegen. - -Juliane trat, noch im Gespräch mit ihnen, von den Grafen Reventlow -und Schimmelmann begleitet aus ihrem Cabinet. Des Letzteren Züge und -ein kaum merkliches Zucken der linken Achsel verriethen, daß er dem -Gegenstand der eben gehabten Unterredung keinen sonderlichen Werth -beimesse; der Königin Gesicht dagegen sprach Aerger und Empfindlichkeit -aus, die sie vergebens zu bemeistern strebte -- keinen günstigern -Augenblick hätte der Maler finden können, die Trefflichkeit seiner -Auffassung zu beurkunden, als die, welche eben jetzt die Vergleichung -des Originals und der Copie dem unbefangenen Beobachter bot. - - * * * * * - -»Aha, mein lieber Meister,« redete ihn sogleich die Königin an, »er -bringt mir pünktlich das Gemälde und die kleinen Copien. Schelm!« fügte -sie im Nähertreten hinzu, »hat Er in Frankreich so artig schmeicheln -gelernt? Er hat uns da eine Physiognomie gegeben, die Er um zehn Jahr -rückwärts errathen haben muß. Schon recht, man muß ~in effigie~ der -Zeit das wieder abzugewinnen versuchen, wozu in der Realität ihr -unerbittliches Gericht uns verdammt. Sehr brav! Schöner Atlas! ja, -ja, das Portraitiren verstehen die Franzosen. Er ist auch in Italien -gewesen?« - -»Zwei Jahre, Majestät, in Rom und Florenz.« - -»Hat Er mir nicht gesagt, seine Mutter sei arm, die Witwe eines -Officianten -- wo hat sie denn das Geld hergenommen, Ihn so lange im -Auslande lernen zu lassen?« - -»Sie hat entbehrt, Hoheit, vieles sich versagt, um mich reisen und -studiren --« - -»So? ich hoffe Er wird dankbar sein, ihr das vergelten, nicht zu den -technischen Fortschritten in Seiner Kunst, Herzens-Demoralisation des -Auslandes uns mitgebracht haben!« - -»Ach, wollte der Himmel ich könnte ihr den so tief, so warm empfundenen -Dank anders als in Worten zeigen -- --« - -»Was ist Ihm denn? Das wird Er ja nun können, wenn Er die -Ihm versprochene Professur erhält -- nun? Er kommt ja ganz in -Agitation -- --« - -Ein Blick auf die Minister, welche das Gemälde betrachteten, wandte -plötzlich die Aufmerksamkeit der Majestät von ihm ab, jenen zu. »Sie -sind verdrießlich, Graf Schimmelmann, und sagen mir kein Wort, weder -über mein Portrait noch meinen Protégé?« - -»Leider haben wir dem anerkannt tüchtgen Maler desselben wehe thun -müssen und gerade im Augenblicke, da Ew. Majestät ihm ein so gnädiges -Wohlwollen geschenkt,« erwiederte etwas verlegen der Minister, »der -Anblick der so gelungenen Aehnlichkeit --« - -»~Qu'est-ce donc, Comte?~« fragte etwas zurücktretend Juliane Marie, -»wir haben unsre Freude daran, heimischen Künstlern die Aufrechthaltung -der neuen Akademie anvertrauen zu können und haben dem Manne die -erledigte Professur zugesagt --« - -Auch Thorald wich einige Schritte zurück; die Königin trat mit den -beiden Grafen in eine Fenstervertiefung, das Gespräch ward mit halber -Stimme fortgesetzt. - -So ungemein vaterländisch nach Struensee's Tode alle Hofgesinnungen -geworden, denn unter der Königin und Prinz Friedrichs Regentschaft war -dem Ausländischen offene Fehde erklärt, so konnte dennoch Juliane Marie -die französischen gewohnten Brocken in ihrer Wortstellung nicht wohl -entbehren, und im Affect verfiel sie leicht in den damals fast in allen -fürstlichen Häusern üblichen Ton -- »~c'est fort~,« fuhr sie fort, -»wenn nicht die +Meine+, welche Art Fürsprache soll denn hier wohl -entscheiden? Giebts einmal wieder irgend einen lumpigen Deutschen oder -Franzosen zu versorgen?« - -»Bernstorff trägt die Schuld,« flüsterte ehrerbietig der Minister, -»einem früheren Versprechen nach und auf ganz besondere Bitte eines -Mannes, dem man verpflichtet, hat der alte Informator Henning Klint die -Professur erhalten --« - -»Der Prinz kennt meinen Wunsch, ~c'éstoit une chose arangée, Messieurs~ --- Eynerssen hat mein Wort --« - -»Der König hat diesen Morgen das Decret unterschrieben.« - -Die Königin ward bis an die Stirne roth und stampfte mit dem Fuße: -»wer hat mir das gethan? ~il me le payera!~« setzte sie zwischen den -Zähnen murmelnd hinzu. Die beiden Grafen schwiegen. »Nun, meine Herren? -Graf Schak-Reventlow? Darf ich um die besonderen Verdienste des alten -Informators oder seines Fürsprechers bitten? Sie werden doch dessen -Licht nicht unter den Scheffel stellen wollen?« - -»~Ma foi, Madame~,« sagte der Graf, »es ist mir bloß klar, daß Graf -Christian Gejern Alles +gegen+ den jungen Eynerssen und +für+ den Klint -gethan; Ew. Majestät werden geruhen sich zu erinnern, daß der Graf -alle Offerten der königlichen Huld stets abgelehnt -- diese Besetzung -der Akademiestelle war eine von ihm erbetene Gnade -- die aller Erste! -Es war unmöglich ihm nicht zu willfahren und Se. Majestät der König, -welcher ihm von der Bauernsache her noch immer gewogen, unterschrieb -sogleich -- --« - -»Allerdings sind des Grafen Gejer Verdienste bedeutend,« erwiederte -gewaltsam gefaßt die Königin; ihr Auge flammte und in den Mundwinkeln -zeigte sich das Lächeln höhnischer Verbitterung, »ich werde morgen -mit dem Könige sprechen.« Mit einer anmuthigen Bewegung des Hauptes -und der linken Hand entließ sie die beiden Herren -- Eynerssen stand -noch ihres Befehles gewärtig nahe am Ausgang. Juliane wandte sich nach -der inneren, zu ihrem Cabinet führenden Thüre, »bleibe Er und erwarte -Er mich hier, mein Sohn,« sprach sie mit gnädigem Kopfnicken, »es wird -sich wohl in meiner Armuth irgend ein Mittel finden, ihn zu lohnen.« - -Rasch schritt sie durch ihr Schreibe-Cabinet in das Zimmer, in welchem -sie schlief, eine ihrer vertrauten Kammerfrauen arbeitete dort mit -einem Hoffräulein, Sophie Harrested. »Kennt eine von Euch,« fragte -Juliane, »die Verhältnisse der Gräflich Gejerschen Familie?« Beide -hatten bei Eintritt und Anrede der Königin sich ehrfurchtsvoll erhoben. -Das Fröken erzählte von den Hochzeiten, den Ausstattungen der beiden -Neuvermählten. »Schon gut, das haben wir selbst erlebt.« -- »Die -Gräfin?« Niemand kannte sie. »Kinder?« -- Keine. »Die dritte Comtesse -ist also die junge Stiftsdame von Wallöe, von welcher dies Schreiben,« -sagte die Königin vor sich hin, »und der Graf will die glücklich genug -fruchtlos gebliebene Mißheirath durch einen glänzenden Stammerben -auslöschen; der eine Bruder kinderlos, wie er -- der jüngste kränklich --- keine Kinder zu hoffen. Da rechnet man auf Uebertragung des Namens. --- Weiß Jemand von der jüngsten Comtesse?« Die Kammerfrau kannte die -Familie Alslev und floß über vom Lobe Helenens. »Keine Aussicht zur -Heirath, nicht verlobt?« Beide Erzählerinnen stockten -- endlich fuhr -die Harrested fort -- »man hat von einer großen Leidenschaft der -Comtesse für einen jungen Bürgerlichen gesprochen, allein das Betragen -derselben ist so in den strengsten Regeln des Schicklichen geblieben, -daß Niemand den Gegenstand dieser Neigung kennt.« -- »Schon gut,« sagte -die Königin, »Ihr könnt gehen;« sie stand auf und rief, indem sie -selbst die Thüre öffnete, den jungen Mann in ihr Cabinet. - -»Mit der Professur ist's wirklich nichts, junger Freund,« redete sie -ihn an; »danke Er Gott dafür! Er ist also in die Comtesse Gejern -verliebt?« -- Wie vom Blitz getroffen schwankte der Künstler auf den -Füßen, die ihn nicht zu tragen vermochten, er taumelte rückwärts gegen -die Wand, keines Wortes fähig -- »nun, nun!« lächelte die Königin, »die -Liebe an und für sich, wenn sie in den Grenzen der Zucht und Ehrbarkeit -bleibt, ist eben kein Todesverbrechen. Fasse Er sich -- und antworte -mir klar und vernehmlich.« - -»Ich liebe die Gräfin mehr als mein Leben,« erwiederte stolz und -fest der junge Mann, »wenn aber mein Gefühl das Elend der Comtesse -herbeiführen könnte, würde ich den Muth haben, Kjöbenhavn sogleich zu -verlassen.« - -»Ja? was ist denn seine Absicht? daß die Comtesse auch Ihn sehr -schätzt, weiß ich; wollte er deshalb Professor werden?« - -»Ja, Ew. Majestät; ich betrachtete diese Anstellung als den ersten -Schritt, um der Gräfin würdiger gegenüber zu stehen, wenn ich auch kein -anderes Ziel an diese Aussicht zu knüpfen wagte.« - -»Und der Graf Christian weiß um diese Neigung?« - -»Leider! da er sie verdammt!« - -»So, so,« sagte die Königin für sich, »ich will ihn lehren eigenmächtig -handeln!« Sie ging an den Schreibtisch und unterschrieb Helenens -Petition, durch welche sie ihr gestattete, ohne Einwilligung ihres -Bruders sich zu vermählen. »Lese er das.« - -Der Glückliche lag, ihr Gewand an seine Lippen drückend, zu ihren -Füßen. »Aber höre Er, meine Bedingung! ich will keine Auswanderung -unserer Landeskinder; daß wir in der Fremde etwas Tüchtiges zu lernen -suchen, ist schon recht, allein man soll Dänemark nicht die Früchte des -Erworbenen entziehen. Man wird sich Eurer annehmen! Ich bin Ihm das -Honorar für die Bilder schuldig -- und -- Ihr könnt im Cavalier-Hause -wohnen, fällt mir ein! Sagen Sie dies Alles der Comtesse und vergessen -Sie nicht, daß wir in Gnade Ihnen Beiden gewogen bleiben!« setzte -sie plötzlich französisch hinzu; trotz der innern Heftigkeit, welche -ihre rasche Handlung herbeigeführt, machten deren Folgen sie bereits -verlegen. - -Ein reitender Bote brachte den Befehl der Königin nach Wallöe, das -sogenannte Cavalier-Haus der Gräfin Gejer zur Verfügung zu stellen -und mit diesem zugleich Helenen die Erlaubniß zu ihrer Vermählung. --- Thorald erhielt noch am selben Abende eine für die Privatkasse -Julianens sehr bedeutende Summe als Bezahlung der Gemälde. - -Christian war wie vernichtet! Helene nahm sogleich die ihr zufallenden -10,000 Thaler in Beschlag und ihren Antheil an der Tante Mitgift. -Ohne weiter ein Wort zu verlieren, sandte der Graf Alslev alle -nöthigen Papiere, sowohl zu Auszahlung der seiner Schwester aus ihrem -gemeinsamen Vermögen zufallenden Dot, als zu jener der Gräfin Owen; als -er das Paket siegelte überfiel ihn eine an Ohnmacht grenzende Schwäche --- mit gewaltsamer Anstrengung drückte er sein Wappen auf dasselbe. -- -»Man wird es zerbrechen!« sagte er leise vor sich hin, dann zog er sich -in seine Zimmer zurück und begrub sich in seinen Studien. - - -Gar anders sah es in Wallöe aus. Von allen Seiten zog die Freude ein. -Der Königin so bestimmte Bestimmung schloß alle böswilligen Bemerkungen -aus -- selbst die sieben Mogenstrupps wagten nur orcanische Seufzer. -Im Cavalier-Hause regte sich ein gewaltiges Leben, es wimmelte von -Arbeitern; da wurde tapeziert und gezimmert, angestrichen, gemalt, -geschmückt, und die Liebe half überall der Liebe! denn Thorald war -selbst von Kjöbenhavn herüber gekommen, Helenen beizustehen. - -Das Cavalier-Haus, ein freundliches, kleines Gebäude aus der nämlichen -Zeit als das Stift; rings von einem Blumengarten umfaßt, lehnt es an -einem mit Buchen schön bewaldeten Hügel; diese herrschaftliche Wohnung -wurde von Alters her bei Regulirung der Gesammt-Einkünfte desselben von -den dabei beschäftigten Herren eingenommen, wenn sie zu einem längern -Aufenthalt in Wallöe veranlaßt wurden. Auch die Königin bediente sich -ihrer früher gern, wenn sie um die Osterzeit einige Tage in der von -ihr bevorzugten Stiftung zubrachte, um die sie begleitenden Cavaliere -unterzubringen, wodurch das freundliche Schlößchen den ihm anhangenden -Namen erhielt. Seit Jahren war Juliane Marie nur auf einzelne Stunden -in ihr Ordenshaus eingekehrt; der hübsche Bau hatte verödet dagestanden. - -Wer hat nicht irgend einmal mit Vergnügen zugesehen, wenn Kinder -Wirthschaft spielen? Wenn sie auf Blumenblättern statt auf Tellern -serviren? Des Vaters goldne Dose und der Mutter Schmuck zu Küchengeräth -machen, und lauter Bisquit und Bonbons kochen? Nicht sehr viel anders -war der Brautleute Einrichtung, weil Jedes das Andere mit noch einer -ganz einzigen Herrlichkeit und Bequemlichkeit überraschen wollte. Es -wurde Alles phantastisch-schön und nebenbei sehr kostbar; aber es war -dem Geschmack Beider vollkommen analog, und wurde dadurch wieder ein -Beider Leben enger verflechtendes Band. - -Man hatte dergleichen nie in der Gegend gesehen, halb Kiögge ritt -und fuhr herbei, das Wunder zu schauen. An einem wunderschönen -Spät-Herbstmorgen ward die stille Trauung vollzogen; keiner der -drei Brüder war zugegen, die Schwestern schrieben freundlich und -sandten Geschenke. Alslev kam mit seiner Familie -- er hatte Helenen -zur Oeconomie ermahnen wollen; als er aber in dieser Mischung von -englischem Cottage-Comfort und italienischer Villa und französischer -Eleganz das glückstrahlende Gesichtchen Helenens sah, verschob er es -auf ein andermal. Der isländische Pfarrer hatte eine rührende Botschaft -gesandt und die Versicherung: er werde bei seiner Rückreise bei dem -neuen Paare einkehren; ihn hielt die bereits geschlossene Schifffahrt -noch in Dänemark zurück. - -Auch die arme Nordermule hatte geschrieben. Helene las das Blatt -wohl zwanzigmal, ohne daß ihr dessen Inhalt verständlich geworden -wäre. Es war ein wild-schmerzlicher Abschied, einem Schmerzensschrei -vergleichbar, der in der jungen Frau Seele einschnitt -- unklar und -verworren. »Sie traut sich wegen Christian nicht zu mir,« sagte sie -sich, »die arme Gute! sie mag wohl recht haben, er würde es ihr kaum -verzeihen, und besser ist ihr das sichere Dach meines Bruders, als die -Decke unsres Wanderzelts! -- Wer weiß, wo wir einst es aufschlagen. -Christians Haus beut ihr eine stets gleiche Zuflucht, während wir -vielleicht nur einer des andern Brust behalten, unser müdes Haupt -darauf zu legen.« Aber so vernünftig das Alles war, streifte es nur -leicht ihre Gedanken; das Glück war zu übermächtig in ihr. - -Der Winter flog auf seinen Silberfittigen dahin, er war mild und schön; -schon nahte der Lenz; die Liebenden waren glücklich und fleißig. Helene -hatte Zeichnen gelernt und begann zu malen. - -Sie rechneten nicht, ihr Capital nahm ab! ihre Wirthschaftskasse war -eine offene Schieblade -- aber die Seeländer sind ehrlich; weder sie -noch das sorglose Paar dachten an Diebstahl. - -Die Schifffahrt war eröffnet, als unvermuthet spät Abends ein Gast -erschien; Helene hatte zum ersten Mal den Versuch gemacht, nach Gyps -zu zeichnen, und die Lection hatte wie gewöhnlich mit einem Kußhonorar -geschlossen, als Kund Jürgenssen eintrat. »Dieser Anblick ihres -Wohlergehens erleichtere ihm das Abschiednehmen,« meinte er, »und er -hoffe, daß ihn die Kunde ihres ferneren Glücks noch oft erreichen -werde.« Dem Alten war Alles zu reich und köstlich in ihrer Umgebung -- -er konnte sich aus all der Seide und den Spiegeln und dem Mahagoni -gar nicht herausfinden; Helene sperrte ihn lachend mit dem Tisch in -einen Saffian-Fauteuil, damit er nicht gar vor lauter Achtsamkeit, ihre -Schätze nicht zu beschmutzen oder zu zerbrechen, ganz verstumme; und -nun begann er zu erzählen, »wie er auch einmal beim Grafen zu Aalholm -gewesen,« -- ein leichtes Wölkchen überflorte Helenens glänzende Stirn, -sie reichte rasch Thorald die Hand. -- Es wären schon ein paar Monate -her, fuhr er fort, und wiederum sei ihm dort eine besondere Gnade des -Herrn geworden! »Es war Abend,« erzählte er weiter, »eine silbergraue, -noch klare Dämmerung lag auf Aalholm, und ich ging durch die schönen -buntgefärbten Buchengänge, die ich nun bald wieder entbehren sollte; -auf den Wiesen wogte eine bläuliche Feuchte, und am Teich kräuselte und -webte es so neblig hin, und ballte und rollte sich auf -- das Schilf -schwankte träumerisch mit seinen schweren Dolden, die Vögel hörte man -nur fliegend und flatternd im Laube ihr Nachtlager suchen, sie sangen -schon längst nicht mehr -- auch die Insectenwelt war abgestorben. Den -dunkelnden Wald durchleuchteten die fernen Schloßfenster mit röthlich -schimmerndem Lichtschein; zwischen den Mauern dort mochte es wohl schon -finster sein. - -Ich gedachte der immer trauriger werdenden Jahreszeit in meinem -Vaterlande, und der hübschen Mährchen und Balladen, mit welchen wir sie -Abends daheim zu erheitern suchen, da sah ich plötzlich mir gegenüber -am jenseitigen Ufer des Weihers eine fliegende Gestalt, um sie her -flatterten weiße Gewänder, kaum berührte, so schien mir's, dann und -wann ihr Fuß den Boden. Sie eilte auf den mir nicht allzu fern im -Schilf liegenden und ganz von Weiden und Wasserpflanzen umgebenen -Kahn -- ich war schon wieder besonnen und wußte gar wohl, daß die -Erscheinung nur eine menschliche sein könne! Sie kniete nieder in den -Nachen und begann eine Menge Steine in ein Tuch zu binden, welche -vermuthlich dort schon bereit lagen; endlich wand sie dasselbe um ihre -Füße, indem sie zugleich damit ihre Kleider festschnürte; -- als sie -damit fertig, richtete sie nochmals das Antlitz betend gen Himmel auf --- jetzt kniete sie schon am Schnabelende des Boots, und so rutschte -sie mit den gebundenen Füßen vorwärts dem Rande näher --« - -»Um Gotteswillen, Emerenzia!« schrie Helene auf. - -»Ja,« sagte der Pfarrer, »ja sie war's! aber Gott leitete meine -Schritte und meine Hand, daß ich im rechten Augenblicke sie erfaßte -und gewaltsam sie zurückhielt! ich nahm sie wortlos in meine Arme und -trug sie zurück; ihr selbst schwanden die Sinne, und sie kam erst dem -prasselnden Feuer gegenüber in ihrem Stübchen, wohin ich sie getragen, -zu völligem Bewußtsein.« »Unglückselige!« sagte Thorald, »was hatte zu -solchem Schritte sie vermocht?« - -»Ach, lieber Herr,« erwiederte Jürgenssen, »sie verstand es nicht, so -allein zu leben! Die drei nun zu Frauen gewordenen Fröken waren so -glücklich ohne sie, es hatte, so meinte sie in böswilligem Trotz --« - -»Ach, Trotz! meine arme Nordermule, das demüthige Herz!« - -»Frau Eynerssen wissen nicht, daß sich Demuth und Trotz im Leben -manchmal gar nicht unterscheiden lassen?« - -»Also Janfru Nordermule sah den langen Tag und die lange Nacht immer -wieder vorüberziehen, ohne daß irgend Eines ihrer bedurft hätte -- -da wurde sie trauriger mit jeder Stunde! Sie kam sich mit einem Male -vor, wie ein abgelaufenes Uhrwerk, zu welchem der Schlüssel verloren -gegangen; und als der Kummer allmälig mehr und mehr all ihre Gedanken -überschattete, konnte sie zuletzt der Sehnsucht nach dem stillen Weiher -nicht länger widerstehen, in dem sie Schlaf und Ruhe zu finden meinte,« --- »und nun? und nun?« fragte in ängstlicher Spannung das junge Paar, -»wo ist sie jetzt?« - -»Nun steht sie draußen vor der Thüre und hat mich beauftragt, das Alles -My Frau Eynerssen zu erzählen; sie will Abschied nehmen -- denn sie -geht mit mir nach Island!« - -Die jungen Leute waren schon draußen bei ihr, als er die letzten Worte -vollendete. - -Ja, so war's! Die kleine graue Nordermule stand, tief in Pelze -verhüllt, im nordischen Reiseanzuge auf der Flur; mit tausend -Liebkosungen ward sie in die lieblich phantastischen Räume eingeführt, -gehätschelt, gescholten -- das ganze Herz ward ihr bewegt; aber ganz -unerschütterlich entschlossen reichte sie ihrem alten greisen Führer -die Hand -- »er hat mich überzeugt, daß ich dort noch nützen kann,« -- -versicherte sie freundlich. - -»Ob sie das kann!« sagte der alte Kund, »für's erste muß sie gleich -den Sommer hindurch uns beistehen, Thorsons mit Ihres Herrn Vaters -Gelde gestiftetes Hospital aufrecht zu erhalten, dann mag sie meiner -Mathilde helfen, die Kranken meines eigenen Sprengels zu pflegen; ach -und Abends, wenn der Winter draußen um unsre Hütten ras't, dann wird -Emerenzia uns Allen +erzählen+! Unsre Weiber wird sie lehren, bessere, -feinere Handarbeit machen, unsre Kinder mit unterrichten helfen und vor -Allem meine Kirche mit den fleißigen, geschickten Händen schmücken, o -wir werden Alle so dankbar und glücklich sein, Janfru Emerenzia um uns -zu haben, -- so glücklich!« er drückte ihre Hand. - -»Aber Jürgenssen, es kann ja nicht Ihr Ernst sein -- sie wird mit ihrer -geschwächten Kraft die Reise nicht überstehen -- sie bringen sie nicht -lebend hinüber!« sagte leise Thorald -- - -»Sie irren,« erwiederte ernst und mild der alte Pfarrer, »sie ist -eine Nordländerin und wird die Fahrt überdauern -- und gönnen Sie ihr -denn nicht, umringt von den poetischen Erinnerungen ihrer Jugend, -als Pflegerin der Pfarrkinder unsres Johannes und der Rosen des ihr -so theuern Grafen Thugge zu sterben? +Dort+ sind all die ihr +hier+ -abgewelkten Interessen noch frisch erhalten -- hier verdrängt sie eine -laut und lauter sich erhebende Gegenwart!« - -»Er hat Recht!« sagte wehmüthig Helene, und am andern Morgen zogen -sie von dannen! Das Ehepaar sah vom Kiögger Hafen aus lange dem -buntbewimpelten Schiffe nach und kehrte in seine Künstler-Einsamkeit -zurück. Wie ein Thautropfen hing die Abschiedsthräne an der vollen Rose -ihres Glücks, und der nächste Sonnenstrahl küßte sie auf! - - -Und Graf Christian, und Eva? und wie wurde es denn weiter? dauerte -denn das Glück im Cavalierhause bei dieser tollen, wunderlichen -Wirthschaftsweise? - -Soll ich meinen Lesern weitläuftig von der Ebbe und Fluth alles -menschlichen Erfahrens berichten? Das Gold ward alle -- manchmal -klopften böse Verlegenheit und Noth an die Thüren und Fenster, manchmal -schlich die Sorge ein und zog ihre grauen Schleier über das fröhliche -Auge Helenens, und zuweilen faßte auch wohl eine fast wilde Sehnsucht -ihr Innres nach ihren beiden Schwestern und nach Christian, ihrem -nun ganz vereinsamten Bruder, der seine arme Eva mit dem fallenden -Laube zu Grabe getragen, und nun, wie einst ihr Vater Thugge, allein -das große Aalholm bewohnte; aber der Gejersche Trotz wollte dennoch -sich nicht bändigen lassen in dem stolz aufschlagenden Herzen und der -freundlichere Gedanke wurde noch lange Jahre hindurch in Beiden nicht -zum einander verzeihenden Wort. - - * * * * * - -Da starb auch Joachim. Seine Ehe war kinderlos geblieben. Der -Trauerfall und die ihm entstehenden Angelegenheiten zogen alle -Geschwister in die Residenz. Die Schwestern sahen sich, und das gute -Vernehmen zwischen ihnen stellte sich her. Christian und Helene -aber blieben sich fern; auch Thorald, der zum tüchtigen, vielfach -beschäftigten, vom Hofe vergötterten Künstler sich herangebildet, mied -seine Schwäger. Der gute Alslev und seine würdige Gattin hörten mit -unveränderter Theilnahme jedes Einzelnen Klage an, aber beide scheuten -den ihnen wohlbekannten finstern Geist des Geschlechts, den alten -Starrsinn der Gejers zu sehr, um eine Aussöhnung auch nur zu versuchen. - - * * * * * - -Da öffnete eines Tages Christian unvermuthet die Thüre des -Studirstübchens seines alten Freundes; Alslev saß schlummernd in seinem -hochrückigen Großvaterstuhl, er war über einer langen Actenrevision -eingenickt, auf der Lehne des Sessels aber hing oder ritt ein -wunderbar schöner Knabe von etwa sechs Jahren; er hatte dem Alten ein -buntseidenes Band über den Kopf geworfen, daß er ihm durch die vom -Schlaf halb erschlossenen Lippen zu ziehen eifrig bemüht war, indem -er sich zugleich auf dessen Schulter zu schwingen suchte, um ihn zum -Roß zu machen und einen kühnen Ritt in's Fabelland seiner Phantasie -zu thun. »Willst Du mitspielen,« fragte das kecke Bübchen, »mußt aber -jetzt auch Pferd sein und Dich von mir führen lassen, nachher darfst Du -aber auch reiten!« - -Helenens Sohn! durchblitzte es Christians Starrsinn, und die -Wunderkraft der Kindheit trat plötzlich in ihr volles Licht. Denn -der Graf vermochte kein Auge von dem kleinen Tyrannen zu wenden, -der ihm mit schmeichelnder Gewalt den Zügel bot -- als Alslev von -dem Jubel-Geschrei erwachte, war die Bekanntschaft schon weit -vorgeschritten. - -Wer in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in Wallöe war, wird wohl -den neuen herrlichen Aufbau des ehemaligen Cavalier-Hauses und seine -prächtige Umgebung und Einrichtung bemerkt haben; sie ist solider aber -noch kostbarer als sie vor etwa fünfzig Jahren es war. Ein neues, -kräftiges Geschlecht der Gejer bringt dort die schönen Sommertage zu; -die bösen Geister des erloschenen Stammes beunruhigen es nicht, sie -sind dem heitern Glück gewichen! - -Der jetzige Graf ist ein schöner, alternder Mann und unermeßlich reich, -weil ihm das Vermögen aller Nebenzweige der großen Familie zugefallen; -seine Mutter war eine geborene Comtesse Gejer und hieß Helene; er -hat schon als Knabe den Namen derselben auf seiner Oheime Wunsch -angenommen, weil ihnen selbst kein Stamm-Erbe erblüht war. - - - - -Fußnoten - - - [1] Zur Zeit der für Aufhebung des Gemeinbesitzes constituirten - Commission 1759. - - [2] Fröken, +adliges Fräulein+. - - [3] Feste-Bauers, ohne alles Eigenthum. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 47: ancharten → Plancharten - auf seine Bücher und {Plancharten} - - S. 65: Halde → Haide - leichten Ganges über die {Haide} hineilte - - S. 140 aufgischend → aufgischtend - Wildströme reißen sich {aufgischtend} - - S. 235: Gräber → Gräben - Ringmauern, ihre {Gräben} und Wälle eingebüßt - - - - - - -End of Project Gutenberg's Eine dänische Geschichte, by Adele Schopenhauer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DÄNISCHE GESCHICHTE *** - -***** This file should be named 52602-0.txt or 52602-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/6/0/52602/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. 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Denn der Nordländer, besonders aber der Landbewohner -hört gar gern erzählen von lang vergangenen -Tagen, wenn der strenge Winter ihm Thor -und Fensterladen schließt und ihn zurückdrängt in die -engen Kammern.</p> - -<p>Auf dem höchsten Steine der ehemaligen Schanze, -an der Mündung des Hafens, saß ein junger Mann, -nachdenklich beide Arme auf ein Mauerstück gelehnt -und schauete bald zum bewölkten Himmel auf, bald -in die frische Landschaft hinein, sah aber dabei aus, -als gedenke er gar anderer Ruinen, gar anderer Hügel -und Meere; ihm war das Herz sichtlich schwer. Auch -er war ein beliebter Erzähler des Städtchens; er -hatte oft und gern seinen staunenden Zuhörern den -bunten Schleier seiner südlichen Anschauungen über -dies stille Grau der Nebel hingebreitet, in denen der -Frühling, wie ein Kind in seinen Windeln, tief in's -Jahr hinein schläft, und dann mit einem Male aufspringt, -da ist in voller Schöne und Kraft und wie -ein junger Herkules die alte Winterschlange zerdrückt. -Das hat der höhere Norden mit dem Süden gemein, -daß dort wie hier der ganze Lenz, wie seine einzelne<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span> -Blüthe, in der geschwellten Knospe steckt; und ihn der -heiße Sonnenstrahl plötzlich erweckt zum üppigsten -Leben, während man in Mittel-Deutschland ihn lange -kommen sieht, und heute die Primel, morgen die -Kirschenblüthe findet, eine Woche lang das Maienglöckchen -erwartet, und so allmälig Blume um Blume -willkommen heißt und begrüßt.</p> - -<p>Drei Monate schon war der Reisende in Nysted; -seit drei Wochen liebte er; seit drei Wochen war ihm, -außer dem kleinen Fleck Erde Laaland, die übrige -Welt dunkler geworden als der bewölkte Himmel, den -er anstarrte. – Darum also war er in Italien gewesen, -hatte Rom gesehen, dort und in Florenz Jahre -lang studirt, um hier hoffnungslos einem bleichen -Mädchenantlitz gegenüber festzuwurzeln? – Wo waren -dann seine Wünsche und Träume geblieben, und -all die weitausgreifenden Pläne der Seinen? – Wie -welke Blätter im Sturm kreisten und wirbelten Erinnerungen -und Vorstellungen durch seine Seele: – -er gedachte seiner Mutter in Plön, wohin sie von -Copenhagen gezogen, um wohlfeil zu leben, einsam -mit einer alten Magd, jeden Pfennig zu sparen und<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span> -mitten in den Unruhen des Kriegs ihn zum Künstler -zu bilden; er gedachte seines Ohms, des Rathsverwandten -Hagemeister, der als solcher eine kleine Anstellung -in Roeskilde erhalten, und mit unsäglicher -Mühe durch des Bischofs Gnade den Auftrag ihm -verschafft hatte, der zuerst ihn nach Nysted geführt. -– Eben durchbrach die Sonne, mit hellem blassen -Strahl sie durchschneidend, die schwere Wolkenhülle; -aufblitzte der goldne Thurmknopf der das ganze Städtchen -hoch überragenden Kirche; die Arbeitsstunde war -gekommen, und die Möglichkeit im alterthümlichen -Bau des Gotteshauses die Farben zu sehen und scharf -zu unterscheiden; – der Maler warf alle Gedanken -zur Seite und eilte der Bucht entlang den Weg -zurück in die Stadt, die steile Gasse hinauf zur -Kirche; sie war geschlossen am Werkestag; das Frühgebet -war längst vorüber. Thorald mußte herumgehen -bis an des Küsters Haus; er klopfte leise an -die runden Scheiben des kleinen Fensters, es öffnete -sich sogleich und ein feiner Mädchenkopf beugte sich -hervor.</p> - -<p>»Ei guten Morgen, Herr Eynerssen! Der Vater<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span> -ist nicht mehr daheim, er ist auf Schloß Aalholm zum -Grafen, und ich soll Euch führen; die Schlüssel hat -er mir gelassen, ich komme gleich hinab!«</p> - -<p>Im Augenblicke stand sie, in ein bescheiden -Mäntelchen gehüllt, neben ihm, – »aber laßt Ihr -mich nun auch das Gemälde sehen, lieber Herr? ich -habe mich so lange darauf gefreut, allein der Vater -ist so streng; der hält am gegebenen Wort wie eine -Eisenklammer. Ihn kümmert es gar nicht, daß mich -die Christine und Elisabeth und Sophie verspotten, -weil ich, gleichsam ein Kirchenkind, das Bild noch -nicht gesehen, da Ihr es doch schon vor drei Tagen -hingebracht.« –</p> - -<p>»Wenn es fertig ist, Gianina, sollst Du es zuerst -sehen, früher als alle Anderen; heute aber -kann ich Dir den Gefallen nicht thun, ich muß den -Eindruck, den es macht, an Ort und Stelle selbst betrachten, -ihn wohl berechnen, manches ändern und -hineinmalen.« –</p> - -<p>»Da verwälscht Ihr mir wieder meinen ehrlichen -Christennamen und thut mir dennoch nicht das kleinste -zu Liebe! <em class="gesperrt">Johanna</em> heiß ich, hundertmal habe ich's<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span> -Euch schon gesagt! Würde das klingen ›Gianina -Kaalund‹? hört doch selbst, wie das acht und kracht! -Es paßt zusammen wie die Faust auf's Auge.«</p> - -<p>Während dem Sprechen hatte das Mädchen die -schweren Schlösser geöffnet; sie traten durch die Sacristei, -welche der Kirche anhing wie ein unförmliches -Schwalbennest, in die dämmernde Stille des Seitenschiffs. -Die weißgetünchten Räume gehörten dem -normannisch-romanischen Styl an, der edle Bau war -frei und nicht durch schwerfällige Mittelchöre verunstaltet; -ein frommes, freudiges Dankgefühl schlug an -des Malers Herz – rasch schritt er vor nach der -Mitte des Altars und überflog mit flammendem -Auge die seiner Tafel bestimmte Stelle; hinter derselben -stand das wohl verhangene Bild. Daneben -lehnten eine Leiter und eine staffeleiartige Vorrichtung, -um das Gemälde in die ihm bestimmte Höhe zu -bringen und ihm das passende Licht zu geben. Der -Maler hatte die Absicht, an Ort und Stelle das -Gemälde zu vollenden, und dann erst dem Magistrat, -welcher es für die Stadtgemeine bestellt, zu überantworten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p> - -<p>Unterdessen war Carlson, ein langer blonder -Knabe, welcher dem Maler aufwartete, mit dem -Malergeräth angelangt. Thorald und er gaben sich -sogleich daran die Tafel aufzustellen. Das Mädchen -hatte der Künstler längst vergessen.</p> - -<p>Die Kleine war scheinbar hinausgegangen, dann -umgekehrt und hinter einen der großen Pfeiler geschlüpft; -sie schaute von dort sachte hervor auf Beider -Treiben, in der Hoffnung, wenigstens von weitem -ihre Neugier befriedigen zu können.</p> - -<p>Jetzt war das Bild mit dem leeren Altarraum -in gleiche Höhe gebracht, es stand demselben zur -Seite; Carlson ward entlassen. Zögernd blieb der -Meister mit verschränkten Armen vor seinem Werke -stehen, als scheue er die Enthüllung desselben. – -Carlson strich dem Pfeiler vorüber, welcher Johannen -barg; sie glitt geschickt um denselben herum und war -nun dem Gemälde um so näher. Endlich flog der -Vorhang zurück. »Mein Jesus, das Schloßfräulein!« -schrie Johanna sich selbst vergessend auf. Wie von -einem elektrischen Schlage getroffen taumelte der Maler -zurück. »Du hier, Johanna? und Sie – Helene?<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -das Fräulein von Gejern wollte ich sagen – aber -wo, um Gotteswillen, wo ist sie? sprich doch -Mädchen!«</p> - -<p>»Was fällt Euch ein! Ihr träumt, lieber Herr. -Das Fräulein außer aller Kirchenzeit hier in dem -verschlossenen Gotteshause? ich meine <em class="gesperrt">da</em> die heilige -Martha neben unserer Herrgottsmutter auf dem Gemälde, -sie ist ihr ja wie aus den Augen geschnitten! -Wird sich die wundern, und der Herr Graf! – -aber der Johannes sieht ihr wahrhaftig auch etwas -ähnlich! – und davon sagt mir der Vater kein -Sterbenswort!«</p> - -<p>Heiß erröthete der junge Mann, ob aus Liebesentzücken -oder Scham ist schwer zu sagen, denn die -in's Auge fallende Aehnlichkeit war ihm unbewußt -aus der Seele in die Farbe seiner Pinsel gedrungen; -dann versuchte er des Mädchens Ausspruch zu widerlegen, -ja, er schalt ihn sogar eine thörichte Einbildung, -der des Fräuleins Ohr ja nicht berühren -dürfe; er bewies ihr den Irrthum in tausend Abweichungen -des Originals vom Bilde. –</p> - -<p>»Meinetwegen, lieber Herr Eynerssen, ich gebe<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -Euch gern zu, daß unser Fräulein weder so betrübt -aussieht – Gott sei Dank! noch so fromm; aber <em class="gesperrt">das</em> -sind ihre schönen lichtbraunen Haare, ihre klaren -Augen – das ist die schmale Unterlippe, mit der -sie so drollig trotzen kann, das ist ihre freie gerade -Nase; es ist ja zum Sprechen! Und so narret mich -doch nicht, indem Ihr mir weiß machen wollt, es -sei das Alles ganz von selbst gekommen, habt Ihr -doch eben das Conterfei der drei Fräulein im Schlosse -vollendet, da hattet Ihr ja die allerbeste Gelegenheit, -dasselbe Gesicht hier zu wiederholen. Die Lisbeth -hat die Bilder gesehen und kann gar nicht aufhören, -die Aehnlichkeit derselben zu rühmen!«</p> - -<p>»Ich bitte, Kind, jetzt laß mich arbeiten,« bat -der Maler. »Geh' jetzt – thu' mir den Gefallen! -Drei Stunden lang habe ich auf den hellen Tag -und auf das Sonnenlicht gewartet.« – –</p> - -<p>»Ja wohl, ich gehe schon, aber ich hätte Euch -doch gern noch viel gefragt; mir ist, als müsse ich -Euch danken für Labung und Gottesgabe! Die -heilige Mutter am Kreuz ist gar so schön, und Christus -sieht auf uns mit solcher Barmherzigkeit hernieder,<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -daß man so recht im Gemüthe fühlt, wie er für -uns gestorben ist!«</p> - -<p>Als sie draußen war, schob Thorald die Riegel -vor und kehrte dann zu seinem Bild zurück; er wollte -die Aehnlichkeit wegbringen durch ein paar kühne -Pinselstriche, wär's auch auf Kosten seines Bildes, -aber den geliebten reinen Zügen gegenüber sanken -ihm Hand und Muth. – »Haben es doch Rafael -und Andrea auch gethan!« flüsterte er vor sich hin – -»vielleicht gewahrt sie es nicht einmal; mir ist's wie -eine Todsünde, die wunderbare Harmonie dieses Antlitzes -zu zerstören! Was auch für Herzeleid und -Verdruß mir daraus erwachse, ich vermag es nicht.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> -<p>In einem nicht eben uneleganten, nur etwas -schwerfälligen Pavillon in chinesischem Geschmack, -der sich neben dem alten gothischen Schloßbau drollig -genug ausnahm, und recht wie zum Spott unserer -schwächlichen Modernität mit dessen vier, fünf -Ellen dicken Mauern contrastirte, saßen am Abend<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -desselben Tages drei junge Mädchen, zwei von ihnen -mit Nähen und Spitzen-Klöppeln emsig beschäftigt; -– Laaland bewahrt noch seine primitive Fabriken- -und Lädenscheu, und Nysteds 800 Einwohner gehen -alle, von der Mode unberührt und unbelästigt, im -großväterlichen und großmütterlichen Schnitt einher. -Die Damen mußten also nothgedrungen zu ihrer -eigenen Modernisirung Hand anlegen. Den beiden -fleißigen Schwestern gegenüber saß Helene, mit -dem Rücken nach dem Fenster gekehrt, und schaute -verstohlen über die Schultern hinweg, der Lindenallee -entlang, welche Schloß und Städtchen -verbindet. Sie beachtete keines der Copenhager -Gesellschaftsbilder, welche jene Beiden mit unerschöpflicher -Phantasie ihr entwarfen; wie aus einer weitentlegenen -Welt schaute sie sichtlich, ohne alles Verständniß -des ihr Vorgetragenen, über den kleinen -schmalen Theetisch zu den lustigen Schwätzerinnen -hin, die, glücklicherweise viel zu sehr mit sich selbst -beschäftigt, ihre Zerstreutheit nicht bemerkten. –</p> - -<p>»Bruder Joachim und Elisabeth kommen auch -zum Pferderennen nach Copenhagen,« sagte Amalie,<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -»Christian will nur ein halb Dutzend Ackerpferde zum -Verkauf hinüberschicken – wird sie nicht Staat -machen, die Gnädige. Nun, da bekommen wir -wenigstens neue Muster.«</p> - -<p>»Nach Wallöe? o ja! aber schwerlich bis hieher -nach Laaland! Und alles können wir doch nicht selbst -machen, oder gedenkst Du in Nysted eine Putzmacherin -zu suchen? Danke Gott, wenn Du einen -Schuster findest!«</p> - -<p>»Wie Du nun wieder übertreibst, Annette, Dir -ist der Aufenthalt hier zuwider, und doch ist er so -friedlich, so recht gleichförmig und ruhig, wie ich -immer leben möchte; ich habe diese grünen fetten -Weiden gern.«</p> - -<p>»Gern? ist's etwa angenehm zwischen Ochsen -und Kühen, durch Dick und Dünn in schweren Holzschuhen -dem Sonnenuntergange entgegen zu waten, im -Moor stecken zu bleiben und dann allenfalls vom alten -Niels gerettet, wie ein nasser Sack in irgend einem -Bauernhofe als »Gräfliches Eigenthum« abgeliefert -zu werden?«</p> - -<p>»Uebt man doch kein Morast-Strandrecht an<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -uns aus! Ich bin lieber hier als in Wallöe; das -Stift wird mir nicht zum Vaterhause. Hätte Christian -mein Herz für Aalholm, es sollte bald hier anders -werden. Es war auch anders zu der Mutter -Zeit, sogar noch in des Vaters Witwen-Jahren, -ehe all die Modernisirungsversuche den Bauernstand -uns fern stellten; es war etwas patriarchalisches in -der Abhängigkeit.«</p> - -<p>»Ich meine, der Bauernstand sei unserer Gegenwart -etwas näher getreten, als für unser Aller -Glück nothwendig,« erwiederte Annette; das hübsche -Milch- und Rosen-Gesichtchen überflog ein Zug seltsam -spöttischer Bitterkeit.</p> - -<p>Am gegenüberliegenden Ende des Gartens erschien -jetzt eine bleiche noch jugendliche Frau; sie trat -aus dem Schlosse und schritt mühsam die hohe Steintreppe -hinab in den Gang, der zum Pavillon führte; -ihr etwas trüber Blick überflog die Kieswege und -die steifgeschnittenen Taxuswände, als suche er etwas; -ein leises, fast unmerkliches Kopfschütteln sprach aus, -daß sie es nicht gefunden; – so näherte sie sich langsam -den Schwestern. Helene, ihren wogenden Träumen<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -hingegeben, bemerkte es nicht; die andern Beiden -blieben in plötzlich veränderter Haltung sitzen, etwas -Gliederpuppenartiges und angestrengt Eckiges legte -sich über dieselben und es breitete sich eine feine, doch -keineswegs grelle Affectation über den ganzen Ausdruck -ihres eben noch so ganz natürlichen Wesens aus.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Eva, so hieß die Neuhinzugetretene, grüßte -freundlich ihre Schwägerinnen und setzte sich zu ihnen; -sie athmete beklommen. In Laaland geboren, hatten -ihr dennoch der feuchte Moorboden und dessen ungesunde -Ausdünstungen geschadet; ihre Gesundheit war -zerstört. Sie hatte mit ihrem Gemahl, dem Grafen -Christian, fünfzehn Jahre in Jütland zugebracht, -bis das ihm nach seines Vaters Tode zufallende -Majorat sie veranlaßte, nach Aalholm zu ziehen. -Jütland aber ist der romantische Theil Dänemarks; -es hat weder Fühnens überreiche Vegetation, noch -Seelands städtischen Reiz, aber es vereinigt den -Wechsel wilder, rauher und fruchtbarer Gegenden; -es hat die höchsten Berge, Waldungen und Seen, -anmuthige Buchten und Flüsse – und sein kaltes<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -Klima ist nicht schädlich wie das des kaum sich über -den Meeresspiegel erhebenden Laaland.</p> - -<p>Eva legte leise ihre schmale abgemagerte Hand -auf Helenens Schulter, um sie aus ihren wachen -Träumen zu erwecken; »es ist schön heute Abend,« -sagte sie, »seit dem Mittag hat sich der Horizont -entwölkt, wolltest Du nicht ausgehen oder ausfahren?« -»Meinst Du, daß es schön bleiben wird, bis Sonntag -und wir Alle nach Nysted in die Kirche gehen -können?« fragte, gleich in ihre Gedanken ganz zurücksinkend, -das Mädchen. Sie schüttelte die lichtbraunen -Locken aus dem Gesicht und hob das von -Johannen beschriebene Antlitz zu der vor ihr Stehenden -empor; man fühlte die Wärme und Innigkeit -des strahlenden Blickes, die vertrauende Liebe, -die sie der Schwägerin verband. »Ich glaube,« -fuhr sie leicht erröthend fort, »das Altarblatt wird -fertig sein, es könnte wohl zur Feier des Johannistages -aufgestellt werden.« –</p> - -<p>»Freilich haben wir lange genug darauf gehofft, -aber Du vergißt, liebes Kind, daß unsere Herren -nach Copenhagen wollten.« –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span></p> - -<p>»Bewahre! Christian schickt nur seine Pferde -hin und Joachim und Friedrich gehen von ihren -Gütern aus direct, ohne mit uns zusammen zu treffen; -sie gedenken zum Erntefest hier auf Aalholm uns -zu besuchen,« sagte Annette. Die arme Gräfin -wurde noch ein wenig bleicher als sie gewesen, Christian -hatte ihr von all diesen Veränderungen seiner -Pläne nichts gesagt!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Helene sah sie sorglich an, »Christian,« sagte -sie, »hat erst gestern Abend die Briefe erhalten, er -ist mit dem Inspector nach Engholm; Du weißt, -heute Morgen hat er eine Kiste Bücher bekommen, -und vermuthlich über die Geistesverwandten die Brüder -vergessen!