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-The Project Gutenberg EBook of Gesammelte Schulhumoresken, by Ernst Eckstein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Gesammelte Schulhumoresken
-
-Author: Ernst Eckstein
-
-Release Date: May 16, 2016 [EBook #52083]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE SCHULHUMORESKEN ***
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Gesammelte
-
- Schulhumoresken
-
- enthaltend die früheren Sammlungen
-
- Besuch im Karzer -- Katheder und Schulbank --
- Schulmysterien -- Stimmungsbilder aus dem
- Gymnasium -- Samuel Heinzerlings Tagebuch
-
- und eine Anzahl in Buchform noch
- nicht veröffentlichter Geschichten
-
- Von
-
- Ernst Eckstein
-
- [Illustration]
-
- Neudamm
- Verlag von J. Neumann
-
-
-
-
-Inhalts-Verzeichnis.
-
-
- Seite
-
- Schülertypen 9
-
- Wie der Quartaner Holzheimer Primus wurde 17
-
- Ein Familienereignis 23
-
- ~Knebelii discipuli Threnodia~ 34
-
- Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer:
-
- Erstes Bruchstück 35
-
- Zweites Bruchstück 44
-
- Doktor Veit 54
-
- Erinnerungsbilder 60
-
- Allerlei Unarten 74
-
- Der entrüstete Oberlehrer 95
-
- Der Bierparagraph 96
-
- Vom Rauchen 103
-
- Die Lyrik auf dem Gymnasium 110
-
- Die Primanerliebe 120
-
- Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs 127
-
- Eindrücke aus dem Karzer 137
-
- Der Besuch im Karzer 163
-
- Samuel Heinzerlings Tagebuch 181
-
- Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren:
-
- I. Der schnöde Primaner-Triumph 200
-
- II. In der Bierstube 201
-
- Die Klassenprüfung 203
-
- Ferien 211
-
- Das Maturitätsexamen 218
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Die vorliegende Sammlung vereinigt zum erstenmal Ernst Ecksteins
-+sämtliche+ Schulhumoresken in einem Band. Einige davon, wie »Der
-Besuch im Karzer«, »Samuel Heinzerlings Tagebuch«, »Schulhumor« u.
-a., sind als Einzelbände erschienen und haben in vielen Tausenden
-von Exemplaren Verbreitung gefunden; andere sind aus dem Buchhandel
-gänzlich verschwunden oder wurden nur in Zeitschriften veröffentlicht;
-alle aber haben sich so zahlreiche Freunde erworben, daß in dem
-großen Kreise derselben zum mindesten die Sammlung sicher freudig
-begrüßt werden wird. Daß sie auch Widerspruch erfahren dürften, wird
-ihrer Verbreitung vermutlich ebensowenig schaden, wie dies bei den
-verschiedenen Einzelausgaben der Fall gewesen ist. Ist doch »Der Besuch
-im Karzer« -- an einem regenschweren Herbsttage in Rom entstanden und
-in den »Fliegenden Blättern« zuerst veröffentlicht -- bis auf den
-heutigen Tag eines der gelesensten deutschen Bücher geblieben, obgleich
-er von verknöcherten Pädagogen von jeher in Acht und Bann getan und als
-ein Schädling bezeichnet worden ist, geeignet, die Autorität der Lehrer
-und damit die in der Schule so nötige Disziplin zu untergraben.
-
-Aber lassen sich solche, für den Wert oder Unwert der Humoresken
-übrigens ganz gleichgültige Behauptungen im Ernste aufrecht erhaben?
-Wer, der je eine Schulbank gedrückt, hat nicht mit scharfen Augen alle
-die kleinen Schwächen seiner Lehrer im Fluge herausgefunden und an
-lustigen Schülerstreichen sich erfreut? Aber hat dies alles vermocht,
-in Tausenden von Schülerherzen Liebe und Verehrung, Anhänglichkeit und
-Dankbarkeit zurückzudämmen, die tüchtige Lehrer allezeit überreich
-gefunden haben? So haben auch Ernst Ecksteins Schulhumoresken niemals
-auch nur den geringsten Schaden gestiftet oder gar mit zu der Verrohung
-unserer Jugend beigetragen, über die man jetzt so vielfach klagen hört.
-Aber sie haben manch' müdes und trübes Auge hell aufleuchten lassen in
-der Erinnerung an die, ach! so lange entschwundene sonnige und goldene
-Schülerzeit, und manches herzliche Lachen haben sie ausgelöst bei
-vielen, die im Ernste des Lebens das Lachen beinahe verlernt hatten.
-Möge ihnen dies auch in Zukunft immer gelingen, dann werden sie ihre
-Aufgabe auch im Sinne und nach dem Wunsche ihres Autors voll erfüllt
-haben.
-
-
-
-
-Schülertypen.
-
-
-Das Gymnasium ist für den, der ein offenes Auge besitzt, so recht
-eigentlich die Schule der Menschenkenntnis. Später im bürgerlichen
-Leben hat man kaum je die Gelegenheit, so eingehende Charakterstudien
-zu machen, wie hier, wo der tägliche Verkehr und die noch mangelnde
-Routine des Komödiespielens die überraschendsten Blicke in die
-verschiedenen Individualitäten gewährt. Im Gymnasiasten, zumal im
-Primaner, ist das künftige Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft
-bereits bis auf wenige unbedeutende Retouchen vorgezeichnet. Wer
-in diesem aufgeschlagenen Buche zu lesen versteht, der wird jedem
-einzelnen schwerlich ein unrichtiges Prognostikon stellen. Selbst mit
-der geringen Erfahrung, die ich in Prima besaß, wußte ich mir doch von
-gar manchem unter meinen Kameraden ein Zukunftsbild zu entwerfen, das
-sich nachmals in seinen wesentlichen Zügen verwirklicht hat.
-
-Da die Menschheit überall die gleiche ist, so wiederholen sich auch die
-Schülertypen mit einer fast mathematischen Regelmäßigkeit. Fassen wir
-die hervorragendsten etwas näher ins Auge.
-
-Da finden wir zunächst den von seiner eigenen Tüchtigkeit mannhaft
-durchdrungenen Kernschüler, meist Sohn einer armen Witwe, der er durch
-fleißige Privatstunden einen Teil ihrer Sorgen abnimmt. Er besitzt
-einen lobenswerten Eifer und eine klare, ruhige Intelligenz, die hin
-und wieder kleine, von ihm krankhaft überschätzte Anläufe in der
-Richtung der Phantasie nimmt; daher er denn zuweilen den Versuch macht,
-die Themata des deutschen Aufsatzes novellistisch zu behandeln. Er ist
-sich eines tief sittlichen Ernstes bewußt und übt gegen diejenigen
-seiner Kameraden, über die er sich hoch erhaben dünkt, das heißt also
-gegen alle, einen gewissen väterlichen Sarkasmus. Klein von Statur,
-sucht er diesem Mangel durch eine straffe Haltung und durch eine
-biedermännliche Art des Auftretens abzuhelfen. Über die jugendlichen
-Schwärmer, die da halbe Nachmittage vertrödeln, nur um ein einziges Mal
-dem blonden Töchterchen des Professors zu begegnen, zuckt er mitleidig
-die Achseln. Sein Herz ist zwar nicht unempfindlich; vielmehr hat auch
-er bereits eine stille Neigung; aber konsequent und logisch, wie er
-ist, betrachtet er solche zwecklosen Huldigungen als Zeitvergeudung.
-Er lebt sich und der Wissenschaft, absolviert das Maturitäts-Examen
-mit Nummer eins, scheint nach Erlangung dieses Resultates um zwei
-Zoll gewachsen zu sein, gebärdet sich wie der bedeutende Mann ~kat'
-exochen~, studiert Philologie, beendet sein Triennium gleichfalls
-mit Auszeichnung, ist ein halbes Jahr später vierzehnter Oberlehrer
-in Liegnitz und heiratet seine Mathilde nach einer verhältnismäßig
-kurzen Brautschaft. Er hält seine Zöglinge streng im Zaum, sendet
-seiner Mutter alljährlich eine kleine Unterstützung und erzeugt drei
-oder vier Kinder. Hiermit aber ist seine »Tüchtigkeit«, die in Prima
-so selbstbewußt auf den Troß der Nichttüchtigen herabschaute, ein
-für allemal erschöpft; von irgend einer bedeutenden Leistung bekommt
-die erwartungsvolle Heimat nichts zu hören. Er, der sich als der
-Mann seines Jahrhunderts gerierte, ist ganz und gar aufgegangen in
-der Ernährung und Fortpflanzung. Im vierzigsten Jahre schreibt er
-vielleicht eine lateinische oder französische Grammatik, die unbekannt
-bleibt wie der Name ihres Verfassers. Trotz alledem und alledem hält er
-sich nach wie vor für das Ideal eines Menschen; er ist nur darum nicht
-Lessing und Goethe, weil seine Tätigkeit als Gymnasiallehrer ihn so
-sehr in Anspruch nimmt, daß ihm für alle anderen Dinge die Zeit fehlt.
-Auch in der Malerei -- er hat seiner Frau zu ihrem fünfundzwanzigsten
-Geburtstag ein Album überreicht, dessen Titelblatt er eigenhändig
-gezeichnet -- auch in der Malerei mangelt ihm nur die Muße. Da aber
-Raphael einem bekannten Ausspruch zufolge selbst dann ein großer Maler
-gewesen sein würde, wenn er ohne Arme auf die Welt gekommen wäre, so
-fühlt sich auch unser ehemaliger Kernschüler im tiefsten Grund seines
-Wesens dem großen Urbinaten oder doch etwa den Herren Maratta und
-Domenichino ebenbürtig.
-
-In politischen Dingen huldigt er einem ernsten, gemessenen
-Liberalismus. Was seine religiösen Überzeugungen angeht, so liegt
-ihm das Dogma ferne; doch ist er fest überzeugt, daß dereinst in den
-unbekannten Regionen des Jenseits eine Vergeltung, das heißt in seinem
-speziellen Fall eine Belohnung, eintreten wird; unter welcher Form, ist
-ihm gleichgültig.
-
-Eine höchst traurige Erscheinung im Schülerkreise ist der
-ausgesprochene Dummkopf. Wer kennt ihn nicht? Mit blöden Augen und
-einem Gesichtsausdruck, der die vollkommenste Gleichgültigkeit gegen
-alle Erscheinungen der Außenwelt bekundet, so sitzt er da, stramm,
-breitschulterig, nichts weiter als eine Raumerfüllung. Richtet der
-Lehrer eine Frage an ihn, so erhebt er sich schwerfällig und glotzt:
-niemals ist eine Antwort über seine Lippen geglitten; aber auch niemals
-hat ihn diese Unfähigkeit, zu antworten, aus dem Gleichgewichte
-gebracht. Er ist zwar nicht imstande, das Horazische ~Nil admirari~
-ins Deutsche zu übersetzen; dagegen scheint ihm der Kern dieser Worte
-vollkommen in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Der Dummkopf ist
-gleich unempfindlich gegen den Fluch der Lächerlichkeit, wie gegen eine
-dröhnende Standrede. In jeder Klasse haftet er zwei bis drei Jahre
-lang; in Sekunda sproßt ihm bereits ein erfreulicher Vollbart; in Prima
-weist seine Statur ein kräftiges Embonpoint auf. Er avanciert indes
-selten bis in die erste Klasse: meist haben sich seine Angehörigen
-schon vorher überzeugt, daß die akademische Bildung nicht das Feld
-ist, auf welchem der Dummkopf zu reüssieren vermag, daher er denn in
-der Regel als Sekundaner die Karriere des Landwirts ergreift -- eine
-Umwandlung, die mit einemmal Leben in die träge Masse bringt. Der
-Dummkopf, der im Gymnasium zu faul schien, nur ein Glied zu rühren,
-treibt sich jetzt tagelang auf den Äckern herum und verrichtet die
-schwersten Arbeiten. Nach Verlauf von zehn Jahren finden wir ihn
-nicht selten als Rittergutsbesitzer wieder; ja, wenn er aus guter
-Familie ist, läßt er sich vielleicht in den Reichstag wählen, wo seine
-Tätigkeit, je nach Umständen, in »lautem Murren« oder in »Heiterkeit«
-besteht. Mit vierzig Jahren wird er Ökonomierat; auch entgeht ihm
-selten der Rote Adlerorden.
-
-Sehr häufig verwechselt der Unverstand der Lehrer eine andere
-Spezies, nämlich den einseitig begabten Schüler, mit dem Dummkopf.
-Das zukünftige naturwissenschaftliche Genie legt nicht selten für
-das Studium der Sprachen eine absolute Talentlosigkeit an den Tag,
-die höchstwahrscheinlich mehr aus dem Mangel an Lust, als aus dem an
-wirklicher Begabung hervorgeht. So wurde dem berühmten Chemiker Justus
-Liebig von seinen Lehrern insgesamt das trübste Prognostikon gestellt.
-Die Naturwissenschaften hatten damals an den öffentlichen Schulen so
-gut wie keine Vertretung. Der junge Liebig, der sich schon früh eifrig
-mit seinem Lieblingsstudium beschäftigte, ist gewiß hundertmal vom
-Katheder herab in der bekannten Weise apostrophiert worden: »Denken
-Sie an mich, Liebig! Wenn Sie so fortfahren, so werden Sie über kurz
-oder lang Schiffbruch leiden!« Oder: »Was wollen Sie eigentlich einmal
-werden? Ich für meinen Teil bin ratlos.« Oder: »Wenn Sie nicht endlich
-zur Besinnung kommen, so werden Sie der Schandfleck Ihrer Familie
-werden!« Wie muß sich Justus von Liebig in späteren Jahren bei der
-Erinnerung an diese Prognostika amüsiert haben! Er, der Schöpfer der
-modernen Chemie, dem Tausende von Wißbegierigen aus allen Ländern der
-Erde zuströmten, er, der scharfsinnige, philosophische Kopf, der, im
-Gegensatz zu den aberwitzigen Apothekergehilfen und Barbiergesellen,
-den Gedanken, die Verstandesoperation als das Wesentliche, das
-Experiment aber gewissermaßen nur als die Probe auf das Exempel
-bezeichnete! Was ist aus den Lehrern geworden, die dem genialen
-Forscher den »unvermeidlichen Schiffbruch« weissagten? Ihr Gedächtnis
-ist mit ihren Leibern zu Grabe gegangen, während der Name Liebigs
-leuchten wird, so lange es eine Wissenschaft gibt.
-
-Hier gilt es also, sehr wohl zu unterscheiden. Nicht jeder ist ein
-Dummkopf, der einen schlechten lateinischen Aufsatz schreibt, denn
-alles Genie reicht hier nicht aus, sobald die positiven Kenntnisse
-mangeln, und diese sind nur durch Fleiß oder doch durch Aufmerksamkeit
-zu erwerben. Ein universell begabter Kopf wird allerdings, selbst wenn
-er eine ausgesprochene Vorliebe für ein spezielles Fach besitzt, auch
-die übrigen Fächer spielend bewältigen. So läßt sich denn z. B. nicht
-denken, daß ein Mann wie Schopenhauer auf irgend einem Gebiet hinter
-seinen Mitschülern zurückgestanden hätte. Aber solche Naturen sind
-äußerst selten, daher wir sie den Schülertypen nicht beizählen dürfen.
-
-Eine weitverbreitete Spezies von Schülern repräsentiert der
-humoristisch beanlagte Autoritätsfeind, wie ich ihn mit großer
-Ausführlichkeit in der Gestalt meines unvergeßlichen Freundes Wilhelm
-Rumpf zu zeichnen versucht habe.
-
-Der humoristisch beanlagte Autoritätsfeind ist das sanguinische
-Element auf der Polhöhe. Mit einer edlen Sorglosigkeit erträgt er
-die empfindlichsten Freiheitsberaubungen. Von überaus leichter
-Fassungsgabe, bedarf er durchaus keiner Vorbereitung, um in den meisten
-Fächern mit Glanz zu bestehen. Der krankhafte Ehrgeiz, wie er den
-oben gezeichneten »tüchtigen« Schüler beseelt, ist ihm fremd. Auch
-ihm wird von ernsten Pädagogen vielfach der bevorstehende Schiffbruch
-angekündigt, eine Prophezeiung, die er mit dem freundlichsten Lächeln
-von der Welt hinnimmt. Er macht in der Regel eine mehr oder minder
-glänzende Karriere, gleichviel auf welchem Gebiete.
-
-Eine sehr unangenehme Erscheinung ist der frühreife Schüler. An den
-erheiternden Störungen und sonstigen Zwischenfällen nimmt er nur
-beiläufig Teil; dagegen ist er anerkannt als Sachverständiger auf dem
-Gebiete des Tabaks und des Bieres. Er trägt in elegantem Futteral
-eine Meerschaumspitze bei sich, deren kunstgerechtes Anrauchen ihm
-wochenlang als Ideal vorschwebt. Er verkehrt fast nur mit Studenten.
-Jene platonischen Regungen, die man unter der Bezeichnung der
-Primanerliebe versteht, sind ihm fremd. Er wirft sein Auge vorzugsweise
-auf die Feminina der dienenden Klasse, da seine Wünsche durchaus
-realistischer Natur sind. Seinem späteren Entwicklungsgang sind sehr
-verschiedene Wege vorgezeichnet. Nicht selten wird er ein brauchbarer
-Mediziner. Mitunter benutzt er die geringe Konkurrenz auf dem
-Gebiete der Theologie und entpuppt sich so schließlich als ehrsamer
-Landprediger, der die Bauern auffordert, die Lüste des Fleisches zu
-töten und dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Oft auch ereilt ihn
-als Folge seiner schon so früh begonnenen Exzesse ein vorzeitiger Tod.
-
-Noch unangenehmer als diese Spezies ist der hämische Denunziant. Er
-gehört unter die Stillen im Lande und benutzt jede Gelegenheit, wo
-er einem Mitschüler einen Schabernack spielen kann. Seine Haltung
-ist gebeugt, sein Blick unstet und lauernd. Soll irgendwo in der
-Umgebung der Stadt eine Orgie gefeiert werden, so benachrichtigt er
-den Direktor in einem anonymen Briefe. Findet eine Untersuchung statt,
-so ist er stets »wahrheitsliebend«, wenn nicht etwa die Furcht vor
-den Fäusten seiner Kameraden ihn zum Schweigen veranlaßt. Die Lehrer
-geben sich zwar den Anschein, als ob sie diese Gattung von Schülern
-sehr hoch schätzten; im Grund ihres Herzens widmen sie ihnen jedoch
-eine unbegrenzte Verachtung. Auch diese Sorte macht unter Umständen
-Karriere, materielle wenigstens; zu Ruhm und Ansehen freilich bringen
-sie es höchstens für kurze Zeit.
-
-Fast jede Klasse hat ferner ihren genial sein wollenden Wirrkopf. Ich
-meinesteils entsinne mich der köstlichsten Exemplare. Der Wirrkopf
-ist frühzeitig Mitglied des städtischen Gesangvereins. Er komponiert
-selbstgedichtete Texte, er treibt Ästhetik, ja, er liest vielleicht
-Hegel oder Schopenhauer. Von alledem sieht es in seinem Gehirn
-so wüst aus, daß kein logischer Gedanke mehr aufzukeimen vermag.
-Seine deutschen Aufsätze strotzen von widernatürlichen Bildern. Ich
-erinnere mich, daß wir in Prima eine Arbeit über das böse Gewissen
-zu liefern hatten. Der Wirrkopf der Klasse schloß seinen Aufsatz mit
-der pathetischen Phrase: »Und so liegt denn das böse Gewissen wie ein
-eiserner Klotz vor der Tür, der in jedem Augenblick wie Gift durch
-die Adern strömt und selbst im Tode kein Ende nimmt.« Der Wirrkopf
-war verblendet genug, mir dieses unglaubliche Zeug am Tage vor der
-Einlieferung vorzulesen, in der Erwartung, meinen bewundernden
-Beifall zu ernten. Ich setzte ihm auseinander, daß hier eine heillose
-Vermischung der heterogensten Dinge vorliege; aber mit geringschätzigem
-Lächeln wies er meinen Einwand zurück, so daß er denn später vom
-Katheder herab vor der ~corona commilitonum~ des Blödsinns bezichtigt
-wurde. Aber selbst diese Konstatierung der Sachlage blieb fruchtlos.
-Der Wirrkopf war von seiner Leistung so eingenommen, daß er sie später
-als Broschüre drucken und an seine Freunde verteilen ließ.
-
-Jede wirkliche Leistung betrachtet der Wirrkopf als etwas
-Geringfügiges. Er hat hierin eine gewisse Verwandtschaft mit dem
-»Tüchtigen«, nur daß der gleiche Irrwahn hier aus einer anderen Quelle
-fließt. Der Wirrkopf macht in der Regel eine sehr obskure, sang- und
-klanglose Karriere; aber er trägt sich nach wie vor mit dem Bewußtsein,
-daß er das einzige wahrhafte Genie seines Jahrhunderts ist. Hat einer
-seiner früheren Schulkameraden später eine hervorragende Stellung
-errungen, so lächelt er über diese »ephemeren« Erfolge. Er schreibt
-vielleicht ein Tagebuch, in welchem ab und zu Betrachtungen über das
-rasche Vergehen der Zeit (die ganz im Gegensatz zu dem eisernen Klotz
-des Gewissens durchaus nicht vor der Tür liegen bleibt) mit Ausrufen
-über die Verblendung des Menschengeschlechts und die Verwerflichkeit
-der Pariser Moden abwechseln. Die Titelseite dieses Tagebuches trägt
-die Aufschrift: ~Erga paralipomena~, ein bescheidener Anklang an
-die kleinen Schriften des Frankfurter Philosophen. Der Wirrkopf ist
-in die Welt gekommen, um seinen Mitmenschen die wahre Einsicht über
-das Wesen der Kunst und der Philosophie zu bringen; freilich, wie
-alle großen Geister wird er erst nach seinem Tode anerkannt werden.
-Dieses Bewußtsein verleiht allem, was er tut, eine eigentümlich
-groteske Würde. Er setzt kein Seidel an den Mund, ohne sich die Frage
-aufzuwerfen, ob dieses Glas nicht im Grunde ein beneidenswertes
-Objekt sei, da es von den Lippen eines so hervorragenden Sterblichen
-ausgeschlürft werde. Wenn er sich kämmt, so lächelt er bei dem
-Anblick der ihm allenfalls ausgehenden Haare still vor sich hin ...
-Wie manche junge Dame würde sich glücklich schätzen, wenn sie drei
-oder vier dieser Haare für ihr Medaillon erwerben dürfte! Denn -- das
-hätten wir beinahe vergessen -- der Wirrkopf hält sich dem weiblichen
-Geschlecht gegenüber für unwiderstehlich. Mit edler Offenheit spricht
-er von seinem geistvollen Auge, auf das er sich ja durchaus nichts
-einbildet. In der Tat besitzt er einen schwärmerischen Aufschlag, der
-namentlich bei jungen Pfarrerstöchtern von ergreifender Wirkung ist.
-Nach langem Hin- und Herwählen verlobt er sich mit einem herzlich
-unbedeutenden Frauenzimmerchen. Da er vermöge seiner Wirrköpfigkeit
-nur langsam auf der Skala der bürgerlichen Existenz emporklimmt, so
-dauert sein Brautstand sieben, acht, neun und mehr Jahre. Er heiratet
-dann seine Braut aus Grundsatz; die eigentliche Verliebtheit ist längst
-zu Grabe gegangen. Aber der Wirrkopf tröstet sich mit der Tatsache,
-daß alles Glück in diesem Jammertale nur ein Phantom ist. In stillen
-Sommernächten überläßt er sich ganz und gar dem Weh über sein im Grunde
-verfehltes Dasein. Er singt dann das von ihm selbst verfaßte Klagelied
-»Herbstschauer« mit dem Refrain »Die Blätter, sie fallen« zu einer
-heftig verstimmten Gitarre und erzeugt dadurch ein Echo in der Brust
-sämtlicher benachbarten Hofhunde. Plötzlich stürzt seine dicke Jeanette
-auf den Altan und ruft ihm schwer keuchend die Worte zu:
-
-»Aber um Himmels willen, Eduard, du weckst ja die Kinder!«
-
-Im Innersten geknickt, stellt er die Gitarre an die Wand. Die Prosa des
-Lebens hat seine Seele aus den Regionen des Äthers wieder herabgerissen
-in die dunklen Tiefen Sansaras; voll stummer Ergebung besteigt er sein
-Lager an der Seite Jeanettens.
-
-Mit diesem Wirrkopf schließen wir. Die Zahl der Schülertypen ist
-natürlich noch lange nicht erschöpft; erschöpft aber ist vielleicht die
-Geduld des Lesers.
-
-
-
-
-Wie der Quartaner Holzheimer Primus wurde.
-
-Von ihm selbst in Briefform aufgezeichnet.
-
-
- Hochgeehrter Herr Redakteur!
-
-Ihr geschätztes Blatt erörtert mit Vorliebe charaktervolle Ereignisse
-aus dem alltäglichen Leben. In der Tat scheint mir der Ausspruch
-unseres vortrefflichen Schiller:
-
- Was sich nie und nirgends hat begeben,
- Das allein veraltet nie ...
-
-aus mehr als einem Gesichtspunkt -- veraltet; womit ich keineswegs
-gesagt haben will, daß Schiller nicht gewisse Verdienste besäße.
-Erklärt doch derselbe Schiller, -- ich habe das betreffende Gedicht
-erst vorgestern in der Deklamationsstunde rezitiert und infolge einer
-empörenden Verstimmung des Herrn Professors die Note »ungenügend«
-davon getragen, -- erklärt doch derselbe Schiller, daß der Lebende
-recht hat. Das Deklamieren ist, beiläufig gesagt, meine Force, während
-ich im Griechischen durch allerlei Verkettungen häuslicher Übelstände
-in betrüblicher Weise zurückgeblieben und kaum imstande bin, die
-ersten Beispiele aus Jakobs zu übersetzen. Nichtsdestoweniger und
-dessenungeachtet gelang es mir neulich, just im Griechischen den
-Ehrenplatz eines Primus zu erobern und bis zum Schluß der Lehrstunde
-unbeeinträchtigt zu behaupten. Sie denken jetzt natürlich an unlautere
-Manipulationen, an abgeschriebene Exerzitien, an frech gehandhabte
-Spicker. Aber Sie irren: ich ward Primus auf ganz legitimem, ich möchte
-sagen, auf höchst honorigem Wege, und kraft jenes Grundsatzes, den
-schon die Bibel betont: »Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet
-werden«. Fahren Sie nur getrost in der Lektüre dieser meiner Darlegung
-fort.
-
-Professor ~Dr.~ Schmelzle, der uns den Jakobs erklärt, hat nämlich die
-befremdliche Angewohnheit, eine mangelhafte Leistung durch Degradation
-zu bestrafen. Kaum habe ich meinen Mund geöffnet, um den ersten ~Aor.
-Ind. Act.~ von βλέπω mit »ich wurde gesehen« zu verdeutschen, so ertönt
-schon das verhängnisvolle »Setz' Dich zu unterst!« Beim Repetieren wie
-beim Extemporieren, beim Hersagen der Paradigmen wie beim Abfragen
-des Wörterverzeichnisses -- überall und jedesmal ernte ich dieses
-ungebührliche »Setz' Dich zu unterst!«, sobald ich auch nur zwei Silben
-über die Lippen gebracht habe. Es ist dies, wie Sie in Anbetracht
-meines sonstigen Bildungsgrades leicht ermessen werden, eine sogenannte
-Tücke des Schicksals, eine μοῖρα, ein ~fatum~, das auf gewöhnlichem
-Wege nicht zu ändern ist. Wenn ich, der gehorsamst Unterzeichnete,
-gleichwohl ein Mittel fand, das anscheinend so unnahbare Ziel des
-ersten Platzes unter Zweiundzwanzigen zu erreichen, so danke ich dies
-lediglich meinem diplomatischen Scharfsinn, der allerdings in unserer
-Familie schon seit mehreren Generationen heimisch ist, wie denn mein
-Onkel mütterlicherseits, der bekannte Papierfabrikant Heinerle, die
-Schreibmaterialien in das Reichskanzleramt liefert, während mein
-Großvater vor der Schlacht bei Königgrätz die Äußerung getan haben
-soll: »Wenn das Schlachtenglück sich auf die Seite der Preußen neigt,
-so glaube ich der österreichischen Armee eine ernstliche Niederlage
-prophezeien zu dürfen!« ~Habeat sibi!~ wie Professor Gordon zu sagen
-pflegt, wenn ich im Bilden eines lateinischen Partizipialsatzes nicht
-von der Stelle komme. Sie selbst sollen entscheiden, ob ich zu viel
-behaupte.
-
-Professor Schmelzle -- so viel wird Ihnen seit Beginn dieses Briefes
-klar sein -- stellt an die Leistungsfähigkeit seiner Quartaner höhere
-Anforderungen, als er, streng genommen, vor dem Richterstuhle der
-Humanität verantworten könnte. Es fehlt ihm für die Beurteilung unserer
-Kenntnisse jeglicher Maßstab. Diese Tatsache fühlt er selbst, daher er
-denn von Zeit zu Zeit gewissermaßen an unser eigenes Urteil appelliert
-und am Schluß der Lehrstunde die bedeutsamen Worte spricht: »So, hm,
-hm! Fürs nächste Mal mögt Ihr Euch die Klassenaufgabe einmal selber
-auswählen. Schlagt mir, hm, hm! ein paar Themata vor, ich werde dann
-endgültig resolvieren!« Da ruft dann der eine: »Ach, Herr Professor,
-lassen Sie uns bei dem ganzen Pensum von heute das Perfektum ins
-Präsens verwandeln.« ... »Nein, nein,« ruft der zweite, »lassen Sie
-uns die Erzählung vom Diogenes auswendig lernen!« Kurz, vier, fünf der
-hervorragendsten Schüler beantragen ihre meist sehr unverfänglichen
-Aufgaben, und der Herr Professor entscheidet dann. Leider bin ich,
-wie bereits angedeutet, infolge häuslicher Umstände selbst diesen
-leichteren Aufgaben nicht gewachsen, und wenn am folgenden Tage
-die Aufforderung des Lehrers mich trifft, so heißt es immer wieder
-unfehlbar: »Zu unterst!«
-
-Nun muß ich bemerken, daß Professor Schmelzle ein Dichter ist. Von
-Zeit zu Zeit veröffentlicht er im städtischen Anzeiger ein Kind seiner
-Muse, -- sei es nun ein Hymnus auf die Rückkehr des Herzogs, ein
-Frühlingslied oder ein Festgesang beim Antritt des neuen Jahres.
-
-Es war nun am 10. Januar, als Professor Schmelzle uns wiederum die Wahl
-der Aufgabe für den folgenden Mittwoch freigab. In der Neujahrsnummer
-des städtischen Anzeigers hatte just eine Ode unseres allverehrten
-Lehrers gestanden, ein »Rückblick« von zwanzig Strophen, der die
-Ereignisse des verflossenen Jahres in tiefsinniger, ja, ich möchte
-fast sagen, unverständlicher Weise behandelte. Poeten sind eitel,
-und Professor ~Dr.~ Schmelzle ist, was diesen Punkt betrifft, ein
-Poet ersten Ranges. Als er daher am Schluß der Lehrstunde vom 10.
-Januar zu Vorschlägen aufforderte, erhob ich mich selbstbewußt und
-sagte mit Stentorstimme: »Herr Professor, lassen Sie uns das schöne
-Gedicht ›Rückblick‹, das Sie in der Neujahrsnummer unseres städtischen
-Anzeigers zu veröffentlichen die Güte hatten, ins Griechische
-übersetzen!«
-
-Sie stutzen, geehrter Herr Redakteur! In der Tat war das eine
-Aufgabe, an der selbst die Gewandtheit eines Primaners unausbleiblich
-gescheitert wäre. Aber gerade das wollte ich. Ich wollte diesen fünf,
-sechs Auserlesenen, die stets die Note »Vortrefflich« einheimsten, auch
-einmal zeigen, was es heißt, ein Problem lösen zu sollen, das unsere
-Kraft übersteigt. Aber noch mehr. Ich selbst wollte mich durch dieses
-glorreiche Strategem an die Spitze der Quarta schwingen und meinen
-Mitschülern dartun, daß ein offener Kopf praktisch mehr bedeutet als
-ein Wust von Optativen, die sich schließlich endigen mögen, wie sie
-wollen, -- mir soll's egal sein.
-
-Der Professor war im ersten Moment über meine Kühnheit verblüfft,
-aber gleich darauf spielte um seine Lippen jenes eigentümliche
-Dichterlächeln, das mir den Sieg gewährleistete. Der Gedanke, daß
-dreiunddreißig mehr oder minder geistvolle Knaben sich stunden- und
-tagelang mit dem »Rückblick« beschäftigen, daß sie ihn analysieren
-und gewissermaßen in seine Einzelschönheiten aufdröseln sollten, --
-dieser Gedanke hatte für Professor Schmelzle etwas Verführerisches.
-Die Autoren-Eitelkeit überwog alle Bedenken, und die idealistische
-Auffassung bezüglich unseres Wissens machte ihn ja so wie so geneigt,
-uns allerlei Sisyphusarbeiten zuzumuten.
-
-»Gut,« sagte er schmunzelnd, »übersetzt mir den ›Rückblick‹
-ins Griechische. Die Sache wird Euch zwar Mühe machen, aber
-ein deutsch-griechisches Lexikon tut das übrige. Notabene,
-selbstverständlich braucht Ihr Euch nicht an das Metrum zu halten.«
-
-Mit diesen Worten verließ er das Schulzimmer, während ich von meinen
-Kommilitonen mit drohenden Vorwürfen überhäuft wurde, die ich stoisch
-lächelnd zurückwies.
-
-Der entscheidende Mittwoch kam unter den mannigfachsten Qualen der
-gepeinigten Quarta heran.
-
-»Nun,« sagte der Herr Professor, indem er sich behaglich über
-das rundliche Kinn strich, »wer will mir denn einmal zuerst den
-griechischen ›Rückblick‹ vorlesen oder aufsagen?«
-
-Nicht ein einziger meiner Mitschüler meldete sich, denn alle fühlten
-die entsetzliche Unzulänglichkeit ihrer Arbeit; ich aber fuhr stolz in
-die Höhe und sagte mit fester, gemessener Stimme:
-
-»Ich, Herr Professor.«
-
-»Du, Holzheimer?« fragte der Professor erstaunt; »nun, da bin ich denn
-doch in der Tat begierig.«
-
-Ich hob mein Heft und begann. Kaum aber hatte ich zwei Zeilen meiner
-unglückseligen Übersetzung vorgetragen, als schon ein wütendes »Zu
-unterst! Zu unterst!« mir das Wort von den Lippen nahm. Da ich bereits
-zu unterst saß, so brauchte ich mich nicht weiter vom Platz zu
-bemühen. Ich setzte mich und wartete siegesgewiß der Dinge, die da
-kommen sollten.
-
-»Lies Du einmal, Kurschmann!« rief der Professor ärgerlich.
-
-Stotternd und stammelnd begann der sonst vortreffliche Schüler die
-Lektüre seines Elaborates.
-
-»Was?« unterbrach ihn der Lehrer beim dritten Worte. »Wie übersetzt Du
-diesen Passus: ›Im herben Mischkrug schnöder Vergangenheit?‹ Bist Du
-von Sinnen? Augenblicklich zu unterst!«
-
-Das Haupt gesenkt schritt Kurschmann von der Bank der Erlesenen nach
-dem Strafplatze. Ich aber rückte einen hinauf.
-
-»Engelbach!« sagte der Herr Professor, »beschäm' einmal dieses
-barbarische Griechisch!«
-
-Engelbach las, aber er kam nicht weiter als Kurschmann. Die Aufgabe war
-eben für einen Quartaner unlöslich.
-
-»Zu unterst!« schrie der Professor, der die Unfähigkeit seiner
-Schüler wie eine persönliche Injurie empfand. Bei den Göttern!
-War denn diese Neujahrsode so verworren, so unklar, daß zwei der
-besten Jakobs-Übersetzer, daß ein Kurschmann, ein Engelbach daran
-scheiterten! ...
-
-»Kleewitz!« rief Schmelzle mit geröteter Stirn, als Engelbach neben
-Kurschmann Platz genommen und mich so abermals um einen herauf
-befördert hatte. »Du bist doch ganz gewiß imstande gewesen ... Es
-müßte ja mit dem Teufel zugehen ... Ich verlange ja keineswegs den
-vollendeten Attizismus, aber mein Gott ... Was? Du hast überhaupt
-nichts geschrieben? Die Arbeit war Dir zu schwer? Du bist ja ein ganz
-erbärmlicher Junge! Zu unterst! Augenblicklich zu unterst!«
-
-Und abermals rückte ich einen hinauf.
-
-Dieser vierfache Mißerfolg hatte den Professor hitzig gemacht.
-
-»Ich will denn doch einmal sehen, ob nicht ein einziger in der ganzen
-Klasse so viel Griechisch besitzt, um dieses schlichte, einfache, ich
-kann wirklich sagen: edel-einfache Poem wiederzugeben! Einer wird doch
-von den rastlosen Bemühungen, die ich dieser Klasse fortwährend opfere,
-etwas profitiert haben. Grazmüller, Veltliner, Stechhuber! Beim Pluto,
-seid Ihr denn alle vernagelt? Grazmüller, lies einmal vor!«
-
-Und Grazmüller las. Aber auch Grazmüller kam zu Fall, wurde im Tagebuch
-durch persönliche Eintragung des Professors mit Nachsitzen belegt, und
-dann ertönte das traditionelle »Zu unterst!«
-
-So rutschte ich Bank um Bank aufwärts, und als es drei Viertel schlug,
--- Sie mögen's nun glauben oder nicht, -- als es drei Viertel schlug,
-war ich, Otto Leberecht Holzheimer, ich, das Opfer mißglückter
-Aoristformen, Primus!
-
-Der Professor bebte am ganzen Leibe.
-
-»Das ist zu viel!« raunte er mit erstickter Stimme. »Ich muß ein
-Exempel statuieren. Die ganze Klasse kann ich nicht einsperren, aber
-schon im Altertum pflegte man rebellische Legionen zu dezimieren ...
-Die sechs Untersten werden mir über Mittag nachsitzen. Primus, Du wirst
-den Pedellen von dieser Verfügung in Kenntnis setzen.«
-
-Und ich, Otto Leberecht Holzheimer, meldete unserem Pedell, die
-sechs Ultimi, darunter zwei der vorzüglichsten Griechen, seien wegen
-ungenügender Leistung mit der empfindlichen Strafe des Herrn Professors
-~in aeternam rei memoriam~ gebrandmarkt worden!
-
-Sehen Sie, geehrter Herr Redakteur, so geht's in der Welt! Der Geist
-siegte über das Fleisch, die deutsche Intelligenz über den griechischen
-Formelkram, der Germanismus über das Welsche, Bismarck über Benedetti,
-Schalk über das Philistertum, und Falk über die Jesuiten. Als deutscher
-Quartaner biete ich Ihnen, dem Gleichgesinnten, Gruß und Handschlag!
-Lassen Sie uns gemeinsam fortstreben im Dienste der echten, der
-geistesbefreienden Humanität!
-
- Mit kollegialischem Gruß
-
- Ihr
- herzlich ergebener
- +Otto Leberecht Holzheimer+.
-
- pr. Adr.: Herrn ~Dr.~ +Friedrich Leberecht Holzheimer+,
- Herzogl. Kreisphysikus und Sanitätsrat
- zu +Meppingen+.
-
-
-
-
-Ein Familienereignis.
-
-
-Es ist eigentümlich, wie schwer sich der Gymnasiast daran gewöhnt, das
-Privatleben seiner Lehrer unbefangen und parteilos ins Auge zu fassen
-und in dem Manne, der da berufen ist, von der Höhe seines Katheders
-den Äschylus zu erklären und Karzerstrafen zu verhängen, ohne störende
-Nebengedanken den Bürger und Staatsbürger zu würdigen. Alles, was
-der Lehrer im Kreise seiner Familie oder innerhalb der menschlichen
-Gesellschaft treibt, gewinnt für den Blick des Gymnasiasten eine
-absonderliche Beleuchtung, und zwar müssen wir zu unserem Bedauern
-konstatieren, daß diese Beleuchtung nur in Ausnahmefällen die einer
-rein menschlichen Sympathie ist. Vielmehr geht das Gymnasiastengemüt
-systematisch darauf aus, jeder Handlung des Gymnasialprofessors, und
-sei sie die indifferenteste und naturgemäßeste, eine komische Seite
-abzugewinnen und übermütige Glossen daran zu knüpfen.
-
-Zu den ernstesten und heiligsten Familienereignissen gehört die
-Vermehrung des Hausstandes durch einen jungen Sprößling. Unter
-normalen Verhältnissen beeilen sich sofort die Verwandten und
-Freunde, das höchlich erfreute Elternpaar zu beglückwünschen, und
-ein Inserat im Tageblatt verkündet auch den entfernteren Gönnern und
-Gesinnungsgenossen, daß die liebe Frau Berta oder Josephine ihren
-Gatten mit einem kräftigen Jungen überrascht habe. Wenn der Gymnasiast
-wirklich ein ethisch tief angelegtes Geschöpf wäre, so müßte ein
-derartiges Vorkommnis in der Familie des Gymnasialprofessors auf die
-ganze Klasse einen erhebenden und läuternden Einfluß ausüben. Aber just
-das Gegenteil ist der Fall ...
-
-In Sekunda und Prima erfreuten wir uns eines Lehrers, der nur darum
-nicht die oben erwähnten Insertionskosten in jedem Semester dreimal
-zu tragen hatte, weil die Natur in diesem Punkte unüberwindliche
-Hindernisse aufgetürmt hat. Aber alljährlich einmal trat die
-beglückende Überraschung doch ein, und die ganze Klasse war dann
-in einer Weise demoralisiert, die mit dem Geist, wie er in einer
-Pflanzstätte des Schönen, Wahren und Guten herrschen soll, schroff
-kontrastierte.
-
-Schon einige Wochen vor dem entscheidenden Tage raunte man sich auf
-allen Bänken das Geheimnis von Doktor Brömmels erneuten Hoffnungen
-zu. Sobald diese Tatsache für ausgemacht galt, beschäftigten wir uns
-während der Unterrichtsstunden Brömmels vornehmlich mit Epigrammen
-und Xenien, denen es oblag, unsere Entdeckung nach ihrer sittlichen,
-kulturgeschichtlichen und nationalökonomischen Seite zu kritisieren.
-
-Eine hervorragende Rolle in diesen rhythmischen Kleinigkeiten spielte
-Niobe, als das Urbild eines überschwenglichen Mutterstolzes. Auch
-Danaos und andere mythische Gestalten woben sich zwanglos in unsere
-Distichen ein. Und da sich mir bei einer tieferen Würdigung der
-Sachlage die Erwägung aufdrängte, wie es Herrn Brömmel dereinst wohl
-gelingen möchte, seine zahlreichen Töchter glücklich und vorteilhaft zu
-verheiraten, so schuf ich, die Ereignisse antizipierend, eine Ballade,
-die mit den Versen anhub:
-
- Herr Brömmel ist von Töchtern
- Allmählich ganz umringt;
- Er denkt und sinnt und dichtet,
- Wie er sie unterbringt.
- Schon sind Amandens Locken
- Mit zartem Grau meliert,
- Und Ostern wird die Jüngste,
- So Gott will, konfirmiert.
-
-Im weiteren Verlauf der Dichtung schob ich nun dem unglücklichen
-Lehrer eine endlose Reihe von Machinationen unter, von denen keine zum
-erwünschten Ziele führt. Da ergreift ihn die helle Verzweiflung. Die
-Hände zum Zeus erhoben, bricht er in die klagenden Worte aus:
-
- O Herr, sieh du in Gnaden
- Auf meiner Töchter Zahl
- Und hilf mir, Allerbarmer,
- In meiner Vaterqual!
-
-Da läßt Zeus seine Donner rollen, und eine vernichtende Stimme ruft dem
-erschrockenen Bittsteller zu:
-
- Was du dir angerichtet,
- Ertrage mit Geduld:
- Hast du zu viele Töchter,
- So bist du selber schuld!
-
-Der Leser wird schon bei der Lektüre dieser wenigen Proben die
-Überzeugung gewinnen, daß unsere Lieblosigkeit einen wahrhaft
-beängstigenden Höhegrad erreicht hatte. Was war indes meine Ballade
-gegen die Xenien Wilhelm Rumpfs oder die Vierzeiler Emanuel Boxers?
-Eines dieser Quatrains lautete z. B.:
-
- Und gibt's ein Zwillingspaar,
- So sind's der Kinder zwei;
- Und gibt's noch eines mehr,
- So sind es ihrer drei.
-
-Ein anderes:
-
- Wie zärtlich strahlt dein Angesicht,
- Und wonnig glüht der Liebe Feuer!
- Doch eines, Kind, bedenkst du nicht:
- Das Geld ist rar, das Leben teuer.
-
-Ein drittes griff die Sache noch ironischer und beißender an. Es
-lautete:
-
- Flocken, Flocken streut der Winter,
- Zahllos wie der Sterne Heer,
- Zahllos wie der Sand am Meer,
- Zahllos wie Herrn Brömmels Kinder.
-
-Oder in knapperer Form:
-
- »Wie ist die Stadt verwaist!«
- Die Brömmels sind verreist.
-
-Ja, selbst ethnographische Streiflichter blitzten aus unseren
-geistsprühenden Epigrammen:
-
- »Das deutsche Volk vermehrt sich flott,
- Und Frankreich senkt beschämt die Fahne ...«
- Kein Wunder das, beim ew'gen Gott!
- Herr Doktor Brömmel ist Germane!
-
-Unter solchen und ähnlichen Perfidien verstrich Woche um Woche, und nun
-ging es ungefähr, wie ich nachstehend verzeichne.
-
-Es war etwa in der Nachmittagsstunde zwischen zwei und drei. Doktor
-Brömmel erging sich gerade in einer ausführlichen Darlegung der
-griechischen Literaturverhältnisse seit dem Tode des Euripides ...
-Plötzlich vernahm man an der Tür des Schulsaales ein schüchternes
-Pochen.
-
-»Herr Professor, es klopft!«
-
-Über die Züge Brömmels flog ein eigentümliches Leuchten.
-
-»So, es klopft?« sagte er mit unsicherer Stimme. »Sehen Sie einmal
-nach, Boxer, wer da ist.«
-
-Boxer ging, um zu öffnen. Im Rahmen der Pforte ward das ernste Haupt
-des Pedells sichtbar.
-
-»Ah, Sie sind es, Quaddler«, sagte der Professor, nur mit Mühe eine
-gewisse Erregung bewältigend. »Was wollen Sie?«
-
-»Herr Professor, Ihr Mädchen ist draußen, Sie möchten doch rasch mal
-nach Haus kommen.«
-
-Durch die versammelte Sekunda ging ein leises, fast unhörbares Murmeln.
-Boxer, der sich wieder auf seinen Platz zurückzog, streckte uns
-bedeutsam die Zunge heraus und zog die Brauen in die Höhe, als wollte
-er sagen: »~Jamjam adest!~« Professor Brömmel aber beauftragte den
-Primus, einstweilen ein Kapitel aus Xenophons Memorabilien übersetzen
-zu lassen, griff hastig nach Stock und Hut und eilte ins Freie.
-
-Sofort bemächtigten wir uns des Pedells.
-
-»Was ist denn los, Herr Quaddler?« riefen wir, eine naive Unkenntnis
-heuchelnd. »Die Frau Professorin ist doch nicht krank geworden?«
-
-Quaddler schüttelte unwillig das Haupt.
-
-»Ach, die Herren Sekundaner müssen immer ihre Possen machen«, sagte er
-ärgerlich. »Sie werden wohl sehr gut wissen, was geschehen ist.«
-
-»Aber wir haben keine Ahnung, bester Herr Quaddler!« riefen wir im Chor.
-
-»Ach, gehen Sie weg, ich kenne das. Seit zwanzig Jahren bin ich Pedell,
-und die Herren Sekundaner haben es noch jedesmal so gemacht.«
-
-»Das ist wohl bis jetzt in jedem Semester passiert?« fragte Boxer.
-
-»Herr Boxer,« sagte Quaddler sehr ernst, »ich muß mir gütigst erlauben,
-zu vermerken, daß ich unmöglich zugeben kann, wo es sich um den Respekt
-handelt, und wofern Sie immer so Narrenspossen im Kopfe haben!«
-
-»Aber ich frage ja nur, -- ereifern Sie sich doch nicht! Also es ist
-wirklich was Kleines?«
-
-Quaddler wurde jetzt ungemütlich.
-
-»Wenn Sie meinen, Sie können hier Ihren Spott mit mir treiben, so muß
-ich mir ergebenst zu vermerken erlauben, daß Sie gütigst im Irrtum
-sind. Wenn der Herr Professor zurückkommen, werde ich vermelden, was
-vorgefallen ist.«
-
-»Was? Er droht?« rief jetzt eine Stimme von den hinteren Bänken.
-
-»'naus! 'naus!« donnerte eine zweite.
-
-Quaddler richtete sich hoch auf.
-
-»'naus, sagen Sie? 'naus? Wissen Sie was, wenn Sie mir so kommen und
-'naus sagen, dann gehe ich.«
-
-Und hiermit machte er kehrt und verschwand im Korridor.
-
-Jetzt brach ein unendlicher Jubel los. Einer von uns bestieg den
-Katheder und machte seine Mitschüler in einer kurzen Ansprache auf
-das Wichtige und Erhebende des Momentes aufmerksam. Am Schluß dieser
-Rede betonte er die Notwendigkeit, dem gefeierten Lehrer durch eine
-möglichst glänzende und einstimmige Demonstration die Teilnahme der
-Sekunda an dem freudigen Ereignis recht unmittelbar auszudrücken. Nach
-längeren Debatten ward der Beschluß gefaßt, Herrn Brömmel des anderen
-Tages bei seinem Erscheinen im Lehrzimmer ein großes Bukett und eine
-~ad hoc~ zu verfertigende lateinische Ode zu überreichen. Da wir nichts
-Besseres zu tun hatten, so gingen unsere berufensten Lateiner sofort
-ans Werk, das projektierte Festgedicht in seinen Umrissen zu Papier zu
-bringen. Sechs oder sieben Entwürfe gelangten zur Verlesung. Es fand
-sich da eine reiche Auswahl der wunderbarsten und überraschendsten
-Wendungen. Eine dieser Hymnen begann mit den Worten:
-
- ~Praeceptori nostro caro,
- Viro justo ac praeclaro,
- Ridet Zeus haud ita raro --~
-
-eine Strophe, deren Schlußwendung nicht der Grazie entbehrt. Ich selbst
-hatte eine tiefempfundene Ode verfaßt, die mit dem Ausrufe begann:
-
- ~Iterum iterumque ...~
-
-Sie wurde jedoch von der Majorität meiner Kameraden als zu
-karzergefährlich abgelehnt.
-
-Des anderen Tages mit dem Glockenschlag neun trat Doktor Brömmel
-nicht ohne eine gewisse Befangenheit in das Schulzimmer. Sofort erhob
-sich der Primus von Obersekunda und streckte die Rechte wie zum
-Eidschwur nach der Decke. Auf dieses verabredete Signal brach die ganze
-Klasse in ein stürmisches Hoch aus: Hoch! und abermals Hoch! und zum
-drittenmal Hoch! Doktor Brömmel wußte nicht, ob er danken oder eine
-Untersuchung einleiten sollte. Ehe er sich jedoch über dieses Dilemma
-entschieden hatte, trat unser bester Redner aus den Bänken, schritt,
-in der Linken das riesige Bukett, in der Rechten die auf sauberes
-Velinpapier geschriebene Ode haltend, nach dem Katheder hin und begann
-seine Deklamation. Das Festgedicht war so eingerichtet, daß nach jeder
-achtzeiligen Strophe der Chor einfallen mußte, was denn auch jedesmal
-bestens besorgt wurde. Herr Doktor Brömmel schwankte während der ganzen
-Zeremonie fortwährend zwischen den verschiedenartigsten Stimmungen hin
-und her. Einmal biß er sich so entschieden auf die Lippe und legte die
-geballte Faust auf die Kathederfläche, daß wir unbedingt überzeugt
-waren, er würde die ganze Klasse wegen Komplotts beim Lehrerkollegium
-anzeigen; dann aber, unseren heiligen Ernst wahrnehmend, lächelte
-er still vor sich hin und gedachte an Berta, die ja in der Tat, die
-ja wirklich, die ja genau so, wie es in dem Festgedicht hieß, sein
-Haus mit Freude und Segen erfüllt hatte. Im stillen aber mochte er
-Gott danken, daß der ganze Umfang seines Glückes den Schülern zurzeit
-noch verborgen geblieben war. Hätten wir gewußt, daß sich das oben
-mitgeteilte Quatrain Boxers verwirklichen sollte, hätten wir geahnt,
-daß die Welt um +zwei+ junge Brömmels reicher geworden war: wir würden
-ohne Zweifel zwei Redner ins Feld gesandt, zwei Oden gedichtet und zwei
-Buketts überreicht haben, eine Huldigung, deren unverkennbare Komik
-die Reserve, mit welcher Doktor Brömmel uns jetzt anhörte, unmöglich
-gemacht hätte.
-
-Nachdem unser Spruchvermelder seine Aufgabe erledigt hatte, sagte
-Doktor Brömmel mit gemessener Freundlichkeit: »Ich danke Ihnen. Wir
-wollen uns durch diesen Zwischenfall indessen nicht weiter stören
-lassen und unsere Arbeit da wieder aufnehmen, wo wir sie unterbrochen
-haben.«
-
-Es dauerte zwei Tage, bis wir erfuhren, daß die Sonne des Brömmelschen
-Hauses in das Zeichen der Zwillinge getreten war. Jetzt aber kannte
-die Flut der Epigramme, Distichen und Quatrains keine Grenzen mehr.
-Boxer verfertigte allein an zweihundert Vierzeiler, und da wir seine
-Aperçus in hohem Grade originell fanden, so beschlossen wir, dieselben
-auf gemeinschaftliche Kosten drucken zu lassen. Gedacht, getan. Jeder
-von uns bekam zwei Exemplare der köstlichen Sammlung: die übrigen
-zerschnitten wir in kleine Streifen, und zwar so, daß jedesmal
-ein Quatrain durch diese Teilung isoliert wurde, und verstreuten
-die eigentümlichen Bonbonzettel kurz vor dem Beginne der nächsten
-Brömmelschen Lehrstunde im Schulzimmer und insbesondere auf dem
-Katheder.
-
-Brömmel erschien wie gewöhnlich mit einer gewissen Schüchternheit. Der
-Soldat mag noch so oft den Donner der Schlachten gehört haben: beim
-Beginn des Gefechts verspürt er immer ein gewisses Unbehagen, das er
-erst nach und nach im Laufe des Treffens bemeistern lernt.
-
-Auf dem Katheder angelangt, bemerkte Brömmel zu seiner größten
-Überraschung, daß man seinen Ehrenplatz heute in höchst eigentümlicher
-Weise dekoriert hatte. Er runzelte die Stirn und wollte sich eben
-erkundigen, »wer sich einen so witzlosen Streich erlaubt habe«, als
-sein Blick auf dem Namen Brömmel haften blieb, der sich in großen
-Buchstaben aus dem typographischen Karree einer sauber ziselierten
-Strophe hervorhob. Der Schulmann sah näher zu und vermochte nur mit
-Mühe einen Ausruf des Entsetzens zu unterdrücken.
-
-»Sehr gut, sehr gut!« stöhnte er nach einer Weile, heftig die Nüstern
-blähend. »Und wer ist der saubere Kamerad, der sich dieser wohlfeilen
-Späße erfrecht? Er möge sich nennen, der Feigling, damit ich ihm zeigen
-kann, was einem solchen ehrlosen Streiche gebührt!«
-
-In den Räumen der Sekunda herrschte lautlose Stille.
-
-»Nun, will sich der wohl melden, der mir diese schmutzigen Wische da
-auf den Katheder gelegt hat? Ich frage nicht zum dritten Male!«
-
-Über den Subsellien brütete eine unheimliche Grabesruhe. In der Tat
-hatten wir keine Veranlassung, der Aufforderung des Herrn Professors
-nachzukommen, da er uns so energisch versicherte, zum drittenmal würde
-er nicht fragen.
-
-»So!« rief Brömmel nach einer längeren Pause, furchtbar die Augen
-rollend; »der will sich also nicht melden? Gut! Sehr gut! So werde ich
-die ganze Klasse über Mittag hier behalten!«
-
-Jetzt erhob sich auf den hinteren Bänken ein Brummen des Unwillens,
-dem sich bald ein sehr dezidiertes Scharren mit den Stiefelabsätzen
-zugesellte.
-
-»Was? Brummen wollen Sie? Scharren wollen Sie? Kindsköpfe, die Sie
-sind! Ich werde Ihnen einmal einen Quartaner herauf holen, der soll
-Ihnen sagen, was Lebensart ist!«
-
-Gelächter auf allen Bänken.
-
-Jetzt riß Herrn Brömmel die Geduld. Er eilte mit großen Schritten
-auf Boxer zu, den er in dem begründeten Verdacht hatte, einer der
-Haupträdelsführer bei jedem Skandal zu sein, und rief mit Donnerstimme:
-
-»Sie sind mir für diesen himmelschreienden Unfug verantwortlich!
-Entweder Sie machen mir den Schuldigen ausfindig, oder ich sperre Sie
-vier Tage auf den Karzer.«
-
-»Meinen Sie mich?« lächelte Boxer mit der Unschuld eines
-vierzehnjährigen Mädchens.
-
-»Ja, Sie! Ich sehe Ihnen an, daß Sie die ganze Geschichte angestiftet
-haben! Kein Wort mehr!«
-
-»Aber, Herr Doktor, ich versichere Sie, daß ich keine Ahnung habe, um
-was es sich eigentlich handelt. Gebrummt habe ich diesmal nicht, und
-wegen Nichtbrummens zu brummen fällt mir gar nicht ein.«
-
-»Lassen Sie Ihre schlechten Witze, sonst werden Sie Ihre Lage nur noch
-verschlimmern! Wollen Sie mir kurz und bündig gestehen, was Sie von der
-Sache wissen?«
-
-»Von welcher Sache, Herr Doktor? Gebrummt habe ich nicht, denn ich
-sitze viel zu weit vorn, und gescharrt habe ich auch nicht, denn ich
-habe heut' Stiefel an, die mir so eng sind, daß ich keinen Fuß rühren
-kann. Also wovon soll ich wissen?«
-
-»Mensch, Sie verstellen sich in einer Weise, die geradezu empörend ist.
-Ich frage Sie, was wissen Sie über den Autor der schamlosen Pasquille,
-die man mir dort auf den Katheder gelegt hat?«
-
-»Erlauben Sie einmal«, sagte Boxer, nach dem Katheder eilend. -- Er las
-mit halblauter Stimme:
-
- »O lieber Gott, in jedem Jahr
- Ein frisch besohltes Zwillingspaar ...«
-
-»Behalten Sie diese Dummheiten für sich, und gehen Sie auf Ihren Platz
-zurück!« schrie Brömmel mit steigender Erbitterung.
-
-Boxer raffte die Zettel, die auf dem Katheder lagen, zusammen und
-steckte sie in die Brusttasche.
-
-»Wenn Sie mir drei Tage Zeit lassen,« sagte er harmlos, »so wird es
-mir nicht schwer halten, den Urheber zu ermitteln. Ich gehe einfach
-bei allen Druckereien der Stadt herum und erkundige mich, in welcher
-Offizin diese Zettel gedruckt worden sind. Das ist das einfachste und
-sicherste Mittel.«
-
-»Das werden Sie bleiben lassen«, versetzte Brömmel energisch. »Wollen
-Sie Ihren Impertinenzen die Krone aufsetzen und diese Sudeleien
-womöglich noch ins Tageblatt befördern? Geben Sie her!«
-
-Boxer nahm jetzt die Stellung ein, die Lessing auf seinem berühmten
-Gemälde dem Johann Huß zuerteilt hat.
-
-»Herr Professor,« sagte er, »das ist eine schreiende Ungerechtigkeit!
-Sie bedrohen mich mit einer mehrtägigen Karzerstrafe, falls ich Ihnen
-den Schuldigen nicht namhaft mache, und dabei suchen Sie mir die Mittel
-zu entziehen, die allein geeignet sind, mir die gewünschte Entdeckung
-zu ermöglichen. Herr Professor, Sie werden entschuldigen, wenn ich mich
-damit nicht beruhigen kann. Ganz ergebenst bitte ich um die Erlaubnis,
-sofort zum Herrn Direktor gehen zu dürfen. Ich werde ihm die ganze
-Angelegenheit vortragen und diese Zettel zur Verfügung stellen. Der
-Herr Direktor mag dann selbst entscheiden, ob ich dafür verantwortlich
-bin, wenn andere etwas von Zwillingen schreiben. Außerdem habe ich
-niemals gehört, daß Zwillinge ein Schimpfwort wäre.«
-
-Brömmel sah jetzt sehr wohl ein, daß er sich in eine Sackgasse verrannt
-hatte. Er wäre lieber gestorben, ehe er zugegeben hätte, daß der
-Direktor diese schnöden Machwerke der mißratenen Sekundaner zu Gesicht
-bekäme. Was konnte es frommen, wenn die offizielle Folge einer solchen
-Wendung der Dinge wirklich für Boxer und Genossen verhängnisvoll
-ward? Privatim hätte der Direktor sich doch köstlich amüsiert und
-nicht verfehlt, im Klub und auf den öffentlichen Bierkellern, die
-er mit Vorliebe frequentierte, das Ereignis zum besten zu geben,
-ganz abgesehen davon, daß Brömmel sich dem Direktor gegenüber selbst
-unter vier Augen nicht kompromittieren wollte. Der Zwist wurde also
-beigelegt, Boxers Unschuld in ihrem vollen Umfange anerkannt und von
-einer weiteren Untersuchung Abstand genommen, weil, wie Doktor Brömmel
-sich ausdrückte, die ganze Sache eigentlich zu erbärmlich war, um ein
-Wort darüber zu verlieren.
-
-»Ich bitte mir übrigens aus,« fügte er hinzu, als er wieder auf dem
-Katheder Platz nahm, »daß Sie die Wische da unverzüglich vernichten.
-Sekunda stellt sich durch solche Lächerlichkeiten ein ~testimonium
-paupertatis~ aus, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Haben
-Sie nichts Besseres zu tun, als Ihre Zeit mit solchen unlauteren
-Reimereien zu vertrödeln? Schämen Sie sich in Ihre Seelen hinein! Wenn
-Sie so fortfahren, so werden Sie über kurz oder lang moralisch zugrunde
-gehen, -- denken Sie an mich! Ohne echten sittlichen Ernst ist eine
-gedeihliche Entwickelung des Menschen nicht denkbar, und wenn Sie
-noch so glänzende Fortschritte in den Wissenschaften machen, was ich
-nicht gerade behaupten kann, so würden Sie doch niemals zu wahrhaften
-Männern heranreifen, falls der frivole Geist, wie er seit einiger Zeit
-in dieser Klasse herrscht, einen dauernden Einfluß behaupten sollte.
-Wahrlich, es ist weit gekommen, wenn nicht einmal mehr das Privatleben
-des Lehrers vor den Ungezogenheiten einer charakterlosen Schuljugend
-sicher ist. Aber das kommt von dem oberflächlichen und leichtfertigen
-Lebenswandel, dem sich die meisten jungen Leute von heutzutage leider
-schon sehr, sehr früh zu ergeben pflegen! Es ist ein wahres Unheil,
-wenn sich in der Stadt, wo die Gymnasien ihr Zelt aufgeschlagen haben,
-gleichzeitig eine Universität befindet. Verlassen Sie sich darauf,
-ich werde Ihnen auf die Finger sehen! Erfahre ich jemals wieder,
-daß einer von Ihnen an Zechgelagen teilgenommen hat, so lasse ich
-keine Milderungsgründe gelten: ich trage unbedingt auf Relegation
-an. Es sind Leute unter Ihnen, die gar nicht wissen, was sie sich
-und der bürgerlichen Gesellschaft als Mitglieder eines öffentlichen
-Erziehungsinstitutes schuldig sind. Das muß anders werden. Boxer, an
-Sie wende ich mich speziell. Sie sind mir wiederholt als derjenige
-bezeichnet worden, der bei allen nichtsnutzigen Streichen das große
-Wort führt. Ich rate Ihnen in aller Freundschaft, bessern Sie sich,
-sonst nimmt es kein gutes Ende mit Ihnen. Wahrlich, Ihr vortrefflicher
-Herr Vater hat es nicht um Sie verdient, daß Sie in dieser Weise seinem
-Namen Unehre machen.«
-
-Boxer erhob sich mit der Miene eines tödlich Beleidigten.
-
-»Herr Professor,« stammelte er mit gut gekünstelter Aufregung, »das hat
-mir noch niemand gesagt. Und was meinen Vater betrifft, so hat er erst
-gestern in meiner Gegenwart geäußert, ich sei der Stolz der Familie.
-Ich kann das durch Zeugen erhärten, und in der Tat wüßte ich auch
-nicht, inwiefern ich ihm die mindeste Unehre machte. Ich habe bis jetzt
-noch immer die besten Aufsätze geschrieben, und meine Zensuren lauten,
-bis aufs Betragen, stets günstig.«
-
-»Setzen Sie sich! Ich weiß besser, was Ihr Herr Vater über Sie denkt,
-und sollte er wirklich im Zweifel sein, wie es um seinen Sohn bestellt
-ist, so werde ich ihm bei nächster Gelegenheit einmal gründlich die
-Augen öffnen.«
-
-Boxer setzte sich, und der Unterricht nahm seinen Anfang.
-
-Als aber Doktor Brömmel den Lehrsaal verlassen hatte, sanken sich
-die Sekundaner gegenseitig in die Arme und jauchzten vor Wonne und
-Seligkeit.
-
-»Ach,« klang es von Mund zu Mund, »der Himmel gebe, daß die Brömmelina
-bald wieder Zwillinge bekommt!«
-
-
-
-
-~Knebelii discipuli Threnodia.~
-
-
- ~Si omnes mundi homines,
- Quae amant, iis non carerent,
- Praeclara vitae esset spes,
- Nam qui timores nos terrerent?~
-
- ~Perpetuo vellem bibere,
- Sed saccus mi repletus raro!
- O Deus, pater optume,
- Quor fato utor tam amaro?~
-
- ~Quor gulam mi tam aridam,
- Tam vini cupidam dedisti,
- Si, quibus flammas opprimam,
- Pecunias dare omisisti?~
-
- ~Ad ultimum me rediges:
- Haud justum mi parasti sortem!
- Mehercle! Quae mi cunque des, --
- Aut dabis aes, aut dabis mortem!~
-
-
-
-
-Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer.
-
-
-Erstes Bruchstück.
-
- ... Am 24. Februar 18**
-
-Womit soll ich zunächst anfangen? -- Es klingt eigentümlich, aber
-es ist nichtsdestoweniger wahr: jeder Anfang hat für mich etwas
-Peinliches. Bei meinen deutschen Aufsätzen hocke ich oft stundenlang
-und kaue an der Feder, ohne zu wissen, wie ich dem Dinge beikommen
-soll. Gewöhnlich helfe ich mir dann dadurch, daß ich mich nach einem
-geeigneten Zitat umsehe und dasselbe als Motto oben rechts in die Ecke
-schreibe. Hieran läßt sich dann gewöhnlich in ungezwungener Weise
-anknüpfen, indem man etwa fortfährt wie nachstehend:
-
-»Der große Dichter, dem wir diese Worte entlehnen, hat ohne Zweifel
-dabei die hochwichtige Frage im Auge gehabt, deren Behandlung mir heute
-von Amts wegen obliegt.«
-
-Es ist mir bis jetzt noch stets gelungen, den erforderlichen Nachweis
-zu liefern, zumal wenn das Zitat von Schiller war, dessen Aussprüche
-das Angenehme haben, daß sie für alle Verhältnisse des Lebens gleich
-brauchbar sind. Ich will also dieser meiner angestammten Gewohnheit
-auch heute nicht untreu werden und mein Tagebuch mit den herrlichen
-Worten aus Schillers Glocke einleiten:
-
- Von der Stirne heiß
- Rinnen muß der Schweiß.
