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-Project Gutenberg's Eine dänische Geschichte, by Adele Schopenhauer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Eine dänische Geschichte
-
-Author: Adele Schopenhauer
-
-Release Date: July 18, 2016 [EBook #52602]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DÄNISCHE GESCHICHTE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Eine dänische Geschichte.
-
- Roman
-
- von
-
- Adele Schopenhauer.
-
- Braunschweig,
- Druck und Verlag von George Westermann.
-
- 1848.
-
-
-
-
-Auf der süd-östlichen Küste der Insel Laaland erhebt sich das alte
-Städtchen Nysted, welches sich zu den frühesten Dänemarks zählt, da
-es schon im Jahr 1409 durch Erich von Pommern Stadtrechte erhielt.
-Wie aus einem dicken Laubkranze schaut es von seinem grünenden Hügel
-aus weit hinein in das Land -- über Laaland und Falster hin, ja
-dem Meer entlang bis nach Femern und Rostock, und seine berühmten
-Lindengänge erzählen sich im Abendwind ganz wundersame Geschichten:
-der träumerische Nachthauch streicht über heidnische Grabhügel, über
-verfallene Gerichts- und Opferstätten hin, und hilft dem kundigen Greis
-die in seinem Kopf zerstreuten, halbverlorenen Klänge der alten Saga
-zusammensuchen, die ihm vom Ur-Ahn auf Großvater und Vater vererbt
-sind. Denn der Nordländer, besonders aber der Landbewohner hört gar
-gern erzählen von lang vergangenen Tagen, wenn der strenge Winter
-ihm Thor und Fensterladen schließt und ihn zurückdrängt in die engen
-Kammern.
-
-Auf dem höchsten Steine der ehemaligen Schanze, an der Mündung des
-Hafens, saß ein junger Mann, nachdenklich beide Arme auf ein Mauerstück
-gelehnt und schauete bald zum bewölkten Himmel auf, bald in die frische
-Landschaft hinein, sah aber dabei aus, als gedenke er gar anderer
-Ruinen, gar anderer Hügel und Meere; ihm war das Herz sichtlich
-schwer. Auch er war ein beliebter Erzähler des Städtchens; er hatte
-oft und gern seinen staunenden Zuhörern den bunten Schleier seiner
-südlichen Anschauungen über dies stille Grau der Nebel hingebreitet,
-in denen der Frühling, wie ein Kind in seinen Windeln, tief in's Jahr
-hinein schläft, und dann mit einem Male aufspringt, da ist in voller
-Schöne und Kraft und wie ein junger Herkules die alte Winterschlange
-zerdrückt. Das hat der höhere Norden mit dem Süden gemein, daß dort wie
-hier der ganze Lenz, wie seine einzelne Blüthe, in der geschwellten
-Knospe steckt; und ihn der heiße Sonnenstrahl plötzlich erweckt zum
-üppigsten Leben, während man in Mittel-Deutschland ihn lange kommen
-sieht, und heute die Primel, morgen die Kirschenblüthe findet, eine
-Woche lang das Maienglöckchen erwartet, und so allmälig Blume um Blume
-willkommen heißt und begrüßt.
-
-Drei Monate schon war der Reisende in Nysted; seit drei Wochen liebte
-er; seit drei Wochen war ihm, außer dem kleinen Fleck Erde Laaland, die
-übrige Welt dunkler geworden als der bewölkte Himmel, den er anstarrte.
--- Darum also war er in Italien gewesen, hatte Rom gesehen, dort und
-in Florenz Jahre lang studirt, um hier hoffnungslos einem bleichen
-Mädchenantlitz gegenüber festzuwurzeln? -- Wo waren dann seine Wünsche
-und Träume geblieben, und all die weitausgreifenden Pläne der Seinen?
--- Wie welke Blätter im Sturm kreisten und wirbelten Erinnerungen und
-Vorstellungen durch seine Seele: -- er gedachte seiner Mutter in Plön,
-wohin sie von Copenhagen gezogen, um wohlfeil zu leben, einsam mit
-einer alten Magd, jeden Pfennig zu sparen und mitten in den Unruhen
-des Kriegs ihn zum Künstler zu bilden; er gedachte seines Ohms, des
-Rathsverwandten Hagemeister, der als solcher eine kleine Anstellung
-in Roeskilde erhalten, und mit unsäglicher Mühe durch des Bischofs
-Gnade den Auftrag ihm verschafft hatte, der zuerst ihn nach Nysted
-geführt. -- Eben durchbrach die Sonne, mit hellem blassen Strahl
-sie durchschneidend, die schwere Wolkenhülle; aufblitzte der goldne
-Thurmknopf der das ganze Städtchen hoch überragenden Kirche; die
-Arbeitsstunde war gekommen, und die Möglichkeit im alterthümlichen Bau
-des Gotteshauses die Farben zu sehen und scharf zu unterscheiden; --
-der Maler warf alle Gedanken zur Seite und eilte der Bucht entlang den
-Weg zurück in die Stadt, die steile Gasse hinauf zur Kirche; sie war
-geschlossen am Werkestag; das Frühgebet war längst vorüber. Thorald
-mußte herumgehen bis an des Küsters Haus; er klopfte leise an die
-runden Scheiben des kleinen Fensters, es öffnete sich sogleich und ein
-feiner Mädchenkopf beugte sich hervor.
-
-»Ei guten Morgen, Herr Eynerssen! Der Vater ist nicht mehr daheim,
-er ist auf Schloß Aalholm zum Grafen, und ich soll Euch führen; die
-Schlüssel hat er mir gelassen, ich komme gleich hinab!«
-
-Im Augenblicke stand sie, in ein bescheiden Mäntelchen gehüllt, neben
-ihm, -- »aber laßt Ihr mich nun auch das Gemälde sehen, lieber Herr?
-ich habe mich so lange darauf gefreut, allein der Vater ist so streng;
-der hält am gegebenen Wort wie eine Eisenklammer. Ihn kümmert es gar
-nicht, daß mich die Christine und Elisabeth und Sophie verspotten, weil
-ich, gleichsam ein Kirchenkind, das Bild noch nicht gesehen, da Ihr es
-doch schon vor drei Tagen hingebracht.« --
-
-»Wenn es fertig ist, Gianina, sollst Du es zuerst sehen, früher als
-alle Anderen; heute aber kann ich Dir den Gefallen nicht thun, ich muß
-den Eindruck, den es macht, an Ort und Stelle selbst betrachten, ihn
-wohl berechnen, manches ändern und hineinmalen.« --
-
-»Da verwälscht Ihr mir wieder meinen ehrlichen Christennamen und thut
-mir dennoch nicht das kleinste zu Liebe! +Johanna+ heiß ich, hundertmal
-habe ich's Euch schon gesagt! Würde das klingen ›Gianina Kaalund‹?
-hört doch selbst, wie das acht und kracht! Es paßt zusammen wie die
-Faust auf's Auge.«
-
-Während dem Sprechen hatte das Mädchen die schweren Schlösser geöffnet;
-sie traten durch die Sacristei, welche der Kirche anhing wie ein
-unförmliches Schwalbennest, in die dämmernde Stille des Seitenschiffs.
-Die weißgetünchten Räume gehörten dem normannisch-romanischen Styl
-an, der edle Bau war frei und nicht durch schwerfällige Mittelchöre
-verunstaltet; ein frommes, freudiges Dankgefühl schlug an des Malers
-Herz -- rasch schritt er vor nach der Mitte des Altars und überflog mit
-flammendem Auge die seiner Tafel bestimmte Stelle; hinter derselben
-stand das wohl verhangene Bild. Daneben lehnten eine Leiter und eine
-staffeleiartige Vorrichtung, um das Gemälde in die ihm bestimmte Höhe
-zu bringen und ihm das passende Licht zu geben. Der Maler hatte die
-Absicht, an Ort und Stelle das Gemälde zu vollenden, und dann erst dem
-Magistrat, welcher es für die Stadtgemeine bestellt, zu überantworten.
-
-Unterdessen war Carlson, ein langer blonder Knabe, welcher dem Maler
-aufwartete, mit dem Malergeräth angelangt. Thorald und er gaben sich
-sogleich daran die Tafel aufzustellen. Das Mädchen hatte der Künstler
-längst vergessen.
-
-Die Kleine war scheinbar hinausgegangen, dann umgekehrt und hinter
-einen der großen Pfeiler geschlüpft; sie schaute von dort sachte hervor
-auf Beider Treiben, in der Hoffnung, wenigstens von weitem ihre Neugier
-befriedigen zu können.
-
-Jetzt war das Bild mit dem leeren Altarraum in gleiche Höhe gebracht,
-es stand demselben zur Seite; Carlson ward entlassen. Zögernd blieb der
-Meister mit verschränkten Armen vor seinem Werke stehen, als scheue
-er die Enthüllung desselben. -- Carlson strich dem Pfeiler vorüber,
-welcher Johannen barg; sie glitt geschickt um denselben herum und war
-nun dem Gemälde um so näher. Endlich flog der Vorhang zurück. »Mein
-Jesus, das Schloßfräulein!« schrie Johanna sich selbst vergessend auf.
-Wie von einem elektrischen Schlage getroffen taumelte der Maler zurück.
-»Du hier, Johanna? und Sie -- Helene? das Fräulein von Gejern wollte
-ich sagen -- aber wo, um Gotteswillen, wo ist sie? sprich doch Mädchen!«
-
-»Was fällt Euch ein! Ihr träumt, lieber Herr. Das Fräulein außer aller
-Kirchenzeit hier in dem verschlossenen Gotteshause? ich meine +da+
-die heilige Martha neben unserer Herrgottsmutter auf dem Gemälde, sie
-ist ihr ja wie aus den Augen geschnitten! Wird sich die wundern, und
-der Herr Graf! -- aber der Johannes sieht ihr wahrhaftig auch etwas
-ähnlich! -- und davon sagt mir der Vater kein Sterbenswort!«
-
-Heiß erröthete der junge Mann, ob aus Liebesentzücken oder Scham ist
-schwer zu sagen, denn die in's Auge fallende Aehnlichkeit war ihm
-unbewußt aus der Seele in die Farbe seiner Pinsel gedrungen; dann
-versuchte er des Mädchens Ausspruch zu widerlegen, ja, er schalt
-ihn sogar eine thörichte Einbildung, der des Fräuleins Ohr ja nicht
-berühren dürfe; er bewies ihr den Irrthum in tausend Abweichungen des
-Originals vom Bilde. --
-
-»Meinetwegen, lieber Herr Eynerssen, ich gebe Euch gern zu, daß unser
-Fräulein weder so betrübt aussieht -- Gott sei Dank! noch so fromm;
-aber +das+ sind ihre schönen lichtbraunen Haare, ihre klaren Augen
--- das ist die schmale Unterlippe, mit der sie so drollig trotzen
-kann, das ist ihre freie gerade Nase; es ist ja zum Sprechen! Und so
-narret mich doch nicht, indem Ihr mir weiß machen wollt, es sei das
-Alles ganz von selbst gekommen, habt Ihr doch eben das Conterfei der
-drei Fräulein im Schlosse vollendet, da hattet Ihr ja die allerbeste
-Gelegenheit, dasselbe Gesicht hier zu wiederholen. Die Lisbeth hat die
-Bilder gesehen und kann gar nicht aufhören, die Aehnlichkeit derselben
-zu rühmen!«
-
-»Ich bitte, Kind, jetzt laß mich arbeiten,« bat der Maler. »Geh' jetzt
--- thu' mir den Gefallen! Drei Stunden lang habe ich auf den hellen Tag
-und auf das Sonnenlicht gewartet.« -- --
-
-»Ja wohl, ich gehe schon, aber ich hätte Euch doch gern noch viel
-gefragt; mir ist, als müsse ich Euch danken für Labung und Gottesgabe!
-Die heilige Mutter am Kreuz ist gar so schön, und Christus sieht auf
-uns mit solcher Barmherzigkeit hernieder, daß man so recht im Gemüthe
-fühlt, wie er für uns gestorben ist!«
-
-Als sie draußen war, schob Thorald die Riegel vor und kehrte dann zu
-seinem Bild zurück; er wollte die Aehnlichkeit wegbringen durch ein
-paar kühne Pinselstriche, wär's auch auf Kosten seines Bildes, aber den
-geliebten reinen Zügen gegenüber sanken ihm Hand und Muth. -- »Haben
-es doch Rafael und Andrea auch gethan!« flüsterte er vor sich hin --
-»vielleicht gewahrt sie es nicht einmal; mir ist's wie eine Todsünde,
-die wunderbare Harmonie dieses Antlitzes zu zerstören! Was auch für
-Herzeleid und Verdruß mir daraus erwachse, ich vermag es nicht.«
-
-
-In einem nicht eben uneleganten, nur etwas schwerfälligen Pavillon in
-chinesischem Geschmack, der sich neben dem alten gothischen Schloßbau
-drollig genug ausnahm, und recht wie zum Spott unserer schwächlichen
-Modernität mit dessen vier, fünf Ellen dicken Mauern contrastirte,
-saßen am Abend desselben Tages drei junge Mädchen, zwei von ihnen
-mit Nähen und Spitzen-Klöppeln emsig beschäftigt; -- Laaland bewahrt
-noch seine primitive Fabriken- und Lädenscheu, und Nysteds 800
-Einwohner gehen alle, von der Mode unberührt und unbelästigt, im
-großväterlichen und großmütterlichen Schnitt einher. Die Damen mußten
-also nothgedrungen zu ihrer eigenen Modernisirung Hand anlegen. Den
-beiden fleißigen Schwestern gegenüber saß Helene, mit dem Rücken nach
-dem Fenster gekehrt, und schaute verstohlen über die Schultern hinweg,
-der Lindenallee entlang, welche Schloß und Städtchen verbindet. Sie
-beachtete keines der Copenhager Gesellschaftsbilder, welche jene
-Beiden mit unerschöpflicher Phantasie ihr entwarfen; wie aus einer
-weitentlegenen Welt schaute sie sichtlich, ohne alles Verständniß des
-ihr Vorgetragenen, über den kleinen schmalen Theetisch zu den lustigen
-Schwätzerinnen hin, die, glücklicherweise viel zu sehr mit sich selbst
-beschäftigt, ihre Zerstreutheit nicht bemerkten. --
-
-»Bruder Joachim und Elisabeth kommen auch zum Pferderennen nach
-Copenhagen,« sagte Amalie, »Christian will nur ein halb Dutzend
-Ackerpferde zum Verkauf hinüberschicken -- wird sie nicht Staat machen,
-die Gnädige. Nun, da bekommen wir wenigstens neue Muster.«
-
-»Nach Wallöe? o ja! aber schwerlich bis hieher nach Laaland! Und alles
-können wir doch nicht selbst machen, oder gedenkst Du in Nysted eine
-Putzmacherin zu suchen? Danke Gott, wenn Du einen Schuster findest!«
-
-»Wie Du nun wieder übertreibst, Annette, Dir ist der Aufenthalt hier
-zuwider, und doch ist er so friedlich, so recht gleichförmig und ruhig,
-wie ich immer leben möchte; ich habe diese grünen fetten Weiden gern.«
-
-»Gern? ist's etwa angenehm zwischen Ochsen und Kühen, durch Dick und
-Dünn in schweren Holzschuhen dem Sonnenuntergange entgegen zu waten, im
-Moor stecken zu bleiben und dann allenfalls vom alten Niels gerettet,
-wie ein nasser Sack in irgend einem Bauernhofe als »Gräfliches
-Eigenthum« abgeliefert zu werden?«
-
-»Uebt man doch kein Morast-Strandrecht an uns aus! Ich bin lieber hier
-als in Wallöe; das Stift wird mir nicht zum Vaterhause. Hätte Christian
-mein Herz für Aalholm, es sollte bald hier anders werden. Es war auch
-anders zu der Mutter Zeit, sogar noch in des Vaters Witwen-Jahren, ehe
-all die Modernisirungsversuche den Bauernstand uns fern stellten; es
-war etwas patriarchalisches in der Abhängigkeit.«
-
-»Ich meine, der Bauernstand sei unserer Gegenwart etwas näher getreten,
-als für unser Aller Glück nothwendig,« erwiederte Annette; das hübsche
-Milch- und Rosen-Gesichtchen überflog ein Zug seltsam spöttischer
-Bitterkeit.
-
-Am gegenüberliegenden Ende des Gartens erschien jetzt eine bleiche
-noch jugendliche Frau; sie trat aus dem Schlosse und schritt mühsam
-die hohe Steintreppe hinab in den Gang, der zum Pavillon führte; ihr
-etwas trüber Blick überflog die Kieswege und die steifgeschnittenen
-Taxuswände, als suche er etwas; ein leises, fast unmerkliches
-Kopfschütteln sprach aus, daß sie es nicht gefunden; -- so näherte
-sie sich langsam den Schwestern. Helene, ihren wogenden Träumen
-hingegeben, bemerkte es nicht; die andern Beiden blieben in plötzlich
-veränderter Haltung sitzen, etwas Gliederpuppenartiges und angestrengt
-Eckiges legte sich über dieselben und es breitete sich eine feine, doch
-keineswegs grelle Affectation über den ganzen Ausdruck ihres eben noch
-so ganz natürlichen Wesens aus.
-
- * * * * *
-
-Eva, so hieß die Neuhinzugetretene, grüßte freundlich ihre
-Schwägerinnen und setzte sich zu ihnen; sie athmete beklommen. In
-Laaland geboren, hatten ihr dennoch der feuchte Moorboden und dessen
-ungesunde Ausdünstungen geschadet; ihre Gesundheit war zerstört. Sie
-hatte mit ihrem Gemahl, dem Grafen Christian, fünfzehn Jahre in Jütland
-zugebracht, bis das ihm nach seines Vaters Tode zufallende Majorat sie
-veranlaßte, nach Aalholm zu ziehen. Jütland aber ist der romantische
-Theil Dänemarks; es hat weder Fühnens überreiche Vegetation, noch
-Seelands städtischen Reiz, aber es vereinigt den Wechsel wilder, rauher
-und fruchtbarer Gegenden; es hat die höchsten Berge, Waldungen und
-Seen, anmuthige Buchten und Flüsse -- und sein kaltes Klima ist nicht
-schädlich wie das des kaum sich über den Meeresspiegel erhebenden
-Laaland.
-
-Eva legte leise ihre schmale abgemagerte Hand auf Helenens Schulter, um
-sie aus ihren wachen Träumen zu erwecken; »es ist schön heute Abend,«
-sagte sie, »seit dem Mittag hat sich der Horizont entwölkt, wolltest
-Du nicht ausgehen oder ausfahren?« »Meinst Du, daß es schön bleiben
-wird, bis Sonntag und wir Alle nach Nysted in die Kirche gehen können?«
-fragte, gleich in ihre Gedanken ganz zurücksinkend, das Mädchen. Sie
-schüttelte die lichtbraunen Locken aus dem Gesicht und hob das von
-Johannen beschriebene Antlitz zu der vor ihr Stehenden empor; man
-fühlte die Wärme und Innigkeit des strahlenden Blickes, die vertrauende
-Liebe, die sie der Schwägerin verband. »Ich glaube,« fuhr sie leicht
-erröthend fort, »das Altarblatt wird fertig sein, es könnte wohl zur
-Feier des Johannistages aufgestellt werden.« --
-
-»Freilich haben wir lange genug darauf gehofft, aber Du vergißt, liebes
-Kind, daß unsere Herren nach Copenhagen wollten.« --
-
-»Bewahre! Christian schickt nur seine Pferde hin und Joachim und
-Friedrich gehen von ihren Gütern aus direct, ohne mit uns zusammen zu
-treffen; sie gedenken zum Erntefest hier auf Aalholm uns zu besuchen,«
-sagte Annette. Die arme Gräfin wurde noch ein wenig bleicher als sie
-gewesen, Christian hatte ihr von all diesen Veränderungen seiner Pläne
-nichts gesagt!
-
- * * * * *
-
-Helene sah sie sorglich an, »Christian,« sagte sie, »hat erst gestern
-Abend die Briefe erhalten, er ist mit dem Inspector nach Engholm; Du
-weißt, heute Morgen hat er eine Kiste Bücher bekommen, und vermuthlich
-über die Geistesverwandten die Brüder vergessen!« -- Schmeichelnd
-streichelte sie die zitternde Hand, welche von der Schulter
-herabgeglitten jetzt in der ihren lag. »Oder mich!« -- seufzte Eva,
-unhörbar leise.
-
-Ein Männertritt erklang über den Kies der Gartenwege; während des
-kurzen Gesprächs war nun, doch von Helene nicht unbemerkt, Thorald am
-Pavillon vorbei und durch die kleine Gartenpforte hereingekommen; er
-trat, sich entschuldigend, daß er nicht angemeldet, zu den Damen. --
-
-Er mochte Helenen früher auf diese Weise allein angetroffen haben,
-denn Beide waren sichtlich verlegen, und die andern Schwestern
-flüsterten sich etwas zu: Annette zuckte lächelnd die Achseln. Die
-Gräfin blieb verstimmt und wurde mit jedem Augenblicke trauriger.
-Das Gespräch drehte sich um die Politik des Auslandes und die damals
-noch wie elektrisch auf die Gemüther rückwirkenden Nachrichten aus
-Frankreich. Thoralds Aufenthalt als Künstler in Italien, auf dem so
-vielfach erschütterten Boden, in der von tausend Freiheitsträumen
-und Kriegsereignissen bewegten Zeit, hatte für die Frauen etwas
-Fabelhaftes, das ihn wie mit einer Aureola umwob.
-
-Endlich kam auch Graf Christian; eine edle Erscheinung. Er ging ein
-wenig vorn übergebogen aus übler Angewöhnung; richtete er in irgend
-einer Geistes- oder Gemüthsanregung sich auf, so gewann seine Gestalt
-etwas Ritterliches, das an Majestät grenzte. Seine Züge hatten eine
-formelle Strenge angenommen, die nicht mit physischer Kraft gepaart,
-fast unnatürlich erschien; die schmale kleine Hand und die dünnen
-Knöchel derselben verriethen sogar eine körperliche Schwäche, die
-jedoch nicht ohne Anmuth hervortrat. Ohne unbeholfen sich zu zeigen,
-war der Graf leicht, selbst im engsten Familienkreise verlegen, seine
-etwas ungelenke Vornehmigkeit und der seinen Tagen anhangende Mangel
-einer vollendeten Erziehung, welche überall Sicherheit gewährt,
-trugen Schuld daran. Unendlich schön waren seine dunkelgrauen Augen;
-sie hatten einen wunderbaren Reiz, den man sich nicht zu erklären
-vermochte, denn sie belebten sich selten; eine Art schwermüthiger
-Düsterheit war in ihm allmälig zu der stillen Beschaulichkeit geworden,
-die ihn fast zum Gelehrten stempelte. Fünfzehn Jahre hindurch hatte
-er in einem jütländischen Dorfe gelebt, und war auch dort ein Träumer
-geblieben, den nur momentane Noth zum Handeln zwang, den selbst die
-Beschränkung der Armuth nicht zum praktischen Menschen auszubilden
-vermochte. Er war zeitgemäß elegant gekleidet, hatte feine Wäsche und
-ungepudertes Haar, überhaupt aber eine gewisse Zierlichkeit, welche
-gegen die Derbheit seiner Gutsnachbarn abstach.
-
-Im Eintreten fiel sein Blick auf den Maler, seine Stirn umwölkte sich.
-
-Thorald unterhielt die Damen voller Laune und Gewandtheit, kaum
-unterbrach des Hausherrn Ankunft das Gespräch, denn die Mädchen
-dürsteten in ihrer Abgeschiedenheit nach überseeischen Neuigkeiten;
-Besuche waren bei der Unfahrbarkeit der Wege selten.
-
-Als Thorald endlich neben Helenen einen unbemerkten Augenblick gewann,
-flüsterte er ihr die Bitte zu, wo möglich sein nun aufgestelltes morgen
-zu vollendendes Bild vor dem Sonntagsgottesdienste in der Kirche zu
-sehen. Glühend vor innerer Lust und in gegenseitig sie überwältigender
-Leidenschaft ganz versunken standen Beide vor einander, ihn steigerte
-ein stolzes Selbstgefühl, sie berauschte der Gedanke an seinen
-künftigen Ruhm; denn selten nur kamen Künstler auf die stille Insel.
-Der nur von Ackerbau lebende Laaländer vermag sie nicht herzulocken!
-Seit Menschengedenken hatte man keinen Maler in Nysted gesehen, und
-die beiden schönen Gemälde der alten Kirche dankten ihr Entstehen
-katholischen Donatoren, und gehörten weit früheren Jahrhunderten an.
-
-»Graf Brahe Trollenburg« meldete ein vierschrötiger Diener, welcher
-trotz seiner Livrée einem deutschen Großknecht nicht unähnlich sah
--- Fräulein Annette erröthete zur Rose! -- Der reiche Gutsbesitzer
-aus Seeland war ihr nicht fremd! Während ihres Winteraufenthaltes
-in der Residenz, so kurz er gewesen, hatte sich in dem jungen Manne
-eine dauerndere Empfänglichkeit für des Laaländer Fräuleins Reize
-erzeugt, als den Copenhager Damen billig schien. Der Graf war reich
-und eine vortreffliche Partie. Er war nach Aalholm gekommen, um das
-Herzensterrain seiner Schönen zu sondiren und im Ehestandshafen zu
-ankern.
-
-An der Art, mit welcher Graf Christian ihn bewillkommnete, erst seiner
-Gemahlin vorstellte und ihn dann seinen Schwestern zuführte, errieth
-Thorald sogleich den künftigen Schwager, -- eine unaussprechliche
-Beklommenheit bemächtigte sich seiner, die eben noch so fließenden
-Erzählungen aus Italien stockten, des Hofmanns Gegenwart drückte ihn
-zurück in den Schatten. Es war bei dem sehr abgeglätteten Tone des
-Trollenburg nicht leicht zu durchschauen, welcher der drei Damen die
-Bewerbung des vor kurzem Majoratsherr Gewordnen gelte -- es drückte
-dem Maler fast das Herz ab; in verzweifelnder Stimmung verließ er die
-Gesellschaft, man machte keinen Versuch ihn zurück zu halten; trostlos
-kehrte er zu dem Städtchen zurück.
-
-Unweit des Thores begegnete ihm Johanna, sie hatte den Leuten auf dem
-Felde ihr Vesperbrot gebracht, und trug eine Menge Geräthschaften und
-einen großen schweren Wasserkrug heim. Sie näherte sich Thorald, um
-ihn zu fragen, ob er in die Kirche verlange, der Vater sei auf der
-Feldarbeit mit dem Knecht; sie hätten's eilig, denn morgen sei an ihnen
-die Frohnfuhre, der Acker aber erst halb bestellt.
-
-»Frohndienst? Ihr als Bürger? unmöglich!«
-
-»Doch, lieber Herr, wir haben von Alters her Land in Pacht vom Herrn
-Grafen; obschon wir eines Theils losgekaufte Bauern sind, stehen wir
-ihm noch in Frohn und Zehnten. Der Herr aber ist glimpflich, allein
-der Vogt! Erbarme sich Gott! Ehmals, da wir Leibeigne waren, mag es
-noch schlimmer hergegangen sein; Großvater hat uns oft geklagt, wie
-die Verwalter zu seiner Zeit den Bauern geschunden! Wie er in der
-Kornschatzung nicht nur gehäuftes Maß, sondern noch eine Zugabe für's
-Schwinden oder Senken habe liefern müssen -- wie nicht nur bloß die
-armen Gäule ihm zur Ackerfrohne eingespannt wurden, o nein, wie sie zum
-eignen Dienste jedes Knechtes, jeder Magd des Herrnhofes bereit sein
-mußten; konnte doch damals nicht einmal der Hundejunge zu Fuße durch
-das Moor, stand gleich der Bauer bis zum Knöchel d'rin, und watete
-selbst schwerbelastet neben seinem Vieh, um das Getreide zur Mühle zu
-fahren, den Sand vom Strande zu holen für den Vogt -- o lieber Herr! es
-war eine harte, schwere Zeit! Selbst unsre liebe Gräfin weiß ein Lied
-von ihr zu singen; helf' ihr Gott! und sie ist doch uns Allen eine so
-gnädige Herrschaft!«
-
-So unbequem Thorald die Anrede der Dirne empfunden, so ganz verloren
-ihr frischer Reiz dem Jüngling gegenüber blieb, so blitzstrahlartig
-traf ihn dieses Wort. »Was meinst Du, Mädchen?« fragte er harsch ihren
-Arm ergreifend, »was soll das heißen?«
-
-»O nichts für ungut, lieber Herr, verzeiht! Ihr wißt ja selber wohl,
-daß unsre Gräfin die Tochter des Peter Owens ist, der den großen Hof
-zu Engbolle in Pacht hat; es ist freilich nicht gut davon reden, die
-gnädige Herrschaft hört's nicht gern; aber Ihr, was geht es Euch an!
-da droben zu Aalholm, ja, das ist etwas anders, ein Jeder sagt, es sei
-ein Nagel zum Sarg des Hochseeligen gewesen und geblieben!« Sie hob
-den Krug, den sie neben sich auf einen Stein gestellt, mühsam auf,
-um weiter zu gehen, Thorald stand ihr freundlich bei -- »was hast Du
-denn da?« fragte er zerstreut, all seine Gedanken waren noch bei ihrer
-Erzählung. --
-
-»Wasser vom Bärenborn für Fräulein Helene.«
-
-»Seit wann thust denn Du Schloßdienste?«
-
-»Ei im Schloß bin ich wohl selten genug! Aber das Fräulein wäscht sich
-nur mit dem Bärenborn, und wir Töchter der Frohn- und Festebauern
-müssen ihr Reihe herum das Wasser holen. Es ist freilich ein wenig
-weit,« setzte sie hinzu, indem sie mit dem Schürzenzipfel die Stirne
-trocknete, »es sind wohl anderthalb Stunden Wegs von uns aus dorthin,
-darum hat mir's warm gemacht!« --
-
-»Aber wer hat Euch denn befohlen das Wasser zu holen?«
-
-»Wer anders als der Vogt? die Herrschaft weiß wohl kaum davon! Er ist
-es noch von Alters her gewohnt, die Bauern zu Paaren zu treiben! Die
-Alten sind alle so; macht es doch unserer Gräfin Vater nicht besser!
-Der nimmt das Joch aus Gewohnheit selbst über den Nacken! Nun, kommt's
-nicht arg, fügt man sich schon.«
-
-Lustig schritt sie mit ihrem Kruge weiter.
-
-Die Gräfin eines Pachters -- Peter Owens Kind? +Das+ also ist die
-unsichtbare dunkle Last, an welcher das arme Weib so schwer trägt?
-ihr Großvater Leibeigener, der Vater Frohnpflichtiger, wenn auch wohl
-längst abgekaufter Bauer -- und sie die Gutsherrschaft -- die +Gräfin+!
-Also da sind wir +noch+? seufzte der junge Mann. O wahr, trotz den
-Bestrebungen der Edelsten unseres Volks, trotz Moltke, Reventlov und
-Colbiornsen +noch+ nicht weiter? Wie unsäglich langsam reift die Saat
-des Guten -- bedarf sie denn wirklich des blutgetränkten Bodens? --
-
-In Italien und Frankreich, die er durchreis't, standen damals Bildung
-und Volksgesinnung auf einem so andern Höhepunkte. Napoleon hatte eben
-Italien unterjocht, indem er es republikanisirte; es war ein Lichtblick
-seines gewaltigen Lebens, -- die vorangegangenen Uebertreibungen der
-Schreckenszeit hoben die Gegenwart glänzender hervor; Jeder wollte dort
-wenigstens einen Theil der ihr entströmenden Freiheit für seine oder
-seiner Kinder Existenz, während im Norden die Meisten vor dem Gedanken
-an die ihr gefallenen Opfer zurückbebten, und deren Vollgewinn in
-seiner damaligen Form kaum angenommen haben würden, hätte er sich ihnen
-geboten.
-
-Anders freilich dachte und fühlte die Jugend, ihr war der Blutsaum
-des Gewandes der Freiheit Morgenröthe geblieben. Der gestörte Zustand
-der aus ihren Angeln gerissenen Maschine, die wir Bürgerlichkeit
-nennen, erschien ihr minder grell und qualvoll, als den Alten, welche
-der verarmten Familienväter, der kinderlos gewordnen Mütter, der
-Gattinnen, die ihr Theuerstes auf der Guillotine verloren, gedachten.
--- Frankreichs glänzende Redner hatten auch in Dänemark den heißen
-Durst nach einer nie empfundenen Gleichheit der Stände erweckt,
-versprach er doch dem edlern Individuum den unermeßlichen Reichthum
-einer vollständigen Entfaltung, den der innerlich Hochbegabte am
-schmerzlichsten entbehrt, und heißer ersehnt, als der Bettler das
-materielle Gut des Vornehmen.
-
-Dem rohen Rausch vernichtender, zerstörender Bestialität des
-französischen Pöbels lag eigentlich das nämliche Gefühl zu Grunde,
-das hier und da den Schwärmer verleitete: eine Ueberschätzung seiner
-selbst. Umsonst haben tausendjährige Erfahrungen uns die Lehre
-wiederholt, daß dem +wirklich+ bedeutenden Menschen, dem Genie, der
-vollständigen Geisteskraft weder äußere Verhältnisse, noch irgend eine
-andre Zeitgewalt hemmende Fesseln anzulegen vermögen; für die Meisten
-sind der obscure Mönch Luther, der Schiffsjunge Peter von Rußland, und
-der uns viel näher stehende Napoleon Bonaparte keine Beispiele.
-
-Ist nun dem Menschenherzen so natürlich, im angeborenen Streben nach
-Glück den größten Maßstab für die eigenen Forderungen zu wählen,
-ohne sie mit den eigenen Leistungen irgend in ein Gleichgewicht zu
-bringen, um wie viel edler erscheinen jene seltenen Naturen, die
-ohne persönliches Bedürfen, unter günstigen Verhältnissen, nur für
-die Menge fordern und, ihre Nation vertretend, sich selbst aufopfern
-für ein allgemeines Wohl! Fast alle wahren Wohlthäter der Menschheit
-haben jedoch nicht bloß gewaltig, sondern eben so mild als besonnen
-gehandelt. Sie sind Sterne gewesen, welche nicht nur das Dunkel
-des Augenblicks durchleuchteten, sondern in jeder Nacht von neuem
-auftauchten und hinter den sie bergenden Wolken fortschimmerten, bis
-ihr Strahl sie zu durchbrechen vermochte.
-
- * * * * *
-
-Die Namen der hochherzigen Männer, welche unter Friedrich ~V.~ und
-Christian ~VII.~ es unternahmen, Dänemarks Bauern allmälig Freiheit
-und Wohlstand zu bereiten, werden nie in seiner Geschichte verklingen,
-so langsam auch ihr oft unterbrochenes Werk vorwärts schritt, ihre
-Beharrlichkeit brachte sie an das Ziel. --
-
-Wie aber die Natur den festen Eichenwald gern mit Vögeln und
-Schmetterlingen durchjauchzt und belebt, so stehen immer zwischen
-solchen ernsten, tiefen Charakteren, aus deren Reichthum Tausende ihren
-kurzen Lebensfaden spinnen, leichte harmlose Wesen, welche gern überall
-das Schönste und Beste fördern möchten, es auch manchmal zu erfassen,
-in der Regel aber +nie+ es festzuhalten vermögen.
-
-Dieser höchst nothwendigen Mehrzahl der Menschen, welche das
-eigentliche Element gesellschaftlicher Verbindungen ausmachen, werden
-allerdings nur die ihnen durch Geburt, Reichthum oder Zufall gegebenen
-Verhältnisse zum äußern Halt, daher die vielen Klagen über verfehlte
-Existenz und gehemmtes Talent. Ich glaube aber, daß wir kein einziges
-Beispiel haben, daß die ganze Gesellschaftswelt, in Bausch und Bogen
-genommen, je im Stande gewesen ist, den Außerordentlichen zu hemmen,
-das gesunde Genie zu zerstören! --
-
-Thorald fand den Gang der Umstände zu langsam; ihn drängte eine innere
-Unruhe zum Handeln; in Napoleon sah er den Retter der Welt. »Der
-Schneckenlauf der Bildung meines Vaterlandes,« sagte er, »beut mir nur
-Kränkung und Lähmung meines Talents. Die Schwere veralteter Vorurtheile
-legt sich auf jede Hoffnung! Auch in Copenhagen schreitet die Kunst
-nur unter dem Schutz des Fabrikwesens vorwärts. In Frankreich, in
-Italien entfaltet eine kräftigere Hand das Panier der Freiheit! Die
-ihr gefallenen Opfer schlummern unter der grünen Rasenhülle, lebt noch
-irgend etwas von ihnen weiter in jener unendlichen Himmelsbläue voll
-unbekannter Welten, so ist dort das hienieden Unvermeidliche längst
-verziehen. Uns bleibt die Sorge, es nicht unnütz erscheinen zu lassen,
-den mit Feuer und Schwert bearbeiteten Acker zu besäen! Der Verlust,
-den Tausende beweinen, muß zum Glücke Tausender erblühen. Auch ich kann
-nur dort mir ein Loos erschaffen, das Helenen anzubieten würdig.«
-
-Wenn sie aber mit Dir entflöhe! so dachte er in andern Momenten; allein
-wie sie erhalten, durch welche Mittel, -- ob sie reich ist? -- Ihm war
-die Frage nie eingefallen, er war zu sorglos dazu. Auch galten in
-Dänemark damals noch die Majorate und fast alle Töchter hochadliger
-Familien standen in dieser Hinsicht einander gleich. So schob er gern
-den Gedanken zurück, von Helenens Gelde zu leben, alles Andere wollte
-er ihr danken. Wenn er aber an Heirath dachte, -- und seit drei Wochen
-that er es stündlich, -- so schwebte ihm allemal ein Verhältniß vor,
-als Hofmaler, als bevorzugter Künstler in einer königlichen Residenz.
--- Dann durfte sein Ruhm neben der Geliebten Adel sich stellen; auf
-die aller natürlichste Weise vergaß Thorald seine republikanischen
-Gesinnungen und daß er eben in der Nysteder Kirche sein +erstes+
-historisches Gemälde aufstellte!
-
-Seine Arbeit vergaß er indessen doch nicht; kaum war der erste
-Sonnenstrahl erwacht, so saß er auf seinem Gerüste vor dem Altarblatte;
-was ihm überhaupt zu thun möglich, war bald gethan. Er saß noch oben,
-als die angelehnte Thür leise in ihren Angeln sich drehte, und Helene
-von ihrer Kammerjungfer begleitet in die Kirche trat; sie hatte
-Commissionen im Städtchen gemacht, die offene Thür bemerkt, und so
-war ihr plötzlich eingefallen, einen Augenblick einzutreten. -- Der
-überglückliche Künstler sprang zu ihr hinab, das Gerüst ward mit
-zitternden Händen zur Seite geschoben, -- großer Gott! auf dem Altar
-stand ihr Bild! Daß er sie als eine der Frauen dargestellt, welche
-die zusammensinkende Mutter unseres Herrn unterstützen, hatte an sich
-nichts den ernsten protestantischen Sinn Verletzendes -- und wie ein
-Strom stürzte der Jubel ihr in's Herz!
-
- * * * * *
-
-Thorald dagegen stand mit gesenktem Blicke bebend ihr zur Seite, eine
-tödtliche Blässe hatte seine Züge überdeckt -- er wagte nicht sie
-anzusehen. Endlich war der Zustand nicht mehr zu ertragen: er schlug
-die Augen auf -- Gott sei Dank, daß es eine Zeit im Menschenleben
-giebt, in welcher man keiner Worte bedarf, sich alles Nöthige zu sagen!
-»Aber,« fuhr sie fort, nachdem er in ihrem Antlitz gelesen, was er zur
-Beseligung des Augenblickes bedurfte, »was wird mein Bruder, was werden
-Bürger und Bauern sagen? ich bin es freilich nicht, denn die Maria
-Jacoba ist ja viel tausendmal schöner als ich, dennoch --«
-
-»Helene! kann ich für die unbewußte Schuld? Des alten Küsters Tochter
-Johanna war die erste, welche mir es aussprach; ich wollte sogar
-diese mir aus dem Tiefsten meines Innern entquollene Aehnlichkeit
-zerstören, aber mir bebte die Hand, wie bei einer verruchten That, ich
-vermochte es nicht.« Heißer erröthete das Mädchen, heftiger schlugen
-des Künstlers Pulse: vor dem Altar sprachen sich Beider Herzen aus. Dem
-voltairisirenden Jüngling, der eben noch mit den Jacobinern zur »Göttin
-der Vernunft« geschworen hätte, trat die Liebe sanft, voll religiöser
-Empfindungen, wie ein ihn heiligender Glaube in die unruhige Seele, und
-schuf sie um zum Tempel des innigsten, frömmsten Gefühls.
-
-Noch schwelgten die Liebenden im Anschauen ihres gegenseitigen Glücks,
-ohne im mindesten der Erde und ihrer conventionellen Bedingungen
-zu gedenken, als wiederum die Kirchenthür in ihren schweren Angeln
-dröhnte, diesmal aber heftig aufgerissen ward. »Der Herr Graf,« sagte
-das im Hintergrund vergessene Kammermädchen, »der Herr Graf.« Zum
-Glück war sie eine Copenhagerin!
-
- * * * * *
-
-Graf Christian prallte zurück, als er das erglühte, bebende Paar in
-traulichem Beisammensein vor dem Altar erblickte; aber sein Gesicht
-nahm den Ausdruck des wüthensten Zornes an, als er die Aehnlichkeit mit
-seiner Schwester gewahrte, die momentan noch auffallender erschien,
-weil Helene zufällig mit aufwärts gewandtem Haupte zu Thorald in die
-Höhe sah, wie auf dem Bilde die Maria Jacoba zur Mutter Gottes.
-
- * * * * *
-
-»Herr! was soll das?« polterte der kaum seiner selbst Mächtige und
-dennoch innerlich Verlegene. Mit jedem Wort steigerte er sich mehr und
-mehr, um seiner Stimme Herr zu werden, »Sie haben sich erlaubt, die
-Ihnen von mir und meiner Familie aufgetragene Arbeit zu mißbrauchen,
-die Züge eines Fräulein von Gejern, wie die eines Modells zu einer
-Figur Ihres Gemäldes zu benutzen! Sind Sie von Sinnen, auf diese Weise
-einen im ganzen Reich geachteten Namen zu prostituiren? Das Gemälde
-muß fort von hier, oder die Züge dieser Martha -- oder wie sie heißt,
-müssen verändert werden.«
-
-»Herr Graf, diese Aehnlichkeit ist weder einem der mir aufgetragenen
-Familienportraits gestohlen, -- mein Altarblatt ist weit früher gemalt
-als jene, -- noch habe ich die Comtesse wie ein Modell zu behandeln
-gewagt. Wenngleich eine zufällige Aehnlichkeit die Züge meiner Jacoba
-verschönt, so liegt darin nichts Entwürdigendes. Meine Kunst ist
-heiligend, nicht befleckend! Rafael, Domenichino, del Sarto haben
-alle Großen ihrer Zeit, den Papst, die Fürsten, die edlen Frauen aus
-königlichen Geschlechtern auf ihren Gemälden verewigt. Wenn aus ihren
-Worten eine gewisse Unkenntniß dieser Umstände hervortritt, so muß ich
-dennoch anerkennen, daß Sie in andern gelehrten Fächern so Bedeutendes
-leisten, daß Ihnen für die Kunstgeschichte keine Zeit blieb -- gewiß
-würden Sie in Frankreich oder Italien --«
-
-»Unsinn! Unsinn! Wir sind Protestanten, Herr Eynerssen, verstehen
-Sie das? ganze Protestanten, keine Halbkatholiken, keine Deïsten,
-sondern Lutheraner! -- schon +das+ ändert unsere Verhältnisse! Wir
-sind Dänen! das ändert unsere Ansichten des Schicklichen; was in
-diesem Augenblicke in Frankreich und Italien, als die mit dem Blute
-des Adels gedüngte Frucht höherer Bildung gilt, vergeben Sie -- kann
-ich als dänischer Graf weder ehren noch anerkennen! Da ich mir aber
-erlaube, über meine vaterländischen Zustände und die bei uns längst
-festgestellten gesellschaftlichen Formen selbständig zu urtheilen, so
-bitte ich Dich,« -- fuhr er gegen das Fräulein gewandt fort -- »um
-Deinen Arm, um Dich zur Kutsche zu geleiten. Läßt Du mir da die neuen
-Mecklenburger Rappen zwei Stunden an der Sonnengluth stehen, daß sie
-die Hufe sich zerschlagen! Ich werde mir das Weitere in Bezug auf Sie,
-Herr Eynerssen, und auf die Maria Jacoba vorbehalten. Für jetzt ersuche
-ich Sie nur auf das Bestimmteste und Höflichste, es zu machen, wie Ihre
-Kunstvorfahren mehr als einmal gethan: durch einige wohlberechnete
-Pinselstriche, die, wie sie mich versichern, Comtesse Gejer ganz wider
-Ihren Willen zur Jacoba stempelnde Aehnlichkeit zu +vernichten+, und
-werde ich ferner stehenden Fußes mir erlauben, den Herrn Magistrat zu
-benachrichtigen, daß einige nöthige Retouchen die Enthüllung Ihres
-Altarblattes am Johannisfeste unmöglich machen und selbige um ein
-paar Tage hinausschieben; es sei denn, daß Sie mit diesen Aenderungen
-sogleich --«
-
-»+Ich+ könnte mir vor Allem erlauben Ihnen zu bemerken, Herr Graf, daß
-ich vollkommen mündig und erfahren genug bin, dem Magistrat selbst
-vorzutragen, was ich für nöthig erachte« -- --
-
-In Todesangst blickte Helene, hinter dem Grafen halb verborgen, zum
-Geliebten hinüber, noch ein Wort und der Bruch war unvermeidlich,
-unheilbar! --
-
-»Ich erlaube mir aber nur als Künstler zu antworten, daß es zu dieser
-Aenderung +zu spät+ ist,« fuhr Thorald fort, »mein Bild ist seit
-mehreren Tagen vollendet, ich habe sogar eben einen ersten leichten
-Firniß darüber gezogen; Ew. Gnaden Kunstsinn und Geschmack werden Ihnen
-die Ueberzeugung davon geben, wenn Sie es einer nähern Betrachtung
-würdigen.«
-
-Aber Geschmack und Kunstsinn des Grafen reichten keineswegs an die
-strenge Ansicht desselben in Betreff der Frauen-Ehre, deren Zartheit
-in seinen Augen jeder Hauch zu trüben vermochte; sie reichten eben so
-wenig an das beleidigte Gefühl seines Adelstolzes. Auf's schmerzlichste
-erregt, war jetzt Graf Christian jeder Verlegenheit, aber auch jeder
-Schonung bloß, -- Wort um Wort flogen in immer verletzenderer Schnelle
-hin und wider, Christian vergaß sich endlich so weit, den Maler daran
-zu erinnern, daß er, außer der Verwendung des Bischofs zu Roeskilde,
-seiner eigenen Vermittlung die Bestellung des Altarblattes zu danken
-habe.
-
-An dieser unseligen Mahnung brachen des Jünglings Fassung und alle
-Vorsätze seiner Liebe. Seine Künstlereitelkeit war zu peinlich
-verletzt. Mit mehr Hochmuth als Stolz erklärte er die ganze Arbeit in
-Nysted für eine bloße Probe, die er mit seinem eigenen Talent gemacht,
-welche aber von dem kleinen Städtchen einer unbedeutenden dänischen
-Insel aus, keineswegs ihm als Kunstwerk großen Ruf zu erwerben
-geeignet sei. Von Copenhagen her könne es allein ihm gelingen, sich
-in der Welt Bahn zu brechen; nur vom Königshofe stehe zu erwarten,
-daß etwas wirklich Förderndes für seine Kunst geschähe. Unglücklicher
-Weise setzte er dabei den ganzen langsamen Bildungsgang Dänemarks in
-ein höchst ungünstiges Licht, und vergaß der ungeheuren Opfer, welche
-gerade jene Zeit dem höhern Adel auferlegte; denn der junge Maler
-kannte die blutige Geschichte Frankreichs in ihrer grellen Buntheit
-besser, als die des eigenen Vaterlandes.
-
-Graf Christian dagegen war mit dem tiefaufgewühlten Boden vertraut,
-dem er Schätze der Erkenntniß entrungen, in welchem er zahllose
-Leichen seiner Jugendhoffnungen und manch' schmerzliches Verleugnen
-seines Familienstolzes geborgen. Die Wahrheiten, die er auf demselben
-angebaut, hatten längst Frucht getragen. Unpraktisch im kleinen
-Thun des täglichen Lebens, ungeschickt wie ein Kind in Handhabung
-des Zufalls und seiner flüchtigen Gunst, wenn es seine eigne
-Persönlichkeit galt, war er in Bezug auf Staatsverhältnisse fest und
-klar. Als Theoretiker schloß er sich den bedeutendsten Reformatoren
-der Bauernsache an, als Individuum hatte er in Ausübung des einmal
-Angenommenen nie das Billige verweigert. Ordnung und Freiheit
-waren ihm gleichbedeutend, er selbst hatte auf Laaland die ersten
-Schritte zu Lösung des Leibzwangs und des Gemeinbesitzes gethan,
-ja, zuerst Erbpacht auf seiner Herrschaft gewährt, aber daß er es
-gethan, verlangte er anerkannt zu sehen. +Nie+ war ihm eingefallen,
-seinem Range dabei etwas vergeben zu können, oder die gewährten
-+Menschenrechte+ als Aufhebung der seines +Adels+ anzusehen. So empfand
-er auch Thoralds Nichtbeachten des für ihn Geschehenen als schwarzen
-Undank, ja als Gemeinheit und Frechheit.
-
-Sehr trocken fragte er den Maler, ob er von seiner Stelle aus, ohne
-Unterstützung des Adels, am Hofe Zutritt zu erlangen erwarte? Ob ihm
-das verwandtschaftliche Verhältniß zwischen seiner und des Bischofs
-Familie unbekannt sei, daß er auf die ihm in Bezug auf Comtesse Gejer
-eben mitgetheilten Bemerkungen so gar nicht achte, als müßten dieselben
-nicht in jenem Hause ihr Echo finden?
-
-Es legte sich eine Art Geringschätzung in Ton und Haltung des Grafen,
-die für Thorald unerträglich war. Als Christian seine durchaus
-verletzende Rede mit dem übermüthigen Rathe schloß, lieber bei dem
-macht- und geldlosen Adel der französischen Emigranten, oder bei den
-Jacobinern die rasche Erfüllung seiner hochfahrenden Pläne zu suchen,
-brach Helene in Thränen aus; alle Rücksicht gegen den Bruder vergessend
-stürzte sie auf den Künstler zu, und beschwor ihn auf's zärtlichste,
-sogleich die Kirche zu verlassen, diese Unwürdigkeiten nicht länger
-anzuhören, das Unstatthafte in Christians Betragen um ihretwillen zu
-verzeihen.
-
-Erschreckt starrte der Graf die Schwester an, das Unpassende des ganzen
-Auftritts fiel mit Zentnerschwere auf ihn und lähmte ihm die Gedanken;
-in peinlicher Verlegenheit riß er den Arm des Mädchens an sich und
-führte sie fast gewaltsam zum Wagen. Er war zu tief verletzt, um sich
-weiter auszusprechen, -- als das Zöfchen aber Miene machte, zu Fuß zu
-gehen, winkte er ihr peremptorisch zu, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen.
-
-Zu Haus angelangt, geleitete er Helenen bis in ihr Zimmer, an der Thür
-desselben ergriff er heftig des Kammermädchens Arm. »Ein anständiger
-Dienstbote mischt sich nicht in seiner Herrschaft Angelegenheiten, und
-wo ihm der Zufall etwas offenbart, daß ihn nichts angeht, hält er das
-Maul! Verstanden Jungfer?«
-
-Marie küßte schweigend dem Grafen die Hand, verbeugte sich demuthsvoll
-und folgte ihrem Fräulein, und so groß war des Gebietenden Gewalt,
-daß sie auch draußen bloß durch Seufzer dem sie drückenden Geheimniß
-Luft gab. Graf Christian aber zog sich stumm in seine eigenen Gemächer
-zurück und erschien erst Mittags, um dem Brahe Trollenburg bei Tische
-die Honneurs zu machen.
-
-Aufschreiend in wildem Schmerz, warf sich der allein in der Kirche
-zurückgebliebene Thorald auf die Stufen des Altars nieder. Was er
-selbst zuerst als nothwendig und schicklich empfunden, erschien ihm
-nun maßlose Tyrannei. War ihm früher Helene theuer gewesen, so hatte
-jetzt ihr Selbstvergessen um seines, des armen Künstlers willen,
-dem hochmüthigen Bruder gegenüber, seine Neigung zur heftigsten
-Leidenschaft erhöht. -- Mit anbetender Inbrunst blickte er auf das
-Bild, das ihr Antlitz ihm vergegenwärtigte -- etwas an demselben
-zu ändern war zum Sacrilegium geworden, aber nun wollte er es gar
-nicht mehr der Kirche lassen, er wollte es mit sich fortnehmen, nach
-Deutschland oder Frankreich. -- In wüsten, undeutlichen Träumen verging
-ihm der Tag. --
-
-Es war gegen Abend; die Sonnenstrahlen durchbohrten mit langen gelben
-Streiflichtern die schmalen Bogenfenster, und streiften die mit grauem
-Sandstein umränderten Gewölbbogen; an den hohen Pfeilerbündeln, an
-den Seitenchören hin, am Metall des Altarkreuzes, an den messingenen
-Leuchtern spielten hell aufblitzende Lichtpunkte -- draußen wurde es
-allmälig still; die Leute kehrten von der Landarbeit heim. Langsam
-verstummend sank die gelbrothe Sonnenscheibe zurück in ihr von Nebeln
-umflortes Meeresbett.
-
-Noch immer lag Thorald regungslos, mit sich selber uneins an derselben
-Stelle. Eine kleine weiche Hand faßte, ihn aufrüttelnd, seine Schulter.
-»Lieber Herr! Ihr seid gewiß erkrankt! Hättet ihr nur laut gerufen,
-ich habe vor der Hausthüre mein Garn geweift, ich hätte Euch sicher
-vernommen. Es hat sich keiner hieher in die dunkle Kirche getraut. Als
-aber der Vater heimkam zum Abendbrot und die offne Thüre gewahrte,
-Herr Je! hat er mich gescholten! Ich glaubte Euch nun fort und des
-Zuschließens vergessen. -- Kommt, steht auf, ich stütze Euch, kommt
-mit nach Hause! dann koche ich Euch Lindenblüthenthee, das wärmt; die
-alte Halle ist so eisig kalt! Könnt Ihr Euch aufrichten? O mein Gott!
-bald hätt' ich's vergessen: auch einen Brief habe ich an Euch, von
-Schloß Aalholm; der Gänsebub' hat ihn gebracht -- aber was ist Euch?
-Wo wollt Ihr denn hin? Herr Eynerssen! Herr Thorald! Wartet doch!« --
-Johanna hatte gut rufen und schelten: Thorald, der Helenens Handschrift
-erkannt, stürzte plötzlich wie von Feuersgluth durchströmt fort,
-ohne auf sie zu hören, um in abgeschlossener Stille, fern von jedem
-störenden Menschenblick, das verhängnißvolle Blatt zu lesen.
-
-
-Erst nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen und Jeder auf sein
-Zimmer sich zurückgezogen, trat Graf Christian bei Helenen ein. --
-Finster, mit umwölkter Stirn und zusammengezogenen Brauen, näherte er
-sich dem Mädchen und setzte sich in der Mauervertiefung des Fensters
-ihr gegenüber, in einen altvätrisch geschnitzten Sessel, den er
-vorzüglich gern bei allen Familienmittheilungen einzunehmen pflegte.
-
-Helene war innerlich entschlossen, all sein Thun lächerlich zu finden,
-sie hatte sich mit Uebermuth und Unverletzbarkeit gerüstet, und bot ihm
-ruhig die heitre Stirn.
-
-Ehe aber noch der etwas Verlegene den Anfang seiner beabsichtigten
-Rede gefunden, begann sie selbst: »Erlaube mir, lieber Christian, uns
-beiden ein Wort Verschwendung zu sparen. Deine Absicht ist, mir mein
-Betragen in der Kirche, Herrn Eynerssen gegenüber vorzuhalten und mich
-zu fragen: ob ich um die Dich so scharf verletzende Aehnlichkeit meiner
-Züge mit denen einer seiner heiligen Frauen gewußt -- oder gar sie
-gebilligt. Beides kann ich verneinen; ich hatte keine Ahnung davon, ehe
-ich die Kirche betrat. Das Uebrige aber läßt sich mit einem einzigen
-Worte abthun: ich +liebe+ Thorald Eynerssen!«
-
-Christian ward bleich; auch er hatte in seiner Jugend empfunden, wie
-jetzt Helene! er fühlte, daß sie festen Willens auf den Ereignissen
-seines früheren Lebens fuße; ein schneidendes Weh trat ihm an's Herz,
-und riß gespenstisch all die Leichen längst abgestorbener Schmerzen
-an's Licht. Seine frühe Heirath mit der Tochter eines Feste-Bauers,
-dem sein Vater, Graf Thugge, die Freiheit geschenkt, hatte ihn elend
-gemacht; sie hatte ihn fünfzehn Jahre lang dem väterlichen Hause
-entfremdet! Der alte Graf hatte den Feste-Bauer zum Pachter eines
-seiner Höfe angenommen -- so hatte die unglückselige Neigung der
-jungen Leute sich entsponnen. Fünfzehn lange Jahre hatte Christian in
-Jütland in tiefster Abgeschlossenheit und drückender Armuth verlebt,
-unerbittlich vom Vater verstoßen -- verflucht! -- Und dieser Vaterfluch
-war seiner liebebedürfenden Seele zu einer sein ganzes Dasein
-überschattenden Wolke geworden, und blieb es, selbst als er endlich des
-Vaters Vergebung gewann! --
-
-In der öden Einsamkeit der rauhen Haide, in Mariager, einem elenden,
-kleinen Städtchen, das dem tief einschneidenden Fiörd durch einen
-kleinen Seehafen seinen Unterhalt abgewinnt, ohne alle gewohnten
-Bequemlichkeiten, ohne irgend eine Lebensgier, sah der Arme seine
-ganze Jugend verstreichen![1] Mit täglichen Geldverlegenheiten um's
-tägliche Brot kämpfend, saß er freund- und freudelos der Gattin allein
-gegenüber: unter Standesgenossen ein Bauer, -- unter Bauern ein
-Bettelgraf! Von Menschen umgeben, deren ganze Industrie sich auf den
-Hausfleiß grober Webereien und Fertigung schwerer Holzschuhe erstreckt,
-blieb er allem Umgang fern. Stolz und verschüchtert zugleich, fand
-seine ohnedies scheue Natur überall Widersprüche, die ihn schmerzten.
-Seine Leidenschaft hatte der Besitz abgekühlt, was an ihr durch äußern
-Widerstand zu phantastisch-schöner Uebertreibung aufgeschossen, wie
-eine Wunderblüthe -- war fruchtlos abgewelkt: seine Ehe war kinderlos
-geblieben. Er liebte seine sanfte treue Gattin, allein in der
-immergleichen unpoetischen Stille ihres Zusammenlebens, traten oft
-Pausen des Verstehens, schmerzliche Lücken ein; der Tag ward lang,
-riesig gedehnt überwuchs ihn der frühbeginnende nordische Abend, das
-Bedürfniß die Zeit auszufüllen machte sich geltend.
-
-Der junge Mann fing an zu lesen, aus Holstein, Schleswig und Copenhagen
-Bücher sich zu verschreiben, eifrig zu studiren, über mühsam errungener
-Kenntniß zu brüten.
-
-Nun vergaß er die Kränkungen der Welt, verschmerzte die Trennung
-von den Seinen -- allein er vergaß auch seine Frau; er versank in
-tiefsinniges Forschen, vergrub sich in Geschichte und Philosophie. --
-Eva erschrak als sie plötzlich entdeckte, daß sie eifersüchtig sei.
-Eifersüchtig! und nicht mehr wie ehemals auf eine schöne Dirne, deren
-Augen Christian gelobt, deren schlanken Leib er im »Fangtanz« fester
-umschlossen -- sondern auf seine von ihr abgewandte Seele, auf seine
-Bücher und Plancharten, um seiner nun ganz von der ihren abgelös'ten
-Existenz willen. O wie lange Tage weinte die arme Eva -- er merkte es
-nicht einmal! wie weinte sie, daß sie nicht klug, nicht unterrichtet
-genug sei für ihren Christian!
-
-Endlich begann sie Unterricht zu suchen, sich eifrig mit Stundennehmen
-abzuquälen, um ihm nachzustreben, ihn wieder verstehen zu lernen.
-Es vergingen viele Monate ehe sie nothdürftig Schreiben und Lesen
-sich angeeignet, -- er aber hatte schon wieder andere Interessen
-gewonnen, trieb jetzt Physik und Astronomie, machte Experimente -- und
-Schulden, um sich vermittelst der Schiffsgelegenheit des kleinen Hafens
-ausländische Schriften und astronomische Instrumente kommen zu lassen.
-Wieder war er ihr in endloser Weite voran! Sie litt sehr! Endlich
-bemerkte er es.
-
--- Das Alles und weit mehr noch glitt mit grausenhafter Geschwindigkeit
-Christians innerem Auge vorüber; als er das leibliche aufschlug, saß
-seine Schwester, den einen Fuß hochgestellt und auf das Knie den Arm
-gestützt, in dessen Hand das rothgeweinte Antlitz ruhte, mit dem
-eigenwillig kecken Ausdruck in den Zügen, den er an sich selber kannte!
-An dem nämlichen Fenster hatte er tausend Mal so gesessen und in
-der nämlichen Stellung starr auf das mondlichte, hochaufwogende Meer
-geschaut, -- wie eben jetzt Helene! --
-
-Denn die kaum minutenlange Pause zwischen ihrer kecken Anrede und des
-Bruders zögernder Antwort, hatte auch ihr das Herz wach gerüttelt;
-die angenommene Heiterkeit war ausgelöscht, der nackte, bittere Trotz
-an deren Stelle getreten. Fest entschlossen für ihr Glück zu kämpfen,
-fühlte sie darum nicht minder den Druck lastender Erinnerung. Auch des
-ihr drohenden harten Widerstandes war sie mit tiefstem Grauen sich
-bewußt -- sah sie doch täglich dem stillen Vergehen ihrer Schwägerin,
-der immer zunehmenden Kälte zwischen den Eheleuten zu, sie mußte
-es sich eingestehen, daß aus Christians eigenen Erfahrungen der
-furchtbarste Feind ihr erwachse.
-
-Auch war der schon bei ihrer Geburt halb Verwais'ten ein entsetzliches
-Bild von des Vaters Zorn gegen Christian geblieben, das mit dem
-seltsamen Lebenswandel des seit ihrer Mutter Tode ganz Vereinsamten
-in Verbindung stand, -- das Urtheil der ganzen Familie betrachtete
-damals den verbannten Sohn wie etwa einen Pestkranken; niemand von
-den Geschwistern, den Vettern und Basen hatte ihn wiedergesehen,
-niemand nannte ohne besondere Nöthigung Christians Namen! die andern
-Brüder, jetzt beide an reiche, wenngleich bürgerliche Frauen vermählt,
-waren damals noch zu jung zum heirathen. Der bloße Gedanke an eine
-Verbindung mit einer kaum dem Leibzwang entrissenen Bauerndirne,
-war ihnen empörend und lächerlich zugleich; mit ausgelassenem Hohn
-erzählten sie einander von einem Vetter des Mädchens, den der Vogt mit
-Peitschenhieben zum zwölfjährigen Soldatendienste gezwungen, eines
-leichten Vergehens halber ihn vom Hof gejagt und unter die Miliz
-gesteckt -- dem Kinde war die Geschichte immer peinlich gewesen.
-Die bösen Buben hatten es dann erst recht geneckt, »wärst +Du+ es,
-Püppchen, und nicht unser Aeltester, wir drehten Dir lieber den Hals
-um, eh' wir die Schande noch einmal erlebten!« »Ja«, sagte lachend der
-Andere, »das wäre auch noch schlimmer, unser Blut adelt das Weib an
-unserer Seite und läßt unsern Söhnen den Namen des Vaters, aber so ein
-Bürgerlümmel machte +sie+ zu seines Gleichen.« Helenchen hatte nicht
-verstanden was sie meinten, aber die Angst hatte ihr Thränen erpreßt.
-
-So saß auch sie sinnend jetzt dem Bruder gegenüber, die dunkle
-Gedankenspindel drehend und abwindend, ohn' Ende -- --
-
-»Helene!« sagte sehr trübe, aber auf edle Weise der Graf, »Du hast
-Elend genug, zu aufgehäuften Massen an einander gedrängt, unter uns
-erlebt; hast Dich groß gesogen daran und stark. Seit ich denken kann,
-geschah das Ungehörige in unserm Hause, zerrieben sich die besten
-Kräfte unseres Stamms umsonst an ihren eigenen Auswüchsen. Ich frage
-Dich also nicht, willst Du den alten, kaum entschlummerten Unfrieden in
-seiner dämonischen, Dir wohlbekannten Gestalt von neuem erwecken -- ich
-warne Dich auch nicht, das Alles wäre umsonst! Denn Du bist eine Gejer!
-Aber sieh in mir Deinen Widersacher. Was +ich+ gegen diesen Zuwachs
-unseres Familienelends zu thun vermag, das erwarte von mir. Kannst Du
-Dich selbst überwinden, so traue mir Liebe, Ausdauer und jedes Opfer
-für Dein Wohl zu. -- Kannst Du es nicht, mußt Du Deinem wilden Sinn
-genügen, nun -- vergieb! so beachte wenigstens Deine Frauenehre, wenn
-die Ehre Deines Namens Dir nichts gilt; wirf Dich nicht weg, auch nicht
-an den Besten! Laufe diesem Abenteurer nicht nach, hänge Dich der
-sich frisch entwickelnden Kraft des Jünglings nicht an, wie eine ihn
-hemmende, sein Talent zerdrückende Last -- hüte Dich, daß der zu seiner
-Qual Vergötterte, Dich nicht mit Füßen trete! Oh! man hat Beispiele
-davon.« -- Mit einem tiefen Seufzer, ohne Helenen weiter anzusehen,
-stand Graf Christian auf und schritt schweigend zur Thür hinaus.
-
-»Er mich nicht lieben? o nein, nein, dann wäre ja gar nichts mehr
-+wahr+ auf der Welt!« Helene barg aufjammernd vor Schmerz das Gesicht
-in beide Hände und schluchzte convulsivisch. -- Endlich sprang sie auf,
-ihr ganzes Wesen trug wieder den Stempel der kühnen Entschlossenheit,
-mit welcher sie vorhin den Bruder empfangen. Sie trat an den Tisch
-und schrieb, obwohl mit zitterndem Herzen, dennoch mit fester Hand an
-Thorald Eynerssen.
-
-»Sie haben Unwürdiges für mich ertragen, Thorald, aber gerade dies
-Ertragen gilt in meinen Augen mehr als eine Heldenthat, denn Sie haben
-Kraft sich zu vertheidigen, und nur um meinetwillen haben Sie geduldig
-die Last auf sich genommen, die Sie hinwerfen konnten; allein sie
-hätte sich zur unübersteiglichen Mauer zwischen uns erhoben, hätten
-Sie meinen Bruder behandelt, wie er es verdiente! Ich danke Ihnen,
-Thorald, mit jedem Hauch meines Daseins. -- Und doch weil ich nun in
-der That, nicht mehr im bloßen Wort den Rückstrahl Ihrer Liebe gesehen,
-muß ich eben um dieser mich beglückenden Liebe willen, ein neues,
-noch schwereres Opfer von Ihnen verlangen. Vielleicht sollte ich in
-mädchenhafter Scheu Sie Schritt vor Schritt errathen lassen, was ich
-so offen Ihnen gestehe, allein wir leben in einer so bewegten Zeit,
-daß auch eines Mädchens Herz von dem sie durchglühenden Muth erfaßt
-und fortgerissen wird aus seinem eigenen heimathlichen Rückhalt! Die
-aufgegangene Freiheitssonne ruft +alle+ Lebenskeime an's Licht -- sogar
-in unsern kalten Norden dringt ihr Strahl. Drückt im Allgemeinen unser
-Volk noch die Kette in der Welt längst als lächerlich abgeschaffter
-Vorurtheile, so ist es gewiß um so mehr an jedem einzelnen
-Freigesinnten, das Band zu brechen, das ihn hemmt, denn Millionen
-einzelner Ringe bilden ja die Fessel, in welcher Dänemark bis zu diesem
-Augenblicke schmachtet. --
-
-In +diesem+ Sinne, Thorald, betrachten Sie mein Thun, ich +will+ und
-+werde+ frei sein, die Banden abstreifen, die mich an diese Scholle
-binden so gut wie den Leibeigenen, dem wir die Freiheit geben, mir
-aber wird Ihre Liebe sie gewähren! Aber um dieses Augenblickes willen,
-welcher unwiderruflich kommen muß, ist jetzt ruhige Besonnenheit
-nöthig, bringen Sie ihr das Opfer des gegenwärtigen Moments: Niemand
-darf ahnen, was wir einander sind, ehe wir beide Laaland hinter uns
-haben, und in Copenhagen (Kjöbenhavn) uns wieder finden! Vernichten
-Sie die mich beseligende Aehnlichkeit auf Ihrem Gemälde, sie verräth
-uns. Wie mein Bruder, denken all meine Verwandte, denken alle Männer
-im Städtchen, ja auf unserer ganzen Insel. Was in Frankreich Ihnen und
-mir zur höchsten Ehre gereichte, erscheint hier als Beleidigung einer
-achtbaren Familie, ja als Beleidigung meiner selbst. Vernichten Sie die
-allzu sehr in's Auge fallende Aehnlichkeit und ist dies geschehen, dann
-bleiben Sie ruhig hier, vollenden Sie die begonnenen Arbeiten, welche
-in der Residenz Ihnen leicht die Bahn brechen werden, die Ihr Talent
-sucht -- und überlassen Sie Ihrer Helene das Uebrige. Christian soll
-nicht in Zweifel bleiben, um wessentwillen Sie das Bild geändert, und
-zu seinem Schrecken nur zu bald einsehen, wie wenig Sie seiner elenden
-Hülfe bedürfen!«
-
- +Helene.+
-
-»Für den Augenblick ist es genug,« sagte sie, das Blatt faltend,
-»Christians mich erniedrigende Ansicht soll keinen Einfluß ausüben auf
-mich. Du hast ganz Recht, Bruder, ich bin eine Gejer, und wir haben
-harte Köpfe, mögen sie grau sein oder blond!«
-
-Allein trotz dieser heldenmäßigen Aeußerung wußte Helene doch nicht,
-wie das Billet in des Geliebten Hände bringen; ihrer Kammerjungfer
-traute sie nicht mehr, des Grafen Worte hatten das Mädchen
-verschüchtert. Den Brief verbergend, eilte sie selbst die große Treppe
-hinab, um einen Boten sich zu suchen; auf dem Corridor hörte sie
-Stimmen, die Thüre des gemeinschaftlichen Wohnzimmers der Schwestern,
-an welchem sie vorüberschritt, war nur angelehnt; drinnen unterhielten
-sich Beide mit Mademoiselle Nordermule, einer bucklichen, kleinen
-Gouvernante, welche alle Drei von der Wiege an auferzogen.
-
-Mademoiselle Nordermule erhob in diesem Augenblick die Stimme, so
-hoch es die Schwäche ihrer kleinen, sehr untersetzten Gestalt irgend
-gestattete, und fuhr in ernstem Pathos fort: »wenn wir lieben! aber
-Kinder, wie +selten+ geräth eine Ehe ohne wahre Zuneigung! wie selten
-werden die dissonirenden Lebensmelodien auch nur leidlich tacktfest
-zusammen durchgespielt bis zu Ende, ohne zerrissene Herzen und
-zerrissene Saiten der armen Weiberseele, die zuletzt ganz dumpf und
-klanglos, gar keinen Lebenston mehr wiederhallt! O, Ihr Lieben, wie
-viele Frauen verdummen gänzlich in einer sogenannten »guten« häuslichen
-Ehe, in der sie eigentlich eben -- bloß keine Prügel bekommen! Darum
-kann ich Helenen, deren Charakter nun einmal durchaus in keine solche
-sich finden würde, nur bemitleiden, daß sie auf diesen Abweg gerieth,
-keineswegs sie verdammen; sie wird, wie es auch sich füge, Thränen
-genug zu vergießen haben!« -- »Aha, mein Regenvögelchen!« sagte gerührt
-und heimlich lächelnd Helene; »es prophezeit wie immer schlecht
-Wetter!« Leise schlich sie hinab in die Küche.
-
-In dem hochgewölbten, weiten Raume, den ein ungeheuer großer, aber
-niedriger Herd mit spitz in Dachform sich erhebendem Kamin erwärmte,
-saßen alle Knechte und Mägde des Herrnhofes auf Holz-Schemeln und
-Stühlen um das Feuer her; eine rothbäckige Dirne stand neben dem
-an einer Zackenstange hängenden eisernen Kessel und rührte mit
-langgestieltem Holzlöffel »Manna« in die saure, kochende Milch zum
-Brei, welcher eine Hauptschüssel der laaländer Kost ausmacht. Von
-der Küche führten beiden Hauptwänden entlang eine Menge Thüren zu
-den Schlafstätten des Dienstvolks; in den Zwischenräumen, welche sie
-freiließen, dem Herd gegenüber, standen an der Mauer hochrückige
-Bänke, vor diesen der mit einem weißen Tuch überdeckte lange Tisch,
-der broddelnden Abendmahlzeit harrend; Brot, Käse, Butter und gedörrte
-Fische waren schon auf demselben bereit gestellt. Blankes Kupfer- und
-Zinngeräth schmückte den vorspringenden Rand des Schornsteines, auch
-in den schön gemalten Eckschränken glänzten durch die Glasscheiben
-eine Menge blinkender Dinge, Glasgeschirr und Porzellan flimmerten im
-letzten Abendroth der immer noch am weiten Horizont zögernden Sonne.
-Man gewahrte sie durch eine nach dem innern Hof weit offenstehende
-Thüre. Die kleinen Bogenfenster der Küche hätten durch ihre
-bleigefaßten runden Scheiben, ohne diese Hülfe die Dämmerung längst zur
-Nacht werden lassen; vorsorglich waren auch die Messinglampen am Herd
-bereits angezündet.
-
-Die Männer, welche er um sich versammelte, strickten Netze oder
-schnitzten Quirl und Löffel, andre machten Holzschuh und die langen,
-nur im Norden bekannten Schlittschuhschiffchen, auf welchen der Bote
-über das Eis hinfliegt; sogar die Livréebedienten halfen; die Weiber
-spannen und strickten wollene Strümpfe, ein paar webten auf kleinen
-tragbaren Webstühlen grobes Linnenzeug. In der geöffneten Pforte
-stand halb drinnen halb draußen der Gänsebub, um Theil an der schönen
-Geschichte zu nehmen, die ein alter Jütländer abwechselnd sprechend und
-singend vortrug; -- auf den Gänsebuben aber hatte es Helene abgesehen,
-er sollte ihr Liebesbote sein, denn er konnte weder lesen noch
-schreiben.
-
-Der alte Jütländer, der als Torfbauer im Lande umherzog, trug etwas
-aus dem Bauernaufruhr (1441) in Nord-Jütland vor, wie in der Hangarde
-auf dem St. Jürgens-Berge, nicht weit von Aagaard, zwischen ihnen und
-dem Grundherrn eine blutige Schlacht geliefert, in welcher Eske Brock
-von ihnen erschlagen und in Stücken gehauen worden. Da rüstete sich
-der erzürnte König selber, und die Sache nahm eine andre Wendung: die
-Bauern hatten auf dem hohen Berge eine Wagenburg um sich geschlagen, so
-daß die Reiterei ihnen nichts anhaben konnte, -- die Grundherren aber
-gewannen etliche unter ihnen mit goldnem Versprechen, und klein und
-immer kleiner ward der tapfere Haufe. Der Alte sang:
-
- »Erstlich gingen die Morsinger fort,
- Sodann die Verräther von Thy;
- Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch
- Und diese wollten nicht fliehn!
-
- Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch,
- Und diese wollten nicht fliehn;
- Bauten eine Wagenburg sich,
- Ließen Alle ihr Leben dort!«
-
-Mit glühenden Köpfen lauschte der ganze Kreis dem Erzähler -- als aber
-Helene eintrat, flogen alle auf von ihren Sitzen, und der Freiheitssang
-stockte. Sie winkte freundlich und schritt sogleich auf den Gänsepeter
-zu.
-
-»Du trägst mir das Papier sogleich zur Mamsell Johanna, des Kirchners
-Tochter,« sagte sie laut, »und sie soll Alles recht gut versorgen und
-bestellen!«
-
-Seufzend ließ der lange gelbhaarige Junge die Wendelbo'r in ihrer
-Wagenburg, lüpfte die Pelzkappe und trollte sich von dannen. Helenen
-war leicht und froh um's Herz; eine Weile sah sie dem Burschen nach, ob
-er nicht umkehre, aber der laaländer Bauer war Dienst gewohnt und bange
-dazu!
-
-Als Helene wieder auf der Treppe war, begann der Freiheitssang von
-neuem; ach, in diesem Augenblick hätte sie gern der ganzen Welt
-Freiheit gegönnt und gegeben! sie war durchaus auf der Seite der
-Revolutionairen. -- Das Gespräch der drei Damen war noch nicht beendet
--- »daß eine solche Leidenschaft für ein Fräulein ihres Standes
-unstatthaft sei;« schloß die Nordermule. »Solche Heftigkeit verdirbt
-den Teint, man kann sogar leicht eine rothe Nase davon tragen, oder
-kupfrig werden. Giebt es denn zwischen dieser Excentricität und
-gänzlicher Apathie kein drittes? Wie unendlich glücklicher sind Sie,
-theure Amalie, daß Sie so ruhigen Gemüths die Abwesenheit des Barons
-als eine Ihnen von Gott gesandte Prüfung hinzunehmen vermögen. Zu
-Lichtmeß werden es fünf Jahr, daß Sie ihm das Jawort gegeben, und Sie
-blühen trotz ihrer herzlichen Liebe zu ihm in ungekränkter Anmuth und
-Frische.«
-
-»Wir wollen dennoch hoffen,« erwiederte lachend Amalie, »daß der etwas
-farblose Roman meines Lebens sich in Bälde zu einer Feyenschen Idylle
-wandeln wird; Baron Arnsöndal hat die Freiherrschaft seines alten
-Oheims endlich übernehmen können, und ich darf hoffen, mit Annetten
-zugleich meine Hochzeit zu feiern.«
-
-Gerührt schloß die Nordermule ihren ältesten Zögling in die Arme, und
-benetzte dessen Locken mit Thränen; Amalie war um fast acht Jahre älter
-als Helene, und allerdings war es die höchste Zeit zur Ausführung der
-längst skizzirten Idylle zu schreiten! --
-
-Helene war unbemerkt eingetreten, sie stand auf der Schwelle und lehnte
-unsäglich gelangweilt das Haupt an den Thürpfosten.
-
-»Nun wird es zwei Ausstattungen zugleich zu bereiten geben,« sagte,
-sorgsam Aug' und Wange trocknend, die kleine Alte. »Ach, wenn man dabei
-an alle die gegenüber aufgehäuften Schätze denkt.« --
-
-»Um Himmels willen, ~ma bonne~,« rief, hocherfreut diesen Gegenstand
-einmal erwähnt zu hören, Annette, »sagen Sie mir endlich, was man
-in diesen ewig vor Luft, Sonne und Menschen verschlossenen Zimmern
-bewahrt! Hundertmal schon habe ich Sie fragen wollen, welchen Schatz
-eigentlich diese Zauberhöhle umschließt?«
-
-»Was denn anders als unserer verstorbenen Tante Ausstattung,« fuhr
-Amalie fast zürnend auf, »Du mußt es ja längst wissen! plage doch
-unsere arme gute Emerenzia nicht! Die Erinnerung an jene alte
-vergessene Geschichte macht sie jedesmal nervös und krank!«
-
-»Ja ja!« sagte starr vor sich hinschauend, aber die hochliegenden,
-wasserblauen Augen bewußtlos in's Leere gerichtet, die kleine Bucklige.
-»+So+ ist es! es war die glänzende Ausstattung der unvergleichlichen
-Ulrike, des Sterns meiner Kindheit und Jugend! ach, ich habe ihn nie
-in seiner ganzen Lichteskraft leuchten gesehen! Nur wenige Wochen vor
-ihrem Tode kehrte ihr das volle Bewußtsein zurück; sie flammte noch
-einmal auf, wie eine verlöschende Kerze. Liebe Kinder, ich bin recht
-viele Jahre über die Erde hingewandert, manchen Sommer und Winter
-entlang, doch ihres Gleichen an Sanftmuth und eingeborner Sitte ist mir
-nimmer zum zweitenmal begegnet! Wer Ulriken sah, hätte auch ohne unsre
-heilige Offenbarung an den Himmel und seine ewige Vergeltung geglaubt!«
-
-»Aber liebe Nordermule,« rief plötzlich vortretend Helene, »Du mußt
-ja noch ein Kind gewesen sein, als die Tante verschied, ich habe sie
-niemals gesehen, bei meiner Geburt war sie vermuthlich schon lange
-todt.« Seitdem das Gespräch um diesen Gegenstand sich drehte, war sie
-dem Gange desselben aufmerksam gefolgt.
-
-Die Alte schüttelte verneinend das Haupt. »Es sind kaum dreißig Jahre,
-daß unser theures Fröken[2] geendet,« erwiederte sie, »ich aber zähle
-sechs und funfzig Jahre!«
-
-»So haben Sie Ulriken noch jung gekannt?« fragten wie aus einem Munde
-die drei Schwestern.
-
-»Ja und nein. Körperlich hatte der Herr sie lange noch frisch erhalten,
-allein die Blüthe der Seele war geknickt. Meine Mutter, welche als
-Kammerfrau im Dienst ihrer Hochwürden der Frau Fürstin Abatissin zu
-Wallöe im Stift lebte, hat mir das Meiste von ihr erzählt, da jene das
-Fröken eigentlich auferzogen und mit zärtlichster Liebe ihm anhing.
-Tausendmal hat sie mir von Ulrikens außerordentlicher Schönheit
-gesprochen, auch konnte ich selbst deren Spuren noch lange, lange
-ihr ansehen. -- Damals, als sie sechzehn Jahre alt war, und meine
-Mutter eben ihren Dienst angetreten, sagte man: auch die müdeste Seele
-des aller ärmsten Fäestebönders[3] sei fröhlich geworden und frei,
-wenn ihn das Fröken begrüßt! Wenn sie leichten Ganges über die Haide
-hineilte am frühesten Morgen, wenn der Nachthauch noch scheidend über
-die Haide streicht und sie aufwogen macht wie das Wasser im Belt, so
-blieben, trotz dem drohenden, scheltenden Vogt, Alle die zur Arbeit
-gehen sollten auf der Thürschwelle stehen, und schauten ihr nach wie
-dem guten Omen! Aber freilich kannte sie auch jedes Einzelnen Weib
-und Kind, scheute vor keiner mit Stroh und Schilf überdeckten Hütte
-zurück, saß ungeachtet des dicken Rauchs der schornsteinlosen Küchen
-mitten unter ihnen und hörte mitleidig all der Bauern Klagen; oder
-sie erzählte den Kindern wunderschöne Mähren von unseren tapfern
-Seehelden und ihren gewonnenen Schlachten, von Juels und Tordenskiods
-Waffenthaten; sogar die alte Saga wußte das Fröken zu singen! Waren
-dann die Männer alle fortgezogen auf den Delphinen- oder Seehundsfang,
-und der Vogt trieb deren Weiber an zur Feldarbeit, oder sandte sie gar
-hinaus auf Botengängen tief hinein in's Land, dann saß sie Stundenlang
-bei den Allerkleinsten, wartete und fütterte sie und lehrte die
-Größeren. Ach, ich selbst werde nie vergessen, mit welchem Glockentone
-sie die alte schöne Geschichte sang, vom guten König Sueno und seinem
-strengen Freunde, dem Bischof Wilhelm in Roeskilde; da blieb kein Auge
-trocken im weiten Kreis.« --
-
-»Aber,« unterbrach abermals Annette die Erzählerin, »war denn die
-Tante eine Gelehrte? woher wußte sie denn das Alles? In ihrer Jugend
-hatten doch die Frauen viel weniger Gelegenheit sich auszubilden als
-wir jetzt, sie lernten ja kaum nothdürftig lesen und schreiben! Wie war
-denn gerade Ulriken eine so viel bessere Erziehung geworden?«
-
-Die kleine Nordermule schrak zusammen, als habe sie eine Schlange
-gestochen, und wurde blaß, blaß wie der Tod; ihre Züge nahmen einen
-Ausdruck tiefster Zerknirschung an, der ihnen sonst gar nicht eigen,
-sie war sichtlich mit ihrem Gewissen in Streit gerathen, und warf sich
-innerlich ein Unrecht vor. »Ich weiß das Nähere nicht,« erwiederte
-sie ganz beklommen, »aber es ist spät; über dem Schwatzen haben wir
-das Wegräumen des Theezeugs, und ich glaube gar der Schlafenszeit
-vergessen.«
-
-Es ward den Mädchen unmöglich, das Gespräch von neuem anzuknüpfen.
-
-
-Helene hatte ihren Zweck erreicht; mit schwerem Seufzen und schwererem
-Herzen hatte Thorald, den Bitten der Geliebten zufolge, den Haaren
-seiner Maria Jacoba eine dunklere Färbung gegeben, das Blau ihrer Augen
-in Schwarz verwandelt und so das Frappant-Individuelle der Aehnlichkeit
-seines Bildes mit den Zügen des Schloßfräuleins gemildert, -- was
-davon noch geblieben, konnte dem unbefangenen Blick für bloßen Zufall
-gelten, ja vielleicht ganz ihm entgehen. Am Johannis-Sonntage hatte
-die feierliche Enthüllung des Gemäldes stattgefunden; der Magistrat
-und ganz Nysted waren auf's höchste befriedigt, die Anerkennung und
-Dankbarkeit der Bürger sprach sich allgemein und beinahe rührend aus,
-denn der Alt-Lutheraner hängt fast dem Katholiken gleich an würdiger
-Ausschmückung seiner Gotteshäuser. Vielleicht waren es eben die
-sinnlichen Zeichen, mit denen er gern seine Verehrung des Höchsten
-umkleidet, welche jenen Tagen unsre religiösen Spaltungen ersparten.
-Das Gemüth bedarf einer Gefühlsumfriedung, wird ihm diese, so hält es
-oft den zweifelnden Geist mit in den Schranken einer liebgewordenen
-Gewöhnung.
-
-Graf Christian hatte öffentlich in der Kirche dem Künstler seinen Dank
-ausgesprochen, im Schloß war derselbe nicht wieder gesehen worden, und
-keine Einladung irgend eines Mitgliedes der gräflichen Familie berief
-ihn dahin zurück.
-
-Schloß Aalholm hatte indessen festliche Tage erlebt; alle Mitglieder
-der Familie waren anwesend, um die feierliche Doppel-Verlobung zu
-begehen. Die in Seeland und Fühnen ansässigen Brüder waren mit ihren
-Gemahlinnen herübergekommen, die künftigen Schwäger zu begrüßen und
-Schnepfen zu schießen; das Alles war prächtig! --
-
-Helene hatte viel von dieser Zusammenkunft erwartet; sie hoffte die
-jüngern Brüder zu gewinnen, denn beider Frauen waren bürgerlich
-geboren, allein ihre Pläne scheiterten an Christians strengbesonnener
-Festigkeit; er vereitelte ihr jede Privatunterredung mit ihnen. Auch
-waren allerdings die Verhältnisse in sich selbst sehr verschieden
-von denen des Malers. Janfru Abilgaard, welche erst vor kurzem dem
-jüngsten Grafen ihre Hand gereicht, war einem in Dänemark hochberühmten
-Geschlecht entsprossen. Die ältere Schwägerin, Gräfin Friedrich-Gejer,
-die wir aus Amaliens und Annettens Unterredung als Gegenstand ihres
-heimlichen Neides kennen gelernt, war eine geadelte, unermeßlich reiche
-Banquierstochter aus Hamburg. Sie hatte ihrem Gemahl ein bedeutendes
-Vermögen und Güter auf Seeland zugebracht, auf denen sie, wie in ihrem
-Winter-Hôtel zu Copenhagen, die glänzenste Existenz ihm bereitete.
