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AUCH DU. *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - HANS SIEMSEN - - - - - AUCH ICH · AUCH DU - - - AUFZEICHNUNGEN - EINES IRREN - - - - - KURT WOLFF VERLAG - - - - - BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 75 - - GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG - - - - - COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG · 1919 - - - - - I. - - -Es ist hier nicht alles, wie ich es mir wünschte. Am Tor steht der -Kaiser, der läßt uns nicht hinaus. Er trägt einen roten Rock und läßt -mich nicht hinaus, wenn ich mir ein Brieflein kaufen will. Er erzählt -auch nichts und macht ein großes Gitter, damit wir uns nicht mit den -Damen unterhalten, die draußen vorbeipromenieren mit ihren geputzten -Kindern. Er macht das Gitter auf und zu. - -Aber gestern hat mir die Mariandjei dies Büchlein gegeben. Recht -handlich zum schreiben. Da will ich nun beginnen: - - DIE GROSSE RECHTFERTIGUNG. - -Das wäre vielleicht nicht einmal so schwierig. Es wäre vielleicht alles -noch in Ordnung zu bringen. - -Ich bin nur leider nicht mehr ganz bei Trost. Ja, Trost fehlt mir. Jeder -hat den seinen. Aber für mich ist wohl keiner mehr übrig geblieben? - - * * * * * - -Ich hätte nur gerne einmal alles recht klar. Solange ich selbst noch -etwas davon weiß. Weil ich der Einzige bin, der etwas weiß. Jeder -glaubt, etwas zu wissen. Ich allein weiß wirklich etwas. - -Ohne mich rühmen zu wollen! Ach! Wen habe ich nun schon wieder -beleidigt? Ich bitte um Entschuldigung! Ich beeile mich, um -Entschuldigung zu bitten. - - * * * * * - -Ich weiß natürlich sehr wohl, daß ich nichts weiß. -- Obwohl das nun -wiederum auch wohl vielleicht nicht ganz richtig ist, denn: Nichts ist -ja wohl nichts. Jedoch: Nichts wissen, das ist schon viel. - -Sie denken vielleicht, ich treibe Scherz? Ich spiele ein wenig Sokrates? -Aber das liegt mir fern. Liegt mir völlig fern. Hören Sie nur noch einen -Augenblick zu, lesen Sie nur noch ein wenig weiter! Ich werde sogleich -das Richtige sagen. - -Wenn ich einmal, angenommen, wie man so sagt, nichts weiß, ja, was weiß -ich denn dann? Es muß doch etwas sein. Wie könnte ich es sonst nicht -wissen? Nichts zu wissen, muß doch etwas sein. Nur etwas. Nur ein wenig. -Das ist aber nicht zu unterschätzen! Das ist sogar gewiß sehr wichtig, -außerordentlich wichtig, dieses Nichts. Ich möchte sogar behaupten, es -ist »die Ursache!« - -»Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« So etwa könnte man sich die -Sache vorstellen. So etwa könnte man geradezu behaupten: »Nichts« war -die Ursache der Angelegenheit. - -Aber Sie lächeln schon wieder, meine Dame. Sie lächeln bereits über -mich, über den »Bajazzo«. Nun, wie Sie wollen! Bitte, ruhig zu lächeln. -»Lache, Bajazzo! Und schminke Dein Antlitz!