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-The Project Gutenberg EBook of Gesammelte Schulhumoresken, by Ernst Eckstein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Gesammelte Schulhumoresken
-
-Author: Ernst Eckstein
-
-Release Date: May 16, 2016 [EBook #52083]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE SCHULHUMORESKEN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Gesammelte
-
- Schulhumoresken
-
- enthaltend die früheren Sammlungen
-
- Besuch im Karzer -- Katheder und Schulbank --
- Schulmysterien -- Stimmungsbilder aus dem
- Gymnasium -- Samuel Heinzerlings Tagebuch
-
- und eine Anzahl in Buchform noch
- nicht veröffentlichter Geschichten
-
- Von
-
- Ernst Eckstein
-
- [Illustration]
-
- Neudamm
- Verlag von J. Neumann
-
-
-
-
-Inhalts-Verzeichnis.
-
-
- Seite
-
- Schülertypen 9
-
- Wie der Quartaner Holzheimer Primus wurde 17
-
- Ein Familienereignis 23
-
- ~Knebelii discipuli Threnodia~ 34
-
- Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer:
-
- Erstes Bruchstück 35
-
- Zweites Bruchstück 44
-
- Doktor Veit 54
-
- Erinnerungsbilder 60
-
- Allerlei Unarten 74
-
- Der entrüstete Oberlehrer 95
-
- Der Bierparagraph 96
-
- Vom Rauchen 103
-
- Die Lyrik auf dem Gymnasium 110
-
- Die Primanerliebe 120
-
- Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs 127
-
- Eindrücke aus dem Karzer 137
-
- Der Besuch im Karzer 163
-
- Samuel Heinzerlings Tagebuch 181
-
- Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren:
-
- I. Der schnöde Primaner-Triumph 200
-
- II. In der Bierstube 201
-
- Die Klassenprüfung 203
-
- Ferien 211
-
- Das Maturitätsexamen 218
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Die vorliegende Sammlung vereinigt zum erstenmal Ernst Ecksteins
-+sämtliche+ Schulhumoresken in einem Band. Einige davon, wie »Der
-Besuch im Karzer«, »Samuel Heinzerlings Tagebuch«, »Schulhumor« u.
-a., sind als Einzelbände erschienen und haben in vielen Tausenden
-von Exemplaren Verbreitung gefunden; andere sind aus dem Buchhandel
-gänzlich verschwunden oder wurden nur in Zeitschriften veröffentlicht;
-alle aber haben sich so zahlreiche Freunde erworben, daß in dem
-großen Kreise derselben zum mindesten die Sammlung sicher freudig
-begrüßt werden wird. Daß sie auch Widerspruch erfahren dürften, wird
-ihrer Verbreitung vermutlich ebensowenig schaden, wie dies bei den
-verschiedenen Einzelausgaben der Fall gewesen ist. Ist doch »Der Besuch
-im Karzer« -- an einem regenschweren Herbsttage in Rom entstanden und
-in den »Fliegenden Blättern« zuerst veröffentlicht -- bis auf den
-heutigen Tag eines der gelesensten deutschen Bücher geblieben, obgleich
-er von verknöcherten Pädagogen von jeher in Acht und Bann getan und als
-ein Schädling bezeichnet worden ist, geeignet, die Autorität der Lehrer
-und damit die in der Schule so nötige Disziplin zu untergraben.
-
-Aber lassen sich solche, für den Wert oder Unwert der Humoresken
-übrigens ganz gleichgültige Behauptungen im Ernste aufrecht erhaben?
-Wer, der je eine Schulbank gedrückt, hat nicht mit scharfen Augen alle
-die kleinen Schwächen seiner Lehrer im Fluge herausgefunden und an
-lustigen Schülerstreichen sich erfreut? Aber hat dies alles vermocht,
-in Tausenden von Schülerherzen Liebe und Verehrung, Anhänglichkeit und
-Dankbarkeit zurückzudämmen, die tüchtige Lehrer allezeit überreich
-gefunden haben? So haben auch Ernst Ecksteins Schulhumoresken niemals
-auch nur den geringsten Schaden gestiftet oder gar mit zu der Verrohung
-unserer Jugend beigetragen, über die man jetzt so vielfach klagen hört.
-Aber sie haben manch' müdes und trübes Auge hell aufleuchten lassen in
-der Erinnerung an die, ach! so lange entschwundene sonnige und goldene
-Schülerzeit, und manches herzliche Lachen haben sie ausgelöst bei
-vielen, die im Ernste des Lebens das Lachen beinahe verlernt hatten.
-Möge ihnen dies auch in Zukunft immer gelingen, dann werden sie ihre
-Aufgabe auch im Sinne und nach dem Wunsche ihres Autors voll erfüllt
-haben.
-
-
-
-
-Schülertypen.
-
-
-Das Gymnasium ist für den, der ein offenes Auge besitzt, so recht
-eigentlich die Schule der Menschenkenntnis. Später im bürgerlichen
-Leben hat man kaum je die Gelegenheit, so eingehende Charakterstudien
-zu machen, wie hier, wo der tägliche Verkehr und die noch mangelnde
-Routine des Komödiespielens die überraschendsten Blicke in die
-verschiedenen Individualitäten gewährt. Im Gymnasiasten, zumal im
-Primaner, ist das künftige Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft
-bereits bis auf wenige unbedeutende Retouchen vorgezeichnet. Wer
-in diesem aufgeschlagenen Buche zu lesen versteht, der wird jedem
-einzelnen schwerlich ein unrichtiges Prognostikon stellen. Selbst mit
-der geringen Erfahrung, die ich in Prima besaß, wußte ich mir doch von
-gar manchem unter meinen Kameraden ein Zukunftsbild zu entwerfen, das
-sich nachmals in seinen wesentlichen Zügen verwirklicht hat.
-
-Da die Menschheit überall die gleiche ist, so wiederholen sich auch die
-Schülertypen mit einer fast mathematischen Regelmäßigkeit. Fassen wir
-die hervorragendsten etwas näher ins Auge.
-
-Da finden wir zunächst den von seiner eigenen Tüchtigkeit mannhaft
-durchdrungenen Kernschüler, meist Sohn einer armen Witwe, der er durch
-fleißige Privatstunden einen Teil ihrer Sorgen abnimmt. Er besitzt
-einen lobenswerten Eifer und eine klare, ruhige Intelligenz, die hin
-und wieder kleine, von ihm krankhaft überschätzte Anläufe in der
-Richtung der Phantasie nimmt; daher er denn zuweilen den Versuch macht,
-die Themata des deutschen Aufsatzes novellistisch zu behandeln. Er ist
-sich eines tief sittlichen Ernstes bewußt und übt gegen diejenigen
-seiner Kameraden, über die er sich hoch erhaben dünkt, das heißt also
-gegen alle, einen gewissen väterlichen Sarkasmus. Klein von Statur,
-sucht er diesem Mangel durch eine straffe Haltung und durch eine
-biedermännliche Art des Auftretens abzuhelfen. Über die jugendlichen
-Schwärmer, die da halbe Nachmittage vertrödeln, nur um ein einziges Mal
-dem blonden Töchterchen des Professors zu begegnen, zuckt er mitleidig
-die Achseln. Sein Herz ist zwar nicht unempfindlich; vielmehr hat auch
-er bereits eine stille Neigung; aber konsequent und logisch, wie er
-ist, betrachtet er solche zwecklosen Huldigungen als Zeitvergeudung.
-Er lebt sich und der Wissenschaft, absolviert das Maturitäts-Examen
-mit Nummer eins, scheint nach Erlangung dieses Resultates um zwei
-Zoll gewachsen zu sein, gebärdet sich wie der bedeutende Mann ~kat'
-exochen~, studiert Philologie, beendet sein Triennium gleichfalls
-mit Auszeichnung, ist ein halbes Jahr später vierzehnter Oberlehrer
-in Liegnitz und heiratet seine Mathilde nach einer verhältnismäßig
-kurzen Brautschaft. Er hält seine Zöglinge streng im Zaum, sendet
-seiner Mutter alljährlich eine kleine Unterstützung und erzeugt drei
-oder vier Kinder. Hiermit aber ist seine »Tüchtigkeit«, die in Prima
-so selbstbewußt auf den Troß der Nichttüchtigen herabschaute, ein
-für allemal erschöpft; von irgend einer bedeutenden Leistung bekommt
-die erwartungsvolle Heimat nichts zu hören. Er, der sich als der
-Mann seines Jahrhunderts gerierte, ist ganz und gar aufgegangen in
-der Ernährung und Fortpflanzung. Im vierzigsten Jahre schreibt er
-vielleicht eine lateinische oder französische Grammatik, die unbekannt
-bleibt wie der Name ihres Verfassers. Trotz alledem und alledem hält er
-sich nach wie vor für das Ideal eines Menschen; er ist nur darum nicht
-Lessing und Goethe, weil seine Tätigkeit als Gymnasiallehrer ihn so
-sehr in Anspruch nimmt, daß ihm für alle anderen Dinge die Zeit fehlt.
-Auch in der Malerei -- er hat seiner Frau zu ihrem fünfundzwanzigsten
-Geburtstag ein Album überreicht, dessen Titelblatt er eigenhändig
-gezeichnet -- auch in der Malerei mangelt ihm nur die Muße. Da aber
-Raphael einem bekannten Ausspruch zufolge selbst dann ein großer Maler
-gewesen sein würde, wenn er ohne Arme auf die Welt gekommen wäre, so
-fühlt sich auch unser ehemaliger Kernschüler im tiefsten Grund seines
-Wesens dem großen Urbinaten oder doch etwa den Herren Maratta und
-Domenichino ebenbürtig.
-
-In politischen Dingen huldigt er einem ernsten, gemessenen
-Liberalismus. Was seine religiösen Überzeugungen angeht, so liegt
-ihm das Dogma ferne; doch ist er fest überzeugt, daß dereinst in den
-unbekannten Regionen des Jenseits eine Vergeltung, das heißt in seinem
-speziellen Fall eine Belohnung, eintreten wird; unter welcher Form, ist
-ihm gleichgültig.
-
-Eine höchst traurige Erscheinung im Schülerkreise ist der
-ausgesprochene Dummkopf. Wer kennt ihn nicht? Mit blöden Augen und
-einem Gesichtsausdruck, der die vollkommenste Gleichgültigkeit gegen
-alle Erscheinungen der Außenwelt bekundet, so sitzt er da, stramm,
-breitschulterig, nichts weiter als eine Raumerfüllung. Richtet der
-Lehrer eine Frage an ihn, so erhebt er sich schwerfällig und glotzt:
-niemals ist eine Antwort über seine Lippen geglitten; aber auch niemals
-hat ihn diese Unfähigkeit, zu antworten, aus dem Gleichgewichte
-gebracht. Er ist zwar nicht imstande, das Horazische ~Nil admirari~
-ins Deutsche zu übersetzen; dagegen scheint ihm der Kern dieser Worte
-vollkommen in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Der Dummkopf ist
-gleich unempfindlich gegen den Fluch der Lächerlichkeit, wie gegen eine
-dröhnende Standrede. In jeder Klasse haftet er zwei bis drei Jahre
-lang; in Sekunda sproßt ihm bereits ein erfreulicher Vollbart; in Prima
-weist seine Statur ein kräftiges Embonpoint auf. Er avanciert indes
-selten bis in die erste Klasse: meist haben sich seine Angehörigen
-schon vorher überzeugt, daß die akademische Bildung nicht das Feld
-ist, auf welchem der Dummkopf zu reüssieren vermag, daher er denn in
-der Regel als Sekundaner die Karriere des Landwirts ergreift -- eine
-Umwandlung, die mit einemmal Leben in die träge Masse bringt. Der
-Dummkopf, der im Gymnasium zu faul schien, nur ein Glied zu rühren,
-treibt sich jetzt tagelang auf den Äckern herum und verrichtet die
-schwersten Arbeiten. Nach Verlauf von zehn Jahren finden wir ihn
-nicht selten als Rittergutsbesitzer wieder; ja, wenn er aus guter
-Familie ist, läßt er sich vielleicht in den Reichstag wählen, wo seine
-Tätigkeit, je nach Umständen, in »lautem Murren« oder in »Heiterkeit«
-besteht. Mit vierzig Jahren wird er Ökonomierat; auch entgeht ihm
-selten der Rote Adlerorden.
-
-Sehr häufig verwechselt der Unverstand der Lehrer eine andere
-Spezies, nämlich den einseitig begabten Schüler, mit dem Dummkopf.
-Das zukünftige naturwissenschaftliche Genie legt nicht selten für
-das Studium der Sprachen eine absolute Talentlosigkeit an den Tag,
-die höchstwahrscheinlich mehr aus dem Mangel an Lust, als aus dem an
-wirklicher Begabung hervorgeht. So wurde dem berühmten Chemiker Justus
-Liebig von seinen Lehrern insgesamt das trübste Prognostikon gestellt.
-Die Naturwissenschaften hatten damals an den öffentlichen Schulen so
-gut wie keine Vertretung. Der junge Liebig, der sich schon früh eifrig
-mit seinem Lieblingsstudium beschäftigte, ist gewiß hundertmal vom
-Katheder herab in der bekannten Weise apostrophiert worden: »Denken
-Sie an mich, Liebig! Wenn Sie so fortfahren, so werden Sie über kurz
-oder lang Schiffbruch leiden!« Oder: »Was wollen Sie eigentlich einmal
-werden? Ich für meinen Teil bin ratlos.« Oder: »Wenn Sie nicht endlich
-zur Besinnung kommen, so werden Sie der Schandfleck Ihrer Familie
-werden!« Wie muß sich Justus von Liebig in späteren Jahren bei der
-Erinnerung an diese Prognostika amüsiert haben! Er, der Schöpfer der
-modernen Chemie, dem Tausende von Wißbegierigen aus allen Ländern der
-Erde zuströmten, er, der scharfsinnige, philosophische Kopf, der, im
-Gegensatz zu den aberwitzigen Apothekergehilfen und Barbiergesellen,
-den Gedanken, die Verstandesoperation als das Wesentliche, das
-Experiment aber gewissermaßen nur als die Probe auf das Exempel
-bezeichnete! Was ist aus den Lehrern geworden, die dem genialen
-Forscher den »unvermeidlichen Schiffbruch« weissagten? Ihr Gedächtnis
-ist mit ihren Leibern zu Grabe gegangen, während der Name Liebigs
-leuchten wird, so lange es eine Wissenschaft gibt.
-
-Hier gilt es also, sehr wohl zu unterscheiden. Nicht jeder ist ein
-Dummkopf, der einen schlechten lateinischen Aufsatz schreibt, denn
-alles Genie reicht hier nicht aus, sobald die positiven Kenntnisse
-mangeln, und diese sind nur durch Fleiß oder doch durch Aufmerksamkeit
-zu erwerben. Ein universell begabter Kopf wird allerdings, selbst wenn
-er eine ausgesprochene Vorliebe für ein spezielles Fach besitzt, auch
-die übrigen Fächer spielend bewältigen. So läßt sich denn z. B. nicht
-denken, daß ein Mann wie Schopenhauer auf irgend einem Gebiet hinter
-seinen Mitschülern zurückgestanden hätte. Aber solche Naturen sind
-äußerst selten, daher wir sie den Schülertypen nicht beizählen dürfen.
-
-Eine weitverbreitete Spezies von Schülern repräsentiert der
-humoristisch beanlagte Autoritätsfeind, wie ich ihn mit großer
-Ausführlichkeit in der Gestalt meines unvergeßlichen Freundes Wilhelm
-Rumpf zu zeichnen versucht habe.
-
-Der humoristisch beanlagte Autoritätsfeind ist das sanguinische
-Element auf der Polhöhe. Mit einer edlen Sorglosigkeit erträgt er
-die empfindlichsten Freiheitsberaubungen. Von überaus leichter
-Fassungsgabe, bedarf er durchaus keiner Vorbereitung, um in den meisten
-Fächern mit Glanz zu bestehen. Der krankhafte Ehrgeiz, wie er den
-oben gezeichneten »tüchtigen« Schüler beseelt, ist ihm fremd. Auch
-ihm wird von ernsten Pädagogen vielfach der bevorstehende Schiffbruch
-angekündigt, eine Prophezeiung, die er mit dem freundlichsten Lächeln
-von der Welt hinnimmt. Er macht in der Regel eine mehr oder minder
-glänzende Karriere, gleichviel auf welchem Gebiete.
-
-Eine sehr unangenehme Erscheinung ist der frühreife Schüler. An den
-erheiternden Störungen und sonstigen Zwischenfällen nimmt er nur
-beiläufig Teil; dagegen ist er anerkannt als Sachverständiger auf dem
-Gebiete des Tabaks und des Bieres. Er trägt in elegantem Futteral
-eine Meerschaumspitze bei sich, deren kunstgerechtes Anrauchen ihm
-wochenlang als Ideal vorschwebt. Er verkehrt fast nur mit Studenten.
-Jene platonischen Regungen, die man unter der Bezeichnung der
-Primanerliebe versteht, sind ihm fremd. Er wirft sein Auge vorzugsweise
-auf die Feminina der dienenden Klasse, da seine Wünsche durchaus
-realistischer Natur sind. Seinem späteren Entwicklungsgang sind sehr
-verschiedene Wege vorgezeichnet. Nicht selten wird er ein brauchbarer
-Mediziner. Mitunter benutzt er die geringe Konkurrenz auf dem
-Gebiete der Theologie und entpuppt sich so schließlich als ehrsamer
-Landprediger, der die Bauern auffordert, die Lüste des Fleisches zu
-töten und dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Oft auch ereilt ihn
-als Folge seiner schon so früh begonnenen Exzesse ein vorzeitiger Tod.
-
-Noch unangenehmer als diese Spezies ist der hämische Denunziant. Er
-gehört unter die Stillen im Lande und benutzt jede Gelegenheit, wo
-er einem Mitschüler einen Schabernack spielen kann. Seine Haltung
-ist gebeugt, sein Blick unstet und lauernd. Soll irgendwo in der
-Umgebung der Stadt eine Orgie gefeiert werden, so benachrichtigt er
-den Direktor in einem anonymen Briefe. Findet eine Untersuchung statt,
-so ist er stets »wahrheitsliebend«, wenn nicht etwa die Furcht vor
-den Fäusten seiner Kameraden ihn zum Schweigen veranlaßt. Die Lehrer
-geben sich zwar den Anschein, als ob sie diese Gattung von Schülern
-sehr hoch schätzten; im Grund ihres Herzens widmen sie ihnen jedoch
-eine unbegrenzte Verachtung. Auch diese Sorte macht unter Umständen
-Karriere, materielle wenigstens; zu Ruhm und Ansehen freilich bringen
-sie es höchstens für kurze Zeit.
-
-Fast jede Klasse hat ferner ihren genial sein wollenden Wirrkopf. Ich
-meinesteils entsinne mich der köstlichsten Exemplare. Der Wirrkopf
-ist frühzeitig Mitglied des städtischen Gesangvereins. Er komponiert
-selbstgedichtete Texte, er treibt Ästhetik, ja, er liest vielleicht
-Hegel oder Schopenhauer. Von alledem sieht es in seinem Gehirn
-so wüst aus, daß kein logischer Gedanke mehr aufzukeimen vermag.
-Seine deutschen Aufsätze strotzen von widernatürlichen Bildern. Ich
-erinnere mich, daß wir in Prima eine Arbeit über das böse Gewissen
-zu liefern hatten. Der Wirrkopf der Klasse schloß seinen Aufsatz mit
-der pathetischen Phrase: »Und so liegt denn das böse Gewissen wie ein
-eiserner Klotz vor der Tür, der in jedem Augenblick wie Gift durch
-die Adern strömt und selbst im Tode kein Ende nimmt.« Der Wirrkopf
-war verblendet genug, mir dieses unglaubliche Zeug am Tage vor der
-Einlieferung vorzulesen, in der Erwartung, meinen bewundernden
-Beifall zu ernten. Ich setzte ihm auseinander, daß hier eine heillose
-Vermischung der heterogensten Dinge vorliege; aber mit geringschätzigem
-Lächeln wies er meinen Einwand zurück, so daß er denn später vom
-Katheder herab vor der ~corona commilitonum~ des Blödsinns bezichtigt
-wurde. Aber selbst diese Konstatierung der Sachlage blieb fruchtlos.
-Der Wirrkopf war von seiner Leistung so eingenommen, daß er sie später
-als Broschüre drucken und an seine Freunde verteilen ließ.
-
-Jede wirkliche Leistung betrachtet der Wirrkopf als etwas
-Geringfügiges. Er hat hierin eine gewisse Verwandtschaft mit dem
-»Tüchtigen«, nur daß der gleiche Irrwahn hier aus einer anderen Quelle
-fließt. Der Wirrkopf macht in der Regel eine sehr obskure, sang- und
-klanglose Karriere; aber er trägt sich nach wie vor mit dem Bewußtsein,
-daß er das einzige wahrhafte Genie seines Jahrhunderts ist. Hat einer
-seiner früheren Schulkameraden später eine hervorragende Stellung
-errungen, so lächelt er über diese »ephemeren« Erfolge. Er schreibt
-vielleicht ein Tagebuch, in welchem ab und zu Betrachtungen über das
-rasche Vergehen der Zeit (die ganz im Gegensatz zu dem eisernen Klotz
-des Gewissens durchaus nicht vor der Tür liegen bleibt) mit Ausrufen
-über die Verblendung des Menschengeschlechts und die Verwerflichkeit
-der Pariser Moden abwechseln. Die Titelseite dieses Tagebuches trägt
-die Aufschrift: ~Erga paralipomena~, ein bescheidener Anklang an
-die kleinen Schriften des Frankfurter Philosophen. Der Wirrkopf ist
-in die Welt gekommen, um seinen Mitmenschen die wahre Einsicht über
-das Wesen der Kunst und der Philosophie zu bringen; freilich, wie
-alle großen Geister wird er erst nach seinem Tode anerkannt werden.
-Dieses Bewußtsein verleiht allem, was er tut, eine eigentümlich
-groteske Würde. Er setzt kein Seidel an den Mund, ohne sich die Frage
-aufzuwerfen, ob dieses Glas nicht im Grunde ein beneidenswertes
-Objekt sei, da es von den Lippen eines so hervorragenden Sterblichen
-ausgeschlürft werde. Wenn er sich kämmt, so lächelt er bei dem
-Anblick der ihm allenfalls ausgehenden Haare still vor sich hin ...
-Wie manche junge Dame würde sich glücklich schätzen, wenn sie drei
-oder vier dieser Haare für ihr Medaillon erwerben dürfte! Denn -- das
-hätten wir beinahe vergessen -- der Wirrkopf hält sich dem weiblichen
-Geschlecht gegenüber für unwiderstehlich. Mit edler Offenheit spricht
-er von seinem geistvollen Auge, auf das er sich ja durchaus nichts
-einbildet. In der Tat besitzt er einen schwärmerischen Aufschlag, der
-namentlich bei jungen Pfarrerstöchtern von ergreifender Wirkung ist.
-Nach langem Hin- und Herwählen verlobt er sich mit einem herzlich
-unbedeutenden Frauenzimmerchen. Da er vermöge seiner Wirrköpfigkeit
-nur langsam auf der Skala der bürgerlichen Existenz emporklimmt, so
-dauert sein Brautstand sieben, acht, neun und mehr Jahre. Er heiratet
-dann seine Braut aus Grundsatz; die eigentliche Verliebtheit ist längst
-zu Grabe gegangen. Aber der Wirrkopf tröstet sich mit der Tatsache,
-daß alles Glück in diesem Jammertale nur ein Phantom ist. In stillen
-Sommernächten überläßt er sich ganz und gar dem Weh über sein im Grunde
-verfehltes Dasein. Er singt dann das von ihm selbst verfaßte Klagelied
-»Herbstschauer« mit dem Refrain »Die Blätter, sie fallen« zu einer
-heftig verstimmten Gitarre und erzeugt dadurch ein Echo in der Brust
-sämtlicher benachbarten Hofhunde. Plötzlich stürzt seine dicke Jeanette
-auf den Altan und ruft ihm schwer keuchend die Worte zu:
-
-»Aber um Himmels willen, Eduard, du weckst ja die Kinder!«
-
-Im Innersten geknickt, stellt er die Gitarre an die Wand. Die Prosa des
-Lebens hat seine Seele aus den Regionen des Äthers wieder herabgerissen
-in die dunklen Tiefen Sansaras; voll stummer Ergebung besteigt er sein
-Lager an der Seite Jeanettens.
-
-Mit diesem Wirrkopf schließen wir. Die Zahl der Schülertypen ist
-natürlich noch lange nicht erschöpft; erschöpft aber ist vielleicht die
-Geduld des Lesers.
-
-
-
-
-Wie der Quartaner Holzheimer Primus wurde.
-
-Von ihm selbst in Briefform aufgezeichnet.
-
-
- Hochgeehrter Herr Redakteur!
-
-Ihr geschätztes Blatt erörtert mit Vorliebe charaktervolle Ereignisse
-aus dem alltäglichen Leben. In der Tat scheint mir der Ausspruch
-unseres vortrefflichen Schiller:
-
- Was sich nie und nirgends hat begeben,
- Das allein veraltet nie ...
-
-aus mehr als einem Gesichtspunkt -- veraltet; womit ich keineswegs
-gesagt haben will, daß Schiller nicht gewisse Verdienste besäße.
-Erklärt doch derselbe Schiller, -- ich habe das betreffende Gedicht
-erst vorgestern in der Deklamationsstunde rezitiert und infolge einer
-empörenden Verstimmung des Herrn Professors die Note »ungenügend«
-davon getragen, -- erklärt doch derselbe Schiller, daß der Lebende
-recht hat. Das Deklamieren ist, beiläufig gesagt, meine Force, während
-ich im Griechischen durch allerlei Verkettungen häuslicher Übelstände
-in betrüblicher Weise zurückgeblieben und kaum imstande bin, die
-ersten Beispiele aus Jakobs zu übersetzen. Nichtsdestoweniger und
-dessenungeachtet gelang es mir neulich, just im Griechischen den
-Ehrenplatz eines Primus zu erobern und bis zum Schluß der Lehrstunde
-unbeeinträchtigt zu behaupten. Sie denken jetzt natürlich an unlautere
-Manipulationen, an abgeschriebene Exerzitien, an frech gehandhabte
-Spicker. Aber Sie irren: ich ward Primus auf ganz legitimem, ich möchte
-sagen, auf höchst honorigem Wege, und kraft jenes Grundsatzes, den
-schon die Bibel betont: »Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet
-werden«. Fahren Sie nur getrost in der Lektüre dieser meiner Darlegung
-fort.
-
-Professor ~Dr.~ Schmelzle, der uns den Jakobs erklärt, hat nämlich die
-befremdliche Angewohnheit, eine mangelhafte Leistung durch Degradation
-zu bestrafen. Kaum habe ich meinen Mund geöffnet, um den ersten ~Aor.
-Ind. Act.~ von βλέπω mit »ich wurde gesehen« zu verdeutschen, so ertönt
-schon das verhängnisvolle »Setz' Dich zu unterst!« Beim Repetieren wie
-beim Extemporieren, beim Hersagen der Paradigmen wie beim Abfragen
-des Wörterverzeichnisses -- überall und jedesmal ernte ich dieses
-ungebührliche »Setz' Dich zu unterst!«, sobald ich auch nur zwei Silben
-über die Lippen gebracht habe. Es ist dies, wie Sie in Anbetracht
-meines sonstigen Bildungsgrades leicht ermessen werden, eine sogenannte
-Tücke des Schicksals, eine μοῖρα, ein ~fatum~, das auf gewöhnlichem
-Wege nicht zu ändern ist. Wenn ich, der gehorsamst Unterzeichnete,
-gleichwohl ein Mittel fand, das anscheinend so unnahbare Ziel des
-ersten Platzes unter Zweiundzwanzigen zu erreichen, so danke ich dies
-lediglich meinem diplomatischen Scharfsinn, der allerdings in unserer
-Familie schon seit mehreren Generationen heimisch ist, wie denn mein
-Onkel mütterlicherseits, der bekannte Papierfabrikant Heinerle, die
-Schreibmaterialien in das Reichskanzleramt liefert, während mein
-Großvater vor der Schlacht bei Königgrätz die Äußerung getan haben
-soll: »Wenn das Schlachtenglück sich auf die Seite der Preußen neigt,
-so glaube ich der österreichischen Armee eine ernstliche Niederlage
-prophezeien zu dürfen!« ~Habeat sibi!~ wie Professor Gordon zu sagen
-pflegt, wenn ich im Bilden eines lateinischen Partizipialsatzes nicht
-von der Stelle komme. Sie selbst sollen entscheiden, ob ich zu viel
-behaupte.
-
-Professor Schmelzle -- so viel wird Ihnen seit Beginn dieses Briefes
-klar sein -- stellt an die Leistungsfähigkeit seiner Quartaner höhere
-Anforderungen, als er, streng genommen, vor dem Richterstuhle der
-Humanität verantworten könnte. Es fehlt ihm für die Beurteilung unserer
-Kenntnisse jeglicher Maßstab. Diese Tatsache fühlt er selbst, daher er
-denn von Zeit zu Zeit gewissermaßen an unser eigenes Urteil appelliert
-und am Schluß der Lehrstunde die bedeutsamen Worte spricht: »So, hm,
-hm! Fürs nächste Mal mögt Ihr Euch die Klassenaufgabe einmal selber
-auswählen. Schlagt mir, hm, hm! ein paar Themata vor, ich werde dann
-endgültig resolvieren!« Da ruft dann der eine: »Ach, Herr Professor,
-lassen Sie uns bei dem ganzen Pensum von heute das Perfektum ins
-Präsens verwandeln.« ... »Nein, nein,« ruft der zweite, »lassen Sie
-uns die Erzählung vom Diogenes auswendig lernen!« Kurz, vier, fünf der
-hervorragendsten Schüler beantragen ihre meist sehr unverfänglichen
-Aufgaben, und der Herr Professor entscheidet dann. Leider bin ich,
-wie bereits angedeutet, infolge häuslicher Umstände selbst diesen
-leichteren Aufgaben nicht gewachsen, und wenn am folgenden Tage
-die Aufforderung des Lehrers mich trifft, so heißt es immer wieder
-unfehlbar: »Zu unterst!«
-
-Nun muß ich bemerken, daß Professor Schmelzle ein Dichter ist. Von
-Zeit zu Zeit veröffentlicht er im städtischen Anzeiger ein Kind seiner
-Muse, -- sei es nun ein Hymnus auf die Rückkehr des Herzogs, ein
-Frühlingslied oder ein Festgesang beim Antritt des neuen Jahres.
-
-Es war nun am 10. Januar, als Professor Schmelzle uns wiederum die Wahl
-der Aufgabe für den folgenden Mittwoch freigab. In der Neujahrsnummer
-des städtischen Anzeigers hatte just eine Ode unseres allverehrten
-Lehrers gestanden, ein »Rückblick« von zwanzig Strophen, der die
-Ereignisse des verflossenen Jahres in tiefsinniger, ja, ich möchte
-fast sagen, unverständlicher Weise behandelte. Poeten sind eitel,
-und Professor ~Dr.~ Schmelzle ist, was diesen Punkt betrifft, ein
-Poet ersten Ranges. Als er daher am Schluß der Lehrstunde vom 10.
-Januar zu Vorschlägen aufforderte, erhob ich mich selbstbewußt und
-sagte mit Stentorstimme: »Herr Professor, lassen Sie uns das schöne
-Gedicht ›Rückblick‹, das Sie in der Neujahrsnummer unseres städtischen
-Anzeigers zu veröffentlichen die Güte hatten, ins Griechische
-übersetzen!«
-
-Sie stutzen, geehrter Herr Redakteur! In der Tat war das eine
-Aufgabe, an der selbst die Gewandtheit eines Primaners unausbleiblich
-gescheitert wäre. Aber gerade das wollte ich. Ich wollte diesen fünf,
-sechs Auserlesenen, die stets die Note »Vortrefflich« einheimsten, auch
-einmal zeigen, was es heißt, ein Problem lösen zu sollen, das unsere
-Kraft übersteigt. Aber noch mehr. Ich selbst wollte mich durch dieses
-glorreiche Strategem an die Spitze der Quarta schwingen und meinen
-Mitschülern dartun, daß ein offener Kopf praktisch mehr bedeutet als
-ein Wust von Optativen, die sich schließlich endigen mögen, wie sie
-wollen, -- mir soll's egal sein.
-
-Der Professor war im ersten Moment über meine Kühnheit verblüfft,
-aber gleich darauf spielte um seine Lippen jenes eigentümliche
-Dichterlächeln, das mir den Sieg gewährleistete. Der Gedanke, daß
-dreiunddreißig mehr oder minder geistvolle Knaben sich stunden- und
-tagelang mit dem »Rückblick« beschäftigen, daß sie ihn analysieren
-und gewissermaßen in seine Einzelschönheiten aufdröseln sollten, --
-dieser Gedanke hatte für Professor Schmelzle etwas Verführerisches.
-Die Autoren-Eitelkeit überwog alle Bedenken, und die idealistische
-Auffassung bezüglich unseres Wissens machte ihn ja so wie so geneigt,
-uns allerlei Sisyphusarbeiten zuzumuten.
-
-»Gut,« sagte er schmunzelnd, »übersetzt mir den ›Rückblick‹
-ins Griechische. Die Sache wird Euch zwar Mühe machen, aber
-ein deutsch-griechisches Lexikon tut das übrige. Notabene,
-selbstverständlich braucht Ihr Euch nicht an das Metrum zu halten.«
-
-Mit diesen Worten verließ er das Schulzimmer, während ich von meinen
-Kommilitonen mit drohenden Vorwürfen überhäuft wurde, die ich stoisch
-lächelnd zurückwies.
-
-Der entscheidende Mittwoch kam unter den mannigfachsten Qualen der
-gepeinigten Quarta heran.
-
-»Nun,« sagte der Herr Professor, indem er sich behaglich über
-das rundliche Kinn strich, »wer will mir denn einmal zuerst den
-griechischen ›Rückblick‹ vorlesen oder aufsagen?«
-
-Nicht ein einziger meiner Mitschüler meldete sich, denn alle fühlten
-die entsetzliche Unzulänglichkeit ihrer Arbeit; ich aber fuhr stolz in
-die Höhe und sagte mit fester, gemessener Stimme:
-
-»Ich, Herr Professor.«
-
-»Du, Holzheimer?« fragte der Professor erstaunt; »nun, da bin ich denn
-doch in der Tat begierig.«
-
-Ich hob mein Heft und begann. Kaum aber hatte ich zwei Zeilen meiner
-unglückseligen Übersetzung vorgetragen, als schon ein wütendes »Zu
-unterst! Zu unterst!« mir das Wort von den Lippen nahm. Da ich bereits
-zu unterst saß, so brauchte ich mich nicht weiter vom Platz zu
-bemühen. Ich setzte mich und wartete siegesgewiß der Dinge, die da
-kommen sollten.
-
-»Lies Du einmal, Kurschmann!« rief der Professor ärgerlich.
-
-Stotternd und stammelnd begann der sonst vortreffliche Schüler die
-Lektüre seines Elaborates.
-
-»Was?« unterbrach ihn der Lehrer beim dritten Worte. »Wie übersetzt Du
-diesen Passus: ›Im herben Mischkrug schnöder Vergangenheit?‹ Bist Du
-von Sinnen? Augenblicklich zu unterst!«
-
-Das Haupt gesenkt schritt Kurschmann von der Bank der Erlesenen nach
-dem Strafplatze. Ich aber rückte einen hinauf.
-
-»Engelbach!« sagte der Herr Professor, »beschäm' einmal dieses
-barbarische Griechisch!«
-
-Engelbach las, aber er kam nicht weiter als Kurschmann. Die Aufgabe war
-eben für einen Quartaner unlöslich.
-
-»Zu unterst!« schrie der Professor, der die Unfähigkeit seiner
-Schüler wie eine persönliche Injurie empfand. Bei den Göttern!
-War denn diese Neujahrsode so verworren, so unklar, daß zwei der
-besten Jakobs-Übersetzer, daß ein Kurschmann, ein Engelbach daran
-scheiterten! ...
-
-»Kleewitz!« rief Schmelzle mit geröteter Stirn, als Engelbach neben
-Kurschmann Platz genommen und mich so abermals um einen herauf
-befördert hatte. »Du bist doch ganz gewiß imstande gewesen ... Es
-müßte ja mit dem Teufel zugehen ... Ich verlange ja keineswegs den
-vollendeten Attizismus, aber mein Gott ... Was? Du hast überhaupt
-nichts geschrieben? Die Arbeit war Dir zu schwer? Du bist ja ein ganz
-erbärmlicher Junge! Zu unterst! Augenblicklich zu unterst!«
-
-Und abermals rückte ich einen hinauf.
-
-Dieser vierfache Mißerfolg hatte den Professor hitzig gemacht.
-
-»Ich will denn doch einmal sehen, ob nicht ein einziger in der ganzen
-Klasse so viel Griechisch besitzt, um dieses schlichte, einfache, ich
-kann wirklich sagen: edel-einfache Poem wiederzugeben! Einer wird doch
-von den rastlosen Bemühungen, die ich dieser Klasse fortwährend opfere,
-etwas profitiert haben. Grazmüller, Veltliner, Stechhuber! Beim Pluto,
-seid Ihr denn alle vernagelt? Grazmüller, lies einmal vor!«
-
-Und Grazmüller las. Aber auch Grazmüller kam zu Fall, wurde im Tagebuch
-durch persönliche Eintragung des Professors mit Nachsitzen belegt, und
-dann ertönte das traditionelle »Zu unterst!«
-
-So rutschte ich Bank um Bank aufwärts, und als es drei Viertel schlug,
--- Sie mögen's nun glauben oder nicht, -- als es drei Viertel schlug,
-war ich, Otto Leberecht Holzheimer, ich, das Opfer mißglückter
-Aoristformen, Primus!
-
-Der Professor bebte am ganzen Leibe.
-
-»Das ist zu viel!« raunte er mit erstickter Stimme. »Ich muß ein
-Exempel statuieren. Die ganze Klasse kann ich nicht einsperren, aber
-schon im Altertum pflegte man rebellische Legionen zu dezimieren ...
-Die sechs Untersten werden mir über Mittag nachsitzen. Primus, Du wirst
-den Pedellen von dieser Verfügung in Kenntnis setzen.«
-
-Und ich, Otto Leberecht Holzheimer, meldete unserem Pedell, die
-sechs Ultimi, darunter zwei der vorzüglichsten Griechen, seien wegen
-ungenügender Leistung mit der empfindlichen Strafe des Herrn Professors
-~in aeternam rei memoriam~ gebrandmarkt worden!
-
-Sehen Sie, geehrter Herr Redakteur, so geht's in der Welt! Der Geist
-siegte über das Fleisch, die deutsche Intelligenz über den griechischen
-Formelkram, der Germanismus über das Welsche, Bismarck über Benedetti,
-Schalk über das Philistertum, und Falk über die Jesuiten. Als deutscher
-Quartaner biete ich Ihnen, dem Gleichgesinnten, Gruß und Handschlag!
-Lassen Sie uns gemeinsam fortstreben im Dienste der echten, der
-geistesbefreienden Humanität!
-
- Mit kollegialischem Gruß
-
- Ihr
- herzlich ergebener
- +Otto Leberecht Holzheimer+.
-
- pr. Adr.: Herrn ~Dr.~ +Friedrich Leberecht Holzheimer+,
- Herzogl. Kreisphysikus und Sanitätsrat
- zu +Meppingen+.
-
-
-
-
-Ein Familienereignis.
-
-
-Es ist eigentümlich, wie schwer sich der Gymnasiast daran gewöhnt, das
-Privatleben seiner Lehrer unbefangen und parteilos ins Auge zu fassen
-und in dem Manne, der da berufen ist, von der Höhe seines Katheders
-den Äschylus zu erklären und Karzerstrafen zu verhängen, ohne störende
-Nebengedanken den Bürger und Staatsbürger zu würdigen. Alles, was
-der Lehrer im Kreise seiner Familie oder innerhalb der menschlichen
-Gesellschaft treibt, gewinnt für den Blick des Gymnasiasten eine
-absonderliche Beleuchtung, und zwar müssen wir zu unserem Bedauern
-konstatieren, daß diese Beleuchtung nur in Ausnahmefällen die einer
-rein menschlichen Sympathie ist. Vielmehr geht das Gymnasiastengemüt
-systematisch darauf aus, jeder Handlung des Gymnasialprofessors, und
-sei sie die indifferenteste und naturgemäßeste, eine komische Seite
-abzugewinnen und übermütige Glossen daran zu knüpfen.
-
-Zu den ernstesten und heiligsten Familienereignissen gehört die
-Vermehrung des Hausstandes durch einen jungen Sprößling. Unter
-normalen Verhältnissen beeilen sich sofort die Verwandten und
-Freunde, das höchlich erfreute Elternpaar zu beglückwünschen, und
-ein Inserat im Tageblatt verkündet auch den entfernteren Gönnern und
-Gesinnungsgenossen, daß die liebe Frau Berta oder Josephine ihren
-Gatten mit einem kräftigen Jungen überrascht habe. Wenn der Gymnasiast
-wirklich ein ethisch tief angelegtes Geschöpf wäre, so müßte ein
-derartiges Vorkommnis in der Familie des Gymnasialprofessors auf die
-ganze Klasse einen erhebenden und läuternden Einfluß ausüben. Aber just
-das Gegenteil ist der Fall ...
-
-In Sekunda und Prima erfreuten wir uns eines Lehrers, der nur darum
-nicht die oben erwähnten Insertionskosten in jedem Semester dreimal
-zu tragen hatte, weil die Natur in diesem Punkte unüberwindliche
-Hindernisse aufgetürmt hat. Aber alljährlich einmal trat die
-beglückende Überraschung doch ein, und die ganze Klasse war dann
-in einer Weise demoralisiert, die mit dem Geist, wie er in einer
-Pflanzstätte des Schönen, Wahren und Guten herrschen soll, schroff
-kontrastierte.
-
-Schon einige Wochen vor dem entscheidenden Tage raunte man sich auf
-allen Bänken das Geheimnis von Doktor Brömmels erneuten Hoffnungen
-zu. Sobald diese Tatsache für ausgemacht galt, beschäftigten wir uns
-während der Unterrichtsstunden Brömmels vornehmlich mit Epigrammen
-und Xenien, denen es oblag, unsere Entdeckung nach ihrer sittlichen,
-kulturgeschichtlichen und nationalökonomischen Seite zu kritisieren.
-
-Eine hervorragende Rolle in diesen rhythmischen Kleinigkeiten spielte
-Niobe, als das Urbild eines überschwenglichen Mutterstolzes. Auch
-Danaos und andere mythische Gestalten woben sich zwanglos in unsere
-Distichen ein. Und da sich mir bei einer tieferen Würdigung der
-Sachlage die Erwägung aufdrängte, wie es Herrn Brömmel dereinst wohl
-gelingen möchte, seine zahlreichen Töchter glücklich und vorteilhaft zu
-verheiraten, so schuf ich, die Ereignisse antizipierend, eine Ballade,
-die mit den Versen anhub:
-
- Herr Brömmel ist von Töchtern
- Allmählich ganz umringt;
- Er denkt und sinnt und dichtet,
- Wie er sie unterbringt.
- Schon sind Amandens Locken
- Mit zartem Grau meliert,
- Und Ostern wird die Jüngste,
- So Gott will, konfirmiert.
-
-Im weiteren Verlauf der Dichtung schob ich nun dem unglücklichen
-Lehrer eine endlose Reihe von Machinationen unter, von denen keine zum
-erwünschten Ziele führt. Da ergreift ihn die helle Verzweiflung. Die
-Hände zum Zeus erhoben, bricht er in die klagenden Worte aus:
-
- O Herr, sieh du in Gnaden
- Auf meiner Töchter Zahl
- Und hilf mir, Allerbarmer,
- In meiner Vaterqual!
-
-Da läßt Zeus seine Donner rollen, und eine vernichtende Stimme ruft dem
-erschrockenen Bittsteller zu:
-
- Was du dir angerichtet,
- Ertrage mit Geduld:
- Hast du zu viele Töchter,
- So bist du selber schuld!
-
-Der Leser wird schon bei der Lektüre dieser wenigen Proben die
-Überzeugung gewinnen, daß unsere Lieblosigkeit einen wahrhaft
-beängstigenden Höhegrad erreicht hatte. Was war indes meine Ballade
-gegen die Xenien Wilhelm Rumpfs oder die Vierzeiler Emanuel Boxers?
-Eines dieser Quatrains lautete z. B.:
-
- Und gibt's ein Zwillingspaar,
- So sind's der Kinder zwei;
- Und gibt's noch eines mehr,
- So sind es ihrer drei.
-
-Ein anderes:
-
- Wie zärtlich strahlt dein Angesicht,
- Und wonnig glüht der Liebe Feuer!
- Doch eines, Kind, bedenkst du nicht:
- Das Geld ist rar, das Leben teuer.
-
-Ein drittes griff die Sache noch ironischer und beißender an. Es
-lautete:
-
- Flocken, Flocken streut der Winter,
- Zahllos wie der Sterne Heer,
- Zahllos wie der Sand am Meer,
- Zahllos wie Herrn Brömmels Kinder.
-
-Oder in knapperer Form:
-
- »Wie ist die Stadt verwaist!«
- Die Brömmels sind verreist.
-
-Ja, selbst ethnographische Streiflichter blitzten aus unseren
-geistsprühenden Epigrammen:
-
- »Das deutsche Volk vermehrt sich flott,
- Und Frankreich senkt beschämt die Fahne ...«
- Kein Wunder das, beim ew'gen Gott!
- Herr Doktor Brömmel ist Germane!
-
-Unter solchen und ähnlichen Perfidien verstrich Woche um Woche, und nun
-ging es ungefähr, wie ich nachstehend verzeichne.
-
-Es war etwa in der Nachmittagsstunde zwischen zwei und drei. Doktor
-Brömmel erging sich gerade in einer ausführlichen Darlegung der
-griechischen Literaturverhältnisse seit dem Tode des Euripides ...
-Plötzlich vernahm man an der Tür des Schulsaales ein schüchternes
-Pochen.
-
-»Herr Professor, es klopft!«
-
-Über die Züge Brömmels flog ein eigentümliches Leuchten.
-
-»So, es klopft?« sagte er mit unsicherer Stimme. »Sehen Sie einmal
-nach, Boxer, wer da ist.«
-
-Boxer ging, um zu öffnen. Im Rahmen der Pforte ward das ernste Haupt
-des Pedells sichtbar.
-
-»Ah, Sie sind es, Quaddler«, sagte der Professor, nur mit Mühe eine
-gewisse Erregung bewältigend. »Was wollen Sie?«
-
-»Herr Professor, Ihr Mädchen ist draußen, Sie möchten doch rasch mal
-nach Haus kommen.«
-
-Durch die versammelte Sekunda ging ein leises, fast unhörbares Murmeln.
-Boxer, der sich wieder auf seinen Platz zurückzog, streckte uns
-bedeutsam die Zunge heraus und zog die Brauen in die Höhe, als wollte
-er sagen: »~Jamjam adest!~« Professor Brömmel aber beauftragte den
-Primus, einstweilen ein Kapitel aus Xenophons Memorabilien übersetzen
-zu lassen, griff hastig nach Stock und Hut und eilte ins Freie.
-
-Sofort bemächtigten wir uns des Pedells.
-
-»Was ist denn los, Herr Quaddler?« riefen wir, eine naive Unkenntnis
-heuchelnd. »Die Frau Professorin ist doch nicht krank geworden?«
-
-Quaddler schüttelte unwillig das Haupt.
-
-»Ach, die Herren Sekundaner müssen immer ihre Possen machen«, sagte er
-ärgerlich. »Sie werden wohl sehr gut wissen, was geschehen ist.«
-
-»Aber wir haben keine Ahnung, bester Herr Quaddler!« riefen wir im Chor.
-
-»Ach, gehen Sie weg, ich kenne das. Seit zwanzig Jahren bin ich Pedell,
-und die Herren Sekundaner haben es noch jedesmal so gemacht.«
-
-»Das ist wohl bis jetzt in jedem Semester passiert?« fragte Boxer.
-
-»Herr Boxer,« sagte Quaddler sehr ernst, »ich muß mir gütigst erlauben,
-zu vermerken, daß ich unmöglich zugeben kann, wo es sich um den Respekt
-handelt, und wofern Sie immer so Narrenspossen im Kopfe haben!«
-
-»Aber ich frage ja nur, -- ereifern Sie sich doch nicht! Also es ist
-wirklich was Kleines?«
-
-Quaddler wurde jetzt ungemütlich.
-
-»Wenn Sie meinen, Sie können hier Ihren Spott mit mir treiben, so muß
-ich mir ergebenst zu vermerken erlauben, daß Sie gütigst im Irrtum
-sind. Wenn der Herr Professor zurückkommen, werde ich vermelden, was
-vorgefallen ist.«
-
-»Was? Er droht?« rief jetzt eine Stimme von den hinteren Bänken.
-
-»'naus! 'naus!« donnerte eine zweite.
-
-Quaddler richtete sich hoch auf.
-
-»'naus, sagen Sie? 'naus? Wissen Sie was, wenn Sie mir so kommen und
-'naus sagen, dann gehe ich.«
-
-Und hiermit machte er kehrt und verschwand im Korridor.
-
-Jetzt brach ein unendlicher Jubel los. Einer von uns bestieg den
-Katheder und machte seine Mitschüler in einer kurzen Ansprache auf
-das Wichtige und Erhebende des Momentes aufmerksam. Am Schluß dieser
-Rede betonte er die Notwendigkeit, dem gefeierten Lehrer durch eine
-möglichst glänzende und einstimmige Demonstration die Teilnahme der
-Sekunda an dem freudigen Ereignis recht unmittelbar auszudrücken. Nach
-längeren Debatten ward der Beschluß gefaßt, Herrn Brömmel des anderen
-Tages bei seinem Erscheinen im Lehrzimmer ein großes Bukett und eine
-~ad hoc~ zu verfertigende lateinische Ode zu überreichen. Da wir nichts
-Besseres zu tun hatten, so gingen unsere berufensten Lateiner sofort
-ans Werk, das projektierte Festgedicht in seinen Umrissen zu Papier zu
-bringen. Sechs oder sieben Entwürfe gelangten zur Verlesung. Es fand
-sich da eine reiche Auswahl der wunderbarsten und überraschendsten
-Wendungen. Eine dieser Hymnen begann mit den Worten:
-
- ~Praeceptori nostro caro,
- Viro justo ac praeclaro,
- Ridet Zeus haud ita raro --~
-
-eine Strophe, deren Schlußwendung nicht der Grazie entbehrt. Ich selbst
-hatte eine tiefempfundene Ode verfaßt, die mit dem Ausrufe begann:
-
- ~Iterum iterumque ...~
-
-Sie wurde jedoch von der Majorität meiner Kameraden als zu
-karzergefährlich abgelehnt.
-
-Des anderen Tages mit dem Glockenschlag neun trat Doktor Brömmel
-nicht ohne eine gewisse Befangenheit in das Schulzimmer. Sofort erhob
-sich der Primus von Obersekunda und streckte die Rechte wie zum
-Eidschwur nach der Decke. Auf dieses verabredete Signal brach die ganze
-Klasse in ein stürmisches Hoch aus: Hoch! und abermals Hoch! und zum
-drittenmal Hoch! Doktor Brömmel wußte nicht, ob er danken oder eine
-Untersuchung einleiten sollte. Ehe er sich jedoch über dieses Dilemma
-entschieden hatte, trat unser bester Redner aus den Bänken, schritt,
-in der Linken das riesige Bukett, in der Rechten die auf sauberes
-Velinpapier geschriebene Ode haltend, nach dem Katheder hin und begann
-seine Deklamation. Das Festgedicht war so eingerichtet, daß nach jeder
-achtzeiligen Strophe der Chor einfallen mußte, was denn auch jedesmal
-bestens besorgt wurde. Herr Doktor Brömmel schwankte während der ganzen
-Zeremonie fortwährend zwischen den verschiedenartigsten Stimmungen hin
-und her. Einmal biß er sich so entschieden auf die Lippe und legte die
-geballte Faust auf die Kathederfläche, daß wir unbedingt überzeugt
-waren, er würde die ganze Klasse wegen Komplotts beim Lehrerkollegium
-anzeigen; dann aber, unseren heiligen Ernst wahrnehmend, lächelte
-er still vor sich hin und gedachte an Berta, die ja in der Tat, die
-ja wirklich, die ja genau so, wie es in dem Festgedicht hieß, sein
-Haus mit Freude und Segen erfüllt hatte. Im stillen aber mochte er
-Gott danken, daß der ganze Umfang seines Glückes den Schülern zurzeit
-noch verborgen geblieben war. Hätten wir gewußt, daß sich das oben
-mitgeteilte Quatrain Boxers verwirklichen sollte, hätten wir geahnt,
-daß die Welt um +zwei+ junge Brömmels reicher geworden war: wir würden
-ohne Zweifel zwei Redner ins Feld gesandt, zwei Oden gedichtet und zwei
-Buketts überreicht haben, eine Huldigung, deren unverkennbare Komik
-die Reserve, mit welcher Doktor Brömmel uns jetzt anhörte, unmöglich
-gemacht hätte.
-
-Nachdem unser Spruchvermelder seine Aufgabe erledigt hatte, sagte
-Doktor Brömmel mit gemessener Freundlichkeit: »Ich danke Ihnen. Wir
-wollen uns durch diesen Zwischenfall indessen nicht weiter stören
-lassen und unsere Arbeit da wieder aufnehmen, wo wir sie unterbrochen
-haben.«
-
-Es dauerte zwei Tage, bis wir erfuhren, daß die Sonne des Brömmelschen
-Hauses in das Zeichen der Zwillinge getreten war. Jetzt aber kannte
-die Flut der Epigramme, Distichen und Quatrains keine Grenzen mehr.
-Boxer verfertigte allein an zweihundert Vierzeiler, und da wir seine
-Aperçus in hohem Grade originell fanden, so beschlossen wir, dieselben
-auf gemeinschaftliche Kosten drucken zu lassen. Gedacht, getan. Jeder
-von uns bekam zwei Exemplare der köstlichen Sammlung: die übrigen
-zerschnitten wir in kleine Streifen, und zwar so, daß jedesmal
-ein Quatrain durch diese Teilung isoliert wurde, und verstreuten
-die eigentümlichen Bonbonzettel kurz vor dem Beginne der nächsten
-Brömmelschen Lehrstunde im Schulzimmer und insbesondere auf dem
-Katheder.
-
-Brömmel erschien wie gewöhnlich mit einer gewissen Schüchternheit. Der
-Soldat mag noch so oft den Donner der Schlachten gehört haben: beim
-Beginn des Gefechts verspürt er immer ein gewisses Unbehagen, das er
-erst nach und nach im Laufe des Treffens bemeistern lernt.
-
-Auf dem Katheder angelangt, bemerkte Brömmel zu seiner größten
-Überraschung, daß man seinen Ehrenplatz heute in höchst eigentümlicher
-Weise dekoriert hatte. Er runzelte die Stirn und wollte sich eben
-erkundigen, »wer sich einen so witzlosen Streich erlaubt habe«, als
-sein Blick auf dem Namen Brömmel haften blieb, der sich in großen
-Buchstaben aus dem typographischen Karree einer sauber ziselierten
-Strophe hervorhob. Der Schulmann sah näher zu und vermochte nur mit
-Mühe einen Ausruf des Entsetzens zu unterdrücken.
-
-»Sehr gut, sehr gut!« stöhnte er nach einer Weile, heftig die Nüstern
-blähend. »Und wer ist der saubere Kamerad, der sich dieser wohlfeilen
-Späße erfrecht? Er möge sich nennen, der Feigling, damit ich ihm zeigen
-kann, was einem solchen ehrlosen Streiche gebührt!«
-
-In den Räumen der Sekunda herrschte lautlose Stille.
-
-»Nun, will sich der wohl melden, der mir diese schmutzigen Wische da
-auf den Katheder gelegt hat? Ich frage nicht zum dritten Male!«
-
-Über den Subsellien brütete eine unheimliche Grabesruhe. In der Tat
-hatten wir keine Veranlassung, der Aufforderung des Herrn Professors
-nachzukommen, da er uns so energisch versicherte, zum drittenmal würde
-er nicht fragen.
-
-»So!« rief Brömmel nach einer längeren Pause, furchtbar die Augen
-rollend; »der will sich also nicht melden? Gut! Sehr gut! So werde ich
-die ganze Klasse über Mittag hier behalten!«
-
-Jetzt erhob sich auf den hinteren Bänken ein Brummen des Unwillens,
-dem sich bald ein sehr dezidiertes Scharren mit den Stiefelabsätzen
-zugesellte.
-
-»Was? Brummen wollen Sie? Scharren wollen Sie? Kindsköpfe, die Sie
-sind! Ich werde Ihnen einmal einen Quartaner herauf holen, der soll
-Ihnen sagen, was Lebensart ist!«
-
-Gelächter auf allen Bänken.
-
-Jetzt riß Herrn Brömmel die Geduld. Er eilte mit großen Schritten
-auf Boxer zu, den er in dem begründeten Verdacht hatte, einer der
-Haupträdelsführer bei jedem Skandal zu sein, und rief mit Donnerstimme:
-
-»Sie sind mir für diesen himmelschreienden Unfug verantwortlich!
-Entweder Sie machen mir den Schuldigen ausfindig, oder ich sperre Sie
-vier Tage auf den Karzer.«
-
-»Meinen Sie mich?« lächelte Boxer mit der Unschuld eines
-vierzehnjährigen Mädchens.
-
-»Ja, Sie! Ich sehe Ihnen an, daß Sie die ganze Geschichte angestiftet
-haben! Kein Wort mehr!«
-
-»Aber, Herr Doktor, ich versichere Sie, daß ich keine Ahnung habe, um
-was es sich eigentlich handelt. Gebrummt habe ich diesmal nicht, und
-wegen Nichtbrummens zu brummen fällt mir gar nicht ein.«
-
-»Lassen Sie Ihre schlechten Witze, sonst werden Sie Ihre Lage nur noch
-verschlimmern! Wollen Sie mir kurz und bündig gestehen, was Sie von der
-Sache wissen?«
-
-»Von welcher Sache, Herr Doktor? Gebrummt habe ich nicht, denn ich
-sitze viel zu weit vorn, und gescharrt habe ich auch nicht, denn ich
-habe heut' Stiefel an, die mir so eng sind, daß ich keinen Fuß rühren
-kann. Also wovon soll ich wissen?«
-
-»Mensch, Sie verstellen sich in einer Weise, die geradezu empörend ist.
-Ich frage Sie, was wissen Sie über den Autor der schamlosen Pasquille,
-die man mir dort auf den Katheder gelegt hat?«
-
-»Erlauben Sie einmal«, sagte Boxer, nach dem Katheder eilend. -- Er las
-mit halblauter Stimme:
-
- »O lieber Gott, in jedem Jahr
- Ein frisch besohltes Zwillingspaar ...«
-
-»Behalten Sie diese Dummheiten für sich, und gehen Sie auf Ihren Platz
-zurück!« schrie Brömmel mit steigender Erbitterung.
-
-Boxer raffte die Zettel, die auf dem Katheder lagen, zusammen und
-steckte sie in die Brusttasche.
-
-»Wenn Sie mir drei Tage Zeit lassen,« sagte er harmlos, »so wird es
-mir nicht schwer halten, den Urheber zu ermitteln. Ich gehe einfach
-bei allen Druckereien der Stadt herum und erkundige mich, in welcher
-Offizin diese Zettel gedruckt worden sind. Das ist das einfachste und
-sicherste Mittel.«
-
-»Das werden Sie bleiben lassen«, versetzte Brömmel energisch. »Wollen
-Sie Ihren Impertinenzen die Krone aufsetzen und diese Sudeleien
-womöglich noch ins Tageblatt befördern? Geben Sie her!«
-
-Boxer nahm jetzt die Stellung ein, die Lessing auf seinem berühmten
-Gemälde dem Johann Huß zuerteilt hat.
-
-»Herr Professor,« sagte er, »das ist eine schreiende Ungerechtigkeit!
-Sie bedrohen mich mit einer mehrtägigen Karzerstrafe, falls ich Ihnen
-den Schuldigen nicht namhaft mache, und dabei suchen Sie mir die Mittel
-zu entziehen, die allein geeignet sind, mir die gewünschte Entdeckung
-zu ermöglichen. Herr Professor, Sie werden entschuldigen, wenn ich mich
-damit nicht beruhigen kann. Ganz ergebenst bitte ich um die Erlaubnis,
-sofort zum Herrn Direktor gehen zu dürfen. Ich werde ihm die ganze
-Angelegenheit vortragen und diese Zettel zur Verfügung stellen. Der
-Herr Direktor mag dann selbst entscheiden, ob ich dafür verantwortlich
-bin, wenn andere etwas von Zwillingen schreiben. Außerdem habe ich
-niemals gehört, daß Zwillinge ein Schimpfwort wäre.«
-
-Brömmel sah jetzt sehr wohl ein, daß er sich in eine Sackgasse verrannt
-hatte. Er wäre lieber gestorben, ehe er zugegeben hätte, daß der
-Direktor diese schnöden Machwerke der mißratenen Sekundaner zu Gesicht
-bekäme. Was konnte es frommen, wenn die offizielle Folge einer solchen
-Wendung der Dinge wirklich für Boxer und Genossen verhängnisvoll
-ward? Privatim hätte der Direktor sich doch köstlich amüsiert und
-nicht verfehlt, im Klub und auf den öffentlichen Bierkellern, die
-er mit Vorliebe frequentierte, das Ereignis zum besten zu geben,
-ganz abgesehen davon, daß Brömmel sich dem Direktor gegenüber selbst
-unter vier Augen nicht kompromittieren wollte. Der Zwist wurde also
-beigelegt, Boxers Unschuld in ihrem vollen Umfange anerkannt und von
-einer weiteren Untersuchung Abstand genommen, weil, wie Doktor Brömmel
-sich ausdrückte, die ganze Sache eigentlich zu erbärmlich war, um ein
-Wort darüber zu verlieren.
-
-»Ich bitte mir übrigens aus,« fügte er hinzu, als er wieder auf dem
-Katheder Platz nahm, »daß Sie die Wische da unverzüglich vernichten.
-Sekunda stellt sich durch solche Lächerlichkeiten ein ~testimonium
-paupertatis~ aus, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Haben
-Sie nichts Besseres zu tun, als Ihre Zeit mit solchen unlauteren
-Reimereien zu vertrödeln? Schämen Sie sich in Ihre Seelen hinein! Wenn
-Sie so fortfahren, so werden Sie über kurz oder lang moralisch zugrunde
-gehen, -- denken Sie an mich! Ohne echten sittlichen Ernst ist eine
-gedeihliche Entwickelung des Menschen nicht denkbar, und wenn Sie
-noch so glänzende Fortschritte in den Wissenschaften machen, was ich
-nicht gerade behaupten kann, so würden Sie doch niemals zu wahrhaften
-Männern heranreifen, falls der frivole Geist, wie er seit einiger Zeit
-in dieser Klasse herrscht, einen dauernden Einfluß behaupten sollte.
-Wahrlich, es ist weit gekommen, wenn nicht einmal mehr das Privatleben
-des Lehrers vor den Ungezogenheiten einer charakterlosen Schuljugend
-sicher ist. Aber das kommt von dem oberflächlichen und leichtfertigen
-Lebenswandel, dem sich die meisten jungen Leute von heutzutage leider
-schon sehr, sehr früh zu ergeben pflegen! Es ist ein wahres Unheil,
-wenn sich in der Stadt, wo die Gymnasien ihr Zelt aufgeschlagen haben,
-gleichzeitig eine Universität befindet. Verlassen Sie sich darauf,
-ich werde Ihnen auf die Finger sehen! Erfahre ich jemals wieder,
-daß einer von Ihnen an Zechgelagen teilgenommen hat, so lasse ich
-keine Milderungsgründe gelten: ich trage unbedingt auf Relegation
-an. Es sind Leute unter Ihnen, die gar nicht wissen, was sie sich
-und der bürgerlichen Gesellschaft als Mitglieder eines öffentlichen
-Erziehungsinstitutes schuldig sind. Das muß anders werden. Boxer, an
-Sie wende ich mich speziell. Sie sind mir wiederholt als derjenige
-bezeichnet worden, der bei allen nichtsnutzigen Streichen das große
-Wort führt. Ich rate Ihnen in aller Freundschaft, bessern Sie sich,
-sonst nimmt es kein gutes Ende mit Ihnen. Wahrlich, Ihr vortrefflicher
-Herr Vater hat es nicht um Sie verdient, daß Sie in dieser Weise seinem
-Namen Unehre machen.«
-
-Boxer erhob sich mit der Miene eines tödlich Beleidigten.
-
-»Herr Professor,« stammelte er mit gut gekünstelter Aufregung, »das hat
-mir noch niemand gesagt. Und was meinen Vater betrifft, so hat er erst
-gestern in meiner Gegenwart geäußert, ich sei der Stolz der Familie.
-Ich kann das durch Zeugen erhärten, und in der Tat wüßte ich auch
-nicht, inwiefern ich ihm die mindeste Unehre machte. Ich habe bis jetzt
-noch immer die besten Aufsätze geschrieben, und meine Zensuren lauten,
-bis aufs Betragen, stets günstig.«
-
-»Setzen Sie sich! Ich weiß besser, was Ihr Herr Vater über Sie denkt,
-und sollte er wirklich im Zweifel sein, wie es um seinen Sohn bestellt
-ist, so werde ich ihm bei nächster Gelegenheit einmal gründlich die
-Augen öffnen.«
-
-Boxer setzte sich, und der Unterricht nahm seinen Anfang.
-
-Als aber Doktor Brömmel den Lehrsaal verlassen hatte, sanken sich
-die Sekundaner gegenseitig in die Arme und jauchzten vor Wonne und
-Seligkeit.
-
-»Ach,« klang es von Mund zu Mund, »der Himmel gebe, daß die Brömmelina
-bald wieder Zwillinge bekommt!«
-
-
-
-
-~Knebelii discipuli Threnodia.~
-
-
- ~Si omnes mundi homines,
- Quae amant, iis non carerent,
- Praeclara vitae esset spes,
- Nam qui timores nos terrerent?~
-
- ~Perpetuo vellem bibere,
- Sed saccus mi repletus raro!
- O Deus, pater optume,
- Quor fato utor tam amaro?~
-
- ~Quor gulam mi tam aridam,
- Tam vini cupidam dedisti,
- Si, quibus flammas opprimam,
- Pecunias dare omisisti?~
-
- ~Ad ultimum me rediges:
- Haud justum mi parasti sortem!
- Mehercle! Quae mi cunque des, --
- Aut dabis aes, aut dabis mortem!~
-
-
-
-
-Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer.
-
-
-Erstes Bruchstück.
-
- ... Am 24. Februar 18**
-
-Womit soll ich zunächst anfangen? -- Es klingt eigentümlich, aber
-es ist nichtsdestoweniger wahr: jeder Anfang hat für mich etwas
-Peinliches. Bei meinen deutschen Aufsätzen hocke ich oft stundenlang
-und kaue an der Feder, ohne zu wissen, wie ich dem Dinge beikommen
-soll. Gewöhnlich helfe ich mir dann dadurch, daß ich mich nach einem
-geeigneten Zitat umsehe und dasselbe als Motto oben rechts in die Ecke
-schreibe. Hieran läßt sich dann gewöhnlich in ungezwungener Weise
-anknüpfen, indem man etwa fortfährt wie nachstehend:
-
-»Der große Dichter, dem wir diese Worte entlehnen, hat ohne Zweifel
-dabei die hochwichtige Frage im Auge gehabt, deren Behandlung mir heute
-von Amts wegen obliegt.«
-
-Es ist mir bis jetzt noch stets gelungen, den erforderlichen Nachweis
-zu liefern, zumal wenn das Zitat von Schiller war, dessen Aussprüche
-das Angenehme haben, daß sie für alle Verhältnisse des Lebens gleich
-brauchbar sind. Ich will also dieser meiner angestammten Gewohnheit
-auch heute nicht untreu werden und mein Tagebuch mit den herrlichen
-Worten aus Schillers Glocke einleiten:
-
- Von der Stirne heiß
- Rinnen muß der Schweiß.
-
-Dies ist nämlich die Ansicht meines Mitschülers Leopold Hutzler,
-der in der Nähe des Fensters sitzt und durchaus nicht leiden kann,
-wenn man auch nur ein kleines Quadratchen öffnet, um frische Luft
-hereinzulassen. Wie zu Eingang notiert, ist es noch Februar, und die
-Witterung läßt manches zu wünschen übrig. Wir besitzen nun einen
-Lehrer, der zum Schlagfluß neigt und vor Kongestionen fast umkommt,
-wenn alles geschlossen ist. Kaum tritt er ins Zimmer, so ruft er mit
-seiner dröhnenden Baßstimme: »Schwarz, machen Sie mal 's Fenster auf!«,
-und Schwarz tut, wie geheißen. Bis zum 20. Februar ging die Sache auch
-ihren stillen, friedlichen Gang. An diesem Tage aber gelangten die
-~exercitia pro loco~ zur Verteilung, und Hutzler, der ein Feind aller
-Zugluft ist, kam in die Nähe des Fensters zu sitzen ...
-
-Doktor Perner ließ wie gewöhnlich oben die Klappe öffnen und wollte
-eben seinen Vortrag beginnen, als der stramme Hutzler sich von seinem
-Platze erhob und mit aufgestelltem Rockkragen und frostschauernder
-Stimme in die geflügelten Worte ausbrach:
-
-»Herr Doktor, es zieht so!«
-
-Doktor Perner wird nun jedesmal nervös, wenn jemand behauptet,
-es ziehe. Er sagt, das sei Einbildung, und wenn die Bewegung der
-atmosphärischen Luft die Gesundheit schädige, so könne kein Mensch
-mehr über die Straße gehen, ohne eine Rippenfellentzündung oder die
-Diphtheritis zu bekommen.
-
-»So, es zieht Ihnen?« erwiderte er in wegwerfendem Tone. »Wie alt sind
-Sie eigentlich?«
-
-»Im nächsten Januar werde ich siebzehn!« entgegnete Hutzler mit Würde.
-
-»Und demungeachtet zieht es Ihnen? -- Nun, dann ist es die höchste
-Zeit, daß Sie endlich einmal dieses Vorurteil ablegen. Setzen Sie sich,
-das Fenster bleibt auf!«
-
-Hutzler zog den Rockkragen noch höher, setzte sich nicht und sagte mit
-männlicher Festigkeit:
-
-»Herr Doktor, der Arzt hat es mir dringend verboten, mich der Zugluft
-auch nur auf wenige Minuten auszusetzen. Ich bitte um die Erlaubnis,
-meinen Platz wechseln zu dürfen!«
-
-»Meinetwegen«, sagte der Doktor Perner mit einem geringschätzigen
-Achselzucken. -- »Hanau, wechseln Sie einmal mit dem Hutzler den
-Platz!«
-
-»Herr Doktor,« sagte Hanau, »ich bin erst gestern wiedergekommen und
-neige sehr zum Katarrh. Es wäre vielleicht doch besser, wenn wir das
-Fenster zumachten.«
-
-»Seien Sie still! Gildemeister, setzen Sie sich dort an das Fenster!«
-
-Gildemeister hustete dumpf, und es klang wie ein Bierfaß.
-
-»Wenn Sie erlauben,« sagte er mit heiserer Stimme, »so möchte auch ich
-hier auf meinem Platze bleiben. Ich habe jetzt schon acht Senfpflaster
-verbraucht, um meinen Luftröhrenkatarrh los zu werden, und bin immer
-noch nicht damit zustande gekommen.«
-
-»Gut,« sagte Doktor Perner jetzt stirnrunzelnd, »so bleiben Sie, wo Sie
-sind. Wenn es dem Hutzler zieht, so mag er seinen Paletot umhängen.«
-
-»Wenn ich meinen Paletot umhänge, so wird mir's zu warm, und dann
-erkälte ich mich erst recht.«
-
-»Meinetwegen erkälten Sie sich sechsmal.«
-
-»Nun, Sie werden ja sehen, was Sie anrichten, Herr Doktor«, sagte
-Hutzler gekränkt. -- »Ich merke jetzt schon einen eigentümlichen Kitzel
-im Halse, und so fängt es bei mir jedesmal an.«
-
-Mit diesen Worten begann er zu hüsteln.
-
-Ich muß nun an dieser Stelle bemerken, daß Hutzler einer unserer
-gesundesten Schüler ist. Wie oft hat der Direktor Samuel Heinzerling
-ihm die vernichtenden Worte zugerufen: »Schwächläch! Sä, schwächläch?
-Non, hären Sä änmal, Hutzler, äch wollte, jäder Mänsch onter der Sonne
-wäre so schwächläch wä Sä! Faul sänd Sä, aber nächt schwächläch!« Es
-handelt sich bei der ganzen Opposition Hutzlers lediglich um das, was
-man eine parlamentarische Unterbrechung nennt. Er will in die Monotonie
-der Lehrstunden eine gewisse Frische und Abwechslung bringen. Aus
-diesem Gesichtspunkte wird uns auch die Weigerung der beiden erwähnten
-Mitschüler begreiflich.
-
-Der Lehrer begann nun den Unterricht, und Hutzler, das Haupt trotzig
-in die Hand gestützt, bereitete sich zur Fortsetzung seiner planvoll
-erwogenen Störung vor.
-
-Als es ein Viertel schlug, hustete er dreimal tief auf und stöhnte
-dann, als ob sich ihm die Luftröhre krampfhaft zusammenschnüre. Fünf
-Minuten später hatte sein Husten einen so dröhnenden Charakter
-angenommen, daß es Herrn Doktor Perner unmöglich war, den Unterricht
-fortzusetzen.
-
-Er hielt einen Augenblick inne.
-
-»Sind Sie nun bald fertig?« rief er, die Augen rollend, während er das
-Buch heftig wider die Platte des Katheders stieß.
-
-Hutzler hustete noch lauter, und so natürlich, daß ich noch heute nicht
-begreife, wie er diese gewaltigen Erschütterungen seines Kehlkopfes
-zuwege bringen konnte, ohne ernstlich Schaden zu nehmen.
-
-»Hutzler!« schrie Doktor Perner außer sich.
-
-Jetzt trat in dem trefflich erkünstelten Anfalle eine Pause ein.
-Hutzler erhob sich.
-
-»Herr Doktor, darf ich nun vielleicht das Fenster da zumachen?«
-
-»Das Fenster bleibt auf! Sie sollten sich schämen, auf so pöbelhafte
-Weise etwas erzwingen zu wollen, was ich Ihnen grundsätzlich verweigern
-muß.«
-
-Kaum hatten diese Worte Hutzlers Trommelfell erreicht, als er sofort
-wieder zu husten begann, und zwar so krachend und klirrend, daß ich
-jeden Augenblick meinte, die Brust müsse ihm zerspringen.
-
-»Ich lasse Sie sofort nach dem Karzer führen!« rief Doktor Perner,
-außer sich vor Zorn. »Wenn Sie so empfindlich sind gegen jede
-erbärmliche Kleinigkeit, so wickeln Sie sich in Watte! Ich meinesteils
-dulde nicht, daß man in meinen Lehrstunden solche Komödien aufführt.«
-
-»Komödien?« hustete Hutzler. »Wenn ich erkältet bin, werde ich
-doch wohl noch husten dürfen? ... Hätten Sie beizeiten das Fenster
-geschlossen ...«
-
-»Sie sind einer der frechsten Gesellen, die mir noch jemals
-vorgekommen. Gehen Sie nach Hause und ziehen Sie sich wärmer an! Ich
-bin es müde, mich fortwährend mit Ihnen herumzuzanken!«
-
-»Recht gern«, hustete Hutzler. »Hätte ich gewußt, daß es hier so ziehen
-würde, so wäre ich von Anfang an in einem wärmeren Kostüm erschienen.«
-
-Hutzler wohnt nur drei Schritte vom Gymnasium entfernt. Er ging, und
-Doktor Perner setzte seinen Vortrag fort. Es dauerte ungefähr zehn
-Minuten. Dann erschien der treffliche Leopold wieder in der Tür, und
-mit einem Male herrschte in Sekunda ein Leben, dessen reizende,
-überschwängliche Ausgelassenheit sich nicht in Worte kleiden läßt.
-Zuerst erscholl ein dreisalviges Gelächter; dann ein dumpfes Geheul,
-wie es die Rothäute bei ihren Angriffen auf die Weißen auszustoßen
-pflegen; dann ein Klatschen, Pfeifen, Scharren, Trappeln und Rütteln,
-daß mir selbst, der ich doch an das Schlimmste gewöhnt bin, fast Hören
-und Sehen verging. Hanau und ich hoben in der allgemeinen Verwirrung
-unseren Tisch ungefähr drei Zoll hoch über den Boden und ließen ihn
-dann mit aller Wucht aufdonnern, so daß der Staub wie Opferrauch nach
-der Decke stieg.
-
-Es war dies nur eine verdiente Huldigung an die Adresse unseres
-liebenswürdigen Kameraden Hutzler.
-
-Ahnst Du, o Genius meines Tagebuches, +wie+ Hutzler im Schulzimmer
-erschien? Hinten auf den Rücken und vorn vor den Bauch hatte er sich
-vermittelst roter Schnüre zwei Federkissen gebunden. An den Füßen trug
-er die großen Reisepelzstiefel seines Vaters; zwei Müffe, die seinen
-beiden Schwestern angehörten, dienten ihm als Pulswärmer, und um den
-Hals trug er in unzähligen Windungen einen halbzölligen Hanfstrick, wie
-ihn die Packer beim Aufwinden der Warenballen benutzen.
-
-Doktor Perner stand wie versteinert, während Hutzler sich ganz gelassen
-anschickte, seinen Platz einzunehmen.
-
-»Halt!« schrie der Professor. »Keinen Schritt weiter! Denken Sie etwa,
-Sie befinden sich hier in einer Bierkneipe?«
-
-»Gewiß nicht, Herr Doktor!« entgegnete Hutzler ehrerbietig. »So viel
-ich weiß, befinde ich mich in Sekunda.«
-
-»Schweigen Sie! Ihr Zynismus übersteigt alle Begriffe. Sofort
-entledigen Sie sich dieses Unrats und verfügen sich nach dem Karzer!«
-
-»Welchen Unrates, Herr Professor?«
-
-Doktor Perner war außer sich, er trat auf den Schüler zu und faßte ihn
-an dem Strick, der um seinen Hals lag.
-
-»Hier, dieses nichtswürdigen Tandes!« schrie er, daß uns allen die
-Ohren gellten.
-
-»Ach so,« sagte Hutzler, »es ist ja wahr, da wollte ich Sie noch ganz
-ergebenst um Entschuldigung bitten. Meine beiden wollenen Halstücher
-sind in der Wäsche, und Mutter wollte mir das ihrige nicht hergeben.
-Da meinte der Vater, so ein Strick sei auch nicht zu verachten, und es
-käme ja nicht darauf an, wie es aussehe, wenn es nur warm hielte. Aber
-wenn Sie meinen, es wäre unziemlich, so bin ich gern bereit, ihn wieder
-abzulegen.«
-
-Mit diesen Worten begann er, das halbzöllige Seil von seinem Halse
-loszuwickeln.
-
-In immer größeren Kreisen fegte der hanfgeflochtene Radius um Hutzlers
-Kopf, und jetzt fehlte nicht viel, und die Spitze hätte den Professor
-ernstlich in seiner Integrität verletzt. Ich gebrauche hier Integrität
-als Euphemismus, da es mir nicht wohl ansteht, diejenigen Teile des
-Doktor Perner namhaft zu machen, die von dem wuchtigen Strick Hutzlers
-zunächst bedroht wurden.
-
-»Mensch!« rief Doktor Perner wutschnaubend, indem er das Ende des
-Strickes ergriff und daran zerrte. »Das sollen Sie mir büßen!«
-
-Hutzler bemühte sich, die Augen zu verdrehen und zwischen den Lippen
-die Zunge sichtbar werden zu lassen.
-
-»Herr Doktor!« stöhnte er mit verlöschender Stimme, nach rechts und
-links mit den Armen in die Luft greifend. »Ich ersticke! Ich ersticke!«
-
-Doktor Perner ließ los. Hutzler reckte seinen Hals und begann, ihn
-vollends auszuwickeln.
-
-»Nun, was zögern Sie noch?« rief der Lehrer, indem er mit der rechten
-Hand nach der Tür deutete. »Losgeschnallt! sage ich, und dann hinauf!
-Vor nächstem Montag kommen Sie mir nicht wieder herunter!«
-
-»Also weil ich mich Ihrer ausdrücklichen Anordnung entsprechend etwas
-wärmer gekleidet habe, belegen Sie mich mit Karzerstrafe?« sagte
-Hutzler, gleich darauf in einen erneuten Hustenanfall ausbrechend.
-»Erlauben Sie, Herr Doktor, ist der Karzer geheizt?«
-
-»Der Pedell wird das Nötige besorgen«, entgegnete Doktor Perner.
-»Schwarz, bestellen Sie einmal, daß Nummer fünf geheizt wird. Und jetzt
-bringen Sie sich unverzüglich in eine anständige Verfassung. Diese
-schamlosen Wülste hier dulde ich nicht!«
-
-»Aber, Herr Doktor, es sind ja zwei Kopfkissen! Meine Mutter hält
-so viel auf ihr Weißzeug, die würde sich schön wundern, wenn sie
-erführe ...«
-
-»Kein Wort mehr, oder ich vergesse mich!«
-
-Hutzler schwieg und begann, seine Kissen loszuschnallen. Mit einemmal
-stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Die Naht war geplatzt, und
-eine Flut von Federn ergoß sich in das Schulzimmer.
-
-Wir andern eilten sofort hinzu, um die kostbaren Daunen aufzulesen, und
-bald wirbelte es rings wie Schneeflocken.
-
-Doktor Perner machte vergebliche Anstrengungen, die Ordnung
-wiederherzustellen. Gelles Geheul derjenigen, die in dem Tumult
-umgestoßen wurden und auf den Boden zu liegen kamen, mischte sich unter
-die Wehklagen Hutzlers, der sich nicht genug tun konnte in elegischen
-Ausrufen und Seufzern.
-
-»Ach, was wird meine Mutter sagen! Das kommt davon, daß ich das so
-aufschnallen mußte. Hätte ich die Kissen ruhig anbehalten, dann wären
-sie nicht entzwei gegangen. Ach, und jetzt zieht es wieder, und die
-Federn kommen mir in den Hals. Herr Doktor, erlauben Sie mir, nach
-Hause zu gehen. Ich fühle mich sehr, sehr unwohl!«
-
-»Gehen Sie!« rief Doktor Perner in ohnmächtigem Zorn.
-
-Hutzler ließ sich die Sache nicht zweimal sagen. Hastig raffte er
-seine Kissen zusammen, ergriff den Strick an einem Ende und schritt
-majestätisch zur Tür hinaus, sein improvisiertes Halstuch wie eine
-Schlange hinter sich herziehend. Wir übrigen vergnügten uns den Rest
-der Stunde hindurch damit, daß wir die Flaumfedern, die rings durch
-das Zimmer wirbelten, geschickt in die Höhe bliesen, wodurch ein
-ununterbrochenes Schneegestöber entstand, das mir viel Spaß machte.
-Doktor Perner ließ in das Tagebuch einschreiben, es habe dem Hutzler
-in kindischer Weise gezogen; auch sei derselbe mit einem Strick
-um den Hals im Lehrzimmer erschienen und habe sich die frechsten
-Störungen erlaubt. Der Eintrag schloß mit dem Vermerk einer zweitägigen
-Karzerstrafe. Hutzler war indes klug genug, die nächsten acht Tage
-wegen Unwohlseins zu fehlen. Erst am folgenden Sonnabend kam er wieder,
-und am Dienstag darauf fragte ihn Doktor Perner, ob er die Strafe
-abgesessen habe.
-
-»Ich?« sagte Hutzler erstaunt.
-
-»Ja, Sie! Antworten Sie mir!«
-
-»Aber, Herr Doktor, Sie haben mir die zwei Tage ja geschenkt!«
-entgegnete Hutzler, tief beleidigt.
-
-»So? Davon weiß ich kein Wort!«
-
-»Doch, Herr Doktor!« wagte ich jetzt schüchtern zu bemerken.
-
-»Ja, Herr Doktor!« riefen zwei, drei Stimmen aus dem Hintergrunde. »Am
-vorigen Sonnabend haben Sie gesagt: Nun, für diesmal will ich es Ihnen
-noch erlassen, aber in Zukunft geht es Ihnen schlecht, das gebe ich
-Ihnen schriftlich!«
-
-Doktor Perner begann bei dieser bestimmten Formulierung unserer Lüge
-stutzig zu werden. Vielleicht auch schien es ihm das geratenste, mit
-Hutzler Frieden zu schließen. Daher sagte er geringschätzig:
-
-»Nun, es mag gut sein. Wenn ich es denn einmal gesagt habe, so will
-ich nicht weiter darauf bestehen. Aber das sage ich Ihnen: kommt mir
-wieder einmal etwas Ähnliches vor, so ist es alle mit uns. Überhaupt
-konstatiere ich seit einiger Zeit das Überhandnehmen eines Geistes,
-der den Zwecken dieser Anstalt schnurstracks zuwiderläuft. Es herrscht
-hier statt des wissenschaftlichen Ernstes eine läppische Puerilität,
-die mich anwidert. Ich bin auch einmal jung gewesen und habe mich
-meines Lebens gefreut, aber ich würde noch jetzt schamrot werden, wenn
-ich mir jemals eine so kindische Haltung hätte vorwerfen müssen, wie
-sie Ihnen zur zweiten Natur geworden ist. Bessern Sie sich, ich rate
-es Ihnen im guten. Ostern steht vor der Tür, und die Versetzungen
-sind noch lange nicht entschieden. Es könnte manchem passieren, daß
-er sich grimmig verrechnete. Zum Aufrücken in eine höhere Klasse ist
-nicht nur eine gewisse Summe von Kenntnissen erforderlich, sondern vor
-allen Dingen ein würdiges Betragen. Die Primaner werden sich bedanken,
-ihren Lehrsaal mit einer Gesellschaft von Kindsköpfen teilen zu sollen,
-wie sie hier auf den Bänken von Obersekunda sitzen. Was lachen Sie,
-Hutzler? Weinen sollten Sie und in sich gehen, ehe die verderblichen
-Wege, auf denen Sie sich befinden, vollends zum Abgrund geführt haben.
-Ein Mensch von Ihren Gaben! Es ist himmelschreiend!«
-
-Hutzler erhob sich.
-
-»Herr Doktor, ich habe nur ein freundliches Gesicht gemacht«, versetzte
-er mit unerschütterlicher Ruhe.
-
-»Machen Sie Ihre freundlichen Gesichter, wenn Sie zu Hause sind! Hier
-ist Haltung und Ernst erforderlich, und Sie hätten am allerwenigsten
-Ursache, ihrem Übermut freien Lauf zu lassen.«
-
-Hiermit schloß das Hutzlersche Intermezzo.
-
-
-
-
-Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer.
-
-
-Zweites Bruchstück.
-
- Am 5. Mai 18**
-
-... Von mir selber zu reden, verbietet mir eigentlich die mir
-innewohnende Bescheidenheit. Indes neulich habe ich unserem
-Religionslehrer einen so köstlichen Streich gespielt, daß ich nicht
-umhin kann, diese wohlgelungene »Störung« hier aufzuzeichnen. Und eine
-»Störung« war es in des Wortes tiefgehendster Bedeutung, insofern sie
-nämlich nicht allein den regelmäßigen Verlauf des Lektionsplanes,
-sondern mehr noch das gesamte seelische Gleichgewicht unseres
-trefflichen Lehrers »störte«. Aber ich konnte ihm nicht helfen. Einmal
-hat er's durchaus nicht um mich verdient, daß ich den Regungen des
-Mitleids Audienz gebe, da er mir in der Religionsstunde schon dreimal
-»wegen hartnäckigen Widersprechens« Ordnungsstrafen erteilte. Und dann
-hätte ich Nerven besitzen müssen von der Dicke und der Dauerhaftigkeit
-jenes Strickes, den Hutzler im Februar dieses Jahres um seinen Hals
-wickelte, wenn ich die qualvolle Monotonie, die sich in der religiösen
-Gesinnung des Herrn Pastors geltend machte, länger hätte ertragen
-sollen.
-
-Der Herr Pastor ...! Wir nennen ihn so, weil er in früheren Zeiten
-eine Predigerstelle an einem benachbarten Dorfe versah. Er ist indes
-schon seit geraumer Zeit an unserem Gymnasium in bester Form angestellt
-und gibt in allen Klassen Glaubenslehre und Kirchengeschichte. Ich
-unterlasse es, hier auf seine persönliche Beschreibung einzugehen, da
-es mir doch nicht möglich wäre, seinen wohlwollenden Gesichtszügen und
-dem sanften Behagen, das um seine schmalen, blutlosen Lippen spielt,
-stilistisch gerecht zu werden.
-
-Der Herr Pastor ist nämlich ein sehr frommer Mann, was ich ihm durchaus
-nicht verüble, denn wenn jemand Pastor ist, so versteht es sich von
-selbst, daß er gewisse Gesinnungen hegt. Wohl aber verüble ich dem
-Herrn Pastor im höchsten Grade, daß er seiner Frömmigkeit seit so und
-so viel Jahren in sämtlichen Klassen stets denselben Ausdruck verleiht
-und so zum Beispiel an jedem Morgen, den Gott werden läßt, aus dem
-Klassengebetbuch dasselbe Gebet abliest. Wir alle kennen es längst
-auswendig: aber der Herr Pastor scheint nun einmal die Überzeugung zu
-hegen, dieses Gebet sei besonders wirksam und gottwohlgefällig. Es
-beginnt mit den Worten:
-
-»So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines Thrones,
-o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen um die Gnade
-Deines Beistandes ...«
-
-Es ist mehr als zwei Seiten lang und enthält unter anderm die sehr
-richtige Bemerkung:
-
-»Schritt für Schritt wandeln wir dem Ende zu und sind ihm jeden Morgen
-näher gebracht.«
-
-Es hat mir nun fast den Anschein, als ob der Herr Pastor geglaubt
-habe, durch die fortwährende Betonung dieser unleugbaren Tatsache das
-immer näher rückende Ende weiter hinausrücken zu können. Denn nur so
-vermag ich mir zu erklären, wie er immer und immer wieder dieselben
-Phrasen zum besten gab, ohne zu bedenken, daß jedes unverkünstelte
-Menschengehirn bei solchem Geklapper aus dem Leim gehen muß. Er scheint
-eine ganz eigen organisierte Natur zu besitzen. Wir bekamen das
-trostlose Gebet doch nur jeden Dienstag und Freitag zu hören: er aber
-trug es seit Menschengedenken auch Montags, Mittwochs, Donnerstags und
-Sonnabends vor (in Prima und Tertia nämlich), ohne daß es ihm bis jetzt
-irgend geschadet hätte.
-
-Nun, es heißt schon in Goethes Faust: »Die Kirche hat einen guten
-Magen«. Da ich aber in keiner Beziehung zur Kirche gehöre und mich
-überhaupt von der sogenannten kirchlichen Richtung prinzipiell fern
-halte -- mein Vater ist Freimaurer --, so erscheint es begreiflich,
-daß ich infolge dieser ununterbrochenen Gebetsidentität nahezu krank
-wurde und eine wahre Wut gegen den wiederkäuenden Lehrer faßte.
-
-Da kam mir ein köstlicher Gedanke, den ich um so bereitwilliger
-durchführte, als ich mir sagen mußte, das Faktum werde, ganz abgesehen
-von der Befriedigung meiner Gebetwünsche, auch einen reizvollen
-Zwischenfall absetzen, wie ein lebensfroher Gymnasiast ihn stets
-brauchen kann. So zögerte ich denn nicht länger und »vollendete
-das Werk dieser Woche«. (Ein schönes Zitat! Es ist dem Schlußgebet
-entnommen, das wir jeden Sonnabend um zwölf mit anhören müssen.)
-
-Das Klassengebetbuch liegt in der Regel auf dem Katheder, damit es dem
-Lehrer gleich zur Hand sei, sobald er das Bedürfnis fühlt, sich mit
-Gott zu unterhalten. Wie Möros in der Schillerschen Ballade, schlich
-ich mich eines Morgens in aller Frühe -- ich war eigens eine halbe
-Stunde vor Beginn der Lehrstunde erschienen, um der erste zu sein --
-zum Katheder, öffnete das Buch mit dem schwarzen, unheimlichen Einband,
-der so oft in den Händen meines Peinigers geruht hatte, und suchte mit
-fiebernder Hast nach dem verhängnisvollen Kapitel.
-
-»Aha!« sagte ich mit diabolischer Wollust, als ich den Gegenstand
-meines Hasses entdeckt hatte, -- »da steht es:
-
-›So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines Thrones,
-o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen um die Gnade
-Deines Beistandes ...‹
-
-Du sollst keinen mehr kränken!« Und mit keckem Griffe riß ich die
-beiden Blätter, auf denen das Leibgebet des Herrn Pastors verzeichnet
-stand, aus dem Buche, zerpflückte sie in hundert mikroskopische
-Stückchen und trug sie kaltblütig, als ob nichts geschehen wäre, nach
-dem Hofe, wo ich sie dem Spiel der Frühlingswinde überantwortete.
-
-In dem beseligenden Gefühle, ein gutes Werk vollbracht zu haben, setzte
-ich mich auf meinen Platz und wartete der Dinge, die da kommen sollten.
-
-Es schlug sieben. Die Tür öffnete sich, und herein wandelte wuchtigen
-Schrittes unser gottwohlgefälliger Religionslehrer. Er setzte sich auf
-den Kathederstuhl, schneuzte sich zweimal und legte dann sein Gesicht
-in jene frommen Gebetsfalten, die ich so oft mit Schrecken an ihm
-bemerkt hatte. Das war immer die Introduktion; eine halbe Minute später
-ging's los: »So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines
-Thrones, o Allmächtiger ...«
-
-Der Herr Pastor erhob sich und ergriff mit einem verschleierten Blick
-gen oben das Gebetbuch. Auch die Schüler standen ehrerbietig von ihren
-Plätzen auf und falteten schweigend die Hände.
-
-Lautlose Stille.
-
-Der Herr Pastor schlug das Gebetbuch auf und spitzte die Lippen.
-Merkwürdigerweise war das so oft vorgetragene Gebet heute nicht auf den
-ersten Griff zu finden.
-
-Der Herr Pastor blätterte. Und blätterte wiederum. Und blätterte
-abermals.
-
-Es war ganz unbegreiflich!
-
-Er beschaute das Buch von außen, als wolle er sich überzeugen, ob es
-noch das alte, stille, traute Gebetbuch von ehedem sei, mit dessen
-Hilfe er so manches Mal vereint vor die Stufen des Thrones getreten war.
-
-In der Tat, der Einband hatte sich nicht im geringsten verändert.
-
-Nun suchte der Herr Pastor, immer befremdlicher dreinschauend, im
-Register.
-
-Richtig, da stand es, Seite 50!
-
-Der Herr Pastor suchte demgemäß Seite 50, aber siehe da! der schöne
-Spruch: Suchet, so werdet Ihr finden, wurde diesmal zuschanden! ...
-Jetzt erst ging dem unglücklichen Lehrer ein Licht auf. Er stieß einen
-unartikulierten Ton der Entrüstung aus und sagte dann mit einer Stimme,
-die an die Posaune des Jüngsten Gerichts gemahnte:
-
-»Da hat mir ein miserabler Junge die Blätter herausgerissen, auf denen
-unser Morgengebet stand! Ich will nicht untersuchen, wer sich diesen
-sakrilegischen Akt erlaubt hat: ich überlasse den Betreffenden dem
-Gefühl seiner eigenen Schande. Aber traurig ist es doch, daß so etwas
-in einer Klasse von gesitteten jungen Leuten vorkommen kann! Pfui!«
-
-Ich mußte mir auf die Lippen beißen, um nicht in helles Gelächter
-auszuplatzen. Der Herr Pastor bemerkte es.
-
-»Was lachen Sie?« sagte er mit einem vernichtenden Blick auf mein
-unschuldiges Gesicht. »Gehen Sie hinaus: Sie sind in dieser Stimmung
-nicht würdig, der Schulandacht beizuwohnen.«
-
-»Aber Herr Pastor« ... sagte ich demütig.
-
-»Sie verlassen das Zimmer!« wiederholte er schneidig. »Wenn Sie bei
-einem solchen Anlaß überhaupt lachen können, so läßt das tief blicken.«
-
-Ich verließ also das Zimmer, stand aber nahe genug an der Tür, um
-zu hören, daß der Herr Pastor noch eine längere Rede hielt. Hierauf
-öffnete er wieder das Gebetbuch und las ein anderes Kapitel vor, das
-halb so lang war, als die »Stufen des Thrones«, und schon um seiner
-Neuheit willen die gebührende Aufmerksamkeit fand.
-
-»Amen!« sagte der Herr Pfarrer wuchtig und salbungsvoll, und gleich
-darauf fügte er hinzu: »Sie können den Heppenheimer jetzt wieder
-hereinholen.«
-
-War das nicht ein köstlicher Streich? Aber nicht genug! Das Gerücht von
-dem herausgerissenen Gebet verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch
-alle Klassen, und ehe der folgende Morgen graute, waren die »Stufen des
-Thrones« aus sämtlichen Gebetbüchern entfernt! So ging dem Herrn Pastor
-denn ein für allemal die Möglichkeit verloren, seiner langjährigen
-Leidenschaft fürder zu frönen!
-
-Er verhängte jetzt eine umfassende Untersuchung, die jedoch ohne
-Resultat blieb. Wenn ich der Eventualität einer Karzerstrafe so
-gleichmütig gegenüberstünde, wie Schwarz oder Rumpf, die beide einen
-unbeschreiblichen Stoizismus besitzen, so würde ich dem Herrn Pastor
-ohne weiteres entgegentreten und ihm zurufen: »Ja, Verehrtester, ~c'est
-moi qui l'ai fait~! Und wissen Sie, warum ich's getan habe? Weil es ein
-Sprüchlein gibt, das da lautet: So Ihr betet, sollt Ihr nicht plappern
-wie die Heiden, die da meinen, sie würden erhöret, wenn sie viele
-Worte machen! Weil ferner sich der Betende in sein stilles Kämmerlein
-einschließen soll! Und weil schließlich geschrieben steht, daß der
-Buchstabe tot macht, um wieviel mehr ein ellenlanges Geleier, das aus
-mehreren tausend Buchstaben besteht!«
-
-Da ich heute gerade bei der Persönlichkeit des Herrn Pastors bin, so
-will ich noch die Geschichte von den Bescherungen meines Freundes
-Boxer notieren. Die Sache ist zwar sehr einfach, aber sie hat mich
-königlich amüsiert.
-
-Vor einiger Zeit nämlich, es mögen jetzt vielleicht acht oder zehn
-Wochen her sein, hatten wir es eingeführt, dem Herrn Pastor jedesmal
-morgens bei dem Beginn der Lehrstunde eine Bescherung auf den
-Katheder zu setzen. Mein Freund Boxer war in dieser Beziehung der
-Haupt-Entrepreneur und ging dabei ebenso malerisch als humoristisch
-zu Werke. Der Herr Pastor entdeckte beim Eintritt in das Lehrzimmer
-folgende Gegenstände in zierlicher Gruppierung auf der Platte seines
-Lehrpultes: in der Mitte eine große, halb zerbrochene Blumenscherbe,
-mit zwei alten Schreibärmeln behangen, wie eine Totenurne; oben
-darauf eine Schneelawine (es war damals noch Winter und hatte tüchtig
-geschneit), recht fest geknetet und von der Form eines menschlichen
-Kopfes. Die Augen hatten wir aus gekautem, blauem Papier gefertigt;
-desgleichen die Nase; den Mund stellte ein hereingedrücktes
-Bleistiftchen dar. Unser Mitschüler Schwarz hatte seine brandrote Mütze
-hergeben müssen, auf daß sie diesem Schneekopfe zur Bedeckung diene.
-Rechts und links prangten zwei stattliche Haufen frischgeschlagener
-Chausseesteine und ein Paar alte Stiefel, die Boxer sich von dem
-Hausknecht im »Goldenen Pfau« hatte schenken lassen. Die Lücken
-unseres künstlichen Aufbaues waren mit Äpfeln und Eierschalen, rohen
-Kartoffeln, Besenreisern und ähnlichen Gegenständen dergestalt
-ausgefüllt, daß man eine Barrikade ~en miniature~ vor sich zu sehen
-glaubte, wie denn Boxer überhaupt viel Talent zum Kommunismus verrät.
-Der Herr Pastor näherte sich dieser Bescherung jedesmal mit einem
-Blick, als könne das Ding explodieren, bestieg den Katheder und legte
-dann seinen Arm links auf die Platte des Pultes. Mit einem einzigen,
-gewaltigen Ruck fegte er die Barrikade herunter, daß wir jedesmal Angst
-hatten, der Wandschrank, der rechts vom Katheder steht, möge durch den
-Anprall so mannigfacher Objekte zertrümmert werden.
-
-Die Klasse aber brach in ein diabolisches Jauchzen aus, und die
-Vordersten liefen herzu, um die Brocken der Schneelawine aus dem
-Fenster zu werfen, und besonders um die alten Stiefel in Sicherheit zu
-bringen, die bei jeder Bescherung aufs neue verwendet wurden.
-
-Der Herr Pastor beobachtete bei solchen Vorgängen stets das Prinzip des
-unbedingten Ignorierens. Kein Wort kam über seine Lippen: er strafte
-uns mit stiller Verachtung.
-
-Zuweilen fiel ihm das recht schwer, denn einmal hatten wir ihm einen
-alten, zerrissenen Familienschirm an die Lehrtafel genagelt, dessen
-Fischbeindrähte dergestalt über den Kathedersessel hinausragten,
-daß es nur bei einer eigentümlichen Haltung des Kopfes möglich war,
-ihnen auszuweichen. Der Herr Pastor ertrug diese Tortur mit einer
-bewundernswerten Geduld etwa fünf Minuten hindurch; dann sagte er
-dem Katheder Valet und tat, als ob er nur zur Abwechslung einmal
-einen anderen Standpunkt einnehme, während er bisher niemals seinen
-gewöhnlichen Platz hinter dem Pult verlassen hatte.
-
-Endlich aber zerriß auch diesem Gerechten der Faden der Geduld. Boxer
-hatte ihm nämlich, des ewigen Hinabwerfens müde, einen großen Eimer
-voll Wasser auf die Platte gestellt, dessen Fall eine wahre Sündflut
-herbeigeführt haben würde.
-
-Der Herr Pastor kam, beschaute sich das Ding mit rollenden Blicken,
-blähte die Nüstern, stieg wieder vom Katheder herunter, schritt zornig
-im Zimmer auf und ab, bestieg den Katheder von neuem und sagte endlich
-mit Donnerstimme:
-
-»Boxer, schaffen Sie das augenblicklich hinweg!«
-
-Ich bewunderte hier den Instinkt des scheinbar so stillen Mannes, der
-sofort wußte, wo er den Feind seiner Ruhe zu suchen hatte.
-
-Boxer erhob sich.
-
-»Ich?« sagte er indigniert. »Weshalb denn gerade ich?«
-
-»Tun Sie, was ich Ihnen sage! Augenblicklich schaffen Sie mir das Ding
-da fort!«
-
-»Wenn ich den Eimer dahin gesetzt hätte,« entgegnete Boxer, »mit
-Vergnügen! Aber so sehe ich in der Tat nicht ein ...«
-
-»Augenblicklich!« wiederholte der Herr Pastor, indem er den Arm
-ausstreckte und die Spitze seines Zeigefingers auf den Boden richtete.
-
-»Gut!« sagte Boxer, »ich bin Schüler und muß gehorchen. Aber ich will
-mich doch einmal bei dem Herrn Direktor erkundigen, ob ich Ihnen die
-Eimer ausleeren muß.«
-
-Mit diesen Worten trat er aus den Bänken heraus und schritt langsam
-und würdevoll dem Katheder zu. Stirnrunzelnd ergriff er das in diesen
-Räumen sehr ungewöhnliche Gefäß und wußte es so einzurichten, daß er
-beim Herabtreten vom Katheder stolperte und langwegs ins Zimmer fiel.
-
-Ein Hallo sondergleichen durchbrauste die Räume Sekundas. Ich
-versichere bei allen Göttern, es hat ganz über alle Maßen schön
-geklatscht, und das Wasser floß bis in den fernsten Winkel des Saales.
-Die Verwirrung wurde noch dadurch gesteigert, daß einige von uns
-riefen, sie könnten es in einem so feuchten Zimmer nicht aushalten,
-sie hätten sich neulich erst erkältet, als der Pedell so unsinnig
-aufgewaschen, und sie bäten um ihre Entlassung. Vier oder fünf wurden
-in der Tat beurlaubt; dann aber wandte sich der Herr Pastor zu Boxer
-und sagte:
-
-»Boxer, ich mache Sie von jetzt an für alles verantwortlich, was in
-diesen Räumen geschieht. Ist morgen wieder etwas auf die Kathederplatte
-gestellt, so werden Sie die Folgen zu tragen haben!«
-
-Boxer trocknete sich inzwischen die Beinkleider und erwiderte in
-vorwurfsvollem Tone:
-
-»Also wenn der Schwarz ein Paar alte Stiefel auf den Katheder legt,
-dann bin ich dafür verantwortlich?«
-
-»Was?« rief Schwarz, »ich hätte ein Paar alte Stiefel auf den Katheder
-gelegt? Herr Pastor, das muß ich mir doch sehr von dem Boxer verbitten.«
-
-»Ich sage ja nur: wenn«, erwiderte Boxer.
-
-»Still,« gebot der Herr Pastor; »was ich gesagt habe, dabei bleibt es!
-Und nun rufen Sie den Pedell, daß er hier aufwischt!«
-
-Die Situation Boxers war offenbar eine kritische. Gerade für den
-folgenden Tag hatten wir uns so etwas Hübsches ausgedacht! Wir wollten
-dem Herrn Pastor nämlich +zwei+ Eimer auf den Katheder stellen, und
-Schwarz hatte zu diesem Behufe bereits seiner Tante, bei der er zur
-Miete wohnte, einen gestohlen. Und nun sollte unser guter Freund Boxer
-für alle diese Streiche verantwortlich gemacht und vielleicht mit einer
-mehrtägigen Karzerstrafe belegt werden! Es war nicht zu verlangen, daß
-wir unser reizendes Amüsement aufgaben; aber ebensowenig durften wir
-Boxer zumuten, um unseres Gaudiums willen die Räume des Karzers zu
-beziehen.
-
-Wir überlegten hin und her, ohne zu einem Resultat zu gelangen.
-
-Plötzlich sagte Boxer: »Laßt mich nur machen!«
-
-Am folgenden Tage arrangierten wir die Bescherung, wie verabredet.
-Boxer war der emsigste, und in der Tat, es war keine kleine Arbeit,
-denn wir mußten die Eimer glasweise füllen, weil der Pedell sonst Lunte
-gemerkt hätte. Einer von uns stand Wache, um das Herannahen des Herrn
-Pastors rechtzeitig anzukündigen.
-
-»Er kommt!« rief es jählings aus dem Munde unseres Warners.
-
-Sofort ergriff Boxer seine Mütze, nahm einen möglichst starken Stoß
-Bücher unter den Arm und verließ das Lehrzimmer, um sich auf dem
-Korridor hinter einen der größten Schränke zu stellen.
-
-Zwei Minuten später erschien der Lehrer, und unmittelbar hinter ihm
-her tappte keuchend und atemlos unser trefflicher Freund Boxer, die
-Bescherung auf dem Katheder genau ebenso verblüfft anstarrend, wie der
-Herr Pastor.
-
--- »Boxer! Wo ist der Boxer?« zürnte der entrüstete Schulmann.
-
-»Hier!« rief es hinter ihm. »Entschuldigen Sie, daß ich mich heute
-verspätet habe.«
-
-Der Herr Pastor biß sich ärgerlich auf die Lippe. Der Tatsache
-gegenüber, daß Boxer fast mit ihm zugleich ins Zimmer getreten war,
-konnte er seine Drohung von gestern nicht wohl verwirklichen.
-
-»Heute brauche ich die Eimer wohl nicht auszuleeren?« fragte Boxer
-triumphierend.
-
-»Schwarz,« sagte der Lehrer, »rufen Sie einmal den Pedell.«
-
-Der Pedell erschien.
-
-»Quaddler,« begann der Herr Pastor in ernstem Tone, »nehmen Sie
-einmal diese Gefäße da hinweg. Ich mache Sie von jetzt ab dafür
-verantwortlich, daß solche Ungehörigkeiten sich nicht wiederholen.
-Stellen Sie sich an den Brunnen, damit kein Wasser geschöpft
-werden kann, oder lassen Sie Ihre Frau Wache halten. Wozu sind Sie
-verheiratet?«
-
-»Entschuldigen Sie gütigst,« stammelte Quaddler in höchster Verwirrung,
-»aber meine Frau war gerade damit beschäftigt, sich anzukleiden, und da
-mußte ich Kaffee brennen.«
-
-»Brennen Sie Ihren Kaffee von sieben bis acht! Kommen Sie vorher Ihren
-Pedellpflichten nach! Was ist das für eine Art! Die Eimer da können
-doch nur von Ihnen herrühren! Warum geben Sie nicht besser auf Ihre
-Küchengerätschaften acht?«
-
-Quaddler näherte sich dem Katheder.
-
-»Ich bitte um Verzeihung«, sagte er. »Das sind allerdings sozusagen
-zwei Eimer, aber zwischen Eimer und Eimer ist ergebenst ein
-Unterschied. Meine Eimer sind ganz anders. Und wenn die Herren
-Sekundaner hinter meinem Rücken solche Sachen da mitbringen ...«
-
-»Seien Sie still und machen Sie, daß Sie so schnell wie möglich
-hinauskommen. Die Eimer können Sie behalten, denn wenn dieselben auch
-nicht Ihrer Küche entstammen, so bezweifle ich doch, daß die wahren
-Besitzer sich melden werden.«
-
-Und Quaddler nahm die Eimer und verschwand in den Gängen des
-Schulgebäudes. Der Herr Pastor irrte sich indes, wenn er glaubte, über
-fremdes Eigentum so ohne weiteres verfügen zu dürfen. Die Tante meines
-Freundes Schwarz machte bei der Polizei die Anzeige, es sei ihr am
-Nachmittage des Dreizehnten ein Eimer gestohlen worden. Die Behörden
-stellten umfassende Recherchen an; Quaddler mußte zu wiederholten Malen
-auf das Gericht, und selbst der Herr Pastor ward eidlich vernommen.
-Schwarz brauchte nicht zu schwören, denn er ist erst fünfzehn Jahre
-alt, und so lief die Sache höchst günstig ab. ~Fortes fortuna juvat.~
-
-
-
-
-Doktor Veit.
-
-Eine Porträt-Skizze.
-
-
-Zu den reinsten Genüssen meiner Schuljahre zähle ich den Unterricht
-des originellen Mathematiklehrers Doktor Veit, der uns von Quarta bis
-Obersekunda den Pfad zur Vollendung führte. Man verbindet gewöhnlich
-mit dem Begriffe des Mathematikers die Vorstellung eines regelrecht
-konstruierten Behälters öder, lebloser Formeln: nur im äußersten Winkel
-dieses Behälters lauert die Individualität eines menschlich fühlenden
-Wesens. Unser lieber, trefflicher Veit war die verkörperte Widerlegung
-dieser einseitigen Theorie. Kein Zug seiner charaktervollen Erscheinung
-erinnerte an die Schablone. Seine innere und äußere Physiognomie
-entfernte sich himmelweit von jenen typischen Schreckbildern, die alles
-auf Gleichungen zurückführen, die selbst in der Liebe von positiven und
-negativen Größen phantasieren und die Erkorene mit dem Parallelogramm
-der Kräfte an die hochklopfende Brust ziehen. Doktor Veit war vielmehr
-ein erquickliches Original, in derber Holzschnittmanier ausgearbeitet,
-aber nirgends geometrisch korrekt. In seinen Lehrstunden herrschte
-durchaus nicht der Ton der reinen Mathematik. Sein Vortrag war reich an
-subjektiven Streiflichtern, an reizvollen Impromptus, an ergötzlichen
-Zwischenfällen ...
-
-Erst in Sekunda lernten wir diesen Mann nach dem ganzen Umfange seiner
-Vorzüge schätzen.
-
-Wenn es elf schlug, und der Xenophon-Interpret, »froh der bestandenen
-Gefahr,« von hinnen geeilt war, dann erschien in der Tür eine
-mittelgroße Gestalt mit rötlich angestrahltem Gesicht, den Hut ein
-wenig im Nacken, um die Lippen ein freundliches Lächeln. Rasch warf er
-die Kopfbedeckung auf den Tisch neben dem Eingang und schritt beweglich
-nach dem Katheder, ohne nach pädagogischer Würde zu haschen, ohne in
-professorenhafter Manier den Rock zuzuknöpfen, ohne an der Brille
-zu rücken. Mit prüfendem Blick musterte er die lebhaft plaudernde
-Versammlung und nahm dann halb wie im Traum den Schwamm, der neben der
-Kreide lag, um ihn mit Wasser zu sättigen. Allerlei groteske Figuren
-beschreibend, wischte er die große Schultafel ab; dann kehrte er sein
-freundliches Antlitz von neuem dem schwatzhaften Publikum zu, trommelte
-mit den Fingern auf die Holzfläche des Katheders und nickte still vor
-sich hin ...
-
-Das währte so drei, vier Minuten. Plötzlich schien er sich zu besinnen,
-weshalb er hierher gekommen. Mit der Faust auf die Fläche des
-Lehrpultes schlagend wie ein Tambour, der die Kolonne zum Sturme führt,
-rief er mit Donnerstimme:
-
-»~Allez! vite! vite! vite!~ wacker! wacker! wacker! Boxer, komme Se mal
-raus an die Tawel!«
-
-Diese Wendung kehrte in ähnlicher Form als Einleitung zu jeder
-Lehrstunde wieder. Doktor Veit vermochte sich nämlich gewisser
-dialektischer Eigentümlichkeiten nie zu entschlagen, namentlich in
-erregter Stimmung; wenn er im Eifer des Dienstes erglühte, wenn der
-Zorn ihm die Nerven schüttelte, stets verfiel er dem Banne der Mundart,
-und seine Mundart war nicht die gefeilteste. In grammatikalischer wie
-in lexikographischer Hinsicht borgte er bei dem Volke. So ergoß sich
-ein Hauch echter Urwüchsigkeit und reinen, gediegenen Menschentums über
-die exklusive Klassizität unseres Gymnasialkatheders.
-
-Boxer stand auf und trat an die »Tawel«, die rechts vom Katheder auf
-den Holzzapfen der Staffelei ruhte ...
-
-»Ich bitt' mer jetzt aus, daß Ihr Ruh' halt't!« rief Doktor Veit
-kategorisch den hinteren Bänken zu. »Na, Boxer! ~Allez! vite! vite!~
-Hier ist die Kreide! Schreibe Se emal folgende Gleichung!«
-
-Boxer schrieb und begann hierauf zu Nutz und Frommen der Klasse die
-Auflösung.
-
-»Halt' mer emal die Gäul' an!« unterbrach ihn Doktor Veit mit der
-naiv-herzlichen Frische des Volkes. »Möricke, habe Sie das verstande?«
-
-»Jawohl, Herr Professor.«
-
-»So rekapituliere Sie's!«
-
-Möricke versuchte, die mathematischen Wege seines Freundes Boxer
-nachzuwandeln; bald aber geriet er ins Stolpern.
-
-»Ui! ui, ui! ...« rief Doktor Veit abwehrend. »Sie lerne auch Ihr
-Lebdag nix, Möricke! -- Boxer, erkläre Sie's noch emal!«
-
-Boxer begann von neuem und führte die Aufgabe siegreich zum Schlusse.
-
-»'s war gut. Gehn Se auf Ihren Platz. Wenn der Hutzler halb so viel
-wüßt' wie der Boxer, so wüßt' er zehnmal so viel wie der Möricke.«
-
-»Oh!« erwiderte Möricke, »ich hatte mich bloß versehen. Die Tafel
-blinkt so, und da hatte ich das ~x~ für ein ~a~ gehalten!«
-
-»So? Ist's wahr, Hutzler, blinkt die Tawel?«
-
-»Jawohl, Herr Professor. Ich seh' hier so gut wie gar nichts.«
-
-»Knebel, rücke Se mal die Tawel so, daß der Hutzler und der Möricke was
-sieht!«
-
-Knebel, Heppenheimer und zwei oder drei ihrer Mitschüler sprangen auf,
-um die Tafel zurecht zu rücken.
-
-»Sie steht zu steil«, rief Hutzler pathetisch.
-
-Heppenheimer beeilte sich, die Hinterbeine des Gerüstes nach hinten zu
-schieben.
-
-»So blinkt's noch mehr!« rief der tückische Hutzler.
-
-»~Allez! vite! vite!~« mahnte unser guter Professor. »Zeit ist Geld,
-sagt der Engländer!«
-
-Heppenheimer rückte und rückte. Mit einemmal kam der Aufbau ins
-Rutschen. Das Zugreifen der Sekundaner bezweckte nur scheinbar die
-Rettung. Im nächsten Augenblicke stürzte alles über den Haufen.
-
-Lautes Gelächter. Das Antlitz des Lehrers nahm jählings ein
-violettrotes Kolorit an. Heppenheimer, der den ganzen Frevel veranlaßt,
-rieb sich heuchlerisch ächzend die Kniescheibe.
-
-»Für so Posse bedank' ich mich!« zürnte Herr Veit, heftig den Schwamm
-zerknetend. »Ihr müßt net meine, daß Ihr hier en Hanswurscht vor Euch
-habt!«
-
-»Die Dielen hier sind so glitschig«, versetzte Knebel.
-
-»Selbst glitschig! Lausbube seid Ihr, die bei jeder Gelegeheit ihre
-Späß treibe. Jetzt rasch emal die Geschichte da wieder aufgestellt! Und
-das sag' ich Euch, passiert so etwas wieder, so komm' ich Euch über die
-Köpp'!«
-
-Bei dieser unparlamentarischen Phrase erhob sich auf den hinteren
-Bänken ein Gebrumme der Mißbilligung.
-
-Doktor Veit verließ den Katheder.
-
-»Wer hat hier gebrummt? -- Was? Er will sich geheim halte? Ich kenn'
-mein' Pappenheimer, sagt Schiller. Das ist gewiß wieder der miserable
-Kleemüller gewese!«
-
-Kleemüller fuhr empor, als habe ihn eine Natter gestochen.
-
-»Ich bin's nicht gewesen!«
-
-»Sie sind's gewese, und jetzt halte Sie 's Maul!«
-
-»Ich verteidige nur meine Rechte«, erwiderte Kleemüller.
-
-»So? Na, dann komme Se mal raus an die Tawel!«
-
-»Weshalb?«
-
-»Dummes Geschwätz! Sie solle die nächst' Aufgab' löse. Na, steht die
-Tawel nun fest? ~Allez! vite! vite! vite!~«
-
-Kleemüller trat heraus und begann zu rechnen.
-
-»Sie mache das viel zu umständlich. Das Verfahre läßt sich wesentlich
-abkürze. Wisse Sie davon nix?«
-
-»Nein.«
-
-»Sehe Se wohl, daß ich Recht hab'? Sie habe gebrummt; sonst wüßte Se,
-was hier zu tun ist. Jetzt mache Se, daß Se so schnell wie möglich auf
-Ihren Platz komme, sonst verzehrt Sie 's Gewirrer!«
-
-Gewirrer! So sprach Doktor Veit in der Tat, wenn er eine gewisse Stufe
-der Indignation überschritten hatte. Im normalen Zustande sprach er:
-Gewitter.