-
-Dies ist nämlich die Ansicht meines Mitschülers Leopold Hutzler,
-der in der Nähe des Fensters sitzt und durchaus nicht leiden kann,
-wenn man auch nur ein kleines Quadratchen öffnet, um frische Luft
-hereinzulassen. Wie zu Eingang notiert, ist es noch Februar, und die
-Witterung läßt manches zu wünschen übrig. Wir besitzen nun einen
-Lehrer, der zum Schlagfluß neigt und vor Kongestionen fast umkommt,
-wenn alles geschlossen ist. Kaum tritt er ins Zimmer, so ruft er mit
-seiner dröhnenden Baßstimme: »Schwarz, machen Sie mal 's Fenster auf!«,
-und Schwarz tut, wie geheißen. Bis zum 20. Februar ging die Sache auch
-ihren stillen, friedlichen Gang. An diesem Tage aber gelangten die
-~exercitia pro loco~ zur Verteilung, und Hutzler, der ein Feind aller
-Zugluft ist, kam in die Nähe des Fensters zu sitzen ...
-
-Doktor Perner ließ wie gewöhnlich oben die Klappe öffnen und wollte
-eben seinen Vortrag beginnen, als der stramme Hutzler sich von seinem
-Platze erhob und mit aufgestelltem Rockkragen und frostschauernder
-Stimme in die geflügelten Worte ausbrach:
-
-»Herr Doktor, es zieht so!«
-
-Doktor Perner wird nun jedesmal nervös, wenn jemand behauptet,
-es ziehe. Er sagt, das sei Einbildung, und wenn die Bewegung der
-atmosphärischen Luft die Gesundheit schädige, so könne kein Mensch
-mehr über die Straße gehen, ohne eine Rippenfellentzündung oder die
-Diphtheritis zu bekommen.
-
-»So, es zieht Ihnen?« erwiderte er in wegwerfendem Tone. »Wie alt sind
-Sie eigentlich?«
-
-»Im nächsten Januar werde ich siebzehn!« entgegnete Hutzler mit Würde.
-
-»Und demungeachtet zieht es Ihnen? -- Nun, dann ist es die höchste
-Zeit, daß Sie endlich einmal dieses Vorurteil ablegen. Setzen Sie sich,
-das Fenster bleibt auf!«
-
-Hutzler zog den Rockkragen noch höher, setzte sich nicht und sagte mit
-männlicher Festigkeit:
-
-»Herr Doktor, der Arzt hat es mir dringend verboten, mich der Zugluft
-auch nur auf wenige Minuten auszusetzen. Ich bitte um die Erlaubnis,
-meinen Platz wechseln zu dürfen!«
-
-»Meinetwegen«, sagte der Doktor Perner mit einem geringschätzigen
-Achselzucken. -- »Hanau, wechseln Sie einmal mit dem Hutzler den
-Platz!«
-
-»Herr Doktor,« sagte Hanau, »ich bin erst gestern wiedergekommen und
-neige sehr zum Katarrh. Es wäre vielleicht doch besser, wenn wir das
-Fenster zumachten.«
-
-»Seien Sie still! Gildemeister, setzen Sie sich dort an das Fenster!«
-
-Gildemeister hustete dumpf, und es klang wie ein Bierfaß.
-
-»Wenn Sie erlauben,« sagte er mit heiserer Stimme, »so möchte auch ich
-hier auf meinem Platze bleiben. Ich habe jetzt schon acht Senfpflaster
-verbraucht, um meinen Luftröhrenkatarrh los zu werden, und bin immer
-noch nicht damit zustande gekommen.«
-
-»Gut,« sagte Doktor Perner jetzt stirnrunzelnd, »so bleiben Sie, wo Sie
-sind. Wenn es dem Hutzler zieht, so mag er seinen Paletot umhängen.«
-
-»Wenn ich meinen Paletot umhänge, so wird mir's zu warm, und dann
-erkälte ich mich erst recht.«
-
-»Meinetwegen erkälten Sie sich sechsmal.«
-
-»Nun, Sie werden ja sehen, was Sie anrichten, Herr Doktor«, sagte
-Hutzler gekränkt. -- »Ich merke jetzt schon einen eigentümlichen Kitzel
-im Halse, und so fängt es bei mir jedesmal an.«
-
-Mit diesen Worten begann er zu hüsteln.
-
-Ich muß nun an dieser Stelle bemerken, daß Hutzler einer unserer
-gesundesten Schüler ist. Wie oft hat der Direktor Samuel Heinzerling
-ihm die vernichtenden Worte zugerufen: »Schwächläch! Sä, schwächläch?
-Non, hären Sä änmal, Hutzler, äch wollte, jäder Mänsch onter der Sonne
-wäre so schwächläch wä Sä! Faul sänd Sä, aber nächt schwächläch!« Es
-handelt sich bei der ganzen Opposition Hutzlers lediglich um das, was
-man eine parlamentarische Unterbrechung nennt. Er will in die Monotonie
-der Lehrstunden eine gewisse Frische und Abwechslung bringen. Aus
-diesem Gesichtspunkte wird uns auch die Weigerung der beiden erwähnten
-Mitschüler begreiflich.
-
-Der Lehrer begann nun den Unterricht, und Hutzler, das Haupt trotzig
-in die Hand gestützt, bereitete sich zur Fortsetzung seiner planvoll
-erwogenen Störung vor.
-
-Als es ein Viertel schlug, hustete er dreimal tief auf und stöhnte
-dann, als ob sich ihm die Luftröhre krampfhaft zusammenschnüre. Fünf
-Minuten später hatte sein Husten einen so dröhnenden Charakter
-angenommen, daß es Herrn Doktor Perner unmöglich war, den Unterricht
-fortzusetzen.
-
-Er hielt einen Augenblick inne.
-
-»Sind Sie nun bald fertig?« rief er, die Augen rollend, während er das
-Buch heftig wider die Platte des Katheders stieß.
-
-Hutzler hustete noch lauter, und so natürlich, daß ich noch heute nicht
-begreife, wie er diese gewaltigen Erschütterungen seines Kehlkopfes
-zuwege bringen konnte, ohne ernstlich Schaden zu nehmen.
-
-»Hutzler!« schrie Doktor Perner außer sich.
-
-Jetzt trat in dem trefflich erkünstelten Anfalle eine Pause ein.
-Hutzler erhob sich.
-
-»Herr Doktor, darf ich nun vielleicht das Fenster da zumachen?«
-
-»Das Fenster bleibt auf! Sie sollten sich schämen, auf so pöbelhafte
-Weise etwas erzwingen zu wollen, was ich Ihnen grundsätzlich verweigern
-muß.«
-
-Kaum hatten diese Worte Hutzlers Trommelfell erreicht, als er sofort
-wieder zu husten begann, und zwar so krachend und klirrend, daß ich
-jeden Augenblick meinte, die Brust müsse ihm zerspringen.
-
-»Ich lasse Sie sofort nach dem Karzer führen!« rief Doktor Perner,
-außer sich vor Zorn. »Wenn Sie so empfindlich sind gegen jede
-erbärmliche Kleinigkeit, so wickeln Sie sich in Watte! Ich meinesteils
-dulde nicht, daß man in meinen Lehrstunden solche Komödien aufführt.«
-
-»Komödien?« hustete Hutzler. »Wenn ich erkältet bin, werde ich
-doch wohl noch husten dürfen? ... Hätten Sie beizeiten das Fenster
-geschlossen ...«
-
-»Sie sind einer der frechsten Gesellen, die mir noch jemals
-vorgekommen. Gehen Sie nach Hause und ziehen Sie sich wärmer an! Ich
-bin es müde, mich fortwährend mit Ihnen herumzuzanken!«
-
-»Recht gern«, hustete Hutzler. »Hätte ich gewußt, daß es hier so ziehen
-würde, so wäre ich von Anfang an in einem wärmeren Kostüm erschienen.«
-
-Hutzler wohnt nur drei Schritte vom Gymnasium entfernt. Er ging, und
-Doktor Perner setzte seinen Vortrag fort. Es dauerte ungefähr zehn
-Minuten. Dann erschien der treffliche Leopold wieder in der Tür, und
-mit einem Male herrschte in Sekunda ein Leben, dessen reizende,
-überschwängliche Ausgelassenheit sich nicht in Worte kleiden läßt.
-Zuerst erscholl ein dreisalviges Gelächter; dann ein dumpfes Geheul,
-wie es die Rothäute bei ihren Angriffen auf die Weißen auszustoßen
-pflegen; dann ein Klatschen, Pfeifen, Scharren, Trappeln und Rütteln,
-daß mir selbst, der ich doch an das Schlimmste gewöhnt bin, fast Hören
-und Sehen verging. Hanau und ich hoben in der allgemeinen Verwirrung
-unseren Tisch ungefähr drei Zoll hoch über den Boden und ließen ihn
-dann mit aller Wucht aufdonnern, so daß der Staub wie Opferrauch nach
-der Decke stieg.
-
-Es war dies nur eine verdiente Huldigung an die Adresse unseres
-liebenswürdigen Kameraden Hutzler.
-
-Ahnst Du, o Genius meines Tagebuches, +wie+ Hutzler im Schulzimmer
-erschien? Hinten auf den Rücken und vorn vor den Bauch hatte er sich
-vermittelst roter Schnüre zwei Federkissen gebunden. An den Füßen trug
-er die großen Reisepelzstiefel seines Vaters; zwei Müffe, die seinen
-beiden Schwestern angehörten, dienten ihm als Pulswärmer, und um den
-Hals trug er in unzähligen Windungen einen halbzölligen Hanfstrick, wie
-ihn die Packer beim Aufwinden der Warenballen benutzen.
-
-Doktor Perner stand wie versteinert, während Hutzler sich ganz gelassen
-anschickte, seinen Platz einzunehmen.
-
-»Halt!« schrie der Professor. »Keinen Schritt weiter! Denken Sie etwa,
-Sie befinden sich hier in einer Bierkneipe?«
-
-»Gewiß nicht, Herr Doktor!« entgegnete Hutzler ehrerbietig. »So viel
-ich weiß, befinde ich mich in Sekunda.«
-
-»Schweigen Sie! Ihr Zynismus übersteigt alle Begriffe. Sofort
-entledigen Sie sich dieses Unrats und verfügen sich nach dem Karzer!«
-
-»Welchen Unrates, Herr Professor?«
-
-Doktor Perner war außer sich, er trat auf den Schüler zu und faßte ihn
-an dem Strick, der um seinen Hals lag.
-
-»Hier, dieses nichtswürdigen Tandes!« schrie er, daß uns allen die
-Ohren gellten.
-
-»Ach so,« sagte Hutzler, »es ist ja wahr, da wollte ich Sie noch ganz
-ergebenst um Entschuldigung bitten. Meine beiden wollenen Halstücher
-sind in der Wäsche, und Mutter wollte mir das ihrige nicht hergeben.
-Da meinte der Vater, so ein Strick sei auch nicht zu verachten, und es
-käme ja nicht darauf an, wie es aussehe, wenn es nur warm hielte. Aber
-wenn Sie meinen, es wäre unziemlich, so bin ich gern bereit, ihn wieder
-abzulegen.«
-
-Mit diesen Worten begann er, das halbzöllige Seil von seinem Halse
-loszuwickeln.
-
-In immer größeren Kreisen fegte der hanfgeflochtene Radius um Hutzlers
-Kopf, und jetzt fehlte nicht viel, und die Spitze hätte den Professor
-ernstlich in seiner Integrität verletzt. Ich gebrauche hier Integrität
-als Euphemismus, da es mir nicht wohl ansteht, diejenigen Teile des
-Doktor Perner namhaft zu machen, die von dem wuchtigen Strick Hutzlers
-zunächst bedroht wurden.
-
-»Mensch!« rief Doktor Perner wutschnaubend, indem er das Ende des
-Strickes ergriff und daran zerrte. »Das sollen Sie mir büßen!«
-
-Hutzler bemühte sich, die Augen zu verdrehen und zwischen den Lippen
-die Zunge sichtbar werden zu lassen.
-
-»Herr Doktor!« stöhnte er mit verlöschender Stimme, nach rechts und
-links mit den Armen in die Luft greifend. »Ich ersticke! Ich ersticke!«
-
-Doktor Perner ließ los. Hutzler reckte seinen Hals und begann, ihn
-vollends auszuwickeln.
-
-»Nun, was zögern Sie noch?« rief der Lehrer, indem er mit der rechten
-Hand nach der Tür deutete. »Losgeschnallt! sage ich, und dann hinauf!
-Vor nächstem Montag kommen Sie mir nicht wieder herunter!«
-
-»Also weil ich mich Ihrer ausdrücklichen Anordnung entsprechend etwas
-wärmer gekleidet habe, belegen Sie mich mit Karzerstrafe?« sagte
-Hutzler, gleich darauf in einen erneuten Hustenanfall ausbrechend.
-»Erlauben Sie, Herr Doktor, ist der Karzer geheizt?«
-
-»Der Pedell wird das Nötige besorgen«, entgegnete Doktor Perner.
-»Schwarz, bestellen Sie einmal, daß Nummer fünf geheizt wird. Und jetzt
-bringen Sie sich unverzüglich in eine anständige Verfassung. Diese
-schamlosen Wülste hier dulde ich nicht!«
-
-»Aber, Herr Doktor, es sind ja zwei Kopfkissen! Meine Mutter hält
-so viel auf ihr Weißzeug, die würde sich schön wundern, wenn sie
-erführe ...«
-
-»Kein Wort mehr, oder ich vergesse mich!«
-
-Hutzler schwieg und begann, seine Kissen loszuschnallen. Mit einemmal
-stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Die Naht war geplatzt, und
-eine Flut von Federn ergoß sich in das Schulzimmer.
-
-Wir andern eilten sofort hinzu, um die kostbaren Daunen aufzulesen, und
-bald wirbelte es rings wie Schneeflocken.
-
-Doktor Perner machte vergebliche Anstrengungen, die Ordnung
-wiederherzustellen. Gelles Geheul derjenigen, die in dem Tumult
-umgestoßen wurden und auf den Boden zu liegen kamen, mischte sich unter
-die Wehklagen Hutzlers, der sich nicht genug tun konnte in elegischen
-Ausrufen und Seufzern.
-
-»Ach, was wird meine Mutter sagen! Das kommt davon, daß ich das so
-aufschnallen mußte. Hätte ich die Kissen ruhig anbehalten, dann wären
-sie nicht entzwei gegangen. Ach, und jetzt zieht es wieder, und die
-Federn kommen mir in den Hals. Herr Doktor, erlauben Sie mir, nach
-Hause zu gehen. Ich fühle mich sehr, sehr unwohl!«
-
-»Gehen Sie!« rief Doktor Perner in ohnmächtigem Zorn.
-
-Hutzler ließ sich die Sache nicht zweimal sagen. Hastig raffte er
-seine Kissen zusammen, ergriff den Strick an einem Ende und schritt
-majestätisch zur Tür hinaus, sein improvisiertes Halstuch wie eine
-Schlange hinter sich herziehend. Wir übrigen vergnügten uns den Rest
-der Stunde hindurch damit, daß wir die Flaumfedern, die rings durch
-das Zimmer wirbelten, geschickt in die Höhe bliesen, wodurch ein
-ununterbrochenes Schneegestöber entstand, das mir viel Spaß machte.
-Doktor Perner ließ in das Tagebuch einschreiben, es habe dem Hutzler
-in kindischer Weise gezogen; auch sei derselbe mit einem Strick
-um den Hals im Lehrzimmer erschienen und habe sich die frechsten
-Störungen erlaubt. Der Eintrag schloß mit dem Vermerk einer zweitägigen
-Karzerstrafe. Hutzler war indes klug genug, die nächsten acht Tage
-wegen Unwohlseins zu fehlen. Erst am folgenden Sonnabend kam er wieder,
-und am Dienstag darauf fragte ihn Doktor Perner, ob er die Strafe
-abgesessen habe.
-
-»Ich?« sagte Hutzler erstaunt.
-
-»Ja, Sie! Antworten Sie mir!«
-
-»Aber, Herr Doktor, Sie haben mir die zwei Tage ja geschenkt!«
-entgegnete Hutzler, tief beleidigt.
-
-»So? Davon weiß ich kein Wort!«
-
-»Doch, Herr Doktor!« wagte ich jetzt schüchtern zu bemerken.
-
-»Ja, Herr Doktor!« riefen zwei, drei Stimmen aus dem Hintergrunde. »Am
-vorigen Sonnabend haben Sie gesagt: Nun, für diesmal will ich es Ihnen
-noch erlassen, aber in Zukunft geht es Ihnen schlecht, das gebe ich
-Ihnen schriftlich!«
-
-Doktor Perner begann bei dieser bestimmten Formulierung unserer Lüge
-stutzig zu werden. Vielleicht auch schien es ihm das geratenste, mit
-Hutzler Frieden zu schließen. Daher sagte er geringschätzig:
-
-»Nun, es mag gut sein. Wenn ich es denn einmal gesagt habe, so will
-ich nicht weiter darauf bestehen. Aber das sage ich Ihnen: kommt mir
-wieder einmal etwas Ähnliches vor, so ist es alle mit uns. Überhaupt
-konstatiere ich seit einiger Zeit das Überhandnehmen eines Geistes,
-der den Zwecken dieser Anstalt schnurstracks zuwiderläuft. Es herrscht
-hier statt des wissenschaftlichen Ernstes eine läppische Puerilität,
-die mich anwidert. Ich bin auch einmal jung gewesen und habe mich
-meines Lebens gefreut, aber ich würde noch jetzt schamrot werden, wenn
-ich mir jemals eine so kindische Haltung hätte vorwerfen müssen, wie
-sie Ihnen zur zweiten Natur geworden ist. Bessern Sie sich, ich rate
-es Ihnen im guten. Ostern steht vor der Tür, und die Versetzungen
-sind noch lange nicht entschieden. Es könnte manchem passieren, daß
-er sich grimmig verrechnete. Zum Aufrücken in eine höhere Klasse ist
-nicht nur eine gewisse Summe von Kenntnissen erforderlich, sondern vor
-allen Dingen ein würdiges Betragen. Die Primaner werden sich bedanken,
-ihren Lehrsaal mit einer Gesellschaft von Kindsköpfen teilen zu sollen,
-wie sie hier auf den Bänken von Obersekunda sitzen. Was lachen Sie,
-Hutzler? Weinen sollten Sie und in sich gehen, ehe die verderblichen
-Wege, auf denen Sie sich befinden, vollends zum Abgrund geführt haben.
-Ein Mensch von Ihren Gaben! Es ist himmelschreiend!«
-
-Hutzler erhob sich.
-
-»Herr Doktor, ich habe nur ein freundliches Gesicht gemacht«, versetzte
-er mit unerschütterlicher Ruhe.
-
-»Machen Sie Ihre freundlichen Gesichter, wenn Sie zu Hause sind! Hier
-ist Haltung und Ernst erforderlich, und Sie hätten am allerwenigsten
-Ursache, ihrem Übermut freien Lauf zu lassen.«
-
-Hiermit schloß das Hutzlersche Intermezzo.
-
-
-
-
-Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer.
-
-
-Zweites Bruchstück.
-
- Am 5. Mai 18**
-
-... Von mir selber zu reden, verbietet mir eigentlich die mir
-innewohnende Bescheidenheit. Indes neulich habe ich unserem
-Religionslehrer einen so köstlichen Streich gespielt, daß ich nicht
-umhin kann, diese wohlgelungene »Störung« hier aufzuzeichnen. Und eine
-»Störung« war es in des Wortes tiefgehendster Bedeutung, insofern sie
-nämlich nicht allein den regelmäßigen Verlauf des Lektionsplanes,
-sondern mehr noch das gesamte seelische Gleichgewicht unseres
-trefflichen Lehrers »störte«. Aber ich konnte ihm nicht helfen. Einmal
-hat er's durchaus nicht um mich verdient, daß ich den Regungen des
-Mitleids Audienz gebe, da er mir in der Religionsstunde schon dreimal
-»wegen hartnäckigen Widersprechens« Ordnungsstrafen erteilte. Und dann
-hätte ich Nerven besitzen müssen von der Dicke und der Dauerhaftigkeit
-jenes Strickes, den Hutzler im Februar dieses Jahres um seinen Hals
-wickelte, wenn ich die qualvolle Monotonie, die sich in der religiösen
-Gesinnung des Herrn Pastors geltend machte, länger hätte ertragen
-sollen.
-
-Der Herr Pastor ...! Wir nennen ihn so, weil er in früheren Zeiten
-eine Predigerstelle an einem benachbarten Dorfe versah. Er ist indes
-schon seit geraumer Zeit an unserem Gymnasium in bester Form angestellt
-und gibt in allen Klassen Glaubenslehre und Kirchengeschichte. Ich
-unterlasse es, hier auf seine persönliche Beschreibung einzugehen, da
-es mir doch nicht möglich wäre, seinen wohlwollenden Gesichtszügen und
-dem sanften Behagen, das um seine schmalen, blutlosen Lippen spielt,
-stilistisch gerecht zu werden.
-
-Der Herr Pastor ist nämlich ein sehr frommer Mann, was ich ihm durchaus
-nicht verüble, denn wenn jemand Pastor ist, so versteht es sich von
-selbst, daß er gewisse Gesinnungen hegt. Wohl aber verüble ich dem
-Herrn Pastor im höchsten Grade, daß er seiner Frömmigkeit seit so und
-so viel Jahren in sämtlichen Klassen stets denselben Ausdruck verleiht
-und so zum Beispiel an jedem Morgen, den Gott werden läßt, aus dem
-Klassengebetbuch dasselbe Gebet abliest. Wir alle kennen es längst
-auswendig: aber der Herr Pastor scheint nun einmal die Überzeugung zu
-hegen, dieses Gebet sei besonders wirksam und gottwohlgefällig. Es
-beginnt mit den Worten:
-
-»So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines Thrones,
-o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen um die Gnade
-Deines Beistandes ...«
-
-Es ist mehr als zwei Seiten lang und enthält unter anderm die sehr
-richtige Bemerkung:
-
-»Schritt für Schritt wandeln wir dem Ende zu und sind ihm jeden Morgen
-näher gebracht.«
-
-Es hat mir nun fast den Anschein, als ob der Herr Pastor geglaubt
-habe, durch die fortwährende Betonung dieser unleugbaren Tatsache das
-immer näher rückende Ende weiter hinausrücken zu können. Denn nur so
-vermag ich mir zu erklären, wie er immer und immer wieder dieselben
-Phrasen zum besten gab, ohne zu bedenken, daß jedes unverkünstelte
-Menschengehirn bei solchem Geklapper aus dem Leim gehen muß. Er scheint
-eine ganz eigen organisierte Natur zu besitzen. Wir bekamen das
-trostlose Gebet doch nur jeden Dienstag und Freitag zu hören: er aber
-trug es seit Menschengedenken auch Montags, Mittwochs, Donnerstags und
-Sonnabends vor (in Prima und Tertia nämlich), ohne daß es ihm bis jetzt
-irgend geschadet hätte.
-
-Nun, es heißt schon in Goethes Faust: »Die Kirche hat einen guten
-Magen«. Da ich aber in keiner Beziehung zur Kirche gehöre und mich
-überhaupt von der sogenannten kirchlichen Richtung prinzipiell fern
-halte -- mein Vater ist Freimaurer --, so erscheint es begreiflich,
-daß ich infolge dieser ununterbrochenen Gebetsidentität nahezu krank
-wurde und eine wahre Wut gegen den wiederkäuenden Lehrer faßte.
-
-Da kam mir ein köstlicher Gedanke, den ich um so bereitwilliger
-durchführte, als ich mir sagen mußte, das Faktum werde, ganz abgesehen
-von der Befriedigung meiner Gebetwünsche, auch einen reizvollen
-Zwischenfall absetzen, wie ein lebensfroher Gymnasiast ihn stets
-brauchen kann. So zögerte ich denn nicht länger und »vollendete
-das Werk dieser Woche«. (Ein schönes Zitat! Es ist dem Schlußgebet
-entnommen, das wir jeden Sonnabend um zwölf mit anhören müssen.)
-
-Das Klassengebetbuch liegt in der Regel auf dem Katheder, damit es dem
-Lehrer gleich zur Hand sei, sobald er das Bedürfnis fühlt, sich mit
-Gott zu unterhalten. Wie Möros in der Schillerschen Ballade, schlich
-ich mich eines Morgens in aller Frühe -- ich war eigens eine halbe
-Stunde vor Beginn der Lehrstunde erschienen, um der erste zu sein --
-zum Katheder, öffnete das Buch mit dem schwarzen, unheimlichen Einband,
-der so oft in den Händen meines Peinigers geruht hatte, und suchte mit
-fiebernder Hast nach dem verhängnisvollen Kapitel.
-
-»Aha!« sagte ich mit diabolischer Wollust, als ich den Gegenstand
-meines Hasses entdeckt hatte, -- »da steht es:
-
-›So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines Thrones,
-o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen um die Gnade
-Deines Beistandes ...‹
-
-Du sollst keinen mehr kränken!« Und mit keckem Griffe riß ich die
-beiden Blätter, auf denen das Leibgebet des Herrn Pastors verzeichnet
-stand, aus dem Buche, zerpflückte sie in hundert mikroskopische
-Stückchen und trug sie kaltblütig, als ob nichts geschehen wäre, nach
-dem Hofe, wo ich sie dem Spiel der Frühlingswinde überantwortete.
-
-In dem beseligenden Gefühle, ein gutes Werk vollbracht zu haben, setzte
-ich mich auf meinen Platz und wartete der Dinge, die da kommen sollten.
-
-Es schlug sieben. Die Tür öffnete sich, und herein wandelte wuchtigen
-Schrittes unser gottwohlgefälliger Religionslehrer. Er setzte sich auf
-den Kathederstuhl, schneuzte sich zweimal und legte dann sein Gesicht
-in jene frommen Gebetsfalten, die ich so oft mit Schrecken an ihm
-bemerkt hatte. Das war immer die Introduktion; eine halbe Minute später
-ging's los: »So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines
-Thrones, o Allmächtiger ...«
-
-Der Herr Pastor erhob sich und ergriff mit einem verschleierten Blick
-gen oben das Gebetbuch. Auch die Schüler standen ehrerbietig von ihren
-Plätzen auf und falteten schweigend die Hände.
-
-Lautlose Stille.
-
-Der Herr Pastor schlug das Gebetbuch auf und spitzte die Lippen.
-Merkwürdigerweise war das so oft vorgetragene Gebet heute nicht auf den
-ersten Griff zu finden.
-
-Der Herr Pastor blätterte. Und blätterte wiederum. Und blätterte
-abermals.
-
-Es war ganz unbegreiflich!
-
-Er beschaute das Buch von außen, als wolle er sich überzeugen, ob es
-noch das alte, stille, traute Gebetbuch von ehedem sei, mit dessen
-Hilfe er so manches Mal vereint vor die Stufen des Thrones getreten war.
-
-In der Tat, der Einband hatte sich nicht im geringsten verändert.
-
-Nun suchte der Herr Pastor, immer befremdlicher dreinschauend, im
-Register.
-
-Richtig, da stand es, Seite 50!
-
-Der Herr Pastor suchte demgemäß Seite 50, aber siehe da! der schöne
-Spruch: Suchet, so werdet Ihr finden, wurde diesmal zuschanden! ...
-Jetzt erst ging dem unglücklichen Lehrer ein Licht auf. Er stieß einen
-unartikulierten Ton der Entrüstung aus und sagte dann mit einer Stimme,
-die an die Posaune des Jüngsten Gerichts gemahnte:
-
-»Da hat mir ein miserabler Junge die Blätter herausgerissen, auf denen
-unser Morgengebet stand! Ich will nicht untersuchen, wer sich diesen
-sakrilegischen Akt erlaubt hat: ich überlasse den Betreffenden dem
-Gefühl seiner eigenen Schande. Aber traurig ist es doch, daß so etwas
-in einer Klasse von gesitteten jungen Leuten vorkommen kann! Pfui!«
-
-Ich mußte mir auf die Lippen beißen, um nicht in helles Gelächter
-auszuplatzen. Der Herr Pastor bemerkte es.
-
-»Was lachen Sie?« sagte er mit einem vernichtenden Blick auf mein
-unschuldiges Gesicht. »Gehen Sie hinaus: Sie sind in dieser Stimmung
-nicht würdig, der Schulandacht beizuwohnen.«
-
-»Aber Herr Pastor« ... sagte ich demütig.
-
-»Sie verlassen das Zimmer!« wiederholte er schneidig. »Wenn Sie bei
-einem solchen Anlaß überhaupt lachen können, so läßt das tief blicken.«
-
-Ich verließ also das Zimmer, stand aber nahe genug an der Tür, um
-zu hören, daß der Herr Pastor noch eine längere Rede hielt. Hierauf
-öffnete er wieder das Gebetbuch und las ein anderes Kapitel vor, das
-halb so lang war, als die »Stufen des Thrones«, und schon um seiner
-Neuheit willen die gebührende Aufmerksamkeit fand.
-
-»Amen!« sagte der Herr Pfarrer wuchtig und salbungsvoll, und gleich
-darauf fügte er hinzu: »Sie können den Heppenheimer jetzt wieder
-hereinholen.«
-
-War das nicht ein köstlicher Streich? Aber nicht genug! Das Gerücht von
-dem herausgerissenen Gebet verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch
-alle Klassen, und ehe der folgende Morgen graute, waren die »Stufen des
-Thrones« aus sämtlichen Gebetbüchern entfernt! So ging dem Herrn Pastor
-denn ein für allemal die Möglichkeit verloren, seiner langjährigen
-Leidenschaft fürder zu frönen!
-
-Er verhängte jetzt eine umfassende Untersuchung, die jedoch ohne
-Resultat blieb. Wenn ich der Eventualität einer Karzerstrafe so
-gleichmütig gegenüberstünde, wie Schwarz oder Rumpf, die beide einen
-unbeschreiblichen Stoizismus besitzen, so würde ich dem Herrn Pastor
-ohne weiteres entgegentreten und ihm zurufen: »Ja, Verehrtester, ~c'est
-moi qui l'ai fait~! Und wissen Sie, warum ich's getan habe? Weil es ein
-Sprüchlein gibt, das da lautet: So Ihr betet, sollt Ihr nicht plappern
-wie die Heiden, die da meinen, sie würden erhöret, wenn sie viele
-Worte machen! Weil ferner sich der Betende in sein stilles Kämmerlein
-einschließen soll! Und weil schließlich geschrieben steht, daß der
-Buchstabe tot macht, um wieviel mehr ein ellenlanges Geleier, das aus
-mehreren tausend Buchstaben besteht!«
-
-Da ich heute gerade bei der Persönlichkeit des Herrn Pastors bin, so
-will ich noch die Geschichte von den Bescherungen meines Freundes
-Boxer notieren. Die Sache ist zwar sehr einfach, aber sie hat mich
-königlich amüsiert.
-
-Vor einiger Zeit nämlich, es mögen jetzt vielleicht acht oder zehn
-Wochen her sein, hatten wir es eingeführt, dem Herrn Pastor jedesmal
-morgens bei dem Beginn der Lehrstunde eine Bescherung auf den
-Katheder zu setzen. Mein Freund Boxer war in dieser Beziehung der
-Haupt-Entrepreneur und ging dabei ebenso malerisch als humoristisch
-zu Werke. Der Herr Pastor entdeckte beim Eintritt in das Lehrzimmer
-folgende Gegenstände in zierlicher Gruppierung auf der Platte seines
-Lehrpultes: in der Mitte eine große, halb zerbrochene Blumenscherbe,
-mit zwei alten Schreibärmeln behangen, wie eine Totenurne; oben
-darauf eine Schneelawine (es war damals noch Winter und hatte tüchtig
-geschneit), recht fest geknetet und von der Form eines menschlichen
-Kopfes. Die Augen hatten wir aus gekautem, blauem Papier gefertigt;
-desgleichen die Nase; den Mund stellte ein hereingedrücktes
-Bleistiftchen dar. Unser Mitschüler Schwarz hatte seine brandrote Mütze
-hergeben müssen, auf daß sie diesem Schneekopfe zur Bedeckung diene.
-Rechts und links prangten zwei stattliche Haufen frischgeschlagener
-Chausseesteine und ein Paar alte Stiefel, die Boxer sich von dem
-Hausknecht im »Goldenen Pfau« hatte schenken lassen. Die Lücken
-unseres künstlichen Aufbaues waren mit Äpfeln und Eierschalen, rohen
-Kartoffeln, Besenreisern und ähnlichen Gegenständen dergestalt
-ausgefüllt, daß man eine Barrikade ~en miniature~ vor sich zu sehen
-glaubte, wie denn Boxer überhaupt viel Talent zum Kommunismus verrät.
-Der Herr Pastor näherte sich dieser Bescherung jedesmal mit einem
-Blick, als könne das Ding explodieren, bestieg den Katheder und legte
-dann seinen Arm links auf die Platte des Pultes. Mit einem einzigen,
-gewaltigen Ruck fegte er die Barrikade herunter, daß wir jedesmal Angst
-hatten, der Wandschrank, der rechts vom Katheder steht, möge durch den
-Anprall so mannigfacher Objekte zertrümmert werden.
-
-Die Klasse aber brach in ein diabolisches Jauchzen aus, und die
-Vordersten liefen herzu, um die Brocken der Schneelawine aus dem
-Fenster zu werfen, und besonders um die alten Stiefel in Sicherheit zu
-bringen, die bei jeder Bescherung aufs neue verwendet wurden.
-
-Der Herr Pastor beobachtete bei solchen Vorgängen stets das Prinzip des
-unbedingten Ignorierens. Kein Wort kam über seine Lippen: er strafte
-uns mit stiller Verachtung.
-
-Zuweilen fiel ihm das recht schwer, denn einmal hatten wir ihm einen
-alten, zerrissenen Familienschirm an die Lehrtafel genagelt, dessen
-Fischbeindrähte dergestalt über den Kathedersessel hinausragten,
-daß es nur bei einer eigentümlichen Haltung des Kopfes möglich war,
-ihnen auszuweichen. Der Herr Pastor ertrug diese Tortur mit einer
-bewundernswerten Geduld etwa fünf Minuten hindurch; dann sagte er
-dem Katheder Valet und tat, als ob er nur zur Abwechslung einmal
-einen anderen Standpunkt einnehme, während er bisher niemals seinen
-gewöhnlichen Platz hinter dem Pult verlassen hatte.
-
-Endlich aber zerriß auch diesem Gerechten der Faden der Geduld. Boxer
-hatte ihm nämlich, des ewigen Hinabwerfens müde, einen großen Eimer
-voll Wasser auf die Platte gestellt, dessen Fall eine wahre Sündflut
-herbeigeführt haben würde.
-
-Der Herr Pastor kam, beschaute sich das Ding mit rollenden Blicken,
-blähte die Nüstern, stieg wieder vom Katheder herunter, schritt zornig
-im Zimmer auf und ab, bestieg den Katheder von neuem und sagte endlich
-mit Donnerstimme:
-
-»Boxer, schaffen Sie das augenblicklich hinweg!«
-
-Ich bewunderte hier den Instinkt des scheinbar so stillen Mannes, der
-sofort wußte, wo er den Feind seiner Ruhe zu suchen hatte.
-
-Boxer erhob sich.
-
-»Ich?« sagte er indigniert. »Weshalb denn gerade ich?«
-
-»Tun Sie, was ich Ihnen sage! Augenblicklich schaffen Sie mir das Ding
-da fort!«
-
-»Wenn ich den Eimer dahin gesetzt hätte,« entgegnete Boxer, »mit
-Vergnügen! Aber so sehe ich in der Tat nicht ein ...«
-
-»Augenblicklich!« wiederholte der Herr Pastor, indem er den Arm
-ausstreckte und die Spitze seines Zeigefingers auf den Boden richtete.
-
-»Gut!« sagte Boxer, »ich bin Schüler und muß gehorchen. Aber ich will
-mich doch einmal bei dem Herrn Direktor erkundigen, ob ich Ihnen die
-Eimer ausleeren muß.«
-
-Mit diesen Worten trat er aus den Bänken heraus und schritt langsam
-und würdevoll dem Katheder zu. Stirnrunzelnd ergriff er das in diesen
-Räumen sehr ungewöhnliche Gefäß und wußte es so einzurichten, daß er
-beim Herabtreten vom Katheder stolperte und langwegs ins Zimmer fiel.
-
-Ein Hallo sondergleichen durchbrauste die Räume Sekundas. Ich
-versichere bei allen Göttern, es hat ganz über alle Maßen schön
-geklatscht, und das Wasser floß bis in den fernsten Winkel des Saales.
-Die Verwirrung wurde noch dadurch gesteigert, daß einige von uns
-riefen, sie könnten es in einem so feuchten Zimmer nicht aushalten,
-sie hätten sich neulich erst erkältet, als der Pedell so unsinnig
-aufgewaschen, und sie bäten um ihre Entlassung. Vier oder fünf wurden
-in der Tat beurlaubt; dann aber wandte sich der Herr Pastor zu Boxer
-und sagte:
-
-»Boxer, ich mache Sie von jetzt an für alles verantwortlich, was in
-diesen Räumen geschieht. Ist morgen wieder etwas auf die Kathederplatte
-gestellt, so werden Sie die Folgen zu tragen haben!«
-
-Boxer trocknete sich inzwischen die Beinkleider und erwiderte in
-vorwurfsvollem Tone:
-
-»Also wenn der Schwarz ein Paar alte Stiefel auf den Katheder legt,
-dann bin ich dafür verantwortlich?«
-
-»Was?« rief Schwarz, »ich hätte ein Paar alte Stiefel auf den Katheder
-gelegt? Herr Pastor, das muß ich mir doch sehr von dem Boxer verbitten.«
-
-»Ich sage ja nur: wenn«, erwiderte Boxer.
-
-»Still,« gebot der Herr Pastor; »was ich gesagt habe, dabei bleibt es!
-Und nun rufen Sie den Pedell, daß er hier aufwischt!«
-
-Die Situation Boxers war offenbar eine kritische. Gerade für den
-folgenden Tag hatten wir uns so etwas Hübsches ausgedacht! Wir wollten
-dem Herrn Pastor nämlich +zwei+ Eimer auf den Katheder stellen, und
-Schwarz hatte zu diesem Behufe bereits seiner Tante, bei der er zur
-Miete wohnte, einen gestohlen. Und nun sollte unser guter Freund Boxer
-für alle diese Streiche verantwortlich gemacht und vielleicht mit einer
-mehrtägigen Karzerstrafe belegt werden! Es war nicht zu verlangen, daß
-wir unser reizendes Amüsement aufgaben; aber ebensowenig durften wir
-Boxer zumuten, um unseres Gaudiums willen die Räume des Karzers zu
-beziehen.
-
-Wir überlegten hin und her, ohne zu einem Resultat zu gelangen.
-
-Plötzlich sagte Boxer: »Laßt mich nur machen!«
-
-Am folgenden Tage arrangierten wir die Bescherung, wie verabredet.
-Boxer war der emsigste, und in der Tat, es war keine kleine Arbeit,
-denn wir mußten die Eimer glasweise füllen, weil der Pedell sonst Lunte
-gemerkt hätte. Einer von uns stand Wache, um das Herannahen des Herrn
-Pastors rechtzeitig anzukündigen.
-
-»Er kommt!« rief es jählings aus dem Munde unseres Warners.
-
-Sofort ergriff Boxer seine Mütze, nahm einen möglichst starken Stoß
-Bücher unter den Arm und verließ das Lehrzimmer, um sich auf dem
-Korridor hinter einen der größten Schränke zu stellen.
-
-Zwei Minuten später erschien der Lehrer, und unmittelbar hinter ihm
-her tappte keuchend und atemlos unser trefflicher Freund Boxer, die
-Bescherung auf dem Katheder genau ebenso verblüfft anstarrend, wie der
-Herr Pastor.
-
--- »Boxer! Wo ist der Boxer?« zürnte der entrüstete Schulmann.
-
-»Hier!« rief es hinter ihm. »Entschuldigen Sie, daß ich mich heute
-verspätet habe.«
-
-Der Herr Pastor biß sich ärgerlich auf die Lippe. Der Tatsache
-gegenüber, daß Boxer fast mit ihm zugleich ins Zimmer getreten war,
-konnte er seine Drohung von gestern nicht wohl verwirklichen.
-
-»Heute brauche ich die Eimer wohl nicht auszuleeren?« fragte Boxer
-triumphierend.
-
-»Schwarz,« sagte der Lehrer, »rufen Sie einmal den Pedell.«
-
-Der Pedell erschien.
-
-»Quaddler,« begann der Herr Pastor in ernstem Tone, »nehmen Sie
-einmal diese Gefäße da hinweg. Ich mache Sie von jetzt ab dafür
-verantwortlich, daß solche Ungehörigkeiten sich nicht wiederholen.
-Stellen Sie sich an den Brunnen, damit kein Wasser geschöpft
-werden kann, oder lassen Sie Ihre Frau Wache halten. Wozu sind Sie
-verheiratet?«
-
-»Entschuldigen Sie gütigst,« stammelte Quaddler in höchster Verwirrung,
-»aber meine Frau war gerade damit beschäftigt, sich anzukleiden, und da
-mußte ich Kaffee brennen.«
-
-»Brennen Sie Ihren Kaffee von sieben bis acht! Kommen Sie vorher Ihren
-Pedellpflichten nach! Was ist das für eine Art! Die Eimer da können
-doch nur von Ihnen herrühren! Warum geben Sie nicht besser auf Ihre
-Küchengerätschaften acht?«
-
-Quaddler näherte sich dem Katheder.
-
-»Ich bitte um Verzeihung«, sagte er. »Das sind allerdings sozusagen
-zwei Eimer, aber zwischen Eimer und Eimer ist ergebenst ein
-Unterschied. Meine Eimer sind ganz anders. Und wenn die Herren
-Sekundaner hinter meinem Rücken solche Sachen da mitbringen ...«
-
-»Seien Sie still und machen Sie, daß Sie so schnell wie möglich
-hinauskommen. Die Eimer können Sie behalten, denn wenn dieselben auch
-nicht Ihrer Küche entstammen, so bezweifle ich doch, daß die wahren
-Besitzer sich melden werden.«
-
-Und Quaddler nahm die Eimer und verschwand in den Gängen des
-Schulgebäudes. Der Herr Pastor irrte sich indes, wenn er glaubte, über
-fremdes Eigentum so ohne weiteres verfügen zu dürfen. Die Tante meines
-Freundes Schwarz machte bei der Polizei die Anzeige, es sei ihr am
-Nachmittage des Dreizehnten ein Eimer gestohlen worden. Die Behörden
-stellten umfassende Recherchen an; Quaddler mußte zu wiederholten Malen
-auf das Gericht, und selbst der Herr Pastor ward eidlich vernommen.
-Schwarz brauchte nicht zu schwören, denn er ist erst fünfzehn Jahre
-alt, und so lief die Sache höchst günstig ab. ~Fortes fortuna juvat.~
-
-
-
-
-Doktor Veit.
-
-Eine Porträt-Skizze.
-
-
-Zu den reinsten Genüssen meiner Schuljahre zähle ich den Unterricht
-des originellen Mathematiklehrers Doktor Veit, der uns von Quarta bis
-Obersekunda den Pfad zur Vollendung führte. Man verbindet gewöhnlich
-mit dem Begriffe des Mathematikers die Vorstellung eines regelrecht
-konstruierten Behälters öder, lebloser Formeln: nur im äußersten Winkel
-dieses Behälters lauert die Individualität eines menschlich fühlenden
-Wesens. Unser lieber, trefflicher Veit war die verkörperte Widerlegung
-dieser einseitigen Theorie. Kein Zug seiner charaktervollen Erscheinung
-erinnerte an die Schablone. Seine innere und äußere Physiognomie
-entfernte sich himmelweit von jenen typischen Schreckbildern, die alles
-auf Gleichungen zurückführen, die selbst in der Liebe von positiven und
-negativen Größen phantasieren und die Erkorene mit dem Parallelogramm
-der Kräfte an die hochklopfende Brust ziehen. Doktor Veit war vielmehr
-ein erquickliches Original, in derber Holzschnittmanier ausgearbeitet,
-aber nirgends geometrisch korrekt. In seinen Lehrstunden herrschte
-durchaus nicht der Ton der reinen Mathematik. Sein Vortrag war reich an
-subjektiven Streiflichtern, an reizvollen Impromptus, an ergötzlichen
-Zwischenfällen ...
-
-Erst in Sekunda lernten wir diesen Mann nach dem ganzen Umfange seiner
-Vorzüge schätzen.
-
-Wenn es elf schlug, und der Xenophon-Interpret, »froh der bestandenen
-Gefahr,« von hinnen geeilt war, dann erschien in der Tür eine
-mittelgroße Gestalt mit rötlich angestrahltem Gesicht, den Hut ein
-wenig im Nacken, um die Lippen ein freundliches Lächeln. Rasch warf er
-die Kopfbedeckung auf den Tisch neben dem Eingang und schritt beweglich
-nach dem Katheder, ohne nach pädagogischer Würde zu haschen, ohne in
-professorenhafter Manier den Rock zuzuknöpfen, ohne an der Brille
-zu rücken. Mit prüfendem Blick musterte er die lebhaft plaudernde
-Versammlung und nahm dann halb wie im Traum den Schwamm, der neben der
-Kreide lag, um ihn mit Wasser zu sättigen. Allerlei groteske Figuren
-beschreibend, wischte er die große Schultafel ab; dann kehrte er sein
-freundliches Antlitz von neuem dem schwatzhaften Publikum zu, trommelte
-mit den Fingern auf die Holzfläche des Katheders und nickte still vor
-sich hin ...
-
-Das währte so drei, vier Minuten. Plötzlich schien er sich zu besinnen,
-weshalb er hierher gekommen. Mit der Faust auf die Fläche des
-Lehrpultes schlagend wie ein Tambour, der die Kolonne zum Sturme führt,
-rief er mit Donnerstimme:
-
-»~Allez! vite! vite! vite!~ wacker! wacker! wacker! Boxer, komme Se mal
-raus an die Tawel!«
-
-Diese Wendung kehrte in ähnlicher Form als Einleitung zu jeder
-Lehrstunde wieder. Doktor Veit vermochte sich nämlich gewisser
-dialektischer Eigentümlichkeiten nie zu entschlagen, namentlich in
-erregter Stimmung; wenn er im Eifer des Dienstes erglühte, wenn der
-Zorn ihm die Nerven schüttelte, stets verfiel er dem Banne der Mundart,
-und seine Mundart war nicht die gefeilteste. In grammatikalischer wie
-in lexikographischer Hinsicht borgte er bei dem Volke. So ergoß sich
-ein Hauch echter Urwüchsigkeit und reinen, gediegenen Menschentums über
-die exklusive Klassizität unseres Gymnasialkatheders.
-
-Boxer stand auf und trat an die »Tawel«, die rechts vom Katheder auf
-den Holzzapfen der Staffelei ruhte ...
-
-»Ich bitt' mer jetzt aus, daß Ihr Ruh' halt't!« rief Doktor Veit
-kategorisch den hinteren Bänken zu. »Na, Boxer! ~Allez! vite! vite!~
-Hier ist die Kreide! Schreibe Se emal folgende Gleichung!«
-
-Boxer schrieb und begann hierauf zu Nutz und Frommen der Klasse die
-Auflösung.
-
-»Halt' mer emal die Gäul' an!« unterbrach ihn Doktor Veit mit der
-naiv-herzlichen Frische des Volkes. »Möricke, habe Sie das verstande?«
-
-»Jawohl, Herr Professor.«
-
-»So rekapituliere Sie's!«
-
-Möricke versuchte, die mathematischen Wege seines Freundes Boxer
-nachzuwandeln; bald aber geriet er ins Stolpern.
-
-»Ui! ui, ui! ...« rief Doktor Veit abwehrend. »Sie lerne auch Ihr
-Lebdag nix, Möricke! -- Boxer, erkläre Sie's noch emal!«
-
-Boxer begann von neuem und führte die Aufgabe siegreich zum Schlusse.
-
-»'s war gut. Gehn Se auf Ihren Platz. Wenn der Hutzler halb so viel
-wüßt' wie der Boxer, so wüßt' er zehnmal so viel wie der Möricke.«
-
-»Oh!« erwiderte Möricke, »ich hatte mich bloß versehen. Die Tafel
-blinkt so, und da hatte ich das ~x~ für ein ~a~ gehalten!«
-
-»So? Ist's wahr, Hutzler, blinkt die Tawel?«
-
-»Jawohl, Herr Professor. Ich seh' hier so gut wie gar nichts.«
-
-»Knebel, rücke Se mal die Tawel so, daß der Hutzler und der Möricke was
-sieht!«
-
-Knebel, Heppenheimer und zwei oder drei ihrer Mitschüler sprangen auf,
-um die Tafel zurecht zu rücken.
-
-»Sie steht zu steil«, rief Hutzler pathetisch.
-
-Heppenheimer beeilte sich, die Hinterbeine des Gerüstes nach hinten zu
-schieben.
-
-»So blinkt's noch mehr!« rief der tückische Hutzler.
-
-»~Allez! vite! vite!~« mahnte unser guter Professor. »Zeit ist Geld,
-sagt der Engländer!«
-
-Heppenheimer rückte und rückte. Mit einemmal kam der Aufbau ins
-Rutschen. Das Zugreifen der Sekundaner bezweckte nur scheinbar die
-Rettung. Im nächsten Augenblicke stürzte alles über den Haufen.
-
-Lautes Gelächter. Das Antlitz des Lehrers nahm jählings ein
-violettrotes Kolorit an. Heppenheimer, der den ganzen Frevel veranlaßt,
-rieb sich heuchlerisch ächzend die Kniescheibe.
-
-»Für so Posse bedank' ich mich!« zürnte Herr Veit, heftig den Schwamm
-zerknetend. »Ihr müßt net meine, daß Ihr hier en Hanswurscht vor Euch
-habt!«
-
-»Die Dielen hier sind so glitschig«, versetzte Knebel.
-
-»Selbst glitschig! Lausbube seid Ihr, die bei jeder Gelegeheit ihre
-Späß treibe. Jetzt rasch emal die Geschichte da wieder aufgestellt! Und
-das sag' ich Euch, passiert so etwas wieder, so komm' ich Euch über die
-Köpp'!«
-
-Bei dieser unparlamentarischen Phrase erhob sich auf den hinteren
-Bänken ein Gebrumme der Mißbilligung.
-
-Doktor Veit verließ den Katheder.
-
-»Wer hat hier gebrummt? -- Was? Er will sich geheim halte? Ich kenn'
-mein' Pappenheimer, sagt Schiller. Das ist gewiß wieder der miserable
-Kleemüller gewese!«
-
-Kleemüller fuhr empor, als habe ihn eine Natter gestochen.
-
-»Ich bin's nicht gewesen!«
-
-»Sie sind's gewese, und jetzt halte Sie 's Maul!«
-
-»Ich verteidige nur meine Rechte«, erwiderte Kleemüller.
-
-»So? Na, dann komme Se mal raus an die Tawel!«
-
-»Weshalb?«
-
-»Dummes Geschwätz! Sie solle die nächst' Aufgab' löse. Na, steht die
-Tawel nun fest? ~Allez! vite! vite! vite!~«
-
-Kleemüller trat heraus und begann zu rechnen.
-
-»Sie mache das viel zu umständlich. Das Verfahre läßt sich wesentlich
-abkürze. Wisse Sie davon nix?«
-
-»Nein.«
-
-»Sehe Se wohl, daß ich Recht hab'? Sie habe gebrummt; sonst wüßte Se,
-was hier zu tun ist. Jetzt mache Se, daß Se so schnell wie möglich auf
-Ihren Platz komme, sonst verzehrt Sie 's Gewirrer!«
-
-Gewirrer! So sprach Doktor Veit in der Tat, wenn er eine gewisse Stufe
-der Indignation überschritten hatte. Im normalen Zustande sprach er:
-Gewitter.
-
-Das Antlitz des ehrlichen Mathematikers gewann jetzt wieder den
-alltäglichen Ausdruck. Die Überzeugung, daß er Kleemüllers Sündenschuld
-unwiderleglich erhärtet habe, gab ihm die seelische Ruhe zurück. Er
-fuhr mit dem Schwamm triumphierend über die Tafel und rief dann in
-freudigster Klangfarbe:
-
-»Aufgepaßt!«
-
-Nun begann er in seltsam geschraubtem Hochdeutsch eine
-wissenschaftliche Erörterung, die er durch praktische Exempel treffend
-erläuterte. Ab und zu unterbrach er seine Darlegung mit dialektischen
-Ausrufen:
-
-»Wann jetzt das Geraschpel an dem Tintefaß net bald aufhört, dann fahr'
-ich hinein!«
-
-Oder:
-
-»Möricke, Sie hocke wieder da wie e betrunke Kaninche und schlafe mit
-offene Auge!«
-
-Oder:
-
-»Knebel, sage Se doch dem Pedell, er soll sein Küch' zumache. Mer
-riecht wieder im ganze Haus, was gekocht wird.«
-
-Gegen Ende der Stunde ward Doktor Veit in der Regel ein wenig heiser.
-Er litt nämlich an einer leichten Entzündlichkeit der Mandeln, war
-jedoch im übrigen der kräftigste und gesündeste Mensch unter der Sonne.
-Wenn sich dieses Gefühl bei ihm regte, so holte er tief Atem, legte
-die Hand vor den Kehlkopf und schüttelte bedenklich das Haupt. Dann
-murmelte er halblaut:
-
-»Ja, ja, die Flöt' hat bald ausgepfiffe!«
-
-Oder:
-
-»Lang werde mir's net mehr mitmache: übers Jahr um die Zeit sind die
-Quetsche gegesse.«
-
-Endlich erscholl die Pedellglocke.
-
-War es Sonnabend, so hatte der Lehrer die Verpflichtung, mit der Klasse
-ein Schlußgebet anzustimmen. Für Doktor Veit, den ausgesprochenen
-Materialisten, eine schreckliche Aufgabe! Seufzend holte er das
-schwarze, unheilverkündende Buch hervor und suchte sich unter den
-zweihundertundfünfzig Gebeten das kürzeste aus.
-
-»Da, Knebel, lese Sie's vor! ~Allez! vite! vite!~«
-
-Und Knebel begann zu lesen:
-
-»Vollendet ist das Werk dieser Woche. Du, Herr, hast es vollenden
-helfen! ...«
-
-Doktor Veit, der mit gefalteten Händen auf dem Katheder stand und
-auf den Schwamm blickte, wechselte während der Lektüre mindestens
-achtmal sein Standbein und atmete erst wieder auf, wie Knebel das Amen
-flüsterte. Jetzt drängte die Klasse stürmisch dem Ausgange zu.
-
-»Halb so wild!« rief Doktor Veit, seinen Hut ergreifend. »~Festina
-lente~, sagt der Lateiner!«
-
-Und somit schritt er behaglich der Treppe zu.
-
-Im Erdgeschoß begegnete er dem Pedell.
-
-»Höre Se mal, Quaddler, ich hab's Ihne schon sage lasse: Wenn Sie
-wieder Kraut koche, dann mache Se gefälligst die Küch' zu. Es riecht
-hier so schon net grad' nach Ambra und Roseöl.«
-
-»Aber erlauben Sie gütigst, die Tür war fest verschlossen, und der
-Geruch muß sozusagen durchs offene Fenster gestiegen sein. Insofern es
-übrigens auch ein ganz vortreffliches Kraut war.«
-
-»Mache Se mer die Gäul' net scheu, Quaddler! Sie wisse nun, was ich
-gesagt hab'. Richte Sie sich danach. Und was ich noch weiter bemerke
-wollt': Lasse Sie doch drobe ans Tawelgestell e paar Hake mache, daß
-die Geschicht net alle Naselang auseinannerrutscht.«
-
-»Schön, Herr Professor. Inwiefern soll ich die Haken denn machen
-lassen?«
-
-»Ich werd' Ihne das später erörtern! Jetzt hab' ich kein' Zeit!«
-
-Er räusperte sich.
-
-»Ach ja,« stöhnte er vor sich hin, »ewig is mer geplagt! Das nimmt kein
-gut' End'! Heut' übers Jahr wirft mer mit meine Knoche die Birn' ab.«
-
-»Ganz gehormster Diener, Herr Professor.«
-
-Und nun begab sich unser trefflicher Mathematiklehrer ins Gasthaus »Zur
-Sonne«, wo er einen kolossalen Appetit entwickelte. Die Empfindlichkeit
-seiner Mandeln ließ nach, und den Zahnstocher zwischen den Lippen,
-wagte er die schöne Versicherung: »Es is immer noch kein schlecht Lebe
-auf der Welt. -- Schorsch, bringe Se mer noch e Flasch Niersteiner!«
-
-
-
-
-Erinnerungsbilder.
-
-
-Das beglückende Lenzgefühl, das der Mai durch alle Adern gießt, wird
-mir durch eine unauslöschliche Erinnerung zu einem wahren Rausch der
-Wonne gesteigert. Ich denke nämlich, wenn die Fluren und Wälder sich
-neu begrünen, an die Jahre zurück, da ich dies erquickende Schauspiel
-durch den steifen, weißgestrichenen Rahmen eines großen Schulfensters
-beobachten mußte und dazu verurteilt war, die entzückendsten Stunden
-des Frühlings vor dem Katheder höchst würdiger und höchst gelehrter
-Männer zu verbringen. Aus den benachbarten Gärten klang das Konzert
-der Vögel herüber in die dumpfigen Schulräume, aber die ernsten Männer
-mit den großen Rundbrillen hatten kein Ohr für diesen melodischen
-Zauber: sie redeten von Sprachgebräuchen, Anakoluthen, Konjunktionen,
-Schreibfehlern und Anachronismen, -- ebenso wirr und zusammenhanglos,
-wie ich diese verschiedenen Gesichtspunkte ihrer pädagogischen
-Tätigkeit hier aneinander reihe. Anstatt die Lebensweisheit von
-den grünen Blättern der Natur abzulesen, mußten wir uns mit dem
-herumschlagen, was auf den gedruckten stand; sei es nun, daß ein
-Chorgesang des Sophokles oder eine schwungvolle Rede Ciceros, sei es,
-daß eine Gleichung aus der analytischen Geometrie, oder daß eine Frage
-aus der Kirchengeschichte unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
-
-Ich seufzte dann oft heimlich über die Tyrannei der modernen
-Zivilisation und warf über den Rand meiner Bücher und Hefte hinaus
-sehnsuchtsvolle Blicke nach den lauschigen Baumwipfeln, die so
-wonniglich im linden Westwinde rauschten.
-
-Drüben auf dem tannbewachsenen Hügel, etwa eine halbe Stunde vom
-Städtchen entfernt, lag die Liebigshöhe, so genannt nach dem großen
-Chemiker, dem die dankbare Bürgerschaft kein beredteres Denkmal ihrer
-Hochachtung zu stiften wußte, als daß sie einen Bierkeller -- das
-Schätzbarste, was eine germanische Bürgerschaft besitzt -- nach seinem
-Namen taufte. Dort hatten wir verfassungswidrigen Primaner mehr als
-einmal »eine Orgie gefeiert«, -- wie der Direktor sich ausdrückte, wenn
-er unsere Zechgelage entdeckte und uns mit mehrtägiger Karzerstrafe
-belegte. Auch war die Liebigshöhe ein beliebter Sammelplatz für solche
-Insassen der Stadt, die sich einer zahlreichen Familie erfreuten;
-denn es war nirgends so billig, wie hier im Schatten der Tannen, ganz
-abgesehen davon, daß außer Bier, Kaffee und Kuchen nichts verabreicht
-wurde. Zu den Töchtern dieser Familien gehörte auch Jenny, die blonde,
-schlanke, blauäugige Jenny, an die ich bereits in Unterprima eine Reihe
-hervorragender Liebeslieder gestaltete, während ich sie in Oberprima
-zur Heldin eines fünfaktigen Trauerspiels erkor ...
-
-Wenn ich so von meinem Platz aus das zierliche Gehöft mit dem
-braunroten Dach und den blinkenden Fenstern aus der blauen Ferne
-herüberlächeln sah, so zogen all diese Bilder in bunter, beglückender
-Reihe durch mein Gemüt, und ich begann immer lauter zu seufzen und
-immer schwerer den Zwang zu empfinden, der mich an diese harten
-Subsellien fesselte ...
-
-Mit einemmal wurde ich durch die dröhnende Anrede des Direktors oder
-eines seiner ebenso pflichttreuen Kollegen daran erinnert, daß ich noch
-Sklave war und nicht das Recht hatte, meine Phantasien während der
-hochwichtigen Erklärung eines griechischen Tragikers über Berg und Tal
-wandern zu lassen.
-
-»Sä sänd wäder änmal nächt bei der Sache!« klang es von den Lippen
-des erzürnten Philologen Doktor Samuel Heinzerling, desselben, der
-später mit meinem unvergeßlichen Freunde Wilhelm Rumpf das denkwürdige
-Rencontre in den Räumen des Karzers hatte. Die Worte trafen mich
-stets wie ein Blitz aus heiterem Himmel, denn ich war in der Tat
-durchaus nicht bei der Sache und mußte es stillschweigend über mich
-ergehen lassen, wenn Heppenheimer mich auf den Wink des Autokraten als
-»onaufmerksam« ins »Tagebooch« einschrieb.
-
-Wie oft habe ich, noch ehe es halb schlug, die Uhr in die Hand
-genommen und auf dem Rand meiner Virgilausgabe Buch geführt über
-jede verstrichene Minute! Das gelangweilte Herz glaubte durch diese
-Kontrolle den Gang dieser trägen Zeit zu beflügeln; aber es war
-unglaublich, wie bleischwer trotz aller Machinationen die Augenblicke
-dahinzogen. Ein Triumphgeschrei klang durch die Seele, wenn man mit
-großen lateinischen Lettern »drei Viertel« notieren durfte. War man
-von dem Aufzeichnen dieser einzelnen Zeitstadien ermüdet, so erging
-man sich wohl auch in Epigrammen, deren schweres, molossisches
-Versmaß die Stimmung des niedergedrückten Gemüts versinnlichte. Der
-Kern ihrer Wehklagen ließ sich in den Ausruf zusammenfassen: »Will's
-denn heute wieder einmal gar nicht ›ganz‹ werden!« Ganz! Das war das
-erlösende Wort! Ganz! Was lag nicht alles in diesen vier Buchstaben,
-zumal wenn sie sich auf den Schluß der letzten Stunde, also auf vier
-Uhr nachmittags, bezogen. Und wenn nun gar Quaddler, unser ehrlicher
-Pedell, sich um ein paar Minuten verrechnet hatte und zu früh
-klingelte, -- wie jauchzten wir da empor beim Gedröhne seines heiseren
-Metalls! War es doch das Signal der Freiheit, das er uns gab, und »die
-Freiheit schmeckt süß«, selbst in Prima.
-
-Der geneigte Leser hat vielleicht ein paar Söhne auf dem Gymnasium
-und fängt an, diese Skizzensammlung für die Verbreiterin unsittlicher
-Ideen zu halten; aber ich kann ihm nicht helfen. Wenn er sich selber
-des Jubels nicht mehr erinnert, der ihm bei der Kunde von dem Schluß
-der Gymnasialexerzitien durch alle Fibern zuckte, so ist dies ein
-individuelles Unglück: ich meinesteils trage das Bild jener Zeit mit
-unverblaßten Farben im Busen und fühle fast stündlich ein gewisses
-Behagen, daß ich nicht mehr verpflichtet bin, nachmittags um zwei meine
-Bücher zusammenzuschnüren und nach der alten Spelunke zu traben, die
-mir die herrlichsten, sonnigsten Maitage gestohlen hat.
-
-Worin besteht denn die Glückseligkeit des jungen Studenten anders, als
-in dem Bewußtsein, daß er aufgehört hat, dem Bann des Gymnasiallebens
-anzugehören?
-
-Ich finde hierüber bei Hermann Grimm, dem geistvollen Novellisten, eine
-sehr bezeichnende Stelle.
-
-»Ich war achtzehn Jahre alt«, schreibt dieser feine Beobachter
-menschlicher Verhältnisse, »und eben erst Student geworden. Das ist
-ein Übergang im Leben, wie wenige. Man ist mit einem Schlage aus
-einem ungewissen Wesen ohne Bedeutung zu einem Manne mit Titel, Rang
-und gegründeten Ansprüchen umgeschaffen. Man hat Geld zu seiner
-Verfügung, kann arbeiten, was und wie man will, und darf den Genuß
-des Lebens von den Bäumen pflücken, wo die Früchte am lockendsten aus
-dem Laube leuchten. So griff ich das Leben an: ohne kopfhängerische,
-einsiedlerhafte Neigung war ich ein vergnügter Student und wußte nur
-vom Hörensagen, daß es eine Zukunft gebe; die Vergangenheit war mir
-ein unbekanntes Land geworden, zu dessen Ufern die Erinnerung niemals
-zurückkehrte. Was konnte ich Größeres verlangen? Ein Palast, um darin
-zu studieren, berühmte Gelehrte, die uns »meine Herren« anredeten, die
-mit wunderbarer Höflichkeit Kenntnisse und Eifer bei uns voraussetzten,
-eine große Stadt, in der es sich frei und unbehelligt lebte, freie
-Abende, Nächte (wenn wir wollten), Theater -- für einen Studenten gibt
-es keinen unerfüllten Wunsch.«
-
-Aus diesen Zeilen spricht ganz dasselbe Gefühl, dem ich in den oben
-stehenden Worten Ausdruck verliehen habe. Im Winter läßt man sich
-die Sache zur Not noch gefallen. Man begeistert sich für Antigone,
-obgleich der Umstand, daß man die Tragödie des unsterblichen Meisters
-in minimalen Bruchteilen zu sich nimmt, sehr geeignet ist, dieser
-Begeisterung Abbruch zu tun. Man übt sich im lateinischen Stil, denn
-man kann einmal Reichstagsabgeordneter werden und in die Lage kommen,
-das »~timeo Danaos~« oder das »~nil humanibus arduum est~« zitieren zu
-wollen. Man fertigt deutsche Aufsätze nach klassischen Vorbildern, denn
-eine gewisse Leichtigkeit im Ausdruck ist allezeit nütze, sei es nun,
-daß man sich auf die Schriftstellerei wirft, was bei den Gymnasiasten
-von heutzutage die Regel ist, oder daß man als Hotelbesitzer lange
-Rechnungen verfertigt, die unter Umständen mehr einbringen als die
-Schöpfungen der Novellistik. Alles das geht im Winter, denn Schnee
-und Regen sind keines Menschen Freund, und im Feld und auf der Heide
-ist wenig zu suchen, wenn der Nord durch die kahlen Zweige der Buchen
-fegt. Aber im Frühling, sobald die ersten Lerchen ins Blaue steigen,
-ändert sich diese Sachlage. Dann wird der Zwang, auf die Vorträge eines
-Doktor Samuel Heinzerling zu lauschen, zur qualvollsten Sklaverei,
-und die Sehnsucht nach den Umarmungen der Mutter Natur macht jeden
-wissenschaftlichen Ernst zuschanden.
-
-Das Bewußtsein, daß ich einst in diesen Ketten geschmachtet habe und
-jetzt frei bin, frei wie der Vogel in der Luft, dieses süße Gefühl des
-Nicht-Gymnasiastentums bildet jetzt eine der vornehmsten Würzen meines
-Frühlingsgenusses.