« – Schmeichelnd streichelte sie die -zitternde Hand, welche von der Schulter herabgeglitten -jetzt in der ihren lag. »Oder mich!« – -seufzte Eva, unhörbar leise.</p> - -<p>Ein Männertritt erklang über den Kies der -Gartenwege; während des kurzen Gesprächs war -nun, doch von Helene nicht unbemerkt, Thorald am -Pavillon vorbei und durch die kleine Gartenpforte<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -hereingekommen; er trat, sich entschuldigend, daß er -nicht angemeldet, zu den Damen. –</p> - -<p>Er mochte Helenen früher auf diese Weise allein -angetroffen haben, denn Beide waren sichtlich verlegen, -und die andern Schwestern flüsterten sich etwas -zu: Annette zuckte lächelnd die Achseln. Die Gräfin -blieb verstimmt und wurde mit jedem Augenblicke -trauriger. Das Gespräch drehte sich um die Politik -des Auslandes und die damals noch wie elektrisch -auf die Gemüther rückwirkenden Nachrichten aus -Frankreich. Thoralds Aufenthalt als Künstler in -Italien, auf dem so vielfach erschütterten Boden, in -der von tausend Freiheitsträumen und Kriegsereignissen -bewegten Zeit, hatte für die Frauen etwas -Fabelhaftes, das ihn wie mit einer Aureola umwob.</p> - -<p>Endlich kam auch Graf Christian; eine edle Erscheinung. -Er ging ein wenig vorn übergebogen -aus übler Angewöhnung; richtete er in irgend einer -Geistes- oder Gemüthsanregung sich auf, so gewann -seine Gestalt etwas Ritterliches, das an Majestät -grenzte. Seine Züge hatten eine formelle Strenge<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -angenommen, die nicht mit physischer Kraft gepaart, -fast unnatürlich erschien; die schmale kleine Hand -und die dünnen Knöchel derselben verriethen sogar -eine körperliche Schwäche, die jedoch nicht ohne Anmuth -hervortrat. Ohne unbeholfen sich zu zeigen, -war der Graf leicht, selbst im engsten Familienkreise -verlegen, seine etwas ungelenke Vornehmigkeit und -der seinen Tagen anhangende Mangel einer vollendeten -Erziehung, welche überall Sicherheit gewährt, -trugen Schuld daran. Unendlich schön waren seine -dunkelgrauen Augen; sie hatten einen wunderbaren -Reiz, den man sich nicht zu erklären vermochte, denn -sie belebten sich selten; eine Art schwermüthiger Düsterheit -war in ihm allmälig zu der stillen Beschaulichkeit -geworden, die ihn fast zum Gelehrten stempelte. -Fünfzehn Jahre hindurch hatte er in einem -jütländischen Dorfe gelebt, und war auch dort ein -Träumer geblieben, den nur momentane Noth zum -Handeln zwang, den selbst die Beschränkung der Armuth -nicht zum praktischen Menschen auszubilden -vermochte. Er war zeitgemäß elegant gekleidet, hatte -feine Wäsche und ungepudertes Haar, überhaupt aber<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -eine gewisse Zierlichkeit, welche gegen die Derbheit -seiner Gutsnachbarn abstach.</p> - -<p>Im Eintreten fiel sein Blick auf den Maler, -seine Stirn umwölkte sich.</p> - -<p>Thorald unterhielt die Damen voller Laune und -Gewandtheit, kaum unterbrach des Hausherrn Ankunft -das Gespräch, denn die Mädchen dürsteten in -ihrer Abgeschiedenheit nach überseeischen Neuigkeiten; -Besuche waren bei der Unfahrbarkeit der Wege selten.</p> - -<p>Als Thorald endlich neben Helenen einen unbemerkten -Augenblick gewann, flüsterte er ihr die -Bitte zu, wo möglich sein nun aufgestelltes morgen -zu vollendendes Bild vor dem Sonntagsgottesdienste -in der Kirche zu sehen. Glühend vor innerer Lust -und in gegenseitig sie überwältigender Leidenschaft -ganz versunken standen Beide vor einander, ihn steigerte -ein stolzes Selbstgefühl, sie berauschte der Gedanke -an seinen künftigen Ruhm; denn selten nur -kamen Künstler auf die stille Insel. Der nur von -Ackerbau lebende Laaländer vermag sie nicht herzulocken! -Seit Menschengedenken hatte man keinen -Maler in Nysted gesehen, und die beiden schönen<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -Gemälde der alten Kirche dankten ihr Entstehen katholischen -Donatoren, und gehörten weit früheren -Jahrhunderten an.</p> - -<p>»Graf Brahe Trollenburg« meldete ein vierschrötiger -Diener, welcher trotz seiner Livrée einem -deutschen Großknecht nicht unähnlich sah – Fräulein -Annette erröthete zur Rose! – Der reiche Gutsbesitzer -aus Seeland war ihr nicht fremd! Während -ihres Winteraufenthaltes in der Residenz, so kurz er -gewesen, hatte sich in dem jungen Manne eine dauerndere -Empfänglichkeit für des Laaländer Fräuleins -Reize erzeugt, als den Copenhager Damen billig -schien. Der Graf war reich und eine vortreffliche -Partie. Er war nach Aalholm gekommen, um das -Herzensterrain seiner Schönen zu sondiren und im -Ehestandshafen zu ankern.</p> - -<p>An der Art, mit welcher Graf Christian ihn -bewillkommnete, erst seiner Gemahlin vorstellte und -ihn dann seinen Schwestern zuführte, errieth Thorald -sogleich den künftigen Schwager, – eine unaussprechliche -Beklommenheit bemächtigte sich seiner, -die eben noch so fließenden Erzählungen aus Italien<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -stockten, des Hofmanns Gegenwart drückte ihn zurück -in den Schatten. Es war bei dem sehr abgeglätteten -Tone des Trollenburg nicht leicht zu durchschauen, -welcher der drei Damen die Bewerbung des -vor kurzem Majoratsherr Gewordnen gelte – es -drückte dem Maler fast das Herz ab; in verzweifelnder -Stimmung verließ er die Gesellschaft, man machte -keinen Versuch ihn zurück zu halten; trostlos kehrte -er zu dem Städtchen zurück.</p> - -<p>Unweit des Thores begegnete ihm Johanna, sie -hatte den Leuten auf dem Felde ihr Vesperbrot gebracht, -und trug eine Menge Geräthschaften und -einen großen schweren Wasserkrug heim. Sie näherte -sich Thorald, um ihn zu fragen, ob er in die Kirche -verlange, der Vater sei auf der Feldarbeit mit dem -Knecht; sie hätten's eilig, denn morgen sei an ihnen -die Frohnfuhre, der Acker aber erst halb bestellt.</p> - -<p>»Frohndienst? Ihr als Bürger? unmöglich!«</p> - -<p>»Doch, lieber Herr, wir haben von Alters her -Land in Pacht vom Herrn Grafen; obschon wir -eines Theils losgekaufte Bauern sind, stehen wir -ihm noch in Frohn und Zehnten. Der Herr aber<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -ist glimpflich, allein der Vogt! Erbarme sich Gott! -Ehmals, da wir Leibeigne waren, mag es noch -schlimmer hergegangen sein; Großvater hat uns oft -geklagt, wie die Verwalter zu seiner Zeit den Bauern -geschunden! Wie er in der Kornschatzung nicht nur -gehäuftes Maß, sondern noch eine Zugabe für's -Schwinden oder Senken habe liefern müssen – wie -nicht nur bloß die armen Gäule ihm zur Ackerfrohne -eingespannt wurden, o nein, wie sie zum eignen -Dienste jedes Knechtes, jeder Magd des Herrnhofes -bereit sein mußten; konnte doch damals nicht einmal -der Hundejunge zu Fuße durch das Moor, stand -gleich der Bauer bis zum Knöchel d'rin, und watete -selbst schwerbelastet neben seinem Vieh, um das Getreide -zur Mühle zu fahren, den Sand vom Strande -zu holen für den Vogt – o lieber Herr! es war -eine harte, schwere Zeit! Selbst unsre liebe Gräfin -weiß ein Lied von ihr zu singen; helf' ihr Gott! und -sie ist doch uns Allen eine so gnädige Herrschaft!«</p> - -<p>So unbequem Thorald die Anrede der Dirne -empfunden, so ganz verloren ihr frischer Reiz dem -Jüngling gegenüber blieb, so blitzstrahlartig traf ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -dieses Wort. »Was meinst Du, Mädchen?« fragte -er harsch ihren Arm ergreifend, »was soll das -heißen?«</p> - -<p>»O nichts für ungut, lieber Herr, verzeiht! Ihr -wißt ja selber wohl, daß unsre Gräfin die Tochter -des Peter Owens ist, der den großen Hof zu Engbolle -in Pacht hat; es ist freilich nicht gut davon -reden, die gnädige Herrschaft hört's nicht gern; aber -Ihr, was geht es Euch an! da droben zu Aalholm, -ja, das ist etwas anders, ein Jeder sagt, es sei ein -Nagel zum Sarg des Hochseeligen gewesen und geblieben!« -Sie hob den Krug, den sie neben sich -auf einen Stein gestellt, mühsam auf, um weiter zu -gehen, Thorald stand ihr freundlich bei – »was -hast Du denn da?« fragte er zerstreut, all seine Gedanken -waren noch bei ihrer Erzählung. –</p> - -<p>»Wasser vom Bärenborn für Fräulein Helene.«</p> - -<p>»Seit wann thust denn Du Schloßdienste?«</p> - -<p>»Ei im Schloß bin ich wohl selten genug! Aber -das Fräulein wäscht sich nur mit dem Bärenborn, und -wir Töchter der Frohn- und Festebauern müssen ihr -Reihe herum das Wasser holen. Es ist freilich ein<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -wenig weit,« setzte sie hinzu, indem sie mit dem -Schürzenzipfel die Stirne trocknete, »es sind wohl -anderthalb Stunden Wegs von uns aus dorthin, -darum hat mir's warm gemacht!« –</p> - -<p>»Aber wer hat Euch denn befohlen das Wasser -zu holen?«</p> - -<p>»Wer anders als der Vogt? die Herrschaft weiß -wohl kaum davon! Er ist es noch von Alters her -gewohnt, die Bauern zu Paaren zu treiben! Die -Alten sind alle so; macht es doch unserer Gräfin -Vater nicht besser! Der nimmt das Joch aus Gewohnheit -selbst über den Nacken! Nun, kommt's nicht -arg, fügt man sich schon.«</p> - -<p>Lustig schritt sie mit ihrem Kruge weiter.</p> - -<p>Die Gräfin eines Pachters – Peter Owens -Kind? <em class="gesperrt">Das</em> also ist die unsichtbare dunkle Last, an -welcher das arme Weib so schwer trägt? ihr Großvater -Leibeigener, der Vater Frohnpflichtiger, wenn -auch wohl längst abgekaufter Bauer – und sie die -Gutsherrschaft – die <em class="gesperrt">Gräfin</em>! Also da sind wir -<em class="gesperrt">noch</em>? seufzte der junge Mann. O wahr, trotz den -Bestrebungen der Edelsten unseres Volks, trotz Moltke,<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -Reventlov und Colbiornsen <em class="gesperrt">noch</em> nicht weiter? Wie -unsäglich langsam reift die Saat des Guten – bedarf -sie denn wirklich des blutgetränkten Bodens? –</p> - -<p>In Italien und Frankreich, die er durchreis't, -standen damals Bildung und Volksgesinnung auf -einem so andern Höhepunkte. Napoleon hatte eben -Italien unterjocht, indem er es republikanisirte; es -war ein Lichtblick seines gewaltigen Lebens, – die -vorangegangenen Uebertreibungen der Schreckenszeit -hoben die Gegenwart glänzender hervor; Jeder wollte -dort wenigstens einen Theil der ihr entströmenden -Freiheit für seine oder seiner Kinder Existenz, während -im Norden die Meisten vor dem Gedanken an -die ihr gefallenen Opfer zurückbebten, und deren -Vollgewinn in seiner damaligen Form kaum angenommen -haben würden, hätte er sich ihnen geboten.</p> - -<p>Anders freilich dachte und fühlte die Jugend, ihr -war der Blutsaum des Gewandes der Freiheit Morgenröthe -geblieben. Der gestörte Zustand der aus ihren -Angeln gerissenen Maschine, die wir Bürgerlichkeit -nennen, erschien ihr minder grell und qualvoll, als -den Alten, welche der verarmten Familienväter, der<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -kinderlos gewordnen Mütter, der Gattinnen, die ihr -Theuerstes auf der Guillotine verloren, gedachten. – -Frankreichs glänzende Redner hatten auch in Dänemark -den heißen Durst nach einer nie empfundenen -Gleichheit der Stände erweckt, versprach er doch dem -edlern Individuum den unermeßlichen Reichthum -einer vollständigen Entfaltung, den der innerlich Hochbegabte -am schmerzlichsten entbehrt, und heißer ersehnt, -als der Bettler das materielle Gut des Vornehmen.</p> - -<p>Dem rohen Rausch vernichtender, zerstörender -Bestialität des französischen Pöbels lag eigentlich -das nämliche Gefühl zu Grunde, das hier und da -den Schwärmer verleitete: eine Ueberschätzung seiner -selbst. Umsonst haben tausendjährige Erfahrungen -uns die Lehre wiederholt, daß dem <em class="gesperrt">wirklich</em> bedeutenden -Menschen, dem Genie, der vollständigen Geisteskraft -weder äußere Verhältnisse, noch irgend eine andre -Zeitgewalt hemmende Fesseln anzulegen vermögen; für -die Meisten sind der obscure Mönch Luther, der Schiffsjunge -Peter von Rußland, und der uns viel näher -stehende Napoleon Bonaparte keine Beispiele.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<p>Ist nun dem Menschenherzen so natürlich, im -angeborenen Streben nach Glück den größten Maßstab -für die eigenen Forderungen zu wählen, ohne sie -mit den eigenen Leistungen irgend in ein Gleichgewicht -zu bringen, um wie viel edler erscheinen -jene seltenen Naturen, die ohne persönliches Bedürfen, -unter günstigen Verhältnissen, nur für die Menge -fordern und, ihre Nation vertretend, sich selbst aufopfern -für ein allgemeines Wohl! Fast alle wahren -Wohlthäter der Menschheit haben jedoch nicht bloß -gewaltig, sondern eben so mild als besonnen gehandelt. -Sie sind Sterne gewesen, welche nicht nur -das Dunkel des Augenblicks durchleuchteten, sondern -in jeder Nacht von neuem auftauchten und hinter -den sie bergenden Wolken fortschimmerten, bis ihr -Strahl sie zu durchbrechen vermochte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Namen der hochherzigen Männer, welche -unter Friedrich <em class="antiqua">V.</em> und Christian <em class="antiqua">VII.</em> es unternahmen, -Dänemarks Bauern allmälig Freiheit und Wohlstand -zu bereiten, werden nie in seiner Geschichte -verklingen, so langsam auch ihr oft unterbrochenes<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -Werk vorwärts schritt, ihre Beharrlichkeit brachte sie -an das Ziel. –</p> - -<p>Wie aber die Natur den festen Eichenwald gern -mit Vögeln und Schmetterlingen durchjauchzt und -belebt, so stehen immer zwischen solchen ernsten, tiefen -Charakteren, aus deren Reichthum Tausende ihren -kurzen Lebensfaden spinnen, leichte harmlose Wesen, -welche gern überall das Schönste und Beste fördern -möchten, es auch manchmal zu erfassen, in der Regel -aber <em class="gesperrt">nie</em> es festzuhalten vermögen.</p> - -<p>Dieser höchst nothwendigen Mehrzahl der Menschen, -welche das eigentliche Element gesellschaftlicher -Verbindungen ausmachen, werden allerdings nur die -ihnen durch Geburt, Reichthum oder Zufall gegebenen -Verhältnisse zum äußern Halt, daher die vielen -Klagen über verfehlte Existenz und gehemmtes Talent. -Ich glaube aber, daß wir kein einziges Beispiel -haben, daß die ganze Gesellschaftswelt, in Bausch -und Bogen genommen, je im Stande gewesen ist, -den Außerordentlichen zu hemmen, das gesunde -Genie zu zerstören! –</p> - -<p>Thorald fand den Gang der Umstände zu langsam;<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -ihn drängte eine innere Unruhe zum Handeln; -in Napoleon sah er den Retter der Welt. »Der -Schneckenlauf der Bildung meines Vaterlandes,« -sagte er, »beut mir nur Kränkung und Lähmung -meines Talents. Die Schwere veralteter Vorurtheile -legt sich auf jede Hoffnung! Auch in Copenhagen -schreitet die Kunst nur unter dem Schutz des Fabrikwesens -vorwärts. In Frankreich, in Italien entfaltet -eine kräftigere Hand das Panier der Freiheit! -Die ihr gefallenen Opfer schlummern unter der grünen -Rasenhülle, lebt noch irgend etwas von ihnen weiter -in jener unendlichen Himmelsbläue voll unbekannter -Welten, so ist dort das hienieden Unvermeidliche -längst verziehen. Uns bleibt die Sorge, es nicht unnütz -erscheinen zu lassen, den mit Feuer und Schwert -bearbeiteten Acker zu besäen! Der Verlust, den Tausende -beweinen, muß zum Glücke Tausender erblühen. -Auch ich kann nur dort mir ein Loos erschaffen, -das Helenen anzubieten würdig.«</p> - -<p>Wenn sie aber mit Dir entflöhe! so dachte er -in andern Momenten; allein wie sie erhalten, durch -welche Mittel, – ob sie reich ist? – Ihm war die<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -Frage nie eingefallen, er war zu sorglos dazu. Auch -galten in Dänemark damals noch die Majorate und -fast alle Töchter hochadliger Familien standen in -dieser Hinsicht einander gleich. So schob er gern -den Gedanken zurück, von Helenens Gelde zu leben, -alles Andere wollte er ihr danken. Wenn er aber -an Heirath dachte, – und seit drei Wochen that -er es stündlich, – so schwebte ihm allemal ein Verhältniß -vor, als Hofmaler, als bevorzugter Künstler -in einer königlichen Residenz. – Dann durfte sein -Ruhm neben der Geliebten Adel sich stellen; auf die -aller natürlichste Weise vergaß Thorald seine republikanischen -Gesinnungen und daß er eben in der Nysteder -Kirche sein <em class="gesperrt">erstes</em> historisches Gemälde aufstellte!</p> - -<p>Seine Arbeit vergaß er indessen doch nicht; kaum -war der erste Sonnenstrahl erwacht, so saß er auf -seinem Gerüste vor dem Altarblatte; was ihm überhaupt -zu thun möglich, war bald gethan. Er saß -noch oben, als die angelehnte Thür leise in ihren -Angeln sich drehte, und Helene von ihrer Kammerjungfer -begleitet in die Kirche trat; sie hatte Commissionen<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -im Städtchen gemacht, die offene Thür bemerkt, -und so war ihr plötzlich eingefallen, einen Augenblick -einzutreten. – Der überglückliche Künstler sprang zu -ihr hinab, das Gerüst ward mit zitternden Händen -zur Seite geschoben, – großer Gott! auf dem Altar -stand ihr Bild! Daß er sie als eine der Frauen -dargestellt, welche die zusammensinkende Mutter unseres -Herrn unterstützen, hatte an sich nichts den -ernsten protestantischen Sinn Verletzendes – und wie -ein Strom stürzte der Jubel ihr in's Herz!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Thorald dagegen stand mit gesenktem Blicke bebend -ihr zur Seite, eine tödtliche Blässe hatte seine -Züge überdeckt – er wagte nicht sie anzusehen. Endlich -war der Zustand nicht mehr zu ertragen: er -schlug die Augen auf – Gott sei Dank, daß es -eine Zeit im Menschenleben giebt, in welcher man -keiner Worte bedarf, sich alles Nöthige zu sagen! -»Aber,« fuhr sie fort, nachdem er in ihrem Antlitz -gelesen, was er zur Beseligung des Augenblickes bedurfte, -»was wird mein Bruder, was werden -Bürger und Bauern sagen? ich bin es freilich nicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -denn die Maria Jacoba ist ja viel tausendmal schöner -als ich, dennoch –«</p> - -<p>»Helene! kann ich für die unbewußte Schuld? Des -alten Küsters Tochter Johanna war die erste, welche -mir es aussprach; ich wollte sogar diese mir aus -dem Tiefsten meines Innern entquollene Aehnlichkeit -zerstören, aber mir bebte die Hand, wie bei einer -verruchten That, ich vermochte es nicht.« Heißer erröthete -das Mädchen, heftiger schlugen des Künstlers -Pulse: vor dem Altar sprachen sich Beider Herzen -aus. Dem voltairisirenden Jüngling, der eben noch -mit den Jacobinern zur »Göttin der Vernunft« geschworen -hätte, trat die Liebe sanft, voll religiöser -Empfindungen, wie ein ihn heiligender Glaube in -die unruhige Seele, und schuf sie um zum Tempel -des innigsten, frömmsten Gefühls.</p> - -<p>Noch schwelgten die Liebenden im Anschauen -ihres gegenseitigen Glücks, ohne im mindesten der -Erde und ihrer conventionellen Bedingungen zu gedenken, -als wiederum die Kirchenthür in ihren schweren -Angeln dröhnte, diesmal aber heftig aufgerissen -ward. »Der Herr Graf,« sagte das im Hintergrund<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -vergessene Kammermädchen, »der Herr Graf.« Zum -Glück war sie eine Copenhagerin!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Graf Christian prallte zurück, als er das erglühte, -bebende Paar in traulichem Beisammensein -vor dem Altar erblickte; aber sein Gesicht nahm den -Ausdruck des wüthensten Zornes an, als er die Aehnlichkeit -mit seiner Schwester gewahrte, die momentan -noch auffallender erschien, weil Helene zufällig mit -aufwärts gewandtem Haupte zu Thorald in die -Höhe sah, wie auf dem Bilde die Maria Jacoba zur -Mutter Gottes.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Herr! was soll das?« polterte der kaum seiner -selbst Mächtige und dennoch innerlich Verlegene. Mit -jedem Wort steigerte er sich mehr und mehr, um seiner -Stimme Herr zu werden, »Sie haben sich erlaubt, -die Ihnen von mir und meiner Familie aufgetragene -Arbeit zu mißbrauchen, die Züge eines -Fräulein von Gejern, wie die eines Modells zu -einer Figur Ihres Gemäldes zu benutzen! Sind Sie -von Sinnen, auf diese Weise einen im ganzen Reich -geachteten Namen zu prostituiren? Das Gemälde<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -muß fort von hier, oder die Züge dieser Martha – -oder wie sie heißt, müssen verändert werden.«</p> - -<p>»Herr Graf, diese Aehnlichkeit ist weder einem der -mir aufgetragenen Familienportraits gestohlen, – mein -Altarblatt ist weit früher gemalt als jene, – noch -habe ich die Comtesse wie ein Modell zu behandeln -gewagt. Wenngleich eine zufällige Aehnlichkeit die -Züge meiner Jacoba verschönt, so liegt darin nichts -Entwürdigendes. Meine Kunst ist heiligend, nicht -befleckend! Rafael, Domenichino, del Sarto haben -alle Großen ihrer Zeit, den Papst, die Fürsten, die -edlen Frauen aus königlichen Geschlechtern auf ihren -Gemälden verewigt. Wenn aus ihren Worten eine -gewisse Unkenntniß dieser Umstände hervortritt, so -muß ich dennoch anerkennen, daß Sie in andern gelehrten -Fächern so Bedeutendes leisten, daß Ihnen für die -Kunstgeschichte keine Zeit blieb – gewiß würden Sie -in Frankreich oder Italien –«</p> - -<p>»Unsinn! Unsinn! Wir sind Protestanten, Herr -Eynerssen, verstehen Sie das? ganze Protestanten, -keine Halbkatholiken, keine Deïsten, sondern Lutheraner! -– schon <em class="gesperrt">das</em> ändert unsere Verhältnisse! Wir<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -sind Dänen! das ändert unsere Ansichten des Schicklichen; -was in diesem Augenblicke in Frankreich und -Italien, als die mit dem Blute des Adels gedüngte -Frucht höherer Bildung gilt, vergeben Sie – kann -ich als dänischer Graf weder ehren noch anerkennen! -Da ich mir aber erlaube, über meine vaterländischen -Zustände und die bei uns längst festgestellten gesellschaftlichen -Formen selbständig zu urtheilen, so bitte -ich Dich,« – fuhr er gegen das Fräulein gewandt fort -– »um Deinen Arm, um Dich zur Kutsche zu geleiten. -Läßt Du mir da die neuen Mecklenburger -Rappen zwei Stunden an der Sonnengluth stehen, -daß sie die Hufe sich zerschlagen! Ich werde mir -das Weitere in Bezug auf Sie, Herr Eynerssen, und -auf die Maria Jacoba vorbehalten. Für jetzt ersuche -ich Sie nur auf das Bestimmteste und Höflichste, es -zu machen, wie Ihre Kunstvorfahren mehr als einmal -gethan: durch einige wohlberechnete Pinselstriche, -die, wie sie mich versichern, Comtesse Gejer ganz wider -Ihren Willen zur Jacoba stempelnde Aehnlichkeit -zu <em class="gesperrt">vernichten</em>, und werde ich ferner stehenden Fußes -mir erlauben, den Herrn Magistrat zu benachrichtigen,<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -daß einige nöthige Retouchen die Enthüllung -Ihres Altarblattes am Johannisfeste unmöglich machen -und selbige um ein paar Tage hinausschieben; -es sei denn, daß Sie mit diesen Aenderungen sogleich –«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> könnte mir vor Allem erlauben Ihnen zu -bemerken, Herr Graf, daß ich vollkommen mündig -und erfahren genug bin, dem Magistrat selbst vorzutragen, -was ich für nöthig erachte« – –</p> - -<p>In Todesangst blickte Helene, hinter dem Grafen -halb verborgen, zum Geliebten hinüber, noch ein -Wort und der Bruch war unvermeidlich, unheilbar! –</p> - -<p>»Ich erlaube mir aber nur als Künstler zu antworten, -daß es zu dieser Aenderung <em class="gesperrt">zu spät</em> ist,« -fuhr Thorald fort, »mein Bild ist seit mehreren Tagen -vollendet, ich habe sogar eben einen ersten leichten -Firniß darüber gezogen; Ew. Gnaden Kunstsinn -und Geschmack werden Ihnen die Ueberzeugung davon -geben, wenn Sie es einer nähern Betrachtung -würdigen.«</p> - -<p>Aber Geschmack und Kunstsinn des Grafen reichten<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -keineswegs an die strenge Ansicht desselben in Betreff -der Frauen-Ehre, deren Zartheit in seinen -Augen jeder Hauch zu trüben vermochte; sie reichten -eben so wenig an das beleidigte Gefühl seines Adelstolzes. -Auf's schmerzlichste erregt, war jetzt Graf -Christian jeder Verlegenheit, aber auch jeder Schonung -bloß, – Wort um Wort flogen in immer verletzenderer -Schnelle hin und wider, Christian vergaß -sich endlich so weit, den Maler daran zu erinnern, -daß er, außer der Verwendung des Bischofs zu Roeskilde, -seiner eigenen Vermittlung die Bestellung des -Altarblattes zu danken habe.</p> - -<p>An dieser unseligen Mahnung brachen des Jünglings -Fassung und alle Vorsätze seiner Liebe. Seine -Künstlereitelkeit war zu peinlich verletzt. Mit mehr -Hochmuth als Stolz erklärte er die ganze Arbeit in -Nysted für eine bloße Probe, die er mit seinem eigenen -Talent gemacht, welche aber von dem kleinen -Städtchen einer unbedeutenden dänischen Insel aus, -keineswegs ihm als Kunstwerk großen Ruf zu erwerben -geeignet sei. Von Copenhagen her könne es allein -ihm gelingen, sich in der Welt Bahn zu brechen;<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -nur vom Königshofe stehe zu erwarten, daß etwas -wirklich Förderndes für seine Kunst geschähe. Unglücklicher -Weise setzte er dabei den ganzen langsamen -Bildungsgang Dänemarks in ein höchst ungünstiges -Licht, und vergaß der ungeheuren Opfer, welche gerade -jene Zeit dem höhern Adel auferlegte; denn der -junge Maler kannte die blutige Geschichte Frankreichs -in ihrer grellen Buntheit besser, als die des eigenen -Vaterlandes.</p> - -<p>Graf Christian dagegen war mit dem tiefaufgewühlten -Boden vertraut, dem er Schätze der Erkenntniß -entrungen, in welchem er zahllose Leichen -seiner Jugendhoffnungen und manch' schmerzliches -Verleugnen seines Familienstolzes geborgen. Die -Wahrheiten, die er auf demselben angebaut, hatten -längst Frucht getragen. Unpraktisch im kleinen Thun -des täglichen Lebens, ungeschickt wie ein Kind in -Handhabung des Zufalls und seiner flüchtigen Gunst, -wenn es seine eigne Persönlichkeit galt, war er in -Bezug auf Staatsverhältnisse fest und klar. Als -Theoretiker schloß er sich den bedeutendsten Reformatoren -der Bauernsache an, als Individuum hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -er in Ausübung des einmal Angenommenen nie das -Billige verweigert. Ordnung und Freiheit waren -ihm gleichbedeutend, er selbst hatte auf Laaland die -ersten Schritte zu Lösung des Leibzwangs und des -Gemeinbesitzes gethan, ja, zuerst Erbpacht auf seiner -Herrschaft gewährt, aber daß er es gethan, verlangte -er anerkannt zu sehen. <em class="gesperrt">Nie</em> war ihm eingefallen, -seinem Range dabei etwas vergeben zu können, oder -die gewährten <em class="gesperrt">Menschenrechte</em> als Aufhebung der -seines <em class="gesperrt">Adels</em> anzusehen. So empfand er auch -Thoralds Nichtbeachten des für ihn Geschehenen als -schwarzen Undank, ja als Gemeinheit und Frechheit.</p> - -<p>Sehr trocken fragte er den Maler, ob er von -seiner Stelle aus, ohne Unterstützung des Adels, -am Hofe Zutritt zu erlangen erwarte? Ob ihm das -verwandtschaftliche Verhältniß zwischen seiner und des -Bischofs Familie unbekannt sei, daß er auf die ihm -in Bezug auf Comtesse Gejer eben mitgetheilten Bemerkungen -so gar nicht achte, als müßten dieselben -nicht in jenem Hause ihr Echo finden?</p> - -<p>Es legte sich eine Art Geringschätzung in Ton -und Haltung des Grafen, die für Thorald unerträglich<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -war. Als Christian seine durchaus verletzende -Rede mit dem übermüthigen Rathe schloß, -lieber bei dem macht- und geldlosen Adel der französischen -Emigranten, oder bei den Jacobinern die -rasche Erfüllung seiner hochfahrenden Pläne zu suchen, -brach Helene in Thränen aus; alle Rücksicht gegen -den Bruder vergessend stürzte sie auf den Künstler zu, -und beschwor ihn auf's zärtlichste, sogleich die Kirche -zu verlassen, diese Unwürdigkeiten nicht länger anzuhören, -das Unstatthafte in Christians Betragen um -ihretwillen zu verzeihen.</p> - -<p>Erschreckt starrte der Graf die Schwester an, das -Unpassende des ganzen Auftritts fiel mit Zentnerschwere -auf ihn und lähmte ihm die Gedanken; in peinlicher -Verlegenheit riß er den Arm des Mädchens an sich -und führte sie fast gewaltsam zum Wagen. Er war -zu tief verletzt, um sich weiter auszusprechen, – als -das Zöfchen aber Miene machte, zu Fuß zu gehen, -winkte er ihr peremptorisch zu, auf dem Rücksitz -Platz zu nehmen.</p> - -<p>Zu Haus angelangt, geleitete er Helenen bis in -ihr Zimmer, an der Thür desselben ergriff er heftig<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -des Kammermädchens Arm. »Ein anständiger Dienstbote -mischt sich nicht in seiner Herrschaft Angelegenheiten, -und wo ihm der Zufall etwas offenbart, daß -ihn nichts angeht, hält er das Maul! Verstanden -Jungfer?«</p> - -<p>Marie küßte schweigend dem Grafen die Hand, -verbeugte sich demuthsvoll und folgte ihrem Fräulein, -und so groß war des Gebietenden Gewalt, daß sie -auch draußen bloß durch Seufzer dem sie drückenden -Geheimniß Luft gab. Graf Christian aber zog -sich stumm in seine eigenen Gemächer zurück und -erschien erst Mittags, um dem Brahe Trollenburg -bei Tische die Honneurs zu machen.</p> - -<p>Aufschreiend in wildem Schmerz, warf sich der -allein in der Kirche zurückgebliebene Thorald auf die -Stufen des Altars nieder. Was er selbst zuerst -als nothwendig und schicklich empfunden, erschien ihm -nun maßlose Tyrannei. War ihm früher Helene -theuer gewesen, so hatte jetzt ihr Selbstvergessen um -seines, des armen Künstlers willen, dem hochmüthigen -Bruder gegenüber, seine Neigung zur heftigsten Leidenschaft -erhöht. – Mit anbetender Inbrunst blickte<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -er auf das Bild, das ihr Antlitz ihm vergegenwärtigte -– etwas an demselben zu ändern war zum -Sacrilegium geworden, aber nun wollte er es gar -nicht mehr der Kirche lassen, er wollte es mit sich -fortnehmen, nach Deutschland oder Frankreich. – -In wüsten, undeutlichen Träumen verging ihm der -Tag. –</p> - -<p>Es war gegen Abend; die Sonnenstrahlen durchbohrten -mit langen gelben Streiflichtern die schmalen -Bogenfenster, und streiften die mit grauem Sandstein -umränderten Gewölbbogen; an den hohen Pfeilerbündeln, -an den Seitenchören hin, am Metall des -Altarkreuzes, an den messingenen Leuchtern spielten -hell aufblitzende Lichtpunkte – draußen wurde es -allmälig still; die Leute kehrten von der Landarbeit -heim. Langsam verstummend sank die gelbrothe -Sonnenscheibe zurück in ihr von Nebeln umflortes -Meeresbett.</p> - -<p>Noch immer lag Thorald regungslos, mit sich -selber uneins an derselben Stelle. Eine kleine weiche -Hand faßte, ihn aufrüttelnd, seine Schulter. »Lieber -Herr! Ihr seid gewiß erkrankt! Hättet ihr nur laut<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -gerufen, ich habe vor der Hausthüre mein Garn geweift, -ich hätte Euch sicher vernommen. Es hat sich -keiner hieher in die dunkle Kirche getraut. Als aber -der Vater heimkam zum Abendbrot und die offne -Thüre gewahrte, Herr Je! hat er mich gescholten! -Ich glaubte Euch nun fort und des Zuschließens -vergessen. – Kommt, steht auf, ich stütze Euch, -kommt mit nach Hause! dann koche ich Euch Lindenblüthenthee, -das wärmt; die alte Halle ist so eisig -kalt! Könnt Ihr Euch aufrichten? O mein Gott! -bald hätt' ich's vergessen: auch einen Brief habe ich -an Euch, von Schloß Aalholm; der Gänsebub' hat -ihn gebracht – aber was ist Euch? Wo wollt Ihr -denn hin? Herr Eynerssen! Herr Thorald! Wartet -doch!« – Johanna hatte gut rufen und schelten: -Thorald, der Helenens Handschrift erkannt, stürzte -plötzlich wie von Feuersgluth durchströmt fort, ohne -auf sie zu hören, um in abgeschlossener Stille, fern -von jedem störenden Menschenblick, das verhängnißvolle -Blatt zu lesen.</p> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p> - -<p>Erst nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen -und Jeder auf sein Zimmer sich zurückgezogen, trat -Graf Christian bei Helenen ein. – Finster, mit -umwölkter Stirn und zusammengezogenen Brauen, -näherte er sich dem Mädchen und setzte sich in der -Mauervertiefung des Fensters ihr gegenüber, in einen -altvätrisch geschnitzten Sessel, den er vorzüglich gern -bei allen Familienmittheilungen einzunehmen pflegte.</p> - -<p>Helene war innerlich entschlossen, all sein Thun -lächerlich zu finden, sie hatte sich mit Uebermuth und -Unverletzbarkeit gerüstet, und bot ihm ruhig die -heitre Stirn.</p> - -<p>Ehe aber noch der etwas Verlegene den Anfang -seiner beabsichtigten Rede gefunden, begann sie selbst: -»Erlaube mir, lieber Christian, uns beiden ein Wort -Verschwendung zu sparen. Deine Absicht ist, mir -mein Betragen in der Kirche, Herrn Eynerssen gegenüber -vorzuhalten und mich zu fragen: ob ich um die -Dich so scharf verletzende Aehnlichkeit meiner Züge -mit denen einer seiner heiligen Frauen gewußt – -oder gar sie gebilligt. Beides kann ich verneinen; -ich hatte keine Ahnung davon, ehe ich die Kirche<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -betrat. Das Uebrige aber läßt sich mit einem einzigen -Worte abthun: ich <em class="gesperrt">liebe</em> Thorald Eynerssen!«</p> - -<p>Christian ward bleich; auch er hatte in seiner -Jugend empfunden, wie jetzt Helene! er fühlte, daß -sie festen Willens auf den Ereignissen seines früheren -Lebens fuße; ein schneidendes Weh trat ihm an's -Herz, und riß gespenstisch all die Leichen längst -abgestorbener Schmerzen an's Licht. Seine frühe -Heirath mit der Tochter eines Feste-Bauers, dem sein -Vater, Graf Thugge, die Freiheit geschenkt, hatte ihn -elend gemacht; sie hatte ihn fünfzehn Jahre lang dem -väterlichen Hause entfremdet! Der alte Graf hatte -den Feste-Bauer zum Pachter eines seiner Höfe angenommen -– so hatte die unglückselige Neigung der -jungen Leute sich entsponnen. Fünfzehn lange Jahre -hatte Christian in Jütland in tiefster Abgeschlossenheit -und drückender Armuth verlebt, unerbittlich vom -Vater verstoßen – verflucht! – Und dieser Vaterfluch -war seiner liebebedürfenden Seele zu einer sein ganzes -Dasein überschattenden Wolke geworden, und blieb es, -selbst als er endlich des Vaters Vergebung gewann! –</p> - -<p>In der öden Einsamkeit der rauhen Haide,<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -in Mariager, einem elenden, kleinen Städtchen, das -dem tief einschneidenden Fiörd durch einen kleinen -Seehafen seinen Unterhalt abgewinnt, ohne alle -gewohnten Bequemlichkeiten, ohne irgend eine Lebensgier, -sah der Arme seine ganze Jugend verstreichen!<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> -Mit täglichen Geldverlegenheiten um's -tägliche Brot kämpfend, saß er freund- und freudelos -der Gattin allein gegenüber: unter Standesgenossen -ein Bauer, – unter Bauern ein Bettelgraf! Von -Menschen umgeben, deren ganze Industrie sich auf -den Hausfleiß grober Webereien und Fertigung schwerer -Holzschuhe erstreckt, blieb er allem Umgang fern. -Stolz und verschüchtert zugleich, fand seine ohnedies -scheue Natur überall Widersprüche, die ihn schmerzten. -Seine Leidenschaft hatte der Besitz abgekühlt, -was an ihr durch äußern Widerstand zu phantastisch-schöner -Uebertreibung aufgeschossen, wie eine Wunderblüthe -– war fruchtlos abgewelkt: seine Ehe war -kinderlos geblieben. Er liebte seine sanfte treue Gattin, -allein in der immergleichen unpoetischen Stille<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -ihres Zusammenlebens, traten oft Pausen des Verstehens, -schmerzliche Lücken ein; der Tag ward lang, -riesig gedehnt überwuchs ihn der frühbeginnende nordische -Abend, das Bedürfniß die Zeit auszufüllen -machte sich geltend.</p> - -<p>Der junge Mann fing an zu lesen, aus Holstein, -Schleswig und Copenhagen Bücher sich zu verschreiben, -eifrig zu studiren, über mühsam errungener Kenntniß -zu brüten.</p> - -<p>Nun vergaß er die Kränkungen der Welt, verschmerzte -die Trennung von den Seinen – allein -er vergaß auch seine Frau; er versank in tiefsinniges -Forschen, vergrub sich in Geschichte und Philosophie. -– Eva erschrak als sie plötzlich entdeckte, daß sie -eifersüchtig sei. Eifersüchtig! und nicht mehr wie -ehemals auf eine schöne Dirne, deren Augen Christian -gelobt, deren schlanken Leib er im »Fangtanz« fester -umschlossen – sondern auf seine von ihr abgewandte -Seele, auf seine Bücher und <span id="corr047">Plancharten</span>, um seiner -nun ganz von der ihren abgelös'ten Existenz willen. -O wie lange Tage weinte die arme Eva – er -merkte es nicht einmal! wie weinte sie, daß sie nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -klug, nicht unterrichtet genug sei für ihren -Christian!</p> - -<p>Endlich begann sie Unterricht zu suchen, sich eifrig -mit Stundennehmen abzuquälen, um ihm nachzustreben, -ihn wieder verstehen zu lernen. Es vergingen -viele Monate ehe sie nothdürftig Schreiben und -Lesen sich angeeignet, – er aber hatte schon wieder -andere Interessen gewonnen, trieb jetzt Physik und -Astronomie, machte Experimente – und Schulden, -um sich vermittelst der Schiffsgelegenheit des kleinen -Hafens ausländische Schriften und astronomische -Instrumente kommen zu lassen. Wieder war er ihr -in endloser Weite voran! Sie litt sehr! Endlich -bemerkte er es.</p> - -<p>– Das Alles und weit mehr noch glitt mit -grausenhafter Geschwindigkeit Christians innerem Auge -vorüber; als er das leibliche aufschlug, saß seine -Schwester, den einen Fuß hochgestellt und auf das -Knie den Arm gestützt, in dessen Hand das rothgeweinte -Antlitz ruhte, mit dem eigenwillig kecken -Ausdruck in den Zügen, den er an sich selber kannte! -An dem nämlichen Fenster hatte er tausend Mal so<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -gesessen und in der nämlichen Stellung starr auf das -mondlichte, hochaufwogende Meer geschaut, – wie -eben jetzt Helene! –</p> - -<p>Denn die kaum minutenlange Pause zwischen -ihrer kecken Anrede und des Bruders zögernder Antwort, -hatte auch ihr das Herz wach gerüttelt; die -angenommene Heiterkeit war ausgelöscht, der nackte, -bittere Trotz an deren Stelle getreten. Fest entschlossen -für ihr Glück zu kämpfen, fühlte sie darum nicht -minder den Druck lastender Erinnerung. Auch des -ihr drohenden harten Widerstandes war sie mit tiefstem -Grauen sich bewußt – sah sie doch täglich -dem stillen Vergehen ihrer Schwägerin, der immer -zunehmenden Kälte zwischen den Eheleuten zu, sie -mußte es sich eingestehen, daß aus Christians eigenen -Erfahrungen der furchtbarste Feind ihr erwachse.</p> - -<p>Auch war der schon bei ihrer Geburt halb Verwais'ten -ein entsetzliches Bild von des Vaters Zorn -gegen Christian geblieben, das mit dem seltsamen -Lebenswandel des seit ihrer Mutter Tode ganz Vereinsamten -in Verbindung stand, – das Urtheil der -ganzen Familie betrachtete damals den verbannten<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -Sohn wie etwa einen Pestkranken; niemand von -den Geschwistern, den Vettern und Basen hatte ihn -wiedergesehen, niemand nannte ohne besondere Nöthigung -Christians Namen! die andern Brüder, jetzt -beide an reiche, wenngleich bürgerliche Frauen vermählt, -waren damals noch zu jung zum heirathen. -Der bloße Gedanke an eine Verbindung mit einer -kaum dem Leibzwang entrissenen Bauerndirne, war -ihnen empörend und lächerlich zugleich; mit ausgelassenem -Hohn erzählten sie einander von einem Vetter -des Mädchens, den der Vogt mit Peitschenhieben -zum zwölfjährigen Soldatendienste gezwungen, eines -leichten Vergehens halber ihn vom Hof gejagt und -unter die Miliz gesteckt – dem Kinde war die Geschichte -immer peinlich gewesen. Die bösen Buben -hatten es dann erst recht geneckt, »wärst <em class="gesperrt">Du</em> es, -Püppchen, und nicht unser Aeltester, wir drehten Dir -lieber den Hals um, eh' wir die Schande noch einmal -erlebten!« »Ja«, sagte lachend der Andere, »das -wäre auch noch schlimmer, unser Blut adelt das Weib -an unserer Seite und läßt unsern Söhnen den Namen -des Vaters, aber so ein Bürgerlümmel machte<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -<em class="gesperrt">sie</em> zu seines Gleichen.« Helenchen hatte nicht verstanden -was sie meinten, aber die Angst hatte ihr -Thränen erpreßt.</p> - -<p>So saß auch sie sinnend jetzt dem Bruder gegenüber, -die dunkle Gedankenspindel drehend und -abwindend, ohn' Ende – –</p> - -<p>»Helene!« sagte sehr trübe, aber auf edle Weise -der Graf, »Du hast Elend genug, zu aufgehäuften -Massen an einander gedrängt, unter uns erlebt; hast -Dich groß gesogen daran und stark. Seit ich denken -kann, geschah das Ungehörige in unserm Hause, -zerrieben sich die besten Kräfte unseres Stamms umsonst -an ihren eigenen Auswüchsen. Ich frage Dich -also nicht, willst Du den alten, kaum entschlummerten -Unfrieden in seiner dämonischen, Dir wohlbekannten -Gestalt von neuem erwecken – ich warne -Dich auch nicht, das Alles wäre umsonst! Denn -Du bist eine Gejer! Aber sieh in mir Deinen Widersacher. -Was <em class="gesperrt">ich</em> gegen diesen Zuwachs unseres -Familienelends zu thun vermag, das erwarte von -mir. Kannst Du Dich selbst überwinden, so traue -mir Liebe, Ausdauer und jedes Opfer für Dein<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -Wohl zu. – Kannst Du es nicht, mußt Du Deinem -wilden Sinn genügen, nun – vergieb! so beachte -wenigstens Deine Frauenehre, wenn die Ehre Deines -Namens Dir nichts gilt; wirf Dich nicht weg, auch -nicht an den Besten! Laufe diesem Abenteurer nicht -nach, hänge Dich der sich frisch entwickelnden Kraft -des Jünglings nicht an, wie eine ihn hemmende, -sein Talent zerdrückende Last – hüte Dich, daß der -zu seiner Qual Vergötterte, Dich nicht mit Füßen -trete! Oh! man hat Beispiele davon.« – Mit einem -tiefen Seufzer, ohne Helenen weiter anzusehen, stand -Graf Christian auf und schritt schweigend zur Thür -hinaus.