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-The Project Gutenberg EBook of Auch ich. Auch du., by Hans Siemsen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Auch ich. Auch du.
- Aufzeichnungen eines Irren.
-
-Author: Hans Siemsen
-
-Release Date: June 10, 2016 [EBook #52295]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUCH ICH. AUCH DU. ***
-
-
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- HANS SIEMSEN
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- AUCH ICH · AUCH DU
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- AUFZEICHNUNGEN
- EINES IRREN
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- KURT WOLFF VERLAG
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- BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 75
-
- GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG
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-
- COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG · 1919
-
-
-
-
- I.
-
-
-Es ist hier nicht alles, wie ich es mir wünschte. Am Tor steht der
-Kaiser, der läßt uns nicht hinaus. Er trägt einen roten Rock und läßt
-mich nicht hinaus, wenn ich mir ein Brieflein kaufen will. Er erzählt
-auch nichts und macht ein großes Gitter, damit wir uns nicht mit den
-Damen unterhalten, die draußen vorbeipromenieren mit ihren geputzten
-Kindern. Er macht das Gitter auf und zu.
-
-Aber gestern hat mir die Mariandjei dies Büchlein gegeben. Recht
-handlich zum schreiben. Da will ich nun beginnen:
-
- DIE GROSSE RECHTFERTIGUNG.
-
-Das wäre vielleicht nicht einmal so schwierig. Es wäre vielleicht alles
-noch in Ordnung zu bringen.
-
-Ich bin nur leider nicht mehr ganz bei Trost. Ja, Trost fehlt mir. Jeder
-hat den seinen. Aber für mich ist wohl keiner mehr übrig geblieben?
-
- * * * * *
-
-Ich hätte nur gerne einmal alles recht klar. Solange ich selbst noch
-etwas davon weiß. Weil ich der Einzige bin, der etwas weiß. Jeder
-glaubt, etwas zu wissen. Ich allein weiß wirklich etwas.
-
-Ohne mich rühmen zu wollen! Ach! Wen habe ich nun schon wieder
-beleidigt? Ich bitte um Entschuldigung! Ich beeile mich, um
-Entschuldigung zu bitten.
-
- * * * * *
-
-Ich weiß natürlich sehr wohl, daß ich nichts weiß. -- Obwohl das nun
-wiederum auch wohl vielleicht nicht ganz richtig ist, denn: Nichts ist
-ja wohl nichts. Jedoch: Nichts wissen, das ist schon viel.
-
-Sie denken vielleicht, ich treibe Scherz? Ich spiele ein wenig Sokrates?
-Aber das liegt mir fern. Liegt mir völlig fern. Hören Sie nur noch einen
-Augenblick zu, lesen Sie nur noch ein wenig weiter! Ich werde sogleich
-das Richtige sagen.
-
-Wenn ich einmal, angenommen, wie man so sagt, nichts weiß, ja, was weiß
-ich denn dann? Es muß doch etwas sein. Wie könnte ich es sonst nicht
-wissen? Nichts zu wissen, muß doch etwas sein. Nur etwas. Nur ein wenig.
-Das ist aber nicht zu unterschätzen! Das ist sogar gewiß sehr wichtig,
-außerordentlich wichtig, dieses Nichts. Ich möchte sogar behaupten, es
-ist »die Ursache!«
-
-»Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« So etwa könnte man sich die
-Sache vorstellen. So etwa könnte man geradezu behaupten: »Nichts« war
-die Ursache der Angelegenheit.
-
-Aber Sie lächeln schon wieder, meine Dame. Sie lächeln bereits über
-mich, über den »Bajazzo«. Nun, wie Sie wollen! Bitte, ruhig zu lächeln.
-»Lache, Bajazzo! Und schminke Dein Antlitz!« Vielleicht ein wenig Gesang
-gefällig? Vielleicht könnte man ein Lied anstimmen?
-
- * * * * *
-
-Ich bemühe mich, Ihnen zu gefallen, wie Sie sehen. Ich bemühe mich um
-Ihre Gunst. Ganz einfach gesprochen: Ich möchte Sie herzlich bitten, mir
-Gehör zu schenken. Ihr Ohr zu leihen, sozusagen.
-
-Und, wenn ich bitten darf, ein wenig Vertrauen! Vertrauen ist es, worum
-ich bitte. Ich betrachte es als von Gott. Eine Gabe vom Himmel. Ohne
-Ansehen der Person. Aber kein Almosen! Nichts von Verführung! Leere
-Hände, gilt es, zu behalten.
-
- * * * * *
-
-Jedoch! Jedennoch! So komme ich nicht zum Ziel. Es ist schon alles
-wieder verdorben. Ich sehe, ich bin bereits wieder verloren: Habe mich
-hinreißen lassen, rede und rede.
-
-Die Götzen glänzen mit ihren Perlen. Ihre Haare triefen von Fett und Öl.
-Ich aber sage Euch: Gottes Bild ist nicht unter ihnen!
-
- * * * * *
-
-Bin aber selbst der schuldige Teil. Ich gebe mir alle Mühe. Ich möchte
-alles Mögliche tun. Habe bereits auf alle Weise versucht, glücklich zu
-sein. Aber vergeblich.
-
-Obwohl hier von Glück nicht die Rede sein kann. Wollte um etwas anderes
-bitten. Was ich benötige ist Vertrauen. Jeder Gott benötigt Vertrauen.
-Glauben sozusagen. Glaubwürdigkeit. (Jetzt aber hören Sie einmal mein
-Herz! Es schlägt. Es kichert. Es lacht sich eins. Weil ich da eben
-»Gott« erwähnte. Scheinbar so nebenbei erwähnte: »Jeder Gott benötigt
-Vertrauen.« Jeder.
-
-Nun, wollen abwarten. Werden schon sehen!)
-
- * * * * *
-
-Aber hier beginnt nun bereits mein Unglück. Abgesehen von Schuld und
-Unschuld, beginnt hier nun bereits mein Leidensweg: Es kann ja nicht
-länger verborgen bleiben: Bin leider so wenig vertrauenerweckend.
-
-Ja, unzweifelhaft: Ich errege Gelächter. Man lacht über mich. Und
-niemand glaubt mir.
-
-Ich bitte aber eines bemerken zu dürfen. Gelächter steckt an. --
-Vielleicht würden sonst doch nicht alle lachen. Vielleicht wenn Sie es
-unterließen, zu lachen, würde ich weniger lächerlich erscheinen.
-Vielleicht, daß sich dann doch einer fände. Vielleicht fände sich dann
-doch jemand, der an mich glaubt, der an mich glauben möchte?
-
-Ich bitte darum. Ich bitte ergebenst, nicht lachen zu wollen!
-
-Werde aber trotzdem lieber gehen! Werde gehen! Bemühen Sie sich nicht
-weiter! Lachen Sie getrost!
-
-
-
-
- II.
-
-
-Ich werde in den Wald gehen, in den Sterbewald. Zwischen den Büschen
-unsichtbar verschwinden. Ich werde mich beeilen, zu verschwinden, zu
-verschweigen. Ich werde mich verschweigen im Wald. In den Büschen will
-ich mich verzweigen. Pst! Bitte nicht darüber zu reden!
-
- * * * * *
-
-Als er in den Wald gekommen war, fing die Nacht an! Als die Nacht
-gekommen war, fing der Mond an. Hörten die Sterne auf zu singen und die
-Schlange sprach: »Du hast mir noch immer nicht den Kopf zertreten. Aber
-ich habe Dich in die Ferse gestochen.«
-
-
-
-
- III.
-
-
-Werde nun sogleich mit der Erzählung beginnen. Werde mich vorstellen,
-mit Verlaub:
-
-Mein Name ist: Tot.
-
-Überlegen Sie wohl die Bedeutung dieses Namens! Ich bin tot. Ich habe
-mich erschlagen.
-
-Glauben Sie, daß es Gelächter erregt? Ich denke: Man wird darüber reden.
-Leicht möglich, daß ich auf diese Weise Eingang fände. In Kreise
-vielleicht, in Zirkel, Klubs, Geselligkeit?
-
-Allerdings, meine Hände! Sind leider wohl nicht rein genug? Zwar leer.
-Ich habe leere Hände. Habe immer darauf Wert gelegt. Aber nicht rein!
-Habe wohl verabsäumt, sie zu waschen.
-
-Hier wäscht sich alles fein und säuberlich. Eine Hand wäscht hier die
-andere. Mit Geld und guten Worten und so weiter.