-
-Aber die Medaille hat ihre Rückseite. Nicht selten +rächt+ sich die
-Vergangenheit für den stillen, triumphierenden Hohn, mit dem ich
-ihrer gedenke, -- und nachts in den entsetzlichsten Traumgesichtern
-kehrt sie mir zurück und schreckt mich mit der Maske der Gegenwart.
-Ich sehe mich trotz meines Doktordiploms, das bereits vor acht Jahren
-lügnerischerweise behauptet hat, ich sei ein ~vir perdoctus~, und trotz
-des würdevollen Bartwuchses, den ich mir im Laufe der letzten zwei
-Lustra anzueignen wußte, von meinen ehemaligen Schulkameraden umringt
-in dem Saale der Prima, und vor mir steht die fragwürdige Gestalt des
-Doktor Samuel Heinzerling oder eines seiner gestrengen Kollegen. Das
-Verhängnis drückt mir einen lateinischen Klassiker in die Hand und
-verlangt von mir, ich solle ~exempli gratia~ das erste Kapitel der Rede
-Ciceros ~pro Roscio Amerino~ ins Griechische übersetzen. Ich überfliege
-den lateinischen Text mit fiebernden Blicken und gewahre sofort, daß
-mir für einige der notwendigsten Ausdrücke die griechischen Vokabeln
-fehlen. Mein Nachbar, ein fleißiger und gewissenhafter Schüler, der
-in den Tagen meiner wirklichen Primanerschaft stets aufs pünktlichste
-präpariert war, scheint diesmal ausnahmsweise faul gewesen zu sein, wie
-ich. Ich gebe ihm alle erdenklichen Signale mit dem Ellbogen, mit den
-Füßen, mit den Knien; ich raune ihm zu: »Mensch, Du bist des Todes,
-wenn Du mir nicht Dein Wörterbuch vorschiebst!« Aber er rührt sich
-nicht.
-
-»Non,« klingt die Stimme meines Peinigers, »wollen Sä non bald
-anfangen? Sä scheinen mär wäder änmal nächt gehöräg vorbereitet.«
-
-Ich lege die Hand aufs Herz.
-
-»Aber, Herr Direktor,« stammle ich treuherzig, »ich kann Sie aufs
-bestimmteste versichern ...«
-
-Ich hoffe durch diese bestimmte Versicherung nur Zeit zu gewinnen, aber
-Samuel Heinzerling unterbricht mich.
-
-»Sein Sä mer ställ«, sagt er in wegwerfendem Tone; »äch weiß zor
-Genöge, was äch von Ähren bestimmten Versächerongen zo halten habe.
-Öbersätzen Sä jetzt das Kapätel ins Grächäsche, oder gäben Sä zo, daß
-Sä nächt nach Geböhr präparärt sänd!«
-
-Mit einem verzweifelten Entschluß beginne ich:
-
-»~Credo ego vos judices mirari~ ... Ὑμᾶς μὲν, ὦ ἄνδρες δικασταὶ,
-θαυμάζειν ἐγῷμαι ...«
-
-»Goot«, sagt Samuel Heinzerling; »non weiter!«
-
-Da haben wir's! Das nächste Wort, ~summi~, ist zwar ein ganz
-gewöhnliches, und ich weiß genau, daß ich die entsprechende
-griechische Vokabel mindestens hundertmal angewandt habe; jetzt
-aber, im entscheidenden Augenblicke vor den Schranken Doktor Samuel
-Heinzerlings, bin ich mit aller Kraft nicht imstande, die fluchwürdigen
-paar Silben aus meinem Gedächtnis heraufzubeschwören.
-
-»~Summi~ ...,« sage ich, »ja, ~summi~, das heißt ... es kommt darauf
-an, wie man das hier auffaßt; nämlich insofern ... ~summus~ kann
-verschiedenerlei bedeuten. Wenn wir z. B. sagen, ~summus mons~, so ist
-das etwas anderes, als wenn wir sagen, ~summa cum laude~ ...«
-
-»Bleiben Sä bei der Sache; öbersätzen Sä ~sommä~ mit dem änzägen
-bezeichnenden grächäschen Wort ond lassen Sä alle Omschweife!«
-
-»Also,« stammle ich, während mir der helle Angstschweiß auf die Stirne
-tritt, »~summi~ ... ~Credo ego vos judices mirari, quid sit, quod cum
-tot summi~ ...«
-
-»Das Lateinäsche können wär ons sälbst lesen. Sä scheinen mer nächt
-recht zo wässen, was ~sommä~ auf Grächäsch heißt.«
-
-»O gewiß, Herr Direktor; es fragt sich nur, ob wir das Wort hier
-figürlich auffassen, oder ob wir seine eigentliche Bedeutung ...« (mit
-gedämpfter Stimme zum Nachbarn:) »Du, ~summi~, Himmelkreuzdonnerwetter,
-lege mir doch Dein Heft hin!«
-
-Mein Nachbar rührt sich nicht.
-
-»Was haben Sä da eben zom Schwälble gesagt? Er soll's Ähnen wohl
-einflöstern? Korz ond böndig, wässen Sä, wä Sä ~sommä~ zu öbersätzen
-haben oder nächt?«
-
-»~Summi~ ... natürlich ... ich nehme das hier bildlich von den
-geistigen Eigenschaften.«
-
-Der Direktor schüttelt unwillig mit dem Kopf und sucht mit der
-rechten Hand in der Westentasche nach dem Bleistift, um mir die Note
-»ongenögend« anzumalen.
-
-Der Angstschweiß rinnt mir jetzt bereits literweise von der Stirn.
-Aber noch gebe ich meine Sache nicht verloren. Ich entsinne mich, daß
-griechisch καλὸς κἀγαθός eine hervorragende sittliche Eigenschaft
-bedeutet, und versuche ganz glatt weg, dieses ~summi~ auf die
-angedeutete Weise zu übertragen.
-
-»Sä sänd wäder änmal faul gewesen«, ruft jetzt Heinzerling in
-schnarrendem Tone.
-
-»Καλὸς κἀγαθός,« hauchte ich noch mit der letzten Kraft meines Mundes,
-»κἀγαθός, das heißt, ich wollte mir die ganz ergebene Bemerkung
-erlauben, ich war gestern unwohl, und wir hatten Besuch, und mein Onkel
-war da, und dann hatte ich noch gestern die Korrektur meiner neuen
-Novellen zu lesen, die dieses Jahr erscheinen, und die ich Ihnen nicht
-dringend genug empfehlen kann.«
-
-»Was? Novellen wollen Sä schreiben ond wässen nächt änmal, wie ~sommä~
-auf Grächäsch heißt? Wässen Sä was, Sä täten auch besser, Sä öbten säch
-ärst noch ein wenäg in den Elementen der Scholbäldong, ehe Sä säch
-daran machten, einem denkenden Volke geistige Nahrong onterbreiten zo
-wollen. Wenn mer än Mänsch sagt, er schreibt Novellen, so wärft das
-ein sehr schlechtes Lächt auf seinen Läbenswandel, ond korz ond got,
-Sä gehn mer sechs Stonden auf den Karzer. Schreiben Sä änmal ein,
-Heppenheimer: ›Doktor Ernst Eckstein wägen ongenögender Vorbereitong
-ond vorsätzlichen Novellenschreibens mit sechs Stonden Karzer
-bestraft‹. Knöpke, holen Sä einmal den Pedellen.«
-
-Jetzt wird mir die Sache zu bunt.
-
-»Was, Herr Direktor? Sie wollen sich hier über meinen
-schriftstellerischen Beruf ereifern? Sie wollen mir
-Verhaltungsmaßregeln erteilen in Angelegenheiten, von denen Sie nicht
-das geringste verstehen? Das übersteigt denn doch alles, was mir bis
-jetzt in meiner Praxis vorgekommen ist! Augenblicklich verlassen Sie
-das Zimmer! Augenblicklich, sage ich, oder Sie sollen mich von einer
-Seite kennen lernen, die Ihnen schwerlich gefallen wird.«
-
-»Mänsch, was onterstehn Sä säch? Heppenheimer, schreiben Sä änmal ins
-Tagebooch: ›Wägen empörenden Benehmens ...‹«
-
-Ich trete aus den Bänken heraus, kreuze die Arme vor der Brust und
-schreite auf den Direktor los.
-
-»Samuel,« sage ich, »es ist genug des grausamen Spiels. Ich habe längst
-mein Maturitätsexamen gemacht und eine Doktorprüfung bestanden, die
-mich zur Forderung einer anständigen Behandlung berechtigt. Lassen Sie
-sich Ihren Cicero ~pro Roscio Amerino~ einpökeln und das ~summi~ und
-alle übrigen lateinischen Superlative übersetzen, von wem Sie Lust
-haben; ich danke dafür! Leben Sie wohl und grüßen Sie mir Ihre Frau
-Gemahlin!«
-
-Und hiermit ergreife ich meinen Zylinder, der sich zwischen den Mützen
-meiner Schulkameraden ganz eigentümlich ausnimmt, packe meine Bücher
-unter den Arm und schreite hochaufgerichtet der Tür zu.
-
-»Heppenheimer!« ertönt die Stimme Samuels. »Rofen Sä schnell den
-Pedellen! Sechs Tage Karzer! Zwölf Tage Karzer! Augenbläckläch wärd er
-hänaufgeföhrt.«
-
-Ich aber renne im Sturmschritt die Treppe hinab, stoße den Pedell,
-der mir entgegenkommt, über den Haufen und bin zwei Minuten später im
-Freien. Sowie mich Gottes allgütige Sonne bescheint, wache ich auf. Die
-Nachbarsleute versichern regelmäßig, ich hätte in den Nächten, die mir
-derartige Träume senden, furchtbar gestöhnt, und die Witwe Wendelsheim,
-die ein sehr gutes Herz hat, rekommandiert mir jetzt bereits zum
-fünfundzwanzigsten Male ihr unfehlbares Mittel gegen Alpdrücken.
-
-Noch peinlicher gestalten sich diese Verhältnisse, wenn mich der
-Geschichtslehrer ins Gebet nimmt. In den Sprachen habe ich mich immer
-noch so leidlich zurecht gefunden, aber die Historie war meine schwache
-Seite. So erinnere ich mich, daß ich in Sekunda aufgefordert wurde,
-eine kurze Darstellung der Hussitenkriege zu liefern. Leider war mir
-der Gegenstand, über den meine oratorische Leistung sich erstrecken
-sollte, so unbekannt, wie Herrn Gambetta die Geheimnisse der Strategie;
-aber in einer dunklen Vorahnung der Tatsache, daß der Diktator von
-Tours dereinst auch ohne diese Kenntnisse das militärische Szepter
-ergreifen würde, beschloß ich, kühn ins Feuer zu gehen und ein »Essay«
-zu liefern, das mich »herausbeißen« sollte. Der Umstand, auf den sich
-meine Hoffnung begründete, war die umfassende Kenntnis des berühmten
-Studentenliedes:
-
- »Die Hussiten zogen vor Naumburg,
- Über Jena und Camburg ...«
-
-Ein Volksdichter, so kalkulierte ich, wird von der historischen
-Wahrheit nur wenig abgewichen sein, und so bedarf es denn nur einer
-glücklichen Paraphrase dieses rührenden Gesanges, um die mir gestellte
-Aufgabe zu lösen.
-
-Ich begann.
-
-»Es war zur Zeit der Hussitenkriege. Die Verhältnisse hatten sich
-damals so eigentümlich gestaltet, daß nach langem Hin- und Herüberlegen
-und vielen vergeblichen Bemühungen, den Frieden aufrecht zu erhalten,
-demungeachtet der Krieg losbrach. So geht es eben in der Geschichte
-der Völker! Ganz ähnlich lagen die Dinge beispielsweise vor Ausbruch
-des Ersten punischen Krieges. Überall walten hier die gleichen
-Prinzipien: und so gilt denn diese Wahrheit auch von dem bedeutsamen
-und hochwichtigen Krieg, den ich jetzt zu behandeln gedenke. Da dieser
-Krieg oder diese Kriege von den Anhängern des Professors Huß geführt
-wurden, so nannte man sie, um sie mit anderen nicht zu verwechseln, die
-Hussitenkriege. Ich übergehe hier einiges minder Wichtige und komme zu
-dem entscheidenden Moment, wo die Hussiten sich aufmachten und zunächst
-die Richtung nach Jena einschlugen. Nach einem flüchtigen Abstecher
-in der Richtung von Camburg langten sie vor dem feindlichen Städtchen
-Naumburg an, das neben anderen hervorragenden Eigentümlichkeiten
-eine große Wiese besaß, die man mit Rücksicht auf die daselbst
-nistenden Vögel, oder vielleicht auch wegen eines daselbst häufig
-stattfindenden Vogelschießens, die Vogelwiese nannte. Die Frage ist
-noch unentschieden, welche der beiden Versionen die richtigere sei.
-Es gibt Geschichtsforscher, welche sich unter Aufwendung eines großen
-Scharfsinnes für die erstere Auffassung entscheiden. Ebenso anerkannte
-Autoritäten neigen indes der entgegengesetzten Ansicht zu, und so will
-ich denn, da mir die Quellen in diesem Augenblicke nicht zur Hand sind,
-die Frage nicht weiter erörtern. Auf dieser ganzen Vogelwiese sah man
-nichts als Schwerter und Lanzen.«
-
-Ich vermied das Wort »Spieße«, da der Reim mich verraten hätte. Von
-innerem Wohlgefühl über meine Schlauheit erfüllt, bemerkte ich nicht,
-daß der Lehrer immer vergnüglicher dreinschaute, -- oder wenn ich sein
-Lächeln wahrnahm, so hielt ich es für einen Ausdruck der Zufriedenheit,
-der mich ermutigen sollte, kühnlich fortzufahren.
-
-Das ging denn auch so eine Weile ohne ernstliche Schwierigkeit; als
-ich aber bei der Schilderung der Teuerung anlangte und das historische
-Faktum zum besten gab, daß ein einziges Lot Kaffee an sechszehn
-Pfennige gekostet habe, da brach ein wahrer Sturm des Beifalls los, und
-mit peinvollem Erröten mußte ich einsehen, daß ich das Lächeln auf den
-wohlwollenden Zügen des Professors gänzlich mißdeutet hatte.
-
-»Schweig' und setz' Dich«, sagte der Lehrer mit Würde; »ich will nicht
-so grausam sein, Dich zu massakrieren.«
-
-Ich war froh, daß die Komödie vorüber war, denn besonders behaglich
-hatte ich mich bei dieser Interpretation deutscher Volkslyrik doch
-nicht gefühlt, und besser, in den Abgrund geschleudert zu werden, als
-in peinvoller Schwebe über der Tiefe zu hangen.
-
-Auch diese geschichtlichen Lektionen reproduziert mir der Traum oft in
-erschreckender Weise, und ich fühle ganz deutlich, wie sich mir das
-Fatum in Gestalt eines bleiernen Druckes auf die Gurgel legt, wenn der
-Professor mich auffordert:
-
-»Geben Sie uns nun einmal eine kurze Darstellung der Situation Europas
-nach Beendigung der Völkerwanderung.«
-
-Mit allen zehn Fingern wühle ich mir im Gehirn herum, aber die
-Situation will nicht klar werden, und nur das dunkle Bewußtsein, daß es
-damals in Europa sehr wüst und unordentlich ausgesehen, tröstet mich
-über die wüste Unordnung in dem eigenen Schädel. Dann plötzlich suche
-ich mir dadurch zu helfen, daß ich Nasenbluten bekomme oder mich in
-der Wade vom Krampf ziehen lasse, ein Mittel, das ich allen verlegenen
-Primanern aufs wärmste empfehlen kann. Nur im Traum will es nicht
-verfangen.
-
-»Das kennt man«, sagte der Lehrer geringschätzig. »Ich bin auch einmal
-Primaner gewesen, aber mich hat niemals der Krampf gezogen. Erzählen
-Sie nur ruhig weiter, oder machen Sie sich auf drei Tage Karzer gefaßt!«
-
-Die Tage Karzer regnen nur so, wenn ich träume. Ich habe freilich
-auch im Wachen gar manche schöne Stunde unter dem Dachfirst des
-Gymnasialgebäudes geschmachtet, aber der Traum treibt es doch noch
-verschwenderischer als die Wirklichkeit. Zudem sehe ich im Traum gar
-kein Mittel ab, die Verbüßung der verhängten Strafe zu hintertreiben,
-während ich tatsächlich dies mit einer Meisterschaft verstand, vor
-der ich noch jetzt eine gewisse Hochachtung empfinde. Es traf sich
-nicht selten, daß ich während einer einzigen Woche von drei Lehrern
-zugleich mit sechs Stunden Karzer belegt wurde. Ich meldete mich dann
-eines schönen Tages bei dem Pedell und sagte: »Herr Quaddler, ich habe
-auch noch die sechs Stunden Karzer abzusitzen, die der Herr Doktor mir
-verordnet hat«. Der brave Pedell glaubte sich bei dieser Bezeichnung
-»der Herr Doktor« beruhigen zu dürfen, und ich klomm die Treppe hinan.
-Ein paar Tage später kam der erste der drei Lehrer und erkundigte sich,
-ob der Verurteilte sich gemeldet habe. Quaddler bejahte. Dann erschien
-der zweite. Quaddler bejahte abermals. Und beim dritten bejahte Herr
-Quaddler zum drittenmal. Der Gedanke, daß ein Schüler dreimal in einer
-einzigen Woche von drei verschiedenen Lehrern der Freiheit beraubt
-werden könne, war ihm so unfaßlich, daß seine arme Seele ihn gar nicht
-in Berechnung zog. Er hielt die Erkundigungen der Lehrer einfach für
-Beweise eines besonderen Interesses, das sie an meiner Persönlichkeit
-nahmen, und so erledigte ich denn nicht selten drei und vier Strafen
-auf einmal, -- eine stenographische Methode des Absitzens, die ihre
-unleugbaren Vorteile hat. Nur im Traume will sich dies oft bewährte
-Mittel nicht anwenden lassen: Quaddler, der in Wirklichkeit einer der
-gutmütigsten Menschen unter der Sonne war, kontrolliert hier auf einmal
-mit der Bosheit eines Inquisitionsrichters, und selbst seine Tochter,
-die sanfte, rosige Anny, denunziert mich bei Samuel Heinzerling wegen
-unterschlagener Bußestunden.
-
-So rächt sich das Einst an dem Jetzt, weil das Jetzt seine Befriedigung
-darüber ausdrückt, daß es von den Ketten des Einst befreit ist. Alles
-gleicht sich im Leben aus. Wer bei Tage mit dem Hut in der Hand an der
-Kirchentür sitzt und um Almosen fleht, der besteigt nachts im süßen
-Delirium der Träume vielleicht den Thron Frankreichs oder den Stuhl
-Petri, und wem das Schicksal die Krone aufs Haupt gedrückt hat, der
-beschäftigt sich, wenn Morpheus ihn eingewiegt hat, vielleicht mit dem
-Verkauf alter Zahnstocher oder mit dem Waschen gebrauchter Whistkarten.
-
-Es gab nur ein Mittel, um sich beim Herannahen des Lenzes den Druck
-der Gymnasialfesseln weniger fühlbar zu machen: die Wonne der
-Ungezogenheit. Ihr Weisen, Frommen und Gerechten, ich sehe schon wieder
-im Geiste, wie ihr die Stirn runzelt. Aber ihr wißt nicht, daß die
-Ungezogenheit den eigentlichen Lebenskern, ja, die einzige und echte
-Poesie des Gymnasiallebens ausmacht. Nimm einer deutschen Nähterin
-ihren Sonntagnachmittag, und du knickst ihr die Blüte des Daseins; nimm
-einem Gymnasiasten das Privilegium der Ungezogenheit, und du bohrst
-ihm den Dolch der Verzweiflung ins Herz. Ich weiß ein Lied davon zu
-singen! Ein volles Jahr hindurch habe ich mich, von einem düsteren
-Vorurteil irre geführt, mit eigener Hand dieses köstlichen Privilegiums
-entkleidet -- und gelitten, wie ein Prometheus am Felsen. Ich will dem
-geneigten Leser zum Schluß auseinandersetzen, wie dies zusammenhing.
-
-Als ich in die Quarta des städtischen Gymnasiums eintrat, war ich ein
-frommes Kind von zwölf Jahren, das an nichts Böses dachte und sein
-Dasein gestaltete, wie die Götter es fügten, -- ohne Besorgnis vor
-dem Stirnrunzeln der Lehrer, ohne Rücksicht auf Lob und Strafe. Die
-Folge dieser kindlichen Unbefangenheit war, daß ich mir eine Reihe
-empfindlicher Mißtrauensvota zuzog und am Schluß des Jahres eine im
-Punkte des Betragens sehr bedenklich nuancierte Zensur mit nach Hause
-brachte, während drei oder vier meiner Kameraden »wegen Fleißes und
-guten Betragens« ein Prämium erhielten. Dieses Prämium, das den andern
-zugefallen und mir vom Schicksal vorenthalten worden war, bildete
-während der folgenden Osterferien in meinem elterlichen Hause das
-tägliche Tischgespräch. Man sah es wie eine Kränkung der Familienehre
-an, daß ich leer ausgegangen sei, und ließ mich dies so schmerzhaft
-empfinden, daß ich den heroischen Entschluß faßte, im nächsten Jahre
-meinen Aufenthalt in Tertia dazu zu benutzen, eine solche amtliche
-Bestätigung meines »Fleißes und guten Betragens« im Schweiße meines
-Angesichts zu verdienen.
-
-Dieses Jahr in Tertia war das unglücklichste meines Lebens.
-
-Ein Kapitel aus Curtius langweilte mich; ich verspürte das
-unwiderstehliche Gelüste, mit meinem Nachbar über irgend einen
-erheiternden Gegenstand zu plaudern; aber das Prämium trat wie ein
-Gespenst zwischen mich und diesen beglückenden Plan, und das Wort
-erstarb mir auf den Lippen.
-
-Ich machte einen nachmittäglichen Spaziergang. Die Zunge klebte mir am
-Gaumen, und ich fühlte den Drang, in die nächste Kneipe einzukehren
-und auf das Wohl Samuel Heinzerlings ein Glas Bier zu trinken. Sofort
-erinnerte ich mich des Paragraphen der Gymnasialstatuten, der besagt,
-daß den Schülern dieser Pflanzstätte des Wahren, Schönen und Guten der
-Genuß geistiger Getränke ein für allemal untersagt ist, -- und ich ließ
-den verlockenden Kelch seufzend vorübergehen.
-
-Die Kommilitonen führten irgend einen köstlichen Streich aus; meine
-ganze Seele rang nach aktiver Beteiligung, aber ich wußte, daß es mit
-dem Prämium aus war, wenn ich mich auch nur eines einzigen Vergehens
-schuldig machte, und so erstickte ich meine Sehnsucht und blieb, was zu
-sein ich mir vorgenommen: ein braver Schüler.
-
-Das Osterfest des folgenden Jahres kam heran. Ich erhielt mein
-Prämium in Gestalt eines Kiepertschen Atlas, und vorn in zierlich
-lithographierten Zügen stand die wunderbare Tatsache zu lesen, daß ich
-ein Jahr hindurch die volle Zufriedenheit meiner sämtlichen Lehrer
-erworben hatte.
-
-Mit diesem Kleinod im Arm eilte ich nach Hause; aber schon unterwegs
-legte ich den feierlichen Schwur ab: niemals und unter keiner
-Bedingung wieder nach einem Prämium zu streben, sondern meinen
-Gefühlen freien Lauf zu lassen und mich ohne Rückhalt dem Kultus der
-beglückenden Göttin Ungezogenheit zu widmen. Ich habe den Schwur
-redlich gehalten; auch meine Eltern haben sich später mit dem
-Ausbleiben der Prämien zu versöhnen gewußt. Sie mochten so etwas wie
-eine dämmernde Ahnung von dem haben, was in mir vorging, und da ich
-ja nun überhaupt einmal gezeigt hatte, daß es mir, wenn es absolut
-sein mußte, wohl möglich war, ein ganzes Jahr hindurch die Qualen der
-Artigkeit zu ertragen, so fiel es ihnen leichter, auf die Beweise einer
-fortgesetzten guten Aufführung zu verzichten.
-
-Ich aber betrachte noch jetzt das Jahr in Tertia als einen Fehler
-in meinem Lebensplan, und hundertmal hab' ich mir zugerufen: ~annum
-perdidi~! Nein, ihr Gestrengen, die Ungezogenheit ist das eigentliche
-Element des Gymnasialschülers, und so wenig der Fisch im ~Extrait
-double de violette~ existieren kann, so wenig ist es dem Alumnen einer
-modernen Bildungsanstalt möglich, die Luft eines Nonnenpensionats
-einzuatmen. Für die Töchter gebildeter Stände mag die »Gezogenheit«
-ihre Vorteile haben. Den jungen Leuten, die sich im Laufe der Dezennien
-zu Bürgern einer freien Nation entwickeln und das Material liefern
-sollen zu dem großen mitteleuropäischen Kulturstaat, den deutschen
-Knaben und Jünglingen lasse man das Privilegium der Flegeljahre und die
-süßen Träume der Jugendeselei, denn nur so können sie gedeihen.
-
-
-
-
-Allerlei Unarten.
-
-
-So oft der Sterbliche in den Schatz seiner Gymnasialerinnerungen
-zurückgreifen mag, stets wird er finden, daß die Reichhaltigkeit und
-Fülle dieser Reminiszenzen unerschöpflich ist. Stets wird er ein
-neues Bild, eine neue Situation entdecken, an die er vielleicht seit
-Jahren nicht mehr zurückgedacht hat. Und wenn er das alles unter dem
-entsprechenden Gesichtswinkel zu betrachten weiß, so stellt sich ihm
-hier eine Welt im kleinen, eine vorgreifende Gestaltung all seiner
-späteren Erlebnisse dar, die sich zu dem Treiben der großen und
-wirklichen Welt etwa verhalten mag, wie das Puppenspiel der kleinen
-Mädchen zu den Freuden des Mutterglücks.
-
-Es ist dies schon mit Rücksicht auf den beträchtlichen Zeitraum, den
-der heranreifende Mensch in den Mauern des Gymnasiums zu verbringen
-hat, mehr als erklärlich. Da die Länge der Zeit nicht füglich allein
-nach der Summe von Erdumdrehungen, die zwischen zwei bestimmten
-Terminen stattfinden, berechnet werden darf, sondern vielmehr nach
-der Summe von Eindrücken, die das Gemüt und der Intellekt empfangen,
-so darf man kühnlich behaupten: wir verbringen die Hälfte unseres
-Lebens unter der Botmäßigkeit der Gymnasialtyrannen. Schopenhauer
-hat in seiner Abhandlung über den Unterschied der Lebensalter sehr
-treffend nachgewiesen, daß der Mensch etwa mit dem zwanzigsten Jahre
-die subjektive Hälfte seiner Existenz hinter sich hat. Die Jahre der
-Kindheit sind ungleich inhaltsreicher und daher subjektiv ungleich
-länger als die des Mannes- und Greisenalters. Dem jugendlichen Geist
-ist fast jede Erscheinung der Außenwelt neu, -- und daher in einem
-gewissen Sinne epochemachend. Der Greis hat sich dagegen längst
-eine intellektuelle Blasiertheit angeeignet: es bedarf somit schon
-außerordentlicher Ereignisse, um ihn ernstlich zu influieren. Die
-Tage fliehen ihm dahin wie im Sturme; das Kommen und Gehen der
-Jahreszeiten, das dem Kinde als eine Umgestaltung des ganzen Daseins
-erscheint, macht ihm den Eindruck regelmäßiger Vibrationen; und die
-Wunschlosigkeit seiner Seele entkleidet die Dinge jenes Kolorits, das
-sie dem Kinde so wichtig und interessant macht. Kurz, die acht oder
-neun Jahre, die wir auf den Subsellien unserer Schulen versitzen,
-wiegen reichlich die vierzig oder fünfzig auf, die das Schicksal uns
-nachher noch vorbehalten hat, und die Erlebnisse der Gymnasialzeit
-bilden somit den größten Teil unserer Persönlichkeit. Es kommt noch
-hinzu, daß die Erinnerung jene frühesten Eindrücke weit lebhafter und
-frischer reproduziert als alles, was das Leben später hinzufügt. Selbst
-gedächtnisschwache Greise, die nach einer Viertelstunde vergessen
-haben, was unter ihren Augen vorgegangen ist, bewahren in der Regel
-die Bilder ihrer Kindheit in den lebhaftesten Farben, -- zu einer Zeit
-also, wo das Gehirn längst aufgehört hat, neue Begebnisse mit einiger
-Zuverlässigkeit aufzuspeichern.
-
-Den eigentlichen Reiz der Gymnasialerinnerungen kann nur derjenige
-begreifen, der selbst ein Gymnasium besucht hat, -- daher ihr Zauber
-denn in der Regel von Frauen nur in sehr fragmentarischer Weise
-gewürdigt und nicht selten absolut mißverstanden wird. Ich erinnere
-mich, daß eine meiner zahlreichen, im übrigen höchst achtbaren und
-liebenswerten Großtanten bei dem Bericht einiger Gymnasialstreiche,
-die ich zum besten gab, in ein so bedenkliches Stadium sittlicher
-Entrüstung geriet, daß ich an mir selbst irre ward und mich fragte, ob
-ich denn in der Tat jenes ruchlose Geschöpf sei, das die treffliche
-Matrone im Sinn hatte, wenn sie von einem unverzeihlichen Mangel an
-Pietät und Gesittung redete. Aber bald fand ich Trost in dem Gedanken,
-daß es dem Blinden nicht vergönnt ist, über die Farben zu urteilen,
-und mein schwankendes Selbstgefühl gewann das Gleichgewicht wieder.
-In der Tat, aus der Ferne läßt sich die Situation des Gymnasiasten
-durchaus nicht begreifen. Er steht dem »Herrn Professor« oder dem
-»Herrn Doktor« in jeder Beziehung anders gegenüber, als z. B. der
-Privatschüler dem Privatlehrer oder der Hausschüler dem Hauslehrer.
-Es wird keinem vernünftigen Menschen beifallen, in den Flegeleien, die
-eine der letztgenannten Spezies in Szene setzen könnte, etwas Witziges
-oder Amüsantes zu erblicken. Zum wahren Wesen einer humoristischen
-Schülerungezogenheit gehört als erste Bedingung der Hintergrund eines
-öffentlichen Schulsaales und die gleichzeitige ideale Beteiligung
-von dreißig bis fünfzig gleichgesinnten Seelen. Nur hier ist ein
-eigentlicher »Streich«, eine originelle Täuschung des Lehrers, eine
-graziös-perfide Störung möglich, denn die beträchtliche Ausdehnung
-des Terrains und die große Anzahl der Mitschüler eröffnet die
-Wahrscheinlichkeit, daß der Urheber dieser Unarten geheim bleibe oder
-doch erst nach langen, erheiternden Zwischenfällen entdeckt werde.
-Der ungezogene Privatschüler gleicht dem brutalen Raubmörder, der den
-arglosen Wanderer überfällt und mit Kugel oder Stahl zu Boden streckt,
-ein Akt, dem jegliche Pointe fehlt, weil eben nichts dazu gehört,
-als eine freche Stirn und eine Geringschätzung der Guillotine. Der
-verschlagene Brigantenhäuptling dagegen, der sein Opfer mit hundert
-Netzen umgarnt und ihm unter Beibehaltung aller äußeren Formen der
-Höflichkeit die Freiheit raubt, um erst nach erhaltenem Lösegeld das
-Sequester wieder aufzuheben, der geniale Spitzbube des Märchens, der
-seinem Oheim das Bettuch unter dem Leibe wegstahl und den Pfarrer samt
-dem Küster aus dem Predigerhaus entwandte, um das würdige Paar, in
-einen Sack eingeschnürt, neben die Schinken des Rauchfangs zu hängen:
-ein solcher Virtuos des Verbrechens, ein solcher Paganini der Gaunerei
-hat Anspruch auf unsere ästhetischen Sympathien. Und wie dieser
-humoristische Frevler zum Raubmörder, so verhält sich der ungezogene
-Gymnasialschüler zu den obenerwähnten Kategorien und zu allen übrigen
-Nicht-Gymnasiasten.
-
-Im Grunde sind die Missetaten der Sekundaner und Primaner so
-harmlos! Ich kenne eine Reihe höchst achtbarer und wissenschaftlich
-durchbildeter Lehrer, die gar nicht mehr existieren könnten, wenn
-ihre Schüler nicht ab und zu die gewitterschwüle Luft des Schulsaales
-durch eine erfrischende Ungezogenheit reinigten. Die »goldenen
-Rücksichtslosigkeiten« Theodor Storms bewähren sich auch hier: Nichts
-ist langweiliger, als ein Saal voll wohlgesinnter, braver Schüler,
-die ein braver, wohlgesinnter Lehrer in den Elementen des Wissens
-unterrichtet; und kein Lehrer wird von jener gemütstieferen Sorte
-von Schülern, die wir mit dem Gesamtnamen der Ungezogenheitsfähigen
-bezeichnen wollen, minder geliebt und geachtet als der stirnumrunzelte
-Schultyrann, der jede Bewegung nach rechts oder links wie ein
-Verbrechen ahndet und in Krämpfe verfällt, wenn Müller bei seinem
-Nachbar Stipelius ~sotto voce~ anfragt, wieviel Uhr es sei. ~Proh
-pudor!~ Ist denn die Schule ein Zuchthaus? Verblendeter Autokrat! Wenn
-Du wüßtest, welche Flüche Dir im stillen nachgesandt werden, sobald
-Du mit Deinen langen Beinen durch die Tür geschritten bist! Wenn Du
-die Nasen sähest, die Stipelius Dir dreht, sobald Du den Kopf wendest,
-und wenn Du die Verse gelesen hättest, die Holzmeier neulich auf Deine
-liebende Gattin dichtete! Alles, was Dich und Deine Familie angeht,
-ist ein Gegenstand des ausgelassensten Spottes für Deine sämtlichen
-zweiundfünfzig gepeinigten Schüler, und die ~noms de guerre~, mit denen
-Dich ihre geheime Rachsucht belegt, sind Legion.
-
-Wie anders ergeht es dem liberalen Denker, der sich daran erinnert,
-daß auch er vor so und so viel Dezennien auf diesen Bänken saß und
-ab und zu unter dem Tische Sechsundsechzig spielte! Ich hatte mich
-während der letzten vier Jahre meiner gymnasialischen Laufbahn eines so
-seltenen Mannes zu erfreuen, und ich wüßte nicht, daß derselbe auch nur
-ein einziges Mal in eine komische Situation geraten wäre. Solange ein
-Schüler nicht ernstlich störte oder kein allzu eklatantes Ärgernis gab,
-so lange ignorierte dieser Weltweise selbst die schwersten Verstöße
-gegen die Gymnasialordnung: war die Grenze, die seine Nachsicht
-gezogen hatte, überschritten, so verhängte er mit einer freundlichen
-Gelassenheit die zermalmendsten Strafen und fuhr dann ohne weiteres im
-Unterricht fort. Es lag beinahe etwas Wohlwollendes in seiner Stimme,
-wenn er plötzlich vom Buche aufsah und, über die Brille hinweglugend,
-irgend einem verblüfften Rebellen zurief: »Boxer, Sie haben drei
-Tage Karzer!« Keine Spur von Erbitterung malte sich dabei auf seinen
-philosophischen Zügen. Wer die Sprache nicht verstanden und bloß nach
-dem Klang der Worte geurteilt hätte, der wäre befugt gewesen, eine
-Phrase zu vermuten, wie »Bitte, schließen Sie doch das Fenster«, oder
-»Ich glaube, es zieht da hinten«.
-
-Boxer, dem diese unerwartete Anrede öfters begegnete, versuchte niemals
-zu replizieren, denn er wußte, daß Sträuben und Schweifwedeln hier
-gleich vergeblich waren. Schweigend starrte er vor sich hin und faßte,
-von bitterer Reue ergriffen, den lobenswerten Entschluß, in Zukunft
-seine Karten etwas tiefer zu halten.
-
-Dieser erfahrene Stoiker -- ich meine den Professor -- war überhaupt in
-vielen Beziehungen ein Original. Der nachstehende Vorfall erscheint in
-diesem Sinne charakteristisch:
-
-Ein gewisser Credner wurde zum Übersetzen aufgefordert und lieferte
-eine höchst ungenügende Leistung.
-
-»Warum sind Sie nicht präpariert?« fragte der Professor, über die
-Brille schielend.
-
-»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Credner mit
-einer gewissen Frische.
-
-»Heppenheimer,« sagte der Herr Professor, »schreiben Sie mal ins
-Tagebuch: ›Credner wegen Aufrichtigkeit belobt.‹«
-
-Nach diesem Credner kam die Reihe an meinen lorbeergekrönten Freund
-Wilhelm Rumpf. Er fiel durch wie sein Vorgänger.
-
-»Auch Sie scheinen nichts gearbeitet zu haben«, sprach der Professor
-wohlwollend. »Warum bereiten Sie sich nicht gründlicher vor?«
-
-»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Wilhelm Rumpf,
-die Blicke zu Boden senkend.
-
-»Heppenheimer, schreiben Sie einmal ein: ›Rumpf wegen Plagiats mit zwei
-Tagen Karzer bestraft.‹«
-
-Und Rumpf mußte auf den Karzer, da half ihm kein Gott. Die Prima aber
-fand den Ausspruch ihres Weltweisen so trefflich und wohlbegründet, daß
-sie in einen nicht zu beschreibenden Jubel ausbrach.
-
-Ganz den Gegensatz zu diesem platonischen Urbild eines Gymnasiallehrers
-bildete ein unglücklicher Choleriker, der uns in Sekunda den Virgil
-erklärte. Seine Haltung wechselte zwischen vulkanischen Wutausbrüchen
-und ohnmächtiger Schwäche. Während seiner Lehrstunden herrschte ein
-Lärm, wie er seitdem nur noch im deutschen Reichstag erhört worden ist.
-Wir lachten, schrien, sangen, husteten, scharrten mit den Füßen und
-klatschten mit den Händen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand;
-und wenn Doktor Hähnle sich endlich zu der sittlichen Tat eines
-Entschlusses aufraffte und Ruhe gebot, so erscholl ein Hohngebrüll,
-daß die Fenster klirrten. Vom Standpunkte der reinen Moral hat ein
-solcher Unfug allerdings etwas Beklemmendes; aber die Schuld liegt
-einzig auf der Seite des Lehrers. Wenn fünfzig ungezogene Jungen die
-Gelegenheit haben, straflos zu tumultuieren, so werden sie unter allen
-Umständen diese Gelegenheit ausnutzen, -- mit derselben mathematischen
-Notwendigkeit, mit der die Biene ihre Wachszellen formt und der Dichter
-seine poetischen Schöpfungen webt. Wo der Strom die Dämme einreißt,
-da verdienen nicht die Wogen unseren Groll, sondern die nachlässigen
-Deichverwalter, denen es oblag, den Anprall in den gehörigen Schranken
-zu halten. Waren es doch dieselben Sekundaner, die später in Prima von
-dem eben geschilderten Weltweisen wie spielend gebändigt wurden.
-
-Die Attentate, die wir auf die Person dieses nie genug zu beweinenden
-Doktor Hähnle ausübten, waren nach Form und Inhalt zahllos wie der Sand
-am Meere. Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung mischten sich hier in
-grotesker Buntscheckigkeit mit List und Rache. Von den zärtlichsten
-Neckereien bis zu den gröblichsten Unbilden baute unsere ruchlose
-Phantasie Staffel um Staffel, und wenn Doktor Hähnle nicht schließlich
-unter unseren sakrilegischen Krallen seinen Geist auskrähte, so geschah
-dies nur deshalb, weil er noch rechtzeitig pensioniert wurde.
-
-Wenn die ersten Kirschen reiften, so erstanden wir eines jener
-zierlichen Sträußchen, wie die Marktweiber sie, auf blankgeschabte
-Hölzer gesteckt, zum Verkauf bieten. Diese köstliche Gabe der jungen
-Natur wurde Herrn Doktor Hähnle beim Beginn der Lehrstunden als Zeichen
-der allgemeinen Liebe und Verehrung überreicht.
-
-Obgleich sich das Ereignis, das ich schildern will, bereits seit
-einem Dezennium alljährlich wiederholte, so verfehlte der also
-gefeierte Lehrer doch niemals, in den verbindlichsten Worten seinen
-Dank auszusprechen und das Sträußchen auf dem Tisch neben der Tür in
-Depositum zu geben.
-
-Nun begann die Komödie.
-
-»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«
-
-»Gehen Sie!«
-
-Der Schüler ging und zog im Vorbeigehen mit geschicktem Griffe von
-einer der zierlich zusammengebundenen Kirschen dergestalt das Fleisch
-ab, daß der Kern am Stiel sitzen blieb. Die Beute ostensibel zum Munde
-führend, verschwand er im Korridor.
-
-»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«
-
-»Gehen Sie!«
-
-Abermalige Abstreifung des Kirschenfleisches und Zurücklassung des
-entblößten Kernes.
-
-Das Sträußchen enthielt ungefähr zwölf bis fünfzehn Kirschen. Zwölf
-bis fünfzehn Schüler baten demgemäß um die Erlaubnis, »hinausgehen« zu
-dürfen.
-
-Unter mannigfachen Störungen und Impertinenzen verstrich die Stunde.
-Doktor Hähnle gewahrte sofort, welches Los man ihm bereitet hatte,
-und machte Anstalten, ohne weiteres an den Resten des Festgeschenkes
-vorüber zu wandeln. Aber das ging nicht so.
-
-»Herr Doktor, Ihr Sträußchen!« rief eine Stimme aus dem Hintergrunde.
-
-»Vergessen Sie doch Ihr Sträußchen nicht!« klang das Echo.
-
-»Ja, wo ist denn dem Herrn Doktor sein Sträußchen?«
-
-Ein vierter ergriff das Sträußchen mit den zwölf bis fünfzehn Stielen,
-an denen die Kerne elegisch herabbaumelten, und trat vor, um es dem
-verwirrten Lehrer mit Grazie zu präsentieren.
-
-Und nun erscholl ein Jubelgeheul durch die heiligen Hallen der Sekunda,
-das an die stolze Hyperbel gemahnte, mit welcher Homer das Wehgebrüll
-des verwundeten Ares zu versinnlichen sucht. Doktor Hähnle aber wies
-die schnöden Überbleibsel des Sträußchens mit Verachtung zurück und
-eilte, von einem wahren Gelächter der Hölle verfolgt, ins Freie.
-
-Ein andermal brachten wir eine Auswahl musikalischer Instrumente mit,
-etwa eine Mundharmonika, ein Blechtrompetchen und eine Maultrommel.
-An solchen Tagen herrschte in den Räumen der Sekunda eine ungewohnte
-Stille. Gewitterschwül lagerte es über den Bänken, und Doktor Hähnle
-konstatierte zu seiner eigenen bänglichen Überraschung, daß er fünf
-Minuten lang ohne Unterbrechung dozieren konnte. Da mit einemmal erhob
-sich in den fernsten Winkeln des Saales ein sanft anschwellender
-Triller, der unter der atemlosen Stille der Versammlung in ein Motiv
-aus Flotows Martha überging und plötzlich mit einem grellen Mißton
-abbrach.
-
-Donnernder, rasender Applaus.
-
-Doktor Hähnle stand wie versteinert.
-
-Abermals herrschte ein brütendes Schweigen, und jetzt ertönte in
-melodischer Abdämpfung das unheimliche Schnurren der Maultrommel,
-die dasselbe Motiv aus der Flotowschen Oper, nur etwas neckischer
-nuanciert, wiederholte.
-
-Applaus wie vorhin. Doktor Hähnle wurde dunkelrot im Gesicht. Mit der
-geballten Faust schlug er aufs Lehrpult.
-
-»Still einmal«, rief er mit bebender Stimme. »Der miserable Mensch, der
-das getan hat, soll sich noch einmal hören lassen; ich will ihm dann
-zeigen, was einer so beispiellosen Roheit gebührt!«
-
-Und wiederum schwieg die ganze Klasse wie +ein+ Mann.
-
-Eine halbe Minute ungefähr ließ das gewünschte Dakapo auf sich warten;
-dann begann wieder jene erste Sirenenstimme mit dem verführerisch
-lieblichen Triller, und das Motiv aus Martha folgte in tadelloser
-Reinheit.
-
-»So!« schrie Doktor Hähnle unter dem überschwenglichen Jauchzen der
-Schülerschaft. -- »Jetzt soll der miserable Mensch seine Frechheit
-+noch einmal+ wagen!«
-
-Die Versammlung begrüßte diese seltsame Wendung des Hähnleschen Zornes
-mit gebührender Aufmerksamkeit. Hähnle trat nunmehr vom Katheder herab,
-um von der Seite her in die Reihen der Schüler zu blicken. Indes schon
-Uhland singt:
-
- Nicht an wen'ge stolze Namen
- Ist die Liederkunst gebannt.
-
-Die Artisten auf den hinteren Bänken, die Hähnle jetzt als zunächst
-verdächtig ins Auge faßte, ließen ihre Instrumente nach vorn wandern,
-und mit einemmal erscholl das schöne Volkslied
-
- Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...
-
-aus der entgegengesetzten Richtung.
-
-Jetzt schritt Hähnle zur Untersuchung. Er begann beim Primus.
-
-»Wo haben Sie's gehört?«
-
-»Da hinten am Ofen.«
-
-»Wo haben Sie's gehört?«
-
-»Da vorn am Fenster.«
-
-»Wo haben Sie's gehört?«
-
-»Mir kam's vor, als sei's draußen.«
-
-»Wo haben Sie's gehört?«
-
-»Ich? Ich habe gar nichts gehört.«
-
-»Wo haben Sie's gehört?«
-
-»Dort am Katheder.«
-
-Diese kühne Bemerkung wurde durch Beifall auf allen Bänken belohnt.
-
-Nachdem Doktor Hähnle so eine halbe Stunde lang herumgefragt und die
-widersprechendsten Auskünfte vernommen hatte, ging er ans Werk, die
-einzelnen Schüler zu visitieren.
-
-»Treten Sie mal hier heraus«, sprach er zum Primus.
-
-Er befühlte dem lächelnden Schüler nun sämtliche Taschen, wobei
-dieser nicht verfehlte, Au! zu schreien oder allerlei unnennbare Töne
-auszustoßen, die er mit der Bemerkung entschuldigte: Ach, Herr Doktor,
-ich bin so kitzlich!
-
-Die Visitation blieb natürlich erfolglos, denn die Maultrommel war
-längst bei den noch nicht visitierten Schülern in sicheren Gewahrsam
-gebracht.
-
-So untersuchte Doktor Hähnle nun den zweiten, dritten, vierten, fünften
-und sechsten seiner mißratenen Sekundaner, ohne das mindeste zu
-entdecken.
-
-Mit einemmal faßte er einen verwegenen Entschluß. Er griff sich
-plötzlich einen Schüler aus den mittleren Bänken heraus und befahl ihm,
-schnell einmal herzukommen. Zufällig hatte der Instinkt des gequälten
-Lehrers diesmal das Rechte getroffen; aber es half ihm nur wenig. Der
-Schüler, weit entfernt, der Aufforderung Hähnles so ohne weiteres Folge
-zu leisten, stellte sich vielmehr schwerhörig, gab die musikalischen
-Instrumente mit aller Vorsicht an den Vordermann ab und fragte dann mit
-rührender Naivität:
-
-»Meinen Sie mich, Herr Doktor?«
-
-»Ja, Sie!« rief der fiebernde Hähnle. »Machen Sie nur keine Umstände!
-Kommen Sie augenblicklich heraus!«
-
-»Ach so«, sagte der Schüler; »ich dachte, Sie meinten den Heinemann.
-Ja, wenn Sie denn wirklich der Ansicht sind, ich könnte mir
-diese Störung erlaubt haben, so bin ich ja mit Vergnügen bereit,
-herauszukommen; aber Sie dürfen mir nicht in die rechte Seite kommen,
-Herr Doktor, da bin ich gestern geschröpft worden.«
-
-Doktor Hähnle ließ sich zwar in der Regel sehr viel gefallen, wie der
-geneigte Leser aus der vorstehenden Schilderung bereits entnommen haben
-dürfte; aber zuweilen nahm er an Bemerkungen Anstoß, bei denen dies
-keiner vermutet hätte.
-
-So irritierte ihn jetzt die Versicherung Kleemüllers, daß er in der
-rechten Seite geschröpft sei.
-
-»Denken Sie vielleicht, Sie können hier Ihre Possen treiben?« rief er
-mit Donnerstimme. »Ich gebe Ihnen drei Stunden Karzer!«
-
-»Weshalb?« fragte Kleemüller ruhig.
-
-»Weshalb? Ich will Sie lehren, mir mit solchen Dummheiten zu kommen!«
-
-Kleemüller nahm eine sehr ernste Haltung an.
-
-»Herr Doktor,« begann er, jedes Wort nachdrücklich betonend, »wenn ich
-sage, ich bin in der rechten Seite geschröpft, so bin ich geschröpft,
-und ich weiß nicht, was Sie an dieser Tatsache auszusetzen haben.«
-
-»Sie gehen mir jetzt sechs Stunden auf den Karzer, und überdem werde
-ich den Herrn Direktor von dem Vorgefallenen in Kenntnis setzen.«
-
-»So,« entgegnete Kleemüller, »also bei Ihnen darf man nicht einmal in
-der rechten Seite geschröpft sein? Nun, da bin ich doch neugierig, ob
-der Herr Direktor Ihre Auffassung teilt!«
-
-»Kein Wort mehr!« rief Doktor Hähnle. »Entweder Sie bringen mir ein
-ärztliches Zeugnis, daß Sie wirklich geschröpft sind, oder Sie gehen
-auf den Karzer!«
-
-»Gut«, sagte Kleemüller. »Ich werde Ihnen ein ärztliches Zeugnis
-bringen. Muß ich es auch polizeilich beglaubigen lassen?«
-
-»Kommen Sie jetzt nur mal heraus! Sie haben vorhin gepfiffen!«
-
-»Ich? Aber Herr Doktor, wenn man in der rechten Seite geschröpft ist,
-vergeht einem das Pfeifen von selbst! Ich möchte mal sehen, wenn Sie in
-der rechten Seite geschröpft wären ...«
-
-Nach diesen und ähnlichen Albernheiten begann nun bei Kleemüller die
-Untersuchung nach demselben Schema, das Hähnle vorher bei den Schülern
-der ersten Bank angewandt hatte, und mit demselben Erfolg. Da mit
-einemmal erscholl die Klingel des Pedells. Hähnle ergriff seinen Hut
-und war froh, die Untersuchung und die Lehrstunde hinter sich zu haben.
-
-Am folgenden Tage brachte Kleemüller sein Schröpfzeugnis, und so war
-auch dieser Punkt zur Zufriedenheit beider Teile erledigt.
-
-Eine besonders hervorragende Rolle in unserem Verkehr mit Doktor Hähnle
-spielten die Unglücksfälle.
-
-Ich erkläre mich deutlicher.
-
-Kleemüller, der überhaupt in körperlichen Leiden exzellierte, hatte
-sich den Fuß verstaucht und kam, auf einen Knüppel gestützt, der
-während eines nicht allzu strengen Winters ausgereicht haben würde,
-eine bescheidene Familie mit Brennmaterial zu versorgen, in das Zimmer
-gewankt. Im Begriff, sich auf seinen Platz zu begeben, fiel er langwegs
-zu Boden, die eigens zu diesem Zweck in reicher Auswahl mitgebrachten
-Bücher nach allen Richtungen hin verstreuend und mit dem Knüppel so auf
-die Dielen donnernd, daß der Staub in gigantischen Wolken aufwirbelte.
-Gleichzeitig mit diesen Staubwolken stieg Kleemüllers Klagegeschrei zum
-Himmel. Der leidende Philoktet des Sophokles kann nicht entsetzlicher
-geheult und gewinselt haben wie der gefallene Kleemüller. Die
-Töne aller Urwaldsbestien vermischten sich in dieser phonetischen
-Kraftleistung, und die entzückte Sekunda brüllte den Chor.
-
-Doktor Hähnle wartete stirnrunzelnd, bis Kleemüller sich wieder
-erhoben hatte. Die Brust des unglücklichen Philologen arbeitete in
-wilder Bewegung. Plötzlich streckte er den rechten Arm aus, richtete
-die Spitze des Zeigefingers auf denjenigen seiner Schüler, der mit
-der Führung des Klassendiariums beauftragt war, und sprach die
-vernichtenden Worte:
-
-»Heppenheimer, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Kleemüller erschien
-mit einem Stocke bewaffnet im Lehrzimmer und ließ denselben mit aller
-Wucht auf die Dielen aufpoltern!‹ So, das haben Sie sich nun selbst
-zuzuschreiben! Denken Sie, ich bin gesonnen, mir Ihre fortgesetzten
-Impertinenzen so ohne weiteres gefallen zu lassen? Nun machen Sie, daß
-Sie auf Ihren Platz kommen!«
-
-»Aber Herr Doktor,« wimmerte Kleemüller, »man wird doch noch per Zufall
-einmal hinfallen können!«
-
-»Man wird gar nichts!« entgegnete Hähnle zermalmend, und Kleemüller
-setzte sich langsam auf seinen Platz.
-
-Der beklagenswerte Lehrer trug sich von diesem Moment an wochenlang mit
-dem Bewußtsein, ein Exempel statuiert zu haben.
-
-Ein »Unglücksfall« von höchst folgenschwerer Bedeutung war das
-unerwartete Erscheinen einer Wespe.
-
-Kleemüller, der sehr nervös war, und einige gleichgesinnte Kollegen
-gebärdeten sich dann jedesmal wie Pensionsdämchen beim Anblick
-einer Ratte, und die übrigen, von christlichem Mitgefühl übermannt,
-improvisierten eine Jagd der ausgelassensten Art. Man warf Rosts
-deutsch-griechisches Wörterbuch nach dem Eindringling, ohne sich
-darum zu kümmern, daß der dickleibige Quartband ganz in der Nähe des
-Katheders niederfiel ... Man operierte mit Kappen und Taschentüchern
-und griff in der Hitze des Gefechts sogar nach dem Hut des Lehrers,
-ohne die Einsprache des geängstigten Eigentümers zu beachten. Solche
-Jagden nahmen in der Regel eine volle Viertelstunde in Anspruch. Wenn
-sie zu Ende waren, machte Hähnle seiner Erbitterung dadurch Luft, daß
-er sich, wie bei dem »Unglücksfall« mit dem Knüppel, an Heppenheimer
-wandte und im Diarium die Tatsache konstatieren ließ: eine Wespe
-sei während der Lehrstunde durch das Schulzimmer geflogen und von
-verschiedenen Schülern unter Herbeiführung mehrfacher Störungen
-verfolgt worden.
-
-Hiermit hatte er seinem pädagogischen Gewissen in jeder Beziehung
-Genüge getan. Dieses Tagebuch spielte überhaupt in dem Leben Doktor
-Hähnles eine denkwürdige Rolle. Er befahl all seine Wege und was sein
-Herz kränkte der treuen Vaterpflege dieses Institutes, ohne daß es uns
-jemals klar geworden wäre, was seine Eintragungen füglich bezweckten.
-
-Eines Tages warf einer meiner Freunde in demselben Moment, da Doktor
-Hähnle die Blicke in sein Notizbuch heftete, um eine kritische Note
-einzuschreiben, mit geschickter Fingerelastik eine Knallerbse in die
-Luft, die in der Nähe des Katheders niederfiel und den unglücklichen
-Schulmann nicht wenig erschreckte.
-
-Sofort wußte er, wo er seine Seele zu erleichtern hatte.
-
-»Heppenheimer,« schrie er, noch bleich vor Schreck und Aufregung,
-»schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Eine Knallerbse fiel in der Nähe des
-Katheders nieder und zerplatzte.‹«
-
-In der folgenden Stunde ereignete sich die überraschende Explosion
-aufs neue. Doktor Hähnle verschmähte nicht, der Wiederholung seines
-Schreckens durch folgende Tagebuchnotiz Ausdruck zu verleihen:
-
-»Abermals fiel eine Knallerbse in der Nähe des Katheders nieder und
-zerplatzte.«
-
-Dieses »Abermals« entlockte der jugendlichen Versammlung, die ein
-sehr lebhaftes Gefühl für unfreiwillige Komik besaß, ein wieherndes
-Gelächter, das Herrn Doktor Hähnle bei einiger Fähigkeit des Urteils
-hätte belehren müssen, wie wenig diese amtlichen Bestätigungen seiner
-eigenen Schande geeignet waren, den erstorbenen Respekt im Busen der
-Schuljugend neu zu beleben.
-
-Was war die Folge dieses »Abermals«?
-
-Wir wären keine Vollblut-Sekundaner gewesen, wenn wir nicht den Versuch
-gemacht hätten, ob Doktor Hähnle nicht auch zum drittenmal auf den Leim
-gehen würde. Leider schlug dieser Versuch infolge des Umstandes fehl,
-daß die Freude an dem Zerspringen der kleinen Orsinibomben bereits zu
-beträchtliche Dimensionen angenommen hatte. Ehe noch Doktor Hähnle
-seinem Heppenheimer zurufen konnte: »Zum drittenmal ...«, -- hatte
-sich bereits das vierte, fünfte und sechste Mal an den verschiedensten
-Punkten des Schulzimmers ereignet, und während der verzweifelte
-Pädagoge nach den hinteren Bänken rannte, um die verborgenen Angreifer
-zu entdecken, sandten ihm die Schüler der vorderen Bänke einen ganzen
-Hagel dieser Wurfgeschosse in den Rücken, so daß er nach einigen
-krampfhaften Wendungen die Arme schlaff am Körper herabsinken ließ,
-als wollte er sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott
-helfe mir, Amen! Nie wieder habe ich eine so klägliche Szene erlebt,
-wie dieses innerliche Zusammenbrechen des knallerbsenüberwältigten
-Virgil-Interpreten. In diesem Moment ergriff uns etwas wie Mitleid.
-Wir erkannten, daß Doktor Hähnle eigentlich für die normale
-Ungezogenheit eines Sekundaners zu schmächtig war: dieser Mann gehörte
-nach Sexta.
-
-Der beweinenswerte Lehrer schien selbst etwas von der Wahrheit dieser
-Erwägung zu fühlen: das Bewußtsein, es müsse etwas geschehen, riß ihn
-mit einemmal aus seiner Erstarrung empor. Er warf sich in Positur, hob
-die Faust und schrie mit geller Stimme:
-
-»Ihr miserablen Buben! Ich habe mich nie vor Männern gefürchtet, meint
-Ihr, ich fürchtete mich vor Euch?«
-
-Ungeheure Heiterkeit war die Antwort auf diese verunglückte Apostrophe.
-
-Mit einemmal nahm Hähnle die Haltung eines Mannes an, der mit sich und
-seinen Entschlüssen im reinen ist. Er wandelte majestätischen Schrittes
-nach dem Tisch, wo sein Hut lag, stülpte die Kopfbedeckung mit einer
-energischen Handbewegung über das Haupt und faltete dann die Arme vor
-der Brust.
-
-»So,« sagte er, »nun mag Euch Stunde halten, wer will! Ich gehe jetzt
-zum Herrn Direktor.«
-
-Die ganze Klasse wälzte sich fast vor Vergnügen. Doktor Hähnle aber
-warf uns noch einen Blick der grenzenlosesten Verachtung zu und eilte
-dann hinaus, die Tür heftig ins Schloß werfend.
-
-Sofort herrschte in den Räumen der Sekunda eine ganz erträgliche Ruhe.
-Einer von uns stand auf und eilte dem Verschwundenen nach.
-
-Doktor Hähnle hatte seinen furchtbaren Entschluß in der Tat
-verwirklicht; er war zum Direktor gegangen, hatte gemeldet, daß die
-Sekunda in offener Rebellion begriffen sei, und die Zusage einer
-exemplarischen Ahndung erhalten.
-
-Das Verhängnis sollte nicht lange auf sich warten lassen. Die nächsten
-acht Tage waren fast ausschließlich einer umfassenden Untersuchung
-gewidmet, an der sich das ganze Lehrerkollegium beteiligte. Im Anfang
-blieben die Bemühungen unserer Inquisitoren absolut fruchtlos. Die
-Sekundaner bezeugten einstimmig, daß im ganzen nur zwei Knallerbsen zur
-Explosion gelangt seien, und daß der Täter in einem gewissen Heinsius
-gesucht werden müsse, der zwei Tage nach dem bedeutsamen Ereignis das
-Gymnasium für immer verlassen hatte, um nach Amerika überzusiedeln.
-Schon gewann es den Anschein, als würde unsere Effronterie, verbunden
-mit der Leichtgläubigkeit unserer Lehrer, diesmal den Sieg davontragen:
-aber siehe da, es fand sich ein braver, gesitteter Schüler, der den
-Verräter spielte. Ich und fünf andere der hervorragendsten Frevler
-wurden von diesem verkappten Mouchard bei der Direktion angezeigt --
-ein Zwischenfall, der dem Gange der Untersuchung eine wesentlich neue
-Richtung gab.
-
-Der Reihe nach in das Zimmer des Direktors beschieden, verharrten wir
-zunächst bei unserer Aussage, daß Heinsius die Knallerbsen geschleudert
-habe; ungünstige Konstellationen zwangen uns indes nach kurzer Frist
-ein »reumütiges« Geständnis ab.
-
-Samuel Heinzerling nahm alles mit hochwichtiger Amtsmiene zu Protokoll.
-Über die Art und Weise, wie wir beim Schleudern der Knallerbsen zu
-Werke gegangen seien, hatte ich mit dem ernsten Gymnasialfürsten eine
-anderthalbstündige Unterredung. Er wollte absolut nicht glauben,
-daß es möglich sei, diese Schleuderung lediglich mit den Fingern
-zu bewerkstelligen, und fügte seinen hierauf bezüglichen Zweifeln
-jedesmal die Bemerkung hinzu, daß fortgesetztes Leugnen »onsere Lage
-nor verschlämmern könne«. Erst als ich mich erbot, den Herrn Direktor
-durch den Augenschein zu belehren, wie vollkommen es möglich sei,
-durch eine kräftige Bewegung des Handgelenkes die erforderliche
-Wurfgeschwindigkeit zu erreichen, gab sich der Skeptiker mit der
-Bemerkung: »Non, wär wollen das dahingestellt sein lassen«, zufrieden.
-
-Das Endresultat dieses unvergeßlichen Abenteuers war für sämtliche
-Teilnehmer in hohem Grade verhängnisvoll. Zwei von uns wurden
-relegiert, wir übrigen erhielten Karzerstrafen bis zu zehn Tagen, und
-Doktor Hähnle ward von dem Unterricht in Sekunda »auf sein Ansuchen«
-entbunden. Ein Vierteljahr später las man in dem großherzoglichen
-Regierungsblatt, daß Doktor Ephraim Hähnle in Anerkennung seiner
-langjährigen Dienste pensioniert worden sei.
-
-Wer erkennt nicht den tieferen Sinn, der in dieser knabenhaften
-Rebellion gegen einen unfähigen Pädagogen liegt? Ein ohnmächtiger
-Lehrer ist gerade dem mutwilligsten und ausgelassensten Schüler
-~a priori~ ein Greuel, denn die Schwäche scheint seine Unarten in
-einer Weise herauszufordern, die seinen Stolz beleidigt. Es ist kein
-Verdienst, da Exzesse zu begehen, wo die Straflosigkeit so gut wie
-gewiß erscheint; auch soll der Exzeß nicht die Regel sein, weil er
-sonst viel von seinem eigentlichen Reiz einbüßt. Doktor Hähnle ward
-gestürzt wie eine unfähige Regierung, und jede Regierung, der die
-Revolution über den Kopf wächst, erleidet genau das, was ihr gebührt.
-
-In Prima benahmen wir uns schon aus eigenem Antrieb gesetzter, ganz
-abgesehen davon, daß sich unter den Lehrern der Prima kein Hähnle
-befand. Die originellste Figur war hier ohne Zweifel der Direktor
-Samuel Heinzerling, ein jovialer, den Regungen des Humors nicht
-unzugänglicher Mann, der sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreute.
-Wir nannten ihn Pater und sagten ihm am Schlusse unserer lateinischen
-Aufsätze alle erdenklichen Schmeicheleien, die der »~rector gymnasii
-illustrissimus, justissimus, dilectissimus~«, wie er in solchen Hymnen
-gewöhnlich qualifiziert wurde, ganz beifällig aufnahm und mit einem
-»~Valde placet~« am Rande der Arbeit belohnte.
-
-Nur eine schwache Seite hatte dieser vortreffliche Pädagoge: er litt
-nämlich an dem Vorurteil, ein gerechter und vollkommener Primaner
-müsse des Morgens präzis mit dem Glockenschlage auf seinem Platze
-sein. Nun ist es eine erfahrungsgemäße Tatsache, daß die Freuden des
-Morgenschlummers um so entschiedener gewürdigt werden, je mehr sich der
-Mensch innerlich und äußerlich entwickelt; und ich insbesondere war
-bereits in Unterprima ein unversöhnlicher Gegner des altklassischen
-Wahlspruches: ~Aurora musis amica~.
-
-Noch jetzt empfinde ich, wenn ich mich vorübergehend in meiner
-Vaterstadt aufhalte und des Morgens um drei Viertel auf sieben
-den Schall des kleinen bimmelnden Glöckchens vernehme, das die
-Munizipalität eigens für die Bedürfnisse der Schulen auf dem
-Stadtkirchturme angebracht hat, ein dunkles, beklemmendes Unbehagen,
-das mir im Anfang durchaus rätselhaft erscheint, bis ich mir darüber
-klar werde, daß es die Erinnerung an meine Primanerzeit ist, die mir
-diese Gefühle im Busen zeitigt.
-
-Es war doch eine peinliche Situation ...! Man lag, von den köstlichen
-Armen eines jugendkräftigen Schlafes umfangen, sorg- und ahnungslos auf
-der Matratze und träumte von Hulda, der schwarzäugigen Schauspielerin,
-die des Tags zuvor im Linkerschen Saale so unvergleichlich die
-Anna-Liese gespielt hatte, oder von Pauline, der blonden Tochter
-des Stadtpredigers: da mit einemmal erscholl die klappernde
-Monotonie dieses verwünschten metallenen Weckers, und die duftigen
-Phantasiebilder zerflossen in Rauch vor dem unbarmherzigen Tageslichte
-der Wirklichkeit. Im Traume vielleicht ein König, ein Gott, sah man
-sich jetzt wieder zum Sklaven der Stunde herabgewürdigt; der Zwang
-des Müssens trat in qualvoller Zudringlichkeit an uns heran und legte
-uns die eisernen Hände aufs Herz, so daß es tief gedemütigt in sich
-zusammenschauerte.
-
-Es begann nun jener stets von neuem auszufechtende Kampf zwischen der
-Neigung und der Pflicht. Man dehnte und streckte sich, als wolle man
-die Freuden der zwei, drei Stunden, die man unter anderen Umständen
-noch verträumt und verdämmert hätte, gleichsam im Extrakt genießen.
-Man legte sich »noch für zehn Minuten« auf die andere Seite, um
-schon nach Ablauf von dreißig Sekunden emporzufahren und nach der
-Zeit zu sehen. Man beneidete seinen älteren Bruder, der Student war
-und jeden Morgen bis elf Uhr in den Federn blieb. Man fluchte der
-irrationellen Einrichtung des Stundenplans, der die Klufenbrecherschen
-Auseinandersetzungen über Mathematik recht gut auf eine passendere Zeit
-hätte verlegen können, und schwur sich, sobald man das Gymnasium hinter
-sich habe, das Versäumte mit aller Macht nachzuholen.