-
-Friedrich war der Crösus in der Familie und lebte danach, in grellem
-Gegensatz zum Aalholmer Stammhause, dessen Bewohner seit Jahrhunderten
-Abgeschiedenheit und Stille vorzogen, ihre Besitzungen unter ihren
-Augen bewirthschaften ließen, selten in Staatsangelegenheiten sich
-mischten, keine Art Hofdienst bekleideten, und alljährlich auf wenige
-Wochen in der Residenz am Hofe zu erscheinen pflegten.
-
-Von dem Allen machte der jetzige Majoratsherr eine Art Ausnahme.
-Seit Christian ~VII.~ Regierungsantritt hatte er, wie schon erwähnt,
-so lebhaft es seiner Eigenthümlichkeit nach möglich, des Königs
-Bestrebungen in der Bauernsache sich angeschlossen. Dieser hatte
-schon im ersten Jahre seiner Thronbesteigung, im Amte Copenhagen alle
-seine einzeln liegenden Höfe parcellirt als Eigenthum den Bauern
-überlassen. Der Graf hatte später, als ihm das Majorat zufiel, diesem
-edlen Beispiel zufolge höchst wohlthätig in Laaland gewirkt für die
-gute Sache; sein Jütländer Aufenthalt hatte ihn mit den Mißständen
-und Bedürfnissen des unglückseligen entwürdigten Landmanns vertraut
-gemacht, und seine Handlungsweise und die Opfer, welche er seiner
-bessern Erkenntniß gebracht, hatten ihm auch die Gunst Friedrichs ~VI.~
-erworben. Er machte keinen Gebrauch dieses Vorzugs. Wie seinem Vater,
-dem seligen Grafen Thugge, blieb das persönliche Erscheinen am Hofe
-in Copenhagens eleganten Kreisen ihm eine peinigende Pflicht, ja eine
-unerträgliche Last, der er auf jede Weise sich zu entziehen suchte. Die
-ihm gewordene Auszeichnung, die ausgesprochene Gnade und Theilnahme der
-beiden Monarchen verwirrte, ja verscheuchte ihn. Selten sah man ihn
-länger als eine Woche hindurch in der Residenz, wohin er um die Zeit
-des königlichen Geburtsfestes seine Schwestern geleitete, dann aber so
-bald als möglich dem Schutze ihrer anderen Brüder sie überließ.
-
-Zu der drei Mädchen Qual gehörte dagegen ein fast unbeachtetes
-Auftreten an der Seite der sie in Allem überflügelnden Hamburger
-Tante, deren Luxus sie zerdrückte, deren Manieren ihnen mißfielen,
-deren Geld-Aristokratie sie verdroß, und besonders in den beiden
-Aeltern fast Abneigung und noch viel größere Oppositionen im
-täglichen Verkehr erzeugten, als die, mit welchen sie der kranken und
-resignirten Eva sich entgegenstellten, der sie die geringe Herkunft und
-leibeigene Geburt nicht zu verzeihen vermochten. -- All diese kleinen
-Lebensstörungen und stündlichen Hemmnisse hatten in beiden rückwirkend
-einen wirklich verblendeten Adelstolz geweckt, der sich überall
-aussprach, und jetzt auch Helenens Wünschen, ihrer Neigung zu Thorald,
-jede begütigende Vermittlung versagte.
-
-Noch in den Kinderschuhen hatte Helenens Wesen eine von dem
-Bildungsgange der Schwestern ganz abweichende Richtung erhalten. Das
-in der Wiege verwais'te Kind, -- die Mutter war in Wochen gestorben
--- fiel abwechselnd bald in diese bald in jene Hand. Ihr lebhafter,
-prägnanter Geist, der besonders ältern Männern ungemein anziehend
-erschien, gewann ihr frühe schon Freunde aus allen Ständen; besonders
-aber in Copenhagen, wohin sie den ältern Schwestern folgen mußte,
-waren einige ehemalige Gefährten ihres Vaters, deren Umgang Einfluß
-auf ihre Denkart und innere eigene Seelenerziehung hatte, ohne daß
-jene es beabsichtigten. Die kleine Nordermule sah voller Schrecken der
-plötzlichen Entfaltung der ihren Zögling aufwärts tragenden Flügel zu,
-ohne den ihr unerreichbaren Flug derselben verfolgen zu können; im
-zehnten Jahre schon war Helene ihrer eigentlichen Leitung entwachsen.
--- Der liebreizenden äußern Erscheinung des Mädchens that keine
-Willkür, noch auferlegte Regel Eintrag, sie blieb durchaus natürlich
-und einfach; an ihren Putz dachte sie wenig, gerade weil ihr Alles gut
-stand, an ihr Benehmen noch weniger, es umwogte sie beständig eine
-unbewußte Grazie, ein Sichgehenlassen, das dem Bewegen eines jungen
-Rehes gleich. Träumerisch und doch voll stets regsamer Gedanken, saß
-sie mitten unter Verwandten und Gespielen allein, immer in sich mit
-etwas außer ihrem Kreise und Bereich beschäftigt. So machte sie der
-Anfang der französischen Revolution, die wohl unter allen Ländern in
-Skandinavien am einflußlosesten blieb, zur Jacobinerin; die Kargheit
-der in ihrem Vaterlande und insbesondere in ihrem Vaterhause seltenen
-Detailnachrichten entflammten sie immer mehr, und ließen sie einen
-heiligenden Nimbus um Alles das breiten, was ihrem eigentlichen
-Charakter fern, ihr halbes Verstehen in endlose Widersprüche gestürzt
-haben müßte. Bald schwärmte sie für Mirabeau und Charlotte Corday, bald
-vertheidigte sie Robespierre und schauderte mit frommen Entsetzen vor
-der Schwestern Theilnahmlosigkeit zurück, die in Mußestunden in die
-Revolution blickten, wie in einen Guckkasten, und der amerikanischen
-Kriegsscenen nur beim Einkauf englischer Waaren gedachten.
-
-So entwickelte sich Helene zur blühenden Jungfrau. Während die älteren
-Fräulein, unter tausend kleinen Qualen und Freuden des geselligen
-Verkehrs, eine Menge Verhältnisse alljährlich knüpften und lös'ten, nur
-von Liebhabern, Courmachen, Pferderennen, Schlittenfahrten und Bällen
-träumten, und am Ende doch Jahr aus Jahr ein unvermählt blieben, hatte
-das kaum erwachsene Mädchen in seiner anmuthreichen Absonderlichkeit
-eine Anzahl ernstlicher Verehrer und sogar einige sich nähernde
-Bewerber gefunden. Sie aber wies lachend Alle ab, glaubte ihren
-Betheurungen selten oder gar nicht, sprach mitten in deren pathetischen
-Erklärungen von etwas Anderem, und versicherte ihrem sie tadelnden
-Bruder: »all diese Geschichten wären ihr ganz unsäglich langweilig, der
-Langenweile aber meine sie zur Genüge in Aalholm finden zu können.«
-Mademoiselle Nordermule war in Verzweiflung. -- Helene war sogar
-einmal, während einer etwas langgedehnten Liebes- und Heirathsbewerbung
-zum Salon hinausgegangen, aus Zerstreuung. Helenens Schwestern gaben
-ihr Recht, »weil sie noch ein Kind sei.« Eine Heirath der viel jüngeren
-Schwester hätte ihnen den Anstrich höheren Alters gegeben.
-
-Die kleine Gouvernante ließ sich nicht irre machen! Helene zählte
-damals zwanzig Jahr, obschon sie aussah wie ein Mädchen von sechzehn;
-sie suchte auf jede Art ihres Lieblings Glück zu fördern, warnte sie
-vor späterer Vereinsamung und ermahnte sie, der Tage zu gedenken, von
-denen geschrieben steht, »daß sie uns nicht gefallen werden.«
-
-Helene aber lachte. »Ich will weder einen Kohl- und Krautjunker, der
-seine Ochsen, Kühe, Hunde und Pferde lieber hat als mich, noch einen
-voltairisirenden Salons-Cavalier, der jeder Schürze nachläuft, und
-nicht einmal die heilige Jungfrau Maria in Ruhe lassen kann, ohne üble
-Nachrede; begegne ich nicht endlich einem wirklichen menschlichen
-Menschen, der kein bloßer Repräsentant seiner gesellschaftlichen
-Stellung ist, so will ich auf meinem Stift bleiben und dort wie meine
-sieben Cousinen Gejer-Mogenstrupp als Chanoinesse alt und grau werden.
-Ich bedarf einen Freund, der mich den Reichthum der von mir kaum
-geahneten Welt kennen lehre, der mir die Seele mit edlen, heitern
-Bildern füllt -- ich kann nicht bloß von Arbeit und Pflichten leben,
-ich bedarf auch Genuß! Was hilft mir die Hesperiden-Ferne, in welche
-mich Dichter und Künstler schauen lassen, wenn sie mir unerreichbar
-bleibt, wenn ich in meiner engen Gegenwart geistigen Hungers sterbe? Es
-kann nicht Jeder, wie mein Bruder, ein Gelehrter sein, der sich über
-einen Schmerz oder Verdruß wegexperimentirt; es kann auch nicht Jeder
-immer nur der Bauern +Rechte+ und seine eigenen während +des Unrechts+
-vergessen, das ihm am allernächsten steht! Ich würde meinen Mann ganz
-miserabel behandeln, oder mich von ihm mißhandeln lassen, das ist eine
-entsetzliche Sclaverei! -- Wenn so ein armer Schelm von Bauernbengel
-unser Leibeigener wird, weil er auf unserm Hofe mit dem andern lieben
-Hausvieh geboren, und wir ihn verkaufen dürfen an die Miliz, wie einen
-jungen Jagdhund, so thut mir das von ganzem Herzen weh! ich gönne es
-ihm, wenn er loskommen und uns entwischen kann, aber es langweilt mich
-schon daran zu denken, wenn ich ihm nicht helfen kann; ist es dann
-also nicht thöricht, mich selbst der Leibeigenschaft, der ich so tief
-in's Auge gesehen, bei einem Manne Preis zu geben, dessen Fesseln ich
-nun und nimmer zu entrinnen hoffen darf? es gilt da kein Loskauf,
-Emerenzia! oder soll ich, wie meine schöne Schwägerin, seine Gebieterin
-sein, ihn zu meinem Sclaven machen, und mich innerlich den ganzen Tag
-seiner schämen?« Die kleine Nordermule seufzte und -- schwieg.
-
-Jahr um Jahre schlichen auf diese Weise vorüber. Comtesse Amalie war
-verlobt, Annette hatte alle Aussicht es zu werden. Helene kehrte
-unveränderten Sinnes aus der Hauptstadt zurück, nur begann ihr die
-innere Einsamkeit schwerer zu werden; es giebt Mädchen, bei denen das
-Herz weit später erblüht, als der Körper. Zum ersten Male schlich sich
-ihr die Sehnsucht in den Frühling.
-
-Die Nordermule seufzte noch schwerer -- Helene wies ihre Bewerber bloß
-auf etwas höflichere Weise ab. »Ich mache künftig in meinem Stift
-meinen alten Verehrern und deren Kindern Confitüren und backe ihnen
-Pfefferkuchen, wie meine sieben Cousinen Mogenstrupp,« versicherte sie
-komisch-ernst.
-
-»Auf dem Stift ergrauen, wie jene Sieben?« sie waren der Nordermule
-entsetzlicher als die Sieben vor Theben.
-
-»Aber Emerenzia! kannst Du Dich nicht erinnern, daß sie uns in
-Copenhagen besuchten, wie meine Schwestern auf die ersten Bälle
-gingen, und ich noch ein kleines Kind war? Schon damals haben sie
-mir einen imposanten, ganz majestätischen Eindruck hinterlassen; sie
-gingen alle überein gekleidet und trugen gewaltige Kreuze um den Hals
-gehängt an schweren Ketten, und in der Linken ein Schnupftuch und
-einen Stockschirm mit Gold- und Perlemutterknöpfen. Ihre Mutter war
-bildschön gewesen, hatte sich früh vermählt und war in guter Zeit
-Witwe geworden, eine strahlende, reizende Witwe. Wuchsen ihr da mitten
-in ihren Successen sieben lange Töchter zur Seite auf, die auch gar
-nicht übel waren, blonde, braune und schwarze! Was konnte die arme
-Frau Besseres thun, sich der Nebenbuhlerinnen zu erwehren, an deren
-Seite sie in den königlichen Soireen erscheinen mußte, als -- die
-Töchter zu Caricaturen aufzuputzen, bis die armen, in unglaublicher
-Abenteuerlichkeit mit Juwelen, Blumen, Bändern überladenen Mädchen,
-durch die Barrière der Lächerlichkeit von aller Jugend abgesondert,
-wie eine Gesellschafts-Chimäre dastanden, die nur dazu diente, der
-alternden Armida Reize zu erhöhen. Die immer noch hebeartig blühende
-Mutter bejammerte »das unglaubliche Ungeschick« ihrer Töchter,
-und eines schönen Tags dämmerte diesen eine Ahnung auf, daß sie
-lächerliche Figuren geworden! So saßen sie wie Tarock-Karten lang
-und bunt an die Salonwände gelehnt, blieben sitzen, wenn die Andern
-zu Menuet, Quadrille und Anglaise flogen, blieben sitzen, bis sie
-endlich fortzogen in ihre Stifts-Curien, und sitzen dort noch, einsam,
-hehr und adelstolz, wie früher in den jungfräulichen Zellen ihres
-Familienschlosses.«
-
-»Und die Mutter?« -- die Nordermule sah bei der Erzählung wie ein
-Frühlingsungewitter aus: sie lachte und weinte, wie Sonnenschein und
-Regenguß, zu gleicher Zeit.
-
-»Ach, ~ma bonne~, das ist eine hochtragische Geschichte! Die Mutter
-starb, ~au beau milieu de ses succès~, als es ganz unmöglich war zu
-verhehlen: daß die vierzigjährigen Mädchen -- erwachsen wären!«
-
-»Aber Helene! welch ein Gedanke Dich diesen Schwestern zu vergleichen,
-sie fanden nie einen Mann und --«
-
-»Sie fanden vielleicht bloß einen, wie ich ihn auch finden werde, einen
-Mann -- im Mond? Den man nicht heirathen +kann+, weil er bürgerlich
-ist, und sein Kohlkopf und Dornbusch auch, oder weil er uns nicht
-mag, oder weil er nichts taugt, einen Mann, der nicht reich, nicht
-vornehm, nicht klug, nicht schön genug für die +ganze+ ihn natürlich
-+mitheirathende Familie+ ist! Vielleicht dachte Eine oder die Andre
-wie ich, und wollte für sich selbst heirathen, vielleicht waren sie
-aber auch den Männern gar zu herrlich und majestätisch --«
-
-»Helene!«
-
-»Warte nur, Emerenzia, Du sollst sie selbst sehen! Drei von ihnen leben
-jetzt in Wallöe und im Herbst besuchen sie die Andern um Marzipan zu
-backen. Und doch! weißt Du, Nordermule, die armen alten Mädchen sind
-wahrscheinlich unter sich glücklicher als hier Christians Frau! o die
-milde, geduldige Eva --«
-
-Die Gouvernante schwieg; sie fand es nicht anständig, des Grafen, ihres
-Brotherrn, Verhältnisse zu besprechen. Lachend drückte ihr Helene die
-Hand, die Beiden verstanden sich vollkommen.
-
-Und wenig Wochen nach dieser Unterredung sollte ein junger Maler die
-Portraits der drei Fräulein machen -- und die Liebenden sahen einander
-zum ersten Mal.
-
-Ich weiß nicht, ob schon von einer Frau ausgesprochen worden, wie ein
-Mädchen das nahende Geschick ihres künftigen Daseins vorausempfindet
-beim ersten Anblick eines Mannes, den es ernst und leidenschaftlich
-zu lieben bestimmt ist. Ich glaube jeder tiefen, das ganze Wesen
-durchglühenden Empfindung geht ein Durchzittern des Herzens voran, das
-keiner andern Lebensahnung gleicht, ein plötzliches bebendes Verstummen
-der Gedanken, die nicht wagen, den Gegenstand zu berühren, der wie
-das Geheimniß des nahenden Tages die plötzlich aufwogenden Stimmen
-der Natur aufruft aus dem Schlummer -- alle anderen Empfindungen
-der Seele schlagen an wie erwachende Vögel in der sich lichtenden,
-der Sonne vorangehenden Dämmerung; alle Blüthen der Seele stehen in
-Thränen und öffnen dem nahenden Tage ihren Kelch; es legt sich ein
-tiefes, heiliges Mysterium über die innere, wie über die Außenwelt:
-der nächste Augenblick muß es durchzuckend lösen -- o, wer ewig an
-dieser Zauberschwelle weilen könnte, durchbräche +nie+ die Sonne der
-Wirklichkeit, so schön sie ist, den Goldsaum der Wolkenbilder, die den
-fernen Himmel mit ihrem rosigen, wogenden Leben umhüllen und ihn der
-Erde verbinden! --
-
-Und Thorald? Nun Thorald empfand nicht eben die erste Liebe, aber
-dennoch die erste festhaltende, ernste Neigung seines Lebens.
-Sein einfacheres, alltäglicheres Gefühl glich weniger einem zur
-Priesterschaft des Lebens heiligenden Mysterium, allein mit jedem
-Tage wurde es tiefer und wahrer. Anfangs sah er in Helenen noch die
-vornehme Dame, empfand den Unterschied der Stände als drückende Last;
-mit Gewalt hätte er seiner wachsenden Leidenschaft entfliehen mögen, er
-gedachte seiner Kunst, seiner Mutter und einer Menge vorübergezogener
-Empfindungen, die ihn abwechselnd beherrscht hatten und dann in sich
-selbst verflüchtigt worden waren in Rauch und Dunst; er schalt sich,
-daß ihm eine ähnliche Behandlung seiner Liebe zu Helenen mißlang;
-nach und nach siegten das Herz in ihm und die Natur, die sich nicht
-gebieten läßt! er liebte das Mädchen täglich inniger und menschlicher.
-Thorald war keineswegs, was die Geliebte in ihm sah, was die Zeit,
-die er durchlebt, ihn erscheinen machte, aber er war ein redlicher,
-aufrichtiger Mann, mit einem Fond unendlicher Gutmüthigkeit; die
-gewaltsamen Ereignisse, die er miterfahren, hatten ihn eine Strecke mit
-sich fortgerissen; nun war ihm eigentlich unsäglich wohl, in die ihm
-natürliche Beschränkung und Harmonie des Empfindens zurückzukehren. Von
-der Mutter und einer alten Magd bis in's siebzehnte Jahr erzogen, lagen
-eine Menge weiblich ausgebildeter zarter Gefühle in seiner noch nicht
-ganz ausgearbeiteten Seele; er schämte sich ihrer in Männerkreisen, in
-Italien waren sie von ihm selbst vergessen und zurückgedrängt worden,
-nun erblühten sie alle in zauberischer Frische, -- trotz seines Kummers
-war Thorald unbeschreiblich glücklich!
-
-Graf Christian hatte sich gegen seine beiden Brüder ausgesprochen. Man
-war darin übereinstimmend, Helenens Neigung wie eine romantische Grille
-zu behandeln, der nichts wirkliche Folgen zu geben vermöge, da sie in
-keins der bestehenden Verhältnisse passe. Nur im äußersten Nothfall
-sollte offenbarer Widerstand ihr entgegentreten. Christian war der
-einzige unter den Brüdern, der wider Willen an eine wahre Gefühlstiefe
-ihrer Liebe glaubte und den möglichen Ernst derselben scheute;
-Friedrich und Johannes lachten ihn aus, beide waren Welt- und Hofleute.
-»Helene ist volle vierundzwanzig Jahr, und folglich über Nußschalen-
-und Hüttenalter hinaus,« versicherten sie.
-
-Vielleicht wäre man zu kräftigeren Maßregeln geschritten, hätte man
-nicht jede öffentlich wiedertönende Erinnerung an des Erbgrafen arge
-Mißheirath zu meiden gesucht. Die beiden Brüder boten dem Maler Arbeit
-auf ihren Gütern zu Fühnen und Seeland, verschafften ihm auch bei den
-arglosen Schwägern und anderen Nachbarn und Freunden Bestellungen.
-Thorald ward mit Arbeitsvorschlägen überhäuft, -- die alle ihn von
-Laaland zu entfernen bezweckten. Wirklich ging er nach Fühnen, aber
-nach vierzehn Tagen war er wieder in Nysted. Dann kehrte er wieder zu
-den begonnenen Bildern zurück. Auf diese Weise wechselte er fortdauernd
-den Aufenthalt, ohne je sein Mädchen aus den Augen zu verlieren; beim
-Küster behielt er ein Absteigequartier, er malte den Alten und eine
-Anzahl Bauern als Studium, Johannen aus Dankbarkeit; -- man konnte
-ihm nichts anhaben, es blieb unmöglich, ihn ganz von der Insel zu
-vertreiben.
-
-Eine fortgesetzte Correspondenz mit der fast mündig gewordenen
-Schwester zu hindern, gelang noch weniger; Christian bemerkte Helenens
-schadenfrohes Lächeln und beschloß ernstere Mittel zu ergreifen.
-
-Unterdessen schritten die Vorbereitungen zu den im Herbst bestimmten
-beiden Hochzeiten täglich weiter. Vieles wurde in Copenhagen
-bestellt, anderes zur See aus Schleswig und Hamburg verschrieben;
-eine Tüchtigkeit der Pracht waltete überall vor. Zuletzt kamen die
-Truhen in den verschlossenen ehemaligen Wohnzimmern der Tante zur
-Sprache. Sie hatte diese als achtzehnjähriges Mädchen verlassen, und
-nur wenige Monate vor ihrem Tode von neuem auf kurze Zeit bezogen;
-seit dreißig Jahren standen sie verödet. Graf Christian erklärte
-seinen drei Schwestern ehe man sie öffnete, der Augenblick eines nur
-sie allein betreffenden Erbschaftsantritts sei gekommen, er bäte sie,
-sich untereinander über die Theilung der von ihrer seligen Tante
-zurückgelassenen Ausstattung zu vereinen, deren Inhalt ihm selbst
-fremd sei, da kein Anspruch irgend einer Art ihn berechtigt habe,
-bis zu diesem Tage die Schlösser dieser Truhen zu öffnen. »Du,«
-sagte er scharf betonend zu Helenen, »wirst die Güte haben, den dir
-zufallenden Antheil dieser Gegenstände meinen oder meiner Gemahlin
-Händen anzuvertrauen, da es meine Pflicht ist, ihn erst bei Deinem
-einstigen Einzug in eines würdigen Gatten Haus Dir zu freier Benutzung
-zu überliefern, über die Theilung jedoch schon jetzt mit den Schwestern
-Dich zu besprechen, wirst Du mir hoffentlich nicht abschlagen.«
-
-Eva war als bloße Zuschauerin bei diesen Verhandlungen gegenwärtig
-und sehr bewegt; deutlich blickte aus all ihrem Thun der Kummer über
-Helenens und Christians Spannung; Thorald erschien ihr als Störer eines
-Hausfriedens, den die Arme mit unerschöpflicher Geduld zu erschaffen
-stets von neuem träumte. -- Die kleine Nordermule schwamm in Thränen,
-welche selbst der Respect für den Grafen nicht zu stillen vermochte.
-
-Auf ein sehr kleines Vorgemach mit nur einem einzigen Fenster folgte
-eine Art Wohnzimmer, das der Einrichtung nach mitunter zum Empfang
-seltener Besuche gedient haben mochte. In dessen Mitte stand ein großer
-Tisch, auf demselben Tintefaß und Feder, auch einige Lehrbücher
-lagen dabei, das Ganze machte den Eindruck, als habe hier ein Kind
-Unterricht empfangen, -- etwas weiter zurück, dem Fenster näher, stand
-ein niedriger Stuhl, und vor demselben einer jener schon erwähnten
-kleinen Webstühle, -- »ach,« rief die Nordermule in heißere Thränen
-ausbrechend, »hier saß die Schließerin mit der Arbeit, während der
-Stunden, in welcher --«
-
-Ein drohender Blick aus des Grafen aufflammendem Auge schloß ihr den
-Mund. -- Das Gemach war durchweg mit weiß überstrichenem Holzgetäfel
-bekleidet, die grün- und goldumrandeten Medaillons seiner Wandfelder
-zeigten verblaßte Spuren schäferlicher Darstellungen im damaligen
-Geschmack; es waren ziemlich plumpe Nachahmungen der französischen
-Vorbilder jener Zeit; die ausgeschweiften, geschmacklosen Möbel, auch
-weiß mit Gold und Rohrgeflechten statt der Sitzpolster, gehörten
-ebenfalls dorthin.
-
-Das hintere anstoßende Schlafzimmer hatte seinen aus einer weit frühern
-Periode stammenden ernsten Charakter bewahrt, sogar sein gothisches
-Bogenfenster mit den in Blei gefaßten runden Scheiben, in dessen
-Mauertiefen ein hochrückiger Nußbaumsessel stand. Etwas weiterhin
-gewahrte man einen schön geschnitzten Betschemel, und auf dessen Pult
-ein Kruzifix und eine schwere mit Klammern geschlossene Bibel. Die weiß
-getünchte, nur mit Eichenholz umrahmte Wand, deren Hälfte das große
-geblümte Gardinenbett einnahm, den Fenstern gegenüber der riesige blaue
-Porcellan-Kachelofen, -- das Alles paßte weit eher zum Aeußern des
-Schloßbaues. Ein Stickrahmen bewahrte die in Seide noch unvollendete
-Großmuth Alexanders, -- ein Eckschrank die kleine Hausapotheke,
-und über derselben zwei Reihen französischer und dänischer Bücher,
-poetischen und geschichtlichen Inhalts; an sie schlossen sich eine
-isländische Bibel, eine Sprachlehre und einige zum Studium dieses
-nördlichen Idioms nöthige Hülfsschriften. An der dem Bett gegenüber
-frei gebliebenen Wand standen vier herrlich in Nußbaum geschnitzte,
-mit künstlichen Messingbeschlägen gezierte Truhen, -- sie nehmen
-allgemein noch in den ältern dänischen Familien die Stelle unserer
-Wasch- und Kleiderschränke ein, und stehen meist in den von einem zum
-andern Gemach führenden Gängen. -- Wie es schien, hatte man sie aus
-dem Vorzimmer der Sicherheit wegen in diesen Theil der Wohnung der
-Verstorbenen gebracht. Alle zeigten die schön in Metall ciselirten
-Wappen des Hauses, nur eine trug den Namen der ehemaligen Besitzerin. --
-
-Sei es die drückende Luft des allzulange verschlossenen Zimmers,
-oder lag wirklich in dem Allen der Nachklang einer jungfräulichen
-Abgeschiedenheit, einer so recht heimlich ertragenen Herbheit des
-vernichtenden Geschicks, alle Anwesenden waren ernst, ja fast wehmüthig
-gestimmt, als endlich die fast verrosteten Schlüssel in ihren Höhlen
-sich drehten, und die Truhen ihre geheimen Schätze zu Tage förderten.
-Der Inhalt bot ein individuell-seltsames Gemisch von Kostbarkeiten!
-Ueber den reichen, schwer seidenen Damaststücken und den gestickten
-Brocaten zu Kleidern, neben den Chagrinétuis mit Bonbonièren,
-Zitternadeln, Ketten, Ringen, Armspangen und all dem übrigen prächtigen
-Putz einer vornehmen Dame der damaligen Zeit, lagen abgewelkte Sträuße
-kleiner Wiesenblumen, -- Schreibbücher eines Kindes, Repetitionen
-und Aufsätze, -- Ausarbeitungen für einen gründlichern Unterricht
-als er damals gebräuchlich, geschriebene Bruchstücke der nordischen
-Saga, endlich ein in Silber gefaßtes kleines Medaillon, fast ärmlich
-abstechend gegen all die Herrlichkeiten, mit dem Miniaturbilde eines
-jungen Mannes. -- Diese Truhe schien die Einzige zu sein, welche
-die Besitzerin geöffnet, die folgenden enthielten Schätze an feiner
-Wäsche, eine silberne Toilette, alles was zum persönlichen Gebrauch
-einer Fürstin geeignet; die letzte Kiste barg, was der Haushalt einer
-jungen Frau in glänzenden Verhältnissen fordern kann. -- Alles war mit
-sorgsamster Auswahl bereitet, und zeugte von der mütterlichen Liebe der
-fürstlichen Erzieherin Ulrikens.
-
-Während die älteren Schwestern gierig den Inhalt der Kasten musterten,
-und über dessen Eintheilung in drei gleiche Loose den Druck der
-beklommenen Luft im Gemach vergaßen, athmete Helene schwer und
-schwerer! Sie hatte sich des kleinen Medaillons bemächtigt und
-betrachtete mit immer traurigerer Miene die bleichen sanften Züge,
-die es ihr bot. Die schwarze Kleidung des Jünglings verrieth den
-Candidaten, -- »ihr Lehrer oder ihr Liebster?« dachte das Mädchen. --
-
-»Auch hier das nämliche Geschick! den alten Fluch des Hauses,« hauchte
-kaum vernehmbar Eva, die ihr über die Schulter blickte. Helene sah
-sie an, sie war blaß und zitterte merklich; sie bat die immer noch
-auspackenden Schwestern das Medaillon ihr zuzutheilen, und erhielt es
-leicht, denn es war altmodisch gefaßt und unschön als Schmuck.
-
-Endlich waren die Loose fertig, die Schwestern theilten nach Zufall, --
-am Boden blieben die welken Frühlingsblüthen und die Papiere; die arme
-Nordermule sammelte Alles auf; Eva hatte bereits die sie beengenden
-Räume verlassen, -- der Anblick war ihr unerträglich.
-
-Sobald der Eifer der besitznehmenden Schwestern es ihr gestatteten,
-entzog auch Helene sich dem ihr durchaus peinlichen Eindruck. Die ganze
-Scene machte ihr das Herz schwer; es kam ihr Alles, sogar ihre eigne
-Theilnahme daran, wie eine Entweihung, wie das gewaltsame Eindrängen
-in ein zartes, jungfräulich verhülltes Leben vor, das selbst der Tod
-nicht abzuschließen und dem frevelnden Blick des fremden Auges zu
-bergen vermöge, während lange qualvolle Jahre daran gesetzt worden,
-diesen einzigen armseligen Zweck zu erreichen.
-
-Als sie die Schwelle ihres Zimmers eben überschritt, streifte
-sie Christians Arm, und seine Hand ergriff unvermuthet die ihre.
-»Helene,« sagte er ernst und strenge, »Du trägst den Schlüssel dieses
-bejammernswerthen Geschickes mit Dir fort,« er deutete mit dem Blick
-auf das Medaillon, »es hat trübe unser aller Dasein umleuchtet, wie
-ein Nordlicht, ohne unsre Wege zu erhellen, ohne unserm Auge die Bahn
-deutlicher zu machen, die wir zu durchwandern gezwungen! Gebe Dir Gott
-mehr Glück und mehr Besonnenheit als ihr, und ein klareres Verständniß
-des Unabwendbaren! Du kennst bisher nur die +Lösung+ dieses traurigen
-Räthsels!«
-
-»Ja,« erwiederte Helene gepreßt, »ja, mir ahnet, daß sie für gleichen
-Lebenseinsatz einen entsetzlichern Verlust, für gleiche Schuld -- wenn
-es eine ist! eine schwerere Buße zu ertragen gehabt, als wir Alle!«
-
-Christian lächelte bitter. »Es kennt keiner das Gewicht der Bürde des
-Nächsten!« Er war mit eingetreten und ging in fast leidenschaftlicher
-Erregung eine Weile auf und nieder. Endlich blieb er vor ihr stehen;
-»es kann nicht schaden,« setzte er mit unbeschreiblich traurigem Tone
-hinzu, »daß Du einmal die Dir noch unbekannten Schicksale Deiner
-nächsten Verwandten, ja Deines älterlichen Hauses in's Auge fassest --
-komm setze Dich zu mir.«
-
-Helenens weiche Stimmung ließ sie dem Bruder schweigend willfahren; sie
-hoffte die Erzählung werde die Tante betreffen, hier in ihren eigenen
-Räumen scheute sie nicht, mit dem Einzigen, der um das Geheimniß zu
-wissen schien, davon zu reden; -- so hängt auch das edelste, zarteste
-Gefühl vom Eindruck äußerer Umgebung ab! --
-
-»So weit meine eigne Erfahrung reicht,« begann Christian, »habe
-ich stets bemerkt, daß in all den Einzelgruppen der menschlichen
-Gesellschaft, die wir »Familien« nennen, ein nämliches Grundprinzip
-des Glückes wie des Elends in fast all ihren Mitgliedern in
-unzähligen Umgestaltungen sich wiederholt. Es geht damit, wie mit
-der Aehnlichkeit der Gesichtszüge, die selbst, wo sie in Einzelfällen
-in gerader Linie verschwindet, in verwandtschaftlichen Kreuzungen, im
-Großneffen, im Enkelkind, in Tanten und Basen wieder auftaucht und
-sich unverändert geltend macht. Davon hat man tausende von Beispielen
-überall. Psychologisch erklärt sich aber das erste Phänomen, wenn man
-auf diesen Erscheinungen körperlicher Gleichheiten weiter zu fußen
-versucht und beachtet, wie sie Jahrhunderte zurück sich erstrecken, und
-eben so fortdauern um uns her, bis gewaltsam ihm aufgedrungene fremde
-Schößlinge den alten Familienstamm in seiner Wurzeltiefe und Wipfelhöhe
-überwuchert haben! -- Es läßt sich gar wohl begreifen, daß auch die dem
-Leibe inwohnende +Seele+ ihre eben so bis in den späten Ur-Enkel, durch
-Mischung sich analoger Körper- und Geisteskräfte, erzeugten ähnlichen
-Gebrechen und Tugenden bewahrt, und daß auf diese Weise der einzelne,
-sehr reich begabte Mensch zum Schöpfer einer Scala von herbeigezogenen
-Geschicken wird, die zusammenklingen, weil sie auf +einem+ ihnen allen
-eigenthümlichen Grundton beruhen! Nennt doch selbst ein Volkswort
-Jeden seines eigenen Unglücks Schmied! Und +so+ wird denn Fluch und
-Segen des längst schlummernden Ahnherrn immer von neuem erweckt,
-bis der letzte seines Namens und Stammes zu Grabe getragen ist.« --
-Erstaunt sah Helene den Bruder an; wie kam der sich nur mit abstrackter
-Gelehrsamkeit beschäftigende Mann, der Philosoph, zu diesen Ansichten
-eines Schwärmers?
-
-»Seit unseres Großvaters Jugend, welche in die erste Hälfte des
-vorigen Jahrhunderts zurückreicht, hat jedes unsre Familie befallende
-Mißgeschick, das bald auf entwürdigende Weise deren zarteste Hoffnungen
-brach, bald den eigenen Herd, das Herz des Hauses zum Schauplatz des
-Ungehörigen machte, sein Entstehen einer durch Liebesraserei erzeugten
-Verblendung zu verdanken. Jede Neigung ist bei uns durch Widerspruch
-zur Leidenschaft ausgeartet, jedes das Dasein erhellende Licht zum
-wilden Feuer, das den Aufbau unseres Lebens zerstört, das Dach über
-unseren Häuptern verzehrt, uns arm und bloß, als Bettler in der
-leergewordenen Existenz zurückläßt!«
-
-»Unser Großvater lebte in äußerlich günstigeren Verhältnissen als wir.
-Seine Jünglingszeit fällt in die Glanzperiode Niel Juuls und seiner
-Siege über die Schweden. Owen focht unter dem großen Feldherrn und
-zeichnete sich aus; das Vaterland nannte mit dem des Helden zugleich
-+seinen+ Namen! Die der Krone geleisteten Dienste verschafften ihm die
-Hand einer dem königlichen Hause verwandten jungen Dame, der Fürstin
-Harald-Friedrichsborg. Bei anscheinend blühender Gesundheit bemächtigte
-sich ihrer bald nach der Vermählung ein heimlich schleichendes Uebel,
-das in fortgesetztes Kränkeln überging, und die Geburten einer Tochter
-(der Tante Ulrike) und zweier Söhne schwächten den zarten Körper der
-jungen Frau noch mehr. Auch das in ihren Verhältnissen unvermeidliche,
-geräuschvolle Hofleben schadete ihr, es raubte ihr die Möglichkeit
-einer allmäligen Erholung; sie starb, nachdem sie einem dritten Sohn,
-unserm Vater, das Leben gegeben, gleich nach dessen Geburt.
-
-Grenzenlos war des Gatten Schmerz! In wahnsinniger Verzweiflung starrte
-er anfangs den Ueberbringer der Todesbotschaft regungslos an; dann
-aber sprang er einem wüthenden Tiger gleich, der seine Beute erfaßt,
-auf den Unschuldigen los, warf ihn zu Boden und trat ihn mit Füßen!
-Noch in der nämlichen Nacht starb der schwer Verletzte an den Folgen
-der erlittenen Mißhandlung. Des Königs Liebling aber, Graf Owen,
-entging jeder Anklage und Strafe, sogar der seines eigenen Gewissens;
-war es ja doch sein Leibeigener, den er zertreten wie einen Wurm! wer
-kümmerte in damaliger Zeit sich um den Gebrauch den Er, der Herr,
-von seinem Erb- und Eigenthum gemacht! -- Aber die Verblendung des
-unsinnigen Zornes gegen das ihn betreffende Geschick riß ihn weiter
-fort auf der entsetzlichen Bahn, auch -- dem eigenen Kinde, das diesem
-Unglück die Geburt dankte, dessen Eintritt in die Welt das Dasein der
-Mutter gekostet -- dem Neugebornen +fluchte+ er. -- Der unnatürliche
-Fluch trug bittre, giftige Frucht! Der Verlust seiner Liebe hat an uns
-Allen in der Liebe sich erneut und gerächt, mochte sie gewähren oder
-versagen, als gebühre +uns+ die Buße seiner Schuld.
-
-Drei Söhne hatte die Gräfin geboren. Die zwei Aeltesten starben in
-den ersten Jahren auf fast unerklärliche Weise, ohne vorhergegangene
-Krankheit, vielleicht an von der Mutter ererbter Schwäche, sie welkten
-dahin, wie eine Blüthe abfällt vom Zweige. Unser Vater dagegen war
-kräftig. Mit furchtbarer Strenge erzogen, auf jede Weise abgehärtet,
-wuchs er unter fremder Leitung auf; oft mischten sich Willkür und
-Grausamkeit in die Erziehung, die ihm ward. Der Großvater liebte ihn
-nicht, nannte ihn fortgesetzt den Mörder seiner Mutter, und sandte ihn
-endlich nach Skovkloster in die von Herluff Trolle eingerichtete adlige
-Hochschule, um ihn nur Jahre lang fern von sich halten und seinen
-Anblick vermeiden zu können. --
-
-Eine scheue Niedergeschlagenheit bemächtigte sich dort des Knaben --
-selbst Güte und Wohlwollen Einzelner, denen er Mitleid einflößte,
-vermochten nicht mehr ihn aufzurichten. Auch der Schwester durfte er
-nur in seltenen Zwischenräumen sich nahen; als sie erwuchs, sah er
-sie gar nicht mehr: so ward der einzige Sohn und Erbe ein Fremder im
-eigenen Vaterhause. --
-
-Eine immer mehr überhand nehmende Melancholie breitete ihren
-düstern, ihm die ganze Welt umhüllenden Flor über des Armen schönste
-Jugendzeit. Jedes eigene freie Streben ward ihm untersagt, man zwang
-ihn in den Militairdienst, während ihn eine mächtige Neigung zum
-damals noch brach liegenden Felde des Naturstudiums, besonders zur
-Botanik hinzog; man drängte den Verschüchterten in eine Hofcarrière,
-wo er seines verlegenen Betragens, seiner nicht brillanten äußeren
-Erscheinung wegen, kein Glück machen konnte -- ja es nicht einmal zu
-wollen vermochte, da die tiefste Sehnsucht seines Innern nur Stille
-und Abgeschiedenheit erstrebte. -- Als er mündig und durch seines
-Vaters Tod Erbe dieser Besitzungen geworden, bewarb er sich um die
-Hand unserer Mutter. Er hatte sie in den Hofzirkeln der Königin kennen
-gelernt und empfand die heftigste Leidenschaft für sie -- hiermit
-beginnt ein neuer Abschnitt unserer unseligen Familiengeschichte.«
-
-»Aber,« sagte Helene, »ihm ward das Jawort der Geliebten, sein Gefühl
-ward erwiedert.«
-
-Ohne ihre Bemerkung zu beachten, fuhr Christian fort: »unsere schöne
-geistreiche Mutter reichte dem Liebenden liebelos, gezwungen von ihrer
-Familie, die Hand! Eine unerwiederte Leidenschaft ist immer ein das
-Seelenleben spaltendes Weh; Besitz und stete Gegenwart steigern es
-zum unerträglichen! Sie war sein! Willenlos und widerstandlos ward
-sie ihm verbunden, aber eiskalt blieben die Lippen, auf welche er die
-seinen preßte, theilnahmlos blieb die Seele, der er unablässig die
-seine zu erschließen strebte. Ein entsetzlicher Kampf um Ruhe und Glück
-begann unter Beiden; je mehr er forderte, je weniger fühlte sie sich
-im Stande, das Verlangte zu gewähren. Seine Eifersucht ward erregt;
-ob sie gerecht oder nicht, wagt der Sohn nicht zu entscheiden! Auch
-auf unseren Kinderhäuptern lastete das Unglück; mich den Erstgeborenen
-unter Euch empfing, wenn auch kein Fluch, doch das Gefühl innerer
-Verzweiflung, statt des Kusses der Freude! --«
-
- * * * * *
-
-Er schwieg. »Aber die Tante?« fragte schüchtern Helene; in dem trüben
-Wahn des Bruders lag etwas seltsam Ansteckendes -- »aber die Tante,
-wie traf denn eben sie, die Schuldloseste unter Allen, das aller
-Entsetzlichste! war sie denn --«
-
-Christian rang sichtlich mit dem Entschluß in seiner Erzählung
-fortzufahren -- in dem Augenblick ertönte der langgezogene Schrei einer
-Seemöve oder des Wettervogels; es war nicht die Stunde, in welcher das
-Thier zu schreien pflegt, aufmerksam horchte Christian hin. Er war
-aufgestanden und an's Fenster getreten, und kehrte so Helene den Rücken
-zu. Nach wenigen Secunden erklang der Schrei zum zweitenmal -- zufällig
-wandte sich der Graf in demselben Augenblick der Schwester zu -- sie
-war feuerroth geworden und näherte sich in sichtlicher Verlegenheit der
-Thüre eines anstoßenden kleinen Jagdsalons, welcher die erste Etage
-eines der Eckthürmchen des Schlosses einnahm -- wie der Blitz stand
-Christian neben ihr; ehe er selbst sich seiner Absicht bewußt, hatte er
-gewaltsam die Thüre desselben aufgerissen und befand sich bereits in
-dem runden, durch mehrere große Fenster erhellten Saal. Aus dem einen
-derselben sah man über den Garten weg auf einen lieblichen kleinen
-Landsee, welcher die Besitzung Aalholm von dieser Seite begrenzt.
--- Drüben stand Thorald! Nach einer längeren Abwesenheit in Fühnen,
-von wo ihn die Sehnsucht, Helene zu sehen, zurückgetrieben, hatte der
-Unbesonnene nicht unterlassen können, ihr ein Zeichen seiner Rückkehr
-zu geben. --
-
-»Tod und Teufel!« schrie der Graf, »wagt der Bube einem Fräulein
-von Gejern zu rufen, wie einer Bauerndirne.« -- Besinnungslos vor
-aufwogendem, entsetzlichen Zorn riß er hastig eine von den Jagdflinten
-herab, welche an den Wänden hingen, und legte an. Heftig, aber
-keineswegs fassungslos ergriff Helene seinen Arm und schleuderte die
-Mündung des Gewehrs seitwärts. -- »Unsinniger!« rief sie mit strafender
-fester Stimme, »meinst Du einen Leibeigenen vor Dir zu haben, der
-willig sich mit Füßen treten läßt?«
-
-Der sich entladende Schuß war durch das Nebenfenster gegangen, das
-zufällig offen stand, die Schrotkörner streiften die Zweige der Allee,
-ohne irgend Schaden zu verursachen. Helene und Christian standen
-wortlos, zornig sich in's Auge blickend, einander gegenüber, als Eva
-von dem Knall erschreckt in's Zimmer stürzte, »was ist vorgefallen,
-was um Gotteswillen giebt es hier?« -- rief sie in namenloser Angst,
-auf Beide zueilend. »Gar nichts,« sagte trocken mit ruhigem Ton Helene,
-»Christian hat nach einer Möve am Weiher geschossen und sie verfehlt.«
-
-Des Bruders Auge dankte ihr; er hing die Flinte wieder zu den übrigen
-an ihren frühern Platz und reichte Eva die Hand; »es thut mir leid,
-Kind, daß meine Unbesonnenheit Dich erschreckt hat.« Ohne weitere
-Worte verließ er die Frauen -- Helene rang nach Fassung, ihre Augen
-durchbohrten das Wäldchen, in welchem der Liebste entschwunden. Eva
-kannte sie viel zu genau, um nicht bei näherer Betrachtung, mit einer
-von der Welt abgeschiedenen Kranken oft eigenen Beobachtungsgabe, zu
-errathen, was eigentlich vorgefallen. -- »Unvorsichtige!« flüsterte
-sie, Helenens Hand zwischen der ihren pressend, »willst Du denn
-durchaus ihn und Dich selbst elend machen? Ach, Du kennst nicht die
-volle ganze Kraft der Gefahr, welcher Du trotzig entgegen treten zu
-können wähnst! -- War Thorald hier im Schloß?«
-
-»Nein, dort am Weiher.«
-
-Eva seufzte tief auf, dann fuhr sie mit sichtlicher Selbstüberwindung
-fort, weil sie es für Recht hielt zu reden. »Ich kenne Christian besser
-wie Du! glaube mir, er ist unbeugsam, hoffe +nie+ den auf einen Punkt
-eigensinnig Verhärteten zu erweichen, nie wird er seine Einwilligung
-gewähren.« »Er ist nicht mein Vater, nur mein Bruder,« sagte das
-Mädchen ernst und fest, »seine Gewalt über mich muß Grenzen haben,
-obschon er mein Vormund ist, jedenfalls ist sie weder unabwendbar noch
-lebenslang dauernd. Ich bin in seinem Hause, Eva, und werde nichts
-thun, was ihn ernstlich kränken könnte, aber ich bin frei wie er« --
-sie erschrack als die letzten Worte über ihre Lippen kamen.
-
-Eva aber schüttelte traurig den Kopf, »das Land, seine Sitten, der
-Stamm, dem Du angehörst, bilden eine dreifache Mauer um Dich und Deine
-erträumte Freiheit. Es ist nicht bloß Dein Bruder, nicht nur sein
-Adelstolz -- warum wirst Du blaß bei dem Worte, das ich millionenfach
-durchdacht habe? es ist mehr als Alles der Charakter des ganzen
-+Landes+, das Zusammenfallen der allerverschiedensten Vorurtheile und
-dabei das Zusammenwirken der so von einander abweichenden Ansichten
-auf denselben Punkt, +dies+ hast Du zu scheuen, das ist die Kette mit
-den vielen kleinen Ringen, die sie um Dich schlingen --« Helene legte
-das müde Haupt auf die Fensterbank und schauete trostlos über den See,
-»mein Gott, mein Gott, wo er nur sein mag?«
-
- * * * * *
-
-»Und errängest Du es dennoch, des Künstlers Gattin zu werden, glaubst
-Du man würde Deine frühere Stellung vergessen, oder wirklich Dich
-aufnehmen unter den andern Bürger-Frauen und unter ihren Familien!
--- Ach, sie sind -- und vielleicht mit vielem Recht -- stolzer als
-Ihr! Eben weil sie ihre Vortheile, Aemter, ihre Privilegien, ihr Brot
-erkämpfen, und das mit sauerem Schweiß Errungene zu wahren nöthig
-haben, deshalb stoßen sie Eure Gemeinschaft zurück, Euch +gleich+
-gestellt sein wollen sie nicht, herabsteigen sollt Ihr zu ihnen,
-+dann+ erst wollen sie mit Euch sich wiederum erheben, auf Euren
-ungeschmälerten Platz, erst +dann+ ihn mit Euch theilen. Das, meine
-Helene, ist hier die Stimmung des Bürgers -- und in so fern sein Kopf
-klar genug, auch des Bauern!«
-
-»Wenn sie einander begegnen im Wäldchen!« seufzte Helene -- das
-Nächstliegende verschlang in ihr stets Vergangenheit und Gegenwart.
-
-Träumerisch die schmalen Händchen über die Brust faltend, wehmüthig die
-blauen Augen zu Helenen aufgeschlagen, mit dem rührensten Ausdruck der
-Innigkeit und Treue in den Zügen, saß indessen die Sprecherin da, immer
-noch bemüht der Freundin aufgeregte Geister zu beschwichtigen, vor
-allem aber sie abzuhalten, in den Garten zu gehen! -- Eva sprach fast
-niemals über sich -- Helene empfand den ganzen Werth des ihr gebrachten
-Opfers, auch dessen sanft verschleierte Absicht -- sie war selbst von
-der Nothwendigkeit überzeugt, eine persönliche Einmischung in +diesem+
-Augenblick meiden zu müssen, aber all ihre Gedanken flatterten dennoch,
-wie Vögel dem Frühling, so dem nun wieder Angekommenen, dem Geliebten
-zu! Jeder Widerspruch strenger oder liebreicher Art brach an dem
-mächtigen Gefühl des Mädchens. --
-
-»Nie werde ich's vergessen,« fuhr Eva in immer weicheren Tönen
-fort, »wie nach Graf Owens Tod --« sie vermochte noch nicht »mein
-Schwiegervater« zu sagen -- »nachdem ich schon fast ein Jahr hier
-auf dem Schlosse wohnte, Christian meinem alten Vater mich als seine
-Frau vorzustellen beschloß; es war ihm schwer geworden, ich wußte es
-wohl! Du Helene warst ein Kind, und bliebst bei Emerenzia! Amalie und
-Annette begleiteten uns; ich glaube,« setzte sie mit leicht bebender
-Stimme hinzu, »Christian hatte es den Schwestern befohlen -- es war
-darauf abgesehen, mir durch diesen Schritt mit einem Male eine feste
-Stellung zwischen den Bauern und +seiner+ Familie, besonders den
-Brüdern gegenüber zu geben, denn ich selbst war schüchtern wie ein
-Rothkehlchen, das sich im Zimmer verflogen und keinen Ausweg kennt;
-ich fürchtete mich in dem großen Schlosse, verlief, verirrte mich
-in dessen Gängen, ich hatte nie ein solches Gebäude bewohnt -- so
-lange ich auch schon damals Christians Gattin war, denn ich habe im
-fünfzehnten Jahre geheirathet, so wußte ich doch hier in der neuen,
-von der Jütländischen so ganz verschiedenen Umgebung, mich nicht in
-meine Lage zu schicken! Und doch,« fuhr sie fort, -- ihre Absicht
-Helenen vom Gegentheil zu überzeugen momentan ganz aus den Augen
-verlierend, -- »doch war das eben eine wunderschöne Zeit! Christian war
-so himmlisch gütig, die angetretene Majorats-Erbschaft zwang ihn zu
-immer regerer Thätigkeit, wie ein Schutzengel stand er mir zur Seite
-und lieh mir den Schild seiner männlichen Klugheit und Festigkeit;
--- nun, wir fuhren also nach Engbolle. Wie klopfte mir das Herz,
-als ich nach sechzehn Jahren den Hof von weitem sah! aber alles war
-stattlich verändert; mein Vater bewohnte nicht mehr eine Kathe, die
-man Winters über mit Laub und Schilf überdecken muß, um sich darin
-vor der Kälte zu schützen, ein ganz neuer Bau erhob vier stattliche
-Mauern an deren Stelle; das ehemalige Wirthschaftshaus, in welchem wir
-nur ein paar kleine Zimmer hatten, war nun zu Stallungen und zu einer
-großen Milcherei umgewandelt; -- als wir in den viereckigen Hof traten,
-blinkten mir die hellen Fenster entgegen, hinter denen mein so schwer
-gekränkter lieber Vater wohnte; seitwärts aus den Nebengebäuden klang
-das Brüllen des reichlichen Viehstandes -- an einer andern Stelle
-sah ich die Scheune, vor deren Thor das bunte Gefieder der Hühner im
-Sonnenschein glänzte, o Gott, mir ging das Herz im Jubel auf -- jetzt
-öffnete sich die Thüre, mein Vater -- er war ein Greis geworden --
-erschien auf der Schwelle! ich ließ Christians Arm los und stürzte
-über den Hof ihm entgegen; mir schossen die Thränen in die Augen, kaum
-vermochte ich »Vater, lieber Vater« ihm zuzurufen, »ich bin's, kennt
-Ihr mich noch?« -- mit abgezogener Kappe kam mein Vater die steinerne
-Haustreppe herab; ohne mit einem Blicke meine Anrede zu erwiedern ging
-er demüthig seinem Gebieter und den Gräfinnen entgegen, deren Hand er
-bewillkommnend küßte -- mir brachen die Kniee, ich fühlte mich dem
-Umsinken nahe, aber ich wollte mich fassen, den andern Leuten, den
-versammelten Knechten und Mägden kein Aergerniß geben; ich näherte
-mich ihm abermals, bezwang mein Herz und redete ihn noch einmal an;
-jetzt kamen meine drei Brüder auch hinzu, als ich sie verließ, waren
-sie kleine Kinder; wie er, traten sie festen Schrittes zwischen
-mich und meines Vaters ehrwürdige Gestalt, dankten dem Grafen, den
-Schwestern für die Ehre ihres Besuchs und luden sie ein in's Haus zu
-treten; Keiner hatte einen Blick, ein Wort für die Verstoßene! -- Mir
-schwanden die Sinne! Amalie und Christian faßten mich unter den Arm und
-führten mich die Stufen hinan zu meines Vaters Hause! ich ließ Alles
-geschehen, setzte mich nur mechanisch auf den mir bereit gestellten
-Sessel -- Beide überhäuften mich mit der zartesten Güte und Sorgfalt.
-Mein Vater und meine Brüder standen scheu und ehrfurchtsvoll, Alle in
-eine Ecke des Gemachs zusammengedrängt und warteten ohne ein Zeichen
-des Mitgefühls, bis Christian zu ihnen trat und den Erstern zu sich
-rief; -- beide gingen hinaus in eine anstoßende Kammer. Was sie dort
-mit einander verhandelt, habe ich nie genau erfahren; ich weiß nur,
-daß Bitte und Befehl als gleich unwirksam sich erwiesen! Mein Vater
-und seine Söhne erklärten alle vier respectsvoll und sehr fest: sie
-wüßten was sich schicke und gebühre; in ihren Augen bliebe ich eine
-Pflichtvergessene, die ihre eigne Familie bitterlich gekränkt, ihre
-gnädige Herrschaft aber auf's freventlichste beleidigt, er wünsche,
-setzte mein Vater mit schwankender Stimme hinzu, daß mir der selige
-Graf Thugge nicht in der letzten Erdenstunde geflucht! -- Christian
-versicherte dem mühsam sich aufrecht haltenden Alten, daß jener mir und
-ihm verziehen, und mit uns Beiden ausgesöhnt in seinen Armen gestorben
-sei. »Das war sehr gnädig und sehr edel, unser Herrgott lohne es ihm
-im Paradiese,« sagte mein armer Vater; dann bat er »den gestrengen
-Herrn Grafen« ihn zu entlassen, »er fühle sich ein wenig schwach
-heute.« -- Als ich mich etwas erholt und äußerlich gefaßt, geleitete
-mich Christian zum Wagen, ach! ich glaubte mich aufzulösen in Thränen,
-als ich in den Hof zurücktrat, wo noch wie vor einer Stunde Alles im
-Sonnenschein so lachend und glänzend vor mir lag! Nochmals nahten Vater
-und Brüder dem Wagen -- o mein Gott! ich sah die lieben theuren Züge
-so nahe, so ganz nahe vor mir, ich hätte sie mit meinen Händen an mich
-ziehen, mit meinen bebenden Lippen sie berühren können! Ebenso demüthig
-wie sie dieselben empfangen, empfahlen sich alle Vier der Gnade der
-beiden »Fröken und des Herrn Grafen;« ich sah das Zucken in den
-Gesichtsmuskeln des armen, alten Mannes, der so unsäglich litt durch
-und um mich! ich sah zwei glänzende Thränen in meines jüngsten Bruders
-großen, blauen Augen, aber dennoch blieb Aller Haltung so fest und
-entschieden, daß mein Muth an ihr brach; ich wagte keinen Laut mehr.
-Mein Vater hielt sich bis zu diesem letzten Augenblicke -- ach Gott!
-dem letzten, in dem ich jemals ihn sehen sollte, stramm; Christian
-zitterte wie ein Espenlaub an meiner Seite -- die Pferde zogen an, wir
-rollten fort; -- als ich nach einem mehrwöchentlichen Krankenlager
-erwachte, hatten sie meinen Vater schon begraben; die Bauern sagten, es
-habe ihm ein schwerer Kummer das Herz abgedrückt.« --
-
-Schluchzend warf Helene ihre beiden Arme um Eva's Hals; jetzt sah und
-empfand sie nur deren Schmerz, sogar Thoralds Bild ward dadurch für
-einen Moment in den Hintergrund gedrängt.
-
-Draußen war unterdessen, wie vorauszusehen, Thorald und der Graf
-zusammengetroffen. Allein der Gang zum Weiher, und vor Allem das tiefe
-Schamgefühl des Bewußtseins, auf Thorald geschossen zu haben, hatten
-den Grafen abgekühlt, und er zügelte diesmal seine Worte. Das Gespräch
-zwischen den Männern war sehr ernst, aber keiner von ihnen hatte bei
-der Erinnerung an dasselbe zu erröthen, es blieb gegenseitige Achtung
-als Schutzgeist ihm zur Seite. Christian verfehlte nicht, seine allen
-Männern seines Standes gemeine Ansicht, daß man gar übel ein Verhältniß
-zu dem Mädchen das man +heirathen+ will, mit einer Heimlichkeit des
-Verkehrs beginne; sein Urtheil darüber machte Thorald warm, ohne von
-Grund aus ihn zu überzeugen, ja es regte seinen innern Stolz auf so
-schmerzlich verletzende Weise an, daß er endlich erklärte: zwar werde
-er nun und nimmer seinen Anspruch auf Herz und Hand Helenens aufgeben,
-die willig beide ihm zugesagt, allein obgleich er sich zu keiner Art
-von Entsagung veranlaßt fühle, da er sich und die Geliebte als völlig
-frei und unabhängig betrachte, so sei er doch von seiner und ihrer
-Treue so fest überzeugt, daß er es darauf wagen könne, und er wolle
-sogleich, ehe ihn irgend Jemand gesehen, nach Fühnen zurückkehren,
-wenn der Graf durch seine häufige Anwesenheit ihren Ruf für wirklich
-gefährdet halte. Nur möchten, bat er, der Herr Graf sich nicht irren
-über den Grad des von ihm gewährten Zugeständnisses, er werde Mittel
-und Wege finden, Helenen die Erklärung seines jetzigen Schrittes
-zukommen zu lassen, denn je mehr er ihrer gewiß sei, je unmöglicher sei
-ihm es zu ertragen, auch nur einen Augenblick von ihr mißverstanden zu
-sein durch eigene Schuld.
-
-Es lag etwas so ächt Menschlich-Natürliches, ja eine solche Würde
-der Wahrheit in Thoralds Benehmen, daß der Graf davon erschüttert
-sich fühlte; zum ersten Mal seit seinen Jugendjahren fiel ihm die
-Möglichkeit einer wirklich dauernden Empfindung der Liebe ein. Nach
-wenigen Secunden jedoch war er, trotz seines angeborenen Hanges
-zur Träumerei, schon wieder zum klaren Ueberblick der Verhältnisse
-gekommen, er fühlte durch Thoralds augenblickliche Abreise nicht
-nur den Ruf der Schwester gesichert, sondern im schlimmsten Falle,
-wenn es ihm nicht gelingen sollte, zu einer +andern+ Verbindung
-sie zu vermögen, wenigstens in dieser Prüfung des Jünglings eine
-Art Bürgschaft, ein ~bonheur allemand~, daß das hereinbrechende
-Unglück einer Verbindung mit ihm und einer Trennung von den Ihren
-sich tröstlich gestalte. So nahm er wirklich Thoralds Erbieten an;
-aber er verlangte das Opfer, wenn es gebracht werde, vollständig, und
-augenblickliche Rückreise Thoralds.
-
-»Das macht die Sache schlimmer, man kann mich auf Laaland bereits
-gesehen haben,« sagte der Künstler, -- ihn verletzte der Stachel
-geheimen Mißtrauens, -- »aber ich bin erbötig, sogleich überzusetzen
-nach Falstern, wo ich ein paar Skizzen aufzunehmen habe.«
-
-Dieser Beschluß ward festgehalten. Allein der Graf war, wenn er
-einmal seiner gewohnten schweigsamen Contemplation entrissen und zur
-Thätigkeit gelangt war, nicht der Mann, auf halbem Wege stehen zu
-bleiben. »Wie gedenken Sie denn der Comtesse Gejern diese Nachricht
-von Ihrer augenblicklichen Entfernung zukommen zu lassen?« fragte
-er scharf. -- Thorald war gefangen; er konnte und wollte den Weg,
-den seine Correspondenz mit der Geliebten zu nehmen pflegte, nicht
-verrathen, weniger aber noch konnte er von Falstern aus ihn einschlagen
--- er zögerte einige Secunden -- --
-
-»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Christian, »daß ich der Comtesse
-die Nachricht in der jetzigen Stunde noch zukommen lassen werde,
-schreiben Sie ein paar Zeilen.« Erstaunt blickte Thorald auf -- es war
-dem Grafen Ernst. »Aus Ihrer Hand soll die Gräfin die Nachricht -- mein
-Herr? Nein, ich muß einen Boten --«
-
-Christians Zorn flammte auf; allein wie bei der Schwester überwog
-bei ihm der momentane Impuls eines eben jetzt zu Erstrebenden, und
-in diesem Augenblick lag ihm vor Allem daran, jede Zusammenkunft der
-Liebenden und jeden längern Aufenthalt Thoralds auf der Insel zu
-verhindern -- »ich werde ihr das Billet +senden+,« sagte er kurz.
-Thorald verbeugte sich stumm, riß ein Blatt aus seinem Taschenbuche und
-schrieb.
-
-Es war eine wunderliche, fast komische Situation. Der Eine als
-Vertrauter und Bote einer von ihm so hart gefährdeten Liebe des
-Andern; im Künstler überwog das Ironische derselben; auch lag im ganzen
-seiner Jugend diese etwas barocke, ritterliche Handlungsweise nicht
-fern; eine fröhliche Sorglosigkeit gestaltete sich fast in Leichtsinn
-indem er schrieb, nur die Anrede hatte ihn ein wenig verlegen gemacht,
-denn das Blatt ging ohne Siegel; -- Christian hatte sich in anständiger
-Entfernung unter eine Buche gesetzt, aber während der Maler schrieb,
-waren seine Gedanken längst abwärts geflogen, ihn beschäftigte eben die
-Solution eines naturhistorischen Problems -- fast hatte er die ganze
-Sache vergessen, als ihm Thorald das Blatt überreichte. Er faltete
-es nochmals und steckte es ein; es waren wenige Worte. Der Liebende
-verließ sich darauf, daß Helene +zwischen+ den Zeilen durch zu lesen
-verstehen werde, was nur sein Herz, nicht seine Hand dem Blättchen
-anvertraut.
-
-Die Männer trennten sich ohne weitere Erklärung. Als Thorald festen
-Schritts den Richtpfad nach dem Strande einschlug, um zur Fähre zu
-gelangen, sagte Christian ihm nachblickend: »Schade, daß er kein
-Edelmann ist, er hat einen edlen Anstand und präsentirt sich gut.« Dann
-wandte er sich dem Schlosse zu.
-
-Das Gespräch der beiden Frauen war eben beendet, als ein Diener Helenen
-das Billet überbrachte -- sie las es, sagte keine Silbe, drückte Eva
-die Hand und zog stumm sich in ihr Zimmer zurück.
-
-Dort brach sie in heftiges Weinen aus. »Dieser Sieg, Christian,« sagte
-sie stolz das Haupt zurückwerfend, »soll Dir theuer zu stehen kommen
--- daß Du ihn auf diese Art zum Nichthandeln, zum Rücktreten, zur
-Entfernung treibst, lös't mich von jeder Verpflichtung, drängt mir
-Entschluß und Handlung auf! -- Was können sie mir denn thun, diese
-hochmüthigen Brüder, wie mich zwingen? Etwa wie die Tante -- nein,
-nein, +die+ Zeiten sind vorbei!«
-
-Es war schon längst dunkle Nacht. Helene konnte den Gedankenflug
-ihrer Seele nicht beherrschen, Schlaf und Ruhe waren nicht zu hoffen.
-Sie trat an das noch offene Fenster -- der Wind erhob sich eben, es
-war gegen Mitternacht, er strich von der fernen See herüber an den
-Ufern hin, schüttelte tiefer in's Land eindringend die alten Buchen
-aus dem Schlummer und pfiff und heulte in den Vorsprüngen und Erkern
-des Schloßbaues -- es graus'te Helenen. Ob er noch auf dem Meere? Es
-ist weit hin bis zur Fähre, dachte sie. Es war eine der wunderlichen
-Nächte, in welchen die Windsbräute flaggen, und gleichsam aus dem
-tiefen Nebelgrunde der Dünen aufsteigend, ihre langen weißgrauen
-Schleier schräg herabhängen lassen bis dicht auf den Erdboden, dann
-urplötzlich aufjubelnd wie losgebundene Mänaden, wildaufschreiend mit
-dem langen pfeifenden Ton, den nur der Nordländer kennt, über die
-See sich stürzen, das fliehende Boot gierig zu erhaschen, das ihnen
-zu entgehen gemeint; -- Hui! nun muß es tanzen, Kiel auf und ein,
-drüber hin ras't eine Welle, -- wieder eine -- so fort Woge um Woge!
-Dem Ruderer schwinden Sterne, Himmel, Kahn und Strand; aber die wilde
-tolle Nixe, die ihren Liebsten sucht, zwischen Meer und Erde, ruht
-nicht, bis sie Alles, Mann und Maus durchnäßt hat im Boot; -- wie ein
-Pfeil schießt das Schifflein über die schaumbedeckte Fluth -- und
-mit einem Male, wie auf Zauberspruch, ist Alles vorüber! Da ist der
-klare Himmel, die Sterne flimmern wie erschrocken von dem sündhaften
-Spiel, es ist aber Alles glatt, still, sogar hell am Ufer und zur
-See: die erzürnte Wasser-Liebste hat ausgetobt. Ein langer keuchender
-Windzug trocknet rasch Segel und Leute; bis es einer andern ähnlichen
-Erscheinung begegnet, hat das Boot Ruhe, oft sogar eine schnelle,
-glückliche Fahrt.
-
- * * * * *
-
-Helene wickelte sich fester in ihren Mantel und beugte sich aus dem
-Fenster vor, in die Nacht hinaus, um den Stimmen derselben zu lauschen.
-Es war ruhiger geworden. Nun hatte Thorald gewiß Falstern erreicht.
-Aber nun hatte auch die neue Trennung erst recht eigentlich begonnen;
-der Unbesonnene hatte ja Christian sein Wort gegeben, vorläufig
-sein Kommen ganz einzustellen. -- Sie trat zurück in's Zimmer. Ihr
-schauderte vor der Möglichkeit des Traums, der nach so verworrenem
-Tage ihrer harren könne. Die Nacht blieb ihr unheimlich, im Spiegel
-erschreckte sie das eigene wachsbleiche Gesicht -- im Hause schien
-Alles zu schlafen. Sogar ihre eigene Dienerin hatte sie hinweg und zu
-Bette geschickt.
-
-Sie hätte viel gegeben für irgend einen befreundeten Laut --
-endlich öffnete sie ihre Stubenthür und lauschte gespannt, sie
-wußte selbst nicht auf was, in die Dunkelheit hinaus; -- plötzlich
-erblickte sie einen hellen Lichtschein unter der Thüre des einen ihr
-gegenüberliegenden Zimmers hervordringen, er kam aus dem Cabinet der
-Nordermule; sie huschte eilig hin, öffnete leise und trat ein.
-
-Obschon die Mittage noch heiß waren, begannen schon kühlere Nächte an
-den fliehenden Sommer zu mahnen, ältliche oder schwächliche Leute,
-wie Emerenzia, froren mitunter. Vielleicht hatte sie deshalb Feuer
-angemacht, denn aus der weit aufstehenden Ofenthüre leuchtete eine
-prasselnde Flamme Helenen entgegen. Die Nordermule saß auf einem
-niedrigen Schemel vor derselben, auf ihren Knieen hatte sie die welken
-Blumen und Kränze der Tante liegen und die Schreibereien, die sich
-in den Truhen vorgefunden; sie war beschäftigt, das Alles mit einem
-seidenen Bande aneinander zu binden, und schien die Absicht zu haben,
-ein Todtenopfer auf dem vor ihr brennenden Holzstoß zu halten.
-
-Als sie Jemand hinter sich vernahm, sah sie sich nicht um, sondern
-kreuzte schnell die Hände über beide Augen und beugte das Haupt tief
-herunter, daß es fast die Knie berührte.
-
-»Sie hält mich für eine Erscheinung, vielleicht gar für der armen Tante
-Ulrike Seele!« -- hörbaren Schritts trat sie näher und legte die Hand
-auf der Geängsteten Schulter. »Ich bin es,« sagte sie mit recht ruhiger
-Stimme, »ich kam, weil ich vom Vorplatz aus noch Licht in Deinem Zimmer
-gewahrte.«
-
-Es lag immer in allem Thun Helenens, Emerenzia gegenüber, eine
-liebenswürdige, schonende Zartheit; auch jetzt schien sie deren Schreck
-gar nicht zu gewahren, denn sie kannte ihrer Freundin krankhafte
-Scheu, lächerlich zu erscheinen; -- alle von der Natur stiefmütterlich
-behandelten Menschen haben sie. -- Die Alte hob die Hände vom Gesicht
-und ließ sie auf die welken Blumen in ihren Schooß sinken. -- »Bist Du
-unwohl?« fragte sie besorgt.
-
-»Nein, aber bewegt, wie Du selbst, im Geist und Gemüth; ich kann nicht
-schlafen. Laß uns Dein begonnenes Todtenopfer zusammen vollenden,
-aber während die Flammen seine Heimlichkeiten schützend verzehren,
-erzähle mir von dem edlen Wesen, an welchem Dein Herz, wie ich sehe, so
-schmerzlich hängt -- sprich mir von dem Leben, dessen letzte Glücksspur
-wir vielleicht eben vertilgen!«
-
-In fast andächtiger Stille schichtete Emerenzia die Blüthen und Blätter
-auf den kleinen Holzstoß und blickte schweigend darauf hin, bis sie
-zu Asche gebrannt in sich zusammensanken: »Gewiß,« sagte sie endlich,
-»ich durfte sie in keine andre Hand kommen lassen, obgleich das Alles
-eigentlich der Familie --«
-
-»Der Familie gehörte, die sich so wenig daraus machte, daß sie diese
-Erinnerungen den Fußtritten der Domestiken überließ, wenn Deine treue
-Hand sich nicht derselben angenommen! Ach Emerenzia, die Spuren eines
-ewigen Gefühls vergehen wie Spreu vor dem Winde in der Erdenwelt!«
-
-»Ein Engel sammelt sie droben!« sagte fromm die Nordermule.
-
-»So hat er diese wunderbar klagende Nacht und Dich zu Vollstreckern des
-Liebestestamentes der Tante gemacht,« erwiederte Helene, und zog einen
-zweiten Schemel zum Feuer, auf dem sie Platz nahm. »Erzähle! bitte,
-bitte.«
-
-Die Alte nickte und begann; anfangs starrte sie fortgesetzt in die
-Flammen, bis sie, wie ein Sänger der Saga, mehr und mehr in sich selbst
-versank und der sie umgebenden Welt nicht mehr gewahrte, endlich aber
-mit höchster Begeisterung erzählte.
-
-»Ich habe vergessen, in welchem Jahre es geschah, allein unser Graf
-Thugge war noch ein kleiner Knabe, als er, um zu der Schule auf
-Skovkloster sich vorzubereiten, einen Hofmeister erhalten sollte, bei
-welchem er bessern Unterricht und weniger harte Worte und Schläge
-bekäme, denn das Kind war tödtlich verschüchtert und des eigenen
-Geistes oft nicht mächtig vor Angst. Eine plötzliche Krankheit hatte
-seinen Peiniger fortgerafft. Bei dieser Gelegenheit, meinte der
-alte Graf, könne auch das um acht oder neun Jahr ältere Fräulein
-die nöthigen Repetitionsstunden erhalten, um seine Erziehung ganz
-zu vollenden. Es war um das Ende Novembers in einer unruhigen
-Sturmesnacht, wo der wilde Jäger Holske Darske durch die Waldung jagt,
-wo Alles ächzt und knarrt in Haus und Hof, die Thiere in den Stallungen
-vor Unbehagen aufbrüllen und die ganze Natur in hundert Stimmen
-aufseufzt und wehklagt, als ob sie auch einsam sich fühlen könnte, wie
-der Mensch. Das junge Mädchen saß im Saal dem Vater gegenüber, der über
-Landcharten und Briefen brütete und kaum sie bemerkte, der Bruder aber
-war in der Küche dem alten Hannes auf den Knieen eingeschlafen -- er
-durfte den Saal nicht betreten, wenn der Vater zugegen.
-
-Ulriken war unbeschreiblich betrübt zu Muthe, sie war erst seit wenig
-Monaten in des strengen, kalten Vaters Schloß; die liebende Hand der
-Fürstin Sophie, die sie erzogen, fehlte ihr überall; ohne besondern
-Grund hatte der alte Graf sie berufen; er wollte sie um sich haben, sie
-kennen lernen und ihre Geisteskräfte prüfen, ehe er sie einführe in
-die große Welt Copenhagens und des Hofs. Ihn selbst aber hielten seit
-Monden Podagra und Geschäftsverhältnisse auf dieser Besitzung fest.
-Die Morgenröthe der Freiheit des Bauern begann kaum erst zu dämmern,
-und ihr Herannahen war dem stolzen Grafen, dessen Hochmuth keine Art
-Beschränkung, auch nicht die einer selbst gewährten Gnade ertrug,
-qualvoll und fast lächerlich, denn er glaubte an keine Gleichheit der
-Menschenrechte, und alle für die große Nationalbefreiung Wirkenden,
-kamen ihm wie Kinder vor, die mit dem Feuer spielen. Indessen bereitete
-er sich vor, an den Hof zu gehen, denn er empfand den Druck einer
-nahenden Explosion, welcher er scharfen Blicks dort entgegenzutreten
-entschlossen. Ueber die Parzellirungen und Landesverhältnisse
-studirend, saß er dann Abends dem Kinde gegenüber, das kaum eine
-gefallene Rolle Seide aufzuheben, kaum zu athmen wagte, um ihn nicht zu
-erzürnen.
-
-Jetzt schlugen alle Hunde an, ein Fremder hatte den Hof überschritten;
-eine seltene Erscheinung in dieser Jahrszeit; man hörte die Tritte
-desselben auf dem knisternden Schnee, gleich darauf ward die Glocke an
-der Thüre angezogen und der neue Hofmeister ward dem Grafen angemeldet.
-Ulrike wollte, schüchtern wie sie war, sogleich den Saal verlassen,
-der Graf befahl ihr zu bleiben, »damit er sie mit ihrem neuen
-Informator bekannt machen könne« -- das war das erste Mal, daß er über
-eine solche Absicht sich gegen sie aussprach. Du hast das Bild dessen,
-der nun eintrat, gesehen; das schmale Gesicht mit den dunkelblauen
-Augen und dem festgeschlossenen Munde, von lichtbraunen natürlichen
-Locken umwoben, die bis tief in den Nacken sich kräuselten, und nicht
-gepudert, nicht gebunden waren, die schwarze Kleidung, welche gegen den
-farbigen Hofputz der damaligen Cavaliere so sehr abstach, Alles das
-zusammengenommen machte den Jüngling zu einer auffallenden Erscheinung
--- man konnte ihn wahrhaft schön nennen den Bewohnern des Schlosses
-gegenüber, die sämmtlich trotzig und verzagt, der unseligen Heftigkeit
-des Grafen wegen einen Ausdruck verbissenen Ingrimms oder knechtischer
-Unterwerfung zeigten, der, in vielen der alten runzlichen Gesichter
-Caricatur geworden, etwas Abschreckendes hatte.
-
-Ulrike ließ die Hände auf den Rahmen sinken, der ihre Tapisserie
-umschloß, sah mit weitgeöffneten Augen wie geblendet einige Secunden
-ihn an, als aber der Vater mit herablassendem Hochmuth ihr den neuen
-Lehrer vorstellte, neigte sie den schönen Oberkörper demüthig, wie die
-Madonna sich vor dem Engel der Verkündigung beugt, sie fühlte sich
-nicht fest auf den Füßen und hätte um die Welt keine der üblichen, ihr
-eingelernten Verneigungen machen können; erst nachdem der Graf den
-Angekommenen zum Ausruhen entlassen, vermochte sie die Erlaubniß sich
-zu erbitten, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.
-
-Draußen brach sie in helle Thränen aus -- ihr war unsäglich glücklich
-zu Muthe, als sei einer der Engel ihrer Träume wachend ihr begegnet.
--- Sie sahen sich von da an täglich, Johannes gab ihr anfangs mit dem
-Knaben zugleich Unterricht, dann aber ihr allein, in Gegenwart der
-alten Schließerin, oder der alten Kammerfrau Ulrikens, welche ihr die
-Fürstin, bei welcher sie ihre Kindheit verbracht, mitgegeben in des
-Vaters Haushalt. Sehr bald wußte Ulrike um alle Verhältnisse ihres
-Lehrers; den Vater hatte er frühe verloren, die Mutter zog mit ihm und
-den andern Geschwistern nach Roeskilde; in der alten Gräberstadt,
-in welcher fast alle Könige des Oldenburger Hauses ihre Ruhestätte
-gefunden und in dem noch poetischern Leïre, das Skiold, der Sohn
-Odins, zum Wohnsitz sich erwählt, im Herthedal, wo überall noch das
-Blutgeheimniß jenes wunderbaren Dienstes der nordischen Diana seine
-Zauber ausbreitet, sog sich der Knabe groß an poetischen Eindrücken,
-und die damals entkeimte Vorliebe zu älteren Sagen ward im Jüngling
-zum besonnenen Studium. Später hatte er, mit Hülfe eines Gönners, der
-Theologie sich gewidmet und den Doctorhut erworben, doch »könnten noch
-Jahre vergehen, -- meinte er selbst, -- ehe ihm eine Pfarre zugetheilt
-würde;« der arme Candidat fand das sehr begreiflich, gab es doch gewiß
-noch Gelehrtere, Würdigere als er -- und allerdings regte sich damals
-noch ein sehr ernstes, edles Streben in der Theologie.
-
-Wie gläubig beseligt lauschte Ulrike seinen den Menschen als Gottes
-Ebenbildern so fest vertrauenden Worten! Er ward ihr lieb, wie etwas,
-das sie vorher nie weder gedacht noch gewünscht, noch empfunden; es war
-der plötzlich von oben herabgesenkte Himmel, der sich auf die Erde
-gelagert und sie zum Paradiese umgeschaffen!
-
-Daß seine Neigungen gar bald auch die ihren wurden war nur natürlich,
-sie begann mit ihm die Geschichte ihres Vaterlandes zu studiren; der
-lange stets mit der Hierarchie sich erneuende Reformationskampf, an
-welchem die Herrscher Dänemarks so ernsten Antheil genommen, der
-Bürgerkrieg, der sich um Christian ~II.~ willen bis auf diese schon
-damals von ihren Vorfahren bewohnten Inseln, ja sogar in seinen
-Einzelheiten bis in das Schloß Aalholm gezogen, in welchem sie jetzt
-lebte, alles dies wurde dem lebhaften Sinn des schönen Mädchens zum
-Element einer stillen, innern Welt, in der sie arglos weiter lebte
--- ohne Vorblick in die Zukunft. Zuweilen fand sie Johannes' Bild
-in irgend einem edlen geschichtlichen Charakter, in einer schönen
-Selbstaufopferung, weit seltner sich selbst! Als sie einmal mit ihm die
-schöne Mähr von Gioès, Tochter Brigitta, las, die einem Bischof verlobt
-gewesen, ehe er selbst sich ausschließlich der Kirche weihte, wurde sie
-wehmüthig, ohne zu errathen, was an deren Geschick sie rühre.
-
-Von Allen ungeahnt wuchs ihre Seele, entfaltete sich ihr Geist
--- dennoch fand sie Niemand verändert; theils weil alles in ihr
-harmonisch und sanft geblieben, theils weil unter diesen stillen, meist
-niedergeschlagenen Blicken, die nur zu erwachen schienen wenn der
-Geliebte sie weckte, dann aber eine Welt der Poesie und Intelligenz
-ausströmten, Keiner eine Bedeutung suchte. Die Tage spannen sich in
-äußerlich ziemlich farbloser Einförmigkeit ab, die Liebenden wußten es
-nicht einmal. Aber Johannes wollte nach seiner einfachen Weise bald
-diese bald jene Erleichterung den Armen, den Geknechteten gewähren,
-welche er, der sich selbst mit einem Male so glücklich fühlte, um
-sich sah -- ich habe Dir angedeutet, wie er auch hier auf Ulriken
-einwirkte! Der alte Graf ahnete von dem Allen nichts, wohl hätten die
-ergrimmten Vögte oft das Fröken verklagt, daß es ihnen die Bauern zu
-Faullenzern mache, aber die entsetzliche Angst vor der mit dem höhern
-Alter unzähmbar gewordnen Wuth des Alten, dessen Zorn oft unerwartete
-Richtungen annahm, fesselte die Gemeinheit und Bestialität, daß sie
-still lagen zu den Füßen der Jungfrau, wie die alten Legenden von
-Raubthieren und Schlangen uns erzählen.
-
-Als nun um die Weihnachtszeit der Graf nach Copenhagen gegangen, blieb
-Ulrike, fast sich selbst überlassen, daheim allein mit ihrem Lehrer
-zurück; eine ergraute und halb blinde Anverwandte, welche zum Stift
-Wallöe gehörte, dessen Abatissin die Fürstin Sophie geworden, war kaum
-zurechnungsfähig, und befand sich gern in Johannes' Gesellschaft,
-der sie mit gütiger Aufmerksamkeit behandelte, weil sie alt und
-gebrechlich. --
-
-Nach einiger Zeit sandte Graf Owen einen Tanzmeister aus Copenhagen;
-Ulrike sollte auf dem Gute tanzen lernen, um bei einem spätern Feste
-am Hofe auftreten zu können. Der alte Franzose wurde leicht im Schloß
-untergebracht, der neue Unterricht begann. -- Um die üblichen Tänze
-einüben zu können, mußten mehrere Theilnehmer an demselben gefunden
-werden; man zog ein paar Fräulein aus der Nachbarschaft hinzu, auch
-deren Brüder und Johannes mußten figuriren. Die Liebenden tanzten
-zusammen, die Jugend schlug rosig aus beider Herzen und Wangen; sie
-waren unsäglich glücklich. Dennoch blieben Beide unbefangen, sie gaben
-ihrem Glück keinen Namen.
-
-So ging der Winter vorüber, der Graf kehrte zurück. Der Vater ließ
-das Töchterchen ihm vortanzen und war zufrieden; er hielt ein kleines
-Examen mit der an allen Gliedern Zitternden; auch hier schien er mit
-überraschter Freude ihre wissenschaftlichen Fortschritte zu gewahren.
-Abends war die letzte große Tanzstunde, er sah den Hofmeister Ulriken
-gegenüber die Touren einer Anglaise tanzen -- er runzelte die Stirn und
-schwieg.
-
- * * * * *
-
-Die Unterrichtsstunden mit Johannes nahmen ungehindert ihren Fortgang,
--- zuweilen erschien der alte Herr unvermuthet während derselben im
-Zimmer seiner Tochter; er sagte kein Wort. -- Einmal begegnete er
-Ulriken in der Allee, sie war von einem Diener begleitet, der ihr einen
-großen Korb mit Lebensmitteln und Arzeneien zu einer Kranken trug --
-Graf Owen fragte nach keinen Details, er schwieg, allein er ward noch
-finsterer und redete stets streng und in fast barschem Ton, sowohl mit
-dem Candidaten als mit seiner Tochter. Die Schloßbewohner überkam ein
-geheimes Grauen.
-
-Eines Morgens ließ er Ulrike zu sich rufen. Es waren eine Menge Kisten
-und Schachteln aus der Residenz angekommen, mit Kleiderstoffen,
-Stickereien, feiner Wäsche und Mustern dazu; er befahl ihr für ihre
-Ausstattung nach Copenhagen zu sorgen, wohin sie ihn zum Johannisfeste
-auf eine Woche begleiten solle, um der königlichen Familie vorgestellt
-zu werden; er hoffe, setzte er hinzu, sie als +Braut+ wieder
-heimzuführen.
-
-Ulrike stand regungslos vor ihm wie ein Marmorbild, alle Farbe war
-von dem schneeweißen Gesicht gewichen, sie verstand nicht mehr, was
-er diesen letzten Worten noch hinzufügte, mechanisch verneigte sie
-sich, nach damaliger streng respectvoller Sitte, als er geendet, und
-ging in ihr Zimmer. Erst dort besann sie sich, erst dort wurde ihr der
-ungeheure Schmerz einer möglichen Trennung deutlich.
-
-Ulrike fiel nicht in Ohnmacht, streckte sich nicht tödlich ermattet auf
-ein Canapee oder in eine ~Chaise longue~, -- sie saß ganz still und
-ehrbar auf ihrem gewöhnlichen Platz und strickte Filet, als Johannes
-eintrat um ihr eine Unterrichtsstunde zu geben. Er kam noch heiter
-herein, wie ein sonnenheller Morgen, allein ein einziger Blick auf
-sie gab ihm das Gefühl eines unermeßlichen Unglücks, das ihn und sie
-betroffen. Neben ihr, etwas mehr zurück, saß die alte Cousine halb im
-Schlummer; er vermochte nicht es zu beachten, sein Herz kannte keine
-Nebenwege zum ihren, er fragte kurz und gerade heraus -- sie antwortete
-eben so und sagte in dieser Antwort Alles. -- Die Cousine war fest
-eingeschlafen.
-
-Die nächste Viertelstunde fand zwei selige Menschen, die mitten
-in dem sie dicht umwachsenden Elend desselben vergaßen, über dem
-unbegrenzbaren Glück ihrer gegenseitigen Liebe. Zum ersten Mal hatten
-sie sich ausgesprochen über ihr Gefühl; die Alte hatte schlafend dabei
-gesessen; es ist wunderschön, daß man der Jugend das Glück nie ganz
-verkümmern kann!
-
-Der folgende und noch gar mancher Tag nach ihm vergingen, und es hatte
-sich nichts geändert im Lauf derselben; nur flogen der Liebenden Pulse
-in heftigeren Schlägen, nur wechselten die Stunden der hoffnungslosen
-Verzweiflung und der seligsten Zuversicht in Beiden -- und seltsam,
-und doch nur menschlich-natürlich: die letztern überwogten, ja
-vernichteten allmälig die Verzweiflung, mit welcher sie anfangs der
-Zukunft gedacht; es konnte ja noch lange, lange so bleiben wie jetzt!
