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-Project Gutenberg's Eine dänische Geschichte, by Adele Schopenhauer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
-Title: Eine dänische Geschichte
-
-Author: Adele Schopenhauer
-
-Release Date: July 18, 2016 [EBook #52602]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DÄNISCHE GESCHICHTE ***
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
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-
- Eine dänische Geschichte.
-
- Roman
-
- von
-
- Adele Schopenhauer.
-
- Braunschweig,
- Druck und Verlag von George Westermann.
-
- 1848.
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-
-Auf der süd-östlichen Küste der Insel Laaland erhebt sich das alte
-Städtchen Nysted, welches sich zu den frühesten Dänemarks zählt, da
-es schon im Jahr 1409 durch Erich von Pommern Stadtrechte erhielt.
-Wie aus einem dicken Laubkranze schaut es von seinem grünenden Hügel
-aus weit hinein in das Land -- über Laaland und Falster hin, ja
-dem Meer entlang bis nach Femern und Rostock, und seine berühmten
-Lindengänge erzählen sich im Abendwind ganz wundersame Geschichten:
-der träumerische Nachthauch streicht über heidnische Grabhügel, über
-verfallene Gerichts- und Opferstätten hin, und hilft dem kundigen Greis
-die in seinem Kopf zerstreuten, halbverlorenen Klänge der alten Saga
-zusammensuchen, die ihm vom Ur-Ahn auf Großvater und Vater vererbt
-sind. Denn der Nordländer, besonders aber der Landbewohner hört gar
-gern erzählen von lang vergangenen Tagen, wenn der strenge Winter
-ihm Thor und Fensterladen schließt und ihn zurückdrängt in die engen
-Kammern.
-
-Auf dem höchsten Steine der ehemaligen Schanze, an der Mündung des
-Hafens, saß ein junger Mann, nachdenklich beide Arme auf ein Mauerstück
-gelehnt und schauete bald zum bewölkten Himmel auf, bald in die frische
-Landschaft hinein, sah aber dabei aus, als gedenke er gar anderer
-Ruinen, gar anderer Hügel und Meere; ihm war das Herz sichtlich
-schwer. Auch er war ein beliebter Erzähler des Städtchens; er hatte
-oft und gern seinen staunenden Zuhörern den bunten Schleier seiner
-südlichen Anschauungen über dies stille Grau der Nebel hingebreitet,
-in denen der Frühling, wie ein Kind in seinen Windeln, tief in's Jahr
-hinein schläft, und dann mit einem Male aufspringt, da ist in voller
-Schöne und Kraft und wie ein junger Herkules die alte Winterschlange
-zerdrückt. Das hat der höhere Norden mit dem Süden gemein, daß dort wie
-hier der ganze Lenz, wie seine einzelne Blüthe, in der geschwellten
-Knospe steckt; und ihn der heiße Sonnenstrahl plötzlich erweckt zum
-üppigsten Leben, während man in Mittel-Deutschland ihn lange kommen
-sieht, und heute die Primel, morgen die Kirschenblüthe findet, eine
-Woche lang das Maienglöckchen erwartet, und so allmälig Blume um Blume
-willkommen heißt und begrüßt.
-
-Drei Monate schon war der Reisende in Nysted; seit drei Wochen liebte
-er; seit drei Wochen war ihm, außer dem kleinen Fleck Erde Laaland, die
-übrige Welt dunkler geworden als der bewölkte Himmel, den er anstarrte.
--- Darum also war er in Italien gewesen, hatte Rom gesehen, dort und
-in Florenz Jahre lang studirt, um hier hoffnungslos einem bleichen
-Mädchenantlitz gegenüber festzuwurzeln? -- Wo waren dann seine Wünsche
-und Träume geblieben, und all die weitausgreifenden Pläne der Seinen?
--- Wie welke Blätter im Sturm kreisten und wirbelten Erinnerungen und
-Vorstellungen durch seine Seele: -- er gedachte seiner Mutter in Plön,
-wohin sie von Copenhagen gezogen, um wohlfeil zu leben, einsam mit
-einer alten Magd, jeden Pfennig zu sparen und mitten in den Unruhen
-des Kriegs ihn zum Künstler zu bilden; er gedachte seines Ohms, des
-Rathsverwandten Hagemeister, der als solcher eine kleine Anstellung
-in Roeskilde erhalten, und mit unsäglicher Mühe durch des Bischofs
-Gnade den Auftrag ihm verschafft hatte, der zuerst ihn nach Nysted
-geführt. -- Eben durchbrach die Sonne, mit hellem blassen Strahl
-sie durchschneidend, die schwere Wolkenhülle; aufblitzte der goldne
-Thurmknopf der das ganze Städtchen hoch überragenden Kirche; die
-Arbeitsstunde war gekommen, und die Möglichkeit im alterthümlichen Bau
-des Gotteshauses die Farben zu sehen und scharf zu unterscheiden; --
-der Maler warf alle Gedanken zur Seite und eilte der Bucht entlang den
-Weg zurück in die Stadt, die steile Gasse hinauf zur Kirche; sie war
-geschlossen am Werkestag; das Frühgebet war längst vorüber. Thorald
-mußte herumgehen bis an des Küsters Haus; er klopfte leise an die
-runden Scheiben des kleinen Fensters, es öffnete sich sogleich und ein
-feiner Mädchenkopf beugte sich hervor.
-
-»Ei guten Morgen, Herr Eynerssen! Der Vater ist nicht mehr daheim,
-er ist auf Schloß Aalholm zum Grafen, und ich soll Euch führen; die
-Schlüssel hat er mir gelassen, ich komme gleich hinab!«
-
-Im Augenblicke stand sie, in ein bescheiden Mäntelchen gehüllt, neben
-ihm, -- »aber laßt Ihr mich nun auch das Gemälde sehen, lieber Herr?
-ich habe mich so lange darauf gefreut, allein der Vater ist so streng;
-der hält am gegebenen Wort wie eine Eisenklammer. Ihn kümmert es gar
-nicht, daß mich die Christine und Elisabeth und Sophie verspotten, weil
-ich, gleichsam ein Kirchenkind, das Bild noch nicht gesehen, da Ihr es
-doch schon vor drei Tagen hingebracht.« --
-
-»Wenn es fertig ist, Gianina, sollst Du es zuerst sehen, früher als
-alle Anderen; heute aber kann ich Dir den Gefallen nicht thun, ich muß
-den Eindruck, den es macht, an Ort und Stelle selbst betrachten, ihn
-wohl berechnen, manches ändern und hineinmalen.« --
-
-»Da verwälscht Ihr mir wieder meinen ehrlichen Christennamen und thut
-mir dennoch nicht das kleinste zu Liebe! +Johanna+ heiß ich, hundertmal
-habe ich's Euch schon gesagt! Würde das klingen ›Gianina Kaalund‹?
-hört doch selbst, wie das acht und kracht! Es paßt zusammen wie die
-Faust auf's Auge.«
-
-Während dem Sprechen hatte das Mädchen die schweren Schlösser geöffnet;
-sie traten durch die Sacristei, welche der Kirche anhing wie ein
-unförmliches Schwalbennest, in die dämmernde Stille des Seitenschiffs.
-Die weißgetünchten Räume gehörten dem normannisch-romanischen Styl
-an, der edle Bau war frei und nicht durch schwerfällige Mittelchöre
-verunstaltet; ein frommes, freudiges Dankgefühl schlug an des Malers
-Herz -- rasch schritt er vor nach der Mitte des Altars und überflog mit
-flammendem Auge die seiner Tafel bestimmte Stelle; hinter derselben
-stand das wohl verhangene Bild. Daneben lehnten eine Leiter und eine
-staffeleiartige Vorrichtung, um das Gemälde in die ihm bestimmte Höhe
-zu bringen und ihm das passende Licht zu geben. Der Maler hatte die
-Absicht, an Ort und Stelle das Gemälde zu vollenden, und dann erst dem
-Magistrat, welcher es für die Stadtgemeine bestellt, zu überantworten.
-
-Unterdessen war Carlson, ein langer blonder Knabe, welcher dem Maler
-aufwartete, mit dem Malergeräth angelangt. Thorald und er gaben sich
-sogleich daran die Tafel aufzustellen. Das Mädchen hatte der Künstler
-längst vergessen.
-
-Die Kleine war scheinbar hinausgegangen, dann umgekehrt und hinter
-einen der großen Pfeiler geschlüpft; sie schaute von dort sachte hervor
-auf Beider Treiben, in der Hoffnung, wenigstens von weitem ihre Neugier
-befriedigen zu können.
-
-Jetzt war das Bild mit dem leeren Altarraum in gleiche Höhe gebracht,
-es stand demselben zur Seite; Carlson ward entlassen. Zögernd blieb der
-Meister mit verschränkten Armen vor seinem Werke stehen, als scheue
-er die Enthüllung desselben. -- Carlson strich dem Pfeiler vorüber,
-welcher Johannen barg; sie glitt geschickt um denselben herum und war
-nun dem Gemälde um so näher. Endlich flog der Vorhang zurück. »Mein
-Jesus, das Schloßfräulein!« schrie Johanna sich selbst vergessend auf.
-Wie von einem elektrischen Schlage getroffen taumelte der Maler zurück.
-»Du hier, Johanna? und Sie -- Helene? das Fräulein von Gejern wollte
-ich sagen -- aber wo, um Gotteswillen, wo ist sie? sprich doch Mädchen!«
-
-»Was fällt Euch ein! Ihr träumt, lieber Herr. Das Fräulein außer aller
-Kirchenzeit hier in dem verschlossenen Gotteshause? ich meine +da+
-die heilige Martha neben unserer Herrgottsmutter auf dem Gemälde, sie
-ist ihr ja wie aus den Augen geschnitten! Wird sich die wundern, und
-der Herr Graf! -- aber der Johannes sieht ihr wahrhaftig auch etwas
-ähnlich! -- und davon sagt mir der Vater kein Sterbenswort!«
-
-Heiß erröthete der junge Mann, ob aus Liebesentzücken oder Scham ist
-schwer zu sagen, denn die in's Auge fallende Aehnlichkeit war ihm
-unbewußt aus der Seele in die Farbe seiner Pinsel gedrungen; dann
-versuchte er des Mädchens Ausspruch zu widerlegen, ja, er schalt
-ihn sogar eine thörichte Einbildung, der des Fräuleins Ohr ja nicht
-berühren dürfe; er bewies ihr den Irrthum in tausend Abweichungen des
-Originals vom Bilde. --
-
-»Meinetwegen, lieber Herr Eynerssen, ich gebe Euch gern zu, daß unser
-Fräulein weder so betrübt aussieht -- Gott sei Dank! noch so fromm;
-aber +das+ sind ihre schönen lichtbraunen Haare, ihre klaren Augen
--- das ist die schmale Unterlippe, mit der sie so drollig trotzen
-kann, das ist ihre freie gerade Nase; es ist ja zum Sprechen! Und so
-narret mich doch nicht, indem Ihr mir weiß machen wollt, es sei das
-Alles ganz von selbst gekommen, habt Ihr doch eben das Conterfei der
-drei Fräulein im Schlosse vollendet, da hattet Ihr ja die allerbeste
-Gelegenheit, dasselbe Gesicht hier zu wiederholen. Die Lisbeth hat die
-Bilder gesehen und kann gar nicht aufhören, die Aehnlichkeit derselben
-zu rühmen!«
-
-»Ich bitte, Kind, jetzt laß mich arbeiten,« bat der Maler. »Geh' jetzt
--- thu' mir den Gefallen! Drei Stunden lang habe ich auf den hellen Tag
-und auf das Sonnenlicht gewartet.« -- --
-
-»Ja wohl, ich gehe schon, aber ich hätte Euch doch gern noch viel
-gefragt; mir ist, als müsse ich Euch danken für Labung und Gottesgabe!
-Die heilige Mutter am Kreuz ist gar so schön, und Christus sieht auf
-uns mit solcher Barmherzigkeit hernieder, daß man so recht im Gemüthe
-fühlt, wie er für uns gestorben ist!«
-
-Als sie draußen war, schob Thorald die Riegel vor und kehrte dann zu
-seinem Bild zurück; er wollte die Aehnlichkeit wegbringen durch ein
-paar kühne Pinselstriche, wär's auch auf Kosten seines Bildes, aber den
-geliebten reinen Zügen gegenüber sanken ihm Hand und Muth. -- »Haben
-es doch Rafael und Andrea auch gethan!« flüsterte er vor sich hin --
-»vielleicht gewahrt sie es nicht einmal; mir ist's wie eine Todsünde,
-die wunderbare Harmonie dieses Antlitzes zu zerstören! Was auch für
-Herzeleid und Verdruß mir daraus erwachse, ich vermag es nicht.«
-
-
-In einem nicht eben uneleganten, nur etwas schwerfälligen Pavillon in
-chinesischem Geschmack, der sich neben dem alten gothischen Schloßbau
-drollig genug ausnahm, und recht wie zum Spott unserer schwächlichen
-Modernität mit dessen vier, fünf Ellen dicken Mauern contrastirte,
-saßen am Abend desselben Tages drei junge Mädchen, zwei von ihnen
-mit Nähen und Spitzen-Klöppeln emsig beschäftigt; -- Laaland bewahrt
-noch seine primitive Fabriken- und Lädenscheu, und Nysteds 800
-Einwohner gehen alle, von der Mode unberührt und unbelästigt, im
-großväterlichen und großmütterlichen Schnitt einher. Die Damen mußten
-also nothgedrungen zu ihrer eigenen Modernisirung Hand anlegen. Den
-beiden fleißigen Schwestern gegenüber saß Helene, mit dem Rücken nach
-dem Fenster gekehrt, und schaute verstohlen über die Schultern hinweg,
-der Lindenallee entlang, welche Schloß und Städtchen verbindet. Sie
-beachtete keines der Copenhager Gesellschaftsbilder, welche jene
-Beiden mit unerschöpflicher Phantasie ihr entwarfen; wie aus einer
-weitentlegenen Welt schaute sie sichtlich, ohne alles Verständniß des
-ihr Vorgetragenen, über den kleinen schmalen Theetisch zu den lustigen
-Schwätzerinnen hin, die, glücklicherweise viel zu sehr mit sich selbst
-beschäftigt, ihre Zerstreutheit nicht bemerkten. --
-
-»Bruder Joachim und Elisabeth kommen auch zum Pferderennen nach
-Copenhagen,« sagte Amalie, »Christian will nur ein halb Dutzend
-Ackerpferde zum Verkauf hinüberschicken -- wird sie nicht Staat machen,
-die Gnädige. Nun, da bekommen wir wenigstens neue Muster.«
-
-»Nach Wallöe? o ja! aber schwerlich bis hieher nach Laaland! Und alles
-können wir doch nicht selbst machen, oder gedenkst Du in Nysted eine
-Putzmacherin zu suchen? Danke Gott, wenn Du einen Schuster findest!«
-
-»Wie Du nun wieder übertreibst, Annette, Dir ist der Aufenthalt hier
-zuwider, und doch ist er so friedlich, so recht gleichförmig und ruhig,
-wie ich immer leben möchte; ich habe diese grünen fetten Weiden gern.«
-
-»Gern? ist's etwa angenehm zwischen Ochsen und Kühen, durch Dick und
-Dünn in schweren Holzschuhen dem Sonnenuntergange entgegen zu waten, im
-Moor stecken zu bleiben und dann allenfalls vom alten Niels gerettet,
-wie ein nasser Sack in irgend einem Bauernhofe als »Gräfliches
-Eigenthum« abgeliefert zu werden?«
-
-»Uebt man doch kein Morast-Strandrecht an uns aus! Ich bin lieber hier
-als in Wallöe; das Stift wird mir nicht zum Vaterhause. Hätte Christian
-mein Herz für Aalholm, es sollte bald hier anders werden. Es war auch
-anders zu der Mutter Zeit, sogar noch in des Vaters Witwen-Jahren, ehe
-all die Modernisirungsversuche den Bauernstand uns fern stellten; es
-war etwas patriarchalisches in der Abhängigkeit.«
-
-»Ich meine, der Bauernstand sei unserer Gegenwart etwas näher getreten,
-als für unser Aller Glück nothwendig,« erwiederte Annette; das hübsche
-Milch- und Rosen-Gesichtchen überflog ein Zug seltsam spöttischer
-Bitterkeit.
-
-Am gegenüberliegenden Ende des Gartens erschien jetzt eine bleiche
-noch jugendliche Frau; sie trat aus dem Schlosse und schritt mühsam
-die hohe Steintreppe hinab in den Gang, der zum Pavillon führte; ihr
-etwas trüber Blick überflog die Kieswege und die steifgeschnittenen
-Taxuswände, als suche er etwas; ein leises, fast unmerkliches
-Kopfschütteln sprach aus, daß sie es nicht gefunden; -- so näherte
-sie sich langsam den Schwestern. Helene, ihren wogenden Träumen
-hingegeben, bemerkte es nicht; die andern Beiden blieben in plötzlich
-veränderter Haltung sitzen, etwas Gliederpuppenartiges und angestrengt
-Eckiges legte sich über dieselben und es breitete sich eine feine, doch
-keineswegs grelle Affectation über den ganzen Ausdruck ihres eben noch
-so ganz natürlichen Wesens aus.
-
- * * * * *
-
-Eva, so hieß die Neuhinzugetretene, grüßte freundlich ihre
-Schwägerinnen und setzte sich zu ihnen; sie athmete beklommen. In
-Laaland geboren, hatten ihr dennoch der feuchte Moorboden und dessen
-ungesunde Ausdünstungen geschadet; ihre Gesundheit war zerstört. Sie
-hatte mit ihrem Gemahl, dem Grafen Christian, fünfzehn Jahre in Jütland
-zugebracht, bis das ihm nach seines Vaters Tode zufallende Majorat sie
-veranlaßte, nach Aalholm zu ziehen. Jütland aber ist der romantische
-Theil Dänemarks; es hat weder Fühnens überreiche Vegetation, noch
-Seelands städtischen Reiz, aber es vereinigt den Wechsel wilder, rauher
-und fruchtbarer Gegenden; es hat die höchsten Berge, Waldungen und
-Seen, anmuthige Buchten und Flüsse -- und sein kaltes Klima ist nicht
-schädlich wie das des kaum sich über den Meeresspiegel erhebenden
-Laaland.
-
-Eva legte leise ihre schmale abgemagerte Hand auf Helenens Schulter, um
-sie aus ihren wachen Träumen zu erwecken; »es ist schön heute Abend,«
-sagte sie, »seit dem Mittag hat sich der Horizont entwölkt, wolltest
-Du nicht ausgehen oder ausfahren?« »Meinst Du, daß es schön bleiben
-wird, bis Sonntag und wir Alle nach Nysted in die Kirche gehen können?«
-fragte, gleich in ihre Gedanken ganz zurücksinkend, das Mädchen. Sie
-schüttelte die lichtbraunen Locken aus dem Gesicht und hob das von
-Johannen beschriebene Antlitz zu der vor ihr Stehenden empor; man
-fühlte die Wärme und Innigkeit des strahlenden Blickes, die vertrauende
-Liebe, die sie der Schwägerin verband. »Ich glaube,« fuhr sie leicht
-erröthend fort, »das Altarblatt wird fertig sein, es könnte wohl zur
-Feier des Johannistages aufgestellt werden.« --
-
-»Freilich haben wir lange genug darauf gehofft, aber Du vergißt, liebes
-Kind, daß unsere Herren nach Copenhagen wollten.« --
-
-»Bewahre! Christian schickt nur seine Pferde hin und Joachim und
-Friedrich gehen von ihren Gütern aus direct, ohne mit uns zusammen zu
-treffen; sie gedenken zum Erntefest hier auf Aalholm uns zu besuchen,«
-sagte Annette. Die arme Gräfin wurde noch ein wenig bleicher als sie
-gewesen, Christian hatte ihr von all diesen Veränderungen seiner Pläne
-nichts gesagt!
-
- * * * * *
-
-Helene sah sie sorglich an, »Christian,« sagte sie, »hat erst gestern
-Abend die Briefe erhalten, er ist mit dem Inspector nach Engholm; Du
-weißt, heute Morgen hat er eine Kiste Bücher bekommen, und vermuthlich
-über die Geistesverwandten die Brüder vergessen!« -- Schmeichelnd
-streichelte sie die zitternde Hand, welche von der Schulter
-herabgeglitten jetzt in der ihren lag. »Oder mich!« -- seufzte Eva,
-unhörbar leise.
-
-Ein Männertritt erklang über den Kies der Gartenwege; während des
-kurzen Gesprächs war nun, doch von Helene nicht unbemerkt, Thorald am
-Pavillon vorbei und durch die kleine Gartenpforte hereingekommen; er
-trat, sich entschuldigend, daß er nicht angemeldet, zu den Damen. --
-
-Er mochte Helenen früher auf diese Weise allein angetroffen haben,
-denn Beide waren sichtlich verlegen, und die andern Schwestern
-flüsterten sich etwas zu: Annette zuckte lächelnd die Achseln. Die
-Gräfin blieb verstimmt und wurde mit jedem Augenblicke trauriger.
-Das Gespräch drehte sich um die Politik des Auslandes und die damals
-noch wie elektrisch auf die Gemüther rückwirkenden Nachrichten aus
-Frankreich. Thoralds Aufenthalt als Künstler in Italien, auf dem so
-vielfach erschütterten Boden, in der von tausend Freiheitsträumen
-und Kriegsereignissen bewegten Zeit, hatte für die Frauen etwas
-Fabelhaftes, das ihn wie mit einer Aureola umwob.
-
-Endlich kam auch Graf Christian; eine edle Erscheinung. Er ging ein
-wenig vorn übergebogen aus übler Angewöhnung; richtete er in irgend
-einer Geistes- oder Gemüthsanregung sich auf, so gewann seine Gestalt
-etwas Ritterliches, das an Majestät grenzte. Seine Züge hatten eine
-formelle Strenge angenommen, die nicht mit physischer Kraft gepaart,
-fast unnatürlich erschien; die schmale kleine Hand und die dünnen
-Knöchel derselben verriethen sogar eine körperliche Schwäche, die
-jedoch nicht ohne Anmuth hervortrat. Ohne unbeholfen sich zu zeigen,
-war der Graf leicht, selbst im engsten Familienkreise verlegen, seine
-etwas ungelenke Vornehmigkeit und der seinen Tagen anhangende Mangel
-einer vollendeten Erziehung, welche überall Sicherheit gewährt,
-trugen Schuld daran. Unendlich schön waren seine dunkelgrauen Augen;
-sie hatten einen wunderbaren Reiz, den man sich nicht zu erklären
-vermochte, denn sie belebten sich selten; eine Art schwermüthiger
-Düsterheit war in ihm allmälig zu der stillen Beschaulichkeit geworden,
-die ihn fast zum Gelehrten stempelte. Fünfzehn Jahre hindurch hatte
-er in einem jütländischen Dorfe gelebt, und war auch dort ein Träumer
-geblieben, den nur momentane Noth zum Handeln zwang, den selbst die
-Beschränkung der Armuth nicht zum praktischen Menschen auszubilden
-vermochte. Er war zeitgemäß elegant gekleidet, hatte feine Wäsche und
-ungepudertes Haar, überhaupt aber eine gewisse Zierlichkeit, welche
-gegen die Derbheit seiner Gutsnachbarn abstach.
-
-Im Eintreten fiel sein Blick auf den Maler, seine Stirn umwölkte sich.
-
-Thorald unterhielt die Damen voller Laune und Gewandtheit, kaum
-unterbrach des Hausherrn Ankunft das Gespräch, denn die Mädchen
-dürsteten in ihrer Abgeschiedenheit nach überseeischen Neuigkeiten;
-Besuche waren bei der Unfahrbarkeit der Wege selten.
-
-Als Thorald endlich neben Helenen einen unbemerkten Augenblick gewann,
-flüsterte er ihr die Bitte zu, wo möglich sein nun aufgestelltes morgen
-zu vollendendes Bild vor dem Sonntagsgottesdienste in der Kirche zu
-sehen. Glühend vor innerer Lust und in gegenseitig sie überwältigender
-Leidenschaft ganz versunken standen Beide vor einander, ihn steigerte
-ein stolzes Selbstgefühl, sie berauschte der Gedanke an seinen
-künftigen Ruhm; denn selten nur kamen Künstler auf die stille Insel.
-Der nur von Ackerbau lebende Laaländer vermag sie nicht herzulocken!
-Seit Menschengedenken hatte man keinen Maler in Nysted gesehen, und
-die beiden schönen Gemälde der alten Kirche dankten ihr Entstehen
-katholischen Donatoren, und gehörten weit früheren Jahrhunderten an.
-
-»Graf Brahe Trollenburg« meldete ein vierschrötiger Diener, welcher
-trotz seiner Livrée einem deutschen Großknecht nicht unähnlich sah
--- Fräulein Annette erröthete zur Rose! -- Der reiche Gutsbesitzer
-aus Seeland war ihr nicht fremd! Während ihres Winteraufenthaltes
-in der Residenz, so kurz er gewesen, hatte sich in dem jungen Manne
-eine dauerndere Empfänglichkeit für des Laaländer Fräuleins Reize
-erzeugt, als den Copenhager Damen billig schien. Der Graf war reich
-und eine vortreffliche Partie. Er war nach Aalholm gekommen, um das
-Herzensterrain seiner Schönen zu sondiren und im Ehestandshafen zu
-ankern.
-
-An der Art, mit welcher Graf Christian ihn bewillkommnete, erst seiner
-Gemahlin vorstellte und ihn dann seinen Schwestern zuführte, errieth
-Thorald sogleich den künftigen Schwager, -- eine unaussprechliche
-Beklommenheit bemächtigte sich seiner, die eben noch so fließenden
-Erzählungen aus Italien stockten, des Hofmanns Gegenwart drückte ihn
-zurück in den Schatten. Es war bei dem sehr abgeglätteten Tone des
-Trollenburg nicht leicht zu durchschauen, welcher der drei Damen die
-Bewerbung des vor kurzem Majoratsherr Gewordnen gelte -- es drückte
-dem Maler fast das Herz ab; in verzweifelnder Stimmung verließ er die
-Gesellschaft, man machte keinen Versuch ihn zurück zu halten; trostlos
-kehrte er zu dem Städtchen zurück.
-
-Unweit des Thores begegnete ihm Johanna, sie hatte den Leuten auf dem
-Felde ihr Vesperbrot gebracht, und trug eine Menge Geräthschaften und
-einen großen schweren Wasserkrug heim. Sie näherte sich Thorald, um
-ihn zu fragen, ob er in die Kirche verlange, der Vater sei auf der
-Feldarbeit mit dem Knecht; sie hätten's eilig, denn morgen sei an ihnen
-die Frohnfuhre, der Acker aber erst halb bestellt.
-
-»Frohndienst? Ihr als Bürger? unmöglich!«
-
-»Doch, lieber Herr, wir haben von Alters her Land in Pacht vom Herrn
-Grafen; obschon wir eines Theils losgekaufte Bauern sind, stehen wir
-ihm noch in Frohn und Zehnten. Der Herr aber ist glimpflich, allein
-der Vogt! Erbarme sich Gott! Ehmals, da wir Leibeigne waren, mag es
-noch schlimmer hergegangen sein; Großvater hat uns oft geklagt, wie
-die Verwalter zu seiner Zeit den Bauern geschunden! Wie er in der
-Kornschatzung nicht nur gehäuftes Maß, sondern noch eine Zugabe für's
-Schwinden oder Senken habe liefern müssen -- wie nicht nur bloß die
-armen Gäule ihm zur Ackerfrohne eingespannt wurden, o nein, wie sie zum
-eignen Dienste jedes Knechtes, jeder Magd des Herrnhofes bereit sein
-mußten; konnte doch damals nicht einmal der Hundejunge zu Fuße durch
-das Moor, stand gleich der Bauer bis zum Knöchel d'rin, und watete
-selbst schwerbelastet neben seinem Vieh, um das Getreide zur Mühle zu
-fahren, den Sand vom Strande zu holen für den Vogt -- o lieber Herr! es
-war eine harte, schwere Zeit! Selbst unsre liebe Gräfin weiß ein Lied
-von ihr zu singen; helf' ihr Gott! und sie ist doch uns Allen eine so
-gnädige Herrschaft!«
-
-So unbequem Thorald die Anrede der Dirne empfunden, so ganz verloren
-ihr frischer Reiz dem Jüngling gegenüber blieb, so blitzstrahlartig
-traf ihn dieses Wort. »Was meinst Du, Mädchen?« fragte er harsch ihren
-Arm ergreifend, »was soll das heißen?«
-
-»O nichts für ungut, lieber Herr, verzeiht! Ihr wißt ja selber wohl,
-daß unsre Gräfin die Tochter des Peter Owens ist, der den großen Hof
-zu Engbolle in Pacht hat; es ist freilich nicht gut davon reden, die
-gnädige Herrschaft hört's nicht gern; aber Ihr, was geht es Euch an!
-da droben zu Aalholm, ja, das ist etwas anders, ein Jeder sagt, es sei
-ein Nagel zum Sarg des Hochseeligen gewesen und geblieben!« Sie hob
-den Krug, den sie neben sich auf einen Stein gestellt, mühsam auf,
-um weiter zu gehen, Thorald stand ihr freundlich bei -- »was hast Du
-denn da?« fragte er zerstreut, all seine Gedanken waren noch bei ihrer
-Erzählung. --
-
-»Wasser vom Bärenborn für Fräulein Helene.«
-
-»Seit wann thust denn Du Schloßdienste?«
-
-»Ei im Schloß bin ich wohl selten genug! Aber das Fräulein wäscht sich
-nur mit dem Bärenborn, und wir Töchter der Frohn- und Festebauern
-müssen ihr Reihe herum das Wasser holen. Es ist freilich ein wenig
-weit,« setzte sie hinzu, indem sie mit dem Schürzenzipfel die Stirne
-trocknete, »es sind wohl anderthalb Stunden Wegs von uns aus dorthin,
-darum hat mir's warm gemacht!« --
-
-»Aber wer hat Euch denn befohlen das Wasser zu holen?«
-
-»Wer anders als der Vogt? die Herrschaft weiß wohl kaum davon! Er ist
-es noch von Alters her gewohnt, die Bauern zu Paaren zu treiben! Die
-Alten sind alle so; macht es doch unserer Gräfin Vater nicht besser!
-Der nimmt das Joch aus Gewohnheit selbst über den Nacken! Nun, kommt's
-nicht arg, fügt man sich schon.«
-
-Lustig schritt sie mit ihrem Kruge weiter.
-
-Die Gräfin eines Pachters -- Peter Owens Kind? +Das+ also ist die
-unsichtbare dunkle Last, an welcher das arme Weib so schwer trägt?
-ihr Großvater Leibeigener, der Vater Frohnpflichtiger, wenn auch wohl
-längst abgekaufter Bauer -- und sie die Gutsherrschaft -- die +Gräfin+!
-Also da sind wir +noch+? seufzte der junge Mann. O wahr, trotz den
-Bestrebungen der Edelsten unseres Volks, trotz Moltke, Reventlov und
-Colbiornsen +noch+ nicht weiter? Wie unsäglich langsam reift die Saat
-des Guten -- bedarf sie denn wirklich des blutgetränkten Bodens? --
-
-In Italien und Frankreich, die er durchreis't, standen damals Bildung
-und Volksgesinnung auf einem so andern Höhepunkte. Napoleon hatte eben
-Italien unterjocht, indem er es republikanisirte; es war ein Lichtblick
-seines gewaltigen Lebens, -- die vorangegangenen Uebertreibungen der
-Schreckenszeit hoben die Gegenwart glänzender hervor; Jeder wollte dort
-wenigstens einen Theil der ihr entströmenden Freiheit für seine oder
-seiner Kinder Existenz, während im Norden die Meisten vor dem Gedanken
-an die ihr gefallenen Opfer zurückbebten, und deren Vollgewinn in
-seiner damaligen Form kaum angenommen haben würden, hätte er sich ihnen
-geboten.
-
-Anders freilich dachte und fühlte die Jugend, ihr war der Blutsaum
-des Gewandes der Freiheit Morgenröthe geblieben. Der gestörte Zustand
-der aus ihren Angeln gerissenen Maschine, die wir Bürgerlichkeit
-nennen, erschien ihr minder grell und qualvoll, als den Alten, welche
-der verarmten Familienväter, der kinderlos gewordnen Mütter, der
-Gattinnen, die ihr Theuerstes auf der Guillotine verloren, gedachten.
--- Frankreichs glänzende Redner hatten auch in Dänemark den heißen
-Durst nach einer nie empfundenen Gleichheit der Stände erweckt,
-versprach er doch dem edlern Individuum den unermeßlichen Reichthum
-einer vollständigen Entfaltung, den der innerlich Hochbegabte am
-schmerzlichsten entbehrt, und heißer ersehnt, als der Bettler das
-materielle Gut des Vornehmen.
-
-Dem rohen Rausch vernichtender, zerstörender Bestialität des
-französischen Pöbels lag eigentlich das nämliche Gefühl zu Grunde,
-das hier und da den Schwärmer verleitete: eine Ueberschätzung seiner
-selbst. Umsonst haben tausendjährige Erfahrungen uns die Lehre
-wiederholt, daß dem +wirklich+ bedeutenden Menschen, dem Genie, der
-vollständigen Geisteskraft weder äußere Verhältnisse, noch irgend eine
-andre Zeitgewalt hemmende Fesseln anzulegen vermögen; für die Meisten
-sind der obscure Mönch Luther, der Schiffsjunge Peter von Rußland, und
-der uns viel näher stehende Napoleon Bonaparte keine Beispiele.
-
-Ist nun dem Menschenherzen so natürlich, im angeborenen Streben nach
-Glück den größten Maßstab für die eigenen Forderungen zu wählen,
-ohne sie mit den eigenen Leistungen irgend in ein Gleichgewicht zu
-bringen, um wie viel edler erscheinen jene seltenen Naturen, die
-ohne persönliches Bedürfen, unter günstigen Verhältnissen, nur für
-die Menge fordern und, ihre Nation vertretend, sich selbst aufopfern
-für ein allgemeines Wohl! Fast alle wahren Wohlthäter der Menschheit
-haben jedoch nicht bloß gewaltig, sondern eben so mild als besonnen
-gehandelt. Sie sind Sterne gewesen, welche nicht nur das Dunkel
-des Augenblicks durchleuchteten, sondern in jeder Nacht von neuem
-auftauchten und hinter den sie bergenden Wolken fortschimmerten, bis
-ihr Strahl sie zu durchbrechen vermochte.
-
- * * * * *
-
-Die Namen der hochherzigen Männer, welche unter Friedrich ~V.~ und
-Christian ~VII.~ es unternahmen, Dänemarks Bauern allmälig Freiheit
-und Wohlstand zu bereiten, werden nie in seiner Geschichte verklingen,
-so langsam auch ihr oft unterbrochenes Werk vorwärts schritt, ihre
-Beharrlichkeit brachte sie an das Ziel. --
-
-Wie aber die Natur den festen Eichenwald gern mit Vögeln und
-Schmetterlingen durchjauchzt und belebt, so stehen immer zwischen
-solchen ernsten, tiefen Charakteren, aus deren Reichthum Tausende ihren
-kurzen Lebensfaden spinnen, leichte harmlose Wesen, welche gern überall
-das Schönste und Beste fördern möchten, es auch manchmal zu erfassen,
-in der Regel aber +nie+ es festzuhalten vermögen.
-
-Dieser höchst nothwendigen Mehrzahl der Menschen, welche das
-eigentliche Element gesellschaftlicher Verbindungen ausmachen, werden
-allerdings nur die ihnen durch Geburt, Reichthum oder Zufall gegebenen
-Verhältnisse zum äußern Halt, daher die vielen Klagen über verfehlte
-Existenz und gehemmtes Talent. Ich glaube aber, daß wir kein einziges
-Beispiel haben, daß die ganze Gesellschaftswelt, in Bausch und Bogen
-genommen, je im Stande gewesen ist, den Außerordentlichen zu hemmen,
-das gesunde Genie zu zerstören! --
-
-Thorald fand den Gang der Umstände zu langsam; ihn drängte eine innere
-Unruhe zum Handeln; in Napoleon sah er den Retter der Welt. »Der
-Schneckenlauf der Bildung meines Vaterlandes,« sagte er, »beut mir nur
-Kränkung und Lähmung meines Talents. Die Schwere veralteter Vorurtheile
-legt sich auf jede Hoffnung! Auch in Copenhagen schreitet die Kunst
-nur unter dem Schutz des Fabrikwesens vorwärts. In Frankreich, in
-Italien entfaltet eine kräftigere Hand das Panier der Freiheit! Die
-ihr gefallenen Opfer schlummern unter der grünen Rasenhülle, lebt noch
-irgend etwas von ihnen weiter in jener unendlichen Himmelsbläue voll
-unbekannter Welten, so ist dort das hienieden Unvermeidliche längst
-verziehen. Uns bleibt die Sorge, es nicht unnütz erscheinen zu lassen,
-den mit Feuer und Schwert bearbeiteten Acker zu besäen! Der Verlust,
-den Tausende beweinen, muß zum Glücke Tausender erblühen. Auch ich kann
-nur dort mir ein Loos erschaffen, das Helenen anzubieten würdig.«
-
-Wenn sie aber mit Dir entflöhe! so dachte er in andern Momenten; allein
-wie sie erhalten, durch welche Mittel, -- ob sie reich ist? -- Ihm war
-die Frage nie eingefallen, er war zu sorglos dazu. Auch galten in
-Dänemark damals noch die Majorate und fast alle Töchter hochadliger
-Familien standen in dieser Hinsicht einander gleich. So schob er gern
-den Gedanken zurück, von Helenens Gelde zu leben, alles Andere wollte
-er ihr danken. Wenn er aber an Heirath dachte, -- und seit drei Wochen
-that er es stündlich, -- so schwebte ihm allemal ein Verhältniß vor,
-als Hofmaler, als bevorzugter Künstler in einer königlichen Residenz.
--- Dann durfte sein Ruhm neben der Geliebten Adel sich stellen; auf
-die aller natürlichste Weise vergaß Thorald seine republikanischen
-Gesinnungen und daß er eben in der Nysteder Kirche sein +erstes+
-historisches Gemälde aufstellte!
-
-Seine Arbeit vergaß er indessen doch nicht; kaum war der erste
-Sonnenstrahl erwacht, so saß er auf seinem Gerüste vor dem Altarblatte;
-was ihm überhaupt zu thun möglich, war bald gethan. Er saß noch oben,
-als die angelehnte Thür leise in ihren Angeln sich drehte, und Helene
-von ihrer Kammerjungfer begleitet in die Kirche trat; sie hatte
-Commissionen im Städtchen gemacht, die offene Thür bemerkt, und so
-war ihr plötzlich eingefallen, einen Augenblick einzutreten. -- Der
-überglückliche Künstler sprang zu ihr hinab, das Gerüst ward mit
-zitternden Händen zur Seite geschoben, -- großer Gott! auf dem Altar
-stand ihr Bild! Daß er sie als eine der Frauen dargestellt, welche
-die zusammensinkende Mutter unseres Herrn unterstützen, hatte an sich
-nichts den ernsten protestantischen Sinn Verletzendes -- und wie ein
-Strom stürzte der Jubel ihr in's Herz!
-
- * * * * *
-
-Thorald dagegen stand mit gesenktem Blicke bebend ihr zur Seite, eine
-tödtliche Blässe hatte seine Züge überdeckt -- er wagte nicht sie
-anzusehen. Endlich war der Zustand nicht mehr zu ertragen: er schlug
-die Augen auf -- Gott sei Dank, daß es eine Zeit im Menschenleben
-giebt, in welcher man keiner Worte bedarf, sich alles Nöthige zu sagen!
-»Aber,« fuhr sie fort, nachdem er in ihrem Antlitz gelesen, was er zur
-Beseligung des Augenblickes bedurfte, »was wird mein Bruder, was werden
-Bürger und Bauern sagen? ich bin es freilich nicht, denn die Maria
-Jacoba ist ja viel tausendmal schöner als ich, dennoch --«
-
-»Helene! kann ich für die unbewußte Schuld? Des alten Küsters Tochter
-Johanna war die erste, welche mir es aussprach; ich wollte sogar
-diese mir aus dem Tiefsten meines Innern entquollene Aehnlichkeit
-zerstören, aber mir bebte die Hand, wie bei einer verruchten That, ich
-vermochte es nicht.« Heißer erröthete das Mädchen, heftiger schlugen
-des Künstlers Pulse: vor dem Altar sprachen sich Beider Herzen aus. Dem
-voltairisirenden Jüngling, der eben noch mit den Jacobinern zur »Göttin
-der Vernunft« geschworen hätte, trat die Liebe sanft, voll religiöser
-Empfindungen, wie ein ihn heiligender Glaube in die unruhige Seele, und
-schuf sie um zum Tempel des innigsten, frömmsten Gefühls.
-
-Noch schwelgten die Liebenden im Anschauen ihres gegenseitigen Glücks,
-ohne im mindesten der Erde und ihrer conventionellen Bedingungen
-zu gedenken, als wiederum die Kirchenthür in ihren schweren Angeln
-dröhnte, diesmal aber heftig aufgerissen ward. »Der Herr Graf,« sagte
-das im Hintergrund vergessene Kammermädchen, »der Herr Graf.« Zum
-Glück war sie eine Copenhagerin!
-
- * * * * *
-
-Graf Christian prallte zurück, als er das erglühte, bebende Paar in
-traulichem Beisammensein vor dem Altar erblickte; aber sein Gesicht
-nahm den Ausdruck des wüthensten Zornes an, als er die Aehnlichkeit mit
-seiner Schwester gewahrte, die momentan noch auffallender erschien,
-weil Helene zufällig mit aufwärts gewandtem Haupte zu Thorald in die
-Höhe sah, wie auf dem Bilde die Maria Jacoba zur Mutter Gottes.