-
-Das Antlitz des ehrlichen Mathematikers gewann jetzt wieder den
-alltäglichen Ausdruck. Die Überzeugung, daß er Kleemüllers Sündenschuld
-unwiderleglich erhärtet habe, gab ihm die seelische Ruhe zurück. Er
-fuhr mit dem Schwamm triumphierend über die Tafel und rief dann in
-freudigster Klangfarbe:
-
-»Aufgepaßt!«
-
-Nun begann er in seltsam geschraubtem Hochdeutsch eine
-wissenschaftliche Erörterung, die er durch praktische Exempel treffend
-erläuterte. Ab und zu unterbrach er seine Darlegung mit dialektischen
-Ausrufen:
-
-»Wann jetzt das Geraschpel an dem Tintefaß net bald aufhört, dann fahr'
-ich hinein!«
-
-Oder:
-
-»Möricke, Sie hocke wieder da wie e betrunke Kaninche und schlafe mit
-offene Auge!«
-
-Oder:
-
-»Knebel, sage Se doch dem Pedell, er soll sein Küch' zumache. Mer
-riecht wieder im ganze Haus, was gekocht wird.«
-
-Gegen Ende der Stunde ward Doktor Veit in der Regel ein wenig heiser.
-Er litt nämlich an einer leichten Entzündlichkeit der Mandeln, war
-jedoch im übrigen der kräftigste und gesündeste Mensch unter der Sonne.
-Wenn sich dieses Gefühl bei ihm regte, so holte er tief Atem, legte
-die Hand vor den Kehlkopf und schüttelte bedenklich das Haupt. Dann
-murmelte er halblaut:
-
-»Ja, ja, die Flöt' hat bald ausgepfiffe!«
-
-Oder:
-
-»Lang werde mir's net mehr mitmache: übers Jahr um die Zeit sind die
-Quetsche gegesse.«
-
-Endlich erscholl die Pedellglocke.
-
-War es Sonnabend, so hatte der Lehrer die Verpflichtung, mit der Klasse
-ein Schlußgebet anzustimmen. Für Doktor Veit, den ausgesprochenen
-Materialisten, eine schreckliche Aufgabe! Seufzend holte er das
-schwarze, unheilverkündende Buch hervor und suchte sich unter den
-zweihundertundfünfzig Gebeten das kürzeste aus.
-
-»Da, Knebel, lese Sie's vor! ~Allez! vite! vite!~«
-
-Und Knebel begann zu lesen:
-
-»Vollendet ist das Werk dieser Woche. Du, Herr, hast es vollenden
-helfen! ...«
-
-Doktor Veit, der mit gefalteten Händen auf dem Katheder stand und
-auf den Schwamm blickte, wechselte während der Lektüre mindestens
-achtmal sein Standbein und atmete erst wieder auf, wie Knebel das Amen
-flüsterte. Jetzt drängte die Klasse stürmisch dem Ausgange zu.
-
-»Halb so wild!« rief Doktor Veit, seinen Hut ergreifend. »~Festina
-lente~, sagt der Lateiner!«
-
-Und somit schritt er behaglich der Treppe zu.
-
-Im Erdgeschoß begegnete er dem Pedell.
-
-»Höre Se mal, Quaddler, ich hab's Ihne schon sage lasse: Wenn Sie
-wieder Kraut koche, dann mache Se gefälligst die Küch' zu. Es riecht
-hier so schon net grad' nach Ambra und Roseöl.«
-
-»Aber erlauben Sie gütigst, die Tür war fest verschlossen, und der
-Geruch muß sozusagen durchs offene Fenster gestiegen sein. Insofern es
-übrigens auch ein ganz vortreffliches Kraut war.«
-
-»Mache Se mer die Gäul' net scheu, Quaddler! Sie wisse nun, was ich
-gesagt hab'. Richte Sie sich danach. Und was ich noch weiter bemerke
-wollt': Lasse Sie doch drobe ans Tawelgestell e paar Hake mache, daß
-die Geschicht net alle Naselang auseinannerrutscht.«
-
-»Schön, Herr Professor. Inwiefern soll ich die Haken denn machen
-lassen?«
-
-»Ich werd' Ihne das später erörtern! Jetzt hab' ich kein' Zeit!«
-
-Er räusperte sich.
-
-»Ach ja,« stöhnte er vor sich hin, »ewig is mer geplagt! Das nimmt kein
-gut' End'! Heut' übers Jahr wirft mer mit meine Knoche die Birn' ab.«
-
-»Ganz gehormster Diener, Herr Professor.«
-
-Und nun begab sich unser trefflicher Mathematiklehrer ins Gasthaus »Zur
-Sonne«, wo er einen kolossalen Appetit entwickelte. Die Empfindlichkeit
-seiner Mandeln ließ nach, und den Zahnstocher zwischen den Lippen,
-wagte er die schöne Versicherung: »Es is immer noch kein schlecht Lebe
-auf der Welt. -- Schorsch, bringe Se mer noch e Flasch Niersteiner!«
-
-
-
-
-Erinnerungsbilder.
-
-
-Das beglückende Lenzgefühl, das der Mai durch alle Adern gießt, wird
-mir durch eine unauslöschliche Erinnerung zu einem wahren Rausch der
-Wonne gesteigert. Ich denke nämlich, wenn die Fluren und Wälder sich
-neu begrünen, an die Jahre zurück, da ich dies erquickende Schauspiel
-durch den steifen, weißgestrichenen Rahmen eines großen Schulfensters
-beobachten mußte und dazu verurteilt war, die entzückendsten Stunden
-des Frühlings vor dem Katheder höchst würdiger und höchst gelehrter
-Männer zu verbringen. Aus den benachbarten Gärten klang das Konzert
-der Vögel herüber in die dumpfigen Schulräume, aber die ernsten Männer
-mit den großen Rundbrillen hatten kein Ohr für diesen melodischen
-Zauber: sie redeten von Sprachgebräuchen, Anakoluthen, Konjunktionen,
-Schreibfehlern und Anachronismen, -- ebenso wirr und zusammenhanglos,
-wie ich diese verschiedenen Gesichtspunkte ihrer pädagogischen
-Tätigkeit hier aneinander reihe. Anstatt die Lebensweisheit von
-den grünen Blättern der Natur abzulesen, mußten wir uns mit dem
-herumschlagen, was auf den gedruckten stand; sei es nun, daß ein
-Chorgesang des Sophokles oder eine schwungvolle Rede Ciceros, sei es,
-daß eine Gleichung aus der analytischen Geometrie, oder daß eine Frage
-aus der Kirchengeschichte unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
-
-Ich seufzte dann oft heimlich über die Tyrannei der modernen
-Zivilisation und warf über den Rand meiner Bücher und Hefte hinaus
-sehnsuchtsvolle Blicke nach den lauschigen Baumwipfeln, die so
-wonniglich im linden Westwinde rauschten.
-
-Drüben auf dem tannbewachsenen Hügel, etwa eine halbe Stunde vom
-Städtchen entfernt, lag die Liebigshöhe, so genannt nach dem großen
-Chemiker, dem die dankbare Bürgerschaft kein beredteres Denkmal ihrer
-Hochachtung zu stiften wußte, als daß sie einen Bierkeller -- das
-Schätzbarste, was eine germanische Bürgerschaft besitzt -- nach seinem
-Namen taufte. Dort hatten wir verfassungswidrigen Primaner mehr als
-einmal »eine Orgie gefeiert«, -- wie der Direktor sich ausdrückte, wenn
-er unsere Zechgelage entdeckte und uns mit mehrtägiger Karzerstrafe
-belegte. Auch war die Liebigshöhe ein beliebter Sammelplatz für solche
-Insassen der Stadt, die sich einer zahlreichen Familie erfreuten;
-denn es war nirgends so billig, wie hier im Schatten der Tannen, ganz
-abgesehen davon, daß außer Bier, Kaffee und Kuchen nichts verabreicht
-wurde. Zu den Töchtern dieser Familien gehörte auch Jenny, die blonde,
-schlanke, blauäugige Jenny, an die ich bereits in Unterprima eine Reihe
-hervorragender Liebeslieder gestaltete, während ich sie in Oberprima
-zur Heldin eines fünfaktigen Trauerspiels erkor ...
-
-Wenn ich so von meinem Platz aus das zierliche Gehöft mit dem
-braunroten Dach und den blinkenden Fenstern aus der blauen Ferne
-herüberlächeln sah, so zogen all diese Bilder in bunter, beglückender
-Reihe durch mein Gemüt, und ich begann immer lauter zu seufzen und
-immer schwerer den Zwang zu empfinden, der mich an diese harten
-Subsellien fesselte ...
-
-Mit einemmal wurde ich durch die dröhnende Anrede des Direktors oder
-eines seiner ebenso pflichttreuen Kollegen daran erinnert, daß ich noch
-Sklave war und nicht das Recht hatte, meine Phantasien während der
-hochwichtigen Erklärung eines griechischen Tragikers über Berg und Tal
-wandern zu lassen.
-
-»Sä sänd wäder änmal nächt bei der Sache!« klang es von den Lippen
-des erzürnten Philologen Doktor Samuel Heinzerling, desselben, der
-später mit meinem unvergeßlichen Freunde Wilhelm Rumpf das denkwürdige
-Rencontre in den Räumen des Karzers hatte. Die Worte trafen mich
-stets wie ein Blitz aus heiterem Himmel, denn ich war in der Tat
-durchaus nicht bei der Sache und mußte es stillschweigend über mich
-ergehen lassen, wenn Heppenheimer mich auf den Wink des Autokraten als
-»onaufmerksam« ins »Tagebooch« einschrieb.
-
-Wie oft habe ich, noch ehe es halb schlug, die Uhr in die Hand
-genommen und auf dem Rand meiner Virgilausgabe Buch geführt über
-jede verstrichene Minute! Das gelangweilte Herz glaubte durch diese
-Kontrolle den Gang dieser trägen Zeit zu beflügeln; aber es war
-unglaublich, wie bleischwer trotz aller Machinationen die Augenblicke
-dahinzogen. Ein Triumphgeschrei klang durch die Seele, wenn man mit
-großen lateinischen Lettern »drei Viertel« notieren durfte. War man
-von dem Aufzeichnen dieser einzelnen Zeitstadien ermüdet, so erging
-man sich wohl auch in Epigrammen, deren schweres, molossisches
-Versmaß die Stimmung des niedergedrückten Gemüts versinnlichte. Der
-Kern ihrer Wehklagen ließ sich in den Ausruf zusammenfassen: »Will's
-denn heute wieder einmal gar nicht ›ganz‹ werden!« Ganz! Das war das
-erlösende Wort! Ganz! Was lag nicht alles in diesen vier Buchstaben,
-zumal wenn sie sich auf den Schluß der letzten Stunde, also auf vier
-Uhr nachmittags, bezogen. Und wenn nun gar Quaddler, unser ehrlicher
-Pedell, sich um ein paar Minuten verrechnet hatte und zu früh
-klingelte, -- wie jauchzten wir da empor beim Gedröhne seines heiseren
-Metalls! War es doch das Signal der Freiheit, das er uns gab, und »die
-Freiheit schmeckt süß«, selbst in Prima.
-
-Der geneigte Leser hat vielleicht ein paar Söhne auf dem Gymnasium
-und fängt an, diese Skizzensammlung für die Verbreiterin unsittlicher
-Ideen zu halten; aber ich kann ihm nicht helfen. Wenn er sich selber
-des Jubels nicht mehr erinnert, der ihm bei der Kunde von dem Schluß
-der Gymnasialexerzitien durch alle Fibern zuckte, so ist dies ein
-individuelles Unglück: ich meinesteils trage das Bild jener Zeit mit
-unverblaßten Farben im Busen und fühle fast stündlich ein gewisses
-Behagen, daß ich nicht mehr verpflichtet bin, nachmittags um zwei meine
-Bücher zusammenzuschnüren und nach der alten Spelunke zu traben, die
-mir die herrlichsten, sonnigsten Maitage gestohlen hat.
-
-Worin besteht denn die Glückseligkeit des jungen Studenten anders, als
-in dem Bewußtsein, daß er aufgehört hat, dem Bann des Gymnasiallebens
-anzugehören?
-
-Ich finde hierüber bei Hermann Grimm, dem geistvollen Novellisten, eine
-sehr bezeichnende Stelle.
-
-»Ich war achtzehn Jahre alt«, schreibt dieser feine Beobachter
-menschlicher Verhältnisse, »und eben erst Student geworden. Das ist
-ein Übergang im Leben, wie wenige. Man ist mit einem Schlage aus
-einem ungewissen Wesen ohne Bedeutung zu einem Manne mit Titel, Rang
-und gegründeten Ansprüchen umgeschaffen. Man hat Geld zu seiner
-Verfügung, kann arbeiten, was und wie man will, und darf den Genuß
-des Lebens von den Bäumen pflücken, wo die Früchte am lockendsten aus
-dem Laube leuchten. So griff ich das Leben an: ohne kopfhängerische,
-einsiedlerhafte Neigung war ich ein vergnügter Student und wußte nur
-vom Hörensagen, daß es eine Zukunft gebe; die Vergangenheit war mir
-ein unbekanntes Land geworden, zu dessen Ufern die Erinnerung niemals
-zurückkehrte. Was konnte ich Größeres verlangen? Ein Palast, um darin
-zu studieren, berühmte Gelehrte, die uns »meine Herren« anredeten, die
-mit wunderbarer Höflichkeit Kenntnisse und Eifer bei uns voraussetzten,
-eine große Stadt, in der es sich frei und unbehelligt lebte, freie
-Abende, Nächte (wenn wir wollten), Theater -- für einen Studenten gibt
-es keinen unerfüllten Wunsch.«
-
-Aus diesen Zeilen spricht ganz dasselbe Gefühl, dem ich in den oben
-stehenden Worten Ausdruck verliehen habe. Im Winter läßt man sich
-die Sache zur Not noch gefallen. Man begeistert sich für Antigone,
-obgleich der Umstand, daß man die Tragödie des unsterblichen Meisters
-in minimalen Bruchteilen zu sich nimmt, sehr geeignet ist, dieser
-Begeisterung Abbruch zu tun. Man übt sich im lateinischen Stil, denn
-man kann einmal Reichstagsabgeordneter werden und in die Lage kommen,
-das »~timeo Danaos~« oder das »~nil humanibus arduum est~« zitieren zu
-wollen. Man fertigt deutsche Aufsätze nach klassischen Vorbildern, denn
-eine gewisse Leichtigkeit im Ausdruck ist allezeit nütze, sei es nun,
-daß man sich auf die Schriftstellerei wirft, was bei den Gymnasiasten
-von heutzutage die Regel ist, oder daß man als Hotelbesitzer lange
-Rechnungen verfertigt, die unter Umständen mehr einbringen als die
-Schöpfungen der Novellistik. Alles das geht im Winter, denn Schnee
-und Regen sind keines Menschen Freund, und im Feld und auf der Heide
-ist wenig zu suchen, wenn der Nord durch die kahlen Zweige der Buchen
-fegt. Aber im Frühling, sobald die ersten Lerchen ins Blaue steigen,
-ändert sich diese Sachlage. Dann wird der Zwang, auf die Vorträge eines
-Doktor Samuel Heinzerling zu lauschen, zur qualvollsten Sklaverei,
-und die Sehnsucht nach den Umarmungen der Mutter Natur macht jeden
-wissenschaftlichen Ernst zuschanden.
-
-Das Bewußtsein, daß ich einst in diesen Ketten geschmachtet habe und
-jetzt frei bin, frei wie der Vogel in der Luft, dieses süße Gefühl des
-Nicht-Gymnasiastentums bildet jetzt eine der vornehmsten Würzen meines
-Frühlingsgenusses.
-
-Aber die Medaille hat ihre Rückseite. Nicht selten +rächt+ sich die
-Vergangenheit für den stillen, triumphierenden Hohn, mit dem ich
-ihrer gedenke, -- und nachts in den entsetzlichsten Traumgesichtern
-kehrt sie mir zurück und schreckt mich mit der Maske der Gegenwart.
-Ich sehe mich trotz meines Doktordiploms, das bereits vor acht Jahren
-lügnerischerweise behauptet hat, ich sei ein ~vir perdoctus~, und trotz
-des würdevollen Bartwuchses, den ich mir im Laufe der letzten zwei
-Lustra anzueignen wußte, von meinen ehemaligen Schulkameraden umringt
-in dem Saale der Prima, und vor mir steht die fragwürdige Gestalt des
-Doktor Samuel Heinzerling oder eines seiner gestrengen Kollegen. Das
-Verhängnis drückt mir einen lateinischen Klassiker in die Hand und
-verlangt von mir, ich solle ~exempli gratia~ das erste Kapitel der Rede
-Ciceros ~pro Roscio Amerino~ ins Griechische übersetzen. Ich überfliege
-den lateinischen Text mit fiebernden Blicken und gewahre sofort, daß
-mir für einige der notwendigsten Ausdrücke die griechischen Vokabeln
-fehlen. Mein Nachbar, ein fleißiger und gewissenhafter Schüler, der
-in den Tagen meiner wirklichen Primanerschaft stets aufs pünktlichste
-präpariert war, scheint diesmal ausnahmsweise faul gewesen zu sein, wie
-ich. Ich gebe ihm alle erdenklichen Signale mit dem Ellbogen, mit den
-Füßen, mit den Knien; ich raune ihm zu: »Mensch, Du bist des Todes,
-wenn Du mir nicht Dein Wörterbuch vorschiebst!« Aber er rührt sich
-nicht.
-
-»Non,« klingt die Stimme meines Peinigers, »wollen Sä non bald
-anfangen? Sä scheinen mär wäder änmal nächt gehöräg vorbereitet.«
-
-Ich lege die Hand aufs Herz.
-
-»Aber, Herr Direktor,« stammle ich treuherzig, »ich kann Sie aufs
-bestimmteste versichern ...«
-
-Ich hoffe durch diese bestimmte Versicherung nur Zeit zu gewinnen, aber
-Samuel Heinzerling unterbricht mich.
-
-»Sein Sä mer ställ«, sagt er in wegwerfendem Tone; »äch weiß zor
-Genöge, was äch von Ähren bestimmten Versächerongen zo halten habe.
-Öbersätzen Sä jetzt das Kapätel ins Grächäsche, oder gäben Sä zo, daß
-Sä nächt nach Geböhr präparärt sänd!«
-
-Mit einem verzweifelten Entschluß beginne ich:
-
-»~Credo ego vos judices mirari~ ... Ὑμᾶς μὲν, ὦ ἄνδρες δικασταὶ,
-θαυμάζειν ἐγῷμαι ...«
-
-»Goot«, sagt Samuel Heinzerling; »non weiter!«
-
-Da haben wir's! Das nächste Wort, ~summi~, ist zwar ein ganz
-gewöhnliches, und ich weiß genau, daß ich die entsprechende
-griechische Vokabel mindestens hundertmal angewandt habe; jetzt
-aber, im entscheidenden Augenblicke vor den Schranken Doktor Samuel
-Heinzerlings, bin ich mit aller Kraft nicht imstande, die fluchwürdigen
-paar Silben aus meinem Gedächtnis heraufzubeschwören.
-
-»~Summi~ ...,« sage ich, »ja, ~summi~, das heißt ... es kommt darauf
-an, wie man das hier auffaßt; nämlich insofern ... ~summus~ kann
-verschiedenerlei bedeuten. Wenn wir z. B. sagen, ~summus mons~, so ist
-das etwas anderes, als wenn wir sagen, ~summa cum laude~ ...«
-
-»Bleiben Sä bei der Sache; öbersätzen Sä ~sommä~ mit dem änzägen
-bezeichnenden grächäschen Wort ond lassen Sä alle Omschweife!«
-
-»Also,« stammle ich, während mir der helle Angstschweiß auf die Stirne
-tritt, »~summi~ ... ~Credo ego vos judices mirari, quid sit, quod cum
-tot summi~ ...«
-
-»Das Lateinäsche können wär ons sälbst lesen. Sä scheinen mer nächt
-recht zo wässen, was ~sommä~ auf Grächäsch heißt.«
-
-»O gewiß, Herr Direktor; es fragt sich nur, ob wir das Wort hier
-figürlich auffassen, oder ob wir seine eigentliche Bedeutung ...« (mit
-gedämpfter Stimme zum Nachbarn:) »Du, ~summi~, Himmelkreuzdonnerwetter,
-lege mir doch Dein Heft hin!«
-
-Mein Nachbar rührt sich nicht.
-
-»Was haben Sä da eben zom Schwälble gesagt? Er soll's Ähnen wohl
-einflöstern? Korz ond böndig, wässen Sä, wä Sä ~sommä~ zu öbersätzen
-haben oder nächt?«
-
-»~Summi~ ... natürlich ... ich nehme das hier bildlich von den
-geistigen Eigenschaften.«
-
-Der Direktor schüttelt unwillig mit dem Kopf und sucht mit der
-rechten Hand in der Westentasche nach dem Bleistift, um mir die Note
-»ongenögend« anzumalen.
-
-Der Angstschweiß rinnt mir jetzt bereits literweise von der Stirn.
-Aber noch gebe ich meine Sache nicht verloren. Ich entsinne mich, daß
-griechisch καλὸς κἀγαθός eine hervorragende sittliche Eigenschaft
-bedeutet, und versuche ganz glatt weg, dieses ~summi~ auf die
-angedeutete Weise zu übertragen.
-
-»Sä sänd wäder änmal faul gewesen«, ruft jetzt Heinzerling in
-schnarrendem Tone.
-
-»Καλὸς κἀγαθός,« hauchte ich noch mit der letzten Kraft meines Mundes,
-»κἀγαθός, das heißt, ich wollte mir die ganz ergebene Bemerkung
-erlauben, ich war gestern unwohl, und wir hatten Besuch, und mein Onkel
-war da, und dann hatte ich noch gestern die Korrektur meiner neuen
-Novellen zu lesen, die dieses Jahr erscheinen, und die ich Ihnen nicht
-dringend genug empfehlen kann.«
-
-»Was? Novellen wollen Sä schreiben ond wässen nächt änmal, wie ~sommä~
-auf Grächäsch heißt? Wässen Sä was, Sä täten auch besser, Sä öbten säch
-ärst noch ein wenäg in den Elementen der Scholbäldong, ehe Sä säch
-daran machten, einem denkenden Volke geistige Nahrong onterbreiten zo
-wollen. Wenn mer än Mänsch sagt, er schreibt Novellen, so wärft das
-ein sehr schlechtes Lächt auf seinen Läbenswandel, ond korz ond got,
-Sä gehn mer sechs Stonden auf den Karzer. Schreiben Sä änmal ein,
-Heppenheimer: ›Doktor Ernst Eckstein wägen ongenögender Vorbereitong
-ond vorsätzlichen Novellenschreibens mit sechs Stonden Karzer
-bestraft‹. Knöpke, holen Sä einmal den Pedellen.«
-
-Jetzt wird mir die Sache zu bunt.
-
-»Was, Herr Direktor? Sie wollen sich hier über meinen
-schriftstellerischen Beruf ereifern? Sie wollen mir
-Verhaltungsmaßregeln erteilen in Angelegenheiten, von denen Sie nicht
-das geringste verstehen? Das übersteigt denn doch alles, was mir bis
-jetzt in meiner Praxis vorgekommen ist! Augenblicklich verlassen Sie
-das Zimmer! Augenblicklich, sage ich, oder Sie sollen mich von einer
-Seite kennen lernen, die Ihnen schwerlich gefallen wird.«
-
-»Mänsch, was onterstehn Sä säch? Heppenheimer, schreiben Sä änmal ins
-Tagebooch: ›Wägen empörenden Benehmens ...‹«
-
-Ich trete aus den Bänken heraus, kreuze die Arme vor der Brust und
-schreite auf den Direktor los.
-
-»Samuel,« sage ich, »es ist genug des grausamen Spiels. Ich habe längst
-mein Maturitätsexamen gemacht und eine Doktorprüfung bestanden, die
-mich zur Forderung einer anständigen Behandlung berechtigt. Lassen Sie
-sich Ihren Cicero ~pro Roscio Amerino~ einpökeln und das ~summi~ und
-alle übrigen lateinischen Superlative übersetzen, von wem Sie Lust
-haben; ich danke dafür! Leben Sie wohl und grüßen Sie mir Ihre Frau
-Gemahlin!«
-
-Und hiermit ergreife ich meinen Zylinder, der sich zwischen den Mützen
-meiner Schulkameraden ganz eigentümlich ausnimmt, packe meine Bücher
-unter den Arm und schreite hochaufgerichtet der Tür zu.
-
-»Heppenheimer!« ertönt die Stimme Samuels. »Rofen Sä schnell den
-Pedellen! Sechs Tage Karzer! Zwölf Tage Karzer! Augenbläckläch wärd er
-hänaufgeföhrt.«
-
-Ich aber renne im Sturmschritt die Treppe hinab, stoße den Pedell,
-der mir entgegenkommt, über den Haufen und bin zwei Minuten später im
-Freien. Sowie mich Gottes allgütige Sonne bescheint, wache ich auf. Die
-Nachbarsleute versichern regelmäßig, ich hätte in den Nächten, die mir
-derartige Träume senden, furchtbar gestöhnt, und die Witwe Wendelsheim,
-die ein sehr gutes Herz hat, rekommandiert mir jetzt bereits zum
-fünfundzwanzigsten Male ihr unfehlbares Mittel gegen Alpdrücken.
-
-Noch peinlicher gestalten sich diese Verhältnisse, wenn mich der
-Geschichtslehrer ins Gebet nimmt. In den Sprachen habe ich mich immer
-noch so leidlich zurecht gefunden, aber die Historie war meine schwache
-Seite. So erinnere ich mich, daß ich in Sekunda aufgefordert wurde,
-eine kurze Darstellung der Hussitenkriege zu liefern. Leider war mir
-der Gegenstand, über den meine oratorische Leistung sich erstrecken
-sollte, so unbekannt, wie Herrn Gambetta die Geheimnisse der Strategie;
-aber in einer dunklen Vorahnung der Tatsache, daß der Diktator von
-Tours dereinst auch ohne diese Kenntnisse das militärische Szepter
-ergreifen würde, beschloß ich, kühn ins Feuer zu gehen und ein »Essay«
-zu liefern, das mich »herausbeißen« sollte. Der Umstand, auf den sich
-meine Hoffnung begründete, war die umfassende Kenntnis des berühmten
-Studentenliedes:
-
- »Die Hussiten zogen vor Naumburg,
- Über Jena und Camburg ...«
-
-Ein Volksdichter, so kalkulierte ich, wird von der historischen
-Wahrheit nur wenig abgewichen sein, und so bedarf es denn nur einer
-glücklichen Paraphrase dieses rührenden Gesanges, um die mir gestellte
-Aufgabe zu lösen.
-
-Ich begann.
-
-»Es war zur Zeit der Hussitenkriege. Die Verhältnisse hatten sich
-damals so eigentümlich gestaltet, daß nach langem Hin- und Herüberlegen
-und vielen vergeblichen Bemühungen, den Frieden aufrecht zu erhalten,
-demungeachtet der Krieg losbrach. So geht es eben in der Geschichte
-der Völker! Ganz ähnlich lagen die Dinge beispielsweise vor Ausbruch
-des Ersten punischen Krieges. Überall walten hier die gleichen
-Prinzipien: und so gilt denn diese Wahrheit auch von dem bedeutsamen
-und hochwichtigen Krieg, den ich jetzt zu behandeln gedenke. Da dieser
-Krieg oder diese Kriege von den Anhängern des Professors Huß geführt
-wurden, so nannte man sie, um sie mit anderen nicht zu verwechseln, die
-Hussitenkriege. Ich übergehe hier einiges minder Wichtige und komme zu
-dem entscheidenden Moment, wo die Hussiten sich aufmachten und zunächst
-die Richtung nach Jena einschlugen. Nach einem flüchtigen Abstecher
-in der Richtung von Camburg langten sie vor dem feindlichen Städtchen
-Naumburg an, das neben anderen hervorragenden Eigentümlichkeiten
-eine große Wiese besaß, die man mit Rücksicht auf die daselbst
-nistenden Vögel, oder vielleicht auch wegen eines daselbst häufig
-stattfindenden Vogelschießens, die Vogelwiese nannte. Die Frage ist
-noch unentschieden, welche der beiden Versionen die richtigere sei.
-Es gibt Geschichtsforscher, welche sich unter Aufwendung eines großen
-Scharfsinnes für die erstere Auffassung entscheiden. Ebenso anerkannte
-Autoritäten neigen indes der entgegengesetzten Ansicht zu, und so will
-ich denn, da mir die Quellen in diesem Augenblicke nicht zur Hand sind,
-die Frage nicht weiter erörtern. Auf dieser ganzen Vogelwiese sah man
-nichts als Schwerter und Lanzen.«
-
-Ich vermied das Wort »Spieße«, da der Reim mich verraten hätte. Von
-innerem Wohlgefühl über meine Schlauheit erfüllt, bemerkte ich nicht,
-daß der Lehrer immer vergnüglicher dreinschaute, -- oder wenn ich sein
-Lächeln wahrnahm, so hielt ich es für einen Ausdruck der Zufriedenheit,
-der mich ermutigen sollte, kühnlich fortzufahren.
-
-Das ging denn auch so eine Weile ohne ernstliche Schwierigkeit; als
-ich aber bei der Schilderung der Teuerung anlangte und das historische
-Faktum zum besten gab, daß ein einziges Lot Kaffee an sechszehn
-Pfennige gekostet habe, da brach ein wahrer Sturm des Beifalls los, und
-mit peinvollem Erröten mußte ich einsehen, daß ich das Lächeln auf den
-wohlwollenden Zügen des Professors gänzlich mißdeutet hatte.
-
-»Schweig' und setz' Dich«, sagte der Lehrer mit Würde; »ich will nicht
-so grausam sein, Dich zu massakrieren.«
-
-Ich war froh, daß die Komödie vorüber war, denn besonders behaglich
-hatte ich mich bei dieser Interpretation deutscher Volkslyrik doch
-nicht gefühlt, und besser, in den Abgrund geschleudert zu werden, als
-in peinvoller Schwebe über der Tiefe zu hangen.
-
-Auch diese geschichtlichen Lektionen reproduziert mir der Traum oft in
-erschreckender Weise, und ich fühle ganz deutlich, wie sich mir das
-Fatum in Gestalt eines bleiernen Druckes auf die Gurgel legt, wenn der
-Professor mich auffordert:
-
-»Geben Sie uns nun einmal eine kurze Darstellung der Situation Europas
-nach Beendigung der Völkerwanderung.«
-
-Mit allen zehn Fingern wühle ich mir im Gehirn herum, aber die
-Situation will nicht klar werden, und nur das dunkle Bewußtsein, daß es
-damals in Europa sehr wüst und unordentlich ausgesehen, tröstet mich
-über die wüste Unordnung in dem eigenen Schädel. Dann plötzlich suche
-ich mir dadurch zu helfen, daß ich Nasenbluten bekomme oder mich in
-der Wade vom Krampf ziehen lasse, ein Mittel, das ich allen verlegenen
-Primanern aufs wärmste empfehlen kann. Nur im Traum will es nicht
-verfangen.
-
-»Das kennt man«, sagte der Lehrer geringschätzig. »Ich bin auch einmal
-Primaner gewesen, aber mich hat niemals der Krampf gezogen. Erzählen
-Sie nur ruhig weiter, oder machen Sie sich auf drei Tage Karzer gefaßt!«
-
-Die Tage Karzer regnen nur so, wenn ich träume. Ich habe freilich
-auch im Wachen gar manche schöne Stunde unter dem Dachfirst des
-Gymnasialgebäudes geschmachtet, aber der Traum treibt es doch noch
-verschwenderischer als die Wirklichkeit. Zudem sehe ich im Traum gar
-kein Mittel ab, die Verbüßung der verhängten Strafe zu hintertreiben,
-während ich tatsächlich dies mit einer Meisterschaft verstand, vor
-der ich noch jetzt eine gewisse Hochachtung empfinde. Es traf sich
-nicht selten, daß ich während einer einzigen Woche von drei Lehrern
-zugleich mit sechs Stunden Karzer belegt wurde. Ich meldete mich dann
-eines schönen Tages bei dem Pedell und sagte: »Herr Quaddler, ich habe
-auch noch die sechs Stunden Karzer abzusitzen, die der Herr Doktor mir
-verordnet hat«. Der brave Pedell glaubte sich bei dieser Bezeichnung
-»der Herr Doktor« beruhigen zu dürfen, und ich klomm die Treppe hinan.
-Ein paar Tage später kam der erste der drei Lehrer und erkundigte sich,
-ob der Verurteilte sich gemeldet habe. Quaddler bejahte. Dann erschien
-der zweite. Quaddler bejahte abermals. Und beim dritten bejahte Herr
-Quaddler zum drittenmal. Der Gedanke, daß ein Schüler dreimal in einer
-einzigen Woche von drei verschiedenen Lehrern der Freiheit beraubt
-werden könne, war ihm so unfaßlich, daß seine arme Seele ihn gar nicht
-in Berechnung zog. Er hielt die Erkundigungen der Lehrer einfach für
-Beweise eines besonderen Interesses, das sie an meiner Persönlichkeit
-nahmen, und so erledigte ich denn nicht selten drei und vier Strafen
-auf einmal, -- eine stenographische Methode des Absitzens, die ihre
-unleugbaren Vorteile hat. Nur im Traume will sich dies oft bewährte
-Mittel nicht anwenden lassen: Quaddler, der in Wirklichkeit einer der
-gutmütigsten Menschen unter der Sonne war, kontrolliert hier auf einmal
-mit der Bosheit eines Inquisitionsrichters, und selbst seine Tochter,
-die sanfte, rosige Anny, denunziert mich bei Samuel Heinzerling wegen
-unterschlagener Bußestunden.
-
-So rächt sich das Einst an dem Jetzt, weil das Jetzt seine Befriedigung
-darüber ausdrückt, daß es von den Ketten des Einst befreit ist. Alles
-gleicht sich im Leben aus. Wer bei Tage mit dem Hut in der Hand an der
-Kirchentür sitzt und um Almosen fleht, der besteigt nachts im süßen
-Delirium der Träume vielleicht den Thron Frankreichs oder den Stuhl
-Petri, und wem das Schicksal die Krone aufs Haupt gedrückt hat, der
-beschäftigt sich, wenn Morpheus ihn eingewiegt hat, vielleicht mit dem
-Verkauf alter Zahnstocher oder mit dem Waschen gebrauchter Whistkarten.
-
-Es gab nur ein Mittel, um sich beim Herannahen des Lenzes den Druck
-der Gymnasialfesseln weniger fühlbar zu machen: die Wonne der
-Ungezogenheit. Ihr Weisen, Frommen und Gerechten, ich sehe schon wieder
-im Geiste, wie ihr die Stirn runzelt. Aber ihr wißt nicht, daß die
-Ungezogenheit den eigentlichen Lebenskern, ja, die einzige und echte
-Poesie des Gymnasiallebens ausmacht. Nimm einer deutschen Nähterin
-ihren Sonntagnachmittag, und du knickst ihr die Blüte des Daseins; nimm
-einem Gymnasiasten das Privilegium der Ungezogenheit, und du bohrst
-ihm den Dolch der Verzweiflung ins Herz. Ich weiß ein Lied davon zu
-singen! Ein volles Jahr hindurch habe ich mich, von einem düsteren
-Vorurteil irre geführt, mit eigener Hand dieses köstlichen Privilegiums
-entkleidet -- und gelitten, wie ein Prometheus am Felsen. Ich will dem
-geneigten Leser zum Schluß auseinandersetzen, wie dies zusammenhing.
-
-Als ich in die Quarta des städtischen Gymnasiums eintrat, war ich ein
-frommes Kind von zwölf Jahren, das an nichts Böses dachte und sein
-Dasein gestaltete, wie die Götter es fügten, -- ohne Besorgnis vor
-dem Stirnrunzeln der Lehrer, ohne Rücksicht auf Lob und Strafe. Die
-Folge dieser kindlichen Unbefangenheit war, daß ich mir eine Reihe
-empfindlicher Mißtrauensvota zuzog und am Schluß des Jahres eine im
-Punkte des Betragens sehr bedenklich nuancierte Zensur mit nach Hause
-brachte, während drei oder vier meiner Kameraden »wegen Fleißes und
-guten Betragens« ein Prämium erhielten. Dieses Prämium, das den andern
-zugefallen und mir vom Schicksal vorenthalten worden war, bildete
-während der folgenden Osterferien in meinem elterlichen Hause das
-tägliche Tischgespräch. Man sah es wie eine Kränkung der Familienehre
-an, daß ich leer ausgegangen sei, und ließ mich dies so schmerzhaft
-empfinden, daß ich den heroischen Entschluß faßte, im nächsten Jahre
-meinen Aufenthalt in Tertia dazu zu benutzen, eine solche amtliche
-Bestätigung meines »Fleißes und guten Betragens« im Schweiße meines
-Angesichts zu verdienen.
-
-Dieses Jahr in Tertia war das unglücklichste meines Lebens.
-
-Ein Kapitel aus Curtius langweilte mich; ich verspürte das
-unwiderstehliche Gelüste, mit meinem Nachbar über irgend einen
-erheiternden Gegenstand zu plaudern; aber das Prämium trat wie ein
-Gespenst zwischen mich und diesen beglückenden Plan, und das Wort
-erstarb mir auf den Lippen.
-
-Ich machte einen nachmittäglichen Spaziergang. Die Zunge klebte mir am
-Gaumen, und ich fühlte den Drang, in die nächste Kneipe einzukehren
-und auf das Wohl Samuel Heinzerlings ein Glas Bier zu trinken. Sofort
-erinnerte ich mich des Paragraphen der Gymnasialstatuten, der besagt,
-daß den Schülern dieser Pflanzstätte des Wahren, Schönen und Guten der
-Genuß geistiger Getränke ein für allemal untersagt ist, -- und ich ließ
-den verlockenden Kelch seufzend vorübergehen.
-
-Die Kommilitonen führten irgend einen köstlichen Streich aus; meine
-ganze Seele rang nach aktiver Beteiligung, aber ich wußte, daß es mit
-dem Prämium aus war, wenn ich mich auch nur eines einzigen Vergehens
-schuldig machte, und so erstickte ich meine Sehnsucht und blieb, was zu
-sein ich mir vorgenommen: ein braver Schüler.
-
-Das Osterfest des folgenden Jahres kam heran. Ich erhielt mein
-Prämium in Gestalt eines Kiepertschen Atlas, und vorn in zierlich
-lithographierten Zügen stand die wunderbare Tatsache zu lesen, daß ich
-ein Jahr hindurch die volle Zufriedenheit meiner sämtlichen Lehrer
-erworben hatte.
-
-Mit diesem Kleinod im Arm eilte ich nach Hause; aber schon unterwegs
-legte ich den feierlichen Schwur ab: niemals und unter keiner
-Bedingung wieder nach einem Prämium zu streben, sondern meinen
-Gefühlen freien Lauf zu lassen und mich ohne Rückhalt dem Kultus der
-beglückenden Göttin Ungezogenheit zu widmen. Ich habe den Schwur
-redlich gehalten; auch meine Eltern haben sich später mit dem
-Ausbleiben der Prämien zu versöhnen gewußt. Sie mochten so etwas wie
-eine dämmernde Ahnung von dem haben, was in mir vorging, und da ich
-ja nun überhaupt einmal gezeigt hatte, daß es mir, wenn es absolut
-sein mußte, wohl möglich war, ein ganzes Jahr hindurch die Qualen der
-Artigkeit zu ertragen, so fiel es ihnen leichter, auf die Beweise einer
-fortgesetzten guten Aufführung zu verzichten.
-
-Ich aber betrachte noch jetzt das Jahr in Tertia als einen Fehler
-in meinem Lebensplan, und hundertmal hab' ich mir zugerufen: ~annum
-perdidi~! Nein, ihr Gestrengen, die Ungezogenheit ist das eigentliche
-Element des Gymnasialschülers, und so wenig der Fisch im ~Extrait
-double de violette~ existieren kann, so wenig ist es dem Alumnen einer
-modernen Bildungsanstalt möglich, die Luft eines Nonnenpensionats
-einzuatmen. Für die Töchter gebildeter Stände mag die »Gezogenheit«
-ihre Vorteile haben. Den jungen Leuten, die sich im Laufe der Dezennien
-zu Bürgern einer freien Nation entwickeln und das Material liefern
-sollen zu dem großen mitteleuropäischen Kulturstaat, den deutschen
-Knaben und Jünglingen lasse man das Privilegium der Flegeljahre und die
-süßen Träume der Jugendeselei, denn nur so können sie gedeihen.
-
-
-
-
-Allerlei Unarten.
-
-
-So oft der Sterbliche in den Schatz seiner Gymnasialerinnerungen
-zurückgreifen mag, stets wird er finden, daß die Reichhaltigkeit und
-Fülle dieser Reminiszenzen unerschöpflich ist. Stets wird er ein
-neues Bild, eine neue Situation entdecken, an die er vielleicht seit
-Jahren nicht mehr zurückgedacht hat. Und wenn er das alles unter dem
-entsprechenden Gesichtswinkel zu betrachten weiß, so stellt sich ihm
-hier eine Welt im kleinen, eine vorgreifende Gestaltung all seiner
-späteren Erlebnisse dar, die sich zu dem Treiben der großen und
-wirklichen Welt etwa verhalten mag, wie das Puppenspiel der kleinen
-Mädchen zu den Freuden des Mutterglücks.
-
-Es ist dies schon mit Rücksicht auf den beträchtlichen Zeitraum, den
-der heranreifende Mensch in den Mauern des Gymnasiums zu verbringen
-hat, mehr als erklärlich. Da die Länge der Zeit nicht füglich allein
-nach der Summe von Erdumdrehungen, die zwischen zwei bestimmten
-Terminen stattfinden, berechnet werden darf, sondern vielmehr nach
-der Summe von Eindrücken, die das Gemüt und der Intellekt empfangen,
-so darf man kühnlich behaupten: wir verbringen die Hälfte unseres
-Lebens unter der Botmäßigkeit der Gymnasialtyrannen. Schopenhauer
-hat in seiner Abhandlung über den Unterschied der Lebensalter sehr
-treffend nachgewiesen, daß der Mensch etwa mit dem zwanzigsten Jahre
-die subjektive Hälfte seiner Existenz hinter sich hat. Die Jahre der
-Kindheit sind ungleich inhaltsreicher und daher subjektiv ungleich
-länger als die des Mannes- und Greisenalters. Dem jugendlichen Geist
-ist fast jede Erscheinung der Außenwelt neu, -- und daher in einem
-gewissen Sinne epochemachend. Der Greis hat sich dagegen längst
-eine intellektuelle Blasiertheit angeeignet: es bedarf somit schon
-außerordentlicher Ereignisse, um ihn ernstlich zu influieren. Die
-Tage fliehen ihm dahin wie im Sturme; das Kommen und Gehen der
-Jahreszeiten, das dem Kinde als eine Umgestaltung des ganzen Daseins
-erscheint, macht ihm den Eindruck regelmäßiger Vibrationen; und die
-Wunschlosigkeit seiner Seele entkleidet die Dinge jenes Kolorits, das
-sie dem Kinde so wichtig und interessant macht. Kurz, die acht oder
-neun Jahre, die wir auf den Subsellien unserer Schulen versitzen,
-wiegen reichlich die vierzig oder fünfzig auf, die das Schicksal uns
-nachher noch vorbehalten hat, und die Erlebnisse der Gymnasialzeit
-bilden somit den größten Teil unserer Persönlichkeit. Es kommt noch
-hinzu, daß die Erinnerung jene frühesten Eindrücke weit lebhafter und
-frischer reproduziert als alles, was das Leben später hinzufügt. Selbst
-gedächtnisschwache Greise, die nach einer Viertelstunde vergessen
-haben, was unter ihren Augen vorgegangen ist, bewahren in der Regel
-die Bilder ihrer Kindheit in den lebhaftesten Farben, -- zu einer Zeit
-also, wo das Gehirn längst aufgehört hat, neue Begebnisse mit einiger
-Zuverlässigkeit aufzuspeichern.
-
-Den eigentlichen Reiz der Gymnasialerinnerungen kann nur derjenige
-begreifen, der selbst ein Gymnasium besucht hat, -- daher ihr Zauber
-denn in der Regel von Frauen nur in sehr fragmentarischer Weise
-gewürdigt und nicht selten absolut mißverstanden wird. Ich erinnere
-mich, daß eine meiner zahlreichen, im übrigen höchst achtbaren und
-liebenswerten Großtanten bei dem Bericht einiger Gymnasialstreiche,
-die ich zum besten gab, in ein so bedenkliches Stadium sittlicher
-Entrüstung geriet, daß ich an mir selbst irre ward und mich fragte, ob
-ich denn in der Tat jenes ruchlose Geschöpf sei, das die treffliche
-Matrone im Sinn hatte, wenn sie von einem unverzeihlichen Mangel an
-Pietät und Gesittung redete. Aber bald fand ich Trost in dem Gedanken,
-daß es dem Blinden nicht vergönnt ist, über die Farben zu urteilen,
-und mein schwankendes Selbstgefühl gewann das Gleichgewicht wieder.
-In der Tat, aus der Ferne läßt sich die Situation des Gymnasiasten
-durchaus nicht begreifen. Er steht dem »Herrn Professor« oder dem
-»Herrn Doktor« in jeder Beziehung anders gegenüber, als z. B. der
-Privatschüler dem Privatlehrer oder der Hausschüler dem Hauslehrer.
-Es wird keinem vernünftigen Menschen beifallen, in den Flegeleien, die
-eine der letztgenannten Spezies in Szene setzen könnte, etwas Witziges
-oder Amüsantes zu erblicken. Zum wahren Wesen einer humoristischen
-Schülerungezogenheit gehört als erste Bedingung der Hintergrund eines
-öffentlichen Schulsaales und die gleichzeitige ideale Beteiligung
-von dreißig bis fünfzig gleichgesinnten Seelen. Nur hier ist ein
-eigentlicher »Streich«, eine originelle Täuschung des Lehrers, eine
-graziös-perfide Störung möglich, denn die beträchtliche Ausdehnung
-des Terrains und die große Anzahl der Mitschüler eröffnet die
-Wahrscheinlichkeit, daß der Urheber dieser Unarten geheim bleibe oder
-doch erst nach langen, erheiternden Zwischenfällen entdeckt werde.
-Der ungezogene Privatschüler gleicht dem brutalen Raubmörder, der den
-arglosen Wanderer überfällt und mit Kugel oder Stahl zu Boden streckt,
-ein Akt, dem jegliche Pointe fehlt, weil eben nichts dazu gehört,
-als eine freche Stirn und eine Geringschätzung der Guillotine. Der
-verschlagene Brigantenhäuptling dagegen, der sein Opfer mit hundert
-Netzen umgarnt und ihm unter Beibehaltung aller äußeren Formen der
-Höflichkeit die Freiheit raubt, um erst nach erhaltenem Lösegeld das
-Sequester wieder aufzuheben, der geniale Spitzbube des Märchens, der
-seinem Oheim das Bettuch unter dem Leibe wegstahl und den Pfarrer samt
-dem Küster aus dem Predigerhaus entwandte, um das würdige Paar, in
-einen Sack eingeschnürt, neben die Schinken des Rauchfangs zu hängen:
-ein solcher Virtuos des Verbrechens, ein solcher Paganini der Gaunerei
-hat Anspruch auf unsere ästhetischen Sympathien. Und wie dieser
-humoristische Frevler zum Raubmörder, so verhält sich der ungezogene
-Gymnasialschüler zu den obenerwähnten Kategorien und zu allen übrigen
-Nicht-Gymnasiasten.
-
-Im Grunde sind die Missetaten der Sekundaner und Primaner so
-harmlos! Ich kenne eine Reihe höchst achtbarer und wissenschaftlich
-durchbildeter Lehrer, die gar nicht mehr existieren könnten, wenn
-ihre Schüler nicht ab und zu die gewitterschwüle Luft des Schulsaales
-durch eine erfrischende Ungezogenheit reinigten. Die »goldenen
-Rücksichtslosigkeiten« Theodor Storms bewähren sich auch hier: Nichts
-ist langweiliger, als ein Saal voll wohlgesinnter, braver Schüler,
-die ein braver, wohlgesinnter Lehrer in den Elementen des Wissens
-unterrichtet; und kein Lehrer wird von jener gemütstieferen Sorte
-von Schülern, die wir mit dem Gesamtnamen der Ungezogenheitsfähigen
-bezeichnen wollen, minder geliebt und geachtet als der stirnumrunzelte
-Schultyrann, der jede Bewegung nach rechts oder links wie ein
-Verbrechen ahndet und in Krämpfe verfällt, wenn Müller bei seinem
-Nachbar Stipelius ~sotto voce~ anfragt, wieviel Uhr es sei. ~Proh
-pudor!~ Ist denn die Schule ein Zuchthaus? Verblendeter Autokrat! Wenn
-Du wüßtest, welche Flüche Dir im stillen nachgesandt werden, sobald
-Du mit Deinen langen Beinen durch die Tür geschritten bist! Wenn Du
-die Nasen sähest, die Stipelius Dir dreht, sobald Du den Kopf wendest,
-und wenn Du die Verse gelesen hättest, die Holzmeier neulich auf Deine
-liebende Gattin dichtete! Alles, was Dich und Deine Familie angeht,
-ist ein Gegenstand des ausgelassensten Spottes für Deine sämtlichen
-zweiundfünfzig gepeinigten Schüler, und die ~noms de guerre~, mit denen
-Dich ihre geheime Rachsucht belegt, sind Legion.
-
-Wie anders ergeht es dem liberalen Denker, der sich daran erinnert,
-daß auch er vor so und so viel Dezennien auf diesen Bänken saß und
-ab und zu unter dem Tische Sechsundsechzig spielte! Ich hatte mich
-während der letzten vier Jahre meiner gymnasialischen Laufbahn eines so
-seltenen Mannes zu erfreuen, und ich wüßte nicht, daß derselbe auch nur
-ein einziges Mal in eine komische Situation geraten wäre. Solange ein
-Schüler nicht ernstlich störte oder kein allzu eklatantes Ärgernis gab,
-so lange ignorierte dieser Weltweise selbst die schwersten Verstöße
-gegen die Gymnasialordnung: war die Grenze, die seine Nachsicht
-gezogen hatte, überschritten, so verhängte er mit einer freundlichen
-Gelassenheit die zermalmendsten Strafen und fuhr dann ohne weiteres im
-Unterricht fort. Es lag beinahe etwas Wohlwollendes in seiner Stimme,
-wenn er plötzlich vom Buche aufsah und, über die Brille hinweglugend,
-irgend einem verblüfften Rebellen zurief: »Boxer, Sie haben drei
-Tage Karzer!« Keine Spur von Erbitterung malte sich dabei auf seinen
-philosophischen Zügen. Wer die Sprache nicht verstanden und bloß nach
-dem Klang der Worte geurteilt hätte, der wäre befugt gewesen, eine
-Phrase zu vermuten, wie »Bitte, schließen Sie doch das Fenster«, oder
-»Ich glaube, es zieht da hinten«.
-
-Boxer, dem diese unerwartete Anrede öfters begegnete, versuchte niemals
-zu replizieren, denn er wußte, daß Sträuben und Schweifwedeln hier
-gleich vergeblich waren. Schweigend starrte er vor sich hin und faßte,
-von bitterer Reue ergriffen, den lobenswerten Entschluß, in Zukunft
-seine Karten etwas tiefer zu halten.
-
-Dieser erfahrene Stoiker -- ich meine den Professor -- war überhaupt in
-vielen Beziehungen ein Original. Der nachstehende Vorfall erscheint in
-diesem Sinne charakteristisch:
-
-Ein gewisser Credner wurde zum Übersetzen aufgefordert und lieferte
-eine höchst ungenügende Leistung.
-
-»Warum sind Sie nicht präpariert?« fragte der Professor, über die
-Brille schielend.
-
-»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Credner mit
-einer gewissen Frische.
-
-»Heppenheimer,« sagte der Herr Professor, »schreiben Sie mal ins
-Tagebuch: ›Credner wegen Aufrichtigkeit belobt.‹«
-
-Nach diesem Credner kam die Reihe an meinen lorbeergekrönten Freund
-Wilhelm Rumpf. Er fiel durch wie sein Vorgänger.
-
-»Auch Sie scheinen nichts gearbeitet zu haben«, sprach der Professor
-wohlwollend. »Warum bereiten Sie sich nicht gründlicher vor?«
-
-»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Wilhelm Rumpf,
-die Blicke zu Boden senkend.
-
-»Heppenheimer, schreiben Sie einmal ein: ›Rumpf wegen Plagiats mit zwei
-Tagen Karzer bestraft.‹«
-
-Und Rumpf mußte auf den Karzer, da half ihm kein Gott. Die Prima aber
-fand den Ausspruch ihres Weltweisen so trefflich und wohlbegründet, daß
-sie in einen nicht zu beschreibenden Jubel ausbrach.
-
-Ganz den Gegensatz zu diesem platonischen Urbild eines Gymnasiallehrers
-bildete ein unglücklicher Choleriker, der uns in Sekunda den Virgil
-erklärte. Seine Haltung wechselte zwischen vulkanischen Wutausbrüchen
-und ohnmächtiger Schwäche. Während seiner Lehrstunden herrschte ein
-Lärm, wie er seitdem nur noch im deutschen Reichstag erhört worden ist.
-Wir lachten, schrien, sangen, husteten, scharrten mit den Füßen und
-klatschten mit den Händen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand;
-und wenn Doktor Hähnle sich endlich zu der sittlichen Tat eines
-Entschlusses aufraffte und Ruhe gebot, so erscholl ein Hohngebrüll,
-daß die Fenster klirrten. Vom Standpunkte der reinen Moral hat ein
-solcher Unfug allerdings etwas Beklemmendes; aber die Schuld liegt
-einzig auf der Seite des Lehrers. Wenn fünfzig ungezogene Jungen die
-Gelegenheit haben, straflos zu tumultuieren, so werden sie unter allen
-Umständen diese Gelegenheit ausnutzen, -- mit derselben mathematischen
-Notwendigkeit, mit der die Biene ihre Wachszellen formt und der Dichter
-seine poetischen Schöpfungen webt. Wo der Strom die Dämme einreißt,
-da verdienen nicht die Wogen unseren Groll, sondern die nachlässigen
-Deichverwalter, denen es oblag, den Anprall in den gehörigen Schranken
-zu halten. Waren es doch dieselben Sekundaner, die später in Prima von
-dem eben geschilderten Weltweisen wie spielend gebändigt wurden.
-
-Die Attentate, die wir auf die Person dieses nie genug zu beweinenden
-Doktor Hähnle ausübten, waren nach Form und Inhalt zahllos wie der Sand
-am Meere. Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung mischten sich hier in
-grotesker Buntscheckigkeit mit List und Rache. Von den zärtlichsten
-Neckereien bis zu den gröblichsten Unbilden baute unsere ruchlose
-Phantasie Staffel um Staffel, und wenn Doktor Hähnle nicht schließlich
-unter unseren sakrilegischen Krallen seinen Geist auskrähte, so geschah
-dies nur deshalb, weil er noch rechtzeitig pensioniert wurde.
-
-Wenn die ersten Kirschen reiften, so erstanden wir eines jener
-zierlichen Sträußchen, wie die Marktweiber sie, auf blankgeschabte
-Hölzer gesteckt, zum Verkauf bieten. Diese köstliche Gabe der jungen
-Natur wurde Herrn Doktor Hähnle beim Beginn der Lehrstunden als Zeichen
-der allgemeinen Liebe und Verehrung überreicht.
-
-Obgleich sich das Ereignis, das ich schildern will, bereits seit
-einem Dezennium alljährlich wiederholte, so verfehlte der also
-gefeierte Lehrer doch niemals, in den verbindlichsten Worten seinen
-Dank auszusprechen und das Sträußchen auf dem Tisch neben der Tür in
-Depositum zu geben.
-
-Nun begann die Komödie.
-
-»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«
-
-»Gehen Sie!«
-
-Der Schüler ging und zog im Vorbeigehen mit geschicktem Griffe von
-einer der zierlich zusammengebundenen Kirschen dergestalt das Fleisch
-ab, daß der Kern am Stiel sitzen blieb. Die Beute ostensibel zum Munde
-führend, verschwand er im Korridor.
-
-»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«
-
-»Gehen Sie!«
-
-Abermalige Abstreifung des Kirschenfleisches und Zurücklassung des
-entblößten Kernes.
-
-Das Sträußchen enthielt ungefähr zwölf bis fünfzehn Kirschen. Zwölf
-bis fünfzehn Schüler baten demgemäß um die Erlaubnis, »hinausgehen« zu
-dürfen.
-
-Unter mannigfachen Störungen und Impertinenzen verstrich die Stunde.
-Doktor Hähnle gewahrte sofort, welches Los man ihm bereitet hatte,
-und machte Anstalten, ohne weiteres an den Resten des Festgeschenkes
-vorüber zu wandeln. Aber das ging nicht so.
-
-»Herr Doktor, Ihr Sträußchen!« rief eine Stimme aus dem Hintergrunde.
-
-»Vergessen Sie doch Ihr Sträußchen nicht!« klang das Echo.
-
-»Ja, wo ist denn dem Herrn Doktor sein Sträußchen?«
-
-Ein vierter ergriff das Sträußchen mit den zwölf bis fünfzehn Stielen,
-an denen die Kerne elegisch herabbaumelten, und trat vor, um es dem
-verwirrten Lehrer mit Grazie zu präsentieren.
-
-Und nun erscholl ein Jubelgeheul durch die heiligen Hallen der Sekunda,
-das an die stolze Hyperbel gemahnte, mit welcher Homer das Wehgebrüll
-des verwundeten Ares zu versinnlichen sucht. Doktor Hähnle aber wies
-die schnöden Überbleibsel des Sträußchens mit Verachtung zurück und
-eilte, von einem wahren Gelächter der Hölle verfolgt, ins Freie.
-
-Ein andermal brachten wir eine Auswahl musikalischer Instrumente mit,
-etwa eine Mundharmonika, ein Blechtrompetchen und eine Maultrommel.
-An solchen Tagen herrschte in den Räumen der Sekunda eine ungewohnte
-Stille. Gewitterschwül lagerte es über den Bänken, und Doktor Hähnle
-konstatierte zu seiner eigenen bänglichen Überraschung, daß er fünf
-Minuten lang ohne Unterbrechung dozieren konnte. Da mit einemmal erhob
-sich in den fernsten Winkeln des Saales ein sanft anschwellender
-Triller, der unter der atemlosen Stille der Versammlung in ein Motiv
-aus Flotows Martha überging und plötzlich mit einem grellen Mißton
-abbrach.
-
-Donnernder, rasender Applaus.
-
-Doktor Hähnle stand wie versteinert.
-
-Abermals herrschte ein brütendes Schweigen, und jetzt ertönte in
-melodischer Abdämpfung das unheimliche Schnurren der Maultrommel,
-die dasselbe Motiv aus der Flotowschen Oper, nur etwas neckischer
-nuanciert, wiederholte.
-
-Applaus wie vorhin. Doktor Hähnle wurde dunkelrot im Gesicht. Mit der
-geballten Faust schlug er aufs Lehrpult.
-
-»Still einmal«, rief er mit bebender Stimme. »Der miserable Mensch, der
-das getan hat, soll sich noch einmal hören lassen; ich will ihm dann
-zeigen, was einer so beispiellosen Roheit gebührt!«
-
-Und wiederum schwieg die ganze Klasse wie +ein+ Mann.
-
-Eine halbe Minute ungefähr ließ das gewünschte Dakapo auf sich warten;
-dann begann wieder jene erste Sirenenstimme mit dem verführerisch
-lieblichen Triller, und das Motiv aus Martha folgte in tadelloser
-Reinheit.
-
-»So!« schrie Doktor Hähnle unter dem überschwenglichen Jauchzen der
-Schülerschaft. -- »Jetzt soll der miserable Mensch seine Frechheit
-+noch einmal+ wagen!«
-
-Die Versammlung begrüßte diese seltsame Wendung des Hähnleschen Zornes
-mit gebührender Aufmerksamkeit. Hähnle trat nunmehr vom Katheder herab,
-um von der Seite her in die Reihen der Schüler zu blicken. Indes schon
-Uhland singt:
-
- Nicht an wen'ge stolze Namen
- Ist die Liederkunst gebannt.
-
-Die Artisten auf den hinteren Bänken, die Hähnle jetzt als zunächst
-verdächtig ins Auge faßte, ließen ihre Instrumente nach vorn wandern,
-und mit einemmal erscholl das schöne Volkslied
-
- Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...
-
-aus der entgegengesetzten Richtung.
-
-Jetzt schritt Hähnle zur Untersuchung. Er begann beim Primus.
-
-»Wo haben Sie's gehört?«
-
-»Da hinten am Ofen.«
-
-»Wo haben Sie's gehört?«
-
-»Da vorn am Fenster.«
-
-»Wo haben Sie's gehört?«
-
-»Mir kam's vor, als sei's draußen.«
-
-»Wo haben Sie's gehört?«
-
-»Ich? Ich habe gar nichts gehört.«
-
-»Wo haben Sie's gehört?«
-
-»Dort am Katheder.«
-
-Diese kühne Bemerkung wurde durch Beifall auf allen Bänken belohnt.
-
-Nachdem Doktor Hähnle so eine halbe Stunde lang herumgefragt und die
-widersprechendsten Auskünfte vernommen hatte, ging er ans Werk, die
-einzelnen Schüler zu visitieren.
-
-»Treten Sie mal hier heraus«, sprach er zum Primus.
-
-Er befühlte dem lächelnden Schüler nun sämtliche Taschen, wobei
-dieser nicht verfehlte, Au! zu schreien oder allerlei unnennbare Töne
-auszustoßen, die er mit der Bemerkung entschuldigte: Ach, Herr Doktor,
-ich bin so kitzlich!
-
-Die Visitation blieb natürlich erfolglos, denn die Maultrommel war
-längst bei den noch nicht visitierten Schülern in sicheren Gewahrsam
-gebracht.
-
-So untersuchte Doktor Hähnle nun den zweiten, dritten, vierten, fünften
-und sechsten seiner mißratenen Sekundaner, ohne das mindeste zu
-entdecken.
-
-Mit einemmal faßte er einen verwegenen Entschluß. Er griff sich
-plötzlich einen Schüler aus den mittleren Bänken heraus und befahl ihm,
-schnell einmal herzukommen. Zufällig hatte der Instinkt des gequälten
-Lehrers diesmal das Rechte getroffen; aber es half ihm nur wenig. Der
-Schüler, weit entfernt, der Aufforderung Hähnles so ohne weiteres Folge
-zu leisten, stellte sich vielmehr schwerhörig, gab die musikalischen
-Instrumente mit aller Vorsicht an den Vordermann ab und fragte dann mit
-rührender Naivität:
-
-»Meinen Sie mich, Herr Doktor?«
-
-»Ja, Sie!« rief der fiebernde Hähnle. »Machen Sie nur keine Umstände!
-Kommen Sie augenblicklich heraus!«
-
-»Ach so«, sagte der Schüler; »ich dachte, Sie meinten den Heinemann.
-Ja, wenn Sie denn wirklich der Ansicht sind, ich könnte mir
-diese Störung erlaubt haben, so bin ich ja mit Vergnügen bereit,
-herauszukommen; aber Sie dürfen mir nicht in die rechte Seite kommen,
-Herr Doktor, da bin ich gestern geschröpft worden.«
-
-Doktor Hähnle ließ sich zwar in der Regel sehr viel gefallen, wie der
-geneigte Leser aus der vorstehenden Schilderung bereits entnommen haben
-dürfte; aber zuweilen nahm er an Bemerkungen Anstoß, bei denen dies
-keiner vermutet hätte.
-
-So irritierte ihn jetzt die Versicherung Kleemüllers, daß er in der
-rechten Seite geschröpft sei.
-
-»Denken Sie vielleicht, Sie können hier Ihre Possen treiben?« rief er
-mit Donnerstimme. »Ich gebe Ihnen drei Stunden Karzer!«
-
-»Weshalb?« fragte Kleemüller ruhig.
-
-»Weshalb? Ich will Sie lehren, mir mit solchen Dummheiten zu kommen!«
-
-Kleemüller nahm eine sehr ernste Haltung an.
-
-»Herr Doktor,« begann er, jedes Wort nachdrücklich betonend, »wenn ich
-sage, ich bin in der rechten Seite geschröpft, so bin ich geschröpft,
-und ich weiß nicht, was Sie an dieser Tatsache auszusetzen haben.«
-
-»Sie gehen mir jetzt sechs Stunden auf den Karzer, und überdem werde
-ich den Herrn Direktor von dem Vorgefallenen in Kenntnis setzen.«
-
-»So,« entgegnete Kleemüller, »also bei Ihnen darf man nicht einmal in
-der rechten Seite geschröpft sein? Nun, da bin ich doch neugierig, ob
-der Herr Direktor Ihre Auffassung teilt!«
-
-»Kein Wort mehr!« rief Doktor Hähnle. »Entweder Sie bringen mir ein
-ärztliches Zeugnis, daß Sie wirklich geschröpft sind, oder Sie gehen
-auf den Karzer!«
-
-»Gut«, sagte Kleemüller. »Ich werde Ihnen ein ärztliches Zeugnis
-bringen. Muß ich es auch polizeilich beglaubigen lassen?«
-
-»Kommen Sie jetzt nur mal heraus! Sie haben vorhin gepfiffen!«
-
-»Ich? Aber Herr Doktor, wenn man in der rechten Seite geschröpft ist,
-vergeht einem das Pfeifen von selbst! Ich möchte mal sehen, wenn Sie in
-der rechten Seite geschröpft wären ...«
-
-Nach diesen und ähnlichen Albernheiten begann nun bei Kleemüller die
-Untersuchung nach demselben Schema, das Hähnle vorher bei den Schülern
-der ersten Bank angewandt hatte, und mit demselben Erfolg. Da mit
-einemmal erscholl die Klingel des Pedells. Hähnle ergriff seinen Hut
-und war froh, die Untersuchung und die Lehrstunde hinter sich zu haben.
-
-Am folgenden Tage brachte Kleemüller sein Schröpfzeugnis, und so war
-auch dieser Punkt zur Zufriedenheit beider Teile erledigt.
-
-Eine besonders hervorragende Rolle in unserem Verkehr mit Doktor Hähnle
-spielten die Unglücksfälle.
-
-Ich erkläre mich deutlicher.
-
-Kleemüller, der überhaupt in körperlichen Leiden exzellierte, hatte
-sich den Fuß verstaucht und kam, auf einen Knüppel gestützt, der
-während eines nicht allzu strengen Winters ausgereicht haben würde,
-eine bescheidene Familie mit Brennmaterial zu versorgen, in das Zimmer
-gewankt. Im Begriff, sich auf seinen Platz zu begeben, fiel er langwegs
-zu Boden, die eigens zu diesem Zweck in reicher Auswahl mitgebrachten
-Bücher nach allen Richtungen hin verstreuend und mit dem Knüppel so auf
-die Dielen donnernd, daß der Staub in gigantischen Wolken aufwirbelte.
-Gleichzeitig mit diesen Staubwolken stieg Kleemüllers Klagegeschrei zum
-Himmel. Der leidende Philoktet des Sophokles kann nicht entsetzlicher
-geheult und gewinselt haben wie der gefallene Kleemüller. Die
-Töne aller Urwaldsbestien vermischten sich in dieser phonetischen
-Kraftleistung, und die entzückte Sekunda brüllte den Chor.
-
-Doktor Hähnle wartete stirnrunzelnd, bis Kleemüller sich wieder
-erhoben hatte. Die Brust des unglücklichen Philologen arbeitete in
-wilder Bewegung. Plötzlich streckte er den rechten Arm aus, richtete
-die Spitze des Zeigefingers auf denjenigen seiner Schüler, der mit
-der Führung des Klassendiariums beauftragt war, und sprach die
-vernichtenden Worte:
-
-»Heppenheimer, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Kleemüller erschien
-mit einem Stocke bewaffnet im Lehrzimmer und ließ denselben mit aller
-Wucht auf die Dielen aufpoltern!‹ So, das haben Sie sich nun selbst
-zuzuschreiben! Denken Sie, ich bin gesonnen, mir Ihre fortgesetzten
-Impertinenzen so ohne weiteres gefallen zu lassen? Nun machen Sie, daß
-Sie auf Ihren Platz kommen!«
-
-»Aber Herr Doktor,« wimmerte Kleemüller, »man wird doch noch per Zufall
-einmal hinfallen können!«
-
-»Man wird gar nichts!« entgegnete Hähnle zermalmend, und Kleemüller
-setzte sich langsam auf seinen Platz.
-
-Der beklagenswerte Lehrer trug sich von diesem Moment an wochenlang mit
-dem Bewußtsein, ein Exempel statuiert zu haben.
-
-Ein »Unglücksfall« von höchst folgenschwerer Bedeutung war das
-unerwartete Erscheinen einer Wespe.
-
-Kleemüller, der sehr nervös war, und einige gleichgesinnte Kollegen
-gebärdeten sich dann jedesmal wie Pensionsdämchen beim Anblick
-einer Ratte, und die übrigen, von christlichem Mitgefühl übermannt,
-improvisierten eine Jagd der ausgelassensten Art. Man warf Rosts
-deutsch-griechisches Wörterbuch nach dem Eindringling, ohne sich
-darum zu kümmern, daß der dickleibige Quartband ganz in der Nähe des
-Katheders niederfiel ... Man operierte mit Kappen und Taschentüchern
-und griff in der Hitze des Gefechts sogar nach dem Hut des Lehrers,
-ohne die Einsprache des geängstigten Eigentümers zu beachten. Solche
-Jagden nahmen in der Regel eine volle Viertelstunde in Anspruch. Wenn
-sie zu Ende waren, machte Hähnle seiner Erbitterung dadurch Luft, daß
-er sich, wie bei dem »Unglücksfall« mit dem Knüppel, an Heppenheimer
-wandte und im Diarium die Tatsache konstatieren ließ: eine Wespe
-sei während der Lehrstunde durch das Schulzimmer geflogen und von
-verschiedenen Schülern unter Herbeiführung mehrfacher Störungen
-verfolgt worden.
-
-Hiermit hatte er seinem pädagogischen Gewissen in jeder Beziehung
-Genüge getan. Dieses Tagebuch spielte überhaupt in dem Leben Doktor
-Hähnles eine denkwürdige Rolle. Er befahl all seine Wege und was sein
-Herz kränkte der treuen Vaterpflege dieses Institutes, ohne daß es uns
-jemals klar geworden wäre, was seine Eintragungen füglich bezweckten.
-
-Eines Tages warf einer meiner Freunde in demselben Moment, da Doktor
-Hähnle die Blicke in sein Notizbuch heftete, um eine kritische Note
-einzuschreiben, mit geschickter Fingerelastik eine Knallerbse in die
-Luft, die in der Nähe des Katheders niederfiel und den unglücklichen
-Schulmann nicht wenig erschreckte.
-
-Sofort wußte er, wo er seine Seele zu erleichtern hatte.
-
-»Heppenheimer,« schrie er, noch bleich vor Schreck und Aufregung,
-»schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Eine Knallerbse fiel in der Nähe des
-Katheders nieder und zerplatzte.‹«
-
-In der folgenden Stunde ereignete sich die überraschende Explosion
-aufs neue. Doktor Hähnle verschmähte nicht, der Wiederholung seines
-Schreckens durch folgende Tagebuchnotiz Ausdruck zu verleihen:
-
-»Abermals fiel eine Knallerbse in der Nähe des Katheders nieder und
-zerplatzte.«
-
-Dieses »Abermals« entlockte der jugendlichen Versammlung, die ein
-sehr lebhaftes Gefühl für unfreiwillige Komik besaß, ein wieherndes
-Gelächter, das Herrn Doktor Hähnle bei einiger Fähigkeit des Urteils
-hätte belehren müssen, wie wenig diese amtlichen Bestätigungen seiner
-eigenen Schande geeignet waren, den erstorbenen Respekt im Busen der
-Schuljugend neu zu beleben.
-
-Was war die Folge dieses »Abermals«?
-
-Wir wären keine Vollblut-Sekundaner gewesen, wenn wir nicht den Versuch
-gemacht hätten, ob Doktor Hähnle nicht auch zum drittenmal auf den Leim
-gehen würde. Leider schlug dieser Versuch infolge des Umstandes fehl,
-daß die Freude an dem Zerspringen der kleinen Orsinibomben bereits zu
-beträchtliche Dimensionen angenommen hatte. Ehe noch Doktor Hähnle
-seinem Heppenheimer zurufen konnte: »Zum drittenmal ...«, -- hatte
-sich bereits das vierte, fünfte und sechste Mal an den verschiedensten
-Punkten des Schulzimmers ereignet, und während der verzweifelte
-Pädagoge nach den hinteren Bänken rannte, um die verborgenen Angreifer
-zu entdecken, sandten ihm die Schüler der vorderen Bänke einen ganzen
-Hagel dieser Wurfgeschosse in den Rücken, so daß er nach einigen
-krampfhaften Wendungen die Arme schlaff am Körper herabsinken ließ,
-als wollte er sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott
-helfe mir, Amen! Nie wieder habe ich eine so klägliche Szene erlebt,
-wie dieses innerliche Zusammenbrechen des knallerbsenüberwältigten
-Virgil-Interpreten. In diesem Moment ergriff uns etwas wie Mitleid.
-Wir erkannten, daß Doktor Hähnle eigentlich für die normale
-Ungezogenheit eines Sekundaners zu schmächtig war: dieser Mann gehörte
-nach Sexta.
-
-Der beweinenswerte Lehrer schien selbst etwas von der Wahrheit dieser
-Erwägung zu fühlen: das Bewußtsein, es müsse etwas geschehen, riß ihn
-mit einemmal aus seiner Erstarrung empor. Er warf sich in Positur, hob
-die Faust und schrie mit geller Stimme:
-
-»Ihr miserablen Buben! Ich habe mich nie vor Männern gefürchtet, meint
-Ihr, ich fürchtete mich vor Euch?«
-
-Ungeheure Heiterkeit war die Antwort auf diese verunglückte Apostrophe.
-
-Mit einemmal nahm Hähnle die Haltung eines Mannes an, der mit sich und
-seinen Entschlüssen im reinen ist. Er wandelte majestätischen Schrittes
-nach dem Tisch, wo sein Hut lag, stülpte die Kopfbedeckung mit einer
-energischen Handbewegung über das Haupt und faltete dann die Arme vor
-der Brust.
-
-»So,« sagte er, »nun mag Euch Stunde halten, wer will! Ich gehe jetzt
-zum Herrn Direktor.«
-
-Die ganze Klasse wälzte sich fast vor Vergnügen. Doktor Hähnle aber
-warf uns noch einen Blick der grenzenlosesten Verachtung zu und eilte
-dann hinaus, die Tür heftig ins Schloß werfend.
-
-Sofort herrschte in den Räumen der Sekunda eine ganz erträgliche Ruhe.
-Einer von uns stand auf und eilte dem Verschwundenen nach.
-
-Doktor Hähnle hatte seinen furchtbaren Entschluß in der Tat
-verwirklicht; er war zum Direktor gegangen, hatte gemeldet, daß die
-Sekunda in offener Rebellion begriffen sei, und die Zusage einer
-exemplarischen Ahndung erhalten.
-
-Das Verhängnis sollte nicht lange auf sich warten lassen. Die nächsten
-acht Tage waren fast ausschließlich einer umfassenden Untersuchung
-gewidmet, an der sich das ganze Lehrerkollegium beteiligte. Im Anfang
-blieben die Bemühungen unserer Inquisitoren absolut fruchtlos. Die
-Sekundaner bezeugten einstimmig, daß im ganzen nur zwei Knallerbsen zur
-Explosion gelangt seien, und daß der Täter in einem gewissen Heinsius
-gesucht werden müsse, der zwei Tage nach dem bedeutsamen Ereignis das
-Gymnasium für immer verlassen hatte, um nach Amerika überzusiedeln.
-Schon gewann es den Anschein, als würde unsere Effronterie, verbunden
-mit der Leichtgläubigkeit unserer Lehrer, diesmal den Sieg davontragen:
-aber siehe da, es fand sich ein braver, gesitteter Schüler, der den
-Verräter spielte. Ich und fünf andere der hervorragendsten Frevler
-wurden von diesem verkappten Mouchard bei der Direktion angezeigt --
-ein Zwischenfall, der dem Gange der Untersuchung eine wesentlich neue
-Richtung gab.
-
-Der Reihe nach in das Zimmer des Direktors beschieden, verharrten wir
-zunächst bei unserer Aussage, daß Heinsius die Knallerbsen geschleudert
-habe; ungünstige Konstellationen zwangen uns indes nach kurzer Frist
-ein »reumütiges« Geständnis ab.
-
-Samuel Heinzerling nahm alles mit hochwichtiger Amtsmiene zu Protokoll.
-Über die Art und Weise, wie wir beim Schleudern der Knallerbsen zu
-Werke gegangen seien, hatte ich mit dem ernsten Gymnasialfürsten eine
-anderthalbstündige Unterredung. Er wollte absolut nicht glauben,
-daß es möglich sei, diese Schleuderung lediglich mit den Fingern
-zu bewerkstelligen, und fügte seinen hierauf bezüglichen Zweifeln
-jedesmal die Bemerkung hinzu, daß fortgesetztes Leugnen »onsere Lage
-nor verschlämmern könne«. Erst als ich mich erbot, den Herrn Direktor
-durch den Augenschein zu belehren, wie vollkommen es möglich sei,
-durch eine kräftige Bewegung des Handgelenkes die erforderliche
-Wurfgeschwindigkeit zu erreichen, gab sich der Skeptiker mit der
-Bemerkung: »Non, wär wollen das dahingestellt sein lassen«, zufrieden.
-
-Das Endresultat dieses unvergeßlichen Abenteuers war für sämtliche
-Teilnehmer in hohem Grade verhängnisvoll. Zwei von uns wurden
-relegiert, wir übrigen erhielten Karzerstrafen bis zu zehn Tagen, und
-Doktor Hähnle ward von dem Unterricht in Sekunda »auf sein Ansuchen«
-entbunden. Ein Vierteljahr später las man in dem großherzoglichen
-Regierungsblatt, daß Doktor Ephraim Hähnle in Anerkennung seiner
-langjährigen Dienste pensioniert worden sei.
-
-Wer erkennt nicht den tieferen Sinn, der in dieser knabenhaften
-Rebellion gegen einen unfähigen Pädagogen liegt? Ein ohnmächtiger
-Lehrer ist gerade dem mutwilligsten und ausgelassensten Schüler
-~a priori~ ein Greuel, denn die Schwäche scheint seine Unarten in
-einer Weise herauszufordern, die seinen Stolz beleidigt. Es ist kein
-Verdienst, da Exzesse zu begehen, wo die Straflosigkeit so gut wie
-gewiß erscheint; auch soll der Exzeß nicht die Regel sein, weil er
-sonst viel von seinem eigentlichen Reiz einbüßt. Doktor Hähnle ward
-gestürzt wie eine unfähige Regierung, und jede Regierung, der die
-Revolution über den Kopf wächst, erleidet genau das, was ihr gebührt.
-
-In Prima benahmen wir uns schon aus eigenem Antrieb gesetzter, ganz
-abgesehen davon, daß sich unter den Lehrern der Prima kein Hähnle
-befand. Die originellste Figur war hier ohne Zweifel der Direktor
-Samuel Heinzerling, ein jovialer, den Regungen des Humors nicht
-unzugänglicher Mann, der sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreute.
-Wir nannten ihn Pater und sagten ihm am Schlusse unserer lateinischen
-Aufsätze alle erdenklichen Schmeicheleien, die der »~rector gymnasii
-illustrissimus, justissimus, dilectissimus~«, wie er in solchen Hymnen
-gewöhnlich qualifiziert wurde, ganz beifällig aufnahm und mit einem
-»~Valde placet~« am Rande der Arbeit belohnte.
-
-Nur eine schwache Seite hatte dieser vortreffliche Pädagoge: er litt
-nämlich an dem Vorurteil, ein gerechter und vollkommener Primaner
-müsse des Morgens präzis mit dem Glockenschlage auf seinem Platze
-sein. Nun ist es eine erfahrungsgemäße Tatsache, daß die Freuden des
-Morgenschlummers um so entschiedener gewürdigt werden, je mehr sich der
-Mensch innerlich und äußerlich entwickelt; und ich insbesondere war
-bereits in Unterprima ein unversöhnlicher Gegner des altklassischen
-Wahlspruches: ~Aurora musis amica~.
-
-Noch jetzt empfinde ich, wenn ich mich vorübergehend in meiner
-Vaterstadt aufhalte und des Morgens um drei Viertel auf sieben
-den Schall des kleinen bimmelnden Glöckchens vernehme, das die
-Munizipalität eigens für die Bedürfnisse der Schulen auf dem
-Stadtkirchturme angebracht hat, ein dunkles, beklemmendes Unbehagen,
-das mir im Anfang durchaus rätselhaft erscheint, bis ich mir darüber
-klar werde, daß es die Erinnerung an meine Primanerzeit ist, die mir
-diese Gefühle im Busen zeitigt.
-
-Es war doch eine peinliche Situation ...! Man lag, von den köstlichen
-Armen eines jugendkräftigen Schlafes umfangen, sorg- und ahnungslos auf
-der Matratze und träumte von Hulda, der schwarzäugigen Schauspielerin,
-die des Tags zuvor im Linkerschen Saale so unvergleichlich die
-Anna-Liese gespielt hatte, oder von Pauline, der blonden Tochter
-des Stadtpredigers: da mit einemmal erscholl die klappernde
-Monotonie dieses verwünschten metallenen Weckers, und die duftigen
-Phantasiebilder zerflossen in Rauch vor dem unbarmherzigen Tageslichte
-der Wirklichkeit. Im Traume vielleicht ein König, ein Gott, sah man
-sich jetzt wieder zum Sklaven der Stunde herabgewürdigt; der Zwang
-des Müssens trat in qualvoller Zudringlichkeit an uns heran und legte
-uns die eisernen Hände aufs Herz, so daß es tief gedemütigt in sich
-zusammenschauerte.
-
-Es begann nun jener stets von neuem auszufechtende Kampf zwischen der
-Neigung und der Pflicht. Man dehnte und streckte sich, als wolle man
-die Freuden der zwei, drei Stunden, die man unter anderen Umständen
-noch verträumt und verdämmert hätte, gleichsam im Extrakt genießen.
-Man legte sich »noch für zehn Minuten« auf die andere Seite, um
-schon nach Ablauf von dreißig Sekunden emporzufahren und nach der
-Zeit zu sehen. Man beneidete seinen älteren Bruder, der Student war
-und jeden Morgen bis elf Uhr in den Federn blieb. Man fluchte der
-irrationellen Einrichtung des Stundenplans, der die Klufenbrecherschen
-Auseinandersetzungen über Mathematik recht gut auf eine passendere Zeit
-hätte verlegen können, und schwur sich, sobald man das Gymnasium hinter
-sich habe, das Versäumte mit aller Macht nachzuholen.
-
-Unterdessen verstrich eine Viertelstunde, und von neuem hob der
-entsetzliche Klöppel auf dem Stadtkirchturme zu wimmern an. Jetzt
-sprang man mit gleichen Füßen aus dem Bett und kleidete sich mit einer
-Geschwindigkeit an, die uns seitdem zum Mythus geworden ist. Nach
-Verlauf von fünf Minuten war man im Freien: den Kaffee hatte man wie
-ein hastiges Stehseidel hinunter gestürzt, und die Semmel pflegte
-man sich ohnehin zum behaglichen Verbrauch während der Lehrstunden
-aufzusparen.
-
-So schnell man jedoch hier zu operieren wußte, die verlorene
-Viertelstunde konnte nicht wieder eingebracht werden, und so kam man
-denn regelmäßig um zehn, ja selbst fünfzehn und zwanzig Minuten zu spät.
-
-Unser Direktor fand dieses Zuspätkommen empörend. Er hatte, um dem
-immer bedrohlicher um sich greifenden Mißbrauche energisch zu steuern,
-die Anordnung getroffen, daß jeder, der ohne genügende Entschuldigung
-den Beginn der Lehrstunden versäume, mit dem Vermerk »zu spät gekommen«
-notiert würde, und daß jeder, der innerhalb einer Woche zweimal notiert
-worden sei, einen Tag lang in den Räumen des Karzers über die Pflichten
-des Primaners nachzudenken habe.
-
-Da ich auch ohne diesen Extrazuschuß oft genug meiner Freiheit beraubt
-wurde, so strengte ich alle Kräfte an, um der peinvollen Eventualität
-einer doppelten Notierung vorzubeugen, und zu diesem Zweck bedurfte
-ich einer Reihe genügender Entschuldigungen, deren Beitreibung meinen
-ganzen Scharfsinn in Anspruch nahm.
-
-Zum Glück war der Direktor keine skeptische Natur. Er ließ selbst
-das Unwahrscheinliche, wenn es mit einer gewissen Keckheit
-vorgetragen wurde, unbeanstandet passieren. Ich hatte mir im Laufe
-der Semester eine solche Virtuosität der Erfindung angeeignet,
-daß ich am Schluß meiner Gymnasiallaufbahn nahe daran war, ein
-»Leichtfaßliches Entschuldigungshandbuch für Gymnasiasten und
-Realschüler« zusammenzustellen, das ohne Zweifel ein ebenso dankbares
-als zahlreiches Publikum gefunden hätte. Ich will an dieser Stelle
-einige der wirksamsten Entschuldigungen planlos aneinander reihen, um
-so dem ~dulce~ doch wenigstens einen Gran von ~utile~ beizumischen.
-Vielleicht sieht sich ein deutscher Verleger bei der Lektüre dieser
-Zeilen veranlaßt, mich zur Ausarbeitung des damals projektierten Werkes
-nachträglich aufzufordern. Gefällige Anträge erbitte ich direkt unter
-meiner Adresse.
-
-Einer der wichtigsten Faktoren im Gebiete der Gymnasialentschuldigungen
-ist der Onkel. Ein Gymnasiast kann sich gar nicht genug Onkels halten.
-Ein Onkel ist in jeder Beziehung verwendbar namentlich aber für das
-Zuspätkommen:
-
-»Ich mußte meinen Onkel an den Bahnhof begleiten.«
-
-»Mein Onkel hatte einen Schlaganfall.«
-
-»Mein Onkel feiert heute seinen fünfundsechzigsten Geburtstag.«
-
-»Mein Onkel aus Havelberg ist angekommen.«
-
-~NB.~ Ist der Onkel aus Havelberg einigermaßen mit dem
-Gymnasialdirektor bekannt, so fügt man hinzu:
-
-»Er läßt auch schönstens grüßen, und wenn sein Aufenthalt nicht gar zu
-kurz wäre, würde er sich die Ehre geben.«
-
-Bei Samuel Heinzerling waren diese Onkel-Entschuldigungen stets von
-augenblicklicher Wirkung.
-
-»Non, es äst goot«, sagte er befriedigt lächelnd. Nur wenn ich in der
-Zerstreutheit die frohe Botschaft von der Ankunft meines Onkels aus
-Havelberg an zwei aufeinander folgenden Tagen zum besten gab, wagte er
-die überraschte Bemerkung:
-
-»Schon wäder? Ähr Onkel scheint aber auch recht väl zo reisen!«
-
-Ich erkannte sofort meinen Irrtum, sagte jedoch so unbefangen als
-möglich:
-
-»O ja, Gott sei Dank, er ist noch recht rüstig.«
-
-Es versteht sich von selbst, daß unter Umständen auch Tanten in
-gleicher Richtung verbraucht werden können. Hier empfiehlt es sich,
-von Zeit zu Zeit eine Kindtaufe zu erfinden oder aber, falls man die
-Anwendung unvermählter Tanten vorzieht, hysterische Krämpfe in Ansatz
-zu bringen.
-
-Wenn ich die verwandtschaftlichen Beziehungen hinlänglich in
-Kontribution gesetzt hatte, griff ich in das Kapitel gewisser
-häuslicher Vorkommnisse und beantwortete die Frage des Direktors:
-»Warum kommen Sie zu spät?« mit der schlagenden Bemerkung:
-
-»Mein Waschwasser war gefroren.«
-
-Oder:
-
-»Unsere Köchin hat sich verschlafen.«
-
-Oder:
-
-»Meine Uhr ging falsch.«
-
-Alle diese Entgegnungen fand der Direktor vollkommen »genügend« --
-ich hätte denn die Unvorsichtigkeit begehen müssen, die Mär von dem
-gefrorenen Waschwasser in den Hundstagen vorzubringen.
-
-In Oberprima, wo ich die ersten Spuren eines sprossenden Bartes zu
-verzeichnen hatte, behauptete ich sogar einmal, mein Barbier habe sich
-verspätet.
-
-»So?« fragte der Direktor. »Non, äch dächte, in Ährem Alter brauchte
-man säch noch nächt rasären zo lassen! Wä äch so alt war, dachte äch
-nämals an dergleichen Allotria. Öbrigens, Sä haben ja noch Ähren ganzen
-Anflug von Bart äm Gesächt stehen. Wo haben Sä säch denn rasären
-lassen?«
-
-»Herr Direktor, das ist es ja gerade. Ich habe mich eben nicht rasieren
-lassen, und deswegen steht der Bart noch. Heute war mein Rasiertag.
-Jedesmal den fünfzehnten lasse ich mich rasieren.«
-
-»Non, es mag goot sein! Sagen Sä Ährem Barbär, er soll in Zokonft
-zeitiger kommen: wär können här nächt auf ähn warten.«
-
-Und hiermit nahm ich freudestrahlend meinen Platz ein.
-
-Als weitere Entschuldigungen führe ich nur noch kurz die nachstehenden
-an:
-
-»Ich fiel, zerriß mir die Beinkleider und mußte wieder umkehren.« --
-»Ich ward beim Vorübergehen an einem Hause der Kreuzstraße mit einer
-eigentümlichen Flüssigkeit begossen etc.« -- »Ich bekam eine Ohnmacht.«
--- »Auf dem Sandwege war die Passage durch drei ineinander gefahrene
-Wagen versperrt. Ich mußte daher den Umweg über die neue Kurstraße und
-den Kommandantenplatz nehmen.« -- »Ich wurde irrtümlich verhaftet.« --
-»Ich habe mir den Fuß verstaucht.« -- »Es war Glatteis.«
-
-Bei dieser letzten Phrase wird sich der Lehrer naturgemäß wundern, daß
-er von einer so unverkennbaren Naturerscheinung nichts gemerkt habe.
-
-»So?« wird er fragen. »War Glatteis?«
-
-Die Mitschüler ermangeln nicht, diese Frage unbedingt zu bejahen.
-
-»Das heißt,« fügt nun der zu spät gekommene Schüler hinzu, »nur an
-einzelnen Stellen. Sie sind vielleicht über den Hohlweg und am Rathaus
-vorübergegangen; dort ist die Temperatur in der Regel um einige Grad
-höher als in den feuchteren Gegenden an der Seltersgasse und dem
-Waldtore.«
-
-Während der Monate Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März
-und April wird der Lehrer kaum Anstand nehmen, diese klimatologische
-Bemerkung als letztes Wort gelten zu lassen.
-
-Unser trefflicher, unvergeßlicher Direktor hatte es sich selbst
-zuzuschreiben, wenn seine Schüler auf diese Weise Fortschritte im
-Gebiete der Unwahrheit machten. Warum haftete er mit so eigensinniger
-Starrköpfigkeit an dem Prinzip des einzuhaltenden Glockenschlages? Gern
-hätten wir uns auf das Kompromiß des akademischen Viertels eingelassen;
-aber da sich die Gymnasialregierung absolut weigerte, uns auch nur auf
-dem achten Teile des Weges entgegenzukommen, so sahen wir uns genötigt,
-unsere Zuflucht zu dem Mittel eines intellektuellen Schleichhandels zu
-nehmen, der höheren Ortes ohne Zweifel in seinem wahren Wesen erkannt,
-dennoch aus Opportunitätsgründen respektiert wurde.
-
-
-
-
-Der entrüstete Oberlehrer.
-
-
- Traun, jetzt bin ich es müde! Beim Zeus, das schändet die Klasse!
- Flink auf den untersten Platz! Schmelzer, was träumen Sie noch?
- Vorwärts! Hören Sie nicht? Dem Besonnensten reißt die Geduld hier,
- Wo sich das Nichtstun frech paart mit der Stupidität!
- Bildet der schreckliche Mensch mir ein Imperfektum »~etypson~«!
- Wahrlich, die Muse verhüllt schaudernd ihr Göttergesicht!
- Nie ward gleiches gehört in den würdigen Räumen Sekundas:
- Kaum ein Quartanergemüt wagte so schnödes Gewäsch!
- Soll ich den Otto vielleicht, das winzige Knäbchen, zitieren,
- Daß mit korrektester Form stolz es den Vetter beschämt?
- Gehen Sie in sich, Schmelzer! Dies Imperfektum »~etypson~«
- Flößt für die Zukunft mir trübste Befürchtungen ein.
- Wer da »~etypson~« sagt, der sagt auch: »Lasset uns kneipen!«
- Feist in bavarischem Bier schlemmt er die Gelder hinab.
- Wer da »~etypson~« sagt, der schwänzt und wütet im Tabak;
- Selbst auf erotischem Feld weckt er gerechten Verdacht.
- Wie? Sie trumpfen noch auf? Sie zucken die störrische Achsel?
- Holt den Pedellen mir her! Piesecke, tragen Sie ein:
- »Schmelzer, weil er »~etypson~« als Imperfektum gebildet
- Und den kymmerischen Bock nicht, wie es billig, bereut,
- Sondern Gebärden gewagt, die empörende Frechheit bekunden,
- Stracks auf den Karzer geschickt!« Marsch nun zur Türe hinaus!
- So -- jetzt fahren Sie fort! Ja, ja, so fügt es Ananke!
- Freundlich im schweren Beruf stärke mich, Meister Apoll!
-
-
-
-
-Der Bierparagraph.
-
-
-Die Art und Weise, wie die Schüler der oberen Gymnasialklassen von
-den Schulgesetzen ~in abstracto~ und ihren einzelnen Lehrern ~in
-concreto~ behandelt werden, hat, streng genommen, etwas Naives, denn
-sie basiert auf Voraussetzungen, die eine merkwürdige Unkenntnis
-der tatsächlichen Verhältnisse bekunden. Es waltet hier teils der
-himmelschreiendste Irrtum, teils der unbegreiflichste Optimismus vor.
-Die ernsten Männer, die in ihrer Eigenschaft als Oberstudienräte
-die Zusammenstellung jener Gesetzesparagraphen beaufsichtigt haben,
-verstanden sehr viel von der theoretischen Pflicht, aber sehr wenig
-von dem praktischen Leben. Das moderne Gymnasialgesetz verwechselt den
-Begriff einer öffentlichen Lehranstalt, die nur zu gewissen Stunden
-besucht wird, mit dem eines Pensionats, das die Schüler sozusagen mit
-Leib und Seele aufnimmt und nicht allein ihren Unterricht, sondern
-ihre moralische und gesellschaftliche Erziehung leitet. Es ist
-lächerlich, die Befugnisse des Gymnasiums in der angedeuteten Richtung
-zu erweitern, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil seine Mittel
-nicht zur Durchführung ausreichen. Wo die Kontrolle fehlt, da ist alles
-Befehlen und Verbieten ein zweischneidiges Schwert. Anstatt sich also
-damit zu begnügen, den Gymnasiasten während der Lehrstunden im Zaume
-zu halten, ihm gelegentlich die christlichen Tugenden einzuprägen und
-die Norm aufzustellen: Sobald du irgendwie einen öffentlichen Skandal
-erregst, gleichviel durch welche Handlung, so wanderst du auf den
-Karzer, -- anstatt sich dieser klugen Reserve zu befleißigen, mischt
-sich das Gymnasium in Dinge, die nicht nur über seine vernunftgemäßen
-Befugnisse, sondern in der Regel sogar über die Möglichkeit einer
-Beaufsichtigung weit hinausgehen.
-
-So erklärt die Gymnasialordnung das Besuchen von Wirtshäusern
-für unmoralisch und ahndet die Zuwiderhandlung mit mehr oder
-minder beträchtlichen Freiheitsstrafen. Was man bei diesem Verbot
-beabsichtigt, liegt klar zutage: nicht den Wirtshausbesuch an sich,
-sondern den daraus erwachsenden Mißbrauch wolle man hintertreiben.
-Naiv und idealistisch wie sie sind, glauben die Oberstudienräte diesen
-Zweck durch ein Radikalverbot zu erreichen; aber sie haben nur eins
-erreicht: der anständige Gebrauch eines an sich harmlosen Instituts
-ward zum Verbrechen gestempelt, ohne daß der unanständige Gebrauch,
-der Mißbrauch, ernstlich verringert würde. In der Tat läßt sich nicht
-absehen, warum es für den achtzehnjährigen Primaner eine Sünde sein
-soll, gelegentlich ein Glas Bier zu trinken, während der Kommis schon
-in früheren Jahren das gleiche leistet, ohne darum die Achtung seiner
-Mitbürger einzubüßen. Weit richtiger und wirkungsvoller würde es sein,
-wenn das Gymnasium den allgemeinen Grundsatz aufstellte: »Benehmt
-Euch anständig!« -- ohne weiter auf die Details einzugehen. In jedem
-einzelnen Falle würde dann das freie Ermessen des Lehrers darüber
-entscheiden, ob dieses erste und vornehmste Gebot des Gymnasiasten
-befolgt oder verletzt worden wäre. Ein solcher Appell an das Taktgefühl
-der jungen Leute bei theoretischer Anerkennung ihrer unbedingten
-Selbständigkeit müßte auch moralisch von ungleich günstigeren Erfolgen
-sein, als die alberne und demütigende Methode, die jetzt noch vielfach
-im Schwunge ist.
-
-Der Bierparagraph war auch mir in den Tagen meiner Gymnasiastenschaft
-ein fortwährender Grund des Verdrusses und der Erbitterung. Wenn ich
-so an heißen Juliabenden bei den Hecken des Lohseschen Felsenkellers
-vorüber kam und den Direktor Samuel Heinzerling erblickte, wie er
-im Kreise seiner zahlreichen Familie ein Seidel nach dem andern
-hinter die schwarze Krawatte goß, so war mir zu Mut wie einem Pariser
-Vorstadtbewohner, der im zerlumpten Kittel durch das Bois de Boulogne
-schlendert und die prunkvollen Equipagen des Quartier Saint Germain
-vorbeieilen sieht. Warum schwelgte dieser graue Epikuräer im vollen,
-während ich, ein Kind der Entbehrung, fernab an der Böschung stand
-und meine Sehnsucht bändigen mußte? Wäre ich jetzt kühnlich auf die
-Plattform gewandert, hätte ich unbekümmert um Samuel und seine Töchter
-Ismene, Winfriede, Laura und Vitriaria vor einem der braun gestrichenen
-Tische Platz genommen und einen Schnitt bestellt, so war mein Schicksal
-besiegelt. Am andern Morgen hätte der strenge Autokrat mich in
-folgender Weise apostrophiert:
-
-»Eckstein! Sä waren mer gestern wäder mal auf dem Felsenkeller! Sä
-haben dä Ongeböhrlichkeit Ähres Benehmens so weit geträben, daß Sä
-sogar, ohngeachtet Sä mäch bemerkt haben, einen Schnätt bestellten.
-Sä gehen mer zwei Tage auf den Karzer! Knebel, schreiben Sä änmal äns
-Tagebooch: Eckstein, weil er än einem öffentlichen Bärlokal einen
-Schnätt bestellte, mit zwei Tagen Karzer bestraft. Heppenheimer, rofen
-Sä den Pedellen!«
-
-Das sieht fast wie ein ~tableau chargé~ aus, aber es ist eine
-Photographie, streng nach der Natur. Samuel Heinzerling hatte nur
-selten das Glück, einen Schüler wegen »Wärtshausbesochs« abzufassen,
-denn wir kannten die Lokale, die er zu frequentieren pflegte, und
-vermieden sie: aber wenn er einen ertappte, so übte der ~rector
-illustrissimus~ in der oben geschilderten Weise Justiz, und die Form
-seines »Eintrags« im »Tagebooch« variierte nur wenig. Niemals ist es
-erhört worden, daß er einem kneipenden Schüler die Strafe erlassen
-hätte; es war, als fürchte er, der Durst seiner Primaner könnte die
-Befriedigung seines eigenen Durstes in Frage stellen, wie er denn in
-der Tat stets in den Herbstmonaten, wenn das sogenannte Salvatorbier
-ausgetrunken und durch eine geringere, später gebraute Sorte ersetzt
-war, düsterer und grämlicher dreinschaute als in der eigentlichen
-Saison.
-
-Trotz dieser exklusiven Richtung unseres Direktors zechten wir schon in
-Sekunda ganz wacker. Wir hatten eine Stammkneipe, deren Inhaber, von
-der Ungehörigkeit der Gymnasialgesetze im tiefsten Innern durchdrungen,
-alles anstrebte, um uns das Joch unserer Schülerschaft nach Möglichkeit
-zu erleichtern. Leider bot sein Lokal nicht unbedingte Sicherheit, da
-sich mitunter auch ein Lehrer in diese traulichen Räume verirrte. Der
-alte Lorenz wußte uns in solchen Fällen rechtzeitig von der drohenden
-Gefahr zu verständigen. Es war hergebracht, daß wir vor dem Eintreten
-an den Schalter klopften. Lorenz zog dann die Klappe weg und grinste.
-Dieses Grinsen bedeutete so viel als: die Luft ist rein. War Lorenz
-nicht am Faß tätig, so versah einer von seinen Söhnen das Amt des
-Schenkwirts interimistisch, und diese Söhne bewerkstelligten jenes
-orientierende Grinsen weit unzuverlässiger als der Vater; daher es sich
-denn hin und wieder ereignete, daß wir unseren Peinigern ahnungslos in
-die offenen Arme liefen.
-
-Eines Nachmittags -- es war im August des Jahres 18** -- hatte uns
-Samuel Heinzerling durch eine furchtbare Auseinandersetzung über
-das Wesen des lateinischen Konjunktivs gemartert und am Schlusse
-seiner Rede ein neues Thema für den lateinischen Aufsatz gegeben:
-»~Quaeritur utrum Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne.~«
-Am Schlusse der Lehrstunde verspürte ich einen unwiderstehlichen
-Durst, und mein Freund Wilhelm Rumpf teilte diese Empfindungen, so
-daß er meinen Vorschlag, in der Schenke des alten Lorenz ein Seidel
-zu schlürfen, ohne weiteres genehmigte. Arm in Arm schritten wir über
-den Ludwigsplatz. Vor der Engelhardtschen Buchhandlung begegnete uns
-Wilhelm Rumpfs angeheirateter Onkel, ein liebenswürdiger alter Herr,
-der gern seinen Spaß mit uns trieb und auch heut nicht umhin konnte,
-uns mit einer scherzhaften Phrase dingfest zu machen. Wir kannten zwar
-die humoristischen Redensarten des Onkels seit lange auswendig; aber
-die selbstgefällige Freude, mit der er sie immer und immer wieder
-vortrug, verfehlte nie ihre Wirkung. Besonders tiefsinnig schien ihm
-der anachronistische Scherz von den Kanonen des Hannibal, und er besaß
-ein bewundernswürdiges Talent, von jedem beliebigen Gesprächsthema auf
-dieses Bonmot abzulenken. -- Als er uns nach längerer Kauserie wieder
-freigab, hatte unser Durst gewaltige Dimensionen angenommen, und im
-Geschwindschritt eilten wir der Stätte zu, wo wir so oft gegen die
-Paragraphen des Gymnasialgesetzes gefrevelt hatten.
-
-Wir klopften an den Schalter. Der alte Lorenz war diesmal wieder
-»dienstlich verhindert«, und sein ältester Sohn Fritz stand vor dem
-Schenktische.
-
-Der Bursche warf uns einen beruhigenden Blick zu, und so schritten
-wir denn ahnungslos ins Lokal und suchten mit jener prüfenden
-Unsicherheit, die jedem Neueintretenden eigen ist, nach einem Tische,
-um uns niederzulassen.
-
-Da -- wer beschreibt unser Erstaunen, unsere Verwirrung, als wir in der
-entferntesten Ecke des langen, bandartigen Kneipzimmers die nur allzu
-wohlbekannte Gestalt Samuel Heinzerlings wahrnahmen! Der Vortrag über
-den lateinischen Konjunktiv schien nicht allein uns durstig gemacht zu
-haben, denn das Seidel, das der Direktor vor sich stehen hatte, war
-bis auf einen traurigen Rest ausgeschlürft. Samuels Angesicht glühte
-in dunkler Röte. Ich schwankte, ob ich dies Echauffement der Glut des
-Augusttages oder dem Zorn über unser vermessenes Eintreten zuschreiben
-sollte: beide Umstände mochten in gleicher Weise mitgewirkt haben.
-Ich ergab mich schon stillschweigend in mein Schicksal. Die zwei Tage
-Karzer dünkten mir ebenso unvermeidlich, wie dem Delinquenten, der
-unter dem Fallbeil liegt, die Enthauptung. Auch Samuel Heinzerling
-schien von der Notwendigkeit dieser Lösung durchdrungen, denn jetzt
-spielte um seine Lippen ein halb verdrießliches, halb siegesgewisses
-Lächeln, und mit grimmigem Finger rückte er an der großen rundglasigen
-Brille.
-
-Aber wir hatten die Rechnung ohne Wilhelm Rumpf gemacht. Ehe ich noch
-ahnte, was er vor hatte, faßt er mich am Arm, und sagte mit einer
-Stimme, in der die Fülle der höchsten seelischen Genugtuung widerklang:
-
-»Komm, da sitzt ja der Herr Direktor! So habe ich mich doch nicht
-getäuscht.«
-
-Samuel Heinzerling starrte uns an, als habe die Vermessenheit Rumpfs
-ihn versteinert.
-
-»Wälhelm« aber schritt kühn auf ihn zu, zog die Mütze und verneigte
-sich mit einem artig gelispelten: »Guten Tag, Herr Direktor, verzeihen
-Sie gütigst, wenn wir Sie stören!«
-
-»Rompf, was onterstehn Sä sich?«
-
-»Entschuldigen Sie gütigst«, stammelte Rumpf mit verbindlichem Lächeln.
-
-»Was haben Sä här zo sochen? Äch kann mer schon denken, was för
-Nächtsnotzigkeiten Sä wäder auf'm Korn haben!«
-
-»Ich habe Sie auf dem Korn, Herr Direktor. Ich wollte mir nur die
-ganz ergebene Frage erlauben, ob wir den Aufsatz: »~Quaeritur utrum
-Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne~« auch in Dialogform
-behandeln dürfen. Mein Freund da behauptet, nein; ich aber bin in der
-Ansicht, daß diese Form sich ganz besonders für ein derartiges Thema
-eignet, denn, sagen Sie selbst, Herr Direktor: wenn man so die Tugenden
-und die Laster Alexanders des Großen gegeneinander abwägen will, so
-ergibt es sich ganz natürlich, daß man jede dieser verschiedenen
-Auffassungen eine Person substituiert. Hat nicht z. B. Lessing in
-seinem Gespräche über Freimaurerei ...«
-
-»Schon goot!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling.
-
-»Wir dürfen's also in Dialogform behandeln?« fuhr Wilhelm Rumpf fort.
-»Ich wollte mich doch gleich vergewissern. Wir sahen Sie da eben
-hereintreten, und da ich die Absicht habe, noch heute Abend an die
-Disposition zu gehen ...«
-
-»Rompf, Sä sänd ein Schelm; aber es läßt säch nächt leugnen, Sä haben
-säch got herausgebässen. Än Zokonft warten Sä mer höbsch draußen, bäs
-äch wäder hänaus komme. So lange hat Ähre Däsposätion wohl Zeit. Kennen
-Sä nächt dä Vorschräft des Gämnasialgesetzes, daß es den Schölern
-onserer Anstalt verboten äst, öffentläche Lokale zo besochen?«
-
-»Entschuldigen Sie, Herr Direktor,« sagte Rumpf im Tone eines
-Gekränkten, »es ist den Schülern verboten, die Lokale allein zu
-besuchen; wenn sie aber wissen, daß sie innerhalb dieser Lokale einen
-Lehrer oder gar den Direktor der Anstalt treffen, so scheint es mir den
-Gesetzen des Gymnasiums durchaus nicht zuwider zu laufen, wenn man in
-der Absicht einer wissenschaftlichen Anfrage ...«
-
-»Schwätzen Sä säch den Hals nächt noch trockener, als er schon äst! Äch
-wäderhole Ähnen, Sä haben säch got herausgebässen, ond non wäll äch
-Ähnen erlauben, daß Sä mät Anstand än Glas Bär tränken. Hören Sä? Aber
-nor +ein+ Glas: von där däalogischen Form wollen wär än däsem Falle
-absehen.«
-
-»Herr Direktor sind zu gütig, aber ich versichere Sie, wir dachten
-durchaus nicht ...«
-
-»Frätz!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling, »brängen Sä mal drei
-Seidel! So, ond non lassen Sä säch's got schmecken. Wahrhaftig Rompf,
-wenn Sä änmal später än den Verhältnissen des börgerlichen Lebens so
-väl Geistesgegenwart an den Tag legen, wä jetzt bei Ähren leider nor
-zo oft wäderholten Lompenstreichen, so werden Sä ein beröhmter Mann
-werden.«
-
-Wir nahmen Platz und ließen uns das unter so gefährlichen Umständen
-erworbene Bier trefflich munden. Nach Verlauf von zehn Minuten erhob
-sich unser jovial-liebenswürdiger Direktor vom Sitze, was für uns
-natürlich das Signal war, ein gleiches zu tun. Draußen vor dem Tore
-trennten wir uns. Nach zehn Schritten machte Heinzerling Kehrt.
-
-»Non, Rompf. Sä haben ja noch keine Antwort wägen der däalogischen
-Behandlung? Es scheint, daß Ähre Däsposätion doch nächt so große Eile
-hat, wä Sä vorgeben?«
-
-»~Qui tacet, consentire videtur~«, sagte Rumpf mit unerschütterlicher
-Gelassenheit. »Sie haben meine Frage unbeantwortet gelassen, also
-schließe ich daraus, daß Sie meine Ansicht billigen. Die Grundzüge des
-Aufsatzes habe ich mir bereits beim Bier überlegt.«
-
-»Nochmals, Sä sänd ein Schelm,« lachte Samuel, indem er den
-breitkrempigen Hut in die Stirne zog. »Aber nähmen Sä säch än acht! Äch
-för mein Teil habe Sänn för Humor, und lasse mer ab ond zo selbst eine
-kleine Dommheit gefallen, wenn sä mät Grazie ond attischem Salz gewörzt
-ist. Äch känne jedoch Leute, dä för dä Reize der Komäk ongleich weniger
-empfänglich sänd! Da könnten Sä mät Ähren olämpischen Konstgräffen sehr
-öbel anlaufen! Danken Sä Gott, daß äch här gesässen habe: wäre äch zom
-Beispiel mein Schwägersohn, der Ordänarius von Obersekunda gewäsen, so
-hätten Sä kein Bär, sondern Cachot gekrägt! Märken Sä säch das!«
-
-Und mit würdevoller Gelassenheit schritt er den heimischen Laren zu.
-
-
-
-
-Vom Rauchen.
-
-
-Das zierlich broschierte Heft der Gymnasialgesetze, das jedem neu
-aufgenommenen Schüler persönlich vom Herrn Direktor überreicht
-und ans Herz gelegt wurde, enthielt auch einen Paragraphen über
-das Tabakrauchen. Die Oberstudienräte bezeichneten dieses moderne
-Kulturlaster als »überaus schädlich für die Gesundheit und obendrein in
-hohem Grade kostspielig«, daher denn jeder Schüler der »Pflanzstätte«
-verpflichtet sei, ein Gelübde der Enthaltsamkeit abzulegen.
-
-Die Wirkungen dieses Paragraphen waren der Art, daß ich der kompetenten
-Behörde, falls es ihr um die Förderung der Jugend ernstlich zu
-tun ist, den Vorschlag mache, künftighin folgende Ukase unter die
-Gesetzessammlung mit aufzunehmen:
-
-»Die in hohem Grade zeitraubenden und gesundheitswidrigen Privatstudien
-sind jedem Schüler des Gymnasiums bei Relegation untersagt.«
-
-»Das schweigsame Verhalten während der Lehrstunden zeugt von Stumpfsinn
-und wird daher dringlich verbeten.«
-
-»Fortgesetzte Nüchternheit schädigt die Elastizität der Seele,
-wie schon der uralte christlich-germanische Wahlspruch beweist:
-›Wer niemals einen Rausch gehabt ...‹ Daher sich denn jeder
-Schüler mindestens dreimal wöchentlich im Zustande eines schönen,
-augenrollenden Wahnsinns befinden muß.«
-
-Und so weiter.
-
-Nach den bisherigen Erfahrungen würde man auf diesem Weg wahre
-Musterbilder von fleißigen, aufmerksamen und nüchternen Schülern
-erziehen.
-
-Kein Kenner der einschlägigen Verhältnisse wird mir bestreiten, daß
-es nur das Verbot ist, was den Quartaner an die Regaliakiste und in
-die Kneipe führt. Ich weiß mich sehr wohl zu erinnern, daß ich ein
-stark gebrautes Lagerbier mit einer wahren Überwindung trank, denn es
-schmeckte mir heillos bitter, und eine Tasse gezuckerter Milch wäre mir
-hundertmal lieber gewesen: aber ich erblickte im Bier das Kriterium
-der Männlichkeit, und so bezwang ich mein Widerstreben und sündigte
-ohne jeden Genuß. Hätte man uns damals täglich drei Seidel als Pensum
-diktiert, ich hätte mich lieber einsperren lassen, als daß ich mich
-diesem Zwange in Demut gefügt hätte.
-
-Noch entschiedener und allgemeiner gilt dies vom Rauchen. Mit wahrer
-Todesverachtung qualmten wir in Tertia unsere Zigarren -- nur weil es
-verboten war! Keinem von uns wäre es im Traum beigefallen, eine so
-unerfreuliche Summe von Beschwerden und Üblichkeiten durchzumachen,
-wenn wir nicht aus jenem Gymnasial-Paragraphen die Überzeugung
-geschöpft hätten, es müsse dem Rauchen doch irgend ein verborgener
-Zauber innewohnen, der sich durch fortgesetztes Studium entdecken
-ließe. Das Rauchen der Gymnasiasten würde auf ganz bescheidene
-Dimensionen beschränkt werden, sobald jener verhängnisvolle Paragraph
-hinwegfiele. Man gebe die Sünde frei, -- und sie hört auf, zu verlocken.
-
-Die Epoche, in der ich am meisten gegen das Tabaksverbot frevelte,
-war mein Biennium in Quarta und Tertia. Wir hatten da unser sechs
-eine Art Tabakskollegium gegründet, das seine Sitzungen unter freiem
-Himmel abhielt. Durch den Wiesengrund am östlichen Ende der Stadt
-strömte ein Bach, von Erlen und anderem Dickicht umsäumt. Selten nur
-verirrte sich eines Menschen Fuß an dieses trauliche Ufer -- und hier
-saßen wir geschart und ließen in feierlichem Ernste den Qualm unserer
-Zigarren zum Firmament aufsteigen. Mein Vater hatte damals von einem
-bösen Schuldner zweitausend Zigarren an Zahlungs Statt empfangen, die
-der Versicherung dieses Spekulanten zufolge unter Brüdern hundert
-Taler wert sein sollten, in Wirklichkeit aber ein so niederträchtiges
-Kraut waren, daß mein Vater sie schon auf den bloßen Geruch hin
-beiseite stellte. Da mir um jene Zeit jede, auch die beste Zigarre ganz
-abscheulich schmeckte, so waren mir diese Zahlungsobjekte trotz ihrer
-Verwerflichkeit äußerst willkommen. Vor Beginn unseres Tabakskollegiums
-füllte ich mir die Taschen und regalierte dann meine Genossen mit
-echten Havannas. Schwarz, der sich viel auf seine Kennerschaft zugute
-tat, wehte sich wiederholt mit den Fingern den Rauch in die Nase und
-sagte bedeutsam: »Ja, die Zigarre ist gut!« -- »Ein feines Blatt«,
-fügte Knebel hinzu. Und nun rauchten wir mit wütender Vehemenz -- etwa
-dreimal so schnell als ein erwachsener Durchschnittsraucher. -- Knebel
-ward immer blässer und blässer, aber er lächelte in stoischem Gleichmut
-und wiederholte nur zuweilen mit halb verlöschender Stimme: »Wirklich,
-ein sehr feines Blatt! Aber schwer!« -- Noch zwei Minuten, und der
-Ärmste ließ die Zigarre sinken, beugte sich über das Wasser und erbrach
-sich so heftig, daß ihm der Angstschweiß in großen Perlen auf die
-fiebernde Stirn trat.
-
-Trotz unseres kollegialischen Mitleids war uns diese Katastrophe
-äußerst willkommen, denn sie bot uns die Möglichkeit, ohne ein
-Geständnis der eigenen Schwäche die Zigarren zu beseitigen und dem
-stöhnenden Knebel beizuspringen. Einer von uns trat weiter oberhalb an
-den Bach und tauchte sein Taschentuch in die rieselnde Flut, um Knebel
-die Schläfe zu kühlen. Ein zweiter und ein dritter faßten den Dulder
-bei den Armen; ein vierter klopfte ihm beschwichtigend auf den Rücken.
-Die Zigarrenstummel flogen ins Wasser; Knebel erholte sich, und stolz
-im Selbstgefühle einer männlichen Tat begab man sich auf den Heimweg.
-
-Unterwegs blies man sich verschiedene Male den Atem ins Gesicht und
-fragte:
-
-»Du, riecht man's?«
-
-»Noch ziemlich ...«
-
-Dann wurde Gras gekaut oder ein Apfel verzehrt, denn auch die Eltern
-durften von unseren Orgien nichts wissen. Noch stundenlang trugen wir
-die Empfindung einer gewissen Üblichkeit mit uns herum. Ja, zuweilen,
-wenn Schwarz ein paar wirklich schwere Zigarren mitgebracht hatte,
-waren wir förmlich berauscht, und alles, was um uns vorging, machte uns
-den Eindruck eines beklemmenden Traumes ...
-
-Und doch ertrugen wir diese Leiden mit Genugtuung, -- denn die herbe
-Frucht war verboten!
-
-Auch die Furcht, »abgefaßt« zu werden, steigerte unser Mißgefühl. In
-Quarta und Tertia bebt man wie ein scheues Mädchen vor dem Gedanken,
-wegen irgend einer Freveltat »eingesponnen« zu werden. Bei mir
-persönlich kam noch hinzu, daß ich während des Jahres in Tertia um ein
-Prämium kandidierte; eine »Abfassung« wegen Rauchens hätte aber dieses
-Prämium im Keime erstickt.
-
-Mit welcher Ängstlichkeit hielten wir selbst an dem verborgenen Strande
-des Wiesenbachs Umschau, ob nicht irgend ein bedrohlicher Wanderer
-nahe! Einmal überraschte uns der felder- und wälderdurchstreifende
-Registrator Bieler so jählings, daß wir gerade noch Zeit hatten, den
-Brand unserer Zigarren in die weiche Erde zu drücken. Der alte Herr
-schien nicht wenig befremdet, hier am einsamen Quell eine Reihe von
-Knaben zu finden, die sich nicht einmal Blumen zum Kranze wanden,
-sondern in sichtlicher Verlegenheit aufsprangen und die Mützen zogen.
-
-»Was macht Ihr denn hier?« fragte er argwöhnisch.
-
-»Wir krebsen«, gab Schwarz mit großer Schlagfertigkeit zur Antwort.
-
-»So, gibt's hier Krebse? Und was brennt denn da drüben?«
-
-»Ach da«, sagte Schwarz ... »Wir haben vorhin ein kleines
-Pulvermännchen gemacht, und da glimmt das Papier noch.«
-
-Der Registrator entfernte sich, ohne sich über die Glaubhaftigkeit
-dieser Bemerkung zu äußern. Tagelang schwebten wir in heilloser Angst,
-er möge uns denunzieren; denn der Quartaner lebt der Meinung, die ganze
-Welt sei gegen ihn verschworen, und die Bürgerschaft kenne kein höheres
-Interesse, als ihn anzuzeigen.
-
-So ging die Sache in Quarta und Tertia. In Sekunda wurden wir bereits
-frecher. Des Abends nach Sonnenuntergang bummelten wir häufig mit
-brennender Zigarre durch die Stadt. Anfangs gebrauchten wir die
-Vorsicht, das glühende Ende mit der Hand zu bedecken; später ward auch
-diese Reserve kühn über Bord geworfen. So begab es sich denn nicht
-selten, daß ein Sekundaner wegen Tabakrauchens mit Strafe belegt wurde.
-Wenn ich meinesteils diesem Schicksal entging, so lag das nur daran,
-daß ich in Sekunda über die Freude am Rauchen so ziemlich hinaus war
-und nicht den vierten Teil so oft »blotzte«, als in Quarta und Tertia.