-
-Unterdessen verstrich eine Viertelstunde, und von neuem hob der
-entsetzliche Klöppel auf dem Stadtkirchturme zu wimmern an. Jetzt
-sprang man mit gleichen Füßen aus dem Bett und kleidete sich mit einer
-Geschwindigkeit an, die uns seitdem zum Mythus geworden ist. Nach
-Verlauf von fünf Minuten war man im Freien: den Kaffee hatte man wie
-ein hastiges Stehseidel hinunter gestürzt, und die Semmel pflegte
-man sich ohnehin zum behaglichen Verbrauch während der Lehrstunden
-aufzusparen.
-
-So schnell man jedoch hier zu operieren wußte, die verlorene
-Viertelstunde konnte nicht wieder eingebracht werden, und so kam man
-denn regelmäßig um zehn, ja selbst fünfzehn und zwanzig Minuten zu spät.
-
-Unser Direktor fand dieses Zuspätkommen empörend. Er hatte, um dem
-immer bedrohlicher um sich greifenden Mißbrauche energisch zu steuern,
-die Anordnung getroffen, daß jeder, der ohne genügende Entschuldigung
-den Beginn der Lehrstunden versäume, mit dem Vermerk »zu spät gekommen«
-notiert würde, und daß jeder, der innerhalb einer Woche zweimal notiert
-worden sei, einen Tag lang in den Räumen des Karzers über die Pflichten
-des Primaners nachzudenken habe.
-
-Da ich auch ohne diesen Extrazuschuß oft genug meiner Freiheit beraubt
-wurde, so strengte ich alle Kräfte an, um der peinvollen Eventualität
-einer doppelten Notierung vorzubeugen, und zu diesem Zweck bedurfte
-ich einer Reihe genügender Entschuldigungen, deren Beitreibung meinen
-ganzen Scharfsinn in Anspruch nahm.
-
-Zum Glück war der Direktor keine skeptische Natur. Er ließ selbst
-das Unwahrscheinliche, wenn es mit einer gewissen Keckheit
-vorgetragen wurde, unbeanstandet passieren. Ich hatte mir im Laufe
-der Semester eine solche Virtuosität der Erfindung angeeignet,
-daß ich am Schluß meiner Gymnasiallaufbahn nahe daran war, ein
-»Leichtfaßliches Entschuldigungshandbuch für Gymnasiasten und
-Realschüler« zusammenzustellen, das ohne Zweifel ein ebenso dankbares
-als zahlreiches Publikum gefunden hätte. Ich will an dieser Stelle
-einige der wirksamsten Entschuldigungen planlos aneinander reihen, um
-so dem ~dulce~ doch wenigstens einen Gran von ~utile~ beizumischen.
-Vielleicht sieht sich ein deutscher Verleger bei der Lektüre dieser
-Zeilen veranlaßt, mich zur Ausarbeitung des damals projektierten Werkes
-nachträglich aufzufordern. Gefällige Anträge erbitte ich direkt unter
-meiner Adresse.
-
-Einer der wichtigsten Faktoren im Gebiete der Gymnasialentschuldigungen
-ist der Onkel. Ein Gymnasiast kann sich gar nicht genug Onkels halten.
-Ein Onkel ist in jeder Beziehung verwendbar namentlich aber für das
-Zuspätkommen:
-
-»Ich mußte meinen Onkel an den Bahnhof begleiten.«
-
-»Mein Onkel hatte einen Schlaganfall.«
-
-»Mein Onkel feiert heute seinen fünfundsechzigsten Geburtstag.«
-
-»Mein Onkel aus Havelberg ist angekommen.«
-
-~NB.~ Ist der Onkel aus Havelberg einigermaßen mit dem
-Gymnasialdirektor bekannt, so fügt man hinzu:
-
-»Er läßt auch schönstens grüßen, und wenn sein Aufenthalt nicht gar zu
-kurz wäre, würde er sich die Ehre geben.«
-
-Bei Samuel Heinzerling waren diese Onkel-Entschuldigungen stets von
-augenblicklicher Wirkung.
-
-»Non, es äst goot«, sagte er befriedigt lächelnd. Nur wenn ich in der
-Zerstreutheit die frohe Botschaft von der Ankunft meines Onkels aus
-Havelberg an zwei aufeinander folgenden Tagen zum besten gab, wagte er
-die überraschte Bemerkung:
-
-»Schon wäder? Ähr Onkel scheint aber auch recht väl zo reisen!«
-
-Ich erkannte sofort meinen Irrtum, sagte jedoch so unbefangen als
-möglich:
-
-»O ja, Gott sei Dank, er ist noch recht rüstig.«
-
-Es versteht sich von selbst, daß unter Umständen auch Tanten in
-gleicher Richtung verbraucht werden können. Hier empfiehlt es sich,
-von Zeit zu Zeit eine Kindtaufe zu erfinden oder aber, falls man die
-Anwendung unvermählter Tanten vorzieht, hysterische Krämpfe in Ansatz
-zu bringen.
-
-Wenn ich die verwandtschaftlichen Beziehungen hinlänglich in
-Kontribution gesetzt hatte, griff ich in das Kapitel gewisser
-häuslicher Vorkommnisse und beantwortete die Frage des Direktors:
-»Warum kommen Sie zu spät?« mit der schlagenden Bemerkung:
-
-»Mein Waschwasser war gefroren.«
-
-Oder:
-
-»Unsere Köchin hat sich verschlafen.«
-
-Oder:
-
-»Meine Uhr ging falsch.«
-
-Alle diese Entgegnungen fand der Direktor vollkommen »genügend« --
-ich hätte denn die Unvorsichtigkeit begehen müssen, die Mär von dem
-gefrorenen Waschwasser in den Hundstagen vorzubringen.
-
-In Oberprima, wo ich die ersten Spuren eines sprossenden Bartes zu
-verzeichnen hatte, behauptete ich sogar einmal, mein Barbier habe sich
-verspätet.
-
-»So?« fragte der Direktor. »Non, äch dächte, in Ährem Alter brauchte
-man säch noch nächt rasären zo lassen! Wä äch so alt war, dachte äch
-nämals an dergleichen Allotria. Öbrigens, Sä haben ja noch Ähren ganzen
-Anflug von Bart äm Gesächt stehen. Wo haben Sä säch denn rasären
-lassen?«
-
-»Herr Direktor, das ist es ja gerade. Ich habe mich eben nicht rasieren
-lassen, und deswegen steht der Bart noch. Heute war mein Rasiertag.
-Jedesmal den fünfzehnten lasse ich mich rasieren.«
-
-»Non, es mag goot sein! Sagen Sä Ährem Barbär, er soll in Zokonft
-zeitiger kommen: wär können här nächt auf ähn warten.«
-
-Und hiermit nahm ich freudestrahlend meinen Platz ein.
-
-Als weitere Entschuldigungen führe ich nur noch kurz die nachstehenden
-an:
-
-»Ich fiel, zerriß mir die Beinkleider und mußte wieder umkehren.« --
-»Ich ward beim Vorübergehen an einem Hause der Kreuzstraße mit einer
-eigentümlichen Flüssigkeit begossen etc.« -- »Ich bekam eine Ohnmacht.«
--- »Auf dem Sandwege war die Passage durch drei ineinander gefahrene
-Wagen versperrt. Ich mußte daher den Umweg über die neue Kurstraße und
-den Kommandantenplatz nehmen.« -- »Ich wurde irrtümlich verhaftet.« --
-»Ich habe mir den Fuß verstaucht.« -- »Es war Glatteis.«
-
-Bei dieser letzten Phrase wird sich der Lehrer naturgemäß wundern, daß
-er von einer so unverkennbaren Naturerscheinung nichts gemerkt habe.
-
-»So?« wird er fragen. »War Glatteis?«
-
-Die Mitschüler ermangeln nicht, diese Frage unbedingt zu bejahen.
-
-»Das heißt,« fügt nun der zu spät gekommene Schüler hinzu, »nur an
-einzelnen Stellen. Sie sind vielleicht über den Hohlweg und am Rathaus
-vorübergegangen; dort ist die Temperatur in der Regel um einige Grad
-höher als in den feuchteren Gegenden an der Seltersgasse und dem
-Waldtore.«
-
-Während der Monate Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März
-und April wird der Lehrer kaum Anstand nehmen, diese klimatologische
-Bemerkung als letztes Wort gelten zu lassen.
-
-Unser trefflicher, unvergeßlicher Direktor hatte es sich selbst
-zuzuschreiben, wenn seine Schüler auf diese Weise Fortschritte im
-Gebiete der Unwahrheit machten. Warum haftete er mit so eigensinniger
-Starrköpfigkeit an dem Prinzip des einzuhaltenden Glockenschlages? Gern
-hätten wir uns auf das Kompromiß des akademischen Viertels eingelassen;
-aber da sich die Gymnasialregierung absolut weigerte, uns auch nur auf
-dem achten Teile des Weges entgegenzukommen, so sahen wir uns genötigt,
-unsere Zuflucht zu dem Mittel eines intellektuellen Schleichhandels zu
-nehmen, der höheren Ortes ohne Zweifel in seinem wahren Wesen erkannt,
-dennoch aus Opportunitätsgründen respektiert wurde.
-
-
-
-
-Der entrüstete Oberlehrer.
-
-
- Traun, jetzt bin ich es müde! Beim Zeus, das schändet die Klasse!
- Flink auf den untersten Platz! Schmelzer, was träumen Sie noch?
- Vorwärts! Hören Sie nicht? Dem Besonnensten reißt die Geduld hier,
- Wo sich das Nichtstun frech paart mit der Stupidität!
- Bildet der schreckliche Mensch mir ein Imperfektum »~etypson~«!
- Wahrlich, die Muse verhüllt schaudernd ihr Göttergesicht!
- Nie ward gleiches gehört in den würdigen Räumen Sekundas:
- Kaum ein Quartanergemüt wagte so schnödes Gewäsch!
- Soll ich den Otto vielleicht, das winzige Knäbchen, zitieren,
- Daß mit korrektester Form stolz es den Vetter beschämt?
- Gehen Sie in sich, Schmelzer! Dies Imperfektum »~etypson~«
- Flößt für die Zukunft mir trübste Befürchtungen ein.
- Wer da »~etypson~« sagt, der sagt auch: »Lasset uns kneipen!«
- Feist in bavarischem Bier schlemmt er die Gelder hinab.
- Wer da »~etypson~« sagt, der schwänzt und wütet im Tabak;
- Selbst auf erotischem Feld weckt er gerechten Verdacht.
- Wie? Sie trumpfen noch auf? Sie zucken die störrische Achsel?
- Holt den Pedellen mir her! Piesecke, tragen Sie ein:
- »Schmelzer, weil er »~etypson~« als Imperfektum gebildet
- Und den kymmerischen Bock nicht, wie es billig, bereut,
- Sondern Gebärden gewagt, die empörende Frechheit bekunden,
- Stracks auf den Karzer geschickt!« Marsch nun zur Türe hinaus!
- So -- jetzt fahren Sie fort! Ja, ja, so fügt es Ananke!
- Freundlich im schweren Beruf stärke mich, Meister Apoll!
-
-
-
-
-Der Bierparagraph.
-
-
-Die Art und Weise, wie die Schüler der oberen Gymnasialklassen von
-den Schulgesetzen ~in abstracto~ und ihren einzelnen Lehrern ~in
-concreto~ behandelt werden, hat, streng genommen, etwas Naives, denn
-sie basiert auf Voraussetzungen, die eine merkwürdige Unkenntnis
-der tatsächlichen Verhältnisse bekunden. Es waltet hier teils der
-himmelschreiendste Irrtum, teils der unbegreiflichste Optimismus vor.
-Die ernsten Männer, die in ihrer Eigenschaft als Oberstudienräte
-die Zusammenstellung jener Gesetzesparagraphen beaufsichtigt haben,
-verstanden sehr viel von der theoretischen Pflicht, aber sehr wenig
-von dem praktischen Leben. Das moderne Gymnasialgesetz verwechselt den
-Begriff einer öffentlichen Lehranstalt, die nur zu gewissen Stunden
-besucht wird, mit dem eines Pensionats, das die Schüler sozusagen mit
-Leib und Seele aufnimmt und nicht allein ihren Unterricht, sondern
-ihre moralische und gesellschaftliche Erziehung leitet. Es ist
-lächerlich, die Befugnisse des Gymnasiums in der angedeuteten Richtung
-zu erweitern, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil seine Mittel
-nicht zur Durchführung ausreichen. Wo die Kontrolle fehlt, da ist alles
-Befehlen und Verbieten ein zweischneidiges Schwert. Anstatt sich also
-damit zu begnügen, den Gymnasiasten während der Lehrstunden im Zaume
-zu halten, ihm gelegentlich die christlichen Tugenden einzuprägen und
-die Norm aufzustellen: Sobald du irgendwie einen öffentlichen Skandal
-erregst, gleichviel durch welche Handlung, so wanderst du auf den
-Karzer, -- anstatt sich dieser klugen Reserve zu befleißigen, mischt
-sich das Gymnasium in Dinge, die nicht nur über seine vernunftgemäßen
-Befugnisse, sondern in der Regel sogar über die Möglichkeit einer
-Beaufsichtigung weit hinausgehen.
-
-So erklärt die Gymnasialordnung das Besuchen von Wirtshäusern
-für unmoralisch und ahndet die Zuwiderhandlung mit mehr oder
-minder beträchtlichen Freiheitsstrafen. Was man bei diesem Verbot
-beabsichtigt, liegt klar zutage: nicht den Wirtshausbesuch an sich,
-sondern den daraus erwachsenden Mißbrauch wolle man hintertreiben.
-Naiv und idealistisch wie sie sind, glauben die Oberstudienräte diesen
-Zweck durch ein Radikalverbot zu erreichen; aber sie haben nur eins
-erreicht: der anständige Gebrauch eines an sich harmlosen Instituts
-ward zum Verbrechen gestempelt, ohne daß der unanständige Gebrauch,
-der Mißbrauch, ernstlich verringert würde. In der Tat läßt sich nicht
-absehen, warum es für den achtzehnjährigen Primaner eine Sünde sein
-soll, gelegentlich ein Glas Bier zu trinken, während der Kommis schon
-in früheren Jahren das gleiche leistet, ohne darum die Achtung seiner
-Mitbürger einzubüßen. Weit richtiger und wirkungsvoller würde es sein,
-wenn das Gymnasium den allgemeinen Grundsatz aufstellte: »Benehmt
-Euch anständig!« -- ohne weiter auf die Details einzugehen. In jedem
-einzelnen Falle würde dann das freie Ermessen des Lehrers darüber
-entscheiden, ob dieses erste und vornehmste Gebot des Gymnasiasten
-befolgt oder verletzt worden wäre. Ein solcher Appell an das Taktgefühl
-der jungen Leute bei theoretischer Anerkennung ihrer unbedingten
-Selbständigkeit müßte auch moralisch von ungleich günstigeren Erfolgen
-sein, als die alberne und demütigende Methode, die jetzt noch vielfach
-im Schwunge ist.
-
-Der Bierparagraph war auch mir in den Tagen meiner Gymnasiastenschaft
-ein fortwährender Grund des Verdrusses und der Erbitterung. Wenn ich
-so an heißen Juliabenden bei den Hecken des Lohseschen Felsenkellers
-vorüber kam und den Direktor Samuel Heinzerling erblickte, wie er
-im Kreise seiner zahlreichen Familie ein Seidel nach dem andern
-hinter die schwarze Krawatte goß, so war mir zu Mut wie einem Pariser
-Vorstadtbewohner, der im zerlumpten Kittel durch das Bois de Boulogne
-schlendert und die prunkvollen Equipagen des Quartier Saint Germain
-vorbeieilen sieht. Warum schwelgte dieser graue Epikuräer im vollen,
-während ich, ein Kind der Entbehrung, fernab an der Böschung stand
-und meine Sehnsucht bändigen mußte? Wäre ich jetzt kühnlich auf die
-Plattform gewandert, hätte ich unbekümmert um Samuel und seine Töchter
-Ismene, Winfriede, Laura und Vitriaria vor einem der braun gestrichenen
-Tische Platz genommen und einen Schnitt bestellt, so war mein Schicksal
-besiegelt. Am andern Morgen hätte der strenge Autokrat mich in
-folgender Weise apostrophiert:
-
-»Eckstein! Sä waren mer gestern wäder mal auf dem Felsenkeller! Sä
-haben dä Ongeböhrlichkeit Ähres Benehmens so weit geträben, daß Sä
-sogar, ohngeachtet Sä mäch bemerkt haben, einen Schnätt bestellten.
-Sä gehen mer zwei Tage auf den Karzer! Knebel, schreiben Sä änmal äns
-Tagebooch: Eckstein, weil er än einem öffentlichen Bärlokal einen
-Schnätt bestellte, mit zwei Tagen Karzer bestraft. Heppenheimer, rofen
-Sä den Pedellen!«
-
-Das sieht fast wie ein ~tableau chargé~ aus, aber es ist eine
-Photographie, streng nach der Natur. Samuel Heinzerling hatte nur
-selten das Glück, einen Schüler wegen »Wärtshausbesochs« abzufassen,
-denn wir kannten die Lokale, die er zu frequentieren pflegte, und
-vermieden sie: aber wenn er einen ertappte, so übte der ~rector
-illustrissimus~ in der oben geschilderten Weise Justiz, und die Form
-seines »Eintrags« im »Tagebooch« variierte nur wenig. Niemals ist es
-erhört worden, daß er einem kneipenden Schüler die Strafe erlassen
-hätte; es war, als fürchte er, der Durst seiner Primaner könnte die
-Befriedigung seines eigenen Durstes in Frage stellen, wie er denn in
-der Tat stets in den Herbstmonaten, wenn das sogenannte Salvatorbier
-ausgetrunken und durch eine geringere, später gebraute Sorte ersetzt
-war, düsterer und grämlicher dreinschaute als in der eigentlichen
-Saison.
-
-Trotz dieser exklusiven Richtung unseres Direktors zechten wir schon in
-Sekunda ganz wacker. Wir hatten eine Stammkneipe, deren Inhaber, von
-der Ungehörigkeit der Gymnasialgesetze im tiefsten Innern durchdrungen,
-alles anstrebte, um uns das Joch unserer Schülerschaft nach Möglichkeit
-zu erleichtern. Leider bot sein Lokal nicht unbedingte Sicherheit, da
-sich mitunter auch ein Lehrer in diese traulichen Räume verirrte. Der
-alte Lorenz wußte uns in solchen Fällen rechtzeitig von der drohenden
-Gefahr zu verständigen. Es war hergebracht, daß wir vor dem Eintreten
-an den Schalter klopften. Lorenz zog dann die Klappe weg und grinste.
-Dieses Grinsen bedeutete so viel als: die Luft ist rein. War Lorenz
-nicht am Faß tätig, so versah einer von seinen Söhnen das Amt des
-Schenkwirts interimistisch, und diese Söhne bewerkstelligten jenes
-orientierende Grinsen weit unzuverlässiger als der Vater; daher es sich
-denn hin und wieder ereignete, daß wir unseren Peinigern ahnungslos in
-die offenen Arme liefen.
-
-Eines Nachmittags -- es war im August des Jahres 18** -- hatte uns
-Samuel Heinzerling durch eine furchtbare Auseinandersetzung über
-das Wesen des lateinischen Konjunktivs gemartert und am Schlusse
-seiner Rede ein neues Thema für den lateinischen Aufsatz gegeben:
-»~Quaeritur utrum Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne.~«
-Am Schlusse der Lehrstunde verspürte ich einen unwiderstehlichen
-Durst, und mein Freund Wilhelm Rumpf teilte diese Empfindungen, so
-daß er meinen Vorschlag, in der Schenke des alten Lorenz ein Seidel
-zu schlürfen, ohne weiteres genehmigte. Arm in Arm schritten wir über
-den Ludwigsplatz. Vor der Engelhardtschen Buchhandlung begegnete uns
-Wilhelm Rumpfs angeheirateter Onkel, ein liebenswürdiger alter Herr,
-der gern seinen Spaß mit uns trieb und auch heut nicht umhin konnte,
-uns mit einer scherzhaften Phrase dingfest zu machen. Wir kannten zwar
-die humoristischen Redensarten des Onkels seit lange auswendig; aber
-die selbstgefällige Freude, mit der er sie immer und immer wieder
-vortrug, verfehlte nie ihre Wirkung. Besonders tiefsinnig schien ihm
-der anachronistische Scherz von den Kanonen des Hannibal, und er besaß
-ein bewundernswürdiges Talent, von jedem beliebigen Gesprächsthema auf
-dieses Bonmot abzulenken. -- Als er uns nach längerer Kauserie wieder
-freigab, hatte unser Durst gewaltige Dimensionen angenommen, und im
-Geschwindschritt eilten wir der Stätte zu, wo wir so oft gegen die
-Paragraphen des Gymnasialgesetzes gefrevelt hatten.
-
-Wir klopften an den Schalter. Der alte Lorenz war diesmal wieder
-»dienstlich verhindert«, und sein ältester Sohn Fritz stand vor dem
-Schenktische.
-
-Der Bursche warf uns einen beruhigenden Blick zu, und so schritten
-wir denn ahnungslos ins Lokal und suchten mit jener prüfenden
-Unsicherheit, die jedem Neueintretenden eigen ist, nach einem Tische,
-um uns niederzulassen.
-
-Da -- wer beschreibt unser Erstaunen, unsere Verwirrung, als wir in der
-entferntesten Ecke des langen, bandartigen Kneipzimmers die nur allzu
-wohlbekannte Gestalt Samuel Heinzerlings wahrnahmen! Der Vortrag über
-den lateinischen Konjunktiv schien nicht allein uns durstig gemacht zu
-haben, denn das Seidel, das der Direktor vor sich stehen hatte, war
-bis auf einen traurigen Rest ausgeschlürft. Samuels Angesicht glühte
-in dunkler Röte. Ich schwankte, ob ich dies Echauffement der Glut des
-Augusttages oder dem Zorn über unser vermessenes Eintreten zuschreiben
-sollte: beide Umstände mochten in gleicher Weise mitgewirkt haben.
-Ich ergab mich schon stillschweigend in mein Schicksal. Die zwei Tage
-Karzer dünkten mir ebenso unvermeidlich, wie dem Delinquenten, der
-unter dem Fallbeil liegt, die Enthauptung. Auch Samuel Heinzerling
-schien von der Notwendigkeit dieser Lösung durchdrungen, denn jetzt
-spielte um seine Lippen ein halb verdrießliches, halb siegesgewisses
-Lächeln, und mit grimmigem Finger rückte er an der großen rundglasigen
-Brille.
-
-Aber wir hatten die Rechnung ohne Wilhelm Rumpf gemacht. Ehe ich noch
-ahnte, was er vor hatte, faßt er mich am Arm, und sagte mit einer
-Stimme, in der die Fülle der höchsten seelischen Genugtuung widerklang:
-
-»Komm, da sitzt ja der Herr Direktor! So habe ich mich doch nicht
-getäuscht.«
-
-Samuel Heinzerling starrte uns an, als habe die Vermessenheit Rumpfs
-ihn versteinert.
-
-»Wälhelm« aber schritt kühn auf ihn zu, zog die Mütze und verneigte
-sich mit einem artig gelispelten: »Guten Tag, Herr Direktor, verzeihen
-Sie gütigst, wenn wir Sie stören!«
-
-»Rompf, was onterstehn Sä sich?«
-
-»Entschuldigen Sie gütigst«, stammelte Rumpf mit verbindlichem Lächeln.
-
-»Was haben Sä här zo sochen? Äch kann mer schon denken, was för
-Nächtsnotzigkeiten Sä wäder auf'm Korn haben!«
-
-»Ich habe Sie auf dem Korn, Herr Direktor. Ich wollte mir nur die
-ganz ergebene Frage erlauben, ob wir den Aufsatz: »~Quaeritur utrum
-Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne~« auch in Dialogform
-behandeln dürfen. Mein Freund da behauptet, nein; ich aber bin in der
-Ansicht, daß diese Form sich ganz besonders für ein derartiges Thema
-eignet, denn, sagen Sie selbst, Herr Direktor: wenn man so die Tugenden
-und die Laster Alexanders des Großen gegeneinander abwägen will, so
-ergibt es sich ganz natürlich, daß man jede dieser verschiedenen
-Auffassungen eine Person substituiert. Hat nicht z. B. Lessing in
-seinem Gespräche über Freimaurerei ...«
-
-»Schon goot!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling.
-
-»Wir dürfen's also in Dialogform behandeln?« fuhr Wilhelm Rumpf fort.
-»Ich wollte mich doch gleich vergewissern. Wir sahen Sie da eben
-hereintreten, und da ich die Absicht habe, noch heute Abend an die
-Disposition zu gehen ...«
-
-»Rompf, Sä sänd ein Schelm; aber es läßt säch nächt leugnen, Sä haben
-säch got herausgebässen. Än Zokonft warten Sä mer höbsch draußen, bäs
-äch wäder hänaus komme. So lange hat Ähre Däsposätion wohl Zeit. Kennen
-Sä nächt dä Vorschräft des Gämnasialgesetzes, daß es den Schölern
-onserer Anstalt verboten äst, öffentläche Lokale zo besochen?«
-
-»Entschuldigen Sie, Herr Direktor,« sagte Rumpf im Tone eines
-Gekränkten, »es ist den Schülern verboten, die Lokale allein zu
-besuchen; wenn sie aber wissen, daß sie innerhalb dieser Lokale einen
-Lehrer oder gar den Direktor der Anstalt treffen, so scheint es mir den
-Gesetzen des Gymnasiums durchaus nicht zuwider zu laufen, wenn man in
-der Absicht einer wissenschaftlichen Anfrage ...«
-
-»Schwätzen Sä säch den Hals nächt noch trockener, als er schon äst! Äch
-wäderhole Ähnen, Sä haben säch got herausgebässen, ond non wäll äch
-Ähnen erlauben, daß Sä mät Anstand än Glas Bär tränken. Hören Sä? Aber
-nor +ein+ Glas: von där däalogischen Form wollen wär än däsem Falle
-absehen.«
-
-»Herr Direktor sind zu gütig, aber ich versichere Sie, wir dachten
-durchaus nicht ...«
-
-»Frätz!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling, »brängen Sä mal drei
-Seidel! So, ond non lassen Sä säch's got schmecken. Wahrhaftig Rompf,
-wenn Sä änmal später än den Verhältnissen des börgerlichen Lebens so
-väl Geistesgegenwart an den Tag legen, wä jetzt bei Ähren leider nor
-zo oft wäderholten Lompenstreichen, so werden Sä ein beröhmter Mann
-werden.«
-
-Wir nahmen Platz und ließen uns das unter so gefährlichen Umständen
-erworbene Bier trefflich munden. Nach Verlauf von zehn Minuten erhob
-sich unser jovial-liebenswürdiger Direktor vom Sitze, was für uns
-natürlich das Signal war, ein gleiches zu tun. Draußen vor dem Tore
-trennten wir uns. Nach zehn Schritten machte Heinzerling Kehrt.
-
-»Non, Rompf. Sä haben ja noch keine Antwort wägen der däalogischen
-Behandlung? Es scheint, daß Ähre Däsposätion doch nächt so große Eile
-hat, wä Sä vorgeben?«
-
-»~Qui tacet, consentire videtur~«, sagte Rumpf mit unerschütterlicher
-Gelassenheit. »Sie haben meine Frage unbeantwortet gelassen, also
-schließe ich daraus, daß Sie meine Ansicht billigen. Die Grundzüge des
-Aufsatzes habe ich mir bereits beim Bier überlegt.«
-
-»Nochmals, Sä sänd ein Schelm,« lachte Samuel, indem er den
-breitkrempigen Hut in die Stirne zog. »Aber nähmen Sä säch än acht! Äch
-för mein Teil habe Sänn för Humor, und lasse mer ab ond zo selbst eine
-kleine Dommheit gefallen, wenn sä mät Grazie ond attischem Salz gewörzt
-ist. Äch känne jedoch Leute, dä för dä Reize der Komäk ongleich weniger
-empfänglich sänd! Da könnten Sä mät Ähren olämpischen Konstgräffen sehr
-öbel anlaufen! Danken Sä Gott, daß äch här gesässen habe: wäre äch zom
-Beispiel mein Schwägersohn, der Ordänarius von Obersekunda gewäsen, so
-hätten Sä kein Bär, sondern Cachot gekrägt! Märken Sä säch das!«
-
-Und mit würdevoller Gelassenheit schritt er den heimischen Laren zu.
-
-
-
-
-Vom Rauchen.
-
-
-Das zierlich broschierte Heft der Gymnasialgesetze, das jedem neu
-aufgenommenen Schüler persönlich vom Herrn Direktor überreicht
-und ans Herz gelegt wurde, enthielt auch einen Paragraphen über
-das Tabakrauchen. Die Oberstudienräte bezeichneten dieses moderne
-Kulturlaster als »überaus schädlich für die Gesundheit und obendrein in
-hohem Grade kostspielig«, daher denn jeder Schüler der »Pflanzstätte«
-verpflichtet sei, ein Gelübde der Enthaltsamkeit abzulegen.
-
-Die Wirkungen dieses Paragraphen waren der Art, daß ich der kompetenten
-Behörde, falls es ihr um die Förderung der Jugend ernstlich zu
-tun ist, den Vorschlag mache, künftighin folgende Ukase unter die
-Gesetzessammlung mit aufzunehmen:
-
-»Die in hohem Grade zeitraubenden und gesundheitswidrigen Privatstudien
-sind jedem Schüler des Gymnasiums bei Relegation untersagt.«
-
-»Das schweigsame Verhalten während der Lehrstunden zeugt von Stumpfsinn
-und wird daher dringlich verbeten.«
-
-»Fortgesetzte Nüchternheit schädigt die Elastizität der Seele,
-wie schon der uralte christlich-germanische Wahlspruch beweist:
-›Wer niemals einen Rausch gehabt ...‹ Daher sich denn jeder
-Schüler mindestens dreimal wöchentlich im Zustande eines schönen,
-augenrollenden Wahnsinns befinden muß.«
-
-Und so weiter.
-
-Nach den bisherigen Erfahrungen würde man auf diesem Weg wahre
-Musterbilder von fleißigen, aufmerksamen und nüchternen Schülern
-erziehen.
-
-Kein Kenner der einschlägigen Verhältnisse wird mir bestreiten, daß
-es nur das Verbot ist, was den Quartaner an die Regaliakiste und in
-die Kneipe führt. Ich weiß mich sehr wohl zu erinnern, daß ich ein
-stark gebrautes Lagerbier mit einer wahren Überwindung trank, denn es
-schmeckte mir heillos bitter, und eine Tasse gezuckerter Milch wäre mir
-hundertmal lieber gewesen: aber ich erblickte im Bier das Kriterium
-der Männlichkeit, und so bezwang ich mein Widerstreben und sündigte
-ohne jeden Genuß. Hätte man uns damals täglich drei Seidel als Pensum
-diktiert, ich hätte mich lieber einsperren lassen, als daß ich mich
-diesem Zwange in Demut gefügt hätte.
-
-Noch entschiedener und allgemeiner gilt dies vom Rauchen. Mit wahrer
-Todesverachtung qualmten wir in Tertia unsere Zigarren -- nur weil es
-verboten war! Keinem von uns wäre es im Traum beigefallen, eine so
-unerfreuliche Summe von Beschwerden und Üblichkeiten durchzumachen,
-wenn wir nicht aus jenem Gymnasial-Paragraphen die Überzeugung
-geschöpft hätten, es müsse dem Rauchen doch irgend ein verborgener
-Zauber innewohnen, der sich durch fortgesetztes Studium entdecken
-ließe. Das Rauchen der Gymnasiasten würde auf ganz bescheidene
-Dimensionen beschränkt werden, sobald jener verhängnisvolle Paragraph
-hinwegfiele. Man gebe die Sünde frei, -- und sie hört auf, zu verlocken.
-
-Die Epoche, in der ich am meisten gegen das Tabaksverbot frevelte,
-war mein Biennium in Quarta und Tertia. Wir hatten da unser sechs
-eine Art Tabakskollegium gegründet, das seine Sitzungen unter freiem
-Himmel abhielt. Durch den Wiesengrund am östlichen Ende der Stadt
-strömte ein Bach, von Erlen und anderem Dickicht umsäumt. Selten nur
-verirrte sich eines Menschen Fuß an dieses trauliche Ufer -- und hier
-saßen wir geschart und ließen in feierlichem Ernste den Qualm unserer
-Zigarren zum Firmament aufsteigen. Mein Vater hatte damals von einem
-bösen Schuldner zweitausend Zigarren an Zahlungs Statt empfangen, die
-der Versicherung dieses Spekulanten zufolge unter Brüdern hundert
-Taler wert sein sollten, in Wirklichkeit aber ein so niederträchtiges
-Kraut waren, daß mein Vater sie schon auf den bloßen Geruch hin
-beiseite stellte. Da mir um jene Zeit jede, auch die beste Zigarre ganz
-abscheulich schmeckte, so waren mir diese Zahlungsobjekte trotz ihrer
-Verwerflichkeit äußerst willkommen. Vor Beginn unseres Tabakskollegiums
-füllte ich mir die Taschen und regalierte dann meine Genossen mit
-echten Havannas. Schwarz, der sich viel auf seine Kennerschaft zugute
-tat, wehte sich wiederholt mit den Fingern den Rauch in die Nase und
-sagte bedeutsam: »Ja, die Zigarre ist gut!« -- »Ein feines Blatt«,
-fügte Knebel hinzu. Und nun rauchten wir mit wütender Vehemenz -- etwa
-dreimal so schnell als ein erwachsener Durchschnittsraucher. -- Knebel
-ward immer blässer und blässer, aber er lächelte in stoischem Gleichmut
-und wiederholte nur zuweilen mit halb verlöschender Stimme: »Wirklich,
-ein sehr feines Blatt! Aber schwer!« -- Noch zwei Minuten, und der
-Ärmste ließ die Zigarre sinken, beugte sich über das Wasser und erbrach
-sich so heftig, daß ihm der Angstschweiß in großen Perlen auf die
-fiebernde Stirn trat.
-
-Trotz unseres kollegialischen Mitleids war uns diese Katastrophe
-äußerst willkommen, denn sie bot uns die Möglichkeit, ohne ein
-Geständnis der eigenen Schwäche die Zigarren zu beseitigen und dem
-stöhnenden Knebel beizuspringen. Einer von uns trat weiter oberhalb an
-den Bach und tauchte sein Taschentuch in die rieselnde Flut, um Knebel
-die Schläfe zu kühlen. Ein zweiter und ein dritter faßten den Dulder
-bei den Armen; ein vierter klopfte ihm beschwichtigend auf den Rücken.
-Die Zigarrenstummel flogen ins Wasser; Knebel erholte sich, und stolz
-im Selbstgefühle einer männlichen Tat begab man sich auf den Heimweg.
-
-Unterwegs blies man sich verschiedene Male den Atem ins Gesicht und
-fragte:
-
-»Du, riecht man's?«
-
-»Noch ziemlich ...«
-
-Dann wurde Gras gekaut oder ein Apfel verzehrt, denn auch die Eltern
-durften von unseren Orgien nichts wissen. Noch stundenlang trugen wir
-die Empfindung einer gewissen Üblichkeit mit uns herum. Ja, zuweilen,
-wenn Schwarz ein paar wirklich schwere Zigarren mitgebracht hatte,
-waren wir förmlich berauscht, und alles, was um uns vorging, machte uns
-den Eindruck eines beklemmenden Traumes ...
-
-Und doch ertrugen wir diese Leiden mit Genugtuung, -- denn die herbe
-Frucht war verboten!
-
-Auch die Furcht, »abgefaßt« zu werden, steigerte unser Mißgefühl. In
-Quarta und Tertia bebt man wie ein scheues Mädchen vor dem Gedanken,
-wegen irgend einer Freveltat »eingesponnen« zu werden. Bei mir
-persönlich kam noch hinzu, daß ich während des Jahres in Tertia um ein
-Prämium kandidierte; eine »Abfassung« wegen Rauchens hätte aber dieses
-Prämium im Keime erstickt.
-
-Mit welcher Ängstlichkeit hielten wir selbst an dem verborgenen Strande
-des Wiesenbachs Umschau, ob nicht irgend ein bedrohlicher Wanderer
-nahe! Einmal überraschte uns der felder- und wälderdurchstreifende
-Registrator Bieler so jählings, daß wir gerade noch Zeit hatten, den
-Brand unserer Zigarren in die weiche Erde zu drücken. Der alte Herr
-schien nicht wenig befremdet, hier am einsamen Quell eine Reihe von
-Knaben zu finden, die sich nicht einmal Blumen zum Kranze wanden,
-sondern in sichtlicher Verlegenheit aufsprangen und die Mützen zogen.
-
-»Was macht Ihr denn hier?« fragte er argwöhnisch.
-
-»Wir krebsen«, gab Schwarz mit großer Schlagfertigkeit zur Antwort.
-
-»So, gibt's hier Krebse? Und was brennt denn da drüben?«
-
-»Ach da«, sagte Schwarz ... »Wir haben vorhin ein kleines
-Pulvermännchen gemacht, und da glimmt das Papier noch.«
-
-Der Registrator entfernte sich, ohne sich über die Glaubhaftigkeit
-dieser Bemerkung zu äußern. Tagelang schwebten wir in heilloser Angst,
-er möge uns denunzieren; denn der Quartaner lebt der Meinung, die ganze
-Welt sei gegen ihn verschworen, und die Bürgerschaft kenne kein höheres
-Interesse, als ihn anzuzeigen.
-
-So ging die Sache in Quarta und Tertia. In Sekunda wurden wir bereits
-frecher. Des Abends nach Sonnenuntergang bummelten wir häufig mit
-brennender Zigarre durch die Stadt. Anfangs gebrauchten wir die
-Vorsicht, das glühende Ende mit der Hand zu bedecken; später ward auch
-diese Reserve kühn über Bord geworfen. So begab es sich denn nicht
-selten, daß ein Sekundaner wegen Tabakrauchens mit Strafe belegt wurde.
-Wenn ich meinesteils diesem Schicksal entging, so lag das nur daran,
-daß ich in Sekunda über die Freude am Rauchen so ziemlich hinaus war
-und nicht den vierten Teil so oft »blotzte«, als in Quarta und Tertia.
-Auch hatte ich, wenn ich ~extra muros~ gegen die Gymnasialgesetze
-sündigte, allzeit Glück.
-
-Ein einziges Mal wurde ich als Sekundaner wegen öffentlichen Rauchens
-denunziert, aber nicht bei den Gymnasiallehrern, sondern bei dem
-Stadtprediger, der uns den Konfirmanden-Unterricht erteilte.
-
-Dieser Mann, der sehr ehrwürdige Kirchenrat Doktor Philipp Jakob Engel,
-war in jeder Beziehung ein Original. Er hatte sich unter dem schwarzen
-Talar ein frisches, fröhliches Herz bewahrt. Nichts lag ihm ferner
-als Puritanertum und einseitiger Zelotismus. In der Weise des großen
-Doktor Martinus Luther genoß er sein Leben, -- zum mindesten was Wein
-und Gesang betraf. Im Punkte des Weibes war er allerdings vom Schicksal
-mißhandelt, denn er hatte sich, vom Rausch der Minne verlockt,
-eine Wirtstochter aus Bromskirchen zur Gattin erkoren, die ihm das
-Dasein mehr mit Dornen als mit Rosen durchflocht. Er suchte dann in
-der feierlichen Stille des Wirtshauses Trost für die Leiden seiner
-Häuslichkeit. »Der Wind bläst heute wieder von Bromskirchen«, pflegte
-er den Stammgästen zuzurufen, und dann wußte man, daß der Kirchenrat
-nicht vor ein Uhr nachts den Heimweg antreten würde.
-
-Doktor Engel leitete also den Konfirmanden-Unterricht, und zwar
-abwechselnd in dem einen Jahre den der Knaben und in dem anderen den
-der Mädchen. Ich hatte glücklicherweise +ihn+ zum Seelsorger! Wer es
-irgend einrichten konnte, sparte sich für das Jahr Engels auf, denn das
-Joch dieses Gerechten war sanft und schmerzlos. Der Unterricht fand
-von elf bis zwölf statt. Kurz vor halb erschien der Herr Kirchenrat
-langsamen Schrittes im Lehrsaale, wandelte wohl noch fünf Minuten lang,
-in Gedanken verloren, auf und ab und begann dann mit einer kurzen
-Wendung, deren feierliches Phlegma gegen sein sonstiges Feuer wunderbar
-kontrastierte, die Gesangbuchverse zu überhören. Human wie er war,
-nahm er nie den geringsten Anstoß daran, daß man diese Gesangbuchverse
-einfach ablas. Nachdem die Aufgabe zur beiderseitigen Befriedigung
-erledigt war, schritt er an das Abfragen der Katechismussprüche, die
-wir ebenfalls ganz unverfroren vom Blatte wegstahlen.
-
-»Nun, und was denkst Du Dir bei diesem Spruche?« forschte er dann wohl
-gelegentlich.
-
-Der Schüler gab eine Antwort, die mit einem langsamen »Ganz gut!«
-belohnt wurde, wenn sie nur einigermaßen verdaulich war. Im andern
-Falle meinte der Kirchenrat, das lasse sich wohl hören, sei aber
-doch nicht so ganz richtig -- und nun lieferte er mit salbungsvollem
-Behagen die korrekte Erklärung. Fünf Minuten vor drei Viertel sah er
-zum erstenmal auf die Uhr, zwei Minuten später zum zweitenmal. Um drei
-Viertel aber stemmte er die rundlichen Finger auf die Tischplatte und
-murmelte durch die Zähne:
-
-»So, ich habe jetzt noch ein Amtsgeschäft, und da wollen wir's denn für
-heute gut sein lassen. Für das nächste Mal lernt Ihr mir den folgenden
-Vers und die folgenden Sprüche.«
-
-Und hiermit verließ er das Lehrzimmer.
-
-Was das für Amtsgeschäfte waren, die so regelmäßig um drei Viertel auf
-zwölf wiederkehrten, das habe ich nie in Erfahrung gebracht.
-
-Bei diesem Kirchenrat, dessen echt christliche Milde aus der
-vorstehenden Schilderung zur Genüge erhellen wird, hatten mich einige
-der sogenannten Stadtschüler, auf die wir Gymnasiasten mit Verachtung
-herabsahen, wegen öffentlichen Rauchens angezeigt.
-
-Als ich den Saal betrat, riefen sie mir triumphierend entgegen:
-
-»Heute wird er Dich vornehmen!«
-
-So recht behaglich war mir bei dieser Eröffnung, trotz Engels bekannter
-Nachsichtigkeit, nicht zumute. Doch beherrschte ich mich und gewärtigte
-mit stoischer Ruhe der Dinge, die da kommen sollten.
-
-Der Kirchenrat erschien, wie üblich, kurz vor halb. Sein Antlitz hatte
-diesmal etwas ungewöhnlich Ernstes und Feierliches. Ja, ich glaubte
-einen Zug von Schmerz zu entdecken, der elegisch um die herabgezogenen
-Lippen spielte. So mußte der biblische Vater dreinschauen, wenn er des
-verlorenen Sohnes gedachte ...
-
-Gebeugten Hauptes schritt der Kirchenrat einige Male auf und ab. Dann
-blieb er stehen und rief mich beim Namen.
-
-»Komm einmal heraus«, sagte er mit einer Stimme, die mir ein tiefes
-seelisches Weh zu atmen schien.
-
-Die Stadtschüler rieben sich schmunzelnd die Hände.
-
-Nicht ohne Verlegenheit trat ich zu dem Kirchenrate heran, der mich ein
-wenig abseits führte und mir dann mit gedämpfter Stimme ins Ohr raunte:
-
-»Eh' ich's vergesse, sag' doch Deinem Herrn Vater, ich könnte morgen
-abend nicht zum L'Hombre-Kranz kommen.«
-
-Frohe Enttäuschung!
-
-»So,« fuhr er nun mit energisch dröhnender Stimme fort, »nun geh' auf
-Deinen Platz und vergiß nicht, was ich Dir gesagt habe!«
-
-Es war der nachsichtigen und liebevollen Natur dieses Priesters
-unmöglich, irgend jemanden zu verletzen. So ignorierte er denn
-vollständig die schnöde Anzeige meiner Gegner und genügte nur in dieser
-wahrhaft klassischen Weise dem Dekorum.
-
-In Prima wichen unsere Lehrer insoweit von dem Wortlaute des
-Gymnasialgesetzes ab, als sie ein Auge zudrückten, wenn die Schüler
-innerhalb ihrer vier Pfähle zur Zigarre oder zur Pfeife griffen. Nur
-das Rauchen auf der Straße war hier verboten. Aber gerade deshalb
-ward es mit Vorliebe kultiviert. Wäre es dem Gymnasiasten wirklich
-nur um das Kraut zu tun, so hätten wir unserem Rauchgelüste bei einer
-so milden Praxis hinlänglich fröhnen können: aber jetzt hatten die
-Zigarren im Hause ihren wesentlichen Reiz verloren. Die Sehnsucht des
-Primaners galt der öffentlich gerauchten Straßenzigarre. Einige von
-uns trieben die Sache so weit, daß sie vor dem Beginn der Lehrstunden
-in dem Schulsaale rauchten, was hin und wieder zu gräßlichen
-Untersuchungen führte, ohne daß jemals der Täter entdeckt worden wäre.
-
-Als wir schließlich Studenten wurden, und der letzte Zwang wegfiel,
-da hingen sehr viele unserer Matadore das Rauchen überhaupt an den
-Nagel; wie denn zum Beispiel mein früherer Mitschüler, der Geheime
-Medizinalrat ~Dr.~ Schwarz in Hamburg, noch bis auf den heutigen
-Tag ein abgesagter Feind der Zigarre ist. Wenn ihm diese Zeilen
-hier zu Gesicht kommen, widmet er vielleicht meinen abscheulichen
-Tertianer-Glimmstengeln ein dankbares Lächeln der Erinnerung; denn
-ihnen schuldet er die erkleckliche Summe, die er jetzt infolge seines
-Nichtrauchens alljährlich zurücklegen oder für die Vervollständigung
-seiner humoristischen Bibliothek aufwenden kann.
-
-
-
-
-Die Lyrik auf dem Gymnasium.
-
-
-Ich war vierzehn Jahre alt und erst vor kurzem Sekundaner geworden,
-als mich plötzlich, wie ein Flammenstrahl aus heiterm Himmel, der
-Drang nach poetischer Selbstbespiegelung ergriff. Ich erinnere mich
-noch des Tags und der Stunde ... Der Herbstwind strich klagend durch
-die halbentblätterten Zweige der großen Platanen. Ein feiner Regen
-stäubte wider die Scheiben, so recht öde und trostlos, als ob die
-kranke Natur sich matt und erschöpft in den Schlaf weine. Drunten im
-Hofe sah es möglichst unwirtlich aus. Die versumpften Wege mit ihren
-großen, gelblichen Pfützen, das bräunliche Laub, das der Wind von Zeit
-zu Zeit aufwirbelte, das nasse Holzwerk des Spaliers und die triefende
-Hütte des Jagdhundes, der sein Sommerquartier längst verlassen, um im
-Hause gegen die Unbilden der Witterung Schutz zu suchen -- dies alles
-machte einen unsagbar traurigen Eindruck. Drüben von der Landstraße
-her, wo die drei vereinsamten Pappeln wie lange Gespenster in den Dunst
-hineinragten, tönte das heisere Krächzen der Dohlen: sonst war alles
-wie ausgestorben ...
-
-Am Fenster stehend sah ich dem Hereinsinken der Dämmerung zu. Ein
-schmaler, blaßgelber Streifen am Horizont bezeichnete mir den
-Untergang des Tagesgestirns, das seit mehr als einer Woche nicht zum
-Vorschein gekommen war. Eh' ich's ahnte, war ringsum bleigraue Nacht
-geworden. Tief atmend trat ich ins Zimmer zurück. Im Ofen brannte
-ein lustiges Feuer. Auf meinem Arbeitstische glänzte die Lampe, die
-man in der Zwischenzeit unbemerkt hereingebracht hatte, und auf dem
-Teppich vor dem Sofa lag mit allen Symptomen der Befriedigung und
-des Wohlbehagens der treue vierfüßige Begleiter meiner sommerlichen
-Ausflüge. Ein wunderbares Gefühl von Traulichkeit überkam mich. So
-schnell als möglich ließ ich den Vorhang herab. Dann setzte ich mich
-an den Tisch und schrieb mein erstes Gedicht. Seltsamerweise besang
-ich in diesen kühn gegliederten Versen den Zauber einer mondhellen
-Sommernacht. Ich pries das »unendliche Gewimmel der Sterne« und die
-Ulmen, die »sanft versilbert« ihre Häupter ins Blaue erheben! Und doch
-war das Ganze keineswegs etwas Angekünsteltes und Gemachtes, sondern
-ein wirklicher Herzenserguß, ein Erlebnis, das mit zwingender Macht
-nach Gestaltung rang. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß drei oder vier
-Strophen mit »wenn« begannen, daß eine wahrhaft großartige Summe von
-schmückenden Beiwörtern verbraucht wurde, und daß ich solche Verse,
-wo mir der Reim nicht augenblicklich zur Hand war, einfach ungereimt
-ließ. Dergleichen findet sich in jedem Erstlingsgedichte und wird erst
-später als Frevel empfunden. Damals glaubte ich etwas wahrhaft Schönes
-und Imposantes geschaffen zu haben, denn die Fülle meiner subjektiven
-Stimmung war mir identisch mit dem Geleisteten. Wie viele, sonst sehr
-achtbare Leute, die nicht vierzehn Jahre alt sind und nicht in Sekunda
-sitzen, verfallen in einen ähnlichen Irrtum! Was man dem Sekundaner
-verzeiht, das macht den Erwachsenen einfach lächerlich. Aller
-Dilettantismus beruht auf dieser Verwechslung. Der Dilettant trägt
-ganz wie der Dichter eine Welt voll Poesie in der Seele: aber während
-der schöpferische Poet seine Empfindungen dergestalt in dem Medium der
-Sprache zu verkörpern weiß, daß der Hörer und Leser das Gesamtbild
-nachschafft, gelingt dem Dilettanten nur ein trauriges Stammeln. Fehlt
-ihm nun der kritische Blick für die Kluft, die sein Empfundenes von
-seinem Gestalteten trennt -- und dies ist die Regel --, so ist der
-Dichterling fertig. Der Sekundaner, der sich auf dieser Stufe befindet,
-hat die Möglichkeit einer Entwicklung für sich: denn selbst das größte
-Talent beginnt stümpernd. Der fertige Mensch aber erfährt mit Recht
-die strengste Beurteilung, denn in der Sphäre der Kunst gibt es keine
-christliche Milde, wie in der Sphäre der Ethik.
-
-Das war also mein erstes Gedicht, -- wenigstens das erste, dessen
-Genesis mir klar vor der Seele steht. Nun folgten rasch aufeinander
-die entsetzlichsten Balladen im altdänischen Stile, die furchtbarsten
-Sonette und die traurigsten Elegien. Ich kaufte mir ein schönes
-Album mit Goldschnitt, in das ich meine »Schöpfungen«, chronologisch
-geordnet, eintrug. Bald aber wurde mir dieses Kopieren zu umständlich.
-Ich dichtete gleich frisch drauf los in den Prachtband hinein, wobei
-es denn wesentlich darauf ankam, keiner Korrektur zu benötigen. Vom
-Anlegen der Feile war ich überhaupt damals kein Freund. Ich hatte so
-viel Stoff zu verarbeiten, daß ich immer wieder nach Neuem drängte.
-Es ist unglaublich, was ich alles in den Bereich meiner rhythmischen
-Betrachtungen zog. Sonnenaufgänge, die ich niemals gesehen hatte; die
-Leiden eines Negerknaben, der am Strande des Quorra von den Weißen
-geraubt wird; der nächtliche Reiter, der seinen Bruder erstochen
-und nun am zerbröckelnden Turme Wacht halten muß; die Freude über
-den bevorstehenden Semesterschluß; Glaube, Liebe und Hoffnung; der
-Gymnasialkarzer; die Vergänglichkeit alles Irdischen, und die Freuden
-einer nächtlichen Kahnfahrt: -- dies alles war mir gleichmäßig
-untertan. Ich schrieb eine Ode »An unsern Hund« und einen Hymnus auf
-das griechische Übersetzungsbuch von Mehlhorn. Ich philosophierte
-über die Unsterblichkeit der Seele und über den niederträchtigen
-Nationalcharakter der Punier.
-
-Das währte so ein halbes Jahr. Dann kam ein neues Motiv hinzu: das
-»Ewig-Weibliche«. Die schwarzen Locken und flammenden Augen brausten
-jetzt nur so durch meine Verse, und an Purpurwangen und Rosenlippen war
-kein fühlbarer Mangel.
-
-Bis dahin hatte ich meine poetischen Regungen durch unverbrüchliches
-Schweigen gedeckt. Namentlich in der Schule, wo der Begriff des
-Verses jenseits aller Erfahrung zu liegen schien, war mir niemals
-eine verräterische Silbe über die Lippen geglitten. Ich hatte die
-dunkle Empfindung, als treibe ich etwas Verbotenes. Sobald ich das
-Wort »Gedicht« aussprechen hörte, erinnerte ich mich eines Vorfalles
-aus meiner Quintanerzeit. Der Lehrer gab uns damals zwei verschiedene
-Aufsatzthemata. Zuerst las er uns eine Gellertsche Fabel vor, die
-wir in Prosa nacherzählen sollten, -- und dann eine Anekdote in
-Prosa. Ich fragte nun in aller Harmlosigkeit: »Die sollen wir wohl in
-Verse bringen?« Eine geringschätzige Zurechtweisung war die Antwort,
-und einige meiner hochweisen Herren Mitschüler lachten aus vollem
-Halse. Von diesem Moment an hatte ich das Gefühl, als sei alles
-Rhythmische unziemlich, und so war ich denn äußerst zurückhaltend.
-Nur einem einzigen Freunde teilte ich ab und zu etwas mit. Und da
-dieselbe Elisabeth, deren Rosenwangen ich poetisch verherrlichte, auch
-ihm als Ideal alles weiblichen Liebreizes erschien, so beschlossen
-wir gemeinsam, einige dieser Lieder sauber abzuschreiben und dem
-Gegenstande unserer Neigung auf dem Wege der Stadtpost zu übermitteln.
-
-Als wir den Brief eben gesiegelt hatten, trat mein Vater ins Zimmer.
-Wir gaben uns alle erdenkliche Mühe, recht gleichgültig dreinzuschauen,
--- aber vergebens. Nach einigem Hin- und Herfragen sahen wir uns
-schmählich entlarvt. So kam denn nicht nur unsere phantastische
-Verliebtheit zutage, -- nein, auch das Geheimniß, daß ich dichtete,
-wurde ans Licht gezogen. Tiefe Beschämung. Nach langem Widerstreben
-lieferte ich mein Album aus. Es war mir zumute, wie einem Mädchen, das
-beim Baden von Männern überrascht wird.
-
-Indes die Sache lief noch verhältnismäßig befriedigend ab. Ich
-wurde dringlich ermahnt, über diesen rhythmischen Versuchen meine
-Schularbeiten nicht zu vernachlässigen: im übrigen möge ich nur
-fortfahren. Dergleichen sei jedenfalls besser, als das sonst so fleißig
-geübte Einwerfen von Fenstern oder Niederreißen der Zaunpfähle.
-
-Während meines ganzen Aufenthaltes in Sekunda beobachtete ich die
-strengste Reserve. Das Terrain war hier für poetische Anwandlungen
-äußerst ungünstig. Kaum, daß ich ab und zu die Keckheit hatte, einen
-deutschen Aufsatz mit der Wendung zu schließen: »Denn, wie der Dichter
-sagt ...« und dann eine Strophe eigener Schöpfung einzuschmuggeln,
-in der Voraussetzung, der Lehrer werde den Kunstgriff nicht merken.
-Noch kürzlich ist mir einer dieser Aufsätze in die Hände gefallen.
-Der Lehrer hätte, um sich täuschen zu lassen, geradezu ein Dummkopf
-sein müssen, denn die Verse waren echt knabenhaft; aber großmütig ließ
-er die Vermessenheit hingehen, ohne mich durch die Frage: »Wer ist
-denn eigentlich der Dichter, dem Sie diese Strophe entlehnen?« in
-Verlegenheit zu setzen.
-
-Erst in Prima hatten wir offizielle Gelegenheit, unsere lyrischen
-Talente vor der Korona der Mitschüler zu betätigen. Unser
-Horaz-Interpret, ein feingebildeter Mann, der sich namentlich in
-literarischen Dingen durch ein reges Interesse auszeichnete, forderte
-uns jedesmal, wenn eine Ode genügend erklärt und verstanden war, zur
-freiwilligen Leistung einer metrischen Übertragung auf. Natürlich gab
-nur eine kleine Minorität diesem Ansinnen Folge; aber mit welchem
-Stolzgefühl schwellte es die Brust, wenn man über diese wenigen
-Mitbewerber den Sieg davon trug!
-
-Der poetisch beanlagte Primaner steht zumeist unter dem Einflusse
-Platens, dessen Formkorrektheit ihm naturgemäß imponiert. Erst später
-entwickelt sich die Vorliebe für Heine und Goethe. Während meines
-ersten Semesters in Prima waren es besonders die kunstvoll-fremdartigen
-Ghaselen, die mich zur Nacheiferung entflammten. Keine Dichtungsform
-schien mir so geeignet, die heterogensten Dinge ohne weitere
-Kompositionsschwierigkeiten zusammenzuleimen, als dieses orientalische
-Reimgeplänkel. Ohne zu ahnen, daß wir ganz im Sinne Heinrich Heines
-(dessen Reisebilder uns damals noch unbekannt waren) die Ghaselform
-nach ihrer bedenklichen Seite hin persiflierten, wählten wir die
-sonderbarsten Ausklänge. Sie waren das Primitive, Ursprüngliche:
-die Gedanken und Verse wurden erst nachträglich wie Arabesken
-herumgeschlungen. So dichteten wir Ghaselen aus Braun-Dur, die also
-begannen:
-
- Im Glase schäumt das quellenfrische Bier braun:
- Natur, Du färbst den Pelz so manchem Tier braun.
- Braun blickt das Auge meiner süßen Amrei,
- Und um ihr Haupt schmiegt sich der Zöpfe Zier braun u. s. w.
-
-Oder wir wählten als Refrain eine ganze Phrase, wie: »Doch der
-Schickung Groll verbeut's«, und intonierten nun folgendes Carmen:
-
- Gerne schritt' ich durch die Wiesen, doch der Schickung Groll
- verbeut's,
- Und besonders mit Elisen, doch der Schickung Groll verbeut's.
- Alles, was die Erde spendet, was der Himmel uns geschenkt,
- Alles möcht' ich froh genießen, doch der Schickung Groll verbeut's.
-
-Und nun folgte in schwungvoller Darlegung, was das glutbeschwingte Herz
-alles möchte ... Es sähe gern ... die Bächlein fließen ... die Blumen
-sprießen ... den Jäger die Rehlein schießen usw. Aber überall tritt
-ihm das Fatum entgegen; überall dröhnt es mit Donnerstimme: »Doch der
-Schickung Groll verbeut's!«
-
-Solche Herzensergüsse waren vollständig ernst gemeint: aber, wie
-gesagt, Heinrich Heine hätte sie getrost in seinen »Reisebildern«
-verwerten können.
-
-Nach und nach mochte die Form der Ghaselen uns selbst ein wenig
-kurios vorkommen. Wir benutzten sie jetzt zu komischen Extravaganzen,
-zu Klageliedern über unsere Primanerleiden, zu Hymnen auf die
-Eigentümlichkeiten der Professoren. Eines dieser Gedichte besitze ich
-noch: ich schrieb es während der Sophokles-Repetition, als Samuel
-Heinzerling eine etwas gar zu theoretische Auseinandersetzung über das
-Glykoneische Versmaß lieferte. Das Poem lautete:
-
-
- Unsere Lehrer.
-
- Der Klufenbrecher schmunzelt mathematisch,
- Doch jede Störung ist ihm antipathisch.
- Der Perner haßt verdumpfte Atmosphären,
- Und wenn er zürnt, so tobt er autokratisch.
- Anzeigend trat der Hähnle zum Direktor:
- Die Wurfgeschosse knallten so emphatisch.
- Der Heinzerling ist morgens allzu pünktlich,
- Den Spätgekomm'nen rüffelt er ekstatisch.
- Gymnasium! Gerne riefe ich »Lebe wohl!« Dir,
- Warmfühlend, wie der Jude spricht den Kadisch.
- Soll ewig hier die Knechtschaft mich verzehren?
- Zu einem Block erstarr' ich noch erratisch!
- Sei hessisch oder preußisch unsre Fahne,
- Sei unser Wappen bayrisch oder badisch:
- Die Freiheit ist das Ziel des Demokraten, --
- Und Prima fühlt entschieden demokratisch!
-
-Gleichzeitig mit diesen und ähnlichen Scherzen, unter denen die
-Hyperbeln auf die Füße des Herrn Doktor Hellwig und die Epigramme auf
-die zahlreichen Kinder des Herrn Doktor Brömmel eine hervorragende
-Rolle spielten, ward auch das sentimentale Genre redlicher Begeisterung
-kultiviert. Es entstanden glühende Liebeslieder, die mit ängstlicher
-Scheu im Pulte verwahrt blieben, denn jeder fremde Blick wäre ja eine
-schnöde Entweihung gewesen ... Und dann entschloß man sich gleichwohl,
-wenigstens eines der »herrlichen Lieder« hinauszusenden in die kalte,
-lieblose Welt ...
-
-Niemand hat diesen epochemachenden Schritt im Leben eines lyrisch
-produzierenden Primaners so reizend geschildert, wie Paul Heyse in
-seiner »Lottka«.
-
-Der Erzähler hat ein wehmuttrunkenes Lied gedichtet; sein Freund, ein
-achtzehnjähriger Musiker, setzt die »seufzenden Strophen in Musik, mit
-einer Klavierbegleitung, die das nahe Hereinbrechen des Weltgerichts
-über dem Haupte des wankelmütigen Mädchens« andeuten sollte.
-
-»Damals«, so heißt es wörtlich, »erschien die »Dresdener Abendzeitung«
-unter der Redaktion eines, wie ich glaube, seitdem verschollenen
-Herrn Robert Schmieder, der Gedichte der Aufnahme würdigte, über die
-mein kritisches Selbstbewußtsein nur die Achseln zucken konnte. An
-ihn schickten wir unsern Liebling, natürlich anonym, in der festen
-Überzeugung, schon in der nächsten Nummer Text und Komposition
-erscheinen zu sehen, mit der Bitte an die unbekannten Einsender,
-die Abendzeitung auch fernerhin mit so willkommenen Früchten ihres
-Talentes zu erfreuen. In süßer Beklommenheit, trotz unseres Inkognitos,
-betraten wir die Konditoreien, in denen Journale gehalten wurden, und
-forschten errötend nach unserm Erstling. Woche auf Woche verging, ohne
-daß sich unsere Erwartung erfüllte. Ich selbst hatte endlich, zumal
-nachdem wir noch einmal geschrieben und die Zurücksendung in ziemlich
-vornehmem Tone verlangt hatten, ohne einer Antwort gewürdigt zu
-werden, alle Hoffnung aufgegeben und war über diesen ersten Mißerfolg
-so beschämt und gekränkt, daß ich zunächst in einem längeren Gedichte
-der undankbaren Mitwelt den Handschuh hinwarf und auf die gerechtere
-Nachwelt pränumerierte, dann aber jede Andeutung des fehlgeschlagenen
-Unternehmens vermied und von Bastel (der ehrliche Name meines Freundes
-war Sebastian) verlangte, er solle auch die Melodie nicht mehr summen,
-die mir sogleich die ganze leidige Geschichte wieder ins Gedächtnis
-rief.«
-
-Wer hätte nicht, in gleicher Lage, diese wechselvollen Stimmungen
-ausgekostet? Hier nimmt das Schicksal zum erstenmal den Lyriker in die
-Schule, und gar mancher kommt über diese verunglückte Probe niemals
-hinaus. Ist der Betroffene in der Tat ohne dichterische Begabung, so
-darf er eine möglichst baldige Zerstörung seiner Illusionen als ein
-Glück betrachten. Aber gleichviel, es schmerzt. Sah man nicht bereits
-im Geiste einen prachtvoll gebundenen Oktavband, der in jedem Jahr eine
-Neuauflage erlebte und neben Geibel und Rückert in den Büchersammlungen
-aller Frauen und Mädchen heimisch wurde? Und nun dieses herbe
-Mißgeschick! Was wir für ein literarisches Ereignis hielten, ist an
-der kalten Seele des Redakteurs spurlos vorübergegangen! Er hat sich
-vielleicht an dem Weh unseres blutenden Herzens die Pfeife angezündet!
-
-Wie glorreich aber berührt im andern Falle die krönende Hand des
-Erfolges! Wenn wirklich nach so und so viel Wochen das Gedicht, A. O.
-oder B. O. unterzeichnet, im Feuilleton des Anzeigers erscheint, --
-wie steigt dem glückseligen Primaner die Glut ins Angesicht, und mit
-welch' unsäglichen Gefühlen des Stolzes nimmt er überall, wo es möglich
-ist, das Blatt zur Hand, um die prächtigen Strophen zwanzig-, dreißig-
-und vierzigmal wieder zu lesen! Er kann gar nicht begreifen, daß da
-drüben der Herr, der beim Biere sitzt, zuerst den Leitartikel, die
-Börsen-Kurse und das Vermischte liest; er meint, jedes Auge müßte sich
-von dem Gedichte magisch gebannt fühlen, und von Mund zu Munde müßte
-die Frage lodern: »Wer ist der Verfasser dieses herrlichen Liedes? Das
-ist ja etwas ganz Eminentes! Das müssen wir herausbringen!« In jedem
-Zirkel, den unser anonymer Autor betritt, erwartet er, daß man ihn mit
-den Worten überfalle: »Haben Sie's denn auch schon gelesen? ›Die Klage
-der Sehnsucht!‹ Wunderbar! Wunderbar! Meine beiden Schwestern haben
-sich's in ihr Album geschrieben. Meine Tante kann's bereits auswendig,
-und mein Schwager, der Kapellmeister, wird das Prachtstück in Musik
-setzen!«
-
-Nichts von alledem ereignet sich. Die Herren in der Bierstube, die so
-eifrig die Börsenkurse und die Leitartikel studieren, würdigen das
-phänomenale Gedicht keines Blickes, und in den Familienkreisen und
-Teegesellschaften geht die Unterhaltung ihren einförmigen Gang. Auch
-hier beginnt die Laufbahn des Poeten mit Enttäuschung.
-
-Dergleichen läßt sich zur Not noch ertragen. Man richtet sich empor
-an dem Beispiele so vieler großer Männer, die auch erst nach langen
-Kämpfen Anerkennung gefunden haben. Man setzt seine ganze Hoffnung auf
-das nächste Gedicht, das bereits an die Redaktion unterwegs ist usw.
-
-Weit mehr Stoizismus gehört jedoch zum Überstehen der folgenden Szene:
-
-Der Primaner ist in das belebteste Bierhaus geschlichen, weil ihm
-bekannt ist, daß dort zwei Exemplare der durch ihn mit unsterblichem
-Ruhme gekrönten Zeitung gehalten werden.
-
-Ahnungsvoll und von süßem Grauen durchbebt, schlürft er sein
-schäumendes Glas.
-
-Da sitzt der Stadtrichter, ein alter, redseliger Herr ... Unter dem
-Plaudern wirft er auch einen Blick auf das anonyme Gedicht.
-
-»Der druckt aber doch auch allen möglichen Schund«, sagt er mit
-wegwerfender Gebärde.
-
-Und nun beginnt eine boshafte Besprechung, die von den Umsitzenden aus
-vollem Halse belacht wird.