« Vielleicht ein wenig Gesang -gefällig? Vielleicht könnte man ein Lied anstimmen? - - * * * * * - -Ich bemühe mich, Ihnen zu gefallen, wie Sie sehen. Ich bemühe mich um -Ihre Gunst. Ganz einfach gesprochen: Ich möchte Sie herzlich bitten, mir -Gehör zu schenken. Ihr Ohr zu leihen, sozusagen. - -Und, wenn ich bitten darf, ein wenig Vertrauen! Vertrauen ist es, worum -ich bitte. Ich betrachte es als von Gott. Eine Gabe vom Himmel. Ohne -Ansehen der Person. Aber kein Almosen! Nichts von Verführung! Leere -Hände, gilt es, zu behalten. - - * * * * * - -Jedoch! Jedennoch! So komme ich nicht zum Ziel. Es ist schon alles -wieder verdorben. Ich sehe, ich bin bereits wieder verloren: Habe mich -hinreißen lassen, rede und rede. - -Die Götzen glänzen mit ihren Perlen. Ihre Haare triefen von Fett und Öl. -Ich aber sage Euch: Gottes Bild ist nicht unter ihnen! - - * * * * * - -Bin aber selbst der schuldige Teil. Ich gebe mir alle Mühe. Ich möchte -alles Mögliche tun. Habe bereits auf alle Weise versucht, glücklich zu -sein. Aber vergeblich. - -Obwohl hier von Glück nicht die Rede sein kann. Wollte um etwas anderes -bitten. Was ich benötige ist Vertrauen. Jeder Gott benötigt Vertrauen. -Glauben sozusagen. Glaubwürdigkeit. (Jetzt aber hören Sie einmal mein -Herz! Es schlägt. Es kichert. Es lacht sich eins. Weil ich da eben -»Gott« erwähnte. Scheinbar so nebenbei erwähnte: »Jeder Gott benötigt -Vertrauen.« Jeder. - -Nun, wollen abwarten. Werden schon sehen!) - - * * * * * - -Aber hier beginnt nun bereits mein Unglück. Abgesehen von Schuld und -Unschuld, beginnt hier nun bereits mein Leidensweg: Es kann ja nicht -länger verborgen bleiben: Bin leider so wenig vertrauenerweckend. - -Ja, unzweifelhaft: Ich errege Gelächter. Man lacht über mich. Und -niemand glaubt mir. - -Ich bitte aber eines bemerken zu dürfen. Gelächter steckt an. -- -Vielleicht würden sonst doch nicht alle lachen. Vielleicht wenn Sie es -unterließen, zu lachen, würde ich weniger lächerlich erscheinen. -Vielleicht, daß sich dann doch einer fände. Vielleicht fände sich dann -doch jemand, der an mich glaubt, der an mich glauben möchte? - -Ich bitte darum. Ich bitte ergebenst, nicht lachen zu wollen! - -Werde aber trotzdem lieber gehen! Werde gehen! Bemühen Sie sich nicht -weiter! Lachen Sie getrost! - - - - - II. - - -Ich werde in den Wald gehen, in den Sterbewald. Zwischen den Büschen -unsichtbar verschwinden. Ich werde mich beeilen, zu verschwinden, zu -verschweigen. Ich werde mich verschweigen im Wald. In den Büschen will -ich mich verzweigen. Pst! Bitte nicht darüber zu reden! - - * * * * * - -Als er in den Wald gekommen war, fing die Nacht an! Als die Nacht -gekommen war, fing der Mond an. Hörten die Sterne auf zu singen und die -Schlange sprach: »Du hast mir noch immer nicht den Kopf zertreten. Aber -ich habe Dich in die Ferse gestochen.« - - - - - III. - - -Werde nun sogleich mit der Erzählung beginnen. Werde mich vorstellen, -mit Verlaub: - -Mein Name ist: Tot. - -Überlegen Sie wohl die Bedeutung dieses Namens! Ich bin tot. Ich habe -mich erschlagen. - -Glauben Sie, daß es Gelächter erregt? Ich denke: Man wird darüber reden. -Leicht möglich, daß ich auf diese Weise Eingang fände. In Kreise -vielleicht, in Zirkel, Klubs, Geselligkeit? - -Allerdings, meine Hände! Sind leider wohl nicht rein genug? Zwar leer. -Ich habe leere Hände. Habe immer darauf Wert gelegt. Aber nicht rein! -Habe wohl verabsäumt, sie zu waschen. - -Hier wäscht sich alles fein und säuberlich. Eine Hand wäscht hier die -andere. Mit Geld und guten Worten und so weiter. - -Ich habe statt dessen einen seltenen Namen. »Tot.