</p> - -<p>»Er mich nicht lieben? o nein, nein, dann wäre -ja gar nichts mehr <em class="gesperrt">wahr</em> auf der Welt!« Helene barg -aufjammernd vor Schmerz das Gesicht in beide -Hände und schluchzte convulsivisch. – Endlich sprang -sie auf, ihr ganzes Wesen trug wieder den Stempel -der kühnen Entschlossenheit, mit welcher sie vorhin -den Bruder empfangen. Sie trat an den Tisch und -schrieb, obwohl mit zitterndem Herzen, dennoch mit -fester Hand an Thorald Eynerssen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p> - -<p>»Sie haben Unwürdiges für mich ertragen, Thorald, -aber gerade dies Ertragen gilt in meinen Augen -mehr als eine Heldenthat, denn Sie haben Kraft -sich zu vertheidigen, und nur um meinetwillen haben -Sie geduldig die Last auf sich genommen, die Sie -hinwerfen konnten; allein sie hätte sich zur unübersteiglichen -Mauer zwischen uns erhoben, hätten Sie -meinen Bruder behandelt, wie er es verdiente! Ich -danke Ihnen, Thorald, mit jedem Hauch meines -Daseins. – Und doch weil ich nun in der That, -nicht mehr im bloßen Wort den Rückstrahl Ihrer -Liebe gesehen, muß ich eben um dieser mich beglückenden -Liebe willen, ein neues, noch schwereres Opfer -von Ihnen verlangen. Vielleicht sollte ich in mädchenhafter -Scheu Sie Schritt vor Schritt errathen -lassen, was ich so offen Ihnen gestehe, allein wir -leben in einer so bewegten Zeit, daß auch eines Mädchens -Herz von dem sie durchglühenden Muth erfaßt -und fortgerissen wird aus seinem eigenen heimathlichen -Rückhalt! Die aufgegangene Freiheitssonne ruft -<em class="gesperrt">alle</em> Lebenskeime an's Licht – sogar in unsern kalten -Norden dringt ihr Strahl. Drückt im Allgemeinen<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -unser Volk noch die Kette in der Welt längst als -lächerlich abgeschaffter Vorurtheile, so ist es gewiß -um so mehr an jedem einzelnen Freigesinnten, das -Band zu brechen, das ihn hemmt, denn Millionen -einzelner Ringe bilden ja die Fessel, in welcher Dänemark -bis zu diesem Augenblicke schmachtet. –</p> - -<p>In <em class="gesperrt">diesem</em> Sinne, Thorald, betrachten Sie -mein Thun, ich <em class="gesperrt">will</em> und <em class="gesperrt">werde</em> frei sein, die Banden -abstreifen, die mich an diese Scholle binden so -gut wie den Leibeigenen, dem wir die Freiheit geben, -mir aber wird Ihre Liebe sie gewähren! Aber um -dieses Augenblickes willen, welcher unwiderruflich -kommen muß, ist jetzt ruhige Besonnenheit nöthig, -bringen Sie ihr das Opfer des gegenwärtigen Moments: -Niemand darf ahnen, was wir einander -sind, ehe wir beide Laaland hinter uns haben, und -in Copenhagen (Kjöbenhavn) uns wieder finden! -Vernichten Sie die mich beseligende Aehnlichkeit auf -Ihrem Gemälde, sie verräth uns. Wie mein Bruder, -denken all meine Verwandte, denken alle Männer -im Städtchen, ja auf unserer ganzen Insel. Was -in Frankreich Ihnen und mir zur höchsten Ehre<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -gereichte, erscheint hier als Beleidigung einer achtbaren -Familie, ja als Beleidigung meiner selbst. Vernichten -Sie die allzu sehr in's Auge fallende Aehnlichkeit -und ist dies geschehen, dann bleiben Sie ruhig -hier, vollenden Sie die begonnenen Arbeiten, welche -in der Residenz Ihnen leicht die Bahn brechen werden, -die Ihr Talent sucht – und überlassen Sie -Ihrer Helene das Uebrige. Christian soll nicht in -Zweifel bleiben, um wessentwillen Sie das Bild geändert, -und zu seinem Schrecken nur zu bald einsehen, -wie wenig Sie seiner elenden Hülfe bedürfen!«</p> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Helene.</em> -</p> - -<p>»Für den Augenblick ist es genug,« sagte sie, das -Blatt faltend, »Christians mich erniedrigende Ansicht -soll keinen Einfluß ausüben auf mich. Du hast ganz -Recht, Bruder, ich bin eine Gejer, und wir haben -harte Köpfe, mögen sie grau sein oder blond!«</p> - -<p>Allein trotz dieser heldenmäßigen Aeußerung wußte -Helene doch nicht, wie das Billet in des Geliebten -Hände bringen; ihrer Kammerjungfer traute sie nicht -mehr, des Grafen Worte hatten das Mädchen verschüchtert.<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -Den Brief verbergend, eilte sie selbst die große -Treppe hinab, um einen Boten sich zu suchen; auf -dem Corridor hörte sie Stimmen, die Thüre des gemeinschaftlichen -Wohnzimmers der Schwestern, an -welchem sie vorüberschritt, war nur angelehnt; drinnen -unterhielten sich Beide mit Mademoiselle Nordermule, -einer bucklichen, kleinen Gouvernante, welche -alle Drei von der Wiege an auferzogen.</p> - -<p>Mademoiselle Nordermule erhob in diesem Augenblick -die Stimme, so hoch es die Schwäche ihrer -kleinen, sehr untersetzten Gestalt irgend gestattete, und -fuhr in ernstem Pathos fort: »wenn wir lieben! -aber Kinder, wie <em class="gesperrt">selten</em> geräth eine Ehe ohne wahre -Zuneigung! wie selten werden die dissonirenden Lebensmelodien -auch nur leidlich tacktfest zusammen -durchgespielt bis zu Ende, ohne zerrissene Herzen -und zerrissene Saiten der armen Weiberseele, die zuletzt -ganz dumpf und klanglos, gar keinen Lebenston -mehr wiederhallt! O, Ihr Lieben, wie viele Frauen -verdummen gänzlich in einer sogenannten »guten« -häuslichen Ehe, in der sie eigentlich eben – bloß -keine Prügel bekommen! Darum kann ich Helenen,<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -deren Charakter nun einmal durchaus in keine solche -sich finden würde, nur bemitleiden, daß sie auf diesen -Abweg gerieth, keineswegs sie verdammen; sie -wird, wie es auch sich füge, Thränen genug zu vergießen -haben!« – »Aha, mein Regenvögelchen!« -sagte gerührt und heimlich lächelnd Helene; »es -prophezeit wie immer schlecht Wetter!« Leise schlich -sie hinab in die Küche.</p> - -<p>In dem hochgewölbten, weiten Raume, den ein -ungeheuer großer, aber niedriger Herd mit spitz in -Dachform sich erhebendem Kamin erwärmte, saßen -alle Knechte und Mägde des Herrnhofes auf Holz-Schemeln -und Stühlen um das Feuer her; eine -rothbäckige Dirne stand neben dem an einer Zackenstange -hängenden eisernen Kessel und rührte mit langgestieltem -Holzlöffel »Manna« in die saure, kochende -Milch zum Brei, welcher eine Hauptschüssel der laaländer -Kost ausmacht. Von der Küche führten beiden -Hauptwänden entlang eine Menge Thüren zu -den Schlafstätten des Dienstvolks; in den Zwischenräumen, -welche sie freiließen, dem Herd gegenüber, -standen an der Mauer hochrückige Bänke, vor diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -der mit einem weißen Tuch überdeckte lange Tisch, -der broddelnden Abendmahlzeit harrend; Brot, Käse, -Butter und gedörrte Fische waren schon auf demselben -bereit gestellt. Blankes Kupfer- und Zinngeräth -schmückte den vorspringenden Rand des Schornsteines, -auch in den schön gemalten Eckschränken glänzten -durch die Glasscheiben eine Menge blinkender Dinge, -Glasgeschirr und Porzellan flimmerten im letzten -Abendroth der immer noch am weiten Horizont zögernden -Sonne. Man gewahrte sie durch eine nach -dem innern Hof weit offenstehende Thüre. Die kleinen -Bogenfenster der Küche hätten durch ihre bleigefaßten -runden Scheiben, ohne diese Hülfe die Dämmerung -längst zur Nacht werden lassen; vorsorglich -waren auch die Messinglampen am Herd bereits -angezündet.</p> - -<p>Die Männer, welche er um sich versammelte, -strickten Netze oder schnitzten Quirl und Löffel, andre -machten Holzschuh und die langen, nur im Norden -bekannten Schlittschuhschiffchen, auf welchen der Bote -über das Eis hinfliegt; sogar die Livréebedienten -halfen; die Weiber spannen und strickten wollene<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -Strümpfe, ein paar webten auf kleinen tragbaren -Webstühlen grobes Linnenzeug. In der geöffneten -Pforte stand halb drinnen halb draußen der Gänsebub, -um Theil an der schönen Geschichte zu nehmen, -die ein alter Jütländer abwechselnd sprechend und -singend vortrug; – auf den Gänsebuben aber hatte -es Helene abgesehen, er sollte ihr Liebesbote sein, -denn er konnte weder lesen noch schreiben.</p> - -<p>Der alte Jütländer, der als Torfbauer im Lande -umherzog, trug etwas aus dem Bauernaufruhr (1441) -in Nord-Jütland vor, wie in der Hangarde auf dem -St. Jürgens-Berge, nicht weit von Aagaard, zwischen -ihnen und dem Grundherrn eine blutige Schlacht -geliefert, in welcher Eske Brock von ihnen erschlagen -und in Stücken gehauen worden. Da rüstete sich -der erzürnte König selber, und die Sache nahm eine -andre Wendung: die Bauern hatten auf dem hohen -Berge eine Wagenburg um sich geschlagen, so daß -die Reiterei ihnen nichts anhaben konnte, – die -Grundherren aber gewannen etliche unter ihnen mit -goldnem Versprechen, und klein und immer kleiner -ward der tapfere Haufe. Der Alte sang:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Erstlich gingen die Morsinger fort,<br /></span> -<span class="i0">Sodann die Verräther von Thy;<br /></span> -<span class="i0">Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch<br /></span> -<span class="i0">Und diese wollten nicht fliehn!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch,<br /></span> -<span class="i0">Und diese wollten nicht fliehn;<br /></span> -<span class="i0">Bauten eine Wagenburg sich,<br /></span> -<span class="i0">Ließen Alle ihr Leben dort!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Mit glühenden Köpfen lauschte der ganze Kreis -dem Erzähler – als aber Helene eintrat, flogen alle -auf von ihren Sitzen, und der Freiheitssang stockte. -Sie winkte freundlich und schritt sogleich auf den -Gänsepeter zu.</p> - -<p>»Du trägst mir das Papier sogleich zur Mamsell -Johanna, des Kirchners Tochter,« sagte sie laut, -»und sie soll Alles recht gut versorgen und bestellen!«</p> - -<p>Seufzend ließ der lange gelbhaarige Junge die -Wendelbo'r in ihrer Wagenburg, lüpfte die Pelzkappe -und trollte sich von dannen. Helenen war leicht und -froh um's Herz; eine Weile sah sie dem Burschen -nach, ob er nicht umkehre, aber der laaländer Bauer -war Dienst gewohnt und bange dazu!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span></p> - -<p>Als Helene wieder auf der Treppe war, begann -der Freiheitssang von neuem; ach, in diesem Augenblick -hätte sie gern der ganzen Welt Freiheit gegönnt -und gegeben! sie war durchaus auf der Seite der -Revolutionairen. – Das Gespräch der drei Damen -war noch nicht beendet – »daß eine solche Leidenschaft -für ein Fräulein ihres Standes unstatthaft -sei;« schloß die Nordermule. »Solche Heftigkeit -verdirbt den Teint, man kann sogar leicht eine rothe -Nase davon tragen, oder kupfrig werden. Giebt es -denn zwischen dieser Excentricität und gänzlicher Apathie -kein drittes? Wie unendlich glücklicher sind Sie, -theure Amalie, daß Sie so ruhigen Gemüths die -Abwesenheit des Barons als eine Ihnen von Gott -gesandte Prüfung hinzunehmen vermögen. Zu Lichtmeß -werden es fünf Jahr, daß Sie ihm das Jawort -gegeben, und Sie blühen trotz ihrer herzlichen Liebe -zu ihm in ungekränkter Anmuth und Frische.«</p> - -<p>»Wir wollen dennoch hoffen,« erwiederte lachend -Amalie, »daß der etwas farblose Roman meines Lebens -sich in Bälde zu einer Feyenschen Idylle wandeln -wird; Baron Arnsöndal hat die Freiherrschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -seines alten Oheims endlich übernehmen können, und -ich darf hoffen, mit Annetten zugleich meine Hochzeit -zu feiern.«</p> - -<p>Gerührt schloß die Nordermule ihren ältesten Zögling -in die Arme, und benetzte dessen Locken mit -Thränen; Amalie war um fast acht Jahre älter als -Helene, und allerdings war es die höchste Zeit zur -Ausführung der längst skizzirten Idylle zu schreiten! –</p> - -<p>Helene war unbemerkt eingetreten, sie stand auf -der Schwelle und lehnte unsäglich gelangweilt das -Haupt an den Thürpfosten.</p> - -<p>»Nun wird es zwei Ausstattungen zugleich zu -bereiten geben,« sagte, sorgsam Aug' und Wange trocknend, -die kleine Alte. »Ach, wenn man dabei an -alle die gegenüber aufgehäuften Schätze denkt.« –</p> - -<p>»Um Himmels willen, <em class="antiqua">ma bonne</em>,« rief, hocherfreut -diesen Gegenstand einmal erwähnt zu hören, -Annette, »sagen Sie mir endlich, was man in diesen -ewig vor Luft, Sonne und Menschen verschlossenen -Zimmern bewahrt! Hundertmal schon habe ich -Sie fragen wollen, welchen Schatz eigentlich diese -Zauberhöhle umschließt?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p> - -<p>»Was denn anders als unserer verstorbenen -Tante Ausstattung,« fuhr Amalie fast zürnend auf, -»Du mußt es ja längst wissen! plage doch unsere -arme gute Emerenzia nicht! Die Erinnerung an -jene alte vergessene Geschichte macht sie jedesmal nervös -und krank!«</p> - -<p>»Ja ja!« sagte starr vor sich hinschauend, aber -die hochliegenden, wasserblauen Augen bewußtlos in's -Leere gerichtet, die kleine Bucklige. »<em class="gesperrt">So</em> ist es! -es war die glänzende Ausstattung der unvergleichlichen -Ulrike, des Sterns meiner Kindheit und Jugend! -ach, ich habe ihn nie in seiner ganzen Lichteskraft -leuchten gesehen! Nur wenige Wochen vor ihrem Tode -kehrte ihr das volle Bewußtsein zurück; sie flammte -noch einmal auf, wie eine verlöschende Kerze. Liebe -Kinder, ich bin recht viele Jahre über die Erde -hingewandert, manchen Sommer und Winter entlang, -doch ihres Gleichen an Sanftmuth und eingeborner -Sitte ist mir nimmer zum zweitenmal begegnet! Wer -Ulriken sah, hätte auch ohne unsre heilige Offenbarung -an den Himmel und seine ewige Vergeltung -geglaubt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p> - -<p>»Aber liebe Nordermule,« rief plötzlich vortretend -Helene, »Du mußt ja noch ein Kind gewesen -sein, als die Tante verschied, ich habe sie niemals -gesehen, bei meiner Geburt war sie vermuthlich schon -lange todt.« Seitdem das Gespräch um diesen Gegenstand -sich drehte, war sie dem Gange desselben -aufmerksam gefolgt.</p> - -<p>Die Alte schüttelte verneinend das Haupt. »Es -sind kaum dreißig Jahre, daß unser theures Fröken<a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> -geendet,« erwiederte sie, »ich aber zähle sechs und -funfzig Jahre!«</p> - -<p>»So haben Sie Ulriken noch jung gekannt?« -fragten wie aus einem Munde die drei Schwestern.</p> - -<p>»Ja und nein. Körperlich hatte der Herr sie -lange noch frisch erhalten, allein die Blüthe der Seele -war geknickt. Meine Mutter, welche als Kammerfrau -im Dienst ihrer Hochwürden der Frau Fürstin -Abatissin zu Wallöe im Stift lebte, hat mir das -Meiste von ihr erzählt, da jene das Fröken eigentlich -auferzogen und mit zärtlichster Liebe ihm anhing.<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -Tausendmal hat sie mir von Ulrikens außerordentlicher -Schönheit gesprochen, auch konnte ich selbst -deren Spuren noch lange, lange ihr ansehen. – -Damals, als sie sechzehn Jahre alt war, und meine -Mutter eben ihren Dienst angetreten, sagte man: -auch die müdeste Seele des aller ärmsten Fäestebönders<a id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> -sei fröhlich geworden und frei, wenn ihn das -Fröken begrüßt! Wenn sie leichten Ganges über die -<span id="corr065">Haide</span> hineilte am frühesten Morgen, wenn der -Nachthauch noch scheidend über die Haide streicht -und sie aufwogen macht wie das Wasser im Belt, -so blieben, trotz dem drohenden, scheltenden Vogt, -Alle die zur Arbeit gehen sollten auf der Thürschwelle -stehen, und schauten ihr nach wie dem guten -Omen! Aber freilich kannte sie auch jedes Einzelnen -Weib und Kind, scheute vor keiner mit Stroh -und Schilf überdeckten Hütte zurück, saß ungeachtet -des dicken Rauchs der schornsteinlosen Küchen mitten -unter ihnen und hörte mitleidig all der Bauern Klagen; -oder sie erzählte den Kindern wunderschöne<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -Mähren von unseren tapfern Seehelden und ihren -gewonnenen Schlachten, von Juels und Tordenskiods -Waffenthaten; sogar die alte Saga wußte das -Fröken zu singen! Waren dann die Männer alle -fortgezogen auf den Delphinen- oder Seehundsfang, -und der Vogt trieb deren Weiber an zur Feldarbeit, -oder sandte sie gar hinaus auf Botengängen tief -hinein in's Land, dann saß sie Stundenlang bei -den Allerkleinsten, wartete und fütterte sie und -lehrte die Größeren. Ach, ich selbst werde nie vergessen, -mit welchem Glockentone sie die alte schöne -Geschichte sang, vom guten König Sueno und seinem -strengen Freunde, dem Bischof Wilhelm in -Roeskilde; da blieb kein Auge trocken im weiten -Kreis.« –</p> - -<p>»Aber,« unterbrach abermals Annette die Erzählerin, -»war denn die Tante eine Gelehrte? woher -wußte sie denn das Alles? In ihrer Jugend hatten -doch die Frauen viel weniger Gelegenheit sich auszubilden -als wir jetzt, sie lernten ja kaum nothdürftig -lesen und schreiben! Wie war denn gerade Ulriken -eine so viel bessere Erziehung geworden?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p> - -<p>Die kleine Nordermule schrak zusammen, als -habe sie eine Schlange gestochen, und wurde blaß, -blaß wie der Tod; ihre Züge nahmen einen Ausdruck -tiefster Zerknirschung an, der ihnen sonst gar -nicht eigen, sie war sichtlich mit ihrem Gewissen in -Streit gerathen, und warf sich innerlich ein Unrecht -vor. »Ich weiß das Nähere nicht,« erwiederte sie -ganz beklommen, »aber es ist spät; über dem Schwatzen -haben wir das Wegräumen des Theezeugs, und -ich glaube gar der Schlafenszeit vergessen.«</p> - -<p>Es ward den Mädchen unmöglich, das Gespräch -von neuem anzuknüpfen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"></div> - -<p>Helene hatte ihren Zweck erreicht; mit schwerem -Seufzen und schwererem Herzen hatte Thorald, den -Bitten der Geliebten zufolge, den Haaren seiner Maria -Jacoba eine dunklere Färbung gegeben, das Blau -ihrer Augen in Schwarz verwandelt und so das -Frappant-Individuelle der Aehnlichkeit seines Bildes -mit den Zügen des Schloßfräuleins gemildert, –<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -was davon noch geblieben, konnte dem unbefangenen -Blick für bloßen Zufall gelten, ja vielleicht ganz ihm -entgehen. Am Johannis-Sonntage hatte die feierliche -Enthüllung des Gemäldes stattgefunden; der -Magistrat und ganz Nysted waren auf's höchste befriedigt, -die Anerkennung und Dankbarkeit der Bürger -sprach sich allgemein und beinahe rührend aus, -denn der Alt-Lutheraner hängt fast dem Katholiken -gleich an würdiger Ausschmückung seiner Gotteshäuser. -Vielleicht waren es eben die sinnlichen Zeichen, -mit denen er gern seine Verehrung des Höchsten umkleidet, -welche jenen Tagen unsre religiösen Spaltungen -ersparten. Das Gemüth bedarf einer Gefühlsumfriedung, -wird ihm diese, so hält es oft den -zweifelnden Geist mit in den Schranken einer liebgewordenen -Gewöhnung.</p> - -<p>Graf Christian hatte öffentlich in der Kirche dem -Künstler seinen Dank ausgesprochen, im Schloß war -derselbe nicht wieder gesehen worden, und keine Einladung -irgend eines Mitgliedes der gräflichen Familie -berief ihn dahin zurück.</p> - -<p>Schloß Aalholm hatte indessen festliche Tage<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -erlebt; alle Mitglieder der Familie waren anwesend, -um die feierliche Doppel-Verlobung zu begehen. Die -in Seeland und Fühnen ansässigen Brüder waren mit -ihren Gemahlinnen herübergekommen, die künftigen -Schwäger zu begrüßen und Schnepfen zu schießen; -das Alles war prächtig! –</p> - -<p>Helene hatte viel von dieser Zusammenkunft erwartet; -sie hoffte die jüngern Brüder zu gewinnen, -denn beider Frauen waren bürgerlich geboren, allein -ihre Pläne scheiterten an Christians strengbesonnener -Festigkeit; er vereitelte ihr jede Privatunterredung mit -ihnen. Auch waren allerdings die Verhältnisse in -sich selbst sehr verschieden von denen des Malers. -Janfru Abilgaard, welche erst vor kurzem dem jüngsten -Grafen ihre Hand gereicht, war einem in Dänemark -hochberühmten Geschlecht entsprossen. Die -ältere Schwägerin, Gräfin Friedrich-Gejer, die wir -aus Amaliens und Annettens Unterredung als Gegenstand -ihres heimlichen Neides kennen gelernt, war -eine geadelte, unermeßlich reiche Banquierstochter -aus Hamburg. Sie hatte ihrem Gemahl ein bedeutendes -Vermögen und Güter auf Seeland zugebracht,<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -auf denen sie, wie in ihrem Winter-Hôtel zu Copenhagen, -die glänzenste Existenz ihm bereitete.</p> - -<p>Friedrich war der Crösus in der Familie und -lebte danach, in grellem Gegensatz zum Aalholmer -Stammhause, dessen Bewohner seit Jahrhunderten -Abgeschiedenheit und Stille vorzogen, ihre Besitzungen -unter ihren Augen bewirthschaften ließen, selten in -Staatsangelegenheiten sich mischten, keine Art Hofdienst -bekleideten, und alljährlich auf wenige Wochen -in der Residenz am Hofe zu erscheinen pflegten.</p> - -<p>Von dem Allen machte der jetzige Majoratsherr -eine Art Ausnahme. Seit Christian <em class="antiqua">VII.</em> -Regierungsantritt hatte er, wie schon erwähnt, -so lebhaft es seiner Eigenthümlichkeit nach möglich, -des Königs Bestrebungen in der Bauernsache -sich angeschlossen. Dieser hatte schon im ersten -Jahre seiner Thronbesteigung, im Amte Copenhagen -alle seine einzeln liegenden Höfe parcellirt als -Eigenthum den Bauern überlassen. Der Graf hatte -später, als ihm das Majorat zufiel, diesem edlen -Beispiel zufolge höchst wohlthätig in Laaland gewirkt -für die gute Sache; sein Jütländer Aufenthalt<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -hatte ihn mit den Mißständen und Bedürfnissen -des unglückseligen entwürdigten Landmanns vertraut -gemacht, und seine Handlungsweise und die Opfer, -welche er seiner bessern Erkenntniß gebracht, hatten -ihm auch die Gunst Friedrichs <em class="antiqua">VI.</em> erworben. Er -machte keinen Gebrauch dieses Vorzugs. Wie seinem -Vater, dem seligen Grafen Thugge, blieb das persönliche -Erscheinen am Hofe in Copenhagens eleganten -Kreisen ihm eine peinigende Pflicht, ja eine -unerträgliche Last, der er auf jede Weise sich zu -entziehen suchte. Die ihm gewordene Auszeichnung, -die ausgesprochene Gnade und Theilnahme der beiden -Monarchen verwirrte, ja verscheuchte ihn. Selten -sah man ihn länger als eine Woche hindurch in der -Residenz, wohin er um die Zeit des königlichen -Geburtsfestes seine Schwestern geleitete, dann aber so -bald als möglich dem Schutze ihrer anderen Brüder -sie überließ.</p> - -<p>Zu der drei Mädchen Qual gehörte dagegen ein -fast unbeachtetes Auftreten an der Seite der sie in -Allem überflügelnden Hamburger Tante, deren Luxus -sie zerdrückte, deren Manieren ihnen mißfielen, deren<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -Geld-Aristokratie sie verdroß, und besonders in den -beiden Aeltern fast Abneigung und noch viel größere -Oppositionen im täglichen Verkehr erzeugten, als die, -mit welchen sie der kranken und resignirten Eva sich -entgegenstellten, der sie die geringe Herkunft und leibeigene -Geburt nicht zu verzeihen vermochten. – All -diese kleinen Lebensstörungen und stündlichen Hemmnisse -hatten in beiden rückwirkend einen wirklich verblendeten -Adelstolz geweckt, der sich überall aussprach, -und jetzt auch Helenens Wünschen, ihrer Neigung -zu Thorald, jede begütigende Vermittlung versagte.</p> - -<p>Noch in den Kinderschuhen hatte Helenens Wesen -eine von dem Bildungsgange der Schwestern ganz -abweichende Richtung erhalten. Das in der Wiege -verwais'te Kind, – die Mutter war in Wochen gestorben -– fiel abwechselnd bald in diese bald in jene -Hand. Ihr lebhafter, prägnanter Geist, der besonders -ältern Männern ungemein anziehend erschien, gewann -ihr frühe schon Freunde aus allen Ständen; besonders -aber in Copenhagen, wohin sie den ältern Schwestern -folgen mußte, waren einige ehemalige Gefährten -ihres Vaters, deren Umgang Einfluß auf ihre Denkart<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -und innere eigene Seelenerziehung hatte, ohne -daß jene es beabsichtigten. Die kleine Nordermule -sah voller Schrecken der plötzlichen Entfaltung der -ihren Zögling aufwärts tragenden Flügel zu, ohne -den ihr unerreichbaren Flug derselben verfolgen zu -können; im zehnten Jahre schon war Helene ihrer -eigentlichen Leitung entwachsen. – Der liebreizenden -äußern Erscheinung des Mädchens that keine Willkür, -noch auferlegte Regel Eintrag, sie blieb durchaus -natürlich und einfach; an ihren Putz dachte sie -wenig, gerade weil ihr Alles gut stand, an ihr Benehmen -noch weniger, es umwogte sie beständig eine -unbewußte Grazie, ein Sichgehenlassen, das dem -Bewegen eines jungen Rehes gleich. Träumerisch -und doch voll stets regsamer Gedanken, saß sie mitten -unter Verwandten und Gespielen allein, immer -in sich mit etwas außer ihrem Kreise und Bereich -beschäftigt. So machte sie der Anfang der französischen -Revolution, die wohl unter allen Ländern -in Skandinavien am einflußlosesten blieb, zur Jacobinerin; -die Kargheit der in ihrem Vaterlande und -insbesondere in ihrem Vaterhause seltenen Detailnachrichten<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -entflammten sie immer mehr, und ließen -sie einen heiligenden Nimbus um Alles das breiten, -was ihrem eigentlichen Charakter fern, ihr halbes -Verstehen in endlose Widersprüche gestürzt haben -müßte. Bald schwärmte sie für Mirabeau und Charlotte -Corday, bald vertheidigte sie Robespierre und -schauderte mit frommen Entsetzen vor der Schwestern -Theilnahmlosigkeit zurück, die in Mußestunden in -die Revolution blickten, wie in einen Guckkasten, und -der amerikanischen Kriegsscenen nur beim Einkauf -englischer Waaren gedachten.</p> - -<p>So entwickelte sich Helene zur blühenden Jungfrau. -Während die älteren Fräulein, unter tausend -kleinen Qualen und Freuden des geselligen Verkehrs, -eine Menge Verhältnisse alljährlich knüpften und -lös'ten, nur von Liebhabern, Courmachen, Pferderennen, -Schlittenfahrten und Bällen träumten, und -am Ende doch Jahr aus Jahr ein unvermählt blieben, -hatte das kaum erwachsene Mädchen in seiner -anmuthreichen Absonderlichkeit eine Anzahl ernstlicher -Verehrer und sogar einige sich nähernde Bewerber -gefunden. Sie aber wies lachend Alle ab, glaubte<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -ihren Betheurungen selten oder gar nicht, sprach -mitten in deren pathetischen Erklärungen von etwas -Anderem, und versicherte ihrem sie tadelnden Bruder: -»all diese Geschichten wären ihr ganz unsäglich langweilig, -der Langenweile aber meine sie zur Genüge -in Aalholm finden zu können.« Mademoiselle Nordermule -war in Verzweiflung. – Helene war sogar -einmal, während einer etwas langgedehnten Liebes- -und Heirathsbewerbung zum Salon hinausgegangen, -aus Zerstreuung. Helenens Schwestern gaben ihr -Recht, »weil sie noch ein Kind sei.« Eine Heirath -der viel jüngeren Schwester hätte ihnen den Anstrich -höheren Alters gegeben.</p> - -<p>Die kleine Gouvernante ließ sich nicht irre machen! -Helene zählte damals zwanzig Jahr, obschon sie -aussah wie ein Mädchen von sechzehn; sie suchte -auf jede Art ihres Lieblings Glück zu fördern, warnte -sie vor späterer Vereinsamung und ermahnte sie, der -Tage zu gedenken, von denen geschrieben steht, »daß -sie uns nicht gefallen werden.«</p> - -<p>Helene aber lachte. »Ich will weder einen Kohl- -und Krautjunker, der seine Ochsen, Kühe, Hunde<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -und Pferde lieber hat als mich, noch einen voltairisirenden -Salons-Cavalier, der jeder Schürze nachläuft, -und nicht einmal die heilige Jungfrau Maria -in Ruhe lassen kann, ohne üble Nachrede; begegne -ich nicht endlich einem wirklichen menschlichen Menschen, -der kein bloßer Repräsentant seiner gesellschaftlichen -Stellung ist, so will ich auf meinem Stift -bleiben und dort wie meine sieben Cousinen Gejer-Mogenstrupp -als Chanoinesse alt und grau werden. -Ich bedarf einen Freund, der mich den Reichthum -der von mir kaum geahneten Welt kennen lehre, der -mir die Seele mit edlen, heitern Bildern füllt – ich -kann nicht bloß von Arbeit und Pflichten leben, ich -bedarf auch Genuß! Was hilft mir die Hesperiden-Ferne, -in welche mich Dichter und Künstler schauen -lassen, wenn sie mir unerreichbar bleibt, wenn ich in -meiner engen Gegenwart geistigen Hungers sterbe? -Es kann nicht Jeder, wie mein Bruder, ein Gelehrter -sein, der sich über einen Schmerz oder Verdruß wegexperimentirt; -es kann auch nicht Jeder immer nur -der Bauern <em class="gesperrt">Rechte</em> und seine eigenen während <em class="gesperrt">des -Unrechts</em> vergessen, das ihm am allernächsten steht!<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -Ich würde meinen Mann ganz miserabel behandeln, -oder mich von ihm mißhandeln lassen, das ist eine -entsetzliche Sclaverei! – Wenn so ein armer Schelm -von Bauernbengel unser Leibeigener wird, weil er auf -unserm Hofe mit dem andern lieben Hausvieh geboren, -und wir ihn verkaufen dürfen an die Miliz, -wie einen jungen Jagdhund, so thut mir das von -ganzem Herzen weh! ich gönne es ihm, wenn er -loskommen und uns entwischen kann, aber es langweilt -mich schon daran zu denken, wenn ich ihm -nicht helfen kann; ist es dann also nicht thöricht, -mich selbst der Leibeigenschaft, der ich so tief in's -Auge gesehen, bei einem Manne Preis zu geben, -dessen Fesseln ich nun und nimmer zu entrinnen -hoffen darf? es gilt da kein Loskauf, Emerenzia! -oder soll ich, wie meine schöne Schwägerin, seine -Gebieterin sein, ihn zu meinem Sclaven machen, -und mich innerlich den ganzen Tag seiner schämen?« -Die kleine Nordermule seufzte und – schwieg.</p> - -<p>Jahr um Jahre schlichen auf diese Weise vorüber. -Comtesse Amalie war verlobt, Annette hatte alle Aussicht -es zu werden. Helene kehrte unveränderten Sinnes aus<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -der Hauptstadt zurück, nur begann ihr die innere -Einsamkeit schwerer zu werden; es giebt Mädchen, -bei denen das Herz weit später erblüht, als der Körper. -Zum ersten Male schlich sich ihr die Sehnsucht -in den Frühling.</p> - -<p>Die Nordermule seufzte noch schwerer – Helene -wies ihre Bewerber bloß auf etwas höflichere Weise -ab. »Ich mache künftig in meinem Stift meinen -alten Verehrern und deren Kindern Confitüren und -backe ihnen Pfefferkuchen, wie meine sieben Cousinen -Mogenstrupp,« versicherte sie komisch-ernst.</p> - -<p>»Auf dem Stift ergrauen, wie jene Sieben?« sie -waren der Nordermule entsetzlicher als die Sieben -vor Theben.</p> - -<p>»Aber Emerenzia! kannst Du Dich nicht erinnern, -daß sie uns in Copenhagen besuchten, wie meine -Schwestern auf die ersten Bälle gingen, und ich noch -ein kleines Kind war? Schon damals haben sie -mir einen imposanten, ganz majestätischen Eindruck -hinterlassen; sie gingen alle überein gekleidet und trugen -gewaltige Kreuze um den Hals gehängt an schweren -Ketten, und in der Linken ein Schnupftuch und einen<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -Stockschirm mit Gold- und Perlemutterknöpfen. Ihre -Mutter war bildschön gewesen, hatte sich früh vermählt -und war in guter Zeit Witwe geworden, eine -strahlende, reizende Witwe. Wuchsen ihr da mitten -in ihren Successen sieben lange Töchter zur Seite -auf, die auch gar nicht übel waren, blonde, braune -und schwarze! Was konnte die arme Frau Besseres -thun, sich der Nebenbuhlerinnen zu erwehren, an -deren Seite sie in den königlichen Soireen erscheinen -mußte, als – die Töchter zu Caricaturen aufzuputzen, -bis die armen, in unglaublicher Abenteuerlichkeit mit -Juwelen, Blumen, Bändern überladenen Mädchen, -durch die Barrière der Lächerlichkeit von aller Jugend -abgesondert, wie eine Gesellschafts-Chimäre dastanden, -die nur dazu diente, der alternden Armida Reize zu -erhöhen. Die immer noch hebeartig blühende Mutter -bejammerte »das unglaubliche Ungeschick« ihrer Töchter, -und eines schönen Tags dämmerte diesen eine -Ahnung auf, daß sie lächerliche Figuren geworden! -So saßen sie wie Tarock-Karten lang und bunt an -die Salonwände gelehnt, blieben sitzen, wenn die -Andern zu Menuet, Quadrille und Anglaise flogen,<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -blieben sitzen, bis sie endlich fortzogen in ihre Stifts-Curien, -und sitzen dort noch, einsam, hehr und -adelstolz, wie früher in den jungfräulichen Zellen -ihres Familienschlosses.«</p> - -<p>»Und die Mutter?« – die Nordermule sah bei -der Erzählung wie ein Frühlingsungewitter aus: sie -lachte und weinte, wie Sonnenschein und Regenguß, -zu gleicher Zeit.</p> - -<p>»Ach, <em class="antiqua">ma bonne</em>, das ist eine hochtragische Geschichte! -Die Mutter starb, <em class="antiqua">au beau milieu de ses -succès</em>, als es ganz unmöglich war zu verhehlen: -daß die vierzigjährigen Mädchen – erwachsen wären!«</p> - -<p>»Aber Helene! welch ein Gedanke Dich diesen Schwestern -zu vergleichen, sie fanden nie einen Mann und –«</p> - -<p>»Sie fanden vielleicht bloß einen, wie ich ihn -auch finden werde, einen Mann – im Mond? Den -man nicht heirathen <em class="gesperrt">kann</em>, weil er bürgerlich ist, -und sein Kohlkopf und Dornbusch auch, oder weil -er uns nicht mag, oder weil er nichts taugt, einen -Mann, der nicht reich, nicht vornehm, nicht klug, -nicht schön genug für die <em class="gesperrt">ganze</em> ihn natürlich <em class="gesperrt">mitheirathende -Familie</em> ist! Vielleicht dachte Eine<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -oder die Andre wie ich, und wollte für sich selbst -heirathen, vielleicht waren sie aber auch den Männern -gar zu herrlich und majestätisch –«</p> - -<p>»Helene!«</p> - -<p>»Warte nur, Emerenzia, Du sollst sie selbst sehen! -Drei von ihnen leben jetzt in Wallöe und im Herbst -besuchen sie die Andern um Marzipan zu backen. -Und doch! weißt Du, Nordermule, die armen alten -Mädchen sind wahrscheinlich unter sich glücklicher als -hier Christians Frau! o die milde, geduldige Eva –«</p> - -<p>Die Gouvernante schwieg; sie fand es nicht anständig, -des Grafen, ihres Brotherrn, Verhältnisse -zu besprechen. Lachend drückte ihr Helene die Hand, -die Beiden verstanden sich vollkommen.</p> - -<p>Und wenig Wochen nach dieser Unterredung sollte -ein junger Maler die Portraits der drei Fräulein -machen – und die Liebenden sahen einander zum -ersten Mal.</p> - -<p>Ich weiß nicht, ob schon von einer Frau ausgesprochen -worden, wie ein Mädchen das nahende -Geschick ihres künftigen Daseins vorausempfindet -beim ersten Anblick eines Mannes, den es ernst und<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -leidenschaftlich zu lieben bestimmt ist. Ich glaube -jeder tiefen, das ganze Wesen durchglühenden Empfindung -geht ein Durchzittern des Herzens voran, -das keiner andern Lebensahnung gleicht, ein plötzliches -bebendes Verstummen der Gedanken, die nicht -wagen, den Gegenstand zu berühren, der wie das Geheimniß -des nahenden Tages die plötzlich aufwogenden -Stimmen der Natur aufruft aus dem Schlummer -– alle anderen Empfindungen der Seele schlagen -an wie erwachende Vögel in der sich lichtenden, der -Sonne vorangehenden Dämmerung; alle Blüthen -der Seele stehen in Thränen und öffnen dem nahenden -Tage ihren Kelch; es legt sich ein tiefes, heiliges -Mysterium über die innere, wie über die Außenwelt: -der nächste Augenblick muß es durchzuckend lösen – -o, wer ewig an dieser Zauberschwelle weilen könnte, -durchbräche <em class="gesperrt">nie</em> die Sonne der Wirklichkeit, so schön -sie ist, den Goldsaum der Wolkenbilder, die den fernen -Himmel mit ihrem rosigen, wogenden Leben umhüllen -und ihn der Erde verbinden! –</p> - -<p>Und Thorald? Nun Thorald empfand nicht eben -die erste Liebe, aber dennoch die erste festhaltende,<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -ernste Neigung seines Lebens. Sein einfacheres, -alltäglicheres Gefühl glich weniger einem zur Priesterschaft -des Lebens heiligenden Mysterium, allein -mit jedem Tage wurde es tiefer und wahrer. Anfangs -sah er in Helenen noch die vornehme Dame, -empfand den Unterschied der Stände als drückende -Last; mit Gewalt hätte er seiner wachsenden Leidenschaft -entfliehen mögen, er gedachte seiner Kunst, seiner -Mutter und einer Menge vorübergezogener Empfindungen, -die ihn abwechselnd beherrscht hatten und -dann in sich selbst verflüchtigt worden waren in -Rauch und Dunst; er schalt sich, daß ihm eine ähnliche -Behandlung seiner Liebe zu Helenen mißlang; -nach und nach siegten das Herz in ihm und die Natur, -die sich nicht gebieten läßt! er liebte das Mädchen -täglich inniger und menschlicher. Thorald war -keineswegs, was die Geliebte in ihm sah, was die -Zeit, die er durchlebt, ihn erscheinen machte, aber er -war ein redlicher, aufrichtiger Mann, mit einem Fond -unendlicher Gutmüthigkeit; die gewaltsamen Ereignisse, -die er miterfahren, hatten ihn eine Strecke mit -sich fortgerissen; nun war ihm eigentlich unsäglich<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -wohl, in die ihm natürliche Beschränkung und Harmonie -des Empfindens zurückzukehren. Von der Mutter -und einer alten Magd bis in's siebzehnte Jahr erzogen, -lagen eine Menge weiblich ausgebildeter zarter -Gefühle in seiner noch nicht ganz ausgearbeiteten Seele; -er schämte sich ihrer in Männerkreisen, in Italien -waren sie von ihm selbst vergessen und zurückgedrängt -worden, nun erblühten sie alle in zauberischer Frische, -– trotz seines Kummers war Thorald unbeschreiblich -glücklich!</p> - -<p>Graf Christian hatte sich gegen seine beiden Brüder -ausgesprochen. Man war darin übereinstimmend, -Helenens Neigung wie eine romantische Grille zu -behandeln, der nichts wirkliche Folgen zu geben vermöge, -da sie in keins der bestehenden Verhältnisse -passe. Nur im äußersten Nothfall sollte offenbarer -Widerstand ihr entgegentreten. Christian war der -einzige unter den Brüdern, der wider Willen an eine -wahre Gefühlstiefe ihrer Liebe glaubte und den möglichen -Ernst derselben scheute; Friedrich und Johannes -lachten ihn aus, beide waren Welt- und Hofleute. -»Helene ist volle vierundzwanzig Jahr, und folglich<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -über Nußschalen- und Hüttenalter hinaus,« versicherten -sie.</p> - -<p>Vielleicht wäre man zu kräftigeren Maßregeln -geschritten, hätte man nicht jede öffentlich wiedertönende -Erinnerung an des Erbgrafen arge Mißheirath -zu meiden gesucht. Die beiden Brüder boten -dem Maler Arbeit auf ihren Gütern zu Fühnen und -Seeland, verschafften ihm auch bei den arglosen -Schwägern und anderen Nachbarn und Freunden Bestellungen. -Thorald ward mit Arbeitsvorschlägen -überhäuft, – die alle ihn von Laaland zu entfernen -bezweckten. Wirklich ging er nach Fühnen, aber nach -vierzehn Tagen war er wieder in Nysted. Dann -kehrte er wieder zu den begonnenen Bildern zurück. -Auf diese Weise wechselte er fortdauernd den Aufenthalt, -ohne je sein Mädchen aus den Augen zu verlieren; -beim Küster behielt er ein Absteigequartier, -er malte den Alten und eine Anzahl Bauern als -Studium, Johannen aus Dankbarkeit; – man konnte -ihm nichts anhaben, es blieb unmöglich, ihn ganz -von der Insel zu vertreiben.</p> - -<p>Eine fortgesetzte Correspondenz mit der fast mündig<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -gewordenen Schwester zu hindern, gelang noch weniger; -Christian bemerkte Helenens schadenfrohes Lächeln -und beschloß ernstere Mittel zu ergreifen.</p> - -<p>Unterdessen schritten die Vorbereitungen zu den -im Herbst bestimmten beiden Hochzeiten täglich weiter. -Vieles wurde in Copenhagen bestellt, anderes zur See -aus Schleswig und Hamburg verschrieben; eine Tüchtigkeit -der Pracht waltete überall vor. Zuletzt kamen -die Truhen in den verschlossenen ehemaligen Wohnzimmern -der Tante zur Sprache. Sie hatte diese -als achtzehnjähriges Mädchen verlassen, und nur -wenige Monate vor ihrem Tode von neuem auf -kurze Zeit bezogen; seit dreißig Jahren standen sie -verödet. Graf Christian erklärte seinen drei Schwestern -ehe man sie öffnete, der Augenblick eines nur -sie allein betreffenden Erbschaftsantritts sei gekommen, -er bäte sie, sich untereinander über die Theilung der -von ihrer seligen Tante zurückgelassenen Ausstattung -zu vereinen, deren Inhalt ihm selbst fremd sei, da -kein Anspruch irgend einer Art ihn berechtigt habe, -bis zu diesem Tage die Schlösser dieser Truhen zu -öffnen. »Du,« sagte er scharf betonend zu Helenen,<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -»wirst die Güte haben, den dir zufallenden Antheil -dieser Gegenstände meinen oder meiner Gemahlin -Händen anzuvertrauen, da es meine Pflicht ist, ihn -erst bei Deinem einstigen Einzug in eines würdigen -Gatten Haus Dir zu freier Benutzung zu überliefern, -über die Theilung jedoch schon jetzt mit den Schwestern -Dich zu besprechen, wirst Du mir hoffentlich -nicht abschlagen.«</p> - -<p>Eva war als bloße Zuschauerin bei diesen Verhandlungen -gegenwärtig und sehr bewegt; deutlich -blickte aus all ihrem Thun der Kummer über Helenens -und Christians Spannung; Thorald erschien ihr -als Störer eines Hausfriedens, den die Arme mit -unerschöpflicher Geduld zu erschaffen stets von neuem -träumte. – Die kleine Nordermule schwamm in Thränen, -welche selbst der Respect für den Grafen nicht -zu stillen vermochte.</p> - -<p>Auf ein sehr kleines Vorgemach mit nur einem -einzigen Fenster folgte eine Art Wohnzimmer, das -der Einrichtung nach mitunter zum Empfang seltener -Besuche gedient haben mochte. In dessen Mitte stand -ein großer Tisch, auf demselben Tintefaß und Feder,<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -auch einige Lehrbücher lagen dabei, das Ganze machte -den Eindruck, als habe hier ein Kind Unterricht empfangen, -– etwas weiter zurück, dem Fenster näher, -stand ein niedriger Stuhl, und vor demselben einer -jener schon erwähnten kleinen Webstühle, – »ach,« -rief die Nordermule in heißere Thränen ausbrechend, -»hier saß die Schließerin mit der Arbeit, während -der Stunden, in welcher –«</p> - -<p>Ein drohender Blick aus des Grafen aufflammendem -Auge schloß ihr den Mund. – Das Gemach -war durchweg mit weiß überstrichenem Holzgetäfel -bekleidet, die grün- und goldumrandeten Medaillons -seiner Wandfelder zeigten verblaßte Spuren schäferlicher -Darstellungen im damaligen Geschmack; es -waren ziemlich plumpe Nachahmungen der französischen -Vorbilder jener Zeit; die ausgeschweiften, geschmacklosen -Möbel, auch weiß mit Gold und Rohrgeflechten -statt der Sitzpolster, gehörten ebenfalls dorthin.