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-The Project Gutenberg EBook of Dada, by Adolf Knoblauch
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Dada
- Mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger
-
-Author: Adolf Knoblauch
-
-Illustrator: Lyonel Feininger
-
-Release Date: June 19, 2016 [EBook #52370]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DADA ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- [Illustration: Holzschnitt von Lyonel Feininger]
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- DADA
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- VON
- ADOLF KNOBLAUCH
-
- KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG
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-
- BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 73/74
-
- GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG
-
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-
- MIT EINEM HOLZSCHNITT VON LYONEL FEININGER
-
- COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG, 1919
-
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- LEO FEININGER
- waffenbrüderlich
- zugeeignet
-
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- »Menschen, wie wir beide, verkennen möglicherweise
- unsere besten, echtesten Fähigkeiten und
- Kunstgaben, wenn wir den für uns beide erprobten
- Hang zum Satirischen immer nur unterdrücken. Sie,
- wie ich, befassen sich mit den mystischsten Dingen;
- wir leben in einer Thränenwelt (mit »Th...«)
- und unsere Gedanken sind vollgesättigt von dem
- gottverlassenen Treiben dieser Jahre; und tief in
- uns drin steckt doch auch die explosivste,
- rabiateste Bosheit und verlangt nach
- Betätigung und Befreiung. Wer weiß, ob
- sie nicht gerade _die_ Kraft ist, die uns
- zur sieghaften Gestaltung prädestinierte.«
-
- Feininger.
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-
- »Denn wir haben Mondungen für die Erde mitgebracht.
-
- Wer zur Welt kommt, sammelt Abfälle seiner
- fehlgeschlagenen Schaffung des Mondes.«
-
- Theodor Däubler.
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- ERSTER TEIL
-
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-
- DER KARST.
-
-
-Das sonnergraute Rund des Karst steigt über Dada empor, seine Stirn
-trägt vier Säulen roten Abendlichts, seine Hände ruhen blau: Die Linke
-mit dem Schlüssel Polas, die Rechte mit der goldenen Schale von Triest.
-
-Pola im Klirren der Arsenale, Rauch der Stahlfabriken, der Hafen voll
-grauer Stahlboote. Die zierliche Schnur der zum Hafen einbiegenden
-Panzerkreuzer ist vom Karst ins adriatische Blau herabgerollt.
-
-Triest das goldene Halbrund fraulichen Entzückens, Venezias ärmere
-Schwester, aber gleich hold von Adria geliebt.
-
-Das sind die Götter! und in Dadas schwingenden Nerven dichten seine
-Städte aus der in den kargen Fels geschnittenen und gesprengten Fülle
-eine graue und goldene Hymne, zu den Göttern singen die Städte ihr in
-ihm geborenes Lob, auf daß Er Europas Hauptstädte vor ihrem Bilde beuge.
-
-Dadas dichtender Leib ist auf kargem Karst ein lohender Abendnebel, ein
-Moos auf erhabenem Steine Ostlatiums, ein blauer, dann blasser Pilz. Ein
-etrurischer Silen, ohne Zentaurenzierde der Vorfahren, und von weißer
-Leinfarbe der Haut, hat den Leib im Karst geborgen, ihn werden nie die
-leichtgebogenen Läufe des Hirsches davontragen. Unter dem beschattenden
-Stirnhaar blicken Dadas blaß durchsichtige Augen auf das Meer gegen
-Abend.
-
-In Dadas Blut braut Polas Rauch, duftet die Zärtlichkeit der
-triestinischen Schale. Möge endlich die lateinische Mutter Adrias blaue
-Meerflut zerteilen, mögen das königliche Venedig und das väterliche Rom
-ihre Wimpel senden und das verlorene Istrien befreien und belohnen!
-
-Dadas weiche Hände sind zwei blaue Quallen, die in der Tiefe saugend mit
-den Fluten rollen und wiegen. Zu seinen Häupten stehen die vier roten
-Säulen im feinen telegraphischen Tönen der Arsenale von Pola. Diesem
-Tönen ist Dadas dichtendes Großhirn hingegeben.
-
-In der zehnten Stunde bebt der Karst von großer Woge, tagjung steht eine
-Wolke im Lohgelben gebaut. Adria ruht hochgewölbt, und ein blankes
-junges Weib springt von Adrias Rücken auf die Wolke, die sich bläht und
-nach Osten wandelt. Dada eilt strahlend zur Felswand und breitet die
-Arme nach der Göttin Italia, nach der mächtigen, fruchtbaren Frau, die
-kommt, um den Karst zu segnen!
-
-Die Wolke steigt gen Triest. Italia streckt den vollen weißen Arm aus
-dem wallenden Blau des Kleides und spendet über die glückliche Stadt
-goldene Jubelmünzen. Danach wird die Wolke finster zusammengedrückt und
-rollt überm Karst nach Pola. Dada späht scharf aus dem Eck der
-haarverhangenen Stirn zum Zenith des weltenvollen Himmels, bis er das
-blaue Kleid seiner Träume erschaut. Aber das Kleid rollt auf den grauen
-Berg hernieder, denn die Götter sind nackt, wenn sie einen Sterblichen
-liebenden Glanzes erfreuen. Italia schreitet herab, und der Silen starrt
-zu ihrem holden Jungreiz empor, zu den hohen Beinen, der gewölbten
-Hüfte, auf der d'Annunzio die Harfe schlug, und dem stolz wallenden
-Busen.
-
-Dada kniet trunken weich vor der Gebieterin, mit schwerem, sehr quälend
-schwerem Bauch, zu den Füßen von Rosamilch und bietet den Schlüssel Pola
-und die Schale Triest huldigend der Lateinerin. Die Geliebte uralter
-Waldgötter, der sich einst Stier, Eber, Hirsch brünstig gewälzt hatten,
-die Umworbene teutonischer Könige, sie neigt sich gnädig in Dadas Augen.
-Aus seinen Händen lischt das Blau, die Lichtsäulen verstummen und wenden
-sich ab, den entgöttert Dämmernden küßt die hohe Frau, freigebig
-gelaunt, mit der Koketterie der prächtigen, volkstümlichen Dame. Sie
-spricht: »Dada, werde durch mich berühmt, wandle als mein Bote durch die
-Städte Europas und sage, daß ich ihnen aus meinem Schoße die Freiheit
-schenken will.
-
-Wenn du aufstehst unter ihnen, gebiete als mein Marschall, wenn du
-sitzest und ruhst, laste mit Italias vollen weiblichen Gliedern, massig,
-dick, Leib meiner Demokratie und erlösten Republik.
-
-Dein schöner Silenskopf sei feurig gebräunt, es sei die Blässe vom
-Zeitungspapier aus den lateinischen Zügen getilgt. Dein Haarbusch ruhe
-schmachtend auf der goldenem Mittelmaß nicht entfliehenden Stirn, denn
-die schöneren Hälften künftiger Republiken werden auf deine Locken mit
-Küssen sinken. Deine blassen, durchsichtigen Augen, die meine Brüste
-umspannen mit der zart saugenden Nähe des Neugeborenen, bewahre mein
-Lieber, denn sie künden deinen Charakter.«
-
-Eh sich Dada ermannt, Italias Hüfte ergreift und die Schöne an sich
-reißt, hat die Wolke sich gesenkt. Unter neckenden Glockentönen
-entweicht die Gestalt und schwebt gen Abend.
-
-Triest zählt das Gold im Schlafe, Pola schlägt tolle Hämmer, als wolle
-es in seinen Essen das Meer zu Stahl schmieden. Dada verneigt sich
-morgenländisch und spricht zärtlich das Zauberwort: »Freiheit!«
-
-
-
-
- DEROBEA.
-
-
-Dada hat ein wunderbares Wort, um vor niederbeugenden Hemmnissen sich
-selbst wiederzufinden: elastisch sein! Dieser Zauber hilft ihm durch die
-unwirtlichsten Zeiten.
-
-Nachdem er Frau Italia geschaut, hat er Istriens Karst umkreist, sein
-karges Vaterland, das einst die heimatlichen Wälder rodete, um auf ihren
-Pfählen Venedig zu errichten. In dieser Einöde lebt er von der Ekstase
-jenes Zauberrufes, den die Göttin von den vollen zärtlichen Formen
-Tiepolos ihm schenkte. Aber nur unvollkommen die Bedeutung des
-Zauberrufes in der Wüste ermessend, hat Dada ihn treulich nach Pola und
-Triest getragen, in jene Schenken armseliger Vorstädte und in winzige
-Arbeiterhütten, aus denen der im Reichtum geborene strenge Hauch der
-Freiheit zum schreckensvollen Orkane verwandelt hervorrast.
-
-Eines Nachts, beim Heimgange von der Druckerei des Polaer
-Generalanzeigers wird Dada überfallen, seine ungewöhnliche Körperfülle
-wird in einen Sack gepreßt, er wird auf ein Maultier gebunden, und so
-auf den Karst gebracht. Dort wird er seinem Schicksal überlassen, nicht
-ohne ihm eine Anzahl gut österreichischer Schläge mit dem Knüttel auf
-die weichsten Teile seines Leibes zu zählen, die von der Schwere seines
-Leibes ganz besonders hart geprüft wurden.
-
-Der Morgen erscheint in Adrias erhabenem Glanze und Adria hört aus dem
-Sacke den leisen Seufzer: elastisch sein! Dada trennt die fesselnde
-Leinwand, barhäuptig, gelenkig, schnellfüßig tritt er mit Zorn den
-grauen Schiefer des Felsens. Dann bückt er sich und faßt das nächstbeste
-Stück Glimmerschiefer, zerdrückt es in beiden hohlen Händen zu Staub,
-speit dreimal kräftig drauf und bäckt aus dem Ganzen einen Kloß. Diesen
-Kloß nun schleudert er mit Spottworten Pola zu, das drunten mit seinen
-Türmen und Dächern den Schlaf der Provinz hält. Der Kloß rollt zufällig
-auf das weiße Hemd eines Mädchens, das Wäsche auf dem flachen Dache
-ihres Hauses zum Trocknen aufhängt. Sie ist entsetzt, denn sie glaubt,
-daß ein Stier vom Karst mit seinem Mist ihr Hemd verunreinigt habe. Und
-aus solcher Höhe!
-
-Dada lacht. Er ist frei. Er läuft am Rand der Felsen entlang und schreit
-fünfmal seinen Namen. Diese eine Silbe fünffach gedoppelt wiederholt,
-stellen das erstaunte Aufmerken und Fingerweisen eines Säuglings dar.
-Das fünffach gedoppelte Da! rollt aus Dada zauberhaft lieb und mit der
-Perligkeit eines Säuglingsmundes ö-artig rund und mit den Häkchen des
-zartesten Hammellautes zu Adrias blauen Wohnungen, so daß selbst die
-Göttin erwacht, die von fürstlichen Räubern und Mördern abstammt.
-
-Über die gläsernen Kuppeln ihres Palastes fährt ein schneeweißer
-riesiger Kreuzer und hoch auf allen seinen Stricken, Masten, Stangen und
-Spieren flattern Italias Wimpel.
-
-Dada rast zum Strande. Das mächtige Schiff hat draußen ein schmales Boot
-niedergelassen. Mit zehn Ruderschlägen saust es an Land, während die
-Hymne Emanueles hoch über der Adria zum Gruße Istriens rauscht. Dada
-wird an Bord des Kreuzers geholt.
-
-Ein toskanischer Herzog soll dies Schiff zum Nordpol führen und jene
-Länder der Antarktis entdecken, von denen der Italiener im Namen der
-lateinischen Rassen Besitz ergreifen wird. Dada, dem Sack und den
-Knütteln entronnen, der Patriot, der letzte Italiener Ostlatiums, der
-Redakteur des istrianischen Proletariats, ist auserkoren zum
-Berichterstatter für jenes umworbene Polarland, das seinen silbernen
-Gipfel über dem erstaunten Europa mit der italienischen Flagge schmücken
-wird. Anstelle seiner verlorenen Mütze wird Dada ein mit langen
-Truthahnfedern geschmückter Bersaglieri-Hut auf die starke Stirnlocke
-gedrückt.
-
- * * * * *
-
-Eine gelehrte Aristokratie ist im Saale des Schiffes versammelt, als der
-Istrianer vorgestellt wird. Professoren, Literaten, Politiker und
-vereinzelte Damen gehören dem Unternehmen an, das in Schwung gebracht
-worden ist, um ein Ereignis von ebenso wissenschaftlichem wie
-weltpolitischem Charakter heraufzubeschwören.
-
-Der kühne Dada hat sich nach einer allgemeinen Verbeugung, und nachdem
-die schönsten, ausgezeichnetsten Namen von Rom an ihm vorübergebeugt
-sind, sogleich in den nächsten Ledersessel sinken lassen, danach rutscht
-er ein wenig nach vorn, streckt die Beine lang von sich und spreizt die
-Knie, aber keineswegs, um die Zierde der Stiere unter seinem Kleide der
-Zivilisation zu zeigen, sondern um jenes Wort Frau Italias zu erfüllen:
-»Wenn du sitzt und ruhst, laste mit Italias vollen weiblichen Gliedern,
-massig, dick, Leib meiner Demokratie!«
-
-Dada blinzelt aus dem Eck seiner lockenverhangenen Stirn zu den
-glänzenden Uniformen und den prächtigen Damen. An der Seite des Herzogs
-ruht eine ungewöhnliche korpulente, busengefildete Frau von hochrotem
-Angesichte, die Dada mit Lorgnon in Augenschein nimmt. Einen Augenblick
-lang will Dada sich beleidigt fühlen, er fährt von der Tiefe des Sessels
-auf, und indem er mit seiner gewaltigen Leibesmasse gebieterisch
-aufrecht steht, zieht er die Blicke des ganzen Publikums auf sich.
-
-Er tritt frei vor das herzogliche Paar und bittet ihre gnädige Laune, zu
-gestatten, daß er eine seiner Hymnen auf die nationalen Aspirationen zum
-besten geben dürfe. Die Lorgnons senken sich langsam, wie die Fittiche
-des Albatros, um den Schaum der Welle zu berühren, und Dada rezitiert
-seine istrianischen Hymnen.
-
-Im Mahagonirahmen des mit Gold bedeckten Salons ist dieser eintönig
-leiernde Lateiner eine Wohltat, eine Sanftheit und Trägheit langen
-Verdösens. Die Professoren sind eingenickt und die Damen in tiefste
-Korbsessel geflüchtet zum Schlummer. Nur die unermüdliche Begleiterin
-des Herzogs bleibt wach und bewundert Dada. Sie steht plötzlich auf,
-tritt zum Lesenden und legt den Arm in den seinen. Erst jetzt bemerkt
-der ganz in die Darstellung seiner urgefügten Laute gespannte Dichter
-die überaus vollblütige, starke Weibesgestalt, die ihn mit lustigem
-Zwinkern aus dem Saale und an Deck schiebt. Indem sie auf die rings um
-die herzogliche Hoheit Schlummernden deutet, sagt sie: »Dada, Sie sind
-schon jetzt ein berühmter Mann, der Herzog ist unterrichtet von Ihrer
-politischen Kühnheit und den gegen Sie geplanten Anschlägen. Aber die
-von ihren wissenschaftlichen Vorbereitungen zur Reise überanstrengten
-Häupter dürfen Sie nicht im Sturm für Ihre tiefsymbolischen Dichtungen
-zu gewinnen hoffen. Lieber Freund --! so darf ich Sie wohl schon jetzt
-nennen, denn Sie sind doch auch ein wenig Österreicher, und ich bin eine
-Deutsche -- ich will für Sie werben, junge Dichter sind so
-außerordentlich unbeholfen. Geben Sie sich nur ganz in meine Hände, in
-Freundeshände --!«
-
-Sie lächelt verliebt und ihr hochrotes Angesicht flammt vor ihm auf. Mit
-einem Blick umfaßt der feurige hübsche Silen den mächtigen Leib, den
-wuchtigen Busen dieser germanischen Fruchtbarkeit, und sie, von der
-Karstglut seiner Hymnen versengt, streicht über seine Stirnlocken. Und
-Dada erinnert sich des Augenblicks, in dem die Göttin Italia ihm ihren
-Segen und ihre Sendung gab. Er hat noch kein Weib gefunden, das so sehr
-der Vollendung Italias gemäß gebildet ist, als diese Deutsche neben ihm.
-Ein glühendes Hinneigen zu diesem Weibe bemächtigt sich des Dichters, er
-preßt den vollsten und stärksten aller Weibesarme an seine heroische
-Hüfte, die nicht zu den Beinen flach entflieht, sondern rund auf dem
-Gewölbe seines Bauches ruht. Sein braunes Silensgesicht wird noch
-dunkler von einer stolzen Erobererfreude, und er senkt den unverhüllten
-Blick in das Auge der vollblütigen Aphrodite, die fest an seiner Hüfte
-ruht, denn sie ruhen beide an die Reeling gelehnt, und sie flüstert
-träumend: »Mein Herr von Casanova!« Ihren Augen entschwindet die Küste
-Italiens.
-
-Es ist Dada nicht möglich, den mächtigen Rücken neben sich mit dem Arm
-zu umfangen, schließlich biegt sie langsam seinen Kopf zu dem ihrigen
-und sie geben sich gründlich einen Kuß. Dann lassen sie einander los.
-Die Professoren erscheinen, die Hoheit hat ausgeschlafen, und die beiden
-dicken neuen Freunde bilden den Mittelpunkt für alle Liebenswürdigkeiten
-und Schmeicheleien. Jetzt erfährt Dada auch den Namen seiner Göttin: sie
-wird Derobea genannt und ist die Frau eines königlich sächsischen
-Kommerzienrats, der Konsul in Rom ist. Als Freundin des Herzogs hat sie
-die Erlaubnis, die Nordpolfahrt zu seiner Linken mitzureisen.
-
- * * * * *
-
-Das Schiff verläßt England und steuert zur skandinavischen Küste. Dada
-führt das Tagebuch des Herzogs und hat sich vorgenommen, den Walfischen
-und Seerössern der Polarzone ihre Urlaute abzulauschen und ein Epos von
-den Pinguinen zu verfassen. Er ist begeistert von seiner ersten
-Weltfahrt, die ihn zwar Italias Sendung, Europa die Freiheit aus ihrem
-Schoße zu bringen, abwegig macht, ihn als Freiheitsboten aber jenen
-düsteren Horden der Eskimos zuführt, die in ihren Erdhöhlen die
-holdesten Kulturreize Italiens fühlen sollen. Dada hat Derobea für die
-nationalen Aspirationen in Niemandsland geworben. Wie die Jordaenssche
-Lebensfülle beider die Plötzlichkeit, Offenherzigkeit ihres
-Liebesverständnisses simultan durchsprüht, so sind sie auch für ihre
-künftigen Eroberungen eine Hand, eine Seele.
-
-Sie nähern sich nördlicheren Breitengraden, Bergen, Trondhjem, als Dada
-jene Taktlosigkeit begeht, derzufolge die Hoheit glaubt, Derobea von
-ihrem neuen Freunde befreien zu müssen. Seinem eigenen feurigen Ungestüm
-ist die schuldige Entdeckung zuzuschreiben, die die Hoheit macht, als
-sie zufällig Dada beim Verlassen von Derobeas Schlafzimmer betrifft.
-
-Dada wird bedeutet, sich an einem Küstenorte Norwegens ausschiffen zu
-lassen, und trotz Derobeas entrüsteten Thränen, die für ihren dicken
-Schützling mehr fürchtet als für das Wohl und Wehe der ganzen
-hoheitlichen Expedition, muß sie sich in die ernsten Vorhaltungen der
-Professoren fügen, die nur das Ärgernis entfernt wissen wollen.
-
-Ohne Gepäck, mittellos, wie er vom Karst gekommen, nur mit einigem
-Reisegeld, dem Reisepaß und den hoheitlichen Empfehlungsschreiben
-ausgerüstet, steigt Dada in Hammerfest ans Land. Vom Nordkap schwenkt
-der Verlassene seinen wallenden Bersaglierihut, während Derobea vom
-weißen Schiffe ein zartes Tüchlein weht, und es immer wieder an die
-Augen führt. Das einzige, teure Wort, das ihm geblieben, murmelt Dada
-immerfort vor sich hin: Derobea! »Dada! wo hast du deine Derobea?!«
-
-
-
-
- DAS NORDLICHT.
-
-
-Ewige Feuchtigkeit, graue Wolken, jäh vorbrechende Stürme. Die
-Meereswüste wird nur selten von einigen die kimerische Dämmerung
-durchbrechenden Sonnenstrahlen gefärbt. Den Tagen folgen wunderliche
-Nächte von gleicher Helligkeit.
-
-Eines Abends sitzt Dada wie gewöhnlich am Meere, das ihm Derobea
-genommen hat und erwägt einen Satz aus dem Buche, das seiner Hand
-entglitten ist: »Die Überwindung der unsozialen, richtungslosen Ekstase
-durch die soziale Ziel-Ekstase, das himmlische Jerusalem aus irdischen
-Bausteinen.« Es ist ihm, als unterhielte er sich mit Derobea über den
-Sinn dieses Satzes.
-
-Der Wind schläft ein, die Wolken stehen reglos, und das Meer verändert
-fern hinaus seine Düsternis zur tiefsten Schwärze. Nur der Schall der
-gegen die Blöcke des tiefen Strandes vorbrechenden Flut donnert im
-Gleichmaß fort. Unheimliche Finsternis der Antarktis steht
-undurchdringlich vor Dada. Nur das Land bleibt schattenhaft in seinem
-gespenstigen Eigenlicht sichtbar. In Höhe des Meeres beginnen einzelne
-gelbe Streifen ein zuckendes Spiel hinter einem unermeßlichen Vorhang
-finstrer Geschiebewinde, einzelne ferne Fanfarentöne, dann tiefste
-Stille. Dicht überm Meere wird es in endloser Ausdehnung vom Licht
-lebendig, der Horizont glüht an von geisterhaftem ruhigem Blau und Grün
-und strahlt auf, während ungeheure Fächer, Gardinen, schwere Vorhänge
-sich hell färben und aus durchsichtigem Kristall werden, um ein
-unerhörtes lohgelbes Flammen mit tiefstem Schweigen auszustrahlen.
-Endlich erhebt sich hinter den starren Falten der purpurne Riesenfächer
-eines ungeheuer starken Kernfeuers, das mit blutigem Licht durch die
-flammenden Kristalle hinaus aufs Meer in breiten Strömen rieselt. Ein
-unermeßliches Blutergießen überflutet den geheimnisvollen Polarkreis.
-Die wilde Schönheit purpurner Grotten und Eismeere, ungeheurer Pflanzen
-und Wale und Berge von Eis, vom zartesten Splitter bis zu den
-Kristall-Stalaktiten antarktischer Riesendome in düsteren Gluten
-errötend und elektrisch funkelnd schauert tief in Dadas Herz und tötet
-mit Geisterhänden sein Liebesleid. Das Miramar des Nordpols steht vor
-seiner Seele, und von seinen Zinnen spricht Gott in tiefster Stille das
-Wort des neuen Jahrtausends aus.
-
-Es graut Dada vor dem erhabenen Nordlicht, von schrecklicherer Kälte als
-alle grausamen Kulte Mexikos, Indiens und Karthagos. Das kälteste und
-feurigste Wunder des Erdballs hat der Italiener geschaut. Das grausigste
-der Schöpfungswerke, das der äußersten Finsternis die blendendste Pracht
-des Lichtes beigesellte.
-
- * * * * *
-
-Das blutige Nordlicht, gewaltiger als je eins seit Menschengedenken, ist
-von vielen Lappländern beobachtet worden.
-
-Dada hat das Fieber seit jener Nacht gepackt und liegt im Gasthofe zu
-Bett, wo er von einer Lappländerin gepflegt wird. Und diese erzählt ihm
-eines Tages vom Nordlicht und seiner Prophetie. Es kündigt einen Krieg
-an, in dessen weißglühenden Ring alle Völker der Erde nacheinander ihre
-Söhne hineinschmieden müssen, um sie in seiner unerlöschlichen Glut für
-ewig versinken zu sehen. Ein herrlicher Vorhang flammensprühend verbirgt
-wohltätig die Greuel denen, die warten, aber wenn ein Vorhang verzehrt
-ist, so stellt ein neuer noch herrlicher sich dar. Niemand vermag
-hineinzuspringen, die abscheulichen Gluten auszutreten oder die
-Geopferten ihnen zu entreißen. Hier wird Retter, Henker und Opfer eines
-und gleich. Diese Schrecken verkünden die prophetischen Falten des
-Nordlichts.
-
-
-
-
- DIE URLAUTE.
-
-
-Dada lernt die Sprache der Lappländer, um Zunge und Gehör in der Urform
-des Menschenwortes kindlicher Rassen zu binden.
-
-In den Nächten des nassen, sturmumtobten Hammerfest sieht Dada die
-Grundlage einer Zukunftsdichtung, indem er die Sprachen alter Rassen
-nach Urworten und Lauten durchforscht, die Töne tausendjähriger Kindheit
-blumenhaft öffnen. Wie vordem die Urlaute der Kinder, versucht er jetzt
-die Urklänge der menschlichen Rassen in seinem System von Rhythmen zum
-schwingenden Rausche zu dichten, wie jener Ekstatiker in Là-bas die
-substilsten Sorten des Kognaks zu einer Symphonie des Kognak-Rausches.
-Vom wilden Lappen, Eskimo, Tschungusen nimmt Dada den Urlaut, und läßt
-ihn neu tönen in Dadas Wildheit, Trauer, Glück und Schmerz. Dada hebt
-die logische Sukzession der Worte in den Ursprachen der Fetischanbeter
-auf und sammelt ihre einzelnen Silben oder Laute, sperrt ihren
-beziehungsreichen Sinn in das Gefängnis seines nervös eilenden Rhythmus
-und senkt in ihre traurig gerupften Kelche die bleichen Leidenschaften
-des Urwalddurstigen verkrüppelten Europäers. Der Chinese, der Ägypter,
-der Druide sprachen durch Zeichen, die sie auf Seide, Stein oder Holz
-eingruben. Dada nimmt die gottgeweihten Zeichen, wiederholt sie auf
-mehreren Reihen des nervös fiebernden Rhythmus, um die Empfindung des
-Urlaute-denkenden Dada flüchtig schillernd auszudrücken.
-
-In einem lappländischen Dorfe nahe der russischen Grenze findet Dada
-einen Dorfgötzen, vor dem er sich niederwirft, dann wieder aufrichtet,
-um von neuem niederzufallen. Mit schäumendem Munde betet Dada in den
-drei Urlauten einer Hymne, die zum Gegenstande die komplizierte Idee der
-sozialen Zielekstase hat. Das Dorf um ihn ist nichts weiter als die
-materielle Gestalt seiner Idee, der er in der Hymne den Ausdruck des
-Urlautes verleiht.