-
- * * * * *
-
-»Herr! was soll das?« polterte der kaum seiner selbst Mächtige und
-dennoch innerlich Verlegene. Mit jedem Wort steigerte er sich mehr und
-mehr, um seiner Stimme Herr zu werden, »Sie haben sich erlaubt, die
-Ihnen von mir und meiner Familie aufgetragene Arbeit zu mißbrauchen,
-die Züge eines Fräulein von Gejern, wie die eines Modells zu einer
-Figur Ihres Gemäldes zu benutzen! Sind Sie von Sinnen, auf diese Weise
-einen im ganzen Reich geachteten Namen zu prostituiren? Das Gemälde
-muß fort von hier, oder die Züge dieser Martha -- oder wie sie heißt,
-müssen verändert werden.«
-
-»Herr Graf, diese Aehnlichkeit ist weder einem der mir aufgetragenen
-Familienportraits gestohlen, -- mein Altarblatt ist weit früher gemalt
-als jene, -- noch habe ich die Comtesse wie ein Modell zu behandeln
-gewagt. Wenngleich eine zufällige Aehnlichkeit die Züge meiner Jacoba
-verschönt, so liegt darin nichts Entwürdigendes. Meine Kunst ist
-heiligend, nicht befleckend! Rafael, Domenichino, del Sarto haben
-alle Großen ihrer Zeit, den Papst, die Fürsten, die edlen Frauen aus
-königlichen Geschlechtern auf ihren Gemälden verewigt. Wenn aus ihren
-Worten eine gewisse Unkenntniß dieser Umstände hervortritt, so muß ich
-dennoch anerkennen, daß Sie in andern gelehrten Fächern so Bedeutendes
-leisten, daß Ihnen für die Kunstgeschichte keine Zeit blieb -- gewiß
-würden Sie in Frankreich oder Italien --«
-
-»Unsinn! Unsinn! Wir sind Protestanten, Herr Eynerssen, verstehen
-Sie das? ganze Protestanten, keine Halbkatholiken, keine Deïsten,
-sondern Lutheraner! -- schon +das+ ändert unsere Verhältnisse! Wir
-sind Dänen! das ändert unsere Ansichten des Schicklichen; was in
-diesem Augenblicke in Frankreich und Italien, als die mit dem Blute
-des Adels gedüngte Frucht höherer Bildung gilt, vergeben Sie -- kann
-ich als dänischer Graf weder ehren noch anerkennen! Da ich mir aber
-erlaube, über meine vaterländischen Zustände und die bei uns längst
-festgestellten gesellschaftlichen Formen selbständig zu urtheilen, so
-bitte ich Dich,« -- fuhr er gegen das Fräulein gewandt fort -- »um
-Deinen Arm, um Dich zur Kutsche zu geleiten. Läßt Du mir da die neuen
-Mecklenburger Rappen zwei Stunden an der Sonnengluth stehen, daß sie
-die Hufe sich zerschlagen! Ich werde mir das Weitere in Bezug auf Sie,
-Herr Eynerssen, und auf die Maria Jacoba vorbehalten. Für jetzt ersuche
-ich Sie nur auf das Bestimmteste und Höflichste, es zu machen, wie Ihre
-Kunstvorfahren mehr als einmal gethan: durch einige wohlberechnete
-Pinselstriche, die, wie sie mich versichern, Comtesse Gejer ganz wider
-Ihren Willen zur Jacoba stempelnde Aehnlichkeit zu +vernichten+, und
-werde ich ferner stehenden Fußes mir erlauben, den Herrn Magistrat zu
-benachrichtigen, daß einige nöthige Retouchen die Enthüllung Ihres
-Altarblattes am Johannisfeste unmöglich machen und selbige um ein
-paar Tage hinausschieben; es sei denn, daß Sie mit diesen Aenderungen
-sogleich --«
-
-»+Ich+ könnte mir vor Allem erlauben Ihnen zu bemerken, Herr Graf, daß
-ich vollkommen mündig und erfahren genug bin, dem Magistrat selbst
-vorzutragen, was ich für nöthig erachte« -- --
-
-In Todesangst blickte Helene, hinter dem Grafen halb verborgen, zum
-Geliebten hinüber, noch ein Wort und der Bruch war unvermeidlich,
-unheilbar! --
-
-»Ich erlaube mir aber nur als Künstler zu antworten, daß es zu dieser
-Aenderung +zu spät+ ist,« fuhr Thorald fort, »mein Bild ist seit
-mehreren Tagen vollendet, ich habe sogar eben einen ersten leichten
-Firniß darüber gezogen; Ew. Gnaden Kunstsinn und Geschmack werden Ihnen
-die Ueberzeugung davon geben, wenn Sie es einer nähern Betrachtung
-würdigen.«
-
-Aber Geschmack und Kunstsinn des Grafen reichten keineswegs an die
-strenge Ansicht desselben in Betreff der Frauen-Ehre, deren Zartheit
-in seinen Augen jeder Hauch zu trüben vermochte; sie reichten eben so
-wenig an das beleidigte Gefühl seines Adelstolzes. Auf's schmerzlichste
-erregt, war jetzt Graf Christian jeder Verlegenheit, aber auch jeder
-Schonung bloß, -- Wort um Wort flogen in immer verletzenderer Schnelle
-hin und wider, Christian vergaß sich endlich so weit, den Maler daran
-zu erinnern, daß er, außer der Verwendung des Bischofs zu Roeskilde,
-seiner eigenen Vermittlung die Bestellung des Altarblattes zu danken
-habe.
-
-An dieser unseligen Mahnung brachen des Jünglings Fassung und alle
-Vorsätze seiner Liebe. Seine Künstlereitelkeit war zu peinlich
-verletzt. Mit mehr Hochmuth als Stolz erklärte er die ganze Arbeit in
-Nysted für eine bloße Probe, die er mit seinem eigenen Talent gemacht,
-welche aber von dem kleinen Städtchen einer unbedeutenden dänischen
-Insel aus, keineswegs ihm als Kunstwerk großen Ruf zu erwerben
-geeignet sei. Von Copenhagen her könne es allein ihm gelingen, sich
-in der Welt Bahn zu brechen; nur vom Königshofe stehe zu erwarten,
-daß etwas wirklich Förderndes für seine Kunst geschähe. Unglücklicher
-Weise setzte er dabei den ganzen langsamen Bildungsgang Dänemarks in
-ein höchst ungünstiges Licht, und vergaß der ungeheuren Opfer, welche
-gerade jene Zeit dem höhern Adel auferlegte; denn der junge Maler
-kannte die blutige Geschichte Frankreichs in ihrer grellen Buntheit
-besser, als die des eigenen Vaterlandes.
-
-Graf Christian dagegen war mit dem tiefaufgewühlten Boden vertraut,
-dem er Schätze der Erkenntniß entrungen, in welchem er zahllose
-Leichen seiner Jugendhoffnungen und manch' schmerzliches Verleugnen
-seines Familienstolzes geborgen. Die Wahrheiten, die er auf demselben
-angebaut, hatten längst Frucht getragen. Unpraktisch im kleinen
-Thun des täglichen Lebens, ungeschickt wie ein Kind in Handhabung
-des Zufalls und seiner flüchtigen Gunst, wenn es seine eigne
-Persönlichkeit galt, war er in Bezug auf Staatsverhältnisse fest und
-klar. Als Theoretiker schloß er sich den bedeutendsten Reformatoren
-der Bauernsache an, als Individuum hatte er in Ausübung des einmal
-Angenommenen nie das Billige verweigert. Ordnung und Freiheit
-waren ihm gleichbedeutend, er selbst hatte auf Laaland die ersten
-Schritte zu Lösung des Leibzwangs und des Gemeinbesitzes gethan,
-ja, zuerst Erbpacht auf seiner Herrschaft gewährt, aber daß er es
-gethan, verlangte er anerkannt zu sehen. +Nie+ war ihm eingefallen,
-seinem Range dabei etwas vergeben zu können, oder die gewährten
-+Menschenrechte+ als Aufhebung der seines +Adels+ anzusehen. So empfand
-er auch Thoralds Nichtbeachten des für ihn Geschehenen als schwarzen
-Undank, ja als Gemeinheit und Frechheit.
-
-Sehr trocken fragte er den Maler, ob er von seiner Stelle aus, ohne
-Unterstützung des Adels, am Hofe Zutritt zu erlangen erwarte? Ob ihm
-das verwandtschaftliche Verhältniß zwischen seiner und des Bischofs
-Familie unbekannt sei, daß er auf die ihm in Bezug auf Comtesse Gejer
-eben mitgetheilten Bemerkungen so gar nicht achte, als müßten dieselben
-nicht in jenem Hause ihr Echo finden?
-
-Es legte sich eine Art Geringschätzung in Ton und Haltung des Grafen,
-die für Thorald unerträglich war. Als Christian seine durchaus
-verletzende Rede mit dem übermüthigen Rathe schloß, lieber bei dem
-macht- und geldlosen Adel der französischen Emigranten, oder bei den
-Jacobinern die rasche Erfüllung seiner hochfahrenden Pläne zu suchen,
-brach Helene in Thränen aus; alle Rücksicht gegen den Bruder vergessend
-stürzte sie auf den Künstler zu, und beschwor ihn auf's zärtlichste,
-sogleich die Kirche zu verlassen, diese Unwürdigkeiten nicht länger
-anzuhören, das Unstatthafte in Christians Betragen um ihretwillen zu
-verzeihen.
-
-Erschreckt starrte der Graf die Schwester an, das Unpassende des ganzen
-Auftritts fiel mit Zentnerschwere auf ihn und lähmte ihm die Gedanken;
-in peinlicher Verlegenheit riß er den Arm des Mädchens an sich und
-führte sie fast gewaltsam zum Wagen. Er war zu tief verletzt, um sich
-weiter auszusprechen, -- als das Zöfchen aber Miene machte, zu Fuß zu
-gehen, winkte er ihr peremptorisch zu, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen.
-
-Zu Haus angelangt, geleitete er Helenen bis in ihr Zimmer, an der Thür
-desselben ergriff er heftig des Kammermädchens Arm. »Ein anständiger
-Dienstbote mischt sich nicht in seiner Herrschaft Angelegenheiten, und
-wo ihm der Zufall etwas offenbart, daß ihn nichts angeht, hält er das
-Maul! Verstanden Jungfer?«
-
-Marie küßte schweigend dem Grafen die Hand, verbeugte sich demuthsvoll
-und folgte ihrem Fräulein, und so groß war des Gebietenden Gewalt,
-daß sie auch draußen bloß durch Seufzer dem sie drückenden Geheimniß
-Luft gab. Graf Christian aber zog sich stumm in seine eigenen Gemächer
-zurück und erschien erst Mittags, um dem Brahe Trollenburg bei Tische
-die Honneurs zu machen.
-
-Aufschreiend in wildem Schmerz, warf sich der allein in der Kirche
-zurückgebliebene Thorald auf die Stufen des Altars nieder. Was er
-selbst zuerst als nothwendig und schicklich empfunden, erschien ihm
-nun maßlose Tyrannei. War ihm früher Helene theuer gewesen, so hatte
-jetzt ihr Selbstvergessen um seines, des armen Künstlers willen,
-dem hochmüthigen Bruder gegenüber, seine Neigung zur heftigsten
-Leidenschaft erhöht. -- Mit anbetender Inbrunst blickte er auf das
-Bild, das ihr Antlitz ihm vergegenwärtigte -- etwas an demselben
-zu ändern war zum Sacrilegium geworden, aber nun wollte er es gar
-nicht mehr der Kirche lassen, er wollte es mit sich fortnehmen, nach
-Deutschland oder Frankreich. -- In wüsten, undeutlichen Träumen verging
-ihm der Tag. --
-
-Es war gegen Abend; die Sonnenstrahlen durchbohrten mit langen gelben
-Streiflichtern die schmalen Bogenfenster, und streiften die mit grauem
-Sandstein umränderten Gewölbbogen; an den hohen Pfeilerbündeln, an
-den Seitenchören hin, am Metall des Altarkreuzes, an den messingenen
-Leuchtern spielten hell aufblitzende Lichtpunkte -- draußen wurde es
-allmälig still; die Leute kehrten von der Landarbeit heim. Langsam
-verstummend sank die gelbrothe Sonnenscheibe zurück in ihr von Nebeln
-umflortes Meeresbett.
-
-Noch immer lag Thorald regungslos, mit sich selber uneins an derselben
-Stelle. Eine kleine weiche Hand faßte, ihn aufrüttelnd, seine Schulter.
-»Lieber Herr! Ihr seid gewiß erkrankt! Hättet ihr nur laut gerufen,
-ich habe vor der Hausthüre mein Garn geweift, ich hätte Euch sicher
-vernommen. Es hat sich keiner hieher in die dunkle Kirche getraut. Als
-aber der Vater heimkam zum Abendbrot und die offne Thüre gewahrte,
-Herr Je! hat er mich gescholten! Ich glaubte Euch nun fort und des
-Zuschließens vergessen. -- Kommt, steht auf, ich stütze Euch, kommt
-mit nach Hause! dann koche ich Euch Lindenblüthenthee, das wärmt; die
-alte Halle ist so eisig kalt! Könnt Ihr Euch aufrichten? O mein Gott!
-bald hätt' ich's vergessen: auch einen Brief habe ich an Euch, von
-Schloß Aalholm; der Gänsebub' hat ihn gebracht -- aber was ist Euch?
-Wo wollt Ihr denn hin? Herr Eynerssen! Herr Thorald! Wartet doch!« --
-Johanna hatte gut rufen und schelten: Thorald, der Helenens Handschrift
-erkannt, stürzte plötzlich wie von Feuersgluth durchströmt fort,
-ohne auf sie zu hören, um in abgeschlossener Stille, fern von jedem
-störenden Menschenblick, das verhängnißvolle Blatt zu lesen.
-
-
-Erst nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen und Jeder auf sein
-Zimmer sich zurückgezogen, trat Graf Christian bei Helenen ein. --
-Finster, mit umwölkter Stirn und zusammengezogenen Brauen, näherte er
-sich dem Mädchen und setzte sich in der Mauervertiefung des Fensters
-ihr gegenüber, in einen altvätrisch geschnitzten Sessel, den er
-vorzüglich gern bei allen Familienmittheilungen einzunehmen pflegte.
-
-Helene war innerlich entschlossen, all sein Thun lächerlich zu finden,
-sie hatte sich mit Uebermuth und Unverletzbarkeit gerüstet, und bot ihm
-ruhig die heitre Stirn.
-
-Ehe aber noch der etwas Verlegene den Anfang seiner beabsichtigten
-Rede gefunden, begann sie selbst: »Erlaube mir, lieber Christian, uns
-beiden ein Wort Verschwendung zu sparen. Deine Absicht ist, mir mein
-Betragen in der Kirche, Herrn Eynerssen gegenüber vorzuhalten und mich
-zu fragen: ob ich um die Dich so scharf verletzende Aehnlichkeit meiner
-Züge mit denen einer seiner heiligen Frauen gewußt -- oder gar sie
-gebilligt. Beides kann ich verneinen; ich hatte keine Ahnung davon, ehe
-ich die Kirche betrat. Das Uebrige aber läßt sich mit einem einzigen
-Worte abthun: ich +liebe+ Thorald Eynerssen!«
-
-Christian ward bleich; auch er hatte in seiner Jugend empfunden, wie
-jetzt Helene! er fühlte, daß sie festen Willens auf den Ereignissen
-seines früheren Lebens fuße; ein schneidendes Weh trat ihm an's Herz,
-und riß gespenstisch all die Leichen längst abgestorbener Schmerzen
-an's Licht. Seine frühe Heirath mit der Tochter eines Feste-Bauers,
-dem sein Vater, Graf Thugge, die Freiheit geschenkt, hatte ihn elend
-gemacht; sie hatte ihn fünfzehn Jahre lang dem väterlichen Hause
-entfremdet! Der alte Graf hatte den Feste-Bauer zum Pachter eines
-seiner Höfe angenommen -- so hatte die unglückselige Neigung der
-jungen Leute sich entsponnen. Fünfzehn lange Jahre hatte Christian in
-Jütland in tiefster Abgeschlossenheit und drückender Armuth verlebt,
-unerbittlich vom Vater verstoßen -- verflucht! -- Und dieser Vaterfluch
-war seiner liebebedürfenden Seele zu einer sein ganzes Dasein
-überschattenden Wolke geworden, und blieb es, selbst als er endlich des
-Vaters Vergebung gewann! --
-
-In der öden Einsamkeit der rauhen Haide, in Mariager, einem elenden,
-kleinen Städtchen, das dem tief einschneidenden Fiörd durch einen
-kleinen Seehafen seinen Unterhalt abgewinnt, ohne alle gewohnten
-Bequemlichkeiten, ohne irgend eine Lebensgier, sah der Arme seine
-ganze Jugend verstreichen![1] Mit täglichen Geldverlegenheiten um's
-tägliche Brot kämpfend, saß er freund- und freudelos der Gattin allein
-gegenüber: unter Standesgenossen ein Bauer, -- unter Bauern ein
-Bettelgraf! Von Menschen umgeben, deren ganze Industrie sich auf den
-Hausfleiß grober Webereien und Fertigung schwerer Holzschuhe erstreckt,
-blieb er allem Umgang fern. Stolz und verschüchtert zugleich, fand
-seine ohnedies scheue Natur überall Widersprüche, die ihn schmerzten.
-Seine Leidenschaft hatte der Besitz abgekühlt, was an ihr durch äußern
-Widerstand zu phantastisch-schöner Uebertreibung aufgeschossen, wie
-eine Wunderblüthe -- war fruchtlos abgewelkt: seine Ehe war kinderlos
-geblieben. Er liebte seine sanfte treue Gattin, allein in der
-immergleichen unpoetischen Stille ihres Zusammenlebens, traten oft
-Pausen des Verstehens, schmerzliche Lücken ein; der Tag ward lang,
-riesig gedehnt überwuchs ihn der frühbeginnende nordische Abend, das
-Bedürfniß die Zeit auszufüllen machte sich geltend.
-
-Der junge Mann fing an zu lesen, aus Holstein, Schleswig und Copenhagen
-Bücher sich zu verschreiben, eifrig zu studiren, über mühsam errungener
-Kenntniß zu brüten.
-
-Nun vergaß er die Kränkungen der Welt, verschmerzte die Trennung
-von den Seinen -- allein er vergaß auch seine Frau; er versank in
-tiefsinniges Forschen, vergrub sich in Geschichte und Philosophie. --
-Eva erschrak als sie plötzlich entdeckte, daß sie eifersüchtig sei.
-Eifersüchtig! und nicht mehr wie ehemals auf eine schöne Dirne, deren
-Augen Christian gelobt, deren schlanken Leib er im »Fangtanz« fester
-umschlossen -- sondern auf seine von ihr abgewandte Seele, auf seine
-Bücher und Plancharten, um seiner nun ganz von der ihren abgelös'ten
-Existenz willen. O wie lange Tage weinte die arme Eva -- er merkte es
-nicht einmal! wie weinte sie, daß sie nicht klug, nicht unterrichtet
-genug sei für ihren Christian!
-
-Endlich begann sie Unterricht zu suchen, sich eifrig mit Stundennehmen
-abzuquälen, um ihm nachzustreben, ihn wieder verstehen zu lernen.
-Es vergingen viele Monate ehe sie nothdürftig Schreiben und Lesen
-sich angeeignet, -- er aber hatte schon wieder andere Interessen
-gewonnen, trieb jetzt Physik und Astronomie, machte Experimente -- und
-Schulden, um sich vermittelst der Schiffsgelegenheit des kleinen Hafens
-ausländische Schriften und astronomische Instrumente kommen zu lassen.
-Wieder war er ihr in endloser Weite voran! Sie litt sehr! Endlich
-bemerkte er es.
-
--- Das Alles und weit mehr noch glitt mit grausenhafter Geschwindigkeit
-Christians innerem Auge vorüber; als er das leibliche aufschlug, saß
-seine Schwester, den einen Fuß hochgestellt und auf das Knie den Arm
-gestützt, in dessen Hand das rothgeweinte Antlitz ruhte, mit dem
-eigenwillig kecken Ausdruck in den Zügen, den er an sich selber kannte!
-An dem nämlichen Fenster hatte er tausend Mal so gesessen und in
-der nämlichen Stellung starr auf das mondlichte, hochaufwogende Meer
-geschaut, -- wie eben jetzt Helene! --
-
-Denn die kaum minutenlange Pause zwischen ihrer kecken Anrede und des
-Bruders zögernder Antwort, hatte auch ihr das Herz wach gerüttelt;
-die angenommene Heiterkeit war ausgelöscht, der nackte, bittere Trotz
-an deren Stelle getreten. Fest entschlossen für ihr Glück zu kämpfen,
-fühlte sie darum nicht minder den Druck lastender Erinnerung. Auch des
-ihr drohenden harten Widerstandes war sie mit tiefstem Grauen sich
-bewußt -- sah sie doch täglich dem stillen Vergehen ihrer Schwägerin,
-der immer zunehmenden Kälte zwischen den Eheleuten zu, sie mußte
-es sich eingestehen, daß aus Christians eigenen Erfahrungen der
-furchtbarste Feind ihr erwachse.
-
-Auch war der schon bei ihrer Geburt halb Verwais'ten ein entsetzliches
-Bild von des Vaters Zorn gegen Christian geblieben, das mit dem
-seltsamen Lebenswandel des seit ihrer Mutter Tode ganz Vereinsamten
-in Verbindung stand, -- das Urtheil der ganzen Familie betrachtete
-damals den verbannten Sohn wie etwa einen Pestkranken; niemand von
-den Geschwistern, den Vettern und Basen hatte ihn wiedergesehen,
-niemand nannte ohne besondere Nöthigung Christians Namen! die andern
-Brüder, jetzt beide an reiche, wenngleich bürgerliche Frauen vermählt,
-waren damals noch zu jung zum heirathen. Der bloße Gedanke an eine
-Verbindung mit einer kaum dem Leibzwang entrissenen Bauerndirne,
-war ihnen empörend und lächerlich zugleich; mit ausgelassenem Hohn
-erzählten sie einander von einem Vetter des Mädchens, den der Vogt mit
-Peitschenhieben zum zwölfjährigen Soldatendienste gezwungen, eines
-leichten Vergehens halber ihn vom Hof gejagt und unter die Miliz
-gesteckt -- dem Kinde war die Geschichte immer peinlich gewesen.
-Die bösen Buben hatten es dann erst recht geneckt, »wärst +Du+ es,
-Püppchen, und nicht unser Aeltester, wir drehten Dir lieber den Hals
-um, eh' wir die Schande noch einmal erlebten!« »Ja«, sagte lachend der
-Andere, »das wäre auch noch schlimmer, unser Blut adelt das Weib an
-unserer Seite und läßt unsern Söhnen den Namen des Vaters, aber so ein
-Bürgerlümmel machte +sie+ zu seines Gleichen.« Helenchen hatte nicht
-verstanden was sie meinten, aber die Angst hatte ihr Thränen erpreßt.
-
-So saß auch sie sinnend jetzt dem Bruder gegenüber, die dunkle
-Gedankenspindel drehend und abwindend, ohn' Ende -- --
-
-»Helene!« sagte sehr trübe, aber auf edle Weise der Graf, »Du hast
-Elend genug, zu aufgehäuften Massen an einander gedrängt, unter uns
-erlebt; hast Dich groß gesogen daran und stark. Seit ich denken kann,
-geschah das Ungehörige in unserm Hause, zerrieben sich die besten
-Kräfte unseres Stamms umsonst an ihren eigenen Auswüchsen. Ich frage
-Dich also nicht, willst Du den alten, kaum entschlummerten Unfrieden in
-seiner dämonischen, Dir wohlbekannten Gestalt von neuem erwecken -- ich
-warne Dich auch nicht, das Alles wäre umsonst! Denn Du bist eine Gejer!
-Aber sieh in mir Deinen Widersacher. Was +ich+ gegen diesen Zuwachs
-unseres Familienelends zu thun vermag, das erwarte von mir. Kannst Du
-Dich selbst überwinden, so traue mir Liebe, Ausdauer und jedes Opfer
-für Dein Wohl zu. -- Kannst Du es nicht, mußt Du Deinem wilden Sinn
-genügen, nun -- vergieb! so beachte wenigstens Deine Frauenehre, wenn
-die Ehre Deines Namens Dir nichts gilt; wirf Dich nicht weg, auch nicht
-an den Besten! Laufe diesem Abenteurer nicht nach, hänge Dich der
-sich frisch entwickelnden Kraft des Jünglings nicht an, wie eine ihn
-hemmende, sein Talent zerdrückende Last -- hüte Dich, daß der zu seiner
-Qual Vergötterte, Dich nicht mit Füßen trete! Oh! man hat Beispiele
-davon.« -- Mit einem tiefen Seufzer, ohne Helenen weiter anzusehen,
-stand Graf Christian auf und schritt schweigend zur Thür hinaus.
-
-»Er mich nicht lieben? o nein, nein, dann wäre ja gar nichts mehr
-+wahr+ auf der Welt!« Helene barg aufjammernd vor Schmerz das Gesicht
-in beide Hände und schluchzte convulsivisch. -- Endlich sprang sie auf,
-ihr ganzes Wesen trug wieder den Stempel der kühnen Entschlossenheit,
-mit welcher sie vorhin den Bruder empfangen. Sie trat an den Tisch
-und schrieb, obwohl mit zitterndem Herzen, dennoch mit fester Hand an
-Thorald Eynerssen.
-
-»Sie haben Unwürdiges für mich ertragen, Thorald, aber gerade dies
-Ertragen gilt in meinen Augen mehr als eine Heldenthat, denn Sie haben
-Kraft sich zu vertheidigen, und nur um meinetwillen haben Sie geduldig
-die Last auf sich genommen, die Sie hinwerfen konnten; allein sie
-hätte sich zur unübersteiglichen Mauer zwischen uns erhoben, hätten
-Sie meinen Bruder behandelt, wie er es verdiente! Ich danke Ihnen,
-Thorald, mit jedem Hauch meines Daseins. -- Und doch weil ich nun in
-der That, nicht mehr im bloßen Wort den Rückstrahl Ihrer Liebe gesehen,
-muß ich eben um dieser mich beglückenden Liebe willen, ein neues,
-noch schwereres Opfer von Ihnen verlangen. Vielleicht sollte ich in
-mädchenhafter Scheu Sie Schritt vor Schritt errathen lassen, was ich
-so offen Ihnen gestehe, allein wir leben in einer so bewegten Zeit,
-daß auch eines Mädchens Herz von dem sie durchglühenden Muth erfaßt
-und fortgerissen wird aus seinem eigenen heimathlichen Rückhalt! Die
-aufgegangene Freiheitssonne ruft +alle+ Lebenskeime an's Licht -- sogar
-in unsern kalten Norden dringt ihr Strahl. Drückt im Allgemeinen unser
-Volk noch die Kette in der Welt längst als lächerlich abgeschaffter
-Vorurtheile, so ist es gewiß um so mehr an jedem einzelnen
-Freigesinnten, das Band zu brechen, das ihn hemmt, denn Millionen
-einzelner Ringe bilden ja die Fessel, in welcher Dänemark bis zu diesem
-Augenblicke schmachtet. --
-
-In +diesem+ Sinne, Thorald, betrachten Sie mein Thun, ich +will+ und
-+werde+ frei sein, die Banden abstreifen, die mich an diese Scholle
-binden so gut wie den Leibeigenen, dem wir die Freiheit geben, mir
-aber wird Ihre Liebe sie gewähren! Aber um dieses Augenblickes willen,
-welcher unwiderruflich kommen muß, ist jetzt ruhige Besonnenheit
-nöthig, bringen Sie ihr das Opfer des gegenwärtigen Moments: Niemand
-darf ahnen, was wir einander sind, ehe wir beide Laaland hinter uns
-haben, und in Copenhagen (Kjöbenhavn) uns wieder finden! Vernichten
-Sie die mich beseligende Aehnlichkeit auf Ihrem Gemälde, sie verräth
-uns. Wie mein Bruder, denken all meine Verwandte, denken alle Männer
-im Städtchen, ja auf unserer ganzen Insel. Was in Frankreich Ihnen und
-mir zur höchsten Ehre gereichte, erscheint hier als Beleidigung einer
-achtbaren Familie, ja als Beleidigung meiner selbst. Vernichten Sie die
-allzu sehr in's Auge fallende Aehnlichkeit und ist dies geschehen, dann
-bleiben Sie ruhig hier, vollenden Sie die begonnenen Arbeiten, welche
-in der Residenz Ihnen leicht die Bahn brechen werden, die Ihr Talent
-sucht -- und überlassen Sie Ihrer Helene das Uebrige. Christian soll
-nicht in Zweifel bleiben, um wessentwillen Sie das Bild geändert, und
-zu seinem Schrecken nur zu bald einsehen, wie wenig Sie seiner elenden
-Hülfe bedürfen!«
-
- +Helene.+
-
-»Für den Augenblick ist es genug,« sagte sie, das Blatt faltend,
-»Christians mich erniedrigende Ansicht soll keinen Einfluß ausüben auf
-mich. Du hast ganz Recht, Bruder, ich bin eine Gejer, und wir haben
-harte Köpfe, mögen sie grau sein oder blond!«
-
-Allein trotz dieser heldenmäßigen Aeußerung wußte Helene doch nicht,
-wie das Billet in des Geliebten Hände bringen; ihrer Kammerjungfer
-traute sie nicht mehr, des Grafen Worte hatten das Mädchen
-verschüchtert. Den Brief verbergend, eilte sie selbst die große Treppe
-hinab, um einen Boten sich zu suchen; auf dem Corridor hörte sie
-Stimmen, die Thüre des gemeinschaftlichen Wohnzimmers der Schwestern,
-an welchem sie vorüberschritt, war nur angelehnt; drinnen unterhielten
-sich Beide mit Mademoiselle Nordermule, einer bucklichen, kleinen
-Gouvernante, welche alle Drei von der Wiege an auferzogen.
-
-Mademoiselle Nordermule erhob in diesem Augenblick die Stimme, so
-hoch es die Schwäche ihrer kleinen, sehr untersetzten Gestalt irgend
-gestattete, und fuhr in ernstem Pathos fort: »wenn wir lieben! aber
-Kinder, wie +selten+ geräth eine Ehe ohne wahre Zuneigung! wie selten
-werden die dissonirenden Lebensmelodien auch nur leidlich tacktfest
-zusammen durchgespielt bis zu Ende, ohne zerrissene Herzen und
-zerrissene Saiten der armen Weiberseele, die zuletzt ganz dumpf und
-klanglos, gar keinen Lebenston mehr wiederhallt! O, Ihr Lieben, wie
-viele Frauen verdummen gänzlich in einer sogenannten »guten« häuslichen
-Ehe, in der sie eigentlich eben -- bloß keine Prügel bekommen! Darum
-kann ich Helenen, deren Charakter nun einmal durchaus in keine solche
-sich finden würde, nur bemitleiden, daß sie auf diesen Abweg gerieth,
-keineswegs sie verdammen; sie wird, wie es auch sich füge, Thränen
-genug zu vergießen haben!« -- »Aha, mein Regenvögelchen!« sagte gerührt
-und heimlich lächelnd Helene; »es prophezeit wie immer schlecht
-Wetter!« Leise schlich sie hinab in die Küche.
-
-In dem hochgewölbten, weiten Raume, den ein ungeheuer großer, aber
-niedriger Herd mit spitz in Dachform sich erhebendem Kamin erwärmte,
-saßen alle Knechte und Mägde des Herrnhofes auf Holz-Schemeln und
-Stühlen um das Feuer her; eine rothbäckige Dirne stand neben dem
-an einer Zackenstange hängenden eisernen Kessel und rührte mit
-langgestieltem Holzlöffel »Manna« in die saure, kochende Milch zum
-Brei, welcher eine Hauptschüssel der laaländer Kost ausmacht. Von
-der Küche führten beiden Hauptwänden entlang eine Menge Thüren zu
-den Schlafstätten des Dienstvolks; in den Zwischenräumen, welche sie
-freiließen, dem Herd gegenüber, standen an der Mauer hochrückige
-Bänke, vor diesen der mit einem weißen Tuch überdeckte lange Tisch,
-der broddelnden Abendmahlzeit harrend; Brot, Käse, Butter und gedörrte
-Fische waren schon auf demselben bereit gestellt. Blankes Kupfer- und
-Zinngeräth schmückte den vorspringenden Rand des Schornsteines, auch
-in den schön gemalten Eckschränken glänzten durch die Glasscheiben
-eine Menge blinkender Dinge, Glasgeschirr und Porzellan flimmerten im
-letzten Abendroth der immer noch am weiten Horizont zögernden Sonne.
-Man gewahrte sie durch eine nach dem innern Hof weit offenstehende
-Thüre. Die kleinen Bogenfenster der Küche hätten durch ihre
-bleigefaßten runden Scheiben, ohne diese Hülfe die Dämmerung längst zur
-Nacht werden lassen; vorsorglich waren auch die Messinglampen am Herd
-bereits angezündet.
-
-Die Männer, welche er um sich versammelte, strickten Netze oder
-schnitzten Quirl und Löffel, andre machten Holzschuh und die langen,
-nur im Norden bekannten Schlittschuhschiffchen, auf welchen der Bote
-über das Eis hinfliegt; sogar die Livréebedienten halfen; die Weiber
-spannen und strickten wollene Strümpfe, ein paar webten auf kleinen
-tragbaren Webstühlen grobes Linnenzeug. In der geöffneten Pforte
-stand halb drinnen halb draußen der Gänsebub, um Theil an der schönen
-Geschichte zu nehmen, die ein alter Jütländer abwechselnd sprechend und
-singend vortrug; -- auf den Gänsebuben aber hatte es Helene abgesehen,
-er sollte ihr Liebesbote sein, denn er konnte weder lesen noch
-schreiben.
-
-Der alte Jütländer, der als Torfbauer im Lande umherzog, trug etwas
-aus dem Bauernaufruhr (1441) in Nord-Jütland vor, wie in der Hangarde
-auf dem St. Jürgens-Berge, nicht weit von Aagaard, zwischen ihnen und
-dem Grundherrn eine blutige Schlacht geliefert, in welcher Eske Brock
-von ihnen erschlagen und in Stücken gehauen worden. Da rüstete sich
-der erzürnte König selber, und die Sache nahm eine andre Wendung: die
-Bauern hatten auf dem hohen Berge eine Wagenburg um sich geschlagen, so
-daß die Reiterei ihnen nichts anhaben konnte, -- die Grundherren aber
-gewannen etliche unter ihnen mit goldnem Versprechen, und klein und
-immer kleiner ward der tapfere Haufe. Der Alte sang:
-
- »Erstlich gingen die Morsinger fort,
- Sodann die Verräther von Thy;
- Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch
- Und diese wollten nicht fliehn!
-
- Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch,
- Und diese wollten nicht fliehn;
- Bauten eine Wagenburg sich,
- Ließen Alle ihr Leben dort!«
-
-Mit glühenden Köpfen lauschte der ganze Kreis dem Erzähler -- als aber
-Helene eintrat, flogen alle auf von ihren Sitzen, und der Freiheitssang
-stockte. Sie winkte freundlich und schritt sogleich auf den Gänsepeter
-zu.
-
-»Du trägst mir das Papier sogleich zur Mamsell Johanna, des Kirchners
-Tochter,« sagte sie laut, »und sie soll Alles recht gut versorgen und
-bestellen!«
-
-Seufzend ließ der lange gelbhaarige Junge die Wendelbo'r in ihrer
-Wagenburg, lüpfte die Pelzkappe und trollte sich von dannen. Helenen
-war leicht und froh um's Herz; eine Weile sah sie dem Burschen nach, ob
-er nicht umkehre, aber der laaländer Bauer war Dienst gewohnt und bange
-dazu!
-
-Als Helene wieder auf der Treppe war, begann der Freiheitssang von
-neuem; ach, in diesem Augenblick hätte sie gern der ganzen Welt
-Freiheit gegönnt und gegeben! sie war durchaus auf der Seite der
-Revolutionairen. -- Das Gespräch der drei Damen war noch nicht beendet
--- »daß eine solche Leidenschaft für ein Fräulein ihres Standes
-unstatthaft sei;« schloß die Nordermule. »Solche Heftigkeit verdirbt
-den Teint, man kann sogar leicht eine rothe Nase davon tragen, oder
-kupfrig werden. Giebt es denn zwischen dieser Excentricität und
-gänzlicher Apathie kein drittes? Wie unendlich glücklicher sind Sie,
-theure Amalie, daß Sie so ruhigen Gemüths die Abwesenheit des Barons
-als eine Ihnen von Gott gesandte Prüfung hinzunehmen vermögen. Zu
-Lichtmeß werden es fünf Jahr, daß Sie ihm das Jawort gegeben, und Sie
-blühen trotz ihrer herzlichen Liebe zu ihm in ungekränkter Anmuth und
-Frische.«
-
-»Wir wollen dennoch hoffen,« erwiederte lachend Amalie, »daß der etwas
-farblose Roman meines Lebens sich in Bälde zu einer Feyenschen Idylle
-wandeln wird; Baron Arnsöndal hat die Freiherrschaft seines alten
-Oheims endlich übernehmen können, und ich darf hoffen, mit Annetten
-zugleich meine Hochzeit zu feiern.«
-
-Gerührt schloß die Nordermule ihren ältesten Zögling in die Arme, und
-benetzte dessen Locken mit Thränen; Amalie war um fast acht Jahre älter
-als Helene, und allerdings war es die höchste Zeit zur Ausführung der
-längst skizzirten Idylle zu schreiten! --
-
-Helene war unbemerkt eingetreten, sie stand auf der Schwelle und lehnte
-unsäglich gelangweilt das Haupt an den Thürpfosten.
-
-»Nun wird es zwei Ausstattungen zugleich zu bereiten geben,« sagte,
-sorgsam Aug' und Wange trocknend, die kleine Alte. »Ach, wenn man dabei
-an alle die gegenüber aufgehäuften Schätze denkt.« --
-
-»Um Himmels willen, ~ma bonne~,« rief, hocherfreut diesen Gegenstand
-einmal erwähnt zu hören, Annette, »sagen Sie mir endlich, was man
-in diesen ewig vor Luft, Sonne und Menschen verschlossenen Zimmern
-bewahrt! Hundertmal schon habe ich Sie fragen wollen, welchen Schatz
-eigentlich diese Zauberhöhle umschließt?«
-
-»Was denn anders als unserer verstorbenen Tante Ausstattung,« fuhr
-Amalie fast zürnend auf, »Du mußt es ja längst wissen! plage doch
-unsere arme gute Emerenzia nicht! Die Erinnerung an jene alte
-vergessene Geschichte macht sie jedesmal nervös und krank!«
-
-»Ja ja!« sagte starr vor sich hinschauend, aber die hochliegenden,
-wasserblauen Augen bewußtlos in's Leere gerichtet, die kleine Bucklige.
-»+So+ ist es! es war die glänzende Ausstattung der unvergleichlichen
-Ulrike, des Sterns meiner Kindheit und Jugend! ach, ich habe ihn nie
-in seiner ganzen Lichteskraft leuchten gesehen! Nur wenige Wochen vor
-ihrem Tode kehrte ihr das volle Bewußtsein zurück; sie flammte noch
-einmal auf, wie eine verlöschende Kerze. Liebe Kinder, ich bin recht
-viele Jahre über die Erde hingewandert, manchen Sommer und Winter
-entlang, doch ihres Gleichen an Sanftmuth und eingeborner Sitte ist mir
-nimmer zum zweitenmal begegnet! Wer Ulriken sah, hätte auch ohne unsre
-heilige Offenbarung an den Himmel und seine ewige Vergeltung geglaubt!«
-
-»Aber liebe Nordermule,« rief plötzlich vortretend Helene, »Du mußt
-ja noch ein Kind gewesen sein, als die Tante verschied, ich habe sie
-niemals gesehen, bei meiner Geburt war sie vermuthlich schon lange
-todt.« Seitdem das Gespräch um diesen Gegenstand sich drehte, war sie
-dem Gange desselben aufmerksam gefolgt.
-
-Die Alte schüttelte verneinend das Haupt. »Es sind kaum dreißig Jahre,
-daß unser theures Fröken[2] geendet,« erwiederte sie, »ich aber zähle
-sechs und funfzig Jahre!«
-
-»So haben Sie Ulriken noch jung gekannt?« fragten wie aus einem Munde
-die drei Schwestern.
-
-»Ja und nein. Körperlich hatte der Herr sie lange noch frisch erhalten,
-allein die Blüthe der Seele war geknickt. Meine Mutter, welche als
-Kammerfrau im Dienst ihrer Hochwürden der Frau Fürstin Abatissin zu
-Wallöe im Stift lebte, hat mir das Meiste von ihr erzählt, da jene das
-Fröken eigentlich auferzogen und mit zärtlichster Liebe ihm anhing.
-Tausendmal hat sie mir von Ulrikens außerordentlicher Schönheit
-gesprochen, auch konnte ich selbst deren Spuren noch lange, lange
-ihr ansehen. -- Damals, als sie sechzehn Jahre alt war, und meine
-Mutter eben ihren Dienst angetreten, sagte man: auch die müdeste Seele
-des aller ärmsten Fäestebönders[3] sei fröhlich geworden und frei,
-wenn ihn das Fröken begrüßt! Wenn sie leichten Ganges über die Haide
-hineilte am frühesten Morgen, wenn der Nachthauch noch scheidend über
-die Haide streicht und sie aufwogen macht wie das Wasser im Belt, so
-blieben, trotz dem drohenden, scheltenden Vogt, Alle die zur Arbeit
-gehen sollten auf der Thürschwelle stehen, und schauten ihr nach wie
-dem guten Omen! Aber freilich kannte sie auch jedes Einzelnen Weib
-und Kind, scheute vor keiner mit Stroh und Schilf überdeckten Hütte
-zurück, saß ungeachtet des dicken Rauchs der schornsteinlosen Küchen
-mitten unter ihnen und hörte mitleidig all der Bauern Klagen; oder
-sie erzählte den Kindern wunderschöne Mähren von unseren tapfern
-Seehelden und ihren gewonnenen Schlachten, von Juels und Tordenskiods
-Waffenthaten; sogar die alte Saga wußte das Fröken zu singen! Waren
-dann die Männer alle fortgezogen auf den Delphinen- oder Seehundsfang,
-und der Vogt trieb deren Weiber an zur Feldarbeit, oder sandte sie gar
-hinaus auf Botengängen tief hinein in's Land, dann saß sie Stundenlang
-bei den Allerkleinsten, wartete und fütterte sie und lehrte die
-Größeren. Ach, ich selbst werde nie vergessen, mit welchem Glockentone
-sie die alte schöne Geschichte sang, vom guten König Sueno und seinem
-strengen Freunde, dem Bischof Wilhelm in Roeskilde; da blieb kein Auge
-trocken im weiten Kreis.« --
-
-»Aber,« unterbrach abermals Annette die Erzählerin, »war denn die
-Tante eine Gelehrte? woher wußte sie denn das Alles? In ihrer Jugend
-hatten doch die Frauen viel weniger Gelegenheit sich auszubilden als
-wir jetzt, sie lernten ja kaum nothdürftig lesen und schreiben! Wie war
-denn gerade Ulriken eine so viel bessere Erziehung geworden?«
-
-Die kleine Nordermule schrak zusammen, als habe sie eine Schlange
-gestochen, und wurde blaß, blaß wie der Tod; ihre Züge nahmen einen
-Ausdruck tiefster Zerknirschung an, der ihnen sonst gar nicht eigen,
-sie war sichtlich mit ihrem Gewissen in Streit gerathen, und warf sich
-innerlich ein Unrecht vor. »Ich weiß das Nähere nicht,« erwiederte
-sie ganz beklommen, »aber es ist spät; über dem Schwatzen haben wir
-das Wegräumen des Theezeugs, und ich glaube gar der Schlafenszeit
-vergessen.«
-
-Es ward den Mädchen unmöglich, das Gespräch von neuem anzuknüpfen.
