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-The Project Gutenberg EBook of Auch ich. Auch du., by Hans Siemsen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Auch ich. Auch du.
- Aufzeichnungen eines Irren.
-
-Author: Hans Siemsen
-
-Release Date: June 10, 2016 [EBook #52295]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUCH ICH. AUCH DU. ***
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-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- HANS SIEMSEN
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- AUCH ICH · AUCH DU
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- AUFZEICHNUNGEN
- EINES IRREN
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- KURT WOLFF VERLAG
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- BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 75
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- GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG
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- COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG · 1919
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- I.
-
-
-Es ist hier nicht alles, wie ich es mir wünschte. Am Tor steht der
-Kaiser, der läßt uns nicht hinaus. Er trägt einen roten Rock und läßt
-mich nicht hinaus, wenn ich mir ein Brieflein kaufen will. Er erzählt
-auch nichts und macht ein großes Gitter, damit wir uns nicht mit den
-Damen unterhalten, die draußen vorbeipromenieren mit ihren geputzten
-Kindern. Er macht das Gitter auf und zu.
-
-Aber gestern hat mir die Mariandjei dies Büchlein gegeben. Recht
-handlich zum schreiben. Da will ich nun beginnen:
-
- DIE GROSSE RECHTFERTIGUNG.
-
-Das wäre vielleicht nicht einmal so schwierig. Es wäre vielleicht alles
-noch in Ordnung zu bringen.
-
-Ich bin nur leider nicht mehr ganz bei Trost. Ja, Trost fehlt mir. Jeder
-hat den seinen. Aber für mich ist wohl keiner mehr übrig geblieben?
-
- * * * * *
-
-Ich hätte nur gerne einmal alles recht klar. Solange ich selbst noch
-etwas davon weiß. Weil ich der Einzige bin, der etwas weiß. Jeder
-glaubt, etwas zu wissen. Ich allein weiß wirklich etwas.
-
-Ohne mich rühmen zu wollen! Ach! Wen habe ich nun schon wieder
-beleidigt? Ich bitte um Entschuldigung! Ich beeile mich, um
-Entschuldigung zu bitten.
-
- * * * * *
-
-Ich weiß natürlich sehr wohl, daß ich nichts weiß. -- Obwohl das nun
-wiederum auch wohl vielleicht nicht ganz richtig ist, denn: Nichts ist
-ja wohl nichts. Jedoch: Nichts wissen, das ist schon viel.
-
-Sie denken vielleicht, ich treibe Scherz? Ich spiele ein wenig Sokrates?
-Aber das liegt mir fern. Liegt mir völlig fern. Hören Sie nur noch einen
-Augenblick zu, lesen Sie nur noch ein wenig weiter! Ich werde sogleich
-das Richtige sagen.
-
-Wenn ich einmal, angenommen, wie man so sagt, nichts weiß, ja, was weiß
-ich denn dann? Es muß doch etwas sein. Wie könnte ich es sonst nicht
-wissen? Nichts zu wissen, muß doch etwas sein. Nur etwas. Nur ein wenig.
-Das ist aber nicht zu unterschätzen! Das ist sogar gewiß sehr wichtig,
-außerordentlich wichtig, dieses Nichts. Ich möchte sogar behaupten, es
-ist »die Ursache!«
-
-»Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« So etwa könnte man sich die
-Sache vorstellen. So etwa könnte man geradezu behaupten: »Nichts« war
-die Ursache der Angelegenheit.
-
-Aber Sie lächeln schon wieder, meine Dame. Sie lächeln bereits über
-mich, über den »Bajazzo«. Nun, wie Sie wollen! Bitte, ruhig zu lächeln.
-»Lache, Bajazzo! Und schminke Dein Antlitz!« Vielleicht ein wenig Gesang
-gefällig? Vielleicht könnte man ein Lied anstimmen?
-
- * * * * *
-
-Ich bemühe mich, Ihnen zu gefallen, wie Sie sehen. Ich bemühe mich um
-Ihre Gunst. Ganz einfach gesprochen: Ich möchte Sie herzlich bitten, mir
-Gehör zu schenken. Ihr Ohr zu leihen, sozusagen.