-
-Ich habe statt dessen einen seltenen Namen. »Tot.« Herr von Tot.
-
- * * * * *
-
-Aber, um immer ehrlich zu bleiben: Mein eigentlicher Name ist das nicht.
-Vom Wind verweht. In die Sterne gestreut.
-
-Namenlos bin ich genannt.
-
-Namenlos irr ich von Land zu Land.
-
-Namenlos elend.
-
-Namenlos tot.
-
-Einmal hatte ich einen Namen. Wie lange ist das her?
-
-Weiß Gott! Wie oft bin ich seit dem gestorben!
-
-
-
-
- IV.
-
-
-Ich gebe mir alle Mühe, mich zu ordnen, meine Verwirrung zu ordnen,
-meine Verirrung. Hören wir also den Tatbestand!
-
- * * * * *
-
-»Zwei Uhr dreißig Schleichpatrouille. Die neunte Kompagnie stellt hierzu
-einen Unteroffizier, vier Mann. Freiwillige vor!« Freiwillig! Ein sehr
-kühnes Wort. Bitte, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten! Aus eigenem
-Antrieb, könnte man sagen. Freiwillig, wie Gott die Welt erschuf!
-_Freiwillig trat ich vor._
-
-Weshalb blieb ich nicht freiwillig stehen? Wie gemütlich war doch der
-Unterstand! Wir hatten Kerzen an jenem Tag. Wir hatten Feuer. Wir hatten
-geheizt. Wir krochen so mollig in unsere Betten. Nebeneinander. Warm und
-geborgen. Die kleine Kerze hätte geschienen. Flacker-Schatten hätten
-sich bewegt. Die stämmigen Stämme, die Balken der Decke! So eng, so
-niedrig alles, traulich und warm. Viele Frühlingstage wären gefolgt!
-
- * * * * *
-
-Was trieb mich an? Weshalb nur mußte ich alles verlassen?
-
-Und wenn nun ich fein nicht gegangen wäre?
-
-Ein anderer für mich. Ganz einfach! Ein anderer hätte alles erlebt. Was
-zu erleben war, fertig wie eine Uniform. Fertig waren die Gänge da, die
-Schritte, das Stolpern, offen lagen die Gräben, die Löcher. Schon hingen
-die Granaten über uns. Alles bereit. So ging ich hinein.
-
-Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. So ging ich in mein
-Himmelreich.
-
- * * * * *
-
-»Jeder empfängt zehn Handgranaten. Sie gehen Birkenwaldweg! Sie
-Märchenwald! Sie Adjutantenweg!« Wie hübsch das klingt: »Sie
-Adjutantenweg!«
-
-Schon klirren die Glocken des Drahtverhaues. Ein Stern steigt zum Himmel
-und fällt. Ein fernes Maschinengewehr klatscht Beifall. Etwas verfrüht.
-
- * * * * *
-
-Die Beine sind uns vom Winter geschwollen. -- Und der Bauch von
-Läusebissen. Oh nicht sehr repräsentabel stellen wir uns zu diesem
-Stelldichein. Lichtscheu. Wir kriechen am Boden. Und des Menschen Sohn
-zertritt uns den Kopf.
-
-Die Leuchtkugeln haben die Sterne verdunkelt. Zwei Uhr dreißig. Wir sind
-da.
-
-
-
-
- V.
-
-
-Wie mir doch alles unter den Händen zerfließt! Alles läuft mir so leicht
-davon, so leichtlich läuft es mir aus der Feder. Als hätte ich meine
-Freude dran!
-
-So will ich denn ehrlich berichten, wie ich gesündigt habe. Meine Zunge
-ist so schnell, schnell geworden vom vielen Lügen. Meine Feder gleitet
-so gleißnerisch. _Ich war Literat._ Man muß das gestehen. Dagegen
-scheint kein Kraut gewachsen? Dagegen scheint der Tod nicht viel zu
-helfen. Diese Gewohnheiten scheinen sich nicht zu verlieren im Tod. Ein
-Brandmal! Ein Schandmal! Ein Schandmaul! stehe ich da.
-
- HERR v. TOT
- Literat.
-
-Ich spielte mit Worten. Ich dichtete umher. So fröhlich gaukelten wir
-durch die Welt!
-
-Auf Seidenbetten saßen wir gern. Tranken. Musik. Und süßen Wein. Da
-klingelte oft die Gartentür! »Herein, Ihr liebenswerten Gäste!« Der
-Bettler mag vorüber schleichen! Seine verhungerten Tiere im Arm.
-
-Da dichtete es sich süß. Da war es Wollust, zu vergehen. Da schrieben
-wir auf zärtlichem Papier:
-
- Du goldene Melatyle!
- Verwirrter Silberfinkenstrom!
- Die schwankenden Gefühle
- Entgeistern in den Dom.
-
- Die lieben Nebelfalter
- Umschmeicheln meinen Schmeichelsinn.
- Bald kommen Tod und Alter.
- Welt, nimm mich hin!
-
-Recht gefällig diese Melodie, nicht wahr? Zu gutem Essen und etwas Wein!
-
-
-
-
- VI.
-
-
-Viel haben die Generäle Schuld.
-
-»Stillgestanden!«? Das ist nicht von Gott.
-
-Aber ist es nicht noch trauriger, währenddessen süß zu tun?
-
-
-
-
- VII.
-
-
-»Stillgestanden! Augen rechts!« Rum ta ta, rum ta tata. »Augen gerade --
-aus!« »Ich bestrafe den Musketier Roessingh mit drei Tagen Mittelarrest,
-weil er vor seinem Herrn Major eine nachlässige Ehrenbezeugung gemacht
-hat. Ich bestrafe den Musketier Tiemann --«
-
-Und wir alle standen dabei, ohne ein Wort zu sagen, ohne zu Hilfe zu
-eilen.
-
-Ei, wie wurden wir da umhergeschwenkt. In Gruppenkolonne -- links
-schwenkt -- marsch! Nach rechts und links und mitten aufmarschiert!
-
-Aber da steht Ihr feinen Damen und seht uns zu und lacht und geht
-vorüber.
-
-Es lebe der Kaiser! Er verschließt das Gittertor!
-
-Mach es nur zu vor den schönen Damen. Sie sollen nur gehn mit ihren
-Sonnenschirmen!
-
-Die Mariandjei hat mich eingeschlossen. Ich habe die schönen Damen
-beleidigt.
-
-
-
-
- VIII.
-
-
-Es ist so traurig, daß mir niemand hilft! Wie soll ich denn allein die
-Welt aufbauen? Da habe ich lieber ein Gedicht gemacht.
-
- Ach Gott, ich bin so einsam wie ein Watt
- Wie verloren gegangen in Paris-Stadt
-
- Wie ein lange gefangen gehaltener Adler
- Und wie ein Gott, der keine Mutter hat.
-
-Das habe ich aber schon mal gemacht.
-
-
-
-
- IX.
-
-
-Als ich mich zum erstenmal erschlug, war ich achtzehn Jahre alt. Ich war
-mein Bruder aus Frankreich und hieß Pierre. Wie Kain den Abel habe ich
-mich erschlagen.
-
- * * * * *
-
-Freiwillig waren wir losmarschiert. Lichtscheu. Am Boden krochen wir.
-Kein Stacheldraht zerriß mein Herz. Hart gierig lag ich auf der Lauer.
-
- * * * * *
-
-Oh weh! Ihr tapfern Jäger, Ihr kühnen Helden! Ihr lauert dem kleinen
-Hasen auf. Dem gehetzten Häslein zerbrecht Ihr das Rückgrat und freut
-Euch hoch über seinem Blut.
-
-Da schlug mein Herz voll Gier, als mein Bruder heran kam, mein
-französischer Bruder, mein kleiner Peter. Ganz dicht ging er an mir
-vorüber. Ich freute mich hoch über seinen wehrlosen Rücken. Und kroch
-ins Dunkle hinter meinem Bruder.
-
- * * * * *
-
-Da fuhr die höllische Leuchtkugel hoch. Da sah er mich an. Da hob er
-seine Hände. So unschuldig war das Brüderlein!
-
-_Ich aber warf die Granate. Ich warf die Granate, während das Brüderlein
-die Hände hob._
-
- * * * * *
-
-Da hatte ich viel Beifall. Da fuhren die Leuchtkugeln hoch. Da
-klatschten die Gewehre eifrig Beifall.
-
-Da kroch ich zu dem Brüderlein. Derweil es noch lebte.
-
-Um es zu pflegen, Ihr schönen Damen?