-
-
-Helene hatte ihren Zweck erreicht; mit schwerem Seufzen und schwererem
-Herzen hatte Thorald, den Bitten der Geliebten zufolge, den Haaren
-seiner Maria Jacoba eine dunklere Färbung gegeben, das Blau ihrer Augen
-in Schwarz verwandelt und so das Frappant-Individuelle der Aehnlichkeit
-seines Bildes mit den Zügen des Schloßfräuleins gemildert, -- was
-davon noch geblieben, konnte dem unbefangenen Blick für bloßen Zufall
-gelten, ja vielleicht ganz ihm entgehen. Am Johannis-Sonntage hatte
-die feierliche Enthüllung des Gemäldes stattgefunden; der Magistrat
-und ganz Nysted waren auf's höchste befriedigt, die Anerkennung und
-Dankbarkeit der Bürger sprach sich allgemein und beinahe rührend aus,
-denn der Alt-Lutheraner hängt fast dem Katholiken gleich an würdiger
-Ausschmückung seiner Gotteshäuser. Vielleicht waren es eben die
-sinnlichen Zeichen, mit denen er gern seine Verehrung des Höchsten
-umkleidet, welche jenen Tagen unsre religiösen Spaltungen ersparten.
-Das Gemüth bedarf einer Gefühlsumfriedung, wird ihm diese, so hält es
-oft den zweifelnden Geist mit in den Schranken einer liebgewordenen
-Gewöhnung.
-
-Graf Christian hatte öffentlich in der Kirche dem Künstler seinen Dank
-ausgesprochen, im Schloß war derselbe nicht wieder gesehen worden, und
-keine Einladung irgend eines Mitgliedes der gräflichen Familie berief
-ihn dahin zurück.
-
-Schloß Aalholm hatte indessen festliche Tage erlebt; alle Mitglieder
-der Familie waren anwesend, um die feierliche Doppel-Verlobung zu
-begehen. Die in Seeland und Fühnen ansässigen Brüder waren mit ihren
-Gemahlinnen herübergekommen, die künftigen Schwäger zu begrüßen und
-Schnepfen zu schießen; das Alles war prächtig! --
-
-Helene hatte viel von dieser Zusammenkunft erwartet; sie hoffte die
-jüngern Brüder zu gewinnen, denn beider Frauen waren bürgerlich
-geboren, allein ihre Pläne scheiterten an Christians strengbesonnener
-Festigkeit; er vereitelte ihr jede Privatunterredung mit ihnen. Auch
-waren allerdings die Verhältnisse in sich selbst sehr verschieden
-von denen des Malers. Janfru Abilgaard, welche erst vor kurzem dem
-jüngsten Grafen ihre Hand gereicht, war einem in Dänemark hochberühmten
-Geschlecht entsprossen. Die ältere Schwägerin, Gräfin Friedrich-Gejer,
-die wir aus Amaliens und Annettens Unterredung als Gegenstand ihres
-heimlichen Neides kennen gelernt, war eine geadelte, unermeßlich reiche
-Banquierstochter aus Hamburg. Sie hatte ihrem Gemahl ein bedeutendes
-Vermögen und Güter auf Seeland zugebracht, auf denen sie, wie in ihrem
-Winter-Hôtel zu Copenhagen, die glänzenste Existenz ihm bereitete.
-
-Friedrich war der Crösus in der Familie und lebte danach, in grellem
-Gegensatz zum Aalholmer Stammhause, dessen Bewohner seit Jahrhunderten
-Abgeschiedenheit und Stille vorzogen, ihre Besitzungen unter ihren
-Augen bewirthschaften ließen, selten in Staatsangelegenheiten sich
-mischten, keine Art Hofdienst bekleideten, und alljährlich auf wenige
-Wochen in der Residenz am Hofe zu erscheinen pflegten.
-
-Von dem Allen machte der jetzige Majoratsherr eine Art Ausnahme.
-Seit Christian ~VII.~ Regierungsantritt hatte er, wie schon erwähnt,
-so lebhaft es seiner Eigenthümlichkeit nach möglich, des Königs
-Bestrebungen in der Bauernsache sich angeschlossen. Dieser hatte
-schon im ersten Jahre seiner Thronbesteigung, im Amte Copenhagen alle
-seine einzeln liegenden Höfe parcellirt als Eigenthum den Bauern
-überlassen. Der Graf hatte später, als ihm das Majorat zufiel, diesem
-edlen Beispiel zufolge höchst wohlthätig in Laaland gewirkt für die
-gute Sache; sein Jütländer Aufenthalt hatte ihn mit den Mißständen
-und Bedürfnissen des unglückseligen entwürdigten Landmanns vertraut
-gemacht, und seine Handlungsweise und die Opfer, welche er seiner
-bessern Erkenntniß gebracht, hatten ihm auch die Gunst Friedrichs ~VI.~
-erworben. Er machte keinen Gebrauch dieses Vorzugs. Wie seinem Vater,
-dem seligen Grafen Thugge, blieb das persönliche Erscheinen am Hofe
-in Copenhagens eleganten Kreisen ihm eine peinigende Pflicht, ja eine
-unerträgliche Last, der er auf jede Weise sich zu entziehen suchte. Die
-ihm gewordene Auszeichnung, die ausgesprochene Gnade und Theilnahme der
-beiden Monarchen verwirrte, ja verscheuchte ihn. Selten sah man ihn
-länger als eine Woche hindurch in der Residenz, wohin er um die Zeit
-des königlichen Geburtsfestes seine Schwestern geleitete, dann aber so
-bald als möglich dem Schutze ihrer anderen Brüder sie überließ.
-
-Zu der drei Mädchen Qual gehörte dagegen ein fast unbeachtetes
-Auftreten an der Seite der sie in Allem überflügelnden Hamburger
-Tante, deren Luxus sie zerdrückte, deren Manieren ihnen mißfielen,
-deren Geld-Aristokratie sie verdroß, und besonders in den beiden
-Aeltern fast Abneigung und noch viel größere Oppositionen im
-täglichen Verkehr erzeugten, als die, mit welchen sie der kranken und
-resignirten Eva sich entgegenstellten, der sie die geringe Herkunft und
-leibeigene Geburt nicht zu verzeihen vermochten. -- All diese kleinen
-Lebensstörungen und stündlichen Hemmnisse hatten in beiden rückwirkend
-einen wirklich verblendeten Adelstolz geweckt, der sich überall
-aussprach, und jetzt auch Helenens Wünschen, ihrer Neigung zu Thorald,
-jede begütigende Vermittlung versagte.
-
-Noch in den Kinderschuhen hatte Helenens Wesen eine von dem
-Bildungsgange der Schwestern ganz abweichende Richtung erhalten. Das
-in der Wiege verwais'te Kind, -- die Mutter war in Wochen gestorben
--- fiel abwechselnd bald in diese bald in jene Hand. Ihr lebhafter,
-prägnanter Geist, der besonders ältern Männern ungemein anziehend
-erschien, gewann ihr frühe schon Freunde aus allen Ständen; besonders
-aber in Copenhagen, wohin sie den ältern Schwestern folgen mußte,
-waren einige ehemalige Gefährten ihres Vaters, deren Umgang Einfluß
-auf ihre Denkart und innere eigene Seelenerziehung hatte, ohne daß
-jene es beabsichtigten. Die kleine Nordermule sah voller Schrecken der
-plötzlichen Entfaltung der ihren Zögling aufwärts tragenden Flügel zu,
-ohne den ihr unerreichbaren Flug derselben verfolgen zu können; im
-zehnten Jahre schon war Helene ihrer eigentlichen Leitung entwachsen.
--- Der liebreizenden äußern Erscheinung des Mädchens that keine
-Willkür, noch auferlegte Regel Eintrag, sie blieb durchaus natürlich
-und einfach; an ihren Putz dachte sie wenig, gerade weil ihr Alles gut
-stand, an ihr Benehmen noch weniger, es umwogte sie beständig eine
-unbewußte Grazie, ein Sichgehenlassen, das dem Bewegen eines jungen
-Rehes gleich. Träumerisch und doch voll stets regsamer Gedanken, saß
-sie mitten unter Verwandten und Gespielen allein, immer in sich mit
-etwas außer ihrem Kreise und Bereich beschäftigt. So machte sie der
-Anfang der französischen Revolution, die wohl unter allen Ländern in
-Skandinavien am einflußlosesten blieb, zur Jacobinerin; die Kargheit
-der in ihrem Vaterlande und insbesondere in ihrem Vaterhause seltenen
-Detailnachrichten entflammten sie immer mehr, und ließen sie einen
-heiligenden Nimbus um Alles das breiten, was ihrem eigentlichen
-Charakter fern, ihr halbes Verstehen in endlose Widersprüche gestürzt
-haben müßte. Bald schwärmte sie für Mirabeau und Charlotte Corday, bald
-vertheidigte sie Robespierre und schauderte mit frommen Entsetzen vor
-der Schwestern Theilnahmlosigkeit zurück, die in Mußestunden in die
-Revolution blickten, wie in einen Guckkasten, und der amerikanischen
-Kriegsscenen nur beim Einkauf englischer Waaren gedachten.
-
-So entwickelte sich Helene zur blühenden Jungfrau. Während die älteren
-Fräulein, unter tausend kleinen Qualen und Freuden des geselligen
-Verkehrs, eine Menge Verhältnisse alljährlich knüpften und lös'ten, nur
-von Liebhabern, Courmachen, Pferderennen, Schlittenfahrten und Bällen
-träumten, und am Ende doch Jahr aus Jahr ein unvermählt blieben, hatte
-das kaum erwachsene Mädchen in seiner anmuthreichen Absonderlichkeit
-eine Anzahl ernstlicher Verehrer und sogar einige sich nähernde
-Bewerber gefunden. Sie aber wies lachend Alle ab, glaubte ihren
-Betheurungen selten oder gar nicht, sprach mitten in deren pathetischen
-Erklärungen von etwas Anderem, und versicherte ihrem sie tadelnden
-Bruder: »all diese Geschichten wären ihr ganz unsäglich langweilig, der
-Langenweile aber meine sie zur Genüge in Aalholm finden zu können.«
-Mademoiselle Nordermule war in Verzweiflung. -- Helene war sogar
-einmal, während einer etwas langgedehnten Liebes- und Heirathsbewerbung
-zum Salon hinausgegangen, aus Zerstreuung. Helenens Schwestern gaben
-ihr Recht, »weil sie noch ein Kind sei.« Eine Heirath der viel jüngeren
-Schwester hätte ihnen den Anstrich höheren Alters gegeben.
-
-Die kleine Gouvernante ließ sich nicht irre machen! Helene zählte
-damals zwanzig Jahr, obschon sie aussah wie ein Mädchen von sechzehn;
-sie suchte auf jede Art ihres Lieblings Glück zu fördern, warnte sie
-vor späterer Vereinsamung und ermahnte sie, der Tage zu gedenken, von
-denen geschrieben steht, »daß sie uns nicht gefallen werden.«
-
-Helene aber lachte. »Ich will weder einen Kohl- und Krautjunker, der
-seine Ochsen, Kühe, Hunde und Pferde lieber hat als mich, noch einen
-voltairisirenden Salons-Cavalier, der jeder Schürze nachläuft, und
-nicht einmal die heilige Jungfrau Maria in Ruhe lassen kann, ohne üble
-Nachrede; begegne ich nicht endlich einem wirklichen menschlichen
-Menschen, der kein bloßer Repräsentant seiner gesellschaftlichen
-Stellung ist, so will ich auf meinem Stift bleiben und dort wie meine
-sieben Cousinen Gejer-Mogenstrupp als Chanoinesse alt und grau werden.
-Ich bedarf einen Freund, der mich den Reichthum der von mir kaum
-geahneten Welt kennen lehre, der mir die Seele mit edlen, heitern
-Bildern füllt -- ich kann nicht bloß von Arbeit und Pflichten leben,
-ich bedarf auch Genuß! Was hilft mir die Hesperiden-Ferne, in welche
-mich Dichter und Künstler schauen lassen, wenn sie mir unerreichbar
-bleibt, wenn ich in meiner engen Gegenwart geistigen Hungers sterbe? Es
-kann nicht Jeder, wie mein Bruder, ein Gelehrter sein, der sich über
-einen Schmerz oder Verdruß wegexperimentirt; es kann auch nicht Jeder
-immer nur der Bauern +Rechte+ und seine eigenen während +des Unrechts+
-vergessen, das ihm am allernächsten steht! Ich würde meinen Mann ganz
-miserabel behandeln, oder mich von ihm mißhandeln lassen, das ist eine
-entsetzliche Sclaverei! -- Wenn so ein armer Schelm von Bauernbengel
-unser Leibeigener wird, weil er auf unserm Hofe mit dem andern lieben
-Hausvieh geboren, und wir ihn verkaufen dürfen an die Miliz, wie einen
-jungen Jagdhund, so thut mir das von ganzem Herzen weh! ich gönne es
-ihm, wenn er loskommen und uns entwischen kann, aber es langweilt mich
-schon daran zu denken, wenn ich ihm nicht helfen kann; ist es dann
-also nicht thöricht, mich selbst der Leibeigenschaft, der ich so tief
-in's Auge gesehen, bei einem Manne Preis zu geben, dessen Fesseln ich
-nun und nimmer zu entrinnen hoffen darf? es gilt da kein Loskauf,
-Emerenzia! oder soll ich, wie meine schöne Schwägerin, seine Gebieterin
-sein, ihn zu meinem Sclaven machen, und mich innerlich den ganzen Tag
-seiner schämen?« Die kleine Nordermule seufzte und -- schwieg.
-
-Jahr um Jahre schlichen auf diese Weise vorüber. Comtesse Amalie war
-verlobt, Annette hatte alle Aussicht es zu werden. Helene kehrte
-unveränderten Sinnes aus der Hauptstadt zurück, nur begann ihr die
-innere Einsamkeit schwerer zu werden; es giebt Mädchen, bei denen das
-Herz weit später erblüht, als der Körper. Zum ersten Male schlich sich
-ihr die Sehnsucht in den Frühling.
-
-Die Nordermule seufzte noch schwerer -- Helene wies ihre Bewerber bloß
-auf etwas höflichere Weise ab. »Ich mache künftig in meinem Stift
-meinen alten Verehrern und deren Kindern Confitüren und backe ihnen
-Pfefferkuchen, wie meine sieben Cousinen Mogenstrupp,« versicherte sie
-komisch-ernst.
-
-»Auf dem Stift ergrauen, wie jene Sieben?« sie waren der Nordermule
-entsetzlicher als die Sieben vor Theben.
-
-»Aber Emerenzia! kannst Du Dich nicht erinnern, daß sie uns in
-Copenhagen besuchten, wie meine Schwestern auf die ersten Bälle
-gingen, und ich noch ein kleines Kind war? Schon damals haben sie
-mir einen imposanten, ganz majestätischen Eindruck hinterlassen; sie
-gingen alle überein gekleidet und trugen gewaltige Kreuze um den Hals
-gehängt an schweren Ketten, und in der Linken ein Schnupftuch und
-einen Stockschirm mit Gold- und Perlemutterknöpfen. Ihre Mutter war
-bildschön gewesen, hatte sich früh vermählt und war in guter Zeit
-Witwe geworden, eine strahlende, reizende Witwe. Wuchsen ihr da mitten
-in ihren Successen sieben lange Töchter zur Seite auf, die auch gar
-nicht übel waren, blonde, braune und schwarze! Was konnte die arme
-Frau Besseres thun, sich der Nebenbuhlerinnen zu erwehren, an deren
-Seite sie in den königlichen Soireen erscheinen mußte, als -- die
-Töchter zu Caricaturen aufzuputzen, bis die armen, in unglaublicher
-Abenteuerlichkeit mit Juwelen, Blumen, Bändern überladenen Mädchen,
-durch die Barrière der Lächerlichkeit von aller Jugend abgesondert,
-wie eine Gesellschafts-Chimäre dastanden, die nur dazu diente, der
-alternden Armida Reize zu erhöhen. Die immer noch hebeartig blühende
-Mutter bejammerte »das unglaubliche Ungeschick« ihrer Töchter,
-und eines schönen Tags dämmerte diesen eine Ahnung auf, daß sie
-lächerliche Figuren geworden! So saßen sie wie Tarock-Karten lang
-und bunt an die Salonwände gelehnt, blieben sitzen, wenn die Andern
-zu Menuet, Quadrille und Anglaise flogen, blieben sitzen, bis sie
-endlich fortzogen in ihre Stifts-Curien, und sitzen dort noch, einsam,
-hehr und adelstolz, wie früher in den jungfräulichen Zellen ihres
-Familienschlosses.«
-
-»Und die Mutter?« -- die Nordermule sah bei der Erzählung wie ein
-Frühlingsungewitter aus: sie lachte und weinte, wie Sonnenschein und
-Regenguß, zu gleicher Zeit.
-
-»Ach, ~ma bonne~, das ist eine hochtragische Geschichte! Die Mutter
-starb, ~au beau milieu de ses succès~, als es ganz unmöglich war zu
-verhehlen: daß die vierzigjährigen Mädchen -- erwachsen wären!«
-
-»Aber Helene! welch ein Gedanke Dich diesen Schwestern zu vergleichen,
-sie fanden nie einen Mann und --«
-
-»Sie fanden vielleicht bloß einen, wie ich ihn auch finden werde, einen
-Mann -- im Mond? Den man nicht heirathen +kann+, weil er bürgerlich
-ist, und sein Kohlkopf und Dornbusch auch, oder weil er uns nicht
-mag, oder weil er nichts taugt, einen Mann, der nicht reich, nicht
-vornehm, nicht klug, nicht schön genug für die +ganze+ ihn natürlich
-+mitheirathende Familie+ ist! Vielleicht dachte Eine oder die Andre
-wie ich, und wollte für sich selbst heirathen, vielleicht waren sie
-aber auch den Männern gar zu herrlich und majestätisch --«
-
-»Helene!«
-
-»Warte nur, Emerenzia, Du sollst sie selbst sehen! Drei von ihnen leben
-jetzt in Wallöe und im Herbst besuchen sie die Andern um Marzipan zu
-backen. Und doch! weißt Du, Nordermule, die armen alten Mädchen sind
-wahrscheinlich unter sich glücklicher als hier Christians Frau! o die
-milde, geduldige Eva --«
-
-Die Gouvernante schwieg; sie fand es nicht anständig, des Grafen, ihres
-Brotherrn, Verhältnisse zu besprechen. Lachend drückte ihr Helene die
-Hand, die Beiden verstanden sich vollkommen.
-
-Und wenig Wochen nach dieser Unterredung sollte ein junger Maler die
-Portraits der drei Fräulein machen -- und die Liebenden sahen einander
-zum ersten Mal.
-
-Ich weiß nicht, ob schon von einer Frau ausgesprochen worden, wie ein
-Mädchen das nahende Geschick ihres künftigen Daseins vorausempfindet
-beim ersten Anblick eines Mannes, den es ernst und leidenschaftlich
-zu lieben bestimmt ist. Ich glaube jeder tiefen, das ganze Wesen
-durchglühenden Empfindung geht ein Durchzittern des Herzens voran, das
-keiner andern Lebensahnung gleicht, ein plötzliches bebendes Verstummen
-der Gedanken, die nicht wagen, den Gegenstand zu berühren, der wie
-das Geheimniß des nahenden Tages die plötzlich aufwogenden Stimmen
-der Natur aufruft aus dem Schlummer -- alle anderen Empfindungen
-der Seele schlagen an wie erwachende Vögel in der sich lichtenden,
-der Sonne vorangehenden Dämmerung; alle Blüthen der Seele stehen in
-Thränen und öffnen dem nahenden Tage ihren Kelch; es legt sich ein
-tiefes, heiliges Mysterium über die innere, wie über die Außenwelt:
-der nächste Augenblick muß es durchzuckend lösen -- o, wer ewig an
-dieser Zauberschwelle weilen könnte, durchbräche +nie+ die Sonne der
-Wirklichkeit, so schön sie ist, den Goldsaum der Wolkenbilder, die den
-fernen Himmel mit ihrem rosigen, wogenden Leben umhüllen und ihn der
-Erde verbinden! --
-
-Und Thorald? Nun Thorald empfand nicht eben die erste Liebe, aber
-dennoch die erste festhaltende, ernste Neigung seines Lebens.
-Sein einfacheres, alltäglicheres Gefühl glich weniger einem zur
-Priesterschaft des Lebens heiligenden Mysterium, allein mit jedem
-Tage wurde es tiefer und wahrer. Anfangs sah er in Helenen noch die
-vornehme Dame, empfand den Unterschied der Stände als drückende Last;
-mit Gewalt hätte er seiner wachsenden Leidenschaft entfliehen mögen, er
-gedachte seiner Kunst, seiner Mutter und einer Menge vorübergezogener
-Empfindungen, die ihn abwechselnd beherrscht hatten und dann in sich
-selbst verflüchtigt worden waren in Rauch und Dunst; er schalt sich,
-daß ihm eine ähnliche Behandlung seiner Liebe zu Helenen mißlang;
-nach und nach siegten das Herz in ihm und die Natur, die sich nicht
-gebieten läßt! er liebte das Mädchen täglich inniger und menschlicher.
-Thorald war keineswegs, was die Geliebte in ihm sah, was die Zeit,
-die er durchlebt, ihn erscheinen machte, aber er war ein redlicher,
-aufrichtiger Mann, mit einem Fond unendlicher Gutmüthigkeit; die
-gewaltsamen Ereignisse, die er miterfahren, hatten ihn eine Strecke mit
-sich fortgerissen; nun war ihm eigentlich unsäglich wohl, in die ihm
-natürliche Beschränkung und Harmonie des Empfindens zurückzukehren. Von
-der Mutter und einer alten Magd bis in's siebzehnte Jahr erzogen, lagen
-eine Menge weiblich ausgebildeter zarter Gefühle in seiner noch nicht
-ganz ausgearbeiteten Seele; er schämte sich ihrer in Männerkreisen, in
-Italien waren sie von ihm selbst vergessen und zurückgedrängt worden,
-nun erblühten sie alle in zauberischer Frische, -- trotz seines Kummers
-war Thorald unbeschreiblich glücklich!
-
-Graf Christian hatte sich gegen seine beiden Brüder ausgesprochen. Man
-war darin übereinstimmend, Helenens Neigung wie eine romantische Grille
-zu behandeln, der nichts wirkliche Folgen zu geben vermöge, da sie in
-keins der bestehenden Verhältnisse passe. Nur im äußersten Nothfall
-sollte offenbarer Widerstand ihr entgegentreten. Christian war der
-einzige unter den Brüdern, der wider Willen an eine wahre Gefühlstiefe
-ihrer Liebe glaubte und den möglichen Ernst derselben scheute;
-Friedrich und Johannes lachten ihn aus, beide waren Welt- und Hofleute.
-»Helene ist volle vierundzwanzig Jahr, und folglich über Nußschalen-
-und Hüttenalter hinaus,« versicherten sie.
-
-Vielleicht wäre man zu kräftigeren Maßregeln geschritten, hätte man
-nicht jede öffentlich wiedertönende Erinnerung an des Erbgrafen arge
-Mißheirath zu meiden gesucht. Die beiden Brüder boten dem Maler Arbeit
-auf ihren Gütern zu Fühnen und Seeland, verschafften ihm auch bei den
-arglosen Schwägern und anderen Nachbarn und Freunden Bestellungen.
-Thorald ward mit Arbeitsvorschlägen überhäuft, -- die alle ihn von
-Laaland zu entfernen bezweckten. Wirklich ging er nach Fühnen, aber
-nach vierzehn Tagen war er wieder in Nysted. Dann kehrte er wieder zu
-den begonnenen Bildern zurück. Auf diese Weise wechselte er fortdauernd
-den Aufenthalt, ohne je sein Mädchen aus den Augen zu verlieren; beim
-Küster behielt er ein Absteigequartier, er malte den Alten und eine
-Anzahl Bauern als Studium, Johannen aus Dankbarkeit; -- man konnte
-ihm nichts anhaben, es blieb unmöglich, ihn ganz von der Insel zu
-vertreiben.
-
-Eine fortgesetzte Correspondenz mit der fast mündig gewordenen
-Schwester zu hindern, gelang noch weniger; Christian bemerkte Helenens
-schadenfrohes Lächeln und beschloß ernstere Mittel zu ergreifen.
-
-Unterdessen schritten die Vorbereitungen zu den im Herbst bestimmten
-beiden Hochzeiten täglich weiter. Vieles wurde in Copenhagen
-bestellt, anderes zur See aus Schleswig und Hamburg verschrieben;
-eine Tüchtigkeit der Pracht waltete überall vor. Zuletzt kamen die
-Truhen in den verschlossenen ehemaligen Wohnzimmern der Tante zur
-Sprache. Sie hatte diese als achtzehnjähriges Mädchen verlassen, und
-nur wenige Monate vor ihrem Tode von neuem auf kurze Zeit bezogen;
-seit dreißig Jahren standen sie verödet. Graf Christian erklärte
-seinen drei Schwestern ehe man sie öffnete, der Augenblick eines nur
-sie allein betreffenden Erbschaftsantritts sei gekommen, er bäte sie,
-sich untereinander über die Theilung der von ihrer seligen Tante
-zurückgelassenen Ausstattung zu vereinen, deren Inhalt ihm selbst
-fremd sei, da kein Anspruch irgend einer Art ihn berechtigt habe,
-bis zu diesem Tage die Schlösser dieser Truhen zu öffnen. »Du,«
-sagte er scharf betonend zu Helenen, »wirst die Güte haben, den dir
-zufallenden Antheil dieser Gegenstände meinen oder meiner Gemahlin
-Händen anzuvertrauen, da es meine Pflicht ist, ihn erst bei Deinem
-einstigen Einzug in eines würdigen Gatten Haus Dir zu freier Benutzung
-zu überliefern, über die Theilung jedoch schon jetzt mit den Schwestern
-Dich zu besprechen, wirst Du mir hoffentlich nicht abschlagen.«
-
-Eva war als bloße Zuschauerin bei diesen Verhandlungen gegenwärtig
-und sehr bewegt; deutlich blickte aus all ihrem Thun der Kummer über
-Helenens und Christians Spannung; Thorald erschien ihr als Störer eines
-Hausfriedens, den die Arme mit unerschöpflicher Geduld zu erschaffen
-stets von neuem träumte. -- Die kleine Nordermule schwamm in Thränen,
-welche selbst der Respect für den Grafen nicht zu stillen vermochte.
-
-Auf ein sehr kleines Vorgemach mit nur einem einzigen Fenster folgte
-eine Art Wohnzimmer, das der Einrichtung nach mitunter zum Empfang
-seltener Besuche gedient haben mochte. In dessen Mitte stand ein großer
-Tisch, auf demselben Tintefaß und Feder, auch einige Lehrbücher
-lagen dabei, das Ganze machte den Eindruck, als habe hier ein Kind
-Unterricht empfangen, -- etwas weiter zurück, dem Fenster näher, stand
-ein niedriger Stuhl, und vor demselben einer jener schon erwähnten
-kleinen Webstühle, -- »ach,« rief die Nordermule in heißere Thränen
-ausbrechend, »hier saß die Schließerin mit der Arbeit, während der
-Stunden, in welcher --«
-
-Ein drohender Blick aus des Grafen aufflammendem Auge schloß ihr den
-Mund. -- Das Gemach war durchweg mit weiß überstrichenem Holzgetäfel
-bekleidet, die grün- und goldumrandeten Medaillons seiner Wandfelder
-zeigten verblaßte Spuren schäferlicher Darstellungen im damaligen
-Geschmack; es waren ziemlich plumpe Nachahmungen der französischen
-Vorbilder jener Zeit; die ausgeschweiften, geschmacklosen Möbel, auch
-weiß mit Gold und Rohrgeflechten statt der Sitzpolster, gehörten
-ebenfalls dorthin.
-
-Das hintere anstoßende Schlafzimmer hatte seinen aus einer weit frühern
-Periode stammenden ernsten Charakter bewahrt, sogar sein gothisches
-Bogenfenster mit den in Blei gefaßten runden Scheiben, in dessen
-Mauertiefen ein hochrückiger Nußbaumsessel stand. Etwas weiterhin
-gewahrte man einen schön geschnitzten Betschemel, und auf dessen Pult
-ein Kruzifix und eine schwere mit Klammern geschlossene Bibel. Die weiß
-getünchte, nur mit Eichenholz umrahmte Wand, deren Hälfte das große
-geblümte Gardinenbett einnahm, den Fenstern gegenüber der riesige blaue
-Porcellan-Kachelofen, -- das Alles paßte weit eher zum Aeußern des
-Schloßbaues. Ein Stickrahmen bewahrte die in Seide noch unvollendete
-Großmuth Alexanders, -- ein Eckschrank die kleine Hausapotheke,
-und über derselben zwei Reihen französischer und dänischer Bücher,
-poetischen und geschichtlichen Inhalts; an sie schlossen sich eine
-isländische Bibel, eine Sprachlehre und einige zum Studium dieses
-nördlichen Idioms nöthige Hülfsschriften. An der dem Bett gegenüber
-frei gebliebenen Wand standen vier herrlich in Nußbaum geschnitzte,
-mit künstlichen Messingbeschlägen gezierte Truhen, -- sie nehmen
-allgemein noch in den ältern dänischen Familien die Stelle unserer
-Wasch- und Kleiderschränke ein, und stehen meist in den von einem zum
-andern Gemach führenden Gängen. -- Wie es schien, hatte man sie aus
-dem Vorzimmer der Sicherheit wegen in diesen Theil der Wohnung der
-Verstorbenen gebracht. Alle zeigten die schön in Metall ciselirten
-Wappen des Hauses, nur eine trug den Namen der ehemaligen Besitzerin. --
-
-Sei es die drückende Luft des allzulange verschlossenen Zimmers,
-oder lag wirklich in dem Allen der Nachklang einer jungfräulichen
-Abgeschiedenheit, einer so recht heimlich ertragenen Herbheit des
-vernichtenden Geschicks, alle Anwesenden waren ernst, ja fast wehmüthig
-gestimmt, als endlich die fast verrosteten Schlüssel in ihren Höhlen
-sich drehten, und die Truhen ihre geheimen Schätze zu Tage förderten.
-Der Inhalt bot ein individuell-seltsames Gemisch von Kostbarkeiten!
-Ueber den reichen, schwer seidenen Damaststücken und den gestickten
-Brocaten zu Kleidern, neben den Chagrinétuis mit Bonbonièren,
-Zitternadeln, Ketten, Ringen, Armspangen und all dem übrigen prächtigen
-Putz einer vornehmen Dame der damaligen Zeit, lagen abgewelkte Sträuße
-kleiner Wiesenblumen, -- Schreibbücher eines Kindes, Repetitionen
-und Aufsätze, -- Ausarbeitungen für einen gründlichern Unterricht
-als er damals gebräuchlich, geschriebene Bruchstücke der nordischen
-Saga, endlich ein in Silber gefaßtes kleines Medaillon, fast ärmlich
-abstechend gegen all die Herrlichkeiten, mit dem Miniaturbilde eines
-jungen Mannes. -- Diese Truhe schien die Einzige zu sein, welche
-die Besitzerin geöffnet, die folgenden enthielten Schätze an feiner
-Wäsche, eine silberne Toilette, alles was zum persönlichen Gebrauch
-einer Fürstin geeignet; die letzte Kiste barg, was der Haushalt einer
-jungen Frau in glänzenden Verhältnissen fordern kann. -- Alles war mit
-sorgsamster Auswahl bereitet, und zeugte von der mütterlichen Liebe der
-fürstlichen Erzieherin Ulrikens.
-
-Während die älteren Schwestern gierig den Inhalt der Kasten musterten,
-und über dessen Eintheilung in drei gleiche Loose den Druck der
-beklommenen Luft im Gemach vergaßen, athmete Helene schwer und
-schwerer! Sie hatte sich des kleinen Medaillons bemächtigt und
-betrachtete mit immer traurigerer Miene die bleichen sanften Züge,
-die es ihr bot. Die schwarze Kleidung des Jünglings verrieth den
-Candidaten, -- »ihr Lehrer oder ihr Liebster?« dachte das Mädchen. --
-
-»Auch hier das nämliche Geschick! den alten Fluch des Hauses,« hauchte
-kaum vernehmbar Eva, die ihr über die Schulter blickte. Helene sah
-sie an, sie war blaß und zitterte merklich; sie bat die immer noch
-auspackenden Schwestern das Medaillon ihr zuzutheilen, und erhielt es
-leicht, denn es war altmodisch gefaßt und unschön als Schmuck.
-
-Endlich waren die Loose fertig, die Schwestern theilten nach Zufall, --
-am Boden blieben die welken Frühlingsblüthen und die Papiere; die arme
-Nordermule sammelte Alles auf; Eva hatte bereits die sie beengenden
-Räume verlassen, -- der Anblick war ihr unerträglich.
-
-Sobald der Eifer der besitznehmenden Schwestern es ihr gestatteten,
-entzog auch Helene sich dem ihr durchaus peinlichen Eindruck. Die ganze
-Scene machte ihr das Herz schwer; es kam ihr Alles, sogar ihre eigne
-Theilnahme daran, wie eine Entweihung, wie das gewaltsame Eindrängen
-in ein zartes, jungfräulich verhülltes Leben vor, das selbst der Tod
-nicht abzuschließen und dem frevelnden Blick des fremden Auges zu
-bergen vermöge, während lange qualvolle Jahre daran gesetzt worden,
-diesen einzigen armseligen Zweck zu erreichen.
-
-Als sie die Schwelle ihres Zimmers eben überschritt, streifte
-sie Christians Arm, und seine Hand ergriff unvermuthet die ihre.
-»Helene,« sagte er ernst und strenge, »Du trägst den Schlüssel dieses
-bejammernswerthen Geschickes mit Dir fort,« er deutete mit dem Blick
-auf das Medaillon, »es hat trübe unser aller Dasein umleuchtet, wie
-ein Nordlicht, ohne unsre Wege zu erhellen, ohne unserm Auge die Bahn
-deutlicher zu machen, die wir zu durchwandern gezwungen! Gebe Dir Gott
-mehr Glück und mehr Besonnenheit als ihr, und ein klareres Verständniß
-des Unabwendbaren! Du kennst bisher nur die +Lösung+ dieses traurigen
-Räthsels!«
-
-»Ja,« erwiederte Helene gepreßt, »ja, mir ahnet, daß sie für gleichen
-Lebenseinsatz einen entsetzlichern Verlust, für gleiche Schuld -- wenn
-es eine ist! eine schwerere Buße zu ertragen gehabt, als wir Alle!«
-
-Christian lächelte bitter. »Es kennt keiner das Gewicht der Bürde des
-Nächsten!« Er war mit eingetreten und ging in fast leidenschaftlicher
-Erregung eine Weile auf und nieder. Endlich blieb er vor ihr stehen;
-»es kann nicht schaden,« setzte er mit unbeschreiblich traurigem Tone
-hinzu, »daß Du einmal die Dir noch unbekannten Schicksale Deiner
-nächsten Verwandten, ja Deines älterlichen Hauses in's Auge fassest --
-komm setze Dich zu mir.«
-
-Helenens weiche Stimmung ließ sie dem Bruder schweigend willfahren; sie
-hoffte die Erzählung werde die Tante betreffen, hier in ihren eigenen
-Räumen scheute sie nicht, mit dem Einzigen, der um das Geheimniß zu
-wissen schien, davon zu reden; -- so hängt auch das edelste, zarteste
-Gefühl vom Eindruck äußerer Umgebung ab! --
-
-»So weit meine eigne Erfahrung reicht,« begann Christian, »habe
-ich stets bemerkt, daß in all den Einzelgruppen der menschlichen
-Gesellschaft, die wir »Familien« nennen, ein nämliches Grundprinzip
-des Glückes wie des Elends in fast all ihren Mitgliedern in
-unzähligen Umgestaltungen sich wiederholt. Es geht damit, wie mit
-der Aehnlichkeit der Gesichtszüge, die selbst, wo sie in Einzelfällen
-in gerader Linie verschwindet, in verwandtschaftlichen Kreuzungen, im
-Großneffen, im Enkelkind, in Tanten und Basen wieder auftaucht und
-sich unverändert geltend macht. Davon hat man tausende von Beispielen
-überall. Psychologisch erklärt sich aber das erste Phänomen, wenn man
-auf diesen Erscheinungen körperlicher Gleichheiten weiter zu fußen
-versucht und beachtet, wie sie Jahrhunderte zurück sich erstrecken, und
-eben so fortdauern um uns her, bis gewaltsam ihm aufgedrungene fremde
-Schößlinge den alten Familienstamm in seiner Wurzeltiefe und Wipfelhöhe
-überwuchert haben! -- Es läßt sich gar wohl begreifen, daß auch die dem
-Leibe inwohnende +Seele+ ihre eben so bis in den späten Ur-Enkel, durch
-Mischung sich analoger Körper- und Geisteskräfte, erzeugten ähnlichen
-Gebrechen und Tugenden bewahrt, und daß auf diese Weise der einzelne,
-sehr reich begabte Mensch zum Schöpfer einer Scala von herbeigezogenen
-Geschicken wird, die zusammenklingen, weil sie auf +einem+ ihnen allen
-eigenthümlichen Grundton beruhen! Nennt doch selbst ein Volkswort
-Jeden seines eigenen Unglücks Schmied! Und +so+ wird denn Fluch und
-Segen des längst schlummernden Ahnherrn immer von neuem erweckt,
-bis der letzte seines Namens und Stammes zu Grabe getragen ist.« --
-Erstaunt sah Helene den Bruder an; wie kam der sich nur mit abstrackter
-Gelehrsamkeit beschäftigende Mann, der Philosoph, zu diesen Ansichten
-eines Schwärmers?
-
-»Seit unseres Großvaters Jugend, welche in die erste Hälfte des
-vorigen Jahrhunderts zurückreicht, hat jedes unsre Familie befallende
-Mißgeschick, das bald auf entwürdigende Weise deren zarteste Hoffnungen
-brach, bald den eigenen Herd, das Herz des Hauses zum Schauplatz des
-Ungehörigen machte, sein Entstehen einer durch Liebesraserei erzeugten
-Verblendung zu verdanken. Jede Neigung ist bei uns durch Widerspruch
-zur Leidenschaft ausgeartet, jedes das Dasein erhellende Licht zum
-wilden Feuer, das den Aufbau unseres Lebens zerstört, das Dach über
-unseren Häuptern verzehrt, uns arm und bloß, als Bettler in der
-leergewordenen Existenz zurückläßt!«
-
-»Unser Großvater lebte in äußerlich günstigeren Verhältnissen als wir.
-Seine Jünglingszeit fällt in die Glanzperiode Niel Juuls und seiner
-Siege über die Schweden. Owen focht unter dem großen Feldherrn und
-zeichnete sich aus; das Vaterland nannte mit dem des Helden zugleich
-+seinen+ Namen! Die der Krone geleisteten Dienste verschafften ihm die
-Hand einer dem königlichen Hause verwandten jungen Dame, der Fürstin
-Harald-Friedrichsborg. Bei anscheinend blühender Gesundheit bemächtigte
-sich ihrer bald nach der Vermählung ein heimlich schleichendes Uebel,
-das in fortgesetztes Kränkeln überging, und die Geburten einer Tochter
-(der Tante Ulrike) und zweier Söhne schwächten den zarten Körper der
-jungen Frau noch mehr. Auch das in ihren Verhältnissen unvermeidliche,
-geräuschvolle Hofleben schadete ihr, es raubte ihr die Möglichkeit
-einer allmäligen Erholung; sie starb, nachdem sie einem dritten Sohn,
-unserm Vater, das Leben gegeben, gleich nach dessen Geburt.
-
-Grenzenlos war des Gatten Schmerz! In wahnsinniger Verzweiflung starrte
-er anfangs den Ueberbringer der Todesbotschaft regungslos an; dann
-aber sprang er einem wüthenden Tiger gleich, der seine Beute erfaßt,
-auf den Unschuldigen los, warf ihn zu Boden und trat ihn mit Füßen!
-Noch in der nämlichen Nacht starb der schwer Verletzte an den Folgen
-der erlittenen Mißhandlung. Des Königs Liebling aber, Graf Owen,
-entging jeder Anklage und Strafe, sogar der seines eigenen Gewissens;
-war es ja doch sein Leibeigener, den er zertreten wie einen Wurm! wer
-kümmerte in damaliger Zeit sich um den Gebrauch den Er, der Herr,
-von seinem Erb- und Eigenthum gemacht! -- Aber die Verblendung des
-unsinnigen Zornes gegen das ihn betreffende Geschick riß ihn weiter
-fort auf der entsetzlichen Bahn, auch -- dem eigenen Kinde, das diesem
-Unglück die Geburt dankte, dessen Eintritt in die Welt das Dasein der
-Mutter gekostet -- dem Neugebornen +fluchte+ er. -- Der unnatürliche
-Fluch trug bittre, giftige Frucht! Der Verlust seiner Liebe hat an uns
-Allen in der Liebe sich erneut und gerächt, mochte sie gewähren oder
-versagen, als gebühre +uns+ die Buße seiner Schuld.