-
-Und, wenn ich bitten darf, ein wenig Vertrauen! Vertrauen ist es, worum
-ich bitte. Ich betrachte es als von Gott. Eine Gabe vom Himmel. Ohne
-Ansehen der Person. Aber kein Almosen! Nichts von Verführung! Leere
-Hände, gilt es, zu behalten.
-
- * * * * *
-
-Jedoch! Jedennoch! So komme ich nicht zum Ziel. Es ist schon alles
-wieder verdorben. Ich sehe, ich bin bereits wieder verloren: Habe mich
-hinreißen lassen, rede und rede.
-
-Die Götzen glänzen mit ihren Perlen. Ihre Haare triefen von Fett und Öl.
-Ich aber sage Euch: Gottes Bild ist nicht unter ihnen!
-
- * * * * *
-
-Bin aber selbst der schuldige Teil. Ich gebe mir alle Mühe. Ich möchte
-alles Mögliche tun. Habe bereits auf alle Weise versucht, glücklich zu
-sein. Aber vergeblich.
-
-Obwohl hier von Glück nicht die Rede sein kann. Wollte um etwas anderes
-bitten. Was ich benötige ist Vertrauen. Jeder Gott benötigt Vertrauen.
-Glauben sozusagen. Glaubwürdigkeit. (Jetzt aber hören Sie einmal mein
-Herz! Es schlägt. Es kichert. Es lacht sich eins. Weil ich da eben
-»Gott« erwähnte. Scheinbar so nebenbei erwähnte: »Jeder Gott benötigt
-Vertrauen.« Jeder.
-
-Nun, wollen abwarten. Werden schon sehen!)
-
- * * * * *
-
-Aber hier beginnt nun bereits mein Unglück. Abgesehen von Schuld und
-Unschuld, beginnt hier nun bereits mein Leidensweg: Es kann ja nicht
-länger verborgen bleiben: Bin leider so wenig vertrauenerweckend.
-
-Ja, unzweifelhaft: Ich errege Gelächter. Man lacht über mich. Und
-niemand glaubt mir.
-
-Ich bitte aber eines bemerken zu dürfen. Gelächter steckt an. --
-Vielleicht würden sonst doch nicht alle lachen. Vielleicht wenn Sie es
-unterließen, zu lachen, würde ich weniger lächerlich erscheinen.
-Vielleicht, daß sich dann doch einer fände. Vielleicht fände sich dann
-doch jemand, der an mich glaubt, der an mich glauben möchte?
-
-Ich bitte darum. Ich bitte ergebenst, nicht lachen zu wollen!
-
-Werde aber trotzdem lieber gehen! Werde gehen! Bemühen Sie sich nicht
-weiter! Lachen Sie getrost!
-
-
-
-
- II.
-
-
-Ich werde in den Wald gehen, in den Sterbewald. Zwischen den Büschen
-unsichtbar verschwinden. Ich werde mich beeilen, zu verschwinden, zu
-verschweigen. Ich werde mich verschweigen im Wald. In den Büschen will
-ich mich verzweigen. Pst! Bitte nicht darüber zu reden!
-
- * * * * *
-
-Als er in den Wald gekommen war, fing die Nacht an! Als die Nacht
-gekommen war, fing der Mond an. Hörten die Sterne auf zu singen und die
-Schlange sprach: »Du hast mir noch immer nicht den Kopf zertreten. Aber
-ich habe Dich in die Ferse gestochen.«
-
-
-
-
- III.
-
-
-Werde nun sogleich mit der Erzählung beginnen. Werde mich vorstellen,
-mit Verlaub:
-
-Mein Name ist: Tot.
-
-Überlegen Sie wohl die Bedeutung dieses Namens! Ich bin tot. Ich habe
-mich erschlagen.
-
-Glauben Sie, daß es Gelächter erregt? Ich denke: Man wird darüber reden.
-Leicht möglich, daß ich auf diese Weise Eingang fände. In Kreise
-vielleicht, in Zirkel, Klubs, Geselligkeit?
-
-Allerdings, meine Hände! Sind leider wohl nicht rein genug? Zwar leer.