</p> - -<p>Das hintere anstoßende Schlafzimmer hatte seinen -aus einer weit frühern Periode stammenden -ernsten Charakter bewahrt, sogar sein gothisches -Bogenfenster mit den in Blei gefaßten runden Scheiben,<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -in dessen Mauertiefen ein hochrückiger Nußbaumsessel -stand. Etwas weiterhin gewahrte man -einen schön geschnitzten Betschemel, und auf dessen -Pult ein Kruzifix und eine schwere mit Klammern -geschlossene Bibel. Die weiß getünchte, nur mit -Eichenholz umrahmte Wand, deren Hälfte das große -geblümte Gardinenbett einnahm, den Fenstern gegenüber -der riesige blaue Porcellan-Kachelofen, – das -Alles paßte weit eher zum Aeußern des Schloßbaues. -Ein Stickrahmen bewahrte die in Seide noch unvollendete -Großmuth Alexanders, – ein Eckschrank die -kleine Hausapotheke, und über derselben zwei Reihen -französischer und dänischer Bücher, poetischen und geschichtlichen -Inhalts; an sie schlossen sich eine isländische -Bibel, eine Sprachlehre und einige zum Studium -dieses nördlichen Idioms nöthige Hülfsschriften. -An der dem Bett gegenüber frei gebliebenen -Wand standen vier herrlich in Nußbaum geschnitzte, -mit künstlichen Messingbeschlägen gezierte Truhen, – -sie nehmen allgemein noch in den ältern dänischen -Familien die Stelle unserer Wasch- und Kleiderschränke -ein, und stehen meist in den von einem zum<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -andern Gemach führenden Gängen. – Wie es schien, -hatte man sie aus dem Vorzimmer der Sicherheit -wegen in diesen Theil der Wohnung der Verstorbenen -gebracht. Alle zeigten die schön in Metall ciselirten -Wappen des Hauses, nur eine trug den Namen der -ehemaligen Besitzerin. –</p> - -<p>Sei es die drückende Luft des allzulange verschlossenen -Zimmers, oder lag wirklich in dem Allen -der Nachklang einer jungfräulichen Abgeschiedenheit, -einer so recht heimlich ertragenen Herbheit des vernichtenden -Geschicks, alle Anwesenden waren ernst, -ja fast wehmüthig gestimmt, als endlich die fast verrosteten -Schlüssel in ihren Höhlen sich drehten, und -die Truhen ihre geheimen Schätze zu Tage förderten. -Der Inhalt bot ein individuell-seltsames Gemisch -von Kostbarkeiten! Ueber den reichen, schwer seidenen -Damaststücken und den gestickten Brocaten zu Kleidern, -neben den Chagrinétuis mit Bonbonièren, -Zitternadeln, Ketten, Ringen, Armspangen und all -dem übrigen prächtigen Putz einer vornehmen Dame -der damaligen Zeit, lagen abgewelkte Sträuße kleiner -Wiesenblumen, – Schreibbücher eines Kindes,<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -Repetitionen und Aufsätze, – Ausarbeitungen für -einen gründlichern Unterricht als er damals gebräuchlich, -geschriebene Bruchstücke der nordischen Saga, -endlich ein in Silber gefaßtes kleines Medaillon, fast -ärmlich abstechend gegen all die Herrlichkeiten, mit -dem Miniaturbilde eines jungen Mannes. – Diese -Truhe schien die Einzige zu sein, welche die Besitzerin -geöffnet, die folgenden enthielten Schätze an -feiner Wäsche, eine silberne Toilette, alles was zum -persönlichen Gebrauch einer Fürstin geeignet; die -letzte Kiste barg, was der Haushalt einer jungen -Frau in glänzenden Verhältnissen fordern kann. – -Alles war mit sorgsamster Auswahl bereitet, und -zeugte von der mütterlichen Liebe der fürstlichen Erzieherin -Ulrikens.</p> - -<p>Während die älteren Schwestern gierig den Inhalt -der Kasten musterten, und über dessen Eintheilung -in drei gleiche Loose den Druck der beklommenen -Luft im Gemach vergaßen, athmete Helene schwer -und schwerer! Sie hatte sich des kleinen Medaillons -bemächtigt und betrachtete mit immer traurigerer Miene -die bleichen sanften Züge, die es ihr bot. Die schwarze<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -Kleidung des Jünglings verrieth den Candidaten, – -»ihr Lehrer oder ihr Liebster?« dachte das Mädchen. –</p> - -<p>»Auch hier das nämliche Geschick! den alten Fluch -des Hauses,« hauchte kaum vernehmbar Eva, die -ihr über die Schulter blickte. Helene sah sie an, -sie war blaß und zitterte merklich; sie bat die immer -noch auspackenden Schwestern das Medaillon ihr -zuzutheilen, und erhielt es leicht, denn es war altmodisch -gefaßt und unschön als Schmuck.</p> - -<p>Endlich waren die Loose fertig, die Schwestern -theilten nach Zufall, – am Boden blieben die welken -Frühlingsblüthen und die Papiere; die arme -Nordermule sammelte Alles auf; Eva hatte bereits -die sie beengenden Räume verlassen, – der Anblick -war ihr unerträglich.</p> - -<p>Sobald der Eifer der besitznehmenden Schwestern -es ihr gestatteten, entzog auch Helene sich dem ihr -durchaus peinlichen Eindruck. Die ganze Scene machte -ihr das Herz schwer; es kam ihr Alles, sogar ihre -eigne Theilnahme daran, wie eine Entweihung, wie -das gewaltsame Eindrängen in ein zartes, jungfräulich -verhülltes Leben vor, das selbst der Tod nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -abzuschließen und dem frevelnden Blick des fremden -Auges zu bergen vermöge, während lange qualvolle -Jahre daran gesetzt worden, diesen einzigen armseligen -Zweck zu erreichen.</p> - -<p>Als sie die Schwelle ihres Zimmers eben überschritt, -streifte sie Christians Arm, und seine Hand ergriff -unvermuthet die ihre. »Helene,« sagte er ernst und -strenge, »Du trägst den Schlüssel dieses bejammernswerthen -Geschickes mit Dir fort,« er deutete mit dem -Blick auf das Medaillon, »es hat trübe unser aller -Dasein umleuchtet, wie ein Nordlicht, ohne unsre -Wege zu erhellen, ohne unserm Auge die Bahn -deutlicher zu machen, die wir zu durchwandern gezwungen! -Gebe Dir Gott mehr Glück und mehr -Besonnenheit als ihr, und ein klareres Verständniß -des Unabwendbaren! Du kennst bisher nur die <em class="gesperrt">Lösung</em> -dieses traurigen Räthsels!«</p> - -<p>»Ja,« erwiederte Helene gepreßt, »ja, mir ahnet, -daß sie für gleichen Lebenseinsatz einen entsetzlichern -Verlust, für gleiche Schuld – wenn es eine ist! -eine schwerere Buße zu ertragen gehabt, als wir -Alle!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span></p> - -<p>Christian lächelte bitter. »Es kennt keiner das -Gewicht der Bürde des Nächsten!« Er war mit eingetreten -und ging in fast leidenschaftlicher Erregung -eine Weile auf und nieder. Endlich blieb er vor -ihr stehen; »es kann nicht schaden,« setzte er mit unbeschreiblich -traurigem Tone hinzu, »daß Du einmal -die Dir noch unbekannten Schicksale Deiner nächsten -Verwandten, ja Deines älterlichen Hauses in's Auge -fassest – komm setze Dich zu mir.«</p> - -<p>Helenens weiche Stimmung ließ sie dem Bruder -schweigend willfahren; sie hoffte die Erzählung werde -die Tante betreffen, hier in ihren eigenen Räumen -scheute sie nicht, mit dem Einzigen, der um das Geheimniß -zu wissen schien, davon zu reden; – so -hängt auch das edelste, zarteste Gefühl vom Eindruck -äußerer Umgebung ab! –</p> - -<p>»So weit meine eigne Erfahrung reicht,« begann -Christian, »habe ich stets bemerkt, daß in all den -Einzelgruppen der menschlichen Gesellschaft, die wir -»Familien« nennen, ein nämliches Grundprinzip des -Glückes wie des Elends in fast all ihren Mitgliedern -in unzähligen Umgestaltungen sich wiederholt.<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -Es geht damit, wie mit der Aehnlichkeit der Gesichtszüge, -die selbst, wo sie in Einzelfällen in gerader -Linie verschwindet, in verwandtschaftlichen Kreuzungen, -im Großneffen, im Enkelkind, in Tanten und Basen -wieder auftaucht und sich unverändert geltend macht. -Davon hat man tausende von Beispielen überall. Psychologisch -erklärt sich aber das erste Phänomen, wenn -man auf diesen Erscheinungen körperlicher Gleichheiten -weiter zu fußen versucht und beachtet, wie -sie Jahrhunderte zurück sich erstrecken, und eben so -fortdauern um uns her, bis gewaltsam ihm aufgedrungene -fremde Schößlinge den alten Familienstamm -in seiner Wurzeltiefe und Wipfelhöhe überwuchert -haben! – Es läßt sich gar wohl begreifen, daß auch -die dem Leibe inwohnende <em class="gesperrt">Seele</em> ihre eben so bis -in den späten Ur-Enkel, durch Mischung sich analoger -Körper- und Geisteskräfte, erzeugten ähnlichen -Gebrechen und Tugenden bewahrt, und daß auf -diese Weise der einzelne, sehr reich begabte Mensch -zum Schöpfer einer Scala von herbeigezogenen Geschicken -wird, die zusammenklingen, weil sie auf <em class="gesperrt">einem</em> -ihnen allen eigenthümlichen Grundton beruhen! Nennt<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -doch selbst ein Volkswort Jeden seines eigenen -Unglücks Schmied! Und <em class="gesperrt">so</em> wird denn Fluch und -Segen des längst schlummernden Ahnherrn immer -von neuem erweckt, bis der letzte seines Namens und -Stammes zu Grabe getragen ist.« – Erstaunt sah -Helene den Bruder an; wie kam der sich nur mit -abstrackter Gelehrsamkeit beschäftigende Mann, der -Philosoph, zu diesen Ansichten eines Schwärmers?</p> - -<p>»Seit unseres Großvaters Jugend, welche in die -erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts zurückreicht, -hat jedes unsre Familie befallende Mißgeschick, das -bald auf entwürdigende Weise deren zarteste Hoffnungen -brach, bald den eigenen Herd, das Herz -des Hauses zum Schauplatz des Ungehörigen machte, -sein Entstehen einer durch Liebesraserei erzeugten Verblendung -zu verdanken. Jede Neigung ist bei uns -durch Widerspruch zur Leidenschaft ausgeartet, jedes -das Dasein erhellende Licht zum wilden Feuer, das -den Aufbau unseres Lebens zerstört, das Dach über -unseren Häuptern verzehrt, uns arm und bloß, als -Bettler in der leergewordenen Existenz zurückläßt!«</p> - -<p>»Unser Großvater lebte in äußerlich günstigeren<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -Verhältnissen als wir. Seine Jünglingszeit fällt in -die Glanzperiode Niel Juuls und seiner Siege über -die Schweden. Owen focht unter dem großen Feldherrn -und zeichnete sich aus; das Vaterland nannte -mit dem des Helden zugleich <em class="gesperrt">seinen</em> Namen! Die -der Krone geleisteten Dienste verschafften ihm die -Hand einer dem königlichen Hause verwandten jungen -Dame, der Fürstin Harald-Friedrichsborg. Bei -anscheinend blühender Gesundheit bemächtigte sich ihrer -bald nach der Vermählung ein heimlich schleichendes -Uebel, das in fortgesetztes Kränkeln überging, und -die Geburten einer Tochter (der Tante Ulrike) und -zweier Söhne schwächten den zarten Körper der jungen -Frau noch mehr. Auch das in ihren Verhältnissen -unvermeidliche, geräuschvolle Hofleben schadete -ihr, es raubte ihr die Möglichkeit einer allmäligen -Erholung; sie starb, nachdem sie einem dritten Sohn, -unserm Vater, das Leben gegeben, gleich nach dessen -Geburt.</p> - -<p>Grenzenlos war des Gatten Schmerz! In wahnsinniger -Verzweiflung starrte er anfangs den Ueberbringer -der Todesbotschaft regungslos an; dann aber<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -sprang er einem wüthenden Tiger gleich, der seine -Beute erfaßt, auf den Unschuldigen los, warf ihn -zu Boden und trat ihn mit Füßen! Noch in der -nämlichen Nacht starb der schwer Verletzte an den -Folgen der erlittenen Mißhandlung. Des Königs -Liebling aber, Graf Owen, entging jeder Anklage -und Strafe, sogar der seines eigenen Gewissens; -war es ja doch sein Leibeigener, den er zertreten wie -einen Wurm! wer kümmerte in damaliger Zeit -sich um den Gebrauch den Er, der Herr, von seinem -Erb- und Eigenthum gemacht! – Aber die -Verblendung des unsinnigen Zornes gegen das ihn -betreffende Geschick riß ihn weiter fort auf der entsetzlichen -Bahn, auch – dem eigenen Kinde, das -diesem Unglück die Geburt dankte, dessen Eintritt -in die Welt das Dasein der Mutter gekostet – dem -Neugebornen <em class="gesperrt">fluchte</em> er. – Der unnatürliche Fluch -trug bittre, giftige Frucht! Der Verlust seiner Liebe -hat an uns Allen in der Liebe sich erneut und gerächt, -mochte sie gewähren oder versagen, als gebühre -<em class="gesperrt">uns</em> die Buße seiner Schuld.</p> - -<p>Drei Söhne hatte die Gräfin geboren. Die zwei<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -Aeltesten starben in den ersten Jahren auf fast unerklärliche -Weise, ohne vorhergegangene Krankheit, -vielleicht an von der Mutter ererbter Schwäche, sie -welkten dahin, wie eine Blüthe abfällt vom Zweige. -Unser Vater dagegen war kräftig. Mit furchtbarer -Strenge erzogen, auf jede Weise abgehärtet, wuchs -er unter fremder Leitung auf; oft mischten sich Willkür -und Grausamkeit in die Erziehung, die ihm ward. -Der Großvater liebte ihn nicht, nannte ihn fortgesetzt -den Mörder seiner Mutter, und sandte ihn endlich -nach Skovkloster in die von Herluff Trolle eingerichtete -adlige Hochschule, um ihn nur Jahre lang -fern von sich halten und seinen Anblick vermeiden zu -können. –</p> - -<p>Eine scheue Niedergeschlagenheit bemächtigte sich -dort des Knaben – selbst Güte und Wohlwollen -Einzelner, denen er Mitleid einflößte, vermochten -nicht mehr ihn aufzurichten. Auch der Schwester -durfte er nur in seltenen Zwischenräumen sich nahen; -als sie erwuchs, sah er sie gar nicht mehr: so ward -der einzige Sohn und Erbe ein Fremder im eigenen -Vaterhause. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p> - -<p>Eine immer mehr überhand nehmende Melancholie -breitete ihren düstern, ihm die ganze Welt umhüllenden -Flor über des Armen schönste Jugendzeit. -Jedes eigene freie Streben ward ihm untersagt, man -zwang ihn in den Militairdienst, während ihn eine -mächtige Neigung zum damals noch brach liegenden -Felde des Naturstudiums, besonders zur Botanik hinzog; -man drängte den Verschüchterten in eine Hofcarrière, -wo er seines verlegenen Betragens, seiner -nicht brillanten äußeren Erscheinung wegen, kein -Glück machen konnte – ja es nicht einmal zu wollen -vermochte, da die tiefste Sehnsucht seines Innern -nur Stille und Abgeschiedenheit erstrebte. – Als er -mündig und durch seines Vaters Tod Erbe dieser Besitzungen -geworden, bewarb er sich um die Hand unserer -Mutter. Er hatte sie in den Hofzirkeln der -Königin kennen gelernt und empfand die heftigste -Leidenschaft für sie – hiermit beginnt ein neuer Abschnitt -unserer unseligen Familiengeschichte.«</p> - -<p>»Aber,« sagte Helene, »ihm ward das Jawort -der Geliebten, sein Gefühl ward erwiedert.«</p> - -<p>Ohne ihre Bemerkung zu beachten, fuhr Christian<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -fort: »unsere schöne geistreiche Mutter reichte dem Liebenden -liebelos, gezwungen von ihrer Familie, die -Hand! Eine unerwiederte Leidenschaft ist immer ein -das Seelenleben spaltendes Weh; Besitz und stete -Gegenwart steigern es zum unerträglichen! Sie war -sein! Willenlos und widerstandlos ward sie ihm -verbunden, aber eiskalt blieben die Lippen, auf welche -er die seinen preßte, theilnahmlos blieb die Seele, -der er unablässig die seine zu erschließen strebte. Ein -entsetzlicher Kampf um Ruhe und Glück begann unter -Beiden; je mehr er forderte, je weniger fühlte sie -sich im Stande, das Verlangte zu gewähren. Seine -Eifersucht ward erregt; ob sie gerecht oder nicht, wagt -der Sohn nicht zu entscheiden! Auch auf unseren -Kinderhäuptern lastete das Unglück; mich den Erstgeborenen -unter Euch empfing, wenn auch kein Fluch, -doch das Gefühl innerer Verzweiflung, statt des -Kusses der Freude! –«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Er schwieg. »Aber die Tante?« fragte schüchtern -Helene; in dem trüben Wahn des Bruders lag etwas -seltsam Ansteckendes – »aber die Tante, wie traf<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -denn eben sie, die Schuldloseste unter Allen, das aller -Entsetzlichste! war sie denn –«</p> - -<p>Christian rang sichtlich mit dem Entschluß in seiner -Erzählung fortzufahren – in dem Augenblick -ertönte der langgezogene Schrei einer Seemöve oder -des Wettervogels; es war nicht die Stunde, in welcher -das Thier zu schreien pflegt, aufmerksam horchte -Christian hin. Er war aufgestanden und an's Fenster -getreten, und kehrte so Helene den Rücken zu. -Nach wenigen Secunden erklang der Schrei zum -zweitenmal – zufällig wandte sich der Graf in demselben -Augenblick der Schwester zu – sie war feuerroth -geworden und näherte sich in sichtlicher Verlegenheit -der Thüre eines anstoßenden kleinen Jagdsalons, -welcher die erste Etage eines der Eckthürmchen des -Schlosses einnahm – wie der Blitz stand Christian -neben ihr; ehe er selbst sich seiner Absicht bewußt, -hatte er gewaltsam die Thüre desselben aufgerissen -und befand sich bereits in dem runden, durch mehrere -große Fenster erhellten Saal. Aus dem einen derselben -sah man über den Garten weg auf einen lieblichen -kleinen Landsee, welcher die Besitzung Aalholm<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -von dieser Seite begrenzt. – Drüben stand Thorald! -Nach einer längeren Abwesenheit in Fühnen, von -wo ihn die Sehnsucht, Helene zu sehen, zurückgetrieben, -hatte der Unbesonnene nicht unterlassen können, -ihr ein Zeichen seiner Rückkehr zu geben. –</p> - -<p>»Tod und Teufel!« schrie der Graf, »wagt der -Bube einem Fräulein von Gejern zu rufen, wie -einer Bauerndirne.« – Besinnungslos vor aufwogendem, -entsetzlichen Zorn riß er hastig eine von den -Jagdflinten herab, welche an den Wänden hingen, -und legte an. Heftig, aber keineswegs fassungslos -ergriff Helene seinen Arm und schleuderte die Mündung -des Gewehrs seitwärts. – »Unsinniger!« rief -sie mit strafender fester Stimme, »meinst Du einen -Leibeigenen vor Dir zu haben, der willig sich mit -Füßen treten läßt?«</p> - -<p>Der sich entladende Schuß war durch das Nebenfenster -gegangen, das zufällig offen stand, die Schrotkörner -streiften die Zweige der Allee, ohne irgend -Schaden zu verursachen. Helene und Christian standen -wortlos, zornig sich in's Auge blickend, einander -gegenüber, als Eva von dem Knall erschreckt in's<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -Zimmer stürzte, »was ist vorgefallen, was um Gotteswillen -giebt es hier?« – rief sie in namenloser -Angst, auf Beide zueilend. »Gar nichts,« sagte trocken -mit ruhigem Ton Helene, »Christian hat nach einer -Möve am Weiher geschossen und sie verfehlt.«</p> - -<p>Des Bruders Auge dankte ihr; er hing die Flinte -wieder zu den übrigen an ihren frühern Platz und -reichte Eva die Hand; »es thut mir leid, Kind, daß -meine Unbesonnenheit Dich erschreckt hat.« Ohne -weitere Worte verließ er die Frauen – Helene rang -nach Fassung, ihre Augen durchbohrten das Wäldchen, -in welchem der Liebste entschwunden. Eva -kannte sie viel zu genau, um nicht bei näherer Betrachtung, -mit einer von der Welt abgeschiedenen -Kranken oft eigenen Beobachtungsgabe, zu errathen, -was eigentlich vorgefallen. – »Unvorsichtige!« flüsterte -sie, Helenens Hand zwischen der ihren pressend, -»willst Du denn durchaus ihn und Dich selbst elend -machen? Ach, Du kennst nicht die volle ganze Kraft -der Gefahr, welcher Du trotzig entgegen treten zu -können wähnst! – War Thorald hier im Schloß?«</p> - -<p>»Nein, dort am Weiher.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p> - -<p>Eva seufzte tief auf, dann fuhr sie mit sichtlicher -Selbstüberwindung fort, weil sie es für Recht hielt -zu reden. »Ich kenne Christian besser wie Du! -glaube mir, er ist unbeugsam, hoffe <em class="gesperrt">nie</em> den auf -einen Punkt eigensinnig Verhärteten zu erweichen, nie -wird er seine Einwilligung gewähren.« »Er ist nicht -mein Vater, nur mein Bruder,« sagte das Mädchen -ernst und fest, »seine Gewalt über mich muß Grenzen -haben, obschon er mein Vormund ist, jedenfalls -ist sie weder unabwendbar noch lebenslang dauernd. -Ich bin in seinem Hause, Eva, und werde nichts -thun, was ihn ernstlich kränken könnte, aber ich bin -frei wie er« – sie erschrack als die letzten Worte über -ihre Lippen kamen.</p> - -<p>Eva aber schüttelte traurig den Kopf, »das Land, -seine Sitten, der Stamm, dem Du angehörst, bilden -eine dreifache Mauer um Dich und Deine erträumte -Freiheit. Es ist nicht bloß Dein Bruder, nicht nur -sein Adelstolz – warum wirst Du blaß bei dem -Worte, das ich millionenfach durchdacht habe? es ist -mehr als Alles der Charakter des ganzen <em class="gesperrt">Landes</em>, -das Zusammenfallen der allerverschiedensten Vorurtheile<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -und dabei das Zusammenwirken der so von -einander abweichenden Ansichten auf denselben Punkt, -<em class="gesperrt">dies</em> hast Du zu scheuen, das ist die Kette mit den -vielen kleinen Ringen, die sie um Dich schlingen –« -Helene legte das müde Haupt auf die Fensterbank -und schauete trostlos über den See, »mein Gott, -mein Gott, wo er nur sein mag?«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Und errängest Du es dennoch, des Künstlers Gattin -zu werden, glaubst Du man würde Deine frühere -Stellung vergessen, oder wirklich Dich aufnehmen -unter den andern Bürger-Frauen und unter ihren -Familien! – Ach, sie sind – und vielleicht mit vielem -Recht – stolzer als Ihr! Eben weil sie ihre Vortheile, -Aemter, ihre Privilegien, ihr Brot erkämpfen, -und das mit sauerem Schweiß Errungene zu wahren -nöthig haben, deshalb stoßen sie Eure Gemeinschaft -zurück, Euch <em class="gesperrt">gleich</em> gestellt sein wollen sie nicht, -herabsteigen sollt Ihr zu ihnen, <em class="gesperrt">dann</em> erst wollen -sie mit Euch sich wiederum erheben, auf Euren -ungeschmälerten Platz, erst <em class="gesperrt">dann</em> ihn mit Euch theilen. -Das, meine Helene, ist hier die Stimmung des<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -Bürgers – und in so fern sein Kopf klar genug, -auch des Bauern!«</p> - -<p>»Wenn sie einander begegnen im Wäldchen!« -seufzte Helene – das Nächstliegende verschlang in -ihr stets Vergangenheit und Gegenwart.</p> - -<p>Träumerisch die schmalen Händchen über die Brust -faltend, wehmüthig die blauen Augen zu Helenen -aufgeschlagen, mit dem rührensten Ausdruck der Innigkeit -und Treue in den Zügen, saß indessen die -Sprecherin da, immer noch bemüht der Freundin -aufgeregte Geister zu beschwichtigen, vor allem aber -sie abzuhalten, in den Garten zu gehen! – Eva -sprach fast niemals über sich – Helene empfand den -ganzen Werth des ihr gebrachten Opfers, auch dessen -sanft verschleierte Absicht – sie war selbst von der -Nothwendigkeit überzeugt, eine persönliche Einmischung -in <em class="gesperrt">diesem</em> Augenblick meiden zu müssen, aber all -ihre Gedanken flatterten dennoch, wie Vögel dem -Frühling, so dem nun wieder Angekommenen, dem -Geliebten zu! Jeder Widerspruch strenger oder liebreicher -Art brach an dem mächtigen Gefühl des -Mädchens. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p> - -<p>»Nie werde ich's vergessen,« fuhr Eva in immer weicheren -Tönen fort, »wie nach Graf Owens Tod –« -sie vermochte noch nicht »mein Schwiegervater« zu -sagen – »nachdem ich schon fast ein Jahr hier auf -dem Schlosse wohnte, Christian meinem alten Vater -mich als seine Frau vorzustellen beschloß; es war ihm -schwer geworden, ich wußte es wohl! Du Helene -warst ein Kind, und bliebst bei Emerenzia! Amalie -und Annette begleiteten uns; ich glaube,« setzte sie mit -leicht bebender Stimme hinzu, »Christian hatte es den -Schwestern befohlen – es war darauf abgesehen, -mir durch diesen Schritt mit einem Male eine feste -Stellung zwischen den Bauern und <em class="gesperrt">seiner</em> Familie, -besonders den Brüdern gegenüber zu geben, denn ich -selbst war schüchtern wie ein Rothkehlchen, das sich im -Zimmer verflogen und keinen Ausweg kennt; ich fürchtete -mich in dem großen Schlosse, verlief, verirrte mich -in dessen Gängen, ich hatte nie ein solches Gebäude bewohnt -– so lange ich auch schon damals Christians Gattin -war, denn ich habe im fünfzehnten Jahre geheirathet, -so wußte ich doch hier in der neuen, von der Jütländischen -so ganz verschiedenen Umgebung, mich nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -in meine Lage zu schicken! Und doch,« fuhr sie fort, – -ihre Absicht Helenen vom Gegentheil zu überzeugen -momentan ganz aus den Augen verlierend, – »doch war -das eben eine wunderschöne Zeit! Christian war -so himmlisch gütig, die angetretene Majorats-Erbschaft -zwang ihn zu immer regerer Thätigkeit, wie -ein Schutzengel stand er mir zur Seite und lieh mir -den Schild seiner männlichen Klugheit und Festigkeit; -– nun, wir fuhren also nach Engbolle. Wie klopfte -mir das Herz, als ich nach sechzehn Jahren den Hof -von weitem sah! aber alles war stattlich verändert; -mein Vater bewohnte nicht mehr eine Kathe, die man -Winters über mit Laub und Schilf überdecken muß, -um sich darin vor der Kälte zu schützen, ein ganz -neuer Bau erhob vier stattliche Mauern an deren -Stelle; das ehemalige Wirthschaftshaus, in welchem -wir nur ein paar kleine Zimmer hatten, war nun -zu Stallungen und zu einer großen Milcherei umgewandelt; -– als wir in den viereckigen Hof traten, -blinkten mir die hellen Fenster entgegen, hinter denen -mein so schwer gekränkter lieber Vater wohnte; seitwärts -aus den Nebengebäuden klang das Brüllen<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -des reichlichen Viehstandes – an einer andern -Stelle sah ich die Scheune, vor deren Thor das -bunte Gefieder der Hühner im Sonnenschein glänzte, -o Gott, mir ging das Herz im Jubel auf – jetzt -öffnete sich die Thüre, mein Vater – er war ein Greis -geworden – erschien auf der Schwelle! ich ließ -Christians Arm los und stürzte über den Hof ihm -entgegen; mir schossen die Thränen in die Augen, -kaum vermochte ich »Vater, lieber Vater« ihm zuzurufen, -»ich bin's, kennt Ihr mich noch?« – mit -abgezogener Kappe kam mein Vater die steinerne -Haustreppe herab; ohne mit einem Blicke meine -Anrede zu erwiedern ging er demüthig seinem Gebieter -und den Gräfinnen entgegen, deren Hand er -bewillkommnend küßte – mir brachen die Kniee, ich -fühlte mich dem Umsinken nahe, aber ich wollte mich -fassen, den andern Leuten, den versammelten Knechten -und Mägden kein Aergerniß geben; ich näherte mich -ihm abermals, bezwang mein Herz und redete ihn -noch einmal an; jetzt kamen meine drei Brüder auch -hinzu, als ich sie verließ, waren sie kleine Kinder; -wie er, traten sie festen Schrittes zwischen mich und<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -meines Vaters ehrwürdige Gestalt, dankten dem Grafen, -den Schwestern für die Ehre ihres Besuchs und -luden sie ein in's Haus zu treten; Keiner hatte einen -Blick, ein Wort für die Verstoßene! – Mir schwanden -die Sinne! Amalie und Christian faßten mich -unter den Arm und führten mich die Stufen hinan -zu meines Vaters Hause! ich ließ Alles geschehen, -setzte mich nur mechanisch auf den mir bereit gestellten -Sessel – Beide überhäuften mich mit der zartesten -Güte und Sorgfalt. Mein Vater und meine Brüder -standen scheu und ehrfurchtsvoll, Alle in eine -Ecke des Gemachs zusammengedrängt und warteten -ohne ein Zeichen des Mitgefühls, bis Christian zu -ihnen trat und den Erstern zu sich rief; – beide -gingen hinaus in eine anstoßende Kammer. Was -sie dort mit einander verhandelt, habe ich nie genau -erfahren; ich weiß nur, daß Bitte und Befehl als -gleich unwirksam sich erwiesen! Mein Vater und -seine Söhne erklärten alle vier respectsvoll und sehr -fest: sie wüßten was sich schicke und gebühre; in ihren -Augen bliebe ich eine Pflichtvergessene, die ihre eigne -Familie bitterlich gekränkt, ihre gnädige Herrschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -aber auf's freventlichste beleidigt, er wünsche, setzte -mein Vater mit schwankender Stimme hinzu, daß -mir der selige Graf Thugge nicht in der letzten Erdenstunde -geflucht! – Christian versicherte dem mühsam -sich aufrecht haltenden Alten, daß jener mir und -ihm verziehen, und mit uns Beiden ausgesöhnt in -seinen Armen gestorben sei. »Das war sehr gnädig -und sehr edel, unser Herrgott lohne es ihm im -Paradiese,« sagte mein armer Vater; dann bat er -»den gestrengen Herrn Grafen« ihn zu entlassen, -»er fühle sich ein wenig schwach heute.« – Als ich -mich etwas erholt und äußerlich gefaßt, geleitete mich -Christian zum Wagen, ach! ich glaubte mich aufzulösen -in Thränen, als ich in den Hof zurücktrat, -wo noch wie vor einer Stunde Alles im Sonnenschein -so lachend und glänzend vor mir lag! Nochmals -nahten Vater und Brüder dem Wagen – o -mein Gott! ich sah die lieben theuren Züge so nahe, -so ganz nahe vor mir, ich hätte sie mit meinen Händen -an mich ziehen, mit meinen bebenden Lippen sie -berühren können! Ebenso demüthig wie sie dieselben -empfangen, empfahlen sich alle Vier der Gnade der<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -beiden »Fröken und des Herrn Grafen;« ich sah das -Zucken in den Gesichtsmuskeln des armen, alten -Mannes, der so unsäglich litt durch und um mich! -ich sah zwei glänzende Thränen in meines jüngsten -Bruders großen, blauen Augen, aber dennoch blieb -Aller Haltung so fest und entschieden, daß mein -Muth an ihr brach; ich wagte keinen Laut mehr. -Mein Vater hielt sich bis zu diesem letzten Augenblicke -– ach Gott! dem letzten, in dem ich jemals -ihn sehen sollte, stramm; Christian zitterte wie ein -Espenlaub an meiner Seite – die Pferde zogen an, -wir rollten fort; – als ich nach einem mehrwöchentlichen -Krankenlager erwachte, hatten sie meinen Vater -schon begraben; die Bauern sagten, es habe ihm -ein schwerer Kummer das Herz abgedrückt.« –</p> - -<p>Schluchzend warf Helene ihre beiden Arme um -Eva's Hals; jetzt sah und empfand sie nur deren -Schmerz, sogar Thoralds Bild ward dadurch für -einen Moment in den Hintergrund gedrängt.</p> - -<p>Draußen war unterdessen, wie vorauszusehen, -Thorald und der Graf zusammengetroffen. Allein -der Gang zum Weiher, und vor Allem das tiefe<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -Schamgefühl des Bewußtseins, auf Thorald geschossen -zu haben, hatten den Grafen abgekühlt, und er -zügelte diesmal seine Worte. Das Gespräch zwischen -den Männern war sehr ernst, aber keiner von ihnen -hatte bei der Erinnerung an dasselbe zu erröthen, -es blieb gegenseitige Achtung als Schutzgeist ihm zur -Seite. Christian verfehlte nicht, seine allen Männern -seines Standes gemeine Ansicht, daß man gar übel -ein Verhältniß zu dem Mädchen das man <em class="gesperrt">heirathen</em> -will, mit einer Heimlichkeit des Verkehrs beginne; -sein Urtheil darüber machte Thorald warm, -ohne von Grund aus ihn zu überzeugen, ja es regte -seinen innern Stolz auf so schmerzlich verletzende -Weise an, daß er endlich erklärte: zwar werde er -nun und nimmer seinen Anspruch auf Herz und -Hand Helenens aufgeben, die willig beide ihm zugesagt, -allein obgleich er sich zu keiner Art von Entsagung -veranlaßt fühle, da er sich und die Geliebte -als völlig frei und unabhängig betrachte, so sei er -doch von seiner und ihrer Treue so fest überzeugt, -daß er es darauf wagen könne, und er wolle sogleich, -ehe ihn irgend Jemand gesehen, nach Fühnen zurückkehren,<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -wenn der Graf durch seine häufige Anwesenheit -ihren Ruf für wirklich gefährdet halte. Nur -möchten, bat er, der Herr Graf sich nicht irren -über den Grad des von ihm gewährten Zugeständnisses, -er werde Mittel und Wege finden, Helenen -die Erklärung seines jetzigen Schrittes zukommen zu -lassen, denn je mehr er ihrer gewiß sei, je unmöglicher -sei ihm es zu ertragen, auch nur einen Augenblick -von ihr mißverstanden zu sein durch eigene -Schuld.</p> - -<p>Es lag etwas so ächt Menschlich-Natürliches, -ja eine solche Würde der Wahrheit in Thoralds Benehmen, -daß der Graf davon erschüttert sich fühlte; -zum ersten Mal seit seinen Jugendjahren fiel ihm die -Möglichkeit einer wirklich dauernden Empfindung der -Liebe ein. Nach wenigen Secunden jedoch war er, -trotz seines angeborenen Hanges zur Träumerei, -schon wieder zum klaren Ueberblick der Verhältnisse -gekommen, er fühlte durch Thoralds augenblickliche -Abreise nicht nur den Ruf der Schwester -gesichert, sondern im schlimmsten Falle, wenn es ihm -nicht gelingen sollte, zu einer <em class="gesperrt">andern</em> Verbindung<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -sie zu vermögen, wenigstens in dieser Prüfung des -Jünglings eine Art Bürgschaft, ein <em class="antiqua">bonheur allemand</em>, -daß das hereinbrechende Unglück einer Verbindung -mit ihm und einer Trennung von den Ihren -sich tröstlich gestalte. So nahm er wirklich Thoralds -Erbieten an; aber er verlangte das Opfer, wenn -es gebracht werde, vollständig, und augenblickliche -Rückreise Thoralds.</p> - -<p>»Das macht die Sache schlimmer, man kann -mich auf Laaland bereits gesehen haben,« sagte der -Künstler, – ihn verletzte der Stachel geheimen Mißtrauens, -– »aber ich bin erbötig, sogleich überzusetzen -nach Falstern, wo ich ein paar Skizzen aufzunehmen -habe.«</p> - -<p>Dieser Beschluß ward festgehalten. Allein der -Graf war, wenn er einmal seiner gewohnten schweigsamen -Contemplation entrissen und zur Thätigkeit -gelangt war, nicht der Mann, auf halbem Wege -stehen zu bleiben. »Wie gedenken Sie denn der -Comtesse Gejern diese Nachricht von Ihrer augenblicklichen -Entfernung zukommen zu lassen?« fragte -er scharf. – Thorald war gefangen; er konnte und<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -wollte den Weg, den seine Correspondenz mit der -Geliebten zu nehmen pflegte, nicht verrathen, weniger -aber noch konnte er von Falstern aus ihn einschlagen -– er zögerte einige Secunden – –</p> - -<p>»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Christian, -»daß ich der Comtesse die Nachricht in der -jetzigen Stunde noch zukommen lassen werde, schreiben -Sie ein paar Zeilen.« Erstaunt blickte Thorald auf -– es war dem Grafen Ernst. »Aus Ihrer Hand -soll die Gräfin die Nachricht – mein Herr? Nein, -ich muß einen Boten –«</p> - -<p>Christians Zorn flammte auf; allein wie bei der -Schwester überwog bei ihm der momentane Impuls -eines eben jetzt zu Erstrebenden, und in diesem Augenblick -lag ihm vor Allem daran, jede Zusammenkunft -der Liebenden und jeden längern Aufenthalt Thoralds -auf der Insel zu verhindern – »ich werde ihr das -Billet <em class="gesperrt">senden</em>,« sagte er kurz. Thorald verbeugte -sich stumm, riß ein Blatt aus seinem Taschenbuche -und schrieb.</p> - -<p>Es war eine wunderliche, fast komische Situation. -Der Eine als Vertrauter und Bote einer von<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -ihm so hart gefährdeten Liebe des Andern; im Künstler -überwog das Ironische derselben; auch lag im ganzen -seiner Jugend diese etwas barocke, ritterliche Handlungsweise -nicht fern; eine fröhliche Sorglosigkeit -gestaltete sich fast in Leichtsinn indem er schrieb, -nur die Anrede hatte ihn ein wenig verlegen gemacht, -denn das Blatt ging ohne Siegel; – Christian -hatte sich in anständiger Entfernung unter eine -Buche gesetzt, aber während der Maler schrieb, waren -seine Gedanken längst abwärts geflogen, ihn beschäftigte -eben die Solution eines naturhistorischen -Problems – fast hatte er die ganze Sache vergessen, -als ihm Thorald das Blatt überreichte. Er faltete -es nochmals und steckte es ein; es waren wenige -Worte. Der Liebende verließ sich darauf, daß Helene -<em class="gesperrt">zwischen</em> den Zeilen durch zu lesen verstehen werde, -was nur sein Herz, nicht seine Hand dem Blättchen -anvertraut.</p> - -<p>Die Männer trennten sich ohne weitere Erklärung. -Als Thorald festen Schritts den Richtpfad -nach dem Strande einschlug, um zur Fähre zu gelangen, -sagte Christian ihm nachblickend: »Schade,<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -daß er kein Edelmann ist, er hat einen edlen Anstand -und präsentirt sich gut.« Dann wandte er sich -dem Schlosse zu.</p> - -<p>Das Gespräch der beiden Frauen war eben beendet, -als ein Diener Helenen das Billet überbrachte – -sie las es, sagte keine Silbe, drückte Eva die Hand -und zog stumm sich in ihr Zimmer zurück.</p> - -<p>Dort brach sie in heftiges Weinen aus. »Dieser -Sieg, Christian,« sagte sie stolz das Haupt zurückwerfend, -»soll Dir theuer zu stehen kommen – daß -Du ihn auf diese Art zum Nichthandeln, zum Rücktreten, -zur Entfernung treibst, lös't mich von jeder -Verpflichtung, drängt mir Entschluß und Handlung -auf! – Was können sie mir denn thun, diese -hochmüthigen Brüder, wie mich zwingen? Etwa wie -die Tante – nein, nein, <em class="gesperrt">die</em> Zeiten sind vorbei!«</p> - -<p>Es war schon längst dunkle Nacht. Helene konnte -den Gedankenflug ihrer Seele nicht beherrschen, Schlaf -und Ruhe waren nicht zu hoffen. Sie trat an das -noch offene Fenster – der Wind erhob sich eben, es -war gegen Mitternacht, er strich von der fernen See -herüber an den Ufern hin, schüttelte tiefer in's Land<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span> -eindringend die alten Buchen aus dem Schlummer -und pfiff und heulte in den Vorsprüngen und Erkern -des Schloßbaues – es graus'te Helenen. Ob -er noch auf dem Meere? Es ist weit hin bis zur -Fähre, dachte sie. Es war eine der wunderlichen -Nächte, in welchen die Windsbräute flaggen, und -gleichsam aus dem tiefen Nebelgrunde der Dünen -aufsteigend, ihre langen weißgrauen Schleier schräg -herabhängen lassen bis dicht auf den Erdboden, dann -urplötzlich aufjubelnd wie losgebundene Mänaden, -wildaufschreiend mit dem langen pfeifenden Ton, -den nur der Nordländer kennt, über die See sich -stürzen, das fliehende Boot gierig zu erhaschen, das -ihnen zu entgehen gemeint; – Hui! nun muß es -tanzen, Kiel auf und ein, drüber hin ras't eine Welle, -– wieder eine – so fort Woge um Woge! Dem -Ruderer schwinden Sterne, Himmel, Kahn und -Strand; aber die wilde tolle Nixe, die ihren Liebsten -sucht, zwischen Meer und Erde, ruht nicht, bis sie -Alles, Mann und Maus durchnäßt hat im Boot; – -wie ein Pfeil schießt das Schifflein über die schaumbedeckte -Fluth – und mit einem Male, wie auf Zauberspruch,<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -ist Alles vorüber! Da ist der klare Himmel, -die Sterne flimmern wie erschrocken von dem -sündhaften Spiel, es ist aber Alles glatt, still, sogar -hell am Ufer und zur See: die erzürnte Wasser-Liebste -hat ausgetobt. Ein langer keuchender Windzug -trocknet rasch Segel und Leute; bis es einer -andern ähnlichen Erscheinung begegnet, hat das Boot -Ruhe, oft sogar eine schnelle, glückliche Fahrt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Helene wickelte sich fester in ihren Mantel und -beugte sich aus dem Fenster vor, in die Nacht hinaus, -um den Stimmen derselben zu lauschen. Es -war ruhiger geworden. Nun hatte Thorald gewiß -Falstern erreicht. Aber nun hatte auch die neue -Trennung erst recht eigentlich begonnen; der Unbesonnene -hatte ja Christian sein Wort gegeben, vorläufig -sein Kommen ganz einzustellen. – Sie trat -zurück in's Zimmer. Ihr schauderte vor der Möglichkeit -des Traums, der nach so verworrenem Tage -ihrer harren könne. Die Nacht blieb ihr unheimlich, -im Spiegel erschreckte sie das eigene wachsbleiche -Gesicht – im Hause schien Alles zu schlafen.<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -Sogar ihre eigene Dienerin hatte sie hinweg und zu -Bette geschickt.</p> - -<p>Sie hätte viel gegeben für irgend einen befreundeten -Laut – endlich öffnete sie ihre Stubenthür -und lauschte gespannt, sie wußte selbst nicht auf -was, in die Dunkelheit hinaus; – plötzlich erblickte -sie einen hellen Lichtschein unter der Thüre des einen -ihr gegenüberliegenden Zimmers hervordringen, er kam -aus dem Cabinet der Nordermule; sie huschte eilig -hin, öffnete leise und trat ein.</p> - -<p>Obschon die Mittage noch heiß waren, begannen -schon kühlere Nächte an den fliehenden Sommer zu -mahnen, ältliche oder schwächliche Leute, wie Emerenzia, -froren mitunter. Vielleicht hatte sie deshalb Feuer -angemacht, denn aus der weit aufstehenden Ofenthüre -leuchtete eine prasselnde Flamme Helenen entgegen. -Die Nordermule saß auf einem niedrigen -Schemel vor derselben, auf ihren Knieen hatte sie -die welken Blumen und Kränze der Tante liegen und -die Schreibereien, die sich in den Truhen vorgefunden; -sie war beschäftigt, das Alles mit einem seidenen -Bande aneinander zu binden, und schien die Absicht<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -zu haben, ein Todtenopfer auf dem vor ihr -brennenden Holzstoß zu halten.</p> - -<p>Als sie Jemand hinter sich vernahm, sah sie sich -nicht um, sondern kreuzte schnell die Hände über beide -Augen und beugte das Haupt tief herunter, daß es -fast die Knie berührte.</p> - -<p>»Sie hält mich für eine Erscheinung, vielleicht -gar für der armen Tante Ulrike Seele!« – hörbaren -Schritts trat sie näher und legte die Hand -auf der Geängsteten Schulter. »Ich bin es,« sagte -sie mit recht ruhiger Stimme, »ich kam, weil ich -vom Vorplatz aus noch Licht in Deinem Zimmer -gewahrte.«</p> - -<p>Es lag immer in allem Thun Helenens, Emerenzia -gegenüber, eine liebenswürdige, schonende Zartheit; -auch jetzt schien sie deren Schreck gar nicht zu -gewahren, denn sie kannte ihrer Freundin krankhafte -Scheu, lächerlich zu erscheinen; – alle von der Natur -stiefmütterlich behandelten Menschen haben sie. – -Die Alte hob die Hände vom Gesicht und ließ sie -auf die welken Blumen in ihren Schooß sinken. – -»Bist Du unwohl?