-
-Drei Söhne hatte die Gräfin geboren. Die zwei Aeltesten starben in
-den ersten Jahren auf fast unerklärliche Weise, ohne vorhergegangene
-Krankheit, vielleicht an von der Mutter ererbter Schwäche, sie welkten
-dahin, wie eine Blüthe abfällt vom Zweige. Unser Vater dagegen war
-kräftig. Mit furchtbarer Strenge erzogen, auf jede Weise abgehärtet,
-wuchs er unter fremder Leitung auf; oft mischten sich Willkür und
-Grausamkeit in die Erziehung, die ihm ward. Der Großvater liebte ihn
-nicht, nannte ihn fortgesetzt den Mörder seiner Mutter, und sandte ihn
-endlich nach Skovkloster in die von Herluff Trolle eingerichtete adlige
-Hochschule, um ihn nur Jahre lang fern von sich halten und seinen
-Anblick vermeiden zu können. --
-
-Eine scheue Niedergeschlagenheit bemächtigte sich dort des Knaben --
-selbst Güte und Wohlwollen Einzelner, denen er Mitleid einflößte,
-vermochten nicht mehr ihn aufzurichten. Auch der Schwester durfte er
-nur in seltenen Zwischenräumen sich nahen; als sie erwuchs, sah er
-sie gar nicht mehr: so ward der einzige Sohn und Erbe ein Fremder im
-eigenen Vaterhause. --
-
-Eine immer mehr überhand nehmende Melancholie breitete ihren
-düstern, ihm die ganze Welt umhüllenden Flor über des Armen schönste
-Jugendzeit. Jedes eigene freie Streben ward ihm untersagt, man zwang
-ihn in den Militairdienst, während ihn eine mächtige Neigung zum
-damals noch brach liegenden Felde des Naturstudiums, besonders zur
-Botanik hinzog; man drängte den Verschüchterten in eine Hofcarrière,
-wo er seines verlegenen Betragens, seiner nicht brillanten äußeren
-Erscheinung wegen, kein Glück machen konnte -- ja es nicht einmal zu
-wollen vermochte, da die tiefste Sehnsucht seines Innern nur Stille
-und Abgeschiedenheit erstrebte. -- Als er mündig und durch seines
-Vaters Tod Erbe dieser Besitzungen geworden, bewarb er sich um die
-Hand unserer Mutter. Er hatte sie in den Hofzirkeln der Königin kennen
-gelernt und empfand die heftigste Leidenschaft für sie -- hiermit
-beginnt ein neuer Abschnitt unserer unseligen Familiengeschichte.«
-
-»Aber,« sagte Helene, »ihm ward das Jawort der Geliebten, sein Gefühl
-ward erwiedert.«
-
-Ohne ihre Bemerkung zu beachten, fuhr Christian fort: »unsere schöne
-geistreiche Mutter reichte dem Liebenden liebelos, gezwungen von ihrer
-Familie, die Hand! Eine unerwiederte Leidenschaft ist immer ein das
-Seelenleben spaltendes Weh; Besitz und stete Gegenwart steigern es
-zum unerträglichen! Sie war sein! Willenlos und widerstandlos ward
-sie ihm verbunden, aber eiskalt blieben die Lippen, auf welche er die
-seinen preßte, theilnahmlos blieb die Seele, der er unablässig die
-seine zu erschließen strebte. Ein entsetzlicher Kampf um Ruhe und Glück
-begann unter Beiden; je mehr er forderte, je weniger fühlte sie sich
-im Stande, das Verlangte zu gewähren. Seine Eifersucht ward erregt;
-ob sie gerecht oder nicht, wagt der Sohn nicht zu entscheiden! Auch
-auf unseren Kinderhäuptern lastete das Unglück; mich den Erstgeborenen
-unter Euch empfing, wenn auch kein Fluch, doch das Gefühl innerer
-Verzweiflung, statt des Kusses der Freude! --«
-
- * * * * *
-
-Er schwieg. »Aber die Tante?« fragte schüchtern Helene; in dem trüben
-Wahn des Bruders lag etwas seltsam Ansteckendes -- »aber die Tante,
-wie traf denn eben sie, die Schuldloseste unter Allen, das aller
-Entsetzlichste! war sie denn --«
-
-Christian rang sichtlich mit dem Entschluß in seiner Erzählung
-fortzufahren -- in dem Augenblick ertönte der langgezogene Schrei einer
-Seemöve oder des Wettervogels; es war nicht die Stunde, in welcher das
-Thier zu schreien pflegt, aufmerksam horchte Christian hin. Er war
-aufgestanden und an's Fenster getreten, und kehrte so Helene den Rücken
-zu. Nach wenigen Secunden erklang der Schrei zum zweitenmal -- zufällig
-wandte sich der Graf in demselben Augenblick der Schwester zu -- sie
-war feuerroth geworden und näherte sich in sichtlicher Verlegenheit der
-Thüre eines anstoßenden kleinen Jagdsalons, welcher die erste Etage
-eines der Eckthürmchen des Schlosses einnahm -- wie der Blitz stand
-Christian neben ihr; ehe er selbst sich seiner Absicht bewußt, hatte er
-gewaltsam die Thüre desselben aufgerissen und befand sich bereits in
-dem runden, durch mehrere große Fenster erhellten Saal. Aus dem einen
-derselben sah man über den Garten weg auf einen lieblichen kleinen
-Landsee, welcher die Besitzung Aalholm von dieser Seite begrenzt.
--- Drüben stand Thorald! Nach einer längeren Abwesenheit in Fühnen,
-von wo ihn die Sehnsucht, Helene zu sehen, zurückgetrieben, hatte der
-Unbesonnene nicht unterlassen können, ihr ein Zeichen seiner Rückkehr
-zu geben. --
-
-»Tod und Teufel!« schrie der Graf, »wagt der Bube einem Fräulein
-von Gejern zu rufen, wie einer Bauerndirne.« -- Besinnungslos vor
-aufwogendem, entsetzlichen Zorn riß er hastig eine von den Jagdflinten
-herab, welche an den Wänden hingen, und legte an. Heftig, aber
-keineswegs fassungslos ergriff Helene seinen Arm und schleuderte die
-Mündung des Gewehrs seitwärts. -- »Unsinniger!« rief sie mit strafender
-fester Stimme, »meinst Du einen Leibeigenen vor Dir zu haben, der
-willig sich mit Füßen treten läßt?«
-
-Der sich entladende Schuß war durch das Nebenfenster gegangen, das
-zufällig offen stand, die Schrotkörner streiften die Zweige der Allee,
-ohne irgend Schaden zu verursachen. Helene und Christian standen
-wortlos, zornig sich in's Auge blickend, einander gegenüber, als Eva
-von dem Knall erschreckt in's Zimmer stürzte, »was ist vorgefallen,
-was um Gotteswillen giebt es hier?« -- rief sie in namenloser Angst,
-auf Beide zueilend. »Gar nichts,« sagte trocken mit ruhigem Ton Helene,
-»Christian hat nach einer Möve am Weiher geschossen und sie verfehlt.«
-
-Des Bruders Auge dankte ihr; er hing die Flinte wieder zu den übrigen
-an ihren frühern Platz und reichte Eva die Hand; »es thut mir leid,
-Kind, daß meine Unbesonnenheit Dich erschreckt hat.« Ohne weitere
-Worte verließ er die Frauen -- Helene rang nach Fassung, ihre Augen
-durchbohrten das Wäldchen, in welchem der Liebste entschwunden. Eva
-kannte sie viel zu genau, um nicht bei näherer Betrachtung, mit einer
-von der Welt abgeschiedenen Kranken oft eigenen Beobachtungsgabe, zu
-errathen, was eigentlich vorgefallen. -- »Unvorsichtige!« flüsterte
-sie, Helenens Hand zwischen der ihren pressend, »willst Du denn
-durchaus ihn und Dich selbst elend machen? Ach, Du kennst nicht die
-volle ganze Kraft der Gefahr, welcher Du trotzig entgegen treten zu
-können wähnst! -- War Thorald hier im Schloß?«
-
-»Nein, dort am Weiher.«
-
-Eva seufzte tief auf, dann fuhr sie mit sichtlicher Selbstüberwindung
-fort, weil sie es für Recht hielt zu reden. »Ich kenne Christian besser
-wie Du! glaube mir, er ist unbeugsam, hoffe +nie+ den auf einen Punkt
-eigensinnig Verhärteten zu erweichen, nie wird er seine Einwilligung
-gewähren.« »Er ist nicht mein Vater, nur mein Bruder,« sagte das
-Mädchen ernst und fest, »seine Gewalt über mich muß Grenzen haben,
-obschon er mein Vormund ist, jedenfalls ist sie weder unabwendbar noch
-lebenslang dauernd. Ich bin in seinem Hause, Eva, und werde nichts
-thun, was ihn ernstlich kränken könnte, aber ich bin frei wie er« --
-sie erschrack als die letzten Worte über ihre Lippen kamen.
-
-Eva aber schüttelte traurig den Kopf, »das Land, seine Sitten, der
-Stamm, dem Du angehörst, bilden eine dreifache Mauer um Dich und Deine
-erträumte Freiheit. Es ist nicht bloß Dein Bruder, nicht nur sein
-Adelstolz -- warum wirst Du blaß bei dem Worte, das ich millionenfach
-durchdacht habe? es ist mehr als Alles der Charakter des ganzen
-+Landes+, das Zusammenfallen der allerverschiedensten Vorurtheile und
-dabei das Zusammenwirken der so von einander abweichenden Ansichten
-auf denselben Punkt, +dies+ hast Du zu scheuen, das ist die Kette mit
-den vielen kleinen Ringen, die sie um Dich schlingen --« Helene legte
-das müde Haupt auf die Fensterbank und schauete trostlos über den See,
-»mein Gott, mein Gott, wo er nur sein mag?«
-
- * * * * *
-
-»Und errängest Du es dennoch, des Künstlers Gattin zu werden, glaubst
-Du man würde Deine frühere Stellung vergessen, oder wirklich Dich
-aufnehmen unter den andern Bürger-Frauen und unter ihren Familien!
--- Ach, sie sind -- und vielleicht mit vielem Recht -- stolzer als
-Ihr! Eben weil sie ihre Vortheile, Aemter, ihre Privilegien, ihr Brot
-erkämpfen, und das mit sauerem Schweiß Errungene zu wahren nöthig
-haben, deshalb stoßen sie Eure Gemeinschaft zurück, Euch +gleich+
-gestellt sein wollen sie nicht, herabsteigen sollt Ihr zu ihnen,
-+dann+ erst wollen sie mit Euch sich wiederum erheben, auf Euren
-ungeschmälerten Platz, erst +dann+ ihn mit Euch theilen. Das, meine
-Helene, ist hier die Stimmung des Bürgers -- und in so fern sein Kopf
-klar genug, auch des Bauern!«
-
-»Wenn sie einander begegnen im Wäldchen!« seufzte Helene -- das
-Nächstliegende verschlang in ihr stets Vergangenheit und Gegenwart.
-
-Träumerisch die schmalen Händchen über die Brust faltend, wehmüthig die
-blauen Augen zu Helenen aufgeschlagen, mit dem rührensten Ausdruck der
-Innigkeit und Treue in den Zügen, saß indessen die Sprecherin da, immer
-noch bemüht der Freundin aufgeregte Geister zu beschwichtigen, vor
-allem aber sie abzuhalten, in den Garten zu gehen! -- Eva sprach fast
-niemals über sich -- Helene empfand den ganzen Werth des ihr gebrachten
-Opfers, auch dessen sanft verschleierte Absicht -- sie war selbst von
-der Nothwendigkeit überzeugt, eine persönliche Einmischung in +diesem+
-Augenblick meiden zu müssen, aber all ihre Gedanken flatterten dennoch,
-wie Vögel dem Frühling, so dem nun wieder Angekommenen, dem Geliebten
-zu! Jeder Widerspruch strenger oder liebreicher Art brach an dem
-mächtigen Gefühl des Mädchens. --
-
-»Nie werde ich's vergessen,« fuhr Eva in immer weicheren Tönen
-fort, »wie nach Graf Owens Tod --« sie vermochte noch nicht »mein
-Schwiegervater« zu sagen -- »nachdem ich schon fast ein Jahr hier
-auf dem Schlosse wohnte, Christian meinem alten Vater mich als seine
-Frau vorzustellen beschloß; es war ihm schwer geworden, ich wußte es
-wohl! Du Helene warst ein Kind, und bliebst bei Emerenzia! Amalie und
-Annette begleiteten uns; ich glaube,« setzte sie mit leicht bebender
-Stimme hinzu, »Christian hatte es den Schwestern befohlen -- es war
-darauf abgesehen, mir durch diesen Schritt mit einem Male eine feste
-Stellung zwischen den Bauern und +seiner+ Familie, besonders den
-Brüdern gegenüber zu geben, denn ich selbst war schüchtern wie ein
-Rothkehlchen, das sich im Zimmer verflogen und keinen Ausweg kennt;
-ich fürchtete mich in dem großen Schlosse, verlief, verirrte mich
-in dessen Gängen, ich hatte nie ein solches Gebäude bewohnt -- so
-lange ich auch schon damals Christians Gattin war, denn ich habe im
-fünfzehnten Jahre geheirathet, so wußte ich doch hier in der neuen,
-von der Jütländischen so ganz verschiedenen Umgebung, mich nicht in
-meine Lage zu schicken! Und doch,« fuhr sie fort, -- ihre Absicht
-Helenen vom Gegentheil zu überzeugen momentan ganz aus den Augen
-verlierend, -- »doch war das eben eine wunderschöne Zeit! Christian war
-so himmlisch gütig, die angetretene Majorats-Erbschaft zwang ihn zu
-immer regerer Thätigkeit, wie ein Schutzengel stand er mir zur Seite
-und lieh mir den Schild seiner männlichen Klugheit und Festigkeit;
--- nun, wir fuhren also nach Engbolle. Wie klopfte mir das Herz,
-als ich nach sechzehn Jahren den Hof von weitem sah! aber alles war
-stattlich verändert; mein Vater bewohnte nicht mehr eine Kathe, die
-man Winters über mit Laub und Schilf überdecken muß, um sich darin
-vor der Kälte zu schützen, ein ganz neuer Bau erhob vier stattliche
-Mauern an deren Stelle; das ehemalige Wirthschaftshaus, in welchem wir
-nur ein paar kleine Zimmer hatten, war nun zu Stallungen und zu einer
-großen Milcherei umgewandelt; -- als wir in den viereckigen Hof traten,
-blinkten mir die hellen Fenster entgegen, hinter denen mein so schwer
-gekränkter lieber Vater wohnte; seitwärts aus den Nebengebäuden klang
-das Brüllen des reichlichen Viehstandes -- an einer andern Stelle
-sah ich die Scheune, vor deren Thor das bunte Gefieder der Hühner im
-Sonnenschein glänzte, o Gott, mir ging das Herz im Jubel auf -- jetzt
-öffnete sich die Thüre, mein Vater -- er war ein Greis geworden --
-erschien auf der Schwelle! ich ließ Christians Arm los und stürzte
-über den Hof ihm entgegen; mir schossen die Thränen in die Augen, kaum
-vermochte ich »Vater, lieber Vater« ihm zuzurufen, »ich bin's, kennt
-Ihr mich noch?« -- mit abgezogener Kappe kam mein Vater die steinerne
-Haustreppe herab; ohne mit einem Blicke meine Anrede zu erwiedern ging
-er demüthig seinem Gebieter und den Gräfinnen entgegen, deren Hand er
-bewillkommnend küßte -- mir brachen die Kniee, ich fühlte mich dem
-Umsinken nahe, aber ich wollte mich fassen, den andern Leuten, den
-versammelten Knechten und Mägden kein Aergerniß geben; ich näherte
-mich ihm abermals, bezwang mein Herz und redete ihn noch einmal an;
-jetzt kamen meine drei Brüder auch hinzu, als ich sie verließ, waren
-sie kleine Kinder; wie er, traten sie festen Schrittes zwischen
-mich und meines Vaters ehrwürdige Gestalt, dankten dem Grafen, den
-Schwestern für die Ehre ihres Besuchs und luden sie ein in's Haus zu
-treten; Keiner hatte einen Blick, ein Wort für die Verstoßene! -- Mir
-schwanden die Sinne! Amalie und Christian faßten mich unter den Arm und
-führten mich die Stufen hinan zu meines Vaters Hause! ich ließ Alles
-geschehen, setzte mich nur mechanisch auf den mir bereit gestellten
-Sessel -- Beide überhäuften mich mit der zartesten Güte und Sorgfalt.
-Mein Vater und meine Brüder standen scheu und ehrfurchtsvoll, Alle in
-eine Ecke des Gemachs zusammengedrängt und warteten ohne ein Zeichen
-des Mitgefühls, bis Christian zu ihnen trat und den Erstern zu sich
-rief; -- beide gingen hinaus in eine anstoßende Kammer. Was sie dort
-mit einander verhandelt, habe ich nie genau erfahren; ich weiß nur,
-daß Bitte und Befehl als gleich unwirksam sich erwiesen! Mein Vater
-und seine Söhne erklärten alle vier respectsvoll und sehr fest: sie
-wüßten was sich schicke und gebühre; in ihren Augen bliebe ich eine
-Pflichtvergessene, die ihre eigne Familie bitterlich gekränkt, ihre
-gnädige Herrschaft aber auf's freventlichste beleidigt, er wünsche,
-setzte mein Vater mit schwankender Stimme hinzu, daß mir der selige
-Graf Thugge nicht in der letzten Erdenstunde geflucht! -- Christian
-versicherte dem mühsam sich aufrecht haltenden Alten, daß jener mir und
-ihm verziehen, und mit uns Beiden ausgesöhnt in seinen Armen gestorben
-sei. »Das war sehr gnädig und sehr edel, unser Herrgott lohne es ihm
-im Paradiese,« sagte mein armer Vater; dann bat er »den gestrengen
-Herrn Grafen« ihn zu entlassen, »er fühle sich ein wenig schwach
-heute.« -- Als ich mich etwas erholt und äußerlich gefaßt, geleitete
-mich Christian zum Wagen, ach! ich glaubte mich aufzulösen in Thränen,
-als ich in den Hof zurücktrat, wo noch wie vor einer Stunde Alles im
-Sonnenschein so lachend und glänzend vor mir lag! Nochmals nahten Vater
-und Brüder dem Wagen -- o mein Gott! ich sah die lieben theuren Züge
-so nahe, so ganz nahe vor mir, ich hätte sie mit meinen Händen an mich
-ziehen, mit meinen bebenden Lippen sie berühren können! Ebenso demüthig
-wie sie dieselben empfangen, empfahlen sich alle Vier der Gnade der
-beiden »Fröken und des Herrn Grafen;« ich sah das Zucken in den
-Gesichtsmuskeln des armen, alten Mannes, der so unsäglich litt durch
-und um mich! ich sah zwei glänzende Thränen in meines jüngsten Bruders
-großen, blauen Augen, aber dennoch blieb Aller Haltung so fest und
-entschieden, daß mein Muth an ihr brach; ich wagte keinen Laut mehr.
-Mein Vater hielt sich bis zu diesem letzten Augenblicke -- ach Gott!
-dem letzten, in dem ich jemals ihn sehen sollte, stramm; Christian
-zitterte wie ein Espenlaub an meiner Seite -- die Pferde zogen an, wir
-rollten fort; -- als ich nach einem mehrwöchentlichen Krankenlager
-erwachte, hatten sie meinen Vater schon begraben; die Bauern sagten, es
-habe ihm ein schwerer Kummer das Herz abgedrückt.« --
-
-Schluchzend warf Helene ihre beiden Arme um Eva's Hals; jetzt sah und
-empfand sie nur deren Schmerz, sogar Thoralds Bild ward dadurch für
-einen Moment in den Hintergrund gedrängt.
-
-Draußen war unterdessen, wie vorauszusehen, Thorald und der Graf
-zusammengetroffen. Allein der Gang zum Weiher, und vor Allem das tiefe
-Schamgefühl des Bewußtseins, auf Thorald geschossen zu haben, hatten
-den Grafen abgekühlt, und er zügelte diesmal seine Worte. Das Gespräch
-zwischen den Männern war sehr ernst, aber keiner von ihnen hatte bei
-der Erinnerung an dasselbe zu erröthen, es blieb gegenseitige Achtung
-als Schutzgeist ihm zur Seite. Christian verfehlte nicht, seine allen
-Männern seines Standes gemeine Ansicht, daß man gar übel ein Verhältniß
-zu dem Mädchen das man +heirathen+ will, mit einer Heimlichkeit des
-Verkehrs beginne; sein Urtheil darüber machte Thorald warm, ohne von
-Grund aus ihn zu überzeugen, ja es regte seinen innern Stolz auf so
-schmerzlich verletzende Weise an, daß er endlich erklärte: zwar werde
-er nun und nimmer seinen Anspruch auf Herz und Hand Helenens aufgeben,
-die willig beide ihm zugesagt, allein obgleich er sich zu keiner Art
-von Entsagung veranlaßt fühle, da er sich und die Geliebte als völlig
-frei und unabhängig betrachte, so sei er doch von seiner und ihrer
-Treue so fest überzeugt, daß er es darauf wagen könne, und er wolle
-sogleich, ehe ihn irgend Jemand gesehen, nach Fühnen zurückkehren,
-wenn der Graf durch seine häufige Anwesenheit ihren Ruf für wirklich
-gefährdet halte. Nur möchten, bat er, der Herr Graf sich nicht irren
-über den Grad des von ihm gewährten Zugeständnisses, er werde Mittel
-und Wege finden, Helenen die Erklärung seines jetzigen Schrittes
-zukommen zu lassen, denn je mehr er ihrer gewiß sei, je unmöglicher sei
-ihm es zu ertragen, auch nur einen Augenblick von ihr mißverstanden zu
-sein durch eigene Schuld.
-
-Es lag etwas so ächt Menschlich-Natürliches, ja eine solche Würde
-der Wahrheit in Thoralds Benehmen, daß der Graf davon erschüttert
-sich fühlte; zum ersten Mal seit seinen Jugendjahren fiel ihm die
-Möglichkeit einer wirklich dauernden Empfindung der Liebe ein. Nach
-wenigen Secunden jedoch war er, trotz seines angeborenen Hanges
-zur Träumerei, schon wieder zum klaren Ueberblick der Verhältnisse
-gekommen, er fühlte durch Thoralds augenblickliche Abreise nicht
-nur den Ruf der Schwester gesichert, sondern im schlimmsten Falle,
-wenn es ihm nicht gelingen sollte, zu einer +andern+ Verbindung
-sie zu vermögen, wenigstens in dieser Prüfung des Jünglings eine
-Art Bürgschaft, ein ~bonheur allemand~, daß das hereinbrechende
-Unglück einer Verbindung mit ihm und einer Trennung von den Ihren
-sich tröstlich gestalte. So nahm er wirklich Thoralds Erbieten an;
-aber er verlangte das Opfer, wenn es gebracht werde, vollständig, und
-augenblickliche Rückreise Thoralds.
-
-»Das macht die Sache schlimmer, man kann mich auf Laaland bereits
-gesehen haben,« sagte der Künstler, -- ihn verletzte der Stachel
-geheimen Mißtrauens, -- »aber ich bin erbötig, sogleich überzusetzen
-nach Falstern, wo ich ein paar Skizzen aufzunehmen habe.«
-
-Dieser Beschluß ward festgehalten. Allein der Graf war, wenn er
-einmal seiner gewohnten schweigsamen Contemplation entrissen und zur
-Thätigkeit gelangt war, nicht der Mann, auf halbem Wege stehen zu
-bleiben. »Wie gedenken Sie denn der Comtesse Gejern diese Nachricht
-von Ihrer augenblicklichen Entfernung zukommen zu lassen?« fragte
-er scharf. -- Thorald war gefangen; er konnte und wollte den Weg,
-den seine Correspondenz mit der Geliebten zu nehmen pflegte, nicht
-verrathen, weniger aber noch konnte er von Falstern aus ihn einschlagen
--- er zögerte einige Secunden -- --
-
-»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Christian, »daß ich der Comtesse
-die Nachricht in der jetzigen Stunde noch zukommen lassen werde,
-schreiben Sie ein paar Zeilen.« Erstaunt blickte Thorald auf -- es war
-dem Grafen Ernst. »Aus Ihrer Hand soll die Gräfin die Nachricht -- mein
-Herr? Nein, ich muß einen Boten --«
-
-Christians Zorn flammte auf; allein wie bei der Schwester überwog
-bei ihm der momentane Impuls eines eben jetzt zu Erstrebenden, und
-in diesem Augenblick lag ihm vor Allem daran, jede Zusammenkunft der
-Liebenden und jeden längern Aufenthalt Thoralds auf der Insel zu
-verhindern -- »ich werde ihr das Billet +senden+,« sagte er kurz.
-Thorald verbeugte sich stumm, riß ein Blatt aus seinem Taschenbuche und
-schrieb.
-
-Es war eine wunderliche, fast komische Situation. Der Eine als
-Vertrauter und Bote einer von ihm so hart gefährdeten Liebe des
-Andern; im Künstler überwog das Ironische derselben; auch lag im ganzen
-seiner Jugend diese etwas barocke, ritterliche Handlungsweise nicht
-fern; eine fröhliche Sorglosigkeit gestaltete sich fast in Leichtsinn
-indem er schrieb, nur die Anrede hatte ihn ein wenig verlegen gemacht,
-denn das Blatt ging ohne Siegel; -- Christian hatte sich in anständiger
-Entfernung unter eine Buche gesetzt, aber während der Maler schrieb,
-waren seine Gedanken längst abwärts geflogen, ihn beschäftigte eben die
-Solution eines naturhistorischen Problems -- fast hatte er die ganze
-Sache vergessen, als ihm Thorald das Blatt überreichte. Er faltete
-es nochmals und steckte es ein; es waren wenige Worte. Der Liebende
-verließ sich darauf, daß Helene +zwischen+ den Zeilen durch zu lesen
-verstehen werde, was nur sein Herz, nicht seine Hand dem Blättchen
-anvertraut.
-
-Die Männer trennten sich ohne weitere Erklärung. Als Thorald festen
-Schritts den Richtpfad nach dem Strande einschlug, um zur Fähre zu
-gelangen, sagte Christian ihm nachblickend: »Schade, daß er kein
-Edelmann ist, er hat einen edlen Anstand und präsentirt sich gut.« Dann
-wandte er sich dem Schlosse zu.
-
-Das Gespräch der beiden Frauen war eben beendet, als ein Diener Helenen
-das Billet überbrachte -- sie las es, sagte keine Silbe, drückte Eva
-die Hand und zog stumm sich in ihr Zimmer zurück.
-
-Dort brach sie in heftiges Weinen aus. »Dieser Sieg, Christian,« sagte
-sie stolz das Haupt zurückwerfend, »soll Dir theuer zu stehen kommen
--- daß Du ihn auf diese Art zum Nichthandeln, zum Rücktreten, zur
-Entfernung treibst, lös't mich von jeder Verpflichtung, drängt mir
-Entschluß und Handlung auf! -- Was können sie mir denn thun, diese
-hochmüthigen Brüder, wie mich zwingen? Etwa wie die Tante -- nein,
-nein, +die+ Zeiten sind vorbei!«
-
-Es war schon längst dunkle Nacht. Helene konnte den Gedankenflug
-ihrer Seele nicht beherrschen, Schlaf und Ruhe waren nicht zu hoffen.
-Sie trat an das noch offene Fenster -- der Wind erhob sich eben, es
-war gegen Mitternacht, er strich von der fernen See herüber an den
-Ufern hin, schüttelte tiefer in's Land eindringend die alten Buchen
-aus dem Schlummer und pfiff und heulte in den Vorsprüngen und Erkern
-des Schloßbaues -- es graus'te Helenen. Ob er noch auf dem Meere? Es
-ist weit hin bis zur Fähre, dachte sie. Es war eine der wunderlichen
-Nächte, in welchen die Windsbräute flaggen, und gleichsam aus dem
-tiefen Nebelgrunde der Dünen aufsteigend, ihre langen weißgrauen
-Schleier schräg herabhängen lassen bis dicht auf den Erdboden, dann
-urplötzlich aufjubelnd wie losgebundene Mänaden, wildaufschreiend mit
-dem langen pfeifenden Ton, den nur der Nordländer kennt, über die
-See sich stürzen, das fliehende Boot gierig zu erhaschen, das ihnen
-zu entgehen gemeint; -- Hui! nun muß es tanzen, Kiel auf und ein,
-drüber hin ras't eine Welle, -- wieder eine -- so fort Woge um Woge!
-Dem Ruderer schwinden Sterne, Himmel, Kahn und Strand; aber die wilde
-tolle Nixe, die ihren Liebsten sucht, zwischen Meer und Erde, ruht
-nicht, bis sie Alles, Mann und Maus durchnäßt hat im Boot; -- wie ein
-Pfeil schießt das Schifflein über die schaumbedeckte Fluth -- und
-mit einem Male, wie auf Zauberspruch, ist Alles vorüber! Da ist der
-klare Himmel, die Sterne flimmern wie erschrocken von dem sündhaften
-Spiel, es ist aber Alles glatt, still, sogar hell am Ufer und zur
-See: die erzürnte Wasser-Liebste hat ausgetobt. Ein langer keuchender
-Windzug trocknet rasch Segel und Leute; bis es einer andern ähnlichen
-Erscheinung begegnet, hat das Boot Ruhe, oft sogar eine schnelle,
-glückliche Fahrt.
-
- * * * * *
-
-Helene wickelte sich fester in ihren Mantel und beugte sich aus dem
-Fenster vor, in die Nacht hinaus, um den Stimmen derselben zu lauschen.
-Es war ruhiger geworden. Nun hatte Thorald gewiß Falstern erreicht.
-Aber nun hatte auch die neue Trennung erst recht eigentlich begonnen;
-der Unbesonnene hatte ja Christian sein Wort gegeben, vorläufig
-sein Kommen ganz einzustellen. -- Sie trat zurück in's Zimmer. Ihr
-schauderte vor der Möglichkeit des Traums, der nach so verworrenem
-Tage ihrer harren könne. Die Nacht blieb ihr unheimlich, im Spiegel
-erschreckte sie das eigene wachsbleiche Gesicht -- im Hause schien
-Alles zu schlafen. Sogar ihre eigene Dienerin hatte sie hinweg und zu
-Bette geschickt.
-
-Sie hätte viel gegeben für irgend einen befreundeten Laut --
-endlich öffnete sie ihre Stubenthür und lauschte gespannt, sie
-wußte selbst nicht auf was, in die Dunkelheit hinaus; -- plötzlich
-erblickte sie einen hellen Lichtschein unter der Thüre des einen ihr
-gegenüberliegenden Zimmers hervordringen, er kam aus dem Cabinet der
-Nordermule; sie huschte eilig hin, öffnete leise und trat ein.
-
-Obschon die Mittage noch heiß waren, begannen schon kühlere Nächte an
-den fliehenden Sommer zu mahnen, ältliche oder schwächliche Leute,
-wie Emerenzia, froren mitunter. Vielleicht hatte sie deshalb Feuer
-angemacht, denn aus der weit aufstehenden Ofenthüre leuchtete eine
-prasselnde Flamme Helenen entgegen. Die Nordermule saß auf einem
-niedrigen Schemel vor derselben, auf ihren Knieen hatte sie die welken
-Blumen und Kränze der Tante liegen und die Schreibereien, die sich
-in den Truhen vorgefunden; sie war beschäftigt, das Alles mit einem
-seidenen Bande aneinander zu binden, und schien die Absicht zu haben,
-ein Todtenopfer auf dem vor ihr brennenden Holzstoß zu halten.
-
-Als sie Jemand hinter sich vernahm, sah sie sich nicht um, sondern
-kreuzte schnell die Hände über beide Augen und beugte das Haupt tief
-herunter, daß es fast die Knie berührte.
-
-»Sie hält mich für eine Erscheinung, vielleicht gar für der armen Tante
-Ulrike Seele!« -- hörbaren Schritts trat sie näher und legte die Hand
-auf der Geängsteten Schulter. »Ich bin es,« sagte sie mit recht ruhiger
-Stimme, »ich kam, weil ich vom Vorplatz aus noch Licht in Deinem Zimmer
-gewahrte.«
-
-Es lag immer in allem Thun Helenens, Emerenzia gegenüber, eine
-liebenswürdige, schonende Zartheit; auch jetzt schien sie deren Schreck
-gar nicht zu gewahren, denn sie kannte ihrer Freundin krankhafte
-Scheu, lächerlich zu erscheinen; -- alle von der Natur stiefmütterlich
-behandelten Menschen haben sie. -- Die Alte hob die Hände vom Gesicht
-und ließ sie auf die welken Blumen in ihren Schooß sinken. -- »Bist Du
-unwohl?« fragte sie besorgt.
-
-»Nein, aber bewegt, wie Du selbst, im Geist und Gemüth; ich kann nicht
-schlafen. Laß uns Dein begonnenes Todtenopfer zusammen vollenden,
-aber während die Flammen seine Heimlichkeiten schützend verzehren,
-erzähle mir von dem edlen Wesen, an welchem Dein Herz, wie ich sehe, so
-schmerzlich hängt -- sprich mir von dem Leben, dessen letzte Glücksspur
-wir vielleicht eben vertilgen!«
-
-In fast andächtiger Stille schichtete Emerenzia die Blüthen und Blätter
-auf den kleinen Holzstoß und blickte schweigend darauf hin, bis sie
-zu Asche gebrannt in sich zusammensanken: »Gewiß,« sagte sie endlich,
-»ich durfte sie in keine andre Hand kommen lassen, obgleich das Alles
-eigentlich der Familie --«
-
-»Der Familie gehörte, die sich so wenig daraus machte, daß sie diese
-Erinnerungen den Fußtritten der Domestiken überließ, wenn Deine treue
-Hand sich nicht derselben angenommen! Ach Emerenzia, die Spuren eines
-ewigen Gefühls vergehen wie Spreu vor dem Winde in der Erdenwelt!«
-
-»Ein Engel sammelt sie droben!« sagte fromm die Nordermule.
-
-»So hat er diese wunderbar klagende Nacht und Dich zu Vollstreckern des
-Liebestestamentes der Tante gemacht,« erwiederte Helene, und zog einen
-zweiten Schemel zum Feuer, auf dem sie Platz nahm. »Erzähle! bitte,
-bitte.«
-
-Die Alte nickte und begann; anfangs starrte sie fortgesetzt in die
-Flammen, bis sie, wie ein Sänger der Saga, mehr und mehr in sich selbst
-versank und der sie umgebenden Welt nicht mehr gewahrte, endlich aber
-mit höchster Begeisterung erzählte.
-
-»Ich habe vergessen, in welchem Jahre es geschah, allein unser Graf
-Thugge war noch ein kleiner Knabe, als er, um zu der Schule auf
-Skovkloster sich vorzubereiten, einen Hofmeister erhalten sollte, bei
-welchem er bessern Unterricht und weniger harte Worte und Schläge
-bekäme, denn das Kind war tödtlich verschüchtert und des eigenen
-Geistes oft nicht mächtig vor Angst. Eine plötzliche Krankheit hatte
-seinen Peiniger fortgerafft. Bei dieser Gelegenheit, meinte der
-alte Graf, könne auch das um acht oder neun Jahr ältere Fräulein
-die nöthigen Repetitionsstunden erhalten, um seine Erziehung ganz
-zu vollenden. Es war um das Ende Novembers in einer unruhigen
-Sturmesnacht, wo der wilde Jäger Holske Darske durch die Waldung jagt,
-wo Alles ächzt und knarrt in Haus und Hof, die Thiere in den Stallungen
-vor Unbehagen aufbrüllen und die ganze Natur in hundert Stimmen
-aufseufzt und wehklagt, als ob sie auch einsam sich fühlen könnte, wie
-der Mensch. Das junge Mädchen saß im Saal dem Vater gegenüber, der über
-Landcharten und Briefen brütete und kaum sie bemerkte, der Bruder aber
-war in der Küche dem alten Hannes auf den Knieen eingeschlafen -- er
-durfte den Saal nicht betreten, wenn der Vater zugegen.
-
-Ulriken war unbeschreiblich betrübt zu Muthe, sie war erst seit wenig
-Monaten in des strengen, kalten Vaters Schloß; die liebende Hand der
-Fürstin Sophie, die sie erzogen, fehlte ihr überall; ohne besondern
-Grund hatte der alte Graf sie berufen; er wollte sie um sich haben, sie
-kennen lernen und ihre Geisteskräfte prüfen, ehe er sie einführe in
-die große Welt Copenhagens und des Hofs. Ihn selbst aber hielten seit
-Monden Podagra und Geschäftsverhältnisse auf dieser Besitzung fest.
-Die Morgenröthe der Freiheit des Bauern begann kaum erst zu dämmern,
-und ihr Herannahen war dem stolzen Grafen, dessen Hochmuth keine Art
-Beschränkung, auch nicht die einer selbst gewährten Gnade ertrug,
-qualvoll und fast lächerlich, denn er glaubte an keine Gleichheit der
-Menschenrechte, und alle für die große Nationalbefreiung Wirkenden,
-kamen ihm wie Kinder vor, die mit dem Feuer spielen. Indessen bereitete
-er sich vor, an den Hof zu gehen, denn er empfand den Druck einer
-nahenden Explosion, welcher er scharfen Blicks dort entgegenzutreten
-entschlossen. Ueber die Parzellirungen und Landesverhältnisse
-studirend, saß er dann Abends dem Kinde gegenüber, das kaum eine
-gefallene Rolle Seide aufzuheben, kaum zu athmen wagte, um ihn nicht zu
-erzürnen.
-
-Jetzt schlugen alle Hunde an, ein Fremder hatte den Hof überschritten;
-eine seltene Erscheinung in dieser Jahrszeit; man hörte die Tritte
-desselben auf dem knisternden Schnee, gleich darauf ward die Glocke an
-der Thüre angezogen und der neue Hofmeister ward dem Grafen angemeldet.
-Ulrike wollte, schüchtern wie sie war, sogleich den Saal verlassen,
-der Graf befahl ihr zu bleiben, »damit er sie mit ihrem neuen
-Informator bekannt machen könne« -- das war das erste Mal, daß er über
-eine solche Absicht sich gegen sie aussprach. Du hast das Bild dessen,
-der nun eintrat, gesehen; das schmale Gesicht mit den dunkelblauen
-Augen und dem festgeschlossenen Munde, von lichtbraunen natürlichen
-Locken umwoben, die bis tief in den Nacken sich kräuselten, und nicht
-gepudert, nicht gebunden waren, die schwarze Kleidung, welche gegen den
-farbigen Hofputz der damaligen Cavaliere so sehr abstach, Alles das
-zusammengenommen machte den Jüngling zu einer auffallenden Erscheinung
--- man konnte ihn wahrhaft schön nennen den Bewohnern des Schlosses
-gegenüber, die sämmtlich trotzig und verzagt, der unseligen Heftigkeit
-des Grafen wegen einen Ausdruck verbissenen Ingrimms oder knechtischer
-Unterwerfung zeigten, der, in vielen der alten runzlichen Gesichter
-Caricatur geworden, etwas Abschreckendes hatte.
-
-Ulrike ließ die Hände auf den Rahmen sinken, der ihre Tapisserie
-umschloß, sah mit weitgeöffneten Augen wie geblendet einige Secunden
-ihn an, als aber der Vater mit herablassendem Hochmuth ihr den neuen
-Lehrer vorstellte, neigte sie den schönen Oberkörper demüthig, wie die
-Madonna sich vor dem Engel der Verkündigung beugt, sie fühlte sich
-nicht fest auf den Füßen und hätte um die Welt keine der üblichen, ihr
-eingelernten Verneigungen machen können; erst nachdem der Graf den
-Angekommenen zum Ausruhen entlassen, vermochte sie die Erlaubniß sich
-zu erbitten, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.
-
-Draußen brach sie in helle Thränen aus -- ihr war unsäglich glücklich
-zu Muthe, als sei einer der Engel ihrer Träume wachend ihr begegnet.
--- Sie sahen sich von da an täglich, Johannes gab ihr anfangs mit dem
-Knaben zugleich Unterricht, dann aber ihr allein, in Gegenwart der
-alten Schließerin, oder der alten Kammerfrau Ulrikens, welche ihr die
-Fürstin, bei welcher sie ihre Kindheit verbracht, mitgegeben in des
-Vaters Haushalt. Sehr bald wußte Ulrike um alle Verhältnisse ihres
-Lehrers; den Vater hatte er frühe verloren, die Mutter zog mit ihm und
-den andern Geschwistern nach Roeskilde; in der alten Gräberstadt,
-in welcher fast alle Könige des Oldenburger Hauses ihre Ruhestätte
-gefunden und in dem noch poetischern Leïre, das Skiold, der Sohn
-Odins, zum Wohnsitz sich erwählt, im Herthedal, wo überall noch das
-Blutgeheimniß jenes wunderbaren Dienstes der nordischen Diana seine
-Zauber ausbreitet, sog sich der Knabe groß an poetischen Eindrücken,
-und die damals entkeimte Vorliebe zu älteren Sagen ward im Jüngling
-zum besonnenen Studium. Später hatte er, mit Hülfe eines Gönners, der
-Theologie sich gewidmet und den Doctorhut erworben, doch »könnten noch
-Jahre vergehen, -- meinte er selbst, -- ehe ihm eine Pfarre zugetheilt
-würde;« der arme Candidat fand das sehr begreiflich, gab es doch gewiß
-noch Gelehrtere, Würdigere als er -- und allerdings regte sich damals
-noch ein sehr ernstes, edles Streben in der Theologie.
-
-Wie gläubig beseligt lauschte Ulrike seinen den Menschen als Gottes
-Ebenbildern so fest vertrauenden Worten! Er ward ihr lieb, wie etwas,
-das sie vorher nie weder gedacht noch gewünscht, noch empfunden; es war
-der plötzlich von oben herabgesenkte Himmel, der sich auf die Erde
-gelagert und sie zum Paradiese umgeschaffen!
-
-Daß seine Neigungen gar bald auch die ihren wurden war nur natürlich,
-sie begann mit ihm die Geschichte ihres Vaterlandes zu studiren; der
-lange stets mit der Hierarchie sich erneuende Reformationskampf, an
-welchem die Herrscher Dänemarks so ernsten Antheil genommen, der
-Bürgerkrieg, der sich um Christian ~II.~ willen bis auf diese schon
-damals von ihren Vorfahren bewohnten Inseln, ja sogar in seinen
-Einzelheiten bis in das Schloß Aalholm gezogen, in welchem sie jetzt
-lebte, alles dies wurde dem lebhaften Sinn des schönen Mädchens zum
-Element einer stillen, innern Welt, in der sie arglos weiter lebte
--- ohne Vorblick in die Zukunft. Zuweilen fand sie Johannes' Bild
-in irgend einem edlen geschichtlichen Charakter, in einer schönen
-Selbstaufopferung, weit seltner sich selbst! Als sie einmal mit ihm die
-schöne Mähr von Gioès, Tochter Brigitta, las, die einem Bischof verlobt
-gewesen, ehe er selbst sich ausschließlich der Kirche weihte, wurde sie
-wehmüthig, ohne zu errathen, was an deren Geschick sie rühre.
-
-Von Allen ungeahnt wuchs ihre Seele, entfaltete sich ihr Geist
--- dennoch fand sie Niemand verändert; theils weil alles in ihr
-harmonisch und sanft geblieben, theils weil unter diesen stillen, meist
-niedergeschlagenen Blicken, die nur zu erwachen schienen wenn der
-Geliebte sie weckte, dann aber eine Welt der Poesie und Intelligenz
-ausströmten, Keiner eine Bedeutung suchte. Die Tage spannen sich in
-äußerlich ziemlich farbloser Einförmigkeit ab, die Liebenden wußten es
-nicht einmal. Aber Johannes wollte nach seiner einfachen Weise bald
-diese bald jene Erleichterung den Armen, den Geknechteten gewähren,
-welche er, der sich selbst mit einem Male so glücklich fühlte, um
-sich sah -- ich habe Dir angedeutet, wie er auch hier auf Ulriken
-einwirkte! Der alte Graf ahnete von dem Allen nichts, wohl hätten die
-ergrimmten Vögte oft das Fröken verklagt, daß es ihnen die Bauern zu
-Faullenzern mache, aber die entsetzliche Angst vor der mit dem höhern
-Alter unzähmbar gewordnen Wuth des Alten, dessen Zorn oft unerwartete
-Richtungen annahm, fesselte die Gemeinheit und Bestialität, daß sie
-still lagen zu den Füßen der Jungfrau, wie die alten Legenden von
-Raubthieren und Schlangen uns erzählen.
-
-Als nun um die Weihnachtszeit der Graf nach Copenhagen gegangen, blieb
-Ulrike, fast sich selbst überlassen, daheim allein mit ihrem Lehrer
-zurück; eine ergraute und halb blinde Anverwandte, welche zum Stift
-Wallöe gehörte, dessen Abatissin die Fürstin Sophie geworden, war kaum
-zurechnungsfähig, und befand sich gern in Johannes' Gesellschaft,
-der sie mit gütiger Aufmerksamkeit behandelte, weil sie alt und
-gebrechlich. --
-
-Nach einiger Zeit sandte Graf Owen einen Tanzmeister aus Copenhagen;
-Ulrike sollte auf dem Gute tanzen lernen, um bei einem spätern Feste
-am Hofe auftreten zu können. Der alte Franzose wurde leicht im Schloß
-untergebracht, der neue Unterricht begann. -- Um die üblichen Tänze
-einüben zu können, mußten mehrere Theilnehmer an demselben gefunden
-werden; man zog ein paar Fräulein aus der Nachbarschaft hinzu, auch
-deren Brüder und Johannes mußten figuriren. Die Liebenden tanzten
-zusammen, die Jugend schlug rosig aus beider Herzen und Wangen; sie
-waren unsäglich glücklich. Dennoch blieben Beide unbefangen, sie gaben
-ihrem Glück keinen Namen.