-
-Um mich zu verbergen, Ihr Liebenswerten! Um mich zu verbergen vorm
-Beifall der Gewehre.
-
-Da hat das Brüderlein mich sehr beschützt! Es weinte, das liebe Kind.
-»Camarade! Camarade!« Da trafen ihn all die Kugeln, die mir galten. Da
-war er ganz still. »Camarade, camarade!« Da schlugen die Kugeln noch in
-die Leiche.
-
-
-
-
- X.
-
-
-Sehr hübsch habe ich das erzählt. Nicht wahr, meine Lieben? So ein wenig
-poetisch und mit Gefühl. Ohne die werten Ohren zu verletzen? Die zarten
-Öhrchen, die sanften Seelen?
-
-Bin nämlich Literat. Ein tüchtiges Handwerk! Es dichtet sich so köstlich
-über Leichen!
-
- * * * * *
-
-Die Mariandjei hat mir verboten zu schreiben. Aber ich weiß den Ort zu
-finden! Über Abgründen schreibe ich. Über Abgründen!
-
-
-
-
- XI.
-
-
-Und wenn ich nun nicht gegangen wäre? Wenn ich nun diesen schweren Gang
-freiwillig _nicht_ gegangen wäre?
-
-Ein _anderer_ für mich! (Bitte, zu erinnern!)
-
-Nun. Also. Endlich! Heraus damit!
-
-Ich bin _nicht_ gegangen. Ich blieb zu Hause. _Ein anderer ging für
-mich._
-
-Ein anderer ging. Wir hatten es uns bequem gemacht.
-
- * * * * *
-
-Da kam das liebe Peterlein, der deutsche Peter kam, das unschuldige
-Kindlein, mit einem roten Rock von Blut. Wie dem Kaiser sein Rock, so
-rot von Blut.
-
-»Ich habe einen erledigt, Mensch.« (Ja, Mensch! O, Menschlein, höre wohl
-zu!) »Wir haben einen abgesägt.«
-
-Da saßen wir alle und hatten es _nicht_ getan. Da saßen wir alle mit
-feinen Händen und hatten nicht einmal Wasser für den Peter, für seine
-kleinen schmutzigen Kinder-, für seine unschuldigen Mörderhände. Er
-mußte sich selber darauf pissen.
-
-Das hat mir die Mariandjei verboten. Hier haben wir immer Wasser. Oh, so
-viel Wasser.
-
- * * * * *
-
-Da hat der Peter mir alles erzählt. Da lag er neben mir und hat mir
-alles erzählt, wie ich es selbst erlebt habe. Oft genug. »Ich habe
-getötet.« Mehr hat er nicht erzählt. Ohne ein Wort zu sagen, hat er's
-erzählt.
-
-Da lagen wir, Brüder, nebeneinander und das Brüderlein draußen lag auch
-dabei, lag da so schaurig in seinem Blut.
-
-Hört die Stimme des Blutes!
-
-Ich hörte sie nicht.
-
-Ich habe mich fremd verhüllt in meinen Mantel. Ich habe mich herzoglich
-verhüllt vor ihm. Vornehm habe ich mich eingewickelt. So bin ich in
-Anfechtung gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und fiel in
-Schlaf.
-
-Da hat sich der Peter davongemacht. Da lag er allein und hat sich
-davongemacht. Da hat er sein Gewehr an die Brust gesetzt und hat sich
-erschossen im Wald und fiel.
-
-Da lag ich und schlief, lag erschossen im Wald und lag auf dem Feld in
-meinem Blut. Da lagen wir Brüder brüderlich verstreut.
-
-
-
-
- XII.
-
-
-Paragraph zehn der Kriegsartikel? Feigheit! Wer sich unerlaubt entfernt.
-Wer seinen Truppenteil verläßt. Fahnenflucht wird mit dem Tode bestraft.
-Strafe wird mit dem Blute bestraft. Blut wird bestraft. Alles wird
-bestraft. Da regnete es Strafen. Hagelte es Strafen.
-
-
-
-
- XIII.
-
-
-Da bin ich in den Wald gegangen und habe den lieben Peter gesucht.
-
-Da habe ich eine Raupe zertreten. Da habe ich eine Schnecke zertreten.
-Da habe ich den Peter gefunden und habe mich zu ihm gelegt zu seinem
-Herzen und weinten beide um unsern toten Freund. Da weinten wir
-freundlich um unsern Freund. Da sind wir alle drei gestorben. Der
-Pitter, der Peter, der Pierre und ich. Da lagen wir verstorben im Wald.
-Da lagen wir unter die Büsche verstreut. Da lagen wir brüderlich
-verstreut im Wald.
-
-Bis zum Abend. Da mußte ich auferstehen.
-
-
-
-
- XIV.
-
-
-Nun spiele ich immer Auferstehen. Aber ich muß es heimlich tun. Die
-Brüder sind nicht da. Ich bin allein. Und die Mariandjei hat mich
-angebunden.
-
- * * * * *
-
-Als ich kam, gab man mir ein Feiertagskleid und alle Türen gingen auf
-und zu. Aber in letzter Zeit sind viele verschlossen. Es gefällt mir
-hier nicht mehr.
-
-Auch den Kaiser mag ich nicht mehr leiden.
-
-
-
-
- XV.
-
-
-Als ich ein Kind war, schlug man mich. Einst hatte ich eine Raupe
-gefangen, eine große Raupe, auf einem Blatt. Da bliesen die Soldaten vor
-dem Tor, bunte Husaren ritten ins Manöver.
-
-Hei! wie ich, Knabe, da fröhlich lief! Wie ich da lief! Und im Laufen
-zertrat ich die Raupe, zertrat auf dem Kies ihren Schlangenleib.
-
-Oh, wie zerkrampfte sich da mein Fuß im Schuh! Oh, wie zerkrampfte sich
-da mein Herz! Als ich da ausglitt auf ihrem schlüpfrigen Leib, als da
-der Kies unter meiner Sohle knirschte.
-
-Da warf ich mich in den Wald. Da verging ich im Wald. Da vergrub ich
-mich unter den Büschen im Wald. Da machte ich keine Schularbeiten mehr
--- und wurde geschlagen, weil ich die Raupe nicht und nicht die
-Henkersstelle sehen wollte.
-
- * * * * *
-
-Eigentlich wäre nun _dies_ der Anfang. Ja, eigentlich wäre nun dies der
-Anfang meiner Geschichte. Aber wie soll ich Euch das erklären?
-
-Haben Sie noch nie eine Raupe oder eine Schnecke zertreten? Ein Mäuslein
-vielleicht? Vielleicht eine kleine Mause-Mutter mit zwei, drei kleinen
-Mäuslein im Bauch?
-
-
-
-
- XVI.
-
-
-Die Mariandjei sieht nicht gerne, daß ich schreibe. Ich sollte ihr
-lieber ein Bildlein malen.
-
-Da habe ich ihr ein Bildlein gemalt. Den Wald habe ich ihr gemalt;
-unsern Sterbewald. Mit einem schönen Rosenstrauch. Da liegen der Peter
-und der Pierre, da liegen wir alle drei, wie wir verstarben, wie wir uns
-da so im Walde verstreuten unter dem Rosenstrauch, so dahingestreut. Und
-da komme ich nun gegangen. Immer komme ich so durch die Nacht zu uns
-gegangen, wie wir daliegen und uns beweinen und uns fein brüderlich
-befreunden. So zwischen den Bäumen durch den Wald komme ich da mit Trost
-gegangen.
-
-O so freudig in meiner Trauer komme ich da durch den Wald heran. Lautere
-Freude um die zerwehte Stirne. Und die Sterne immer vor mir her! Wie ein
-Gleichnis komme ich daher. Tag und Nacht bin ich da der Gleiche.
-
- * * * * *
-
-So hab ich ihr das Bildlein gemalt und habe es ihr auch im Schlafe
-gewidmet. Mit einem Vers. Den habe ich selbst gemacht.
-
- DAMIT SIE KEIN VERGNÜGEN DARAN HAT.
-
- Tag und Nacht gleiche
- Nachtbleiche, Blindschleiche!
-
- * * * * *
-
-Ich mag auch die Mariandjei nicht mehr leiden.
-
-Ich will lieber in unsern Sterbewald! Da warten auf mich, daß ich komme,
-die lieben Brüder. Ich habe sie so lieb gehabt. Ich habe sie so von
-Herzen lieb.
-
-
-
-
- XVII.
-
-
-Ich habe mich wieder verleiten lassen.