-Ich habe leere Hände. Habe immer darauf Wert gelegt. Aber nicht rein!
-Habe wohl verabsäumt, sie zu waschen.
-
-Hier wäscht sich alles fein und säuberlich. Eine Hand wäscht hier die
-andere. Mit Geld und guten Worten und so weiter.
-
-Ich habe statt dessen einen seltenen Namen. »Tot.« Herr von Tot.
-
- * * * * *
-
-Aber, um immer ehrlich zu bleiben: Mein eigentlicher Name ist das nicht.
-Vom Wind verweht. In die Sterne gestreut.
-
-Namenlos bin ich genannt.
-
-Namenlos irr ich von Land zu Land.
-
-Namenlos elend.
-
-Namenlos tot.
-
-Einmal hatte ich einen Namen. Wie lange ist das her?
-
-Weiß Gott! Wie oft bin ich seit dem gestorben!
-
-
-
-
- IV.
-
-
-Ich gebe mir alle Mühe, mich zu ordnen, meine Verwirrung zu ordnen,
-meine Verirrung. Hören wir also den Tatbestand!
-
- * * * * *
-
-»Zwei Uhr dreißig Schleichpatrouille. Die neunte Kompagnie stellt hierzu
-einen Unteroffizier, vier Mann. Freiwillige vor!« Freiwillig! Ein sehr
-kühnes Wort. Bitte, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten! Aus eigenem
-Antrieb, könnte man sagen. Freiwillig, wie Gott die Welt erschuf!
-_Freiwillig trat ich vor._
-
-Weshalb blieb ich nicht freiwillig stehen? Wie gemütlich war doch der
-Unterstand! Wir hatten Kerzen an jenem Tag. Wir hatten Feuer. Wir hatten
-geheizt. Wir krochen so mollig in unsere Betten. Nebeneinander. Warm und
-geborgen. Die kleine Kerze hätte geschienen. Flacker-Schatten hätten
-sich bewegt. Die stämmigen Stämme, die Balken der Decke! So eng, so
-niedrig alles, traulich und warm. Viele Frühlingstage wären gefolgt!
-
- * * * * *
-
-Was trieb mich an? Weshalb nur mußte ich alles verlassen?
-
-Und wenn nun ich fein nicht gegangen wäre?
-
-Ein anderer für mich. Ganz einfach! Ein anderer hätte alles erlebt. Was
-zu erleben war, fertig wie eine Uniform. Fertig waren die Gänge da, die
-Schritte, das Stolpern, offen lagen die Gräben, die Löcher. Schon hingen
-die Granaten über uns. Alles bereit. So ging ich hinein.
-
-Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. So ging ich in mein
-Himmelreich.
-
- * * * * *
-
-»Jeder empfängt zehn Handgranaten. Sie gehen Birkenwaldweg! Sie
-Märchenwald! Sie Adjutantenweg!« Wie hübsch das klingt: »Sie
-Adjutantenweg!«
-
-Schon klirren die Glocken des Drahtverhaues. Ein Stern steigt zum Himmel
-und fällt. Ein fernes Maschinengewehr klatscht Beifall. Etwas verfrüht.
-
- * * * * *
-
-Die Beine sind uns vom Winter geschwollen. -- Und der Bauch von
-Läusebissen. Oh nicht sehr repräsentabel stellen wir uns zu diesem
-Stelldichein. Lichtscheu. Wir kriechen am Boden. Und des Menschen Sohn
-zertritt uns den Kopf.
-
-Die Leuchtkugeln haben die Sterne verdunkelt. Zwei Uhr dreißig. Wir sind
-da.
-
-
-
-
- V.
-
-
-Wie mir doch alles unter den Händen zerfließt! Alles läuft mir so leicht
-davon, so leichtlich läuft es mir aus der Feder. Als hätte ich meine
-Freude dran!
-
-So will ich denn ehrlich berichten, wie ich gesündigt habe. Meine Zunge
-ist so schnell, schnell geworden vom vielen Lügen. Meine Feder gleitet
-so gleißnerisch. _Ich war Literat._ Man muß das gestehen. Dagegen
-scheint kein Kraut gewachsen? Dagegen scheint der Tod nicht viel zu
-helfen. Diese Gewohnheiten scheinen sich nicht zu verlieren im Tod. Ein
-Brandmal! Ein Schandmal! Ein Schandmaul! stehe ich da.