-
-Der unglückliche Primaner bedarf seiner ganzen moralischen Kraft,
-um sich nicht zu verraten. Von diesem Augenblicke an wirft er auf
-den Stadtrichter, der sonst ein ganz ehrlicher Mann ist, einen
-unversöhnlichen Haß. Die »wohlfeilen Späße« des alten Herrn sind ein
-»trauriges Zeichen der Zeit«. »Dieser armselige Böotier, der die
-Schönheit nicht sehen und würdigen kann, weil ihm der Aktenstaub
-die Augen umwirbelt! Und die Laffen, die seinen abgeschmackten
-Bemerkungen Beifall gejauchzt haben!« Ihre Persönlichkeit prägt sich
-für alle Zeiten unserm Gedächtnis ein ... Nach Jahren noch, wenn wir
-ihnen begegnen, denken wir in einer Anwandlung von Bitterkeit und
-Geringschätzung: »Aha, das ist ja auch einer von jenen Vandalen, die
-sich an meinem Kleinod vergingen!«
-
-Erst später, wenn man die literarischen Kinderschuhe ausgetreten und
-einen freieren Blick erlangt hat, erst als Mann erkennt man, daß jenes
-Gedicht in der Tat sehr mangelhaft war. Und wenn auch der Stadtrichter
-keine Ursache hatte, sich über diese Mangelhaftigkeit zu mokieren (er
-würde dasselbe Gedicht, wenn er es in den Werken eines Klassikers
-gefunden hätte, pflichtschuldigst bewundert haben), so dürfen wir ihm
-doch aus hundert Gründen seine Unart verzeihen ... Und in der Tat,
-wir verzeihen ihm, zumal wir in Erfahrung gebracht haben, daß der
-Stadtrichter zu den eifrigsten Lesern unserer Essays und Novellen
-gehört.
-
-
-
-
-Die Primanerliebe.
-
-
-Die oberen Gymnasialklassen sind der eigentliche Schauplatz für die
-platonische Liebe. Die Primanerliebe ist sogar sprichwörtlich geworden,
-und in akademisch gebildeten Kreisen gehört es zum vornehmen Ton, über
-dieses erste Aufflackern des erotischen Prinzips geringschätzig zu
-lächeln. Man vergißt eben im rastlos wiederkehrenden Kampf des Lebens,
-was man zu einer Zeit fühlte, da sich Herz und Geist erst für diesen
-Kampf vorbereiteten. Wie kalt und verständig schrieb der herangereifte
-Goethe über Lili, die den jungen Goethe so magisch gefesselt, so
-unwiderstehlich hingerissen und bezaubert hatte! Der Mensch wird
-nüchterner und erblickt dann die Vergangenheit durch die Brille seiner
-philiströsen Alltagsstimmung.
-
-Unter Primanerliebe versteht man gemeinhin eine jugendliche Dummheit,
-die in schauderhaften Sonetten und tausendfach wiederholten
-Fensterpromenaden gipfelt, eine Landpartie als Perihel des Entzückens
-und die Abreise der Geliebten in das Pensionat als schrecklichste
-Katastrophe kennt, häufige Einschnitzungen in die Subsellien
-hervorruft und beim Abgang nach der Universität in Bier, Paukereien
-und wohlgewachsenen Schenkmädeln ertränkt wird. Dergleichen mag sich
-ereignen; aber wenn der Verlauf der normalen Primanerliebe in der Tat
-mit dem Vorgeschilderten buchstäblich übereinstimmt, so folgt daraus
-lange nicht, daß eine unwichtige Lächerlichkeit vorliegt.
-
-Was ist überhaupt eine Kleinigkeit? Was ist geringfügig? Nur die
-engherzigste Arroganz kann hier den Maßstab der eigenen Subjektivität
-anlegen. Was mir sehr geringfügig und wertlos erscheint, ist einem
-anderen vielleicht das halbe Leben. Das Kind, dem seine Puppe ins
-Wasser fällt, ist nicht etwa zum Schein, sondern ernstlich und im
-tiefsten Grunde seines Herzens unglücklich; der Knabe, der zu Anfang
-des neuen Semesters nicht versetzt wird, fühlt nicht etwa einen
-Miniaturschmerz, sondern sein ganzes Ich ist unter Umständen so sehr
-von der Qual seines verletzten Ehrgefühls durchdrungen, daß ihm jede
-Hoffnung zu Grabe geht; daher es denn keineswegs unerhört ist, daß
-Schulknaben sich aus solchen »geringfügigen« Anlässen den Tod gegeben.
-Nirgends ist der Begriff der Größe und der Kleinheit so relativ
-als in dem, was unser Gemüt angeht. Jede Sorge, jede Neigung, jede
-Leidenschaft wird einen gesellschaftlich oder philosophisch höher
-Stehenden finden, der sie von seinem Standpunkt aus belächeln darf.
-Der Professor, der außer sich gerät, weil ihm ein Exemplar seiner mit
-so heißer Liebe gepflegten Schmetterlingssammlung ruiniert wurde,
-kommt dem ernsten Forscher in gewissem Sinne komisch vor; der Dandy,
-den der plötzliche Verlust seines Handschuhknopfs in Erregung bringt,
-scheint dem Denker geradezu unbegreiflich; die Hausfrau, die über
-einen häßlichen Fleck in ihren frisch gescheuerten Dielen in Tränen
-ausbricht, erweckt vielleicht unseren Hohn: und doch liegt in allen
-diesen Fällen ein wirklicher Schmerz vor. Würde nicht etwa ein Heros,
-ein Gott, der unser ganzes Tun und Treiben aus der Vogelperspektive
-betrachtete, selbst die ernstesten Obliegenheiten unseres Staatslebens
-komisch finden? Die ganze irdische Geschäftigkeit mit ihrem
-anspruchsvollen Eifer unterscheidet sich von dem krabbelnden Treiben
-der Milben, die das Mikroskop in einem Stückchen Käserinde entdeckt,
-durch kein wesentliches Kriterium. Hier wie dort finden wir ein
-mühsames Hasten im Interesse der Ernährung und Fortpflanzung; hier wie
-dort lauert im Hintergrunde der Tod, der die ganze Komödie hinwegfegt.
-Daß wir dem Treiben der Menschen eine höhere Wichtigkeit beilegen als
-dem der Milben, kommt nur daher, weil wir zufällig Menschen sind. Wären
-wir Milben, so schwärmten wir vielleicht für die großen Fragen des
-Milbentums.
-
-Es wäre eine blöde Verkennung der Tatsachen, wenn wir leugnen wollten,
-daß die sogenannte Primanerliebe nicht selten die einzige wahre Liebe
-ist, die ein menschliches Herz auf Erden zu fühlen bekommt. Alphonse
-Karr sagt einmal sehr bezeichnend: »Wenn die Mädchen wüßten, welch'
-einen Schatz von Liebe das Herz eines solchen jungen Menschen, der zum
-erstenmal liebt, in sich birgt! Wenn sie ein Verständnis hätten für
-diese Hingebung, diese Vergötterung! Wenn sie ahnten, daß sie für einen
-solchen Jüngling das Leben mit all seiner Wonne, das Paradies mit all
-seinem geheimnisvollen Zauber darstellen ...! Aber in ihrer törichten
-Geringschätzung für diesen Jüngling, in ihrer noch törichteren
-Bevorzugung blasierter und verkommener Geschöpfe lassen sie sich diese
-erste Liebe von Grisetten oder Kammermädchen hinwegschnappen!«
-
-Wenn die Primanerliebe selten zu einem praktischen Resultat führt, so
-liegt dies vorzugsweise in der Natur unserer sozialen Verhältnisse.
-Auch sind es wiederum nur diese sozialen Verhältnisse, die der
-Primanerliebe in den Augen des wohlbestallten Bürgers eine so überaus
-komische Färbung verleihen. Ein achtzehnjähriger Fischerbursche auf
-Capri, der seine fünfzehnjährige Teresina liebt und sie nach zwei
-Jahren eines mehr oder minder romantischen Brautstandes zum Altare
-führt, erscheint uns poetisch: ein achtzehnjähriger Primaner im
-gleichen Fall erregt beinahe unsere Mißbilligung. Und doch waltet hier
-wie dort das gleiche Naturgesetz ob. Die Komik, die einem verliebten
-Primaner innewohnt, erwächst nur aus dem Umstand, daß der Weg von
-dem Abiturientenexamen bis zur Würde eines vom Staat besoldeten
-Kreisrichters ein sehr langer und unerquicklicher ist. Leider kümmert
-sich Eros um solche Äußerlichkeiten nicht; am wenigsten aber hat er
-Respekt vor den Gymnasialgesetzen. Es gibt Lehrer, die kindisch genug
-sind, jede Regung der Liebe, die vor Beendigung des Gymnasialkursus
-eintritt, als eine strafbare Neigung für Allotria zu betrachten;
-ja, ich erinnere mich, daß einer dieser kurzsichtigen Pedanten mit
-Karzerstrafen vorging, weil ein jugendlicher Leander keine nur irgend
-denkbare Gelegenheit versäumte, an gewissen Fenstern vorüber zu
-wandeln. Dieser Versuch, das Sonnenlicht mit der Nachtmütze zu fangen,
-berührte mich schon damals so kläglich, daß ich mit dem unverständigen
-Cato fast Mitleid empfand. Was sind drei Tage Karzer gegen einen
-freundlichen Blick aus geliebten Augen?
-
-Ich verwahre mich hier gegen ein Mißverständnis! Nicht im Traume fällt
-es mir ein, jede erotische Bummelei des deutschen Primaners für eine
-Haupt- und Staatsaktion des Herzens zu halten; ich erhärte nur, daß
-solche ernstlichen und tiefen Empfindungen ungleich häufiger sind,
-als die Schulweisheit selbst der liberalsten Pädagogen sich träumen
-läßt. Man darf sich hier nicht durch die Außenseite beirren lassen.
-Die glühende, das ganze Wesen durchleuchtende Liebe tritt in diesem
-ersten Jugendalter oft ganz in derselben kindischen Gewandung auf,
-wie die müßige Tändelei. Die Fensterpromenade ist keineswegs nur der
-Zeitvertreib des koketten Flaneurs: auch der echte, im tiefsten Grund
-der Seele entflammte Romeo wählt dieses Mittel, -- und nur die Musik
-oder die Dichtkunst vermöchte zu schildern, was er dabei empfindet. Die
-Mutter des jungen Mädchens, die meist nach langer Blindheit dahinter
-kommt, daß dieses ewige Vorüberziehen ihrem Töchterchen gilt, zankt
-(nicht ohne eine stille Befriedigung ihrer geschmeichelten Eitelkeit)
-über die »dummen Jungen«, die etwas Besseres tun könnten, als so ihre
-Zeit zu vertrödeln: aber sie ahnt nicht, daß hier eine reinere und
-gewaltigere Leidenschaft vorliegt, als die halb aus Wohlgefallen, halb
-aus Berechnung zusammengesetzte, bürgerlich abgestempelte Salonliebe,
-die nach einer Reihe hochachtbarer Begegnungen zu einer Erklärung und
-schließlich zu einer respektablen Ehe führt. Diese Verkennung ist um so
-weniger begreiflich, als die Menschen doch alle einmal jung und mehr
-oder minder in dem gleichen Falle gewesen sind.
-
-Wenn wir auf der einen Seite nicht leugnen können, daß die äußeren
-Allüren der Primanerliebe nicht selten den Eindruck einer naiven
-Ungelenkigkeit, ja einer kindischen Fadheit machen, -- alles natürlich
-vom Standpunkte des gesetzten Familienvaters, -- so dürfen wir auf der
-anderen Seite nicht verhehlen, daß es gerade die herrschende Sitte
-mit ihren verknöcherten Regeln ist, die den Primaner so lange in dem
-Zustande der gesellschaftlichen Unreife und Torheit erhält. In gewissem
-Sinne ist das Alter von sechzehn bis achtzehn Jahren das unglücklichste
-des ganzen Lebens.
-
-»Ich war«, so schildert Paul Heyse den Zustand des Halbwüchsigen, »ein
-lang aufgeschossener, blasser junger Mensch, in jenem verlegenen Alter,
-wo man den Knabenschuhen sich entwachsen fühlt und noch sehr unsicher
-in die Fußstapfen der Männer zu treten versucht. Mit einer tollkühnen
-Phantasie und einem blöden Herzen, zwischen trotzigem Selbstgefühl
-und mädchenhafter Empfindlichkeit hin und her geschaukelt, zupft man
-grübelnd an allen Schleiern, die die Geheimnisse des Menschenlebens
-sterblichen Augen verdecken, weiß heute das letzte Wort über die
-letzten Dinge, gesteht sich morgen, daß man noch im +ABC+ stecke, und
-gebärdet sich überhaupt so unbehaglich widerspruchsvoll, daß man sich
-selbst unerträglich werden würde, wenn man nicht von Leidens-, das
-heißt Altersgenossen umgeben wäre, die es nicht besser machen und doch
-auch darum nicht aus der Haut fahren.«
-
-Es ist vornehmlich der +deutsche+ Jüngling, der dies Mißbehagen
-auskostet, und zwar zunächst und in erster Linie aus dem betrübenden
-Grunde, weil ihm die Gesellschaft absolut keine Stellung anweist.
-Der Verkehr eines sechzehnjährigen jungen Menschen mit den übrigen
-Mitgliedern der Gesellschaft und insbesondere mit den gleichalterigen
-und älteren Mädchen entbehrt jeder vernünftigen Basis und Norm. Er
-mag der geistreichste und geweckteste Kopf sein: die Damen rechnen
-ihn nicht für voll, und die Herren erst recht nicht. Ja, vielfach
-deutet man seine Anwesenheit im Salon als Zudringlichkeit. In
-Deutschland ist es eine Sünde, nicht vollständig erwachsen zu sein. In
-Frankreich, in England ist das anders. Ich habe in Paris hundertmal
-den ungezwungenen, graziösen und doch keineswegs allzu vertraulichen
-Ton bewundert, in welchem selbst Knaben von vierzehn und fünfzehn
-Jahren mit älteren Leuten verkehren. Da waltet nicht eine Spur von
-Befangenheit ob, da herrscht nicht jene blöde Verschämtheit, die nicht
-weiß, wo sie mit den langen Beinen und Armen hin soll. Wohl aber hat
-sich gerade infolge dieser Freiheit und Leichtigkeit eine bescheidene
-Reserve ausgebildet, die sehr wohltätig mit der vorlauten Keckheit
-kontrastiert, die als anderes und nur zu begreifliches Extrem den
-halbwüchsigen Deutschen charakterisiert. Wo soll ein deutscher Jüngling
-eigentlich seine gesellschaftliche Schule durchmachen? Bis zu einem
-gewissen Alter verbietet man ihm -- entweder direkt, oder indirekt
-durch die unfreundliche, verletzende Behandlung -- den Zutritt in die
-Gesellschaft. Dann mit einemmal werden ihm die Pforten geöffnet, und
-nun verlangt man die Manieren eines Gentleman. Aber dergleichen erlernt
-sich nicht über Nacht. Ich erblicke in der Liebenswürdigkeit, mit
-der die Franzosen ihre jungen Leute behandeln, ein Hauptmoment ihrer
-geselligen Überlegenheit. Der gebildete Franzose hat sich von jung
-auf jene gefälligen Manieren angewöhnt; sie sind ihm in Fleisch und
-Blut übergegangen. Der Deutsche dagegen soll sie seinem fast fertigen
-Menschen nachträglich aufkleben. Daher braucht man denn später nur ein
-wenig zu kratzen, um die Politur wegzubröckeln und den ungeleckten
-Bären hervorschimmern zu sehen.
-
-Ich habe meine Jugend in einer kleinen Stadt verlebt, die ungleich
-beträchtlichere Chancen für die Geselligkeit bot, als etwa Leipzig
-oder Berlin; aber ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß ich in irgend
-einem Kreise unseres Gemeinwesens einem vernünftigen und natürlichen
-Verkehr zwischen den Schülern und Schülerinnen begegnet wäre. Schon als
-Quintaner spielten wir stets nur »unter uns«. Wenn sich ab und zu eine
-»Emanzipierte« in unsere Gesellschaft wagte, so wurde sie von ihren
-Freundinnen bedenklich schief angesehen, denn die Mütter behaupteten,
-so etwas schicke sich nicht. Später, als das Spielen aufhörte, erstarb
-auch dieser letzte Rest von Beziehung, und es war fast ein Zufall,
-wenn irgendwo einmal eine Begegnung statthatte. Die Folge dieser
-eigentümlichen Klausur war natürlich ein vollendeter Mangel an ~savoir
-vivre~. Beide Teile kamen bei einem solchen zufälligen Rencontre nicht
-aus der Befangenheit heraus, und das Resultat war eine gründliche
-Verstimmung. Man fuhr, wie Paul Heyse sagt, nur deswegen nicht aus der
-Haut, weil so und so viele Leidensgefährten gleichfalls drin stecken
-blieben.
-
-Was bleibt also einem Primaner, der in solchen Verhältnissen
-aufgewachsen ist, übrig, als schließlich seine Zuflucht zu
-Fensterpromenaden und ähnlichen Albernheiten zu nehmen? Er wäre
-vielleicht der verständigste Mensch von der Welt, er würde vielleicht
-mit verdoppeltem Fleiß arbeiten, wenn er nur ab und zu einmal
-Gelegenheit hätte, die knospende Göttin, die er verehrt, zu sehen
-und zu sprechen: so aber vertrödelt er seine Zeit, um das mühsam und
-flüchtig zu erhaschen, was die Gesellschaft ihm -- der Himmel mag
-wissen aus welchem Grunde! -- für die Regel vorenthält.
-
-Übrigens zeigt sich das Aufkeimen unverstandener Liebesempfindungen,
-wie jedermann weiß, schon im frühesten Knabenalter. Nur sind sich
-diese Regungen ihres Zieles so völlig unbewußt, daß hier Kombinationen
-möglich sind, die späterhin bei einer voll entwickelten Liebe zu
-schmerzlichen Katastrophen führen. Noch in Untersekunda liebte ich mit
-meinem besten Freunde gemeinsam eine und dieselbe Adorata. Arm in Arm
-zogen wir an ihrem Fenster vorbei, ohne daß sich jemals ein Gefühl
-von Eifersucht in uns geregt hätte. Auch raubte uns diese ätherische
-Huldigung weder den Appetit noch den Schlaf. Das Ganze war in der Tat
-eine Kinderei, ein erstes, harmloses Vibrieren der Seele, und als uns
-schließlich der Vater des gefeierten Mädchens ohne Verständnis für
-unsere Ritterlichkeit bei dem Ordinarius der Klasse verdächtigte, so
-überwog unsere Entrüstung, und wir beschlossen ohne jeden Herzenskampf,
-die Tochter eines so barbarischen Vaters mit Verachtung zu strafen.
-Ganz derselbe Freund hatte später in Prima eine Leidenschaft, die ihn
-auf Jahre hinaus tief unglücklich machte und schließlich seinen Tod
-herbeiführte.
-
-Es gilt hier also, zu unterscheiden und nicht vornehm ablehnend die
-ernstesten Dinge, die ein Menschenherz zu bewegen imstande sind, mit
-dem Leichten und Nichtigen über einen Kamm zu scheren. Das herrlichste
-Mittel, die Leidenschaften zu lenken, ist ihr Verständnis.
-
-
-
-
-Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs.
-
-
-Es war in Sekunda. Die letzte der nachmittäglichen Unterrichtsstunden
-neigte sich ihrem Ende zu. Da erhob sich mein Freund Wilhelm Rumpf aus
-Gamsweiler -- derselbe, der später als neugebackener Primaner jenes
-denkwürdige Rencontre mit dem Direktor Heinzerling zu bestehen hatte --
-und bat den Lehrer in der hergebrachten Weise um die Erlaubnis, »mal
-hinausgehen zu dürfen«.
-
-Es fiel mir auf, daß Wilhelm, als ihm die Bitte gewährt wurde, ganz
-gegen seine Gewohnheit nach der Mütze griff; -- bald aber sollte ich
-den Grund dieser Maßregel erfahren ... Denn als Doktor Brömmel die
-lateinischen Stilübungen glücklich beendet hatte und sich verabschieden
-wollte, fand er die Tür des Schulzimmers von außen verschlossen.
-Wilhelm Rumpf hatte, gleichsam als Vorstudie für sein künftiges
-Attentat auf Samuel Heinzerling, ganz sachte den Schlüssel herumgedreht
-und war dann, im Hochgefühl einer bedeutsamen Tat, schmunzelnd von
-dannen gewandelt.
-
-In den Räumen Sekundas herrschte infolge dieser unerwarteten
-Einkerkerung großer Tumult. Alles drängte sich eifrig heran und
-versuchte zu öffnen. Die Schwächeren wurden in dem Gedränge zu Boden
-geworfen, die Kecken und Rücksichtslosen teilten Püffe und Stöße aus,
-und der Lehrer selbst geriet in Gefahr, von dem brandenden Ozean der
-erregten Schuljugend mit fortgerissen zu werden. Nur mühsam und mit
-Aufbietung aller Körper- und Geisteskräfte gelang es ihm, die Ordnung
-so weit wieder herzustellen, daß er zum Worte kam. Zerstreut, wie er
-war, hielt er uns folgende Ansprache:
-
-»Vor allen Dingen bitt' ich mir Ruhe aus! Ruhe, sage ich, oder es
-geschieht ein Unglück! Boxer, der ganze Unfug scheint mir wieder von
-Ihnen auszugehen! Ich rate Ihnen freundschaftlichst, treten Sie etwas
-gelinder auf!«
-
-Boxer versuchte zu remonstrieren.
-
-»Gehn Sie auf Ihren Platz«, rief Brömmel mit Donnerstimme. »Ich will
-mal sehen, ob ich den Urheber solcher Streiche nicht ausfindig mache!
-Hutzler, Sie sollen sich setzen! Es ist unerhört, was man in dieser
-Klasse erleben muß! Kurz und bündig: Wer hat die Tür da zugeschlossen?
-Der Betreffende möge sich melden!«
-
-»Aber Herr Doktor,« versetzte Hutzler im Ton einer milden
-Zurechtweisung, »der Schlüssel steckt ja von außen.«
-
-Allgemeines Gelächter.
-
-»Das ist wahr,« brummte der Lehrer, »daran dachte ich nicht. Nun, es
-ist wahrlich nicht Ihr Verdienst, wenn Sie diesmal wider Erwarten
-unschuldig sind. Jedenfalls ist der Täter ein ganz erbärmlicher Junge,
-den ich exemplarisch bestrafen werde.«
-
-»Herr Professor,« begann Kleemüller, »das hat ganz bestimmt einer von
-den nichtsnutzigen Primanern getan!«
-
-»Unsinn! die Primaner sind ernste, gesittete Leute! Ich wollte, Ihr
-hättet halb so viel Anstand und Ehrgefühl!«
-
-»Dann war's einer aus Tertia!« rief Gildemeister.
-
-»Das ist hier zunächst indifferent. Vorläufig müssen wir zusehen, daß
-wir hinaus kommen. Heppenheimer, gehn Sie mal hinunter und rufen Sie
-den Pedellen!«
-
-Wir unterdrückten nur mühsam eine diabolische Heiterkeit. Heppenheimer
-erhob sich und schritt mit komischer Grandezza der Tür zu.
-
-Jetzt erst erkannte Brömmel, wie seltsam er sich geirrt hatte.
-
-»Ja, so«, rief er in wachsendem Unwillen. »Wahrhaftig, man wird ganz
-irre in dieser Umgebung. Setzen Sie sich, ich werde selbst gehen!«
-
-Eine Salve des tollsten Gelächters belohnte dieses neue Capriccio.
-
-»Ich will sagen,« verbesserte Brömmel stirnrunzelnd, »wir müssen
-schleunigst den Pedellen zitieren ... Boxer, gehn Sie ans Fenster und
-rufen Sie!«
-
-»Recht gern, Herr Professor«, erwiderte Boxer zuvorkommend.
-
-Er öffnete einen Flügel:
-
-»Herr Quaddler! Herr Gymnasialpedell! Herr Karzerverwalter! Herr
-Leberecht Gottlieb Quaddler! Sie möchten doch gleich mal heraufkommen!
-Hören Sie nicht? Quaddler! Der Herr Professor ruft!«
-
-»Lassen Sie Ihre Glossen«, zürnte der Lehrer, heftig aufstampfend.
-»Rufen Sie einfach: Herr Quaddler! und damit basta!«
-
-»Herr Quaddler! und damit basta!« schrie Boxer aus vollem Halse.
-
-»Ich komme ja schon«, erklang die Stimme des ehrlichen Hausverwalters,
-der eben mit einer Ladung von Kienspänen aus dem Holzstalle trat. »Was
-wollen Sie denn von mir?«
-
-»Herr Quaddler! Sie sollen gleich mal herauf kommen! Hören Sie, Herr
-Quaddler? Der Herr Professor ruft! Wir sind eingeschlossen, Herr
-Quaddler! Eilen Sie sich, Herr Quaddler, sonst wird der Kaffee kalt!
-Hören Sie, Herr Quaddler?«
-
-»Lassen Sie Ihr verdammtes ›Herr Quaddler‹!« rief Brömmel entrüstet.
-
-»Aber der Mann heißt doch so! Ich soll nicht Herr Gymnasialpedell
-sagen, ich soll nicht Herr Karzerverwalter sagen ...«
-
-»Sie sollen das Maul halten!« schrie der Professor außer sich.
-
-»Auch gut«, versetzte Boxer demütig.
-
-Nach zwei Minuten ertönten auf dem Korridor Schritte. Gleich darauf
-pochte es schüchtern ans Türgetäfel.
-
-»Herein!« rief der Professor zerstreut.
-
-Quaddler drückte zur größten Erheiterung von zweiundfünfzig übermütigen
-Sekundanern auf die Türklinke.
-
-»Sie müssen den Schlüssel herumdrehen«, sagte Brömmel verdrießlich.
-»Irgend ein frecher Wicht hat uns hier eingeschlossen.«
-
-»Was?« fragte Quaddler.
-
-»Den Schlüssel sollen Sie umdrehen!« schrie der cholerische Pädagoge.
-»Sie scheinen heute wieder infam schwerhörig!«
-
-»Schwerhörig? Gewiß nicht, Herr Professor, aber da drüben in der Prima,
-wo von vier bis fünf Englisch ist, wird ergebenst so laut gelacht, daß
-man sein eigenes Wort nicht versteht.«
-
-»Enthalten Sie sich aller Bemerkungen und schließen Sie auf!«
-
-»Ja, Herr Professor, verzeihen Sie gütigst, wenn ich mir ganz ergebenst
-erlauben darf zu vermerken, so wird das mit dem besten Willen nicht
-möglich sein, weil der Schlüssel nicht steckt.«
-
-»Was? Auch das noch? Es ist empörend!«
-
-»Warten Sie mal, Herr Professor,« begann jetzt Boxer, indem er mit
-der rechten Hand seine Tasche durchsuchte, »ich habe da meinen
-Hausschlüssel bei mir, vielleicht paßt der ...«
-
-»Was? Ihren Hausschlüssel? Mit welchem Recht tragen Sie einen
-Hausschlüssel bei sich? Wissen Sie nicht, daß Sie Punkt neun Uhr in
-Ihrer Wohnung zu sein haben?«
-
-»Gewiß, Herr Professor! Aber man kann sich doch einmal wider Willen
-verspäten. Wenn man zum Beispiel einen Onkel an die Bahn zu begleiten
-hat ...!«
-
-»Ihre Onkels können bei Tag reisen. Dieser Hausschlüssel wirft ein sehr
-bedenkliches Licht auf Ihre Gewohnheiten.«
-
-»Das ist wohl zu schroff geurteilt! Aber darf ich einmal die Probe
-machen? Ich wette, er schließt!«
-
-»Meinetwegen, versuchen Sie's!«
-
-Boxer begann nun sehr geräuschvoll zu operieren. Natürlich erfolglos.
-
-»Herr Professor!« rief Hutzler nach einer Weile. »Ich muß schleunigst
-hinaus! Ich fühle mich unwohl.«
-
-»So? Was fehlt Ihnen denn?«
-
-»Wir hatten Gurkensalat zum Rindfleisch, -- und jedesmal, wenn ich
-Gurkensalat esse ...«
-
-»Gedulden Sie sich! Ich kann um Ihretwillen die Tür nicht eintreten
-lassen!«
-
-»So erlauben Sie mir, daß ich durchs Fenster ...«
-
-»Ich glaube, Sie sind verrückt!«
-
-»Keineswegs, Herr Professor! Ich klettere einfach am Rohr der
-Dachtraufe hinab.«
-
-»Und brechen den Hals!«
-
-»Nun, da wär' auch nichts weiter verloren! Sie haben mir ja so manchmal
-gesagt ...«
-
-»Sparen Sie Ihre Worte! Sie bleiben hier, bis geöffnet ist! Quaddler!
-sorgen Sie jetzt dafür, daß dieser Unfug ein Ende nimmt!«
-
-»Erlauben der Herr Professor ... Soll ich sozusagen den Schlosser
-holen?«
-
-»Natürlich! Mit Ihren Fingern werden Sie bei der Sache nichts
-ausrichten!«
-
-»Schön, Herr Professor. Welchen Schlosser soll ich denn holen?«
-
-»Das ist mir gleichgültig.«
-
-»Vielleicht den Kreiling?«
-
-»Himmelkreuzdonnerwetter, holen Sie, wen Sie wollen!«
-
-»So will ich den Kreiling holen. Der Burkhardt wohnt zwar bedeutend
-näher ...«
-
-»Selbstverständlich holen Sie dann den Burkhardt.«
-
-»Belieben der Herr Professor ganz ergebenst vermerken zu wollen, der
-Schmelzer wohnt aber noch näher!«
-
-Doktor Brömmel schlug mit der geballten Faust auf die Kathederfläche.
-
-»Sie sind ein Schafskopf! Augenblicklich machen Sie, daß Sie
-fortkommen!«
-
-»O, Herr Professor ... Ich gehe ja schon«, sagte Quaddler beleidigt.
-
-Und hiermit tappte er langsam über den Korridor und die Stiege hinunter.
-
-Doktor Brömmel setzte sich, kreuzte nach Art Walthers von der
-Vogelweide ein Bein mit dem andern und heuchelte eine wahrhaft stoische
-Ruhe.
-
-»Ich werde die Frist benutzen, um Ihnen ein kurzes lateinisches
-Exerzitium zu diktieren. Rüsten Sie sich zum Schreiben!«
-
-»Was?« rief Boxer pathetisch. »Das steht nicht im Schulprogramm!«
-
-»Wenn Sie sich noch ein einziges freches Wort erlauben, so schick' ich
-Sie nach dem Karzer!«
-
-Boxer erhob sich.
-
-»Frech zu sein ist meine Gewohnheit nicht; aber in aller
-Bescheidenheit ...«
-
-»Sie lernen mir zur Strafe den ersten Gesang der Odyssee auswendig. Ich
-will Sie lehren, meine pädagogischen Maßnahmen Ihrer unreifen Kritik zu
-unterwerfen! -- Still jetzt dahinten! Ich beginne mit dem Diktat!«
-
-Er legte die Arme gleichmütig vor die Brust und hub an, wie nachstehend:
-
-»Gönne die Reichtümer den Reichen und ziehe die Tugend den Reichtümern
-vor!«
-
-»Wie?« fragte Knebel. »Was soll man vorziehen?«
-
-»... Und ziehe die Tugend den Reichtümern vor«, wiederholte Brömmel mit
-eisiger Kälte.
-
-Die Federn kritzelten hastig übers Papier.
-
-»Wenn ich die Lehren der Weisheit verschmähe und noch im reiferen Alter
-wie ein Kind nach den Zerstreuungen des Augenblicks hasche, so bin ich
-albern ... Das letzte Wort geben Sie mit ~ineptio~, ~ineptire~.«
-
-»So bin ich was?« fragte Knebel.
-
-»Albern sind Sie,« versetzte Brömmel, -- »im höchsten Grade.«
-
-»Gehört das mit ins Diktat?«
-
-»Ja, +Sie+ können sich's mit ins Diktat setzen! Heppenheimer, warum
-schreiben Sie nicht?«
-
-»Ich bin fertig.«
-
-»So? Zeigen Sie einmal her!«
-
-Mit siegesgewissem Lächeln reichte Heppenheimer sein Blatt hin.
-
-»Was ist das für eine erbärmliche Schmiererei?«
-
-»Das ist Stenographie.«
-
-»So? Stenographie? Auch wieder so ein Mittel, um den Lehrer zu
-hintergehen! Ich muß Ihnen sagen, daß ich von solchen Geheimschriften
-absolut kein Freund bin. In meinen Stunden wird so geschrieben, daß es
-jedermann lesen kann!«
-
-»Das kann jedermann lesen, -- vorausgesetzt natürlich, daß er's gelernt
-hat. Auch die gewöhnlichste Schrift ist nur dem leserlich, der sie
-versteht.«
-
-»Lassen Sie Ihr Geschwätz, und schreiben Sie weiter!«
-
-Noch drei oder vier Sätze brachten wir so zu Papier. Dann fingen wir
-an, die denkwürdigen Phrasen ins Lateinische zu übertragen.
-
-»Boxer, warum schreiben Sie nicht?«
-
-»Ich habe Kopfweh! Sechs Stunden Gymnasium sind mir gerade genug.«
-
-»Sie lernen mir jetzt auch den zweiten Gesang der Odyssee auswendig!«
-
-»Damit sich mein Kopfweh noch steigert? Damit ich schließlich eine
-Gehirnentzündung bekomme?«
-
-»Kein Wort mehr, oder ich weise Ihnen die Tür!«
-
-Die Klasse begann wieder zu lachen. Auch Boxer konnte nicht umhin, sich
-trotz seines Kopfwehs aufrichtig zu beteiligen.
-
-»Was? Sie wollen mir hier Gesichter schneiden? Augenblicklich gehn Sie
-hinaus!«
-
-»Gern, Herr Professor, sobald der Quaddler mit dem Schmelzer gekommen
-ist.«
-
-»Ja so ... Der Mensch bleibt in der Tat über alle Begriffe lang'!
-Heppenheimer, sehen Sie mal nach ... Das heißt ... Ich will sagen ...
-Es ist gut! Halten Sie sich an die Arbeit!«
-
-So verstrich eine Viertelstunde. Da knarrte es auf den Dielen des
-Korridors.
-
-»Herr Professor, der Schmelzer war nicht zu Hause, und damit Sie nicht
-so lang warten müssen und denken, ich bin etwa nachlässig im Dienst,
-so wollte ich mir erlauben, Ihnen dies kurz zu melden. Ich gehe jetzt
-gütigst zum Burkhardt.«
-
-»Sie sind der bornierteste Mensch, der mir je vorgekommen!« wetterte
-Brömmel in heller Verzweiflung. »Denken Sie, ich habe Lust, hier bis
-morgen früh Quarantäne zu halten?«
-
-»Aber der Herr Professor werden so frei sein ... insofern Sie mir doch
-gesagt und vermeldet haben, und der Schmelzer doch ganz in der Nähe
-wohnt ...«
-
-Brömmel verließ den Katheder und stürmte in ohnmächtigem Zorn nach der
-Tür. Mit geballter Faust schlug er wider die Bretter.
-
-»Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß die Tür uns trennt«, ächzte er, kaum
-noch der Sprache mächtig.
-
-»Gott verzeih' mir die Sünde, der Herr Professor sind ja furchtbar
-erregt! Da will ich mich doch recht beeilen, damit ich ja zur
-pünktlichen Zeit wieder da bin!«
-
-Und fort war er, ehe Brömmel etwas erwidern konnte.
-
-Wilhelm Rumpf hatte sich bis dahin abseits im Hofe herumgetrieben und
-die Situation auskundschaftet. Er benutzte den günstigen Moment, um
-unbemerkt den Schlüssel wieder ins Schloß zu stecken.
-
-Brömmel saß inzwischen, von heftigen Gemütsbewegungen hin und her
-geschüttelt, auf dem Lehrstuhl. Sein ganzer Habitus verriet, daß
-er alle moralische Kraft aufwenden mußte, um nicht in schäumende
-Wut auszubrechen. Mit den Fingern der rechten Hand trommelte er in
-heftigem Dreivierteltakt auf die Kathederfläche. Ab und zu nickte er
-verzweiflungsvoll lächelnd vor sich hin, als wollte er sagen: »Sehr
-gut, wirklich, ganz ausgezeichnet! So etwas kann auch nur in Sekunda
-passieren!« Dann warf er wieder den Kopf in den Nacken und zuckte die
-Achseln. »Die ganze Sache«, so ließ sich diese Geste interpretieren,
-»ist mir zu erbärmlich, um mich darüber zu ärgern. Dumme Jungens seid
-Ihr allesamt, den Quaddler mit eingerechnet! Wenn ich doch endlich
-einmal dieses Gymnasium mit seinen fatalen Auftritten los wäre! -- Aber
-die Professur an der Hochschule will noch immer nicht kommen, trotz
-meiner epochemachenden Studie über das griechische Medium! Das wahre
-Verdienst wird niemals erkannt! Fluch über dies Zeitalter!«
-
-Endlich, endlich erschien Quaddler mit dem sehnsuchtsvoll erwarteten
-Burkhardt.
-
-Der Schlossermeister war im höchsten Grad ungehalten.
-
-»Sie denken, ich kann um jede Lumperei abkommen«, sagte er noch im
-Treppenbau. »Es ist jetzt verdammt schlimme Zeit: die Gesellen sind
-fort, und der Lehrbub versteht nichts. Um ein Schloß aufzumachen, läuft
-man nicht so ohne weiteres drei Meilen weit. Die paar Kreuzer machen
-die Suppe nicht fett!«
-
-»Aber erlauben Sie gütigst,« erwiderte Quaddler, »das gehört doch
-sozusagen in Ihr Geschäft, und wo die Pflicht Ihres Amtes ...«
-
-»Ach was,« versetzte Burkhardt, »ich habe kein Amt, und der Teufel
-soll's holen, wenn ich alle Naselang aus der Werkstatt geholt werde!
-Das nächste Mal setz' ich Ihnen zwei Gulden auf Rechnung. Ich danke
-dafür, den halben Nachmittag zu vertrödeln, wenn die Leute einmal einen
-Schlüssel verlegen.«
-
-So traten sie vor die Tür.
-
-»Aber was wollen Sie denn eigentlich?« schrie Burkhardt, den armen
-Quaddler wütend am Arme schüttelnd. »Da steckt ja der Schlüssel!
-Himmelschockmillionendonnerwetter, denken Sie vielleicht, Sie können
-mich hier, wie ein böser Bube, zum Narren halten?«
-
-»Ja, aber bester Herr Burkhardt, das geht nicht mit rechten Dingen zu!
-Vorhin stak der Schlüssel nicht, das kann ich beeidigen.«
-
-»So? Können Sie das beeidigen? Na, mir sollen Sie wieder kommen mit
-Schlösseraufmachen! Einen alten Hund werde ich tun, aber nicht wieder
-mit Ihnen herlaufen, Sie alter, versoffener Pfannenschmied!«
-
-Der Schlossermeister eilte fluchend die Treppe hinab. Quaddler aber
-stand wort- und regungslos da, eine männliche Niobe.
-
-»Nun, wird's bald?« rief Doktor Brömmel, an der Türklinke rüttelnd.
-
-Der Pedell seufzte. Dann drehte er in völlig geknickter Stimmung den
-Schlüssel um.
-
-»Hören Sie,« begann Doktor Brömmel in strafendem Tone, »ich glaube,
-Sie selbst haben in Ihrer bodenlosen Zerstreutheit den Schlüssel da
-abgezogen! Ich hasse nichts mehr als die Zerstreutheit. Wiederholt sich
-dergleichen, so werde ich dafür sorgen, daß Ihnen von höchster Stelle
-aus ein Verweis erteilt wird.«
-
-»Herr Professor, so wahr ich hoffe, dereinstens selig zu werden ...«
-
-»Das kann jeder sagen.«
-
-»Das finde ich auch«, meinte Boxer. »Wie die Dinge liegen, kann nur
-Herr Quaddler die Tat verübt haben.«
-
-»Da hören Sie's«, eiferte Brömmel.
-
-»Aber ich will augenblicklich des Todes sterben ...«
-
-»Schweigen Sie! Nur von außen kann der Schlüssel herumgedreht worden
-sein, und Sie allein sind draußen gewesen. Ihr hartnäckiges Leugnen ist
-geradezu abgeschmackt. Ich werde dem Herrn Direktor nunmehr sofortige
-Anzeige machen.«
-
-Wilhelm Rumpf, der diese Verhandlungen aus einer Ecke des Korridors mit
-anhörte, verspürte bei den strengen Worten des Professors etwas wie
-Mitleid. So trat er denn plötzlich ins Schulzimmer und rief atemlos:
-
-»Ach, Herr Doktor, ich bin rein außer mir! Wie ich vorhin das Zimmer
-verließ, war ich so in Gedanken, daß mir ein Unglück passierte. Ich
-glaubte, ich wäre daheim. Denn wissen Sie, Herr Professor, Sie sprechen
-gerade so, wie mein Hauswirt ... Ich weiß selbst nicht, wie es gekommen
-ist ... In der Zerstreutheit zog ich den Schlüssel ab ...«
-
-»Knebel, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Rumpf wegen groben Unfugs mit
-einem Tage Karzer bestraft‹. Wenn Sie wieder ein Märchen aushecken, so
-lügen Sie weniger ungeschickt!«
-
-»Ein Märchen?« rief Wilhelm im höchsten Pathos. »Ich rede die Wahrheit!
-Wer sich schuldig fühlt, der bleibt im Verborgenen! Ich aber trete kühn
-vor Sie hin, um den Quaddler vom Verdacht zu befreien ...«
-
-»Ach ja, Herr Rumpf,« murmelte Quaddler gerührt, »das ist wirklich
-recht schön von Ihnen! Ich hab's ja immer gesagt, der Rumpf ist gar so
-kein übler Schüler nicht.«
-
-»Es bleibt dabei«, sagte Brömmel, den Hut aufsetzend. »Wenn Sie
-wirklich so über alle Begriffe zerstreut sind, wie Sie behaupten, so
-geben Sie künftighin besser acht! Ich kann die Zerstreutheit nicht
-leiden! Und Sie, Quaddler, werden von jetzt ab den Schlüssel inwendig
-stecken lassen. Wenn uns dann jemand einschließt, können wir wenigstens
-öffnen, ohne den Schlosser zu rufen. Adieu!«
-
-»Seien Sie ruhig, Herr Rumpf,« flüsterte Quaddler beschwichtigend, »ich
-will Ihnen die zwölf Kreuzer Pedellengebühren für den Tag Karzer nicht
-anrechnen!«
-
-
-
-
-Eindrücke aus dem Karzer.
-
-
-Noch in Tertia hatte das Wort Karzer für unsere Ohren etwas
-Dämonisch-Furchtbares. Wir glaubten synonyme Anklänge an »Schafott«
-oder »Bagno« herauszuhören. Die wenigsten von uns hatten die
-geheimnisvollen Räume, die der Pedell Quaddler mit seinen riesigen
-Schlüsseln verwahrte, auch nur zu Gesicht bekommen, denn die
-Karzerstrafen gehörten in Tertia zu den größten Seltenheiten. Man
-züchtigte unsere kleinen Vergehen einfach durch sogenanntes Nachsitzen,
-d. h. man sperrte uns nach Schluß der Unterrichtsstunden in ein
-Schulzimmer. Diese Methode ward bei leichteren Vergehen auch in Sekunda
-noch angewendet. Nur Prima besaß das Privilegium der ausschließlichen
-Karzerverbüßung; daher denn in Sekunda diejenigen Schüler, welche
-»hinauf« unter die Botmäßigkeit des Pedells wandelten, mitleidig auf
-die bloßen Nachsitzer herablächelten.
-
-In Sekunda nämlich ging mit den stillen Tertianern eine eigentümliche
-Wandlung vor. Das System der Doppelklassen übte hier seine
-antipädagogische Wirkung. Wenn die Oberstudienräte alles aufböten,
-um die Schüler zu demoralisieren, so könnten sie keine praktischere
-Einrichtung treffen, als diese zweijährige Dienstzeit. Sexta,
-Quinta, Quarta und Tertia waren auf einen Kursus von nur einem Jahre
-berechnet; in Sekunda aber rückten jedesmal zu Ostern die Tertianer
-als Untersekundaner ein, während die bisherigen Untersekundaner
-zu Obersekundanern emporstiegen. Der Unterricht fand gemeinsam in
-demselben Raume statt. ~In litteris~ ward durch diese Verschmelzung
-manches gewonnen: schon der Umstand, daß man auf diese Weise dem
-Wetteifer der Jüngeren mit den Älteren ein weites Feld eröffnete,
-darf nicht unterschätzt werden. ~In moribus~ aber verhielt sich die
-Sache umgekehrt. Es gab keine schroffere Kluft, als die zwischen dem
-respektvollen Tertianer und dem kecken, krawallsüchtigen Schüler
-Sekundas. Mit Staunen und Neid sah der zum Untersekundaner avancierte
-Tertianer die edle Ungebundenheit seiner neuen Mitschüler, und schon
-nach wenigen Tagen regte sich der Nachahmungstrieb. Derselbe Wetteifer,
-der auf dem Gebiete der Wissenschaft Gutes erzielte, lieferte auf dem
-des Betragens die unbequemsten Resultate. Man beobachtete, daß die
-Phrase: »Sie gehn mir einen Tag auf den Karzer!«, die in Tertia von
-geradezu niederschmetternder Wirkung gewesen wäre, hier fast ohne
-Einfluß auf das seelische Gleichgewicht der betroffenen Märtyrer blieb.
-Man konstatierte, daß diese Obersekundaner absolut aufgehört hatten,
-an die Furchtbarkeit des diabolischen Schrecknisses zu glauben. Und
-so verschwand denn auch bei uns Jüngeren rasch die letzte Spur jener
-Karzer-Religiosität, die uns in Tertia so magisch gebannt hatte. Der
-Mensch, der die physikalischen Gesetze des Gewitters kennen lernt,
-hört auf, vor dem ~Jupiter tonans~ zu bangen; die Vertrautheit, welche
-der Astronom mit den Problemen der Verfinsterungen bekundet, tötet
-die heilige Scheu vor dem Schwinden des Sonnenballs. So verloren
-auch wir den geheimen Schauder, nachdem wir die Erfahrung gemacht
-hatten, daß sterbliche Menschen, wie wir, ganz behaglich mit diesem
-Orkus verkehrten und ohne Herzenskrämpfe den Nachen Charon-Quaddlers
-bestiegen.
-
-Es war gerade vier Wochen nach Antritt meiner Sekundanerschaft, als
-ich zum erstenmal für sechs Stunden »unter das Dach« verbannt wurde.
-Ich hatte, wegen einer kleinen Störung von »vier bis fünf« im Arrest
-behalten, diese Zeit der Knechtung dazu benutzt, in Gemeinschaft mit
-zwei Leidensgefährten sämtliche Kleiderhaken des Schulzimmers um
-ihre Achse zu drehen, ein Prozeß, der mit einer radikalen Zerstörung
-identisch war. Noch begreife ich nicht, wie unsere Naivität hoffen
-mochte, die Tat werde unbestraft bleiben. Denn Quaddler, der
-gewissenhafteste Pedell seines Jahrhunderts, hatte uns sorgfältig
-eingeriegelt, so daß also die Unmöglichkeit, einen unbekannten ~Quidam~
-für die Zerstörung des Gymnasialeigentums verantwortlich zu machen,
-jeder logischen Natur einleuchten mußte. Nur eine Persönlichkeit
-existierte, der wir unseren Frevel aufbürden konnten: Quaddler selbst,
-der jedesmal nach Entlassung der Arreststräflinge das Lokal reinigte.
-Dieser höchst unwahrscheinliche Ausweg mochte unserem Zerstörungstrieb
-hinreichend bedünken. Kurz und gut, wir hatten die verbrecherische
-Abdrehung ohne jede Besorgnis vor den möglichen Folgen bewerkstelligt,
-und mit siegesgewissem Lächeln zogen wir, als die Stunde unserer
-Haft zu Ende war, an dem öffnenden Quaddler vorüber ins Freie. Der
-brave Pedell entdeckte natürlich sofort, was seine Schutzbefohlenen
-gesündigt; und ehe er des folgenden Tages zum drittenmal geläutet
-hatte, waren wir angezeigt. Mit blödem Zynismus wagten wir, unser
-Vergehen in Abrede zu stellen. Aber Quaddler stand zu fest in der
-Hochachtung seiner Gebieter, als daß man sein Zeugnis bezweifelt hätte.
-So räumten wir denn endlich ein, was nicht länger zu leugnen war, und
-ernteten als Lohn die beregte sechsstündige Karzerstrafe.
-
-Es war doch ein eigentümliches Gefühl, als man so die enge Treppe
-hinaufwandelte und zum erstenmal die kahlen, weiß gestrichenen Eingänge
-der Zellen erblickte!
-
-Quaddler war bei solchen Anlässen stets von ausgezeichneter Höflichkeit.
-
-»Wollen die Herren Sekundaner nur hereinspazieren«, sagte er mit einer
-chevaleresken Handbewegung; »und dann möchte ich mir gütigst erlauben,
-daß Sie ja nicht zu viel klingeln, indem von wegen der Störung, weil
-nämlich die Herren Lehrer, insofern sie den Unterricht erteilen, bei
-fortwährendem Geklingel nicht fortsetzen können.«
-
-Er hatte seine guten Gründe, der ehrliche Quaddler, warum er die
-Karzer-Delinquenten stets so höflich apostrophierte. Von jeder Stunde,
-die wir verbüßen mußten, erhielt er einen Kreuzer süddeutscher Währung,
-und ich versichere feierlichst, er stand sich nicht übel bei diesem
-Zuschuß! Mit edler Pflichttreue brachte er jeden Verstoß gegen die
-Gymnasialgesetze zur Anzeige, und ehe ein Frevler gezüchtigt war,
-kannte seine moralische Entrüstung keine Grenzen. Sobald aber der
-Mund des Lehrers die Strafe diktiert hatte, sobald war das sittliche
-Bewußtsein im Busen Quaddlers befriedigt, und er kehrte die volle
-Schönheit seiner Humanität heraus. Ja, er empfand etwas wie Liebe für
-seine Sträflinge; nur mußte man sich völlig der Hausordnung fügen, denn
-in diesem Punkte war er Pedant.
-
-Er öffnete also und ließ uns eintreten in die Hallen der stummen
-Verbannung. Wohl gemerkt: jeden einzelnen in ein besonderes Lokal; denn
-gerade durch das System der Einzelhaft unterschied sich der Karzer von
-dem milderen Arrest.
-
-Die Türen fielen krachend ins Schloß, die Schlüssel drehten sich um --
-fast so geschwind wie jene unglückseligen Kleiderhaken --, Quaddler
-tappte wuchtigen Trittes nach der Türe der Vorflur, schloß auch diese
-und eilte die Treppe hinunter.
-
-Da saßen wir denn zum erstenmal auf dem Karzer! Das Krachen des
-Schlüsselumdrehens war das Totenlied unserer Freiheit gewesen.
-
-Verglichen mit dem Arrest, durfte der Karzer für eine weit
-entschiedenere Absperrung von der bürgerlichen Gesellschaft gelten.
-Während jener Stunde, die wir zur Abdrehung der Kleiderhaken benutzt
-hatten, war, wie manchesmal, eine Erholungspause mit behaglichem
-Fensterschauen verbracht worden. Hier, wo sich das einzige Fenster hoch
-an der Decke befand, war diese Zerstreuung um so weniger zu erreichen,
-als das Fenster durch ein starkes Gitter vor unseren Zudringlichkeiten
-geschützt war. Auch die sonstige Einrichtung unserer Zelle erschien
-minder behaglich als die Räume Sekundas. Ein kleines, weiß getünchtes
-Stübchen, dessen einziges Ameublement in einer Pritsche, einem Tisch
-und einem Stuhle bestand! Und die Pritsche war hart, und der Stuhl war
-noch härter! Auf dem Tische nahmen sich die wenigen Bücher, die wir
-mitgebracht hatten, schrecklich verödet aus, und der kleine, schwarze
-Ofen in der Ecke schien vor Melancholie verrosten zu müssen ...
-
-Eine Weile übte dieser erste Eindruck auf unsere Lebensgeister seine
-abdämpfende Wirkung aus; nach und nach jedoch erwachten wir zum frohen
-Bewußtsein, daß sechs Stunden keine Ewigkeit sind, und das erste
-Symptom dieser neu sich regenden Elastizität war ein Ruf an die Adresse
-des Nachbars.
-
-»Du, Knebel, hier ist's äußerst gemütlich! Wie ist's bei Dir?«
-
-»Famos«, antwortete Knebel.
-
-Jetzt vernahm ich auch die undeutliche Stimme des dritten Dulders,
-dessen Zelle von der meinen durch die Knebels getrennt war. Es gewährte
-mir eine besondere Genugtuung, mit diesem fernen Freunde durch das
-Medium Knebels zu korrespondieren.
-
-»Du, Knebel!«
-
-»Was?«
-
-»Frag' mal den Scholz, was er treibt.«
-
-Alsbald telegraphierte Knebel weiter:
-
-»Du, Scholz, was treibst Du eigentlich?«
-
-Ein dumpfer Klang war die Antwort, und alsbald gab mir Knebel zurück:
-
-»Nichts.«
-
-»Ganz mein Fall«, sagte ich freudig erregt.
-
-Pause.
-
-»Du, Knebel!«
-
-»Was?«
-
-»Ich klingle jetzt!«
-
-»Gut!«
-
-Und nun zog ich die Klingel.
-
-Es dauerte einige Minuten; dann klirrte die Tür der Vorflur, und
-Quaddler erschien vor den Zellen.
-
-»Wer hat geklingelt?« fragte er unwillig.
-
-»Ich, Herr Quaddler, ich«, rief ich, an die Tür pochend.
-
-»Ich bin ja kaum zehn Minuten drunten«, gab Quaddler zur Antwort. »Was
-wünschen Sie?«
-
-»Ach, Herr Quaddler, mir ist auf einmal so schlecht geworden. Bitte,
-lassen Sie mich gleich mal hinaus.«
-
-Quaddler brummte etwas in den Bart und drehte den Schlüssel um.
-
-»Ich sag' Ihnen, Herr Quaddler, ich hab' ein solches Leibweh bekommen!
-Ich kann den Geruch der Tünche nicht recht vertragen. Sie täten
-wirklich besser, wenn Sie die Karzerzellen tapezieren ließen.«
-
-»Das wäre gütigst zu kostspielig«, versetzte Quaddler ärgerlich.
-»Machen Sie jetzt nur mal, daß sie fertig werden und wieder
-hineinkommen. Ich habe dringende Geschäfte.«
-
-»Ja, Herr Quaddler, das ist alles ganz gut, aber ich kann doch
-unmöglich ...«
-
-»Ach, die Herren Sekundaner haben allzeit eine Ausrede ...«
-
-Ich blickte mich jetzt auf der Vorflur um und sagte dann wohlwollend:
-
-»Die Schränke da gehören wohl Ihnen? Sehr schöne Schränke, wirklich
-ganz ausgezeichnete Schränke. Es sind wohl Kleiderschränke?«
-
-»Sozusagen teilweise«, erwiderte Quaddler sichtlich geschmeichelt.
-»Aber machen Sie jetzt nur rasch. Ich habe sehr wenig Zeit ...«
-
-Ich trat an einen der Schränke heran und befühlte ihn.
-
-»Echtes Eichenholz«, sagte ich mit Kennermiene. »Wirklich, Herr
-Quaddler, ich beneide Sie. Wo haben Sie die Schränke eigentlich her?«
-
-»Erlauben Sie gütigst, die Pflicht meines Amtes ... Ich kann mit dem
-besten Willen nicht zugeben ... Wollen Sie jetzt ... oder wollen Sie
-nicht ...?«
-
-»Aber ich werde doch einmal Ihre Schränke betrachten dürfen ...«
-
-»Wenn Sie heute abend Ihre Strafe verbüßt haben, will ich mir gütigst
-erlauben, Ihnen die Schränke in allen Einzelheiten zu zeigen. Aber
-jetzt, inwofern Sie wirklich die Absicht haben ...«
-
-»Es ist hier draußen viel bessere Luft als drinnen«, sagte ich, auf ein
-anderes Thema ablenkend.
-
-»O, da drinnen ist ganz gute Luft; und wenn die Herren Sekundaner die
-Haken abreißen, so ist die Luft längst schön genug, und ich muß jetzt
-in allem Ernste bitten, sich gefälligst beeilen zu wollen. Da schlägt's
-schon ein Viertel ...«
-
-»Ein Viertel! Wahrhaftig! Man soll's gar nicht sagen, wie doch die
-Zeit vergeht! Überhaupt, wenn man bedenkt ... Wissen Sie noch, Herr
-Quaddler, wie ich in Quarta saß ... Ich meine, das wäre erst gestern
-gewesen!«
-
-»Wie Sie in Quarta saßen, hatten Sie gütigst viel weniger tolle
-Streiche im Kopfe, und wenn Sie ergebenst meinen, Sie könnten mich hier
-zum Narren halten, so werde ich dem Herrn Professor mitteilen, daß Sie
-immer sagen, Sie hätten Leibweh und könnten die Tünche nicht vertragen,
-und nachher von Quarta sprechen und doch nicht hineingehen.«
-
-Mit diesen Worten trat er an die Tür der Zelle.
-
-»Wollen Sie jetzt, oder wollen Sie nicht?«
-
-»Es ist wirklich merkwürdig, Herr Quaddler,« sagte ich, tief Atem
-holend, »die kühle Luft hier draußen hat mich auf wunderbare Weise
-gestärkt. Es ist mir gar nicht mehr übel, und wenn Sie erlauben,
-verfüge ich mich wieder in meine Zelle.«
-
-»Sie werden ja sehen, was Sie sich anrichten.«
-
-»Aber zum Donnerwetter, wenn sich mein Leibweh doch gebessert hat! Soll
-ich denn nur, um Ihnen einen Gefallen zu tun ...«
-
-»Was? Donnerwetter wollen Sie sagen? Ei, zum Donnerwetter, das laß ich
-mir nicht gefallen. Wofür halten Sie mich? Marsch in die Zelle!«
-
-»Quaddler, Quaddler, werden Sie nicht unangenehm.«
-
-»Ach, ich bin's müde, mich von Ihnen hänseln zu lassen!« Und krach!
-flog die Tür zu, und brummend schlich der ehrliche Schließer von dannen.
-
-Abermals ein kurzes Zwiegespräch mit dem trefflichen Knebel.
-
-»In zehn Minuten ist die Reihe zu schellen an mir«, rief er jauchzend.
-»Der Quaddler soll doch wissen, wofür er das schwere Karzergeld
-einheimst.«
-
-Ich benutzte die Frist bis zur nächsten Quaddler-Episode, um mich im
-Innern meiner Zelle etwas gründlicher umzusehen.
-
-Wenn ich die Mauern meines Verließes vorhin »weiß getüncht« nannte,
-so war dies insofern inkorrekt, als die ursprüngliche Reinheit des
-Kolorits längst einem Zustande schwarz gesprenkelter Unsauberkeit
-Platz gemacht hatte. Da existierte kaum ein Fleckchen, wo nicht ein
-Tintenklex, eine Inschrift oder eine groteske Zeichnung prangte, so daß
-einzelne Partien der Wandfläche den Eindruck einer fast regelmäßigen
-Marmorierung hervorriefen.
-
-Ich trat näher herzu: Hunderte von Vorgängern hatten hier eine beredte
-Erinnerung an durchlittene Stunden zurückgelassen ... Ich bekenne, daß
-mich dieser augenscheinliche Beweis von dem ~socios habuisse malorum~
-äußerst behaglich anmutete. Und dabei ersah ich aus den meisten dieser
-Ergüsse, daß die Schmerzen des Karzers keineswegs den guten Humor
-schädigten: eine Wahrnehmung, die sofort in meinem eigenen Busen
-verwandte Regungen weckte.
-
-Da stand z. B. in großen lateinischen Lettern, fast unmittelbar an der
-Decke:
-
- Weil ich den Schmidt am Haar gezerrt,
- Hat Bosheit mich ins Loch gesperrt.
-
- +Meier.+
-
-Und gleich daneben von derselben Hand:
-
- O Heinzerling, Du schuldest meine Pein, --
- Die Götter mögen gnädig Dir verzeihn!
-
-Ein Ungenannter verstieg sich zu folgendem Stoßseufzer:
-
- Führt denn gar kein Weg,
- Führt denn gar kein Steg
- Aus der Prima schnödem Tartarus,
- Wo der Herr Scholar,
- Weil er kneipen war,
- Ganze Tage stumm verschmachten muß!
-
-Darunter in schöner Frakturschrift:
-
- ~Vae victis!~
-
-Und hiervon links:
-
- ~Illi robur et aes triplex circa pectus erat, qui primus
- fragilem discipulum carceri commisit.~
-
-Ein gewisser Ittmann, künftiger Philologe von Fach, hatte einen Vers
-des Tyrtäus in den Kalk eingekratzt und dann die Vertiefungen mit
-Rotstift bemalt, so daß da fast in der Weise einer pompejanischen
-Mauerinschrift zu lesen war:
-
- Ὥσπερ ὄνοι μεγάλοις ἄχδεσι τειρόμενοι.
-
-Zu deutsch:
-
- Wie die Esel seufzen wir unter den schrecklichsten Lasten.
-
-Auf der entgegengesetzten Wand las ich die schwungvollen Verse:
-
- Mein Schicksal war ein Zechgelag,
- Nun schmacht' ich in des Karzers Kette;
- Doch wärst Du hier, geliebte Henriette,
- Des Orkus Nacht verklärte sich zum Tag.
-
-Ganz ähnlich hatte sich mein Mitschüler Schwarz vernehmen lassen, der
-ausnahmsweise bereits in Tertia »unter das Dach« geschafft worden war.
-Er schrieb:
-
- O Fanny, himmlisches Mädchen, wenn Du, Engelgleiche, mich
- lieben wolltest, ich ließe mich gern Zeit meines Lebens hier
- einsperren.
-
- Dein treuer Seelsorger
- +G. Schwarz+.
-
-In kecken Lettern prangte unmittelbar darunter folgender Passus:
-
- Wilhelm Rumpf, weil er dem ~Dr.~ Klufenbrecher Kirschkerne
- unter den Stuhl gelegt hat, mit acht Stunden Karzer bestraft.
- Gott, wie wenig!
-
-Ein Jüngling namens Fresenius ließ sich also vernehmen:
-
- O Karzer, stiller Raum,
- Du meiner Sehnsucht Traum,
- Du Wiege meiner Leiden,
- Um sieben müssen wir scheiden.
-
-E. P. aus L. schrieb das Nachstehende:
-
- Wie, schnöder Quaddler, Du weigerst Dich, zu öffnen, wenn ich
- klingele? Wahrlich, ich klingele nicht aus Übermut, sondern aus
- Not ... Nun, ich spreche mit einer leichten Variation des Horaz:
-
- ~+Aquam+ memento rebus in arduis servare.~
-
-Das waren so die pikantesten und witzigsten Scherze dieser
-Wandliteratur. Andere Aufzeichnungen entbehren der Pointe, wie z.
-B. die echt sekundanerhafte Lobrede auf des Pedells liebreizendes
-Töchterlein:
-
- ~Anny Quaddler est virgo venustissima, dulcissima,
- placentissima. Basia ei dare velim quam plurima. Pedes habet
- elegantissimos, genua rotundissima et cetera.~
-
-Natürlich fehlten auch die gröberen Lästerungen, Zynismen und
-Cochonnerien nicht. Es hat von jeher eine stark verbreitete Sorte
-von Schülern gegeben, die den Mangel an Esprit und Humor durch
-einen scharf ausgeprägten Kultus der Zwei- und Eindeutigkeiten zu
-ersetzen suchen, geistlose Zotenjäger, die in jedem Kleiderhaken
-einen Phallus erblicken, ohne imstande zu sein, ihre Sottise in ein
-erträgliches Epigramm zu kleiden. Auch diese Dunkelmänner hatten
-reichlich zur Beklecksung der Karzerwände beigetragen; aber es fehlte
-ihren Skripturen auch jene bescheidene Dosis von Salz, die man einem
-christlich-germanischen Sekundaner zumuten darf.
-
-Ich wurde aus meinen Betrachtungen durch Knebels Geklingel jählings
-emporgeschreckt. Drei Minuten später ertönten auf dem Korridor wieder
-die Schritte Quaddlers. Knebel begann ein entsetzliches Ächzen und
-Stöhnen.
-
-»Ach, Herr Quaddler, ach, um Himmels willen, was ist mir so schlecht!
-Machen Sie schnell auf! Ich muß mich fürchterlich übergeben! Schnell,
-schnell! Ach du lieber Gott, ist mir schlecht!«
-
-»Herr Knebel,« begann Quaddler mit einer Stimme, aus der man sein
-olympisches Stirnrunzeln hervorlas, »ich sage Ihnen, ohne Scherz, wenn
-Sie mir so kommen, so werden Sie sich ergebenst täuschen.«
-
-Knebel stieß einige ganz entsetzliche Würgtöne aus und bat dann von
-neuem in kläglichster Melodie um Öffnung der Zelle.
-
-Wütend stieß Quaddler die Tür auf.
-
-»Gott sei Dank! Das war gerade zur rechten Zeit. Ach, Herr Quaddler,
-was ist mir so schlecht! Lassen Sie mich nur ein Viertelstündchen
-hinaus.«
-
-»Das geht nicht«, versetzte der Pedell, durch die Naturwahrheit, mit
-welcher Knebel seine merkwürdige Rolle spielte, stutzig gemacht.
-
-»So holen Sie mir rasch etwas frisches Wasser«, stöhnte der Heuchler,
-von neuem glucksend und gröhlend. »Ach, wenn das meine Mutter wüßte!
-Ach Gott, wie ist mir so schlecht!«
-
-»Gut, das Wasser sollen Sie haben. Aber das sag' ich Ihnen, treiben Sie
-mir nicht die Sache zu weit, und ulken Sie mich nicht alle Augenblicke
-herauf. Ich bin nicht zu Ihrer Bedienung da, das müssen Sie sich nicht
-einbilden.«
-
-Mit diesen Worten entfernte er sich. Die Zelle Knebels hatte er offen
-gelassen; der Verschluß des Korridors genügte ja! Knebel aber hatte
-nichts Eiligeres zu tun, als mir und unserem Kameraden Scholz das
-Verließ zu öffnen und so auf der geweihten Domäne Quaddlers eine
-Dreimännerversammlung höchst revolutionärer Art ins Leben zu rufen.
-Unsere Verabredungen waren in Kürze getroffen. Scholz versteckte sich
-hinter einem der Schränke, nachdem wir vorher seine Zelle sorgfältig
-verschlossen hatten. Ich selbst begab mich in mein Gefängnis zurück
-und wartete, bis Knebel seine Übelkeitsangelegenheiten geordnet hatte.
-Dann, um der Möglichkeit einer Visitation bei Scholz vorzubeugen,
-klopfte ich und bat mir ebenfalls ein Glas frisches Wasser aus, wobei
-ich durch allerlei gekünstelte Phrasen die Ungeduld Quaddlers so sehr
-steigerte, daß er schwur, er werde nicht mehr heraufkommen, und wenn
-wir die Klingel abrissen.
-
-Weiter wünschten wir nichts.
-
-Nachdem Quaddler verschwunden war, trat Scholz aus seinem Versteck
-heraus, drehte die Schlüssel unserer beiden Zellen um, und siegesfroh
-sanken wir uns an die brüderlich klopfenden Herzen. Ein brillanter Skat
-(Scholz trug immer die Karten bei sich) vereinigte uns für den Rest
-unserer Strafzeit in fröhlicher Ungezwungenheit. Einmal noch hatten
-wir, nachdem wir alle nötigen Vorbereitungen getroffen, den Pedell
-herauf zitiert; unsere dauernde Ruhe hätte seinen Verdacht erregt.