-
-Ach, die Verwirrung ist so groß! Ach, wie das Dunkel wächst! Und die
-Mauern auf allen Seiten!
-
-Man hat mir Stangen vor mein Fenster gegeben. Da soll ich meinen
-Verstand daran ordnen. Aber die Ordnung schneidet so hart in die Seele.
-
- * * * * *
-
-Ich verzage. Ich glaube verzagen zu müssen. Hilft mir denn niemand? Ich
-bitte darum.
-
-Ach fände sich doch einer, der mir hilft! Ich glaube, ich kenne die Welt
-nicht mehr? Und soll sie doch aufbauen, ganz allein. Aber wenn niemand
-mir helfen will, so mag ich nicht länger der liebe Gott sein.
-
- * * * * *
-
-Ein einziges Wörtlein fällt mir noch ein:
-
-Ich bin _nicht_ gegangen -- und bin doch schuldig. Ich habe _nicht_
-getötet und bin doch schuldig.
-
-Vielleicht ist es das? Vielleicht sind wir deshalb hier versammelt? Weil
-wir es _nicht_ getan haben. Weil es die andern lieben Brüder, dieweil
-wir unschuldig blieben, tun mußten.
-
-Unschuldig! Das ist wohl meine Schuld?
-
- * * * * *
-
-Ach, wie bitter brennt doch die Ordnung! Sichelt so grausam durch die
-Seele!
-
-Aber Ordnung muß sein, sagt die Mariandjei. Sonst werde ich nie meine
-Prüfung bestehen.
-
-
-
-
- XVIII.
-
-
- Nun aber zu Tanz und Musik zurück!
- Vielleicht gelingt uns noch einmal ein Blick!
- Einen Blick zu tun in die erwünschte Nacht,
- Die uns zu Kindern Gottes macht.
-
-(Später aber!)
-
-
-
-
- XIX.
-
-
-Es traten einige Damen bei mir ein. Ich habe sie nach Kräften
-unterhalten. Es hieß, meine Mutter wäre darunter. Ich habe sie, nach
-Kräften, unterhalten. Um Verzeihung gebeten für langweiligen Brief.
-Kurzweilig gesprochen. (Siehe Goethe!)
-
- * * * * *
-
-Möchte mich zurückziehen, wie Sie sehen. Habe keine Zeit. Bin müde.
-
-Ich habe vielleicht Ihre werte Geduld ein wenig auf die Probe gestellt.
-Machen Sie sich nichts daraus, meine Damen! Ich mache mir auch nichts
-daraus, wie Sie sehen. Ich befinde mich hier sehr wohl. Das Zimmer
-scheint allerdings ein wenig nüchtern. Es scheint allerdings allerlei
-abhanden gekommen. Bitte immerhin Platz zu nehmen!
-
- * * * * *
-
-Wo waren wir doch gleich stehen geblieben? Ich glaube, die Nacht war
-angebrochen?
-
-Ach ja, wir wollten uns zurückziehen! Schuldlos wollte ich mich
-zurückziehen. Dies Zimmer mit meinem Bett vertauschen. Ich erinnere
-mich, ja, ich erinnere mich.
-
- Herr Tot und lebendig
- Literat
- Gr. Hurenstraße 12.
-
-Mein kleines Sofa wartet, mein seidenes Sofa. Bitte nur, Platz zu
-nehmen, meine Damen! So legen Sie doch den Hut ab! Verdammt! Mein
-Täubchen, legen Sie sich doch ab.
-
-Machen Sie sich nur keine Gedanken! Beunruhigen Sie sich nicht um andere
-Leute!
-
-Sieh da, sieh da, noch immer der alte Bettler. Noch immer geht er
-vorüber mit seinen Tieren. Und die Fenster schließen nicht mehr ganz
-dicht. Man hört das Gewimmer. Schade! Man hört das Gewimmer.
-
- * * * * *
-
-Aber deswegen keine Beängstigung, bitte: Es ist ja nicht unsere Schuld.
-Wir haben keine. Wir werden uns fleißig die Hände waschen. Mit Geld und
-guten Worten und so weiter. Wir nehmen uns einen Stellvertreter. Das ist
-mein neuester Trick. Eine alte Sache.
-
-Jeder schickt eben den andern. Den lieben nächsten, den nächsten besten,
-den Allernächsten. Je näher, je besser! Je lieber, je besser! Damit man
-auch was zu weinen hat. Den Bruder vielleicht? Oder sonst irgendeinen?
-Und haben wir keinen, so machen wir einen. Die Welt darf nicht zugrunde
-gehen! Ich werde Ihnen ein Kind machen, wenn Sie erlauben. Einen Sohn
-werden wir uns machen, einen kleinen Bruder. Der liebe kleine Bruder mag
-für uns gehen! Den lieben kleinen Bruder werden wir schicken. Der soll
-für uns den Peter erschlagen. Der mag sich das Blut von den Händen
-pissen!
-
- * * * * *
-
-So kommen Sie nur auf mein zartes Sofa! Da lassen wir flink den Vorhang
-herunter und spielen fleißig Papa und Mama. Das Brüderlein mag die
-Schuld auf sich nehmen.
-
-Das steht vor seinem Hauptmann und sagt: »Jawoll!« Ei, da wird es
-umhergeschwenkt! Ei, da fliegen die Befehle! Da regnet es Strafen. Da
-hagelt es Strafen.
-
-Wir aber ziehen uns leise zurück. Wir ruhen so süß an unserer Brust.
-Komm doch, mein Täubchen! Laß länger mich nicht warten! Komm nur, du
-liebenswerte Sau, der Kaiser braucht Soldaten!
-
-
-
-
- XX.
-
-
-Die Mariandjei ist auch nicht mehr da. Man hat mir alles fortgenommen.
-Nur noch die Stäbe sind da. Die Ordnungsstangen. Mich in Ordnung zu
-halten, damit ich nicht falle. Damit ich nicht in Versuchung falle.
-
-
-
-
- XXI.
-
-
-Wenn ich nur einmal noch aufgeklärt würde! Ein wenig auferleuchtet, ein
-wenig erhellt!
-
-Ich muß noch etwas vergessen haben? Es war gewiß eine wichtige Sache.
-Etwas zu sagen oder etwas zu tun. Ich fürchte, es blieb noch etwas zu
-tun!
-
- * * * * *
-
-Lieber Gott! So fing es an. Aber wie mag es weiter gehen?
-
-Lieber Gott! Mache mich fromm! Komm Karline, komm!
-
-Ich habe solche Angst, ich könnte sterben.
-
-
-
-
- XXII.
-
-
-Ich wollte erzählen, wie ich schuldig war. Ich wollte erzählen, wie ich
-unschuldig war. Aber das wichtigste habe ich vergessen. Ich wußte noch
-etwas. Das war so wichtig! Kann es von Euch mir denn nicht einer sagen?
-Ich bitte doch so herzlich darum.
-
- * * * * *
-
-Was war es doch nur?
-
-Was mag es doch nur gewesen sein?
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
-Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 16]:
- ... gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und viel ...
- ... gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und fiel ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Auch ich. Auch du., by Hans Siemsen
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUCH ICH. AUCH DU. ***
-
-***** This file should be named 52295-8.txt or 52295-8.zip *****
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-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
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-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Auch ich. Auch du., by Hans Siemsen</title>
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-
-</style>
-</head>
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Auch ich. Auch du., by Hans Siemsen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Auch ich. Auch du.
- Aufzeichnungen eines Irren.
-
-Author: Hans Siemsen
-
-Release Date: June 10, 2016 [EBook #52295]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUCH ICH. AUCH DU. ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter">
-<div class="rightpic logo" id="img-logo">
-<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="aut">
-HANS SIEMSEN
-</p>
-
-<h1 class="title">
-AUCH ICH · AUCH DU
-</h1>
-
-<p class="subt">
-AUFZEICHNUNGEN<br />
-EINES IRREN
-</p>
-
-<p class="pub">
-KURT WOLFF VERLAG
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="ser">
-BÜCHEREI &bdquo;DER JÜNGSTE TAG&ldquo; BAND 75
-</p>
-
-<p class="printer">
-GEDRUCKT BEI POESCHEL &amp; TREPTE IN LEIPZIG
-</p>
-
-<p class="cop">
-COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG · 1919
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="pbb chapter" id="chapter-0-1">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-I.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>s ist hier nicht alles, wie ich es mir wünschte.
-Am Tor steht der Kaiser, der läßt uns nicht hinaus.