-Auch hatte ich, wenn ich ~extra muros~ gegen die Gymnasialgesetze
-sündigte, allzeit Glück.
-
-Ein einziges Mal wurde ich als Sekundaner wegen öffentlichen Rauchens
-denunziert, aber nicht bei den Gymnasiallehrern, sondern bei dem
-Stadtprediger, der uns den Konfirmanden-Unterricht erteilte.
-
-Dieser Mann, der sehr ehrwürdige Kirchenrat Doktor Philipp Jakob Engel,
-war in jeder Beziehung ein Original. Er hatte sich unter dem schwarzen
-Talar ein frisches, fröhliches Herz bewahrt. Nichts lag ihm ferner
-als Puritanertum und einseitiger Zelotismus. In der Weise des großen
-Doktor Martinus Luther genoß er sein Leben, -- zum mindesten was Wein
-und Gesang betraf. Im Punkte des Weibes war er allerdings vom Schicksal
-mißhandelt, denn er hatte sich, vom Rausch der Minne verlockt,
-eine Wirtstochter aus Bromskirchen zur Gattin erkoren, die ihm das
-Dasein mehr mit Dornen als mit Rosen durchflocht. Er suchte dann in
-der feierlichen Stille des Wirtshauses Trost für die Leiden seiner
-Häuslichkeit. »Der Wind bläst heute wieder von Bromskirchen«, pflegte
-er den Stammgästen zuzurufen, und dann wußte man, daß der Kirchenrat
-nicht vor ein Uhr nachts den Heimweg antreten würde.
-
-Doktor Engel leitete also den Konfirmanden-Unterricht, und zwar
-abwechselnd in dem einen Jahre den der Knaben und in dem anderen den
-der Mädchen. Ich hatte glücklicherweise +ihn+ zum Seelsorger! Wer es
-irgend einrichten konnte, sparte sich für das Jahr Engels auf, denn das
-Joch dieses Gerechten war sanft und schmerzlos. Der Unterricht fand
-von elf bis zwölf statt. Kurz vor halb erschien der Herr Kirchenrat
-langsamen Schrittes im Lehrsaale, wandelte wohl noch fünf Minuten lang,
-in Gedanken verloren, auf und ab und begann dann mit einer kurzen
-Wendung, deren feierliches Phlegma gegen sein sonstiges Feuer wunderbar
-kontrastierte, die Gesangbuchverse zu überhören. Human wie er war,
-nahm er nie den geringsten Anstoß daran, daß man diese Gesangbuchverse
-einfach ablas. Nachdem die Aufgabe zur beiderseitigen Befriedigung
-erledigt war, schritt er an das Abfragen der Katechismussprüche, die
-wir ebenfalls ganz unverfroren vom Blatte wegstahlen.
-
-»Nun, und was denkst Du Dir bei diesem Spruche?« forschte er dann wohl
-gelegentlich.
-
-Der Schüler gab eine Antwort, die mit einem langsamen »Ganz gut!«
-belohnt wurde, wenn sie nur einigermaßen verdaulich war. Im andern
-Falle meinte der Kirchenrat, das lasse sich wohl hören, sei aber
-doch nicht so ganz richtig -- und nun lieferte er mit salbungsvollem
-Behagen die korrekte Erklärung. Fünf Minuten vor drei Viertel sah er
-zum erstenmal auf die Uhr, zwei Minuten später zum zweitenmal. Um drei
-Viertel aber stemmte er die rundlichen Finger auf die Tischplatte und
-murmelte durch die Zähne:
-
-»So, ich habe jetzt noch ein Amtsgeschäft, und da wollen wir's denn für
-heute gut sein lassen. Für das nächste Mal lernt Ihr mir den folgenden
-Vers und die folgenden Sprüche.«
-
-Und hiermit verließ er das Lehrzimmer.
-
-Was das für Amtsgeschäfte waren, die so regelmäßig um drei Viertel auf
-zwölf wiederkehrten, das habe ich nie in Erfahrung gebracht.
-
-Bei diesem Kirchenrat, dessen echt christliche Milde aus der
-vorstehenden Schilderung zur Genüge erhellen wird, hatten mich einige
-der sogenannten Stadtschüler, auf die wir Gymnasiasten mit Verachtung
-herabsahen, wegen öffentlichen Rauchens angezeigt.
-
-Als ich den Saal betrat, riefen sie mir triumphierend entgegen:
-
-»Heute wird er Dich vornehmen!«
-
-So recht behaglich war mir bei dieser Eröffnung, trotz Engels bekannter
-Nachsichtigkeit, nicht zumute. Doch beherrschte ich mich und gewärtigte
-mit stoischer Ruhe der Dinge, die da kommen sollten.
-
-Der Kirchenrat erschien, wie üblich, kurz vor halb. Sein Antlitz hatte
-diesmal etwas ungewöhnlich Ernstes und Feierliches. Ja, ich glaubte
-einen Zug von Schmerz zu entdecken, der elegisch um die herabgezogenen
-Lippen spielte. So mußte der biblische Vater dreinschauen, wenn er des
-verlorenen Sohnes gedachte ...
-
-Gebeugten Hauptes schritt der Kirchenrat einige Male auf und ab. Dann
-blieb er stehen und rief mich beim Namen.
-
-»Komm einmal heraus«, sagte er mit einer Stimme, die mir ein tiefes
-seelisches Weh zu atmen schien.
-
-Die Stadtschüler rieben sich schmunzelnd die Hände.
-
-Nicht ohne Verlegenheit trat ich zu dem Kirchenrate heran, der mich ein
-wenig abseits führte und mir dann mit gedämpfter Stimme ins Ohr raunte:
-
-»Eh' ich's vergesse, sag' doch Deinem Herrn Vater, ich könnte morgen
-abend nicht zum L'Hombre-Kranz kommen.«
-
-Frohe Enttäuschung!
-
-»So,« fuhr er nun mit energisch dröhnender Stimme fort, »nun geh' auf
-Deinen Platz und vergiß nicht, was ich Dir gesagt habe!«
-
-Es war der nachsichtigen und liebevollen Natur dieses Priesters
-unmöglich, irgend jemanden zu verletzen. So ignorierte er denn
-vollständig die schnöde Anzeige meiner Gegner und genügte nur in dieser
-wahrhaft klassischen Weise dem Dekorum.
-
-In Prima wichen unsere Lehrer insoweit von dem Wortlaute des
-Gymnasialgesetzes ab, als sie ein Auge zudrückten, wenn die Schüler
-innerhalb ihrer vier Pfähle zur Zigarre oder zur Pfeife griffen. Nur
-das Rauchen auf der Straße war hier verboten. Aber gerade deshalb
-ward es mit Vorliebe kultiviert. Wäre es dem Gymnasiasten wirklich
-nur um das Kraut zu tun, so hätten wir unserem Rauchgelüste bei einer
-so milden Praxis hinlänglich fröhnen können: aber jetzt hatten die
-Zigarren im Hause ihren wesentlichen Reiz verloren. Die Sehnsucht des
-Primaners galt der öffentlich gerauchten Straßenzigarre. Einige von
-uns trieben die Sache so weit, daß sie vor dem Beginn der Lehrstunden
-in dem Schulsaale rauchten, was hin und wieder zu gräßlichen
-Untersuchungen führte, ohne daß jemals der Täter entdeckt worden wäre.
-
-Als wir schließlich Studenten wurden, und der letzte Zwang wegfiel,
-da hingen sehr viele unserer Matadore das Rauchen überhaupt an den
-Nagel; wie denn zum Beispiel mein früherer Mitschüler, der Geheime
-Medizinalrat ~Dr.~ Schwarz in Hamburg, noch bis auf den heutigen
-Tag ein abgesagter Feind der Zigarre ist. Wenn ihm diese Zeilen
-hier zu Gesicht kommen, widmet er vielleicht meinen abscheulichen
-Tertianer-Glimmstengeln ein dankbares Lächeln der Erinnerung; denn
-ihnen schuldet er die erkleckliche Summe, die er jetzt infolge seines
-Nichtrauchens alljährlich zurücklegen oder für die Vervollständigung
-seiner humoristischen Bibliothek aufwenden kann.
-
-
-
-
-Die Lyrik auf dem Gymnasium.
-
-
-Ich war vierzehn Jahre alt und erst vor kurzem Sekundaner geworden,
-als mich plötzlich, wie ein Flammenstrahl aus heiterm Himmel, der
-Drang nach poetischer Selbstbespiegelung ergriff. Ich erinnere mich
-noch des Tags und der Stunde ... Der Herbstwind strich klagend durch
-die halbentblätterten Zweige der großen Platanen. Ein feiner Regen
-stäubte wider die Scheiben, so recht öde und trostlos, als ob die
-kranke Natur sich matt und erschöpft in den Schlaf weine. Drunten im
-Hofe sah es möglichst unwirtlich aus. Die versumpften Wege mit ihren
-großen, gelblichen Pfützen, das bräunliche Laub, das der Wind von Zeit
-zu Zeit aufwirbelte, das nasse Holzwerk des Spaliers und die triefende
-Hütte des Jagdhundes, der sein Sommerquartier längst verlassen, um im
-Hause gegen die Unbilden der Witterung Schutz zu suchen -- dies alles
-machte einen unsagbar traurigen Eindruck. Drüben von der Landstraße
-her, wo die drei vereinsamten Pappeln wie lange Gespenster in den Dunst
-hineinragten, tönte das heisere Krächzen der Dohlen: sonst war alles
-wie ausgestorben ...
-
-Am Fenster stehend sah ich dem Hereinsinken der Dämmerung zu. Ein
-schmaler, blaßgelber Streifen am Horizont bezeichnete mir den
-Untergang des Tagesgestirns, das seit mehr als einer Woche nicht zum
-Vorschein gekommen war. Eh' ich's ahnte, war ringsum bleigraue Nacht
-geworden. Tief atmend trat ich ins Zimmer zurück. Im Ofen brannte
-ein lustiges Feuer. Auf meinem Arbeitstische glänzte die Lampe, die
-man in der Zwischenzeit unbemerkt hereingebracht hatte, und auf dem
-Teppich vor dem Sofa lag mit allen Symptomen der Befriedigung und
-des Wohlbehagens der treue vierfüßige Begleiter meiner sommerlichen
-Ausflüge. Ein wunderbares Gefühl von Traulichkeit überkam mich. So
-schnell als möglich ließ ich den Vorhang herab. Dann setzte ich mich
-an den Tisch und schrieb mein erstes Gedicht. Seltsamerweise besang
-ich in diesen kühn gegliederten Versen den Zauber einer mondhellen
-Sommernacht. Ich pries das »unendliche Gewimmel der Sterne« und die
-Ulmen, die »sanft versilbert« ihre Häupter ins Blaue erheben! Und doch
-war das Ganze keineswegs etwas Angekünsteltes und Gemachtes, sondern
-ein wirklicher Herzenserguß, ein Erlebnis, das mit zwingender Macht
-nach Gestaltung rang. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß drei oder vier
-Strophen mit »wenn« begannen, daß eine wahrhaft großartige Summe von
-schmückenden Beiwörtern verbraucht wurde, und daß ich solche Verse,
-wo mir der Reim nicht augenblicklich zur Hand war, einfach ungereimt
-ließ. Dergleichen findet sich in jedem Erstlingsgedichte und wird erst
-später als Frevel empfunden. Damals glaubte ich etwas wahrhaft Schönes
-und Imposantes geschaffen zu haben, denn die Fülle meiner subjektiven
-Stimmung war mir identisch mit dem Geleisteten. Wie viele, sonst sehr
-achtbare Leute, die nicht vierzehn Jahre alt sind und nicht in Sekunda
-sitzen, verfallen in einen ähnlichen Irrtum! Was man dem Sekundaner
-verzeiht, das macht den Erwachsenen einfach lächerlich. Aller
-Dilettantismus beruht auf dieser Verwechslung. Der Dilettant trägt
-ganz wie der Dichter eine Welt voll Poesie in der Seele: aber während
-der schöpferische Poet seine Empfindungen dergestalt in dem Medium der
-Sprache zu verkörpern weiß, daß der Hörer und Leser das Gesamtbild
-nachschafft, gelingt dem Dilettanten nur ein trauriges Stammeln. Fehlt
-ihm nun der kritische Blick für die Kluft, die sein Empfundenes von
-seinem Gestalteten trennt -- und dies ist die Regel --, so ist der
-Dichterling fertig. Der Sekundaner, der sich auf dieser Stufe befindet,
-hat die Möglichkeit einer Entwicklung für sich: denn selbst das größte
-Talent beginnt stümpernd. Der fertige Mensch aber erfährt mit Recht
-die strengste Beurteilung, denn in der Sphäre der Kunst gibt es keine
-christliche Milde, wie in der Sphäre der Ethik.
-
-Das war also mein erstes Gedicht, -- wenigstens das erste, dessen
-Genesis mir klar vor der Seele steht. Nun folgten rasch aufeinander
-die entsetzlichsten Balladen im altdänischen Stile, die furchtbarsten
-Sonette und die traurigsten Elegien. Ich kaufte mir ein schönes
-Album mit Goldschnitt, in das ich meine »Schöpfungen«, chronologisch
-geordnet, eintrug. Bald aber wurde mir dieses Kopieren zu umständlich.
-Ich dichtete gleich frisch drauf los in den Prachtband hinein, wobei
-es denn wesentlich darauf ankam, keiner Korrektur zu benötigen. Vom
-Anlegen der Feile war ich überhaupt damals kein Freund. Ich hatte so
-viel Stoff zu verarbeiten, daß ich immer wieder nach Neuem drängte.
-Es ist unglaublich, was ich alles in den Bereich meiner rhythmischen
-Betrachtungen zog. Sonnenaufgänge, die ich niemals gesehen hatte; die
-Leiden eines Negerknaben, der am Strande des Quorra von den Weißen
-geraubt wird; der nächtliche Reiter, der seinen Bruder erstochen
-und nun am zerbröckelnden Turme Wacht halten muß; die Freude über
-den bevorstehenden Semesterschluß; Glaube, Liebe und Hoffnung; der
-Gymnasialkarzer; die Vergänglichkeit alles Irdischen, und die Freuden
-einer nächtlichen Kahnfahrt: -- dies alles war mir gleichmäßig
-untertan. Ich schrieb eine Ode »An unsern Hund« und einen Hymnus auf
-das griechische Übersetzungsbuch von Mehlhorn. Ich philosophierte
-über die Unsterblichkeit der Seele und über den niederträchtigen
-Nationalcharakter der Punier.
-
-Das währte so ein halbes Jahr. Dann kam ein neues Motiv hinzu: das
-»Ewig-Weibliche«. Die schwarzen Locken und flammenden Augen brausten
-jetzt nur so durch meine Verse, und an Purpurwangen und Rosenlippen war
-kein fühlbarer Mangel.
-
-Bis dahin hatte ich meine poetischen Regungen durch unverbrüchliches
-Schweigen gedeckt. Namentlich in der Schule, wo der Begriff des
-Verses jenseits aller Erfahrung zu liegen schien, war mir niemals
-eine verräterische Silbe über die Lippen geglitten. Ich hatte die
-dunkle Empfindung, als treibe ich etwas Verbotenes. Sobald ich das
-Wort »Gedicht« aussprechen hörte, erinnerte ich mich eines Vorfalles
-aus meiner Quintanerzeit. Der Lehrer gab uns damals zwei verschiedene
-Aufsatzthemata. Zuerst las er uns eine Gellertsche Fabel vor, die
-wir in Prosa nacherzählen sollten, -- und dann eine Anekdote in
-Prosa. Ich fragte nun in aller Harmlosigkeit: »Die sollen wir wohl in
-Verse bringen?« Eine geringschätzige Zurechtweisung war die Antwort,
-und einige meiner hochweisen Herren Mitschüler lachten aus vollem
-Halse. Von diesem Moment an hatte ich das Gefühl, als sei alles
-Rhythmische unziemlich, und so war ich denn äußerst zurückhaltend.
-Nur einem einzigen Freunde teilte ich ab und zu etwas mit. Und da
-dieselbe Elisabeth, deren Rosenwangen ich poetisch verherrlichte, auch
-ihm als Ideal alles weiblichen Liebreizes erschien, so beschlossen
-wir gemeinsam, einige dieser Lieder sauber abzuschreiben und dem
-Gegenstande unserer Neigung auf dem Wege der Stadtpost zu übermitteln.
-
-Als wir den Brief eben gesiegelt hatten, trat mein Vater ins Zimmer.
-Wir gaben uns alle erdenkliche Mühe, recht gleichgültig dreinzuschauen,
--- aber vergebens. Nach einigem Hin- und Herfragen sahen wir uns
-schmählich entlarvt. So kam denn nicht nur unsere phantastische
-Verliebtheit zutage, -- nein, auch das Geheimniß, daß ich dichtete,
-wurde ans Licht gezogen. Tiefe Beschämung. Nach langem Widerstreben
-lieferte ich mein Album aus. Es war mir zumute, wie einem Mädchen, das
-beim Baden von Männern überrascht wird.
-
-Indes die Sache lief noch verhältnismäßig befriedigend ab. Ich
-wurde dringlich ermahnt, über diesen rhythmischen Versuchen meine
-Schularbeiten nicht zu vernachlässigen: im übrigen möge ich nur
-fortfahren. Dergleichen sei jedenfalls besser, als das sonst so fleißig
-geübte Einwerfen von Fenstern oder Niederreißen der Zaunpfähle.
-
-Während meines ganzen Aufenthaltes in Sekunda beobachtete ich die
-strengste Reserve. Das Terrain war hier für poetische Anwandlungen
-äußerst ungünstig. Kaum, daß ich ab und zu die Keckheit hatte, einen
-deutschen Aufsatz mit der Wendung zu schließen: »Denn, wie der Dichter
-sagt ...« und dann eine Strophe eigener Schöpfung einzuschmuggeln,
-in der Voraussetzung, der Lehrer werde den Kunstgriff nicht merken.
-Noch kürzlich ist mir einer dieser Aufsätze in die Hände gefallen.
-Der Lehrer hätte, um sich täuschen zu lassen, geradezu ein Dummkopf
-sein müssen, denn die Verse waren echt knabenhaft; aber großmütig ließ
-er die Vermessenheit hingehen, ohne mich durch die Frage: »Wer ist
-denn eigentlich der Dichter, dem Sie diese Strophe entlehnen?« in
-Verlegenheit zu setzen.
-
-Erst in Prima hatten wir offizielle Gelegenheit, unsere lyrischen
-Talente vor der Korona der Mitschüler zu betätigen. Unser
-Horaz-Interpret, ein feingebildeter Mann, der sich namentlich in
-literarischen Dingen durch ein reges Interesse auszeichnete, forderte
-uns jedesmal, wenn eine Ode genügend erklärt und verstanden war, zur
-freiwilligen Leistung einer metrischen Übertragung auf. Natürlich gab
-nur eine kleine Minorität diesem Ansinnen Folge; aber mit welchem
-Stolzgefühl schwellte es die Brust, wenn man über diese wenigen
-Mitbewerber den Sieg davon trug!
-
-Der poetisch beanlagte Primaner steht zumeist unter dem Einflusse
-Platens, dessen Formkorrektheit ihm naturgemäß imponiert. Erst später
-entwickelt sich die Vorliebe für Heine und Goethe. Während meines
-ersten Semesters in Prima waren es besonders die kunstvoll-fremdartigen
-Ghaselen, die mich zur Nacheiferung entflammten. Keine Dichtungsform
-schien mir so geeignet, die heterogensten Dinge ohne weitere
-Kompositionsschwierigkeiten zusammenzuleimen, als dieses orientalische
-Reimgeplänkel. Ohne zu ahnen, daß wir ganz im Sinne Heinrich Heines
-(dessen Reisebilder uns damals noch unbekannt waren) die Ghaselform
-nach ihrer bedenklichen Seite hin persiflierten, wählten wir die
-sonderbarsten Ausklänge. Sie waren das Primitive, Ursprüngliche:
-die Gedanken und Verse wurden erst nachträglich wie Arabesken
-herumgeschlungen. So dichteten wir Ghaselen aus Braun-Dur, die also
-begannen:
-
- Im Glase schäumt das quellenfrische Bier braun:
- Natur, Du färbst den Pelz so manchem Tier braun.
- Braun blickt das Auge meiner süßen Amrei,
- Und um ihr Haupt schmiegt sich der Zöpfe Zier braun u. s. w.
-
-Oder wir wählten als Refrain eine ganze Phrase, wie: »Doch der
-Schickung Groll verbeut's«, und intonierten nun folgendes Carmen:
-
- Gerne schritt' ich durch die Wiesen, doch der Schickung Groll
- verbeut's,
- Und besonders mit Elisen, doch der Schickung Groll verbeut's.
- Alles, was die Erde spendet, was der Himmel uns geschenkt,
- Alles möcht' ich froh genießen, doch der Schickung Groll verbeut's.
-
-Und nun folgte in schwungvoller Darlegung, was das glutbeschwingte Herz
-alles möchte ... Es sähe gern ... die Bächlein fließen ... die Blumen
-sprießen ... den Jäger die Rehlein schießen usw. Aber überall tritt
-ihm das Fatum entgegen; überall dröhnt es mit Donnerstimme: »Doch der
-Schickung Groll verbeut's!«
-
-Solche Herzensergüsse waren vollständig ernst gemeint: aber, wie
-gesagt, Heinrich Heine hätte sie getrost in seinen »Reisebildern«
-verwerten können.
-
-Nach und nach mochte die Form der Ghaselen uns selbst ein wenig
-kurios vorkommen. Wir benutzten sie jetzt zu komischen Extravaganzen,
-zu Klageliedern über unsere Primanerleiden, zu Hymnen auf die
-Eigentümlichkeiten der Professoren. Eines dieser Gedichte besitze ich
-noch: ich schrieb es während der Sophokles-Repetition, als Samuel
-Heinzerling eine etwas gar zu theoretische Auseinandersetzung über das
-Glykoneische Versmaß lieferte. Das Poem lautete:
-
-
- Unsere Lehrer.
-
- Der Klufenbrecher schmunzelt mathematisch,
- Doch jede Störung ist ihm antipathisch.
- Der Perner haßt verdumpfte Atmosphären,
- Und wenn er zürnt, so tobt er autokratisch.
- Anzeigend trat der Hähnle zum Direktor:
- Die Wurfgeschosse knallten so emphatisch.
- Der Heinzerling ist morgens allzu pünktlich,
- Den Spätgekomm'nen rüffelt er ekstatisch.
- Gymnasium! Gerne riefe ich »Lebe wohl!« Dir,
- Warmfühlend, wie der Jude spricht den Kadisch.
- Soll ewig hier die Knechtschaft mich verzehren?
- Zu einem Block erstarr' ich noch erratisch!
- Sei hessisch oder preußisch unsre Fahne,
- Sei unser Wappen bayrisch oder badisch:
- Die Freiheit ist das Ziel des Demokraten, --
- Und Prima fühlt entschieden demokratisch!
-
-Gleichzeitig mit diesen und ähnlichen Scherzen, unter denen die
-Hyperbeln auf die Füße des Herrn Doktor Hellwig und die Epigramme auf
-die zahlreichen Kinder des Herrn Doktor Brömmel eine hervorragende
-Rolle spielten, ward auch das sentimentale Genre redlicher Begeisterung
-kultiviert. Es entstanden glühende Liebeslieder, die mit ängstlicher
-Scheu im Pulte verwahrt blieben, denn jeder fremde Blick wäre ja eine
-schnöde Entweihung gewesen ... Und dann entschloß man sich gleichwohl,
-wenigstens eines der »herrlichen Lieder« hinauszusenden in die kalte,
-lieblose Welt ...
-
-Niemand hat diesen epochemachenden Schritt im Leben eines lyrisch
-produzierenden Primaners so reizend geschildert, wie Paul Heyse in
-seiner »Lottka«.
-
-Der Erzähler hat ein wehmuttrunkenes Lied gedichtet; sein Freund, ein
-achtzehnjähriger Musiker, setzt die »seufzenden Strophen in Musik, mit
-einer Klavierbegleitung, die das nahe Hereinbrechen des Weltgerichts
-über dem Haupte des wankelmütigen Mädchens« andeuten sollte.
-
-»Damals«, so heißt es wörtlich, »erschien die »Dresdener Abendzeitung«
-unter der Redaktion eines, wie ich glaube, seitdem verschollenen
-Herrn Robert Schmieder, der Gedichte der Aufnahme würdigte, über die
-mein kritisches Selbstbewußtsein nur die Achseln zucken konnte. An
-ihn schickten wir unsern Liebling, natürlich anonym, in der festen
-Überzeugung, schon in der nächsten Nummer Text und Komposition
-erscheinen zu sehen, mit der Bitte an die unbekannten Einsender,
-die Abendzeitung auch fernerhin mit so willkommenen Früchten ihres
-Talentes zu erfreuen. In süßer Beklommenheit, trotz unseres Inkognitos,
-betraten wir die Konditoreien, in denen Journale gehalten wurden, und
-forschten errötend nach unserm Erstling. Woche auf Woche verging, ohne
-daß sich unsere Erwartung erfüllte. Ich selbst hatte endlich, zumal
-nachdem wir noch einmal geschrieben und die Zurücksendung in ziemlich
-vornehmem Tone verlangt hatten, ohne einer Antwort gewürdigt zu
-werden, alle Hoffnung aufgegeben und war über diesen ersten Mißerfolg
-so beschämt und gekränkt, daß ich zunächst in einem längeren Gedichte
-der undankbaren Mitwelt den Handschuh hinwarf und auf die gerechtere
-Nachwelt pränumerierte, dann aber jede Andeutung des fehlgeschlagenen
-Unternehmens vermied und von Bastel (der ehrliche Name meines Freundes
-war Sebastian) verlangte, er solle auch die Melodie nicht mehr summen,
-die mir sogleich die ganze leidige Geschichte wieder ins Gedächtnis
-rief.«
-
-Wer hätte nicht, in gleicher Lage, diese wechselvollen Stimmungen
-ausgekostet? Hier nimmt das Schicksal zum erstenmal den Lyriker in die
-Schule, und gar mancher kommt über diese verunglückte Probe niemals
-hinaus. Ist der Betroffene in der Tat ohne dichterische Begabung, so
-darf er eine möglichst baldige Zerstörung seiner Illusionen als ein
-Glück betrachten. Aber gleichviel, es schmerzt. Sah man nicht bereits
-im Geiste einen prachtvoll gebundenen Oktavband, der in jedem Jahr eine
-Neuauflage erlebte und neben Geibel und Rückert in den Büchersammlungen
-aller Frauen und Mädchen heimisch wurde? Und nun dieses herbe
-Mißgeschick! Was wir für ein literarisches Ereignis hielten, ist an
-der kalten Seele des Redakteurs spurlos vorübergegangen! Er hat sich
-vielleicht an dem Weh unseres blutenden Herzens die Pfeife angezündet!
-
-Wie glorreich aber berührt im andern Falle die krönende Hand des
-Erfolges! Wenn wirklich nach so und so viel Wochen das Gedicht, A. O.
-oder B. O. unterzeichnet, im Feuilleton des Anzeigers erscheint, --
-wie steigt dem glückseligen Primaner die Glut ins Angesicht, und mit
-welch' unsäglichen Gefühlen des Stolzes nimmt er überall, wo es möglich
-ist, das Blatt zur Hand, um die prächtigen Strophen zwanzig-, dreißig-
-und vierzigmal wieder zu lesen! Er kann gar nicht begreifen, daß da
-drüben der Herr, der beim Biere sitzt, zuerst den Leitartikel, die
-Börsen-Kurse und das Vermischte liest; er meint, jedes Auge müßte sich
-von dem Gedichte magisch gebannt fühlen, und von Mund zu Munde müßte
-die Frage lodern: »Wer ist der Verfasser dieses herrlichen Liedes? Das
-ist ja etwas ganz Eminentes! Das müssen wir herausbringen!« In jedem
-Zirkel, den unser anonymer Autor betritt, erwartet er, daß man ihn mit
-den Worten überfalle: »Haben Sie's denn auch schon gelesen? ›Die Klage
-der Sehnsucht!‹ Wunderbar! Wunderbar! Meine beiden Schwestern haben
-sich's in ihr Album geschrieben. Meine Tante kann's bereits auswendig,
-und mein Schwager, der Kapellmeister, wird das Prachtstück in Musik
-setzen!«
-
-Nichts von alledem ereignet sich. Die Herren in der Bierstube, die so
-eifrig die Börsenkurse und die Leitartikel studieren, würdigen das
-phänomenale Gedicht keines Blickes, und in den Familienkreisen und
-Teegesellschaften geht die Unterhaltung ihren einförmigen Gang. Auch
-hier beginnt die Laufbahn des Poeten mit Enttäuschung.
-
-Dergleichen läßt sich zur Not noch ertragen. Man richtet sich empor
-an dem Beispiele so vieler großer Männer, die auch erst nach langen
-Kämpfen Anerkennung gefunden haben. Man setzt seine ganze Hoffnung auf
-das nächste Gedicht, das bereits an die Redaktion unterwegs ist usw.
-
-Weit mehr Stoizismus gehört jedoch zum Überstehen der folgenden Szene:
-
-Der Primaner ist in das belebteste Bierhaus geschlichen, weil ihm
-bekannt ist, daß dort zwei Exemplare der durch ihn mit unsterblichem
-Ruhme gekrönten Zeitung gehalten werden.
-
-Ahnungsvoll und von süßem Grauen durchbebt, schlürft er sein
-schäumendes Glas.
-
-Da sitzt der Stadtrichter, ein alter, redseliger Herr ... Unter dem
-Plaudern wirft er auch einen Blick auf das anonyme Gedicht.
-
-»Der druckt aber doch auch allen möglichen Schund«, sagt er mit
-wegwerfender Gebärde.
-
-Und nun beginnt eine boshafte Besprechung, die von den Umsitzenden aus
-vollem Halse belacht wird.
-
-Der unglückliche Primaner bedarf seiner ganzen moralischen Kraft,
-um sich nicht zu verraten. Von diesem Augenblicke an wirft er auf
-den Stadtrichter, der sonst ein ganz ehrlicher Mann ist, einen
-unversöhnlichen Haß. Die »wohlfeilen Späße« des alten Herrn sind ein
-»trauriges Zeichen der Zeit«. »Dieser armselige Böotier, der die
-Schönheit nicht sehen und würdigen kann, weil ihm der Aktenstaub
-die Augen umwirbelt! Und die Laffen, die seinen abgeschmackten
-Bemerkungen Beifall gejauchzt haben!« Ihre Persönlichkeit prägt sich
-für alle Zeiten unserm Gedächtnis ein ... Nach Jahren noch, wenn wir
-ihnen begegnen, denken wir in einer Anwandlung von Bitterkeit und
-Geringschätzung: »Aha, das ist ja auch einer von jenen Vandalen, die
-sich an meinem Kleinod vergingen!«
-
-Erst später, wenn man die literarischen Kinderschuhe ausgetreten und
-einen freieren Blick erlangt hat, erst als Mann erkennt man, daß jenes
-Gedicht in der Tat sehr mangelhaft war. Und wenn auch der Stadtrichter
-keine Ursache hatte, sich über diese Mangelhaftigkeit zu mokieren (er
-würde dasselbe Gedicht, wenn er es in den Werken eines Klassikers
-gefunden hätte, pflichtschuldigst bewundert haben), so dürfen wir ihm
-doch aus hundert Gründen seine Unart verzeihen ... Und in der Tat,
-wir verzeihen ihm, zumal wir in Erfahrung gebracht haben, daß der
-Stadtrichter zu den eifrigsten Lesern unserer Essays und Novellen
-gehört.
-
-
-
-
-Die Primanerliebe.
-
-
-Die oberen Gymnasialklassen sind der eigentliche Schauplatz für die
-platonische Liebe. Die Primanerliebe ist sogar sprichwörtlich geworden,
-und in akademisch gebildeten Kreisen gehört es zum vornehmen Ton, über
-dieses erste Aufflackern des erotischen Prinzips geringschätzig zu
-lächeln. Man vergißt eben im rastlos wiederkehrenden Kampf des Lebens,
-was man zu einer Zeit fühlte, da sich Herz und Geist erst für diesen
-Kampf vorbereiteten. Wie kalt und verständig schrieb der herangereifte
-Goethe über Lili, die den jungen Goethe so magisch gefesselt, so
-unwiderstehlich hingerissen und bezaubert hatte! Der Mensch wird
-nüchterner und erblickt dann die Vergangenheit durch die Brille seiner
-philiströsen Alltagsstimmung.
-
-Unter Primanerliebe versteht man gemeinhin eine jugendliche Dummheit,
-die in schauderhaften Sonetten und tausendfach wiederholten
-Fensterpromenaden gipfelt, eine Landpartie als Perihel des Entzückens
-und die Abreise der Geliebten in das Pensionat als schrecklichste
-Katastrophe kennt, häufige Einschnitzungen in die Subsellien
-hervorruft und beim Abgang nach der Universität in Bier, Paukereien
-und wohlgewachsenen Schenkmädeln ertränkt wird. Dergleichen mag sich
-ereignen; aber wenn der Verlauf der normalen Primanerliebe in der Tat
-mit dem Vorgeschilderten buchstäblich übereinstimmt, so folgt daraus
-lange nicht, daß eine unwichtige Lächerlichkeit vorliegt.
-
-Was ist überhaupt eine Kleinigkeit? Was ist geringfügig? Nur die
-engherzigste Arroganz kann hier den Maßstab der eigenen Subjektivität
-anlegen. Was mir sehr geringfügig und wertlos erscheint, ist einem
-anderen vielleicht das halbe Leben. Das Kind, dem seine Puppe ins
-Wasser fällt, ist nicht etwa zum Schein, sondern ernstlich und im
-tiefsten Grunde seines Herzens unglücklich; der Knabe, der zu Anfang
-des neuen Semesters nicht versetzt wird, fühlt nicht etwa einen
-Miniaturschmerz, sondern sein ganzes Ich ist unter Umständen so sehr
-von der Qual seines verletzten Ehrgefühls durchdrungen, daß ihm jede
-Hoffnung zu Grabe geht; daher es denn keineswegs unerhört ist, daß
-Schulknaben sich aus solchen »geringfügigen« Anlässen den Tod gegeben.
-Nirgends ist der Begriff der Größe und der Kleinheit so relativ
-als in dem, was unser Gemüt angeht. Jede Sorge, jede Neigung, jede
-Leidenschaft wird einen gesellschaftlich oder philosophisch höher
-Stehenden finden, der sie von seinem Standpunkt aus belächeln darf.
-Der Professor, der außer sich gerät, weil ihm ein Exemplar seiner mit
-so heißer Liebe gepflegten Schmetterlingssammlung ruiniert wurde,
-kommt dem ernsten Forscher in gewissem Sinne komisch vor; der Dandy,
-den der plötzliche Verlust seines Handschuhknopfs in Erregung bringt,
-scheint dem Denker geradezu unbegreiflich; die Hausfrau, die über
-einen häßlichen Fleck in ihren frisch gescheuerten Dielen in Tränen
-ausbricht, erweckt vielleicht unseren Hohn: und doch liegt in allen
-diesen Fällen ein wirklicher Schmerz vor. Würde nicht etwa ein Heros,
-ein Gott, der unser ganzes Tun und Treiben aus der Vogelperspektive
-betrachtete, selbst die ernstesten Obliegenheiten unseres Staatslebens
-komisch finden? Die ganze irdische Geschäftigkeit mit ihrem
-anspruchsvollen Eifer unterscheidet sich von dem krabbelnden Treiben
-der Milben, die das Mikroskop in einem Stückchen Käserinde entdeckt,
-durch kein wesentliches Kriterium. Hier wie dort finden wir ein
-mühsames Hasten im Interesse der Ernährung und Fortpflanzung; hier wie
-dort lauert im Hintergrunde der Tod, der die ganze Komödie hinwegfegt.
-Daß wir dem Treiben der Menschen eine höhere Wichtigkeit beilegen als
-dem der Milben, kommt nur daher, weil wir zufällig Menschen sind. Wären
-wir Milben, so schwärmten wir vielleicht für die großen Fragen des
-Milbentums.
-
-Es wäre eine blöde Verkennung der Tatsachen, wenn wir leugnen wollten,
-daß die sogenannte Primanerliebe nicht selten die einzige wahre Liebe
-ist, die ein menschliches Herz auf Erden zu fühlen bekommt. Alphonse
-Karr sagt einmal sehr bezeichnend: »Wenn die Mädchen wüßten, welch'
-einen Schatz von Liebe das Herz eines solchen jungen Menschen, der zum
-erstenmal liebt, in sich birgt! Wenn sie ein Verständnis hätten für
-diese Hingebung, diese Vergötterung! Wenn sie ahnten, daß sie für einen
-solchen Jüngling das Leben mit all seiner Wonne, das Paradies mit all
-seinem geheimnisvollen Zauber darstellen ...! Aber in ihrer törichten
-Geringschätzung für diesen Jüngling, in ihrer noch törichteren
-Bevorzugung blasierter und verkommener Geschöpfe lassen sie sich diese
-erste Liebe von Grisetten oder Kammermädchen hinwegschnappen!«
-
-Wenn die Primanerliebe selten zu einem praktischen Resultat führt, so
-liegt dies vorzugsweise in der Natur unserer sozialen Verhältnisse.
-Auch sind es wiederum nur diese sozialen Verhältnisse, die der
-Primanerliebe in den Augen des wohlbestallten Bürgers eine so überaus
-komische Färbung verleihen. Ein achtzehnjähriger Fischerbursche auf
-Capri, der seine fünfzehnjährige Teresina liebt und sie nach zwei
-Jahren eines mehr oder minder romantischen Brautstandes zum Altare
-führt, erscheint uns poetisch: ein achtzehnjähriger Primaner im
-gleichen Fall erregt beinahe unsere Mißbilligung. Und doch waltet hier
-wie dort das gleiche Naturgesetz ob. Die Komik, die einem verliebten
-Primaner innewohnt, erwächst nur aus dem Umstand, daß der Weg von
-dem Abiturientenexamen bis zur Würde eines vom Staat besoldeten
-Kreisrichters ein sehr langer und unerquicklicher ist. Leider kümmert
-sich Eros um solche Äußerlichkeiten nicht; am wenigsten aber hat er
-Respekt vor den Gymnasialgesetzen. Es gibt Lehrer, die kindisch genug
-sind, jede Regung der Liebe, die vor Beendigung des Gymnasialkursus
-eintritt, als eine strafbare Neigung für Allotria zu betrachten;
-ja, ich erinnere mich, daß einer dieser kurzsichtigen Pedanten mit
-Karzerstrafen vorging, weil ein jugendlicher Leander keine nur irgend
-denkbare Gelegenheit versäumte, an gewissen Fenstern vorüber zu
-wandeln. Dieser Versuch, das Sonnenlicht mit der Nachtmütze zu fangen,
-berührte mich schon damals so kläglich, daß ich mit dem unverständigen
-Cato fast Mitleid empfand. Was sind drei Tage Karzer gegen einen
-freundlichen Blick aus geliebten Augen?
-
-Ich verwahre mich hier gegen ein Mißverständnis! Nicht im Traume fällt
-es mir ein, jede erotische Bummelei des deutschen Primaners für eine
-Haupt- und Staatsaktion des Herzens zu halten; ich erhärte nur, daß
-solche ernstlichen und tiefen Empfindungen ungleich häufiger sind,
-als die Schulweisheit selbst der liberalsten Pädagogen sich träumen
-läßt. Man darf sich hier nicht durch die Außenseite beirren lassen.
-Die glühende, das ganze Wesen durchleuchtende Liebe tritt in diesem
-ersten Jugendalter oft ganz in derselben kindischen Gewandung auf,
-wie die müßige Tändelei. Die Fensterpromenade ist keineswegs nur der
-Zeitvertreib des koketten Flaneurs: auch der echte, im tiefsten Grund
-der Seele entflammte Romeo wählt dieses Mittel, -- und nur die Musik
-oder die Dichtkunst vermöchte zu schildern, was er dabei empfindet. Die
-Mutter des jungen Mädchens, die meist nach langer Blindheit dahinter
-kommt, daß dieses ewige Vorüberziehen ihrem Töchterchen gilt, zankt
-(nicht ohne eine stille Befriedigung ihrer geschmeichelten Eitelkeit)
-über die »dummen Jungen«, die etwas Besseres tun könnten, als so ihre
-Zeit zu vertrödeln: aber sie ahnt nicht, daß hier eine reinere und
-gewaltigere Leidenschaft vorliegt, als die halb aus Wohlgefallen, halb
-aus Berechnung zusammengesetzte, bürgerlich abgestempelte Salonliebe,
-die nach einer Reihe hochachtbarer Begegnungen zu einer Erklärung und
-schließlich zu einer respektablen Ehe führt. Diese Verkennung ist um so
-weniger begreiflich, als die Menschen doch alle einmal jung und mehr
-oder minder in dem gleichen Falle gewesen sind.
-
-Wenn wir auf der einen Seite nicht leugnen können, daß die äußeren
-Allüren der Primanerliebe nicht selten den Eindruck einer naiven
-Ungelenkigkeit, ja einer kindischen Fadheit machen, -- alles natürlich
-vom Standpunkte des gesetzten Familienvaters, -- so dürfen wir auf der
-anderen Seite nicht verhehlen, daß es gerade die herrschende Sitte
-mit ihren verknöcherten Regeln ist, die den Primaner so lange in dem
-Zustande der gesellschaftlichen Unreife und Torheit erhält. In gewissem
-Sinne ist das Alter von sechzehn bis achtzehn Jahren das unglücklichste
-des ganzen Lebens.
-
-»Ich war«, so schildert Paul Heyse den Zustand des Halbwüchsigen, »ein
-lang aufgeschossener, blasser junger Mensch, in jenem verlegenen Alter,
-wo man den Knabenschuhen sich entwachsen fühlt und noch sehr unsicher
-in die Fußstapfen der Männer zu treten versucht. Mit einer tollkühnen
-Phantasie und einem blöden Herzen, zwischen trotzigem Selbstgefühl
-und mädchenhafter Empfindlichkeit hin und her geschaukelt, zupft man
-grübelnd an allen Schleiern, die die Geheimnisse des Menschenlebens
-sterblichen Augen verdecken, weiß heute das letzte Wort über die
-letzten Dinge, gesteht sich morgen, daß man noch im +ABC+ stecke, und
-gebärdet sich überhaupt so unbehaglich widerspruchsvoll, daß man sich
-selbst unerträglich werden würde, wenn man nicht von Leidens-, das
-heißt Altersgenossen umgeben wäre, die es nicht besser machen und doch
-auch darum nicht aus der Haut fahren.«
-
-Es ist vornehmlich der +deutsche+ Jüngling, der dies Mißbehagen
-auskostet, und zwar zunächst und in erster Linie aus dem betrübenden
-Grunde, weil ihm die Gesellschaft absolut keine Stellung anweist.
-Der Verkehr eines sechzehnjährigen jungen Menschen mit den übrigen
-Mitgliedern der Gesellschaft und insbesondere mit den gleichalterigen
-und älteren Mädchen entbehrt jeder vernünftigen Basis und Norm. Er
-mag der geistreichste und geweckteste Kopf sein: die Damen rechnen
-ihn nicht für voll, und die Herren erst recht nicht. Ja, vielfach
-deutet man seine Anwesenheit im Salon als Zudringlichkeit. In
-Deutschland ist es eine Sünde, nicht vollständig erwachsen zu sein. In
-Frankreich, in England ist das anders. Ich habe in Paris hundertmal
-den ungezwungenen, graziösen und doch keineswegs allzu vertraulichen
-Ton bewundert, in welchem selbst Knaben von vierzehn und fünfzehn
-Jahren mit älteren Leuten verkehren. Da waltet nicht eine Spur von
-Befangenheit ob, da herrscht nicht jene blöde Verschämtheit, die nicht
-weiß, wo sie mit den langen Beinen und Armen hin soll. Wohl aber hat
-sich gerade infolge dieser Freiheit und Leichtigkeit eine bescheidene
-Reserve ausgebildet, die sehr wohltätig mit der vorlauten Keckheit
-kontrastiert, die als anderes und nur zu begreifliches Extrem den
-halbwüchsigen Deutschen charakterisiert. Wo soll ein deutscher Jüngling
-eigentlich seine gesellschaftliche Schule durchmachen? Bis zu einem
-gewissen Alter verbietet man ihm -- entweder direkt, oder indirekt
-durch die unfreundliche, verletzende Behandlung -- den Zutritt in die
-Gesellschaft. Dann mit einemmal werden ihm die Pforten geöffnet, und
-nun verlangt man die Manieren eines Gentleman. Aber dergleichen erlernt
-sich nicht über Nacht. Ich erblicke in der Liebenswürdigkeit, mit
-der die Franzosen ihre jungen Leute behandeln, ein Hauptmoment ihrer
-geselligen Überlegenheit. Der gebildete Franzose hat sich von jung
-auf jene gefälligen Manieren angewöhnt; sie sind ihm in Fleisch und
-Blut übergegangen. Der Deutsche dagegen soll sie seinem fast fertigen
-Menschen nachträglich aufkleben. Daher braucht man denn später nur ein
-wenig zu kratzen, um die Politur wegzubröckeln und den ungeleckten
-Bären hervorschimmern zu sehen.
-
-Ich habe meine Jugend in einer kleinen Stadt verlebt, die ungleich
-beträchtlichere Chancen für die Geselligkeit bot, als etwa Leipzig
-oder Berlin; aber ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß ich in irgend
-einem Kreise unseres Gemeinwesens einem vernünftigen und natürlichen
-Verkehr zwischen den Schülern und Schülerinnen begegnet wäre. Schon als
-Quintaner spielten wir stets nur »unter uns«. Wenn sich ab und zu eine
-»Emanzipierte« in unsere Gesellschaft wagte, so wurde sie von ihren
-Freundinnen bedenklich schief angesehen, denn die Mütter behaupteten,
-so etwas schicke sich nicht. Später, als das Spielen aufhörte, erstarb
-auch dieser letzte Rest von Beziehung, und es war fast ein Zufall,
-wenn irgendwo einmal eine Begegnung statthatte. Die Folge dieser
-eigentümlichen Klausur war natürlich ein vollendeter Mangel an ~savoir
-vivre~. Beide Teile kamen bei einem solchen zufälligen Rencontre nicht
-aus der Befangenheit heraus, und das Resultat war eine gründliche
-Verstimmung. Man fuhr, wie Paul Heyse sagt, nur deswegen nicht aus der
-Haut, weil so und so viele Leidensgefährten gleichfalls drin stecken
-blieben.
-
-Was bleibt also einem Primaner, der in solchen Verhältnissen
-aufgewachsen ist, übrig, als schließlich seine Zuflucht zu
-Fensterpromenaden und ähnlichen Albernheiten zu nehmen? Er wäre
-vielleicht der verständigste Mensch von der Welt, er würde vielleicht
-mit verdoppeltem Fleiß arbeiten, wenn er nur ab und zu einmal
-Gelegenheit hätte, die knospende Göttin, die er verehrt, zu sehen
-und zu sprechen: so aber vertrödelt er seine Zeit, um das mühsam und
-flüchtig zu erhaschen, was die Gesellschaft ihm -- der Himmel mag
-wissen aus welchem Grunde! -- für die Regel vorenthält.
-
-Übrigens zeigt sich das Aufkeimen unverstandener Liebesempfindungen,
-wie jedermann weiß, schon im frühesten Knabenalter. Nur sind sich
-diese Regungen ihres Zieles so völlig unbewußt, daß hier Kombinationen
-möglich sind, die späterhin bei einer voll entwickelten Liebe zu
-schmerzlichen Katastrophen führen. Noch in Untersekunda liebte ich mit
-meinem besten Freunde gemeinsam eine und dieselbe Adorata. Arm in Arm
-zogen wir an ihrem Fenster vorbei, ohne daß sich jemals ein Gefühl
-von Eifersucht in uns geregt hätte. Auch raubte uns diese ätherische
-Huldigung weder den Appetit noch den Schlaf. Das Ganze war in der Tat
-eine Kinderei, ein erstes, harmloses Vibrieren der Seele, und als uns
-schließlich der Vater des gefeierten Mädchens ohne Verständnis für
-unsere Ritterlichkeit bei dem Ordinarius der Klasse verdächtigte, so
-überwog unsere Entrüstung, und wir beschlossen ohne jeden Herzenskampf,
-die Tochter eines so barbarischen Vaters mit Verachtung zu strafen.
-Ganz derselbe Freund hatte später in Prima eine Leidenschaft, die ihn
-auf Jahre hinaus tief unglücklich machte und schließlich seinen Tod
-herbeiführte.
-
-Es gilt hier also, zu unterscheiden und nicht vornehm ablehnend die
-ernstesten Dinge, die ein Menschenherz zu bewegen imstande sind, mit
-dem Leichten und Nichtigen über einen Kamm zu scheren. Das herrlichste
-Mittel, die Leidenschaften zu lenken, ist ihr Verständnis.
-
-
-
-
-Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs.
-
-
-Es war in Sekunda. Die letzte der nachmittäglichen Unterrichtsstunden
-neigte sich ihrem Ende zu. Da erhob sich mein Freund Wilhelm Rumpf aus
-Gamsweiler -- derselbe, der später als neugebackener Primaner jenes
-denkwürdige Rencontre mit dem Direktor Heinzerling zu bestehen hatte --
-und bat den Lehrer in der hergebrachten Weise um die Erlaubnis, »mal
-hinausgehen zu dürfen«.
-
-Es fiel mir auf, daß Wilhelm, als ihm die Bitte gewährt wurde, ganz
-gegen seine Gewohnheit nach der Mütze griff; -- bald aber sollte ich
-den Grund dieser Maßregel erfahren ... Denn als Doktor Brömmel die
-lateinischen Stilübungen glücklich beendet hatte und sich verabschieden
-wollte, fand er die Tür des Schulzimmers von außen verschlossen.
-Wilhelm Rumpf hatte, gleichsam als Vorstudie für sein künftiges
-Attentat auf Samuel Heinzerling, ganz sachte den Schlüssel herumgedreht
-und war dann, im Hochgefühl einer bedeutsamen Tat, schmunzelnd von
-dannen gewandelt.
-
-In den Räumen Sekundas herrschte infolge dieser unerwarteten
-Einkerkerung großer Tumult. Alles drängte sich eifrig heran und
-versuchte zu öffnen. Die Schwächeren wurden in dem Gedränge zu Boden
-geworfen, die Kecken und Rücksichtslosen teilten Püffe und Stöße aus,
-und der Lehrer selbst geriet in Gefahr, von dem brandenden Ozean der
-erregten Schuljugend mit fortgerissen zu werden. Nur mühsam und mit
-Aufbietung aller Körper- und Geisteskräfte gelang es ihm, die Ordnung
-so weit wieder herzustellen, daß er zum Worte kam. Zerstreut, wie er
-war, hielt er uns folgende Ansprache:
-
-»Vor allen Dingen bitt' ich mir Ruhe aus! Ruhe, sage ich, oder es
-geschieht ein Unglück! Boxer, der ganze Unfug scheint mir wieder von
-Ihnen auszugehen! Ich rate Ihnen freundschaftlichst, treten Sie etwas
-gelinder auf!«
-
-Boxer versuchte zu remonstrieren.
-
-»Gehn Sie auf Ihren Platz«, rief Brömmel mit Donnerstimme. »Ich will
-mal sehen, ob ich den Urheber solcher Streiche nicht ausfindig mache!
-Hutzler, Sie sollen sich setzen! Es ist unerhört, was man in dieser
-Klasse erleben muß! Kurz und bündig: Wer hat die Tür da zugeschlossen?
-Der Betreffende möge sich melden!«
-
-»Aber Herr Doktor,« versetzte Hutzler im Ton einer milden
-Zurechtweisung, »der Schlüssel steckt ja von außen.«
-
-Allgemeines Gelächter.
-
-»Das ist wahr,« brummte der Lehrer, »daran dachte ich nicht. Nun, es
-ist wahrlich nicht Ihr Verdienst, wenn Sie diesmal wider Erwarten
-unschuldig sind. Jedenfalls ist der Täter ein ganz erbärmlicher Junge,
-den ich exemplarisch bestrafen werde.«
-
-»Herr Professor,« begann Kleemüller, »das hat ganz bestimmt einer von
-den nichtsnutzigen Primanern getan!«
-
-»Unsinn! die Primaner sind ernste, gesittete Leute! Ich wollte, Ihr
-hättet halb so viel Anstand und Ehrgefühl!«
-
-»Dann war's einer aus Tertia!« rief Gildemeister.
-
-»Das ist hier zunächst indifferent. Vorläufig müssen wir zusehen, daß
-wir hinaus kommen. Heppenheimer, gehn Sie mal hinunter und rufen Sie
-den Pedellen!«
-
-Wir unterdrückten nur mühsam eine diabolische Heiterkeit. Heppenheimer
-erhob sich und schritt mit komischer Grandezza der Tür zu.
-
-Jetzt erst erkannte Brömmel, wie seltsam er sich geirrt hatte.
-
-»Ja, so«, rief er in wachsendem Unwillen. »Wahrhaftig, man wird ganz
-irre in dieser Umgebung. Setzen Sie sich, ich werde selbst gehen!«
-
-Eine Salve des tollsten Gelächters belohnte dieses neue Capriccio.
-
-»Ich will sagen,« verbesserte Brömmel stirnrunzelnd, »wir müssen
-schleunigst den Pedellen zitieren ... Boxer, gehn Sie ans Fenster und
-rufen Sie!«
-
-»Recht gern, Herr Professor«, erwiderte Boxer zuvorkommend.
-
-Er öffnete einen Flügel:
-
-»Herr Quaddler! Herr Gymnasialpedell! Herr Karzerverwalter! Herr
-Leberecht Gottlieb Quaddler! Sie möchten doch gleich mal heraufkommen!
-Hören Sie nicht? Quaddler! Der Herr Professor ruft!«
-
-»Lassen Sie Ihre Glossen«, zürnte der Lehrer, heftig aufstampfend.
-»Rufen Sie einfach: Herr Quaddler! und damit basta!«
-
-»Herr Quaddler! und damit basta!« schrie Boxer aus vollem Halse.
-
-»Ich komme ja schon«, erklang die Stimme des ehrlichen Hausverwalters,
-der eben mit einer Ladung von Kienspänen aus dem Holzstalle trat. »Was
-wollen Sie denn von mir?«
-
-»Herr Quaddler! Sie sollen gleich mal herauf kommen! Hören Sie, Herr
-Quaddler? Der Herr Professor ruft! Wir sind eingeschlossen, Herr
-Quaddler! Eilen Sie sich, Herr Quaddler, sonst wird der Kaffee kalt!
-Hören Sie, Herr Quaddler?«
-
-»Lassen Sie Ihr verdammtes ›Herr Quaddler‹!« rief Brömmel entrüstet.
-
-»Aber der Mann heißt doch so! Ich soll nicht Herr Gymnasialpedell
-sagen, ich soll nicht Herr Karzerverwalter sagen ...«
-
-»Sie sollen das Maul halten!« schrie der Professor außer sich.
-
-»Auch gut«, versetzte Boxer demütig.
-
-Nach zwei Minuten ertönten auf dem Korridor Schritte. Gleich darauf
-pochte es schüchtern ans Türgetäfel.
-
-»Herein!« rief der Professor zerstreut.
-
-Quaddler drückte zur größten Erheiterung von zweiundfünfzig übermütigen
-Sekundanern auf die Türklinke.
-
-»Sie müssen den Schlüssel herumdrehen«, sagte Brömmel verdrießlich.
-»Irgend ein frecher Wicht hat uns hier eingeschlossen.«
-
-»Was?« fragte Quaddler.
-
-»Den Schlüssel sollen Sie umdrehen!« schrie der cholerische Pädagoge.
-»Sie scheinen heute wieder infam schwerhörig!«
-
-»Schwerhörig? Gewiß nicht, Herr Professor, aber da drüben in der Prima,
-wo von vier bis fünf Englisch ist, wird ergebenst so laut gelacht, daß
-man sein eigenes Wort nicht versteht.«
-
-»Enthalten Sie sich aller Bemerkungen und schließen Sie auf!«
-
-»Ja, Herr Professor, verzeihen Sie gütigst, wenn ich mir ganz ergebenst
-erlauben darf zu vermerken, so wird das mit dem besten Willen nicht
-möglich sein, weil der Schlüssel nicht steckt.«
-
-»Was? Auch das noch? Es ist empörend!«
-
-»Warten Sie mal, Herr Professor,« begann jetzt Boxer, indem er mit
-der rechten Hand seine Tasche durchsuchte, »ich habe da meinen
-Hausschlüssel bei mir, vielleicht paßt der ...«
-
-»Was? Ihren Hausschlüssel? Mit welchem Recht tragen Sie einen
-Hausschlüssel bei sich? Wissen Sie nicht, daß Sie Punkt neun Uhr in
-Ihrer Wohnung zu sein haben?«
-
-»Gewiß, Herr Professor! Aber man kann sich doch einmal wider Willen
-verspäten. Wenn man zum Beispiel einen Onkel an die Bahn zu begleiten
-hat ...!«
-
-»Ihre Onkels können bei Tag reisen. Dieser Hausschlüssel wirft ein sehr
-bedenkliches Licht auf Ihre Gewohnheiten.«
-
-»Das ist wohl zu schroff geurteilt! Aber darf ich einmal die Probe
-machen? Ich wette, er schließt!«
-
-»Meinetwegen, versuchen Sie's!«
-
-Boxer begann nun sehr geräuschvoll zu operieren. Natürlich erfolglos.
-
-»Herr Professor!« rief Hutzler nach einer Weile. »Ich muß schleunigst
-hinaus! Ich fühle mich unwohl.«
-
-»So? Was fehlt Ihnen denn?«
-
-»Wir hatten Gurkensalat zum Rindfleisch, -- und jedesmal, wenn ich
-Gurkensalat esse ...«
-
-»Gedulden Sie sich! Ich kann um Ihretwillen die Tür nicht eintreten
-lassen!«
-
-»So erlauben Sie mir, daß ich durchs Fenster ...«
-
-»Ich glaube, Sie sind verrückt!«
-
-»Keineswegs, Herr Professor! Ich klettere einfach am Rohr der
-Dachtraufe hinab.«
-
-»Und brechen den Hals!«
-
-»Nun, da wär' auch nichts weiter verloren! Sie haben mir ja so manchmal
-gesagt ...«
-
-»Sparen Sie Ihre Worte! Sie bleiben hier, bis geöffnet ist! Quaddler!
-sorgen Sie jetzt dafür, daß dieser Unfug ein Ende nimmt!«
-
-»Erlauben der Herr Professor ... Soll ich sozusagen den Schlosser
-holen?«
-
-»Natürlich! Mit Ihren Fingern werden Sie bei der Sache nichts
-ausrichten!«
-
-»Schön, Herr Professor. Welchen Schlosser soll ich denn holen?«
-
-»Das ist mir gleichgültig.«
-
-»Vielleicht den Kreiling?«
-
-»Himmelkreuzdonnerwetter, holen Sie, wen Sie wollen!«
-
-»So will ich den Kreiling holen. Der Burkhardt wohnt zwar bedeutend
-näher ...«
-
-»Selbstverständlich holen Sie dann den Burkhardt.«
-
-»Belieben der Herr Professor ganz ergebenst vermerken zu wollen, der
-Schmelzer wohnt aber noch näher!«
-
-Doktor Brömmel schlug mit der geballten Faust auf die Kathederfläche.
-
-»Sie sind ein Schafskopf! Augenblicklich machen Sie, daß Sie
-fortkommen!«
-
-»O, Herr Professor ... Ich gehe ja schon«, sagte Quaddler beleidigt.
-
-Und hiermit tappte er langsam über den Korridor und die Stiege hinunter.
-
-Doktor Brömmel setzte sich, kreuzte nach Art Walthers von der
-Vogelweide ein Bein mit dem andern und heuchelte eine wahrhaft stoische
-Ruhe.
-
-»Ich werde die Frist benutzen, um Ihnen ein kurzes lateinisches
-Exerzitium zu diktieren. Rüsten Sie sich zum Schreiben!«
-
-»Was?« rief Boxer pathetisch. »Das steht nicht im Schulprogramm!«
-
-»Wenn Sie sich noch ein einziges freches Wort erlauben, so schick' ich
-Sie nach dem Karzer!«
-
-Boxer erhob sich.
-
-»Frech zu sein ist meine Gewohnheit nicht; aber in aller
-Bescheidenheit ...«
-
-»Sie lernen mir zur Strafe den ersten Gesang der Odyssee auswendig. Ich
-will Sie lehren, meine pädagogischen Maßnahmen Ihrer unreifen Kritik zu
-unterwerfen! -- Still jetzt dahinten! Ich beginne mit dem Diktat!«
-
-Er legte die Arme gleichmütig vor die Brust und hub an, wie nachstehend:
-
-»Gönne die Reichtümer den Reichen und ziehe die Tugend den Reichtümern
-vor!«
-
-»Wie?« fragte Knebel. »Was soll man vorziehen?«
-
-»... Und ziehe die Tugend den Reichtümern vor«, wiederholte Brömmel mit
-eisiger Kälte.
-
-Die Federn kritzelten hastig übers Papier.
-
-»Wenn ich die Lehren der Weisheit verschmähe und noch im reiferen Alter
-wie ein Kind nach den Zerstreuungen des Augenblicks hasche, so bin ich
-albern ... Das letzte Wort geben Sie mit ~ineptio~, ~ineptire~.«
-
-»So bin ich was?« fragte Knebel.
-
-»Albern sind Sie,« versetzte Brömmel, -- »im höchsten Grade.«
-
-»Gehört das mit ins Diktat?«
-
-»Ja, +Sie+ können sich's mit ins Diktat setzen! Heppenheimer, warum
-schreiben Sie nicht?«
-
-»Ich bin fertig.«
-
-»So? Zeigen Sie einmal her!«
-
-Mit siegesgewissem Lächeln reichte Heppenheimer sein Blatt hin.
-
-»Was ist das für eine erbärmliche Schmiererei?«
-
-»Das ist Stenographie.«
-
-»So? Stenographie? Auch wieder so ein Mittel, um den Lehrer zu
-hintergehen! Ich muß Ihnen sagen, daß ich von solchen Geheimschriften
-absolut kein Freund bin. In meinen Stunden wird so geschrieben, daß es
-jedermann lesen kann!«
-
-»Das kann jedermann lesen, -- vorausgesetzt natürlich, daß er's gelernt
-hat. Auch die gewöhnlichste Schrift ist nur dem leserlich, der sie
-versteht.«
-
-»Lassen Sie Ihr Geschwätz, und schreiben Sie weiter!«
-
-Noch drei oder vier Sätze brachten wir so zu Papier. Dann fingen wir
-an, die denkwürdigen Phrasen ins Lateinische zu übertragen.
-
-»Boxer, warum schreiben Sie nicht?«
-
-»Ich habe Kopfweh! Sechs Stunden Gymnasium sind mir gerade genug.«
-
-»Sie lernen mir jetzt auch den zweiten Gesang der Odyssee auswendig!«
-
-»Damit sich mein Kopfweh noch steigert? Damit ich schließlich eine
-Gehirnentzündung bekomme?«
-
-»Kein Wort mehr, oder ich weise Ihnen die Tür!«
-
-Die Klasse begann wieder zu lachen. Auch Boxer konnte nicht umhin, sich
-trotz seines Kopfwehs aufrichtig zu beteiligen.
-
-»Was? Sie wollen mir hier Gesichter schneiden? Augenblicklich gehn Sie
-hinaus!«
-
-»Gern, Herr Professor, sobald der Quaddler mit dem Schmelzer gekommen
-ist.«
-
-»Ja so ... Der Mensch bleibt in der Tat über alle Begriffe lang'!
-Heppenheimer, sehen Sie mal nach ... Das heißt ... Ich will sagen ...
-Es ist gut! Halten Sie sich an die Arbeit!«
-
-So verstrich eine Viertelstunde. Da knarrte es auf den Dielen des
-Korridors.
-
-»Herr Professor, der Schmelzer war nicht zu Hause, und damit Sie nicht
-so lang warten müssen und denken, ich bin etwa nachlässig im Dienst,
-so wollte ich mir erlauben, Ihnen dies kurz zu melden. Ich gehe jetzt
-gütigst zum Burkhardt.«
-
-»Sie sind der bornierteste Mensch, der mir je vorgekommen!« wetterte
-Brömmel in heller Verzweiflung. »Denken Sie, ich habe Lust, hier bis
-morgen früh Quarantäne zu halten?«
-
-»Aber der Herr Professor werden so frei sein ... insofern Sie mir doch
-gesagt und vermeldet haben, und der Schmelzer doch ganz in der Nähe
-wohnt ...«
-
-Brömmel verließ den Katheder und stürmte in ohnmächtigem Zorn nach der
-Tür. Mit geballter Faust schlug er wider die Bretter.
-
-»Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß die Tür uns trennt«, ächzte er, kaum
-noch der Sprache mächtig.
-
-»Gott verzeih' mir die Sünde, der Herr Professor sind ja furchtbar
-erregt! Da will ich mich doch recht beeilen, damit ich ja zur
-pünktlichen Zeit wieder da bin!«
-
-Und fort war er, ehe Brömmel etwas erwidern konnte.
-
-Wilhelm Rumpf hatte sich bis dahin abseits im Hofe herumgetrieben und
-die Situation auskundschaftet. Er benutzte den günstigen Moment, um
-unbemerkt den Schlüssel wieder ins Schloß zu stecken.
-
-Brömmel saß inzwischen, von heftigen Gemütsbewegungen hin und her
-geschüttelt, auf dem Lehrstuhl. Sein ganzer Habitus verriet, daß
-er alle moralische Kraft aufwenden mußte, um nicht in schäumende
-Wut auszubrechen. Mit den Fingern der rechten Hand trommelte er in
-heftigem Dreivierteltakt auf die Kathederfläche. Ab und zu nickte er
-verzweiflungsvoll lächelnd vor sich hin, als wollte er sagen: »Sehr
-gut, wirklich, ganz ausgezeichnet! So etwas kann auch nur in Sekunda
-passieren!« Dann warf er wieder den Kopf in den Nacken und zuckte die
-Achseln. »Die ganze Sache«, so ließ sich diese Geste interpretieren,
-»ist mir zu erbärmlich, um mich darüber zu ärgern. Dumme Jungens seid
-Ihr allesamt, den Quaddler mit eingerechnet! Wenn ich doch endlich
-einmal dieses Gymnasium mit seinen fatalen Auftritten los wäre! -- Aber
-die Professur an der Hochschule will noch immer nicht kommen, trotz
-meiner epochemachenden Studie über das griechische Medium! Das wahre
-Verdienst wird niemals erkannt! Fluch über dies Zeitalter!«
-
-Endlich, endlich erschien Quaddler mit dem sehnsuchtsvoll erwarteten
-Burkhardt.
-
-Der Schlossermeister war im höchsten Grad ungehalten.
-
-»Sie denken, ich kann um jede Lumperei abkommen«, sagte er noch im
-Treppenbau. »Es ist jetzt verdammt schlimme Zeit: die Gesellen sind
-fort, und der Lehrbub versteht nichts. Um ein Schloß aufzumachen, läuft
-man nicht so ohne weiteres drei Meilen weit. Die paar Kreuzer machen
-die Suppe nicht fett!«
-
-»Aber erlauben Sie gütigst,« erwiderte Quaddler, »das gehört doch
-sozusagen in Ihr Geschäft, und wo die Pflicht Ihres Amtes ...«
-
-»Ach was,« versetzte Burkhardt, »ich habe kein Amt, und der Teufel
-soll's holen, wenn ich alle Naselang aus der Werkstatt geholt werde!
-Das nächste Mal setz' ich Ihnen zwei Gulden auf Rechnung. Ich danke
-dafür, den halben Nachmittag zu vertrödeln, wenn die Leute einmal einen
-Schlüssel verlegen.«
-
-So traten sie vor die Tür.
-
-»Aber was wollen Sie denn eigentlich?« schrie Burkhardt, den armen
-Quaddler wütend am Arme schüttelnd. »Da steckt ja der Schlüssel!
-Himmelschockmillionendonnerwetter, denken Sie vielleicht, Sie können
-mich hier, wie ein böser Bube, zum Narren halten?«
-
-»Ja, aber bester Herr Burkhardt, das geht nicht mit rechten Dingen zu!
-Vorhin stak der Schlüssel nicht, das kann ich beeidigen.«
-
-»So? Können Sie das beeidigen? Na, mir sollen Sie wieder kommen mit
-Schlösseraufmachen! Einen alten Hund werde ich tun, aber nicht wieder
-mit Ihnen herlaufen, Sie alter, versoffener Pfannenschmied!«
-
-Der Schlossermeister eilte fluchend die Treppe hinab. Quaddler aber
-stand wort- und regungslos da, eine männliche Niobe.
-
-»Nun, wird's bald?« rief Doktor Brömmel, an der Türklinke rüttelnd.
-
-Der Pedell seufzte. Dann drehte er in völlig geknickter Stimmung den
-Schlüssel um.
-
-»Hören Sie,« begann Doktor Brömmel in strafendem Tone, »ich glaube,
-Sie selbst haben in Ihrer bodenlosen Zerstreutheit den Schlüssel da
-abgezogen! Ich hasse nichts mehr als die Zerstreutheit. Wiederholt sich
-dergleichen, so werde ich dafür sorgen, daß Ihnen von höchster Stelle
-aus ein Verweis erteilt wird.«
-
-»Herr Professor, so wahr ich hoffe, dereinstens selig zu werden ...«
-
-»Das kann jeder sagen.«
-
-»Das finde ich auch«, meinte Boxer. »Wie die Dinge liegen, kann nur
-Herr Quaddler die Tat verübt haben.«
-
-»Da hören Sie's«, eiferte Brömmel.
-
-»Aber ich will augenblicklich des Todes sterben ...«
-
-»Schweigen Sie! Nur von außen kann der Schlüssel herumgedreht worden
-sein, und Sie allein sind draußen gewesen. Ihr hartnäckiges Leugnen ist
-geradezu abgeschmackt. Ich werde dem Herrn Direktor nunmehr sofortige
-Anzeige machen.«
-
-Wilhelm Rumpf, der diese Verhandlungen aus einer Ecke des Korridors mit
-anhörte, verspürte bei den strengen Worten des Professors etwas wie
-Mitleid. So trat er denn plötzlich ins Schulzimmer und rief atemlos:
-
-»Ach, Herr Doktor, ich bin rein außer mir! Wie ich vorhin das Zimmer
-verließ, war ich so in Gedanken, daß mir ein Unglück passierte. Ich
-glaubte, ich wäre daheim. Denn wissen Sie, Herr Professor, Sie sprechen
-gerade so, wie mein Hauswirt ... Ich weiß selbst nicht, wie es gekommen
-ist ... In der Zerstreutheit zog ich den Schlüssel ab ...«
-
-»Knebel, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Rumpf wegen groben Unfugs mit
-einem Tage Karzer bestraft‹. Wenn Sie wieder ein Märchen aushecken, so
-lügen Sie weniger ungeschickt!«
-
-»Ein Märchen?« rief Wilhelm im höchsten Pathos. »Ich rede die Wahrheit!
-Wer sich schuldig fühlt, der bleibt im Verborgenen! Ich aber trete kühn
-vor Sie hin, um den Quaddler vom Verdacht zu befreien ...«
-
-»Ach ja, Herr Rumpf,« murmelte Quaddler gerührt, »das ist wirklich
-recht schön von Ihnen! Ich hab's ja immer gesagt, der Rumpf ist gar so
-kein übler Schüler nicht.«
-
-»Es bleibt dabei«, sagte Brömmel, den Hut aufsetzend. »Wenn Sie
-wirklich so über alle Begriffe zerstreut sind, wie Sie behaupten, so
-geben Sie künftighin besser acht! Ich kann die Zerstreutheit nicht
-leiden! Und Sie, Quaddler, werden von jetzt ab den Schlüssel inwendig
-stecken lassen. Wenn uns dann jemand einschließt, können wir wenigstens
-öffnen, ohne den Schlosser zu rufen. Adieu!«
-
-»Seien Sie ruhig, Herr Rumpf,« flüsterte Quaddler beschwichtigend, »ich
-will Ihnen die zwölf Kreuzer Pedellengebühren für den Tag Karzer nicht
-anrechnen!«
-
-
-
-
-Eindrücke aus dem Karzer.
-
-
-Noch in Tertia hatte das Wort Karzer für unsere Ohren etwas
-Dämonisch-Furchtbares. Wir glaubten synonyme Anklänge an »Schafott«
-oder »Bagno« herauszuhören. Die wenigsten von uns hatten die
-geheimnisvollen Räume, die der Pedell Quaddler mit seinen riesigen
-Schlüsseln verwahrte, auch nur zu Gesicht bekommen, denn die
-Karzerstrafen gehörten in Tertia zu den größten Seltenheiten. Man
-züchtigte unsere kleinen Vergehen einfach durch sogenanntes Nachsitzen,
-d. h. man sperrte uns nach Schluß der Unterrichtsstunden in ein
-Schulzimmer. Diese Methode ward bei leichteren Vergehen auch in Sekunda
-noch angewendet. Nur Prima besaß das Privilegium der ausschließlichen
-Karzerverbüßung; daher denn in Sekunda diejenigen Schüler, welche
-»hinauf« unter die Botmäßigkeit des Pedells wandelten, mitleidig auf
-die bloßen Nachsitzer herablächelten.
-
-In Sekunda nämlich ging mit den stillen Tertianern eine eigentümliche
-Wandlung vor. Das System der Doppelklassen übte hier seine
-antipädagogische Wirkung. Wenn die Oberstudienräte alles aufböten,
-um die Schüler zu demoralisieren, so könnten sie keine praktischere
-Einrichtung treffen, als diese zweijährige Dienstzeit. Sexta,
-Quinta, Quarta und Tertia waren auf einen Kursus von nur einem Jahre
-berechnet; in Sekunda aber rückten jedesmal zu Ostern die Tertianer
-als Untersekundaner ein, während die bisherigen Untersekundaner
-zu Obersekundanern emporstiegen. Der Unterricht fand gemeinsam in
-demselben Raume statt. ~In litteris~ ward durch diese Verschmelzung
-manches gewonnen: schon der Umstand, daß man auf diese Weise dem
-Wetteifer der Jüngeren mit den Älteren ein weites Feld eröffnete,
-darf nicht unterschätzt werden. ~In moribus~ aber verhielt sich die
-Sache umgekehrt. Es gab keine schroffere Kluft, als die zwischen dem
-respektvollen Tertianer und dem kecken, krawallsüchtigen Schüler
-Sekundas. Mit Staunen und Neid sah der zum Untersekundaner avancierte
-Tertianer die edle Ungebundenheit seiner neuen Mitschüler, und schon
-nach wenigen Tagen regte sich der Nachahmungstrieb. Derselbe Wetteifer,
-der auf dem Gebiete der Wissenschaft Gutes erzielte, lieferte auf dem
-des Betragens die unbequemsten Resultate. Man beobachtete, daß die
-Phrase: »Sie gehn mir einen Tag auf den Karzer!«, die in Tertia von
-geradezu niederschmetternder Wirkung gewesen wäre, hier fast ohne
-Einfluß auf das seelische Gleichgewicht der betroffenen Märtyrer blieb.
-Man konstatierte, daß diese Obersekundaner absolut aufgehört hatten,
-an die Furchtbarkeit des diabolischen Schrecknisses zu glauben. Und
-so verschwand denn auch bei uns Jüngeren rasch die letzte Spur jener
-Karzer-Religiosität, die uns in Tertia so magisch gebannt hatte. Der
-Mensch, der die physikalischen Gesetze des Gewitters kennen lernt,
-hört auf, vor dem ~Jupiter tonans~ zu bangen; die Vertrautheit, welche
-der Astronom mit den Problemen der Verfinsterungen bekundet, tötet
-die heilige Scheu vor dem Schwinden des Sonnenballs. So verloren
-auch wir den geheimen Schauder, nachdem wir die Erfahrung gemacht
-hatten, daß sterbliche Menschen, wie wir, ganz behaglich mit diesem
-Orkus verkehrten und ohne Herzenskrämpfe den Nachen Charon-Quaddlers
-bestiegen.
-
-Es war gerade vier Wochen nach Antritt meiner Sekundanerschaft, als
-ich zum erstenmal für sechs Stunden »unter das Dach« verbannt wurde.
-Ich hatte, wegen einer kleinen Störung von »vier bis fünf« im Arrest
-behalten, diese Zeit der Knechtung dazu benutzt, in Gemeinschaft mit
-zwei Leidensgefährten sämtliche Kleiderhaken des Schulzimmers um
-ihre Achse zu drehen, ein Prozeß, der mit einer radikalen Zerstörung
-identisch war. Noch begreife ich nicht, wie unsere Naivität hoffen
-mochte, die Tat werde unbestraft bleiben. Denn Quaddler, der
-gewissenhafteste Pedell seines Jahrhunderts, hatte uns sorgfältig
-eingeriegelt, so daß also die Unmöglichkeit, einen unbekannten ~Quidam~
-für die Zerstörung des Gymnasialeigentums verantwortlich zu machen,
-jeder logischen Natur einleuchten mußte. Nur eine Persönlichkeit
-existierte, der wir unseren Frevel aufbürden konnten: Quaddler selbst,
-der jedesmal nach Entlassung der Arreststräflinge das Lokal reinigte.
-Dieser höchst unwahrscheinliche Ausweg mochte unserem Zerstörungstrieb
-hinreichend bedünken. Kurz und gut, wir hatten die verbrecherische
-Abdrehung ohne jede Besorgnis vor den möglichen Folgen bewerkstelligt,
-und mit siegesgewissem Lächeln zogen wir, als die Stunde unserer
-Haft zu Ende war, an dem öffnenden Quaddler vorüber ins Freie. Der
-brave Pedell entdeckte natürlich sofort, was seine Schutzbefohlenen
-gesündigt; und ehe er des folgenden Tages zum drittenmal geläutet
-hatte, waren wir angezeigt. Mit blödem Zynismus wagten wir, unser
-Vergehen in Abrede zu stellen. Aber Quaddler stand zu fest in der
-Hochachtung seiner Gebieter, als daß man sein Zeugnis bezweifelt hätte.
-So räumten wir denn endlich ein, was nicht länger zu leugnen war, und
-ernteten als Lohn die beregte sechsstündige Karzerstrafe.
-
-Es war doch ein eigentümliches Gefühl, als man so die enge Treppe
-hinaufwandelte und zum erstenmal die kahlen, weiß gestrichenen Eingänge
-der Zellen erblickte!
-
-Quaddler war bei solchen Anlässen stets von ausgezeichneter Höflichkeit.
-
-»Wollen die Herren Sekundaner nur hereinspazieren«, sagte er mit einer
-chevaleresken Handbewegung; »und dann möchte ich mir gütigst erlauben,
-daß Sie ja nicht zu viel klingeln, indem von wegen der Störung, weil
-nämlich die Herren Lehrer, insofern sie den Unterricht erteilen, bei
-fortwährendem Geklingel nicht fortsetzen können.«
-
-Er hatte seine guten Gründe, der ehrliche Quaddler, warum er die
-Karzer-Delinquenten stets so höflich apostrophierte. Von jeder Stunde,
-die wir verbüßen mußten, erhielt er einen Kreuzer süddeutscher Währung,
-und ich versichere feierlichst, er stand sich nicht übel bei diesem
-Zuschuß! Mit edler Pflichttreue brachte er jeden Verstoß gegen die
-Gymnasialgesetze zur Anzeige, und ehe ein Frevler gezüchtigt war,
-kannte seine moralische Entrüstung keine Grenzen. Sobald aber der
-Mund des Lehrers die Strafe diktiert hatte, sobald war das sittliche
-Bewußtsein im Busen Quaddlers befriedigt, und er kehrte die volle
-Schönheit seiner Humanität heraus. Ja, er empfand etwas wie Liebe für
-seine Sträflinge; nur mußte man sich völlig der Hausordnung fügen, denn
-in diesem Punkte war er Pedant.
-
-Er öffnete also und ließ uns eintreten in die Hallen der stummen
-Verbannung. Wohl gemerkt: jeden einzelnen in ein besonderes Lokal; denn
-gerade durch das System der Einzelhaft unterschied sich der Karzer von
-dem milderen Arrest.
-
-Die Türen fielen krachend ins Schloß, die Schlüssel drehten sich um --
-fast so geschwind wie jene unglückseligen Kleiderhaken --, Quaddler
-tappte wuchtigen Trittes nach der Türe der Vorflur, schloß auch diese
-und eilte die Treppe hinunter.
-
-Da saßen wir denn zum erstenmal auf dem Karzer! Das Krachen des
-Schlüsselumdrehens war das Totenlied unserer Freiheit gewesen.
-
-Verglichen mit dem Arrest, durfte der Karzer für eine weit
-entschiedenere Absperrung von der bürgerlichen Gesellschaft gelten.
-Während jener Stunde, die wir zur Abdrehung der Kleiderhaken benutzt
-hatten, war, wie manchesmal, eine Erholungspause mit behaglichem
-Fensterschauen verbracht worden. Hier, wo sich das einzige Fenster hoch
-an der Decke befand, war diese Zerstreuung um so weniger zu erreichen,
-als das Fenster durch ein starkes Gitter vor unseren Zudringlichkeiten
-geschützt war. Auch die sonstige Einrichtung unserer Zelle erschien
-minder behaglich als die Räume Sekundas. Ein kleines, weiß getünchtes
-Stübchen, dessen einziges Ameublement in einer Pritsche, einem Tisch
-und einem Stuhle bestand! Und die Pritsche war hart, und der Stuhl war
-noch härter! Auf dem Tische nahmen sich die wenigen Bücher, die wir
-mitgebracht hatten, schrecklich verödet aus, und der kleine, schwarze
-Ofen in der Ecke schien vor Melancholie verrosten zu müssen ...
-
-Eine Weile übte dieser erste Eindruck auf unsere Lebensgeister seine
-abdämpfende Wirkung aus; nach und nach jedoch erwachten wir zum frohen
-Bewußtsein, daß sechs Stunden keine Ewigkeit sind, und das erste
-Symptom dieser neu sich regenden Elastizität war ein Ruf an die Adresse
-des Nachbars.
-
-»Du, Knebel, hier ist's äußerst gemütlich! Wie ist's bei Dir?«
-
-»Famos«, antwortete Knebel.
-
-Jetzt vernahm ich auch die undeutliche Stimme des dritten Dulders,
-dessen Zelle von der meinen durch die Knebels getrennt war. Es gewährte
-mir eine besondere Genugtuung, mit diesem fernen Freunde durch das
-Medium Knebels zu korrespondieren.
-
-»Du, Knebel!«
-
-»Was?«
-
-»Frag' mal den Scholz, was er treibt.«
-
-Alsbald telegraphierte Knebel weiter:
-
-»Du, Scholz, was treibst Du eigentlich?«
-
-Ein dumpfer Klang war die Antwort, und alsbald gab mir Knebel zurück:
-
-»Nichts.«
-
-»Ganz mein Fall«, sagte ich freudig erregt.
-
-Pause.
-
-»Du, Knebel!«
-
-»Was?«
-
-»Ich klingle jetzt!«
-
-»Gut!«
-
-Und nun zog ich die Klingel.
-
-Es dauerte einige Minuten; dann klirrte die Tür der Vorflur, und
-Quaddler erschien vor den Zellen.
-
-»Wer hat geklingelt?« fragte er unwillig.
-
-»Ich, Herr Quaddler, ich«, rief ich, an die Tür pochend.
-
-»Ich bin ja kaum zehn Minuten drunten«, gab Quaddler zur Antwort. »Was
-wünschen Sie?«
-
-»Ach, Herr Quaddler, mir ist auf einmal so schlecht geworden. Bitte,
-lassen Sie mich gleich mal hinaus.«
-
-Quaddler brummte etwas in den Bart und drehte den Schlüssel um.
-
-»Ich sag' Ihnen, Herr Quaddler, ich hab' ein solches Leibweh bekommen!
-Ich kann den Geruch der Tünche nicht recht vertragen. Sie täten
-wirklich besser, wenn Sie die Karzerzellen tapezieren ließen.«
-
-»Das wäre gütigst zu kostspielig«, versetzte Quaddler ärgerlich.
-»Machen Sie jetzt nur mal, daß sie fertig werden und wieder
-hineinkommen. Ich habe dringende Geschäfte.«
-
-»Ja, Herr Quaddler, das ist alles ganz gut, aber ich kann doch
-unmöglich ...«
-
-»Ach, die Herren Sekundaner haben allzeit eine Ausrede ...«
-
-Ich blickte mich jetzt auf der Vorflur um und sagte dann wohlwollend:
-
-»Die Schränke da gehören wohl Ihnen? Sehr schöne Schränke, wirklich
-ganz ausgezeichnete Schränke. Es sind wohl Kleiderschränke?«
-
-»Sozusagen teilweise«, erwiderte Quaddler sichtlich geschmeichelt.
-»Aber machen Sie jetzt nur rasch. Ich habe sehr wenig Zeit ...«
-
-Ich trat an einen der Schränke heran und befühlte ihn.
-
-»Echtes Eichenholz«, sagte ich mit Kennermiene. »Wirklich, Herr
-Quaddler, ich beneide Sie. Wo haben Sie die Schränke eigentlich her?«
-
-»Erlauben Sie gütigst, die Pflicht meines Amtes ... Ich kann mit dem
-besten Willen nicht zugeben ... Wollen Sie jetzt ... oder wollen Sie
-nicht ...?«
-
-»Aber ich werde doch einmal Ihre Schränke betrachten dürfen ...«
-
-»Wenn Sie heute abend Ihre Strafe verbüßt haben, will ich mir gütigst
-erlauben, Ihnen die Schränke in allen Einzelheiten zu zeigen. Aber
-jetzt, inwofern Sie wirklich die Absicht haben ...«
-
-»Es ist hier draußen viel bessere Luft als drinnen«, sagte ich, auf ein
-anderes Thema ablenkend.
-
-»O, da drinnen ist ganz gute Luft; und wenn die Herren Sekundaner die
-Haken abreißen, so ist die Luft längst schön genug, und ich muß jetzt
-in allem Ernste bitten, sich gefälligst beeilen zu wollen. Da schlägt's
-schon ein Viertel ...«
-
-»Ein Viertel! Wahrhaftig! Man soll's gar nicht sagen, wie doch die
-Zeit vergeht! Überhaupt, wenn man bedenkt ... Wissen Sie noch, Herr
-Quaddler, wie ich in Quarta saß ... Ich meine, das wäre erst gestern
-gewesen!«
-
-»Wie Sie in Quarta saßen, hatten Sie gütigst viel weniger tolle
-Streiche im Kopfe, und wenn Sie ergebenst meinen, Sie könnten mich hier
-zum Narren halten, so werde ich dem Herrn Professor mitteilen, daß Sie
-immer sagen, Sie hätten Leibweh und könnten die Tünche nicht vertragen,
-und nachher von Quarta sprechen und doch nicht hineingehen.«
-
-Mit diesen Worten trat er an die Tür der Zelle.
-
-»Wollen Sie jetzt, oder wollen Sie nicht?«
-
-»Es ist wirklich merkwürdig, Herr Quaddler,« sagte ich, tief Atem
-holend, »die kühle Luft hier draußen hat mich auf wunderbare Weise
-gestärkt. Es ist mir gar nicht mehr übel, und wenn Sie erlauben,
-verfüge ich mich wieder in meine Zelle.«
-
-»Sie werden ja sehen, was Sie sich anrichten.«
-
-»Aber zum Donnerwetter, wenn sich mein Leibweh doch gebessert hat! Soll
-ich denn nur, um Ihnen einen Gefallen zu tun ...«
-
-»Was? Donnerwetter wollen Sie sagen? Ei, zum Donnerwetter, das laß ich
-mir nicht gefallen. Wofür halten Sie mich? Marsch in die Zelle!«
-
-»Quaddler, Quaddler, werden Sie nicht unangenehm.«
-
-»Ach, ich bin's müde, mich von Ihnen hänseln zu lassen!« Und krach!
-flog die Tür zu, und brummend schlich der ehrliche Schließer von dannen.
-
-Abermals ein kurzes Zwiegespräch mit dem trefflichen Knebel.
-
-»In zehn Minuten ist die Reihe zu schellen an mir«, rief er jauchzend.
-»Der Quaddler soll doch wissen, wofür er das schwere Karzergeld
-einheimst.«
-
-Ich benutzte die Frist bis zur nächsten Quaddler-Episode, um mich im
-Innern meiner Zelle etwas gründlicher umzusehen.
-
-Wenn ich die Mauern meines Verließes vorhin »weiß getüncht« nannte,
-so war dies insofern inkorrekt, als die ursprüngliche Reinheit des
-Kolorits längst einem Zustande schwarz gesprenkelter Unsauberkeit
-Platz gemacht hatte. Da existierte kaum ein Fleckchen, wo nicht ein
-Tintenklex, eine Inschrift oder eine groteske Zeichnung prangte, so daß
-einzelne Partien der Wandfläche den Eindruck einer fast regelmäßigen
-Marmorierung hervorriefen.
-
-Ich trat näher herzu: Hunderte von Vorgängern hatten hier eine beredte
-Erinnerung an durchlittene Stunden zurückgelassen ... Ich bekenne, daß
-mich dieser augenscheinliche Beweis von dem ~socios habuisse malorum~
-äußerst behaglich anmutete. Und dabei ersah ich aus den meisten dieser
-Ergüsse, daß die Schmerzen des Karzers keineswegs den guten Humor
-schädigten: eine Wahrnehmung, die sofort in meinem eigenen Busen
-verwandte Regungen weckte.
-
-Da stand z. B. in großen lateinischen Lettern, fast unmittelbar an der
-Decke:
-
- Weil ich den Schmidt am Haar gezerrt,
- Hat Bosheit mich ins Loch gesperrt.
-
- +Meier.+
-
-Und gleich daneben von derselben Hand:
-
- O Heinzerling, Du schuldest meine Pein, --
- Die Götter mögen gnädig Dir verzeihn!
-
-Ein Ungenannter verstieg sich zu folgendem Stoßseufzer:
-
- Führt denn gar kein Weg,
- Führt denn gar kein Steg
- Aus der Prima schnödem Tartarus,
- Wo der Herr Scholar,
- Weil er kneipen war,
- Ganze Tage stumm verschmachten muß!
-
-Darunter in schöner Frakturschrift:
-
- ~Vae victis!~
-
-Und hiervon links:
-
- ~Illi robur et aes triplex circa pectus erat, qui primus
- fragilem discipulum carceri commisit.~
-
-Ein gewisser Ittmann, künftiger Philologe von Fach, hatte einen Vers
-des Tyrtäus in den Kalk eingekratzt und dann die Vertiefungen mit
-Rotstift bemalt, so daß da fast in der Weise einer pompejanischen
-Mauerinschrift zu lesen war:
-
- Ὥσπερ ὄνοι μεγάλοις ἄχδεσι τειρόμενοι.
-
-Zu deutsch:
-
- Wie die Esel seufzen wir unter den schrecklichsten Lasten.
-
-Auf der entgegengesetzten Wand las ich die schwungvollen Verse:
-
- Mein Schicksal war ein Zechgelag,
- Nun schmacht' ich in des Karzers Kette;
- Doch wärst Du hier, geliebte Henriette,
- Des Orkus Nacht verklärte sich zum Tag.
-
-Ganz ähnlich hatte sich mein Mitschüler Schwarz vernehmen lassen, der
-ausnahmsweise bereits in Tertia »unter das Dach« geschafft worden war.
-Er schrieb:
-
- O Fanny, himmlisches Mädchen, wenn Du, Engelgleiche, mich
- lieben wolltest, ich ließe mich gern Zeit meines Lebens hier
- einsperren.
-
- Dein treuer Seelsorger
- +G. Schwarz+.
-
-In kecken Lettern prangte unmittelbar darunter folgender Passus:
-
- Wilhelm Rumpf, weil er dem ~Dr.~ Klufenbrecher Kirschkerne
- unter den Stuhl gelegt hat, mit acht Stunden Karzer bestraft.
- Gott, wie wenig!
-
-Ein Jüngling namens Fresenius ließ sich also vernehmen:
-
- O Karzer, stiller Raum,
- Du meiner Sehnsucht Traum,
- Du Wiege meiner Leiden,
- Um sieben müssen wir scheiden.
-
-E. P. aus L. schrieb das Nachstehende:
-
- Wie, schnöder Quaddler, Du weigerst Dich, zu öffnen, wenn ich
- klingele? Wahrlich, ich klingele nicht aus Übermut, sondern aus
- Not ... Nun, ich spreche mit einer leichten Variation des Horaz:
-
- ~+Aquam+ memento rebus in arduis servare.~
-
-Das waren so die pikantesten und witzigsten Scherze dieser
-Wandliteratur. Andere Aufzeichnungen entbehren der Pointe, wie z.
-B. die echt sekundanerhafte Lobrede auf des Pedells liebreizendes
-Töchterlein:
-
- ~Anny Quaddler est virgo venustissima, dulcissima,
- placentissima. Basia ei dare velim quam plurima. Pedes habet
- elegantissimos, genua rotundissima et cetera.~
-
-Natürlich fehlten auch die gröberen Lästerungen, Zynismen und
-Cochonnerien nicht. Es hat von jeher eine stark verbreitete Sorte
-von Schülern gegeben, die den Mangel an Esprit und Humor durch
-einen scharf ausgeprägten Kultus der Zwei- und Eindeutigkeiten zu
-ersetzen suchen, geistlose Zotenjäger, die in jedem Kleiderhaken
-einen Phallus erblicken, ohne imstande zu sein, ihre Sottise in ein
-erträgliches Epigramm zu kleiden. Auch diese Dunkelmänner hatten
-reichlich zur Beklecksung der Karzerwände beigetragen; aber es fehlte
-ihren Skripturen auch jene bescheidene Dosis von Salz, die man einem
-christlich-germanischen Sekundaner zumuten darf.
-
-Ich wurde aus meinen Betrachtungen durch Knebels Geklingel jählings
-emporgeschreckt. Drei Minuten später ertönten auf dem Korridor wieder
-die Schritte Quaddlers. Knebel begann ein entsetzliches Ächzen und
-Stöhnen.
-
-»Ach, Herr Quaddler, ach, um Himmels willen, was ist mir so schlecht!
-Machen Sie schnell auf! Ich muß mich fürchterlich übergeben! Schnell,
-schnell! Ach du lieber Gott, ist mir schlecht!«
-
-»Herr Knebel,« begann Quaddler mit einer Stimme, aus der man sein
-olympisches Stirnrunzeln hervorlas, »ich sage Ihnen, ohne Scherz, wenn
-Sie mir so kommen, so werden Sie sich ergebenst täuschen.«
-
-Knebel stieß einige ganz entsetzliche Würgtöne aus und bat dann von
-neuem in kläglichster Melodie um Öffnung der Zelle.
-
-Wütend stieß Quaddler die Tür auf.
-
-»Gott sei Dank! Das war gerade zur rechten Zeit. Ach, Herr Quaddler,
-was ist mir so schlecht! Lassen Sie mich nur ein Viertelstündchen
-hinaus.«
-
-»Das geht nicht«, versetzte der Pedell, durch die Naturwahrheit, mit
-welcher Knebel seine merkwürdige Rolle spielte, stutzig gemacht.
-
-»So holen Sie mir rasch etwas frisches Wasser«, stöhnte der Heuchler,
-von neuem glucksend und gröhlend. »Ach, wenn das meine Mutter wüßte!
-Ach Gott, wie ist mir so schlecht!«
-
-»Gut, das Wasser sollen Sie haben. Aber das sag' ich Ihnen, treiben Sie
-mir nicht die Sache zu weit, und ulken Sie mich nicht alle Augenblicke
-herauf. Ich bin nicht zu Ihrer Bedienung da, das müssen Sie sich nicht
-einbilden.«
-
-Mit diesen Worten entfernte er sich. Die Zelle Knebels hatte er offen
-gelassen; der Verschluß des Korridors genügte ja! Knebel aber hatte
-nichts Eiligeres zu tun, als mir und unserem Kameraden Scholz das
-Verließ zu öffnen und so auf der geweihten Domäne Quaddlers eine
-Dreimännerversammlung höchst revolutionärer Art ins Leben zu rufen.
-Unsere Verabredungen waren in Kürze getroffen. Scholz versteckte sich
-hinter einem der Schränke, nachdem wir vorher seine Zelle sorgfältig
-verschlossen hatten. Ich selbst begab mich in mein Gefängnis zurück
-und wartete, bis Knebel seine Übelkeitsangelegenheiten geordnet hatte.
-Dann, um der Möglichkeit einer Visitation bei Scholz vorzubeugen,
-klopfte ich und bat mir ebenfalls ein Glas frisches Wasser aus, wobei
-ich durch allerlei gekünstelte Phrasen die Ungeduld Quaddlers so sehr
-steigerte, daß er schwur, er werde nicht mehr heraufkommen, und wenn
-wir die Klingel abrissen.
-
-Weiter wünschten wir nichts.
-
-Nachdem Quaddler verschwunden war, trat Scholz aus seinem Versteck
-heraus, drehte die Schlüssel unserer beiden Zellen um, und siegesfroh
-sanken wir uns an die brüderlich klopfenden Herzen. Ein brillanter Skat
-(Scholz trug immer die Karten bei sich) vereinigte uns für den Rest
-unserer Strafzeit in fröhlicher Ungezwungenheit. Einmal noch hatten
-wir, nachdem wir alle nötigen Vorbereitungen getroffen, den Pedell
-herauf zitiert; unsere dauernde Ruhe hätte seinen Verdacht erregt.
-Im übrigen blieben wir unbehelligt. Und so endete denn unser erstes
-Karzererlebnis in jeder Hinsicht befriedigend.
-
- * * * * *
-
-Mein zweiter Aufenthalt in »Quaddlers Dachkammern« steht mir
-nicht minder klar im Gedächtnisse wie mein Debüt. Späterhin haben
-die Eindrücke sich verwischt. Die »halben« und die »ganzen« Tage
-wiederholten sich zu massenhaft, als daß jede einzelne Perle dieses
-Rosenkranzes in meiner Erinnerung aufgezeichnet sein könnte. Damals
-aber war meine Seele in Karzerangelegenheiten so jungfräulich, daß
-selbst das geringste Ereignis eine unauslöschliche Spur zurückließ.
-
-Es war drei Wochen seit jener ersten sechsstündigen Skathaft. Ich
-hatte diesmal einen vollen Tag zu verbüßen, und zwar in Gemeinschaft
-mit Wilhelm Rumpf, der Krone und dem Spiegel aller deutschen
-Gymnasialschüler. Die Ursache unserer Schicksale war nicht die gleiche.
-Rumpf hatte sich einer tätlichen Mißhandlung des zart organisierten
-Salonschülers Heinrich von Sternberg erfrecht, ich aber war, so seltsam
-es klingen mag, ein Opfer meines früh entwickelten Patriotismus
-geworden.
-
-Zur Zeit meiner Sekundanerschaft florierte nämlich die Tätigkeit des
-Nationalvereins. Unser damaliger Geschichtslehrer, übrigens einer von
-den wenigen Pädagogen, die es verstanden, ihren Schülern wirkliches
-Interesse einzuflößen, benutzte eine Vorlesung über die französische
-Revolution, um den Nationalverein und seine Bestrebungen mit den
-terroristischen Klubs von Paris zu vergleichen. Teils aus Frömmig-,
-teils aus Zeitvertreib -- wie die berühmte Dame des deutschen
-Volksliedes --, ich will sagen, halb aus Liberalismus, halb aus
-Freude am Stören und Widersprechen, stand ich auf und erklärte dem
-»großdeutsch« gesinnten Lehrer feierlich, es sei mir leider unmöglich,
-seine politischen Anschauungen zu teilen. Der Ordinarius von Sekunda
-zähle ja persönlich zu den Mitgliedern des Nationalvereins, ohne daß
-man behaupten könne, derselbe habe Ähnlichkeit mit Robespierre oder
-Marat. Das war nun freilich eine für den Lehrer sehr unangenehme
-Gegenrede, denn die Tatsache von der Mitgliedschaft des Ordinarius
-ließ sich nicht abstreiten. Der Herr Professor mochte überdies der
-berechtigten Ansicht huldigen, meine Opposition habe etwas von der
-prinzipiellen Feindseligkeit der »Unversöhnlichen«. Er schritt zur
-Gewalt und verbannte mich wegen frecher Störung für zwölf Stunden ins
-Gymnasialgefängnis.
-
-Man hatte diesmal mit diabolischer Tücke den Sonntag für die Verbüßung
-der Haft festgesetzt, eine Maßregel, die unser Schicksal bedeutend
-erschwerte.
-
-Schon um drei Viertel auf sieben mußte ich mich den Armen des
-Schlummers entreißen, der uns Schülern doch gerade den Sonntagsmorgen
-so lieb und wert vor allen übrigen machte! Nicht ohne eine gewisse
-Verstimmung wanderte ich durch die stillen Gassen, deren geschlossene
-Läden mich höhnisch angrinsten, als wollten sie sagen: Ei, schon so
-frühe? Wir beginnen unser Tagewerk noch lange nicht! Wohin denn mit
-deinen Büchern und deiner Schulmappe? So viel wir wissen, gibt es doch
-heute keine Lektionen ...?
-
-Nun, sprach ich zu mir selbst, ich werde den Tag schon herumbringen;
-und stolzen Hauptes wanderte ich an den schloßverhangenen Buden
-vorüber. Goethe hat es gesagt: In der Beschränkung zeigt sich erst der
-Meister! ... Ich werde dem Schicksal beweisen, daß die Freiheit selbst
-in dem Kerker wohnt!
-
-Am Brandplatze begegnete mir der alte Registrator Bieler, ein
-bekannter Frühaufsteher, der seinen Spaziergang machte. Als ich ihn
-grüßte, bemerkte ich, daß über seine Lippen ein halb sarkastisches,
-halb mitleidiges Lächeln glitt. Auch nickte er so ganz eigentümlich
-still vor sich hin ... Die verwünschten Bücher! Die niederträchtige
-Schreibmappe! Ich fühlte, ich war erkannt. Mit dem feierlichen Ernst
-eines alten Römers gelobte ich mir, in Zukunft meine Bücher stets am
-Tage zuvor bei Quaddler zu deponieren.
-
-Und nun betrat ich das Gymnasialgebäude.
-
-Wie öde, wie leblos dehnten sich diese Mauern! Hier, wo sonst das
-lauteste, regste Treiben herrschte, wo das Gelächter chronisch und das
-Gebrüll permanent war, hier thronte jetzt die dumpfe Majestät einer
-Grabesstille, die mir kalt auf die Seele fiel! Nichts ist trauriger
-als der Kontrast zwischen dem belebten und dem unbelebten Raum! Ein
-Schauspielhaus sieht nach beendigter Vorstellung weit trübseliger, ja
-in gewissem Sinne erschütternder aus, als die ödeste Heide ... Nun, das
-Gymnasium ist ja auch eine Art Schauspielhaus, nur daß die Komödianten
-hier gleichzeitig das Publikum abgeben.
-
-Langsam ging's die Wendeltreppe hinauf nach den Regionen des Dachstuhls
-... Rumpf war noch nicht da. Einsam verhallten unsere Tritte durch den
-weiten, schläfrigen Raum. Ich sprach keine Silbe. Mit einer Art von
-wollüstigem Grausen sog ich die Elegie dieser trübseligen Morgenstunde
-in mein Gemüt ein.
-
-So war ich denn in die Zelle gelangt. Fünf Minuten später kam Wilhelm
-Rumpf, -- ebenfalls sehr stumm und geräuschlos. Die Tür fiel hinter ihm
-zu: wir waren allein, -- durch das gemeinsame Schicksal verbunden und
-doch getrennt durch die kalkbeworfene, inschriftenübersäte Wand.
-
-Rumpf war der erste, der das feierliche Schweigen zu brechen wagte.
-
-»Prosit!« rief er mit gewohntem Zynismus.
-
-Der warme Klang dieser Stimme gab mir die volle Elastizität des Geistes
-wieder.
-
-Ich antwortete, und so entspann sich ein brüderliches Gespräch, das
-endlich mit dem Bemerken abgebrochen wurde, man wolle zunächst etwas
-arbeiten, da ja der Tag lang und das ~dolce far niente~ gerade in
-diesen Räumen am wenigsten ~dolce~ sei.
-
-Ich setzte mich an den Tisch und durchmusterte meine Papiere und Bücher.
-
-Homer! Aufs Geratewohl schlug ich auf und las. Die frische Seeluft,
-die mir aus den Rhythmen des hellenischen Sängers entgegenwehte,
-paßte so wenig zu meiner Situation, daß ich nach kurzer Frist das
-Buch zuklappte und hinauf nach dem spärlichen Stück blauen Himmels
-sah, das in wolkenloser Klarheit durch die vergitterte Luke herein
-glänzte. In der Tat, es gab keinen schrofferen Gegensatz, als zwischen
-jenem ungebundenen Abenteurer Odysseus, der mit den lieben Genossen
-die weintraubenfarbige Salzflut befuhr, und mir, dem gefesselten
-Sekundaner, der in den Karzerräumen eines deutschen Provinzgymnasiums
-für den Nationalverein büßte!
-
-Meine Stimmung war jetzt, infolge der verschiedenen Wandlungen, die
-sie erlitten hatte, nachgerade bis zu dem Punkte gediehen, wo der
-deutsche Gymnasiast sich in Versen ergeht. Überhaupt war der Karzer
-für mich stets ein poetisch fruchtbarer Boden. Hier entstand mehr als
-ein Gedicht, das später mit geringen Veränderungen im Druck erschien,
-hier wurde gar mancher Ton angeschlagen, dem man nicht anmerkte, daß
-er dem Territorium Quaddlers entstammte. Auch die Primanerliebe fand
-die glücklichsten Momente ihrer lyrischen Gestaltungskraft auf dem
-prosaischen Karzer! Es klingt wunderbar, aber es ist so ...
-
-Ich setzte mich also wieder behaglich zurecht, breitete einen Bogen
-Papier vor mich hin und ergriff die Feder.
-
-Was schrieb ich?
-
-Ein Klagelied um »die sonnigen Tage von einst«!
-
-Es ist eine sonderbare Erscheinung, die unter anderen auch Paul Heyse
-in der Novelle »Lottka« zum Ausdruck gebracht hat, daß die Jugend, die
-eigentlich noch kaum von einer Vergangenheit reden kann, mit Vorliebe
-ihren begrabenen Träumen, ihren zertrümmerten Hoffnungen nachweint. So
-singt der achtzehnjährige Paul in der tränenreichen Melodie des »~long,
-long ago~«:
-
- Ich glaube, in alten Tagen,
- Da liebt' ich ein Mägdelein ...
-
-Späterhin erscheint uns dergleichen fast unbegreiflich; aber wenn
-man mitten darin steckt, so kommt man sich mit seiner ganzen
-wehmuterfüllten Individualität so heilig und ernst vor, daß man jeden
-Zweifel mit Entrüstung von der Hand weisen würde.
-
-»Die sonnigen Tage von einst« erleichterten mir das Herz, und in bester
-Laune benutzte ich die Rückseite des Blattes zur Abfassung eines
-Karzerhymnus, der in dröhnenden Rhythmen die Nichtswürdigkeit dieser
-Anstalt vom Standpunkte der reinen Moral zu beleuchten suchte.
-
-Mit einemmal ertönten die Kirchenglocken. Eine erneute
-Erinnerung an den Zustand der Unfreiheit! Sonst hatte uns jeder
-Sonntag, dafern wir die Stunde nicht ruchlos verschlafen, beim
-Vormittagsgottesdienst am Hause des Herrn gesehen. Ich sage
-»am« Hause des Herrn, denn wir standen davor, mit dem sehr
-weltlichen Zwecke, die schönen Töchter des Landes einwandeln
-zu sehen. Die Lehrer, insbesondere die Religionslehrer, hatten
-uns zwar vielfach Vorlesungen im Sinne der berühmten Londoner
-~Anti-young-men-before-the-church-standing-association~ gehalten
-und uns schließlich gesagt, wenn wir denn absolut nicht von dieser
-Unsitte ablassen könnten, so möchten wir doch wenigstens +nach+
-stattgehabter Revue auch das Innere des Tempels besuchen; aber
-diese Mahnungen blieben fruchtlos. Wir überschritten nur selten die
-Schwelle. Nicht als ob wir schon damals sämtlich überzeugungsfeste
-Anhänger von Schopenhauer oder David Strauß gewesen, nicht als ob
-wir jeder Sympathie für die Kirche entbehrt hätten, nein, es war ein
-anderer Umstand, der uns zurückhielt: der Eifer nämlich, mit dem die
-Lehrer sich jeden, der beim Gottesdienste erschien, ins Notizbuch
-vermerkten. Nur eine ganz verschwindende Minorität strenggläubiger
-oder augendienerischer Alumnen frequentierte die Kirche trotz dieser
-unglückseligen Methode. Die Quartalzensur brachte dann unter den
-»Besonderen Bemerkungen« das herrliche Lob: »~NB.~ Besuchte fleißig die
-Kirche ...«
-
-Jetzt tönten die Glocken durch die klare, friedliche Morgenluft. Ich
-glaube, wenn's mir in diesem Augenblicke freigestanden hätte, ich würde
-meine Zelle nicht nur mit dem Platz vor der Kirche, sondern auch mit
-der Emporbühne im Innern vertauscht haben, selbst auf die Gefahr hin,
-als kirchenfleißig notiert zu werden.
-
-Rumpf schien von ähnlichen Gefühlen durchflutet. Denn mit einemmal rief
-er mir sonderbar gähnend zu:
-
-»Du, es ist doch verflucht langweilig!«
-
-»Es geht«, antwortete ich mit gut erkünstelter Überlegenheit. Es ging
-aber nur sehr mangelhaft!
-
-Wilhelm Rumpf griff nun zu dem niemals versagenden, ewig vollgültigen
-Universalmittel des Klingelns. Quaddler erschien. Es entspann sich
-ein Dialog, nach dessen Beendigung der Pedell wieder verschwand,
-ohne daß sich unsere Situation im wesentlichen gebessert hätte. Der
-ehrliche Schuldiener mußte von unserer neulichen Skatpartie Wind
-bekommen haben, denn er weigerte sich hartnäckig, uns Wasser zu holen,
-solange Rumpf sich auf dem Vorflur befand. Deprimiert hörten wir seine
-nägelbeschlagenen Absätze treppabwärts poltern. Für diesmal schien aus
-unserer Partie Piquet, auf die wir so zuverlässig gerechnet hatten,
-nichts werden zu sollen.
-
-Da fiel mein Blick auf das Fenster. Die Vergitterung war nicht in die
-Mauer eingelassen. Sie bestand vielmehr aus einer Art Rost, die man
-mit Schrauben an das Holzwerk befestigt hatte. Ein köstlicher Gedanke
-zuckte durch mein Gehirn. Wenn es uns gelang, diese Schrauben zu lösen,
-so konnten wir die Kommunikation, die auf normalem Wege durch die
-Türen unmöglich war, über das Dach bewerkstelligen. Die Neigung der
-schiefergedeckten Fläche war eine sehr mäßige -- eine Gefahr also nicht
-vorhanden. Und überdies, was fragt ein deutscher Sekundaner nach der
-Gefahr, sobald es gilt, einen lustigen Streich auszuführen ...!
-
-Ich teilte meine Idee dem schandtatbereiten Freunde mit, der sie
-alsbald feurig ergriff.
-
-Ans Werk also!
-
-Ich rückte den Tisch gerade unter die Dachluke, stellte den Stuhl in
-die Mitte der geräumigen Platte und stieg dann langsam hinauf. Der
-improvisierte Bau war hoch genug, um das Gitterwerk in den Bereich
-meiner Hände zu bringen. Ich überzeugte mich, daß der eiserne Rost
-sich an der einen Seite wie ein Deckel in Scharnieren bewegte, während
-die andere Seite mit vier großen Schrauben an der Rampe des Fensters
-haftete. Wenn man diese vier Schrauben herauszog, so mußte das Gitter
-ganz nach Art einer Lukenklappe heruntersinken und die Fensteröffnung
-frei geben. Die Einrichtung hatte überdies den Vorteil, daß man die
-Spuren dieser rechtswidrigen Eröffnung wieder austilgen konnte. Eine
-einzige Schraube, nur zur Not eingedrückt, reichte aus, um das Gitter
-in der Schwebe zu halten, -- ein Umstand, der nicht unterschätzt werden
-durfte. Der Pedell stattete uns nämlich, so ungern er auf unser
-Klingeln erschien, mitunter Besuche aus dem Stegreif ab.
-
-Da ich keinen Schraubenzieher besaß, so öffnete ich mein Taschenmesser,
-das mir in Gymnasialangelegenheiten stets ein unentbehrlicher
-Diener gewesen. Ich könnte über dies Taschenmesser eine lange
-Serie höchst stimmungsvoller Geschichten schreiben. Parenthetisch
-erwähne ich hier nur das Nachstehende: Es existierten innerhalb des
-Gymnasialgebäudes wenige Subsellien, in die ich nicht eine Anzahl
-sehr korrekt gemeißelter Inschriften eingraviert hätte. Nun gab es
-zwar einen Gesetzesparagraphen, der da besagte: »Es ist den Schülern
-dieser Anstalt aufs strengste verboten, in die Bänke, Tische, Stühle
-und sonstige Gerätschaften des Inventars Namen einzuschneiden.« Aber
-niemals hat zwischen der Praxis und der Theorie eine so unausgefüllte
-Kluft gegähnt, wie hier! Die Subsellien unseres Gymnasiums waren
-geradezu Musterkarten aller erdenklichen Schriftarten, von dem
-unbehilflichen Stümpern des Anfängers bis zur technisch vollendeten
-Leistung des Virtuosen. Da winkten in schöner Antiqua unzählige
-Josephinen, Mathilden, Henrietten und Wilhelminen; da prangten in
-prickelnder Perlschrift zierliche Disticha und geistvolle Quatrains;
-ja selbst Häuser, Bäume und ähnliche Gegenstände waren in ihren
-Umrissen dargestellt. Hutzler hat späterhin auf einem Tische der Prima
-einen großen Kanal gebaut, der in mehrfachen Windungen von dem einen
-Ende zum anderen lief und, wenn man den Tisch durch untergeschobene
-Bücher in eine schräge Lage versetzte, vollkommen geeignet war,
-einen Tintenstrom ~en miniature~ von der Quelle bis zur Mündung
-fließen zu lassen. Niemals, solange man denkt, ist ein Schüler wegen
-Einschnitzungen bestraft worden, obgleich der Pedell mit großem Eifer
-auf die Missetäter fahndete. Wir schnitten nämlich, um die Möglichkeit,
-aus dem Inhalt des Eingeschnittenen auf den Täter zu schließen, ein
-für allemal in der Wurzel zu ersticken, nicht selten die Namen solcher
-Schüler ein, denen man dergleichen wegen der musterhaften Korrektheit
-ihres Lebenswandels nicht zutrauen konnte. Ja, Boxer gravierte einmal
-in majestätischen Lettern: =Samuel Heinzerling!= Nachdem wir diesen
-Präzedenzfall geschaffen, durften wir getrost unsere eigenen Namen
-verewigen, denn nun war die Entschuldigung gestattet: ~alius fecit!~
-
-Der Leser könnte nun fragen, ob denn ein Schluß von dem Platz auf den
-Täter nicht viel korrekter gewesen wäre. Jawohl! So leicht faßt man
-uns nicht! Alle acht Tage wurden infolge der ~exercitia pro loco~
-die Plätze gewechselt. Wenn jemand also einen besonders auffallenden
-Einschnitt verbrochen hatte, so machte er die Spuren seiner Tätigkeit
-für die nächsten acht Tage unkenntlich. Das geschah auf folgende
-Weise: In erster Linie ward die helle Schnittfläche mit Tinte
-behandelt, so daß sich der Einschnitt durch nichts von den übrigen,
-ebenfalls schwarz und alt aussehenden, unterschied. Dann füllte man
-die Vertiefungen dergestalt mit festgeknetetem Brot aus, daß die
-Fläche wiederhergestellt war. Hierüber legte man abermals eine Lage
-von Tinte. Da die ganze Tischfläche schwarz und überdies ziemlich rauh
-und zerklüftet war, so hätte man jeden Quadratzoll genau untersuchen
-müssen, um die betreffende Stelle zu finden. Nach vierzehn Tagen, wenn
-der Täter längst an einem andern Platze saß, hob er vor dem Beginn der
-Lehrstunde die jetzt dürr gewordene Brotfüllung heraus, und wie mit
-einem Zauberschlage stand die ganze Inschrift in ihrer vollen Glorie
-auf der verwandelten Fläche. Wurde Quaddler jetzt wirklich durch diese
-Novität befremdet, so war man jeder Verantwortung überhoben; der
-Schüler aber, der neu auf den verfänglichen Platz versetzt worden war,
-erklärte auf eine etwaige Interpellation sittlich entrüstet: »Aber ich
-sitze ja hier erst seit gestern, und um das einzuschneiden, braucht
-man doch mindestens acht Tage!« Der Lehrer ließ dann die Sache aus
-Opportunitätsgründen »auf sich beruhen«.
-
-Dieses bedeutsame Messer also, das hornumschiente, wie Homer sagen
-würde, zog ich aus der Tasche und begann meine Operation. Die Schrauben
-saßen verzweifelt fest, -- aber nach Verlauf einer halben Stunde und
-mit Aufopferung einer Klinge gelang es mir doch, mein Problem zu
-bewältigen. Das Gitter senkte sich geräuschlos. Ich faßte rechts und
-links den Lukenrand und schwang mich empor.
-
-Ein wunderbarer Anblick belohnte mich. Da unten tief lag der große,
-stille, einsame Platz. Gegenüber das gewaltige Zeughaus, dessen
-graurötliches Gemäuer fast an die Ruinen des Heidelberger Schlosses
-gemahnte. Nach rechts die Stadt mit ihren zahllosen Giebeln und
-Dächern, nach links der herrliche Wiesengrund mit den freundlichen
-Landhäusern; und fern am Himmelsrande die bewaldeten Höhen, deren
-letzte Kuppen bläulich hinüber schimmerten.
-
-Da drüben, an dem großen Fabrikgebäude vorüber, erkannte ich auch das
-Haus des Professors, dem ich meine Gefangenschaft zu verdanken hatte.
-
-Schnöder Tyrann, dachte ich bei mir selbst, wie schwer hast du dich
-betrogen! Du wähnst mich im öden Dunkel der Zelle, und ich halte hier
-Musterung über die Herrlichkeiten des Landes! Ha, wie frei und köstlich
-mir diese Morgenluft die Schläfe umspielt! Stolz blicke ich von meiner
-Höhe herab auf die Kleinheit und Gemeinheit des Lebens! Was kriecht
-und krabbelt da unten? Ich glaube, der Registrator Bieler, der von
-seinem Morgenspaziergange zurückkehrt! Wie kläglich! Wie pygmäenhaft!
-Jetzt hebt er den Kopf ... Ich ducke mich schleunigst ... Aber es droht
-keine Gefahr; der Herr Registrator hat nur drüben nach der großen Uhr
-des Zollhauses geblickt.
-
-»~Salve!~« tönt es mir plötzlich ans Ohr. Wahrhaftig, da ist
-er, Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler, mein Leidens- und jetzt mein
-Freudensgefährte. Wenn wir uns weit überbeugen und die Arme
-ausstrecken, so können wir uns beinahe die Hände reichen.
-
-»Ist's nicht famos hier oben in der freien, reinen, blauenden
-Himmelsluft?«
-
-»~Bene dixisti~«, gibt Wilhelm mit der Würde eines echten Ciceronianers
-zurück.
-
-Und nun beginnt ein Stündchen der entzückendsten Umschau. Wir preisen
-uns gegenseitig die Reize der Landschaft; wir glossieren die Personen,
-die da drunten vorüber schreiten.
-
-Da kommt ein zierliches Dienstmädchen ...
-
-Das ist das Lieschen von Wilhelm Rumpfs angeheiratetem Onkel.
-Wunderbar, wie hier vom Rahmen des Karzerfensters aus alles an
-Interesse gewinnt! Freilich, der Platz da unten liegt am Ende der
-Stadt, und die Menschen, die vorüber wandeln, sind zu zählen.