-
-So ging der Winter vorüber, der Graf kehrte zurück. Der Vater ließ
-das Töchterchen ihm vortanzen und war zufrieden; er hielt ein kleines
-Examen mit der an allen Gliedern Zitternden; auch hier schien er mit
-überraschter Freude ihre wissenschaftlichen Fortschritte zu gewahren.
-Abends war die letzte große Tanzstunde, er sah den Hofmeister Ulriken
-gegenüber die Touren einer Anglaise tanzen -- er runzelte die Stirn und
-schwieg.
-
- * * * * *
-
-Die Unterrichtsstunden mit Johannes nahmen ungehindert ihren Fortgang,
--- zuweilen erschien der alte Herr unvermuthet während derselben im
-Zimmer seiner Tochter; er sagte kein Wort. -- Einmal begegnete er
-Ulriken in der Allee, sie war von einem Diener begleitet, der ihr einen
-großen Korb mit Lebensmitteln und Arzeneien zu einer Kranken trug --
-Graf Owen fragte nach keinen Details, er schwieg, allein er ward noch
-finsterer und redete stets streng und in fast barschem Ton, sowohl mit
-dem Candidaten als mit seiner Tochter. Die Schloßbewohner überkam ein
-geheimes Grauen.
-
-Eines Morgens ließ er Ulrike zu sich rufen. Es waren eine Menge Kisten
-und Schachteln aus der Residenz angekommen, mit Kleiderstoffen,
-Stickereien, feiner Wäsche und Mustern dazu; er befahl ihr für ihre
-Ausstattung nach Copenhagen zu sorgen, wohin sie ihn zum Johannisfeste
-auf eine Woche begleiten solle, um der königlichen Familie vorgestellt
-zu werden; er hoffe, setzte er hinzu, sie als +Braut+ wieder
-heimzuführen.
-
-Ulrike stand regungslos vor ihm wie ein Marmorbild, alle Farbe war
-von dem schneeweißen Gesicht gewichen, sie verstand nicht mehr, was
-er diesen letzten Worten noch hinzufügte, mechanisch verneigte sie
-sich, nach damaliger streng respectvoller Sitte, als er geendet, und
-ging in ihr Zimmer. Erst dort besann sie sich, erst dort wurde ihr der
-ungeheure Schmerz einer möglichen Trennung deutlich.
-
-Ulrike fiel nicht in Ohnmacht, streckte sich nicht tödlich ermattet auf
-ein Canapee oder in eine ~Chaise longue~, -- sie saß ganz still und
-ehrbar auf ihrem gewöhnlichen Platz und strickte Filet, als Johannes
-eintrat um ihr eine Unterrichtsstunde zu geben. Er kam noch heiter
-herein, wie ein sonnenheller Morgen, allein ein einziger Blick auf
-sie gab ihm das Gefühl eines unermeßlichen Unglücks, das ihn und sie
-betroffen. Neben ihr, etwas mehr zurück, saß die alte Cousine halb im
-Schlummer; er vermochte nicht es zu beachten, sein Herz kannte keine
-Nebenwege zum ihren, er fragte kurz und gerade heraus -- sie antwortete
-eben so und sagte in dieser Antwort Alles. -- Die Cousine war fest
-eingeschlafen.
-
-Die nächste Viertelstunde fand zwei selige Menschen, die mitten
-in dem sie dicht umwachsenden Elend desselben vergaßen, über dem
-unbegrenzbaren Glück ihrer gegenseitigen Liebe. Zum ersten Mal hatten
-sie sich ausgesprochen über ihr Gefühl; die Alte hatte schlafend dabei
-gesessen; es ist wunderschön, daß man der Jugend das Glück nie ganz
-verkümmern kann!
-
-Der folgende und noch gar mancher Tag nach ihm vergingen, und es hatte
-sich nichts geändert im Lauf derselben; nur flogen der Liebenden Pulse
-in heftigeren Schlägen, nur wechselten die Stunden der hoffnungslosen
-Verzweiflung und der seligsten Zuversicht in Beiden -- und seltsam,
-und doch nur menschlich-natürlich: die letztern überwogten, ja
-vernichteten allmälig die Verzweiflung, mit welcher sie anfangs der
-Zukunft gedacht; es konnte ja noch lange, lange so bleiben wie jetzt!
-Ulrike war fest entschlossen, keinem Andern ihre Hand zu reichen,
-den ihr vorzuschlagenden Bräutigam nicht anzunehmen, was auch daraus
-entstehe. Immer wollte sie so fort leben, nie sich vermählen, Johannes
-aber sollte einst eine Pfarre auf einem der benachbarten Güter oder in
-Nysted, oder auf Falstern erhalten; so schwatzte sie in liebenswerther
-Kindlichkeit ihm leise flüsternd den Kummer fort aus der Seele, -- wenn
-er ihr zuhörte, beseligte ihn der Klang ihrer Stimme; konnte er ihren
-Glauben an die günstige Gestaltung ihres Geschicks nicht unbedingt
-theilen, so endete doch momentan alles Leiden in ihm, denn er dachte
-nicht weiter. --
-
-In der Nacht, wenn er allein auf seinem Zimmer war, fiel ihm die große
-Sünde auf's Herz, die er an ihr begehe! -- trostlos warf er sich auf
-die Knie und flehte Gott um Erbarmen an, -- etwas Bestimmtes zu
-erbitten vermochte er nicht, denn er konnte nicht anders, als sie
-lieben! Manchmal dachte er, in Copenhagen werde sie ihn vergessen, er
-rief sich all die schönen reichen und edlen Männer in's Gedächtniß, die
-er dem Namen nach kannte, denen sie aber wirklich begegnen werde; er
-zwang wohl auch seine Lippen zum Gebet: daß ihr der Allmächtige dort
-Vergessenheit gewähre und höchstes Glück in den Armen eines Würdigern
-als er selbst -- und -- in heiße Thränen brach er aus, denn klar wie
-die Wahrheit des heiligen Evangeliums stand es ihm fest und licht in
-der Seele: Ulrike werde doch nie einen Andern lieben als ihn, und nie
-einem Andern angehören! --
-
-Der Mai neigte dem Ende sich zu. Als Johannes eines Tages von Ulriken
-ging, der er ihre gewöhnliche Unterrichtsstunde gegeben, berief ihn
-der Leibdiener des Grafen in dessen Cabinet. Owen hatte einen, wie es
-schien, eben erhaltenen Brief in der Hand, welchen er ihm überreichte.
-»Herr Candidat,« redete er ihn ganz freundlich an, »Sie sind wie Sie
-aus beikommendem Schreiben ersehen, zum Pfarrer ordinirt; hier ist Ihre
-Bestallung und ein Handschreiben des Probstes. Sie gehen nach Island;
-Ihr Kirchspiel liegt in Rangewallsyssel. Ich wünsche Ihnen Glück!
-Sie werden aber in vierundzwanzig Stunden Laaland verlassen müssen,
-um erst in Copenhagen einige nöthige Instructionen sich zu holen,
-vielleicht werden Sie auch wünschen, die Ihrigen noch in Roeskilde zu
-sehen und Abschied von Ihrer Mutter zu nehmen. Das Schiff, mit welchem
-Sie reisen, lichtet den zweiten Juni die Anker, geniren Sie sich ja
-nicht wegen uns!« Graf Owen stand auf, verbeugte sich und verließ das
-Zimmer. --
-
-Island! vielleicht hat die Natur keinem Lande der Welt ein
-abschreckenderes Aeußeres gegeben, als dieser vulkanischen Felseninsel,
-deren Inneres ein Geheimniß des Schöpfers geblieben ist bis zum
-heutigen Tage; in phantastisch-wilder Erscheinung hat er sie als
-Räthsel dem hohen Norden hingestellt; Niemand hat es zu lösen gewagt!
--- Unermessen, unbetreten dehnen sich Islands innere Eisklüfte, heben
-sich seine Hochgebirge, kein Wandrer wagt sie zu durchdringen, keine
-Gewinnsucht lockt je den Jägersmann in ihre gänzlich unbewohnte
-Bergesöde, nicht einmal ein Vogel durchschneidet sie im vorübereilenden
-Flug! Eismassen, Rauch- und Feuersäulen drängen sich dort aus dem
-geologisch reichen Grunde, treiben von Innen heraus unaufhörlich
-Lava, Asche und rollende Steine herab auf die karge Vegetation des
-bewohnten Strandes, der, ein schmaler Landstrich, die Felsmassen
-umgürtet, welche hinter ihm sich erheben. Acht lange Monate ist auch
-dies Ufergestade mit seiner spitz ausgezackten Granitkrone, welche von
-zahllos eindringenden Fiörden durchschnitten wird, von Eisschollen
-überdeckt, -- den kurzen Sommer hindurch umbraus't es ein immer wild
-aufschäumendes Meer, das nur des Winters Strenge mit den starken
-Eisesbanden zur Ruhe zwingt. Wildströme reißen sich aufgischtend vom
-Hochgebirge los und stürmen jauchzend diesem Meere zu, dessen heftige
-Brandung ihren tollen Schaumgruß erwiedernd ihnen entgegen sich drängt;
-im Osten sprudelt der Torfa in bacchantischem Uebermuth seine glühenden
-Quellen mitten aus dem Eismeer hervor, während im Gaukakal-Thale
-die Geiser aus weitem, tiefen Becken ihre geisterartigen Strahlen
-fast unabsehbar hoch miteinander wetteifernd in die Lüfte senden, --
-vielleicht ist ihre wunderbare Schönheit eine Botschaft aus der Tiefe
-in die Himmelsferne, die das Farbenspiel ihrer Regenbogen weiter
-trägt! --
-
-Ganz oben aber, hinter allen diesen beschneieten Gipfeln, im weiten
-Kreise der vulkanischen Riesen, die sechs bis sieben Tausend Fuß
-hoch hinausragen über die Meeresfläche, liegen ganz oben, wie ein
-schauerliches Gnomenmährchen, die unermeßlichen weiß und blauen
-Eisfelder in ewigem Verstummen; sie bilden den Zauberring, der, in
-strengem Gegensatz zu ihrer unstörbaren Todtenstille, einen in ihrer
-innersten Tiefe kochenden Feuerheerd umfaßt, in dessen Abgründen und
-Kratern die Elemente unaufhörlich gegeneinander kämpfen.
-
-Und dennoch waren es alle diese Schrecknisse nicht, welche den wie von
-plötzlicher Todesbotschaft Betroffenen im Cabinet des Grafen gefesselt
-auf den schwankenden Füßen an dieselbe Stelle bannten, an welcher er
-die ihn vernichtende Nachricht empfangen; der eine Gedanke, den seine
-Seele anstarrte, wie die verglas'ten Augen das Blatt in seiner Hand,
-war nur der einer unabsehbar trennenden Weite, in welcher er von der
-Geliebten leben sollte, -- abgeschieden, losgerissen von ihr, ohne
-Gruß, ohne erreichbare Nachricht, ohne einen einzigen Ton ihrer Lippen,
-ihres Gemüths! Eine lange Reihe von Jahren, vielleicht das ganze Dasein
-lang -- immer, immer so fort, bis in's Grab! --
-
-Was kümmerte ihn, ob Islands rauhes Clima keine Frucht am Baum,
-keinen Halm auf dem Felde reifen läßt, kein grüner Laubast dem müden
-Wandrer sein Dach beut, und kaum die Birke mit ihrem Schattentraum ihn
-umspielt, was kümmerte ihn die Kargheit aller Existenz auf der Insel,
-die künftig ihn umfangen sollte; ach ihre Moose, ihre Beeren, ihre
-Zwerggewächse hätten ja zum Paradiese sich umgestaltet, wäre er nur
-einmal am Ende der langen Winternacht dem Frühlingsbilde Ulrikens dort
-begegnet! hätte nur +eine+ Hoffnung ihm folgen dürfen in die Verbannung!
-
-Und doch kam dem frommen Manne, der Gott immer willig zu gehorsamen
-gewohnt war, auch jetzt in die so tief zerrissene Seele keinen Moment
-der Gedanke, sich diesem ihm aufgebürdeten Geschick zu widersetzen,
-+dem+, was in seinem Berufe lag, gewaltsam sich zu entziehen; er bot
-die todeswunde Brust zuckend, mit thränendem Blick, aber entschlossen
-dem Schmerz und der Erfüllung seiner Pflicht! Wie der Missionair aus
-dem Kreise seiner Lieben, wie der Märtyrer zum Tode, schritt auch
-er gläubig-ergeben in Unabwendbares, für sein und Ihr Herz um Kraft
-flehend, dem Ziele zu; ihm fiel nicht ein, an seinem Schicksale zu
-mäkeln!« -- »Aber sie, aber Ulrike?« rief mit Thränen überströmtem
-Blick Helene, »wie überlebte die Unglückselige den Schlag?«
-
- * * * * *
-
-»Ich kann Dir nichts vom Scheiden der Liebenden sagen, -- denn kein
-Auge hat es gesehen, keine Lippe je ein Laut übertreten, der jenen
-heiligen Schmerz berührt hätte! -- Als er fort war, erschien Ulrike
-wie gewöhnlich am Mittagstisch ihres Herrn Vaters; sie war sehr blaß
-und fast bewegungslos; mit erloschenen Augen saß sie da, legte ihm die
-Speisen vor, vermochte aber selbst nicht zu essen, -- er hielt sie für
-krank und nannte das Uebel eine Erkältung.
-
-Wie dem Jüngling, den er hinweggesandt in das Schneegrab seiner
-Erdenhoffnungen, war auch dem Alten an Island bloß die möglichst weite
-Entfernung von Ulriken wichtig gewesen; an eine Steigerung der Jenem
-auferlegten Qual durch kleinere oder größere Entsagungen hatte er
-dabei so wenig als Johannes selbst gedacht; gänzliche, unabsehbare
-Trennung war das Ziel seiner Bestrebungen, als er seinen ganzen Einfluß
-in Copenhagen aufbot, dem jungen Candidaten eine Predigerstelle zu
-verschaffen, die ihn von Seeland in eine Pönitenzpfarre trieb.
-
-Als Ulrikens Zustand den nächsten und mehrere ihm folgende Tage
-unverändert der nämliche blieb, fiel dennoch dem Grafen kein einziges
-Mal bei, daß sie, die hochgeborne Comtesse, um einen elenden kleinen
-Landpfarrer sich ernstlich gräme; er glaubte die ganze Sache durch
-dessen Entfernung im Keime erstickt, und betrachtete die von ihm
-gemachten Bemerkungen als Beweise der thörichten Zudringlichkeit und
-Anmaßung des jungen Mannes. --
-
-Am zweiten Juni lichtete in Copenhagen das Schiff, welches den
-Prediger in seine neue Heimath führte, die Anker, -- am zweiten Juni
-legte sich Ulrike an einer bedeutenden hitzigen Fieberkrankheit,
-von welcher sie erst nach vielen Monden genas. -- Genas? ja, sie
-stand auf, sie ging im Zimmer umher, antwortete freundlich auf jede
-Frage, allein sie blieb wie ein schlaftrunkenes todtmüdes Kind, meist
-unbeschäftigt, mit niedergeschlagenem Blick, still auf den Boden
-starrend, in ihren Zimmern sitzen, -- von einer Präsentation am Hofe,
-von gesellschaftlichem Auftreten konnte gar keine Rede sein.
-
-Die Fürstin Abatissin zu Wallöe erbat von der Königin den nie in ihrer
-Stellung geforderten Urlaub, scheute die Winterreise nicht, kam mit
-Lebensgefahr über den Belt und nach Laaland auf unsere Insel.
-
-Die Kranke schauete sie mit verwundertem glasigen Blicke an -- und
-erkannte sie nicht! Jetzt stieg der Schatten seiner unbedachten That
-wie ein drohendes Gespenst vor dem erschreckten Vater auf, -- ihn
-durchzuckte eine entsetzliche Ahnung, aber er schwieg! Niemand wußte
-um den Zusammenhang des Geschehenen, Niemand verstand den Zustand des
-unglückseligen Herzens, das die Sehnsucht geistzerstörend, langsam
-überwuchs!«
-
-»Um Gottes willen,« schrie Helene auf, mit gewaltiger Kraft den Arm der
-begeisterten Erzählerin erfassend, »sie war, -- sie wurde --«
-
-»+Wahnsinnig!+« erwiederte Emerenzia. »Tiefsinnig nannten die Aerzte
-ihren Zustand, er ward allmälig zu einem stillen, tiefen Wahn, der
-ihr bald die Wirklichkeit überdeckte! Nach einigen auf dem Schloß
-verlebten Wochen nahm die Fürstin das arme himmelschöne Kind, mit dem
-stets gesenkten Haupt, mit sich in das Stift. Nachdem sie abgereis't,
-trafen die früher zu ihrer Ausstattung mit großer Freigebigkeit von der
-Abatissin in Paris, Stockholm, Hamburg und Copenhagen bestellten Gaben
-hier ein; Stoffe, Edelsteine, Putz und Spitzen; -- ihr nicht mit in
-das Stift angenommenes kleines Privatvermögen hatte Ulrikens Pflegerin
-großentheils zu diesen Ankäufen verwandt.
-
-Die mütterliche Freundin errieth den stummen Schmerz ihres Lieblings;
-in Wallöe versuchte sie die geistige Zerrüttung ihrer theuren
-Pflegetochter, wenn auch nicht zu heilen, doch deren Fortschritt
-zu hemmen und ihren Zustand zu lindern. Sie schuf Ulriken einen
-künstlichen Zusammenhang mit dem Leben des Geliebten, sie brachte
-ihr Bücher über das Land, das ihn umfing, andere, welche die Sprache
-desselben behandelten, sie umgab sie mit Bildern und Nachrichten von
-dort, erzählte ihr von den Natur-Wundern desselben, von den Landseen,
-Gletschern, Nordlichtern und Leuchtkugeln; unermüdlich suchte sie nur
-einen Wechsel der Gedanken hervorzulocken in ihr -- ach, nur selten
-gelang es. Es war die Vergangenheit, welche das kranke Hirn, das wunde
-Herz in ihren Banden hielt. Seit sie den Vater nicht mehr um sich sah,
-war allerdings Ulrike ruhiger; wenn sie allein zu sein glaubte, sang
-sie die Lieder, die sie von Johannes gelernt, spielte auf dem Spinett
-die Tänze, die sie mit ihm getanzt -- oder bewegte sich im Rhythmus
-derselben anmuthig hin und her, wie vor dem Tanzmeister -- andere Male
-hielt sie allein Stunde mit sich selber -- es lag eine so seelenvolle
-Milde in Allem was sie that, daß man sie nicht für wahnsinnig halten
-konnte, wenn man sie länger sah, sondern ihren Zustand der stillen
-Versunkenheit in einen sie stets absorbirenden Gedanken zuschreiben
-mußte. -- Qualvoll waren ihr die »langen Tage;« an solchen mußten die
-Fenster verhangen werden, sie weinte dann unablässig. Meine Mutter
-war bei ihr, auch ich trat mit in ihren Dienst, wenn ich schon keinen
-bestimmten Posten im Hause bekleidete. -- Ach, nur zu bald gestattete
-ihr die Hoffnungslosigkeit ihres Uebels den längeren Aufenthalt im
-Stifte nicht mehr. Nach dem plötzlichen Tode ihrer Pflegemutter brachte
-man sie in das nahe gelegene Wohnhaus des Gutes Steinburg; dort sah sie
-plötzlich von allen äußern Erinnerungszeichen ihrer früheren Jahre sich
-abgeschnitten, sie ward stummer, scheuer denn je und sprach gar nicht
-mehr.«
-
-»Und der Großvater?« fragte Helene.
-
-»Das mit den Jahren zunehmende Gefühl seines Elendes machte ihn nicht
-weicher. Aetzender nur grub sich ihm das Gift der Vergangenheit in
-die Gedanken; es ward sehr schwer mit ihm auszukommen, besonders
-nachdem die Comtesse von den Aerzten als unheilbar erklärt. Er ging
-zurück nach Copenhagen; man sagt, er habe am Spieltisch Zerstreuung und
-Vergessenheit gesucht. Seine Tochter nannte er +nie+, man glaubte dort,
-sie sei frühe gestorben. Er widersprach nicht. Graf Thugge war nun
-erwachsen, hatte eine Carrière gemacht, und verlobte sich mit unserer
-seligen Gräfin; Graf Owen übergab ihm das Majorats-Gut und kehrte
-+nie+ dahin zurück. Ein paar Jahre später stand sein Catafalk hier im
-Schloß-Saal. Niemand wagte Ulriken herzubringen, sie blieb von uns
-umgeben in ihrer Abgeschiedenheit, trug immer die nämliche Kleidung,
-wie sie in Aalholm in ihrer Jugendzeit sie getragen, sang immer noch
-mit leiser Stimme die alten Lieder, blätterte in den Büchern und
-Schreibheften, dachte immer, immer nur an Ihn! Wenn sie vor den großen
-Schloßspiegeln mit ihm zu tanzen wähnte, hat mich oft gegraus't, --
-daß sie älter ward, schien sie nicht zu bemerken, auch blieb sie lange
-Jahre hindurch schön --«
-
-»Ich bitte Dich um Gotteswillen höre auf, Emerenzia, mich schaudert
-vor diesem endlosen Elend, das Du einer Parze gleich vor mir abwindest,
-ohne zum Abschluß zu kommen,« unterbrach sie Helene. Die kleine
-Nordermule schien ihr im Feuerflackerschein ganz groß geworden und
-anders, ihre Züge hatten einen ungewohnten Ernst, ihr Auge brannte und
-ihre Rede floß in vorher ihr nie eigenem Wohlklang und Rhythmus. -- Die
-Begeisterte flößte dem Mädchen eine fast unbezwingliche Furcht ein. Es
-schlug drei Uhr an der Thurmglocke und der erste Hahnschrei tönte über
-die Haide. »Gehen wir zu Bett, Emerenzia,« sagte leise mit abgewandtem
-Haupt Helene, »die Geister meiner Familie umdrängen mir die Brust, ich
-kann nicht mehr -- -- Gott helfe uns Allen zur Ruhe!« -- Die Nordermule
-hatte den Kopf wieder in die Hand gestützt, mit welcher sie die Augen
-sich verhüllte; sie blieb bei ihren Erinnerungen am Feuer sitzen, bis
-der graue Herbsttag sie mit fahlem Lichte umfloß und ihre müden Augen
-schmerzlich berührte!
-
-
-Nicht wenig überrascht war Graf Christian, als am nächsten Morgen
-sein bestimmt ausgesprochener Wunsch, in wenig Tagen schon mit
-der ganzen Familie nach Seeland zu übersiedeln, um dort möglichst
-bald die projectirten Vermählungen zu vollziehen, von keiner Seite
-Widerspruch fand. Die Bräute brannten darauf, die in den Truhen der
-Tante enthaltenen Schätze würdigen Kleiderkünstlern, Modistinnen,
-Nähterinnen und Juwelieren zu gehöriger Verwendung zu übergeben, und
-durch sie ihren Ausstattungen einen ganz ungewöhnlichen Glanz zu
-verleihen; Eva wünschte durch Entfernung von Aalholm Wiederholungen
-einer Scene wie die gestrige zu meiden; und Helene? Sie hatte den
-nächtlichen Graus zwar verschlafen, allein seine Nachwirkung blieb
-immer noch unbesiegt in ihrer Seele zurück. Sie fühlte sich wie aus
-anderm Geschlechte entsprossen mitten unter den Ihrigen, ihr schauderte
-vor der heimtückischen dunklen Gewalt, welche Owen Ulriken gegenüber
-angewandt; denn sie war sich's sehr wohl bewußt, daß auf die eine oder
-andere Art Christian etwas Aehnliches an ihr versuchen könne, oder wenn
-auch nicht direct an ihr, doch um so leichter an Thorald, den er schon
-auf so unbegreifliche Weise von ihr getrennt und auf die uninteressante
-Insel Falstern zu gehen gezwungen! Sein Einfluß kam ihr wahrhaft
-dämonisch vor; »es läßt sich nicht absehen,« sagte sie sich selbst,
-»auf welchen Abweg der Imagination er ihn drängen, welche bösen Geister
-er in Thoralds einfachem, reinen Sinne zu erwecken vermag, auf welche
-Weise er durch die Macht der Idee ihn zu leiten verstehen wird, um
-vielleicht mit teuflischer Spitzfindigkeit meinen armen arglosen Freund
-nach Frankreich zurückzudrängen und ihn von mir zu entfernen!«
-
-Scheu wich sie Christians sie durchbohrendem Blicke aus, als sie statt
-aller Antwort auf seine Anfrage: ob ihr die beschleunigte Reise genehm?
-ihrer Kammerfrau befahl, sogleich zum Einpacken die nöthigen Anstalten
-zu beginnen.
-
-Sie machte ihn nicht irre! In der Leichtigkeit ihres Nachgebens hörte
-er das Zusammenklingen der Waffen, mit welchen sie wahrscheinlich in
-Copenhagen ihm entgegen zu treten beschlossen. Die Geschwister maßen
-einander mit heimlich drohenden Blicken, aber kein Wort, kein Hauch
-verrieth den Schmerz der inneren Wunden, die sie sich schlugen.
-
-Die Liebe ist erfinderisch; Thorald und Helene fanden, allen
-Bestrebungen des Grafen zum Trotz, Mittel, sich gegenseitig von der
-Abreise und der Möglichkeit, einander in Copenhagen zu treffen, zu
-benachrichtigen. Christian sah bloß an des Mädchens ruhigerer Fassung,
-daß sie dieselbe erhalten.
-
-
-Copenhagens oder, wie eigentlich der Däne sagt, Kjöbenhavns
-großstädtischem Reiz ist trotz aller ihm aufgedrungenen
-Sittenverderbniß der eleganten Welt, eine Art nordischer Häuslichkeit,
-fast sagte ich »eine nordische Sentimentalität und Bürgerlichkeit«
-eigen, welche andern Residenzen gleichen Ranges fehlt. Diesen
-vorherrschenden Charakterzug, welchen ihm die Sinnesart eines sehr
-großen Theils seiner Einwohner giebt, theilt es weder mit London,
-Paris oder Neapel, noch mit Berlin und Wien! Sei es wirkliche,
-ursprüngliche Sittenreinheit, sei es angenommene Form, ein stiller
-Geist spricht noch aus allen Schilderungen, welche uns Skandinaviens
-neuere Literatur bietet; alle Beschreibungen der dortigen Zustände
-zeugen von einem hohen Grade eigentlichen bequemen Familienlebens, wie
-von einer neben dem blasirten Sinn des hochadligen Cavaliers erhaltenen
-Sitten-Einfachheit der höhern Stände.
-
-Vielleicht sind die Dänen trotz der bei ihnen vorherrschenden
-literarischen Bildung ein wenig altmodisch, allein sie wagen ein
-freieres Wort, sie zeigen in der Gesellschaft mehr Herz, sogar mehr
-Gemüths-Eigenthümlichkeit als wir, und während oft Modenübertreibung
-und carikirte Annahme ausländischer Manier beim Einzelnen nicht
-abzuleugnen, tritt dagegen auch eben so häufig bei andern eine rein
-bewahrte, edle Individualität zu Tage; besonders bei den Frauen.
-
-In den neunziger Jahren, in denen die Begebenheiten sich zutrugen,
-welche diese Blätter uns bewahrt haben, waren nun diese Sitten noch bei
-weitem einfacher als heut zu Tage; die Strenge religiöser Moralität
-war vorherrschender, und das bürgerliche Behaben bei den vornehmen
-Familien allgemein. Grell stach die mit den Emigrirten aus Frankreich
-überkommene voltairisirende Bildung gegen die streng lutherische
-Orthodoxie ab, welche großentheils vom Königshause ausgehend auch auf
-das Hofleben einwirkte.
-
-Der Luxus, welchen der Reichthum des Adels in der Hauptstadt
-hervorrief, war ebenfalls tüchtiger und reeller als in unserer Zeit,
-und die Ausstattung der beiden Bräute ein ganz bedeutendes Stück
-Arbeit, bei welcher Amalie und Annette die Hülfe ihrer Freunde
-ernstlich in Anspruch zu nehmen gedachten. Hierbei kam ihnen nun ein
-besonderer Umstand zu statten.
-
-Die Familie des Grafen Gejer besaß seit Jahrhunderten schon
-gemeinschaftlich ein Haus, welches bald dieser bald jener Bruder bei
-seiner zufälligen Anwesenheit in Copenhagen bezog; nur Graf Friedrich
-machte seit seiner Vermählung eine Ausnahme; da er mit seiner Gemahlin
-die Winterzeit regelmäßig in der Residenz zubrachte, hatten sie sich
-in der Breitengasse angekauft. Bedeutende Familien wohnten weder in
-den Hanse-Städten noch in Dänemark zur Miethe. -- Während der häufig
-drei Viertel des Jahres dauernden Abwesenheit der Grafen Gejern blieb
-die Wohnung derselben bis auf einen Theil des Erdgeschosses leer
-stehen; diesen hatte einer der älteren Freunde Helenens, den sie,
-wie schon erwähnt, vom Vater ererbt, seit mehr denn dreißig Jahren
-inne und bewohnte ihn mit Frau und Kindern. Die ganze gräfliche
-Familie war dem Obergerichts-Advokaten Alslev eng befreundet; alle
-ihre Angelegenheiten waren demselben bekannt und gingen, wenn sie mit
-dem Gericht in Beziehung standen, durch seine Hände; die gütige Frau
-Obergerichts-Advokatin aber pflegte die Aufsicht und die Schlüssel
-des Hauses zu übernehmen, wenn die Damen in das Stift Wallöe oder in
-Christians Schloß zurückkehrten, und war das Factotum des weiblichen
-Personals.
-
-Der Obergerichts-Advokat war ein etwas untersetzter, immer noch
-sehr kräftiger Siebenziger, dessen breite Stirn einen hohen Grad
-Intelligenz zeigte. Die mit seiner Stellung stets Hand in Hand gehende
-Menschenkenntniß hatte der Güte seines Herzens keinen Eintrag gethan,
-und mit den Jahren war nur eine gewisse breite Redseligkeit in ihm
-entwickelt worden, welche den Zweck zu haben schien, den Nächsten von
-seinem Durchblick aller ihn umgebenden Verhältnisse zu überzeugen.
-Griffen diese in das Staatsleben ein, so ward freilich eine Art
-Resignation des Zuhörers nothwendig, welchen er freundlich durch ein
-»Geben Sie wohl Acht!« in gleich regem Interesse zu erhalten suchte.
-
-Es wagte auch nicht leicht Einer sich seinen stets sachkundigen und
-sehr genauen Erörterungen zu entziehen, denn der wackere Herr verstand
-durchaus keinen Spaß, wenn es Gemeinwohl galt! Er pflegte sogar, wenn
-man nicht achtsam blieb, seine Rede durch ein plötzliches »na! sehen
-Sie, Männchen, daß Sie keine wahre Theilnahme für die Sache haben!«
-abzubrechen und dem jungen Bewerber um Amt und Anstellung selten die
-Zerstreutheit und Fahrlässigkeit zu vergessen! Ueberhaupt war ein
-unermüdlich edler Ernst in all seinem Thun vorherrschend, der sehr wohl
-in den Drang der Gegenwart Dänemarks paßte und ihm einen bedeutenden
-Einfluß in den Gestaltungen des öffentlichen Lebens erworben hatte.
-Dasselbe warme Herz aber, das für's Allgemeine so theilnehmend sich
-aussprach, schlug auch dem Wohl und Wehe des Einzelnen eben so
-unveränderlich treu entgegen, und die seltne Geduld, mit welcher er des
-Kleinbürgers und Bauern Klage anhörte, hatte ihm eine ungewöhnliche
-Popularität in Seeland erworben.
-
- * * * * *
-
-Die Aussicht, dem eben beschriebenen Ehrenmanne und seiner
-trefflichen, in ihrem Fach gleich tüchtigen Gattin sich zu nähern
-und auf langgewohnte Weise die Interessen, Leiden und Freuden des
-Augenblicks mit ihnen zu besprechen, belebte die Brust jedes Mitgliedes
-der Gejerschen Familie, als die schweren Wagen derselben durch das
-Osterthor der Stadt fuhren. Christian und Helene hofften jedes am
-Obergerichts-Advokaten einen Verbündeten gegen des Andern Starrsinn zu
-gewinnen, die zwei Bräute aber waren im Voraus der thätigsten Hülfe der
-Frau Alslev gewiß, die seit den Kinderjahren wie eine Mutter ihnen zur
-Seite gestanden.
-
-Beim Aussteigen sprang Helene dem sie am Wagenschlage bewillkommnenden
-Freund in den Arm, und flüsterte ihm zu, sie bedürfe seiner Hülfe
-und einer baldigen Unterredung; leider nahm Christian denselben
-sogleich mit lauten einfachen Worten in Beschlag, indem er ihn um ein
-Detail der Staatsschuld fragte, das den guten arglosen Mann in eine
-ziemlich breite Auseinandersetzung und durch diese bis in des Grafen
-Arbeitszimmer zog; -- auch Graf Friedrich war unterdessen angelangt,
-also an eine Privatunterredung mit Helenen für den Augenblick nicht zu
-denken!
-
-Helene sah ihren Bruder scharf an, blieb aber heiter -- »sie muß einen
-wunderlichen Rückhalt haben,« dachte er.
-
-Als die drei Männer allein waren, (der jüngere Graf war noch nicht in
-Copenhagen angelangt,) legte Christian dem alten Freunde die ganze
-Sachlage vor, indem er ihm zugleich die Scene mittheilte, welche ihrer
-Aller Ankunft beschleunigt hatte.
-
-»Sie würde als des Malers Gattin unglücklich sein und sich elend
-machen,« setzte Graf Friedrich hinzu, »ihre Apanage reicht nicht zur
-Hälfte für die Ausgaben eines Haushalts, der junge Mann aber hat nichts
-als einen sehr neu und wohlerhaltenen Pinsel.«
-
-»Herr Graf,« sagte Alslev, nachdem er Beiden aufmerksam zugehört; »die
-Frage ist, hat er Talent und Fleiß? Arbeit möchte der noch so lang zu
-hoffende Friede in unseren Kirchen und Schlössern zur Genüge bringen!
-Allein die Comtesse ist verwöhnt, und Er hat allerdings keinen Rang ihr
-zu bieten.«
-
-»Lieber Freund,« erwiederte etwas ungeduldig Graf Friedrich, »sie kann
-doch nicht mit dem Burschen von Stadt zu Stadt auf's Handwerk ziehen?«
-
-»Der Herr Graf haben in Hinsicht auf Rang und Verwöhnung vollkommen
-Recht,« versicherte der Alte; »doch ist die zweite eigentliche Frage,
-hat der Mensch eine Gesinnung, einen Charakter, ein gewisses Bleibendes
-in sich? denn nur im Gegenfall dürfen wir hoffen, Comtesse Helene
-anderes Sinnes zu machen!«
-
-Beide Brüder sahen den Advokaten verwundert an. »Ich kenne Herz und
-Kopf der Comtesse,« fuhr der Alte fort, »sind beide übereinstimmend
-dem Jüngling günstig, ohne innern Widerspruch, so bleibt den
-Herren Grafen nur die Wahl zwischen dem Veralten im Stift, oder der
-mißfälligen Vermählung für sie.« -- Alslev war traurig geworden, im
-Herzen dauerte ihn Helene, er theilte die Vorurtheile seiner Tage und
-betrachtete, abgesehen von möglicher pecuniärer Sorge, +jede+ nicht
-standesgleiche Heirath als ein Unglück. Die Ehen aller drei Brüder,
-welche so heftig gegen einen ähnlichen Schritt der Schwester sich
-aussprachen, fesselten ihm die Zunge; hatten doch Alle bürgerliche
-Frauen, und hatten, was dem alten Rechtsgelehrten nicht unwichtig war,
-keine Familienstatuten sich ihrem Entschlusse zu seiner Zeit entgegen
-gestellt!
-
-Seinen ernsten Worten zum Trotz baten ihn beide Brüder dringend
-um Vermittlung und Beistand, und er versprach Helenen abzurathen;
-natürlich führten alle Gründe des an die reiche deutsche Frau
-vermählten Friedrich auf die Unmöglichkeit des Auskommens zurück,
-während Christians edlere Sinnesart ihn auf Verschiedenheit aller
-äußeren Verhältnisse der Familien aufmerksam zu machen versuchte. Der
-unbestechliche Alte sah Beide mit durchdringendem Blicke an, und ein
-fast unmerkliches Lächeln zog über seine Lippen. »Geben Sie recht
-Acht!« sagte er endlich, »Comtesse Helene ist ihrer +Mutter+ Kind; an
-Reichthum ist ihr ganz und gar +nichts+ gelegen, obschon sie dessen
-bedarf, und auch ihres Großvaters Geist spukt ihr im Köpfchen; sie
-versteht zu +wollen+! Wenn Er nur kein Revolutionsnarr ist,« brummte
-der Alte im Herausgehen, »und die ganze Welt mit dem Schwerte pflügen
-und mit Blut düngen will, anstatt dem Felde anzusehen, welcher Saat es
-angemessen!«
-
-Als der Obergerichts-Advokat in sein Schreibzimmer trat, saß Helene
-schon darin; rasch sprang sie auf, lief auf ihn zu und bot ihm beide
-Hände zugleich; »erst jetzt lieb Väterchen begrüße ich Sie recht aus
-Herzensgrund, ich habe sehr viel zu fragen und zu sagen, aber vor allem
-dies: daß ich unverändert und unveränderlich Ihre alte Helene bin!«
-
-»Seh' es schon, lieb Fröken,« sagte lächelnd der Advokat, indem er
-der »Alten« Hände an sein Herz drückte, »sehe es an der kleinen
-Fingerspitze da in meiner Hand!«
-
-»Nun denn, lieb Väterchen, quälen Sie mich nicht mit dem, was meine
-Brüder Ihnen gesagt und -- folgen Sie den »bösen Buben« nicht!«
-
-»Die Brüder haben recht, Helene!«
-
-»Weil die Männer immer »recht haben« uns gegenüber! Als mein Bruder
-Christian wie toll und blind in des Fäestebönders Tochter verliebt
-war, hatte er recht, und heirathete sie frischweg; als mein zweiter
-Bruder Friedrich ohne alle Liebe Geld und Gut über unsern alten Adel
-erhob, billigte ganz Copenhagen die »Partie,« (im Goldkäfig sitzen ist
-indessen Geschmackssache) -- als nun vor kurzem mein dritter Bruder
-eine schöne und edle Frau nahm, die 25 Jahre jünger ist als er -- o
-da fandet Ihr +Alle+, daß er +recht+ hatte; denn eine junge Frau ist
-liebenswerther als eine alte! Nun aber Väterchen, soll ich denn nicht
-beispielsweise von dem außerordentlich vielen Recht meiner Brüder
-profitiren und das »Rechte« ihnen nachthun? -- Ich habe doch wahrhaftig
-+den+ Fall einer nicht ebenbürtigen Vermählung in unserer Familie
-nicht erfunden! Daß die Männer immer Recht haben, ist übrigens eine
-sehr alte Geschichte, schon Adam hat bei Gott Vater der Eva Unrecht
-gegeben, weil sie ihm den Apfel -- --«
-
-»Helene! damit kommen wir nicht weiter! Sie können Thorald nicht
-heirathen --«
-
-»Und warum?«
-
-»Weil er unter vier bis fünf Jahren nicht im Stande sein wird eine Frau
-zu ernähren! Und bis dahin --«
-
-Stumm kehrte Helene zu ihrem bei des Advokaten Eintritt verlassenen
-Platz zurück und nahm einen großen Folioband in die Hand, den sie
-vorhin durchblättert. »Sie vergessen, lieber Alslev,« sagte sie fest
-und ernst, »daß ich die jüngste von meinen Schwestern und von unserem
-Hause bin. Lesen Sie einmal hier --«
-
-»Helene!«
-
-Sie warf sich schluchzend in seine Arme. »Helfe mir Gott, Vater, ich
-kann und darf nicht anders! Haben Sie denn wirklich den Muth mir zu
-befehlen, gar nicht -- auch nicht vier, fünf Jahre glücklich zu sein?«
-
-Sie herzte und küßte den guten alten Herrn, bis ihm die Perrücke ganz
-schief stand; verlegen rückte er sie zurecht und rief halb ärgerlich
-und halb gerührt, indem er schnell seinen bestaubten Pergamentband in
-die Registratur einrangirte, »meine Bücher zu nehmen, meine Notizen!
-Helene! Helene!«
-
-Als er aber umsah, war sie längst verschwunden.
-
-
-Wenn es Abend wurde und die Damen nicht ausgebeten waren, pflegten sie
-ungemein gern im netten spiegelblank-reinlichen Wohnzimmer der alten
-Frau Alslev ihren Thee zu nehmen.
-
-Sieben Kinder, darunter fünf Söhne, hatte die würdige Alte aufgezogen
-und erzogen, mit sorglichem Blick die ersten Schritte auf den
-erwählten Lebensbahnen eines jeden von ihnen geleitet, mit kräftiger
-Hand und noch kräftigerem Geist die Schwachen unterstützt, Glück und
-Gelingen, Krankheit und Noth all der ihr vom Gatten ganz überlassenen
-Kinder redlich getheilt. »Es schlägt in ihr Departement,« sagte der
-Gerichts-Advokat, »das Haus und was darin ziemt der Weiberhand zu
-regieren, +meine+ Kinder laufen draußen barfuß umher, der Staat ist
-mein Haushalt und Gott sei's geklagt, er ist voller Stiefkinder, die
-ich nur ungern anerkennen mag, so fremd stehen sie zum Ganzen.«
-
- * * * * *
-
-Mit unsäglicher Liebe hingen Töchter und Söhne der Mutter Alslev an,
-von letzteren waren mehrere außerhalb verheirathet und wiederum zog
-die Matrone nun die Enkel groß; zwei Knaben waren von ihren Eltern der
-Schule wegen nach Copenhagen gethan in's großväterliche Haus. Fast
-jeden Abend kamen auch die in der Stadt ebenfalls längst vermählten
-Töchter mit ihren Kindern, und ein großer Familienkreis ordnete sich
-um den wohlbereiteten Theetisch. Ein Fest wie das der Ankunft der
-gräflichen Geschwister, mit denen Alle von Jugend auf in Verbindung
-standen, mußte natürlich den ersten Abend besonders anziehend machen.
-Jedes Mitglied der Familie suchte seine Freude an den Tag zu legen,
-und die Stunden eilten mit geflügelten Schritten der Nacht entgegen,
-als ein lautes Klopfen an der Hausthüre Allen vernehmlich, noch einen
-verspäteten Gast verkündete.
-
-Erstaunt durchflog der Hausfrau klares Auge den weiten Ring, den die
-Liebe um sie zog, es fehlte Niemand an der gewohnten Stelle.