« Herr von Tot. - - * * * * * - -Aber, um immer ehrlich zu bleiben: Mein eigentlicher Name ist das nicht. -Vom Wind verweht. In die Sterne gestreut. - -Namenlos bin ich genannt. - -Namenlos irr ich von Land zu Land. - -Namenlos elend. - -Namenlos tot. - -Einmal hatte ich einen Namen. Wie lange ist das her? - -Weiß Gott! Wie oft bin ich seit dem gestorben! - - - - - IV. - - -Ich gebe mir alle Mühe, mich zu ordnen, meine Verwirrung zu ordnen, -meine Verirrung. Hören wir also den Tatbestand! - - * * * * * - -»Zwei Uhr dreißig Schleichpatrouille. Die neunte Kompagnie stellt hierzu -einen Unteroffizier, vier Mann. Freiwillige vor!« Freiwillig! Ein sehr -kühnes Wort. Bitte, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten! Aus eigenem -Antrieb, könnte man sagen. Freiwillig, wie Gott die Welt erschuf! -_Freiwillig trat ich vor._ - -Weshalb blieb ich nicht freiwillig stehen? Wie gemütlich war doch der -Unterstand! Wir hatten Kerzen an jenem Tag. Wir hatten Feuer. Wir hatten -geheizt. Wir krochen so mollig in unsere Betten. Nebeneinander. Warm und -geborgen. Die kleine Kerze hätte geschienen. Flacker-Schatten hätten -sich bewegt. Die stämmigen Stämme, die Balken der Decke! So eng, so -niedrig alles, traulich und warm. Viele Frühlingstage wären gefolgt! - - * * * * * - -Was trieb mich an? Weshalb nur mußte ich alles verlassen? - -Und wenn nun ich fein nicht gegangen wäre? - -Ein anderer für mich. Ganz einfach! Ein anderer hätte alles erlebt. Was -zu erleben war, fertig wie eine Uniform. Fertig waren die Gänge da, die -Schritte, das Stolpern, offen lagen die Gräben, die Löcher. Schon hingen -die Granaten über uns. Alles bereit. So ging ich hinein. - -Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. So ging ich in mein -Himmelreich. - - * * * * * - -»Jeder empfängt zehn Handgranaten. Sie gehen Birkenwaldweg! Sie -Märchenwald! Sie Adjutantenweg!« Wie hübsch das klingt: »Sie -Adjutantenweg!« - -Schon klirren die Glocken des Drahtverhaues. Ein Stern steigt zum Himmel -und fällt. Ein fernes Maschinengewehr klatscht Beifall. Etwas verfrüht. - - * * * * * - -Die Beine sind uns vom Winter geschwollen. -- Und der Bauch von -Läusebissen. Oh nicht sehr repräsentabel stellen wir uns zu diesem -Stelldichein. Lichtscheu. Wir kriechen am Boden. Und des Menschen Sohn -zertritt uns den Kopf. - -Die Leuchtkugeln haben die Sterne verdunkelt. Zwei Uhr dreißig. Wir sind -da. - - - - - V. - - -Wie mir doch alles unter den Händen zerfließt! Alles läuft mir so leicht -davon, so leichtlich läuft es mir aus der Feder. Als hätte ich meine -Freude dran! - -So will ich denn ehrlich berichten, wie ich gesündigt habe. Meine Zunge -ist so schnell, schnell geworden vom vielen Lügen. Meine Feder gleitet -so gleißnerisch. _Ich war Literat._ Man muß das gestehen. Dagegen -scheint kein Kraut gewachsen? Dagegen scheint der Tod nicht viel zu -helfen. Diese Gewohnheiten scheinen sich nicht zu verlieren im Tod. Ein -Brandmal! Ein Schandmal! Ein Schandmaul! stehe ich da. - - HERR v. TOT - Literat. - -Ich spielte mit Worten. Ich dichtete umher. So fröhlich gaukelten wir -durch die Welt! - -Auf Seidenbetten saßen wir gern. Tranken. Musik. Und süßen Wein. Da -klingelte oft die Gartentür! »Herein, Ihr liebenswerten Gäste!