-
- * * * * *
-
-Dada spricht: »Ich bin der Orient.«
-
-Er reist durch Finnmarken nach St. Petersburg; er geht durch das
-Geschlinge aller Rassen und Sprachen und er bildet das Gehör zur
-äußersten Feinheit der Wahrnehmung, um die allertiefsten und
-allerfernsten Urklänge der lebenden Völker zu verstehen und zu besitzen.
-
-Er betritt vom ersten Augenblick an jene Bahn, die jedermann wählt, wenn
-er weder Geld noch Beschützer besitzt, um zum Erfolge zu gelangen. Dada
-tritt in die berühmte Organisation der russischen Geheimpolizei. Er wird
-beauftragt, einer Reihe revolutionärer Klubs als ordentliches Mitglied
-anzugehören. Auf Grund gefälschter Zertifikate erlangt er Zutritt zu
-einer Reihe politischer Versammlungen, erwirbt sich Vertrauen und wird
-schnell berühmt auf Grund seiner persönlichen herkulischen Erscheinung,
-die an die Leibesfülle des Begründers russischen Terrors erinnert:
-Michail Bakunin. Dadas Vorname, bei dem ihn jetzt das Proletariat kennt,
-ist: Michail.
-
-Auf einer Werbereise zu den Muschiks eines westlichen Gouvernements
-kommt der erfolgreiche Istrianer in einem Provinzstädtchen mit zwei
-Männern zusammen, die Bauern und Arbeiterschaft ihrer Bezirke in
-Bewegung gesetzt haben, ohne eine Kopeke von den Geldern des
-Zentralkomitees zu brauchen. Der eine ist Klavierlehrer, der andere
-Angestellter der Stadtdruckerei. Mit diesen beiden Männern gerät er in
-ein Gespräch über ein Ereignis, das ganz Rußland erschüttert. Ein junges
-Mädchen aus guter Familie, gut erzogen und von der Jugend der Charlotte
-Corday, hat einen General mit der Bombe getötet, weil er ein grausamer
-Gouverneur war. Dies Mädchen wird in der Untersuchungshaft von den
-überwachenden Offizieren vergewaltigt und am nackten Leibe gemartert.
-Sie löschten z. B. die Zigaretten auf ihrer Haut. Als sie vor ihren
-Richtern steht, erklärt sie, daß sie aus dem Leben wolle.
-
-Eine düstere Tragödie folgt der anderen, diese glühenden Verfinsterungen
-einer Nation, in der die mechanische Cinéma-Kultur Europas sich mit den
-asiatischen Triebkräften zur ungeheuren Selbstzerstörung vermischen.
-
-Dada sieht sich durch die Ochrana unheimlich verstrickt und weiter als
-je von Italias Freiheitssendung entfernt. Er schließt sich gequält den
-beiden Männern an, die eine für ihre Schicht ungewöhnliche politische
-Vernunft und kühne Rücksichtslosigkeit in der Verfolgung ihrer Ziele
-besitzen, außerdem lernt Dada in ihnen zwei Freunde jener Terroristin
-kennen. Mit ihnen geht der Istrianer auf die Straße, sie halten die
-Vorübergehenden an und erklären jedem einzeln ihre Ideen. Sie flüstern,
-versprechen geheimnisvoll, drohen, spotten -- sie werben mit
-unbezwinglicher Überzeugungskraft. Die Polizei ist machtlos gegen sie.
-
-Auch Dada glaubt an die Revolution, die Demokratie und Kindlichkeit der
-Völker. Er glaubt an das Werk der Freiheit. Er bittet seine Freunde, das
-erste große Werk sozial zielvoller Ekstase den Muschiks und Proletariern
-vortragen zu dürfen: »Das Nordlicht!« und begründet: »Die Kindlichkeit
-neuer Demokratien erfordert eine ihr gemäße neue Urform des Ausdrucks
-und des Stils. Erst der kindliche Mensch ist der wahrhaft Freie! ein
-ausgelassener unbändiger Junge ist das Urbild der Freiheit!«
-
-Seine Sätze brauche man nicht durch Kommas und Punkte eingeschachtelt zu
-hören, jedes seiner Worte sei ein Hauptwort, auf dem die Sonne der
-Urlandschaft sprieße. Jede seiner Empfindungen habe nur einen Ausdruck:
-Den o- oder aj-Ausruf, den Schmerz oder die Freude. Sein Wille kenne nur
-eine Wortform von substanziellstem Wert.
-
-Vor dem gleichgültig rauchenden und trinkenden Publikum einer
-Arbeiterversammlung trägt Dada die Hymne des Nordlichts vor. Die Völker
-beider Welthälften erzählen selbst im eintönigen Chore von den
-Grausamkeiten, den Kriegen und den Kulten ihrer kindlichen Zeiten. Die
-Idole der Osterinsel, Perus und der grausamen Mexikaner erzählen ihre
-paradiesischen Feste und ihre schändlichsten Greuel, Madagaskar, Indien,
-und endlich jene untergegangene Atlantis, von der die lateinischen
-Neu-Republiken nur blasse Revenants sind, blühen urwaldblumenhaft in
-ihren wenigen gewaltigen Urlauten aus Dadas Rhythmen auf. Tänze,
-Prozessionen, Orgien, Fratzen, Götzen der alten Naturkulte leben
-magnetisch in einigen gelallten Silben Dadas, obgleich hier bereits die
-Grenzen des im Worte Darstellbaren erreicht werden. Diese Silben
-gleichen Kakteen oder Orchideen, die märchenhafte Systeme von Stacheln
-oder farbigen Blättern entfalten und mit ihren künstlichen Gebilden das
-Entzücken der Sammler oder ästhetischer Salons sind.
-
-Dadas sozial zielvolle Dichtung ist ein archäologisches Museum der
-Seltsamkeiten des Völkerlebens, ein Erotikon und Folklore aller
-Geschlechtskulte. Die Menschheit eilt mit dem eintönigen Summen eines
-vielgeschäftigen Bienenstockes vorbei, ohne sich umzublicken, den Blick
-auf ihre erhabenen Idole geheftet. Immer auf dem Marsche nach Norden,
-immer von neuem ungeheuren Zuchtmitteln unterworfen, die aus Einöden
-entsprangen und die Erschlafften geißeln -- durch die Kriege, Opfer,
-Brände, Seuchen, Untergänge wandeln die gleichmütig gereimten Hymnen
-Dadas, um endlich das Nordlicht anzubeten und aus seinen glühenden
-Falten die kalte Prophetie Europas zu empfangen. Dada verkündet die
-Zertrümmerung dieses Erdteils, und nach Niederlegung all seines
-Menschen- und Pflanzenwuchses den Triumph der Polarwüste über die
-verworfenen Reiche, den Sieg des Nordlichts!
-
-Seine Vorlesung schließt Dada mit dem Ausruf: »Betragt euch _kindlich_,
-so fühlt ihr euch frei und ihr seid es auch!«
-
-Eine drückende Stille liegt auf den Zuhörern. Die beiden Freunde fassen
-Dada an den Armen und zwingen den bequemen herkulischen Italiener
-aufzustehen und mit ihnen die Versammlung zu verlassen.
-
-Seit einiger Zeit ist Dada verdächtig des Einverständnisses mit der
-Polizei, und bei seiner ungewöhnlichen Vorlesung, die mit sämtlichen
-Perversitäten der bürgerlichen Gesellschaft aller Völker spielte, haben
-die Freunde das stärkste Mißtrauen der Versammlung bemerkt. Selbst die
-Freunde haben Dadas Werk nicht verstanden, das auf das Erscheinen
-irgendeines neuen bürgerlichen Ssanin hinaus zu gehen schien, der auf
-Kosten der Arbeiter einem Geschlechtskulte im Zeichen des Nordlichts
-sich hingeben wird. Ein Jahr hat Dada in Rußland verbracht, ohne seine
-Aufgabe, die Freiheit auch diesem gequälten Lande zu bringen, erfüllt zu
-haben, diesem mißtrauischen, bis auf die Wurzeln verdorbenen Volke, das
-in dem Bewußtsein ständiger Gefahr von Umsturz und Empörung sich dem
-Rausche ergeben hat, erregt von einer tief fressenden, stets
-sprungbereiten tierischen Sexualität. Ihre Freiheitsideen verdammt Dada
-im selben Maße wie ihren Fortschritt vom Stumpfsinn des Mir zum Cinéma
-und zum Alkohol.
-
-Die Macht der Idee selbst bei den armen russischen Bauern und Arbeitern
-ist das Wunder, das Dada rührt, und er wünscht ihnen dazu die Vernunft
-des -- Nordlichts!
-
-Dada ahnt nicht, daß er jene beiden Russen kennen gelernt hat, die nach
-dem Sturze des Zaren, nach Ausbruch unerhörtester Ereignisse, die
-günstige Stunde des Weltkrieges benutzten und das Schicksal der
-russischen Republik in ihre Hände nahmen, jene selben Männer, die noch
-eine Zeitspanne weiter dieselbe Terroristin und Freundin füsilieren
-ließen, als sie sich _ihnen_ entgegen stellte.
-
-Der unglückliche Weltreisende muß sich von neuem entschließen zu
-wandern. Dada soll ebenso sanft wie nachdrücklich nach Deutschland
-abgeschoben werden, dem Zion aller Juden und Emporkömmlinge Rußlands und
-Polens.
-
-Mit Hilfe seiner herzoglichen Freibriefe entrinnt er rechtzeitig der
-russischen Polizei und gelangt nach Deutschland.
-
-
-
-
- DRESDEN.
-
-
-Dada wendet sich sogleich nach Dresden, um Derobeas Aufenthalt zu
-erkunden. Siehe da: auch sie ist nach einjähriger Abwesenheit in den
-Polarländern zurückgekehrt, um von Dresden aus zum Gemahl nach Rom
-weiterzureisen. Sie hat die Expedition des Herzogs auf der Heimreise in
-Hamburg verlassen. Es ist ein köstliches Wiedersehen von
-Taubenzärtlichkeit, und sie beschließen, ganz der Kunst und der
-intimsten Gesellschaft geweihte Wochen gemeinsam zu verleben. Die
-reiche, in Künstlerkreisen sehr wohltätige Dame veranstaltet eine Reihe
-großer Empfangsabende und Feste, um die Künstler Dresdens und Berlins
-einzuladen. Die glückliche Derobea versammelt Sänger, Komponisten,
-Dichter, Rezitatoren, Maler, sie ruft Kunstausstellungen hervor, wirbt
-Zeitungen für den Dienst der neuen Kunst, der sie ihre Salons zur
-Verfügung stellt. Zusammen sind Derobea mit Dada die berühmten
-Protektoren. Derobea und ihr Kreis bewundern die Hymnen des großen
-Istrianers aus Lappland und dem Reiche der Sarmaten und Tartaren: »Das
-Nordlicht« sowie die Hymnen und die Philosophie von den Urlauten der
-kindlichen Rassen. Sämtliche Werke Dadas erscheinen im Druck, an ihrer
-Spitze die Hymnen an Derobea, der das Ganze in kindlicher Dankbarkeit zu
-Füßen gelegt wird. Derobea ist glücklich. Dadas Genie ist in Deutschland
-entdeckt, er wird gemalt, wertvolle Liebhaberausgaben seiner Dichtungen
-werden subskribiert, seine Philosophie wird die Grundlage einer neuen
-Richtung der Ausdruckskunst. In kühnen Vorträgen bemächtigen sich
-Doktoren der Kunstwissenschaft der Dadaschen Dichtung. Gestammelte,
-gelallte, gestöhnte, gestaunte und geseufzte Empfindungsurlaute des
-Eskimos in Dadas Rhythmik haben die bisherigen Sprachgrenzen des
-Kulturmenschen überwunden, kein Verbum, kein Objekt fesselt den Strom
-der Dichtung, die wohlanständig logische Frisur des Satzbaus ist
-zerstört, das Subjekt allein bleibt im ewigen Einerlei seiner
-Abwandlungen bestehen: wunderbar entfesselt, ausgebreitet in einer Welt
-freier Leidenschaften, freien Liebens, Tötens und Getötetwerdens. Aus
-den Greueln Europas schreitet Dadas neues Subjekt hervor, um durch die
-Eisstürze des Polarkreises und die kalte Herrlichkeit des Nordlichts das
-Absolutum der Kunst zu finden, die letzte demantharte Kristallisierung,
-die Reinigung der kulturbefleckten Menschheit.
-
- * * * * *
-
-In ihren Salons hat Derobea eine Reihe Spielzeuge für Kinder
-aufgestellt: einen Garten mit Arche Noah aus Pappe und bemalten
-Hölzchen, Postkutschen, Lokomotiven, Müllerwagen, Puppen und
-Dreiertieren mit mechanischem Antrieb. Alle Spielzeuge sind mit den
-Urlauten Dadas versehen. Man drückt auf einen rosa Gummipfropfen und die
-Figur stößt den ihrem Charakter angepaßten Urlaut aus, den Dada einem
-Lappländer, Samojeden oder Tartaren abgelauscht hat. Mit diesen
-Spielzeugen erheitert Derobea ihren Kreis, nachdem Dada eine seiner
-leiernden Hymnen vorgetragen hat. Da erschallen die Säle Derobeas von
-wunderlichem Geplärr und Geschrei, die Gäste versuchen selbst die
-Urlaute nachzuahmen, es ist, als ob eine ganze Mädchenschule eingesperrt
-ist und in allen Stimmlagen ihre Lehrer äfft. Durch Passanten aufmerksam
-gemacht, erscheint eines Tages die Polizei in Derobeas Hause, um dem
-revolutionären Lärm nachzuforschen. Alles lacht und der errötende Dada
-verschwindet hinter Derobeas mütterlicher Statue. Denn ein Plastiker hat
-Derobea und Dada in Jordaenscher Fülle aus Marmor gehauen.
-
- * * * * *
-
-Eine neue furchtbare Stimme hat sich aus Berlin erhoben und droht wie
-einer der sagenhaften Gaskogner der Iliade dem Istrianer mit
-Herausforderung auf Urlaute. Ein Kreis von tyrtäischen Künstlern hat
-sich unter Führung von drei auserwählten Männern auf den Marsch begeben:
-mit dem Programm eines organisierten Orkans der erneuerten Künste und
-einer löffelartigen Fortbildung ihrer Sprechwerkzeuge. Vor ihnen her
-geht die neue furchtbare Dichterstimme Hackhacks aus dem Schall einer
-verstärkten Kindertrompete, neben ihm »denkt« der Philosoph mit Augen
-von Tetraëdern, geschliffen aus gewöhnlichem Kiesel und lacht erotisch
-über den eigenen und Hackhacks Bombast. Der Direktor des Ganzen springt
-über sie, rührt besessen die Hacken und tanzt in dünnster Luft. An jedes
-seiner langen langen Haare ist ein Heft des tyrtäischen »Orkans«
-geknüpft und fliegt rund mit solchem Babygrinsen, solcher
-Dummdreistigkeit, als wäre sein Dasein wichtiger als das der restlichen
-Schöpfungswerke.
-
-Diese drei starken Männer haben die Kunst ethisch gedrillt und unter
-Polizeiaufsicht genommen. Gelenkt von einer Mänade von internationalem
-Blondschein, genügt Berlin keineswegs ihrem teutonischen
-Eroberungsdrange. Sie ziehen eines Abends in Dresden ein und Hackhack
-veranstaltet eine Orgie seiner Dichtungen in Derobeas Salon. Unter
-Chagalls »Bild des Gehörnten« lernt Dada Hackhack kennen. Der
-Vortragende, ein Märtyrer der Kunst Hackhacks, donnert in
-ununterbrochener Ekstase die Berliner Dichtungen, mit der Eintönung der
-heraufgestemmten Urlaute, die seltsam von fern an die Leier Dadas
-erinnert. Es sind Dichtungen in mediumistischem Trance und spiegeln den
-zerwühlten Zustand hindämmernden Weltlebens, zersetzter, geschwächter
-und zur schöpferischen Ohnmacht verdammter Völker.
-
-Gleich Dada hat Hackhack das Objekt und Prädikat ausgerodet. Das Subjekt
-strömt hartnäckig seine unaufhörlichen Interjektionen in einem Niagara
-von Verben, die weder Logik noch Satzgefüge hemmen, und sich in eine
-furchtbare Öde stürzen, die nur einige trübe Berlinismen erquicken. Dada
-würde gern den neuen Mann aus Preußen als seinen Doppelgänger von der
-nördlichen Hälfte Europas begrüßt haben, wenn ihn nicht eine furchtbare
-Anomalie gegen Hackhack eingenommen hätte: das sind die seltsam
-zerhackten Wortreste der deutschen Sprache zum höheren Ruhme des neuen
-Gottes, der Kunst!
-
-Ausgerodeten, bleichenden Wurzelknorren oder Brocken von großen Stämmen
-gleichen diese armseligen sinnberaubten Wortreste, die in einer
-unermüdlich quellenden, gurgelnden, schubbsenden, zappelnden Flutung
-eines furchtbar stöhnenden, schwer Atem ringenden Subjekts kreisen, dem
-Gesetz der Beharrung unterworfen gleich ihrem Schöpfer. Dada ergreift
-eines dieser vergewaltigten Worte, die aktivische Vorsilbe ist ihm
-abgesägt, und der bloße Schwanz als leidenschaftslose Urerscheinung aus
-der Kindheit germanischer Rasse zeigt die Hoheit des Dichters. Der in
-den Urlauten völkischer Säuglingstage tiefbohrende Dada steht entsetzt
-vor diesen Urformen berliner Hackhacks.
-
-Wird Dada auf seine sinnlichen Urlaute verzichten, und jene
-Lautempfindungen aus ihnen hacken, die Dadas teuerstes Gut sind? Wird er
-dies Verbrechen seinen Wörtlein antun, damit sie schnell an der
-Oberfläche mitschwimmen können?
-
-Oder wird Hackhack sich seiner Dichtersiege und seiner unzähligen
-Krüppel von Worten freiwillig begeben, die seinen fürchterlichen
-Berserkeranfällen von pedantischer Wortschrauberei und Klügelei
-entsprossen sind? Die Hexerei, Taschenspiegelei aus Berlin und ihre
-dekadente Wüstheit betrübt Dadas katholische Seele und italienisch
-formgebildeten Kunstgeist. Auch er ist begehrlich nach den wildesten
-Urgenüssen, dafür ist er moderner Silen. Aber Hackhack ist auch Hackhack
-in der Seele und das taugt Dada nicht.
-
-Am Morgen nach dieser Berliner Gassenjugend begibt er sich mit Derobea
-zum ersten Male seit Jahren zu einer Messe in die Liebfrauenkirche. Er
-besprengt sich mit geweihtem Wasser, beugt das Knie und betet aufrichtig
-für die Reinheit seiner Seele und seiner der menschlichen Befreiung
-geweihten Kunst.
-
- * * * * *
-
-Im selben Sommer, der Derobeas und Dadas Märchenglück sieht, bricht der
-Krieg aus, der allen Aspirationen des Istrianers ein Ziel setzt und den
-Konsul aus Rom in die Arme seiner Gattin zurückführt.
-
-Dada wird nach Österreich zum Heere eingezogen, macht einige Märsche mit
-und bleibt dann als Badewärter in einem Lausoleum Galiziens hängen.
-
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-
- ZWEITER TEIL
-
-
-
-
- DIE SERBIN.
-
-
-Dada trägt Tschako, Bluse und Habsburgs Doppeladler. Sein Blick steht
-schräg, und auf die bewaffneten Horden, die gen Osten ziehen, fällt sein
-Schatten dumpfer Härte, mürrischer Unlust; verstaubt, verdorrt, verwest
-in den Wirbeln der Menschenöde, die bis ins ferne Morgenland schäumen.
-Der jüngst weltweite Horizont, den Dada zu erobern ausgezogen war, hat
-sich verkrochen, liegt in der Kriegswildnis im Hinterhalt, bestückt mit
-zehntausend Drohungen. Das Standbild der Freiheit, in den verzehrenden
-Flugsand irgendeiner Wüste Gobi gestürzt, wonneglänzt ihm nimmer zu den
-Mondungen seiner Seele, und das hellste der irdischen Festländer ist
-finster geworden.
-
-Zu einem runden Silbervollmond der Steppe steigt Dada auf dem Damm der
-Bahnlinie, die Wien mit dem goldenen Kiew bindet. Hell, zart leuchtend
-ist die nächtliche Ebene. Dada steht lauschend und sinnt gen Osten.
-
-Auf den im Monde bläulichen Schienen schreitet hoch und anmutsvoll ein
-Weib, den Rock geschürzt, und bleibt vor Dada still, die entblößten Arme
-über dem starken Busen gekreuzt. Das stattliche Weib ist von Angesicht
-und Haltung frei der knechtigen Plumpheit träger Halbslawen. Sie spricht
-leise im Wind der Sommernacht im Sieden der Erde: »Mich trug Istriens
-armer Karst, durch das tote Europa bin ich in alle Länder bis zu den
-letzten aller Slawen gewandert, um sie den Klauen des Doppeladlers zu
-entreißen. Du bist müde und schwer geworden, seit dich Italia zu ihrem
-Geliebten machte und sie dich zu den kraftvollen Spannungen der Freiheit
-erkor. Gib acht, ob du noch taugst zu der Sendung, die dich in die
-Freiheit pflanzte. Du warst geschmückt mit dem Adel Etruriens und
-gebotest mit dem Lockklang Pans über die Horden. Aus Galiziens
-Kriegswildnis schmachtest du nach dem Orient und verhüllst Abtrünnigkeit
-und weibische Zagheit mit dem Lack Chinas und Krischnas Liebesblumen.
-Weil beflissene Knechte die Völker in Kriegsgerät, Panzer und Flugzeug
-schnürten, glaubst du, daß die Freiheit verliegt und fault?
-
-Einst gefürstet von Cäsaren empfing ich Legionen in der Kraft meiner
-kimerischen und dacischen Völker. Ungebeugt, roh, von Bärenkraft und
-Pantheranmut, genoß ich die römische Freiheit und senkte sie meinen
-Jungbürtigen in Hirn und Herz. Gründer neuer Reiche und Pflüger neuer
-Grenzen zogen ihre düstren ergebenen Fahnen nach Norden und zeugten das
-neue Europa.
-
-Dada, ich weiß, dir fehlt Garibaldis Feuerblick, Magnet der Freischar,
-wahrer Gott der armen ruhmbelohnten Kämpfer. Du hast viele Geliebte
-nötig gehabt, und schließlich hat eine Köchin, die einem Deutschen
-gehört, dich um dein entartet lateinisch Blut betrogen. Mit einer braven
-Zweischichtigen, Zweischläfrigen wurdest du bettgewöhnt und hast die
-Freiheit verschlafen. Als es dann zu spät war, als alle um dich aus dem
-Rausch erwachten, und Männerblut und Weibertränen ihnen bis an den Hals
-in roter Sintflut stand, fürchtetest du dich und du verhülltest die
-Seelennot mit deines furchtsamen Verstandes bunter Wortkunst.
-
-Aber es ist keine Schonzeit für die Furchtsamen.
-
-Nimm die Schiene, löse ihre Schrauben und trage die starken Stahlglieder
-beiseite, damit das Gleis zerbrochen sei. Und an das Ende des westlichen
-Schienenkörpers befestige diesen eisernen Topf mit hohen Explosiven.«
-
-Das Weib löst vom Gürtel ein kleines schwarzes Gefäß und Dada nimmt es
-schweigend. Ein Balken starken weißen Lichtes quert den Bauch der
-Geheimnisvollen. Sie lächelt. Dada kniet und birgt den treuen
-Zentaurenkopf in den groben Falten des Bauernrocks. Ein Bäumchen mit
-dicken, grünen Blättern und drei dunklen Granatäpfeln sprießt aus der
-Erde und wölbt um Dadas am Bauch der Serbin ruhendes Haupt betäubende
-Wollust.
-
-Das Weib entfernt sich unmerklich, auf bleichen Schienen entwandelnd.
-Dada liegt quer über die Schienen gestreckt und küßt in blinder Inbrunst
-den schrecklichen Stahl. Dada biegt die Schrauben, lockert sie mit
-Steinschlägen, trägt die Schienen auf dem Rücken beiseite und befestigt,
-gehorsam der Slawin, das Hochexplosiv.
-
-Danach macht er sich fertig und wandert gen Osten in der Tracht
-kroatischer Bauern.
-
-
-
-
- KIEW.
-
-
-Durch die Serbin zu süßerer Qual entzündet als von allen Derobeas eilt
-Dada Rußland zu. Als ukrainischer Bauer kommt er nach Kiew. Entsandt von
-der neuen Einheitsrasse, die Europas blutgedüngter Erde entsproß, seinem
-erstickenden Völkergefängnis entsprungen, entkettet, entbunden, entrollt
-zu Wirrsalen des Staatenumsturzes, fernster Völkersicht, zu Stürmen,
-Himmeln, Bindungen erneuerten Festlandes.
-
-Im Dom zu Kiew kniet Dada vor den Bildern des Weltgerichts. Nachtdunkle
-Augenmale der weltverschlingenden Propheten starren auf das Meer
-Europas, in dessen Abgrunde brünstige Ungeheuer rollen. Jo, die Sklavin
-roher verderblicher Götter, nimmt gepeitscht durch kimerische Länder
-ihren qualvollen Lauf zu den Zinnen des Kaukasus. Über prometheischer
-Zwiesprache zürnt das feurige Antlitz des Stiergottes durch die Wolken
-und beschattet das junge Europa mit endloser Zwietracht und Krieg,
-gleich Blitzen unter Wolken gestreut.
-
-Die furchtbaren Tiere regen sich markzehrend in Europas Tiefen: Plage,
-Seuche, Hunger, Aufruhr, Gewalttat, Verfolgung, Mord. Die Heiligen des
-Pantokrators, erhöht über Verbrechen und Schwächen, gewaffnet mit Jovis
-Blitzen und dem Bannfluch, um jede Seele botmäßig zu machen, starren
-glühend in den unermeßlichen Abgrund, über dem sie ihre Macht errichtet
-haben. Heulende Gewalten werfen sich in den Staub, Zerknirschte tun
-Buße, das Schwert zerschellt, seine Schrecken enden am gläsernen Meere,
-das unwandelbar von Gottes Stuhl über Europa fließt.
-
-Die Gottesmutter nimmt die Gestalt der Serbin an. Sie stiehlt das
-goldene Vlies des Orients. Dada wird in Kolchis seinen Bock den alten
-Göttern schlachten und er wehrt es nicht den neuen, ihr Mahl am frischen
-Lamme zu halten und das Opferblut zu trinken. Dada sieht den
-Transportzug in der hellhörigen, zartleuchtenden Nacht, die Explosion
-und den Zusammenstoß: die Raserei der Verwundeten, die Schreie der
-Getöteten, die Schande des Mordes haben seine Seele erreicht. Das Lamm
-ist zerrissen, das Blut dampft um Rache im strengen Licht von Patmos --
-das die Stufen beglänzt, auf denen die schwarzen Väter thronen.