-Ulrike war fest entschlossen, keinem Andern ihre Hand zu reichen,
-den ihr vorzuschlagenden Bräutigam nicht anzunehmen, was auch daraus
-entstehe. Immer wollte sie so fort leben, nie sich vermählen, Johannes
-aber sollte einst eine Pfarre auf einem der benachbarten Güter oder in
-Nysted, oder auf Falstern erhalten; so schwatzte sie in liebenswerther
-Kindlichkeit ihm leise flüsternd den Kummer fort aus der Seele, -- wenn
-er ihr zuhörte, beseligte ihn der Klang ihrer Stimme; konnte er ihren
-Glauben an die günstige Gestaltung ihres Geschicks nicht unbedingt
-theilen, so endete doch momentan alles Leiden in ihm, denn er dachte
-nicht weiter. --
-
-In der Nacht, wenn er allein auf seinem Zimmer war, fiel ihm die große
-Sünde auf's Herz, die er an ihr begehe! -- trostlos warf er sich auf
-die Knie und flehte Gott um Erbarmen an, -- etwas Bestimmtes zu
-erbitten vermochte er nicht, denn er konnte nicht anders, als sie
-lieben! Manchmal dachte er, in Copenhagen werde sie ihn vergessen, er
-rief sich all die schönen reichen und edlen Männer in's Gedächtniß, die
-er dem Namen nach kannte, denen sie aber wirklich begegnen werde; er
-zwang wohl auch seine Lippen zum Gebet: daß ihr der Allmächtige dort
-Vergessenheit gewähre und höchstes Glück in den Armen eines Würdigern
-als er selbst -- und -- in heiße Thränen brach er aus, denn klar wie
-die Wahrheit des heiligen Evangeliums stand es ihm fest und licht in
-der Seele: Ulrike werde doch nie einen Andern lieben als ihn, und nie
-einem Andern angehören! --
-
-Der Mai neigte dem Ende sich zu. Als Johannes eines Tages von Ulriken
-ging, der er ihre gewöhnliche Unterrichtsstunde gegeben, berief ihn
-der Leibdiener des Grafen in dessen Cabinet. Owen hatte einen, wie es
-schien, eben erhaltenen Brief in der Hand, welchen er ihm überreichte.
-»Herr Candidat,« redete er ihn ganz freundlich an, »Sie sind wie Sie
-aus beikommendem Schreiben ersehen, zum Pfarrer ordinirt; hier ist Ihre
-Bestallung und ein Handschreiben des Probstes. Sie gehen nach Island;
-Ihr Kirchspiel liegt in Rangewallsyssel. Ich wünsche Ihnen Glück!
-Sie werden aber in vierundzwanzig Stunden Laaland verlassen müssen,
-um erst in Copenhagen einige nöthige Instructionen sich zu holen,
-vielleicht werden Sie auch wünschen, die Ihrigen noch in Roeskilde zu
-sehen und Abschied von Ihrer Mutter zu nehmen. Das Schiff, mit welchem
-Sie reisen, lichtet den zweiten Juni die Anker, geniren Sie sich ja
-nicht wegen uns!« Graf Owen stand auf, verbeugte sich und verließ das
-Zimmer. --
-
-Island! vielleicht hat die Natur keinem Lande der Welt ein
-abschreckenderes Aeußeres gegeben, als dieser vulkanischen Felseninsel,
-deren Inneres ein Geheimniß des Schöpfers geblieben ist bis zum
-heutigen Tage; in phantastisch-wilder Erscheinung hat er sie als
-Räthsel dem hohen Norden hingestellt; Niemand hat es zu lösen gewagt!
--- Unermessen, unbetreten dehnen sich Islands innere Eisklüfte, heben
-sich seine Hochgebirge, kein Wandrer wagt sie zu durchdringen, keine
-Gewinnsucht lockt je den Jägersmann in ihre gänzlich unbewohnte
-Bergesöde, nicht einmal ein Vogel durchschneidet sie im vorübereilenden
-Flug! Eismassen, Rauch- und Feuersäulen drängen sich dort aus dem
-geologisch reichen Grunde, treiben von Innen heraus unaufhörlich
-Lava, Asche und rollende Steine herab auf die karge Vegetation des
-bewohnten Strandes, der, ein schmaler Landstrich, die Felsmassen
-umgürtet, welche hinter ihm sich erheben. Acht lange Monate ist auch
-dies Ufergestade mit seiner spitz ausgezackten Granitkrone, welche von
-zahllos eindringenden Fiörden durchschnitten wird, von Eisschollen
-überdeckt, -- den kurzen Sommer hindurch umbraus't es ein immer wild
-aufschäumendes Meer, das nur des Winters Strenge mit den starken
-Eisesbanden zur Ruhe zwingt. Wildströme reißen sich aufgischtend vom
-Hochgebirge los und stürmen jauchzend diesem Meere zu, dessen heftige
-Brandung ihren tollen Schaumgruß erwiedernd ihnen entgegen sich drängt;
-im Osten sprudelt der Torfa in bacchantischem Uebermuth seine glühenden
-Quellen mitten aus dem Eismeer hervor, während im Gaukakal-Thale
-die Geiser aus weitem, tiefen Becken ihre geisterartigen Strahlen
-fast unabsehbar hoch miteinander wetteifernd in die Lüfte senden, --
-vielleicht ist ihre wunderbare Schönheit eine Botschaft aus der Tiefe
-in die Himmelsferne, die das Farbenspiel ihrer Regenbogen weiter
-trägt! --
-
-Ganz oben aber, hinter allen diesen beschneieten Gipfeln, im weiten
-Kreise der vulkanischen Riesen, die sechs bis sieben Tausend Fuß
-hoch hinausragen über die Meeresfläche, liegen ganz oben, wie ein
-schauerliches Gnomenmährchen, die unermeßlichen weiß und blauen
-Eisfelder in ewigem Verstummen; sie bilden den Zauberring, der, in
-strengem Gegensatz zu ihrer unstörbaren Todtenstille, einen in ihrer
-innersten Tiefe kochenden Feuerheerd umfaßt, in dessen Abgründen und
-Kratern die Elemente unaufhörlich gegeneinander kämpfen.
-
-Und dennoch waren es alle diese Schrecknisse nicht, welche den wie von
-plötzlicher Todesbotschaft Betroffenen im Cabinet des Grafen gefesselt
-auf den schwankenden Füßen an dieselbe Stelle bannten, an welcher er
-die ihn vernichtende Nachricht empfangen; der eine Gedanke, den seine
-Seele anstarrte, wie die verglas'ten Augen das Blatt in seiner Hand,
-war nur der einer unabsehbar trennenden Weite, in welcher er von der
-Geliebten leben sollte, -- abgeschieden, losgerissen von ihr, ohne
-Gruß, ohne erreichbare Nachricht, ohne einen einzigen Ton ihrer Lippen,
-ihres Gemüths! Eine lange Reihe von Jahren, vielleicht das ganze Dasein
-lang -- immer, immer so fort, bis in's Grab! --
-
-Was kümmerte ihn, ob Islands rauhes Clima keine Frucht am Baum,
-keinen Halm auf dem Felde reifen läßt, kein grüner Laubast dem müden
-Wandrer sein Dach beut, und kaum die Birke mit ihrem Schattentraum ihn
-umspielt, was kümmerte ihn die Kargheit aller Existenz auf der Insel,
-die künftig ihn umfangen sollte; ach ihre Moose, ihre Beeren, ihre
-Zwerggewächse hätten ja zum Paradiese sich umgestaltet, wäre er nur
-einmal am Ende der langen Winternacht dem Frühlingsbilde Ulrikens dort
-begegnet! hätte nur +eine+ Hoffnung ihm folgen dürfen in die Verbannung!
-
-Und doch kam dem frommen Manne, der Gott immer willig zu gehorsamen
-gewohnt war, auch jetzt in die so tief zerrissene Seele keinen Moment
-der Gedanke, sich diesem ihm aufgebürdeten Geschick zu widersetzen,
-+dem+, was in seinem Berufe lag, gewaltsam sich zu entziehen; er bot
-die todeswunde Brust zuckend, mit thränendem Blick, aber entschlossen
-dem Schmerz und der Erfüllung seiner Pflicht! Wie der Missionair aus
-dem Kreise seiner Lieben, wie der Märtyrer zum Tode, schritt auch
-er gläubig-ergeben in Unabwendbares, für sein und Ihr Herz um Kraft
-flehend, dem Ziele zu; ihm fiel nicht ein, an seinem Schicksale zu
-mäkeln!« -- »Aber sie, aber Ulrike?« rief mit Thränen überströmtem
-Blick Helene, »wie überlebte die Unglückselige den Schlag?«
-
- * * * * *
-
-»Ich kann Dir nichts vom Scheiden der Liebenden sagen, -- denn kein
-Auge hat es gesehen, keine Lippe je ein Laut übertreten, der jenen
-heiligen Schmerz berührt hätte! -- Als er fort war, erschien Ulrike
-wie gewöhnlich am Mittagstisch ihres Herrn Vaters; sie war sehr blaß
-und fast bewegungslos; mit erloschenen Augen saß sie da, legte ihm die
-Speisen vor, vermochte aber selbst nicht zu essen, -- er hielt sie für
-krank und nannte das Uebel eine Erkältung.
-
-Wie dem Jüngling, den er hinweggesandt in das Schneegrab seiner
-Erdenhoffnungen, war auch dem Alten an Island bloß die möglichst weite
-Entfernung von Ulriken wichtig gewesen; an eine Steigerung der Jenem
-auferlegten Qual durch kleinere oder größere Entsagungen hatte er
-dabei so wenig als Johannes selbst gedacht; gänzliche, unabsehbare
-Trennung war das Ziel seiner Bestrebungen, als er seinen ganzen Einfluß
-in Copenhagen aufbot, dem jungen Candidaten eine Predigerstelle zu
-verschaffen, die ihn von Seeland in eine Pönitenzpfarre trieb.
-
-Als Ulrikens Zustand den nächsten und mehrere ihm folgende Tage
-unverändert der nämliche blieb, fiel dennoch dem Grafen kein einziges
-Mal bei, daß sie, die hochgeborne Comtesse, um einen elenden kleinen
-Landpfarrer sich ernstlich gräme; er glaubte die ganze Sache durch
-dessen Entfernung im Keime erstickt, und betrachtete die von ihm
-gemachten Bemerkungen als Beweise der thörichten Zudringlichkeit und
-Anmaßung des jungen Mannes. --
-
-Am zweiten Juni lichtete in Copenhagen das Schiff, welches den
-Prediger in seine neue Heimath führte, die Anker, -- am zweiten Juni
-legte sich Ulrike an einer bedeutenden hitzigen Fieberkrankheit,
-von welcher sie erst nach vielen Monden genas. -- Genas? ja, sie
-stand auf, sie ging im Zimmer umher, antwortete freundlich auf jede
-Frage, allein sie blieb wie ein schlaftrunkenes todtmüdes Kind, meist
-unbeschäftigt, mit niedergeschlagenem Blick, still auf den Boden
-starrend, in ihren Zimmern sitzen, -- von einer Präsentation am Hofe,
-von gesellschaftlichem Auftreten konnte gar keine Rede sein.
-
-Die Fürstin Abatissin zu Wallöe erbat von der Königin den nie in ihrer
-Stellung geforderten Urlaub, scheute die Winterreise nicht, kam mit
-Lebensgefahr über den Belt und nach Laaland auf unsere Insel.
-
-Die Kranke schauete sie mit verwundertem glasigen Blicke an -- und
-erkannte sie nicht! Jetzt stieg der Schatten seiner unbedachten That
-wie ein drohendes Gespenst vor dem erschreckten Vater auf, -- ihn
-durchzuckte eine entsetzliche Ahnung, aber er schwieg! Niemand wußte
-um den Zusammenhang des Geschehenen, Niemand verstand den Zustand des
-unglückseligen Herzens, das die Sehnsucht geistzerstörend, langsam
-überwuchs!«
-
-»Um Gottes willen,« schrie Helene auf, mit gewaltiger Kraft den Arm der
-begeisterten Erzählerin erfassend, »sie war, -- sie wurde --«
-
-»+Wahnsinnig!+« erwiederte Emerenzia. »Tiefsinnig nannten die Aerzte
-ihren Zustand, er ward allmälig zu einem stillen, tiefen Wahn, der
-ihr bald die Wirklichkeit überdeckte! Nach einigen auf dem Schloß
-verlebten Wochen nahm die Fürstin das arme himmelschöne Kind, mit dem
-stets gesenkten Haupt, mit sich in das Stift. Nachdem sie abgereis't,
-trafen die früher zu ihrer Ausstattung mit großer Freigebigkeit von der
-Abatissin in Paris, Stockholm, Hamburg und Copenhagen bestellten Gaben
-hier ein; Stoffe, Edelsteine, Putz und Spitzen; -- ihr nicht mit in
-das Stift angenommenes kleines Privatvermögen hatte Ulrikens Pflegerin
-großentheils zu diesen Ankäufen verwandt.
-
-Die mütterliche Freundin errieth den stummen Schmerz ihres Lieblings;
-in Wallöe versuchte sie die geistige Zerrüttung ihrer theuren
-Pflegetochter, wenn auch nicht zu heilen, doch deren Fortschritt
-zu hemmen und ihren Zustand zu lindern. Sie schuf Ulriken einen
-künstlichen Zusammenhang mit dem Leben des Geliebten, sie brachte
-ihr Bücher über das Land, das ihn umfing, andere, welche die Sprache
-desselben behandelten, sie umgab sie mit Bildern und Nachrichten von
-dort, erzählte ihr von den Natur-Wundern desselben, von den Landseen,
-Gletschern, Nordlichtern und Leuchtkugeln; unermüdlich suchte sie nur
-einen Wechsel der Gedanken hervorzulocken in ihr -- ach, nur selten
-gelang es. Es war die Vergangenheit, welche das kranke Hirn, das wunde
-Herz in ihren Banden hielt. Seit sie den Vater nicht mehr um sich sah,
-war allerdings Ulrike ruhiger; wenn sie allein zu sein glaubte, sang
-sie die Lieder, die sie von Johannes gelernt, spielte auf dem Spinett
-die Tänze, die sie mit ihm getanzt -- oder bewegte sich im Rhythmus
-derselben anmuthig hin und her, wie vor dem Tanzmeister -- andere Male
-hielt sie allein Stunde mit sich selber -- es lag eine so seelenvolle
-Milde in Allem was sie that, daß man sie nicht für wahnsinnig halten
-konnte, wenn man sie länger sah, sondern ihren Zustand der stillen
-Versunkenheit in einen sie stets absorbirenden Gedanken zuschreiben
-mußte. -- Qualvoll waren ihr die »langen Tage;« an solchen mußten die
-Fenster verhangen werden, sie weinte dann unablässig. Meine Mutter
-war bei ihr, auch ich trat mit in ihren Dienst, wenn ich schon keinen
-bestimmten Posten im Hause bekleidete. -- Ach, nur zu bald gestattete
-ihr die Hoffnungslosigkeit ihres Uebels den längeren Aufenthalt im
-Stifte nicht mehr. Nach dem plötzlichen Tode ihrer Pflegemutter brachte
-man sie in das nahe gelegene Wohnhaus des Gutes Steinburg; dort sah sie
-plötzlich von allen äußern Erinnerungszeichen ihrer früheren Jahre sich
-abgeschnitten, sie ward stummer, scheuer denn je und sprach gar nicht
-mehr.«
-
-»Und der Großvater?« fragte Helene.
-
-»Das mit den Jahren zunehmende Gefühl seines Elendes machte ihn nicht
-weicher. Aetzender nur grub sich ihm das Gift der Vergangenheit in
-die Gedanken; es ward sehr schwer mit ihm auszukommen, besonders
-nachdem die Comtesse von den Aerzten als unheilbar erklärt. Er ging
-zurück nach Copenhagen; man sagt, er habe am Spieltisch Zerstreuung und
-Vergessenheit gesucht. Seine Tochter nannte er +nie+, man glaubte dort,
-sie sei frühe gestorben. Er widersprach nicht. Graf Thugge war nun
-erwachsen, hatte eine Carrière gemacht, und verlobte sich mit unserer
-seligen Gräfin; Graf Owen übergab ihm das Majorats-Gut und kehrte
-+nie+ dahin zurück. Ein paar Jahre später stand sein Catafalk hier im
-Schloß-Saal. Niemand wagte Ulriken herzubringen, sie blieb von uns
-umgeben in ihrer Abgeschiedenheit, trug immer die nämliche Kleidung,
-wie sie in Aalholm in ihrer Jugendzeit sie getragen, sang immer noch
-mit leiser Stimme die alten Lieder, blätterte in den Büchern und
-Schreibheften, dachte immer, immer nur an Ihn! Wenn sie vor den großen
-Schloßspiegeln mit ihm zu tanzen wähnte, hat mich oft gegraus't, --
-daß sie älter ward, schien sie nicht zu bemerken, auch blieb sie lange
-Jahre hindurch schön --«
-
-»Ich bitte Dich um Gotteswillen höre auf, Emerenzia, mich schaudert
-vor diesem endlosen Elend, das Du einer Parze gleich vor mir abwindest,
-ohne zum Abschluß zu kommen,« unterbrach sie Helene. Die kleine
-Nordermule schien ihr im Feuerflackerschein ganz groß geworden und
-anders, ihre Züge hatten einen ungewohnten Ernst, ihr Auge brannte und
-ihre Rede floß in vorher ihr nie eigenem Wohlklang und Rhythmus. -- Die
-Begeisterte flößte dem Mädchen eine fast unbezwingliche Furcht ein. Es
-schlug drei Uhr an der Thurmglocke und der erste Hahnschrei tönte über
-die Haide. »Gehen wir zu Bett, Emerenzia,« sagte leise mit abgewandtem
-Haupt Helene, »die Geister meiner Familie umdrängen mir die Brust, ich
-kann nicht mehr -- -- Gott helfe uns Allen zur Ruhe!« -- Die Nordermule
-hatte den Kopf wieder in die Hand gestützt, mit welcher sie die Augen
-sich verhüllte; sie blieb bei ihren Erinnerungen am Feuer sitzen, bis
-der graue Herbsttag sie mit fahlem Lichte umfloß und ihre müden Augen
-schmerzlich berührte!
-
-
-Nicht wenig überrascht war Graf Christian, als am nächsten Morgen
-sein bestimmt ausgesprochener Wunsch, in wenig Tagen schon mit
-der ganzen Familie nach Seeland zu übersiedeln, um dort möglichst
-bald die projectirten Vermählungen zu vollziehen, von keiner Seite
-Widerspruch fand. Die Bräute brannten darauf, die in den Truhen der
-Tante enthaltenen Schätze würdigen Kleiderkünstlern, Modistinnen,
-Nähterinnen und Juwelieren zu gehöriger Verwendung zu übergeben, und
-durch sie ihren Ausstattungen einen ganz ungewöhnlichen Glanz zu
-verleihen; Eva wünschte durch Entfernung von Aalholm Wiederholungen
-einer Scene wie die gestrige zu meiden; und Helene? Sie hatte den
-nächtlichen Graus zwar verschlafen, allein seine Nachwirkung blieb
-immer noch unbesiegt in ihrer Seele zurück. Sie fühlte sich wie aus
-anderm Geschlechte entsprossen mitten unter den Ihrigen, ihr schauderte
-vor der heimtückischen dunklen Gewalt, welche Owen Ulriken gegenüber
-angewandt; denn sie war sich's sehr wohl bewußt, daß auf die eine oder
-andere Art Christian etwas Aehnliches an ihr versuchen könne, oder wenn
-auch nicht direct an ihr, doch um so leichter an Thorald, den er schon
-auf so unbegreifliche Weise von ihr getrennt und auf die uninteressante
-Insel Falstern zu gehen gezwungen! Sein Einfluß kam ihr wahrhaft
-dämonisch vor; »es läßt sich nicht absehen,« sagte sie sich selbst,
-»auf welchen Abweg der Imagination er ihn drängen, welche bösen Geister
-er in Thoralds einfachem, reinen Sinne zu erwecken vermag, auf welche
-Weise er durch die Macht der Idee ihn zu leiten verstehen wird, um
-vielleicht mit teuflischer Spitzfindigkeit meinen armen arglosen Freund
-nach Frankreich zurückzudrängen und ihn von mir zu entfernen!«
-
-Scheu wich sie Christians sie durchbohrendem Blicke aus, als sie statt
-aller Antwort auf seine Anfrage: ob ihr die beschleunigte Reise genehm?
-ihrer Kammerfrau befahl, sogleich zum Einpacken die nöthigen Anstalten
-zu beginnen.
-
-Sie machte ihn nicht irre! In der Leichtigkeit ihres Nachgebens hörte
-er das Zusammenklingen der Waffen, mit welchen sie wahrscheinlich in
-Copenhagen ihm entgegen zu treten beschlossen. Die Geschwister maßen
-einander mit heimlich drohenden Blicken, aber kein Wort, kein Hauch
-verrieth den Schmerz der inneren Wunden, die sie sich schlugen.
-
-Die Liebe ist erfinderisch; Thorald und Helene fanden, allen
-Bestrebungen des Grafen zum Trotz, Mittel, sich gegenseitig von der
-Abreise und der Möglichkeit, einander in Copenhagen zu treffen, zu
-benachrichtigen. Christian sah bloß an des Mädchens ruhigerer Fassung,
-daß sie dieselbe erhalten.
-
-
-Copenhagens oder, wie eigentlich der Däne sagt, Kjöbenhavns
-großstädtischem Reiz ist trotz aller ihm aufgedrungenen
-Sittenverderbniß der eleganten Welt, eine Art nordischer Häuslichkeit,
-fast sagte ich »eine nordische Sentimentalität und Bürgerlichkeit«
-eigen, welche andern Residenzen gleichen Ranges fehlt. Diesen
-vorherrschenden Charakterzug, welchen ihm die Sinnesart eines sehr
-großen Theils seiner Einwohner giebt, theilt es weder mit London,
-Paris oder Neapel, noch mit Berlin und Wien! Sei es wirkliche,
-ursprüngliche Sittenreinheit, sei es angenommene Form, ein stiller
-Geist spricht noch aus allen Schilderungen, welche uns Skandinaviens
-neuere Literatur bietet; alle Beschreibungen der dortigen Zustände
-zeugen von einem hohen Grade eigentlichen bequemen Familienlebens, wie
-von einer neben dem blasirten Sinn des hochadligen Cavaliers erhaltenen
-Sitten-Einfachheit der höhern Stände.
-
-Vielleicht sind die Dänen trotz der bei ihnen vorherrschenden
-literarischen Bildung ein wenig altmodisch, allein sie wagen ein
-freieres Wort, sie zeigen in der Gesellschaft mehr Herz, sogar mehr
-Gemüths-Eigenthümlichkeit als wir, und während oft Modenübertreibung
-und carikirte Annahme ausländischer Manier beim Einzelnen nicht
-abzuleugnen, tritt dagegen auch eben so häufig bei andern eine rein
-bewahrte, edle Individualität zu Tage; besonders bei den Frauen.
-
-In den neunziger Jahren, in denen die Begebenheiten sich zutrugen,
-welche diese Blätter uns bewahrt haben, waren nun diese Sitten noch bei
-weitem einfacher als heut zu Tage; die Strenge religiöser Moralität
-war vorherrschender, und das bürgerliche Behaben bei den vornehmen
-Familien allgemein. Grell stach die mit den Emigrirten aus Frankreich
-überkommene voltairisirende Bildung gegen die streng lutherische
-Orthodoxie ab, welche großentheils vom Königshause ausgehend auch auf
-das Hofleben einwirkte.
-
-Der Luxus, welchen der Reichthum des Adels in der Hauptstadt
-hervorrief, war ebenfalls tüchtiger und reeller als in unserer Zeit,
-und die Ausstattung der beiden Bräute ein ganz bedeutendes Stück
-Arbeit, bei welcher Amalie und Annette die Hülfe ihrer Freunde
-ernstlich in Anspruch zu nehmen gedachten. Hierbei kam ihnen nun ein
-besonderer Umstand zu statten.
-
-Die Familie des Grafen Gejer besaß seit Jahrhunderten schon
-gemeinschaftlich ein Haus, welches bald dieser bald jener Bruder bei
-seiner zufälligen Anwesenheit in Copenhagen bezog; nur Graf Friedrich
-machte seit seiner Vermählung eine Ausnahme; da er mit seiner Gemahlin
-die Winterzeit regelmäßig in der Residenz zubrachte, hatten sie sich
-in der Breitengasse angekauft. Bedeutende Familien wohnten weder in
-den Hanse-Städten noch in Dänemark zur Miethe. -- Während der häufig
-drei Viertel des Jahres dauernden Abwesenheit der Grafen Gejern blieb
-die Wohnung derselben bis auf einen Theil des Erdgeschosses leer
-stehen; diesen hatte einer der älteren Freunde Helenens, den sie,
-wie schon erwähnt, vom Vater ererbt, seit mehr denn dreißig Jahren
-inne und bewohnte ihn mit Frau und Kindern. Die ganze gräfliche
-Familie war dem Obergerichts-Advokaten Alslev eng befreundet; alle
-ihre Angelegenheiten waren demselben bekannt und gingen, wenn sie mit
-dem Gericht in Beziehung standen, durch seine Hände; die gütige Frau
-Obergerichts-Advokatin aber pflegte die Aufsicht und die Schlüssel
-des Hauses zu übernehmen, wenn die Damen in das Stift Wallöe oder in
-Christians Schloß zurückkehrten, und war das Factotum des weiblichen
-Personals.
-
-Der Obergerichts-Advokat war ein etwas untersetzter, immer noch
-sehr kräftiger Siebenziger, dessen breite Stirn einen hohen Grad
-Intelligenz zeigte. Die mit seiner Stellung stets Hand in Hand gehende
-Menschenkenntniß hatte der Güte seines Herzens keinen Eintrag gethan,
-und mit den Jahren war nur eine gewisse breite Redseligkeit in ihm
-entwickelt worden, welche den Zweck zu haben schien, den Nächsten von
-seinem Durchblick aller ihn umgebenden Verhältnisse zu überzeugen.
-Griffen diese in das Staatsleben ein, so ward freilich eine Art
-Resignation des Zuhörers nothwendig, welchen er freundlich durch ein
-»Geben Sie wohl Acht!« in gleich regem Interesse zu erhalten suchte.
-
-Es wagte auch nicht leicht Einer sich seinen stets sachkundigen und
-sehr genauen Erörterungen zu entziehen, denn der wackere Herr verstand
-durchaus keinen Spaß, wenn es Gemeinwohl galt! Er pflegte sogar, wenn
-man nicht achtsam blieb, seine Rede durch ein plötzliches »na! sehen
-Sie, Männchen, daß Sie keine wahre Theilnahme für die Sache haben!«
-abzubrechen und dem jungen Bewerber um Amt und Anstellung selten die
-Zerstreutheit und Fahrlässigkeit zu vergessen! Ueberhaupt war ein
-unermüdlich edler Ernst in all seinem Thun vorherrschend, der sehr wohl
-in den Drang der Gegenwart Dänemarks paßte und ihm einen bedeutenden
-Einfluß in den Gestaltungen des öffentlichen Lebens erworben hatte.
-Dasselbe warme Herz aber, das für's Allgemeine so theilnehmend sich
-aussprach, schlug auch dem Wohl und Wehe des Einzelnen eben so
-unveränderlich treu entgegen, und die seltne Geduld, mit welcher er des
-Kleinbürgers und Bauern Klage anhörte, hatte ihm eine ungewöhnliche
-Popularität in Seeland erworben.
-
- * * * * *
-
-Die Aussicht, dem eben beschriebenen Ehrenmanne und seiner
-trefflichen, in ihrem Fach gleich tüchtigen Gattin sich zu nähern
-und auf langgewohnte Weise die Interessen, Leiden und Freuden des
-Augenblicks mit ihnen zu besprechen, belebte die Brust jedes Mitgliedes
-der Gejerschen Familie, als die schweren Wagen derselben durch das
-Osterthor der Stadt fuhren. Christian und Helene hofften jedes am
-Obergerichts-Advokaten einen Verbündeten gegen des Andern Starrsinn zu
-gewinnen, die zwei Bräute aber waren im Voraus der thätigsten Hülfe der
-Frau Alslev gewiß, die seit den Kinderjahren wie eine Mutter ihnen zur
-Seite gestanden.
-
-Beim Aussteigen sprang Helene dem sie am Wagenschlage bewillkommnenden
-Freund in den Arm, und flüsterte ihm zu, sie bedürfe seiner Hülfe
-und einer baldigen Unterredung; leider nahm Christian denselben
-sogleich mit lauten einfachen Worten in Beschlag, indem er ihn um ein
-Detail der Staatsschuld fragte, das den guten arglosen Mann in eine
-ziemlich breite Auseinandersetzung und durch diese bis in des Grafen
-Arbeitszimmer zog; -- auch Graf Friedrich war unterdessen angelangt,
-also an eine Privatunterredung mit Helenen für den Augenblick nicht zu
-denken!
-
-Helene sah ihren Bruder scharf an, blieb aber heiter -- »sie muß einen
-wunderlichen Rückhalt haben,« dachte er.
-
-Als die drei Männer allein waren, (der jüngere Graf war noch nicht in
-Copenhagen angelangt,) legte Christian dem alten Freunde die ganze
-Sachlage vor, indem er ihm zugleich die Scene mittheilte, welche ihrer
-Aller Ankunft beschleunigt hatte.
-
-»Sie würde als des Malers Gattin unglücklich sein und sich elend
-machen,« setzte Graf Friedrich hinzu, »ihre Apanage reicht nicht zur
-Hälfte für die Ausgaben eines Haushalts, der junge Mann aber hat nichts
-als einen sehr neu und wohlerhaltenen Pinsel.«
-
-»Herr Graf,« sagte Alslev, nachdem er Beiden aufmerksam zugehört; »die
-Frage ist, hat er Talent und Fleiß? Arbeit möchte der noch so lang zu
-hoffende Friede in unseren Kirchen und Schlössern zur Genüge bringen!
-Allein die Comtesse ist verwöhnt, und Er hat allerdings keinen Rang ihr
-zu bieten.«
-
-»Lieber Freund,« erwiederte etwas ungeduldig Graf Friedrich, »sie kann
-doch nicht mit dem Burschen von Stadt zu Stadt auf's Handwerk ziehen?«
-
-»Der Herr Graf haben in Hinsicht auf Rang und Verwöhnung vollkommen
-Recht,« versicherte der Alte; »doch ist die zweite eigentliche Frage,
-hat der Mensch eine Gesinnung, einen Charakter, ein gewisses Bleibendes
-in sich? denn nur im Gegenfall dürfen wir hoffen, Comtesse Helene
-anderes Sinnes zu machen!«
-
-Beide Brüder sahen den Advokaten verwundert an. »Ich kenne Herz und
-Kopf der Comtesse,« fuhr der Alte fort, »sind beide übereinstimmend
-dem Jüngling günstig, ohne innern Widerspruch, so bleibt den
-Herren Grafen nur die Wahl zwischen dem Veralten im Stift, oder der
-mißfälligen Vermählung für sie.« -- Alslev war traurig geworden, im
-Herzen dauerte ihn Helene, er theilte die Vorurtheile seiner Tage und
-betrachtete, abgesehen von möglicher pecuniärer Sorge, +jede+ nicht
-standesgleiche Heirath als ein Unglück. Die Ehen aller drei Brüder,
-welche so heftig gegen einen ähnlichen Schritt der Schwester sich
-aussprachen, fesselten ihm die Zunge; hatten doch Alle bürgerliche
-Frauen, und hatten, was dem alten Rechtsgelehrten nicht unwichtig war,
-keine Familienstatuten sich ihrem Entschlusse zu seiner Zeit entgegen
-gestellt!
-
-Seinen ernsten Worten zum Trotz baten ihn beide Brüder dringend
-um Vermittlung und Beistand, und er versprach Helenen abzurathen;
-natürlich führten alle Gründe des an die reiche deutsche Frau
-vermählten Friedrich auf die Unmöglichkeit des Auskommens zurück,
-während Christians edlere Sinnesart ihn auf Verschiedenheit aller
-äußeren Verhältnisse der Familien aufmerksam zu machen versuchte. Der
-unbestechliche Alte sah Beide mit durchdringendem Blicke an, und ein
-fast unmerkliches Lächeln zog über seine Lippen. »Geben Sie recht
-Acht!« sagte er endlich, »Comtesse Helene ist ihrer +Mutter+ Kind; an
-Reichthum ist ihr ganz und gar +nichts+ gelegen, obschon sie dessen
-bedarf, und auch ihres Großvaters Geist spukt ihr im Köpfchen; sie
-versteht zu +wollen+! Wenn Er nur kein Revolutionsnarr ist,« brummte
-der Alte im Herausgehen, »und die ganze Welt mit dem Schwerte pflügen
-und mit Blut düngen will, anstatt dem Felde anzusehen, welcher Saat es
-angemessen!«
-
-Als der Obergerichts-Advokat in sein Schreibzimmer trat, saß Helene
-schon darin; rasch sprang sie auf, lief auf ihn zu und bot ihm beide
-Hände zugleich; »erst jetzt lieb Väterchen begrüße ich Sie recht aus
-Herzensgrund, ich habe sehr viel zu fragen und zu sagen, aber vor allem
-dies: daß ich unverändert und unveränderlich Ihre alte Helene bin!«
-
-»Seh' es schon, lieb Fröken,« sagte lächelnd der Advokat, indem er
-der »Alten« Hände an sein Herz drückte, »sehe es an der kleinen
-Fingerspitze da in meiner Hand!«
-
-»Nun denn, lieb Väterchen, quälen Sie mich nicht mit dem, was meine
-Brüder Ihnen gesagt und -- folgen Sie den »bösen Buben« nicht!«
-
-»Die Brüder haben recht, Helene!«
-
-»Weil die Männer immer »recht haben« uns gegenüber! Als mein Bruder
-Christian wie toll und blind in des Fäestebönders Tochter verliebt
-war, hatte er recht, und heirathete sie frischweg; als mein zweiter
-Bruder Friedrich ohne alle Liebe Geld und Gut über unsern alten Adel
-erhob, billigte ganz Copenhagen die »Partie,« (im Goldkäfig sitzen ist
-indessen Geschmackssache) -- als nun vor kurzem mein dritter Bruder
-eine schöne und edle Frau nahm, die 25 Jahre jünger ist als er -- o
-da fandet Ihr +Alle+, daß er +recht+ hatte; denn eine junge Frau ist
-liebenswerther als eine alte! Nun aber Väterchen, soll ich denn nicht
-beispielsweise von dem außerordentlich vielen Recht meiner Brüder
-profitiren und das »Rechte« ihnen nachthun? -- Ich habe doch wahrhaftig
-+den+ Fall einer nicht ebenbürtigen Vermählung in unserer Familie
-nicht erfunden! Daß die Männer immer Recht haben, ist übrigens eine
-sehr alte Geschichte, schon Adam hat bei Gott Vater der Eva Unrecht
-gegeben, weil sie ihm den Apfel -- --«
-
-»Helene! damit kommen wir nicht weiter! Sie können Thorald nicht
-heirathen --«
-
-»Und warum?«
-
-»Weil er unter vier bis fünf Jahren nicht im Stande sein wird eine Frau
-zu ernähren! Und bis dahin --«
-
-Stumm kehrte Helene zu ihrem bei des Advokaten Eintritt verlassenen
-Platz zurück und nahm einen großen Folioband in die Hand, den sie
-vorhin durchblättert. »Sie vergessen, lieber Alslev,« sagte sie fest
-und ernst, »daß ich die jüngste von meinen Schwestern und von unserem
-Hause bin. Lesen Sie einmal hier --«
-
-»Helene!«
-
-Sie warf sich schluchzend in seine Arme. »Helfe mir Gott, Vater, ich
-kann und darf nicht anders! Haben Sie denn wirklich den Muth mir zu
-befehlen, gar nicht -- auch nicht vier, fünf Jahre glücklich zu sein?«
-
-Sie herzte und küßte den guten alten Herrn, bis ihm die Perrücke ganz
-schief stand; verlegen rückte er sie zurecht und rief halb ärgerlich
-und halb gerührt, indem er schnell seinen bestaubten Pergamentband in
-die Registratur einrangirte, »meine Bücher zu nehmen, meine Notizen!
-Helene! Helene!«
-
-Als er aber umsah, war sie längst verschwunden.
-
-
-Wenn es Abend wurde und die Damen nicht ausgebeten waren, pflegten sie
-ungemein gern im netten spiegelblank-reinlichen Wohnzimmer der alten
-Frau Alslev ihren Thee zu nehmen.
-
-Sieben Kinder, darunter fünf Söhne, hatte die würdige Alte aufgezogen
-und erzogen, mit sorglichem Blick die ersten Schritte auf den
-erwählten Lebensbahnen eines jeden von ihnen geleitet, mit kräftiger
-Hand und noch kräftigerem Geist die Schwachen unterstützt, Glück und
-Gelingen, Krankheit und Noth all der ihr vom Gatten ganz überlassenen
-Kinder redlich getheilt. »Es schlägt in ihr Departement,« sagte der
-Gerichts-Advokat, »das Haus und was darin ziemt der Weiberhand zu
-regieren, +meine+ Kinder laufen draußen barfuß umher, der Staat ist
-mein Haushalt und Gott sei's geklagt, er ist voller Stiefkinder, die
-ich nur ungern anerkennen mag, so fremd stehen sie zum Ganzen.«
-
- * * * * *
-
-Mit unsäglicher Liebe hingen Töchter und Söhne der Mutter Alslev an,
-von letzteren waren mehrere außerhalb verheirathet und wiederum zog
-die Matrone nun die Enkel groß; zwei Knaben waren von ihren Eltern der
-Schule wegen nach Copenhagen gethan in's großväterliche Haus. Fast
-jeden Abend kamen auch die in der Stadt ebenfalls längst vermählten
-Töchter mit ihren Kindern, und ein großer Familienkreis ordnete sich
-um den wohlbereiteten Theetisch. Ein Fest wie das der Ankunft der
-gräflichen Geschwister, mit denen Alle von Jugend auf in Verbindung
-standen, mußte natürlich den ersten Abend besonders anziehend machen.
-Jedes Mitglied der Familie suchte seine Freude an den Tag zu legen,
-und die Stunden eilten mit geflügelten Schritten der Nacht entgegen,
-als ein lautes Klopfen an der Hausthüre Allen vernehmlich, noch einen
-verspäteten Gast verkündete.
-
-Erstaunt durchflog der Hausfrau klares Auge den weiten Ring, den die
-Liebe um sie zog, es fehlte Niemand an der gewohnten Stelle.
-
-Jetzt kam ein alter, mit der Herrschaft ergrauter Diener ein wenig
-verlegen lächelnd auf die Hausmutter zu, und flüsterte eine, wie es
-schien, ihr gar befremdliche Meldung! »Ich komme selbst, Peter, bittet
-nur den Fremden, wenige Augenblicke unten zu verziehen.«
-
-»-- Draußen steht ein sonderbarer Mann, halb wie ein Bauer, halb wie
-ein Geistlicher gekleidet,« erzählte mittlerweile der junge Heinrich,
-Alslevs Enkelkind, den aufhorchenden Mädchen, »hat einen langen weißen
-Bart und ein ganz runzliches, liebes Gesicht; er muß lange nicht bei
-uns gewesen sein, denn obschon er nach Großmama fragte, sah er mich
-für meinen Vater an! seine kleinen Hände zittern vor Altersfrost und
-er hat ein kleines Büchlein mit, das sollte Peter herauftragen, und
-uns Alle darin lesen lassen, so würden wir ihn schon kennen und ihm
-erlauben einzutreten. Ich wollte ihn gleich mit mir nehmen und ihn
-heraufführen, ihn aber schien die schöne Einrichtung, welche der Herr
-Graf beim Einzug der Fröken machen ließ, fast zu erschrecken, er fragte
-immer wieder: ob er auch gewiß nicht irre? Den neuen Teppich auf der
-Treppe getraute er sich kaum zu betreten und war höchst besorgt, etwas
-zu beschmutzen oder zu verderben; es war drollig anzusehen.«
-
-»Und doch kannte er unser Haus?« fragte Amalie. »Ja wohl!« -- In diesem
-Augenblicke trat mit freudeverklärtem Angesichte die Hausmutter ein,
-den wunderlichen Fremden an der Hand. »Ich bringe Euch einen alten
-Freund,« rief sie fröhlich den Kindern entgegen, »Kund Jürgenssen,
-der vor fünf und zwanzig Jahren viel hundertmal auf seinen Knien Euch
-gehalten und Euch wunderschöne Elfenmährchen und Saga's aus unserer
-Vorzeit erzählt, dem guten Pfarrherrn von Saurbar am Hualfiorden in
-Island. Ich denke Ihr kennt ihn Alle noch! Damals waren Vater und ich
-ein gut Theil jünger, gingen mitunter wohl zu Mummereien, Theatern und
-Concert; dann saß der gute Jürgenssen bei Euch und vertrat, wie's
-eigentlich wohl der Geistliche überall sollte, Vater und Mutter Euch
-zugleich! Ja, ja, das thatet Ihr, und wenn wir heimkehrten zu Nacht,
-lagen die Kleinen in ihren Bettchen mit gefaltenen Händchen und waren
-über den Abendsegen sanft eingeschlafen, den Ihr sie sprechen gelehrt!«
-
-»O liebes, gütiges Väterchen!« riefen nun zugleich die Söhne und
-Töchter des Hauses, stürzten auf den Alten los, ergriffen und drückten
-seine Hände, er aber bebte vor Freude und Rührung. »Und seid Ihr es
-denn wirklich, wirklich wieder herübergekommen zu uns, aus Eurem
-Schnee- und Eiseilande? Und Ihr bringt nun den Winter bei uns zu,
-in Kjöbenhavn, nicht wahr? Tausend und aber tausend Mal willkommen!
-Da seht,« rief ein herrlich blühendes junges Weib, Alslevs jüngstes
-Töchterchen, »da sind schon meine Kinder, die auf Eure schönen
-Sagageschichten warten, nun könnt Ihr denen so herrliches Spielwerk
-schnitzen, wie Ihr uns es gethan, es wird sie ergötzen, wie vor fünf
-und zwanzig Jahren uns!«
-
-»Ja! ich besinne mich,« sagte einer der jüngeren Söhne, »Ihr kommt aus
-Island, eines schweren Prozesses wegen; eine herbe Klage war's, die Ihr
-dem Vater übergabt!« --
-
-»Käme er nur selbst, der liebe theure Herr!« meinte der Pfarrer, den
-die Freude jung und lebendig machte, »daß ich ihm danken könnte und ihn
-begrüßen aus Herzensgrund.«
-
-Die Mutter führte nun Kinder und Enkel auf, eins nach dem andern; immer
-entzückter wurde der Alte, verwechselte aber doch noch oft die Enkel
-mit jenen, weil sie »so gar prächtig herangewachsen!« Die älteren
-Fröken waren auch hinzugetreten, der gute Mann kannte sie gleich; außer
-sich war die kleine Nordermule, die er fast vergessen, nur besann er
-sich noch, zum höchsten Glück! »Ich war ja damals mit dem Fröken Amalie
-hier, wie konntet Ihr nicht gleich meiner Euch erinnern,« klagte sie;
-»doch erzählt uns nur, woher Ihr nach so langen Jahren endlich kommt,
-fast seht Ihr aus wie damals, als wir von Euch Abschied nahmen -- --«
-
-»Es war am Abend vor dem Johannisfeste,« sagte der Pfarrer, »o ich weiß
-+Alles+ noch!« er nahm sein altes Büchlein wieder aus der Brusttasche;
-ein Stammbuch war es, wohl an fünfzig Jahr alt! »Da, da steht Ihr
-Alle!« jubelte er auf, »Frau Alslev und Janfru Sophie, Janfru Fredrika.«
-
-»Bitte zu sagen: Frau Amtmännin Solwig,« lachte die kleine Frau --
-
-»Schön, schön,« erwiederte der Alte, »damals aber durfte ich mir die
-Janfru nur unter diesem Namen mit fortnehmen, in meinen Erinnerungen;
-sie war eben zwei Jahre alt, und ich führte ihr die Hand, ja, ja, bis
-auf das kleinste Kind hat jedes hier mir sein Kreuzlein hingemalt,
-wenn es noch nicht zu schreiben verstand, in das Gedenkblatt der
-Familie des edelsten Menschen, den ich je gekannt!« -- »Ach, auch ich
-weiß jetzt wieder Alles,« versicherte Sophie, »es war Frühling, den
-Abend hattet Ihr uns von den Pilgerwallfahrten zu den Quellen und
-ihren guten Geistern erzählt, wie sie in der Johannisnacht unternommen
-werden müssen, und von den kleinen Engeln, welche sie bewachen;
-dann schrieben wir uns ein, Ihr hattet das Büchlein noch aus Euren
-Studentenjahren; das sind schon fünf und zwanzig Jahr?«
-
-Und Kopf an Köpfchen drängte sich zum vollen Kranz um die hohe Lehne
-des Sessels, zu welchem die Mutter den vor Freude an allen Gliedern
-Zitternden geführt, »ja, ja!« rief er aus, »+das+ ist das Büchlein,«
-und Schwarz- und Blauäugelein schaute ihm über die Schulter auf die
-beschriebenen Blätter, »+das+ ist Großvaters Hand,« -- »dies Mutters
-Schrift!« »Hier bin ich!« rief ein Drittes, »hier Fröken Amalie,
-Annette!« »Nur ich bin nirgends,« sagte fast traurig Helene! --
-
-»Kind,« erwiederte lachend die Nordermule, »Du warst noch nicht einmal
-geboren!« »Die Gräfin Gejern wie sie leibte und lebte!« schaltete der
-Pfarrherr ein, und schaute wohlgefällig das schöne Mädchen an, -- dann
-fuhr er fort, »es gab mir selbigen Abends, ehe ich von dannen zog, der
-hochverehrte Herr Alslev noch ein gar schönes, werthvolles Geschenk.« --
-
-»Ja, ich entsinne mich,« sagte die Mutter, »wir brachten Euch als
-Mitgabe in Euer kaltes Land einen warmen Festrock, den wir Euch baten
-uns zu lieb zu tragen.« --
-
-»Und ob ich's thue!« rief der Pfarrer, »da, da ist das gute, gar wohl
-erhaltne Kleid, kennt Ihr es noch?« Und im freudigen Eifer erhob er
-die Taschenklappen und die Schöße des schwarzen Rockes, zeigte sie
-jubelnd und jauchzend den Kindern -- dichter und dichter umdrängten ihn
-diese. --
-
-»Ach,« sagte leise die Nordermule zu Helenen, »das gute treue und
-dankbare Herz! So ein armer Pfarrer in Island hat kaum einige dreißig
-Thaler Einnahme von seinem Kirchspiel, das weit ausgebreitet viele,
-viele Meilen umfaßt!«
-
-Der Pfarrer hatte das leise Wort gehört. »Schon wahr,« sagte er,
-»allein, was braucht man auch des Geldes viel? Immer trägt man doch
-nicht so gute Kleider wie dieses ist, und habe ich doch mein sauber
-Stückchen Kirchenland! Freilich reift mir kein Korn darauf, aber ich
-ziehe doch Kartoffeln, Kohl und herrliches Futter für meine zwei Kühe!
-Ja, ja Janfru Nordermule, der Kund hat die schönsten Thiere weit und
-breit, -- wäre mir nicht die Hausfrau gestorben, wie gar leicht wäre
-mir das Leben! -- Bücher fehlen mir sehr! +die+ sind theuer, denn zu
-Lairar druckt man nur Katechismen und Andachtsschriften -- und das ist
-die einzige Druckerei, die wir in Island haben!«
-
-»Aber wovon lebt Ihr denn?« fragten die Kinder. -- »Ei nun, seit dem
-die Stadt Reikiawik erbaut, fehlt es nicht einmal mehr an Brot und
-Fleisch; wir haben ja aber immer Vögel und Fische! Den Sandhafer, den
-herrlichen Melia giebt uns Gott, wie einst den Israeliten das Manna,
-ohne Säen und Pflanzen!«
-
-Mit tiefer Bewegung lauschte Helene dem zufriedenen Manne, der den
-Kindern vom Tauschhandel auf der Insel selbst und von den »Gnaden
-Gottes,« wie er den Robbenfang und die Eidergans nannte, immer eifriger
-und glückseliger erzählte, da schloß er plötzlich, »ach, was die
-+Natur+ an Island thut, ist schön und ein gar werthvolles Geschenk des
-Herrn, allein die Menschen gönnen es einander nicht und verderben sich
-gegenseitig das Leben. Als ich im Jahre siebzig zuerst meine Klage vor
-der geheimen Conferenz-Commission des Ministers Struensee eingereicht
-hatte, glaubte ich freilich mich gesichert für immer!«
-
-»Der Vater! der Vater!« riefen die Kinder; jedes eilte auf den
-Advokaten zu, ihm zuerst die erfreuliche Kunde zu bringen; obschon er
-vor all den zugleich auf ihn eindringenden Stimmen kein Wort verstand,
-hatte sein scharfes Auge alsbald den isländer Pfarrer erkannt. Alslev
-vergaß nicht leicht, wen er einmal gesehen. »Herzlich willkommen,
-Ehrwürden!« rief er und bot ihm gastfreundlich die Hand. »Ihr habt
-lange uns nicht besucht und findet in und außer dem Hause eine neue
-Welt, aber immer das nämliche herzliche Willkommen!«
-
-Die Männer saßen nun nieder und das Gespräch nahm eine ernstere Wendung
-und ging bald über auf's Allgemeine. --
-
-Trotz der anerkannten Hinneigung der Isländer zu jedem
-wissenschaftlichen und literarischen Streben, liegt die Insel doch
-zu sehr außer allem eigentlichen europäischen Lebensinteresse, als
-daß Nachrichten entfernter Länder leicht sie erreichen sollten. Die
-Nachrichten der Gegenwart, eben war in Frankreich das Directorium
-an die Stelle des Convents getreten, Napoleons phänomenartiges
-Auftauchen aus dem Chaos der sich wieder gebärenden Zeit, Alles dies
-war dem erstaunten Hörer, wie eine zweite Weltschöpfung, unfaßlich
-überwältigend. Er stand +noch+ mit trauernder Seele am Grabe der jungen
-schönen Königin seines Heimathlandes, die er gesehen, verehrt, und
-die während seiner Abwesenheit von Kjöbenhavn so schmachvoll in Zelle
-geendet.
-
-Und grell erhob sich neben diesem ungeheuren Wechsel der riesigen
-Begebenheiten einer Gegenwart, welche selbst Gott in seinen Himmeln
-und den blutenden Heiland an seinem Erdenkreuz zu bezweifeln
-und anzugreifen gewagt, sein eignes sich immer gleichbleibendes
-individuelles Dasein. Was er am Gerichtshofe Christian ~VII.~ durch
-Struensee's Hülfe erlangt, und als Beute in seine ferne Heimath mit
-sich fort genommen, kam er jetzt zum zweiten Male zu fordern nach
-Kjöbenhavn; Struensee, der jungen Königin Partei, alle Minister
-damaliger Tage, waren längst untergegangen im Kampf eigener und
-fremder Gewalt, er fand zwar wieder einen Grafen Bernstorff am
-Staatsruder, statt des damals eben seiner Stelle entsetzten trefflichen
-Mannes, allein es war ein Andrer, den er daheim nicht einmal nennen
-gehört! Es übernahm das Alles fast den gealterten Mann, der zuletzt,
-beide Hände vor das Gesicht geschlagen, zusammenzubrechen schien unter
-der ungeheuren sich ihm entgegenwälzenden Last der Eindrücke des
-Augenblicks.
-
-Leise nahte sich Helene und legte ihre weiße kleine Hand auf
-seine zitternden, in den ergrauten Haaren wühlenden Finger, »die
-Zeit schreitet schnell, Ehrwürden,« sagte sie, »ist es nun nicht
-wunderschön, daß die Natur und des Einzelnen Herz sich dennoch in
-ihr gleich zu bleiben vermögen, trotz ihres Riesengangs? Höchstens
-reißt er das irdische Leben mit sich fort, wenn wir uns nur in uns
-selbst recht fest auf den Füßen zu stellen vermögen. Seht, Alles um
-Euch ist ganz anders geworden; wenn Ihr morgen am Tage ausgeht, und
-durch die verödeten Straßen Kjöbenhavns, werdet Ihr noch weit mehr
-erschrecken! Ihr werdet Christianborgs ungeheuren Schutthaufen finden
-und die Brandstätte des Gammel-Holms, -- seit drei Monaten liegt ein
-Viertel unsrer Vaterstadt in Asche, -- nun Ehrwürden, ist's nicht
-wunderschön, daß Menschenwerk und Menschenleben so zusammenfallen
-zu einer grauenhaft erhabenen Ruine, und der winzig kleine Punkt im
-Universum, der feste Charakter eines Menschen durchwächst sie dennoch
-mit seiner unbesiegbaren Liebeskraft? Ihr steht mit dem alten Rock,
-den Ihr vor fünf und zwanzig Jahren hier im Hause empfingt, über dem
-alten unverändert sich gleichschlagenden Herzen, voller Treue wieder
-hier unter uns, und Eure kleine schwache Brust zeugt von der Ewigkeit,
-während Alles was Euch und uns umgiebt nur von der Vergänglichkeit zu
-uns redet!«
-
-Dankbar blickte der Pfarrer sie an, keines Wortes mächtig, zog er ihre
-Hände an seine Lippen. --
-
-Bleich wie ein Todter starrte der unlängst in's Zimmer getretene
-Christian auf sie, -- er fühlte den durch ihre Neigung zu Thorald
-plötzlich erwachsenden mächtigen Charakter des Mädchens. Der alte
-Alslev blickte zärtlich zu ihr hinüber, ihn freute das Aufkeimen und
-Erblühen der von ihm gepflegten Saat. »Sie wird Festigkeit haben wie
-ihre Mutter, und wie sich auch ihre Verhältnisse gestalten mögen,
-+sie+ wird glücklicher sein!« -- Die kleine Nordermule aber warf sich
-innerlich alles vor, was sie ihr erzählt, von der Tante Lieben und
-Leiden, -- »eine Unbesonnenheit wird sie begehen!« sagte sie leise,
-vorsichtig die gutmüthigen blauen Augen niederschlagend, daß ja keiner
-in ihnen lese! der kleinen Bucklichen Seele war stets in siebenfache
-Schleier gehüllt!
-
-Einer wunderbaren Klage halber war der alte Kund Jürgenssen von Island
-im späten, schon gefahrdrohenden Herbst nach Copenhagen gekommen. Sein
-im Borgefiords-Syssel, am Huatfiorden gelegenes Kirchspiel erstreckte
-sich an beiden Meerbusen nach Leirar hin, und dann tief landeinwärts
-über viele einzeln liegende Pachthöfe und Häuerlingshäuser weiter.
-Nun aber gab es bis zum Jahre 1782 auf ganz Island weder Städte, noch
-Marktflecken, noch Dörfer; die Einwohner lebten zerstreut in den vor
-Stürmen am meisten geschützten Orten und lehnten gern ihre Gehöfte, die
-alle aus Lava und Treibholz erbaut, einander glichen wie ein Tropfen
-Meerwasser dem andern, bald da, bald dort an einen sie deckenden,
-vielleicht gar überhangenden Felsrücken, um gegen arge Wetterunbill
-möglichst sicher zu sein.
-
-Fromm und ohne Klage zogen sie Sonntags oft meilenweit zum entlegenen
-Gotteshause, ihren Seelsorger predigen zu hören; er war meistens
-zugleich dabei ihr Arzt, jedenfalls ihr vertrauter, väterlicher
-Freund, der in aller Noth und Freude, beim Ein- und Austritt in ihr
-mühevolles Sein ihnen treu zur Seite blieb und des Lebens Drangsal
-ihnen tragen half, wenn ihre eigene Kraft ermattete. Denn wie sein
-schwer herniederhängender Himmel, ist der Isländer trübe, schwermüthig,
-ihn drückt das Leben, seine Freude besteht meist in ernsten Dingen,
-er singt auf vaterländische Weisen seine Sagen, hört gern Snorro
-Sturlesons Dichtungen und die Edda, und spielt das ernste Königsspiel:
-Schach! --
-
-Die später allmälig angelegten sechs Handelsstädte, welche +noch+ die
-einzigen der Eisinsel, bestehen außer Reikiawik, das wohl über sechzig
-Häuser zählt, auch nur aus wenigen größern Kaufmannswohnungen und
-um diese herliegende Packhäuser und Magazine; alle sind einstöckig,
-niedrig, roth angestrichen, der Wärme wegen oft mit grünem Rasen
-belegt. Die Pachthöfe entbehren meist den Luxus eines Schornsteins,
-eines Ofens oder gar gläserner Fensterscheiben, denn die wilden Orcane
-gestatten ihn nicht. Unsäglich beschwerlich und dennoch durch seine
-tief eingreifende Wirksamkeit heilig-schön, ist hier der Beruf des
-Pfarrers! Der von ihm viele, viele Stunden weit durch die menschenöden
-und dennoch stets bewohnten Districte getragene Kelch des Herrn wirkt
-dort noch beseligend auf den Todeskranken; und Taufe und Trauung
-werden, wenn sie Wochen hindurch bis zum Erstlings-Sonnenstrahl des
-Frühlings verschoben worden, in vielen Herzen um so frommer ersehnt, so
-daß dem Priester der schwere Gang gelohnt wird und sein eigener Beruf
-verklärt vor seinem geistigen Auge sich erhebt.
-
- * * * * *
-
-Wie zart wiederhallte dieses Gefühl in des bescheidenen, orthodoxen
-Kunds Seele! und dennoch war er angeklagt, hart angeschuldet von dem
-Probst seines Districts, und wie einst vor 25 Jahren jetzt abermals
-vor das Consistorialgericht des Bisthums Reikiawik gestellt, weil
-er »aus Trägheit« die Leichen der in seinem Sprengel Verstorbenen
-unbeerdigt lasse, ja, auf Monatelang bloß in den Schnee sie einsenke,
-ehe er dem müden Leibe einer den Trauerort vielleicht rastlos
-umkreisenden Seele, die letzte Gott geweihte Ruhestätte auf dem
-Kirchhof gönne und durch das Wort des Herrn dieselbe ihr bereite! --
-O wie lange, bittre Nächte hatte der Arme verweint, bei der rauhen
-Grausamkeit dieser Anklage! -- Das Bewahren der Körper im Schnee war
-eine harte Nothwendigkeit, welche indessen nur die entferntesten
-Mitglieder seines Kirchspiels traf, denen das Erreichen des sehr
-entlegenen Gottesackers mit der Leiche fast unmöglich war. Oft war
-das Leben der Träger beim Transport des Sarges in Gefahr gerathen,
-sie versanken in Schnee und Eisspalten; der ihn selbst treffenden
-Beschwerde hätte der fromme Mann nicht geachtet, kaum sie erwähnt,
-obschon er mehrmals durch dieselbe erkrankt; allein eine größere Anzahl
-seiner stündlich Bedürfender litt darunter!
-
-Der Probst war ihm nicht gewogen, seine Rechtfertigung ward verworfen,
-schwere Klage gegen ihn im Consistorio erhoben! -- Im Gefühl seines
-guten Rechts war Jürgenssen vor fünf und zwanzig Jahren nach Copenhagen
-gesegelt. Seiner einfachen Seele war die damalige Aufhebung aller
-Ministerien und die Gewalt, mit welcher Struensee eine Menge wirklicher
-Verbesserungen einführte, nur eine Vereinfachung des Geschäftsgangs
-gewesen, er hatte für den Günstling des Königs geschwärmt und an
-die wirkliche Thätigkeit des Letztern lange nach Ausbruch seiner
-Geistesschwäche geglaubt. Mit der leicht erworbenen Rechtfertigung und
-günstigen Entscheidung seines Prozesses war er damals heimgekehrt; die
-gänzliche Umgestaltung der dänischen, und mithin der provinziellen
-Verhältnisse hatte auch diese längst entschlafene Anklage erweckt, von
-neuem war ihm aus Reikiawik der Befehl augenblicklicher und wirklicher
-Bestattung der in seinem Kirchspiel Verstorbenen zugekommen. -- Allein
-zu dem Schnee seiner Gebirge hatte sich nun dem armen Pfarrer der
-Schnee des Alters gesellt, der sich auf seinem müden Haupte gesammelt,
-und man altert schnell, bei so schwerem Beruf, in solchem Clima! Dem
-Prediger blieb nur die Wahl zwischen freiwilligem Aufgeben seines
-bisherigen Berufs, oder des Versuchs, eine erneute Vergünstigung von
-Copenhagen aus zu erhalten, seine Leichen in das weiße Schleiertuch der
-Erde zu hüllen, bis der Frühling das Herz der alten Mutter erwärme, und
-sie das entschlafene Kind in ihre treuen Arme aufzunehmen im Stande.
-
-Von seiner Kirche den Kund bannen, hieß ihn tödten! sie war seine
-Liebste, seine Welt! Von Katharina, seiner verstorbenen Ehefrau,
-hatte er ein holdseliges Töchterchen; Mathilde (so hieß sie nach
-der unglücklichen Königin) -- war die einzige, welche außer der dem
-öffentlichen Gottesdienst geweihten Stunde den geheiligten Raum mit
-ihm betreten und Küsters-Dienst, in Reinigung und Ausschmückung der
-Kirche, mit ihm theilen durfte. Was sie Kostbares besaßen, ward zur
-Zier des Altars, der Kanzel, ja des kleinen Chors verwandt. An einem
-Pfeiler hing ein Kupferstich, das Bildniß des Vaters Alslev, des
-»edelsten Menschen, den er je gekannt!« Dieser Ehre hielt er nur ihn
-für würdig; während seines ersten, dreimonatlichen Aufenthalts hatte
-er in der Residenz all seine ihm für das ganze Leben ausreichende
-Menschenkenntniß gesammelt; Alslevs klares, festes Wollen und
-bestimmtes Handeln hatte ihn zur verehrenden Begeisterung fortgerissen,
-sein treuer Sinn bewahrte sie in immer gleichbleibender Erinnerung.
-
-Alle diese kleinen und doch ihrem bisherigen Erfahren fremden Züge
-aus einem beschränkten, fast von jeder Bequemlichkeit entblößten,
-rein-menschlichen Dasein rührten Helenen unsäglich, allein sie baueten
-sich auf zur trennenden Mauer zwischen ihr und den einzig mit den
-Vermählungsfeierlichkeiten und den Ausstattungen beschäftigten und
-erfüllten Geschwistern.
-
-Außer Christian waren Alle, selbst die Brüder durch ihre Frauen in
-den Taumel der Hoffeste und Zerstreuungen hineingerissen, mit welchen
-man Christian ~VII.~ fortwährend umgab. Die Grafen Schimmelmann und
-Bernstorff waren nur theilweis im Volk geliebt, im Innern des Staats
-gab es viel Unzufriedene. Die dänische Politik ging darauf aus, mit
-allen auf Dänemark einwirkenden Mächten Frieden zu halten, aber trotz
-der dabei zu Tage gelegten Würde und äußerlichen Größe, ließ sich eine
-gewisse Unsicherheit der Ansichten wie der Verhältnisse kaum bergen.
-Alle Geschäfte, welche die verschiedenen, nach Struensee's Sturz wieder
-eingeführten Canzeleien dem Staatsrath vorlegten, mußten in doppelten
-Sitzungen vorgetragen werden; in der Versammlung beim Erbprinzen
-Friedrich wurden die Resolutionen gefaßt, alsdann in einer zweiten
-dem Könige zum Schein vorgelegt, der sie halb bewußtlos unterschrieb.
-Das war eine unsäglich betrübte Comödie, und ihre Rückwirkung auf das
-Volk war es nicht minder! Der arme Prediger litt unbeschreiblich, sein
-beschränkter Geist sah überall böse Dämonen sich drohend gegen sein
-ihm so theures Vaterland erheben; so lange seine Sache bei Gericht
-anhängig blieb, war Helene sein einziger Trost, und die ganz einfachen
-und zugleich so tief poetischen Lebens-Anschauungen desselben, ließen
-dagegen dem aufgeregten Sinn des Mädchens alles Treiben der Vornehmen
-und des Adels im widerwärtigsten Lichte erscheinen, ja sie steigerten
-ihren Entschluß, mit Thorald ein von diesen hemmenden Einschränkungen
-freies Leben zu führen zur entsetzlichsten Pein.
-
-Thoralds leichteres Blut ließ ihn einfacher seine Bahn weiter ziehen;
-er war in Copenhagen, arbeitete in der noch neuen und unvollständigen
-Academie, gefiel durch heitere wohlwollende Theilnahme, umarmte den
-alten Kund, der ihn auf Helenens Bitte besuchte, machte das Portrait
-des kleinen, leider kränklichen Kronprinzen, und war bei jeder
-einzelnen Nachricht von Frankreich aus überzeugt: auch im Norden
-müsse jede kleine Meuterei, jede Unzufriedenheit des durch Monopole
-gedrückten Handelstandes nächstens große Umwälzungen herbeiführen,
-welche dem Charakter und einer der Nation inwohnenden Gleichmüthigkeit
-und sehr ernsten Besonnenheit widersprachen. Er selbst war kaum noch
-ein Däne; der lange Aufenthalt in Italien und Frankreich hatte alle
-vorspringenden National-Eigenschaften in ihm verwischt.
-
-Graf Christian vermied Erörterungen, welche zu nichts Glücklichem
-führen konnten, Alslev und er waren verstimmt, weil sie sich nicht zu
-gleicher Ansicht zu vereinen vermochten; in sich selbst streng und
-scharf concentrirt beobachtete der Advocat den Maler genau; er hätte
-so gern etwas Bedeutendes aus ihm gemacht, ihn durch einen glücklichen
-Wurf Geld und ein den Rang übertragendes Wirken verschafft -- Thorald
-aber war und blieb eine hoffende, dem Leben vertrauende, sorglose
-Künstlerseele; er war überzeugt, einmal ein unsäglich schönes Bild zu
-malen, das ihm Ruf, Ruhm, Brot, und den Besitz der Geliebten zusichere.
-Unterdessen aber malte er eine Menge gleichgültiger Portraits, wurde
-Mode beim höchsten Adel und bei den Prinzessinnen, und begriff Helenens
-leise Klage nicht; sie sah weiter hinaus als er!
-
-Die Hochzeittage mit ihren prächtigen Toiletten, alle den
-Gnadenbezeugungen der alten Königin, welche sich der »endlich wieder
-standesmäßigen Heirathen in der Familie Gejer« erfreute, das große
-Festmahl, und die lästigen, das Zartgefühl der Neuvermählten nicht
-sonderlich schonenden Gratulations-Visiten am Morgen nach dem Beilager
--- Alles das war vorüber! Nach den erwiederten Besuchen bei der über
-halb Copenhagen reichenden Vettern- und Cousinenschaar, wollten die
-neuen Ehepaare auf ihre Güter. Am Morgen vor dem Abschiedstage fuhren
-zwei schwere Caleschen in den Hof -- die Neuvermählten waren schon auf
-ihren Berufswegen, und die Meldung des Besuchs erging an die »Gräfin
-Gejer!« Es waren die sieben Gejer-Mogenstrupp, Hochwürden! Sie wurden
-zu Eva geführt; welch ein Elend einen Bedienten vom Lande zu haben!
-der redliche Nysteder kannte die Weltverhältnisse nicht! Da standen
-sie, grau und Ehrfurcht erregend, in stummer Erhabenheit, wie sieben
-Wartthürme des Mittelalters die anmuthige Eva umgebend, und vermochten
-kaum das schwere Haupt ein klein wenig zu neigen, zum Gruß! Tödtlicher
-Schreck lähmte ihre riesigen Glieder: sie, die Hochadeligsten
-aller Chanoinessen, hatten der »wegen Kränklichkeit« nicht an den
-Hof gehenden Fästebönders Tochter, der nie zum Gesellschaftskreis
-mitzählenden Pseudo-Gräfin, die +erste Visite+ gemacht --
-
- * * * * *
-
-Mit eben so viel Anmuth als Würde empfing sie die liebenswürdige,
-sanfte Eva; sie errieth leicht, daß der hohe Besuch ihrer Schwägerin
-Helene gälte, deren Rückkehr in das Stift Wallöe bereits festgesetzt
-war, und ließ diese sogleich zu sich bitten. Wie ein Frühlingsvöglein
-schwebte die kleine Comtesse herein und auf die sieben Wartthürme
-zu, welche sie sogleich im Flug der zierlichsten Worte umkreis'te,
-und ihnen zu dem Zufall Glück wünschte, ihre leider fast nonnenhaft
-zurückgezogene Schwägerin auf diese Weise kennen gelernt zu haben!
-So leichten Kampfes waren jedoch die empörten Stifts-Damen nicht
-zu beschwichtigen! Es entspann sich eine jener gesellschaftlichen
-Fehden, welche nur Frauen führen und kennen; mit hinreißender Anmuth
-verstand es Helene, jedem Worte, das Eva sprach, volle Geltung zu
-verschaffen, und deren Charakter, Stellung, Güte und Glück fortwährend
-hervorzuheben, indem sie selbst sich ihr gänzlich unterordnete und
-sogar den Rang der regierenden Gräfin und verheiratheten Frau in
-volles Licht setzte. Die sieben Mogenstrupps rissen unermeßliche
-Augen auf -- sie fühlten sich angegriffen bis in's eigentliche
-Mark ihres Lebens -- und schritten zur Rache! Alle Sieben begannen
-mit unendlicher Volubilität von lauter kleinen Hofgeschichten und
-Familienangelegenheiten der höchsten Kreise, als von bekannten Dingen
-zu sprechen, indem sie sorgsam alle darin vorkommenden Personen nur
-bei Vornamen oder den Spitz-Namen nannten, die man ihnen in jenem
-Cirkel gab; Eva konnte um alle diese Einzelnheiten nicht wissen, und
-die siegreichen Sieben stellten sich auf solche Weise zu Helenen in
-intimen Rapport, während sie die Gräfin aus dem Interesse des Gesprächs
-gewaltsam herausdrängten, um sie fühlen zu machen, daß sie jenem
-Cirkel der königlichen Familie und des sie eng umgebenden Adels nicht
-angehöre, obschon sie Christians Titel führe.
-
- * * * * *
-
-Helene gab nicht nach! Geschickt deckte sie sogleich ihre Schwägerin
-mit dem Schilde des Ausländisch-Modischen, warf nebenbei mit der
-persönlichen Gunst der verwitweten Königin um sich, als habe sie
-dieselbe in der Tasche, und überwältigte endlich in fortgesetztem
-Gespräch den Feind durch eine Menge Anekdoten vom englischen,
-russischen und schwedischen Hofe, mit denen sie die der ganzen
-civilisirten Außenwelt entfremdeten Mogenstrupps dermaßen betäubte,
-daß ihnen nichts übrig blieb, als die herkömmlichen Stiftsgeschenke an
-Elixiren, Rosenwasser und Confitüren zur Reise der »theuren Cousinen«
-in ihre Hände niederzulegen und den formellen Rückzug anzutreten.
-
-Als sie fort waren, warf sich die ermüdete Siegerin auf das Sopha,
-ein Paar großer Thränen perlten in ihren Augen. Es ist sehr schwer zu
-sagen, warum sie weinte, ob aus Nichtachtung oder Ueberschätzung der so
-eben hart von ihr angegriffenen Vorurtheile!
-
-Eva blieb still und gelassen, wie immer; ihr fehlte nie etwas anderes,
-als ihres Christians volle Liebe, wie sie einst sie gekannt und
-besessen.
-
-Allein am nämlichen Vormittage schrieb Helene zwei Briefe; den ersten
-an Thorald. Sie bot ihm an, mit ihm zu fliehen nach Frankreich
-oder Italien. »All diese Einwirkungen und Rückspiegelungen
-angenommener, langjähriger Vorurtheile werden aus Pygmäen zu uns
-überwältigenden Riesen, wenn wir den hiesigen gewohnten Familien- und
-Gesellschaftsformen ausgesetzt bleiben! An jedem andern Orte, um wie
-mehr in einem anderen Lande, verlieren sie alle Geltung.
-
-So wenig als unsere monopolisirende, auf Fabrikwesen und Gewerbefleiß
-angelegte Academie Ihrem Kunststreben wirklich fördernd genügen kann,
-eben so wenig würde Ihnen ein Lebenskreis genügen, in welchem wir
-stets defensiv aufzutreten hätten! -- Den ganzen Morgen hindurch habe
-ich für meine Schwägerin mit den scharfen Waffen der Ironie gegen die
-Thorheit meiner sogenannten Standesgenossen gekämpft, gegen die armen
-Mogenstrupps, die am Ende glücklicher sind als Jene, denn sie haben
-sich mit dem Leben außer ihrem Stift und mit den persönlichen Wünschen
-abgefunden; dennoch habe ich sie und mich mit den spielend geführten
-Waffen verletzt -- verletzen +müssen+!
-
-O Thorald, lassen Sie uns den Muth fassen, unser Vaterland auf
-vielleicht zehn, zwölf Jahre zu verlassen, in Frankreich, England,
-Deutschland -- wo Sie wollen, zu leben, menschlich frei zu sein! uns
-bleibt keine Wahl, wenn nicht unsere edelsten Seelenkräfte einer
-fortgesetzten, sie verkrüppelnden Entwürdigung ausgesetzt bleiben
-sollen!«
-
-Den Rest des Briefes nahm der Ausdruck der tiefsten, weiblichsten
-Zärtlichkeit ein, und die Bitte, sie bei einer gemeinschaftlichen
-Bekannten zu erwarten, bei welcher sie zuweilen sich getroffen.
-
-Das zweite Schreiben war an den Grafen Christian; es ward abgesandt,
-als Helene zu jener Freundin gefahren, bei welcher sie Thorald zu
-finden hoffte. Sie schrieb:
-
-»Du hast Wort gehalten, Christian, Du sagtest mir, als meinen
-Widersacher Dich anzusehen, und hast offenbar und insgeheim als
-solchen Dich mir bewährt. Kämpfe mit gleichen Waffen ehren die
-muthig Streitenden, die unsern sind nicht einmal gleich, sondern
-die Deinen stärker -- dennoch hast Du mir alle mögliche Ehre durch
-Deine hartnäckigen, unablässigen Angriffe erzeigt. -- Vergieb den
-trüben Scherz, ich gehe wahrlich nicht darauf aus, Dir wehe zu
-thun; ehemals kanntest Du mich; Du bist aber in den letzten Jahren
-immer unglücklicher geworden, und Thränen, sagt man, machen blind;
-darum wähnst Du auch durch Gewalt mich zu besiegen und vermöchtest
-doch höchstens mich zu tödten aus Scherz, nicht aber mich bis zur
-Regungslosigkeit zu zerdrücken, wie jene Unglückselige, die wir nicht
-nennen wollen!
-
-Mir scheint, Du hast in unserer Familienstellung eine unbedeutende
-Kleinigkeit übersehen, nämlich: daß ich das jüngste Fräulein unseres
-Hauses bin, und mir bei einer keineswegs durch Adelsforderung
-verklausulirten Verheirathung als solchem die zehntausend Thaler
-Mitgift zufallen, welche die Schwester des Grafen Owen, unsere
-Großtante, uns ausgesetzt hat. Ich wußte seit Jahren um diese Sache,
-und der Instinct der Schwachen ließ mich in Alslevs Studirzimmer unser
-Familienbuch, und in diesem die Notiz darüber finden, während Du bei
-unserer Ankunft Dich seiner sogleich bemächtigtest, ihn in Dein Zimmer,
-und mir und meinem Vertrauen zu entführen für gut fandest. -- Ich
-werde auf diese Summe Anspruch machen, Du hast kein Recht, mir sie zu
-verweigern, mich aber wird dies Geld vor jedem Mangel schützen, bis es
-meinem theuren Thorald gelungen sein wird, uns Beiden eine nur auf
-sein Talent und seine eigene Kraft begründete Existenz zu sichern.«
-
-
-Trostlos kehrte Helene heim vom Besuch der arglosen Freundin, bei
-welcher sie Thorald gesehen! Sie hatte Gelegenheit gefunden ihn zu
-sprechen, sogar allein eine lange Unterredung mit ihm gehabt -- aber
-ach! -- Thorald hatte mit dem vollen Ausdruck der zärtlichsten Liebe
-in Blick und Wort dennoch auf das Allerbestimmteste sich geweigert mit
-ihr zu fliehen! -- Sein dem Grafen Christian im Wäldchen auf Laaland
-gegebenes Wort, »nichts zu thun, was Helenens Ruf der Welt oder dem
-bösen Leumund des Kreises, welchem sie angehöre, preisgäbe,« -- war er
-entschlossen zu halten.
-
-»Laß mich als fester Mann ihm gegenüberstehen bleiben, wie ich dort
-am See mich vor ihm als solcher empfand,« bat er sie, »damit er einst
-Deinem Gemahl seine Achtung nicht zu versagen im Stande! Sobald mir
-möglich sein wird Dir meine Hand zu bieten, wird das Vermögen, welches
-Du mir zuzubringen gedenkst, mir den Trost gewähren, Dich wenigstens
-nicht harter Entbehrungen durch unsere Liebe ausgesetzt zu sehen,
-allein nur in unserm Vaterlande, nur öffentlich, vor Deiner Familie und
-Aller Augen, darf ich als mein eigen Dich an mein Herz schließen, als
-meine Frau Dich heimführen, wäre es auch gegen den Willen der Deinen!«
-
-Was sie ihm auch einwandte, glitt an der einmal empfangenen
-Gedanken- und Gefühlsrichtung seines einfachen Charakters ab; sobald
-Thorald nicht durch äußere Uebermacht gesteigert aus sich selbst
-herausgetrieben zu enthusiastischer Heftigkeit hingerissen handelte,
-war er gerade und redlich in allem Thun; er vermochte sein Glück nicht
-um den verlangten Preis zu erkaufen.
-
-»Kein Flecken darf durch meine Liebe zu Dir auf den Schnee Deiner
-Seele fallen! Nicht Deiner stolzen Familie, nicht Christians Versagen
-schreckt mich, auch ohne alle Einwilligung der Dich mir Mißgönnenden
-werde ich Dich einst mein nennen, aber öffentlich, nicht insgeheim. --
-Sind wir aber einmal verbunden, dann Liebste, dann laß uns fortziehen,
-daß sich der allerschönste Erdenhimmel, das blaue Zelt Italiens über
-unser Glück hinwölbe, seine klare Sonne freudig uns in's Herz scheine,
-und wir all den grauen Jammer ihrer Pergamente und Diplome vergessen.«
-
- * * * * *
-
-Ach, Helene wußte nur zu genau, daß kein Priester sie trauen werde in
-Dänemark, ohne Einwilligung des Bruders, welcher nach Landessitte und
-Brauch Vaterstelle an ihr vertreten, fast seit ihrer Geburt.
-
- * * * * *
-
-Im höchsten Grade verstimmt schritten Graf Christian und Alslev in
-dessen Studirzimmer auf und nieder; das sorgsam geführte Register aller
-im Archiv der Familie Gejer enthaltenen Documente lag im uns wohl
-bekannten Pergamentbande auf dem Pulte des Advokaten. »Und so,« schloß
-dieser seinen Bericht, »fand sie schon am ersten Tage ihrer Ankunft
-Gelegenheit, eine Schrift zu sehen, deren Inhalt ich ihr absichtlich
-verborgen.«
-
-»Und schwieg darüber bis heute!« setzte der Graf hinzu, »auch dahinter
-muß eine Absicht versteckt sein --«
-
-»Nein,« erwiederte Alslev, »die Comtesse läßt sich ungern vom
-Augenblick zu Gewaltschritten drängen, und concentrirt auf diese Weise
-für den Nothfall all ihre Kraft. Ich glaubte behaupten zu dürfen, daß
-wenn der Herr Graf Dero Abreise, und mithin Gräfin Helenens Rückkehr
-in's Stift etwas weniger hastig betrieben, dieselbe ruhig hier verweilt
-haben würde; hätte die Academie dem wirklich talentvollen jungen Manne
-die Professur gewährt -- sie wäre sogar ruhig nach Wallöe gezogen; ihre
-Pläne sind noch nicht reif!«
-
-»Am Ende hätten wir doch nur einen Aufschub erlangt! Ich kenne Helene
-besser! Hier hilft +nur+ die stärkere Gewalt. Zum Glück kann ich auf
-das Bestimmteste ihr meine Einwilligung versagen; sie mag meinen Tod
-abwarten und --«
-
-Des Advokaten Züge überflog ein leiser Spott, -- »und in zwei Monaten
-ist sie mündig,« fügte er der abgebrochenen Phrase an. »Ich bekenne,
-daß ich nicht ganz begreife, weshalb gerade der jüngsten Comtesse
-Heirath dem gräflichen Hause so ganz besonders wichtig. --«
-
-»Haben Sie nie bedacht, daß von den Töchtern unseres Hauses, deren
-eine unseren Namen dem ihres Gemahls beifügen kann, die Erhaltung
-des Geschlechts der Gejer oder wenigstens der Hauptlinie der Familie
-abhängt, oder abhängen wird, denn --«
-
-»Allerdings scheint wenig Aussicht zu einer Descendenz des Grafen
-Friedrich geblieben; aber Graf Joachim --«
-
-»Ist schwächlich wie ich! Ich kann und werde diese Verbindung mit
-dem jungen Roturier von einer zu ganz unbekannten Größen gehörenden
-Abstammung +nie+ zugeben! Ich bin uns Allen schuldig, unter keiner
-Bedingung es zu thun. -- Morgen soll mir Helene auf ihr Stift nach
-Wallöe!«
-
-»Darf ich Ihnen rathen, so überreizen Sie das heftige Mädchen nicht!
-Treiben Sie sie nicht auf's Aeußerste --«
-
-»Was kann sie in solcher Geschwindigkeit, binnen vierundzwanzig Stunden
-unternehmen, Alslev? Auch Sie übertreiben!«
-
-»Sie könnte zum Beispiel den Geliebten dahin vermögen, mit ihr nach
-Frankreich oder England zu fliehen.«
-
-»Tod und Teufel! Alslev! eine Gräfin Gejern!«
-
-»Ist vor Allem ein Weib, und hier ein leidenschaftlich liebendes --«
-
-»Sie haben Recht. Man muß ihr jede Möglichkeit zur Flucht abschneiden,
-sie bewachen, ihr Gesellschaft leisten, wollte ich sagen --«
-
-Und unterdessen schwamm Helene in Thränen, weil Thorald unerbittlich
-blieb!
-
-Es giebt eine Menge weiblicher Wesen, welche von der Natur zu
-Vertrauten-Rollen im großen Lebens-Drama bezeichnet scheinen, sie
-kommen niemals dahin, eigene reelle Verhältnisse, reinpersönliche
-Erfahrungen zu haben, ihr Leben wird von Andern gelebt, sie verfließen
-ganz in Anderer Individualität, in Anderer Leid und Lust. Zu diesen
-Naturen gehörte die Nordermule, sie ging auf in der drei Gräfinnen
-Persönlichkeit. Seitdem die zwei Aelteren vermählt und von Copenhagen
-fortgezogen, hatte eine unbeschreiblich tiefe Melancholie das gute
-alte Mädchen erfaßt, alle ihre Stunden waren ihr übrig geblieben!
--- Daß Helene ihrer nicht bedürfe, war ihr längst deutlich geworden,
-nun fürchtete sie, daß ein rascher Schritt derselben sie sogar um den
-Anblick des letzten ihr gebliebenen Zöglings bringen und dann ihr
-armes Leben zu einer ganz zwecklosen Leere sich ausdehnen werde. Schon
-die alljährig sich erneuende Rückkehr in's Stift war ihr qualvoll,
-sie gehörte auf keine Weise zu demselben; von Alters her war ihr das
-ehemalige Stübchen ihrer Mutter geblieben, welche, wie schon erwähnt,
-in der verstorbenen Fürstin Abatissin Diensten gestanden. Wie ein
-Stück Möbel oder sonstiges Geräth, hatte man sie dem Haushalt der
-wahnsinnigen Ulrike zugestellt, bei welcher sie lange Jahre geblieben
--- später hatte Graf Thugge sie zur Pflege und Erziehung seiner drei
-Töchter nach Aalholm berufen.
-
-Starr vor sich hinblickend, überdachte die kleine Buckliche ihre lange
-ereignißlose Existenz; ein Lichtpunkt derselben blieb Ulrikens erster
-Anblick; Emerenzia hatte sie zum ersten Mal in einer künstlichen
-Dämmerung, bei zugezogenen rothen Vorhängen gesehen und zwar jener
-unbewußt; denn nur nach und nach hatte man die Leidende an die Nähe der
-Fremden gewöhnen können. Wie heiß und jugendfrisch hatte sie von jenem
-Moment an für die schöne Trauergestalt gefühlt und geschwärmt, die kaum
-halberschaut ein Ideal aller Schönheit und weiblichen Vollkommenheit
-ihr geblieben. Ach, die stets nur mit dem Bilde des ihr entrissenen
-Liebsten sich beschäftigte, in dem einzigen Gedanken absorbirte Ulrike,
-hatte die leidenschaftliche Hingebung des armen Mädchens nicht einmal
-bemerkt. Dennoch hatte diese den schönsten Theil ihrer Jugendjahre
-ihrer Pflege geopfert, und aus den Erinnerungen an jene Zeit den
-Nimbus all ihrer Träume gewoben -- für noch blüthenlosere Tage, voll
-noch herberer Realität. Der verschwiegenen Treue der allmälig mit dem
-Hause Gejer so eng Verwachsenden, deren Gegenwart man bedurfte ohne
-sie zu beachten, deren Lebenskraft man verbrauchte ohne je darüber
-nachzudenken, war die ganze Qual des Mitgefühls der unseligen Ehe des
-Grafen Thugge aufgebürdet worden.
-
-Alle Phasen des überhand nehmenden riesigen Elends, das verschmähte
-Liebe, Haß, Argwohn und Flatterhaftigkeit einem Ehebande zu bereiten
-vermögen, hatte sie mit durchlebt; die ganze dem kleinsten Samenkorn
-des Unrechts entwachsende Wucht gegenseitiger Versündigung mitgetragen,
-all den Seelenverrath sich täglich erneuender Verzweiflung an allem
-Guten, an Gott, Menschen und dem eigenen unbarmherzigen Selbst hatte
-die arme Nordermule mit durchfühlt in endloser Gewissenspein. Es hatte
-Niemand je daran gedacht es ihr anzurechnen, oder gar es ihr zu danken.
-
-Später hatte Emerenzia dem Leben der Kinder eben so rücksichtslos
-Körper und Seele geweiht. Jene schwersten Ereignisse waren
-vorübergezogen, Graf und Gräfin ruhten endlich im Grabe. Nun nahmen
-Glück und Leid der Uebriggebliebenen ihre von dem Dasein Emerenzia's
-weit abführende Richtung. Neue Fäden knüpften sich zum Gewebe besserer
-Tage -- die Nordermule blieb verlassen allein zurück; die sie mit ihrem
-Herzblut genährt, zogen fort; weder Licht noch Schatten der ihr nun
-entfremdeten Existenzen der Geliebten fiel mehr auf sie zurück. -- Sie
-hatte die Erlaubniß nach Belieben im Schlosse oder auf dem Stifte zu
-weilen. --
-
-Große schwere Thränen rollten über die bleichen gefurchten Wangen der
-Alten; es sah es ja Niemand, sie durfte schon weinen. Da öffnete sich
-leise die Thüre ihres Stübchens -- es war Graf Christian, der eintrat.
-
-»Liebe Emerenzia,« sagte er kurz aufathmend, eilig, in gepreßtem Tone,
-»Sie wissen, wie ich voraussetzen muß, Alles was hier im Hause, was
-in Helenens Seele sich zuträgt -- ich brauche mich nicht deutlicher
-zu erklären. Es soll eine große Unbesonnenheit, ein Unrecht begangen
-werden -- Sie müssen das hindern, oder vielmehr mir helfen es zu
-hintertreiben. Meines seligen Vaters Zimmer grenzt an das meiner
-Schwester; -- ich bitte Sie dort insgeheim diese Nacht zuzubringen --
-die Fenster gehen nach dem Garten wie Sie wissen -- auch diesen Abend
-ersuche ich Sie, sich dort oder bei der Comtesse aufzuhalten. Sie
-verstehen mich doch genau? Helene darf nicht sich selbst überlassen
-bleiben, nicht unbeachtet -- und man kann sie doch nicht bewachen
-lassen.«
-
-Der Graf trocknete sich heftig mit dem Schnupftuch die Stirn, sie war
-mit Schweiß überdeckt, trotz der Kälte im Zimmer.