« Der -Bettler mag vorüber schleichen! Seine verhungerten Tiere im Arm. - -Da dichtete es sich süß. Da war es Wollust, zu vergehen. Da schrieben -wir auf zärtlichem Papier: - - Du goldene Melatyle! - Verwirrter Silberfinkenstrom! - Die schwankenden Gefühle - Entgeistern in den Dom. - - Die lieben Nebelfalter - Umschmeicheln meinen Schmeichelsinn. - Bald kommen Tod und Alter. - Welt, nimm mich hin! - -Recht gefällig diese Melodie, nicht wahr? Zu gutem Essen und etwas Wein! - - - - - VI. - - -Viel haben die Generäle Schuld. - -»Stillgestanden!«? Das ist nicht von Gott. - -Aber ist es nicht noch trauriger, währenddessen süß zu tun? - - - - - VII. - - -»Stillgestanden! Augen rechts!« Rum ta ta, rum ta tata. »Augen gerade -- -aus!« »Ich bestrafe den Musketier Roessingh mit drei Tagen Mittelarrest, -weil er vor seinem Herrn Major eine nachlässige Ehrenbezeugung gemacht -hat. Ich bestrafe den Musketier Tiemann --« - -Und wir alle standen dabei, ohne ein Wort zu sagen, ohne zu Hilfe zu -eilen. - -Ei, wie wurden wir da umhergeschwenkt. In Gruppenkolonne -- links -schwenkt -- marsch! Nach rechts und links und mitten aufmarschiert! - -Aber da steht Ihr feinen Damen und seht uns zu und lacht und geht -vorüber. - -Es lebe der Kaiser! Er verschließt das Gittertor! - -Mach es nur zu vor den schönen Damen. Sie sollen nur gehn mit ihren -Sonnenschirmen! - -Die Mariandjei hat mich eingeschlossen. Ich habe die schönen Damen -beleidigt. - - - - - VIII. - - -Es ist so traurig, daß mir niemand hilft! Wie soll ich denn allein die -Welt aufbauen? Da habe ich lieber ein Gedicht gemacht. - - Ach Gott, ich bin so einsam wie ein Watt - Wie verloren gegangen in Paris-Stadt - - Wie ein lange gefangen gehaltener Adler - Und wie ein Gott, der keine Mutter hat. - -Das habe ich aber schon mal gemacht. - - - - - IX. - - -Als ich mich zum erstenmal erschlug, war ich achtzehn Jahre alt. Ich war -mein Bruder aus Frankreich und hieß Pierre. Wie Kain den Abel habe ich -mich erschlagen. - - * * * * * - -Freiwillig waren wir losmarschiert. Lichtscheu. Am Boden krochen wir. -Kein Stacheldraht zerriß mein Herz. Hart gierig lag ich auf der Lauer. - - * * * * * - -Oh weh! Ihr tapfern Jäger, Ihr kühnen Helden! Ihr lauert dem kleinen -Hasen auf. Dem gehetzten Häslein zerbrecht Ihr das Rückgrat und freut -Euch hoch über seinem Blut. - -Da schlug mein Herz voll Gier, als mein Bruder heran kam, mein -französischer Bruder, mein kleiner Peter. Ganz dicht ging er an mir -vorüber. Ich freute mich hoch über seinen wehrlosen Rücken. Und kroch -ins Dunkle hinter meinem Bruder. - - * * * * * - -Da fuhr die höllische Leuchtkugel hoch. Da sah er mich an. Da hob er -seine Hände. So unschuldig war das Brüderlein! - -_Ich aber warf die Granate. Ich warf die Granate, während das Brüderlein -die Hände hob._ - - * * * * * - -Da hatte ich viel Beifall. Da fuhren die Leuchtkugeln hoch. Da -klatschten die Gewehre eifrig Beifall. - -Da kroch ich zu dem Brüderlein. Derweil es noch lebte. - -Um es zu pflegen, Ihr schönen Damen? - -Um mich zu verbergen, Ihr Liebenswerten! Um mich zu verbergen vorm -Beifall der Gewehre. - -Da hat das Brüderlein mich sehr beschützt! Es weinte, das liebe Kind. -»Camarade! Camarade!