-
-»Ah, ich weiß, was sie will«, sagt Rumpf mit verständnisinnigem
-Lächeln. »Der Onkel schickt sie zum Registrator Bieler, um für heute
-abend den Whistkranz abzubestellen. Die Tante ist unwohl. Weißt Du,
-~carissime~, die verrät uns nicht.«
-
-Und mit verwegener Donnerstimme ruft er:
-
-»Lieschen! Lieschen!«
-
-Sie dreht sich um. Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler möchte sich totlachen.
-
-»Nimm Dich in acht«, warne ich im Ton einer Cassandra. »Der Quaddler
-hat Ohren wie ein Luchs. Auch muß Fräulein Anny jeden Augenblick aus
-der Kirche kommen.«
-
-»Ah was! Bis der hier herauf tappt, sind wir längst wieder drunten --
-Lieschen!«
-
-Dasselbe Spiel wiederholt sich. Endlich beim dritten Male sieht das
-Mädchen herauf. Wie vom Donner gerührt, bleibt sie stehen.
-
-»Fort, fort!« winkt der Tollkühne, und Lieschen begreift. Noch mehrmals
-zurückblickend, wandelt sie ihrer Wege.
-
-Da kommen zwei junge Damen, biegen aber gleich wieder rechts ab.
-
-»Das ist Fräulein Elsner und ihr Besuch aus Schleswig«, erläutert
-Wilhelm Rumpf mit Kennermiene.
-
-»Gott bewahre, es ist die kleine Waldow und ihre Cousine Griesinger ...«
-
-»Lehr' Du mich die Mädchen kennen. Ich sage Dir, ich täusche mich nicht
-... Aber sieh mal dort ... Kennst Du den?«
-
-»Weiß Gott! Der Quaddler! Er kommt aus der Kirche! Rasch hinunter ...
-Jetzt hat er sein Pflichtbewußtsein gestärkt und wird uns einen Besuch
-abstatten.«
-
-Im Nu tauchen wir in die Luke. Zwei Minuten später ist das Gitter
-angeschraubt, der Stuhl vom Tisch gehoben und alles in Ordnung gebracht.
-
-Unsere Ahnung betrügt uns nicht. Es währt nur kurze Zeit, da klirren
-draußen die Schlüssel, Quaddler schreitet über den Vorflur und begrüßt
-zunächst meinen Freund.
-
-»Es ist auch recht schön von Ihnen, Herr Rumpf,« sagte er wohlwollend,
-»daß Sie nicht so viel geklingelt haben. Ich hab's schon von meiner
-Tochter gehört, es wäre alles recht stille gewesen.«
-
-»Ah so,« erwidert Rumpf, »ich denke, Ihre Fräulein Tochter war in der
-Kirche ...«
-
-»Nein, heute mußte sie ergebenst zu Hause bleiben. Heute war mein Tag.«
-
-»So, wer hat denn gepredigt?«
-
-»Der Herr Kirchenrat.«
-
-»Ist's möglich? Das Kirchenrätchen?«
-
-»Herr Rumpf, ich muß Sie bitten, was den Respekt betrifft ...«
-
-»Tun Sie doch ums Himmels willen nicht so zimperlich! Alle Welt weiß
-doch ...«
-
-»Alle Welt weiß, daß Ihnen sozusagen nichts heilig ist, aber ich habe
-jetzt keine Zeit. Ich will noch mal hinübergehen, und dann muß ich
-gütigst einen wichtigen Brief schreiben.«
-
-Sprach's, empfahl sich und erschien dann bei mir.
-
-»Sagen Sie mal, Herr Quaddler,« hub ich an, nachdem wir die ersten
-Phrasen der Begrüßung gewechselt hatten, »wer waren denn eigentlich die
-zwei jungen Damen, die Ihnen da vorhin am Steueramte begegnet sind?«
-
-Quaddler starrte mich an, als ob er ein Gespenst sähe.
-
-»Wie? Was? Woher wissen Sie denn ...?«
-
-Jetzt erst erkannte ich, daß ich in meiner Zerstreutheit eine Bêtise
-verbrochen. Jeder andere Pedell würde den Unfug gemerkt haben; nur
-Quaddler war mit einiger Effronterie zu beschwichtigen.
-
-»Sehr einfach, Herr Quaddler! Sehen Sie, Herr Quaddler, ich habe hier
-einen Taschenkamm, an dem ist hinten ein sympathetischer Spiegel. Wenn
-ich den nun so gegen das Fenster halte und mit dem einen Auge durch die
-Finger blinzle ...«
-
-»Zeigen Sie mal her«, sagte Quaddler erstaunt und bemühte sich, durch
-die Finger zu blinzeln.
-
-»Ja, Sie halten das Ding falsch! So müssen Sie's halten!«
-
-Ich stellte mich in Positur.
-
-»Sehen Sie, ganz deutlich ... Eben geht der Herr Registrator Bieler
-vorüber ... Sehen Sie ...«
-
-Quaddler beeilte sich, meinem Beispiel zu folgen.
-
-»Sozusagen nicht die Spur sehe ich«, rief er nach einer Weile.
-
-»Sie sind wohl kurzsichtig?«
-
-»Im Gegenteil, weitsichtig.«
-
-»Nun wohl, der Spiegel da ist nur für Kurzsichtige berechnet.«
-
-»Das ist aber merkwürdig!«
-
-»Sehr merkwürdig, Herr Quaddler!«
-
-Der Pedell schüttelte den Kopf, als ob er der Sache nicht recht traute.
-Dann schaute er empor nach dem Gitter. Da war nichts Verdächtiges zu
-bemerken! Es mußte doch wohl in der Ordnung sein mit dem Spiegel ...
-
-»Wirklich, sozusagen ein sehr merkwürdiger Spiegel«, wiederholte er
-nachdenklich. »Nun, ich glaube, es wäre übrigens besser, wenn Sie
-lieber gütigst etwas arbeiten wollten!«
-
-»Arbeiten? Am Tage des Herrn?«
-
-»Warum nicht? Da Sie ja doch heute sozusagen keinen richtigen Sonntag
-haben, und die Arbeit übrigens nicht schändet ...«
-
-»Nun, ich werde mir's überlegen. Gehen Sie nur jetzt getrost an Ihren
-wichtigen Brief!«
-
-Der Pedell empfahl sich.
-
-Fünf Minuten später saßen wir wieder auf dem Rande der Luke und
-erfreuten uns der herrlichen Aussicht.
-
-Nachdem wir unsere Gemüter an diesen Wonnen gesättigt, erwachte die
-Begier nach einer konkreten Zerstreuung.
-
-»Wart', ich komme hinüber«, sagte Rumpf mit einem prüfenden Blick auf
-das Terrain.
-
-Vorsichtig zog er erst das rechte, dann das linke Bein über den
-Fensterrand. Dann ergriff er einen jener Haken, an denen die
-Schieferdecker beim Ausbessern des Daches ihre Leitern festhängen, und
-gab sich einen kräftigen Schwung. Ich ergriff seine Linke, und das
-große Werk war vollbracht.
-
-Wir arrangierten nun im Innern der Zelle eine Piquetpartie, die uns
-etwa eine Stunde hindurch auf das kostbarste amüsierte.
-
-Da mit einemmal, welch ein unverhofftes Geräusch ... Quaddler mußte dem
-sympathetischen Spiegel doch nicht so recht geglaubt haben, denn er war
-ganz leise die Treppe hinauf geschlichen und öffnete jetzt den Korridor
-mit diabolischer Vorsicht.
-
-Wir rührten uns nicht. Es war für Rumpf augenscheinlich zu spät, um in
-seine Zelle zurückzukehren.
-
-Quaddler trat an meine Tür und pochte.
-
-»Was treiben Sie jetzt?« sagte er mißtrauisch.
-
-Ich rückte ostensibel mit dem Stuhle, erwiderte das Klopfen und sagte:
-
-»Gerade war ich dabei, das berühmte Carmen des Horaz: »~Odi profanum
-vulgus et arceo~« ins Deutsche zu übersetzen.«
-
-»Das ist recht von Ihnen«, erwiderte Quaddler.
-
-Und nun klopfte er an die Zelle Wilhelm Rumpfs.
-
-»Was machen Sie denn, Herr Rumpf?«
-
-Keine Antwort.
-
-»Herr Rumpf! Ich frage Sie, womit Sie beschäftigt sind?«
-
-Grabesstille.
-
-Jetzt drehte Quaddler den Schlüssel um. Welch ein Anblick bot sich
-seinen entsetzten Blicken! Das Gitter erbrochen, der Sträfling
-verschwunden, -- hinaus aufs Dach und von da vielleicht vermittelst der
-traditionellen Leine, von welcher Herr Quaddler erst jüngst in einem
-spannenden Lieferungsroman gelesen, hinab auf den festen Grund der
-Erde! Wer weiß, vielleicht hatte Rumpf genau die Absicht, wie jener
-italienische Grafensohn, unter die kleinasiatischen Seeräuber zu gehen
-...! Und doch ... Es war nicht zu begreifen ...!
-
-»Herr Rumpf! Herr Rumpf!« schrie Quaddler verzweifelnd, »wo sind Sie?«
-
-Alles stille.
-
-»Da muß ich doch gleich einmal in seine Wohnung gehen und nachsehen, ob
-er daheim ist.«
-
-Und mit rasender Eile stürmte er die Treppe hinab.
-
-Sofort stieg Rumpf auf dem Wege über das Dach in seine Zelle zurück.
-Die Gitter wurden ganz regelrecht mit allen vier Schrauben befestigt,
-und als ob nichts geschehen sei, vertieften wir uns in unsere Bücher.
-Die Messer aber verbargen wir der Vorsorge halber in unseren Stiefeln.
-
-So verstrich eine halbe Stunde. Da ertönten Stimmen ... Quaddler hatte
-sich richtig bei den Wirtsleuten, wo Wilhelm Rumpf zur Miete wohnte,
-erkundigt, und da man hier um den Verschwundenen nicht wußte, so war
-der biedere Pedell in seiner Verzweiflung zu dem angeheirateten Onkel
-gerannt, um diesen von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen.
-
-»Da, sehen Sie, geehrter Herr Rat,« sagte Quaddler bebend, indem er den
-Schlüssel umdrehte, »fort ist er!«
-
-»Ei, guten Tag, lieber Onkel!« rief Wilhelm Rumpf mit rührender
-Naivität; »das ist aber schön, daß Du mich hier 'mal besuchst.«
-
-Quaddler und der Herr Rat standen wie angewurzelt. Mehrere Minuten lang
-war keiner von ihnen fähig, ein Wort über die Lippen zu bringen.
-
-»Aber das werde ich dem Herrn Direktor vermelden«, stammelte endlich
-Quaddler.
-
-»Was denn?« versetzte Rumpf harmlos.
-
-»Daß Sie da oben hinausgeschlüpft sind, und wenn man dann meint, Sie
-wären fort, dann kommen Sie wieder.«
-
-»Sie sind närrisch«, antwortete Rumpf. »Bin ich vielleicht eine Ratte?
-Da, sehen Sie her, der Zwischenraum da ist kaum eine Hand breit.«
-
-»Ja, ja, Sie haben das Gitter abgeschraubt, ich hab's wohl gesehen, und
-dann sind Sie aufs Dach entschlüpft.«
-
-»Herr Quaddler ich verbitte mir das! Womit soll ich das Gitter denn
-abschrauben?«
-
-»Nun, Sie werden wohl irgend ein Instrument bei sich haben.«
-
-»Lieber Onkel, Du bist Zeuge. Ich belange den Quaddler wegen
-Verleumdung. Jetzt aber stelle ich die kategorische Forderung, daß ich
-augenblicklich untersucht werde.«
-
-»Gut, das soll geschehen«, erwiderte Quaddler. »Ich werde das
-Meißelchen schon finden, mit dem Sie die Sache gemacht haben.«
-
-»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich keinen Meißel besitze, noch
-jemals besessen habe. Untersuchen Sie nur meine sämtlichen Taschen.
-Sie haben wahrscheinlich nach der Kirche die Lotz'sche Bierstube
-besucht ...«
-
-Die Visitation blieb natürlich fruchtlos.
-
-»Ja, Herr Quaddler,« sagte Rumpfs Onkel, »ich begreife in der Tat
-nicht, was Sie eigentlich wollen. Das Gitter da ist doch ganz fest, und
-mit den Fingern kann man's nicht abschrauben ...«
-
-Rumpf wandte sich verständnisinnig zu diesem gewichtigen Fürsprecher
-und murmelte:
-
-»Ich sag's ja, er war bei Lotz. Gestehen Sie's offen Quaddler!«
-
-»Bei Lotz ..., das steht sozusagen richtig, aber ich habe nur zwei Glas
-Bier getrunken, und was ich gesehen habe, das hab' ich gesehen, und
-das laß ich mir nicht ausreden, und wenn Sie's gütigst erlauben, werd'
-ich's dem Herrn Direktor vermelden.«
-
-»Zwei Glas Bier!« schrie Wilhelm Rumpf. »Und ein Mann, der sich solchen
-Ausschweifungen überläßt, will uns moralische Vorlesungen halten ...?
-Wissen Sie was? Besoffen sind Sie gewesen, und da haben Sie in Ihrem
-Taumel eine Halluzination gehabt. Ich bin hier nicht von der Stelle
-gewichen und habe gearbeitet, während Sie den heiligen Sonntag durch
-ein Zechgelage entweihten. Ich werde dem Herrn Direktor schon das
-Nötige zu vermerken wissen, wenn Sie mich anschwärzen wollen. Soll
-ich noch dafür aufkommen, wenn Sie sich in aller Frühe einen Rausch
-antrinken? Pfui, und abermals pfui! Sie wollen Pedell sein? Sie wollen
-eine Tochter erziehen? Sie sollten sich schämen! Ein Mann von beinahe
-fünfzig Jahren und solche Extravaganzen ...! Siehst Du, Onkel, so hat
-man nun seine Not auf der Welt: wenn der Pedell sich bekneipt, soll der
-Sekundaner die Suppe ausessen!«
-
-»In vollem Ernste, Herr Quaddler,« begann jetzt der Onkel, »ich fange
-an zu glauben, daß Sie sich in eigentümlicher Weise getäuscht haben.
-Darf ich Ihnen einen freundschaftlichen Rat erteilen, so lassen Sie die
-Sache auf sich beruhen. Der Herr Direktor gibt etwas auf mein Urteil,
-und ich werde ohne Bedenken die Aussagen meines Neffen bestätigen. Oder
-haben Sie sich vielleicht gar in der Zelle geirrt? Nicht wahr, daneben
-sitzt ja noch einer?«
-
-»Nein, nein!« erwiderte Quaddler, »es war hier diese Zelle, und ich
-will nicht selig werden ...«
-
-»Sie sind hartnäckig«, sagte der Onkel; »Scherz beiseite, ich werde die
-nächste Gelegenheit ergreifen, mit dem Herrn Direktor zu sprechen.«
-
-»Da möchte ich Sie doch ganz ergebenst bitten, wenn Sie das tun wollen,
-die Güte zu haben, es lieber nicht zu tun. Eher will ich noch annehmen,
-ich hätte mich getäuscht; obgleich ich mich ganz gewiß, das heißt, ich
-will sagen, bitte, sprechen Sie nicht mit dem Herrn Direktor!«
-
-»Sobald Sie mich wegen Ihrer verrückten Halluzination anzeigen,« sagte
-Rumpf pathetisch, »sobald wird mein Onkel das Seinige tun, um Ihre
-Intrigen zu hintertreiben! Das versteht sich von selbst! Nicht wahr,
-Onkel?«
-
-Der Onkel nickte.
-
-»Ich sage gar nichts mehr«, erwiderte Quaddler kleinlaut; »was man
-heutzutage alles erlebt ...! Nichts für ungut, Herr Rat, daß ich Sie
-hierher bemüht habe. Nehmen Sie's denn meinetwegen auf Rechnung meiner
-Kollation, wie der Herr Rumpf sagt, aber ich versichere Sie, wie
-gesagt, ich sage gar nichts mehr.«
-
-Und hiermit war die Sache erledigt.
-
-Den Rest des Tages verbrachten wir jeder still in seinen vier
-Wänden. Wir mochten doch nicht ein zweites Mal auf Quaddlers
-Halluzinationsfähigkeit spekulieren.
-
-
-
-
-Der Besuch im Karzer.
-
-
-Es schlug zwei. Der Direktor des städtischen Gymnasiums, ~Dr.~ Samuel
-Heinzerling, wandelte mit der ihm eigenen Würde in den Schulhof und
-erklomm langsam die Stiege.
-
-Auf der Treppe begegnete ihm der Pedell, der eben geläutet hatte und
-sich nun in seine Privatgemächer verfügen wollte, wo es allerlei
-häusliche Arbeiten zu erledigen gab.
-
-»Äst nächts vorgefallen, Quaddler?« fragte der Direktor, -- den devoten
-Gruß des Vasallen durch ein souveränes Kopfnicken erwidernd.
-
-»Nein, Herr Direktor.«
-
-»Hat der Herr Bibläothäkar noch nächt öber die bewußten Bände
-resolvärt?«
-
-»Nein, Herr Direktor.«
-
-»Goot, so gähen Sä noch heute hinöber und erkondigen Sä säch, wä säch
-diese Angelägenheit verhält ... Noch eins. Der Prämaner Rompf fehlt
-seit einigen Tagen. Verfögen Sä säch doch einmal in seine Wohnung und
-öberzeugen Sä säch, ob er wärklich krank ist! Ich zweifle fast ...«
-
-»Entschuldigen Sie, Herr Direktor, der Rumpf ist wieder da; ich sah ihn
-vorhin über den Hof kommen.«
-
-»Non, om so bässer.«
-
-Der geneigte Leser verzeihe die eigentümliche Orthographie, mit
-der wir die geflügelten Worte des Gymnasialherrschers zu Papier
-bringen. Herr ~Dr.~ Samuel Heinzerling sprach allerdings nicht
-ganz so abnorm, als unsere Schreibweise vermuten lassen könnte:
-allein das deutsche Lautsystem gibt uns kein Mittel an die Hand, die
-spezifisch Heinzerlingsche Klangfarbe genauer zu versinnlichen. Ich,
-der bescheidene Erzähler, habe selber hundertmal den Vorträgen des
-Herrn Direktors in stummer Andacht gelauscht und den Heinzerlingschen
-Vokalismus sozusagen zu meinem Lieblingsstudium erhoben. Solange unser
-armseliges Alphabet nicht eigene Zeichen für Zwitterlaute zwischen i
-und e, zwischen u und o usw. besitzt, so lange wird der Historiograph,
-der sich mit Herrn ~Dr.~ Samuel Heinzerling beschäftigt, die von uns
-vorgeschlagene Rechtschreibung adoptieren müssen.
-
-Der Herr Direktor sagte also: »Non, om so bässer!« und schritt über den
-langen Korridor den Pforten seiner Prima zu.
-
-Samuel war heute ungewöhnlich früh gekommen. In der Regel hielt er
-an der Theorie des akademischen Viertels fest. Diesmal hatte ihn
-ein häuslicher Zwist, über den wir aus begreiflicher Delikatesse
-den Schleier der Verschwiegenheit breiten, schon vor der Zeit
-aus dem behaglichen Sorgenstuhle getrieben, in welchem er seinen
-nachmittäglichen Kaffee zu schlürfen pflegte. Nur so erklärt es sich,
-daß die Primaner noch nicht daran gedacht hatten, nach Art der Gemsen
-ihre übliche Wache auszustellen.
-
-Der Herr Direktor vernahm bereits auf dem Korridor einen Heidenlärm.
-Vierzig dröhnende Kehlen schrien »Bravo!« und »Dakapo!«
-
-Samuel runzelte die Stirn.
-
-Jetzt verstummte das Chorgebrüll, und eine klare, schneidige Stimme
-begann in komischem Pathos:
-
-»Non, wär wollen äß för diesmal goot sein lassen. Sä haben säch wäder
-einmal nächt gehärig vorbereitet, Heppenheimer! Äch bän sähr onzofräden
-mät Ähnen! Sätzen Sä säch!«
-
-Donnernder Applaus.
-
-Der Direktor stand wie versteinert.
-
-Bei den Göttern Griechenlands, -- das war +er selbst+, wie er leibte
-und lebte ...! Ein wenig karikiert, -- aber doch so täuschend ähnlich,
-daß nur ein Kenner den Unterschied herauszufühlen vermochte! Eine
-solche Blasphemie war denn doch -- dem Sprichwort zum Trotze -- noch
-nicht dagewesen! Ein Schüler erfrechte sich, ihn, den souveränen
-Beherrscher aller Gymnasialangelegenheiten, ihn, den Verfasser der
-»Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch, mit besonderer Rücksicht
-auf die oberen Klassen«, ihn, den renommierten Pädagogen, Ästhetiker
-und Kantianer, von der geweihten Höhe seines eigenen Katheders aus
-lächerlich zu machen! ~Proh pudor! Honos sit auribus!~ Das war ein
-Streich, wie er nur in der Seele des Erzspitzbuben Wilhelm Rumpf zur
-Reife gelangen konnte!
-
-»Wollen Sä einmal etwas nähmen, Möricke«, fuhr die Stimme des
-pflichtvergessenen Schülers fort ... »Was, Sä send onwohl? Gott, wenn
-mer jonge Leute in Ährem Alter sagen, sä send onwohl, so macht das
-einen sähr öblen Eindruck. Knäbel, schreiben Sä einmal äns Tagebooch:
-›Möricke, zom Öbersätzen aufgefordert, war onwohl ...‹«
-
-Jetzt vermochte der Direktor seine Entrüstung nicht länger zu
-bemeistern.
-
-Mit einem energischen Ruck öffnete er die Tür, und trat unter die
-erschrockenen Zöglinge, wie der Leu unter die Gazellenherde.
-
-Er hatte sich nicht getäuscht.
-
-Es war in der Tat Wilhelm Rumpf, der größte Taugenichts der Klasse,
-der sich so frevelhaft an der Majestät vergangen hatte. Erst seit vier
-Wochen zählte dieser Mensch zu Samuel Heinzerlings Schülern, und schon
-gebührte ihm vor allen Bengeln, vom Primus bis zum Ultimus, die Krone!
-Mit hochgezogenen Vatermördern, auf der Nase eine große, papierene
-Brille, in der Linken ein Buch, in der Rechten das traditionelle
-Bleistiftchen haltend, -- so stand er auf dem Katheder und wollte eben
-eine neue Gotteslästerung ausstoßen, als der tiefbeleidigte Direktor
-auf der Schwelle erschien.
-
-»Rompf!« sagte Samuel mit Fassung, -- »Rompf! Sä gähen mer zwei Tage än
-den Karzer. Knäbel, schreiben Sä einmal äns Tagebooch: ›Rompf, wegen
-kändischen, onwördigen Benähmens mät zwei Tagen Karzer bestraft.‹ --
-Heppenheimer, rofen Sä den Pedellen!«
-
-»Aber Herr Direktor ...!« stammelte Rumpf, indem er die Papierbrille in
-die Tasche steckte und auf seinen Platz zuschritt.
-
-»Keine Wäderrede!«
-
-»Aber ich wollte ja nur ... ich dachte ...«
-
-»Seien Sä ställ, sag' äch Ähnen!«
-
-»Aber erlauben Sie gütigst ...«
-
-»Knäbel, schreiben Sä ein: ›Rompf wägen wädersetzlichen Betragens mät
-einem weiteren Tage Karzer belägt.‹ -- Äch bän's möde, mich äwig mät
-Ähnen heromzoschlagen. Schämen sollten Sä säch in den Grond Ährer Sääle
-hänein! Pfoi, und abermals pfoi!«
-
-»~Audiatur et altera pars~, Herr Direktor. Haben Sie uns diese Lehre
-nicht stets ans Herz gelegt ...?«
-
-»Goot! Sä sollen nächt sagen, daß äch meinen Pränzäpien ontreu wärde.
-Was haben Sä zo Ährer Entscholdigong anzoföhren?«
-
-»Ich kann nur versichern, Herr Direktor, daß ich durchaus nichts
-Unziemliches beabsichtigte. Ich gedachte mich lediglich ein wenig in
-der Mimik zu üben.«
-
-»Öben Sä Ähren lateinischen Stäl und Ähre grächische Grammatäk!«
-
-»Das tu' ich, Herr Direktor. Aber neben der Wissenschaft hat doch auch
-die Kunst ihre Berechtigung.«
-
-»Das habe äch nä in meinem Läben geleugnet. Wollen Sä ätwa Ähre
-Albernheiten för Konst ausgäben? Jädenfalls äst däse Konst sähr
-brotlos.«
-
-»O, bitte, Herr Direktor!«
-
-»Seien Sä ställ. Wänn Sä so fortfahren, so wärden Sä öber korz
-oder lang Schäffbroch leiden. Knipcke, sehn Sä einmal nach, wo der
-Heppenheimer mit dem Pedellen bleibt.«
-
-»Ach, für diesmal, Herr Direktor«, flüsterte Rumpf in schmeichlerischem
-Tone, -- »für diesmal könnten Sie mir die Strafe noch erlassen.«
-
-»Nächts da! Sä gähn än den Karzer. Doch wär wollen ons dorch däsen
-Zwäschenfall än onsrer Arbeit nächt stären lassen. Hutzler, repetären
-Sä einmal ...«
-
-»Herr Direktor, ich war beim Vorübersetzen nicht zugegen. Hier ist mein
-Zeugnis.«
-
-»So! Sä waren wäder einmal krank. Wässen Sä, Hutzler, Sä sänd auch
-öfter krank als gesond ...«
-
-»Leider, Herr Direktor. Meine schwächliche Konstitution ...«
-
-»Schwächläch? Sä, schwächläch? Non, hären Sä einmal, Hutzler, äch
-wollte, jäder Mänsch unter der Sonne wäre so schwächläch wä Sä! Faul
-sänd Sä, aber nächt schwächläch ...«
-
-»Faul? Aber ich kann doch nicht während eines Fieberanfalls ...«
-
-»Äch känne das! Sä wärden wäder einmal zo väl Bär getronken haben.
-Repetären Sä einmal, Gildemeister.«
-
-»Fehlt!« riefen sechs Stimmen zugleich.
-
-Samuel schüttelte mißmutig das Haupt.
-
-»Weiß keiner, warom der Gildemeister fehlt?«
-
-»Er hat Katarrh!« antwortete einer der sechse.
-
-»Katarrh! Wä äch so alt war, hatte äch nämals Katarrh. Aber wo bleibt
-denn der Knipcke und der Heppenheimer? Schwarz, gehn Sä einmal hinaus,
-kommen Sä aber gleich wäder!«
-
-Schwarz ging, und kam nach zehn Minuten mit dem Pedell und den beiden
-Kommilitonen zurück.
-
-»Herr Quaddler war mit Tapezieren beschäftigt«, sagte Heppenheimer in
-achtungsvollem Tone; »er mußte sich erst ein wenig umkleiden.«
-
-»So! und dazo brauchen Sä eine halbe Stonde? Quaddler, äch fände, Sä
-wärden nachlässig äm Dänste!«
-
-»Sie entschuldigen ganz gehorsamst, Herr Direktor, aber die Herren sind
-erst vor zwei Minuten an meine Tür gekommen.«
-
-»Oh!« riefen die drei Primaner wie aus einem Munde.
-
-»Non, äch wäll das nächt weiter ontersochen! Här, nähmen Sä einmal
-da den Rompf ond föhren Sä ähn auf den Karzer. Rompf, Sä wärden säch
-anständig betragen und nächt alle Augenbläcke nach dem Pedellen rofen,
-wä das vor acht Tagen geschehn ist. Quaddler, Sä lassen säch durch
-nächts bestämmen, den Rompf auf den Vorflur zo lassen! Wenn ähm wäder
-schlächt wärd, so mag er das Fänster öffnen. Am bästen äst's, Sä sätzen
-ähm alles Nötige hänein in die Zälle, und lassen die Töre ein för
-allemal verschlossen. Freitag abend kömmt er wäder herunter.«
-
-»Schön, Herr Direktor.«
-
-»Das Ässen können Sä säch dorch einen Ährer Freunde besorgen lassen.
-Verstanden?«
-
-Rumpf nickte.
-
-»So! und non fort mät Ähnen!«
-
-»Es ist also wirklich Ihr Ernst, Herr Direktor, mich für eine
-künstlerische Leistung ...«
-
-Samuel Heinzerling lachte mit männlich-pädagogischer Würde.
-
-»Sä sänd ein drolliger Kauz, trotz aller Ährer Ongezogenheiten. Aber
-helfen kann äch Ähnen nächt. Solange Sä mär nächt dartun, was Ähre
-angäbliche könstlerische Leistung notzt und frommt, -- ganz abgesehen
-von Ährer onziemlichen Tendenz, -- so lange wärden Sä säch ins
-Onabänderliche fögen mössen. Machen Sä jetzt, daß Sä hänauf kommen!«
-
-Wilhelm Rumpf biß die Lippen aufeinander, machte kehrt und verschwand
-mit Quaddler in der Dämmerung des Korridors.
-
-»Was haben Sie eigentlich verbrochen, Herr Rumpf?« fragte der Pedell,
-als sie die Treppe hinanschritten.
-
-»Nichts.«
-
-»Aber verzeihen Sie gütigst, Sie müssen doch was gemacht haben?«
-
-»Ich habe nur das getan, was der Direktor beständig tut.«
-
-»Woso?«
-
-»Nun, geben Sie einmal wohl acht: Sähen Sä, mein läber Quaddler, der
-Rompf ist ein Taugenächts und verdänt eine exemplarische Zächtigong.«
-
-»Herr Gott meines Lebens!« stammelte der Pedell, beide Hände über dem
-Kopf zusammenschlagend. »Nein, wer mir gesagt hätte, daß so etwas
-möglich sei ... Aber das ist ja ordentlich graulich, Herr Rumpf! Weiß
-der ewige Himmel, wenn ich Sie nicht mit meinen eigenen Augen vor mir
-sähe, ich würde schwören, des gestrengen Herrn Direktors persönliche
-Stimme gehört zu haben! Tausend noch 'mal, das muß ich sagen! Sie
-können's noch weit bringen in der Welt! Wissen Sie, da war ich einmal
-drüben bei Lotz in der Bierstube, da war auch so ein Zauberkünstler,
-der machte Ihnen alles nach, was Sie wollten, Vogelgezwitscher und
-Pferdewiehern, Hundegebell und Hochzeitspredigten. Aber so wie Sie hat
-er mich doch nicht aus Rand und Band gebracht!«
-
-»Glaub's, glaub's, läber Quaddler!« versetzte Rumpf, immer noch den
-Direktor imitierend.
-
-»Und das haben Sie in seiner Gegenwart aufgeführt? Nein, hören Sie
-einmal, nichts für ungut Herr Rumpf, aber alles am rechten Ort. So
-was geziemt sich nicht, und der Herr Direktor haben alle Ursache, im
-höchsten Grade ungehalten zu sein.«
-
-»Meinen Sä?«
-
-»Ich muß Sie recht schön bitten, Ihr Spiel jetzt sein zu lassen. Es
-verträgt sich nicht mit dem Ernst meines Amtes. Wollen Sie gefälligst
-hier hereinspazieren!«
-
-»Mät Vergnögen ...!«
-
-»Herr Rumpf, ich werde dem Herrn Direktor sagen, Sie hätten noch nicht
-genug an der Ihnen diktierten Strafe ...«
-
-»Was gäht Sä meine Strafe an, Sä alter, närrischer Quaddler!«
-
-»Was mich Ihre Strafe angeht? Nichts! Aber es geht mich viel, sehr viel
-an, ob Sie fortfahren, den Herrn Direktor in respektwidriger Weise zu
-verspotten.«
-
-»Ich kann machen, was äch will.«
-
-»Das können Sie nicht.«
-
-»Doch, Quaddler. Äch kann sprechen, wä mär's paßt, und wäm's nächt
-gefällt, der dröckt säch oder hält säch die Ohren zo.«
-
-»Nun, warten Sie!«
-
-»Worauf?«
-
-»Ich werde dem Herrn Direktor Bericht erstatten.«
-
-»Sagen Sie einen schönen Gruß von mir.«
-
-»Sie werden sich wundern.«
-
-Quaddler drehte den Schüssel um und tappte langsam die Treppe hinunter.
-
-Im Saale der Prima ward inzwischen eifrig Sophokles interpretiert.
-Heppenheimer verdeutschte gerade zum größten Jubel der übermütigen
-Sippe das Wehgeschrei des unglücklichen Philoktetes:
-
- »Ai, ai, ai, ai ...«
-
-Der Direktor Samuel Heinzerling fiel ihm in die Rede.
-
-»Sagen Sä ›Au, au, au, au‹. Das ›Ai‹ als Interjektion des Schmerzes äst
-sprachwädrig.«
-
-»Ich dachte, ›Au‹ sei bloß bei körperlichen Schmerzen gebräuchlich«,
-bemerkte Heppenheimer.
-
-»Non, dänken Sä välleicht, Philoktet habe bloß geistig gelätten? Sä
-scheinen mer den Gang der Tragödie ohne sonderliche Aufmerksamkeit
-verfolgt zu haben.«
-
-»Herr Direktor, es klopft!« sagte Knebel.
-
-»Sähn Sä einmal nach, Knipcke!«
-
-Knipcke eilte, zu öffnen.
-
-»Was? Sä, Quaddler? Warom stören Sä ons schon wäder? Fassen Sä säch
-korz!«
-
-»Ich wollte mir gütigst erlauben, ergebenst zu vermerken, der Primaner
-Rumpf spricht noch immer so, wie von wegen weshalb Sie ihn bestraft
-haben.«
-
-»Was? Er sätzt die Komödie fort? Non, äch wärde die erforderlichen
-Maßregeln zu ergreifen wässen! Knäbel, schreiben Sä einmal ein, -- oder
-nein, lassen Sä's läber! Es äst goot, Quaddler. Heppenheimer, fahren
-Sä fort. Also: ›Au, au, au, au,‹ nächt: ›Ai, ai, ai, ai‹. Das Folgende
-können Sä etwa mät: ›Ach, ihr äwigen Götter!‹ oder mät ›Allmächtiger
-Hämmel!‹ wädergeben!«
-
-Heppenheimer erledigte sein Pensum zu des Direktors leidlicher
-»Zofrädenheit«. Nach ihm übersetzte Schwarz »ongenögend«. Dann erscholl
-Quaddlers Klingel. Der Verfasser der lateinischen Grammatik für den
-Schulgebrauch erklärte den Unterricht für geschlossen. In der Tür
-erschien Doktor Klufenbrecher, der Mathematiklehrer, der die Prima
-von drei bis vier über die Geheimnisse der analytischen Geometrie
-zu unterhalten hatte. Samuel Heinzerling reichte dem »geschätzten
-Herrn Kollegen« herablassend, aber nicht ohne ein gewisses humanes
-Wohlwollen, die grübchenreiche Rechte und verfügte sich dann nach
-dem Direktorialzimmer, wo er sich nachdenklich auf seinem Amts- und
-Dienstsessel niederließ.
-
-Quaddler ging inzwischen ans Werk, die freie Stunde gehörig
-auszunutzen. Rüstig stülpte er den Pinsel in den Kleistertopf und
-bestrich eine Tapetenbreite nach der anderen mit duftender Klebematerie.
-
-Wilhelm Rumpf aber saß gähnend auf der Pritsche und versicherte
-im Selbstgespräch, er sei das Gymnasium mit seinen unmotivierten
-Freiheitsbeschränkungen bis über die Ohren müde.
-
-Herr Samuel Heinzerling kraute sich jetzt in den Locken, rückte die
-große Brille mit den runden Gläsern zurecht und schüttelte zwei-,
-drei-, viermal das pädagogische Haupt.
-
-»Ein mäserabler Jonge, dieser Rompf!« murmelte er vor sich hin
-... »Aber äch glaube fast, auf dem Weg der Güte äst mähr bei ihm
-auszurichten, als mit Gewalt und Strenge. Äch wäll ähm einmal
-ärnst-nachdrocksamst ins Gewässen räden! Schade ohm ähn! Er gehört zo
-meinen begabtesten Schölern!«
-
-Er klingelte.
-
-Nach drei Minuten erschien Anny, Quaddlers sechzehnjährige Tochter. Sie
-war augenscheinlich im Begriff, einen Ausgang zu machen; dafür sprach
-das kokette Federhütchen, das sich anmutig auf ihren dunklen Locken
-wiegte, und das bunte Schaltuch, das ihre vollen Schultern umfing.
-
-»Sie befehlen, Herr Direktor?« fragte sie mit einer graziösen
-Verbeugung.
-
-»Wo ist Ihr Vater?« flüsterte Samuel mit einer für seine Verhältnisse
-außerordentlich reinen Aussprache des »i«.
-
-»Er kleistert. Haben Sie etwas zu besorgen, Herr Direktor?«
-
-»So, er kleistert. Na, dann wäll äch ähn nächt stören in seiner
-Kleisterei. Es äst nächts Besonderes, Anny. Der Karzerschlössel stäckt
-ja?«
-
-»Ich werde einmal gleich fragen, Herr Direktor.«
-
-Wie ein Reh eilte das Mädchen die Treppe hinunter. Nach wenigen
-Sekunden war sie wieder zur Stelle.
-
-»Jawohl, Herr Direktor, die Schlüssel stecken, sowohl der zum Vorflur,
-wie der zur Zelle. Befehlen Sie sonst etwas?«
-
-»Nein, äch danke.«
-
-Anny verabschiedete sich. Lächelnd blickte Samuel ihr nach.
-
-»Ein reizendes Känd!« murmelte er vor sich hin. »Ich gäbe väl darom,
-wenn meine Winfriede nur halb so väl ~savoir vävre~ besäße -- von
-Ismenen ganz zo geschweigen. Däser Quaddler äst ein ~paganus~, ein
-~homo incultus~, und dessenohngeachtet verstäht er es, eine Charitin
-groß zo zähen, während äch, der feingebäldete Kenner des klassischen
-Altertoms, äch, der ~homo, coi näl homani alienom äst~, nächt ämstande
-bän, eine meines Bäldongsgrades wördige Nachkommenschaft zo erzielen.«
-
-Er strich sich einigemal über das glattrasierte Kinn, nahm dann seinen
-Hut vom Tisch und klomm die Stiege zum Karzer hinan.
-
-Wilhelm Rumpf war höchlich überrascht, als sich schon nach so kurzer
-Gefangenschaft die Tür in den Angeln drehte. Sein Staunen erreichte
-jedoch den Zenitpunkt, als er in dem unerwarteten Besucher den Direktor
-Samuel Heinzerling erkannte.
-
-»Non, Rompf?« sagte der ehrenfeste Pädagoge.
-
-»Was wünschen Sie, Herr Direktor?« entgegnete der Schüler im Tone einer
-resoluten Verstocktheit.
-
-»Äch wollte mäch einmal erkondigen, ob Sä in säch gähn und einsähn, daß
-solche Puerilitäten der Aufgabe des Gymnasiums und dem in däsen Mauern
-herrschenden Geiste vollständig zowäder laufen ...«
-
-»Ich bin mir nicht bewußt ...«
-
-»Was, Rompf? Sä wollen säch noch auf die Hänterbeine stellen? Sähn
-Sä einmal, was wörden Sä wohl sagen, wenn Sä an meiner Stelle wären?
-Wörden Sä nächt däsen onartigen, öbermötigen Wälhelm Rompf aus
-Gamsweiler noch ganz anders bei den Ohren nähmen? Hä?«
-
-»Herr Direktor ...«
-
-»Das sänd doch Kändereien, wä man sä einem anständigen jongen Mann
-aus gooter Famälie nächt zotraut! Wässen Sä was? Beim nächsten dommen
-Streich wärde äch Sä relegären!«
-
-»Relegieren ...?«
-
-»Ja, Rompf! Relegären! Drom gähn Sä än säch und lassen Sä dä
-Ongezogenheiten, die Ähnen wahrhaftig keine Ehre machen ... Äch
-wäderhole Ähnen: sätzen Sä säch einmal an meine Stelle! ...«
-
-Wilhelm Rumpf ließ das Haupt nachdenklich auf die Brust sinken. Er
-fühlte, daß die angedrohte Relegation nur noch eine Frage der Zeit sei.
-Mit einemmal zuckte ein diabolischer Gedanke durch sein Gehirn.
-
-»Wenn ich denn einmal fortgejagt werden soll,« sprach er zu sich
-selbst, »so mag es denn auch mit Eklat geschehen!«
-
-Er lächelte, wie der verbrecherische Held eines Sensationsromanes
-nach gelungener Missetat zu lächeln pflegt, und sagte im Tone einer
-beginnenden Zerknirschung:
-
-»Sie meinen, Herr Direktor, ich solle mich an Ihre Stelle
-versetzen ...?«
-
-»Ja, Rompf, das meine äch.«
-
-»Gut, wenn Sie's denn nicht anders haben wollen, so wünsche ich viel
-Vergnügen!«
-
-Und damit sprang er zur Tür hinaus, drehte den Schlüssel um und
-überließ den armen Direktor seinem unverhofften Schicksale.
-
-»Rompf! Was fällt Ähnen ein! Äch relegäre Sä noch heute! Wollen Sä
-augenbläckläch öffnen! Augenbläckläch, sage äch!«
-
-»Äch gäbe Ähnen härmät zwei Stonden Karzer«, antwortete Rumpf mit
-Würde. »Sä haben sälbst gesagt, äch solle mäch an Ähre Stelle
-versätzen.«
-
-»Rompf! Es geschäht ein Onglöck! Ein Onglöck, sage äch! Öffnen Sä! Äch
-befähle es Ähnen!«
-
-»Sä haben nächts mähr zo befählen! Äch bän gägenwärtäg där Därektor! Sä
-sänd der Prämaner Rompf! Seien Sä ställ! Äch dolde keine Wäderräde!«
-
-»Läber Rompf! Äch wäll's Ähnen för däsmal noch verzeihen. Bitte, machen
-Sä höbsch auf. Sä sollen mät einer gelinden Strafe dorchkommen. Sä
-sollen nächt relegärt werden. Ich verspreche es Ähnen! Hären Sä?«
-
-Der »läbe Rompf« hörte nicht. Er hatte sich leise über den Vorflur
-geschlichen und eilte jetzt die Treppe hinab, um siegreich zu
-entweichen.
-
-Als er an der Tür des Pedells vorüber kam, packte ihn eine prickelnde
-Idee.
-
-Er legte das Auge ans Schlüsselloch. Quaddler stand just auf der
-Leiter, den Rücken nach der Pforte gekehrt, und mühte sich, einen
-schwer bekleisterten Tapetenstreifen an die Wand zu kleben. Wilhelm
-Rumpf klinkte ein wenig auf und rief mit dem schönsten Heinzerlingschen
-Akzent, der ihm zu Gebote stand, ins Zimmer:
-
-»Äch gehe jetzt, Quaddler. Beobachten Sä mär den Rompf. Der Mänsch
-beträgt säch wä onsännäg. Er erfrächt säch noch ämmer, seine
-ämpärtänenten Spälereien zu treiben. Bleiben Sä jetzt nor rohig auf
-Ährer Leiter. Äch wollte Ähnen nor noch sagen, daß Sä ähm onter keiner
-Bedängong öffnen! Der Borsche wäre ämstande, Sä öber den Haufen
-zo rännen und -- mär nächts, där nächts -- dorchzogehn! Hären Sä,
-Quaddler?«
-
-»Wie Sie befehlen, Herr Direktor. Entschuldigen Sie nur gütigst, daß
-ich hier oben ...«
-
-»Sä sollen rohig bleiben, wo Sä sänd, ond Ähre Kleisterei erst fertig
-machen. Adiö!«
-
-»Ganz gehorsamster Diener, Herr Direktor.«
-
-Wilhelm Rumpf stieg nunmehr die Treppe wieder hinan und betrat die
-Regionen des Karzers.
-
-Samuel Heinzerling tobte fürchterlich. Jetzt schien er auch die Klingel
-zu entdecken, denn in demselben Augenblicke, da Rumpf sich hinter
-einen gewaltigen Kleiderschrank der Pedellfamilie barg, erscholl ein
-wütendes Geläute, gell und schrill, wie das Kreischen empörter Wald-
-und Wasserteufel.
-
-»Zo Hölfe!« stöhnte der Schulmann, -- »zo Hölfe! Quaddler, äch bränge
-Sä von Amt ond Brot, wänn Sä nächt augenbläckläch herauf kommen! Zo
-Hölfe! Foier! Foier! Mord! Gewalttat! Zo Hölfe!«
-
-Der Pedell, durch das unausgesetzte Geklingel an seinen Beruf gemahnt,
-verließ seine Privatbeschäftigung und erschien auf dem Vorflur des
-Gefängnisses. Der heimtückische Primaner schmiegte sich fester in sein
-Versteck. Samuel Heinzerling hatte sich erschöpft auf die Pritsche
-gesetzt. Sein Busen keuchte; seine Nasenflügel arbeiteten im Tempo
-eines rüstigen Blasebalgs.
-
-»Herr Rumpf«, sagte Quaddler, indem er wie warnend wider die Tür der
-Zelle pochte, »es wird alles notiert!«
-
-»Gott sei Dank, Quaddler, daß Sä da sänd! Öffnen Sä mär! Däser
-mäserable Kärl sperrt mäch här ein ... Es äst hämmelschreiend!«
-
-»Ich sage Ihnen, Herr Rumpf, die Späße werden Ihnen schlecht bekommen!
-Und daß Sie den Herrn Direktor einen miserablen Kerl nennen, das werd'
-ich mir besonders vermerken!«
-
-»Aber Quaddler, sänd Sä denn verröckt?« eiferte Samuel im Tone der
-höchsten Entrüstung. »Zom Henker, äch sage Ähnen ja, daß der Rompf, der
-elende Gesälle, mäch här eingespärrt hat, als äch ähn besochen und ähm
-äns Gewässen räden wollte! Machen Sä jätzt keine Omstände. Öffnen Sä!«
-
-»Sie müssen mich für sehr dumm halten, Herr Rumpf. Der Herr Direktor
-hat eben noch mit mir gesprochen und mir strengstens anbefohlen, Sie
-unter keiner Bedingung heraus zu lassen. Und nun betragen Sie sich
-anständig und lassen Sie das Klingeln, sonst häng' ich die Schelle ab.«
-
-»Quaddler, äch bränge Sä äns Zochthaus wägen wäderrechtlicher
-Freiheitsberaubung.«
-
-»Hören Sie einmal, wissen Sie, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben
-darf, so ist das ewige Nachahmen des Herrn Direktors recht kindisch,
-nehmen Sie mir's nicht übel. Es ist wahr, der Herr Direktor sprechen
-ein wenig durch die Nase, aber so ein dummes Geklöne, wie Sie's da
-zusammenquatschen, so machen's der Herr Direktor noch lange nicht.
-Und nun sag' ich Ihnen zum letztenmal, verhalten Sie sich ruhig, und
-benehmen Sie sich, wie es sich geziemt ...«
-
-»Aber äch wäderhole Ähnen auf Ähre ond Sälägkeit, der schändläche,
-näderträchtäge Borsche hat den Schlössel hänter mär heromgedreht, ähe
-äch noch woßte, was er vor hatte! Quaddler! Mänsch! Äsel! Sä mössen
-mäch doch erkännen! Tun Sä doch Ähre Ohren auf!«
-
-»Was? Esel nennen Sie mich? Mensch nennen Sie mich? Ei, wissen Sie was,
-da fragt sich's doch noch sehr, wer von uns beiden der größte Mensch
-und der größte Esel ist. So was lebt nicht. Nennt so ein grüner Junge
-einen alten, ehrlichen Mann einen Esel! Selbst Esel! ... Verstehen Sie
-mich? Aber warten Sie nur!«
-
-»Ein Äsel sänd Sä ond ein Ochse dazo!« stöhnte Heinzerling
-verzweifelnd. »Sä wollen also nächt öffnen?«
-
-»Ich denke nicht daran.«
-
-»Goot! Sehr goot!« ächzte der Schulmann mit verlöschender Stimme. »Sehr
-goot! Äch bleibe also äm Karzer! Hären Sä, Quaddler? Äch bleibe äm
-Karzer!«
-
-»Es soll mich freuen, wenn Sie zur Vernunft kommen. Aber nun lassen Sie
-mich ungeschoren. Ich habe mehr zu tun, als Ihre Possen mit anzuhören!«
-
-»Quaddler!« rief Samuel wieder heftiger. »Äch sitze rohig Stonde för
-Stonde ab! Verstähen Sä? Stonde för Stonde! Wä ein ongezogener Jonge
-erdolde äch däse empörende Schmach! Hären Sä, Quaddler?«
-
-»Ich gehe jetzt. Arbeiten Sie was.«
-
-»Heiliger Hämmel, mär schwändelt der Verstand! Bän äch denn wärklich
-toll geworden! Mänsch, so gocken Sä doch wänägstens einmal dorchs
-Schlösselloch! Dann wärden Sä ja sehen ...«
-
-»Jawohl, damit Sie mir in die Augen blasen, wie neulich! Das fehlte mir
-noch! ...«
-
-»Non denn, so gehn Sä zom Teufel. Mät der Dommheit kämpfen Götter
-sälbst vergäbens! Aber komm' äch Ähnen heraus! komm äch Ähnen heraus!
-Äch gäb's Ähnen schriftlich: Sä sänd zom längsten Pädäll gewäsen!«
-
-Quaddler tappte ärgerlich die Stiege hinunter. Dieser Rumpf war
-wirklich ein Ausbund von Impertinenz! Esel hatte er ihn genannt: Donner
-und Doria! Seit Frau Kathinka Quaddler das Zeitliche gesegnet, war
-dergleichen nicht vorgekommen ...!
-
-Ja, ja, die Herren Primaner!
-
-Samuel Heinzerling maß inzwischen mit großen Schritten die Zelle. Seine
-ganze Erscheinung gemahnte an den afrikanischen Löwen, den menschliche
-Gewinnsucht in den Käfig gebannt, ohne die stolze, urwüchsige Kraft
-seiner edlen Natur brechen zu können. Die Hände auf dem Rücken, das
-Haupt mit der grauen Mähne wehmütig auf die rechte Schulter geneigt,
-die Lippen fest aufeinander gepreßt, -- so wandelte er auf und nieder,
-auf und nieder, -- die düstersten, menschenfeindlichsten Gedanken im
-Gemüte wälzend.
-
-Plötzlich spielte ein breites Vollmondslächeln über seine Züge.
-
-»Es äst ond bleibt doch komäsch!« murmelte er vor sich hin.
-»Wahrhaftig! Wenn äch nächt so onmättelbar bei der Geschächte beteiligt
-wäre, äch könnte sä amösant fänden ...«
-
-Er blieb stehen ...
-
-»Gereicht mär däse Öberlistung eigentlich zur Schande? Pröfe däch,
-Samoel! Hat nächt ein bekannter Könäg dem Diebe, der ihm eine Uhr
-stehlen wollte, eigenhändig die Leiter gehalten? Äst nächt selbst
-Först Bäsmarck von boshafter Hand ränkevollerweise eingerägelt
-worden? Hondert andrer Fälle nächt zo gedänken! Ond doch begägnet die
-Wältgeschächte besagtem König mät Hochachtong. Ond doch gilt Först
-Bäsmarck nach wä vor för den bedeutendsten Däplomaten Europas! Nein,
-nein, Samoel! Deine Wörde als Scholmann, als Börger, als gebäldeter
-Denker leidet nächt äm gerängsten onter däser peinlichen Sätoation!
-Berohäge Däch, Samoel ...«
-
-Er setzte seine Promenade in befriedigter Stimmung fort. Bald aber
-unterbrach er sich von neuem.
-
-»Aber meine Prämaner!« stammelte er erbleichend. »Wenn meine Prämaner
-erfahren, daß äch auf dem Karzer gesässen habe! Onerträglächer
-Gedanke! Meine Autorätät wäre ein för allemal dahän! Ond sä +wärden+
-es erfahren! Sä +mössen+ es erfahren! Äch bän ein för allemal
-däskredätärt! O ähr Götter, warom habt ähr mär das getan!«
-
-»Herr Direktor,« flüsterte jetzt eine wohlbekannte Stimme an der
-Zellentür ... »Sie sind noch lange nicht diskreditiert! Ihre Autorität
-steht noch in vollem Flore ...«
-
-»Rompf!« stammelte Samuel. -- »Schändlicher, gottvergeßner Mänsch!
-Öffnen Sä! Augenbläcklich! Betrachten Sä säch als moraläsch geohrfeigt!
-Sähen Sä säch för dreifach relegärt an!«
-
-»Herr Direktor, ich komme, um Sie zu retten! Beleidigen Sie mich nicht!«
-
-»Zo rätten? Welche Onverschämtheit! Aufmachen sollen Sä, oder ...«
-
-»Wollen Sie mich ruhig anhören, Herr Direktor? Ich versichere Sie,
-alles wird sich ausgleichen.«
-
-Samuel überlegte.
-
-»Goot«, sagte er endlich. »Äch wäll mäch herablassen ... Räden Sä ...«
-
-»Sehen Sie, ich wollte Ihnen nur zeigen, daß meine Kunst doch nicht so
-ganz ohne praktische Bedeutung ist ... Verzeihen Sie, wenn ich dabei
-scheinbar die vorzügliche Hochachtung und Verehrung verletzen mußte,
-die ich Ihnen aus vollstem Herzen zu zollen mir freudig bewußt bin.«
-
-»Sä sänd ein Schelm, Rompf!«
-
-»Herr Direktor ... Wie wär's, wenn Sie mir die Karzerstrafe erließen,
-die Drohung betreffs der Relegation zurücknähmen und mir erlaubten,
-über alles Vorgefallene das strengste Stillschweigen zu beobachten ...?«
-
-»Das gäht nächt! ... Ähre Strafe mössen Sä absitzen ...«
-
-»So? Na, dann leben Sie wohl, Herr Direktor. Klingeln Sie nicht zu
-viel!«
-
-»Rompf! Hären Sä doch! Äch wäll Ähnen was sagen ... Rompf!«
-
-»Bitte ...!«
-
-»Sä sänd in välen Bezähungen ein ongewöhnlächer Mänsch, Rompf ... ond
-da wäll äch einmal eine Ausnahme machen ... Öffnen Sä nor!«
-
-»Erlassen Sie mir die Karzerstrafe?«
-
-»Ja.«
-
-»Werden Sie mich relegieren?«
-
-»Nein, än Teufels Namen.«
-
-»Geben Sie mir Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!«
-
-»Rompf, was onterstähn Sä säch ...«
-
-»Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!«
-
-»Goot! Sä haben's!«
-
-»Jupiter Ultor ist Zeuge.«
-
-»Was?«
-
-»Ich rufe die Götter zu Zeugen an.«
-
-»Machen Sä auf!«
-
-»Gleich, Herr Direktor. Sie tragen mir's aber auch ganz gewiß nicht
-nach?«
-
-»Nein, nein, nein! Wärden Sä mäch non bald heraus lassen?«
-
-»Sie erteilen mir volle Absolution?«
-
-»Ja, onter der Bedängung, daß Sä nämandem erzählen, wä schwär Sä säch
-vergangen haben. Ich habe Ähnen ja gesagt, äch halte Sä för einen
-ongewöhnlächen Mänschen, Rompf ...«
-
-»Ich danke Ihnen für die gute Meinung. Mein Ehrenwort: so lange Sie
-Direktor des städtischen Gymnasiums und Ordinarius der Prima sein
-werden, soll keine verräterische Silbe über meine Lippen gleiten!«
-
-Und damit drehte er den Schlüssel um und öffnete ...
-
-Wie der Uhlandsche König aus dem Turme, so stieg Samuel Heinzerling an
-die freie Himmelsluft. Tief holte er Atem. Dann strich er sich mit der
-Rechten über die Stirn, als ob er sich besinne ...
-
-»Rompf,« sagte er, »äch verstehe Spaß ... Aber ... nächt wahr, Sä tun
-mer den Gefallen, mäch nächt wäder mimisch zo kopären? Sä ... Sä machen
-dä Geschächte zo ähnläch!«
-
-»Ihr Wunsch ist mir Befehl!«
-
-»Goot!! Ond non machen Sä, daß Sä hänonter kommen. Es äst noch nächt
-drei Värtel. Sä können noch am Onterrächt teilnehmen!«
-
-»Aber würde man nicht stutzen, Herr Direktor? Jedermann weiß, daß Sie
-mir drei Tage Karzer diktiert haben ...!«
-
-»Goot! Äch gähe mät Ähnen.«
-
-So eilten sie selbander die Treppe hinab.
-
-»Quaddler!« rief der Direktor ins Erdgeschoß.
-
-Der Pedell erschien an der untersten Windung und fragte
-dienstbeflissen, was der Gebieter zu verlangen geruhe.
-
-»Äch habe dem Rompf aus verschädnen Grönden dä drei Tage geschenkt«,
-sagte Samuel.
-
-»Ah ...! +Drum+ sind der Herr Direktor noch einmal zurückgekommen ...
-Hm ... Ja, aber was ich sagen wollte, der Herr Rumpf war gar nicht
-ruhig in seiner Zelle. Nichts für ungut, Herr Direktor, aber er hat
-geschimpft wie ein Rohrspatz ...«
-
-»Lassen Sä's goot sein, Quaddler. Äch wäll däsmal aus ganz besonderen
-Motäven Gnade för Recht ergehen lassen. Sä können den Karzerschlössel
-abzähen!«
-
-Quaddler schüttelte befremdet das Haupt.
-
-»So!« sagte Samuel. »Ond non kommen Sä mät nach der Präma, Rompf!«
-
-Sie wandelten über den Korridor dem Schulsaale zu. Der Direktor klopfte.
-
-»Entscholdigen Sä, Herr Kollege,« flüsterte er eintretend im weichsten
-Moll, dessen sein würdevolles Organ fähig war ... »äch bränge da den
-Rompf wäder. Knebel! ... Sä erlauben doch, läber Herr Klufenbrecher
-...? Knebel! Schreiben Sä äns Tagebooch: ›Man sah säch bewogen, dem
-Rompf än Anbetracht seines aufrächtäg reuägen Benähmens dä än der
-vorägen Stonde däktärte Karzerstrafe zo erlassen.‹ ... So! Ond non
-wäll äch nächt weiter stören, verehrter Herr Kollege ... Haben Sä's,
-Knebel? ... ›däktärte Karzerstrafe zo erlassen ...‹«
-
-»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Direktor?« fragte der höfliche
-Mathematiker.
-
-»Äch danke verbändlichst, äch habe för heute genog gesässen ... Rompf,
-äch erwarte, daß Sä das Gelöbnis der Bässerung in jäder Hänsächt
-erföllen. Adieu, Herr Kollege.«
-
-Sprach's und verschwand in den labyrinthischen Gängen des
-Schulgebäudes. -- --
-
- * * * * *
-
--- -- Wilhelm Rumpf hielt sein Versprechen aufs gewissenhafteste.
-
-Er kopierte von jetzt ab nur noch die übrigen Lehrer: Samuel
-Heinzerlings geweihte Persönlichkeit war ihm heilig und unverletzlich.
-
-Auch bewahrte er das unverbrüchlichste Stillschweigen, bis der Direktor
-im Herbste desselbigen Jahres auf wiederholtes Ansuchen in den
-Ruhestand versetzt wurde.
-
-Erst dann erfuhr die jauchzende Prima den Hergang jener unerwarteten
-Versöhnung.
-
-Rumpfs »aufrächtäge Reue« war für die lachlustige Bevölkerung des
-Städtchens eine Quelle unendlicher Heiterkeit. Unter denen, die
-sich am meisten über die Farce amüsierten, befand sich der joviale
-Direktor Samuel Heinzerling, der treffliche Autor der lateinischen
-Schulgrammatik.
-
-Möge es ihm vergönnt sein, noch recht oft beim schäumenden Glase zu
-erzählen, wie er den gottlosen Schelm »Wälhälm Rompf« auf dem Karzer
-besuchte ... »Rompf« seinerseits wird jenes schöne Rencontre im Gebiete
-Quaddlers nie vergessen, und sollte er so alt werden wie Grillparzer.
-
-
-
-
-Samuel Heinzerlings Tagebuch.
-
-
-Die sympathische Teilnahme, die sich mein unvergeßlicher Lehrer ~Dr.~
-Samuel Heinzerling im deutschen Vaterlande zu erwerben wußte, hat mich
-veranlaßt, die Papiere meiner Schuljahre aufs neue zu durchblättern
-und nach Zügen zu forschen, die das erhabene Bild des trefflichen
-Schulmannes vervollständigen und vertiefen könnten. Werden doch
-neuerdings Charaktere, die sich nicht annähernd der Popularität Samuel
-Heinzerlings rühmen können, -- ~most popular~ nannte ihn erst kürzlich
-die Londoner »~Public Opinion~«, -- werden doch literarische Größen,
-um die sich keine Seele mehr kümmert, in ausführlichen Biographien
-erörtert und bis auf die Eigentümlichkeiten ihrer Fleischerrechnungen
-und Einladungskarten seziert: weshalb sollte nicht ein Mann von
-der Bedeutung Samuel Heinzerlings die gleiche Pietät von seinem
-Geschichtschreiber beanspruchen dürfen?
-
-Es fällt mir da ein Heft in die Hände, auf dessen Titelseite in
-großen Lettern die Worte prangen: »Geographie. Nachgeschrieben in
-den Lehrstunden des Herrn Direktor Samuel Heinzerling. Dienstags und
-Donnerstags von zwei bis drei. Sommersemester.«
-
-Was ich dem Leser im nachstehenden mitzuteilen gedenke, ist seinem
-wesentlichen Inhalte nach diesem Hefte entlehnt. Nur hin und wieder hat
-die Erinnerung einige Linien ergänzt.
-
-Es war gegen Ende Mai. Samuel Heinzerling hatte uns eine Schilderung
-der politischen und sozialen Verhältnisse von Paris geliefert. Der
-eigentliche Geographie-Unterricht wurde bereits in den unteren
-Klassen erledigt: in Prima gab man unseren Kenntnissen nur die letzte
-Retouche. Samuel Heinzerling legte daher einen besonderen Wert auf
-das Kolorit. Er wünschte, uns das großstädtische Leben und Treiben,
-die tausendfältig sich kreuzenden Tendenzen einer rastlos jagenden
-Bevölkerung, die Schwierigkeiten und Wirrnisse eines so ungeheuren
-Gemeinwesens und ganz besonders den Kontrast zwischen der ruhigen
-Beschaulichkeit einer deutschen Kleinstadt und dem fiebernden Chaos der
-modernen Babel »plastäsch vor dä Sääle zo föhren«.
-
-Beim Beginn der Lehrstunde, von der ich berichten will, trat er mit
-würdevoller Langsamkeit in das Schulzimmer, -- noch würdevoller und
-langsamer als gewöhnlich. Auf dem Katheder angelangt, zog er einen Stoß
-vergilbter Blätter aus der Tasche, breitete sie sorgfältig vor sich aus
-und begann dann mit einer gewissen jungfräulichen Verlegenheit:
-
-»Zor Vervollständägong des Bäldes, das äch än der vorägen Stonde
-vor Ähren Bläcken entrollt habe, wäll äch Ähnen heute einige
-charakterästäsche Stellen aus meinem Paräser Tagebooch vorlesen,
-das äch vor nonmehr säbzehn Jahren während eines fönfwöchentlächen
-Aufenthaltes än der französäschen Hauptstadt verfaßt habe. Däse
-ansprochslosen Notäzen werden Ähnen besser, als eine theoretäsche
-Schälderung däs vermöchte, dä Wahrheit meiner neuläch erörterten
-Behauptong klar machen: daß nämläch ein Monäzäpiom von allzo
-beträchtlächer Ausdehnong dä Exästenz des Ändävädooms än jeder Hänsicht
-erschwert. Äch wäderhole Ähnen: Dezentraläsation moß dä Parole jedes
-vernonftgemäß organäsärten Staatswesens sein. Däse sogenannten
-Weltstädte sänd aus keinem Gesächtsponkt zo rechtfertägen!«
-
-»Aber, Herr Direktor,« begann Wilhelm Rumpf, als Samuel innehielt, »das
-alte Rom zur Zeit des Augustus war doch auch eine Weltstadt.«
-
-»Sätzen Sä säch«, erwiderte Heinzerling mißmütig. »Das alte Rom war
-der Mättelponkt der damals bekannten Erde, hatte also logäscherweise
-das Anrecht auf eine gewässe räumläche Ausdehnong. Heutzotage aber
-steht der Omfang däser Großstädte mät dem ährer Staaten än gar keinem
-Verhältnäs. Öbrägens, äch halte mer aus, daß Sä mäch jetzt nächt
-bei jeder Sälbe onterbrechen; zomal es säch fögen könnte, daß meine
-Aufzeichnongen hän ond wäder einen etwas persönlichen Charakter
-annähmen. Dä Sobjektävätät äst aus solchen Reisenotäzen mät dem besten
-Wällen nächt ämmer hänaus zo schaffen. Sollte also etwas Derartäges mät
-onterlaufen, so erwarte äch von Ährem Anstandsgeföhl, daß Sä mäch nächt
-mät onnötägen Fragen behellägen. Äch bränge Ähnen dorch dä Mätteilong
-däser Aufzeichnongen ohnehän ein gewässes Opfer: aber der Pädagoge äst
-mächtäger än mer als der Prävatmann. Rompf, wenn Sä lachen wollen, so
-gehn Sä mer vor dä Töre! Verstehen Sä mäch? Ond non ställ! Äch begänne!«
-
-Seit Wochen hatte in der Prima keine so feierliche Ruhe geherrscht,
-wie nach dieser Erklärung unseres allverehrten Direktors. Was konnte
-uns wünschenswerter erscheinen, als die Ankündigung subjektiver
-Streiflichter auf das Privatleben einer uns so teuren und
-hochinteressanten Persönlichkeit?
-
-»Meine Notäzen«, hub Samuel mit der ganzen Fülle seines wohlklingenden
-Organes an, »bestehen aus losen Zätteln, dä dem Datom nach aneinander
-gereiht sänd. Äch habe das Wächtigste här zosammengestellt ond begönne
-non ohne weitere Einleitong mät der Lektöre. Äch bemerke nor noch, daß
-äch mäch damals aus rein wässenschaftlächen Grönden zo jener ämmerhän
-beschwärlächen Reise entschlossen hatte.
-
-Nochmals, äch begänne:
-
-›Paräs, am drätten Mai. Bereits seit värzehn Tagen befände äch mäch
-än der Hauptstadt der Gallier. Äch habe mäch schon so zämläch än den
-öffentlächen Bäbläotheken orientärt ond freue mäch von Herzen öber dä
-Fölle des vorhandenen Materäals. Nor eine einzäge Handschräft, deren
-Exästenz Waldhober mär doch so zoverlässig behauptete, habe äch bäs
-jetzt noch nächt auftreiben können. -- Gedold!‹«
-
-»Herr Direktor,« warf hier Möricke ein, »wer ist denn der Waldhuber?«
-
-»Ohne Zweifel ein Pariser Bibliothekar«, fügte Schwarz hinzu.
-
-»Onsänn! Waldhober! Wer wärd Waldhober sein! Der beröhmte Archäologe,
-gegenwärtäg än Göttängen! Sä scheinen mer auch öber den Stand der
-modernen Wässenschaft sehr schlecht onterrächtet.«
-
-»Wer kann all die Professoren so auswendig kennen«, versetzte Möricke.
-
-»Sei'n Sä mer ställ! Sä können öberhaupt nächt väl auswendig. Äch fahre
-än der Lektöre fort:
-
-›Paräs, am värten Mai. Gestern abend beim Diner -- dorchaus nächt
-onsere deutsche Hauptmahlzeit, sondern välmehr der römäschen ~coena~
-entsprechend -- machte mäch Doktor Mouchard vom ~Collège de France~
-aufmerksam, wä sehr es meinen Zwecken entsprechen wörde, wenn äch mäch
-dem Großherzoglich badäschen Gesandten, Herrn von Prättwätz, vorstellen
-wollte. Doktor Mouchard schälderte mer besagten Herrn von Prättwätz
-als einen Mann von wahrhaft klassäscher Bäldong, der änsbesondere ein
-hohes Änteresse för das Stodiom der Altertömer bekonde. Er könne meine
-Ontersochongen öber dä grächäschen Haartrachten wesentläch fördern,
-zomal er eine reichhaltäge Prävatbäbläothek ond verschädene wertvolle
-Manoskräpte besitze; daronter ein alexandränäsches Palämpsest von
-höchster Bedeutong. Doktor Mouchard fögte hänzo, Herr von Prättwätz sei
-ein dorchaus menschenfreundlächer, ädler Charakter, frei von Dönkel
-ond Öbermot, -- kein Sklave der Hybris, dä äns Verderben föhrt. So
-habe äch denn än der Tat den Entschloß gefaßt, morgen fröh elf Ohr den
-trefflächen Staatsmann än seiner Wohnung, ~rue de Berlin~ Nommer neun,
-aufzosochen ond ähm meine wässenschaftlächen Absächten des näheren
-vorzotragen.
-
-Am fönften Mai, abends. Heute fröh um neun Ohr sochte äch meinen
-schwarzen Frack hervor, börstete ähn sorgfältäg ab, setzte meinen
-Zäländer auf, kaufte mer ein Paar Handschohe von gelblächer Farbe ond
-nahm eines der vor meinem Hotel stehenden Zweigespanne, dä, beiläufäg
-bemerkt, äm onbedeckten Zostande eine gewässe Ähnlächkeit mät den Wagen
-des Homer aufweisen.
-
-Äch habe non von jeher än den Oblägenheiten des alltäglächen Lebens
-einen gewässen Hang zom Onglöck bekondet. Meine Gattän wärd mer
-bezeugen, daß äch, Eier essend, stets dä verdorbenen aus der Schössel
-hervorlange, von dem Verwechseln des Sandfasses mät dem Täntenfasse
-ganz zo geschweigen. Auch dä zahlreichen Verwondongen, dä äch mer
-dorch Gabeln, Scheren, Törpfosten ond ähnläche Änstromente zozähe,
-kann äch nor als das Resoltat einer latenten Neigong zom Mäßgeschäcke
-betrachten. Wenn mer non dergleichen schon daheim än dem trauten Kreise
-meiner Famälie passärt, om wäväl mehr bän äch den Dämonen des Zofalls
-ausgesetzt än einer Weltstadt, dä alle Sänne des Menschen än Ansproch
-nämmt ond ähn fast der Fähägkeit einer rohägen Öberlegong beraubt?
-
-Äch war kaum än das Vehäkolom eingestägen, als äch, von dem
-Wonsche besäält, mäch betreffs des augenbläcklächen Zeitstandes zo
-onterrächten, nach meiner Ohr greifen wollte ond däselbe trotz aller
-Anstrengong nächt zo fänden vermochte. Äch berohägte mäch anfängläch
-bei dem Gedanken, sä sei ohne Zweifel äm Hotel auf dem Kamäne lägen
-gebläben. Als äch jedoch beim Aussteigen den Kotscher bezahlen wollte
-ond zo däsem Endzwecke nach dem kleinen Geld sochte, das äch gewöhnläch
-än der rechten Westentasche verwahre, da bemerkte äch zo meiner
-Verwonderong, daß öch öberhaupt keine Weste anhatte.
-
-~Verte!~ räf äch dem Kotscher zo. In meinem Hotel angelangt, fand äch
-dä Weste wohlbehalten am Schlössel des Kleiderschrankes, wo äch sä
-sorgfältäg aufgehängt hatte. För heute war es zo spät, da der badäsche
-Gesandte om zwölf Ohr zo fröhstöcken pflegt. Äch warf mäch daher
-wäder än meine Alltags- oder Stodärkleider ond gäng vergnögläch zor
-Bäbläothek. Morgen äst ja auch noch ein Tag. Öbrägens war dä heutäge
-Ausbeute auf der Bäbläothek so ergäbäg, daß äch dä kleine Enttäuschong
-gern än den Kauf nehme.‹«
-
-»Herr Direktor!« rief Möricke, als Heinzerling einen neuen Zettel
-hervorsuchte.
-
-»Non?«
-
-»Hätten Sie denn nicht einfach Ihren Frack zuknöpfen können? Dann hätte
-man ja gar nicht gesehen, daß Sie die Weste nicht anhatten.«
-
-»Goot! Sehr goot! Däse Bemerkong zeigt, daß Sä meine Mätteilongen
-einer denkenden Betrachtong onterzähen! Knebel! Schreiben Sä mal äns
-Tagebooch: ›Möricke wegen Aufmerksamkeit belobt.‹ ... Haben Sä's,
-Knebel ...? ›Wegen Aufmerksamkeit belobt.‹ ... Was non dä Sache selber
-betrifft, so moß äch Ähnen bemerken, daß dä Verwärklächong Ährer an
-säch ja recht glöcklächen Idee aus dem zwängenden Gronde onmöglich
-war, weil der Frack noch aus der Zeit meines Staatsexamens herröhrte.
-Äch konnte denselben mät dem besten Wällen nächt zoknöpfen, denn als
-Kandädat war äch wesentläch schlanker. Doch wär wollen ons dorch däsen
-Zwäschenfall än onserer Lektöre nächt stören lassen. Äch fahre da fort,
-wo äch aufgehört habe.
-
-›Am sechsten Mai. Mät dem französäschen Idiom gäng es mär gestern
-abend recht schlecht. Der Kellner wollte mäch absolot nächt verstehen;
-ond da er weder än der lateinäschen noch än der grächäschen Sprache
-dä erforderlächen Kenntnässe besaß, so bläb mer nächts öbrig, als
-meine Wönsche zo Papär zo brängen. Er las meine Sätze denn auch mät
-Leichtägkeit ab. Wahrlich, nämals hätte äch äm Traume gedacht, daß
-dä gewöhnläche französäsche Konversationssprache einem Manne von
-klassäscher Bäldong so schwer fallen könnte. Dä nasale Aussprache
-gewässer Sälben hat för mein Organ etwas Wäderstrebendes‹ ... Hotzler,
-was lachen Sä?«
-
-Der Schüler erhob sich.
-
-»Ich ... ich wollte nur ...«
-
-»Was wollten Sä?«
-
-»Ich kann nicht begreifen, daß gerade Ihnen die nasale Aussprache
-Schwierigkeiten bereitet.«
-
-»Wäso? Was wollen Sä damät sagen? Hören Sä mal, Hotzler, äch
-glaube, Sä brängen här nächt den gehörägen Ernst mät, wie er zor
-Sache erforderläch äst. Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch:
-›Hotzler wegen kändäschen, läppäschen Benehmens getadelt.‹ Zor
-Strafe lese äch Ähnen jetzt däse lehrreichen Bemerkongen öber dä
-französäsche Aussprache nächt weiter vor! Das haben Sä säch non selber
-zozoschreiben! Rompf, lassen Sä das Gewackel ond röcken Sä weiter nach
-rechts! Sä hocken dem Gäldemeister ja auf dem Leib wä eine Klette. Ond
-non kein Wort mehr!
-
-›Paräs, am säbenten Mai. Gestern om halb elf Ohr gräff äch abermals zo
-Frack ond Zäländer, vergewässerte mäch zweimal, ob dä Weste an Ort ond
-Stelle sei, ond bestäg dann das Zweigespann Nommer 1313. Dä ominöse
-Zahl beröhrte mäch eigentömläch. Ein alter Römer wörde än gleicher
-Lage omgekehrt sein. Äch aber habe mäch stets von den Anwandlongen
-eines dorch nächts zo motävärenden Aberglaubens ferne gehalten. Äch
-erwähne den Omstand nor, weil der Eindrock, den er än mer hervorräf,
-för meine Stämmong charakterästäsch äst. Ebenso befremdete mäch än
-der Richelieu-Straße dä altklassäsche Änschrift eines Weinkellers:
-»~Cave Richelieu~«, eine Warnong, dä -- fast an das beröhmte »~Cave
-canem!~« anklängend -- einen alten Römer ebenfalls zor Vorsächt ermahnt
-hätte ...‹«
-
-Samuel Heinzerling hielt einen Augenblick inne.
-
-»Herr Direktor,« rief Wilhelm Rumpf, die Pause benutzend, »darf ich mir
-in Beziehung auf diesen letzten Passus eine Frage erlauben?«
-
-»Goot, fragen Sä!«
-
-»So viel ich mich erinnere, heißt französisch ~la cave~: der Keller,
-so daß also jene Inschrift ziemlich zwanglos mit »Richelieukeller«
-übersetzt werden könnte, eine Konjektur, die um so größere
-Wahrscheinlichkeit hat, als besagte Inschrift wirklich auf einem Keller
-zu lesen stand.«
-
-»Goot! Sehr goot!« versetzte Samuel Heinzerling, die rundglasige
-Brille zurecht rückend. »Ähre Häpothese verrät eine röhmläche
-Schlagfertägkeit. Äch wäll sogar zogeben, daß Sä onter Omständen
-möglächerweise tatsächlich recht haben: mer jedoch, als dem klassäschen
-Phälologen ond Altertomsforscher, lag das Lateinäsche ongleich näher ...
-
-Äch fahre än der Lektöre fort:
-
-›Trotz däser Omina woßte äch goten Motes zo bleiben. Mein Kotscher
-peitschte drauflos, als hätte er noch heute wä Helios dä Ronde om
-den Erdball zo machen. Nämals bän äch von Pferden auf so schnelle
-Weise befördert worden. Meine schon fröher ausgesprochene Häpothese
-einer Verwandtschaft des grächäschen ἵππος mät dem althochdeutschen
-~hupfan~ (Phölologäsche Jahrböcher IV, S. 306) scheint mer jetzt
-evädenter als je. Leider sollte äch däse wässenschaftläche Erkenntnis
-mät einem persönlächen Onfall bezahlen: denn als wär so äm besten
-Sausen dahän rollten, ereignete säch plötzlich eine Erschötterong.
-Äch schrä auf ond gewahrte das Zweigespann än einer Lage, dä mer das
-Schäcksal des onglöcklächen Bellerophon äns Gedächtnäs zoröckräf. Noch
-lehnte freiläch das geschädägte Fohrwerk an einem großen, zweirädrägen
-Gemösekarren; aber äch war onglöcklächerweise wäder das Rad däses
-Lastwagens angedröckt worden, was eine starke Besodelong mät Teer ond
-anderen klebrägen Stoffen zur Folge hatte. Än däsem Zostande konnte
-äch natörläch meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten
-nächt ausföhren. So bezahlte äch denn den Kotscher ond gäng än etwas
-deprämärter Stämmong nach Hause.
-
-Das sänd dä Folgen der Zentraläsation, sagte äch, als äch nach einer
-Stonde wäder auf meinem Sofa saß ond ein Gläschen Borgonder schlörfte.
-
-Meinen Frack ond meine Weste habe äch dem Hausknecht zom Reinägen
-gegeben. So werde äch denn vor öbermorgen den badäschen Gesandten nächt
-sprechen können; doch äch habe ja Zeit. Ohnehän moß äch heute onter
-allen Omständen Luitgardens Bräf beantworten. Sä könnte sonst glauben,
-äch wäre veronglöckt.‹«
-
-»Wessen Brief?« fragte hier Wilhelm Rumpf.
-
-»Non, das äst onwesentläch.«
-
-»Luitgard, das ist wohl die Frau Direktorin?« fragte Möricke.
-
-»Lassen Sä Ähre unnötägen Fragen! Äch habe keine Lost, Ähnen här meine
-Famälienverhältnisse auseinander zo setzen. Hören Sä weiter:
-
-Also ... ›sä könnte sonst glauben, äch wäre veronglöckt. Ond än der
-Tat, stand äch nächt heute bereits mät einem Fooße in Charons Nachen?
-Non, äch habe mer geschworen: kein Zweigespann mehr! Äch lese da eben
-än meinem Reisehandbooch, das ein sonst onbekannter Schräftsteller,
-namens Karl Bädeker, verfaßt hat, dä Omnäbosse seien bei weitem
-bälläger ond bequemer. Dä sogenannte ~Impériale~ -- das Verdeck --
-scheint mer än der Tat ein äußerst gönstäger Platz, da man von dort
-einen freien Ombläck genäßt. Öbermorgen also mät erneuten Kräften ans
-Werk!
-
-Meine Stodien liegen heute so zämläch brach. Dä Erschötterong än der
-Droschke hat mäch so verwärrt, daß äch keinen vernönftägen Gedanken zo
-fassen ämstande bän. Äch benotze daher, wä bereits oben bemerkt, däsen
-Änterämszostand zo einem Bräfe an meine Gattän.
-
-Noch eines wäll äch erwähnen. Es äst mer vorhän aufgefallen, daß
-der Hausknecht eine korze Tonpfeife rauchte. Es scheint däs ein täf
-eingeworzelter französäscher Nationalgebrauch, während än Deutschland
-dä lange Pfeife vorherrscht. Obgleich nächt moderner Koltorhästoräker
-von Fach, pflege äch doch dä Länder ond ähre Sätten aufmerksam zo
-beobachten. Den Välgewandten nennt mäch Luitgarde oft scherzweise --
-ond än gewässem Sänne hat sä onstreitäg recht. Besser freiläch wörde sä
-sagen: der Välseitäge.
-
-Doktor Mouchard war vor einer Stonde bei mer ond fragte mäch, wä mer
-der badäsche Gesandte gefallen habe. Äch erzählte ähm das erlättene
-Mäßgeschäck: der Mensch lachte mer laut äns Gesächt. Däse Franzosen
-sänd eine herzlose, egoästäsche Nation.
-
-Mein Kollege Träuble, der Ordänarios von Quarta, wörde säch än gleichem
-Falle ganz anders benommen haben.
-
-Am neunten Mai. Gestern om halb elf verläß äch mein Hotel, om den
-Omnäbos der Länie Clichy-Odéon abzupassen, der, wä der Hausknecht
-versächert, dächt an der ~rue de Berlin~ vorbei fährt. Der Omnäbos
-kam, ond da äch än der Gymnastäk zwar kein Koryphäe, aber ämmerhän ein
-ganz leidlächer Dälettant bän, so gelang es mär ohne Schwärägkeiten,
-dä treppenartäge Leiter, oder besser, dä leiterartäge Treppe, zor
-sogenannten ~Impériale~ hänan zo klämmen. Dä Höhe, än der äch mäch non
-befand, hatte zwar äm ersten Augenbläck etwas Beonrohigendes; bald
-ändes öberzeugte äch mäch von der Solädätät des Eisengeländers, -- ond
-dä völläge Sorglosägkeit der öbrägen Passagäre trog dazo bei, mein
-Onbehagen völläg zo tälgen. So genoß äch denn än onbeschränktem Maße
-dä großartäge Aussächt auf das Treiben der Weltstadt. Än Betrachtongen
-der mannächfachsten Art versonken, hatte äch anfängläch nächt bemerkt,
-daß der Omnäbos, sobald ein Herr absteigen wollte, nächt anhält.
-Däse Röcksächt gält bloß för das zarte Geschlecht. Jetzt aber ward
-äch auf däsen Omstand aufmerksam, da mein Nachbar, ein Jöngläng aus
-dem Handwerkerstande, den Platz an meiner Seite verläß ond ohne dä
-gerängste Bangägkeit an dem rasch dahänrollenden Omnäbos hänonter
-kletterte. Zwei Sekonden später stand er wohlbehalten auf dem Trottoir
-ond gäng än das nächste Haus, als wäre nächts vorgefallen ...
-
-Mer ward mät jedem Augenbläck schwöler zomote. Das Hänanklämmen, zomal
-wenn der Omnäbos stand, läß säch ohne Möhe bewerkstellägen; aber
-hänonter, ond noch dazo röckwärts? ~Nonquam retrorsom!~ Das war von
-jeher mein Wahlsproch, -- ond non sollte äch onter so wäderwärtägen
-Verhältnässen dem Grondsatze meiner Jogend ontreu werden? Ändes, was
-war zo machen? Dä Straße, än dä wär jetzt einfohren, war dä ~rue de
-Clichy~ ... Äch sprach also: ~fortes fortona jovat~ ond gäng ~färmo
-constantäque anämo~ ans Werk. Zo Anfang schänen dä Götter mer gönstäg.
-Dä Treppe ward än korzer Zeit glöcklich zoröckgelegt, ond wohlbehalten
-langte äch auf der breiten Onterstäge an, von der äch nor herabsprängen
-moßte, om sägreich geborgen zo sein.
-
-Mein Kollege Salzmann, der Physiker, hat mer oft auseinander gesetzt,
-daß onsere klassäsche Bäldung eine einseitäge, ädealästäsche sei ond
-zor Ergänzong einer realästäschen Hälfte -- der Natorwässenschaften
--- bedörfe. Äch habe Salzmann oft einen Materialästen genannt ond
-ähn aus Plato ond der »Krätäk der reinen Vernonft« zo wäderlegen
-gesocht. Jetzt ändes erkenne äch, daß er nächt völlig äm Onrecht
-war. Hätte äch än meiner einseitägen, ädealästäschen Rächtong nächt
-öbersehen, daß ein Körper, der säch än Bewegong befändet, vermöge des
-Gesetzes der Trägheit än däser Bewegong verharrt, auch wenn dä ~causa
-movens~ zo wärken aufhört, -- äch erännere mäch däses Lehrsatzes aus
-meiner Gymnasialzeit, -- so wäre äch nächt beim Absprängen von der
-Omnäbosstäge langwegs än den Kot gefallen.
-
-Mein Alexander moß onter allen Omständen gröndlächen Onterrächt än
-den Realien erhalten. Es äst dä Pflächt der Eltern, ähre Känder vor
-den Öbeln, dä sä selber aus Onkenntnäs erdoldet haben, vorsächtäg zo
-bewahren.
-
-Äch habe mer beim Storz von der Omnäbosstäge dä rechte Kännlade
-verletzt ond sätze daher mät verbondenem Antlätz än meinem Hotel. Mein
-Zostand verbätet mer jedes öffentläche Erscheinen. Da äch also heute
-nächt zum Diner komme, wärd Doktor Mouchard mäch ohne Zweifel morgen
-zor Rede stellen, ob äch välleicht beim badäschen Gesandten diniert
-habe. Äch wörde unbedängt Ja sagen, wenn äch nor äm Besätze einer
-zoverlässägen Personalbeschreibong wäre! Das sänd wäder dä Folgen der
-Zentraläsation! Wenn däses Volk nächt so rennte ond jagte, sondern
-säch Zeit nähme, dä Fahrgäste absteigen zo lassen, so hätte äch heute
-zoverlässig meinen Plan zor Ausföhrong gebracht!
-
-Eines steht ändes fest: keine Macht der Welt brängt mäch wäder auf eine
-~Impériale~. --
-
-Es klopft, -- sollte es Mouchard sein?‹«
-
-Boxer und Möricke waren bei den letzten Worten hastig nach der Tür
-gestürzt.
-
-»Was fällt Ähnen ein?« rief Samuel Heinzerling im Tone des höchstens
-Erstaunens.
-
-»Ich wollte mal nachsehen«, erwiderte Boxer; »Sie sagten doch eben: ›es
-klopft.‹«
-
-»Onsänn! Äch habe vorgelesen -- ganz deutlich ond onverkennbar: ›Es
-klopft -- sollte es Mouchard sein?‹«
-
-»Ach so,« erwiderte Boxer, »das Letzte habe ich nicht gehört.«
-
-»Ich auch nicht, Herr Direktor«, fügte Möricke ehrerbietig hinzu.
-
-»Sä hören öberhaupt nächts, Möricke; setzen Sä säch!«
-
-Und von neuem hub die wohlklingende Stimme des trefflichen Schulmannes
-zu lesen an:
-
-»›Den zehnten Mai. Es war nächt Doktor Mouchard, sondern der
-Hausknecht. Der wackere Mensch kam, om meine beschmotzten Kleider zo
-holen. Äch werde ähm bei meiner Abreise ein töchtäges Tränkgeld geben
-mössen, denn er hat än der Tat väl Arbeit mät meinem schwarzen Kostöm.
-
-Gestern abend hatte äch eine brällante Idee. Sä bestand darän, das
-nächste Mal einen Platz äm Ännern des Fohrwerks zo nehmen ond dä
-Gelegenheit abzopassen, sobald eine Dame den Kondokteur anhalten heißt.
-Äch kann wohl sagen, daß däse Lösong mer als ein Träomph menschlächer
-Berechnong erschien. Meine Befrädägong erreichte den Höhegrad,
-als auch dä Schmerzen än meiner Kännlade fast gänzlich nachläßen
-ond eine Kreuzbandsendong aus Grönängen eintraf, eine Beilage des
-Grönänger Wochenboten, woran Luitgarde dä folgende Stelle mät Rotstäft
-angesträchen hatte.
-
-Vermäschtes. Onser trefflächer Archäologe, dä Zärde onserer Vaterstadt,
-der Gymnasialdärektor Samoel Heinzerläng, befändet säch seit einigen
-Wochen än der französäschen Hauptstadt, wo seine Ontersochongen öber
-dä Haartrachten des Altertoms einen gedeihlächen Fortgang nehmen. Aus
-sächerer Quelle können wär hänzofögen, daß Herr Baron von Prättwätz,
-der Großherzogläch badäsche Gesandte, onseren Heinzerläng mät seinem
-ganzen Einflosse onterstötzt ond ähm sogar seine reichhaltäge
-Prävatbäbläothek zor Verfögong gestellt hat.
-
-Träuble, Träuble! räf äch aus, als äch däse schmeichelhafte Anerkennong
-meiner bescheidenen Bestrebongen nächt ohne Erröten gelesen hatte. Wer
-sonst auch sollte öber däse Details, dä äch nor Luitgarden geschräben
-hatte, so genau onterrächtet sein, wenn nächt er, der langjähräge
-Freund meines Hauses? Dä Nachrächt von dem götägen Entgegenkommen des
-Großherzogläch badäschen Gesandten war freiläch ein wenig verfröht,
-ändes: Rom äst nächt an einem Tage erbaut worden, ond korz ond goot,
-dä Notäz des Grönänger Wochenboten versetzte mäch än dä rosägste
-Stämmong ...
-
-Am zwölften Mai. Gestern warf äch mäch zom värten Male än Gala, om
-endläch meinem prädestänärten Gönner den längst zogedachten Besoch
-abzostatten. Der Omnäbos kam, ond äch, flänk wä der Wänd, hänein ond
-Platz genommen.
-
-Es war doch ein ganz anderes Geföhl här onten äm Schoße der behaglächen
-Sächerheit, als da oben auf der schwankenden Höhe der ~Impériale~.
-Horaz sagt mät Recht, der Blätz schlage am läbsten än hohe Törme ond
-öbermötäge Fächten ein, während er das ställe, bescheidene Kraut am
-Boden verschone ...
-
-Äch hatte äm Omnibos ein sehr schön gekleidetes weibläches Wesen zor
-Nachbarän. Dä Dame trog einen halb dorchsächtägen schwarzen Schleier,
-der etwa bäs än dä Gegend des Mundes reichte. Vermotläch äst dä Sätte
-däser halben Maskärong dorch dä Phönizier aus dem Orient nach Marsilia,
-dem heutägen Marseille, gebracht ond von da aus nach dem Norden
-verpflanzt worden.
-
-Während der Fahrt war äch bestrebt, meine topographäschen Kenntnässe
-zo erweitern. Der Omnäbos schän ändes heute eine andere Roote
-einzoschlagen. Dä Gegend war mer wenägstens vollständäg neu.
-
-Non, om so besser, sagte äch zo mer selbst. Äch bereichere so nor meine
-Anschauongen.
-
-Dä Physiognomä der Straßen, dorch dä wär kamen, worde von Minote zo
-Minote seltsamer. Äch gewahrte zahlreiche Blusenmänner, zom Teil mät
-Äxten bewaffnet. Aus Wein- ond Branntweinschenken tönte mer verworrenes
-Geschrei entgegen. Deutläch glaubte äch dä Klänge der Marseillaise
-zo hören. Äch gestehe, daß äch däse Symptome höchst bedenkläch
-fand. Onrohig rotschte äch auf meinem Sätze hän ond her. Dazo kam
-der verdächtäge Omstand, daß der Omnäbos leerer ond leerer ward.
-Rätselhafte Erscheinong! Hatte välleicht der Kondokteur äm Komplott mät
-dem Kotscher dä Absächt, mäch än eine menschenleere Gegend zo fahren
-ond mäch dort zo berauben? Paräs stand än däser Hänsächt von jeher än
-öblem Rofe. Än Grönängen freiläch wäll äch mäch om Mätternacht getrost
-vor das Tor wagen, -- aber Paräs äst nächt Grönängen. Mein Herz begann
-lebhafter zo schlagen; -- ond als jetzt auch der letzte Passagär
-ausstäg, da rächtete äch än der Tat ein ställes Stoßgebet zom Hämmel
-ond befahl Luitgarden, Alexander, Ismenen, Winfrieden ond Vitriaria
-der Försorge des Allmächtägen. Was konnte dä nächste Mänote brängen?
-Womät hatte äch das verdänt? Äch dorchmosterte mät einem raschen
-Bläck mein vergangenes Leben ond fand leider, daß äch välfach gefehlt
-hatte. Eine ernstläche Reue öberkam mäch, ond zerknärscht gelobte äch
-mer Besserong, wenn äch nor däsmal noch aus den Armen des Verrates
-errettet wörde ... Da hält der Omnäbos an ... Fänster bläckend trat der
-Kondokteur auf mäch zo ond räf: »~Descendez s'il vous plaît!~«
-
-Tödläch erschrocken leistete äch seinem Befehl Folge. Wenäge Sekonden
-später ändes hatte säch alles befrädägend aufgeklärt. Dä ganze Lösong
-der rätselhaften Erscheinongen lag än dem Omstande, daß äch än den
-Omnäbos einer falschen Länie eingestägen war, ond mäch non an der
-Endstation einer Vorstadt befand, dä von der Wohnong des badäschen
-Gesandten reichläch anderthalb Stonden entfernt lag. Was bläb mer
-öbrig, als mät demselben Wagen wäder nach Haus zo fahren ond Gott zo
-danken, daß mer wenägstens nächts Schlämmeres begegnet war. Morgen
-werde äch besser aufpassen: endläch moß man doch eine gewässe Paräser
-Routäne erlangen.
-
-Am dreizehnten Mai. Gestern stand äch wäder gegen halb elf Ohr an der
-Omnäbosstation. Aller gooten Dänge sänd drei, mormelte äch vor mäch
-hän. Äch bän gewohnt, öfters etwas vor mäch hänzomormeln, ein Gebrauch
-des Monologs, den äch mer aus den Komödien des Plautus angeeignet habe.
-Äch halte ähn för ein vortreffliches Mättel, säch mät dem eigenen
-Äch gehöräg äns Klare zo setzen. Vär, fönf Omnäbosse kamen voröber;
-sä waren sämtlich bäs auf den letzten Platz öberföllt. Da kam mer
-plötzläch der Gedanke, mäch aller Fohrwerke zo entschlagen ond einfach
-zo Fooße zo gehen. Eine herrläche Idee! räf äch aus. Än der Tat, wenn
-äch zo Fooße gäng, so war äch gegen alle bäsher erlättenen Onbälden
-ein för allemal geschötzt. Onbegreifläch, daß mer däse Wahrheit nächt
-fröher einleuchtete! Wäväl Zeit, wäväl Geld, wäväl goote Laune hätte
-äch sparen können!
-
-Röstäg eilte äch förbaß, seelenvergnögt, daß äch endläch das rächtäge
-Auskonftsmättel gefonden hatte.
-
-Leider worde äch erst zo spät gewahr, daß dä Zeit för eine Omnäbosfahrt
-zwar reichläch zogemessen, aber för den Fooßgänger doch etwas zo knapp
-gegräffen war. Als äch än dä ~rue de Berlin~ einbog, schlog es halb
-eins, ond da äch woßte, daß der Baron om zwölf Ohr dejenärt, so besah
-äch mer das Haus einstweilen von außen.
-
-Morgen werde äch zeitäger aufbrechen, mormelte äch, als äch den Röckweg
-antrat.
-
-Heute fröh erhäält äch von Alexandern einen recht netten lateinäschen
-Bräf, an dem äch nor einäge Germanäsmen zo rögen hatte. Äch habe ähn
-schleunägst korrägärt ond, nach Beifögong zweier Dankeszeilen än
-grächäscher Sprache, zoröckgesandt.
-
-Das Wetter hat säch zom Argen gewendet: ύεῖ μὲν ό Ζεύς, wä der
-hellenäsche Lyräker sängt, ond auf den Straßen waltet des Kotes
-erdröckende Fölle. Beim Anbläck des grauen Gewölks habe äch eine Elegä
-än altklassäscher Form zo Papär gebracht, dä äch här beiföge ...‹«
-
-Samuel Heinzerling unterbrach sich und rückte die Brille zurecht.
-
-»Ach, Herr Direktor«, rief die Prima wie aus einem Munde, als der
-Verfasser der Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch Miene
-machte, die Elegie zu überschlagen. »Ach, lesen Sie uns doch vor!
-Lassen Sie doch ja nichts aus, Herr Direktor! Gerade die Verse
-interessieren uns! Bitte, die Elegie!«
-
-»Non goot, Sä sollen sä hören«, versetzte Samuel, augenscheinlich
-geschmeichelt. »Das Gedächt betätelt säch: ›Regenwetter‹ ...
-
- ›Zörnend ronzelt dä Stärne der blätzomspälte Kronäon,
- Ach, ond mät Regen begäßt rängs er das ganze Paräs.
- Deshalb bleib' äch zo Haus. Zo Haus zo bleiben äst ratsam,
- Wenn der erbätterte Zeus grollend das Wetter getröbt.
- Morgen aber, wenn hold dä rosenfängräge Eos
- Hebet am Hämmel das Haupt, heb' äch den hortägen Fooß,
- Gehe zom gastlächen Haus des göttläch erhabenen Prättwätz,
- Der mer als wackerer Mann sächer sein Xenion beut.‹«
-
-»Bravo!« rief Wilhelm Rumpf, als Samuel Heinzerling geendet hatte.
-
-»Enthalten Sä säch jeder Krätäk«, sagte der Schulmann ein wenig
-ungnädig.
-
-»Aber, Herr Direktor, ich werde doch meinen Empfindungen noch Ausdruck
-verleihen dürfen ...«
-
-»Verschäben Sä den Ausdrock Ährer Empfändongen bäs zom Schlosse der
-Lehrstonde!«
-
-»Wirklich, ganz ausgezeichnet!« sagte jetzt Hutzler halblaut zu seinem
-Nachbar.
-
-»Hotzler, Sä gehn mer hänaus! Äch bän Ähre Dommheiten möde. Wä können
-Sä säch ein Orteil erlauben, Sä, der Sä nächt einmal ämstande sänd,
-einen Daktylos von einem Trochäos zo onterscheiden.«
-
-»O, Herr Direktor ...«
-
-»Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch: ›Hotzler, zom zweiten Male
-wegen läppäschen Benehmens getadelt.‹ Hotzler, äch wäderhole Ähnen, Sä
-gehn mer hänaus!«
-
-Hutzler verließ das Lehrzimmer. Der Direktor fuhr fort:
-
-»›Am säbzehnten Mai. Äch bän so erbättert, daß äch nor archäologäsche
-Jamben zo Papär brängen möchte! ~Däffäcele äst satäram non scräbere!~
-
-Am Värzehnten däses Monats machte äch mäch schon gegen neun Ohr auf
-... Nächt ohne eine gewässe Ängstlächkeit betrat äch dä Straße: ein
-fönfmaläges Mäßlängen äst wenäg geeignet, onser Vertrauen zo stärken.
-
-Äch schrätt dorch dä Straße ~Vivienne~ nach dem Börsenplatze ond bog
-dann än dä Richelieustraße ein, wo äch mäch sehr vorsächtäg weiter
-bewegte. Schon hatte äch etwa dä Hälfte der Straße zoröckgelegt,
-als äch plötzläch einen Menschen bemerkte, der mät einer langen,
-speerartägen Stange drohende Gesten ausföhrte ond dabei so onzweideutäg
-seine Bläcke auf mäch heftete, daß äch kein Ödäpos zo sein brauchte, om
-zo erraten, wem däse Feindselägkeit gelten sollte.
-
-Hatte der Mensch wärkläch Absächten auf mein Eigentom ond mein Leben?
-Offenbar gehörte er dem Arbeiterstande an, -- ond was man von den
-Paräser Arbeitern zo halten hat, das weiß heutzotage ein jeder. Das
-Schäcksal der onglöcklächen Könägin Maräe Antoinette stand mät einem
-Male än forchtbarer Klarheit vor meiner Sääle ...
-
-Ond doch, wä war es denkbar, daß ein Mensch am hellen Tage auf
-dä geachtete Persönlächkeit eines deutschen Gymnasialdärektors
-frevelhafterweise ein Attentat wagen dorfte? Wämmelte es nächt rängs
-von Menschen? Freiläch bemerkte äch, daß jedermann dem Borschen mit
-der speerartägen Stange ängstläch auswäch. Er moßte also gefährläch
-sein ... Ändessen, was konnte er mer anhaben? Auf offener Straße, fast
-onter den Augen zweier Poläzästen ond einer bewaffneten Schäldwache? Än
-dä Mätte der Straße auszobägen, schän mer gefährläch, der zahlreichen
-Fohrwerke halber: also köhn drauf los! Mot, Samoel! räf äch mer
-zo. Sollte der Mensch da än der Tat einen Frevel beabsächtägen, so
-werden dä Männer des Gesetzes alsbald dä Pläne eines wahnwätzägen
-Barräkadenmannes zo vereiteln wässen. Äch schrätt mannhaft vorwärts.
-Der Mensch mät dem Speer schwenkte ond gestäkolärte ämmer verdächtäger.
-Dabei stäß er seltsame Töne aus, dä wä ein fremdländäsches Krägsgebröll
-klangen. Sollte äch omkehren?
-
-Äch räf mer eben ein neues Mot, Samoel! zo, als plötzläch von oben eine
-Flössägkeit öber mäch herklatschte, dä meinen Frack alsbald mät einer
-weißen, kalkartägen Kroste öberzog. Allmähläch gäng mär ein Lächt
-auf, ond auch Doktor Mouchard hat es mer nachträgläch bestätägt. Das
-Haus, vor dem der Mann mät der Stange auf- ond abläf, worde jost fräsch
-getöncht. Äch hatte den ehrsamen Arbeiter schmähläch verkannt!
-
-George, der Hausknecht, äst seit ehevorgestern mät der Reinägong meines
-Frackes beschäftägt, hat jedoch bäs zor Stonde nor onbefrädägende
-Resoltate erzält. Dä Beinkleider hatten nor wenäg gelätten, was
-leicht zo erklären äst, da der verhängnäsvolle Goß von oben auf mäch
-hereinbrauste.
-
-Äm ganzen darf äch mer Glöck wönschen, daß äch auf däse Weise eine
-lehrreiche Erfahrong gemacht habe. Äch weiß jetzt, was es bedeutet, än
-Paräs auf dem Trottoir zo wandeln. Wenn non anstatt däser flössägen
-Masse ein Balken, ein Stein oder sonst etwas Wochtäges herabgestörzt
-wäre, wä däs bei dem fortwährenden Ausbessern ond Ombauen, das här
-zo herrschen scheint, dorchaus äm Bereiche der Möglächkeit lägt? Ond
-Luitgarde, Alexander, Winfriede, Ismene ond Vitriaria? Entsetzläch!
-Nein, es war nor ein Wänk der götägen Götter, ond äch söndäge gröbläch,
-wenn äch öber däsen kleinen Zwäschenfall morre. George, der Hausknecht,
-äst ja geschäckt; auch hat er än der letzten Zeit väl Öbong bekommen.
-
-Meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten habe äch nonmehr
-auf Donnerstag den neunzehnten Mai festgesetzt. Äch freue mäch
-onendläch, eine Bekanntschaft zo machen, von der mer Mouchard so väl
-Gootes geweissagt hat.
-
-Mouchard hat säch däsmal edler benommen als das letzte Mal. Äch schätze
-än ähm einen töchtägen Vertreter der Wässenschaft ond einen läbreichen
-Freund ...
-
-Am zwanzägsten Mai. Non bän äch's denn doch möde, mäch äwäg mät däsen
-Paräsern heromzoschlagen. Daß mär so etwas passären moßte! Es äst wahr,
-mein schwarzer Frack säht nächt mehr zom elegantesten aus, ond mein
-Zäländer äst seit lange des ersten Glanzes beraubt: wä es aber mögläch
-war, mäch ongeachtet däser kleinen Änkorrektheiten meiner Toilette för
-den belgäschen Klavärlehrer Haentjens zo halten, der wegen verschädener
-Betrögereien steckbräfläch verfolgt wärd, das äst ond bleibt mer ein
-Rätsel! Non, äch habe den Ärrtom der Paräser Poläzästen teuer bezahlen
-mössen. Volle zwölf Stonden verbrachte äch auf der Wache, bäs äch
-ämstande war, meine Ädentätät zo erhärten. Doktor Mouchard hat mär
-än däser Bezähong sehr anerkennenswerte Dänste geleistet. Onerhört!
-sage äch. Einen deutschen Gymnasialdärektor mät einem belgäschen
-Klavärlehrer zo verwechseln, ond noch dazo mät einem Betröger! Äch rofe
-dä Götter zo Zeugen an, ob äch jemals dem Eigentom meiner Mätmenschen
-auch nor än Gedanken zo nahe getreten bän! Man sollte denken, däse
-~honestas~ mößte säch auch än meinen Gesächtszögen hänlängläch
-ausprägen. Onerhört! sage äch. Bäs elf Ohr abends hab' äch auf der
-sogenannten Violine verbracht, teilweise onter schweren Verbrechern,
-äch, Samoel Heinzerläng, Därektor des städtäschen Gymnasioms zo
-Grönängen. Wer mer das vor acht Tagen geweissagt hätte! Aber äch werde
-Genogtoong fordern, -- koste es, was es wolle! Das sänd dä Fröchte
-jener räsägen Konglomerate, dä man Weltstädte nennt! Än Grönängen wäre
-dergleichen onmögläch gewesen. Notabene, könftäghän werde äch stets
-meinen Paß bei mer tragen.
-
-Den Besoch bei dem Großherzogläch badäschen Gesandten habe äch
-natörläch auf öbermorgen vertagt ...
-
-Am einondzwanzägsten Mai. Endläch bän äch ans Ziel gelangt, wenägstens
-topographäsch geredet. Äch erreichte wohlbehalten das Hotel än der
-~rue de Berlin~ ond zog, äm Geföhl eines onendlächen Wohlbehagens, dä
-gesandtschaftläche Klängel. Leider moßte äch von dem Däner dä Meldong
-entgegennehmen, der Baron von Prättwätz sei am Tage zovor auf sechs
-Wochen nach Baden-Baden verreist.
-
-Äch war nächt wenäg verstämmt. So väle Aufregongen, so väle Verloste an
-Zeit ond Geld, so väle Verdräßlächkeiten, -- ond non alles omsonst! Äch
-legte mer das Gelöbde ab, nä wäder än einer fremden Großstadt Besoche
-zo machen. Dergleichen föhrt zo nächts Gootem. Äch bän einmal das Opfer
-der Zentraläsation geworden ond habe keine Lost, däse onglöckseläge
-Rolle weiter zo spälen. Der wässenschaftläche Ernst eines deutschen
-Gelehrten äst onvereinbar mät dem frävolen ond oberflächlächen Treiben
-solcher modernen Riesenstädte. Sänd wär dorch dä Omstände verorteilt,
-ons zeitweiläg ännerhalb däser gefährlächen Weichbilde aufzohalten, so
-gezämt ons dä onbedängte Reserve!‹«
-
-Samuel Heinzerling faltete seine Zettel zusammen.
-
-»So,« sagte er, indem er das Päckchen in die Brusttasche schob, »Sä
-werden aus dem Mätgeteilten zor Genöge ersehen haben, was äch beweisen
-wollte: daß dä Zerteilong än väle abgesonderte Staaten ein Segen för dä
-deutsche Nation äst. Äch wönsche non, daß Sä mer för das nächste Mal
-däse Frage än einem korzen Aufsatze theoretäsch ond praktäsch erörtern.
--- Der Hotzler kann jetzt wäder hereinkommen.«
-
-In diesem Augenblicke erscholl die Klingel. Würdevollen Schrittes und
-im Bewußtsein, die Keime einer segensreichen Weltanschauung gelegt
-zu haben, verließ der Verfasser der Lateinischen Grammatik für den
-Schulgebrauch, mit besonderer Berücksichtigung der oberen Klassen, das
-Lehrzimmer.
-
-»Ich habe mir alles stenographiert«, rief Heppenheimer, die Mappe
-schwenkend.
-
-»~Et ego~«, versetzte ich freudestrahlend. »Morgen muß uns der Rumpf
-die Geschichte vorlesen.«
-
-Die schändlichen Stenographen! Ohne die teuflische Kunst Gabelsbergers
-wäre dem wackeren Schulmann der Schmerz erspart worden, den ~infandus
-dolor~ seiner Pariser Leiden in diesen Blättern so buchstäblich
-renoviert zu sehen. Er hatte kein Glück mit seinen Besuchen, der
-treffliche Heinzerling, weder mit dem Besuch im Karzer, noch mit dem
-Besuch beim Großherzoglich badischen Gesandten in der ~rue de Berlin~.
-
-
-
-
-Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren.
-
-
-Der schnöde Primaner-Triumph.
-
- Aech werd' ähn Där nämmer vergessen,
- Den schnöden Prämaner-Träomph,
- Daß äch auf dem Karzer gesessen,
- Do extravagärender Rompf!
-
- Äch bätt' euch, bei allen Prophäten,
- Wer nähme dä Sache nächt kromm?
- Äch wollt' äns Gewässen ähm räden, --
- Da dräht er den Schlössel mer om!
-
- Äch schälle ... Was notzt mär das Schällen?
- Bornärt äst der Quaddler ond stompf.
- Der dömmste von allen Pedellen
- Meint faktäsch, äch wäre der Rompf!
-
- Doch bläb äch gelassen ond monter,
- Bäs Rompf als Befreier erschän:
- So kam äch denn wäder heronter
- Und habe dem Schlängel verzähn!
-
- Ond mag es ons Lehrer betröben,
- Äch wag' das geflögelte Wort:
- Als Schöler säch mimisch zo öben,
- Äst doch nächt so völläg absord!
-
-
-
-
-Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren.
-
-
-In der Bierstube.
-
- Beim Bär -- beim Bär,
- War nä mein Bosen schwär!
- Vergässen äst des Dolders Not,
- Der schnöden Präma Öbermot ...
- Der Gäldemeister stärt mäch nächt,
- Der Hotzler schäkanärt mäch nächt:
- Manch Seidel schlörf' äch leer.
- Beim Bär -- beim Bär
- War nä mein Bosen schwär!
-
- Äm Grond -- äm Grond
- Äst's Bär mer nächt gesond!
- Zom Schlagfloß hab' äch stäts geneigt,
- Ond bayräsch Bär erhätzt so leicht.
- Es geht äns Blot, es nämmt dä Roh, --
- Der väle Ärger kömmt dazo,
- Dä Präma treibt's zo bont!
- Äm Grond -- äm Grond
- Äst's Bär mer nächt gesond!
-
- Was toot's? Was toot's?
- Das Bär äst doch was Goot's!
- Ond ob's das Läben mer verkörzt, --
- Mäch dönkt, wer störzen soll, der störzt!
- Zom Hömmel häb' äch köhn den Bläck:
- Där, Zeus, vertrau' äch mein Geschäck,
- Än Deinen Händen roht's!
- Was toot's? Was toot's?
- Das Bär äst doch was Goot's!
-
- Das Bär -- das Bär,
- Das bleibt non mein Pläsär!
- Der Zechtäsch äst mein Heilägtom,
- Dä Kneipe Mekka mer ond Rom;
- Ond wenn dä Hand das Glas omspannt,
- Föhlt säch dä Sääle gottverwandt:
- Fromm wärd sä mehr ond mehr ...
- Das Bär -- das Bär,
- Das äst non mein Pläsär!
-
- Wä domm -- wä domm,
- Das Zämmer fällt ja om!
- Dä Wände taumeln kromm ond schäf,
- Jetzt sänd sä hoch, jetzt sänd sä täf ...
- Ond jetzt ... aha, äch märk' es wohl,
- Jetzt röcken Geister mer am Stohl ...
- Herr Wärt, äch dolde stomm!
- Wä domm -- wä domm,
- Das Zämmer fällt ja om!
-
- Das Bär -- das Bär
- War ongewöhnläch schwär!
- ~Sont certi~ ... nein ... Wä sagt Horaz?
- Wä? Was? Der Gäldemeister tat's?
- Ja, Luitgard! ... ja, äch hab' genog ...
- Der Knebel ... schreibt's äns Tagebooch ...
- Ja, ja ... schon beim Homär ...
- Das Bär -- das Bär
- War ongewöhnläch schwär!
-
- (Ab unter den Tisch.)
-
-
-
-
-Die Klassenprüfung.
-
-
-Wenn das Maturitätsexamen dem Gymnasiasten ernst und bedeutsam
-erscheint, so raubt ihm die Klassenprüfung den Gleichmut nur in
-Ausnahmefällen. Es gibt allerdings eine Sorte von ganz besonders
-ehrgeizigen oder ganz besonders unwissenden Schülern, die auch der
-Klassenprüfung mit einer gewissen Bänglichkeit entgegenwandeln: aber
-sie bilden die Minorität. Für mich und meine nächsten Freunde war
-dieses ein- oder zweimal im Jahre wiederkehrende Examen allezeit ein
-Gaudium, und je zahlreicher sich das Publikum versammelte, um so
-vergnüglicher pflegten wir dreinzuschauen.
-
-Das Klassenexamen ist die Farce des Gymnasiallebens. ~In corona civium~
-liebt es kein Lehrer, seine Schüler als unwissend bloßzustellen. Denn
-der Vorwurf dieser Unwissenheit träfe in erster Linie ihn selbst. Daher
-wir denn regelmäßig über solche Materien examiniert wurden, die während
-der letzten Wochen bis zum Überdruß zerkaut und verdaut waren.
-
-Wir erschienen beim Beginn des Examens sehr pünktlich, -- in unsern
-besten Kleidern, -- und getragen von jener Feiertagsstimmung, die
-aus dem Bewußtsein der bevorstehenden Ferien erwächst. So nahmen
-wir auf den Subsellien im großen Saale Platz, an dessen Eingang der
-Pedell Quaddler in schwarzem Frack und weißer Halsbinde Posto gefaßt
-hatte. Nach und nach erschienen die Lehrer, stets in schmunzelndem
-Zwiegespräch, sich wiederholt Herr Kollege nennend und eine ähnliche
-Befriedigung zur Schau tragend wie die Schüler. Zuletzt nahte
-würdevollen Schrittes der Direktor Samuel Heinzerling, ganz Wohlwollen,
-ganz Frühling und Sonnenschein. Ehrfurchtsvoll traten die übrigen
-Pädagogen nach rechts und links auseinander, um ihren Herrn und Meister
-hindurchzulassen. Mit vollendeter Humanität teilte Samuel seine
-kollegialischen Grüße aus: die Schüler aber mußten sich bei seinem
-Erscheinen von ihren Sitzen erheben, eine Höflichkeitsbezeigung, für
-die Samuel stets durch heftiges Abwinken dankte.
-
-Der Religionslehrer bestieg nunmehr den Katheder, faltete die Hände und
-sprach:
-
-»Lasset uns beten!«
-
-Abermals stand die Klasse auf wie ein Mann, und Samuel Heinzerling
-blickte wohlgefällig auf diese Kolonnen, die ihn und den Herrn der
-Heerscharen durch eine so ehrfurchtsvolle Behandlung auszeichneten.
-
-Der Religionslehrer sprach sein Gebet und bat den Allmächtigen, er möge
-unsern Eingang und unsern Ausgang segnen. Hierauf begann das Examen.
-
-Eine halbe Stunde verstrich, ohne daß uns das Publikum irgend einen
-Vertreter gesandt hätte. Da endlich knarrte die Tür. Aller Augen
-wandten sich nach der Schwelle: es erschien der Superintendent Samson,
-der sich in ganz ungewöhnlichem Maße für die geistige Entwicklung der
-Jugend interessierte. Verbindlich lächelnd drückte er einem Lehrer
-nach dem andern die Hand, -- aber ganz sachte und insgeheim, um ja
-nicht zu stören. Dann folgte er mit reger Aufmerksamkeit den Peripetien
-der Prüfung, öfters mit dem Kopfe nickend und stets so schlau
-dreinschauend, als ob er wirklich imstande sei, die gestellten Fragen
-korrekt zu beantworten.
-
-Nach dem Superintendenten erschien der erste Stadtprediger, und dann
-füllten sich die Hallen so allgemach, bis um elf Uhr der Höhepunkt
-eintrat.
-
-Ein beträchtliches Kontingent zu diesen Vormittagsbesuchern lieferten
-die Gymnasiasten selbst, und zwar wohnten die Schüler der unteren
-Klassen mit Vorliebe den Prüfungen der oberen bei, so daß die Sextaner
-niemals so zahlreich vertreten waren, als wenn die Prima examiniert
-wurde.
-
-Des Nachmittags bot der Saal einen weit pittoreskeren Anblick, denn
-jetzt erschienen auch die Mütter und Schwestern der Examinanden. Der
-Anblick farbenprächtiger Roben und wallender Hutbänder war in diesen
-Räumen etwas so Ungewohntes, daß wir bei dem Erscheinen der ersten Dame
-jedesmal in einen Zustand herzklopfender Aufregung gerieten, zumal
-wenn die Dame jung und hübsch war. Das Rauschen ihres Gewandes tönte
-uns lieblicher als Musik, und die kleinen, zierlichen Halbstiefelchen
-klappten so ganz anders auf den Dielen des Saales als die kolossalen
-Gehwerkzeuge Doktor Hellwigs.
-
-Samuel Heinzerling war bei diesen Anlässen von einer musterhaften
-Galanterie. Jeder Zoll seines Wesens atmete Wohlwollen und
-Ritterlichkeit, wenn er die gnädige Frau oder das verehrte Fräulein
-nach dem Stuhle geleitete. Nur die Backfische im Alter von 13 bis 15
-Jahren behandelte er etwas kühler, denn er wußte, daß gerade diese
-Sorte seinen Schülern am gefährlichsten war.
-
-Gegen vier Uhr nachmittags hatte sich der Damenflor, der unsere Prüfung
-schmückte, am reichsten entfaltet. Gar mancher von uns erblickte da
-auf bescheidenem Rohrstuhle den »Stern seines Lebens«, die »Rose,
-vom Himmelstau gebadet«, den »Engel, zu gut für diese lieblos rauhe
-Welt«. Besonders zart organisierte Schüler kamen aus dem Erröten gar
-nicht heraus; die Mädchen aber steckten die Köpfe zusammen, -- und
-was sie insgeheim miteinander schwatzten, betraf gewiß nicht die
-Sprachgebräuche des Xenophon.
-
-Während der Nachmittagsprüfung waren wir selbstverständlich weit
-weniger aufmerksam als des Vormittags. Die Lehrer wußten sehr wohl, daß
-sie diese rückgängige Bewegung unseres Interesses dem Einflusse des
-Ewig-Weiblichen zuschreiben mußten. Daher sie denn jetzt vorzugsweise
-solche Schüler examinierten, die ihnen als erotisch unempfänglich
-bekannt waren. Es ist wunderbar, wie fein der Instinkt der Lehrer
-hier das Richtige trifft. In jeder Klasse sind immer drei, vier, fünf
-exemplarische Jünglinge vorhanden, die ein so stark entwickeltes
-Pflichtgefühl oder ein so schwach entwickeltes Herz besitzen, daß
-ihnen die Regeln über den griechischen Optativ ungleich wichtiger sind
-als der Anblick eines schönen Mädchengesichts. Diese Unempfänglichen
-werden in so heiklen Fällen besonders aufs Korn genommen, wenn es gilt,
-rasch eine Querfrage zu beantworten u. dergl. m. Zu einem längeren,
-wissenschaftlichen Verhör eignet sich unter Umständen auch der
-verliebte Schüler, -- wofern er nämlich auf dem Gebiete, das der Lehrer
-gewählt hat, sehr sattelfest ist. Es wird ihm alsdann ein besonderes
-Vergnügen bereiten, in den Augen seiner Angebeteten zu brillieren. Den
-Horaz übersetzend, schleudert er wohlgezielte Pfeile nach ihrem Herzen.