-
-»O weh! also hatte mein banges Herz richtig geahnt, was uns bedroht!«
-sagte die Nordermule zu sich selbst. Sie war schon aufgestanden, um dem
-erhaltenen Befehl augenblicklich Folge zu leisten; »aber,« bemerkte sie
-zaghaft zögernd, »wird der Comtesse mein ungewohnter Aufenthalt in den
-Gemächern des seligen Herrn Grafen nicht sehr auffallend sein? oder
-wird sie vielleicht auf meine Gegenwart gar keine Rücksicht nehmen?
-ich wäre ja nicht einmal im Stande sie zurückzuhalten.« -- Glühendroth
-wurde Christian, er biß sich in die Lippen, »im Nothfall rufen --
-schreien Sie! ich -- begreifen Sie denn nicht? -- ich werde angezogen
-in meinem Zimmer wachen. Muß man,« setzte er ungeduldig mit dem Fuß
-stampfend hinzu, »einer Person, welche ein Viertel Säculum im Hause,
-mit schlagender Derbheit auch das Zarteste breit treten, damit sie es
-erfasse und ihr wie einem Neuling, wie einem unserer ausländischen
-Diener +befehlen+? -- Sie werden das sich im Augenblick als passend und
-nothwendig Herausstellende thun, Jungfrau Nordermule,« setzte er stolz
-den Kopf zurückwerfend, mit dunkel aufblitzendem Auge sie durchbohrend
-hinzu, »oder -- hätte ich mich geirrt? wüßte Die, welcher wir, mein
-Vater und ich, ehemals die Ehre unseres Hauses unbedingt anvertrauen
-durften, jetzt keinen Rath mehr zu finden, das Rechte zu thun? Hat
-Helenens Wahnsinn auch Sie so verblendet, daß Sie wie ein kleines
-Pensionsmädchen ihr beizustehen wähnen, indem Sie die bereits Taumelnde
-dem Abgrunde zustoßen, an dessen Rande sie steht? -- Ist es möglich!«
-rief er plötzlich, auf's Leidenschaftlichste erregt zum Himmel
-aufblickend und die gefaltenen Hände schmerzhaft gegen die auffliegende
-Brust gedrückt, »auch hier habe ich geirrt!«
-
-»O nein, nein, niemals!« rief in die Knie sinkend und seinen Rock
-ergreifend die Nordermule, »um Gotteswillen kein Mißtrauen! es würde
-mir das Leben kosten! Alles, Alles, was Sie wünschen, soll geschehen,
-wüßte ich nur genau, wie das Rechte erreichen; ach, Graf Christian, ich
-bin nicht mehr stark und jung wie in jenen Tagen, der Körper altert,
-bleibt auch das Herz jung!«
-
-Lebhaft riß Christian die Bebende auf, alle Muskeln seines edlen
-Gesichtes vibrirten, tief beschämt führte er sie sorgsam zu einem
-Sessel; er sprach kein Wort. Sie sah zu ihm auf, wie ein sterbender
-Katholik zu seinem Schutzpatron, der sie vertreten soll vor dem ewigen
-Richter. Endlich, als sie nicht mehr so convulsivisch schluchzte, nahm
-er, in den gewohnten etwas unsichern Ton zurückfallend, ihre Hand,
-»vergeben Sie,« sagte er, »ich habe Sie durch meine Heftigkeit sehr
-erschreckt! Ich war nicht darauf vorbereitet einer unserer Familie so
-ergebene Person« -- das Wort Freundin brachte er nicht über die Lippen
--- »Erörterungen so schmerzhafter Art geben zu müssen.« Leise drückte
-er die ergriffene Hand, und Emerenzia blieb allein. Eine wunderbare
-Verklärung überzog die unschönen Züge des armen alten Mädchens; also
-hatte er doch wirklich einmal gewußt, was sie mit seiner Mutter
-ertragen, um seinetwillen! Seine Jugendgestalt schwebte ihrem innern
-Blicke vorüber. Dann sah sie die Stelle noch einmal an, wo er vor ihr
-gestanden, und die Stuhllehne, auf welcher seine Hand geruht, während
-sie da saß und weinte -- und begab sich, fest entschlossen, Alles zu
-Erhaltung der Ehre und Wohlfahrt der Familie zu thun, in das Zimmer des
-verstorbenen Grafen Thugge.
-
-Vor Helenen stand in der nämlichen Stunde der gute isländische
-Pfarrherr, hielt begütigend, wie ein mildrichtender Vater, ihre kleine
-Hand in seinen beiden großen und endete eine lange tröstende Rede mit
-diesen Worten:
-
-»Glauben Sie mir, theure Comtesse, jede willkürliche Abweichung von
-den uns vorgezeichneten Lebenswegen, obschon sie in der Zulassung des
-Höchsten liegt, denn sonst könnte sie ja nicht geschehen, bringt neues
-Leid, statt des gehofften Erdenglücks. Der gewaltsam Handelnde erzeugt
-neue Gewaltsamkeit. Ist es Ihnen möglich, so greifen Sie nicht jetzt,
-nicht in einem Augenblicke in Ihr Geschick, in welchem alle Tiefen
-Ihrer Seele vom Schmerz aufgewühlt sind!«
-
-»Ach, würdiger Herr,« erwiederte Helene, »Sie sind über all diesen
-täglich sich erneuenden Quälereien hinaus, Sie leben Ihr einfaches,
-gottergebenes Dasein so still für sich hin, wie können Sie die Pein
-all der civilisirten Nadelstiche mir nachempfinden, wie ich unter den
-Meinen, wie in der Gesellschaft ich sie erdulde.«
-
-»Und doch lehrt mich nicht nur die Religion, welche für alles
-Menschenweh dem aufrichtig das Gute Wollenden die Gefühlsfäden
-verleiht, das fremde Leid zu erkennen; auch die Geschichte meiner Väter
-mahnt mich zum Verständniß des meiner Stütze Bedürfenden. -- Zwar
-haben wir Geistlichen auf Island keine blutige Fehden mehr, wie im 16.
-Jahrhundert, aber wie um die Mitte desselben Bischof Arensen mit seinen
-beiden Söhnen den Tod auf dem Schaffot dem Versprechen vorzog, das man
-ihm abverlangte: sich nicht an seinen Feinden zu rächen, wie er in
-starrer Unbeugsamkeit, ohne ein Wort der Selbstvertheidigung lieber als
-Majestäts-Verbrecher das Todesurtheil über sich aussprechen ließ, um
-nur das stolze Herz nicht demüthigen zu müssen, im Zugeständniß seiner
-Unbill, so denkt noch jeder einzelne Bewohner unserer Insel. Je rauher
-das Clima, je schneidend schärfer der Wille, je karger die Gaben des
-erkaltenden Bodens, je eigensinniger der Mensch in jedem ihn und die
-Seinen betreffenden Entschluß! Wäre ich sonst wohl hier? -- Ach der
-Isländer härtet seine Seele im Frost, wie das Eisen im Feuer. So kenne
-ich denn gar wohl die Tiefen der übermüthigen Menschenbrust, die weder
-in Haß noch in Liebe das richtige Maß zu halten im Stande. Mein Heiland
-und Herr! Seit mehr denn zweihundert Jahren schon liest der isländische
-Bauer die Bibel in seiner eigenen Muttersprache, und immer noch
-erweicht ihm Gottes mildes Wort nicht das verstockte Herz, -- sehen
-Sie, lieb Fröken, so weiß ich denn auch um die Gewalt der Leidenschaft,
-hab' auch ich selber sie nie empfunden -- sie spiegelt sich auf gleiche
-Art in der Nation, wie im Individuum: von Leidenschaft seid Ihr +Alle+
-bewegt! --«
-
-»So soll ich den Mann, der mir unbedingt vertraut, einer Grille
-meiner Brüder wegen verlassen? -- Ihn aufgeben in einem Augenblick,
-wo der Adel überall wie ein veraltetes, menschliches Institut in sich
-zusammenbricht, und zurücksinkt in die eigene Unbedeutenheit -- wo er
-allmälig nur zum Hofgewand sich gestaltet, das man ab- und anlegt nach
-Belieben, eben da soll ich Thorald aufgeben? Ihn den Liebenden? Ihn der
-mich beglückt? Habe ich denn zur Aufrechthaltung des alten adeligen
-Stammes, wenn sie denn wirklich als etwas Wünschenswerthes gelten soll,
-nicht Brüder und Schwestern --«
-
-»Aufgeben? nein! aber warten! die Gestaltung dieser gährenden
-Volksmassen in ihren immer schnelleren Bewegungen abwarten, die Zeit
-arbeitet an einer Krisis, --«
-
-»Abwarten! -- Jürgenssen! Sie haben wohl niemals von dem Geschick
-gehört, das die Liebe den Unglückseligen unseres Hauses zu bereiten
-pflegt. O es ist grauenhaft, mit welcher vornehmlächelnden Heiterkeit
-wir ganz unmerklich Herzen zu brechen, keimende Hoffnungen zu knicken
-verstehen! Sie haben wohl niemals von meiner verstorbenen Tante Ulrike
-gehört?«
-
-»O wohl und oft!«
-
-»Und -- auch von meinem Vater?«
-
-»Fast mehr als Sie, liebe Comtesse, von ihm wissen mögen!«
-
-»Und Sie muthen dennoch mir zu, einem Ausspruch mich zu unterwerfen,
-der solche Opfer seinem lächerlichen Götzen bringt, oder eine äußere
-Hülfe zu hoffen?« --
-
-»O, liebes Fröken,« sagte der schon bei den ersten Worten, welche
-das Leben ihrer Vorgänger im Leide berührten, in sich und seine
-Erinnerungen versunkene Kind, »welch ein edles Herz hatte Ihr Vater!
-Als er auf unsere Insel kam, war ich eben erst von Norwegen herüber
-gekommen, wo ich zu Drontheim auf der Schule gewesen. Ich war fast noch
-ein Knabe. Aber immer wieder und wieder erzählten sich die Männer auf
-der Insel von dem traurigen und liebreichen Manne, der einer Rose wegen
-nach Island gereis't und --«
-
-»Mein Vater auf Island? Sie träumen lieber Kund!« -- Der gute Pfarrer
-schüttelte sanft das Haupt: »sollte man Sie, theures Fröken, um das
-Erkennen der Trefflichkeit Ihres Herrn Vaters gebracht haben? Das ist
-ja kaum möglich! es ist ja so herrlich dieses Bild seines dortigen
-Aufenthaltes, es ist ja so recht wie ein von der Gnade des Herrn uns
-hingestelltes leuchtendes Sternbild, das den Erdenweg uns erleichtert,
-indem es an den Himmel uns erinnert!«
-
-Helene sah ihn mit bittenden Blicken an.
-
-Der gute Alte setzte sich, wie immer etwas ängstlich ungeschickt »in
-den prächtigen Zimmern« mit dem Rücken gegen die Thür, welche Helenens
-Stube mit der des verstorbenen Grafen verband.
-
-»Es war im Frühling des Jahrs 1763« -- ein leiser Seufzer drang aus
-dem Nebenzimmer an Helenens Ohr -- ein Schauer überflog ihre Glieder,
-sie wickelte sich fester in ihrem Shawl, »als ein ältlicher Herr,«
-fuhr der Pfarrer fort, »der sich insbesondere mit Naturwissenschaften
-befaßte, zu uns herüber kam -- hier im Lande mag es wohl schon Sommer
-gewesen sein, denn er war kurze Zeit vor dem Johannisfeste; -- über
-die Eilande Engey und Vidöe, wo sonst das große Mönchskloster lag
--- das jetzt ein königlicher Hof geworden, des Eiderdaunenverkaufs
-wegen -- war der fremde Herr nach Reikiawik gekommen, das damals nur
-ein elendes Dorf von wenig Häusern war. Nach dem Kloster auf Vidöe
-war er gegangen, um eine Blume zu suchen, eine Rankenrose, sagte
-man, welche in anderen Ländern eine große Seltenheit sein soll, bei
-uns aber dem Hochgebirge wild entsprießt, wie den Gletschern in der
-Schweiz die Alpenrose. Ehemals hatte die Rose im Mönchskloster fast
-das ganze dem Brüderhause anhangende Kirchlein umwoben, nun seitdem
-ihre Pfleger vertrieben und ausgestorben, war sie verkommen, wie das
-ganze Gärtlein; keine Spur war dort mehr von ihr zu finden. An der so
-eifrig gesuchten Rose aber hing des Wandrers ganzes Herz, ihretwegen,
-sagte er, habe er die Heimath verlassen, er bedürfe sie, um sie in ein
-großes Buch zu legen, und die Beschreibung derselben einem botanischen
-Werke einzuverleiben, an welchem er arbeitete. Es müßten, meinten
-die isländer Häuerlinge, dem guten blassen Herrn, der immer so ernst
-und trübe vor sich hinsähe, daheim viel traurige Prüfungen auferlegt
-worden sein, die ihn so recht gerade zu in das Herz getroffen, daß er
-an so kleinen Dingen Trost zu suchen in die Fremde ziehe! Er wollte von
-uns aus nach Rangavallesyssel, wo er im Hochlande die Rose zu finden
-sicher war« -- der Seufzer in der Nebenstube wiederholte sich, ein
-beklommenes, schweres Athmen ward in der Stille, welche nur Kunds milde
-Stimme belebte, deutlich hörbar. Rasch sprang Helene auf und öffnete
-die Thüre hinter dem durchaus arglosen Kund: die Nordermule saß in des
-Grafen Zimmer an der Wand in der nächsten Nähe desselben, jedes seiner
-Worte mußte dort ihr vernehmlich gewesen sein.
-
-Einen Augenblick maß des Mädchens glühender Blick Beide -- »ich bin
-wohl hier in meinen Zimmern bewacht?« fragte sie sehr ernst, dann
-setzte sie scherzend hinzu: »Du kannst ruhig zu Bette gehen Emerenzia,
-wenn Du es nicht vorziehst unseres lieben Pfarrers Erzählung mit
-anzuhören, ich entfliehe Euch nicht! denn -- Thorald hat nicht
-+gewollt+! das kannst Du denen sagen, welche Dich hierher postirt,«
-setzte sie mit leicht bebender Lippe hinzu, indem sie fortgesetzt
-schärfer und richtender der armen Nordermule in das erbleichende
-Antlitz schaute; »aber nun, lieb Väterchen, fahrt fort in Eurer
-seltsamen Geschichte der Wunderrose, die nur auf Schnee und Eis
-erblüht!«
-
-»Ach,« sagte die Nordermule, »Alles, was der hochwürdige Herr erzählt
-hat, so fabel- oder mährchenhaft es klingt, ist buchstäblich wahr! Ja,
-Graf Thugge's Herz war zum Brechen voll und schwer, als er fortzog in
-die nordischen Lande. Lange Jahre schon hatte er in der Botanik und
-im Besitz irgend einer seltnen Pflanze, von welcher in ganz Dänemark
-kein zweites Exemplar sich fand, die einzige Erheiterung seiner trüben
-Tage gesucht. Die Frau Gräfin brachte immer längere Zeit, ja drei
-Viertel des Jahrs bei ihren Freunden in Copenhagen zu, der arme Herr
-blieb ganz allein mit uns auf dem Schlosse; Graf Christian war in
-Bauerntracht entflohen und lebte in Jütland, die beiden anderen Junker
-in entfernten Schulen; ich war abwechselnd hier bei den Kindern, oder
-bei der Comtesse Ulrike. Wenn er nun die übergroße Einsamkeit seines
-Lebens, (denn allen Umgang mit den Gutsnachbarn mied er), nicht länger
-zu tragen vermochte, machte der Graf Reisen, nach Versailles, nach
-England, und öfterer noch nach Holland, um seltne Gewächse zu sehen
-und für sein Herbarium zu kaufen. In der Pflanzenwelt, sagte er, ist
-Stille und Frieden, sie verblühen und verwelken sanft! So schritt er
-leisen Schrittes zwischen den Wiesen-Blumen und unter den Riesenbäumen
-des Parks hin, er liebte sie und betrachtete sie wie Verwandte; keinen
-Stamm durfte man fällen, keinen Zweig knicken, keine Blüthe stören
-durch Berührung! Mit den Sträuchern und Bäumen sprach er auch immer,
-weit seltner mit uns! Im Winter trug er sich die Scherben voll Blüthen
-in's Zimmer, war auch viel im Gewächshaus und spielte oft halbe Nächte
-hindurch auf der Geige; dann mochten ihn wohl frohe Erinnerungen
-umschweben, man sah ihn zuweilen mit der Violine in der Hand vor den
-großen Saalspiegeln sich rhythmisch bewegen, fast wie auf Schloß
-Steinburg die Comtesse, aber nur mit fest geschlossenen Augen. --
-
-Weil das Alles Jahre lang immer sich erneuete, waren wir an sein
-stilles Walten gewöhnt und suchten in solchen Augenblicken nur die
-kleinen Kinder ihm fern zu halten, daß keines ihn störe. -- Immer
-größer aber wurden seine Reisen, und führten ihn immer weiter hinweg.
-Nun war es um die Zeit, daß wir zuerst an einen Versuch dachten, die
-Comtesse hierher zu bringen, um dem Arzt näher zu sein, als der Graf
-gerade einen Theil seiner Fels-Flora ordnete, deren Herbarium in
-Steinburg lag. Da fehlte denn in der Reihe der wildwachsenden Rosen
-eine hochnordische Alpenpflanze, welche alle Kälte überdauert und auf
-das Gletschermeer ihre Blüthen wirft; Tag und Nacht dachte unser Graf
-nur an sie, und beschloß endlich mit einem der Frühlingsschiffe nach
-Island zu gehen, um sie zu holen.
-
-Ich weiß nicht wie es zuging, daß wir gerade über diese Reise so
-ungewöhnlich viel redeten, die weite Entfernung, das rauhe Clima
-machten uns besorgt -- es hat wohl so kommen sollen, nach des
-Allmächtigen Willen! -- Kurz, wir vergaßen uns so weit, sogar in der
-stets tief in ihren eigenen Gedanken versunkenen Ulrike Gegenwart von
-des Grafen Absicht zu sprechen -- plötzlich horcht sie auf! ihr Auge
-wird blau und strahlend, die Sehkraft desselben concentrirt sich in
-der Pupille, jeder Bewegung mächtig, wendet sich ihr Antlitz uns zu.
-»Nach +Island+?« fragt sie, »wer will nach Island?« -- Wir erzählen
-ihr, glauben aber, daß sie nicht auf unsere Rede achten wird --
-aufmerksam, ohne einen Laut zu verlieren, lauscht sie unserer Antwort,
-dann richtet sie plötzlich sich auf und steht vor uns. »Meinen Bruder!
-ich will meinen Bruder sprechen,« sagt sie, fest und vollkommen ihrer
-selbst bewußt. Welch ein Anblick! Diese tief verhüllte Herzensjugend,
-die so plötzlich ihre Decke durchbrach, und vergeistigend die längst
-verschrumpften Züge der Greisin durchleuchtete! Ihre gekrümmte, vom
-Alter schon klein gewordene Gestalt streckte sich, uns Alle ergriff
-eine unsägliche Ehrfurcht, denn es war, als ob Gott zu uns spräche aus
-dieser mit einem Mal sich erfrischenden Vergänglichkeit -- sie wurde
-beinahe schön wie in ihrer Jugend, durch das Erwachen eines himmlischen
-Ausdruckes ihres Gesichts -- »Ich will meinen Bruder sprechen, meinen
-Bruder!« wiederholte sie immer von neuem.
-
-Ein Reitknecht warf sich auf's Pferd und eilte zum Herrn Grafen, dem
-er unterwegs schon begegnete, (des Herbariums halber hatte dieser nach
-Steinburg gewollt), und Hans gab ihm die Nachricht, daß die Comtesse
-ganz zusammenhängend gesprochen, und dringend nach ihm verlangt habe.
-
-»Das ist der nahende Tod!« rief der Erschrockene, »sie stirbt!« Rasch
-sprang er aus dem Wagen, warf sich auf des Reitknechts Pferd, und
-sprengte in rasendem Galopp zu uns herüber.
-
-Allein es war nicht die Hand des Todes, nur die der Liebe, welche das
-Herz der Kranken berührt! -- Sie erkannte ihn sogleich; »Bruder,« sagte
-sie, »die Frauen sagen mir, daß Du nach Island reisen willst« -- »ja,«
-erwiederte der Staunende, sie wie ein Wunder anstarrend -- »ja Ulrike,
-ich habe dort ein Geschäft, und will morgen schon hin.«
-
-»In der Sundlendinga Fiordung,« fuhr sie mit immer gleicher
-Besonnenheit fort, »mußt Du nach dem Rangavallesyssel fragen, zwischen
-den Apa- und Huitaae-Seen geht der Weg -- da liegt Skalholt, und etwas
-höher hinauf das Pfarrhaus; drinnen wohnt ein sehr alter Mann, der
-Prediger einer weit an den Bergen hin zerstreuten Gemeine, sie zieht
-sich bis zu dem Markarfiorden hin, da mußt Du nach Johannes Thorson
-fragen, und in seine Wohnung gehen. Frage nur recht genau, sie werden
-Dich gern berichten; da findest Du einen alten Mann, alt und grau wie
-ich, mit hellen blauen Augen, ach, du wirst ihn gleich erkennen, wenn
-du ihn von Ulrike Gejer gegrüßt! Sage ihm, sie habe nie seiner Liebe
-vergessen, und nie einem Andern die Hand gereicht, nie sei sie wieder
-fröhlich geworden, nie habe sie wieder gelacht; Tag und Nacht, Wochen,
-Monate, Jahre um Jahre, das ganze lange Leben hindurch habe sie nur
-seiner gedacht -- immer -- nie weiter gedacht -- immer nur sein, sein
-bis zum Tode!«
-
-Als sie diese Worte gesagt, vermochte sie nichts mehr hinzuzufügen,
-ihre Kraft war gebrochen; sie sank zusammen und wir trugen sie hinaus
-auf ihr Lager. Sie blieb still wie schlafend liegen, noch viele
-folgende Tage hindurch; dann stand sie auf, fiel aber bald wieder in
-ihre alte träumerische Geistesabwesenheit zurück, und sprach nicht
-mehr. -- Der Graf reis'te am nächsten Morgen ab nach Island.«
-
-Mit sanfter Aufmerksamkeit hatte Kund der Nordermule unerwarteten
-Eingriff in seine Erzählung hingenommen, mit wachsender Theilnahme, und
-immer gespannter war er ihren Worten gefolgt.
-
-»Ja! so war es!« sagte er endlich, »gerade so erfuhren wir nach und
-nach aus des Grafen Munde alle Einzelnheiten, die wir gar nicht
-ahneten. Kaum hatte er unter unserer Leitung dem Rangavallesyssel sich
-genähert, so fiel ihm auf, wie alle Pfade und Stege auf dem Gebirge
-rein gehalten, und mit Wahrzeichen versehen, daß der Bergsteigende
-die Richtung nicht verliere und nicht versinke in um das Frühjahr
-von der Felswand sich lösenden weichen Schnee, oder begraben werde
-in den leicht überdeckten Eisspalten. Die Bewohner des Syssels wären
-reinlicher und besser gekleidet, meinte er, und ihn freute, wie
-die Kinder, denen wir begegneten, alle gern Bericht gaben von der
-Bergesrose, und sich erboten, sie zu suchen, falls sie schon erblüht,
-sonst aber den Strauch mit den Wurzeln dem fremden Herrn zu bringen.
-
-Unter uns dachte Keiner an diesen großen Unterschied, welchen die
-Gemeine der seltnen Sanftmuth und Geisteskraft ihres Predigers zu
-danken hatte, welcher seit fast einem Menschenalter, ohne Weib und
-eignes Kind, nur seinem Kirchspiel und dem Wohl seiner Pfarrkinder
-lebte. Nun es der dänische Herr bemerkte, fiel es plötzlich uns Allen
-auf.
-
- * * * * *
-
-Des guten Johannes Wohnung war ganz aus grau und rother Lava
-erbaut; um dieselbe her lagen, da sie sehr klein war, noch mehrere
-ebenfalls einstöckige Wirthschaftsgebäude zur Stallung des Viehs, zu
-Schlafkammern des Gesindes und zu Aufbewahrung der Wintervorräthe
-bestimmt; alle waren, wie das Sitte bei uns, roth angestrichen und mit
-grünendem Rasen belegt. Dem Grafen schauderte vor der anscheinenden
-Aermlichkeit und Oede dieses Aufenthalts, doch war alles, was er sah,
-auffallend gut gehalten und glänzend rein: kein Fensterladen gebrochen,
-kein Mist oder Unrath in Winkeln aufgehäuft, kein vernachlässigtes,
-umherliegendes Ackergeräth zu sehen, Alles war sauber und geordnet.
-
-Als wir nun einsprachen, herrschte drinnen in der kleinen Stube
-die nämliche stille Reinlichkeit; es war, als sei es immer Sonntag
-drinnen: das Zimmerchen war weiß getüncht, auf saubern Regalen standen
-lange Reihen dänischer Bücher, unter Glas und Rahmen hingen an der
-Wand sorgfältig getrocknete Blumensträuße aus Dänemark, wie hier die
-Wiese sie beut. Neben dem wohleingerichteten Schreibtisch, dem Feuer
-zunächst, stand ein Körbchen, drinnen lag ein krankes Lamm, das der
-Alte pflegte. Der Pfarrherr war nicht im Augenblicke daheim, die Magd
-brachte uns einen Morgenimbiß, trockne Fische, gekochte Eier, Käse
-und Blanda -- und die Burschen, die aus Reikiawik uns hergeleitet,
-erzählten, wie der Pfarrer sie alle gelehrt, die Kartoffeln besser zu
-bauen, wie er eigenhändig ihre Gärtchen angelegt habe, ihre Arbeiter
-geleitet, ihre Häuser gerichtet unter dem Felsendach; immer war es der
-Pfarrer, von welchem alles Gute kam, was sie thaten oder hatten, -- mit
-thränendem Blick gedachten die alte Magd und der Knecht seines hohen
-Alters, und der wenigen Ruhe, die er sich gönne! Was sollte wohl aus
-ihnen werden, wenn sie ihn nun verlören? Und er war beinahe an die
-Achtzig! Auch dem Grafen wurden die Augen feucht; da hörte man Schritte
-und Jubelgrüße der Kinder draußen; es war der gute Prediger Johannes,
-der heimkam aus dem Gebirg, wo er Kranke besucht.
-
-Ein durch die Jahre, wie Janfru Emerenzia von dem Fröken Ulrike es
-bemerkte, tiefgekrümmter und durch die Grabesnähe schmächtig gewordener
-Greis erschien an der Schwelle, mit einem Haupt voll schneeweißer
-Locken, die zu beiden Seiten des ganz schmalen Gesichtchens auf die
-Schultern herabfielen; sein Auge war noch hell und scharf, und der
-Schnitt der Züge, wenn man sie nur erst recht angesehen, und über
-alle Narben und Zeichen, welche Wetter-Unbill, Alter und Gram ihnen
-aufgeprägt, hinaus war, immer noch auffallend edel und schön. Wie eine
-Glocke tief und fromm klang seine milde Stimme; es war, als läge schon
-im Ton derselben eine Beschwichtigung für den Leidenden, ihm seine
-Noth Klagenden. Ueber dem geistlichen Gewande trug er einen schwarzen
-Mantel, der um den Leib mit einem Strick von Ziegenhaar gegürtet war,
-daß der Orcan ihn nicht an demselben zu erfassen und vom Felsrand
-hinab in die Tiefe zu schleudern vermöge; auf dem Kopf hatte er eine
-Pelzkappe, die er beim Eintritt nebst seinem Alpenstock der alten Magd
-übergab.
-
-Freundlich und würdig begrüßte er den Fremden, als er ihn genauer
-in's Auge faßte, überflog ein leichtes Zittern die ganze Erscheinung;
-er fuhr mit der bebenden Hand über die Stirn -- als müßte er einen
-Gedanken verscheuchen, doch setzte er sich schnell gefaßt zu uns
-und entschuldigte, ihn herzlich bewillkommnend, bei seinem Gast
-sein spätes Erscheinen. Graf Thugge erzählte dagegen ihm nun von
-seinem botanischen Reisezweck und seiner Absicht, die Geiser und das
-Hochgebirg aufzusuchen, und der Alte gab mit umsichtiger Ortskenntniß
-ihm Bescheid. Wir anderen ihn Geleitenden hatten uns in einen
-entfernten Winkel des Gemachs zurückgezogen, die Unterredung der beiden
-Männer nicht zu stören; von dem, was sie betreffen werde, hatten wir
-keine Ahnung; der Graf aber schien unsrer Gegenwart ganz zu vergessen.
-Nachdem er dem Pfarrer für die ihm gegebene Auskunft gedankt, sagte
-er ihm, daß er noch einen Auftrag, einen Gruß ihm zu überbringen
-versprochen, und nannte des Frökens Namen. Als der Schall dieses Wortes
-sein Ohr traf, schrak der Pfarrer zusammen, als habe ein elektrischer
-Schlag ihn berührt -- dann aber vergeistigte sich die ganze zitternde
-Greisesgestalt, einen Augenblick ward sie strahlend schön, durch
-einen fast überirdischen Ausdruck; Johannes stand mit himmelaufwärts
-gerichtetem Antlitz wie ein Prophet vor uns, der zu seinem Gotte
-spricht, aller Erdengram war von ihm abgefallen; es war der heiße Dank
-der Seele, der im preisenden Gebet zum Ewigen sich erhob für den ihm
-endlich gewordenen, ein Leben lang ersehnten Augenblick.
-
-Graf Thugge vollendete seinen Bericht; ach, es blieb unmöglich, dem
-Alten die Trauerkunde von Ulrikens Geisteszustande zu bergen! Demüthig
-mit vor den zitternden Lippen gefaltenen Händen nahm er schweigend
-sie hin; es lag etwas Unantastbares in der höchsten Freude, die ihm
-geworden, nichts vermochte sie ganz zu zerstören; in frommer Ergebung
-hörte er dem Grafen zu. -- »Sie sind Thugge! mein einstiger Schüler,«
-sagte er endlich, »der hoffnungsvolle und doch so traurige Knabe, den
-ich nur kurze Zeit unterrichtete und dann verlor! -- wie dachten wir
-Beide so oft auch Ihrer! Auch diese Freude, Sie wiederzusehen, hat
-mir der Herr geschenkt, o was sind alle Leiden, die uns Menschenhand
-auferlegt, gegen seine allerbarmende Gnade! --«
-
-Er stand auf und näherte sich den mit Papier verklebten Fenstern, um
-in hellerem Licht den Grafen besser zu sehen; es war als tränke er
-Ausdruck und Form seiner Züge, als zöge er sie mit aller Seelenkraft
-in sein Gemüth, um nur ja nie sie zu vergessen! -- Endlich richtete
-er gefaßter den klaren Blick auf ihn: »Sagen Sie ihr,« sprach er
-mit fester, sonorer Stimme, »daß auch ich keine Andre geliebt -- ja
-nicht einmal ein andres Weib bemerkt auf der ganzen Welt! Daß auch
-ich täglich immer und immer ihrer gedacht: daß Schmerz und Seligkeit
-meiner Liebe zu ihr niemals geendet! meine Pfarre hat mich gerettet!«
--- Unfähig weiter zu reden, drückte er dem Grafen die Hand, wandte sich
-ab und trat in eine kleine Kammer, in welcher er schlief; die Thüre
-zog er leise hinter sich zu. --
-
-Uns aber winkte der Graf und wir gingen ernst, wortlos, wie aus der
-Kirche, hinaus, schwangen uns auf unsere vor der Thüre angebundenen
-Pferde und ritten schweigend dem Hecla zu. Draußen schien es
-Frühling geworden, eine warme belebende Sonne vergoldete den fernen
-Gebirgsschnee, und ließ die Gletscherspalten im reinsten Saphirblau
-erscheinen, die Schneeammer sang, und die Kinder liefen uns mit
-Alpenblüthen entgegen, die sie während unseres Aufenthaltes in der
-Pfarre gesucht.
-
-Der Graf kehrte nicht nach Rangavallesyssel zurück; allein er
-weilte noch mehrere Tage in der Sundlendinga Fiordung, und sprach
-den Stiftsamtmann zu Reikiawik, bei welchem er eine große Geldsumme
-niederlegte für die Gemeine von Skalholt, um jedem Wunsch des würdigen
-Pfarrers für dieselbe, welcher bisher durch Unzulänglichkeit der Mittel
-unerfüllt geblieben, zu willfahren.
-
-Johannes errichtete im nächsten Jahr sein kleines Hospital und verband
-mit demselben, wie er Jahre lang gewünscht, eine Apotheke. -- Wenn Ihr
-einmal nach Island kommt, lieb Fröken, will ich Euch das Granit- und
-Krystall-Denkmal zeigen, das die Gemeine dem guten dänischen Grafen
-erbauet; -- die Leute wissen seinen Namen nicht, auch der Stiftsamtmann
-weiß ihn nicht, allein wenn der Johannistag kommt und die Schneeammer
-singt, eilen alle Einwohner von Skalholt, dasselbe zu bekränzen, und
-finden es oft schon von tausend blühenden Rankenrosen dicht umwoben.«
-
-
-Am späten Abende versuchte Alslev noch einmal in einer langen
-Unterredung seiner jungen Freundin tief erregtes Gemüth zu
-beschwichtigen. Er fand sie sehr schmerzlich bewegt: -- das Bild eines
-zu lebenslanger Einsamkeit verdammten Herzens stand unaufhörlich ihrem
-inneren Blicke gegenüber; ein unsägliches Grauen vor dem Scheiden aus
-Thoralds unmittelbarer Nähe, und vor der durch eigenes Leid nie zu
-erweichenden Hartnäckigkeit des Stammes, dem sie angehörte, hatte sich
-ihrer bemächtigt; ach, nur zu deutlich empfand sie im eigenen Busen
-dessen unbeugsamen Eigensinn!
-
-Alslev bewies ihr, daß jeder Versuch vergeblich sein würde, die von
-ihrer Großtante testamentarisch dem jüngsten Fräulein des älteren
-Familienzweiges hinterlassene Dot, anders, als im Augenblick ihrer
-öffentlichen Verlobung in Anspruch zu nehmen, und daß diese +nie+
-zuzugeben Graf Christian jetzt fest entschlossen. Auf dem Rechtswege
-einer gerichtlichen Klage aber könne nur dann etwas erreicht werden,
-wenn Thorald eine Frau zu ernähren im Stande, der Unannehmlichkeit des
-öffentlichen Verfahrens und des Verstoßes gegen altes Herkommen und
-gewohnte Sitte gar nicht zu gedenken! -- Er vertröstete sie auf den
-Zeitpunkt, in welchem Thorald durch die zu hoffende Professor-Stelle
-an der neu errichteten Akademie, um ihre Hand beim Bruder anzuhalten
-befähigt sein werde, weil irgend ein unberechenbarer äußerer Umstand
-sich ihr günstig gestalten, oder auf Christians störrischen Sinn
-Einfluß gewinnen könne! Kjöbenhavn, meinte er, sei groß genug, ihr,
-welche kaum ein paar Wochen alljährlich in seinen höheren Kreisen
-zugebracht, den Unterschied zwischen diesen und der erwählten
-bürgerlichen Lebensstellung nicht allzu schmerzlich fühlbar zu machen,
-wenn es ihr nur glücke, die Zustimmung des nach Landesweise Vaterstelle
-an ihr Vertretenden zu gewinnen.
-
-»Und,« fragte erbebend das Mädchen, »wie lange Zeit, theurer Alslev,
-kann es erfordern, bis Thorald jenen Punkt erreicht?«
-
-»Wenn ihm jetzt gelingt, die Portraits der Königin Juliane Maria und
-des Prinzen Friedrich zu deren Zufriedenheit zu vollenden und diesem
-Auftrag noch einige andre bedeutende Bestellungen folgen, so zweifle
-ich kaum, daß er die offne Professur nicht bald erhalte, doch können
-allerdings noch zwei, drei Jahre vergehen, ehe er ein kleines Vermögen
-erworben.«
-
-»Zwei, -- drei Jahre! Alslev!«
-
-»Helene! Sie sagen mir ja, Ihre Liebe sei ewig, werde das Leben
-überdauern!«
-
-»Aber wir werden nicht immer jung bleiben, Alslev, und die Zeit ist
-eine so furchtbare Macht, sie kann eben so gut Tod und Verzweiflung
-uns bringen,« -- wieder flog ihrem Geiste das Geschick der wahnsinnig
-gewordenen Tante vorüber! Alslev schüttelte das ernste Haupt; ihm
-erschien Alles gering neben der Kraft des eignen unbeugsamen Willens.
-»Wer etwas erreichen will, muß warten können,« sagte er stolz.
-
-Bitterlich weinte Helene. Ach, noch vor wenig Stunden hatte ihr das
-Loos der Liebenden so sanfte, süße Thränen entlockt! damals hatte nur
-die Poesie eines alle Qual und Lust, Jugend, Alter, jeden Wechsel des
-Lebens überdauernden Gefühls sie erfaßt; jetzt sah sie nicht mehr die
-im Geist einander begegnenden bejahrten Liebenden, denen die eigne
-Treue zum Bürgen einer die schwere Erdenlast durchwachsenden Hoffnung
-geworden, sie sah nur die furchtbare, nackte Realität des Leids! Das
-einsame Todtenbett der gewaltsam Getrennten, zwischen denen sich das
-weite Meer des ganzen wogenden Daseins ausgedehnt, und welche nicht
-einmal die letzte Stunde desselben wiedervereinte! --
-
-Thoralds schriftliche Versicherung, daß er ihr nach Kiögge folgen
-und ganz gewiß von dort Mittel finden werde, sie im Stift zu sehen,
-vermochte nicht die tiefe, fast krankhafte Niedergeschlagenheit ihres
-Gemüthes zu heben. -- Trostlos warf sie sich in den Wagen, trostlos
-empfing sie im Vorüberrollen ihres harrenden Freundes Abschiedsgruß. --
-Trostlos erreichte sie bei einbrechendem Abend das Ziel ihrer Reise.
-
-Eine Meile abwärts von der ehemaligen kleinen Festung Kiögge, welche
-längst im Lauf der Zeiten ihre mittelalterlichen Ringmauern, ihre
-Gräben und Wälle eingebüßt, liegt in lieblichster Umgebung, von den
-herrlichsten Buchenhainen umgürtet, das große adlige Schloß und
-Damenstift Wallöe. Weiter zurück, nach der Seeseite zu, zieht sich das
-Dörfchen hin mit seiner schönen Kirche; ungemein fruchtbar und anmuthig
-ist die Gegend.
-
-Das Schloß selbst, im Geschmack der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
-erbauet, scheint eine Art deutsch-gothische Uebertragung zum Zopfstyl,
-vielleicht ist es ein wenig zu überladen im architektonischen Schmuck;
-die zwei breiten Wassergräben mit Zugbrücken, die beiden hohen
-Thürme an seinen Flanken, der eine rund, der andre viereckig, deren
-Kupferdächer in der Sonne glitzern und glänzen, geben der schönen
-Façade ein ehrenfestes, burgartiges Ansehen. Die sehr solide Unterlage
-des Baues besteht aus großen grauen Sandsteinquadern; der obere
-Theil prangte in den Tagen, von welchen wir erzählen, noch in seiner
-ursprünglichen rothen Backsteinfarbe; unter jeder Fensterflucht ziehen
-sich breite, ebenfalls graue, Sandsteingurten hin, vom selben Material
-ist die reiche Steinmetzenarbeit der Fenstergiebel; zwischen diesen
-und wo es irgend sonst noch ausführbar, sind graue rosettenartige
-Verzierungen angebracht; höchst charakteristische Hautreliefsköpfe,
-die sonderbar dämonisch auf den Eintretenden herabschauen! Ueber dem
-Haupteingange prangt das ebenfalls in Stein gehauene riesige Wappen der
-Gründerin des Stiftes; es steht unter unmittelbarem Schutze der Königin.
-
-Das Ganze macht, trotz des zwischen dem Ehrwürdigen und Barocken
-schwankenden Styls, einen ernsten Eindruck, durch Größe und
-Uebereinstimmung edler Proportionen.
-
-Als der Wagen über die Brücke fuhr, schreckte Helene auf aus ihren
-Träumen; aber der Ausdruck stiller Abgeschlossenheit der Umgebung,
-die etwas feierliche Ehrbarkeit des alten Stiftsbedienten, der sie
-am Thor empfing, wie die in ihren Zimmern herrschende peinliche
-Ordnung berührte sie schmerzlich. Alles erinnerte sie an Begräbniß und
-Gefängniß, und die draußen in buntem Herbstschmuck wogende Waldnatur,
-mit all ihrem Drossel- und Finkenschlag, mit dem unsäglich lieblichen,
-allmäligen Stillwerden der eintretenden Dämmerung, reizten sie durch
-den Widerspruch mit ihrem Innern zu immer verzweifelnderer Stimmung.
-
-Sie bewohnte das letzte Zimmer zur linken Hand eines ziemlich
-langen Ganges; um es zu erreichen, mußte sie an den jetzt noch leer
-stehenden Stuben ihrer Schwestern vorüber, das Vorzimmer, das ihnen
-gemeinschaftlich war, schloß eine Glasthüre; ließ Helene die ihres
-eigenen Gemachs offen, so blickte sie durch dieselbe auf den matt
-erhellten Corridor.
-
-Nach einer etwas späteren Präsentation bei der alten sehr kränklichen
-Abatissin, entschuldigte sich Helene mit Kopfschmerz, entzog sich dem
-gemeinschaftlichen Abendmahl und eilte zurück in ihre Wohnung. Die
-neugierigen Fragen nach allen gesellschaftlichen Verhältnissen und den
-Hochzeitsfeierlichkeiten reizten ihre Nerven bis zum Unerträglichen.
-
-Als sie den langen Gang durchschritt, gewahrte sie durch die Glasthüre
-im matten, nicht eigentlich klaren Mondenlicht in ihrem Vorzimmer eine
-Art Bewegung, -- wie ein wehender Vorhang wogte etwas durchsichtig
-Weißes in demselben. Des Mädchens Charakter neigte weder zur Furcht
-noch eigentlicher Exaltation, -- die momentane Ueberspannung all ihrer
-Kräfte war ihr selbst fühlbar; so blieb sie besonnen auf dem Gange
-stehen, ungefähr in der Mitte desselben, und schloß beide Augen mit der
-vorgelegten Hand. -- Erst als sie ihr Herz ruhiger schlagen fühlte,
-öffnete sie dieselben, es war Alles still. -- Wunderliche Einbildung!
-sagte sich Helene und setzte ihren Weg fort, -- in demselben Augenblick
-erhob sich's wieder, die Bewegung mehrte sich, allein das nebelartige
-Wesen hatte zur Gestalt sich verdichtet, welche mit langem weißen Arm
-rückwärts zu deuten, ja zu drohen schien! Jetzt stürzte Helene in
-fliegendem Lauf auf dieselbe zu, »es hat sich Jemand eingeschlichen,«
-war ihr einziger Gedanke, Thoralds Briefe auf dem Schreibtisch
-ihre einzige Sorge. -- -- Die Figur wurde compact, -- sie stand
-mit gläsernem, wasserblauen Blick und todtenbleichem Antlitz dicht
-hinter der Glasscheibe, -- es war eine steinalte Frau in wunderlichem
-jugendlichen Aufputz, in weißem Kleid, eine blaßrosa Schleife in dem
-schneeweißen Haar, und die dünne weiße Hand winkte zurück! zurück! mit
-immer steigender, ängstlicher Hast: zurück!
-
-Jesus! es sind der Tante Zimmer, die ich bewohne! durchblitzte es
-Helenens Gehirn, aufschreiend sank sie bewußtlos zu Boden.
-
-Als sie zu sich kam, standen der alte Diener und die Kammerfrau, welche
-im Stift sie bediente, vor ihr, man hatte sie ohnmächtig im Corridor
-gefunden, aufgenommen, in ihre Stube getragen und in einen Fauteuil
-gesetzt, man sprach von lauter Hausmitteln, vom Arzt, der Apotheke und
-einem heftigen Blutandrang, -- nach wenigen Secunden war ihr die volle
-Geisteskraft zurückgekehrt.
-
-Sie bat Niemand weiter zu rufen, die Damen nicht an der Tafel zu
-stören, nahm geduldig den ihr gebotenen Thee, ließ gelassen sich zu
-Bette bringen. Die dienstgewohnte alte Margareth bestand darauf, im
-Vorzimmer zu wachen; auch das ließ die Comtesse ruhig geschehen.
-
-Ein tiefes Besinnen hatte ihre ganze Seele erfaßt, »es war die
-Tante!« sagte sie sich selbst, »sie warnte; ich soll nicht elend
-sein wie sie. Abwärts, zurück winkte der lange schneeweiße Arm, der
-Finger deutete den Gang entlang. -- Wohin? hinaus? der Treppe zu?« --
-Alles Grausen war dem Mädchen untergegangen im seltsam angestrengten
-Bemühen, die Absicht der ihr wohlwollenden Erscheinung zu verstehen,
--- die grübelnden Gedanken begannen einander zu drängen, sie wurden
-zu Bildern, die sich mischten und theilten, -- zusammen- und wieder
-auseinander flossen, -- wie eine anschlagende Glocke tönte es ihr im
-Ohr, leiser, endlos dazwischen fort, die Töne wurden Musik, -- Gesang,
--- Schlaf.
-
--- In das weit offene Schloßthor wallte ein Festzug in fremder,
-altmodiger Kleidung in den Saal, in welchem alle großen Feierlichkeiten
-des Hauses Statt zu finden pflegten, Helene kannte Niemanden von all
-den Versammelten; unter dem rothsammetnen Baldachin stand eine schöne
-Frau, vor ihr, den Rücken Helenen zugekehrt, kniete eine Dame in der
-Galatracht der Priorinnen des Stifts, -- die Königin nahm die Insignien
-des Ordens und eine Pergamentrolle von einem Sammetkissen, das ein
-Cavalier hielt, -- auf dem Kissen, auf den Sammetbehängen immer das
-Wappen der fürstlichen Gründerin und Beschirmerin des Stifts zahllos
-wiederholt; -- »überall das Wappen der +Königin+!« dachte Helene, --
-»ja, an den Wänden, -- über der Thüre des Refectoriums, die nach dem
-Gange führt, überall +das Wappen+,« -- sie erwachte? -- Hell und klar
-drang die Sonne durch den halbgeschlossenen Vorhang, -- sie warf ihn
-zurück und sog mit langem genesenen Blick die Pracht der herbstlichen,
-rings ihr entgegen quellenden, bunten Fülle ein! »Der Mensch +kann+
-glücklich sein,« sagte sie, »auch ich +will+ glücklich sein.«
-
-Den ganzen Morgen blieb Helene in ihrem Zimmer eingeschlossen und
-schrieb. Die Nacht, der wirre, nur den unmittelbaren Schutz der
-Königin andeutende Traum, mochte er dem Zufall oder der ungeheuren
-geistigen Arbeit des gewaltsamen Nachsinnens sein Entstehen danken,
-hatte einen klaren, festen Entschluß in ihr gereift. Eine Ordensdame
-des königlichen Stifts Wallöe hatte den Rang einer hochadligen
-Erbtochter; -- zu einer Vermählung nach freier Willkür bedurfte sie
-+nur+ der Zustimmung ihrer Majestät! Helene war die erste Dame des
-Stifts Wallöe, welche in diesem Augenblick von jenem höchsten Anrecht
-Gebrauch zu machen beschloß und sie führte den Entschluß durch!
-
-
-In der verwitweten Königin Juliane Marie Privatgemache, stand
-ihres Eintritts gewärtig und ihrer harrend ein junger, schöner
-Mann; die hochgerötheten Wangen und die fliegende Brust, deren
-convulsivisch-heftigen Herzschlag das Spitzen-Jabeau verrieth,
-bezeugten, daß die ehrfurchtsvoll-ruhige, fast hofmännische Haltung
-desselben, eine mühsam erzwungene! Er hielt ein paar Chagrinleder-Etuis
-in der Hand, welche kleine Wiederholungen zweier, auf der Staffelei am
-Fenster bereit gestellter Portraits der Königin und ihres erhabenen
-Sohnes Friedrich umschlossen. In einzelnen Pausen der sein Haupt
-durchjagenden Gedanken, blickte er mit Wohlgefallen auf die in
-herrlichen Goldrahmen prangenden Staffeleibilder, besonders auf das der
-Königin, -- es war wirklich ein sehr gelungenes Portrait; französische
-Erinnerungen der damaligen Behandlungsweise schienen des Künstlers Hand
-geleitet zu haben, und gerade diesen Zügen war sie ungemein günstig;
-der Hang zur Intrigue, der in denselben fast kleinlich hervorstechend
-sich zeigte, war in anmuthige Schlauheit und feine Ironie übersetzt,
-der fast hinterlistig-scharfe Blick gewandt mit einer königlichen,
-stolzen Haltung gepaart, so daß er ohne hochmüthig zu erscheinen,
-durchdringende Klugheit aussprach, die sich der eigenen Kraft bewußt
-ist.
-
-Kurz, es war dem Maler gelungen, durch eine sehr geistreiche
-Schmeichelei auf dennoch nicht unwahre Weise, die Eigenschaften der
-Seele hier so zu idealisiren, wie wohl andere Künstler bei äußeren
-Eigenschaften der Gestalt es zu thun pflegen.
-
-Juliane trat, noch im Gespräch mit ihnen, von den Grafen Reventlow
-und Schimmelmann begleitet aus ihrem Cabinet. Des Letzteren Züge und
-ein kaum merkliches Zucken der linken Achsel verriethen, daß er dem
-Gegenstand der eben gehabten Unterredung keinen sonderlichen Werth
-beimesse; der Königin Gesicht dagegen sprach Aerger und Empfindlichkeit
-aus, die sie vergebens zu bemeistern strebte -- keinen günstigern
-Augenblick hätte der Maler finden können, die Trefflichkeit seiner
-Auffassung zu beurkunden, als die, welche eben jetzt die Vergleichung
-des Originals und der Copie dem unbefangenen Beobachter bot.
-
- * * * * *
-
-»Aha, mein lieber Meister,« redete ihn sogleich die Königin an, »er
-bringt mir pünktlich das Gemälde und die kleinen Copien. Schelm!« fügte
-sie im Nähertreten hinzu, »hat Er in Frankreich so artig schmeicheln
-gelernt? Er hat uns da eine Physiognomie gegeben, die Er um zehn Jahr
-rückwärts errathen haben muß. Schon recht, man muß ~in effigie~ der
-Zeit das wieder abzugewinnen versuchen, wozu in der Realität ihr
-unerbittliches Gericht uns verdammt. Sehr brav! Schöner Atlas! ja,
-ja, das Portraitiren verstehen die Franzosen. Er ist auch in Italien
-gewesen?«
-
-»Zwei Jahre, Majestät, in Rom und Florenz.«
-
-»Hat Er mir nicht gesagt, seine Mutter sei arm, die Witwe eines
-Officianten -- wo hat sie denn das Geld hergenommen, Ihn so lange im
-Auslande lernen zu lassen?«
-
-»Sie hat entbehrt, Hoheit, vieles sich versagt, um mich reisen und
-studiren --«
-
-»So? ich hoffe Er wird dankbar sein, ihr das vergelten, nicht zu den
-technischen Fortschritten in Seiner Kunst, Herzens-Demoralisation des
-Auslandes uns mitgebracht haben!«
-
-»Ach, wollte der Himmel ich könnte ihr den so tief, so warm empfundenen
-Dank anders als in Worten zeigen -- --«
-
-»Was ist Ihm denn? Das wird Er ja nun können, wenn Er die
-Ihm versprochene Professur erhält -- nun? Er kommt ja ganz in
-Agitation -- --«
-
-Ein Blick auf die Minister, welche das Gemälde betrachteten, wandte
-plötzlich die Aufmerksamkeit der Majestät von ihm ab, jenen zu. »Sie
-sind verdrießlich, Graf Schimmelmann, und sagen mir kein Wort, weder
-über mein Portrait noch meinen Protégé?«
-
-»Leider haben wir dem anerkannt tüchtgen Maler desselben wehe thun
-müssen und gerade im Augenblicke, da Ew. Majestät ihm ein so gnädiges
-Wohlwollen geschenkt,« erwiederte etwas verlegen der Minister, »der
-Anblick der so gelungenen Aehnlichkeit --«
-
-»~Qu'est-ce donc, Comte?~« fragte etwas zurücktretend Juliane Marie,
-»wir haben unsre Freude daran, heimischen Künstlern die Aufrechthaltung
-der neuen Akademie anvertrauen zu können und haben dem Manne die
-erledigte Professur zugesagt --«
-
-Auch Thorald wich einige Schritte zurück; die Königin trat mit den
-beiden Grafen in eine Fenstervertiefung, das Gespräch ward mit halber
-Stimme fortgesetzt.
-
-So ungemein vaterländisch nach Struensee's Tode alle Hofgesinnungen
-geworden, denn unter der Königin und Prinz Friedrichs Regentschaft war
-dem Ausländischen offene Fehde erklärt, so konnte dennoch Juliane Marie
-die französischen gewohnten Brocken in ihrer Wortstellung nicht wohl
-entbehren, und im Affect verfiel sie leicht in den damals fast in allen
-fürstlichen Häusern üblichen Ton -- »~c'est fort~,« fuhr sie fort,
-»wenn nicht die +Meine+, welche Art Fürsprache soll denn hier wohl
-entscheiden? Giebts einmal wieder irgend einen lumpigen Deutschen oder
-Franzosen zu versorgen?«
-
-»Bernstorff trägt die Schuld,« flüsterte ehrerbietig der Minister,
-»einem früheren Versprechen nach und auf ganz besondere Bitte eines
-Mannes, dem man verpflichtet, hat der alte Informator Henning Klint die
-Professur erhalten --«
-
-»Der Prinz kennt meinen Wunsch, ~c'éstoit une chose arangée, Messieurs~
--- Eynerssen hat mein Wort --«
-
-»Der König hat diesen Morgen das Decret unterschrieben.«
-
-Die Königin ward bis an die Stirne roth und stampfte mit dem Fuße:
-»wer hat mir das gethan? ~il me le payera!~« setzte sie zwischen den
-Zähnen murmelnd hinzu. Die beiden Grafen schwiegen. »Nun, meine Herren?
-Graf Schak-Reventlow? Darf ich um die besonderen Verdienste des alten
-Informators oder seines Fürsprechers bitten? Sie werden doch dessen
-Licht nicht unter den Scheffel stellen wollen?«
-
-»~Ma foi, Madame~,« sagte der Graf, »es ist mir bloß klar, daß Graf
-Christian Gejern Alles +gegen+ den jungen Eynerssen und +für+ den Klint
-gethan; Ew. Majestät werden geruhen sich zu erinnern, daß der Graf
-alle Offerten der königlichen Huld stets abgelehnt -- diese Besetzung
-der Akademiestelle war eine von ihm erbetene Gnade -- die aller Erste!
-Es war unmöglich ihm nicht zu willfahren und Se. Majestät der König,
-welcher ihm von der Bauernsache her noch immer gewogen, unterschrieb
-sogleich -- --«
-
-»Allerdings sind des Grafen Gejer Verdienste bedeutend,« erwiederte
-gewaltsam gefaßt die Königin; ihr Auge flammte und in den Mundwinkeln
-zeigte sich das Lächeln höhnischer Verbitterung, »ich werde morgen
-mit dem Könige sprechen.« Mit einer anmuthigen Bewegung des Hauptes
-und der linken Hand entließ sie die beiden Herren -- Eynerssen stand
-noch ihres Befehles gewärtig nahe am Ausgang. Juliane wandte sich nach
-der inneren, zu ihrem Cabinet führenden Thüre, »bleibe Er und erwarte
-Er mich hier, mein Sohn,« sprach sie mit gnädigem Kopfnicken, »es wird
-sich wohl in meiner Armuth irgend ein Mittel finden, ihn zu lohnen.«
-
-Rasch schritt sie durch ihr Schreibe-Cabinet in das Zimmer, in welchem
-sie schlief, eine ihrer vertrauten Kammerfrauen arbeitete dort mit
-einem Hoffräulein, Sophie Harrested. »Kennt eine von Euch,« fragte
-Juliane, »die Verhältnisse der Gräflich Gejerschen Familie?« Beide
-hatten bei Eintritt und Anrede der Königin sich ehrfurchtsvoll erhoben.
-Das Fröken erzählte von den Hochzeiten, den Ausstattungen der beiden
-Neuvermählten. »Schon gut, das haben wir selbst erlebt.« -- »Die
-Gräfin?« Niemand kannte sie. »Kinder?« -- Keine. »Die dritte Comtesse
-ist also die junge Stiftsdame von Wallöe, von welcher dies Schreiben,«
-sagte die Königin vor sich hin, »und der Graf will die glücklich genug
-fruchtlos gebliebene Mißheirath durch einen glänzenden Stammerben
-auslöschen; der eine Bruder kinderlos, wie er -- der jüngste kränklich
--- keine Kinder zu hoffen. Da rechnet man auf Uebertragung des Namens.
--- Weiß Jemand von der jüngsten Comtesse?« Die Kammerfrau kannte die
-Familie Alslev und floß über vom Lobe Helenens. »Keine Aussicht zur
-Heirath, nicht verlobt?« Beide Erzählerinnen stockten -- endlich fuhr
-die Harrested fort -- »man hat von einer großen Leidenschaft der
-Comtesse für einen jungen Bürgerlichen gesprochen, allein das Betragen
-derselben ist so in den strengsten Regeln des Schicklichen geblieben,
-daß Niemand den Gegenstand dieser Neigung kennt.« -- »Schon gut,« sagte
-die Königin, »Ihr könnt gehen;« sie stand auf und rief, indem sie
-selbst die Thüre öffnete, den jungen Mann in ihr Cabinet.
-
-»Mit der Professur ist's wirklich nichts, junger Freund,« redete sie
-ihn an; »danke Er Gott dafür! Er ist also in die Comtesse Gejern
-verliebt?« -- Wie vom Blitz getroffen schwankte der Künstler auf den
-Füßen, die ihn nicht zu tragen vermochten, er taumelte rückwärts gegen
-die Wand, keines Wortes fähig -- »nun, nun!« lächelte die Königin, »die
-Liebe an und für sich, wenn sie in den Grenzen der Zucht und Ehrbarkeit
-bleibt, ist eben kein Todesverbrechen. Fasse Er sich -- und antworte
-mir klar und vernehmlich.«
-
-»Ich liebe die Gräfin mehr als mein Leben,« erwiederte stolz und
-fest der junge Mann, »wenn aber mein Gefühl das Elend der Comtesse
-herbeiführen könnte, würde ich den Muth haben, Kjöbenhavn sogleich zu
-verlassen.«
-
-»Ja? was ist denn seine Absicht? daß die Comtesse auch Ihn sehr
-schätzt, weiß ich; wollte er deshalb Professor werden?«
-
-»Ja, Ew. Majestät; ich betrachtete diese Anstellung als den ersten
-Schritt, um der Gräfin würdiger gegenüber zu stehen, wenn ich auch kein
-anderes Ziel an diese Aussicht zu knüpfen wagte.«
-
-»Und der Graf Christian weiß um diese Neigung?«
-
-»Leider! da er sie verdammt!«
-
-»So, so,« sagte die Königin für sich, »ich will ihn lehren eigenmächtig
-handeln!« Sie ging an den Schreibtisch und unterschrieb Helenens
-Petition, durch welche sie ihr gestattete, ohne Einwilligung ihres
-Bruders sich zu vermählen. »Lese er das.«
-
-Der Glückliche lag, ihr Gewand an seine Lippen drückend, zu ihren
-Füßen. »Aber höre Er, meine Bedingung! ich will keine Auswanderung
-unserer Landeskinder; daß wir in der Fremde etwas Tüchtiges zu lernen
-suchen, ist schon recht, allein man soll Dänemark nicht die Früchte des
-Erworbenen entziehen. Man wird sich Eurer annehmen! Ich bin Ihm das
-Honorar für die Bilder schuldig -- und -- Ihr könnt im Cavalier-Hause
-wohnen, fällt mir ein! Sagen Sie dies Alles der Comtesse und vergessen
-Sie nicht, daß wir in Gnade Ihnen Beiden gewogen bleiben!« setzte
-sie plötzlich französisch hinzu; trotz der innern Heftigkeit, welche
-ihre rasche Handlung herbeigeführt, machten deren Folgen sie bereits
-verlegen.
-
-Ein reitender Bote brachte den Befehl der Königin nach Wallöe, das
-sogenannte Cavalier-Haus der Gräfin Gejer zur Verfügung zu stellen
-und mit diesem zugleich Helenen die Erlaubniß zu ihrer Vermählung.
--- Thorald erhielt noch am selben Abende eine für die Privatkasse
-Julianens sehr bedeutende Summe als Bezahlung der Gemälde.
-
-Christian war wie vernichtet! Helene nahm sogleich die ihr zufallenden
-10,000 Thaler in Beschlag und ihren Antheil an der Tante Mitgift.
-Ohne weiter ein Wort zu verlieren, sandte der Graf Alslev alle
-nöthigen Papiere, sowohl zu Auszahlung der seiner Schwester aus ihrem
-gemeinsamen Vermögen zufallenden Dot, als zu jener der Gräfin Owen; als
-er das Paket siegelte überfiel ihn eine an Ohnmacht grenzende Schwäche
--- mit gewaltsamer Anstrengung drückte er sein Wappen auf dasselbe. --
-»Man wird es zerbrechen!« sagte er leise vor sich hin, dann zog er sich
-in seine Zimmer zurück und begrub sich in seinen Studien.
-
-
-Gar anders sah es in Wallöe aus. Von allen Seiten zog die Freude ein.
-Der Königin so bestimmte Bestimmung schloß alle böswilligen Bemerkungen
-aus -- selbst die sieben Mogenstrupps wagten nur orcanische Seufzer.
-Im Cavalier-Hause regte sich ein gewaltiges Leben, es wimmelte von
-Arbeitern; da wurde tapeziert und gezimmert, angestrichen, gemalt,
-geschmückt, und die Liebe half überall der Liebe! denn Thorald war
-selbst von Kjöbenhavn herüber gekommen, Helenen beizustehen.
-
-Das Cavalier-Haus, ein freundliches, kleines Gebäude aus der nämlichen
-Zeit als das Stift; rings von einem Blumengarten umfaßt, lehnt es an
-einem mit Buchen schön bewaldeten Hügel; diese herrschaftliche Wohnung
-wurde von Alters her bei Regulirung der Gesammt-Einkünfte desselben von
-den dabei beschäftigten Herren eingenommen, wenn sie zu einem längern
-Aufenthalt in Wallöe veranlaßt wurden. Auch die Königin bediente sich
-ihrer früher gern, wenn sie um die Osterzeit einige Tage in der von
-ihr bevorzugten Stiftung zubrachte, um die sie begleitenden Cavaliere
-unterzubringen, wodurch das freundliche Schlößchen den ihm anhangenden
-Namen erhielt. Seit Jahren war Juliane Marie nur auf einzelne Stunden
-in ihr Ordenshaus eingekehrt; der hübsche Bau hatte verödet dagestanden.
-
-Wer hat nicht irgend einmal mit Vergnügen zugesehen, wenn Kinder
-Wirthschaft spielen? Wenn sie auf Blumenblättern statt auf Tellern
-serviren? Des Vaters goldne Dose und der Mutter Schmuck zu Küchengeräth
-machen, und lauter Bisquit und Bonbons kochen? Nicht sehr viel anders
-war der Brautleute Einrichtung, weil Jedes das Andere mit noch einer
-ganz einzigen Herrlichkeit und Bequemlichkeit überraschen wollte. Es
-wurde Alles phantastisch-schön und nebenbei sehr kostbar; aber es war
-dem Geschmack Beider vollkommen analog, und wurde dadurch wieder ein
-Beider Leben enger verflechtendes Band.
-
-Man hatte dergleichen nie in der Gegend gesehen, halb Kiögge ritt
-und fuhr herbei, das Wunder zu schauen. An einem wunderschönen
-Spät-Herbstmorgen ward die stille Trauung vollzogen; keiner der
-drei Brüder war zugegen, die Schwestern schrieben freundlich und
-sandten Geschenke. Alslev kam mit seiner Familie -- er hatte Helenen
-zur Oeconomie ermahnen wollen; als er aber in dieser Mischung von
-englischem Cottage-Comfort und italienischer Villa und französischer
-Eleganz das glückstrahlende Gesichtchen Helenens sah, verschob er es
-auf ein andermal. Der isländische Pfarrer hatte eine rührende Botschaft
-gesandt und die Versicherung: er werde bei seiner Rückreise bei dem
-neuen Paare einkehren; ihn hielt die bereits geschlossene Schifffahrt
-noch in Dänemark zurück.
-
-Auch die arme Nordermule hatte geschrieben. Helene las das Blatt
-wohl zwanzigmal, ohne daß ihr dessen Inhalt verständlich geworden
-wäre. Es war ein wild-schmerzlicher Abschied, einem Schmerzensschrei
-vergleichbar, der in der jungen Frau Seele einschnitt -- unklar und
-verworren. »Sie traut sich wegen Christian nicht zu mir,« sagte sie
-sich, »die arme Gute! sie mag wohl recht haben, er würde es ihr kaum
-verzeihen, und besser ist ihr das sichere Dach meines Bruders, als die
-Decke unsres Wanderzelts! -- Wer weiß, wo wir einst es aufschlagen.
-Christians Haus beut ihr eine stets gleiche Zuflucht, während wir
-vielleicht nur einer des andern Brust behalten, unser müdes Haupt
-darauf zu legen.« Aber so vernünftig das Alles war, streifte es nur
-leicht ihre Gedanken; das Glück war zu übermächtig in ihr.
-
-Der Winter flog auf seinen Silberfittigen dahin, er war mild und schön;
-schon nahte der Lenz; die Liebenden waren glücklich und fleißig. Helene
-hatte Zeichnen gelernt und begann zu malen.
-
-Sie rechneten nicht, ihr Capital nahm ab! ihre Wirthschaftskasse war
-eine offene Schieblade -- aber die Seeländer sind ehrlich; weder sie
-noch das sorglose Paar dachten an Diebstahl.
-
-Die Schifffahrt war eröffnet, als unvermuthet spät Abends ein Gast
-erschien; Helene hatte zum ersten Mal den Versuch gemacht, nach Gyps
-zu zeichnen, und die Lection hatte wie gewöhnlich mit einem Kußhonorar
-geschlossen, als Kund Jürgenssen eintrat. »Dieser Anblick ihres
-Wohlergehens erleichtere ihm das Abschiednehmen,« meinte er, »und er
-hoffe, daß ihn die Kunde ihres ferneren Glücks noch oft erreichen
-werde.« Dem Alten war Alles zu reich und köstlich in ihrer Umgebung --
-er konnte sich aus all der Seide und den Spiegeln und dem Mahagoni
-gar nicht herausfinden; Helene sperrte ihn lachend mit dem Tisch in
-einen Saffian-Fauteuil, damit er nicht gar vor lauter Achtsamkeit, ihre
-Schätze nicht zu beschmutzen oder zu zerbrechen, ganz verstumme; und
-nun begann er zu erzählen, »wie er auch einmal beim Grafen zu Aalholm
-gewesen,« -- ein leichtes Wölkchen überflorte Helenens glänzende Stirn,
-sie reichte rasch Thorald die Hand. -- Es wären schon ein paar Monate
-her, fuhr er fort, und wiederum sei ihm dort eine besondere Gnade des
-Herrn geworden! »Es war Abend,« erzählte er weiter, »eine silbergraue,
-noch klare Dämmerung lag auf Aalholm, und ich ging durch die schönen
-buntgefärbten Buchengänge, die ich nun bald wieder entbehren sollte;
-auf den Wiesen wogte eine bläuliche Feuchte, und am Teich kräuselte und
-webte es so neblig hin, und ballte und rollte sich auf -- das Schilf
-schwankte träumerisch mit seinen schweren Dolden, die Vögel hörte man
-nur fliegend und flatternd im Laube ihr Nachtlager suchen, sie sangen
-schon längst nicht mehr -- auch die Insectenwelt war abgestorben. Den
-dunkelnden Wald durchleuchteten die fernen Schloßfenster mit röthlich
-schimmerndem Lichtschein; zwischen den Mauern dort mochte es wohl schon
-finster sein.
-
-Ich gedachte der immer trauriger werdenden Jahreszeit in meinem
-Vaterlande, und der hübschen Mährchen und Balladen, mit welchen wir sie
-Abends daheim zu erheitern suchen, da sah ich plötzlich mir gegenüber
-am jenseitigen Ufer des Weihers eine fliegende Gestalt, um sie her
-flatterten weiße Gewänder, kaum berührte, so schien mir's, dann und
-wann ihr Fuß den Boden. Sie eilte auf den mir nicht allzu fern im
-Schilf liegenden und ganz von Weiden und Wasserpflanzen umgebenen
-Kahn -- ich war schon wieder besonnen und wußte gar wohl, daß die
-Erscheinung nur eine menschliche sein könne! Sie kniete nieder in den
-Nachen und begann eine Menge Steine in ein Tuch zu binden, welche
-vermuthlich dort schon bereit lagen; endlich wand sie dasselbe um ihre
-Füße, indem sie zugleich damit ihre Kleider festschnürte; -- als sie
-damit fertig, richtete sie nochmals das Antlitz betend gen Himmel auf
--- jetzt kniete sie schon am Schnabelende des Boots, und so rutschte
-sie mit den gebundenen Füßen vorwärts dem Rande näher --«
-
-»Um Gotteswillen, Emerenzia!« schrie Helene auf.
-
-»Ja,« sagte der Pfarrer, »ja sie war's! aber Gott leitete meine
-Schritte und meine Hand, daß ich im rechten Augenblicke sie erfaßte
-und gewaltsam sie zurückhielt! ich nahm sie wortlos in meine Arme und
-trug sie zurück; ihr selbst schwanden die Sinne, und sie kam erst dem
-prasselnden Feuer gegenüber in ihrem Stübchen, wohin ich sie getragen,
-zu völligem Bewußtsein.« »Unglückselige!« sagte Thorald, »was hatte zu
-solchem Schritte sie vermocht?«
-
-»Ach, lieber Herr,« erwiederte Jürgenssen, »sie verstand es nicht, so
-allein zu leben! Die drei nun zu Frauen gewordenen Fröken waren so
-glücklich ohne sie, es hatte, so meinte sie in böswilligem Trotz --«
-
-»Ach, Trotz! meine arme Nordermule, das demüthige Herz!«
-
-»Frau Eynerssen wissen nicht, daß sich Demuth und Trotz im Leben
-manchmal gar nicht unterscheiden lassen?«
-
-»Also Janfru Nordermule sah den langen Tag und die lange Nacht immer
-wieder vorüberziehen, ohne daß irgend Eines ihrer bedurft hätte --
-da wurde sie trauriger mit jeder Stunde! Sie kam sich mit einem Male
-vor, wie ein abgelaufenes Uhrwerk, zu welchem der Schlüssel verloren
-gegangen; und als der Kummer allmälig mehr und mehr all ihre Gedanken
-überschattete, konnte sie zuletzt der Sehnsucht nach dem stillen Weiher
-nicht länger widerstehen, in dem sie Schlaf und Ruhe zu finden meinte,«
--- »und nun? und nun?« fragte in ängstlicher Spannung das junge Paar,
-»wo ist sie jetzt?«
-
-»Nun steht sie draußen vor der Thüre und hat mich beauftragt, das Alles
-My Frau Eynerssen zu erzählen; sie will Abschied nehmen -- denn sie
-geht mit mir nach Island!«
-
-Die jungen Leute waren schon draußen bei ihr, als er die letzten Worte
-vollendete.
-
-Ja, so war's! Die kleine graue Nordermule stand, tief in Pelze
-verhüllt, im nordischen Reiseanzuge auf der Flur; mit tausend
-Liebkosungen ward sie in die lieblich phantastischen Räume eingeführt,
-gehätschelt, gescholten -- das ganze Herz ward ihr bewegt; aber ganz
-unerschütterlich entschlossen reichte sie ihrem alten greisen Führer
-die Hand -- »er hat mich überzeugt, daß ich dort noch nützen kann,« --
-versicherte sie freundlich.
-
-»Ob sie das kann!« sagte der alte Kund, »für's erste muß sie gleich
-den Sommer hindurch uns beistehen, Thorsons mit Ihres Herrn Vaters
-Gelde gestiftetes Hospital aufrecht zu erhalten, dann mag sie meiner
-Mathilde helfen, die Kranken meines eigenen Sprengels zu pflegen; ach
-und Abends, wenn der Winter draußen um unsre Hütten ras't, dann wird
-Emerenzia uns Allen +erzählen+! Unsre Weiber wird sie lehren, bessere,
-feinere Handarbeit machen, unsre Kinder mit unterrichten helfen und vor
-Allem meine Kirche mit den fleißigen, geschickten Händen schmücken, o
-wir werden Alle so dankbar und glücklich sein, Janfru Emerenzia um uns
-zu haben, -- so glücklich!« er drückte ihre Hand.
-
-»Aber Jürgenssen, es kann ja nicht Ihr Ernst sein -- sie wird mit ihrer
-geschwächten Kraft die Reise nicht überstehen -- sie bringen sie nicht
-lebend hinüber!« sagte leise Thorald --
-
-»Sie irren,« erwiederte ernst und mild der alte Pfarrer, »sie ist
-eine Nordländerin und wird die Fahrt überdauern -- und gönnen Sie ihr
-denn nicht, umringt von den poetischen Erinnerungen ihrer Jugend,
-als Pflegerin der Pfarrkinder unsres Johannes und der Rosen des ihr
-so theuern Grafen Thugge zu sterben? +Dort+ sind all die ihr +hier+
-abgewelkten Interessen noch frisch erhalten -- hier verdrängt sie eine
-laut und lauter sich erhebende Gegenwart!«
-
-»Er hat Recht!« sagte wehmüthig Helene, und am andern Morgen zogen
-sie von dannen! Das Ehepaar sah vom Kiögger Hafen aus lange dem
-buntbewimpelten Schiffe nach und kehrte in seine Künstler-Einsamkeit
-zurück. Wie ein Thautropfen hing die Abschiedsthräne an der vollen Rose
-ihres Glücks, und der nächste Sonnenstrahl küßte sie auf!
-
-
-Und Graf Christian, und Eva? und wie wurde es denn weiter? dauerte
-denn das Glück im Cavalierhause bei dieser tollen, wunderlichen
-Wirthschaftsweise?
-
-Soll ich meinen Lesern weitläuftig von der Ebbe und Fluth alles
-menschlichen Erfahrens berichten? Das Gold ward alle -- manchmal
-klopften böse Verlegenheit und Noth an die Thüren und Fenster, manchmal
-schlich die Sorge ein und zog ihre grauen Schleier über das fröhliche
-Auge Helenens, und zuweilen faßte auch wohl eine fast wilde Sehnsucht
-ihr Innres nach ihren beiden Schwestern und nach Christian, ihrem
-nun ganz vereinsamten Bruder, der seine arme Eva mit dem fallenden
-Laube zu Grabe getragen, und nun, wie einst ihr Vater Thugge, allein
-das große Aalholm bewohnte; aber der Gejersche Trotz wollte dennoch
-sich nicht bändigen lassen in dem stolz aufschlagenden Herzen und der
-freundlichere Gedanke wurde noch lange Jahre hindurch in Beiden nicht
-zum einander verzeihenden Wort.
-
- * * * * *
-
-Da starb auch Joachim. Seine Ehe war kinderlos geblieben. Der
-Trauerfall und die ihm entstehenden Angelegenheiten zogen alle
-Geschwister in die Residenz. Die Schwestern sahen sich, und das gute
-Vernehmen zwischen ihnen stellte sich her. Christian und Helene
-aber blieben sich fern; auch Thorald, der zum tüchtigen, vielfach
-beschäftigten, vom Hofe vergötterten Künstler sich herangebildet, mied
-seine Schwäger. Der gute Alslev und seine würdige Gattin hörten mit
-unveränderter Theilnahme jedes Einzelnen Klage an, aber beide scheuten
-den ihnen wohlbekannten finstern Geist des Geschlechts, den alten
-Starrsinn der Gejers zu sehr, um eine Aussöhnung auch nur zu versuchen.
-
- * * * * *
-
-Da öffnete eines Tages Christian unvermuthet die Thüre des
-Studirstübchens seines alten Freundes; Alslev saß schlummernd in seinem
-hochrückigen Großvaterstuhl, er war über einer langen Actenrevision
-eingenickt, auf der Lehne des Sessels aber hing oder ritt ein
-wunderbar schöner Knabe von etwa sechs Jahren; er hatte dem Alten ein
-buntseidenes Band über den Kopf geworfen, daß er ihm durch die vom
-Schlaf halb erschlossenen Lippen zu ziehen eifrig bemüht war, indem
-er sich zugleich auf dessen Schulter zu schwingen suchte, um ihn zum
-Roß zu machen und einen kühnen Ritt in's Fabelland seiner Phantasie
-zu thun. »Willst Du mitspielen,« fragte das kecke Bübchen, »mußt aber
-jetzt auch Pferd sein und Dich von mir führen lassen, nachher darfst Du
-aber auch reiten!«
-
-Helenens Sohn! durchblitzte es Christians Starrsinn, und die
-Wunderkraft der Kindheit trat plötzlich in ihr volles Licht. Denn
-der Graf vermochte kein Auge von dem kleinen Tyrannen zu wenden,
-der ihm mit schmeichelnder Gewalt den Zügel bot -- als Alslev von
-dem Jubel-Geschrei erwachte, war die Bekanntschaft schon weit
-vorgeschritten.
-
-Wer in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in Wallöe war, wird wohl
-den neuen herrlichen Aufbau des ehemaligen Cavalier-Hauses und seine
-prächtige Umgebung und Einrichtung bemerkt haben; sie ist solider aber
-noch kostbarer als sie vor etwa fünfzig Jahren es war. Ein neues,
-kräftiges Geschlecht der Gejer bringt dort die schönen Sommertage zu;
-die bösen Geister des erloschenen Stammes beunruhigen es nicht, sie
-sind dem heitern Glück gewichen!
-
-Der jetzige Graf ist ein schöner, alternder Mann und unermeßlich reich,
-weil ihm das Vermögen aller Nebenzweige der großen Familie zugefallen;
-seine Mutter war eine geborene Comtesse Gejer und hieß Helene; er
-hat schon als Knabe den Namen derselben auf seiner Oheime Wunsch
-angenommen, weil ihnen selbst kein Stamm-Erbe erblüht war.
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
- [1] Zur Zeit der für Aufhebung des Gemeinbesitzes constituirten
- Commission 1759.
-
- [2] Fröken, +adliges Fräulein+.
-
- [3] Feste-Bauers, ohne alles Eigenthum.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 47: ancharten → Plancharten
- auf seine Bücher und {Plancharten}
-
- S. 65: Halde → Haide
- leichten Ganges über die {Haide} hineilte
-
- S. 140 aufgischend → aufgischtend
- Wildströme reißen sich {aufgischtend}
-
- S. 235: Gräber → Gräben
- Ringmauern, ihre {Gräben} und Wälle eingebüßt
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Eine dänische Geschichte, by Adele Schopenhauer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DÄNISCHE GESCHICHTE ***
-
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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-Author: Adele Schopenhauer
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-Release Date: July 18, 2016 [EBook #52602]
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-Language: German
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-Character set encoding: UTF-8
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DÄNISCHE GESCHICHTE ***
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-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
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-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
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-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
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-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am <a href="#tnextra">Ende
-des Buches.</a></p></div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Eine dänische Geschichte.</h1>
-
-<p class="center">Roman</p>
-
-<p class="center smaller">von</p>
-
-<p class="center bold">Adele Schopenhauer.</p>
-
-<p class="center p2">Braunschweig,<br />
-Druck und Verlag von George Westermann.</p>
-
-<p class="center">1848.</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-</div>
-
-<p class="drop">Auf der süd-östlichen Küste der Insel Laaland erhebt
-sich das alte Städtchen Nysted, welches sich zu den
-frühesten Dänemarks zählt, da es schon im Jahr
-1409 durch Erich von Pommern Stadtrechte erhielt.
-Wie aus einem dicken Laubkranze schaut es von seinem
-grünenden Hügel aus weit hinein in das Land
-&ndash; über Laaland und Falster hin, ja dem Meer entlang
-bis nach Femern und Rostock, und seine berühmten
-Lindengänge erzählen sich im Abendwind ganz wundersame
-Geschichten: der träumerische Nachthauch
-streicht über heidnische Grabhügel, über verfallene
-Gerichts- und Opferstätten hin, und hilft dem kundigen
-Greis die in seinem Kopf zerstreuten, halbverlorenen
-Klänge der alten Saga zusammensuchen, die
-ihm vom Ur-Ahn auf Großvater und Vater vererbt<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span>
-sind. Denn der Nordländer, besonders aber der Landbewohner
-hört gar gern erzählen von lang vergangenen
-Tagen, wenn der strenge Winter ihm Thor
-und Fensterladen schließt und ihn zurückdrängt in die
-engen Kammern.</p>
-
-<p>Auf dem höchsten Steine der ehemaligen Schanze,
-an der Mündung des Hafens, saß ein junger Mann,
-nachdenklich beide Arme auf ein Mauerstück gelehnt
-und schauete bald zum bewölkten Himmel auf, bald
-in die frische Landschaft hinein, sah aber dabei aus,
-als gedenke er gar anderer Ruinen, gar anderer Hügel
-und Meere; ihm war das Herz sichtlich schwer. Auch
-er war ein beliebter Erzähler des Städtchens; er
-hatte oft und gern seinen staunenden Zuhörern den
-bunten Schleier seiner südlichen Anschauungen über
-dies stille Grau der Nebel hingebreitet, in denen der
-Frühling, wie ein Kind in seinen Windeln, tief in's
-Jahr hinein schläft, und dann mit einem Male aufspringt,
-da ist in voller Schöne und Kraft und wie
-ein junger Herkules die alte Winterschlange zerdrückt.
-Das hat der höhere Norden mit dem Süden gemein,
-daß dort wie hier der ganze Lenz, wie seine einzelne<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span>
-Blüthe, in der geschwellten Knospe steckt; und ihn der
-heiße Sonnenstrahl plötzlich erweckt zum üppigsten
-Leben, während man in Mittel-Deutschland ihn lange
-kommen sieht, und heute die Primel, morgen die
-Kirschenblüthe findet, eine Woche lang das Maienglöckchen
-erwartet, und so allmälig Blume um Blume
-willkommen heißt und begrüßt.</p>
-
-<p>Drei Monate schon war der Reisende in Nysted;
-seit drei Wochen liebte er; seit drei Wochen war ihm,
-außer dem kleinen Fleck Erde Laaland, die übrige
-Welt dunkler geworden als der bewölkte Himmel, den
-er anstarrte. &ndash; Darum also war er in Italien gewesen,
-hatte Rom gesehen, dort und in Florenz Jahre
-lang studirt, um hier hoffnungslos einem bleichen
-Mädchenantlitz gegenüber festzuwurzeln? &ndash; Wo waren
-dann seine Wünsche und Träume geblieben, und
-all die weitausgreifenden Pläne der Seinen? &ndash; Wie
-welke Blätter im Sturm kreisten und wirbelten Erinnerungen
-und Vorstellungen durch seine Seele: &ndash;
-er gedachte seiner Mutter in Plön, wohin sie von
-Copenhagen gezogen, um wohlfeil zu leben, einsam
-mit einer alten Magd, jeden Pfennig zu sparen und<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-mitten in den Unruhen des Kriegs ihn zum Künstler
-zu bilden; er gedachte seines Ohms, des Rathsverwandten
-Hagemeister, der als solcher eine kleine Anstellung
-in Roeskilde erhalten, und mit unsäglicher
-Mühe durch des Bischofs Gnade den Auftrag ihm
-verschafft hatte, der zuerst ihn nach Nysted geführt.
-&ndash; Eben durchbrach die Sonne, mit hellem blassen
-Strahl sie durchschneidend, die schwere Wolkenhülle;
-aufblitzte der goldne Thurmknopf der das ganze Städtchen
-hoch überragenden Kirche; die Arbeitsstunde war
-gekommen, und die Möglichkeit im alterthümlichen
-Bau des Gotteshauses die Farben zu sehen und scharf
-zu unterscheiden; &ndash; der Maler warf alle Gedanken
-zur Seite und eilte der Bucht entlang den Weg
-zurück in die Stadt, die steile Gasse hinauf zur
-Kirche; sie war geschlossen am Werkestag; das Frühgebet
-war längst vorüber. Thorald mußte herumgehen
-bis an des Küsters Haus; er klopfte leise an
-die runden Scheiben des kleinen Fensters, es öffnete
-sich sogleich und ein feiner Mädchenkopf beugte sich
-hervor.</p>
-
-<p>»Ei guten Morgen, Herr Eynerssen! Der Vater<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-ist nicht mehr daheim, er ist auf Schloß Aalholm zum
-Grafen, und ich soll Euch führen; die Schlüssel hat
-er mir gelassen, ich komme gleich hinab!«</p>
-
-<p>Im Augenblicke stand sie, in ein bescheiden
-Mäntelchen gehüllt, neben ihm, &ndash; »aber laßt Ihr
-mich nun auch das Gemälde sehen, lieber Herr? ich
-habe mich so lange darauf gefreut, allein der Vater
-ist so streng; der hält am gegebenen Wort wie eine
-Eisenklammer. Ihn kümmert es gar nicht, daß mich
-die Christine und Elisabeth und Sophie verspotten,
-weil ich, gleichsam ein Kirchenkind, das Bild noch
-nicht gesehen, da Ihr es doch schon vor drei Tagen
-hingebracht.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wenn es fertig ist, Gianina, sollst Du es zuerst
-sehen, früher als alle Anderen; heute aber
-kann ich Dir den Gefallen nicht thun, ich muß den
-Eindruck, den es macht, an Ort und Stelle selbst betrachten,
-ihn wohl berechnen, manches ändern und
-hineinmalen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Da verwälscht Ihr mir wieder meinen ehrlichen
-Christennamen und thut mir dennoch nicht das kleinste
-zu Liebe! <em class="gesperrt">Johanna</em> heiß ich, hundertmal habe ich's<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-Euch schon gesagt! Würde das klingen ›Gianina
-Kaalund‹? hört doch selbst, wie das acht und kracht!
-Es paßt zusammen wie die Faust auf's Auge.«</p>
-
-<p>Während dem Sprechen hatte das Mädchen die
-schweren Schlösser geöffnet; sie traten durch die Sacristei,
-welche der Kirche anhing wie ein unförmliches
-Schwalbennest, in die dämmernde Stille des Seitenschiffs.
-Die weißgetünchten Räume gehörten dem
-normannisch-romanischen Styl an, der edle Bau war
-frei und nicht durch schwerfällige Mittelchöre verunstaltet;
-ein frommes, freudiges Dankgefühl schlug an
-des Malers Herz &ndash; rasch schritt er vor nach der
-Mitte des Altars und überflog mit flammendem
-Auge die seiner Tafel bestimmte Stelle; hinter derselben
-stand das wohl verhangene Bild. Daneben
-lehnten eine Leiter und eine staffeleiartige Vorrichtung,
-um das Gemälde in die ihm bestimmte Höhe zu
-bringen und ihm das passende Licht zu geben. Der
-Maler hatte die Absicht, an Ort und Stelle das
-Gemälde zu vollenden, und dann erst dem Magistrat,
-welcher es für die Stadtgemeine bestellt, zu überantworten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<p>Unterdessen war Carlson, ein langer blonder
-Knabe, welcher dem Maler aufwartete, mit dem
-Malergeräth angelangt. Thorald und er gaben sich
-sogleich daran die Tafel aufzustellen. Das Mädchen
-hatte der Künstler längst vergessen.</p>
-
-<p>Die Kleine war scheinbar hinausgegangen, dann
-umgekehrt und hinter einen der großen Pfeiler geschlüpft;
-sie schaute von dort sachte hervor auf Beider
-Treiben, in der Hoffnung, wenigstens von weitem
-ihre Neugier befriedigen zu können.</p>
-
-<p>Jetzt war das Bild mit dem leeren Altarraum
-in gleiche Höhe gebracht, es stand demselben zur
-Seite; Carlson ward entlassen. Zögernd blieb der
-Meister mit verschränkten Armen vor seinem Werke
-stehen, als scheue er die Enthüllung desselben. &ndash;
-Carlson strich dem Pfeiler vorüber, welcher Johannen
-barg; sie glitt geschickt um denselben herum und war
-nun dem Gemälde um so näher. Endlich flog der
-Vorhang zurück. »Mein Jesus, das Schloßfräulein!«
-schrie Johanna sich selbst vergessend auf. Wie von
-einem elektrischen Schlage getroffen taumelte der Maler
-zurück. »Du hier, Johanna? und Sie &ndash; Helene?<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-das Fräulein von Gejern wollte ich sagen &ndash; aber
-wo, um Gotteswillen, wo ist sie? sprich doch
-Mädchen!«</p>
-
-<p>»Was fällt Euch ein! Ihr träumt, lieber Herr.