-Er trägt einen roten Rock und läßt mich nicht hinaus,
-wenn ich mir ein Brieflein kaufen will. Er erzählt
-auch nichts und macht ein großes Gitter, damit
-wir uns nicht mit den Damen unterhalten, die draußen
-vorbeipromenieren mit ihren geputzten Kindern. Er
-macht das Gitter auf und zu.
-</p>
-
-<p>
-Aber gestern hat mir die Mariandjei dies Büchlein
-gegeben. Recht handlich zum schreiben. Da will ich
-nun beginnen:
-</p>
-
-<p class="center">
-DIE GROSSE RECHTFERTIGUNG.
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>as wäre vielleicht nicht einmal so schwierig. Es
-wäre vielleicht alles noch in Ordnung zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin nur leider nicht mehr ganz bei Trost. Ja,
-Trost fehlt mir. Jeder hat den seinen. Aber für mich
-ist wohl keiner mehr übrig geblieben?
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch hätte nur gerne einmal alles recht klar. Solange
-ich selbst noch etwas davon weiß. Weil ich der Einzige
-bin, der etwas weiß. Jeder glaubt, etwas zu wissen.
-Ich allein weiß wirklich etwas.
-</p>
-
-<p>
-Ohne mich rühmen zu wollen! Ach! Wen habe ich
-nun schon wieder beleidigt? Ich bitte um Entschuldigung!
-Ich beeile mich, um Entschuldigung zu bitten.
-</p>
-
-<p class="tb">
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch weiß natürlich sehr wohl, daß ich nichts weiß.
-&mdash; Obwohl das nun wiederum auch wohl vielleicht
-nicht ganz richtig ist, denn: Nichts ist ja wohl nichts.
-Jedoch: Nichts wissen, das ist schon viel.
-</p>
-
-<p>
-Sie denken vielleicht, ich treibe Scherz? Ich spiele
-ein wenig Sokrates? Aber das liegt mir fern. Liegt
-mir völlig fern. Hören Sie nur noch einen Augenblick
-zu, lesen Sie nur noch ein wenig weiter! Ich
-werde sogleich das Richtige sagen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich einmal, angenommen, wie man so sagt,
-nichts weiß, ja, was weiß ich denn dann? Es muß
-doch etwas sein. Wie könnte ich es sonst nicht
-wissen? Nichts zu wissen, muß doch etwas sein. Nur
-etwas. Nur ein wenig. Das ist aber nicht zu unterschätzen!
-Das ist sogar gewiß sehr wichtig, außerordentlich
-wichtig, dieses Nichts. Ich möchte sogar
-behaupten, es ist &bdquo;die Ursache!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.&ldquo; So
-etwa könnte man sich die Sache vorstellen. So etwa
-könnte man geradezu behaupten: &bdquo;Nichts&ldquo; war die
-Ursache der Angelegenheit.
-</p>
-
-<p>
-Aber Sie lächeln schon wieder, meine Dame. Sie
-lächeln bereits über mich, über den &bdquo;Bajazzo&ldquo;. Nun,
-wie Sie wollen! Bitte, ruhig zu lächeln. &bdquo;Lache, Bajazzo!
-Und schminke Dein Antlitz!&ldquo; Vielleicht ein
-wenig Gesang gefällig? Vielleicht könnte man ein
-Lied anstimmen?
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch bemühe mich, Ihnen zu gefallen, wie Sie sehen.
-Ich bemühe mich um Ihre Gunst. Ganz einfach gesprochen:
-Ich möchte Sie herzlich bitten, mir Gehör
-zu schenken. Ihr Ohr zu leihen, sozusagen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Und, wenn ich bitten darf, ein wenig Vertrauen!
-Vertrauen ist es, worum ich bitte. Ich betrachte es
-als von Gott. Eine Gabe vom Himmel. Ohne Ansehen
-der Person. Aber kein Almosen! Nichts von Verführung!
-Leere Hände, gilt es, zu behalten.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">J</span>edoch! Jedennoch! So komme ich nicht zum Ziel.
-Es ist schon alles wieder verdorben. Ich sehe, ich
-bin bereits wieder verloren: Habe mich hinreißen
-lassen, rede und rede.
-</p>
-
-<p>
-Die Götzen glänzen mit ihren Perlen. Ihre Haare
-triefen von Fett und Öl. Ich aber sage Euch: Gottes
-Bild ist nicht unter ihnen!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">B</span>in aber selbst der schuldige Teil. Ich gebe mir alle
-Mühe. Ich möchte alles Mögliche tun. Habe bereits
-auf alle Weise versucht, glücklich zu sein. Aber vergeblich.
-</p>
-
-<p>
-Obwohl hier von Glück nicht die Rede sein kann.
-Wollte um etwas anderes bitten. Was ich benötige
-ist Vertrauen. Jeder Gott benötigt Vertrauen. Glauben
-sozusagen. Glaubwürdigkeit. (Jetzt aber hören Sie
-einmal mein Herz! Es schlägt. Es kichert. Es lacht
-sich eins. Weil ich da eben &bdquo;Gott&ldquo; erwähnte. Scheinbar
-so nebenbei erwähnte: &bdquo;Jeder Gott benötigt Vertrauen.&ldquo;
-Jeder.
-</p>
-
-<p>
-Nun, wollen abwarten. Werden schon sehen!)
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ber hier beginnt nun bereits mein Unglück. Abgesehen
-von Schuld und Unschuld, beginnt hier nun
-bereits mein Leidensweg: Es kann ja nicht länger
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-verborgen bleiben: Bin leider so wenig vertrauenerweckend.
-</p>
-
-<p>
-Ja, unzweifelhaft: Ich errege Gelächter. Man lacht
-über mich. Und niemand glaubt mir.
-</p>
-
-<p>
-Ich bitte aber eines bemerken zu dürfen. Gelächter
-steckt an. &mdash; Vielleicht würden sonst doch nicht alle
-lachen. Vielleicht wenn Sie es unterließen, zu lachen,
-würde ich weniger lächerlich erscheinen. Vielleicht,
-daß sich dann doch einer fände. Vielleicht fände sich
-dann doch jemand, der an mich glaubt, der an mich
-glauben möchte?
-</p>
-
-<p>
-Ich bitte darum. Ich bitte ergebenst, nicht lachen
-zu wollen!
-</p>
-
-<p>
-Werde aber trotzdem lieber gehen! Werde gehen!
-Bemühen Sie sich nicht weiter! Lachen Sie getrost!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-II.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch werde in den Wald gehen, in den Sterbewald.
-Zwischen den Büschen unsichtbar verschwinden. Ich
-werde mich beeilen, zu verschwinden, zu verschweigen.
-Ich werde mich verschweigen im Wald. In den
-Büschen will ich mich verzweigen. Pst! Bitte nicht
-darüber zu reden!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ls er in den Wald gekommen war, fing die Nacht
-an! Als die Nacht gekommen war, fing der Mond
-an. Hörten die Sterne auf zu singen und die Schlange
-sprach: &bdquo;Du hast mir noch immer nicht den Kopf
-zertreten. Aber ich habe Dich in die Ferse gestochen.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-III.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>erde nun sogleich mit der Erzählung beginnen.
-Werde mich vorstellen, mit Verlaub:
-</p>
-
-<p>
-Mein Name ist: Tot.
-</p>
-
-<p>
-Überlegen Sie wohl die Bedeutung dieses Namens!
-Ich bin tot. Ich habe mich erschlagen.
-</p>
-
-<p>
-Glauben Sie, daß es Gelächter erregt? Ich denke:
-Man wird darüber reden. Leicht möglich, daß ich
-auf diese Weise Eingang fände. In Kreise vielleicht,
-in Zirkel, Klubs, Geselligkeit?
-</p>
-
-<p>
-Allerdings, meine Hände! Sind leider wohl nicht
-rein genug? Zwar leer. Ich habe leere Hände. Habe
-immer darauf Wert gelegt. Aber nicht rein! Habe
-wohl verabsäumt, sie zu waschen.
-</p>
-
-<p>
-Hier wäscht sich alles fein und säuberlich. Eine
-Hand wäscht hier die andere. Mit Geld und guten
-Worten und so weiter.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe statt dessen einen seltenen Namen. &bdquo;Tot.&ldquo;
-Herr von Tot.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ber, um immer ehrlich zu bleiben: Mein eigentlicher
-Name ist das nicht. Vom Wind verweht. In
-die Sterne gestreut.
-</p>
-
-<p>
-Namenlos bin ich genannt.