-
- HERR v. TOT
- Literat.
-
-Ich spielte mit Worten. Ich dichtete umher. So fröhlich gaukelten wir
-durch die Welt!
-
-Auf Seidenbetten saßen wir gern. Tranken. Musik. Und süßen Wein. Da
-klingelte oft die Gartentür! »Herein, Ihr liebenswerten Gäste!« Der
-Bettler mag vorüber schleichen! Seine verhungerten Tiere im Arm.
-
-Da dichtete es sich süß. Da war es Wollust, zu vergehen. Da schrieben
-wir auf zärtlichem Papier:
-
- Du goldene Melatyle!
- Verwirrter Silberfinkenstrom!
- Die schwankenden Gefühle
- Entgeistern in den Dom.
-
- Die lieben Nebelfalter
- Umschmeicheln meinen Schmeichelsinn.
- Bald kommen Tod und Alter.
- Welt, nimm mich hin!
-
-Recht gefällig diese Melodie, nicht wahr? Zu gutem Essen und etwas Wein!
-
-
-
-
- VI.
-
-
-Viel haben die Generäle Schuld.
-
-»Stillgestanden!«? Das ist nicht von Gott.
-
-Aber ist es nicht noch trauriger, währenddessen süß zu tun?
-
-
-
-
- VII.
-
-
-»Stillgestanden! Augen rechts!« Rum ta ta, rum ta tata. »Augen gerade --
-aus!« »Ich bestrafe den Musketier Roessingh mit drei Tagen Mittelarrest,
-weil er vor seinem Herrn Major eine nachlässige Ehrenbezeugung gemacht
-hat. Ich bestrafe den Musketier Tiemann --«
-
-Und wir alle standen dabei, ohne ein Wort zu sagen, ohne zu Hilfe zu
-eilen.
-
-Ei, wie wurden wir da umhergeschwenkt. In Gruppenkolonne -- links
-schwenkt -- marsch! Nach rechts und links und mitten aufmarschiert!
-
-Aber da steht Ihr feinen Damen und seht uns zu und lacht und geht
-vorüber.
-
-Es lebe der Kaiser! Er verschließt das Gittertor!
-
-Mach es nur zu vor den schönen Damen. Sie sollen nur gehn mit ihren
-Sonnenschirmen!
-
-Die Mariandjei hat mich eingeschlossen. Ich habe die schönen Damen
-beleidigt.
-
-
-
-
- VIII.
-
-
-Es ist so traurig, daß mir niemand hilft! Wie soll ich denn allein die
-Welt aufbauen? Da habe ich lieber ein Gedicht gemacht.
-
- Ach Gott, ich bin so einsam wie ein Watt
- Wie verloren gegangen in Paris-Stadt
-
- Wie ein lange gefangen gehaltener Adler
- Und wie ein Gott, der keine Mutter hat.
-
-Das habe ich aber schon mal gemacht.
-
-
-
-
- IX.
-
-
-Als ich mich zum erstenmal erschlug, war ich achtzehn Jahre alt. Ich war
-mein Bruder aus Frankreich und hieß Pierre. Wie Kain den Abel habe ich
-mich erschlagen.
-
- * * * * *
-
-Freiwillig waren wir losmarschiert. Lichtscheu. Am Boden krochen wir.
-Kein Stacheldraht zerriß mein Herz. Hart gierig lag ich auf der Lauer.
-
- * * * * *
-
-Oh weh! Ihr tapfern Jäger, Ihr kühnen Helden! Ihr lauert dem kleinen
-Hasen auf. Dem gehetzten Häslein zerbrecht Ihr das Rückgrat und freut
-Euch hoch über seinem Blut.
-
-Da schlug mein Herz voll Gier, als mein Bruder heran kam, mein
-französischer Bruder, mein kleiner Peter. Ganz dicht ging er an mir
-vorüber. Ich freute mich hoch über seinen wehrlosen Rücken. Und kroch
-ins Dunkle hinter meinem Bruder.