-
-
-
-
- KAUKASUS.
-
-
-Brücken, Stahlschienen, Wagen tragen den Leib des glücklich dem
-wolhynischen Gemetzel Entronnenen. Bäche, Ströme, Hügel beugen ihre
-breiten Rücken, Wälder setzen ihren schwarzen Fuß zögernd in die endlose
-Steppe und nehmen endlich Abschied von Dada. Russische Dome heben ihre
-Türme mit Zimbeln der goldenen Kuppeln und zärtlichen Kreuzen.
-Rosa-Lämmer mit Glöckchen um den Hals springen auf zum Silbermond in
-grüner Abendaue, und ein Lächeln betaut Dadas Angesicht. Eines der
-Rosalämmer hüpft auf die gewölbte Mondsichel, und Dada faßt hinauf in
-dem zärtlichen Bedürfnis, als der gute Hirte das Tier auf den Arm und an
-seine Brust zu nehmen. Da schwillt die zarte Rosagestalt ungeheuer an
-zum blutroten Mastodon, dessen Wanst langsam über den kleinen Mond sinkt
-und ihn mit blauen Riesenschatten verhüllt.
-
-Die himmlischen Eisdiamanten des Kaukasus erscheinen am Himmelsgewölbe,
-königlich über den Reichen des Lebens. Keine Absolution durch
-Handauflegen, keine Gnade durch Messe und Rosenkranz -- erdwurzelnder
-Glaube, strenge Ordnung, Riesenkreis säulenstarker Offenbarung. Die
-feierlichen Stimmen der Berge dulden keine versteckten Winkel voller
-Trägheit und keine Schlammfelder voll anarchischer Mordtaten.
-
-Die Berge wandeln erhaben, senken sich, ruhen, steigen an und neigen
-schwarze Riesentafeln über Dada. Eisige Windströme stoßen von
-nächtlichen Hängen, reißen und kälten ins Mark. Düster geduckt harrt
-Dada zwischen Bauern gekauert, auf den Ausbruch des roten Wahnsinns,
-wenn vom Riegel des Orients die Trompete schallt und die Nie-Entsühnten
-zum Weltgerichte ladet.
-
- * * * * *
-
-Durch die Städte des Hafis gelangt Dada zum Indischen Ozean. Mit
-englischen Khakis, die zur Front nach Görz eingeschifft werden, geht
-Dada an Bord eines mit Rauten und Rechtecken übermalten Kreuzers. Anders
-als er in Pola über die Adria emporflog zur Eroberung des Poles,
-belastet, verdumpft, zugeschüttet, kehrt er endlich heim von seiner
-Europareise zu Italia: zu ihr, die ihn als ihren Marschall aussandte,
-kehrt er müde und ohne sein schimmerndes Schild heroischer Taten zurück
-und keine Hymne Emanueles rauscht heimatskündend dem vielbewanderten
-Dada.
-
-Krank, zerrüttet verbringt der Flüchtling die Reise im Bette. Im
-Fiebertraum steigt der Kaukasus immer drohender, in schrecklicher
-Schönheit empor. Dada klimmt an düstren Hängen auf und hämmert hilflos
-einsam riesige kubische Glastafeln an die Felswände. Aber sie lockern
-sich schnell und stürzen in die Tiefe, aus der furchtbare Windströme die
-Kräfte seiner Arme saugen. Qualgeblendet steigt Dada zu den
-prometheischen Firnen auf, um ihnen seine antiseptischen Glastafeln
-aufzuhämmern, aber die mächtigen Berge spotten seiner kindischen
-Anstrengungen.
-
-Als das Fieber von Dada weicht, bemächtigt sich des Dichters ein
-dämonischer Glaswahn: mit riesigen Glastafeln will er Berge, Küsten und
-Hochflächen bedecken und sie schützen vor der Fäulnis und Verderbnis des
-kriegführenden Europas durch eine Erdarchitektur des Glases.
-
- * * * * *
-
-In Brindisi betritt Dada das gelobte Land unter den Huldigungen der
-weiblichen Bevölkerung, die einen Helden vermutet. Die gewaltige
-Gestalt, gehüllt in einen schweren Mantel von Kardinalsrot, zieht aller
-Blicke an. Während Dada die Terrassen vom Meere heraufschreitet, wird er
-mit Blumen überschüttet, Körbe mit Früchten Siziliens werden ihm
-nachgetragen.
-
-Dada wölbt die athletische Brust und spricht zu den italienischen
-Frauen: »Der Held träumte unter den Blumen des Orients vom armen Karst
-im Norden, den die lateinische Flagge seit Jahrhunderten nicht mehr
-küßte. Der Held fährt zu der schaurigen Hölle zu Füßen der Alpen, die
-eure lebendigen Söhne frißt.«
-
-Dadas Ruhm beginnt. In Neapel und Rom wird er interviewt und gefilmt,
-Barzini schildert seine antarktische Reise. Jenes dunkle Attentat auf
-die ukrainische Eisenbahnlinie, das vielen Tschakos den Garaus gemacht,
-und das der Dichter der Urlaute in einem molligen Interview zum besten
-gegeben hat, wird in der ganzen Kriegspresse abgedruckt zur Förderung
-einer gesunden Akzentuierung der Heeresberichte. Seine Hymnen werden als
-patriotische Kundgebung für den Sieg Italiens über den Nordpol
-verherrlicht, und die um Bissolati träumen von seinem Denkmal auf dem
-Karst. Nur der Avanti erklärt sich gegen eine öffentliche Geldsammlung
-für die Statue Dadas.
-
-Der Gefeierte im roten Kardinalsmantel aber träumt von höheren Ehren und
-von einem andern Ruhm, der ihm nicht von seinem Nebenbuhler d'Annunzio
-und der Rache der Anarchisten streitig gemacht werden kann.
-
-
-
-
- VENEDIG.
-
-
-Aus dem kriegsrasenden Rom flüchtet Dada nach Toskana und kommt eines
-Nachts in Venedig an. Er legt seinen roten Mantel ab, und in
-Arbeitsbluse, unter angenommenen Namen tritt er in einer der alten
-Glasfabriken von Murano ein.
-
-Er lernt die erste Stufe der Erzeugung reiner Glas- und Kristallflüsse,
-das Schmelzen, Brennen und Schleifen untadliger Gläser, köstlicher
-Spiegel und Sichtgläser, die den Weltraum zu zarten funkelnden
-Brennpunkten verdichten.
-
-Dada träumt davon, ein Glas von Dauer und Härte der Steine herzustellen,
-das gegen alle Erschütterungen gefestigt ist, ohne jedoch den
-natürlichen Verwitterungen ausgesetzt zu sein wie jene. In riesigen
-kubischen Platten soll es geschnitten werden, und es soll lodern von
-feurigen Flüssen oder Bändern in den Spektralfarben. Sonnen,
-Wolkenschlachten und Liebesmahle sollen zum leuchtenden Schmuck der
-Erdringe werden. Er will die Erde panzern mit antiseptischem Glas, indem
-er den Drohungen des Kaukasus trotzt.
-
-Die düstren Kalkhalden und vegetationslosen Hochflächen des istrischen
-Karst sollen geschnitten, geteilt, und durch Glätten und Schleifen in
-drei- und rechteckigen Formen gegeneinander gesetzt werden und die Berge
-als polygonale, pyramidale und kubische Felskörper eine ungeheure
-Raumgestalt in den Himmel türmen. Auf dem geschliffenen Gebirge sollen
-Italiens Arbeiter die Flächen auslegen und vernieten mit den dauerhaften
-und farbigen Glaspanzerplatten seines kaukasischen Traums. Hoch über der
-Adria soll das neue Kap Sunium, das glasgepanzerte Vorgebirge Istriens
-funkeln als der Diamant Europas und die Lateiner in Ravenna und Rimini
-an heiteren Tagen brüderlich grüßen: Denkmal der Freiheit und Verkündung
-und Triumph der Lateiner über den rohen Weltkrieg.
-
-An beweglichen Stahlgestellen sollen riesige Refraktoren bis über die
-letzte terrestrische Luftschichtung hinaufstoßen und mit einsamen,
-stillen Augen das Leben des Himmels, des Festlandes und des Meeres
-beobachten. Von riesigen, sehr schlanken, witterungsbeständigen
-Glastürmen sollen leuchtende Explosionen von Radium über die magnetische
-Sphäre der Erdrinde hinausfahren, und sich zur Selbstbewegung nach
-glänzenderen Brennpunkten des Alls entfalten, um sich zu ergießen oder
-stürmisch mitzureißen und zum Karst zurückzukehren und aus kosmischer
-Vermischung den durch Jahrhunderte zur Dürre verdammten Fels mit
-brennender Erde zu befruchten.
-
-Das aus dieser Befruchtung neu erstehende Vaterland soll mit Venedig
-durch eine Brücke aus sturmhartem Kristall in ungeheuren schneeweißen
-Bögen über die Adria verbunden werden, und die Brücke wird die Statuen
-der Dogen tragen, die durch den Ring der Adria vermählt waren. Dada
-sucht den Kristall zu gewinnen, durch den die kosmische Schönheit der
-Erde verwirklicht wird: Er bereitet eine Metallbindung mit Email vor, um
-die Glassteine zu mörteln. Auf istrischem Karst soll der Klotz von Glas
-wachsen, der die Last der weißen Glasbögen auf ihren hohen Feuertürmen
-übers Meer hebt und ihre letzte sanfte Wölbung vor Venedigs Markusturm
-entladet zur unlöslichen Vereinigung Istriens mit Italien.
-
-Der kristallspannende Blick des Erdarchitekten erhebt sich über Europa
-und mißt das lateinische Reich, von Venedig bis zur Kreidewand von
-Dover, und vom Libanon bis zum schwarzen Felsenhaupte Gibraltars und
-über die Südsee zum lateinischen Amerika.
-
-
-
-
- ENGADIN.
-
-
-In der Fabrik erhält der Arbeiter Dada den Befehl, sich zum
-italienischen Heere zu stellen. Der unglücklich die Freiheit Istriens
-liebende Glaspionier wird unter Emanueles Fahnen gerufen. Er meldet sich
-zum Flugdienst und wird in der Führung eines Äroplanes ausgebildet.
-Eines Tages darf er emporsteigen und in den Wolken gen Triest fahren. Er
-jubelt Miramar zu und der ganzen Küste und wirft tausende Drucke seiner
-Hymnen über die Städte bis Abbazia. In einer späteren Nacht wagt er den
-ersten Flug mit Bombenabwurf auf die Arsenale von Pola. Aus
-Todesschauern der schütteren Erde und Feuerwirbeln, die das Festeste
-zerstören, nimmt Dada das Steuer zum Mittelmeer, und Italia fliegt
-brausend neben ihm als sein göttlicher Albatros.
-
-Dada unternimmt einen Bergflug vom Gardasee über die Tiroler Alpen bis
-ins Herz Bayerns. Er wandert ganz einsam in die blaue Luft gehängt, mit
-unbeflecktem Fuß über Schründe, Spalten, Grate, Zinnen, Firne, Gletscher
-auf der Sonnenbahn nach Norden. Die Firne glänzen: blau, grün,
-scharlach, ocker. Bergtäler öffnen sich zu ungeheuren Blüten des Enzian.
-Klüfte, Spalten, Schründe mit Gletscherstürzen entfalten schmale, nie
-gelesene Buchrollen der Tiefe aus ewigem Kristall. Berggrate sind
-überwölkt von Silberrosen, Edelweiß auf Mammuthrücken.
-
-Heftige Windströme saugen um die Klippen, und der Flieger wehrt sich um
-sein Leben. Schüsse prallen rings, von schlagenden Granaten bebt Trafoi.
-Dada biegt nach Westen, um nicht vom Tiroler Feuerringe gefaßt zu
-werden. An der Schweizer Grenze wird er durch erdstürzenden Windstrom
-herabgezwungen. Er landet auf einer Halde über dem Tale von Pontresina,
-sprengt das Flugzeug und flüchtet in die Klüfte des Corwatsch, denn die
-Täler sind voll Soldaten. Von Hirten bekommt er Nahrung und
-Bauernkleider und endlich wagt er sich als deutscher Flüchtling aus
-Zürich in das Engadin.
-
- * * * * *
-
-Das obere Engadin mit breiten tiefgrünen Bergseen zu Füßen wohlgeformter
-Schneegebirge ist eine ungeheure Enzianblüte. Im Anblick der himmlischen
-Eisdiamanten sucht Dada die Einsamkeit, ewige Frische und Reinheit der
-Luft von Chasté auf. Das ist kein Karst. Gewaltige Lärchen, Bergfichten,
-Eichen steigen bis zur Geröllzone in mächtigen Waldungen auf. So war
-einst Attika von den Hainen des Zeus bedeckt. Nebel und Wolken schweben
-mit Riesenschatten wandernder Legionen feierlich um die Bergzinnen, und
-diese tauchen schneeblitzender in der tiefsten Bläue auf.
-
-Dada mietet ein Gehöft am Ufer des grünen Bergsees. »Einsame
-Zärtlichkeit« schreibt er über die Tür seines Hauses. Kein Zaun
-umschränkt es, kein Hofhund stört, und das Gezwitscher der roten
-Schweizer Wäschermädels tief am grünen See erquickt sein Geborgensein.
-Der hölzerne Oberbau mit dem giebeligen Dach ist fortgenommen und auf
-den viereckigen Granitunterbau ein hoher, flächig polygonaler Glasbau
-gesetzt worden. Das ist der Hauswohnraum Dadas zu ebener Erde, und
-drüber die gläserne Allwarte in Gestalt eines spitzen Hutes.
-
-Von den Urlauten der Kinder und der Primitiven wendet sich der Dichter
-dem terrestrischen Magnetismus zu. Er arbeitet an der Herstellung eines
-absoluten Kristalls, das Feuer, Sprengung und Wasser widersteht. Er
-schmilzt ein Glas von äußerster Empfindlichkeit für Farben und Schatten
-der Luft. An heiteren Tagen steigt aus dem Glaspilz am stählernen Gelenk
-der große Luftspiegel in die Höhe, mit dem Dada bildtelegraphisch Himmel
-und Firn beobachtet in ihren unerhörten Wandlungen.
-
-Glücklich das kleine Stück Felsland, das vor der unreinen Überschwemmung
-des europäischen Reisepublikums durch die schützende Lohe des Weltkriegs
-noch eine Weile bewahrt blieb. Zahnradbahn und Massenwanderungen zum
-Gletscher verfinstern nicht das Eis der Gipfel, das Schweigen und die
-herbe Glut der Felsen. Der mächtige Sturzklang der Quellbäche am Granit
-der Hochwände wird nicht von den Brüllaffen der Mode, des Sports und
-Flirts zertreten. Der Anblick der Gestirne, elektrisch zitternder
-Nachtglanz des Alls, Belauschung des stillen Streits kosmischer
-Todeskräfte, werden nicht roh unterbrochen durch Sprechwerkzeuge, die
-leider nicht die der Grille und Nachtigall sind.
-
-Dadas Zärtlichkeit: Das Sausen des Windes, des mitternachtgeborenen, in
-den Seewellen am Hain von Chasté, die heißen Felswände in wechselnden
-Schatten und der Firn. Den mondrunden Spiegel hat Dada über den
-kaiserlichen Firn gehängt, um das hohl geschwollene, weggreifende Ich
-fortzuätzen und die Erde von unreiner tierischer Kruste der fäulenden
-Ichs zu befreien.
-
-Dadas Freuden: Versenkung, Innendienst mit Herz und Hirn, Beobachtung,
-freie göttliche Bewegung der schaffenden, messenden, wägenden Hand.
-Diese Freuden dauern, ohne schal zu werden.
-
-Das neue Vaterland der Idee ist erschienen, das Engadin der Alliebe, die
-Bergheimat zärtlicher Innquellen, bereit zum Schmuck der Erdrinde mit
-geschliffenem Kristall. Europas Arbeiter sollen nicht mehr Europas
-Kriege führen, sondern Europas Berge meißeln und die rauhsten Werke mit
-Juwelen gottbeseelter Erdheimat schmücken.
-
-In den Gerölleinöden des roten Corvatsch läßt Dada durch Arbeiter einen
-Stuhl in die Felsen meißeln. Den obersten Teil des Gipfels mit seinem
-Zinnenriff läßt er in mächtigen kubischen Flächen arbeiten zu einem
-unregelmäßig polygonalen Riesenblock. Und seine Flächen läßt er mit
-Platten geflammten Glases bedecken, so hart und dauerhaft, wie die
-Schweizer Glasfabrik sie nach seiner Vorschrift hat machen können.
-
-Den Sitz seines Felsenstuhles läßt Dada aus Glas in der Form einer
-gewölbten Schildkrötenschale befestigen, und die hohe Lehne ist ein
-Mantel starr gefalteten Glases von tiefer Blaustrahlung. Über dem Mantel
-steht der mondrunde Spiegel. Habicht, Falke, Steinadler umkreisen das
-hohe Auge, und vor dem blauen Mantel sinken in die Tiefe mitbürgerlicher
-Argwohn und tödlicher Haß gegen den Eindringling auf uralten Heimatfels.
-
-Reiner, tiefer, prächtiger sind die Farben der Erdtiefe. Das mächtige
-Weltherz pulst in den Bildern des Spiegels. Massensterben in Gräben,
-qualenbedecktes Getrümmer, blutiger Tierjammer wutzerrissener
-Millionengesichter, Todesfratzen mit schrecklichem Wundtod. Die
-Katharsis nimmt den bedingten tragischen Lauf ihrer Greuel.
-
-Aber wer vermag zu ertragen, wie auch nur _ein_ menschliches Herz bricht
--- und muß ohnmächtig daneben stehen! Dada lenkt seinen Spiegel über den
-Firn, machtlos, die Wut der Menschenschlächterei anzuhalten, und
-diejenigen zur Freiheit zu lenken, die noch immer nur das Opfer vor den
-Göttern des Blutes kennen. Dieselben, die Flugzeuge lenken, Bomben
-werfen und Menschen töten.
-
-
-
-
- DER SPIEGEL EUROPAS.
-
-
-Dem Monde ist eine magnetische Kraft zu eigen, deren Strahlung die Meere
-der Erde folgen. Ein Flutberg steigt zu gemessener Zeit empor und
-überrollt den Ozean auf seinem zum Horizont hinangewölbten Rücken.
-
-Ein Flutberg menschlicher Seelenkraft erscheint über dem Meer der
-Völker: die Idee für die Omnes ruft die Seelen zur unlöslichen
-Verschmelzung. Der verbindende sanfte Mond der Völker erscheint und
-wandelt hin im Strahlenkleid der menschlichen Ekstasen. Mit seinem
-allgegenwärtigen Licht umfaßt er die Landschaft der Kräfte und
-Bezauberungen. Leidenschaftlich empfunden, stark erlebt ist die Idee nur
-wenigen geistig sichtbar. Ein Haupt denkt diese Idee: der zornige rote
-Christus betritt die Wolken zum Gerichte und stürzt die Gäste der Welt
-in die Tiefe. Auf der Flut von Morgen gen Mitternacht drückt sie ihre
-leuchtende Spur in die Millionen Geistigen. Und aus der Flut erhebt sich
-die Tat, die den Erdball in ungewisse Zukunft schleudert und die
-Freiheit in ihrem blutigen Wirbel beschwört.
-
-Ein unsichtbarer Flutberg bricht aus den feindseligen Fronten empor, aus
-Krampf und Leid von Millionen Todbedrohter und Verdammter. Er rollt von
-Osten heran und pflanzt seine schwarzen Wimpel auf Deutschland und
-Frankreich, und bedeckt die Götzenbilder der zerbrochenen Völker mit
-seiner stillen, mächtigen Woge: den russischen Pantokrator, die
-Kriegsgötter Germaniens und den Gladiatorenhelm Frankreichs. Vergeblich
-haben die Götter schrankenlosen Wahnes Kriegsmaschinen in die Finsternis
-eingebaut: Die Idee des einen Hauptes, die Idee im mächtigen Schweigen,
-in dem unauflöslichen Licht von Millionen Geistigen lebt fruchtbar und
-wirkt.
-
-Ewige Blutnacht Bartholomäi über Europa! Die Idee steht reinster Sonne
-in dem einen Herzen auf, im gemeinsamen Herzen der tödlich Gelockerten
-und Opfergekrümmten. Weihnacht des künftigen Europa, du beschwörst die
-Schande der Völker, du wehklagst und tötest.
-
-Ruhelosigkeit, geheime Furcht, fieberige Schrecken bewältigen die
-Mächtigen. Sie wechseln die nächtliche Schlafstätte, sie verlieren den
-ursprünglichen Stolz der Überzeugung, sie fürchten gewaltsamen Tod, sie
-haben die persönliche Ehre verloren, sie gleichen dem gehetzten
-Napoleon, der den Giftbecher nimmt, ihn aber fortstößt und sich ergibt,
-um Ruhe zu haben. Auch sie, die jetzt Furcht haben, ergeben sich den
-Giftmischern, um Kirchhofsruhe zu haben, um den Qualen zu entrinnen. Der
-Gladiator Frankreichs, der Dilettant des Thrones, der sich selbst als
-Friedensfürst bezeichnete, samt seinen Teutonen, Emanuele, der König der
-heiligen National-Selbstsucht -- vor ihnen erscheint der makellose
-Spiegel Dadas und zeigt ihnen im weißen Rund das Bild des armen Zaren,
-der unter einer Salve von Narren »glücklich« verscheidet.
-
-Mit kundiger Macht sendet Dada die Strahlung in die Nächte der
-Machthaber und Ehrsüchtigen. Auf Tribünen, im Auto, inmitten
-öffentlicher Ansprachen, bei der Fahrt durch die Städte, bei
-militärischen Schaustellungen, bei städtischen Prunkaufzügen, inmitten
-von Banketten, Militärs und Deputierten: erscheint die Grimasse des
-glücklich Verschiedenen. Das Scharren eines Stuhles im Saale, das
-Knirschen eines Schuhes oder seidenen Kleides, ein elektrischer Schlag,
-schauernd vom Ganglion des Großhirns bis in die Eingeweide -- das
-Gottesauge schaut auf den Gladiator. Das Fieber des Tigers wird weiß und
-kalt. Die Teutonen tauschen im starren Krampf Puppenbewegung der steifen
-quadratischen Häupter. Allen, die Feinde sind, Feinde sich, dem All,
-allen, allen Soldaten, die dem Schlamm des Krieges entronnen sind,
-selbst den Kindern des neuen Raubtiers aus Atlantis erscheint die
-schreckliche Idee im Spiegel: die Drohung der Selbstzerstörung.
-
-Der Flutberg naht. Er überrollt den Ozean, er hat seine Breite, niemand
-ist ausgenommen, wo ist Gang und Richtung zu erkennen! Vor dem Kristall
-am Corvatsch steht der Beschwörer und betrachtet den Gang eines Käfers
-auf seiner Hand. Und der die Tiere in Menschen sieht und die Götter in
-den Tieren, sinkt in die Kniee und betet.
-
-
-
-
- DER FIRNDOM.
-
-
-Dada hat kein Vaterland.
-
-Er meidet und fürchtet, das trunken und satt vom Blut ist: Patriotismus,
-Nationalniedertracht, Irredenta, Pöbelwahn, Heroismus des stumpfen,
-irrsinnigen Maschinentodes. Schutz und Höhe der Felsen, leichte stille
-Lüfte und reines Blau der Idee Europa -- in ihrer Hut bildet sich das
-Wunder der Freiheit.
-
-Die Eisbärenflanken des Berninafirns erglühen im zartesten Gold- und
-Weinrot, und zu seinen Füßen ruhen die Felsen in scharlachner Tiefe:
-eisig rot, lila, blau. Auf diesen Alpenbergen will Dada die erste
-Schöpfung eines erneuerten Europa der Arbeit und wiedergeborener Künste
-errichten. Noch ruhen die Gletscher und Firne in mondlicher Sanftheit
-der Hänge, in Stille von dünnster Klarheit, in der das Herz scharf
-dröhnt, als höbe es sich selbst aus der Brust, um in ungeheurer Höhe zu
-kreisen und sein Blut zu vergießen. Die Erdrinde erhebt die rauhste und
-erhabenste Sprache zur Feier und zum Triumph der Menschheit. Dada sieht
-beglückt seinen höchsten Traum.
-
-Er erhält das Recht, auf dem Bernina einen Dom der Schönheit aus Glas zu
-errichten zu Ehren der freien Demokratien Europas. Er wirbt eine
-Arbeiterarmee an. Glasschmelzen und Schleifereien werden gegründet,
-elektrische Motore arbeiten und treiben Bohrmaschinen, um die Fundamente
-des Glasdoms in den Felsgrund zu senken. Gewaltige Stahlhämmer klopfen
-und plätten die Felswände zu geschrägten kubischen oder dreieckigen
-Flächen, die in kühnen Falzen und Winkeln aneinanderstoßen. Das ganze
-Massiv bis zur Schneegrenze wird von Geröll gesäubert, und in einen
-kolossalen, vielflächigen Kunstblock verwandelt, von dem jede Vegetation
-entfernt bleibt. Unwegsame Schluchten werden flächig ausgemeißelt und
-als Hohlwege bis zur Firngrenze ausgebaut. Drahtseilbahnen senden ihre
-Förderwagen zum Firn hinauf. Das Gebirge dröhnt vom Lärm der
-elektrischen Schleifarbeit, dem Hämmern der Arbeitermassen und den
-Sprengungen mit Dynamit.
-
-Noch ruhen die sanft gewölbten Hügel des ewigen Firns im makellosen
-Urlicht und im nächtlichen Schmuck der schimmernden, augengroßen
-Sterngehänge. Aber Dadas Heer dringt rastlos aufwärts, baut den
-Firnschnee mit Hilfe der Förderwagen ab, überbrückt die schneetiefen
-Klüfte mit Glasgewölben, bis der Gipfel in eisiger Herrlichkeit erreicht
-ist. Das grüne Firneis wird in riesigen Blöcken abgelöst und talab
-geseilt, und mit ihm werden unten die Dampfkessel gespeist. Die
-Abplattung des gesamten Gipfels ist rasch im Gange und die Zerstörung
-des alpinen Urriesen ist in wenigen Monaten geschehen. Eine ungeheure,
-nackte Hochfläche bleibt als Grundlagerung des vormaligen Firns.