-Er beschwört die Lydia, sie möge den Sybaris nicht vor Liebessehnsucht
-vergehen lassen, und meint dabei sich und Volckmanns blonde Therese. Er
-verdeutscht die Ode: ~Quem tu, Melpomene, semel~, -- und denkt dabei
-schüchtern an seine eigenen poetischen Versuche, mit denen er die
-Auserkorene durch Vermittlung seiner Schwester oder auf dem Wege einer
-anonymen Postsendung heimgesucht. Nickt dann der Superintendent mit
-beifällig schmunzelnder Miene, so ist der Gymnasiast stolz auf seinen
-errungenen Triumph, und zerstreut lächelnd folgt er der Aufforderung
-des Lehrers, sich wieder zu setzen.
-
-Das Klassenexamen ist die einzige Gelegenheit, wo die Primanerliebe
-innerhalb der vier Wände des Gymnasiums etwas freier aufatmet. Die
-Klassenprüfung ist ihr Sonnenblick. Hier kann der Lehrer gegen ihre
-verstohlene Betätigung nichts einwenden. Noch entsinne ich mich
-des jauchzenden Entzückens, mit dem mir einer meiner Freunde, Paul
-Schuster, am Schluß des Examens um den Hals fiel, weil diese wenigen
-Nachmittagsstunden das wieder aufgebaut hatten, was ihm während des
-Semesters durch die Ungunst der Verhältnisse zerstört worden war.
-
-Paul Schuster liebte eine reizende Blondine, namens Elisabeth. Er
-besang sie in hundert Liebesliedern. Seine Schwester hatte ihm
-zugeredet, und so kopierte er das schönste dieser Gedichte auf
-goldgerändertes Briefpapier, schrieb, von hundert seligen Ahnungen
-erfüllt, seinen Namen darunter, und barg es in einer zierlichen
-Enveloppe, auf deren Siegelstelle eine Taube mit dem biblischen
-Ölzweig prangte. Dann setzte er als Adresse die Worte darauf: »Meiner
-himmlischen Elisabeth«, und ließ der Holden das Billett durch seine
-Schwester mit in die Schule bringen. Am Abend erhielt er die Nachricht,
-das Gedicht habe einen ungeheuren Eindruck gemacht. Elisabeth sei von
-dem Zauber der wogenden Rhythmen geradezu hingerissen; nur meine sie,
-der Dichter habe doch hin und wieder gar zu schmeichelhaft übertrieben.
-
-Drei Tage später glaubte Paul Schuster zu bemerken, daß der Direktor
-Samuel Heinzerling während der Interpretation der Antigone ihm
-verschiedene Male einen strafenden Blick zuschleuderte. Das Schicksal
-sollte ihn über die Ursache jenes eigentümlichen Mienenspiels nicht
-lange in Zweifel lassen. Nach Beendigung der Lehrstunde entbot ihn
-Samuel auf sein Zimmer. Verwirrt leistete er dieser Aufforderung
-Folge. Wer schildert seine Empfindungen, als er auf dem Tische des
-Gymnasialtyrannen sein ~Billet-doux~ an Elisabeth wahrnimmt.
-
-»Schoster,« begann der Direktor, »Professor Gönther föhrt Klage, Sä
-belästägen seine Tochter.«
-
-Paul Schuster glaubte bei diesen Worten Samuels in den Boden versinken
-zu müssen. Ein jäher Krampf schnürte ihm die Kehle zusammen.
-
-»Herr Direktor,« stammelte er, »wenn Professor Günther dergleichen
-behauptet, so spricht er die Unwahrheit ...«
-
-»Wä, Schoster?« fragte Heinzerling mit schneidiger Stimme, »Sä wollen
-noch leugnen? Sätzen Sä säch dort einmal auf den Stohl!«
-
-»Aber, Herr Direktor ...«
-
-»Sätzen Sä säch! Also Sä haben dä Dreistägkeit, den Herrn Professor
-Gönther der Onwahrheit zo bezächtägen! Goot! Sehr goot! Ond was sagen
-Sä zo däsem Zettel, den dä Frau Professor än der Scholtasche ähres
-Töchterchens gefonden hat? Wollen Sä etwa än Abrede stellen, daß Sä
-däsen Wäsch da geschräben haben?«
-
-»Nein, Herr Direktor!«
-
-»Non goot! Äch ontersage Ähnen härmät ein för allemal, däse onzämlächen
-Scherze zo wäderholen.«
-
-Er nahm das Blatt zwischen die Finger und rückte die Brille zurecht.
-
-»Es äst wärklich stark, Schoster!
-
- ›Ond schänkte, wenn der Lenz erwacht,
- Ein Gott mär allen Blötenflor,
- Äch legte gern dä Fröhlingspracht
- Als Teppäch Deinen Fößen vor ...‹
-
-Begreifen Sä nächt, daß es geradezo onverantwortlich äst, einem
-wohlerzogenen Kände solche Albernheiten än den Kopf zo setzen? Äch
-dächte, Sä gäben säch vorläufäg noch ein wenig mät Ährem Sophokles ab.
-
- ›Ach, wenn der Sehnsocht holde Glot
- Äm täfsten Bosen aufgeflammt ...‹
-
-Sehnsocht, Sehnsocht! Sehnen Sä säch nach einem ordentlächen
-Matorätätsexamen, ond vertrödeln Sä Ähre Zeit nächt mät solchen
-Abgeschmacktheiten. Wenn säch der Mensch erst einmal solche Alloträa än
-den Kopf gesetzt hat, dann geht sein wässenschaftlächer Sänn öber Nacht
-zo Grabe. Merken Sä säch das!«
-
-Paul war außer sich.
-
-»Herr Direktor,« stöhnte er verzweifelt, »ich glaube bis jetzt noch
-keine Veranlassung gegeben zu haben ...«
-
-»Das habe äch auch nächt behauptet. Aber dä bästen Schöler werden äm
-Handomdrehen leichtsännäg, wenn sä anfangen, säch mät solch kändäschem
-Tand abzogeben. Äch habe Sä non gewarnt.«
-
-Der Direktor entließ ihn. Paul Schuster hielt nur mit Mühe die Tränen
-zurück. Er kam sich so erbärmlich, so namenlos lächerlich vor, daß er
-zu jedem Entschluß unfähig war. Zu Hause angelangt, überlegte er. Nach
-mehrstündigem Hin- und Hersinnen kam er zu dem Resultat, daß ihm nichts
-anderes übrig bleibe, als Elisabeths Vater persönlich aufzusuchen.
-Trotzig erhobenen Hauptes machte er sich auf den Weg. Er ward nicht
-vorgelassen. Was tun? Eine halbe Minute lang schwankte er, ob er sich
-nicht mit Gewalt den Weg in das friedliche Studierzimmer bahnen und
-im Tone eines beleidigten Theaterhelden Rechenschaft fordern sollte
-für die zwiefach kränkende Unbill. Bald aber gewann die vernünftige
-Erwägung die Oberhand. Der eben noch so heroische Primaner zog ab. Wie
-ein verschmähter Freier schlich er gesenkten Blickes nach Hause, warf
-sich mit geballten Fäusten langwegs auf das Sofa und heulte.
-
-So war das poesiereiche Verhältnis zu Elisabeth meuchlings zertrümmert
-worden. Allerhand kleine Mißverständnisse hatten dazu beigetragen, den
-Sturz der Ideale zu vervollständigen.
-
-Und nun kam die Klassenprüfung. Elisabeth erschien reizender als je.
-Sie nahm in der vordersten Reihe Platz. Zwei Stunden lang kreuzten sich
-die Blicke der beiden Liebenden, und dieser stumme Depeschenwechsel
-reichte aus, beiden die Gewißheit zu geben, daß sie »einander noch
-angehörten«. Am Schluß des Examens erntete Schuster ein Lächeln, das
-ihm den letzten Zweifel benahm ... Glücklicher Schuster!
-
-Ich wiederhole es: Das Klassenexamen ist der Lichtblick der scheuen
-Primanerliebe!
-
-Doch kehren wir aus dem Speziellen ins Allgemeine zurück, und erzählen
-wir den weiteren Normalverlauf der Semesterprüfung.
-
-Am Abend des dritten Tages bestieg Samuel Heinzerling den Katheder und
-verkündete die Prämien und die Versetzungen. Ein feierlicher Moment!
-Der Direktor wußte denn auch der Bedeutsamkeit des Augenblicks in jeder
-Hinsicht gerecht zu werden. Seine Stimme klang fast wie die Posaune des
-Jüngsten Gerichts, wenn er begann:
-
-»Von Onterpräma nach Oberpräma röcken auf:«
-
-Und nun folgte die Liste. Die nicht erwähnten Schüler waren zu ewiger
-Verdammnis -- ich will sagen, zum Sitzenbleiben für ein weiteres
-Semester verurteilt.
-
-Dann fuhr der Direktor fort:
-
-»Prämien erhalten än däser Klasse:«
-
-Und nun folgte das kurze Verzeichnis der wenigen Auserwählten.
-Dieses Verzeichnis schrumpfte, je höher man in der Reihe der
-Klassen hinaufstieg, immer mehr zusammen. In Prima gab es nur ganz
-ausnahmsweise Prämien:
-
-»Dä Prämaner taugen alle nächt väl«, so pflegte Samuel privatim diese
-Maßnahme zu motivieren.
-
-Zu Ostern fand am Schlusse der Prüfungen zuweilen ein sogenannter Aktus
-statt, bei dem das schöne Geschlecht noch zahlreicher vertreten war
-als beim Examen. Gedichte, deutsche und lateinische Reden, Gesänge
-und sonstige musikalische Vorträge waren der Gegenstand dieser
-nachmittäglichen Feier, an der sich nicht nur die Schüler, sondern auch
-die Lehrer aktiv beteiligten. So entsinne ich mich eines trefflichen
-Vortrags, den Samuel Heinzerling über die Wirkung der echten Humanität
-hielt. Doktor Brömmel, der Zwillingsvater, sprach wiederholt über die
-Bevölkerungsverhältnisse der europäischen Staaten; er wies darauf
-hin, daß Deutschland das rivalisierende Frankreich immer mehr zu
-überflügeln verspreche, eine Wahrheit, die von Emanuel Boxer mit der
-malitiösen Bemerkung begleitet wurde: »Daran ist niemand schuld, als
-Doktor Brömmel!« Der »Herr Pastor« ließ sich über das griechische
-Schisma vernehmen, ein Thema, von welchem Boxer behauptete, daß es
-die anwesenden Damen +nur zur Hälfte+ verstehen würden. Doktor Perner
-endlich gab Bilder aus der neueren Literaturgeschichte. Leider waren
-meine Gymnasialhumoresken damals noch nicht geschrieben, sonst würde er
-sie ohne Zweifel mit Enthusiasmus erwähnt haben.
-
-Gegen sechs Uhr trat man den Heimweg an. Jedermann befand sich in einer
-rosigen Stimmung. Nur die Sitzengebliebenen ließen elegisch die Köpfe
-hängen und gelobten sich, im neuen Semester Rache zu üben für die
-erlittene Kränkung.
-
-»Das habe ich dem Doktor Perner zu danken«, sagte der eine.
-
-»Mich hat der Brömmel ins Verderben geritten! Für das nächste Jahr
-wünsche ich ihm Drillinge!«
-
-
-
-
-Ferien.
-
-
-Gegen Schluß des Semesters tritt in der Stimmung des deutschen
-Gymnasiasten eine seltsame Wandlung ein. Bis dahin hat er die
-Knechtschaft des Stundenzwanges mit jener edlen Resignation
-hingenommen, die der Weise einem unabwendbaren Übel entgegenbringt.
-Jetzt mit einemmal ergreift ihn ein selbstbewußter, beinahe trotziger
-Frohsinn. Noch leistet er den Befehlen des Lehrers Folge, aber sein
-Gesichtsausdruck steht mit dieser äußeren Unterwürfigkeit in schroffem
-Gegensatze. Auf der lächelnden Lippe schwebt ein unausgesprochenes
-Wort, das, ins Verständliche übertragen, ungefähr also lautet:
-»Ich gehorche! Ich stehe unter deiner Botmäßigkeit! Aber der Tag
-der Befreiung naht auf Sturmesflügeln! Wenn er erscheint, dann
-wehe dem Grundgesetz deiner Herrschaft!« Strafen, die sonst eine
-niederschmetternde Wirkung ausgeübt hätten, werden jetzt gleichgültig,
-ja fast mit offenem Hohn ertragen: der Skorpion des Absolutismus hat
-seinen Stachel verloren.
-
-Wer in der Völker- und Staatengeschichte einigermaßen bewandert
-ist, der wird sich erinnern, daß ähnliche Stimmungen von jeher den
-Verschwörer am Vorabend der Entscheidung beseelt haben. Genau so dachte
-und fühlte der Neger, der unter Toussaints Führung die Fesseln seiner
-langjährigen Sklaverei sprengen sollte. Hätten die Plantagenbesitzer
-von St. Domingo ein deutsches Gymnasium besucht, sie wären niemals
-von den schwarzen Bataillonen überrumpelt worden. Der deutsche
-Gymnasiallehrer weiß nur zu genau, was jener Stimmungswechsel bedeutet.
-Er weiß, daß es die Perspektive auf die Ferien ist, die seiner Klasse
-so rebellisch die Adern schwellt.
-
-Ferien! Das Wort hat für einen deutschen Gymnasiasten etwas
-Zauberisches! Schon viele Wochen im voraus wird bis auf den Tag und
-die Stunde berechnet, wie lange man noch auf den harten Subsellien zu
-schmachten hat. Die Phantasie eilt der Wirklichkeit in rauschendem
-Fluge voraus und bevölkert die Zukunft mit den beglückendsten
-Lichtstrahlen. Man entwirft Pläne; man gelobt sich, die anderthalb
-Monate diesmal so recht gründlich und nach allen Richtungen hin
-auszukosten. Man überläßt sich einer poesievollen Zerstreutheit,
-die sich von Woche zu Woche steigert und zuletzt in die vollendete
-Träumerei ausartet.
-
-Mir und meinem vielgenannten Freund Wilhelm Rumpf war diese gesteigerte
-Spannung so unerträglich, daß wir den Freitag und den Sonnabend vor dem
-Beginn der Ferien jedesmal schwänzten. Zur gewohnten Stunde ergriffen
-wir unsere Schreibmappen und traten ins Freie. In dem kleinen Tempel
-der städtischen Promenade, der zu dieser Frist völlig verwaist stand,
-gaben wir uns ein Rendezvous und beratschlagten, was den Tag über zu
-beginnen sei. Wenn wir einen Entschluß gefaßt hatten, stellten wir
-unsere Uhren mit ängstlicher Genauigkeit nach der großen Turmuhr der
-Stadtkirche und verloren uns dann, halb Kinderspiele, halb Gott im
-Herzen, seitwärts in die Felder. Ganz besonders entzückend waren diese
-illegitimen Ausflüge am Schluß des Sommersemesters. Eine prächtige
-Landschaft, die noch im reichsten Festgewand strahlte, ein tiefblaues
-Himmelsgewölbe, und auf allen Hügeln und Hängen ein überschwenglicher
-Segen des köstlichen Obstes, -- was brauchten wir mehr, um glücklich zu
-sein? Die Freude über den wolkenlosen Septembertag paarte sich mit dem
-Triumphgefühl über die gelungene Entweichung. Jauchzend strichen wir
-durch die einsamen Nußgärten und füllten uns, dem siebenten Gebote zum
-Trotz, die Taschen. Gegen zehn nahmen wir in der nächsten ländlichen
-Schenke einen Imbiß, dessen Mangelhaftigkeit durch den Glanz unserer
-Gemütsverfassung ersetzt wurde. Eine Stunde später rüsteten wir uns
-zum Heimweg. Es galt, rechtzeitig in der Behausung einzutreffen, denn
-die Sache sollte den Anschein haben, als kämen wir direkt aus dem
-Gymnasium.
-
-Auf diese Weise verbrachten wir den Freitag und den Sonnabend. Wie
-Leander die Hero, so besuchten wir die Göttin der Freiheit unter dem
-Deckmantel des Geheimnisses ... Für kurze Zeit hat dieser verstohlene
-Umgang einen unendlichen Reiz: auf die Dauer aber sehnt man sich nach
-dem festen Besitz. So hatten wir denn beim Läuten der Sonntagsglocken
-gerade genug an dem heimlichen Raube, und wonnetrunken begrüßten wir
-unser rechtliches Eigentum, -- die Ferien!
-
-Wer vermöchte zu schildern, was ein deutscher Gymnasiast beim Beginn
-der Ferien empfindet! Sechs lange Wochen! Eine Ewigkeit! Freudig
-blitzenden Auges und stolz erhobenen Hauptes wandelt man umher, als
-ob man die ganze Welt besäße! Und zwar ist dieses Entzücken um so
-aufrichtiger und vollständiger, je weiter abwärts wir uns von der
-Prima entfernen, -- vielleicht nur aus dem Grunde, weil die Empfindung
-von der Länge der Zeit mit der fortschreitenden Entwicklung des
-Menschen zusammenschrumpft. Dem Quartaner und Tertianer sind diese
-sechs Wochen in der Tat ein unbegrenzter Spielraum: das jugendliche
-Gemüt überläßt sich der Illusion, die Frist könne kein Ende nehmen.
-Der Primaner dagegen hat sich zu oft schon diese sechs Wochen »von
-rückwärts betrachtet«; die Erfahrung hat seinen Idealismus auf ein
-minder grandioses Maß reduziert; er weiß die Summe der Genüsse, die ihn
-erwarten, bereits annähernd abzuschätzen.
-
-In einem Punkte verwerten die Schüler aller Klassen das Privilegium
-der Ferien gleichmäßig: im freien Genusse des Morgenschlummers. Das
-Recht, ohne Rücksicht auf eine bestimmte Stunde in den hellen Tag
-hineinschlafen zu können, gießt über das ganze Wesen des deutschen
-Gymnasiasten einen Schimmer der rosigsten Verklärung. Wenn er
-nachts erwacht und sich, behaglich aufatmend, nach der anderen
-Seite wendet, so ist das Bewußtsein, am folgenden Morgen den sonst
-so verhängnisvollen Schlag der Glocke überhören zu dürfen, allein
-ausreichend, um die Ferien mit dem Gewand eines zauberischen Liebreizes
-zu umkleiden!
-
-So dämmert der Tag heran. Draußen, in den Zimmern und auf dem Korridor
-ist schon alles geschäftig: der glückliche Gymnasiast rührt sich
-nicht. Selbst wenn er längst nicht mehr schlafen kann, hält er noch
-die Augen geschlossen, bis die Mutter oder die Schwester ihn, weniger
-aus Gründen der Moral, als mit Rücksicht auf die gestörte Hausordnung,
-weckt. Nun kleidet der Triumphator sich an, langsam, mit souveräner
-Verachtung der Zeit, -- denn er hat ihrer ja mehr, als er braucht! Nach
-eingenommenem Frühstück verläßt er das Haus: das ist ein unumstößliches
-Axiom der Ferienpraxis. Je nach der Verschiedenheit seines Alters und
-seines Temperaments verbringt er den Vormittag verschieden. Er streift
-durch Feld und Wald, er schlendert Arm in Arm mit seinem Intimus durch
-die Gassen, er besucht verstohlenerweise ein Bierhaus und wagt selbst
-eine Partie Billard. Der Quartaner und Tertianer gibt sich mit seinen
-Altersgenossen in besonders günstig gelegenen Höfen der Nachbarschaft
-ein Rendezvous, um zu spielen; er plant tolle Streiche und verabredet
-Ausflüge in die weitere Umgebung. Vor Mittagszeit aber betritt keiner,
-weder der Schüler von Quarta, noch der Oberprimaner, die elterliche
-Wohnung.
-
-Nach Tische treibt sich der Feriengymnasiast zum Leidwesen seiner
-Angehörigen in störender Weise auf den Kanapees und Sesseln herum;
-trällert ein Lied, worüber seine ältere Schwester nervös wird; neckt
-seine jüngeren Brüder; nimmt eine illustrierte Zeitschrift zur Hand,
-trotz der wiederholten Versicherung des Vaters, das sei keine Lektüre
-für ihn; fragt, ob nicht bald Kaffee getrunken werde; stemmt seine
-Stiefel wider die polierten Tischfüße, legt sich ins Fenster oder
-verklebt seiner Mutter das Schlüsselloch des Nähtischchens mit Wachs.
-Die Aufforderung, er möge etwas arbeiten, beantwortet er mit einem
-wohlwollenden Lächeln.
-
-»Erst will ich mich ausruhen«, sagt er, behaglich die Arme reckend.
-
-Wenn man das so mit ansieht, man sollte meinen, der Ärmste habe Monate
-lang Dienste in einer Tretmühle geleistet.
-
-Der Nachmittag wird, je nach der Jahreszeit, zu Ausflügen in die
-umliegenden Bierdörfer, zu Fensterpromenaden, zu Skatpartien, zu
-Kahnfahrten und dergleichen benutzt, und der Abend bringt oft nur eine
-Fortsetzung des Nachmittags.
-
-Dieses lustige, ungebundene Leben erfährt eine gelinde Trübung durch
-den Hinblick auf die Ferienarbeiten, die in einigen Gymnasien nicht
-ganz ohne Belang sind.
-
-Ich meinesteils habe meine Pensa stets schon in der ersten Woche
-begonnen und so unter der Hand ohne ernstliche Schädigung meines
-Wohlgefühles erledigt. Die meisten Schüler warten jedoch bis zuletzt
-und verderben sich den Schluß der Ferien von Grund aus. Es leuchtet
-ein, daß die von mir befolgte Methode gerade vom Standpunkt des
-Epikuräers aus die einzig richtige ist, -- auch richtiger als das
-andere Extrem, während der ersten Tage alles auf einmal zu absolvieren.
-
-Unter den Ferienarbeiten, mit denen man uns die Flügel ein wenig zu
-binden hoffte, nahm der deutsche Aufsatz einen hervorragenden Rang ein.
-Und zwar gab man uns zu wiederholten Malen das Thema: »Wie verbrachte
-ich meine Ferien?« Diesen Aufsatz schrieb ich stets in der ersten
-Woche, denn die historische Wahrheit gehörte von je zu den geringsten
-Verdiensten solcher Arbeiten. Ganz faule und versumpfte Kameraden, die
-niemals aus eigenem Antrieb ein Buch in die Hand nahmen, gaben sich in
-dem Ferienaufsatz den Anschein, als hätten sie umfassende Privatstudien
-im Xenophon und im Curtius geleistet. Die Lehrer nahmen das
-merkwürdigerweise stets so beifällig hin, daß ich als Obersekundaner
-den Entschluß faßte, dieses lügnerische Selbstlob einmal auf die Spitze
-zu treiben. Da war denn in meinem Aufsatz etwa folgender Passus zu
-lesen:
-
-»Ich erhob mich des Morgens zwischen vier und fünf, nahm in aller Eile
-den Kaffee ein und verfertigte alsdann bis gegen 10 Uhr lateinische
-Stilübungen. Hierauf machte ich einen halbstündigen Spaziergang, um
-sofort wieder an meine Arbeit zurückzukehren. Ich las Corneille,
-Racine, Molière und Chateaubriand, bis ich zu Tische gerufen wurde,
-was in der Regel so gegen ein Uhr statthatte. Die Stunden von zwei bis
-fünf widmete ich dem Griechischen, der Geschichte und der Geographie.
-Hierauf unternahm ich in Begleitung meines Vaters einen Spaziergang,
-von dem wir meistens so gegen halb sieben Uhr zurückkehrten. Um
-sieben Uhr wurde zu Nacht gespeist, und nun arbeitete ich von acht
-bis elf Mathematik, Physik und Kirchengeschichte. Oft auch habe ich
-die Mitternacht an meinem stillen Pulte herangewacht, denn ich hatte
-mir nun einmal fest vorgenommen, eine gewisse Summe von Lernstoff zu
-bewältigen. Sagt doch schon ein alter Klassiker: ›Wir lernen nicht für
-die Schule, sondern für das Leben.‹ Meine Mußestunden benutzte ich dann
-zur Lektüre von Goethe, Schiller, Klopstock, Wieland, Herder, Lessing,
-Platen, Rückert und Roderich Benedix; auch übersetzte ich viele Oden
-des Horaz metrisch ins Deutsche. Des Sonntags besuchte ich von neun bis
-elf die Kirche, hielt mich jedoch, um nicht aufzufallen, meist abseits,
-weshalb mich die Herren Lehrer ohne Zweifel nur selten wahrnahmen.
-Einmal war ich zwei Tage lang in Frankfurt, und diese in jeder Hinsicht
-belehrende Reise will ich hier zum Gegenstand einer ausführlichen
-Schilderung machen.«
-
-Ich wurde um dieses Aufsatzes willen »wegen Unfugs« mit sechs Stunden
-Karzer bestraft und dazu beauftragt, dasselbe Thema noch einmal, und
-zwar in jeder Hinsicht wahrheitsgemäß, zu behandeln.
-
-Drei Tage später also reichte ich dem Lehrer eine neue, von der ersten
-wesentlich differierende Arbeit ein, die folgenden Passus enthielt:
-
-»Des Morgens schlief ich bis neun, mitunter sogar bis zehn Uhr. Denn,
-sagte ich bei mir selbst, wozu sollst du dich plagen, wenn du's gut
-haben kannst? Gearbeitet habe ich nur sehr wenig. Ich erledigte zwar
-zur Not meine Pensa: im übrigen aber verspürte ich einen seltsamen
-Abscheu gegen jede Tätigkeit. Man lebt nur einmal auf der Welt,
-pflegte mein Großonkel Schmidthenner zu sagen. So hielt ich es denn
-für zweckmäßig, mir die kurze Freiheit recht zunutze zu machen. Fast
-täglich bestand ich mit Wilhelm Rumpf einen Ringkampf, wobei immer
-derjenige siegte, der den Untergriff hatte. Solche Übungen sind in
-jeder Beziehung praktisch. Ich merkte dies bei dem Zwist mit dem
-Gänsehirten von Wieseck. Der Mann wollte uns ausschimpfen, weil
-Rumpfs kleiner Pudel ihm die Gänse gejagt hatte. Wir zerbläuten ihn
-jämmerlich. Hieraus erhellt, daß der Jüngling sich nicht früh genug in
-körperlichen Exerzitien ergehen kann. Wie sagt schon Horaz? usw. usw.«
-
-In diesem Stile ging es zwölf Seiten lang. Am Schluß meiner tückischen
-Abhandlung hatte ich die zwölf Stunden Karzer, die ich diesmal
-eroberte, so vollständig verdient, daß ich mich noch jetzt über die
-Nachsicht des sonst so leicht erregbaren Lehrers wundere.
-
-»Wie verbrachte ich meine Ferien?«
-
-In der Tat ein trostloses Thema für einen deutschen Gymnasialschüler,
-der weder lügen, noch seine Lehrer beleidigen will!
-
-
-
-
-Das Maturitätsexamen.
-
-
-Das Wort Examen hat für den Gymnasialschüler je nach Umständen eine
-sehr verschiedenartige Klangfarbe. Ernst und gewichtig tönt es an sein
-Ohr, wenn es die Abiturientenprüfung bezeichnet; leicht und harmlos
-dagegen, wenn es jene Komödie bedeutet, die sich alljährlich ein- oder
-zweimal vor dem Beginn der Ferien wiederholt, mit dem angeblichen
-Zweck, das Publikum über die intellektuellen und ethischen Fortschritte
-der künftigen Staatsbürger zu unterrichten.
-
-Das Abiturienten- oder Maturitätsexamen ist, streng genommen, nur
-eine Form, da die Lehrer in den meisten Fällen vorher wissen, wer
-da bestehen und wer durchfallen wird. Es wäre auch sonderbar, wenn
-die paar Stunden oder Tage des Examens genauere Auskunft über den
-Bildungsgrad eines Schülers ermöglichen sollten, als die Monate und
-Jahre des regen persönlichen Verkehrs in der Klasse. Gleichwohl
-betritt der Abiturient mit einem seltsamen Zagen den Prüfungssaal,
-nicht ahnend, daß sein Schicksal schon vor der ersten Frage so gut
-wie entschieden ist. Der Schüler, der sich während seiner ganzen
-gymnasiastischen Laufbahn durch die lebhafte Betätigung eines
-wissenschaftlichen Sinnes ausgezeichnet und den Beweis geliefert
-hat, daß er wirkliche Kenntnisse besitzt, wird selbst dann nicht
-durchfallen, wenn er in einer Spezialität unglücklicherweise alle
-Fragen schuldig bleibt; viel eher ist der umgekehrte Fall denkbar, daß
-ein Ignorant, der sich nur oberflächlich »eingepaukt« hat, durch eine
-glückliche Konstellation entschlüpfe. Es liegt also nicht der geringste
-Grund zur Aufregung vor; aber die Tradition und der Instinkt wirken
-hier mächtiger als die reine Vernunft.
-
-In dem Gymnasium meiner Vaterstadt Gröningen hatten die Abiturienten
-erst ein dreitägiges schriftliches Examen und dann ein mündliches
-von etwa sechs Stunden zu leisten. Das schriftliche war entschieden
-die Hauptsache. Es bestand aus drei Extemporal-Aufsätzen, einem
-deutschen, einem französischen und einem lateinischen. Die strengste
-Klausur sonderte uns während dieser Arbeiten von der Außenwelt ab.
-Vor Schluß seines Aufsatzes durfte keiner den Saal und die dazu
-gehörigen Räumlichkeiten verlassen. Gegen Mittag lieferte uns der
-Pedell etwas kalte Küche; den Angehörigen der Schüler war es nicht
-gestattet, sich bei dieser Proviantlieferung zu beteiligen, da es
-früher mehrfach vorgekommen war, daß man in Buttersemmeln, Würsten
-u. dergl. die nötigen literarischen Hilfsmittel zur Bewältigung der
-Themata eingeschmuggelt hatte. Trotz dieser peinlichen Vorsicht gelang
-es fast regelmäßig, etwas Verwendbares über die Schwelle zu paschen.
-Bei dem Schließen oder Öffnen des Fensters warf man einen Zettel in
-den Hof, der das Thema bezeichnete. Treue Freunde, die unten lauerten,
-beschafften sofort, was sie an früheren Bearbeitungen desselben
-Vorwurfs etc. etc. auftreiben konnten, und legten es im rechten Moment
-auf eine gewisse verschwiegene Lokalität, deren Besuch man uns doch
-nicht völlig verbieten konnte. Zuweilen gelang es auch, schon Tags
-zuvor das Thema ausfindig zu machen, sei es, daß ein Familienmitglied
-des Examinators die Sache verriet, sei es, daß wir listigerweise das
-Notizbuch des Lehrers durchforschten und so die nötigen Anhaltspunkte
-eroberten.
-
-Einmal hatte der Direktor Samuel Heinzerling in Erfahrung gebracht,
-der Abiturient Ittmann sei am Abend vor dem Beginn der Prüfung auf
-wunderbare Weise in den Besitz des Themas gelangt und werde des Tags
-darauf eine Reihe von Manuskripten und Drucksachen mitbringen, und
-zwar, um der Möglichkeit einer Visitation auszuweichen, in seinen
-Stiefelschäften. Gott weiß, wer hier den Judas gespielt hatte: genug,
-Samuel Heinzerling war bis ins einzelne unterrichtet und beschloß, dem
-p. p. Ittmann auf eine möglichst humorvolle Weise zu Leibe zu gehen.
-
-Es war die ganze Zeit über abscheuliche Witterung gewesen. Auch am Tage
-des lateinischen Aufsatzes herrschte ein großer Schmutz in den Straßen.
-Hierauf gründete Samuel seinen Plan.
-
-Als Ittmann im Saale erschien, trat der Direktor freundlich lächelnd
-auf ihn zu und reichte dem überraschten Schüler die Hand.
-
-»Kommen Sä, läber Ättmann,« sagte er schmunzelnd, »äch weiß, Sä neigen
-sehr stark zor Erkältong ...«
-
-Hiermit führte er den Erstaunten nach dem Ofen, wo ein Stiefelzieher
-und zwei Pantoffel standen.
-
-»So, läber Ättmann, äch habe Ähnen da ein paar Pantoffel besorgt, damit
-Sä säch ja nächt verderben. Zähen Sä Ähre Stäfel höbsch aus. Äch bän
-öberzeugt, Sä haben säch nasse Föße geholt.«
-
-»Sie sind zu gütig, Herr Direktor,« stammelte Ittmann, »aber ich habe
-wirklich ganz trockene Füße. Ich danke recht sehr.«
-
-»Es wärd doch besser sein, wenn Sä dä Schohe dort anzähn. Sä sänd mär
-än der letzten Zeit wäderholt onwohl gewesen ...«
-
-»Das ist ganz vorüber, Herr Direktor. Ich fühle mich jetzt vollständig
-frisch.«
-
-»Eben, weil Sä säch fräsch föhlen, sollen Sä säch nächt wäder erkälten.
-Machen Sä jetzt keine Omstände; äch meine es goot mät Ähnen!«
-
-»Ohne Zweifel, Herr Direktor. Ich verspüre aber nicht den geringsten
-Anflug von Nässe. Lassen Sie lieber den Schierlitz die Pantoffel da
-anziehen: der hat einen viel weiteren Weg als ich.«
-
-»Nein, nein! Der Schärlätz äst eine roboste Nator! Sä allein haben mär
-den verflossenen Wänter fortwährend öber Katarrh geklagt. Jetzt machen
-Sä mäch nächt ongedoldäg, ond entledägen Sä säch so rasch wä möglich
-Ährer Stäfel! Äch befähle es Ähnen!«
-
-Ittmann war der Verzweiflung nahe. Seine angeborene Geistesgegenwart
-half ihm jedoch auch diesmal über die Klippe hinweg.
-
-»Nun denn, Herr Direktor,« sagte er mit einer artigen Verbeugung, »so
-nehme ich dankbar an.«
-
-Mit diesen Worten ergriff er die Pantoffel und den Stiefelzieher und
-eilte der Tür zu.
-
-»Wo wollen Sä hän?« rief Samuel Heinzerling.
-
-»Herr Direktor, Sie werden mir zutrauen, daß ich so viel Lebensart
-besitze, um meine Stiefel nicht in Ihrer Gegenwart auszuziehen. Ich
-verfüge mich da neben ins Konferenzzimmer.«
-
-Samuel Heinzerling trat auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter und
-flüsterte mit einem halbunterdrückten Lächeln:
-
-»Wässen Sä was? Gehn Sä läber nach Hause ond wechseln Sä zo Haus Ähre
-Stäfel! Sä haben säch öbrägens goot herausgehauen, wärkläch, sehr goot!
-Das moß Ähnen der Neid lassen.«
-
-»Aber, Herr Direktor, ich versichere Sie ...«
-
-»Machen Sä, daß Sä fortkommen ond versächern Sä mäch läber nächts.
-Äch denke, Sä wässen am besten, wo der Schoh Sä dröckt. Aber äch sage
-Ähnen, auf dem Fooß stehen wär nächt mäteinander, wenn das Examen
-anfängt! Sä sänd mär ein onreeller Kamerad! Verstehn Sä mäch?«
-
-»Herr Direktor,« versetzte Ittmann mit einem Blick auf seine Stiefel,
-»ich habe heute morgen schon so viel eingesteckt, daß ich auch diesen
-Vorwurf einstecken und Sie um dauernde Nachsicht ersuchen will.«
-
-Samuel Heinzerling lachte.
-
-Ittmann aber eilte nach Hause und erschien diesmal ohne die
-Eselsbrücken. Sei es nun, daß das Erlebnis mit Samuel Heinzerling
-seinem Geiste eine besondere Elastizität verlieh, sei es, daß der
-Direktor ein hervorragendes Wohlwollen entwickelte, kurz, der Schüler
-erhielt die Note eins.
-
-Der lateinische Aufsatz, den ich zur Bekundung meiner Reife verabfolgen
-mußte, betraf den Kaiser Tiberius.
-
-Ich habe nun bereits in meiner Skizzensammlung »Aus Sekunda und Prima«
-hervorgehoben, daß die Weltgeschichte von je meine schwache Seite
-gewesen. Von Tiberius insbesondere wußte ich nur sehr wenig Positives,
--- etwa, daß er des Kaiser Augustus Nachfolger gewesen; daß er sich
-durch Grausamkeit und Willkür ausgezeichnet; daß er einen Günstling,
-namens Sejanus, besessen und schließlich von Macro mit einem Kissen
-erstickt worden sei. Nun verstand ich es zwar, solche geringfügige
-Anhaltspunkte möglichst ausgiebig zu verwerten: aber das Gold meines
-Wissens wollte diesmal, noch so breit geschlagen, nicht ausreichen, um
-den gewaltigen Raum eines Abiturientenaufsatzes zu bedecken.
-
-Hier half ich mir nun auf folgende sinnreiche Weise, die ich jedem
-Primaner unter gleichen Verhältnissen auf das wärmste empfehlen möchte.
-Ich hatte zufällig wenige Tage zuvor eine interessante Monographie über
-den Kaiser Augustus gelesen, deren Einzelheiten mir noch ziemlich treu
-im Gedächtnis hafteten. So begann ich denn meinen Aufsatz wie folgt:
-
-»Nach dem Tode des Cäsar Octavianus Augustus bestieg der tückische,
-menschenfeindliche Tiberius den Kaiserthron. Es gelang ihm schon nach
-kurzer Frist, sich in allen Teilen des Reichs gründlich verhaßt zu
-machen, denn er bildete durchweg den schroffsten Gegensatz zu dem
-wohlwollenden, gerechten, kunst- und literaturfreundlichen Augustus.
-Dieser Kontrast mußte die Antipathie der Römer noch beschleunigen und
-vertiefen. Augustus hatte das und das getan, diese und jene Einrichtung
-getroffen, so und so die Verhältnisse des römischen Volkes geregelt;
-von alledem finden wir bei Tiberius keine Spur. Augustus und seine
-Freunde Messala, Pollio und Mäcenas waren Kenner der griechischen
-Dichter, deren Werke man in öffentlichen Bibliotheken sammelte; in
-der Umgebung des Tiberius dagegen finden wir weder einen Mäcenas noch
-einen Messala noch einen Pollio. Augustus war auch äußerlich eine sehr
-angenehme Erscheinung. Ein heiterer Friede ruhte auf seinem Antlitz. Er
-machte den Eindruck eines biederen, würdevollen und geistig bedeutenden
-Alten. Ganz anders Tiberius, von welchem uns dergleichen nirgends
-berichtet wird.«
-
-Auf diese Weise gab ich eine sehr detaillierte Geschichte des Augustus
-und fügte nur von Zeit zu Zeit die Bemerkung hinzu, das sei bei
-Tiberius anders gewesen.
-
-Nachdem ich so mein Wissen erschöpft hatte, schloß ich wie folgt:
-
-»Leider ist die Zeit bereits zu sehr vorgerückt, als daß es mir noch
-möglich wäre, auf die übrigens allbekannten Einzelheiten der so
-verhängnisvollen Regierung des Tiberius näher einzugehen. Erwähnen
-will ich noch, daß er, wie fast alle Tyrannen, auf unnatürliche Weise
-endete. Ja, es gibt eine Nemesis der Weltgeschichte, deren furchtbares
-Walten nur der Tor leugnen wird! ~Est modus in rebus, sunt certi
-denique fines!~«
-
-Und dann sprach ich noch den üblichen Wunsch aus:
-
-»~Spero fore, ut, quae hodie conscripsi, rectori gymnasii doctissimo,
-illustrissimo, justissimo mire placeant.~«
-
-Meine Hoffnung ging in Erfüllung. Die umfassenden Kenntnisse, die
-ich im Punkte des Augustus entwickelt hatte, reichten aus, um meine
-tiberianische Unwissenheit zu bemänteln.
-
-Minder glücklich war ein Abiturient namens Glaser, der einen deutschen
-Aufsatz über die Völkerwanderung zu schreiben hatte und, wie Sokrates,
-nur eins wußte: daß er nichts wußte.
-
-Er begann sein Thema wie folgt:
-
-»Indem ich an die heutige Aufgabe heran trete, erinnere ich mich der
-alten Vorschrift, daß der wahre Philosoph niemals über einen Gegenstand
-reden darf, ohne ihn des näheren definiert zu haben.
-
-Was heißt Völkerwanderung? Augenscheinlich bedeutet dieser Ausdruck
-eine Wanderung von Völkern. Fragen wir nun zunächst: Was ist ein Volk?
-so liegt es klar zutage, daß sich dieser Begriff nicht so in aller
-Kürze fixieren läßt. Wir müssen daher etwas weiter ausholen. Schon in
-den ältesten Zeiten ...«
-
-Und nun folgte eine graziös stilisierte Musterkarte historischer Data,
-wie sie in dem Kopfe des pfiffigen Schülers nach und nach hängen
-geblieben war. Die Ägypter, die Assyrer und Meder spielten hier eine
-bedeutsame Rolle. Ein längerer Abschnitt war dem auserwählten Volk
-Gottes gewidmet, dem Volk ~par excellence~. Dann sprach Theophil Glaser
-von den Volksrechten, von den verschiedenen Staatsformen usw. usw.
-
-Die Hälfte des Aufsatzes war hiermit zurückgelegt. Der Schüler fuhr
-fort:
-
-»Wir kommen nun zu dem zweiten Teile unserer Definition: Was ist eine
-Wanderung?« Ein Problem, das er in ähnlicher Weise löste, wie das des
-Volkes.
-
-Als er endlich den Begriff der Völkerwanderung glücklich
-zusammengesetzt hatte, war die gegebene Frist abgelaufen, und hastig
-warf er die heuchlerische Phrase auf das Papier:
-
-»Zu meinem größten Bedauern muß ich hier schließen, denn ich höre das
-heisere Metall des Pedellen.«
-
-Theophil Glaser bestand zwar im deutschen Aufsatze »~cum laude~«,
-in der Geschichte aber fiel er trotz seiner glänzenden Definitionen
-unwiderruflich durch.
-
-Die Lehrer wollten nicht glauben, daß nur Quaddler daran schuld war,
-wenn Glasers Abhandlung des versöhnenden Schlusses entbehrte.
-
-
- Druck: J. Neumann, Neudamm.
-
-
-
-
-Empfehlenswerte Werke.
-
-
-
-
-Verlag von J. Neumann in Neudamm.
-
-
- Für jede Familienbibliothek,
- besonders aber für die Hausfrau auf dem Lande.
-
- Sofiensruh.
-
- Wie ich mir das Landleben dachte,
- und wie ich es fand.
-
- Von =S. Jansen=.
-
- =Zweite=, kürzlich neu erschienene Auflage.
- Preis fein geheftet =4 Mk.=, hochelegant gebunden =5 Mk.=
-
-Ein =prächtiges, rein aus dem Leben geschöpftes Werk= von
-=eigenartiger, frischer, humorvoller= Darstellung, dessen =erste
-Auflage= in noch nicht =sieben Monaten vergriffen= gewesen ist. Die
-Verfasserin, Stadtfrau und in der größten norddeutschen Handelsstadt
-angesessen, kauft sich in der Nähe ihrer Heimat ein kleines Landgut,
-welches sie selbst mit größtem Verständnis bewirtschaftet. Ihre
-=wenigen Freuden= und die =große Zahl der Sorgen= schildert uns die
-Dichterin nun in einer Form, wie sie =lebenswahrer= und doch =zum
-Gemüte sprechender= nicht gedacht werden kann. Wir haben hier eine
-=seltene Perle moderner Erzählerkunst= vor uns und ein Buch, das ein
-=vorzügliches Festgeschenk=, namentlich für =unsere Hausfrauen=,
-genannt zu werden vollauf verdient.
-
-=Die Kritik= hat sich über =»Sofiensruh« durchweg ungemein anerkennend=
-geäußert. Wir geben folgende Kritikauszüge wieder:
-
- =Der Tag in Berlin.= »Ein +sehr amüsantes+ Buch -- und ein
- +sehr nachdenkliches+ Buch, nachdenklich im Sinne Fontanes,
- als etwas, über das man viel nachdenkt. Ich habe +viel dabei
- gelacht+ und doch +viel dabei gelernt+. +Mark Twainisch+ fängt
- es an, mit grotesken Zirkusplätzen, und geht dann doch in den
- schönen niederdeutschen, etwas =schwermütigen Humor= über, den
- wir an =Klaus Groth= und =Fritz Reuter= so sehr lieben. Und
- das schönste daran ist, daß alles, was in dem Buche steht, so
- gar nicht erfunden und bloß ausgedacht ist, sondern in jeder
- Zeile den +unverkennbaren Stempel der erlebtesten Wahrheit+
- trägt. ... +Städter+ und +Agrarier+ sollten diese meistens
- grotesk +lustigen+ und doch so +bitterernsten+ Schilderungen
- und Erlebnisse genau studieren, die ersteren, um zu begreifen,
- unter welchen unerhörten Schwierigkeiten der Landwirt heute der
- Natur und seinem Helferpersonal sein Leben abzuringen hat, die
- letzteren, um endlich darüber klar zu werden, daß ohne eine
- gründliche, an die Wurzel gehende Umgestaltung des ländlichen
- Arbeitsverhältnisses über lang oder kurz jede größere
- Wirtschaft zugrunde gehen muß. ... +In Zolas furchtbarem »~La
- Terre~« sind die Tatsachen eigentlich nicht viel krasser+; sie
- sind eben nur durch ein bittereres Temperament gesehen. ... Wie
- gesagt: ein +nachdenkliches+ Buch! Ein sehr +nachdenkliches+
- Buch! Und wird keiner kommen dürfen und sagen, ein »Hetzer«
- habe es geschrieben.
-
- ~Dr.~ Franz Oppenheimer.«
-
- =Das Daheim in Leipzig.= »... Es ist ein +heiteres+ und
- +erfreuendes+ und zugleich ein +trauriges+ und +betrübendes+
- Buch. Es ist heiter und erfreuend, weil wir in ihm eine
- =prächtige deutsche Frau= kennen lernen, +voll Mutterwitz,
- gesundem Verstande, Tatkraft und zähem Wollen+, die überdies
- noch über eine sehr +ungewöhnliche Gabe der Schilderung und
- der Charakterisierung+ verfügt. ... Unser Buch ist gerade in
- seinen Einzelschilderungen auch =kulturgeschichtlich= +von
- großem Wert+, es zeigt uns aber vor allem, unter wie +unsagbar
- schwierigen Verhältnissen+ heute vielfach die Landwirtschaft in
- Deutschland betrieben wird.
-
- Th. H. Pantenius.«
-
- =Gartenlaube in Leipzig.= »... Der Titel »Tagebuch« ist im
- allgemeinen nicht gerade vertrauenserweckend; es verbirgt sich
- gemeinhin zu viel Eitelkeit und Selbstbespiegelung, zu viel
- Absicht und Verlogenheit dahinter. +Hier aber ist+ =Wahrheit
- von Anfang bis zu Ende=, +ist Erdgeruch und Eigenart+, =ein
- Stück Leben=, +das sich in aller Schlichtheit des Empfindens,
- ohne jede Pose, offenbart+ ... Und welch +goldiger Humor+
- verklärt nicht all die großen und kleinen Fehlschläge,
- welche +Herzensgüte und Vornehmheit der Gesinnung+ offenbart
- sich nicht darin, wie diese Frau sich zu den Menschen, zum
- Leben stellt! +Wahrlich+, »=ein Frauenbuch=«, +auf das die
- Geschlechtsgenossinnen der Autorin nicht stolz genug sein
- können+, dessen Lektüre mehr als ein Zeitvertreib, ein gute
- Unterhaltung ist! ... Möge +das schöne Buch+ vielen zu einem
- +Freund+ und +Wegweiser+ werden.«
-
-
- Für jede Familien- und Hausbibliothek empfohlen:
-
- =Entwickelungsgeschichte der Natur.= Von =Wilhelm Bölsche=.
- Zwei Bände, 1646 Seiten, 785 Abbildungen, 16 Tafeln in
- Schwarz- und Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =18
- Mk.= In Halbleder hochfein gebunden =22 Mk.=
-
- =Die Physik.= Von =H. Maser=, Professor =~Dr.~ P. Richert=
- und Dipl. Ing. =A. Kühns=. Zwei Bände, 1745 Seiten, 1183
- Abbildungen, 10 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen fein
- gebunden =18 Mk.= In Halbleder hochfein gebunden =22 Mk.=
-
- =Die Chemie.= Von =~Dr.~ Max Vogtherr=. Ein Band, 847 Seiten,
- 421 Abbildungen, 5 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen
- fein gebunden =9 Mk.= In Halbleder hochfein gebunden =11 Mk.=
-
- =Das Mineralreich.= Von Professor =~Dr.~ Georg Zürich=. Ein
- Band, 754 Seiten, 521 Abbildungen, 8 Tafeln und Beilagen in
- Schwarz-Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =9 Mk.= In
- Halbleder hochfein gebunden =11 Mk.=
-
- =Das Pflanzenreich.= Von Professor =~Dr.~ K. Schumann= und
- Professor =~Dr.~ E. Gilg=. Ein Band, 858 Seiten, 480
- Abbildungen, 6 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen fein
- gebunden =9 Mk.= In Halbleder hochfein gebunden =11 Mk.=
-
- =Das Tierreich.= Von Professor =~Dr.~ L. Heck=, Professor
- =Paul Matschie=, =Bruno Dürigen=, =~Dr.~ Ludwig Staby=,
- =E. Krieghoff=, Professor =~Dr.~ v. Martens=. Zwei Bände,
- 2222 Seiten, 1455 Abbildungen, 12 Tafeln in Schwarz- und
- Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =18 Mk.= In
- Halbleder hochfein gebunden =22 Mk.=
-
- =Länder- und Völkerkunde.= Von =~Dr.~ F. W. Paul Lehmann=.
- Zwei Bände, 1646 Seiten, 1024 Abbildungen, 11 Tafeln in
- Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =18 Mk.= In
- Halbleder hochfein gebunden =22 Mk.=
-
- =Weltgeschichte.= Von =M. Reymond=. Zwei Bände, 1672 Seiten,
- 841 Abbildungen, 16 Bildertafeln und 10 bunte, historische
- Karten. Preis in Leinen fein gebunden =18 Mk.= In Halbleder
- hochfein gebunden =22 Mk.=
-
- =Kunstgeschichte.= Von Professor =~Dr.~ Max Schmid=. +Nebst
- einem kurzen Abriß der Geschichte der Musik und Oper+,
- herausgegeben von =~Dr.~ Clarence Sherwood=. Ein Band,
- 842 Seiten, 411 Abbildungen, 10 Tafeln in Schwarz- und
- Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =9 Mk.= In
- Halbleder hochfein gebunden =11 Mk.=
-
- =Geschichte der Weltlitteratur= +und des Theaters aller Zeiten
- und Völker+. Von =Julius Hart=. Zwei Bände, 1886 Seiten, 825
- Abbildungen, 16 Tafeln in Schwarz- und Farbendruck. Preis in
- Leinen fein gebunden =18 Mk.= In Halbleder hochfein gebunden
- =22 Mk.=
-
- =Gesamtregister= bearbeitet von =der Verlagsbuchhandlung=.
- Ein Band von etwa 300 Seiten. Das Gesamtregister wird jedem
- Abnehmer des Gesamtwerkes, also dem Käufer aller sechzehn
- Textbände, kostenlos geliefert; sonst wird es abgegeben:
- in feinen Leinenband gebunden, zum Preise von =6 Mk.=, in
- hochfeinen Halblederband gebunden zum Preise von =8 Mk.=
-
-Alle Werke zeichnen sich neben anerkannt vorzüglichem Text durch
-=ungemein billigen Preis=, =reichen, prächtigen Bilderschmuck= und
-=geschmackvolle Einbände= aus. Es sind Bücher, =welche zu den ersten
-Schätzen unserer Literatur= gehören; auf jedem =Weihnachtstische=
-werden sie überall Freude und Bewunderung hervorrufen.
-
-
- Reich illustrierte Probehefte aller Werke werden umsonst
- und postfrei geliefert.
-
-
-Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.
-
-
-
-
-Verlag von J. Neumann in Neudamm.
-
-
- Für Kriegsveteranen, Volksbibliotheken und zu
- Prämienzwecken.
-
- Aus großer Zeit.
-
- Bilder
- aus dem Kriegsleben eines pommerschen Jägers.
-
- Von
- =Paul Lehmann-Schiller.=
- +Mit erläuternden Abbildungen.+
- Preis hochelegant gebunden =5 Mk.=
-
-=Die Literatur über Kriegserinnerungen= ist nicht gering, aber auch der
-Interessentenkreis für solche Werke ist ein großer. Unter den vielen
-Büchern dieses Genres nimmt obengenanntes, das erst im Jahre 1903
-erschienen ist, =nicht den letzten Platz= ein. Die Kritik nennt es mit
-Recht ein =prächtiges, rein aus dem Leben geschöpftes Buch für jung
-und alt=! Sein Verfasser ist heute Direktor des Schiller-Gymnasiums
-zu Stettin. Nach Ausbruch des Krieges 1870 machte er sofort das
-Abiturientenexamen und trat als Einjährig-Freiwilliger bei den
-=Greifswalder, pommerschen, zweiten Jägern= ein. Nach der Schlacht von
-Sedan zur Belagerung von Metz ins Feld geschickt, machte Lehmann diese,
-die Belagerung von Paris (Champigny) und die Jagd auf Bourbaki durch
-das südöstliche Frankreich mit. -- Wir lesen das =humorvolle Tagebuch
-eines jungen Idealisten, dreißig Jahre später durchgearbeitet und in
-seinem Stoff gesichtet von dem gereiften Manne=, mithin ein Werk,
-dessen Lektüre mehr bietet, wie die meiste stoffverwandte Literatur,
-und sich dem =alten Feldzugssoldaten=, wie dem =Freunde deutscher
-Geschichte zum Genuß= gestaltet. Auch =kulturgeschichtlich=, sowohl
-=für deutsche=, wie =namentlich für französische Verhältnisse=, bietet
-das Buch viel. Besonders aber werden die meist =hochdeutsch=, aber
-vielfach auch in =echt vorpommerschem Platt= gegebenen Schilderungen
-durch ihren =frischen= und =humordurchwehten Ton= seinem Besitzer
-genußreiche Lesestunden bereiten.
-
-Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.
-
-
-
-
-Verlag von J. Neumann in Neudamm.
-
-
- Schönstes Buch für die wirklich reifere Jugend,
- besonders für zukünftige Forstleute, Jäger und Landwirte.
-
- Das Jägerhaus
- am Rhein.
-
- Jugenderinnerungen eines alten Weidmannes.
-
- Dem jägerischen Nachwuchse erzählt von
- =Oberländer=.
-
- Mit 104 Originalabbildungen von Jagdmaler =C. Schulze=.
- Preis hochelegant gebunden =8 Mk.=
-
-=Das Jägerhaus am Rhein= will den Sinn für =echt weidmännisches Fühlen
-und Denken=, sowie für die =Liebe zur Natur= schon =in der Brust des
-Knaben= wecken, aus dem später einmal ein tüchtiger und weidgerechter
-=Jäger= werden soll. Die Lehren geschehen an der Hand einer prächtigen
-und überall in edelstem Sinne unterweisenden Schilderung von
-=Oberländers eigenen Jägerlehrjahren= und dabei nicht etwa im trockenen
-Schulmeisterton, sondern in einer =so glücklichen und anziehenden
-Form=, daß das Buch nicht allein eine hervorragende Bildungsschrift für
-die =reifere Jugend= genannt werden kann, sondern auch dem =erfahrenen
-Weidmanne=, der sich bei Oberländers Schilderungen vielfach in seine
-eigene Jugend zurückversetzt sieht, das größte Interesse abgewinnen
-muß. Jedem Jüngling, dem das =erste Gewehr= soeben =anvertraut wurde=,
-oder der es demnächst =führen soll=, müßte mit diesem =Das Jägerhaus am
-Rhein= in die Hand gegeben werden; die Lehren =Oberländers= werden so
-unendlich viel Gutes schaffen. Das reich und wunderhübsch illustrierte
-Buch ist mithin besonders =als Festgeschenk= für die wirklich reifere
-Jugend geeignet und namentlich für den in der =Jagd-=, =Forst-= oder
-auch in der =Landwirtschaftslehre= stehenden zukünftigen Jäger.
-
-Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.
-
-
-
-
-Verlag von J. Neumann in Neudamm.
-
-
- Schönstes Geschenkwerk für die Jugend,
- besonders für Jäger-, Forstmanns- und Landkinder im Alter
- von acht bis vierzehn Jahren.
-
- Aus der
- Waldheimat.
-
- Deutsche Wald- und Jägermärchen
- für jung und alt.
-
- Erzählt von
- =Ernst Ritter von Dombrowski=
- und reich illustriert von =Hans Rudolf Schulze=-Berlin.
- Preis hochelegant gebunden =4 Mk.=
-
-Niemals wird sie ausgesungen, die Poesie des deutschen Waldes;
-unerschöpflich in ihrer Schönheit quillt sie als ein Born der Dichtung,
-der Sage und des Märchens aus der Phantasie unserer deutschen Dichter.
-Zu ihnen gesellt sich als neuester der altbekannte Jagdschriftsteller
-=Ernst von Dombrowski= und bietet uns, gleich einem =taufrischen Strauß
-Laub- und Nadelzweige aus deutschem Walde, zwölf herrliche, sinnige=
-und so =tief empfundene Märchen für unsere Weidmannskinder=, wie sie
-nur ein =Dichter= zu schreiben versteht, der in =Wald und Weidwerk= zum
-gereiften Manne wurde. Deshalb eignet sich »=Aus der Waldheimat=« auch
-wie kein anderes Märchenbuch für das =deutsche Jägerkind=, und überall,
-wo einem solchen ein Geschenk gemacht werden soll, wird das hier
-angekündigte Buch die trefflichsten Dienste tun. Wie bei keiner anderen
-Lektüre werden unsere Kinder durch diese Dichtung in =die Schönheiten
-und den ewig jugendlichen Reiz unserer Wälder= sowie in =die Poesie des
-deutschen Weidwerkes= eingeführt und ihre Sinne erfüllen sich unbewußt
-mit jener Gedankenwelt, die noch den Schatz und das Heiligtum des
-gereiften Mannes, ja, des Greises im grünen deutschen Walde bilden.
-
-Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Der Schmutztitel wurde entfernt.
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- In der Textversion wurden die Hinweise auf die Kapitelverzierungen
- entfernt.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 36: daß → das
- Er sagt, {das} sei Einbildung
-
- S. 65 mirami → mirari
- Credo ego vos judices {mirari}
-
- S. 65: summas → summus
- Wenn wir z. B. sagen, ~{summus} mons~
-
- S. 99: Konjuktivs → Konjunktivs
- Wesen des lateinischen {Konjunktivs} gemartert
-
- S. 100: Deliquenten → Delinquenten
- wie dem {Delinquenten}, der unter dem Fallbeil liegt
-
- S. 101: jeder diese → jede dieser
- daß man {jede dieser} verschiedenen Auffassungen
-
- S. 140: bebesonderes → besonderes
- jeden einzelnen in ein {besonderes} Lokal
-
- S. 140: Sympton → Symptom
- erste {Symptom} dieser neu sich regenden Elastizität
-
- S. 155: Leben → Lebens
- auf die Kleinheit und Gemeinheit des {Lebens}
-
- S. 159: areco → arceo
- Odi profanum vulgus et {arceo}
-
- S. 163: gefügelten → geflügelten
- die {geflügelten} Worte des Gymnasialherrschers
-
- S. 205: Ihnen → ihnen
- daß {ihnen} die Regeln über den griechischen Optativ
-
- S. 212: anderhalb → anderthalb
- die {anderthalb} Monate diesmal so recht gründlich
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Gesammelte Schulhumoresken, by Ernst Eckstein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE SCHULHUMORESKEN ***
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-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.
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-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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- and discontinue all use of and all access to other copies of
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-- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days
- of receipt of the work.
-
-- You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
-collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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- The Project Gutenberg eBook of Gesammelte Schulhumoresken, by Ernst Eckstein.
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-<pre>
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-The Project Gutenberg EBook of Gesammelte Schulhumoresken, by Ernst Eckstein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Gesammelte Schulhumoresken
-
-Author: Ernst Eckstein
-
-Release Date: May 16, 2016 [EBook #52083]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE SCHULHUMORESKEN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich <a href="#tnextra">am Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<div class="figcenter">
-<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Gesammelte<br />
-Schulhumoresken</h1>
-
-<p class="center">enthaltend die früheren Sammlungen</p>
-
-<p class="center larger">Besuch im Karzer &ndash; Katheder und Schulbank &ndash;<br />
-Schulmysterien &ndash; Stimmungsbilder aus dem<br />
-Gymnasium &ndash; Samuel Heinzerlings Tagebuch</p>
-
-<p class="center">und eine Anzahl in Buchform noch
-nicht veröffentlichter Geschichten</p>
-
-<p class="center larger">Von</p>
-
-<p class="h2">Ernst Eckstein</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-003.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center"><b>Neudamm</b><br />
-Verlag von J. Neumann
-</p>
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span></p>
-
-<h2><a id="Inhalts-Verzeichnis">
-
-<img src="images/illu-005.png" alt="" /><br />
-Inhalts-Verzeichnis.</a></h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Schülertypen</td>
-<td class="tdr"><a href="#Schulertypen">9</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Wie der Quartaner Holzheimer Primus wurde</td>
-<td class="tdr"><a href="#Wie_der_Quartaner_Holzheimer">17</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Ein Familienereignis</td>
-<td class="tdr"><a href="#Ein_Familienereignis">23</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><em class="antiqua">Knebelii discipuli Threnodia</em></td>
-<td class="tdr"><a href="#Knebelii_discipuli_Threnodia">34</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer:</td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdind">Erstes Bruchstück</td>
-<td class="tdr"><a href="#Privat_1">35</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdind">Zweites Bruchstück</td>
-<td class="tdr"><a href="#Privat_2">44</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Doktor Veit</td>
-<td class="tdr"><a href="#Doktor_Veit">54</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Erinnerungsbilder</td>
-<td class="tdr"><a href="#Erinnerungsbilder">60</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Allerlei Unarten</td>
-<td class="tdr"><a href="#Allerlei_Unarten">74</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der entrüstete Oberlehrer</td>
-<td class="tdr"><a href="#Der_entrustete_Oberlehrer">95</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Bierparagraph</td>
-<td class="tdr"><a href="#Der_Bierparagraph">96</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Vom Rauchen</td>
-<td class="tdr"><a href="#Vom_Rauchen">103</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Lyrik auf dem Gymnasium</td>
-<td class="tdr"><a href="#Die_Lyrik_auf_dem_Gymnasium">110</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Primanerliebe</td>
-<td class="tdr"><a href="#Die_Primanerliebe">120</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs</td>
-<td class="tdr"><a href="#Aus_dem_Schuldbuche_Wilhelm_Rumpfs">127</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Eindrücke aus dem Karzer</td>
-<td class="tdr"><a href="#Eindrucke_aus_dem_Karzer">137</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Besuch im Karzer</td>
-<td class="tdr"><a href="#Der_Besuch_im_Karzer">163</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Samuel Heinzerlings Tagebuch</td>
-<td class="tdr"><a href="#Samuel_Heinzerlings_Tagebuch">181</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren:</td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdind">I. Der schnöde Primaner-Triumph</td>
-<td class="tdr"><a href="#Aus_Samuel_1">200</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdind">II. In der Bierstube</td>
-<td class="tdr"><a href="#Aus_Samuel_2">201</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Klassenprüfung</td>
-<td class="tdr"><a href="#Die_Klassenprufung">203</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Ferien</td>
-<td class="tdr"><a href="#Ferien">211</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Maturitätsexamen</td>
-<td class="tdr"><a href="#Das_Maturitatsexamen">218</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p>
-
-<h2><a id="Vorwort">
-<img src="images/illu-007.png" alt="" /><br />
-Vorwort.</a></h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">Die vorliegende Sammlung vereinigt zum erstenmal Ernst
-Ecksteins <em class="gesperrt">sämtliche</em> Schulhumoresken in einem Band.
-Einige davon, wie »Der Besuch im Karzer«, »Samuel
-Heinzerlings Tagebuch«, »Schulhumor« u. a., sind als
-Einzelbände erschienen und haben in vielen Tausenden von Exemplaren
-Verbreitung gefunden; andere sind aus dem Buchhandel
-gänzlich verschwunden oder wurden nur in Zeitschriften veröffentlicht;
-alle aber haben sich so zahlreiche Freunde erworben, daß in dem
-großen Kreise derselben zum mindesten die Sammlung sicher freudig
-begrüßt werden wird. Daß sie auch Widerspruch erfahren dürften,
-wird ihrer Verbreitung vermutlich ebensowenig schaden, wie dies bei
-den verschiedenen Einzelausgaben der Fall gewesen ist. Ist doch
-»Der Besuch im Karzer« &ndash; an einem regenschweren Herbsttage in
-Rom entstanden und in den »Fliegenden Blättern« zuerst veröffentlicht
-&ndash; bis auf den heutigen Tag eines der gelesensten deutschen
-Bücher geblieben, obgleich er von verknöcherten Pädagogen von jeher
-in Acht und Bann getan und als ein Schädling bezeichnet worden ist,
-geeignet, die Autorität der Lehrer und damit die in der Schule so
-nötige Disziplin zu untergraben.</p>
-
-<p>Aber lassen sich solche, für den Wert oder Unwert der Humoresken
-übrigens ganz gleichgültige Behauptungen im Ernste aufrecht
-erhaben? Wer, der je eine Schulbank gedrückt, hat nicht mit
-scharfen Augen alle die kleinen Schwächen seiner Lehrer im Fluge<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span>
-herausgefunden und an lustigen Schülerstreichen sich erfreut? Aber
-hat dies alles vermocht, in Tausenden von Schülerherzen Liebe und
-Verehrung, Anhänglichkeit und Dankbarkeit zurückzudämmen, die
-tüchtige Lehrer allezeit überreich gefunden haben? So haben auch
-Ernst Ecksteins Schulhumoresken niemals auch nur den geringsten
-Schaden gestiftet oder gar mit zu der Verrohung unserer Jugend
-beigetragen, über die man jetzt so vielfach klagen hört. Aber sie
-haben manch' müdes und trübes Auge hell aufleuchten lassen in
-der Erinnerung an die, ach! so lange entschwundene sonnige und
-goldene Schülerzeit, und manches herzliche Lachen haben sie ausgelöst
-bei vielen, die im Ernste des Lebens das Lachen beinahe verlernt
-hatten. Möge ihnen dies auch in Zukunft immer gelingen,
-dann werden sie ihre Aufgabe auch im Sinne und nach dem Wunsche
-ihres Autors voll erfüllt haben.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span></p>
-
-<h2 id="Schulertypen">
-<img src="images/illu-009.png" alt="" /><br />
-Schülertypen.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">Das Gymnasium ist für den, der ein offenes Auge besitzt, so
-recht eigentlich die Schule der Menschenkenntnis. Später
-im bürgerlichen Leben hat man kaum je die Gelegenheit,
-so eingehende Charakterstudien zu machen, wie hier, wo
-der tägliche Verkehr und die noch mangelnde Routine des Komödiespielens
-die überraschendsten Blicke in die verschiedenen Individualitäten
-gewährt. Im Gymnasiasten, zumal im Primaner, ist das künftige
-Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft bereits bis auf wenige unbedeutende
-Retouchen vorgezeichnet. Wer in diesem aufgeschlagenen
-Buche zu lesen versteht, der wird jedem einzelnen schwerlich ein
-unrichtiges Prognostikon stellen. Selbst mit der geringen Erfahrung,
-die ich in Prima besaß, wußte ich mir doch von gar
-manchem unter meinen Kameraden ein Zukunftsbild zu entwerfen,
-das sich nachmals in seinen wesentlichen Zügen verwirklicht hat.</p>
-
-<p>Da die Menschheit überall die gleiche ist, so wiederholen sich
-auch die Schülertypen mit einer fast mathematischen Regelmäßigkeit.
-Fassen wir die hervorragendsten etwas näher ins Auge.</p>
-
-<p>Da finden wir zunächst den von seiner eigenen Tüchtigkeit
-mannhaft durchdrungenen Kernschüler, meist Sohn einer armen
-Witwe, der er durch fleißige Privatstunden einen Teil ihrer Sorgen
-abnimmt. Er besitzt einen lobenswerten Eifer und eine klare, ruhige
-Intelligenz, die hin und wieder kleine, von ihm krankhaft überschätzte
-Anläufe in der Richtung der Phantasie nimmt; daher er denn
-zuweilen den Versuch macht, die Themata des deutschen Aufsatzes
-novellistisch zu behandeln. Er ist sich eines tief sittlichen Ernstes<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span>
-bewußt und übt gegen diejenigen seiner Kameraden, über die er sich
-hoch erhaben dünkt, das heißt also gegen alle, einen gewissen väterlichen
-Sarkasmus. Klein von Statur, sucht er diesem Mangel durch
-eine straffe Haltung und durch eine biedermännliche Art des Auftretens
-abzuhelfen. Über die jugendlichen Schwärmer, die da
-halbe Nachmittage vertrödeln, nur um ein einziges Mal dem blonden
-Töchterchen des Professors zu begegnen, zuckt er mitleidig die Achseln.
-Sein Herz ist zwar nicht unempfindlich; vielmehr hat auch er bereits
-eine stille Neigung; aber konsequent und logisch, wie er ist, betrachtet
-er solche zwecklosen Huldigungen als Zeitvergeudung. Er lebt sich
-und der Wissenschaft, absolviert das Maturitäts-Examen mit
-Nummer eins, scheint nach Erlangung dieses Resultates um zwei
-Zoll gewachsen zu sein, gebärdet sich wie der bedeutende Mann
-<em class="antiqua">kat' exochen</em>, studiert Philologie, beendet sein Triennium gleichfalls
-mit Auszeichnung, ist ein halbes Jahr später vierzehnter Oberlehrer
-in Liegnitz und heiratet seine Mathilde nach einer verhältnismäßig
-kurzen Brautschaft. Er hält seine Zöglinge streng im Zaum, sendet
-seiner Mutter alljährlich eine kleine Unterstützung und erzeugt drei
-oder vier Kinder. Hiermit aber ist seine »Tüchtigkeit«, die in Prima
-so selbstbewußt auf den Troß der Nichttüchtigen herabschaute, ein
-für allemal erschöpft; von irgend einer bedeutenden Leistung bekommt
-die erwartungsvolle Heimat nichts zu hören. Er, der sich als der
-Mann seines Jahrhunderts gerierte, ist ganz und gar aufgegangen
-in der Ernährung und Fortpflanzung. Im vierzigsten Jahre schreibt
-er vielleicht eine lateinische oder französische Grammatik, die unbekannt
-bleibt wie der Name ihres Verfassers. Trotz alledem und alledem
-hält er sich nach wie vor für das Ideal eines Menschen; er ist nur
-darum nicht Lessing und Goethe, weil seine Tätigkeit als Gymnasiallehrer
-ihn so sehr in Anspruch nimmt, daß ihm für alle anderen
-Dinge die Zeit fehlt. Auch in der Malerei &ndash; er hat seiner Frau
-zu ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag ein Album überreicht,
-dessen Titelblatt er eigenhändig gezeichnet &ndash; auch in der Malerei
-mangelt ihm nur die Muße. Da aber Raphael einem bekannten
-Ausspruch zufolge selbst dann ein großer Maler gewesen sein würde,
-wenn er ohne Arme auf die Welt gekommen wäre, so fühlt sich auch
-unser ehemaliger Kernschüler im tiefsten Grund seines Wesens dem<span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span>
-großen Urbinaten oder doch etwa den Herren Maratta und
-Domenichino ebenbürtig.</p>
-
-<p>In politischen Dingen huldigt er einem ernsten, gemessenen
-Liberalismus. Was seine religiösen Überzeugungen angeht, so liegt
-ihm das Dogma ferne; doch ist er fest überzeugt, daß dereinst in
-den unbekannten Regionen des Jenseits eine Vergeltung, das heißt
-in seinem speziellen Fall eine Belohnung, eintreten wird; unter
-welcher Form, ist ihm gleichgültig.</p>
-
-<p>Eine höchst traurige Erscheinung im Schülerkreise ist der ausgesprochene
-Dummkopf. Wer kennt ihn nicht? Mit blöden Augen
-und einem Gesichtsausdruck, der die vollkommenste Gleichgültigkeit
-gegen alle Erscheinungen der Außenwelt bekundet, so sitzt er da,
-stramm, breitschulterig, nichts weiter als eine Raumerfüllung. Richtet
-der Lehrer eine Frage an ihn, so erhebt er sich schwerfällig und
-glotzt: niemals ist eine Antwort über seine Lippen geglitten; aber
-auch niemals hat ihn diese Unfähigkeit, zu antworten, aus dem
-Gleichgewichte gebracht. Er ist zwar nicht imstande, das Horazische
-<em class="antiqua">Nil admirari</em> ins Deutsche zu übersetzen; dagegen scheint ihm der
-Kern dieser Worte vollkommen in Fleisch und Blut übergegangen zu
-sein. Der Dummkopf ist gleich unempfindlich gegen den Fluch der
-Lächerlichkeit, wie gegen eine dröhnende Standrede. In jeder Klasse
-haftet er zwei bis drei Jahre lang; in Sekunda sproßt ihm bereits
-ein erfreulicher Vollbart; in Prima weist seine Statur ein kräftiges
-Embonpoint auf. Er avanciert indes selten bis in die erste Klasse:
-meist haben sich seine Angehörigen schon vorher überzeugt, daß die
-akademische Bildung nicht das Feld ist, auf welchem der Dummkopf
-zu reüssieren vermag, daher er denn in der Regel als Sekundaner
-die Karriere des Landwirts ergreift &ndash; eine Umwandlung, die mit
-einemmal Leben in die träge Masse bringt. Der Dummkopf, der im
-Gymnasium zu faul schien, nur ein Glied zu rühren, treibt sich jetzt
-tagelang auf den Äckern herum und verrichtet die schwersten Arbeiten.
-Nach Verlauf von zehn Jahren finden wir ihn nicht selten als Rittergutsbesitzer
-wieder; ja, wenn er aus guter Familie ist, läßt er sich vielleicht
-in den Reichstag wählen, wo seine Tätigkeit, je nach Umständen, in
-»lautem Murren« oder in »Heiterkeit« besteht. Mit vierzig Jahren
-wird er Ökonomierat; auch entgeht ihm selten der Rote Adlerorden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span></p>
-
-<p>Sehr häufig verwechselt der Unverstand der Lehrer eine andere
-Spezies, nämlich den einseitig begabten Schüler, mit dem Dummkopf.
-Das zukünftige naturwissenschaftliche Genie legt nicht selten für das
-Studium der Sprachen eine absolute Talentlosigkeit an den Tag,
-die höchstwahrscheinlich mehr aus dem Mangel an Lust, als aus
-dem an wirklicher Begabung hervorgeht. So wurde dem berühmten
-Chemiker Justus Liebig von seinen Lehrern insgesamt das trübste
-Prognostikon gestellt. Die Naturwissenschaften hatten damals an
-den öffentlichen Schulen so gut wie keine Vertretung. Der junge
-Liebig, der sich schon früh eifrig mit seinem Lieblingsstudium
-beschäftigte, ist gewiß hundertmal vom Katheder herab in der
-bekannten Weise apostrophiert worden: »Denken Sie an mich, Liebig!
-Wenn Sie so fortfahren, so werden Sie über kurz oder lang
-Schiffbruch leiden!« Oder: »Was wollen Sie eigentlich einmal
-werden? Ich für meinen Teil bin ratlos.« Oder: »Wenn Sie
-nicht endlich zur Besinnung kommen, so werden Sie der Schandfleck
-Ihrer Familie werden!« Wie muß sich Justus von Liebig in
-späteren Jahren bei der Erinnerung an diese Prognostika amüsiert
-haben! Er, der Schöpfer der modernen Chemie, dem Tausende
-von Wißbegierigen aus allen Ländern der Erde zuströmten, er, der
-scharfsinnige, philosophische Kopf, der, im Gegensatz zu den aberwitzigen
-Apothekergehilfen und Barbiergesellen, den Gedanken, die
-Verstandesoperation als das Wesentliche, das Experiment aber
-gewissermaßen nur als die Probe auf das Exempel bezeichnete!
-Was ist aus den Lehrern geworden, die dem genialen Forscher den
-»unvermeidlichen Schiffbruch« weissagten? Ihr Gedächtnis ist mit
-ihren Leibern zu Grabe gegangen, während der Name Liebigs
-leuchten wird, so lange es eine Wissenschaft gibt.</p>
-
-<p>Hier gilt es also, sehr wohl zu unterscheiden. Nicht jeder ist
-ein Dummkopf, der einen schlechten lateinischen Aufsatz schreibt, denn
-alles Genie reicht hier nicht aus, sobald die positiven Kenntnisse
-mangeln, und diese sind nur durch Fleiß oder doch durch Aufmerksamkeit
-zu erwerben. Ein universell begabter Kopf wird allerdings,
-selbst wenn er eine ausgesprochene Vorliebe für ein spezielles Fach
-besitzt, auch die übrigen Fächer spielend bewältigen. So läßt sich
-denn z. B. nicht denken, daß ein Mann wie Schopenhauer auf<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span>
-irgend einem Gebiet hinter seinen Mitschülern zurückgestanden hätte.
-Aber solche Naturen sind äußerst selten, daher wir sie den Schülertypen
-nicht beizählen dürfen.</p>
-
-<p>Eine weitverbreitete Spezies von Schülern repräsentiert der
-humoristisch beanlagte Autoritätsfeind, wie ich ihn mit großer Ausführlichkeit
-in der Gestalt meines unvergeßlichen Freundes Wilhelm
-Rumpf zu zeichnen versucht habe.</p>
-
-<p>Der humoristisch beanlagte Autoritätsfeind ist das sanguinische
-Element auf der Polhöhe. Mit einer edlen Sorglosigkeit erträgt er
-die empfindlichsten Freiheitsberaubungen. Von überaus leichter
-Fassungsgabe, bedarf er durchaus keiner Vorbereitung, um in den
-meisten Fächern mit Glanz zu bestehen. Der krankhafte Ehrgeiz,
-wie er den oben gezeichneten »tüchtigen« Schüler beseelt, ist ihm
-fremd. Auch ihm wird von ernsten Pädagogen vielfach der bevorstehende
-Schiffbruch angekündigt, eine Prophezeiung, die er mit
-dem freundlichsten Lächeln von der Welt hinnimmt. Er macht in
-der Regel eine mehr oder minder glänzende Karriere, gleichviel auf
-welchem Gebiete.</p>
-
-<p>Eine sehr unangenehme Erscheinung ist der frühreife Schüler.
-An den erheiternden Störungen und sonstigen Zwischenfällen nimmt
-er nur beiläufig Teil; dagegen ist er anerkannt als Sachverständiger
-auf dem Gebiete des Tabaks und des Bieres. Er trägt in elegantem
-Futteral eine Meerschaumspitze bei sich, deren kunstgerechtes Anrauchen
-ihm wochenlang als Ideal vorschwebt. Er verkehrt fast
-nur mit Studenten. Jene platonischen Regungen, die man unter
-der Bezeichnung der Primanerliebe versteht, sind ihm fremd. Er
-wirft sein Auge vorzugsweise auf die Feminina der dienenden
-Klasse, da seine Wünsche durchaus realistischer Natur sind. Seinem
-späteren Entwicklungsgang sind sehr verschiedene Wege vorgezeichnet.
-Nicht selten wird er ein brauchbarer Mediziner. Mitunter
-benutzt er die geringe Konkurrenz auf dem Gebiete der
-Theologie und entpuppt sich so schließlich als ehrsamer Landprediger,
-der die Bauern auffordert, die Lüste des Fleisches zu
-töten und dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Oft auch
-ereilt ihn als Folge seiner schon so früh begonnenen Exzesse ein
-vorzeitiger Tod.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span></p>
-
-<p>Noch unangenehmer als diese Spezies ist der hämische Denunziant.
-Er gehört unter die Stillen im Lande und benutzt jede
-Gelegenheit, wo er einem Mitschüler einen Schabernack spielen kann.
-Seine Haltung ist gebeugt, sein Blick unstet und lauernd. Soll
-irgendwo in der Umgebung der Stadt eine Orgie gefeiert werden,
-so benachrichtigt er den Direktor in einem anonymen Briefe. Findet
-eine Untersuchung statt, so ist er stets »wahrheitsliebend«, wenn
-nicht etwa die Furcht vor den Fäusten seiner Kameraden ihn zum
-Schweigen veranlaßt. Die Lehrer geben sich zwar den Anschein,
-als ob sie diese Gattung von Schülern sehr hoch schätzten; im
-Grund ihres Herzens widmen sie ihnen jedoch eine unbegrenzte
-Verachtung. Auch diese Sorte macht unter Umständen Karriere,
-materielle wenigstens; zu Ruhm und Ansehen freilich bringen sie
-es höchstens für kurze Zeit.</p>
-
-<p>Fast jede Klasse hat ferner ihren genial sein wollenden Wirrkopf.
-Ich meinesteils entsinne mich der köstlichsten Exemplare. Der Wirrkopf
-ist frühzeitig Mitglied des städtischen Gesangvereins. Er komponiert
-selbstgedichtete Texte, er treibt Ästhetik, ja, er liest vielleicht Hegel
-oder Schopenhauer. Von alledem sieht es in seinem Gehirn so
-wüst aus, daß kein logischer Gedanke mehr aufzukeimen vermag.
-Seine deutschen Aufsätze strotzen von widernatürlichen Bildern. Ich
-erinnere mich, daß wir in Prima eine Arbeit über das böse Gewissen
-zu liefern hatten. Der Wirrkopf der Klasse schloß seinen
-Aufsatz mit der pathetischen Phrase: »Und so liegt denn das böse
-Gewissen wie ein eiserner Klotz vor der Tür, der in jedem
-Augenblick wie Gift durch die Adern strömt und selbst im
-Tode kein Ende nimmt.« Der Wirrkopf war verblendet genug, mir
-dieses unglaubliche Zeug am Tage vor der Einlieferung vorzulesen,
-in der Erwartung, meinen bewundernden Beifall zu ernten. Ich
-setzte ihm auseinander, daß hier eine heillose Vermischung der
-heterogensten Dinge vorliege; aber mit geringschätzigem Lächeln wies
-er meinen Einwand zurück, so daß er denn später vom Katheder
-herab vor der <em class="antiqua">corona commilitonum</em> des Blödsinns bezichtigt wurde.
-Aber selbst diese Konstatierung der Sachlage blieb fruchtlos. Der
-Wirrkopf war von seiner Leistung so eingenommen, daß er sie später
-als Broschüre drucken und an seine Freunde verteilen ließ.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>Jede wirkliche Leistung betrachtet der Wirrkopf als etwas Geringfügiges.
-Er hat hierin eine gewisse Verwandtschaft mit dem
-»Tüchtigen«, nur daß der gleiche Irrwahn hier aus einer anderen
-Quelle fließt. Der Wirrkopf macht in der Regel eine sehr obskure,
-sang- und klanglose Karriere; aber er trägt sich nach wie vor mit
-dem Bewußtsein, daß er das einzige wahrhafte Genie seines Jahrhunderts
-ist. Hat einer seiner früheren Schulkameraden später eine
-hervorragende Stellung errungen, so lächelt er über diese »ephemeren«
-Erfolge. Er schreibt vielleicht ein Tagebuch, in welchem ab und zu
-Betrachtungen über das rasche Vergehen der Zeit (die ganz im
-Gegensatz zu dem eisernen Klotz des Gewissens durchaus nicht vor
-der Tür liegen bleibt) mit Ausrufen über die Verblendung des
-Menschengeschlechts und die Verwerflichkeit der Pariser Moden abwechseln.
-Die Titelseite dieses Tagebuches trägt die Aufschrift: <em class="antiqua">Erga
-paralipomena</em>, ein bescheidener Anklang an die kleinen Schriften
-des Frankfurter Philosophen. Der Wirrkopf ist in die Welt gekommen,
-um seinen Mitmenschen die wahre Einsicht über das Wesen
-der Kunst und der Philosophie zu bringen; freilich, wie alle großen
-Geister wird er erst nach seinem Tode anerkannt werden. Dieses
-Bewußtsein verleiht allem, was er tut, eine eigentümlich groteske
-Würde. Er setzt kein Seidel an den Mund, ohne sich die Frage
-aufzuwerfen, ob dieses Glas nicht im Grunde ein beneidenswertes
-Objekt sei, da es von den Lippen eines so hervorragenden Sterblichen
-ausgeschlürft werde. Wenn er sich kämmt, so lächelt er bei dem
-Anblick der ihm allenfalls ausgehenden Haare still vor sich hin …
-Wie manche junge Dame würde sich glücklich schätzen, wenn sie drei
-oder vier dieser Haare für ihr Medaillon erwerben dürfte! Denn
-&ndash; das hätten wir beinahe vergessen &ndash; der Wirrkopf hält sich dem
-weiblichen Geschlecht gegenüber für unwiderstehlich. Mit edler
-Offenheit spricht er von seinem geistvollen Auge, auf das er sich ja
-durchaus nichts einbildet. In der Tat besitzt er einen schwärmerischen
-Aufschlag, der namentlich bei jungen Pfarrerstöchtern von ergreifender
-Wirkung ist. Nach langem Hin- und Herwählen verlobt er sich mit
-einem herzlich unbedeutenden Frauenzimmerchen. Da er vermöge
-seiner Wirrköpfigkeit nur langsam auf der Skala der bürgerlichen
-Existenz emporklimmt, so dauert sein Brautstand sieben, acht, neun<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span>
-und mehr Jahre. Er heiratet dann seine Braut aus Grundsatz;
-die eigentliche Verliebtheit ist längst zu Grabe gegangen. Aber der
-Wirrkopf tröstet sich mit der Tatsache, daß alles Glück in diesem
-Jammertale nur ein Phantom ist. In stillen Sommernächten
-überläßt er sich ganz und gar dem Weh über sein im Grunde verfehltes
-Dasein. Er singt dann das von ihm selbst verfaßte Klagelied
-»Herbstschauer« mit dem Refrain »Die Blätter, sie fallen« zu
-einer heftig verstimmten Gitarre und erzeugt dadurch ein Echo in
-der Brust sämtlicher benachbarten Hofhunde. Plötzlich stürzt seine
-dicke Jeanette auf den Altan und ruft ihm schwer keuchend die
-Worte zu:</p>
-
-<p>»Aber um Himmels willen, Eduard, du weckst ja die Kinder!«</p>
-
-<p>Im Innersten geknickt, stellt er die Gitarre an die Wand.
-Die Prosa des Lebens hat seine Seele aus den Regionen des
-Äthers wieder herabgerissen in die dunklen Tiefen Sansaras; voll
-stummer Ergebung besteigt er sein Lager an der Seite Jeanettens.</p>
-
-<p>Mit diesem Wirrkopf schließen wir. Die Zahl der Schülertypen
-ist natürlich noch lange nicht erschöpft; erschöpft aber ist
-vielleicht die Geduld des Lesers.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span></p>
-
-<h2 id="Wie_der_Quartaner_Holzheimer">
-<img src="images/illu-017.png" alt="" /><br />
-Wie der Quartaner Holzheimer
-Primus wurde.</h2>
-
-<p class="center">Von ihm selbst in Briefform aufgezeichnet.</p>
-</div>
-
-<p class="center">
-Hochgeehrter Herr Redakteur!
-</p>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-i">Ihr geschätztes Blatt erörtert mit Vorliebe charaktervolle
-Ereignisse aus dem alltäglichen Leben. In der Tat scheint
-mir der Ausspruch unseres vortrefflichen Schiller:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Was sich nie und nirgends hat begeben,<br /></span>
-<span class="i0">Das allein veraltet nie&nbsp;…<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">aus mehr als einem Gesichtspunkt &ndash; veraltet; womit ich keineswegs
-gesagt haben will, daß Schiller nicht gewisse Verdienste besäße.
-Erklärt doch derselbe Schiller, &ndash; ich habe das betreffende Gedicht
-erst vorgestern in der Deklamationsstunde rezitiert und infolge
-einer empörenden Verstimmung des Herrn Professors die Note
-»ungenügend« davon getragen, &ndash; erklärt doch derselbe Schiller, daß
-der Lebende recht hat. Das Deklamieren ist, beiläufig gesagt, meine
-Force, während ich im Griechischen durch allerlei Verkettungen
-häuslicher Übelstände in betrüblicher Weise zurückgeblieben und
-kaum imstande bin, die ersten Beispiele aus Jakobs zu übersetzen.
-Nichtsdestoweniger und dessenungeachtet gelang es mir neulich, just
-im Griechischen den Ehrenplatz eines Primus zu erobern und bis
-zum Schluß der Lehrstunde unbeeinträchtigt zu behaupten. Sie
-denken jetzt natürlich an unlautere Manipulationen, an abgeschriebene
-Exerzitien, an frech gehandhabte Spicker. Aber Sie irren: ich
-ward Primus auf ganz legitimem, ich möchte sagen, auf höchst
-honorigem Wege, und kraft jenes Grundsatzes, den schon die Bibel<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span>
-betont: »Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet werden«. Fahren
-Sie nur getrost in der Lektüre dieser meiner Darlegung fort.</p>
-
-<p>Professor <em class="antiqua">Dr.</em> Schmelzle, der uns den Jakobs erklärt, hat
-nämlich die befremdliche Angewohnheit, eine mangelhafte Leistung
-durch Degradation zu bestrafen. Kaum habe ich meinen Mund
-geöffnet, um den ersten <em class="antiqua">Aor. Ind. Act.</em> von βλέπω mit »ich wurde
-gesehen« zu verdeutschen, so ertönt schon das verhängnisvolle »Setz'
-Dich zu unterst!« Beim Repetieren wie beim Extemporieren, beim
-Hersagen der Paradigmen wie beim Abfragen des Wörterverzeichnisses
-&ndash; überall und jedesmal ernte ich dieses ungebührliche »Setz' Dich
-zu unterst!«, sobald ich auch nur zwei Silben über die Lippen
-gebracht habe. Es ist dies, wie Sie in Anbetracht meines sonstigen
-Bildungsgrades leicht ermessen werden, eine sogenannte Tücke des
-Schicksals, eine μοῖρα, ein <em class="antiqua">fatum</em>, das auf gewöhnlichem Wege nicht
-zu ändern ist. Wenn ich, der gehorsamst Unterzeichnete, gleichwohl
-ein Mittel fand, das anscheinend so unnahbare Ziel des ersten
-Platzes unter Zweiundzwanzigen zu erreichen, so danke ich dies
-lediglich meinem diplomatischen Scharfsinn, der allerdings in unserer
-Familie schon seit mehreren Generationen heimisch ist, wie denn
-mein Onkel mütterlicherseits, der bekannte Papierfabrikant Heinerle,
-die Schreibmaterialien in das Reichskanzleramt liefert, während
-mein Großvater vor der Schlacht bei Königgrätz die Äußerung
-getan haben soll: »Wenn das Schlachtenglück sich auf die Seite der
-Preußen neigt, so glaube ich der österreichischen Armee eine ernstliche
-Niederlage prophezeien zu dürfen!« <em class="antiqua">Habeat sibi!</em> wie Professor
-Gordon zu sagen pflegt, wenn ich im Bilden eines lateinischen
-Partizipialsatzes nicht von der Stelle komme. Sie selbst sollen
-entscheiden, ob ich zu viel behaupte.</p>
-
-<p>Professor Schmelzle &ndash; so viel wird Ihnen seit Beginn dieses
-Briefes klar sein &ndash; stellt an die Leistungsfähigkeit seiner Quartaner
-höhere Anforderungen, als er, streng genommen, vor dem Richterstuhle
-der Humanität verantworten könnte. Es fehlt ihm für die
-Beurteilung unserer Kenntnisse jeglicher Maßstab. Diese Tatsache
-fühlt er selbst, daher er denn von Zeit zu Zeit gewissermaßen an
-unser eigenes Urteil appelliert und am Schluß der Lehrstunde die
-bedeutsamen Worte spricht: »So, hm, hm! Fürs nächste Mal<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span>
-mögt Ihr Euch die Klassenaufgabe einmal selber auswählen. Schlagt
-mir, hm, hm! ein paar Themata vor, ich werde dann endgültig
-resolvieren!« Da ruft dann der eine: »Ach, Herr Professor, lassen
-Sie uns bei dem ganzen Pensum von heute das Perfektum ins
-Präsens verwandeln.« … »Nein, nein,« ruft der zweite, »lassen
-Sie uns die Erzählung vom Diogenes auswendig lernen!« Kurz,
-vier, fünf der hervorragendsten Schüler beantragen ihre meist sehr
-unverfänglichen Aufgaben, und der Herr Professor entscheidet dann.
-Leider bin ich, wie bereits angedeutet, infolge häuslicher Umstände
-selbst diesen leichteren Aufgaben nicht gewachsen, und wenn am
-folgenden Tage die Aufforderung des Lehrers mich trifft, so heißt
-es immer wieder unfehlbar: »Zu unterst!«</p>
-
-<p>Nun muß ich bemerken, daß Professor Schmelzle ein Dichter
-ist. Von Zeit zu Zeit veröffentlicht er im städtischen Anzeiger ein
-Kind seiner Muse, &ndash; sei es nun ein Hymnus auf die Rückkehr des
-Herzogs, ein Frühlingslied oder ein Festgesang beim Antritt des
-neuen Jahres.</p>
-
-<p>Es war nun am 10. Januar, als Professor Schmelzle uns
-wiederum die Wahl der Aufgabe für den folgenden Mittwoch freigab.
-In der Neujahrsnummer des städtischen Anzeigers hatte just
-eine Ode unseres allverehrten Lehrers gestanden, ein »Rückblick«
-von zwanzig Strophen, der die Ereignisse des verflossenen Jahres
-in tiefsinniger, ja, ich möchte fast sagen, unverständlicher Weise
-behandelte. Poeten sind eitel, und Professor <em class="antiqua">Dr.</em> Schmelzle ist, was
-diesen Punkt betrifft, ein Poet ersten Ranges. Als er daher am
-Schluß der Lehrstunde vom 10. Januar zu Vorschlägen aufforderte,
-erhob ich mich selbstbewußt und sagte mit Stentorstimme:
-»Herr Professor, lassen Sie uns das schöne Gedicht ›Rückblick‹, das
-Sie in der Neujahrsnummer unseres städtischen Anzeigers zu veröffentlichen
-die Güte hatten, ins Griechische übersetzen!«</p>
-
-<p>Sie stutzen, geehrter Herr Redakteur! In der Tat war das
-eine Aufgabe, an der selbst die Gewandtheit eines Primaners unausbleiblich
-gescheitert wäre. Aber gerade das wollte ich. Ich wollte
-diesen fünf, sechs Auserlesenen, die stets die Note »Vortrefflich«
-einheimsten, auch einmal zeigen, was es heißt, ein Problem lösen zu
-sollen, das unsere Kraft übersteigt. Aber noch mehr. Ich selbst wollte<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span>
-mich durch dieses glorreiche Strategem an die Spitze der Quarta
-schwingen und meinen Mitschülern dartun, daß ein offener Kopf
-praktisch mehr bedeutet als ein Wust von Optativen, die sich schließlich
-endigen mögen, wie sie wollen, &ndash; mir soll's egal sein.</p>
-
-<p>Der Professor war im ersten Moment über meine Kühnheit
-verblüfft, aber gleich darauf spielte um seine Lippen jenes eigentümliche
-Dichterlächeln, das mir den Sieg gewährleistete. Der
-Gedanke, daß dreiunddreißig mehr oder minder geistvolle Knaben sich
-stunden- und tagelang mit dem »Rückblick« beschäftigen, daß sie ihn
-analysieren und gewissermaßen in seine Einzelschönheiten aufdröseln
-sollten, &ndash; dieser Gedanke hatte für Professor Schmelzle etwas Verführerisches.
-Die Autoren-Eitelkeit überwog alle Bedenken, und die
-idealistische Auffassung bezüglich unseres Wissens machte ihn ja so
-wie so geneigt, uns allerlei Sisyphusarbeiten zuzumuten.</p>
-
-<p>»Gut,« sagte er schmunzelnd, »übersetzt mir den ›Rückblick‹
-ins Griechische. Die Sache wird Euch zwar Mühe machen, aber ein
-deutsch-griechisches Lexikon tut das übrige. Notabene, selbstverständlich
-braucht Ihr Euch nicht an das Metrum zu halten.«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten verließ er das Schulzimmer, während ich
-von meinen Kommilitonen mit drohenden Vorwürfen überhäuft
-wurde, die ich stoisch lächelnd zurückwies.</p>
-
-<p>Der entscheidende Mittwoch kam unter den mannigfachsten
-Qualen der gepeinigten Quarta heran.</p>
-
-<p>»Nun,« sagte der Herr Professor, indem er sich behaglich über
-das rundliche Kinn strich, »wer will mir denn einmal zuerst den
-griechischen ›Rückblick‹ vorlesen oder aufsagen?«</p>
-
-<p>Nicht ein einziger meiner Mitschüler meldete sich, denn alle
-fühlten die entsetzliche Unzulänglichkeit ihrer Arbeit; ich aber fuhr
-stolz in die Höhe und sagte mit fester, gemessener Stimme:</p>
-
-<p>»Ich, Herr Professor.«</p>
-
-<p>»Du, Holzheimer?« fragte der Professor erstaunt; »nun, da bin
-ich denn doch in der Tat begierig.«</p>
-
-<p>Ich hob mein Heft und begann. Kaum aber hatte ich zwei
-Zeilen meiner unglückseligen Übersetzung vorgetragen, als schon ein
-wütendes »Zu unterst! Zu unterst!« mir das Wort von den Lippen
-nahm. Da ich bereits zu unterst saß, so brauchte ich mich nicht<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span>
-weiter vom Platz zu bemühen. Ich setzte mich und wartete siegesgewiß
-der Dinge, die da kommen sollten.</p>
-
-<p>»Lies Du einmal, Kurschmann!« rief der Professor ärgerlich.</p>
-
-<p>Stotternd und stammelnd begann der sonst vortreffliche Schüler
-die Lektüre seines Elaborates.</p>
-
-<p>»Was?« unterbrach ihn der Lehrer beim dritten Worte. »Wie
-übersetzt Du diesen Passus: ›Im herben Mischkrug schnöder Vergangenheit?‹
-Bist Du von Sinnen? Augenblicklich zu unterst!«</p>
-
-<p>Das Haupt gesenkt schritt Kurschmann von der Bank der Erlesenen
-nach dem Strafplatze. Ich aber rückte einen hinauf.</p>
-
-<p>»Engelbach!« sagte der Herr Professor, »beschäm' einmal dieses
-barbarische Griechisch!«</p>
-
-<p>Engelbach las, aber er kam nicht weiter als Kurschmann. Die
-Aufgabe war eben für einen Quartaner unlöslich.</p>
-
-<p>»Zu unterst!« schrie der Professor, der die Unfähigkeit seiner
-Schüler wie eine persönliche Injurie empfand. Bei den Göttern!
-War denn diese Neujahrsode so verworren, so unklar, daß zwei der
-besten Jakobs-Übersetzer, daß ein Kurschmann, ein Engelbach daran
-scheiterten!&nbsp;…</p>
-
-<p>»Kleewitz!« rief Schmelzle mit geröteter Stirn, als Engelbach
-neben Kurschmann Platz genommen und mich so abermals um
-einen herauf befördert hatte. »Du bist doch ganz gewiß imstande
-gewesen … Es müßte ja mit dem Teufel zugehen … Ich
-verlange ja keineswegs den vollendeten Attizismus, aber mein
-Gott … Was? Du hast überhaupt nichts geschrieben? Die Arbeit
-war Dir zu schwer? Du bist ja ein ganz erbärmlicher Junge! Zu
-unterst! Augenblicklich zu unterst!«</p>
-
-<p>Und abermals rückte ich einen hinauf.</p>
-
-<p>Dieser vierfache Mißerfolg hatte den Professor hitzig gemacht.</p>
-
-<p>»Ich will denn doch einmal sehen, ob nicht ein einziger in der
-ganzen Klasse so viel Griechisch besitzt, um dieses schlichte, einfache,
-ich kann wirklich sagen: edel-einfache Poem wiederzugeben! Einer wird
-doch von den rastlosen Bemühungen, die ich dieser Klasse fortwährend
-opfere, etwas profitiert haben. Grazmüller, Veltliner, Stechhuber!
-Beim Pluto, seid Ihr denn alle vernagelt? Grazmüller, lies
-einmal vor!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span></p>
-
-<p>Und Grazmüller las. Aber auch Grazmüller kam zu Fall,
-wurde im Tagebuch durch persönliche Eintragung des Professors mit
-Nachsitzen belegt, und dann ertönte das traditionelle »Zu unterst!«</p>
-
-<p>So rutschte ich Bank um Bank aufwärts, und als es drei
-Viertel schlug, &ndash; Sie mögen's nun glauben oder nicht, &ndash; als es
-drei Viertel schlug, war ich, Otto Leberecht Holzheimer, ich, das
-Opfer mißglückter Aoristformen, Primus!</p>
-
-<p>Der Professor bebte am ganzen Leibe.</p>
-
-<p>»Das ist zu viel!« raunte er mit erstickter Stimme. »Ich muß
-ein Exempel statuieren. Die ganze Klasse kann ich nicht einsperren, aber
-schon im Altertum pflegte man rebellische Legionen zu dezimieren …
-Die sechs Untersten werden mir über Mittag nachsitzen. Primus,
-Du wirst den Pedellen von dieser Verfügung in Kenntnis setzen.«</p>
-
-<p>Und ich, Otto Leberecht Holzheimer, meldete unserem Pedell,
-die sechs Ultimi, darunter zwei der vorzüglichsten Griechen, seien
-wegen ungenügender Leistung mit der empfindlichen Strafe des Herrn
-Professors <em class="antiqua">in aeternam rei memoriam</em> gebrandmarkt worden!</p>
-
-<p>Sehen Sie, geehrter Herr Redakteur, so geht's in der Welt!
-Der Geist siegte über das Fleisch, die deutsche Intelligenz über den
-griechischen Formelkram, der Germanismus über das Welsche,
-Bismarck über Benedetti, Schalk über das Philistertum, und Falk
-über die Jesuiten. Als deutscher Quartaner biete ich Ihnen, dem
-Gleichgesinnten, Gruß und Handschlag! Lassen Sie uns gemeinsam
-fortstreben im Dienste der echten, der geistesbefreienden Humanität!</p>
-
-<p class="center">
-Mit kollegialischem Gruß</p>
-
-<p class="center">
-Ihr<br />
-herzlich ergebener<br />
-<em class="gesperrt">Otto Leberecht Holzheimer</em>.<br />
-pr. Adr.: Herrn <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Friedrich Leberecht Holzheimer</em>,<br />
-Herzogl. Kreisphysikus und Sanitätsrat<br />
-zu <em class="gesperrt">Meppingen</em>.
-</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span></p>
-
-<h2 id="Ein_Familienereignis">
-<img src="images/illu-023.png" alt="" /><br />
-Ein Familienereignis.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-e">Es ist eigentümlich, wie schwer sich der Gymnasiast daran
-gewöhnt, das Privatleben seiner Lehrer unbefangen und
-parteilos ins Auge zu fassen und in dem Manne, der
-da berufen ist, von der Höhe seines Katheders den Äschylus
-zu erklären und Karzerstrafen zu verhängen, ohne störende Nebengedanken
-den Bürger und Staatsbürger zu würdigen. Alles, was der
-Lehrer im Kreise seiner Familie oder innerhalb der menschlichen Gesellschaft
-treibt, gewinnt für den Blick des Gymnasiasten eine absonderliche
-Beleuchtung, und zwar müssen wir zu unserem Bedauern
-konstatieren, daß diese Beleuchtung nur in Ausnahmefällen die einer
-rein menschlichen Sympathie ist. Vielmehr geht das Gymnasiastengemüt
-systematisch darauf aus, jeder Handlung des Gymnasialprofessors,
-und sei sie die indifferenteste und naturgemäßeste, eine komische
-Seite abzugewinnen und übermütige Glossen daran zu knüpfen.</p>
-
-<p>Zu den ernstesten und heiligsten Familienereignissen gehört die
-Vermehrung des Hausstandes durch einen jungen Sprößling.
-Unter normalen Verhältnissen beeilen sich sofort die Verwandten
-und Freunde, das höchlich erfreute Elternpaar zu beglückwünschen,
-und ein Inserat im Tageblatt verkündet auch den entfernteren
-Gönnern und Gesinnungsgenossen, daß die liebe Frau Berta oder
-Josephine ihren Gatten mit einem kräftigen Jungen überrascht habe.
-Wenn der Gymnasiast wirklich ein ethisch tief angelegtes Geschöpf
-wäre, so müßte ein derartiges Vorkommnis in der Familie des
-Gymnasialprofessors auf die ganze Klasse einen erhebenden und
-läuternden Einfluß ausüben. Aber just das Gegenteil ist der
-Fall&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span></p>
-
-<p>In Sekunda und Prima erfreuten wir uns eines Lehrers, der
-nur darum nicht die oben erwähnten Insertionskosten in jedem
-Semester dreimal zu tragen hatte, weil die Natur in diesem Punkte
-unüberwindliche Hindernisse aufgetürmt hat. Aber alljährlich einmal
-trat die beglückende Überraschung doch ein, und die ganze Klasse
-war dann in einer Weise demoralisiert, die mit dem Geist, wie er
-in einer Pflanzstätte des Schönen, Wahren und Guten herrschen
-soll, schroff kontrastierte.</p>
-
-<p>Schon einige Wochen vor dem entscheidenden Tage raunte man
-sich auf allen Bänken das Geheimnis von Doktor Brömmels erneuten
-Hoffnungen zu. Sobald diese Tatsache für ausgemacht galt, beschäftigten
-wir uns während der Unterrichtsstunden Brömmels vornehmlich
-mit Epigrammen und Xenien, denen es oblag, unsere Entdeckung
-nach ihrer sittlichen, kulturgeschichtlichen und nationalökonomischen
-Seite zu kritisieren.</p>
-
-<p>Eine hervorragende Rolle in diesen rhythmischen Kleinigkeiten
-spielte Niobe, als das Urbild eines überschwenglichen Mutterstolzes.
-Auch Danaos und andere mythische Gestalten woben sich zwanglos
-in unsere Distichen ein. Und da sich mir bei einer tieferen Würdigung
-der Sachlage die Erwägung aufdrängte, wie es Herrn Brömmel
-dereinst wohl gelingen möchte, seine zahlreichen Töchter glücklich und
-vorteilhaft zu verheiraten, so schuf ich, die Ereignisse antizipierend,
-eine Ballade, die mit den Versen anhub:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Herr Brömmel ist von Töchtern<br /></span>
-<span class="i0">Allmählich ganz umringt;<br /></span>
-<span class="i0">Er denkt und sinnt und dichtet,<br /></span>
-<span class="i0">Wie er sie unterbringt.<br /></span>
-<span class="i0">Schon sind Amandens Locken<br /></span>
-<span class="i0">Mit zartem Grau meliert,<br /></span>
-<span class="i0">Und Ostern wird die Jüngste,<br /></span>
-<span class="i0">So Gott will, konfirmiert.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Im weiteren Verlauf der Dichtung schob ich nun dem unglücklichen
-Lehrer eine endlose Reihe von Machinationen unter, von denen
-keine zum erwünschten Ziele führt. Da ergreift ihn die helle Verzweiflung.
-Die Hände zum Zeus erhoben, bricht er in die klagenden
-Worte aus:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">O Herr, sieh du in Gnaden<br /></span>
-<span class="i0">Auf meiner Töchter Zahl<br /></span>
-<span class="i0">Und hilf mir, Allerbarmer,<br /></span>
-<span class="i0">In meiner Vaterqual!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Da läßt Zeus seine Donner rollen, und eine vernichtende Stimme
-ruft dem erschrockenen Bittsteller zu:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Was du dir angerichtet,<br /></span>
-<span class="i0">Ertrage mit Geduld:<br /></span>
-<span class="i0">Hast du zu viele Töchter,<br /></span>
-<span class="i0">So bist du selber schuld!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Der Leser wird schon bei der Lektüre dieser wenigen Proben
-die Überzeugung gewinnen, daß unsere Lieblosigkeit einen wahrhaft
-beängstigenden Höhegrad erreicht hatte. Was war indes meine
-Ballade gegen die Xenien Wilhelm Rumpfs oder die Vierzeiler
-Emanuel Boxers? Eines dieser Quatrains lautete z. B.:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Und gibt's ein Zwillingspaar,<br /></span>
-<span class="i0">So sind's der Kinder zwei;<br /></span>
-<span class="i0">Und gibt's noch eines mehr,<br /></span>
-<span class="i0">So sind es ihrer drei.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ein anderes:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Wie zärtlich strahlt dein Angesicht,<br /></span>
-<span class="i0">Und wonnig glüht der Liebe Feuer!<br /></span>
-<span class="i0">Doch eines, Kind, bedenkst du nicht:<br /></span>
-<span class="i0">Das Geld ist rar, das Leben teuer.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ein drittes griff die Sache noch ironischer und beißender an.
-Es lautete:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Flocken, Flocken streut der Winter,<br /></span>
-<span class="i0">Zahllos wie der Sterne Heer,<br /></span>
-<span class="i0">Zahllos wie der Sand am Meer,<br /></span>
-<span class="i0">Zahllos wie Herrn Brömmels Kinder.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Oder in knapperer Form:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wie ist die Stadt verwaist!«<br /></span>
-<span class="i0">Die Brömmels sind verreist.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ja, selbst ethnographische Streiflichter blitzten aus unseren geistsprühenden
-Epigrammen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Das deutsche Volk vermehrt sich flott,<br /></span>
-<span class="i0">Und Frankreich senkt beschämt die Fahne …«<br /></span>
-<span class="i0">Kein Wunder das, beim ew'gen Gott!<br /></span>
-<span class="i0">Herr Doktor Brömmel ist Germane!<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span></p>
-<p>Unter solchen und ähnlichen Perfidien verstrich Woche um Woche,
-und nun ging es ungefähr, wie ich nachstehend verzeichne.</p>
-
-<p>Es war etwa in der Nachmittagsstunde zwischen zwei und drei.
-Doktor Brömmel erging sich gerade in einer ausführlichen Darlegung
-der griechischen Literaturverhältnisse seit dem Tode des Euripides …
-Plötzlich vernahm man an der Tür des Schulsaales ein schüchternes
-Pochen.</p>
-
-<p>»Herr Professor, es klopft!«</p>
-
-<p>Über die Züge Brömmels flog ein eigentümliches Leuchten.</p>
-
-<p>»So, es klopft?« sagte er mit unsicherer Stimme. »Sehen Sie
-einmal nach, Boxer, wer da ist.«</p>
-
-<p>Boxer ging, um zu öffnen. Im Rahmen der Pforte ward
-das ernste Haupt des Pedells sichtbar.</p>
-
-<p>»Ah, Sie sind es, Quaddler«, sagte der Professor, nur mit
-Mühe eine gewisse Erregung bewältigend. »Was wollen Sie?«</p>
-
-<p>»Herr Professor, Ihr Mädchen ist draußen, Sie möchten doch
-rasch mal nach Haus kommen.«</p>
-
-<p>Durch die versammelte Sekunda ging ein leises, fast unhörbares
-Murmeln. Boxer, der sich wieder auf seinen Platz zurückzog, streckte uns
-bedeutsam die Zunge heraus und zog die Brauen in die Höhe, als
-wollte er sagen: »<em class="antiqua">Jamjam adest!</em>« Professor Brömmel aber beauftragte
-den Primus, einstweilen ein Kapitel aus Xenophons Memorabilien
-übersetzen zu lassen, griff hastig nach Stock und Hut und eilte ins Freie.</p>
-
-<p>Sofort bemächtigten wir uns des Pedells.</p>
-
-<p>»Was ist denn los, Herr Quaddler?« riefen wir, eine naive Unkenntnis
-heuchelnd. »Die Frau Professorin ist doch nicht krank
-geworden?«</p>
-
-<p>Quaddler schüttelte unwillig das Haupt.</p>
-
-<p>»Ach, die Herren Sekundaner müssen immer ihre Possen machen«,
-sagte er ärgerlich. »Sie werden wohl sehr gut wissen, was
-geschehen ist.«</p>
-
-<p>»Aber wir haben keine Ahnung, bester Herr Quaddler!« riefen
-wir im Chor.</p>
-
-<p>»Ach, gehen Sie weg, ich kenne das. Seit zwanzig Jahren
-bin ich Pedell, und die Herren Sekundaner haben es noch jedesmal
-so gemacht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist wohl bis jetzt in jedem Semester passiert?« fragte Boxer.</p>
-
-<p>»Herr Boxer,« sagte Quaddler sehr ernst, »ich muß mir gütigst
-erlauben, zu vermerken, daß ich unmöglich zugeben kann, wo es sich
-um den Respekt handelt, und wofern Sie immer so Narrenspossen
-im Kopfe haben!«</p>
-
-<p>»Aber ich frage ja nur, &ndash; ereifern Sie sich doch nicht! Also
-es ist wirklich was Kleines?«</p>
-
-<p>Quaddler wurde jetzt ungemütlich.</p>
-
-<p>»Wenn Sie meinen, Sie können hier Ihren Spott mit mir
-treiben, so muß ich mir ergebenst zu vermerken erlauben, daß Sie
-gütigst im Irrtum sind. Wenn der Herr Professor zurückkommen,
-werde ich vermelden, was vorgefallen ist.«</p>
-
-<p>»Was? Er droht?« rief jetzt eine Stimme von den hinteren Bänken.</p>
-
-<p>»'naus! 'naus!« donnerte eine zweite.</p>
-
-<p>Quaddler richtete sich hoch auf.</p>
-
-<p>»'naus, sagen Sie? 'naus? Wissen Sie was, wenn Sie mir
-so kommen und 'naus sagen, dann gehe ich.«</p>
-
-<p>Und hiermit machte er kehrt und verschwand im Korridor.</p>
-
-<p>Jetzt brach ein unendlicher Jubel los. Einer von uns bestieg
-den Katheder und machte seine Mitschüler in einer kurzen Ansprache
-auf das Wichtige und Erhebende des Momentes aufmerksam. Am
-Schluß dieser Rede betonte er die Notwendigkeit, dem gefeierten
-Lehrer durch eine möglichst glänzende und einstimmige Demonstration
-die Teilnahme der Sekunda an dem freudigen Ereignis recht
-unmittelbar auszudrücken. Nach längeren Debatten ward der Beschluß
-gefaßt, Herrn Brömmel des anderen Tages bei seinem Erscheinen
-im Lehrzimmer ein großes Bukett und eine <em class="antiqua">ad hoc</em> zu verfertigende
-lateinische Ode zu überreichen. Da wir nichts Besseres zu tun hatten,
-so gingen unsere berufensten Lateiner sofort ans Werk, das projektierte
-Festgedicht in seinen Umrissen zu Papier zu bringen. Sechs oder
-sieben Entwürfe gelangten zur Verlesung. Es fand sich da eine
-reiche Auswahl der wunderbarsten und überraschendsten Wendungen.
-Eine dieser Hymnen begann mit den Worten:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Praeceptori nostro caro,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Viro justo ac praeclaro,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Ridet Zeus haud ita raro&nbsp;&ndash;</em><br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span></p>
-<p class="noind">eine Strophe, deren Schlußwendung nicht der Grazie entbehrt. Ich selbst
-hatte eine tiefempfundene Ode verfaßt, die mit dem Ausrufe begann:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Iterum iterumque&nbsp;…</em><br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Sie wurde jedoch von der Majorität meiner Kameraden als zu
-karzergefährlich abgelehnt.</p>
-
-<p>Des anderen Tages mit dem Glockenschlag neun trat Doktor
-Brömmel nicht ohne eine gewisse Befangenheit in das Schulzimmer.
-Sofort erhob sich der Primus von Obersekunda und streckte die
-Rechte wie zum Eidschwur nach der Decke. Auf dieses verabredete
-Signal brach die ganze Klasse in ein stürmisches Hoch aus: Hoch!
-und abermals Hoch! und zum drittenmal Hoch! Doktor Brömmel
-wußte nicht, ob er danken oder eine Untersuchung einleiten sollte.
-Ehe er sich jedoch über dieses Dilemma entschieden hatte, trat unser
-bester Redner aus den Bänken, schritt, in der Linken das riesige
-Bukett, in der Rechten die auf sauberes Velinpapier geschriebene
-Ode haltend, nach dem Katheder hin und begann seine Deklamation.
-Das Festgedicht war so eingerichtet, daß nach jeder achtzeiligen
-Strophe der Chor einfallen mußte, was denn auch jedesmal bestens
-besorgt wurde. Herr Doktor Brömmel schwankte während der
-ganzen Zeremonie fortwährend zwischen den verschiedenartigsten
-Stimmungen hin und her. Einmal biß er sich so entschieden auf
-die Lippe und legte die geballte Faust auf die Kathederfläche, daß
-wir unbedingt überzeugt waren, er würde die ganze Klasse wegen
-Komplotts beim Lehrerkollegium anzeigen; dann aber, unseren heiligen
-Ernst wahrnehmend, lächelte er still vor sich hin und gedachte an
-Berta, die ja in der Tat, die ja wirklich, die ja genau so, wie es
-in dem Festgedicht hieß, sein Haus mit Freude und Segen erfüllt
-hatte. Im stillen aber mochte er Gott danken, daß der ganze
-Umfang seines Glückes den Schülern zurzeit noch verborgen geblieben
-war. Hätten wir gewußt, daß sich das oben mitgeteilte Quatrain
-Boxers verwirklichen sollte, hätten wir geahnt, daß die Welt um
-<em class="gesperrt">zwei</em> junge Brömmels reicher geworden war: wir würden ohne
-Zweifel zwei Redner ins Feld gesandt, zwei Oden gedichtet und
-zwei Buketts überreicht haben, eine Huldigung, deren unverkennbare
-Komik die Reserve, mit welcher Doktor Brömmel uns jetzt anhörte,
-unmöglich gemacht hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span></p>
-
-<p>Nachdem unser Spruchvermelder seine Aufgabe erledigt hatte,
-sagte Doktor Brömmel mit gemessener Freundlichkeit: »Ich danke
-Ihnen. Wir wollen uns durch diesen Zwischenfall indessen nicht
-weiter stören lassen und unsere Arbeit da wieder aufnehmen, wo
-wir sie unterbrochen haben.«</p>
-
-<p>Es dauerte zwei Tage, bis wir erfuhren, daß die Sonne des
-Brömmelschen Hauses in das Zeichen der Zwillinge getreten war.
-Jetzt aber kannte die Flut der Epigramme, Distichen und Quatrains
-keine Grenzen mehr. Boxer verfertigte allein an zweihundert Vierzeiler,
-und da wir seine Aperçus in hohem Grade originell fanden,
-so beschlossen wir, dieselben auf gemeinschaftliche Kosten drucken zu
-lassen. Gedacht, getan. Jeder von uns bekam zwei Exemplare der
-köstlichen Sammlung: die übrigen zerschnitten wir in kleine Streifen,
-und zwar so, daß jedesmal ein Quatrain durch diese Teilung isoliert
-wurde, und verstreuten die eigentümlichen Bonbonzettel kurz vor dem
-Beginne der nächsten Brömmelschen Lehrstunde im Schulzimmer und
-insbesondere auf dem Katheder.</p>
-
-<p>Brömmel erschien wie gewöhnlich mit einer gewissen Schüchternheit.
-Der Soldat mag noch so oft den Donner der Schlachten
-gehört haben: beim Beginn des Gefechts verspürt er immer ein
-gewisses Unbehagen, das er erst nach und nach im Laufe des Treffens
-bemeistern lernt.</p>
-
-<p>Auf dem Katheder angelangt, bemerkte Brömmel zu seiner
-größten Überraschung, daß man seinen Ehrenplatz heute in höchst
-eigentümlicher Weise dekoriert hatte. Er runzelte die Stirn und
-wollte sich eben erkundigen, »wer sich einen so witzlosen Streich
-erlaubt habe«, als sein Blick auf dem Namen Brömmel haften blieb,
-der sich in großen Buchstaben aus dem typographischen Karree einer
-sauber ziselierten Strophe hervorhob. Der Schulmann sah näher
-zu und vermochte nur mit Mühe einen Ausruf des Entsetzens zu
-unterdrücken.</p>
-
-<p>»Sehr gut, sehr gut!« stöhnte er nach einer Weile, heftig die
-Nüstern blähend. »Und wer ist der saubere Kamerad, der sich dieser
-wohlfeilen Späße erfrecht? Er möge sich nennen, der Feigling, damit
-ich ihm zeigen kann, was einem solchen ehrlosen Streiche gebührt!«</p>
-
-<p>In den Räumen der Sekunda herrschte lautlose Stille.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>»Nun, will sich der wohl melden, der mir diese schmutzigen
-Wische da auf den Katheder gelegt hat? Ich frage nicht zum
-dritten Male!«</p>
-
-<p>Über den Subsellien brütete eine unheimliche Grabesruhe. In
-der Tat hatten wir keine Veranlassung, der Aufforderung des Herrn
-Professors nachzukommen, da er uns so energisch versicherte, zum
-drittenmal würde er nicht fragen.</p>
-
-<p>»So!« rief Brömmel nach einer längeren Pause, furchtbar die
-Augen rollend; »der will sich also nicht melden? Gut! Sehr gut!