-
- * * * * *
-
-Da fuhr die höllische Leuchtkugel hoch. Da sah er mich an. Da hob er
-seine Hände. So unschuldig war das Brüderlein!
-
-_Ich aber warf die Granate. Ich warf die Granate, während das Brüderlein
-die Hände hob._
-
- * * * * *
-
-Da hatte ich viel Beifall. Da fuhren die Leuchtkugeln hoch. Da
-klatschten die Gewehre eifrig Beifall.
-
-Da kroch ich zu dem Brüderlein. Derweil es noch lebte.
-
-Um es zu pflegen, Ihr schönen Damen?
-
-Um mich zu verbergen, Ihr Liebenswerten! Um mich zu verbergen vorm
-Beifall der Gewehre.
-
-Da hat das Brüderlein mich sehr beschützt! Es weinte, das liebe Kind.
-»Camarade! Camarade!« Da trafen ihn all die Kugeln, die mir galten. Da
-war er ganz still. »Camarade, camarade!« Da schlugen die Kugeln noch in
-die Leiche.
-
-
-
-
- X.
-
-
-Sehr hübsch habe ich das erzählt. Nicht wahr, meine Lieben? So ein wenig
-poetisch und mit Gefühl. Ohne die werten Ohren zu verletzen? Die zarten
-Öhrchen, die sanften Seelen?
-
-Bin nämlich Literat. Ein tüchtiges Handwerk! Es dichtet sich so köstlich
-über Leichen!
-
- * * * * *
-
-Die Mariandjei hat mir verboten zu schreiben. Aber ich weiß den Ort zu
-finden! Über Abgründen schreibe ich. Über Abgründen!
-
-
-
-
- XI.
-
-
-Und wenn ich nun nicht gegangen wäre? Wenn ich nun diesen schweren Gang
-freiwillig _nicht_ gegangen wäre?
-
-Ein _anderer_ für mich! (Bitte, zu erinnern!)
-
-Nun. Also. Endlich! Heraus damit!
-
-Ich bin _nicht_ gegangen. Ich blieb zu Hause. _Ein anderer ging für
-mich._
-
-Ein anderer ging. Wir hatten es uns bequem gemacht.
-
- * * * * *
-
-Da kam das liebe Peterlein, der deutsche Peter kam, das unschuldige
-Kindlein, mit einem roten Rock von Blut. Wie dem Kaiser sein Rock, so
-rot von Blut.
-
-»Ich habe einen erledigt, Mensch.« (Ja, Mensch! O, Menschlein, höre wohl
-zu!) »Wir haben einen abgesägt.«
-
-Da saßen wir alle und hatten es _nicht_ getan. Da saßen wir alle mit
-feinen Händen und hatten nicht einmal Wasser für den Peter, für seine
-kleinen schmutzigen Kinder-, für seine unschuldigen Mörderhände. Er
-mußte sich selber darauf pissen.
-
-Das hat mir die Mariandjei verboten. Hier haben wir immer Wasser. Oh, so
-viel Wasser.
-
- * * * * *
-
-Da hat der Peter mir alles erzählt. Da lag er neben mir und hat mir
-alles erzählt, wie ich es selbst erlebt habe. Oft genug. »Ich habe
-getötet.« Mehr hat er nicht erzählt. Ohne ein Wort zu sagen, hat er's
-erzählt.
-
-Da lagen wir, Brüder, nebeneinander und das Brüderlein draußen lag auch
-dabei, lag da so schaurig in seinem Blut.
-
-Hört die Stimme des Blutes!
-
-Ich hörte sie nicht.
-
-Ich habe mich fremd verhüllt in meinen Mantel. Ich habe mich herzoglich
-verhüllt vor ihm. Vornehm habe ich mich eingewickelt. So bin ich in
-Anfechtung gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und fiel in
-Schlaf.
-
-Da hat sich der Peter davongemacht. Da lag er allein und hat sich
-davongemacht. Da hat er sein Gewehr an die Brust gesetzt und hat sich
-erschossen im Wald und fiel.