-
-Nichts an dem nackten Riesenkegel soll unbewußt bleiben, das Ganze soll
-in Form, Fläche und Farbe gegliedert werden. Dada klettert in jede
-Felsritze, in die engen Betten schäumender Gebirgsbäche, die bald
-versiegen müssen, da ihnen das mütterliche Firn fehlt. Er läßt all diese
-kleinen Schönheitsfehler der Natur mit Glas überwölben und in den
-Klüften sanft ansteigende, überwölbte Treppen anlegen, die wie Tunnels
-elektrisch erleuchtet werden. Dada kämpft unter unerhörten
-Schwierigkeiten vorwärts. Seine Leute stürzen in Abgründe oder gehen an
-raschen Krankheiten zugrunde. Die Bergnebel verdunkeln tagelang jeden
-Schritt seiner Maultiere und Arbeiter. Der Föhn, furchtbare Unwetter,
-gegen die es auf den geplätteten Felswänden keinen Schutz gibt,
-vernichten die Arbeiterhütten, Menschen und Werkzeuge. Der ganze Bernina
-gleicht nur noch einer unermeßlichen Baustelle von Kriegsgewinnlern, ein
-Kegel armseligen Graus inmitten der Eiswildnis.
-
-Die erste farbige Platte von dauerhaftem, sturmhartem Glas wird
-feierlich unter Dadas Händen an den Fels genietet. Überall wird der Berg
-geplättet, poliert, gekantet, heroisiert, um schließlich ganz bekleidet
-zu werden mit grünen, schwefelgelben, scharlachnen, azurnen und
-irisierenden Glasplatten. Die Kunstnatur in Email geistert wunderlich
-ins Gebirge.
-
-Auf der platten Hochfläche läßt Dada einen Wald von riesigen, goldroten
-Säulen errichten und ihre Spitzen durch Glasbögen zur Gestalt einer
-kristallenen Rose verbinden. Das ist der Rosendom, von dem Dada geträumt
-hat. Das ist die Krönung des ungeheuren Werkes, des unerbittlichen
-Glasfirnes, der den Schweiß von Arbeiterheeren und das Vermögen Dadas
-gekostet hat. Als der Dom in kindlichem Geglitzer und in der
-Konfektarchitektur eines Ausstellungspalastes förmlich strahlt, ist Dada
-ärmer als der bronzene Hammelhirt am Roseggletscher.
-
-Er hat die Genugtuung, unter den Schwibbögen des Rosendomes die große
-weiße Glastafel aufgehängt zu sehen, auf der Dadas Aufruf an die
-künftige Brüderschaft freier Architekten Europas geprägt ist. Kein Gerät
-befindet sich in der weiten Halle aus rosenfarbigem Glas, das Licht
-dämmert sanft durch die Wände, und das Blau des Himmels dringt allein
-durch die klaren Glasflächen im Zenith des Domes. In den Wänden sind die
-Glaszeichnungen Dadas eingelassen, er, der sich selbst in diesem Dome
-als Präsidenten der Menschheit bezeichnet, hat hier seinen wunderlichen
-kaukasischen Glastraum niedergelegt. Das ist der Traum von Pyramiden,
-Domen, Olympias und hängenden Gärten aus Glas, vom Schliff des
-Matterhornes, des Monte Cristallo. Alle Bergwände sind geplättet, jede
-Kante ist stilisiert, jeder sanfte Abhang zur Terrasse ausgespreizt,
-Klüfte, Schründe, Höhlen, Abgründe werden von Glasbögen mit Windharfen
-überspannt, darauf der Föhn Urlaute spielt. Die Täler werden zu
-geöffneten Enzian- oder Oleanderblüten oder gespaltenen Granatäpfeln aus
-Glas. Die heroischen Hochalpen zieren Versailler Rosenlauben mit
-Rokokogärten aus Glas, die nachts von elektrischem Innenlicht zu
-feenhaften Girlanden aufstrahlen.
-
-Auf die Blöcke und Zacken uralter Wildgletscher sind Glasfelsendome
-gebaut. Über die Seen des Engadins und des Kantons Luzern sind
-Feststädte und Tempel auf Glassäulen bis zu den Berggipfeln erhöht, über
-den Bodensee bis zum Säntis hängende Gärten und Festterrassen mit
-türmenden Söllern und Sälen für Zusammenkünfte ganzer Städte und
-Provinzen. In diesen Tempeln und Festpalästen wird die Musik Mozarts von
-verborgenen mechanischen Instrumenten jederzeit tönen: alles ist leicht,
-spielend, heiter, still. Es gibt nur die Pflicht, zu schweigen und das
-Glas zu verehren.
-
-Dada ruft die Architekten zu den Entzückungen des Glases und Europas
-Arbeiterheere zu dem männlichen, rauhen Werke der Erdbezwingung.
-Gemeinsame Opfer, Qualen, Kämpfe, Arbeiten, gemeinsame Werke, Frucht,
-Belohnung, Genuß in den Glasdomen der Alpen.
-
-Danach dehnt Dada den Zauberkreis aus. Die Erdrinde erscheint, die
-Südsee, das farbige aber dunkle Asien. Die Nächte dieser kosmischen
-Meere sind durchglüht von riesigen Lingams oder Hörnern. Otaheiti,
-Neuseeland, Guinea sind durch Glasbögen auf Feuertürmen im Meere
-verbunden. Im Meere schweben Glastürme, denen Äroplane sich nähern.
-
-Über den Erdball von Nord nach Süd sind gestaltete, farbige Weltnebel
-gewölkt, um nächtlich diejenigen zu erfreuen, die der Plakate von
-Liebigs Fleischextrakt und Zuntz' Kaffee müde geworden sind.
-Aufschießende Sternkristalle, rote Diskusse, grüne Saturne, gelbe
-Oktoëder aus sphärischem Quarz bindet Dada magnetisch zwischen Pol und
-dem Gleicher und furcht den Tageshimmel mit dem Fluge kubischer
-Projektile, anderer, als die der Zerstörung! Sie streuen aus den Lüften
-farbige Flugblätter zur Verherrlichung gemeinsamer Arbeit, gemeinsamen
-Genusses im Park Europa.
-
-Dada verheißt Wunder dem armen Menschenwurm des Erdsternes, ihm, der von
-härtester Fabrikfron erschöpft ist und sich in Kriegen zerfleischt, die
-seinen Fabriken entspringen. Der Präsident der Menschheit ist an den
-Rand des schäumenden Wahnes gelangt, die Menschen durch Glas zu erlösen.
-Verarmt, unfähig, das Glaswerk fortzusetzen, ohnmächtig vor der
-gepanzerten Gleichgültigkeit demokratischer Regierungen, die schließlich
-nur der abgesonderten vaterländischen Selbstsucht zu leben verstehen.
-
-Dada muß den Firndom dem Verfall überlassen. Langsam, aber unbezwinglich
-ist die Rache des kastrierten Bernina. Die Schnee- und Eisgeschiebe
-erneuern sich, die Verankerungen lockern sich, Eisbäche sprengen die
-Glastunnels, der Sturm bricht die Glasbögen, und die Glasplatten werden
-vom Eis bedeckt und stürzen in die Tiefe ab.
-
-Neugierige Fremde aus St. Moritz kommen und starren auf die unermeßliche
-Narrheit aus finstrer Kriegszeit und spotten ihrer. Eines Tages steigen
-Bewohner des Engadin zum Corvatsch auf und verjagen Dada mit Steinwürfen
-von seinem Felsensitz wie einen räudigen Hund und zertrümmern seinen
-Spiegel.
-
-
-
-
- GRAUBÜNDEN.
-
-
-Selbst die republikanische Schweiz mit ihrer zwieschlächtigen Seele und
-ihren innerpolitischen Fehden ist nicht die Stätte jener Freiheit, die
-Dada vergebens sucht. Er hat Hymnen auf ein Vaterland gedichtet, das
-Slowaken und ähnliche Halbslawen unter sich teilen. Er hat Glasdome für
-ein Europa bauen wollen, von dessen Rumpf köstliche Glieder
-abgeschnitten wurden, und dem der Jugendsaft verluderte und giftig
-wurde. Sein Ruf nach einer antiseptischen Glasarchitektur der Alpen
-verhallt ohnmächtig vor dem Empörergeschrei der von Kriegsknechtschaft
-befreiten Völker. Wo wird Dada eine Nation finden, die seine magnetische
-Erleuchtung und Erwärmung der Erdrinde zur Reife bringen würde! Wo soll
-er Helfer werben, um den Plan der Ausgleichung der kosmischen Klimate
-und der Vermondung des Erdkörpers zu verwirklichen.
-
-Aus den wilden Eitelkeiten des Rosendomes mußte er zurückweichen und zu
-spät einsehen, daß für die Erhabenheit eines Gebäudes seine Höhenlage
-unwichtig ist. Der Azursaal des Rosendomes hätte dasselbe Blau des
-Himmels gezeigt, wenn er auf einer geringen Anhöhe am Vierwaldstättersee
-oder am Rhein bei Basel gebaut worden wäre. Das Parthenon brauchte
-keinen alpinen Sockel, und für Paestum genügte das Mittelmeer. Nachdem
-Dada den Bernina zerstört hat mit der Gedankenlosigkeit, die kein
-Bewußtsein hat von dem innigen Zusammenhange des ganzen Naturlebens,
-machte er es sich von neuem bequem auf einer Geröllhalde des
-Steinreichs, inmitten der verkarsteten Riesenalpen Graubündens. Eine
-Herde von Ziegen, Hammeln und Rindern, sowie allerlei nützliches
-Kleinvieh und Hunde nennt er sein eigen, er hütet selbst seine Arche und
-nährt sich von ihr. Er hat eine Almenmatte und ein Felsenhaus aus
-Geröllsteinen, für Hirten hergerichtet, gepachtet und betreibt Viehzucht
-und Milchhandel. Inmitten seiner Tiere führt er täglich das genüßlich
-phallische Dasein eines »Ketzers von Soana«, das ein modischer Dichter
-erotisch-geistlich seiner großstädtischen Lesewelt dargestellt hat.
-
-Dada liegt den ganzen Tag ausgestreckt herkulischen Leibes im saftigen
-Würzgras der Alm. In den Alpenkräutern blüht der tiefäugige Enzian, und
-starke Felsen über ihm halten dichte Kissen von Sonnenglut um die
-regungslose Halde, auf der die Hammel fressen. Der istrische Apoll im
-blauen Leinenkittel liegt träg auf dem Bauche und bestaunt seine eigenen
-vom Sonnenlicht goldgefärbten Beine und Arme. Die Schwingung des tiefen
-Tals ründet sich sanft empor gleich dem Bauch seiner guten
-sattgefressenen Rinder, die nach ihm brüllen, um ihm die Lasten
-anzukündigen, die sie im Leibe für ihn tragen. Dada liebt dankbar und
-zärtlich seine ernährenden Freunde, und stärker als je von Italias und
-Derobeas Gnaden hüllt seine Glieder schwelgerisch mästende Fülle in der
-Sommerfrische Graubündens.
-
-Dada bewundert die Tiere, und ihr Leben wandelt als ein endloses
-Schauspiel an seinem müßigen Gaffen vorbei: Sie fressen, darum müssen
-sie sich regen, spielen, sich vertragen oder sich bekämpfen. Sie lagern
-sich, flüchten, begatten sich, sind grausam und leidenschaftlich,
-ungestüm und feurig boshaft. Dada liebt besonders das unverschämte Glück
-und die sachliche Einfachheit der Begattung seiner Tiere. Er hört das
-schwere Ruhegebrüll der Rinder, die den Schatten in der Mittagsglut und
-das klare Bächlein lieben.
-
-Dada spricht mit den Tieren, gemäß dem verschiedenen Charakter ihrer
-Laute, und folgt mit seiner Erkenntnis den Bahnen ihrer instinktiven
-Bewegungen, um die Rätsel ihrer Sprechzeichen und vielgestaltigen
-Stimmen zu entziffern. Er hat einmal jeder großen Sprache des
-europäischen Menschen wahlverwandt angehört, und er meidet fortan die
-Menschenworte und was ihresgleichen, um in den Tierlauten gleichen Sinn
-und Trieb zu erkennen, nur mütterlich traulicher und treuer. Dada lebt
-entzückt in den hymnisch-orphischen Kräften der Tiere, in der
-strahlenden Energie ihres natürlich Bösen, in der furchtbaren
-Schöpferkraft, die frißt, tötet, zeugt und schweigt. Er lebt ihren
-Alltag, ihre Feiern, ihre herdenhaften Beziehungen, die er mit denen des
-antiken Menschen vergleicht. An kalten oder regnerischen Tagen schließt
-er sich mit den Tieren in dem gemeinsamen großen Wohnraum des
-Felsenhauses ein, und diese in Jahrtausenden familienhafter
-Hausgenossenschaft erzogenen Tiere sind Tag und Nacht sein Trost,
-mitleidsvoll und sorgend lebt er in ihren Augen, ihren Freuden, ihrem
-Kranksein und Sterben.
-
-Über die Laute der Felsen und Bäume und Erdtiere werfen Habicht, Geier,
-Adler und Falke ihre Mordschreie empor in die Lüfte bis zum Bereich, wo
-die tierischen Laute verlöschen vor dem freien Genius des Schweigens,
-der im stillsten Glanze der feinsten Bindung ferner Erdkräfte schwebt.
-Die magnetische Rinde hält wohltätig die Sonnenstrahlung in ihrem
-Bereich gesammelt, hüllt sich mit ihr, und läßt sich durchdringen und
-wärmen von ihr zu immer erneuerter Fruchtbarkeit, um das
-Traulich-Wohlbewohnte zu begründen.
-
-Erde und Gebirge haben lange auf den Menschen gewartet. Das Tier, das
-zärtlich geliebt wird, hat die Felsen mit warmen Vliesen bedeckt, um
-sich in der Sonne liebkosen zu lassen. Die Felsen träumen gern von den
-guten glücklichen Tieren und beschwören Gemse und Steinbock, Albatros
-und Adler zu ihren Wächtern und Spähern. Vor der Frühe bedecken sie sich
-mit Tau und sie fürchten die eisige Vernichtung und den Haß der
-Menschheit. Dada ist unter den letzten einer sterbenden Erdrasse, die
-Tiere genannt werden, weil die Menschen ihren Haß auf sie abgeladen
-haben.
-
-Die Gipfel Graubündens nehmen die Formen riesig ruhender Tierhäupter an.
-Übertierische Gestalten von Kranich, Hund und Widder stehen
-hochaufgerichtet in die Felsen gemeißelt. Über den Felsen erheben sich
-die Göttergestalten der großen Tierrassen, sitzend über dem Erdkreis
-gegründet: Löwe und Stier. Das brummende Moo der Stiere, das erzene
-Geschmetter der Böcke, die Urstimmen aller Geschöpfe, die von den Seen
-bis zu den Schneezinnen Graubündens schweifen, dichtet Dada, und bildet
-in ihren Lauten die Veden und die ägyptischen Gebete, die Stier und
-Widder als Götter anriefen. In die milden Hammellaute übersetzt Dada die
-Brünste, Ängste, Untergänge der Tiere in Urwut und Urklang.
-
-
-
-
- DER ROTE WIDDER.
-
-
-Der feurige Widder, der trotzende Liebling der Herde, der Gott seiner
-Rasse wird in Dadas Felsenhaus geboren. Zur Kraft erwachsen, tritt er
-eines Morgens rot und stark auf die letzte Felsenstufe und geht auf über
-Dadas Felsgipfel: Sonne der Tierheit, die nicht mit Blut gemästet und
-nicht von den düstren Flecken der Verwesung angefaßt ist. Sein Gehörn
-ist edel geschweift, der Bart feurig und züngelnd, die feinen,
-bergharten Gelenke sind zum Sprung gestrafft.
-
-Sorglich schreitet Dada mit der gewölbten Brust und den milden Armen des
-Vaters der Tiere auf dem Grate und tritt dicht zum Widder. Er legt beide
-breiten Hände auf das honigglänzende Geweih und spricht ruhig und stark
-in den wenigen Urlauten, in denen er das Geheimnis der Tiersprachen
-gefunden hat. Dada bringt langgezogene, wohltönende, weibliche Laute
-hervor, denen der Bock mit gemessen kriegerischem Geschmetter antwortet.
-Die harte Trompete des Bockes beherrscht den Gipfel, marschiert,
-befiehlt, hält Ordnung, während Dada hineinzutönen versucht und mit
-verschämtem Verlangen um Gleichberechtigung wirbt, nicht etwa für den
-Bock, sondern für sein Menschen-Ich. Hier folgt das Gespräch
-übersetzungsweise, das Dada kunstgemäß mit wenigen, aber immer
-verschieden gefalteten Tierlauten durchgeführt hat.
-
-»Lieber Sohn, ich will dir die schöne weiße Zuckerkante schenken, die
-drüben auf den Bergen hängt, und die feinen rosa Wolkenlämmer, die im
-tiefen Blau grasen, verlocken feurige Hammelbeine zu Galopp und Sprung.
-Willst du zu ihnen, mein Widder?«
-
-Der Widder erwidert in Urlauten, feurige Blitze seiner Bosheit fahren
-zum Talgrund:
-
-»Ich sehe viel weiter und will viel weiter, als du willst, lieber Herr.
-Deinen Zuckerkant lecke ich bald mit roter Zunge, und auf die rosa
-Wolkenlämmer setze ich meinen Bockstritt. Versuch mal diesen Galopp.«
-
-Der Bock zieht zehn scharfe Bogen hart um Dada auf dem gefährlichen
-Felsgrat, aber schließlich gesellt er sich wieder neben seinen Gebieter
-und Dada legt von neuem die Hand auf das honigglänzende Gehörn.
-
-»Über hundert Gipfel im Norden setzest du mit harten Läufen und dann
-gelangst du in das tiefe Land, das der Krieg beschattete mit Zerstörung
-und Verwesung. In diesem Lande wurde täglich und jahrelang das
-unzählbare Menschenfleisch von köstlichen Nationen der ganzen Erde mit
-Feuer und Stahl gemahlen, und die eklen Sümpfe wurden mit Blut gedüngt.
-Der Ätna, der Sudan, die Kalahari, keine Wüste der Erde droht vergiftet
-von Greueln wie dies Land. Auch dein armer Vater Dada war in diesem
-Lande gefangen, bis ich entwich!«
-
-Der Widder mit honigglänzendem Gehörn schüttelt Dadas Hände fort,
-springt im Ruck vor Dada und senkt drohend das Horn zum Angriff, seine
-Augen brechen Feuer aus, seine Stimme donnert von Urlauten:
-
-»Du dicker Butterschlegel, hochtrabendes Faß voll Regen, Säusler von
-Zuckerkant, kamst zu Anfang mit deinem Zweifel an dir selbst. Und als
-alles vorbei war, schlugst du an deine stumpfe Brust und schriest »Meine
-Schuld«. Wohlan, Dada, der Widder aus dem Sternenbild, nicht der
-Nachtmahr deiner Verbrechen im Kaukasus, die ewige Jugend der Welt
-empört sich und stößt dich fort, weil du dick, erstickend träg von
-Worten schwillst, weil die Freiheit auf gewölbter Sonnenbahn erglänzt
-und dich verwirft.
-
-Du hast geduldet, daß jene sich zerfleischten, die du trösten und
-vereinigen solltest. Du mitsamt der Helena, um derentwillen du getötet
-hast, habt die Würfel geworfen um des Lebens willen, du bist der antiken
-Hure nachgelaufen, dem lateinischen Popanz und einer dacischen Mänade.
-Mit Mummenschanz von Urlauten, Glasbergen und Ziegensprache hast du
-genüßlich das Leben beklebt und deinen Bastardsinn verraten.
-
-Wenn ich dich mit den Hörnern hinabstieße, was würde es den bösen Tälern
-schaden, denen du entlaufen bist! »Unsere Schuld!« ruft ihr. Ein Chor
-der Unmündigen zeugt von sich selbst. Die sich selbst nicht zu befehlen
-vermögen, treten unter die ratlosen Besserwisser der Völker und
-verwirren die geringe Vernunft, die nach ihren Verbrechen und
-Bluträuschen erwachen will. Hohle Raketen der Wortkunst schleudert ihr
-unter sie und ihr schämt euch nicht und gebt euch preis, die ihr unfähig
-zu einer Welt ohne Blut und Tränen seid. Unschuld, Unverwelklichkeit der
-edlen Seelen habt ihr nicht gekannt!«
-
-Im heftigen Sprung schlägt der Bock mit dem Gehörn den Istrier zu Boden
-und entweicht nach Norden. Dada erhebt sich vom jähen Sturz,
-zerschunden, bleich, gepeitscht von kreisenden Schwänzen der
-aufgerufenen Schrecken. Er erhebt die dicken Arme, um sie auf den
-eigenen Schädel niederwirbeln zu lassen. Stierlaute quälen seine Kehle.
-Die hundert Tschakos seines ukrainischen Attentats zertrümmern seinen
-Verstand. Er bricht in Klagen menschlicher Worte aus.
-
-»Meine Schuld! Wann wird uns Zuchtlose, Gehorsam Entwöhnte die Liebe
-binden. Wann werden wir fähig zur sittlichen Erlösung sein, wir Betrüger
-und Mörder. Wann werden wir im engsten frei sein, im Schaffen beständig!
-
-Du Widder hast mich aus der Schmach meines genüßlichen Zuschauertums
-aufgerissen. Du hast mich schaudern gemacht vor der baren Trägheit und
-der mörderischen Leere. Denn durch die Leere mordete ich das Leben. Ich
-habe noch nie ein Volk geführt, ich habe mich noch nie im Ätna gebadet,
-ich habe noch nie einen Sohn gezeugt, wahnsinnig vor Entzücken und
-Schmerz. Ich habe mich im Abgrund des Todes an den ärmsten aller
-Gedanken geklammert und ich habe gezagt. Ich habe des Menschenwurms
-letzte Furcht und schmählichste Ohnmacht erlitten und ich habe nur nach
-neuen Unterpfändern meines liebelosen, armseligen Daseins gespäht.
-
-Du Widder hast mich niedergeschlagen in dem bescheidenen Stolze meiner
-Tierfreundschaft, darum grolle ich dir nicht. Denn ich will mich
-umwenden zu der niederen Behausung und mich aufrichten zu schaffender
-Arbeit, die mich zu der glücklichen Pforte des Ausganges leiten wird.
-Glücklicher Ausgang, zu dir steige ich empor und ich feiere dich, indem
-ich lebe.
-
-Flüchtig und ruhelos war ich von Europa krank. Von jetzt ab werde ich
-glücklich an dir, Europa, neues Vaterland, das ich gegrüßt habe mit
-früher, heiliger Liebe. Ich werde arbeiten für dein Glück, lichtes
-Europa, mit dem schaffenden Werk, das die Völker versöhnt.«
-
-
-
-
- INHALTSÜBERSICHT
-
-
-
- Erster Teil
- Der Karst 11
- Derobea 15
- Das Nordlicht 22
- Die Urlaute 25
- Dresden 32
-
- Zweiter Teil
- Die Serbin 41
- Kiew 44
- Kaukasus 46
- Venedig 50
- Engadin 53
- Der Spiegel Europas 58
- Der Firndom 61
- Graubünden 67
- Der rote Widder 72
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
-Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 70]:
- ... Gemse und Steinbock Albatros und Adler ...
- ... Gemse und Steinbock, Albatros und Adler ...
-
- [S. 72]:
- ... Bock mit gemessen kriegerischen Geschmetter antwortet. ...
- ... Bock mit gemessen kriegerischem Geschmetter antwortet. ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Dada, by Adolf Knoblauch
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DADA ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Dada, by Adolf Knoblauch</title>
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-
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-</head>
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Dada, by Adolf Knoblauch
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Dada
- Mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger
-
-Author: Adolf Knoblauch
-
-Illustrator: Lyonel Feininger
-
-Release Date: June 19, 2016 [EBook #52370]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DADA ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter">
-<div class="rightpic logo" id="img-logo">
-<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<div class="centerpic" id="img-002">
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-<p class="cap">
-Holzschnitt von Lyonel Feininger
-</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<h1 class="title">
-DADA
-</h1>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">VON</span><br />
-<span class="line2">ADOLF KNOBLAUCH</span>
-</p>
-
-<p class="pub">
-KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="ser">
-BÜCHEREI &bdquo;DER JÜNGSTE TAG&ldquo; BAND 73/74
-</p>
-
-<p class="printer">
-GEDRUCKT BEI POESCHEL &amp; TREPTE IN LEIPZIG
-</p>
-
-<p class="ill">
-MIT EINEM HOLZSCHNITT VON LYONEL FEININGER
-</p>
-
-<p class="cop">
-COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG, 1919
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="ded">
-LEO FEININGER<br />
-waffenbrüderlich<br />
-zugeeignet
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
- <div class="epi">
-<p>
-&bdquo;Menschen, wie wir beide, verkennen möglicherweise
-unsere besten, echtesten Fähigkeiten und
-Kunstgaben, wenn wir den für uns beide erprobten
-Hang zum Satirischen immer nur unterdrücken. Sie,
-wie ich, befassen sich mit den mystischsten Dingen;
-wir leben in einer Thränenwelt (mit &bdquo;Th...&ldquo;)
-und unsere Gedanken sind vollgesättigt von dem
-gottverlassenen Treiben dieser Jahre; und tief in
-uns drin steckt doch auch die explosivste, rabiateste
-Bosheit und verlangt nach Betätigung und Befreiung.
-Wer weiß, ob sie nicht gerade <em>die</em> Kraft ist,
-die uns zur sieghaften Gestaltung prädestinierte.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="attr">
-Feininger.
-</p>
-
- </div>
- <div class="epi">
-<p>
-&bdquo;Denn wir haben Mondungen für die Erde mitgebracht.
-</p>
-
-<p>
-Wer zur Welt kommt, sammelt Abfälle seiner
-fehlgeschlagenen Schaffung des Mondes.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="attr">
-Theodor Däubler.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="part" id="part-1">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-ERSTER TEIL
-</h2>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-1-1">
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-DER KARST.
-</h3>
-
-<p>
-Das sonnergraute Rund des Karst steigt über Dada
-empor, seine Stirn trägt vier Säulen roten Abendlichts,
-seine Hände ruhen blau: Die Linke mit dem
-Schlüssel Polas, die Rechte mit der goldenen Schale
-von Triest.
-</p>
-
-<p>
-Pola im Klirren der Arsenale, Rauch der Stahlfabriken,
-der Hafen voll grauer Stahlboote. Die
-zierliche Schnur der zum Hafen einbiegenden Panzerkreuzer
-ist vom Karst ins adriatische Blau herabgerollt.
-</p>
-
-<p>
-Triest das goldene Halbrund fraulichen Entzückens,
-Venezias ärmere Schwester, aber gleich
-hold von Adria geliebt.
-</p>
-
-<p>
-Das sind die Götter! und in Dadas schwingenden
-Nerven dichten seine Städte aus der in den kargen
-Fels geschnittenen und gesprengten Fülle eine
-graue und goldene Hymne, zu den Göttern singen
-die Städte ihr in ihm geborenes Lob, auf daß Er
-Europas Hauptstädte vor ihrem Bilde beuge.