-</p>
-
-<p>
-Namenlos irr ich von Land zu Land.
-</p>
-
-<p>
-Namenlos elend.
-</p>
-
-<p>
-Namenlos tot.
-</p>
-
-<p>
-Einmal hatte ich einen Namen. Wie lange ist
-das her?
-</p>
-
-<p>
-Weiß Gott! Wie oft bin ich seit dem gestorben!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-IV.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch gebe mir alle Mühe, mich zu ordnen, meine Verwirrung
-zu ordnen, meine Verirrung. Hören wir also
-den Tatbestand!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>Z</span>wei Uhr dreißig Schleichpatrouille. Die neunte Kompagnie
-stellt hierzu einen Unteroffizier, vier Mann.
-Freiwillige vor!&ldquo; Freiwillig! Ein sehr kühnes Wort.
-Bitte, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten! Aus
-eigenem Antrieb, könnte man sagen. Freiwillig, wie
-Gott die Welt erschuf! <em>Freiwillig trat ich vor.</em>
-</p>
-
-<p>
-Weshalb blieb ich nicht freiwillig stehen? Wie gemütlich
-war doch der Unterstand! Wir hatten Kerzen
-an jenem Tag. Wir hatten Feuer. Wir hatten geheizt.
-Wir krochen so mollig in unsere Betten. Nebeneinander.
-Warm und geborgen. Die kleine Kerze hätte
-geschienen. Flacker-Schatten hätten sich bewegt. Die
-stämmigen Stämme, die Balken der Decke! So eng,
-so niedrig alles, traulich und warm. Viele Frühlingstage
-wären gefolgt!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>as trieb mich an? Weshalb nur mußte ich alles
-verlassen?
-</p>
-
-<p>
-Und wenn nun ich fein nicht gegangen wäre?
-</p>
-
-<p>
-Ein anderer für mich. Ganz einfach! Ein anderer
-hätte alles erlebt. Was zu erleben war, fertig wie
-eine Uniform. Fertig waren die Gänge da, die Schritte,
-das Stolpern, offen lagen die Gräben, die Löcher.
-Schon hingen die Granaten über uns. Alles bereit.
-So ging ich hinein.
-</p>
-
-<p>
-Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. So ging
-ich in mein Himmelreich.
-</p>
-
-<p class="tb">
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>J</span>eder empfängt zehn Handgranaten. Sie gehen Birkenwaldweg!
-Sie Märchenwald! Sie Adjutantenweg!&ldquo;
-Wie hübsch das klingt: &bdquo;Sie Adjutantenweg!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schon klirren die Glocken des Drahtverhaues. Ein
-Stern steigt zum Himmel und fällt. Ein fernes Maschinengewehr
-klatscht Beifall. Etwas verfrüht.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Beine sind uns vom Winter geschwollen. &mdash;
-Und der Bauch von Läusebissen. Oh nicht sehr repräsentabel
-stellen wir uns zu diesem Stelldichein.
-Lichtscheu. Wir kriechen am Boden. Und des Menschen
-Sohn zertritt uns den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-Die Leuchtkugeln haben die Sterne verdunkelt.
-Zwei Uhr dreißig. Wir sind da.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-V.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ie mir doch alles unter den Händen zerfließt!
-Alles läuft mir so leicht davon, so leichtlich läuft es
-mir aus der Feder. Als hätte ich meine Freude dran!
-</p>
-
-<p>
-So will ich denn ehrlich berichten, wie ich gesündigt
-habe. Meine Zunge ist so schnell, schnell geworden
-vom vielen Lügen. Meine Feder gleitet so
-gleißnerisch. <em>Ich war Literat.</em> Man muß das gestehen.
-Dagegen scheint kein Kraut gewachsen? Dagegen
-scheint der Tod nicht viel zu helfen. Diese
-Gewohnheiten scheinen sich nicht zu verlieren im
-Tod. Ein Brandmal! Ein Schandmal! Ein Schandmaul!
-stehe ich da.
-</p>
-
-<p class="center">
-HERR v. TOT<br />
-Literat.
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch spielte mit Worten. Ich dichtete umher. So fröhlich
-gaukelten wir durch die Welt!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-Auf Seidenbetten saßen wir gern. Tranken. Musik.
-Und süßen Wein. Da klingelte oft die Gartentür!
-&bdquo;Herein, Ihr liebenswerten Gäste!&ldquo; Der Bettler mag
-vorüber schleichen! Seine verhungerten Tiere im Arm.
-</p>
-
-<p>
-Da dichtete es sich süß. Da war es Wollust, zu
-vergehen. Da schrieben wir auf zärtlichem Papier:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Du goldene Melatyle!</p>
- <p class="verse">Verwirrter Silberfinkenstrom!</p>
- <p class="verse">Die schwankenden Gefühle</p>
- <p class="verse">Entgeistern in den Dom.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Die lieben Nebelfalter</p>
- <p class="verse">Umschmeicheln meinen Schmeichelsinn.</p>
- <p class="verse">Bald kommen Tod und Alter.</p>
- <p class="verse">Welt, nimm mich hin!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>
-Recht gefällig diese Melodie, nicht wahr? Zu gutem
-Essen und etwas Wein!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-VI.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">V</span>iel haben die Generäle Schuld.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Stillgestanden!&ldquo;? Das ist nicht von Gott.
-</p>
-
-<p>
-Aber ist es nicht noch trauriger, währenddessen
-süß zu tun?
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-VII.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>S</span>tillgestanden! Augen rechts!&ldquo; Rum ta ta, rum ta
-tata. &bdquo;Augen gerade &mdash; aus!&ldquo; &bdquo;Ich bestrafe den Musketier
-Roessingh mit drei Tagen Mittelarrest, weil er
-vor seinem Herrn Major eine nachlässige Ehrenbezeugung
-gemacht hat. Ich bestrafe den Musketier
-Tiemann &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-Und wir alle standen dabei, ohne ein Wort zu
-sagen, ohne zu Hilfe zu eilen.
-</p>
-
-<p>
-Ei, wie wurden wir da umhergeschwenkt. In Gruppenkolonne
-&mdash; links schwenkt &mdash; marsch! Nach rechts
-und links und mitten aufmarschiert!
-</p>
-
-<p>
-Aber da steht Ihr feinen Damen und seht uns zu
-und lacht und geht vorüber.
-</p>
-
-<p>
-Es lebe der Kaiser! Er verschließt das Gittertor!
-</p>
-
-<p>
-Mach es nur zu vor den schönen Damen. Sie
-sollen nur gehn mit ihren Sonnenschirmen!
-</p>
-
-<p>
-Die Mariandjei hat mich eingeschlossen. Ich habe
-die schönen Damen beleidigt.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-VIII.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>s ist so traurig, daß mir niemand hilft! Wie soll
-ich denn allein die Welt aufbauen? Da habe ich
-lieber ein Gedicht gemacht.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ach Gott, ich bin so einsam wie ein Watt</p>
- <p class="verse">Wie verloren gegangen in Paris-Stadt</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wie ein lange gefangen gehaltener Adler</p>
- <p class="verse">Und wie ein Gott, der keine Mutter hat.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>
-Das habe ich aber schon mal gemacht.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-IX.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ls ich mich zum erstenmal erschlug, war ich achtzehn
-Jahre alt. Ich war mein Bruder aus Frankreich
-und hieß Pierre. Wie Kain den Abel habe ich mich
-erschlagen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">F</span>reiwillig waren wir losmarschiert. Lichtscheu. Am
-Boden krochen wir. Kein Stacheldraht zerriß mein
-Herz. Hart gierig lag ich auf der Lauer.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">O</span>h weh! Ihr tapfern Jäger, Ihr kühnen Helden! Ihr
-lauert dem kleinen Hasen auf. Dem gehetzten Häslein
-zerbrecht Ihr das Rückgrat und freut Euch hoch
-über seinem Blut.
-</p>
-
-<p>
-Da schlug mein Herz voll Gier, als mein Bruder
-heran kam, mein französischer Bruder, mein kleiner
-Peter. Ganz dicht ging er an mir vorüber. Ich freute
-mich hoch über seinen wehrlosen Rücken. Und kroch
-ins Dunkle hinter meinem Bruder.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>a fuhr die höllische Leuchtkugel hoch. Da sah er
-mich an. Da hob er seine Hände. So unschuldig war
-das Brüderlein!
-</p>
-
-<p>
-<em>Ich aber warf die Granate. Ich warf die Granate,
-während das Brüderlein die Hände hob.</em>
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>a hatte ich viel Beifall. Da fuhren die Leuchtkugeln
-hoch. Da klatschten die Gewehre eifrig Beifall.