« Da trafen ihn all die Kugeln, die mir galten. Da -war er ganz still. »Camarade, camarade!« Da schlugen die Kugeln noch in -die Leiche. - - - - - X. - - -Sehr hübsch habe ich das erzählt. Nicht wahr, meine Lieben? So ein wenig -poetisch und mit Gefühl. Ohne die werten Ohren zu verletzen? Die zarten -Öhrchen, die sanften Seelen? - -Bin nämlich Literat. Ein tüchtiges Handwerk! Es dichtet sich so köstlich -über Leichen! - - * * * * * - -Die Mariandjei hat mir verboten zu schreiben. Aber ich weiß den Ort zu -finden! Über Abgründen schreibe ich. Über Abgründen! - - - - - XI. - - -Und wenn ich nun nicht gegangen wäre? Wenn ich nun diesen schweren Gang -freiwillig _nicht_ gegangen wäre? - -Ein _anderer_ für mich! (Bitte, zu erinnern!) - -Nun. Also. Endlich! Heraus damit! - -Ich bin _nicht_ gegangen. Ich blieb zu Hause. _Ein anderer ging für -mich._ - -Ein anderer ging. Wir hatten es uns bequem gemacht. - - * * * * * - -Da kam das liebe Peterlein, der deutsche Peter kam, das unschuldige -Kindlein, mit einem roten Rock von Blut. Wie dem Kaiser sein Rock, so -rot von Blut. - -»Ich habe einen erledigt, Mensch.« (Ja, Mensch! O, Menschlein, höre wohl -zu!) »Wir haben einen abgesägt.« - -Da saßen wir alle und hatten es _nicht_ getan. Da saßen wir alle mit -feinen Händen und hatten nicht einmal Wasser für den Peter, für seine -kleinen schmutzigen Kinder-, für seine unschuldigen Mörderhände. Er -mußte sich selber darauf pissen. - -Das hat mir die Mariandjei verboten. Hier haben wir immer Wasser. Oh, so -viel Wasser. - - * * * * * - -Da hat der Peter mir alles erzählt. Da lag er neben mir und hat mir -alles erzählt, wie ich es selbst erlebt habe. Oft genug. »Ich habe -getötet.« Mehr hat er nicht erzählt. Ohne ein Wort zu sagen, hat er's -erzählt. - -Da lagen wir, Brüder, nebeneinander und das Brüderlein draußen lag auch -dabei, lag da so schaurig in seinem Blut. - -Hört die Stimme des Blutes! - -Ich hörte sie nicht. - -Ich habe mich fremd verhüllt in meinen Mantel. Ich habe mich herzoglich -verhüllt vor ihm. Vornehm habe ich mich eingewickelt. So bin ich in -Anfechtung gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und fiel in -Schlaf. - -Da hat sich der Peter davongemacht. Da lag er allein und hat sich -davongemacht. Da hat er sein Gewehr an die Brust gesetzt und hat sich -erschossen im Wald und fiel. - -Da lag ich und schlief, lag erschossen im Wald und lag auf dem Feld in -meinem Blut. Da lagen wir Brüder brüderlich verstreut. - - - - - XII. - - -Paragraph zehn der Kriegsartikel? Feigheit! Wer sich unerlaubt entfernt. -Wer seinen Truppenteil verläßt. Fahnenflucht wird mit dem Tode bestraft. -Strafe wird mit dem Blute bestraft. Blut wird