-Das Fräulein außer aller Kirchenzeit hier in dem
-verschlossenen Gotteshause? ich meine <em class="gesperrt">da</em> die heilige
-Martha neben unserer Herrgottsmutter auf dem Gemälde,
-sie ist ihr ja wie aus den Augen geschnitten!
-Wird sich die wundern, und der Herr Graf! &ndash;
-aber der Johannes sieht ihr wahrhaftig auch etwas
-ähnlich! &ndash; und davon sagt mir der Vater kein
-Sterbenswort!«</p>
-
-<p>Heiß erröthete der junge Mann, ob aus Liebesentzücken
-oder Scham ist schwer zu sagen, denn die
-in's Auge fallende Aehnlichkeit war ihm unbewußt
-aus der Seele in die Farbe seiner Pinsel gedrungen;
-dann versuchte er des Mädchens Ausspruch zu widerlegen,
-ja, er schalt ihn sogar eine thörichte Einbildung,
-der des Fräuleins Ohr ja nicht berühren
-dürfe; er bewies ihr den Irrthum in tausend Abweichungen
-des Originals vom Bilde.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Meinetwegen, lieber Herr Eynerssen, ich gebe<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-Euch gern zu, daß unser Fräulein weder so betrübt
-aussieht &ndash; Gott sei Dank! noch so fromm; aber <em class="gesperrt">das</em>
-sind ihre schönen lichtbraunen Haare, ihre klaren
-Augen &ndash; das ist die schmale Unterlippe, mit der
-sie so drollig trotzen kann, das ist ihre freie gerade
-Nase; es ist ja zum Sprechen! Und so narret mich
-doch nicht, indem Ihr mir weiß machen wollt, es
-sei das Alles ganz von selbst gekommen, habt Ihr
-doch eben das Conterfei der drei Fräulein im Schlosse
-vollendet, da hattet Ihr ja die allerbeste Gelegenheit,
-dasselbe Gesicht hier zu wiederholen. Die Lisbeth
-hat die Bilder gesehen und kann gar nicht aufhören,
-die Aehnlichkeit derselben zu rühmen!«</p>
-
-<p>»Ich bitte, Kind, jetzt laß mich arbeiten,« bat
-der Maler. »Geh' jetzt &ndash; thu' mir den Gefallen!
-Drei Stunden lang habe ich auf den hellen Tag
-und auf das Sonnenlicht gewartet.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ja wohl, ich gehe schon, aber ich hätte Euch
-doch gern noch viel gefragt; mir ist, als müsse ich
-Euch danken für Labung und Gottesgabe! Die
-heilige Mutter am Kreuz ist gar so schön, und Christus
-sieht auf uns mit solcher Barmherzigkeit hernieder,<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-daß man so recht im Gemüthe fühlt, wie er für
-uns gestorben ist!«</p>
-
-<p>Als sie draußen war, schob Thorald die Riegel
-vor und kehrte dann zu seinem Bild zurück; er wollte
-die Aehnlichkeit wegbringen durch ein paar kühne
-Pinselstriche, wär's auch auf Kosten seines Bildes,
-aber den geliebten reinen Zügen gegenüber sanken
-ihm Hand und Muth. &ndash; »Haben es doch Rafael
-und Andrea auch gethan!« flüsterte er vor sich hin &ndash;
-»vielleicht gewahrt sie es nicht einmal; mir ist's wie
-eine Todsünde, die wunderbare Harmonie dieses Antlitzes
-zu zerstören! Was auch für Herzeleid und
-Verdruß mir daraus erwachse, ich vermag es nicht.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-<p>In einem nicht eben uneleganten, nur etwas
-schwerfälligen Pavillon in chinesischem Geschmack,
-der sich neben dem alten gothischen Schloßbau drollig
-genug ausnahm, und recht wie zum Spott unserer
-schwächlichen Modernität mit dessen vier, fünf
-Ellen dicken Mauern contrastirte, saßen am Abend<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-desselben Tages drei junge Mädchen, zwei von ihnen
-mit Nähen und Spitzen-Klöppeln emsig beschäftigt;
-&ndash; Laaland bewahrt noch seine primitive Fabriken-
-und Lädenscheu, und Nysteds 800 Einwohner gehen
-alle, von der Mode unberührt und unbelästigt, im
-großväterlichen und großmütterlichen Schnitt einher.
-Die Damen mußten also nothgedrungen zu ihrer
-eigenen Modernisirung Hand anlegen. Den beiden
-fleißigen Schwestern gegenüber saß Helene, mit
-dem Rücken nach dem Fenster gekehrt, und schaute
-verstohlen über die Schultern hinweg, der Lindenallee
-entlang, welche Schloß und Städtchen
-verbindet. Sie beachtete keines der Copenhager
-Gesellschaftsbilder, welche jene Beiden mit unerschöpflicher
-Phantasie ihr entwarfen; wie aus einer weitentlegenen
-Welt schaute sie sichtlich, ohne alles Verständniß
-des ihr Vorgetragenen, über den kleinen
-schmalen Theetisch zu den lustigen Schwätzerinnen
-hin, die, glücklicherweise viel zu sehr mit sich selbst
-beschäftigt, ihre Zerstreutheit nicht bemerkten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Bruder Joachim und Elisabeth kommen auch
-zum Pferderennen nach Copenhagen,« sagte Amalie,<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-»Christian will nur ein halb Dutzend Ackerpferde zum
-Verkauf hinüberschicken &ndash; wird sie nicht Staat
-machen, die Gnädige. Nun, da bekommen wir
-wenigstens neue Muster.«</p>
-
-<p>»Nach Wallöe? o ja! aber schwerlich bis hieher
-nach Laaland! Und alles können wir doch nicht selbst
-machen, oder gedenkst Du in Nysted eine Putzmacherin
-zu suchen? Danke Gott, wenn Du einen
-Schuster findest!«</p>
-
-<p>»Wie Du nun wieder übertreibst, Annette, Dir
-ist der Aufenthalt hier zuwider, und doch ist er so
-friedlich, so recht gleichförmig und ruhig, wie ich
-immer leben möchte; ich habe diese grünen fetten
-Weiden gern.«</p>
-
-<p>»Gern? ist's etwa angenehm zwischen Ochsen
-und Kühen, durch Dick und Dünn in schweren Holzschuhen
-dem Sonnenuntergange entgegen zu waten, im
-Moor stecken zu bleiben und dann allenfalls vom alten
-Niels gerettet, wie ein nasser Sack in irgend einem
-Bauernhofe als »Gräfliches Eigenthum« abgeliefert
-zu werden?«</p>
-
-<p>»Uebt man doch kein Morast-Strandrecht an<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-uns aus! Ich bin lieber hier als in Wallöe; das
-Stift wird mir nicht zum Vaterhause. Hätte Christian
-mein Herz für Aalholm, es sollte bald hier anders
-werden. Es war auch anders zu der Mutter
-Zeit, sogar noch in des Vaters Witwen-Jahren,
-ehe all die Modernisirungsversuche den Bauernstand
-uns fern stellten; es war etwas patriarchalisches in
-der Abhängigkeit.«</p>
-
-<p>»Ich meine, der Bauernstand sei unserer Gegenwart
-etwas näher getreten, als für unser Aller
-Glück nothwendig,« erwiederte Annette; das hübsche
-Milch- und Rosen-Gesichtchen überflog ein Zug seltsam
-spöttischer Bitterkeit.</p>
-
-<p>Am gegenüberliegenden Ende des Gartens erschien
-jetzt eine bleiche noch jugendliche Frau; sie trat
-aus dem Schlosse und schritt mühsam die hohe Steintreppe
-hinab in den Gang, der zum Pavillon führte;
-ihr etwas trüber Blick überflog die Kieswege und
-die steifgeschnittenen Taxuswände, als suche er etwas;
-ein leises, fast unmerkliches Kopfschütteln sprach aus,
-daß sie es nicht gefunden; &ndash; so näherte sie sich langsam
-den Schwestern. Helene, ihren wogenden Träumen<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-hingegeben, bemerkte es nicht; die andern Beiden
-blieben in plötzlich veränderter Haltung sitzen, etwas
-Gliederpuppenartiges und angestrengt Eckiges legte
-sich über dieselben und es breitete sich eine feine, doch
-keineswegs grelle Affectation über den ganzen Ausdruck
-ihres eben noch so ganz natürlichen Wesens aus.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Eva, so hieß die Neuhinzugetretene, grüßte
-freundlich ihre Schwägerinnen und setzte sich zu ihnen;
-sie athmete beklommen. In Laaland geboren, hatten
-ihr dennoch der feuchte Moorboden und dessen ungesunde
-Ausdünstungen geschadet; ihre Gesundheit war
-zerstört. Sie hatte mit ihrem Gemahl, dem Grafen
-Christian, fünfzehn Jahre in Jütland zugebracht,
-bis das ihm nach seines Vaters Tode zufallende
-Majorat sie veranlaßte, nach Aalholm zu ziehen.
-Jütland aber ist der romantische Theil Dänemarks;
-es hat weder Fühnens überreiche Vegetation, noch
-Seelands städtischen Reiz, aber es vereinigt den
-Wechsel wilder, rauher und fruchtbarer Gegenden;
-es hat die höchsten Berge, Waldungen und Seen,
-anmuthige Buchten und Flüsse &ndash; und sein kaltes<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-Klima ist nicht schädlich wie das des kaum sich über
-den Meeresspiegel erhebenden Laaland.</p>
-
-<p>Eva legte leise ihre schmale abgemagerte Hand
-auf Helenens Schulter, um sie aus ihren wachen
-Träumen zu erwecken; »es ist schön heute Abend,«
-sagte sie, »seit dem Mittag hat sich der Horizont
-entwölkt, wolltest Du nicht ausgehen oder ausfahren?«
-»Meinst Du, daß es schön bleiben wird, bis Sonntag
-und wir Alle nach Nysted in die Kirche gehen
-können?« fragte, gleich in ihre Gedanken ganz zurücksinkend,
-das Mädchen. Sie schüttelte die lichtbraunen
-Locken aus dem Gesicht und hob das von
-Johannen beschriebene Antlitz zu der vor ihr Stehenden
-empor; man fühlte die Wärme und Innigkeit
-des strahlenden Blickes, die vertrauende Liebe,
-die sie der Schwägerin verband. »Ich glaube,«
-fuhr sie leicht erröthend fort, »das Altarblatt wird
-fertig sein, es könnte wohl zur Feier des Johannistages
-aufgestellt werden.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Freilich haben wir lange genug darauf gehofft,
-aber Du vergißt, liebes Kind, daß unsere Herren
-nach Copenhagen wollten.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span></p>
-
-<p>»Bewahre! Christian schickt nur seine Pferde
-hin und Joachim und Friedrich gehen von ihren
-Gütern aus direct, ohne mit uns zusammen zu treffen;
-sie gedenken zum Erntefest hier auf Aalholm uns
-zu besuchen,« sagte Annette. Die arme Gräfin
-wurde noch ein wenig bleicher als sie gewesen, Christian
-hatte ihr von all diesen Veränderungen seiner
-Pläne nichts gesagt!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Helene sah sie sorglich an, »Christian,« sagte
-sie, »hat erst gestern Abend die Briefe erhalten, er
-ist mit dem Inspector nach Engholm; Du weißt,
-heute Morgen hat er eine Kiste Bücher bekommen,
-und vermuthlich über die Geistesverwandten die Brüder
-vergessen!« &ndash; Schmeichelnd streichelte sie die
-zitternde Hand, welche von der Schulter herabgeglitten
-jetzt in der ihren lag. »Oder mich!« &ndash;
-seufzte Eva, unhörbar leise.</p>
-
-<p>Ein Männertritt erklang über den Kies der
-Gartenwege; während des kurzen Gesprächs war
-nun, doch von Helene nicht unbemerkt, Thorald am
-Pavillon vorbei und durch die kleine Gartenpforte<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-hereingekommen; er trat, sich entschuldigend, daß er
-nicht angemeldet, zu den Damen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er mochte Helenen früher auf diese Weise allein
-angetroffen haben, denn Beide waren sichtlich verlegen,
-und die andern Schwestern flüsterten sich etwas
-zu: Annette zuckte lächelnd die Achseln. Die Gräfin
-blieb verstimmt und wurde mit jedem Augenblicke
-trauriger. Das Gespräch drehte sich um die Politik
-des Auslandes und die damals noch wie elektrisch
-auf die Gemüther rückwirkenden Nachrichten aus
-Frankreich. Thoralds Aufenthalt als Künstler in
-Italien, auf dem so vielfach erschütterten Boden, in
-der von tausend Freiheitsträumen und Kriegsereignissen
-bewegten Zeit, hatte für die Frauen etwas
-Fabelhaftes, das ihn wie mit einer Aureola umwob.</p>
-
-<p>Endlich kam auch Graf Christian; eine edle Erscheinung.
-Er ging ein wenig vorn übergebogen
-aus übler Angewöhnung; richtete er in irgend einer
-Geistes- oder Gemüthsanregung sich auf, so gewann
-seine Gestalt etwas Ritterliches, das an Majestät
-grenzte. Seine Züge hatten eine formelle Strenge<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-angenommen, die nicht mit physischer Kraft gepaart,
-fast unnatürlich erschien; die schmale kleine Hand
-und die dünnen Knöchel derselben verriethen sogar
-eine körperliche Schwäche, die jedoch nicht ohne Anmuth
-hervortrat. Ohne unbeholfen sich zu zeigen,
-war der Graf leicht, selbst im engsten Familienkreise
-verlegen, seine etwas ungelenke Vornehmigkeit und
-der seinen Tagen anhangende Mangel einer vollendeten
-Erziehung, welche überall Sicherheit gewährt,
-trugen Schuld daran. Unendlich schön waren seine
-dunkelgrauen Augen; sie hatten einen wunderbaren
-Reiz, den man sich nicht zu erklären vermochte, denn
-sie belebten sich selten; eine Art schwermüthiger Düsterheit
-war in ihm allmälig zu der stillen Beschaulichkeit
-geworden, die ihn fast zum Gelehrten stempelte.
-Fünfzehn Jahre hindurch hatte er in einem
-jütländischen Dorfe gelebt, und war auch dort ein
-Träumer geblieben, den nur momentane Noth zum
-Handeln zwang, den selbst die Beschränkung der Armuth
-nicht zum praktischen Menschen auszubilden
-vermochte. Er war zeitgemäß elegant gekleidet, hatte
-feine Wäsche und ungepudertes Haar, überhaupt aber<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-eine gewisse Zierlichkeit, welche gegen die Derbheit
-seiner Gutsnachbarn abstach.</p>
-
-<p>Im Eintreten fiel sein Blick auf den Maler,
-seine Stirn umwölkte sich.</p>
-
-<p>Thorald unterhielt die Damen voller Laune und
-Gewandtheit, kaum unterbrach des Hausherrn Ankunft
-das Gespräch, denn die Mädchen dürsteten in
-ihrer Abgeschiedenheit nach überseeischen Neuigkeiten;
-Besuche waren bei der Unfahrbarkeit der Wege selten.</p>
-
-<p>Als Thorald endlich neben Helenen einen unbemerkten
-Augenblick gewann, flüsterte er ihr die
-Bitte zu, wo möglich sein nun aufgestelltes morgen
-zu vollendendes Bild vor dem Sonntagsgottesdienste
-in der Kirche zu sehen. Glühend vor innerer Lust
-und in gegenseitig sie überwältigender Leidenschaft
-ganz versunken standen Beide vor einander, ihn steigerte
-ein stolzes Selbstgefühl, sie berauschte der Gedanke
-an seinen künftigen Ruhm; denn selten nur
-kamen Künstler auf die stille Insel. Der nur von
-Ackerbau lebende Laaländer vermag sie nicht herzulocken!
-Seit Menschengedenken hatte man keinen
-Maler in Nysted gesehen, und die beiden schönen<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-Gemälde der alten Kirche dankten ihr Entstehen katholischen
-Donatoren, und gehörten weit früheren
-Jahrhunderten an.</p>
-
-<p>»Graf Brahe Trollenburg« meldete ein vierschrötiger
-Diener, welcher trotz seiner Livrée einem
-deutschen Großknecht nicht unähnlich sah &ndash; Fräulein
-Annette erröthete zur Rose! &ndash; Der reiche Gutsbesitzer
-aus Seeland war ihr nicht fremd! Während
-ihres Winteraufenthaltes in der Residenz, so kurz er
-gewesen, hatte sich in dem jungen Manne eine dauerndere
-Empfänglichkeit für des Laaländer Fräuleins
-Reize erzeugt, als den Copenhager Damen billig
-schien. Der Graf war reich und eine vortreffliche
-Partie. Er war nach Aalholm gekommen, um das
-Herzensterrain seiner Schönen zu sondiren und im
-Ehestandshafen zu ankern.</p>
-
-<p>An der Art, mit welcher Graf Christian ihn
-bewillkommnete, erst seiner Gemahlin vorstellte und
-ihn dann seinen Schwestern zuführte, errieth Thorald
-sogleich den künftigen Schwager, &ndash; eine unaussprechliche
-Beklommenheit bemächtigte sich seiner,
-die eben noch so fließenden Erzählungen aus Italien<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-stockten, des Hofmanns Gegenwart drückte ihn zurück
-in den Schatten. Es war bei dem sehr abgeglätteten
-Tone des Trollenburg nicht leicht zu durchschauen,
-welcher der drei Damen die Bewerbung des
-vor kurzem Majoratsherr Gewordnen gelte &ndash; es
-drückte dem Maler fast das Herz ab; in verzweifelnder
-Stimmung verließ er die Gesellschaft, man machte
-keinen Versuch ihn zurück zu halten; trostlos kehrte
-er zu dem Städtchen zurück.</p>
-
-<p>Unweit des Thores begegnete ihm Johanna, sie
-hatte den Leuten auf dem Felde ihr Vesperbrot gebracht,
-und trug eine Menge Geräthschaften und
-einen großen schweren Wasserkrug heim. Sie näherte
-sich Thorald, um ihn zu fragen, ob er in die Kirche
-verlange, der Vater sei auf der Feldarbeit mit dem
-Knecht; sie hätten's eilig, denn morgen sei an ihnen
-die Frohnfuhre, der Acker aber erst halb bestellt.</p>
-
-<p>»Frohndienst? Ihr als Bürger? unmöglich!«</p>
-
-<p>»Doch, lieber Herr, wir haben von Alters her
-Land in Pacht vom Herrn Grafen; obschon wir
-eines Theils losgekaufte Bauern sind, stehen wir
-ihm noch in Frohn und Zehnten. Der Herr aber<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-ist glimpflich, allein der Vogt! Erbarme sich Gott!
-Ehmals, da wir Leibeigne waren, mag es noch
-schlimmer hergegangen sein; Großvater hat uns oft
-geklagt, wie die Verwalter zu seiner Zeit den Bauern
-geschunden! Wie er in der Kornschatzung nicht nur
-gehäuftes Maß, sondern noch eine Zugabe für's
-Schwinden oder Senken habe liefern müssen &ndash; wie
-nicht nur bloß die armen Gäule ihm zur Ackerfrohne
-eingespannt wurden, o nein, wie sie zum eignen
-Dienste jedes Knechtes, jeder Magd des Herrnhofes
-bereit sein mußten; konnte doch damals nicht einmal
-der Hundejunge zu Fuße durch das Moor, stand
-gleich der Bauer bis zum Knöchel d'rin, und watete
-selbst schwerbelastet neben seinem Vieh, um das Getreide
-zur Mühle zu fahren, den Sand vom Strande
-zu holen für den Vogt &ndash; o lieber Herr! es war
-eine harte, schwere Zeit! Selbst unsre liebe Gräfin
-weiß ein Lied von ihr zu singen; helf' ihr Gott! und
-sie ist doch uns Allen eine so gnädige Herrschaft!«</p>
-
-<p>So unbequem Thorald die Anrede der Dirne
-empfunden, so ganz verloren ihr frischer Reiz dem
-Jüngling gegenüber blieb, so blitzstrahlartig traf ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-dieses Wort. »Was meinst Du, Mädchen?« fragte
-er harsch ihren Arm ergreifend, »was soll das
-heißen?«</p>
-
-<p>»O nichts für ungut, lieber Herr, verzeiht! Ihr
-wißt ja selber wohl, daß unsre Gräfin die Tochter
-des Peter Owens ist, der den großen Hof zu Engbolle
-in Pacht hat; es ist freilich nicht gut davon
-reden, die gnädige Herrschaft hört's nicht gern; aber
-Ihr, was geht es Euch an! da droben zu Aalholm,
-ja, das ist etwas anders, ein Jeder sagt, es sei ein
-Nagel zum Sarg des Hochseeligen gewesen und geblieben!«
-Sie hob den Krug, den sie neben sich
-auf einen Stein gestellt, mühsam auf, um weiter zu
-gehen, Thorald stand ihr freundlich bei &ndash; »was
-hast Du denn da?« fragte er zerstreut, all seine Gedanken
-waren noch bei ihrer Erzählung.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wasser vom Bärenborn für Fräulein Helene.«</p>
-
-<p>»Seit wann thust denn Du Schloßdienste?«</p>
-
-<p>»Ei im Schloß bin ich wohl selten genug! Aber
-das Fräulein wäscht sich nur mit dem Bärenborn, und
-wir Töchter der Frohn- und Festebauern müssen ihr
-Reihe herum das Wasser holen. Es ist freilich ein<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-wenig weit,« setzte sie hinzu, indem sie mit dem
-Schürzenzipfel die Stirne trocknete, »es sind wohl
-anderthalb Stunden Wegs von uns aus dorthin,
-darum hat mir's warm gemacht!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Aber wer hat Euch denn befohlen das Wasser
-zu holen?«</p>
-
-<p>»Wer anders als der Vogt? die Herrschaft weiß
-wohl kaum davon! Er ist es noch von Alters her
-gewohnt, die Bauern zu Paaren zu treiben! Die
-Alten sind alle so; macht es doch unserer Gräfin
-Vater nicht besser! Der nimmt das Joch aus Gewohnheit
-selbst über den Nacken! Nun, kommt's nicht
-arg, fügt man sich schon.«</p>
-
-<p>Lustig schritt sie mit ihrem Kruge weiter.</p>
-
-<p>Die Gräfin eines Pachters &ndash; Peter Owens
-Kind? <em class="gesperrt">Das</em> also ist die unsichtbare dunkle Last, an
-welcher das arme Weib so schwer trägt? ihr Großvater
-Leibeigener, der Vater Frohnpflichtiger, wenn
-auch wohl längst abgekaufter Bauer &ndash; und sie die
-Gutsherrschaft &ndash; die <em class="gesperrt">Gräfin</em>! Also da sind wir
-<em class="gesperrt">noch</em>? seufzte der junge Mann. O wahr, trotz den
-Bestrebungen der Edelsten unseres Volks, trotz Moltke,<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-Reventlov und Colbiornsen <em class="gesperrt">noch</em> nicht weiter? Wie
-unsäglich langsam reift die Saat des Guten &ndash; bedarf
-sie denn wirklich des blutgetränkten Bodens?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In Italien und Frankreich, die er durchreis't,
-standen damals Bildung und Volksgesinnung auf
-einem so andern Höhepunkte. Napoleon hatte eben
-Italien unterjocht, indem er es republikanisirte; es
-war ein Lichtblick seines gewaltigen Lebens, &ndash; die
-vorangegangenen Uebertreibungen der Schreckenszeit
-hoben die Gegenwart glänzender hervor; Jeder wollte
-dort wenigstens einen Theil der ihr entströmenden
-Freiheit für seine oder seiner Kinder Existenz, während
-im Norden die Meisten vor dem Gedanken an
-die ihr gefallenen Opfer zurückbebten, und deren
-Vollgewinn in seiner damaligen Form kaum angenommen
-haben würden, hätte er sich ihnen geboten.</p>
-
-<p>Anders freilich dachte und fühlte die Jugend, ihr
-war der Blutsaum des Gewandes der Freiheit Morgenröthe
-geblieben. Der gestörte Zustand der aus ihren
-Angeln gerissenen Maschine, die wir Bürgerlichkeit
-nennen, erschien ihr minder grell und qualvoll, als
-den Alten, welche der verarmten Familienväter, der<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-kinderlos gewordnen Mütter, der Gattinnen, die ihr
-Theuerstes auf der Guillotine verloren, gedachten. &ndash;
-Frankreichs glänzende Redner hatten auch in Dänemark
-den heißen Durst nach einer nie empfundenen
-Gleichheit der Stände erweckt, versprach er doch dem
-edlern Individuum den unermeßlichen Reichthum
-einer vollständigen Entfaltung, den der innerlich Hochbegabte
-am schmerzlichsten entbehrt, und heißer ersehnt,
-als der Bettler das materielle Gut des Vornehmen.</p>
-
-<p>Dem rohen Rausch vernichtender, zerstörender
-Bestialität des französischen Pöbels lag eigentlich
-das nämliche Gefühl zu Grunde, das hier und da
-den Schwärmer verleitete: eine Ueberschätzung seiner
-selbst. Umsonst haben tausendjährige Erfahrungen
-uns die Lehre wiederholt, daß dem <em class="gesperrt">wirklich</em> bedeutenden
-Menschen, dem Genie, der vollständigen Geisteskraft
-weder äußere Verhältnisse, noch irgend eine andre
-Zeitgewalt hemmende Fesseln anzulegen vermögen; für
-die Meisten sind der obscure Mönch Luther, der Schiffsjunge
-Peter von Rußland, und der uns viel näher
-stehende Napoleon Bonaparte keine Beispiele.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>Ist nun dem Menschenherzen so natürlich, im
-angeborenen Streben nach Glück den größten Maßstab
-für die eigenen Forderungen zu wählen, ohne sie
-mit den eigenen Leistungen irgend in ein Gleichgewicht
-zu bringen, um wie viel edler erscheinen
-jene seltenen Naturen, die ohne persönliches Bedürfen,
-unter günstigen Verhältnissen, nur für die Menge
-fordern und, ihre Nation vertretend, sich selbst aufopfern
-für ein allgemeines Wohl! Fast alle wahren
-Wohlthäter der Menschheit haben jedoch nicht bloß
-gewaltig, sondern eben so mild als besonnen gehandelt.
-Sie sind Sterne gewesen, welche nicht nur
-das Dunkel des Augenblicks durchleuchteten, sondern
-in jeder Nacht von neuem auftauchten und hinter
-den sie bergenden Wolken fortschimmerten, bis ihr
-Strahl sie zu durchbrechen vermochte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Namen der hochherzigen Männer, welche
-unter Friedrich <em class="antiqua">V.</em> und Christian <em class="antiqua">VII.</em> es unternahmen,
-Dänemarks Bauern allmälig Freiheit und Wohlstand
-zu bereiten, werden nie in seiner Geschichte
-verklingen, so langsam auch ihr oft unterbrochenes<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-Werk vorwärts schritt, ihre Beharrlichkeit brachte sie
-an das Ziel.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wie aber die Natur den festen Eichenwald gern
-mit Vögeln und Schmetterlingen durchjauchzt und
-belebt, so stehen immer zwischen solchen ernsten, tiefen
-Charakteren, aus deren Reichthum Tausende ihren
-kurzen Lebensfaden spinnen, leichte harmlose Wesen,
-welche gern überall das Schönste und Beste fördern
-möchten, es auch manchmal zu erfassen, in der Regel
-aber <em class="gesperrt">nie</em> es festzuhalten vermögen.</p>
-
-<p>Dieser höchst nothwendigen Mehrzahl der Menschen,
-welche das eigentliche Element gesellschaftlicher
-Verbindungen ausmachen, werden allerdings nur die
-ihnen durch Geburt, Reichthum oder Zufall gegebenen
-Verhältnisse zum äußern Halt, daher die vielen
-Klagen über verfehlte Existenz und gehemmtes Talent.
-Ich glaube aber, daß wir kein einziges Beispiel
-haben, daß die ganze Gesellschaftswelt, in Bausch
-und Bogen genommen, je im Stande gewesen ist,
-den Außerordentlichen zu hemmen, das gesunde
-Genie zu zerstören!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Thorald fand den Gang der Umstände zu langsam;<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-ihn drängte eine innere Unruhe zum Handeln;
-in Napoleon sah er den Retter der Welt. »Der
-Schneckenlauf der Bildung meines Vaterlandes,«
-sagte er, »beut mir nur Kränkung und Lähmung
-meines Talents. Die Schwere veralteter Vorurtheile
-legt sich auf jede Hoffnung! Auch in Copenhagen
-schreitet die Kunst nur unter dem Schutz des Fabrikwesens
-vorwärts. In Frankreich, in Italien entfaltet
-eine kräftigere Hand das Panier der Freiheit!
-Die ihr gefallenen Opfer schlummern unter der grünen
-Rasenhülle, lebt noch irgend etwas von ihnen weiter
-in jener unendlichen Himmelsbläue voll unbekannter
-Welten, so ist dort das hienieden Unvermeidliche
-längst verziehen. Uns bleibt die Sorge, es nicht unnütz
-erscheinen zu lassen, den mit Feuer und Schwert
-bearbeiteten Acker zu besäen! Der Verlust, den Tausende
-beweinen, muß zum Glücke Tausender erblühen.
-Auch ich kann nur dort mir ein Loos erschaffen,
-das Helenen anzubieten würdig.«</p>
-
-<p>Wenn sie aber mit Dir entflöhe! so dachte er
-in andern Momenten; allein wie sie erhalten, durch
-welche Mittel, &ndash; ob sie reich ist? &ndash; Ihm war die<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-Frage nie eingefallen, er war zu sorglos dazu. Auch
-galten in Dänemark damals noch die Majorate und
-fast alle Töchter hochadliger Familien standen in
-dieser Hinsicht einander gleich. So schob er gern
-den Gedanken zurück, von Helenens Gelde zu leben,
-alles Andere wollte er ihr danken. Wenn er aber
-an Heirath dachte, &ndash; und seit drei Wochen that
-er es stündlich, &ndash; so schwebte ihm allemal ein Verhältniß
-vor, als Hofmaler, als bevorzugter Künstler
-in einer königlichen Residenz. &ndash; Dann durfte sein
-Ruhm neben der Geliebten Adel sich stellen; auf die
-aller natürlichste Weise vergaß Thorald seine republikanischen
-Gesinnungen und daß er eben in der Nysteder
-Kirche sein <em class="gesperrt">erstes</em> historisches Gemälde aufstellte!</p>
-
-<p>Seine Arbeit vergaß er indessen doch nicht; kaum
-war der erste Sonnenstrahl erwacht, so saß er auf
-seinem Gerüste vor dem Altarblatte; was ihm überhaupt
-zu thun möglich, war bald gethan. Er saß
-noch oben, als die angelehnte Thür leise in ihren
-Angeln sich drehte, und Helene von ihrer Kammerjungfer
-begleitet in die Kirche trat; sie hatte Commissionen<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-im Städtchen gemacht, die offene Thür bemerkt,
-und so war ihr plötzlich eingefallen, einen Augenblick
-einzutreten. &ndash; Der überglückliche Künstler sprang zu
-ihr hinab, das Gerüst ward mit zitternden Händen
-zur Seite geschoben, &ndash; großer Gott! auf dem Altar
-stand ihr Bild! Daß er sie als eine der Frauen
-dargestellt, welche die zusammensinkende Mutter unseres
-Herrn unterstützen, hatte an sich nichts den
-ernsten protestantischen Sinn Verletzendes &ndash; und wie
-ein Strom stürzte der Jubel ihr in's Herz!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Thorald dagegen stand mit gesenktem Blicke bebend
-ihr zur Seite, eine tödtliche Blässe hatte seine
-Züge überdeckt &ndash; er wagte nicht sie anzusehen. Endlich
-war der Zustand nicht mehr zu ertragen: er
-schlug die Augen auf &ndash; Gott sei Dank, daß es
-eine Zeit im Menschenleben giebt, in welcher man
-keiner Worte bedarf, sich alles Nöthige zu sagen!
-»Aber,« fuhr sie fort, nachdem er in ihrem Antlitz
-gelesen, was er zur Beseligung des Augenblickes bedurfte,
-»was wird mein Bruder, was werden
-Bürger und Bauern sagen? ich bin es freilich nicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-denn die Maria Jacoba ist ja viel tausendmal schöner
-als ich, dennoch&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Helene! kann ich für die unbewußte Schuld? Des
-alten Küsters Tochter Johanna war die erste, welche
-mir es aussprach; ich wollte sogar diese mir aus
-dem Tiefsten meines Innern entquollene Aehnlichkeit
-zerstören, aber mir bebte die Hand, wie bei einer
-verruchten That, ich vermochte es nicht.« Heißer erröthete
-das Mädchen, heftiger schlugen des Künstlers
-Pulse: vor dem Altar sprachen sich Beider Herzen
-aus. Dem voltairisirenden Jüngling, der eben noch
-mit den Jacobinern zur »Göttin der Vernunft« geschworen
-hätte, trat die Liebe sanft, voll religiöser
-Empfindungen, wie ein ihn heiligender Glaube in
-die unruhige Seele, und schuf sie um zum Tempel
-des innigsten, frömmsten Gefühls.</p>
-
-<p>Noch schwelgten die Liebenden im Anschauen
-ihres gegenseitigen Glücks, ohne im mindesten der
-Erde und ihrer conventionellen Bedingungen zu gedenken,
-als wiederum die Kirchenthür in ihren schweren
-Angeln dröhnte, diesmal aber heftig aufgerissen
-ward. »Der Herr Graf,« sagte das im Hintergrund<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-vergessene Kammermädchen, »der Herr Graf.« Zum
-Glück war sie eine Copenhagerin!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Graf Christian prallte zurück, als er das erglühte,
-bebende Paar in traulichem Beisammensein
-vor dem Altar erblickte; aber sein Gesicht nahm den
-Ausdruck des wüthensten Zornes an, als er die Aehnlichkeit
-mit seiner Schwester gewahrte, die momentan
-noch auffallender erschien, weil Helene zufällig mit
-aufwärts gewandtem Haupte zu Thorald in die
-Höhe sah, wie auf dem Bilde die Maria Jacoba zur
-Mutter Gottes.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Herr! was soll das?« polterte der kaum seiner
-selbst Mächtige und dennoch innerlich Verlegene. Mit
-jedem Wort steigerte er sich mehr und mehr, um seiner
-Stimme Herr zu werden, »Sie haben sich erlaubt,
-die Ihnen von mir und meiner Familie aufgetragene
-Arbeit zu mißbrauchen, die Züge eines
-Fräulein von Gejern, wie die eines Modells zu
-einer Figur Ihres Gemäldes zu benutzen! Sind Sie
-von Sinnen, auf diese Weise einen im ganzen Reich
-geachteten Namen zu prostituiren? Das Gemälde<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-muß fort von hier, oder die Züge dieser Martha &ndash;
-oder wie sie heißt, müssen verändert werden.«</p>
-
-<p>»Herr Graf, diese Aehnlichkeit ist weder einem der
-mir aufgetragenen Familienportraits gestohlen, &ndash; mein
-Altarblatt ist weit früher gemalt als jene, &ndash; noch
-habe ich die Comtesse wie ein Modell zu behandeln
-gewagt. Wenngleich eine zufällige Aehnlichkeit die
-Züge meiner Jacoba verschönt, so liegt darin nichts
-Entwürdigendes. Meine Kunst ist heiligend, nicht
-befleckend! Rafael, Domenichino, del Sarto haben
-alle Großen ihrer Zeit, den Papst, die Fürsten, die
-edlen Frauen aus königlichen Geschlechtern auf ihren
-Gemälden verewigt. Wenn aus ihren Worten eine
-gewisse Unkenntniß dieser Umstände hervortritt, so
-muß ich dennoch anerkennen, daß Sie in andern gelehrten
-Fächern so Bedeutendes leisten, daß Ihnen für die
-Kunstgeschichte keine Zeit blieb &ndash; gewiß würden Sie
-in Frankreich oder Italien&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Unsinn! Unsinn! Wir sind Protestanten, Herr
-Eynerssen, verstehen Sie das? ganze Protestanten,
-keine Halbkatholiken, keine Deïsten, sondern Lutheraner!
-&ndash; schon <em class="gesperrt">das</em> ändert unsere Verhältnisse! Wir<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-sind Dänen! das ändert unsere Ansichten des Schicklichen;
-was in diesem Augenblicke in Frankreich und
-Italien, als die mit dem Blute des Adels gedüngte
-Frucht höherer Bildung gilt, vergeben Sie &ndash; kann
-ich als dänischer Graf weder ehren noch anerkennen!
-Da ich mir aber erlaube, über meine vaterländischen
-Zustände und die bei uns längst festgestellten gesellschaftlichen
-Formen selbständig zu urtheilen, so bitte
-ich Dich,« &ndash; fuhr er gegen das Fräulein gewandt fort
-&ndash; »um Deinen Arm, um Dich zur Kutsche zu geleiten.
-Läßt Du mir da die neuen Mecklenburger
-Rappen zwei Stunden an der Sonnengluth stehen,
-daß sie die Hufe sich zerschlagen! Ich werde mir
-das Weitere in Bezug auf Sie, Herr Eynerssen, und
-auf die Maria Jacoba vorbehalten. Für jetzt ersuche
-ich Sie nur auf das Bestimmteste und Höflichste, es
-zu machen, wie Ihre Kunstvorfahren mehr als einmal
-gethan: durch einige wohlberechnete Pinselstriche,
-die, wie sie mich versichern, Comtesse Gejer ganz wider
-Ihren Willen zur Jacoba stempelnde Aehnlichkeit
-zu <em class="gesperrt">vernichten</em>, und werde ich ferner stehenden Fußes
-mir erlauben, den Herrn Magistrat zu benachrichtigen,<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-daß einige nöthige Retouchen die Enthüllung
-Ihres Altarblattes am Johannisfeste unmöglich machen
-und selbige um ein paar Tage hinausschieben;
-es sei denn, daß Sie mit diesen Aenderungen sogleich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> könnte mir vor Allem erlauben Ihnen zu
-bemerken, Herr Graf, daß ich vollkommen mündig
-und erfahren genug bin, dem Magistrat selbst vorzutragen,
-was ich für nöthig erachte«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In Todesangst blickte Helene, hinter dem Grafen
-halb verborgen, zum Geliebten hinüber, noch ein
-Wort und der Bruch war unvermeidlich, unheilbar!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ich erlaube mir aber nur als Künstler zu antworten,
-daß es zu dieser Aenderung <em class="gesperrt">zu spät</em> ist,«
-fuhr Thorald fort, »mein Bild ist seit mehreren Tagen
-vollendet, ich habe sogar eben einen ersten leichten
-Firniß darüber gezogen; Ew. Gnaden Kunstsinn
-und Geschmack werden Ihnen die Ueberzeugung davon
-geben, wenn Sie es einer nähern Betrachtung
-würdigen.«</p>
-
-<p>Aber Geschmack und Kunstsinn des Grafen reichten<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-keineswegs an die strenge Ansicht desselben in Betreff
-der Frauen-Ehre, deren Zartheit in seinen
-Augen jeder Hauch zu trüben vermochte; sie reichten
-eben so wenig an das beleidigte Gefühl seines Adelstolzes.
-Auf's schmerzlichste erregt, war jetzt Graf
-Christian jeder Verlegenheit, aber auch jeder Schonung
-bloß, &ndash; Wort um Wort flogen in immer verletzenderer
-Schnelle hin und wider, Christian vergaß
-sich endlich so weit, den Maler daran zu erinnern,
-daß er, außer der Verwendung des Bischofs zu Roeskilde,
-seiner eigenen Vermittlung die Bestellung des
-Altarblattes zu danken habe.</p>
-
-<p>An dieser unseligen Mahnung brachen des Jünglings
-Fassung und alle Vorsätze seiner Liebe. Seine
-Künstlereitelkeit war zu peinlich verletzt. Mit mehr
-Hochmuth als Stolz erklärte er die ganze Arbeit in
-Nysted für eine bloße Probe, die er mit seinem eigenen
-Talent gemacht, welche aber von dem kleinen
-Städtchen einer unbedeutenden dänischen Insel aus,
-keineswegs ihm als Kunstwerk großen Ruf zu erwerben
-geeignet sei. Von Copenhagen her könne es allein
-ihm gelingen, sich in der Welt Bahn zu brechen;<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-nur vom Königshofe stehe zu erwarten, daß etwas
-wirklich Förderndes für seine Kunst geschähe. Unglücklicher
-Weise setzte er dabei den ganzen langsamen
-Bildungsgang Dänemarks in ein höchst ungünstiges
-Licht, und vergaß der ungeheuren Opfer, welche gerade
-jene Zeit dem höhern Adel auferlegte; denn der
-junge Maler kannte die blutige Geschichte Frankreichs
-in ihrer grellen Buntheit besser, als die des eigenen
-Vaterlandes.</p>
-
-<p>Graf Christian dagegen war mit dem tiefaufgewühlten
-Boden vertraut, dem er Schätze der Erkenntniß
-entrungen, in welchem er zahllose Leichen
-seiner Jugendhoffnungen und manch' schmerzliches
-Verleugnen seines Familienstolzes geborgen. Die
-Wahrheiten, die er auf demselben angebaut, hatten
-längst Frucht getragen. Unpraktisch im kleinen Thun
-des täglichen Lebens, ungeschickt wie ein Kind in
-Handhabung des Zufalls und seiner flüchtigen Gunst,
-wenn es seine eigne Persönlichkeit galt, war er in
-Bezug auf Staatsverhältnisse fest und klar. Als
-Theoretiker schloß er sich den bedeutendsten Reformatoren
-der Bauernsache an, als Individuum hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-er in Ausübung des einmal Angenommenen nie das
-Billige verweigert. Ordnung und Freiheit waren
-ihm gleichbedeutend, er selbst hatte auf Laaland die
-ersten Schritte zu Lösung des Leibzwangs und des
-Gemeinbesitzes gethan, ja, zuerst Erbpacht auf seiner
-Herrschaft gewährt, aber daß er es gethan, verlangte
-er anerkannt zu sehen. <em class="gesperrt">Nie</em> war ihm eingefallen,
-seinem Range dabei etwas vergeben zu können, oder
-die gewährten <em class="gesperrt">Menschenrechte</em> als Aufhebung der
-seines <em class="gesperrt">Adels</em> anzusehen. So empfand er auch
-Thoralds Nichtbeachten des für ihn Geschehenen als
-schwarzen Undank, ja als Gemeinheit und Frechheit.</p>
-
-<p>Sehr trocken fragte er den Maler, ob er von
-seiner Stelle aus, ohne Unterstützung des Adels,
-am Hofe Zutritt zu erlangen erwarte? Ob ihm das
-verwandtschaftliche Verhältniß zwischen seiner und des
-Bischofs Familie unbekannt sei, daß er auf die ihm
-in Bezug auf Comtesse Gejer eben mitgetheilten Bemerkungen
-so gar nicht achte, als müßten dieselben
-nicht in jenem Hause ihr Echo finden?</p>
-
-<p>Es legte sich eine Art Geringschätzung in Ton
-und Haltung des Grafen, die für Thorald unerträglich<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-war. Als Christian seine durchaus verletzende
-Rede mit dem übermüthigen Rathe schloß,
-lieber bei dem macht- und geldlosen Adel der französischen
-Emigranten, oder bei den Jacobinern die
-rasche Erfüllung seiner hochfahrenden Pläne zu suchen,
-brach Helene in Thränen aus; alle Rücksicht gegen
-den Bruder vergessend stürzte sie auf den Künstler zu,
-und beschwor ihn auf's zärtlichste, sogleich die Kirche
-zu verlassen, diese Unwürdigkeiten nicht länger anzuhören,
-das Unstatthafte in Christians Betragen um
-ihretwillen zu verzeihen.</p>
-
-<p>Erschreckt starrte der Graf die Schwester an, das
-Unpassende des ganzen Auftritts fiel mit Zentnerschwere
-auf ihn und lähmte ihm die Gedanken; in peinlicher
-Verlegenheit riß er den Arm des Mädchens an sich
-und führte sie fast gewaltsam zum Wagen. Er war
-zu tief verletzt, um sich weiter auszusprechen, &ndash; als
-das Zöfchen aber Miene machte, zu Fuß zu gehen,
-winkte er ihr peremptorisch zu, auf dem Rücksitz
-Platz zu nehmen.</p>
-
-<p>Zu Haus angelangt, geleitete er Helenen bis in
-ihr Zimmer, an der Thür desselben ergriff er heftig<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-des Kammermädchens Arm. »Ein anständiger Dienstbote
-mischt sich nicht in seiner Herrschaft Angelegenheiten,
-und wo ihm der Zufall etwas offenbart, daß
-ihn nichts angeht, hält er das Maul! Verstanden
-Jungfer?«</p>
-
-<p>Marie küßte schweigend dem Grafen die Hand,
-verbeugte sich demuthsvoll und folgte ihrem Fräulein,
-und so groß war des Gebietenden Gewalt, daß sie
-auch draußen bloß durch Seufzer dem sie drückenden
-Geheimniß Luft gab. Graf Christian aber zog
-sich stumm in seine eigenen Gemächer zurück und
-erschien erst Mittags, um dem Brahe Trollenburg
-bei Tische die Honneurs zu machen.</p>
-
-<p>Aufschreiend in wildem Schmerz, warf sich der
-allein in der Kirche zurückgebliebene Thorald auf die
-Stufen des Altars nieder. Was er selbst zuerst
-als nothwendig und schicklich empfunden, erschien ihm
-nun maßlose Tyrannei. War ihm früher Helene
-theuer gewesen, so hatte jetzt ihr Selbstvergessen um
-seines, des armen Künstlers willen, dem hochmüthigen
-Bruder gegenüber, seine Neigung zur heftigsten Leidenschaft
-erhöht. &ndash; Mit anbetender Inbrunst blickte<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-er auf das Bild, das ihr Antlitz ihm vergegenwärtigte
-&ndash; etwas an demselben zu ändern war zum
-Sacrilegium geworden, aber nun wollte er es gar
-nicht mehr der Kirche lassen, er wollte es mit sich
-fortnehmen, nach Deutschland oder Frankreich. &ndash;
-In wüsten, undeutlichen Träumen verging ihm der
-Tag.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es war gegen Abend; die Sonnenstrahlen durchbohrten
-mit langen gelben Streiflichtern die schmalen
-Bogenfenster, und streiften die mit grauem Sandstein
-umränderten Gewölbbogen; an den hohen Pfeilerbündeln,
-an den Seitenchören hin, am Metall des
-Altarkreuzes, an den messingenen Leuchtern spielten
-hell aufblitzende Lichtpunkte &ndash; draußen wurde es
-allmälig still; die Leute kehrten von der Landarbeit
-heim. Langsam verstummend sank die gelbrothe
-Sonnenscheibe zurück in ihr von Nebeln umflortes
-Meeresbett.</p>
-
-<p>Noch immer lag Thorald regungslos, mit sich
-selber uneins an derselben Stelle. Eine kleine weiche
-Hand faßte, ihn aufrüttelnd, seine Schulter. »Lieber
-Herr! Ihr seid gewiß erkrankt! Hättet ihr nur laut<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-gerufen, ich habe vor der Hausthüre mein Garn geweift,
-ich hätte Euch sicher vernommen. Es hat sich
-keiner hieher in die dunkle Kirche getraut. Als aber
-der Vater heimkam zum Abendbrot und die offne
-Thüre gewahrte, Herr Je! hat er mich gescholten!
-Ich glaubte Euch nun fort und des Zuschließens
-vergessen. &ndash; Kommt, steht auf, ich stütze Euch,
-kommt mit nach Hause! dann koche ich Euch Lindenblüthenthee,
-das wärmt; die alte Halle ist so eisig
-kalt! Könnt Ihr Euch aufrichten? O mein Gott!
-bald hätt' ich's vergessen: auch einen Brief habe ich
-an Euch, von Schloß Aalholm; der Gänsebub' hat
-ihn gebracht &ndash; aber was ist Euch? Wo wollt Ihr
-denn hin? Herr Eynerssen! Herr Thorald! Wartet
-doch!« &ndash; Johanna hatte gut rufen und schelten:
-Thorald, der Helenens Handschrift erkannt, stürzte
-plötzlich wie von Feuersgluth durchströmt fort, ohne
-auf sie zu hören, um in abgeschlossener Stille, fern
-von jedem störenden Menschenblick, das verhängnißvolle
-Blatt zu lesen.</p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p>
-
-<p>Erst nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen
-und Jeder auf sein Zimmer sich zurückgezogen, trat
-Graf Christian bei Helenen ein. &ndash; Finster, mit
-umwölkter Stirn und zusammengezogenen Brauen,
-näherte er sich dem Mädchen und setzte sich in der
-Mauervertiefung des Fensters ihr gegenüber, in einen
-altvätrisch geschnitzten Sessel, den er vorzüglich gern
-bei allen Familienmittheilungen einzunehmen pflegte.</p>
-
-<p>Helene war innerlich entschlossen, all sein Thun
-lächerlich zu finden, sie hatte sich mit Uebermuth und
-Unverletzbarkeit gerüstet, und bot ihm ruhig die
-heitre Stirn.</p>
-
-<p>Ehe aber noch der etwas Verlegene den Anfang
-seiner beabsichtigten Rede gefunden, begann sie selbst:
-»Erlaube mir, lieber Christian, uns beiden ein Wort
-Verschwendung zu sparen. Deine Absicht ist, mir
-mein Betragen in der Kirche, Herrn Eynerssen gegenüber
-vorzuhalten und mich zu fragen: ob ich um die
-Dich so scharf verletzende Aehnlichkeit meiner Züge
-mit denen einer seiner heiligen Frauen gewußt &ndash;
-oder gar sie gebilligt. Beides kann ich verneinen;
-ich hatte keine Ahnung davon, ehe ich die Kirche<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-betrat. Das Uebrige aber läßt sich mit einem einzigen
-Worte abthun: ich <em class="gesperrt">liebe</em> Thorald Eynerssen!«</p>
-
-<p>Christian ward bleich; auch er hatte in seiner
-Jugend empfunden, wie jetzt Helene! er fühlte, daß
-sie festen Willens auf den Ereignissen seines früheren
-Lebens fuße; ein schneidendes Weh trat ihm an's
-Herz, und riß gespenstisch all die Leichen längst
-abgestorbener Schmerzen an's Licht. Seine frühe
-Heirath mit der Tochter eines Feste-Bauers, dem sein
-Vater, Graf Thugge, die Freiheit geschenkt, hatte ihn
-elend gemacht; sie hatte ihn fünfzehn Jahre lang dem
-väterlichen Hause entfremdet! Der alte Graf hatte
-den Feste-Bauer zum Pachter eines seiner Höfe angenommen
-&ndash; so hatte die unglückselige Neigung der
-jungen Leute sich entsponnen. Fünfzehn lange Jahre
-hatte Christian in Jütland in tiefster Abgeschlossenheit
-und drückender Armuth verlebt, unerbittlich vom
-Vater verstoßen &ndash; verflucht! &ndash; Und dieser Vaterfluch
-war seiner liebebedürfenden Seele zu einer sein ganzes
-Dasein überschattenden Wolke geworden, und blieb es,
-selbst als er endlich des Vaters Vergebung gewann!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In der öden Einsamkeit der rauhen Haide,<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-in Mariager, einem elenden, kleinen Städtchen, das
-dem tief einschneidenden Fiörd durch einen kleinen
-Seehafen seinen Unterhalt abgewinnt, ohne alle
-gewohnten Bequemlichkeiten, ohne irgend eine Lebensgier,
-sah der Arme seine ganze Jugend verstreichen!<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>
-Mit täglichen Geldverlegenheiten um's
-tägliche Brot kämpfend, saß er freund- und freudelos
-der Gattin allein gegenüber: unter Standesgenossen
-ein Bauer, &ndash; unter Bauern ein Bettelgraf! Von
-Menschen umgeben, deren ganze Industrie sich auf
-den Hausfleiß grober Webereien und Fertigung schwerer
-Holzschuhe erstreckt, blieb er allem Umgang fern.
-Stolz und verschüchtert zugleich, fand seine ohnedies
-scheue Natur überall Widersprüche, die ihn schmerzten.
-Seine Leidenschaft hatte der Besitz abgekühlt,
-was an ihr durch äußern Widerstand zu phantastisch-schöner
-Uebertreibung aufgeschossen, wie eine Wunderblüthe
-&ndash; war fruchtlos abgewelkt: seine Ehe war
-kinderlos geblieben. Er liebte seine sanfte treue Gattin,
-allein in der immergleichen unpoetischen Stille<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-ihres Zusammenlebens, traten oft Pausen des Verstehens,
-schmerzliche Lücken ein; der Tag ward lang,
-riesig gedehnt überwuchs ihn der frühbeginnende nordische
-Abend, das Bedürfniß die Zeit auszufüllen
-machte sich geltend.</p>
-
-<p>Der junge Mann fing an zu lesen, aus Holstein,
-Schleswig und Copenhagen Bücher sich zu verschreiben,
-eifrig zu studiren, über mühsam errungener Kenntniß
-zu brüten.</p>
-
-<p>Nun vergaß er die Kränkungen der Welt, verschmerzte
-die Trennung von den Seinen &ndash; allein
-er vergaß auch seine Frau; er versank in tiefsinniges
-Forschen, vergrub sich in Geschichte und Philosophie.
-&ndash; Eva erschrak als sie plötzlich entdeckte, daß sie
-eifersüchtig sei. Eifersüchtig! und nicht mehr wie
-ehemals auf eine schöne Dirne, deren Augen Christian
-gelobt, deren schlanken Leib er im »Fangtanz« fester
-umschlossen &ndash; sondern auf seine von ihr abgewandte
-Seele, auf seine Bücher und <span id="corr047">Plancharten</span>, um seiner
-nun ganz von der ihren abgelös'ten Existenz willen.
-O wie lange Tage weinte die arme Eva &ndash; er
-merkte es nicht einmal! wie weinte sie, daß sie nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-klug, nicht unterrichtet genug sei für ihren
-Christian!</p>
-
-<p>Endlich begann sie Unterricht zu suchen, sich eifrig
-mit Stundennehmen abzuquälen, um ihm nachzustreben,
-ihn wieder verstehen zu lernen. Es vergingen
-viele Monate ehe sie nothdürftig Schreiben und
-Lesen sich angeeignet, &ndash; er aber hatte schon wieder
-andere Interessen gewonnen, trieb jetzt Physik und
-Astronomie, machte Experimente &ndash; und Schulden,
-um sich vermittelst der Schiffsgelegenheit des kleinen
-Hafens ausländische Schriften und astronomische
-Instrumente kommen zu lassen. Wieder war er ihr
-in endloser Weite voran! Sie litt sehr! Endlich
-bemerkte er es.</p>
-
-<p>&ndash; Das Alles und weit mehr noch glitt mit
-grausenhafter Geschwindigkeit Christians innerem Auge
-vorüber; als er das leibliche aufschlug, saß seine
-Schwester, den einen Fuß hochgestellt und auf das
-Knie den Arm gestützt, in dessen Hand das rothgeweinte
-Antlitz ruhte, mit dem eigenwillig kecken
-Ausdruck in den Zügen, den er an sich selber kannte!
-An dem nämlichen Fenster hatte er tausend Mal so<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-gesessen und in der nämlichen Stellung starr auf das
-mondlichte, hochaufwogende Meer geschaut, &ndash; wie
-eben jetzt Helene!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Denn die kaum minutenlange Pause zwischen
-ihrer kecken Anrede und des Bruders zögernder Antwort,
-hatte auch ihr das Herz wach gerüttelt; die
-angenommene Heiterkeit war ausgelöscht, der nackte,
-bittere Trotz an deren Stelle getreten. Fest entschlossen
-für ihr Glück zu kämpfen, fühlte sie darum nicht
-minder den Druck lastender Erinnerung. Auch des
-ihr drohenden harten Widerstandes war sie mit tiefstem
-Grauen sich bewußt &ndash; sah sie doch täglich
-dem stillen Vergehen ihrer Schwägerin, der immer
-zunehmenden Kälte zwischen den Eheleuten zu, sie
-mußte es sich eingestehen, daß aus Christians eigenen
-Erfahrungen der furchtbarste Feind ihr erwachse.</p>
-
-<p>Auch war der schon bei ihrer Geburt halb Verwais'ten
-ein entsetzliches Bild von des Vaters Zorn
-gegen Christian geblieben, das mit dem seltsamen
-Lebenswandel des seit ihrer Mutter Tode ganz Vereinsamten
-in Verbindung stand, &ndash; das Urtheil der
-ganzen Familie betrachtete damals den verbannten<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-Sohn wie etwa einen Pestkranken; niemand von
-den Geschwistern, den Vettern und Basen hatte ihn
-wiedergesehen, niemand nannte ohne besondere Nöthigung
-Christians Namen! die andern Brüder, jetzt
-beide an reiche, wenngleich bürgerliche Frauen vermählt,
-waren damals noch zu jung zum heirathen.
-Der bloße Gedanke an eine Verbindung mit einer
-kaum dem Leibzwang entrissenen Bauerndirne, war
-ihnen empörend und lächerlich zugleich; mit ausgelassenem
-Hohn erzählten sie einander von einem Vetter
-des Mädchens, den der Vogt mit Peitschenhieben
-zum zwölfjährigen Soldatendienste gezwungen, eines
-leichten Vergehens halber ihn vom Hof gejagt und
-unter die Miliz gesteckt &ndash; dem Kinde war die Geschichte
-immer peinlich gewesen. Die bösen Buben
-hatten es dann erst recht geneckt, »wärst <em class="gesperrt">Du</em> es,
-Püppchen, und nicht unser Aeltester, wir drehten Dir
-lieber den Hals um, eh' wir die Schande noch einmal
-erlebten!« »Ja«, sagte lachend der Andere, »das
-wäre auch noch schlimmer, unser Blut adelt das Weib
-an unserer Seite und läßt unsern Söhnen den Namen
-des Vaters, aber so ein Bürgerlümmel machte<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-<em class="gesperrt">sie</em> zu seines Gleichen.« Helenchen hatte nicht verstanden
-was sie meinten, aber die Angst hatte ihr
-Thränen erpreßt.</p>
-
-<p>So saß auch sie sinnend jetzt dem Bruder gegenüber,
-die dunkle Gedankenspindel drehend und
-abwindend, ohn' Ende&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Helene!« sagte sehr trübe, aber auf edle Weise
-der Graf, »Du hast Elend genug, zu aufgehäuften
-Massen an einander gedrängt, unter uns erlebt; hast
-Dich groß gesogen daran und stark. Seit ich denken
-kann, geschah das Ungehörige in unserm Hause,
-zerrieben sich die besten Kräfte unseres Stamms umsonst
-an ihren eigenen Auswüchsen. Ich frage Dich
-also nicht, willst Du den alten, kaum entschlummerten
-Unfrieden in seiner dämonischen, Dir wohlbekannten
-Gestalt von neuem erwecken &ndash; ich warne
-Dich auch nicht, das Alles wäre umsonst! Denn
-Du bist eine Gejer! Aber sieh in mir Deinen Widersacher.
-Was <em class="gesperrt">ich</em> gegen diesen Zuwachs unseres
-Familienelends zu thun vermag, das erwarte von
-mir. Kannst Du Dich selbst überwinden, so traue
-mir Liebe, Ausdauer und jedes Opfer für Dein<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-Wohl zu. &ndash; Kannst Du es nicht, mußt Du Deinem
-wilden Sinn genügen, nun &ndash; vergieb! so beachte
-wenigstens Deine Frauenehre, wenn die Ehre Deines
-Namens Dir nichts gilt; wirf Dich nicht weg, auch
-nicht an den Besten! Laufe diesem Abenteurer nicht
-nach, hänge Dich der sich frisch entwickelnden Kraft
-des Jünglings nicht an, wie eine ihn hemmende,
-sein Talent zerdrückende Last &ndash; hüte Dich, daß der
-zu seiner Qual Vergötterte, Dich nicht mit Füßen
-trete! Oh! man hat Beispiele davon.« &ndash; Mit einem
-tiefen Seufzer, ohne Helenen weiter anzusehen, stand
-Graf Christian auf und schritt schweigend zur Thür
-hinaus.</p>
-
-<p>»Er mich nicht lieben? o nein, nein, dann wäre
-ja gar nichts mehr <em class="gesperrt">wahr</em> auf der Welt!« Helene barg
-aufjammernd vor Schmerz das Gesicht in beide
-Hände und schluchzte convulsivisch. &ndash; Endlich sprang
-sie auf, ihr ganzes Wesen trug wieder den Stempel
-der kühnen Entschlossenheit, mit welcher sie vorhin
-den Bruder empfangen. Sie trat an den Tisch und
-schrieb, obwohl mit zitterndem Herzen, dennoch mit
-fester Hand an Thorald Eynerssen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p>
-
-<p>»Sie haben Unwürdiges für mich ertragen, Thorald,
-aber gerade dies Ertragen gilt in meinen Augen
-mehr als eine Heldenthat, denn Sie haben Kraft
-sich zu vertheidigen, und nur um meinetwillen haben
-Sie geduldig die Last auf sich genommen, die Sie
-hinwerfen konnten; allein sie hätte sich zur unübersteiglichen
-Mauer zwischen uns erhoben, hätten Sie
-meinen Bruder behandelt, wie er es verdiente! Ich
-danke Ihnen, Thorald, mit jedem Hauch meines
-Daseins. &ndash; Und doch weil ich nun in der That,
-nicht mehr im bloßen Wort den Rückstrahl Ihrer
-Liebe gesehen, muß ich eben um dieser mich beglückenden
-Liebe willen, ein neues, noch schwereres Opfer
-von Ihnen verlangen. Vielleicht sollte ich in mädchenhafter
-Scheu Sie Schritt vor Schritt errathen
-lassen, was ich so offen Ihnen gestehe, allein wir
-leben in einer so bewegten Zeit, daß auch eines Mädchens
-Herz von dem sie durchglühenden Muth erfaßt
-und fortgerissen wird aus seinem eigenen heimathlichen
-Rückhalt! Die aufgegangene Freiheitssonne ruft
-<em class="gesperrt">alle</em> Lebenskeime an's Licht &ndash; sogar in unsern kalten
-Norden dringt ihr Strahl. Drückt im Allgemeinen<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-unser Volk noch die Kette in der Welt längst als
-lächerlich abgeschaffter Vorurtheile, so ist es gewiß
-um so mehr an jedem einzelnen Freigesinnten, das
-Band zu brechen, das ihn hemmt, denn Millionen
-einzelner Ringe bilden ja die Fessel, in welcher Dänemark
-bis zu diesem Augenblicke schmachtet.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In <em class="gesperrt">diesem</em> Sinne, Thorald, betrachten Sie
-mein Thun, ich <em class="gesperrt">will</em> und <em class="gesperrt">werde</em> frei sein, die Banden
-abstreifen, die mich an diese Scholle binden so
-gut wie den Leibeigenen, dem wir die Freiheit geben,
-mir aber wird Ihre Liebe sie gewähren! Aber um
-dieses Augenblickes willen, welcher unwiderruflich
-kommen muß, ist jetzt ruhige Besonnenheit nöthig,
-bringen Sie ihr das Opfer des gegenwärtigen Moments:
-Niemand darf ahnen, was wir einander
-sind, ehe wir beide Laaland hinter uns haben, und
-in Copenhagen (Kjöbenhavn) uns wieder finden!
-Vernichten Sie die mich beseligende Aehnlichkeit auf
-Ihrem Gemälde, sie verräth uns. Wie mein Bruder,
-denken all meine Verwandte, denken alle Männer
-im Städtchen, ja auf unserer ganzen Insel. Was
-in Frankreich Ihnen und mir zur höchsten Ehre<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-gereichte, erscheint hier als Beleidigung einer achtbaren
-Familie, ja als Beleidigung meiner selbst. Vernichten
-Sie die allzu sehr in's Auge fallende Aehnlichkeit
-und ist dies geschehen, dann bleiben Sie ruhig
-hier, vollenden Sie die begonnenen Arbeiten, welche
-in der Residenz Ihnen leicht die Bahn brechen werden,
-die Ihr Talent sucht &ndash; und überlassen Sie
-Ihrer Helene das Uebrige. Christian soll nicht in
-Zweifel bleiben, um wessentwillen Sie das Bild geändert,
-und zu seinem Schrecken nur zu bald einsehen,
-wie wenig Sie seiner elenden Hülfe bedürfen!«</p>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Helene.</em>
-</p>
-
-<p>»Für den Augenblick ist es genug,« sagte sie, das
-Blatt faltend, »Christians mich erniedrigende Ansicht
-soll keinen Einfluß ausüben auf mich. Du hast ganz
-Recht, Bruder, ich bin eine Gejer, und wir haben
-harte Köpfe, mögen sie grau sein oder blond!«</p>
-
-<p>Allein trotz dieser heldenmäßigen Aeußerung wußte
-Helene doch nicht, wie das Billet in des Geliebten
-Hände bringen; ihrer Kammerjungfer traute sie nicht
-mehr, des Grafen Worte hatten das Mädchen verschüchtert.<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-Den Brief verbergend, eilte sie selbst die große
-Treppe hinab, um einen Boten sich zu suchen; auf
-dem Corridor hörte sie Stimmen, die Thüre des gemeinschaftlichen
-Wohnzimmers der Schwestern, an
-welchem sie vorüberschritt, war nur angelehnt; drinnen
-unterhielten sich Beide mit Mademoiselle Nordermule,
-einer bucklichen, kleinen Gouvernante, welche
-alle Drei von der Wiege an auferzogen.</p>
-
-<p>Mademoiselle Nordermule erhob in diesem Augenblick
-die Stimme, so hoch es die Schwäche ihrer
-kleinen, sehr untersetzten Gestalt irgend gestattete, und
-fuhr in ernstem Pathos fort: »wenn wir lieben!
-aber Kinder, wie <em class="gesperrt">selten</em> geräth eine Ehe ohne wahre
-Zuneigung! wie selten werden die dissonirenden Lebensmelodien
-auch nur leidlich tacktfest zusammen
-durchgespielt bis zu Ende, ohne zerrissene Herzen
-und zerrissene Saiten der armen Weiberseele, die zuletzt
-ganz dumpf und klanglos, gar keinen Lebenston
-mehr wiederhallt! O, Ihr Lieben, wie viele Frauen
-verdummen gänzlich in einer sogenannten »guten«
-häuslichen Ehe, in der sie eigentlich eben &ndash; bloß
-keine Prügel bekommen! Darum kann ich Helenen,<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-deren Charakter nun einmal durchaus in keine solche
-sich finden würde, nur bemitleiden, daß sie auf diesen
-Abweg gerieth, keineswegs sie verdammen; sie
-wird, wie es auch sich füge, Thränen genug zu vergießen
-haben!« &ndash; »Aha, mein Regenvögelchen!«
-sagte gerührt und heimlich lächelnd Helene; »es
-prophezeit wie immer schlecht Wetter!« Leise schlich
-sie hinab in die Küche.</p>
-
-<p>In dem hochgewölbten, weiten Raume, den ein
-ungeheuer großer, aber niedriger Herd mit spitz in
-Dachform sich erhebendem Kamin erwärmte, saßen
-alle Knechte und Mägde des Herrnhofes auf Holz-Schemeln
-und Stühlen um das Feuer her; eine
-rothbäckige Dirne stand neben dem an einer Zackenstange
-hängenden eisernen Kessel und rührte mit langgestieltem
-Holzlöffel »Manna« in die saure, kochende
-Milch zum Brei, welcher eine Hauptschüssel der laaländer
-Kost ausmacht. Von der Küche führten beiden
-Hauptwänden entlang eine Menge Thüren zu
-den Schlafstätten des Dienstvolks; in den Zwischenräumen,
-welche sie freiließen, dem Herd gegenüber,
-standen an der Mauer hochrückige Bänke, vor diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-der mit einem weißen Tuch überdeckte lange Tisch,
-der broddelnden Abendmahlzeit harrend; Brot, Käse,
-Butter und gedörrte Fische waren schon auf demselben
-bereit gestellt. Blankes Kupfer- und Zinngeräth
-schmückte den vorspringenden Rand des Schornsteines,
-auch in den schön gemalten Eckschränken glänzten
-durch die Glasscheiben eine Menge blinkender Dinge,
-Glasgeschirr und Porzellan flimmerten im letzten
-Abendroth der immer noch am weiten Horizont zögernden
-Sonne. Man gewahrte sie durch eine nach
-dem innern Hof weit offenstehende Thüre. Die kleinen
-Bogenfenster der Küche hätten durch ihre bleigefaßten
-runden Scheiben, ohne diese Hülfe die Dämmerung
-längst zur Nacht werden lassen; vorsorglich
-waren auch die Messinglampen am Herd bereits
-angezündet.</p>
-
-<p>Die Männer, welche er um sich versammelte,
-strickten Netze oder schnitzten Quirl und Löffel, andre
-machten Holzschuh und die langen, nur im Norden
-bekannten Schlittschuhschiffchen, auf welchen der Bote
-über das Eis hinfliegt; sogar die Livréebedienten
-halfen; die Weiber spannen und strickten wollene<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-Strümpfe, ein paar webten auf kleinen tragbaren
-Webstühlen grobes Linnenzeug. In der geöffneten
-Pforte stand halb drinnen halb draußen der Gänsebub,
-um Theil an der schönen Geschichte zu nehmen,
-die ein alter Jütländer abwechselnd sprechend und
-singend vortrug; &ndash; auf den Gänsebuben aber hatte
-es Helene abgesehen, er sollte ihr Liebesbote sein,
-denn er konnte weder lesen noch schreiben.</p>
-
-<p>Der alte Jütländer, der als Torfbauer im Lande
-umherzog, trug etwas aus dem Bauernaufruhr (1441)
-in Nord-Jütland vor, wie in der Hangarde auf dem
-St. Jürgens-Berge, nicht weit von Aagaard, zwischen
-ihnen und dem Grundherrn eine blutige Schlacht
-geliefert, in welcher Eske Brock von ihnen erschlagen
-und in Stücken gehauen worden. Da rüstete sich
-der erzürnte König selber, und die Sache nahm eine
-andre Wendung: die Bauern hatten auf dem hohen
-Berge eine Wagenburg um sich geschlagen, so daß
-die Reiterei ihnen nichts anhaben konnte, &ndash; die
-Grundherren aber gewannen etliche unter ihnen mit
-goldnem Versprechen, und klein und immer kleiner
-ward der tapfere Haufe. Der Alte sang:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Erstlich gingen die Morsinger fort,<br /></span>
-<span class="i0">Sodann die Verräther von Thy;<br /></span>
-<span class="i0">Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch<br /></span>
-<span class="i0">Und diese wollten nicht fliehn!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch,<br /></span>
-<span class="i0">Und diese wollten nicht fliehn;<br /></span>
-<span class="i0">Bauten eine Wagenburg sich,<br /></span>
-<span class="i0">Ließen Alle ihr Leben dort!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Mit glühenden Köpfen lauschte der ganze Kreis
-dem Erzähler &ndash; als aber Helene eintrat, flogen alle
-auf von ihren Sitzen, und der Freiheitssang stockte.
-Sie winkte freundlich und schritt sogleich auf den
-Gänsepeter zu.</p>
-
-<p>»Du trägst mir das Papier sogleich zur Mamsell
-Johanna, des Kirchners Tochter,« sagte sie laut,
-»und sie soll Alles recht gut versorgen und bestellen!«</p>
-
-<p>Seufzend ließ der lange gelbhaarige Junge die
-Wendelbo'r in ihrer Wagenburg, lüpfte die Pelzkappe
-und trollte sich von dannen. Helenen war leicht und
-froh um's Herz; eine Weile sah sie dem Burschen
-nach, ob er nicht umkehre, aber der laaländer Bauer
-war Dienst gewohnt und bange dazu!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span></p>
-
-<p>Als Helene wieder auf der Treppe war, begann
-der Freiheitssang von neuem; ach, in diesem Augenblick
-hätte sie gern der ganzen Welt Freiheit gegönnt
-und gegeben! sie war durchaus auf der Seite der
-Revolutionairen. &ndash; Das Gespräch der drei Damen
-war noch nicht beendet &ndash; »daß eine solche Leidenschaft
-für ein Fräulein ihres Standes unstatthaft
-sei;« schloß die Nordermule. »Solche Heftigkeit
-verdirbt den Teint, man kann sogar leicht eine rothe
-Nase davon tragen, oder kupfrig werden. Giebt es
-denn zwischen dieser Excentricität und gänzlicher Apathie
-kein drittes? Wie unendlich glücklicher sind Sie,
-theure Amalie, daß Sie so ruhigen Gemüths die
-Abwesenheit des Barons als eine Ihnen von Gott
-gesandte Prüfung hinzunehmen vermögen. Zu Lichtmeß
-werden es fünf Jahr, daß Sie ihm das Jawort
-gegeben, und Sie blühen trotz ihrer herzlichen Liebe
-zu ihm in ungekränkter Anmuth und Frische.«</p>
-
-<p>»Wir wollen dennoch hoffen,« erwiederte lachend
-Amalie, »daß der etwas farblose Roman meines Lebens
-sich in Bälde zu einer Feyenschen Idylle wandeln
-wird; Baron Arnsöndal hat die Freiherrschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-seines alten Oheims endlich übernehmen können, und
-ich darf hoffen, mit Annetten zugleich meine Hochzeit
-zu feiern.«</p>
-
-<p>Gerührt schloß die Nordermule ihren ältesten Zögling
-in die Arme, und benetzte dessen Locken mit
-Thränen; Amalie war um fast acht Jahre älter als
-Helene, und allerdings war es die höchste Zeit zur
-Ausführung der längst skizzirten Idylle zu schreiten!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Helene war unbemerkt eingetreten, sie stand auf
-der Schwelle und lehnte unsäglich gelangweilt das
-Haupt an den Thürpfosten.</p>
-
-<p>»Nun wird es zwei Ausstattungen zugleich zu
-bereiten geben,« sagte, sorgsam Aug' und Wange trocknend,
-die kleine Alte. »Ach, wenn man dabei an
-alle die gegenüber aufgehäuften Schätze denkt.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Um Himmels willen, <em class="antiqua">ma bonne</em>,« rief, hocherfreut
-diesen Gegenstand einmal erwähnt zu hören,
-Annette, »sagen Sie mir endlich, was man in diesen
-ewig vor Luft, Sonne und Menschen verschlossenen
-Zimmern bewahrt! Hundertmal schon habe ich
-Sie fragen wollen, welchen Schatz eigentlich diese
-Zauberhöhle umschließt?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p>
-
-<p>»Was denn anders als unserer verstorbenen
-Tante Ausstattung,« fuhr Amalie fast zürnend auf,
-»Du mußt es ja längst wissen! plage doch unsere
-arme gute Emerenzia nicht! Die Erinnerung an
-jene alte vergessene Geschichte macht sie jedesmal nervös
-und krank!«</p>
-
-<p>»Ja ja!« sagte starr vor sich hinschauend, aber
-die hochliegenden, wasserblauen Augen bewußtlos in's
-Leere gerichtet, die kleine Bucklige. »<em class="gesperrt">So</em> ist es!
-es war die glänzende Ausstattung der unvergleichlichen
-Ulrike, des Sterns meiner Kindheit und Jugend!
-ach, ich habe ihn nie in seiner ganzen Lichteskraft
-leuchten gesehen! Nur wenige Wochen vor ihrem Tode
-kehrte ihr das volle Bewußtsein zurück; sie flammte
-noch einmal auf, wie eine verlöschende Kerze. Liebe
-Kinder, ich bin recht viele Jahre über die Erde
-hingewandert, manchen Sommer und Winter entlang,
-doch ihres Gleichen an Sanftmuth und eingeborner
-Sitte ist mir nimmer zum zweitenmal begegnet! Wer
-Ulriken sah, hätte auch ohne unsre heilige Offenbarung
-an den Himmel und seine ewige Vergeltung
-geglaubt!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p>
-
-<p>»Aber liebe Nordermule,« rief plötzlich vortretend
-Helene, »Du mußt ja noch ein Kind gewesen
-sein, als die Tante verschied, ich habe sie niemals
-gesehen, bei meiner Geburt war sie vermuthlich schon
-lange todt.« Seitdem das Gespräch um diesen Gegenstand
-sich drehte, war sie dem Gange desselben
-aufmerksam gefolgt.</p>
-
-<p>Die Alte schüttelte verneinend das Haupt. »Es
-sind kaum dreißig Jahre, daß unser theures Fröken<a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>
-geendet,« erwiederte sie, »ich aber zähle sechs und
-funfzig Jahre!«</p>
-
-<p>»So haben Sie Ulriken noch jung gekannt?«
-fragten wie aus einem Munde die drei Schwestern.</p>
-
-<p>»Ja und nein. Körperlich hatte der Herr sie
-lange noch frisch erhalten, allein die Blüthe der Seele
-war geknickt. Meine Mutter, welche als Kammerfrau
-im Dienst ihrer Hochwürden der Frau Fürstin
-Abatissin zu Wallöe im Stift lebte, hat mir das
-Meiste von ihr erzählt, da jene das Fröken eigentlich
-auferzogen und mit zärtlichster Liebe ihm anhing.<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-Tausendmal hat sie mir von Ulrikens außerordentlicher
-Schönheit gesprochen, auch konnte ich selbst
-deren Spuren noch lange, lange ihr ansehen. &ndash;
-Damals, als sie sechzehn Jahre alt war, und meine
-Mutter eben ihren Dienst angetreten, sagte man:
-auch die müdeste Seele des aller ärmsten Fäestebönders<a id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>
-sei fröhlich geworden und frei, wenn ihn das
-Fröken begrüßt! Wenn sie leichten Ganges über die
-<span id="corr065">Haide</span> hineilte am frühesten Morgen, wenn der
-Nachthauch noch scheidend über die Haide streicht
-und sie aufwogen macht wie das Wasser im Belt,
-so blieben, trotz dem drohenden, scheltenden Vogt,
-Alle die zur Arbeit gehen sollten auf der Thürschwelle
-stehen, und schauten ihr nach wie dem guten
-Omen! Aber freilich kannte sie auch jedes Einzelnen
-Weib und Kind, scheute vor keiner mit Stroh
-und Schilf überdeckten Hütte zurück, saß ungeachtet
-des dicken Rauchs der schornsteinlosen Küchen mitten
-unter ihnen und hörte mitleidig all der Bauern Klagen;
-oder sie erzählte den Kindern wunderschöne<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-Mähren von unseren tapfern Seehelden und ihren
-gewonnenen Schlachten, von Juels und Tordenskiods
-Waffenthaten; sogar die alte Saga wußte das
-Fröken zu singen! Waren dann die Männer alle
-fortgezogen auf den Delphinen- oder Seehundsfang,
-und der Vogt trieb deren Weiber an zur Feldarbeit,
-oder sandte sie gar hinaus auf Botengängen tief
-hinein in's Land, dann saß sie Stundenlang bei
-den Allerkleinsten, wartete und fütterte sie und
-lehrte die Größeren. Ach, ich selbst werde nie vergessen,
-mit welchem Glockentone sie die alte schöne
-Geschichte sang, vom guten König Sueno und seinem
-strengen Freunde, dem Bischof Wilhelm in
-Roeskilde; da blieb kein Auge trocken im weiten
-Kreis.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Aber,« unterbrach abermals Annette die Erzählerin,
-»war denn die Tante eine Gelehrte? woher
-wußte sie denn das Alles? In ihrer Jugend hatten
-doch die Frauen viel weniger Gelegenheit sich auszubilden
-als wir jetzt, sie lernten ja kaum nothdürftig
-lesen und schreiben! Wie war denn gerade Ulriken
-eine so viel bessere Erziehung geworden?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p>
-
-<p>Die kleine Nordermule schrak zusammen, als
-habe sie eine Schlange gestochen, und wurde blaß,
-blaß wie der Tod; ihre Züge nahmen einen Ausdruck
-tiefster Zerknirschung an, der ihnen sonst gar
-nicht eigen, sie war sichtlich mit ihrem Gewissen in
-Streit gerathen, und warf sich innerlich ein Unrecht
-vor. »Ich weiß das Nähere nicht,« erwiederte sie
-ganz beklommen, »aber es ist spät; über dem Schwatzen
-haben wir das Wegräumen des Theezeugs, und
-ich glaube gar der Schlafenszeit vergessen.«</p>
-
-<p>Es ward den Mädchen unmöglich, das Gespräch
-von neuem anzuknüpfen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter"></div>
-
-<p>Helene hatte ihren Zweck erreicht; mit schwerem
-Seufzen und schwererem Herzen hatte Thorald, den
-Bitten der Geliebten zufolge, den Haaren seiner Maria
-Jacoba eine dunklere Färbung gegeben, das Blau
-ihrer Augen in Schwarz verwandelt und so das
-Frappant-Individuelle der Aehnlichkeit seines Bildes
-mit den Zügen des Schloßfräuleins gemildert, &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-was davon noch geblieben, konnte dem unbefangenen
-Blick für bloßen Zufall gelten, ja vielleicht ganz ihm
-entgehen. Am Johannis-Sonntage hatte die feierliche
-Enthüllung des Gemäldes stattgefunden; der
-Magistrat und ganz Nysted waren auf's höchste befriedigt,
-die Anerkennung und Dankbarkeit der Bürger
-sprach sich allgemein und beinahe rührend aus,
-denn der Alt-Lutheraner hängt fast dem Katholiken
-gleich an würdiger Ausschmückung seiner Gotteshäuser.
-Vielleicht waren es eben die sinnlichen Zeichen,
-mit denen er gern seine Verehrung des Höchsten umkleidet,
-welche jenen Tagen unsre religiösen Spaltungen
-ersparten. Das Gemüth bedarf einer Gefühlsumfriedung,
-wird ihm diese, so hält es oft den
-zweifelnden Geist mit in den Schranken einer liebgewordenen
-Gewöhnung.</p>
-
-<p>Graf Christian hatte öffentlich in der Kirche dem
-Künstler seinen Dank ausgesprochen, im Schloß war
-derselbe nicht wieder gesehen worden, und keine Einladung
-irgend eines Mitgliedes der gräflichen Familie
-berief ihn dahin zurück.</p>
-
-<p>Schloß Aalholm hatte indessen festliche Tage<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-erlebt; alle Mitglieder der Familie waren anwesend,
-um die feierliche Doppel-Verlobung zu begehen. Die
-in Seeland und Fühnen ansässigen Brüder waren mit
-ihren Gemahlinnen herübergekommen, die künftigen
-Schwäger zu begrüßen und Schnepfen zu schießen;
-das Alles war prächtig!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Helene hatte viel von dieser Zusammenkunft erwartet;
-sie hoffte die jüngern Brüder zu gewinnen,
-denn beider Frauen waren bürgerlich geboren, allein
-ihre Pläne scheiterten an Christians strengbesonnener
-Festigkeit; er vereitelte ihr jede Privatunterredung mit
-ihnen. Auch waren allerdings die Verhältnisse in
-sich selbst sehr verschieden von denen des Malers.
-Janfru Abilgaard, welche erst vor kurzem dem jüngsten
-Grafen ihre Hand gereicht, war einem in Dänemark
-hochberühmten Geschlecht entsprossen. Die
-ältere Schwägerin, Gräfin Friedrich-Gejer, die wir
-aus Amaliens und Annettens Unterredung als Gegenstand
-ihres heimlichen Neides kennen gelernt, war
-eine geadelte, unermeßlich reiche Banquierstochter
-aus Hamburg. Sie hatte ihrem Gemahl ein bedeutendes
-Vermögen und Güter auf Seeland zugebracht,<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-auf denen sie, wie in ihrem Winter-Hôtel zu Copenhagen,
-die glänzenste Existenz ihm bereitete.</p>
-
-<p>Friedrich war der Crösus in der Familie und
-lebte danach, in grellem Gegensatz zum Aalholmer
-Stammhause, dessen Bewohner seit Jahrhunderten
-Abgeschiedenheit und Stille vorzogen, ihre Besitzungen
-unter ihren Augen bewirthschaften ließen, selten in
-Staatsangelegenheiten sich mischten, keine Art Hofdienst
-bekleideten, und alljährlich auf wenige Wochen
-in der Residenz am Hofe zu erscheinen pflegten.</p>
-
-<p>Von dem Allen machte der jetzige Majoratsherr
-eine Art Ausnahme. Seit Christian <em class="antiqua">VII.</em>
-Regierungsantritt hatte er, wie schon erwähnt,
-so lebhaft es seiner Eigenthümlichkeit nach möglich,
-des Königs Bestrebungen in der Bauernsache
-sich angeschlossen. Dieser hatte schon im ersten
-Jahre seiner Thronbesteigung, im Amte Copenhagen
-alle seine einzeln liegenden Höfe parcellirt als
-Eigenthum den Bauern überlassen. Der Graf hatte
-später, als ihm das Majorat zufiel, diesem edlen
-Beispiel zufolge höchst wohlthätig in Laaland gewirkt
-für die gute Sache; sein Jütländer Aufenthalt<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-hatte ihn mit den Mißständen und Bedürfnissen
-des unglückseligen entwürdigten Landmanns vertraut
-gemacht, und seine Handlungsweise und die Opfer,
-welche er seiner bessern Erkenntniß gebracht, hatten
-ihm auch die Gunst Friedrichs <em class="antiqua">VI.</em> erworben. Er
-machte keinen Gebrauch dieses Vorzugs. Wie seinem
-Vater, dem seligen Grafen Thugge, blieb das persönliche
-Erscheinen am Hofe in Copenhagens eleganten
-Kreisen ihm eine peinigende Pflicht, ja eine
-unerträgliche Last, der er auf jede Weise sich zu
-entziehen suchte. Die ihm gewordene Auszeichnung,
-die ausgesprochene Gnade und Theilnahme der beiden
-Monarchen verwirrte, ja verscheuchte ihn. Selten
-sah man ihn länger als eine Woche hindurch in der
-Residenz, wohin er um die Zeit des königlichen
-Geburtsfestes seine Schwestern geleitete, dann aber so
-bald als möglich dem Schutze ihrer anderen Brüder
-sie überließ.</p>
-
-<p>Zu der drei Mädchen Qual gehörte dagegen ein
-fast unbeachtetes Auftreten an der Seite der sie in
-Allem überflügelnden Hamburger Tante, deren Luxus
-sie zerdrückte, deren Manieren ihnen mißfielen, deren<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-Geld-Aristokratie sie verdroß, und besonders in den
-beiden Aeltern fast Abneigung und noch viel größere
-Oppositionen im täglichen Verkehr erzeugten, als die,
-mit welchen sie der kranken und resignirten Eva sich
-entgegenstellten, der sie die geringe Herkunft und leibeigene
-Geburt nicht zu verzeihen vermochten. &ndash; All
-diese kleinen Lebensstörungen und stündlichen Hemmnisse
-hatten in beiden rückwirkend einen wirklich verblendeten
-Adelstolz geweckt, der sich überall aussprach,
-und jetzt auch Helenens Wünschen, ihrer Neigung
-zu Thorald, jede begütigende Vermittlung versagte.</p>
-
-<p>Noch in den Kinderschuhen hatte Helenens Wesen
-eine von dem Bildungsgange der Schwestern ganz
-abweichende Richtung erhalten. Das in der Wiege
-verwais'te Kind, &ndash; die Mutter war in Wochen gestorben
-&ndash; fiel abwechselnd bald in diese bald in jene
-Hand. Ihr lebhafter, prägnanter Geist, der besonders
-ältern Männern ungemein anziehend erschien, gewann
-ihr frühe schon Freunde aus allen Ständen; besonders
-aber in Copenhagen, wohin sie den ältern Schwestern
-folgen mußte, waren einige ehemalige Gefährten
-ihres Vaters, deren Umgang Einfluß auf ihre Denkart<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-und innere eigene Seelenerziehung hatte, ohne
-daß jene es beabsichtigten. Die kleine Nordermule
-sah voller Schrecken der plötzlichen Entfaltung der
-ihren Zögling aufwärts tragenden Flügel zu, ohne
-den ihr unerreichbaren Flug derselben verfolgen zu
-können; im zehnten Jahre schon war Helene ihrer
-eigentlichen Leitung entwachsen. &ndash; Der liebreizenden
-äußern Erscheinung des Mädchens that keine Willkür,
-noch auferlegte Regel Eintrag, sie blieb durchaus
-natürlich und einfach; an ihren Putz dachte sie
-wenig, gerade weil ihr Alles gut stand, an ihr Benehmen
-noch weniger, es umwogte sie beständig eine
-unbewußte Grazie, ein Sichgehenlassen, das dem
-Bewegen eines jungen Rehes gleich. Träumerisch
-und doch voll stets regsamer Gedanken, saß sie mitten
-unter Verwandten und Gespielen allein, immer
-in sich mit etwas außer ihrem Kreise und Bereich
-beschäftigt. So machte sie der Anfang der französischen
-Revolution, die wohl unter allen Ländern
-in Skandinavien am einflußlosesten blieb, zur Jacobinerin;
-die Kargheit der in ihrem Vaterlande und
-insbesondere in ihrem Vaterhause seltenen Detailnachrichten<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-entflammten sie immer mehr, und ließen
-sie einen heiligenden Nimbus um Alles das breiten,
-was ihrem eigentlichen Charakter fern, ihr halbes
-Verstehen in endlose Widersprüche gestürzt haben
-müßte. Bald schwärmte sie für Mirabeau und Charlotte
-Corday, bald vertheidigte sie Robespierre und
-schauderte mit frommen Entsetzen vor der Schwestern
-Theilnahmlosigkeit zurück, die in Mußestunden in
-die Revolution blickten, wie in einen Guckkasten, und
-der amerikanischen Kriegsscenen nur beim Einkauf
-englischer Waaren gedachten.</p>
-
-<p>So entwickelte sich Helene zur blühenden Jungfrau.