« fragte sie besorgt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p> - -<p>»Nein, aber bewegt, wie Du selbst, im Geist -und Gemüth; ich kann nicht schlafen. Laß uns Dein -begonnenes Todtenopfer zusammen vollenden, aber -während die Flammen seine Heimlichkeiten schützend -verzehren, erzähle mir von dem edlen Wesen, an -welchem Dein Herz, wie ich sehe, so schmerzlich hängt -– sprich mir von dem Leben, dessen letzte Glücksspur -wir vielleicht eben vertilgen!«</p> - -<p>In fast andächtiger Stille schichtete Emerenzia die -Blüthen und Blätter auf den kleinen Holzstoß und -blickte schweigend darauf hin, bis sie zu Asche gebrannt -in sich zusammensanken: »Gewiß,« sagte sie -endlich, »ich durfte sie in keine andre Hand kommen -lassen, obgleich das Alles eigentlich der Familie –«</p> - -<p>»Der Familie gehörte, die sich so wenig daraus -machte, daß sie diese Erinnerungen den Fußtritten -der Domestiken überließ, wenn Deine treue Hand -sich nicht derselben angenommen! Ach Emerenzia, -die Spuren eines ewigen Gefühls vergehen wie -Spreu vor dem Winde in der Erdenwelt!«</p> - -<p>»Ein Engel sammelt sie droben!« sagte fromm -die Nordermule.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p> - -<p>»So hat er diese wunderbar klagende Nacht und -Dich zu Vollstreckern des Liebestestamentes der Tante -gemacht,« erwiederte Helene, und zog einen zweiten -Schemel zum Feuer, auf dem sie Platz nahm. »Erzähle! -bitte, bitte.«</p> - -<p>Die Alte nickte und begann; anfangs starrte sie -fortgesetzt in die Flammen, bis sie, wie ein Sänger -der Saga, mehr und mehr in sich selbst versank -und der sie umgebenden Welt nicht mehr gewahrte, -endlich aber mit höchster Begeisterung erzählte.</p> - -<p>»Ich habe vergessen, in welchem Jahre es geschah, -allein unser Graf Thugge war noch ein kleiner Knabe, -als er, um zu der Schule auf Skovkloster sich vorzubereiten, -einen Hofmeister erhalten sollte, bei welchem -er bessern Unterricht und weniger harte Worte -und Schläge bekäme, denn das Kind war tödtlich -verschüchtert und des eigenen Geistes oft nicht mächtig -vor Angst. Eine plötzliche Krankheit hatte seinen -Peiniger fortgerafft. Bei dieser Gelegenheit, meinte -der alte Graf, könne auch das um acht oder neun -Jahr ältere Fräulein die nöthigen Repetitionsstunden -erhalten, um seine Erziehung ganz zu vollenden. Es<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -war um das Ende Novembers in einer unruhigen -Sturmesnacht, wo der wilde Jäger Holske Darske -durch die Waldung jagt, wo Alles ächzt und knarrt -in Haus und Hof, die Thiere in den Stallungen -vor Unbehagen aufbrüllen und die ganze Natur in -hundert Stimmen aufseufzt und wehklagt, als ob -sie auch einsam sich fühlen könnte, wie der Mensch. -Das junge Mädchen saß im Saal dem Vater gegenüber, -der über Landcharten und Briefen brütete und -kaum sie bemerkte, der Bruder aber war in der Küche -dem alten Hannes auf den Knieen eingeschlafen – -er durfte den Saal nicht betreten, wenn der Vater -zugegen.</p> - -<p>Ulriken war unbeschreiblich betrübt zu Muthe, -sie war erst seit wenig Monaten in des strengen, -kalten Vaters Schloß; die liebende Hand der Fürstin -Sophie, die sie erzogen, fehlte ihr überall; ohne besondern -Grund hatte der alte Graf sie berufen; er -wollte sie um sich haben, sie kennen lernen und ihre -Geisteskräfte prüfen, ehe er sie einführe in die große -Welt Copenhagens und des Hofs. Ihn selbst aber -hielten seit Monden Podagra und Geschäftsverhältnisse<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -auf dieser Besitzung fest. Die Morgenröthe -der Freiheit des Bauern begann kaum erst zu dämmern, -und ihr Herannahen war dem stolzen Grafen, -dessen Hochmuth keine Art Beschränkung, auch nicht -die einer selbst gewährten Gnade ertrug, qualvoll -und fast lächerlich, denn er glaubte an keine Gleichheit -der Menschenrechte, und alle für die große Nationalbefreiung -Wirkenden, kamen ihm wie Kinder -vor, die mit dem Feuer spielen. Indessen bereitete -er sich vor, an den Hof zu gehen, denn er empfand -den Druck einer nahenden Explosion, welcher er -scharfen Blicks dort entgegenzutreten entschlossen. -Ueber die Parzellirungen und Landesverhältnisse studirend, -saß er dann Abends dem Kinde gegenüber, -das kaum eine gefallene Rolle Seide aufzuheben, -kaum zu athmen wagte, um ihn nicht zu erzürnen.</p> - -<p>Jetzt schlugen alle Hunde an, ein Fremder hatte -den Hof überschritten; eine seltene Erscheinung in -dieser Jahrszeit; man hörte die Tritte desselben auf -dem knisternden Schnee, gleich darauf ward die -Glocke an der Thüre angezogen und der neue Hofmeister -ward dem Grafen angemeldet. Ulrike wollte,<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -schüchtern wie sie war, sogleich den Saal verlassen, der -Graf befahl ihr zu bleiben, »damit er sie mit ihrem -neuen Informator bekannt machen könne« – das -war das erste Mal, daß er über eine solche Absicht -sich gegen sie aussprach. Du hast das Bild dessen, -der nun eintrat, gesehen; das schmale Gesicht mit -den dunkelblauen Augen und dem festgeschlossenen -Munde, von lichtbraunen natürlichen Locken umwoben, -die bis tief in den Nacken sich kräuselten, und nicht -gepudert, nicht gebunden waren, die schwarze Kleidung, -welche gegen den farbigen Hofputz der damaligen -Cavaliere so sehr abstach, Alles das zusammengenommen -machte den Jüngling zu einer auffallenden -Erscheinung – man konnte ihn wahrhaft schön nennen -den Bewohnern des Schlosses gegenüber, die -sämmtlich trotzig und verzagt, der unseligen Heftigkeit -des Grafen wegen einen Ausdruck verbissenen -Ingrimms oder knechtischer Unterwerfung zeigten, der, -in vielen der alten runzlichen Gesichter Caricatur -geworden, etwas Abschreckendes hatte.</p> - -<p>Ulrike ließ die Hände auf den Rahmen sinken, -der ihre Tapisserie umschloß, sah mit weitgeöffneten<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -Augen wie geblendet einige Secunden ihn an, als -aber der Vater mit herablassendem Hochmuth ihr -den neuen Lehrer vorstellte, neigte sie den schönen -Oberkörper demüthig, wie die Madonna sich vor dem -Engel der Verkündigung beugt, sie fühlte sich nicht -fest auf den Füßen und hätte um die Welt keine der -üblichen, ihr eingelernten Verneigungen machen können; -erst nachdem der Graf den Angekommenen zum -Ausruhen entlassen, vermochte sie die Erlaubniß sich -zu erbitten, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.</p> - -<p>Draußen brach sie in helle Thränen aus – ihr -war unsäglich glücklich zu Muthe, als sei einer der -Engel ihrer Träume wachend ihr begegnet. – Sie -sahen sich von da an täglich, Johannes gab ihr anfangs -mit dem Knaben zugleich Unterricht, dann -aber ihr allein, in Gegenwart der alten Schließerin, -oder der alten Kammerfrau Ulrikens, welche ihr die -Fürstin, bei welcher sie ihre Kindheit verbracht, mitgegeben -in des Vaters Haushalt. Sehr bald wußte -Ulrike um alle Verhältnisse ihres Lehrers; den Vater -hatte er frühe verloren, die Mutter zog mit ihm und -den andern Geschwistern nach Roeskilde; in der alten<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -Gräberstadt, in welcher fast alle Könige des Oldenburger -Hauses ihre Ruhestätte gefunden und in dem noch -poetischern Leïre, das Skiold, der Sohn Odins, zum -Wohnsitz sich erwählt, im Herthedal, wo überall noch -das Blutgeheimniß jenes wunderbaren Dienstes der -nordischen Diana seine Zauber ausbreitet, sog sich -der Knabe groß an poetischen Eindrücken, und die -damals entkeimte Vorliebe zu älteren Sagen ward -im Jüngling zum besonnenen Studium. Später -hatte er, mit Hülfe eines Gönners, der Theologie -sich gewidmet und den Doctorhut erworben, doch -»könnten noch Jahre vergehen, – meinte er selbst, – -ehe ihm eine Pfarre zugetheilt würde;« der arme Candidat -fand das sehr begreiflich, gab es doch gewiß -noch Gelehrtere, Würdigere als er – und allerdings -regte sich damals noch ein sehr ernstes, edles Streben -in der Theologie.</p> - -<p>Wie gläubig beseligt lauschte Ulrike seinen den -Menschen als Gottes Ebenbildern so fest vertrauenden -Worten! Er ward ihr lieb, wie etwas, das sie -vorher nie weder gedacht noch gewünscht, noch empfunden; -es war der plötzlich von oben herabgesenkte<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -Himmel, der sich auf die Erde gelagert und sie zum -Paradiese umgeschaffen!</p> - -<p>Daß seine Neigungen gar bald auch die ihren -wurden war nur natürlich, sie begann mit ihm die -Geschichte ihres Vaterlandes zu studiren; der lange -stets mit der Hierarchie sich erneuende Reformationskampf, -an welchem die Herrscher Dänemarks so ernsten -Antheil genommen, der Bürgerkrieg, der sich um Christian -<em class="antiqua">II.</em> willen bis auf diese schon damals von ihren -Vorfahren bewohnten Inseln, ja sogar in seinen Einzelheiten -bis in das Schloß Aalholm gezogen, in -welchem sie jetzt lebte, alles dies wurde dem lebhaften -Sinn des schönen Mädchens zum Element einer -stillen, innern Welt, in der sie arglos weiter lebte – -ohne Vorblick in die Zukunft. Zuweilen fand sie -Johannes' Bild in irgend einem edlen geschichtlichen -Charakter, in einer schönen Selbstaufopferung, weit -seltner sich selbst! Als sie einmal mit ihm die schöne -Mähr von Gioès, Tochter Brigitta, las, die einem -Bischof verlobt gewesen, ehe er selbst sich ausschließlich -der Kirche weihte, wurde sie wehmüthig, ohne -zu errathen, was an deren Geschick sie rühre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p> - -<p>Von Allen ungeahnt wuchs ihre Seele, entfaltete -sich ihr Geist – dennoch fand sie Niemand verändert; -theils weil alles in ihr harmonisch und sanft -geblieben, theils weil unter diesen stillen, meist niedergeschlagenen -Blicken, die nur zu erwachen schienen -wenn der Geliebte sie weckte, dann aber eine Welt -der Poesie und Intelligenz ausströmten, Keiner eine -Bedeutung suchte. Die Tage spannen sich in äußerlich -ziemlich farbloser Einförmigkeit ab, die Liebenden -wußten es nicht einmal. Aber Johannes wollte -nach seiner einfachen Weise bald diese bald jene Erleichterung -den Armen, den Geknechteten gewähren, -welche er, der sich selbst mit einem Male so glücklich -fühlte, um sich sah – ich habe Dir angedeutet, wie -er auch hier auf Ulriken einwirkte! Der alte Graf ahnete -von dem Allen nichts, wohl hätten die ergrimmten Vögte -oft das Fröken verklagt, daß es ihnen die Bauern zu -Faullenzern mache, aber die entsetzliche Angst vor -der mit dem höhern Alter unzähmbar gewordnen -Wuth des Alten, dessen Zorn oft unerwartete Richtungen -annahm, fesselte die Gemeinheit und Bestialität, -daß sie still lagen zu den Füßen der Jungfrau,<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -wie die alten Legenden von Raubthieren und Schlangen -uns erzählen.</p> - -<p>Als nun um die Weihnachtszeit der Graf nach -Copenhagen gegangen, blieb Ulrike, fast sich selbst -überlassen, daheim allein mit ihrem Lehrer zurück; -eine ergraute und halb blinde Anverwandte, welche -zum Stift Wallöe gehörte, dessen Abatissin die Fürstin -Sophie geworden, war kaum zurechnungsfähig, und -befand sich gern in Johannes' Gesellschaft, der sie -mit gütiger Aufmerksamkeit behandelte, weil sie alt -und gebrechlich. –</p> - -<p>Nach einiger Zeit sandte Graf Owen einen Tanzmeister -aus Copenhagen; Ulrike sollte auf dem Gute -tanzen lernen, um bei einem spätern Feste am Hofe -auftreten zu können. Der alte Franzose wurde leicht -im Schloß untergebracht, der neue Unterricht begann. -– Um die üblichen Tänze einüben zu können, mußten -mehrere Theilnehmer an demselben gefunden werden; -man zog ein paar Fräulein aus der Nachbarschaft -hinzu, auch deren Brüder und Johannes mußten -figuriren. Die Liebenden tanzten zusammen, die Jugend -schlug rosig aus beider Herzen und Wangen;<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -sie waren unsäglich glücklich. Dennoch blieben Beide -unbefangen, sie gaben ihrem Glück keinen Namen.</p> - -<p>So ging der Winter vorüber, der Graf kehrte -zurück. Der Vater ließ das Töchterchen ihm vortanzen -und war zufrieden; er hielt ein kleines Examen -mit der an allen Gliedern Zitternden; auch -hier schien er mit überraschter Freude ihre wissenschaftlichen -Fortschritte zu gewahren. Abends war -die letzte große Tanzstunde, er sah den Hofmeister -Ulriken gegenüber die Touren einer Anglaise tanzen -– er runzelte die Stirn und schwieg.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Unterrichtsstunden mit Johannes nahmen -ungehindert ihren Fortgang, – zuweilen erschien der -alte Herr unvermuthet während derselben im Zimmer -seiner Tochter; er sagte kein Wort. – Einmal begegnete -er Ulriken in der Allee, sie war von einem Diener -begleitet, der ihr einen großen Korb mit Lebensmitteln -und Arzeneien zu einer Kranken trug – Graf -Owen fragte nach keinen Details, er schwieg, allein -er ward noch finsterer und redete stets streng und in -fast barschem Ton, sowohl mit dem Candidaten als<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -mit seiner Tochter. Die Schloßbewohner überkam -ein geheimes Grauen.</p> - -<p>Eines Morgens ließ er Ulrike zu sich rufen. Es -waren eine Menge Kisten und Schachteln aus der -Residenz angekommen, mit Kleiderstoffen, Stickereien, -feiner Wäsche und Mustern dazu; er befahl ihr für -ihre Ausstattung nach Copenhagen zu sorgen, wohin -sie ihn zum Johannisfeste auf eine Woche begleiten -solle, um der königlichen Familie vorgestellt zu werden; -er hoffe, setzte er hinzu, sie als <em class="gesperrt">Braut</em> wieder -heimzuführen.</p> - -<p>Ulrike stand regungslos vor ihm wie ein Marmorbild, -alle Farbe war von dem schneeweißen Gesicht -gewichen, sie verstand nicht mehr, was er diesen -letzten Worten noch hinzufügte, mechanisch verneigte -sie sich, nach damaliger streng respectvoller Sitte, als -er geendet, und ging in ihr Zimmer. Erst dort -besann sie sich, erst dort wurde ihr der ungeheure -Schmerz einer möglichen Trennung deutlich.</p> - -<p>Ulrike fiel nicht in Ohnmacht, streckte sich nicht -tödlich ermattet auf ein Canapee oder in eine <em class="antiqua">Chaise -longue</em>, – sie saß ganz still und ehrbar auf ihrem<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -gewöhnlichen Platz und strickte Filet, als Johannes -eintrat um ihr eine Unterrichtsstunde zu geben. Er -kam noch heiter herein, wie ein sonnenheller Morgen, -allein ein einziger Blick auf sie gab ihm das Gefühl -eines unermeßlichen Unglücks, das ihn und sie betroffen. -Neben ihr, etwas mehr zurück, saß die alte -Cousine halb im Schlummer; er vermochte nicht es -zu beachten, sein Herz kannte keine Nebenwege zum -ihren, er fragte kurz und gerade heraus – sie antwortete -eben so und sagte in dieser Antwort Alles. -– Die Cousine war fest eingeschlafen.</p> - -<p>Die nächste Viertelstunde fand zwei selige Menschen, -die mitten in dem sie dicht umwachsenden -Elend desselben vergaßen, über dem unbegrenzbaren -Glück ihrer gegenseitigen Liebe. Zum ersten Mal hatten -sie sich ausgesprochen über ihr Gefühl; die Alte hatte -schlafend dabei gesessen; es ist wunderschön, daß -man der Jugend das Glück nie ganz verkümmern -kann!</p> - -<p>Der folgende und noch gar mancher Tag nach -ihm vergingen, und es hatte sich nichts geändert im -Lauf derselben; nur flogen der Liebenden Pulse in<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -heftigeren Schlägen, nur wechselten die Stunden der -hoffnungslosen Verzweiflung und der seligsten Zuversicht -in Beiden – und seltsam, und doch nur menschlich-natürlich: -die letztern überwogten, ja vernichteten -allmälig die Verzweiflung, mit welcher sie anfangs -der Zukunft gedacht; es konnte ja noch lange, lange -so bleiben wie jetzt! Ulrike war fest entschlossen, -keinem Andern ihre Hand zu reichen, den ihr vorzuschlagenden -Bräutigam nicht anzunehmen, was auch -daraus entstehe. Immer wollte sie so fort leben, nie -sich vermählen, Johannes aber sollte einst eine Pfarre -auf einem der benachbarten Güter oder in Nysted, oder -auf Falstern erhalten; so schwatzte sie in liebenswerther -Kindlichkeit ihm leise flüsternd den Kummer -fort aus der Seele, – wenn er ihr zuhörte, beseligte -ihn der Klang ihrer Stimme; konnte er ihren Glauben -an die günstige Gestaltung ihres Geschicks nicht -unbedingt theilen, so endete doch momentan alles -Leiden in ihm, denn er dachte nicht weiter. –</p> - -<p>In der Nacht, wenn er allein auf seinem Zimmer -war, fiel ihm die große Sünde auf's Herz, die er -an ihr begehe! – trostlos warf er sich auf die Knie<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -und flehte Gott um Erbarmen an, – etwas Bestimmtes -zu erbitten vermochte er nicht, denn er konnte -nicht anders, als sie lieben! Manchmal dachte er, in -Copenhagen werde sie ihn vergessen, er rief sich all -die schönen reichen und edlen Männer in's Gedächtniß, -die er dem Namen nach kannte, denen sie aber -wirklich begegnen werde; er zwang wohl auch seine -Lippen zum Gebet: daß ihr der Allmächtige dort -Vergessenheit gewähre und höchstes Glück in den -Armen eines Würdigern als er selbst – und – -in heiße Thränen brach er aus, denn klar wie die -Wahrheit des heiligen Evangeliums stand es ihm -fest und licht in der Seele: Ulrike werde doch nie -einen Andern lieben als ihn, und nie einem Andern -angehören! –</p> - -<p>Der Mai neigte dem Ende sich zu. Als Johannes -eines Tages von Ulriken ging, der er ihre gewöhnliche -Unterrichtsstunde gegeben, berief ihn der -Leibdiener des Grafen in dessen Cabinet. Owen -hatte einen, wie es schien, eben erhaltenen Brief in -der Hand, welchen er ihm überreichte. »Herr Candidat,« -redete er ihn ganz freundlich an, »Sie sind<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -wie Sie aus beikommendem Schreiben ersehen, zum -Pfarrer ordinirt; hier ist Ihre Bestallung und ein -Handschreiben des Probstes. Sie gehen nach Island; -Ihr Kirchspiel liegt in Rangewallsyssel. Ich wünsche -Ihnen Glück! Sie werden aber in vierundzwanzig -Stunden Laaland verlassen müssen, um erst in Copenhagen -einige nöthige Instructionen sich zu holen, -vielleicht werden Sie auch wünschen, die Ihrigen noch -in Roeskilde zu sehen und Abschied von Ihrer Mutter -zu nehmen. Das Schiff, mit welchem Sie reisen, -lichtet den zweiten Juni die Anker, geniren Sie sich -ja nicht wegen uns!« Graf Owen stand auf, verbeugte -sich und verließ das Zimmer. –</p> - -<p>Island! vielleicht hat die Natur keinem Lande -der Welt ein abschreckenderes Aeußeres gegeben, als -dieser vulkanischen Felseninsel, deren Inneres ein Geheimniß -des Schöpfers geblieben ist bis zum heutigen -Tage; in phantastisch-wilder Erscheinung hat er sie -als Räthsel dem hohen Norden hingestellt; Niemand -hat es zu lösen gewagt! – Unermessen, unbetreten -dehnen sich Islands innere Eisklüfte, heben sich -seine Hochgebirge, kein Wandrer wagt sie zu durchdringen,<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -keine Gewinnsucht lockt je den Jägersmann -in ihre gänzlich unbewohnte Bergesöde, nicht einmal -ein Vogel durchschneidet sie im vorübereilenden Flug! -Eismassen, Rauch- und Feuersäulen drängen sich -dort aus dem geologisch reichen Grunde, treiben von -Innen heraus unaufhörlich Lava, Asche und rollende -Steine herab auf die karge Vegetation des bewohnten -Strandes, der, ein schmaler Landstrich, die Felsmassen -umgürtet, welche hinter ihm sich erheben. -Acht lange Monate ist auch dies Ufergestade mit -seiner spitz ausgezackten Granitkrone, welche von zahllos -eindringenden Fiörden durchschnitten wird, von -Eisschollen überdeckt, – den kurzen Sommer hindurch -umbraus't es ein immer wild aufschäumendes Meer, -das nur des Winters Strenge mit den starken Eisesbanden -zur Ruhe zwingt. Wildströme reißen sich -<span id="corr140">aufgischtend</span> vom Hochgebirge los und stürmen jauchzend -diesem Meere zu, dessen heftige Brandung ihren -tollen Schaumgruß erwiedernd ihnen entgegen sich -drängt; im Osten sprudelt der Torfa in bacchantischem -Uebermuth seine glühenden Quellen mitten aus dem -Eismeer hervor, während im Gaukakal-Thale die<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -Geiser aus weitem, tiefen Becken ihre geisterartigen -Strahlen fast unabsehbar hoch miteinander wetteifernd -in die Lüfte senden, – vielleicht ist ihre wunderbare -Schönheit eine Botschaft aus der Tiefe in -die Himmelsferne, die das Farbenspiel ihrer Regenbogen -weiter trägt! –</p> - -<p>Ganz oben aber, hinter allen diesen beschneieten -Gipfeln, im weiten Kreise der vulkanischen Riesen, -die sechs bis sieben Tausend Fuß hoch hinausragen -über die Meeresfläche, liegen ganz oben, wie ein schauerliches -Gnomenmährchen, die unermeßlichen weiß und -blauen Eisfelder in ewigem Verstummen; sie bilden -den Zauberring, der, in strengem Gegensatz zu ihrer -unstörbaren Todtenstille, einen in ihrer innersten Tiefe -kochenden Feuerheerd umfaßt, in dessen Abgründen -und Kratern die Elemente unaufhörlich gegeneinander -kämpfen.</p> - -<p>Und dennoch waren es alle diese Schrecknisse -nicht, welche den wie von plötzlicher Todesbotschaft -Betroffenen im Cabinet des Grafen gefesselt auf den -schwankenden Füßen an dieselbe Stelle bannten, an -welcher er die ihn vernichtende Nachricht empfangen;<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -der eine Gedanke, den seine Seele anstarrte, wie die -verglas'ten Augen das Blatt in seiner Hand, war -nur der einer unabsehbar trennenden Weite, in welcher -er von der Geliebten leben sollte, – abgeschieden, -losgerissen von ihr, ohne Gruß, ohne erreichbare -Nachricht, ohne einen einzigen Ton ihrer Lippen, -ihres Gemüths! Eine lange Reihe von Jahren, -vielleicht das ganze Dasein lang – immer, immer -so fort, bis in's Grab! –</p> - -<p>Was kümmerte ihn, ob Islands rauhes Clima -keine Frucht am Baum, keinen Halm auf dem Felde -reifen läßt, kein grüner Laubast dem müden Wandrer -sein Dach beut, und kaum die Birke mit ihrem -Schattentraum ihn umspielt, was kümmerte ihn die -Kargheit aller Existenz auf der Insel, die künftig ihn -umfangen sollte; ach ihre Moose, ihre Beeren, ihre -Zwerggewächse hätten ja zum Paradiese sich umgestaltet, -wäre er nur einmal am Ende der langen -Winternacht dem Frühlingsbilde Ulrikens dort begegnet! -hätte nur <em class="gesperrt">eine</em> Hoffnung ihm folgen dürfen -in die Verbannung!</p> - -<p>Und doch kam dem frommen Manne, der Gott<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -immer willig zu gehorsamen gewohnt war, auch -jetzt in die so tief zerrissene Seele keinen Moment -der Gedanke, sich diesem ihm aufgebürdeten Geschick -zu widersetzen, <em class="gesperrt">dem</em>, was in seinem Berufe lag, gewaltsam -sich zu entziehen; er bot die todeswunde Brust -zuckend, mit thränendem Blick, aber entschlossen dem -Schmerz und der Erfüllung seiner Pflicht! Wie der -Missionair aus dem Kreise seiner Lieben, wie der -Märtyrer zum Tode, schritt auch er gläubig-ergeben -in Unabwendbares, für sein und Ihr Herz um Kraft -flehend, dem Ziele zu; ihm fiel nicht ein, an seinem -Schicksale zu mäkeln!« – »Aber sie, aber Ulrike?« -rief mit Thränen überströmtem Blick Helene, »wie -überlebte die Unglückselige den Schlag?«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Ich kann Dir nichts vom Scheiden der Liebenden -sagen, – denn kein Auge hat es gesehen, keine -Lippe je ein Laut übertreten, der jenen heiligen Schmerz -berührt hätte! – Als er fort war, erschien Ulrike -wie gewöhnlich am Mittagstisch ihres Herrn Vaters; -sie war sehr blaß und fast bewegungslos; mit erloschenen -Augen saß sie da, legte ihm die Speisen<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -vor, vermochte aber selbst nicht zu essen, – er hielt -sie für krank und nannte das Uebel eine Erkältung.</p> - -<p>Wie dem Jüngling, den er hinweggesandt in das -Schneegrab seiner Erdenhoffnungen, war auch dem -Alten an Island bloß die möglichst weite Entfernung -von Ulriken wichtig gewesen; an eine Steigerung -der Jenem auferlegten Qual durch kleinere oder größere -Entsagungen hatte er dabei so wenig als Johannes -selbst gedacht; gänzliche, unabsehbare Trennung -war das Ziel seiner Bestrebungen, als er seinen ganzen -Einfluß in Copenhagen aufbot, dem jungen -Candidaten eine Predigerstelle zu verschaffen, die ihn -von Seeland in eine Pönitenzpfarre trieb.</p> - -<p>Als Ulrikens Zustand den nächsten und mehrere -ihm folgende Tage unverändert der nämliche blieb, -fiel dennoch dem Grafen kein einziges Mal bei, -daß sie, die hochgeborne Comtesse, um einen elenden -kleinen Landpfarrer sich ernstlich gräme; er glaubte -die ganze Sache durch dessen Entfernung im Keime -erstickt, und betrachtete die von ihm gemachten Bemerkungen -als Beweise der thörichten Zudringlichkeit -und Anmaßung des jungen Mannes. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p> - -<p>Am zweiten Juni lichtete in Copenhagen das -Schiff, welches den Prediger in seine neue Heimath -führte, die Anker, – am zweiten Juni legte sich Ulrike -an einer bedeutenden hitzigen Fieberkrankheit, von -welcher sie erst nach vielen Monden genas. – Genas? -ja, sie stand auf, sie ging im Zimmer umher, -antwortete freundlich auf jede Frage, allein sie blieb -wie ein schlaftrunkenes todtmüdes Kind, meist unbeschäftigt, -mit niedergeschlagenem Blick, still auf den -Boden starrend, in ihren Zimmern sitzen, – von einer -Präsentation am Hofe, von gesellschaftlichem Auftreten -konnte gar keine Rede sein.</p> - -<p>Die Fürstin Abatissin zu Wallöe erbat von der -Königin den nie in ihrer Stellung geforderten Urlaub, -scheute die Winterreise nicht, kam mit Lebensgefahr -über den Belt und nach Laaland auf unsere Insel.</p> - -<p>Die Kranke schauete sie mit verwundertem glasigen -Blicke an – und erkannte sie nicht! Jetzt -stieg der Schatten seiner unbedachten That wie ein -drohendes Gespenst vor dem erschreckten Vater auf, -– ihn durchzuckte eine entsetzliche Ahnung, aber er -schwieg! Niemand wußte um den Zusammenhang des<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -Geschehenen, Niemand verstand den Zustand des -unglückseligen Herzens, das die Sehnsucht geistzerstörend, -langsam überwuchs!«</p> - -<p>»Um Gottes willen,« schrie Helene auf, mit gewaltiger -Kraft den Arm der begeisterten Erzählerin -erfassend, »sie war, – sie wurde –«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Wahnsinnig!</em>« erwiederte Emerenzia. »Tiefsinnig -nannten die Aerzte ihren Zustand, er ward -allmälig zu einem stillen, tiefen Wahn, der ihr bald -die Wirklichkeit überdeckte! Nach einigen auf dem -Schloß verlebten Wochen nahm die Fürstin das arme -himmelschöne Kind, mit dem stets gesenkten Haupt, -mit sich in das Stift. Nachdem sie abgereis't, trafen -die früher zu ihrer Ausstattung mit großer Freigebigkeit -von der Abatissin in Paris, Stockholm, Hamburg -und Copenhagen bestellten Gaben hier ein; -Stoffe, Edelsteine, Putz und Spitzen; – ihr nicht -mit in das Stift angenommenes kleines Privatvermögen -hatte Ulrikens Pflegerin großentheils zu diesen -Ankäufen verwandt.</p> - -<p>Die mütterliche Freundin errieth den stummen -Schmerz ihres Lieblings; in Wallöe versuchte sie die<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -geistige Zerrüttung ihrer theuren Pflegetochter, wenn -auch nicht zu heilen, doch deren Fortschritt zu hemmen -und ihren Zustand zu lindern. Sie schuf -Ulriken einen künstlichen Zusammenhang mit dem -Leben des Geliebten, sie brachte ihr Bücher über -das Land, das ihn umfing, andere, welche die -Sprache desselben behandelten, sie umgab sie mit -Bildern und Nachrichten von dort, erzählte ihr von -den Natur-Wundern desselben, von den Landseen, -Gletschern, Nordlichtern und Leuchtkugeln; unermüdlich -suchte sie nur einen Wechsel der Gedanken hervorzulocken -in ihr – ach, nur selten gelang es. -Es war die Vergangenheit, welche das kranke Hirn, -das wunde Herz in ihren Banden hielt. Seit sie -den Vater nicht mehr um sich sah, war allerdings -Ulrike ruhiger; wenn sie allein zu sein glaubte, sang -sie die Lieder, die sie von Johannes gelernt, spielte -auf dem Spinett die Tänze, die sie mit ihm getanzt -– oder bewegte sich im Rhythmus derselben anmuthig -hin und her, wie vor dem Tanzmeister – -andere Male hielt sie allein Stunde mit sich selber -– es lag eine so seelenvolle Milde in Allem was<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -sie that, daß man sie nicht für wahnsinnig halten -konnte, wenn man sie länger sah, sondern ihren Zustand -der stillen Versunkenheit in einen sie stets absorbirenden -Gedanken zuschreiben mußte. – Qualvoll -waren ihr die »langen Tage;« an solchen mußten -die Fenster verhangen werden, sie weinte dann -unablässig. Meine Mutter war bei ihr, auch ich trat -mit in ihren Dienst, wenn ich schon keinen bestimmten -Posten im Hause bekleidete. – Ach, nur zu bald -gestattete ihr die Hoffnungslosigkeit ihres Uebels den -längeren Aufenthalt im Stifte nicht mehr. Nach -dem plötzlichen Tode ihrer Pflegemutter brachte man -sie in das nahe gelegene Wohnhaus des Gutes -Steinburg; dort sah sie plötzlich von allen äußern -Erinnerungszeichen ihrer früheren Jahre sich abgeschnitten, -sie ward stummer, scheuer denn je und -sprach gar nicht mehr.«</p> - -<p>»Und der Großvater?« fragte Helene.</p> - -<p>»Das mit den Jahren zunehmende Gefühl seines -Elendes machte ihn nicht weicher. Aetzender nur -grub sich ihm das Gift der Vergangenheit in die -Gedanken; es ward sehr schwer mit ihm auszukommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -besonders nachdem die Comtesse von den Aerzten -als unheilbar erklärt. Er ging zurück nach -Copenhagen; man sagt, er habe am Spieltisch Zerstreuung -und Vergessenheit gesucht. Seine Tochter -nannte er <em class="gesperrt">nie</em>, man glaubte dort, sie sei frühe gestorben. -Er widersprach nicht. Graf Thugge war -nun erwachsen, hatte eine Carrière gemacht, und -verlobte sich mit unserer seligen Gräfin; Graf Owen -übergab ihm das Majorats-Gut und kehrte <em class="gesperrt">nie</em> -dahin zurück. Ein paar Jahre später stand sein -Catafalk hier im Schloß-Saal. Niemand wagte -Ulriken herzubringen, sie blieb von uns umgeben in -ihrer Abgeschiedenheit, trug immer die nämliche Kleidung, -wie sie in Aalholm in ihrer Jugendzeit sie -getragen, sang immer noch mit leiser Stimme die -alten Lieder, blätterte in den Büchern und Schreibheften, -dachte immer, immer nur an Ihn! Wenn -sie vor den großen Schloßspiegeln mit ihm zu tanzen -wähnte, hat mich oft gegraus't, – daß sie älter -ward, schien sie nicht zu bemerken, auch blieb sie -lange Jahre hindurch schön –«</p> - -<p>»Ich bitte Dich um Gotteswillen höre auf, Emerenzia,<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -mich schaudert vor diesem endlosen Elend, -das Du einer Parze gleich vor mir abwindest, ohne -zum Abschluß zu kommen,« unterbrach sie Helene. -Die kleine Nordermule schien ihr im Feuerflackerschein -ganz groß geworden und anders, ihre Züge hatten -einen ungewohnten Ernst, ihr Auge brannte und ihre -Rede floß in vorher ihr nie eigenem Wohlklang und -Rhythmus. – Die Begeisterte flößte dem Mädchen -eine fast unbezwingliche Furcht ein. Es schlug drei -Uhr an der Thurmglocke und der erste Hahnschrei -tönte über die Haide. »Gehen wir zu Bett, Emerenzia,« -sagte leise mit abgewandtem Haupt Helene, -»die Geister meiner Familie umdrängen mir die Brust, -ich kann nicht mehr – – Gott helfe uns Allen -zur Ruhe!« – Die Nordermule hatte den Kopf wieder -in die Hand gestützt, mit welcher sie die Augen -sich verhüllte; sie blieb bei ihren Erinnerungen am -Feuer sitzen, bis der graue Herbsttag sie mit fahlem -Lichte umfloß und ihre müden Augen schmerzlich berührte!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p> -<p>Nicht wenig überrascht war Graf Christian, als -am nächsten Morgen sein bestimmt ausgesprochener -Wunsch, in wenig Tagen schon mit der ganzen Familie -nach Seeland zu übersiedeln, um dort möglichst -bald die projectirten Vermählungen zu vollziehen, von -keiner Seite Widerspruch fand. Die Bräute brannten -darauf, die in den Truhen der Tante enthaltenen -Schätze würdigen Kleiderkünstlern, Modistinnen, -Nähterinnen und Juwelieren zu gehöriger Verwendung -zu übergeben, und durch sie ihren Ausstattungen -einen ganz ungewöhnlichen Glanz zu verleihen; Eva -wünschte durch Entfernung von Aalholm Wiederholungen -einer Scene wie die gestrige zu meiden; und -Helene? Sie hatte den nächtlichen Graus zwar verschlafen, -allein seine Nachwirkung blieb immer noch -unbesiegt in ihrer Seele zurück. Sie fühlte sich wie -aus anderm Geschlechte entsprossen mitten unter den -Ihrigen, ihr schauderte vor der heimtückischen dunklen -Gewalt, welche Owen Ulriken gegenüber angewandt; -denn sie war sich's sehr wohl bewußt, daß auf die -eine oder andere Art Christian etwas Aehnliches an -ihr versuchen könne, oder wenn auch nicht direct an<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -ihr, doch um so leichter an Thorald, den er schon -auf so unbegreifliche Weise von ihr getrennt und auf -die uninteressante Insel Falstern zu gehen gezwungen! -Sein Einfluß kam ihr wahrhaft dämonisch vor; -»es läßt sich nicht absehen,« sagte sie sich selbst, »auf -welchen Abweg der Imagination er ihn drängen, -welche bösen Geister er in Thoralds einfachem, reinen -Sinne zu erwecken vermag, auf welche Weise er durch -die Macht der Idee ihn zu leiten verstehen wird, -um vielleicht mit teuflischer Spitzfindigkeit meinen -armen arglosen Freund nach Frankreich zurückzudrängen -und ihn von mir zu entfernen!«</p> - -<p>Scheu wich sie Christians sie durchbohrendem -Blicke aus, als sie statt aller Antwort auf seine Anfrage: -ob ihr die beschleunigte Reise genehm? ihrer -Kammerfrau befahl, sogleich zum Einpacken die nöthigen -Anstalten zu beginnen.</p> - -<p>Sie machte ihn nicht irre! In der Leichtigkeit -ihres Nachgebens hörte er das Zusammenklingen der -Waffen, mit welchen sie wahrscheinlich in Copenhagen -ihm entgegen zu treten beschlossen. Die Geschwister -maßen einander mit heimlich drohenden Blicken,<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -aber kein Wort, kein Hauch verrieth den Schmerz -der inneren Wunden, die sie sich schlugen.</p> - -<p>Die Liebe ist erfinderisch; Thorald und Helene -fanden, allen Bestrebungen des Grafen zum Trotz, -Mittel, sich gegenseitig von der Abreise und der -Möglichkeit, einander in Copenhagen zu treffen, zu -benachrichtigen. Christian sah bloß an des Mädchens -ruhigerer Fassung, daß sie dieselbe erhalten.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"></div> -<p>Copenhagens oder, wie eigentlich der Däne sagt, -Kjöbenhavns großstädtischem Reiz ist trotz aller ihm -aufgedrungenen Sittenverderbniß der eleganten Welt, -eine Art nordischer Häuslichkeit, fast sagte ich »eine -nordische Sentimentalität und Bürgerlichkeit« eigen, -welche andern Residenzen gleichen Ranges fehlt. Diesen -vorherrschenden Charakterzug, welchen ihm die -Sinnesart eines sehr großen Theils seiner Einwohner -giebt, theilt es weder mit London, Paris oder -Neapel, noch mit Berlin und Wien! Sei es wirkliche, -ursprüngliche Sittenreinheit, sei es angenommene<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -Form, ein stiller Geist spricht noch aus allen -Schilderungen, welche uns Skandinaviens neuere -Literatur bietet; alle Beschreibungen der dortigen Zustände -zeugen von einem hohen Grade eigentlichen -bequemen Familienlebens, wie von einer neben dem -blasirten Sinn des hochadligen Cavaliers erhaltenen -Sitten-Einfachheit der höhern Stände.</p> - -<p>Vielleicht sind die Dänen trotz der bei ihnen vorherrschenden -literarischen Bildung ein wenig altmodisch, -allein sie wagen ein freieres Wort, sie zeigen -in der Gesellschaft mehr Herz, sogar mehr Gemüths-Eigenthümlichkeit -als wir, und während oft Modenübertreibung -und carikirte Annahme ausländischer -Manier beim Einzelnen nicht abzuleugnen, tritt dagegen -auch eben so häufig bei andern eine rein bewahrte, -edle Individualität zu Tage; besonders bei -den Frauen.</p> - -<p>In den neunziger Jahren, in denen die Begebenheiten -sich zutrugen, welche diese Blätter uns bewahrt -haben, waren nun diese Sitten noch bei weitem einfacher -als heut zu Tage; die Strenge religiöser Moralität -war vorherrschender, und das bürgerliche<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -Behaben bei den vornehmen Familien allgemein. -Grell stach die mit den Emigrirten aus Frankreich -überkommene voltairisirende Bildung gegen die streng -lutherische Orthodoxie ab, welche großentheils vom -Königshause ausgehend auch auf das Hofleben einwirkte.</p> - -<p>Der Luxus, welchen der Reichthum des Adels in -der Hauptstadt hervorrief, war ebenfalls tüchtiger und -reeller als in unserer Zeit, und die Ausstattung der -beiden Bräute ein ganz bedeutendes Stück Arbeit, -bei welcher Amalie und Annette die Hülfe ihrer -Freunde ernstlich in Anspruch zu nehmen gedachten. -Hierbei kam ihnen nun ein besonderer Umstand zu -statten.</p> - -<p>Die Familie des Grafen Gejer besaß seit Jahrhunderten -schon gemeinschaftlich ein Haus, welches -bald dieser bald jener Bruder bei seiner zufälligen -Anwesenheit in Copenhagen bezog; nur Graf Friedrich -machte seit seiner Vermählung eine Ausnahme; -da er mit seiner Gemahlin die Winterzeit regelmäßig -in der Residenz zubrachte, hatten sie sich in der Breitengasse -angekauft. Bedeutende Familien wohnten<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -weder in den Hanse-Städten noch in Dänemark -zur Miethe. – Während der häufig drei Viertel des -Jahres dauernden Abwesenheit der Grafen Gejern -blieb die Wohnung derselben bis auf einen Theil des -Erdgeschosses leer stehen; diesen hatte einer der älteren -Freunde Helenens, den sie, wie schon erwähnt, -vom Vater ererbt, seit mehr denn dreißig Jahren -inne und bewohnte ihn mit Frau und Kindern. Die -ganze gräfliche Familie war dem Obergerichts-Advokaten -Alslev eng befreundet; alle ihre Angelegenheiten -waren demselben bekannt und gingen, wenn -sie mit dem Gericht in Beziehung standen, durch -seine Hände; die gütige Frau Obergerichts-Advokatin -aber pflegte die Aufsicht und die Schlüssel des -Hauses zu übernehmen, wenn die Damen in das -Stift Wallöe oder in Christians Schloß zurückkehrten, -und war das Factotum des weiblichen Personals.</p> - -<p>Der Obergerichts-Advokat war ein etwas untersetzter, -immer noch sehr kräftiger Siebenziger, dessen -breite Stirn einen hohen Grad Intelligenz zeigte. -Die mit seiner Stellung stets Hand in Hand gehende -Menschenkenntniß hatte der Güte seines Herzens keinen<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -Eintrag gethan, und mit den Jahren war nur -eine gewisse breite Redseligkeit in ihm entwickelt worden, -welche den Zweck zu haben schien, den Nächsten -von seinem Durchblick aller ihn umgebenden Verhältnisse -zu überzeugen. Griffen diese in das Staatsleben -ein, so ward freilich eine Art Resignation des -Zuhörers nothwendig, welchen er freundlich durch ein -»Geben Sie wohl Acht!« in gleich regem Interesse -zu erhalten suchte.</p> - -<p>Es wagte auch nicht leicht Einer sich seinen stets -sachkundigen und sehr genauen Erörterungen zu entziehen, -denn der wackere Herr verstand durchaus -keinen Spaß, wenn es Gemeinwohl galt! Er pflegte -sogar, wenn man nicht achtsam blieb, seine Rede -durch ein plötzliches »na! sehen Sie, Männchen, -daß Sie keine wahre Theilnahme für die Sache haben!« -abzubrechen und dem jungen Bewerber um -Amt und Anstellung selten die Zerstreutheit und -Fahrlässigkeit zu vergessen! Ueberhaupt war ein unermüdlich -edler Ernst in all seinem Thun vorherrschend, -der sehr wohl in den Drang der Gegenwart -Dänemarks paßte und ihm einen bedeutenden Einfluß<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -in den Gestaltungen des öffentlichen Lebens erworben -hatte. Dasselbe warme Herz aber, das für's Allgemeine -so theilnehmend sich aussprach, schlug auch -dem Wohl und Wehe des Einzelnen eben so unveränderlich -treu entgegen, und die seltne Geduld, mit -welcher er des Kleinbürgers und Bauern Klage anhörte, -hatte ihm eine ungewöhnliche Popularität in -Seeland erworben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Aussicht, dem eben beschriebenen Ehrenmanne -und seiner trefflichen, in ihrem Fach gleich tüchtigen -Gattin sich zu nähern und auf langgewohnte Weise -die Interessen, Leiden und Freuden des Augenblicks -mit ihnen zu besprechen, belebte die Brust jedes -Mitgliedes der Gejerschen Familie, als die schweren -Wagen derselben durch das Osterthor der Stadt fuhren. -Christian und Helene hofften jedes am Obergerichts-Advokaten -einen Verbündeten gegen des Andern -Starrsinn zu gewinnen, die zwei Bräute aber waren -im Voraus der thätigsten Hülfe der Frau Alslev -gewiß, die seit den Kinderjahren wie eine Mutter -ihnen zur Seite gestanden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p> - -<p>Beim Aussteigen sprang Helene dem sie am Wagenschlage -bewillkommnenden Freund in den Arm, -und flüsterte ihm zu, sie bedürfe seiner Hülfe und -einer baldigen Unterredung; leider nahm Christian -denselben sogleich mit lauten einfachen Worten in -Beschlag, indem er ihn um ein Detail der Staatsschuld -fragte, das den guten arglosen Mann in eine -ziemlich breite Auseinandersetzung und durch diese -bis in des Grafen Arbeitszimmer zog; – auch Graf -Friedrich war unterdessen angelangt, also an eine -Privatunterredung mit Helenen für den Augenblick -nicht zu denken!</p> - -<p>Helene sah ihren Bruder scharf an, blieb aber -heiter – »sie muß einen wunderlichen Rückhalt haben,« -dachte er.</p> - -<p>Als die drei Männer allein waren, (der jüngere -Graf war noch nicht in Copenhagen angelangt,) -legte Christian dem alten Freunde die ganze Sachlage -vor, indem er ihm zugleich die Scene mittheilte, -welche ihrer Aller Ankunft beschleunigt hatte.