bestraft. Alles wird -bestraft. Da regnete es Strafen. Hagelte es Strafen. - - - - - XIII. - - -Da bin ich in den Wald gegangen und habe den lieben Peter gesucht. - -Da habe ich eine Raupe zertreten. Da habe ich eine Schnecke zertreten. -Da habe ich den Peter gefunden und habe mich zu ihm gelegt zu seinem -Herzen und weinten beide um unsern toten Freund. Da weinten wir -freundlich um unsern Freund. Da sind wir alle drei gestorben. Der -Pitter, der Peter, der Pierre und ich. Da lagen wir verstorben im Wald. -Da lagen wir unter die Büsche verstreut. Da lagen wir brüderlich -verstreut im Wald. - -Bis zum Abend. Da mußte ich auferstehen. - - - - - XIV. - - -Nun spiele ich immer Auferstehen. Aber ich muß es heimlich tun. Die -Brüder sind nicht da. Ich bin allein. Und die Mariandjei hat mich -angebunden. - - * * * * * - -Als ich kam, gab man mir ein Feiertagskleid und alle Türen gingen auf -und zu. Aber in letzter Zeit sind viele verschlossen. Es gefällt mir -hier nicht mehr. - -Auch den Kaiser mag ich nicht mehr leiden. - - - - - XV. - - -Als ich ein Kind war, schlug man mich. Einst hatte ich eine Raupe -gefangen, eine große Raupe, auf einem Blatt. Da bliesen die Soldaten vor -dem Tor, bunte Husaren ritten ins Manöver. - -Hei! wie ich, Knabe, da fröhlich lief! Wie ich da lief! Und im Laufen -zertrat ich die Raupe, zertrat auf dem Kies ihren Schlangenleib. - -Oh, wie zerkrampfte sich da mein Fuß im Schuh! Oh, wie zerkrampfte sich -da mein Herz! Als ich da ausglitt auf ihrem schlüpfrigen Leib, als da -der Kies unter meiner Sohle knirschte. - -Da warf ich mich in den Wald. Da verging ich im Wald. Da vergrub ich -mich unter den Büschen im Wald. Da machte ich keine Schularbeiten mehr --- und wurde geschlagen, weil ich die Raupe nicht und nicht die -Henkersstelle sehen wollte. - - * * * * * - -Eigentlich wäre nun _dies_ der Anfang. Ja, eigentlich wäre nun dies der -Anfang meiner Geschichte. Aber wie soll ich Euch das erklären? - -Haben Sie noch nie eine Raupe oder eine Schnecke zertreten? Ein Mäuslein -vielleicht? Vielleicht eine kleine Mause-Mutter mit zwei, drei kleinen -Mäuslein im Bauch? - - - - - XVI. - - -Die Mariandjei sieht nicht gerne, daß ich schreibe. Ich sollte ihr -lieber ein Bildlein malen. - -Da habe ich ihr ein Bildlein gemalt. Den Wald habe ich ihr gemalt; -unsern Sterbewald. Mit einem schönen Rosenstrauch. Da liegen der Peter -und der Pierre, da liegen wir alle drei, wie wir verstarben, wie wir uns -da so im Walde verstreuten unter dem Rosenstrauch, so dahingestreut. Und -da komme ich nun gegangen. Immer komme ich so durch die Nacht zu uns -gegangen, wie wir daliegen und uns beweinen und uns fein brüderlich -befreunden. So zwischen den Bäumen durch den Wald komme ich da mit Trost -gegangen. - -O so freudig in meiner Trauer komme ich da durch den Wald heran. Lautere -Freude um die zerwehte Stirne. Und die Sterne immer vor mir her! Wie ein -Gleichnis komme ich daher. Tag und Nacht bin ich da der Gleiche. - - * * * * * - -So hab ich ihr das Bildlein gemalt und habe es ihr auch im Schlafe -gewidmet. Mit einem Vers. Den habe ich selbst gemacht. - - DAMIT SIE