-
-Da lag ich und schlief, lag erschossen im Wald und lag auf dem Feld in
-meinem Blut. Da lagen wir Brüder brüderlich verstreut.
-
-
-
-
- XII.
-
-
-Paragraph zehn der Kriegsartikel? Feigheit! Wer sich unerlaubt entfernt.
-Wer seinen Truppenteil verläßt. Fahnenflucht wird mit dem Tode bestraft.
-Strafe wird mit dem Blute bestraft. Blut wird bestraft. Alles wird
-bestraft. Da regnete es Strafen. Hagelte es Strafen.
-
-
-
-
- XIII.
-
-
-Da bin ich in den Wald gegangen und habe den lieben Peter gesucht.
-
-Da habe ich eine Raupe zertreten. Da habe ich eine Schnecke zertreten.
-Da habe ich den Peter gefunden und habe mich zu ihm gelegt zu seinem
-Herzen und weinten beide um unsern toten Freund. Da weinten wir
-freundlich um unsern Freund. Da sind wir alle drei gestorben. Der
-Pitter, der Peter, der Pierre und ich. Da lagen wir verstorben im Wald.
-Da lagen wir unter die Büsche verstreut. Da lagen wir brüderlich
-verstreut im Wald.
-
-Bis zum Abend. Da mußte ich auferstehen.
-
-
-
-
- XIV.
-
-
-Nun spiele ich immer Auferstehen. Aber ich muß es heimlich tun. Die
-Brüder sind nicht da. Ich bin allein. Und die Mariandjei hat mich
-angebunden.
-
- * * * * *
-
-Als ich kam, gab man mir ein Feiertagskleid und alle Türen gingen auf
-und zu. Aber in letzter Zeit sind viele verschlossen. Es gefällt mir
-hier nicht mehr.
-
-Auch den Kaiser mag ich nicht mehr leiden.
-
-
-
-
- XV.
-
-
-Als ich ein Kind war, schlug man mich. Einst hatte ich eine Raupe
-gefangen, eine große Raupe, auf einem Blatt. Da bliesen die Soldaten vor
-dem Tor, bunte Husaren ritten ins Manöver.
-
-Hei! wie ich, Knabe, da fröhlich lief! Wie ich da lief! Und im Laufen
-zertrat ich die Raupe, zertrat auf dem Kies ihren Schlangenleib.
-
-Oh, wie zerkrampfte sich da mein Fuß im Schuh! Oh, wie zerkrampfte sich
-da mein Herz! Als ich da ausglitt auf ihrem schlüpfrigen Leib, als da
-der Kies unter meiner Sohle knirschte.
-
-Da warf ich mich in den Wald. Da verging ich im Wald. Da vergrub ich
-mich unter den Büschen im Wald. Da machte ich keine Schularbeiten mehr
--- und wurde geschlagen, weil ich die Raupe nicht und nicht die
-Henkersstelle sehen wollte.
-
- * * * * *
-
-Eigentlich wäre nun _dies_ der Anfang. Ja, eigentlich wäre nun dies der
-Anfang meiner Geschichte. Aber wie soll ich Euch das erklären?
-
-Haben Sie noch nie eine Raupe oder eine Schnecke zertreten? Ein Mäuslein
-vielleicht? Vielleicht eine kleine Mause-Mutter mit zwei, drei kleinen
-Mäuslein im Bauch?
-
-
-
-
- XVI.
-
-
-Die Mariandjei sieht nicht gerne, daß ich schreibe. Ich sollte ihr
-lieber ein Bildlein malen.
-
-Da habe ich ihr ein Bildlein gemalt. Den Wald habe ich ihr gemalt;
-unsern Sterbewald. Mit einem schönen Rosenstrauch. Da liegen der Peter
-und der Pierre, da liegen wir alle drei, wie wir verstarben, wie wir uns
-da so im Walde verstreuten unter dem Rosenstrauch, so dahingestreut. Und
-da komme ich nun gegangen. Immer komme ich so durch die Nacht zu uns
-gegangen, wie wir daliegen und uns beweinen und uns fein brüderlich
-befreunden. So zwischen den Bäumen durch den Wald komme ich da mit Trost
-gegangen.