-
-Jetzt kam ein alter, mit der Herrschaft ergrauter Diener ein wenig
-verlegen lächelnd auf die Hausmutter zu, und flüsterte eine, wie es
-schien, ihr gar befremdliche Meldung! »Ich komme selbst, Peter, bittet
-nur den Fremden, wenige Augenblicke unten zu verziehen.«
-
-»-- Draußen steht ein sonderbarer Mann, halb wie ein Bauer, halb wie
-ein Geistlicher gekleidet,« erzählte mittlerweile der junge Heinrich,
-Alslevs Enkelkind, den aufhorchenden Mädchen, »hat einen langen weißen
-Bart und ein ganz runzliches, liebes Gesicht; er muß lange nicht bei
-uns gewesen sein, denn obschon er nach Großmama fragte, sah er mich
-für meinen Vater an! seine kleinen Hände zittern vor Altersfrost und
-er hat ein kleines Büchlein mit, das sollte Peter herauftragen, und
-uns Alle darin lesen lassen, so würden wir ihn schon kennen und ihm
-erlauben einzutreten. Ich wollte ihn gleich mit mir nehmen und ihn
-heraufführen, ihn aber schien die schöne Einrichtung, welche der Herr
-Graf beim Einzug der Fröken machen ließ, fast zu erschrecken, er fragte
-immer wieder: ob er auch gewiß nicht irre? Den neuen Teppich auf der
-Treppe getraute er sich kaum zu betreten und war höchst besorgt, etwas
-zu beschmutzen oder zu verderben; es war drollig anzusehen.«
-
-»Und doch kannte er unser Haus?« fragte Amalie. »Ja wohl!« -- In diesem
-Augenblicke trat mit freudeverklärtem Angesichte die Hausmutter ein,
-den wunderlichen Fremden an der Hand. »Ich bringe Euch einen alten
-Freund,« rief sie fröhlich den Kindern entgegen, »Kund Jürgenssen,
-der vor fünf und zwanzig Jahren viel hundertmal auf seinen Knien Euch
-gehalten und Euch wunderschöne Elfenmährchen und Saga's aus unserer
-Vorzeit erzählt, dem guten Pfarrherrn von Saurbar am Hualfiorden in
-Island. Ich denke Ihr kennt ihn Alle noch! Damals waren Vater und ich
-ein gut Theil jünger, gingen mitunter wohl zu Mummereien, Theatern und
-Concert; dann saß der gute Jürgenssen bei Euch und vertrat, wie's
-eigentlich wohl der Geistliche überall sollte, Vater und Mutter Euch
-zugleich! Ja, ja, das thatet Ihr, und wenn wir heimkehrten zu Nacht,
-lagen die Kleinen in ihren Bettchen mit gefaltenen Händchen und waren
-über den Abendsegen sanft eingeschlafen, den Ihr sie sprechen gelehrt!«
-
-»O liebes, gütiges Väterchen!« riefen nun zugleich die Söhne und
-Töchter des Hauses, stürzten auf den Alten los, ergriffen und drückten
-seine Hände, er aber bebte vor Freude und Rührung. »Und seid Ihr es
-denn wirklich, wirklich wieder herübergekommen zu uns, aus Eurem
-Schnee- und Eiseilande? Und Ihr bringt nun den Winter bei uns zu,
-in Kjöbenhavn, nicht wahr? Tausend und aber tausend Mal willkommen!
-Da seht,« rief ein herrlich blühendes junges Weib, Alslevs jüngstes
-Töchterchen, »da sind schon meine Kinder, die auf Eure schönen
-Sagageschichten warten, nun könnt Ihr denen so herrliches Spielwerk
-schnitzen, wie Ihr uns es gethan, es wird sie ergötzen, wie vor fünf
-und zwanzig Jahren uns!«
-
-»Ja! ich besinne mich,« sagte einer der jüngeren Söhne, »Ihr kommt aus
-Island, eines schweren Prozesses wegen; eine herbe Klage war's, die Ihr
-dem Vater übergabt!« --
-
-»Käme er nur selbst, der liebe theure Herr!« meinte der Pfarrer, den
-die Freude jung und lebendig machte, »daß ich ihm danken könnte und ihn
-begrüßen aus Herzensgrund.«
-
-Die Mutter führte nun Kinder und Enkel auf, eins nach dem andern; immer
-entzückter wurde der Alte, verwechselte aber doch noch oft die Enkel
-mit jenen, weil sie »so gar prächtig herangewachsen!« Die älteren
-Fröken waren auch hinzugetreten, der gute Mann kannte sie gleich; außer
-sich war die kleine Nordermule, die er fast vergessen, nur besann er
-sich noch, zum höchsten Glück! »Ich war ja damals mit dem Fröken Amalie
-hier, wie konntet Ihr nicht gleich meiner Euch erinnern,« klagte sie;
-»doch erzählt uns nur, woher Ihr nach so langen Jahren endlich kommt,
-fast seht Ihr aus wie damals, als wir von Euch Abschied nahmen -- --«
-
-»Es war am Abend vor dem Johannisfeste,« sagte der Pfarrer, »o ich weiß
-+Alles+ noch!« er nahm sein altes Büchlein wieder aus der Brusttasche;
-ein Stammbuch war es, wohl an fünfzig Jahr alt! »Da, da steht Ihr
-Alle!« jubelte er auf, »Frau Alslev und Janfru Sophie, Janfru Fredrika.«
-
-»Bitte zu sagen: Frau Amtmännin Solwig,« lachte die kleine Frau --
-
-»Schön, schön,« erwiederte der Alte, »damals aber durfte ich mir die
-Janfru nur unter diesem Namen mit fortnehmen, in meinen Erinnerungen;
-sie war eben zwei Jahre alt, und ich führte ihr die Hand, ja, ja, bis
-auf das kleinste Kind hat jedes hier mir sein Kreuzlein hingemalt,
-wenn es noch nicht zu schreiben verstand, in das Gedenkblatt der
-Familie des edelsten Menschen, den ich je gekannt!« -- »Ach, auch ich
-weiß jetzt wieder Alles,« versicherte Sophie, »es war Frühling, den
-Abend hattet Ihr uns von den Pilgerwallfahrten zu den Quellen und
-ihren guten Geistern erzählt, wie sie in der Johannisnacht unternommen
-werden müssen, und von den kleinen Engeln, welche sie bewachen;
-dann schrieben wir uns ein, Ihr hattet das Büchlein noch aus Euren
-Studentenjahren; das sind schon fünf und zwanzig Jahr?«
-
-Und Kopf an Köpfchen drängte sich zum vollen Kranz um die hohe Lehne
-des Sessels, zu welchem die Mutter den vor Freude an allen Gliedern
-Zitternden geführt, »ja, ja!« rief er aus, »+das+ ist das Büchlein,«
-und Schwarz- und Blauäugelein schaute ihm über die Schulter auf die
-beschriebenen Blätter, »+das+ ist Großvaters Hand,« -- »dies Mutters
-Schrift!« »Hier bin ich!« rief ein Drittes, »hier Fröken Amalie,
-Annette!« »Nur ich bin nirgends,« sagte fast traurig Helene! --
-
-»Kind,« erwiederte lachend die Nordermule, »Du warst noch nicht einmal
-geboren!« »Die Gräfin Gejern wie sie leibte und lebte!« schaltete der
-Pfarrherr ein, und schaute wohlgefällig das schöne Mädchen an, -- dann
-fuhr er fort, »es gab mir selbigen Abends, ehe ich von dannen zog, der
-hochverehrte Herr Alslev noch ein gar schönes, werthvolles Geschenk.« --
-
-»Ja, ich entsinne mich,« sagte die Mutter, »wir brachten Euch als
-Mitgabe in Euer kaltes Land einen warmen Festrock, den wir Euch baten
-uns zu lieb zu tragen.« --
-
-»Und ob ich's thue!« rief der Pfarrer, »da, da ist das gute, gar wohl
-erhaltne Kleid, kennt Ihr es noch?« Und im freudigen Eifer erhob er
-die Taschenklappen und die Schöße des schwarzen Rockes, zeigte sie
-jubelnd und jauchzend den Kindern -- dichter und dichter umdrängten ihn
-diese. --
-
-»Ach,« sagte leise die Nordermule zu Helenen, »das gute treue und
-dankbare Herz! So ein armer Pfarrer in Island hat kaum einige dreißig
-Thaler Einnahme von seinem Kirchspiel, das weit ausgebreitet viele,
-viele Meilen umfaßt!«
-
-Der Pfarrer hatte das leise Wort gehört. »Schon wahr,« sagte er,
-»allein, was braucht man auch des Geldes viel? Immer trägt man doch
-nicht so gute Kleider wie dieses ist, und habe ich doch mein sauber
-Stückchen Kirchenland! Freilich reift mir kein Korn darauf, aber ich
-ziehe doch Kartoffeln, Kohl und herrliches Futter für meine zwei Kühe!
-Ja, ja Janfru Nordermule, der Kund hat die schönsten Thiere weit und
-breit, -- wäre mir nicht die Hausfrau gestorben, wie gar leicht wäre
-mir das Leben! -- Bücher fehlen mir sehr! +die+ sind theuer, denn zu
-Lairar druckt man nur Katechismen und Andachtsschriften -- und das ist
-die einzige Druckerei, die wir in Island haben!«
-
-»Aber wovon lebt Ihr denn?« fragten die Kinder. -- »Ei nun, seit dem
-die Stadt Reikiawik erbaut, fehlt es nicht einmal mehr an Brot und
-Fleisch; wir haben ja aber immer Vögel und Fische! Den Sandhafer, den
-herrlichen Melia giebt uns Gott, wie einst den Israeliten das Manna,
-ohne Säen und Pflanzen!«
-
-Mit tiefer Bewegung lauschte Helene dem zufriedenen Manne, der den
-Kindern vom Tauschhandel auf der Insel selbst und von den »Gnaden
-Gottes,« wie er den Robbenfang und die Eidergans nannte, immer eifriger
-und glückseliger erzählte, da schloß er plötzlich, »ach, was die
-+Natur+ an Island thut, ist schön und ein gar werthvolles Geschenk des
-Herrn, allein die Menschen gönnen es einander nicht und verderben sich
-gegenseitig das Leben. Als ich im Jahre siebzig zuerst meine Klage vor
-der geheimen Conferenz-Commission des Ministers Struensee eingereicht
-hatte, glaubte ich freilich mich gesichert für immer!«
-
-»Der Vater! der Vater!« riefen die Kinder; jedes eilte auf den
-Advokaten zu, ihm zuerst die erfreuliche Kunde zu bringen; obschon er
-vor all den zugleich auf ihn eindringenden Stimmen kein Wort verstand,
-hatte sein scharfes Auge alsbald den isländer Pfarrer erkannt. Alslev
-vergaß nicht leicht, wen er einmal gesehen. »Herzlich willkommen,
-Ehrwürden!« rief er und bot ihm gastfreundlich die Hand. »Ihr habt
-lange uns nicht besucht und findet in und außer dem Hause eine neue
-Welt, aber immer das nämliche herzliche Willkommen!«
-
-Die Männer saßen nun nieder und das Gespräch nahm eine ernstere Wendung
-und ging bald über auf's Allgemeine. --
-
-Trotz der anerkannten Hinneigung der Isländer zu jedem
-wissenschaftlichen und literarischen Streben, liegt die Insel doch
-zu sehr außer allem eigentlichen europäischen Lebensinteresse, als
-daß Nachrichten entfernter Länder leicht sie erreichen sollten. Die
-Nachrichten der Gegenwart, eben war in Frankreich das Directorium
-an die Stelle des Convents getreten, Napoleons phänomenartiges
-Auftauchen aus dem Chaos der sich wieder gebärenden Zeit, Alles dies
-war dem erstaunten Hörer, wie eine zweite Weltschöpfung, unfaßlich
-überwältigend. Er stand +noch+ mit trauernder Seele am Grabe der jungen
-schönen Königin seines Heimathlandes, die er gesehen, verehrt, und
-die während seiner Abwesenheit von Kjöbenhavn so schmachvoll in Zelle
-geendet.
-
-Und grell erhob sich neben diesem ungeheuren Wechsel der riesigen
-Begebenheiten einer Gegenwart, welche selbst Gott in seinen Himmeln
-und den blutenden Heiland an seinem Erdenkreuz zu bezweifeln
-und anzugreifen gewagt, sein eignes sich immer gleichbleibendes
-individuelles Dasein. Was er am Gerichtshofe Christian ~VII.~ durch
-Struensee's Hülfe erlangt, und als Beute in seine ferne Heimath mit
-sich fort genommen, kam er jetzt zum zweiten Male zu fordern nach
-Kjöbenhavn; Struensee, der jungen Königin Partei, alle Minister
-damaliger Tage, waren längst untergegangen im Kampf eigener und
-fremder Gewalt, er fand zwar wieder einen Grafen Bernstorff am
-Staatsruder, statt des damals eben seiner Stelle entsetzten trefflichen
-Mannes, allein es war ein Andrer, den er daheim nicht einmal nennen
-gehört! Es übernahm das Alles fast den gealterten Mann, der zuletzt,
-beide Hände vor das Gesicht geschlagen, zusammenzubrechen schien unter
-der ungeheuren sich ihm entgegenwälzenden Last der Eindrücke des
-Augenblicks.
-
-Leise nahte sich Helene und legte ihre weiße kleine Hand auf
-seine zitternden, in den ergrauten Haaren wühlenden Finger, »die
-Zeit schreitet schnell, Ehrwürden,« sagte sie, »ist es nun nicht
-wunderschön, daß die Natur und des Einzelnen Herz sich dennoch in
-ihr gleich zu bleiben vermögen, trotz ihres Riesengangs? Höchstens
-reißt er das irdische Leben mit sich fort, wenn wir uns nur in uns
-selbst recht fest auf den Füßen zu stellen vermögen. Seht, Alles um
-Euch ist ganz anders geworden; wenn Ihr morgen am Tage ausgeht, und
-durch die verödeten Straßen Kjöbenhavns, werdet Ihr noch weit mehr
-erschrecken! Ihr werdet Christianborgs ungeheuren Schutthaufen finden
-und die Brandstätte des Gammel-Holms, -- seit drei Monaten liegt ein
-Viertel unsrer Vaterstadt in Asche, -- nun Ehrwürden, ist's nicht
-wunderschön, daß Menschenwerk und Menschenleben so zusammenfallen
-zu einer grauenhaft erhabenen Ruine, und der winzig kleine Punkt im
-Universum, der feste Charakter eines Menschen durchwächst sie dennoch
-mit seiner unbesiegbaren Liebeskraft? Ihr steht mit dem alten Rock,
-den Ihr vor fünf und zwanzig Jahren hier im Hause empfingt, über dem
-alten unverändert sich gleichschlagenden Herzen, voller Treue wieder
-hier unter uns, und Eure kleine schwache Brust zeugt von der Ewigkeit,
-während Alles was Euch und uns umgiebt nur von der Vergänglichkeit zu
-uns redet!«
-
-Dankbar blickte der Pfarrer sie an, keines Wortes mächtig, zog er ihre
-Hände an seine Lippen. --
-
-Bleich wie ein Todter starrte der unlängst in's Zimmer getretene
-Christian auf sie, -- er fühlte den durch ihre Neigung zu Thorald
-plötzlich erwachsenden mächtigen Charakter des Mädchens. Der alte
-Alslev blickte zärtlich zu ihr hinüber, ihn freute das Aufkeimen und
-Erblühen der von ihm gepflegten Saat. »Sie wird Festigkeit haben wie
-ihre Mutter, und wie sich auch ihre Verhältnisse gestalten mögen,
-+sie+ wird glücklicher sein!« -- Die kleine Nordermule aber warf sich
-innerlich alles vor, was sie ihr erzählt, von der Tante Lieben und
-Leiden, -- »eine Unbesonnenheit wird sie begehen!« sagte sie leise,
-vorsichtig die gutmüthigen blauen Augen niederschlagend, daß ja keiner
-in ihnen lese! der kleinen Bucklichen Seele war stets in siebenfache
-Schleier gehüllt!
-
-Einer wunderbaren Klage halber war der alte Kund Jürgenssen von Island
-im späten, schon gefahrdrohenden Herbst nach Copenhagen gekommen. Sein
-im Borgefiords-Syssel, am Huatfiorden gelegenes Kirchspiel erstreckte
-sich an beiden Meerbusen nach Leirar hin, und dann tief landeinwärts
-über viele einzeln liegende Pachthöfe und Häuerlingshäuser weiter.
-Nun aber gab es bis zum Jahre 1782 auf ganz Island weder Städte, noch
-Marktflecken, noch Dörfer; die Einwohner lebten zerstreut in den vor
-Stürmen am meisten geschützten Orten und lehnten gern ihre Gehöfte, die
-alle aus Lava und Treibholz erbaut, einander glichen wie ein Tropfen
-Meerwasser dem andern, bald da, bald dort an einen sie deckenden,
-vielleicht gar überhangenden Felsrücken, um gegen arge Wetterunbill
-möglichst sicher zu sein.
-
-Fromm und ohne Klage zogen sie Sonntags oft meilenweit zum entlegenen
-Gotteshause, ihren Seelsorger predigen zu hören; er war meistens
-zugleich dabei ihr Arzt, jedenfalls ihr vertrauter, väterlicher
-Freund, der in aller Noth und Freude, beim Ein- und Austritt in ihr
-mühevolles Sein ihnen treu zur Seite blieb und des Lebens Drangsal
-ihnen tragen half, wenn ihre eigene Kraft ermattete. Denn wie sein
-schwer herniederhängender Himmel, ist der Isländer trübe, schwermüthig,
-ihn drückt das Leben, seine Freude besteht meist in ernsten Dingen,
-er singt auf vaterländische Weisen seine Sagen, hört gern Snorro
-Sturlesons Dichtungen und die Edda, und spielt das ernste Königsspiel:
-Schach! --
-
-Die später allmälig angelegten sechs Handelsstädte, welche +noch+ die
-einzigen der Eisinsel, bestehen außer Reikiawik, das wohl über sechzig
-Häuser zählt, auch nur aus wenigen größern Kaufmannswohnungen und
-um diese herliegende Packhäuser und Magazine; alle sind einstöckig,
-niedrig, roth angestrichen, der Wärme wegen oft mit grünem Rasen
-belegt. Die Pachthöfe entbehren meist den Luxus eines Schornsteins,
-eines Ofens oder gar gläserner Fensterscheiben, denn die wilden Orcane
-gestatten ihn nicht. Unsäglich beschwerlich und dennoch durch seine
-tief eingreifende Wirksamkeit heilig-schön, ist hier der Beruf des
-Pfarrers! Der von ihm viele, viele Stunden weit durch die menschenöden
-und dennoch stets bewohnten Districte getragene Kelch des Herrn wirkt
-dort noch beseligend auf den Todeskranken; und Taufe und Trauung
-werden, wenn sie Wochen hindurch bis zum Erstlings-Sonnenstrahl des
-Frühlings verschoben worden, in vielen Herzen um so frommer ersehnt, so
-daß dem Priester der schwere Gang gelohnt wird und sein eigener Beruf
-verklärt vor seinem geistigen Auge sich erhebt.
-
- * * * * *
-
-Wie zart wiederhallte dieses Gefühl in des bescheidenen, orthodoxen
-Kunds Seele! und dennoch war er angeklagt, hart angeschuldet von dem
-Probst seines Districts, und wie einst vor 25 Jahren jetzt abermals
-vor das Consistorialgericht des Bisthums Reikiawik gestellt, weil
-er »aus Trägheit« die Leichen der in seinem Sprengel Verstorbenen
-unbeerdigt lasse, ja, auf Monatelang bloß in den Schnee sie einsenke,
-ehe er dem müden Leibe einer den Trauerort vielleicht rastlos
-umkreisenden Seele, die letzte Gott geweihte Ruhestätte auf dem
-Kirchhof gönne und durch das Wort des Herrn dieselbe ihr bereite! --
-O wie lange, bittre Nächte hatte der Arme verweint, bei der rauhen
-Grausamkeit dieser Anklage! -- Das Bewahren der Körper im Schnee war
-eine harte Nothwendigkeit, welche indessen nur die entferntesten
-Mitglieder seines Kirchspiels traf, denen das Erreichen des sehr
-entlegenen Gottesackers mit der Leiche fast unmöglich war. Oft war
-das Leben der Träger beim Transport des Sarges in Gefahr gerathen,
-sie versanken in Schnee und Eisspalten; der ihn selbst treffenden
-Beschwerde hätte der fromme Mann nicht geachtet, kaum sie erwähnt,
-obschon er mehrmals durch dieselbe erkrankt; allein eine größere Anzahl
-seiner stündlich Bedürfender litt darunter!
-
-Der Probst war ihm nicht gewogen, seine Rechtfertigung ward verworfen,
-schwere Klage gegen ihn im Consistorio erhoben! -- Im Gefühl seines
-guten Rechts war Jürgenssen vor fünf und zwanzig Jahren nach Copenhagen
-gesegelt. Seiner einfachen Seele war die damalige Aufhebung aller
-Ministerien und die Gewalt, mit welcher Struensee eine Menge wirklicher
-Verbesserungen einführte, nur eine Vereinfachung des Geschäftsgangs
-gewesen, er hatte für den Günstling des Königs geschwärmt und an
-die wirkliche Thätigkeit des Letztern lange nach Ausbruch seiner
-Geistesschwäche geglaubt. Mit der leicht erworbenen Rechtfertigung und
-günstigen Entscheidung seines Prozesses war er damals heimgekehrt; die
-gänzliche Umgestaltung der dänischen, und mithin der provinziellen
-Verhältnisse hatte auch diese längst entschlafene Anklage erweckt, von
-neuem war ihm aus Reikiawik der Befehl augenblicklicher und wirklicher
-Bestattung der in seinem Kirchspiel Verstorbenen zugekommen. -- Allein
-zu dem Schnee seiner Gebirge hatte sich nun dem armen Pfarrer der
-Schnee des Alters gesellt, der sich auf seinem müden Haupte gesammelt,
-und man altert schnell, bei so schwerem Beruf, in solchem Clima! Dem
-Prediger blieb nur die Wahl zwischen freiwilligem Aufgeben seines
-bisherigen Berufs, oder des Versuchs, eine erneute Vergünstigung von
-Copenhagen aus zu erhalten, seine Leichen in das weiße Schleiertuch der
-Erde zu hüllen, bis der Frühling das Herz der alten Mutter erwärme, und
-sie das entschlafene Kind in ihre treuen Arme aufzunehmen im Stande.
-
-Von seiner Kirche den Kund bannen, hieß ihn tödten! sie war seine
-Liebste, seine Welt! Von Katharina, seiner verstorbenen Ehefrau,
-hatte er ein holdseliges Töchterchen; Mathilde (so hieß sie nach
-der unglücklichen Königin) -- war die einzige, welche außer der dem
-öffentlichen Gottesdienst geweihten Stunde den geheiligten Raum mit
-ihm betreten und Küsters-Dienst, in Reinigung und Ausschmückung der
-Kirche, mit ihm theilen durfte. Was sie Kostbares besaßen, ward zur
-Zier des Altars, der Kanzel, ja des kleinen Chors verwandt. An einem
-Pfeiler hing ein Kupferstich, das Bildniß des Vaters Alslev, des
-»edelsten Menschen, den er je gekannt!« Dieser Ehre hielt er nur ihn
-für würdig; während seines ersten, dreimonatlichen Aufenthalts hatte
-er in der Residenz all seine ihm für das ganze Leben ausreichende
-Menschenkenntniß gesammelt; Alslevs klares, festes Wollen und
-bestimmtes Handeln hatte ihn zur verehrenden Begeisterung fortgerissen,
-sein treuer Sinn bewahrte sie in immer gleichbleibender Erinnerung.
-
-Alle diese kleinen und doch ihrem bisherigen Erfahren fremden Züge
-aus einem beschränkten, fast von jeder Bequemlichkeit entblößten,
-rein-menschlichen Dasein rührten Helenen unsäglich, allein sie baueten
-sich auf zur trennenden Mauer zwischen ihr und den einzig mit den
-Vermählungsfeierlichkeiten und den Ausstattungen beschäftigten und
-erfüllten Geschwistern.
-
-Außer Christian waren Alle, selbst die Brüder durch ihre Frauen in
-den Taumel der Hoffeste und Zerstreuungen hineingerissen, mit welchen
-man Christian ~VII.~ fortwährend umgab. Die Grafen Schimmelmann und
-Bernstorff waren nur theilweis im Volk geliebt, im Innern des Staats
-gab es viel Unzufriedene. Die dänische Politik ging darauf aus, mit
-allen auf Dänemark einwirkenden Mächten Frieden zu halten, aber trotz
-der dabei zu Tage gelegten Würde und äußerlichen Größe, ließ sich eine
-gewisse Unsicherheit der Ansichten wie der Verhältnisse kaum bergen.
-Alle Geschäfte, welche die verschiedenen, nach Struensee's Sturz wieder
-eingeführten Canzeleien dem Staatsrath vorlegten, mußten in doppelten
-Sitzungen vorgetragen werden; in der Versammlung beim Erbprinzen
-Friedrich wurden die Resolutionen gefaßt, alsdann in einer zweiten
-dem Könige zum Schein vorgelegt, der sie halb bewußtlos unterschrieb.
-Das war eine unsäglich betrübte Comödie, und ihre Rückwirkung auf das
-Volk war es nicht minder! Der arme Prediger litt unbeschreiblich, sein
-beschränkter Geist sah überall böse Dämonen sich drohend gegen sein
-ihm so theures Vaterland erheben; so lange seine Sache bei Gericht
-anhängig blieb, war Helene sein einziger Trost, und die ganz einfachen
-und zugleich so tief poetischen Lebens-Anschauungen desselben, ließen
-dagegen dem aufgeregten Sinn des Mädchens alles Treiben der Vornehmen
-und des Adels im widerwärtigsten Lichte erscheinen, ja sie steigerten
-ihren Entschluß, mit Thorald ein von diesen hemmenden Einschränkungen
-freies Leben zu führen zur entsetzlichsten Pein.
-
-Thoralds leichteres Blut ließ ihn einfacher seine Bahn weiter ziehen;
-er war in Copenhagen, arbeitete in der noch neuen und unvollständigen
-Academie, gefiel durch heitere wohlwollende Theilnahme, umarmte den
-alten Kund, der ihn auf Helenens Bitte besuchte, machte das Portrait
-des kleinen, leider kränklichen Kronprinzen, und war bei jeder
-einzelnen Nachricht von Frankreich aus überzeugt: auch im Norden
-müsse jede kleine Meuterei, jede Unzufriedenheit des durch Monopole
-gedrückten Handelstandes nächstens große Umwälzungen herbeiführen,
-welche dem Charakter und einer der Nation inwohnenden Gleichmüthigkeit
-und sehr ernsten Besonnenheit widersprachen. Er selbst war kaum noch
-ein Däne; der lange Aufenthalt in Italien und Frankreich hatte alle
-vorspringenden National-Eigenschaften in ihm verwischt.
-
-Graf Christian vermied Erörterungen, welche zu nichts Glücklichem
-führen konnten, Alslev und er waren verstimmt, weil sie sich nicht zu
-gleicher Ansicht zu vereinen vermochten; in sich selbst streng und
-scharf concentrirt beobachtete der Advocat den Maler genau; er hätte
-so gern etwas Bedeutendes aus ihm gemacht, ihn durch einen glücklichen
-Wurf Geld und ein den Rang übertragendes Wirken verschafft -- Thorald
-aber war und blieb eine hoffende, dem Leben vertrauende, sorglose
-Künstlerseele; er war überzeugt, einmal ein unsäglich schönes Bild zu
-malen, das ihm Ruf, Ruhm, Brot, und den Besitz der Geliebten zusichere.
-Unterdessen aber malte er eine Menge gleichgültiger Portraits, wurde
-Mode beim höchsten Adel und bei den Prinzessinnen, und begriff Helenens
-leise Klage nicht; sie sah weiter hinaus als er!
-
-Die Hochzeittage mit ihren prächtigen Toiletten, alle den
-Gnadenbezeugungen der alten Königin, welche sich der »endlich wieder
-standesmäßigen Heirathen in der Familie Gejer« erfreute, das große
-Festmahl, und die lästigen, das Zartgefühl der Neuvermählten nicht
-sonderlich schonenden Gratulations-Visiten am Morgen nach dem Beilager
--- Alles das war vorüber! Nach den erwiederten Besuchen bei der über
-halb Copenhagen reichenden Vettern- und Cousinenschaar, wollten die
-neuen Ehepaare auf ihre Güter. Am Morgen vor dem Abschiedstage fuhren
-zwei schwere Caleschen in den Hof -- die Neuvermählten waren schon auf
-ihren Berufswegen, und die Meldung des Besuchs erging an die »Gräfin
-Gejer!« Es waren die sieben Gejer-Mogenstrupp, Hochwürden! Sie wurden
-zu Eva geführt; welch ein Elend einen Bedienten vom Lande zu haben!
-der redliche Nysteder kannte die Weltverhältnisse nicht! Da standen
-sie, grau und Ehrfurcht erregend, in stummer Erhabenheit, wie sieben
-Wartthürme des Mittelalters die anmuthige Eva umgebend, und vermochten
-kaum das schwere Haupt ein klein wenig zu neigen, zum Gruß! Tödtlicher
-Schreck lähmte ihre riesigen Glieder: sie, die Hochadeligsten
-aller Chanoinessen, hatten der »wegen Kränklichkeit« nicht an den
-Hof gehenden Fästebönders Tochter, der nie zum Gesellschaftskreis
-mitzählenden Pseudo-Gräfin, die +erste Visite+ gemacht --
-
- * * * * *
-
-Mit eben so viel Anmuth als Würde empfing sie die liebenswürdige,
-sanfte Eva; sie errieth leicht, daß der hohe Besuch ihrer Schwägerin
-Helene gälte, deren Rückkehr in das Stift Wallöe bereits festgesetzt
-war, und ließ diese sogleich zu sich bitten. Wie ein Frühlingsvöglein
-schwebte die kleine Comtesse herein und auf die sieben Wartthürme
-zu, welche sie sogleich im Flug der zierlichsten Worte umkreis'te,
-und ihnen zu dem Zufall Glück wünschte, ihre leider fast nonnenhaft
-zurückgezogene Schwägerin auf diese Weise kennen gelernt zu haben!
-So leichten Kampfes waren jedoch die empörten Stifts-Damen nicht
-zu beschwichtigen! Es entspann sich eine jener gesellschaftlichen
-Fehden, welche nur Frauen führen und kennen; mit hinreißender Anmuth
-verstand es Helene, jedem Worte, das Eva sprach, volle Geltung zu
-verschaffen, und deren Charakter, Stellung, Güte und Glück fortwährend
-hervorzuheben, indem sie selbst sich ihr gänzlich unterordnete und
-sogar den Rang der regierenden Gräfin und verheiratheten Frau in
-volles Licht setzte. Die sieben Mogenstrupps rissen unermeßliche
-Augen auf -- sie fühlten sich angegriffen bis in's eigentliche
-Mark ihres Lebens -- und schritten zur Rache! Alle Sieben begannen
-mit unendlicher Volubilität von lauter kleinen Hofgeschichten und
-Familienangelegenheiten der höchsten Kreise, als von bekannten Dingen
-zu sprechen, indem sie sorgsam alle darin vorkommenden Personen nur
-bei Vornamen oder den Spitz-Namen nannten, die man ihnen in jenem
-Cirkel gab; Eva konnte um alle diese Einzelnheiten nicht wissen, und
-die siegreichen Sieben stellten sich auf solche Weise zu Helenen in
-intimen Rapport, während sie die Gräfin aus dem Interesse des Gesprächs
-gewaltsam herausdrängten, um sie fühlen zu machen, daß sie jenem
-Cirkel der königlichen Familie und des sie eng umgebenden Adels nicht
-angehöre, obschon sie Christians Titel führe.
-
- * * * * *
-
-Helene gab nicht nach! Geschickt deckte sie sogleich ihre Schwägerin
-mit dem Schilde des Ausländisch-Modischen, warf nebenbei mit der
-persönlichen Gunst der verwitweten Königin um sich, als habe sie
-dieselbe in der Tasche, und überwältigte endlich in fortgesetztem
-Gespräch den Feind durch eine Menge Anekdoten vom englischen,
-russischen und schwedischen Hofe, mit denen sie die der ganzen
-civilisirten Außenwelt entfremdeten Mogenstrupps dermaßen betäubte,
-daß ihnen nichts übrig blieb, als die herkömmlichen Stiftsgeschenke an
-Elixiren, Rosenwasser und Confitüren zur Reise der »theuren Cousinen«
-in ihre Hände niederzulegen und den formellen Rückzug anzutreten.
-
-Als sie fort waren, warf sich die ermüdete Siegerin auf das Sopha,
-ein Paar großer Thränen perlten in ihren Augen. Es ist sehr schwer zu
-sagen, warum sie weinte, ob aus Nichtachtung oder Ueberschätzung der so
-eben hart von ihr angegriffenen Vorurtheile!
-
-Eva blieb still und gelassen, wie immer; ihr fehlte nie etwas anderes,
-als ihres Christians volle Liebe, wie sie einst sie gekannt und
-besessen.
-
-Allein am nämlichen Vormittage schrieb Helene zwei Briefe; den ersten
-an Thorald. Sie bot ihm an, mit ihm zu fliehen nach Frankreich
-oder Italien. »All diese Einwirkungen und Rückspiegelungen
-angenommener, langjähriger Vorurtheile werden aus Pygmäen zu uns
-überwältigenden Riesen, wenn wir den hiesigen gewohnten Familien- und
-Gesellschaftsformen ausgesetzt bleiben! An jedem andern Orte, um wie
-mehr in einem anderen Lande, verlieren sie alle Geltung.
-
-So wenig als unsere monopolisirende, auf Fabrikwesen und Gewerbefleiß
-angelegte Academie Ihrem Kunststreben wirklich fördernd genügen kann,
-eben so wenig würde Ihnen ein Lebenskreis genügen, in welchem wir
-stets defensiv aufzutreten hätten! -- Den ganzen Morgen hindurch habe
-ich für meine Schwägerin mit den scharfen Waffen der Ironie gegen die
-Thorheit meiner sogenannten Standesgenossen gekämpft, gegen die armen
-Mogenstrupps, die am Ende glücklicher sind als Jene, denn sie haben
-sich mit dem Leben außer ihrem Stift und mit den persönlichen Wünschen
-abgefunden; dennoch habe ich sie und mich mit den spielend geführten
-Waffen verletzt -- verletzen +müssen+!
-
-O Thorald, lassen Sie uns den Muth fassen, unser Vaterland auf
-vielleicht zehn, zwölf Jahre zu verlassen, in Frankreich, England,
-Deutschland -- wo Sie wollen, zu leben, menschlich frei zu sein! uns
-bleibt keine Wahl, wenn nicht unsere edelsten Seelenkräfte einer
-fortgesetzten, sie verkrüppelnden Entwürdigung ausgesetzt bleiben
-sollen!«
-
-Den Rest des Briefes nahm der Ausdruck der tiefsten, weiblichsten
-Zärtlichkeit ein, und die Bitte, sie bei einer gemeinschaftlichen
-Bekannten zu erwarten, bei welcher sie zuweilen sich getroffen.
-
-Das zweite Schreiben war an den Grafen Christian; es ward abgesandt,
-als Helene zu jener Freundin gefahren, bei welcher sie Thorald zu
-finden hoffte. Sie schrieb:
-
-»Du hast Wort gehalten, Christian, Du sagtest mir, als meinen
-Widersacher Dich anzusehen, und hast offenbar und insgeheim als
-solchen Dich mir bewährt. Kämpfe mit gleichen Waffen ehren die
-muthig Streitenden, die unsern sind nicht einmal gleich, sondern
-die Deinen stärker -- dennoch hast Du mir alle mögliche Ehre durch
-Deine hartnäckigen, unablässigen Angriffe erzeigt. -- Vergieb den
-trüben Scherz, ich gehe wahrlich nicht darauf aus, Dir wehe zu
-thun; ehemals kanntest Du mich; Du bist aber in den letzten Jahren
-immer unglücklicher geworden, und Thränen, sagt man, machen blind;
-darum wähnst Du auch durch Gewalt mich zu besiegen und vermöchtest
-doch höchstens mich zu tödten aus Scherz, nicht aber mich bis zur
-Regungslosigkeit zu zerdrücken, wie jene Unglückselige, die wir nicht
-nennen wollen!
-
-Mir scheint, Du hast in unserer Familienstellung eine unbedeutende
-Kleinigkeit übersehen, nämlich: daß ich das jüngste Fräulein unseres
-Hauses bin, und mir bei einer keineswegs durch Adelsforderung
-verklausulirten Verheirathung als solchem die zehntausend Thaler
-Mitgift zufallen, welche die Schwester des Grafen Owen, unsere
-Großtante, uns ausgesetzt hat. Ich wußte seit Jahren um diese Sache,
-und der Instinct der Schwachen ließ mich in Alslevs Studirzimmer unser
-Familienbuch, und in diesem die Notiz darüber finden, während Du bei
-unserer Ankunft Dich seiner sogleich bemächtigtest, ihn in Dein Zimmer,
-und mir und meinem Vertrauen zu entführen für gut fandest. -- Ich
-werde auf diese Summe Anspruch machen, Du hast kein Recht, mir sie zu
-verweigern, mich aber wird dies Geld vor jedem Mangel schützen, bis es
-meinem theuren Thorald gelungen sein wird, uns Beiden eine nur auf
-sein Talent und seine eigene Kraft begründete Existenz zu sichern.«
-
-
-Trostlos kehrte Helene heim vom Besuch der arglosen Freundin, bei
-welcher sie Thorald gesehen! Sie hatte Gelegenheit gefunden ihn zu
-sprechen, sogar allein eine lange Unterredung mit ihm gehabt -- aber
-ach! -- Thorald hatte mit dem vollen Ausdruck der zärtlichsten Liebe
-in Blick und Wort dennoch auf das Allerbestimmteste sich geweigert mit
-ihr zu fliehen! -- Sein dem Grafen Christian im Wäldchen auf Laaland
-gegebenes Wort, »nichts zu thun, was Helenens Ruf der Welt oder dem
-bösen Leumund des Kreises, welchem sie angehöre, preisgäbe,« -- war er
-entschlossen zu halten.
-
-»Laß mich als fester Mann ihm gegenüberstehen bleiben, wie ich dort
-am See mich vor ihm als solcher empfand,« bat er sie, »damit er einst
-Deinem Gemahl seine Achtung nicht zu versagen im Stande! Sobald mir
-möglich sein wird Dir meine Hand zu bieten, wird das Vermögen, welches
-Du mir zuzubringen gedenkst, mir den Trost gewähren, Dich wenigstens
-nicht harter Entbehrungen durch unsere Liebe ausgesetzt zu sehen,
-allein nur in unserm Vaterlande, nur öffentlich, vor Deiner Familie und
-Aller Augen, darf ich als mein eigen Dich an mein Herz schließen, als
-meine Frau Dich heimführen, wäre es auch gegen den Willen der Deinen!«
-
-Was sie ihm auch einwandte, glitt an der einmal empfangenen
-Gedanken- und Gefühlsrichtung seines einfachen Charakters ab; sobald
-Thorald nicht durch äußere Uebermacht gesteigert aus sich selbst
-herausgetrieben zu enthusiastischer Heftigkeit hingerissen handelte,
-war er gerade und redlich in allem Thun; er vermochte sein Glück nicht
-um den verlangten Preis zu erkaufen.
-
-»Kein Flecken darf durch meine Liebe zu Dir auf den Schnee Deiner
-Seele fallen! Nicht Deiner stolzen Familie, nicht Christians Versagen
-schreckt mich, auch ohne alle Einwilligung der Dich mir Mißgönnenden
-werde ich Dich einst mein nennen, aber öffentlich, nicht insgeheim. --
-Sind wir aber einmal verbunden, dann Liebste, dann laß uns fortziehen,
-daß sich der allerschönste Erdenhimmel, das blaue Zelt Italiens über
-unser Glück hinwölbe, seine klare Sonne freudig uns in's Herz scheine,
-und wir all den grauen Jammer ihrer Pergamente und Diplome vergessen.«
-
- * * * * *
-
-Ach, Helene wußte nur zu genau, daß kein Priester sie trauen werde in
-Dänemark, ohne Einwilligung des Bruders, welcher nach Landessitte und
-Brauch Vaterstelle an ihr vertreten, fast seit ihrer Geburt.
-
- * * * * *
-
-Im höchsten Grade verstimmt schritten Graf Christian und Alslev in
-dessen Studirzimmer auf und nieder; das sorgsam geführte Register aller
-im Archiv der Familie Gejer enthaltenen Documente lag im uns wohl
-bekannten Pergamentbande auf dem Pulte des Advokaten. »Und so,« schloß
-dieser seinen Bericht, »fand sie schon am ersten Tage ihrer Ankunft
-Gelegenheit, eine Schrift zu sehen, deren Inhalt ich ihr absichtlich
-verborgen.«
-
-»Und schwieg darüber bis heute!« setzte der Graf hinzu, »auch dahinter
-muß eine Absicht versteckt sein --«
-
-»Nein,« erwiederte Alslev, »die Comtesse läßt sich ungern vom
-Augenblick zu Gewaltschritten drängen, und concentrirt auf diese Weise
-für den Nothfall all ihre Kraft. Ich glaubte behaupten zu dürfen, daß
-wenn der Herr Graf Dero Abreise, und mithin Gräfin Helenens Rückkehr
-in's Stift etwas weniger hastig betrieben, dieselbe ruhig hier verweilt
-haben würde; hätte die Academie dem wirklich talentvollen jungen Manne
-die Professur gewährt -- sie wäre sogar ruhig nach Wallöe gezogen; ihre
-Pläne sind noch nicht reif!«
-
-»Am Ende hätten wir doch nur einen Aufschub erlangt! Ich kenne Helene
-besser! Hier hilft +nur+ die stärkere Gewalt. Zum Glück kann ich auf
-das Bestimmteste ihr meine Einwilligung versagen; sie mag meinen Tod
-abwarten und --«
-
-Des Advokaten Züge überflog ein leiser Spott, -- »und in zwei Monaten
-ist sie mündig,« fügte er der abgebrochenen Phrase an. »Ich bekenne,
-daß ich nicht ganz begreife, weshalb gerade der jüngsten Comtesse
-Heirath dem gräflichen Hause so ganz besonders wichtig. --«
-
-»Haben Sie nie bedacht, daß von den Töchtern unseres Hauses, deren
-eine unseren Namen dem ihres Gemahls beifügen kann, die Erhaltung
-des Geschlechts der Gejer oder wenigstens der Hauptlinie der Familie
-abhängt, oder abhängen wird, denn --«
-
-»Allerdings scheint wenig Aussicht zu einer Descendenz des Grafen
-Friedrich geblieben; aber Graf Joachim --«
-
-»Ist schwächlich wie ich! Ich kann und werde diese Verbindung mit
-dem jungen Roturier von einer zu ganz unbekannten Größen gehörenden
-Abstammung +nie+ zugeben! Ich bin uns Allen schuldig, unter keiner
-Bedingung es zu thun. -- Morgen soll mir Helene auf ihr Stift nach
-Wallöe!«
-
-»Darf ich Ihnen rathen, so überreizen Sie das heftige Mädchen nicht!