</p> - -<p>»Sie würde als des Malers Gattin unglücklich sein -und sich elend machen,« setzte Graf Friedrich hinzu,<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -»ihre Apanage reicht nicht zur Hälfte für die Ausgaben -eines Haushalts, der junge Mann aber hat nichts -als einen sehr neu und wohlerhaltenen Pinsel.«</p> - -<p>»Herr Graf,« sagte Alslev, nachdem er Beiden -aufmerksam zugehört; »die Frage ist, hat er Talent -und Fleiß? Arbeit möchte der noch so lang zu hoffende -Friede in unseren Kirchen und Schlössern zur -Genüge bringen! Allein die Comtesse ist verwöhnt, -und Er hat allerdings keinen Rang ihr zu bieten.«</p> - -<p>»Lieber Freund,« erwiederte etwas ungeduldig -Graf Friedrich, »sie kann doch nicht mit dem Burschen -von Stadt zu Stadt auf's Handwerk ziehen?«</p> - -<p>»Der Herr Graf haben in Hinsicht auf Rang -und Verwöhnung vollkommen Recht,« versicherte der -Alte; »doch ist die zweite eigentliche Frage, hat der -Mensch eine Gesinnung, einen Charakter, ein gewisses -Bleibendes in sich? denn nur im Gegenfall -dürfen wir hoffen, Comtesse Helene anderes Sinnes -zu machen!«</p> - -<p>Beide Brüder sahen den Advokaten verwundert -an. »Ich kenne Herz und Kopf der Comtesse,« fuhr -der Alte fort, »sind beide übereinstimmend dem<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -Jüngling günstig, ohne innern Widerspruch, so bleibt -den Herren Grafen nur die Wahl zwischen dem Veralten -im Stift, oder der mißfälligen Vermählung -für sie.« – Alslev war traurig geworden, im Herzen -dauerte ihn Helene, er theilte die Vorurtheile seiner -Tage und betrachtete, abgesehen von möglicher pecuniärer -Sorge, <em class="gesperrt">jede</em> nicht standesgleiche Heirath -als ein Unglück. Die Ehen aller drei Brüder, welche -so heftig gegen einen ähnlichen Schritt der Schwester -sich aussprachen, fesselten ihm die Zunge; hatten doch -Alle bürgerliche Frauen, und hatten, was dem alten -Rechtsgelehrten nicht unwichtig war, keine Familienstatuten -sich ihrem Entschlusse zu seiner Zeit entgegen -gestellt!</p> - -<p>Seinen ernsten Worten zum Trotz baten ihn beide -Brüder dringend um Vermittlung und Beistand, und -er versprach Helenen abzurathen; natürlich führten -alle Gründe des an die reiche deutsche Frau vermählten -Friedrich auf die Unmöglichkeit des Auskommens -zurück, während Christians edlere Sinnesart -ihn auf Verschiedenheit aller äußeren Verhältnisse der -Familien aufmerksam zu machen versuchte. Der unbestechliche<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span> -Alte sah Beide mit durchdringendem Blicke -an, und ein fast unmerkliches Lächeln zog über seine -Lippen. »Geben Sie recht Acht!« sagte er endlich, -»Comtesse Helene ist ihrer <em class="gesperrt">Mutter</em> Kind; an Reichthum -ist ihr ganz und gar <em class="gesperrt">nichts</em> gelegen, obschon -sie dessen bedarf, und auch ihres Großvaters Geist -spukt ihr im Köpfchen; sie versteht zu <em class="gesperrt">wollen</em>! -Wenn Er nur kein Revolutionsnarr ist,« brummte -der Alte im Herausgehen, »und die ganze Welt mit -dem Schwerte pflügen und mit Blut düngen will, -anstatt dem Felde anzusehen, welcher Saat es angemessen!«</p> - -<p>Als der Obergerichts-Advokat in sein Schreibzimmer -trat, saß Helene schon darin; rasch sprang sie auf, -lief auf ihn zu und bot ihm beide Hände zugleich; -»erst jetzt lieb Väterchen begrüße ich Sie recht aus -Herzensgrund, ich habe sehr viel zu fragen und zu -sagen, aber vor allem dies: daß ich unverändert und -unveränderlich Ihre alte Helene bin!«</p> - -<p>»Seh' es schon, lieb Fröken,« sagte lächelnd der -Advokat, indem er der »Alten« Hände an sein Herz<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -drückte, »sehe es an der kleinen Fingerspitze da in -meiner Hand!«</p> - -<p>»Nun denn, lieb Väterchen, quälen Sie mich nicht -mit dem, was meine Brüder Ihnen gesagt und – -folgen Sie den »bösen Buben« nicht!«</p> - -<p>»Die Brüder haben recht, Helene!«</p> - -<p>»Weil die Männer immer »recht haben« uns -gegenüber! Als mein Bruder Christian wie toll und -blind in des Fäestebönders Tochter verliebt war, hatte -er recht, und heirathete sie frischweg; als mein zweiter -Bruder Friedrich ohne alle Liebe Geld und Gut über -unsern alten Adel erhob, billigte ganz Copenhagen -die »Partie,« (im Goldkäfig sitzen ist indessen Geschmackssache) -– als nun vor kurzem mein dritter -Bruder eine schöne und edle Frau nahm, die 25 -Jahre jünger ist als er – o da fandet Ihr <em class="gesperrt">Alle</em>, -daß er <em class="gesperrt">recht</em> hatte; denn eine junge Frau ist liebenswerther -als eine alte! Nun aber Väterchen, soll ich -denn nicht beispielsweise von dem außerordentlich vielen -Recht meiner Brüder profitiren und das »Rechte« -ihnen nachthun? – Ich habe doch wahrhaftig <em class="gesperrt">den</em> -Fall einer nicht ebenbürtigen Vermählung in unserer<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span> -Familie nicht erfunden! Daß die Männer immer -Recht haben, ist übrigens eine sehr alte Geschichte, -schon Adam hat bei Gott Vater der Eva Unrecht -gegeben, weil sie ihm den Apfel – –«</p> - -<p>»Helene! damit kommen wir nicht weiter! Sie -können Thorald nicht heirathen –«</p> - -<p>»Und warum?«</p> - -<p>»Weil er unter vier bis fünf Jahren nicht im -Stande sein wird eine Frau zu ernähren! Und bis -dahin –«</p> - -<p>Stumm kehrte Helene zu ihrem bei des Advokaten -Eintritt verlassenen Platz zurück und nahm einen -großen Folioband in die Hand, den sie vorhin durchblättert. -»Sie vergessen, lieber Alslev,« sagte sie -fest und ernst, »daß ich die jüngste von meinen -Schwestern und von unserem Hause bin. Lesen Sie -einmal hier –«</p> - -<p>»Helene!«</p> - -<p>Sie warf sich schluchzend in seine Arme. »Helfe -mir Gott, Vater, ich kann und darf nicht anders! -Haben Sie denn wirklich den Muth mir zu befehlen, gar -nicht – auch nicht vier, fünf Jahre glücklich zu sein?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p> - -<p>Sie herzte und küßte den guten alten Herrn, bis -ihm die Perrücke ganz schief stand; verlegen rückte er -sie zurecht und rief halb ärgerlich und halb gerührt, -indem er schnell seinen bestaubten Pergamentband in -die Registratur einrangirte, »meine Bücher zu nehmen, -meine Notizen! Helene! Helene!«</p> - -<p>Als er aber umsah, war sie längst verschwunden.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"></div> -<p>Wenn es Abend wurde und die Damen nicht -ausgebeten waren, pflegten sie ungemein gern im -netten spiegelblank-reinlichen Wohnzimmer der alten -Frau Alslev ihren Thee zu nehmen.</p> - -<p>Sieben Kinder, darunter fünf Söhne, hatte die -würdige Alte aufgezogen und erzogen, mit sorglichem -Blick die ersten Schritte auf den erwählten Lebensbahnen -eines jeden von ihnen geleitet, mit kräftiger -Hand und noch kräftigerem Geist die Schwachen -unterstützt, Glück und Gelingen, Krankheit und Noth -all der ihr vom Gatten ganz überlassenen Kinder -redlich getheilt. »Es schlägt in ihr Departement,«<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span> -sagte der Gerichts-Advokat, »das Haus und was -darin ziemt der Weiberhand zu regieren, <em class="gesperrt">meine</em> -Kinder laufen draußen barfuß umher, der Staat ist -mein Haushalt und Gott sei's geklagt, er ist voller -Stiefkinder, die ich nur ungern anerkennen mag, so -fremd stehen sie zum Ganzen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Mit unsäglicher Liebe hingen Töchter und Söhne -der Mutter Alslev an, von letzteren waren mehrere -außerhalb verheirathet und wiederum zog die Matrone -nun die Enkel groß; zwei Knaben waren von ihren -Eltern der Schule wegen nach Copenhagen gethan -in's großväterliche Haus. Fast jeden Abend kamen auch -die in der Stadt ebenfalls längst vermählten Töchter -mit ihren Kindern, und ein großer Familienkreis ordnete -sich um den wohlbereiteten Theetisch. Ein Fest wie -das der Ankunft der gräflichen Geschwister, mit denen -Alle von Jugend auf in Verbindung standen, mußte -natürlich den ersten Abend besonders anziehend machen. -Jedes Mitglied der Familie suchte seine Freude an -den Tag zu legen, und die Stunden eilten mit geflügelten -Schritten der Nacht entgegen, als ein lautes<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span> -Klopfen an der Hausthüre Allen vernehmlich, noch -einen verspäteten Gast verkündete.</p> - -<p>Erstaunt durchflog der Hausfrau klares Auge den -weiten Ring, den die Liebe um sie zog, es fehlte Niemand -an der gewohnten Stelle.</p> - -<p>Jetzt kam ein alter, mit der Herrschaft ergrauter -Diener ein wenig verlegen lächelnd auf die Hausmutter -zu, und flüsterte eine, wie es schien, ihr gar -befremdliche Meldung! »Ich komme selbst, Peter, -bittet nur den Fremden, wenige Augenblicke unten zu -verziehen.«</p> - -<p>»– Draußen steht ein sonderbarer Mann, halb -wie ein Bauer, halb wie ein Geistlicher gekleidet,« -erzählte mittlerweile der junge Heinrich, Alslevs Enkelkind, -den aufhorchenden Mädchen, »hat einen langen -weißen Bart und ein ganz runzliches, liebes Gesicht; -er muß lange nicht bei uns gewesen sein, denn obschon -er nach Großmama fragte, sah er mich für -meinen Vater an! seine kleinen Hände zittern vor -Altersfrost und er hat ein kleines Büchlein mit, das -sollte Peter herauftragen, und uns Alle darin lesen -lassen, so würden wir ihn schon kennen und ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span> -erlauben einzutreten. Ich wollte ihn gleich mit mir -nehmen und ihn heraufführen, ihn aber schien die -schöne Einrichtung, welche der Herr Graf beim Einzug -der Fröken machen ließ, fast zu erschrecken, er -fragte immer wieder: ob er auch gewiß nicht irre? -Den neuen Teppich auf der Treppe getraute er sich -kaum zu betreten und war höchst besorgt, etwas zu -beschmutzen oder zu verderben; es war drollig anzusehen.«</p> - -<p>»Und doch kannte er unser Haus?« fragte Amalie. -»Ja wohl!« – In diesem Augenblicke trat mit -freudeverklärtem Angesichte die Hausmutter ein, den -wunderlichen Fremden an der Hand. »Ich bringe -Euch einen alten Freund,« rief sie fröhlich den Kindern -entgegen, »Kund Jürgenssen, der vor fünf und -zwanzig Jahren viel hundertmal auf seinen Knien -Euch gehalten und Euch wunderschöne Elfenmährchen -und Saga's aus unserer Vorzeit erzählt, dem guten -Pfarrherrn von Saurbar am Hualfiorden in Island. -Ich denke Ihr kennt ihn Alle noch! Damals waren -Vater und ich ein gut Theil jünger, gingen mitunter -wohl zu Mummereien, Theatern und Concert; dann<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -saß der gute Jürgenssen bei Euch und vertrat, wie's -eigentlich wohl der Geistliche überall sollte, Vater -und Mutter Euch zugleich! Ja, ja, das thatet Ihr, -und wenn wir heimkehrten zu Nacht, lagen die Kleinen -in ihren Bettchen mit gefaltenen Händchen und -waren über den Abendsegen sanft eingeschlafen, den -Ihr sie sprechen gelehrt!«</p> - -<p>»O liebes, gütiges Väterchen!« riefen nun zugleich -die Söhne und Töchter des Hauses, stürzten -auf den Alten los, ergriffen und drückten seine Hände, -er aber bebte vor Freude und Rührung. »Und seid -Ihr es denn wirklich, wirklich wieder herübergekommen -zu uns, aus Eurem Schnee- und Eiseilande? -Und Ihr bringt nun den Winter bei uns zu, in Kjöbenhavn, -nicht wahr? Tausend und aber tausend -Mal willkommen! Da seht,« rief ein herrlich blühendes -junges Weib, Alslevs jüngstes Töchterchen, »da -sind schon meine Kinder, die auf Eure schönen Sagageschichten -warten, nun könnt Ihr denen so herrliches -Spielwerk schnitzen, wie Ihr uns es gethan, es -wird sie ergötzen, wie vor fünf und zwanzig Jahren -uns!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p> - -<p>»Ja! ich besinne mich,« sagte einer der jüngeren -Söhne, »Ihr kommt aus Island, eines schweren -Prozesses wegen; eine herbe Klage war's, die Ihr -dem Vater übergabt!« –</p> - -<p>»Käme er nur selbst, der liebe theure Herr!« -meinte der Pfarrer, den die Freude jung und lebendig -machte, »daß ich ihm danken könnte und ihn begrüßen -aus Herzensgrund.«</p> - -<p>Die Mutter führte nun Kinder und Enkel auf, -eins nach dem andern; immer entzückter wurde der -Alte, verwechselte aber doch noch oft die Enkel mit -jenen, weil sie »so gar prächtig herangewachsen!« -Die älteren Fröken waren auch hinzugetreten, der -gute Mann kannte sie gleich; außer sich war die -kleine Nordermule, die er fast vergessen, nur besann -er sich noch, zum höchsten Glück! »Ich war ja damals -mit dem Fröken Amalie hier, wie konntet Ihr -nicht gleich meiner Euch erinnern,« klagte sie; »doch -erzählt uns nur, woher Ihr nach so langen Jahren -endlich kommt, fast seht Ihr aus wie damals, als -wir von Euch Abschied nahmen – –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span></p> - -<p>»Es war am Abend vor dem Johannisfeste,« -sagte der Pfarrer, »o ich weiß <em class="gesperrt">Alles</em> noch!« er -nahm sein altes Büchlein wieder aus der Brusttasche; -ein Stammbuch war es, wohl an fünfzig Jahr alt! -»Da, da steht Ihr Alle!« jubelte er auf, »Frau -Alslev und Janfru Sophie, Janfru Fredrika.«</p> - -<p>»Bitte zu sagen: Frau Amtmännin Solwig,« -lachte die kleine Frau –</p> - -<p>»Schön, schön,« erwiederte der Alte, »damals -aber durfte ich mir die Janfru nur unter diesem Namen -mit fortnehmen, in meinen Erinnerungen; sie -war eben zwei Jahre alt, und ich führte ihr die -Hand, ja, ja, bis auf das kleinste Kind hat jedes -hier mir sein Kreuzlein hingemalt, wenn es noch -nicht zu schreiben verstand, in das Gedenkblatt der -Familie des edelsten Menschen, den ich je gekannt!« -– »Ach, auch ich weiß jetzt wieder Alles,« versicherte -Sophie, »es war Frühling, den Abend hattet -Ihr uns von den Pilgerwallfahrten zu den Quellen -und ihren guten Geistern erzählt, wie sie in der Johannisnacht -unternommen werden müssen, und von -den kleinen Engeln, welche sie bewachen; dann schrieben<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -wir uns ein, Ihr hattet das Büchlein noch aus -Euren Studentenjahren; das sind schon fünf und -zwanzig Jahr?«</p> - -<p>Und Kopf an Köpfchen drängte sich zum vollen -Kranz um die hohe Lehne des Sessels, zu welchem -die Mutter den vor Freude an allen Gliedern Zitternden -geführt, »ja, ja!« rief er aus, »<em class="gesperrt">das</em> ist das -Büchlein,« und Schwarz- und Blauäugelein schaute -ihm über die Schulter auf die beschriebenen Blätter, -»<em class="gesperrt">das</em> ist Großvaters Hand,« – »dies Mutters -Schrift!« »Hier bin ich!« rief ein Drittes, »hier Fröken -Amalie, Annette!« »Nur ich bin nirgends,« -sagte fast traurig Helene! –</p> - -<p>»Kind,« erwiederte lachend die Nordermule, »Du -warst noch nicht einmal geboren!« »Die Gräfin Gejern -wie sie leibte und lebte!« schaltete der Pfarrherr ein, -und schaute wohlgefällig das schöne Mädchen an, – -dann fuhr er fort, »es gab mir selbigen Abends, ehe -ich von dannen zog, der hochverehrte Herr Alslev -noch ein gar schönes, werthvolles Geschenk.« –</p> - -<p>»Ja, ich entsinne mich,« sagte die Mutter, »wir -brachten Euch als Mitgabe in Euer kaltes Land<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -einen warmen Festrock, den wir Euch baten uns zu -lieb zu tragen.« –</p> - -<p>»Und ob ich's thue!« rief der Pfarrer, »da, da -ist das gute, gar wohl erhaltne Kleid, kennt Ihr es -noch?« Und im freudigen Eifer erhob er die Taschenklappen -und die Schöße des schwarzen Rockes, -zeigte sie jubelnd und jauchzend den Kindern – dichter -und dichter umdrängten ihn diese. –</p> - -<p>»Ach,« sagte leise die Nordermule zu Helenen, -»das gute treue und dankbare Herz! So ein armer -Pfarrer in Island hat kaum einige dreißig Thaler -Einnahme von seinem Kirchspiel, das weit ausgebreitet -viele, viele Meilen umfaßt!«</p> - -<p>Der Pfarrer hatte das leise Wort gehört. »Schon -wahr,« sagte er, »allein, was braucht man auch -des Geldes viel? Immer trägt man doch nicht so -gute Kleider wie dieses ist, und habe ich doch mein -sauber Stückchen Kirchenland! Freilich reift mir kein -Korn darauf, aber ich ziehe doch Kartoffeln, Kohl -und herrliches Futter für meine zwei Kühe! Ja, ja -Janfru Nordermule, der Kund hat die schönsten Thiere -weit und breit, – wäre mir nicht die Hausfrau gestorben,<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -wie gar leicht wäre mir das Leben! – -Bücher fehlen mir sehr! <em class="gesperrt">die</em> sind theuer, denn zu -Lairar druckt man nur Katechismen und Andachtsschriften -– und das ist die einzige Druckerei, die wir -in Island haben!«</p> - -<p>»Aber wovon lebt Ihr denn?« fragten die Kinder. -– »Ei nun, seit dem die Stadt Reikiawik -erbaut, fehlt es nicht einmal mehr an Brot und -Fleisch; wir haben ja aber immer Vögel und Fische! -Den Sandhafer, den herrlichen Melia giebt uns -Gott, wie einst den Israeliten das Manna, ohne -Säen und Pflanzen!«</p> - -<p>Mit tiefer Bewegung lauschte Helene dem zufriedenen -Manne, der den Kindern vom Tauschhandel -auf der Insel selbst und von den »Gnaden Gottes,« -wie er den Robbenfang und die Eidergans nannte, -immer eifriger und glückseliger erzählte, da schloß er -plötzlich, »ach, was die <em class="gesperrt">Natur</em> an Island thut, -ist schön und ein gar werthvolles Geschenk des Herrn, -allein die Menschen gönnen es einander nicht und -verderben sich gegenseitig das Leben. Als ich im -Jahre siebzig zuerst meine Klage vor der geheimen<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -Conferenz-Commission des Ministers Struensee eingereicht -hatte, glaubte ich freilich mich gesichert für -immer!«</p> - -<p>»Der Vater! der Vater!« riefen die Kinder; -jedes eilte auf den Advokaten zu, ihm zuerst die erfreuliche -Kunde zu bringen; obschon er vor all den -zugleich auf ihn eindringenden Stimmen kein Wort -verstand, hatte sein scharfes Auge alsbald den isländer -Pfarrer erkannt. Alslev vergaß nicht leicht, wen -er einmal gesehen. »Herzlich willkommen, Ehrwürden!« -rief er und bot ihm gastfreundlich die Hand. -»Ihr habt lange uns nicht besucht und findet in und -außer dem Hause eine neue Welt, aber immer das -nämliche herzliche Willkommen!«</p> - -<p>Die Männer saßen nun nieder und das Gespräch -nahm eine ernstere Wendung und ging bald über -auf's Allgemeine. –</p> - -<p>Trotz der anerkannten Hinneigung der Isländer -zu jedem wissenschaftlichen und literarischen Streben, -liegt die Insel doch zu sehr außer allem eigentlichen -europäischen Lebensinteresse, als daß Nachrichten entfernter -Länder leicht sie erreichen sollten. Die Nachrichten<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span> -der Gegenwart, eben war in Frankreich das -Directorium an die Stelle des Convents getreten, -Napoleons phänomenartiges Auftauchen aus dem -Chaos der sich wieder gebärenden Zeit, Alles dies -war dem erstaunten Hörer, wie eine zweite Weltschöpfung, -unfaßlich überwältigend. Er stand <em class="gesperrt">noch</em> -mit trauernder Seele am Grabe der jungen schönen -Königin seines Heimathlandes, die er gesehen, verehrt, -und die während seiner Abwesenheit von Kjöbenhavn -so schmachvoll in Zelle geendet.</p> - -<p>Und grell erhob sich neben diesem ungeheuren -Wechsel der riesigen Begebenheiten einer Gegenwart, -welche selbst Gott in seinen Himmeln und den blutenden -Heiland an seinem Erdenkreuz zu bezweifeln -und anzugreifen gewagt, sein eignes sich immer -gleichbleibendes individuelles Dasein. Was er -am Gerichtshofe Christian <em class="antiqua">VII.</em> durch Struensee's -Hülfe erlangt, und als Beute in seine ferne Heimath -mit sich fort genommen, kam er jetzt zum -zweiten Male zu fordern nach Kjöbenhavn; Struensee, -der jungen Königin Partei, alle Minister damaliger -Tage, waren längst untergegangen im Kampf eigener<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span> -und fremder Gewalt, er fand zwar wieder einen Grafen -Bernstorff am Staatsruder, statt des damals -eben seiner Stelle entsetzten trefflichen Mannes, allein -es war ein Andrer, den er daheim nicht einmal -nennen gehört! Es übernahm das Alles fast den -gealterten Mann, der zuletzt, beide Hände vor das -Gesicht geschlagen, zusammenzubrechen schien unter -der ungeheuren sich ihm entgegenwälzenden Last der -Eindrücke des Augenblicks.</p> - -<p>Leise nahte sich Helene und legte ihre weiße kleine -Hand auf seine zitternden, in den ergrauten Haaren -wühlenden Finger, »die Zeit schreitet schnell, Ehrwürden,« -sagte sie, »ist es nun nicht wunderschön, -daß die Natur und des Einzelnen Herz sich dennoch -in ihr gleich zu bleiben vermögen, trotz ihres Riesengangs? -Höchstens reißt er das irdische Leben mit -sich fort, wenn wir uns nur in uns selbst recht fest -auf den Füßen zu stellen vermögen. Seht, Alles -um Euch ist ganz anders geworden; wenn Ihr morgen -am Tage ausgeht, und durch die verödeten -Straßen Kjöbenhavns, werdet Ihr noch weit mehr -erschrecken! Ihr werdet Christianborgs ungeheuren<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -Schutthaufen finden und die Brandstätte des Gammel-Holms, -– seit drei Monaten liegt ein Viertel -unsrer Vaterstadt in Asche, – nun Ehrwürden, ist's -nicht wunderschön, daß Menschenwerk und Menschenleben -so zusammenfallen zu einer grauenhaft erhabenen -Ruine, und der winzig kleine Punkt im Universum, -der feste Charakter eines Menschen durchwächst sie -dennoch mit seiner unbesiegbaren Liebeskraft? Ihr -steht mit dem alten Rock, den Ihr vor fünf und -zwanzig Jahren hier im Hause empfingt, über dem -alten unverändert sich gleichschlagenden Herzen, voller -Treue wieder hier unter uns, und Eure kleine schwache -Brust zeugt von der Ewigkeit, während Alles was -Euch und uns umgiebt nur von der Vergänglichkeit -zu uns redet!«</p> - -<p>Dankbar blickte der Pfarrer sie an, keines Wortes -mächtig, zog er ihre Hände an seine Lippen. –</p> - -<p>Bleich wie ein Todter starrte der unlängst in's -Zimmer getretene Christian auf sie, – er fühlte den -durch ihre Neigung zu Thorald plötzlich erwachsenden -mächtigen Charakter des Mädchens. Der alte Alslev -blickte zärtlich zu ihr hinüber, ihn freute das Aufkeimen<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -und Erblühen der von ihm gepflegten Saat. -»Sie wird Festigkeit haben wie ihre Mutter, und -wie sich auch ihre Verhältnisse gestalten mögen, <em class="gesperrt">sie</em> -wird glücklicher sein!« – Die kleine Nordermule -aber warf sich innerlich alles vor, was sie ihr erzählt, -von der Tante Lieben und Leiden, – »eine Unbesonnenheit -wird sie begehen!« sagte sie leise, vorsichtig -die gutmüthigen blauen Augen niederschlagend, -daß ja keiner in ihnen lese! der kleinen Bucklichen -Seele war stets in siebenfache Schleier gehüllt!</p> - -<p>Einer wunderbaren Klage halber war der alte -Kund Jürgenssen von Island im späten, schon gefahrdrohenden -Herbst nach Copenhagen gekommen. -Sein im Borgefiords-Syssel, am Huatfiorden gelegenes -Kirchspiel erstreckte sich an beiden Meerbusen nach -Leirar hin, und dann tief landeinwärts über viele -einzeln liegende Pachthöfe und Häuerlingshäuser -weiter. Nun aber gab es bis zum Jahre 1782 -auf ganz Island weder Städte, noch Marktflecken, -noch Dörfer; die Einwohner lebten zerstreut in den -vor Stürmen am meisten geschützten Orten und lehnten -gern ihre Gehöfte, die alle aus Lava und Treibholz<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span> -erbaut, einander glichen wie ein Tropfen Meerwasser -dem andern, bald da, bald dort an einen sie deckenden, -vielleicht gar überhangenden Felsrücken, um gegen -arge Wetterunbill möglichst sicher zu sein.</p> - -<p>Fromm und ohne Klage zogen sie Sonntags oft -meilenweit zum entlegenen Gotteshause, ihren Seelsorger -predigen zu hören; er war meistens zugleich -dabei ihr Arzt, jedenfalls ihr vertrauter, väterlicher -Freund, der in aller Noth und Freude, beim Ein- -und Austritt in ihr mühevolles Sein ihnen treu -zur Seite blieb und des Lebens Drangsal ihnen -tragen half, wenn ihre eigene Kraft ermattete. Denn -wie sein schwer herniederhängender Himmel, ist der -Isländer trübe, schwermüthig, ihn drückt das Leben, -seine Freude besteht meist in ernsten Dingen, er singt -auf vaterländische Weisen seine Sagen, hört gern -Snorro Sturlesons Dichtungen und die Edda, und -spielt das ernste Königsspiel: Schach! –</p> - -<p>Die später allmälig angelegten sechs Handelsstädte, -welche <em class="gesperrt">noch</em> die einzigen der Eisinsel, bestehen -außer Reikiawik, das wohl über sechzig Häuser zählt, -auch nur aus wenigen größern Kaufmannswohnungen<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -und um diese herliegende Packhäuser und Magazine; -alle sind einstöckig, niedrig, roth angestrichen, -der Wärme wegen oft mit grünem Rasen belegt. -Die Pachthöfe entbehren meist den Luxus eines Schornsteins, -eines Ofens oder gar gläserner Fensterscheiben, -denn die wilden Orcane gestatten ihn nicht. Unsäglich -beschwerlich und dennoch durch seine tief eingreifende -Wirksamkeit heilig-schön, ist hier der Beruf des -Pfarrers! Der von ihm viele, viele Stunden weit -durch die menschenöden und dennoch stets bewohnten -Districte getragene Kelch des Herrn wirkt dort noch -beseligend auf den Todeskranken; und Taufe und -Trauung werden, wenn sie Wochen hindurch bis -zum Erstlings-Sonnenstrahl des Frühlings verschoben -worden, in vielen Herzen um so frommer ersehnt, -so daß dem Priester der schwere Gang gelohnt wird -und sein eigener Beruf verklärt vor seinem geistigen -Auge sich erhebt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wie zart wiederhallte dieses Gefühl in des bescheidenen, -orthodoxen Kunds Seele! und dennoch war -er angeklagt, hart angeschuldet von dem Probst seines<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span> -Districts, und wie einst vor 25 Jahren jetzt abermals -vor das Consistorialgericht des Bisthums -Reikiawik gestellt, weil er »aus Trägheit« die Leichen -der in seinem Sprengel Verstorbenen unbeerdigt lasse, -ja, auf Monatelang bloß in den Schnee sie einsenke, -ehe er dem müden Leibe einer den Trauerort -vielleicht rastlos umkreisenden Seele, die letzte Gott -geweihte Ruhestätte auf dem Kirchhof gönne und -durch das Wort des Herrn dieselbe ihr bereite! – -O wie lange, bittre Nächte hatte der Arme verweint, -bei der rauhen Grausamkeit dieser Anklage! – Das -Bewahren der Körper im Schnee war eine harte -Nothwendigkeit, welche indessen nur die entferntesten -Mitglieder seines Kirchspiels traf, denen das Erreichen -des sehr entlegenen Gottesackers mit der Leiche fast -unmöglich war. Oft war das Leben der Träger -beim Transport des Sarges in Gefahr gerathen, sie -versanken in Schnee und Eisspalten; der ihn selbst -treffenden Beschwerde hätte der fromme Mann nicht -geachtet, kaum sie erwähnt, obschon er mehrmals -durch dieselbe erkrankt; allein eine größere Anzahl -seiner stündlich Bedürfender litt darunter!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p> - -<p>Der Probst war ihm nicht gewogen, seine Rechtfertigung -ward verworfen, schwere Klage gegen ihn -im Consistorio erhoben! – Im Gefühl seines guten -Rechts war Jürgenssen vor fünf und zwanzig Jahren -nach Copenhagen gesegelt. Seiner einfachen Seele -war die damalige Aufhebung aller Ministerien und -die Gewalt, mit welcher Struensee eine Menge wirklicher -Verbesserungen einführte, nur eine Vereinfachung -des Geschäftsgangs gewesen, er hatte für den Günstling -des Königs geschwärmt und an die wirkliche -Thätigkeit des Letztern lange nach Ausbruch seiner -Geistesschwäche geglaubt. Mit der leicht erworbenen -Rechtfertigung und günstigen Entscheidung seines -Prozesses war er damals heimgekehrt; die gänzliche -Umgestaltung der dänischen, und mithin der provinziellen -Verhältnisse hatte auch diese längst entschlafene -Anklage erweckt, von neuem war ihm aus Reikiawik -der Befehl augenblicklicher und wirklicher Bestattung -der in seinem Kirchspiel Verstorbenen zugekommen. – -Allein zu dem Schnee seiner Gebirge hatte sich nun -dem armen Pfarrer der Schnee des Alters gesellt, -der sich auf seinem müden Haupte gesammelt, und<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span> -man altert schnell, bei so schwerem Beruf, in solchem -Clima! Dem Prediger blieb nur die Wahl zwischen -freiwilligem Aufgeben seines bisherigen Berufs, oder -des Versuchs, eine erneute Vergünstigung von Copenhagen -aus zu erhalten, seine Leichen in das weiße -Schleiertuch der Erde zu hüllen, bis der Frühling -das Herz der alten Mutter erwärme, und sie das -entschlafene Kind in ihre treuen Arme aufzunehmen -im Stande.</p> - -<p>Von seiner Kirche den Kund bannen, hieß ihn -tödten! sie war seine Liebste, seine Welt! Von Katharina, -seiner verstorbenen Ehefrau, hatte er ein holdseliges -Töchterchen; Mathilde (so hieß sie nach der -unglücklichen Königin) – war die einzige, welche -außer der dem öffentlichen Gottesdienst geweihten -Stunde den geheiligten Raum mit ihm betreten und -Küsters-Dienst, in Reinigung und Ausschmückung -der Kirche, mit ihm theilen durfte. Was sie Kostbares -besaßen, ward zur Zier des Altars, der Kanzel, ja -des kleinen Chors verwandt. An einem Pfeiler hing -ein Kupferstich, das Bildniß des Vaters Alslev, des -»edelsten Menschen, den er je gekannt!« Dieser Ehre<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -hielt er nur ihn für würdig; während seines ersten, -dreimonatlichen Aufenthalts hatte er in der Residenz -all seine ihm für das ganze Leben ausreichende -Menschenkenntniß gesammelt; Alslevs klares, festes -Wollen und bestimmtes Handeln hatte ihn zur verehrenden -Begeisterung fortgerissen, sein treuer Sinn -bewahrte sie in immer gleichbleibender Erinnerung.</p> - -<p>Alle diese kleinen und doch ihrem bisherigen Erfahren -fremden Züge aus einem beschränkten, fast -von jeder Bequemlichkeit entblößten, rein-menschlichen -Dasein rührten Helenen unsäglich, allein sie baueten -sich auf zur trennenden Mauer zwischen ihr und den -einzig mit den Vermählungsfeierlichkeiten und den -Ausstattungen beschäftigten und erfüllten Geschwistern.</p> - -<p>Außer Christian waren Alle, selbst die Brüder -durch ihre Frauen in den Taumel der Hoffeste und -Zerstreuungen hineingerissen, mit welchen man Christian -<em class="antiqua">VII.</em> fortwährend umgab. Die Grafen Schimmelmann -und Bernstorff waren nur theilweis -im Volk geliebt, im Innern des Staats gab es -viel Unzufriedene. Die dänische Politik ging darauf -aus, mit allen auf Dänemark einwirkenden<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span> -Mächten Frieden zu halten, aber trotz der dabei zu -Tage gelegten Würde und äußerlichen Größe, ließ -sich eine gewisse Unsicherheit der Ansichten wie der -Verhältnisse kaum bergen. Alle Geschäfte, welche -die verschiedenen, nach Struensee's Sturz wieder eingeführten -Canzeleien dem Staatsrath vorlegten, mußten -in doppelten Sitzungen vorgetragen werden; in -der Versammlung beim Erbprinzen Friedrich wurden -die Resolutionen gefaßt, alsdann in einer zweiten dem -Könige zum Schein vorgelegt, der sie halb bewußtlos -unterschrieb. Das war eine unsäglich betrübte -Comödie, und ihre Rückwirkung auf das Volk war -es nicht minder! Der arme Prediger litt unbeschreiblich, -sein beschränkter Geist sah überall böse Dämonen -sich drohend gegen sein ihm so theures Vaterland -erheben; so lange seine Sache bei Gericht anhängig -blieb, war Helene sein einziger Trost, und die ganz -einfachen und zugleich so tief poetischen Lebens-Anschauungen -desselben, ließen dagegen dem aufgeregten -Sinn des Mädchens alles Treiben der Vornehmen -und des Adels im widerwärtigsten Lichte erscheinen, -ja sie steigerten ihren Entschluß, mit Thorald ein von<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span> -diesen hemmenden Einschränkungen freies Leben zu -führen zur entsetzlichsten Pein.</p> - -<p>Thoralds leichteres Blut ließ ihn einfacher seine -Bahn weiter ziehen; er war in Copenhagen, arbeitete -in der noch neuen und unvollständigen Academie, -gefiel durch heitere wohlwollende Theilnahme, umarmte -den alten Kund, der ihn auf Helenens Bitte -besuchte, machte das Portrait des kleinen, leider kränklichen -Kronprinzen, und war bei jeder einzelnen Nachricht -von Frankreich aus überzeugt: auch im Norden -müsse jede kleine Meuterei, jede Unzufriedenheit des -durch Monopole gedrückten Handelstandes nächstens -große Umwälzungen herbeiführen, welche dem Charakter -und einer der Nation inwohnenden Gleichmüthigkeit -und sehr ernsten Besonnenheit widersprachen. -Er selbst war kaum noch ein Däne; der lange Aufenthalt -in Italien und Frankreich hatte alle vorspringenden -National-Eigenschaften in ihm verwischt.</p> - -<p>Graf Christian vermied Erörterungen, welche zu -nichts Glücklichem führen konnten, Alslev und er waren -verstimmt, weil sie sich nicht zu gleicher Ansicht zu -vereinen vermochten; in sich selbst streng und scharf<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span> -concentrirt beobachtete der Advocat den Maler genau; -er hätte so gern etwas Bedeutendes aus ihm gemacht, -ihn durch einen glücklichen Wurf Geld und ein den -Rang übertragendes Wirken verschafft – Thorald -aber war und blieb eine hoffende, dem Leben vertrauende, -sorglose Künstlerseele; er war überzeugt, einmal -ein unsäglich schönes Bild zu malen, das ihm -Ruf, Ruhm, Brot, und den Besitz der Geliebten zusichere. -Unterdessen aber malte er eine Menge gleichgültiger -Portraits, wurde Mode beim höchsten Adel -und bei den Prinzessinnen, und begriff Helenens leise -Klage nicht; sie sah weiter hinaus als er!</p> - -<p>Die Hochzeittage mit ihren prächtigen Toiletten, -alle den Gnadenbezeugungen der alten Königin, welche -sich der »endlich wieder standesmäßigen Heirathen -in der Familie Gejer« erfreute, das große Festmahl, -und die lästigen, das Zartgefühl der Neuvermählten -nicht sonderlich schonenden Gratulations-Visiten am -Morgen nach dem Beilager – Alles das war vorüber! -Nach den erwiederten Besuchen bei der über -halb Copenhagen reichenden Vettern- und Cousinenschaar, -wollten die neuen Ehepaare auf ihre Güter.<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span> -Am Morgen vor dem Abschiedstage fuhren zwei -schwere Caleschen in den Hof – die Neuvermählten -waren schon auf ihren Berufswegen, und die Meldung -des Besuchs erging an die »Gräfin Gejer!« -Es waren die sieben Gejer-Mogenstrupp, Hochwürden! -Sie wurden zu Eva geführt; welch ein Elend -einen Bedienten vom Lande zu haben! der redliche -Nysteder kannte die Weltverhältnisse nicht! Da standen -sie, grau und Ehrfurcht erregend, in stummer Erhabenheit, -wie sieben Wartthürme des Mittelalters die -anmuthige Eva umgebend, und vermochten kaum das -schwere Haupt ein klein wenig zu neigen, zum Gruß! -Tödtlicher Schreck lähmte ihre riesigen Glieder: sie, -die Hochadeligsten aller Chanoinessen, hatten der -»wegen Kränklichkeit« nicht an den Hof gehenden -Fästebönders Tochter, der nie zum Gesellschaftskreis -mitzählenden Pseudo-Gräfin, die <em class="gesperrt">erste Visite</em> -gemacht –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Mit eben so viel Anmuth als Würde empfing sie -die liebenswürdige, sanfte Eva; sie errieth leicht, daß -der hohe Besuch ihrer Schwägerin Helene gälte, deren<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span> -Rückkehr in das Stift Wallöe bereits festgesetzt war, -und ließ diese sogleich zu sich bitten. Wie ein Frühlingsvöglein -schwebte die kleine Comtesse herein und -auf die sieben Wartthürme zu, welche sie sogleich im -Flug der zierlichsten Worte umkreis'te, und ihnen zu -dem Zufall Glück wünschte, ihre leider fast nonnenhaft -zurückgezogene Schwägerin auf diese Weise kennen -gelernt zu haben! So leichten Kampfes waren -jedoch die empörten Stifts-Damen nicht zu beschwichtigen! -Es entspann sich eine jener gesellschaftlichen -Fehden, welche nur Frauen führen und kennen; mit -hinreißender Anmuth verstand es Helene, jedem Worte, -das Eva sprach, volle Geltung zu verschaffen, und -deren Charakter, Stellung, Güte und Glück fortwährend -hervorzuheben, indem sie selbst sich ihr gänzlich -unterordnete und sogar den Rang der regierenden -Gräfin und verheiratheten Frau in volles Licht setzte. -Die sieben Mogenstrupps rissen unermeßliche Augen -auf – sie fühlten sich angegriffen bis in's eigentliche -Mark ihres Lebens – und schritten zur Rache! -Alle Sieben begannen mit unendlicher Volubilität von -lauter kleinen Hofgeschichten und Familienangelegenheiten<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span> -der höchsten Kreise, als von bekannten Dingen -zu sprechen, indem sie sorgsam alle darin vorkommenden -Personen nur bei Vornamen oder den Spitz-Namen -nannten, die man ihnen in jenem Cirkel gab; -Eva konnte um alle diese Einzelnheiten nicht wissen, -und die siegreichen Sieben stellten sich auf solche -Weise zu Helenen in intimen Rapport, während sie -die Gräfin aus dem Interesse des Gesprächs gewaltsam -herausdrängten, um sie fühlen zu machen, daß -sie jenem Cirkel der königlichen Familie und des sie -eng umgebenden Adels nicht angehöre, obschon sie -Christians Titel führe.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Helene gab nicht nach! Geschickt deckte sie sogleich -ihre Schwägerin mit dem Schilde des Ausländisch-Modischen, -warf nebenbei mit der persönlichen -Gunst der verwitweten Königin um sich, als -habe sie dieselbe in der Tasche, und überwältigte endlich -in fortgesetztem Gespräch den Feind durch eine -Menge Anekdoten vom englischen, russischen und -schwedischen Hofe, mit denen sie die der ganzen civilisirten -Außenwelt entfremdeten Mogenstrupps dermaßen<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span> -betäubte, daß ihnen nichts übrig blieb, als die -herkömmlichen Stiftsgeschenke an Elixiren, Rosenwasser -und Confitüren zur Reise der »theuren Cousinen« -in ihre Hände niederzulegen und den formellen -Rückzug anzutreten.</p> - -<p>Als sie fort waren, warf sich die ermüdete Siegerin -auf das Sopha, ein Paar großer Thränen perlten -in ihren Augen. Es ist sehr schwer zu sagen, -warum sie weinte, ob aus Nichtachtung oder Ueberschätzung -der so eben hart von ihr angegriffenen -Vorurtheile!</p> - -<p>Eva blieb still und gelassen, wie immer; ihr -fehlte nie etwas anderes, als ihres Christians volle -Liebe, wie sie einst sie gekannt und besessen.</p> - -<p>Allein am nämlichen Vormittage schrieb Helene -zwei Briefe; den ersten an Thorald. Sie bot ihm -an, mit ihm zu fliehen nach Frankreich oder Italien. -»All diese Einwirkungen und Rückspiegelungen angenommener, -langjähriger Vorurtheile werden aus Pygmäen -zu uns überwältigenden Riesen, wenn wir den -hiesigen gewohnten Familien- und Gesellschaftsformen -ausgesetzt bleiben! An jedem andern Orte, um wie<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span> -mehr in einem anderen Lande, verlieren sie alle -Geltung.</p> - -<p>So wenig als unsere monopolisirende, auf Fabrikwesen -und Gewerbefleiß angelegte Academie Ihrem -Kunststreben wirklich fördernd genügen kann, eben so -wenig würde Ihnen ein Lebenskreis genügen, in -welchem wir stets defensiv aufzutreten hätten! – -Den ganzen Morgen hindurch habe ich für meine -Schwägerin mit den scharfen Waffen der Ironie gegen -die Thorheit meiner sogenannten Standesgenossen -gekämpft, gegen die armen Mogenstrupps, die am -Ende glücklicher sind als Jene, denn sie haben sich -mit dem Leben außer ihrem Stift und mit den persönlichen -Wünschen abgefunden; dennoch habe ich sie -und mich mit den spielend geführten Waffen verletzt -– verletzen <em class="gesperrt">müssen</em>!</p> - -<p>O Thorald, lassen Sie uns den Muth fassen, unser -Vaterland auf vielleicht zehn, zwölf Jahre zu -verlassen, in Frankreich, England, Deutschland – -wo Sie wollen, zu leben, menschlich frei zu sein! -uns bleibt keine Wahl, wenn nicht unsere edelsten<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span> -Seelenkräfte einer fortgesetzten, sie verkrüppelnden Entwürdigung -ausgesetzt bleiben sollen!«</p> - -<p>Den Rest des Briefes nahm der Ausdruck der -tiefsten, weiblichsten Zärtlichkeit ein, und die Bitte, sie -bei einer gemeinschaftlichen Bekannten zu erwarten, -bei welcher sie zuweilen sich getroffen.</p> - -<p>Das zweite Schreiben war an den Grafen Christian; -es ward abgesandt, als Helene zu jener Freundin -gefahren, bei welcher sie Thorald zu finden hoffte. -Sie schrieb:</p> - -<p>»Du hast Wort gehalten, Christian, Du sagtest -mir, als meinen Widersacher Dich anzusehen, und -hast offenbar und insgeheim als solchen Dich mir -bewährt. Kämpfe mit gleichen Waffen ehren die -muthig Streitenden, die unsern sind nicht einmal -gleich, sondern die Deinen stärker – dennoch hast -Du mir alle mögliche Ehre durch Deine hartnäckigen, -unablässigen Angriffe erzeigt. – Vergieb den trüben -Scherz, ich gehe wahrlich nicht darauf aus, Dir wehe -zu thun; ehemals kanntest Du mich; Du bist aber -in den letzten Jahren immer unglücklicher geworden, -und Thränen, sagt man, machen blind; darum<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span> -wähnst Du auch durch Gewalt mich zu besiegen und -vermöchtest doch höchstens mich zu tödten aus Scherz, -nicht aber mich bis zur Regungslosigkeit zu zerdrücken, -wie jene Unglückselige, die wir nicht nennen wollen!</p> - -<p>Mir scheint, Du hast in unserer Familienstellung -eine unbedeutende Kleinigkeit übersehen, nämlich: daß -ich das jüngste Fräulein unseres Hauses bin, und -mir bei einer keineswegs durch Adelsforderung verklausulirten -Verheirathung als solchem die zehntausend -Thaler Mitgift zufallen, welche die Schwester -des Grafen Owen, unsere Großtante, uns ausgesetzt -hat. Ich wußte seit Jahren um diese Sache, und -der Instinct der Schwachen ließ mich in Alslevs -Studirzimmer unser Familienbuch, und in diesem die -Notiz darüber finden, während Du bei unserer Ankunft -Dich seiner sogleich bemächtigtest, ihn in Dein -Zimmer, und mir und meinem Vertrauen zu entführen -für gut fandest. – Ich werde auf diese Summe -Anspruch machen, Du hast kein Recht, mir sie zu -verweigern, mich aber wird dies Geld vor jedem -Mangel schützen, bis es meinem theuren Thorald<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span> -gelungen sein wird, uns Beiden eine nur auf sein -Talent und seine eigene Kraft begründete Existenz zu -sichern.