-
-O so freudig in meiner Trauer komme ich da durch den Wald heran. Lautere
-Freude um die zerwehte Stirne. Und die Sterne immer vor mir her! Wie ein
-Gleichnis komme ich daher. Tag und Nacht bin ich da der Gleiche.
-
- * * * * *
-
-So hab ich ihr das Bildlein gemalt und habe es ihr auch im Schlafe
-gewidmet. Mit einem Vers. Den habe ich selbst gemacht.
-
- DAMIT SIE KEIN VERGNÜGEN DARAN HAT.
-
- Tag und Nacht gleiche
- Nachtbleiche, Blindschleiche!
-
- * * * * *
-
-Ich mag auch die Mariandjei nicht mehr leiden.
-
-Ich will lieber in unsern Sterbewald! Da warten auf mich, daß ich komme,
-die lieben Brüder. Ich habe sie so lieb gehabt. Ich habe sie so von
-Herzen lieb.
-
-
-
-
- XVII.
-
-
-Ich habe mich wieder verleiten lassen.
-
-Ach, die Verwirrung ist so groß! Ach, wie das Dunkel wächst! Und die
-Mauern auf allen Seiten!
-
-Man hat mir Stangen vor mein Fenster gegeben. Da soll ich meinen
-Verstand daran ordnen. Aber die Ordnung schneidet so hart in die Seele.
-
- * * * * *
-
-Ich verzage. Ich glaube verzagen zu müssen. Hilft mir denn niemand? Ich
-bitte darum.
-
-Ach fände sich doch einer, der mir hilft! Ich glaube, ich kenne die Welt
-nicht mehr? Und soll sie doch aufbauen, ganz allein. Aber wenn niemand
-mir helfen will, so mag ich nicht länger der liebe Gott sein.
-
- * * * * *
-
-Ein einziges Wörtlein fällt mir noch ein:
-
-Ich bin _nicht_ gegangen -- und bin doch schuldig. Ich habe _nicht_
-getötet und bin doch schuldig.
-
-Vielleicht ist es das? Vielleicht sind wir deshalb hier versammelt? Weil
-wir es _nicht_ getan haben. Weil es die andern lieben Brüder, dieweil
-wir unschuldig blieben, tun mußten.
-
-Unschuldig! Das ist wohl meine Schuld?
-
- * * * * *
-
-Ach, wie bitter brennt doch die Ordnung! Sichelt so grausam durch die
-Seele!
-
-Aber Ordnung muß sein, sagt die Mariandjei. Sonst werde ich nie meine
-Prüfung bestehen.
-
-
-
-
- XVIII.
-
-
- Nun aber zu Tanz und Musik zurück!
- Vielleicht gelingt uns noch einmal ein Blick!
- Einen Blick zu tun in die erwünschte Nacht,
- Die uns zu Kindern Gottes macht.
-
-(Später aber!)
-
-
-
-
- XIX.
-
-
-Es traten einige Damen bei mir ein. Ich habe sie nach Kräften
-unterhalten. Es hieß, meine Mutter wäre darunter. Ich habe sie, nach
-Kräften, unterhalten. Um Verzeihung gebeten für langweiligen Brief.
-Kurzweilig gesprochen. (Siehe Goethe!)
-
- * * * * *
-
-Möchte mich zurückziehen, wie Sie sehen. Habe keine Zeit. Bin müde.
-
-Ich habe vielleicht Ihre werte Geduld ein wenig auf die Probe gestellt.
-Machen Sie sich nichts daraus, meine Damen! Ich mache mir auch nichts
-daraus, wie Sie sehen. Ich befinde mich hier sehr wohl. Das Zimmer
-scheint allerdings ein wenig nüchtern. Es scheint allerdings allerlei
-abhanden gekommen. Bitte immerhin Platz zu nehmen!
-
- * * * * *
-
-Wo waren wir doch gleich stehen geblieben? Ich glaube, die Nacht war
-angebrochen?
-
-Ach ja, wir wollten uns zurückziehen! Schuldlos wollte ich mich
-zurückziehen. Dies Zimmer mit meinem Bett vertauschen. Ich erinnere
-mich, ja, ich erinnere mich.