-Treiben Sie sie nicht auf's Aeußerste --«
-
-»Was kann sie in solcher Geschwindigkeit, binnen vierundzwanzig Stunden
-unternehmen, Alslev? Auch Sie übertreiben!«
-
-»Sie könnte zum Beispiel den Geliebten dahin vermögen, mit ihr nach
-Frankreich oder England zu fliehen.«
-
-»Tod und Teufel! Alslev! eine Gräfin Gejern!«
-
-»Ist vor Allem ein Weib, und hier ein leidenschaftlich liebendes --«
-
-»Sie haben Recht. Man muß ihr jede Möglichkeit zur Flucht abschneiden,
-sie bewachen, ihr Gesellschaft leisten, wollte ich sagen --«
-
-Und unterdessen schwamm Helene in Thränen, weil Thorald unerbittlich
-blieb!
-
-Es giebt eine Menge weiblicher Wesen, welche von der Natur zu
-Vertrauten-Rollen im großen Lebens-Drama bezeichnet scheinen, sie
-kommen niemals dahin, eigene reelle Verhältnisse, reinpersönliche
-Erfahrungen zu haben, ihr Leben wird von Andern gelebt, sie verfließen
-ganz in Anderer Individualität, in Anderer Leid und Lust. Zu diesen
-Naturen gehörte die Nordermule, sie ging auf in der drei Gräfinnen
-Persönlichkeit. Seitdem die zwei Aelteren vermählt und von Copenhagen
-fortgezogen, hatte eine unbeschreiblich tiefe Melancholie das gute
-alte Mädchen erfaßt, alle ihre Stunden waren ihr übrig geblieben!
--- Daß Helene ihrer nicht bedürfe, war ihr längst deutlich geworden,
-nun fürchtete sie, daß ein rascher Schritt derselben sie sogar um den
-Anblick des letzten ihr gebliebenen Zöglings bringen und dann ihr
-armes Leben zu einer ganz zwecklosen Leere sich ausdehnen werde. Schon
-die alljährig sich erneuende Rückkehr in's Stift war ihr qualvoll,
-sie gehörte auf keine Weise zu demselben; von Alters her war ihr das
-ehemalige Stübchen ihrer Mutter geblieben, welche, wie schon erwähnt,
-in der verstorbenen Fürstin Abatissin Diensten gestanden. Wie ein
-Stück Möbel oder sonstiges Geräth, hatte man sie dem Haushalt der
-wahnsinnigen Ulrike zugestellt, bei welcher sie lange Jahre geblieben
--- später hatte Graf Thugge sie zur Pflege und Erziehung seiner drei
-Töchter nach Aalholm berufen.
-
-Starr vor sich hinblickend, überdachte die kleine Buckliche ihre lange
-ereignißlose Existenz; ein Lichtpunkt derselben blieb Ulrikens erster
-Anblick; Emerenzia hatte sie zum ersten Mal in einer künstlichen
-Dämmerung, bei zugezogenen rothen Vorhängen gesehen und zwar jener
-unbewußt; denn nur nach und nach hatte man die Leidende an die Nähe der
-Fremden gewöhnen können. Wie heiß und jugendfrisch hatte sie von jenem
-Moment an für die schöne Trauergestalt gefühlt und geschwärmt, die kaum
-halberschaut ein Ideal aller Schönheit und weiblichen Vollkommenheit
-ihr geblieben. Ach, die stets nur mit dem Bilde des ihr entrissenen
-Liebsten sich beschäftigte, in dem einzigen Gedanken absorbirte Ulrike,
-hatte die leidenschaftliche Hingebung des armen Mädchens nicht einmal
-bemerkt. Dennoch hatte diese den schönsten Theil ihrer Jugendjahre
-ihrer Pflege geopfert, und aus den Erinnerungen an jene Zeit den
-Nimbus all ihrer Träume gewoben -- für noch blüthenlosere Tage, voll
-noch herberer Realität. Der verschwiegenen Treue der allmälig mit dem
-Hause Gejer so eng Verwachsenden, deren Gegenwart man bedurfte ohne
-sie zu beachten, deren Lebenskraft man verbrauchte ohne je darüber
-nachzudenken, war die ganze Qual des Mitgefühls der unseligen Ehe des
-Grafen Thugge aufgebürdet worden.
-
-Alle Phasen des überhand nehmenden riesigen Elends, das verschmähte
-Liebe, Haß, Argwohn und Flatterhaftigkeit einem Ehebande zu bereiten
-vermögen, hatte sie mit durchlebt; die ganze dem kleinsten Samenkorn
-des Unrechts entwachsende Wucht gegenseitiger Versündigung mitgetragen,
-all den Seelenverrath sich täglich erneuender Verzweiflung an allem
-Guten, an Gott, Menschen und dem eigenen unbarmherzigen Selbst hatte
-die arme Nordermule mit durchfühlt in endloser Gewissenspein. Es hatte
-Niemand je daran gedacht es ihr anzurechnen, oder gar es ihr zu danken.
-
-Später hatte Emerenzia dem Leben der Kinder eben so rücksichtslos
-Körper und Seele geweiht. Jene schwersten Ereignisse waren
-vorübergezogen, Graf und Gräfin ruhten endlich im Grabe. Nun nahmen
-Glück und Leid der Uebriggebliebenen ihre von dem Dasein Emerenzia's
-weit abführende Richtung. Neue Fäden knüpften sich zum Gewebe besserer
-Tage -- die Nordermule blieb verlassen allein zurück; die sie mit ihrem
-Herzblut genährt, zogen fort; weder Licht noch Schatten der ihr nun
-entfremdeten Existenzen der Geliebten fiel mehr auf sie zurück. -- Sie
-hatte die Erlaubniß nach Belieben im Schlosse oder auf dem Stifte zu
-weilen. --
-
-Große schwere Thränen rollten über die bleichen gefurchten Wangen der
-Alten; es sah es ja Niemand, sie durfte schon weinen. Da öffnete sich
-leise die Thüre ihres Stübchens -- es war Graf Christian, der eintrat.
-
-»Liebe Emerenzia,« sagte er kurz aufathmend, eilig, in gepreßtem Tone,
-»Sie wissen, wie ich voraussetzen muß, Alles was hier im Hause, was
-in Helenens Seele sich zuträgt -- ich brauche mich nicht deutlicher
-zu erklären. Es soll eine große Unbesonnenheit, ein Unrecht begangen
-werden -- Sie müssen das hindern, oder vielmehr mir helfen es zu
-hintertreiben. Meines seligen Vaters Zimmer grenzt an das meiner
-Schwester; -- ich bitte Sie dort insgeheim diese Nacht zuzubringen --
-die Fenster gehen nach dem Garten wie Sie wissen -- auch diesen Abend
-ersuche ich Sie, sich dort oder bei der Comtesse aufzuhalten. Sie
-verstehen mich doch genau? Helene darf nicht sich selbst überlassen
-bleiben, nicht unbeachtet -- und man kann sie doch nicht bewachen
-lassen.«
-
-Der Graf trocknete sich heftig mit dem Schnupftuch die Stirn, sie war
-mit Schweiß überdeckt, trotz der Kälte im Zimmer.
-
-»O weh! also hatte mein banges Herz richtig geahnt, was uns bedroht!«
-sagte die Nordermule zu sich selbst. Sie war schon aufgestanden, um dem
-erhaltenen Befehl augenblicklich Folge zu leisten; »aber,« bemerkte sie
-zaghaft zögernd, »wird der Comtesse mein ungewohnter Aufenthalt in den
-Gemächern des seligen Herrn Grafen nicht sehr auffallend sein? oder
-wird sie vielleicht auf meine Gegenwart gar keine Rücksicht nehmen?
-ich wäre ja nicht einmal im Stande sie zurückzuhalten.« -- Glühendroth
-wurde Christian, er biß sich in die Lippen, »im Nothfall rufen --
-schreien Sie! ich -- begreifen Sie denn nicht? -- ich werde angezogen
-in meinem Zimmer wachen. Muß man,« setzte er ungeduldig mit dem Fuß
-stampfend hinzu, »einer Person, welche ein Viertel Säculum im Hause,
-mit schlagender Derbheit auch das Zarteste breit treten, damit sie es
-erfasse und ihr wie einem Neuling, wie einem unserer ausländischen
-Diener +befehlen+? -- Sie werden das sich im Augenblick als passend und
-nothwendig Herausstellende thun, Jungfrau Nordermule,« setzte er stolz
-den Kopf zurückwerfend, mit dunkel aufblitzendem Auge sie durchbohrend
-hinzu, »oder -- hätte ich mich geirrt? wüßte Die, welcher wir, mein
-Vater und ich, ehemals die Ehre unseres Hauses unbedingt anvertrauen
-durften, jetzt keinen Rath mehr zu finden, das Rechte zu thun? Hat
-Helenens Wahnsinn auch Sie so verblendet, daß Sie wie ein kleines
-Pensionsmädchen ihr beizustehen wähnen, indem Sie die bereits Taumelnde
-dem Abgrunde zustoßen, an dessen Rande sie steht? -- Ist es möglich!«
-rief er plötzlich, auf's Leidenschaftlichste erregt zum Himmel
-aufblickend und die gefaltenen Hände schmerzhaft gegen die auffliegende
-Brust gedrückt, »auch hier habe ich geirrt!«
-
-»O nein, nein, niemals!« rief in die Knie sinkend und seinen Rock
-ergreifend die Nordermule, »um Gotteswillen kein Mißtrauen! es würde
-mir das Leben kosten! Alles, Alles, was Sie wünschen, soll geschehen,
-wüßte ich nur genau, wie das Rechte erreichen; ach, Graf Christian, ich
-bin nicht mehr stark und jung wie in jenen Tagen, der Körper altert,
-bleibt auch das Herz jung!«
-
-Lebhaft riß Christian die Bebende auf, alle Muskeln seines edlen
-Gesichtes vibrirten, tief beschämt führte er sie sorgsam zu einem
-Sessel; er sprach kein Wort. Sie sah zu ihm auf, wie ein sterbender
-Katholik zu seinem Schutzpatron, der sie vertreten soll vor dem ewigen
-Richter. Endlich, als sie nicht mehr so convulsivisch schluchzte, nahm
-er, in den gewohnten etwas unsichern Ton zurückfallend, ihre Hand,
-»vergeben Sie,« sagte er, »ich habe Sie durch meine Heftigkeit sehr
-erschreckt! Ich war nicht darauf vorbereitet einer unserer Familie so
-ergebene Person« -- das Wort Freundin brachte er nicht über die Lippen
--- »Erörterungen so schmerzhafter Art geben zu müssen.« Leise drückte
-er die ergriffene Hand, und Emerenzia blieb allein. Eine wunderbare
-Verklärung überzog die unschönen Züge des armen alten Mädchens; also
-hatte er doch wirklich einmal gewußt, was sie mit seiner Mutter
-ertragen, um seinetwillen! Seine Jugendgestalt schwebte ihrem innern
-Blicke vorüber. Dann sah sie die Stelle noch einmal an, wo er vor ihr
-gestanden, und die Stuhllehne, auf welcher seine Hand geruht, während
-sie da saß und weinte -- und begab sich, fest entschlossen, Alles zu
-Erhaltung der Ehre und Wohlfahrt der Familie zu thun, in das Zimmer des
-verstorbenen Grafen Thugge.
-
-Vor Helenen stand in der nämlichen Stunde der gute isländische
-Pfarrherr, hielt begütigend, wie ein mildrichtender Vater, ihre kleine
-Hand in seinen beiden großen und endete eine lange tröstende Rede mit
-diesen Worten:
-
-»Glauben Sie mir, theure Comtesse, jede willkürliche Abweichung von
-den uns vorgezeichneten Lebenswegen, obschon sie in der Zulassung des
-Höchsten liegt, denn sonst könnte sie ja nicht geschehen, bringt neues
-Leid, statt des gehofften Erdenglücks. Der gewaltsam Handelnde erzeugt
-neue Gewaltsamkeit. Ist es Ihnen möglich, so greifen Sie nicht jetzt,
-nicht in einem Augenblicke in Ihr Geschick, in welchem alle Tiefen
-Ihrer Seele vom Schmerz aufgewühlt sind!«
-
-»Ach, würdiger Herr,« erwiederte Helene, »Sie sind über all diesen
-täglich sich erneuenden Quälereien hinaus, Sie leben Ihr einfaches,
-gottergebenes Dasein so still für sich hin, wie können Sie die Pein
-all der civilisirten Nadelstiche mir nachempfinden, wie ich unter den
-Meinen, wie in der Gesellschaft ich sie erdulde.«
-
-»Und doch lehrt mich nicht nur die Religion, welche für alles
-Menschenweh dem aufrichtig das Gute Wollenden die Gefühlsfäden
-verleiht, das fremde Leid zu erkennen; auch die Geschichte meiner Väter
-mahnt mich zum Verständniß des meiner Stütze Bedürfenden. -- Zwar
-haben wir Geistlichen auf Island keine blutige Fehden mehr, wie im 16.
-Jahrhundert, aber wie um die Mitte desselben Bischof Arensen mit seinen
-beiden Söhnen den Tod auf dem Schaffot dem Versprechen vorzog, das man
-ihm abverlangte: sich nicht an seinen Feinden zu rächen, wie er in
-starrer Unbeugsamkeit, ohne ein Wort der Selbstvertheidigung lieber als
-Majestäts-Verbrecher das Todesurtheil über sich aussprechen ließ, um
-nur das stolze Herz nicht demüthigen zu müssen, im Zugeständniß seiner
-Unbill, so denkt noch jeder einzelne Bewohner unserer Insel. Je rauher
-das Clima, je schneidend schärfer der Wille, je karger die Gaben des
-erkaltenden Bodens, je eigensinniger der Mensch in jedem ihn und die
-Seinen betreffenden Entschluß! Wäre ich sonst wohl hier? -- Ach der
-Isländer härtet seine Seele im Frost, wie das Eisen im Feuer. So kenne
-ich denn gar wohl die Tiefen der übermüthigen Menschenbrust, die weder
-in Haß noch in Liebe das richtige Maß zu halten im Stande. Mein Heiland
-und Herr! Seit mehr denn zweihundert Jahren schon liest der isländische
-Bauer die Bibel in seiner eigenen Muttersprache, und immer noch
-erweicht ihm Gottes mildes Wort nicht das verstockte Herz, -- sehen
-Sie, lieb Fröken, so weiß ich denn auch um die Gewalt der Leidenschaft,
-hab' auch ich selber sie nie empfunden -- sie spiegelt sich auf gleiche
-Art in der Nation, wie im Individuum: von Leidenschaft seid Ihr +Alle+
-bewegt! --«
-
-»So soll ich den Mann, der mir unbedingt vertraut, einer Grille
-meiner Brüder wegen verlassen? -- Ihn aufgeben in einem Augenblick,
-wo der Adel überall wie ein veraltetes, menschliches Institut in sich
-zusammenbricht, und zurücksinkt in die eigene Unbedeutenheit -- wo er
-allmälig nur zum Hofgewand sich gestaltet, das man ab- und anlegt nach
-Belieben, eben da soll ich Thorald aufgeben? Ihn den Liebenden? Ihn der
-mich beglückt? Habe ich denn zur Aufrechthaltung des alten adeligen
-Stammes, wenn sie denn wirklich als etwas Wünschenswerthes gelten soll,
-nicht Brüder und Schwestern --«
-
-»Aufgeben? nein! aber warten! die Gestaltung dieser gährenden
-Volksmassen in ihren immer schnelleren Bewegungen abwarten, die Zeit
-arbeitet an einer Krisis, --«
-
-»Abwarten! -- Jürgenssen! Sie haben wohl niemals von dem Geschick
-gehört, das die Liebe den Unglückseligen unseres Hauses zu bereiten
-pflegt. O es ist grauenhaft, mit welcher vornehmlächelnden Heiterkeit
-wir ganz unmerklich Herzen zu brechen, keimende Hoffnungen zu knicken
-verstehen! Sie haben wohl niemals von meiner verstorbenen Tante Ulrike
-gehört?«
-
-»O wohl und oft!«
-
-»Und -- auch von meinem Vater?«
-
-»Fast mehr als Sie, liebe Comtesse, von ihm wissen mögen!«
-
-»Und Sie muthen dennoch mir zu, einem Ausspruch mich zu unterwerfen,
-der solche Opfer seinem lächerlichen Götzen bringt, oder eine äußere
-Hülfe zu hoffen?« --
-
-»O, liebes Fröken,« sagte der schon bei den ersten Worten, welche
-das Leben ihrer Vorgänger im Leide berührten, in sich und seine
-Erinnerungen versunkene Kind, »welch ein edles Herz hatte Ihr Vater!
-Als er auf unsere Insel kam, war ich eben erst von Norwegen herüber
-gekommen, wo ich zu Drontheim auf der Schule gewesen. Ich war fast noch
-ein Knabe. Aber immer wieder und wieder erzählten sich die Männer auf
-der Insel von dem traurigen und liebreichen Manne, der einer Rose wegen
-nach Island gereis't und --«
-
-»Mein Vater auf Island? Sie träumen lieber Kund!« -- Der gute Pfarrer
-schüttelte sanft das Haupt: »sollte man Sie, theures Fröken, um das
-Erkennen der Trefflichkeit Ihres Herrn Vaters gebracht haben? Das ist
-ja kaum möglich! es ist ja so herrlich dieses Bild seines dortigen
-Aufenthaltes, es ist ja so recht wie ein von der Gnade des Herrn uns
-hingestelltes leuchtendes Sternbild, das den Erdenweg uns erleichtert,
-indem es an den Himmel uns erinnert!«
-
-Helene sah ihn mit bittenden Blicken an.
-
-Der gute Alte setzte sich, wie immer etwas ängstlich ungeschickt »in
-den prächtigen Zimmern« mit dem Rücken gegen die Thür, welche Helenens
-Stube mit der des verstorbenen Grafen verband.
-
-»Es war im Frühling des Jahrs 1763« -- ein leiser Seufzer drang aus
-dem Nebenzimmer an Helenens Ohr -- ein Schauer überflog ihre Glieder,
-sie wickelte sich fester in ihrem Shawl, »als ein ältlicher Herr,«
-fuhr der Pfarrer fort, »der sich insbesondere mit Naturwissenschaften
-befaßte, zu uns herüber kam -- hier im Lande mag es wohl schon Sommer
-gewesen sein, denn er war kurze Zeit vor dem Johannisfeste; -- über
-die Eilande Engey und Vidöe, wo sonst das große Mönchskloster lag
--- das jetzt ein königlicher Hof geworden, des Eiderdaunenverkaufs
-wegen -- war der fremde Herr nach Reikiawik gekommen, das damals nur
-ein elendes Dorf von wenig Häusern war. Nach dem Kloster auf Vidöe
-war er gegangen, um eine Blume zu suchen, eine Rankenrose, sagte
-man, welche in anderen Ländern eine große Seltenheit sein soll, bei
-uns aber dem Hochgebirge wild entsprießt, wie den Gletschern in der
-Schweiz die Alpenrose. Ehemals hatte die Rose im Mönchskloster fast
-das ganze dem Brüderhause anhangende Kirchlein umwoben, nun seitdem
-ihre Pfleger vertrieben und ausgestorben, war sie verkommen, wie das
-ganze Gärtlein; keine Spur war dort mehr von ihr zu finden. An der so
-eifrig gesuchten Rose aber hing des Wandrers ganzes Herz, ihretwegen,
-sagte er, habe er die Heimath verlassen, er bedürfe sie, um sie in ein
-großes Buch zu legen, und die Beschreibung derselben einem botanischen
-Werke einzuverleiben, an welchem er arbeitete. Es müßten, meinten
-die isländer Häuerlinge, dem guten blassen Herrn, der immer so ernst
-und trübe vor sich hinsähe, daheim viel traurige Prüfungen auferlegt
-worden sein, die ihn so recht gerade zu in das Herz getroffen, daß er
-an so kleinen Dingen Trost zu suchen in die Fremde ziehe! Er wollte von
-uns aus nach Rangavallesyssel, wo er im Hochlande die Rose zu finden
-sicher war« -- der Seufzer in der Nebenstube wiederholte sich, ein
-beklommenes, schweres Athmen ward in der Stille, welche nur Kunds milde
-Stimme belebte, deutlich hörbar. Rasch sprang Helene auf und öffnete
-die Thüre hinter dem durchaus arglosen Kund: die Nordermule saß in des
-Grafen Zimmer an der Wand in der nächsten Nähe desselben, jedes seiner
-Worte mußte dort ihr vernehmlich gewesen sein.
-
-Einen Augenblick maß des Mädchens glühender Blick Beide -- »ich bin
-wohl hier in meinen Zimmern bewacht?« fragte sie sehr ernst, dann
-setzte sie scherzend hinzu: »Du kannst ruhig zu Bette gehen Emerenzia,
-wenn Du es nicht vorziehst unseres lieben Pfarrers Erzählung mit
-anzuhören, ich entfliehe Euch nicht! denn -- Thorald hat nicht
-+gewollt+! das kannst Du denen sagen, welche Dich hierher postirt,«
-setzte sie mit leicht bebender Lippe hinzu, indem sie fortgesetzt
-schärfer und richtender der armen Nordermule in das erbleichende
-Antlitz schaute; »aber nun, lieb Väterchen, fahrt fort in Eurer
-seltsamen Geschichte der Wunderrose, die nur auf Schnee und Eis
-erblüht!«
-
-»Ach,« sagte die Nordermule, »Alles, was der hochwürdige Herr erzählt
-hat, so fabel- oder mährchenhaft es klingt, ist buchstäblich wahr! Ja,
-Graf Thugge's Herz war zum Brechen voll und schwer, als er fortzog in
-die nordischen Lande. Lange Jahre schon hatte er in der Botanik und
-im Besitz irgend einer seltnen Pflanze, von welcher in ganz Dänemark
-kein zweites Exemplar sich fand, die einzige Erheiterung seiner trüben
-Tage gesucht. Die Frau Gräfin brachte immer längere Zeit, ja drei
-Viertel des Jahrs bei ihren Freunden in Copenhagen zu, der arme Herr
-blieb ganz allein mit uns auf dem Schlosse; Graf Christian war in
-Bauerntracht entflohen und lebte in Jütland, die beiden anderen Junker
-in entfernten Schulen; ich war abwechselnd hier bei den Kindern, oder
-bei der Comtesse Ulrike. Wenn er nun die übergroße Einsamkeit seines
-Lebens, (denn allen Umgang mit den Gutsnachbarn mied er), nicht länger
-zu tragen vermochte, machte der Graf Reisen, nach Versailles, nach
-England, und öfterer noch nach Holland, um seltne Gewächse zu sehen
-und für sein Herbarium zu kaufen. In der Pflanzenwelt, sagte er, ist
-Stille und Frieden, sie verblühen und verwelken sanft! So schritt er
-leisen Schrittes zwischen den Wiesen-Blumen und unter den Riesenbäumen
-des Parks hin, er liebte sie und betrachtete sie wie Verwandte; keinen
-Stamm durfte man fällen, keinen Zweig knicken, keine Blüthe stören
-durch Berührung! Mit den Sträuchern und Bäumen sprach er auch immer,
-weit seltner mit uns! Im Winter trug er sich die Scherben voll Blüthen
-in's Zimmer, war auch viel im Gewächshaus und spielte oft halbe Nächte
-hindurch auf der Geige; dann mochten ihn wohl frohe Erinnerungen
-umschweben, man sah ihn zuweilen mit der Violine in der Hand vor den
-großen Saalspiegeln sich rhythmisch bewegen, fast wie auf Schloß
-Steinburg die Comtesse, aber nur mit fest geschlossenen Augen. --
-
-Weil das Alles Jahre lang immer sich erneuete, waren wir an sein
-stilles Walten gewöhnt und suchten in solchen Augenblicken nur die
-kleinen Kinder ihm fern zu halten, daß keines ihn störe. -- Immer
-größer aber wurden seine Reisen, und führten ihn immer weiter hinweg.
-Nun war es um die Zeit, daß wir zuerst an einen Versuch dachten, die
-Comtesse hierher zu bringen, um dem Arzt näher zu sein, als der Graf
-gerade einen Theil seiner Fels-Flora ordnete, deren Herbarium in
-Steinburg lag. Da fehlte denn in der Reihe der wildwachsenden Rosen
-eine hochnordische Alpenpflanze, welche alle Kälte überdauert und auf
-das Gletschermeer ihre Blüthen wirft; Tag und Nacht dachte unser Graf
-nur an sie, und beschloß endlich mit einem der Frühlingsschiffe nach
-Island zu gehen, um sie zu holen.
-
-Ich weiß nicht wie es zuging, daß wir gerade über diese Reise so
-ungewöhnlich viel redeten, die weite Entfernung, das rauhe Clima
-machten uns besorgt -- es hat wohl so kommen sollen, nach des
-Allmächtigen Willen! -- Kurz, wir vergaßen uns so weit, sogar in der
-stets tief in ihren eigenen Gedanken versunkenen Ulrike Gegenwart von
-des Grafen Absicht zu sprechen -- plötzlich horcht sie auf! ihr Auge
-wird blau und strahlend, die Sehkraft desselben concentrirt sich in
-der Pupille, jeder Bewegung mächtig, wendet sich ihr Antlitz uns zu.
-»Nach +Island+?« fragt sie, »wer will nach Island?« -- Wir erzählen
-ihr, glauben aber, daß sie nicht auf unsere Rede achten wird --
-aufmerksam, ohne einen Laut zu verlieren, lauscht sie unserer Antwort,
-dann richtet sie plötzlich sich auf und steht vor uns. »Meinen Bruder!
-ich will meinen Bruder sprechen,« sagt sie, fest und vollkommen ihrer
-selbst bewußt. Welch ein Anblick! Diese tief verhüllte Herzensjugend,
-die so plötzlich ihre Decke durchbrach, und vergeistigend die längst
-verschrumpften Züge der Greisin durchleuchtete! Ihre gekrümmte, vom
-Alter schon klein gewordene Gestalt streckte sich, uns Alle ergriff
-eine unsägliche Ehrfurcht, denn es war, als ob Gott zu uns spräche aus
-dieser mit einem Mal sich erfrischenden Vergänglichkeit -- sie wurde
-beinahe schön wie in ihrer Jugend, durch das Erwachen eines himmlischen
-Ausdruckes ihres Gesichts -- »Ich will meinen Bruder sprechen, meinen
-Bruder!« wiederholte sie immer von neuem.
-
-Ein Reitknecht warf sich auf's Pferd und eilte zum Herrn Grafen, dem
-er unterwegs schon begegnete, (des Herbariums halber hatte dieser nach
-Steinburg gewollt), und Hans gab ihm die Nachricht, daß die Comtesse
-ganz zusammenhängend gesprochen, und dringend nach ihm verlangt habe.
-
-»Das ist der nahende Tod!« rief der Erschrockene, »sie stirbt!« Rasch
-sprang er aus dem Wagen, warf sich auf des Reitknechts Pferd, und
-sprengte in rasendem Galopp zu uns herüber.
-
-Allein es war nicht die Hand des Todes, nur die der Liebe, welche das
-Herz der Kranken berührt! -- Sie erkannte ihn sogleich; »Bruder,« sagte
-sie, »die Frauen sagen mir, daß Du nach Island reisen willst« -- »ja,«
-erwiederte der Staunende, sie wie ein Wunder anstarrend -- »ja Ulrike,
-ich habe dort ein Geschäft, und will morgen schon hin.«
-
-»In der Sundlendinga Fiordung,« fuhr sie mit immer gleicher
-Besonnenheit fort, »mußt Du nach dem Rangavallesyssel fragen, zwischen
-den Apa- und Huitaae-Seen geht der Weg -- da liegt Skalholt, und etwas
-höher hinauf das Pfarrhaus; drinnen wohnt ein sehr alter Mann, der
-Prediger einer weit an den Bergen hin zerstreuten Gemeine, sie zieht
-sich bis zu dem Markarfiorden hin, da mußt Du nach Johannes Thorson
-fragen, und in seine Wohnung gehen. Frage nur recht genau, sie werden
-Dich gern berichten; da findest Du einen alten Mann, alt und grau wie
-ich, mit hellen blauen Augen, ach, du wirst ihn gleich erkennen, wenn
-du ihn von Ulrike Gejer gegrüßt! Sage ihm, sie habe nie seiner Liebe
-vergessen, und nie einem Andern die Hand gereicht, nie sei sie wieder
-fröhlich geworden, nie habe sie wieder gelacht; Tag und Nacht, Wochen,
-Monate, Jahre um Jahre, das ganze lange Leben hindurch habe sie nur
-seiner gedacht -- immer -- nie weiter gedacht -- immer nur sein, sein
-bis zum Tode!«
-
-Als sie diese Worte gesagt, vermochte sie nichts mehr hinzuzufügen,
-ihre Kraft war gebrochen; sie sank zusammen und wir trugen sie hinaus
-auf ihr Lager. Sie blieb still wie schlafend liegen, noch viele
-folgende Tage hindurch; dann stand sie auf, fiel aber bald wieder in
-ihre alte träumerische Geistesabwesenheit zurück, und sprach nicht
-mehr. -- Der Graf reis'te am nächsten Morgen ab nach Island.«
-
-Mit sanfter Aufmerksamkeit hatte Kund der Nordermule unerwarteten
-Eingriff in seine Erzählung hingenommen, mit wachsender Theilnahme, und
-immer gespannter war er ihren Worten gefolgt.
-
-»Ja! so war es!« sagte er endlich, »gerade so erfuhren wir nach und
-nach aus des Grafen Munde alle Einzelnheiten, die wir gar nicht
-ahneten. Kaum hatte er unter unserer Leitung dem Rangavallesyssel sich
-genähert, so fiel ihm auf, wie alle Pfade und Stege auf dem Gebirge
-rein gehalten, und mit Wahrzeichen versehen, daß der Bergsteigende
-die Richtung nicht verliere und nicht versinke in um das Frühjahr
-von der Felswand sich lösenden weichen Schnee, oder begraben werde
-in den leicht überdeckten Eisspalten. Die Bewohner des Syssels wären
-reinlicher und besser gekleidet, meinte er, und ihn freute, wie
-die Kinder, denen wir begegneten, alle gern Bericht gaben von der
-Bergesrose, und sich erboten, sie zu suchen, falls sie schon erblüht,
-sonst aber den Strauch mit den Wurzeln dem fremden Herrn zu bringen.
-
-Unter uns dachte Keiner an diesen großen Unterschied, welchen die
-Gemeine der seltnen Sanftmuth und Geisteskraft ihres Predigers zu
-danken hatte, welcher seit fast einem Menschenalter, ohne Weib und
-eignes Kind, nur seinem Kirchspiel und dem Wohl seiner Pfarrkinder
-lebte. Nun es der dänische Herr bemerkte, fiel es plötzlich uns Allen
-auf.
-
- * * * * *
-
-Des guten Johannes Wohnung war ganz aus grau und rother Lava
-erbaut; um dieselbe her lagen, da sie sehr klein war, noch mehrere
-ebenfalls einstöckige Wirthschaftsgebäude zur Stallung des Viehs, zu
-Schlafkammern des Gesindes und zu Aufbewahrung der Wintervorräthe
-bestimmt; alle waren, wie das Sitte bei uns, roth angestrichen und mit
-grünendem Rasen belegt. Dem Grafen schauderte vor der anscheinenden
-Aermlichkeit und Oede dieses Aufenthalts, doch war alles, was er sah,
-auffallend gut gehalten und glänzend rein: kein Fensterladen gebrochen,
-kein Mist oder Unrath in Winkeln aufgehäuft, kein vernachlässigtes,
-umherliegendes Ackergeräth zu sehen, Alles war sauber und geordnet.
-
-Als wir nun einsprachen, herrschte drinnen in der kleinen Stube
-die nämliche stille Reinlichkeit; es war, als sei es immer Sonntag
-drinnen: das Zimmerchen war weiß getüncht, auf saubern Regalen standen
-lange Reihen dänischer Bücher, unter Glas und Rahmen hingen an der
-Wand sorgfältig getrocknete Blumensträuße aus Dänemark, wie hier die
-Wiese sie beut. Neben dem wohleingerichteten Schreibtisch, dem Feuer
-zunächst, stand ein Körbchen, drinnen lag ein krankes Lamm, das der
-Alte pflegte. Der Pfarrherr war nicht im Augenblicke daheim, die Magd
-brachte uns einen Morgenimbiß, trockne Fische, gekochte Eier, Käse
-und Blanda -- und die Burschen, die aus Reikiawik uns hergeleitet,
-erzählten, wie der Pfarrer sie alle gelehrt, die Kartoffeln besser zu
-bauen, wie er eigenhändig ihre Gärtchen angelegt habe, ihre Arbeiter
-geleitet, ihre Häuser gerichtet unter dem Felsendach; immer war es der
-Pfarrer, von welchem alles Gute kam, was sie thaten oder hatten, -- mit
-thränendem Blick gedachten die alte Magd und der Knecht seines hohen
-Alters, und der wenigen Ruhe, die er sich gönne! Was sollte wohl aus
-ihnen werden, wenn sie ihn nun verlören? Und er war beinahe an die
-Achtzig! Auch dem Grafen wurden die Augen feucht; da hörte man Schritte
-und Jubelgrüße der Kinder draußen; es war der gute Prediger Johannes,
-der heimkam aus dem Gebirg, wo er Kranke besucht.
-
-Ein durch die Jahre, wie Janfru Emerenzia von dem Fröken Ulrike es
-bemerkte, tiefgekrümmter und durch die Grabesnähe schmächtig gewordener
-Greis erschien an der Schwelle, mit einem Haupt voll schneeweißer
-Locken, die zu beiden Seiten des ganz schmalen Gesichtchens auf die
-Schultern herabfielen; sein Auge war noch hell und scharf, und der
-Schnitt der Züge, wenn man sie nur erst recht angesehen, und über
-alle Narben und Zeichen, welche Wetter-Unbill, Alter und Gram ihnen
-aufgeprägt, hinaus war, immer noch auffallend edel und schön. Wie eine
-Glocke tief und fromm klang seine milde Stimme; es war, als läge schon
-im Ton derselben eine Beschwichtigung für den Leidenden, ihm seine
-Noth Klagenden. Ueber dem geistlichen Gewande trug er einen schwarzen
-Mantel, der um den Leib mit einem Strick von Ziegenhaar gegürtet war,
-daß der Orcan ihn nicht an demselben zu erfassen und vom Felsrand
-hinab in die Tiefe zu schleudern vermöge; auf dem Kopf hatte er eine
-Pelzkappe, die er beim Eintritt nebst seinem Alpenstock der alten Magd
-übergab.
-
-Freundlich und würdig begrüßte er den Fremden, als er ihn genauer
-in's Auge faßte, überflog ein leichtes Zittern die ganze Erscheinung;
-er fuhr mit der bebenden Hand über die Stirn -- als müßte er einen
-Gedanken verscheuchen, doch setzte er sich schnell gefaßt zu uns
-und entschuldigte, ihn herzlich bewillkommnend, bei seinem Gast
-sein spätes Erscheinen. Graf Thugge erzählte dagegen ihm nun von
-seinem botanischen Reisezweck und seiner Absicht, die Geiser und das
-Hochgebirg aufzusuchen, und der Alte gab mit umsichtiger Ortskenntniß
-ihm Bescheid. Wir anderen ihn Geleitenden hatten uns in einen
-entfernten Winkel des Gemachs zurückgezogen, die Unterredung der beiden
-Männer nicht zu stören; von dem, was sie betreffen werde, hatten wir
-keine Ahnung; der Graf aber schien unsrer Gegenwart ganz zu vergessen.
-Nachdem er dem Pfarrer für die ihm gegebene Auskunft gedankt, sagte
-er ihm, daß er noch einen Auftrag, einen Gruß ihm zu überbringen
-versprochen, und nannte des Frökens Namen. Als der Schall dieses Wortes
-sein Ohr traf, schrak der Pfarrer zusammen, als habe ein elektrischer
-Schlag ihn berührt -- dann aber vergeistigte sich die ganze zitternde
-Greisesgestalt, einen Augenblick ward sie strahlend schön, durch
-einen fast überirdischen Ausdruck; Johannes stand mit himmelaufwärts
-gerichtetem Antlitz wie ein Prophet vor uns, der zu seinem Gotte
-spricht, aller Erdengram war von ihm abgefallen; es war der heiße Dank
-der Seele, der im preisenden Gebet zum Ewigen sich erhob für den ihm
-endlich gewordenen, ein Leben lang ersehnten Augenblick.
-
-Graf Thugge vollendete seinen Bericht; ach, es blieb unmöglich, dem
-Alten die Trauerkunde von Ulrikens Geisteszustande zu bergen! Demüthig
-mit vor den zitternden Lippen gefaltenen Händen nahm er schweigend
-sie hin; es lag etwas Unantastbares in der höchsten Freude, die ihm
-geworden, nichts vermochte sie ganz zu zerstören; in frommer Ergebung
-hörte er dem Grafen zu. -- »Sie sind Thugge! mein einstiger Schüler,«
-sagte er endlich, »der hoffnungsvolle und doch so traurige Knabe, den
-ich nur kurze Zeit unterrichtete und dann verlor! -- wie dachten wir
-Beide so oft auch Ihrer! Auch diese Freude, Sie wiederzusehen, hat
-mir der Herr geschenkt, o was sind alle Leiden, die uns Menschenhand
-auferlegt, gegen seine allerbarmende Gnade! --«
-
-Er stand auf und näherte sich den mit Papier verklebten Fenstern, um
-in hellerem Licht den Grafen besser zu sehen; es war als tränke er
-Ausdruck und Form seiner Züge, als zöge er sie mit aller Seelenkraft
-in sein Gemüth, um nur ja nie sie zu vergessen! -- Endlich richtete
-er gefaßter den klaren Blick auf ihn: »Sagen Sie ihr,« sprach er
-mit fester, sonorer Stimme, »daß auch ich keine Andre geliebt -- ja
-nicht einmal ein andres Weib bemerkt auf der ganzen Welt! Daß auch
-ich täglich immer und immer ihrer gedacht: daß Schmerz und Seligkeit
-meiner Liebe zu ihr niemals geendet! meine Pfarre hat mich gerettet!«
--- Unfähig weiter zu reden, drückte er dem Grafen die Hand, wandte sich
-ab und trat in eine kleine Kammer, in welcher er schlief; die Thüre
-zog er leise hinter sich zu. --
-
-Uns aber winkte der Graf und wir gingen ernst, wortlos, wie aus der
-Kirche, hinaus, schwangen uns auf unsere vor der Thüre angebundenen
-Pferde und ritten schweigend dem Hecla zu. Draußen schien es
-Frühling geworden, eine warme belebende Sonne vergoldete den fernen
-Gebirgsschnee, und ließ die Gletscherspalten im reinsten Saphirblau
-erscheinen, die Schneeammer sang, und die Kinder liefen uns mit
-Alpenblüthen entgegen, die sie während unseres Aufenthaltes in der
-Pfarre gesucht.
-
-Der Graf kehrte nicht nach Rangavallesyssel zurück; allein er
-weilte noch mehrere Tage in der Sundlendinga Fiordung, und sprach
-den Stiftsamtmann zu Reikiawik, bei welchem er eine große Geldsumme
-niederlegte für die Gemeine von Skalholt, um jedem Wunsch des würdigen
-Pfarrers für dieselbe, welcher bisher durch Unzulänglichkeit der Mittel
-unerfüllt geblieben, zu willfahren.
-
-Johannes errichtete im nächsten Jahr sein kleines Hospital und verband
-mit demselben, wie er Jahre lang gewünscht, eine Apotheke. -- Wenn Ihr
-einmal nach Island kommt, lieb Fröken, will ich Euch das Granit- und
-Krystall-Denkmal zeigen, das die Gemeine dem guten dänischen Grafen
-erbauet; -- die Leute wissen seinen Namen nicht, auch der Stiftsamtmann
-weiß ihn nicht, allein wenn der Johannistag kommt und die Schneeammer
-singt, eilen alle Einwohner von Skalholt, dasselbe zu bekränzen, und
-finden es oft schon von tausend blühenden Rankenrosen dicht umwoben.«
-
-
-Am späten Abende versuchte Alslev noch einmal in einer langen
-Unterredung seiner jungen Freundin tief erregtes Gemüth zu
-beschwichtigen. Er fand sie sehr schmerzlich bewegt: -- das Bild eines
-zu lebenslanger Einsamkeit verdammten Herzens stand unaufhörlich ihrem
-inneren Blicke gegenüber; ein unsägliches Grauen vor dem Scheiden aus
-Thoralds unmittelbarer Nähe, und vor der durch eigenes Leid nie zu
-erweichenden Hartnäckigkeit des Stammes, dem sie angehörte, hatte sich
-ihrer bemächtigt; ach, nur zu deutlich empfand sie im eigenen Busen
-dessen unbeugsamen Eigensinn!
-
-Alslev bewies ihr, daß jeder Versuch vergeblich sein würde, die von
-ihrer Großtante testamentarisch dem jüngsten Fräulein des älteren
-Familienzweiges hinterlassene Dot, anders, als im Augenblick ihrer
-öffentlichen Verlobung in Anspruch zu nehmen, und daß diese +nie+
-zuzugeben Graf Christian jetzt fest entschlossen. Auf dem Rechtswege
-einer gerichtlichen Klage aber könne nur dann etwas erreicht werden,
-wenn Thorald eine Frau zu ernähren im Stande, der Unannehmlichkeit des
-öffentlichen Verfahrens und des Verstoßes gegen altes Herkommen und
-gewohnte Sitte gar nicht zu gedenken! -- Er vertröstete sie auf den
-Zeitpunkt, in welchem Thorald durch die zu hoffende Professor-Stelle
-an der neu errichteten Akademie, um ihre Hand beim Bruder anzuhalten
-befähigt sein werde, weil irgend ein unberechenbarer äußerer Umstand
-sich ihr günstig gestalten, oder auf Christians störrischen Sinn
-Einfluß gewinnen könne! Kjöbenhavn, meinte er, sei groß genug, ihr,
-welche kaum ein paar Wochen alljährlich in seinen höheren Kreisen
-zugebracht, den Unterschied zwischen diesen und der erwählten
-bürgerlichen Lebensstellung nicht allzu schmerzlich fühlbar zu machen,
-wenn es ihr nur glücke, die Zustimmung des nach Landesweise Vaterstelle
-an ihr Vertretenden zu gewinnen.
-
-»Und,« fragte erbebend das Mädchen, »wie lange Zeit, theurer Alslev,
-kann es erfordern, bis Thorald jenen Punkt erreicht?«
-
-»Wenn ihm jetzt gelingt, die Portraits der Königin Juliane Maria und
-des Prinzen Friedrich zu deren Zufriedenheit zu vollenden und diesem
-Auftrag noch einige andre bedeutende Bestellungen folgen, so zweifle
-ich kaum, daß er die offne Professur nicht bald erhalte, doch können
-allerdings noch zwei, drei Jahre vergehen, ehe er ein kleines Vermögen
-erworben.«
-
-»Zwei, -- drei Jahre! Alslev!«
-
-»Helene! Sie sagen mir ja, Ihre Liebe sei ewig, werde das Leben
-überdauern!«
-
-»Aber wir werden nicht immer jung bleiben, Alslev, und die Zeit ist
-eine so furchtbare Macht, sie kann eben so gut Tod und Verzweiflung
-uns bringen,« -- wieder flog ihrem Geiste das Geschick der wahnsinnig
-gewordenen Tante vorüber! Alslev schüttelte das ernste Haupt; ihm
-erschien Alles gering neben der Kraft des eignen unbeugsamen Willens.