-</p>
-
-<p>
-Dadas dichtender Leib ist auf kargem Karst ein
-lohender Abendnebel, ein Moos auf erhabenem
-Steine Ostlatiums, ein blauer, dann blasser Pilz. Ein
-etrurischer Silen, ohne Zentaurenzierde der Vorfahren,
-und von weißer Leinfarbe der Haut, hat den
-Leib im Karst geborgen, ihn werden nie die leichtgebogenen
-Läufe des Hirsches davontragen. Unter
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-dem beschattenden Stirnhaar blicken Dadas blaß
-durchsichtige Augen auf das Meer gegen Abend.
-</p>
-
-<p>
-In Dadas Blut braut Polas Rauch, duftet die Zärtlichkeit
-der triestinischen Schale. Möge endlich die
-lateinische Mutter Adrias blaue Meerflut zerteilen,
-mögen das königliche Venedig und das väterliche
-Rom ihre Wimpel senden und das verlorene Istrien
-befreien und belohnen!
-</p>
-
-<p>
-Dadas weiche Hände sind zwei blaue Quallen, die
-in der Tiefe saugend mit den Fluten rollen und wiegen.
-Zu seinen Häupten stehen die vier roten Säulen
-im feinen telegraphischen Tönen der Arsenale
-von Pola. Diesem Tönen ist Dadas dichtendes Großhirn
-hingegeben.
-</p>
-
-<p>
-In der zehnten Stunde bebt der Karst von großer
-Woge, tagjung steht eine Wolke im Lohgelben gebaut.
-Adria ruht hochgewölbt, und ein blankes junges
-Weib springt von Adrias Rücken auf die Wolke,
-die sich bläht und nach Osten wandelt. Dada eilt
-strahlend zur Felswand und breitet die Arme nach
-der Göttin Italia, nach der mächtigen, fruchtbaren
-Frau, die kommt, um den Karst zu segnen!
-</p>
-
-<p>
-Die Wolke steigt gen Triest. Italia streckt den
-vollen weißen Arm aus dem wallenden Blau des
-Kleides und spendet über die glückliche Stadt goldene
-Jubelmünzen. Danach wird die Wolke finster
-zusammengedrückt und rollt überm Karst nach Pola.
-Dada späht scharf aus dem Eck der haarverhangenen
-Stirn zum Zenith des weltenvollen Himmels,
-bis er das blaue Kleid seiner Träume erschaut. Aber
-das Kleid rollt auf den grauen Berg hernieder, denn
-die Götter sind nackt, wenn sie einen Sterblichen
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-liebenden Glanzes erfreuen. Italia schreitet herab,
-und der Silen starrt zu ihrem holden Jungreiz empor,
-zu den hohen Beinen, der gewölbten Hüfte, auf
-der d&rsquo;Annunzio die Harfe schlug, und dem stolz
-wallenden Busen.
-</p>
-
-<p>
-Dada kniet trunken weich vor der Gebieterin, mit
-schwerem, sehr quälend schwerem Bauch, zu den
-Füßen von Rosamilch und bietet den Schlüssel Pola
-und die Schale Triest huldigend der Lateinerin. Die
-Geliebte uralter Waldgötter, der sich einst Stier,
-Eber, Hirsch brünstig gewälzt hatten, die Umworbene
-teutonischer Könige, sie neigt sich gnädig in
-Dadas Augen. Aus seinen Händen lischt das Blau,
-die Lichtsäulen verstummen und wenden sich ab,
-den entgöttert Dämmernden küßt die hohe Frau,
-freigebig gelaunt, mit der Koketterie der prächtigen,
-volkstümlichen Dame. Sie spricht: &bdquo;Dada,
-werde durch mich berühmt, wandle als mein Bote
-durch die Städte Europas und sage, daß ich ihnen
-aus meinem Schoße die Freiheit schenken will.
-</p>
-
-<p>
-Wenn du aufstehst unter ihnen, gebiete als
-mein Marschall, wenn du sitzest und ruhst, laste mit
-Italias vollen weiblichen Gliedern, massig, dick, Leib
-meiner Demokratie und erlösten Republik.
-</p>
-
-<p>
-Dein schöner Silenskopf sei feurig gebräunt, es
-sei die Blässe vom Zeitungspapier aus den lateinischen
-Zügen getilgt. Dein Haarbusch ruhe schmachtend
-auf der goldenem Mittelmaß nicht entfliehenden
-Stirn, denn die schöneren Hälften künftiger
-Republiken werden auf deine Locken mit Küssen
-sinken. Deine blassen, durchsichtigen Augen, die
-meine Brüste umspannen mit der zart saugenden
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Nähe des Neugeborenen, bewahre mein Lieber, denn
-sie künden deinen Charakter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eh sich Dada ermannt, Italias Hüfte ergreift und
-die Schöne an sich reißt, hat die Wolke sich gesenkt.
-Unter neckenden Glockentönen entweicht die
-Gestalt und schwebt gen Abend.
-</p>
-
-<p>
-Triest zählt das Gold im Schlafe, Pola schlägt
-tolle Hämmer, als wolle es in seinen Essen das Meer
-zu Stahl schmieden. Dada verneigt sich morgenländisch
-und spricht zärtlich das Zauberwort: &bdquo;Freiheit!&ldquo;
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-1-2">
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-DEROBEA.
-</h3>
-
-<p>
-Dada hat ein wunderbares Wort, um vor niederbeugenden
-Hemmnissen sich selbst wiederzufinden:
-elastisch sein! Dieser Zauber hilft ihm durch die
-unwirtlichsten Zeiten.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er Frau Italia geschaut, hat er Istriens
-Karst umkreist, sein karges Vaterland, das einst die
-heimatlichen Wälder rodete, um auf ihren Pfählen
-Venedig zu errichten. In dieser Einöde lebt er von
-der Ekstase jenes Zauberrufes, den die Göttin von
-den vollen zärtlichen Formen Tiepolos ihm schenkte.
-Aber nur unvollkommen die Bedeutung des Zauberrufes
-in der Wüste ermessend, hat Dada ihn treulich
-nach Pola und Triest getragen, in jene Schenken
-armseliger Vorstädte und in winzige Arbeiterhütten,
-aus denen der im Reichtum geborene strenge
-Hauch der Freiheit zum schreckensvollen Orkane
-verwandelt hervorrast.
-</p>
-
-<p>
-Eines Nachts, beim Heimgange von der Druckerei
-des Polaer Generalanzeigers wird Dada überfallen,
-seine ungewöhnliche Körperfülle wird in einen Sack
-gepreßt, er wird auf ein Maultier gebunden, und so
-auf den Karst gebracht. Dort wird er seinem Schicksal
-überlassen, nicht ohne ihm eine Anzahl gut österreichischer
-Schläge mit dem Knüttel auf die weichsten
-Teile seines Leibes zu zählen, die von der Schwere
-seines Leibes ganz besonders hart geprüft wurden.
-</p>
-
-<p>
-Der Morgen erscheint in Adrias erhabenem Glanze
-und Adria hört aus dem Sacke den leisen Seufzer:
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-elastisch sein! Dada trennt die fesselnde Leinwand,
-barhäuptig, gelenkig, schnellfüßig tritt er mit Zorn
-den grauen Schiefer des Felsens. Dann bückt er sich
-und faßt das nächstbeste Stück Glimmerschiefer,
-zerdrückt es in beiden hohlen Händen zu Staub,
-speit dreimal kräftig drauf und bäckt aus dem Ganzen
-einen Kloß. Diesen Kloß nun schleudert er mit
-Spottworten Pola zu, das drunten mit seinen Türmen
-und Dächern den Schlaf der Provinz hält. Der
-Kloß rollt zufällig auf das weiße Hemd eines Mädchens,
-das Wäsche auf dem flachen Dache ihres
-Hauses zum Trocknen aufhängt. Sie ist entsetzt,
-denn sie glaubt, daß ein Stier vom Karst mit seinem
-Mist ihr Hemd verunreinigt habe. Und aus solcher
-Höhe!
-</p>
-
-<p>
-Dada lacht. Er ist frei. Er läuft am Rand der Felsen
-entlang und schreit fünfmal seinen Namen.
-Diese eine Silbe fünffach gedoppelt wiederholt, stellen
-das erstaunte Aufmerken und Fingerweisen
-eines Säuglings dar. Das fünffach gedoppelte Da!
-rollt aus Dada zauberhaft lieb und mit der Perligkeit
-eines Säuglingsmundes ö-artig rund und mit
-den Häkchen des zartesten Hammellautes zu Adrias
-blauen Wohnungen, so daß selbst die Göttin erwacht,
-die von fürstlichen Räubern und Mördern
-abstammt.
-</p>
-
-<p>
-Über die gläsernen Kuppeln ihres Palastes fährt
-ein schneeweißer riesiger Kreuzer und hoch auf
-allen seinen Stricken, Masten, Stangen und Spieren
-flattern Italias Wimpel.
-</p>
-
-<p>
-Dada rast zum Strande. Das mächtige Schiff hat
-draußen ein schmales Boot niedergelassen. Mit zehn
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-Ruderschlägen saust es an Land, während die
-Hymne Emanueles hoch über der Adria zum Gruße
-Istriens rauscht. Dada wird an Bord des Kreuzers
-geholt.
-</p>
-
-<p>
-Ein toskanischer Herzog soll dies Schiff zum
-Nordpol führen und jene Länder der Antarktis entdecken,
-von denen der Italiener im Namen der lateinischen
-Rassen Besitz ergreifen wird. Dada, dem
-Sack und den Knütteln entronnen, der Patriot, der
-letzte Italiener Ostlatiums, der Redakteur des istrianischen
-Proletariats, ist auserkoren zum Berichterstatter
-für jenes umworbene Polarland, das seinen
-silbernen Gipfel über dem erstaunten Europa mit
-der italienischen Flagge schmücken wird. Anstelle
-seiner verlorenen Mütze wird Dada ein mit langen
-Truthahnfedern geschmückter Bersaglieri-Hut auf
-die starke Stirnlocke gedrückt.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;*&nbsp;*
-</p>
-
-<p>
-Eine gelehrte Aristokratie ist im Saale des Schiffes
-versammelt, als der Istrianer vorgestellt wird.
-Professoren, Literaten, Politiker und vereinzelte
-Damen gehören dem Unternehmen an, das in
-Schwung gebracht worden ist, um ein Ereignis von
-ebenso wissenschaftlichem wie weltpolitischem Charakter
-heraufzubeschwören.
-</p>
-
-<p>
-Der kühne Dada hat sich nach einer allgemeinen
-Verbeugung, und nachdem die schönsten, ausgezeichnetsten
-Namen von Rom an ihm vorübergebeugt
-sind, sogleich in den nächsten Ledersessel
-sinken lassen, danach rutscht er ein wenig nach
-vorn, streckt die Beine lang von sich und spreizt
-die Knie, aber keineswegs, um die Zierde der Stiere
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-unter seinem Kleide der Zivilisation zu zeigen, sondern
-um jenes Wort Frau Italias zu erfüllen:
-&bdquo;Wenn du sitzt und ruhst, laste mit Italias vollen
-weiblichen Gliedern, massig, dick, Leib meiner Demokratie!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dada blinzelt aus dem Eck seiner lockenverhangenen
-Stirn zu den glänzenden Uniformen und den
-prächtigen Damen. An der Seite des Herzogs ruht
-eine ungewöhnliche korpulente, busengefildete Frau
-von hochrotem Angesichte, die Dada mit Lorgnon
-in Augenschein nimmt. Einen Augenblick lang will
-Dada sich beleidigt fühlen, er fährt von der Tiefe
-des Sessels auf, und indem er mit seiner gewaltigen
-Leibesmasse gebieterisch aufrecht steht, zieht er die
-Blicke des ganzen Publikums auf sich.
-</p>
-
-<p>
-Er tritt frei vor das herzogliche Paar und bittet
-ihre gnädige Laune, zu gestatten, daß er eine seiner
-Hymnen auf die nationalen Aspirationen zum
-besten geben dürfe. Die Lorgnons senken sich langsam,
-wie die Fittiche des Albatros, um den Schaum
-der Welle zu berühren, und Dada rezitiert seine
-istrianischen Hymnen.
-</p>
-
-<p>
-Im Mahagonirahmen des mit Gold bedeckten Salons
-ist dieser eintönig leiernde Lateiner eine Wohltat,
-eine Sanftheit und Trägheit langen Verdösens.
-Die Professoren sind eingenickt und die Damen in
-tiefste Korbsessel geflüchtet zum Schlummer. Nur
-die unermüdliche Begleiterin des Herzogs bleibt
-wach und bewundert Dada. Sie steht plötzlich auf,
-tritt zum Lesenden und legt den Arm in den seinen.
-Erst jetzt bemerkt der ganz in die Darstellung seiner
-urgefügten Laute gespannte Dichter die überaus
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-vollblütige, starke Weibesgestalt, die ihn mit
-lustigem Zwinkern aus dem Saale und an Deck
-schiebt. Indem sie auf die rings um die herzogliche
-Hoheit Schlummernden deutet, sagt sie: &bdquo;Dada,
-Sie sind schon jetzt ein berühmter Mann, der
-Herzog ist unterrichtet von Ihrer politischen Kühnheit
-und den gegen Sie geplanten Anschlägen. Aber
-die von ihren wissenschaftlichen Vorbereitungen zur
-Reise überanstrengten Häupter dürfen Sie nicht im
-Sturm für Ihre tiefsymbolischen Dichtungen zu gewinnen
-hoffen. Lieber Freund &mdash;! so darf ich Sie
-wohl schon jetzt nennen, denn Sie sind doch auch ein
-wenig Österreicher, und ich bin eine Deutsche &mdash;
-ich will für Sie werben, junge Dichter sind so
-außerordentlich unbeholfen. Geben Sie sich nur
-ganz in meine Hände, in Freundeshände &mdash;!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie lächelt verliebt und ihr hochrotes Angesicht
-flammt vor ihm auf. Mit einem Blick umfaßt der
-feurige hübsche Silen den mächtigen Leib, den
-wuchtigen Busen dieser germanischen Fruchtbarkeit,
-und sie, von der Karstglut seiner Hymnen versengt,
-streicht über seine Stirnlocken. Und Dada erinnert
-sich des Augenblicks, in dem die Göttin Italia
-ihm ihren Segen und ihre Sendung gab. Er hat
-noch kein Weib gefunden, das so sehr der Vollendung
-Italias gemäß gebildet ist, als diese Deutsche
-neben ihm. Ein glühendes Hinneigen zu diesem
-Weibe bemächtigt sich des Dichters, er preßt den
-vollsten und stärksten aller Weibesarme an seine
-heroische Hüfte, die nicht zu den Beinen flach entflieht,
-sondern rund auf dem Gewölbe seines Bauches
-ruht. Sein braunes Silensgesicht wird noch
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-dunkler von einer stolzen Erobererfreude, und er
-senkt den unverhüllten Blick in das Auge der vollblütigen
-Aphrodite, die fest an seiner Hüfte ruht,
-denn sie ruhen beide an die Reeling gelehnt, und sie
-flüstert träumend: &bdquo;Mein Herr von Casanova!&ldquo;
-Ihren Augen entschwindet die Küste Italiens.
-</p>
-
-<p>
-Es ist Dada nicht möglich, den mächtigen Rücken
-neben sich mit dem Arm zu umfangen, schließlich
-biegt sie langsam seinen Kopf zu dem ihrigen und
-sie geben sich gründlich einen Kuß. Dann lassen sie
-einander los. Die Professoren erscheinen, die Hoheit
-hat ausgeschlafen, und die beiden dicken neuen
-Freunde bilden den Mittelpunkt für alle Liebenswürdigkeiten
-und Schmeicheleien. Jetzt erfährt Dada
-auch den Namen seiner Göttin: sie wird Derobea
-genannt und ist die Frau eines königlich sächsischen
-Kommerzienrats, der Konsul in Rom ist. Als
-Freundin des Herzogs hat sie die Erlaubnis, die
-Nordpolfahrt zu seiner Linken mitzureisen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;*&nbsp;*
-</p>
-
-<p>
-Das Schiff verläßt England und steuert zur
-skandinavischen Küste. Dada führt das Tagebuch
-des Herzogs und hat sich vorgenommen, den Walfischen
-und Seerössern der Polarzone ihre Urlaute
-abzulauschen und ein Epos von den Pinguinen zu
-verfassen. Er ist begeistert von seiner ersten Weltfahrt,
-die ihn zwar Italias Sendung, Europa die
-Freiheit aus ihrem Schoße zu bringen, abwegig
-macht, ihn als Freiheitsboten aber jenen düsteren
-Horden der Eskimos zuführt, die in ihren Erdhöhlen
-die holdesten Kulturreize Italiens fühlen sollen.
-Dada hat Derobea für die nationalen Aspirationen
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-in Niemandsland geworben. Wie die Jordaenssche
-Lebensfülle beider die Plötzlichkeit, Offenherzigkeit
-ihres Liebesverständnisses simultan durchsprüht,
-so sind sie auch für ihre künftigen Eroberungen
-eine Hand, eine Seele.
-</p>
-
-<p>
-Sie nähern sich nördlicheren Breitengraden, Bergen,
-Trondhjem, als Dada jene Taktlosigkeit begeht,
-derzufolge die Hoheit glaubt, Derobea von
-ihrem neuen Freunde befreien zu müssen. Seinem
-eigenen feurigen Ungestüm ist die schuldige Entdeckung
-zuzuschreiben, die die Hoheit macht, als
-sie zufällig Dada beim Verlassen von Derobeas
-Schlafzimmer betrifft.
-</p>
-
-<p>
-Dada wird bedeutet, sich an einem Küstenorte
-Norwegens ausschiffen zu lassen, und trotz Derobeas
-entrüsteten Thränen, die für ihren dicken
-Schützling mehr fürchtet als für das Wohl und
-Wehe der ganzen hoheitlichen Expedition, muß sie
-sich in die ernsten Vorhaltungen der Professoren
-fügen, die nur das Ärgernis entfernt wissen wollen.
-</p>
-
-<p>
-Ohne Gepäck, mittellos, wie er vom Karst gekommen,
-nur mit einigem Reisegeld, dem Reisepaß
-und den hoheitlichen Empfehlungsschreiben ausgerüstet,
-steigt Dada in Hammerfest ans Land. Vom
-Nordkap schwenkt der Verlassene seinen wallenden
-Bersaglierihut, während Derobea vom weißen
-Schiffe ein zartes Tüchlein weht, und es immer
-wieder an die Augen führt. Das einzige, teure Wort,
-das ihm geblieben, murmelt Dada immerfort vor
-sich hin: Derobea! &bdquo;Dada! wo hast du deine Derobea?!&ldquo;
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-1-3">
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-DAS NORDLICHT.
-</h3>
-
-<p>
-Ewige Feuchtigkeit, graue Wolken, jäh vorbrechende
-Stürme. Die Meereswüste wird nur selten
-von einigen die kimerische Dämmerung durchbrechenden
-Sonnenstrahlen gefärbt. Den Tagen folgen
-wunderliche Nächte von gleicher Helligkeit.
-</p>
-
-<p>
-Eines Abends sitzt Dada wie gewöhnlich am
-Meere, das ihm Derobea genommen hat und erwägt
-einen Satz aus dem Buche, das seiner Hand entglitten
-ist: &bdquo;Die Überwindung der unsozialen, richtungslosen
-Ekstase durch die soziale Ziel-Ekstase,
-das himmlische Jerusalem aus irdischen Bausteinen.&ldquo;
-Es ist ihm, als unterhielte er sich mit Derobea
-über den Sinn dieses Satzes.
-</p>
-
-<p>
-Der Wind schläft ein, die Wolken stehen reglos,
-und das Meer verändert fern hinaus seine Düsternis
-zur tiefsten Schwärze. Nur der Schall der gegen die
-Blöcke des tiefen Strandes vorbrechenden Flut donnert
-im Gleichmaß fort. Unheimliche Finsternis der
-Antarktis steht undurchdringlich vor Dada. Nur das
-Land bleibt schattenhaft in seinem gespenstigen
-Eigenlicht sichtbar. In Höhe des Meeres beginnen
-einzelne gelbe Streifen ein zuckendes Spiel hinter
-einem unermeßlichen Vorhang finstrer Geschiebewinde,
-einzelne ferne Fanfarentöne, dann tiefste
-Stille. Dicht überm Meere wird es in endloser Ausdehnung
-vom Licht lebendig, der Horizont glüht
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-an von geisterhaftem ruhigem Blau und Grün und
-strahlt auf, während ungeheure Fächer, Gardinen,
-schwere Vorhänge sich hell färben und aus durchsichtigem
-Kristall werden, um ein unerhörtes lohgelbes
-Flammen mit tiefstem Schweigen auszustrahlen.
-Endlich erhebt sich hinter den starren Falten
-der purpurne Riesenfächer eines ungeheuer starken
-Kernfeuers, das mit blutigem Licht durch die flammenden
-Kristalle hinaus aufs Meer in breiten Strömen
-rieselt. Ein unermeßliches Blutergießen überflutet
-den geheimnisvollen Polarkreis. Die wilde
-Schönheit purpurner Grotten und Eismeere, ungeheurer
-Pflanzen und Wale und Berge von Eis, vom
-zartesten Splitter bis zu den Kristall-Stalaktiten
-antarktischer Riesendome in düsteren Gluten errötend
-und elektrisch funkelnd schauert tief in Dadas
-Herz und tötet mit Geisterhänden sein Liebesleid.
-Das Miramar des Nordpols steht vor seiner
-Seele, und von seinen Zinnen spricht Gott in tiefster
-Stille das Wort des neuen Jahrtausends aus.
-</p>
-
-<p>
-Es graut Dada vor dem erhabenen Nordlicht,
-von schrecklicherer Kälte als alle grausamen Kulte
-Mexikos, Indiens und Karthagos. Das kälteste und
-feurigste Wunder des Erdballs hat der Italiener geschaut.
-Das grausigste der Schöpfungswerke, das
-der äußersten Finsternis die blendendste Pracht des
-Lichtes beigesellte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;*&nbsp;*
-</p>
-
-<p>
-Das blutige Nordlicht, gewaltiger als je eins seit
-Menschengedenken, ist von vielen Lappländern
-beobachtet worden.
-</p>
-
-<p>
-Dada hat das Fieber seit jener Nacht gepackt
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-und liegt im Gasthofe zu Bett, wo er von einer
-Lappländerin gepflegt wird. Und diese erzählt ihm
-eines Tages vom Nordlicht und seiner Prophetie.
-Es kündigt einen Krieg an, in dessen weißglühenden
-Ring alle Völker der Erde nacheinander ihre Söhne
-hineinschmieden müssen, um sie in seiner unerlöschlichen
-Glut für ewig versinken zu sehen. Ein
-herrlicher Vorhang flammensprühend verbirgt wohltätig
-die Greuel denen, die warten, aber wenn ein
-Vorhang verzehrt ist, so stellt ein neuer noch herrlicher
-sich dar. Niemand vermag hineinzuspringen,
-die abscheulichen Gluten auszutreten oder die Geopferten
-ihnen zu entreißen. Hier wird Retter, Henker
-und Opfer eines und gleich. Diese Schrecken
-verkünden die prophetischen Falten des Nordlichts.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-1-4">
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-DIE URLAUTE.
-</h3>
-
-<p>
-Dada lernt die Sprache der Lappländer, um
-Zunge und Gehör in der Urform des Menschenwortes
-kindlicher Rassen zu binden.
-</p>
-
-<p>
-In den Nächten des nassen, sturmumtobten Hammerfest
-sieht Dada die Grundlage einer Zukunftsdichtung,
-indem er die Sprachen alter Rassen nach
-Urworten und Lauten durchforscht, die Töne tausendjähriger
-Kindheit blumenhaft öffnen. Wie vordem
-die Urlaute der Kinder, versucht er jetzt die
-Urklänge der menschlichen Rassen in seinem System
-von Rhythmen zum schwingenden Rausche zu
-dichten, wie jener Ekstatiker in Là-bas die substilsten
-Sorten des Kognaks zu einer Symphonie des
-Kognak-Rausches. Vom wilden Lappen, Eskimo,
-Tschungusen nimmt Dada den Urlaut, und läßt ihn
-neu tönen in Dadas Wildheit, Trauer, Glück und
-Schmerz. Dada hebt die logische Sukzession der
-Worte in den Ursprachen der Fetischanbeter auf
-und sammelt ihre einzelnen Silben oder Laute,
-sperrt ihren beziehungsreichen Sinn in das Gefängnis
-seines nervös eilenden Rhythmus und senkt in
-ihre traurig gerupften Kelche die bleichen Leidenschaften
-des Urwalddurstigen verkrüppelten Europäers.
-Der Chinese, der Ägypter, der Druide sprachen
-durch Zeichen, die sie auf Seide, Stein oder
-Holz eingruben. Dada nimmt die gottgeweihten
-Zeichen, wiederholt sie auf mehreren Reihen des
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-nervös fiebernden Rhythmus, um die Empfindung
-des Urlaute-denkenden Dada flüchtig schillernd
-auszudrücken.
-</p>
-
-<p>
-In einem lappländischen Dorfe nahe der russischen
-Grenze findet Dada einen Dorfgötzen, vor
-dem er sich niederwirft, dann wieder aufrichtet,
-um von neuem niederzufallen. Mit schäumendem
-Munde betet Dada in den drei Urlauten einer Hymne,
-die zum Gegenstande die komplizierte Idee der sozialen
-Zielekstase hat. Das Dorf um ihn ist nichts
-weiter als die materielle Gestalt seiner Idee, der er
-in der Hymne den Ausdruck des Urlautes verleiht.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;*&nbsp;*
-</p>
-
-<p>
-Dada spricht: &bdquo;Ich bin der Orient.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er reist durch Finnmarken nach St. Petersburg;
-er geht durch das Geschlinge aller Rassen und Sprachen
-und er bildet das Gehör zur äußersten Feinheit
-der Wahrnehmung, um die allertiefsten und
-allerfernsten Urklänge der lebenden Völker zu verstehen
-und zu besitzen.
-</p>
-
-<p>
-Er betritt vom ersten Augenblick an jene Bahn,
-die jedermann wählt, wenn er weder Geld noch Beschützer
-besitzt, um zum Erfolge zu gelangen. Dada
-tritt in die berühmte Organisation der russischen
-Geheimpolizei. Er wird beauftragt, einer Reihe revolutionärer
-Klubs als ordentliches Mitglied anzugehören.
-Auf Grund gefälschter Zertifikate erlangt
-er Zutritt zu einer Reihe politischer Versammlungen,
-erwirbt sich Vertrauen und wird schnell berühmt
-auf Grund seiner persönlichen herkulischen
-Erscheinung, die an die Leibesfülle des Begründers
-russischen Terrors erinnert: Michail Bakunin. Dadas
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Vorname, bei dem ihn jetzt das Proletariat
-kennt, ist: Michail.