-
- Herr Tot und lebendig
- Literat
- Gr. Hurenstraße 12.
-
-Mein kleines Sofa wartet, mein seidenes Sofa. Bitte nur, Platz zu
-nehmen, meine Damen! So legen Sie doch den Hut ab! Verdammt! Mein
-Täubchen, legen Sie sich doch ab.
-
-Machen Sie sich nur keine Gedanken! Beunruhigen Sie sich nicht um andere
-Leute!
-
-Sieh da, sieh da, noch immer der alte Bettler. Noch immer geht er
-vorüber mit seinen Tieren. Und die Fenster schließen nicht mehr ganz
-dicht. Man hört das Gewimmer. Schade! Man hört das Gewimmer.
-
- * * * * *
-
-Aber deswegen keine Beängstigung, bitte: Es ist ja nicht unsere Schuld.
-Wir haben keine. Wir werden uns fleißig die Hände waschen. Mit Geld und
-guten Worten und so weiter. Wir nehmen uns einen Stellvertreter. Das ist
-mein neuester Trick. Eine alte Sache.
-
-Jeder schickt eben den andern. Den lieben nächsten, den nächsten besten,
-den Allernächsten. Je näher, je besser! Je lieber, je besser! Damit man
-auch was zu weinen hat. Den Bruder vielleicht? Oder sonst irgendeinen?
-Und haben wir keinen, so machen wir einen. Die Welt darf nicht zugrunde
-gehen! Ich werde Ihnen ein Kind machen, wenn Sie erlauben. Einen Sohn
-werden wir uns machen, einen kleinen Bruder. Der liebe kleine Bruder mag
-für uns gehen! Den lieben kleinen Bruder werden wir schicken. Der soll
-für uns den Peter erschlagen. Der mag sich das Blut von den Händen
-pissen!
-
- * * * * *
-
-So kommen Sie nur auf mein zartes Sofa! Da lassen wir flink den Vorhang
-herunter und spielen fleißig Papa und Mama. Das Brüderlein mag die
-Schuld auf sich nehmen.
-
-Das steht vor seinem Hauptmann und sagt: »Jawoll!« Ei, da wird es
-umhergeschwenkt! Ei, da fliegen die Befehle! Da regnet es Strafen. Da
-hagelt es Strafen.
-
-Wir aber ziehen uns leise zurück. Wir ruhen so süß an unserer Brust.
-Komm doch, mein Täubchen! Laß länger mich nicht warten! Komm nur, du
-liebenswerte Sau, der Kaiser braucht Soldaten!
-
-
-
-
- XX.
-
-
-Die Mariandjei ist auch nicht mehr da. Man hat mir alles fortgenommen.
-Nur noch die Stäbe sind da. Die Ordnungsstangen. Mich in Ordnung zu
-halten, damit ich nicht falle. Damit ich nicht in Versuchung falle.
-
-
-
-
- XXI.
-
-
-Wenn ich nur einmal noch aufgeklärt würde! Ein wenig auferleuchtet, ein
-wenig erhellt!
-
-Ich muß noch etwas vergessen haben? Es war gewiß eine wichtige Sache.
-Etwas zu sagen oder etwas zu tun. Ich fürchte, es blieb noch etwas zu
-tun!
-
- * * * * *
-
-Lieber Gott! So fing es an. Aber wie mag es weiter gehen?
-
-Lieber Gott! Mache mich fromm! Komm Karline, komm!
-
-Ich habe solche Angst, ich könnte sterben.
-
-
-
-
- XXII.
-
-
-Ich wollte erzählen, wie ich schuldig war. Ich wollte erzählen, wie ich
-unschuldig war. Aber das wichtigste habe ich vergessen. Ich wußte noch
-etwas. Das war so wichtig! Kann es von Euch mir denn nicht einer sagen?
-Ich bitte doch so herzlich darum.
-
- * * * * *
-
-Was war es doch nur?
-
-Was mag es doch nur gewesen sein?
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
-Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 16]:
- ... gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und viel ...
- ... gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und fiel ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Auch ich. Auch du., by Hans Siemsen
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUCH ICH. AUCH DU. ***
-
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