-Im übrigen blieben wir unbehelligt. Und so endete denn unser erstes
-Karzererlebnis in jeder Hinsicht befriedigend.
-
- * * * * *
-
-Mein zweiter Aufenthalt in »Quaddlers Dachkammern« steht mir
-nicht minder klar im Gedächtnisse wie mein Debüt. Späterhin haben
-die Eindrücke sich verwischt. Die »halben« und die »ganzen« Tage
-wiederholten sich zu massenhaft, als daß jede einzelne Perle dieses
-Rosenkranzes in meiner Erinnerung aufgezeichnet sein könnte. Damals
-aber war meine Seele in Karzerangelegenheiten so jungfräulich, daß
-selbst das geringste Ereignis eine unauslöschliche Spur zurückließ.
-
-Es war drei Wochen seit jener ersten sechsstündigen Skathaft. Ich
-hatte diesmal einen vollen Tag zu verbüßen, und zwar in Gemeinschaft
-mit Wilhelm Rumpf, der Krone und dem Spiegel aller deutschen
-Gymnasialschüler. Die Ursache unserer Schicksale war nicht die gleiche.
-Rumpf hatte sich einer tätlichen Mißhandlung des zart organisierten
-Salonschülers Heinrich von Sternberg erfrecht, ich aber war, so seltsam
-es klingen mag, ein Opfer meines früh entwickelten Patriotismus
-geworden.
-
-Zur Zeit meiner Sekundanerschaft florierte nämlich die Tätigkeit des
-Nationalvereins. Unser damaliger Geschichtslehrer, übrigens einer von
-den wenigen Pädagogen, die es verstanden, ihren Schülern wirkliches
-Interesse einzuflößen, benutzte eine Vorlesung über die französische
-Revolution, um den Nationalverein und seine Bestrebungen mit den
-terroristischen Klubs von Paris zu vergleichen. Teils aus Frömmig-,
-teils aus Zeitvertreib -- wie die berühmte Dame des deutschen
-Volksliedes --, ich will sagen, halb aus Liberalismus, halb aus
-Freude am Stören und Widersprechen, stand ich auf und erklärte dem
-»großdeutsch« gesinnten Lehrer feierlich, es sei mir leider unmöglich,
-seine politischen Anschauungen zu teilen. Der Ordinarius von Sekunda
-zähle ja persönlich zu den Mitgliedern des Nationalvereins, ohne daß
-man behaupten könne, derselbe habe Ähnlichkeit mit Robespierre oder
-Marat. Das war nun freilich eine für den Lehrer sehr unangenehme
-Gegenrede, denn die Tatsache von der Mitgliedschaft des Ordinarius
-ließ sich nicht abstreiten. Der Herr Professor mochte überdies der
-berechtigten Ansicht huldigen, meine Opposition habe etwas von der
-prinzipiellen Feindseligkeit der »Unversöhnlichen«. Er schritt zur
-Gewalt und verbannte mich wegen frecher Störung für zwölf Stunden ins
-Gymnasialgefängnis.
-
-Man hatte diesmal mit diabolischer Tücke den Sonntag für die Verbüßung
-der Haft festgesetzt, eine Maßregel, die unser Schicksal bedeutend
-erschwerte.
-
-Schon um drei Viertel auf sieben mußte ich mich den Armen des
-Schlummers entreißen, der uns Schülern doch gerade den Sonntagsmorgen
-so lieb und wert vor allen übrigen machte! Nicht ohne eine gewisse
-Verstimmung wanderte ich durch die stillen Gassen, deren geschlossene
-Läden mich höhnisch angrinsten, als wollten sie sagen: Ei, schon so
-frühe? Wir beginnen unser Tagewerk noch lange nicht! Wohin denn mit
-deinen Büchern und deiner Schulmappe? So viel wir wissen, gibt es doch
-heute keine Lektionen ...?
-
-Nun, sprach ich zu mir selbst, ich werde den Tag schon herumbringen;
-und stolzen Hauptes wanderte ich an den schloßverhangenen Buden
-vorüber. Goethe hat es gesagt: In der Beschränkung zeigt sich erst der
-Meister! ... Ich werde dem Schicksal beweisen, daß die Freiheit selbst
-in dem Kerker wohnt!
-
-Am Brandplatze begegnete mir der alte Registrator Bieler, ein
-bekannter Frühaufsteher, der seinen Spaziergang machte. Als ich ihn
-grüßte, bemerkte ich, daß über seine Lippen ein halb sarkastisches,
-halb mitleidiges Lächeln glitt. Auch nickte er so ganz eigentümlich
-still vor sich hin ... Die verwünschten Bücher! Die niederträchtige
-Schreibmappe! Ich fühlte, ich war erkannt. Mit dem feierlichen Ernst
-eines alten Römers gelobte ich mir, in Zukunft meine Bücher stets am
-Tage zuvor bei Quaddler zu deponieren.
-
-Und nun betrat ich das Gymnasialgebäude.
-
-Wie öde, wie leblos dehnten sich diese Mauern! Hier, wo sonst das
-lauteste, regste Treiben herrschte, wo das Gelächter chronisch und das
-Gebrüll permanent war, hier thronte jetzt die dumpfe Majestät einer
-Grabesstille, die mir kalt auf die Seele fiel! Nichts ist trauriger
-als der Kontrast zwischen dem belebten und dem unbelebten Raum! Ein
-Schauspielhaus sieht nach beendigter Vorstellung weit trübseliger, ja
-in gewissem Sinne erschütternder aus, als die ödeste Heide ... Nun, das
-Gymnasium ist ja auch eine Art Schauspielhaus, nur daß die Komödianten
-hier gleichzeitig das Publikum abgeben.
-
-Langsam ging's die Wendeltreppe hinauf nach den Regionen des Dachstuhls
-... Rumpf war noch nicht da. Einsam verhallten unsere Tritte durch den
-weiten, schläfrigen Raum. Ich sprach keine Silbe. Mit einer Art von
-wollüstigem Grausen sog ich die Elegie dieser trübseligen Morgenstunde
-in mein Gemüt ein.
-
-So war ich denn in die Zelle gelangt. Fünf Minuten später kam Wilhelm
-Rumpf, -- ebenfalls sehr stumm und geräuschlos. Die Tür fiel hinter ihm
-zu: wir waren allein, -- durch das gemeinsame Schicksal verbunden und
-doch getrennt durch die kalkbeworfene, inschriftenübersäte Wand.
-
-Rumpf war der erste, der das feierliche Schweigen zu brechen wagte.
-
-»Prosit!« rief er mit gewohntem Zynismus.
-
-Der warme Klang dieser Stimme gab mir die volle Elastizität des Geistes
-wieder.
-
-Ich antwortete, und so entspann sich ein brüderliches Gespräch, das
-endlich mit dem Bemerken abgebrochen wurde, man wolle zunächst etwas
-arbeiten, da ja der Tag lang und das ~dolce far niente~ gerade in
-diesen Räumen am wenigsten ~dolce~ sei.
-
-Ich setzte mich an den Tisch und durchmusterte meine Papiere und Bücher.
-
-Homer! Aufs Geratewohl schlug ich auf und las. Die frische Seeluft,
-die mir aus den Rhythmen des hellenischen Sängers entgegenwehte,
-paßte so wenig zu meiner Situation, daß ich nach kurzer Frist das
-Buch zuklappte und hinauf nach dem spärlichen Stück blauen Himmels
-sah, das in wolkenloser Klarheit durch die vergitterte Luke herein
-glänzte. In der Tat, es gab keinen schrofferen Gegensatz, als zwischen
-jenem ungebundenen Abenteurer Odysseus, der mit den lieben Genossen
-die weintraubenfarbige Salzflut befuhr, und mir, dem gefesselten
-Sekundaner, der in den Karzerräumen eines deutschen Provinzgymnasiums
-für den Nationalverein büßte!
-
-Meine Stimmung war jetzt, infolge der verschiedenen Wandlungen, die
-sie erlitten hatte, nachgerade bis zu dem Punkte gediehen, wo der
-deutsche Gymnasiast sich in Versen ergeht. Überhaupt war der Karzer
-für mich stets ein poetisch fruchtbarer Boden. Hier entstand mehr als
-ein Gedicht, das später mit geringen Veränderungen im Druck erschien,
-hier wurde gar mancher Ton angeschlagen, dem man nicht anmerkte, daß
-er dem Territorium Quaddlers entstammte. Auch die Primanerliebe fand
-die glücklichsten Momente ihrer lyrischen Gestaltungskraft auf dem
-prosaischen Karzer! Es klingt wunderbar, aber es ist so ...
-
-Ich setzte mich also wieder behaglich zurecht, breitete einen Bogen
-Papier vor mich hin und ergriff die Feder.
-
-Was schrieb ich?
-
-Ein Klagelied um »die sonnigen Tage von einst«!
-
-Es ist eine sonderbare Erscheinung, die unter anderen auch Paul Heyse
-in der Novelle »Lottka« zum Ausdruck gebracht hat, daß die Jugend, die
-eigentlich noch kaum von einer Vergangenheit reden kann, mit Vorliebe
-ihren begrabenen Träumen, ihren zertrümmerten Hoffnungen nachweint. So
-singt der achtzehnjährige Paul in der tränenreichen Melodie des »~long,
-long ago~«:
-
- Ich glaube, in alten Tagen,
- Da liebt' ich ein Mägdelein ...
-
-Späterhin erscheint uns dergleichen fast unbegreiflich; aber wenn
-man mitten darin steckt, so kommt man sich mit seiner ganzen
-wehmuterfüllten Individualität so heilig und ernst vor, daß man jeden
-Zweifel mit Entrüstung von der Hand weisen würde.
-
-»Die sonnigen Tage von einst« erleichterten mir das Herz, und in bester
-Laune benutzte ich die Rückseite des Blattes zur Abfassung eines
-Karzerhymnus, der in dröhnenden Rhythmen die Nichtswürdigkeit dieser
-Anstalt vom Standpunkte der reinen Moral zu beleuchten suchte.
-
-Mit einemmal ertönten die Kirchenglocken. Eine erneute
-Erinnerung an den Zustand der Unfreiheit! Sonst hatte uns jeder
-Sonntag, dafern wir die Stunde nicht ruchlos verschlafen, beim
-Vormittagsgottesdienst am Hause des Herrn gesehen. Ich sage
-»am« Hause des Herrn, denn wir standen davor, mit dem sehr
-weltlichen Zwecke, die schönen Töchter des Landes einwandeln
-zu sehen. Die Lehrer, insbesondere die Religionslehrer, hatten
-uns zwar vielfach Vorlesungen im Sinne der berühmten Londoner
-~Anti-young-men-before-the-church-standing-association~ gehalten
-und uns schließlich gesagt, wenn wir denn absolut nicht von dieser
-Unsitte ablassen könnten, so möchten wir doch wenigstens +nach+
-stattgehabter Revue auch das Innere des Tempels besuchen; aber
-diese Mahnungen blieben fruchtlos. Wir überschritten nur selten die
-Schwelle. Nicht als ob wir schon damals sämtlich überzeugungsfeste
-Anhänger von Schopenhauer oder David Strauß gewesen, nicht als ob
-wir jeder Sympathie für die Kirche entbehrt hätten, nein, es war ein
-anderer Umstand, der uns zurückhielt: der Eifer nämlich, mit dem die
-Lehrer sich jeden, der beim Gottesdienste erschien, ins Notizbuch
-vermerkten. Nur eine ganz verschwindende Minorität strenggläubiger
-oder augendienerischer Alumnen frequentierte die Kirche trotz dieser
-unglückseligen Methode. Die Quartalzensur brachte dann unter den
-»Besonderen Bemerkungen« das herrliche Lob: »~NB.~ Besuchte fleißig die
-Kirche ...«
-
-Jetzt tönten die Glocken durch die klare, friedliche Morgenluft. Ich
-glaube, wenn's mir in diesem Augenblicke freigestanden hätte, ich würde
-meine Zelle nicht nur mit dem Platz vor der Kirche, sondern auch mit
-der Emporbühne im Innern vertauscht haben, selbst auf die Gefahr hin,
-als kirchenfleißig notiert zu werden.
-
-Rumpf schien von ähnlichen Gefühlen durchflutet. Denn mit einemmal rief
-er mir sonderbar gähnend zu:
-
-»Du, es ist doch verflucht langweilig!«
-
-»Es geht«, antwortete ich mit gut erkünstelter Überlegenheit. Es ging
-aber nur sehr mangelhaft!
-
-Wilhelm Rumpf griff nun zu dem niemals versagenden, ewig vollgültigen
-Universalmittel des Klingelns. Quaddler erschien. Es entspann sich
-ein Dialog, nach dessen Beendigung der Pedell wieder verschwand,
-ohne daß sich unsere Situation im wesentlichen gebessert hätte. Der
-ehrliche Schuldiener mußte von unserer neulichen Skatpartie Wind
-bekommen haben, denn er weigerte sich hartnäckig, uns Wasser zu holen,
-solange Rumpf sich auf dem Vorflur befand. Deprimiert hörten wir seine
-nägelbeschlagenen Absätze treppabwärts poltern. Für diesmal schien aus
-unserer Partie Piquet, auf die wir so zuverlässig gerechnet hatten,
-nichts werden zu sollen.
-
-Da fiel mein Blick auf das Fenster. Die Vergitterung war nicht in die
-Mauer eingelassen. Sie bestand vielmehr aus einer Art Rost, die man
-mit Schrauben an das Holzwerk befestigt hatte. Ein köstlicher Gedanke
-zuckte durch mein Gehirn. Wenn es uns gelang, diese Schrauben zu lösen,
-so konnten wir die Kommunikation, die auf normalem Wege durch die
-Türen unmöglich war, über das Dach bewerkstelligen. Die Neigung der
-schiefergedeckten Fläche war eine sehr mäßige -- eine Gefahr also nicht
-vorhanden. Und überdies, was fragt ein deutscher Sekundaner nach der
-Gefahr, sobald es gilt, einen lustigen Streich auszuführen ...!
-
-Ich teilte meine Idee dem schandtatbereiten Freunde mit, der sie
-alsbald feurig ergriff.
-
-Ans Werk also!
-
-Ich rückte den Tisch gerade unter die Dachluke, stellte den Stuhl in
-die Mitte der geräumigen Platte und stieg dann langsam hinauf. Der
-improvisierte Bau war hoch genug, um das Gitterwerk in den Bereich
-meiner Hände zu bringen. Ich überzeugte mich, daß der eiserne Rost
-sich an der einen Seite wie ein Deckel in Scharnieren bewegte, während
-die andere Seite mit vier großen Schrauben an der Rampe des Fensters
-haftete. Wenn man diese vier Schrauben herauszog, so mußte das Gitter
-ganz nach Art einer Lukenklappe heruntersinken und die Fensteröffnung
-frei geben. Die Einrichtung hatte überdies den Vorteil, daß man die
-Spuren dieser rechtswidrigen Eröffnung wieder austilgen konnte. Eine
-einzige Schraube, nur zur Not eingedrückt, reichte aus, um das Gitter
-in der Schwebe zu halten, -- ein Umstand, der nicht unterschätzt werden
-durfte. Der Pedell stattete uns nämlich, so ungern er auf unser
-Klingeln erschien, mitunter Besuche aus dem Stegreif ab.
-
-Da ich keinen Schraubenzieher besaß, so öffnete ich mein Taschenmesser,
-das mir in Gymnasialangelegenheiten stets ein unentbehrlicher
-Diener gewesen. Ich könnte über dies Taschenmesser eine lange
-Serie höchst stimmungsvoller Geschichten schreiben. Parenthetisch
-erwähne ich hier nur das Nachstehende: Es existierten innerhalb des
-Gymnasialgebäudes wenige Subsellien, in die ich nicht eine Anzahl
-sehr korrekt gemeißelter Inschriften eingraviert hätte. Nun gab es
-zwar einen Gesetzesparagraphen, der da besagte: »Es ist den Schülern
-dieser Anstalt aufs strengste verboten, in die Bänke, Tische, Stühle
-und sonstige Gerätschaften des Inventars Namen einzuschneiden.« Aber
-niemals hat zwischen der Praxis und der Theorie eine so unausgefüllte
-Kluft gegähnt, wie hier! Die Subsellien unseres Gymnasiums waren
-geradezu Musterkarten aller erdenklichen Schriftarten, von dem
-unbehilflichen Stümpern des Anfängers bis zur technisch vollendeten
-Leistung des Virtuosen. Da winkten in schöner Antiqua unzählige
-Josephinen, Mathilden, Henrietten und Wilhelminen; da prangten in
-prickelnder Perlschrift zierliche Disticha und geistvolle Quatrains;
-ja selbst Häuser, Bäume und ähnliche Gegenstände waren in ihren
-Umrissen dargestellt. Hutzler hat späterhin auf einem Tische der Prima
-einen großen Kanal gebaut, der in mehrfachen Windungen von dem einen
-Ende zum anderen lief und, wenn man den Tisch durch untergeschobene
-Bücher in eine schräge Lage versetzte, vollkommen geeignet war,
-einen Tintenstrom ~en miniature~ von der Quelle bis zur Mündung
-fließen zu lassen. Niemals, solange man denkt, ist ein Schüler wegen
-Einschnitzungen bestraft worden, obgleich der Pedell mit großem Eifer
-auf die Missetäter fahndete. Wir schnitten nämlich, um die Möglichkeit,
-aus dem Inhalt des Eingeschnittenen auf den Täter zu schließen, ein
-für allemal in der Wurzel zu ersticken, nicht selten die Namen solcher
-Schüler ein, denen man dergleichen wegen der musterhaften Korrektheit
-ihres Lebenswandels nicht zutrauen konnte. Ja, Boxer gravierte einmal
-in majestätischen Lettern: =Samuel Heinzerling!= Nachdem wir diesen
-Präzedenzfall geschaffen, durften wir getrost unsere eigenen Namen
-verewigen, denn nun war die Entschuldigung gestattet: ~alius fecit!~
-
-Der Leser könnte nun fragen, ob denn ein Schluß von dem Platz auf den
-Täter nicht viel korrekter gewesen wäre. Jawohl! So leicht faßt man
-uns nicht! Alle acht Tage wurden infolge der ~exercitia pro loco~
-die Plätze gewechselt. Wenn jemand also einen besonders auffallenden
-Einschnitt verbrochen hatte, so machte er die Spuren seiner Tätigkeit
-für die nächsten acht Tage unkenntlich. Das geschah auf folgende
-Weise: In erster Linie ward die helle Schnittfläche mit Tinte
-behandelt, so daß sich der Einschnitt durch nichts von den übrigen,
-ebenfalls schwarz und alt aussehenden, unterschied. Dann füllte man
-die Vertiefungen dergestalt mit festgeknetetem Brot aus, daß die
-Fläche wiederhergestellt war. Hierüber legte man abermals eine Lage
-von Tinte. Da die ganze Tischfläche schwarz und überdies ziemlich rauh
-und zerklüftet war, so hätte man jeden Quadratzoll genau untersuchen
-müssen, um die betreffende Stelle zu finden. Nach vierzehn Tagen, wenn
-der Täter längst an einem andern Platze saß, hob er vor dem Beginn der
-Lehrstunde die jetzt dürr gewordene Brotfüllung heraus, und wie mit
-einem Zauberschlage stand die ganze Inschrift in ihrer vollen Glorie
-auf der verwandelten Fläche. Wurde Quaddler jetzt wirklich durch diese
-Novität befremdet, so war man jeder Verantwortung überhoben; der
-Schüler aber, der neu auf den verfänglichen Platz versetzt worden war,
-erklärte auf eine etwaige Interpellation sittlich entrüstet: »Aber ich
-sitze ja hier erst seit gestern, und um das einzuschneiden, braucht
-man doch mindestens acht Tage!« Der Lehrer ließ dann die Sache aus
-Opportunitätsgründen »auf sich beruhen«.
-
-Dieses bedeutsame Messer also, das hornumschiente, wie Homer sagen
-würde, zog ich aus der Tasche und begann meine Operation. Die Schrauben
-saßen verzweifelt fest, -- aber nach Verlauf einer halben Stunde und
-mit Aufopferung einer Klinge gelang es mir doch, mein Problem zu
-bewältigen. Das Gitter senkte sich geräuschlos. Ich faßte rechts und
-links den Lukenrand und schwang mich empor.
-
-Ein wunderbarer Anblick belohnte mich. Da unten tief lag der große,
-stille, einsame Platz. Gegenüber das gewaltige Zeughaus, dessen
-graurötliches Gemäuer fast an die Ruinen des Heidelberger Schlosses
-gemahnte. Nach rechts die Stadt mit ihren zahllosen Giebeln und
-Dächern, nach links der herrliche Wiesengrund mit den freundlichen
-Landhäusern; und fern am Himmelsrande die bewaldeten Höhen, deren
-letzte Kuppen bläulich hinüber schimmerten.
-
-Da drüben, an dem großen Fabrikgebäude vorüber, erkannte ich auch das
-Haus des Professors, dem ich meine Gefangenschaft zu verdanken hatte.
-
-Schnöder Tyrann, dachte ich bei mir selbst, wie schwer hast du dich
-betrogen! Du wähnst mich im öden Dunkel der Zelle, und ich halte hier
-Musterung über die Herrlichkeiten des Landes! Ha, wie frei und köstlich
-mir diese Morgenluft die Schläfe umspielt! Stolz blicke ich von meiner
-Höhe herab auf die Kleinheit und Gemeinheit des Lebens! Was kriecht
-und krabbelt da unten? Ich glaube, der Registrator Bieler, der von
-seinem Morgenspaziergange zurückkehrt! Wie kläglich! Wie pygmäenhaft!
-Jetzt hebt er den Kopf ... Ich ducke mich schleunigst ... Aber es droht
-keine Gefahr; der Herr Registrator hat nur drüben nach der großen Uhr
-des Zollhauses geblickt.
-
-»~Salve!~« tönt es mir plötzlich ans Ohr. Wahrhaftig, da ist
-er, Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler, mein Leidens- und jetzt mein
-Freudensgefährte. Wenn wir uns weit überbeugen und die Arme
-ausstrecken, so können wir uns beinahe die Hände reichen.
-
-»Ist's nicht famos hier oben in der freien, reinen, blauenden
-Himmelsluft?«
-
-»~Bene dixisti~«, gibt Wilhelm mit der Würde eines echten Ciceronianers
-zurück.
-
-Und nun beginnt ein Stündchen der entzückendsten Umschau. Wir preisen
-uns gegenseitig die Reize der Landschaft; wir glossieren die Personen,
-die da drunten vorüber schreiten.
-
-Da kommt ein zierliches Dienstmädchen ...
-
-Das ist das Lieschen von Wilhelm Rumpfs angeheiratetem Onkel.
-Wunderbar, wie hier vom Rahmen des Karzerfensters aus alles an
-Interesse gewinnt! Freilich, der Platz da unten liegt am Ende der
-Stadt, und die Menschen, die vorüber wandeln, sind zu zählen.
-
-»Ah, ich weiß, was sie will«, sagt Rumpf mit verständnisinnigem
-Lächeln. »Der Onkel schickt sie zum Registrator Bieler, um für heute
-abend den Whistkranz abzubestellen. Die Tante ist unwohl. Weißt Du,
-~carissime~, die verrät uns nicht.«
-
-Und mit verwegener Donnerstimme ruft er:
-
-»Lieschen! Lieschen!«
-
-Sie dreht sich um. Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler möchte sich totlachen.
-
-»Nimm Dich in acht«, warne ich im Ton einer Cassandra. »Der Quaddler
-hat Ohren wie ein Luchs. Auch muß Fräulein Anny jeden Augenblick aus
-der Kirche kommen.«
-
-»Ah was! Bis der hier herauf tappt, sind wir längst wieder drunten --
-Lieschen!«
-
-Dasselbe Spiel wiederholt sich. Endlich beim dritten Male sieht das
-Mädchen herauf. Wie vom Donner gerührt, bleibt sie stehen.
-
-»Fort, fort!« winkt der Tollkühne, und Lieschen begreift. Noch mehrmals
-zurückblickend, wandelt sie ihrer Wege.
-
-Da kommen zwei junge Damen, biegen aber gleich wieder rechts ab.
-
-»Das ist Fräulein Elsner und ihr Besuch aus Schleswig«, erläutert
-Wilhelm Rumpf mit Kennermiene.
-
-»Gott bewahre, es ist die kleine Waldow und ihre Cousine Griesinger ...«
-
-»Lehr' Du mich die Mädchen kennen. Ich sage Dir, ich täusche mich nicht
-... Aber sieh mal dort ... Kennst Du den?«
-
-»Weiß Gott! Der Quaddler! Er kommt aus der Kirche! Rasch hinunter ...
-Jetzt hat er sein Pflichtbewußtsein gestärkt und wird uns einen Besuch
-abstatten.«
-
-Im Nu tauchen wir in die Luke. Zwei Minuten später ist das Gitter
-angeschraubt, der Stuhl vom Tisch gehoben und alles in Ordnung gebracht.
-
-Unsere Ahnung betrügt uns nicht. Es währt nur kurze Zeit, da klirren
-draußen die Schlüssel, Quaddler schreitet über den Vorflur und begrüßt
-zunächst meinen Freund.
-
-»Es ist auch recht schön von Ihnen, Herr Rumpf,« sagte er wohlwollend,
-»daß Sie nicht so viel geklingelt haben. Ich hab's schon von meiner
-Tochter gehört, es wäre alles recht stille gewesen.«
-
-»Ah so,« erwidert Rumpf, »ich denke, Ihre Fräulein Tochter war in der
-Kirche ...«
-
-»Nein, heute mußte sie ergebenst zu Hause bleiben. Heute war mein Tag.«
-
-»So, wer hat denn gepredigt?«
-
-»Der Herr Kirchenrat.«
-
-»Ist's möglich? Das Kirchenrätchen?«
-
-»Herr Rumpf, ich muß Sie bitten, was den Respekt betrifft ...«
-
-»Tun Sie doch ums Himmels willen nicht so zimperlich! Alle Welt weiß
-doch ...«
-
-»Alle Welt weiß, daß Ihnen sozusagen nichts heilig ist, aber ich habe
-jetzt keine Zeit. Ich will noch mal hinübergehen, und dann muß ich
-gütigst einen wichtigen Brief schreiben.«
-
-Sprach's, empfahl sich und erschien dann bei mir.
-
-»Sagen Sie mal, Herr Quaddler,« hub ich an, nachdem wir die ersten
-Phrasen der Begrüßung gewechselt hatten, »wer waren denn eigentlich die
-zwei jungen Damen, die Ihnen da vorhin am Steueramte begegnet sind?«
-
-Quaddler starrte mich an, als ob er ein Gespenst sähe.
-
-»Wie? Was? Woher wissen Sie denn ...?«
-
-Jetzt erst erkannte ich, daß ich in meiner Zerstreutheit eine Bêtise
-verbrochen. Jeder andere Pedell würde den Unfug gemerkt haben; nur
-Quaddler war mit einiger Effronterie zu beschwichtigen.
-
-»Sehr einfach, Herr Quaddler! Sehen Sie, Herr Quaddler, ich habe hier
-einen Taschenkamm, an dem ist hinten ein sympathetischer Spiegel. Wenn
-ich den nun so gegen das Fenster halte und mit dem einen Auge durch die
-Finger blinzle ...«
-
-»Zeigen Sie mal her«, sagte Quaddler erstaunt und bemühte sich, durch
-die Finger zu blinzeln.
-
-»Ja, Sie halten das Ding falsch! So müssen Sie's halten!«
-
-Ich stellte mich in Positur.
-
-»Sehen Sie, ganz deutlich ... Eben geht der Herr Registrator Bieler
-vorüber ... Sehen Sie ...«
-
-Quaddler beeilte sich, meinem Beispiel zu folgen.
-
-»Sozusagen nicht die Spur sehe ich«, rief er nach einer Weile.
-
-»Sie sind wohl kurzsichtig?«
-
-»Im Gegenteil, weitsichtig.«
-
-»Nun wohl, der Spiegel da ist nur für Kurzsichtige berechnet.«
-
-»Das ist aber merkwürdig!«
-
-»Sehr merkwürdig, Herr Quaddler!«
-
-Der Pedell schüttelte den Kopf, als ob er der Sache nicht recht traute.
-Dann schaute er empor nach dem Gitter. Da war nichts Verdächtiges zu
-bemerken! Es mußte doch wohl in der Ordnung sein mit dem Spiegel ...
-
-»Wirklich, sozusagen ein sehr merkwürdiger Spiegel«, wiederholte er
-nachdenklich. »Nun, ich glaube, es wäre übrigens besser, wenn Sie
-lieber gütigst etwas arbeiten wollten!«
-
-»Arbeiten? Am Tage des Herrn?«
-
-»Warum nicht? Da Sie ja doch heute sozusagen keinen richtigen Sonntag
-haben, und die Arbeit übrigens nicht schändet ...«
-
-»Nun, ich werde mir's überlegen. Gehen Sie nur jetzt getrost an Ihren
-wichtigen Brief!«
-
-Der Pedell empfahl sich.
-
-Fünf Minuten später saßen wir wieder auf dem Rande der Luke und
-erfreuten uns der herrlichen Aussicht.
-
-Nachdem wir unsere Gemüter an diesen Wonnen gesättigt, erwachte die
-Begier nach einer konkreten Zerstreuung.
-
-»Wart', ich komme hinüber«, sagte Rumpf mit einem prüfenden Blick auf
-das Terrain.
-
-Vorsichtig zog er erst das rechte, dann das linke Bein über den
-Fensterrand. Dann ergriff er einen jener Haken, an denen die
-Schieferdecker beim Ausbessern des Daches ihre Leitern festhängen, und
-gab sich einen kräftigen Schwung. Ich ergriff seine Linke, und das
-große Werk war vollbracht.
-
-Wir arrangierten nun im Innern der Zelle eine Piquetpartie, die uns
-etwa eine Stunde hindurch auf das kostbarste amüsierte.
-
-Da mit einemmal, welch ein unverhofftes Geräusch ... Quaddler mußte dem
-sympathetischen Spiegel doch nicht so recht geglaubt haben, denn er war
-ganz leise die Treppe hinauf geschlichen und öffnete jetzt den Korridor
-mit diabolischer Vorsicht.
-
-Wir rührten uns nicht. Es war für Rumpf augenscheinlich zu spät, um in
-seine Zelle zurückzukehren.
-
-Quaddler trat an meine Tür und pochte.
-
-»Was treiben Sie jetzt?« sagte er mißtrauisch.
-
-Ich rückte ostensibel mit dem Stuhle, erwiderte das Klopfen und sagte:
-
-»Gerade war ich dabei, das berühmte Carmen des Horaz: »~Odi profanum
-vulgus et arceo~« ins Deutsche zu übersetzen.«
-
-»Das ist recht von Ihnen«, erwiderte Quaddler.
-
-Und nun klopfte er an die Zelle Wilhelm Rumpfs.
-
-»Was machen Sie denn, Herr Rumpf?«
-
-Keine Antwort.
-
-»Herr Rumpf! Ich frage Sie, womit Sie beschäftigt sind?«
-
-Grabesstille.
-
-Jetzt drehte Quaddler den Schlüssel um. Welch ein Anblick bot sich
-seinen entsetzten Blicken! Das Gitter erbrochen, der Sträfling
-verschwunden, -- hinaus aufs Dach und von da vielleicht vermittelst der
-traditionellen Leine, von welcher Herr Quaddler erst jüngst in einem
-spannenden Lieferungsroman gelesen, hinab auf den festen Grund der
-Erde! Wer weiß, vielleicht hatte Rumpf genau die Absicht, wie jener
-italienische Grafensohn, unter die kleinasiatischen Seeräuber zu gehen
-...! Und doch ... Es war nicht zu begreifen ...!
-
-»Herr Rumpf! Herr Rumpf!« schrie Quaddler verzweifelnd, »wo sind Sie?«
-
-Alles stille.
-
-»Da muß ich doch gleich einmal in seine Wohnung gehen und nachsehen, ob
-er daheim ist.«
-
-Und mit rasender Eile stürmte er die Treppe hinab.
-
-Sofort stieg Rumpf auf dem Wege über das Dach in seine Zelle zurück.
-Die Gitter wurden ganz regelrecht mit allen vier Schrauben befestigt,
-und als ob nichts geschehen sei, vertieften wir uns in unsere Bücher.
-Die Messer aber verbargen wir der Vorsorge halber in unseren Stiefeln.
-
-So verstrich eine halbe Stunde. Da ertönten Stimmen ... Quaddler hatte
-sich richtig bei den Wirtsleuten, wo Wilhelm Rumpf zur Miete wohnte,
-erkundigt, und da man hier um den Verschwundenen nicht wußte, so war
-der biedere Pedell in seiner Verzweiflung zu dem angeheirateten Onkel
-gerannt, um diesen von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen.
-
-»Da, sehen Sie, geehrter Herr Rat,« sagte Quaddler bebend, indem er den
-Schlüssel umdrehte, »fort ist er!«
-
-»Ei, guten Tag, lieber Onkel!« rief Wilhelm Rumpf mit rührender
-Naivität; »das ist aber schön, daß Du mich hier 'mal besuchst.«
-
-Quaddler und der Herr Rat standen wie angewurzelt. Mehrere Minuten lang
-war keiner von ihnen fähig, ein Wort über die Lippen zu bringen.
-
-»Aber das werde ich dem Herrn Direktor vermelden«, stammelte endlich
-Quaddler.
-
-»Was denn?« versetzte Rumpf harmlos.
-
-»Daß Sie da oben hinausgeschlüpft sind, und wenn man dann meint, Sie
-wären fort, dann kommen Sie wieder.«
-
-»Sie sind närrisch«, antwortete Rumpf. »Bin ich vielleicht eine Ratte?
-Da, sehen Sie her, der Zwischenraum da ist kaum eine Hand breit.«
-
-»Ja, ja, Sie haben das Gitter abgeschraubt, ich hab's wohl gesehen, und
-dann sind Sie aufs Dach entschlüpft.«
-
-»Herr Quaddler ich verbitte mir das! Womit soll ich das Gitter denn
-abschrauben?«
-
-»Nun, Sie werden wohl irgend ein Instrument bei sich haben.«
-
-»Lieber Onkel, Du bist Zeuge. Ich belange den Quaddler wegen
-Verleumdung. Jetzt aber stelle ich die kategorische Forderung, daß ich
-augenblicklich untersucht werde.«
-
-»Gut, das soll geschehen«, erwiderte Quaddler. »Ich werde das
-Meißelchen schon finden, mit dem Sie die Sache gemacht haben.«
-
-»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich keinen Meißel besitze, noch
-jemals besessen habe. Untersuchen Sie nur meine sämtlichen Taschen.
-Sie haben wahrscheinlich nach der Kirche die Lotz'sche Bierstube
-besucht ...«
-
-Die Visitation blieb natürlich fruchtlos.
-
-»Ja, Herr Quaddler,« sagte Rumpfs Onkel, »ich begreife in der Tat
-nicht, was Sie eigentlich wollen. Das Gitter da ist doch ganz fest, und
-mit den Fingern kann man's nicht abschrauben ...«
-
-Rumpf wandte sich verständnisinnig zu diesem gewichtigen Fürsprecher
-und murmelte:
-
-»Ich sag's ja, er war bei Lotz. Gestehen Sie's offen Quaddler!«
-
-»Bei Lotz ..., das steht sozusagen richtig, aber ich habe nur zwei Glas
-Bier getrunken, und was ich gesehen habe, das hab' ich gesehen, und
-das laß ich mir nicht ausreden, und wenn Sie's gütigst erlauben, werd'
-ich's dem Herrn Direktor vermelden.«
-
-»Zwei Glas Bier!« schrie Wilhelm Rumpf. »Und ein Mann, der sich solchen
-Ausschweifungen überläßt, will uns moralische Vorlesungen halten ...?
-Wissen Sie was? Besoffen sind Sie gewesen, und da haben Sie in Ihrem
-Taumel eine Halluzination gehabt. Ich bin hier nicht von der Stelle
-gewichen und habe gearbeitet, während Sie den heiligen Sonntag durch
-ein Zechgelage entweihten. Ich werde dem Herrn Direktor schon das
-Nötige zu vermerken wissen, wenn Sie mich anschwärzen wollen. Soll
-ich noch dafür aufkommen, wenn Sie sich in aller Frühe einen Rausch
-antrinken? Pfui, und abermals pfui! Sie wollen Pedell sein? Sie wollen
-eine Tochter erziehen? Sie sollten sich schämen! Ein Mann von beinahe
-fünfzig Jahren und solche Extravaganzen ...! Siehst Du, Onkel, so hat
-man nun seine Not auf der Welt: wenn der Pedell sich bekneipt, soll der
-Sekundaner die Suppe ausessen!«
-
-»In vollem Ernste, Herr Quaddler,« begann jetzt der Onkel, »ich fange
-an zu glauben, daß Sie sich in eigentümlicher Weise getäuscht haben.
-Darf ich Ihnen einen freundschaftlichen Rat erteilen, so lassen Sie die
-Sache auf sich beruhen. Der Herr Direktor gibt etwas auf mein Urteil,
-und ich werde ohne Bedenken die Aussagen meines Neffen bestätigen. Oder
-haben Sie sich vielleicht gar in der Zelle geirrt? Nicht wahr, daneben
-sitzt ja noch einer?«
-
-»Nein, nein!« erwiderte Quaddler, »es war hier diese Zelle, und ich
-will nicht selig werden ...«
-
-»Sie sind hartnäckig«, sagte der Onkel; »Scherz beiseite, ich werde die
-nächste Gelegenheit ergreifen, mit dem Herrn Direktor zu sprechen.«
-
-»Da möchte ich Sie doch ganz ergebenst bitten, wenn Sie das tun wollen,
-die Güte zu haben, es lieber nicht zu tun. Eher will ich noch annehmen,
-ich hätte mich getäuscht; obgleich ich mich ganz gewiß, das heißt, ich
-will sagen, bitte, sprechen Sie nicht mit dem Herrn Direktor!«
-
-»Sobald Sie mich wegen Ihrer verrückten Halluzination anzeigen,« sagte
-Rumpf pathetisch, »sobald wird mein Onkel das Seinige tun, um Ihre
-Intrigen zu hintertreiben! Das versteht sich von selbst! Nicht wahr,
-Onkel?«
-
-Der Onkel nickte.
-
-»Ich sage gar nichts mehr«, erwiderte Quaddler kleinlaut; »was man
-heutzutage alles erlebt ...! Nichts für ungut, Herr Rat, daß ich Sie
-hierher bemüht habe. Nehmen Sie's denn meinetwegen auf Rechnung meiner
-Kollation, wie der Herr Rumpf sagt, aber ich versichere Sie, wie
-gesagt, ich sage gar nichts mehr.«
-
-Und hiermit war die Sache erledigt.
-
-Den Rest des Tages verbrachten wir jeder still in seinen vier
-Wänden. Wir mochten doch nicht ein zweites Mal auf Quaddlers
-Halluzinationsfähigkeit spekulieren.
-
-
-
-
-Der Besuch im Karzer.
-
-
-Es schlug zwei. Der Direktor des städtischen Gymnasiums, ~Dr.~ Samuel
-Heinzerling, wandelte mit der ihm eigenen Würde in den Schulhof und
-erklomm langsam die Stiege.
-
-Auf der Treppe begegnete ihm der Pedell, der eben geläutet hatte und
-sich nun in seine Privatgemächer verfügen wollte, wo es allerlei
-häusliche Arbeiten zu erledigen gab.
-
-»Äst nächts vorgefallen, Quaddler?« fragte der Direktor, -- den devoten
-Gruß des Vasallen durch ein souveränes Kopfnicken erwidernd.
-
-»Nein, Herr Direktor.«
-
-»Hat der Herr Bibläothäkar noch nächt öber die bewußten Bände
-resolvärt?«
-
-»Nein, Herr Direktor.«
-
-»Goot, so gähen Sä noch heute hinöber und erkondigen Sä säch, wä säch
-diese Angelägenheit verhält ... Noch eins. Der Prämaner Rompf fehlt
-seit einigen Tagen. Verfögen Sä säch doch einmal in seine Wohnung und
-öberzeugen Sä säch, ob er wärklich krank ist! Ich zweifle fast ...«
-
-»Entschuldigen Sie, Herr Direktor, der Rumpf ist wieder da; ich sah ihn
-vorhin über den Hof kommen.«
-
-»Non, om so bässer.«
-
-Der geneigte Leser verzeihe die eigentümliche Orthographie, mit
-der wir die geflügelten Worte des Gymnasialherrschers zu Papier
-bringen. Herr ~Dr.~ Samuel Heinzerling sprach allerdings nicht
-ganz so abnorm, als unsere Schreibweise vermuten lassen könnte:
-allein das deutsche Lautsystem gibt uns kein Mittel an die Hand, die
-spezifisch Heinzerlingsche Klangfarbe genauer zu versinnlichen. Ich,
-der bescheidene Erzähler, habe selber hundertmal den Vorträgen des
-Herrn Direktors in stummer Andacht gelauscht und den Heinzerlingschen
-Vokalismus sozusagen zu meinem Lieblingsstudium erhoben. Solange unser
-armseliges Alphabet nicht eigene Zeichen für Zwitterlaute zwischen i
-und e, zwischen u und o usw. besitzt, so lange wird der Historiograph,
-der sich mit Herrn ~Dr.~ Samuel Heinzerling beschäftigt, die von uns
-vorgeschlagene Rechtschreibung adoptieren müssen.
-
-Der Herr Direktor sagte also: »Non, om so bässer!« und schritt über den
-langen Korridor den Pforten seiner Prima zu.
-
-Samuel war heute ungewöhnlich früh gekommen. In der Regel hielt er
-an der Theorie des akademischen Viertels fest. Diesmal hatte ihn
-ein häuslicher Zwist, über den wir aus begreiflicher Delikatesse
-den Schleier der Verschwiegenheit breiten, schon vor der Zeit
-aus dem behaglichen Sorgenstuhle getrieben, in welchem er seinen
-nachmittäglichen Kaffee zu schlürfen pflegte. Nur so erklärt es sich,
-daß die Primaner noch nicht daran gedacht hatten, nach Art der Gemsen
-ihre übliche Wache auszustellen.
-
-Der Herr Direktor vernahm bereits auf dem Korridor einen Heidenlärm.
-Vierzig dröhnende Kehlen schrien »Bravo!« und »Dakapo!«
-
-Samuel runzelte die Stirn.
-
-Jetzt verstummte das Chorgebrüll, und eine klare, schneidige Stimme
-begann in komischem Pathos:
-
-»Non, wär wollen äß för diesmal goot sein lassen. Sä haben säch wäder
-einmal nächt gehärig vorbereitet, Heppenheimer! Äch bän sähr onzofräden
-mät Ähnen! Sätzen Sä säch!«
-
-Donnernder Applaus.
-
-Der Direktor stand wie versteinert.
-
-Bei den Göttern Griechenlands, -- das war +er selbst+, wie er leibte
-und lebte ...! Ein wenig karikiert, -- aber doch so täuschend ähnlich,
-daß nur ein Kenner den Unterschied herauszufühlen vermochte! Eine
-solche Blasphemie war denn doch -- dem Sprichwort zum Trotze -- noch
-nicht dagewesen! Ein Schüler erfrechte sich, ihn, den souveränen
-Beherrscher aller Gymnasialangelegenheiten, ihn, den Verfasser der
-»Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch, mit besonderer Rücksicht
-auf die oberen Klassen«, ihn, den renommierten Pädagogen, Ästhetiker
-und Kantianer, von der geweihten Höhe seines eigenen Katheders aus
-lächerlich zu machen! ~Proh pudor! Honos sit auribus!~ Das war ein
-Streich, wie er nur in der Seele des Erzspitzbuben Wilhelm Rumpf zur
-Reife gelangen konnte!
-
-»Wollen Sä einmal etwas nähmen, Möricke«, fuhr die Stimme des
-pflichtvergessenen Schülers fort ... »Was, Sä send onwohl? Gott, wenn
-mer jonge Leute in Ährem Alter sagen, sä send onwohl, so macht das
-einen sähr öblen Eindruck. Knäbel, schreiben Sä einmal äns Tagebooch:
-›Möricke, zom Öbersätzen aufgefordert, war onwohl ...‹«
-
-Jetzt vermochte der Direktor seine Entrüstung nicht länger zu
-bemeistern.
-
-Mit einem energischen Ruck öffnete er die Tür, und trat unter die
-erschrockenen Zöglinge, wie der Leu unter die Gazellenherde.
-
-Er hatte sich nicht getäuscht.
-
-Es war in der Tat Wilhelm Rumpf, der größte Taugenichts der Klasse,
-der sich so frevelhaft an der Majestät vergangen hatte. Erst seit vier
-Wochen zählte dieser Mensch zu Samuel Heinzerlings Schülern, und schon
-gebührte ihm vor allen Bengeln, vom Primus bis zum Ultimus, die Krone!
-Mit hochgezogenen Vatermördern, auf der Nase eine große, papierene
-Brille, in der Linken ein Buch, in der Rechten das traditionelle
-Bleistiftchen haltend, -- so stand er auf dem Katheder und wollte eben
-eine neue Gotteslästerung ausstoßen, als der tiefbeleidigte Direktor
-auf der Schwelle erschien.
-
-»Rompf!« sagte Samuel mit Fassung, -- »Rompf! Sä gähen mer zwei Tage än
-den Karzer. Knäbel, schreiben Sä einmal äns Tagebooch: ›Rompf, wegen
-kändischen, onwördigen Benähmens mät zwei Tagen Karzer bestraft.‹ --
-Heppenheimer, rofen Sä den Pedellen!«
-
-»Aber Herr Direktor ...!« stammelte Rumpf, indem er die Papierbrille in
-die Tasche steckte und auf seinen Platz zuschritt.
-
-»Keine Wäderrede!«
-
-»Aber ich wollte ja nur ... ich dachte ...«
-
-»Seien Sä ställ, sag' äch Ähnen!«
-
-»Aber erlauben Sie gütigst ...«
-
-»Knäbel, schreiben Sä ein: ›Rompf wägen wädersetzlichen Betragens mät
-einem weiteren Tage Karzer belägt.‹ -- Äch bän's möde, mich äwig mät
-Ähnen heromzoschlagen. Schämen sollten Sä säch in den Grond Ährer Sääle
-hänein! Pfoi, und abermals pfoi!«
-
-»~Audiatur et altera pars~, Herr Direktor. Haben Sie uns diese Lehre
-nicht stets ans Herz gelegt ...?«
-
-»Goot! Sä sollen nächt sagen, daß äch meinen Pränzäpien ontreu wärde.
-Was haben Sä zo Ährer Entscholdigong anzoföhren?«
-
-»Ich kann nur versichern, Herr Direktor, daß ich durchaus nichts
-Unziemliches beabsichtigte. Ich gedachte mich lediglich ein wenig in
-der Mimik zu üben.«
-
-»Öben Sä Ähren lateinischen Stäl und Ähre grächische Grammatäk!«
-
-»Das tu' ich, Herr Direktor. Aber neben der Wissenschaft hat doch auch
-die Kunst ihre Berechtigung.«
-
-»Das habe äch nä in meinem Läben geleugnet. Wollen Sä ätwa Ähre
-Albernheiten för Konst ausgäben? Jädenfalls äst däse Konst sähr
-brotlos.«
-
-»O, bitte, Herr Direktor!«
-
-»Seien Sä ställ. Wänn Sä so fortfahren, so wärden Sä öber korz
-oder lang Schäffbroch leiden. Knipcke, sehn Sä einmal nach, wo der
-Heppenheimer mit dem Pedellen bleibt.«
-
-»Ach, für diesmal, Herr Direktor«, flüsterte Rumpf in schmeichlerischem
-Tone, -- »für diesmal könnten Sie mir die Strafe noch erlassen.«
-
-»Nächts da! Sä gähn än den Karzer. Doch wär wollen ons dorch däsen
-Zwäschenfall än onsrer Arbeit nächt stären lassen. Hutzler, repetären
-Sä einmal ...«
-
-»Herr Direktor, ich war beim Vorübersetzen nicht zugegen. Hier ist mein
-Zeugnis.«
-
-»So! Sä waren wäder einmal krank. Wässen Sä, Hutzler, Sä sänd auch
-öfter krank als gesond ...«
-
-»Leider, Herr Direktor. Meine schwächliche Konstitution ...«
-
-»Schwächläch? Sä, schwächläch? Non, hären Sä einmal, Hutzler, äch
-wollte, jäder Mänsch unter der Sonne wäre so schwächläch wä Sä! Faul
-sänd Sä, aber nächt schwächläch ...«
-
-»Faul? Aber ich kann doch nicht während eines Fieberanfalls ...«
-
-»Äch känne das! Sä wärden wäder einmal zo väl Bär getronken haben.
-Repetären Sä einmal, Gildemeister.«
-
-»Fehlt!« riefen sechs Stimmen zugleich.
-
-Samuel schüttelte mißmutig das Haupt.
-
-»Weiß keiner, warom der Gildemeister fehlt?«
-
-»Er hat Katarrh!« antwortete einer der sechse.
-
-»Katarrh! Wä äch so alt war, hatte äch nämals Katarrh. Aber wo bleibt
-denn der Knipcke und der Heppenheimer? Schwarz, gehn Sä einmal hinaus,
-kommen Sä aber gleich wäder!«
-
-Schwarz ging, und kam nach zehn Minuten mit dem Pedell und den beiden
-Kommilitonen zurück.
-
-»Herr Quaddler war mit Tapezieren beschäftigt«, sagte Heppenheimer in
-achtungsvollem Tone; »er mußte sich erst ein wenig umkleiden.«
-
-»So! und dazo brauchen Sä eine halbe Stonde? Quaddler, äch fände, Sä
-wärden nachlässig äm Dänste!«
-
-»Sie entschuldigen ganz gehorsamst, Herr Direktor, aber die Herren sind
-erst vor zwei Minuten an meine Tür gekommen.«
-
-»Oh!« riefen die drei Primaner wie aus einem Munde.
-
-»Non, äch wäll das nächt weiter ontersochen! Här, nähmen Sä einmal
-da den Rompf ond föhren Sä ähn auf den Karzer. Rompf, Sä wärden säch
-anständig betragen und nächt alle Augenbläcke nach dem Pedellen rofen,
-wä das vor acht Tagen geschehn ist. Quaddler, Sä lassen säch durch
-nächts bestämmen, den Rompf auf den Vorflur zo lassen! Wenn ähm wäder
-schlächt wärd, so mag er das Fänster öffnen. Am bästen äst's, Sä sätzen
-ähm alles Nötige hänein in die Zälle, und lassen die Töre ein för
-allemal verschlossen. Freitag abend kömmt er wäder herunter.«
-
-»Schön, Herr Direktor.«
-
-»Das Ässen können Sä säch dorch einen Ährer Freunde besorgen lassen.
-Verstanden?«
-
-Rumpf nickte.
-
-»So! und non fort mät Ähnen!«
-
-»Es ist also wirklich Ihr Ernst, Herr Direktor, mich für eine
-künstlerische Leistung ...«
-
-Samuel Heinzerling lachte mit männlich-pädagogischer Würde.
-
-»Sä sänd ein drolliger Kauz, trotz aller Ährer Ongezogenheiten. Aber
-helfen kann äch Ähnen nächt. Solange Sä mär nächt dartun, was Ähre
-angäbliche könstlerische Leistung notzt und frommt, -- ganz abgesehen
-von Ährer onziemlichen Tendenz, -- so lange wärden Sä säch ins
-Onabänderliche fögen mössen. Machen Sä jetzt, daß Sä hänauf kommen!«
-
-Wilhelm Rumpf biß die Lippen aufeinander, machte kehrt und verschwand
-mit Quaddler in der Dämmerung des Korridors.
-
-»Was haben Sie eigentlich verbrochen, Herr Rumpf?« fragte der Pedell,
-als sie die Treppe hinanschritten.
-
-»Nichts.«
-
-»Aber verzeihen Sie gütigst, Sie müssen doch was gemacht haben?«
-
-»Ich habe nur das getan, was der Direktor beständig tut.«
-
-»Woso?«
-
-»Nun, geben Sie einmal wohl acht: Sähen Sä, mein läber Quaddler, der
-Rompf ist ein Taugenächts und verdänt eine exemplarische Zächtigong.«
-
-»Herr Gott meines Lebens!« stammelte der Pedell, beide Hände über dem
-Kopf zusammenschlagend. »Nein, wer mir gesagt hätte, daß so etwas
-möglich sei ... Aber das ist ja ordentlich graulich, Herr Rumpf! Weiß
-der ewige Himmel, wenn ich Sie nicht mit meinen eigenen Augen vor mir
-sähe, ich würde schwören, des gestrengen Herrn Direktors persönliche
-Stimme gehört zu haben! Tausend noch 'mal, das muß ich sagen! Sie
-können's noch weit bringen in der Welt! Wissen Sie, da war ich einmal
-drüben bei Lotz in der Bierstube, da war auch so ein Zauberkünstler,
-der machte Ihnen alles nach, was Sie wollten, Vogelgezwitscher und
-Pferdewiehern, Hundegebell und Hochzeitspredigten. Aber so wie Sie hat
-er mich doch nicht aus Rand und Band gebracht!«
-
-»Glaub's, glaub's, läber Quaddler!« versetzte Rumpf, immer noch den
-Direktor imitierend.
-
-»Und das haben Sie in seiner Gegenwart aufgeführt? Nein, hören Sie
-einmal, nichts für ungut Herr Rumpf, aber alles am rechten Ort. So
-was geziemt sich nicht, und der Herr Direktor haben alle Ursache, im
-höchsten Grade ungehalten zu sein.«
-
-»Meinen Sä?«
-
-»Ich muß Sie recht schön bitten, Ihr Spiel jetzt sein zu lassen. Es
-verträgt sich nicht mit dem Ernst meines Amtes. Wollen Sie gefälligst
-hier hereinspazieren!«
-
-»Mät Vergnögen ...!«
-
-»Herr Rumpf, ich werde dem Herrn Direktor sagen, Sie hätten noch nicht
-genug an der Ihnen diktierten Strafe ...«
-
-»Was gäht Sä meine Strafe an, Sä alter, närrischer Quaddler!«
-
-»Was mich Ihre Strafe angeht? Nichts! Aber es geht mich viel, sehr viel
-an, ob Sie fortfahren, den Herrn Direktor in respektwidriger Weise zu
-verspotten.«
-
-»Ich kann machen, was äch will.«
-
-»Das können Sie nicht.«
-
-»Doch, Quaddler. Äch kann sprechen, wä mär's paßt, und wäm's nächt
-gefällt, der dröckt säch oder hält säch die Ohren zo.«
-
-»Nun, warten Sie!«
-
-»Worauf?«
-
-»Ich werde dem Herrn Direktor Bericht erstatten.«
-
-»Sagen Sie einen schönen Gruß von mir.«
-
-»Sie werden sich wundern.«
-
-Quaddler drehte den Schüssel um und tappte langsam die Treppe hinunter.
-
-Im Saale der Prima ward inzwischen eifrig Sophokles interpretiert.
-Heppenheimer verdeutschte gerade zum größten Jubel der übermütigen
-Sippe das Wehgeschrei des unglücklichen Philoktetes:
-
- »Ai, ai, ai, ai ...«
-
-Der Direktor Samuel Heinzerling fiel ihm in die Rede.
-
-»Sagen Sä ›Au, au, au, au‹. Das ›Ai‹ als Interjektion des Schmerzes äst
-sprachwädrig.«
-
-»Ich dachte, ›Au‹ sei bloß bei körperlichen Schmerzen gebräuchlich«,
-bemerkte Heppenheimer.
-
-»Non, dänken Sä välleicht, Philoktet habe bloß geistig gelätten? Sä
-scheinen mer den Gang der Tragödie ohne sonderliche Aufmerksamkeit
-verfolgt zu haben.«
-
-»Herr Direktor, es klopft!« sagte Knebel.
-
-»Sähn Sä einmal nach, Knipcke!«
-
-Knipcke eilte, zu öffnen.
-
-»Was? Sä, Quaddler? Warom stören Sä ons schon wäder? Fassen Sä säch
-korz!«
-
-»Ich wollte mir gütigst erlauben, ergebenst zu vermerken, der Primaner
-Rumpf spricht noch immer so, wie von wegen weshalb Sie ihn bestraft
-haben.«
-
-»Was? Er sätzt die Komödie fort? Non, äch wärde die erforderlichen
-Maßregeln zu ergreifen wässen! Knäbel, schreiben Sä einmal ein, -- oder
-nein, lassen Sä's läber! Es äst goot, Quaddler. Heppenheimer, fahren
-Sä fort. Also: ›Au, au, au, au,‹ nächt: ›Ai, ai, ai, ai‹. Das Folgende
-können Sä etwa mät: ›Ach, ihr äwigen Götter!‹ oder mät ›Allmächtiger
-Hämmel!‹ wädergeben!«
-
-Heppenheimer erledigte sein Pensum zu des Direktors leidlicher
-»Zofrädenheit«. Nach ihm übersetzte Schwarz »ongenögend«. Dann erscholl
-Quaddlers Klingel. Der Verfasser der lateinischen Grammatik für den
-Schulgebrauch erklärte den Unterricht für geschlossen. In der Tür
-erschien Doktor Klufenbrecher, der Mathematiklehrer, der die Prima
-von drei bis vier über die Geheimnisse der analytischen Geometrie
-zu unterhalten hatte. Samuel Heinzerling reichte dem »geschätzten
-Herrn Kollegen« herablassend, aber nicht ohne ein gewisses humanes
-Wohlwollen, die grübchenreiche Rechte und verfügte sich dann nach
-dem Direktorialzimmer, wo er sich nachdenklich auf seinem Amts- und
-Dienstsessel niederließ.
-
-Quaddler ging inzwischen ans Werk, die freie Stunde gehörig
-auszunutzen. Rüstig stülpte er den Pinsel in den Kleistertopf und
-bestrich eine Tapetenbreite nach der anderen mit duftender Klebematerie.
-
-Wilhelm Rumpf aber saß gähnend auf der Pritsche und versicherte
-im Selbstgespräch, er sei das Gymnasium mit seinen unmotivierten
-Freiheitsbeschränkungen bis über die Ohren müde.
-
-Herr Samuel Heinzerling kraute sich jetzt in den Locken, rückte die
-große Brille mit den runden Gläsern zurecht und schüttelte zwei-,
-drei-, viermal das pädagogische Haupt.
-
-»Ein mäserabler Jonge, dieser Rompf!« murmelte er vor sich hin
-... »Aber äch glaube fast, auf dem Weg der Güte äst mähr bei ihm
-auszurichten, als mit Gewalt und Strenge. Äch wäll ähm einmal
-ärnst-nachdrocksamst ins Gewässen räden! Schade ohm ähn! Er gehört zo
-meinen begabtesten Schölern!«
-
-Er klingelte.
-
-Nach drei Minuten erschien Anny, Quaddlers sechzehnjährige Tochter. Sie
-war augenscheinlich im Begriff, einen Ausgang zu machen; dafür sprach
-das kokette Federhütchen, das sich anmutig auf ihren dunklen Locken
-wiegte, und das bunte Schaltuch, das ihre vollen Schultern umfing.
-
-»Sie befehlen, Herr Direktor?« fragte sie mit einer graziösen
-Verbeugung.
-
-»Wo ist Ihr Vater?« flüsterte Samuel mit einer für seine Verhältnisse
-außerordentlich reinen Aussprache des »i«.
-
-»Er kleistert. Haben Sie etwas zu besorgen, Herr Direktor?«
-
-»So, er kleistert. Na, dann wäll äch ähn nächt stören in seiner
-Kleisterei. Es äst nächts Besonderes, Anny. Der Karzerschlössel stäckt
-ja?«
-
-»Ich werde einmal gleich fragen, Herr Direktor.«
-
-Wie ein Reh eilte das Mädchen die Treppe hinunter. Nach wenigen
-Sekunden war sie wieder zur Stelle.
-
-»Jawohl, Herr Direktor, die Schlüssel stecken, sowohl der zum Vorflur,
-wie der zur Zelle. Befehlen Sie sonst etwas?«
-
-»Nein, äch danke.«
-
-Anny verabschiedete sich. Lächelnd blickte Samuel ihr nach.
-
-»Ein reizendes Känd!« murmelte er vor sich hin. »Ich gäbe väl darom,
-wenn meine Winfriede nur halb so väl ~savoir vävre~ besäße -- von
-Ismenen ganz zo geschweigen. Däser Quaddler äst ein ~paganus~, ein
-~homo incultus~, und dessenohngeachtet verstäht er es, eine Charitin
-groß zo zähen, während äch, der feingebäldete Kenner des klassischen
-Altertoms, äch, der ~homo, coi näl homani alienom äst~, nächt ämstande
-bän, eine meines Bäldongsgrades wördige Nachkommenschaft zo erzielen.«
-
-Er strich sich einigemal über das glattrasierte Kinn, nahm dann seinen
-Hut vom Tisch und klomm die Stiege zum Karzer hinan.
-
-Wilhelm Rumpf war höchlich überrascht, als sich schon nach so kurzer
-Gefangenschaft die Tür in den Angeln drehte. Sein Staunen erreichte
-jedoch den Zenitpunkt, als er in dem unerwarteten Besucher den Direktor
-Samuel Heinzerling erkannte.
-
-»Non, Rompf?« sagte der ehrenfeste Pädagoge.
-
-»Was wünschen Sie, Herr Direktor?« entgegnete der Schüler im Tone einer
-resoluten Verstocktheit.
-
-»Äch wollte mäch einmal erkondigen, ob Sä in säch gähn und einsähn, daß
-solche Puerilitäten der Aufgabe des Gymnasiums und dem in däsen Mauern
-herrschenden Geiste vollständig zowäder laufen ...«
-
-»Ich bin mir nicht bewußt ...«
-
-»Was, Rompf? Sä wollen säch noch auf die Hänterbeine stellen? Sähn
-Sä einmal, was wörden Sä wohl sagen, wenn Sä an meiner Stelle wären?
-Wörden Sä nächt däsen onartigen, öbermötigen Wälhelm Rompf aus
-Gamsweiler noch ganz anders bei den Ohren nähmen? Hä?«
-
-»Herr Direktor ...«
-
-»Das sänd doch Kändereien, wä man sä einem anständigen jongen Mann
-aus gooter Famälie nächt zotraut! Wässen Sä was? Beim nächsten dommen
-Streich wärde äch Sä relegären!«
-
-»Relegieren ...?«
-
-»Ja, Rompf! Relegären! Drom gähn Sä än säch und lassen Sä dä
-Ongezogenheiten, die Ähnen wahrhaftig keine Ehre machen ... Äch
-wäderhole Ähnen: sätzen Sä säch einmal an meine Stelle! ...«
-
-Wilhelm Rumpf ließ das Haupt nachdenklich auf die Brust sinken. Er
-fühlte, daß die angedrohte Relegation nur noch eine Frage der Zeit sei.
-Mit einemmal zuckte ein diabolischer Gedanke durch sein Gehirn.
-
-»Wenn ich denn einmal fortgejagt werden soll,« sprach er zu sich
-selbst, »so mag es denn auch mit Eklat geschehen!«
-
-Er lächelte, wie der verbrecherische Held eines Sensationsromanes
-nach gelungener Missetat zu lächeln pflegt, und sagte im Tone einer
-beginnenden Zerknirschung:
-
-»Sie meinen, Herr Direktor, ich solle mich an Ihre Stelle
-versetzen ...?«
-
-»Ja, Rompf, das meine äch.«
-
-»Gut, wenn Sie's denn nicht anders haben wollen, so wünsche ich viel
-Vergnügen!«
-
-Und damit sprang er zur Tür hinaus, drehte den Schlüssel um und
-überließ den armen Direktor seinem unverhofften Schicksale.
-
-»Rompf! Was fällt Ähnen ein! Äch relegäre Sä noch heute! Wollen Sä
-augenbläckläch öffnen! Augenbläckläch, sage äch!«
-
-»Äch gäbe Ähnen härmät zwei Stonden Karzer«, antwortete Rumpf mit
-Würde. »Sä haben sälbst gesagt, äch solle mäch an Ähre Stelle
-versätzen.«
-
-»Rompf! Es geschäht ein Onglöck! Ein Onglöck, sage äch! Öffnen Sä! Äch
-befähle es Ähnen!«
-
-»Sä haben nächts mähr zo befählen! Äch bän gägenwärtäg där Därektor! Sä
-sänd der Prämaner Rompf! Seien Sä ställ! Äch dolde keine Wäderräde!«
-
-»Läber Rompf! Äch wäll's Ähnen för däsmal noch verzeihen. Bitte, machen
-Sä höbsch auf. Sä sollen mät einer gelinden Strafe dorchkommen. Sä
-sollen nächt relegärt werden. Ich verspreche es Ähnen! Hären Sä?«
-
-Der »läbe Rompf« hörte nicht. Er hatte sich leise über den Vorflur
-geschlichen und eilte jetzt die Treppe hinab, um siegreich zu
-entweichen.
-
-Als er an der Tür des Pedells vorüber kam, packte ihn eine prickelnde
-Idee.
-
-Er legte das Auge ans Schlüsselloch. Quaddler stand just auf der
-Leiter, den Rücken nach der Pforte gekehrt, und mühte sich, einen
-schwer bekleisterten Tapetenstreifen an die Wand zu kleben. Wilhelm
-Rumpf klinkte ein wenig auf und rief mit dem schönsten Heinzerlingschen
-Akzent, der ihm zu Gebote stand, ins Zimmer:
-
-»Äch gehe jetzt, Quaddler. Beobachten Sä mär den Rompf. Der Mänsch
-beträgt säch wä onsännäg. Er erfrächt säch noch ämmer, seine
-ämpärtänenten Spälereien zu treiben. Bleiben Sä jetzt nor rohig auf
-Ährer Leiter. Äch wollte Ähnen nor noch sagen, daß Sä ähm onter keiner
-Bedängong öffnen! Der Borsche wäre ämstande, Sä öber den Haufen
-zo rännen und -- mär nächts, där nächts -- dorchzogehn! Hären Sä,
-Quaddler?«
-
-»Wie Sie befehlen, Herr Direktor. Entschuldigen Sie nur gütigst, daß
-ich hier oben ...«
-
-»Sä sollen rohig bleiben, wo Sä sänd, ond Ähre Kleisterei erst fertig
-machen. Adiö!«
-
-»Ganz gehorsamster Diener, Herr Direktor.«
-
-Wilhelm Rumpf stieg nunmehr die Treppe wieder hinan und betrat die
-Regionen des Karzers.
-
-Samuel Heinzerling tobte fürchterlich. Jetzt schien er auch die Klingel
-zu entdecken, denn in demselben Augenblicke, da Rumpf sich hinter
-einen gewaltigen Kleiderschrank der Pedellfamilie barg, erscholl ein
-wütendes Geläute, gell und schrill, wie das Kreischen empörter Wald-
-und Wasserteufel.
-
-»Zo Hölfe!« stöhnte der Schulmann, -- »zo Hölfe! Quaddler, äch bränge
-Sä von Amt ond Brot, wänn Sä nächt augenbläckläch herauf kommen! Zo
-Hölfe! Foier! Foier! Mord! Gewalttat! Zo Hölfe!«
-
-Der Pedell, durch das unausgesetzte Geklingel an seinen Beruf gemahnt,
-verließ seine Privatbeschäftigung und erschien auf dem Vorflur des
-Gefängnisses. Der heimtückische Primaner schmiegte sich fester in sein
-Versteck. Samuel Heinzerling hatte sich erschöpft auf die Pritsche
-gesetzt. Sein Busen keuchte; seine Nasenflügel arbeiteten im Tempo
-eines rüstigen Blasebalgs.