-So werde ich die ganze Klasse über Mittag hier behalten!«</p>
-
-<p>Jetzt erhob sich auf den hinteren Bänken ein Brummen des Unwillens,
-dem sich bald ein sehr dezidiertes Scharren mit den Stiefelabsätzen
-zugesellte.</p>
-
-<p>»Was? Brummen wollen Sie? Scharren wollen Sie? Kindsköpfe,
-die Sie sind! Ich werde Ihnen einmal einen Quartaner
-herauf holen, der soll Ihnen sagen, was Lebensart ist!«</p>
-
-<p>Gelächter auf allen Bänken.</p>
-
-<p>Jetzt riß Herrn Brömmel die Geduld. Er eilte mit großen
-Schritten auf Boxer zu, den er in dem begründeten Verdacht hatte,
-einer der Haupträdelsführer bei jedem Skandal zu sein, und rief
-mit Donnerstimme:</p>
-
-<p>»Sie sind mir für diesen himmelschreienden Unfug verantwortlich!
-Entweder Sie machen mir den Schuldigen ausfindig, oder ich sperre
-Sie vier Tage auf den Karzer.«</p>
-
-<p>»Meinen Sie mich?« lächelte Boxer mit der Unschuld eines
-vierzehnjährigen Mädchens.</p>
-
-<p>»Ja, Sie! Ich sehe Ihnen an, daß Sie die ganze Geschichte
-angestiftet haben! Kein Wort mehr!«</p>
-
-<p>»Aber, Herr Doktor, ich versichere Sie, daß ich keine Ahnung
-habe, um was es sich eigentlich handelt. Gebrummt habe ich diesmal
-nicht, und wegen Nichtbrummens zu brummen fällt mir gar nicht ein.«</p>
-
-<p>»Lassen Sie Ihre schlechten Witze, sonst werden Sie Ihre Lage
-nur noch verschlimmern! Wollen Sie mir kurz und bündig gestehen,
-was Sie von der Sache wissen?«</p>
-
-<p>»Von welcher Sache, Herr Doktor? Gebrummt habe ich nicht,
-denn ich sitze viel zu weit vorn, und gescharrt habe ich auch nicht,<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span>
-denn ich habe heut' Stiefel an, die mir so eng sind, daß ich keinen
-Fuß rühren kann. Also wovon soll ich wissen?«</p>
-
-<p>»Mensch, Sie verstellen sich in einer Weise, die geradezu empörend
-ist. Ich frage Sie, was wissen Sie über den Autor der schamlosen
-Pasquille, die man mir dort auf den Katheder gelegt hat?«</p>
-
-<p>»Erlauben Sie einmal«, sagte Boxer, nach dem Katheder eilend.
-&ndash; Er las mit halblauter Stimme:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»O lieber Gott, in jedem Jahr<br /></span>
-<span class="i0">Ein frisch besohltes Zwillingspaar&nbsp;…«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»Behalten Sie diese Dummheiten für sich, und gehen Sie
-auf Ihren Platz zurück!« schrie Brömmel mit steigender Erbitterung.</p>
-
-<p>Boxer raffte die Zettel, die auf dem Katheder lagen, zusammen
-und steckte sie in die Brusttasche.</p>
-
-<p>»Wenn Sie mir drei Tage Zeit lassen,« sagte er harmlos, »so
-wird es mir nicht schwer halten, den Urheber zu ermitteln. Ich
-gehe einfach bei allen Druckereien der Stadt herum und erkundige
-mich, in welcher Offizin diese Zettel gedruckt worden sind. Das ist
-das einfachste und sicherste Mittel.«</p>
-
-<p>»Das werden Sie bleiben lassen«, versetzte Brömmel energisch.
-»Wollen Sie Ihren Impertinenzen die Krone aufsetzen und diese
-Sudeleien womöglich noch ins Tageblatt befördern? Geben Sie her!«</p>
-
-<p>Boxer nahm jetzt die Stellung ein, die Lessing auf seinem
-berühmten Gemälde dem Johann Huß zuerteilt hat.</p>
-
-<p>»Herr Professor,« sagte er, »das ist eine schreiende Ungerechtigkeit!
-Sie bedrohen mich mit einer mehrtägigen Karzerstrafe, falls
-ich Ihnen den Schuldigen nicht namhaft mache, und dabei suchen
-Sie mir die Mittel zu entziehen, die allein geeignet sind, mir die
-gewünschte Entdeckung zu ermöglichen. Herr Professor, Sie werden
-entschuldigen, wenn ich mich damit nicht beruhigen kann. Ganz
-ergebenst bitte ich um die Erlaubnis, sofort zum Herrn Direktor
-gehen zu dürfen. Ich werde ihm die ganze Angelegenheit vortragen
-und diese Zettel zur Verfügung stellen. Der Herr Direktor mag
-dann selbst entscheiden, ob ich dafür verantwortlich bin, wenn andere
-etwas von Zwillingen schreiben. Außerdem habe ich niemals gehört,
-daß Zwillinge ein Schimpfwort wäre.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span></p>
-
-<p>Brömmel sah jetzt sehr wohl ein, daß er sich in eine Sackgasse
-verrannt hatte. Er wäre lieber gestorben, ehe er zugegeben hätte,
-daß der Direktor diese schnöden Machwerke der mißratenen Sekundaner
-zu Gesicht bekäme. Was konnte es frommen, wenn die offizielle
-Folge einer solchen Wendung der Dinge wirklich für Boxer und
-Genossen verhängnisvoll ward? Privatim hätte der Direktor sich
-doch köstlich amüsiert und nicht verfehlt, im Klub und auf den
-öffentlichen Bierkellern, die er mit Vorliebe frequentierte, das Ereignis
-zum besten zu geben, ganz abgesehen davon, daß Brömmel sich dem
-Direktor gegenüber selbst unter vier Augen nicht kompromittieren
-wollte. Der Zwist wurde also beigelegt, Boxers Unschuld in ihrem
-vollen Umfange anerkannt und von einer weiteren Untersuchung Abstand
-genommen, weil, wie Doktor Brömmel sich ausdrückte, die ganze
-Sache eigentlich zu erbärmlich war, um ein Wort darüber zu verlieren.</p>
-
-<p>»Ich bitte mir übrigens aus,« fügte er hinzu, als er wieder
-auf dem Katheder Platz nahm, »daß Sie die Wische da unverzüglich
-vernichten. Sekunda stellt sich durch solche Lächerlichkeiten ein
-<em class="antiqua">testimonium paupertatis</em> aus, wie ich es nicht für möglich gehalten
-hätte. Haben Sie nichts Besseres zu tun, als Ihre Zeit mit solchen
-unlauteren Reimereien zu vertrödeln? Schämen Sie sich in Ihre
-Seelen hinein! Wenn Sie so fortfahren, so werden Sie über kurz
-oder lang moralisch zugrunde gehen, &ndash; denken Sie an mich!
-Ohne echten sittlichen Ernst ist eine gedeihliche Entwickelung des
-Menschen nicht denkbar, und wenn Sie noch so glänzende Fortschritte
-in den Wissenschaften machen, was ich nicht gerade behaupten kann,
-so würden Sie doch niemals zu wahrhaften Männern heranreifen,
-falls der frivole Geist, wie er seit einiger Zeit in dieser Klasse
-herrscht, einen dauernden Einfluß behaupten sollte. Wahrlich, es ist
-weit gekommen, wenn nicht einmal mehr das Privatleben des Lehrers
-vor den Ungezogenheiten einer charakterlosen Schuljugend sicher ist.
-Aber das kommt von dem oberflächlichen und leichtfertigen Lebenswandel,
-dem sich die meisten jungen Leute von heutzutage leider
-schon sehr, sehr früh zu ergeben pflegen! Es ist ein wahres Unheil,
-wenn sich in der Stadt, wo die Gymnasien ihr Zelt aufgeschlagen
-haben, gleichzeitig eine Universität befindet. Verlassen Sie sich darauf,
-ich werde Ihnen auf die Finger sehen! Erfahre ich jemals wieder,<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span>
-daß einer von Ihnen an Zechgelagen teilgenommen hat, so lasse ich
-keine Milderungsgründe gelten: ich trage unbedingt auf Relegation
-an. Es sind Leute unter Ihnen, die gar nicht wissen, was sie sich
-und der bürgerlichen Gesellschaft als Mitglieder eines öffentlichen
-Erziehungsinstitutes schuldig sind. Das muß anders werden. Boxer,
-an Sie wende ich mich speziell. Sie sind mir wiederholt als derjenige
-bezeichnet worden, der bei allen nichtsnutzigen Streichen das
-große Wort führt. Ich rate Ihnen in aller Freundschaft, bessern
-Sie sich, sonst nimmt es kein gutes Ende mit Ihnen. Wahrlich,
-Ihr vortrefflicher Herr Vater hat es nicht um Sie verdient, daß
-Sie in dieser Weise seinem Namen Unehre machen.«</p>
-
-<p>Boxer erhob sich mit der Miene eines tödlich Beleidigten.</p>
-
-<p>»Herr Professor,« stammelte er mit gut gekünstelter Aufregung,
-»das hat mir noch niemand gesagt. Und was meinen Vater betrifft,
-so hat er erst gestern in meiner Gegenwart geäußert, ich sei der
-Stolz der Familie. Ich kann das durch Zeugen erhärten, und in
-der Tat wüßte ich auch nicht, inwiefern ich ihm die mindeste
-Unehre machte. Ich habe bis jetzt noch immer die besten Aufsätze
-geschrieben, und meine Zensuren lauten, bis aufs Betragen, stets
-günstig.«</p>
-
-<p>»Setzen Sie sich! Ich weiß besser, was Ihr Herr Vater über
-Sie denkt, und sollte er wirklich im Zweifel sein, wie es um seinen
-Sohn bestellt ist, so werde ich ihm bei nächster Gelegenheit einmal
-gründlich die Augen öffnen.«</p>
-
-<p>Boxer setzte sich, und der Unterricht nahm seinen Anfang.</p>
-
-<p>Als aber Doktor Brömmel den Lehrsaal verlassen hatte, sanken
-sich die Sekundaner gegenseitig in die Arme und jauchzten vor
-Wonne und Seligkeit.</p>
-
-<p>»Ach,« klang es von Mund zu Mund, »der Himmel gebe, daß
-die Brömmelina bald wieder Zwillinge bekommt!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span></p>
-
-<h2 id="Knebelii_discipuli_Threnodia">
-<img src="images/illu-034.png" alt="" /><br />
-<em class="antiqua">Knebelii discipuli Threnodia.</em></h2>
-</div>
-
-<div class="poetry">
-<div><img class="drop" src="images/drop-s.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">
-<em class="antiqua">Si omnes mundi homines,<br />
-Quae amant, iis non carerent,<br />
-Praeclara vitae esset spes,<br />
-Nam qui timores nos terrerent?</em></p>
-<p class="noind">
-<em class="antiqua">Perpetuo vellem bibere,<br />
-Sed saccus mi repletus raro!<br />
-O Deus, pater optume,<br />
-Quor fato utor tam amaro?</em></p>
-<p class="noind">
-<em class="antiqua">Quor gulam mi tam aridam,<br />
-Tam vini cupidam dedisti,<br />
-Si, quibus flammas opprimam,<br />
-Pecunias dare omisisti?</em></p>
-<p class="noind">
-<em class="antiqua">Ad ultimum me rediges:<br />
-Haud justum mi parasti sortem!<br />
-Mehercle! Quae mi cunque des, &ndash;<br />
-Aut dabis aes, aut dabis mortem!</em>
-</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span></p>
-
-<h2 id="Privat_1">
-<img src="images/illu-035.png" alt="" /><br />
-Aus den Privataufzeichnungen des
-Sekundaners Heppenheimer.</h2>
-
-<p class="h2">Erstes Bruchstück.</p>
-</div>
-
-<p class="right">
-… Am 24. Februar 18**
-</p>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-w">Womit soll ich zunächst anfangen? &ndash; Es klingt eigentümlich,
-aber es ist nichtsdestoweniger wahr: jeder Anfang hat
-für mich etwas Peinliches. Bei meinen deutschen Aufsätzen
-hocke ich oft stundenlang und kaue an der Feder,
-ohne zu wissen, wie ich dem Dinge beikommen soll. Gewöhnlich
-helfe ich mir dann dadurch, daß ich mich nach einem geeigneten
-Zitat umsehe und dasselbe als Motto oben rechts in die Ecke
-schreibe. Hieran läßt sich dann gewöhnlich in ungezwungener Weise
-anknüpfen, indem man etwa fortfährt wie nachstehend:</p>
-
-<p>»Der große Dichter, dem wir diese Worte entlehnen, hat ohne
-Zweifel dabei die hochwichtige Frage im Auge gehabt, deren Behandlung
-mir heute von Amts wegen obliegt.«</p>
-
-<p>Es ist mir bis jetzt noch stets gelungen, den erforderlichen
-Nachweis zu liefern, zumal wenn das Zitat von Schiller war, dessen
-Aussprüche das Angenehme haben, daß sie für alle Verhältnisse
-des Lebens gleich brauchbar sind. Ich will also dieser meiner angestammten
-Gewohnheit auch heute nicht untreu werden und mein
-Tagebuch mit den herrlichen Worten aus Schillers Glocke einleiten:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Von der Stirne heiß<br /></span>
-<span class="i0">Rinnen muß der Schweiß.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Dies ist nämlich die Ansicht meines Mitschülers Leopold Hutzler,
-der in der Nähe des Fensters sitzt und durchaus nicht leiden kann,<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span>
-wenn man auch nur ein kleines Quadratchen öffnet, um frische Luft
-hereinzulassen. Wie zu Eingang notiert, ist es noch Februar, und
-die Witterung läßt manches zu wünschen übrig. Wir besitzen nun
-einen Lehrer, der zum Schlagfluß neigt und vor Kongestionen fast
-umkommt, wenn alles geschlossen ist. Kaum tritt er ins Zimmer,
-so ruft er mit seiner dröhnenden Baßstimme: »Schwarz, machen
-Sie mal 's Fenster auf!«, und Schwarz tut, wie geheißen. Bis
-zum 20. Februar ging die Sache auch ihren stillen, friedlichen Gang.
-An diesem Tage aber gelangten die <em class="antiqua">exercitia pro loco</em> zur Verteilung,
-und Hutzler, der ein Feind aller Zugluft ist, kam in die
-Nähe des Fensters zu sitzen&nbsp;…</p>
-
-<p>Doktor Perner ließ wie gewöhnlich oben die Klappe öffnen
-und wollte eben seinen Vortrag beginnen, als der stramme Hutzler
-sich von seinem Platze erhob und mit aufgestelltem Rockkragen und
-frostschauernder Stimme in die geflügelten Worte ausbrach:</p>
-
-<p>»Herr Doktor, es zieht so!«</p>
-
-<p>Doktor Perner wird nun jedesmal nervös, wenn jemand behauptet,
-es ziehe. Er sagt, <span id="corr036">das</span> sei Einbildung, und wenn die Bewegung
-der atmosphärischen Luft die Gesundheit schädige, so könne
-kein Mensch mehr über die Straße gehen, ohne eine Rippenfellentzündung
-oder die Diphtheritis zu bekommen.</p>
-
-<p>»So, es zieht Ihnen?« erwiderte er in wegwerfendem Tone.
-»Wie alt sind Sie eigentlich?«</p>
-
-<p>»Im nächsten Januar werde ich siebzehn!« entgegnete Hutzler
-mit Würde.</p>
-
-<p>»Und demungeachtet zieht es Ihnen? &ndash; Nun, dann ist es die
-höchste Zeit, daß Sie endlich einmal dieses Vorurteil ablegen. Setzen
-Sie sich, das Fenster bleibt auf!«</p>
-
-<p>Hutzler zog den Rockkragen noch höher, setzte sich nicht und
-sagte mit männlicher Festigkeit:</p>
-
-<p>»Herr Doktor, der Arzt hat es mir dringend verboten, mich
-der Zugluft auch nur auf wenige Minuten auszusetzen. Ich bitte
-um die Erlaubnis, meinen Platz wechseln zu dürfen!«</p>
-
-<p>»Meinetwegen«, sagte der Doktor Perner mit einem geringschätzigen
-Achselzucken. &ndash; »Hanau, wechseln Sie einmal mit dem
-Hutzler den Platz!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span></p>
-
-<p>»Herr Doktor,« sagte Hanau, »ich bin erst gestern wiedergekommen
-und neige sehr zum Katarrh. Es wäre vielleicht doch
-besser, wenn wir das Fenster zumachten.«</p>
-
-<p>»Seien Sie still! Gildemeister, setzen Sie sich dort an das Fenster!«</p>
-
-<p>Gildemeister hustete dumpf, und es klang wie ein Bierfaß.</p>
-
-<p>»Wenn Sie erlauben,« sagte er mit heiserer Stimme, »so möchte
-auch ich hier auf meinem Platze bleiben. Ich habe jetzt schon acht
-Senfpflaster verbraucht, um meinen Luftröhrenkatarrh los zu werden,
-und bin immer noch nicht damit zustande gekommen.«</p>
-
-<p>»Gut,« sagte Doktor Perner jetzt stirnrunzelnd, »so bleiben
-Sie, wo Sie sind. Wenn es dem Hutzler zieht, so mag er seinen
-Paletot umhängen.«</p>
-
-<p>»Wenn ich meinen Paletot umhänge, so wird mir's zu warm,
-und dann erkälte ich mich erst recht.«</p>
-
-<p>»Meinetwegen erkälten Sie sich sechsmal.«</p>
-
-<p>»Nun, Sie werden ja sehen, was Sie anrichten, Herr Doktor«,
-sagte Hutzler gekränkt. &ndash; »Ich merke jetzt schon einen eigentümlichen
-Kitzel im Halse, und so fängt es bei mir jedesmal an.«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten begann er zu hüsteln.</p>
-
-<p>Ich muß nun an dieser Stelle bemerken, daß Hutzler einer
-unserer gesundesten Schüler ist. Wie oft hat der Direktor Samuel
-Heinzerling ihm die vernichtenden Worte zugerufen: »Schwächläch!
-Sä, schwächläch? Non, hären Sä änmal, Hutzler, äch wollte, jäder
-Mänsch onter der Sonne wäre so schwächläch wä Sä! Faul sänd
-Sä, aber nächt schwächläch!« Es handelt sich bei der ganzen Opposition
-Hutzlers lediglich um das, was man eine parlamentarische Unterbrechung
-nennt. Er will in die Monotonie der Lehrstunden eine
-gewisse Frische und Abwechslung bringen. Aus diesem Gesichtspunkte
-wird uns auch die Weigerung der beiden erwähnten Mitschüler
-begreiflich.</p>
-
-<p>Der Lehrer begann nun den Unterricht, und Hutzler, das Haupt
-trotzig in die Hand gestützt, bereitete sich zur Fortsetzung seiner
-planvoll erwogenen Störung vor.</p>
-
-<p>Als es ein Viertel schlug, hustete er dreimal tief auf und stöhnte
-dann, als ob sich ihm die Luftröhre krampfhaft zusammenschnüre.
-Fünf Minuten später hatte sein Husten einen so dröhnenden Charakter<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span>
-angenommen, daß es Herrn Doktor Perner unmöglich war, den
-Unterricht fortzusetzen.</p>
-
-<p>Er hielt einen Augenblick inne.</p>
-
-<p>»Sind Sie nun bald fertig?« rief er, die Augen rollend,
-während er das Buch heftig wider die Platte des Katheders stieß.</p>
-
-<p>Hutzler hustete noch lauter, und so natürlich, daß ich noch heute
-nicht begreife, wie er diese gewaltigen Erschütterungen seines Kehlkopfes
-zuwege bringen konnte, ohne ernstlich Schaden zu nehmen.</p>
-
-<p>»Hutzler!« schrie Doktor Perner außer sich.</p>
-
-<p>Jetzt trat in dem trefflich erkünstelten Anfalle eine Pause ein.
-Hutzler erhob sich.</p>
-
-<p>»Herr Doktor, darf ich nun vielleicht das Fenster da zumachen?«</p>
-
-<p>»Das Fenster bleibt auf! Sie sollten sich schämen, auf so
-pöbelhafte Weise etwas erzwingen zu wollen, was ich Ihnen grundsätzlich
-verweigern muß.«</p>
-
-<p>Kaum hatten diese Worte Hutzlers Trommelfell erreicht, als er
-sofort wieder zu husten begann, und zwar so krachend und klirrend,
-daß ich jeden Augenblick meinte, die Brust müsse ihm zerspringen.</p>
-
-<p>»Ich lasse Sie sofort nach dem Karzer führen!« rief Doktor
-Perner, außer sich vor Zorn. »Wenn Sie so empfindlich sind gegen
-jede erbärmliche Kleinigkeit, so wickeln Sie sich in Watte! Ich
-meinesteils dulde nicht, daß man in meinen Lehrstunden solche
-Komödien aufführt.«</p>
-
-<p>»Komödien?« hustete Hutzler. »Wenn ich erkältet bin, werde
-ich doch wohl noch husten dürfen? … Hätten Sie beizeiten das
-Fenster geschlossen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sie sind einer der frechsten Gesellen, die mir noch jemals
-vorgekommen. Gehen Sie nach Hause und ziehen Sie sich wärmer
-an! Ich bin es müde, mich fortwährend mit Ihnen herumzuzanken!«</p>
-
-<p>»Recht gern«, hustete Hutzler. »Hätte ich gewußt, daß es hier
-so ziehen würde, so wäre ich von Anfang an in einem wärmeren
-Kostüm erschienen.«</p>
-
-<p>Hutzler wohnt nur drei Schritte vom Gymnasium entfernt. Er
-ging, und Doktor Perner setzte seinen Vortrag fort. Es dauerte
-ungefähr zehn Minuten. Dann erschien der treffliche Leopold wieder
-in der Tür, und mit einem Male herrschte in Sekunda ein Leben,<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span>
-dessen reizende, überschwängliche Ausgelassenheit sich nicht in Worte
-kleiden läßt. Zuerst erscholl ein dreisalviges Gelächter; dann ein
-dumpfes Geheul, wie es die Rothäute bei ihren Angriffen auf die
-Weißen auszustoßen pflegen; dann ein Klatschen, Pfeifen, Scharren,
-Trappeln und Rütteln, daß mir selbst, der ich doch an das
-Schlimmste gewöhnt bin, fast Hören und Sehen verging. Hanau
-und ich hoben in der allgemeinen Verwirrung unseren Tisch
-ungefähr drei Zoll hoch über den Boden und ließen ihn dann mit
-aller Wucht aufdonnern, so daß der Staub wie Opferrauch nach der
-Decke stieg.</p>
-
-<p>Es war dies nur eine verdiente Huldigung an die Adresse
-unseres liebenswürdigen Kameraden Hutzler.</p>
-
-<p>Ahnst Du, o Genius meines Tagebuches, <em class="gesperrt">wie</em> Hutzler im Schulzimmer
-erschien? Hinten auf den Rücken und vorn vor den Bauch
-hatte er sich vermittelst roter Schnüre zwei Federkissen gebunden.
-An den Füßen trug er die großen Reisepelzstiefel seines Vaters;
-zwei Müffe, die seinen beiden Schwestern angehörten, dienten ihm
-als Pulswärmer, und um den Hals trug er in unzähligen Windungen
-einen halbzölligen Hanfstrick, wie ihn die Packer beim Aufwinden
-der Warenballen benutzen.</p>
-
-<p>Doktor Perner stand wie versteinert, während Hutzler sich ganz
-gelassen anschickte, seinen Platz einzunehmen.</p>
-
-<p>»Halt!« schrie der Professor. »Keinen Schritt weiter! Denken
-Sie etwa, Sie befinden sich hier in einer Bierkneipe?«</p>
-
-<p>»Gewiß nicht, Herr Doktor!« entgegnete Hutzler ehrerbietig.
-»So viel ich weiß, befinde ich mich in Sekunda.«</p>
-
-<p>»Schweigen Sie! Ihr Zynismus übersteigt alle Begriffe. Sofort
-entledigen Sie sich dieses Unrats und verfügen sich nach dem
-Karzer!«</p>
-
-<p>»Welchen Unrates, Herr Professor?«</p>
-
-<p>Doktor Perner war außer sich, er trat auf den Schüler zu
-und faßte ihn an dem Strick, der um seinen Hals lag.</p>
-
-<p>»Hier, dieses nichtswürdigen Tandes!« schrie er, daß uns
-allen die Ohren gellten.</p>
-
-<p>»Ach so,« sagte Hutzler, »es ist ja wahr, da wollte ich Sie
-noch ganz ergebenst um Entschuldigung bitten. Meine beiden<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span>
-wollenen Halstücher sind in der Wäsche, und Mutter wollte mir
-das ihrige nicht hergeben. Da meinte der Vater, so ein Strick sei
-auch nicht zu verachten, und es käme ja nicht darauf an, wie es
-aussehe, wenn es nur warm hielte. Aber wenn Sie meinen, es
-wäre unziemlich, so bin ich gern bereit, ihn wieder abzulegen.«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten begann er, das halbzöllige Seil von seinem
-Halse loszuwickeln.</p>
-
-<p>In immer größeren Kreisen fegte der hanfgeflochtene Radius
-um Hutzlers Kopf, und jetzt fehlte nicht viel, und die Spitze hätte
-den Professor ernstlich in seiner Integrität verletzt. Ich gebrauche
-hier Integrität als Euphemismus, da es mir nicht wohl ansteht,
-diejenigen Teile des Doktor Perner namhaft zu machen, die von
-dem wuchtigen Strick Hutzlers zunächst bedroht wurden.</p>
-
-<p>»Mensch!« rief Doktor Perner wutschnaubend, indem er das
-Ende des Strickes ergriff und daran zerrte. »Das sollen Sie
-mir büßen!«</p>
-
-<p>Hutzler bemühte sich, die Augen zu verdrehen und zwischen den
-Lippen die Zunge sichtbar werden zu lassen.</p>
-
-<p>»Herr Doktor!« stöhnte er mit verlöschender Stimme, nach
-rechts und links mit den Armen in die Luft greifend. »Ich ersticke!
-Ich ersticke!«</p>
-
-<p>Doktor Perner ließ los. Hutzler reckte seinen Hals und begann,
-ihn vollends auszuwickeln.</p>
-
-<p>»Nun, was zögern Sie noch?« rief der Lehrer, indem er mit
-der rechten Hand nach der Tür deutete. »Losgeschnallt! sage ich,
-und dann hinauf! Vor nächstem Montag kommen Sie mir nicht
-wieder herunter!«</p>
-
-<p>»Also weil ich mich Ihrer ausdrücklichen Anordnung entsprechend
-etwas wärmer gekleidet habe, belegen Sie mich mit Karzerstrafe?«
-sagte Hutzler, gleich darauf in einen erneuten Hustenanfall
-ausbrechend. »Erlauben Sie, Herr Doktor, ist der Karzer
-geheizt?«</p>
-
-<p>»Der Pedell wird das Nötige besorgen«, entgegnete Doktor
-Perner. »Schwarz, bestellen Sie einmal, daß Nummer fünf geheizt
-wird. Und jetzt bringen Sie sich unverzüglich in eine anständige
-Verfassung. Diese schamlosen Wülste hier dulde ich nicht!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span></p>
-
-<p>»Aber, Herr Doktor, es sind ja zwei Kopfkissen! Meine
-Mutter hält so viel auf ihr Weißzeug, die würde sich schön wundern,
-wenn sie erführe&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Kein Wort mehr, oder ich vergesse mich!«</p>
-
-<p>Hutzler schwieg und begann, seine Kissen loszuschnallen. Mit
-einemmal stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Die Naht
-war geplatzt, und eine Flut von Federn ergoß sich in das Schulzimmer.</p>
-
-<p>Wir andern eilten sofort hinzu, um die kostbaren Daunen aufzulesen,
-und bald wirbelte es rings wie Schneeflocken.</p>
-
-<p>Doktor Perner machte vergebliche Anstrengungen, die Ordnung
-wiederherzustellen. Gelles Geheul derjenigen, die in dem Tumult
-umgestoßen wurden und auf den Boden zu liegen kamen, mischte
-sich unter die Wehklagen Hutzlers, der sich nicht genug tun konnte
-in elegischen Ausrufen und Seufzern.</p>
-
-<p>»Ach, was wird meine Mutter sagen! Das kommt davon, daß
-ich das so aufschnallen mußte. Hätte ich die Kissen ruhig anbehalten,
-dann wären sie nicht entzwei gegangen. Ach, und jetzt zieht es
-wieder, und die Federn kommen mir in den Hals. Herr Doktor,
-erlauben Sie mir, nach Hause zu gehen. Ich fühle mich sehr, sehr
-unwohl!«</p>
-
-<p>»Gehen Sie!« rief Doktor Perner in ohnmächtigem Zorn.</p>
-
-<p>Hutzler ließ sich die Sache nicht zweimal sagen. Hastig raffte
-er seine Kissen zusammen, ergriff den Strick an einem Ende und
-schritt majestätisch zur Tür hinaus, sein improvisiertes Halstuch
-wie eine Schlange hinter sich herziehend. Wir übrigen vergnügten
-uns den Rest der Stunde hindurch damit, daß wir die Flaumfedern,
-die rings durch das Zimmer wirbelten, geschickt in die Höhe bliesen,
-wodurch ein ununterbrochenes Schneegestöber entstand, das mir viel
-Spaß machte. Doktor Perner ließ in das Tagebuch einschreiben,
-es habe dem Hutzler in kindischer Weise gezogen; auch sei derselbe
-mit einem Strick um den Hals im Lehrzimmer erschienen
-und habe sich die frechsten Störungen erlaubt. Der Eintrag schloß
-mit dem Vermerk einer zweitägigen Karzerstrafe. Hutzler war
-indes klug genug, die nächsten acht Tage wegen Unwohlseins
-zu fehlen. Erst am folgenden Sonnabend kam er wieder, und<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span>
-am Dienstag darauf fragte ihn Doktor Perner, ob er die Strafe
-abgesessen habe.</p>
-
-<p>»Ich?« sagte Hutzler erstaunt.</p>
-
-<p>»Ja, Sie! Antworten Sie mir!«</p>
-
-<p>»Aber, Herr Doktor, Sie haben mir die zwei Tage ja geschenkt!«
-entgegnete Hutzler, tief beleidigt.</p>
-
-<p>»So? Davon weiß ich kein Wort!«</p>
-
-<p>»Doch, Herr Doktor!« wagte ich jetzt schüchtern zu bemerken.</p>
-
-<p>»Ja, Herr Doktor!« riefen zwei, drei Stimmen aus dem
-Hintergrunde. »Am vorigen Sonnabend haben Sie gesagt: Nun,
-für diesmal will ich es Ihnen noch erlassen, aber in Zukunft geht
-es Ihnen schlecht, das gebe ich Ihnen schriftlich!«</p>
-
-<p>Doktor Perner begann bei dieser bestimmten Formulierung
-unserer Lüge stutzig zu werden. Vielleicht auch schien es ihm das
-geratenste, mit Hutzler Frieden zu schließen. Daher sagte er
-geringschätzig:</p>
-
-<p>»Nun, es mag gut sein. Wenn ich es denn einmal gesagt
-habe, so will ich nicht weiter darauf bestehen. Aber das sage ich
-Ihnen: kommt mir wieder einmal etwas Ähnliches vor, so ist es
-alle mit uns. Überhaupt konstatiere ich seit einiger Zeit das
-Überhandnehmen eines Geistes, der den Zwecken dieser Anstalt
-schnurstracks zuwiderläuft. Es herrscht hier statt des wissenschaftlichen
-Ernstes eine läppische Puerilität, die mich anwidert.
-Ich bin auch einmal jung gewesen und habe mich meines Lebens
-gefreut, aber ich würde noch jetzt schamrot werden, wenn ich mir
-jemals eine so kindische Haltung hätte vorwerfen müssen, wie sie
-Ihnen zur zweiten Natur geworden ist. Bessern Sie sich, ich rate
-es Ihnen im guten. Ostern steht vor der Tür, und die Versetzungen
-sind noch lange nicht entschieden. Es könnte manchem passieren,
-daß er sich grimmig verrechnete. Zum Aufrücken in eine höhere
-Klasse ist nicht nur eine gewisse Summe von Kenntnissen erforderlich,
-sondern vor allen Dingen ein würdiges Betragen. Die Primaner
-werden sich bedanken, ihren Lehrsaal mit einer Gesellschaft von Kindsköpfen
-teilen zu sollen, wie sie hier auf den Bänken von Obersekunda
-sitzen. Was lachen Sie, Hutzler? Weinen sollten Sie und in sich
-gehen, ehe die verderblichen Wege, auf denen Sie sich befinden,<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span>
-vollends zum Abgrund geführt haben. Ein Mensch von Ihren
-Gaben! Es ist himmelschreiend!«</p>
-
-<p>Hutzler erhob sich.</p>
-
-<p>»Herr Doktor, ich habe nur ein freundliches Gesicht gemacht«,
-versetzte er mit unerschütterlicher Ruhe.</p>
-
-<p>»Machen Sie Ihre freundlichen Gesichter, wenn Sie zu Hause
-sind! Hier ist Haltung und Ernst erforderlich, und Sie hätten am
-allerwenigsten Ursache, ihrem Übermut freien Lauf zu lassen.«</p>
-
-<p>Hiermit schloß das Hutzlersche Intermezzo.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span></p>
-
-<h2 id="Privat_2">
-<img src="images/illu-044.png" alt="" /><br />
-Aus den Privataufzeichnungen des
-Sekundaners Heppenheimer.</h2>
-
-<p class="h2">Zweites Bruchstück.</p>
-</div>
-<p class="right">
-Am 5. Mai 18**
-</p>
-
-<p>… Von mir selber zu reden, verbietet mir eigentlich die
-mir innewohnende Bescheidenheit. Indes neulich habe ich unserem
-Religionslehrer einen so köstlichen Streich gespielt, daß ich nicht
-umhin kann, diese wohlgelungene »Störung« hier aufzuzeichnen.
-Und eine »Störung« war es in des Wortes tiefgehendster Bedeutung,
-insofern sie nämlich nicht allein den regelmäßigen Verlauf des
-Lektionsplanes, sondern mehr noch das gesamte seelische Gleichgewicht
-unseres trefflichen Lehrers »störte«. Aber ich konnte ihm nicht
-helfen. Einmal hat er's durchaus nicht um mich verdient, daß ich
-den Regungen des Mitleids Audienz gebe, da er mir in der
-Religionsstunde schon dreimal »wegen hartnäckigen Widersprechens«
-Ordnungsstrafen erteilte. Und dann hätte ich Nerven besitzen
-müssen von der Dicke und der Dauerhaftigkeit jenes Strickes, den
-Hutzler im Februar dieses Jahres um seinen Hals wickelte, wenn
-ich die qualvolle Monotonie, die sich in der religiösen Gesinnung
-des Herrn Pastors geltend machte, länger hätte ertragen sollen.</p>
-
-<p>Der Herr Pastor …! Wir nennen ihn so, weil er in
-früheren Zeiten eine Predigerstelle an einem benachbarten Dorfe
-versah. Er ist indes schon seit geraumer Zeit an unserem Gymnasium
-in bester Form angestellt und gibt in allen Klassen Glaubenslehre
-und Kirchengeschichte. Ich unterlasse es, hier auf seine persönliche
-Beschreibung einzugehen, da es mir doch nicht möglich wäre, seinen<span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span>
-wohlwollenden Gesichtszügen und dem sanften Behagen, das um seine
-schmalen, blutlosen Lippen spielt, stilistisch gerecht zu werden.</p>
-
-<p>Der Herr Pastor ist nämlich ein sehr frommer Mann, was ich
-ihm durchaus nicht verüble, denn wenn jemand Pastor ist, so versteht
-es sich von selbst, daß er gewisse Gesinnungen hegt. Wohl
-aber verüble ich dem Herrn Pastor im höchsten Grade, daß er seiner
-Frömmigkeit seit so und so viel Jahren in sämtlichen Klassen stets
-denselben Ausdruck verleiht und so zum Beispiel an jedem Morgen,
-den Gott werden läßt, aus dem Klassengebetbuch dasselbe Gebet
-abliest. Wir alle kennen es längst auswendig: aber der Herr Pastor
-scheint nun einmal die Überzeugung zu hegen, dieses Gebet sei
-besonders wirksam und gottwohlgefällig. Es beginnt mit den
-Worten:</p>
-
-<p>»So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines
-Thrones, o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen
-um die Gnade Deines Beistandes&nbsp;…«</p>
-
-<p>Es ist mehr als zwei Seiten lang und enthält unter anderm
-die sehr richtige Bemerkung:</p>
-
-<p>»Schritt für Schritt wandeln wir dem Ende zu und sind ihm
-jeden Morgen näher gebracht.«</p>
-
-<p>Es hat mir nun fast den Anschein, als ob der Herr Pastor
-geglaubt habe, durch die fortwährende Betonung dieser unleugbaren
-Tatsache das immer näher rückende Ende weiter hinausrücken zu
-können. Denn nur so vermag ich mir zu erklären, wie er immer und
-immer wieder dieselben Phrasen zum besten gab, ohne zu bedenken,
-daß jedes unverkünstelte Menschengehirn bei solchem Geklapper aus
-dem Leim gehen muß. Er scheint eine ganz eigen organisierte
-Natur zu besitzen. Wir bekamen das trostlose Gebet doch nur jeden
-Dienstag und Freitag zu hören: er aber trug es seit Menschengedenken
-auch Montags, Mittwochs, Donnerstags und Sonnabends
-vor (in Prima und Tertia nämlich), ohne daß es ihm bis jetzt
-irgend geschadet hätte.</p>
-
-<p>Nun, es heißt schon in Goethes Faust: »Die Kirche hat einen
-guten Magen«. Da ich aber in keiner Beziehung zur Kirche gehöre
-und mich überhaupt von der sogenannten kirchlichen Richtung
-prinzipiell fern halte &ndash; mein Vater ist Freimaurer &ndash;, so erscheint<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span>
-es begreiflich, daß ich infolge dieser ununterbrochenen Gebetsidentität
-nahezu krank wurde und eine wahre Wut gegen den
-wiederkäuenden Lehrer faßte.</p>
-
-<p>Da kam mir ein köstlicher Gedanke, den ich um so bereitwilliger
-durchführte, als ich mir sagen mußte, das Faktum werde,
-ganz abgesehen von der Befriedigung meiner Gebetwünsche, auch
-einen reizvollen Zwischenfall absetzen, wie ein lebensfroher Gymnasiast
-ihn stets brauchen kann. So zögerte ich denn nicht länger und
-»vollendete das Werk dieser Woche«. (Ein schönes Zitat! Es ist
-dem Schlußgebet entnommen, das wir jeden Sonnabend um zwölf
-mit anhören müssen.)</p>
-
-<p>Das Klassengebetbuch liegt in der Regel auf dem Katheder,
-damit es dem Lehrer gleich zur Hand sei, sobald er das Bedürfnis
-fühlt, sich mit Gott zu unterhalten. Wie Möros in der Schillerschen
-Ballade, schlich ich mich eines Morgens in aller Frühe &ndash; ich war
-eigens eine halbe Stunde vor Beginn der Lehrstunde erschienen, um
-der erste zu sein &ndash; zum Katheder, öffnete das Buch mit dem
-schwarzen, unheimlichen Einband, der so oft in den Händen meines
-Peinigers geruht hatte, und suchte mit fiebernder Hast nach dem
-verhängnisvollen Kapitel.</p>
-
-<p>»Aha!« sagte ich mit diabolischer Wollust, als ich den Gegenstand
-meines Hasses entdeckt hatte, &ndash; »da steht es:</p>
-
-<p>›So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines
-Thrones, o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen
-um die Gnade Deines Beistandes&nbsp;…‹</p>
-
-<p>Du sollst keinen mehr kränken!« Und mit keckem Griffe riß
-ich die beiden Blätter, auf denen das Leibgebet des Herrn Pastors verzeichnet
-stand, aus dem Buche, zerpflückte sie in hundert mikroskopische
-Stückchen und trug sie kaltblütig, als ob nichts geschehen wäre, nach
-dem Hofe, wo ich sie dem Spiel der Frühlingswinde überantwortete.</p>
-
-<p>In dem beseligenden Gefühle, ein gutes Werk vollbracht zu
-haben, setzte ich mich auf meinen Platz und wartete der Dinge, die
-da kommen sollten.</p>
-
-<p>Es schlug sieben. Die Tür öffnete sich, und herein wandelte
-wuchtigen Schrittes unser gottwohlgefälliger Religionslehrer. Er
-setzte sich auf den Kathederstuhl, schneuzte sich zweimal und legte<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span>
-dann sein Gesicht in jene frommen Gebetsfalten, die ich so oft mit
-Schrecken an ihm bemerkt hatte. Das war immer die Introduktion;
-eine halbe Minute später ging's los: »So treten wir denn wiederum
-vereint vor die Stufen Deines Thrones, o Allmächtiger&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Herr Pastor erhob sich und ergriff mit einem verschleierten
-Blick gen oben das Gebetbuch. Auch die Schüler standen ehrerbietig
-von ihren Plätzen auf und falteten schweigend die Hände.</p>
-
-<p>Lautlose Stille.</p>
-
-<p>Der Herr Pastor schlug das Gebetbuch auf und spitzte die
-Lippen. Merkwürdigerweise war das so oft vorgetragene Gebet
-heute nicht auf den ersten Griff zu finden.</p>
-
-<p>Der Herr Pastor blätterte. Und blätterte wiederum. Und
-blätterte abermals.</p>
-
-<p>Es war ganz unbegreiflich!</p>
-
-<p>Er beschaute das Buch von außen, als wolle er sich überzeugen,
-ob es noch das alte, stille, traute Gebetbuch von ehedem sei, mit
-dessen Hilfe er so manches Mal vereint vor die Stufen des Thrones
-getreten war.</p>
-
-<p>In der Tat, der Einband hatte sich nicht im geringsten verändert.</p>
-
-<p>Nun suchte der Herr Pastor, immer befremdlicher dreinschauend,
-im Register.</p>
-
-<p>Richtig, da stand es, Seite 50!</p>
-
-<p>Der Herr Pastor suchte demgemäß Seite 50, aber siehe da!
-der schöne Spruch: Suchet, so werdet Ihr finden, wurde diesmal
-zuschanden! … Jetzt erst ging dem unglücklichen Lehrer ein
-Licht auf. Er stieß einen unartikulierten Ton der Entrüstung aus
-und sagte dann mit einer Stimme, die an die Posaune des Jüngsten
-Gerichts gemahnte:</p>
-
-<p>»Da hat mir ein miserabler Junge die Blätter herausgerissen,
-auf denen unser Morgengebet stand! Ich will nicht untersuchen,
-wer sich diesen sakrilegischen Akt erlaubt hat: ich überlasse den
-Betreffenden dem Gefühl seiner eigenen Schande. Aber traurig ist
-es doch, daß so etwas in einer Klasse von gesitteten jungen Leuten
-vorkommen kann! Pfui!«</p>
-
-<p>Ich mußte mir auf die Lippen beißen, um nicht in helles Gelächter
-auszuplatzen. Der Herr Pastor bemerkte es.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span></p>
-
-<p>»Was lachen Sie?« sagte er mit einem vernichtenden Blick
-auf mein unschuldiges Gesicht. »Gehen Sie hinaus: Sie sind in
-dieser Stimmung nicht würdig, der Schulandacht beizuwohnen.«</p>
-
-<p>»Aber Herr Pastor« … sagte ich demütig.</p>
-
-<p>»Sie verlassen das Zimmer!« wiederholte er schneidig. »Wenn
-Sie bei einem solchen Anlaß überhaupt lachen können, so läßt das
-tief blicken.«</p>
-
-<p>Ich verließ also das Zimmer, stand aber nahe genug an der
-Tür, um zu hören, daß der Herr Pastor noch eine längere Rede
-hielt. Hierauf öffnete er wieder das Gebetbuch und las ein anderes
-Kapitel vor, das halb so lang war, als die »Stufen des Thrones«,
-und schon um seiner Neuheit willen die gebührende Aufmerksamkeit fand.</p>
-
-<p>»Amen!« sagte der Herr Pfarrer wuchtig und salbungsvoll, und
-gleich darauf fügte er hinzu: »Sie können den Heppenheimer jetzt
-wieder hereinholen.«</p>
-
-<p>War das nicht ein köstlicher Streich? Aber nicht genug! Das
-Gerücht von dem herausgerissenen Gebet verbreitete sich wie ein
-Lauffeuer durch alle Klassen, und ehe der folgende Morgen graute,
-waren die »Stufen des Thrones« aus sämtlichen Gebetbüchern
-entfernt! So ging dem Herrn Pastor denn ein für allemal die
-Möglichkeit verloren, seiner langjährigen Leidenschaft fürder zu frönen!</p>
-
-<p>Er verhängte jetzt eine umfassende Untersuchung, die jedoch
-ohne Resultat blieb. Wenn ich der Eventualität einer Karzerstrafe
-so gleichmütig gegenüberstünde, wie Schwarz oder Rumpf, die beide
-einen unbeschreiblichen Stoizismus besitzen, so würde ich dem Herrn
-Pastor ohne weiteres entgegentreten und ihm zurufen: »Ja, Verehrtester,
-<em class="antiqua">c'est moi qui l'ai fait</em>! Und wissen Sie, warum ich's
-getan habe? Weil es ein Sprüchlein gibt, das da lautet: So Ihr
-betet, sollt Ihr nicht plappern wie die Heiden, die da meinen, sie
-würden erhöret, wenn sie viele Worte machen! Weil ferner sich
-der Betende in sein stilles Kämmerlein einschließen soll! Und weil
-schließlich geschrieben steht, daß der Buchstabe tot macht, um wieviel
-mehr ein ellenlanges Geleier, das aus mehreren tausend Buchstaben
-besteht!«</p>
-
-<p>Da ich heute gerade bei der Persönlichkeit des Herrn Pastors
-bin, so will ich noch die Geschichte von den Bescherungen meines<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span>
-Freundes Boxer notieren. Die Sache ist zwar sehr einfach, aber sie
-hat mich königlich amüsiert.</p>
-
-<p>Vor einiger Zeit nämlich, es mögen jetzt vielleicht acht oder
-zehn Wochen her sein, hatten wir es eingeführt, dem Herrn Pastor
-jedesmal morgens bei dem Beginn der Lehrstunde eine Bescherung
-auf den Katheder zu setzen. Mein Freund Boxer war in dieser
-Beziehung der Haupt-Entrepreneur und ging dabei ebenso malerisch
-als humoristisch zu Werke. Der Herr Pastor entdeckte beim Eintritt
-in das Lehrzimmer folgende Gegenstände in zierlicher Gruppierung
-auf der Platte seines Lehrpultes: in der Mitte eine große, halb
-zerbrochene Blumenscherbe, mit zwei alten Schreibärmeln behangen,
-wie eine Totenurne; oben darauf eine Schneelawine (es war
-damals noch Winter und hatte tüchtig geschneit), recht fest geknetet
-und von der Form eines menschlichen Kopfes. Die Augen hatten
-wir aus gekautem, blauem Papier gefertigt; desgleichen die Nase;
-den Mund stellte ein hereingedrücktes Bleistiftchen dar. Unser
-Mitschüler Schwarz hatte seine brandrote Mütze hergeben müssen,
-auf daß sie diesem Schneekopfe zur Bedeckung diene. Rechts und
-links prangten zwei stattliche Haufen frischgeschlagener Chausseesteine
-und ein Paar alte Stiefel, die Boxer sich von dem Hausknecht im
-»Goldenen Pfau« hatte schenken lassen. Die Lücken unseres künstlichen
-Aufbaues waren mit Äpfeln und Eierschalen, rohen Kartoffeln,
-Besenreisern und ähnlichen Gegenständen dergestalt ausgefüllt, daß
-man eine Barrikade <em class="antiqua">en miniature</em> vor sich zu sehen glaubte, wie
-denn Boxer überhaupt viel Talent zum Kommunismus verrät.
-Der Herr Pastor näherte sich dieser Bescherung jedesmal mit einem
-Blick, als könne das Ding explodieren, bestieg den Katheder und
-legte dann seinen Arm links auf die Platte des Pultes. Mit einem
-einzigen, gewaltigen Ruck fegte er die Barrikade herunter, daß wir
-jedesmal Angst hatten, der Wandschrank, der rechts vom Katheder steht,
-möge durch den Anprall so mannigfacher Objekte zertrümmert werden.</p>
-
-<p>Die Klasse aber brach in ein diabolisches Jauchzen aus, und
-die Vordersten liefen herzu, um die Brocken der Schneelawine aus
-dem Fenster zu werfen, und besonders um die alten Stiefel in
-Sicherheit zu bringen, die bei jeder Bescherung aufs neue verwendet
-wurden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>Der Herr Pastor beobachtete bei solchen Vorgängen stets das
-Prinzip des unbedingten Ignorierens. Kein Wort kam über seine
-Lippen: er strafte uns mit stiller Verachtung.</p>
-
-<p>Zuweilen fiel ihm das recht schwer, denn einmal hatten wir
-ihm einen alten, zerrissenen Familienschirm an die Lehrtafel genagelt,
-dessen Fischbeindrähte dergestalt über den Kathedersessel hinausragten,
-daß es nur bei einer eigentümlichen Haltung des Kopfes
-möglich war, ihnen auszuweichen. Der Herr Pastor ertrug diese
-Tortur mit einer bewundernswerten Geduld etwa fünf Minuten
-hindurch; dann sagte er dem Katheder Valet und tat, als ob er
-nur zur Abwechslung einmal einen anderen Standpunkt einnehme,
-während er bisher niemals seinen gewöhnlichen Platz hinter dem
-Pult verlassen hatte.</p>
-
-<p>Endlich aber zerriß auch diesem Gerechten der Faden der Geduld.
-Boxer hatte ihm nämlich, des ewigen Hinabwerfens müde,
-einen großen Eimer voll Wasser auf die Platte gestellt, dessen Fall
-eine wahre Sündflut herbeigeführt haben würde.</p>
-
-<p>Der Herr Pastor kam, beschaute sich das Ding mit rollenden
-Blicken, blähte die Nüstern, stieg wieder vom Katheder herunter,
-schritt zornig im Zimmer auf und ab, bestieg den Katheder von
-neuem und sagte endlich mit Donnerstimme:</p>
-
-<p>»Boxer, schaffen Sie das augenblicklich hinweg!«</p>
-
-<p>Ich bewunderte hier den Instinkt des scheinbar so stillen
-Mannes, der sofort wußte, wo er den Feind seiner Ruhe zu
-suchen hatte.</p>
-
-<p>Boxer erhob sich.</p>
-
-<p>»Ich?« sagte er indigniert. »Weshalb denn gerade ich?«</p>
-
-<p>»Tun Sie, was ich Ihnen sage! Augenblicklich schaffen Sie mir
-das Ding da fort!«</p>
-
-<p>»Wenn ich den Eimer dahin gesetzt hätte,« entgegnete Boxer,
-»mit Vergnügen! Aber so sehe ich in der Tat nicht ein&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Augenblicklich!« wiederholte der Herr Pastor, indem er den Arm
-ausstreckte und die Spitze seines Zeigefingers auf den Boden richtete.</p>
-
-<p>»Gut!« sagte Boxer, »ich bin Schüler und muß gehorchen.
-Aber ich will mich doch einmal bei dem Herrn Direktor erkundigen,
-ob ich Ihnen die Eimer ausleeren muß.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span></p>
-
-<p>Mit diesen Worten trat er aus den Bänken heraus und schritt
-langsam und würdevoll dem Katheder zu. Stirnrunzelnd ergriff
-er das in diesen Räumen sehr ungewöhnliche Gefäß und wußte
-es so einzurichten, daß er beim Herabtreten vom Katheder stolperte
-und langwegs ins Zimmer fiel.</p>
-
-<p>Ein Hallo sondergleichen durchbrauste die Räume Sekundas.
-Ich versichere bei allen Göttern, es hat ganz über alle Maßen
-schön geklatscht, und das Wasser floß bis in den fernsten Winkel
-des Saales. Die Verwirrung wurde noch dadurch gesteigert, daß
-einige von uns riefen, sie könnten es in einem so feuchten Zimmer
-nicht aushalten, sie hätten sich neulich erst erkältet, als der Pedell
-so unsinnig aufgewaschen, und sie bäten um ihre Entlassung. Vier
-oder fünf wurden in der Tat beurlaubt; dann aber wandte sich der
-Herr Pastor zu Boxer und sagte:</p>
-
-<p>»Boxer, ich mache Sie von jetzt an für alles verantwortlich,
-was in diesen Räumen geschieht. Ist morgen wieder etwas auf
-die Kathederplatte gestellt, so werden Sie die Folgen zu tragen haben!«</p>
-
-<p>Boxer trocknete sich inzwischen die Beinkleider und erwiderte
-in vorwurfsvollem Tone:</p>
-
-<p>»Also wenn der Schwarz ein Paar alte Stiefel auf den Katheder
-legt, dann bin ich dafür verantwortlich?«</p>
-
-<p>»Was?« rief Schwarz, »ich hätte ein Paar alte Stiefel auf den
-Katheder gelegt? Herr Pastor, das muß ich mir doch sehr von dem
-Boxer verbitten.«</p>
-
-<p>»Ich sage ja nur: wenn«, erwiderte Boxer.</p>
-
-<p>»Still,« gebot der Herr Pastor; »was ich gesagt habe,
-dabei bleibt es! Und nun rufen Sie den Pedell, daß er hier
-aufwischt!«</p>
-
-<p>Die Situation Boxers war offenbar eine kritische. Gerade
-für den folgenden Tag hatten wir uns so etwas Hübsches ausgedacht!
-Wir wollten dem Herrn Pastor nämlich <em class="gesperrt">zwei</em> Eimer
-auf den Katheder stellen, und Schwarz hatte zu diesem Behufe
-bereits seiner Tante, bei der er zur Miete wohnte, einen gestohlen.
-Und nun sollte unser guter Freund Boxer für alle diese Streiche
-verantwortlich gemacht und vielleicht mit einer mehrtägigen Karzerstrafe
-belegt werden! Es war nicht zu verlangen, daß wir unser<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span>
-reizendes Amüsement aufgaben; aber ebensowenig durften wir
-Boxer zumuten, um unseres Gaudiums willen die Räume des
-Karzers zu beziehen.</p>
-
-<p>Wir überlegten hin und her, ohne zu einem Resultat zu gelangen.</p>
-
-<p>Plötzlich sagte Boxer: »Laßt mich nur machen!«</p>
-
-<p>Am folgenden Tage arrangierten wir die Bescherung, wie verabredet.
-Boxer war der emsigste, und in der Tat, es war keine
-kleine Arbeit, denn wir mußten die Eimer glasweise füllen, weil
-der Pedell sonst Lunte gemerkt hätte. Einer von uns stand
-Wache, um das Herannahen des Herrn Pastors rechtzeitig anzukündigen.</p>
-
-<p>»Er kommt!« rief es jählings aus dem Munde unseres Warners.</p>
-
-<p>Sofort ergriff Boxer seine Mütze, nahm einen möglichst starken
-Stoß Bücher unter den Arm und verließ das Lehrzimmer, um sich
-auf dem Korridor hinter einen der größten Schränke zu stellen.</p>
-
-<p>Zwei Minuten später erschien der Lehrer, und unmittelbar
-hinter ihm her tappte keuchend und atemlos unser trefflicher Freund
-Boxer, die Bescherung auf dem Katheder genau ebenso verblüfft
-anstarrend, wie der Herr Pastor.</p>
-
-<p>&ndash; »Boxer! Wo ist der Boxer?« zürnte der entrüstete Schulmann.</p>
-
-<p>»Hier!« rief es hinter ihm. »Entschuldigen Sie, daß ich mich
-heute verspätet habe.«</p>
-
-<p>Der Herr Pastor biß sich ärgerlich auf die Lippe. Der Tatsache
-gegenüber, daß Boxer fast mit ihm zugleich ins Zimmer
-getreten war, konnte er seine Drohung von gestern nicht wohl verwirklichen.</p>
-
-<p>»Heute brauche ich die Eimer wohl nicht auszuleeren?« fragte
-Boxer triumphierend.</p>
-
-<p>»Schwarz,« sagte der Lehrer, »rufen Sie einmal den Pedell.«</p>
-
-<p>Der Pedell erschien.</p>
-
-<p>»Quaddler,« begann der Herr Pastor in ernstem Tone, »nehmen
-Sie einmal diese Gefäße da hinweg. Ich mache Sie von jetzt ab
-dafür verantwortlich, daß solche Ungehörigkeiten sich nicht wiederholen.
-Stellen Sie sich an den Brunnen, damit kein Wasser
-geschöpft werden kann, oder lassen Sie Ihre Frau Wache halten.
-Wozu sind Sie verheiratet?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span></p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie gütigst,« stammelte Quaddler in höchster
-Verwirrung, »aber meine Frau war gerade damit beschäftigt, sich
-anzukleiden, und da mußte ich Kaffee brennen.«</p>
-
-<p>»Brennen Sie Ihren Kaffee von sieben bis acht! Kommen
-Sie vorher Ihren Pedellpflichten nach! Was ist das für eine
-Art! Die Eimer da können doch nur von Ihnen herrühren!
-Warum geben Sie nicht besser auf Ihre Küchengerätschaften acht?«</p>
-
-<p>Quaddler näherte sich dem Katheder.</p>
-
-<p>»Ich bitte um Verzeihung«, sagte er. »Das sind allerdings
-sozusagen zwei Eimer, aber zwischen Eimer und Eimer ist ergebenst
-ein Unterschied. Meine Eimer sind ganz anders. Und
-wenn die Herren Sekundaner hinter meinem Rücken solche Sachen
-da mitbringen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Seien Sie still und machen Sie, daß Sie so schnell wie möglich
-hinauskommen. Die Eimer können Sie behalten, denn wenn dieselben
-auch nicht Ihrer Küche entstammen, so bezweifle ich doch,
-daß die wahren Besitzer sich melden werden.«</p>
-
-<p>Und Quaddler nahm die Eimer und verschwand in den Gängen
-des Schulgebäudes. Der Herr Pastor irrte sich indes, wenn er
-glaubte, über fremdes Eigentum so ohne weiteres verfügen zu
-dürfen. Die Tante meines Freundes Schwarz machte bei der
-Polizei die Anzeige, es sei ihr am Nachmittage des Dreizehnten
-ein Eimer gestohlen worden. Die Behörden stellten umfassende
-Recherchen an; Quaddler mußte zu wiederholten Malen auf das
-Gericht, und selbst der Herr Pastor ward eidlich vernommen.
-Schwarz brauchte nicht zu schwören, denn er ist erst fünfzehn
-Jahre alt, und so lief die Sache höchst günstig ab. <em class="antiqua">Fortes
-fortuna juvat.</em></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p>
-
-<h2 id="Doktor_Veit">
-<img src="images/illu-054.png" alt="" /><br />
-Doktor Veit.<br />
-<span class="smaller">Eine Porträt-Skizze.</span></h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-z.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-e">Zu den reinsten Genüssen meiner Schuljahre zähle ich den
-Unterricht des originellen Mathematiklehrers Doktor
-Veit, der uns von Quarta bis Obersekunda den Pfad
-zur Vollendung führte. Man verbindet gewöhnlich mit
-dem Begriffe des Mathematikers die Vorstellung eines regelrecht
-konstruierten Behälters öder, lebloser Formeln: nur im äußersten
-Winkel dieses Behälters lauert die Individualität eines menschlich
-fühlenden Wesens. Unser lieber, trefflicher Veit war die verkörperte
-Widerlegung dieser einseitigen Theorie. Kein Zug seiner charaktervollen
-Erscheinung erinnerte an die Schablone. Seine innere und
-äußere Physiognomie entfernte sich himmelweit von jenen typischen
-Schreckbildern, die alles auf Gleichungen zurückführen, die selbst in
-der Liebe von positiven und negativen Größen phantasieren und die
-Erkorene mit dem Parallelogramm der Kräfte an die hochklopfende
-Brust ziehen. Doktor Veit war vielmehr ein erquickliches Original,
-in derber Holzschnittmanier ausgearbeitet, aber nirgends geometrisch
-korrekt. In seinen Lehrstunden herrschte durchaus nicht der Ton der
-reinen Mathematik. Sein Vortrag war reich an subjektiven Streiflichtern,
-an reizvollen Impromptus, an ergötzlichen Zwischenfällen&nbsp;…</p>
-
-<p>Erst in Sekunda lernten wir diesen Mann nach dem ganzen
-Umfange seiner Vorzüge schätzen.</p>
-
-<p>Wenn es elf schlug, und der Xenophon-Interpret, »froh der
-bestandenen Gefahr,« von hinnen geeilt war, dann erschien in der
-Tür eine mittelgroße Gestalt mit rötlich angestrahltem Gesicht, den
-Hut ein wenig im Nacken, um die Lippen ein freundliches Lächeln.<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span>
-Rasch warf er die Kopfbedeckung auf den Tisch neben dem Eingang
-und schritt beweglich nach dem Katheder, ohne nach pädagogischer
-Würde zu haschen, ohne in professorenhafter Manier den Rock zuzuknöpfen,
-ohne an der Brille zu rücken. Mit prüfendem Blick
-musterte er die lebhaft plaudernde Versammlung und nahm dann
-halb wie im Traum den Schwamm, der neben der Kreide lag, um
-ihn mit Wasser zu sättigen. Allerlei groteske Figuren beschreibend,
-wischte er die große Schultafel ab; dann kehrte er sein freundliches
-Antlitz von neuem dem schwatzhaften Publikum zu, trommelte mit den
-Fingern auf die Holzfläche des Katheders und nickte still vor sich hin&nbsp;…</p>
-
-<p>Das währte so drei, vier Minuten. Plötzlich schien er sich zu
-besinnen, weshalb er hierher gekommen. Mit der Faust auf die
-Fläche des Lehrpultes schlagend wie ein Tambour, der die Kolonne
-zum Sturme führt, rief er mit Donnerstimme:</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Allez! vite! vite! vite!</em> wacker! wacker! wacker! Boxer, komme
-Se mal raus an die Tawel!«</p>
-
-<p>Diese Wendung kehrte in ähnlicher Form als Einleitung zu
-jeder Lehrstunde wieder. Doktor Veit vermochte sich nämlich gewisser
-dialektischer Eigentümlichkeiten nie zu entschlagen, namentlich in
-erregter Stimmung; wenn er im Eifer des Dienstes erglühte, wenn
-der Zorn ihm die Nerven schüttelte, stets verfiel er dem Banne der
-Mundart, und seine Mundart war nicht die gefeilteste. In
-grammatikalischer wie in lexikographischer Hinsicht borgte er bei dem
-Volke. So ergoß sich ein Hauch echter Urwüchsigkeit und reinen,
-gediegenen Menschentums über die exklusive Klassizität unseres
-Gymnasialkatheders.</p>
-
-<p>Boxer stand auf und trat an die »Tawel«, die rechts vom
-Katheder auf den Holzzapfen der Staffelei ruhte&nbsp;…</p>
-
-<p>»Ich bitt' mer jetzt aus, daß Ihr Ruh' halt't!« rief Doktor
-Veit kategorisch den hinteren Bänken zu. »Na, Boxer! <em class="antiqua">Allez! vite!
-vite!</em> Hier ist die Kreide! Schreibe Se emal folgende Gleichung!«</p>
-
-<p>Boxer schrieb und begann hierauf zu Nutz und Frommen der
-Klasse die Auflösung.</p>
-
-<p>»Halt' mer emal die Gäul' an!« unterbrach ihn Doktor Veit
-mit der naiv-herzlichen Frische des Volkes. »Möricke, habe Sie das
-verstande?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span></p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Professor.«</p>
-
-<p>»So rekapituliere Sie's!«</p>
-
-<p>Möricke versuchte, die mathematischen Wege seines Freundes
-Boxer nachzuwandeln; bald aber geriet er ins Stolpern.</p>
-
-<p>»Ui! ui, ui! …« rief Doktor Veit abwehrend. »Sie lerne
-auch Ihr Lebdag nix, Möricke! &ndash; Boxer, erkläre Sie's noch emal!«</p>
-
-<p>Boxer begann von neuem und führte die Aufgabe siegreich
-zum Schlusse.</p>
-
-<p>»'s war gut. Gehn Se auf Ihren Platz. Wenn der Hutzler
-halb so viel wüßt' wie der Boxer, so wüßt' er zehnmal so viel
-wie der Möricke.«</p>
-
-<p>»Oh!« erwiderte Möricke, »ich hatte mich bloß versehen. Die
-Tafel blinkt so, und da hatte ich das <em class="antiqua">x</em> für ein <em class="antiqua">a</em> gehalten!«</p>
-
-<p>»So? Ist's wahr, Hutzler, blinkt die Tawel?«</p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Professor. Ich seh' hier so gut wie gar nichts.«</p>
-
-<p>»Knebel, rücke Se mal die Tawel so, daß der Hutzler und
-der Möricke was sieht!«</p>
-
-<p>Knebel, Heppenheimer und zwei oder drei ihrer Mitschüler
-sprangen auf, um die Tafel zurecht zu rücken.</p>
-
-<p>»Sie steht zu steil«, rief Hutzler pathetisch.</p>
-
-<p>Heppenheimer beeilte sich, die Hinterbeine des Gerüstes nach
-hinten zu schieben.</p>
-
-<p>»So blinkt's noch mehr!« rief der tückische Hutzler.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Allez! vite! vite!</em>« mahnte unser guter Professor. »Zeit ist
-Geld, sagt der Engländer!«</p>
-
-<p>Heppenheimer rückte und rückte. Mit einemmal kam der
-Aufbau ins Rutschen. Das Zugreifen der Sekundaner bezweckte
-nur scheinbar die Rettung. Im nächsten Augenblicke stürzte alles
-über den Haufen.</p>
-
-<p>Lautes Gelächter. Das Antlitz des Lehrers nahm jählings
-ein violettrotes Kolorit an. Heppenheimer, der den ganzen Frevel
-veranlaßt, rieb sich heuchlerisch ächzend die Kniescheibe.</p>
-
-<p>»Für so Posse bedank' ich mich!« zürnte Herr Veit, heftig den
-Schwamm zerknetend. »Ihr müßt net meine, daß Ihr hier en
-Hanswurscht vor Euch habt!«</p>
-
-<p>»Die Dielen hier sind so glitschig«, versetzte Knebel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>»Selbst glitschig! Lausbube seid Ihr, die bei jeder Gelegeheit
-ihre Späß treibe. Jetzt rasch emal die Geschichte da wieder aufgestellt!
-Und das sag' ich Euch, passiert so etwas wieder, so komm'
-ich Euch über die Köpp'!«</p>
-
-<p>Bei dieser unparlamentarischen Phrase erhob sich auf den
-hinteren Bänken ein Gebrumme der Mißbilligung.</p>
-
-<p>Doktor Veit verließ den Katheder.</p>
-
-<p>»Wer hat hier gebrummt? &ndash; Was? Er will sich geheim halte?
-Ich kenn' mein' Pappenheimer, sagt Schiller. Das ist gewiß wieder
-der miserable Kleemüller gewese!«</p>
-
-<p>Kleemüller fuhr empor, als habe ihn eine Natter gestochen.</p>
-
-<p>»Ich bin's nicht gewesen!«</p>
-
-<p>»Sie sind's gewese, und jetzt halte Sie 's Maul!«</p>
-
-<p>»Ich verteidige nur meine Rechte«, erwiderte Kleemüller.</p>
-
-<p>»So? Na, dann komme Se mal raus an die Tawel!«</p>
-
-<p>»Weshalb?«</p>
-
-<p>»Dummes Geschwätz! Sie solle die nächst' Aufgab' löse. Na,
-steht die Tawel nun fest? <em class="antiqua">Allez! vite! vite! vite!</em>«</p>
-
-<p>Kleemüller trat heraus und begann zu rechnen.</p>
-
-<p>»Sie mache das viel zu umständlich. Das Verfahre läßt sich
-wesentlich abkürze. Wisse Sie davon nix?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Sehe Se wohl, daß ich Recht hab'? Sie habe gebrummt; sonst
-wüßte Se, was hier zu tun ist. Jetzt mache Se, daß Se so schnell
-wie möglich auf Ihren Platz komme, sonst verzehrt Sie 's Gewirrer!«</p>
-
-<p>Gewirrer! So sprach Doktor Veit in der Tat, wenn er eine
-gewisse Stufe der Indignation überschritten hatte. Im normalen
-Zustande sprach er: Gewitter.</p>
-
-<p>Das Antlitz des ehrlichen Mathematikers gewann jetzt wieder
-den alltäglichen Ausdruck. Die Überzeugung, daß er Kleemüllers
-Sündenschuld unwiderleglich erhärtet habe, gab ihm die seelische
-Ruhe zurück. Er fuhr mit dem Schwamm triumphierend über die
-Tafel und rief dann in freudigster Klangfarbe:</p>
-
-<p>»Aufgepaßt!«</p>
-
-<p>Nun begann er in seltsam geschraubtem Hochdeutsch eine wissenschaftliche
-Erörterung, die er durch praktische Exempel treffend<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span>
-erläuterte. Ab und zu unterbrach er seine Darlegung mit dialektischen
-Ausrufen:</p>
-
-<p>»Wann jetzt das Geraschpel an dem Tintefaß net bald aufhört,
-dann fahr' ich hinein!«</p>
-
-<p>Oder:</p>
-
-<p>»Möricke, Sie hocke wieder da wie e betrunke Kaninche und
-schlafe mit offene Auge!«</p>
-
-<p>Oder:</p>
-
-<p>»Knebel, sage Se doch dem Pedell, er soll sein Küch' zumache.
-Mer riecht wieder im ganze Haus, was gekocht wird.«</p>
-
-<p>Gegen Ende der Stunde ward Doktor Veit in der Regel ein
-wenig heiser. Er litt nämlich an einer leichten Entzündlichkeit der
-Mandeln, war jedoch im übrigen der kräftigste und gesündeste
-Mensch unter der Sonne. Wenn sich dieses Gefühl bei ihm regte,
-so holte er tief Atem, legte die Hand vor den Kehlkopf und
-schüttelte bedenklich das Haupt. Dann murmelte er halblaut:</p>
-
-<p>»Ja, ja, die Flöt' hat bald ausgepfiffe!«</p>
-
-<p>Oder:</p>
-
-<p>»Lang werde mir's net mehr mitmache: übers Jahr um die
-Zeit sind die Quetsche gegesse.«</p>
-
-<p>Endlich erscholl die Pedellglocke.</p>
-
-<p>War es Sonnabend, so hatte der Lehrer die Verpflichtung,
-mit der Klasse ein Schlußgebet anzustimmen. Für Doktor Veit,
-den ausgesprochenen Materialisten, eine schreckliche Aufgabe!
-Seufzend holte er das schwarze, unheilverkündende Buch hervor
-und suchte sich unter den zweihundertundfünfzig Gebeten das
-kürzeste aus.</p>
-
-<p>»Da, Knebel, lese Sie's vor! <em class="antiqua">Allez! vite! vite!</em>«</p>
-
-<p>Und Knebel begann zu lesen:</p>
-
-<p>»Vollendet ist das Werk dieser Woche. Du, Herr, hast es
-vollenden helfen!&nbsp;…«</p>
-
-<p>Doktor Veit, der mit gefalteten Händen auf dem Katheder
-stand und auf den Schwamm blickte, wechselte während der Lektüre
-mindestens achtmal sein Standbein und atmete erst wieder auf,
-wie Knebel das Amen flüsterte. Jetzt drängte die Klasse stürmisch
-dem Ausgange zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span></p>
-
-<p>»Halb so wild!« rief Doktor Veit, seinen Hut ergreifend.
-»<em class="antiqua">Festina lente</em>, sagt der Lateiner!«</p>
-
-<p>Und somit schritt er behaglich der Treppe zu.</p>
-
-<p>Im Erdgeschoß begegnete er dem Pedell.</p>
-
-<p>»Höre Se mal, Quaddler, ich hab's Ihne schon sage lasse:
-Wenn Sie wieder Kraut koche, dann mache Se gefälligst die Küch'
-zu. Es riecht hier so schon net grad' nach Ambra und Roseöl.«</p>
-
-<p>»Aber erlauben Sie gütigst, die Tür war fest verschlossen,
-und der Geruch muß sozusagen durchs offene Fenster gestiegen sein.
-Insofern es übrigens auch ein ganz vortreffliches Kraut war.«</p>
-
-<p>»Mache Se mer die Gäul' net scheu, Quaddler! Sie wisse
-nun, was ich gesagt hab'. Richte Sie sich danach. Und was ich
-noch weiter bemerke wollt': Lasse Sie doch drobe ans Tawelgestell
-e paar Hake mache, daß die Geschicht net alle Naselang auseinannerrutscht.«</p>
-
-<p>»Schön, Herr Professor. Inwiefern soll ich die Haken denn
-machen lassen?«</p>
-
-<p>»Ich werd' Ihne das später erörtern! Jetzt hab' ich kein' Zeit!«</p>
-
-<p>Er räusperte sich.</p>
-
-<p>»Ach ja,« stöhnte er vor sich hin, »ewig is mer geplagt! Das
-nimmt kein gut' End'! Heut' übers Jahr wirft mer mit meine
-Knoche die Birn' ab.«</p>
-
-<p>»Ganz gehormster Diener, Herr Professor.«</p>
-
-<p>Und nun begab sich unser trefflicher Mathematiklehrer ins
-Gasthaus »Zur Sonne«, wo er einen kolossalen Appetit entwickelte.
-Die Empfindlichkeit seiner Mandeln ließ nach, und den Zahnstocher
-zwischen den Lippen, wagte er die schöne Versicherung: »Es is
-immer noch kein schlecht Lebe auf der Welt. &ndash; Schorsch, bringe
-Se mer noch e Flasch Niersteiner!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span></p>
-
-<h2 id="Erinnerungsbilder">
-<img src="images/illu-060.png" alt="" /><br />
-Erinnerungsbilder.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">Das beglückende Lenzgefühl, das der Mai durch alle Adern
-gießt, wird mir durch eine unauslöschliche Erinnerung
-zu einem wahren Rausch der Wonne gesteigert. Ich
-denke nämlich, wenn die Fluren und Wälder sich
-neu begrünen, an die Jahre zurück, da ich dies erquickende
-Schauspiel durch den steifen, weißgestrichenen Rahmen eines großen
-Schulfensters beobachten mußte und dazu verurteilt war, die entzückendsten
-Stunden des Frühlings vor dem Katheder höchst würdiger
-und höchst gelehrter Männer zu verbringen. Aus den benachbarten
-Gärten klang das Konzert der Vögel herüber in die dumpfigen
-Schulräume, aber die ernsten Männer mit den großen Rundbrillen
-hatten kein Ohr für diesen melodischen Zauber: sie redeten von
-Sprachgebräuchen, Anakoluthen, Konjunktionen, Schreibfehlern und
-Anachronismen, &ndash; ebenso wirr und zusammenhanglos, wie ich
-diese verschiedenen Gesichtspunkte ihrer pädagogischen Tätigkeit
-hier aneinander reihe. Anstatt die Lebensweisheit von den grünen
-Blättern der Natur abzulesen, mußten wir uns mit dem herumschlagen,
-was auf den gedruckten stand; sei es nun, daß ein Chorgesang
-des Sophokles oder eine schwungvolle Rede Ciceros, sei
-es, daß eine Gleichung aus der analytischen Geometrie, oder daß
-eine Frage aus der Kirchengeschichte unsere Aufmerksamkeit in
-Anspruch nahm.</p>
-
-<p>Ich seufzte dann oft heimlich über die Tyrannei der modernen
-Zivilisation und warf über den Rand meiner Bücher und Hefte
-hinaus sehnsuchtsvolle Blicke nach den lauschigen Baumwipfeln, die
-so wonniglich im linden Westwinde rauschten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span></p>
-
-<p>Drüben auf dem tannbewachsenen Hügel, etwa eine halbe
-Stunde vom Städtchen entfernt, lag die Liebigshöhe, so genannt
-nach dem großen Chemiker, dem die dankbare Bürgerschaft kein
-beredteres Denkmal ihrer Hochachtung zu stiften wußte, als daß sie
-einen Bierkeller &ndash; das Schätzbarste, was eine germanische Bürgerschaft
-besitzt &ndash; nach seinem Namen taufte. Dort hatten wir verfassungswidrigen
-Primaner mehr als einmal »eine Orgie gefeiert«, &ndash;
-wie der Direktor sich ausdrückte, wenn er unsere Zechgelage entdeckte
-und uns mit mehrtägiger Karzerstrafe belegte. Auch war die
-Liebigshöhe ein beliebter Sammelplatz für solche Insassen der Stadt,
-die sich einer zahlreichen Familie erfreuten; denn es war nirgends
-so billig, wie hier im Schatten der Tannen, ganz abgesehen davon,
-daß außer Bier, Kaffee und Kuchen nichts verabreicht wurde. Zu
-den Töchtern dieser Familien gehörte auch Jenny, die blonde, schlanke,
-blauäugige Jenny, an die ich bereits in Unterprima eine Reihe
-hervorragender Liebeslieder gestaltete, während ich sie in Oberprima
-zur Heldin eines fünfaktigen Trauerspiels erkor&nbsp;…</p>
-
-<p>Wenn ich so von meinem Platz aus das zierliche Gehöft mit
-dem braunroten Dach und den blinkenden Fenstern aus der blauen
-Ferne herüberlächeln sah, so zogen all diese Bilder in bunter,
-beglückender Reihe durch mein Gemüt, und ich begann immer
-lauter zu seufzen und immer schwerer den Zwang zu empfinden,
-der mich an diese harten Subsellien fesselte&nbsp;…</p>
-
-<p>Mit einemmal wurde ich durch die dröhnende Anrede des
-Direktors oder eines seiner ebenso pflichttreuen Kollegen daran erinnert,
-daß ich noch Sklave war und nicht das Recht hatte, meine
-Phantasien während der hochwichtigen Erklärung eines griechischen
-Tragikers über Berg und Tal wandern zu lassen.</p>
-
-<p>»Sä sänd wäder änmal nächt bei der Sache!« klang es von
-den Lippen des erzürnten Philologen Doktor Samuel Heinzerling, desselben,
-der später mit meinem unvergeßlichen Freunde Wilhelm Rumpf
-das denkwürdige Rencontre in den Räumen des Karzers hatte. Die
-Worte trafen mich stets wie ein Blitz aus heiterem Himmel, denn ich
-war in der Tat durchaus nicht bei der Sache und mußte es stillschweigend
-über mich ergehen lassen, wenn Heppenheimer mich auf den
-Wink des Autokraten als »onaufmerksam« ins »Tagebooch« einschrieb.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span></p>
-
-<p>Wie oft habe ich, noch ehe es halb schlug, die Uhr in die
-Hand genommen und auf dem Rand meiner Virgilausgabe Buch
-geführt über jede verstrichene Minute! Das gelangweilte Herz
-glaubte durch diese Kontrolle den Gang dieser trägen Zeit zu
-beflügeln; aber es war unglaublich, wie bleischwer trotz aller
-Machinationen die Augenblicke dahinzogen. Ein Triumphgeschrei
-klang durch die Seele, wenn man mit großen lateinischen Lettern
-»drei Viertel« notieren durfte. War man von dem Aufzeichnen
-dieser einzelnen Zeitstadien ermüdet, so erging man sich wohl auch
-in Epigrammen, deren schweres, molossisches Versmaß die Stimmung
-des niedergedrückten Gemüts versinnlichte. Der Kern ihrer Wehklagen
-ließ sich in den Ausruf zusammenfassen: »Will's denn
-heute wieder einmal gar nicht ›ganz‹ werden!« Ganz! Das war
-das erlösende Wort! Ganz! Was lag nicht alles in diesen vier
-Buchstaben, zumal wenn sie sich auf den Schluß der letzten Stunde,
-also auf vier Uhr nachmittags, bezogen. Und wenn nun gar
-Quaddler, unser ehrlicher Pedell, sich um ein paar Minuten verrechnet
-hatte und zu früh klingelte, &ndash; wie jauchzten wir da empor
-beim Gedröhne seines heiseren Metalls! War es doch das Signal der
-Freiheit, das er uns gab, und »die Freiheit schmeckt süß«, selbst in
-Prima.</p>
-
-<p>Der geneigte Leser hat vielleicht ein paar Söhne auf dem
-Gymnasium und fängt an, diese Skizzensammlung für die Verbreiterin
-unsittlicher Ideen zu halten; aber ich kann ihm nicht helfen. Wenn
-er sich selber des Jubels nicht mehr erinnert, der ihm bei der Kunde
-von dem Schluß der Gymnasialexerzitien durch alle Fibern zuckte,
-so ist dies ein individuelles Unglück: ich meinesteils trage das Bild
-jener Zeit mit unverblaßten Farben im Busen und fühle fast stündlich
-ein gewisses Behagen, daß ich nicht mehr verpflichtet bin, nachmittags
-um zwei meine Bücher zusammenzuschnüren und nach der alten Spelunke
-zu traben, die mir die herrlichsten, sonnigsten Maitage gestohlen hat.</p>
-
-<p>Worin besteht denn die Glückseligkeit des jungen Studenten
-anders, als in dem Bewußtsein, daß er aufgehört hat, dem Bann
-des Gymnasiallebens anzugehören?</p>
-
-<p>Ich finde hierüber bei Hermann Grimm, dem geistvollen
-Novellisten, eine sehr bezeichnende Stelle.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p>
-
-<p>»Ich war achtzehn Jahre alt«, schreibt dieser feine Beobachter
-menschlicher Verhältnisse, »und eben erst Student geworden. Das
-ist ein Übergang im Leben, wie wenige. Man ist mit einem Schlage
-aus einem ungewissen Wesen ohne Bedeutung zu einem Manne mit
-Titel, Rang und gegründeten Ansprüchen umgeschaffen. Man hat
-Geld zu seiner Verfügung, kann arbeiten, was und wie man will,
-und darf den Genuß des Lebens von den Bäumen pflücken, wo die
-Früchte am lockendsten aus dem Laube leuchten. So griff ich
-das Leben an: ohne kopfhängerische, einsiedlerhafte Neigung war
-ich ein vergnügter Student und wußte nur vom Hörensagen, daß
-es eine Zukunft gebe; die Vergangenheit war mir ein unbekanntes
-Land geworden, zu dessen Ufern die Erinnerung niemals zurückkehrte.
-Was konnte ich Größeres verlangen? Ein Palast, um darin zu
-studieren, berühmte Gelehrte, die uns »meine Herren« anredeten,
-die mit wunderbarer Höflichkeit Kenntnisse und Eifer bei uns
-voraussetzten, eine große Stadt, in der es sich frei und unbehelligt
-lebte, freie Abende, Nächte (wenn wir wollten), Theater &ndash; für einen
-Studenten gibt es keinen unerfüllten Wunsch.«</p>
-
-<p>Aus diesen Zeilen spricht ganz dasselbe Gefühl, dem ich in
-den oben stehenden Worten Ausdruck verliehen habe. Im Winter
-läßt man sich die Sache zur Not noch gefallen. Man begeistert
-sich für Antigone, obgleich der Umstand, daß man die Tragödie
-des unsterblichen Meisters in minimalen Bruchteilen zu sich nimmt,
-sehr geeignet ist, dieser Begeisterung Abbruch zu tun. Man übt
-sich im lateinischen Stil, denn man kann einmal Reichstagsabgeordneter
-werden und in die Lage kommen, das »<em class="antiqua">timeo
-Danaos</em>« oder das »<em class="antiqua">nil humanibus arduum est</em>« zitieren zu
-wollen. Man fertigt deutsche Aufsätze nach klassischen Vorbildern,
-denn eine gewisse Leichtigkeit im Ausdruck ist allezeit nütze, sei es
-nun, daß man sich auf die Schriftstellerei wirft, was bei den
-Gymnasiasten von heutzutage die Regel ist, oder daß man als
-Hotelbesitzer lange Rechnungen verfertigt, die unter Umständen mehr
-einbringen als die Schöpfungen der Novellistik. Alles das geht
-im Winter, denn Schnee und Regen sind keines Menschen Freund,
-und im Feld und auf der Heide ist wenig zu suchen, wenn der
-Nord durch die kahlen Zweige der Buchen fegt. Aber im Frühling,<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span>
-sobald die ersten Lerchen ins Blaue steigen, ändert sich diese
-Sachlage. Dann wird der Zwang, auf die Vorträge eines Doktor
-Samuel Heinzerling zu lauschen, zur qualvollsten Sklaverei, und
-die Sehnsucht nach den Umarmungen der Mutter Natur macht jeden
-wissenschaftlichen Ernst zuschanden.</p>
-
-<p>Das Bewußtsein, daß ich einst in diesen Ketten geschmachtet
-habe und jetzt frei bin, frei wie der Vogel in der Luft, dieses süße
-Gefühl des Nicht-Gymnasiastentums bildet jetzt eine der vornehmsten
-Würzen meines Frühlingsgenusses.</p>
-
-<p>Aber die Medaille hat ihre Rückseite. Nicht selten <em class="gesperrt">rächt</em> sich
-die Vergangenheit für den stillen, triumphierenden Hohn, mit dem
-ich ihrer gedenke, &ndash; und nachts in den entsetzlichsten Traumgesichtern
-kehrt sie mir zurück und schreckt mich mit der Maske der
-Gegenwart. Ich sehe mich trotz meines Doktordiploms, das bereits
-vor acht Jahren lügnerischerweise behauptet hat, ich sei ein <em class="antiqua">vir
-perdoctus</em>, und trotz des würdevollen Bartwuchses, den ich mir
-im Laufe der letzten zwei Lustra anzueignen wußte, von meinen
-ehemaligen Schulkameraden umringt in dem Saale der Prima, und
-vor mir steht die fragwürdige Gestalt des Doktor Samuel Heinzerling
-oder eines seiner gestrengen Kollegen. Das Verhängnis drückt mir
-einen lateinischen Klassiker in die Hand und verlangt von mir, ich
-solle <em class="antiqua">exempli gratia</em> das erste Kapitel der Rede Ciceros <em class="antiqua">pro Roscio
-Amerino</em> ins Griechische übersetzen. Ich überfliege den lateinischen
-Text mit fiebernden Blicken und gewahre sofort, daß mir für einige
-der notwendigsten Ausdrücke die griechischen Vokabeln fehlen. Mein
-Nachbar, ein fleißiger und gewissenhafter Schüler, der in den Tagen
-meiner wirklichen Primanerschaft stets aufs pünktlichste präpariert
-war, scheint diesmal ausnahmsweise faul gewesen zu sein, wie ich.
-Ich gebe ihm alle erdenklichen Signale mit dem Ellbogen, mit den
-Füßen, mit den Knien; ich raune ihm zu: »Mensch, Du bist des
-Todes, wenn Du mir nicht Dein Wörterbuch vorschiebst!« Aber
-er rührt sich nicht.</p>
-
-<p>»Non,« klingt die Stimme meines Peinigers, »wollen Sä non
-bald anfangen? Sä scheinen mär wäder änmal nächt gehöräg
-vorbereitet.«</p>
-
-<p>Ich lege die Hand aufs Herz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span></p>
-
-<p>»Aber, Herr Direktor,« stammle ich treuherzig, »ich kann Sie
-aufs bestimmteste versichern&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ich hoffe durch diese bestimmte Versicherung nur Zeit zu gewinnen,
-aber Samuel Heinzerling unterbricht mich.</p>
-
-<p>»Sein Sä mer ställ«, sagt er in wegwerfendem Tone; »äch
-weiß zor Genöge, was äch von Ähren bestimmten Versächerongen
-zo halten habe. Öbersätzen Sä jetzt das Kapätel ins Grächäsche,
-oder gäben Sä zo, daß Sä nächt nach Geböhr präparärt sänd!«</p>
-
-<p>Mit einem verzweifelten Entschluß beginne ich:</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Credo ego vos judices <span id="corr065a">mirari</span></em> … Ὑμᾶς μὲν, ὦ ἄνδρες
-δικασταὶ, θαυμάζειν ἐγῷμαι&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Goot«, sagt Samuel Heinzerling; »non weiter!«</p>
-
-<p>Da haben wir's! Das nächste Wort, <em class="antiqua">summi</em>, ist zwar ein
-ganz gewöhnliches, und ich weiß genau, daß ich die entsprechende
-griechische Vokabel mindestens hundertmal angewandt habe; jetzt
-aber, im entscheidenden Augenblicke vor den Schranken Doktor
-Samuel Heinzerlings, bin ich mit aller Kraft nicht imstande, die
-fluchwürdigen paar Silben aus meinem Gedächtnis heraufzubeschwören.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Summi</em> …,« sage ich, »ja, <em class="antiqua">summi</em>, das heißt … es kommt
-darauf an, wie man das hier auffaßt; nämlich insofern … <em class="antiqua">summus</em>
-kann verschiedenerlei bedeuten. Wenn wir z. B. sagen, <em class="antiqua"><span id="corr065b">summus</span>
-mons</em>, so ist das etwas anderes, als wenn wir sagen, <em class="antiqua">summa cum
-laude</em>&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Bleiben Sä bei der Sache; öbersätzen Sä <em class="antiqua">sommä</em> mit dem änzägen
-bezeichnenden grächäschen Wort ond lassen Sä alle Omschweife!«</p>
-
-<p>»Also,« stammle ich, während mir der helle Angstschweiß auf
-die Stirne tritt, »<em class="antiqua">summi</em> … <em class="antiqua">Credo ego vos judices mirari, quid
-sit, quod cum tot summi</em>&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das Lateinäsche können wär ons sälbst lesen. Sä scheinen
-mer nächt recht zo wässen, was <em class="antiqua">sommä</em> auf Grächäsch heißt.«</p>
-
-<p>»O gewiß, Herr Direktor; es fragt sich nur, ob wir das Wort
-hier figürlich auffassen, oder ob wir seine eigentliche Bedeutung …«
-(mit gedämpfter Stimme zum Nachbarn:) »Du, <em class="antiqua">summi</em>, Himmelkreuzdonnerwetter,
-lege mir doch Dein Heft hin!«</p>
-
-<p>Mein Nachbar rührt sich nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span></p>
-
-<p>»Was haben Sä da eben zom Schwälble gesagt? Er soll's
-Ähnen wohl einflöstern? Korz ond böndig, wässen Sä, wä Sä
-<em class="antiqua">sommä</em> zu öbersätzen haben oder nächt?«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Summi</em> … natürlich … ich nehme das hier bildlich von
-den geistigen Eigenschaften.«</p>
-
-<p>Der Direktor schüttelt unwillig mit dem Kopf und sucht mit
-der rechten Hand in der Westentasche nach dem Bleistift, um mir
-die Note »ongenögend« anzumalen.</p>
-
-<p>Der Angstschweiß rinnt mir jetzt bereits literweise von der
-Stirn. Aber noch gebe ich meine Sache nicht verloren. Ich
-entsinne mich, daß griechisch καλὸς κἀγαθός eine hervorragende sittliche
-Eigenschaft bedeutet, und versuche ganz glatt weg, dieses <em class="antiqua">summi</em> auf
-die angedeutete Weise zu übertragen.</p>
-
-<p>»Sä sänd wäder änmal faul gewesen«, ruft jetzt Heinzerling
-in schnarrendem Tone.</p>
-
-<p>»Καλὸς κἀγαθός,« hauchte ich noch mit der letzten Kraft meines
-Mundes, »κἀγαθός, das heißt, ich wollte mir die ganz ergebene
-Bemerkung erlauben, ich war gestern unwohl, und wir hatten
-Besuch, und mein Onkel war da, und dann hatte ich noch gestern
-die Korrektur meiner neuen Novellen zu lesen, die dieses Jahr erscheinen,
-und die ich Ihnen nicht dringend genug empfehlen kann.«</p>
-
-<p>»Was? Novellen wollen Sä schreiben ond wässen nächt
-änmal, wie <em class="antiqua">sommä</em> auf Grächäsch heißt? Wässen Sä was, Sä
-täten auch besser, Sä öbten säch ärst noch ein wenäg in den Elementen
-der Scholbäldong, ehe Sä säch daran machten, einem
-denkenden Volke geistige Nahrong onterbreiten zo wollen. Wenn
-mer än Mänsch sagt, er schreibt Novellen, so wärft das ein sehr
-schlechtes Lächt auf seinen Läbenswandel, ond korz ond got, Sä
-gehn mer sechs Stonden auf den Karzer. Schreiben Sä änmal
-ein, Heppenheimer: ›Doktor Ernst Eckstein wägen ongenögender
-Vorbereitong ond vorsätzlichen Novellenschreibens mit sechs Stonden
-Karzer bestraft‹. Knöpke, holen Sä einmal den Pedellen.«</p>
-
-<p>Jetzt wird mir die Sache zu bunt.</p>
-
-<p>»Was, Herr Direktor? Sie wollen sich hier über meinen
-schriftstellerischen Beruf ereifern? Sie wollen mir Verhaltungsmaßregeln
-erteilen in Angelegenheiten, von denen Sie nicht das<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span>
-geringste verstehen? Das übersteigt denn doch alles, was mir
-bis jetzt in meiner Praxis vorgekommen ist! Augenblicklich verlassen
-Sie das Zimmer! Augenblicklich, sage ich, oder Sie sollen
-mich von einer Seite kennen lernen, die Ihnen schwerlich gefallen
-wird.«</p>
-
-<p>»Mänsch, was onterstehn Sä säch? Heppenheimer, schreiben
-Sä änmal ins Tagebooch: ›Wägen empörenden Benehmens&nbsp;…‹«</p>
-
-<p>Ich trete aus den Bänken heraus, kreuze die Arme vor der
-Brust und schreite auf den Direktor los.</p>
-
-<p>»Samuel,« sage ich, »es ist genug des grausamen Spiels.
-Ich habe längst mein Maturitätsexamen gemacht und eine Doktorprüfung
-bestanden, die mich zur Forderung einer anständigen
-Behandlung berechtigt. Lassen Sie sich Ihren Cicero <em class="antiqua">pro
-Roscio Amerino</em> einpökeln und das <em class="antiqua">summi</em> und alle übrigen
-lateinischen Superlative übersetzen, von wem Sie Lust haben; ich
-danke dafür! Leben Sie wohl und grüßen Sie mir Ihre Frau
-Gemahlin!«</p>
-
-<p>Und hiermit ergreife ich meinen Zylinder, der sich zwischen
-den Mützen meiner Schulkameraden ganz eigentümlich ausnimmt,
-packe meine Bücher unter den Arm und schreite hochaufgerichtet der
-Tür zu.</p>
-
-<p>»Heppenheimer!« ertönt die Stimme Samuels. »Rofen Sä
-schnell den Pedellen! Sechs Tage Karzer! Zwölf Tage Karzer!
-Augenbläckläch wärd er hänaufgeföhrt.«</p>
-
-<p>Ich aber renne im Sturmschritt die Treppe hinab, stoße den
-Pedell, der mir entgegenkommt, über den Haufen und bin zwei
-Minuten später im Freien. Sowie mich Gottes allgütige Sonne
-bescheint, wache ich auf. Die Nachbarsleute versichern regelmäßig,
-ich hätte in den Nächten, die mir derartige Träume senden, furchtbar
-gestöhnt, und die Witwe Wendelsheim, die ein sehr gutes Herz hat,
-rekommandiert mir jetzt bereits zum fünfundzwanzigsten Male ihr
-unfehlbares Mittel gegen Alpdrücken.</p>
-
-<p>Noch peinlicher gestalten sich diese Verhältnisse, wenn mich der
-Geschichtslehrer ins Gebet nimmt. In den Sprachen habe ich mich
-immer noch so leidlich zurecht gefunden, aber die Historie war meine
-schwache Seite. So erinnere ich mich, daß ich in Sekunda<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span>
-aufgefordert wurde, eine kurze Darstellung der Hussitenkriege zu
-liefern. Leider war mir der Gegenstand, über den meine oratorische
-Leistung sich erstrecken sollte, so unbekannt, wie Herrn Gambetta
-die Geheimnisse der Strategie; aber in einer dunklen Vorahnung
-der Tatsache, daß der Diktator von Tours dereinst auch ohne diese
-Kenntnisse das militärische Szepter ergreifen würde, beschloß ich,
-kühn ins Feuer zu gehen und ein »Essay« zu liefern, das mich
-»herausbeißen« sollte. Der Umstand, auf den sich meine Hoffnung
-begründete, war die umfassende Kenntnis des berühmten Studentenliedes:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Die Hussiten zogen vor Naumburg,<br /></span>
-<span class="i0">Über Jena und Camburg&nbsp;…«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ein Volksdichter, so kalkulierte ich, wird von der historischen
-Wahrheit nur wenig abgewichen sein, und so bedarf es denn nur
-einer glücklichen Paraphrase dieses rührenden Gesanges, um die mir
-gestellte Aufgabe zu lösen.</p>
-
-<p>Ich begann.</p>
-
-<p>»Es war zur Zeit der Hussitenkriege. Die Verhältnisse hatten
-sich damals so eigentümlich gestaltet, daß nach langem Hin- und
-Herüberlegen und vielen vergeblichen Bemühungen, den Frieden
-aufrecht zu erhalten, demungeachtet der Krieg losbrach. So geht
-es eben in der Geschichte der Völker! Ganz ähnlich lagen die
-Dinge beispielsweise vor Ausbruch des Ersten punischen Krieges.
-Überall walten hier die gleichen Prinzipien: und so gilt denn diese
-Wahrheit auch von dem bedeutsamen und hochwichtigen Krieg, den
-ich jetzt zu behandeln gedenke. Da dieser Krieg oder diese Kriege
-von den Anhängern des Professors Huß geführt wurden, so nannte
-man sie, um sie mit anderen nicht zu verwechseln, die Hussitenkriege.
-Ich übergehe hier einiges minder Wichtige und komme zu dem
-entscheidenden Moment, wo die Hussiten sich aufmachten und zunächst
-die Richtung nach Jena einschlugen. Nach einem flüchtigen Abstecher
-in der Richtung von Camburg langten sie vor dem feindlichen
-Städtchen Naumburg an, das neben anderen hervorragenden Eigentümlichkeiten
-eine große Wiese besaß, die man mit Rücksicht auf die
-daselbst nistenden Vögel, oder vielleicht auch wegen eines daselbst
-häufig stattfindenden Vogelschießens, die Vogelwiese nannte. Die<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span>
-Frage ist noch unentschieden, welche der beiden Versionen die
-richtigere sei. Es gibt Geschichtsforscher, welche sich unter Aufwendung
-eines großen Scharfsinnes für die erstere Auffassung
-entscheiden. Ebenso anerkannte Autoritäten neigen indes der entgegengesetzten
-Ansicht zu, und so will ich denn, da mir die
-Quellen in diesem Augenblicke nicht zur Hand sind, die Frage nicht
-weiter erörtern. Auf dieser ganzen Vogelwiese sah man nichts als
-Schwerter und Lanzen.«</p>
-
-<p>Ich vermied das Wort »Spieße«, da der Reim mich verraten
-hätte. Von innerem Wohlgefühl über meine Schlauheit erfüllt,
-bemerkte ich nicht, daß der Lehrer immer vergnüglicher dreinschaute,
-&ndash; oder wenn ich sein Lächeln wahrnahm, so hielt ich es für einen
-Ausdruck der Zufriedenheit, der mich ermutigen sollte, kühnlich
-fortzufahren.</p>
-
-<p>Das ging denn auch so eine Weile ohne ernstliche Schwierigkeit;
-als ich aber bei der Schilderung der Teuerung anlangte und das
-historische Faktum zum besten gab, daß ein einziges Lot Kaffee an
-sechszehn Pfennige gekostet habe, da brach ein wahrer Sturm des
-Beifalls los, und mit peinvollem Erröten mußte ich einsehen, daß
-ich das Lächeln auf den wohlwollenden Zügen des Professors
-gänzlich mißdeutet hatte.</p>
-
-<p>»Schweig' und setz' Dich«, sagte der Lehrer mit Würde; »ich
-will nicht so grausam sein, Dich zu massakrieren.«</p>
-
-<p>Ich war froh, daß die Komödie vorüber war, denn besonders
-behaglich hatte ich mich bei dieser Interpretation deutscher Volkslyrik
-doch nicht gefühlt, und besser, in den Abgrund geschleudert zu
-werden, als in peinvoller Schwebe über der Tiefe zu hangen.</p>
-
-<p>Auch diese geschichtlichen Lektionen reproduziert mir der Traum
-oft in erschreckender Weise, und ich fühle ganz deutlich, wie sich mir
-das Fatum in Gestalt eines bleiernen Druckes auf die Gurgel legt,
-wenn der Professor mich auffordert:</p>
-
-<p>»Geben Sie uns nun einmal eine kurze Darstellung der
-Situation Europas nach Beendigung der Völkerwanderung.«</p>
-
-<p>Mit allen zehn Fingern wühle ich mir im Gehirn herum, aber
-die Situation will nicht klar werden, und nur das dunkle Bewußtsein,
-daß es damals in Europa sehr wüst und unordentlich<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span>
-ausgesehen, tröstet mich über die wüste Unordnung in dem eigenen
-Schädel. Dann plötzlich suche ich mir dadurch zu helfen, daß ich
-Nasenbluten bekomme oder mich in der Wade vom Krampf ziehen
-lasse, ein Mittel, das ich allen verlegenen Primanern aufs wärmste
-empfehlen kann. Nur im Traum will es nicht verfangen.</p>
-
-<p>»Das kennt man«, sagte der Lehrer geringschätzig. »Ich bin
-auch einmal Primaner gewesen, aber mich hat niemals der Krampf
-gezogen. Erzählen Sie nur ruhig weiter, oder machen Sie sich
-auf drei Tage Karzer gefaßt!«</p>
-
-<p>Die Tage Karzer regnen nur so, wenn ich träume. Ich habe
-freilich auch im Wachen gar manche schöne Stunde unter dem
-Dachfirst des Gymnasialgebäudes geschmachtet, aber der Traum
-treibt es doch noch verschwenderischer als die Wirklichkeit. Zudem
-sehe ich im Traum gar kein Mittel ab, die Verbüßung der verhängten
-Strafe zu hintertreiben, während ich tatsächlich dies mit
-einer Meisterschaft verstand, vor der ich noch jetzt eine gewisse
-Hochachtung empfinde. Es traf sich nicht selten, daß ich während
-einer einzigen Woche von drei Lehrern zugleich mit sechs Stunden
-Karzer belegt wurde. Ich meldete mich dann eines schönen Tages
-bei dem Pedell und sagte: »Herr Quaddler, ich habe auch noch
-die sechs Stunden Karzer abzusitzen, die der Herr Doktor mir verordnet
-hat«. Der brave Pedell glaubte sich bei dieser Bezeichnung
-»der Herr Doktor« beruhigen zu dürfen, und ich klomm die Treppe
-hinan. Ein paar Tage später kam der erste der drei Lehrer und
-erkundigte sich, ob der Verurteilte sich gemeldet habe. Quaddler
-bejahte. Dann erschien der zweite. Quaddler bejahte abermals.
-Und beim dritten bejahte Herr Quaddler zum drittenmal. Der
-Gedanke, daß ein Schüler dreimal in einer einzigen Woche von
-drei verschiedenen Lehrern der Freiheit beraubt werden könne, war
-ihm so unfaßlich, daß seine arme Seele ihn gar nicht in Berechnung
-zog. Er hielt die Erkundigungen der Lehrer einfach für Beweise
-eines besonderen Interesses, das sie an meiner Persönlichkeit nahmen,
-und so erledigte ich denn nicht selten drei und vier Strafen auf
-einmal, &ndash; eine stenographische Methode des Absitzens, die ihre
-unleugbaren Vorteile hat. Nur im Traume will sich dies oft
-bewährte Mittel nicht anwenden lassen: Quaddler, der in Wirklichkeit<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span>
-einer der gutmütigsten Menschen unter der Sonne war,
-kontrolliert hier auf einmal mit der Bosheit eines Inquisitionsrichters,
-und selbst seine Tochter, die sanfte, rosige Anny, denunziert
-mich bei Samuel Heinzerling wegen unterschlagener Bußestunden.</p>
-
-<p>So rächt sich das Einst an dem Jetzt, weil das Jetzt seine
-Befriedigung darüber ausdrückt, daß es von den Ketten des Einst
-befreit ist. Alles gleicht sich im Leben aus. Wer bei Tage mit
-dem Hut in der Hand an der Kirchentür sitzt und um Almosen
-fleht, der besteigt nachts im süßen Delirium der Träume vielleicht
-den Thron Frankreichs oder den Stuhl Petri, und wem das Schicksal
-die Krone aufs Haupt gedrückt hat, der beschäftigt sich, wenn
-Morpheus ihn eingewiegt hat, vielleicht mit dem Verkauf alter
-Zahnstocher oder mit dem Waschen gebrauchter Whistkarten.</p>
-
-<p>Es gab nur ein Mittel, um sich beim Herannahen des Lenzes
-den Druck der Gymnasialfesseln weniger fühlbar zu machen: die
-Wonne der Ungezogenheit. Ihr Weisen, Frommen und Gerechten,
-ich sehe schon wieder im Geiste, wie ihr die Stirn runzelt. Aber
-ihr wißt nicht, daß die Ungezogenheit den eigentlichen Lebenskern,
-ja, die einzige und echte Poesie des Gymnasiallebens ausmacht.
-Nimm einer deutschen Nähterin ihren Sonntagnachmittag, und du
-knickst ihr die Blüte des Daseins; nimm einem Gymnasiasten das
-Privilegium der Ungezogenheit, und du bohrst ihm den Dolch der
-Verzweiflung ins Herz. Ich weiß ein Lied davon zu singen! Ein
-volles Jahr hindurch habe ich mich, von einem düsteren Vorurteil irre
-geführt, mit eigener Hand dieses köstlichen Privilegiums entkleidet &ndash;
-und gelitten, wie ein Prometheus am Felsen. Ich will dem geneigten
-Leser zum Schluß auseinandersetzen, wie dies zusammenhing.</p>
-
-<p>Als ich in die Quarta des städtischen Gymnasiums eintrat,
-war ich ein frommes Kind von zwölf Jahren, das an nichts Böses
-dachte und sein Dasein gestaltete, wie die Götter es fügten, &ndash;
-ohne Besorgnis vor dem Stirnrunzeln der Lehrer, ohne Rücksicht
-auf Lob und Strafe. Die Folge dieser kindlichen Unbefangenheit
-war, daß ich mir eine Reihe empfindlicher Mißtrauensvota zuzog
-und am Schluß des Jahres eine im Punkte des Betragens sehr
-bedenklich nuancierte Zensur mit nach Hause brachte, während drei
-oder vier meiner Kameraden »wegen Fleißes und guten Betragens«<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span>
-ein Prämium erhielten. Dieses Prämium, das den andern zugefallen
-und mir vom Schicksal vorenthalten worden war, bildete
-während der folgenden Osterferien in meinem elterlichen Hause das
-tägliche Tischgespräch. Man sah es wie eine Kränkung der Familienehre
-an, daß ich leer ausgegangen sei, und ließ mich dies so
-schmerzhaft empfinden, daß ich den heroischen Entschluß faßte, im
-nächsten Jahre meinen Aufenthalt in Tertia dazu zu benutzen, eine
-solche amtliche Bestätigung meines »Fleißes und guten Betragens«
-im Schweiße meines Angesichts zu verdienen.</p>
-
-<p>Dieses Jahr in Tertia war das unglücklichste meines Lebens.</p>
-
-<p>Ein Kapitel aus Curtius langweilte mich; ich verspürte das
-unwiderstehliche Gelüste, mit meinem Nachbar über irgend einen
-erheiternden Gegenstand zu plaudern; aber das Prämium trat wie
-ein Gespenst zwischen mich und diesen beglückenden Plan, und das
-Wort erstarb mir auf den Lippen.</p>
-
-<p>Ich machte einen nachmittäglichen Spaziergang. Die Zunge
-klebte mir am Gaumen, und ich fühlte den Drang, in die nächste
-Kneipe einzukehren und auf das Wohl Samuel Heinzerlings ein
-Glas Bier zu trinken. Sofort erinnerte ich mich des Paragraphen
-der Gymnasialstatuten, der besagt, daß den Schülern dieser Pflanzstätte
-des Wahren, Schönen und Guten der Genuß geistiger Getränke
-ein für allemal untersagt ist, &ndash; und ich ließ den verlockenden Kelch
-seufzend vorübergehen.</p>
-
-<p>Die Kommilitonen führten irgend einen köstlichen Streich aus;
-meine ganze Seele rang nach aktiver Beteiligung, aber ich wußte,
-daß es mit dem Prämium aus war, wenn ich mich auch nur eines
-einzigen Vergehens schuldig machte, und so erstickte ich meine Sehnsucht
-und blieb, was zu sein ich mir vorgenommen: ein braver
-Schüler.</p>
-
-<p>Das Osterfest des folgenden Jahres kam heran. Ich erhielt
-mein Prämium in Gestalt eines Kiepertschen Atlas, und vorn in
-zierlich lithographierten Zügen stand die wunderbare Tatsache zu
-lesen, daß ich ein Jahr hindurch die volle Zufriedenheit meiner
-sämtlichen Lehrer erworben hatte.</p>
-
-<p>Mit diesem Kleinod im Arm eilte ich nach Hause; aber schon
-unterwegs legte ich den feierlichen Schwur ab: niemals und unter<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span>
-keiner Bedingung wieder nach einem Prämium zu streben, sondern
-meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und mich ohne Rückhalt dem
-Kultus der beglückenden Göttin Ungezogenheit zu widmen. Ich
-habe den Schwur redlich gehalten; auch meine Eltern haben sich
-später mit dem Ausbleiben der Prämien zu versöhnen gewußt.
-Sie mochten so etwas wie eine dämmernde Ahnung von dem haben,
-was in mir vorging, und da ich ja nun überhaupt einmal gezeigt
-hatte, daß es mir, wenn es absolut sein mußte, wohl möglich war,
-ein ganzes Jahr hindurch die Qualen der Artigkeit zu ertragen,
-so fiel es ihnen leichter, auf die Beweise einer fortgesetzten guten
-Aufführung zu verzichten.</p>
-
-<p>Ich aber betrachte noch jetzt das Jahr in Tertia als einen
-Fehler in meinem Lebensplan, und hundertmal hab' ich mir zugerufen:
-<em class="antiqua">annum perdidi</em>! Nein, ihr Gestrengen, die Ungezogenheit
-ist das eigentliche Element des Gymnasialschülers, und so wenig
-der Fisch im <em class="antiqua">Extrait double de violette</em> existieren kann, so wenig
-ist es dem Alumnen einer modernen Bildungsanstalt möglich, die
-Luft eines Nonnenpensionats einzuatmen. Für die Töchter gebildeter
-Stände mag die »Gezogenheit« ihre Vorteile haben. Den jungen
-Leuten, die sich im Laufe der Dezennien zu Bürgern einer freien
-Nation entwickeln und das Material liefern sollen zu dem großen
-mitteleuropäischen Kulturstaat, den deutschen Knaben und Jünglingen
-lasse man das Privilegium der Flegeljahre und die süßen Träume
-der Jugendeselei, denn nur so können sie gedeihen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span></p>
-
-<h2 id="Allerlei_Unarten">
-<img src="images/illu-074.png" alt="" /><br />
-Allerlei Unarten.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-s.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-e">So oft der Sterbliche in den Schatz seiner Gymnasialerinnerungen
-zurückgreifen mag, stets wird er finden,
-daß die Reichhaltigkeit und Fülle dieser Reminiszenzen
-unerschöpflich ist. Stets wird er ein neues Bild, eine
-neue Situation entdecken, an die er vielleicht seit Jahren nicht mehr
-zurückgedacht hat. Und wenn er das alles unter dem entsprechenden
-Gesichtswinkel zu betrachten weiß, so stellt sich ihm hier eine Welt
-im kleinen, eine vorgreifende Gestaltung all seiner späteren Erlebnisse
-dar, die sich zu dem Treiben der großen und wirklichen Welt etwa
-verhalten mag, wie das Puppenspiel der kleinen Mädchen zu den
-Freuden des Mutterglücks.</p>
-
-<p>Es ist dies schon mit Rücksicht auf den beträchtlichen Zeitraum,
-den der heranreifende Mensch in den Mauern des Gymnasiums zu
-verbringen hat, mehr als erklärlich. Da die Länge der Zeit nicht
-füglich allein nach der Summe von Erdumdrehungen, die zwischen
-zwei bestimmten Terminen stattfinden, berechnet werden darf, sondern
-vielmehr nach der Summe von Eindrücken, die das Gemüt und der
-Intellekt empfangen, so darf man kühnlich behaupten: wir verbringen
-die Hälfte unseres Lebens unter der Botmäßigkeit der Gymnasialtyrannen.
-Schopenhauer hat in seiner Abhandlung über den
-Unterschied der Lebensalter sehr treffend nachgewiesen, daß der Mensch
-etwa mit dem zwanzigsten Jahre die subjektive Hälfte seiner Existenz
-hinter sich hat. Die Jahre der Kindheit sind ungleich inhaltsreicher
-und daher subjektiv ungleich länger als die des Mannes- und Greisenalters.
-Dem jugendlichen Geist ist fast jede Erscheinung der Außenwelt
-neu, &ndash; und daher in einem gewissen Sinne epochemachend.<span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span>
-Der Greis hat sich dagegen längst eine intellektuelle Blasiertheit
-angeeignet: es bedarf somit schon außerordentlicher Ereignisse, um
-ihn ernstlich zu influieren. Die Tage fliehen ihm dahin wie im
-Sturme; das Kommen und Gehen der Jahreszeiten, das dem Kinde
-als eine Umgestaltung des ganzen Daseins erscheint, macht ihm den
-Eindruck regelmäßiger Vibrationen; und die Wunschlosigkeit seiner
-Seele entkleidet die Dinge jenes Kolorits, das sie dem Kinde so
-wichtig und interessant macht. Kurz, die acht oder neun Jahre,
-die wir auf den Subsellien unserer Schulen versitzen, wiegen reichlich
-die vierzig oder fünfzig auf, die das Schicksal uns nachher noch
-vorbehalten hat, und die Erlebnisse der Gymnasialzeit bilden somit
-den größten Teil unserer Persönlichkeit. Es kommt noch hinzu, daß
-die Erinnerung jene frühesten Eindrücke weit lebhafter und frischer
-reproduziert als alles, was das Leben später hinzufügt. Selbst
-gedächtnisschwache Greise, die nach einer Viertelstunde vergessen
-haben, was unter ihren Augen vorgegangen ist, bewahren in der
-Regel die Bilder ihrer Kindheit in den lebhaftesten Farben, &ndash; zu
-einer Zeit also, wo das Gehirn längst aufgehört hat, neue Begebnisse
-mit einiger Zuverlässigkeit aufzuspeichern.</p>
-
-<p>Den eigentlichen Reiz der Gymnasialerinnerungen kann nur derjenige
-begreifen, der selbst ein Gymnasium besucht hat, &ndash; daher ihr
-Zauber denn in der Regel von Frauen nur in sehr fragmentarischer
-Weise gewürdigt und nicht selten absolut mißverstanden wird. Ich
-erinnere mich, daß eine meiner zahlreichen, im übrigen höchst achtbaren
-und liebenswerten Großtanten bei dem Bericht einiger Gymnasialstreiche,
-die ich zum besten gab, in ein so bedenkliches Stadium
-sittlicher Entrüstung geriet, daß ich an mir selbst irre ward und
-mich fragte, ob ich denn in der Tat jenes ruchlose Geschöpf sei, das
-die treffliche Matrone im Sinn hatte, wenn sie von einem unverzeihlichen
-Mangel an Pietät und Gesittung redete. Aber bald fand ich
-Trost in dem Gedanken, daß es dem Blinden nicht vergönnt ist,
-über die Farben zu urteilen, und mein schwankendes Selbstgefühl
-gewann das Gleichgewicht wieder. In der Tat, aus der Ferne
-läßt sich die Situation des Gymnasiasten durchaus nicht begreifen.
-Er steht dem »Herrn Professor« oder dem »Herrn Doktor« in jeder
-Beziehung anders gegenüber, als z. B. der Privatschüler dem Privatlehrer<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span>
-oder der Hausschüler dem Hauslehrer. Es wird keinem
-vernünftigen Menschen beifallen, in den Flegeleien, die eine der letztgenannten
-Spezies in Szene setzen könnte, etwas Witziges oder
-Amüsantes zu erblicken. Zum wahren Wesen einer humoristischen
-Schülerungezogenheit gehört als erste Bedingung der Hintergrund
-eines öffentlichen Schulsaales und die gleichzeitige ideale Beteiligung
-von dreißig bis fünfzig gleichgesinnten Seelen. Nur hier ist ein
-eigentlicher »Streich«, eine originelle Täuschung des Lehrers, eine
-graziös-perfide Störung möglich, denn die beträchtliche Ausdehnung
-des Terrains und die große Anzahl der Mitschüler eröffnet die
-Wahrscheinlichkeit, daß der Urheber dieser Unarten geheim bleibe
-oder doch erst nach langen, erheiternden Zwischenfällen entdeckt werde.
-Der ungezogene Privatschüler gleicht dem brutalen Raubmörder, der
-den arglosen Wanderer überfällt und mit Kugel oder Stahl zu
-Boden streckt, ein Akt, dem jegliche Pointe fehlt, weil eben nichts
-dazu gehört, als eine freche Stirn und eine Geringschätzung der
-Guillotine. Der verschlagene Brigantenhäuptling dagegen, der sein
-Opfer mit hundert Netzen umgarnt und ihm unter Beibehaltung
-aller äußeren Formen der Höflichkeit die Freiheit raubt, um erst
-nach erhaltenem Lösegeld das Sequester wieder aufzuheben, der
-geniale Spitzbube des Märchens, der seinem Oheim das Bettuch
-unter dem Leibe wegstahl und den Pfarrer samt dem Küster aus
-dem Predigerhaus entwandte, um das würdige Paar, in einen Sack
-eingeschnürt, neben die Schinken des Rauchfangs zu hängen: ein
-solcher Virtuos des Verbrechens, ein solcher Paganini der Gaunerei
-hat Anspruch auf unsere ästhetischen Sympathien. Und wie dieser
-humoristische Frevler zum Raubmörder, so verhält sich der ungezogene
-Gymnasialschüler zu den obenerwähnten Kategorien und zu allen
-übrigen Nicht-Gymnasiasten.</p>
-
-<p>Im Grunde sind die Missetaten der Sekundaner und Primaner
-so harmlos! Ich kenne eine Reihe höchst achtbarer und wissenschaftlich
-durchbildeter Lehrer, die gar nicht mehr existieren könnten,
-wenn ihre Schüler nicht ab und zu die gewitterschwüle Luft des
-Schulsaales durch eine erfrischende Ungezogenheit reinigten. Die
-»goldenen Rücksichtslosigkeiten« Theodor Storms bewähren sich auch
-hier: Nichts ist langweiliger, als ein Saal voll wohlgesinnter,<span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span>
-braver Schüler, die ein braver, wohlgesinnter Lehrer in den Elementen
-des Wissens unterrichtet; und kein Lehrer wird von jener gemütstieferen
-Sorte von Schülern, die wir mit dem Gesamtnamen der
-Ungezogenheitsfähigen bezeichnen wollen, minder geliebt und geachtet
-als der stirnumrunzelte Schultyrann, der jede Bewegung nach rechts
-oder links wie ein Verbrechen ahndet und in Krämpfe verfällt,
-wenn Müller bei seinem Nachbar Stipelius <em class="antiqua">sotto voce</em> anfragt,
-wieviel Uhr es sei. <em class="antiqua">Proh pudor!</em> Ist denn die Schule ein Zuchthaus?