-»Wer etwas erreichen will, muß warten können,« sagte er stolz.
-
-Bitterlich weinte Helene. Ach, noch vor wenig Stunden hatte ihr das
-Loos der Liebenden so sanfte, süße Thränen entlockt! damals hatte nur
-die Poesie eines alle Qual und Lust, Jugend, Alter, jeden Wechsel des
-Lebens überdauernden Gefühls sie erfaßt; jetzt sah sie nicht mehr die
-im Geist einander begegnenden bejahrten Liebenden, denen die eigne
-Treue zum Bürgen einer die schwere Erdenlast durchwachsenden Hoffnung
-geworden, sie sah nur die furchtbare, nackte Realität des Leids! Das
-einsame Todtenbett der gewaltsam Getrennten, zwischen denen sich das
-weite Meer des ganzen wogenden Daseins ausgedehnt, und welche nicht
-einmal die letzte Stunde desselben wiedervereinte! --
-
-Thoralds schriftliche Versicherung, daß er ihr nach Kiögge folgen
-und ganz gewiß von dort Mittel finden werde, sie im Stift zu sehen,
-vermochte nicht die tiefe, fast krankhafte Niedergeschlagenheit ihres
-Gemüthes zu heben. -- Trostlos warf sie sich in den Wagen, trostlos
-empfing sie im Vorüberrollen ihres harrenden Freundes Abschiedsgruß. --
-Trostlos erreichte sie bei einbrechendem Abend das Ziel ihrer Reise.
-
-Eine Meile abwärts von der ehemaligen kleinen Festung Kiögge, welche
-längst im Lauf der Zeiten ihre mittelalterlichen Ringmauern, ihre
-Gräben und Wälle eingebüßt, liegt in lieblichster Umgebung, von den
-herrlichsten Buchenhainen umgürtet, das große adlige Schloß und
-Damenstift Wallöe. Weiter zurück, nach der Seeseite zu, zieht sich das
-Dörfchen hin mit seiner schönen Kirche; ungemein fruchtbar und anmuthig
-ist die Gegend.
-
-Das Schloß selbst, im Geschmack der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
-erbauet, scheint eine Art deutsch-gothische Uebertragung zum Zopfstyl,
-vielleicht ist es ein wenig zu überladen im architektonischen Schmuck;
-die zwei breiten Wassergräben mit Zugbrücken, die beiden hohen
-Thürme an seinen Flanken, der eine rund, der andre viereckig, deren
-Kupferdächer in der Sonne glitzern und glänzen, geben der schönen
-Façade ein ehrenfestes, burgartiges Ansehen. Die sehr solide Unterlage
-des Baues besteht aus großen grauen Sandsteinquadern; der obere
-Theil prangte in den Tagen, von welchen wir erzählen, noch in seiner
-ursprünglichen rothen Backsteinfarbe; unter jeder Fensterflucht ziehen
-sich breite, ebenfalls graue, Sandsteingurten hin, vom selben Material
-ist die reiche Steinmetzenarbeit der Fenstergiebel; zwischen diesen
-und wo es irgend sonst noch ausführbar, sind graue rosettenartige
-Verzierungen angebracht; höchst charakteristische Hautreliefsköpfe,
-die sonderbar dämonisch auf den Eintretenden herabschauen! Ueber dem
-Haupteingange prangt das ebenfalls in Stein gehauene riesige Wappen der
-Gründerin des Stiftes; es steht unter unmittelbarem Schutze der Königin.
-
-Das Ganze macht, trotz des zwischen dem Ehrwürdigen und Barocken
-schwankenden Styls, einen ernsten Eindruck, durch Größe und
-Uebereinstimmung edler Proportionen.
-
-Als der Wagen über die Brücke fuhr, schreckte Helene auf aus ihren
-Träumen; aber der Ausdruck stiller Abgeschlossenheit der Umgebung,
-die etwas feierliche Ehrbarkeit des alten Stiftsbedienten, der sie
-am Thor empfing, wie die in ihren Zimmern herrschende peinliche
-Ordnung berührte sie schmerzlich. Alles erinnerte sie an Begräbniß und
-Gefängniß, und die draußen in buntem Herbstschmuck wogende Waldnatur,
-mit all ihrem Drossel- und Finkenschlag, mit dem unsäglich lieblichen,
-allmäligen Stillwerden der eintretenden Dämmerung, reizten sie durch
-den Widerspruch mit ihrem Innern zu immer verzweifelnderer Stimmung.
-
-Sie bewohnte das letzte Zimmer zur linken Hand eines ziemlich
-langen Ganges; um es zu erreichen, mußte sie an den jetzt noch leer
-stehenden Stuben ihrer Schwestern vorüber, das Vorzimmer, das ihnen
-gemeinschaftlich war, schloß eine Glasthüre; ließ Helene die ihres
-eigenen Gemachs offen, so blickte sie durch dieselbe auf den matt
-erhellten Corridor.
-
-Nach einer etwas späteren Präsentation bei der alten sehr kränklichen
-Abatissin, entschuldigte sich Helene mit Kopfschmerz, entzog sich dem
-gemeinschaftlichen Abendmahl und eilte zurück in ihre Wohnung. Die
-neugierigen Fragen nach allen gesellschaftlichen Verhältnissen und den
-Hochzeitsfeierlichkeiten reizten ihre Nerven bis zum Unerträglichen.
-
-Als sie den langen Gang durchschritt, gewahrte sie durch die Glasthüre
-im matten, nicht eigentlich klaren Mondenlicht in ihrem Vorzimmer eine
-Art Bewegung, -- wie ein wehender Vorhang wogte etwas durchsichtig
-Weißes in demselben. Des Mädchens Charakter neigte weder zur Furcht
-noch eigentlicher Exaltation, -- die momentane Ueberspannung all ihrer
-Kräfte war ihr selbst fühlbar; so blieb sie besonnen auf dem Gange
-stehen, ungefähr in der Mitte desselben, und schloß beide Augen mit der
-vorgelegten Hand. -- Erst als sie ihr Herz ruhiger schlagen fühlte,
-öffnete sie dieselben, es war Alles still. -- Wunderliche Einbildung!
-sagte sich Helene und setzte ihren Weg fort, -- in demselben Augenblick
-erhob sich's wieder, die Bewegung mehrte sich, allein das nebelartige
-Wesen hatte zur Gestalt sich verdichtet, welche mit langem weißen Arm
-rückwärts zu deuten, ja zu drohen schien! Jetzt stürzte Helene in
-fliegendem Lauf auf dieselbe zu, »es hat sich Jemand eingeschlichen,«
-war ihr einziger Gedanke, Thoralds Briefe auf dem Schreibtisch
-ihre einzige Sorge. -- -- Die Figur wurde compact, -- sie stand
-mit gläsernem, wasserblauen Blick und todtenbleichem Antlitz dicht
-hinter der Glasscheibe, -- es war eine steinalte Frau in wunderlichem
-jugendlichen Aufputz, in weißem Kleid, eine blaßrosa Schleife in dem
-schneeweißen Haar, und die dünne weiße Hand winkte zurück! zurück! mit
-immer steigender, ängstlicher Hast: zurück!
-
-Jesus! es sind der Tante Zimmer, die ich bewohne! durchblitzte es
-Helenens Gehirn, aufschreiend sank sie bewußtlos zu Boden.
-
-Als sie zu sich kam, standen der alte Diener und die Kammerfrau, welche
-im Stift sie bediente, vor ihr, man hatte sie ohnmächtig im Corridor
-gefunden, aufgenommen, in ihre Stube getragen und in einen Fauteuil
-gesetzt, man sprach von lauter Hausmitteln, vom Arzt, der Apotheke und
-einem heftigen Blutandrang, -- nach wenigen Secunden war ihr die volle
-Geisteskraft zurückgekehrt.
-
-Sie bat Niemand weiter zu rufen, die Damen nicht an der Tafel zu
-stören, nahm geduldig den ihr gebotenen Thee, ließ gelassen sich zu
-Bette bringen. Die dienstgewohnte alte Margareth bestand darauf, im
-Vorzimmer zu wachen; auch das ließ die Comtesse ruhig geschehen.
-
-Ein tiefes Besinnen hatte ihre ganze Seele erfaßt, »es war die
-Tante!« sagte sie sich selbst, »sie warnte; ich soll nicht elend
-sein wie sie. Abwärts, zurück winkte der lange schneeweiße Arm, der
-Finger deutete den Gang entlang. -- Wohin? hinaus? der Treppe zu?« --
-Alles Grausen war dem Mädchen untergegangen im seltsam angestrengten
-Bemühen, die Absicht der ihr wohlwollenden Erscheinung zu verstehen,
--- die grübelnden Gedanken begannen einander zu drängen, sie wurden
-zu Bildern, die sich mischten und theilten, -- zusammen- und wieder
-auseinander flossen, -- wie eine anschlagende Glocke tönte es ihr im
-Ohr, leiser, endlos dazwischen fort, die Töne wurden Musik, -- Gesang,
--- Schlaf.
-
--- In das weit offene Schloßthor wallte ein Festzug in fremder,
-altmodiger Kleidung in den Saal, in welchem alle großen Feierlichkeiten
-des Hauses Statt zu finden pflegten, Helene kannte Niemanden von all
-den Versammelten; unter dem rothsammetnen Baldachin stand eine schöne
-Frau, vor ihr, den Rücken Helenen zugekehrt, kniete eine Dame in der
-Galatracht der Priorinnen des Stifts, -- die Königin nahm die Insignien
-des Ordens und eine Pergamentrolle von einem Sammetkissen, das ein
-Cavalier hielt, -- auf dem Kissen, auf den Sammetbehängen immer das
-Wappen der fürstlichen Gründerin und Beschirmerin des Stifts zahllos
-wiederholt; -- »überall das Wappen der +Königin+!« dachte Helene, --
-»ja, an den Wänden, -- über der Thüre des Refectoriums, die nach dem
-Gange führt, überall +das Wappen+,« -- sie erwachte? -- Hell und klar
-drang die Sonne durch den halbgeschlossenen Vorhang, -- sie warf ihn
-zurück und sog mit langem genesenen Blick die Pracht der herbstlichen,
-rings ihr entgegen quellenden, bunten Fülle ein! »Der Mensch +kann+
-glücklich sein,« sagte sie, »auch ich +will+ glücklich sein.«
-
-Den ganzen Morgen blieb Helene in ihrem Zimmer eingeschlossen und
-schrieb. Die Nacht, der wirre, nur den unmittelbaren Schutz der
-Königin andeutende Traum, mochte er dem Zufall oder der ungeheuren
-geistigen Arbeit des gewaltsamen Nachsinnens sein Entstehen danken,
-hatte einen klaren, festen Entschluß in ihr gereift. Eine Ordensdame
-des königlichen Stifts Wallöe hatte den Rang einer hochadligen
-Erbtochter; -- zu einer Vermählung nach freier Willkür bedurfte sie
-+nur+ der Zustimmung ihrer Majestät! Helene war die erste Dame des
-Stifts Wallöe, welche in diesem Augenblick von jenem höchsten Anrecht
-Gebrauch zu machen beschloß und sie führte den Entschluß durch!
-
-
-In der verwitweten Königin Juliane Marie Privatgemache, stand
-ihres Eintritts gewärtig und ihrer harrend ein junger, schöner
-Mann; die hochgerötheten Wangen und die fliegende Brust, deren
-convulsivisch-heftigen Herzschlag das Spitzen-Jabeau verrieth,
-bezeugten, daß die ehrfurchtsvoll-ruhige, fast hofmännische Haltung
-desselben, eine mühsam erzwungene! Er hielt ein paar Chagrinleder-Etuis
-in der Hand, welche kleine Wiederholungen zweier, auf der Staffelei am
-Fenster bereit gestellter Portraits der Königin und ihres erhabenen
-Sohnes Friedrich umschlossen. In einzelnen Pausen der sein Haupt
-durchjagenden Gedanken, blickte er mit Wohlgefallen auf die in
-herrlichen Goldrahmen prangenden Staffeleibilder, besonders auf das der
-Königin, -- es war wirklich ein sehr gelungenes Portrait; französische
-Erinnerungen der damaligen Behandlungsweise schienen des Künstlers Hand
-geleitet zu haben, und gerade diesen Zügen war sie ungemein günstig;
-der Hang zur Intrigue, der in denselben fast kleinlich hervorstechend
-sich zeigte, war in anmuthige Schlauheit und feine Ironie übersetzt,
-der fast hinterlistig-scharfe Blick gewandt mit einer königlichen,
-stolzen Haltung gepaart, so daß er ohne hochmüthig zu erscheinen,
-durchdringende Klugheit aussprach, die sich der eigenen Kraft bewußt
-ist.
-
-Kurz, es war dem Maler gelungen, durch eine sehr geistreiche
-Schmeichelei auf dennoch nicht unwahre Weise, die Eigenschaften der
-Seele hier so zu idealisiren, wie wohl andere Künstler bei äußeren
-Eigenschaften der Gestalt es zu thun pflegen.
-
-Juliane trat, noch im Gespräch mit ihnen, von den Grafen Reventlow
-und Schimmelmann begleitet aus ihrem Cabinet. Des Letzteren Züge und
-ein kaum merkliches Zucken der linken Achsel verriethen, daß er dem
-Gegenstand der eben gehabten Unterredung keinen sonderlichen Werth
-beimesse; der Königin Gesicht dagegen sprach Aerger und Empfindlichkeit
-aus, die sie vergebens zu bemeistern strebte -- keinen günstigern
-Augenblick hätte der Maler finden können, die Trefflichkeit seiner
-Auffassung zu beurkunden, als die, welche eben jetzt die Vergleichung
-des Originals und der Copie dem unbefangenen Beobachter bot.
-
- * * * * *
-
-»Aha, mein lieber Meister,« redete ihn sogleich die Königin an, »er
-bringt mir pünktlich das Gemälde und die kleinen Copien. Schelm!« fügte
-sie im Nähertreten hinzu, »hat Er in Frankreich so artig schmeicheln
-gelernt? Er hat uns da eine Physiognomie gegeben, die Er um zehn Jahr
-rückwärts errathen haben muß. Schon recht, man muß ~in effigie~ der
-Zeit das wieder abzugewinnen versuchen, wozu in der Realität ihr
-unerbittliches Gericht uns verdammt. Sehr brav! Schöner Atlas! ja,
-ja, das Portraitiren verstehen die Franzosen. Er ist auch in Italien
-gewesen?«
-
-»Zwei Jahre, Majestät, in Rom und Florenz.«
-
-»Hat Er mir nicht gesagt, seine Mutter sei arm, die Witwe eines
-Officianten -- wo hat sie denn das Geld hergenommen, Ihn so lange im
-Auslande lernen zu lassen?«
-
-»Sie hat entbehrt, Hoheit, vieles sich versagt, um mich reisen und
-studiren --«
-
-»So? ich hoffe Er wird dankbar sein, ihr das vergelten, nicht zu den
-technischen Fortschritten in Seiner Kunst, Herzens-Demoralisation des
-Auslandes uns mitgebracht haben!«
-
-»Ach, wollte der Himmel ich könnte ihr den so tief, so warm empfundenen
-Dank anders als in Worten zeigen -- --«
-
-»Was ist Ihm denn? Das wird Er ja nun können, wenn Er die
-Ihm versprochene Professur erhält -- nun? Er kommt ja ganz in
-Agitation -- --«
-
-Ein Blick auf die Minister, welche das Gemälde betrachteten, wandte
-plötzlich die Aufmerksamkeit der Majestät von ihm ab, jenen zu. »Sie
-sind verdrießlich, Graf Schimmelmann, und sagen mir kein Wort, weder
-über mein Portrait noch meinen Protégé?«
-
-»Leider haben wir dem anerkannt tüchtgen Maler desselben wehe thun
-müssen und gerade im Augenblicke, da Ew. Majestät ihm ein so gnädiges
-Wohlwollen geschenkt,« erwiederte etwas verlegen der Minister, »der
-Anblick der so gelungenen Aehnlichkeit --«
-
-»~Qu'est-ce donc, Comte?~« fragte etwas zurücktretend Juliane Marie,
-»wir haben unsre Freude daran, heimischen Künstlern die Aufrechthaltung
-der neuen Akademie anvertrauen zu können und haben dem Manne die
-erledigte Professur zugesagt --«
-
-Auch Thorald wich einige Schritte zurück; die Königin trat mit den
-beiden Grafen in eine Fenstervertiefung, das Gespräch ward mit halber
-Stimme fortgesetzt.
-
-So ungemein vaterländisch nach Struensee's Tode alle Hofgesinnungen
-geworden, denn unter der Königin und Prinz Friedrichs Regentschaft war
-dem Ausländischen offene Fehde erklärt, so konnte dennoch Juliane Marie
-die französischen gewohnten Brocken in ihrer Wortstellung nicht wohl
-entbehren, und im Affect verfiel sie leicht in den damals fast in allen
-fürstlichen Häusern üblichen Ton -- »~c'est fort~,« fuhr sie fort,
-»wenn nicht die +Meine+, welche Art Fürsprache soll denn hier wohl
-entscheiden? Giebts einmal wieder irgend einen lumpigen Deutschen oder
-Franzosen zu versorgen?«
-
-»Bernstorff trägt die Schuld,« flüsterte ehrerbietig der Minister,
-»einem früheren Versprechen nach und auf ganz besondere Bitte eines
-Mannes, dem man verpflichtet, hat der alte Informator Henning Klint die
-Professur erhalten --«
-
-»Der Prinz kennt meinen Wunsch, ~c'éstoit une chose arangée, Messieurs~
--- Eynerssen hat mein Wort --«
-
-»Der König hat diesen Morgen das Decret unterschrieben.«
-
-Die Königin ward bis an die Stirne roth und stampfte mit dem Fuße:
-»wer hat mir das gethan? ~il me le payera!~« setzte sie zwischen den
-Zähnen murmelnd hinzu. Die beiden Grafen schwiegen. »Nun, meine Herren?
-Graf Schak-Reventlow? Darf ich um die besonderen Verdienste des alten
-Informators oder seines Fürsprechers bitten? Sie werden doch dessen
-Licht nicht unter den Scheffel stellen wollen?«
-
-»~Ma foi, Madame~,« sagte der Graf, »es ist mir bloß klar, daß Graf
-Christian Gejern Alles +gegen+ den jungen Eynerssen und +für+ den Klint
-gethan; Ew. Majestät werden geruhen sich zu erinnern, daß der Graf
-alle Offerten der königlichen Huld stets abgelehnt -- diese Besetzung
-der Akademiestelle war eine von ihm erbetene Gnade -- die aller Erste!
-Es war unmöglich ihm nicht zu willfahren und Se. Majestät der König,
-welcher ihm von der Bauernsache her noch immer gewogen, unterschrieb
-sogleich -- --«
-
-»Allerdings sind des Grafen Gejer Verdienste bedeutend,« erwiederte
-gewaltsam gefaßt die Königin; ihr Auge flammte und in den Mundwinkeln
-zeigte sich das Lächeln höhnischer Verbitterung, »ich werde morgen
-mit dem Könige sprechen.« Mit einer anmuthigen Bewegung des Hauptes
-und der linken Hand entließ sie die beiden Herren -- Eynerssen stand
-noch ihres Befehles gewärtig nahe am Ausgang. Juliane wandte sich nach
-der inneren, zu ihrem Cabinet führenden Thüre, »bleibe Er und erwarte
-Er mich hier, mein Sohn,« sprach sie mit gnädigem Kopfnicken, »es wird
-sich wohl in meiner Armuth irgend ein Mittel finden, ihn zu lohnen.«
-
-Rasch schritt sie durch ihr Schreibe-Cabinet in das Zimmer, in welchem
-sie schlief, eine ihrer vertrauten Kammerfrauen arbeitete dort mit
-einem Hoffräulein, Sophie Harrested. »Kennt eine von Euch,« fragte
-Juliane, »die Verhältnisse der Gräflich Gejerschen Familie?« Beide
-hatten bei Eintritt und Anrede der Königin sich ehrfurchtsvoll erhoben.
-Das Fröken erzählte von den Hochzeiten, den Ausstattungen der beiden
-Neuvermählten. »Schon gut, das haben wir selbst erlebt.« -- »Die
-Gräfin?« Niemand kannte sie. »Kinder?« -- Keine. »Die dritte Comtesse
-ist also die junge Stiftsdame von Wallöe, von welcher dies Schreiben,«
-sagte die Königin vor sich hin, »und der Graf will die glücklich genug
-fruchtlos gebliebene Mißheirath durch einen glänzenden Stammerben
-auslöschen; der eine Bruder kinderlos, wie er -- der jüngste kränklich
--- keine Kinder zu hoffen. Da rechnet man auf Uebertragung des Namens.
--- Weiß Jemand von der jüngsten Comtesse?« Die Kammerfrau kannte die
-Familie Alslev und floß über vom Lobe Helenens. »Keine Aussicht zur
-Heirath, nicht verlobt?« Beide Erzählerinnen stockten -- endlich fuhr
-die Harrested fort -- »man hat von einer großen Leidenschaft der
-Comtesse für einen jungen Bürgerlichen gesprochen, allein das Betragen
-derselben ist so in den strengsten Regeln des Schicklichen geblieben,
-daß Niemand den Gegenstand dieser Neigung kennt.« -- »Schon gut,« sagte
-die Königin, »Ihr könnt gehen;« sie stand auf und rief, indem sie
-selbst die Thüre öffnete, den jungen Mann in ihr Cabinet.
-
-»Mit der Professur ist's wirklich nichts, junger Freund,« redete sie
-ihn an; »danke Er Gott dafür! Er ist also in die Comtesse Gejern
-verliebt?« -- Wie vom Blitz getroffen schwankte der Künstler auf den
-Füßen, die ihn nicht zu tragen vermochten, er taumelte rückwärts gegen
-die Wand, keines Wortes fähig -- »nun, nun!« lächelte die Königin, »die
-Liebe an und für sich, wenn sie in den Grenzen der Zucht und Ehrbarkeit
-bleibt, ist eben kein Todesverbrechen. Fasse Er sich -- und antworte
-mir klar und vernehmlich.«
-
-»Ich liebe die Gräfin mehr als mein Leben,« erwiederte stolz und
-fest der junge Mann, »wenn aber mein Gefühl das Elend der Comtesse
-herbeiführen könnte, würde ich den Muth haben, Kjöbenhavn sogleich zu
-verlassen.«
-
-»Ja? was ist denn seine Absicht? daß die Comtesse auch Ihn sehr
-schätzt, weiß ich; wollte er deshalb Professor werden?«
-
-»Ja, Ew. Majestät; ich betrachtete diese Anstellung als den ersten
-Schritt, um der Gräfin würdiger gegenüber zu stehen, wenn ich auch kein
-anderes Ziel an diese Aussicht zu knüpfen wagte.«
-
-»Und der Graf Christian weiß um diese Neigung?«
-
-»Leider! da er sie verdammt!«
-
-»So, so,« sagte die Königin für sich, »ich will ihn lehren eigenmächtig
-handeln!« Sie ging an den Schreibtisch und unterschrieb Helenens
-Petition, durch welche sie ihr gestattete, ohne Einwilligung ihres
-Bruders sich zu vermählen. »Lese er das.«
-
-Der Glückliche lag, ihr Gewand an seine Lippen drückend, zu ihren
-Füßen. »Aber höre Er, meine Bedingung! ich will keine Auswanderung
-unserer Landeskinder; daß wir in der Fremde etwas Tüchtiges zu lernen
-suchen, ist schon recht, allein man soll Dänemark nicht die Früchte des
-Erworbenen entziehen. Man wird sich Eurer annehmen! Ich bin Ihm das
-Honorar für die Bilder schuldig -- und -- Ihr könnt im Cavalier-Hause
-wohnen, fällt mir ein! Sagen Sie dies Alles der Comtesse und vergessen
-Sie nicht, daß wir in Gnade Ihnen Beiden gewogen bleiben!« setzte
-sie plötzlich französisch hinzu; trotz der innern Heftigkeit, welche
-ihre rasche Handlung herbeigeführt, machten deren Folgen sie bereits
-verlegen.
-
-Ein reitender Bote brachte den Befehl der Königin nach Wallöe, das
-sogenannte Cavalier-Haus der Gräfin Gejer zur Verfügung zu stellen
-und mit diesem zugleich Helenen die Erlaubniß zu ihrer Vermählung.
--- Thorald erhielt noch am selben Abende eine für die Privatkasse
-Julianens sehr bedeutende Summe als Bezahlung der Gemälde.
-
-Christian war wie vernichtet! Helene nahm sogleich die ihr zufallenden
-10,000 Thaler in Beschlag und ihren Antheil an der Tante Mitgift.
-Ohne weiter ein Wort zu verlieren, sandte der Graf Alslev alle
-nöthigen Papiere, sowohl zu Auszahlung der seiner Schwester aus ihrem
-gemeinsamen Vermögen zufallenden Dot, als zu jener der Gräfin Owen; als
-er das Paket siegelte überfiel ihn eine an Ohnmacht grenzende Schwäche
--- mit gewaltsamer Anstrengung drückte er sein Wappen auf dasselbe. --
-»Man wird es zerbrechen!« sagte er leise vor sich hin, dann zog er sich
-in seine Zimmer zurück und begrub sich in seinen Studien.
-
-
-Gar anders sah es in Wallöe aus. Von allen Seiten zog die Freude ein.
-Der Königin so bestimmte Bestimmung schloß alle böswilligen Bemerkungen
-aus -- selbst die sieben Mogenstrupps wagten nur orcanische Seufzer.
-Im Cavalier-Hause regte sich ein gewaltiges Leben, es wimmelte von
-Arbeitern; da wurde tapeziert und gezimmert, angestrichen, gemalt,
-geschmückt, und die Liebe half überall der Liebe! denn Thorald war
-selbst von Kjöbenhavn herüber gekommen, Helenen beizustehen.
-
-Das Cavalier-Haus, ein freundliches, kleines Gebäude aus der nämlichen
-Zeit als das Stift; rings von einem Blumengarten umfaßt, lehnt es an
-einem mit Buchen schön bewaldeten Hügel; diese herrschaftliche Wohnung
-wurde von Alters her bei Regulirung der Gesammt-Einkünfte desselben von
-den dabei beschäftigten Herren eingenommen, wenn sie zu einem längern
-Aufenthalt in Wallöe veranlaßt wurden. Auch die Königin bediente sich
-ihrer früher gern, wenn sie um die Osterzeit einige Tage in der von
-ihr bevorzugten Stiftung zubrachte, um die sie begleitenden Cavaliere
-unterzubringen, wodurch das freundliche Schlößchen den ihm anhangenden
-Namen erhielt. Seit Jahren war Juliane Marie nur auf einzelne Stunden
-in ihr Ordenshaus eingekehrt; der hübsche Bau hatte verödet dagestanden.
-
-Wer hat nicht irgend einmal mit Vergnügen zugesehen, wenn Kinder
-Wirthschaft spielen? Wenn sie auf Blumenblättern statt auf Tellern
-serviren? Des Vaters goldne Dose und der Mutter Schmuck zu Küchengeräth
-machen, und lauter Bisquit und Bonbons kochen? Nicht sehr viel anders
-war der Brautleute Einrichtung, weil Jedes das Andere mit noch einer
-ganz einzigen Herrlichkeit und Bequemlichkeit überraschen wollte. Es
-wurde Alles phantastisch-schön und nebenbei sehr kostbar; aber es war
-dem Geschmack Beider vollkommen analog, und wurde dadurch wieder ein
-Beider Leben enger verflechtendes Band.
-
-Man hatte dergleichen nie in der Gegend gesehen, halb Kiögge ritt
-und fuhr herbei, das Wunder zu schauen. An einem wunderschönen
-Spät-Herbstmorgen ward die stille Trauung vollzogen; keiner der
-drei Brüder war zugegen, die Schwestern schrieben freundlich und
-sandten Geschenke. Alslev kam mit seiner Familie -- er hatte Helenen
-zur Oeconomie ermahnen wollen; als er aber in dieser Mischung von
-englischem Cottage-Comfort und italienischer Villa und französischer
-Eleganz das glückstrahlende Gesichtchen Helenens sah, verschob er es
-auf ein andermal. Der isländische Pfarrer hatte eine rührende Botschaft
-gesandt und die Versicherung: er werde bei seiner Rückreise bei dem
-neuen Paare einkehren; ihn hielt die bereits geschlossene Schifffahrt
-noch in Dänemark zurück.
-
-Auch die arme Nordermule hatte geschrieben. Helene las das Blatt
-wohl zwanzigmal, ohne daß ihr dessen Inhalt verständlich geworden
-wäre. Es war ein wild-schmerzlicher Abschied, einem Schmerzensschrei
-vergleichbar, der in der jungen Frau Seele einschnitt -- unklar und
-verworren. »Sie traut sich wegen Christian nicht zu mir,« sagte sie
-sich, »die arme Gute! sie mag wohl recht haben, er würde es ihr kaum
-verzeihen, und besser ist ihr das sichere Dach meines Bruders, als die
-Decke unsres Wanderzelts! -- Wer weiß, wo wir einst es aufschlagen.
-Christians Haus beut ihr eine stets gleiche Zuflucht, während wir
-vielleicht nur einer des andern Brust behalten, unser müdes Haupt
-darauf zu legen.« Aber so vernünftig das Alles war, streifte es nur
-leicht ihre Gedanken; das Glück war zu übermächtig in ihr.
-
-Der Winter flog auf seinen Silberfittigen dahin, er war mild und schön;
-schon nahte der Lenz; die Liebenden waren glücklich und fleißig. Helene
-hatte Zeichnen gelernt und begann zu malen.
-
-Sie rechneten nicht, ihr Capital nahm ab! ihre Wirthschaftskasse war
-eine offene Schieblade -- aber die Seeländer sind ehrlich; weder sie
-noch das sorglose Paar dachten an Diebstahl.
-
-Die Schifffahrt war eröffnet, als unvermuthet spät Abends ein Gast
-erschien; Helene hatte zum ersten Mal den Versuch gemacht, nach Gyps
-zu zeichnen, und die Lection hatte wie gewöhnlich mit einem Kußhonorar
-geschlossen, als Kund Jürgenssen eintrat. »Dieser Anblick ihres
-Wohlergehens erleichtere ihm das Abschiednehmen,« meinte er, »und er
-hoffe, daß ihn die Kunde ihres ferneren Glücks noch oft erreichen
-werde.« Dem Alten war Alles zu reich und köstlich in ihrer Umgebung --
-er konnte sich aus all der Seide und den Spiegeln und dem Mahagoni
-gar nicht herausfinden; Helene sperrte ihn lachend mit dem Tisch in
-einen Saffian-Fauteuil, damit er nicht gar vor lauter Achtsamkeit, ihre
-Schätze nicht zu beschmutzen oder zu zerbrechen, ganz verstumme; und
-nun begann er zu erzählen, »wie er auch einmal beim Grafen zu Aalholm
-gewesen,« -- ein leichtes Wölkchen überflorte Helenens glänzende Stirn,
-sie reichte rasch Thorald die Hand. -- Es wären schon ein paar Monate
-her, fuhr er fort, und wiederum sei ihm dort eine besondere Gnade des
-Herrn geworden! »Es war Abend,« erzählte er weiter, »eine silbergraue,
-noch klare Dämmerung lag auf Aalholm, und ich ging durch die schönen
-buntgefärbten Buchengänge, die ich nun bald wieder entbehren sollte;
-auf den Wiesen wogte eine bläuliche Feuchte, und am Teich kräuselte und
-webte es so neblig hin, und ballte und rollte sich auf -- das Schilf
-schwankte träumerisch mit seinen schweren Dolden, die Vögel hörte man
-nur fliegend und flatternd im Laube ihr Nachtlager suchen, sie sangen
-schon längst nicht mehr -- auch die Insectenwelt war abgestorben. Den
-dunkelnden Wald durchleuchteten die fernen Schloßfenster mit röthlich
-schimmerndem Lichtschein; zwischen den Mauern dort mochte es wohl schon
-finster sein.
-
-Ich gedachte der immer trauriger werdenden Jahreszeit in meinem
-Vaterlande, und der hübschen Mährchen und Balladen, mit welchen wir sie
-Abends daheim zu erheitern suchen, da sah ich plötzlich mir gegenüber
-am jenseitigen Ufer des Weihers eine fliegende Gestalt, um sie her
-flatterten weiße Gewänder, kaum berührte, so schien mir's, dann und
-wann ihr Fuß den Boden. Sie eilte auf den mir nicht allzu fern im
-Schilf liegenden und ganz von Weiden und Wasserpflanzen umgebenen
-Kahn -- ich war schon wieder besonnen und wußte gar wohl, daß die
-Erscheinung nur eine menschliche sein könne! Sie kniete nieder in den
-Nachen und begann eine Menge Steine in ein Tuch zu binden, welche
-vermuthlich dort schon bereit lagen; endlich wand sie dasselbe um ihre
-Füße, indem sie zugleich damit ihre Kleider festschnürte; -- als sie
-damit fertig, richtete sie nochmals das Antlitz betend gen Himmel auf
--- jetzt kniete sie schon am Schnabelende des Boots, und so rutschte
-sie mit den gebundenen Füßen vorwärts dem Rande näher --«
-
-»Um Gotteswillen, Emerenzia!« schrie Helene auf.
-
-»Ja,« sagte der Pfarrer, »ja sie war's! aber Gott leitete meine
-Schritte und meine Hand, daß ich im rechten Augenblicke sie erfaßte
-und gewaltsam sie zurückhielt! ich nahm sie wortlos in meine Arme und
-trug sie zurück; ihr selbst schwanden die Sinne, und sie kam erst dem
-prasselnden Feuer gegenüber in ihrem Stübchen, wohin ich sie getragen,
-zu völligem Bewußtsein.« »Unglückselige!« sagte Thorald, »was hatte zu
-solchem Schritte sie vermocht?«
-
-»Ach, lieber Herr,« erwiederte Jürgenssen, »sie verstand es nicht, so
-allein zu leben! Die drei nun zu Frauen gewordenen Fröken waren so
-glücklich ohne sie, es hatte, so meinte sie in böswilligem Trotz --«
-
-»Ach, Trotz! meine arme Nordermule, das demüthige Herz!«
-
-»Frau Eynerssen wissen nicht, daß sich Demuth und Trotz im Leben
-manchmal gar nicht unterscheiden lassen?«
-
-»Also Janfru Nordermule sah den langen Tag und die lange Nacht immer
-wieder vorüberziehen, ohne daß irgend Eines ihrer bedurft hätte --
-da wurde sie trauriger mit jeder Stunde! Sie kam sich mit einem Male
-vor, wie ein abgelaufenes Uhrwerk, zu welchem der Schlüssel verloren
-gegangen; und als der Kummer allmälig mehr und mehr all ihre Gedanken
-überschattete, konnte sie zuletzt der Sehnsucht nach dem stillen Weiher
-nicht länger widerstehen, in dem sie Schlaf und Ruhe zu finden meinte,«
--- »und nun? und nun?« fragte in ängstlicher Spannung das junge Paar,
-»wo ist sie jetzt?«
-
-»Nun steht sie draußen vor der Thüre und hat mich beauftragt, das Alles
-My Frau Eynerssen zu erzählen; sie will Abschied nehmen -- denn sie
-geht mit mir nach Island!«
-
-Die jungen Leute waren schon draußen bei ihr, als er die letzten Worte
-vollendete.
-
-Ja, so war's! Die kleine graue Nordermule stand, tief in Pelze
-verhüllt, im nordischen Reiseanzuge auf der Flur; mit tausend
-Liebkosungen ward sie in die lieblich phantastischen Räume eingeführt,
-gehätschelt, gescholten -- das ganze Herz ward ihr bewegt; aber ganz
-unerschütterlich entschlossen reichte sie ihrem alten greisen Führer
-die Hand -- »er hat mich überzeugt, daß ich dort noch nützen kann,« --
-versicherte sie freundlich.
-
-»Ob sie das kann!« sagte der alte Kund, »für's erste muß sie gleich
-den Sommer hindurch uns beistehen, Thorsons mit Ihres Herrn Vaters
-Gelde gestiftetes Hospital aufrecht zu erhalten, dann mag sie meiner
-Mathilde helfen, die Kranken meines eigenen Sprengels zu pflegen; ach
-und Abends, wenn der Winter draußen um unsre Hütten ras't, dann wird
-Emerenzia uns Allen +erzählen+! Unsre Weiber wird sie lehren, bessere,
-feinere Handarbeit machen, unsre Kinder mit unterrichten helfen und vor
-Allem meine Kirche mit den fleißigen, geschickten Händen schmücken, o
-wir werden Alle so dankbar und glücklich sein, Janfru Emerenzia um uns
-zu haben, -- so glücklich!« er drückte ihre Hand.
-
-»Aber Jürgenssen, es kann ja nicht Ihr Ernst sein -- sie wird mit ihrer
-geschwächten Kraft die Reise nicht überstehen -- sie bringen sie nicht
-lebend hinüber!« sagte leise Thorald --
-
-»Sie irren,« erwiederte ernst und mild der alte Pfarrer, »sie ist
-eine Nordländerin und wird die Fahrt überdauern -- und gönnen Sie ihr
-denn nicht, umringt von den poetischen Erinnerungen ihrer Jugend,
-als Pflegerin der Pfarrkinder unsres Johannes und der Rosen des ihr
-so theuern Grafen Thugge zu sterben? +Dort+ sind all die ihr +hier+
-abgewelkten Interessen noch frisch erhalten -- hier verdrängt sie eine
-laut und lauter sich erhebende Gegenwart!«
-
-»Er hat Recht!« sagte wehmüthig Helene, und am andern Morgen zogen
-sie von dannen! Das Ehepaar sah vom Kiögger Hafen aus lange dem
-buntbewimpelten Schiffe nach und kehrte in seine Künstler-Einsamkeit
-zurück. Wie ein Thautropfen hing die Abschiedsthräne an der vollen Rose
-ihres Glücks, und der nächste Sonnenstrahl küßte sie auf!
-
-
-Und Graf Christian, und Eva? und wie wurde es denn weiter? dauerte
-denn das Glück im Cavalierhause bei dieser tollen, wunderlichen
-Wirthschaftsweise?
-
-Soll ich meinen Lesern weitläuftig von der Ebbe und Fluth alles
-menschlichen Erfahrens berichten? Das Gold ward alle -- manchmal
-klopften böse Verlegenheit und Noth an die Thüren und Fenster, manchmal
-schlich die Sorge ein und zog ihre grauen Schleier über das fröhliche
-Auge Helenens, und zuweilen faßte auch wohl eine fast wilde Sehnsucht
-ihr Innres nach ihren beiden Schwestern und nach Christian, ihrem
-nun ganz vereinsamten Bruder, der seine arme Eva mit dem fallenden
-Laube zu Grabe getragen, und nun, wie einst ihr Vater Thugge, allein
-das große Aalholm bewohnte; aber der Gejersche Trotz wollte dennoch
-sich nicht bändigen lassen in dem stolz aufschlagenden Herzen und der
-freundlichere Gedanke wurde noch lange Jahre hindurch in Beiden nicht
-zum einander verzeihenden Wort.
-
- * * * * *
-
-Da starb auch Joachim. Seine Ehe war kinderlos geblieben. Der
-Trauerfall und die ihm entstehenden Angelegenheiten zogen alle
-Geschwister in die Residenz. Die Schwestern sahen sich, und das gute
-Vernehmen zwischen ihnen stellte sich her. Christian und Helene
-aber blieben sich fern; auch Thorald, der zum tüchtigen, vielfach
-beschäftigten, vom Hofe vergötterten Künstler sich herangebildet, mied
-seine Schwäger. Der gute Alslev und seine würdige Gattin hörten mit
-unveränderter Theilnahme jedes Einzelnen Klage an, aber beide scheuten
-den ihnen wohlbekannten finstern Geist des Geschlechts, den alten
-Starrsinn der Gejers zu sehr, um eine Aussöhnung auch nur zu versuchen.
-
- * * * * *
-
-Da öffnete eines Tages Christian unvermuthet die Thüre des
-Studirstübchens seines alten Freundes; Alslev saß schlummernd in seinem
-hochrückigen Großvaterstuhl, er war über einer langen Actenrevision
-eingenickt, auf der Lehne des Sessels aber hing oder ritt ein
-wunderbar schöner Knabe von etwa sechs Jahren; er hatte dem Alten ein
-buntseidenes Band über den Kopf geworfen, daß er ihm durch die vom
-Schlaf halb erschlossenen Lippen zu ziehen eifrig bemüht war, indem
-er sich zugleich auf dessen Schulter zu schwingen suchte, um ihn zum
-Roß zu machen und einen kühnen Ritt in's Fabelland seiner Phantasie
-zu thun. »Willst Du mitspielen,« fragte das kecke Bübchen, »mußt aber
-jetzt auch Pferd sein und Dich von mir führen lassen, nachher darfst Du
-aber auch reiten!«
-
-Helenens Sohn! durchblitzte es Christians Starrsinn, und die
-Wunderkraft der Kindheit trat plötzlich in ihr volles Licht. Denn
-der Graf vermochte kein Auge von dem kleinen Tyrannen zu wenden,
-der ihm mit schmeichelnder Gewalt den Zügel bot -- als Alslev von
-dem Jubel-Geschrei erwachte, war die Bekanntschaft schon weit
-vorgeschritten.
-
-Wer in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in Wallöe war, wird wohl
-den neuen herrlichen Aufbau des ehemaligen Cavalier-Hauses und seine
-prächtige Umgebung und Einrichtung bemerkt haben; sie ist solider aber
-noch kostbarer als sie vor etwa fünfzig Jahren es war. Ein neues,
-kräftiges Geschlecht der Gejer bringt dort die schönen Sommertage zu;
-die bösen Geister des erloschenen Stammes beunruhigen es nicht, sie
-sind dem heitern Glück gewichen!
-
-Der jetzige Graf ist ein schöner, alternder Mann und unermeßlich reich,
-weil ihm das Vermögen aller Nebenzweige der großen Familie zugefallen;
-seine Mutter war eine geborene Comtesse Gejer und hieß Helene; er
-hat schon als Knabe den Namen derselben auf seiner Oheime Wunsch
-angenommen, weil ihnen selbst kein Stamm-Erbe erblüht war.
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
- [1] Zur Zeit der für Aufhebung des Gemeinbesitzes constituirten
- Commission 1759.
-
- [2] Fröken, +adliges Fräulein+.
-
- [3] Feste-Bauers, ohne alles Eigenthum.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 47: ancharten → Plancharten
- auf seine Bücher und {Plancharten}
-
- S. 65: Halde → Haide
- leichten Ganges über die {Haide} hineilte
-
- S. 140 aufgischend → aufgischtend
- Wildströme reißen sich {aufgischtend}
-
- S. 235: Gräber → Gräben
- Ringmauern, ihre {Gräben} und Wälle eingebüßt
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Eine dänische Geschichte, by Adele Schopenhauer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE DÄNISCHE GESCHICHTE ***
-
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