KEIN VERGNÜGEN DARAN HAT. - - Tag und Nacht gleiche - Nachtbleiche, Blindschleiche! - - * * * * * - -Ich mag auch die Mariandjei nicht mehr leiden. - -Ich will lieber in unsern Sterbewald! Da warten auf mich, daß ich komme, -die lieben Brüder. Ich habe sie so lieb gehabt. Ich habe sie so von -Herzen lieb. - - - - - XVII. - - -Ich habe mich wieder verleiten lassen. - -Ach, die Verwirrung ist so groß! Ach, wie das Dunkel wächst! Und die -Mauern auf allen Seiten! - -Man hat mir Stangen vor mein Fenster gegeben. Da soll ich meinen -Verstand daran ordnen. Aber die Ordnung schneidet so hart in die Seele. - - * * * * * - -Ich verzage. Ich glaube verzagen zu müssen. Hilft mir denn niemand? Ich -bitte darum. - -Ach fände sich doch einer, der mir hilft! Ich glaube, ich kenne die Welt -nicht mehr? Und soll sie doch aufbauen, ganz allein. Aber wenn niemand -mir helfen will, so mag ich nicht länger der liebe Gott sein. - - * * * * * - -Ein einziges Wörtlein fällt mir noch ein: - -Ich bin _nicht_ gegangen -- und bin doch schuldig. Ich habe _nicht_ -getötet und bin doch schuldig. - -Vielleicht ist es das? Vielleicht sind wir deshalb hier versammelt? Weil -wir es _nicht_ getan haben. Weil es die andern lieben Brüder, dieweil -wir unschuldig blieben, tun mußten. - -Unschuldig! Das ist wohl meine Schuld? - - * * * * * - -Ach, wie bitter brennt doch die Ordnung! Sichelt so grausam durch die -Seele! - -Aber Ordnung muß sein, sagt die Mariandjei. Sonst werde ich nie meine -Prüfung bestehen. - - - - - XVIII. - - - Nun aber zu Tanz und Musik zurück! - Vielleicht gelingt uns noch einmal ein Blick! - Einen Blick zu tun in die erwünschte Nacht, - Die uns zu Kindern Gottes macht. - -(Später aber!) - - - - - XIX. - - -Es traten einige Damen bei mir ein. Ich habe sie nach Kräften -unterhalten. Es hieß, meine Mutter wäre darunter. Ich habe sie, nach -Kräften, unterhalten. Um Verzeihung gebeten für langweiligen Brief. -Kurzweilig gesprochen. (Siehe Goethe!) - - * * * * * - -Möchte mich zurückziehen, wie Sie sehen. Habe keine Zeit. Bin müde. - -Ich habe vielleicht Ihre werte Geduld ein wenig auf die Probe gestellt. -Machen Sie sich nichts daraus, meine Damen! Ich mache mir auch nichts -daraus, wie Sie sehen. Ich befinde mich hier sehr wohl. Das Zimmer -scheint allerdings ein wenig nüchtern. Es scheint allerdings allerlei -abhanden gekommen. Bitte immerhin Platz zu nehmen! - - * * * * * - -Wo waren wir doch gleich stehen geblieben? Ich glaube, die Nacht war -angebrochen? - -Ach ja, wir wollten uns zurückziehen! Schuldlos wollte ich mich -zurückziehen. Dies Zimmer mit meinem Bett vertauschen. Ich erinnere -mich, ja, ich erinnere mich. - - Herr Tot und lebendig - Literat - Gr. Hurenstraße 12. - -Mein kleines Sofa wartet, mein seidenes Sofa. Bitte nur, Platz zu -nehmen, meine Damen! So legen Sie doch den Hut ab! Verdammt! Mein -Täubchen, legen Sie sich doch ab. - -Machen Sie sich nur keine Gedanken! Beunruhigen Sie sich nicht um andere -Leute! - -Sieh da, sieh da, noch immer der alte Bettler. Noch immer geht er -vorüber mit seinen Tieren. Und die Fenster schließen nicht mehr ganz -dicht. Man