-</p>
-
-<p>
-Auf einer Werbereise zu den Muschiks eines
-westlichen Gouvernements kommt der erfolgreiche
-Istrianer in einem Provinzstädtchen mit zwei Männern
-zusammen, die Bauern und Arbeiterschaft
-ihrer Bezirke in Bewegung gesetzt haben, ohne eine
-Kopeke von den Geldern des Zentralkomitees zu
-brauchen. Der eine ist Klavierlehrer, der andere
-Angestellter der Stadtdruckerei. Mit diesen beiden
-Männern gerät er in ein Gespräch über ein Ereignis,
-das ganz Rußland erschüttert. Ein junges Mädchen
-aus guter Familie, gut erzogen und von der Jugend
-der Charlotte Corday, hat einen General mit der
-Bombe getötet, weil er ein grausamer Gouverneur
-war. Dies Mädchen wird in der Untersuchungshaft
-von den überwachenden Offizieren vergewaltigt und
-am nackten Leibe gemartert. Sie löschten z. B. die
-Zigaretten auf ihrer Haut. Als sie vor ihren Richtern
-steht, erklärt sie, daß sie aus dem Leben wolle.
-</p>
-
-<p>
-Eine düstere Tragödie folgt der anderen, diese
-glühenden Verfinsterungen einer Nation, in der die
-mechanische Cinéma-Kultur Europas sich mit den
-asiatischen Triebkräften zur ungeheuren Selbstzerstörung
-vermischen.
-</p>
-
-<p>
-Dada sieht sich durch die Ochrana unheimlich
-verstrickt und weiter als je von Italias Freiheitssendung
-entfernt. Er schließt sich gequält den beiden
-Männern an, die eine für ihre Schicht ungewöhnliche
-politische Vernunft und kühne Rücksichtslosigkeit
-in der Verfolgung ihrer Ziele besitzen,
-außerdem lernt Dada in ihnen zwei Freunde
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-jener Terroristin kennen. Mit ihnen geht der Istrianer
-auf die Straße, sie halten die Vorübergehenden
-an und erklären jedem einzeln ihre Ideen. Sie flüstern,
-versprechen geheimnisvoll, drohen, spotten &mdash;
-sie werben mit unbezwinglicher Überzeugungskraft.
-Die Polizei ist machtlos gegen sie.
-</p>
-
-<p>
-Auch Dada glaubt an die Revolution, die Demokratie
-und Kindlichkeit der Völker. Er glaubt an
-das Werk der Freiheit. Er bittet seine Freunde, das
-erste große Werk sozial zielvoller Ekstase den Muschiks
-und Proletariern vortragen zu dürfen: &bdquo;Das
-Nordlicht!&ldquo; und begründet: &bdquo;Die Kindlichkeit neuer
-Demokratien erfordert eine ihr gemäße neue Urform
-des Ausdrucks und des Stils. Erst der kindliche
-Mensch ist der wahrhaft Freie! ein ausgelassener
-unbändiger Junge ist das Urbild der Freiheit!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Seine Sätze brauche man nicht durch Kommas
-und Punkte eingeschachtelt zu hören, jedes seiner
-Worte sei ein Hauptwort, auf dem die Sonne der
-Urlandschaft sprieße. Jede seiner Empfindungen
-habe nur einen Ausdruck: Den o- oder aj-Ausruf,
-den Schmerz oder die Freude. Sein Wille kenne nur
-eine Wortform von substanziellstem Wert.
-</p>
-
-<p>
-Vor dem gleichgültig rauchenden und trinkenden
-Publikum einer Arbeiterversammlung trägt Dada
-die Hymne des Nordlichts vor. Die Völker beider
-Welthälften erzählen selbst im eintönigen Chore
-von den Grausamkeiten, den Kriegen und den Kulten
-ihrer kindlichen Zeiten. Die Idole der Osterinsel,
-Perus und der grausamen Mexikaner erzählen
-ihre paradiesischen Feste und ihre schändlichsten
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Greuel, Madagaskar, Indien, und endlich jene untergegangene
-Atlantis, von der die lateinischen Neu-Republiken
-nur blasse Revenants sind, blühen urwaldblumenhaft
-in ihren wenigen gewaltigen Urlauten
-aus Dadas Rhythmen auf. Tänze, Prozessionen,
-Orgien, Fratzen, Götzen der alten Naturkulte
-leben magnetisch in einigen gelallten Silben Dadas,
-obgleich hier bereits die Grenzen des im Worte Darstellbaren
-erreicht werden. Diese Silben gleichen
-Kakteen oder Orchideen, die märchenhafte Systeme
-von Stacheln oder farbigen Blättern entfalten und
-mit ihren künstlichen Gebilden das Entzücken der
-Sammler oder ästhetischer Salons sind.
-</p>
-
-<p>
-Dadas sozial zielvolle Dichtung ist ein archäologisches
-Museum der Seltsamkeiten des Völkerlebens,
-ein Erotikon und Folklore aller Geschlechtskulte.
-Die Menschheit eilt mit dem eintönigen Summen
-eines vielgeschäftigen Bienenstockes vorbei, ohne
-sich umzublicken, den Blick auf ihre erhabenen
-Idole geheftet. Immer auf dem Marsche nach Norden,
-immer von neuem ungeheuren Zuchtmitteln
-unterworfen, die aus Einöden entsprangen und die
-Erschlafften geißeln &mdash; durch die Kriege, Opfer,
-Brände, Seuchen, Untergänge wandeln die gleichmütig
-gereimten Hymnen Dadas, um endlich das
-Nordlicht anzubeten und aus seinen glühenden Falten
-die kalte Prophetie Europas zu empfangen.
-Dada verkündet die Zertrümmerung dieses Erdteils,
-und nach Niederlegung all seines Menschen-
-und Pflanzenwuchses den Triumph der Polarwüste
-über die verworfenen Reiche, den Sieg des Nordlichts!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-Seine Vorlesung schließt Dada mit dem Ausruf:
-&bdquo;Betragt euch <em>kindlich</em>, so fühlt ihr euch frei
-und ihr seid es auch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine drückende Stille liegt auf den Zuhörern.
-Die beiden Freunde fassen Dada an den Armen und
-zwingen den bequemen herkulischen Italiener aufzustehen
-und mit ihnen die Versammlung zu verlassen.
-</p>
-
-<p>
-Seit einiger Zeit ist Dada verdächtig des Einverständnisses
-mit der Polizei, und bei seiner ungewöhnlichen
-Vorlesung, die mit sämtlichen Perversitäten
-der bürgerlichen Gesellschaft aller Völker
-spielte, haben die Freunde das stärkste Mißtrauen
-der Versammlung bemerkt. Selbst die Freunde
-haben Dadas Werk nicht verstanden, das auf das
-Erscheinen irgendeines neuen bürgerlichen Ssanin
-hinaus zu gehen schien, der auf Kosten der Arbeiter
-einem Geschlechtskulte im Zeichen des Nordlichts
-sich hingeben wird. Ein Jahr hat Dada in Rußland
-verbracht, ohne seine Aufgabe, die Freiheit auch
-diesem gequälten Lande zu bringen, erfüllt zu haben,
-diesem mißtrauischen, bis auf die Wurzeln verdorbenen
-Volke, das in dem Bewußtsein ständiger Gefahr
-von Umsturz und Empörung sich dem Rausche
-ergeben hat, erregt von einer tief fressenden, stets
-sprungbereiten tierischen Sexualität. Ihre Freiheitsideen
-verdammt Dada im selben Maße wie ihren
-Fortschritt vom Stumpfsinn des Mir zum Cinéma
-und zum Alkohol.
-</p>
-
-<p>
-Die Macht der Idee selbst bei den armen russischen
-Bauern und Arbeitern ist das Wunder, das
-Dada rührt, und er wünscht ihnen dazu die Vernunft
-des &mdash; Nordlichts!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Dada ahnt nicht, daß er jene beiden Russen kennen
-gelernt hat, die nach dem Sturze des Zaren,
-nach Ausbruch unerhörtester Ereignisse, die günstige
-Stunde des Weltkrieges benutzten und das
-Schicksal der russischen Republik in ihre Hände
-nahmen, jene selben Männer, die noch eine Zeitspanne
-weiter dieselbe Terroristin und Freundin
-füsilieren ließen, als sie sich <em>ihnen</em> entgegen stellte.
-</p>
-
-<p>
-Der unglückliche Weltreisende muß sich von
-neuem entschließen zu wandern. Dada soll ebenso
-sanft wie nachdrücklich nach Deutschland abgeschoben
-werden, dem Zion aller Juden und Emporkömmlinge
-Rußlands und Polens.
-</p>
-
-<p>
-Mit Hilfe seiner herzoglichen Freibriefe entrinnt
-er rechtzeitig der russischen Polizei und gelangt
-nach Deutschland.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-1-5">
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-DRESDEN.
-</h3>
-
-<p>
-Dada wendet sich sogleich nach Dresden, um
-Derobeas Aufenthalt zu erkunden. Siehe da: auch
-sie ist nach einjähriger Abwesenheit in den Polarländern
-zurückgekehrt, um von Dresden aus zum
-Gemahl nach Rom weiterzureisen. Sie hat die Expedition
-des Herzogs auf der Heimreise in Hamburg
-verlassen. Es ist ein köstliches Wiedersehen
-von Taubenzärtlichkeit, und sie beschließen, ganz
-der Kunst und der intimsten Gesellschaft geweihte
-Wochen gemeinsam zu verleben. Die reiche, in
-Künstlerkreisen sehr wohltätige Dame veranstaltet
-eine Reihe großer Empfangsabende und Feste, um
-die Künstler Dresdens und Berlins einzuladen. Die
-glückliche Derobea versammelt Sänger, Komponisten,
-Dichter, Rezitatoren, Maler, sie ruft Kunstausstellungen
-hervor, wirbt Zeitungen für den Dienst
-der neuen Kunst, der sie ihre Salons zur Verfügung
-stellt. Zusammen sind Derobea mit Dada die berühmten
-Protektoren. Derobea und ihr Kreis bewundern
-die Hymnen des großen Istrianers aus
-Lappland und dem Reiche der Sarmaten und Tartaren:
-&bdquo;Das Nordlicht&ldquo; sowie die Hymnen und die
-Philosophie von den Urlauten der kindlichen Rassen.
-Sämtliche Werke Dadas erscheinen im Druck,
-an ihrer Spitze die Hymnen an Derobea, der das
-Ganze in kindlicher Dankbarkeit zu Füßen gelegt
-wird. Derobea ist glücklich. Dadas Genie ist in
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Deutschland entdeckt, er wird gemalt, wertvolle
-Liebhaberausgaben seiner Dichtungen werden subskribiert,
-seine Philosophie wird die Grundlage
-einer neuen Richtung der Ausdruckskunst. In kühnen
-Vorträgen bemächtigen sich Doktoren der
-Kunstwissenschaft der Dadaschen Dichtung. Gestammelte,
-gelallte, gestöhnte, gestaunte und geseufzte
-Empfindungsurlaute des Eskimos in Dadas
-Rhythmik haben die bisherigen Sprachgrenzen des
-Kulturmenschen überwunden, kein Verbum, kein
-Objekt fesselt den Strom der Dichtung, die wohlanständig
-logische Frisur des Satzbaus ist zerstört,
-das Subjekt allein bleibt im ewigen Einerlei seiner
-Abwandlungen bestehen: wunderbar entfesselt, ausgebreitet
-in einer Welt freier Leidenschaften,
-freien Liebens, Tötens und Getötetwerdens. Aus
-den Greueln Europas schreitet Dadas neues Subjekt
-hervor, um durch die Eisstürze des Polarkreises
-und die kalte Herrlichkeit des Nordlichts
-das Absolutum der Kunst zu finden, die letzte demantharte
-Kristallisierung, die Reinigung der kulturbefleckten
-Menschheit.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;*&nbsp;*
-</p>
-
-<p>
-In ihren Salons hat Derobea eine Reihe Spielzeuge
-für Kinder aufgestellt: einen Garten mit
-Arche Noah aus Pappe und bemalten Hölzchen,
-Postkutschen, Lokomotiven, Müllerwagen, Puppen
-und Dreiertieren mit mechanischem Antrieb. Alle
-Spielzeuge sind mit den Urlauten Dadas versehen.
-Man drückt auf einen rosa Gummipfropfen und
-die Figur stößt den ihrem Charakter angepaßten
-Urlaut aus, den Dada einem Lappländer, Samojeden
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-oder Tartaren abgelauscht hat. Mit diesen Spielzeugen
-erheitert Derobea ihren Kreis, nachdem Dada
-eine seiner leiernden Hymnen vorgetragen hat.
-Da erschallen die Säle Derobeas von wunderlichem
-Geplärr und Geschrei, die Gäste versuchen selbst
-die Urlaute nachzuahmen, es ist, als ob eine ganze
-Mädchenschule eingesperrt ist und in allen Stimmlagen
-ihre Lehrer äfft. Durch Passanten aufmerksam
-gemacht, erscheint eines Tages die Polizei in
-Derobeas Hause, um dem revolutionären Lärm
-nachzuforschen. Alles lacht und der errötende Dada
-verschwindet hinter Derobeas mütterlicher Statue.
-Denn ein Plastiker hat Derobea und Dada in Jordaenscher
-Fülle aus Marmor gehauen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;*&nbsp;*
-</p>
-
-<p>
-Eine neue furchtbare Stimme hat sich aus Berlin
-erhoben und droht wie einer der sagenhaften
-Gaskogner der Iliade dem Istrianer mit Herausforderung
-auf Urlaute. Ein Kreis von tyrtäischen
-Künstlern hat sich unter Führung von drei auserwählten
-Männern auf den Marsch begeben: mit
-dem Programm eines organisierten Orkans der erneuerten
-Künste und einer löffelartigen Fortbildung
-ihrer Sprechwerkzeuge. Vor ihnen her geht
-die neue furchtbare Dichterstimme Hackhacks aus
-dem Schall einer verstärkten Kindertrompete, neben
-ihm &bdquo;denkt&ldquo; der Philosoph mit Augen von Tetraëdern,
-geschliffen aus gewöhnlichem Kiesel und
-lacht erotisch über den eigenen und Hackhacks
-Bombast. Der Direktor des Ganzen springt über
-sie, rührt besessen die Hacken und tanzt in dünnster
-Luft. An jedes seiner langen langen Haare ist
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-ein Heft des tyrtäischen &bdquo;Orkans&ldquo; geknüpft und
-fliegt rund mit solchem Babygrinsen, solcher
-Dummdreistigkeit, als wäre sein Dasein wichtiger
-als das der restlichen Schöpfungswerke.
-</p>
-
-<p>
-Diese drei starken Männer haben die Kunst ethisch
-gedrillt und unter Polizeiaufsicht genommen. Gelenkt
-von einer Mänade von internationalem Blondschein,
-genügt Berlin keineswegs ihrem teutonischen
-Eroberungsdrange. Sie ziehen eines Abends
-in Dresden ein und Hackhack veranstaltet eine Orgie
-seiner Dichtungen in Derobeas Salon. Unter
-Chagalls &bdquo;Bild des Gehörnten&ldquo; lernt Dada Hackhack
-kennen. Der Vortragende, ein Märtyrer der
-Kunst Hackhacks, donnert in ununterbrochener Ekstase
-die Berliner Dichtungen, mit der Eintönung
-der heraufgestemmten Urlaute, die seltsam von fern
-an die Leier Dadas erinnert. Es sind Dichtungen in
-mediumistischem Trance und spiegeln den zerwühlten
-Zustand hindämmernden Weltlebens, zersetzter,
-geschwächter und zur schöpferischen Ohnmacht
-verdammter Völker.
-</p>
-
-<p>
-Gleich Dada hat Hackhack das Objekt und Prädikat
-ausgerodet. Das Subjekt strömt hartnäckig
-seine unaufhörlichen Interjektionen in einem Niagara
-von Verben, die weder Logik noch Satzgefüge
-hemmen, und sich in eine furchtbare Öde stürzen,
-die nur einige trübe Berlinismen erquicken. Dada
-würde gern den neuen Mann aus Preußen als seinen
-Doppelgänger von der nördlichen Hälfte Europas
-begrüßt haben, wenn ihn nicht eine furchtbare Anomalie
-gegen Hackhack eingenommen hätte: das
-sind die seltsam zerhackten Wortreste der deutschen
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Sprache zum höheren Ruhme des neuen Gottes,
-der Kunst!
-</p>
-
-<p>
-Ausgerodeten, bleichenden Wurzelknorren oder
-Brocken von großen Stämmen gleichen diese armseligen
-sinnberaubten Wortreste, die in einer unermüdlich
-quellenden, gurgelnden, schubbsenden, zappelnden
-Flutung eines furchtbar stöhnenden, schwer
-Atem ringenden Subjekts kreisen, dem Gesetz der
-Beharrung unterworfen gleich ihrem Schöpfer. Dada
-ergreift eines dieser vergewaltigten Worte, die
-aktivische Vorsilbe ist ihm abgesägt, und der bloße
-Schwanz als leidenschaftslose Urerscheinung aus
-der Kindheit germanischer Rasse zeigt die Hoheit
-des Dichters. Der in den Urlauten völkischer Säuglingstage
-tiefbohrende Dada steht entsetzt vor diesen
-Urformen berliner Hackhacks.
-</p>
-
-<p>
-Wird Dada auf seine sinnlichen Urlaute verzichten,
-und jene Lautempfindungen aus ihnen
-hacken, die Dadas teuerstes Gut sind? Wird er dies
-Verbrechen seinen Wörtlein antun, damit sie schnell
-an der Oberfläche mitschwimmen können?
-</p>
-
-<p>
-Oder wird Hackhack sich seiner Dichtersiege und
-seiner unzähligen Krüppel von Worten freiwillig
-begeben, die seinen fürchterlichen Berserkeranfällen
-von pedantischer Wortschrauberei und Klügelei
-entsprossen sind? Die Hexerei, Taschenspiegelei aus
-Berlin und ihre dekadente Wüstheit betrübt Dadas
-katholische Seele und italienisch formgebildeten
-Kunstgeist. Auch er ist begehrlich nach den wildesten
-Urgenüssen, dafür ist er moderner Silen. Aber
-Hackhack ist auch Hackhack in der Seele und das
-taugt Dada nicht.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Am Morgen nach dieser Berliner Gassenjugend
-begibt er sich mit Derobea zum ersten Male seit
-Jahren zu einer Messe in die Liebfrauenkirche. Er
-besprengt sich mit geweihtem Wasser, beugt das
-Knie und betet aufrichtig für die Reinheit seiner
-Seele und seiner der menschlichen Befreiung geweihten
-Kunst.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;*&nbsp;*
-</p>
-
-<p>
-Im selben Sommer, der Derobeas und Dadas
-Märchenglück sieht, bricht der Krieg aus, der allen
-Aspirationen des Istrianers ein Ziel setzt und den
-Konsul aus Rom in die Arme seiner Gattin zurückführt.
-</p>
-
-<p>
-Dada wird nach Österreich zum Heere eingezogen,
-macht einige Märsche mit und bleibt dann als
-Badewärter in einem Lausoleum Galiziens hängen.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-2">
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-ZWEITER TEIL
-</h2>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-1">
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-DIE SERBIN.
-</h3>
-
-<p>
-Dada trägt Tschako, Bluse und Habsburgs Doppeladler.
-Sein Blick steht schräg, und auf die bewaffneten
-Horden, die gen Osten ziehen, fällt sein
-Schatten dumpfer Härte, mürrischer Unlust; verstaubt,
-verdorrt, verwest in den Wirbeln der Menschenöde,
-die bis ins ferne Morgenland schäumen.
-Der jüngst weltweite Horizont, den Dada zu erobern
-ausgezogen war, hat sich verkrochen, liegt
-in der Kriegswildnis im Hinterhalt, bestückt mit
-zehntausend Drohungen. Das Standbild der Freiheit,
-in den verzehrenden Flugsand irgendeiner Wüste
-Gobi gestürzt, wonneglänzt ihm nimmer zu den
-Mondungen seiner Seele, und das hellste der irdischen
-Festländer ist finster geworden.
-</p>
-
-<p>
-Zu einem runden Silbervollmond der Steppe
-steigt Dada auf dem Damm der Bahnlinie, die Wien
-mit dem goldenen Kiew bindet. Hell, zart leuchtend
-ist die nächtliche Ebene. Dada steht lauschend
-und sinnt gen Osten.
-</p>
-
-<p>
-Auf den im Monde bläulichen Schienen schreitet
-hoch und anmutsvoll ein Weib, den Rock geschürzt,
-und bleibt vor Dada still, die entblößten Arme über
-dem starken Busen gekreuzt. Das stattliche Weib
-ist von Angesicht und Haltung frei der knechtigen
-Plumpheit träger Halbslawen. Sie spricht leise im
-Wind der Sommernacht im Sieden der Erde:
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-&bdquo;Mich trug Istriens armer Karst, durch das tote
-Europa bin ich in alle Länder bis zu den letzten
-aller Slawen gewandert, um sie den Klauen des
-Doppeladlers zu entreißen. Du bist müde und
-schwer geworden, seit dich Italia zu ihrem Geliebten
-machte und sie dich zu den kraftvollen Spannungen
-der Freiheit erkor. Gib acht, ob du noch
-taugst zu der Sendung, die dich in die Freiheit
-pflanzte. Du warst geschmückt mit dem Adel Etruriens
-und gebotest mit dem Lockklang Pans über
-die Horden. Aus Galiziens Kriegswildnis schmachtest
-du nach dem Orient und verhüllst Abtrünnigkeit
-und weibische Zagheit mit dem Lack Chinas
-und Krischnas Liebesblumen. Weil beflissene
-Knechte die Völker in Kriegsgerät, Panzer und
-Flugzeug schnürten, glaubst du, daß die Freiheit
-verliegt und fault?
-</p>
-
-<p>
-Einst gefürstet von Cäsaren empfing ich Legionen
-in der Kraft meiner kimerischen und dacischen
-Völker. Ungebeugt, roh, von Bärenkraft und
-Pantheranmut, genoß ich die römische Freiheit und
-senkte sie meinen Jungbürtigen in Hirn und Herz.
-Gründer neuer Reiche und Pflüger neuer Grenzen
-zogen ihre düstren ergebenen Fahnen nach Norden
-und zeugten das neue Europa.
-</p>
-
-<p>
-Dada, ich weiß, dir fehlt Garibaldis Feuerblick,
-Magnet der Freischar, wahrer Gott der armen
-ruhmbelohnten Kämpfer. Du hast viele Geliebte
-nötig gehabt, und schließlich hat eine Köchin, die
-einem Deutschen gehört, dich um dein entartet lateinisch
-Blut betrogen. Mit einer braven Zweischichtigen,
-Zweischläfrigen wurdest du bettgewöhnt
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-und hast die Freiheit verschlafen. Als es
-dann zu spät war, als alle um dich aus dem Rausch
-erwachten, und Männerblut und Weibertränen
-ihnen bis an den Hals in roter Sintflut stand,
-fürchtetest du dich und du verhülltest die Seelennot
-mit deines furchtsamen Verstandes bunter
-Wortkunst.
-</p>
-
-<p>
-Aber es ist keine Schonzeit für die Furchtsamen.
-</p>
-
-<p>
-Nimm die Schiene, löse ihre Schrauben und
-trage die starken Stahlglieder beiseite, damit das
-Gleis zerbrochen sei. Und an das Ende des westlichen
-Schienenkörpers befestige diesen eisernen
-Topf mit hohen Explosiven.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Weib löst vom Gürtel ein kleines schwarzes
-Gefäß und Dada nimmt es schweigend. Ein Balken
-starken weißen Lichtes quert den Bauch der
-Geheimnisvollen. Sie lächelt. Dada kniet und birgt
-den treuen Zentaurenkopf in den groben Falten des
-Bauernrocks. Ein Bäumchen mit dicken, grünen
-Blättern und drei dunklen Granatäpfeln sprießt aus
-der Erde und wölbt um Dadas am Bauch der Serbin
-ruhendes Haupt betäubende Wollust.
-</p>
-
-<p>
-Das Weib entfernt sich unmerklich, auf bleichen
-Schienen entwandelnd. Dada liegt quer über die
-Schienen gestreckt und küßt in blinder Inbrunst
-den schrecklichen Stahl. Dada biegt die Schrauben,
-lockert sie mit Steinschlägen, trägt die Schienen
-auf dem Rücken beiseite und befestigt, gehorsam
-der Slawin, das Hochexplosiv.
-</p>
-
-<p>
-Danach macht er sich fertig und wandert gen
-Osten in der Tracht kroatischer Bauern.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-2">
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-KIEW.
-</h3>
-
-<p>
-Durch die Serbin zu süßerer Qual entzündet als
-von allen Derobeas eilt Dada Rußland zu. Als ukrainischer
-Bauer kommt er nach Kiew. Entsandt von
-der neuen Einheitsrasse, die Europas blutgedüngter
-Erde entsproß, seinem erstickenden Völkergefängnis
-entsprungen, entkettet, entbunden, entrollt zu
-Wirrsalen des Staatenumsturzes, fernster Völkersicht,
-zu Stürmen, Himmeln, Bindungen erneuerten
-Festlandes.
-</p>
-
-<p>
-Im Dom zu Kiew kniet Dada vor den Bildern des
-Weltgerichts. Nachtdunkle Augenmale der weltverschlingenden
-Propheten starren auf das Meer Europas,
-in dessen Abgrunde brünstige Ungeheuer
-rollen. Jo, die Sklavin roher verderblicher Götter,
-nimmt gepeitscht durch kimerische Länder ihren
-qualvollen Lauf zu den Zinnen des Kaukasus. Über
-prometheischer Zwiesprache zürnt das feurige Antlitz
-des Stiergottes durch die Wolken und beschattet
-das junge Europa mit endloser Zwietracht und
-Krieg, gleich Blitzen unter Wolken gestreut.
-</p>
-
-<p>
-Die furchtbaren Tiere regen sich markzehrend
-in Europas Tiefen: Plage, Seuche, Hunger, Aufruhr,
-Gewalttat, Verfolgung, Mord. Die Heiligen
-des Pantokrators, erhöht über Verbrechen und
-Schwächen, gewaffnet mit Jovis Blitzen und dem
-Bannfluch, um jede Seele botmäßig zu machen,
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-starren glühend in den unermeßlichen Abgrund,
-über dem sie ihre Macht errichtet haben. Heulende
-Gewalten werfen sich in den Staub, Zerknirschte
-tun Buße, das Schwert zerschellt, seine Schrecken
-enden am gläsernen Meere, das unwandelbar von
-Gottes Stuhl über Europa fließt.