-Während die älteren Fräulein, unter tausend
-kleinen Qualen und Freuden des geselligen Verkehrs,
-eine Menge Verhältnisse alljährlich knüpften und
-lös'ten, nur von Liebhabern, Courmachen, Pferderennen,
-Schlittenfahrten und Bällen träumten, und
-am Ende doch Jahr aus Jahr ein unvermählt blieben,
-hatte das kaum erwachsene Mädchen in seiner
-anmuthreichen Absonderlichkeit eine Anzahl ernstlicher
-Verehrer und sogar einige sich nähernde Bewerber
-gefunden. Sie aber wies lachend Alle ab, glaubte<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-ihren Betheurungen selten oder gar nicht, sprach
-mitten in deren pathetischen Erklärungen von etwas
-Anderem, und versicherte ihrem sie tadelnden Bruder:
-»all diese Geschichten wären ihr ganz unsäglich langweilig,
-der Langenweile aber meine sie zur Genüge
-in Aalholm finden zu können.« Mademoiselle Nordermule
-war in Verzweiflung. &ndash; Helene war sogar
-einmal, während einer etwas langgedehnten Liebes-
-und Heirathsbewerbung zum Salon hinausgegangen,
-aus Zerstreuung. Helenens Schwestern gaben ihr
-Recht, »weil sie noch ein Kind sei.« Eine Heirath
-der viel jüngeren Schwester hätte ihnen den Anstrich
-höheren Alters gegeben.</p>
-
-<p>Die kleine Gouvernante ließ sich nicht irre machen!
-Helene zählte damals zwanzig Jahr, obschon sie
-aussah wie ein Mädchen von sechzehn; sie suchte
-auf jede Art ihres Lieblings Glück zu fördern, warnte
-sie vor späterer Vereinsamung und ermahnte sie, der
-Tage zu gedenken, von denen geschrieben steht, »daß
-sie uns nicht gefallen werden.«</p>
-
-<p>Helene aber lachte. »Ich will weder einen Kohl-
-und Krautjunker, der seine Ochsen, Kühe, Hunde<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-und Pferde lieber hat als mich, noch einen voltairisirenden
-Salons-Cavalier, der jeder Schürze nachläuft,
-und nicht einmal die heilige Jungfrau Maria
-in Ruhe lassen kann, ohne üble Nachrede; begegne
-ich nicht endlich einem wirklichen menschlichen Menschen,
-der kein bloßer Repräsentant seiner gesellschaftlichen
-Stellung ist, so will ich auf meinem Stift
-bleiben und dort wie meine sieben Cousinen Gejer-Mogenstrupp
-als Chanoinesse alt und grau werden.
-Ich bedarf einen Freund, der mich den Reichthum
-der von mir kaum geahneten Welt kennen lehre, der
-mir die Seele mit edlen, heitern Bildern füllt &ndash; ich
-kann nicht bloß von Arbeit und Pflichten leben, ich
-bedarf auch Genuß! Was hilft mir die Hesperiden-Ferne,
-in welche mich Dichter und Künstler schauen
-lassen, wenn sie mir unerreichbar bleibt, wenn ich in
-meiner engen Gegenwart geistigen Hungers sterbe?
-Es kann nicht Jeder, wie mein Bruder, ein Gelehrter
-sein, der sich über einen Schmerz oder Verdruß wegexperimentirt;
-es kann auch nicht Jeder immer nur
-der Bauern <em class="gesperrt">Rechte</em> und seine eigenen während <em class="gesperrt">des
-Unrechts</em> vergessen, das ihm am allernächsten steht!<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-Ich würde meinen Mann ganz miserabel behandeln,
-oder mich von ihm mißhandeln lassen, das ist eine
-entsetzliche Sclaverei! &ndash; Wenn so ein armer Schelm
-von Bauernbengel unser Leibeigener wird, weil er auf
-unserm Hofe mit dem andern lieben Hausvieh geboren,
-und wir ihn verkaufen dürfen an die Miliz,
-wie einen jungen Jagdhund, so thut mir das von
-ganzem Herzen weh! ich gönne es ihm, wenn er
-loskommen und uns entwischen kann, aber es langweilt
-mich schon daran zu denken, wenn ich ihm
-nicht helfen kann; ist es dann also nicht thöricht,
-mich selbst der Leibeigenschaft, der ich so tief in's
-Auge gesehen, bei einem Manne Preis zu geben,
-dessen Fesseln ich nun und nimmer zu entrinnen
-hoffen darf? es gilt da kein Loskauf, Emerenzia!
-oder soll ich, wie meine schöne Schwägerin, seine
-Gebieterin sein, ihn zu meinem Sclaven machen,
-und mich innerlich den ganzen Tag seiner schämen?«
-Die kleine Nordermule seufzte und &ndash; schwieg.</p>
-
-<p>Jahr um Jahre schlichen auf diese Weise vorüber.
-Comtesse Amalie war verlobt, Annette hatte alle Aussicht
-es zu werden. Helene kehrte unveränderten Sinnes aus<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-der Hauptstadt zurück, nur begann ihr die innere
-Einsamkeit schwerer zu werden; es giebt Mädchen,
-bei denen das Herz weit später erblüht, als der Körper.
-Zum ersten Male schlich sich ihr die Sehnsucht
-in den Frühling.</p>
-
-<p>Die Nordermule seufzte noch schwerer &ndash; Helene
-wies ihre Bewerber bloß auf etwas höflichere Weise
-ab. »Ich mache künftig in meinem Stift meinen
-alten Verehrern und deren Kindern Confitüren und
-backe ihnen Pfefferkuchen, wie meine sieben Cousinen
-Mogenstrupp,« versicherte sie komisch-ernst.</p>
-
-<p>»Auf dem Stift ergrauen, wie jene Sieben?« sie
-waren der Nordermule entsetzlicher als die Sieben
-vor Theben.</p>
-
-<p>»Aber Emerenzia! kannst Du Dich nicht erinnern,
-daß sie uns in Copenhagen besuchten, wie meine
-Schwestern auf die ersten Bälle gingen, und ich noch
-ein kleines Kind war? Schon damals haben sie
-mir einen imposanten, ganz majestätischen Eindruck
-hinterlassen; sie gingen alle überein gekleidet und trugen
-gewaltige Kreuze um den Hals gehängt an schweren
-Ketten, und in der Linken ein Schnupftuch und einen<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-Stockschirm mit Gold- und Perlemutterknöpfen. Ihre
-Mutter war bildschön gewesen, hatte sich früh vermählt
-und war in guter Zeit Witwe geworden, eine
-strahlende, reizende Witwe. Wuchsen ihr da mitten
-in ihren Successen sieben lange Töchter zur Seite
-auf, die auch gar nicht übel waren, blonde, braune
-und schwarze! Was konnte die arme Frau Besseres
-thun, sich der Nebenbuhlerinnen zu erwehren, an
-deren Seite sie in den königlichen Soireen erscheinen
-mußte, als &ndash; die Töchter zu Caricaturen aufzuputzen,
-bis die armen, in unglaublicher Abenteuerlichkeit mit
-Juwelen, Blumen, Bändern überladenen Mädchen,
-durch die Barrière der Lächerlichkeit von aller Jugend
-abgesondert, wie eine Gesellschafts-Chimäre dastanden,
-die nur dazu diente, der alternden Armida Reize zu
-erhöhen. Die immer noch hebeartig blühende Mutter
-bejammerte »das unglaubliche Ungeschick« ihrer Töchter,
-und eines schönen Tags dämmerte diesen eine
-Ahnung auf, daß sie lächerliche Figuren geworden!
-So saßen sie wie Tarock-Karten lang und bunt an
-die Salonwände gelehnt, blieben sitzen, wenn die
-Andern zu Menuet, Quadrille und Anglaise flogen,<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-blieben sitzen, bis sie endlich fortzogen in ihre Stifts-Curien,
-und sitzen dort noch, einsam, hehr und
-adelstolz, wie früher in den jungfräulichen Zellen
-ihres Familienschlosses.«</p>
-
-<p>»Und die Mutter?« &ndash; die Nordermule sah bei
-der Erzählung wie ein Frühlingsungewitter aus: sie
-lachte und weinte, wie Sonnenschein und Regenguß,
-zu gleicher Zeit.</p>
-
-<p>»Ach, <em class="antiqua">ma bonne</em>, das ist eine hochtragische Geschichte!
-Die Mutter starb, <em class="antiqua">au beau milieu de ses
-succès</em>, als es ganz unmöglich war zu verhehlen:
-daß die vierzigjährigen Mädchen &ndash; erwachsen wären!«</p>
-
-<p>»Aber Helene! welch ein Gedanke Dich diesen Schwestern
-zu vergleichen, sie fanden nie einen Mann und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie fanden vielleicht bloß einen, wie ich ihn
-auch finden werde, einen Mann &ndash; im Mond? Den
-man nicht heirathen <em class="gesperrt">kann</em>, weil er bürgerlich ist,
-und sein Kohlkopf und Dornbusch auch, oder weil
-er uns nicht mag, oder weil er nichts taugt, einen
-Mann, der nicht reich, nicht vornehm, nicht klug,
-nicht schön genug für die <em class="gesperrt">ganze</em> ihn natürlich <em class="gesperrt">mitheirathende
-Familie</em> ist! Vielleicht dachte Eine<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-oder die Andre wie ich, und wollte für sich selbst
-heirathen, vielleicht waren sie aber auch den Männern
-gar zu herrlich und majestätisch&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Helene!«</p>
-
-<p>»Warte nur, Emerenzia, Du sollst sie selbst sehen!
-Drei von ihnen leben jetzt in Wallöe und im Herbst
-besuchen sie die Andern um Marzipan zu backen.
-Und doch! weißt Du, Nordermule, die armen alten
-Mädchen sind wahrscheinlich unter sich glücklicher als
-hier Christians Frau! o die milde, geduldige Eva&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die Gouvernante schwieg; sie fand es nicht anständig,
-des Grafen, ihres Brotherrn, Verhältnisse
-zu besprechen. Lachend drückte ihr Helene die Hand,
-die Beiden verstanden sich vollkommen.</p>
-
-<p>Und wenig Wochen nach dieser Unterredung sollte
-ein junger Maler die Portraits der drei Fräulein
-machen &ndash; und die Liebenden sahen einander zum
-ersten Mal.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, ob schon von einer Frau ausgesprochen
-worden, wie ein Mädchen das nahende
-Geschick ihres künftigen Daseins vorausempfindet
-beim ersten Anblick eines Mannes, den es ernst und<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-leidenschaftlich zu lieben bestimmt ist. Ich glaube
-jeder tiefen, das ganze Wesen durchglühenden Empfindung
-geht ein Durchzittern des Herzens voran,
-das keiner andern Lebensahnung gleicht, ein plötzliches
-bebendes Verstummen der Gedanken, die nicht
-wagen, den Gegenstand zu berühren, der wie das Geheimniß
-des nahenden Tages die plötzlich aufwogenden
-Stimmen der Natur aufruft aus dem Schlummer
-&ndash; alle anderen Empfindungen der Seele schlagen
-an wie erwachende Vögel in der sich lichtenden, der
-Sonne vorangehenden Dämmerung; alle Blüthen
-der Seele stehen in Thränen und öffnen dem nahenden
-Tage ihren Kelch; es legt sich ein tiefes, heiliges
-Mysterium über die innere, wie über die Außenwelt:
-der nächste Augenblick muß es durchzuckend lösen &ndash;
-o, wer ewig an dieser Zauberschwelle weilen könnte,
-durchbräche <em class="gesperrt">nie</em> die Sonne der Wirklichkeit, so schön
-sie ist, den Goldsaum der Wolkenbilder, die den fernen
-Himmel mit ihrem rosigen, wogenden Leben umhüllen
-und ihn der Erde verbinden!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und Thorald? Nun Thorald empfand nicht eben
-die erste Liebe, aber dennoch die erste festhaltende,<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-ernste Neigung seines Lebens. Sein einfacheres,
-alltäglicheres Gefühl glich weniger einem zur Priesterschaft
-des Lebens heiligenden Mysterium, allein
-mit jedem Tage wurde es tiefer und wahrer. Anfangs
-sah er in Helenen noch die vornehme Dame,
-empfand den Unterschied der Stände als drückende
-Last; mit Gewalt hätte er seiner wachsenden Leidenschaft
-entfliehen mögen, er gedachte seiner Kunst, seiner
-Mutter und einer Menge vorübergezogener Empfindungen,
-die ihn abwechselnd beherrscht hatten und
-dann in sich selbst verflüchtigt worden waren in
-Rauch und Dunst; er schalt sich, daß ihm eine ähnliche
-Behandlung seiner Liebe zu Helenen mißlang;
-nach und nach siegten das Herz in ihm und die Natur,
-die sich nicht gebieten läßt! er liebte das Mädchen
-täglich inniger und menschlicher. Thorald war
-keineswegs, was die Geliebte in ihm sah, was die
-Zeit, die er durchlebt, ihn erscheinen machte, aber er
-war ein redlicher, aufrichtiger Mann, mit einem Fond
-unendlicher Gutmüthigkeit; die gewaltsamen Ereignisse,
-die er miterfahren, hatten ihn eine Strecke mit
-sich fortgerissen; nun war ihm eigentlich unsäglich<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-wohl, in die ihm natürliche Beschränkung und Harmonie
-des Empfindens zurückzukehren. Von der Mutter
-und einer alten Magd bis in's siebzehnte Jahr erzogen,
-lagen eine Menge weiblich ausgebildeter zarter
-Gefühle in seiner noch nicht ganz ausgearbeiteten Seele;
-er schämte sich ihrer in Männerkreisen, in Italien
-waren sie von ihm selbst vergessen und zurückgedrängt
-worden, nun erblühten sie alle in zauberischer Frische,
-&ndash; trotz seines Kummers war Thorald unbeschreiblich
-glücklich!</p>
-
-<p>Graf Christian hatte sich gegen seine beiden Brüder
-ausgesprochen. Man war darin übereinstimmend,
-Helenens Neigung wie eine romantische Grille zu
-behandeln, der nichts wirkliche Folgen zu geben vermöge,
-da sie in keins der bestehenden Verhältnisse
-passe. Nur im äußersten Nothfall sollte offenbarer
-Widerstand ihr entgegentreten. Christian war der
-einzige unter den Brüdern, der wider Willen an eine
-wahre Gefühlstiefe ihrer Liebe glaubte und den möglichen
-Ernst derselben scheute; Friedrich und Johannes
-lachten ihn aus, beide waren Welt- und Hofleute.
-»Helene ist volle vierundzwanzig Jahr, und folglich<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-über Nußschalen- und Hüttenalter hinaus,« versicherten
-sie.</p>
-
-<p>Vielleicht wäre man zu kräftigeren Maßregeln
-geschritten, hätte man nicht jede öffentlich wiedertönende
-Erinnerung an des Erbgrafen arge Mißheirath
-zu meiden gesucht. Die beiden Brüder boten
-dem Maler Arbeit auf ihren Gütern zu Fühnen und
-Seeland, verschafften ihm auch bei den arglosen
-Schwägern und anderen Nachbarn und Freunden Bestellungen.
-Thorald ward mit Arbeitsvorschlägen
-überhäuft, &ndash; die alle ihn von Laaland zu entfernen
-bezweckten. Wirklich ging er nach Fühnen, aber nach
-vierzehn Tagen war er wieder in Nysted. Dann
-kehrte er wieder zu den begonnenen Bildern zurück.
-Auf diese Weise wechselte er fortdauernd den Aufenthalt,
-ohne je sein Mädchen aus den Augen zu verlieren;
-beim Küster behielt er ein Absteigequartier,
-er malte den Alten und eine Anzahl Bauern als
-Studium, Johannen aus Dankbarkeit; &ndash; man konnte
-ihm nichts anhaben, es blieb unmöglich, ihn ganz
-von der Insel zu vertreiben.</p>
-
-<p>Eine fortgesetzte Correspondenz mit der fast mündig<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-gewordenen Schwester zu hindern, gelang noch weniger;
-Christian bemerkte Helenens schadenfrohes Lächeln
-und beschloß ernstere Mittel zu ergreifen.</p>
-
-<p>Unterdessen schritten die Vorbereitungen zu den
-im Herbst bestimmten beiden Hochzeiten täglich weiter.
-Vieles wurde in Copenhagen bestellt, anderes zur See
-aus Schleswig und Hamburg verschrieben; eine Tüchtigkeit
-der Pracht waltete überall vor. Zuletzt kamen
-die Truhen in den verschlossenen ehemaligen Wohnzimmern
-der Tante zur Sprache. Sie hatte diese
-als achtzehnjähriges Mädchen verlassen, und nur
-wenige Monate vor ihrem Tode von neuem auf
-kurze Zeit bezogen; seit dreißig Jahren standen sie
-verödet. Graf Christian erklärte seinen drei Schwestern
-ehe man sie öffnete, der Augenblick eines nur
-sie allein betreffenden Erbschaftsantritts sei gekommen,
-er bäte sie, sich untereinander über die Theilung der
-von ihrer seligen Tante zurückgelassenen Ausstattung
-zu vereinen, deren Inhalt ihm selbst fremd sei, da
-kein Anspruch irgend einer Art ihn berechtigt habe,
-bis zu diesem Tage die Schlösser dieser Truhen zu
-öffnen. »Du,« sagte er scharf betonend zu Helenen,<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-»wirst die Güte haben, den dir zufallenden Antheil
-dieser Gegenstände meinen oder meiner Gemahlin
-Händen anzuvertrauen, da es meine Pflicht ist, ihn
-erst bei Deinem einstigen Einzug in eines würdigen
-Gatten Haus Dir zu freier Benutzung zu überliefern,
-über die Theilung jedoch schon jetzt mit den Schwestern
-Dich zu besprechen, wirst Du mir hoffentlich
-nicht abschlagen.«</p>
-
-<p>Eva war als bloße Zuschauerin bei diesen Verhandlungen
-gegenwärtig und sehr bewegt; deutlich
-blickte aus all ihrem Thun der Kummer über Helenens
-und Christians Spannung; Thorald erschien ihr
-als Störer eines Hausfriedens, den die Arme mit
-unerschöpflicher Geduld zu erschaffen stets von neuem
-träumte. &ndash; Die kleine Nordermule schwamm in Thränen,
-welche selbst der Respect für den Grafen nicht
-zu stillen vermochte.</p>
-
-<p>Auf ein sehr kleines Vorgemach mit nur einem
-einzigen Fenster folgte eine Art Wohnzimmer, das
-der Einrichtung nach mitunter zum Empfang seltener
-Besuche gedient haben mochte. In dessen Mitte stand
-ein großer Tisch, auf demselben Tintefaß und Feder,<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-auch einige Lehrbücher lagen dabei, das Ganze machte
-den Eindruck, als habe hier ein Kind Unterricht empfangen,
-&ndash; etwas weiter zurück, dem Fenster näher,
-stand ein niedriger Stuhl, und vor demselben einer
-jener schon erwähnten kleinen Webstühle, &ndash; »ach,«
-rief die Nordermule in heißere Thränen ausbrechend,
-»hier saß die Schließerin mit der Arbeit, während
-der Stunden, in welcher&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ein drohender Blick aus des Grafen aufflammendem
-Auge schloß ihr den Mund. &ndash; Das Gemach
-war durchweg mit weiß überstrichenem Holzgetäfel
-bekleidet, die grün- und goldumrandeten Medaillons
-seiner Wandfelder zeigten verblaßte Spuren schäferlicher
-Darstellungen im damaligen Geschmack; es
-waren ziemlich plumpe Nachahmungen der französischen
-Vorbilder jener Zeit; die ausgeschweiften, geschmacklosen
-Möbel, auch weiß mit Gold und Rohrgeflechten
-statt der Sitzpolster, gehörten ebenfalls dorthin.</p>
-
-<p>Das hintere anstoßende Schlafzimmer hatte seinen
-aus einer weit frühern Periode stammenden
-ernsten Charakter bewahrt, sogar sein gothisches
-Bogenfenster mit den in Blei gefaßten runden Scheiben,<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-in dessen Mauertiefen ein hochrückiger Nußbaumsessel
-stand. Etwas weiterhin gewahrte man
-einen schön geschnitzten Betschemel, und auf dessen
-Pult ein Kruzifix und eine schwere mit Klammern
-geschlossene Bibel. Die weiß getünchte, nur mit
-Eichenholz umrahmte Wand, deren Hälfte das große
-geblümte Gardinenbett einnahm, den Fenstern gegenüber
-der riesige blaue Porcellan-Kachelofen, &ndash; das
-Alles paßte weit eher zum Aeußern des Schloßbaues.
-Ein Stickrahmen bewahrte die in Seide noch unvollendete
-Großmuth Alexanders, &ndash; ein Eckschrank die
-kleine Hausapotheke, und über derselben zwei Reihen
-französischer und dänischer Bücher, poetischen und geschichtlichen
-Inhalts; an sie schlossen sich eine isländische
-Bibel, eine Sprachlehre und einige zum Studium
-dieses nördlichen Idioms nöthige Hülfsschriften.
-An der dem Bett gegenüber frei gebliebenen
-Wand standen vier herrlich in Nußbaum geschnitzte,
-mit künstlichen Messingbeschlägen gezierte Truhen, &ndash;
-sie nehmen allgemein noch in den ältern dänischen
-Familien die Stelle unserer Wasch- und Kleiderschränke
-ein, und stehen meist in den von einem zum<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-andern Gemach führenden Gängen. &ndash; Wie es schien,
-hatte man sie aus dem Vorzimmer der Sicherheit
-wegen in diesen Theil der Wohnung der Verstorbenen
-gebracht. Alle zeigten die schön in Metall ciselirten
-Wappen des Hauses, nur eine trug den Namen der
-ehemaligen Besitzerin.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sei es die drückende Luft des allzulange verschlossenen
-Zimmers, oder lag wirklich in dem Allen
-der Nachklang einer jungfräulichen Abgeschiedenheit,
-einer so recht heimlich ertragenen Herbheit des vernichtenden
-Geschicks, alle Anwesenden waren ernst,
-ja fast wehmüthig gestimmt, als endlich die fast verrosteten
-Schlüssel in ihren Höhlen sich drehten, und
-die Truhen ihre geheimen Schätze zu Tage förderten.
-Der Inhalt bot ein individuell-seltsames Gemisch
-von Kostbarkeiten! Ueber den reichen, schwer seidenen
-Damaststücken und den gestickten Brocaten zu Kleidern,
-neben den Chagrinétuis mit Bonbonièren,
-Zitternadeln, Ketten, Ringen, Armspangen und all
-dem übrigen prächtigen Putz einer vornehmen Dame
-der damaligen Zeit, lagen abgewelkte Sträuße kleiner
-Wiesenblumen, &ndash; Schreibbücher eines Kindes,<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-Repetitionen und Aufsätze, &ndash; Ausarbeitungen für
-einen gründlichern Unterricht als er damals gebräuchlich,
-geschriebene Bruchstücke der nordischen Saga,
-endlich ein in Silber gefaßtes kleines Medaillon, fast
-ärmlich abstechend gegen all die Herrlichkeiten, mit
-dem Miniaturbilde eines jungen Mannes. &ndash; Diese
-Truhe schien die Einzige zu sein, welche die Besitzerin
-geöffnet, die folgenden enthielten Schätze an
-feiner Wäsche, eine silberne Toilette, alles was zum
-persönlichen Gebrauch einer Fürstin geeignet; die
-letzte Kiste barg, was der Haushalt einer jungen
-Frau in glänzenden Verhältnissen fordern kann. &ndash;
-Alles war mit sorgsamster Auswahl bereitet, und
-zeugte von der mütterlichen Liebe der fürstlichen Erzieherin
-Ulrikens.</p>
-
-<p>Während die älteren Schwestern gierig den Inhalt
-der Kasten musterten, und über dessen Eintheilung
-in drei gleiche Loose den Druck der beklommenen
-Luft im Gemach vergaßen, athmete Helene schwer
-und schwerer! Sie hatte sich des kleinen Medaillons
-bemächtigt und betrachtete mit immer traurigerer Miene
-die bleichen sanften Züge, die es ihr bot. Die schwarze<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-Kleidung des Jünglings verrieth den Candidaten, &ndash;
-»ihr Lehrer oder ihr Liebster?« dachte das Mädchen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Auch hier das nämliche Geschick! den alten Fluch
-des Hauses,« hauchte kaum vernehmbar Eva, die
-ihr über die Schulter blickte. Helene sah sie an,
-sie war blaß und zitterte merklich; sie bat die immer
-noch auspackenden Schwestern das Medaillon ihr
-zuzutheilen, und erhielt es leicht, denn es war altmodisch
-gefaßt und unschön als Schmuck.</p>
-
-<p>Endlich waren die Loose fertig, die Schwestern
-theilten nach Zufall, &ndash; am Boden blieben die welken
-Frühlingsblüthen und die Papiere; die arme
-Nordermule sammelte Alles auf; Eva hatte bereits
-die sie beengenden Räume verlassen, &ndash; der Anblick
-war ihr unerträglich.</p>
-
-<p>Sobald der Eifer der besitznehmenden Schwestern
-es ihr gestatteten, entzog auch Helene sich dem ihr
-durchaus peinlichen Eindruck. Die ganze Scene machte
-ihr das Herz schwer; es kam ihr Alles, sogar ihre
-eigne Theilnahme daran, wie eine Entweihung, wie
-das gewaltsame Eindrängen in ein zartes, jungfräulich
-verhülltes Leben vor, das selbst der Tod nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-abzuschließen und dem frevelnden Blick des fremden
-Auges zu bergen vermöge, während lange qualvolle
-Jahre daran gesetzt worden, diesen einzigen armseligen
-Zweck zu erreichen.</p>
-
-<p>Als sie die Schwelle ihres Zimmers eben überschritt,
-streifte sie Christians Arm, und seine Hand ergriff
-unvermuthet die ihre. »Helene,« sagte er ernst und
-strenge, »Du trägst den Schlüssel dieses bejammernswerthen
-Geschickes mit Dir fort,« er deutete mit dem
-Blick auf das Medaillon, »es hat trübe unser aller
-Dasein umleuchtet, wie ein Nordlicht, ohne unsre
-Wege zu erhellen, ohne unserm Auge die Bahn
-deutlicher zu machen, die wir zu durchwandern gezwungen!
-Gebe Dir Gott mehr Glück und mehr
-Besonnenheit als ihr, und ein klareres Verständniß
-des Unabwendbaren! Du kennst bisher nur die <em class="gesperrt">Lösung</em>
-dieses traurigen Räthsels!«</p>
-
-<p>»Ja,« erwiederte Helene gepreßt, »ja, mir ahnet,
-daß sie für gleichen Lebenseinsatz einen entsetzlichern
-Verlust, für gleiche Schuld &ndash; wenn es eine ist!
-eine schwerere Buße zu ertragen gehabt, als wir
-Alle!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span></p>
-
-<p>Christian lächelte bitter. »Es kennt keiner das
-Gewicht der Bürde des Nächsten!« Er war mit eingetreten
-und ging in fast leidenschaftlicher Erregung
-eine Weile auf und nieder. Endlich blieb er vor
-ihr stehen; »es kann nicht schaden,« setzte er mit unbeschreiblich
-traurigem Tone hinzu, »daß Du einmal
-die Dir noch unbekannten Schicksale Deiner nächsten
-Verwandten, ja Deines älterlichen Hauses in's Auge
-fassest &ndash; komm setze Dich zu mir.«</p>
-
-<p>Helenens weiche Stimmung ließ sie dem Bruder
-schweigend willfahren; sie hoffte die Erzählung werde
-die Tante betreffen, hier in ihren eigenen Räumen
-scheute sie nicht, mit dem Einzigen, der um das Geheimniß
-zu wissen schien, davon zu reden; &ndash; so
-hängt auch das edelste, zarteste Gefühl vom Eindruck
-äußerer Umgebung ab!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»So weit meine eigne Erfahrung reicht,« begann
-Christian, »habe ich stets bemerkt, daß in all den
-Einzelgruppen der menschlichen Gesellschaft, die wir
-»Familien« nennen, ein nämliches Grundprinzip des
-Glückes wie des Elends in fast all ihren Mitgliedern
-in unzähligen Umgestaltungen sich wiederholt.<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-Es geht damit, wie mit der Aehnlichkeit der Gesichtszüge,
-die selbst, wo sie in Einzelfällen in gerader
-Linie verschwindet, in verwandtschaftlichen Kreuzungen,
-im Großneffen, im Enkelkind, in Tanten und Basen
-wieder auftaucht und sich unverändert geltend macht.
-Davon hat man tausende von Beispielen überall. Psychologisch
-erklärt sich aber das erste Phänomen, wenn
-man auf diesen Erscheinungen körperlicher Gleichheiten
-weiter zu fußen versucht und beachtet, wie
-sie Jahrhunderte zurück sich erstrecken, und eben so
-fortdauern um uns her, bis gewaltsam ihm aufgedrungene
-fremde Schößlinge den alten Familienstamm
-in seiner Wurzeltiefe und Wipfelhöhe überwuchert
-haben! &ndash; Es läßt sich gar wohl begreifen, daß auch
-die dem Leibe inwohnende <em class="gesperrt">Seele</em> ihre eben so bis
-in den späten Ur-Enkel, durch Mischung sich analoger
-Körper- und Geisteskräfte, erzeugten ähnlichen
-Gebrechen und Tugenden bewahrt, und daß auf
-diese Weise der einzelne, sehr reich begabte Mensch
-zum Schöpfer einer Scala von herbeigezogenen Geschicken
-wird, die zusammenklingen, weil sie auf <em class="gesperrt">einem</em>
-ihnen allen eigenthümlichen Grundton beruhen! Nennt<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-doch selbst ein Volkswort Jeden seines eigenen
-Unglücks Schmied! Und <em class="gesperrt">so</em> wird denn Fluch und
-Segen des längst schlummernden Ahnherrn immer
-von neuem erweckt, bis der letzte seines Namens und
-Stammes zu Grabe getragen ist.« &ndash; Erstaunt sah
-Helene den Bruder an; wie kam der sich nur mit
-abstrackter Gelehrsamkeit beschäftigende Mann, der
-Philosoph, zu diesen Ansichten eines Schwärmers?</p>
-
-<p>»Seit unseres Großvaters Jugend, welche in die
-erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts zurückreicht,
-hat jedes unsre Familie befallende Mißgeschick, das
-bald auf entwürdigende Weise deren zarteste Hoffnungen
-brach, bald den eigenen Herd, das Herz
-des Hauses zum Schauplatz des Ungehörigen machte,
-sein Entstehen einer durch Liebesraserei erzeugten Verblendung
-zu verdanken. Jede Neigung ist bei uns
-durch Widerspruch zur Leidenschaft ausgeartet, jedes
-das Dasein erhellende Licht zum wilden Feuer, das
-den Aufbau unseres Lebens zerstört, das Dach über
-unseren Häuptern verzehrt, uns arm und bloß, als
-Bettler in der leergewordenen Existenz zurückläßt!«</p>
-
-<p>»Unser Großvater lebte in äußerlich günstigeren<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-Verhältnissen als wir. Seine Jünglingszeit fällt in
-die Glanzperiode Niel Juuls und seiner Siege über
-die Schweden. Owen focht unter dem großen Feldherrn
-und zeichnete sich aus; das Vaterland nannte
-mit dem des Helden zugleich <em class="gesperrt">seinen</em> Namen! Die
-der Krone geleisteten Dienste verschafften ihm die
-Hand einer dem königlichen Hause verwandten jungen
-Dame, der Fürstin Harald-Friedrichsborg. Bei
-anscheinend blühender Gesundheit bemächtigte sich ihrer
-bald nach der Vermählung ein heimlich schleichendes
-Uebel, das in fortgesetztes Kränkeln überging, und
-die Geburten einer Tochter (der Tante Ulrike) und
-zweier Söhne schwächten den zarten Körper der jungen
-Frau noch mehr. Auch das in ihren Verhältnissen
-unvermeidliche, geräuschvolle Hofleben schadete
-ihr, es raubte ihr die Möglichkeit einer allmäligen
-Erholung; sie starb, nachdem sie einem dritten Sohn,
-unserm Vater, das Leben gegeben, gleich nach dessen
-Geburt.</p>
-
-<p>Grenzenlos war des Gatten Schmerz! In wahnsinniger
-Verzweiflung starrte er anfangs den Ueberbringer
-der Todesbotschaft regungslos an; dann aber<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-sprang er einem wüthenden Tiger gleich, der seine
-Beute erfaßt, auf den Unschuldigen los, warf ihn
-zu Boden und trat ihn mit Füßen! Noch in der
-nämlichen Nacht starb der schwer Verletzte an den
-Folgen der erlittenen Mißhandlung. Des Königs
-Liebling aber, Graf Owen, entging jeder Anklage
-und Strafe, sogar der seines eigenen Gewissens;
-war es ja doch sein Leibeigener, den er zertreten wie
-einen Wurm! wer kümmerte in damaliger Zeit
-sich um den Gebrauch den Er, der Herr, von seinem
-Erb- und Eigenthum gemacht! &ndash; Aber die
-Verblendung des unsinnigen Zornes gegen das ihn
-betreffende Geschick riß ihn weiter fort auf der entsetzlichen
-Bahn, auch &ndash; dem eigenen Kinde, das
-diesem Unglück die Geburt dankte, dessen Eintritt
-in die Welt das Dasein der Mutter gekostet &ndash; dem
-Neugebornen <em class="gesperrt">fluchte</em> er. &ndash; Der unnatürliche Fluch
-trug bittre, giftige Frucht! Der Verlust seiner Liebe
-hat an uns Allen in der Liebe sich erneut und gerächt,
-mochte sie gewähren oder versagen, als gebühre
-<em class="gesperrt">uns</em> die Buße seiner Schuld.</p>
-
-<p>Drei Söhne hatte die Gräfin geboren. Die zwei<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-Aeltesten starben in den ersten Jahren auf fast unerklärliche
-Weise, ohne vorhergegangene Krankheit,
-vielleicht an von der Mutter ererbter Schwäche, sie
-welkten dahin, wie eine Blüthe abfällt vom Zweige.
-Unser Vater dagegen war kräftig. Mit furchtbarer
-Strenge erzogen, auf jede Weise abgehärtet, wuchs
-er unter fremder Leitung auf; oft mischten sich Willkür
-und Grausamkeit in die Erziehung, die ihm ward.
-Der Großvater liebte ihn nicht, nannte ihn fortgesetzt
-den Mörder seiner Mutter, und sandte ihn endlich
-nach Skovkloster in die von Herluff Trolle eingerichtete
-adlige Hochschule, um ihn nur Jahre lang
-fern von sich halten und seinen Anblick vermeiden zu
-können.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Eine scheue Niedergeschlagenheit bemächtigte sich
-dort des Knaben &ndash; selbst Güte und Wohlwollen
-Einzelner, denen er Mitleid einflößte, vermochten
-nicht mehr ihn aufzurichten. Auch der Schwester
-durfte er nur in seltenen Zwischenräumen sich nahen;
-als sie erwuchs, sah er sie gar nicht mehr: so ward
-der einzige Sohn und Erbe ein Fremder im eigenen
-Vaterhause.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p>
-
-<p>Eine immer mehr überhand nehmende Melancholie
-breitete ihren düstern, ihm die ganze Welt umhüllenden
-Flor über des Armen schönste Jugendzeit.
-Jedes eigene freie Streben ward ihm untersagt, man
-zwang ihn in den Militairdienst, während ihn eine
-mächtige Neigung zum damals noch brach liegenden
-Felde des Naturstudiums, besonders zur Botanik hinzog;
-man drängte den Verschüchterten in eine Hofcarrière,
-wo er seines verlegenen Betragens, seiner
-nicht brillanten äußeren Erscheinung wegen, kein
-Glück machen konnte &ndash; ja es nicht einmal zu wollen
-vermochte, da die tiefste Sehnsucht seines Innern
-nur Stille und Abgeschiedenheit erstrebte. &ndash; Als er
-mündig und durch seines Vaters Tod Erbe dieser Besitzungen
-geworden, bewarb er sich um die Hand unserer
-Mutter. Er hatte sie in den Hofzirkeln der
-Königin kennen gelernt und empfand die heftigste
-Leidenschaft für sie &ndash; hiermit beginnt ein neuer Abschnitt
-unserer unseligen Familiengeschichte.«</p>
-
-<p>»Aber,« sagte Helene, »ihm ward das Jawort
-der Geliebten, sein Gefühl ward erwiedert.«</p>
-
-<p>Ohne ihre Bemerkung zu beachten, fuhr Christian<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-fort: »unsere schöne geistreiche Mutter reichte dem Liebenden
-liebelos, gezwungen von ihrer Familie, die
-Hand! Eine unerwiederte Leidenschaft ist immer ein
-das Seelenleben spaltendes Weh; Besitz und stete
-Gegenwart steigern es zum unerträglichen! Sie war
-sein! Willenlos und widerstandlos ward sie ihm
-verbunden, aber eiskalt blieben die Lippen, auf welche
-er die seinen preßte, theilnahmlos blieb die Seele,
-der er unablässig die seine zu erschließen strebte. Ein
-entsetzlicher Kampf um Ruhe und Glück begann unter
-Beiden; je mehr er forderte, je weniger fühlte sie
-sich im Stande, das Verlangte zu gewähren. Seine
-Eifersucht ward erregt; ob sie gerecht oder nicht, wagt
-der Sohn nicht zu entscheiden! Auch auf unseren
-Kinderhäuptern lastete das Unglück; mich den Erstgeborenen
-unter Euch empfing, wenn auch kein Fluch,
-doch das Gefühl innerer Verzweiflung, statt des
-Kusses der Freude!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Er schwieg. »Aber die Tante?« fragte schüchtern
-Helene; in dem trüben Wahn des Bruders lag etwas
-seltsam Ansteckendes &ndash; »aber die Tante, wie traf<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-denn eben sie, die Schuldloseste unter Allen, das aller
-Entsetzlichste! war sie denn&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Christian rang sichtlich mit dem Entschluß in seiner
-Erzählung fortzufahren &ndash; in dem Augenblick
-ertönte der langgezogene Schrei einer Seemöve oder
-des Wettervogels; es war nicht die Stunde, in welcher
-das Thier zu schreien pflegt, aufmerksam horchte
-Christian hin. Er war aufgestanden und an's Fenster
-getreten, und kehrte so Helene den Rücken zu.
-Nach wenigen Secunden erklang der Schrei zum
-zweitenmal &ndash; zufällig wandte sich der Graf in demselben
-Augenblick der Schwester zu &ndash; sie war feuerroth
-geworden und näherte sich in sichtlicher Verlegenheit
-der Thüre eines anstoßenden kleinen Jagdsalons,
-welcher die erste Etage eines der Eckthürmchen des
-Schlosses einnahm &ndash; wie der Blitz stand Christian
-neben ihr; ehe er selbst sich seiner Absicht bewußt,
-hatte er gewaltsam die Thüre desselben aufgerissen
-und befand sich bereits in dem runden, durch mehrere
-große Fenster erhellten Saal. Aus dem einen derselben
-sah man über den Garten weg auf einen lieblichen
-kleinen Landsee, welcher die Besitzung Aalholm<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-von dieser Seite begrenzt. &ndash; Drüben stand Thorald!
-Nach einer längeren Abwesenheit in Fühnen, von
-wo ihn die Sehnsucht, Helene zu sehen, zurückgetrieben,
-hatte der Unbesonnene nicht unterlassen können,
-ihr ein Zeichen seiner Rückkehr zu geben.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Tod und Teufel!« schrie der Graf, »wagt der
-Bube einem Fräulein von Gejern zu rufen, wie
-einer Bauerndirne.« &ndash; Besinnungslos vor aufwogendem,
-entsetzlichen Zorn riß er hastig eine von den
-Jagdflinten herab, welche an den Wänden hingen,
-und legte an. Heftig, aber keineswegs fassungslos
-ergriff Helene seinen Arm und schleuderte die Mündung
-des Gewehrs seitwärts. &ndash; »Unsinniger!« rief
-sie mit strafender fester Stimme, »meinst Du einen
-Leibeigenen vor Dir zu haben, der willig sich mit
-Füßen treten läßt?«</p>
-
-<p>Der sich entladende Schuß war durch das Nebenfenster
-gegangen, das zufällig offen stand, die Schrotkörner
-streiften die Zweige der Allee, ohne irgend
-Schaden zu verursachen. Helene und Christian standen
-wortlos, zornig sich in's Auge blickend, einander
-gegenüber, als Eva von dem Knall erschreckt in's<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-Zimmer stürzte, »was ist vorgefallen, was um Gotteswillen
-giebt es hier?« &ndash; rief sie in namenloser
-Angst, auf Beide zueilend. »Gar nichts,« sagte trocken
-mit ruhigem Ton Helene, »Christian hat nach einer
-Möve am Weiher geschossen und sie verfehlt.«</p>
-
-<p>Des Bruders Auge dankte ihr; er hing die Flinte
-wieder zu den übrigen an ihren frühern Platz und
-reichte Eva die Hand; »es thut mir leid, Kind, daß
-meine Unbesonnenheit Dich erschreckt hat.« Ohne
-weitere Worte verließ er die Frauen &ndash; Helene rang
-nach Fassung, ihre Augen durchbohrten das Wäldchen,
-in welchem der Liebste entschwunden. Eva
-kannte sie viel zu genau, um nicht bei näherer Betrachtung,
-mit einer von der Welt abgeschiedenen
-Kranken oft eigenen Beobachtungsgabe, zu errathen,
-was eigentlich vorgefallen. &ndash; »Unvorsichtige!« flüsterte
-sie, Helenens Hand zwischen der ihren pressend,
-»willst Du denn durchaus ihn und Dich selbst elend
-machen? Ach, Du kennst nicht die volle ganze Kraft
-der Gefahr, welcher Du trotzig entgegen treten zu
-können wähnst! &ndash; War Thorald hier im Schloß?«</p>
-
-<p>»Nein, dort am Weiher.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p>
-
-<p>Eva seufzte tief auf, dann fuhr sie mit sichtlicher
-Selbstüberwindung fort, weil sie es für Recht hielt
-zu reden. »Ich kenne Christian besser wie Du!
-glaube mir, er ist unbeugsam, hoffe <em class="gesperrt">nie</em> den auf
-einen Punkt eigensinnig Verhärteten zu erweichen, nie
-wird er seine Einwilligung gewähren.« »Er ist nicht
-mein Vater, nur mein Bruder,« sagte das Mädchen
-ernst und fest, »seine Gewalt über mich muß Grenzen
-haben, obschon er mein Vormund ist, jedenfalls
-ist sie weder unabwendbar noch lebenslang dauernd.
-Ich bin in seinem Hause, Eva, und werde nichts
-thun, was ihn ernstlich kränken könnte, aber ich bin
-frei wie er« &ndash; sie erschrack als die letzten Worte über
-ihre Lippen kamen.</p>
-
-<p>Eva aber schüttelte traurig den Kopf, »das Land,
-seine Sitten, der Stamm, dem Du angehörst, bilden
-eine dreifache Mauer um Dich und Deine erträumte
-Freiheit. Es ist nicht bloß Dein Bruder, nicht nur
-sein Adelstolz &ndash; warum wirst Du blaß bei dem
-Worte, das ich millionenfach durchdacht habe? es ist
-mehr als Alles der Charakter des ganzen <em class="gesperrt">Landes</em>,
-das Zusammenfallen der allerverschiedensten Vorurtheile<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-und dabei das Zusammenwirken der so von
-einander abweichenden Ansichten auf denselben Punkt,
-<em class="gesperrt">dies</em> hast Du zu scheuen, das ist die Kette mit den
-vielen kleinen Ringen, die sie um Dich schlingen &ndash;«
-Helene legte das müde Haupt auf die Fensterbank
-und schauete trostlos über den See, »mein Gott,
-mein Gott, wo er nur sein mag?«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Und errängest Du es dennoch, des Künstlers Gattin
-zu werden, glaubst Du man würde Deine frühere
-Stellung vergessen, oder wirklich Dich aufnehmen
-unter den andern Bürger-Frauen und unter ihren
-Familien! &ndash; Ach, sie sind &ndash; und vielleicht mit vielem
-Recht &ndash; stolzer als Ihr! Eben weil sie ihre Vortheile,
-Aemter, ihre Privilegien, ihr Brot erkämpfen,
-und das mit sauerem Schweiß Errungene zu wahren
-nöthig haben, deshalb stoßen sie Eure Gemeinschaft
-zurück, Euch <em class="gesperrt">gleich</em> gestellt sein wollen sie nicht,
-herabsteigen sollt Ihr zu ihnen, <em class="gesperrt">dann</em> erst wollen
-sie mit Euch sich wiederum erheben, auf Euren
-ungeschmälerten Platz, erst <em class="gesperrt">dann</em> ihn mit Euch theilen.
-Das, meine Helene, ist hier die Stimmung des<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-Bürgers &ndash; und in so fern sein Kopf klar genug,
-auch des Bauern!«</p>
-
-<p>»Wenn sie einander begegnen im Wäldchen!«
-seufzte Helene &ndash; das Nächstliegende verschlang in
-ihr stets Vergangenheit und Gegenwart.</p>
-
-<p>Träumerisch die schmalen Händchen über die Brust
-faltend, wehmüthig die blauen Augen zu Helenen
-aufgeschlagen, mit dem rührensten Ausdruck der Innigkeit
-und Treue in den Zügen, saß indessen die
-Sprecherin da, immer noch bemüht der Freundin
-aufgeregte Geister zu beschwichtigen, vor allem aber
-sie abzuhalten, in den Garten zu gehen! &ndash; Eva
-sprach fast niemals über sich &ndash; Helene empfand den
-ganzen Werth des ihr gebrachten Opfers, auch dessen
-sanft verschleierte Absicht &ndash; sie war selbst von der
-Nothwendigkeit überzeugt, eine persönliche Einmischung
-in <em class="gesperrt">diesem</em> Augenblick meiden zu müssen, aber all
-ihre Gedanken flatterten dennoch, wie Vögel dem
-Frühling, so dem nun wieder Angekommenen, dem
-Geliebten zu! Jeder Widerspruch strenger oder liebreicher
-Art brach an dem mächtigen Gefühl des
-Mädchens.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>»Nie werde ich's vergessen,« fuhr Eva in immer weicheren
-Tönen fort, »wie nach Graf Owens Tod &ndash;«
-sie vermochte noch nicht »mein Schwiegervater« zu
-sagen &ndash; »nachdem ich schon fast ein Jahr hier auf
-dem Schlosse wohnte, Christian meinem alten Vater
-mich als seine Frau vorzustellen beschloß; es war ihm
-schwer geworden, ich wußte es wohl! Du Helene
-warst ein Kind, und bliebst bei Emerenzia! Amalie
-und Annette begleiteten uns; ich glaube,« setzte sie mit
-leicht bebender Stimme hinzu, »Christian hatte es den
-Schwestern befohlen &ndash; es war darauf abgesehen,
-mir durch diesen Schritt mit einem Male eine feste
-Stellung zwischen den Bauern und <em class="gesperrt">seiner</em> Familie,
-besonders den Brüdern gegenüber zu geben, denn ich
-selbst war schüchtern wie ein Rothkehlchen, das sich im
-Zimmer verflogen und keinen Ausweg kennt; ich fürchtete
-mich in dem großen Schlosse, verlief, verirrte mich
-in dessen Gängen, ich hatte nie ein solches Gebäude bewohnt
-&ndash; so lange ich auch schon damals Christians Gattin
-war, denn ich habe im fünfzehnten Jahre geheirathet,
-so wußte ich doch hier in der neuen, von der Jütländischen
-so ganz verschiedenen Umgebung, mich nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-in meine Lage zu schicken! Und doch,« fuhr sie fort, &ndash;
-ihre Absicht Helenen vom Gegentheil zu überzeugen
-momentan ganz aus den Augen verlierend, &ndash; »doch war
-das eben eine wunderschöne Zeit! Christian war
-so himmlisch gütig, die angetretene Majorats-Erbschaft
-zwang ihn zu immer regerer Thätigkeit, wie
-ein Schutzengel stand er mir zur Seite und lieh mir
-den Schild seiner männlichen Klugheit und Festigkeit;
-&ndash; nun, wir fuhren also nach Engbolle. Wie klopfte
-mir das Herz, als ich nach sechzehn Jahren den Hof
-von weitem sah! aber alles war stattlich verändert;
-mein Vater bewohnte nicht mehr eine Kathe, die man
-Winters über mit Laub und Schilf überdecken muß,
-um sich darin vor der Kälte zu schützen, ein ganz
-neuer Bau erhob vier stattliche Mauern an deren
-Stelle; das ehemalige Wirthschaftshaus, in welchem
-wir nur ein paar kleine Zimmer hatten, war nun
-zu Stallungen und zu einer großen Milcherei umgewandelt;
-&ndash; als wir in den viereckigen Hof traten,
-blinkten mir die hellen Fenster entgegen, hinter denen
-mein so schwer gekränkter lieber Vater wohnte; seitwärts
-aus den Nebengebäuden klang das Brüllen<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-des reichlichen Viehstandes &ndash; an einer andern
-Stelle sah ich die Scheune, vor deren Thor das
-bunte Gefieder der Hühner im Sonnenschein glänzte,
-o Gott, mir ging das Herz im Jubel auf &ndash; jetzt
-öffnete sich die Thüre, mein Vater &ndash; er war ein Greis
-geworden &ndash; erschien auf der Schwelle! ich ließ
-Christians Arm los und stürzte über den Hof ihm
-entgegen; mir schossen die Thränen in die Augen,
-kaum vermochte ich »Vater, lieber Vater« ihm zuzurufen,
-»ich bin's, kennt Ihr mich noch?« &ndash; mit
-abgezogener Kappe kam mein Vater die steinerne
-Haustreppe herab; ohne mit einem Blicke meine
-Anrede zu erwiedern ging er demüthig seinem Gebieter
-und den Gräfinnen entgegen, deren Hand er
-bewillkommnend küßte &ndash; mir brachen die Kniee, ich
-fühlte mich dem Umsinken nahe, aber ich wollte mich
-fassen, den andern Leuten, den versammelten Knechten
-und Mägden kein Aergerniß geben; ich näherte mich
-ihm abermals, bezwang mein Herz und redete ihn
-noch einmal an; jetzt kamen meine drei Brüder auch
-hinzu, als ich sie verließ, waren sie kleine Kinder;
-wie er, traten sie festen Schrittes zwischen mich und<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-meines Vaters ehrwürdige Gestalt, dankten dem Grafen,
-den Schwestern für die Ehre ihres Besuchs und
-luden sie ein in's Haus zu treten; Keiner hatte einen
-Blick, ein Wort für die Verstoßene! &ndash; Mir schwanden
-die Sinne! Amalie und Christian faßten mich
-unter den Arm und führten mich die Stufen hinan
-zu meines Vaters Hause! ich ließ Alles geschehen,
-setzte mich nur mechanisch auf den mir bereit gestellten
-Sessel &ndash; Beide überhäuften mich mit der zartesten
-Güte und Sorgfalt. Mein Vater und meine Brüder
-standen scheu und ehrfurchtsvoll, Alle in eine
-Ecke des Gemachs zusammengedrängt und warteten
-ohne ein Zeichen des Mitgefühls, bis Christian zu
-ihnen trat und den Erstern zu sich rief; &ndash; beide
-gingen hinaus in eine anstoßende Kammer. Was
-sie dort mit einander verhandelt, habe ich nie genau
-erfahren; ich weiß nur, daß Bitte und Befehl als
-gleich unwirksam sich erwiesen! Mein Vater und
-seine Söhne erklärten alle vier respectsvoll und sehr
-fest: sie wüßten was sich schicke und gebühre; in ihren
-Augen bliebe ich eine Pflichtvergessene, die ihre eigne
-Familie bitterlich gekränkt, ihre gnädige Herrschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-aber auf's freventlichste beleidigt, er wünsche, setzte
-mein Vater mit schwankender Stimme hinzu, daß
-mir der selige Graf Thugge nicht in der letzten Erdenstunde
-geflucht! &ndash; Christian versicherte dem mühsam
-sich aufrecht haltenden Alten, daß jener mir und
-ihm verziehen, und mit uns Beiden ausgesöhnt in
-seinen Armen gestorben sei. »Das war sehr gnädig
-und sehr edel, unser Herrgott lohne es ihm im
-Paradiese,« sagte mein armer Vater; dann bat er
-»den gestrengen Herrn Grafen« ihn zu entlassen,
-»er fühle sich ein wenig schwach heute.« &ndash; Als ich
-mich etwas erholt und äußerlich gefaßt, geleitete mich
-Christian zum Wagen, ach! ich glaubte mich aufzulösen
-in Thränen, als ich in den Hof zurücktrat,
-wo noch wie vor einer Stunde Alles im Sonnenschein
-so lachend und glänzend vor mir lag! Nochmals
-nahten Vater und Brüder dem Wagen &ndash; o
-mein Gott! ich sah die lieben theuren Züge so nahe,
-so ganz nahe vor mir, ich hätte sie mit meinen Händen
-an mich ziehen, mit meinen bebenden Lippen sie
-berühren können! Ebenso demüthig wie sie dieselben
-empfangen, empfahlen sich alle Vier der Gnade der<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-beiden »Fröken und des Herrn Grafen;« ich sah das
-Zucken in den Gesichtsmuskeln des armen, alten
-Mannes, der so unsäglich litt durch und um mich!
-ich sah zwei glänzende Thränen in meines jüngsten
-Bruders großen, blauen Augen, aber dennoch blieb
-Aller Haltung so fest und entschieden, daß mein
-Muth an ihr brach; ich wagte keinen Laut mehr.
-Mein Vater hielt sich bis zu diesem letzten Augenblicke
-&ndash; ach Gott! dem letzten, in dem ich jemals
-ihn sehen sollte, stramm; Christian zitterte wie ein
-Espenlaub an meiner Seite &ndash; die Pferde zogen an,
-wir rollten fort; &ndash; als ich nach einem mehrwöchentlichen
-Krankenlager erwachte, hatten sie meinen Vater
-schon begraben; die Bauern sagten, es habe ihm
-ein schwerer Kummer das Herz abgedrückt.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schluchzend warf Helene ihre beiden Arme um
-Eva's Hals; jetzt sah und empfand sie nur deren
-Schmerz, sogar Thoralds Bild ward dadurch für
-einen Moment in den Hintergrund gedrängt.</p>
-
-<p>Draußen war unterdessen, wie vorauszusehen,
-Thorald und der Graf zusammengetroffen. Allein
-der Gang zum Weiher, und vor Allem das tiefe<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-Schamgefühl des Bewußtseins, auf Thorald geschossen
-zu haben, hatten den Grafen abgekühlt, und er
-zügelte diesmal seine Worte. Das Gespräch zwischen
-den Männern war sehr ernst, aber keiner von ihnen
-hatte bei der Erinnerung an dasselbe zu erröthen,
-es blieb gegenseitige Achtung als Schutzgeist ihm zur
-Seite. Christian verfehlte nicht, seine allen Männern
-seines Standes gemeine Ansicht, daß man gar übel
-ein Verhältniß zu dem Mädchen das man <em class="gesperrt">heirathen</em>
-will, mit einer Heimlichkeit des Verkehrs beginne;
-sein Urtheil darüber machte Thorald warm,
-ohne von Grund aus ihn zu überzeugen, ja es regte
-seinen innern Stolz auf so schmerzlich verletzende
-Weise an, daß er endlich erklärte: zwar werde er
-nun und nimmer seinen Anspruch auf Herz und
-Hand Helenens aufgeben, die willig beide ihm zugesagt,
-allein obgleich er sich zu keiner Art von Entsagung
-veranlaßt fühle, da er sich und die Geliebte
-als völlig frei und unabhängig betrachte, so sei er
-doch von seiner und ihrer Treue so fest überzeugt,
-daß er es darauf wagen könne, und er wolle sogleich,
-ehe ihn irgend Jemand gesehen, nach Fühnen zurückkehren,<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-wenn der Graf durch seine häufige Anwesenheit
-ihren Ruf für wirklich gefährdet halte. Nur
-möchten, bat er, der Herr Graf sich nicht irren
-über den Grad des von ihm gewährten Zugeständnisses,
-er werde Mittel und Wege finden, Helenen
-die Erklärung seines jetzigen Schrittes zukommen zu
-lassen, denn je mehr er ihrer gewiß sei, je unmöglicher
-sei ihm es zu ertragen, auch nur einen Augenblick
-von ihr mißverstanden zu sein durch eigene
-Schuld.</p>
-
-<p>Es lag etwas so ächt Menschlich-Natürliches,
-ja eine solche Würde der Wahrheit in Thoralds Benehmen,
-daß der Graf davon erschüttert sich fühlte;
-zum ersten Mal seit seinen Jugendjahren fiel ihm die
-Möglichkeit einer wirklich dauernden Empfindung der
-Liebe ein. Nach wenigen Secunden jedoch war er,
-trotz seines angeborenen Hanges zur Träumerei,
-schon wieder zum klaren Ueberblick der Verhältnisse
-gekommen, er fühlte durch Thoralds augenblickliche
-Abreise nicht nur den Ruf der Schwester
-gesichert, sondern im schlimmsten Falle, wenn es ihm
-nicht gelingen sollte, zu einer <em class="gesperrt">andern</em> Verbindung<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-sie zu vermögen, wenigstens in dieser Prüfung des
-Jünglings eine Art Bürgschaft, ein <em class="antiqua">bonheur allemand</em>,
-daß das hereinbrechende Unglück einer Verbindung
-mit ihm und einer Trennung von den Ihren
-sich tröstlich gestalte. So nahm er wirklich Thoralds
-Erbieten an; aber er verlangte das Opfer, wenn
-es gebracht werde, vollständig, und augenblickliche
-Rückreise Thoralds.</p>
-
-<p>»Das macht die Sache schlimmer, man kann
-mich auf Laaland bereits gesehen haben,« sagte der
-Künstler, &ndash; ihn verletzte der Stachel geheimen Mißtrauens,
-&ndash; »aber ich bin erbötig, sogleich überzusetzen
-nach Falstern, wo ich ein paar Skizzen aufzunehmen
-habe.«</p>
-
-<p>Dieser Beschluß ward festgehalten. Allein der
-Graf war, wenn er einmal seiner gewohnten schweigsamen
-Contemplation entrissen und zur Thätigkeit
-gelangt war, nicht der Mann, auf halbem Wege
-stehen zu bleiben. »Wie gedenken Sie denn der
-Comtesse Gejern diese Nachricht von Ihrer augenblicklichen
-Entfernung zukommen zu lassen?« fragte
-er scharf. &ndash; Thorald war gefangen; er konnte und<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-wollte den Weg, den seine Correspondenz mit der
-Geliebten zu nehmen pflegte, nicht verrathen, weniger
-aber noch konnte er von Falstern aus ihn einschlagen
-&ndash; er zögerte einige Secunden&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Christian,
-»daß ich der Comtesse die Nachricht in der
-jetzigen Stunde noch zukommen lassen werde, schreiben
-Sie ein paar Zeilen.« Erstaunt blickte Thorald auf
-&ndash; es war dem Grafen Ernst. »Aus Ihrer Hand
-soll die Gräfin die Nachricht &ndash; mein Herr? Nein,
-ich muß einen Boten&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Christians Zorn flammte auf; allein wie bei der
-Schwester überwog bei ihm der momentane Impuls
-eines eben jetzt zu Erstrebenden, und in diesem Augenblick
-lag ihm vor Allem daran, jede Zusammenkunft
-der Liebenden und jeden längern Aufenthalt Thoralds
-auf der Insel zu verhindern &ndash; »ich werde ihr das
-Billet <em class="gesperrt">senden</em>,« sagte er kurz. Thorald verbeugte
-sich stumm, riß ein Blatt aus seinem Taschenbuche
-und schrieb.</p>
-
-<p>Es war eine wunderliche, fast komische Situation.
-Der Eine als Vertrauter und Bote einer von<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-ihm so hart gefährdeten Liebe des Andern; im Künstler
-überwog das Ironische derselben; auch lag im ganzen
-seiner Jugend diese etwas barocke, ritterliche Handlungsweise
-nicht fern; eine fröhliche Sorglosigkeit
-gestaltete sich fast in Leichtsinn indem er schrieb,
-nur die Anrede hatte ihn ein wenig verlegen gemacht,
-denn das Blatt ging ohne Siegel; &ndash; Christian
-hatte sich in anständiger Entfernung unter eine
-Buche gesetzt, aber während der Maler schrieb, waren
-seine Gedanken längst abwärts geflogen, ihn beschäftigte
-eben die Solution eines naturhistorischen
-Problems &ndash; fast hatte er die ganze Sache vergessen,
-als ihm Thorald das Blatt überreichte. Er faltete
-es nochmals und steckte es ein; es waren wenige
-Worte. Der Liebende verließ sich darauf, daß Helene
-<em class="gesperrt">zwischen</em> den Zeilen durch zu lesen verstehen werde,
-was nur sein Herz, nicht seine Hand dem Blättchen
-anvertraut.</p>
-
-<p>Die Männer trennten sich ohne weitere Erklärung.
-Als Thorald festen Schritts den Richtpfad
-nach dem Strande einschlug, um zur Fähre zu gelangen,
-sagte Christian ihm nachblickend: »Schade,<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-daß er kein Edelmann ist, er hat einen edlen Anstand
-und präsentirt sich gut.« Dann wandte er sich
-dem Schlosse zu.</p>
-
-<p>Das Gespräch der beiden Frauen war eben beendet,
-als ein Diener Helenen das Billet überbrachte &ndash;
-sie las es, sagte keine Silbe, drückte Eva die Hand
-und zog stumm sich in ihr Zimmer zurück.</p>
-
-<p>Dort brach sie in heftiges Weinen aus. »Dieser
-Sieg, Christian,« sagte sie stolz das Haupt zurückwerfend,
-»soll Dir theuer zu stehen kommen &ndash; daß
-Du ihn auf diese Art zum Nichthandeln, zum Rücktreten,
-zur Entfernung treibst, lös't mich von jeder
-Verpflichtung, drängt mir Entschluß und Handlung
-auf! &ndash; Was können sie mir denn thun, diese
-hochmüthigen Brüder, wie mich zwingen? Etwa wie
-die Tante &ndash; nein, nein, <em class="gesperrt">die</em> Zeiten sind vorbei!«</p>
-
-<p>Es war schon längst dunkle Nacht. Helene konnte
-den Gedankenflug ihrer Seele nicht beherrschen, Schlaf
-und Ruhe waren nicht zu hoffen. Sie trat an das
-noch offene Fenster &ndash; der Wind erhob sich eben, es
-war gegen Mitternacht, er strich von der fernen See
-herüber an den Ufern hin, schüttelte tiefer in's Land<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-eindringend die alten Buchen aus dem Schlummer
-und pfiff und heulte in den Vorsprüngen und Erkern
-des Schloßbaues &ndash; es graus'te Helenen. Ob
-er noch auf dem Meere? Es ist weit hin bis zur
-Fähre, dachte sie. Es war eine der wunderlichen
-Nächte, in welchen die Windsbräute flaggen, und
-gleichsam aus dem tiefen Nebelgrunde der Dünen
-aufsteigend, ihre langen weißgrauen Schleier schräg
-herabhängen lassen bis dicht auf den Erdboden, dann
-urplötzlich aufjubelnd wie losgebundene Mänaden,
-wildaufschreiend mit dem langen pfeifenden Ton,
-den nur der Nordländer kennt, über die See sich
-stürzen, das fliehende Boot gierig zu erhaschen, das
-ihnen zu entgehen gemeint; &ndash; Hui! nun muß es
-tanzen, Kiel auf und ein, drüber hin ras't eine Welle,
-&ndash; wieder eine &ndash; so fort Woge um Woge! Dem
-Ruderer schwinden Sterne, Himmel, Kahn und
-Strand; aber die wilde tolle Nixe, die ihren Liebsten
-sucht, zwischen Meer und Erde, ruht nicht, bis sie
-Alles, Mann und Maus durchnäßt hat im Boot; &ndash;
-wie ein Pfeil schießt das Schifflein über die schaumbedeckte
-Fluth &ndash; und mit einem Male, wie auf Zauberspruch,<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-ist Alles vorüber! Da ist der klare Himmel,
-die Sterne flimmern wie erschrocken von dem
-sündhaften Spiel, es ist aber Alles glatt, still, sogar
-hell am Ufer und zur See: die erzürnte Wasser-Liebste
-hat ausgetobt. Ein langer keuchender Windzug
-trocknet rasch Segel und Leute; bis es einer
-andern ähnlichen Erscheinung begegnet, hat das Boot
-Ruhe, oft sogar eine schnelle, glückliche Fahrt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Helene wickelte sich fester in ihren Mantel und
-beugte sich aus dem Fenster vor, in die Nacht hinaus,
-um den Stimmen derselben zu lauschen. Es
-war ruhiger geworden. Nun hatte Thorald gewiß
-Falstern erreicht. Aber nun hatte auch die neue
-Trennung erst recht eigentlich begonnen; der Unbesonnene
-hatte ja Christian sein Wort gegeben, vorläufig
-sein Kommen ganz einzustellen. &ndash; Sie trat
-zurück in's Zimmer. Ihr schauderte vor der Möglichkeit
-des Traums, der nach so verworrenem Tage
-ihrer harren könne. Die Nacht blieb ihr unheimlich,
-im Spiegel erschreckte sie das eigene wachsbleiche
-Gesicht &ndash; im Hause schien Alles zu schlafen.<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-Sogar ihre eigene Dienerin hatte sie hinweg und zu
-Bette geschickt.</p>
-
-<p>Sie hätte viel gegeben für irgend einen befreundeten
-Laut &ndash; endlich öffnete sie ihre Stubenthür
-und lauschte gespannt, sie wußte selbst nicht auf
-was, in die Dunkelheit hinaus; &ndash; plötzlich erblickte
-sie einen hellen Lichtschein unter der Thüre des einen
-ihr gegenüberliegenden Zimmers hervordringen, er kam
-aus dem Cabinet der Nordermule; sie huschte eilig
-hin, öffnete leise und trat ein.</p>
-
-<p>Obschon die Mittage noch heiß waren, begannen
-schon kühlere Nächte an den fliehenden Sommer zu
-mahnen, ältliche oder schwächliche Leute, wie Emerenzia,
-froren mitunter. Vielleicht hatte sie deshalb Feuer
-angemacht, denn aus der weit aufstehenden Ofenthüre
-leuchtete eine prasselnde Flamme Helenen entgegen.
-Die Nordermule saß auf einem niedrigen
-Schemel vor derselben, auf ihren Knieen hatte sie
-die welken Blumen und Kränze der Tante liegen und
-die Schreibereien, die sich in den Truhen vorgefunden;
-sie war beschäftigt, das Alles mit einem seidenen
-Bande aneinander zu binden, und schien die Absicht<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-zu haben, ein Todtenopfer auf dem vor ihr
-brennenden Holzstoß zu halten.</p>
-
-<p>Als sie Jemand hinter sich vernahm, sah sie sich
-nicht um, sondern kreuzte schnell die Hände über beide
-Augen und beugte das Haupt tief herunter, daß es
-fast die Knie berührte.</p>
-
-<p>»Sie hält mich für eine Erscheinung, vielleicht
-gar für der armen Tante Ulrike Seele!« &ndash; hörbaren
-Schritts trat sie näher und legte die Hand
-auf der Geängsteten Schulter. »Ich bin es,« sagte
-sie mit recht ruhiger Stimme, »ich kam, weil ich
-vom Vorplatz aus noch Licht in Deinem Zimmer
-gewahrte.«</p>
-
-<p>Es lag immer in allem Thun Helenens, Emerenzia
-gegenüber, eine liebenswürdige, schonende Zartheit;
-auch jetzt schien sie deren Schreck gar nicht zu
-gewahren, denn sie kannte ihrer Freundin krankhafte
-Scheu, lächerlich zu erscheinen; &ndash; alle von der Natur
-stiefmütterlich behandelten Menschen haben sie. &ndash;
-Die Alte hob die Hände vom Gesicht und ließ sie
-auf die welken Blumen in ihren Schooß sinken. &ndash;
-»Bist Du unwohl?« fragte sie besorgt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p>
-
-<p>»Nein, aber bewegt, wie Du selbst, im Geist
-und Gemüth; ich kann nicht schlafen. Laß uns Dein
-begonnenes Todtenopfer zusammen vollenden, aber
-während die Flammen seine Heimlichkeiten schützend
-verzehren, erzähle mir von dem edlen Wesen, an
-welchem Dein Herz, wie ich sehe, so schmerzlich hängt
-&ndash; sprich mir von dem Leben, dessen letzte Glücksspur
-wir vielleicht eben vertilgen!«</p>
-
-<p>In fast andächtiger Stille schichtete Emerenzia die
-Blüthen und Blätter auf den kleinen Holzstoß und
-blickte schweigend darauf hin, bis sie zu Asche gebrannt
-in sich zusammensanken: »Gewiß,« sagte sie
-endlich, »ich durfte sie in keine andre Hand kommen
-lassen, obgleich das Alles eigentlich der Familie&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Der Familie gehörte, die sich so wenig daraus
-machte, daß sie diese Erinnerungen den Fußtritten
-der Domestiken überließ, wenn Deine treue Hand
-sich nicht derselben angenommen! Ach Emerenzia,
-die Spuren eines ewigen Gefühls vergehen wie
-Spreu vor dem Winde in der Erdenwelt!«</p>
-
-<p>»Ein Engel sammelt sie droben!« sagte fromm
-die Nordermule.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p>
-
-<p>»So hat er diese wunderbar klagende Nacht und
-Dich zu Vollstreckern des Liebestestamentes der Tante
-gemacht,« erwiederte Helene, und zog einen zweiten
-Schemel zum Feuer, auf dem sie Platz nahm. »Erzähle!
-bitte, bitte.«</p>
-
-<p>Die Alte nickte und begann; anfangs starrte sie
-fortgesetzt in die Flammen, bis sie, wie ein Sänger
-der Saga, mehr und mehr in sich selbst versank
-und der sie umgebenden Welt nicht mehr gewahrte,
-endlich aber mit höchster Begeisterung erzählte.</p>
-
-<p>»Ich habe vergessen, in welchem Jahre es geschah,
-allein unser Graf Thugge war noch ein kleiner Knabe,
-als er, um zu der Schule auf Skovkloster sich vorzubereiten,
-einen Hofmeister erhalten sollte, bei welchem
-er bessern Unterricht und weniger harte Worte
-und Schläge bekäme, denn das Kind war tödtlich
-verschüchtert und des eigenen Geistes oft nicht mächtig
-vor Angst. Eine plötzliche Krankheit hatte seinen
-Peiniger fortgerafft. Bei dieser Gelegenheit, meinte
-der alte Graf, könne auch das um acht oder neun
-Jahr ältere Fräulein die nöthigen Repetitionsstunden
-erhalten, um seine Erziehung ganz zu vollenden. Es<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-war um das Ende Novembers in einer unruhigen
-Sturmesnacht, wo der wilde Jäger Holske Darske
-durch die Waldung jagt, wo Alles ächzt und knarrt
-in Haus und Hof, die Thiere in den Stallungen
-vor Unbehagen aufbrüllen und die ganze Natur in
-hundert Stimmen aufseufzt und wehklagt, als ob
-sie auch einsam sich fühlen könnte, wie der Mensch.
-Das junge Mädchen saß im Saal dem Vater gegenüber,
-der über Landcharten und Briefen brütete und
-kaum sie bemerkte, der Bruder aber war in der Küche
-dem alten Hannes auf den Knieen eingeschlafen &ndash;
-er durfte den Saal nicht betreten, wenn der Vater
-zugegen.</p>
-
-<p>Ulriken war unbeschreiblich betrübt zu Muthe,
-sie war erst seit wenig Monaten in des strengen,
-kalten Vaters Schloß; die liebende Hand der Fürstin
-Sophie, die sie erzogen, fehlte ihr überall; ohne besondern
-Grund hatte der alte Graf sie berufen; er
-wollte sie um sich haben, sie kennen lernen und ihre
-Geisteskräfte prüfen, ehe er sie einführe in die große
-Welt Copenhagens und des Hofs. Ihn selbst aber
-hielten seit Monden Podagra und Geschäftsverhältnisse<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-auf dieser Besitzung fest. Die Morgenröthe
-der Freiheit des Bauern begann kaum erst zu dämmern,
-und ihr Herannahen war dem stolzen Grafen,
-dessen Hochmuth keine Art Beschränkung, auch nicht
-die einer selbst gewährten Gnade ertrug, qualvoll
-und fast lächerlich, denn er glaubte an keine Gleichheit
-der Menschenrechte, und alle für die große Nationalbefreiung
-Wirkenden, kamen ihm wie Kinder
-vor, die mit dem Feuer spielen. Indessen bereitete
-er sich vor, an den Hof zu gehen, denn er empfand
-den Druck einer nahenden Explosion, welcher er
-scharfen Blicks dort entgegenzutreten entschlossen.
-Ueber die Parzellirungen und Landesverhältnisse studirend,
-saß er dann Abends dem Kinde gegenüber,
-das kaum eine gefallene Rolle Seide aufzuheben,
-kaum zu athmen wagte, um ihn nicht zu erzürnen.</p>
-
-<p>Jetzt schlugen alle Hunde an, ein Fremder hatte
-den Hof überschritten; eine seltene Erscheinung in
-dieser Jahrszeit; man hörte die Tritte desselben auf
-dem knisternden Schnee, gleich darauf ward die
-Glocke an der Thüre angezogen und der neue Hofmeister
-ward dem Grafen angemeldet. Ulrike wollte,<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-schüchtern wie sie war, sogleich den Saal verlassen, der
-Graf befahl ihr zu bleiben, »damit er sie mit ihrem
-neuen Informator bekannt machen könne« &ndash; das
-war das erste Mal, daß er über eine solche Absicht
-sich gegen sie aussprach. Du hast das Bild dessen,
-der nun eintrat, gesehen; das schmale Gesicht mit
-den dunkelblauen Augen und dem festgeschlossenen
-Munde, von lichtbraunen natürlichen Locken umwoben,
-die bis tief in den Nacken sich kräuselten, und nicht
-gepudert, nicht gebunden waren, die schwarze Kleidung,
-welche gegen den farbigen Hofputz der damaligen
-Cavaliere so sehr abstach, Alles das zusammengenommen
-machte den Jüngling zu einer auffallenden
-Erscheinung &ndash; man konnte ihn wahrhaft schön nennen
-den Bewohnern des Schlosses gegenüber, die
-sämmtlich trotzig und verzagt, der unseligen Heftigkeit
-des Grafen wegen einen Ausdruck verbissenen
-Ingrimms oder knechtischer Unterwerfung zeigten, der,
-in vielen der alten runzlichen Gesichter Caricatur
-geworden, etwas Abschreckendes hatte.</p>
-
-<p>Ulrike ließ die Hände auf den Rahmen sinken,
-der ihre Tapisserie umschloß, sah mit weitgeöffneten<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-Augen wie geblendet einige Secunden ihn an, als
-aber der Vater mit herablassendem Hochmuth ihr
-den neuen Lehrer vorstellte, neigte sie den schönen
-Oberkörper demüthig, wie die Madonna sich vor dem
-Engel der Verkündigung beugt, sie fühlte sich nicht
-fest auf den Füßen und hätte um die Welt keine der
-üblichen, ihr eingelernten Verneigungen machen können;
-erst nachdem der Graf den Angekommenen zum
-Ausruhen entlassen, vermochte sie die Erlaubniß sich
-zu erbitten, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.</p>
-
-<p>Draußen brach sie in helle Thränen aus &ndash; ihr
-war unsäglich glücklich zu Muthe, als sei einer der
-Engel ihrer Träume wachend ihr begegnet. &ndash; Sie
-sahen sich von da an täglich, Johannes gab ihr anfangs
-mit dem Knaben zugleich Unterricht, dann
-aber ihr allein, in Gegenwart der alten Schließerin,
-oder der alten Kammerfrau Ulrikens, welche ihr die
-Fürstin, bei welcher sie ihre Kindheit verbracht, mitgegeben
-in des Vaters Haushalt. Sehr bald wußte
-Ulrike um alle Verhältnisse ihres Lehrers; den Vater
-hatte er frühe verloren, die Mutter zog mit ihm und
-den andern Geschwistern nach Roeskilde; in der alten<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-Gräberstadt, in welcher fast alle Könige des Oldenburger
-Hauses ihre Ruhestätte gefunden und in dem noch
-poetischern Leïre, das Skiold, der Sohn Odins, zum
-Wohnsitz sich erwählt, im Herthedal, wo überall noch
-das Blutgeheimniß jenes wunderbaren Dienstes der
-nordischen Diana seine Zauber ausbreitet, sog sich
-der Knabe groß an poetischen Eindrücken, und die
-damals entkeimte Vorliebe zu älteren Sagen ward
-im Jüngling zum besonnenen Studium. Später
-hatte er, mit Hülfe eines Gönners, der Theologie
-sich gewidmet und den Doctorhut erworben, doch
-»könnten noch Jahre vergehen, &ndash; meinte er selbst, &ndash;
-ehe ihm eine Pfarre zugetheilt würde;« der arme Candidat
-fand das sehr begreiflich, gab es doch gewiß
-noch Gelehrtere, Würdigere als er &ndash; und allerdings
-regte sich damals noch ein sehr ernstes, edles Streben
-in der Theologie.</p>
-
-<p>Wie gläubig beseligt lauschte Ulrike seinen den
-Menschen als Gottes Ebenbildern so fest vertrauenden
-Worten! Er ward ihr lieb, wie etwas, das sie
-vorher nie weder gedacht noch gewünscht, noch empfunden;
-es war der plötzlich von oben herabgesenkte<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-Himmel, der sich auf die Erde gelagert und sie zum
-Paradiese umgeschaffen!</p>
-
-<p>Daß seine Neigungen gar bald auch die ihren
-wurden war nur natürlich, sie begann mit ihm die
-Geschichte ihres Vaterlandes zu studiren; der lange
-stets mit der Hierarchie sich erneuende Reformationskampf,
-an welchem die Herrscher Dänemarks so ernsten
-Antheil genommen, der Bürgerkrieg, der sich um Christian
-<em class="antiqua">II.</em> willen bis auf diese schon damals von ihren
-Vorfahren bewohnten Inseln, ja sogar in seinen Einzelheiten
-bis in das Schloß Aalholm gezogen, in
-welchem sie jetzt lebte, alles dies wurde dem lebhaften
-Sinn des schönen Mädchens zum Element einer
-stillen, innern Welt, in der sie arglos weiter lebte &ndash;
-ohne Vorblick in die Zukunft. Zuweilen fand sie
-Johannes' Bild in irgend einem edlen geschichtlichen
-Charakter, in einer schönen Selbstaufopferung, weit
-seltner sich selbst! Als sie einmal mit ihm die schöne
-Mähr von Gioès, Tochter Brigitta, las, die einem
-Bischof verlobt gewesen, ehe er selbst sich ausschließlich
-der Kirche weihte, wurde sie wehmüthig, ohne
-zu errathen, was an deren Geschick sie rühre.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p>
-
-<p>Von Allen ungeahnt wuchs ihre Seele, entfaltete
-sich ihr Geist &ndash; dennoch fand sie Niemand verändert;
-theils weil alles in ihr harmonisch und sanft
-geblieben, theils weil unter diesen stillen, meist niedergeschlagenen
-Blicken, die nur zu erwachen schienen
-wenn der Geliebte sie weckte, dann aber eine Welt
-der Poesie und Intelligenz ausströmten, Keiner eine
-Bedeutung suchte. Die Tage spannen sich in äußerlich
-ziemlich farbloser Einförmigkeit ab, die Liebenden
-wußten es nicht einmal. Aber Johannes wollte
-nach seiner einfachen Weise bald diese bald jene Erleichterung
-den Armen, den Geknechteten gewähren,
-welche er, der sich selbst mit einem Male so glücklich
-fühlte, um sich sah &ndash; ich habe Dir angedeutet, wie
-er auch hier auf Ulriken einwirkte! Der alte Graf ahnete
-von dem Allen nichts, wohl hätten die ergrimmten Vögte
-oft das Fröken verklagt, daß es ihnen die Bauern zu
-Faullenzern mache, aber die entsetzliche Angst vor
-der mit dem höhern Alter unzähmbar gewordnen
-Wuth des Alten, dessen Zorn oft unerwartete Richtungen
-annahm, fesselte die Gemeinheit und Bestialität,
-daß sie still lagen zu den Füßen der Jungfrau,<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-wie die alten Legenden von Raubthieren und Schlangen
-uns erzählen.</p>
-
-<p>Als nun um die Weihnachtszeit der Graf nach
-Copenhagen gegangen, blieb Ulrike, fast sich selbst
-überlassen, daheim allein mit ihrem Lehrer zurück;
-eine ergraute und halb blinde Anverwandte, welche
-zum Stift Wallöe gehörte, dessen Abatissin die Fürstin
-Sophie geworden, war kaum zurechnungsfähig, und
-befand sich gern in Johannes' Gesellschaft, der sie
-mit gütiger Aufmerksamkeit behandelte, weil sie alt
-und gebrechlich.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nach einiger Zeit sandte Graf Owen einen Tanzmeister
-aus Copenhagen; Ulrike sollte auf dem Gute
-tanzen lernen, um bei einem spätern Feste am Hofe
-auftreten zu können. Der alte Franzose wurde leicht
-im Schloß untergebracht, der neue Unterricht begann.
-&ndash; Um die üblichen Tänze einüben zu können, mußten
-mehrere Theilnehmer an demselben gefunden werden;
-man zog ein paar Fräulein aus der Nachbarschaft
-hinzu, auch deren Brüder und Johannes mußten
-figuriren. Die Liebenden tanzten zusammen, die Jugend
-schlug rosig aus beider Herzen und Wangen;<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-sie waren unsäglich glücklich. Dennoch blieben Beide
-unbefangen, sie gaben ihrem Glück keinen Namen.</p>
-
-<p>So ging der Winter vorüber, der Graf kehrte
-zurück. Der Vater ließ das Töchterchen ihm vortanzen
-und war zufrieden; er hielt ein kleines Examen
-mit der an allen Gliedern Zitternden; auch
-hier schien er mit überraschter Freude ihre wissenschaftlichen
-Fortschritte zu gewahren. Abends war
-die letzte große Tanzstunde, er sah den Hofmeister
-Ulriken gegenüber die Touren einer Anglaise tanzen
-&ndash; er runzelte die Stirn und schwieg.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Unterrichtsstunden mit Johannes nahmen
-ungehindert ihren Fortgang, &ndash; zuweilen erschien der
-alte Herr unvermuthet während derselben im Zimmer
-seiner Tochter; er sagte kein Wort. &ndash; Einmal begegnete
-er Ulriken in der Allee, sie war von einem Diener
-begleitet, der ihr einen großen Korb mit Lebensmitteln
-und Arzeneien zu einer Kranken trug &ndash; Graf
-Owen fragte nach keinen Details, er schwieg, allein
-er ward noch finsterer und redete stets streng und in
-fast barschem Ton, sowohl mit dem Candidaten als<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-mit seiner Tochter. Die Schloßbewohner überkam
-ein geheimes Grauen.</p>
-
-<p>Eines Morgens ließ er Ulrike zu sich rufen. Es
-waren eine Menge Kisten und Schachteln aus der
-Residenz angekommen, mit Kleiderstoffen, Stickereien,
-feiner Wäsche und Mustern dazu; er befahl ihr für
-ihre Ausstattung nach Copenhagen zu sorgen, wohin
-sie ihn zum Johannisfeste auf eine Woche begleiten
-solle, um der königlichen Familie vorgestellt zu werden;
-er hoffe, setzte er hinzu, sie als <em class="gesperrt">Braut</em> wieder
-heimzuführen.</p>
-
-<p>Ulrike stand regungslos vor ihm wie ein Marmorbild,
-alle Farbe war von dem schneeweißen Gesicht
-gewichen, sie verstand nicht mehr, was er diesen
-letzten Worten noch hinzufügte, mechanisch verneigte
-sie sich, nach damaliger streng respectvoller Sitte, als
-er geendet, und ging in ihr Zimmer. Erst dort
-besann sie sich, erst dort wurde ihr der ungeheure
-Schmerz einer möglichen Trennung deutlich.</p>
-
-<p>Ulrike fiel nicht in Ohnmacht, streckte sich nicht
-tödlich ermattet auf ein Canapee oder in eine <em class="antiqua">Chaise
-longue</em>, &ndash; sie saß ganz still und ehrbar auf ihrem<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-gewöhnlichen Platz und strickte Filet, als Johannes
-eintrat um ihr eine Unterrichtsstunde zu geben. Er
-kam noch heiter herein, wie ein sonnenheller Morgen,
-allein ein einziger Blick auf sie gab ihm das Gefühl
-eines unermeßlichen Unglücks, das ihn und sie betroffen.
-Neben ihr, etwas mehr zurück, saß die alte
-Cousine halb im Schlummer; er vermochte nicht es
-zu beachten, sein Herz kannte keine Nebenwege zum
-ihren, er fragte kurz und gerade heraus &ndash; sie antwortete
-eben so und sagte in dieser Antwort Alles.