-Verblendeter Autokrat! Wenn Du wüßtest, welche Flüche
-Dir im stillen nachgesandt werden, sobald Du mit Deinen langen
-Beinen durch die Tür geschritten bist! Wenn Du die Nasen sähest,
-die Stipelius Dir dreht, sobald Du den Kopf wendest, und wenn
-Du die Verse gelesen hättest, die Holzmeier neulich auf Deine liebende
-Gattin dichtete! Alles, was Dich und Deine Familie angeht, ist ein
-Gegenstand des ausgelassensten Spottes für Deine sämtlichen zweiundfünfzig
-gepeinigten Schüler, und die <em class="antiqua">noms de guerre</em>, mit denen
-Dich ihre geheime Rachsucht belegt, sind Legion.</p>
-
-<p>Wie anders ergeht es dem liberalen Denker, der sich daran
-erinnert, daß auch er vor so und so viel Dezennien auf diesen Bänken
-saß und ab und zu unter dem Tische Sechsundsechzig spielte! Ich
-hatte mich während der letzten vier Jahre meiner gymnasialischen
-Laufbahn eines so seltenen Mannes zu erfreuen, und ich wüßte nicht,
-daß derselbe auch nur ein einziges Mal in eine komische Situation
-geraten wäre. Solange ein Schüler nicht ernstlich störte oder kein allzu
-eklatantes Ärgernis gab, so lange ignorierte dieser Weltweise selbst
-die schwersten Verstöße gegen die Gymnasialordnung: war die Grenze,
-die seine Nachsicht gezogen hatte, überschritten, so verhängte er mit
-einer freundlichen Gelassenheit die zermalmendsten Strafen und fuhr
-dann ohne weiteres im Unterricht fort. Es lag beinahe etwas Wohlwollendes
-in seiner Stimme, wenn er plötzlich vom Buche aufsah und,
-über die Brille hinweglugend, irgend einem verblüfften Rebellen zurief:
-»Boxer, Sie haben drei Tage Karzer!« Keine Spur von Erbitterung
-malte sich dabei auf seinen philosophischen Zügen. Wer die Sprache
-nicht verstanden und bloß nach dem Klang der Worte geurteilt hätte,
-der wäre befugt gewesen, eine Phrase zu vermuten, wie »Bitte, schließen
-Sie doch das Fenster«, oder »Ich glaube, es zieht da hinten«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span></p>
-
-<p>Boxer, dem diese unerwartete Anrede öfters begegnete, versuchte
-niemals zu replizieren, denn er wußte, daß Sträuben und Schweifwedeln
-hier gleich vergeblich waren. Schweigend starrte er vor sich
-hin und faßte, von bitterer Reue ergriffen, den lobenswerten Entschluß,
-in Zukunft seine Karten etwas tiefer zu halten.</p>
-
-<p>Dieser erfahrene Stoiker &ndash; ich meine den Professor &ndash; war
-überhaupt in vielen Beziehungen ein Original. Der nachstehende
-Vorfall erscheint in diesem Sinne charakteristisch:</p>
-
-<p>Ein gewisser Credner wurde zum Übersetzen aufgefordert und
-lieferte eine höchst ungenügende Leistung.</p>
-
-<p>»Warum sind Sie nicht präpariert?« fragte der Professor, über
-die Brille schielend.</p>
-
-<p>»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Credner
-mit einer gewissen Frische.</p>
-
-<p>»Heppenheimer,« sagte der Herr Professor, »schreiben Sie mal
-ins Tagebuch: ›Credner wegen Aufrichtigkeit belobt.‹«</p>
-
-<p>Nach diesem Credner kam die Reihe an meinen lorbeergekrönten
-Freund Wilhelm Rumpf. Er fiel durch wie sein Vorgänger.</p>
-
-<p>»Auch Sie scheinen nichts gearbeitet zu haben«, sprach der Professor
-wohlwollend. »Warum bereiten Sie sich nicht gründlicher vor?«</p>
-
-<p>»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Wilhelm
-Rumpf, die Blicke zu Boden senkend.</p>
-
-<p>»Heppenheimer, schreiben Sie einmal ein: ›Rumpf wegen Plagiats
-mit zwei Tagen Karzer bestraft.‹«</p>
-
-<p>Und Rumpf mußte auf den Karzer, da half ihm kein Gott.
-Die Prima aber fand den Ausspruch ihres Weltweisen so trefflich
-und wohlbegründet, daß sie in einen nicht zu beschreibenden Jubel
-ausbrach.</p>
-
-<p>Ganz den Gegensatz zu diesem platonischen Urbild eines Gymnasiallehrers
-bildete ein unglücklicher Choleriker, der uns in Sekunda den
-Virgil erklärte. Seine Haltung wechselte zwischen vulkanischen Wutausbrüchen
-und ohnmächtiger Schwäche. Während seiner Lehrstunden
-herrschte ein Lärm, wie er seitdem nur noch im deutschen Reichstag
-erhört worden ist. Wir lachten, schrien, sangen, husteten, scharrten
-mit den Füßen und klatschten mit den Händen, daß man sein eigenes
-Wort nicht verstand; und wenn Doktor Hähnle sich endlich zu der<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span>
-sittlichen Tat eines Entschlusses aufraffte und Ruhe gebot, so erscholl
-ein Hohngebrüll, daß die Fenster klirrten. Vom Standpunkte der
-reinen Moral hat ein solcher Unfug allerdings etwas Beklemmendes;
-aber die Schuld liegt einzig auf der Seite des Lehrers. Wenn
-fünfzig ungezogene Jungen die Gelegenheit haben, straflos zu
-tumultuieren, so werden sie unter allen Umständen diese Gelegenheit
-ausnutzen, &ndash; mit derselben mathematischen Notwendigkeit, mit der
-die Biene ihre Wachszellen formt und der Dichter seine poetischen
-Schöpfungen webt. Wo der Strom die Dämme einreißt, da verdienen
-nicht die Wogen unseren Groll, sondern die nachlässigen
-Deichverwalter, denen es oblag, den Anprall in den gehörigen
-Schranken zu halten. Waren es doch dieselben Sekundaner, die
-später in Prima von dem eben geschilderten Weltweisen wie spielend
-gebändigt wurden.</p>
-
-<p>Die Attentate, die wir auf die Person dieses nie genug zu
-beweinenden Doktor Hähnle ausübten, waren nach Form und Inhalt
-zahllos wie der Sand am Meere. Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung
-mischten sich hier in grotesker Buntscheckigkeit mit List und
-Rache. Von den zärtlichsten Neckereien bis zu den gröblichsten
-Unbilden baute unsere ruchlose Phantasie Staffel um Staffel, und
-wenn Doktor Hähnle nicht schließlich unter unseren sakrilegischen
-Krallen seinen Geist auskrähte, so geschah dies nur deshalb, weil
-er noch rechtzeitig pensioniert wurde.</p>
-
-<p>Wenn die ersten Kirschen reiften, so erstanden wir eines jener
-zierlichen Sträußchen, wie die Marktweiber sie, auf blankgeschabte
-Hölzer gesteckt, zum Verkauf bieten. Diese köstliche Gabe
-der jungen Natur wurde Herrn Doktor Hähnle beim Beginn der
-Lehrstunden als Zeichen der allgemeinen Liebe und Verehrung
-überreicht.</p>
-
-<p>Obgleich sich das Ereignis, das ich schildern will, bereits seit
-einem Dezennium alljährlich wiederholte, so verfehlte der also gefeierte
-Lehrer doch niemals, in den verbindlichsten Worten seinen Dank
-auszusprechen und das Sträußchen auf dem Tisch neben der Tür
-in Depositum zu geben.</p>
-
-<p>Nun begann die Komödie.</p>
-
-<p>»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span></p>
-
-<p>»Gehen Sie!«</p>
-
-<p>Der Schüler ging und zog im Vorbeigehen mit geschicktem Griffe
-von einer der zierlich zusammengebundenen Kirschen dergestalt das
-Fleisch ab, daß der Kern am Stiel sitzen blieb. Die Beute ostensibel
-zum Munde führend, verschwand er im Korridor.</p>
-
-<p>»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«</p>
-
-<p>»Gehen Sie!«</p>
-
-<p>Abermalige Abstreifung des Kirschenfleisches und Zurücklassung
-des entblößten Kernes.</p>
-
-<p>Das Sträußchen enthielt ungefähr zwölf bis fünfzehn Kirschen.
-Zwölf bis fünfzehn Schüler baten demgemäß um die Erlaubnis,
-»hinausgehen« zu dürfen.</p>
-
-<p>Unter mannigfachen Störungen und Impertinenzen verstrich die
-Stunde. Doktor Hähnle gewahrte sofort, welches Los man ihm
-bereitet hatte, und machte Anstalten, ohne weiteres an den Resten
-des Festgeschenkes vorüber zu wandeln. Aber das ging nicht so.</p>
-
-<p>»Herr Doktor, Ihr Sträußchen!« rief eine Stimme aus dem
-Hintergrunde.</p>
-
-<p>»Vergessen Sie doch Ihr Sträußchen nicht!« klang das Echo.</p>
-
-<p>»Ja, wo ist denn dem Herrn Doktor sein Sträußchen?«</p>
-
-<p>Ein vierter ergriff das Sträußchen mit den zwölf bis fünfzehn
-Stielen, an denen die Kerne elegisch herabbaumelten, und trat vor,
-um es dem verwirrten Lehrer mit Grazie zu präsentieren.</p>
-
-<p>Und nun erscholl ein Jubelgeheul durch die heiligen Hallen der
-Sekunda, das an die stolze Hyperbel gemahnte, mit welcher Homer
-das Wehgebrüll des verwundeten Ares zu versinnlichen sucht. Doktor
-Hähnle aber wies die schnöden Überbleibsel des Sträußchens mit
-Verachtung zurück und eilte, von einem wahren Gelächter der Hölle
-verfolgt, ins Freie.</p>
-
-<p>Ein andermal brachten wir eine Auswahl musikalischer Instrumente
-mit, etwa eine Mundharmonika, ein Blechtrompetchen und eine Maultrommel.
-An solchen Tagen herrschte in den Räumen der Sekunda
-eine ungewohnte Stille. Gewitterschwül lagerte es über den Bänken,
-und Doktor Hähnle konstatierte zu seiner eigenen bänglichen Überraschung,
-daß er fünf Minuten lang ohne Unterbrechung dozieren
-konnte. Da mit einemmal erhob sich in den fernsten Winkeln des<span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span>
-Saales ein sanft anschwellender Triller, der unter der atemlosen
-Stille der Versammlung in ein Motiv aus Flotows Martha überging
-und plötzlich mit einem grellen Mißton abbrach.</p>
-
-<p>Donnernder, rasender Applaus.</p>
-
-<p>Doktor Hähnle stand wie versteinert.</p>
-
-<p>Abermals herrschte ein brütendes Schweigen, und jetzt ertönte
-in melodischer Abdämpfung das unheimliche Schnurren der Maultrommel,
-die dasselbe Motiv aus der Flotowschen Oper, nur etwas
-neckischer nuanciert, wiederholte.</p>
-
-<p>Applaus wie vorhin. Doktor Hähnle wurde dunkelrot im
-Gesicht. Mit der geballten Faust schlug er aufs Lehrpult.</p>
-
-<p>»Still einmal«, rief er mit bebender Stimme. »Der miserable
-Mensch, der das getan hat, soll sich noch einmal hören lassen; ich
-will ihm dann zeigen, was einer so beispiellosen Roheit gebührt!«</p>
-
-<p>Und wiederum schwieg die ganze Klasse wie <em class="gesperrt">ein</em> Mann.</p>
-
-<p>Eine halbe Minute ungefähr ließ das gewünschte Dakapo
-auf sich warten; dann begann wieder jene erste Sirenenstimme mit
-dem verführerisch lieblichen Triller, und das Motiv aus Martha
-folgte in tadelloser Reinheit.</p>
-
-<p>»So!« schrie Doktor Hähnle unter dem überschwenglichen
-Jauchzen der Schülerschaft. &ndash; »Jetzt soll der miserable Mensch
-seine Frechheit <em class="gesperrt">noch einmal</em> wagen!«</p>
-
-<p>Die Versammlung begrüßte diese seltsame Wendung des Hähnleschen
-Zornes mit gebührender Aufmerksamkeit. Hähnle trat nunmehr vom
-Katheder herab, um von der Seite her in die Reihen der Schüler
-zu blicken. Indes schon Uhland singt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Nicht an wen'ge stolze Namen<br /></span>
-<span class="i0">Ist die Liederkunst gebannt.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Die Artisten auf den hinteren Bänken, die Hähnle jetzt als
-zunächst verdächtig ins Auge faßte, ließen ihre Instrumente nach
-vorn wandern, und mit einemmal erscholl das schöne Volkslied</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">aus der entgegengesetzten Richtung.</p>
-
-<p>Jetzt schritt Hähnle zur Untersuchung. Er begann beim Primus.</p>
-
-<p>»Wo haben Sie's gehört?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span></p>
-
-<p>»Da hinten am Ofen.«</p>
-
-<p>»Wo haben Sie's gehört?«</p>
-
-<p>»Da vorn am Fenster.«</p>
-
-<p>»Wo haben Sie's gehört?«</p>
-
-<p>»Mir kam's vor, als sei's draußen.«</p>
-
-<p>»Wo haben Sie's gehört?«</p>
-
-<p>»Ich? Ich habe gar nichts gehört.«</p>
-
-<p>»Wo haben Sie's gehört?«</p>
-
-<p>»Dort am Katheder.«</p>
-
-<p>Diese kühne Bemerkung wurde durch Beifall auf allen Bänken
-belohnt.</p>
-
-<p>Nachdem Doktor Hähnle so eine halbe Stunde lang herumgefragt
-und die widersprechendsten Auskünfte vernommen hatte, ging
-er ans Werk, die einzelnen Schüler zu visitieren.</p>
-
-<p>»Treten Sie mal hier heraus«, sprach er zum Primus.</p>
-
-<p>Er befühlte dem lächelnden Schüler nun sämtliche Taschen,
-wobei dieser nicht verfehlte, Au! zu schreien oder allerlei unnennbare
-Töne auszustoßen, die er mit der Bemerkung entschuldigte: Ach,
-Herr Doktor, ich bin so kitzlich!</p>
-
-<p>Die Visitation blieb natürlich erfolglos, denn die Maultrommel
-war längst bei den noch nicht visitierten Schülern in sicheren Gewahrsam
-gebracht.</p>
-
-<p>So untersuchte Doktor Hähnle nun den zweiten, dritten, vierten,
-fünften und sechsten seiner mißratenen Sekundaner, ohne das
-mindeste zu entdecken.</p>
-
-<p>Mit einemmal faßte er einen verwegenen Entschluß. Er griff
-sich plötzlich einen Schüler aus den mittleren Bänken heraus und
-befahl ihm, schnell einmal herzukommen. Zufällig hatte der Instinkt
-des gequälten Lehrers diesmal das Rechte getroffen; aber es half
-ihm nur wenig. Der Schüler, weit entfernt, der Aufforderung
-Hähnles so ohne weiteres Folge zu leisten, stellte sich vielmehr schwerhörig,
-gab die musikalischen Instrumente mit aller Vorsicht an den
-Vordermann ab und fragte dann mit rührender Naivität:</p>
-
-<p>»Meinen Sie mich, Herr Doktor?«</p>
-
-<p>»Ja, Sie!« rief der fiebernde Hähnle. »Machen Sie nur keine
-Umstände! Kommen Sie augenblicklich heraus!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span></p>
-
-<p>»Ach so«, sagte der Schüler; »ich dachte, Sie meinten den Heinemann.
-Ja, wenn Sie denn wirklich der Ansicht sind, ich könnte
-mir diese Störung erlaubt haben, so bin ich ja mit Vergnügen
-bereit, herauszukommen; aber Sie dürfen mir nicht in die rechte
-Seite kommen, Herr Doktor, da bin ich gestern geschröpft worden.«</p>
-
-<p>Doktor Hähnle ließ sich zwar in der Regel sehr viel gefallen,
-wie der geneigte Leser aus der vorstehenden Schilderung bereits
-entnommen haben dürfte; aber zuweilen nahm er an Bemerkungen
-Anstoß, bei denen dies keiner vermutet hätte.</p>
-
-<p>So irritierte ihn jetzt die Versicherung Kleemüllers, daß er in
-der rechten Seite geschröpft sei.</p>
-
-<p>»Denken Sie vielleicht, Sie können hier Ihre Possen treiben?«
-rief er mit Donnerstimme. »Ich gebe Ihnen drei Stunden Karzer!«</p>
-
-<p>»Weshalb?« fragte Kleemüller ruhig.</p>
-
-<p>»Weshalb? Ich will Sie lehren, mir mit solchen Dummheiten
-zu kommen!«</p>
-
-<p>Kleemüller nahm eine sehr ernste Haltung an.</p>
-
-<p>»Herr Doktor,« begann er, jedes Wort nachdrücklich betonend,
-»wenn ich sage, ich bin in der rechten Seite geschröpft, so bin ich
-geschröpft, und ich weiß nicht, was Sie an dieser Tatsache auszusetzen
-haben.«</p>
-
-<p>»Sie gehen mir jetzt sechs Stunden auf den Karzer, und überdem
-werde ich den Herrn Direktor von dem Vorgefallenen in
-Kenntnis setzen.«</p>
-
-<p>»So,« entgegnete Kleemüller, »also bei Ihnen darf man nicht
-einmal in der rechten Seite geschröpft sein? Nun, da bin ich doch
-neugierig, ob der Herr Direktor Ihre Auffassung teilt!«</p>
-
-<p>»Kein Wort mehr!« rief Doktor Hähnle. »Entweder Sie bringen
-mir ein ärztliches Zeugnis, daß Sie wirklich geschröpft sind, oder
-Sie gehen auf den Karzer!«</p>
-
-<p>»Gut«, sagte Kleemüller. »Ich werde Ihnen ein ärztliches
-Zeugnis bringen. Muß ich es auch polizeilich beglaubigen lassen?«</p>
-
-<p>»Kommen Sie jetzt nur mal heraus! Sie haben vorhin gepfiffen!«</p>
-
-<p>»Ich? Aber Herr Doktor, wenn man in der rechten Seite
-geschröpft ist, vergeht einem das Pfeifen von selbst! Ich möchte
-mal sehen, wenn Sie in der rechten Seite geschröpft wären&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p>
-
-<p>Nach diesen und ähnlichen Albernheiten begann nun bei
-Kleemüller die Untersuchung nach demselben Schema, das Hähnle
-vorher bei den Schülern der ersten Bank angewandt hatte, und mit
-demselben Erfolg. Da mit einemmal erscholl die Klingel des
-Pedells. Hähnle ergriff seinen Hut und war froh, die Untersuchung
-und die Lehrstunde hinter sich zu haben.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage brachte Kleemüller sein Schröpfzeugnis,
-und so war auch dieser Punkt zur Zufriedenheit beider Teile
-erledigt.</p>
-
-<p>Eine besonders hervorragende Rolle in unserem Verkehr mit
-Doktor Hähnle spielten die Unglücksfälle.</p>
-
-<p>Ich erkläre mich deutlicher.</p>
-
-<p>Kleemüller, der überhaupt in körperlichen Leiden exzellierte,
-hatte sich den Fuß verstaucht und kam, auf einen Knüppel gestützt,
-der während eines nicht allzu strengen Winters ausgereicht haben
-würde, eine bescheidene Familie mit Brennmaterial zu versorgen, in
-das Zimmer gewankt. Im Begriff, sich auf seinen Platz zu begeben,
-fiel er langwegs zu Boden, die eigens zu diesem Zweck in reicher
-Auswahl mitgebrachten Bücher nach allen Richtungen hin verstreuend
-und mit dem Knüppel so auf die Dielen donnernd, daß der Staub
-in gigantischen Wolken aufwirbelte. Gleichzeitig mit diesen
-Staubwolken stieg Kleemüllers Klagegeschrei zum Himmel. Der leidende
-Philoktet des Sophokles kann nicht entsetzlicher geheult und gewinselt
-haben wie der gefallene Kleemüller. Die Töne aller Urwaldsbestien
-vermischten sich in dieser phonetischen Kraftleistung, und die entzückte
-Sekunda brüllte den Chor.</p>
-
-<p>Doktor Hähnle wartete stirnrunzelnd, bis Kleemüller sich wieder
-erhoben hatte. Die Brust des unglücklichen Philologen arbeitete in
-wilder Bewegung. Plötzlich streckte er den rechten Arm aus, richtete
-die Spitze des Zeigefingers auf denjenigen seiner Schüler, der mit
-der Führung des Klassendiariums beauftragt war, und sprach die
-vernichtenden Worte:</p>
-
-<p>»Heppenheimer, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Kleemüller
-erschien mit einem Stocke bewaffnet im Lehrzimmer und ließ denselben
-mit aller Wucht auf die Dielen aufpoltern!‹ So, das haben Sie
-sich nun selbst zuzuschreiben! Denken Sie, ich bin gesonnen, mir<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span>
-Ihre fortgesetzten Impertinenzen so ohne weiteres gefallen zu lassen?
-Nun machen Sie, daß Sie auf Ihren Platz kommen!«</p>
-
-<p>»Aber Herr Doktor,« wimmerte Kleemüller, »man wird doch
-noch per Zufall einmal hinfallen können!«</p>
-
-<p>»Man wird gar nichts!« entgegnete Hähnle zermalmend, und
-Kleemüller setzte sich langsam auf seinen Platz.</p>
-
-<p>Der beklagenswerte Lehrer trug sich von diesem Moment an
-wochenlang mit dem Bewußtsein, ein Exempel statuiert zu haben.</p>
-
-<p>Ein »Unglücksfall« von höchst folgenschwerer Bedeutung war
-das unerwartete Erscheinen einer Wespe.</p>
-
-<p>Kleemüller, der sehr nervös war, und einige gleichgesinnte
-Kollegen gebärdeten sich dann jedesmal wie Pensionsdämchen beim
-Anblick einer Ratte, und die übrigen, von christlichem Mitgefühl
-übermannt, improvisierten eine Jagd der ausgelassensten Art. Man
-warf Rosts deutsch-griechisches Wörterbuch nach dem Eindringling,
-ohne sich darum zu kümmern, daß der dickleibige Quartband ganz in
-der Nähe des Katheders niederfiel … Man operierte mit Kappen
-und Taschentüchern und griff in der Hitze des Gefechts sogar nach
-dem Hut des Lehrers, ohne die Einsprache des geängstigten Eigentümers
-zu beachten. Solche Jagden nahmen in der Regel eine
-volle Viertelstunde in Anspruch. Wenn sie zu Ende waren, machte
-Hähnle seiner Erbitterung dadurch Luft, daß er sich, wie bei dem
-»Unglücksfall« mit dem Knüppel, an Heppenheimer wandte und im
-Diarium die Tatsache konstatieren ließ: eine Wespe sei während der
-Lehrstunde durch das Schulzimmer geflogen und von verschiedenen
-Schülern unter Herbeiführung mehrfacher Störungen verfolgt
-worden.</p>
-
-<p>Hiermit hatte er seinem pädagogischen Gewissen in jeder Beziehung
-Genüge getan. Dieses Tagebuch spielte überhaupt in dem
-Leben Doktor Hähnles eine denkwürdige Rolle. Er befahl all seine
-Wege und was sein Herz kränkte der treuen Vaterpflege dieses
-Institutes, ohne daß es uns jemals klar geworden wäre, was seine
-Eintragungen füglich bezweckten.</p>
-
-<p>Eines Tages warf einer meiner Freunde in demselben Moment,
-da Doktor Hähnle die Blicke in sein Notizbuch heftete, um eine
-kritische Note einzuschreiben, mit geschickter Fingerelastik eine Knallerbse<span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span>
-in die Luft, die in der Nähe des Katheders niederfiel und den
-unglücklichen Schulmann nicht wenig erschreckte.</p>
-
-<p>Sofort wußte er, wo er seine Seele zu erleichtern hatte.</p>
-
-<p>»Heppenheimer,« schrie er, noch bleich vor Schreck und Aufregung,
-»schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Eine Knallerbse fiel in
-der Nähe des Katheders nieder und zerplatzte.‹«</p>
-
-<p>In der folgenden Stunde ereignete sich die überraschende
-Explosion aufs neue. Doktor Hähnle verschmähte nicht, der Wiederholung
-seines Schreckens durch folgende Tagebuchnotiz Ausdruck zu
-verleihen:</p>
-
-<p>»Abermals fiel eine Knallerbse in der Nähe des Katheders
-nieder und zerplatzte.«</p>
-
-<p>Dieses »Abermals« entlockte der jugendlichen Versammlung, die
-ein sehr lebhaftes Gefühl für unfreiwillige Komik besaß, ein
-wieherndes Gelächter, das Herrn Doktor Hähnle bei einiger Fähigkeit
-des Urteils hätte belehren müssen, wie wenig diese amtlichen Bestätigungen
-seiner eigenen Schande geeignet waren, den erstorbenen
-Respekt im Busen der Schuljugend neu zu beleben.</p>
-
-<p>Was war die Folge dieses »Abermals«?</p>
-
-<p>Wir wären keine Vollblut-Sekundaner gewesen, wenn wir
-nicht den Versuch gemacht hätten, ob Doktor Hähnle nicht auch zum
-drittenmal auf den Leim gehen würde. Leider schlug dieser Versuch
-infolge des Umstandes fehl, daß die Freude an dem Zerspringen
-der kleinen Orsinibomben bereits zu beträchtliche Dimensionen angenommen
-hatte. Ehe noch Doktor Hähnle seinem Heppenheimer
-zurufen konnte: »Zum drittenmal …«, &ndash; hatte sich bereits das
-vierte, fünfte und sechste Mal an den verschiedensten Punkten des
-Schulzimmers ereignet, und während der verzweifelte Pädagoge nach
-den hinteren Bänken rannte, um die verborgenen Angreifer zu
-entdecken, sandten ihm die Schüler der vorderen Bänke einen ganzen
-Hagel dieser Wurfgeschosse in den Rücken, so daß er nach einigen
-krampfhaften Wendungen die Arme schlaff am Körper herabsinken
-ließ, als wollte er sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott
-helfe mir, Amen! Nie wieder habe ich eine so klägliche Szene
-erlebt, wie dieses innerliche Zusammenbrechen des knallerbsenüberwältigten
-Virgil-Interpreten. In diesem Moment ergriff uns<span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span>
-etwas wie Mitleid. Wir erkannten, daß Doktor Hähnle eigentlich
-für die normale Ungezogenheit eines Sekundaners zu schmächtig
-war: dieser Mann gehörte nach Sexta.</p>
-
-<p>Der beweinenswerte Lehrer schien selbst etwas von der Wahrheit
-dieser Erwägung zu fühlen: das Bewußtsein, es müsse etwas geschehen,
-riß ihn mit einemmal aus seiner Erstarrung empor. Er
-warf sich in Positur, hob die Faust und schrie mit geller Stimme:</p>
-
-<p>»Ihr miserablen Buben! Ich habe mich nie vor Männern
-gefürchtet, meint Ihr, ich fürchtete mich vor Euch?«</p>
-
-<p>Ungeheure Heiterkeit war die Antwort auf diese verunglückte
-Apostrophe.</p>
-
-<p>Mit einemmal nahm Hähnle die Haltung eines Mannes an,
-der mit sich und seinen Entschlüssen im reinen ist. Er wandelte
-majestätischen Schrittes nach dem Tisch, wo sein Hut lag, stülpte die
-Kopfbedeckung mit einer energischen Handbewegung über das Haupt
-und faltete dann die Arme vor der Brust.</p>
-
-<p>»So,« sagte er, »nun mag Euch Stunde halten, wer will! Ich
-gehe jetzt zum Herrn Direktor.«</p>
-
-<p>Die ganze Klasse wälzte sich fast vor Vergnügen. Doktor
-Hähnle aber warf uns noch einen Blick der grenzenlosesten Verachtung
-zu und eilte dann hinaus, die Tür heftig ins Schloß werfend.</p>
-
-<p>Sofort herrschte in den Räumen der Sekunda eine ganz
-erträgliche Ruhe. Einer von uns stand auf und eilte dem Verschwundenen
-nach.</p>
-
-<p>Doktor Hähnle hatte seinen furchtbaren Entschluß in der Tat
-verwirklicht; er war zum Direktor gegangen, hatte gemeldet, daß die
-Sekunda in offener Rebellion begriffen sei, und die Zusage einer
-exemplarischen Ahndung erhalten.</p>
-
-<p>Das Verhängnis sollte nicht lange auf sich warten lassen. Die
-nächsten acht Tage waren fast ausschließlich einer umfassenden
-Untersuchung gewidmet, an der sich das ganze Lehrerkollegium
-beteiligte. Im Anfang blieben die Bemühungen unserer Inquisitoren
-absolut fruchtlos. Die Sekundaner bezeugten einstimmig, daß im
-ganzen nur zwei Knallerbsen zur Explosion gelangt seien, und daß
-der Täter in einem gewissen Heinsius gesucht werden müsse, der
-zwei Tage nach dem bedeutsamen Ereignis das Gymnasium für<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span>
-immer verlassen hatte, um nach Amerika überzusiedeln. Schon
-gewann es den Anschein, als würde unsere Effronterie, verbunden
-mit der Leichtgläubigkeit unserer Lehrer, diesmal den Sieg davontragen:
-aber siehe da, es fand sich ein braver, gesitteter Schüler,
-der den Verräter spielte. Ich und fünf andere der hervorragendsten
-Frevler wurden von diesem verkappten Mouchard bei der Direktion
-angezeigt &ndash; ein Zwischenfall, der dem Gange der Untersuchung
-eine wesentlich neue Richtung gab.</p>
-
-<p>Der Reihe nach in das Zimmer des Direktors beschieden, verharrten
-wir zunächst bei unserer Aussage, daß Heinsius die Knallerbsen
-geschleudert habe; ungünstige Konstellationen zwangen uns
-indes nach kurzer Frist ein »reumütiges« Geständnis ab.</p>
-
-<p>Samuel Heinzerling nahm alles mit hochwichtiger Amtsmiene
-zu Protokoll. Über die Art und Weise, wie wir beim Schleudern
-der Knallerbsen zu Werke gegangen seien, hatte ich mit dem ernsten
-Gymnasialfürsten eine anderthalbstündige Unterredung. Er wollte
-absolut nicht glauben, daß es möglich sei, diese Schleuderung
-lediglich mit den Fingern zu bewerkstelligen, und fügte seinen hierauf
-bezüglichen Zweifeln jedesmal die Bemerkung hinzu, daß fortgesetztes
-Leugnen »onsere Lage nor verschlämmern könne«. Erst als ich mich
-erbot, den Herrn Direktor durch den Augenschein zu belehren, wie
-vollkommen es möglich sei, durch eine kräftige Bewegung des
-Handgelenkes die erforderliche Wurfgeschwindigkeit zu erreichen, gab
-sich der Skeptiker mit der Bemerkung: »Non, wär wollen das dahingestellt
-sein lassen«, zufrieden.</p>
-
-<p>Das Endresultat dieses unvergeßlichen Abenteuers war für
-sämtliche Teilnehmer in hohem Grade verhängnisvoll. Zwei von
-uns wurden relegiert, wir übrigen erhielten Karzerstrafen bis zu
-zehn Tagen, und Doktor Hähnle ward von dem Unterricht in
-Sekunda »auf sein Ansuchen« entbunden. Ein Vierteljahr später
-las man in dem großherzoglichen Regierungsblatt, daß Doktor
-Ephraim Hähnle in Anerkennung seiner langjährigen Dienste
-pensioniert worden sei.</p>
-
-<p>Wer erkennt nicht den tieferen Sinn, der in dieser knabenhaften
-Rebellion gegen einen unfähigen Pädagogen liegt? Ein ohnmächtiger
-Lehrer ist gerade dem mutwilligsten und ausgelassensten<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span>
-Schüler <em class="antiqua">a priori</em> ein Greuel, denn die Schwäche scheint seine
-Unarten in einer Weise herauszufordern, die seinen Stolz beleidigt.
-Es ist kein Verdienst, da Exzesse zu begehen, wo die Straflosigkeit
-so gut wie gewiß erscheint; auch soll der Exzeß nicht die Regel sein,
-weil er sonst viel von seinem eigentlichen Reiz einbüßt. Doktor
-Hähnle ward gestürzt wie eine unfähige Regierung, und jede
-Regierung, der die Revolution über den Kopf wächst, erleidet genau
-das, was ihr gebührt.</p>
-
-<p>In Prima benahmen wir uns schon aus eigenem Antrieb
-gesetzter, ganz abgesehen davon, daß sich unter den Lehrern der
-Prima kein Hähnle befand. Die originellste Figur war hier ohne
-Zweifel der Direktor Samuel Heinzerling, ein jovialer, den Regungen
-des Humors nicht unzugänglicher Mann, der sich einer allgemeinen
-Beliebtheit erfreute. Wir nannten ihn Pater und sagten ihm am
-Schlusse unserer lateinischen Aufsätze alle erdenklichen Schmeicheleien,
-die der »<em class="antiqua">rector gymnasii illustrissimus, justissimus, dilectissimus</em>«,
-wie er in solchen Hymnen gewöhnlich qualifiziert wurde, ganz beifällig
-aufnahm und mit einem »<em class="antiqua">Valde placet</em>« am Rande der
-Arbeit belohnte.</p>
-
-<p>Nur eine schwache Seite hatte dieser vortreffliche Pädagoge:
-er litt nämlich an dem Vorurteil, ein gerechter und vollkommener
-Primaner müsse des Morgens präzis mit dem Glockenschlage auf
-seinem Platze sein. Nun ist es eine erfahrungsgemäße Tatsache,
-daß die Freuden des Morgenschlummers um so entschiedener
-gewürdigt werden, je mehr sich der Mensch innerlich und äußerlich
-entwickelt; und ich insbesondere war bereits in Unterprima ein unversöhnlicher
-Gegner des altklassischen Wahlspruches: <em class="antiqua">Aurora
-musis amica</em>.</p>
-
-<p>Noch jetzt empfinde ich, wenn ich mich vorübergehend in
-meiner Vaterstadt aufhalte und des Morgens um drei Viertel auf
-sieben den Schall des kleinen bimmelnden Glöckchens vernehme,
-das die Munizipalität eigens für die Bedürfnisse der Schulen auf
-dem Stadtkirchturme angebracht hat, ein dunkles, beklemmendes
-Unbehagen, das mir im Anfang durchaus rätselhaft erscheint, bis
-ich mir darüber klar werde, daß es die Erinnerung an meine
-Primanerzeit ist, die mir diese Gefühle im Busen zeitigt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span></p>
-
-<p>Es war doch eine peinliche Situation …! Man lag, von
-den köstlichen Armen eines jugendkräftigen Schlafes umfangen, sorg-
-und ahnungslos auf der Matratze und träumte von Hulda, der
-schwarzäugigen Schauspielerin, die des Tags zuvor im Linkerschen
-Saale so unvergleichlich die Anna-Liese gespielt hatte, oder von
-Pauline, der blonden Tochter des Stadtpredigers: da mit einemmal
-erscholl die klappernde Monotonie dieses verwünschten metallenen
-Weckers, und die duftigen Phantasiebilder zerflossen in Rauch vor
-dem unbarmherzigen Tageslichte der Wirklichkeit. Im Traume
-vielleicht ein König, ein Gott, sah man sich jetzt wieder zum Sklaven
-der Stunde herabgewürdigt; der Zwang des Müssens trat in qualvoller
-Zudringlichkeit an uns heran und legte uns die eisernen Hände
-aufs Herz, so daß es tief gedemütigt in sich zusammenschauerte.</p>
-
-<p>Es begann nun jener stets von neuem auszufechtende Kampf
-zwischen der Neigung und der Pflicht. Man dehnte und streckte sich,
-als wolle man die Freuden der zwei, drei Stunden, die man unter
-anderen Umständen noch verträumt und verdämmert hätte, gleichsam
-im Extrakt genießen. Man legte sich »noch für zehn Minuten« auf
-die andere Seite, um schon nach Ablauf von dreißig Sekunden
-emporzufahren und nach der Zeit zu sehen. Man beneidete seinen
-älteren Bruder, der Student war und jeden Morgen bis elf Uhr
-in den Federn blieb. Man fluchte der irrationellen Einrichtung des
-Stundenplans, der die Klufenbrecherschen Auseinandersetzungen über
-Mathematik recht gut auf eine passendere Zeit hätte verlegen können,
-und schwur sich, sobald man das Gymnasium hinter sich habe, das
-Versäumte mit aller Macht nachzuholen.</p>
-
-<p>Unterdessen verstrich eine Viertelstunde, und von neuem hob
-der entsetzliche Klöppel auf dem Stadtkirchturme zu wimmern an.
-Jetzt sprang man mit gleichen Füßen aus dem Bett und kleidete
-sich mit einer Geschwindigkeit an, die uns seitdem zum Mythus
-geworden ist. Nach Verlauf von fünf Minuten war man im
-Freien: den Kaffee hatte man wie ein hastiges Stehseidel hinunter
-gestürzt, und die Semmel pflegte man sich ohnehin zum behaglichen
-Verbrauch während der Lehrstunden aufzusparen.</p>
-
-<p>So schnell man jedoch hier zu operieren wußte, die verlorene
-Viertelstunde konnte nicht wieder eingebracht werden, und so kam<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span>
-man denn regelmäßig um zehn, ja selbst fünfzehn und zwanzig
-Minuten zu spät.</p>
-
-<p>Unser Direktor fand dieses Zuspätkommen empörend. Er hatte,
-um dem immer bedrohlicher um sich greifenden Mißbrauche energisch
-zu steuern, die Anordnung getroffen, daß jeder, der ohne genügende
-Entschuldigung den Beginn der Lehrstunden versäume, mit dem
-Vermerk »zu spät gekommen« notiert würde, und daß jeder, der
-innerhalb einer Woche zweimal notiert worden sei, einen Tag lang
-in den Räumen des Karzers über die Pflichten des Primaners
-nachzudenken habe.</p>
-
-<p>Da ich auch ohne diesen Extrazuschuß oft genug meiner Freiheit
-beraubt wurde, so strengte ich alle Kräfte an, um der peinvollen
-Eventualität einer doppelten Notierung vorzubeugen, und zu diesem
-Zweck bedurfte ich einer Reihe genügender Entschuldigungen, deren
-Beitreibung meinen ganzen Scharfsinn in Anspruch nahm.</p>
-
-<p>Zum Glück war der Direktor keine skeptische Natur. Er ließ
-selbst das Unwahrscheinliche, wenn es mit einer gewissen Keckheit
-vorgetragen wurde, unbeanstandet passieren. Ich hatte mir im
-Laufe der Semester eine solche Virtuosität der Erfindung angeeignet,
-daß ich am Schluß meiner Gymnasiallaufbahn nahe daran war,
-ein »Leichtfaßliches Entschuldigungshandbuch für Gymnasiasten und
-Realschüler« zusammenzustellen, das ohne Zweifel ein ebenso dankbares
-als zahlreiches Publikum gefunden hätte. Ich will an dieser
-Stelle einige der wirksamsten Entschuldigungen planlos aneinander
-reihen, um so dem <em class="antiqua">dulce</em> doch wenigstens einen Gran von <em class="antiqua">utile</em>
-beizumischen. Vielleicht sieht sich ein deutscher Verleger bei der
-Lektüre dieser Zeilen veranlaßt, mich zur Ausarbeitung des damals
-projektierten Werkes nachträglich aufzufordern. Gefällige Anträge
-erbitte ich direkt unter meiner Adresse.</p>
-
-<p>Einer der wichtigsten Faktoren im Gebiete der Gymnasialentschuldigungen
-ist der Onkel. Ein Gymnasiast kann sich gar nicht
-genug Onkels halten. Ein Onkel ist in jeder Beziehung verwendbar
-namentlich aber für das Zuspätkommen:</p>
-
-<p>»Ich mußte meinen Onkel an den Bahnhof begleiten.«</p>
-
-<p>»Mein Onkel hatte einen Schlaganfall.«</p>
-
-<p>»Mein Onkel feiert heute seinen fünfundsechzigsten Geburtstag.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>»Mein Onkel aus Havelberg ist angekommen.«</p>
-
-<p><em class="antiqua">NB.</em> Ist der Onkel aus Havelberg einigermaßen mit dem
-Gymnasialdirektor bekannt, so fügt man hinzu:</p>
-
-<p>»Er läßt auch schönstens grüßen, und wenn sein Aufenthalt
-nicht gar zu kurz wäre, würde er sich die Ehre geben.«</p>
-
-<p>Bei Samuel Heinzerling waren diese Onkel-Entschuldigungen
-stets von augenblicklicher Wirkung.</p>
-
-<p>»Non, es äst goot«, sagte er befriedigt lächelnd. Nur wenn
-ich in der Zerstreutheit die frohe Botschaft von der Ankunft meines
-Onkels aus Havelberg an zwei aufeinander folgenden Tagen zum
-besten gab, wagte er die überraschte Bemerkung:</p>
-
-<p>»Schon wäder? Ähr Onkel scheint aber auch recht väl zo reisen!«</p>
-
-<p>Ich erkannte sofort meinen Irrtum, sagte jedoch so unbefangen
-als möglich:</p>
-
-<p>»O ja, Gott sei Dank, er ist noch recht rüstig.«</p>
-
-<p>Es versteht sich von selbst, daß unter Umständen auch Tanten
-in gleicher Richtung verbraucht werden können. Hier empfiehlt es
-sich, von Zeit zu Zeit eine Kindtaufe zu erfinden oder aber, falls
-man die Anwendung unvermählter Tanten vorzieht, hysterische
-Krämpfe in Ansatz zu bringen.</p>
-
-<p>Wenn ich die verwandtschaftlichen Beziehungen hinlänglich in
-Kontribution gesetzt hatte, griff ich in das Kapitel gewisser häuslicher
-Vorkommnisse und beantwortete die Frage des Direktors:
-»Warum kommen Sie zu spät?« mit der schlagenden Bemerkung:</p>
-
-<p>»Mein Waschwasser war gefroren.«</p>
-
-<p>Oder:</p>
-
-<p>»Unsere Köchin hat sich verschlafen.«</p>
-
-<p>Oder:</p>
-
-<p>»Meine Uhr ging falsch.«</p>
-
-<p>Alle diese Entgegnungen fand der Direktor vollkommen »genügend«
-&ndash; ich hätte denn die Unvorsichtigkeit begehen müssen, die
-Mär von dem gefrorenen Waschwasser in den Hundstagen vorzubringen.</p>
-
-<p>In Oberprima, wo ich die ersten Spuren eines sprossenden
-Bartes zu verzeichnen hatte, behauptete ich sogar einmal, mein
-Barbier habe sich verspätet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span></p>
-
-<p>»So?« fragte der Direktor. »Non, äch dächte, in Ährem Alter
-brauchte man säch noch nächt rasären zo lassen! Wä äch so alt war,
-dachte äch nämals an dergleichen Allotria. Öbrigens, Sä haben
-ja noch Ähren ganzen Anflug von Bart äm Gesächt stehen. Wo
-haben Sä säch denn rasären lassen?«</p>
-
-<p>»Herr Direktor, das ist es ja gerade. Ich habe mich eben
-nicht rasieren lassen, und deswegen steht der Bart noch. Heute
-war mein Rasiertag. Jedesmal den fünfzehnten lasse ich mich
-rasieren.«</p>
-
-<p>»Non, es mag goot sein! Sagen Sä Ährem Barbär, er soll
-in Zokonft zeitiger kommen: wär können här nächt auf ähn warten.«</p>
-
-<p>Und hiermit nahm ich freudestrahlend meinen Platz ein.</p>
-
-<p>Als weitere Entschuldigungen führe ich nur noch kurz die nachstehenden
-an:</p>
-
-<p>»Ich fiel, zerriß mir die Beinkleider und mußte wieder umkehren.«
-&ndash; »Ich ward beim Vorübergehen an einem Hause der
-Kreuzstraße mit einer eigentümlichen Flüssigkeit begossen etc.« &ndash;
-»Ich bekam eine Ohnmacht.« &ndash; »Auf dem Sandwege war die
-Passage durch drei ineinander gefahrene Wagen versperrt. Ich
-mußte daher den Umweg über die neue Kurstraße und den
-Kommandantenplatz nehmen.« &ndash; »Ich wurde irrtümlich verhaftet.«
-&ndash; »Ich habe mir den Fuß verstaucht.« &ndash; »Es war Glatteis.«</p>
-
-<p>Bei dieser letzten Phrase wird sich der Lehrer naturgemäß
-wundern, daß er von einer so unverkennbaren Naturerscheinung
-nichts gemerkt habe.</p>
-
-<p>»So?« wird er fragen. »War Glatteis?«</p>
-
-<p>Die Mitschüler ermangeln nicht, diese Frage unbedingt zu
-bejahen.</p>
-
-<p>»Das heißt,« fügt nun der zu spät gekommene Schüler hinzu,
-»nur an einzelnen Stellen. Sie sind vielleicht über den Hohlweg
-und am Rathaus vorübergegangen; dort ist die Temperatur in der
-Regel um einige Grad höher als in den feuchteren Gegenden an
-der Seltersgasse und dem Waldtore.«</p>
-
-<p>Während der Monate Oktober, November, Dezember, Januar,
-Februar, März und April wird der Lehrer kaum Anstand nehmen,
-diese klimatologische Bemerkung als letztes Wort gelten zu lassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span></p>
-
-<p>Unser trefflicher, unvergeßlicher Direktor hatte es sich selbst zuzuschreiben,
-wenn seine Schüler auf diese Weise Fortschritte im
-Gebiete der Unwahrheit machten. Warum haftete er mit so eigensinniger
-Starrköpfigkeit an dem Prinzip des einzuhaltenden Glockenschlages?
-Gern hätten wir uns auf das Kompromiß des akademischen
-Viertels eingelassen; aber da sich die Gymnasialregierung absolut
-weigerte, uns auch nur auf dem achten Teile des Weges entgegenzukommen,
-so sahen wir uns genötigt, unsere Zuflucht zu dem
-Mittel eines intellektuellen Schleichhandels zu nehmen, der höheren
-Ortes ohne Zweifel in seinem wahren Wesen erkannt, dennoch aus
-Opportunitätsgründen respektiert wurde.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_entrustete_Oberlehrer">
-<img src="images/illu-095.png" alt="" /><br />
-Der entrüstete Oberlehrer.</h2>
-</div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Traun, jetzt bin ich es müde! Beim Zeus, das schändet die Klasse!<br /></span>
-<span class="i2">Flink auf den untersten Platz! Schmelzer, was träumen Sie noch?<br /></span>
-<span class="i0">Vorwärts! Hören Sie nicht? Dem Besonnensten reißt die Geduld hier,<br /></span>
-<span class="i2">Wo sich das Nichtstun frech paart mit der Stupidität!<br /></span>
-<span class="i0">Bildet der schreckliche Mensch mir ein Imperfektum »<em class="antiqua">etypson</em>«!<br /></span>
-<span class="i2">Wahrlich, die Muse verhüllt schaudernd ihr Göttergesicht!<br /></span>
-<span class="i0">Nie ward gleiches gehört in den würdigen Räumen Sekundas:<br /></span>
-<span class="i2">Kaum ein Quartanergemüt wagte so schnödes Gewäsch!<br /></span>
-<span class="i0">Soll ich den Otto vielleicht, das winzige Knäbchen, zitieren,<br /></span>
-<span class="i2">Daß mit korrektester Form stolz es den Vetter beschämt?<br /></span>
-<span class="i0">Gehen Sie in sich, Schmelzer! Dies Imperfektum »<em class="antiqua">etypson</em>«<br /></span>
-<span class="i2">Flößt für die Zukunft mir trübste Befürchtungen ein.<br /></span>
-<span class="i0">Wer da »<em class="antiqua">etypson</em>« sagt, der sagt auch: »Lasset uns kneipen!«<br /></span>
-<span class="i2">Feist in bavarischem Bier schlemmt er die Gelder hinab.<br /></span>
-<span class="i0">Wer da »<em class="antiqua">etypson</em>« sagt, der schwänzt und wütet im Tabak;<br /></span>
-<span class="i2">Selbst auf erotischem Feld weckt er gerechten Verdacht.<br /></span>
-<span class="i0">Wie? Sie trumpfen noch auf? Sie zucken die störrische Achsel?<br /></span>
-<span class="i2">Holt den Pedellen mir her! Piesecke, tragen Sie ein:<br /></span>
-<span class="i0">»Schmelzer, weil er »<em class="antiqua">etypson</em>« als Imperfektum gebildet<br /></span>
-<span class="i2">Und den kymmerischen Bock nicht, wie es billig, bereut,<br /></span>
-<span class="i0">Sondern Gebärden gewagt, die empörende Frechheit bekunden,<br /></span>
-<span class="i2">Stracks auf den Karzer geschickt!« Marsch nun zur Türe hinaus!<br /></span>
-<span class="i0">So &ndash; jetzt fahren Sie fort! Ja, ja, so fügt es Ananke!<br /></span>
-<span class="i2">Freundlich im schweren Beruf stärke mich, Meister Apoll!<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Bierparagraph">
-<img src="images/illu-096.png" alt="" /><br />
-Der Bierparagraph.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">Die Art und Weise, wie die Schüler der oberen Gymnasialklassen
-von den Schulgesetzen <em class="antiqua">in abstracto</em> und ihren
-einzelnen Lehrern <em class="antiqua">in concreto</em> behandelt werden, hat,
-streng genommen, etwas Naives, denn sie basiert auf
-Voraussetzungen, die eine merkwürdige Unkenntnis der tatsächlichen
-Verhältnisse bekunden. Es waltet hier teils der himmelschreiendste
-Irrtum, teils der unbegreiflichste Optimismus vor. Die ernsten
-Männer, die in ihrer Eigenschaft als Oberstudienräte die Zusammenstellung
-jener Gesetzesparagraphen beaufsichtigt haben, verstanden
-sehr viel von der theoretischen Pflicht, aber sehr wenig
-von dem praktischen Leben. Das moderne Gymnasialgesetz
-verwechselt den Begriff einer öffentlichen Lehranstalt, die nur
-zu gewissen Stunden besucht wird, mit dem eines Pensionats,
-das die Schüler sozusagen mit Leib und Seele aufnimmt und
-nicht allein ihren Unterricht, sondern ihre moralische und gesellschaftliche
-Erziehung leitet. Es ist lächerlich, die Befugnisse
-des Gymnasiums in der angedeuteten Richtung zu erweitern,
-und zwar aus dem einfachen Grunde, weil seine Mittel nicht zur
-Durchführung ausreichen. Wo die Kontrolle fehlt, da ist alles
-Befehlen und Verbieten ein zweischneidiges Schwert. Anstatt sich
-also damit zu begnügen, den Gymnasiasten während der Lehrstunden
-im Zaume zu halten, ihm gelegentlich die christlichen Tugenden
-einzuprägen und die Norm aufzustellen: Sobald du irgendwie
-einen öffentlichen Skandal erregst, gleichviel durch welche Handlung,
-so wanderst du auf den Karzer, &ndash; anstatt sich dieser klugen Reserve
-zu befleißigen, mischt sich das Gymnasium in Dinge, die nicht nur<span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span>
-über seine vernunftgemäßen Befugnisse, sondern in der Regel sogar
-über die Möglichkeit einer Beaufsichtigung weit hinausgehen.</p>
-
-<p>So erklärt die Gymnasialordnung das Besuchen von Wirtshäusern
-für unmoralisch und ahndet die Zuwiderhandlung mit mehr
-oder minder beträchtlichen Freiheitsstrafen. Was man bei diesem
-Verbot beabsichtigt, liegt klar zutage: nicht den Wirtshausbesuch
-an sich, sondern den daraus erwachsenden Mißbrauch wolle man
-hintertreiben. Naiv und idealistisch wie sie sind, glauben die Oberstudienräte
-diesen Zweck durch ein Radikalverbot zu erreichen; aber
-sie haben nur eins erreicht: der anständige Gebrauch eines an sich
-harmlosen Instituts ward zum Verbrechen gestempelt, ohne daß der
-unanständige Gebrauch, der Mißbrauch, ernstlich verringert würde.
-In der Tat läßt sich nicht absehen, warum es für den achtzehnjährigen
-Primaner eine Sünde sein soll, gelegentlich ein Glas Bier
-zu trinken, während der Kommis schon in früheren Jahren das
-gleiche leistet, ohne darum die Achtung seiner Mitbürger einzubüßen.
-Weit richtiger und wirkungsvoller würde es sein, wenn
-das Gymnasium den allgemeinen Grundsatz aufstellte: »Benehmt
-Euch anständig!« &ndash; ohne weiter auf die Details einzugehen. In
-jedem einzelnen Falle würde dann das freie Ermessen des Lehrers
-darüber entscheiden, ob dieses erste und vornehmste Gebot des
-Gymnasiasten befolgt oder verletzt worden wäre. Ein solcher Appell
-an das Taktgefühl der jungen Leute bei theoretischer Anerkennung
-ihrer unbedingten Selbständigkeit müßte auch moralisch von ungleich
-günstigeren Erfolgen sein, als die alberne und demütigende
-Methode, die jetzt noch vielfach im Schwunge ist.</p>
-
-<p>Der Bierparagraph war auch mir in den Tagen meiner
-Gymnasiastenschaft ein fortwährender Grund des Verdrusses und
-der Erbitterung. Wenn ich so an heißen Juliabenden bei den
-Hecken des Lohseschen Felsenkellers vorüber kam und den Direktor
-Samuel Heinzerling erblickte, wie er im Kreise seiner zahlreichen
-Familie ein Seidel nach dem andern hinter die schwarze Krawatte
-goß, so war mir zu Mut wie einem Pariser Vorstadtbewohner, der
-im zerlumpten Kittel durch das Bois de Boulogne schlendert und
-die prunkvollen Equipagen des Quartier Saint Germain vorbeieilen
-sieht. Warum schwelgte dieser graue Epikuräer im vollen, während<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span>
-ich, ein Kind der Entbehrung, fernab an der Böschung stand und
-meine Sehnsucht bändigen mußte? Wäre ich jetzt kühnlich auf die
-Plattform gewandert, hätte ich unbekümmert um Samuel und seine
-Töchter Ismene, Winfriede, Laura und Vitriaria vor einem der
-braun gestrichenen Tische Platz genommen und einen Schnitt bestellt,
-so war mein Schicksal besiegelt. Am andern Morgen hätte der
-strenge Autokrat mich in folgender Weise apostrophiert:</p>
-
-<p>»Eckstein! Sä waren mer gestern wäder mal auf dem Felsenkeller!
-Sä haben dä Ongeböhrlichkeit Ähres Benehmens so weit
-geträben, daß Sä sogar, ohngeachtet Sä mäch bemerkt haben,
-einen Schnätt bestellten. Sä gehen mer zwei Tage auf den
-Karzer! Knebel, schreiben Sä änmal äns Tagebooch: Eckstein,
-weil er än einem öffentlichen Bärlokal einen Schnätt bestellte, mit
-zwei Tagen Karzer bestraft. Heppenheimer, rofen Sä den Pedellen!«</p>
-
-<p>Das sieht fast wie ein <em class="antiqua">tableau chargé</em> aus, aber es ist eine
-Photographie, streng nach der Natur. Samuel Heinzerling hatte
-nur selten das Glück, einen Schüler wegen »Wärtshausbesochs« abzufassen,
-denn wir kannten die Lokale, die er zu frequentieren
-pflegte, und vermieden sie: aber wenn er einen ertappte, so übte
-der <em class="antiqua">rector illustrissimus</em> in der oben geschilderten Weise Justiz,
-und die Form seines »Eintrags« im »Tagebooch« variierte nur
-wenig. Niemals ist es erhört worden, daß er einem kneipenden
-Schüler die Strafe erlassen hätte; es war, als fürchte er, der Durst
-seiner Primaner könnte die Befriedigung seines eigenen Durstes in
-Frage stellen, wie er denn in der Tat stets in den Herbstmonaten,
-wenn das sogenannte Salvatorbier ausgetrunken und durch eine
-geringere, später gebraute Sorte ersetzt war, düsterer und grämlicher
-dreinschaute als in der eigentlichen Saison.</p>
-
-<p>Trotz dieser exklusiven Richtung unseres Direktors zechten wir
-schon in Sekunda ganz wacker. Wir hatten eine Stammkneipe,
-deren Inhaber, von der Ungehörigkeit der Gymnasialgesetze im
-tiefsten Innern durchdrungen, alles anstrebte, um uns das Joch
-unserer Schülerschaft nach Möglichkeit zu erleichtern. Leider bot
-sein Lokal nicht unbedingte Sicherheit, da sich mitunter auch ein
-Lehrer in diese traulichen Räume verirrte. Der alte Lorenz wußte
-uns in solchen Fällen rechtzeitig von der drohenden Gefahr zu<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span>
-verständigen. Es war hergebracht, daß wir vor dem Eintreten an
-den Schalter klopften. Lorenz zog dann die Klappe weg und
-grinste. Dieses Grinsen bedeutete so viel als: die Luft ist rein.
-War Lorenz nicht am Faß tätig, so versah einer von seinen Söhnen
-das Amt des Schenkwirts interimistisch, und diese Söhne bewerkstelligten
-jenes orientierende Grinsen weit unzuverlässiger als
-der Vater; daher es sich denn hin und wieder ereignete, daß wir
-unseren Peinigern ahnungslos in die offenen Arme liefen.</p>
-
-<p>Eines Nachmittags &ndash; es war im August des Jahres 18** &ndash;
-hatte uns Samuel Heinzerling durch eine furchtbare Auseinandersetzung
-über das Wesen des lateinischen <span id="corr099">Konjunktivs</span> gemartert und
-am Schlusse seiner Rede ein neues Thema für den lateinischen
-Aufsatz gegeben: »<em class="antiqua">Quaeritur utrum Alexander dignus fuerit
-cognomine Magni necne.</em>« Am Schlusse der Lehrstunde verspürte
-ich einen unwiderstehlichen Durst, und mein Freund Wilhelm Rumpf
-teilte diese Empfindungen, so daß er meinen Vorschlag, in der
-Schenke des alten Lorenz ein Seidel zu schlürfen, ohne weiteres genehmigte.
-Arm in Arm schritten wir über den Ludwigsplatz. Vor
-der Engelhardtschen Buchhandlung begegnete uns Wilhelm Rumpfs
-angeheirateter Onkel, ein liebenswürdiger alter Herr, der gern seinen
-Spaß mit uns trieb und auch heut nicht umhin konnte, uns mit einer
-scherzhaften Phrase dingfest zu machen. Wir kannten zwar die humoristischen
-Redensarten des Onkels seit lange auswendig; aber die selbstgefällige
-Freude, mit der er sie immer und immer wieder vortrug,
-verfehlte nie ihre Wirkung. Besonders tiefsinnig schien ihm der
-anachronistische Scherz von den Kanonen des Hannibal, und er besaß
-ein bewundernswürdiges Talent, von jedem beliebigen Gesprächsthema
-auf dieses Bonmot abzulenken. &ndash; Als er uns nach längerer Kauserie
-wieder freigab, hatte unser Durst gewaltige Dimensionen angenommen,
-und im Geschwindschritt eilten wir der Stätte zu, wo wir so oft
-gegen die Paragraphen des Gymnasialgesetzes gefrevelt hatten.</p>
-
-<p>Wir klopften an den Schalter. Der alte Lorenz war diesmal
-wieder »dienstlich verhindert«, und sein ältester Sohn Fritz stand
-vor dem Schenktische.</p>
-
-<p>Der Bursche warf uns einen beruhigenden Blick zu, und so
-schritten wir denn ahnungslos ins Lokal und suchten mit jener<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span>
-prüfenden Unsicherheit, die jedem Neueintretenden eigen ist, nach
-einem Tische, um uns niederzulassen.</p>
-
-<p>Da &ndash; wer beschreibt unser Erstaunen, unsere Verwirrung,
-als wir in der entferntesten Ecke des langen, bandartigen Kneipzimmers
-die nur allzu wohlbekannte Gestalt Samuel Heinzerlings
-wahrnahmen! Der Vortrag über den lateinischen Konjunktiv schien
-nicht allein uns durstig gemacht zu haben, denn das Seidel, das
-der Direktor vor sich stehen hatte, war bis auf einen traurigen
-Rest ausgeschlürft. Samuels Angesicht glühte in dunkler Röte. Ich
-schwankte, ob ich dies Echauffement der Glut des Augusttages oder
-dem Zorn über unser vermessenes Eintreten zuschreiben sollte: beide
-Umstände mochten in gleicher Weise mitgewirkt haben. Ich ergab
-mich schon stillschweigend in mein Schicksal. Die zwei Tage Karzer
-dünkten mir ebenso unvermeidlich, wie dem <span id="corr100">Delinquenten</span>, der unter dem
-Fallbeil liegt, die Enthauptung. Auch Samuel Heinzerling schien von
-der Notwendigkeit dieser Lösung durchdrungen, denn jetzt spielte um
-seine Lippen ein halb verdrießliches, halb siegesgewisses Lächeln, und
-mit grimmigem Finger rückte er an der großen rundglasigen Brille.</p>
-
-<p>Aber wir hatten die Rechnung ohne Wilhelm Rumpf gemacht.
-Ehe ich noch ahnte, was er vor hatte, faßt er mich am Arm, und
-sagte mit einer Stimme, in der die Fülle der höchsten seelischen
-Genugtuung widerklang:</p>
-
-<p>»Komm, da sitzt ja der Herr Direktor! So habe ich mich
-doch nicht getäuscht.«</p>
-
-<p>Samuel Heinzerling starrte uns an, als habe die Vermessenheit
-Rumpfs ihn versteinert.</p>
-
-<p>»Wälhelm« aber schritt kühn auf ihn zu, zog die Mütze und
-verneigte sich mit einem artig gelispelten: »Guten Tag, Herr
-Direktor, verzeihen Sie gütigst, wenn wir Sie stören!«</p>
-
-<p>»Rompf, was onterstehn Sä sich?«</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie gütigst«, stammelte Rumpf mit verbindlichem
-Lächeln.</p>
-
-<p>»Was haben Sä här zo sochen? Äch kann mer schon denken,
-was för Nächtsnotzigkeiten Sä wäder auf'm Korn haben!«</p>
-
-<p>»Ich habe Sie auf dem Korn, Herr Direktor. Ich wollte mir
-nur die ganz ergebene Frage erlauben, ob wir den Aufsatz: »<em class="antiqua">Quaeritur<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span>
-utrum Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne</em>« auch
-in Dialogform behandeln dürfen. Mein Freund da behauptet,
-nein; ich aber bin in der Ansicht, daß diese Form sich ganz besonders
-für ein derartiges Thema eignet, denn, sagen Sie selbst,
-Herr Direktor: wenn man so die Tugenden und die Laster
-Alexanders des Großen gegeneinander abwägen will, so ergibt es
-sich ganz natürlich, daß man <span id="corr101">jede dieser</span> verschiedenen Auffassungen
-eine Person substituiert. Hat nicht z. B. Lessing in seinem Gespräche
-über Freimaurerei&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Schon goot!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling.</p>
-
-<p>»Wir dürfen's also in Dialogform behandeln?« fuhr Wilhelm
-Rumpf fort. »Ich wollte mich doch gleich vergewissern. Wir sahen
-Sie da eben hereintreten, und da ich die Absicht habe, noch heute
-Abend an die Disposition zu gehen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Rompf, Sä sänd ein Schelm; aber es läßt säch nächt leugnen,
-Sä haben säch got herausgebässen. Än Zokonft warten Sä mer
-höbsch draußen, bäs äch wäder hänaus komme. So lange hat Ähre
-Däsposätion wohl Zeit. Kennen Sä nächt dä Vorschräft des
-Gämnasialgesetzes, daß es den Schölern onserer Anstalt verboten
-äst, öffentläche Lokale zo besochen?«</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie, Herr Direktor,« sagte Rumpf im Tone
-eines Gekränkten, »es ist den Schülern verboten, die Lokale allein
-zu besuchen; wenn sie aber wissen, daß sie innerhalb dieser Lokale
-einen Lehrer oder gar den Direktor der Anstalt treffen, so scheint
-es mir den Gesetzen des Gymnasiums durchaus nicht zuwider zu
-laufen, wenn man in der Absicht einer wissenschaftlichen Anfrage&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Schwätzen Sä säch den Hals nächt noch trockener, als er
-schon äst! Äch wäderhole Ähnen, Sä haben säch got herausgebässen,
-ond non wäll äch Ähnen erlauben, daß Sä mät Anstand
-än Glas Bär tränken. Hören Sä? Aber nor <em class="gesperrt">ein</em> Glas: von där
-däalogischen Form wollen wär än däsem Falle absehen.«</p>
-
-<p>»Herr Direktor sind zu gütig, aber ich versichere Sie, wir
-dachten durchaus nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Frätz!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling, »brängen Sä mal
-drei Seidel! So, ond non lassen Sä säch's got schmecken. Wahrhaftig
-Rompf, wenn Sä änmal später än den Verhältnissen des<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span>
-börgerlichen Lebens so väl Geistesgegenwart an den Tag legen,
-wä jetzt bei Ähren leider nor zo oft wäderholten Lompenstreichen,
-so werden Sä ein beröhmter Mann werden.«</p>
-
-<p>Wir nahmen Platz und ließen uns das unter so gefährlichen
-Umständen erworbene Bier trefflich munden. Nach Verlauf von
-zehn Minuten erhob sich unser jovial-liebenswürdiger Direktor vom
-Sitze, was für uns natürlich das Signal war, ein gleiches zu tun.
-Draußen vor dem Tore trennten wir uns. Nach zehn Schritten
-machte Heinzerling Kehrt.</p>
-
-<p>»Non, Rompf. Sä haben ja noch keine Antwort wägen der
-däalogischen Behandlung? Es scheint, daß Ähre Däsposätion doch
-nächt so große Eile hat, wä Sä vorgeben?«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Qui tacet, consentire videtur</em>«, sagte Rumpf mit unerschütterlicher
-Gelassenheit. »Sie haben meine Frage unbeantwortet
-gelassen, also schließe ich daraus, daß Sie meine Ansicht billigen.
-Die Grundzüge des Aufsatzes habe ich mir bereits beim Bier
-überlegt.«</p>
-
-<p>»Nochmals, Sä sänd ein Schelm,« lachte Samuel, indem er
-den breitkrempigen Hut in die Stirne zog. »Aber nähmen Sä säch
-än acht! Äch för mein Teil habe Sänn för Humor, und lasse mer
-ab ond zo selbst eine kleine Dommheit gefallen, wenn sä mät Grazie
-ond attischem Salz gewörzt ist. Äch känne jedoch Leute, dä för
-dä Reize der Komäk ongleich weniger empfänglich sänd! Da könnten
-Sä mät Ähren olämpischen Konstgräffen sehr öbel anlaufen! Danken
-Sä Gott, daß äch här gesässen habe: wäre äch zom Beispiel mein
-Schwägersohn, der Ordänarius von Obersekunda gewäsen, so hätten
-Sä kein Bär, sondern Cachot gekrägt! Märken Sä säch das!«</p>
-
-<p>Und mit würdevoller Gelassenheit schritt er den heimischen
-Laren zu.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span></p>
-
-<h2 id="Vom_Rauchen">
-<img src="images/illu-103.png" alt="" /><br />
-Vom Rauchen.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">Das zierlich broschierte Heft der Gymnasialgesetze, das jedem
-neu aufgenommenen Schüler persönlich vom Herrn Direktor
-überreicht und ans Herz gelegt wurde, enthielt auch einen
-Paragraphen über das Tabakrauchen. Die Oberstudienräte
-bezeichneten dieses moderne Kulturlaster als »überaus schädlich
-für die Gesundheit und obendrein in hohem Grade kostspielig«,
-daher denn jeder Schüler der »Pflanzstätte« verpflichtet sei, ein
-Gelübde der Enthaltsamkeit abzulegen.</p>
-
-<p>Die Wirkungen dieses Paragraphen waren der Art, daß ich
-der kompetenten Behörde, falls es ihr um die Förderung der Jugend
-ernstlich zu tun ist, den Vorschlag mache, künftighin folgende Ukase
-unter die Gesetzessammlung mit aufzunehmen:</p>
-
-<p>»Die in hohem Grade zeitraubenden und gesundheitswidrigen
-Privatstudien sind jedem Schüler des Gymnasiums bei Relegation
-untersagt.«</p>
-
-<p>»Das schweigsame Verhalten während der Lehrstunden zeugt
-von Stumpfsinn und wird daher dringlich verbeten.«</p>
-
-<p>»Fortgesetzte Nüchternheit schädigt die Elastizität der Seele, wie
-schon der uralte christlich-germanische Wahlspruch beweist: ›Wer
-niemals einen Rausch gehabt …‹ Daher sich denn jeder Schüler
-mindestens dreimal wöchentlich im Zustande eines schönen, augenrollenden
-Wahnsinns befinden muß.«</p>
-
-<p>Und so weiter.</p>
-
-<p>Nach den bisherigen Erfahrungen würde man auf diesem Weg
-wahre Musterbilder von fleißigen, aufmerksamen und nüchternen
-Schülern erziehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span></p>
-
-<p>Kein Kenner der einschlägigen Verhältnisse wird mir bestreiten,
-daß es nur das Verbot ist, was den Quartaner an die Regaliakiste
-und in die Kneipe führt. Ich weiß mich sehr wohl zu erinnern,
-daß ich ein stark gebrautes Lagerbier mit einer wahren Überwindung
-trank, denn es schmeckte mir heillos bitter, und eine Tasse gezuckerter
-Milch wäre mir hundertmal lieber gewesen: aber ich erblickte im
-Bier das Kriterium der Männlichkeit, und so bezwang ich mein
-Widerstreben und sündigte ohne jeden Genuß. Hätte man uns
-damals täglich drei Seidel als Pensum diktiert, ich hätte mich lieber einsperren
-lassen, als daß ich mich diesem Zwange in Demut gefügt hätte.</p>
-
-<p>Noch entschiedener und allgemeiner gilt dies vom Rauchen.
-Mit wahrer Todesverachtung qualmten wir in Tertia unsere
-Zigarren &ndash; nur weil es verboten war! Keinem von uns wäre es
-im Traum beigefallen, eine so unerfreuliche Summe von Beschwerden
-und Üblichkeiten durchzumachen, wenn wir nicht aus jenem Gymnasial-Paragraphen
-die Überzeugung geschöpft hätten, es müsse dem Rauchen
-doch irgend ein verborgener Zauber innewohnen, der sich durch
-fortgesetztes Studium entdecken ließe. Das Rauchen der Gymnasiasten
-würde auf ganz bescheidene Dimensionen beschränkt werden, sobald
-jener verhängnisvolle Paragraph hinwegfiele. Man gebe die Sünde
-frei, &ndash; und sie hört auf, zu verlocken.</p>
-
-<p>Die Epoche, in der ich am meisten gegen das Tabaksverbot
-frevelte, war mein Biennium in Quarta und Tertia. Wir hatten
-da unser sechs eine Art Tabakskollegium gegründet, das seine
-Sitzungen unter freiem Himmel abhielt. Durch den Wiesengrund
-am östlichen Ende der Stadt strömte ein Bach, von Erlen und
-anderem Dickicht umsäumt. Selten nur verirrte sich eines Menschen
-Fuß an dieses trauliche Ufer &ndash; und hier saßen wir geschart und
-ließen in feierlichem Ernste den Qualm unserer Zigarren zum
-Firmament aufsteigen. Mein Vater hatte damals von einem bösen
-Schuldner zweitausend Zigarren an Zahlungs Statt empfangen, die
-der Versicherung dieses Spekulanten zufolge unter Brüdern hundert
-Taler wert sein sollten, in Wirklichkeit aber ein so niederträchtiges
-Kraut waren, daß mein Vater sie schon auf den bloßen Geruch hin
-beiseite stellte. Da mir um jene Zeit jede, auch die beste Zigarre
-ganz abscheulich schmeckte, so waren mir diese Zahlungsobjekte trotz<span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span>
-ihrer Verwerflichkeit äußerst willkommen. Vor Beginn unseres
-Tabakskollegiums füllte ich mir die Taschen und regalierte dann
-meine Genossen mit echten Havannas. Schwarz, der sich viel auf
-seine Kennerschaft zugute tat, wehte sich wiederholt mit den Fingern
-den Rauch in die Nase und sagte bedeutsam: »Ja, die Zigarre ist
-gut!« &ndash; »Ein feines Blatt«, fügte Knebel hinzu. Und nun rauchten
-wir mit wütender Vehemenz &ndash; etwa dreimal so schnell als ein
-erwachsener Durchschnittsraucher. &ndash; Knebel ward immer blässer
-und blässer, aber er lächelte in stoischem Gleichmut und wiederholte
-nur zuweilen mit halb verlöschender Stimme: »Wirklich, ein sehr
-feines Blatt! Aber schwer!« &ndash; Noch zwei Minuten, und der
-Ärmste ließ die Zigarre sinken, beugte sich über das Wasser und
-erbrach sich so heftig, daß ihm der Angstschweiß in großen Perlen
-auf die fiebernde Stirn trat.</p>
-
-<p>Trotz unseres kollegialischen Mitleids war uns diese Katastrophe
-äußerst willkommen, denn sie bot uns die Möglichkeit, ohne ein
-Geständnis der eigenen Schwäche die Zigarren zu beseitigen und
-dem stöhnenden Knebel beizuspringen. Einer von uns trat weiter
-oberhalb an den Bach und tauchte sein Taschentuch in die rieselnde
-Flut, um Knebel die Schläfe zu kühlen. Ein zweiter und ein
-dritter faßten den Dulder bei den Armen; ein vierter klopfte ihm
-beschwichtigend auf den Rücken. Die Zigarrenstummel flogen ins
-Wasser; Knebel erholte sich, und stolz im Selbstgefühle einer männlichen
-Tat begab man sich auf den Heimweg.</p>
-
-<p>Unterwegs blies man sich verschiedene Male den Atem ins
-Gesicht und fragte:</p>
-
-<p>»Du, riecht man's?«</p>
-
-<p>»Noch ziemlich&nbsp;…«</p>
-
-<p>Dann wurde Gras gekaut oder ein Apfel verzehrt, denn auch die
-Eltern durften von unseren Orgien nichts wissen. Noch stundenlang
-trugen wir die Empfindung einer gewissen Üblichkeit mit uns herum.
-Ja, zuweilen, wenn Schwarz ein paar wirklich schwere Zigarren mitgebracht
-hatte, waren wir förmlich berauscht, und alles, was um uns
-vorging, machte uns den Eindruck eines beklemmenden Traumes&nbsp;…</p>
-
-<p>Und doch ertrugen wir diese Leiden mit Genugtuung, &ndash; denn
-die herbe Frucht war verboten!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span></p>
-
-<p>Auch die Furcht, »abgefaßt« zu werden, steigerte unser Mißgefühl.
-In Quarta und Tertia bebt man wie ein scheues Mädchen
-vor dem Gedanken, wegen irgend einer Freveltat »eingesponnen« zu
-werden. Bei mir persönlich kam noch hinzu, daß ich während des
-Jahres in Tertia um ein Prämium kandidierte; eine »Abfassung«
-wegen Rauchens hätte aber dieses Prämium im Keime erstickt.</p>
-
-<p>Mit welcher Ängstlichkeit hielten wir selbst an dem verborgenen
-Strande des Wiesenbachs Umschau, ob nicht irgend ein bedrohlicher
-Wanderer nahe! Einmal überraschte uns der felder- und wälderdurchstreifende
-Registrator Bieler so jählings, daß wir gerade noch
-Zeit hatten, den Brand unserer Zigarren in die weiche Erde zu
-drücken. Der alte Herr schien nicht wenig befremdet, hier am
-einsamen Quell eine Reihe von Knaben zu finden, die sich nicht
-einmal Blumen zum Kranze wanden, sondern in sichtlicher Verlegenheit
-aufsprangen und die Mützen zogen.</p>
-
-<p>»Was macht Ihr denn hier?« fragte er argwöhnisch.</p>
-
-<p>»Wir krebsen«, gab Schwarz mit großer Schlagfertigkeit zur
-Antwort.</p>
-
-<p>»So, gibt's hier Krebse? Und was brennt denn da drüben?«</p>
-
-<p>»Ach da«, sagte Schwarz … »Wir haben vorhin ein kleines
-Pulvermännchen gemacht, und da glimmt das Papier noch.«</p>
-
-<p>Der Registrator entfernte sich, ohne sich über die Glaubhaftigkeit
-dieser Bemerkung zu äußern. Tagelang schwebten wir in heilloser
-Angst, er möge uns denunzieren; denn der Quartaner lebt der
-Meinung, die ganze Welt sei gegen ihn verschworen, und die
-Bürgerschaft kenne kein höheres Interesse, als ihn anzuzeigen.</p>
-
-<p>So ging die Sache in Quarta und Tertia. In Sekunda
-wurden wir bereits frecher. Des Abends nach Sonnenuntergang
-bummelten wir häufig mit brennender Zigarre durch die Stadt.
-Anfangs gebrauchten wir die Vorsicht, das glühende Ende mit der
-Hand zu bedecken; später ward auch diese Reserve kühn über Bord
-geworfen. So begab es sich denn nicht selten, daß ein Sekundaner
-wegen Tabakrauchens mit Strafe belegt wurde. Wenn ich meinesteils
-diesem Schicksal entging, so lag das nur daran, daß ich in
-Sekunda über die Freude am Rauchen so ziemlich hinaus war und
-nicht den vierten Teil so oft »blotzte«, als in Quarta und Tertia.<span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span>
-Auch hatte ich, wenn ich <em class="antiqua">extra muros</em> gegen die Gymnasialgesetze
-sündigte, allzeit Glück.</p>
-
-<p>Ein einziges Mal wurde ich als Sekundaner wegen öffentlichen
-Rauchens denunziert, aber nicht bei den Gymnasiallehrern, sondern
-bei dem Stadtprediger, der uns den Konfirmanden-Unterricht erteilte.</p>
-
-<p>Dieser Mann, der sehr ehrwürdige Kirchenrat Doktor Philipp
-Jakob Engel, war in jeder Beziehung ein Original. Er hatte sich
-unter dem schwarzen Talar ein frisches, fröhliches Herz bewahrt.
-Nichts lag ihm ferner als Puritanertum und einseitiger Zelotismus.
-In der Weise des großen Doktor Martinus Luther genoß er sein
-Leben, &ndash; zum mindesten was Wein und Gesang betraf. Im
-Punkte des Weibes war er allerdings vom Schicksal mißhandelt,
-denn er hatte sich, vom Rausch der Minne verlockt, eine Wirtstochter
-aus Bromskirchen zur Gattin erkoren, die ihm das Dasein
-mehr mit Dornen als mit Rosen durchflocht. Er suchte dann in
-der feierlichen Stille des Wirtshauses Trost für die Leiden seiner
-Häuslichkeit. »Der Wind bläst heute wieder von Bromskirchen«,
-pflegte er den Stammgästen zuzurufen, und dann wußte man, daß
-der Kirchenrat nicht vor ein Uhr nachts den Heimweg antreten würde.</p>
-
-<p>Doktor Engel leitete also den Konfirmanden-Unterricht, und
-zwar abwechselnd in dem einen Jahre den der Knaben und in dem
-anderen den der Mädchen. Ich hatte glücklicherweise <em class="gesperrt">ihn</em> zum
-Seelsorger! Wer es irgend einrichten konnte, sparte sich für das
-Jahr Engels auf, denn das Joch dieses Gerechten war sanft und
-schmerzlos. Der Unterricht fand von elf bis zwölf statt. Kurz vor
-halb erschien der Herr Kirchenrat langsamen Schrittes im Lehrsaale,
-wandelte wohl noch fünf Minuten lang, in Gedanken verloren, auf
-und ab und begann dann mit einer kurzen Wendung, deren feierliches
-Phlegma gegen sein sonstiges Feuer wunderbar kontrastierte,
-die Gesangbuchverse zu überhören. Human wie er war, nahm er
-nie den geringsten Anstoß daran, daß man diese Gesangbuchverse
-einfach ablas. Nachdem die Aufgabe zur beiderseitigen Befriedigung
-erledigt war, schritt er an das Abfragen der Katechismussprüche,
-die wir ebenfalls ganz unverfroren vom Blatte wegstahlen.</p>
-
-<p>»Nun, und was denkst Du Dir bei diesem Spruche?« forschte
-er dann wohl gelegentlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>Der Schüler gab eine Antwort, die mit einem langsamen »Ganz
-gut!« belohnt wurde, wenn sie nur einigermaßen verdaulich war.
-Im andern Falle meinte der Kirchenrat, das lasse sich wohl hören,
-sei aber doch nicht so ganz richtig &ndash; und nun lieferte er mit
-salbungsvollem Behagen die korrekte Erklärung. Fünf Minuten
-vor drei Viertel sah er zum erstenmal auf die Uhr, zwei Minuten
-später zum zweitenmal. Um drei Viertel aber stemmte er die
-rundlichen Finger auf die Tischplatte und murmelte durch die Zähne:</p>
-
-<p>»So, ich habe jetzt noch ein Amtsgeschäft, und da wollen wir's
-denn für heute gut sein lassen. Für das nächste Mal lernt Ihr
-mir den folgenden Vers und die folgenden Sprüche.«</p>
-
-<p>Und hiermit verließ er das Lehrzimmer.</p>
-
-<p>Was das für Amtsgeschäfte waren, die so regelmäßig um drei
-Viertel auf zwölf wiederkehrten, das habe ich nie in Erfahrung gebracht.</p>
-
-<p>Bei diesem Kirchenrat, dessen echt christliche Milde aus der
-vorstehenden Schilderung zur Genüge erhellen wird, hatten mich
-einige der sogenannten Stadtschüler, auf die wir Gymnasiasten mit
-Verachtung herabsahen, wegen öffentlichen Rauchens angezeigt.</p>
-
-<p>Als ich den Saal betrat, riefen sie mir triumphierend entgegen:</p>
-
-<p>»Heute wird er Dich vornehmen!«</p>
-
-<p>So recht behaglich war mir bei dieser Eröffnung, trotz Engels
-bekannter Nachsichtigkeit, nicht zumute. Doch beherrschte ich mich
-und gewärtigte mit stoischer Ruhe der Dinge, die da kommen sollten.</p>
-
-<p>Der Kirchenrat erschien, wie üblich, kurz vor halb. Sein Antlitz
-hatte diesmal etwas ungewöhnlich Ernstes und Feierliches. Ja, ich
-glaubte einen Zug von Schmerz zu entdecken, der elegisch um die
-herabgezogenen Lippen spielte. So mußte der biblische Vater dreinschauen,
-wenn er des verlorenen Sohnes gedachte&nbsp;…</p>
-
-<p>Gebeugten Hauptes schritt der Kirchenrat einige Male auf und
-ab. Dann blieb er stehen und rief mich beim Namen.</p>
-
-<p>»Komm einmal heraus«, sagte er mit einer Stimme, die mir
-ein tiefes seelisches Weh zu atmen schien.</p>
-
-<p>Die Stadtschüler rieben sich schmunzelnd die Hände.</p>
-
-<p>Nicht ohne Verlegenheit trat ich zu dem Kirchenrate heran,
-der mich ein wenig abseits führte und mir dann mit gedämpfter
-Stimme ins Ohr raunte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span></p>
-
-<p>»Eh' ich's vergesse, sag' doch Deinem Herrn Vater, ich könnte
-morgen abend nicht zum L'Hombre-Kranz kommen.«</p>
-
-<p>Frohe Enttäuschung!</p>
-
-<p>»So,« fuhr er nun mit energisch dröhnender Stimme fort, »nun
-geh' auf Deinen Platz und vergiß nicht, was ich Dir gesagt habe!«</p>
-
-<p>Es war der nachsichtigen und liebevollen Natur dieses Priesters
-unmöglich, irgend jemanden zu verletzen. So ignorierte er denn
-vollständig die schnöde Anzeige meiner Gegner und genügte nur
-in dieser wahrhaft klassischen Weise dem Dekorum.</p>
-
-<p>In Prima wichen unsere Lehrer insoweit von dem Wortlaute
-des Gymnasialgesetzes ab, als sie ein Auge zudrückten, wenn die
-Schüler innerhalb ihrer vier Pfähle zur Zigarre oder zur Pfeife
-griffen. Nur das Rauchen auf der Straße war hier verboten.
-Aber gerade deshalb ward es mit Vorliebe kultiviert. Wäre es
-dem Gymnasiasten wirklich nur um das Kraut zu tun, so hätten
-wir unserem Rauchgelüste bei einer so milden Praxis hinlänglich
-fröhnen können: aber jetzt hatten die Zigarren im Hause ihren
-wesentlichen Reiz verloren. Die Sehnsucht des Primaners galt der
-öffentlich gerauchten Straßenzigarre. Einige von uns trieben die
-Sache so weit, daß sie vor dem Beginn der Lehrstunden in dem
-Schulsaale rauchten, was hin und wieder zu gräßlichen Untersuchungen
-führte, ohne daß jemals der Täter entdeckt worden wäre.</p>
-
-<p>Als wir schließlich Studenten wurden, und der letzte Zwang
-wegfiel, da hingen sehr viele unserer Matadore das Rauchen überhaupt
-an den Nagel; wie denn zum Beispiel mein früherer Mitschüler,
-der Geheime Medizinalrat <em class="antiqua">Dr.</em> Schwarz in Hamburg,
-noch bis auf den heutigen Tag ein abgesagter Feind der Zigarre
-ist. Wenn ihm diese Zeilen hier zu Gesicht kommen, widmet er
-vielleicht meinen abscheulichen Tertianer-Glimmstengeln ein dankbares
-Lächeln der Erinnerung; denn ihnen schuldet er die erkleckliche
-Summe, die er jetzt infolge seines Nichtrauchens alljährlich zurücklegen
-oder für die Vervollständigung seiner humoristischen Bibliothek
-aufwenden kann.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Lyrik_auf_dem_Gymnasium">
-<img src="images/illu-110.png" alt="" /><br />
-Die Lyrik auf dem Gymnasium.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-i">Ich war vierzehn Jahre alt und erst vor kurzem Sekundaner
-geworden, als mich plötzlich, wie ein Flammenstrahl
-aus heiterm Himmel, der Drang nach poetischer Selbstbespiegelung
-ergriff. Ich erinnere mich noch des Tags
-und der Stunde … Der Herbstwind strich klagend durch die
-halbentblätterten Zweige der großen Platanen. Ein feiner Regen
-stäubte wider die Scheiben, so recht öde und trostlos, als ob die
-kranke Natur sich matt und erschöpft in den Schlaf weine. Drunten
-im Hofe sah es möglichst unwirtlich aus. Die versumpften Wege
-mit ihren großen, gelblichen Pfützen, das bräunliche Laub, das der
-Wind von Zeit zu Zeit aufwirbelte, das nasse Holzwerk des Spaliers
-und die triefende Hütte des Jagdhundes, der sein Sommerquartier
-längst verlassen, um im Hause gegen die Unbilden der Witterung
-Schutz zu suchen &ndash; dies alles machte einen unsagbar traurigen
-Eindruck. Drüben von der Landstraße her, wo die drei vereinsamten
-Pappeln wie lange Gespenster in den Dunst hineinragten,
-tönte das heisere Krächzen der Dohlen: sonst war alles
-wie ausgestorben&nbsp;…</p>
-
-<p>Am Fenster stehend sah ich dem Hereinsinken der Dämmerung
-zu. Ein schmaler, blaßgelber Streifen am Horizont bezeichnete mir
-den Untergang des Tagesgestirns, das seit mehr als einer Woche
-nicht zum Vorschein gekommen war. Eh' ich's ahnte, war ringsum
-bleigraue Nacht geworden. Tief atmend trat ich ins Zimmer zurück.
-Im Ofen brannte ein lustiges Feuer. Auf meinem Arbeitstische
-glänzte die Lampe, die man in der Zwischenzeit unbemerkt hereingebracht
-hatte, und auf dem Teppich vor dem Sofa lag mit allen<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span>
-Symptomen der Befriedigung und des Wohlbehagens der treue
-vierfüßige Begleiter meiner sommerlichen Ausflüge. Ein wunderbares
-Gefühl von Traulichkeit überkam mich. So schnell als möglich
-ließ ich den Vorhang herab. Dann setzte ich mich an den
-Tisch und schrieb mein erstes Gedicht. Seltsamerweise besang ich
-in diesen kühn gegliederten Versen den Zauber einer mondhellen
-Sommernacht. Ich pries das »unendliche Gewimmel der Sterne«
-und die Ulmen, die »sanft versilbert« ihre Häupter ins Blaue erheben!
-Und doch war das Ganze keineswegs etwas Angekünsteltes
-und Gemachtes, sondern ein wirklicher Herzenserguß, ein Erlebnis,
-das mit zwingender Macht nach Gestaltung rang. Ich brauche
-kaum hinzuzufügen, daß drei oder vier Strophen mit »wenn« begannen,
-daß eine wahrhaft großartige Summe von schmückenden
-Beiwörtern verbraucht wurde, und daß ich solche Verse, wo mir
-der Reim nicht augenblicklich zur Hand war, einfach ungereimt ließ.
-Dergleichen findet sich in jedem Erstlingsgedichte und wird erst
-später als Frevel empfunden. Damals glaubte ich etwas wahrhaft
-Schönes und Imposantes geschaffen zu haben, denn die Fülle meiner
-subjektiven Stimmung war mir identisch mit dem Geleisteten. Wie
-viele, sonst sehr achtbare Leute, die nicht vierzehn Jahre alt sind
-und nicht in Sekunda sitzen, verfallen in einen ähnlichen Irrtum!
-Was man dem Sekundaner verzeiht, das macht den Erwachsenen
-einfach lächerlich. Aller Dilettantismus beruht auf dieser Verwechslung.
-Der Dilettant trägt ganz wie der Dichter eine Welt
-voll Poesie in der Seele: aber während der schöpferische Poet seine
-Empfindungen dergestalt in dem Medium der Sprache zu verkörpern
-weiß, daß der Hörer und Leser das Gesamtbild nachschafft,
-gelingt dem Dilettanten nur ein trauriges Stammeln. Fehlt ihm
-nun der kritische Blick für die Kluft, die sein Empfundenes von
-seinem Gestalteten trennt &ndash; und dies ist die Regel &ndash;, so ist der
-Dichterling fertig. Der Sekundaner, der sich auf dieser Stufe
-befindet, hat die Möglichkeit einer Entwicklung für sich: denn
-selbst das größte Talent beginnt stümpernd. Der fertige Mensch
-aber erfährt mit Recht die strengste Beurteilung, denn in der
-Sphäre der Kunst gibt es keine christliche Milde, wie in der Sphäre
-der Ethik.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span></p>
-
-<p>Das war also mein erstes Gedicht, &ndash; wenigstens das erste,
-dessen Genesis mir klar vor der Seele steht. Nun folgten rasch
-aufeinander die entsetzlichsten Balladen im altdänischen Stile, die
-furchtbarsten Sonette und die traurigsten Elegien. Ich kaufte mir
-ein schönes Album mit Goldschnitt, in das ich meine »Schöpfungen«,
-chronologisch geordnet, eintrug. Bald aber wurde mir dieses
-Kopieren zu umständlich. Ich dichtete gleich frisch drauf los in den
-Prachtband hinein, wobei es denn wesentlich darauf ankam, keiner
-Korrektur zu benötigen. Vom Anlegen der Feile war ich überhaupt
-damals kein Freund. Ich hatte so viel Stoff zu verarbeiten, daß
-ich immer wieder nach Neuem drängte. Es ist unglaublich, was
-ich alles in den Bereich meiner rhythmischen Betrachtungen zog.
-Sonnenaufgänge, die ich niemals gesehen hatte; die Leiden eines
-Negerknaben, der am Strande des Quorra von den Weißen geraubt
-wird; der nächtliche Reiter, der seinen Bruder erstochen und nun
-am zerbröckelnden Turme Wacht halten muß; die Freude über den
-bevorstehenden Semesterschluß; Glaube, Liebe und Hoffnung; der
-Gymnasialkarzer; die Vergänglichkeit alles Irdischen, und die
-Freuden einer nächtlichen Kahnfahrt: &ndash; dies alles war mir gleichmäßig
-untertan. Ich schrieb eine Ode »An unsern Hund« und
-einen Hymnus auf das griechische Übersetzungsbuch von Mehlhorn.
-Ich philosophierte über die Unsterblichkeit der Seele und über den
-niederträchtigen Nationalcharakter der Punier.</p>
-
-<p>Das währte so ein halbes Jahr. Dann kam ein neues Motiv
-hinzu: das »Ewig-Weibliche«. Die schwarzen Locken und flammenden
-Augen brausten jetzt nur so durch meine Verse, und an Purpurwangen
-und Rosenlippen war kein fühlbarer Mangel.</p>
-
-<p>Bis dahin hatte ich meine poetischen Regungen durch unverbrüchliches
-Schweigen gedeckt. Namentlich in der Schule, wo der
-Begriff des Verses jenseits aller Erfahrung zu liegen schien, war
-mir niemals eine verräterische Silbe über die Lippen geglitten. Ich
-hatte die dunkle Empfindung, als treibe ich etwas Verbotenes.
-Sobald ich das Wort »Gedicht« aussprechen hörte, erinnerte ich
-mich eines Vorfalles aus meiner Quintanerzeit. Der Lehrer gab
-uns damals zwei verschiedene Aufsatzthemata. Zuerst las er uns
-eine Gellertsche Fabel vor, die wir in Prosa nacherzählen sollten, &ndash;<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span>
-und dann eine Anekdote in Prosa. Ich fragte nun in aller Harmlosigkeit:
-»Die sollen wir wohl in Verse bringen?« Eine geringschätzige
-Zurechtweisung war die Antwort, und einige meiner hochweisen
-Herren Mitschüler lachten aus vollem Halse. Von diesem
-Moment an hatte ich das Gefühl, als sei alles Rhythmische unziemlich,
-und so war ich denn äußerst zurückhaltend. Nur einem
-einzigen Freunde teilte ich ab und zu etwas mit. Und da dieselbe
-Elisabeth, deren Rosenwangen ich poetisch verherrlichte, auch ihm
-als Ideal alles weiblichen Liebreizes erschien, so beschlossen wir gemeinsam,
-einige dieser Lieder sauber abzuschreiben und dem Gegenstande
-unserer Neigung auf dem Wege der Stadtpost zu übermitteln.</p>
-
-<p>Als wir den Brief eben gesiegelt hatten, trat mein Vater ins
-Zimmer. Wir gaben uns alle erdenkliche Mühe, recht gleichgültig
-dreinzuschauen, &ndash; aber vergebens. Nach einigem Hin- und Herfragen
-sahen wir uns schmählich entlarvt. So kam denn nicht nur
-unsere phantastische Verliebtheit zutage, &ndash; nein, auch das Geheimniß,
-daß ich dichtete, wurde ans Licht gezogen. Tiefe Beschämung.
-Nach langem Widerstreben lieferte ich mein Album aus.
-Es war mir zumute, wie einem Mädchen, das beim Baden von
-Männern überrascht wird.</p>
-
-<p>Indes die Sache lief noch verhältnismäßig befriedigend ab.
-Ich wurde dringlich ermahnt, über diesen rhythmischen Versuchen meine
-Schularbeiten nicht zu vernachlässigen: im übrigen möge ich nur
-fortfahren. Dergleichen sei jedenfalls besser, als das sonst so fleißig
-geübte Einwerfen von Fenstern oder Niederreißen der Zaunpfähle.</p>
-
-<p>Während meines ganzen Aufenthaltes in Sekunda beobachtete
-ich die strengste Reserve. Das Terrain war hier für poetische Anwandlungen
-äußerst ungünstig. Kaum, daß ich ab und zu die
-Keckheit hatte, einen deutschen Aufsatz mit der Wendung zu schließen:
-»Denn, wie der Dichter sagt …« und dann eine Strophe eigener
-Schöpfung einzuschmuggeln, in der Voraussetzung, der Lehrer werde
-den Kunstgriff nicht merken. Noch kürzlich ist mir einer dieser
-Aufsätze in die Hände gefallen. Der Lehrer hätte, um sich täuschen
-zu lassen, geradezu ein Dummkopf sein müssen, denn die Verse
-waren echt knabenhaft; aber großmütig ließ er die Vermessenheit
-hingehen, ohne mich durch die Frage: »Wer ist denn eigentlich<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span>
-der Dichter, dem Sie diese Strophe entlehnen?« in Verlegenheit
-zu setzen.</p>
-
-<p>Erst in Prima hatten wir offizielle Gelegenheit, unsere lyrischen
-Talente vor der Korona der Mitschüler zu betätigen. Unser Horaz-Interpret,
-ein feingebildeter Mann, der sich namentlich in literarischen
-Dingen durch ein reges Interesse auszeichnete, forderte uns jedesmal,
-wenn eine Ode genügend erklärt und verstanden war, zur
-freiwilligen Leistung einer metrischen Übertragung auf. Natürlich
-gab nur eine kleine Minorität diesem Ansinnen Folge; aber mit
-welchem Stolzgefühl schwellte es die Brust, wenn man über diese
-wenigen Mitbewerber den Sieg davon trug!</p>
-
-<p>Der poetisch beanlagte Primaner steht zumeist unter dem Einflusse
-Platens, dessen Formkorrektheit ihm naturgemäß imponiert.
-Erst später entwickelt sich die Vorliebe für Heine und Goethe.
-Während meines ersten Semesters in Prima waren es besonders
-die kunstvoll-fremdartigen Ghaselen, die mich zur Nacheiferung entflammten.
-Keine Dichtungsform schien mir so geeignet, die
-heterogensten Dinge ohne weitere Kompositionsschwierigkeiten zusammenzuleimen,
-als dieses orientalische Reimgeplänkel. Ohne zu
-ahnen, daß wir ganz im Sinne Heinrich Heines (dessen Reisebilder
-uns damals noch unbekannt waren) die Ghaselform nach ihrer bedenklichen
-Seite hin persiflierten, wählten wir die sonderbarsten
-Ausklänge. Sie waren das Primitive, Ursprüngliche: die Gedanken
-und Verse wurden erst nachträglich wie Arabesken herumgeschlungen.
-So dichteten wir Ghaselen aus Braun-Dur, die also begannen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Im Glase schäumt das quellenfrische Bier braun:<br /></span>
-<span class="i0">Natur, Du färbst den Pelz so manchem Tier braun.<br /></span>
-<span class="i0">Braun blickt das Auge meiner süßen Amrei,<br /></span>
-<span class="i0">Und um ihr Haupt schmiegt sich der Zöpfe Zier braun u. s. w.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Oder wir wählten als Refrain eine ganze Phrase, wie: »Doch
-der Schickung Groll verbeut's«, und intonierten nun folgendes
-Carmen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Gerne schritt' ich durch die Wiesen, doch der Schickung Groll verbeut's,<br /></span>
-<span class="i0">Und besonders mit Elisen, doch der Schickung Groll verbeut's.<br /></span>
-<span class="i0">Alles, was die Erde spendet, was der Himmel uns geschenkt,<br /></span>
-<span class="i0">Alles möcht' ich froh genießen, doch der Schickung Groll verbeut's.<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span></p>
-<p>Und nun folgte in schwungvoller Darlegung, was das glutbeschwingte
-Herz alles möchte … Es sähe gern … die Bächlein
-fließen … die Blumen sprießen … den Jäger die Rehlein
-schießen usw. Aber überall tritt ihm das Fatum entgegen; überall
-dröhnt es mit Donnerstimme: »Doch der Schickung Groll verbeut's!«</p>
-
-<p>Solche Herzensergüsse waren vollständig ernst gemeint: aber,
-wie gesagt, Heinrich Heine hätte sie getrost in seinen »Reisebildern«
-verwerten können.</p>
-
-<p>Nach und nach mochte die Form der Ghaselen uns selbst ein
-wenig kurios vorkommen. Wir benutzten sie jetzt zu komischen Extravaganzen,
-zu Klageliedern über unsere Primanerleiden, zu Hymnen
-auf die Eigentümlichkeiten der Professoren. Eines dieser Gedichte
-besitze ich noch: ich schrieb es während der Sophokles-Repetition,
-als Samuel Heinzerling eine etwas gar zu theoretische Auseinandersetzung
-über das Glykoneische Versmaß lieferte. Das Poem lautete:</p>
-
-<p class="center">Unsere Lehrer.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Der Klufenbrecher schmunzelt mathematisch,<br /></span>
-<span class="i0">Doch jede Störung ist ihm antipathisch.<br /></span>
-<span class="i0">Der Perner haßt verdumpfte Atmosphären,<br /></span>
-<span class="i0">Und wenn er zürnt, so tobt er autokratisch.<br /></span>
-<span class="i0">Anzeigend trat der Hähnle zum Direktor:<br /></span>
-<span class="i0">Die Wurfgeschosse knallten so emphatisch.<br /></span>
-<span class="i0">Der Heinzerling ist morgens allzu pünktlich,<br /></span>
-<span class="i0">Den Spätgekomm'nen rüffelt er ekstatisch.<br /></span>
-<span class="i0">Gymnasium! Gerne riefe ich »Lebe wohl!« Dir,<br /></span>
-<span class="i0">Warmfühlend, wie der Jude spricht den Kadisch.<br /></span>
-<span class="i0">Soll ewig hier die Knechtschaft mich verzehren?<br /></span>
-<span class="i0">Zu einem Block erstarr' ich noch erratisch!<br /></span>
-<span class="i0">Sei hessisch oder preußisch unsre Fahne,<br /></span>
-<span class="i0">Sei unser Wappen bayrisch oder badisch:<br /></span>
-<span class="i0">Die Freiheit ist das Ziel des Demokraten, &ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Und Prima fühlt entschieden demokratisch!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Gleichzeitig mit diesen und ähnlichen Scherzen, unter denen die
-Hyperbeln auf die Füße des Herrn Doktor Hellwig und die Epigramme
-auf die zahlreichen Kinder des Herrn Doktor Brömmel
-eine hervorragende Rolle spielten, ward auch das sentimentale
-Genre redlicher Begeisterung kultiviert. Es entstanden glühende
-Liebeslieder, die mit ängstlicher Scheu im Pulte verwahrt blieben,<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span>
-denn jeder fremde Blick wäre ja eine schnöde Entweihung gewesen …
-Und dann entschloß man sich gleichwohl, wenigstens eines der »herrlichen
-Lieder« hinauszusenden in die kalte, lieblose Welt&nbsp;…</p>
-
-<p>Niemand hat diesen epochemachenden Schritt im Leben eines
-lyrisch produzierenden Primaners so reizend geschildert, wie Paul
-Heyse in seiner »Lottka«.</p>
-
-<p>Der Erzähler hat ein wehmuttrunkenes Lied gedichtet; sein
-Freund, ein achtzehnjähriger Musiker, setzt die »seufzenden Strophen
-in Musik, mit einer Klavierbegleitung, die das nahe Hereinbrechen
-des Weltgerichts über dem Haupte des wankelmütigen Mädchens«
-andeuten sollte.</p>
-
-<p>»Damals«, so heißt es wörtlich, »erschien die »Dresdener
-Abendzeitung« unter der Redaktion eines, wie ich glaube, seitdem
-verschollenen Herrn Robert Schmieder, der Gedichte der Aufnahme
-würdigte, über die mein kritisches Selbstbewußtsein nur die Achseln
-zucken konnte. An ihn schickten wir unsern Liebling, natürlich
-anonym, in der festen Überzeugung, schon in der nächsten Nummer
-Text und Komposition erscheinen zu sehen, mit der Bitte an die
-unbekannten Einsender, die Abendzeitung auch fernerhin mit so willkommenen
-Früchten ihres Talentes zu erfreuen. In süßer Beklommenheit,
-trotz unseres Inkognitos, betraten wir die Konditoreien,
-in denen Journale gehalten wurden, und forschten errötend nach
-unserm Erstling. Woche auf Woche verging, ohne daß sich unsere
-Erwartung erfüllte. Ich selbst hatte endlich, zumal nachdem wir
-noch einmal geschrieben und die Zurücksendung in ziemlich vornehmem
-Tone verlangt hatten, ohne einer Antwort gewürdigt zu
-werden, alle Hoffnung aufgegeben und war über diesen ersten Mißerfolg
-so beschämt und gekränkt, daß ich zunächst in einem längeren
-Gedichte der undankbaren Mitwelt den Handschuh hinwarf und auf
-die gerechtere Nachwelt pränumerierte, dann aber jede Andeutung
-des fehlgeschlagenen Unternehmens vermied und von Bastel (der
-ehrliche Name meines Freundes war Sebastian) verlangte, er solle
-auch die Melodie nicht mehr summen, die mir sogleich die ganze
-leidige Geschichte wieder ins Gedächtnis rief.«</p>
-
-<p>Wer hätte nicht, in gleicher Lage, diese wechselvollen Stimmungen
-ausgekostet? Hier nimmt das Schicksal zum erstenmal den<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span>
-Lyriker in die Schule, und gar mancher kommt über diese verunglückte
-Probe niemals hinaus. Ist der Betroffene in der Tat
-ohne dichterische Begabung, so darf er eine möglichst baldige Zerstörung
-seiner Illusionen als ein Glück betrachten. Aber gleichviel,
-es schmerzt. Sah man nicht bereits im Geiste einen prachtvoll gebundenen
-Oktavband, der in jedem Jahr eine Neuauflage erlebte
-und neben Geibel und Rückert in den Büchersammlungen aller
-Frauen und Mädchen heimisch wurde? Und nun dieses herbe
-Mißgeschick! Was wir für ein literarisches Ereignis hielten, ist an
-der kalten Seele des Redakteurs spurlos vorübergegangen! Er hat
-sich vielleicht an dem Weh unseres blutenden Herzens die Pfeife
-angezündet!</p>
-
-<p>Wie glorreich aber berührt im andern Falle die krönende
-Hand des Erfolges! Wenn wirklich nach so und so viel Wochen
-das Gedicht, A. O. oder B. O. unterzeichnet, im Feuilleton des
-Anzeigers erscheint, &ndash; wie steigt dem glückseligen Primaner die
-Glut ins Angesicht, und mit welch' unsäglichen Gefühlen des
-Stolzes nimmt er überall, wo es möglich ist, das Blatt zur Hand,
-um die prächtigen Strophen zwanzig-, dreißig- und vierzigmal
-wieder zu lesen! Er kann gar nicht begreifen, daß da drüben der
-Herr, der beim Biere sitzt, zuerst den Leitartikel, die Börsen-Kurse
-und das Vermischte liest; er meint, jedes Auge müßte sich von dem
-Gedichte magisch gebannt fühlen, und von Mund zu Munde müßte
-die Frage lodern: »Wer ist der Verfasser dieses herrlichen Liedes?
-Das ist ja etwas ganz Eminentes! Das müssen wir herausbringen!«
-In jedem Zirkel, den unser anonymer Autor betritt, erwartet er,
-daß man ihn mit den Worten überfalle: »Haben Sie's denn
-auch schon gelesen? ›Die Klage der Sehnsucht!‹ Wunderbar!
-Wunderbar! Meine beiden Schwestern haben sich's in ihr
-Album geschrieben. Meine Tante kann's bereits auswendig, und
-mein Schwager, der Kapellmeister, wird das Prachtstück in Musik
-setzen!«</p>
-
-<p>Nichts von alledem ereignet sich. Die Herren in der Bierstube,
-die so eifrig die Börsenkurse und die Leitartikel studieren, würdigen
-das phänomenale Gedicht keines Blickes, und in den Familienkreisen
-und Teegesellschaften geht die Unterhaltung ihren einförmigen<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span>
-Gang. Auch hier beginnt die Laufbahn des Poeten mit Enttäuschung.</p>
-
-<p>Dergleichen läßt sich zur Not noch ertragen. Man richtet sich
-empor an dem Beispiele so vieler großer Männer, die auch erst
-nach langen Kämpfen Anerkennung gefunden haben. Man setzt
-seine ganze Hoffnung auf das nächste Gedicht, das bereits an die
-Redaktion unterwegs ist usw.</p>
-
-<p>Weit mehr Stoizismus gehört jedoch zum Überstehen der
-folgenden Szene:</p>
-
-<p>Der Primaner ist in das belebteste Bierhaus geschlichen, weil
-ihm bekannt ist, daß dort zwei Exemplare der durch ihn mit unsterblichem
-Ruhme gekrönten Zeitung gehalten werden.</p>
-
-<p>Ahnungsvoll und von süßem Grauen durchbebt, schlürft er sein
-schäumendes Glas.</p>
-
-<p>Da sitzt der Stadtrichter, ein alter, redseliger Herr …
-Unter dem Plaudern wirft er auch einen Blick auf das anonyme
-Gedicht.</p>
-
-<p>»Der druckt aber doch auch allen möglichen Schund«, sagt er
-mit wegwerfender Gebärde.</p>
-
-<p>Und nun beginnt eine boshafte Besprechung, die von den Umsitzenden
-aus vollem Halse belacht wird.</p>
-
-<p>Der unglückliche Primaner bedarf seiner ganzen moralischen
-Kraft, um sich nicht zu verraten. Von diesem Augenblicke an wirft
-er auf den Stadtrichter, der sonst ein ganz ehrlicher Mann ist,
-einen unversöhnlichen Haß. Die »wohlfeilen Späße« des alten
-Herrn sind ein »trauriges Zeichen der Zeit«. »Dieser armselige
-Böotier, der die Schönheit nicht sehen und würdigen kann, weil
-ihm der Aktenstaub die Augen umwirbelt! Und die Laffen, die
-seinen abgeschmackten Bemerkungen Beifall gejauchzt haben!« Ihre
-Persönlichkeit prägt sich für alle Zeiten unserm Gedächtnis ein …
-Nach Jahren noch, wenn wir ihnen begegnen, denken wir in einer
-Anwandlung von Bitterkeit und Geringschätzung: »Aha, das ist
-ja auch einer von jenen Vandalen, die sich an meinem Kleinod
-vergingen!«</p>
-
-<p>Erst später, wenn man die literarischen Kinderschuhe ausgetreten
-und einen freieren Blick erlangt hat, erst als Mann<span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span>
-erkennt man, daß jenes Gedicht in der Tat sehr mangelhaft war.
-Und wenn auch der Stadtrichter keine Ursache hatte, sich über diese
-Mangelhaftigkeit zu mokieren (er würde dasselbe Gedicht, wenn
-er es in den Werken eines Klassikers gefunden hätte, pflichtschuldigst
-bewundert haben), so dürfen wir ihm doch aus hundert Gründen
-seine Unart verzeihen … Und in der Tat, wir verzeihen ihm,
-zumal wir in Erfahrung gebracht haben, daß der Stadtrichter zu
-den eifrigsten Lesern unserer Essays und Novellen gehört.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Primanerliebe">
-<img src="images/illu-120.png" alt="" /><br />
-Die Primanerliebe.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">Die oberen Gymnasialklassen sind der eigentliche Schauplatz
-für die platonische Liebe. Die Primanerliebe ist sogar
-sprichwörtlich geworden, und in akademisch gebildeten
-Kreisen gehört es zum vornehmen Ton, über dieses erste
-Aufflackern des erotischen Prinzips geringschätzig zu lächeln. Man
-vergißt eben im rastlos wiederkehrenden Kampf des Lebens, was
-man zu einer Zeit fühlte, da sich Herz und Geist erst für diesen
-Kampf vorbereiteten. Wie kalt und verständig schrieb der herangereifte
-Goethe über Lili, die den jungen Goethe so magisch gefesselt,
-so unwiderstehlich hingerissen und bezaubert hatte! Der Mensch
-wird nüchterner und erblickt dann die Vergangenheit durch die Brille
-seiner philiströsen Alltagsstimmung.</p>
-
-<p>Unter Primanerliebe versteht man gemeinhin eine jugendliche
-Dummheit, die in schauderhaften Sonetten und tausendfach wiederholten
-Fensterpromenaden gipfelt, eine Landpartie als Perihel des
-Entzückens und die Abreise der Geliebten in das Pensionat als
-schrecklichste Katastrophe kennt, häufige Einschnitzungen in die Subsellien
-hervorruft und beim Abgang nach der Universität in Bier, Paukereien
-und wohlgewachsenen Schenkmädeln ertränkt wird. Dergleichen mag
-sich ereignen; aber wenn der Verlauf der normalen Primanerliebe
-in der Tat mit dem Vorgeschilderten buchstäblich übereinstimmt, so
-folgt daraus lange nicht, daß eine unwichtige Lächerlichkeit vorliegt.</p>
-
-<p>Was ist überhaupt eine Kleinigkeit? Was ist geringfügig?
-Nur die engherzigste Arroganz kann hier den Maßstab der eigenen
-Subjektivität anlegen. Was mir sehr geringfügig und wertlos
-erscheint, ist einem anderen vielleicht das halbe Leben. Das Kind,<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span>
-dem seine Puppe ins Wasser fällt, ist nicht etwa zum Schein, sondern
-ernstlich und im tiefsten Grunde seines Herzens unglücklich; der
-Knabe, der zu Anfang des neuen Semesters nicht versetzt wird,
-fühlt nicht etwa einen Miniaturschmerz, sondern sein ganzes Ich ist
-unter Umständen so sehr von der Qual seines verletzten Ehrgefühls
-durchdrungen, daß ihm jede Hoffnung zu Grabe geht; daher es denn
-keineswegs unerhört ist, daß Schulknaben sich aus solchen »geringfügigen«
-Anlässen den Tod gegeben. Nirgends ist der Begriff der
-Größe und der Kleinheit so relativ als in dem, was unser Gemüt
-angeht. Jede Sorge, jede Neigung, jede Leidenschaft wird einen
-gesellschaftlich oder philosophisch höher Stehenden finden, der sie von
-seinem Standpunkt aus belächeln darf. Der Professor, der außer
-sich gerät, weil ihm ein Exemplar seiner mit so heißer Liebe gepflegten
-Schmetterlingssammlung ruiniert wurde, kommt dem ernsten Forscher
-in gewissem Sinne komisch vor; der Dandy, den der plötzliche Verlust
-seines Handschuhknopfs in Erregung bringt, scheint dem Denker
-geradezu unbegreiflich; die Hausfrau, die über einen häßlichen Fleck
-in ihren frisch gescheuerten Dielen in Tränen ausbricht, erweckt vielleicht
-unseren Hohn: und doch liegt in allen diesen Fällen ein wirklicher
-Schmerz vor. Würde nicht etwa ein Heros, ein Gott, der
-unser ganzes Tun und Treiben aus der Vogelperspektive betrachtete,
-selbst die ernstesten Obliegenheiten unseres Staatslebens komisch
-finden? Die ganze irdische Geschäftigkeit mit ihrem anspruchsvollen
-Eifer unterscheidet sich von dem krabbelnden Treiben der Milben,
-die das Mikroskop in einem Stückchen Käserinde entdeckt, durch kein
-wesentliches Kriterium. Hier wie dort finden wir ein mühsames
-Hasten im Interesse der Ernährung und Fortpflanzung; hier wie
-dort lauert im Hintergrunde der Tod, der die ganze Komödie hinwegfegt.
-Daß wir dem Treiben der Menschen eine höhere Wichtigkeit
-beilegen als dem der Milben, kommt nur daher, weil wir zufällig
-Menschen sind. Wären wir Milben, so schwärmten wir vielleicht
-für die großen Fragen des Milbentums.</p>
-
-<p>Es wäre eine blöde Verkennung der Tatsachen, wenn wir leugnen
-wollten, daß die sogenannte Primanerliebe nicht selten die einzige
-wahre Liebe ist, die ein menschliches Herz auf Erden zu fühlen
-bekommt. Alphonse Karr sagt einmal sehr bezeichnend: »Wenn die<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span>
-Mädchen wüßten, welch' einen Schatz von Liebe das Herz eines
-solchen jungen Menschen, der zum erstenmal liebt, in sich birgt!
-Wenn sie ein Verständnis hätten für diese Hingebung, diese Vergötterung!
-Wenn sie ahnten, daß sie für einen solchen Jüngling
-das Leben mit all seiner Wonne, das Paradies mit all seinem
-geheimnisvollen Zauber darstellen …! Aber in ihrer törichten
-Geringschätzung für diesen Jüngling, in ihrer noch törichteren Bevorzugung
-blasierter und verkommener Geschöpfe lassen sie sich diese
-erste Liebe von Grisetten oder Kammermädchen hinwegschnappen!«</p>
-
-<p>Wenn die Primanerliebe selten zu einem praktischen Resultat
-führt, so liegt dies vorzugsweise in der Natur unserer sozialen
-Verhältnisse. Auch sind es wiederum nur diese sozialen Verhältnisse,
-die der Primanerliebe in den Augen des wohlbestallten Bürgers
-eine so überaus komische Färbung verleihen. Ein achtzehnjähriger
-Fischerbursche auf Capri, der seine fünfzehnjährige Teresina liebt
-und sie nach zwei Jahren eines mehr oder minder romantischen
-Brautstandes zum Altare führt, erscheint uns poetisch: ein achtzehnjähriger
-Primaner im gleichen Fall erregt beinahe unsere Mißbilligung.
-Und doch waltet hier wie dort das gleiche Naturgesetz ob. Die
-Komik, die einem verliebten Primaner innewohnt, erwächst nur aus
-dem Umstand, daß der Weg von dem Abiturientenexamen bis zur
-Würde eines vom Staat besoldeten Kreisrichters ein sehr langer und
-unerquicklicher ist. Leider kümmert sich Eros um solche Äußerlichkeiten
-nicht; am wenigsten aber hat er Respekt vor den Gymnasialgesetzen.
-Es gibt Lehrer, die kindisch genug sind, jede Regung der Liebe,
-die vor Beendigung des Gymnasialkursus eintritt, als eine strafbare
-Neigung für Allotria zu betrachten; ja, ich erinnere mich, daß einer
-dieser kurzsichtigen Pedanten mit Karzerstrafen vorging, weil ein
-jugendlicher Leander keine nur irgend denkbare Gelegenheit versäumte,
-an gewissen Fenstern vorüber zu wandeln. Dieser Versuch, das
-Sonnenlicht mit der Nachtmütze zu fangen, berührte mich schon
-damals so kläglich, daß ich mit dem unverständigen Cato fast Mitleid
-empfand. Was sind drei Tage Karzer gegen einen freundlichen
-Blick aus geliebten Augen?</p>
-
-<p>Ich verwahre mich hier gegen ein Mißverständnis! Nicht im
-Traume fällt es mir ein, jede erotische Bummelei des deutschen<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span>
-Primaners für eine Haupt- und Staatsaktion des Herzens zu halten;
-ich erhärte nur, daß solche ernstlichen und tiefen Empfindungen
-ungleich häufiger sind, als die Schulweisheit selbst der liberalsten
-Pädagogen sich träumen läßt. Man darf sich hier nicht durch die
-Außenseite beirren lassen. Die glühende, das ganze Wesen durchleuchtende
-Liebe tritt in diesem ersten Jugendalter oft ganz in derselben
-kindischen Gewandung auf, wie die müßige Tändelei. Die
-Fensterpromenade ist keineswegs nur der Zeitvertreib des koketten
-Flaneurs: auch der echte, im tiefsten Grund der Seele entflammte
-Romeo wählt dieses Mittel, &ndash; und nur die Musik oder die Dichtkunst
-vermöchte zu schildern, was er dabei empfindet. Die Mutter
-des jungen Mädchens, die meist nach langer Blindheit dahinter
-kommt, daß dieses ewige Vorüberziehen ihrem Töchterchen gilt, zankt
-(nicht ohne eine stille Befriedigung ihrer geschmeichelten Eitelkeit)
-über die »dummen Jungen«, die etwas Besseres tun könnten, als so
-ihre Zeit zu vertrödeln: aber sie ahnt nicht, daß hier eine reinere
-und gewaltigere Leidenschaft vorliegt, als die halb aus Wohlgefallen,
-halb aus Berechnung zusammengesetzte, bürgerlich abgestempelte
-Salonliebe, die nach einer Reihe hochachtbarer Begegnungen zu einer
-Erklärung und schließlich zu einer respektablen Ehe führt. Diese
-Verkennung ist um so weniger begreiflich, als die Menschen doch
-alle einmal jung und mehr oder minder in dem gleichen Falle
-gewesen sind.</p>
-
-<p>Wenn wir auf der einen Seite nicht leugnen können, daß die
-äußeren Allüren der Primanerliebe nicht selten den Eindruck einer
-naiven Ungelenkigkeit, ja einer kindischen Fadheit machen, &ndash; alles
-natürlich vom Standpunkte des gesetzten Familienvaters, &ndash; so dürfen
-wir auf der anderen Seite nicht verhehlen, daß es gerade die
-herrschende Sitte mit ihren verknöcherten Regeln ist, die den Primaner
-so lange in dem Zustande der gesellschaftlichen Unreife und Torheit
-erhält. In gewissem Sinne ist das Alter von sechzehn bis achtzehn
-Jahren das unglücklichste des ganzen Lebens.</p>
-
-<p>»Ich war«, so schildert Paul Heyse den Zustand des Halbwüchsigen,
-»ein lang aufgeschossener, blasser junger Mensch, in jenem
-verlegenen Alter, wo man den Knabenschuhen sich entwachsen fühlt
-und noch sehr unsicher in die Fußstapfen der Männer zu treten<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span>
-versucht. Mit einer tollkühnen Phantasie und einem blöden Herzen,
-zwischen trotzigem Selbstgefühl und mädchenhafter Empfindlichkeit
-hin und her geschaukelt, zupft man grübelnd an allen Schleiern, die
-die Geheimnisse des Menschenlebens sterblichen Augen verdecken,
-weiß heute das letzte Wort über die letzten Dinge, gesteht sich morgen,
-daß man noch im <em class="gesperrt">ABC</em> stecke, und gebärdet sich überhaupt so
-unbehaglich widerspruchsvoll, daß man sich selbst unerträglich werden
-würde, wenn man nicht von Leidens-, das heißt Altersgenossen
-umgeben wäre, die es nicht besser machen und doch auch darum nicht
-aus der Haut fahren.«</p>
-
-<p>Es ist vornehmlich der <em class="gesperrt">deutsche</em> Jüngling, der dies Mißbehagen
-auskostet, und zwar zunächst und in erster Linie aus dem betrübenden
-Grunde, weil ihm die Gesellschaft absolut keine Stellung anweist.