-</p>
-
-<p>
-Die Gottesmutter nimmt die Gestalt der Serbin
-an. Sie stiehlt das goldene Vlies des Orients. Dada
-wird in Kolchis seinen Bock den alten Göttern
-schlachten und er wehrt es nicht den neuen, ihr
-Mahl am frischen Lamme zu halten und das Opferblut
-zu trinken. Dada sieht den Transportzug in
-der hellhörigen, zartleuchtenden Nacht, die Explosion
-und den Zusammenstoß: die Raserei der Verwundeten,
-die Schreie der Getöteten, die Schande
-des Mordes haben seine Seele erreicht. Das Lamm
-ist zerrissen, das Blut dampft um Rache im strengen
-Licht von Patmos &mdash; das die Stufen beglänzt,
-auf denen die schwarzen Väter thronen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-3">
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-KAUKASUS.
-</h3>
-
-<p>
-Brücken, Stahlschienen, Wagen tragen den Leib
-des glücklich dem wolhynischen Gemetzel Entronnenen.
-Bäche, Ströme, Hügel beugen ihre breiten
-Rücken, Wälder setzen ihren schwarzen Fuß
-zögernd in die endlose Steppe und nehmen endlich
-Abschied von Dada. Russische Dome heben ihre
-Türme mit Zimbeln der goldenen Kuppeln und
-zärtlichen Kreuzen. Rosa-Lämmer mit Glöckchen
-um den Hals springen auf zum Silbermond in
-grüner Abendaue, und ein Lächeln betaut Dadas
-Angesicht. Eines der Rosalämmer hüpft auf die
-gewölbte Mondsichel, und Dada faßt hinauf in dem
-zärtlichen Bedürfnis, als der gute Hirte das Tier
-auf den Arm und an seine Brust zu nehmen. Da
-schwillt die zarte Rosagestalt ungeheuer an zum
-blutroten Mastodon, dessen Wanst langsam über
-den kleinen Mond sinkt und ihn mit blauen Riesenschatten
-verhüllt.
-</p>
-
-<p>
-Die himmlischen Eisdiamanten des Kaukasus erscheinen
-am Himmelsgewölbe, königlich über den
-Reichen des Lebens. Keine Absolution durch Handauflegen,
-keine Gnade durch Messe und Rosenkranz
-&mdash; erdwurzelnder Glaube, strenge Ordnung,
-Riesenkreis säulenstarker Offenbarung. Die feierlichen
-Stimmen der Berge dulden keine versteckten
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Winkel voller Trägheit und keine Schlammfelder
-voll anarchischer Mordtaten.
-</p>
-
-<p>
-Die Berge wandeln erhaben, senken sich, ruhen,
-steigen an und neigen schwarze Riesentafeln über
-Dada. Eisige Windströme stoßen von nächtlichen
-Hängen, reißen und kälten ins Mark. Düster geduckt
-harrt Dada zwischen Bauern gekauert, auf
-den Ausbruch des roten Wahnsinns, wenn vom Riegel
-des Orients die Trompete schallt und die Nie-Entsühnten
-zum Weltgerichte ladet.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;*&nbsp;*
-</p>
-
-<p>
-Durch die Städte des Hafis gelangt Dada zum
-Indischen Ozean. Mit englischen Khakis, die zur
-Front nach Görz eingeschifft werden, geht Dada an
-Bord eines mit Rauten und Rechtecken übermalten
-Kreuzers. Anders als er in Pola über die Adria emporflog
-zur Eroberung des Poles, belastet, verdumpft,
-zugeschüttet, kehrt er endlich heim von
-seiner Europareise zu Italia: zu ihr, die ihn als
-ihren Marschall aussandte, kehrt er müde und ohne
-sein schimmerndes Schild heroischer Taten zurück
-und keine Hymne Emanueles rauscht heimatskündend
-dem vielbewanderten Dada.
-</p>
-
-<p>
-Krank, zerrüttet verbringt der Flüchtling die
-Reise im Bette. Im Fiebertraum steigt der Kaukasus
-immer drohender, in schrecklicher Schönheit
-empor. Dada klimmt an düstren Hängen auf und
-hämmert hilflos einsam riesige kubische Glastafeln
-an die Felswände. Aber sie lockern sich schnell und
-stürzen in die Tiefe, aus der furchtbare Windströme
-die Kräfte seiner Arme saugen. Qualgeblendet steigt
-Dada zu den prometheischen Firnen auf, um ihnen
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-seine antiseptischen Glastafeln aufzuhämmern, aber
-die mächtigen Berge spotten seiner kindischen Anstrengungen.
-</p>
-
-<p>
-Als das Fieber von Dada weicht, bemächtigt sich
-des Dichters ein dämonischer Glaswahn: mit riesigen
-Glastafeln will er Berge, Küsten und Hochflächen
-bedecken und sie schützen vor der Fäulnis
-und Verderbnis des kriegführenden Europas
-durch eine Erdarchitektur des Glases.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;*&nbsp;*
-</p>
-
-<p>
-In Brindisi betritt Dada das gelobte Land unter
-den Huldigungen der weiblichen Bevölkerung, die
-einen Helden vermutet. Die gewaltige Gestalt, gehüllt
-in einen schweren Mantel von Kardinalsrot,
-zieht aller Blicke an. Während Dada die Terrassen
-vom Meere heraufschreitet, wird er mit Blumen
-überschüttet, Körbe mit Früchten Siziliens werden
-ihm nachgetragen.
-</p>
-
-<p>
-Dada wölbt die athletische Brust und spricht zu
-den italienischen Frauen: &bdquo;Der Held träumte unter
-den Blumen des Orients vom armen Karst im Norden,
-den die lateinische Flagge seit Jahrhunderten
-nicht mehr küßte. Der Held fährt zu der schaurigen
-Hölle zu Füßen der Alpen, die eure lebendigen
-Söhne frißt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dadas Ruhm beginnt. In Neapel und Rom wird
-er interviewt und gefilmt, Barzini schildert seine
-antarktische Reise. Jenes dunkle Attentat auf die
-ukrainische Eisenbahnlinie, das vielen Tschakos den
-Garaus gemacht, und das der Dichter der Urlaute
-in einem molligen Interview zum besten gegeben
-hat, wird in der ganzen Kriegspresse abgedruckt
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-zur Förderung einer gesunden Akzentuierung der
-Heeresberichte. Seine Hymnen werden als patriotische
-Kundgebung für den Sieg Italiens über den
-Nordpol verherrlicht, und die um Bissolati träumen
-von seinem Denkmal auf dem Karst. Nur der Avanti
-erklärt sich gegen eine öffentliche Geldsammlung
-für die Statue Dadas.
-</p>
-
-<p>
-Der Gefeierte im roten Kardinalsmantel aber
-träumt von höheren Ehren und von einem andern
-Ruhm, der ihm nicht von seinem Nebenbuhler
-d&rsquo;Annunzio und der Rache der Anarchisten streitig
-gemacht werden kann.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-4">
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-VENEDIG.
-</h3>
-
-<p>
-Aus dem kriegsrasenden Rom flüchtet Dada nach
-Toskana und kommt eines Nachts in Venedig an.
-Er legt seinen roten Mantel ab, und in Arbeitsbluse,
-unter angenommenen Namen tritt er in einer der
-alten Glasfabriken von Murano ein.
-</p>
-
-<p>
-Er lernt die erste Stufe der Erzeugung reiner
-Glas- und Kristallflüsse, das Schmelzen, Brennen
-und Schleifen untadliger Gläser, köstlicher Spiegel
-und Sichtgläser, die den Weltraum zu zarten
-funkelnden Brennpunkten verdichten.
-</p>
-
-<p>
-Dada träumt davon, ein Glas von Dauer und
-Härte der Steine herzustellen, das gegen alle Erschütterungen
-gefestigt ist, ohne jedoch den natürlichen
-Verwitterungen ausgesetzt zu sein wie jene.
-In riesigen kubischen Platten soll es geschnitten
-werden, und es soll lodern von feurigen Flüssen
-oder Bändern in den Spektralfarben. Sonnen, Wolkenschlachten
-und Liebesmahle sollen zum leuchtenden
-Schmuck der Erdringe werden. Er will die
-Erde panzern mit antiseptischem Glas, indem er den
-Drohungen des Kaukasus trotzt.
-</p>
-
-<p>
-Die düstren Kalkhalden und vegetationslosen
-Hochflächen des istrischen Karst sollen geschnitten,
-geteilt, und durch Glätten und Schleifen in drei-
-und rechteckigen Formen gegeneinander gesetzt
-werden und die Berge als polygonale, pyramidale
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-und kubische Felskörper eine ungeheure Raumgestalt
-in den Himmel türmen. Auf dem geschliffenen
-Gebirge sollen Italiens Arbeiter die Flächen
-auslegen und vernieten mit den dauerhaften und
-farbigen Glaspanzerplatten seines kaukasischen
-Traums. Hoch über der Adria soll das neue Kap
-Sunium, das glasgepanzerte Vorgebirge Istriens
-funkeln als der Diamant Europas und die Lateiner
-in Ravenna und Rimini an heiteren Tagen brüderlich
-grüßen: Denkmal der Freiheit und Verkündung
-und Triumph der Lateiner über den rohen
-Weltkrieg.
-</p>
-
-<p>
-An beweglichen Stahlgestellen sollen riesige Refraktoren
-bis über die letzte terrestrische Luftschichtung
-hinaufstoßen und mit einsamen, stillen
-Augen das Leben des Himmels, des Festlandes und
-des Meeres beobachten. Von riesigen, sehr schlanken,
-witterungsbeständigen Glastürmen sollen leuchtende
-Explosionen von Radium über die magnetische
-Sphäre der Erdrinde hinausfahren, und sich
-zur Selbstbewegung nach glänzenderen Brennpunkten
-des Alls entfalten, um sich zu ergießen oder
-stürmisch mitzureißen und zum Karst zurückzukehren
-und aus kosmischer Vermischung den durch
-Jahrhunderte zur Dürre verdammten Fels mit brennender
-Erde zu befruchten.
-</p>
-
-<p>
-Das aus dieser Befruchtung neu erstehende Vaterland
-soll mit Venedig durch eine Brücke aus
-sturmhartem Kristall in ungeheuren schneeweißen
-Bögen über die Adria verbunden werden, und die
-Brücke wird die Statuen der Dogen tragen, die durch
-den Ring der Adria vermählt waren. Dada sucht
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-den Kristall zu gewinnen, durch den die kosmische
-Schönheit der Erde verwirklicht wird: Er bereitet
-eine Metallbindung mit Email vor, um die Glassteine
-zu mörteln. Auf istrischem Karst soll der
-Klotz von Glas wachsen, der die Last der weißen
-Glasbögen auf ihren hohen Feuertürmen übers Meer
-hebt und ihre letzte sanfte Wölbung vor Venedigs
-Markusturm entladet zur unlöslichen Vereinigung
-Istriens mit Italien.
-</p>
-
-<p>
-Der kristallspannende Blick des Erdarchitekten
-erhebt sich über Europa und mißt das lateinische
-Reich, von Venedig bis zur Kreidewand von Dover,
-und vom Libanon bis zum schwarzen Felsenhaupte
-Gibraltars und über die Südsee zum lateinischen
-Amerika.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-5">
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-ENGADIN.
-</h3>
-
-<p>
-In der Fabrik erhält der Arbeiter Dada den Befehl,
-sich zum italienischen Heere zu stellen. Der
-unglücklich die Freiheit Istriens liebende Glaspionier
-wird unter Emanueles Fahnen gerufen. Er
-meldet sich zum Flugdienst und wird in der Führung
-eines Äroplanes ausgebildet. Eines Tages darf
-er emporsteigen und in den Wolken gen Triest fahren.
-Er jubelt Miramar zu und der ganzen Küste
-und wirft tausende Drucke seiner Hymnen über die
-Städte bis Abbazia. In einer späteren Nacht wagt
-er den ersten Flug mit Bombenabwurf auf die Arsenale
-von Pola. Aus Todesschauern der schütteren
-Erde und Feuerwirbeln, die das Festeste zerstören,
-nimmt Dada das Steuer zum Mittelmeer, und Italia
-fliegt brausend neben ihm als sein göttlicher
-Albatros.
-</p>
-
-<p>
-Dada unternimmt einen Bergflug vom Gardasee
-über die Tiroler Alpen bis ins Herz Bayerns.
-Er wandert ganz einsam in die blaue Luft gehängt,
-mit unbeflecktem Fuß über Schründe, Spalten,
-Grate, Zinnen, Firne, Gletscher auf der Sonnenbahn
-nach Norden. Die Firne glänzen: blau, grün,
-scharlach, ocker. Bergtäler öffnen sich zu ungeheuren
-Blüten des Enzian. Klüfte, Spalten, Schründe
-mit Gletscherstürzen entfalten schmale, nie gelesene
-Buchrollen der Tiefe aus ewigem Kristall. Berggrate
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-sind überwölkt von Silberrosen, Edelweiß auf
-Mammuthrücken.
-</p>
-
-<p>
-Heftige Windströme saugen um die Klippen,
-und der Flieger wehrt sich um sein Leben. Schüsse
-prallen rings, von schlagenden Granaten bebt Trafoi.
-Dada biegt nach Westen, um nicht vom Tiroler
-Feuerringe gefaßt zu werden. An der Schweizer
-Grenze wird er durch erdstürzenden Windstrom
-herabgezwungen. Er landet auf einer Halde über
-dem Tale von Pontresina, sprengt das Flugzeug
-und flüchtet in die Klüfte des Corwatsch, denn die
-Täler sind voll Soldaten. Von Hirten bekommt er
-Nahrung und Bauernkleider und endlich wagt er
-sich als deutscher Flüchtling aus Zürich in das Engadin.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;*&nbsp;*
-</p>
-
-<p>
-Das obere Engadin mit breiten tiefgrünen Bergseen
-zu Füßen wohlgeformter Schneegebirge ist
-eine ungeheure Enzianblüte. Im Anblick der himmlischen
-Eisdiamanten sucht Dada die Einsamkeit,
-ewige Frische und Reinheit der Luft von Chasté
-auf. Das ist kein Karst. Gewaltige Lärchen, Bergfichten,
-Eichen steigen bis zur Geröllzone in mächtigen
-Waldungen auf. So war einst Attika von den
-Hainen des Zeus bedeckt. Nebel und Wolken schweben
-mit Riesenschatten wandernder Legionen feierlich
-um die Bergzinnen, und diese tauchen schneeblitzender
-in der tiefsten Bläue auf.
-</p>
-
-<p>
-Dada mietet ein Gehöft am Ufer des grünen
-Bergsees. &bdquo;Einsame Zärtlichkeit&ldquo; schreibt er über
-die Tür seines Hauses. Kein Zaun umschränkt es,
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-kein Hofhund stört, und das Gezwitscher der roten
-Schweizer Wäschermädels tief am grünen See erquickt
-sein Geborgensein. Der hölzerne Oberbau
-mit dem giebeligen Dach ist fortgenommen und auf
-den viereckigen Granitunterbau ein hoher, flächig
-polygonaler Glasbau gesetzt worden. Das ist der
-Hauswohnraum Dadas zu ebener Erde, und drüber
-die gläserne Allwarte in Gestalt eines spitzen Hutes.
-</p>
-
-<p>
-Von den Urlauten der Kinder und der Primitiven
-wendet sich der Dichter dem terrestrischen Magnetismus
-zu. Er arbeitet an der Herstellung eines absoluten
-Kristalls, das Feuer, Sprengung und Wasser
-widersteht. Er schmilzt ein Glas von äußerster Empfindlichkeit
-für Farben und Schatten der Luft. An
-heiteren Tagen steigt aus dem Glaspilz am stählernen
-Gelenk der große Luftspiegel in die Höhe, mit
-dem Dada bildtelegraphisch Himmel und Firn beobachtet
-in ihren unerhörten Wandlungen.
-</p>
-
-<p>
-Glücklich das kleine Stück Felsland, das vor der
-unreinen Überschwemmung des europäischen Reisepublikums
-durch die schützende Lohe des Weltkriegs
-noch eine Weile bewahrt blieb. Zahnradbahn
-und Massenwanderungen zum Gletscher verfinstern
-nicht das Eis der Gipfel, das Schweigen und die
-herbe Glut der Felsen. Der mächtige Sturzklang
-der Quellbäche am Granit der Hochwände wird
-nicht von den Brüllaffen der Mode, des Sports und
-Flirts zertreten. Der Anblick der Gestirne, elektrisch
-zitternder Nachtglanz des Alls, Belauschung
-des stillen Streits kosmischer Todeskräfte, werden
-nicht roh unterbrochen durch Sprechwerkzeuge, die
-leider nicht die der Grille und Nachtigall sind.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-Dadas Zärtlichkeit: Das Sausen des Windes, des
-mitternachtgeborenen, in den Seewellen am Hain
-von Chasté, die heißen Felswände in wechselnden
-Schatten und der Firn. Den mondrunden Spiegel
-hat Dada über den kaiserlichen Firn gehängt, um
-das hohl geschwollene, weggreifende Ich fortzuätzen
-und die Erde von unreiner tierischer Kruste
-der fäulenden Ichs zu befreien.
-</p>
-
-<p>
-Dadas Freuden: Versenkung, Innendienst mit
-Herz und Hirn, Beobachtung, freie göttliche Bewegung
-der schaffenden, messenden, wägenden Hand.
-Diese Freuden dauern, ohne schal zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Das neue Vaterland der Idee ist erschienen, das
-Engadin der Alliebe, die Bergheimat zärtlicher Innquellen,
-bereit zum Schmuck der Erdrinde mit geschliffenem
-Kristall. Europas Arbeiter sollen nicht
-mehr Europas Kriege führen, sondern Europas
-Berge meißeln und die rauhsten Werke mit Juwelen
-gottbeseelter Erdheimat schmücken.
-</p>
-
-<p>
-In den Gerölleinöden des roten Corvatsch läßt
-Dada durch Arbeiter einen Stuhl in die Felsen
-meißeln. Den obersten Teil des Gipfels mit seinem
-Zinnenriff läßt er in mächtigen kubischen Flächen
-arbeiten zu einem unregelmäßig polygonalen Riesenblock.
-Und seine Flächen läßt er mit Platten
-geflammten Glases bedecken, so hart und dauerhaft,
-wie die Schweizer Glasfabrik sie nach seiner
-Vorschrift hat machen können.
-</p>
-
-<p>
-Den Sitz seines Felsenstuhles läßt Dada aus Glas
-in der Form einer gewölbten Schildkrötenschale befestigen,
-und die hohe Lehne ist ein Mantel starr
-gefalteten Glases von tiefer Blaustrahlung. Über
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-dem Mantel steht der mondrunde Spiegel. Habicht,
-Falke, Steinadler umkreisen das hohe Auge, und
-vor dem blauen Mantel sinken in die Tiefe mitbürgerlicher
-Argwohn und tödlicher Haß gegen den
-Eindringling auf uralten Heimatfels.
-</p>
-
-<p>
-Reiner, tiefer, prächtiger sind die Farben der
-Erdtiefe. Das mächtige Weltherz pulst in den Bildern
-des Spiegels. Massensterben in Gräben, qualenbedecktes
-Getrümmer, blutiger Tierjammer wutzerrissener
-Millionengesichter, Todesfratzen mit
-schrecklichem Wundtod. Die Katharsis nimmt den
-bedingten tragischen Lauf ihrer Greuel.
-</p>
-
-<p>
-Aber wer vermag zu ertragen, wie auch nur <em>ein</em>
-menschliches Herz bricht &mdash; und muß ohnmächtig
-daneben stehen! Dada lenkt seinen Spiegel über
-den Firn, machtlos, die Wut der Menschenschlächterei
-anzuhalten, und diejenigen zur Freiheit zu
-lenken, die noch immer nur das Opfer vor den
-Göttern des Blutes kennen. Dieselben, die Flugzeuge
-lenken, Bomben werfen und Menschen töten.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-6">
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-DER SPIEGEL EUROPAS.
-</h3>
-
-<p>
-Dem Monde ist eine magnetische Kraft zu eigen,
-deren Strahlung die Meere der Erde folgen. Ein
-Flutberg steigt zu gemessener Zeit empor und überrollt
-den Ozean auf seinem zum Horizont hinangewölbten
-Rücken.
-</p>
-
-<p>
-Ein Flutberg menschlicher Seelenkraft erscheint
-über dem Meer der Völker: die Idee für die Omnes
-ruft die Seelen zur unlöslichen Verschmelzung. Der
-verbindende sanfte Mond der Völker erscheint und
-wandelt hin im Strahlenkleid der menschlichen Ekstasen.
-Mit seinem allgegenwärtigen Licht umfaßt
-er die Landschaft der Kräfte und Bezauberungen.
-Leidenschaftlich empfunden, stark erlebt ist die
-Idee nur wenigen geistig sichtbar. Ein Haupt denkt
-diese Idee: der zornige rote Christus betritt die
-Wolken zum Gerichte und stürzt die Gäste der Welt
-in die Tiefe. Auf der Flut von Morgen gen Mitternacht
-drückt sie ihre leuchtende Spur in die Millionen
-Geistigen. Und aus der Flut erhebt sich die
-Tat, die den Erdball in ungewisse Zukunft schleudert
-und die Freiheit in ihrem blutigen Wirbel beschwört.
-</p>
-
-<p>
-Ein unsichtbarer Flutberg bricht aus den feindseligen
-Fronten empor, aus Krampf und Leid von
-Millionen Todbedrohter und Verdammter. Er rollt
-von Osten heran und pflanzt seine schwarzen Wimpel
-auf Deutschland und Frankreich, und bedeckt
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-die Götzenbilder der zerbrochenen Völker mit seiner
-stillen, mächtigen Woge: den russischen Pantokrator,
-die Kriegsgötter Germaniens und den Gladiatorenhelm
-Frankreichs. Vergeblich haben die
-Götter schrankenlosen Wahnes Kriegsmaschinen in
-die Finsternis eingebaut: Die Idee des einen Hauptes,
-die Idee im mächtigen Schweigen, in dem
-unauflöslichen Licht von Millionen Geistigen lebt
-fruchtbar und wirkt.
-</p>
-
-<p>
-Ewige Blutnacht Bartholomäi über Europa! Die
-Idee steht reinster Sonne in dem einen Herzen auf,
-im gemeinsamen Herzen der tödlich Gelockerten
-und Opfergekrümmten. Weihnacht des künftigen
-Europa, du beschwörst die Schande der Völker, du
-wehklagst und tötest.
-</p>
-
-<p>
-Ruhelosigkeit, geheime Furcht, fieberige Schrecken
-bewältigen die Mächtigen. Sie wechseln die
-nächtliche Schlafstätte, sie verlieren den ursprünglichen
-Stolz der Überzeugung, sie fürchten gewaltsamen
-Tod, sie haben die persönliche Ehre verloren,
-sie gleichen dem gehetzten Napoleon, der den
-Giftbecher nimmt, ihn aber fortstößt und sich ergibt,
-um Ruhe zu haben. Auch sie, die jetzt Furcht
-haben, ergeben sich den Giftmischern, um Kirchhofsruhe
-zu haben, um den Qualen zu entrinnen.
-Der Gladiator Frankreichs, der Dilettant des Thrones,
-der sich selbst als Friedensfürst bezeichnete,
-samt seinen Teutonen, Emanuele, der König der
-heiligen National-Selbstsucht &mdash; vor ihnen erscheint
-der makellose Spiegel Dadas und zeigt ihnen im
-weißen Rund das Bild des armen Zaren, der unter
-einer Salve von Narren &bdquo;glücklich&ldquo; verscheidet.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Mit kundiger Macht sendet Dada die Strahlung
-in die Nächte der Machthaber und Ehrsüchtigen.
-Auf Tribünen, im Auto, inmitten öffentlicher Ansprachen,
-bei der Fahrt durch die Städte, bei militärischen
-Schaustellungen, bei städtischen Prunkaufzügen,
-inmitten von Banketten, Militärs und Deputierten:
-erscheint die Grimasse des glücklich Verschiedenen.
-Das Scharren eines Stuhles im Saale,
-das Knirschen eines Schuhes oder seidenen Kleides,
-ein elektrischer Schlag, schauernd vom Ganglion
-des Großhirns bis in die Eingeweide &mdash; das
-Gottesauge schaut auf den Gladiator. Das Fieber
-des Tigers wird weiß und kalt. Die Teutonen tauschen
-im starren Krampf Puppenbewegung der
-steifen quadratischen Häupter. Allen, die Feinde
-sind, Feinde sich, dem All, allen, allen Soldaten,
-die dem Schlamm des Krieges entronnen sind, selbst
-den Kindern des neuen Raubtiers aus Atlantis erscheint
-die schreckliche Idee im Spiegel: die Drohung
-der Selbstzerstörung.
-</p>
-
-<p>
-Der Flutberg naht. Er überrollt den Ozean, er
-hat seine Breite, niemand ist ausgenommen, wo ist
-Gang und Richtung zu erkennen! Vor dem Kristall
-am Corvatsch steht der Beschwörer und betrachtet
-den Gang eines Käfers auf seiner Hand. Und der
-die Tiere in Menschen sieht und die Götter in den
-Tieren, sinkt in die Kniee und betet.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-7">
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-DER FIRNDOM.
-</h3>
-
-<p>
-Dada hat kein Vaterland.
-</p>
-
-<p>
-Er meidet und fürchtet, das trunken und satt vom
-Blut ist: Patriotismus, Nationalniedertracht, Irredenta,
-Pöbelwahn, Heroismus des stumpfen, irrsinnigen
-Maschinentodes. Schutz und Höhe der Felsen,
-leichte stille Lüfte und reines Blau der Idee
-Europa &mdash; in ihrer Hut bildet sich das Wunder
-der Freiheit.
-</p>
-
-<p>
-Die Eisbärenflanken des Berninafirns erglühen
-im zartesten Gold- und Weinrot, und zu seinen
-Füßen ruhen die Felsen in scharlachner Tiefe:
-eisig rot, lila, blau. Auf diesen Alpenbergen will
-Dada die erste Schöpfung eines erneuerten Europa
-der Arbeit und wiedergeborener Künste errichten.
-Noch ruhen die Gletscher und Firne in mondlicher
-Sanftheit der Hänge, in Stille von dünnster Klarheit,
-in der das Herz scharf dröhnt, als höbe es sich
-selbst aus der Brust, um in ungeheurer Höhe zu
-kreisen und sein Blut zu vergießen. Die Erdrinde
-erhebt die rauhste und erhabenste Sprache zur Feier
-und zum Triumph der Menschheit. Dada sieht beglückt
-seinen höchsten Traum.
-</p>
-
-<p>
-Er erhält das Recht, auf dem Bernina einen Dom
-der Schönheit aus Glas zu errichten zu Ehren der
-freien Demokratien Europas. Er wirbt eine Arbeiterarmee
-an. Glasschmelzen und Schleifereien
-werden gegründet, elektrische Motore arbeiten und
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-treiben Bohrmaschinen, um die Fundamente des
-Glasdoms in den Felsgrund zu senken. Gewaltige
-Stahlhämmer klopfen und plätten die Felswände
-zu geschrägten kubischen oder dreieckigen Flächen,
-die in kühnen Falzen und Winkeln aneinanderstoßen.