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"></div> -<p>Trostlos kehrte Helene heim vom Besuch der arglosen -Freundin, bei welcher sie Thorald gesehen! Sie -hatte Gelegenheit gefunden ihn zu sprechen, sogar -allein eine lange Unterredung mit ihm gehabt – aber -ach! – Thorald hatte mit dem vollen Ausdruck der -zärtlichsten Liebe in Blick und Wort dennoch auf das -Allerbestimmteste sich geweigert mit ihr zu fliehen! – -Sein dem Grafen Christian im Wäldchen auf Laaland -gegebenes Wort, »nichts zu thun, was Helenens Ruf -der Welt oder dem bösen Leumund des Kreises, welchem -sie angehöre, preisgäbe,« – war er entschlossen -zu halten.</p> - -<p>»Laß mich als fester Mann ihm gegenüberstehen -bleiben, wie ich dort am See mich vor ihm als -solcher empfand,« bat er sie, »damit er einst Deinem -Gemahl seine Achtung nicht zu versagen im Stande!<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span> -Sobald mir möglich sein wird Dir meine Hand zu -bieten, wird das Vermögen, welches Du mir zuzubringen -gedenkst, mir den Trost gewähren, Dich wenigstens -nicht harter Entbehrungen durch unsere Liebe -ausgesetzt zu sehen, allein nur in unserm Vaterlande, -nur öffentlich, vor Deiner Familie und Aller Augen, -darf ich als mein eigen Dich an mein Herz schließen, -als meine Frau Dich heimführen, wäre es auch gegen -den Willen der Deinen!«</p> - -<p>Was sie ihm auch einwandte, glitt an der einmal -empfangenen Gedanken- und Gefühlsrichtung seines -einfachen Charakters ab; sobald Thorald nicht durch -äußere Uebermacht gesteigert aus sich selbst herausgetrieben -zu enthusiastischer Heftigkeit hingerissen handelte, -war er gerade und redlich in allem Thun; er -vermochte sein Glück nicht um den verlangten Preis -zu erkaufen.</p> - -<p>»Kein Flecken darf durch meine Liebe zu Dir auf -den Schnee Deiner Seele fallen! Nicht Deiner stolzen -Familie, nicht Christians Versagen schreckt mich, -auch ohne alle Einwilligung der Dich mir Mißgönnenden -werde ich Dich einst mein nennen, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span> -öffentlich, nicht insgeheim. – Sind wir aber einmal -verbunden, dann Liebste, dann laß uns fortziehen, -daß sich der allerschönste Erdenhimmel, das blaue -Zelt Italiens über unser Glück hinwölbe, seine klare -Sonne freudig uns in's Herz scheine, und wir all -den grauen Jammer ihrer Pergamente und Diplome -vergessen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ach, Helene wußte nur zu genau, daß kein Priester -sie trauen werde in Dänemark, ohne Einwilligung -des Bruders, welcher nach Landessitte und Brauch -Vaterstelle an ihr vertreten, fast seit ihrer Geburt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Im höchsten Grade verstimmt schritten Graf Christian -und Alslev in dessen Studirzimmer auf und -nieder; das sorgsam geführte Register aller im Archiv -der Familie Gejer enthaltenen Documente lag im -uns wohl bekannten Pergamentbande auf dem Pulte -des Advokaten. »Und so,« schloß dieser seinen Bericht, -»fand sie schon am ersten Tage ihrer Ankunft -Gelegenheit, eine Schrift zu sehen, deren Inhalt ich -ihr absichtlich verborgen.«</p> - -<p>»Und schwieg darüber bis heute!« setzte der Graf<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span> -hinzu, »auch dahinter muß eine Absicht versteckt -sein –«</p> - -<p>»Nein,« erwiederte Alslev, »die Comtesse läßt -sich ungern vom Augenblick zu Gewaltschritten drängen, -und concentrirt auf diese Weise für den Nothfall -all ihre Kraft. Ich glaubte behaupten zu dürfen, -daß wenn der Herr Graf Dero Abreise, und mithin -Gräfin Helenens Rückkehr in's Stift etwas weniger -hastig betrieben, dieselbe ruhig hier verweilt haben -würde; hätte die Academie dem wirklich talentvollen -jungen Manne die Professur gewährt – sie wäre -sogar ruhig nach Wallöe gezogen; ihre Pläne sind -noch nicht reif!«</p> - -<p>»Am Ende hätten wir doch nur einen Aufschub -erlangt! Ich kenne Helene besser! Hier hilft <em class="gesperrt">nur</em> -die stärkere Gewalt. Zum Glück kann ich auf das -Bestimmteste ihr meine Einwilligung versagen; sie -mag meinen Tod abwarten und –«</p> - -<p>Des Advokaten Züge überflog ein leiser Spott, -– »und in zwei Monaten ist sie mündig,« fügte -er der abgebrochenen Phrase an. »Ich bekenne, daß -ich nicht ganz begreife, weshalb gerade der jüngsten<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span> -Comtesse Heirath dem gräflichen Hause so ganz besonders -wichtig. –«</p> - -<p>»Haben Sie nie bedacht, daß von den Töchtern -unseres Hauses, deren eine unseren Namen dem ihres -Gemahls beifügen kann, die Erhaltung des Geschlechts -der Gejer oder wenigstens der Hauptlinie -der Familie abhängt, oder abhängen wird, denn –«</p> - -<p>»Allerdings scheint wenig Aussicht zu einer Descendenz -des Grafen Friedrich geblieben; aber Graf -Joachim –«</p> - -<p>»Ist schwächlich wie ich! Ich kann und werde -diese Verbindung mit dem jungen Roturier von einer -zu ganz unbekannten Größen gehörenden Abstammung -<em class="gesperrt">nie</em> zugeben! Ich bin uns Allen schuldig, unter -keiner Bedingung es zu thun. – Morgen soll mir -Helene auf ihr Stift nach Wallöe!«</p> - -<p>»Darf ich Ihnen rathen, so überreizen Sie das -heftige Mädchen nicht! Treiben Sie sie nicht auf's -Aeußerste –«</p> - -<p>»Was kann sie in solcher Geschwindigkeit, binnen -vierundzwanzig Stunden unternehmen, Alslev? Auch -Sie übertreiben!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span></p> - -<p>»Sie könnte zum Beispiel den Geliebten dahin -vermögen, mit ihr nach Frankreich oder England zu -fliehen.«</p> - -<p>»Tod und Teufel! Alslev! eine Gräfin Gejern!«</p> - -<p>»Ist vor Allem ein Weib, und hier ein leidenschaftlich -liebendes –«</p> - -<p>»Sie haben Recht. Man muß ihr jede Möglichkeit -zur Flucht abschneiden, sie bewachen, ihr Gesellschaft -leisten, wollte ich sagen –«</p> - -<p>Und unterdessen schwamm Helene in Thränen, -weil Thorald unerbittlich blieb!</p> - -<p>Es giebt eine Menge weiblicher Wesen, welche -von der Natur zu Vertrauten-Rollen im großen Lebens-Drama -bezeichnet scheinen, sie kommen niemals -dahin, eigene reelle Verhältnisse, reinpersönliche Erfahrungen -zu haben, ihr Leben wird von Andern gelebt, -sie verfließen ganz in Anderer Individualität, -in Anderer Leid und Lust. Zu diesen Naturen gehörte -die Nordermule, sie ging auf in der drei Gräfinnen -Persönlichkeit. Seitdem die zwei Aelteren vermählt -und von Copenhagen fortgezogen, hatte eine -unbeschreiblich tiefe Melancholie das gute alte Mädchen<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span> -erfaßt, alle ihre Stunden waren ihr übrig geblieben! -– Daß Helene ihrer nicht bedürfe, war ihr längst -deutlich geworden, nun fürchtete sie, daß ein rascher -Schritt derselben sie sogar um den Anblick des letzten -ihr gebliebenen Zöglings bringen und dann ihr -armes Leben zu einer ganz zwecklosen Leere sich ausdehnen -werde. Schon die alljährig sich erneuende -Rückkehr in's Stift war ihr qualvoll, sie gehörte auf -keine Weise zu demselben; von Alters her war ihr -das ehemalige Stübchen ihrer Mutter geblieben, welche, -wie schon erwähnt, in der verstorbenen Fürstin Abatissin -Diensten gestanden. Wie ein Stück Möbel -oder sonstiges Geräth, hatte man sie dem Haushalt -der wahnsinnigen Ulrike zugestellt, bei welcher sie -lange Jahre geblieben – später hatte Graf Thugge -sie zur Pflege und Erziehung seiner drei Töchter nach -Aalholm berufen.</p> - -<p>Starr vor sich hinblickend, überdachte die kleine -Buckliche ihre lange ereignißlose Existenz; ein Lichtpunkt -derselben blieb Ulrikens erster Anblick; Emerenzia -hatte sie zum ersten Mal in einer künstlichen -Dämmerung, bei zugezogenen rothen Vorhängen<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span> -gesehen und zwar jener unbewußt; denn nur nach und -nach hatte man die Leidende an die Nähe der Fremden -gewöhnen können. Wie heiß und jugendfrisch -hatte sie von jenem Moment an für die schöne Trauergestalt -gefühlt und geschwärmt, die kaum halberschaut -ein Ideal aller Schönheit und weiblichen Vollkommenheit -ihr geblieben. Ach, die stets nur mit dem -Bilde des ihr entrissenen Liebsten sich beschäftigte, in -dem einzigen Gedanken absorbirte Ulrike, hatte die -leidenschaftliche Hingebung des armen Mädchens nicht -einmal bemerkt. Dennoch hatte diese den schönsten -Theil ihrer Jugendjahre ihrer Pflege geopfert, und -aus den Erinnerungen an jene Zeit den Nimbus all -ihrer Träume gewoben – für noch blüthenlosere Tage, -voll noch herberer Realität. Der verschwiegenen Treue -der allmälig mit dem Hause Gejer so eng Verwachsenden, -deren Gegenwart man bedurfte ohne -sie zu beachten, deren Lebenskraft man verbrauchte -ohne je darüber nachzudenken, war die ganze Qual -des Mitgefühls der unseligen Ehe des Grafen Thugge -aufgebürdet worden.</p> - -<p>Alle Phasen des überhand nehmenden riesigen<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span> -Elends, das verschmähte Liebe, Haß, Argwohn und -Flatterhaftigkeit einem Ehebande zu bereiten vermögen, -hatte sie mit durchlebt; die ganze dem kleinsten Samenkorn -des Unrechts entwachsende Wucht gegenseitiger -Versündigung mitgetragen, all den Seelenverrath -sich täglich erneuender Verzweiflung an allem Guten, -an Gott, Menschen und dem eigenen unbarmherzigen -Selbst hatte die arme Nordermule mit durchfühlt -in endloser Gewissenspein. Es hatte Niemand -je daran gedacht es ihr anzurechnen, oder gar es -ihr zu danken.</p> - -<p>Später hatte Emerenzia dem Leben der Kinder -eben so rücksichtslos Körper und Seele geweiht. Jene -schwersten Ereignisse waren vorübergezogen, Graf und -Gräfin ruhten endlich im Grabe. Nun nahmen Glück -und Leid der Uebriggebliebenen ihre von dem Dasein -Emerenzia's weit abführende Richtung. Neue Fäden -knüpften sich zum Gewebe besserer Tage – die Nordermule -blieb verlassen allein zurück; die sie mit ihrem -Herzblut genährt, zogen fort; weder Licht noch -Schatten der ihr nun entfremdeten Existenzen der Geliebten -fiel mehr auf sie zurück. – Sie hatte die Erlaubniß<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span> -nach Belieben im Schlosse oder auf dem -Stifte zu weilen. –</p> - -<p>Große schwere Thränen rollten über die bleichen -gefurchten Wangen der Alten; es sah es ja Niemand, -sie durfte schon weinen. Da öffnete sich leise -die Thüre ihres Stübchens – es war Graf Christian, -der eintrat.</p> - -<p>»Liebe Emerenzia,« sagte er kurz aufathmend, -eilig, in gepreßtem Tone, »Sie wissen, wie ich voraussetzen -muß, Alles was hier im Hause, was in -Helenens Seele sich zuträgt – ich brauche mich -nicht deutlicher zu erklären. Es soll eine große Unbesonnenheit, -ein Unrecht begangen werden – Sie -müssen das hindern, oder vielmehr mir helfen es zu -hintertreiben. Meines seligen Vaters Zimmer grenzt -an das meiner Schwester; – ich bitte Sie dort insgeheim -diese Nacht zuzubringen – die Fenster gehen -nach dem Garten wie Sie wissen – auch diesen -Abend ersuche ich Sie, sich dort oder bei der Comtesse -aufzuhalten. Sie verstehen mich doch genau? -Helene darf nicht sich selbst überlassen bleiben, nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -unbeachtet – und man kann sie doch nicht bewachen -lassen.«</p> - -<p>Der Graf trocknete sich heftig mit dem Schnupftuch -die Stirn, sie war mit Schweiß überdeckt, trotz -der Kälte im Zimmer.</p> - -<p>»O weh! also hatte mein banges Herz richtig -geahnt, was uns bedroht!« sagte die Nordermule zu sich -selbst. Sie war schon aufgestanden, um dem erhaltenen -Befehl augenblicklich Folge zu leisten; »aber,« -bemerkte sie zaghaft zögernd, »wird der Comtesse mein -ungewohnter Aufenthalt in den Gemächern des seligen -Herrn Grafen nicht sehr auffallend sein? oder wird -sie vielleicht auf meine Gegenwart gar keine Rücksicht -nehmen? ich wäre ja nicht einmal im -Stande sie zurückzuhalten.« – Glühendroth wurde -Christian, er biß sich in die Lippen, »im Nothfall -rufen – schreien Sie! ich – begreifen Sie denn -nicht? – ich werde angezogen in meinem Zimmer -wachen. Muß man,« setzte er ungeduldig mit dem -Fuß stampfend hinzu, »einer Person, welche ein -Viertel Säculum im Hause, mit schlagender Derbheit -auch das Zarteste breit treten, damit sie es erfasse<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span> -und ihr wie einem Neuling, wie einem unserer ausländischen -Diener <em class="gesperrt">befehlen</em>? – Sie werden das -sich im Augenblick als passend und nothwendig Herausstellende -thun, Jungfrau Nordermule,« setzte er stolz -den Kopf zurückwerfend, mit dunkel aufblitzendem Auge -sie durchbohrend hinzu, »oder – hätte ich mich -geirrt? wüßte Die, welcher wir, mein Vater und -ich, ehemals die Ehre unseres Hauses unbedingt anvertrauen -durften, jetzt keinen Rath mehr zu finden, -das Rechte zu thun? Hat Helenens Wahnsinn auch -Sie so verblendet, daß Sie wie ein kleines Pensionsmädchen -ihr beizustehen wähnen, indem Sie die bereits -Taumelnde dem Abgrunde zustoßen, an dessen -Rande sie steht? – Ist es möglich!« rief er plötzlich, -auf's Leidenschaftlichste erregt zum Himmel aufblickend -und die gefaltenen Hände schmerzhaft gegen -die auffliegende Brust gedrückt, »auch hier habe ich -geirrt!«</p> - -<p>»O nein, nein, niemals!« rief in die Knie -sinkend und seinen Rock ergreifend die Nordermule, -»um Gotteswillen kein Mißtrauen! es würde mir -das Leben kosten! Alles, Alles, was Sie wünschen,<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span> -soll geschehen, wüßte ich nur genau, wie das Rechte -erreichen; ach, Graf Christian, ich bin nicht mehr -stark und jung wie in jenen Tagen, der Körper altert, -bleibt auch das Herz jung!«</p> - -<p>Lebhaft riß Christian die Bebende auf, alle -Muskeln seines edlen Gesichtes vibrirten, tief beschämt -führte er sie sorgsam zu einem Sessel; er sprach -kein Wort. Sie sah zu ihm auf, wie ein sterbender -Katholik zu seinem Schutzpatron, der sie vertreten -soll vor dem ewigen Richter. Endlich, als sie nicht -mehr so convulsivisch schluchzte, nahm er, in den gewohnten -etwas unsichern Ton zurückfallend, ihre Hand, -»vergeben Sie,« sagte er, »ich habe Sie durch -meine Heftigkeit sehr erschreckt! Ich war nicht darauf -vorbereitet einer unserer Familie so ergebene Person« -– das Wort Freundin brachte er nicht über die Lippen -– »Erörterungen so schmerzhafter Art geben zu -müssen.« Leise drückte er die ergriffene Hand, und -Emerenzia blieb allein. Eine wunderbare Verklärung -überzog die unschönen Züge des armen alten Mädchens; -also hatte er doch wirklich einmal gewußt, -was sie mit seiner Mutter ertragen, um seinetwillen!<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span> -Seine Jugendgestalt schwebte ihrem innern Blicke -vorüber. Dann sah sie die Stelle noch einmal an, -wo er vor ihr gestanden, und die Stuhllehne, auf -welcher seine Hand geruht, während sie da saß und -weinte – und begab sich, fest entschlossen, Alles zu -Erhaltung der Ehre und Wohlfahrt der Familie zu -thun, in das Zimmer des verstorbenen Grafen -Thugge.</p> - -<p>Vor Helenen stand in der nämlichen Stunde der -gute isländische Pfarrherr, hielt begütigend, wie ein -mildrichtender Vater, ihre kleine Hand in seinen beiden -großen und endete eine lange tröstende Rede mit -diesen Worten:</p> - -<p>»Glauben Sie mir, theure Comtesse, jede willkürliche -Abweichung von den uns vorgezeichneten -Lebenswegen, obschon sie in der Zulassung des Höchsten -liegt, denn sonst könnte sie ja nicht geschehen, -bringt neues Leid, statt des gehofften Erdenglücks. -Der gewaltsam Handelnde erzeugt neue Gewaltsamkeit. -Ist es Ihnen möglich, so greifen Sie nicht -jetzt, nicht in einem Augenblicke in Ihr Geschick, in<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span> -welchem alle Tiefen Ihrer Seele vom Schmerz aufgewühlt -sind!«</p> - -<p>»Ach, würdiger Herr,« erwiederte Helene, »Sie -sind über all diesen täglich sich erneuenden Quälereien -hinaus, Sie leben Ihr einfaches, gottergebenes Dasein -so still für sich hin, wie können Sie die Pein -all der civilisirten Nadelstiche mir nachempfinden, -wie ich unter den Meinen, wie in der Gesellschaft -ich sie erdulde.«</p> - -<p>»Und doch lehrt mich nicht nur die Religion, welche -für alles Menschenweh dem aufrichtig das Gute Wollenden -die Gefühlsfäden verleiht, das fremde Leid zu -erkennen; auch die Geschichte meiner Väter mahnt -mich zum Verständniß des meiner Stütze Bedürfenden. -– Zwar haben wir Geistlichen auf Island keine -blutige Fehden mehr, wie im 16. Jahrhundert, aber -wie um die Mitte desselben Bischof Arensen mit seinen -beiden Söhnen den Tod auf dem Schaffot dem -Versprechen vorzog, das man ihm abverlangte: sich -nicht an seinen Feinden zu rächen, wie er in starrer -Unbeugsamkeit, ohne ein Wort der Selbstvertheidigung -lieber als Majestäts-Verbrecher das Todesurtheil<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span> -über sich aussprechen ließ, um nur das stolze Herz -nicht demüthigen zu müssen, im Zugeständniß seiner -Unbill, so denkt noch jeder einzelne Bewohner unserer -Insel. Je rauher das Clima, je schneidend schärfer -der Wille, je karger die Gaben des erkaltenden Bodens, -je eigensinniger der Mensch in jedem ihn und die -Seinen betreffenden Entschluß! Wäre ich sonst wohl -hier? – Ach der Isländer härtet seine Seele im -Frost, wie das Eisen im Feuer. So kenne ich denn -gar wohl die Tiefen der übermüthigen Menschenbrust, -die weder in Haß noch in Liebe das richtige -Maß zu halten im Stande. Mein Heiland und -Herr! Seit mehr denn zweihundert Jahren schon liest -der isländische Bauer die Bibel in seiner eigenen -Muttersprache, und immer noch erweicht ihm Gottes -mildes Wort nicht das verstockte Herz, – sehen Sie, -lieb Fröken, so weiß ich denn auch um die Gewalt -der Leidenschaft, hab' auch ich selber sie nie empfunden -– sie spiegelt sich auf gleiche Art in der Nation, -wie im Individuum: von Leidenschaft seid Ihr <em class="gesperrt">Alle</em> -bewegt! –«</p> - -<p>»So soll ich den Mann, der mir unbedingt vertraut,<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span> -einer Grille meiner Brüder wegen verlassen? – -Ihn aufgeben in einem Augenblick, wo der Adel überall -wie ein veraltetes, menschliches Institut in sich zusammenbricht, -und zurücksinkt in die eigene Unbedeutenheit -– wo er allmälig nur zum Hofgewand sich -gestaltet, das man ab- und anlegt nach Belieben, -eben da soll ich Thorald aufgeben? Ihn den Liebenden? -Ihn der mich beglückt? Habe ich denn zur -Aufrechthaltung des alten adeligen Stammes, wenn -sie denn wirklich als etwas Wünschenswerthes gelten -soll, nicht Brüder und Schwestern –«</p> - -<p>»Aufgeben? nein! aber warten! die Gestaltung -dieser gährenden Volksmassen in ihren immer schnelleren -Bewegungen abwarten, die Zeit arbeitet an einer -Krisis, –«</p> - -<p>»Abwarten! – Jürgenssen! Sie haben wohl -niemals von dem Geschick gehört, das die Liebe -den Unglückseligen unseres Hauses zu bereiten pflegt. -O es ist grauenhaft, mit welcher vornehmlächelnden Heiterkeit -wir ganz unmerklich Herzen zu brechen, keimende -Hoffnungen zu knicken verstehen! Sie haben wohl -niemals von meiner verstorbenen Tante Ulrike gehört?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p> - -<p>»O wohl und oft!«</p> - -<p>»Und – auch von meinem Vater?«</p> - -<p>»Fast mehr als Sie, liebe Comtesse, von ihm wissen -mögen!«</p> - -<p>»Und Sie muthen dennoch mir zu, einem Ausspruch -mich zu unterwerfen, der solche Opfer seinem -lächerlichen Götzen bringt, oder eine äußere Hülfe -zu hoffen?« –</p> - -<p>»O, liebes Fröken,« sagte der schon bei den ersten -Worten, welche das Leben ihrer Vorgänger im Leide -berührten, in sich und seine Erinnerungen versunkene -Kind, »welch ein edles Herz hatte Ihr Vater! Als -er auf unsere Insel kam, war ich eben erst von Norwegen -herüber gekommen, wo ich zu Drontheim auf -der Schule gewesen. Ich war fast noch ein Knabe. -Aber immer wieder und wieder erzählten sich die -Männer auf der Insel von dem traurigen und liebreichen -Manne, der einer Rose wegen nach Island -gereis't und –«</p> - -<p>»Mein Vater auf Island? Sie träumen lieber -Kund!« – Der gute Pfarrer schüttelte sanft das -Haupt: »sollte man Sie, theures Fröken, um das<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span> -Erkennen der Trefflichkeit Ihres Herrn Vaters gebracht -haben? Das ist ja kaum möglich! es ist ja so herrlich -dieses Bild seines dortigen Aufenthaltes, es ist -ja so recht wie ein von der Gnade des Herrn uns -hingestelltes leuchtendes Sternbild, das den Erdenweg -uns erleichtert, indem es an den Himmel uns erinnert!«</p> - -<p>Helene sah ihn mit bittenden Blicken an.</p> - -<p>Der gute Alte setzte sich, wie immer etwas ängstlich -ungeschickt »in den prächtigen Zimmern« mit -dem Rücken gegen die Thür, welche Helenens Stube -mit der des verstorbenen Grafen verband.</p> - -<p>»Es war im Frühling des Jahrs 1763« – -ein leiser Seufzer drang aus dem Nebenzimmer an -Helenens Ohr – ein Schauer überflog ihre Glieder, -sie wickelte sich fester in ihrem Shawl, »als ein -ältlicher Herr,« fuhr der Pfarrer fort, »der sich insbesondere -mit Naturwissenschaften befaßte, zu uns -herüber kam – hier im Lande mag es wohl schon -Sommer gewesen sein, denn er war kurze Zeit vor -dem Johannisfeste; – über die Eilande Engey und -Vidöe, wo sonst das große Mönchskloster lag – das<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span> -jetzt ein königlicher Hof geworden, des Eiderdaunenverkaufs -wegen – war der fremde Herr nach Reikiawik -gekommen, das damals nur ein elendes Dorf -von wenig Häusern war. Nach dem Kloster auf -Vidöe war er gegangen, um eine Blume zu suchen, -eine Rankenrose, sagte man, welche in anderen Ländern -eine große Seltenheit sein soll, bei uns aber -dem Hochgebirge wild entsprießt, wie den Gletschern -in der Schweiz die Alpenrose. Ehemals hatte die Rose -im Mönchskloster fast das ganze dem Brüderhause -anhangende Kirchlein umwoben, nun seitdem ihre -Pfleger vertrieben und ausgestorben, war sie verkommen, -wie das ganze Gärtlein; keine Spur war dort -mehr von ihr zu finden. An der so eifrig gesuchten -Rose aber hing des Wandrers ganzes Herz, ihretwegen, -sagte er, habe er die Heimath verlassen, er -bedürfe sie, um sie in ein großes Buch zu legen, und -die Beschreibung derselben einem botanischen Werke -einzuverleiben, an welchem er arbeitete. Es müßten, -meinten die isländer Häuerlinge, dem guten blassen -Herrn, der immer so ernst und trübe vor sich hinsähe, -daheim viel traurige Prüfungen auferlegt worden<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -sein, die ihn so recht gerade zu in das Herz getroffen, -daß er an so kleinen Dingen Trost zu suchen in -die Fremde ziehe! Er wollte von uns aus nach -Rangavallesyssel, wo er im Hochlande die Rose zu -finden sicher war« – der Seufzer in der Nebenstube -wiederholte sich, ein beklommenes, schweres -Athmen ward in der Stille, welche nur Kunds milde -Stimme belebte, deutlich hörbar. Rasch sprang Helene -auf und öffnete die Thüre hinter dem durchaus -arglosen Kund: die Nordermule saß in des Grafen -Zimmer an der Wand in der nächsten Nähe desselben, -jedes seiner Worte mußte dort ihr vernehmlich gewesen -sein.</p> - -<p>Einen Augenblick maß des Mädchens glühender -Blick Beide – »ich bin wohl hier in meinen Zimmern -bewacht?« fragte sie sehr ernst, dann setzte sie scherzend -hinzu: »Du kannst ruhig zu Bette gehen Emerenzia, -wenn Du es nicht vorziehst unseres lieben Pfarrers -Erzählung mit anzuhören, ich entfliehe Euch nicht! -denn – Thorald hat nicht <em class="gesperrt">gewollt</em>! das kannst Du -denen sagen, welche Dich hierher postirt,« setzte sie mit -leicht bebender Lippe hinzu, indem sie fortgesetzt schärfer<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span> -und richtender der armen Nordermule in das erbleichende -Antlitz schaute; »aber nun, lieb Väterchen, -fahrt fort in Eurer seltsamen Geschichte der Wunderrose, -die nur auf Schnee und Eis erblüht!«</p> - -<p>»Ach,« sagte die Nordermule, »Alles, was der -hochwürdige Herr erzählt hat, so fabel- oder mährchenhaft -es klingt, ist buchstäblich wahr! Ja, Graf -Thugge's Herz war zum Brechen voll und schwer, -als er fortzog in die nordischen Lande. Lange Jahre -schon hatte er in der Botanik und im Besitz irgend -einer seltnen Pflanze, von welcher in ganz Dänemark -kein zweites Exemplar sich fand, die einzige -Erheiterung seiner trüben Tage gesucht. Die Frau -Gräfin brachte immer längere Zeit, ja drei Viertel -des Jahrs bei ihren Freunden in Copenhagen zu, -der arme Herr blieb ganz allein mit uns auf dem -Schlosse; Graf Christian war in Bauerntracht entflohen -und lebte in Jütland, die beiden anderen Junker -in entfernten Schulen; ich war abwechselnd hier -bei den Kindern, oder bei der Comtesse Ulrike. Wenn -er nun die übergroße Einsamkeit seines Lebens, (denn -allen Umgang mit den Gutsnachbarn mied er), nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span> -länger zu tragen vermochte, machte der Graf Reisen, -nach Versailles, nach England, und öfterer noch nach -Holland, um seltne Gewächse zu sehen und für sein -Herbarium zu kaufen. In der Pflanzenwelt, sagte -er, ist Stille und Frieden, sie verblühen und verwelken -sanft! So schritt er leisen Schrittes zwischen den -Wiesen-Blumen und unter den Riesenbäumen des -Parks hin, er liebte sie und betrachtete sie wie Verwandte; -keinen Stamm durfte man fällen, keinen -Zweig knicken, keine Blüthe stören durch Berührung! -Mit den Sträuchern und Bäumen sprach er -auch immer, weit seltner mit uns! Im Winter trug er -sich die Scherben voll Blüthen in's Zimmer, war auch -viel im Gewächshaus und spielte oft halbe Nächte -hindurch auf der Geige; dann mochten ihn wohl -frohe Erinnerungen umschweben, man sah ihn zuweilen -mit der Violine in der Hand vor den großen -Saalspiegeln sich rhythmisch bewegen, fast wie auf -Schloß Steinburg die Comtesse, aber nur mit fest -geschlossenen Augen. –</p> - -<p>Weil das Alles Jahre lang immer sich erneuete, -waren wir an sein stilles Walten gewöhnt und suchten<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span> -in solchen Augenblicken nur die kleinen Kinder -ihm fern zu halten, daß keines ihn störe. – Immer -größer aber wurden seine Reisen, und führten ihn -immer weiter hinweg. Nun war es um die Zeit, -daß wir zuerst an einen Versuch dachten, die Comtesse -hierher zu bringen, um dem Arzt näher zu sein, -als der Graf gerade einen Theil seiner Fels-Flora -ordnete, deren Herbarium in Steinburg lag. Da -fehlte denn in der Reihe der wildwachsenden Rosen -eine hochnordische Alpenpflanze, welche alle Kälte -überdauert und auf das Gletschermeer ihre Blüthen -wirft; Tag und Nacht dachte unser Graf nur an sie, -und beschloß endlich mit einem der Frühlingsschiffe -nach Island zu gehen, um sie zu holen.</p> - -<p>Ich weiß nicht wie es zuging, daß wir gerade -über diese Reise so ungewöhnlich viel redeten, die -weite Entfernung, das rauhe Clima machten uns -besorgt – es hat wohl so kommen sollen, nach des -Allmächtigen Willen! – Kurz, wir vergaßen uns -so weit, sogar in der stets tief in ihren eigenen Gedanken -versunkenen Ulrike Gegenwart von des Grafen -Absicht zu sprechen – plötzlich horcht sie auf! ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span> -Auge wird blau und strahlend, die Sehkraft desselben -concentrirt sich in der Pupille, jeder Bewegung mächtig, -wendet sich ihr Antlitz uns zu. »Nach <em class="gesperrt">Island</em>?« -fragt sie, »wer will nach Island?« – Wir erzählen -ihr, glauben aber, daß sie nicht auf unsere Rede -achten wird – aufmerksam, ohne einen Laut zu verlieren, -lauscht sie unserer Antwort, dann richtet sie -plötzlich sich auf und steht vor uns. »Meinen Bruder! -ich will meinen Bruder sprechen,« sagt sie, fest -und vollkommen ihrer selbst bewußt. Welch ein Anblick! -Diese tief verhüllte Herzensjugend, die so -plötzlich ihre Decke durchbrach, und vergeistigend die -längst verschrumpften Züge der Greisin durchleuchtete! -Ihre gekrümmte, vom Alter schon klein gewordene -Gestalt streckte sich, uns Alle ergriff eine unsägliche -Ehrfurcht, denn es war, als ob Gott zu uns spräche -aus dieser mit einem Mal sich erfrischenden Vergänglichkeit -– sie wurde beinahe schön wie in ihrer Jugend, -durch das Erwachen eines himmlischen Ausdruckes -ihres Gesichts – »Ich will meinen Bruder -sprechen, meinen Bruder!« wiederholte sie immer von -neuem.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span></p> - -<p>Ein Reitknecht warf sich auf's Pferd und eilte -zum Herrn Grafen, dem er unterwegs schon begegnete, -(des Herbariums halber hatte dieser nach Steinburg -gewollt), und Hans gab ihm die Nachricht, -daß die Comtesse ganz zusammenhängend gesprochen, -und dringend nach ihm verlangt habe.</p> - -<p>»Das ist der nahende Tod!« rief der Erschrockene, -»sie stirbt!« Rasch sprang er aus dem Wagen, -warf sich auf des Reitknechts Pferd, und sprengte in -rasendem Galopp zu uns herüber.</p> - -<p>Allein es war nicht die Hand des Todes, nur -die der Liebe, welche das Herz der Kranken berührt! -– Sie erkannte ihn sogleich; »Bruder,« sagte sie, -»die Frauen sagen mir, daß Du nach Island reisen -willst« – »ja,« erwiederte der Staunende, sie wie -ein Wunder anstarrend – »ja Ulrike, ich habe dort -ein Geschäft, und will morgen schon hin.«</p> - -<p>»In der Sundlendinga Fiordung,« fuhr sie mit -immer gleicher Besonnenheit fort, »mußt Du nach -dem Rangavallesyssel fragen, zwischen den Apa- -und Huitaae-Seen geht der Weg – da liegt Skalholt, -und etwas höher hinauf das Pfarrhaus; drinnen<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span> -wohnt ein sehr alter Mann, der Prediger einer -weit an den Bergen hin zerstreuten Gemeine, sie zieht -sich bis zu dem Markarfiorden hin, da mußt Du -nach Johannes Thorson fragen, und in seine Wohnung -gehen. Frage nur recht genau, sie werden -Dich gern berichten; da findest Du einen alten Mann, -alt und grau wie ich, mit hellen blauen Augen, ach, -du wirst ihn gleich erkennen, wenn du ihn von Ulrike -Gejer gegrüßt! Sage ihm, sie habe nie seiner -Liebe vergessen, und nie einem Andern die Hand -gereicht, nie sei sie wieder fröhlich geworden, nie -habe sie wieder gelacht; Tag und Nacht, Wochen, -Monate, Jahre um Jahre, das ganze lange Leben -hindurch habe sie nur seiner gedacht – immer – -nie weiter gedacht – immer nur sein, sein bis zum -Tode!«</p> - -<p>Als sie diese Worte gesagt, vermochte sie nichts -mehr hinzuzufügen, ihre Kraft war gebrochen; sie -sank zusammen und wir trugen sie hinaus auf ihr -Lager. Sie blieb still wie schlafend liegen, noch -viele folgende Tage hindurch; dann stand sie auf, -fiel aber bald wieder in ihre alte träumerische Geistesabwesenheit<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span> -zurück, und sprach nicht mehr. – -Der Graf reis'te am nächsten Morgen ab nach Island.«</p> - -<p>Mit sanfter Aufmerksamkeit hatte Kund der Nordermule -unerwarteten Eingriff in seine Erzählung -hingenommen, mit wachsender Theilnahme, und immer -gespannter war er ihren Worten gefolgt.</p> - -<p>»Ja! so war es!« sagte er endlich, »gerade so -erfuhren wir nach und nach aus des Grafen Munde -alle Einzelnheiten, die wir gar nicht ahneten. Kaum -hatte er unter unserer Leitung dem Rangavallesyssel -sich genähert, so fiel ihm auf, wie alle Pfade und -Stege auf dem Gebirge rein gehalten, und mit Wahrzeichen -versehen, daß der Bergsteigende die Richtung -nicht verliere und nicht versinke in um das Frühjahr -von der Felswand sich lösenden weichen Schnee, oder -begraben werde in den leicht überdeckten Eisspalten. -Die Bewohner des Syssels wären reinlicher und -besser gekleidet, meinte er, und ihn freute, wie die -Kinder, denen wir begegneten, alle gern Bericht gaben -von der Bergesrose, und sich erboten, sie zu -suchen, falls sie schon erblüht, sonst aber den Strauch -mit den Wurzeln dem fremden Herrn zu bringen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span></p> - -<p>Unter uns dachte Keiner an diesen großen Unterschied, -welchen die Gemeine der seltnen Sanftmuth -und Geisteskraft ihres Predigers zu danken hatte, -welcher seit fast einem Menschenalter, ohne Weib -und eignes Kind, nur seinem Kirchspiel und dem -Wohl seiner Pfarrkinder lebte. Nun es der dänische -Herr bemerkte, fiel es plötzlich uns Allen auf.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Des guten Johannes Wohnung war ganz aus -grau und rother Lava erbaut; um dieselbe her lagen, -da sie sehr klein war, noch mehrere ebenfalls einstöckige -Wirthschaftsgebäude zur Stallung des Viehs, -zu Schlafkammern des Gesindes und zu Aufbewahrung -der Wintervorräthe bestimmt; alle waren, wie -das Sitte bei uns, roth angestrichen und mit grünendem -Rasen belegt. Dem Grafen schauderte vor -der anscheinenden Aermlichkeit und Oede dieses Aufenthalts, -doch war alles, was er sah, auffallend -gut gehalten und glänzend rein: kein Fensterladen -gebrochen, kein Mist oder Unrath in Winkeln aufgehäuft, -kein vernachlässigtes, umherliegendes Ackergeräth -zu sehen, Alles war sauber und geordnet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p> - -<p>Als wir nun einsprachen, herrschte drinnen in -der kleinen Stube die nämliche stille Reinlichkeit; es -war, als sei es immer Sonntag drinnen: das Zimmerchen -war weiß getüncht, auf saubern Regalen -standen lange Reihen dänischer Bücher, unter Glas -und Rahmen hingen an der Wand sorgfältig getrocknete -Blumensträuße aus Dänemark, wie hier die -Wiese sie beut. Neben dem wohleingerichteten Schreibtisch, -dem Feuer zunächst, stand ein Körbchen, drinnen -lag ein krankes Lamm, das der Alte pflegte. -Der Pfarrherr war nicht im Augenblicke daheim, die -Magd brachte uns einen Morgenimbiß, trockne Fische, -gekochte Eier, Käse und Blanda – und die Burschen, -die aus Reikiawik uns hergeleitet, erzählten, -wie der Pfarrer sie alle gelehrt, die Kartoffeln besser -zu bauen, wie er eigenhändig ihre Gärtchen angelegt -habe, ihre Arbeiter geleitet, ihre Häuser gerichtet -unter dem Felsendach; immer war es der Pfarrer, -von welchem alles Gute kam, was sie thaten oder -hatten, – mit thränendem Blick gedachten die alte -Magd und der Knecht seines hohen Alters, und der -wenigen Ruhe, die er sich gönne! Was sollte wohl<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span> -aus ihnen werden, wenn sie ihn nun verlören? Und -er war beinahe an die Achtzig! Auch dem Grafen -wurden die Augen feucht; da hörte man Schritte -und Jubelgrüße der Kinder draußen; es war der -gute Prediger Johannes, der heimkam aus dem Gebirg, -wo er Kranke besucht.</p> - -<p>Ein durch die Jahre, wie Janfru Emerenzia von -dem Fröken Ulrike es bemerkte, tiefgekrümmter und -durch die Grabesnähe schmächtig gewordener Greis -erschien an der Schwelle, mit einem Haupt voll -schneeweißer Locken, die zu beiden Seiten des ganz -schmalen Gesichtchens auf die Schultern herabfielen; -sein Auge war noch hell und scharf, und der Schnitt der -Züge, wenn man sie nur erst recht angesehen, und -über alle Narben und Zeichen, welche Wetter-Unbill, -Alter und Gram ihnen aufgeprägt, hinaus war, immer -noch auffallend edel und schön. Wie eine Glocke -tief und fromm klang seine milde Stimme; es war, -als läge schon im Ton derselben eine Beschwichtigung -für den Leidenden, ihm seine Noth Klagenden. -Ueber dem geistlichen Gewande trug er einen schwarzen -Mantel, der um den Leib mit einem Strick von<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span> -Ziegenhaar gegürtet war, daß der Orcan ihn nicht -an demselben zu erfassen und vom Felsrand hinab -in die Tiefe zu schleudern vermöge; auf dem Kopf -hatte er eine Pelzkappe, die er beim Eintritt nebst -seinem Alpenstock der alten Magd übergab.</p> - -<p>Freundlich und würdig begrüßte er den Fremden, -als er ihn genauer in's Auge faßte, überflog ein -leichtes Zittern die ganze Erscheinung; er fuhr mit -der bebenden Hand über die Stirn – als müßte er -einen Gedanken verscheuchen, doch setzte er sich schnell -gefaßt zu uns und entschuldigte, ihn herzlich bewillkommnend, -bei seinem Gast sein spätes Erscheinen. -Graf Thugge erzählte dagegen ihm nun von seinem -botanischen Reisezweck und seiner Absicht, die Geiser -und das Hochgebirg aufzusuchen, und der Alte gab -mit umsichtiger Ortskenntniß ihm Bescheid. Wir -anderen ihn Geleitenden hatten uns in einen entfernten -Winkel des Gemachs zurückgezogen, die Unterredung -der beiden Männer nicht zu stören; von -dem, was sie betreffen werde, hatten wir keine -Ahnung; der Graf aber schien unsrer Gegenwart -ganz zu vergessen. Nachdem er dem Pfarrer für die<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span> -ihm gegebene Auskunft gedankt, sagte er ihm, daß -er noch einen Auftrag, einen Gruß ihm zu überbringen -versprochen, und nannte des Frökens Namen. -Als der Schall dieses Wortes sein Ohr traf, schrak -der Pfarrer zusammen, als habe ein elektrischer Schlag -ihn berührt – dann aber vergeistigte sich die ganze -zitternde Greisesgestalt, einen Augenblick ward sie -strahlend schön, durch einen fast überirdischen Ausdruck; -Johannes stand mit himmelaufwärts gerichtetem -Antlitz wie ein Prophet vor uns, der zu seinem -Gotte spricht, aller Erdengram war von ihm -abgefallen; es war der heiße Dank der Seele, der -im preisenden Gebet zum Ewigen sich erhob für den -ihm endlich gewordenen, ein Leben lang ersehnten Augenblick.</p> - -<p>Graf Thugge vollendete seinen Bericht; ach, es -blieb unmöglich, dem Alten die Trauerkunde von -Ulrikens Geisteszustande zu bergen! Demüthig mit -vor den zitternden Lippen gefaltenen Händen nahm -er schweigend sie hin; es lag etwas Unantastbares -in der höchsten Freude, die ihm geworden, nichts -vermochte sie ganz zu zerstören; in frommer Ergebung<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span> -hörte er dem Grafen zu. – »Sie sind Thugge! -mein einstiger Schüler,« sagte er endlich, »der hoffnungsvolle -und doch so traurige Knabe, den ich nur -kurze Zeit unterrichtete und dann verlor! – wie -dachten wir Beide so oft auch Ihrer! Auch diese -Freude, Sie wiederzusehen, hat mir der Herr geschenkt, -o was sind alle Leiden, die uns Menschenhand -auferlegt, gegen seine allerbarmende Gnade! –«</p> - -<p>Er stand auf und näherte sich den mit Papier -verklebten Fenstern, um in hellerem Licht den Grafen -besser zu sehen; es war als tränke er Ausdruck und -Form seiner Züge, als zöge er sie mit aller Seelenkraft -in sein Gemüth, um nur ja nie sie zu vergessen! -– Endlich richtete er gefaßter den klaren -Blick auf ihn: »Sagen Sie ihr,« sprach er mit -fester, sonorer Stimme, »daß auch ich keine Andre -geliebt – ja nicht einmal ein andres Weib bemerkt -auf der ganzen Welt! Daß auch ich täglich immer -und immer ihrer gedacht: daß Schmerz und Seligkeit -meiner Liebe zu ihr niemals geendet! meine Pfarre -hat mich gerettet!« – Unfähig weiter zu reden, -drückte er dem Grafen die Hand, wandte sich ab<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span> -und trat in eine kleine Kammer, in welcher er schlief; -die Thüre zog er leise hinter sich zu. –</p> - -<p>Uns aber winkte der Graf und wir gingen ernst, -wortlos, wie aus der Kirche, hinaus, schwangen uns -auf unsere vor der Thüre angebundenen Pferde und -ritten schweigend dem Hecla zu. Draußen schien -es Frühling geworden, eine warme belebende Sonne -vergoldete den fernen Gebirgsschnee, und ließ die -Gletscherspalten im reinsten Saphirblau erscheinen, -die Schneeammer sang, und die Kinder liefen uns -mit Alpenblüthen entgegen, die sie während unseres -Aufenthaltes in der Pfarre gesucht.</p> - -<p>Der Graf kehrte nicht nach Rangavallesyssel zurück; -allein er weilte noch mehrere Tage in der Sundlendinga -Fiordung, und sprach den Stiftsamtmann -zu Reikiawik, bei welchem er eine große Geldsumme -niederlegte für die Gemeine von Skalholt, um jedem -Wunsch des würdigen Pfarrers für dieselbe, welcher -bisher durch Unzulänglichkeit der Mittel unerfüllt -geblieben, zu willfahren.</p> - -<p>Johannes errichtete im nächsten Jahr sein kleines -Hospital und verband mit demselben, wie er Jahre<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span> -lang gewünscht, eine Apotheke. – Wenn Ihr einmal -nach Island kommt, lieb Fröken, will ich Euch -das Granit- und Krystall-Denkmal zeigen, das die -Gemeine dem guten dänischen Grafen erbauet; – -die Leute wissen seinen Namen nicht, auch der Stiftsamtmann -weiß ihn nicht, allein wenn der Johannistag -kommt und die Schneeammer singt, eilen alle -Einwohner von Skalholt, dasselbe zu bekränzen, und -finden es oft schon von tausend blühenden Rankenrosen -dicht umwoben.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"></div> -<p>Am späten Abende versuchte Alslev noch einmal -in einer langen Unterredung seiner jungen Freundin -tief erregtes Gemüth zu beschwichtigen. Er fand sie -sehr schmerzlich bewegt: – das Bild eines zu lebenslanger -Einsamkeit verdammten Herzens stand unaufhörlich -ihrem inneren Blicke gegenüber; ein unsägliches -Grauen vor dem Scheiden aus Thoralds -unmittelbarer Nähe, und vor der durch eigenes Leid -nie zu erweichenden Hartnäckigkeit des Stammes, dem<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span> -sie angehörte, hatte sich ihrer bemächtigt; ach, nur -zu deutlich empfand sie im eigenen Busen dessen unbeugsamen -Eigensinn!