-</p>
-
-<p>
-Da kroch ich zu dem Brüderlein. Derweil es noch
-lebte.
-</p>
-
-<p>
-Um es zu pflegen, Ihr schönen Damen?
-</p>
-
-<p>
-Um mich zu verbergen, Ihr Liebenswerten! Um
-mich zu verbergen vorm Beifall der Gewehre.
-</p>
-
-<p>
-Da hat das Brüderlein mich sehr beschützt! Es
-weinte, das liebe Kind. &bdquo;Camarade! Camarade!&ldquo; Da
-trafen ihn all die Kugeln, die mir galten. Da war er
-ganz still. &bdquo;Camarade, camarade!&ldquo; Da schlugen die
-Kugeln noch in die Leiche.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-X.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span>ehr hübsch habe ich das erzählt. Nicht wahr, meine
-Lieben? So ein wenig poetisch und mit Gefühl. Ohne
-die werten Ohren zu verletzen? Die zarten Öhrchen,
-die sanften Seelen?
-</p>
-
-<p>
-Bin nämlich Literat. Ein tüchtiges Handwerk! Es
-dichtet sich so köstlich über Leichen!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Mariandjei hat mir verboten zu schreiben. Aber
-ich weiß den Ort zu finden! Über Abgründen schreibe
-ich. Über Abgründen!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-XI.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">U</span>nd wenn ich nun nicht gegangen wäre? Wenn
-ich nun diesen schweren Gang freiwillig <em>nicht</em> gegangen
-wäre?
-</p>
-
-<p>
-Ein <em>anderer</em> für mich! (Bitte, zu erinnern!)
-</p>
-
-<p>
-Nun. Also. Endlich! Heraus damit!
-</p>
-
-<p>
-Ich bin <em>nicht</em> gegangen. Ich blieb zu Hause. <em>Ein
-anderer ging für mich.</em>
-</p>
-
-<p>
-Ein anderer ging. Wir hatten es uns bequem gemacht.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>a kam das liebe Peterlein, der deutsche Peter
-kam, das unschuldige Kindlein, mit einem roten Rock
-von Blut. Wie dem Kaiser sein Rock, so rot von Blut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe einen erledigt, Mensch.&ldquo; (Ja, Mensch!
-O, Menschlein, höre wohl zu!) &bdquo;Wir haben einen
-abgesägt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da saßen wir alle und hatten es <em>nicht</em> getan. Da
-saßen wir alle mit feinen Händen und hatten nicht
-einmal Wasser für den Peter, für seine kleinen
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-schmutzigen Kinder-, für seine unschuldigen Mörderhände.
-Er mußte sich selber darauf pissen.
-</p>
-
-<p>
-Das hat mir die Mariandjei verboten. Hier haben
-wir immer Wasser. Oh, so viel Wasser.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>a hat der Peter mir alles erzählt. Da lag er neben
-mir und hat mir alles erzählt, wie ich es selbst erlebt
-habe. Oft genug. &bdquo;Ich habe getötet.&ldquo; Mehr hat er
-nicht erzählt. Ohne ein Wort zu sagen, hat er&rsquo;s erzählt.
-</p>
-
-<p>
-Da lagen wir, Brüder, nebeneinander und das
-Brüderlein draußen lag auch dabei, lag da so schaurig
-in seinem Blut.
-</p>
-
-<p>
-Hört die Stimme des Blutes!
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte sie nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe mich fremd verhüllt in meinen Mantel.
-Ich habe mich herzoglich verhüllt vor ihm. Vornehm
-habe ich mich eingewickelt. So bin ich in Anfechtung
-gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und <a id="corr-0"></a>fiel
-in Schlaf.
-</p>
-
-<p>
-Da hat sich der Peter davongemacht. Da lag er
-allein und hat sich davongemacht. Da hat er sein
-Gewehr an die Brust gesetzt und hat sich erschossen
-im Wald und fiel.
-</p>
-
-<p>
-Da lag ich und schlief, lag erschossen im Wald
-und lag auf dem Feld in meinem Blut. Da lagen wir
-Brüder brüderlich verstreut.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-XII.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">P</span>aragraph zehn der Kriegsartikel? Feigheit! Wer
-sich unerlaubt entfernt. Wer seinen Truppenteil verläßt.
-Fahnenflucht wird mit dem Tode bestraft.
-Strafe wird mit dem Blute bestraft. Blut wird bestraft.
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-Alles wird bestraft. Da regnete es Strafen.
-Hagelte es Strafen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-13">
-XIII.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>a bin ich in den Wald gegangen und habe den
-lieben Peter gesucht.
-</p>
-
-<p>
-Da habe ich eine Raupe zertreten. Da habe ich
-eine Schnecke zertreten. Da habe ich den Peter gefunden
-und habe mich zu ihm gelegt zu seinem
-Herzen und weinten beide um unsern toten Freund.
-Da weinten wir freundlich um unsern Freund. Da
-sind wir alle drei gestorben. Der Pitter, der Peter,
-der Pierre und ich. Da lagen wir verstorben im Wald.
-Da lagen wir unter die Büsche verstreut. Da lagen
-wir brüderlich verstreut im Wald.
-</p>
-
-<p>
-Bis zum Abend. Da mußte ich auferstehen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-14">
-XIV.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span>un spiele ich immer Auferstehen. Aber ich muß
-es heimlich tun. Die Brüder sind nicht da. Ich bin
-allein. Und die Mariandjei hat mich angebunden.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ls ich kam, gab man mir ein Feiertagskleid und
-alle Türen gingen auf und zu. Aber in letzter Zeit
-sind viele verschlossen. Es gefällt mir hier nicht mehr.
-</p>
-
-<p>
-Auch den Kaiser mag ich nicht mehr leiden.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-15">
-XV.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ls ich ein Kind war, schlug man mich. Einst hatte
-ich eine Raupe gefangen, eine große Raupe, auf einem
-Blatt. Da bliesen die Soldaten vor dem Tor, bunte
-Husaren ritten ins Manöver.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Hei! wie ich, Knabe, da fröhlich lief! Wie ich da
-lief! Und im Laufen zertrat ich die Raupe, zertrat
-auf dem Kies ihren Schlangenleib.
-</p>
-
-<p>
-Oh, wie zerkrampfte sich da mein Fuß im Schuh!
-Oh, wie zerkrampfte sich da mein Herz! Als ich da
-ausglitt auf ihrem schlüpfrigen Leib, als da der Kies
-unter meiner Sohle knirschte.
-</p>
-
-<p>
-Da warf ich mich in den Wald. Da verging ich
-im Wald. Da vergrub ich mich unter den Büschen
-im Wald. Da machte ich keine Schularbeiten mehr
-&mdash; und wurde geschlagen, weil ich die Raupe nicht
-und nicht die Henkersstelle sehen wollte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>igentlich wäre nun <em>dies</em> der Anfang. Ja, eigentlich
-wäre nun dies der Anfang meiner Geschichte. Aber
-wie soll ich Euch das erklären?
-</p>
-
-<p>
-Haben Sie noch nie eine Raupe oder eine Schnecke
-zertreten? Ein Mäuslein vielleicht? Vielleicht eine kleine
-Mause-Mutter mit zwei, drei kleinen Mäuslein im Bauch?
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-16">
-XVI.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Mariandjei sieht nicht gerne, daß ich schreibe.
-Ich sollte ihr lieber ein Bildlein malen.
-</p>
-
-<p>
-Da habe ich ihr ein Bildlein gemalt. Den Wald
-habe ich ihr gemalt; unsern Sterbewald. Mit einem
-schönen Rosenstrauch. Da liegen der Peter und der
-Pierre, da liegen wir alle drei, wie wir verstarben,
-wie wir uns da so im Walde verstreuten unter dem
-Rosenstrauch, so dahingestreut. Und da komme ich
-nun gegangen. Immer komme ich so durch die Nacht
-zu uns gegangen, wie wir daliegen und uns beweinen
-und uns fein brüderlich befreunden. So zwischen den
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-Bäumen durch den Wald komme ich da mit Trost
-gegangen.
-</p>
-
-<p>
-O so freudig in meiner Trauer komme ich da durch
-den Wald heran. Lautere Freude um die zerwehte
-Stirne. Und die Sterne immer vor mir her! Wie ein
-Gleichnis komme ich daher. Tag und Nacht bin ich
-da der Gleiche.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span>o hab ich ihr das Bildlein gemalt und habe es ihr
-auch im Schlafe gewidmet. Mit einem Vers. Den
-habe ich selbst gemacht.