-
-»Herr Rumpf«, sagte Quaddler, indem er wie warnend wider die Tür der
-Zelle pochte, »es wird alles notiert!«
-
-»Gott sei Dank, Quaddler, daß Sä da sänd! Öffnen Sä mär! Däser
-mäserable Kärl sperrt mäch här ein ... Es äst hämmelschreiend!«
-
-»Ich sage Ihnen, Herr Rumpf, die Späße werden Ihnen schlecht bekommen!
-Und daß Sie den Herrn Direktor einen miserablen Kerl nennen, das werd'
-ich mir besonders vermerken!«
-
-»Aber Quaddler, sänd Sä denn verröckt?« eiferte Samuel im Tone der
-höchsten Entrüstung. »Zom Henker, äch sage Ähnen ja, daß der Rompf, der
-elende Gesälle, mäch här eingespärrt hat, als äch ähn besochen und ähm
-äns Gewässen räden wollte! Machen Sä jätzt keine Omstände. Öffnen Sä!«
-
-»Sie müssen mich für sehr dumm halten, Herr Rumpf. Der Herr Direktor
-hat eben noch mit mir gesprochen und mir strengstens anbefohlen, Sie
-unter keiner Bedingung heraus zu lassen. Und nun betragen Sie sich
-anständig und lassen Sie das Klingeln, sonst häng' ich die Schelle ab.«
-
-»Quaddler, äch bränge Sä äns Zochthaus wägen wäderrechtlicher
-Freiheitsberaubung.«
-
-»Hören Sie einmal, wissen Sie, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben
-darf, so ist das ewige Nachahmen des Herrn Direktors recht kindisch,
-nehmen Sie mir's nicht übel. Es ist wahr, der Herr Direktor sprechen
-ein wenig durch die Nase, aber so ein dummes Geklöne, wie Sie's da
-zusammenquatschen, so machen's der Herr Direktor noch lange nicht.
-Und nun sag' ich Ihnen zum letztenmal, verhalten Sie sich ruhig, und
-benehmen Sie sich, wie es sich geziemt ...«
-
-»Aber äch wäderhole Ähnen auf Ähre ond Sälägkeit, der schändläche,
-näderträchtäge Borsche hat den Schlössel hänter mär heromgedreht, ähe
-äch noch woßte, was er vor hatte! Quaddler! Mänsch! Äsel! Sä mössen
-mäch doch erkännen! Tun Sä doch Ähre Ohren auf!«
-
-»Was? Esel nennen Sie mich? Mensch nennen Sie mich? Ei, wissen Sie was,
-da fragt sich's doch noch sehr, wer von uns beiden der größte Mensch
-und der größte Esel ist. So was lebt nicht. Nennt so ein grüner Junge
-einen alten, ehrlichen Mann einen Esel! Selbst Esel! ... Verstehen Sie
-mich? Aber warten Sie nur!«
-
-»Ein Äsel sänd Sä ond ein Ochse dazo!« stöhnte Heinzerling
-verzweifelnd. »Sä wollen also nächt öffnen?«
-
-»Ich denke nicht daran.«
-
-»Goot! Sehr goot!« ächzte der Schulmann mit verlöschender Stimme. »Sehr
-goot! Äch bleibe also äm Karzer! Hären Sä, Quaddler? Äch bleibe äm
-Karzer!«
-
-»Es soll mich freuen, wenn Sie zur Vernunft kommen. Aber nun lassen Sie
-mich ungeschoren. Ich habe mehr zu tun, als Ihre Possen mit anzuhören!«
-
-»Quaddler!« rief Samuel wieder heftiger. »Äch sitze rohig Stonde för
-Stonde ab! Verstähen Sä? Stonde för Stonde! Wä ein ongezogener Jonge
-erdolde äch däse empörende Schmach! Hären Sä, Quaddler?«
-
-»Ich gehe jetzt. Arbeiten Sie was.«
-
-»Heiliger Hämmel, mär schwändelt der Verstand! Bän äch denn wärklich
-toll geworden! Mänsch, so gocken Sä doch wänägstens einmal dorchs
-Schlösselloch! Dann wärden Sä ja sehen ...«
-
-»Jawohl, damit Sie mir in die Augen blasen, wie neulich! Das fehlte mir
-noch! ...«
-
-»Non denn, so gehn Sä zom Teufel. Mät der Dommheit kämpfen Götter
-sälbst vergäbens! Aber komm' äch Ähnen heraus! komm äch Ähnen heraus!
-Äch gäb's Ähnen schriftlich: Sä sänd zom längsten Pädäll gewäsen!«
-
-Quaddler tappte ärgerlich die Stiege hinunter. Dieser Rumpf war
-wirklich ein Ausbund von Impertinenz! Esel hatte er ihn genannt: Donner
-und Doria! Seit Frau Kathinka Quaddler das Zeitliche gesegnet, war
-dergleichen nicht vorgekommen ...!
-
-Ja, ja, die Herren Primaner!
-
-Samuel Heinzerling maß inzwischen mit großen Schritten die Zelle. Seine
-ganze Erscheinung gemahnte an den afrikanischen Löwen, den menschliche
-Gewinnsucht in den Käfig gebannt, ohne die stolze, urwüchsige Kraft
-seiner edlen Natur brechen zu können. Die Hände auf dem Rücken, das
-Haupt mit der grauen Mähne wehmütig auf die rechte Schulter geneigt,
-die Lippen fest aufeinander gepreßt, -- so wandelte er auf und nieder,
-auf und nieder, -- die düstersten, menschenfeindlichsten Gedanken im
-Gemüte wälzend.
-
-Plötzlich spielte ein breites Vollmondslächeln über seine Züge.
-
-»Es äst ond bleibt doch komäsch!« murmelte er vor sich hin.
-»Wahrhaftig! Wenn äch nächt so onmättelbar bei der Geschächte beteiligt
-wäre, äch könnte sä amösant fänden ...«
-
-Er blieb stehen ...
-
-»Gereicht mär däse Öberlistung eigentlich zur Schande? Pröfe däch,
-Samoel! Hat nächt ein bekannter Könäg dem Diebe, der ihm eine Uhr
-stehlen wollte, eigenhändig die Leiter gehalten? Äst nächt selbst
-Först Bäsmarck von boshafter Hand ränkevollerweise eingerägelt
-worden? Hondert andrer Fälle nächt zo gedänken! Ond doch begägnet die
-Wältgeschächte besagtem König mät Hochachtong. Ond doch gilt Först
-Bäsmarck nach wä vor för den bedeutendsten Däplomaten Europas! Nein,
-nein, Samoel! Deine Wörde als Scholmann, als Börger, als gebäldeter
-Denker leidet nächt äm gerängsten onter däser peinlichen Sätoation!
-Berohäge Däch, Samoel ...«
-
-Er setzte seine Promenade in befriedigter Stimmung fort. Bald aber
-unterbrach er sich von neuem.
-
-»Aber meine Prämaner!« stammelte er erbleichend. »Wenn meine Prämaner
-erfahren, daß äch auf dem Karzer gesässen habe! Onerträglächer
-Gedanke! Meine Autorätät wäre ein för allemal dahän! Ond sä +wärden+
-es erfahren! Sä +mössen+ es erfahren! Äch bän ein för allemal
-däskredätärt! O ähr Götter, warom habt ähr mär das getan!«
-
-»Herr Direktor,« flüsterte jetzt eine wohlbekannte Stimme an der
-Zellentür ... »Sie sind noch lange nicht diskreditiert! Ihre Autorität
-steht noch in vollem Flore ...«
-
-»Rompf!« stammelte Samuel. -- »Schändlicher, gottvergeßner Mänsch!
-Öffnen Sä! Augenbläcklich! Betrachten Sä säch als moraläsch geohrfeigt!
-Sähen Sä säch för dreifach relegärt an!«
-
-»Herr Direktor, ich komme, um Sie zu retten! Beleidigen Sie mich nicht!«
-
-»Zo rätten? Welche Onverschämtheit! Aufmachen sollen Sä, oder ...«
-
-»Wollen Sie mich ruhig anhören, Herr Direktor? Ich versichere Sie,
-alles wird sich ausgleichen.«
-
-Samuel überlegte.
-
-»Goot«, sagte er endlich. »Äch wäll mäch herablassen ... Räden Sä ...«
-
-»Sehen Sie, ich wollte Ihnen nur zeigen, daß meine Kunst doch nicht so
-ganz ohne praktische Bedeutung ist ... Verzeihen Sie, wenn ich dabei
-scheinbar die vorzügliche Hochachtung und Verehrung verletzen mußte,
-die ich Ihnen aus vollstem Herzen zu zollen mir freudig bewußt bin.«
-
-»Sä sänd ein Schelm, Rompf!«
-
-»Herr Direktor ... Wie wär's, wenn Sie mir die Karzerstrafe erließen,
-die Drohung betreffs der Relegation zurücknähmen und mir erlaubten,
-über alles Vorgefallene das strengste Stillschweigen zu beobachten ...?«
-
-»Das gäht nächt! ... Ähre Strafe mössen Sä absitzen ...«
-
-»So? Na, dann leben Sie wohl, Herr Direktor. Klingeln Sie nicht zu
-viel!«
-
-»Rompf! Hären Sä doch! Äch wäll Ähnen was sagen ... Rompf!«
-
-»Bitte ...!«
-
-»Sä sänd in välen Bezähungen ein ongewöhnlächer Mänsch, Rompf ... ond
-da wäll äch einmal eine Ausnahme machen ... Öffnen Sä nor!«
-
-»Erlassen Sie mir die Karzerstrafe?«
-
-»Ja.«
-
-»Werden Sie mich relegieren?«
-
-»Nein, än Teufels Namen.«
-
-»Geben Sie mir Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!«
-
-»Rompf, was onterstähn Sä säch ...«
-
-»Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!«
-
-»Goot! Sä haben's!«
-
-»Jupiter Ultor ist Zeuge.«
-
-»Was?«
-
-»Ich rufe die Götter zu Zeugen an.«
-
-»Machen Sä auf!«
-
-»Gleich, Herr Direktor. Sie tragen mir's aber auch ganz gewiß nicht
-nach?«
-
-»Nein, nein, nein! Wärden Sä mäch non bald heraus lassen?«
-
-»Sie erteilen mir volle Absolution?«
-
-»Ja, onter der Bedängung, daß Sä nämandem erzählen, wä schwär Sä säch
-vergangen haben. Ich habe Ähnen ja gesagt, äch halte Sä för einen
-ongewöhnlächen Mänschen, Rompf ...«
-
-»Ich danke Ihnen für die gute Meinung. Mein Ehrenwort: so lange Sie
-Direktor des städtischen Gymnasiums und Ordinarius der Prima sein
-werden, soll keine verräterische Silbe über meine Lippen gleiten!«
-
-Und damit drehte er den Schlüssel um und öffnete ...
-
-Wie der Uhlandsche König aus dem Turme, so stieg Samuel Heinzerling an
-die freie Himmelsluft. Tief holte er Atem. Dann strich er sich mit der
-Rechten über die Stirn, als ob er sich besinne ...
-
-»Rompf,« sagte er, »äch verstehe Spaß ... Aber ... nächt wahr, Sä tun
-mer den Gefallen, mäch nächt wäder mimisch zo kopären? Sä ... Sä machen
-dä Geschächte zo ähnläch!«
-
-»Ihr Wunsch ist mir Befehl!«
-
-»Goot!! Ond non machen Sä, daß Sä hänonter kommen. Es äst noch nächt
-drei Värtel. Sä können noch am Onterrächt teilnehmen!«
-
-»Aber würde man nicht stutzen, Herr Direktor? Jedermann weiß, daß Sie
-mir drei Tage Karzer diktiert haben ...!«
-
-»Goot! Äch gähe mät Ähnen.«
-
-So eilten sie selbander die Treppe hinab.
-
-»Quaddler!« rief der Direktor ins Erdgeschoß.
-
-Der Pedell erschien an der untersten Windung und fragte
-dienstbeflissen, was der Gebieter zu verlangen geruhe.
-
-»Äch habe dem Rompf aus verschädnen Grönden dä drei Tage geschenkt«,
-sagte Samuel.
-
-»Ah ...! +Drum+ sind der Herr Direktor noch einmal zurückgekommen ...
-Hm ... Ja, aber was ich sagen wollte, der Herr Rumpf war gar nicht
-ruhig in seiner Zelle. Nichts für ungut, Herr Direktor, aber er hat
-geschimpft wie ein Rohrspatz ...«
-
-»Lassen Sä's goot sein, Quaddler. Äch wäll däsmal aus ganz besonderen
-Motäven Gnade för Recht ergehen lassen. Sä können den Karzerschlössel
-abzähen!«
-
-Quaddler schüttelte befremdet das Haupt.
-
-»So!« sagte Samuel. »Ond non kommen Sä mät nach der Präma, Rompf!«
-
-Sie wandelten über den Korridor dem Schulsaale zu. Der Direktor klopfte.
-
-»Entscholdigen Sä, Herr Kollege,« flüsterte er eintretend im weichsten
-Moll, dessen sein würdevolles Organ fähig war ... »äch bränge da den
-Rompf wäder. Knebel! ... Sä erlauben doch, läber Herr Klufenbrecher
-...? Knebel! Schreiben Sä äns Tagebooch: ›Man sah säch bewogen, dem
-Rompf än Anbetracht seines aufrächtäg reuägen Benähmens dä än der
-vorägen Stonde däktärte Karzerstrafe zo erlassen.‹ ... So! Ond non
-wäll äch nächt weiter stören, verehrter Herr Kollege ... Haben Sä's,
-Knebel? ... ›däktärte Karzerstrafe zo erlassen ...‹«
-
-»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Direktor?« fragte der höfliche
-Mathematiker.
-
-»Äch danke verbändlichst, äch habe för heute genog gesässen ... Rompf,
-äch erwarte, daß Sä das Gelöbnis der Bässerung in jäder Hänsächt
-erföllen. Adieu, Herr Kollege.«
-
-Sprach's und verschwand in den labyrinthischen Gängen des
-Schulgebäudes. -- --
-
- * * * * *
-
--- -- Wilhelm Rumpf hielt sein Versprechen aufs gewissenhafteste.
-
-Er kopierte von jetzt ab nur noch die übrigen Lehrer: Samuel
-Heinzerlings geweihte Persönlichkeit war ihm heilig und unverletzlich.
-
-Auch bewahrte er das unverbrüchlichste Stillschweigen, bis der Direktor
-im Herbste desselbigen Jahres auf wiederholtes Ansuchen in den
-Ruhestand versetzt wurde.
-
-Erst dann erfuhr die jauchzende Prima den Hergang jener unerwarteten
-Versöhnung.
-
-Rumpfs »aufrächtäge Reue« war für die lachlustige Bevölkerung des
-Städtchens eine Quelle unendlicher Heiterkeit. Unter denen, die
-sich am meisten über die Farce amüsierten, befand sich der joviale
-Direktor Samuel Heinzerling, der treffliche Autor der lateinischen
-Schulgrammatik.
-
-Möge es ihm vergönnt sein, noch recht oft beim schäumenden Glase zu
-erzählen, wie er den gottlosen Schelm »Wälhälm Rompf« auf dem Karzer
-besuchte ... »Rompf« seinerseits wird jenes schöne Rencontre im Gebiete
-Quaddlers nie vergessen, und sollte er so alt werden wie Grillparzer.
-
-
-
-
-Samuel Heinzerlings Tagebuch.
-
-
-Die sympathische Teilnahme, die sich mein unvergeßlicher Lehrer ~Dr.~
-Samuel Heinzerling im deutschen Vaterlande zu erwerben wußte, hat mich
-veranlaßt, die Papiere meiner Schuljahre aufs neue zu durchblättern
-und nach Zügen zu forschen, die das erhabene Bild des trefflichen
-Schulmannes vervollständigen und vertiefen könnten. Werden doch
-neuerdings Charaktere, die sich nicht annähernd der Popularität Samuel
-Heinzerlings rühmen können, -- ~most popular~ nannte ihn erst kürzlich
-die Londoner »~Public Opinion~«, -- werden doch literarische Größen,
-um die sich keine Seele mehr kümmert, in ausführlichen Biographien
-erörtert und bis auf die Eigentümlichkeiten ihrer Fleischerrechnungen
-und Einladungskarten seziert: weshalb sollte nicht ein Mann von
-der Bedeutung Samuel Heinzerlings die gleiche Pietät von seinem
-Geschichtschreiber beanspruchen dürfen?
-
-Es fällt mir da ein Heft in die Hände, auf dessen Titelseite in
-großen Lettern die Worte prangen: »Geographie. Nachgeschrieben in
-den Lehrstunden des Herrn Direktor Samuel Heinzerling. Dienstags und
-Donnerstags von zwei bis drei. Sommersemester.«
-
-Was ich dem Leser im nachstehenden mitzuteilen gedenke, ist seinem
-wesentlichen Inhalte nach diesem Hefte entlehnt. Nur hin und wieder hat
-die Erinnerung einige Linien ergänzt.
-
-Es war gegen Ende Mai. Samuel Heinzerling hatte uns eine Schilderung
-der politischen und sozialen Verhältnisse von Paris geliefert. Der
-eigentliche Geographie-Unterricht wurde bereits in den unteren
-Klassen erledigt: in Prima gab man unseren Kenntnissen nur die letzte
-Retouche. Samuel Heinzerling legte daher einen besonderen Wert auf
-das Kolorit. Er wünschte, uns das großstädtische Leben und Treiben,
-die tausendfältig sich kreuzenden Tendenzen einer rastlos jagenden
-Bevölkerung, die Schwierigkeiten und Wirrnisse eines so ungeheuren
-Gemeinwesens und ganz besonders den Kontrast zwischen der ruhigen
-Beschaulichkeit einer deutschen Kleinstadt und dem fiebernden Chaos der
-modernen Babel »plastäsch vor dä Sääle zo föhren«.
-
-Beim Beginn der Lehrstunde, von der ich berichten will, trat er mit
-würdevoller Langsamkeit in das Schulzimmer, -- noch würdevoller und
-langsamer als gewöhnlich. Auf dem Katheder angelangt, zog er einen Stoß
-vergilbter Blätter aus der Tasche, breitete sie sorgfältig vor sich aus
-und begann dann mit einer gewissen jungfräulichen Verlegenheit:
-
-»Zor Vervollständägong des Bäldes, das äch än der vorägen Stonde
-vor Ähren Bläcken entrollt habe, wäll äch Ähnen heute einige
-charakterästäsche Stellen aus meinem Paräser Tagebooch vorlesen,
-das äch vor nonmehr säbzehn Jahren während eines fönfwöchentlächen
-Aufenthaltes än der französäschen Hauptstadt verfaßt habe. Däse
-ansprochslosen Notäzen werden Ähnen besser, als eine theoretäsche
-Schälderung däs vermöchte, dä Wahrheit meiner neuläch erörterten
-Behauptong klar machen: daß nämläch ein Monäzäpiom von allzo
-beträchtlächer Ausdehnong dä Exästenz des Ändävädooms än jeder Hänsicht
-erschwert. Äch wäderhole Ähnen: Dezentraläsation moß dä Parole jedes
-vernonftgemäß organäsärten Staatswesens sein. Däse sogenannten
-Weltstädte sänd aus keinem Gesächtsponkt zo rechtfertägen!«
-
-»Aber, Herr Direktor,« begann Wilhelm Rumpf, als Samuel innehielt, »das
-alte Rom zur Zeit des Augustus war doch auch eine Weltstadt.«
-
-»Sätzen Sä säch«, erwiderte Heinzerling mißmütig. »Das alte Rom war
-der Mättelponkt der damals bekannten Erde, hatte also logäscherweise
-das Anrecht auf eine gewässe räumläche Ausdehnong. Heutzotage aber
-steht der Omfang däser Großstädte mät dem ährer Staaten än gar keinem
-Verhältnäs. Öbrägens, äch halte mer aus, daß Sä mäch jetzt nächt
-bei jeder Sälbe onterbrechen; zomal es säch fögen könnte, daß meine
-Aufzeichnongen hän ond wäder einen etwas persönlichen Charakter
-annähmen. Dä Sobjektävätät äst aus solchen Reisenotäzen mät dem besten
-Wällen nächt ämmer hänaus zo schaffen. Sollte also etwas Derartäges mät
-onterlaufen, so erwarte äch von Ährem Anstandsgeföhl, daß Sä mäch nächt
-mät onnötägen Fragen behellägen. Äch bränge Ähnen dorch dä Mätteilong
-däser Aufzeichnongen ohnehän ein gewässes Opfer: aber der Pädagoge äst
-mächtäger än mer als der Prävatmann. Rompf, wenn Sä lachen wollen, so
-gehn Sä mer vor dä Töre! Verstehen Sä mäch? Ond non ställ! Äch begänne!«
-
-Seit Wochen hatte in der Prima keine so feierliche Ruhe geherrscht,
-wie nach dieser Erklärung unseres allverehrten Direktors. Was konnte
-uns wünschenswerter erscheinen, als die Ankündigung subjektiver
-Streiflichter auf das Privatleben einer uns so teuren und
-hochinteressanten Persönlichkeit?
-
-»Meine Notäzen«, hub Samuel mit der ganzen Fülle seines wohlklingenden
-Organes an, »bestehen aus losen Zätteln, dä dem Datom nach aneinander
-gereiht sänd. Äch habe das Wächtigste här zosammengestellt ond begönne
-non ohne weitere Einleitong mät der Lektöre. Äch bemerke nor noch, daß
-äch mäch damals aus rein wässenschaftlächen Grönden zo jener ämmerhän
-beschwärlächen Reise entschlossen hatte.
-
-Nochmals, äch begänne:
-
-›Paräs, am drätten Mai. Bereits seit värzehn Tagen befände äch mäch
-än der Hauptstadt der Gallier. Äch habe mäch schon so zämläch än den
-öffentlächen Bäbläotheken orientärt ond freue mäch von Herzen öber dä
-Fölle des vorhandenen Materäals. Nor eine einzäge Handschräft, deren
-Exästenz Waldhober mär doch so zoverlässig behauptete, habe äch bäs
-jetzt noch nächt auftreiben können. -- Gedold!‹«
-
-»Herr Direktor,« warf hier Möricke ein, »wer ist denn der Waldhuber?«
-
-»Ohne Zweifel ein Pariser Bibliothekar«, fügte Schwarz hinzu.
-
-»Onsänn! Waldhober! Wer wärd Waldhober sein! Der beröhmte Archäologe,
-gegenwärtäg än Göttängen! Sä scheinen mer auch öber den Stand der
-modernen Wässenschaft sehr schlecht onterrächtet.«
-
-»Wer kann all die Professoren so auswendig kennen«, versetzte Möricke.
-
-»Sei'n Sä mer ställ! Sä können öberhaupt nächt väl auswendig. Äch fahre
-än der Lektöre fort:
-
-›Paräs, am värten Mai. Gestern abend beim Diner -- dorchaus nächt
-onsere deutsche Hauptmahlzeit, sondern välmehr der römäschen ~coena~
-entsprechend -- machte mäch Doktor Mouchard vom ~Collège de France~
-aufmerksam, wä sehr es meinen Zwecken entsprechen wörde, wenn äch mäch
-dem Großherzoglich badäschen Gesandten, Herrn von Prättwätz, vorstellen
-wollte. Doktor Mouchard schälderte mer besagten Herrn von Prättwätz
-als einen Mann von wahrhaft klassäscher Bäldong, der änsbesondere ein
-hohes Änteresse för das Stodiom der Altertömer bekonde. Er könne meine
-Ontersochongen öber dä grächäschen Haartrachten wesentläch fördern,
-zomal er eine reichhaltäge Prävatbäbläothek ond verschädene wertvolle
-Manoskräpte besitze; daronter ein alexandränäsches Palämpsest von
-höchster Bedeutong. Doktor Mouchard fögte hänzo, Herr von Prättwätz sei
-ein dorchaus menschenfreundlächer, ädler Charakter, frei von Dönkel
-ond Öbermot, -- kein Sklave der Hybris, dä äns Verderben föhrt. So
-habe äch denn än der Tat den Entschloß gefaßt, morgen fröh elf Ohr den
-trefflächen Staatsmann än seiner Wohnung, ~rue de Berlin~ Nommer neun,
-aufzosochen ond ähm meine wässenschaftlächen Absächten des näheren
-vorzotragen.
-
-Am fönften Mai, abends. Heute fröh um neun Ohr sochte äch meinen
-schwarzen Frack hervor, börstete ähn sorgfältäg ab, setzte meinen
-Zäländer auf, kaufte mer ein Paar Handschohe von gelblächer Farbe ond
-nahm eines der vor meinem Hotel stehenden Zweigespanne, dä, beiläufäg
-bemerkt, äm onbedeckten Zostande eine gewässe Ähnlächkeit mät den Wagen
-des Homer aufweisen.
-
-Äch habe non von jeher än den Oblägenheiten des alltäglächen Lebens
-einen gewässen Hang zom Onglöck bekondet. Meine Gattän wärd mer
-bezeugen, daß äch, Eier essend, stets dä verdorbenen aus der Schössel
-hervorlange, von dem Verwechseln des Sandfasses mät dem Täntenfasse
-ganz zo geschweigen. Auch dä zahlreichen Verwondongen, dä äch mer
-dorch Gabeln, Scheren, Törpfosten ond ähnläche Änstromente zozähe,
-kann äch nor als das Resoltat einer latenten Neigong zom Mäßgeschäcke
-betrachten. Wenn mer non dergleichen schon daheim än dem trauten Kreise
-meiner Famälie passärt, om wäväl mehr bän äch den Dämonen des Zofalls
-ausgesetzt än einer Weltstadt, dä alle Sänne des Menschen än Ansproch
-nämmt ond ähn fast der Fähägkeit einer rohägen Öberlegong beraubt?
-
-Äch war kaum än das Vehäkolom eingestägen, als äch, von dem
-Wonsche besäält, mäch betreffs des augenbläcklächen Zeitstandes zo
-onterrächten, nach meiner Ohr greifen wollte ond däselbe trotz aller
-Anstrengong nächt zo fänden vermochte. Äch berohägte mäch anfängläch
-bei dem Gedanken, sä sei ohne Zweifel äm Hotel auf dem Kamäne lägen
-gebläben. Als äch jedoch beim Aussteigen den Kotscher bezahlen wollte
-ond zo däsem Endzwecke nach dem kleinen Geld sochte, das äch gewöhnläch
-än der rechten Westentasche verwahre, da bemerkte äch zo meiner
-Verwonderong, daß öch öberhaupt keine Weste anhatte.
-
-~Verte!~ räf äch dem Kotscher zo. In meinem Hotel angelangt, fand äch
-dä Weste wohlbehalten am Schlössel des Kleiderschrankes, wo äch sä
-sorgfältäg aufgehängt hatte. För heute war es zo spät, da der badäsche
-Gesandte om zwölf Ohr zo fröhstöcken pflegt. Äch warf mäch daher
-wäder än meine Alltags- oder Stodärkleider ond gäng vergnögläch zor
-Bäbläothek. Morgen äst ja auch noch ein Tag. Öbrägens war dä heutäge
-Ausbeute auf der Bäbläothek so ergäbäg, daß äch dä kleine Enttäuschong
-gern än den Kauf nehme.‹«
-
-»Herr Direktor!« rief Möricke, als Heinzerling einen neuen Zettel
-hervorsuchte.
-
-»Non?«
-
-»Hätten Sie denn nicht einfach Ihren Frack zuknöpfen können? Dann hätte
-man ja gar nicht gesehen, daß Sie die Weste nicht anhatten.«
-
-»Goot! Sehr goot! Däse Bemerkong zeigt, daß Sä meine Mätteilongen
-einer denkenden Betrachtong onterzähen! Knebel! Schreiben Sä mal äns
-Tagebooch: ›Möricke wegen Aufmerksamkeit belobt.‹ ... Haben Sä's,
-Knebel ...? ›Wegen Aufmerksamkeit belobt.‹ ... Was non dä Sache selber
-betrifft, so moß äch Ähnen bemerken, daß dä Verwärklächong Ährer an
-säch ja recht glöcklächen Idee aus dem zwängenden Gronde onmöglich
-war, weil der Frack noch aus der Zeit meines Staatsexamens herröhrte.
-Äch konnte denselben mät dem besten Wällen nächt zoknöpfen, denn als
-Kandädat war äch wesentläch schlanker. Doch wär wollen ons dorch däsen
-Zwäschenfall än onserer Lektöre nächt stören lassen. Äch fahre da fort,
-wo äch aufgehört habe.
-
-›Am sechsten Mai. Mät dem französäschen Idiom gäng es mär gestern
-abend recht schlecht. Der Kellner wollte mäch absolot nächt verstehen;
-ond da er weder än der lateinäschen noch än der grächäschen Sprache
-dä erforderlächen Kenntnässe besaß, so bläb mer nächts öbrig, als
-meine Wönsche zo Papär zo brängen. Er las meine Sätze denn auch mät
-Leichtägkeit ab. Wahrlich, nämals hätte äch äm Traume gedacht, daß
-dä gewöhnläche französäsche Konversationssprache einem Manne von
-klassäscher Bäldong so schwer fallen könnte. Dä nasale Aussprache
-gewässer Sälben hat för mein Organ etwas Wäderstrebendes‹ ... Hotzler,
-was lachen Sä?«
-
-Der Schüler erhob sich.
-
-»Ich ... ich wollte nur ...«
-
-»Was wollten Sä?«
-
-»Ich kann nicht begreifen, daß gerade Ihnen die nasale Aussprache
-Schwierigkeiten bereitet.«
-
-»Wäso? Was wollen Sä damät sagen? Hören Sä mal, Hotzler, äch
-glaube, Sä brängen här nächt den gehörägen Ernst mät, wie er zor
-Sache erforderläch äst. Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch:
-›Hotzler wegen kändäschen, läppäschen Benehmens getadelt.‹ Zor
-Strafe lese äch Ähnen jetzt däse lehrreichen Bemerkongen öber dä
-französäsche Aussprache nächt weiter vor! Das haben Sä säch non selber
-zozoschreiben! Rompf, lassen Sä das Gewackel ond röcken Sä weiter nach
-rechts! Sä hocken dem Gäldemeister ja auf dem Leib wä eine Klette. Ond
-non kein Wort mehr!
-
-›Paräs, am säbenten Mai. Gestern om halb elf Ohr gräff äch abermals zo
-Frack ond Zäländer, vergewässerte mäch zweimal, ob dä Weste an Ort ond
-Stelle sei, ond bestäg dann das Zweigespann Nommer 1313. Dä ominöse
-Zahl beröhrte mäch eigentömläch. Ein alter Römer wörde än gleicher
-Lage omgekehrt sein. Äch aber habe mäch stets von den Anwandlongen
-eines dorch nächts zo motävärenden Aberglaubens ferne gehalten. Äch
-erwähne den Omstand nor, weil der Eindrock, den er än mer hervorräf,
-för meine Stämmong charakterästäsch äst. Ebenso befremdete mäch än
-der Richelieu-Straße dä altklassäsche Änschrift eines Weinkellers:
-»~Cave Richelieu~«, eine Warnong, dä -- fast an das beröhmte »~Cave
-canem!~« anklängend -- einen alten Römer ebenfalls zor Vorsächt ermahnt
-hätte ...‹«
-
-Samuel Heinzerling hielt einen Augenblick inne.
-
-»Herr Direktor,« rief Wilhelm Rumpf, die Pause benutzend, »darf ich mir
-in Beziehung auf diesen letzten Passus eine Frage erlauben?«
-
-»Goot, fragen Sä!«
-
-»So viel ich mich erinnere, heißt französisch ~la cave~: der Keller,
-so daß also jene Inschrift ziemlich zwanglos mit »Richelieukeller«
-übersetzt werden könnte, eine Konjektur, die um so größere
-Wahrscheinlichkeit hat, als besagte Inschrift wirklich auf einem Keller
-zu lesen stand.«
-
-»Goot! Sehr goot!« versetzte Samuel Heinzerling, die rundglasige
-Brille zurecht rückend. »Ähre Häpothese verrät eine röhmläche
-Schlagfertägkeit. Äch wäll sogar zogeben, daß Sä onter Omständen
-möglächerweise tatsächlich recht haben: mer jedoch, als dem klassäschen
-Phälologen ond Altertomsforscher, lag das Lateinäsche ongleich näher ...
-
-Äch fahre än der Lektöre fort:
-
-›Trotz däser Omina woßte äch goten Motes zo bleiben. Mein Kotscher
-peitschte drauflos, als hätte er noch heute wä Helios dä Ronde om
-den Erdball zo machen. Nämals bän äch von Pferden auf so schnelle
-Weise befördert worden. Meine schon fröher ausgesprochene Häpothese
-einer Verwandtschaft des grächäschen ἵππος mät dem althochdeutschen
-~hupfan~ (Phölologäsche Jahrböcher IV, S. 306) scheint mer jetzt
-evädenter als je. Leider sollte äch däse wässenschaftläche Erkenntnis
-mät einem persönlächen Onfall bezahlen: denn als wär so äm besten
-Sausen dahän rollten, ereignete säch plötzlich eine Erschötterong.
-Äch schrä auf ond gewahrte das Zweigespann än einer Lage, dä mer das
-Schäcksal des onglöcklächen Bellerophon äns Gedächtnäs zoröckräf. Noch
-lehnte freiläch das geschädägte Fohrwerk an einem großen, zweirädrägen
-Gemösekarren; aber äch war onglöcklächerweise wäder das Rad däses
-Lastwagens angedröckt worden, was eine starke Besodelong mät Teer ond
-anderen klebrägen Stoffen zur Folge hatte. Än däsem Zostande konnte
-äch natörläch meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten
-nächt ausföhren. So bezahlte äch denn den Kotscher ond gäng än etwas
-deprämärter Stämmong nach Hause.
-
-Das sänd dä Folgen der Zentraläsation, sagte äch, als äch nach einer
-Stonde wäder auf meinem Sofa saß ond ein Gläschen Borgonder schlörfte.
-
-Meinen Frack ond meine Weste habe äch dem Hausknecht zom Reinägen
-gegeben. So werde äch denn vor öbermorgen den badäschen Gesandten nächt
-sprechen können; doch äch habe ja Zeit. Ohnehän moß äch heute onter
-allen Omständen Luitgardens Bräf beantworten. Sä könnte sonst glauben,
-äch wäre veronglöckt.‹«
-
-»Wessen Brief?« fragte hier Wilhelm Rumpf.
-
-»Non, das äst onwesentläch.«
-
-»Luitgard, das ist wohl die Frau Direktorin?« fragte Möricke.
-
-»Lassen Sä Ähre unnötägen Fragen! Äch habe keine Lost, Ähnen här meine
-Famälienverhältnisse auseinander zo setzen. Hören Sä weiter:
-
-Also ... ›sä könnte sonst glauben, äch wäre veronglöckt. Ond än der
-Tat, stand äch nächt heute bereits mät einem Fooße in Charons Nachen?
-Non, äch habe mer geschworen: kein Zweigespann mehr! Äch lese da eben
-än meinem Reisehandbooch, das ein sonst onbekannter Schräftsteller,
-namens Karl Bädeker, verfaßt hat, dä Omnäbosse seien bei weitem
-bälläger ond bequemer. Dä sogenannte ~Impériale~ -- das Verdeck --
-scheint mer än der Tat ein äußerst gönstäger Platz, da man von dort
-einen freien Ombläck genäßt. Öbermorgen also mät erneuten Kräften ans
-Werk!
-
-Meine Stodien liegen heute so zämläch brach. Dä Erschötterong än der
-Droschke hat mäch so verwärrt, daß äch keinen vernönftägen Gedanken zo
-fassen ämstande bän. Äch benotze daher, wä bereits oben bemerkt, däsen
-Änterämszostand zo einem Bräfe an meine Gattän.
-
-Noch eines wäll äch erwähnen. Es äst mer vorhän aufgefallen, daß
-der Hausknecht eine korze Tonpfeife rauchte. Es scheint däs ein täf
-eingeworzelter französäscher Nationalgebrauch, während än Deutschland
-dä lange Pfeife vorherrscht. Obgleich nächt moderner Koltorhästoräker
-von Fach, pflege äch doch dä Länder ond ähre Sätten aufmerksam zo
-beobachten. Den Välgewandten nennt mäch Luitgarde oft scherzweise --
-ond än gewässem Sänne hat sä onstreitäg recht. Besser freiläch wörde sä
-sagen: der Välseitäge.
-
-Doktor Mouchard war vor einer Stonde bei mer ond fragte mäch, wä mer
-der badäsche Gesandte gefallen habe. Äch erzählte ähm das erlättene
-Mäßgeschäck: der Mensch lachte mer laut äns Gesächt. Däse Franzosen
-sänd eine herzlose, egoästäsche Nation.
-
-Mein Kollege Träuble, der Ordänarios von Quarta, wörde säch än gleichem
-Falle ganz anders benommen haben.
-
-Am neunten Mai. Gestern om halb elf verläß äch mein Hotel, om den
-Omnäbos der Länie Clichy-Odéon abzupassen, der, wä der Hausknecht
-versächert, dächt an der ~rue de Berlin~ vorbei fährt. Der Omnäbos
-kam, ond da äch än der Gymnastäk zwar kein Koryphäe, aber ämmerhän ein
-ganz leidlächer Dälettant bän, so gelang es mär ohne Schwärägkeiten,
-dä treppenartäge Leiter, oder besser, dä leiterartäge Treppe, zor
-sogenannten ~Impériale~ hänan zo klämmen. Dä Höhe, än der äch mäch non
-befand, hatte zwar äm ersten Augenbläck etwas Beonrohigendes; bald
-ändes öberzeugte äch mäch von der Solädätät des Eisengeländers, -- ond
-dä völläge Sorglosägkeit der öbrägen Passagäre trog dazo bei, mein
-Onbehagen völläg zo tälgen. So genoß äch denn än onbeschränktem Maße
-dä großartäge Aussächt auf das Treiben der Weltstadt. Än Betrachtongen
-der mannächfachsten Art versonken, hatte äch anfängläch nächt bemerkt,
-daß der Omnäbos, sobald ein Herr absteigen wollte, nächt anhält.
-Däse Röcksächt gält bloß för das zarte Geschlecht. Jetzt aber ward
-äch auf däsen Omstand aufmerksam, da mein Nachbar, ein Jöngläng aus
-dem Handwerkerstande, den Platz an meiner Seite verläß ond ohne dä
-gerängste Bangägkeit an dem rasch dahänrollenden Omnäbos hänonter
-kletterte. Zwei Sekonden später stand er wohlbehalten auf dem Trottoir
-ond gäng än das nächste Haus, als wäre nächts vorgefallen ...
-
-Mer ward mät jedem Augenbläck schwöler zomote. Das Hänanklämmen, zomal
-wenn der Omnäbos stand, läß säch ohne Möhe bewerkstellägen; aber
-hänonter, ond noch dazo röckwärts? ~Nonquam retrorsom!~ Das war von
-jeher mein Wahlsproch, -- ond non sollte äch onter so wäderwärtägen
-Verhältnässen dem Grondsatze meiner Jogend ontreu werden? Ändes, was
-war zo machen? Dä Straße, än dä wär jetzt einfohren, war dä ~rue de
-Clichy~ ... Äch sprach also: ~fortes fortona jovat~ ond gäng ~färmo
-constantäque anämo~ ans Werk. Zo Anfang schänen dä Götter mer gönstäg.
-Dä Treppe ward än korzer Zeit glöcklich zoröckgelegt, ond wohlbehalten
-langte äch auf der breiten Onterstäge an, von der äch nor herabsprängen
-moßte, om sägreich geborgen zo sein.
-
-Mein Kollege Salzmann, der Physiker, hat mer oft auseinander gesetzt,
-daß onsere klassäsche Bäldung eine einseitäge, ädealästäsche sei ond
-zor Ergänzong einer realästäschen Hälfte -- der Natorwässenschaften
--- bedörfe. Äch habe Salzmann oft einen Materialästen genannt ond
-ähn aus Plato ond der »Krätäk der reinen Vernonft« zo wäderlegen
-gesocht. Jetzt ändes erkenne äch, daß er nächt völlig äm Onrecht
-war. Hätte äch än meiner einseitägen, ädealästäschen Rächtong nächt
-öbersehen, daß ein Körper, der säch än Bewegong befändet, vermöge des
-Gesetzes der Trägheit än däser Bewegong verharrt, auch wenn dä ~causa
-movens~ zo wärken aufhört, -- äch erännere mäch däses Lehrsatzes aus
-meiner Gymnasialzeit, -- so wäre äch nächt beim Absprängen von der
-Omnäbosstäge langwegs än den Kot gefallen.
-
-Mein Alexander moß onter allen Omständen gröndlächen Onterrächt än
-den Realien erhalten. Es äst dä Pflächt der Eltern, ähre Känder vor
-den Öbeln, dä sä selber aus Onkenntnäs erdoldet haben, vorsächtäg zo
-bewahren.
-
-Äch habe mer beim Storz von der Omnäbosstäge dä rechte Kännlade
-verletzt ond sätze daher mät verbondenem Antlätz än meinem Hotel. Mein
-Zostand verbätet mer jedes öffentläche Erscheinen. Da äch also heute
-nächt zum Diner komme, wärd Doktor Mouchard mäch ohne Zweifel morgen
-zor Rede stellen, ob äch välleicht beim badäschen Gesandten diniert
-habe. Äch wörde unbedängt Ja sagen, wenn äch nor äm Besätze einer
-zoverlässägen Personalbeschreibong wäre! Das sänd wäder dä Folgen der
-Zentraläsation! Wenn däses Volk nächt so rennte ond jagte, sondern
-säch Zeit nähme, dä Fahrgäste absteigen zo lassen, so hätte äch heute
-zoverlässig meinen Plan zor Ausföhrong gebracht!
-
-Eines steht ändes fest: keine Macht der Welt brängt mäch wäder auf eine
-~Impériale~. --
-
-Es klopft, -- sollte es Mouchard sein?‹«
-
-Boxer und Möricke waren bei den letzten Worten hastig nach der Tür
-gestürzt.
-
-»Was fällt Ähnen ein?« rief Samuel Heinzerling im Tone des höchstens
-Erstaunens.
-
-»Ich wollte mal nachsehen«, erwiderte Boxer; »Sie sagten doch eben: ›es
-klopft.‹«
-
-»Onsänn! Äch habe vorgelesen -- ganz deutlich ond onverkennbar: ›Es
-klopft -- sollte es Mouchard sein?‹«
-
-»Ach so,« erwiderte Boxer, »das Letzte habe ich nicht gehört.«
-
-»Ich auch nicht, Herr Direktor«, fügte Möricke ehrerbietig hinzu.
-
-»Sä hören öberhaupt nächts, Möricke; setzen Sä säch!«
-
-Und von neuem hub die wohlklingende Stimme des trefflichen Schulmannes
-zu lesen an:
-
-»›Den zehnten Mai. Es war nächt Doktor Mouchard, sondern der
-Hausknecht. Der wackere Mensch kam, om meine beschmotzten Kleider zo
-holen. Äch werde ähm bei meiner Abreise ein töchtäges Tränkgeld geben
-mössen, denn er hat än der Tat väl Arbeit mät meinem schwarzen Kostöm.
-
-Gestern abend hatte äch eine brällante Idee. Sä bestand darän, das
-nächste Mal einen Platz äm Ännern des Fohrwerks zo nehmen ond dä
-Gelegenheit abzopassen, sobald eine Dame den Kondokteur anhalten heißt.
-Äch kann wohl sagen, daß däse Lösong mer als ein Träomph menschlächer
-Berechnong erschien. Meine Befrädägong erreichte den Höhegrad,
-als auch dä Schmerzen än meiner Kännlade fast gänzlich nachläßen
-ond eine Kreuzbandsendong aus Grönängen eintraf, eine Beilage des
-Grönänger Wochenboten, woran Luitgarde dä folgende Stelle mät Rotstäft
-angesträchen hatte.
-
-Vermäschtes. Onser trefflächer Archäologe, dä Zärde onserer Vaterstadt,
-der Gymnasialdärektor Samoel Heinzerläng, befändet säch seit einigen
-Wochen än der französäschen Hauptstadt, wo seine Ontersochongen öber
-dä Haartrachten des Altertoms einen gedeihlächen Fortgang nehmen. Aus
-sächerer Quelle können wär hänzofögen, daß Herr Baron von Prättwätz,
-der Großherzogläch badäsche Gesandte, onseren Heinzerläng mät seinem
-ganzen Einflosse onterstötzt ond ähm sogar seine reichhaltäge
-Prävatbäbläothek zor Verfögong gestellt hat.
-
-Träuble, Träuble! räf äch aus, als äch däse schmeichelhafte Anerkennong
-meiner bescheidenen Bestrebongen nächt ohne Erröten gelesen hatte. Wer
-sonst auch sollte öber däse Details, dä äch nor Luitgarden geschräben
-hatte, so genau onterrächtet sein, wenn nächt er, der langjähräge
-Freund meines Hauses? Dä Nachrächt von dem götägen Entgegenkommen des
-Großherzogläch badäschen Gesandten war freiläch ein wenig verfröht,
-ändes: Rom äst nächt an einem Tage erbaut worden, ond korz ond goot,
-dä Notäz des Grönänger Wochenboten versetzte mäch än dä rosägste
-Stämmong ...
-
-Am zwölften Mai. Gestern warf äch mäch zom värten Male än Gala, om
-endläch meinem prädestänärten Gönner den längst zogedachten Besoch
-abzostatten. Der Omnäbos kam, ond äch, flänk wä der Wänd, hänein ond
-Platz genommen.
-
-Es war doch ein ganz anderes Geföhl här onten äm Schoße der behaglächen
-Sächerheit, als da oben auf der schwankenden Höhe der ~Impériale~.
-Horaz sagt mät Recht, der Blätz schlage am läbsten än hohe Törme ond
-öbermötäge Fächten ein, während er das ställe, bescheidene Kraut am
-Boden verschone ...
-
-Äch hatte äm Omnibos ein sehr schön gekleidetes weibläches Wesen zor
-Nachbarän. Dä Dame trog einen halb dorchsächtägen schwarzen Schleier,
-der etwa bäs än dä Gegend des Mundes reichte. Vermotläch äst dä Sätte
-däser halben Maskärong dorch dä Phönizier aus dem Orient nach Marsilia,
-dem heutägen Marseille, gebracht ond von da aus nach dem Norden
-verpflanzt worden.
-
-Während der Fahrt war äch bestrebt, meine topographäschen Kenntnässe
-zo erweitern. Der Omnäbos schän ändes heute eine andere Roote
-einzoschlagen. Dä Gegend war mer wenägstens vollständäg neu.
-
-Non, om so besser, sagte äch zo mer selbst. Äch bereichere so nor meine
-Anschauongen.
-
-Dä Physiognomä der Straßen, dorch dä wär kamen, worde von Minote zo
-Minote seltsamer. Äch gewahrte zahlreiche Blusenmänner, zom Teil mät
-Äxten bewaffnet. Aus Wein- ond Branntweinschenken tönte mer verworrenes
-Geschrei entgegen. Deutläch glaubte äch dä Klänge der Marseillaise
-zo hören. Äch gestehe, daß äch däse Symptome höchst bedenkläch
-fand. Onrohig rotschte äch auf meinem Sätze hän ond her. Dazo kam
-der verdächtäge Omstand, daß der Omnäbos leerer ond leerer ward.
-Rätselhafte Erscheinong! Hatte välleicht der Kondokteur äm Komplott mät
-dem Kotscher dä Absächt, mäch än eine menschenleere Gegend zo fahren
-ond mäch dort zo berauben? Paräs stand än däser Hänsächt von jeher än
-öblem Rofe. Än Grönängen freiläch wäll äch mäch om Mätternacht getrost
-vor das Tor wagen, -- aber Paräs äst nächt Grönängen. Mein Herz begann
-lebhafter zo schlagen; -- ond als jetzt auch der letzte Passagär
-ausstäg, da rächtete äch än der Tat ein ställes Stoßgebet zom Hämmel
-ond befahl Luitgarden, Alexander, Ismenen, Winfrieden ond Vitriaria
-der Försorge des Allmächtägen. Was konnte dä nächste Mänote brängen?
-Womät hatte äch das verdänt? Äch dorchmosterte mät einem raschen
-Bläck mein vergangenes Leben ond fand leider, daß äch välfach gefehlt
-hatte. Eine ernstläche Reue öberkam mäch, ond zerknärscht gelobte äch
-mer Besserong, wenn äch nor däsmal noch aus den Armen des Verrates
-errettet wörde ... Da hält der Omnäbos an ... Fänster bläckend trat der
-Kondokteur auf mäch zo ond räf: »~Descendez s'il vous plaît!~«
-
-Tödläch erschrocken leistete äch seinem Befehl Folge. Wenäge Sekonden
-später ändes hatte säch alles befrädägend aufgeklärt. Dä ganze Lösong
-der rätselhaften Erscheinongen lag än dem Omstande, daß äch än den
-Omnäbos einer falschen Länie eingestägen war, ond mäch non an der
-Endstation einer Vorstadt befand, dä von der Wohnong des badäschen
-Gesandten reichläch anderthalb Stonden entfernt lag. Was bläb mer
-öbrig, als mät demselben Wagen wäder nach Haus zo fahren ond Gott zo
-danken, daß mer wenägstens nächts Schlämmeres begegnet war. Morgen
-werde äch besser aufpassen: endläch moß man doch eine gewässe Paräser
-Routäne erlangen.
-
-Am dreizehnten Mai. Gestern stand äch wäder gegen halb elf Ohr an der
-Omnäbosstation. Aller gooten Dänge sänd drei, mormelte äch vor mäch
-hän. Äch bän gewohnt, öfters etwas vor mäch hänzomormeln, ein Gebrauch
-des Monologs, den äch mer aus den Komödien des Plautus angeeignet habe.
-Äch halte ähn för ein vortreffliches Mättel, säch mät dem eigenen
-Äch gehöräg äns Klare zo setzen. Vär, fönf Omnäbosse kamen voröber;
-sä waren sämtlich bäs auf den letzten Platz öberföllt. Da kam mer
-plötzläch der Gedanke, mäch aller Fohrwerke zo entschlagen ond einfach
-zo Fooße zo gehen. Eine herrläche Idee! räf äch aus. Än der Tat, wenn
-äch zo Fooße gäng, so war äch gegen alle bäsher erlättenen Onbälden
-ein för allemal geschötzt. Onbegreifläch, daß mer däse Wahrheit nächt
-fröher einleuchtete! Wäväl Zeit, wäväl Geld, wäväl goote Laune hätte
-äch sparen können!
-
-Röstäg eilte äch förbaß, seelenvergnögt, daß äch endläch das rächtäge
-Auskonftsmättel gefonden hatte.
-
-Leider worde äch erst zo spät gewahr, daß dä Zeit för eine Omnäbosfahrt
-zwar reichläch zogemessen, aber för den Fooßgänger doch etwas zo knapp
-gegräffen war. Als äch än dä ~rue de Berlin~ einbog, schlog es halb
-eins, ond da äch woßte, daß der Baron om zwölf Ohr dejenärt, so besah
-äch mer das Haus einstweilen von außen.
-
-Morgen werde äch zeitäger aufbrechen, mormelte äch, als äch den Röckweg
-antrat.
-
-Heute fröh erhäält äch von Alexandern einen recht netten lateinäschen
-Bräf, an dem äch nor einäge Germanäsmen zo rögen hatte. Äch habe ähn
-schleunägst korrägärt ond, nach Beifögong zweier Dankeszeilen än
-grächäscher Sprache, zoröckgesandt.
-
-Das Wetter hat säch zom Argen gewendet: ύεῖ μὲν ό Ζεύς, wä der
-hellenäsche Lyräker sängt, ond auf den Straßen waltet des Kotes
-erdröckende Fölle. Beim Anbläck des grauen Gewölks habe äch eine Elegä
-än altklassäscher Form zo Papär gebracht, dä äch här beiföge ...‹«
-
-Samuel Heinzerling unterbrach sich und rückte die Brille zurecht.
-
-»Ach, Herr Direktor«, rief die Prima wie aus einem Munde, als der
-Verfasser der Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch Miene
-machte, die Elegie zu überschlagen. »Ach, lesen Sie uns doch vor!
-Lassen Sie doch ja nichts aus, Herr Direktor! Gerade die Verse
-interessieren uns! Bitte, die Elegie!«
-
-»Non goot, Sä sollen sä hören«, versetzte Samuel, augenscheinlich
-geschmeichelt. »Das Gedächt betätelt säch: ›Regenwetter‹ ...
-
- ›Zörnend ronzelt dä Stärne der blätzomspälte Kronäon,
- Ach, ond mät Regen begäßt rängs er das ganze Paräs.
- Deshalb bleib' äch zo Haus. Zo Haus zo bleiben äst ratsam,
- Wenn der erbätterte Zeus grollend das Wetter getröbt.
- Morgen aber, wenn hold dä rosenfängräge Eos
- Hebet am Hämmel das Haupt, heb' äch den hortägen Fooß,
- Gehe zom gastlächen Haus des göttläch erhabenen Prättwätz,
- Der mer als wackerer Mann sächer sein Xenion beut.‹«
-
-»Bravo!« rief Wilhelm Rumpf, als Samuel Heinzerling geendet hatte.
-
-»Enthalten Sä säch jeder Krätäk«, sagte der Schulmann ein wenig
-ungnädig.
-
-»Aber, Herr Direktor, ich werde doch meinen Empfindungen noch Ausdruck
-verleihen dürfen ...«
-
-»Verschäben Sä den Ausdrock Ährer Empfändongen bäs zom Schlosse der
-Lehrstonde!«
-
-»Wirklich, ganz ausgezeichnet!« sagte jetzt Hutzler halblaut zu seinem
-Nachbar.
-
-»Hotzler, Sä gehn mer hänaus! Äch bän Ähre Dommheiten möde. Wä können
-Sä säch ein Orteil erlauben, Sä, der Sä nächt einmal ämstande sänd,
-einen Daktylos von einem Trochäos zo onterscheiden.«
-
-»O, Herr Direktor ...«
-
-»Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch: ›Hotzler, zom zweiten Male
-wegen läppäschen Benehmens getadelt.‹ Hotzler, äch wäderhole Ähnen, Sä
-gehn mer hänaus!«
-
-Hutzler verließ das Lehrzimmer. Der Direktor fuhr fort:
-
-»›Am säbzehnten Mai. Äch bän so erbättert, daß äch nor archäologäsche
-Jamben zo Papär brängen möchte! ~Däffäcele äst satäram non scräbere!~
-
-Am Värzehnten däses Monats machte äch mäch schon gegen neun Ohr auf
-... Nächt ohne eine gewässe Ängstlächkeit betrat äch dä Straße: ein
-fönfmaläges Mäßlängen äst wenäg geeignet, onser Vertrauen zo stärken.
-
-Äch schrätt dorch dä Straße ~Vivienne~ nach dem Börsenplatze ond bog
-dann än dä Richelieustraße ein, wo äch mäch sehr vorsächtäg weiter
-bewegte. Schon hatte äch etwa dä Hälfte der Straße zoröckgelegt,
-als äch plötzläch einen Menschen bemerkte, der mät einer langen,
-speerartägen Stange drohende Gesten ausföhrte ond dabei so onzweideutäg
-seine Bläcke auf mäch heftete, daß äch kein Ödäpos zo sein brauchte, om
-zo erraten, wem däse Feindselägkeit gelten sollte.
-
-Hatte der Mensch wärkläch Absächten auf mein Eigentom ond mein Leben?
-Offenbar gehörte er dem Arbeiterstande an, -- ond was man von den
-Paräser Arbeitern zo halten hat, das weiß heutzotage ein jeder. Das
-Schäcksal der onglöcklächen Könägin Maräe Antoinette stand mät einem
-Male än forchtbarer Klarheit vor meiner Sääle ...
-
-Ond doch, wä war es denkbar, daß ein Mensch am hellen Tage auf
-dä geachtete Persönlächkeit eines deutschen Gymnasialdärektors
-frevelhafterweise ein Attentat wagen dorfte? Wämmelte es nächt rängs
-von Menschen? Freiläch bemerkte äch, daß jedermann dem Borschen mit
-der speerartägen Stange ängstläch auswäch. Er moßte also gefährläch
-sein ... Ändessen, was konnte er mer anhaben? Auf offener Straße, fast
-onter den Augen zweier Poläzästen ond einer bewaffneten Schäldwache? Än
-dä Mätte der Straße auszobägen, schän mer gefährläch, der zahlreichen
-Fohrwerke halber: also köhn drauf los! Mot, Samoel! räf äch mer
-zo. Sollte der Mensch da än der Tat einen Frevel beabsächtägen, so
-werden dä Männer des Gesetzes alsbald dä Pläne eines wahnwätzägen
-Barräkadenmannes zo vereiteln wässen. Äch schrätt mannhaft vorwärts.
-Der Mensch mät dem Speer schwenkte ond gestäkolärte ämmer verdächtäger.
-Dabei stäß er seltsame Töne aus, dä wä ein fremdländäsches Krägsgebröll
-klangen. Sollte äch omkehren?
-
-Äch räf mer eben ein neues Mot, Samoel! zo, als plötzläch von oben eine
-Flössägkeit öber mäch herklatschte, dä meinen Frack alsbald mät einer
-weißen, kalkartägen Kroste öberzog. Allmähläch gäng mär ein Lächt
-auf, ond auch Doktor Mouchard hat es mer nachträgläch bestätägt. Das
-Haus, vor dem der Mann mät der Stange auf- ond abläf, worde jost fräsch
-getöncht. Äch hatte den ehrsamen Arbeiter schmähläch verkannt!
-
-George, der Hausknecht, äst seit ehevorgestern mät der Reinägong meines
-Frackes beschäftägt, hat jedoch bäs zor Stonde nor onbefrädägende
-Resoltate erzält. Dä Beinkleider hatten nor wenäg gelätten, was
-leicht zo erklären äst, da der verhängnäsvolle Goß von oben auf mäch
-hereinbrauste.
-
-Äm ganzen darf äch mer Glöck wönschen, daß äch auf däse Weise eine
-lehrreiche Erfahrong gemacht habe. Äch weiß jetzt, was es bedeutet, än
-Paräs auf dem Trottoir zo wandeln. Wenn non anstatt däser flössägen
-Masse ein Balken, ein Stein oder sonst etwas Wochtäges herabgestörzt
-wäre, wä däs bei dem fortwährenden Ausbessern ond Ombauen, das här
-zo herrschen scheint, dorchaus äm Bereiche der Möglächkeit lägt? Ond
-Luitgarde, Alexander, Winfriede, Ismene ond Vitriaria? Entsetzläch!
-Nein, es war nor ein Wänk der götägen Götter, ond äch söndäge gröbläch,
-wenn äch öber däsen kleinen Zwäschenfall morre. George, der Hausknecht,
-äst ja geschäckt; auch hat er än der letzten Zeit väl Öbong bekommen.
-
-Meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten habe äch nonmehr
-auf Donnerstag den neunzehnten Mai festgesetzt. Äch freue mäch
-onendläch, eine Bekanntschaft zo machen, von der mer Mouchard so väl
-Gootes geweissagt hat.
-
-Mouchard hat säch däsmal edler benommen als das letzte Mal. Äch schätze
-än ähm einen töchtägen Vertreter der Wässenschaft ond einen läbreichen
-Freund ...
-
-Am zwanzägsten Mai. Non bän äch's denn doch möde, mäch äwäg mät däsen
-Paräsern heromzoschlagen. Daß mär so etwas passären moßte! Es äst wahr,
-mein schwarzer Frack säht nächt mehr zom elegantesten aus, ond mein
-Zäländer äst seit lange des ersten Glanzes beraubt: wä es aber mögläch
-war, mäch ongeachtet däser kleinen Änkorrektheiten meiner Toilette för
-den belgäschen Klavärlehrer Haentjens zo halten, der wegen verschädener
-Betrögereien steckbräfläch verfolgt wärd, das äst ond bleibt mer ein
-Rätsel! Non, äch habe den Ärrtom der Paräser Poläzästen teuer bezahlen
-mössen. Volle zwölf Stonden verbrachte äch auf der Wache, bäs äch
-ämstande war, meine Ädentätät zo erhärten. Doktor Mouchard hat mär
-än däser Bezähong sehr anerkennenswerte Dänste geleistet. Onerhört!
-sage äch. Einen deutschen Gymnasialdärektor mät einem belgäschen
-Klavärlehrer zo verwechseln, ond noch dazo mät einem Betröger! Äch rofe
-dä Götter zo Zeugen an, ob äch jemals dem Eigentom meiner Mätmenschen
-auch nor än Gedanken zo nahe getreten bän! Man sollte denken, däse
-~honestas~ mößte säch auch än meinen Gesächtszögen hänlängläch
-ausprägen. Onerhört! sage äch. Bäs elf Ohr abends hab' äch auf der
-sogenannten Violine verbracht, teilweise onter schweren Verbrechern,
-äch, Samoel Heinzerläng, Därektor des städtäschen Gymnasioms zo
-Grönängen. Wer mer das vor acht Tagen geweissagt hätte! Aber äch werde
-Genogtoong fordern, -- koste es, was es wolle! Das sänd dä Fröchte
-jener räsägen Konglomerate, dä man Weltstädte nennt! Än Grönängen wäre
-dergleichen onmögläch gewesen. Notabene, könftäghän werde äch stets
-meinen Paß bei mer tragen.
-
-Den Besoch bei dem Großherzogläch badäschen Gesandten habe äch
-natörläch auf öbermorgen vertagt ...
-
-Am einondzwanzägsten Mai. Endläch bän äch ans Ziel gelangt, wenägstens
-topographäsch geredet. Äch erreichte wohlbehalten das Hotel än der
-~rue de Berlin~ ond zog, äm Geföhl eines onendlächen Wohlbehagens, dä
-gesandtschaftläche Klängel. Leider moßte äch von dem Däner dä Meldong
-entgegennehmen, der Baron von Prättwätz sei am Tage zovor auf sechs
-Wochen nach Baden-Baden verreist.
-
-Äch war nächt wenäg verstämmt. So väle Aufregongen, so väle Verloste an
-Zeit ond Geld, so väle Verdräßlächkeiten, -- ond non alles omsonst! Äch
-legte mer das Gelöbde ab, nä wäder än einer fremden Großstadt Besoche
-zo machen. Dergleichen föhrt zo nächts Gootem. Äch bän einmal das Opfer
-der Zentraläsation geworden ond habe keine Lost, däse onglöckseläge
-Rolle weiter zo spälen. Der wässenschaftläche Ernst eines deutschen
-Gelehrten äst onvereinbar mät dem frävolen ond oberflächlächen Treiben
-solcher modernen Riesenstädte. Sänd wär dorch dä Omstände verorteilt,
-ons zeitweiläg ännerhalb däser gefährlächen Weichbilde aufzohalten, so
-gezämt ons dä onbedängte Reserve!‹«
-
-Samuel Heinzerling faltete seine Zettel zusammen.
-
-»So,« sagte er, indem er das Päckchen in die Brusttasche schob, »Sä
-werden aus dem Mätgeteilten zor Genöge ersehen haben, was äch beweisen
-wollte: daß dä Zerteilong än väle abgesonderte Staaten ein Segen för dä
-deutsche Nation äst. Äch wönsche non, daß Sä mer för das nächste Mal
-däse Frage än einem korzen Aufsatze theoretäsch ond praktäsch erörtern.
--- Der Hotzler kann jetzt wäder hereinkommen.«
-
-In diesem Augenblicke erscholl die Klingel. Würdevollen Schrittes und
-im Bewußtsein, die Keime einer segensreichen Weltanschauung gelegt
-zu haben, verließ der Verfasser der Lateinischen Grammatik für den
-Schulgebrauch, mit besonderer Berücksichtigung der oberen Klassen, das
-Lehrzimmer.
-
-»Ich habe mir alles stenographiert«, rief Heppenheimer, die Mappe
-schwenkend.
-
-»~Et ego~«, versetzte ich freudestrahlend. »Morgen muß uns der Rumpf
-die Geschichte vorlesen.«
-
-Die schändlichen Stenographen! Ohne die teuflische Kunst Gabelsbergers
-wäre dem wackeren Schulmann der Schmerz erspart worden, den ~infandus
-dolor~ seiner Pariser Leiden in diesen Blättern so buchstäblich
-renoviert zu sehen. Er hatte kein Glück mit seinen Besuchen, der
-treffliche Heinzerling, weder mit dem Besuch im Karzer, noch mit dem
-Besuch beim Großherzoglich badischen Gesandten in der ~rue de Berlin~.
-
-
-
-
-Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren.
-
-
-Der schnöde Primaner-Triumph.
-
- Aech werd' ähn Där nämmer vergessen,
- Den schnöden Prämaner-Träomph,
- Daß äch auf dem Karzer gesessen,
- Do extravagärender Rompf!
-
- Äch bätt' euch, bei allen Prophäten,
- Wer nähme dä Sache nächt kromm?
- Äch wollt' äns Gewässen ähm räden, --
- Da dräht er den Schlössel mer om!
-
- Äch schälle ... Was notzt mär das Schällen?
- Bornärt äst der Quaddler ond stompf.
- Der dömmste von allen Pedellen
- Meint faktäsch, äch wäre der Rompf!
-
- Doch bläb äch gelassen ond monter,
- Bäs Rompf als Befreier erschän:
- So kam äch denn wäder heronter
- Und habe dem Schlängel verzähn!
-
- Ond mag es ons Lehrer betröben,
- Äch wag' das geflögelte Wort:
- Als Schöler säch mimisch zo öben,
- Äst doch nächt so völläg absord!
-
-
-
-
-Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren.
-
-
-In der Bierstube.
-
- Beim Bär -- beim Bär,
- War nä mein Bosen schwär!
- Vergässen äst des Dolders Not,
- Der schnöden Präma Öbermot ...
- Der Gäldemeister stärt mäch nächt,
- Der Hotzler schäkanärt mäch nächt:
- Manch Seidel schlörf' äch leer.
- Beim Bär -- beim Bär
- War nä mein Bosen schwär!
-
- Äm Grond -- äm Grond
- Äst's Bär mer nächt gesond!
- Zom Schlagfloß hab' äch stäts geneigt,
- Ond bayräsch Bär erhätzt so leicht.
- Es geht äns Blot, es nämmt dä Roh, --
- Der väle Ärger kömmt dazo,
- Dä Präma treibt's zo bont!
- Äm Grond -- äm Grond
- Äst's Bär mer nächt gesond!
-
- Was toot's? Was toot's?
- Das Bär äst doch was Goot's!
- Ond ob's das Läben mer verkörzt, --
- Mäch dönkt, wer störzen soll, der störzt!
- Zom Hömmel häb' äch köhn den Bläck:
- Där, Zeus, vertrau' äch mein Geschäck,
- Än Deinen Händen roht's!
- Was toot's? Was toot's?
- Das Bär äst doch was Goot's!
-
- Das Bär -- das Bär,
- Das bleibt non mein Pläsär!
- Der Zechtäsch äst mein Heilägtom,
- Dä Kneipe Mekka mer ond Rom;
- Ond wenn dä Hand das Glas omspannt,
- Föhlt säch dä Sääle gottverwandt:
- Fromm wärd sä mehr ond mehr ...
- Das Bär -- das Bär,
- Das äst non mein Pläsär!
-
- Wä domm -- wä domm,
- Das Zämmer fällt ja om!
- Dä Wände taumeln kromm ond schäf,
- Jetzt sänd sä hoch, jetzt sänd sä täf ...
- Ond jetzt ... aha, äch märk' es wohl,
- Jetzt röcken Geister mer am Stohl ...
- Herr Wärt, äch dolde stomm!
- Wä domm -- wä domm,
- Das Zämmer fällt ja om!
-
- Das Bär -- das Bär
- War ongewöhnläch schwär!