</p> - -<p>Alslev bewies ihr, daß jeder Versuch vergeblich -sein würde, die von ihrer Großtante testamentarisch -dem jüngsten Fräulein des älteren Familienzweiges -hinterlassene Dot, anders, als im Augenblick ihrer -öffentlichen Verlobung in Anspruch zu nehmen, und -daß diese <em class="gesperrt">nie</em> zuzugeben Graf Christian jetzt fest -entschlossen. Auf dem Rechtswege einer gerichtlichen -Klage aber könne nur dann etwas erreicht werden, -wenn Thorald eine Frau zu ernähren im Stande, -der Unannehmlichkeit des öffentlichen Verfahrens und -des Verstoßes gegen altes Herkommen und gewohnte -Sitte gar nicht zu gedenken! – Er vertröstete sie auf -den Zeitpunkt, in welchem Thorald durch die zu -hoffende Professor-Stelle an der neu errichteten Akademie, -um ihre Hand beim Bruder anzuhalten befähigt -sein werde, weil irgend ein unberechenbarer -äußerer Umstand sich ihr günstig gestalten, oder auf -Christians störrischen Sinn Einfluß gewinnen könne! -Kjöbenhavn, meinte er, sei groß genug, ihr, welche<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span> -kaum ein paar Wochen alljährlich in seinen höheren -Kreisen zugebracht, den Unterschied zwischen diesen -und der erwählten bürgerlichen Lebensstellung nicht -allzu schmerzlich fühlbar zu machen, wenn es ihr nur -glücke, die Zustimmung des nach Landesweise Vaterstelle -an ihr Vertretenden zu gewinnen.</p> - -<p>»Und,« fragte erbebend das Mädchen, »wie lange -Zeit, theurer Alslev, kann es erfordern, bis Thorald -jenen Punkt erreicht?«</p> - -<p>»Wenn ihm jetzt gelingt, die Portraits der Königin -Juliane Maria und des Prinzen Friedrich zu -deren Zufriedenheit zu vollenden und diesem Auftrag -noch einige andre bedeutende Bestellungen folgen, -so zweifle ich kaum, daß er die offne Professur nicht -bald erhalte, doch können allerdings noch zwei, drei -Jahre vergehen, ehe er ein kleines Vermögen erworben.«</p> - -<p>»Zwei, – drei Jahre! Alslev!«</p> - -<p>»Helene! Sie sagen mir ja, Ihre Liebe sei ewig, -werde das Leben überdauern!«</p> - -<p>»Aber wir werden nicht immer jung bleiben, -Alslev, und die Zeit ist eine so furchtbare Macht, -sie kann eben so gut Tod und Verzweiflung uns<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span> -bringen,« – wieder flog ihrem Geiste das Geschick -der wahnsinnig gewordenen Tante vorüber! Alslev -schüttelte das ernste Haupt; ihm erschien Alles gering -neben der Kraft des eignen unbeugsamen Willens. -»Wer etwas erreichen will, muß warten -können,« sagte er stolz.</p> - -<p>Bitterlich weinte Helene. Ach, noch vor wenig -Stunden hatte ihr das Loos der Liebenden so sanfte, -süße Thränen entlockt! damals hatte nur die Poesie -eines alle Qual und Lust, Jugend, Alter, jeden -Wechsel des Lebens überdauernden Gefühls sie erfaßt; -jetzt sah sie nicht mehr die im Geist einander -begegnenden bejahrten Liebenden, denen die eigne -Treue zum Bürgen einer die schwere Erdenlast durchwachsenden -Hoffnung geworden, sie sah nur die -furchtbare, nackte Realität des Leids! Das einsame -Todtenbett der gewaltsam Getrennten, zwischen denen -sich das weite Meer des ganzen wogenden Daseins -ausgedehnt, und welche nicht einmal die letzte Stunde -desselben wiedervereinte! –</p> - -<p>Thoralds schriftliche Versicherung, daß er ihr nach -Kiögge folgen und ganz gewiß von dort Mittel finden<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span> -werde, sie im Stift zu sehen, vermochte nicht die tiefe, -fast krankhafte Niedergeschlagenheit ihres Gemüthes -zu heben. – Trostlos warf sie sich in den Wagen, -trostlos empfing sie im Vorüberrollen ihres harrenden -Freundes Abschiedsgruß. – Trostlos erreichte sie bei -einbrechendem Abend das Ziel ihrer Reise.</p> - -<p>Eine Meile abwärts von der ehemaligen kleinen -Festung Kiögge, welche längst im Lauf der Zeiten -ihre mittelalterlichen Ringmauern, ihre <span id="corr235">Gräben</span> und -Wälle eingebüßt, liegt in lieblichster Umgebung, von -den herrlichsten Buchenhainen umgürtet, das große -adlige Schloß und Damenstift Wallöe. Weiter -zurück, nach der Seeseite zu, zieht sich das Dörfchen -hin mit seiner schönen Kirche; ungemein fruchtbar -und anmuthig ist die Gegend.</p> - -<p>Das Schloß selbst, im Geschmack der zweiten -Hälfte des 16. Jahrhunderts erbauet, scheint eine -Art deutsch-gothische Uebertragung zum Zopfstyl, vielleicht -ist es ein wenig zu überladen im architektonischen -Schmuck; die zwei breiten Wassergräben mit -Zugbrücken, die beiden hohen Thürme an seinen -Flanken, der eine rund, der andre viereckig, deren<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span> -Kupferdächer in der Sonne glitzern und glänzen, -geben der schönen Façade ein ehrenfestes, burgartiges -Ansehen. Die sehr solide Unterlage des Baues besteht -aus großen grauen Sandsteinquadern; der obere -Theil prangte in den Tagen, von welchen wir erzählen, -noch in seiner ursprünglichen rothen Backsteinfarbe; -unter jeder Fensterflucht ziehen sich breite, ebenfalls -graue, Sandsteingurten hin, vom selben Material ist -die reiche Steinmetzenarbeit der Fenstergiebel; zwischen -diesen und wo es irgend sonst noch ausführbar, sind -graue rosettenartige Verzierungen angebracht; höchst -charakteristische Hautreliefsköpfe, die sonderbar dämonisch -auf den Eintretenden herabschauen! Ueber dem -Haupteingange prangt das ebenfalls in Stein gehauene -riesige Wappen der Gründerin des Stiftes; -es steht unter unmittelbarem Schutze der Königin.</p> - -<p>Das Ganze macht, trotz des zwischen dem Ehrwürdigen -und Barocken schwankenden Styls, einen -ernsten Eindruck, durch Größe und Uebereinstimmung -edler Proportionen.</p> - -<p>Als der Wagen über die Brücke fuhr, schreckte -Helene auf aus ihren Träumen; aber der Ausdruck<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span> -stiller Abgeschlossenheit der Umgebung, die etwas -feierliche Ehrbarkeit des alten Stiftsbedienten, der sie -am Thor empfing, wie die in ihren Zimmern herrschende -peinliche Ordnung berührte sie schmerzlich. -Alles erinnerte sie an Begräbniß und Gefängniß, -und die draußen in buntem Herbstschmuck wogende -Waldnatur, mit all ihrem Drossel- und Finkenschlag, -mit dem unsäglich lieblichen, allmäligen Stillwerden -der eintretenden Dämmerung, reizten sie durch den -Widerspruch mit ihrem Innern zu immer verzweifelnderer -Stimmung.</p> - -<p>Sie bewohnte das letzte Zimmer zur linken Hand -eines ziemlich langen Ganges; um es zu erreichen, -mußte sie an den jetzt noch leer stehenden Stuben -ihrer Schwestern vorüber, das Vorzimmer, das ihnen -gemeinschaftlich war, schloß eine Glasthüre; ließ -Helene die ihres eigenen Gemachs offen, so blickte -sie durch dieselbe auf den matt erhellten Corridor.</p> - -<p>Nach einer etwas späteren Präsentation bei der -alten sehr kränklichen Abatissin, entschuldigte sich Helene -mit Kopfschmerz, entzog sich dem gemeinschaftlichen -Abendmahl und eilte zurück in ihre Wohnung.<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span> -Die neugierigen Fragen nach allen gesellschaftlichen -Verhältnissen und den Hochzeitsfeierlichkeiten reizten -ihre Nerven bis zum Unerträglichen.</p> - -<p>Als sie den langen Gang durchschritt, gewahrte -sie durch die Glasthüre im matten, nicht eigentlich -klaren Mondenlicht in ihrem Vorzimmer eine Art -Bewegung, – wie ein wehender Vorhang wogte -etwas durchsichtig Weißes in demselben. Des Mädchens -Charakter neigte weder zur Furcht noch -eigentlicher Exaltation, – die momentane Ueberspannung -all ihrer Kräfte war ihr selbst fühlbar; -so blieb sie besonnen auf dem Gange stehen, ungefähr -in der Mitte desselben, und schloß beide Augen -mit der vorgelegten Hand. – Erst als sie ihr Herz -ruhiger schlagen fühlte, öffnete sie dieselben, es war -Alles still. – Wunderliche Einbildung! sagte sich -Helene und setzte ihren Weg fort, – in demselben -Augenblick erhob sich's wieder, die Bewegung mehrte -sich, allein das nebelartige Wesen hatte zur Gestalt -sich verdichtet, welche mit langem weißen Arm rückwärts -zu deuten, ja zu drohen schien! Jetzt stürzte -Helene in fliegendem Lauf auf dieselbe zu, »es hat<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span> -sich Jemand eingeschlichen,« war ihr einziger Gedanke, -Thoralds Briefe auf dem Schreibtisch ihre -einzige Sorge. – – Die Figur wurde compact, – -sie stand mit gläsernem, wasserblauen Blick und todtenbleichem -Antlitz dicht hinter der Glasscheibe, – es -war eine steinalte Frau in wunderlichem jugendlichen -Aufputz, in weißem Kleid, eine blaßrosa Schleife in -dem schneeweißen Haar, und die dünne weiße Hand -winkte zurück! zurück! mit immer steigender, ängstlicher -Hast: zurück!</p> - -<p>Jesus! es sind der Tante Zimmer, die ich bewohne! -durchblitzte es Helenens Gehirn, aufschreiend -sank sie bewußtlos zu Boden.</p> - -<p>Als sie zu sich kam, standen der alte Diener und -die Kammerfrau, welche im Stift sie bediente, vor ihr, -man hatte sie ohnmächtig im Corridor gefunden, aufgenommen, -in ihre Stube getragen und in einen -Fauteuil gesetzt, man sprach von lauter Hausmitteln, -vom Arzt, der Apotheke und einem heftigen Blutandrang, -– nach wenigen Secunden war ihr die -volle Geisteskraft zurückgekehrt.</p> - -<p>Sie bat Niemand weiter zu rufen, die Damen<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span> -nicht an der Tafel zu stören, nahm geduldig den -ihr gebotenen Thee, ließ gelassen sich zu Bette bringen. -Die dienstgewohnte alte Margareth bestand -darauf, im Vorzimmer zu wachen; auch das ließ die -Comtesse ruhig geschehen.</p> - -<p>Ein tiefes Besinnen hatte ihre ganze Seele erfaßt, -»es war die Tante!« sagte sie sich selbst, »sie -warnte; ich soll nicht elend sein wie sie. Abwärts, -zurück winkte der lange schneeweiße Arm, der Finger -deutete den Gang entlang. – Wohin? hinaus? -der Treppe zu?« – Alles Grausen war dem Mädchen -untergegangen im seltsam angestrengten Bemühen, -die Absicht der ihr wohlwollenden Erscheinung zu -verstehen, – die grübelnden Gedanken begannen einander -zu drängen, sie wurden zu Bildern, die sich -mischten und theilten, – zusammen- und wieder -auseinander flossen, – wie eine anschlagende Glocke -tönte es ihr im Ohr, leiser, endlos dazwischen fort, -die Töne wurden Musik, – Gesang, – Schlaf.</p> - -<p>– In das weit offene Schloßthor wallte ein -Festzug in fremder, altmodiger Kleidung in den Saal, -in welchem alle großen Feierlichkeiten des Hauses<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span> -Statt zu finden pflegten, Helene kannte Niemanden -von all den Versammelten; unter dem rothsammetnen -Baldachin stand eine schöne Frau, vor ihr, den Rücken -Helenen zugekehrt, kniete eine Dame in der Galatracht -der Priorinnen des Stifts, – die Königin -nahm die Insignien des Ordens und eine Pergamentrolle -von einem Sammetkissen, das ein Cavalier hielt, -– auf dem Kissen, auf den Sammetbehängen immer -das Wappen der fürstlichen Gründerin und Beschirmerin -des Stifts zahllos wiederholt; – »überall -das Wappen der <em class="gesperrt">Königin</em>!« dachte Helene, – -»ja, an den Wänden, – über der Thüre des Refectoriums, -die nach dem Gange führt, überall <em class="gesperrt">das -Wappen</em>,« – sie erwachte? – Hell und klar -drang die Sonne durch den halbgeschlossenen Vorhang, -– sie warf ihn zurück und sog mit langem -genesenen Blick die Pracht der herbstlichen, rings -ihr entgegen quellenden, bunten Fülle ein! »Der -Mensch <em class="gesperrt">kann</em> glücklich sein,« sagte sie, »auch ich -<em class="gesperrt">will</em> glücklich sein.«</p> - -<p>Den ganzen Morgen blieb Helene in ihrem Zimmer -eingeschlossen und schrieb. Die Nacht, der wirre,<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span> -nur den unmittelbaren Schutz der Königin andeutende -Traum, mochte er dem Zufall oder der ungeheuren -geistigen Arbeit des gewaltsamen Nachsinnens -sein Entstehen danken, hatte einen klaren, festen Entschluß -in ihr gereift. Eine Ordensdame des königlichen -Stifts Wallöe hatte den Rang einer hochadligen -Erbtochter; – zu einer Vermählung nach freier Willkür -bedurfte sie <em class="gesperrt">nur</em> der Zustimmung ihrer Majestät! -Helene war die erste Dame des Stifts Wallöe, welche -in diesem Augenblick von jenem höchsten Anrecht -Gebrauch zu machen beschloß und sie führte den -Entschluß durch!</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"></div> -<p>In der verwitweten Königin Juliane Marie -Privatgemache, stand ihres Eintritts gewärtig und -ihrer harrend ein junger, schöner Mann; die hochgerötheten -Wangen und die fliegende Brust, deren -convulsivisch-heftigen Herzschlag das Spitzen-Jabeau -verrieth, bezeugten, daß die ehrfurchtsvoll-ruhige, fast<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span> -hofmännische Haltung desselben, eine mühsam erzwungene! -Er hielt ein paar Chagrinleder-Etuis in -der Hand, welche kleine Wiederholungen zweier, auf -der Staffelei am Fenster bereit gestellter Portraits der -Königin und ihres erhabenen Sohnes Friedrich umschlossen. -In einzelnen Pausen der sein Haupt -durchjagenden Gedanken, blickte er mit Wohlgefallen -auf die in herrlichen Goldrahmen prangenden Staffeleibilder, -besonders auf das der Königin, – es -war wirklich ein sehr gelungenes Portrait; französische -Erinnerungen der damaligen Behandlungsweise -schienen des Künstlers Hand geleitet zu haben, und -gerade diesen Zügen war sie ungemein günstig; der -Hang zur Intrigue, der in denselben fast kleinlich -hervorstechend sich zeigte, war in anmuthige Schlauheit -und feine Ironie übersetzt, der fast hinterlistig-scharfe -Blick gewandt mit einer königlichen, stolzen -Haltung gepaart, so daß er ohne hochmüthig zu erscheinen, -durchdringende Klugheit aussprach, die sich -der eigenen Kraft bewußt ist.</p> - -<p>Kurz, es war dem Maler gelungen, durch eine -sehr geistreiche Schmeichelei auf dennoch nicht unwahre<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span> -Weise, die Eigenschaften der Seele hier so zu -idealisiren, wie wohl andere Künstler bei äußeren -Eigenschaften der Gestalt es zu thun pflegen.</p> - -<p>Juliane trat, noch im Gespräch mit ihnen, von -den Grafen Reventlow und Schimmelmann begleitet -aus ihrem Cabinet. Des Letzteren Züge und ein kaum -merkliches Zucken der linken Achsel verriethen, daß -er dem Gegenstand der eben gehabten Unterredung -keinen sonderlichen Werth beimesse; der Königin Gesicht -dagegen sprach Aerger und Empfindlichkeit aus, -die sie vergebens zu bemeistern strebte – keinen günstigern -Augenblick hätte der Maler finden können, die -Trefflichkeit seiner Auffassung zu beurkunden, als die, -welche eben jetzt die Vergleichung des Originals und -der Copie dem unbefangenen Beobachter bot.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Aha, mein lieber Meister,« redete ihn sogleich -die Königin an, »er bringt mir pünktlich das Gemälde -und die kleinen Copien. Schelm!« fügte sie -im Nähertreten hinzu, »hat Er in Frankreich so artig -schmeicheln gelernt? Er hat uns da eine Physiognomie -gegeben, die Er um zehn Jahr rückwärts<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span> -errathen haben muß. Schon recht, man muß <em class="antiqua">in effigie</em> -der Zeit das wieder abzugewinnen versuchen, wozu in -der Realität ihr unerbittliches Gericht uns verdammt. -Sehr brav! Schöner Atlas! ja, ja, das Portraitiren -verstehen die Franzosen. Er ist auch in Italien -gewesen?«</p> - -<p>»Zwei Jahre, Majestät, in Rom und Florenz.«</p> - -<p>»Hat Er mir nicht gesagt, seine Mutter sei arm, -die Witwe eines Officianten – wo hat sie denn -das Geld hergenommen, Ihn so lange im Auslande -lernen zu lassen?«</p> - -<p>»Sie hat entbehrt, Hoheit, vieles sich versagt, -um mich reisen und studiren –«</p> - -<p>»So? ich hoffe Er wird dankbar sein, ihr das -vergelten, nicht zu den technischen Fortschritten in -Seiner Kunst, Herzens-Demoralisation des Auslandes -uns mitgebracht haben!«</p> - -<p>»Ach, wollte der Himmel ich könnte ihr den so -tief, so warm empfundenen Dank anders als -in Worten zeigen – –«</p> - -<p>»Was ist Ihm denn? Das wird Er ja nun<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span> -können, wenn Er die Ihm versprochene Professur -erhält – nun? Er kommt ja ganz in Agitation – –«</p> - -<p>Ein Blick auf die Minister, welche das Gemälde -betrachteten, wandte plötzlich die Aufmerksamkeit der -Majestät von ihm ab, jenen zu. »Sie sind verdrießlich, -Graf Schimmelmann, und sagen mir kein -Wort, weder über mein Portrait noch meinen Protégé?«</p> - -<p>»Leider haben wir dem anerkannt tüchtgen Maler -desselben wehe thun müssen und gerade im Augenblicke, -da Ew. Majestät ihm ein so gnädiges Wohlwollen geschenkt,« -erwiederte etwas verlegen der Minister, -»der Anblick der so gelungenen Aehnlichkeit –«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Qu'est-ce donc, Comte?</em>« fragte etwas zurücktretend -Juliane Marie, »wir haben unsre Freude -daran, heimischen Künstlern die Aufrechthaltung der -neuen Akademie anvertrauen zu können und haben -dem Manne die erledigte Professur zugesagt –«</p> - -<p>Auch Thorald wich einige Schritte zurück; die -Königin trat mit den beiden Grafen in eine Fenstervertiefung, -das Gespräch ward mit halber Stimme -fortgesetzt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p> - -<p>So ungemein vaterländisch nach Struensee's -Tode alle Hofgesinnungen geworden, denn unter der -Königin und Prinz Friedrichs Regentschaft war dem -Ausländischen offene Fehde erklärt, so konnte dennoch -Juliane Marie die französischen gewohnten -Brocken in ihrer Wortstellung nicht wohl entbehren, -und im Affect verfiel sie leicht in den damals fast in -allen fürstlichen Häusern üblichen Ton – »<em class="antiqua">c'est -fort</em>,« fuhr sie fort, »wenn nicht die <em class="gesperrt">Meine</em>, welche -Art Fürsprache soll denn hier wohl entscheiden? -Giebts einmal wieder irgend einen lumpigen Deutschen -oder Franzosen zu versorgen?«</p> - -<p>»Bernstorff trägt die Schuld,« flüsterte ehrerbietig -der Minister, »einem früheren Versprechen nach und -auf ganz besondere Bitte eines Mannes, dem man -verpflichtet, hat der alte Informator Henning Klint -die Professur erhalten –«</p> - -<p>»Der Prinz kennt meinen Wunsch, <em class="antiqua">c'éstoit une -chose arangée, Messieurs</em> – Eynerssen hat mein -Wort –«</p> - -<p>»Der König hat diesen Morgen das Decret unterschrieben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span></p> - -<p>Die Königin ward bis an die Stirne roth und -stampfte mit dem Fuße: »wer hat mir das gethan? -<em class="antiqua">il me le payera!</em>« setzte sie zwischen den Zähnen -murmelnd hinzu. Die beiden Grafen schwiegen. »Nun, -meine Herren? Graf Schak-Reventlow? Darf ich -um die besonderen Verdienste des alten Informators -oder seines Fürsprechers bitten? Sie werden doch -dessen Licht nicht unter den Scheffel stellen wollen?«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Ma foi, Madame</em>,« sagte der Graf, »es ist -mir bloß klar, daß Graf Christian Gejern Alles -<em class="gesperrt">gegen</em> den jungen Eynerssen und <em class="gesperrt">für</em> den Klint -gethan; Ew. Majestät werden geruhen sich zu erinnern, -daß der Graf alle Offerten der königlichen -Huld stets abgelehnt – diese Besetzung der Akademiestelle -war eine von ihm erbetene Gnade – die -aller Erste! Es war unmöglich ihm nicht zu willfahren -und Se. Majestät der König, welcher ihm -von der Bauernsache her noch immer gewogen, unterschrieb -sogleich – –«</p> - -<p>»Allerdings sind des Grafen Gejer Verdienste -bedeutend,« erwiederte gewaltsam gefaßt die Königin; -ihr Auge flammte und in den Mundwinkeln zeigte<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -sich das Lächeln höhnischer Verbitterung, »ich werde -morgen mit dem Könige sprechen.« Mit einer anmuthigen -Bewegung des Hauptes und der linken -Hand entließ sie die beiden Herren – Eynerssen stand -noch ihres Befehles gewärtig nahe am Ausgang. -Juliane wandte sich nach der inneren, zu ihrem Cabinet -führenden Thüre, »bleibe Er und erwarte Er -mich hier, mein Sohn,« sprach sie mit gnädigem -Kopfnicken, »es wird sich wohl in meiner Armuth -irgend ein Mittel finden, ihn zu lohnen.«</p> - -<p>Rasch schritt sie durch ihr Schreibe-Cabinet in -das Zimmer, in welchem sie schlief, eine ihrer vertrauten -Kammerfrauen arbeitete dort mit einem Hoffräulein, -Sophie Harrested. »Kennt eine von Euch,« -fragte Juliane, »die Verhältnisse der Gräflich Gejerschen -Familie?« Beide hatten bei Eintritt und Anrede -der Königin sich ehrfurchtsvoll erhoben. Das -Fröken erzählte von den Hochzeiten, den Ausstattungen -der beiden Neuvermählten. »Schon gut, das -haben wir selbst erlebt.« – »Die Gräfin?« Niemand -kannte sie. »Kinder?« – Keine. »Die -dritte Comtesse ist also die junge Stiftsdame von<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span> -Wallöe, von welcher dies Schreiben,« sagte die Königin -vor sich hin, »und der Graf will die glücklich -genug fruchtlos gebliebene Mißheirath durch einen -glänzenden Stammerben auslöschen; der eine Bruder -kinderlos, wie er – der jüngste kränklich – keine -Kinder zu hoffen. Da rechnet man auf Uebertragung -des Namens. – Weiß Jemand von der jüngsten -Comtesse?« Die Kammerfrau kannte die Familie -Alslev und floß über vom Lobe Helenens. »Keine -Aussicht zur Heirath, nicht verlobt?« Beide Erzählerinnen -stockten – endlich fuhr die Harrested fort – »man -hat von einer großen Leidenschaft der Comtesse für einen -jungen Bürgerlichen gesprochen, allein das Betragen -derselben ist so in den strengsten Regeln des Schicklichen -geblieben, daß Niemand den Gegenstand dieser -Neigung kennt.« – »Schon gut,« sagte die Königin, -»Ihr könnt gehen;« sie stand auf und rief, indem -sie selbst die Thüre öffnete, den jungen Mann in -ihr Cabinet.</p> - -<p>»Mit der Professur ist's wirklich nichts, junger -Freund,« redete sie ihn an; »danke Er Gott dafür! -Er ist also in die Comtesse Gejern verliebt?« –<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span> -Wie vom Blitz getroffen schwankte der Künstler auf -den Füßen, die ihn nicht zu tragen vermochten, er -taumelte rückwärts gegen die Wand, keines Wortes -fähig – »nun, nun!« lächelte die Königin, »die -Liebe an und für sich, wenn sie in den Grenzen der -Zucht und Ehrbarkeit bleibt, ist eben kein Todesverbrechen. -Fasse Er sich – und antworte mir klar -und vernehmlich.«</p> - -<p>»Ich liebe die Gräfin mehr als mein Leben,« -erwiederte stolz und fest der junge Mann, »wenn -aber mein Gefühl das Elend der Comtesse herbeiführen -könnte, würde ich den Muth haben, Kjöbenhavn -sogleich zu verlassen.«</p> - -<p>»Ja? was ist denn seine Absicht? daß die Comtesse -auch Ihn sehr schätzt, weiß ich; wollte er deshalb -Professor werden?«</p> - -<p>»Ja, Ew. Majestät; ich betrachtete diese Anstellung -als den ersten Schritt, um der Gräfin würdiger -gegenüber zu stehen, wenn ich auch kein anderes -Ziel an diese Aussicht zu knüpfen wagte.«</p> - -<p>»Und der Graf Christian weiß um diese Neigung?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p> - -<p>»Leider! da er sie verdammt!«</p> - -<p>»So, so,« sagte die Königin für sich, »ich will -ihn lehren eigenmächtig handeln!« Sie ging an den -Schreibtisch und unterschrieb Helenens Petition, durch -welche sie ihr gestattete, ohne Einwilligung ihres -Bruders sich zu vermählen. »Lese er das.«</p> - -<p>Der Glückliche lag, ihr Gewand an seine Lippen -drückend, zu ihren Füßen. »Aber höre Er, -meine Bedingung! ich will keine Auswanderung unserer -Landeskinder; daß wir in der Fremde etwas -Tüchtiges zu lernen suchen, ist schon recht, allein -man soll Dänemark nicht die Früchte des Erworbenen -entziehen. Man wird sich Eurer annehmen! -Ich bin Ihm das Honorar für die Bilder schuldig -– und – Ihr könnt im Cavalier-Hause wohnen, -fällt mir ein! Sagen Sie dies Alles der Comtesse und -vergessen Sie nicht, daß wir in Gnade Ihnen Beiden -gewogen bleiben!« setzte sie plötzlich französisch hinzu; -trotz der innern Heftigkeit, welche ihre rasche -Handlung herbeigeführt, machten deren Folgen sie -bereits verlegen.</p> - -<p>Ein reitender Bote brachte den Befehl der Königin<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span> -nach Wallöe, das sogenannte Cavalier-Haus -der Gräfin Gejer zur Verfügung zu stellen und mit -diesem zugleich Helenen die Erlaubniß zu ihrer Vermählung. -– Thorald erhielt noch am selben Abende -eine für die Privatkasse Julianens sehr bedeutende -Summe als Bezahlung der Gemälde.</p> - -<p>Christian war wie vernichtet! Helene nahm sogleich -die ihr zufallenden 10,000 Thaler in Beschlag -und ihren Antheil an der Tante Mitgift. Ohne weiter -ein Wort zu verlieren, sandte der Graf Alslev alle -nöthigen Papiere, sowohl zu Auszahlung der seiner -Schwester aus ihrem gemeinsamen Vermögen zufallenden -Dot, als zu jener der Gräfin Owen; als er -das Paket siegelte überfiel ihn eine an Ohnmacht -grenzende Schwäche – mit gewaltsamer Anstrengung -drückte er sein Wappen auf dasselbe. – »Man wird -es zerbrechen!« sagte er leise vor sich hin, dann zog -er sich in seine Zimmer zurück und begrub sich in -seinen Studien.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span></p> -<p>Gar anders sah es in Wallöe aus. Von allen -Seiten zog die Freude ein. Der Königin so bestimmte -Bestimmung schloß alle böswilligen Bemerkungen aus -– selbst die sieben Mogenstrupps wagten nur orcanische -Seufzer. Im Cavalier-Hause regte sich ein -gewaltiges Leben, es wimmelte von Arbeitern; da -wurde tapeziert und gezimmert, angestrichen, gemalt, -geschmückt, und die Liebe half überall der Liebe! denn -Thorald war selbst von Kjöbenhavn herüber gekommen, -Helenen beizustehen.</p> - -<p>Das Cavalier-Haus, ein freundliches, kleines Gebäude -aus der nämlichen Zeit als das Stift; rings -von einem Blumengarten umfaßt, lehnt es an einem -mit Buchen schön bewaldeten Hügel; diese herrschaftliche -Wohnung wurde von Alters her bei Regulirung -der Gesammt-Einkünfte desselben von den -dabei beschäftigten Herren eingenommen, wenn sie zu -einem längern Aufenthalt in Wallöe veranlaßt wurden. -Auch die Königin bediente sich ihrer früher -gern, wenn sie um die Osterzeit einige Tage in der -von ihr bevorzugten Stiftung zubrachte, um die sie -begleitenden Cavaliere unterzubringen, wodurch das<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span> -freundliche Schlößchen den ihm anhangenden Namen -erhielt. Seit Jahren war Juliane Marie nur auf -einzelne Stunden in ihr Ordenshaus eingekehrt; der -hübsche Bau hatte verödet dagestanden.</p> - -<p>Wer hat nicht irgend einmal mit Vergnügen zugesehen, -wenn Kinder Wirthschaft spielen? Wenn -sie auf Blumenblättern statt auf Tellern serviren? -Des Vaters goldne Dose und der Mutter Schmuck -zu Küchengeräth machen, und lauter Bisquit und -Bonbons kochen? Nicht sehr viel anders war der -Brautleute Einrichtung, weil Jedes das Andere mit -noch einer ganz einzigen Herrlichkeit und Bequemlichkeit -überraschen wollte. Es wurde Alles phantastisch-schön -und nebenbei sehr kostbar; aber es war dem Geschmack -Beider vollkommen analog, und wurde dadurch wieder -ein Beider Leben enger verflechtendes Band.</p> - -<p>Man hatte dergleichen nie in der Gegend gesehen, -halb Kiögge ritt und fuhr herbei, das Wunder zu -schauen. An einem wunderschönen Spät-Herbstmorgen -ward die stille Trauung vollzogen; keiner -der drei Brüder war zugegen, die Schwestern schrieben -freundlich und sandten Geschenke. Alslev kam<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span> -mit seiner Familie – er hatte Helenen zur Oeconomie -ermahnen wollen; als er aber in dieser Mischung -von englischem Cottage-Comfort und italienischer -Villa und französischer Eleganz das glückstrahlende -Gesichtchen Helenens sah, verschob er es auf ein -andermal. Der isländische Pfarrer hatte eine rührende -Botschaft gesandt und die Versicherung: er -werde bei seiner Rückreise bei dem neuen Paare einkehren; -ihn hielt die bereits geschlossene Schifffahrt -noch in Dänemark zurück.</p> - -<p>Auch die arme Nordermule hatte geschrieben. Helene -las das Blatt wohl zwanzigmal, ohne daß ihr -dessen Inhalt verständlich geworden wäre. Es war -ein wild-schmerzlicher Abschied, einem Schmerzensschrei -vergleichbar, der in der jungen Frau Seele -einschnitt – unklar und verworren. »Sie traut sich -wegen Christian nicht zu mir,« sagte sie sich, »die -arme Gute! sie mag wohl recht haben, er würde es -ihr kaum verzeihen, und besser ist ihr das sichere -Dach meines Bruders, als die Decke unsres Wanderzelts! -– Wer weiß, wo wir einst es aufschlagen. -Christians Haus beut ihr eine stets gleiche Zuflucht,<span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span> -während wir vielleicht nur einer des andern Brust -behalten, unser müdes Haupt darauf zu legen.« Aber -so vernünftig das Alles war, streifte es nur leicht -ihre Gedanken; das Glück war zu übermächtig in ihr.</p> - -<p>Der Winter flog auf seinen Silberfittigen dahin, -er war mild und schön; schon nahte der Lenz; die -Liebenden waren glücklich und fleißig. Helene hatte -Zeichnen gelernt und begann zu malen.</p> - -<p>Sie rechneten nicht, ihr Capital nahm ab! ihre -Wirthschaftskasse war eine offene Schieblade – aber -die Seeländer sind ehrlich; weder sie noch das sorglose -Paar dachten an Diebstahl.</p> - -<p>Die Schifffahrt war eröffnet, als unvermuthet -spät Abends ein Gast erschien; Helene hatte zum -ersten Mal den Versuch gemacht, nach Gyps zu zeichnen, -und die Lection hatte wie gewöhnlich mit einem -Kußhonorar geschlossen, als Kund Jürgenssen eintrat. -»Dieser Anblick ihres Wohlergehens erleichtere ihm das -Abschiednehmen,« meinte er, »und er hoffe, daß ihn -die Kunde ihres ferneren Glücks noch oft erreichen -werde.« Dem Alten war Alles zu reich und köstlich -in ihrer Umgebung – er konnte sich aus all der<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span> -Seide und den Spiegeln und dem Mahagoni gar -nicht herausfinden; Helene sperrte ihn lachend mit -dem Tisch in einen Saffian-Fauteuil, damit er nicht -gar vor lauter Achtsamkeit, ihre Schätze nicht zu beschmutzen -oder zu zerbrechen, ganz verstumme; und -nun begann er zu erzählen, »wie er auch einmal beim -Grafen zu Aalholm gewesen,« – ein leichtes Wölkchen -überflorte Helenens glänzende Stirn, sie reichte -rasch Thorald die Hand. – Es wären schon ein -paar Monate her, fuhr er fort, und wiederum sei -ihm dort eine besondere Gnade des Herrn geworden! -»Es war Abend,« erzählte er weiter, »eine silbergraue, -noch klare Dämmerung lag auf Aalholm, und ich -ging durch die schönen buntgefärbten Buchengänge, -die ich nun bald wieder entbehren sollte; auf den -Wiesen wogte eine bläuliche Feuchte, und am Teich -kräuselte und webte es so neblig hin, und ballte und -rollte sich auf – das Schilf schwankte träumerisch -mit seinen schweren Dolden, die Vögel hörte man -nur fliegend und flatternd im Laube ihr Nachtlager -suchen, sie sangen schon längst nicht mehr – auch -die Insectenwelt war abgestorben. Den dunkelnden<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span> -Wald durchleuchteten die fernen Schloßfenster mit -röthlich schimmerndem Lichtschein; zwischen den -Mauern dort mochte es wohl schon finster sein.</p> - -<p>Ich gedachte der immer trauriger werdenden Jahreszeit -in meinem Vaterlande, und der hübschen -Mährchen und Balladen, mit welchen wir sie Abends -daheim zu erheitern suchen, da sah ich plötzlich mir -gegenüber am jenseitigen Ufer des Weihers eine fliegende -Gestalt, um sie her flatterten weiße Gewänder, -kaum berührte, so schien mir's, dann und wann ihr -Fuß den Boden. Sie eilte auf den mir nicht allzu -fern im Schilf liegenden und ganz von Weiden und -Wasserpflanzen umgebenen Kahn – ich war schon -wieder besonnen und wußte gar wohl, daß die Erscheinung -nur eine menschliche sein könne! Sie kniete -nieder in den Nachen und begann eine Menge -Steine in ein Tuch zu binden, welche vermuthlich -dort schon bereit lagen; endlich wand sie dasselbe -um ihre Füße, indem sie zugleich damit ihre Kleider -festschnürte; – als sie damit fertig, richtete sie nochmals -das Antlitz betend gen Himmel auf – jetzt -kniete sie schon am Schnabelende des Boots, und so<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span> -rutschte sie mit den gebundenen Füßen vorwärts dem -Rande näher –«</p> - -<p>»Um Gotteswillen, Emerenzia!« schrie Helene auf.</p> - -<p>»Ja,« sagte der Pfarrer, »ja sie war's! aber Gott -leitete meine Schritte und meine Hand, daß ich im -rechten Augenblicke sie erfaßte und gewaltsam sie zurückhielt! -ich nahm sie wortlos in meine Arme und -trug sie zurück; ihr selbst schwanden die Sinne, und -sie kam erst dem prasselnden Feuer gegenüber in ihrem -Stübchen, wohin ich sie getragen, zu völligem -Bewußtsein.« »Unglückselige!« sagte Thorald, »was -hatte zu solchem Schritte sie vermocht?«</p> - -<p>»Ach, lieber Herr,« erwiederte Jürgenssen, »sie verstand -es nicht, so allein zu leben! Die drei nun zu -Frauen gewordenen Fröken waren so glücklich ohne -sie, es hatte, so meinte sie in böswilligem Trotz –«</p> - -<p>»Ach, Trotz! meine arme Nordermule, das demüthige -Herz!«</p> - -<p>»Frau Eynerssen wissen nicht, daß sich Demuth -und Trotz im Leben manchmal gar nicht unterscheiden -lassen?«</p> - -<p>»Also Janfru Nordermule sah den langen Tag<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span> -und die lange Nacht immer wieder vorüberziehen, -ohne daß irgend Eines ihrer bedurft hätte – da -wurde sie trauriger mit jeder Stunde! Sie kam sich -mit einem Male vor, wie ein abgelaufenes Uhrwerk, -zu welchem der Schlüssel verloren gegangen; und -als der Kummer allmälig mehr und mehr all ihre -Gedanken überschattete, konnte sie zuletzt der Sehnsucht -nach dem stillen Weiher nicht länger widerstehen, -in dem sie Schlaf und Ruhe zu finden meinte,« -– »und nun? und nun?« fragte in ängstlicher -Spannung das junge Paar, »wo ist sie jetzt?«</p> - -<p>»Nun steht sie draußen vor der Thüre und hat -mich beauftragt, das Alles My Frau Eynerssen zu -erzählen; sie will Abschied nehmen – denn sie geht -mit mir nach Island!«</p> - -<p>Die jungen Leute waren schon draußen bei ihr, -als er die letzten Worte vollendete.</p> - -<p>Ja, so war's! Die kleine graue Nordermule stand, -tief in Pelze verhüllt, im nordischen Reiseanzuge auf -der Flur; mit tausend Liebkosungen ward sie in die -lieblich phantastischen Räume eingeführt, gehätschelt, -gescholten – das ganze Herz ward ihr bewegt; aber<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span> -ganz unerschütterlich entschlossen reichte sie ihrem alten -greisen Führer die Hand – »er hat mich überzeugt, -daß ich dort noch nützen kann,« – versicherte sie -freundlich.</p> - -<p>»Ob sie das kann!« sagte der alte Kund, »für's -erste muß sie gleich den Sommer hindurch uns beistehen, -Thorsons mit Ihres Herrn Vaters Gelde -gestiftetes Hospital aufrecht zu erhalten, dann mag -sie meiner Mathilde helfen, die Kranken meines eigenen -Sprengels zu pflegen; ach und Abends, wenn -der Winter draußen um unsre Hütten ras't, dann -wird Emerenzia uns Allen <em class="gesperrt">erzählen</em>! Unsre Weiber -wird sie lehren, bessere, feinere Handarbeit machen, -unsre Kinder mit unterrichten helfen und vor Allem -meine Kirche mit den fleißigen, geschickten Händen -schmücken, o wir werden Alle so dankbar und glücklich -sein, Janfru Emerenzia um uns zu haben, – -so glücklich!« er drückte ihre Hand.</p> - -<p>»Aber Jürgenssen, es kann ja nicht Ihr Ernst -sein – sie wird mit ihrer geschwächten Kraft die -Reise nicht überstehen – sie bringen sie nicht lebend -hinüber!« sagte leise Thorald –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span></p> - -<p>»Sie irren,« erwiederte ernst und mild der alte -Pfarrer, »sie ist eine Nordländerin und wird die -Fahrt überdauern – und gönnen Sie ihr denn nicht, -umringt von den poetischen Erinnerungen ihrer Jugend, -als Pflegerin der Pfarrkinder unsres Johannes -und der Rosen des ihr so theuern Grafen Thugge -zu sterben? <em class="gesperrt">Dort</em> sind all die ihr <em class="gesperrt">hier</em> abgewelkten -Interessen noch frisch erhalten – hier verdrängt sie -eine laut und lauter sich erhebende Gegenwart!«</p> - -<p>»Er hat Recht!« sagte wehmüthig Helene, und am -andern Morgen zogen sie von dannen! Das Ehepaar -sah vom Kiögger Hafen aus lange dem buntbewimpelten -Schiffe nach und kehrte in seine Künstler-Einsamkeit -zurück. Wie ein Thautropfen hing die -Abschiedsthräne an der vollen Rose ihres Glücks, -und der nächste Sonnenstrahl küßte sie auf!</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"></div> -<p>Und Graf Christian, und Eva? und wie wurde -es denn weiter? dauerte denn das Glück im Cavalierhause -bei dieser tollen, wunderlichen Wirthschaftsweise?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span></p> - -<p>Soll ich meinen Lesern weitläuftig von der Ebbe -und Fluth alles menschlichen Erfahrens berichten? -Das Gold ward alle – manchmal klopften böse -Verlegenheit und Noth an die Thüren und Fenster, -manchmal schlich die Sorge ein und zog ihre grauen -Schleier über das fröhliche Auge Helenens, und zuweilen -faßte auch wohl eine fast wilde Sehnsucht -ihr Innres nach ihren beiden Schwestern und nach -Christian, ihrem nun ganz vereinsamten Bruder, der -seine arme Eva mit dem fallenden Laube zu Grabe -getragen, und nun, wie einst ihr Vater Thugge, -allein das große Aalholm bewohnte; aber der Gejersche -Trotz wollte dennoch sich nicht bändigen lassen -in dem stolz aufschlagenden Herzen und der freundlichere -Gedanke wurde noch lange Jahre hindurch in -Beiden nicht zum einander verzeihenden Wort.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Da starb auch Joachim. Seine Ehe war kinderlos -geblieben. Der Trauerfall und die ihm entstehenden -Angelegenheiten zogen alle Geschwister in die -Residenz. Die Schwestern sahen sich, und das gute -Vernehmen zwischen ihnen stellte sich her. Christian<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span> -und Helene aber blieben sich fern; auch Thorald, -der zum tüchtigen, vielfach beschäftigten, vom Hofe -vergötterten Künstler sich herangebildet, mied seine -Schwäger. Der gute Alslev und seine würdige -Gattin hörten mit unveränderter Theilnahme jedes -Einzelnen Klage an, aber beide scheuten den ihnen -wohlbekannten finstern Geist des Geschlechts, den -alten Starrsinn der Gejers zu sehr, um eine Aussöhnung -auch nur zu versuchen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Da öffnete eines Tages Christian unvermuthet -die Thüre des Studirstübchens seines alten Freundes; -Alslev saß schlummernd in seinem hochrückigen -Großvaterstuhl, er war über einer langen Actenrevision -eingenickt, auf der Lehne des Sessels aber hing -oder ritt ein wunderbar schöner Knabe von etwa sechs -Jahren; er hatte dem Alten ein buntseidenes Band -über den Kopf geworfen, daß er ihm durch die vom -Schlaf halb erschlossenen Lippen zu ziehen eifrig bemüht -war, indem er sich zugleich auf dessen Schulter -zu schwingen suchte, um ihn zum Roß zu machen -und einen kühnen Ritt in's Fabelland seiner Phantasie<span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span> -zu thun. »Willst Du mitspielen,« fragte das -kecke Bübchen, »mußt aber jetzt auch Pferd sein und -Dich von mir führen lassen, nachher darfst Du aber -auch reiten!«</p> - -<p>Helenens Sohn! durchblitzte es Christians Starrsinn, -und die Wunderkraft der Kindheit trat plötzlich -in ihr volles Licht. Denn der Graf vermochte kein -Auge von dem kleinen Tyrannen zu wenden, der ihm -mit schmeichelnder Gewalt den Zügel bot – als -Alslev von dem Jubel-Geschrei erwachte, war die -Bekanntschaft schon weit vorgeschritten.</p> - -<p>Wer in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in -Wallöe war, wird wohl den neuen herrlichen Aufbau -des ehemaligen Cavalier-Hauses und seine prächtige -Umgebung und Einrichtung bemerkt haben; sie ist -solider aber noch kostbarer als sie vor etwa fünfzig -Jahren es war. Ein neues, kräftiges Geschlecht der -Gejer bringt dort die schönen Sommertage zu; die -bösen Geister des erloschenen Stammes beunruhigen -es nicht, sie sind dem heitern Glück gewichen!</p> - -<p>Der jetzige Graf ist ein schöner, alternder Mann -und unermeßlich reich, weil ihm das Vermögen aller<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span> -Nebenzweige der großen Familie zugefallen; seine -Mutter war eine geborene Comtesse Gejer und hieß -Helene; er hat schon als Knabe den Namen derselben -auf seiner Oheime Wunsch angenommen, weil ihnen -selbst kein Stamm-Erbe erblüht war.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter footnotes"> - -<h2 id="FOOTNOTES">Fußnoten</h2> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Zur Zeit der für Aufhebung des Gemeinbesitzes constituirten -Commission 1759.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Fröken, <em class="gesperrt">adliges Fräulein</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Feste-Bauers, ohne alles Eigenthum.</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 47: ancharten → Plancharten<br /> -auf seine Bücher und <a href="#corr047">Plancharten</a></p> -<p> -S. 65: Halde → Haide<br /> -leichten Ganges über die <a href="#corr065">Haide</a> hineilte</p> -<p> -S. 140 aufgischend → aufgischtend<br /> -Wildströme reißen sich <a href="#corr140">aufgischtend</a></p> -<p> -S. 235: Gräber → Gräben<br /> -Ringmauern, ihre <a href="#corr235">Gräben</a> und Wälle eingebüßt</p> -</div></div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Eine dänische Geschichte, by Adele Schopenhauer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DÄNISCHE GESCHICHTE *** - -***** This file should be named 52602-h.htm or 52602-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/6/0/52602/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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