hört das Gewimmer. Schade! Man hört das Gewimmer. - - * * * * * - -Aber deswegen keine Beängstigung, bitte: Es ist ja nicht unsere Schuld. -Wir haben keine. Wir werden uns fleißig die Hände waschen. Mit Geld und -guten Worten und so weiter. Wir nehmen uns einen Stellvertreter. Das ist -mein neuester Trick. Eine alte Sache. - -Jeder schickt eben den andern. Den lieben nächsten, den nächsten besten, -den Allernächsten. Je näher, je besser! Je lieber, je besser! Damit man -auch was zu weinen hat. Den Bruder vielleicht? Oder sonst irgendeinen? -Und haben wir keinen, so machen wir einen. Die Welt darf nicht zugrunde -gehen! Ich werde Ihnen ein Kind machen, wenn Sie erlauben. Einen Sohn -werden wir uns machen, einen kleinen Bruder. Der liebe kleine Bruder mag -für uns gehen! Den lieben kleinen Bruder werden wir schicken. Der soll -für uns den Peter erschlagen. Der mag sich das Blut von den Händen -pissen! - - * * * * * - -So kommen Sie nur auf mein zartes Sofa! Da lassen wir flink den Vorhang -herunter und spielen fleißig Papa und Mama. Das Brüderlein mag die -Schuld auf sich nehmen. - -Das steht vor seinem Hauptmann und sagt: »Jawoll!« Ei, da wird es -umhergeschwenkt! Ei, da fliegen die Befehle! Da regnet es Strafen. Da -hagelt es Strafen. - -Wir aber ziehen uns leise zurück. Wir ruhen so süß an unserer Brust. -Komm doch, mein Täubchen! Laß länger mich nicht warten! Komm nur, du -liebenswerte Sau, der Kaiser braucht Soldaten! - - - - - XX. - - -Die Mariandjei ist auch nicht mehr da. Man hat mir alles fortgenommen. -Nur noch die Stäbe sind da. Die Ordnungsstangen. Mich in Ordnung zu -halten, damit ich nicht falle. Damit ich nicht in Versuchung falle. - - - - - XXI. - - -Wenn ich nur einmal noch aufgeklärt würde! Ein wenig auferleuchtet, ein -wenig erhellt! - -Ich muß noch etwas vergessen haben? Es war gewiß eine wichtige Sache. -Etwas zu sagen oder etwas zu tun. Ich fürchte, es blieb noch etwas zu -tun! - - * * * * * - -Lieber Gott! So fing es an. Aber wie mag es weiter gehen? - -Lieber Gott! Mache mich fromm! Komm Karline, komm! - -Ich habe solche Angst, ich könnte sterben. - - - - - XXII. - - -Ich wollte erzählen, wie ich schuldig war. Ich wollte erzählen, wie ich -unschuldig war. Aber das wichtigste habe ich vergessen. Ich wußte noch -etwas. Das war so wichtig! Kann es von Euch mir denn nicht einer sagen? -Ich bitte doch so herzlich darum. - - * * * * * - -Was war es doch nur? - -Was mag es doch nur gewesen sein? - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit -Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 16]: - ... gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und viel ... - ... gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und fiel ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Auch ich. Auch du., by Hans Siemsen - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUCH ICH. AUCH DU. *** - -***** This file should be named 52295-8.txt or 52295-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/2/9/52295/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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