- ~Sont certi~ ... nein ... Wä sagt Horaz?
- Wä? Was? Der Gäldemeister tat's?
- Ja, Luitgard! ... ja, äch hab' genog ...
- Der Knebel ... schreibt's äns Tagebooch ...
- Ja, ja ... schon beim Homär ...
- Das Bär -- das Bär
- War ongewöhnläch schwär!
-
- (Ab unter den Tisch.)
-
-
-
-
-Die Klassenprüfung.
-
-
-Wenn das Maturitätsexamen dem Gymnasiasten ernst und bedeutsam
-erscheint, so raubt ihm die Klassenprüfung den Gleichmut nur in
-Ausnahmefällen. Es gibt allerdings eine Sorte von ganz besonders
-ehrgeizigen oder ganz besonders unwissenden Schülern, die auch der
-Klassenprüfung mit einer gewissen Bänglichkeit entgegenwandeln: aber
-sie bilden die Minorität. Für mich und meine nächsten Freunde war
-dieses ein- oder zweimal im Jahre wiederkehrende Examen allezeit ein
-Gaudium, und je zahlreicher sich das Publikum versammelte, um so
-vergnüglicher pflegten wir dreinzuschauen.
-
-Das Klassenexamen ist die Farce des Gymnasiallebens. ~In corona civium~
-liebt es kein Lehrer, seine Schüler als unwissend bloßzustellen. Denn
-der Vorwurf dieser Unwissenheit träfe in erster Linie ihn selbst. Daher
-wir denn regelmäßig über solche Materien examiniert wurden, die während
-der letzten Wochen bis zum Überdruß zerkaut und verdaut waren.
-
-Wir erschienen beim Beginn des Examens sehr pünktlich, -- in unsern
-besten Kleidern, -- und getragen von jener Feiertagsstimmung, die
-aus dem Bewußtsein der bevorstehenden Ferien erwächst. So nahmen
-wir auf den Subsellien im großen Saale Platz, an dessen Eingang der
-Pedell Quaddler in schwarzem Frack und weißer Halsbinde Posto gefaßt
-hatte. Nach und nach erschienen die Lehrer, stets in schmunzelndem
-Zwiegespräch, sich wiederholt Herr Kollege nennend und eine ähnliche
-Befriedigung zur Schau tragend wie die Schüler. Zuletzt nahte
-würdevollen Schrittes der Direktor Samuel Heinzerling, ganz Wohlwollen,
-ganz Frühling und Sonnenschein. Ehrfurchtsvoll traten die übrigen
-Pädagogen nach rechts und links auseinander, um ihren Herrn und Meister
-hindurchzulassen. Mit vollendeter Humanität teilte Samuel seine
-kollegialischen Grüße aus: die Schüler aber mußten sich bei seinem
-Erscheinen von ihren Sitzen erheben, eine Höflichkeitsbezeigung, für
-die Samuel stets durch heftiges Abwinken dankte.
-
-Der Religionslehrer bestieg nunmehr den Katheder, faltete die Hände und
-sprach:
-
-»Lasset uns beten!«
-
-Abermals stand die Klasse auf wie ein Mann, und Samuel Heinzerling
-blickte wohlgefällig auf diese Kolonnen, die ihn und den Herrn der
-Heerscharen durch eine so ehrfurchtsvolle Behandlung auszeichneten.
-
-Der Religionslehrer sprach sein Gebet und bat den Allmächtigen, er möge
-unsern Eingang und unsern Ausgang segnen. Hierauf begann das Examen.
-
-Eine halbe Stunde verstrich, ohne daß uns das Publikum irgend einen
-Vertreter gesandt hätte. Da endlich knarrte die Tür. Aller Augen
-wandten sich nach der Schwelle: es erschien der Superintendent Samson,
-der sich in ganz ungewöhnlichem Maße für die geistige Entwicklung der
-Jugend interessierte. Verbindlich lächelnd drückte er einem Lehrer
-nach dem andern die Hand, -- aber ganz sachte und insgeheim, um ja
-nicht zu stören. Dann folgte er mit reger Aufmerksamkeit den Peripetien
-der Prüfung, öfters mit dem Kopfe nickend und stets so schlau
-dreinschauend, als ob er wirklich imstande sei, die gestellten Fragen
-korrekt zu beantworten.
-
-Nach dem Superintendenten erschien der erste Stadtprediger, und dann
-füllten sich die Hallen so allgemach, bis um elf Uhr der Höhepunkt
-eintrat.
-
-Ein beträchtliches Kontingent zu diesen Vormittagsbesuchern lieferten
-die Gymnasiasten selbst, und zwar wohnten die Schüler der unteren
-Klassen mit Vorliebe den Prüfungen der oberen bei, so daß die Sextaner
-niemals so zahlreich vertreten waren, als wenn die Prima examiniert
-wurde.
-
-Des Nachmittags bot der Saal einen weit pittoreskeren Anblick, denn
-jetzt erschienen auch die Mütter und Schwestern der Examinanden. Der
-Anblick farbenprächtiger Roben und wallender Hutbänder war in diesen
-Räumen etwas so Ungewohntes, daß wir bei dem Erscheinen der ersten Dame
-jedesmal in einen Zustand herzklopfender Aufregung gerieten, zumal
-wenn die Dame jung und hübsch war. Das Rauschen ihres Gewandes tönte
-uns lieblicher als Musik, und die kleinen, zierlichen Halbstiefelchen
-klappten so ganz anders auf den Dielen des Saales als die kolossalen
-Gehwerkzeuge Doktor Hellwigs.
-
-Samuel Heinzerling war bei diesen Anlässen von einer musterhaften
-Galanterie. Jeder Zoll seines Wesens atmete Wohlwollen und
-Ritterlichkeit, wenn er die gnädige Frau oder das verehrte Fräulein
-nach dem Stuhle geleitete. Nur die Backfische im Alter von 13 bis 15
-Jahren behandelte er etwas kühler, denn er wußte, daß gerade diese
-Sorte seinen Schülern am gefährlichsten war.
-
-Gegen vier Uhr nachmittags hatte sich der Damenflor, der unsere Prüfung
-schmückte, am reichsten entfaltet. Gar mancher von uns erblickte da
-auf bescheidenem Rohrstuhle den »Stern seines Lebens«, die »Rose,
-vom Himmelstau gebadet«, den »Engel, zu gut für diese lieblos rauhe
-Welt«. Besonders zart organisierte Schüler kamen aus dem Erröten gar
-nicht heraus; die Mädchen aber steckten die Köpfe zusammen, -- und
-was sie insgeheim miteinander schwatzten, betraf gewiß nicht die
-Sprachgebräuche des Xenophon.
-
-Während der Nachmittagsprüfung waren wir selbstverständlich weit
-weniger aufmerksam als des Vormittags. Die Lehrer wußten sehr wohl, daß
-sie diese rückgängige Bewegung unseres Interesses dem Einflusse des
-Ewig-Weiblichen zuschreiben mußten. Daher sie denn jetzt vorzugsweise
-solche Schüler examinierten, die ihnen als erotisch unempfänglich
-bekannt waren. Es ist wunderbar, wie fein der Instinkt der Lehrer
-hier das Richtige trifft. In jeder Klasse sind immer drei, vier, fünf
-exemplarische Jünglinge vorhanden, die ein so stark entwickeltes
-Pflichtgefühl oder ein so schwach entwickeltes Herz besitzen, daß
-ihnen die Regeln über den griechischen Optativ ungleich wichtiger sind
-als der Anblick eines schönen Mädchengesichts. Diese Unempfänglichen
-werden in so heiklen Fällen besonders aufs Korn genommen, wenn es gilt,
-rasch eine Querfrage zu beantworten u. dergl. m. Zu einem längeren,
-wissenschaftlichen Verhör eignet sich unter Umständen auch der
-verliebte Schüler, -- wofern er nämlich auf dem Gebiete, das der Lehrer
-gewählt hat, sehr sattelfest ist. Es wird ihm alsdann ein besonderes
-Vergnügen bereiten, in den Augen seiner Angebeteten zu brillieren. Den
-Horaz übersetzend, schleudert er wohlgezielte Pfeile nach ihrem Herzen.
-Er beschwört die Lydia, sie möge den Sybaris nicht vor Liebessehnsucht
-vergehen lassen, und meint dabei sich und Volckmanns blonde Therese. Er
-verdeutscht die Ode: ~Quem tu, Melpomene, semel~, -- und denkt dabei
-schüchtern an seine eigenen poetischen Versuche, mit denen er die
-Auserkorene durch Vermittlung seiner Schwester oder auf dem Wege einer
-anonymen Postsendung heimgesucht. Nickt dann der Superintendent mit
-beifällig schmunzelnder Miene, so ist der Gymnasiast stolz auf seinen
-errungenen Triumph, und zerstreut lächelnd folgt er der Aufforderung
-des Lehrers, sich wieder zu setzen.
-
-Das Klassenexamen ist die einzige Gelegenheit, wo die Primanerliebe
-innerhalb der vier Wände des Gymnasiums etwas freier aufatmet. Die
-Klassenprüfung ist ihr Sonnenblick. Hier kann der Lehrer gegen ihre
-verstohlene Betätigung nichts einwenden. Noch entsinne ich mich
-des jauchzenden Entzückens, mit dem mir einer meiner Freunde, Paul
-Schuster, am Schluß des Examens um den Hals fiel, weil diese wenigen
-Nachmittagsstunden das wieder aufgebaut hatten, was ihm während des
-Semesters durch die Ungunst der Verhältnisse zerstört worden war.
-
-Paul Schuster liebte eine reizende Blondine, namens Elisabeth. Er
-besang sie in hundert Liebesliedern. Seine Schwester hatte ihm
-zugeredet, und so kopierte er das schönste dieser Gedichte auf
-goldgerändertes Briefpapier, schrieb, von hundert seligen Ahnungen
-erfüllt, seinen Namen darunter, und barg es in einer zierlichen
-Enveloppe, auf deren Siegelstelle eine Taube mit dem biblischen
-Ölzweig prangte. Dann setzte er als Adresse die Worte darauf: »Meiner
-himmlischen Elisabeth«, und ließ der Holden das Billett durch seine
-Schwester mit in die Schule bringen. Am Abend erhielt er die Nachricht,
-das Gedicht habe einen ungeheuren Eindruck gemacht. Elisabeth sei von
-dem Zauber der wogenden Rhythmen geradezu hingerissen; nur meine sie,
-der Dichter habe doch hin und wieder gar zu schmeichelhaft übertrieben.
-
-Drei Tage später glaubte Paul Schuster zu bemerken, daß der Direktor
-Samuel Heinzerling während der Interpretation der Antigone ihm
-verschiedene Male einen strafenden Blick zuschleuderte. Das Schicksal
-sollte ihn über die Ursache jenes eigentümlichen Mienenspiels nicht
-lange in Zweifel lassen. Nach Beendigung der Lehrstunde entbot ihn
-Samuel auf sein Zimmer. Verwirrt leistete er dieser Aufforderung
-Folge. Wer schildert seine Empfindungen, als er auf dem Tische des
-Gymnasialtyrannen sein ~Billet-doux~ an Elisabeth wahrnimmt.
-
-»Schoster,« begann der Direktor, »Professor Gönther föhrt Klage, Sä
-belästägen seine Tochter.«
-
-Paul Schuster glaubte bei diesen Worten Samuels in den Boden versinken
-zu müssen. Ein jäher Krampf schnürte ihm die Kehle zusammen.
-
-»Herr Direktor,« stammelte er, »wenn Professor Günther dergleichen
-behauptet, so spricht er die Unwahrheit ...«
-
-»Wä, Schoster?« fragte Heinzerling mit schneidiger Stimme, »Sä wollen
-noch leugnen? Sätzen Sä säch dort einmal auf den Stohl!«
-
-»Aber, Herr Direktor ...«
-
-»Sätzen Sä säch! Also Sä haben dä Dreistägkeit, den Herrn Professor
-Gönther der Onwahrheit zo bezächtägen! Goot! Sehr goot! Ond was sagen
-Sä zo däsem Zettel, den dä Frau Professor än der Scholtasche ähres
-Töchterchens gefonden hat? Wollen Sä etwa än Abrede stellen, daß Sä
-däsen Wäsch da geschräben haben?«
-
-»Nein, Herr Direktor!«
-
-»Non goot! Äch ontersage Ähnen härmät ein för allemal, däse onzämlächen
-Scherze zo wäderholen.«
-
-Er nahm das Blatt zwischen die Finger und rückte die Brille zurecht.
-
-»Es äst wärklich stark, Schoster!
-
- ›Ond schänkte, wenn der Lenz erwacht,
- Ein Gott mär allen Blötenflor,
- Äch legte gern dä Fröhlingspracht
- Als Teppäch Deinen Fößen vor ...‹
-
-Begreifen Sä nächt, daß es geradezo onverantwortlich äst, einem
-wohlerzogenen Kände solche Albernheiten än den Kopf zo setzen? Äch
-dächte, Sä gäben säch vorläufäg noch ein wenig mät Ährem Sophokles ab.
-
- ›Ach, wenn der Sehnsocht holde Glot
- Äm täfsten Bosen aufgeflammt ...‹
-
-Sehnsocht, Sehnsocht! Sehnen Sä säch nach einem ordentlächen
-Matorätätsexamen, ond vertrödeln Sä Ähre Zeit nächt mät solchen
-Abgeschmacktheiten. Wenn säch der Mensch erst einmal solche Alloträa än
-den Kopf gesetzt hat, dann geht sein wässenschaftlächer Sänn öber Nacht
-zo Grabe. Merken Sä säch das!«
-
-Paul war außer sich.
-
-»Herr Direktor,« stöhnte er verzweifelt, »ich glaube bis jetzt noch
-keine Veranlassung gegeben zu haben ...«
-
-»Das habe äch auch nächt behauptet. Aber dä bästen Schöler werden äm
-Handomdrehen leichtsännäg, wenn sä anfangen, säch mät solch kändäschem
-Tand abzogeben. Äch habe Sä non gewarnt.«
-
-Der Direktor entließ ihn. Paul Schuster hielt nur mit Mühe die Tränen
-zurück. Er kam sich so erbärmlich, so namenlos lächerlich vor, daß er
-zu jedem Entschluß unfähig war. Zu Hause angelangt, überlegte er. Nach
-mehrstündigem Hin- und Hersinnen kam er zu dem Resultat, daß ihm nichts
-anderes übrig bleibe, als Elisabeths Vater persönlich aufzusuchen.
-Trotzig erhobenen Hauptes machte er sich auf den Weg. Er ward nicht
-vorgelassen. Was tun? Eine halbe Minute lang schwankte er, ob er sich
-nicht mit Gewalt den Weg in das friedliche Studierzimmer bahnen und
-im Tone eines beleidigten Theaterhelden Rechenschaft fordern sollte
-für die zwiefach kränkende Unbill. Bald aber gewann die vernünftige
-Erwägung die Oberhand. Der eben noch so heroische Primaner zog ab. Wie
-ein verschmähter Freier schlich er gesenkten Blickes nach Hause, warf
-sich mit geballten Fäusten langwegs auf das Sofa und heulte.
-
-So war das poesiereiche Verhältnis zu Elisabeth meuchlings zertrümmert
-worden. Allerhand kleine Mißverständnisse hatten dazu beigetragen, den
-Sturz der Ideale zu vervollständigen.
-
-Und nun kam die Klassenprüfung. Elisabeth erschien reizender als je.
-Sie nahm in der vordersten Reihe Platz. Zwei Stunden lang kreuzten sich
-die Blicke der beiden Liebenden, und dieser stumme Depeschenwechsel
-reichte aus, beiden die Gewißheit zu geben, daß sie »einander noch
-angehörten«. Am Schluß des Examens erntete Schuster ein Lächeln, das
-ihm den letzten Zweifel benahm ... Glücklicher Schuster!
-
-Ich wiederhole es: Das Klassenexamen ist der Lichtblick der scheuen
-Primanerliebe!
-
-Doch kehren wir aus dem Speziellen ins Allgemeine zurück, und erzählen
-wir den weiteren Normalverlauf der Semesterprüfung.
-
-Am Abend des dritten Tages bestieg Samuel Heinzerling den Katheder und
-verkündete die Prämien und die Versetzungen. Ein feierlicher Moment!
-Der Direktor wußte denn auch der Bedeutsamkeit des Augenblicks in jeder
-Hinsicht gerecht zu werden. Seine Stimme klang fast wie die Posaune des
-Jüngsten Gerichts, wenn er begann:
-
-»Von Onterpräma nach Oberpräma röcken auf:«
-
-Und nun folgte die Liste. Die nicht erwähnten Schüler waren zu ewiger
-Verdammnis -- ich will sagen, zum Sitzenbleiben für ein weiteres
-Semester verurteilt.
-
-Dann fuhr der Direktor fort:
-
-»Prämien erhalten än däser Klasse:«
-
-Und nun folgte das kurze Verzeichnis der wenigen Auserwählten.
-Dieses Verzeichnis schrumpfte, je höher man in der Reihe der
-Klassen hinaufstieg, immer mehr zusammen. In Prima gab es nur ganz
-ausnahmsweise Prämien:
-
-»Dä Prämaner taugen alle nächt väl«, so pflegte Samuel privatim diese
-Maßnahme zu motivieren.
-
-Zu Ostern fand am Schlusse der Prüfungen zuweilen ein sogenannter Aktus
-statt, bei dem das schöne Geschlecht noch zahlreicher vertreten war
-als beim Examen. Gedichte, deutsche und lateinische Reden, Gesänge
-und sonstige musikalische Vorträge waren der Gegenstand dieser
-nachmittäglichen Feier, an der sich nicht nur die Schüler, sondern auch
-die Lehrer aktiv beteiligten. So entsinne ich mich eines trefflichen
-Vortrags, den Samuel Heinzerling über die Wirkung der echten Humanität
-hielt. Doktor Brömmel, der Zwillingsvater, sprach wiederholt über die
-Bevölkerungsverhältnisse der europäischen Staaten; er wies darauf
-hin, daß Deutschland das rivalisierende Frankreich immer mehr zu
-überflügeln verspreche, eine Wahrheit, die von Emanuel Boxer mit der
-malitiösen Bemerkung begleitet wurde: »Daran ist niemand schuld, als
-Doktor Brömmel!« Der »Herr Pastor« ließ sich über das griechische
-Schisma vernehmen, ein Thema, von welchem Boxer behauptete, daß es
-die anwesenden Damen +nur zur Hälfte+ verstehen würden. Doktor Perner
-endlich gab Bilder aus der neueren Literaturgeschichte. Leider waren
-meine Gymnasialhumoresken damals noch nicht geschrieben, sonst würde er
-sie ohne Zweifel mit Enthusiasmus erwähnt haben.
-
-Gegen sechs Uhr trat man den Heimweg an. Jedermann befand sich in einer
-rosigen Stimmung. Nur die Sitzengebliebenen ließen elegisch die Köpfe
-hängen und gelobten sich, im neuen Semester Rache zu üben für die
-erlittene Kränkung.
-
-»Das habe ich dem Doktor Perner zu danken«, sagte der eine.
-
-»Mich hat der Brömmel ins Verderben geritten! Für das nächste Jahr
-wünsche ich ihm Drillinge!«
-
-
-
-
-Ferien.
-
-
-Gegen Schluß des Semesters tritt in der Stimmung des deutschen
-Gymnasiasten eine seltsame Wandlung ein. Bis dahin hat er die
-Knechtschaft des Stundenzwanges mit jener edlen Resignation
-hingenommen, die der Weise einem unabwendbaren Übel entgegenbringt.
-Jetzt mit einemmal ergreift ihn ein selbstbewußter, beinahe trotziger
-Frohsinn. Noch leistet er den Befehlen des Lehrers Folge, aber sein
-Gesichtsausdruck steht mit dieser äußeren Unterwürfigkeit in schroffem
-Gegensatze. Auf der lächelnden Lippe schwebt ein unausgesprochenes
-Wort, das, ins Verständliche übertragen, ungefähr also lautet:
-»Ich gehorche! Ich stehe unter deiner Botmäßigkeit! Aber der Tag
-der Befreiung naht auf Sturmesflügeln! Wenn er erscheint, dann
-wehe dem Grundgesetz deiner Herrschaft!« Strafen, die sonst eine
-niederschmetternde Wirkung ausgeübt hätten, werden jetzt gleichgültig,
-ja fast mit offenem Hohn ertragen: der Skorpion des Absolutismus hat
-seinen Stachel verloren.
-
-Wer in der Völker- und Staatengeschichte einigermaßen bewandert
-ist, der wird sich erinnern, daß ähnliche Stimmungen von jeher den
-Verschwörer am Vorabend der Entscheidung beseelt haben. Genau so dachte
-und fühlte der Neger, der unter Toussaints Führung die Fesseln seiner
-langjährigen Sklaverei sprengen sollte. Hätten die Plantagenbesitzer
-von St. Domingo ein deutsches Gymnasium besucht, sie wären niemals
-von den schwarzen Bataillonen überrumpelt worden. Der deutsche
-Gymnasiallehrer weiß nur zu genau, was jener Stimmungswechsel bedeutet.
-Er weiß, daß es die Perspektive auf die Ferien ist, die seiner Klasse
-so rebellisch die Adern schwellt.
-
-Ferien! Das Wort hat für einen deutschen Gymnasiasten etwas
-Zauberisches! Schon viele Wochen im voraus wird bis auf den Tag und
-die Stunde berechnet, wie lange man noch auf den harten Subsellien zu
-schmachten hat. Die Phantasie eilt der Wirklichkeit in rauschendem
-Fluge voraus und bevölkert die Zukunft mit den beglückendsten
-Lichtstrahlen. Man entwirft Pläne; man gelobt sich, die anderthalb
-Monate diesmal so recht gründlich und nach allen Richtungen hin
-auszukosten. Man überläßt sich einer poesievollen Zerstreutheit,
-die sich von Woche zu Woche steigert und zuletzt in die vollendete
-Träumerei ausartet.
-
-Mir und meinem vielgenannten Freund Wilhelm Rumpf war diese gesteigerte
-Spannung so unerträglich, daß wir den Freitag und den Sonnabend vor dem
-Beginn der Ferien jedesmal schwänzten. Zur gewohnten Stunde ergriffen
-wir unsere Schreibmappen und traten ins Freie. In dem kleinen Tempel
-der städtischen Promenade, der zu dieser Frist völlig verwaist stand,
-gaben wir uns ein Rendezvous und beratschlagten, was den Tag über zu
-beginnen sei. Wenn wir einen Entschluß gefaßt hatten, stellten wir
-unsere Uhren mit ängstlicher Genauigkeit nach der großen Turmuhr der
-Stadtkirche und verloren uns dann, halb Kinderspiele, halb Gott im
-Herzen, seitwärts in die Felder. Ganz besonders entzückend waren diese
-illegitimen Ausflüge am Schluß des Sommersemesters. Eine prächtige
-Landschaft, die noch im reichsten Festgewand strahlte, ein tiefblaues
-Himmelsgewölbe, und auf allen Hügeln und Hängen ein überschwenglicher
-Segen des köstlichen Obstes, -- was brauchten wir mehr, um glücklich zu
-sein? Die Freude über den wolkenlosen Septembertag paarte sich mit dem
-Triumphgefühl über die gelungene Entweichung. Jauchzend strichen wir
-durch die einsamen Nußgärten und füllten uns, dem siebenten Gebote zum
-Trotz, die Taschen. Gegen zehn nahmen wir in der nächsten ländlichen
-Schenke einen Imbiß, dessen Mangelhaftigkeit durch den Glanz unserer
-Gemütsverfassung ersetzt wurde. Eine Stunde später rüsteten wir uns
-zum Heimweg. Es galt, rechtzeitig in der Behausung einzutreffen, denn
-die Sache sollte den Anschein haben, als kämen wir direkt aus dem
-Gymnasium.
-
-Auf diese Weise verbrachten wir den Freitag und den Sonnabend. Wie
-Leander die Hero, so besuchten wir die Göttin der Freiheit unter dem
-Deckmantel des Geheimnisses ... Für kurze Zeit hat dieser verstohlene
-Umgang einen unendlichen Reiz: auf die Dauer aber sehnt man sich nach
-dem festen Besitz. So hatten wir denn beim Läuten der Sonntagsglocken
-gerade genug an dem heimlichen Raube, und wonnetrunken begrüßten wir
-unser rechtliches Eigentum, -- die Ferien!
-
-Wer vermöchte zu schildern, was ein deutscher Gymnasiast beim Beginn
-der Ferien empfindet! Sechs lange Wochen! Eine Ewigkeit! Freudig
-blitzenden Auges und stolz erhobenen Hauptes wandelt man umher, als
-ob man die ganze Welt besäße! Und zwar ist dieses Entzücken um so
-aufrichtiger und vollständiger, je weiter abwärts wir uns von der
-Prima entfernen, -- vielleicht nur aus dem Grunde, weil die Empfindung
-von der Länge der Zeit mit der fortschreitenden Entwicklung des
-Menschen zusammenschrumpft. Dem Quartaner und Tertianer sind diese
-sechs Wochen in der Tat ein unbegrenzter Spielraum: das jugendliche
-Gemüt überläßt sich der Illusion, die Frist könne kein Ende nehmen.
-Der Primaner dagegen hat sich zu oft schon diese sechs Wochen »von
-rückwärts betrachtet«; die Erfahrung hat seinen Idealismus auf ein
-minder grandioses Maß reduziert; er weiß die Summe der Genüsse, die ihn
-erwarten, bereits annähernd abzuschätzen.
-
-In einem Punkte verwerten die Schüler aller Klassen das Privilegium
-der Ferien gleichmäßig: im freien Genusse des Morgenschlummers. Das
-Recht, ohne Rücksicht auf eine bestimmte Stunde in den hellen Tag
-hineinschlafen zu können, gießt über das ganze Wesen des deutschen
-Gymnasiasten einen Schimmer der rosigsten Verklärung. Wenn er
-nachts erwacht und sich, behaglich aufatmend, nach der anderen
-Seite wendet, so ist das Bewußtsein, am folgenden Morgen den sonst
-so verhängnisvollen Schlag der Glocke überhören zu dürfen, allein
-ausreichend, um die Ferien mit dem Gewand eines zauberischen Liebreizes
-zu umkleiden!
-
-So dämmert der Tag heran. Draußen, in den Zimmern und auf dem Korridor
-ist schon alles geschäftig: der glückliche Gymnasiast rührt sich
-nicht. Selbst wenn er längst nicht mehr schlafen kann, hält er noch
-die Augen geschlossen, bis die Mutter oder die Schwester ihn, weniger
-aus Gründen der Moral, als mit Rücksicht auf die gestörte Hausordnung,
-weckt. Nun kleidet der Triumphator sich an, langsam, mit souveräner
-Verachtung der Zeit, -- denn er hat ihrer ja mehr, als er braucht! Nach
-eingenommenem Frühstück verläßt er das Haus: das ist ein unumstößliches
-Axiom der Ferienpraxis. Je nach der Verschiedenheit seines Alters und
-seines Temperaments verbringt er den Vormittag verschieden. Er streift
-durch Feld und Wald, er schlendert Arm in Arm mit seinem Intimus durch
-die Gassen, er besucht verstohlenerweise ein Bierhaus und wagt selbst
-eine Partie Billard. Der Quartaner und Tertianer gibt sich mit seinen
-Altersgenossen in besonders günstig gelegenen Höfen der Nachbarschaft
-ein Rendezvous, um zu spielen; er plant tolle Streiche und verabredet
-Ausflüge in die weitere Umgebung. Vor Mittagszeit aber betritt keiner,
-weder der Schüler von Quarta, noch der Oberprimaner, die elterliche
-Wohnung.
-
-Nach Tische treibt sich der Feriengymnasiast zum Leidwesen seiner
-Angehörigen in störender Weise auf den Kanapees und Sesseln herum;
-trällert ein Lied, worüber seine ältere Schwester nervös wird; neckt
-seine jüngeren Brüder; nimmt eine illustrierte Zeitschrift zur Hand,
-trotz der wiederholten Versicherung des Vaters, das sei keine Lektüre
-für ihn; fragt, ob nicht bald Kaffee getrunken werde; stemmt seine
-Stiefel wider die polierten Tischfüße, legt sich ins Fenster oder
-verklebt seiner Mutter das Schlüsselloch des Nähtischchens mit Wachs.
-Die Aufforderung, er möge etwas arbeiten, beantwortet er mit einem
-wohlwollenden Lächeln.
-
-»Erst will ich mich ausruhen«, sagt er, behaglich die Arme reckend.
-
-Wenn man das so mit ansieht, man sollte meinen, der Ärmste habe Monate
-lang Dienste in einer Tretmühle geleistet.
-
-Der Nachmittag wird, je nach der Jahreszeit, zu Ausflügen in die
-umliegenden Bierdörfer, zu Fensterpromenaden, zu Skatpartien, zu
-Kahnfahrten und dergleichen benutzt, und der Abend bringt oft nur eine
-Fortsetzung des Nachmittags.
-
-Dieses lustige, ungebundene Leben erfährt eine gelinde Trübung durch
-den Hinblick auf die Ferienarbeiten, die in einigen Gymnasien nicht
-ganz ohne Belang sind.
-
-Ich meinesteils habe meine Pensa stets schon in der ersten Woche
-begonnen und so unter der Hand ohne ernstliche Schädigung meines
-Wohlgefühles erledigt. Die meisten Schüler warten jedoch bis zuletzt
-und verderben sich den Schluß der Ferien von Grund aus. Es leuchtet
-ein, daß die von mir befolgte Methode gerade vom Standpunkt des
-Epikuräers aus die einzig richtige ist, -- auch richtiger als das
-andere Extrem, während der ersten Tage alles auf einmal zu absolvieren.
-
-Unter den Ferienarbeiten, mit denen man uns die Flügel ein wenig zu
-binden hoffte, nahm der deutsche Aufsatz einen hervorragenden Rang ein.
-Und zwar gab man uns zu wiederholten Malen das Thema: »Wie verbrachte
-ich meine Ferien?« Diesen Aufsatz schrieb ich stets in der ersten
-Woche, denn die historische Wahrheit gehörte von je zu den geringsten
-Verdiensten solcher Arbeiten. Ganz faule und versumpfte Kameraden, die
-niemals aus eigenem Antrieb ein Buch in die Hand nahmen, gaben sich in
-dem Ferienaufsatz den Anschein, als hätten sie umfassende Privatstudien
-im Xenophon und im Curtius geleistet. Die Lehrer nahmen das
-merkwürdigerweise stets so beifällig hin, daß ich als Obersekundaner
-den Entschluß faßte, dieses lügnerische Selbstlob einmal auf die Spitze
-zu treiben. Da war denn in meinem Aufsatz etwa folgender Passus zu
-lesen:
-
-»Ich erhob mich des Morgens zwischen vier und fünf, nahm in aller Eile
-den Kaffee ein und verfertigte alsdann bis gegen 10 Uhr lateinische
-Stilübungen. Hierauf machte ich einen halbstündigen Spaziergang, um
-sofort wieder an meine Arbeit zurückzukehren. Ich las Corneille,
-Racine, Molière und Chateaubriand, bis ich zu Tische gerufen wurde,
-was in der Regel so gegen ein Uhr statthatte. Die Stunden von zwei bis
-fünf widmete ich dem Griechischen, der Geschichte und der Geographie.
-Hierauf unternahm ich in Begleitung meines Vaters einen Spaziergang,
-von dem wir meistens so gegen halb sieben Uhr zurückkehrten. Um
-sieben Uhr wurde zu Nacht gespeist, und nun arbeitete ich von acht
-bis elf Mathematik, Physik und Kirchengeschichte. Oft auch habe ich
-die Mitternacht an meinem stillen Pulte herangewacht, denn ich hatte
-mir nun einmal fest vorgenommen, eine gewisse Summe von Lernstoff zu
-bewältigen. Sagt doch schon ein alter Klassiker: ›Wir lernen nicht für
-die Schule, sondern für das Leben.‹ Meine Mußestunden benutzte ich dann
-zur Lektüre von Goethe, Schiller, Klopstock, Wieland, Herder, Lessing,
-Platen, Rückert und Roderich Benedix; auch übersetzte ich viele Oden
-des Horaz metrisch ins Deutsche. Des Sonntags besuchte ich von neun bis
-elf die Kirche, hielt mich jedoch, um nicht aufzufallen, meist abseits,
-weshalb mich die Herren Lehrer ohne Zweifel nur selten wahrnahmen.
-Einmal war ich zwei Tage lang in Frankfurt, und diese in jeder Hinsicht
-belehrende Reise will ich hier zum Gegenstand einer ausführlichen
-Schilderung machen.«
-
-Ich wurde um dieses Aufsatzes willen »wegen Unfugs« mit sechs Stunden
-Karzer bestraft und dazu beauftragt, dasselbe Thema noch einmal, und
-zwar in jeder Hinsicht wahrheitsgemäß, zu behandeln.
-
-Drei Tage später also reichte ich dem Lehrer eine neue, von der ersten
-wesentlich differierende Arbeit ein, die folgenden Passus enthielt:
-
-»Des Morgens schlief ich bis neun, mitunter sogar bis zehn Uhr. Denn,
-sagte ich bei mir selbst, wozu sollst du dich plagen, wenn du's gut
-haben kannst? Gearbeitet habe ich nur sehr wenig. Ich erledigte zwar
-zur Not meine Pensa: im übrigen aber verspürte ich einen seltsamen
-Abscheu gegen jede Tätigkeit. Man lebt nur einmal auf der Welt,
-pflegte mein Großonkel Schmidthenner zu sagen. So hielt ich es denn
-für zweckmäßig, mir die kurze Freiheit recht zunutze zu machen. Fast
-täglich bestand ich mit Wilhelm Rumpf einen Ringkampf, wobei immer
-derjenige siegte, der den Untergriff hatte. Solche Übungen sind in
-jeder Beziehung praktisch. Ich merkte dies bei dem Zwist mit dem
-Gänsehirten von Wieseck. Der Mann wollte uns ausschimpfen, weil
-Rumpfs kleiner Pudel ihm die Gänse gejagt hatte. Wir zerbläuten ihn
-jämmerlich. Hieraus erhellt, daß der Jüngling sich nicht früh genug in
-körperlichen Exerzitien ergehen kann. Wie sagt schon Horaz? usw. usw.«
-
-In diesem Stile ging es zwölf Seiten lang. Am Schluß meiner tückischen
-Abhandlung hatte ich die zwölf Stunden Karzer, die ich diesmal
-eroberte, so vollständig verdient, daß ich mich noch jetzt über die
-Nachsicht des sonst so leicht erregbaren Lehrers wundere.
-
-»Wie verbrachte ich meine Ferien?«
-
-In der Tat ein trostloses Thema für einen deutschen Gymnasialschüler,
-der weder lügen, noch seine Lehrer beleidigen will!
-
-
-
-
-Das Maturitätsexamen.
-
-
-Das Wort Examen hat für den Gymnasialschüler je nach Umständen eine
-sehr verschiedenartige Klangfarbe. Ernst und gewichtig tönt es an sein
-Ohr, wenn es die Abiturientenprüfung bezeichnet; leicht und harmlos
-dagegen, wenn es jene Komödie bedeutet, die sich alljährlich ein- oder
-zweimal vor dem Beginn der Ferien wiederholt, mit dem angeblichen
-Zweck, das Publikum über die intellektuellen und ethischen Fortschritte
-der künftigen Staatsbürger zu unterrichten.
-
-Das Abiturienten- oder Maturitätsexamen ist, streng genommen, nur
-eine Form, da die Lehrer in den meisten Fällen vorher wissen, wer
-da bestehen und wer durchfallen wird. Es wäre auch sonderbar, wenn
-die paar Stunden oder Tage des Examens genauere Auskunft über den
-Bildungsgrad eines Schülers ermöglichen sollten, als die Monate und
-Jahre des regen persönlichen Verkehrs in der Klasse. Gleichwohl
-betritt der Abiturient mit einem seltsamen Zagen den Prüfungssaal,
-nicht ahnend, daß sein Schicksal schon vor der ersten Frage so gut
-wie entschieden ist. Der Schüler, der sich während seiner ganzen
-gymnasiastischen Laufbahn durch die lebhafte Betätigung eines
-wissenschaftlichen Sinnes ausgezeichnet und den Beweis geliefert
-hat, daß er wirkliche Kenntnisse besitzt, wird selbst dann nicht
-durchfallen, wenn er in einer Spezialität unglücklicherweise alle
-Fragen schuldig bleibt; viel eher ist der umgekehrte Fall denkbar, daß
-ein Ignorant, der sich nur oberflächlich »eingepaukt« hat, durch eine
-glückliche Konstellation entschlüpfe. Es liegt also nicht der geringste
-Grund zur Aufregung vor; aber die Tradition und der Instinkt wirken
-hier mächtiger als die reine Vernunft.
-
-In dem Gymnasium meiner Vaterstadt Gröningen hatten die Abiturienten
-erst ein dreitägiges schriftliches Examen und dann ein mündliches
-von etwa sechs Stunden zu leisten. Das schriftliche war entschieden
-die Hauptsache. Es bestand aus drei Extemporal-Aufsätzen, einem
-deutschen, einem französischen und einem lateinischen. Die strengste
-Klausur sonderte uns während dieser Arbeiten von der Außenwelt ab.
-Vor Schluß seines Aufsatzes durfte keiner den Saal und die dazu
-gehörigen Räumlichkeiten verlassen. Gegen Mittag lieferte uns der
-Pedell etwas kalte Küche; den Angehörigen der Schüler war es nicht
-gestattet, sich bei dieser Proviantlieferung zu beteiligen, da es
-früher mehrfach vorgekommen war, daß man in Buttersemmeln, Würsten
-u. dergl. die nötigen literarischen Hilfsmittel zur Bewältigung der
-Themata eingeschmuggelt hatte. Trotz dieser peinlichen Vorsicht gelang
-es fast regelmäßig, etwas Verwendbares über die Schwelle zu paschen.
-Bei dem Schließen oder Öffnen des Fensters warf man einen Zettel in
-den Hof, der das Thema bezeichnete. Treue Freunde, die unten lauerten,
-beschafften sofort, was sie an früheren Bearbeitungen desselben
-Vorwurfs etc. etc. auftreiben konnten, und legten es im rechten Moment
-auf eine gewisse verschwiegene Lokalität, deren Besuch man uns doch
-nicht völlig verbieten konnte. Zuweilen gelang es auch, schon Tags
-zuvor das Thema ausfindig zu machen, sei es, daß ein Familienmitglied
-des Examinators die Sache verriet, sei es, daß wir listigerweise das
-Notizbuch des Lehrers durchforschten und so die nötigen Anhaltspunkte
-eroberten.
-
-Einmal hatte der Direktor Samuel Heinzerling in Erfahrung gebracht,
-der Abiturient Ittmann sei am Abend vor dem Beginn der Prüfung auf
-wunderbare Weise in den Besitz des Themas gelangt und werde des Tags
-darauf eine Reihe von Manuskripten und Drucksachen mitbringen, und
-zwar, um der Möglichkeit einer Visitation auszuweichen, in seinen
-Stiefelschäften. Gott weiß, wer hier den Judas gespielt hatte: genug,
-Samuel Heinzerling war bis ins einzelne unterrichtet und beschloß, dem
-p. p. Ittmann auf eine möglichst humorvolle Weise zu Leibe zu gehen.
-
-Es war die ganze Zeit über abscheuliche Witterung gewesen. Auch am Tage
-des lateinischen Aufsatzes herrschte ein großer Schmutz in den Straßen.
-Hierauf gründete Samuel seinen Plan.
-
-Als Ittmann im Saale erschien, trat der Direktor freundlich lächelnd
-auf ihn zu und reichte dem überraschten Schüler die Hand.
-
-»Kommen Sä, läber Ättmann,« sagte er schmunzelnd, »äch weiß, Sä neigen
-sehr stark zor Erkältong ...«
-
-Hiermit führte er den Erstaunten nach dem Ofen, wo ein Stiefelzieher
-und zwei Pantoffel standen.
-
-»So, läber Ättmann, äch habe Ähnen da ein paar Pantoffel besorgt, damit
-Sä säch ja nächt verderben. Zähen Sä Ähre Stäfel höbsch aus. Äch bän
-öberzeugt, Sä haben säch nasse Föße geholt.«
-
-»Sie sind zu gütig, Herr Direktor,« stammelte Ittmann, »aber ich habe
-wirklich ganz trockene Füße. Ich danke recht sehr.«
-
-»Es wärd doch besser sein, wenn Sä dä Schohe dort anzähn. Sä sänd mär
-än der letzten Zeit wäderholt onwohl gewesen ...«
-
-»Das ist ganz vorüber, Herr Direktor. Ich fühle mich jetzt vollständig
-frisch.«
-
-»Eben, weil Sä säch fräsch föhlen, sollen Sä säch nächt wäder erkälten.
-Machen Sä jetzt keine Omstände; äch meine es goot mät Ähnen!«
-
-»Ohne Zweifel, Herr Direktor. Ich verspüre aber nicht den geringsten
-Anflug von Nässe. Lassen Sie lieber den Schierlitz die Pantoffel da
-anziehen: der hat einen viel weiteren Weg als ich.«
-
-»Nein, nein! Der Schärlätz äst eine roboste Nator! Sä allein haben mär
-den verflossenen Wänter fortwährend öber Katarrh geklagt. Jetzt machen
-Sä mäch nächt ongedoldäg, ond entledägen Sä säch so rasch wä möglich
-Ährer Stäfel! Äch befähle es Ähnen!«
-
-Ittmann war der Verzweiflung nahe. Seine angeborene Geistesgegenwart
-half ihm jedoch auch diesmal über die Klippe hinweg.
-
-»Nun denn, Herr Direktor,« sagte er mit einer artigen Verbeugung, »so
-nehme ich dankbar an.«
-
-Mit diesen Worten ergriff er die Pantoffel und den Stiefelzieher und
-eilte der Tür zu.
-
-»Wo wollen Sä hän?« rief Samuel Heinzerling.
-
-»Herr Direktor, Sie werden mir zutrauen, daß ich so viel Lebensart
-besitze, um meine Stiefel nicht in Ihrer Gegenwart auszuziehen. Ich
-verfüge mich da neben ins Konferenzzimmer.«
-
-Samuel Heinzerling trat auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter und
-flüsterte mit einem halbunterdrückten Lächeln:
-
-»Wässen Sä was? Gehn Sä läber nach Hause ond wechseln Sä zo Haus Ähre
-Stäfel! Sä haben säch öbrägens goot herausgehauen, wärkläch, sehr goot!
-Das moß Ähnen der Neid lassen.«
-
-»Aber, Herr Direktor, ich versichere Sie ...«
-
-»Machen Sä, daß Sä fortkommen ond versächern Sä mäch läber nächts.
-Äch denke, Sä wässen am besten, wo der Schoh Sä dröckt. Aber äch sage
-Ähnen, auf dem Fooß stehen wär nächt mäteinander, wenn das Examen
-anfängt! Sä sänd mär ein onreeller Kamerad! Verstehn Sä mäch?«
-
-»Herr Direktor,« versetzte Ittmann mit einem Blick auf seine Stiefel,
-»ich habe heute morgen schon so viel eingesteckt, daß ich auch diesen
-Vorwurf einstecken und Sie um dauernde Nachsicht ersuchen will.«
-
-Samuel Heinzerling lachte.
-
-Ittmann aber eilte nach Hause und erschien diesmal ohne die
-Eselsbrücken. Sei es nun, daß das Erlebnis mit Samuel Heinzerling
-seinem Geiste eine besondere Elastizität verlieh, sei es, daß der
-Direktor ein hervorragendes Wohlwollen entwickelte, kurz, der Schüler
-erhielt die Note eins.
-
-Der lateinische Aufsatz, den ich zur Bekundung meiner Reife verabfolgen
-mußte, betraf den Kaiser Tiberius.
-
-Ich habe nun bereits in meiner Skizzensammlung »Aus Sekunda und Prima«
-hervorgehoben, daß die Weltgeschichte von je meine schwache Seite
-gewesen. Von Tiberius insbesondere wußte ich nur sehr wenig Positives,
--- etwa, daß er des Kaiser Augustus Nachfolger gewesen; daß er sich
-durch Grausamkeit und Willkür ausgezeichnet; daß er einen Günstling,
-namens Sejanus, besessen und schließlich von Macro mit einem Kissen
-erstickt worden sei. Nun verstand ich es zwar, solche geringfügige
-Anhaltspunkte möglichst ausgiebig zu verwerten: aber das Gold meines
-Wissens wollte diesmal, noch so breit geschlagen, nicht ausreichen, um
-den gewaltigen Raum eines Abiturientenaufsatzes zu bedecken.
-
-Hier half ich mir nun auf folgende sinnreiche Weise, die ich jedem
-Primaner unter gleichen Verhältnissen auf das wärmste empfehlen möchte.
-Ich hatte zufällig wenige Tage zuvor eine interessante Monographie über
-den Kaiser Augustus gelesen, deren Einzelheiten mir noch ziemlich treu
-im Gedächtnis hafteten. So begann ich denn meinen Aufsatz wie folgt:
-
-»Nach dem Tode des Cäsar Octavianus Augustus bestieg der tückische,
-menschenfeindliche Tiberius den Kaiserthron. Es gelang ihm schon nach
-kurzer Frist, sich in allen Teilen des Reichs gründlich verhaßt zu
-machen, denn er bildete durchweg den schroffsten Gegensatz zu dem
-wohlwollenden, gerechten, kunst- und literaturfreundlichen Augustus.
-Dieser Kontrast mußte die Antipathie der Römer noch beschleunigen und
-vertiefen. Augustus hatte das und das getan, diese und jene Einrichtung
-getroffen, so und so die Verhältnisse des römischen Volkes geregelt;
-von alledem finden wir bei Tiberius keine Spur. Augustus und seine
-Freunde Messala, Pollio und Mäcenas waren Kenner der griechischen
-Dichter, deren Werke man in öffentlichen Bibliotheken sammelte; in
-der Umgebung des Tiberius dagegen finden wir weder einen Mäcenas noch
-einen Messala noch einen Pollio. Augustus war auch äußerlich eine sehr
-angenehme Erscheinung. Ein heiterer Friede ruhte auf seinem Antlitz. Er
-machte den Eindruck eines biederen, würdevollen und geistig bedeutenden
-Alten. Ganz anders Tiberius, von welchem uns dergleichen nirgends
-berichtet wird.«
-
-Auf diese Weise gab ich eine sehr detaillierte Geschichte des Augustus
-und fügte nur von Zeit zu Zeit die Bemerkung hinzu, das sei bei
-Tiberius anders gewesen.
-
-Nachdem ich so mein Wissen erschöpft hatte, schloß ich wie folgt:
-
-»Leider ist die Zeit bereits zu sehr vorgerückt, als daß es mir noch
-möglich wäre, auf die übrigens allbekannten Einzelheiten der so
-verhängnisvollen Regierung des Tiberius näher einzugehen. Erwähnen
-will ich noch, daß er, wie fast alle Tyrannen, auf unnatürliche Weise
-endete. Ja, es gibt eine Nemesis der Weltgeschichte, deren furchtbares
-Walten nur der Tor leugnen wird! ~Est modus in rebus, sunt certi
-denique fines!~«
-
-Und dann sprach ich noch den üblichen Wunsch aus:
-
-»~Spero fore, ut, quae hodie conscripsi, rectori gymnasii doctissimo,
-illustrissimo, justissimo mire placeant.~«
-
-Meine Hoffnung ging in Erfüllung. Die umfassenden Kenntnisse, die
-ich im Punkte des Augustus entwickelt hatte, reichten aus, um meine
-tiberianische Unwissenheit zu bemänteln.
-
-Minder glücklich war ein Abiturient namens Glaser, der einen deutschen
-Aufsatz über die Völkerwanderung zu schreiben hatte und, wie Sokrates,
-nur eins wußte: daß er nichts wußte.
-
-Er begann sein Thema wie folgt:
-
-»Indem ich an die heutige Aufgabe heran trete, erinnere ich mich der
-alten Vorschrift, daß der wahre Philosoph niemals über einen Gegenstand
-reden darf, ohne ihn des näheren definiert zu haben.
-
-Was heißt Völkerwanderung? Augenscheinlich bedeutet dieser Ausdruck
-eine Wanderung von Völkern. Fragen wir nun zunächst: Was ist ein Volk?
-so liegt es klar zutage, daß sich dieser Begriff nicht so in aller
-Kürze fixieren läßt. Wir müssen daher etwas weiter ausholen. Schon in
-den ältesten Zeiten ...«
-
-Und nun folgte eine graziös stilisierte Musterkarte historischer Data,
-wie sie in dem Kopfe des pfiffigen Schülers nach und nach hängen
-geblieben war. Die Ägypter, die Assyrer und Meder spielten hier eine
-bedeutsame Rolle. Ein längerer Abschnitt war dem auserwählten Volk
-Gottes gewidmet, dem Volk ~par excellence~. Dann sprach Theophil Glaser
-von den Volksrechten, von den verschiedenen Staatsformen usw. usw.
-
-Die Hälfte des Aufsatzes war hiermit zurückgelegt. Der Schüler fuhr
-fort:
-
-»Wir kommen nun zu dem zweiten Teile unserer Definition: Was ist eine
-Wanderung?« Ein Problem, das er in ähnlicher Weise löste, wie das des
-Volkes.
-
-Als er endlich den Begriff der Völkerwanderung glücklich
-zusammengesetzt hatte, war die gegebene Frist abgelaufen, und hastig
-warf er die heuchlerische Phrase auf das Papier:
-
-»Zu meinem größten Bedauern muß ich hier schließen, denn ich höre das
-heisere Metall des Pedellen.«
-
-Theophil Glaser bestand zwar im deutschen Aufsatze »~cum laude~«,
-in der Geschichte aber fiel er trotz seiner glänzenden Definitionen
-unwiderruflich durch.
-
-Die Lehrer wollten nicht glauben, daß nur Quaddler daran schuld war,
-wenn Glasers Abhandlung des versöhnenden Schlusses entbehrte.
-
-
- Druck: J. Neumann, Neudamm.
-
-
-
-
-Empfehlenswerte Werke.
-
-
-
-
-Verlag von J. Neumann in Neudamm.
-
-
- Für jede Familienbibliothek,
- besonders aber für die Hausfrau auf dem Lande.
-
- Sofiensruh.
-
- Wie ich mir das Landleben dachte,
- und wie ich es fand.
-
- Von =S. Jansen=.
-
- =Zweite=, kürzlich neu erschienene Auflage.
- Preis fein geheftet =4 Mk.=, hochelegant gebunden =5 Mk.=
-
-Ein =prächtiges, rein aus dem Leben geschöpftes Werk= von
-=eigenartiger, frischer, humorvoller= Darstellung, dessen =erste
-Auflage= in noch nicht =sieben Monaten vergriffen= gewesen ist. Die
-Verfasserin, Stadtfrau und in der größten norddeutschen Handelsstadt
-angesessen, kauft sich in der Nähe ihrer Heimat ein kleines Landgut,
-welches sie selbst mit größtem Verständnis bewirtschaftet. Ihre
-=wenigen Freuden= und die =große Zahl der Sorgen= schildert uns die
-Dichterin nun in einer Form, wie sie =lebenswahrer= und doch =zum
-Gemüte sprechender= nicht gedacht werden kann. Wir haben hier eine
-=seltene Perle moderner Erzählerkunst= vor uns und ein Buch, das ein
-=vorzügliches Festgeschenk=, namentlich für =unsere Hausfrauen=,
-genannt zu werden vollauf verdient.
-
-=Die Kritik= hat sich über =»Sofiensruh« durchweg ungemein anerkennend=
-geäußert. Wir geben folgende Kritikauszüge wieder:
-
- =Der Tag in Berlin.= »Ein +sehr amüsantes+ Buch -- und ein
- +sehr nachdenkliches+ Buch, nachdenklich im Sinne Fontanes,
- als etwas, über das man viel nachdenkt. Ich habe +viel dabei
- gelacht+ und doch +viel dabei gelernt+. +Mark Twainisch+ fängt
- es an, mit grotesken Zirkusplätzen, und geht dann doch in den
- schönen niederdeutschen, etwas =schwermütigen Humor= über, den
- wir an =Klaus Groth= und =Fritz Reuter= so sehr lieben. Und
- das schönste daran ist, daß alles, was in dem Buche steht, so
- gar nicht erfunden und bloß ausgedacht ist, sondern in jeder
- Zeile den +unverkennbaren Stempel der erlebtesten Wahrheit+
- trägt. ... +Städter+ und +Agrarier+ sollten diese meistens
- grotesk +lustigen+ und doch so +bitterernsten+ Schilderungen
- und Erlebnisse genau studieren, die ersteren, um zu begreifen,
- unter welchen unerhörten Schwierigkeiten der Landwirt heute der
- Natur und seinem Helferpersonal sein Leben abzuringen hat, die
- letzteren, um endlich darüber klar zu werden, daß ohne eine
- gründliche, an die Wurzel gehende Umgestaltung des ländlichen
- Arbeitsverhältnisses über lang oder kurz jede größere
- Wirtschaft zugrunde gehen muß. ... +In Zolas furchtbarem »~La
- Terre~« sind die Tatsachen eigentlich nicht viel krasser+; sie
- sind eben nur durch ein bittereres Temperament gesehen. ... Wie
- gesagt: ein +nachdenkliches+ Buch! Ein sehr +nachdenkliches+
- Buch! Und wird keiner kommen dürfen und sagen, ein »Hetzer«
- habe es geschrieben.
-
- ~Dr.~ Franz Oppenheimer.«
-
- =Das Daheim in Leipzig.= »... Es ist ein +heiteres+ und
- +erfreuendes+ und zugleich ein +trauriges+ und +betrübendes+
- Buch. Es ist heiter und erfreuend, weil wir in ihm eine
- =prächtige deutsche Frau= kennen lernen, +voll Mutterwitz,
- gesundem Verstande, Tatkraft und zähem Wollen+, die überdies
- noch über eine sehr +ungewöhnliche Gabe der Schilderung und
- der Charakterisierung+ verfügt. ... Unser Buch ist gerade in
- seinen Einzelschilderungen auch =kulturgeschichtlich= +von
- großem Wert+, es zeigt uns aber vor allem, unter wie +unsagbar
- schwierigen Verhältnissen+ heute vielfach die Landwirtschaft in
- Deutschland betrieben wird.
-
- Th. H. Pantenius.«
-
- =Gartenlaube in Leipzig.= »... Der Titel »Tagebuch« ist im
- allgemeinen nicht gerade vertrauenserweckend; es verbirgt sich
- gemeinhin zu viel Eitelkeit und Selbstbespiegelung, zu viel
- Absicht und Verlogenheit dahinter. +Hier aber ist+ =Wahrheit
- von Anfang bis zu Ende=, +ist Erdgeruch und Eigenart+, =ein
- Stück Leben=, +das sich in aller Schlichtheit des Empfindens,
- ohne jede Pose, offenbart+ ... Und welch +goldiger Humor+
- verklärt nicht all die großen und kleinen Fehlschläge,
- welche +Herzensgüte und Vornehmheit der Gesinnung+ offenbart
- sich nicht darin, wie diese Frau sich zu den Menschen, zum
- Leben stellt! +Wahrlich+, »=ein Frauenbuch=«, +auf das die
- Geschlechtsgenossinnen der Autorin nicht stolz genug sein
- können+, dessen Lektüre mehr als ein Zeitvertreib, ein gute
- Unterhaltung ist! ... Möge +das schöne Buch+ vielen zu einem
- +Freund+ und +Wegweiser+ werden.«
-
-
- Für jede Familien- und Hausbibliothek empfohlen:
-
- =Entwickelungsgeschichte der Natur.= Von =Wilhelm Bölsche=.
- Zwei Bände, 1646 Seiten, 785 Abbildungen, 16 Tafeln in
- Schwarz- und Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =18
- Mk.= In Halbleder hochfein gebunden =22 Mk.=
-
- =Die Physik.= Von =H. Maser=, Professor =~Dr.~ P. Richert=
- und Dipl. Ing. =A. Kühns=. Zwei Bände, 1745 Seiten, 1183
- Abbildungen, 10 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen fein
- gebunden =18 Mk.= In Halbleder hochfein gebunden =22 Mk.=
-
- =Die Chemie.= Von =~Dr.~ Max Vogtherr=. Ein Band, 847 Seiten,
- 421 Abbildungen, 5 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen
- fein gebunden =9 Mk.= In Halbleder hochfein gebunden =11 Mk.=
-
- =Das Mineralreich.= Von Professor =~Dr.~ Georg Zürich=. Ein
- Band, 754 Seiten, 521 Abbildungen, 8 Tafeln und Beilagen in
- Schwarz-Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =9 Mk.= In
- Halbleder hochfein gebunden =11 Mk.=
-
- =Das Pflanzenreich.= Von Professor =~Dr.~ K. Schumann= und
- Professor =~Dr.~ E. Gilg=. Ein Band, 858 Seiten, 480
- Abbildungen, 6 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen fein
- gebunden =9 Mk.= In Halbleder hochfein gebunden =11 Mk.=
-
- =Das Tierreich.= Von Professor =~Dr.~ L. Heck=, Professor
- =Paul Matschie=, =Bruno Dürigen=, =~Dr.~ Ludwig Staby=,
- =E. Krieghoff=, Professor =~Dr.~ v. Martens=. Zwei Bände,
- 2222 Seiten, 1455 Abbildungen, 12 Tafeln in Schwarz- und
- Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =18 Mk.= In
- Halbleder hochfein gebunden =22 Mk.=
-
- =Länder- und Völkerkunde.= Von =~Dr.~ F. W. Paul Lehmann=.
- Zwei Bände, 1646 Seiten, 1024 Abbildungen, 11 Tafeln in
- Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =18 Mk.= In
- Halbleder hochfein gebunden =22 Mk.=
-
- =Weltgeschichte.= Von =M. Reymond=. Zwei Bände, 1672 Seiten,
- 841 Abbildungen, 16 Bildertafeln und 10 bunte, historische
- Karten. Preis in Leinen fein gebunden =18 Mk.= In Halbleder
- hochfein gebunden =22 Mk.=
-
- =Kunstgeschichte.= Von Professor =~Dr.~ Max Schmid=. +Nebst
- einem kurzen Abriß der Geschichte der Musik und Oper+,
- herausgegeben von =~Dr.~ Clarence Sherwood=. Ein Band,
- 842 Seiten, 411 Abbildungen, 10 Tafeln in Schwarz- und
- Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =9 Mk.= In
- Halbleder hochfein gebunden =11 Mk.=
-
- =Geschichte der Weltlitteratur= +und des Theaters aller Zeiten
- und Völker+. Von =Julius Hart=. Zwei Bände, 1886 Seiten, 825
- Abbildungen, 16 Tafeln in Schwarz- und Farbendruck. Preis in
- Leinen fein gebunden =18 Mk.= In Halbleder hochfein gebunden
- =22 Mk.=
-
- =Gesamtregister= bearbeitet von =der Verlagsbuchhandlung=.
- Ein Band von etwa 300 Seiten. Das Gesamtregister wird jedem
- Abnehmer des Gesamtwerkes, also dem Käufer aller sechzehn
- Textbände, kostenlos geliefert; sonst wird es abgegeben:
- in feinen Leinenband gebunden, zum Preise von =6 Mk.=, in
- hochfeinen Halblederband gebunden zum Preise von =8 Mk.=
-
-Alle Werke zeichnen sich neben anerkannt vorzüglichem Text durch
-=ungemein billigen Preis=, =reichen, prächtigen Bilderschmuck= und
-=geschmackvolle Einbände= aus. Es sind Bücher, =welche zu den ersten
-Schätzen unserer Literatur= gehören; auf jedem =Weihnachtstische=
-werden sie überall Freude und Bewunderung hervorrufen.
-
-
- Reich illustrierte Probehefte aller Werke werden umsonst
- und postfrei geliefert.
-
-
-Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.
-
-
-
-
-Verlag von J. Neumann in Neudamm.
-
-
- Für Kriegsveteranen, Volksbibliotheken und zu
- Prämienzwecken.
-
- Aus großer Zeit.
-
- Bilder
- aus dem Kriegsleben eines pommerschen Jägers.
-
- Von
- =Paul Lehmann-Schiller.=
- +Mit erläuternden Abbildungen.+
- Preis hochelegant gebunden =5 Mk.=
-
-=Die Literatur über Kriegserinnerungen= ist nicht gering, aber auch der
-Interessentenkreis für solche Werke ist ein großer. Unter den vielen
-Büchern dieses Genres nimmt obengenanntes, das erst im Jahre 1903
-erschienen ist, =nicht den letzten Platz= ein. Die Kritik nennt es mit
-Recht ein =prächtiges, rein aus dem Leben geschöpftes Buch für jung
-und alt=! Sein Verfasser ist heute Direktor des Schiller-Gymnasiums
-zu Stettin. Nach Ausbruch des Krieges 1870 machte er sofort das
-Abiturientenexamen und trat als Einjährig-Freiwilliger bei den
-=Greifswalder, pommerschen, zweiten Jägern= ein. Nach der Schlacht von
-Sedan zur Belagerung von Metz ins Feld geschickt, machte Lehmann diese,
-die Belagerung von Paris (Champigny) und die Jagd auf Bourbaki durch
-das südöstliche Frankreich mit. -- Wir lesen das =humorvolle Tagebuch
-eines jungen Idealisten, dreißig Jahre später durchgearbeitet und in
-seinem Stoff gesichtet von dem gereiften Manne=, mithin ein Werk,
-dessen Lektüre mehr bietet, wie die meiste stoffverwandte Literatur,
-und sich dem =alten Feldzugssoldaten=, wie dem =Freunde deutscher
-Geschichte zum Genuß= gestaltet. Auch =kulturgeschichtlich=, sowohl
-=für deutsche=, wie =namentlich für französische Verhältnisse=, bietet
-das Buch viel. Besonders aber werden die meist =hochdeutsch=, aber
-vielfach auch in =echt vorpommerschem Platt= gegebenen Schilderungen
-durch ihren =frischen= und =humordurchwehten Ton= seinem Besitzer
-genußreiche Lesestunden bereiten.
-
-Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.
-
-
-
-
-Verlag von J. Neumann in Neudamm.
-
-
- Schönstes Buch für die wirklich reifere Jugend,
- besonders für zukünftige Forstleute, Jäger und Landwirte.
-
- Das Jägerhaus
- am Rhein.
-
- Jugenderinnerungen eines alten Weidmannes.
-
- Dem jägerischen Nachwuchse erzählt von
- =Oberländer=.
-
- Mit 104 Originalabbildungen von Jagdmaler =C. Schulze=.
- Preis hochelegant gebunden =8 Mk.=
-
-=Das Jägerhaus am Rhein= will den Sinn für =echt weidmännisches Fühlen
-und Denken=, sowie für die =Liebe zur Natur= schon =in der Brust des
-Knaben= wecken, aus dem später einmal ein tüchtiger und weidgerechter
-=Jäger= werden soll. Die Lehren geschehen an der Hand einer prächtigen
-und überall in edelstem Sinne unterweisenden Schilderung von
-=Oberländers eigenen Jägerlehrjahren= und dabei nicht etwa im trockenen
-Schulmeisterton, sondern in einer =so glücklichen und anziehenden
-Form=, daß das Buch nicht allein eine hervorragende Bildungsschrift für
-die =reifere Jugend= genannt werden kann, sondern auch dem =erfahrenen
-Weidmanne=, der sich bei Oberländers Schilderungen vielfach in seine
-eigene Jugend zurückversetzt sieht, das größte Interesse abgewinnen
-muß. Jedem Jüngling, dem das =erste Gewehr= soeben =anvertraut wurde=,
-oder der es demnächst =führen soll=, müßte mit diesem =Das Jägerhaus am
-Rhein= in die Hand gegeben werden; die Lehren =Oberländers= werden so
-unendlich viel Gutes schaffen. Das reich und wunderhübsch illustrierte
-Buch ist mithin besonders =als Festgeschenk= für die wirklich reifere
-Jugend geeignet und namentlich für den in der =Jagd-=, =Forst-= oder
-auch in der =Landwirtschaftslehre= stehenden zukünftigen Jäger.
-
-Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.
-
-
-
-
-Verlag von J. Neumann in Neudamm.
-
-
- Schönstes Geschenkwerk für die Jugend,
- besonders für Jäger-, Forstmanns- und Landkinder im Alter
- von acht bis vierzehn Jahren.
-
- Aus der
- Waldheimat.
-
- Deutsche Wald- und Jägermärchen
- für jung und alt.
-
- Erzählt von
- =Ernst Ritter von Dombrowski=
- und reich illustriert von =Hans Rudolf Schulze=-Berlin.
- Preis hochelegant gebunden =4 Mk.=
-
-Niemals wird sie ausgesungen, die Poesie des deutschen Waldes;
-unerschöpflich in ihrer Schönheit quillt sie als ein Born der Dichtung,
-der Sage und des Märchens aus der Phantasie unserer deutschen Dichter.
-Zu ihnen gesellt sich als neuester der altbekannte Jagdschriftsteller
-=Ernst von Dombrowski= und bietet uns, gleich einem =taufrischen Strauß
-Laub- und Nadelzweige aus deutschem Walde, zwölf herrliche, sinnige=
-und so =tief empfundene Märchen für unsere Weidmannskinder=, wie sie
-nur ein =Dichter= zu schreiben versteht, der in =Wald und Weidwerk= zum
-gereiften Manne wurde. Deshalb eignet sich »=Aus der Waldheimat=« auch
-wie kein anderes Märchenbuch für das =deutsche Jägerkind=, und überall,
-wo einem solchen ein Geschenk gemacht werden soll, wird das hier
-angekündigte Buch die trefflichsten Dienste tun. Wie bei keiner anderen
-Lektüre werden unsere Kinder durch diese Dichtung in =die Schönheiten
-und den ewig jugendlichen Reiz unserer Wälder= sowie in =die Poesie des
-deutschen Weidwerkes= eingeführt und ihre Sinne erfüllen sich unbewußt
-mit jener Gedankenwelt, die noch den Schatz und das Heiligtum des
-gereiften Mannes, ja, des Greises im grünen deutschen Walde bilden.
-
-Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Der Schmutztitel wurde entfernt.
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- In der Textversion wurden die Hinweise auf die Kapitelverzierungen
- entfernt.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 36: daß → das
- Er sagt, {das} sei Einbildung
-
- S. 65 mirami → mirari
- Credo ego vos judices {mirari}
-
- S. 65: summas → summus
- Wenn wir z. B. sagen, ~{summus} mons~
-
- S. 99: Konjuktivs → Konjunktivs
- Wesen des lateinischen {Konjunktivs} gemartert
-
- S. 100: Deliquenten → Delinquenten
- wie dem {Delinquenten}, der unter dem Fallbeil liegt
-
- S. 101: jeder diese → jede dieser
- daß man {jede dieser} verschiedenen Auffassungen
-
- S. 140: bebesonderes → besonderes
- jeden einzelnen in ein {besonderes} Lokal
-
- S. 140: Sympton → Symptom
- erste {Symptom} dieser neu sich regenden Elastizität
-
- S. 155: Leben → Lebens
- auf die Kleinheit und Gemeinheit des {Lebens}
-
- S. 159: areco → arceo
- Odi profanum vulgus et {arceo}
-
- S. 163: gefügelten → geflügelten
- die {geflügelten} Worte des Gymnasialherrschers
-
- S. 205: Ihnen → ihnen
- daß {ihnen} die Regeln über den griechischen Optativ
-
- S. 212: anderhalb → anderthalb
- die {anderthalb} Monate diesmal so recht gründlich
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Gesammelte Schulhumoresken, by Ernst Eckstein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE SCHULHUMORESKEN ***
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-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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-works. See paragraph 1.E below.
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-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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-collection are in the public domain in the United States. If an
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-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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- of receipt of the work.
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-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
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