-&ndash; Die Cousine war fest eingeschlafen.</p>
-
-<p>Die nächste Viertelstunde fand zwei selige Menschen,
-die mitten in dem sie dicht umwachsenden
-Elend desselben vergaßen, über dem unbegrenzbaren
-Glück ihrer gegenseitigen Liebe. Zum ersten Mal hatten
-sie sich ausgesprochen über ihr Gefühl; die Alte hatte
-schlafend dabei gesessen; es ist wunderschön, daß
-man der Jugend das Glück nie ganz verkümmern
-kann!</p>
-
-<p>Der folgende und noch gar mancher Tag nach
-ihm vergingen, und es hatte sich nichts geändert im
-Lauf derselben; nur flogen der Liebenden Pulse in<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-heftigeren Schlägen, nur wechselten die Stunden der
-hoffnungslosen Verzweiflung und der seligsten Zuversicht
-in Beiden &ndash; und seltsam, und doch nur menschlich-natürlich:
-die letztern überwogten, ja vernichteten
-allmälig die Verzweiflung, mit welcher sie anfangs
-der Zukunft gedacht; es konnte ja noch lange, lange
-so bleiben wie jetzt! Ulrike war fest entschlossen,
-keinem Andern ihre Hand zu reichen, den ihr vorzuschlagenden
-Bräutigam nicht anzunehmen, was auch
-daraus entstehe. Immer wollte sie so fort leben, nie
-sich vermählen, Johannes aber sollte einst eine Pfarre
-auf einem der benachbarten Güter oder in Nysted, oder
-auf Falstern erhalten; so schwatzte sie in liebenswerther
-Kindlichkeit ihm leise flüsternd den Kummer
-fort aus der Seele, &ndash; wenn er ihr zuhörte, beseligte
-ihn der Klang ihrer Stimme; konnte er ihren Glauben
-an die günstige Gestaltung ihres Geschicks nicht
-unbedingt theilen, so endete doch momentan alles
-Leiden in ihm, denn er dachte nicht weiter.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In der Nacht, wenn er allein auf seinem Zimmer
-war, fiel ihm die große Sünde auf's Herz, die er
-an ihr begehe! &ndash; trostlos warf er sich auf die Knie<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-und flehte Gott um Erbarmen an, &ndash; etwas Bestimmtes
-zu erbitten vermochte er nicht, denn er konnte
-nicht anders, als sie lieben! Manchmal dachte er, in
-Copenhagen werde sie ihn vergessen, er rief sich all
-die schönen reichen und edlen Männer in's Gedächtniß,
-die er dem Namen nach kannte, denen sie aber
-wirklich begegnen werde; er zwang wohl auch seine
-Lippen zum Gebet: daß ihr der Allmächtige dort
-Vergessenheit gewähre und höchstes Glück in den
-Armen eines Würdigern als er selbst &ndash; und &ndash;
-in heiße Thränen brach er aus, denn klar wie die
-Wahrheit des heiligen Evangeliums stand es ihm
-fest und licht in der Seele: Ulrike werde doch nie
-einen Andern lieben als ihn, und nie einem Andern
-angehören!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Mai neigte dem Ende sich zu. Als Johannes
-eines Tages von Ulriken ging, der er ihre gewöhnliche
-Unterrichtsstunde gegeben, berief ihn der
-Leibdiener des Grafen in dessen Cabinet. Owen
-hatte einen, wie es schien, eben erhaltenen Brief in
-der Hand, welchen er ihm überreichte. »Herr Candidat,«
-redete er ihn ganz freundlich an, »Sie sind<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-wie Sie aus beikommendem Schreiben ersehen, zum
-Pfarrer ordinirt; hier ist Ihre Bestallung und ein
-Handschreiben des Probstes. Sie gehen nach Island;
-Ihr Kirchspiel liegt in Rangewallsyssel. Ich wünsche
-Ihnen Glück! Sie werden aber in vierundzwanzig
-Stunden Laaland verlassen müssen, um erst in Copenhagen
-einige nöthige Instructionen sich zu holen,
-vielleicht werden Sie auch wünschen, die Ihrigen noch
-in Roeskilde zu sehen und Abschied von Ihrer Mutter
-zu nehmen. Das Schiff, mit welchem Sie reisen,
-lichtet den zweiten Juni die Anker, geniren Sie sich
-ja nicht wegen uns!« Graf Owen stand auf, verbeugte
-sich und verließ das Zimmer.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Island! vielleicht hat die Natur keinem Lande
-der Welt ein abschreckenderes Aeußeres gegeben, als
-dieser vulkanischen Felseninsel, deren Inneres ein Geheimniß
-des Schöpfers geblieben ist bis zum heutigen
-Tage; in phantastisch-wilder Erscheinung hat er sie
-als Räthsel dem hohen Norden hingestellt; Niemand
-hat es zu lösen gewagt! &ndash; Unermessen, unbetreten
-dehnen sich Islands innere Eisklüfte, heben sich
-seine Hochgebirge, kein Wandrer wagt sie zu durchdringen,<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-keine Gewinnsucht lockt je den Jägersmann
-in ihre gänzlich unbewohnte Bergesöde, nicht einmal
-ein Vogel durchschneidet sie im vorübereilenden Flug!
-Eismassen, Rauch- und Feuersäulen drängen sich
-dort aus dem geologisch reichen Grunde, treiben von
-Innen heraus unaufhörlich Lava, Asche und rollende
-Steine herab auf die karge Vegetation des bewohnten
-Strandes, der, ein schmaler Landstrich, die Felsmassen
-umgürtet, welche hinter ihm sich erheben.
-Acht lange Monate ist auch dies Ufergestade mit
-seiner spitz ausgezackten Granitkrone, welche von zahllos
-eindringenden Fiörden durchschnitten wird, von
-Eisschollen überdeckt, &ndash; den kurzen Sommer hindurch
-umbraus't es ein immer wild aufschäumendes Meer,
-das nur des Winters Strenge mit den starken Eisesbanden
-zur Ruhe zwingt. Wildströme reißen sich
-<span id="corr140">aufgischtend</span> vom Hochgebirge los und stürmen jauchzend
-diesem Meere zu, dessen heftige Brandung ihren
-tollen Schaumgruß erwiedernd ihnen entgegen sich
-drängt; im Osten sprudelt der Torfa in bacchantischem
-Uebermuth seine glühenden Quellen mitten aus dem
-Eismeer hervor, während im Gaukakal-Thale die<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-Geiser aus weitem, tiefen Becken ihre geisterartigen
-Strahlen fast unabsehbar hoch miteinander wetteifernd
-in die Lüfte senden, &ndash; vielleicht ist ihre wunderbare
-Schönheit eine Botschaft aus der Tiefe in
-die Himmelsferne, die das Farbenspiel ihrer Regenbogen
-weiter trägt!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ganz oben aber, hinter allen diesen beschneieten
-Gipfeln, im weiten Kreise der vulkanischen Riesen,
-die sechs bis sieben Tausend Fuß hoch hinausragen
-über die Meeresfläche, liegen ganz oben, wie ein schauerliches
-Gnomenmährchen, die unermeßlichen weiß und
-blauen Eisfelder in ewigem Verstummen; sie bilden
-den Zauberring, der, in strengem Gegensatz zu ihrer
-unstörbaren Todtenstille, einen in ihrer innersten Tiefe
-kochenden Feuerheerd umfaßt, in dessen Abgründen
-und Kratern die Elemente unaufhörlich gegeneinander
-kämpfen.</p>
-
-<p>Und dennoch waren es alle diese Schrecknisse
-nicht, welche den wie von plötzlicher Todesbotschaft
-Betroffenen im Cabinet des Grafen gefesselt auf den
-schwankenden Füßen an dieselbe Stelle bannten, an
-welcher er die ihn vernichtende Nachricht empfangen;<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-der eine Gedanke, den seine Seele anstarrte, wie die
-verglas'ten Augen das Blatt in seiner Hand, war
-nur der einer unabsehbar trennenden Weite, in welcher
-er von der Geliebten leben sollte, &ndash; abgeschieden,
-losgerissen von ihr, ohne Gruß, ohne erreichbare
-Nachricht, ohne einen einzigen Ton ihrer Lippen,
-ihres Gemüths! Eine lange Reihe von Jahren,
-vielleicht das ganze Dasein lang &ndash; immer, immer
-so fort, bis in's Grab!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Was kümmerte ihn, ob Islands rauhes Clima
-keine Frucht am Baum, keinen Halm auf dem Felde
-reifen läßt, kein grüner Laubast dem müden Wandrer
-sein Dach beut, und kaum die Birke mit ihrem
-Schattentraum ihn umspielt, was kümmerte ihn die
-Kargheit aller Existenz auf der Insel, die künftig ihn
-umfangen sollte; ach ihre Moose, ihre Beeren, ihre
-Zwerggewächse hätten ja zum Paradiese sich umgestaltet,
-wäre er nur einmal am Ende der langen
-Winternacht dem Frühlingsbilde Ulrikens dort begegnet!
-hätte nur <em class="gesperrt">eine</em> Hoffnung ihm folgen dürfen
-in die Verbannung!</p>
-
-<p>Und doch kam dem frommen Manne, der Gott<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-immer willig zu gehorsamen gewohnt war, auch
-jetzt in die so tief zerrissene Seele keinen Moment
-der Gedanke, sich diesem ihm aufgebürdeten Geschick
-zu widersetzen, <em class="gesperrt">dem</em>, was in seinem Berufe lag, gewaltsam
-sich zu entziehen; er bot die todeswunde Brust
-zuckend, mit thränendem Blick, aber entschlossen dem
-Schmerz und der Erfüllung seiner Pflicht! Wie der
-Missionair aus dem Kreise seiner Lieben, wie der
-Märtyrer zum Tode, schritt auch er gläubig-ergeben
-in Unabwendbares, für sein und Ihr Herz um Kraft
-flehend, dem Ziele zu; ihm fiel nicht ein, an seinem
-Schicksale zu mäkeln!« &ndash; »Aber sie, aber Ulrike?«
-rief mit Thränen überströmtem Blick Helene, »wie
-überlebte die Unglückselige den Schlag?«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Ich kann Dir nichts vom Scheiden der Liebenden
-sagen, &ndash; denn kein Auge hat es gesehen, keine
-Lippe je ein Laut übertreten, der jenen heiligen Schmerz
-berührt hätte! &ndash; Als er fort war, erschien Ulrike
-wie gewöhnlich am Mittagstisch ihres Herrn Vaters;
-sie war sehr blaß und fast bewegungslos; mit erloschenen
-Augen saß sie da, legte ihm die Speisen<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-vor, vermochte aber selbst nicht zu essen, &ndash; er hielt
-sie für krank und nannte das Uebel eine Erkältung.</p>
-
-<p>Wie dem Jüngling, den er hinweggesandt in das
-Schneegrab seiner Erdenhoffnungen, war auch dem
-Alten an Island bloß die möglichst weite Entfernung
-von Ulriken wichtig gewesen; an eine Steigerung
-der Jenem auferlegten Qual durch kleinere oder größere
-Entsagungen hatte er dabei so wenig als Johannes
-selbst gedacht; gänzliche, unabsehbare Trennung
-war das Ziel seiner Bestrebungen, als er seinen ganzen
-Einfluß in Copenhagen aufbot, dem jungen
-Candidaten eine Predigerstelle zu verschaffen, die ihn
-von Seeland in eine Pönitenzpfarre trieb.</p>
-
-<p>Als Ulrikens Zustand den nächsten und mehrere
-ihm folgende Tage unverändert der nämliche blieb,
-fiel dennoch dem Grafen kein einziges Mal bei,
-daß sie, die hochgeborne Comtesse, um einen elenden
-kleinen Landpfarrer sich ernstlich gräme; er glaubte
-die ganze Sache durch dessen Entfernung im Keime
-erstickt, und betrachtete die von ihm gemachten Bemerkungen
-als Beweise der thörichten Zudringlichkeit
-und Anmaßung des jungen Mannes.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p>
-
-<p>Am zweiten Juni lichtete in Copenhagen das
-Schiff, welches den Prediger in seine neue Heimath
-führte, die Anker, &ndash; am zweiten Juni legte sich Ulrike
-an einer bedeutenden hitzigen Fieberkrankheit, von
-welcher sie erst nach vielen Monden genas. &ndash; Genas?
-ja, sie stand auf, sie ging im Zimmer umher,
-antwortete freundlich auf jede Frage, allein sie blieb
-wie ein schlaftrunkenes todtmüdes Kind, meist unbeschäftigt,
-mit niedergeschlagenem Blick, still auf den
-Boden starrend, in ihren Zimmern sitzen, &ndash; von einer
-Präsentation am Hofe, von gesellschaftlichem Auftreten
-konnte gar keine Rede sein.</p>
-
-<p>Die Fürstin Abatissin zu Wallöe erbat von der
-Königin den nie in ihrer Stellung geforderten Urlaub,
-scheute die Winterreise nicht, kam mit Lebensgefahr
-über den Belt und nach Laaland auf unsere Insel.</p>
-
-<p>Die Kranke schauete sie mit verwundertem glasigen
-Blicke an &ndash; und erkannte sie nicht! Jetzt
-stieg der Schatten seiner unbedachten That wie ein
-drohendes Gespenst vor dem erschreckten Vater auf,
-&ndash; ihn durchzuckte eine entsetzliche Ahnung, aber er
-schwieg! Niemand wußte um den Zusammenhang des<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-Geschehenen, Niemand verstand den Zustand des
-unglückseligen Herzens, das die Sehnsucht geistzerstörend,
-langsam überwuchs!«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen,« schrie Helene auf, mit gewaltiger
-Kraft den Arm der begeisterten Erzählerin
-erfassend, »sie war, &ndash; sie wurde&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Wahnsinnig!</em>« erwiederte Emerenzia. »Tiefsinnig
-nannten die Aerzte ihren Zustand, er ward
-allmälig zu einem stillen, tiefen Wahn, der ihr bald
-die Wirklichkeit überdeckte! Nach einigen auf dem
-Schloß verlebten Wochen nahm die Fürstin das arme
-himmelschöne Kind, mit dem stets gesenkten Haupt,
-mit sich in das Stift. Nachdem sie abgereis't, trafen
-die früher zu ihrer Ausstattung mit großer Freigebigkeit
-von der Abatissin in Paris, Stockholm, Hamburg
-und Copenhagen bestellten Gaben hier ein;
-Stoffe, Edelsteine, Putz und Spitzen; &ndash; ihr nicht
-mit in das Stift angenommenes kleines Privatvermögen
-hatte Ulrikens Pflegerin großentheils zu diesen
-Ankäufen verwandt.</p>
-
-<p>Die mütterliche Freundin errieth den stummen
-Schmerz ihres Lieblings; in Wallöe versuchte sie die<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-geistige Zerrüttung ihrer theuren Pflegetochter, wenn
-auch nicht zu heilen, doch deren Fortschritt zu hemmen
-und ihren Zustand zu lindern. Sie schuf
-Ulriken einen künstlichen Zusammenhang mit dem
-Leben des Geliebten, sie brachte ihr Bücher über
-das Land, das ihn umfing, andere, welche die
-Sprache desselben behandelten, sie umgab sie mit
-Bildern und Nachrichten von dort, erzählte ihr von
-den Natur-Wundern desselben, von den Landseen,
-Gletschern, Nordlichtern und Leuchtkugeln; unermüdlich
-suchte sie nur einen Wechsel der Gedanken hervorzulocken
-in ihr &ndash; ach, nur selten gelang es.
-Es war die Vergangenheit, welche das kranke Hirn,
-das wunde Herz in ihren Banden hielt. Seit sie
-den Vater nicht mehr um sich sah, war allerdings
-Ulrike ruhiger; wenn sie allein zu sein glaubte, sang
-sie die Lieder, die sie von Johannes gelernt, spielte
-auf dem Spinett die Tänze, die sie mit ihm getanzt
-&ndash; oder bewegte sich im Rhythmus derselben anmuthig
-hin und her, wie vor dem Tanzmeister &ndash;
-andere Male hielt sie allein Stunde mit sich selber
-&ndash; es lag eine so seelenvolle Milde in Allem was<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-sie that, daß man sie nicht für wahnsinnig halten
-konnte, wenn man sie länger sah, sondern ihren Zustand
-der stillen Versunkenheit in einen sie stets absorbirenden
-Gedanken zuschreiben mußte. &ndash; Qualvoll
-waren ihr die »langen Tage;« an solchen mußten
-die Fenster verhangen werden, sie weinte dann
-unablässig. Meine Mutter war bei ihr, auch ich trat
-mit in ihren Dienst, wenn ich schon keinen bestimmten
-Posten im Hause bekleidete. &ndash; Ach, nur zu bald
-gestattete ihr die Hoffnungslosigkeit ihres Uebels den
-längeren Aufenthalt im Stifte nicht mehr. Nach
-dem plötzlichen Tode ihrer Pflegemutter brachte man
-sie in das nahe gelegene Wohnhaus des Gutes
-Steinburg; dort sah sie plötzlich von allen äußern
-Erinnerungszeichen ihrer früheren Jahre sich abgeschnitten,
-sie ward stummer, scheuer denn je und
-sprach gar nicht mehr.«</p>
-
-<p>»Und der Großvater?« fragte Helene.</p>
-
-<p>»Das mit den Jahren zunehmende Gefühl seines
-Elendes machte ihn nicht weicher. Aetzender nur
-grub sich ihm das Gift der Vergangenheit in die
-Gedanken; es ward sehr schwer mit ihm auszukommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-besonders nachdem die Comtesse von den Aerzten
-als unheilbar erklärt. Er ging zurück nach
-Copenhagen; man sagt, er habe am Spieltisch Zerstreuung
-und Vergessenheit gesucht. Seine Tochter
-nannte er <em class="gesperrt">nie</em>, man glaubte dort, sie sei frühe gestorben.
-Er widersprach nicht. Graf Thugge war
-nun erwachsen, hatte eine Carrière gemacht, und
-verlobte sich mit unserer seligen Gräfin; Graf Owen
-übergab ihm das Majorats-Gut und kehrte <em class="gesperrt">nie</em>
-dahin zurück. Ein paar Jahre später stand sein
-Catafalk hier im Schloß-Saal. Niemand wagte
-Ulriken herzubringen, sie blieb von uns umgeben in
-ihrer Abgeschiedenheit, trug immer die nämliche Kleidung,
-wie sie in Aalholm in ihrer Jugendzeit sie
-getragen, sang immer noch mit leiser Stimme die
-alten Lieder, blätterte in den Büchern und Schreibheften,
-dachte immer, immer nur an Ihn! Wenn
-sie vor den großen Schloßspiegeln mit ihm zu tanzen
-wähnte, hat mich oft gegraus't, &ndash; daß sie älter
-ward, schien sie nicht zu bemerken, auch blieb sie
-lange Jahre hindurch schön&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich bitte Dich um Gotteswillen höre auf, Emerenzia,<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-mich schaudert vor diesem endlosen Elend,
-das Du einer Parze gleich vor mir abwindest, ohne
-zum Abschluß zu kommen,« unterbrach sie Helene.
-Die kleine Nordermule schien ihr im Feuerflackerschein
-ganz groß geworden und anders, ihre Züge hatten
-einen ungewohnten Ernst, ihr Auge brannte und ihre
-Rede floß in vorher ihr nie eigenem Wohlklang und
-Rhythmus. &ndash; Die Begeisterte flößte dem Mädchen
-eine fast unbezwingliche Furcht ein. Es schlug drei
-Uhr an der Thurmglocke und der erste Hahnschrei
-tönte über die Haide. »Gehen wir zu Bett, Emerenzia,«
-sagte leise mit abgewandtem Haupt Helene,
-»die Geister meiner Familie umdrängen mir die Brust,
-ich kann nicht mehr &ndash; &ndash; Gott helfe uns Allen
-zur Ruhe!« &ndash; Die Nordermule hatte den Kopf wieder
-in die Hand gestützt, mit welcher sie die Augen
-sich verhüllte; sie blieb bei ihren Erinnerungen am
-Feuer sitzen, bis der graue Herbsttag sie mit fahlem
-Lichte umfloß und ihre müden Augen schmerzlich berührte!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p>
-<p>Nicht wenig überrascht war Graf Christian, als
-am nächsten Morgen sein bestimmt ausgesprochener
-Wunsch, in wenig Tagen schon mit der ganzen Familie
-nach Seeland zu übersiedeln, um dort möglichst
-bald die projectirten Vermählungen zu vollziehen, von
-keiner Seite Widerspruch fand. Die Bräute brannten
-darauf, die in den Truhen der Tante enthaltenen
-Schätze würdigen Kleiderkünstlern, Modistinnen,
-Nähterinnen und Juwelieren zu gehöriger Verwendung
-zu übergeben, und durch sie ihren Ausstattungen
-einen ganz ungewöhnlichen Glanz zu verleihen; Eva
-wünschte durch Entfernung von Aalholm Wiederholungen
-einer Scene wie die gestrige zu meiden; und
-Helene? Sie hatte den nächtlichen Graus zwar verschlafen,
-allein seine Nachwirkung blieb immer noch
-unbesiegt in ihrer Seele zurück. Sie fühlte sich wie
-aus anderm Geschlechte entsprossen mitten unter den
-Ihrigen, ihr schauderte vor der heimtückischen dunklen
-Gewalt, welche Owen Ulriken gegenüber angewandt;
-denn sie war sich's sehr wohl bewußt, daß auf die
-eine oder andere Art Christian etwas Aehnliches an
-ihr versuchen könne, oder wenn auch nicht direct an<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-ihr, doch um so leichter an Thorald, den er schon
-auf so unbegreifliche Weise von ihr getrennt und auf
-die uninteressante Insel Falstern zu gehen gezwungen!
-Sein Einfluß kam ihr wahrhaft dämonisch vor;
-»es läßt sich nicht absehen,« sagte sie sich selbst, »auf
-welchen Abweg der Imagination er ihn drängen,
-welche bösen Geister er in Thoralds einfachem, reinen
-Sinne zu erwecken vermag, auf welche Weise er durch
-die Macht der Idee ihn zu leiten verstehen wird,
-um vielleicht mit teuflischer Spitzfindigkeit meinen
-armen arglosen Freund nach Frankreich zurückzudrängen
-und ihn von mir zu entfernen!«</p>
-
-<p>Scheu wich sie Christians sie durchbohrendem
-Blicke aus, als sie statt aller Antwort auf seine Anfrage:
-ob ihr die beschleunigte Reise genehm? ihrer
-Kammerfrau befahl, sogleich zum Einpacken die nöthigen
-Anstalten zu beginnen.</p>
-
-<p>Sie machte ihn nicht irre! In der Leichtigkeit
-ihres Nachgebens hörte er das Zusammenklingen der
-Waffen, mit welchen sie wahrscheinlich in Copenhagen
-ihm entgegen zu treten beschlossen. Die Geschwister
-maßen einander mit heimlich drohenden Blicken,<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-aber kein Wort, kein Hauch verrieth den Schmerz
-der inneren Wunden, die sie sich schlugen.</p>
-
-<p>Die Liebe ist erfinderisch; Thorald und Helene
-fanden, allen Bestrebungen des Grafen zum Trotz,
-Mittel, sich gegenseitig von der Abreise und der
-Möglichkeit, einander in Copenhagen zu treffen, zu
-benachrichtigen. Christian sah bloß an des Mädchens
-ruhigerer Fassung, daß sie dieselbe erhalten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter"></div>
-<p>Copenhagens oder, wie eigentlich der Däne sagt,
-Kjöbenhavns großstädtischem Reiz ist trotz aller ihm
-aufgedrungenen Sittenverderbniß der eleganten Welt,
-eine Art nordischer Häuslichkeit, fast sagte ich »eine
-nordische Sentimentalität und Bürgerlichkeit« eigen,
-welche andern Residenzen gleichen Ranges fehlt. Diesen
-vorherrschenden Charakterzug, welchen ihm die
-Sinnesart eines sehr großen Theils seiner Einwohner
-giebt, theilt es weder mit London, Paris oder
-Neapel, noch mit Berlin und Wien! Sei es wirkliche,
-ursprüngliche Sittenreinheit, sei es angenommene<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-Form, ein stiller Geist spricht noch aus allen
-Schilderungen, welche uns Skandinaviens neuere
-Literatur bietet; alle Beschreibungen der dortigen Zustände
-zeugen von einem hohen Grade eigentlichen
-bequemen Familienlebens, wie von einer neben dem
-blasirten Sinn des hochadligen Cavaliers erhaltenen
-Sitten-Einfachheit der höhern Stände.</p>
-
-<p>Vielleicht sind die Dänen trotz der bei ihnen vorherrschenden
-literarischen Bildung ein wenig altmodisch,
-allein sie wagen ein freieres Wort, sie zeigen
-in der Gesellschaft mehr Herz, sogar mehr Gemüths-Eigenthümlichkeit
-als wir, und während oft Modenübertreibung
-und carikirte Annahme ausländischer
-Manier beim Einzelnen nicht abzuleugnen, tritt dagegen
-auch eben so häufig bei andern eine rein bewahrte,
-edle Individualität zu Tage; besonders bei
-den Frauen.</p>
-
-<p>In den neunziger Jahren, in denen die Begebenheiten
-sich zutrugen, welche diese Blätter uns bewahrt
-haben, waren nun diese Sitten noch bei weitem einfacher
-als heut zu Tage; die Strenge religiöser Moralität
-war vorherrschender, und das bürgerliche<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-Behaben bei den vornehmen Familien allgemein.
-Grell stach die mit den Emigrirten aus Frankreich
-überkommene voltairisirende Bildung gegen die streng
-lutherische Orthodoxie ab, welche großentheils vom
-Königshause ausgehend auch auf das Hofleben einwirkte.</p>
-
-<p>Der Luxus, welchen der Reichthum des Adels in
-der Hauptstadt hervorrief, war ebenfalls tüchtiger und
-reeller als in unserer Zeit, und die Ausstattung der
-beiden Bräute ein ganz bedeutendes Stück Arbeit,
-bei welcher Amalie und Annette die Hülfe ihrer
-Freunde ernstlich in Anspruch zu nehmen gedachten.
-Hierbei kam ihnen nun ein besonderer Umstand zu
-statten.</p>
-
-<p>Die Familie des Grafen Gejer besaß seit Jahrhunderten
-schon gemeinschaftlich ein Haus, welches
-bald dieser bald jener Bruder bei seiner zufälligen
-Anwesenheit in Copenhagen bezog; nur Graf Friedrich
-machte seit seiner Vermählung eine Ausnahme;
-da er mit seiner Gemahlin die Winterzeit regelmäßig
-in der Residenz zubrachte, hatten sie sich in der Breitengasse
-angekauft. Bedeutende Familien wohnten<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-weder in den Hanse-Städten noch in Dänemark
-zur Miethe. &ndash; Während der häufig drei Viertel des
-Jahres dauernden Abwesenheit der Grafen Gejern
-blieb die Wohnung derselben bis auf einen Theil des
-Erdgeschosses leer stehen; diesen hatte einer der älteren
-Freunde Helenens, den sie, wie schon erwähnt,
-vom Vater ererbt, seit mehr denn dreißig Jahren
-inne und bewohnte ihn mit Frau und Kindern. Die
-ganze gräfliche Familie war dem Obergerichts-Advokaten
-Alslev eng befreundet; alle ihre Angelegenheiten
-waren demselben bekannt und gingen, wenn
-sie mit dem Gericht in Beziehung standen, durch
-seine Hände; die gütige Frau Obergerichts-Advokatin
-aber pflegte die Aufsicht und die Schlüssel des
-Hauses zu übernehmen, wenn die Damen in das
-Stift Wallöe oder in Christians Schloß zurückkehrten,
-und war das Factotum des weiblichen Personals.</p>
-
-<p>Der Obergerichts-Advokat war ein etwas untersetzter,
-immer noch sehr kräftiger Siebenziger, dessen
-breite Stirn einen hohen Grad Intelligenz zeigte.
-Die mit seiner Stellung stets Hand in Hand gehende
-Menschenkenntniß hatte der Güte seines Herzens keinen<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-Eintrag gethan, und mit den Jahren war nur
-eine gewisse breite Redseligkeit in ihm entwickelt worden,
-welche den Zweck zu haben schien, den Nächsten
-von seinem Durchblick aller ihn umgebenden Verhältnisse
-zu überzeugen. Griffen diese in das Staatsleben
-ein, so ward freilich eine Art Resignation des
-Zuhörers nothwendig, welchen er freundlich durch ein
-»Geben Sie wohl Acht!« in gleich regem Interesse
-zu erhalten suchte.</p>
-
-<p>Es wagte auch nicht leicht Einer sich seinen stets
-sachkundigen und sehr genauen Erörterungen zu entziehen,
-denn der wackere Herr verstand durchaus
-keinen Spaß, wenn es Gemeinwohl galt! Er pflegte
-sogar, wenn man nicht achtsam blieb, seine Rede
-durch ein plötzliches »na! sehen Sie, Männchen,
-daß Sie keine wahre Theilnahme für die Sache haben!«
-abzubrechen und dem jungen Bewerber um
-Amt und Anstellung selten die Zerstreutheit und
-Fahrlässigkeit zu vergessen! Ueberhaupt war ein unermüdlich
-edler Ernst in all seinem Thun vorherrschend,
-der sehr wohl in den Drang der Gegenwart
-Dänemarks paßte und ihm einen bedeutenden Einfluß<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-in den Gestaltungen des öffentlichen Lebens erworben
-hatte. Dasselbe warme Herz aber, das für's Allgemeine
-so theilnehmend sich aussprach, schlug auch
-dem Wohl und Wehe des Einzelnen eben so unveränderlich
-treu entgegen, und die seltne Geduld, mit
-welcher er des Kleinbürgers und Bauern Klage anhörte,
-hatte ihm eine ungewöhnliche Popularität in
-Seeland erworben.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Aussicht, dem eben beschriebenen Ehrenmanne
-und seiner trefflichen, in ihrem Fach gleich tüchtigen
-Gattin sich zu nähern und auf langgewohnte Weise
-die Interessen, Leiden und Freuden des Augenblicks
-mit ihnen zu besprechen, belebte die Brust jedes
-Mitgliedes der Gejerschen Familie, als die schweren
-Wagen derselben durch das Osterthor der Stadt fuhren.
-Christian und Helene hofften jedes am Obergerichts-Advokaten
-einen Verbündeten gegen des Andern
-Starrsinn zu gewinnen, die zwei Bräute aber waren
-im Voraus der thätigsten Hülfe der Frau Alslev
-gewiß, die seit den Kinderjahren wie eine Mutter
-ihnen zur Seite gestanden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p>
-
-<p>Beim Aussteigen sprang Helene dem sie am Wagenschlage
-bewillkommnenden Freund in den Arm,
-und flüsterte ihm zu, sie bedürfe seiner Hülfe und
-einer baldigen Unterredung; leider nahm Christian
-denselben sogleich mit lauten einfachen Worten in
-Beschlag, indem er ihn um ein Detail der Staatsschuld
-fragte, das den guten arglosen Mann in eine
-ziemlich breite Auseinandersetzung und durch diese
-bis in des Grafen Arbeitszimmer zog; &ndash; auch Graf
-Friedrich war unterdessen angelangt, also an eine
-Privatunterredung mit Helenen für den Augenblick
-nicht zu denken!</p>
-
-<p>Helene sah ihren Bruder scharf an, blieb aber
-heiter &ndash; »sie muß einen wunderlichen Rückhalt haben,«
-dachte er.</p>
-
-<p>Als die drei Männer allein waren, (der jüngere
-Graf war noch nicht in Copenhagen angelangt,)
-legte Christian dem alten Freunde die ganze Sachlage
-vor, indem er ihm zugleich die Scene mittheilte,
-welche ihrer Aller Ankunft beschleunigt hatte.</p>
-
-<p>»Sie würde als des Malers Gattin unglücklich sein
-und sich elend machen,« setzte Graf Friedrich hinzu,<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-»ihre Apanage reicht nicht zur Hälfte für die Ausgaben
-eines Haushalts, der junge Mann aber hat nichts
-als einen sehr neu und wohlerhaltenen Pinsel.«</p>
-
-<p>»Herr Graf,« sagte Alslev, nachdem er Beiden
-aufmerksam zugehört; »die Frage ist, hat er Talent
-und Fleiß? Arbeit möchte der noch so lang zu hoffende
-Friede in unseren Kirchen und Schlössern zur
-Genüge bringen! Allein die Comtesse ist verwöhnt,
-und Er hat allerdings keinen Rang ihr zu bieten.«</p>
-
-<p>»Lieber Freund,« erwiederte etwas ungeduldig
-Graf Friedrich, »sie kann doch nicht mit dem Burschen
-von Stadt zu Stadt auf's Handwerk ziehen?«</p>
-
-<p>»Der Herr Graf haben in Hinsicht auf Rang
-und Verwöhnung vollkommen Recht,« versicherte der
-Alte; »doch ist die zweite eigentliche Frage, hat der
-Mensch eine Gesinnung, einen Charakter, ein gewisses
-Bleibendes in sich? denn nur im Gegenfall
-dürfen wir hoffen, Comtesse Helene anderes Sinnes
-zu machen!«</p>
-
-<p>Beide Brüder sahen den Advokaten verwundert
-an. »Ich kenne Herz und Kopf der Comtesse,« fuhr
-der Alte fort, »sind beide übereinstimmend dem<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-Jüngling günstig, ohne innern Widerspruch, so bleibt
-den Herren Grafen nur die Wahl zwischen dem Veralten
-im Stift, oder der mißfälligen Vermählung
-für sie.« &ndash; Alslev war traurig geworden, im Herzen
-dauerte ihn Helene, er theilte die Vorurtheile seiner
-Tage und betrachtete, abgesehen von möglicher pecuniärer
-Sorge, <em class="gesperrt">jede</em> nicht standesgleiche Heirath
-als ein Unglück. Die Ehen aller drei Brüder, welche
-so heftig gegen einen ähnlichen Schritt der Schwester
-sich aussprachen, fesselten ihm die Zunge; hatten doch
-Alle bürgerliche Frauen, und hatten, was dem alten
-Rechtsgelehrten nicht unwichtig war, keine Familienstatuten
-sich ihrem Entschlusse zu seiner Zeit entgegen
-gestellt!</p>
-
-<p>Seinen ernsten Worten zum Trotz baten ihn beide
-Brüder dringend um Vermittlung und Beistand, und
-er versprach Helenen abzurathen; natürlich führten
-alle Gründe des an die reiche deutsche Frau vermählten
-Friedrich auf die Unmöglichkeit des Auskommens
-zurück, während Christians edlere Sinnesart
-ihn auf Verschiedenheit aller äußeren Verhältnisse der
-Familien aufmerksam zu machen versuchte. Der unbestechliche<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-Alte sah Beide mit durchdringendem Blicke
-an, und ein fast unmerkliches Lächeln zog über seine
-Lippen. »Geben Sie recht Acht!« sagte er endlich,
-»Comtesse Helene ist ihrer <em class="gesperrt">Mutter</em> Kind; an Reichthum
-ist ihr ganz und gar <em class="gesperrt">nichts</em> gelegen, obschon
-sie dessen bedarf, und auch ihres Großvaters Geist
-spukt ihr im Köpfchen; sie versteht zu <em class="gesperrt">wollen</em>!
-Wenn Er nur kein Revolutionsnarr ist,« brummte
-der Alte im Herausgehen, »und die ganze Welt mit
-dem Schwerte pflügen und mit Blut düngen will,
-anstatt dem Felde anzusehen, welcher Saat es angemessen!«</p>
-
-<p>Als der Obergerichts-Advokat in sein Schreibzimmer
-trat, saß Helene schon darin; rasch sprang sie auf,
-lief auf ihn zu und bot ihm beide Hände zugleich;
-»erst jetzt lieb Väterchen begrüße ich Sie recht aus
-Herzensgrund, ich habe sehr viel zu fragen und zu
-sagen, aber vor allem dies: daß ich unverändert und
-unveränderlich Ihre alte Helene bin!«</p>
-
-<p>»Seh' es schon, lieb Fröken,« sagte lächelnd der
-Advokat, indem er der »Alten« Hände an sein Herz<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-drückte, »sehe es an der kleinen Fingerspitze da in
-meiner Hand!«</p>
-
-<p>»Nun denn, lieb Väterchen, quälen Sie mich nicht
-mit dem, was meine Brüder Ihnen gesagt und &ndash;
-folgen Sie den »bösen Buben« nicht!«</p>
-
-<p>»Die Brüder haben recht, Helene!«</p>
-
-<p>»Weil die Männer immer »recht haben« uns
-gegenüber! Als mein Bruder Christian wie toll und
-blind in des Fäestebönders Tochter verliebt war, hatte
-er recht, und heirathete sie frischweg; als mein zweiter
-Bruder Friedrich ohne alle Liebe Geld und Gut über
-unsern alten Adel erhob, billigte ganz Copenhagen
-die »Partie,« (im Goldkäfig sitzen ist indessen Geschmackssache)
-&ndash; als nun vor kurzem mein dritter
-Bruder eine schöne und edle Frau nahm, die 25
-Jahre jünger ist als er &ndash; o da fandet Ihr <em class="gesperrt">Alle</em>,
-daß er <em class="gesperrt">recht</em> hatte; denn eine junge Frau ist liebenswerther
-als eine alte! Nun aber Väterchen, soll ich
-denn nicht beispielsweise von dem außerordentlich vielen
-Recht meiner Brüder profitiren und das »Rechte«
-ihnen nachthun? &ndash; Ich habe doch wahrhaftig <em class="gesperrt">den</em>
-Fall einer nicht ebenbürtigen Vermählung in unserer<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-Familie nicht erfunden! Daß die Männer immer
-Recht haben, ist übrigens eine sehr alte Geschichte,
-schon Adam hat bei Gott Vater der Eva Unrecht
-gegeben, weil sie ihm den Apfel&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Helene! damit kommen wir nicht weiter! Sie
-können Thorald nicht heirathen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und warum?«</p>
-
-<p>»Weil er unter vier bis fünf Jahren nicht im
-Stande sein wird eine Frau zu ernähren! Und bis
-dahin&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Stumm kehrte Helene zu ihrem bei des Advokaten
-Eintritt verlassenen Platz zurück und nahm einen
-großen Folioband in die Hand, den sie vorhin durchblättert.
-»Sie vergessen, lieber Alslev,« sagte sie
-fest und ernst, »daß ich die jüngste von meinen
-Schwestern und von unserem Hause bin. Lesen Sie
-einmal hier&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Helene!«</p>
-
-<p>Sie warf sich schluchzend in seine Arme. »Helfe
-mir Gott, Vater, ich kann und darf nicht anders!
-Haben Sie denn wirklich den Muth mir zu befehlen, gar
-nicht &ndash; auch nicht vier, fünf Jahre glücklich zu sein?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p>
-
-<p>Sie herzte und küßte den guten alten Herrn, bis
-ihm die Perrücke ganz schief stand; verlegen rückte er
-sie zurecht und rief halb ärgerlich und halb gerührt,
-indem er schnell seinen bestaubten Pergamentband in
-die Registratur einrangirte, »meine Bücher zu nehmen,
-meine Notizen! Helene! Helene!«</p>
-
-<p>Als er aber umsah, war sie längst verschwunden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter"></div>
-<p>Wenn es Abend wurde und die Damen nicht
-ausgebeten waren, pflegten sie ungemein gern im
-netten spiegelblank-reinlichen Wohnzimmer der alten
-Frau Alslev ihren Thee zu nehmen.</p>
-
-<p>Sieben Kinder, darunter fünf Söhne, hatte die
-würdige Alte aufgezogen und erzogen, mit sorglichem
-Blick die ersten Schritte auf den erwählten Lebensbahnen
-eines jeden von ihnen geleitet, mit kräftiger
-Hand und noch kräftigerem Geist die Schwachen
-unterstützt, Glück und Gelingen, Krankheit und Noth
-all der ihr vom Gatten ganz überlassenen Kinder
-redlich getheilt. »Es schlägt in ihr Departement,«<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-sagte der Gerichts-Advokat, »das Haus und was
-darin ziemt der Weiberhand zu regieren, <em class="gesperrt">meine</em>
-Kinder laufen draußen barfuß umher, der Staat ist
-mein Haushalt und Gott sei's geklagt, er ist voller
-Stiefkinder, die ich nur ungern anerkennen mag, so
-fremd stehen sie zum Ganzen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Mit unsäglicher Liebe hingen Töchter und Söhne
-der Mutter Alslev an, von letzteren waren mehrere
-außerhalb verheirathet und wiederum zog die Matrone
-nun die Enkel groß; zwei Knaben waren von ihren
-Eltern der Schule wegen nach Copenhagen gethan
-in's großväterliche Haus. Fast jeden Abend kamen auch
-die in der Stadt ebenfalls längst vermählten Töchter
-mit ihren Kindern, und ein großer Familienkreis ordnete
-sich um den wohlbereiteten Theetisch. Ein Fest wie
-das der Ankunft der gräflichen Geschwister, mit denen
-Alle von Jugend auf in Verbindung standen, mußte
-natürlich den ersten Abend besonders anziehend machen.
-Jedes Mitglied der Familie suchte seine Freude an
-den Tag zu legen, und die Stunden eilten mit geflügelten
-Schritten der Nacht entgegen, als ein lautes<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-Klopfen an der Hausthüre Allen vernehmlich, noch
-einen verspäteten Gast verkündete.</p>
-
-<p>Erstaunt durchflog der Hausfrau klares Auge den
-weiten Ring, den die Liebe um sie zog, es fehlte Niemand
-an der gewohnten Stelle.</p>
-
-<p>Jetzt kam ein alter, mit der Herrschaft ergrauter
-Diener ein wenig verlegen lächelnd auf die Hausmutter
-zu, und flüsterte eine, wie es schien, ihr gar
-befremdliche Meldung! »Ich komme selbst, Peter,
-bittet nur den Fremden, wenige Augenblicke unten zu
-verziehen.«</p>
-
-<p>»&ndash; Draußen steht ein sonderbarer Mann, halb
-wie ein Bauer, halb wie ein Geistlicher gekleidet,«
-erzählte mittlerweile der junge Heinrich, Alslevs Enkelkind,
-den aufhorchenden Mädchen, »hat einen langen
-weißen Bart und ein ganz runzliches, liebes Gesicht;
-er muß lange nicht bei uns gewesen sein, denn obschon
-er nach Großmama fragte, sah er mich für
-meinen Vater an! seine kleinen Hände zittern vor
-Altersfrost und er hat ein kleines Büchlein mit, das
-sollte Peter herauftragen, und uns Alle darin lesen
-lassen, so würden wir ihn schon kennen und ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span>
-erlauben einzutreten. Ich wollte ihn gleich mit mir
-nehmen und ihn heraufführen, ihn aber schien die
-schöne Einrichtung, welche der Herr Graf beim Einzug
-der Fröken machen ließ, fast zu erschrecken, er
-fragte immer wieder: ob er auch gewiß nicht irre?
-Den neuen Teppich auf der Treppe getraute er sich
-kaum zu betreten und war höchst besorgt, etwas zu
-beschmutzen oder zu verderben; es war drollig anzusehen.«</p>
-
-<p>»Und doch kannte er unser Haus?« fragte Amalie.
-»Ja wohl!« &ndash; In diesem Augenblicke trat mit
-freudeverklärtem Angesichte die Hausmutter ein, den
-wunderlichen Fremden an der Hand. »Ich bringe
-Euch einen alten Freund,« rief sie fröhlich den Kindern
-entgegen, »Kund Jürgenssen, der vor fünf und
-zwanzig Jahren viel hundertmal auf seinen Knien
-Euch gehalten und Euch wunderschöne Elfenmährchen
-und Saga's aus unserer Vorzeit erzählt, dem guten
-Pfarrherrn von Saurbar am Hualfiorden in Island.
-Ich denke Ihr kennt ihn Alle noch! Damals waren
-Vater und ich ein gut Theil jünger, gingen mitunter
-wohl zu Mummereien, Theatern und Concert; dann<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-saß der gute Jürgenssen bei Euch und vertrat, wie's
-eigentlich wohl der Geistliche überall sollte, Vater
-und Mutter Euch zugleich! Ja, ja, das thatet Ihr,
-und wenn wir heimkehrten zu Nacht, lagen die Kleinen
-in ihren Bettchen mit gefaltenen Händchen und
-waren über den Abendsegen sanft eingeschlafen, den
-Ihr sie sprechen gelehrt!«</p>
-
-<p>»O liebes, gütiges Väterchen!« riefen nun zugleich
-die Söhne und Töchter des Hauses, stürzten
-auf den Alten los, ergriffen und drückten seine Hände,
-er aber bebte vor Freude und Rührung. »Und seid
-Ihr es denn wirklich, wirklich wieder herübergekommen
-zu uns, aus Eurem Schnee- und Eiseilande?
-Und Ihr bringt nun den Winter bei uns zu, in Kjöbenhavn,
-nicht wahr? Tausend und aber tausend
-Mal willkommen! Da seht,« rief ein herrlich blühendes
-junges Weib, Alslevs jüngstes Töchterchen, »da
-sind schon meine Kinder, die auf Eure schönen Sagageschichten
-warten, nun könnt Ihr denen so herrliches
-Spielwerk schnitzen, wie Ihr uns es gethan, es
-wird sie ergötzen, wie vor fünf und zwanzig Jahren
-uns!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p>
-
-<p>»Ja! ich besinne mich,« sagte einer der jüngeren
-Söhne, »Ihr kommt aus Island, eines schweren
-Prozesses wegen; eine herbe Klage war's, die Ihr
-dem Vater übergabt!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Käme er nur selbst, der liebe theure Herr!«
-meinte der Pfarrer, den die Freude jung und lebendig
-machte, »daß ich ihm danken könnte und ihn begrüßen
-aus Herzensgrund.«</p>
-
-<p>Die Mutter führte nun Kinder und Enkel auf,
-eins nach dem andern; immer entzückter wurde der
-Alte, verwechselte aber doch noch oft die Enkel mit
-jenen, weil sie »so gar prächtig herangewachsen!«
-Die älteren Fröken waren auch hinzugetreten, der
-gute Mann kannte sie gleich; außer sich war die
-kleine Nordermule, die er fast vergessen, nur besann
-er sich noch, zum höchsten Glück! »Ich war ja damals
-mit dem Fröken Amalie hier, wie konntet Ihr
-nicht gleich meiner Euch erinnern,« klagte sie; »doch
-erzählt uns nur, woher Ihr nach so langen Jahren
-endlich kommt, fast seht Ihr aus wie damals, als
-wir von Euch Abschied nahmen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span></p>
-
-<p>»Es war am Abend vor dem Johannisfeste,«
-sagte der Pfarrer, »o ich weiß <em class="gesperrt">Alles</em> noch!« er
-nahm sein altes Büchlein wieder aus der Brusttasche;
-ein Stammbuch war es, wohl an fünfzig Jahr alt!
-»Da, da steht Ihr Alle!« jubelte er auf, »Frau
-Alslev und Janfru Sophie, Janfru Fredrika.«</p>
-
-<p>»Bitte zu sagen: Frau Amtmännin Solwig,«
-lachte die kleine Frau&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Schön, schön,« erwiederte der Alte, »damals
-aber durfte ich mir die Janfru nur unter diesem Namen
-mit fortnehmen, in meinen Erinnerungen; sie
-war eben zwei Jahre alt, und ich führte ihr die
-Hand, ja, ja, bis auf das kleinste Kind hat jedes
-hier mir sein Kreuzlein hingemalt, wenn es noch
-nicht zu schreiben verstand, in das Gedenkblatt der
-Familie des edelsten Menschen, den ich je gekannt!«
-&ndash; »Ach, auch ich weiß jetzt wieder Alles,« versicherte
-Sophie, »es war Frühling, den Abend hattet
-Ihr uns von den Pilgerwallfahrten zu den Quellen
-und ihren guten Geistern erzählt, wie sie in der Johannisnacht
-unternommen werden müssen, und von
-den kleinen Engeln, welche sie bewachen; dann schrieben<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-wir uns ein, Ihr hattet das Büchlein noch aus
-Euren Studentenjahren; das sind schon fünf und
-zwanzig Jahr?«</p>
-
-<p>Und Kopf an Köpfchen drängte sich zum vollen
-Kranz um die hohe Lehne des Sessels, zu welchem
-die Mutter den vor Freude an allen Gliedern Zitternden
-geführt, »ja, ja!« rief er aus, »<em class="gesperrt">das</em> ist das
-Büchlein,« und Schwarz- und Blauäugelein schaute
-ihm über die Schulter auf die beschriebenen Blätter,
-»<em class="gesperrt">das</em> ist Großvaters Hand,« &ndash; »dies Mutters
-Schrift!« »Hier bin ich!« rief ein Drittes, »hier Fröken
-Amalie, Annette!« »Nur ich bin nirgends,«
-sagte fast traurig Helene!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Kind,« erwiederte lachend die Nordermule, »Du
-warst noch nicht einmal geboren!« »Die Gräfin Gejern
-wie sie leibte und lebte!« schaltete der Pfarrherr ein,
-und schaute wohlgefällig das schöne Mädchen an, &ndash;
-dann fuhr er fort, »es gab mir selbigen Abends, ehe
-ich von dannen zog, der hochverehrte Herr Alslev
-noch ein gar schönes, werthvolles Geschenk.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ja, ich entsinne mich,« sagte die Mutter, »wir
-brachten Euch als Mitgabe in Euer kaltes Land<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-einen warmen Festrock, den wir Euch baten uns zu
-lieb zu tragen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Und ob ich's thue!« rief der Pfarrer, »da, da
-ist das gute, gar wohl erhaltne Kleid, kennt Ihr es
-noch?« Und im freudigen Eifer erhob er die Taschenklappen
-und die Schöße des schwarzen Rockes,
-zeigte sie jubelnd und jauchzend den Kindern &ndash; dichter
-und dichter umdrängten ihn diese.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ach,« sagte leise die Nordermule zu Helenen,
-»das gute treue und dankbare Herz! So ein armer
-Pfarrer in Island hat kaum einige dreißig Thaler
-Einnahme von seinem Kirchspiel, das weit ausgebreitet
-viele, viele Meilen umfaßt!«</p>
-
-<p>Der Pfarrer hatte das leise Wort gehört. »Schon
-wahr,« sagte er, »allein, was braucht man auch
-des Geldes viel? Immer trägt man doch nicht so
-gute Kleider wie dieses ist, und habe ich doch mein
-sauber Stückchen Kirchenland! Freilich reift mir kein
-Korn darauf, aber ich ziehe doch Kartoffeln, Kohl
-und herrliches Futter für meine zwei Kühe! Ja, ja
-Janfru Nordermule, der Kund hat die schönsten Thiere
-weit und breit, &ndash; wäre mir nicht die Hausfrau gestorben,<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-wie gar leicht wäre mir das Leben! &ndash;
-Bücher fehlen mir sehr! <em class="gesperrt">die</em> sind theuer, denn zu
-Lairar druckt man nur Katechismen und Andachtsschriften
-&ndash; und das ist die einzige Druckerei, die wir
-in Island haben!«</p>
-
-<p>»Aber wovon lebt Ihr denn?« fragten die Kinder.
-&ndash; »Ei nun, seit dem die Stadt Reikiawik
-erbaut, fehlt es nicht einmal mehr an Brot und
-Fleisch; wir haben ja aber immer Vögel und Fische!
-Den Sandhafer, den herrlichen Melia giebt uns
-Gott, wie einst den Israeliten das Manna, ohne
-Säen und Pflanzen!«</p>
-
-<p>Mit tiefer Bewegung lauschte Helene dem zufriedenen
-Manne, der den Kindern vom Tauschhandel
-auf der Insel selbst und von den »Gnaden Gottes,«
-wie er den Robbenfang und die Eidergans nannte,
-immer eifriger und glückseliger erzählte, da schloß er
-plötzlich, »ach, was die <em class="gesperrt">Natur</em> an Island thut,
-ist schön und ein gar werthvolles Geschenk des Herrn,
-allein die Menschen gönnen es einander nicht und
-verderben sich gegenseitig das Leben. Als ich im
-Jahre siebzig zuerst meine Klage vor der geheimen<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-Conferenz-Commission des Ministers Struensee eingereicht
-hatte, glaubte ich freilich mich gesichert für
-immer!«</p>
-
-<p>»Der Vater! der Vater!« riefen die Kinder;
-jedes eilte auf den Advokaten zu, ihm zuerst die erfreuliche
-Kunde zu bringen; obschon er vor all den
-zugleich auf ihn eindringenden Stimmen kein Wort
-verstand, hatte sein scharfes Auge alsbald den isländer
-Pfarrer erkannt. Alslev vergaß nicht leicht, wen
-er einmal gesehen. »Herzlich willkommen, Ehrwürden!«
-rief er und bot ihm gastfreundlich die Hand.
-»Ihr habt lange uns nicht besucht und findet in und
-außer dem Hause eine neue Welt, aber immer das
-nämliche herzliche Willkommen!«</p>
-
-<p>Die Männer saßen nun nieder und das Gespräch
-nahm eine ernstere Wendung und ging bald über
-auf's Allgemeine.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Trotz der anerkannten Hinneigung der Isländer
-zu jedem wissenschaftlichen und literarischen Streben,
-liegt die Insel doch zu sehr außer allem eigentlichen
-europäischen Lebensinteresse, als daß Nachrichten entfernter
-Länder leicht sie erreichen sollten. Die Nachrichten<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-der Gegenwart, eben war in Frankreich das
-Directorium an die Stelle des Convents getreten,
-Napoleons phänomenartiges Auftauchen aus dem
-Chaos der sich wieder gebärenden Zeit, Alles dies
-war dem erstaunten Hörer, wie eine zweite Weltschöpfung,
-unfaßlich überwältigend. Er stand <em class="gesperrt">noch</em>
-mit trauernder Seele am Grabe der jungen schönen
-Königin seines Heimathlandes, die er gesehen, verehrt,
-und die während seiner Abwesenheit von Kjöbenhavn
-so schmachvoll in Zelle geendet.</p>
-
-<p>Und grell erhob sich neben diesem ungeheuren
-Wechsel der riesigen Begebenheiten einer Gegenwart,
-welche selbst Gott in seinen Himmeln und den blutenden
-Heiland an seinem Erdenkreuz zu bezweifeln
-und anzugreifen gewagt, sein eignes sich immer
-gleichbleibendes individuelles Dasein. Was er
-am Gerichtshofe Christian <em class="antiqua">VII.</em> durch Struensee's
-Hülfe erlangt, und als Beute in seine ferne Heimath
-mit sich fort genommen, kam er jetzt zum
-zweiten Male zu fordern nach Kjöbenhavn; Struensee,
-der jungen Königin Partei, alle Minister damaliger
-Tage, waren längst untergegangen im Kampf eigener<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-und fremder Gewalt, er fand zwar wieder einen Grafen
-Bernstorff am Staatsruder, statt des damals
-eben seiner Stelle entsetzten trefflichen Mannes, allein
-es war ein Andrer, den er daheim nicht einmal
-nennen gehört! Es übernahm das Alles fast den
-gealterten Mann, der zuletzt, beide Hände vor das
-Gesicht geschlagen, zusammenzubrechen schien unter
-der ungeheuren sich ihm entgegenwälzenden Last der
-Eindrücke des Augenblicks.</p>
-
-<p>Leise nahte sich Helene und legte ihre weiße kleine
-Hand auf seine zitternden, in den ergrauten Haaren
-wühlenden Finger, »die Zeit schreitet schnell, Ehrwürden,«
-sagte sie, »ist es nun nicht wunderschön,
-daß die Natur und des Einzelnen Herz sich dennoch
-in ihr gleich zu bleiben vermögen, trotz ihres Riesengangs?
-Höchstens reißt er das irdische Leben mit
-sich fort, wenn wir uns nur in uns selbst recht fest
-auf den Füßen zu stellen vermögen. Seht, Alles
-um Euch ist ganz anders geworden; wenn Ihr morgen
-am Tage ausgeht, und durch die verödeten
-Straßen Kjöbenhavns, werdet Ihr noch weit mehr
-erschrecken! Ihr werdet Christianborgs ungeheuren<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-Schutthaufen finden und die Brandstätte des Gammel-Holms,
-&ndash; seit drei Monaten liegt ein Viertel
-unsrer Vaterstadt in Asche, &ndash; nun Ehrwürden, ist's
-nicht wunderschön, daß Menschenwerk und Menschenleben
-so zusammenfallen zu einer grauenhaft erhabenen
-Ruine, und der winzig kleine Punkt im Universum,
-der feste Charakter eines Menschen durchwächst sie
-dennoch mit seiner unbesiegbaren Liebeskraft? Ihr
-steht mit dem alten Rock, den Ihr vor fünf und
-zwanzig Jahren hier im Hause empfingt, über dem
-alten unverändert sich gleichschlagenden Herzen, voller
-Treue wieder hier unter uns, und Eure kleine schwache
-Brust zeugt von der Ewigkeit, während Alles was
-Euch und uns umgiebt nur von der Vergänglichkeit
-zu uns redet!«</p>
-
-<p>Dankbar blickte der Pfarrer sie an, keines Wortes
-mächtig, zog er ihre Hände an seine Lippen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bleich wie ein Todter starrte der unlängst in's
-Zimmer getretene Christian auf sie, &ndash; er fühlte den
-durch ihre Neigung zu Thorald plötzlich erwachsenden
-mächtigen Charakter des Mädchens. Der alte Alslev
-blickte zärtlich zu ihr hinüber, ihn freute das Aufkeimen<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-und Erblühen der von ihm gepflegten Saat.
-»Sie wird Festigkeit haben wie ihre Mutter, und
-wie sich auch ihre Verhältnisse gestalten mögen, <em class="gesperrt">sie</em>
-wird glücklicher sein!« &ndash; Die kleine Nordermule
-aber warf sich innerlich alles vor, was sie ihr erzählt,
-von der Tante Lieben und Leiden, &ndash; »eine Unbesonnenheit
-wird sie begehen!« sagte sie leise, vorsichtig
-die gutmüthigen blauen Augen niederschlagend,
-daß ja keiner in ihnen lese! der kleinen Bucklichen
-Seele war stets in siebenfache Schleier gehüllt!</p>
-
-<p>Einer wunderbaren Klage halber war der alte
-Kund Jürgenssen von Island im späten, schon gefahrdrohenden
-Herbst nach Copenhagen gekommen.
-Sein im Borgefiords-Syssel, am Huatfiorden gelegenes
-Kirchspiel erstreckte sich an beiden Meerbusen nach
-Leirar hin, und dann tief landeinwärts über viele
-einzeln liegende Pachthöfe und Häuerlingshäuser
-weiter. Nun aber gab es bis zum Jahre 1782
-auf ganz Island weder Städte, noch Marktflecken,
-noch Dörfer; die Einwohner lebten zerstreut in den
-vor Stürmen am meisten geschützten Orten und lehnten
-gern ihre Gehöfte, die alle aus Lava und Treibholz<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span>
-erbaut, einander glichen wie ein Tropfen Meerwasser
-dem andern, bald da, bald dort an einen sie deckenden,
-vielleicht gar überhangenden Felsrücken, um gegen
-arge Wetterunbill möglichst sicher zu sein.</p>
-
-<p>Fromm und ohne Klage zogen sie Sonntags oft
-meilenweit zum entlegenen Gotteshause, ihren Seelsorger
-predigen zu hören; er war meistens zugleich
-dabei ihr Arzt, jedenfalls ihr vertrauter, väterlicher
-Freund, der in aller Noth und Freude, beim Ein-
-und Austritt in ihr mühevolles Sein ihnen treu
-zur Seite blieb und des Lebens Drangsal ihnen
-tragen half, wenn ihre eigene Kraft ermattete. Denn
-wie sein schwer herniederhängender Himmel, ist der
-Isländer trübe, schwermüthig, ihn drückt das Leben,
-seine Freude besteht meist in ernsten Dingen, er singt
-auf vaterländische Weisen seine Sagen, hört gern
-Snorro Sturlesons Dichtungen und die Edda, und
-spielt das ernste Königsspiel: Schach!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die später allmälig angelegten sechs Handelsstädte,
-welche <em class="gesperrt">noch</em> die einzigen der Eisinsel, bestehen
-außer Reikiawik, das wohl über sechzig Häuser zählt,
-auch nur aus wenigen größern Kaufmannswohnungen<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-und um diese herliegende Packhäuser und Magazine;
-alle sind einstöckig, niedrig, roth angestrichen,
-der Wärme wegen oft mit grünem Rasen belegt.
-Die Pachthöfe entbehren meist den Luxus eines Schornsteins,
-eines Ofens oder gar gläserner Fensterscheiben,
-denn die wilden Orcane gestatten ihn nicht. Unsäglich
-beschwerlich und dennoch durch seine tief eingreifende
-Wirksamkeit heilig-schön, ist hier der Beruf des
-Pfarrers! Der von ihm viele, viele Stunden weit
-durch die menschenöden und dennoch stets bewohnten
-Districte getragene Kelch des Herrn wirkt dort noch
-beseligend auf den Todeskranken; und Taufe und
-Trauung werden, wenn sie Wochen hindurch bis
-zum Erstlings-Sonnenstrahl des Frühlings verschoben
-worden, in vielen Herzen um so frommer ersehnt,
-so daß dem Priester der schwere Gang gelohnt wird
-und sein eigener Beruf verklärt vor seinem geistigen
-Auge sich erhebt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wie zart wiederhallte dieses Gefühl in des bescheidenen,
-orthodoxen Kunds Seele! und dennoch war
-er angeklagt, hart angeschuldet von dem Probst seines<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span>
-Districts, und wie einst vor 25 Jahren jetzt abermals
-vor das Consistorialgericht des Bisthums
-Reikiawik gestellt, weil er »aus Trägheit« die Leichen
-der in seinem Sprengel Verstorbenen unbeerdigt lasse,
-ja, auf Monatelang bloß in den Schnee sie einsenke,
-ehe er dem müden Leibe einer den Trauerort
-vielleicht rastlos umkreisenden Seele, die letzte Gott
-geweihte Ruhestätte auf dem Kirchhof gönne und
-durch das Wort des Herrn dieselbe ihr bereite! &ndash;
-O wie lange, bittre Nächte hatte der Arme verweint,
-bei der rauhen Grausamkeit dieser Anklage! &ndash; Das
-Bewahren der Körper im Schnee war eine harte
-Nothwendigkeit, welche indessen nur die entferntesten
-Mitglieder seines Kirchspiels traf, denen das Erreichen
-des sehr entlegenen Gottesackers mit der Leiche fast
-unmöglich war. Oft war das Leben der Träger
-beim Transport des Sarges in Gefahr gerathen, sie
-versanken in Schnee und Eisspalten; der ihn selbst
-treffenden Beschwerde hätte der fromme Mann nicht
-geachtet, kaum sie erwähnt, obschon er mehrmals
-durch dieselbe erkrankt; allein eine größere Anzahl
-seiner stündlich Bedürfender litt darunter!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p>
-
-<p>Der Probst war ihm nicht gewogen, seine Rechtfertigung
-ward verworfen, schwere Klage gegen ihn
-im Consistorio erhoben! &ndash; Im Gefühl seines guten
-Rechts war Jürgenssen vor fünf und zwanzig Jahren
-nach Copenhagen gesegelt. Seiner einfachen Seele
-war die damalige Aufhebung aller Ministerien und
-die Gewalt, mit welcher Struensee eine Menge wirklicher
-Verbesserungen einführte, nur eine Vereinfachung
-des Geschäftsgangs gewesen, er hatte für den Günstling
-des Königs geschwärmt und an die wirkliche
-Thätigkeit des Letztern lange nach Ausbruch seiner
-Geistesschwäche geglaubt. Mit der leicht erworbenen
-Rechtfertigung und günstigen Entscheidung seines
-Prozesses war er damals heimgekehrt; die gänzliche
-Umgestaltung der dänischen, und mithin der provinziellen
-Verhältnisse hatte auch diese längst entschlafene
-Anklage erweckt, von neuem war ihm aus Reikiawik
-der Befehl augenblicklicher und wirklicher Bestattung
-der in seinem Kirchspiel Verstorbenen zugekommen. &ndash;
-Allein zu dem Schnee seiner Gebirge hatte sich nun
-dem armen Pfarrer der Schnee des Alters gesellt,
-der sich auf seinem müden Haupte gesammelt, und<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span>
-man altert schnell, bei so schwerem Beruf, in solchem
-Clima! Dem Prediger blieb nur die Wahl zwischen
-freiwilligem Aufgeben seines bisherigen Berufs, oder
-des Versuchs, eine erneute Vergünstigung von Copenhagen
-aus zu erhalten, seine Leichen in das weiße
-Schleiertuch der Erde zu hüllen, bis der Frühling
-das Herz der alten Mutter erwärme, und sie das
-entschlafene Kind in ihre treuen Arme aufzunehmen
-im Stande.</p>
-
-<p>Von seiner Kirche den Kund bannen, hieß ihn
-tödten! sie war seine Liebste, seine Welt! Von Katharina,
-seiner verstorbenen Ehefrau, hatte er ein holdseliges
-Töchterchen; Mathilde (so hieß sie nach der
-unglücklichen Königin) &ndash; war die einzige, welche
-außer der dem öffentlichen Gottesdienst geweihten
-Stunde den geheiligten Raum mit ihm betreten und
-Küsters-Dienst, in Reinigung und Ausschmückung
-der Kirche, mit ihm theilen durfte. Was sie Kostbares
-besaßen, ward zur Zier des Altars, der Kanzel, ja
-des kleinen Chors verwandt. An einem Pfeiler hing
-ein Kupferstich, das Bildniß des Vaters Alslev, des
-»edelsten Menschen, den er je gekannt!« Dieser Ehre<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-hielt er nur ihn für würdig; während seines ersten,
-dreimonatlichen Aufenthalts hatte er in der Residenz
-all seine ihm für das ganze Leben ausreichende
-Menschenkenntniß gesammelt; Alslevs klares, festes
-Wollen und bestimmtes Handeln hatte ihn zur verehrenden
-Begeisterung fortgerissen, sein treuer Sinn
-bewahrte sie in immer gleichbleibender Erinnerung.</p>
-
-<p>Alle diese kleinen und doch ihrem bisherigen Erfahren
-fremden Züge aus einem beschränkten, fast
-von jeder Bequemlichkeit entblößten, rein-menschlichen
-Dasein rührten Helenen unsäglich, allein sie baueten
-sich auf zur trennenden Mauer zwischen ihr und den
-einzig mit den Vermählungsfeierlichkeiten und den
-Ausstattungen beschäftigten und erfüllten Geschwistern.</p>
-
-<p>Außer Christian waren Alle, selbst die Brüder
-durch ihre Frauen in den Taumel der Hoffeste und
-Zerstreuungen hineingerissen, mit welchen man Christian
-<em class="antiqua">VII.</em> fortwährend umgab. Die Grafen Schimmelmann
-und Bernstorff waren nur theilweis
-im Volk geliebt, im Innern des Staats gab es
-viel Unzufriedene. Die dänische Politik ging darauf
-aus, mit allen auf Dänemark einwirkenden<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-Mächten Frieden zu halten, aber trotz der dabei zu
-Tage gelegten Würde und äußerlichen Größe, ließ
-sich eine gewisse Unsicherheit der Ansichten wie der
-Verhältnisse kaum bergen. Alle Geschäfte, welche
-die verschiedenen, nach Struensee's Sturz wieder eingeführten
-Canzeleien dem Staatsrath vorlegten, mußten
-in doppelten Sitzungen vorgetragen werden; in
-der Versammlung beim Erbprinzen Friedrich wurden
-die Resolutionen gefaßt, alsdann in einer zweiten dem
-Könige zum Schein vorgelegt, der sie halb bewußtlos
-unterschrieb. Das war eine unsäglich betrübte
-Comödie, und ihre Rückwirkung auf das Volk war
-es nicht minder! Der arme Prediger litt unbeschreiblich,
-sein beschränkter Geist sah überall böse Dämonen
-sich drohend gegen sein ihm so theures Vaterland
-erheben; so lange seine Sache bei Gericht anhängig
-blieb, war Helene sein einziger Trost, und die ganz
-einfachen und zugleich so tief poetischen Lebens-Anschauungen
-desselben, ließen dagegen dem aufgeregten
-Sinn des Mädchens alles Treiben der Vornehmen
-und des Adels im widerwärtigsten Lichte erscheinen,
-ja sie steigerten ihren Entschluß, mit Thorald ein von<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span>
-diesen hemmenden Einschränkungen freies Leben zu
-führen zur entsetzlichsten Pein.</p>
-
-<p>Thoralds leichteres Blut ließ ihn einfacher seine
-Bahn weiter ziehen; er war in Copenhagen, arbeitete
-in der noch neuen und unvollständigen Academie,
-gefiel durch heitere wohlwollende Theilnahme, umarmte
-den alten Kund, der ihn auf Helenens Bitte
-besuchte, machte das Portrait des kleinen, leider kränklichen
-Kronprinzen, und war bei jeder einzelnen Nachricht
-von Frankreich aus überzeugt: auch im Norden
-müsse jede kleine Meuterei, jede Unzufriedenheit des
-durch Monopole gedrückten Handelstandes nächstens
-große Umwälzungen herbeiführen, welche dem Charakter
-und einer der Nation inwohnenden Gleichmüthigkeit
-und sehr ernsten Besonnenheit widersprachen.
-Er selbst war kaum noch ein Däne; der lange Aufenthalt
-in Italien und Frankreich hatte alle vorspringenden
-National-Eigenschaften in ihm verwischt.</p>
-
-<p>Graf Christian vermied Erörterungen, welche zu
-nichts Glücklichem führen konnten, Alslev und er waren
-verstimmt, weil sie sich nicht zu gleicher Ansicht zu
-vereinen vermochten; in sich selbst streng und scharf<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span>
-concentrirt beobachtete der Advocat den Maler genau;
-er hätte so gern etwas Bedeutendes aus ihm gemacht,
-ihn durch einen glücklichen Wurf Geld und ein den
-Rang übertragendes Wirken verschafft &ndash; Thorald
-aber war und blieb eine hoffende, dem Leben vertrauende,
-sorglose Künstlerseele; er war überzeugt, einmal
-ein unsäglich schönes Bild zu malen, das ihm
-Ruf, Ruhm, Brot, und den Besitz der Geliebten zusichere.
-Unterdessen aber malte er eine Menge gleichgültiger
-Portraits, wurde Mode beim höchsten Adel
-und bei den Prinzessinnen, und begriff Helenens leise
-Klage nicht; sie sah weiter hinaus als er!</p>
-
-<p>Die Hochzeittage mit ihren prächtigen Toiletten,
-alle den Gnadenbezeugungen der alten Königin, welche
-sich der »endlich wieder standesmäßigen Heirathen
-in der Familie Gejer« erfreute, das große Festmahl,
-und die lästigen, das Zartgefühl der Neuvermählten
-nicht sonderlich schonenden Gratulations-Visiten am
-Morgen nach dem Beilager &ndash; Alles das war vorüber!
-Nach den erwiederten Besuchen bei der über
-halb Copenhagen reichenden Vettern- und Cousinenschaar,
-wollten die neuen Ehepaare auf ihre Güter.<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span>
-Am Morgen vor dem Abschiedstage fuhren zwei
-schwere Caleschen in den Hof &ndash; die Neuvermählten
-waren schon auf ihren Berufswegen, und die Meldung
-des Besuchs erging an die »Gräfin Gejer!«
-Es waren die sieben Gejer-Mogenstrupp, Hochwürden!
-Sie wurden zu Eva geführt; welch ein Elend
-einen Bedienten vom Lande zu haben! der redliche
-Nysteder kannte die Weltverhältnisse nicht! Da standen
-sie, grau und Ehrfurcht erregend, in stummer Erhabenheit,
-wie sieben Wartthürme des Mittelalters die
-anmuthige Eva umgebend, und vermochten kaum das
-schwere Haupt ein klein wenig zu neigen, zum Gruß!
-Tödtlicher Schreck lähmte ihre riesigen Glieder: sie,
-die Hochadeligsten aller Chanoinessen, hatten der
-»wegen Kränklichkeit« nicht an den Hof gehenden
-Fästebönders Tochter, der nie zum Gesellschaftskreis
-mitzählenden Pseudo-Gräfin, die <em class="gesperrt">erste Visite</em>
-gemacht&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Mit eben so viel Anmuth als Würde empfing sie
-die liebenswürdige, sanfte Eva; sie errieth leicht, daß
-der hohe Besuch ihrer Schwägerin Helene gälte, deren<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span>
-Rückkehr in das Stift Wallöe bereits festgesetzt war,
-und ließ diese sogleich zu sich bitten. Wie ein Frühlingsvöglein
-schwebte die kleine Comtesse herein und
-auf die sieben Wartthürme zu, welche sie sogleich im
-Flug der zierlichsten Worte umkreis'te, und ihnen zu
-dem Zufall Glück wünschte, ihre leider fast nonnenhaft
-zurückgezogene Schwägerin auf diese Weise kennen
-gelernt zu haben! So leichten Kampfes waren
-jedoch die empörten Stifts-Damen nicht zu beschwichtigen!
-Es entspann sich eine jener gesellschaftlichen
-Fehden, welche nur Frauen führen und kennen; mit
-hinreißender Anmuth verstand es Helene, jedem Worte,
-das Eva sprach, volle Geltung zu verschaffen, und
-deren Charakter, Stellung, Güte und Glück fortwährend
-hervorzuheben, indem sie selbst sich ihr gänzlich
-unterordnete und sogar den Rang der regierenden
-Gräfin und verheiratheten Frau in volles Licht setzte.
-Die sieben Mogenstrupps rissen unermeßliche Augen
-auf &ndash; sie fühlten sich angegriffen bis in's eigentliche
-Mark ihres Lebens &ndash; und schritten zur Rache!
-Alle Sieben begannen mit unendlicher Volubilität von
-lauter kleinen Hofgeschichten und Familienangelegenheiten<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span>
-der höchsten Kreise, als von bekannten Dingen
-zu sprechen, indem sie sorgsam alle darin vorkommenden
-Personen nur bei Vornamen oder den Spitz-Namen
-nannten, die man ihnen in jenem Cirkel gab;
-Eva konnte um alle diese Einzelnheiten nicht wissen,
-und die siegreichen Sieben stellten sich auf solche
-Weise zu Helenen in intimen Rapport, während sie
-die Gräfin aus dem Interesse des Gesprächs gewaltsam
-herausdrängten, um sie fühlen zu machen, daß
-sie jenem Cirkel der königlichen Familie und des sie
-eng umgebenden Adels nicht angehöre, obschon sie
-Christians Titel führe.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Helene gab nicht nach! Geschickt deckte sie sogleich
-ihre Schwägerin mit dem Schilde des Ausländisch-Modischen,
-warf nebenbei mit der persönlichen
-Gunst der verwitweten Königin um sich, als
-habe sie dieselbe in der Tasche, und überwältigte endlich
-in fortgesetztem Gespräch den Feind durch eine
-Menge Anekdoten vom englischen, russischen und
-schwedischen Hofe, mit denen sie die der ganzen civilisirten
-Außenwelt entfremdeten Mogenstrupps dermaßen<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-betäubte, daß ihnen nichts übrig blieb, als die
-herkömmlichen Stiftsgeschenke an Elixiren, Rosenwasser
-und Confitüren zur Reise der »theuren Cousinen«
-in ihre Hände niederzulegen und den formellen
-Rückzug anzutreten.</p>
-
-<p>Als sie fort waren, warf sich die ermüdete Siegerin
-auf das Sopha, ein Paar großer Thränen perlten
-in ihren Augen. Es ist sehr schwer zu sagen,
-warum sie weinte, ob aus Nichtachtung oder Ueberschätzung
-der so eben hart von ihr angegriffenen
-Vorurtheile!</p>
-
-<p>Eva blieb still und gelassen, wie immer; ihr
-fehlte nie etwas anderes, als ihres Christians volle
-Liebe, wie sie einst sie gekannt und besessen.</p>
-
-<p>Allein am nämlichen Vormittage schrieb Helene
-zwei Briefe; den ersten an Thorald. Sie bot ihm
-an, mit ihm zu fliehen nach Frankreich oder Italien.
-»All diese Einwirkungen und Rückspiegelungen angenommener,
-langjähriger Vorurtheile werden aus Pygmäen
-zu uns überwältigenden Riesen, wenn wir den
-hiesigen gewohnten Familien- und Gesellschaftsformen
-ausgesetzt bleiben! An jedem andern Orte, um wie<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span>
-mehr in einem anderen Lande, verlieren sie alle
-Geltung.</p>
-
-<p>So wenig als unsere monopolisirende, auf Fabrikwesen
-und Gewerbefleiß angelegte Academie Ihrem
-Kunststreben wirklich fördernd genügen kann, eben so
-wenig würde Ihnen ein Lebenskreis genügen, in
-welchem wir stets defensiv aufzutreten hätten! &ndash;
-Den ganzen Morgen hindurch habe ich für meine
-Schwägerin mit den scharfen Waffen der Ironie gegen
-die Thorheit meiner sogenannten Standesgenossen
-gekämpft, gegen die armen Mogenstrupps, die am
-Ende glücklicher sind als Jene, denn sie haben sich
-mit dem Leben außer ihrem Stift und mit den persönlichen
-Wünschen abgefunden; dennoch habe ich sie
-und mich mit den spielend geführten Waffen verletzt
-&ndash; verletzen <em class="gesperrt">müssen</em>!</p>
-
-<p>O Thorald, lassen Sie uns den Muth fassen, unser
-Vaterland auf vielleicht zehn, zwölf Jahre zu
-verlassen, in Frankreich, England, Deutschland &ndash;
-wo Sie wollen, zu leben, menschlich frei zu sein!
-uns bleibt keine Wahl, wenn nicht unsere edelsten<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-Seelenkräfte einer fortgesetzten, sie verkrüppelnden Entwürdigung
-ausgesetzt bleiben sollen!«</p>
-
-<p>Den Rest des Briefes nahm der Ausdruck der
-tiefsten, weiblichsten Zärtlichkeit ein, und die Bitte, sie
-bei einer gemeinschaftlichen Bekannten zu erwarten,
-bei welcher sie zuweilen sich getroffen.</p>
-
-<p>Das zweite Schreiben war an den Grafen Christian;
-es ward abgesandt, als Helene zu jener Freundin
-gefahren, bei welcher sie Thorald zu finden hoffte.
-Sie schrieb:</p>
-
-<p>»Du hast Wort gehalten, Christian, Du sagtest
-mir, als meinen Widersacher Dich anzusehen, und
-hast offenbar und insgeheim als solchen Dich mir
-bewährt. Kämpfe mit gleichen Waffen ehren die
-muthig Streitenden, die unsern sind nicht einmal
-gleich, sondern die Deinen stärker &ndash; dennoch hast
-Du mir alle mögliche Ehre durch Deine hartnäckigen,
-unablässigen Angriffe erzeigt. &ndash; Vergieb den trüben
-Scherz, ich gehe wahrlich nicht darauf aus, Dir wehe
-zu thun; ehemals kanntest Du mich; Du bist aber
-in den letzten Jahren immer unglücklicher geworden,
-und Thränen, sagt man, machen blind; darum<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span>
-wähnst Du auch durch Gewalt mich zu besiegen und
-vermöchtest doch höchstens mich zu tödten aus Scherz,
-nicht aber mich bis zur Regungslosigkeit zu zerdrücken,
-wie jene Unglückselige, die wir nicht nennen wollen!</p>
-
-<p>Mir scheint, Du hast in unserer Familienstellung
-eine unbedeutende Kleinigkeit übersehen, nämlich: daß
-ich das jüngste Fräulein unseres Hauses bin, und
-mir bei einer keineswegs durch Adelsforderung verklausulirten
-Verheirathung als solchem die zehntausend
-Thaler Mitgift zufallen, welche die Schwester
-des Grafen Owen, unsere Großtante, uns ausgesetzt
-hat. Ich wußte seit Jahren um diese Sache, und
-der Instinct der Schwachen ließ mich in Alslevs
-Studirzimmer unser Familienbuch, und in diesem die
-Notiz darüber finden, während Du bei unserer Ankunft
-Dich seiner sogleich bemächtigtest, ihn in Dein
-Zimmer, und mir und meinem Vertrauen zu entführen
-für gut fandest. &ndash; Ich werde auf diese Summe
-Anspruch machen, Du hast kein Recht, mir sie zu
-verweigern, mich aber wird dies Geld vor jedem
-Mangel schützen, bis es meinem theuren Thorald<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span>
-gelungen sein wird, uns Beiden eine nur auf sein
-Talent und seine eigene Kraft begründete Existenz zu
-sichern.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter"></div>
-<p>Trostlos kehrte Helene heim vom Besuch der arglosen
-Freundin, bei welcher sie Thorald gesehen! Sie
-hatte Gelegenheit gefunden ihn zu sprechen, sogar
-allein eine lange Unterredung mit ihm gehabt &ndash; aber
-ach! &ndash; Thorald hatte mit dem vollen Ausdruck der
-zärtlichsten Liebe in Blick und Wort dennoch auf das
-Allerbestimmteste sich geweigert mit ihr zu fliehen! &ndash;
-Sein dem Grafen Christian im Wäldchen auf Laaland
-gegebenes Wort, »nichts zu thun, was Helenens Ruf
-der Welt oder dem bösen Leumund des Kreises, welchem
-sie angehöre, preisgäbe,« &ndash; war er entschlossen
-zu halten.</p>
-
-<p>»Laß mich als fester Mann ihm gegenüberstehen
-bleiben, wie ich dort am See mich vor ihm als
-solcher empfand,« bat er sie, »damit er einst Deinem
-Gemahl seine Achtung nicht zu versagen im Stande!<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span>
-Sobald mir möglich sein wird Dir meine Hand zu
-bieten, wird das Vermögen, welches Du mir zuzubringen
-gedenkst, mir den Trost gewähren, Dich wenigstens
-nicht harter Entbehrungen durch unsere Liebe
-ausgesetzt zu sehen, allein nur in unserm Vaterlande,
-nur öffentlich, vor Deiner Familie und Aller Augen,
-darf ich als mein eigen Dich an mein Herz schließen,
-als meine Frau Dich heimführen, wäre es auch gegen
-den Willen der Deinen!«</p>
-
-<p>Was sie ihm auch einwandte, glitt an der einmal
-empfangenen Gedanken- und Gefühlsrichtung seines
-einfachen Charakters ab; sobald Thorald nicht durch
-äußere Uebermacht gesteigert aus sich selbst herausgetrieben
-zu enthusiastischer Heftigkeit hingerissen handelte,
-war er gerade und redlich in allem Thun; er
-vermochte sein Glück nicht um den verlangten Preis
-zu erkaufen.</p>
-
-<p>»Kein Flecken darf durch meine Liebe zu Dir auf
-den Schnee Deiner Seele fallen! Nicht Deiner stolzen
-Familie, nicht Christians Versagen schreckt mich,
-auch ohne alle Einwilligung der Dich mir Mißgönnenden
-werde ich Dich einst mein nennen, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span>
-öffentlich, nicht insgeheim. &ndash; Sind wir aber einmal
-verbunden, dann Liebste, dann laß uns fortziehen,
-daß sich der allerschönste Erdenhimmel, das blaue
-Zelt Italiens über unser Glück hinwölbe, seine klare
-Sonne freudig uns in's Herz scheine, und wir all
-den grauen Jammer ihrer Pergamente und Diplome
-vergessen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ach, Helene wußte nur zu genau, daß kein Priester
-sie trauen werde in Dänemark, ohne Einwilligung
-des Bruders, welcher nach Landessitte und Brauch
-Vaterstelle an ihr vertreten, fast seit ihrer Geburt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Im höchsten Grade verstimmt schritten Graf Christian
-und Alslev in dessen Studirzimmer auf und
-nieder; das sorgsam geführte Register aller im Archiv
-der Familie Gejer enthaltenen Documente lag im
-uns wohl bekannten Pergamentbande auf dem Pulte
-des Advokaten. »Und so,« schloß dieser seinen Bericht,
-»fand sie schon am ersten Tage ihrer Ankunft
-Gelegenheit, eine Schrift zu sehen, deren Inhalt ich
-ihr absichtlich verborgen.«</p>
-
-<p>»Und schwieg darüber bis heute!« setzte der Graf<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span>
-hinzu, »auch dahinter muß eine Absicht versteckt
-sein&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein,« erwiederte Alslev, »die Comtesse läßt
-sich ungern vom Augenblick zu Gewaltschritten drängen,
-und concentrirt auf diese Weise für den Nothfall
-all ihre Kraft. Ich glaubte behaupten zu dürfen,
-daß wenn der Herr Graf Dero Abreise, und mithin
-Gräfin Helenens Rückkehr in's Stift etwas weniger
-hastig betrieben, dieselbe ruhig hier verweilt haben
-würde; hätte die Academie dem wirklich talentvollen
-jungen Manne die Professur gewährt &ndash; sie wäre
-sogar ruhig nach Wallöe gezogen; ihre Pläne sind
-noch nicht reif!«</p>
-
-<p>»Am Ende hätten wir doch nur einen Aufschub
-erlangt! Ich kenne Helene besser! Hier hilft <em class="gesperrt">nur</em>
-die stärkere Gewalt. Zum Glück kann ich auf das
-Bestimmteste ihr meine Einwilligung versagen; sie
-mag meinen Tod abwarten und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Des Advokaten Züge überflog ein leiser Spott,
-&ndash; »und in zwei Monaten ist sie mündig,« fügte
-er der abgebrochenen Phrase an. »Ich bekenne, daß
-ich nicht ganz begreife, weshalb gerade der jüngsten<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-Comtesse Heirath dem gräflichen Hause so ganz besonders
-wichtig.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Haben Sie nie bedacht, daß von den Töchtern
-unseres Hauses, deren eine unseren Namen dem ihres
-Gemahls beifügen kann, die Erhaltung des Geschlechts
-der Gejer oder wenigstens der Hauptlinie
-der Familie abhängt, oder abhängen wird, denn&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Allerdings scheint wenig Aussicht zu einer Descendenz
-des Grafen Friedrich geblieben; aber Graf
-Joachim&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ist schwächlich wie ich! Ich kann und werde
-diese Verbindung mit dem jungen Roturier von einer
-zu ganz unbekannten Größen gehörenden Abstammung
-<em class="gesperrt">nie</em> zugeben! Ich bin uns Allen schuldig, unter
-keiner Bedingung es zu thun. &ndash; Morgen soll mir
-Helene auf ihr Stift nach Wallöe!«</p>
-
-<p>»Darf ich Ihnen rathen, so überreizen Sie das
-heftige Mädchen nicht! Treiben Sie sie nicht auf's
-Aeußerste&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was kann sie in solcher Geschwindigkeit, binnen
-vierundzwanzig Stunden unternehmen, Alslev? Auch
-Sie übertreiben!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span></p>
-
-<p>»Sie könnte zum Beispiel den Geliebten dahin
-vermögen, mit ihr nach Frankreich oder England zu
-fliehen.«</p>
-
-<p>»Tod und Teufel! Alslev! eine Gräfin Gejern!«</p>
-
-<p>»Ist vor Allem ein Weib, und hier ein leidenschaftlich
-liebendes&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie haben Recht. Man muß ihr jede Möglichkeit
-zur Flucht abschneiden, sie bewachen, ihr Gesellschaft
-leisten, wollte ich sagen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Und unterdessen schwamm Helene in Thränen,
-weil Thorald unerbittlich blieb!</p>
-
-<p>Es giebt eine Menge weiblicher Wesen, welche
-von der Natur zu Vertrauten-Rollen im großen Lebens-Drama
-bezeichnet scheinen, sie kommen niemals
-dahin, eigene reelle Verhältnisse, reinpersönliche Erfahrungen
-zu haben, ihr Leben wird von Andern gelebt,
-sie verfließen ganz in Anderer Individualität,
-in Anderer Leid und Lust. Zu diesen Naturen gehörte
-die Nordermule, sie ging auf in der drei Gräfinnen
-Persönlichkeit. Seitdem die zwei Aelteren vermählt
-und von Copenhagen fortgezogen, hatte eine
-unbeschreiblich tiefe Melancholie das gute alte Mädchen<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-erfaßt, alle ihre Stunden waren ihr übrig geblieben!