-</p>
-
-<p class="center">
-DAMIT SIE KEIN VERGNÜGEN DARAN HAT.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Tag und Nacht gleiche</p>
- <p class="verse">Nachtbleiche, Blindschleiche!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch mag auch die Mariandjei nicht mehr leiden.
-</p>
-
-<p>
-Ich will lieber in unsern Sterbewald! Da warten
-auf mich, daß ich komme, die lieben Brüder. Ich
-habe sie so lieb gehabt. Ich habe sie so von Herzen
-lieb.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-17">
-XVII.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch habe mich wieder verleiten lassen.
-</p>
-
-<p>
-Ach, die Verwirrung ist so groß! Ach, wie das
-Dunkel wächst! Und die Mauern auf allen Seiten!
-</p>
-
-<p>
-Man hat mir Stangen vor mein Fenster gegeben.
-Da soll ich meinen Verstand daran ordnen. Aber die
-Ordnung schneidet so hart in die Seele.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch verzage. Ich glaube verzagen zu müssen. Hilft
-mir denn niemand? Ich bitte darum.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Ach fände sich doch einer, der mir hilft! Ich glaube,
-ich kenne die Welt nicht mehr? Und soll sie doch
-aufbauen, ganz allein. Aber wenn niemand mir helfen
-will, so mag ich nicht länger der liebe Gott sein.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>in einziges Wörtlein fällt mir noch ein:
-</p>
-
-<p>
-Ich bin <em>nicht</em> gegangen &mdash; und bin doch schuldig.
-Ich habe <em>nicht</em> getötet und bin doch schuldig.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht ist es das? Vielleicht sind wir deshalb
-hier versammelt? Weil wir es <em>nicht</em> getan haben.
-Weil es die andern lieben Brüder, dieweil wir unschuldig
-blieben, tun mußten.
-</p>
-
-<p>
-Unschuldig! Das ist wohl meine Schuld?
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ch, wie bitter brennt doch die Ordnung! Sichelt
-so grausam durch die Seele!
-</p>
-
-<p>
-Aber Ordnung muß sein, sagt die Mariandjei. Sonst
-werde ich nie meine Prüfung bestehen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-18">
-XVIII.
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza first">
- <p class="verse"><span class="firstchar">N</span>un aber zu Tanz und Musik zurück!</p>
- <p class="verse">Vielleicht gelingt uns noch einmal ein Blick!</p>
- <p class="verse">Einen Blick zu tun in die erwünschte Nacht,</p>
- <p class="verse">Die uns zu Kindern Gottes macht.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>
-(Später aber!)
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-19">
-XIX.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>s traten einige Damen bei mir ein. Ich habe sie
-nach Kräften unterhalten. Es hieß, meine Mutter
-wäre darunter. Ich habe sie, nach Kräften, unterhalten.
-Um Verzeihung gebeten für langweiligen Brief.
-Kurzweilig gesprochen. (Siehe Goethe!)
-</p>
-
-<p class="tb">
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>öchte mich zurückziehen, wie Sie sehen. Habe
-keine Zeit. Bin müde.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe vielleicht Ihre werte Geduld ein wenig
-auf die Probe gestellt. Machen Sie sich nichts daraus,
-meine Damen! Ich mache mir auch nichts daraus,
-wie Sie sehen. Ich befinde mich hier sehr wohl. Das
-Zimmer scheint allerdings ein wenig nüchtern. Es
-scheint allerdings allerlei abhanden gekommen. Bitte
-immerhin Platz zu nehmen!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>o waren wir doch gleich stehen geblieben? Ich
-glaube, die Nacht war angebrochen?
-</p>
-
-<p>
-Ach ja, wir wollten uns zurückziehen! Schuldlos
-wollte ich mich zurückziehen. Dies Zimmer mit meinem
-Bett vertauschen. Ich erinnere mich, ja, ich erinnere
-mich.
-</p>
-
-<p class="center">
-Herr Tot und lebendig<br />
-Literat<br />
-Gr. Hurenstraße 12.
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>ein kleines Sofa wartet, mein seidenes Sofa. Bitte
-nur, Platz zu nehmen, meine Damen! So legen Sie
-doch den Hut ab! Verdammt! Mein Täubchen, legen
-Sie sich doch ab.
-</p>
-
-<p>
-Machen Sie sich nur keine Gedanken! Beunruhigen
-Sie sich nicht um andere Leute!
-</p>
-
-<p>
-Sieh da, sieh da, noch immer der alte Bettler.
-Noch immer geht er vorüber mit seinen Tieren. Und
-die Fenster schließen nicht mehr ganz dicht. Man
-hört das Gewimmer. Schade! Man hört das Gewimmer.
-</p>
-
-<p class="tb">
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ber deswegen keine Beängstigung, bitte: Es ist ja
-nicht unsere Schuld. Wir haben keine. Wir werden
-uns fleißig die Hände waschen. Mit Geld und guten
-Worten und so weiter. Wir nehmen uns einen Stellvertreter.
-Das ist mein neuester Trick. Eine alte
-Sache.
-</p>
-
-<p>
-Jeder schickt eben den andern. Den lieben nächsten,
-den nächsten besten, den Allernächsten. Je näher, je
-besser! Je lieber, je besser! Damit man auch was zu
-weinen hat. Den Bruder vielleicht? Oder sonst irgendeinen?
-Und haben wir keinen, so machen wir einen.
-Die Welt darf nicht zugrunde gehen! Ich werde
-Ihnen ein Kind machen, wenn Sie erlauben. Einen
-Sohn werden wir uns machen, einen kleinen Bruder.
-Der liebe kleine Bruder mag für uns gehen! Den
-lieben kleinen Bruder werden wir schicken. Der soll
-für uns den Peter erschlagen. Der mag sich das Blut
-von den Händen pissen!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span>o kommen Sie nur auf mein zartes Sofa! Da lassen
-wir flink den Vorhang herunter und spielen fleißig
-Papa und Mama. Das Brüderlein mag die Schuld
-auf sich nehmen.
-</p>
-
-<p>
-Das steht vor seinem Hauptmann und sagt: &bdquo;Jawoll!&ldquo;
-Ei, da wird es umhergeschwenkt! Ei, da
-fliegen die Befehle! Da regnet es Strafen. Da hagelt
-es Strafen.
-</p>
-
-<p>
-Wir aber ziehen uns leise zurück. Wir ruhen so
-süß an unserer Brust. Komm doch, mein Täubchen!
-Laß länger mich nicht warten! Komm nur, du liebenswerte
-Sau, der Kaiser braucht Soldaten!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-20">
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-XX.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Mariandjei ist auch nicht mehr da. Man hat
-mir alles fortgenommen. Nur noch die Stäbe sind da.
-Die Ordnungsstangen. Mich in Ordnung zu halten,
-damit ich nicht falle. Damit ich nicht in Versuchung
-falle.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-21">
-XXI.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>enn ich nur einmal noch aufgeklärt würde! Ein
-wenig auferleuchtet, ein wenig erhellt!
-</p>
-
-<p>
-Ich muß noch etwas vergessen haben? Es war
-gewiß eine wichtige Sache. Etwas zu sagen oder
-etwas zu tun. Ich fürchte, es blieb noch etwas zu tun!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">L</span>ieber Gott! So fing es an. Aber wie mag es weiter
-gehen?
-</p>
-
-<p>
-Lieber Gott! Mache mich fromm! Komm Karline,
-komm!
-</p>
-
-<p>
-Ich habe solche Angst, ich könnte sterben.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-22">
-XXII.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch wollte erzählen, wie ich schuldig war. Ich wollte
-erzählen, wie ich unschuldig war. Aber das wichtigste
-habe ich vergessen. Ich wußte noch etwas.
-Das war so wichtig! Kann es von Euch mir denn
-nicht einer sagen? Ich bitte doch so herzlich darum.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>as war es doch nur?
-</p>
-
-<p>
-Was mag es doch nur gewesen sein?
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="handheld-only">
-Im Original
-g&nbsp;e&nbsp;s&nbsp;p&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;r&nbsp;t
-hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und <span class="underline">viel</span> ...<br />
-... gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und <a href="#corr-0"><span class="underline">fiel</span></a> ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Auch ich. Auch du., by Hans Siemsen
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUCH ICH. AUCH DU. ***
-
-***** This file should be named 52295-h.htm or 52295-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
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