-Das ganze Massiv bis zur Schneegrenze wird
-von Geröll gesäubert, und in einen kolossalen, vielflächigen
-Kunstblock verwandelt, von dem jede Vegetation
-entfernt bleibt. Unwegsame Schluchten
-werden flächig ausgemeißelt und als Hohlwege bis
-zur Firngrenze ausgebaut. Drahtseilbahnen senden
-ihre Förderwagen zum Firn hinauf. Das Gebirge
-dröhnt vom Lärm der elektrischen Schleifarbeit,
-dem Hämmern der Arbeitermassen und den Sprengungen
-mit Dynamit.
-</p>
-
-<p>
-Noch ruhen die sanft gewölbten Hügel des ewigen
-Firns im makellosen Urlicht und im nächtlichen
-Schmuck der schimmernden, augengroßen
-Sterngehänge. Aber Dadas Heer dringt rastlos aufwärts,
-baut den Firnschnee mit Hilfe der Förderwagen
-ab, überbrückt die schneetiefen Klüfte mit
-Glasgewölben, bis der Gipfel in eisiger Herrlichkeit
-erreicht ist. Das grüne Firneis wird in riesigen
-Blöcken abgelöst und talab geseilt, und mit ihm
-werden unten die Dampfkessel gespeist. Die Abplattung
-des gesamten Gipfels ist rasch im Gange
-und die Zerstörung des alpinen Urriesen ist in wenigen
-Monaten geschehen. Eine ungeheure, nackte
-Hochfläche bleibt als Grundlagerung des vormaligen
-Firns.
-</p>
-
-<p>
-Nichts an dem nackten Riesenkegel soll unbewußt
-bleiben, das Ganze soll in Form, Fläche und
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Farbe gegliedert werden. Dada klettert in jede Felsritze,
-in die engen Betten schäumender Gebirgsbäche,
-die bald versiegen müssen, da ihnen das
-mütterliche Firn fehlt. Er läßt all diese kleinen
-Schönheitsfehler der Natur mit Glas überwölben
-und in den Klüften sanft ansteigende, überwölbte
-Treppen anlegen, die wie Tunnels elektrisch erleuchtet
-werden. Dada kämpft unter unerhörten
-Schwierigkeiten vorwärts. Seine Leute stürzen in
-Abgründe oder gehen an raschen Krankheiten zugrunde.
-Die Bergnebel verdunkeln tagelang jeden
-Schritt seiner Maultiere und Arbeiter. Der Föhn,
-furchtbare Unwetter, gegen die es auf den geplätteten
-Felswänden keinen Schutz gibt, vernichten die
-Arbeiterhütten, Menschen und Werkzeuge. Der
-ganze Bernina gleicht nur noch einer unermeßlichen
-Baustelle von Kriegsgewinnlern, ein Kegel armseligen
-Graus inmitten der Eiswildnis.
-</p>
-
-<p>
-Die erste farbige Platte von dauerhaftem, sturmhartem
-Glas wird feierlich unter Dadas Händen an
-den Fels genietet. Überall wird der Berg geplättet,
-poliert, gekantet, heroisiert, um schließlich ganz
-bekleidet zu werden mit grünen, schwefelgelben,
-scharlachnen, azurnen und irisierenden Glasplatten.
-Die Kunstnatur in Email geistert wunderlich ins
-Gebirge.
-</p>
-
-<p>
-Auf der platten Hochfläche läßt Dada einen
-Wald von riesigen, goldroten Säulen errichten und
-ihre Spitzen durch Glasbögen zur Gestalt einer kristallenen
-Rose verbinden. Das ist der Rosendom,
-von dem Dada geträumt hat. Das ist die Krönung
-des ungeheuren Werkes, des unerbittlichen Glasfirnes,
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-der den Schweiß von Arbeiterheeren und
-das Vermögen Dadas gekostet hat. Als der Dom in
-kindlichem Geglitzer und in der Konfektarchitektur
-eines Ausstellungspalastes förmlich strahlt, ist
-Dada ärmer als der bronzene Hammelhirt am Roseggletscher.
-</p>
-
-<p>
-Er hat die Genugtuung, unter den Schwibbögen
-des Rosendomes die große weiße Glastafel aufgehängt
-zu sehen, auf der Dadas Aufruf an die künftige
-Brüderschaft freier Architekten Europas geprägt
-ist. Kein Gerät befindet sich in der weiten
-Halle aus rosenfarbigem Glas, das Licht dämmert
-sanft durch die Wände, und das Blau des Himmels
-dringt allein durch die klaren Glasflächen im
-Zenith des Domes. In den Wänden sind die Glaszeichnungen
-Dadas eingelassen, er, der sich selbst
-in diesem Dome als Präsidenten der Menschheit
-bezeichnet, hat hier seinen wunderlichen kaukasischen
-Glastraum niedergelegt. Das ist der Traum
-von Pyramiden, Domen, Olympias und hängenden
-Gärten aus Glas, vom Schliff des Matterhornes, des
-Monte Cristallo. Alle Bergwände sind geplättet,
-jede Kante ist stilisiert, jeder sanfte Abhang zur
-Terrasse ausgespreizt, Klüfte, Schründe, Höhlen,
-Abgründe werden von Glasbögen mit Windharfen
-überspannt, darauf der Föhn Urlaute spielt. Die
-Täler werden zu geöffneten Enzian- oder Oleanderblüten
-oder gespaltenen Granatäpfeln aus Glas. Die
-heroischen Hochalpen zieren Versailler Rosenlauben
-mit Rokokogärten aus Glas, die nachts von elektrischem
-Innenlicht zu feenhaften Girlanden aufstrahlen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-Auf die Blöcke und Zacken uralter Wildgletscher
-sind Glasfelsendome gebaut. Über die Seen des
-Engadins und des Kantons Luzern sind Feststädte
-und Tempel auf Glassäulen bis zu den Berggipfeln
-erhöht, über den Bodensee bis zum Säntis hängende
-Gärten und Festterrassen mit türmenden Söllern
-und Sälen für Zusammenkünfte ganzer Städte und
-Provinzen. In diesen Tempeln und Festpalästen
-wird die Musik Mozarts von verborgenen mechanischen
-Instrumenten jederzeit tönen: alles ist leicht,
-spielend, heiter, still. Es gibt nur die Pflicht, zu
-schweigen und das Glas zu verehren.
-</p>
-
-<p>
-Dada ruft die Architekten zu den Entzückungen
-des Glases und Europas Arbeiterheere zu dem
-männlichen, rauhen Werke der Erdbezwingung.
-Gemeinsame Opfer, Qualen, Kämpfe, Arbeiten, gemeinsame
-Werke, Frucht, Belohnung, Genuß in
-den Glasdomen der Alpen.
-</p>
-
-<p>
-Danach dehnt Dada den Zauberkreis aus. Die
-Erdrinde erscheint, die Südsee, das farbige aber
-dunkle Asien. Die Nächte dieser kosmischen Meere
-sind durchglüht von riesigen Lingams oder Hörnern.
-Otaheiti, Neuseeland, Guinea sind durch Glasbögen
-auf Feuertürmen im Meere verbunden. Im
-Meere schweben Glastürme, denen Äroplane sich
-nähern.
-</p>
-
-<p>
-Über den Erdball von Nord nach Süd sind gestaltete,
-farbige Weltnebel gewölkt, um nächtlich
-diejenigen zu erfreuen, die der Plakate von Liebigs
-Fleischextrakt und Zuntz&rsquo; Kaffee müde geworden
-sind. Aufschießende Sternkristalle, rote Diskusse,
-grüne Saturne, gelbe Oktoëder aus sphärischem
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Quarz bindet Dada magnetisch zwischen Pol und
-dem Gleicher und furcht den Tageshimmel mit dem
-Fluge kubischer Projektile, anderer, als die der Zerstörung!
-Sie streuen aus den Lüften farbige Flugblätter
-zur Verherrlichung gemeinsamer Arbeit, gemeinsamen
-Genusses im Park Europa.
-</p>
-
-<p>
-Dada verheißt Wunder dem armen Menschenwurm
-des Erdsternes, ihm, der von härtester Fabrikfron
-erschöpft ist und sich in Kriegen zerfleischt,
-die seinen Fabriken entspringen. Der Präsident
-der Menschheit ist an den Rand des schäumenden
-Wahnes gelangt, die Menschen durch Glas
-zu erlösen. Verarmt, unfähig, das Glaswerk fortzusetzen,
-ohnmächtig vor der gepanzerten Gleichgültigkeit
-demokratischer Regierungen, die schließlich
-nur der abgesonderten vaterländischen Selbstsucht
-zu leben verstehen.
-</p>
-
-<p>
-Dada muß den Firndom dem Verfall überlassen.
-Langsam, aber unbezwinglich ist die Rache des
-kastrierten Bernina. Die Schnee- und Eisgeschiebe
-erneuern sich, die Verankerungen lockern sich, Eisbäche
-sprengen die Glastunnels, der Sturm bricht
-die Glasbögen, und die Glasplatten werden vom Eis
-bedeckt und stürzen in die Tiefe ab.
-</p>
-
-<p>
-Neugierige Fremde aus St. Moritz kommen und
-starren auf die unermeßliche Narrheit aus finstrer
-Kriegszeit und spotten ihrer. Eines Tages steigen
-Bewohner des Engadin zum Corvatsch auf und verjagen
-Dada mit Steinwürfen von seinem Felsensitz
-wie einen räudigen Hund und zertrümmern seinen
-Spiegel.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-8">
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-GRAUBÜNDEN.
-</h3>
-
-<p>
-Selbst die republikanische Schweiz mit ihrer
-zwieschlächtigen Seele und ihren innerpolitischen
-Fehden ist nicht die Stätte jener Freiheit, die Dada
-vergebens sucht. Er hat Hymnen auf ein Vaterland
-gedichtet, das Slowaken und ähnliche Halbslawen
-unter sich teilen. Er hat Glasdome für ein Europa
-bauen wollen, von dessen Rumpf köstliche Glieder
-abgeschnitten wurden, und dem der Jugendsaft verluderte
-und giftig wurde. Sein Ruf nach einer antiseptischen
-Glasarchitektur der Alpen verhallt ohnmächtig
-vor dem Empörergeschrei der von Kriegsknechtschaft
-befreiten Völker. Wo wird Dada eine
-Nation finden, die seine magnetische Erleuchtung
-und Erwärmung der Erdrinde zur Reife bringen
-würde! Wo soll er Helfer werben, um den Plan
-der Ausgleichung der kosmischen Klimate und der
-Vermondung des Erdkörpers zu verwirklichen.
-</p>
-
-<p>
-Aus den wilden Eitelkeiten des Rosendomes
-mußte er zurückweichen und zu spät einsehen, daß
-für die Erhabenheit eines Gebäudes seine Höhenlage
-unwichtig ist. Der Azursaal des Rosendomes
-hätte dasselbe Blau des Himmels gezeigt, wenn er
-auf einer geringen Anhöhe am Vierwaldstättersee
-oder am Rhein bei Basel gebaut worden wäre. Das
-Parthenon brauchte keinen alpinen Sockel, und für
-Paestum genügte das Mittelmeer. Nachdem Dada
-den Bernina zerstört hat mit der Gedankenlosigkeit,
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-die kein Bewußtsein hat von dem innigen Zusammenhange
-des ganzen Naturlebens, machte er es sich
-von neuem bequem auf einer Geröllhalde des Steinreichs,
-inmitten der verkarsteten Riesenalpen Graubündens.
-Eine Herde von Ziegen, Hammeln und
-Rindern, sowie allerlei nützliches Kleinvieh und
-Hunde nennt er sein eigen, er hütet selbst seine
-Arche und nährt sich von ihr. Er hat eine Almenmatte
-und ein Felsenhaus aus Geröllsteinen, für
-Hirten hergerichtet, gepachtet und betreibt Viehzucht
-und Milchhandel. Inmitten seiner Tiere führt
-er täglich das genüßlich phallische Dasein eines
-&bdquo;Ketzers von Soana&ldquo;, das ein modischer Dichter
-erotisch-geistlich seiner großstädtischen Lesewelt
-dargestellt hat.
-</p>
-
-<p>
-Dada liegt den ganzen Tag ausgestreckt herkulischen
-Leibes im saftigen Würzgras der Alm. In
-den Alpenkräutern blüht der tiefäugige Enzian, und
-starke Felsen über ihm halten dichte Kissen von
-Sonnenglut um die regungslose Halde, auf der die
-Hammel fressen. Der istrische Apoll im blauen Leinenkittel
-liegt träg auf dem Bauche und bestaunt
-seine eigenen vom Sonnenlicht goldgefärbten Beine
-und Arme. Die Schwingung des tiefen Tals ründet
-sich sanft empor gleich dem Bauch seiner guten
-sattgefressenen Rinder, die nach ihm brüllen, um
-ihm die Lasten anzukündigen, die sie im Leibe für
-ihn tragen. Dada liebt dankbar und zärtlich seine
-ernährenden Freunde, und stärker als je von Italias
-und Derobeas Gnaden hüllt seine Glieder schwelgerisch
-mästende Fülle in der Sommerfrische Graubündens.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-Dada bewundert die Tiere, und ihr Leben wandelt
-als ein endloses Schauspiel an seinem müßigen
-Gaffen vorbei: Sie fressen, darum müssen sie sich
-regen, spielen, sich vertragen oder sich bekämpfen.
-Sie lagern sich, flüchten, begatten sich, sind grausam
-und leidenschaftlich, ungestüm und feurig
-boshaft. Dada liebt besonders das unverschämte
-Glück und die sachliche Einfachheit der Begattung
-seiner Tiere. Er hört das schwere Ruhegebrüll der
-Rinder, die den Schatten in der Mittagsglut und
-das klare Bächlein lieben.
-</p>
-
-<p>
-Dada spricht mit den Tieren, gemäß dem verschiedenen
-Charakter ihrer Laute, und folgt mit
-seiner Erkenntnis den Bahnen ihrer instinktiven
-Bewegungen, um die Rätsel ihrer Sprechzeichen
-und vielgestaltigen Stimmen zu entziffern. Er hat
-einmal jeder großen Sprache des europäischen Menschen
-wahlverwandt angehört, und er meidet fortan
-die Menschenworte und was ihresgleichen, um in
-den Tierlauten gleichen Sinn und Trieb zu erkennen,
-nur mütterlich traulicher und treuer. Dada
-lebt entzückt in den hymnisch-orphischen Kräften
-der Tiere, in der strahlenden Energie ihres natürlich
-Bösen, in der furchtbaren Schöpferkraft, die
-frißt, tötet, zeugt und schweigt. Er lebt ihren
-Alltag, ihre Feiern, ihre herdenhaften Beziehungen,
-die er mit denen des antiken Menschen vergleicht.
-An kalten oder regnerischen Tagen schließt er sich
-mit den Tieren in dem gemeinsamen großen Wohnraum
-des Felsenhauses ein, und diese in Jahrtausenden
-familienhafter Hausgenossenschaft erzogenen
-Tiere sind Tag und Nacht sein Trost, mitleidsvoll
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-und sorgend lebt er in ihren Augen, ihren Freuden,
-ihrem Kranksein und Sterben.
-</p>
-
-<p>
-Über die Laute der Felsen und Bäume und Erdtiere
-werfen Habicht, Geier, Adler und Falke ihre
-Mordschreie empor in die Lüfte bis zum Bereich,
-wo die tierischen Laute verlöschen vor dem freien
-Genius des Schweigens, der im stillsten Glanze der
-feinsten Bindung ferner Erdkräfte schwebt. Die
-magnetische Rinde hält wohltätig die Sonnenstrahlung
-in ihrem Bereich gesammelt, hüllt sich mit
-ihr, und läßt sich durchdringen und wärmen von
-ihr zu immer erneuerter Fruchtbarkeit, um das
-Traulich-Wohlbewohnte zu begründen.
-</p>
-
-<p>
-Erde und Gebirge haben lange auf den Menschen
-gewartet. Das Tier, das zärtlich geliebt wird, hat
-die Felsen mit warmen Vliesen bedeckt, um sich in
-der Sonne liebkosen zu lassen. Die Felsen träumen
-gern von den guten glücklichen Tieren und beschwören
-Gemse und Steinbock<a id="corr-1"></a>, Albatros und Adler
-zu ihren Wächtern und Spähern. Vor der Frühe
-bedecken sie sich mit Tau und sie fürchten die
-eisige Vernichtung und den Haß der Menschheit.
-Dada ist unter den letzten einer sterbenden Erdrasse,
-die Tiere genannt werden, weil die Menschen
-ihren Haß auf sie abgeladen haben.
-</p>
-
-<p>
-Die Gipfel Graubündens nehmen die Formen riesig
-ruhender Tierhäupter an. Übertierische Gestalten
-von Kranich, Hund und Widder stehen hochaufgerichtet
-in die Felsen gemeißelt. Über den Felsen
-erheben sich die Göttergestalten der großen
-Tierrassen, sitzend über dem Erdkreis gegründet:
-Löwe und Stier. Das brummende Moo der Stiere,
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-das erzene Geschmetter der Böcke, die Urstimmen
-aller Geschöpfe, die von den Seen bis zu den Schneezinnen
-Graubündens schweifen, dichtet Dada, und
-bildet in ihren Lauten die Veden und die ägyptischen
-Gebete, die Stier und Widder als Götter anriefen.
-In die milden Hammellaute übersetzt Dada die
-Brünste, Ängste, Untergänge der Tiere in Urwut
-und Urklang.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-9">
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-DER ROTE WIDDER.
-</h3>
-
-<p>
-Der feurige Widder, der trotzende Liebling der
-Herde, der Gott seiner Rasse wird in Dadas Felsenhaus
-geboren. Zur Kraft erwachsen, tritt er eines
-Morgens rot und stark auf die letzte Felsenstufe
-und geht auf über Dadas Felsgipfel: Sonne der
-Tierheit, die nicht mit Blut gemästet und nicht von
-den düstren Flecken der Verwesung angefaßt ist.
-Sein Gehörn ist edel geschweift, der Bart feurig
-und züngelnd, die feinen, bergharten Gelenke sind
-zum Sprung gestrafft.
-</p>
-
-<p>
-Sorglich schreitet Dada mit der gewölbten Brust
-und den milden Armen des Vaters der Tiere auf
-dem Grate und tritt dicht zum Widder. Er legt
-beide breiten Hände auf das honigglänzende Geweih
-und spricht ruhig und stark in den wenigen
-Urlauten, in denen er das Geheimnis der Tiersprachen
-gefunden hat. Dada bringt langgezogene,
-wohltönende, weibliche Laute hervor, denen der
-Bock mit gemessen <a id="corr-2"></a>kriegerischem Geschmetter antwortet.
-Die harte Trompete des Bockes beherrscht
-den Gipfel, marschiert, befiehlt, hält Ordnung,
-während Dada hineinzutönen versucht und mit verschämtem
-Verlangen um Gleichberechtigung wirbt,
-nicht etwa für den Bock, sondern für sein Menschen-Ich.
-Hier folgt das Gespräch übersetzungsweise,
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-das Dada kunstgemäß mit wenigen, aber
-immer verschieden gefalteten Tierlauten durchgeführt
-hat.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lieber Sohn, ich will dir die schöne weiße Zuckerkante
-schenken, die drüben auf den Bergen
-hängt, und die feinen rosa Wolkenlämmer, die im
-tiefen Blau grasen, verlocken feurige Hammelbeine
-zu Galopp und Sprung. Willst du zu ihnen, mein
-Widder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Widder erwidert in Urlauten, feurige Blitze
-seiner Bosheit fahren zum Talgrund:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sehe viel weiter und will viel weiter, als du
-willst, lieber Herr. Deinen Zuckerkant lecke ich
-bald mit roter Zunge, und auf die rosa Wolkenlämmer
-setze ich meinen Bockstritt. Versuch mal diesen
-Galopp.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Bock zieht zehn scharfe Bogen hart um Dada
-auf dem gefährlichen Felsgrat, aber schließlich gesellt
-er sich wieder neben seinen Gebieter und Dada
-legt von neuem die Hand auf das honigglänzende
-Gehörn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Über hundert Gipfel im Norden setzest du mit
-harten Läufen und dann gelangst du in das tiefe
-Land, das der Krieg beschattete mit Zerstörung und
-Verwesung. In diesem Lande wurde täglich und
-jahrelang das unzählbare Menschenfleisch von köstlichen
-Nationen der ganzen Erde mit Feuer und
-Stahl gemahlen, und die eklen Sümpfe wurden mit
-Blut gedüngt. Der Ätna, der Sudan, die Kalahari,
-keine Wüste der Erde droht vergiftet von Greueln
-wie dies Land. Auch dein armer Vater Dada war in
-diesem Lande gefangen, bis ich entwich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Der Widder mit honigglänzendem Gehörn schüttelt
-Dadas Hände fort, springt im Ruck vor Dada
-und senkt drohend das Horn zum Angriff, seine
-Augen brechen Feuer aus, seine Stimme donnert
-von Urlauten:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du dicker Butterschlegel, hochtrabendes Faß
-voll Regen, Säusler von Zuckerkant, kamst zu Anfang
-mit deinem Zweifel an dir selbst. Und als
-alles vorbei war, schlugst du an deine stumpfe Brust
-und schriest &bdquo;Meine Schuld&ldquo;. Wohlan, Dada, der
-Widder aus dem Sternenbild, nicht der Nachtmahr
-deiner Verbrechen im Kaukasus, die ewige Jugend
-der Welt empört sich und stößt dich fort, weil du
-dick, erstickend träg von Worten schwillst, weil die
-Freiheit auf gewölbter Sonnenbahn erglänzt und
-dich verwirft.
-</p>
-
-<p>
-Du hast geduldet, daß jene sich zerfleischten, die
-du trösten und vereinigen solltest. Du mitsamt der
-Helena, um derentwillen du getötet hast, habt die
-Würfel geworfen um des Lebens willen, du bist
-der antiken Hure nachgelaufen, dem lateinischen
-Popanz und einer dacischen Mänade. Mit Mummenschanz
-von Urlauten, Glasbergen und Ziegensprache
-hast du genüßlich das Leben beklebt und deinen
-Bastardsinn verraten.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich dich mit den Hörnern hinabstieße,
-was würde es den bösen Tälern schaden, denen du
-entlaufen bist! &bdquo;Unsere Schuld!&ldquo; ruft ihr. Ein
-Chor der Unmündigen zeugt von sich selbst. Die
-sich selbst nicht zu befehlen vermögen, treten unter
-die ratlosen Besserwisser der Völker und verwirren
-die geringe Vernunft, die nach ihren Verbrechen
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-und Bluträuschen erwachen will. Hohle Raketen
-der Wortkunst schleudert ihr unter sie und
-ihr schämt euch nicht und gebt euch preis, die ihr
-unfähig zu einer Welt ohne Blut und Tränen seid.
-Unschuld, Unverwelklichkeit der edlen Seelen habt
-ihr nicht gekannt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im heftigen Sprung schlägt der Bock mit dem
-Gehörn den Istrier zu Boden und entweicht nach
-Norden. Dada erhebt sich vom jähen Sturz, zerschunden,
-bleich, gepeitscht von kreisenden Schwänzen
-der aufgerufenen Schrecken. Er erhebt die
-dicken Arme, um sie auf den eigenen Schädel niederwirbeln
-zu lassen. Stierlaute quälen seine Kehle.
-Die hundert Tschakos seines ukrainischen Attentats
-zertrümmern seinen Verstand. Er bricht in Klagen
-menschlicher Worte aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Schuld! Wann wird uns Zuchtlose, Gehorsam
-Entwöhnte die Liebe binden. Wann werden
-wir fähig zur sittlichen Erlösung sein, wir Betrüger
-und Mörder. Wann werden wir im engsten frei sein,
-im Schaffen beständig!
-</p>
-
-<p>
-Du Widder hast mich aus der Schmach meines
-genüßlichen Zuschauertums aufgerissen. Du hast
-mich schaudern gemacht vor der baren Trägheit
-und der mörderischen Leere. Denn durch die Leere
-mordete ich das Leben. Ich habe noch nie ein Volk
-geführt, ich habe mich noch nie im Ätna gebadet,
-ich habe noch nie einen Sohn gezeugt, wahnsinnig
-vor Entzücken und Schmerz. Ich habe mich im Abgrund
-des Todes an den ärmsten aller Gedanken
-geklammert und ich habe gezagt. Ich habe des Menschenwurms
-letzte Furcht und schmählichste Ohnmacht
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-erlitten und ich habe nur nach neuen Unterpfändern
-meines liebelosen, armseligen Daseins
-gespäht.
-</p>
-
-<p>
-Du Widder hast mich niedergeschlagen in dem
-bescheidenen Stolze meiner Tierfreundschaft, darum
-grolle ich dir nicht. Denn ich will mich umwenden
-zu der niederen Behausung und mich aufrichten zu
-schaffender Arbeit, die mich zu der glücklichen
-Pforte des Ausganges leiten wird. Glücklicher Ausgang,
-zu dir steige ich empor und ich feiere dich,
-indem ich lebe.
-</p>
-
-<p>
-Flüchtig und ruhelos war ich von Europa krank.
-Von jetzt ab werde ich glücklich an dir, Europa,
-neues Vaterland, das ich gegrüßt habe mit früher,
-heiliger Liebe. Ich werde arbeiten für dein Glück,
-lichtes Europa, mit dem schaffenden Werk, das die
-Völker versöhnt.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="toc part" id="part-3">
-INHALTSÜBERSICHT
-</h2>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr class="p">
- <td class="col1" colspan="2">Erster Teil</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Karst</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-11">11</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Derobea</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-15">15</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Das Nordlicht</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-22">22</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Urlaute</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-25">25</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Dresden</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-32">32</a></td>
- </tr>
- <tr class="p">
- <td class="col1" colspan="2">Zweiter Teil</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Serbin</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-41">41</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Kiew</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-44">44</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Kaukasus</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-46">46</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Venedig</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-50">50</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Engadin</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-53">53</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Spiegel Europas</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-58">58</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Firndom</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-61">61</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Graubünden</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-67">67</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der rote Widder</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-72">72</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... Gemse und Steinbock Albatros und Adler ...<br />
-... Gemse und Steinbock<a href="#corr-1"><span class="underline">,</span></a> Albatros und Adler ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Bock mit gemessen <span class="underline">kriegerischen</span> Geschmetter antwortet. ...<br />
-... Bock mit gemessen <a href="#corr-2"><span class="underline">kriegerischem</span></a> Geschmetter antwortet. ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Dada, by Adolf Knoblauch
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DADA ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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