-&ndash; Daß Helene ihrer nicht bedürfe, war ihr längst
-deutlich geworden, nun fürchtete sie, daß ein rascher
-Schritt derselben sie sogar um den Anblick des letzten
-ihr gebliebenen Zöglings bringen und dann ihr
-armes Leben zu einer ganz zwecklosen Leere sich ausdehnen
-werde. Schon die alljährig sich erneuende
-Rückkehr in's Stift war ihr qualvoll, sie gehörte auf
-keine Weise zu demselben; von Alters her war ihr
-das ehemalige Stübchen ihrer Mutter geblieben, welche,
-wie schon erwähnt, in der verstorbenen Fürstin Abatissin
-Diensten gestanden. Wie ein Stück Möbel
-oder sonstiges Geräth, hatte man sie dem Haushalt
-der wahnsinnigen Ulrike zugestellt, bei welcher sie
-lange Jahre geblieben &ndash; später hatte Graf Thugge
-sie zur Pflege und Erziehung seiner drei Töchter nach
-Aalholm berufen.</p>
-
-<p>Starr vor sich hinblickend, überdachte die kleine
-Buckliche ihre lange ereignißlose Existenz; ein Lichtpunkt
-derselben blieb Ulrikens erster Anblick; Emerenzia
-hatte sie zum ersten Mal in einer künstlichen
-Dämmerung, bei zugezogenen rothen Vorhängen<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-gesehen und zwar jener unbewußt; denn nur nach und
-nach hatte man die Leidende an die Nähe der Fremden
-gewöhnen können. Wie heiß und jugendfrisch
-hatte sie von jenem Moment an für die schöne Trauergestalt
-gefühlt und geschwärmt, die kaum halberschaut
-ein Ideal aller Schönheit und weiblichen Vollkommenheit
-ihr geblieben. Ach, die stets nur mit dem
-Bilde des ihr entrissenen Liebsten sich beschäftigte, in
-dem einzigen Gedanken absorbirte Ulrike, hatte die
-leidenschaftliche Hingebung des armen Mädchens nicht
-einmal bemerkt. Dennoch hatte diese den schönsten
-Theil ihrer Jugendjahre ihrer Pflege geopfert, und
-aus den Erinnerungen an jene Zeit den Nimbus all
-ihrer Träume gewoben &ndash; für noch blüthenlosere Tage,
-voll noch herberer Realität. Der verschwiegenen Treue
-der allmälig mit dem Hause Gejer so eng Verwachsenden,
-deren Gegenwart man bedurfte ohne
-sie zu beachten, deren Lebenskraft man verbrauchte
-ohne je darüber nachzudenken, war die ganze Qual
-des Mitgefühls der unseligen Ehe des Grafen Thugge
-aufgebürdet worden.</p>
-
-<p>Alle Phasen des überhand nehmenden riesigen<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-Elends, das verschmähte Liebe, Haß, Argwohn und
-Flatterhaftigkeit einem Ehebande zu bereiten vermögen,
-hatte sie mit durchlebt; die ganze dem kleinsten Samenkorn
-des Unrechts entwachsende Wucht gegenseitiger
-Versündigung mitgetragen, all den Seelenverrath
-sich täglich erneuender Verzweiflung an allem Guten,
-an Gott, Menschen und dem eigenen unbarmherzigen
-Selbst hatte die arme Nordermule mit durchfühlt
-in endloser Gewissenspein. Es hatte Niemand
-je daran gedacht es ihr anzurechnen, oder gar es
-ihr zu danken.</p>
-
-<p>Später hatte Emerenzia dem Leben der Kinder
-eben so rücksichtslos Körper und Seele geweiht. Jene
-schwersten Ereignisse waren vorübergezogen, Graf und
-Gräfin ruhten endlich im Grabe. Nun nahmen Glück
-und Leid der Uebriggebliebenen ihre von dem Dasein
-Emerenzia's weit abführende Richtung. Neue Fäden
-knüpften sich zum Gewebe besserer Tage &ndash; die Nordermule
-blieb verlassen allein zurück; die sie mit ihrem
-Herzblut genährt, zogen fort; weder Licht noch
-Schatten der ihr nun entfremdeten Existenzen der Geliebten
-fiel mehr auf sie zurück. &ndash; Sie hatte die Erlaubniß<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span>
-nach Belieben im Schlosse oder auf dem
-Stifte zu weilen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Große schwere Thränen rollten über die bleichen
-gefurchten Wangen der Alten; es sah es ja Niemand,
-sie durfte schon weinen. Da öffnete sich leise
-die Thüre ihres Stübchens &ndash; es war Graf Christian,
-der eintrat.</p>
-
-<p>»Liebe Emerenzia,« sagte er kurz aufathmend,
-eilig, in gepreßtem Tone, »Sie wissen, wie ich voraussetzen
-muß, Alles was hier im Hause, was in
-Helenens Seele sich zuträgt &ndash; ich brauche mich
-nicht deutlicher zu erklären. Es soll eine große Unbesonnenheit,
-ein Unrecht begangen werden &ndash; Sie
-müssen das hindern, oder vielmehr mir helfen es zu
-hintertreiben. Meines seligen Vaters Zimmer grenzt
-an das meiner Schwester; &ndash; ich bitte Sie dort insgeheim
-diese Nacht zuzubringen &ndash; die Fenster gehen
-nach dem Garten wie Sie wissen &ndash; auch diesen
-Abend ersuche ich Sie, sich dort oder bei der Comtesse
-aufzuhalten. Sie verstehen mich doch genau?
-Helene darf nicht sich selbst überlassen bleiben, nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-unbeachtet &ndash; und man kann sie doch nicht bewachen
-lassen.«</p>
-
-<p>Der Graf trocknete sich heftig mit dem Schnupftuch
-die Stirn, sie war mit Schweiß überdeckt, trotz
-der Kälte im Zimmer.</p>
-
-<p>»O weh! also hatte mein banges Herz richtig
-geahnt, was uns bedroht!« sagte die Nordermule zu sich
-selbst. Sie war schon aufgestanden, um dem erhaltenen
-Befehl augenblicklich Folge zu leisten; »aber,«
-bemerkte sie zaghaft zögernd, »wird der Comtesse mein
-ungewohnter Aufenthalt in den Gemächern des seligen
-Herrn Grafen nicht sehr auffallend sein? oder wird
-sie vielleicht auf meine Gegenwart gar keine Rücksicht
-nehmen? ich wäre ja nicht einmal im
-Stande sie zurückzuhalten.« &ndash; Glühendroth wurde
-Christian, er biß sich in die Lippen, »im Nothfall
-rufen &ndash; schreien Sie! ich &ndash; begreifen Sie denn
-nicht? &ndash; ich werde angezogen in meinem Zimmer
-wachen. Muß man,« setzte er ungeduldig mit dem
-Fuß stampfend hinzu, »einer Person, welche ein
-Viertel Säculum im Hause, mit schlagender Derbheit
-auch das Zarteste breit treten, damit sie es erfasse<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-und ihr wie einem Neuling, wie einem unserer ausländischen
-Diener <em class="gesperrt">befehlen</em>? &ndash; Sie werden das
-sich im Augenblick als passend und nothwendig Herausstellende
-thun, Jungfrau Nordermule,« setzte er stolz
-den Kopf zurückwerfend, mit dunkel aufblitzendem Auge
-sie durchbohrend hinzu, »oder &ndash; hätte ich mich
-geirrt? wüßte Die, welcher wir, mein Vater und
-ich, ehemals die Ehre unseres Hauses unbedingt anvertrauen
-durften, jetzt keinen Rath mehr zu finden,
-das Rechte zu thun? Hat Helenens Wahnsinn auch
-Sie so verblendet, daß Sie wie ein kleines Pensionsmädchen
-ihr beizustehen wähnen, indem Sie die bereits
-Taumelnde dem Abgrunde zustoßen, an dessen
-Rande sie steht? &ndash; Ist es möglich!« rief er plötzlich,
-auf's Leidenschaftlichste erregt zum Himmel aufblickend
-und die gefaltenen Hände schmerzhaft gegen
-die auffliegende Brust gedrückt, »auch hier habe ich
-geirrt!«</p>
-
-<p>»O nein, nein, niemals!« rief in die Knie
-sinkend und seinen Rock ergreifend die Nordermule,
-»um Gotteswillen kein Mißtrauen! es würde mir
-das Leben kosten! Alles, Alles, was Sie wünschen,<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-soll geschehen, wüßte ich nur genau, wie das Rechte
-erreichen; ach, Graf Christian, ich bin nicht mehr
-stark und jung wie in jenen Tagen, der Körper altert,
-bleibt auch das Herz jung!«</p>
-
-<p>Lebhaft riß Christian die Bebende auf, alle
-Muskeln seines edlen Gesichtes vibrirten, tief beschämt
-führte er sie sorgsam zu einem Sessel; er sprach
-kein Wort. Sie sah zu ihm auf, wie ein sterbender
-Katholik zu seinem Schutzpatron, der sie vertreten
-soll vor dem ewigen Richter. Endlich, als sie nicht
-mehr so convulsivisch schluchzte, nahm er, in den gewohnten
-etwas unsichern Ton zurückfallend, ihre Hand,
-»vergeben Sie,« sagte er, »ich habe Sie durch
-meine Heftigkeit sehr erschreckt! Ich war nicht darauf
-vorbereitet einer unserer Familie so ergebene Person«
-&ndash; das Wort Freundin brachte er nicht über die Lippen
-&ndash; »Erörterungen so schmerzhafter Art geben zu
-müssen.« Leise drückte er die ergriffene Hand, und
-Emerenzia blieb allein. Eine wunderbare Verklärung
-überzog die unschönen Züge des armen alten Mädchens;
-also hatte er doch wirklich einmal gewußt,
-was sie mit seiner Mutter ertragen, um seinetwillen!<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-Seine Jugendgestalt schwebte ihrem innern Blicke
-vorüber. Dann sah sie die Stelle noch einmal an,
-wo er vor ihr gestanden, und die Stuhllehne, auf
-welcher seine Hand geruht, während sie da saß und
-weinte &ndash; und begab sich, fest entschlossen, Alles zu
-Erhaltung der Ehre und Wohlfahrt der Familie zu
-thun, in das Zimmer des verstorbenen Grafen
-Thugge.</p>
-
-<p>Vor Helenen stand in der nämlichen Stunde der
-gute isländische Pfarrherr, hielt begütigend, wie ein
-mildrichtender Vater, ihre kleine Hand in seinen beiden
-großen und endete eine lange tröstende Rede mit
-diesen Worten:</p>
-
-<p>»Glauben Sie mir, theure Comtesse, jede willkürliche
-Abweichung von den uns vorgezeichneten
-Lebenswegen, obschon sie in der Zulassung des Höchsten
-liegt, denn sonst könnte sie ja nicht geschehen,
-bringt neues Leid, statt des gehofften Erdenglücks.
-Der gewaltsam Handelnde erzeugt neue Gewaltsamkeit.
-Ist es Ihnen möglich, so greifen Sie nicht
-jetzt, nicht in einem Augenblicke in Ihr Geschick, in<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span>
-welchem alle Tiefen Ihrer Seele vom Schmerz aufgewühlt
-sind!«</p>
-
-<p>»Ach, würdiger Herr,« erwiederte Helene, »Sie
-sind über all diesen täglich sich erneuenden Quälereien
-hinaus, Sie leben Ihr einfaches, gottergebenes Dasein
-so still für sich hin, wie können Sie die Pein
-all der civilisirten Nadelstiche mir nachempfinden,
-wie ich unter den Meinen, wie in der Gesellschaft
-ich sie erdulde.«</p>
-
-<p>»Und doch lehrt mich nicht nur die Religion, welche
-für alles Menschenweh dem aufrichtig das Gute Wollenden
-die Gefühlsfäden verleiht, das fremde Leid zu
-erkennen; auch die Geschichte meiner Väter mahnt
-mich zum Verständniß des meiner Stütze Bedürfenden.
-&ndash; Zwar haben wir Geistlichen auf Island keine
-blutige Fehden mehr, wie im 16. Jahrhundert, aber
-wie um die Mitte desselben Bischof Arensen mit seinen
-beiden Söhnen den Tod auf dem Schaffot dem
-Versprechen vorzog, das man ihm abverlangte: sich
-nicht an seinen Feinden zu rächen, wie er in starrer
-Unbeugsamkeit, ohne ein Wort der Selbstvertheidigung
-lieber als Majestäts-Verbrecher das Todesurtheil<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span>
-über sich aussprechen ließ, um nur das stolze Herz
-nicht demüthigen zu müssen, im Zugeständniß seiner
-Unbill, so denkt noch jeder einzelne Bewohner unserer
-Insel. Je rauher das Clima, je schneidend schärfer
-der Wille, je karger die Gaben des erkaltenden Bodens,
-je eigensinniger der Mensch in jedem ihn und die
-Seinen betreffenden Entschluß! Wäre ich sonst wohl
-hier? &ndash; Ach der Isländer härtet seine Seele im
-Frost, wie das Eisen im Feuer. So kenne ich denn
-gar wohl die Tiefen der übermüthigen Menschenbrust,
-die weder in Haß noch in Liebe das richtige
-Maß zu halten im Stande. Mein Heiland und
-Herr! Seit mehr denn zweihundert Jahren schon liest
-der isländische Bauer die Bibel in seiner eigenen
-Muttersprache, und immer noch erweicht ihm Gottes
-mildes Wort nicht das verstockte Herz, &ndash; sehen Sie,
-lieb Fröken, so weiß ich denn auch um die Gewalt
-der Leidenschaft, hab' auch ich selber sie nie empfunden
-&ndash; sie spiegelt sich auf gleiche Art in der Nation,
-wie im Individuum: von Leidenschaft seid Ihr <em class="gesperrt">Alle</em>
-bewegt!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So soll ich den Mann, der mir unbedingt vertraut,<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span>
-einer Grille meiner Brüder wegen verlassen? &ndash;
-Ihn aufgeben in einem Augenblick, wo der Adel überall
-wie ein veraltetes, menschliches Institut in sich zusammenbricht,
-und zurücksinkt in die eigene Unbedeutenheit
-&ndash; wo er allmälig nur zum Hofgewand sich
-gestaltet, das man ab- und anlegt nach Belieben,
-eben da soll ich Thorald aufgeben? Ihn den Liebenden?
-Ihn der mich beglückt? Habe ich denn zur
-Aufrechthaltung des alten adeligen Stammes, wenn
-sie denn wirklich als etwas Wünschenswerthes gelten
-soll, nicht Brüder und Schwestern&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aufgeben? nein! aber warten! die Gestaltung
-dieser gährenden Volksmassen in ihren immer schnelleren
-Bewegungen abwarten, die Zeit arbeitet an einer
-Krisis,&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Abwarten! &ndash; Jürgenssen! Sie haben wohl
-niemals von dem Geschick gehört, das die Liebe
-den Unglückseligen unseres Hauses zu bereiten pflegt.
-O es ist grauenhaft, mit welcher vornehmlächelnden Heiterkeit
-wir ganz unmerklich Herzen zu brechen, keimende
-Hoffnungen zu knicken verstehen! Sie haben wohl
-niemals von meiner verstorbenen Tante Ulrike gehört?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p>
-
-<p>»O wohl und oft!«</p>
-
-<p>»Und &ndash; auch von meinem Vater?«</p>
-
-<p>»Fast mehr als Sie, liebe Comtesse, von ihm wissen
-mögen!«</p>
-
-<p>»Und Sie muthen dennoch mir zu, einem Ausspruch
-mich zu unterwerfen, der solche Opfer seinem
-lächerlichen Götzen bringt, oder eine äußere Hülfe
-zu hoffen?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»O, liebes Fröken,« sagte der schon bei den ersten
-Worten, welche das Leben ihrer Vorgänger im Leide
-berührten, in sich und seine Erinnerungen versunkene
-Kind, »welch ein edles Herz hatte Ihr Vater! Als
-er auf unsere Insel kam, war ich eben erst von Norwegen
-herüber gekommen, wo ich zu Drontheim auf
-der Schule gewesen. Ich war fast noch ein Knabe.
-Aber immer wieder und wieder erzählten sich die
-Männer auf der Insel von dem traurigen und liebreichen
-Manne, der einer Rose wegen nach Island
-gereis't und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mein Vater auf Island? Sie träumen lieber
-Kund!« &ndash; Der gute Pfarrer schüttelte sanft das
-Haupt: »sollte man Sie, theures Fröken, um das<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span>
-Erkennen der Trefflichkeit Ihres Herrn Vaters gebracht
-haben? Das ist ja kaum möglich! es ist ja so herrlich
-dieses Bild seines dortigen Aufenthaltes, es ist
-ja so recht wie ein von der Gnade des Herrn uns
-hingestelltes leuchtendes Sternbild, das den Erdenweg
-uns erleichtert, indem es an den Himmel uns erinnert!«</p>
-
-<p>Helene sah ihn mit bittenden Blicken an.</p>
-
-<p>Der gute Alte setzte sich, wie immer etwas ängstlich
-ungeschickt »in den prächtigen Zimmern« mit
-dem Rücken gegen die Thür, welche Helenens Stube
-mit der des verstorbenen Grafen verband.</p>
-
-<p>»Es war im Frühling des Jahrs 1763« &ndash;
-ein leiser Seufzer drang aus dem Nebenzimmer an
-Helenens Ohr &ndash; ein Schauer überflog ihre Glieder,
-sie wickelte sich fester in ihrem Shawl, »als ein
-ältlicher Herr,« fuhr der Pfarrer fort, »der sich insbesondere
-mit Naturwissenschaften befaßte, zu uns
-herüber kam &ndash; hier im Lande mag es wohl schon
-Sommer gewesen sein, denn er war kurze Zeit vor
-dem Johannisfeste; &ndash; über die Eilande Engey und
-Vidöe, wo sonst das große Mönchskloster lag &ndash; das<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span>
-jetzt ein königlicher Hof geworden, des Eiderdaunenverkaufs
-wegen &ndash; war der fremde Herr nach Reikiawik
-gekommen, das damals nur ein elendes Dorf
-von wenig Häusern war. Nach dem Kloster auf
-Vidöe war er gegangen, um eine Blume zu suchen,
-eine Rankenrose, sagte man, welche in anderen Ländern
-eine große Seltenheit sein soll, bei uns aber
-dem Hochgebirge wild entsprießt, wie den Gletschern
-in der Schweiz die Alpenrose. Ehemals hatte die Rose
-im Mönchskloster fast das ganze dem Brüderhause
-anhangende Kirchlein umwoben, nun seitdem ihre
-Pfleger vertrieben und ausgestorben, war sie verkommen,
-wie das ganze Gärtlein; keine Spur war dort
-mehr von ihr zu finden. An der so eifrig gesuchten
-Rose aber hing des Wandrers ganzes Herz, ihretwegen,
-sagte er, habe er die Heimath verlassen, er
-bedürfe sie, um sie in ein großes Buch zu legen, und
-die Beschreibung derselben einem botanischen Werke
-einzuverleiben, an welchem er arbeitete. Es müßten,
-meinten die isländer Häuerlinge, dem guten blassen
-Herrn, der immer so ernst und trübe vor sich hinsähe,
-daheim viel traurige Prüfungen auferlegt worden<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-sein, die ihn so recht gerade zu in das Herz getroffen,
-daß er an so kleinen Dingen Trost zu suchen in
-die Fremde ziehe! Er wollte von uns aus nach
-Rangavallesyssel, wo er im Hochlande die Rose zu
-finden sicher war« &ndash; der Seufzer in der Nebenstube
-wiederholte sich, ein beklommenes, schweres
-Athmen ward in der Stille, welche nur Kunds milde
-Stimme belebte, deutlich hörbar. Rasch sprang Helene
-auf und öffnete die Thüre hinter dem durchaus
-arglosen Kund: die Nordermule saß in des Grafen
-Zimmer an der Wand in der nächsten Nähe desselben,
-jedes seiner Worte mußte dort ihr vernehmlich gewesen
-sein.</p>
-
-<p>Einen Augenblick maß des Mädchens glühender
-Blick Beide &ndash; »ich bin wohl hier in meinen Zimmern
-bewacht?« fragte sie sehr ernst, dann setzte sie scherzend
-hinzu: »Du kannst ruhig zu Bette gehen Emerenzia,
-wenn Du es nicht vorziehst unseres lieben Pfarrers
-Erzählung mit anzuhören, ich entfliehe Euch nicht!
-denn &ndash; Thorald hat nicht <em class="gesperrt">gewollt</em>! das kannst Du
-denen sagen, welche Dich hierher postirt,« setzte sie mit
-leicht bebender Lippe hinzu, indem sie fortgesetzt schärfer<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-und richtender der armen Nordermule in das erbleichende
-Antlitz schaute; »aber nun, lieb Väterchen,
-fahrt fort in Eurer seltsamen Geschichte der Wunderrose,
-die nur auf Schnee und Eis erblüht!«</p>
-
-<p>»Ach,« sagte die Nordermule, »Alles, was der
-hochwürdige Herr erzählt hat, so fabel- oder mährchenhaft
-es klingt, ist buchstäblich wahr! Ja, Graf
-Thugge's Herz war zum Brechen voll und schwer,
-als er fortzog in die nordischen Lande. Lange Jahre
-schon hatte er in der Botanik und im Besitz irgend
-einer seltnen Pflanze, von welcher in ganz Dänemark
-kein zweites Exemplar sich fand, die einzige
-Erheiterung seiner trüben Tage gesucht. Die Frau
-Gräfin brachte immer längere Zeit, ja drei Viertel
-des Jahrs bei ihren Freunden in Copenhagen zu,
-der arme Herr blieb ganz allein mit uns auf dem
-Schlosse; Graf Christian war in Bauerntracht entflohen
-und lebte in Jütland, die beiden anderen Junker
-in entfernten Schulen; ich war abwechselnd hier
-bei den Kindern, oder bei der Comtesse Ulrike. Wenn
-er nun die übergroße Einsamkeit seines Lebens, (denn
-allen Umgang mit den Gutsnachbarn mied er), nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span>
-länger zu tragen vermochte, machte der Graf Reisen,
-nach Versailles, nach England, und öfterer noch nach
-Holland, um seltne Gewächse zu sehen und für sein
-Herbarium zu kaufen. In der Pflanzenwelt, sagte
-er, ist Stille und Frieden, sie verblühen und verwelken
-sanft! So schritt er leisen Schrittes zwischen den
-Wiesen-Blumen und unter den Riesenbäumen des
-Parks hin, er liebte sie und betrachtete sie wie Verwandte;
-keinen Stamm durfte man fällen, keinen
-Zweig knicken, keine Blüthe stören durch Berührung!
-Mit den Sträuchern und Bäumen sprach er
-auch immer, weit seltner mit uns! Im Winter trug er
-sich die Scherben voll Blüthen in's Zimmer, war auch
-viel im Gewächshaus und spielte oft halbe Nächte
-hindurch auf der Geige; dann mochten ihn wohl
-frohe Erinnerungen umschweben, man sah ihn zuweilen
-mit der Violine in der Hand vor den großen
-Saalspiegeln sich rhythmisch bewegen, fast wie auf
-Schloß Steinburg die Comtesse, aber nur mit fest
-geschlossenen Augen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Weil das Alles Jahre lang immer sich erneuete,
-waren wir an sein stilles Walten gewöhnt und suchten<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span>
-in solchen Augenblicken nur die kleinen Kinder
-ihm fern zu halten, daß keines ihn störe. &ndash; Immer
-größer aber wurden seine Reisen, und führten ihn
-immer weiter hinweg. Nun war es um die Zeit,
-daß wir zuerst an einen Versuch dachten, die Comtesse
-hierher zu bringen, um dem Arzt näher zu sein,
-als der Graf gerade einen Theil seiner Fels-Flora
-ordnete, deren Herbarium in Steinburg lag. Da
-fehlte denn in der Reihe der wildwachsenden Rosen
-eine hochnordische Alpenpflanze, welche alle Kälte
-überdauert und auf das Gletschermeer ihre Blüthen
-wirft; Tag und Nacht dachte unser Graf nur an sie,
-und beschloß endlich mit einem der Frühlingsschiffe
-nach Island zu gehen, um sie zu holen.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht wie es zuging, daß wir gerade
-über diese Reise so ungewöhnlich viel redeten, die
-weite Entfernung, das rauhe Clima machten uns
-besorgt &ndash; es hat wohl so kommen sollen, nach des
-Allmächtigen Willen! &ndash; Kurz, wir vergaßen uns
-so weit, sogar in der stets tief in ihren eigenen Gedanken
-versunkenen Ulrike Gegenwart von des Grafen
-Absicht zu sprechen &ndash; plötzlich horcht sie auf! ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span>
-Auge wird blau und strahlend, die Sehkraft desselben
-concentrirt sich in der Pupille, jeder Bewegung mächtig,
-wendet sich ihr Antlitz uns zu. »Nach <em class="gesperrt">Island</em>?«
-fragt sie, »wer will nach Island?« &ndash; Wir erzählen
-ihr, glauben aber, daß sie nicht auf unsere Rede
-achten wird &ndash; aufmerksam, ohne einen Laut zu verlieren,
-lauscht sie unserer Antwort, dann richtet sie
-plötzlich sich auf und steht vor uns. »Meinen Bruder!
-ich will meinen Bruder sprechen,« sagt sie, fest
-und vollkommen ihrer selbst bewußt. Welch ein Anblick!
-Diese tief verhüllte Herzensjugend, die so
-plötzlich ihre Decke durchbrach, und vergeistigend die
-längst verschrumpften Züge der Greisin durchleuchtete!
-Ihre gekrümmte, vom Alter schon klein gewordene
-Gestalt streckte sich, uns Alle ergriff eine unsägliche
-Ehrfurcht, denn es war, als ob Gott zu uns spräche
-aus dieser mit einem Mal sich erfrischenden Vergänglichkeit
-&ndash; sie wurde beinahe schön wie in ihrer Jugend,
-durch das Erwachen eines himmlischen Ausdruckes
-ihres Gesichts &ndash; »Ich will meinen Bruder
-sprechen, meinen Bruder!« wiederholte sie immer von
-neuem.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span></p>
-
-<p>Ein Reitknecht warf sich auf's Pferd und eilte
-zum Herrn Grafen, dem er unterwegs schon begegnete,
-(des Herbariums halber hatte dieser nach Steinburg
-gewollt), und Hans gab ihm die Nachricht,
-daß die Comtesse ganz zusammenhängend gesprochen,
-und dringend nach ihm verlangt habe.</p>
-
-<p>»Das ist der nahende Tod!« rief der Erschrockene,
-»sie stirbt!« Rasch sprang er aus dem Wagen,
-warf sich auf des Reitknechts Pferd, und sprengte in
-rasendem Galopp zu uns herüber.</p>
-
-<p>Allein es war nicht die Hand des Todes, nur
-die der Liebe, welche das Herz der Kranken berührt!
-&ndash; Sie erkannte ihn sogleich; »Bruder,« sagte sie,
-»die Frauen sagen mir, daß Du nach Island reisen
-willst« &ndash; »ja,« erwiederte der Staunende, sie wie
-ein Wunder anstarrend &ndash; »ja Ulrike, ich habe dort
-ein Geschäft, und will morgen schon hin.«</p>
-
-<p>»In der Sundlendinga Fiordung,« fuhr sie mit
-immer gleicher Besonnenheit fort, »mußt Du nach
-dem Rangavallesyssel fragen, zwischen den Apa-
-und Huitaae-Seen geht der Weg &ndash; da liegt Skalholt,
-und etwas höher hinauf das Pfarrhaus; drinnen<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span>
-wohnt ein sehr alter Mann, der Prediger einer
-weit an den Bergen hin zerstreuten Gemeine, sie zieht
-sich bis zu dem Markarfiorden hin, da mußt Du
-nach Johannes Thorson fragen, und in seine Wohnung
-gehen. Frage nur recht genau, sie werden
-Dich gern berichten; da findest Du einen alten Mann,
-alt und grau wie ich, mit hellen blauen Augen, ach,
-du wirst ihn gleich erkennen, wenn du ihn von Ulrike
-Gejer gegrüßt! Sage ihm, sie habe nie seiner
-Liebe vergessen, und nie einem Andern die Hand
-gereicht, nie sei sie wieder fröhlich geworden, nie
-habe sie wieder gelacht; Tag und Nacht, Wochen,
-Monate, Jahre um Jahre, das ganze lange Leben
-hindurch habe sie nur seiner gedacht &ndash; immer &ndash;
-nie weiter gedacht &ndash; immer nur sein, sein bis zum
-Tode!«</p>
-
-<p>Als sie diese Worte gesagt, vermochte sie nichts
-mehr hinzuzufügen, ihre Kraft war gebrochen; sie
-sank zusammen und wir trugen sie hinaus auf ihr
-Lager. Sie blieb still wie schlafend liegen, noch
-viele folgende Tage hindurch; dann stand sie auf,
-fiel aber bald wieder in ihre alte träumerische Geistesabwesenheit<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-zurück, und sprach nicht mehr. &ndash;
-Der Graf reis'te am nächsten Morgen ab nach Island.«</p>
-
-<p>Mit sanfter Aufmerksamkeit hatte Kund der Nordermule
-unerwarteten Eingriff in seine Erzählung
-hingenommen, mit wachsender Theilnahme, und immer
-gespannter war er ihren Worten gefolgt.</p>
-
-<p>»Ja! so war es!« sagte er endlich, »gerade so
-erfuhren wir nach und nach aus des Grafen Munde
-alle Einzelnheiten, die wir gar nicht ahneten. Kaum
-hatte er unter unserer Leitung dem Rangavallesyssel
-sich genähert, so fiel ihm auf, wie alle Pfade und
-Stege auf dem Gebirge rein gehalten, und mit Wahrzeichen
-versehen, daß der Bergsteigende die Richtung
-nicht verliere und nicht versinke in um das Frühjahr
-von der Felswand sich lösenden weichen Schnee, oder
-begraben werde in den leicht überdeckten Eisspalten.
-Die Bewohner des Syssels wären reinlicher und
-besser gekleidet, meinte er, und ihn freute, wie die
-Kinder, denen wir begegneten, alle gern Bericht gaben
-von der Bergesrose, und sich erboten, sie zu
-suchen, falls sie schon erblüht, sonst aber den Strauch
-mit den Wurzeln dem fremden Herrn zu bringen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span></p>
-
-<p>Unter uns dachte Keiner an diesen großen Unterschied,
-welchen die Gemeine der seltnen Sanftmuth
-und Geisteskraft ihres Predigers zu danken hatte,
-welcher seit fast einem Menschenalter, ohne Weib
-und eignes Kind, nur seinem Kirchspiel und dem
-Wohl seiner Pfarrkinder lebte. Nun es der dänische
-Herr bemerkte, fiel es plötzlich uns Allen auf.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Des guten Johannes Wohnung war ganz aus
-grau und rother Lava erbaut; um dieselbe her lagen,
-da sie sehr klein war, noch mehrere ebenfalls einstöckige
-Wirthschaftsgebäude zur Stallung des Viehs,
-zu Schlafkammern des Gesindes und zu Aufbewahrung
-der Wintervorräthe bestimmt; alle waren, wie
-das Sitte bei uns, roth angestrichen und mit grünendem
-Rasen belegt. Dem Grafen schauderte vor
-der anscheinenden Aermlichkeit und Oede dieses Aufenthalts,
-doch war alles, was er sah, auffallend
-gut gehalten und glänzend rein: kein Fensterladen
-gebrochen, kein Mist oder Unrath in Winkeln aufgehäuft,
-kein vernachlässigtes, umherliegendes Ackergeräth
-zu sehen, Alles war sauber und geordnet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p>
-
-<p>Als wir nun einsprachen, herrschte drinnen in
-der kleinen Stube die nämliche stille Reinlichkeit; es
-war, als sei es immer Sonntag drinnen: das Zimmerchen
-war weiß getüncht, auf saubern Regalen
-standen lange Reihen dänischer Bücher, unter Glas
-und Rahmen hingen an der Wand sorgfältig getrocknete
-Blumensträuße aus Dänemark, wie hier die
-Wiese sie beut. Neben dem wohleingerichteten Schreibtisch,
-dem Feuer zunächst, stand ein Körbchen, drinnen
-lag ein krankes Lamm, das der Alte pflegte.
-Der Pfarrherr war nicht im Augenblicke daheim, die
-Magd brachte uns einen Morgenimbiß, trockne Fische,
-gekochte Eier, Käse und Blanda &ndash; und die Burschen,
-die aus Reikiawik uns hergeleitet, erzählten,
-wie der Pfarrer sie alle gelehrt, die Kartoffeln besser
-zu bauen, wie er eigenhändig ihre Gärtchen angelegt
-habe, ihre Arbeiter geleitet, ihre Häuser gerichtet
-unter dem Felsendach; immer war es der Pfarrer,
-von welchem alles Gute kam, was sie thaten oder
-hatten, &ndash; mit thränendem Blick gedachten die alte
-Magd und der Knecht seines hohen Alters, und der
-wenigen Ruhe, die er sich gönne! Was sollte wohl<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span>
-aus ihnen werden, wenn sie ihn nun verlören? Und
-er war beinahe an die Achtzig! Auch dem Grafen
-wurden die Augen feucht; da hörte man Schritte
-und Jubelgrüße der Kinder draußen; es war der
-gute Prediger Johannes, der heimkam aus dem Gebirg,
-wo er Kranke besucht.</p>
-
-<p>Ein durch die Jahre, wie Janfru Emerenzia von
-dem Fröken Ulrike es bemerkte, tiefgekrümmter und
-durch die Grabesnähe schmächtig gewordener Greis
-erschien an der Schwelle, mit einem Haupt voll
-schneeweißer Locken, die zu beiden Seiten des ganz
-schmalen Gesichtchens auf die Schultern herabfielen;
-sein Auge war noch hell und scharf, und der Schnitt der
-Züge, wenn man sie nur erst recht angesehen, und
-über alle Narben und Zeichen, welche Wetter-Unbill,
-Alter und Gram ihnen aufgeprägt, hinaus war, immer
-noch auffallend edel und schön. Wie eine Glocke
-tief und fromm klang seine milde Stimme; es war,
-als läge schon im Ton derselben eine Beschwichtigung
-für den Leidenden, ihm seine Noth Klagenden.
-Ueber dem geistlichen Gewande trug er einen schwarzen
-Mantel, der um den Leib mit einem Strick von<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span>
-Ziegenhaar gegürtet war, daß der Orcan ihn nicht
-an demselben zu erfassen und vom Felsrand hinab
-in die Tiefe zu schleudern vermöge; auf dem Kopf
-hatte er eine Pelzkappe, die er beim Eintritt nebst
-seinem Alpenstock der alten Magd übergab.</p>
-
-<p>Freundlich und würdig begrüßte er den Fremden,
-als er ihn genauer in's Auge faßte, überflog ein
-leichtes Zittern die ganze Erscheinung; er fuhr mit
-der bebenden Hand über die Stirn &ndash; als müßte er
-einen Gedanken verscheuchen, doch setzte er sich schnell
-gefaßt zu uns und entschuldigte, ihn herzlich bewillkommnend,
-bei seinem Gast sein spätes Erscheinen.
-Graf Thugge erzählte dagegen ihm nun von seinem
-botanischen Reisezweck und seiner Absicht, die Geiser
-und das Hochgebirg aufzusuchen, und der Alte gab
-mit umsichtiger Ortskenntniß ihm Bescheid. Wir
-anderen ihn Geleitenden hatten uns in einen entfernten
-Winkel des Gemachs zurückgezogen, die Unterredung
-der beiden Männer nicht zu stören; von
-dem, was sie betreffen werde, hatten wir keine
-Ahnung; der Graf aber schien unsrer Gegenwart
-ganz zu vergessen. Nachdem er dem Pfarrer für die<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span>
-ihm gegebene Auskunft gedankt, sagte er ihm, daß
-er noch einen Auftrag, einen Gruß ihm zu überbringen
-versprochen, und nannte des Frökens Namen.
-Als der Schall dieses Wortes sein Ohr traf, schrak
-der Pfarrer zusammen, als habe ein elektrischer Schlag
-ihn berührt &ndash; dann aber vergeistigte sich die ganze
-zitternde Greisesgestalt, einen Augenblick ward sie
-strahlend schön, durch einen fast überirdischen Ausdruck;
-Johannes stand mit himmelaufwärts gerichtetem
-Antlitz wie ein Prophet vor uns, der zu seinem
-Gotte spricht, aller Erdengram war von ihm
-abgefallen; es war der heiße Dank der Seele, der
-im preisenden Gebet zum Ewigen sich erhob für den
-ihm endlich gewordenen, ein Leben lang ersehnten Augenblick.</p>
-
-<p>Graf Thugge vollendete seinen Bericht; ach, es
-blieb unmöglich, dem Alten die Trauerkunde von
-Ulrikens Geisteszustande zu bergen! Demüthig mit
-vor den zitternden Lippen gefaltenen Händen nahm
-er schweigend sie hin; es lag etwas Unantastbares
-in der höchsten Freude, die ihm geworden, nichts
-vermochte sie ganz zu zerstören; in frommer Ergebung<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span>
-hörte er dem Grafen zu. &ndash; »Sie sind Thugge!
-mein einstiger Schüler,« sagte er endlich, »der hoffnungsvolle
-und doch so traurige Knabe, den ich nur
-kurze Zeit unterrichtete und dann verlor! &ndash; wie
-dachten wir Beide so oft auch Ihrer! Auch diese
-Freude, Sie wiederzusehen, hat mir der Herr geschenkt,
-o was sind alle Leiden, die uns Menschenhand
-auferlegt, gegen seine allerbarmende Gnade!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er stand auf und näherte sich den mit Papier
-verklebten Fenstern, um in hellerem Licht den Grafen
-besser zu sehen; es war als tränke er Ausdruck und
-Form seiner Züge, als zöge er sie mit aller Seelenkraft
-in sein Gemüth, um nur ja nie sie zu vergessen!
-&ndash; Endlich richtete er gefaßter den klaren
-Blick auf ihn: »Sagen Sie ihr,« sprach er mit
-fester, sonorer Stimme, »daß auch ich keine Andre
-geliebt &ndash; ja nicht einmal ein andres Weib bemerkt
-auf der ganzen Welt! Daß auch ich täglich immer
-und immer ihrer gedacht: daß Schmerz und Seligkeit
-meiner Liebe zu ihr niemals geendet! meine Pfarre
-hat mich gerettet!« &ndash; Unfähig weiter zu reden,
-drückte er dem Grafen die Hand, wandte sich ab<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-und trat in eine kleine Kammer, in welcher er schlief;
-die Thüre zog er leise hinter sich zu.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Uns aber winkte der Graf und wir gingen ernst,
-wortlos, wie aus der Kirche, hinaus, schwangen uns
-auf unsere vor der Thüre angebundenen Pferde und
-ritten schweigend dem Hecla zu. Draußen schien
-es Frühling geworden, eine warme belebende Sonne
-vergoldete den fernen Gebirgsschnee, und ließ die
-Gletscherspalten im reinsten Saphirblau erscheinen,
-die Schneeammer sang, und die Kinder liefen uns
-mit Alpenblüthen entgegen, die sie während unseres
-Aufenthaltes in der Pfarre gesucht.</p>
-
-<p>Der Graf kehrte nicht nach Rangavallesyssel zurück;
-allein er weilte noch mehrere Tage in der Sundlendinga
-Fiordung, und sprach den Stiftsamtmann
-zu Reikiawik, bei welchem er eine große Geldsumme
-niederlegte für die Gemeine von Skalholt, um jedem
-Wunsch des würdigen Pfarrers für dieselbe, welcher
-bisher durch Unzulänglichkeit der Mittel unerfüllt
-geblieben, zu willfahren.</p>
-
-<p>Johannes errichtete im nächsten Jahr sein kleines
-Hospital und verband mit demselben, wie er Jahre<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-lang gewünscht, eine Apotheke. &ndash; Wenn Ihr einmal
-nach Island kommt, lieb Fröken, will ich Euch
-das Granit- und Krystall-Denkmal zeigen, das die
-Gemeine dem guten dänischen Grafen erbauet; &ndash;
-die Leute wissen seinen Namen nicht, auch der Stiftsamtmann
-weiß ihn nicht, allein wenn der Johannistag
-kommt und die Schneeammer singt, eilen alle
-Einwohner von Skalholt, dasselbe zu bekränzen, und
-finden es oft schon von tausend blühenden Rankenrosen
-dicht umwoben.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter"></div>
-<p>Am späten Abende versuchte Alslev noch einmal
-in einer langen Unterredung seiner jungen Freundin
-tief erregtes Gemüth zu beschwichtigen. Er fand sie
-sehr schmerzlich bewegt: &ndash; das Bild eines zu lebenslanger
-Einsamkeit verdammten Herzens stand unaufhörlich
-ihrem inneren Blicke gegenüber; ein unsägliches
-Grauen vor dem Scheiden aus Thoralds
-unmittelbarer Nähe, und vor der durch eigenes Leid
-nie zu erweichenden Hartnäckigkeit des Stammes, dem<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-sie angehörte, hatte sich ihrer bemächtigt; ach, nur
-zu deutlich empfand sie im eigenen Busen dessen unbeugsamen
-Eigensinn!</p>
-
-<p>Alslev bewies ihr, daß jeder Versuch vergeblich
-sein würde, die von ihrer Großtante testamentarisch
-dem jüngsten Fräulein des älteren Familienzweiges
-hinterlassene Dot, anders, als im Augenblick ihrer
-öffentlichen Verlobung in Anspruch zu nehmen, und
-daß diese <em class="gesperrt">nie</em> zuzugeben Graf Christian jetzt fest
-entschlossen. Auf dem Rechtswege einer gerichtlichen
-Klage aber könne nur dann etwas erreicht werden,
-wenn Thorald eine Frau zu ernähren im Stande,
-der Unannehmlichkeit des öffentlichen Verfahrens und
-des Verstoßes gegen altes Herkommen und gewohnte
-Sitte gar nicht zu gedenken! &ndash; Er vertröstete sie auf
-den Zeitpunkt, in welchem Thorald durch die zu
-hoffende Professor-Stelle an der neu errichteten Akademie,
-um ihre Hand beim Bruder anzuhalten befähigt
-sein werde, weil irgend ein unberechenbarer
-äußerer Umstand sich ihr günstig gestalten, oder auf
-Christians störrischen Sinn Einfluß gewinnen könne!
-Kjöbenhavn, meinte er, sei groß genug, ihr, welche<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span>
-kaum ein paar Wochen alljährlich in seinen höheren
-Kreisen zugebracht, den Unterschied zwischen diesen
-und der erwählten bürgerlichen Lebensstellung nicht
-allzu schmerzlich fühlbar zu machen, wenn es ihr nur
-glücke, die Zustimmung des nach Landesweise Vaterstelle
-an ihr Vertretenden zu gewinnen.</p>
-
-<p>»Und,« fragte erbebend das Mädchen, »wie lange
-Zeit, theurer Alslev, kann es erfordern, bis Thorald
-jenen Punkt erreicht?«</p>
-
-<p>»Wenn ihm jetzt gelingt, die Portraits der Königin
-Juliane Maria und des Prinzen Friedrich zu
-deren Zufriedenheit zu vollenden und diesem Auftrag
-noch einige andre bedeutende Bestellungen folgen,
-so zweifle ich kaum, daß er die offne Professur nicht
-bald erhalte, doch können allerdings noch zwei, drei
-Jahre vergehen, ehe er ein kleines Vermögen erworben.«</p>
-
-<p>»Zwei, &ndash; drei Jahre! Alslev!«</p>
-
-<p>»Helene! Sie sagen mir ja, Ihre Liebe sei ewig,
-werde das Leben überdauern!«</p>
-
-<p>»Aber wir werden nicht immer jung bleiben,
-Alslev, und die Zeit ist eine so furchtbare Macht,
-sie kann eben so gut Tod und Verzweiflung uns<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span>
-bringen,« &ndash; wieder flog ihrem Geiste das Geschick
-der wahnsinnig gewordenen Tante vorüber! Alslev
-schüttelte das ernste Haupt; ihm erschien Alles gering
-neben der Kraft des eignen unbeugsamen Willens.
-»Wer etwas erreichen will, muß warten
-können,« sagte er stolz.</p>
-
-<p>Bitterlich weinte Helene. Ach, noch vor wenig
-Stunden hatte ihr das Loos der Liebenden so sanfte,
-süße Thränen entlockt! damals hatte nur die Poesie
-eines alle Qual und Lust, Jugend, Alter, jeden
-Wechsel des Lebens überdauernden Gefühls sie erfaßt;
-jetzt sah sie nicht mehr die im Geist einander
-begegnenden bejahrten Liebenden, denen die eigne
-Treue zum Bürgen einer die schwere Erdenlast durchwachsenden
-Hoffnung geworden, sie sah nur die
-furchtbare, nackte Realität des Leids! Das einsame
-Todtenbett der gewaltsam Getrennten, zwischen denen
-sich das weite Meer des ganzen wogenden Daseins
-ausgedehnt, und welche nicht einmal die letzte Stunde
-desselben wiedervereinte!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Thoralds schriftliche Versicherung, daß er ihr nach
-Kiögge folgen und ganz gewiß von dort Mittel finden<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span>
-werde, sie im Stift zu sehen, vermochte nicht die tiefe,
-fast krankhafte Niedergeschlagenheit ihres Gemüthes
-zu heben. &ndash; Trostlos warf sie sich in den Wagen,
-trostlos empfing sie im Vorüberrollen ihres harrenden
-Freundes Abschiedsgruß. &ndash; Trostlos erreichte sie bei
-einbrechendem Abend das Ziel ihrer Reise.</p>
-
-<p>Eine Meile abwärts von der ehemaligen kleinen
-Festung Kiögge, welche längst im Lauf der Zeiten
-ihre mittelalterlichen Ringmauern, ihre <span id="corr235">Gräben</span> und
-Wälle eingebüßt, liegt in lieblichster Umgebung, von
-den herrlichsten Buchenhainen umgürtet, das große
-adlige Schloß und Damenstift Wallöe. Weiter
-zurück, nach der Seeseite zu, zieht sich das Dörfchen
-hin mit seiner schönen Kirche; ungemein fruchtbar
-und anmuthig ist die Gegend.</p>
-
-<p>Das Schloß selbst, im Geschmack der zweiten
-Hälfte des 16. Jahrhunderts erbauet, scheint eine
-Art deutsch-gothische Uebertragung zum Zopfstyl, vielleicht
-ist es ein wenig zu überladen im architektonischen
-Schmuck; die zwei breiten Wassergräben mit
-Zugbrücken, die beiden hohen Thürme an seinen
-Flanken, der eine rund, der andre viereckig, deren<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-Kupferdächer in der Sonne glitzern und glänzen,
-geben der schönen Façade ein ehrenfestes, burgartiges
-Ansehen. Die sehr solide Unterlage des Baues besteht
-aus großen grauen Sandsteinquadern; der obere
-Theil prangte in den Tagen, von welchen wir erzählen,
-noch in seiner ursprünglichen rothen Backsteinfarbe;
-unter jeder Fensterflucht ziehen sich breite, ebenfalls
-graue, Sandsteingurten hin, vom selben Material ist
-die reiche Steinmetzenarbeit der Fenstergiebel; zwischen
-diesen und wo es irgend sonst noch ausführbar, sind
-graue rosettenartige Verzierungen angebracht; höchst
-charakteristische Hautreliefsköpfe, die sonderbar dämonisch
-auf den Eintretenden herabschauen! Ueber dem
-Haupteingange prangt das ebenfalls in Stein gehauene
-riesige Wappen der Gründerin des Stiftes;
-es steht unter unmittelbarem Schutze der Königin.</p>
-
-<p>Das Ganze macht, trotz des zwischen dem Ehrwürdigen
-und Barocken schwankenden Styls, einen
-ernsten Eindruck, durch Größe und Uebereinstimmung
-edler Proportionen.</p>
-
-<p>Als der Wagen über die Brücke fuhr, schreckte
-Helene auf aus ihren Träumen; aber der Ausdruck<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span>
-stiller Abgeschlossenheit der Umgebung, die etwas
-feierliche Ehrbarkeit des alten Stiftsbedienten, der sie
-am Thor empfing, wie die in ihren Zimmern herrschende
-peinliche Ordnung berührte sie schmerzlich.
-Alles erinnerte sie an Begräbniß und Gefängniß,
-und die draußen in buntem Herbstschmuck wogende
-Waldnatur, mit all ihrem Drossel- und Finkenschlag,
-mit dem unsäglich lieblichen, allmäligen Stillwerden
-der eintretenden Dämmerung, reizten sie durch den
-Widerspruch mit ihrem Innern zu immer verzweifelnderer
-Stimmung.</p>
-
-<p>Sie bewohnte das letzte Zimmer zur linken Hand
-eines ziemlich langen Ganges; um es zu erreichen,
-mußte sie an den jetzt noch leer stehenden Stuben
-ihrer Schwestern vorüber, das Vorzimmer, das ihnen
-gemeinschaftlich war, schloß eine Glasthüre; ließ
-Helene die ihres eigenen Gemachs offen, so blickte
-sie durch dieselbe auf den matt erhellten Corridor.</p>
-
-<p>Nach einer etwas späteren Präsentation bei der
-alten sehr kränklichen Abatissin, entschuldigte sich Helene
-mit Kopfschmerz, entzog sich dem gemeinschaftlichen
-Abendmahl und eilte zurück in ihre Wohnung.<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span>
-Die neugierigen Fragen nach allen gesellschaftlichen
-Verhältnissen und den Hochzeitsfeierlichkeiten reizten
-ihre Nerven bis zum Unerträglichen.</p>
-
-<p>Als sie den langen Gang durchschritt, gewahrte
-sie durch die Glasthüre im matten, nicht eigentlich
-klaren Mondenlicht in ihrem Vorzimmer eine Art
-Bewegung, &ndash; wie ein wehender Vorhang wogte
-etwas durchsichtig Weißes in demselben. Des Mädchens
-Charakter neigte weder zur Furcht noch
-eigentlicher Exaltation, &ndash; die momentane Ueberspannung
-all ihrer Kräfte war ihr selbst fühlbar;
-so blieb sie besonnen auf dem Gange stehen, ungefähr
-in der Mitte desselben, und schloß beide Augen
-mit der vorgelegten Hand. &ndash; Erst als sie ihr Herz
-ruhiger schlagen fühlte, öffnete sie dieselben, es war
-Alles still. &ndash; Wunderliche Einbildung! sagte sich
-Helene und setzte ihren Weg fort, &ndash; in demselben
-Augenblick erhob sich's wieder, die Bewegung mehrte
-sich, allein das nebelartige Wesen hatte zur Gestalt
-sich verdichtet, welche mit langem weißen Arm rückwärts
-zu deuten, ja zu drohen schien! Jetzt stürzte
-Helene in fliegendem Lauf auf dieselbe zu, »es hat<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span>
-sich Jemand eingeschlichen,« war ihr einziger Gedanke,
-Thoralds Briefe auf dem Schreibtisch ihre
-einzige Sorge. &ndash; &ndash; Die Figur wurde compact, &ndash;
-sie stand mit gläsernem, wasserblauen Blick und todtenbleichem
-Antlitz dicht hinter der Glasscheibe, &ndash; es
-war eine steinalte Frau in wunderlichem jugendlichen
-Aufputz, in weißem Kleid, eine blaßrosa Schleife in
-dem schneeweißen Haar, und die dünne weiße Hand
-winkte zurück! zurück! mit immer steigender, ängstlicher
-Hast: zurück!</p>
-
-<p>Jesus! es sind der Tante Zimmer, die ich bewohne!
-durchblitzte es Helenens Gehirn, aufschreiend
-sank sie bewußtlos zu Boden.</p>
-
-<p>Als sie zu sich kam, standen der alte Diener und
-die Kammerfrau, welche im Stift sie bediente, vor ihr,
-man hatte sie ohnmächtig im Corridor gefunden, aufgenommen,
-in ihre Stube getragen und in einen
-Fauteuil gesetzt, man sprach von lauter Hausmitteln,
-vom Arzt, der Apotheke und einem heftigen Blutandrang,
-&ndash; nach wenigen Secunden war ihr die
-volle Geisteskraft zurückgekehrt.</p>
-
-<p>Sie bat Niemand weiter zu rufen, die Damen<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span>
-nicht an der Tafel zu stören, nahm geduldig den
-ihr gebotenen Thee, ließ gelassen sich zu Bette bringen.
-Die dienstgewohnte alte Margareth bestand
-darauf, im Vorzimmer zu wachen; auch das ließ die
-Comtesse ruhig geschehen.</p>
-
-<p>Ein tiefes Besinnen hatte ihre ganze Seele erfaßt,
-»es war die Tante!« sagte sie sich selbst, »sie
-warnte; ich soll nicht elend sein wie sie. Abwärts,
-zurück winkte der lange schneeweiße Arm, der Finger
-deutete den Gang entlang. &ndash; Wohin? hinaus?
-der Treppe zu?« &ndash; Alles Grausen war dem Mädchen
-untergegangen im seltsam angestrengten Bemühen,
-die Absicht der ihr wohlwollenden Erscheinung zu
-verstehen, &ndash; die grübelnden Gedanken begannen einander
-zu drängen, sie wurden zu Bildern, die sich
-mischten und theilten, &ndash; zusammen- und wieder
-auseinander flossen, &ndash; wie eine anschlagende Glocke
-tönte es ihr im Ohr, leiser, endlos dazwischen fort,
-die Töne wurden Musik, &ndash; Gesang, &ndash; Schlaf.</p>
-
-<p>&ndash; In das weit offene Schloßthor wallte ein
-Festzug in fremder, altmodiger Kleidung in den Saal,
-in welchem alle großen Feierlichkeiten des Hauses<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span>
-Statt zu finden pflegten, Helene kannte Niemanden
-von all den Versammelten; unter dem rothsammetnen
-Baldachin stand eine schöne Frau, vor ihr, den Rücken
-Helenen zugekehrt, kniete eine Dame in der Galatracht
-der Priorinnen des Stifts, &ndash; die Königin
-nahm die Insignien des Ordens und eine Pergamentrolle
-von einem Sammetkissen, das ein Cavalier hielt,
-&ndash; auf dem Kissen, auf den Sammetbehängen immer
-das Wappen der fürstlichen Gründerin und Beschirmerin
-des Stifts zahllos wiederholt; &ndash; ȟberall
-das Wappen der <em class="gesperrt">Königin</em>!« dachte Helene, &ndash;
-»ja, an den Wänden, &ndash; über der Thüre des Refectoriums,
-die nach dem Gange führt, überall <em class="gesperrt">das
-Wappen</em>,« &ndash; sie erwachte? &ndash; Hell und klar
-drang die Sonne durch den halbgeschlossenen Vorhang,
-&ndash; sie warf ihn zurück und sog mit langem
-genesenen Blick die Pracht der herbstlichen, rings
-ihr entgegen quellenden, bunten Fülle ein! »Der
-Mensch <em class="gesperrt">kann</em> glücklich sein,« sagte sie, »auch ich
-<em class="gesperrt">will</em> glücklich sein.«</p>
-
-<p>Den ganzen Morgen blieb Helene in ihrem Zimmer
-eingeschlossen und schrieb. Die Nacht, der wirre,<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span>
-nur den unmittelbaren Schutz der Königin andeutende
-Traum, mochte er dem Zufall oder der ungeheuren
-geistigen Arbeit des gewaltsamen Nachsinnens
-sein Entstehen danken, hatte einen klaren, festen Entschluß
-in ihr gereift. Eine Ordensdame des königlichen
-Stifts Wallöe hatte den Rang einer hochadligen
-Erbtochter; &ndash; zu einer Vermählung nach freier Willkür
-bedurfte sie <em class="gesperrt">nur</em> der Zustimmung ihrer Majestät!
-Helene war die erste Dame des Stifts Wallöe, welche
-in diesem Augenblick von jenem höchsten Anrecht
-Gebrauch zu machen beschloß und sie führte den
-Entschluß durch!</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter"></div>
-<p>In der verwitweten Königin Juliane Marie
-Privatgemache, stand ihres Eintritts gewärtig und
-ihrer harrend ein junger, schöner Mann; die hochgerötheten
-Wangen und die fliegende Brust, deren
-convulsivisch-heftigen Herzschlag das Spitzen-Jabeau
-verrieth, bezeugten, daß die ehrfurchtsvoll-ruhige, fast<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span>
-hofmännische Haltung desselben, eine mühsam erzwungene!
-Er hielt ein paar Chagrinleder-Etuis in
-der Hand, welche kleine Wiederholungen zweier, auf
-der Staffelei am Fenster bereit gestellter Portraits der
-Königin und ihres erhabenen Sohnes Friedrich umschlossen.
-In einzelnen Pausen der sein Haupt
-durchjagenden Gedanken, blickte er mit Wohlgefallen
-auf die in herrlichen Goldrahmen prangenden Staffeleibilder,
-besonders auf das der Königin, &ndash; es
-war wirklich ein sehr gelungenes Portrait; französische
-Erinnerungen der damaligen Behandlungsweise
-schienen des Künstlers Hand geleitet zu haben, und
-gerade diesen Zügen war sie ungemein günstig; der
-Hang zur Intrigue, der in denselben fast kleinlich
-hervorstechend sich zeigte, war in anmuthige Schlauheit
-und feine Ironie übersetzt, der fast hinterlistig-scharfe
-Blick gewandt mit einer königlichen, stolzen
-Haltung gepaart, so daß er ohne hochmüthig zu erscheinen,
-durchdringende Klugheit aussprach, die sich
-der eigenen Kraft bewußt ist.</p>
-
-<p>Kurz, es war dem Maler gelungen, durch eine
-sehr geistreiche Schmeichelei auf dennoch nicht unwahre<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span>
-Weise, die Eigenschaften der Seele hier so zu
-idealisiren, wie wohl andere Künstler bei äußeren
-Eigenschaften der Gestalt es zu thun pflegen.</p>
-
-<p>Juliane trat, noch im Gespräch mit ihnen, von
-den Grafen Reventlow und Schimmelmann begleitet
-aus ihrem Cabinet. Des Letzteren Züge und ein kaum
-merkliches Zucken der linken Achsel verriethen, daß
-er dem Gegenstand der eben gehabten Unterredung
-keinen sonderlichen Werth beimesse; der Königin Gesicht
-dagegen sprach Aerger und Empfindlichkeit aus,
-die sie vergebens zu bemeistern strebte &ndash; keinen günstigern
-Augenblick hätte der Maler finden können, die
-Trefflichkeit seiner Auffassung zu beurkunden, als die,
-welche eben jetzt die Vergleichung des Originals und
-der Copie dem unbefangenen Beobachter bot.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Aha, mein lieber Meister,« redete ihn sogleich
-die Königin an, »er bringt mir pünktlich das Gemälde
-und die kleinen Copien. Schelm!« fügte sie
-im Nähertreten hinzu, »hat Er in Frankreich so artig
-schmeicheln gelernt? Er hat uns da eine Physiognomie
-gegeben, die Er um zehn Jahr rückwärts<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span>
-errathen haben muß. Schon recht, man muß <em class="antiqua">in effigie</em>
-der Zeit das wieder abzugewinnen versuchen, wozu in
-der Realität ihr unerbittliches Gericht uns verdammt.
-Sehr brav! Schöner Atlas! ja, ja, das Portraitiren
-verstehen die Franzosen. Er ist auch in Italien
-gewesen?«</p>
-
-<p>»Zwei Jahre, Majestät, in Rom und Florenz.«</p>
-
-<p>»Hat Er mir nicht gesagt, seine Mutter sei arm,
-die Witwe eines Officianten &ndash; wo hat sie denn
-das Geld hergenommen, Ihn so lange im Auslande
-lernen zu lassen?«</p>
-
-<p>»Sie hat entbehrt, Hoheit, vieles sich versagt,
-um mich reisen und studiren&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So? ich hoffe Er wird dankbar sein, ihr das
-vergelten, nicht zu den technischen Fortschritten in
-Seiner Kunst, Herzens-Demoralisation des Auslandes
-uns mitgebracht haben!«</p>
-
-<p>»Ach, wollte der Himmel ich könnte ihr den so
-tief, so warm empfundenen Dank anders als
-in Worten zeigen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was ist Ihm denn? Das wird Er ja nun<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-können, wenn Er die Ihm versprochene Professur
-erhält &ndash; nun? Er kommt ja ganz in Agitation&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ein Blick auf die Minister, welche das Gemälde
-betrachteten, wandte plötzlich die Aufmerksamkeit der
-Majestät von ihm ab, jenen zu. »Sie sind verdrießlich,
-Graf Schimmelmann, und sagen mir kein
-Wort, weder über mein Portrait noch meinen Protégé?«</p>
-
-<p>»Leider haben wir dem anerkannt tüchtgen Maler
-desselben wehe thun müssen und gerade im Augenblicke,
-da Ew. Majestät ihm ein so gnädiges Wohlwollen geschenkt,«
-erwiederte etwas verlegen der Minister,
-»der Anblick der so gelungenen Aehnlichkeit&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Qu'est-ce donc, Comte?</em>« fragte etwas zurücktretend
-Juliane Marie, »wir haben unsre Freude
-daran, heimischen Künstlern die Aufrechthaltung der
-neuen Akademie anvertrauen zu können und haben
-dem Manne die erledigte Professur zugesagt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Auch Thorald wich einige Schritte zurück; die
-Königin trat mit den beiden Grafen in eine Fenstervertiefung,
-das Gespräch ward mit halber Stimme
-fortgesetzt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p>
-
-<p>So ungemein vaterländisch nach Struensee's
-Tode alle Hofgesinnungen geworden, denn unter der
-Königin und Prinz Friedrichs Regentschaft war dem
-Ausländischen offene Fehde erklärt, so konnte dennoch
-Juliane Marie die französischen gewohnten
-Brocken in ihrer Wortstellung nicht wohl entbehren,
-und im Affect verfiel sie leicht in den damals fast in
-allen fürstlichen Häusern üblichen Ton &ndash; »<em class="antiqua">c'est
-fort</em>,« fuhr sie fort, »wenn nicht die <em class="gesperrt">Meine</em>, welche
-Art Fürsprache soll denn hier wohl entscheiden?
-Giebts einmal wieder irgend einen lumpigen Deutschen
-oder Franzosen zu versorgen?«</p>
-
-<p>»Bernstorff trägt die Schuld,« flüsterte ehrerbietig
-der Minister, »einem früheren Versprechen nach und
-auf ganz besondere Bitte eines Mannes, dem man
-verpflichtet, hat der alte Informator Henning Klint
-die Professur erhalten&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Der Prinz kennt meinen Wunsch, <em class="antiqua">c'éstoit une
-chose arangée, Messieurs</em> &ndash; Eynerssen hat mein
-Wort&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Der König hat diesen Morgen das Decret unterschrieben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span></p>
-
-<p>Die Königin ward bis an die Stirne roth und
-stampfte mit dem Fuße: »wer hat mir das gethan?
-<em class="antiqua">il me le payera!</em>« setzte sie zwischen den Zähnen
-murmelnd hinzu. Die beiden Grafen schwiegen. »Nun,
-meine Herren? Graf Schak-Reventlow? Darf ich
-um die besonderen Verdienste des alten Informators
-oder seines Fürsprechers bitten? Sie werden doch
-dessen Licht nicht unter den Scheffel stellen wollen?«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Ma foi, Madame</em>,« sagte der Graf, »es ist
-mir bloß klar, daß Graf Christian Gejern Alles
-<em class="gesperrt">gegen</em> den jungen Eynerssen und <em class="gesperrt">für</em> den Klint
-gethan; Ew. Majestät werden geruhen sich zu erinnern,
-daß der Graf alle Offerten der königlichen
-Huld stets abgelehnt &ndash; diese Besetzung der Akademiestelle
-war eine von ihm erbetene Gnade &ndash; die
-aller Erste! Es war unmöglich ihm nicht zu willfahren
-und Se. Majestät der König, welcher ihm
-von der Bauernsache her noch immer gewogen, unterschrieb
-sogleich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Allerdings sind des Grafen Gejer Verdienste
-bedeutend,« erwiederte gewaltsam gefaßt die Königin;
-ihr Auge flammte und in den Mundwinkeln zeigte<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-sich das Lächeln höhnischer Verbitterung, »ich werde
-morgen mit dem Könige sprechen.« Mit einer anmuthigen
-Bewegung des Hauptes und der linken
-Hand entließ sie die beiden Herren &ndash; Eynerssen stand
-noch ihres Befehles gewärtig nahe am Ausgang.
-Juliane wandte sich nach der inneren, zu ihrem Cabinet
-führenden Thüre, »bleibe Er und erwarte Er
-mich hier, mein Sohn,« sprach sie mit gnädigem
-Kopfnicken, »es wird sich wohl in meiner Armuth
-irgend ein Mittel finden, ihn zu lohnen.«</p>
-
-<p>Rasch schritt sie durch ihr Schreibe-Cabinet in
-das Zimmer, in welchem sie schlief, eine ihrer vertrauten
-Kammerfrauen arbeitete dort mit einem Hoffräulein,
-Sophie Harrested. »Kennt eine von Euch,«
-fragte Juliane, »die Verhältnisse der Gräflich Gejerschen
-Familie?« Beide hatten bei Eintritt und Anrede
-der Königin sich ehrfurchtsvoll erhoben. Das
-Fröken erzählte von den Hochzeiten, den Ausstattungen
-der beiden Neuvermählten. »Schon gut, das
-haben wir selbst erlebt.« &ndash; »Die Gräfin?« Niemand
-kannte sie. »Kinder?« &ndash; Keine. »Die
-dritte Comtesse ist also die junge Stiftsdame von<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-Wallöe, von welcher dies Schreiben,« sagte die Königin
-vor sich hin, »und der Graf will die glücklich
-genug fruchtlos gebliebene Mißheirath durch einen
-glänzenden Stammerben auslöschen; der eine Bruder
-kinderlos, wie er &ndash; der jüngste kränklich &ndash; keine
-Kinder zu hoffen. Da rechnet man auf Uebertragung
-des Namens. &ndash; Weiß Jemand von der jüngsten
-Comtesse?« Die Kammerfrau kannte die Familie
-Alslev und floß über vom Lobe Helenens. »Keine
-Aussicht zur Heirath, nicht verlobt?« Beide Erzählerinnen
-stockten &ndash; endlich fuhr die Harrested fort &ndash; »man
-hat von einer großen Leidenschaft der Comtesse für einen
-jungen Bürgerlichen gesprochen, allein das Betragen
-derselben ist so in den strengsten Regeln des Schicklichen
-geblieben, daß Niemand den Gegenstand dieser
-Neigung kennt.« &ndash; »Schon gut,« sagte die Königin,
-»Ihr könnt gehen;« sie stand auf und rief, indem
-sie selbst die Thüre öffnete, den jungen Mann in
-ihr Cabinet.</p>
-
-<p>»Mit der Professur ist's wirklich nichts, junger
-Freund,« redete sie ihn an; »danke Er Gott dafür!
-Er ist also in die Comtesse Gejern verliebt?« &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span>
-Wie vom Blitz getroffen schwankte der Künstler auf
-den Füßen, die ihn nicht zu tragen vermochten, er
-taumelte rückwärts gegen die Wand, keines Wortes
-fähig &ndash; »nun, nun!« lächelte die Königin, »die
-Liebe an und für sich, wenn sie in den Grenzen der
-Zucht und Ehrbarkeit bleibt, ist eben kein Todesverbrechen.
-Fasse Er sich &ndash; und antworte mir klar
-und vernehmlich.«</p>
-
-<p>»Ich liebe die Gräfin mehr als mein Leben,«
-erwiederte stolz und fest der junge Mann, »wenn
-aber mein Gefühl das Elend der Comtesse herbeiführen
-könnte, würde ich den Muth haben, Kjöbenhavn
-sogleich zu verlassen.«</p>
-
-<p>»Ja? was ist denn seine Absicht? daß die Comtesse
-auch Ihn sehr schätzt, weiß ich; wollte er deshalb
-Professor werden?«</p>
-
-<p>»Ja, Ew. Majestät; ich betrachtete diese Anstellung
-als den ersten Schritt, um der Gräfin würdiger
-gegenüber zu stehen, wenn ich auch kein anderes
-Ziel an diese Aussicht zu knüpfen wagte.«</p>
-
-<p>»Und der Graf Christian weiß um diese Neigung?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p>
-
-<p>»Leider! da er sie verdammt!«</p>
-
-<p>»So, so,« sagte die Königin für sich, »ich will
-ihn lehren eigenmächtig handeln!« Sie ging an den
-Schreibtisch und unterschrieb Helenens Petition, durch
-welche sie ihr gestattete, ohne Einwilligung ihres
-Bruders sich zu vermählen. »Lese er das.«</p>
-
-<p>Der Glückliche lag, ihr Gewand an seine Lippen
-drückend, zu ihren Füßen. »Aber höre Er,
-meine Bedingung! ich will keine Auswanderung unserer
-Landeskinder; daß wir in der Fremde etwas
-Tüchtiges zu lernen suchen, ist schon recht, allein
-man soll Dänemark nicht die Früchte des Erworbenen
-entziehen. Man wird sich Eurer annehmen!
-Ich bin Ihm das Honorar für die Bilder schuldig
-&ndash; und &ndash; Ihr könnt im Cavalier-Hause wohnen,
-fällt mir ein! Sagen Sie dies Alles der Comtesse und
-vergessen Sie nicht, daß wir in Gnade Ihnen Beiden
-gewogen bleiben!« setzte sie plötzlich französisch hinzu;
-trotz der innern Heftigkeit, welche ihre rasche
-Handlung herbeigeführt, machten deren Folgen sie
-bereits verlegen.</p>
-
-<p>Ein reitender Bote brachte den Befehl der Königin<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-nach Wallöe, das sogenannte Cavalier-Haus
-der Gräfin Gejer zur Verfügung zu stellen und mit
-diesem zugleich Helenen die Erlaubniß zu ihrer Vermählung.
-&ndash; Thorald erhielt noch am selben Abende
-eine für die Privatkasse Julianens sehr bedeutende
-Summe als Bezahlung der Gemälde.</p>
-
-<p>Christian war wie vernichtet! Helene nahm sogleich
-die ihr zufallenden 10,000 Thaler in Beschlag
-und ihren Antheil an der Tante Mitgift. Ohne weiter
-ein Wort zu verlieren, sandte der Graf Alslev alle
-nöthigen Papiere, sowohl zu Auszahlung der seiner
-Schwester aus ihrem gemeinsamen Vermögen zufallenden
-Dot, als zu jener der Gräfin Owen; als er
-das Paket siegelte überfiel ihn eine an Ohnmacht
-grenzende Schwäche &ndash; mit gewaltsamer Anstrengung
-drückte er sein Wappen auf dasselbe. &ndash; »Man wird
-es zerbrechen!« sagte er leise vor sich hin, dann zog
-er sich in seine Zimmer zurück und begrub sich in
-seinen Studien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span></p>
-<p>Gar anders sah es in Wallöe aus. Von allen
-Seiten zog die Freude ein. Der Königin so bestimmte
-Bestimmung schloß alle böswilligen Bemerkungen aus
-&ndash; selbst die sieben Mogenstrupps wagten nur orcanische
-Seufzer. Im Cavalier-Hause regte sich ein
-gewaltiges Leben, es wimmelte von Arbeitern; da
-wurde tapeziert und gezimmert, angestrichen, gemalt,
-geschmückt, und die Liebe half überall der Liebe! denn
-Thorald war selbst von Kjöbenhavn herüber gekommen,
-Helenen beizustehen.</p>
-
-<p>Das Cavalier-Haus, ein freundliches, kleines Gebäude
-aus der nämlichen Zeit als das Stift; rings
-von einem Blumengarten umfaßt, lehnt es an einem
-mit Buchen schön bewaldeten Hügel; diese herrschaftliche
-Wohnung wurde von Alters her bei Regulirung
-der Gesammt-Einkünfte desselben von den
-dabei beschäftigten Herren eingenommen, wenn sie zu
-einem längern Aufenthalt in Wallöe veranlaßt wurden.
-Auch die Königin bediente sich ihrer früher
-gern, wenn sie um die Osterzeit einige Tage in der
-von ihr bevorzugten Stiftung zubrachte, um die sie
-begleitenden Cavaliere unterzubringen, wodurch das<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span>
-freundliche Schlößchen den ihm anhangenden Namen
-erhielt. Seit Jahren war Juliane Marie nur auf
-einzelne Stunden in ihr Ordenshaus eingekehrt; der
-hübsche Bau hatte verödet dagestanden.</p>
-
-<p>Wer hat nicht irgend einmal mit Vergnügen zugesehen,
-wenn Kinder Wirthschaft spielen? Wenn
-sie auf Blumenblättern statt auf Tellern serviren?
-Des Vaters goldne Dose und der Mutter Schmuck
-zu Küchengeräth machen, und lauter Bisquit und
-Bonbons kochen? Nicht sehr viel anders war der
-Brautleute Einrichtung, weil Jedes das Andere mit
-noch einer ganz einzigen Herrlichkeit und Bequemlichkeit
-überraschen wollte. Es wurde Alles phantastisch-schön
-und nebenbei sehr kostbar; aber es war dem Geschmack
-Beider vollkommen analog, und wurde dadurch wieder
-ein Beider Leben enger verflechtendes Band.</p>
-
-<p>Man hatte dergleichen nie in der Gegend gesehen,
-halb Kiögge ritt und fuhr herbei, das Wunder zu
-schauen. An einem wunderschönen Spät-Herbstmorgen
-ward die stille Trauung vollzogen; keiner
-der drei Brüder war zugegen, die Schwestern schrieben
-freundlich und sandten Geschenke. Alslev kam<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span>
-mit seiner Familie &ndash; er hatte Helenen zur Oeconomie
-ermahnen wollen; als er aber in dieser Mischung
-von englischem Cottage-Comfort und italienischer
-Villa und französischer Eleganz das glückstrahlende
-Gesichtchen Helenens sah, verschob er es auf ein
-andermal. Der isländische Pfarrer hatte eine rührende
-Botschaft gesandt und die Versicherung: er
-werde bei seiner Rückreise bei dem neuen Paare einkehren;
-ihn hielt die bereits geschlossene Schifffahrt
-noch in Dänemark zurück.</p>
-
-<p>Auch die arme Nordermule hatte geschrieben. Helene
-las das Blatt wohl zwanzigmal, ohne daß ihr
-dessen Inhalt verständlich geworden wäre. Es war
-ein wild-schmerzlicher Abschied, einem Schmerzensschrei
-vergleichbar, der in der jungen Frau Seele
-einschnitt &ndash; unklar und verworren. »Sie traut sich
-wegen Christian nicht zu mir,« sagte sie sich, »die
-arme Gute! sie mag wohl recht haben, er würde es
-ihr kaum verzeihen, und besser ist ihr das sichere
-Dach meines Bruders, als die Decke unsres Wanderzelts!
-&ndash; Wer weiß, wo wir einst es aufschlagen.
-Christians Haus beut ihr eine stets gleiche Zuflucht,<span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span>
-während wir vielleicht nur einer des andern Brust
-behalten, unser müdes Haupt darauf zu legen.« Aber
-so vernünftig das Alles war, streifte es nur leicht
-ihre Gedanken; das Glück war zu übermächtig in ihr.</p>
-
-<p>Der Winter flog auf seinen Silberfittigen dahin,
-er war mild und schön; schon nahte der Lenz; die
-Liebenden waren glücklich und fleißig. Helene hatte
-Zeichnen gelernt und begann zu malen.</p>
-
-<p>Sie rechneten nicht, ihr Capital nahm ab! ihre
-Wirthschaftskasse war eine offene Schieblade &ndash; aber
-die Seeländer sind ehrlich; weder sie noch das sorglose
-Paar dachten an Diebstahl.</p>
-
-<p>Die Schifffahrt war eröffnet, als unvermuthet
-spät Abends ein Gast erschien; Helene hatte zum
-ersten Mal den Versuch gemacht, nach Gyps zu zeichnen,
-und die Lection hatte wie gewöhnlich mit einem
-Kußhonorar geschlossen, als Kund Jürgenssen eintrat.
-»Dieser Anblick ihres Wohlergehens erleichtere ihm das
-Abschiednehmen,« meinte er, »und er hoffe, daß ihn
-die Kunde ihres ferneren Glücks noch oft erreichen
-werde.« Dem Alten war Alles zu reich und köstlich
-in ihrer Umgebung &ndash; er konnte sich aus all der<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span>
-Seide und den Spiegeln und dem Mahagoni gar
-nicht herausfinden; Helene sperrte ihn lachend mit
-dem Tisch in einen Saffian-Fauteuil, damit er nicht
-gar vor lauter Achtsamkeit, ihre Schätze nicht zu beschmutzen
-oder zu zerbrechen, ganz verstumme; und
-nun begann er zu erzählen, »wie er auch einmal beim
-Grafen zu Aalholm gewesen,« &ndash; ein leichtes Wölkchen
-überflorte Helenens glänzende Stirn, sie reichte
-rasch Thorald die Hand. &ndash; Es wären schon ein
-paar Monate her, fuhr er fort, und wiederum sei
-ihm dort eine besondere Gnade des Herrn geworden!
-»Es war Abend,« erzählte er weiter, »eine silbergraue,
-noch klare Dämmerung lag auf Aalholm, und ich
-ging durch die schönen buntgefärbten Buchengänge,
-die ich nun bald wieder entbehren sollte; auf den
-Wiesen wogte eine bläuliche Feuchte, und am Teich
-kräuselte und webte es so neblig hin, und ballte und
-rollte sich auf &ndash; das Schilf schwankte träumerisch
-mit seinen schweren Dolden, die Vögel hörte man
-nur fliegend und flatternd im Laube ihr Nachtlager
-suchen, sie sangen schon längst nicht mehr &ndash; auch
-die Insectenwelt war abgestorben. Den dunkelnden<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span>
-Wald durchleuchteten die fernen Schloßfenster mit
-röthlich schimmerndem Lichtschein; zwischen den
-Mauern dort mochte es wohl schon finster sein.</p>
-
-<p>Ich gedachte der immer trauriger werdenden Jahreszeit
-in meinem Vaterlande, und der hübschen
-Mährchen und Balladen, mit welchen wir sie Abends
-daheim zu erheitern suchen, da sah ich plötzlich mir
-gegenüber am jenseitigen Ufer des Weihers eine fliegende
-Gestalt, um sie her flatterten weiße Gewänder,
-kaum berührte, so schien mir's, dann und wann ihr
-Fuß den Boden. Sie eilte auf den mir nicht allzu
-fern im Schilf liegenden und ganz von Weiden und
-Wasserpflanzen umgebenen Kahn &ndash; ich war schon
-wieder besonnen und wußte gar wohl, daß die Erscheinung
-nur eine menschliche sein könne! Sie kniete
-nieder in den Nachen und begann eine Menge
-Steine in ein Tuch zu binden, welche vermuthlich
-dort schon bereit lagen; endlich wand sie dasselbe
-um ihre Füße, indem sie zugleich damit ihre Kleider
-festschnürte; &ndash; als sie damit fertig, richtete sie nochmals
-das Antlitz betend gen Himmel auf &ndash; jetzt
-kniete sie schon am Schnabelende des Boots, und so<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span>
-rutschte sie mit den gebundenen Füßen vorwärts dem
-Rande näher&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Um Gotteswillen, Emerenzia!« schrie Helene auf.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte der Pfarrer, »ja sie war's! aber Gott
-leitete meine Schritte und meine Hand, daß ich im
-rechten Augenblicke sie erfaßte und gewaltsam sie zurückhielt!
-ich nahm sie wortlos in meine Arme und
-trug sie zurück; ihr selbst schwanden die Sinne, und
-sie kam erst dem prasselnden Feuer gegenüber in ihrem
-Stübchen, wohin ich sie getragen, zu völligem
-Bewußtsein.« »Unglückselige!« sagte Thorald, »was
-hatte zu solchem Schritte sie vermocht?«</p>
-
-<p>»Ach, lieber Herr,« erwiederte Jürgenssen, »sie verstand
-es nicht, so allein zu leben! Die drei nun zu
-Frauen gewordenen Fröken waren so glücklich ohne
-sie, es hatte, so meinte sie in böswilligem Trotz&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ach, Trotz! meine arme Nordermule, das demüthige
-Herz!«</p>
-
-<p>»Frau Eynerssen wissen nicht, daß sich Demuth
-und Trotz im Leben manchmal gar nicht unterscheiden
-lassen?«</p>
-
-<p>»Also Janfru Nordermule sah den langen Tag<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span>
-und die lange Nacht immer wieder vorüberziehen,
-ohne daß irgend Eines ihrer bedurft hätte &ndash; da
-wurde sie trauriger mit jeder Stunde! Sie kam sich
-mit einem Male vor, wie ein abgelaufenes Uhrwerk,
-zu welchem der Schlüssel verloren gegangen; und
-als der Kummer allmälig mehr und mehr all ihre
-Gedanken überschattete, konnte sie zuletzt der Sehnsucht
-nach dem stillen Weiher nicht länger widerstehen,
-in dem sie Schlaf und Ruhe zu finden meinte,«
-&ndash; »und nun? und nun?« fragte in ängstlicher
-Spannung das junge Paar, »wo ist sie jetzt?«</p>
-
-<p>»Nun steht sie draußen vor der Thüre und hat
-mich beauftragt, das Alles My Frau Eynerssen zu
-erzählen; sie will Abschied nehmen &ndash; denn sie geht
-mit mir nach Island!«</p>
-
-<p>Die jungen Leute waren schon draußen bei ihr,
-als er die letzten Worte vollendete.</p>
-
-<p>Ja, so war's! Die kleine graue Nordermule stand,
-tief in Pelze verhüllt, im nordischen Reiseanzuge auf
-der Flur; mit tausend Liebkosungen ward sie in die
-lieblich phantastischen Räume eingeführt, gehätschelt,
-gescholten &ndash; das ganze Herz ward ihr bewegt; aber<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span>
-ganz unerschütterlich entschlossen reichte sie ihrem alten
-greisen Führer die Hand &ndash; »er hat mich überzeugt,
-daß ich dort noch nützen kann,« &ndash; versicherte sie
-freundlich.</p>
-
-<p>»Ob sie das kann!« sagte der alte Kund, »für's
-erste muß sie gleich den Sommer hindurch uns beistehen,
-Thorsons mit Ihres Herrn Vaters Gelde
-gestiftetes Hospital aufrecht zu erhalten, dann mag
-sie meiner Mathilde helfen, die Kranken meines eigenen
-Sprengels zu pflegen; ach und Abends, wenn
-der Winter draußen um unsre Hütten ras't, dann
-wird Emerenzia uns Allen <em class="gesperrt">erzählen</em>! Unsre Weiber
-wird sie lehren, bessere, feinere Handarbeit machen,
-unsre Kinder mit unterrichten helfen und vor Allem
-meine Kirche mit den fleißigen, geschickten Händen
-schmücken, o wir werden Alle so dankbar und glücklich
-sein, Janfru Emerenzia um uns zu haben, &ndash;
-so glücklich!« er drückte ihre Hand.</p>
-
-<p>»Aber Jürgenssen, es kann ja nicht Ihr Ernst
-sein &ndash; sie wird mit ihrer geschwächten Kraft die
-Reise nicht überstehen &ndash; sie bringen sie nicht lebend
-hinüber!« sagte leise Thorald&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span></p>
-
-<p>»Sie irren,« erwiederte ernst und mild der alte
-Pfarrer, »sie ist eine Nordländerin und wird die
-Fahrt überdauern &ndash; und gönnen Sie ihr denn nicht,
-umringt von den poetischen Erinnerungen ihrer Jugend,
-als Pflegerin der Pfarrkinder unsres Johannes
-und der Rosen des ihr so theuern Grafen Thugge
-zu sterben? <em class="gesperrt">Dort</em> sind all die ihr <em class="gesperrt">hier</em> abgewelkten
-Interessen noch frisch erhalten &ndash; hier verdrängt sie
-eine laut und lauter sich erhebende Gegenwart!«</p>
-
-<p>»Er hat Recht!« sagte wehmüthig Helene, und am
-andern Morgen zogen sie von dannen! Das Ehepaar
-sah vom Kiögger Hafen aus lange dem buntbewimpelten
-Schiffe nach und kehrte in seine Künstler-Einsamkeit
-zurück. Wie ein Thautropfen hing die
-Abschiedsthräne an der vollen Rose ihres Glücks,
-und der nächste Sonnenstrahl küßte sie auf!</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter"></div>
-<p>Und Graf Christian, und Eva? und wie wurde
-es denn weiter? dauerte denn das Glück im Cavalierhause
-bei dieser tollen, wunderlichen Wirthschaftsweise?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span></p>
-
-<p>Soll ich meinen Lesern weitläuftig von der Ebbe
-und Fluth alles menschlichen Erfahrens berichten?
-Das Gold ward alle &ndash; manchmal klopften böse
-Verlegenheit und Noth an die Thüren und Fenster,
-manchmal schlich die Sorge ein und zog ihre grauen
-Schleier über das fröhliche Auge Helenens, und zuweilen
-faßte auch wohl eine fast wilde Sehnsucht
-ihr Innres nach ihren beiden Schwestern und nach
-Christian, ihrem nun ganz vereinsamten Bruder, der
-seine arme Eva mit dem fallenden Laube zu Grabe
-getragen, und nun, wie einst ihr Vater Thugge,
-allein das große Aalholm bewohnte; aber der Gejersche
-Trotz wollte dennoch sich nicht bändigen lassen
-in dem stolz aufschlagenden Herzen und der freundlichere
-Gedanke wurde noch lange Jahre hindurch in
-Beiden nicht zum einander verzeihenden Wort.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da starb auch Joachim. Seine Ehe war kinderlos
-geblieben. Der Trauerfall und die ihm entstehenden
-Angelegenheiten zogen alle Geschwister in die
-Residenz. Die Schwestern sahen sich, und das gute
-Vernehmen zwischen ihnen stellte sich her. Christian<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span>
-und Helene aber blieben sich fern; auch Thorald,
-der zum tüchtigen, vielfach beschäftigten, vom Hofe
-vergötterten Künstler sich herangebildet, mied seine
-Schwäger. Der gute Alslev und seine würdige
-Gattin hörten mit unveränderter Theilnahme jedes
-Einzelnen Klage an, aber beide scheuten den ihnen
-wohlbekannten finstern Geist des Geschlechts, den
-alten Starrsinn der Gejers zu sehr, um eine Aussöhnung
-auch nur zu versuchen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da öffnete eines Tages Christian unvermuthet
-die Thüre des Studirstübchens seines alten Freundes;
-Alslev saß schlummernd in seinem hochrückigen
-Großvaterstuhl, er war über einer langen Actenrevision
-eingenickt, auf der Lehne des Sessels aber hing
-oder ritt ein wunderbar schöner Knabe von etwa sechs
-Jahren; er hatte dem Alten ein buntseidenes Band
-über den Kopf geworfen, daß er ihm durch die vom
-Schlaf halb erschlossenen Lippen zu ziehen eifrig bemüht
-war, indem er sich zugleich auf dessen Schulter
-zu schwingen suchte, um ihn zum Roß zu machen
-und einen kühnen Ritt in's Fabelland seiner Phantasie<span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span>
-zu thun. »Willst Du mitspielen,« fragte das
-kecke Bübchen, »mußt aber jetzt auch Pferd sein und
-Dich von mir führen lassen, nachher darfst Du aber
-auch reiten!«</p>
-
-<p>Helenens Sohn! durchblitzte es Christians Starrsinn,
-und die Wunderkraft der Kindheit trat plötzlich
-in ihr volles Licht. Denn der Graf vermochte kein
-Auge von dem kleinen Tyrannen zu wenden, der ihm
-mit schmeichelnder Gewalt den Zügel bot &ndash; als
-Alslev von dem Jubel-Geschrei erwachte, war die
-Bekanntschaft schon weit vorgeschritten.</p>
-
-<p>Wer in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in
-Wallöe war, wird wohl den neuen herrlichen Aufbau
-des ehemaligen Cavalier-Hauses und seine prächtige
-Umgebung und Einrichtung bemerkt haben; sie ist
-solider aber noch kostbarer als sie vor etwa fünfzig
-Jahren es war. Ein neues, kräftiges Geschlecht der
-Gejer bringt dort die schönen Sommertage zu; die
-bösen Geister des erloschenen Stammes beunruhigen
-es nicht, sie sind dem heitern Glück gewichen!</p>
-
-<p>Der jetzige Graf ist ein schöner, alternder Mann
-und unermeßlich reich, weil ihm das Vermögen aller<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span>
-Nebenzweige der großen Familie zugefallen; seine
-Mutter war eine geborene Comtesse Gejer und hieß
-Helene; er hat schon als Knabe den Namen derselben
-auf seiner Oheime Wunsch angenommen, weil ihnen
-selbst kein Stamm-Erbe erblüht war.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter footnotes">
-
-<h2 id="FOOTNOTES">Fußnoten</h2>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Zur Zeit der für Aufhebung des Gemeinbesitzes constituirten
-Commission 1759.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Fröken, <em class="gesperrt">adliges Fräulein</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Feste-Bauers, ohne alles Eigenthum.</p></div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. 47: ancharten → Plancharten<br />
-auf seine Bücher und <a href="#corr047">Plancharten</a></p>
-<p>
-S. 65: Halde → Haide<br />
-leichten Ganges über die <a href="#corr065">Haide</a> hineilte</p>
-<p>
-S. 140 aufgischend → aufgischtend<br />
-Wildströme reißen sich <a href="#corr140">aufgischtend</a></p>
-<p>
-S. 235: Gräber → Gräben<br />
-Ringmauern, ihre <a href="#corr235">Gräben</a> und Wälle eingebüßt</p>
-</div></div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Eine dänische Geschichte, by Adele Schopenhauer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DÄNISCHE GESCHICHTE ***
-
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