-Der Verkehr eines sechzehnjährigen jungen Menschen mit den übrigen
-Mitgliedern der Gesellschaft und insbesondere mit den gleichalterigen
-und älteren Mädchen entbehrt jeder vernünftigen Basis und Norm.
-Er mag der geistreichste und geweckteste Kopf sein: die Damen
-rechnen ihn nicht für voll, und die Herren erst recht nicht. Ja, vielfach
-deutet man seine Anwesenheit im Salon als Zudringlichkeit.
-In Deutschland ist es eine Sünde, nicht vollständig erwachsen zu
-sein. In Frankreich, in England ist das anders. Ich habe in Paris
-hundertmal den ungezwungenen, graziösen und doch keineswegs
-allzu vertraulichen Ton bewundert, in welchem selbst Knaben von
-vierzehn und fünfzehn Jahren mit älteren Leuten verkehren. Da
-waltet nicht eine Spur von Befangenheit ob, da herrscht nicht jene
-blöde Verschämtheit, die nicht weiß, wo sie mit den langen Beinen
-und Armen hin soll. Wohl aber hat sich gerade infolge dieser
-Freiheit und Leichtigkeit eine bescheidene Reserve ausgebildet, die
-sehr wohltätig mit der vorlauten Keckheit kontrastiert, die als anderes
-und nur zu begreifliches Extrem den halbwüchsigen Deutschen
-charakterisiert. Wo soll ein deutscher Jüngling eigentlich seine gesellschaftliche
-Schule durchmachen? Bis zu einem gewissen Alter verbietet
-man ihm &ndash; entweder direkt, oder indirekt durch die unfreundliche,
-verletzende Behandlung &ndash; den Zutritt in die Gesellschaft. Dann
-mit einemmal werden ihm die Pforten geöffnet, und nun verlangt
-man die Manieren eines Gentleman. Aber dergleichen erlernt sich<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span>
-nicht über Nacht. Ich erblicke in der Liebenswürdigkeit, mit der
-die Franzosen ihre jungen Leute behandeln, ein Hauptmoment ihrer
-geselligen Überlegenheit. Der gebildete Franzose hat sich von jung
-auf jene gefälligen Manieren angewöhnt; sie sind ihm in Fleisch
-und Blut übergegangen. Der Deutsche dagegen soll sie seinem fast
-fertigen Menschen nachträglich aufkleben. Daher braucht man denn
-später nur ein wenig zu kratzen, um die Politur wegzubröckeln und
-den ungeleckten Bären hervorschimmern zu sehen.</p>
-
-<p>Ich habe meine Jugend in einer kleinen Stadt verlebt, die
-ungleich beträchtlichere Chancen für die Geselligkeit bot, als etwa
-Leipzig oder Berlin; aber ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß ich
-in irgend einem Kreise unseres Gemeinwesens einem vernünftigen
-und natürlichen Verkehr zwischen den Schülern und Schülerinnen
-begegnet wäre. Schon als Quintaner spielten wir stets nur »unter
-uns«. Wenn sich ab und zu eine »Emanzipierte« in unsere Gesellschaft
-wagte, so wurde sie von ihren Freundinnen bedenklich schief
-angesehen, denn die Mütter behaupteten, so etwas schicke sich nicht.
-Später, als das Spielen aufhörte, erstarb auch dieser letzte Rest
-von Beziehung, und es war fast ein Zufall, wenn irgendwo einmal
-eine Begegnung statthatte. Die Folge dieser eigentümlichen Klausur
-war natürlich ein vollendeter Mangel an <em class="antiqua">savoir vivre</em>. Beide Teile
-kamen bei einem solchen zufälligen Rencontre nicht aus der Befangenheit
-heraus, und das Resultat war eine gründliche Verstimmung.
-Man fuhr, wie Paul Heyse sagt, nur deswegen nicht aus der Haut,
-weil so und so viele Leidensgefährten gleichfalls drin stecken blieben.</p>
-
-<p>Was bleibt also einem Primaner, der in solchen Verhältnissen
-aufgewachsen ist, übrig, als schließlich seine Zuflucht zu Fensterpromenaden
-und ähnlichen Albernheiten zu nehmen? Er wäre
-vielleicht der verständigste Mensch von der Welt, er würde vielleicht
-mit verdoppeltem Fleiß arbeiten, wenn er nur ab und zu einmal
-Gelegenheit hätte, die knospende Göttin, die er verehrt, zu sehen und
-zu sprechen: so aber vertrödelt er seine Zeit, um das mühsam und
-flüchtig zu erhaschen, was die Gesellschaft ihm &ndash; der Himmel mag
-wissen aus welchem Grunde! &ndash; für die Regel vorenthält.</p>
-
-<p>Übrigens zeigt sich das Aufkeimen unverstandener Liebesempfindungen,
-wie jedermann weiß, schon im frühesten Knabenalter.<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span>
-Nur sind sich diese Regungen ihres Zieles so völlig unbewußt, daß
-hier Kombinationen möglich sind, die späterhin bei einer voll entwickelten
-Liebe zu schmerzlichen Katastrophen führen. Noch in Untersekunda
-liebte ich mit meinem besten Freunde gemeinsam eine und dieselbe
-Adorata. Arm in Arm zogen wir an ihrem Fenster vorbei, ohne
-daß sich jemals ein Gefühl von Eifersucht in uns geregt hätte. Auch
-raubte uns diese ätherische Huldigung weder den Appetit noch den
-Schlaf. Das Ganze war in der Tat eine Kinderei, ein erstes, harmloses
-Vibrieren der Seele, und als uns schließlich der Vater des
-gefeierten Mädchens ohne Verständnis für unsere Ritterlichkeit bei
-dem Ordinarius der Klasse verdächtigte, so überwog unsere Entrüstung,
-und wir beschlossen ohne jeden Herzenskampf, die Tochter
-eines so barbarischen Vaters mit Verachtung zu strafen. Ganz derselbe
-Freund hatte später in Prima eine Leidenschaft, die ihn auf
-Jahre hinaus tief unglücklich machte und schließlich seinen Tod
-herbeiführte.</p>
-
-<p>Es gilt hier also, zu unterscheiden und nicht vornehm ablehnend
-die ernstesten Dinge, die ein Menschenherz zu bewegen imstande
-sind, mit dem Leichten und Nichtigen über einen Kamm zu scheren.
-Das herrlichste Mittel, die Leidenschaften zu lenken, ist ihr Verständnis.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span></p>
-
-<h2 id="Aus_dem_Schuldbuche_Wilhelm_Rumpfs">
-<img src="images/illu-127.png" alt="" /><br />
-Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-e">Es war in Sekunda. Die letzte der nachmittäglichen Unterrichtsstunden
-neigte sich ihrem Ende zu. Da erhob
-sich mein Freund Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler &ndash;
-derselbe, der später als neugebackener Primaner jenes
-denkwürdige Rencontre mit dem Direktor Heinzerling zu bestehen
-hatte &ndash; und bat den Lehrer in der hergebrachten Weise um die
-Erlaubnis, »mal hinausgehen zu dürfen«.</p>
-
-<p>Es fiel mir auf, daß Wilhelm, als ihm die Bitte gewährt
-wurde, ganz gegen seine Gewohnheit nach der Mütze griff; &ndash; bald
-aber sollte ich den Grund dieser Maßregel erfahren … Denn als
-Doktor Brömmel die lateinischen Stilübungen glücklich beendet hatte
-und sich verabschieden wollte, fand er die Tür des Schulzimmers
-von außen verschlossen. Wilhelm Rumpf hatte, gleichsam als
-Vorstudie für sein künftiges Attentat auf Samuel Heinzerling, ganz
-sachte den Schlüssel herumgedreht und war dann, im Hochgefühl
-einer bedeutsamen Tat, schmunzelnd von dannen gewandelt.</p>
-
-<p>In den Räumen Sekundas herrschte infolge dieser unerwarteten
-Einkerkerung großer Tumult. Alles drängte sich eifrig heran und
-versuchte zu öffnen. Die Schwächeren wurden in dem Gedränge
-zu Boden geworfen, die Kecken und Rücksichtslosen teilten Püffe
-und Stöße aus, und der Lehrer selbst geriet in Gefahr, von dem
-brandenden Ozean der erregten Schuljugend mit fortgerissen zu
-werden. Nur mühsam und mit Aufbietung aller Körper- und
-Geisteskräfte gelang es ihm, die Ordnung so weit wieder herzustellen,
-daß er zum Worte kam. Zerstreut, wie er war, hielt er uns folgende
-Ansprache:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span></p>
-
-<p>»Vor allen Dingen bitt' ich mir Ruhe aus! Ruhe, sage ich,
-oder es geschieht ein Unglück! Boxer, der ganze Unfug scheint mir
-wieder von Ihnen auszugehen! Ich rate Ihnen freundschaftlichst,
-treten Sie etwas gelinder auf!«</p>
-
-<p>Boxer versuchte zu remonstrieren.</p>
-
-<p>»Gehn Sie auf Ihren Platz«, rief Brömmel mit Donnerstimme.
-»Ich will mal sehen, ob ich den Urheber solcher Streiche nicht ausfindig
-mache! Hutzler, Sie sollen sich setzen! Es ist unerhört, was
-man in dieser Klasse erleben muß! Kurz und bündig: Wer hat
-die Tür da zugeschlossen? Der Betreffende möge sich melden!«</p>
-
-<p>»Aber Herr Doktor,« versetzte Hutzler im Ton einer milden
-Zurechtweisung, »der Schlüssel steckt ja von außen.«</p>
-
-<p>Allgemeines Gelächter.</p>
-
-<p>»Das ist wahr,« brummte der Lehrer, »daran dachte ich nicht.
-Nun, es ist wahrlich nicht Ihr Verdienst, wenn Sie diesmal wider
-Erwarten unschuldig sind. Jedenfalls ist der Täter ein ganz
-erbärmlicher Junge, den ich exemplarisch bestrafen werde.«</p>
-
-<p>»Herr Professor,« begann Kleemüller, »das hat ganz bestimmt
-einer von den nichtsnutzigen Primanern getan!«</p>
-
-<p>»Unsinn! die Primaner sind ernste, gesittete Leute! Ich wollte,
-Ihr hättet halb so viel Anstand und Ehrgefühl!«</p>
-
-<p>»Dann war's einer aus Tertia!« rief Gildemeister.</p>
-
-<p>»Das ist hier zunächst indifferent. Vorläufig müssen wir
-zusehen, daß wir hinaus kommen. Heppenheimer, gehn Sie mal
-hinunter und rufen Sie den Pedellen!«</p>
-
-<p>Wir unterdrückten nur mühsam eine diabolische Heiterkeit.
-Heppenheimer erhob sich und schritt mit komischer Grandezza der
-Tür zu.</p>
-
-<p>Jetzt erst erkannte Brömmel, wie seltsam er sich geirrt hatte.</p>
-
-<p>»Ja, so«, rief er in wachsendem Unwillen. »Wahrhaftig, man
-wird ganz irre in dieser Umgebung. Setzen Sie sich, ich werde
-selbst gehen!«</p>
-
-<p>Eine Salve des tollsten Gelächters belohnte dieses neue Capriccio.</p>
-
-<p>»Ich will sagen,« verbesserte Brömmel stirnrunzelnd, »wir
-müssen schleunigst den Pedellen zitieren … Boxer, gehn Sie ans
-Fenster und rufen Sie!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span></p>
-
-<p>»Recht gern, Herr Professor«, erwiderte Boxer zuvorkommend.</p>
-
-<p>Er öffnete einen Flügel:</p>
-
-<p>»Herr Quaddler! Herr Gymnasialpedell! Herr Karzerverwalter!
-Herr Leberecht Gottlieb Quaddler! Sie möchten doch gleich mal
-heraufkommen! Hören Sie nicht? Quaddler! Der Herr Professor
-ruft!«</p>
-
-<p>»Lassen Sie Ihre Glossen«, zürnte der Lehrer, heftig aufstampfend.
-»Rufen Sie einfach: Herr Quaddler! und damit basta!«</p>
-
-<p>»Herr Quaddler! und damit basta!« schrie Boxer aus vollem Halse.</p>
-
-<p>»Ich komme ja schon«, erklang die Stimme des ehrlichen
-Hausverwalters, der eben mit einer Ladung von Kienspänen aus
-dem Holzstalle trat. »Was wollen Sie denn von mir?«</p>
-
-<p>»Herr Quaddler! Sie sollen gleich mal herauf kommen! Hören
-Sie, Herr Quaddler? Der Herr Professor ruft! Wir sind eingeschlossen,
-Herr Quaddler! Eilen Sie sich, Herr Quaddler, sonst
-wird der Kaffee kalt! Hören Sie, Herr Quaddler?«</p>
-
-<p>»Lassen Sie Ihr verdammtes ›Herr Quaddler‹!« rief Brömmel
-entrüstet.</p>
-
-<p>»Aber der Mann heißt doch so! Ich soll nicht Herr Gymnasialpedell
-sagen, ich soll nicht Herr Karzerverwalter sagen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sie sollen das Maul halten!« schrie der Professor außer sich.</p>
-
-<p>»Auch gut«, versetzte Boxer demütig.</p>
-
-<p>Nach zwei Minuten ertönten auf dem Korridor Schritte. Gleich
-darauf pochte es schüchtern ans Türgetäfel.</p>
-
-<p>»Herein!« rief der Professor zerstreut.</p>
-
-<p>Quaddler drückte zur größten Erheiterung von zweiundfünfzig
-übermütigen Sekundanern auf die Türklinke.</p>
-
-<p>»Sie müssen den Schlüssel herumdrehen«, sagte Brömmel verdrießlich.
-»Irgend ein frecher Wicht hat uns hier eingeschlossen.«</p>
-
-<p>»Was?« fragte Quaddler.</p>
-
-<p>»Den Schlüssel sollen Sie umdrehen!« schrie der cholerische
-Pädagoge. »Sie scheinen heute wieder infam schwerhörig!«</p>
-
-<p>»Schwerhörig? Gewiß nicht, Herr Professor, aber da drüben
-in der Prima, wo von vier bis fünf Englisch ist, wird ergebenst so
-laut gelacht, daß man sein eigenes Wort nicht versteht.«</p>
-
-<p>»Enthalten Sie sich aller Bemerkungen und schließen Sie auf!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, Herr Professor, verzeihen Sie gütigst, wenn ich mir ganz
-ergebenst erlauben darf zu vermerken, so wird das mit dem besten
-Willen nicht möglich sein, weil der Schlüssel nicht steckt.«</p>
-
-<p>»Was? Auch das noch? Es ist empörend!«</p>
-
-<p>»Warten Sie mal, Herr Professor,« begann jetzt Boxer, indem
-er mit der rechten Hand seine Tasche durchsuchte, »ich habe da
-meinen Hausschlüssel bei mir, vielleicht paßt der&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was? Ihren Hausschlüssel? Mit welchem Recht tragen Sie
-einen Hausschlüssel bei sich? Wissen Sie nicht, daß Sie Punkt
-neun Uhr in Ihrer Wohnung zu sein haben?«</p>
-
-<p>»Gewiß, Herr Professor! Aber man kann sich doch einmal
-wider Willen verspäten. Wenn man zum Beispiel einen Onkel an
-die Bahn zu begleiten hat&nbsp;…!«</p>
-
-<p>»Ihre Onkels können bei Tag reisen. Dieser Hausschlüssel
-wirft ein sehr bedenkliches Licht auf Ihre Gewohnheiten.«</p>
-
-<p>»Das ist wohl zu schroff geurteilt! Aber darf ich einmal die
-Probe machen? Ich wette, er schließt!«</p>
-
-<p>»Meinetwegen, versuchen Sie's!«</p>
-
-<p>Boxer begann nun sehr geräuschvoll zu operieren. Natürlich
-erfolglos.</p>
-
-<p>»Herr Professor!« rief Hutzler nach einer Weile. »Ich muß
-schleunigst hinaus! Ich fühle mich unwohl.«</p>
-
-<p>»So? Was fehlt Ihnen denn?«</p>
-
-<p>»Wir hatten Gurkensalat zum Rindfleisch, &ndash; und jedesmal,
-wenn ich Gurkensalat esse&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Gedulden Sie sich! Ich kann um Ihretwillen die Tür nicht
-eintreten lassen!«</p>
-
-<p>»So erlauben Sie mir, daß ich durchs Fenster&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich glaube, Sie sind verrückt!«</p>
-
-<p>»Keineswegs, Herr Professor! Ich klettere einfach am Rohr
-der Dachtraufe hinab.«</p>
-
-<p>»Und brechen den Hals!«</p>
-
-<p>»Nun, da wär' auch nichts weiter verloren! Sie haben mir ja
-so manchmal gesagt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sparen Sie Ihre Worte! Sie bleiben hier, bis geöffnet ist!
-Quaddler! sorgen Sie jetzt dafür, daß dieser Unfug ein Ende nimmt!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span></p>
-
-<p>»Erlauben der Herr Professor … Soll ich sozusagen den
-Schlosser holen?«</p>
-
-<p>»Natürlich! Mit Ihren Fingern werden Sie bei der Sache
-nichts ausrichten!«</p>
-
-<p>»Schön, Herr Professor. Welchen Schlosser soll ich denn holen?«</p>
-
-<p>»Das ist mir gleichgültig.«</p>
-
-<p>»Vielleicht den Kreiling?«</p>
-
-<p>»Himmelkreuzdonnerwetter, holen Sie, wen Sie wollen!«</p>
-
-<p>»So will ich den Kreiling holen. Der Burkhardt wohnt zwar
-bedeutend näher&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Selbstverständlich holen Sie dann den Burkhardt.«</p>
-
-<p>»Belieben der Herr Professor ganz ergebenst vermerken zu
-wollen, der Schmelzer wohnt aber noch näher!«</p>
-
-<p>Doktor Brömmel schlug mit der geballten Faust auf die
-Kathederfläche.</p>
-
-<p>»Sie sind ein Schafskopf! Augenblicklich machen Sie, daß Sie
-fortkommen!«</p>
-
-<p>»O, Herr Professor … Ich gehe ja schon«, sagte Quaddler beleidigt.</p>
-
-<p>Und hiermit tappte er langsam über den Korridor und die
-Stiege hinunter.</p>
-
-<p>Doktor Brömmel setzte sich, kreuzte nach Art Walthers von
-der Vogelweide ein Bein mit dem andern und heuchelte eine
-wahrhaft stoische Ruhe.</p>
-
-<p>»Ich werde die Frist benutzen, um Ihnen ein kurzes lateinisches
-Exerzitium zu diktieren. Rüsten Sie sich zum Schreiben!«</p>
-
-<p>»Was?« rief Boxer pathetisch. »Das steht nicht im Schulprogramm!«</p>
-
-<p>»Wenn Sie sich noch ein einziges freches Wort erlauben, so
-schick' ich Sie nach dem Karzer!«</p>
-
-<p>Boxer erhob sich.</p>
-
-<p>»Frech zu sein ist meine Gewohnheit nicht; aber in aller Bescheidenheit&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sie lernen mir zur Strafe den ersten Gesang der Odyssee
-auswendig. Ich will Sie lehren, meine pädagogischen Maßnahmen
-Ihrer unreifen Kritik zu unterwerfen! &ndash; Still jetzt dahinten! Ich
-beginne mit dem Diktat!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span></p>
-
-<p>Er legte die Arme gleichmütig vor die Brust und hub an, wie
-nachstehend:</p>
-
-<p>»Gönne die Reichtümer den Reichen und ziehe die Tugend den
-Reichtümern vor!«</p>
-
-<p>»Wie?« fragte Knebel. »Was soll man vorziehen?«</p>
-
-<p>»… Und ziehe die Tugend den Reichtümern vor«, wiederholte
-Brömmel mit eisiger Kälte.</p>
-
-<p>Die Federn kritzelten hastig übers Papier.</p>
-
-<p>»Wenn ich die Lehren der Weisheit verschmähe und noch im
-reiferen Alter wie ein Kind nach den Zerstreuungen des Augenblicks
-hasche, so bin ich albern … Das letzte Wort geben Sie mit
-<em class="antiqua">ineptio</em>, <em class="antiqua">ineptire</em>.«</p>
-
-<p>»So bin ich was?« fragte Knebel.</p>
-
-<p>»Albern sind Sie,« versetzte Brömmel, &ndash; »im höchsten Grade.«</p>
-
-<p>»Gehört das mit ins Diktat?«</p>
-
-<p>»Ja, <em class="gesperrt">Sie</em> können sich's mit ins Diktat setzen! Heppenheimer,
-warum schreiben Sie nicht?«</p>
-
-<p>»Ich bin fertig.«</p>
-
-<p>»So? Zeigen Sie einmal her!«</p>
-
-<p>Mit siegesgewissem Lächeln reichte Heppenheimer sein Blatt hin.</p>
-
-<p>»Was ist das für eine erbärmliche Schmiererei?«</p>
-
-<p>»Das ist Stenographie.«</p>
-
-<p>»So? Stenographie? Auch wieder so ein Mittel, um den
-Lehrer zu hintergehen! Ich muß Ihnen sagen, daß ich von solchen
-Geheimschriften absolut kein Freund bin. In meinen Stunden wird
-so geschrieben, daß es jedermann lesen kann!«</p>
-
-<p>»Das kann jedermann lesen, &ndash; vorausgesetzt natürlich, daß
-er's gelernt hat. Auch die gewöhnlichste Schrift ist nur dem
-leserlich, der sie versteht.«</p>
-
-<p>»Lassen Sie Ihr Geschwätz, und schreiben Sie weiter!«</p>
-
-<p>Noch drei oder vier Sätze brachten wir so zu Papier. Dann
-fingen wir an, die denkwürdigen Phrasen ins Lateinische zu
-übertragen.</p>
-
-<p>»Boxer, warum schreiben Sie nicht?«</p>
-
-<p>»Ich habe Kopfweh! Sechs Stunden Gymnasium sind mir
-gerade genug.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span></p>
-
-<p>»Sie lernen mir jetzt auch den zweiten Gesang der Odyssee
-auswendig!«</p>
-
-<p>»Damit sich mein Kopfweh noch steigert? Damit ich schließlich
-eine Gehirnentzündung bekomme?«</p>
-
-<p>»Kein Wort mehr, oder ich weise Ihnen die Tür!«</p>
-
-<p>Die Klasse begann wieder zu lachen. Auch Boxer konnte nicht
-umhin, sich trotz seines Kopfwehs aufrichtig zu beteiligen.</p>
-
-<p>»Was? Sie wollen mir hier Gesichter schneiden? Augenblicklich
-gehn Sie hinaus!«</p>
-
-<p>»Gern, Herr Professor, sobald der Quaddler mit dem Schmelzer
-gekommen ist.«</p>
-
-<p>»Ja so … Der Mensch bleibt in der Tat über alle Begriffe
-lang'! Heppenheimer, sehen Sie mal nach … Das heißt …
-Ich will sagen … Es ist gut! Halten Sie sich an die Arbeit!«</p>
-
-<p>So verstrich eine Viertelstunde. Da knarrte es auf den Dielen
-des Korridors.</p>
-
-<p>»Herr Professor, der Schmelzer war nicht zu Hause, und damit
-Sie nicht so lang warten müssen und denken, ich bin etwa nachlässig
-im Dienst, so wollte ich mir erlauben, Ihnen dies kurz zu
-melden. Ich gehe jetzt gütigst zum Burkhardt.«</p>
-
-<p>»Sie sind der bornierteste Mensch, der mir je vorgekommen!«
-wetterte Brömmel in heller Verzweiflung. »Denken Sie, ich habe
-Lust, hier bis morgen früh Quarantäne zu halten?«</p>
-
-<p>»Aber der Herr Professor werden so frei sein … insofern
-Sie mir doch gesagt und vermeldet haben, und der Schmelzer doch
-ganz in der Nähe wohnt&nbsp;…«</p>
-
-<p>Brömmel verließ den Katheder und stürmte in ohnmächtigem
-Zorn nach der Tür. Mit geballter Faust schlug er wider die Bretter.</p>
-
-<p>»Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß die Tür uns trennt«,
-ächzte er, kaum noch der Sprache mächtig.</p>
-
-<p>»Gott verzeih' mir die Sünde, der Herr Professor sind ja
-furchtbar erregt! Da will ich mich doch recht beeilen, damit ich ja
-zur pünktlichen Zeit wieder da bin!«</p>
-
-<p>Und fort war er, ehe Brömmel etwas erwidern konnte.</p>
-
-<p>Wilhelm Rumpf hatte sich bis dahin abseits im Hofe herumgetrieben
-und die Situation auskundschaftet. Er benutzte den<span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span>
-günstigen Moment, um unbemerkt den Schlüssel wieder ins Schloß
-zu stecken.</p>
-
-<p>Brömmel saß inzwischen, von heftigen Gemütsbewegungen hin
-und her geschüttelt, auf dem Lehrstuhl. Sein ganzer Habitus
-verriet, daß er alle moralische Kraft aufwenden mußte, um nicht in
-schäumende Wut auszubrechen. Mit den Fingern der rechten Hand
-trommelte er in heftigem Dreivierteltakt auf die Kathederfläche. Ab
-und zu nickte er verzweiflungsvoll lächelnd vor sich hin, als wollte
-er sagen: »Sehr gut, wirklich, ganz ausgezeichnet! So etwas kann
-auch nur in Sekunda passieren!« Dann warf er wieder den Kopf
-in den Nacken und zuckte die Achseln. »Die ganze Sache«, so ließ
-sich diese Geste interpretieren, »ist mir zu erbärmlich, um mich
-darüber zu ärgern. Dumme Jungens seid Ihr allesamt, den
-Quaddler mit eingerechnet! Wenn ich doch endlich einmal dieses
-Gymnasium mit seinen fatalen Auftritten los wäre! &ndash; Aber die
-Professur an der Hochschule will noch immer nicht kommen, trotz
-meiner epochemachenden Studie über das griechische Medium! Das
-wahre Verdienst wird niemals erkannt! Fluch über dies Zeitalter!«</p>
-
-<p>Endlich, endlich erschien Quaddler mit dem sehnsuchtsvoll
-erwarteten Burkhardt.</p>
-
-<p>Der Schlossermeister war im höchsten Grad ungehalten.</p>
-
-<p>»Sie denken, ich kann um jede Lumperei abkommen«, sagte er
-noch im Treppenbau. »Es ist jetzt verdammt schlimme Zeit: die
-Gesellen sind fort, und der Lehrbub versteht nichts. Um ein Schloß
-aufzumachen, läuft man nicht so ohne weiteres drei Meilen weit.
-Die paar Kreuzer machen die Suppe nicht fett!«</p>
-
-<p>»Aber erlauben Sie gütigst,« erwiderte Quaddler, »das gehört
-doch sozusagen in Ihr Geschäft, und wo die Pflicht Ihres Amtes&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach was,« versetzte Burkhardt, »ich habe kein Amt, und der
-Teufel soll's holen, wenn ich alle Naselang aus der Werkstatt
-geholt werde! Das nächste Mal setz' ich Ihnen zwei Gulden auf
-Rechnung. Ich danke dafür, den halben Nachmittag zu vertrödeln,
-wenn die Leute einmal einen Schlüssel verlegen.«</p>
-
-<p>So traten sie vor die Tür.</p>
-
-<p>»Aber was wollen Sie denn eigentlich?« schrie Burkhardt, den
-armen Quaddler wütend am Arme schüttelnd. »Da steckt ja der<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span>
-Schlüssel! Himmelschockmillionendonnerwetter, denken Sie vielleicht,
-Sie können mich hier, wie ein böser Bube, zum Narren halten?«</p>
-
-<p>»Ja, aber bester Herr Burkhardt, das geht nicht mit rechten
-Dingen zu! Vorhin stak der Schlüssel nicht, das kann ich beeidigen.«</p>
-
-<p>»So? Können Sie das beeidigen? Na, mir sollen Sie wieder
-kommen mit Schlösseraufmachen! Einen alten Hund werde ich tun,
-aber nicht wieder mit Ihnen herlaufen, Sie alter, versoffener
-Pfannenschmied!«</p>
-
-<p>Der Schlossermeister eilte fluchend die Treppe hinab. Quaddler
-aber stand wort- und regungslos da, eine männliche Niobe.</p>
-
-<p>»Nun, wird's bald?« rief Doktor Brömmel, an der Türklinke
-rüttelnd.</p>
-
-<p>Der Pedell seufzte. Dann drehte er in völlig geknickter
-Stimmung den Schlüssel um.</p>
-
-<p>»Hören Sie,« begann Doktor Brömmel in strafendem Tone,
-»ich glaube, Sie selbst haben in Ihrer bodenlosen Zerstreutheit den
-Schlüssel da abgezogen! Ich hasse nichts mehr als die Zerstreutheit.
-Wiederholt sich dergleichen, so werde ich dafür sorgen, daß Ihnen
-von höchster Stelle aus ein Verweis erteilt wird.«</p>
-
-<p>»Herr Professor, so wahr ich hoffe, dereinstens selig zu
-werden&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das kann jeder sagen.«</p>
-
-<p>»Das finde ich auch«, meinte Boxer. »Wie die Dinge liegen,
-kann nur Herr Quaddler die Tat verübt haben.«</p>
-
-<p>»Da hören Sie's«, eiferte Brömmel.</p>
-
-<p>»Aber ich will augenblicklich des Todes sterben&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Schweigen Sie! Nur von außen kann der Schlüssel herumgedreht
-worden sein, und Sie allein sind draußen gewesen. Ihr
-hartnäckiges Leugnen ist geradezu abgeschmackt. Ich werde dem
-Herrn Direktor nunmehr sofortige Anzeige machen.«</p>
-
-<p>Wilhelm Rumpf, der diese Verhandlungen aus einer Ecke des
-Korridors mit anhörte, verspürte bei den strengen Worten des
-Professors etwas wie Mitleid. So trat er denn plötzlich ins
-Schulzimmer und rief atemlos:</p>
-
-<p>»Ach, Herr Doktor, ich bin rein außer mir! Wie ich vorhin
-das Zimmer verließ, war ich so in Gedanken, daß mir ein Unglück<span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span>
-passierte. Ich glaubte, ich wäre daheim. Denn wissen Sie, Herr
-Professor, Sie sprechen gerade so, wie mein Hauswirt … Ich
-weiß selbst nicht, wie es gekommen ist … In der Zerstreutheit
-zog ich den Schlüssel ab&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Knebel, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Rumpf wegen
-groben Unfugs mit einem Tage Karzer bestraft‹. Wenn Sie wieder
-ein Märchen aushecken, so lügen Sie weniger ungeschickt!«</p>
-
-<p>»Ein Märchen?« rief Wilhelm im höchsten Pathos. »Ich rede
-die Wahrheit! Wer sich schuldig fühlt, der bleibt im Verborgenen!
-Ich aber trete kühn vor Sie hin, um den Quaddler vom Verdacht
-zu befreien&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach ja, Herr Rumpf,« murmelte Quaddler gerührt, »das ist
-wirklich recht schön von Ihnen! Ich hab's ja immer gesagt, der
-Rumpf ist gar so kein übler Schüler nicht.«</p>
-
-<p>»Es bleibt dabei«, sagte Brömmel, den Hut aufsetzend. »Wenn
-Sie wirklich so über alle Begriffe zerstreut sind, wie Sie behaupten,
-so geben Sie künftighin besser acht! Ich kann die Zerstreutheit
-nicht leiden! Und Sie, Quaddler, werden von jetzt ab den Schlüssel
-inwendig stecken lassen. Wenn uns dann jemand einschließt, können
-wir wenigstens öffnen, ohne den Schlosser zu rufen. Adieu!«</p>
-
-<p>»Seien Sie ruhig, Herr Rumpf,« flüsterte Quaddler beschwichtigend,
-»ich will Ihnen die zwölf Kreuzer Pedellengebühren
-für den Tag Karzer nicht anrechnen!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span></p>
-
-<h2 id="Eindrucke_aus_dem_Karzer">
-<img src="images/illu-137.png" alt="" /><br />
-Eindrücke aus dem Karzer.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-n.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">Noch in Tertia hatte das Wort Karzer für unsere Ohren
-etwas Dämonisch-Furchtbares. Wir glaubten synonyme
-Anklänge an »Schafott« oder »Bagno« herauszuhören.
-Die wenigsten von uns hatten die geheimnisvollen
-Räume, die der Pedell Quaddler mit seinen riesigen Schlüsseln verwahrte,
-auch nur zu Gesicht bekommen, denn die Karzerstrafen gehörten
-in Tertia zu den größten Seltenheiten. Man züchtigte
-unsere kleinen Vergehen einfach durch sogenanntes Nachsitzen, d. h.
-man sperrte uns nach Schluß der Unterrichtsstunden in ein Schulzimmer.
-Diese Methode ward bei leichteren Vergehen auch in
-Sekunda noch angewendet. Nur Prima besaß das Privilegium
-der ausschließlichen Karzerverbüßung; daher denn in Sekunda diejenigen
-Schüler, welche »hinauf« unter die Botmäßigkeit des Pedells
-wandelten, mitleidig auf die bloßen Nachsitzer herablächelten.</p>
-
-<p>In Sekunda nämlich ging mit den stillen Tertianern eine
-eigentümliche Wandlung vor. Das System der Doppelklassen übte
-hier seine antipädagogische Wirkung. Wenn die Oberstudienräte
-alles aufböten, um die Schüler zu demoralisieren, so könnten sie
-keine praktischere Einrichtung treffen, als diese zweijährige Dienstzeit.
-Sexta, Quinta, Quarta und Tertia waren auf einen Kursus von
-nur einem Jahre berechnet; in Sekunda aber rückten jedesmal zu
-Ostern die Tertianer als Untersekundaner ein, während die bisherigen
-Untersekundaner zu Obersekundanern emporstiegen. Der Unterricht
-fand gemeinsam in demselben Raume statt. <em class="antiqua">In litteris</em> ward durch
-diese Verschmelzung manches gewonnen: schon der Umstand, daß
-man auf diese Weise dem Wetteifer der Jüngeren mit den Älteren<span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span>
-ein weites Feld eröffnete, darf nicht unterschätzt werden. <em class="antiqua">In moribus</em>
-aber verhielt sich die Sache umgekehrt. Es gab keine schroffere
-Kluft, als die zwischen dem respektvollen Tertianer und dem kecken,
-krawallsüchtigen Schüler Sekundas. Mit Staunen und Neid sah
-der zum Untersekundaner avancierte Tertianer die edle Ungebundenheit
-seiner neuen Mitschüler, und schon nach wenigen Tagen regte
-sich der Nachahmungstrieb. Derselbe Wetteifer, der auf dem Gebiete
-der Wissenschaft Gutes erzielte, lieferte auf dem des Betragens die
-unbequemsten Resultate. Man beobachtete, daß die Phrase: »Sie
-gehn mir einen Tag auf den Karzer!«, die in Tertia von geradezu
-niederschmetternder Wirkung gewesen wäre, hier fast ohne Einfluß
-auf das seelische Gleichgewicht der betroffenen Märtyrer blieb.
-Man konstatierte, daß diese Obersekundaner absolut aufgehört hatten,
-an die Furchtbarkeit des diabolischen Schrecknisses zu glauben.
-Und so verschwand denn auch bei uns Jüngeren rasch die letzte Spur
-jener Karzer-Religiosität, die uns in Tertia so magisch gebannt hatte.
-Der Mensch, der die physikalischen Gesetze des Gewitters kennen
-lernt, hört auf, vor dem <em class="antiqua">Jupiter tonans</em> zu bangen; die Vertrautheit,
-welche der Astronom mit den Problemen der Verfinsterungen
-bekundet, tötet die heilige Scheu vor dem Schwinden des Sonnenballs.
-So verloren auch wir den geheimen Schauder, nachdem wir die
-Erfahrung gemacht hatten, daß sterbliche Menschen, wie wir, ganz
-behaglich mit diesem Orkus verkehrten und ohne Herzenskrämpfe
-den Nachen Charon-Quaddlers bestiegen.</p>
-
-<p>Es war gerade vier Wochen nach Antritt meiner Sekundanerschaft,
-als ich zum erstenmal für sechs Stunden »unter das Dach«
-verbannt wurde. Ich hatte, wegen einer kleinen Störung von
-»vier bis fünf« im Arrest behalten, diese Zeit der Knechtung dazu
-benutzt, in Gemeinschaft mit zwei Leidensgefährten sämtliche Kleiderhaken
-des Schulzimmers um ihre Achse zu drehen, ein Prozeß, der
-mit einer radikalen Zerstörung identisch war. Noch begreife ich
-nicht, wie unsere Naivität hoffen mochte, die Tat werde unbestraft
-bleiben. Denn Quaddler, der gewissenhafteste Pedell seines Jahrhunderts,
-hatte uns sorgfältig eingeriegelt, so daß also die Unmöglichkeit,
-einen unbekannten <em class="antiqua">Quidam</em> für die Zerstörung des
-Gymnasialeigentums verantwortlich zu machen, jeder logischen Natur<span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span>
-einleuchten mußte. Nur eine Persönlichkeit existierte, der wir unseren
-Frevel aufbürden konnten: Quaddler selbst, der jedesmal nach Entlassung
-der Arreststräflinge das Lokal reinigte. Dieser höchst unwahrscheinliche
-Ausweg mochte unserem Zerstörungstrieb hinreichend
-bedünken. Kurz und gut, wir hatten die verbrecherische Abdrehung
-ohne jede Besorgnis vor den möglichen Folgen bewerkstelligt, und
-mit siegesgewissem Lächeln zogen wir, als die Stunde unserer Haft
-zu Ende war, an dem öffnenden Quaddler vorüber ins Freie. Der
-brave Pedell entdeckte natürlich sofort, was seine Schutzbefohlenen
-gesündigt; und ehe er des folgenden Tages zum drittenmal
-geläutet hatte, waren wir angezeigt. Mit blödem Zynismus wagten
-wir, unser Vergehen in Abrede zu stellen. Aber Quaddler stand zu
-fest in der Hochachtung seiner Gebieter, als daß man sein Zeugnis
-bezweifelt hätte. So räumten wir denn endlich ein, was nicht
-länger zu leugnen war, und ernteten als Lohn die beregte sechsstündige
-Karzerstrafe.</p>
-
-<p>Es war doch ein eigentümliches Gefühl, als man so die enge
-Treppe hinaufwandelte und zum erstenmal die kahlen, weiß
-gestrichenen Eingänge der Zellen erblickte!</p>
-
-<p>Quaddler war bei solchen Anlässen stets von ausgezeichneter
-Höflichkeit.</p>
-
-<p>»Wollen die Herren Sekundaner nur hereinspazieren«, sagte er
-mit einer chevaleresken Handbewegung; »und dann möchte ich mir
-gütigst erlauben, daß Sie ja nicht zu viel klingeln, indem von wegen
-der Störung, weil nämlich die Herren Lehrer, insofern sie den
-Unterricht erteilen, bei fortwährendem Geklingel nicht fortsetzen können.«</p>
-
-<p>Er hatte seine guten Gründe, der ehrliche Quaddler, warum
-er die Karzer-Delinquenten stets so höflich apostrophierte. Von
-jeder Stunde, die wir verbüßen mußten, erhielt er einen Kreuzer
-süddeutscher Währung, und ich versichere feierlichst, er stand sich
-nicht übel bei diesem Zuschuß! Mit edler Pflichttreue brachte er
-jeden Verstoß gegen die Gymnasialgesetze zur Anzeige, und ehe ein
-Frevler gezüchtigt war, kannte seine moralische Entrüstung keine
-Grenzen. Sobald aber der Mund des Lehrers die Strafe diktiert
-hatte, sobald war das sittliche Bewußtsein im Busen Quaddlers
-befriedigt, und er kehrte die volle Schönheit seiner Humanität<span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span>
-heraus. Ja, er empfand etwas wie Liebe für seine Sträflinge; nur
-mußte man sich völlig der Hausordnung fügen, denn in diesem
-Punkte war er Pedant.</p>
-
-<p>Er öffnete also und ließ uns eintreten in die Hallen der
-stummen Verbannung. Wohl gemerkt: jeden einzelnen in ein <span id="corr140a">besonderes</span>
-Lokal; denn gerade durch das System der Einzelhaft
-unterschied sich der Karzer von dem milderen Arrest.</p>
-
-<p>Die Türen fielen krachend ins Schloß, die Schlüssel drehten
-sich um &ndash; fast so geschwind wie jene unglückseligen Kleiderhaken &ndash;,
-Quaddler tappte wuchtigen Trittes nach der Türe der Vorflur,
-schloß auch diese und eilte die Treppe hinunter.</p>
-
-<p>Da saßen wir denn zum erstenmal auf dem Karzer! Das
-Krachen des Schlüsselumdrehens war das Totenlied unserer Freiheit
-gewesen.</p>
-
-<p>Verglichen mit dem Arrest, durfte der Karzer für eine weit
-entschiedenere Absperrung von der bürgerlichen Gesellschaft gelten.
-Während jener Stunde, die wir zur Abdrehung der Kleiderhaken
-benutzt hatten, war, wie manchesmal, eine Erholungspause mit
-behaglichem Fensterschauen verbracht worden. Hier, wo sich das
-einzige Fenster hoch an der Decke befand, war diese Zerstreuung
-um so weniger zu erreichen, als das Fenster durch ein starkes Gitter
-vor unseren Zudringlichkeiten geschützt war. Auch die sonstige Einrichtung
-unserer Zelle erschien minder behaglich als die Räume
-Sekundas. Ein kleines, weiß getünchtes Stübchen, dessen einziges
-Ameublement in einer Pritsche, einem Tisch und einem Stuhle
-bestand! Und die Pritsche war hart, und der Stuhl war noch härter!
-Auf dem Tische nahmen sich die wenigen Bücher, die wir mitgebracht
-hatten, schrecklich verödet aus, und der kleine, schwarze
-Ofen in der Ecke schien vor Melancholie verrosten zu müssen&nbsp;…</p>
-
-<p>Eine Weile übte dieser erste Eindruck auf unsere Lebensgeister
-seine abdämpfende Wirkung aus; nach und nach jedoch erwachten
-wir zum frohen Bewußtsein, daß sechs Stunden keine Ewigkeit sind,
-und das erste <span id="corr140b">Symptom</span> dieser neu sich regenden Elastizität war
-ein Ruf an die Adresse des Nachbars.</p>
-
-<p>»Du, Knebel, hier ist's äußerst gemütlich! Wie ist's bei Dir?«</p>
-
-<p>»Famos«, antwortete Knebel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt vernahm ich auch die undeutliche Stimme des dritten
-Dulders, dessen Zelle von der meinen durch die Knebels getrennt
-war. Es gewährte mir eine besondere Genugtuung, mit diesem
-fernen Freunde durch das Medium Knebels zu korrespondieren.</p>
-
-<p>»Du, Knebel!«</p>
-
-<p>»Was?«</p>
-
-<p>»Frag' mal den Scholz, was er treibt.«</p>
-
-<p>Alsbald telegraphierte Knebel weiter:</p>
-
-<p>»Du, Scholz, was treibst Du eigentlich?«</p>
-
-<p>Ein dumpfer Klang war die Antwort, und alsbald gab mir
-Knebel zurück:</p>
-
-<p>»Nichts.«</p>
-
-<p>»Ganz mein Fall«, sagte ich freudig erregt.</p>
-
-<p>Pause.</p>
-
-<p>»Du, Knebel!«</p>
-
-<p>»Was?«</p>
-
-<p>»Ich klingle jetzt!«</p>
-
-<p>»Gut!«</p>
-
-<p>Und nun zog ich die Klingel.</p>
-
-<p>Es dauerte einige Minuten; dann klirrte die Tür der Vorflur,
-und Quaddler erschien vor den Zellen.</p>
-
-<p>»Wer hat geklingelt?« fragte er unwillig.</p>
-
-<p>»Ich, Herr Quaddler, ich«, rief ich, an die Tür pochend.</p>
-
-<p>»Ich bin ja kaum zehn Minuten drunten«, gab Quaddler zur
-Antwort. »Was wünschen Sie?«</p>
-
-<p>»Ach, Herr Quaddler, mir ist auf einmal so schlecht geworden.
-Bitte, lassen Sie mich gleich mal hinaus.«</p>
-
-<p>Quaddler brummte etwas in den Bart und drehte den
-Schlüssel um.</p>
-
-<p>»Ich sag' Ihnen, Herr Quaddler, ich hab' ein solches Leibweh
-bekommen! Ich kann den Geruch der Tünche nicht recht vertragen.
-Sie täten wirklich besser, wenn Sie die Karzerzellen tapezieren
-ließen.«</p>
-
-<p>»Das wäre gütigst zu kostspielig«, versetzte Quaddler ärgerlich.
-»Machen Sie jetzt nur mal, daß sie fertig werden und wieder hineinkommen.
-Ich habe dringende Geschäfte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, Herr Quaddler, das ist alles ganz gut, aber ich kann
-doch unmöglich&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ach, die Herren Sekundaner haben allzeit eine Ausrede&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ich blickte mich jetzt auf der Vorflur um und sagte dann
-wohlwollend:</p>
-
-<p>»Die Schränke da gehören wohl Ihnen? Sehr schöne
-Schränke, wirklich ganz ausgezeichnete Schränke. Es sind wohl
-Kleiderschränke?«</p>
-
-<p>»Sozusagen teilweise«, erwiderte Quaddler sichtlich geschmeichelt.
-»Aber machen Sie jetzt nur rasch. Ich habe sehr wenig Zeit&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ich trat an einen der Schränke heran und befühlte ihn.</p>
-
-<p>»Echtes Eichenholz«, sagte ich mit Kennermiene. »Wirklich, Herr
-Quaddler, ich beneide Sie. Wo haben Sie die Schränke eigentlich her?«</p>
-
-<p>»Erlauben Sie gütigst, die Pflicht meines Amtes … Ich
-kann mit dem besten Willen nicht zugeben … Wollen Sie jetzt …
-oder wollen Sie nicht&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Aber ich werde doch einmal Ihre Schränke betrachten dürfen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wenn Sie heute abend Ihre Strafe verbüßt haben, will ich
-mir gütigst erlauben, Ihnen die Schränke in allen Einzelheiten zu
-zeigen. Aber jetzt, inwofern Sie wirklich die Absicht haben&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Es ist hier draußen viel bessere Luft als drinnen«, sagte ich,
-auf ein anderes Thema ablenkend.</p>
-
-<p>»O, da drinnen ist ganz gute Luft; und wenn die Herren
-Sekundaner die Haken abreißen, so ist die Luft längst schön genug,
-und ich muß jetzt in allem Ernste bitten, sich gefälligst beeilen zu
-wollen. Da schlägt's schon ein Viertel&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ein Viertel! Wahrhaftig! Man soll's gar nicht sagen, wie
-doch die Zeit vergeht! Überhaupt, wenn man bedenkt … Wissen
-Sie noch, Herr Quaddler, wie ich in Quarta saß … Ich meine,
-das wäre erst gestern gewesen!«</p>
-
-<p>»Wie Sie in Quarta saßen, hatten Sie gütigst viel weniger
-tolle Streiche im Kopfe, und wenn Sie ergebenst meinen, Sie könnten
-mich hier zum Narren halten, so werde ich dem Herrn Professor
-mitteilen, daß Sie immer sagen, Sie hätten Leibweh und könnten
-die Tünche nicht vertragen, und nachher von Quarta sprechen und
-doch nicht hineingehen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span></p>
-
-<p>Mit diesen Worten trat er an die Tür der Zelle.</p>
-
-<p>»Wollen Sie jetzt, oder wollen Sie nicht?«</p>
-
-<p>»Es ist wirklich merkwürdig, Herr Quaddler,« sagte ich, tief
-Atem holend, »die kühle Luft hier draußen hat mich auf wunderbare
-Weise gestärkt. Es ist mir gar nicht mehr übel, und wenn
-Sie erlauben, verfüge ich mich wieder in meine Zelle.«</p>
-
-<p>»Sie werden ja sehen, was Sie sich anrichten.«</p>
-
-<p>»Aber zum Donnerwetter, wenn sich mein Leibweh doch gebessert
-hat! Soll ich denn nur, um Ihnen einen Gefallen zu tun&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was? Donnerwetter wollen Sie sagen? Ei, zum Donnerwetter,
-das laß ich mir nicht gefallen. Wofür halten Sie mich?
-Marsch in die Zelle!«</p>
-
-<p>»Quaddler, Quaddler, werden Sie nicht unangenehm.«</p>
-
-<p>»Ach, ich bin's müde, mich von Ihnen hänseln zu lassen!«
-Und krach! flog die Tür zu, und brummend schlich der ehrliche
-Schließer von dannen.</p>
-
-<p>Abermals ein kurzes Zwiegespräch mit dem trefflichen Knebel.</p>
-
-<p>»In zehn Minuten ist die Reihe zu schellen an mir«, rief er
-jauchzend. »Der Quaddler soll doch wissen, wofür er das schwere
-Karzergeld einheimst.«</p>
-
-<p>Ich benutzte die Frist bis zur nächsten Quaddler-Episode, um
-mich im Innern meiner Zelle etwas gründlicher umzusehen.</p>
-
-<p>Wenn ich die Mauern meines Verließes vorhin »weiß getüncht«
-nannte, so war dies insofern inkorrekt, als die ursprüngliche Reinheit
-des Kolorits längst einem Zustande schwarz gesprenkelter Unsauberkeit
-Platz gemacht hatte. Da existierte kaum ein Fleckchen,
-wo nicht ein Tintenklex, eine Inschrift oder eine groteske Zeichnung
-prangte, so daß einzelne Partien der Wandfläche den Eindruck einer
-fast regelmäßigen Marmorierung hervorriefen.</p>
-
-<p>Ich trat näher herzu: Hunderte von Vorgängern hatten hier
-eine beredte Erinnerung an durchlittene Stunden zurückgelassen …
-Ich bekenne, daß mich dieser augenscheinliche Beweis von dem <em class="antiqua">socios
-habuisse malorum</em> äußerst behaglich anmutete. Und dabei ersah
-ich aus den meisten dieser Ergüsse, daß die Schmerzen des Karzers
-keineswegs den guten Humor schädigten: eine Wahrnehmung, die
-sofort in meinem eigenen Busen verwandte Regungen weckte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span></p>
-
-<p>Da stand z. B. in großen lateinischen Lettern, fast unmittelbar
-an der Decke:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Weil ich den Schmidt am Haar gezerrt,<br /></span>
-<span class="i0">Hat Bosheit mich ins Loch gesperrt.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i8"><em class="gesperrt">Meier.</em><br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Und gleich daneben von derselben Hand:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">O Heinzerling, Du schuldest meine Pein, &ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Die Götter mögen gnädig Dir verzeihn!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ein Ungenannter verstieg sich zu folgendem Stoßseufzer:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Führt denn gar kein Weg,<br /></span>
-<span class="i0">Führt denn gar kein Steg<br /></span>
-<span class="i0">Aus der Prima schnödem Tartarus,<br /></span>
-<span class="i0">Wo der Herr Scholar,<br /></span>
-<span class="i0">Weil er kneipen war,<br /></span>
-<span class="i0">Ganze Tage stumm verschmachten muß!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Darunter in schöner Frakturschrift:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Vae victis!</em><br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Und hiervon links:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p><em class="antiqua">Illi robur et aes triplex circa pectus erat, qui primus
-fragilem discipulum carceri commisit.</em></p></div>
-
-<p>Ein gewisser Ittmann, künftiger Philologe von Fach, hatte
-einen Vers des Tyrtäus in den Kalk eingekratzt und dann die Vertiefungen
-mit Rotstift bemalt, so daß da fast in der Weise einer
-pompejanischen Mauerinschrift zu lesen war:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ὥσπερ ὄνοι μεγάλοις ἄχδεσι τειρόμενοι.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Zu deutsch:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Wie die Esel seufzen wir unter den schrecklichsten Lasten.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Auf der entgegengesetzten Wand las ich die schwungvollen
-Verse:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Mein Schicksal war ein Zechgelag,<br /></span>
-<span class="i0">Nun schmacht' ich in des Karzers Kette;<br /></span>
-<span class="i0">Doch wärst Du hier, geliebte Henriette,<br /></span>
-<span class="i0">Des Orkus Nacht verklärte sich zum Tag.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ganz ähnlich hatte sich mein Mitschüler Schwarz vernehmen
-lassen, der ausnahmsweise bereits in Tertia »unter das Dach«
-geschafft worden war. Er schrieb:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>O Fanny, himmlisches Mädchen, wenn Du, Engelgleiche,
-mich lieben wolltest, ich ließe mich gern Zeit meines Lebens
-hier einsperren.</p>
-
-<div class="bright50">
-<p class="center">
-Dein treuer Seelsorger<br />
-<em class="gesperrt">G. Schwarz</em>.
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span></p>
-
-<p>In kecken Lettern prangte unmittelbar darunter folgender Passus:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Wilhelm Rumpf, weil er dem <em class="antiqua">Dr.</em> Klufenbrecher Kirschkerne
-unter den Stuhl gelegt hat, mit acht Stunden Karzer bestraft.
-Gott, wie wenig!</p></div>
-
-<p>Ein Jüngling namens Fresenius ließ sich also vernehmen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">O Karzer, stiller Raum,<br /></span>
-<span class="i0">Du meiner Sehnsucht Traum,<br /></span>
-<span class="i0">Du Wiege meiner Leiden,<br /></span>
-<span class="i0">Um sieben müssen wir scheiden.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>E. P. aus L. schrieb das Nachstehende:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Wie, schnöder Quaddler, Du weigerst Dich, zu öffnen, wenn
-ich klingele? Wahrlich, ich klingele nicht aus Übermut, sondern
-aus Not … Nun, ich spreche mit einer leichten Variation
-des Horaz:</p>
-
-<p><em class="antiqua"><em class="gesperrt">Aquam</em> memento rebus in arduis servare.</em></p></div>
-
-<p>Das waren so die pikantesten und witzigsten Scherze dieser
-Wandliteratur. Andere Aufzeichnungen entbehren der Pointe, wie
-z. B. die echt sekundanerhafte Lobrede auf des Pedells liebreizendes
-Töchterlein:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p><em class="antiqua">Anny Quaddler est virgo venustissima, dulcissima,
-placentissima. Basia ei dare velim quam plurima. Pedes
-habet elegantissimos, genua rotundissima et cetera.</em></p></div>
-
-<p>Natürlich fehlten auch die gröberen Lästerungen, Zynismen
-und Cochonnerien nicht. Es hat von jeher eine stark verbreitete
-Sorte von Schülern gegeben, die den Mangel an Esprit und
-Humor durch einen scharf ausgeprägten Kultus der Zwei- und Eindeutigkeiten
-zu ersetzen suchen, geistlose Zotenjäger, die in jedem
-Kleiderhaken einen Phallus erblicken, ohne imstande zu sein, ihre
-Sottise in ein erträgliches Epigramm zu kleiden. Auch diese
-Dunkelmänner hatten reichlich zur Beklecksung der Karzerwände beigetragen;
-aber es fehlte ihren Skripturen auch jene bescheidene
-Dosis von Salz, die man einem christlich-germanischen Sekundaner
-zumuten darf.</p>
-
-<p>Ich wurde aus meinen Betrachtungen durch Knebels Geklingel
-jählings emporgeschreckt. Drei Minuten später ertönten auf dem
-Korridor wieder die Schritte Quaddlers. Knebel begann ein
-entsetzliches Ächzen und Stöhnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span></p>
-
-<p>»Ach, Herr Quaddler, ach, um Himmels willen, was ist mir so
-schlecht! Machen Sie schnell auf! Ich muß mich fürchterlich übergeben!
-Schnell, schnell! Ach du lieber Gott, ist mir schlecht!«</p>
-
-<p>»Herr Knebel,« begann Quaddler mit einer Stimme, aus der
-man sein olympisches Stirnrunzeln hervorlas, »ich sage Ihnen,
-ohne Scherz, wenn Sie mir so kommen, so werden Sie sich ergebenst
-täuschen.«</p>
-
-<p>Knebel stieß einige ganz entsetzliche Würgtöne aus und bat
-dann von neuem in kläglichster Melodie um Öffnung der Zelle.</p>
-
-<p>Wütend stieß Quaddler die Tür auf.</p>
-
-<p>»Gott sei Dank! Das war gerade zur rechten Zeit. Ach,
-Herr Quaddler, was ist mir so schlecht! Lassen Sie mich nur ein
-Viertelstündchen hinaus.«</p>
-
-<p>»Das geht nicht«, versetzte der Pedell, durch die Naturwahrheit,
-mit welcher Knebel seine merkwürdige Rolle spielte, stutzig gemacht.</p>
-
-<p>»So holen Sie mir rasch etwas frisches Wasser«, stöhnte der
-Heuchler, von neuem glucksend und gröhlend. »Ach, wenn das
-meine Mutter wüßte! Ach Gott, wie ist mir so schlecht!«</p>
-
-<p>»Gut, das Wasser sollen Sie haben. Aber das sag' ich Ihnen,
-treiben Sie mir nicht die Sache zu weit, und ulken Sie mich nicht
-alle Augenblicke herauf. Ich bin nicht zu Ihrer Bedienung da,
-das müssen Sie sich nicht einbilden.«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten entfernte er sich. Die Zelle Knebels hatte
-er offen gelassen; der Verschluß des Korridors genügte ja! Knebel
-aber hatte nichts Eiligeres zu tun, als mir und unserem Kameraden
-Scholz das Verließ zu öffnen und so auf der geweihten Domäne
-Quaddlers eine Dreimännerversammlung höchst revolutionärer Art
-ins Leben zu rufen. Unsere Verabredungen waren in Kürze getroffen.
-Scholz versteckte sich hinter einem der Schränke, nachdem wir vorher
-seine Zelle sorgfältig verschlossen hatten. Ich selbst begab mich in
-mein Gefängnis zurück und wartete, bis Knebel seine Übelkeitsangelegenheiten
-geordnet hatte. Dann, um der Möglichkeit einer
-Visitation bei Scholz vorzubeugen, klopfte ich und bat mir ebenfalls
-ein Glas frisches Wasser aus, wobei ich durch allerlei gekünstelte
-Phrasen die Ungeduld Quaddlers so sehr steigerte, daß er schwur, er
-werde nicht mehr heraufkommen, und wenn wir die Klingel abrissen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span></p>
-
-<p>Weiter wünschten wir nichts.</p>
-
-<p>Nachdem Quaddler verschwunden war, trat Scholz aus seinem
-Versteck heraus, drehte die Schlüssel unserer beiden Zellen um, und
-siegesfroh sanken wir uns an die brüderlich klopfenden Herzen.
-Ein brillanter Skat (Scholz trug immer die Karten bei sich) vereinigte
-uns für den Rest unserer Strafzeit in fröhlicher Ungezwungenheit.
-Einmal noch hatten wir, nachdem wir alle nötigen Vorbereitungen
-getroffen, den Pedell herauf zitiert; unsere dauernde
-Ruhe hätte seinen Verdacht erregt. Im übrigen blieben wir unbehelligt.
-Und so endete denn unser erstes Karzererlebnis in jeder
-Hinsicht befriedigend.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Mein zweiter Aufenthalt in »Quaddlers Dachkammern« steht
-mir nicht minder klar im Gedächtnisse wie mein Debüt. Späterhin
-haben die Eindrücke sich verwischt. Die »halben« und die »ganzen«
-Tage wiederholten sich zu massenhaft, als daß jede einzelne Perle
-dieses Rosenkranzes in meiner Erinnerung aufgezeichnet sein könnte.
-Damals aber war meine Seele in Karzerangelegenheiten so jungfräulich,
-daß selbst das geringste Ereignis eine unauslöschliche Spur
-zurückließ.</p>
-
-<p>Es war drei Wochen seit jener ersten sechsstündigen Skathaft.
-Ich hatte diesmal einen vollen Tag zu verbüßen, und zwar in
-Gemeinschaft mit Wilhelm Rumpf, der Krone und dem Spiegel
-aller deutschen Gymnasialschüler. Die Ursache unserer Schicksale
-war nicht die gleiche. Rumpf hatte sich einer tätlichen Mißhandlung
-des zart organisierten Salonschülers Heinrich von Sternberg erfrecht,
-ich aber war, so seltsam es klingen mag, ein Opfer meines früh
-entwickelten Patriotismus geworden.</p>
-
-<p>Zur Zeit meiner Sekundanerschaft florierte nämlich die Tätigkeit
-des Nationalvereins. Unser damaliger Geschichtslehrer, übrigens
-einer von den wenigen Pädagogen, die es verstanden, ihren Schülern
-wirkliches Interesse einzuflößen, benutzte eine Vorlesung über die
-französische Revolution, um den Nationalverein und seine Bestrebungen
-mit den terroristischen Klubs von Paris zu vergleichen. Teils aus
-Frömmig-, teils aus Zeitvertreib &ndash; wie die berühmte Dame des<span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span>
-deutschen Volksliedes &ndash;, ich will sagen, halb aus Liberalismus,
-halb aus Freude am Stören und Widersprechen, stand ich auf und
-erklärte dem »großdeutsch« gesinnten Lehrer feierlich, es sei mir
-leider unmöglich, seine politischen Anschauungen zu teilen. Der
-Ordinarius von Sekunda zähle ja persönlich zu den Mitgliedern
-des Nationalvereins, ohne daß man behaupten könne, derselbe habe
-Ähnlichkeit mit Robespierre oder Marat. Das war nun freilich
-eine für den Lehrer sehr unangenehme Gegenrede, denn die Tatsache
-von der Mitgliedschaft des Ordinarius ließ sich nicht abstreiten.
-Der Herr Professor mochte überdies der berechtigten Ansicht huldigen,
-meine Opposition habe etwas von der prinzipiellen Feindseligkeit der
-»Unversöhnlichen«. Er schritt zur Gewalt und verbannte mich
-wegen frecher Störung für zwölf Stunden ins Gymnasialgefängnis.</p>
-
-<p>Man hatte diesmal mit diabolischer Tücke den Sonntag für die
-Verbüßung der Haft festgesetzt, eine Maßregel, die unser Schicksal
-bedeutend erschwerte.</p>
-
-<p>Schon um drei Viertel auf sieben mußte ich mich den Armen
-des Schlummers entreißen, der uns Schülern doch gerade den
-Sonntagsmorgen so lieb und wert vor allen übrigen machte! Nicht
-ohne eine gewisse Verstimmung wanderte ich durch die stillen Gassen,
-deren geschlossene Läden mich höhnisch angrinsten, als wollten
-sie sagen: Ei, schon so frühe? Wir beginnen unser Tagewerk
-noch lange nicht! Wohin denn mit deinen Büchern und deiner
-Schulmappe? So viel wir wissen, gibt es doch heute keine
-Lektionen&nbsp;…?</p>
-
-<p>Nun, sprach ich zu mir selbst, ich werde den Tag schon herumbringen;
-und stolzen Hauptes wanderte ich an den schloßverhangenen
-Buden vorüber. Goethe hat es gesagt: In der Beschränkung zeigt
-sich erst der Meister! … Ich werde dem Schicksal beweisen, daß
-die Freiheit selbst in dem Kerker wohnt!</p>
-
-<p>Am Brandplatze begegnete mir der alte Registrator Bieler, ein
-bekannter Frühaufsteher, der seinen Spaziergang machte. Als ich
-ihn grüßte, bemerkte ich, daß über seine Lippen ein halb sarkastisches,
-halb mitleidiges Lächeln glitt. Auch nickte er so ganz eigentümlich
-still vor sich hin … Die verwünschten Bücher! Die niederträchtige
-Schreibmappe! Ich fühlte, ich war erkannt. Mit dem feierlichen<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span>
-Ernst eines alten Römers gelobte ich mir, in Zukunft meine Bücher
-stets am Tage zuvor bei Quaddler zu deponieren.</p>
-
-<p>Und nun betrat ich das Gymnasialgebäude.</p>
-
-<p>Wie öde, wie leblos dehnten sich diese Mauern! Hier, wo
-sonst das lauteste, regste Treiben herrschte, wo das Gelächter
-chronisch und das Gebrüll permanent war, hier thronte jetzt die
-dumpfe Majestät einer Grabesstille, die mir kalt auf die Seele fiel!
-Nichts ist trauriger als der Kontrast zwischen dem belebten und
-dem unbelebten Raum! Ein Schauspielhaus sieht nach beendigter
-Vorstellung weit trübseliger, ja in gewissem Sinne erschütternder
-aus, als die ödeste Heide … Nun, das Gymnasium ist ja auch
-eine Art Schauspielhaus, nur daß die Komödianten hier gleichzeitig
-das Publikum abgeben.</p>
-
-<p>Langsam ging's die Wendeltreppe hinauf nach den Regionen
-des Dachstuhls … Rumpf war noch nicht da. Einsam verhallten
-unsere Tritte durch den weiten, schläfrigen Raum. Ich
-sprach keine Silbe. Mit einer Art von wollüstigem Grausen sog
-ich die Elegie dieser trübseligen Morgenstunde in mein Gemüt ein.</p>
-
-<p>So war ich denn in die Zelle gelangt. Fünf Minuten später
-kam Wilhelm Rumpf, &ndash; ebenfalls sehr stumm und geräuschlos. Die
-Tür fiel hinter ihm zu: wir waren allein, &ndash; durch das gemeinsame
-Schicksal verbunden und doch getrennt durch die kalkbeworfene, inschriftenübersäte
-Wand.</p>
-
-<p>Rumpf war der erste, der das feierliche Schweigen zu brechen wagte.</p>
-
-<p>»Prosit!« rief er mit gewohntem Zynismus.</p>
-
-<p>Der warme Klang dieser Stimme gab mir die volle Elastizität
-des Geistes wieder.</p>
-
-<p>Ich antwortete, und so entspann sich ein brüderliches Gespräch,
-das endlich mit dem Bemerken abgebrochen wurde, man wolle zunächst
-etwas arbeiten, da ja der Tag lang und das <em class="antiqua">dolce far niente</em>
-gerade in diesen Räumen am wenigsten <em class="antiqua">dolce</em> sei.</p>
-
-<p>Ich setzte mich an den Tisch und durchmusterte meine Papiere
-und Bücher.</p>
-
-<p>Homer! Aufs Geratewohl schlug ich auf und las. Die frische
-Seeluft, die mir aus den Rhythmen des hellenischen Sängers entgegenwehte,
-paßte so wenig zu meiner Situation, daß ich nach kurzer<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span>
-Frist das Buch zuklappte und hinauf nach dem spärlichen Stück
-blauen Himmels sah, das in wolkenloser Klarheit durch die vergitterte
-Luke herein glänzte. In der Tat, es gab keinen schrofferen Gegensatz,
-als zwischen jenem ungebundenen Abenteurer Odysseus, der mit
-den lieben Genossen die weintraubenfarbige Salzflut befuhr, und
-mir, dem gefesselten Sekundaner, der in den Karzerräumen eines
-deutschen Provinzgymnasiums für den Nationalverein büßte!</p>
-
-<p>Meine Stimmung war jetzt, infolge der verschiedenen Wandlungen,
-die sie erlitten hatte, nachgerade bis zu dem Punkte gediehen, wo
-der deutsche Gymnasiast sich in Versen ergeht. Überhaupt war der
-Karzer für mich stets ein poetisch fruchtbarer Boden. Hier entstand
-mehr als ein Gedicht, das später mit geringen Veränderungen im
-Druck erschien, hier wurde gar mancher Ton angeschlagen, dem man
-nicht anmerkte, daß er dem Territorium Quaddlers entstammte. Auch
-die Primanerliebe fand die glücklichsten Momente ihrer lyrischen
-Gestaltungskraft auf dem prosaischen Karzer! Es klingt wunderbar,
-aber es ist so&nbsp;…</p>
-
-<p>Ich setzte mich also wieder behaglich zurecht, breitete einen Bogen
-Papier vor mich hin und ergriff die Feder.</p>
-
-<p>Was schrieb ich?</p>
-
-<p>Ein Klagelied um »die sonnigen Tage von einst«!</p>
-
-<p>Es ist eine sonderbare Erscheinung, die unter anderen auch
-Paul Heyse in der Novelle »Lottka« zum Ausdruck gebracht hat,
-daß die Jugend, die eigentlich noch kaum von einer Vergangenheit
-reden kann, mit Vorliebe ihren begrabenen Träumen, ihren zertrümmerten
-Hoffnungen nachweint. So singt der achtzehnjährige
-Paul in der tränenreichen Melodie des »<em class="antiqua">long, long ago</em>«:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ich glaube, in alten Tagen,<br /></span>
-<span class="i0">Da liebt' ich ein Mägdelein&nbsp;…<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Späterhin erscheint uns dergleichen fast unbegreiflich; aber wenn
-man mitten darin steckt, so kommt man sich mit seiner ganzen wehmuterfüllten
-Individualität so heilig und ernst vor, daß man jeden
-Zweifel mit Entrüstung von der Hand weisen würde.</p>
-
-<p>»Die sonnigen Tage von einst« erleichterten mir das Herz, und
-in bester Laune benutzte ich die Rückseite des Blattes zur Abfassung
-eines Karzerhymnus, der in dröhnenden Rhythmen die Nichtswürdigkeit<span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span>
-dieser Anstalt vom Standpunkte der reinen Moral zu beleuchten
-suchte.</p>
-
-<p>Mit einemmal ertönten die Kirchenglocken. Eine erneute Erinnerung
-an den Zustand der Unfreiheit! Sonst hatte uns jeder
-Sonntag, dafern wir die Stunde nicht ruchlos verschlafen, beim
-Vormittagsgottesdienst am Hause des Herrn gesehen. Ich sage »am«
-Hause des Herrn, denn wir standen davor, mit dem sehr weltlichen
-Zwecke, die schönen Töchter des Landes einwandeln zu sehen. Die
-Lehrer, insbesondere die Religionslehrer, hatten uns zwar vielfach
-Vorlesungen im Sinne der berühmten Londoner <em class="antiqua">Anti-young-men-before-the-church-standing-association</em>
-gehalten und uns schließlich
-gesagt, wenn wir denn absolut nicht von dieser Unsitte ablassen
-könnten, so möchten wir doch wenigstens <em class="gesperrt">nach</em> stattgehabter Revue
-auch das Innere des Tempels besuchen; aber diese Mahnungen
-blieben fruchtlos. Wir überschritten nur selten die Schwelle. Nicht
-als ob wir schon damals sämtlich überzeugungsfeste Anhänger von
-Schopenhauer oder David Strauß gewesen, nicht als ob wir jeder
-Sympathie für die Kirche entbehrt hätten, nein, es war ein anderer
-Umstand, der uns zurückhielt: der Eifer nämlich, mit dem die Lehrer
-sich jeden, der beim Gottesdienste erschien, ins Notizbuch vermerkten.
-Nur eine ganz verschwindende Minorität strenggläubiger oder augendienerischer
-Alumnen frequentierte die Kirche trotz dieser unglückseligen
-Methode. Die Quartalzensur brachte dann unter den »Besonderen
-Bemerkungen« das herrliche Lob: »<em class="antiqua">NB.</em> Besuchte fleißig
-die Kirche&nbsp;…«</p>
-
-<p>Jetzt tönten die Glocken durch die klare, friedliche Morgenluft.
-Ich glaube, wenn's mir in diesem Augenblicke freigestanden
-hätte, ich würde meine Zelle nicht nur mit dem Platz vor der
-Kirche, sondern auch mit der Emporbühne im Innern vertauscht
-haben, selbst auf die Gefahr hin, als kirchenfleißig notiert zu
-werden.</p>
-
-<p>Rumpf schien von ähnlichen Gefühlen durchflutet. Denn mit
-einemmal rief er mir sonderbar gähnend zu:</p>
-
-<p>»Du, es ist doch verflucht langweilig!«</p>
-
-<p>»Es geht«, antwortete ich mit gut erkünstelter Überlegenheit.
-Es ging aber nur sehr mangelhaft!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span></p>
-
-<p>Wilhelm Rumpf griff nun zu dem niemals versagenden, ewig
-vollgültigen Universalmittel des Klingelns. Quaddler erschien. Es
-entspann sich ein Dialog, nach dessen Beendigung der Pedell wieder
-verschwand, ohne daß sich unsere Situation im wesentlichen gebessert
-hätte. Der ehrliche Schuldiener mußte von unserer neulichen Skatpartie
-Wind bekommen haben, denn er weigerte sich hartnäckig, uns
-Wasser zu holen, solange Rumpf sich auf dem Vorflur befand.
-Deprimiert hörten wir seine nägelbeschlagenen Absätze treppabwärts
-poltern. Für diesmal schien aus unserer Partie Piquet, auf die
-wir so zuverlässig gerechnet hatten, nichts werden zu sollen.</p>
-
-<p>Da fiel mein Blick auf das Fenster. Die Vergitterung war
-nicht in die Mauer eingelassen. Sie bestand vielmehr aus einer
-Art Rost, die man mit Schrauben an das Holzwerk befestigt hatte.
-Ein köstlicher Gedanke zuckte durch mein Gehirn. Wenn es uns
-gelang, diese Schrauben zu lösen, so konnten wir die Kommunikation,
-die auf normalem Wege durch die Türen unmöglich war, über das
-Dach bewerkstelligen. Die Neigung der schiefergedeckten Fläche war
-eine sehr mäßige &ndash; eine Gefahr also nicht vorhanden. Und überdies,
-was fragt ein deutscher Sekundaner nach der Gefahr, sobald
-es gilt, einen lustigen Streich auszuführen&nbsp;…!</p>
-
-<p>Ich teilte meine Idee dem schandtatbereiten Freunde mit, der
-sie alsbald feurig ergriff.</p>
-
-<p>Ans Werk also!</p>
-
-<p>Ich rückte den Tisch gerade unter die Dachluke, stellte den Stuhl
-in die Mitte der geräumigen Platte und stieg dann langsam hinauf.
-Der improvisierte Bau war hoch genug, um das Gitterwerk in den
-Bereich meiner Hände zu bringen. Ich überzeugte mich, daß der
-eiserne Rost sich an der einen Seite wie ein Deckel in Scharnieren
-bewegte, während die andere Seite mit vier großen Schrauben an
-der Rampe des Fensters haftete. Wenn man diese vier Schrauben
-herauszog, so mußte das Gitter ganz nach Art einer Lukenklappe
-heruntersinken und die Fensteröffnung frei geben. Die Einrichtung
-hatte überdies den Vorteil, daß man die Spuren dieser rechtswidrigen
-Eröffnung wieder austilgen konnte. Eine einzige Schraube, nur
-zur Not eingedrückt, reichte aus, um das Gitter in der Schwebe zu
-halten, &ndash; ein Umstand, der nicht unterschätzt werden durfte. Der<span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span>
-Pedell stattete uns nämlich, so ungern er auf unser Klingeln erschien,
-mitunter Besuche aus dem Stegreif ab.</p>
-
-<p>Da ich keinen Schraubenzieher besaß, so öffnete ich mein Taschenmesser,
-das mir in Gymnasialangelegenheiten stets ein unentbehrlicher
-Diener gewesen. Ich könnte über dies Taschenmesser eine lange
-Serie höchst stimmungsvoller Geschichten schreiben. Parenthetisch
-erwähne ich hier nur das Nachstehende: Es existierten innerhalb
-des Gymnasialgebäudes wenige Subsellien, in die ich nicht eine
-Anzahl sehr korrekt gemeißelter Inschriften eingraviert hätte. Nun
-gab es zwar einen Gesetzesparagraphen, der da besagte: »Es ist
-den Schülern dieser Anstalt aufs strengste verboten, in die Bänke,
-Tische, Stühle und sonstige Gerätschaften des Inventars Namen
-einzuschneiden.« Aber niemals hat zwischen der Praxis und der
-Theorie eine so unausgefüllte Kluft gegähnt, wie hier! Die Subsellien
-unseres Gymnasiums waren geradezu Musterkarten aller erdenklichen
-Schriftarten, von dem unbehilflichen Stümpern des Anfängers bis
-zur technisch vollendeten Leistung des Virtuosen. Da winkten in
-schöner Antiqua unzählige Josephinen, Mathilden, Henrietten und
-Wilhelminen; da prangten in prickelnder Perlschrift zierliche Disticha
-und geistvolle Quatrains; ja selbst Häuser, Bäume und ähnliche
-Gegenstände waren in ihren Umrissen dargestellt. Hutzler hat späterhin
-auf einem Tische der Prima einen großen Kanal gebaut, der
-in mehrfachen Windungen von dem einen Ende zum anderen lief
-und, wenn man den Tisch durch untergeschobene Bücher in eine
-schräge Lage versetzte, vollkommen geeignet war, einen Tintenstrom
-<em class="antiqua">en miniature</em> von der Quelle bis zur Mündung fließen zu lassen.
-Niemals, solange man denkt, ist ein Schüler wegen Einschnitzungen
-bestraft worden, obgleich der Pedell mit großem Eifer auf die Missetäter
-fahndete. Wir schnitten nämlich, um die Möglichkeit, aus dem
-Inhalt des Eingeschnittenen auf den Täter zu schließen, ein für
-allemal in der Wurzel zu ersticken, nicht selten die Namen solcher
-Schüler ein, denen man dergleichen wegen der musterhaften Korrektheit
-ihres Lebenswandels nicht zutrauen konnte. Ja, Boxer gravierte
-einmal in majestätischen Lettern: <b>Samuel Heinzerling!</b> Nachdem wir
-diesen Präzedenzfall geschaffen, durften wir getrost unsere eigenen Namen
-verewigen, denn nun war die Entschuldigung gestattet: <em class="antiqua">alius fecit!</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span></p>
-
-<p>Der Leser könnte nun fragen, ob denn ein Schluß von dem
-Platz auf den Täter nicht viel korrekter gewesen wäre. Jawohl!
-So leicht faßt man uns nicht! Alle acht Tage wurden infolge der
-<em class="antiqua">exercitia pro loco</em> die Plätze gewechselt. Wenn jemand also einen
-besonders auffallenden Einschnitt verbrochen hatte, so machte er die
-Spuren seiner Tätigkeit für die nächsten acht Tage unkenntlich. Das
-geschah auf folgende Weise: In erster Linie ward die helle Schnittfläche
-mit Tinte behandelt, so daß sich der Einschnitt durch nichts
-von den übrigen, ebenfalls schwarz und alt aussehenden, unterschied.
-Dann füllte man die Vertiefungen dergestalt mit festgeknetetem
-Brot aus, daß die Fläche wiederhergestellt war. Hierüber legte
-man abermals eine Lage von Tinte. Da die ganze Tischfläche
-schwarz und überdies ziemlich rauh und zerklüftet war, so hätte
-man jeden Quadratzoll genau untersuchen müssen, um die betreffende
-Stelle zu finden. Nach vierzehn Tagen, wenn der Täter längst an
-einem andern Platze saß, hob er vor dem Beginn der Lehrstunde die
-jetzt dürr gewordene Brotfüllung heraus, und wie mit einem Zauberschlage
-stand die ganze Inschrift in ihrer vollen Glorie auf der
-verwandelten Fläche. Wurde Quaddler jetzt wirklich durch diese
-Novität befremdet, so war man jeder Verantwortung überhoben;
-der Schüler aber, der neu auf den verfänglichen Platz versetzt
-worden war, erklärte auf eine etwaige Interpellation sittlich entrüstet:
-»Aber ich sitze ja hier erst seit gestern, und um das einzuschneiden,
-braucht man doch mindestens acht Tage!« Der Lehrer
-ließ dann die Sache aus Opportunitätsgründen »auf sich beruhen«.</p>
-
-<p>Dieses bedeutsame Messer also, das hornumschiente, wie Homer
-sagen würde, zog ich aus der Tasche und begann meine Operation.
-Die Schrauben saßen verzweifelt fest, &ndash; aber nach Verlauf einer
-halben Stunde und mit Aufopferung einer Klinge gelang es mir
-doch, mein Problem zu bewältigen. Das Gitter senkte sich geräuschlos.
-Ich faßte rechts und links den Lukenrand und schwang mich empor.</p>
-
-<p>Ein wunderbarer Anblick belohnte mich. Da unten tief lag der
-große, stille, einsame Platz. Gegenüber das gewaltige Zeughaus,
-dessen graurötliches Gemäuer fast an die Ruinen des Heidelberger
-Schlosses gemahnte. Nach rechts die Stadt mit ihren zahllosen
-Giebeln und Dächern, nach links der herrliche Wiesengrund mit den<span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span>
-freundlichen Landhäusern; und fern am Himmelsrande die bewaldeten
-Höhen, deren letzte Kuppen bläulich hinüber schimmerten.</p>
-
-<p>Da drüben, an dem großen Fabrikgebäude vorüber, erkannte
-ich auch das Haus des Professors, dem ich meine Gefangenschaft
-zu verdanken hatte.</p>
-
-<p>Schnöder Tyrann, dachte ich bei mir selbst, wie schwer hast
-du dich betrogen! Du wähnst mich im öden Dunkel der Zelle, und
-ich halte hier Musterung über die Herrlichkeiten des Landes! Ha,
-wie frei und köstlich mir diese Morgenluft die Schläfe umspielt!
-Stolz blicke ich von meiner Höhe herab auf die Kleinheit und Gemeinheit
-des <span id="corr155">Lebens</span>! Was kriecht und krabbelt da unten? Ich glaube,
-der Registrator Bieler, der von seinem Morgenspaziergange zurückkehrt!
-Wie kläglich! Wie pygmäenhaft! Jetzt hebt er den Kopf …
-Ich ducke mich schleunigst … Aber es droht keine Gefahr; der
-Herr Registrator hat nur drüben nach der großen Uhr des Zollhauses
-geblickt.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Salve!</em>« tönt es mir plötzlich ans Ohr. Wahrhaftig, da
-ist er, Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler, mein Leidens- und jetzt
-mein Freudensgefährte. Wenn wir uns weit überbeugen und
-die Arme ausstrecken, so können wir uns beinahe die Hände
-reichen.</p>
-
-<p>»Ist's nicht famos hier oben in der freien, reinen, blauenden
-Himmelsluft?«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Bene dixisti</em>«, gibt Wilhelm mit der Würde eines echten
-Ciceronianers zurück.</p>
-
-<p>Und nun beginnt ein Stündchen der entzückendsten Umschau.
-Wir preisen uns gegenseitig die Reize der Landschaft; wir glossieren
-die Personen, die da drunten vorüber schreiten.</p>
-
-<p>Da kommt ein zierliches Dienstmädchen&nbsp;…</p>
-
-<p>Das ist das Lieschen von Wilhelm Rumpfs angeheiratetem
-Onkel. Wunderbar, wie hier vom Rahmen des Karzerfensters aus
-alles an Interesse gewinnt! Freilich, der Platz da unten liegt am
-Ende der Stadt, und die Menschen, die vorüber wandeln, sind
-zu zählen.</p>
-
-<p>»Ah, ich weiß, was sie will«, sagt Rumpf mit verständnisinnigem
-Lächeln. »Der Onkel schickt sie zum Registrator Bieler, um<span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span>
-für heute abend den Whistkranz abzubestellen. Die Tante ist unwohl.
-Weißt Du, <em class="antiqua">carissime</em>, die verrät uns nicht.«</p>
-
-<p>Und mit verwegener Donnerstimme ruft er:</p>
-
-<p>»Lieschen! Lieschen!«</p>
-
-<p>Sie dreht sich um. Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler möchte
-sich totlachen.</p>
-
-<p>»Nimm Dich in acht«, warne ich im Ton einer Cassandra.
-»Der Quaddler hat Ohren wie ein Luchs. Auch muß Fräulein
-Anny jeden Augenblick aus der Kirche kommen.«</p>
-
-<p>»Ah was! Bis der hier herauf tappt, sind wir längst wieder
-drunten &ndash; Lieschen!«</p>
-
-<p>Dasselbe Spiel wiederholt sich. Endlich beim dritten Male
-sieht das Mädchen herauf. Wie vom Donner gerührt, bleibt sie
-stehen.</p>
-
-<p>»Fort, fort!« winkt der Tollkühne, und Lieschen begreift. Noch
-mehrmals zurückblickend, wandelt sie ihrer Wege.</p>
-
-<p>Da kommen zwei junge Damen, biegen aber gleich wieder
-rechts ab.</p>
-
-<p>»Das ist Fräulein Elsner und ihr Besuch aus Schleswig«,
-erläutert Wilhelm Rumpf mit Kennermiene.</p>
-
-<p>»Gott bewahre, es ist die kleine Waldow und ihre Cousine
-Griesinger&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Lehr' Du mich die Mädchen kennen. Ich sage Dir, ich täusche
-mich nicht … Aber sieh mal dort … Kennst Du den?«</p>
-
-<p>»Weiß Gott! Der Quaddler! Er kommt aus der Kirche!
-Rasch hinunter … Jetzt hat er sein Pflichtbewußtsein gestärkt
-und wird uns einen Besuch abstatten.«</p>
-
-<p>Im Nu tauchen wir in die Luke. Zwei Minuten später ist
-das Gitter angeschraubt, der Stuhl vom Tisch gehoben und alles
-in Ordnung gebracht.</p>
-
-<p>Unsere Ahnung betrügt uns nicht. Es währt nur kurze Zeit,
-da klirren draußen die Schlüssel, Quaddler schreitet über den Vorflur
-und begrüßt zunächst meinen Freund.</p>
-
-<p>»Es ist auch recht schön von Ihnen, Herr Rumpf,« sagte er
-wohlwollend, »daß Sie nicht so viel geklingelt haben. Ich hab's
-schon von meiner Tochter gehört, es wäre alles recht stille gewesen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>»Ah so,« erwidert Rumpf, »ich denke, Ihre Fräulein Tochter
-war in der Kirche&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nein, heute mußte sie ergebenst zu Hause bleiben. Heute war
-mein Tag.«</p>
-
-<p>»So, wer hat denn gepredigt?«</p>
-
-<p>»Der Herr Kirchenrat.«</p>
-
-<p>»Ist's möglich? Das Kirchenrätchen?«</p>
-
-<p>»Herr Rumpf, ich muß Sie bitten, was den Respekt betrifft&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Tun Sie doch ums Himmels willen nicht so zimperlich! Alle
-Welt weiß doch&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Alle Welt weiß, daß Ihnen sozusagen nichts heilig ist, aber
-ich habe jetzt keine Zeit. Ich will noch mal hinübergehen, und dann
-muß ich gütigst einen wichtigen Brief schreiben.«</p>
-
-<p>Sprach's, empfahl sich und erschien dann bei mir.</p>
-
-<p>»Sagen Sie mal, Herr Quaddler,« hub ich an, nachdem wir
-die ersten Phrasen der Begrüßung gewechselt hatten, »wer waren
-denn eigentlich die zwei jungen Damen, die Ihnen da vorhin am
-Steueramte begegnet sind?«</p>
-
-<p>Quaddler starrte mich an, als ob er ein Gespenst sähe.</p>
-
-<p>»Wie? Was? Woher wissen Sie denn&nbsp;…?«</p>
-
-<p>Jetzt erst erkannte ich, daß ich in meiner Zerstreutheit eine
-Bêtise verbrochen. Jeder andere Pedell würde den Unfug gemerkt
-haben; nur Quaddler war mit einiger Effronterie zu beschwichtigen.</p>
-
-<p>»Sehr einfach, Herr Quaddler! Sehen Sie, Herr Quaddler,
-ich habe hier einen Taschenkamm, an dem ist hinten ein sympathetischer
-Spiegel. Wenn ich den nun so gegen das Fenster halte und mit
-dem einen Auge durch die Finger blinzle&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Zeigen Sie mal her«, sagte Quaddler erstaunt und bemühte
-sich, durch die Finger zu blinzeln.</p>
-
-<p>»Ja, Sie halten das Ding falsch! So müssen Sie's halten!«</p>
-
-<p>Ich stellte mich in Positur.</p>
-
-<p>»Sehen Sie, ganz deutlich … Eben geht der Herr Registrator
-Bieler vorüber … Sehen Sie&nbsp;…«</p>
-
-<p>Quaddler beeilte sich, meinem Beispiel zu folgen.</p>
-
-<p>»Sozusagen nicht die Spur sehe ich«, rief er nach einer Weile.</p>
-
-<p>»Sie sind wohl kurzsichtig?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span></p>
-
-<p>»Im Gegenteil, weitsichtig.«</p>
-
-<p>»Nun wohl, der Spiegel da ist nur für Kurzsichtige berechnet.«</p>
-
-<p>»Das ist aber merkwürdig!«</p>
-
-<p>»Sehr merkwürdig, Herr Quaddler!«</p>
-
-<p>Der Pedell schüttelte den Kopf, als ob er der Sache nicht recht
-traute. Dann schaute er empor nach dem Gitter. Da war nichts
-Verdächtiges zu bemerken! Es mußte doch wohl in der Ordnung
-sein mit dem Spiegel&nbsp;…</p>
-
-<p>»Wirklich, sozusagen ein sehr merkwürdiger Spiegel«, wiederholte
-er nachdenklich. »Nun, ich glaube, es wäre übrigens besser,
-wenn Sie lieber gütigst etwas arbeiten wollten!«</p>
-
-<p>»Arbeiten? Am Tage des Herrn?«</p>
-
-<p>»Warum nicht? Da Sie ja doch heute sozusagen keinen
-richtigen Sonntag haben, und die Arbeit übrigens nicht schändet&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun, ich werde mir's überlegen. Gehen Sie nur jetzt getrost
-an Ihren wichtigen Brief!«</p>
-
-<p>Der Pedell empfahl sich.</p>
-
-<p>Fünf Minuten später saßen wir wieder auf dem Rande der
-Luke und erfreuten uns der herrlichen Aussicht.</p>
-
-<p>Nachdem wir unsere Gemüter an diesen Wonnen gesättigt,
-erwachte die Begier nach einer konkreten Zerstreuung.</p>
-
-<p>»Wart', ich komme hinüber«, sagte Rumpf mit einem prüfenden
-Blick auf das Terrain.</p>
-
-<p>Vorsichtig zog er erst das rechte, dann das linke Bein über
-den Fensterrand. Dann ergriff er einen jener Haken, an denen die
-Schieferdecker beim Ausbessern des Daches ihre Leitern festhängen,
-und gab sich einen kräftigen Schwung. Ich ergriff seine Linke, und
-das große Werk war vollbracht.</p>
-
-<p>Wir arrangierten nun im Innern der Zelle eine Piquetpartie,
-die uns etwa eine Stunde hindurch auf das kostbarste amüsierte.</p>
-
-<p>Da mit einemmal, welch ein unverhofftes Geräusch … Quaddler
-mußte dem sympathetischen Spiegel doch nicht so recht geglaubt haben,
-denn er war ganz leise die Treppe hinauf geschlichen und öffnete jetzt
-den Korridor mit diabolischer Vorsicht.</p>
-
-<p>Wir rührten uns nicht. Es war für Rumpf augenscheinlich zu
-spät, um in seine Zelle zurückzukehren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span></p>
-
-<p>Quaddler trat an meine Tür und pochte.</p>
-
-<p>»Was treiben Sie jetzt?« sagte er mißtrauisch.</p>
-
-<p>Ich rückte ostensibel mit dem Stuhle, erwiderte das Klopfen
-und sagte:</p>
-
-<p>»Gerade war ich dabei, das berühmte Carmen des Horaz: »<em class="antiqua">Odi
-profanum vulgus et <span id="corr159">arceo</span></em>« ins Deutsche zu übersetzen.«</p>
-
-<p>»Das ist recht von Ihnen«, erwiderte Quaddler.</p>
-
-<p>Und nun klopfte er an die Zelle Wilhelm Rumpfs.</p>
-
-<p>»Was machen Sie denn, Herr Rumpf?«</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>»Herr Rumpf! Ich frage Sie, womit Sie beschäftigt sind?«</p>
-
-<p>Grabesstille.</p>
-
-<p>Jetzt drehte Quaddler den Schlüssel um. Welch ein Anblick
-bot sich seinen entsetzten Blicken! Das Gitter erbrochen, der Sträfling
-verschwunden, &ndash; hinaus aufs Dach und von da vielleicht vermittelst
-der traditionellen Leine, von welcher Herr Quaddler erst jüngst in
-einem spannenden Lieferungsroman gelesen, hinab auf den festen
-Grund der Erde! Wer weiß, vielleicht hatte Rumpf genau die
-Absicht, wie jener italienische Grafensohn, unter die kleinasiatischen
-Seeräuber zu gehen …! Und doch … Es war nicht zu begreifen&nbsp;…!</p>
-
-<p>»Herr Rumpf! Herr Rumpf!« schrie Quaddler verzweifelnd,
-»wo sind Sie?«</p>
-
-<p>Alles stille.</p>
-
-<p>»Da muß ich doch gleich einmal in seine Wohnung gehen und
-nachsehen, ob er daheim ist.«</p>
-
-<p>Und mit rasender Eile stürmte er die Treppe hinab.</p>
-
-<p>Sofort stieg Rumpf auf dem Wege über das Dach in seine
-Zelle zurück. Die Gitter wurden ganz regelrecht mit allen vier
-Schrauben befestigt, und als ob nichts geschehen sei, vertieften wir
-uns in unsere Bücher. Die Messer aber verbargen wir der Vorsorge
-halber in unseren Stiefeln.</p>
-
-<p>So verstrich eine halbe Stunde. Da ertönten Stimmen …
-Quaddler hatte sich richtig bei den Wirtsleuten, wo Wilhelm Rumpf
-zur Miete wohnte, erkundigt, und da man hier um den Verschwundenen
-nicht wußte, so war der biedere Pedell in seiner Verzweiflung zu<span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span>
-dem angeheirateten Onkel gerannt, um diesen von dem Vorfall in
-Kenntnis zu setzen.</p>
-
-<p>»Da, sehen Sie, geehrter Herr Rat,« sagte Quaddler bebend,
-indem er den Schlüssel umdrehte, »fort ist er!«</p>
-
-<p>»Ei, guten Tag, lieber Onkel!« rief Wilhelm Rumpf mit rührender
-Naivität; »das ist aber schön, daß Du mich hier 'mal besuchst.«</p>
-
-<p>Quaddler und der Herr Rat standen wie angewurzelt. Mehrere
-Minuten lang war keiner von ihnen fähig, ein Wort über die Lippen
-zu bringen.</p>
-
-<p>»Aber das werde ich dem Herrn Direktor vermelden«, stammelte
-endlich Quaddler.</p>
-
-<p>»Was denn?« versetzte Rumpf harmlos.</p>
-
-<p>»Daß Sie da oben hinausgeschlüpft sind, und wenn man dann
-meint, Sie wären fort, dann kommen Sie wieder.«</p>
-
-<p>»Sie sind närrisch«, antwortete Rumpf. »Bin ich vielleicht
-eine Ratte? Da, sehen Sie her, der Zwischenraum da ist kaum
-eine Hand breit.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, Sie haben das Gitter abgeschraubt, ich hab's wohl
-gesehen, und dann sind Sie aufs Dach entschlüpft.«</p>
-
-<p>»Herr Quaddler ich verbitte mir das! Womit soll ich das
-Gitter denn abschrauben?«</p>
-
-<p>»Nun, Sie werden wohl irgend ein Instrument bei sich
-haben.«</p>
-
-<p>»Lieber Onkel, Du bist Zeuge. Ich belange den Quaddler
-wegen Verleumdung. Jetzt aber stelle ich die kategorische Forderung,
-daß ich augenblicklich untersucht werde.«</p>
-
-<p>»Gut, das soll geschehen«, erwiderte Quaddler. »Ich werde
-das Meißelchen schon finden, mit dem Sie die Sache gemacht haben.«</p>
-
-<p>»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich keinen Meißel
-besitze, noch jemals besessen habe. Untersuchen Sie nur meine
-sämtlichen Taschen. Sie haben wahrscheinlich nach der Kirche die
-Lotz'sche Bierstube besucht&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die Visitation blieb natürlich fruchtlos.</p>
-
-<p>»Ja, Herr Quaddler,« sagte Rumpfs Onkel, »ich begreife in
-der Tat nicht, was Sie eigentlich wollen. Das Gitter da ist doch
-ganz fest, und mit den Fingern kann man's nicht abschrauben&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span></p>
-
-<p>Rumpf wandte sich verständnisinnig zu diesem gewichtigen
-Fürsprecher und murmelte:</p>
-
-<p>»Ich sag's ja, er war bei Lotz. Gestehen Sie's offen Quaddler!«</p>
-
-<p>»Bei Lotz …, das steht sozusagen richtig, aber ich habe
-nur zwei Glas Bier getrunken, und was ich gesehen habe, das hab'
-ich gesehen, und das laß ich mir nicht ausreden, und wenn Sie's
-gütigst erlauben, werd' ich's dem Herrn Direktor vermelden.«</p>
-
-<p>»Zwei Glas Bier!« schrie Wilhelm Rumpf. »Und ein Mann,
-der sich solchen Ausschweifungen überläßt, will uns moralische Vorlesungen
-halten …? Wissen Sie was? Besoffen sind Sie gewesen,
-und da haben Sie in Ihrem Taumel eine Halluzination gehabt.
-Ich bin hier nicht von der Stelle gewichen und habe gearbeitet,
-während Sie den heiligen Sonntag durch ein Zechgelage entweihten.
-Ich werde dem Herrn Direktor schon das Nötige zu vermerken
-wissen, wenn Sie mich anschwärzen wollen. Soll ich noch dafür
-aufkommen, wenn Sie sich in aller Frühe einen Rausch antrinken?
-Pfui, und abermals pfui! Sie wollen Pedell sein? Sie wollen
-eine Tochter erziehen? Sie sollten sich schämen! Ein Mann von
-beinahe fünfzig Jahren und solche Extravaganzen …! Siehst
-Du, Onkel, so hat man nun seine Not auf der Welt: wenn der
-Pedell sich bekneipt, soll der Sekundaner die Suppe ausessen!«</p>
-
-<p>»In vollem Ernste, Herr Quaddler,« begann jetzt der Onkel,
-»ich fange an zu glauben, daß Sie sich in eigentümlicher Weise
-getäuscht haben. Darf ich Ihnen einen freundschaftlichen Rat erteilen,
-so lassen Sie die Sache auf sich beruhen. Der Herr Direktor
-gibt etwas auf mein Urteil, und ich werde ohne Bedenken die
-Aussagen meines Neffen bestätigen. Oder haben Sie sich vielleicht
-gar in der Zelle geirrt? Nicht wahr, daneben sitzt ja noch einer?«</p>
-
-<p>»Nein, nein!« erwiderte Quaddler, »es war hier diese Zelle,
-und ich will nicht selig werden&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sie sind hartnäckig«, sagte der Onkel; »Scherz beiseite, ich
-werde die nächste Gelegenheit ergreifen, mit dem Herrn Direktor
-zu sprechen.«</p>
-
-<p>»Da möchte ich Sie doch ganz ergebenst bitten, wenn Sie das
-tun wollen, die Güte zu haben, es lieber nicht zu tun. Eher will
-ich noch annehmen, ich hätte mich getäuscht; obgleich ich mich ganz<span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span>
-gewiß, das heißt, ich will sagen, bitte, sprechen Sie nicht mit dem
-Herrn Direktor!«</p>
-
-<p>»Sobald Sie mich wegen Ihrer verrückten Halluzination anzeigen,«
-sagte Rumpf pathetisch, »sobald wird mein Onkel das
-Seinige tun, um Ihre Intrigen zu hintertreiben! Das versteht sich
-von selbst! Nicht wahr, Onkel?«</p>
-
-<p>Der Onkel nickte.</p>
-
-<p>»Ich sage gar nichts mehr«, erwiderte Quaddler kleinlaut;
-»was man heutzutage alles erlebt …! Nichts für ungut, Herr
-Rat, daß ich Sie hierher bemüht habe. Nehmen Sie's denn
-meinetwegen auf Rechnung meiner Kollation, wie der Herr Rumpf
-sagt, aber ich versichere Sie, wie gesagt, ich sage gar nichts mehr.«</p>
-
-<p>Und hiermit war die Sache erledigt.</p>
-
-<p>Den Rest des Tages verbrachten wir jeder still in seinen vier
-Wänden. Wir mochten doch nicht ein zweites Mal auf Quaddlers
-Halluzinationsfähigkeit spekulieren.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Besuch_im_Karzer">
-<img src="images/illu-163.png" alt="" /><br />
-Der Besuch im Karzer.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-e">Es schlug zwei. Der Direktor des städtischen Gymnasiums,
-<em class="antiqua">Dr.</em> Samuel Heinzerling, wandelte mit der ihm eigenen
-Würde in den Schulhof und erklomm langsam die
-Stiege.</p>
-
-<p>Auf der Treppe begegnete ihm der Pedell, der eben geläutet
-hatte und sich nun in seine Privatgemächer verfügen wollte, wo es
-allerlei häusliche Arbeiten zu erledigen gab.</p>
-
-<p>»Äst nächts vorgefallen, Quaddler?« fragte der Direktor, &ndash;
-den devoten Gruß des Vasallen durch ein souveränes Kopfnicken
-erwidernd.</p>
-
-<p>»Nein, Herr Direktor.«</p>
-
-<p>»Hat der Herr Bibläothäkar noch nächt öber die bewußten
-Bände resolvärt?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Direktor.«</p>
-
-<p>»Goot, so gähen Sä noch heute hinöber und erkondigen Sä
-säch, wä säch diese Angelägenheit verhält … Noch eins. Der
-Prämaner Rompf fehlt seit einigen Tagen. Verfögen Sä säch doch
-einmal in seine Wohnung und öberzeugen Sä säch, ob er wärklich
-krank ist! Ich zweifle fast&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie, Herr Direktor, der Rumpf ist wieder da;
-ich sah ihn vorhin über den Hof kommen.«</p>
-
-<p>»Non, om so bässer.«</p>
-
-<p>Der geneigte Leser verzeihe die eigentümliche Orthographie, mit
-der wir die <span id="corr163">geflügelten</span> Worte des Gymnasialherrschers zu Papier
-bringen. Herr <em class="antiqua">Dr.</em> Samuel Heinzerling sprach allerdings nicht
-ganz so abnorm, als unsere Schreibweise vermuten lassen könnte:<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span>
-allein das deutsche Lautsystem gibt uns kein Mittel an die Hand,
-die spezifisch Heinzerlingsche Klangfarbe genauer zu versinnlichen.
-Ich, der bescheidene Erzähler, habe selber hundertmal den Vorträgen
-des Herrn Direktors in stummer Andacht gelauscht und den
-Heinzerlingschen Vokalismus sozusagen zu meinem Lieblingsstudium
-erhoben. Solange unser armseliges Alphabet nicht eigene Zeichen
-für Zwitterlaute zwischen i und e, zwischen u und o usw. besitzt,
-so lange wird der Historiograph, der sich mit Herrn <em class="antiqua">Dr.</em> Samuel
-Heinzerling beschäftigt, die von uns vorgeschlagene Rechtschreibung
-adoptieren müssen.</p>
-
-<p>Der Herr Direktor sagte also: »Non, om so bässer!« und
-schritt über den langen Korridor den Pforten seiner Prima zu.</p>
-
-<p>Samuel war heute ungewöhnlich früh gekommen. In der
-Regel hielt er an der Theorie des akademischen Viertels fest. Diesmal
-hatte ihn ein häuslicher Zwist, über den wir aus begreiflicher
-Delikatesse den Schleier der Verschwiegenheit breiten, schon vor der
-Zeit aus dem behaglichen Sorgenstuhle getrieben, in welchem er
-seinen nachmittäglichen Kaffee zu schlürfen pflegte. Nur so erklärt
-es sich, daß die Primaner noch nicht daran gedacht hatten, nach
-Art der Gemsen ihre übliche Wache auszustellen.</p>
-
-<p>Der Herr Direktor vernahm bereits auf dem Korridor einen
-Heidenlärm. Vierzig dröhnende Kehlen schrien »Bravo!« und
-»Dakapo!«</p>
-
-<p>Samuel runzelte die Stirn.</p>
-
-<p>Jetzt verstummte das Chorgebrüll, und eine klare, schneidige
-Stimme begann in komischem Pathos:</p>
-
-<p>»Non, wär wollen äß för diesmal goot sein lassen. Sä haben
-säch wäder einmal nächt gehärig vorbereitet, Heppenheimer! Äch
-bän sähr onzofräden mät Ähnen! Sätzen Sä säch!«</p>
-
-<p>Donnernder Applaus.</p>
-
-<p>Der Direktor stand wie versteinert.</p>
-
-<p>Bei den Göttern Griechenlands, &ndash; das war <em class="gesperrt">er selbst</em>, wie
-er leibte und lebte …! Ein wenig karikiert, &ndash; aber doch so
-täuschend ähnlich, daß nur ein Kenner den Unterschied herauszufühlen
-vermochte! Eine solche Blasphemie war denn doch &ndash;
-dem Sprichwort zum Trotze &ndash; noch nicht dagewesen! Ein Schüler<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span>
-erfrechte sich, ihn, den souveränen Beherrscher aller Gymnasialangelegenheiten,
-ihn, den Verfasser der »Lateinischen Grammatik
-für den Schulgebrauch, mit besonderer Rücksicht auf die oberen
-Klassen«, ihn, den renommierten Pädagogen, Ästhetiker und Kantianer,
-von der geweihten Höhe seines eigenen Katheders aus lächerlich zu
-machen! <em class="antiqua">Proh pudor! Honos sit auribus!</em> Das war ein Streich,
-wie er nur in der Seele des Erzspitzbuben Wilhelm Rumpf zur
-Reife gelangen konnte!</p>
-
-<p>»Wollen Sä einmal etwas nähmen, Möricke«, fuhr die
-Stimme des pflichtvergessenen Schülers fort … »Was, Sä send
-onwohl? Gott, wenn mer jonge Leute in Ährem Alter sagen, sä
-send onwohl, so macht das einen sähr öblen Eindruck. Knäbel,
-schreiben Sä einmal äns Tagebooch: ›Möricke, zom Öbersätzen aufgefordert,
-war onwohl&nbsp;…‹«</p>
-
-<p>Jetzt vermochte der Direktor seine Entrüstung nicht länger zu
-bemeistern.</p>
-
-<p>Mit einem energischen Ruck öffnete er die Tür, und trat
-unter die erschrockenen Zöglinge, wie der Leu unter die Gazellenherde.</p>
-
-<p>Er hatte sich nicht getäuscht.</p>
-
-<p>Es war in der Tat Wilhelm Rumpf, der größte Taugenichts
-der Klasse, der sich so frevelhaft an der Majestät vergangen hatte.
-Erst seit vier Wochen zählte dieser Mensch zu Samuel Heinzerlings
-Schülern, und schon gebührte ihm vor allen Bengeln, vom Primus
-bis zum Ultimus, die Krone! Mit hochgezogenen Vatermördern,
-auf der Nase eine große, papierene Brille, in der Linken ein Buch,
-in der Rechten das traditionelle Bleistiftchen haltend, &ndash; so stand
-er auf dem Katheder und wollte eben eine neue Gotteslästerung
-ausstoßen, als der tiefbeleidigte Direktor auf der Schwelle erschien.</p>
-
-<p>»Rompf!« sagte Samuel mit Fassung, &ndash; »Rompf! Sä gähen
-mer zwei Tage än den Karzer. Knäbel, schreiben Sä einmal äns
-Tagebooch: ›Rompf, wegen kändischen, onwördigen Benähmens
-mät zwei Tagen Karzer bestraft.‹ &ndash; Heppenheimer, rofen Sä den
-Pedellen!«</p>
-
-<p>»Aber Herr Direktor …!« stammelte Rumpf, indem er die
-Papierbrille in die Tasche steckte und auf seinen Platz zuschritt.</p>
-
-<p>»Keine Wäderrede!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span></p>
-
-<p>»Aber ich wollte ja nur … ich dachte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Seien Sä ställ, sag' äch Ähnen!«</p>
-
-<p>»Aber erlauben Sie gütigst&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Knäbel, schreiben Sä ein: ›Rompf wägen wädersetzlichen
-Betragens mät einem weiteren Tage Karzer belägt.‹ &ndash; Äch bän's
-möde, mich äwig mät Ähnen heromzoschlagen. Schämen sollten Sä
-säch in den Grond Ährer Sääle hänein! Pfoi, und abermals pfoi!«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Audiatur et altera pars</em>, Herr Direktor. Haben Sie uns
-diese Lehre nicht stets ans Herz gelegt&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Goot! Sä sollen nächt sagen, daß äch meinen Pränzäpien
-ontreu wärde. Was haben Sä zo Ährer Entscholdigong anzoföhren?«</p>
-
-<p>»Ich kann nur versichern, Herr Direktor, daß ich durchaus
-nichts Unziemliches beabsichtigte. Ich gedachte mich lediglich ein
-wenig in der Mimik zu üben.«</p>
-
-<p>»Öben Sä Ähren lateinischen Stäl und Ähre grächische
-Grammatäk!«</p>
-
-<p>»Das tu' ich, Herr Direktor. Aber neben der Wissenschaft
-hat doch auch die Kunst ihre Berechtigung.«</p>
-
-<p>»Das habe äch nä in meinem Läben geleugnet. Wollen Sä
-ätwa Ähre Albernheiten för Konst ausgäben? Jädenfalls äst däse
-Konst sähr brotlos.«</p>
-
-<p>»O, bitte, Herr Direktor!«</p>
-
-<p>»Seien Sä ställ. Wänn Sä so fortfahren, so wärden Sä
-öber korz oder lang Schäffbroch leiden. Knipcke, sehn Sä einmal
-nach, wo der Heppenheimer mit dem Pedellen bleibt.«</p>
-
-<p>»Ach, für diesmal, Herr Direktor«, flüsterte Rumpf in
-schmeichlerischem Tone, &ndash; »für diesmal könnten Sie mir die Strafe
-noch erlassen.«</p>
-
-<p>»Nächts da! Sä gähn än den Karzer. Doch wär wollen
-ons dorch däsen Zwäschenfall än onsrer Arbeit nächt stären lassen.
-Hutzler, repetären Sä einmal&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Herr Direktor, ich war beim Vorübersetzen nicht zugegen.
-Hier ist mein Zeugnis.«</p>
-
-<p>»So! Sä waren wäder einmal krank. Wässen Sä, Hutzler,
-Sä sänd auch öfter krank als gesond&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span></p>
-
-<p>»Leider, Herr Direktor. Meine schwächliche Konstitution&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Schwächläch? Sä, schwächläch? Non, hären Sä einmal,
-Hutzler, äch wollte, jäder Mänsch unter der Sonne wäre so schwächläch
-wä Sä! Faul sänd Sä, aber nächt schwächläch&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Faul? Aber ich kann doch nicht während eines Fieberanfalls&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Äch känne das! Sä wärden wäder einmal zo väl Bär
-getronken haben. Repetären Sä einmal, Gildemeister.«</p>
-
-<p>»Fehlt!« riefen sechs Stimmen zugleich.</p>
-
-<p>Samuel schüttelte mißmutig das Haupt.</p>
-
-<p>»Weiß keiner, warom der Gildemeister fehlt?«</p>
-
-<p>»Er hat Katarrh!« antwortete einer der sechse.</p>
-
-<p>»Katarrh! Wä äch so alt war, hatte äch nämals Katarrh.
-Aber wo bleibt denn der Knipcke und der Heppenheimer? Schwarz,
-gehn Sä einmal hinaus, kommen Sä aber gleich wäder!«</p>
-
-<p>Schwarz ging, und kam nach zehn Minuten mit dem Pedell
-und den beiden Kommilitonen zurück.</p>
-
-<p>»Herr Quaddler war mit Tapezieren beschäftigt«, sagte Heppenheimer
-in achtungsvollem Tone; »er mußte sich erst ein wenig umkleiden.«</p>
-
-<p>»So! und dazo brauchen Sä eine halbe Stonde? Quaddler,
-äch fände, Sä wärden nachlässig äm Dänste!«</p>
-
-<p>»Sie entschuldigen ganz gehorsamst, Herr Direktor, aber die
-Herren sind erst vor zwei Minuten an meine Tür gekommen.«</p>
-
-<p>»Oh!« riefen die drei Primaner wie aus einem Munde.</p>
-
-<p>»Non, äch wäll das nächt weiter ontersochen! Här, nähmen
-Sä einmal da den Rompf ond föhren Sä ähn auf den Karzer.
-Rompf, Sä wärden säch anständig betragen und nächt alle Augenbläcke
-nach dem Pedellen rofen, wä das vor acht Tagen geschehn
-ist. Quaddler, Sä lassen säch durch nächts bestämmen, den Rompf
-auf den Vorflur zo lassen! Wenn ähm wäder schlächt wärd, so
-mag er das Fänster öffnen. Am bästen äst's, Sä sätzen ähm alles
-Nötige hänein in die Zälle, und lassen die Töre ein för allemal
-verschlossen. Freitag abend kömmt er wäder herunter.«</p>
-
-<p>»Schön, Herr Direktor.«</p>
-
-<p>»Das Ässen können Sä säch dorch einen Ährer Freunde besorgen
-lassen. Verstanden?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span></p>
-
-<p>Rumpf nickte.</p>
-
-<p>»So! und non fort mät Ähnen!«</p>
-
-<p>»Es ist also wirklich Ihr Ernst, Herr Direktor, mich für eine
-künstlerische Leistung&nbsp;…«</p>
-
-<p>Samuel Heinzerling lachte mit männlich-pädagogischer Würde.</p>
-
-<p>»Sä sänd ein drolliger Kauz, trotz aller Ährer Ongezogenheiten.
-Aber helfen kann äch Ähnen nächt. Solange Sä mär nächt dartun,
-was Ähre angäbliche könstlerische Leistung notzt und frommt, &ndash;
-ganz abgesehen von Ährer onziemlichen Tendenz, &ndash; so lange
-wärden Sä säch ins Onabänderliche fögen mössen. Machen Sä
-jetzt, daß Sä hänauf kommen!«</p>
-
-<p>Wilhelm Rumpf biß die Lippen aufeinander, machte kehrt und
-verschwand mit Quaddler in der Dämmerung des Korridors.</p>
-
-<p>»Was haben Sie eigentlich verbrochen, Herr Rumpf?« fragte
-der Pedell, als sie die Treppe hinanschritten.</p>
-
-<p>»Nichts.«</p>
-
-<p>»Aber verzeihen Sie gütigst, Sie müssen doch was gemacht haben?«</p>
-
-<p>»Ich habe nur das getan, was der Direktor beständig tut.«</p>
-
-<p>»Woso?«</p>
-
-<p>»Nun, geben Sie einmal wohl acht: Sähen Sä, mein läber
-Quaddler, der Rompf ist ein Taugenächts und verdänt eine
-exemplarische Zächtigong.«</p>
-
-<p>»Herr Gott meines Lebens!« stammelte der Pedell, beide Hände
-über dem Kopf zusammenschlagend. »Nein, wer mir gesagt hätte,
-daß so etwas möglich sei … Aber das ist ja ordentlich graulich,
-Herr Rumpf! Weiß der ewige Himmel, wenn ich Sie nicht mit
-meinen eigenen Augen vor mir sähe, ich würde schwören, des gestrengen
-Herrn Direktors persönliche Stimme gehört zu haben!
-Tausend noch 'mal, das muß ich sagen! Sie können's noch weit
-bringen in der Welt! Wissen Sie, da war ich einmal drüben bei
-Lotz in der Bierstube, da war auch so ein Zauberkünstler, der machte
-Ihnen alles nach, was Sie wollten, Vogelgezwitscher und Pferdewiehern,
-Hundegebell und Hochzeitspredigten. Aber so wie Sie hat
-er mich doch nicht aus Rand und Band gebracht!«</p>
-
-<p>»Glaub's, glaub's, läber Quaddler!« versetzte Rumpf, immer
-noch den Direktor imitierend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span></p>
-
-<p>»Und das haben Sie in seiner Gegenwart aufgeführt? Nein,
-hören Sie einmal, nichts für ungut Herr Rumpf, aber alles am
-rechten Ort. So was geziemt sich nicht, und der Herr Direktor
-haben alle Ursache, im höchsten Grade ungehalten zu sein.«</p>
-
-<p>»Meinen Sä?«</p>
-
-<p>»Ich muß Sie recht schön bitten, Ihr Spiel jetzt sein zu
-lassen. Es verträgt sich nicht mit dem Ernst meines Amtes.
-Wollen Sie gefälligst hier hereinspazieren!«</p>
-
-<p>»Mät Vergnögen&nbsp;…!«</p>
-
-<p>»Herr Rumpf, ich werde dem Herrn Direktor sagen, Sie hätten
-noch nicht genug an der Ihnen diktierten Strafe&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was gäht Sä meine Strafe an, Sä alter, närrischer
-Quaddler!«</p>
-
-<p>»Was mich Ihre Strafe angeht? Nichts! Aber es geht mich
-viel, sehr viel an, ob Sie fortfahren, den Herrn Direktor in
-respektwidriger Weise zu verspotten.«</p>
-
-<p>»Ich kann machen, was äch will.«</p>
-
-<p>»Das können Sie nicht.«</p>
-
-<p>»Doch, Quaddler. Äch kann sprechen, wä mär's paßt, und
-wäm's nächt gefällt, der dröckt säch oder hält säch die Ohren zo.«</p>
-
-<p>»Nun, warten Sie!«</p>
-
-<p>»Worauf?«</p>
-
-<p>»Ich werde dem Herrn Direktor Bericht erstatten.«</p>
-
-<p>»Sagen Sie einen schönen Gruß von mir.«</p>
-
-<p>»Sie werden sich wundern.«</p>
-
-<p>Quaddler drehte den Schüssel um und tappte langsam die
-Treppe hinunter.</p>
-
-<p>Im Saale der Prima ward inzwischen eifrig Sophokles interpretiert.
-Heppenheimer verdeutschte gerade zum größten Jubel der
-übermütigen Sippe das Wehgeschrei des unglücklichen Philoktetes:</p>
-
-<p class="center">
-»Ai, ai, ai, ai&nbsp;…«
-</p>
-
-<p>Der Direktor Samuel Heinzerling fiel ihm in die Rede.</p>
-
-<p>»Sagen Sä ›Au, au, au, au‹. Das ›Ai‹ als Interjektion
-des Schmerzes äst sprachwädrig.«</p>
-
-<p>»Ich dachte, ›Au‹ sei bloß bei körperlichen Schmerzen gebräuchlich«,
-bemerkte Heppenheimer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span></p>
-
-<p>»Non, dänken Sä välleicht, Philoktet habe bloß geistig gelätten?
-Sä scheinen mer den Gang der Tragödie ohne sonderliche Aufmerksamkeit
-verfolgt zu haben.«</p>
-
-<p>»Herr Direktor, es klopft!« sagte Knebel.</p>
-
-<p>»Sähn Sä einmal nach, Knipcke!«</p>
-
-<p>Knipcke eilte, zu öffnen.</p>
-
-<p>»Was? Sä, Quaddler? Warom stören Sä ons schon wäder?
-Fassen Sä säch korz!«</p>
-
-<p>»Ich wollte mir gütigst erlauben, ergebenst zu vermerken, der
-Primaner Rumpf spricht noch immer so, wie von wegen weshalb
-Sie ihn bestraft haben.«</p>
-
-<p>»Was? Er sätzt die Komödie fort? Non, äch wärde die
-erforderlichen Maßregeln zu ergreifen wässen! Knäbel, schreiben
-Sä einmal ein, &ndash; oder nein, lassen Sä's läber! Es äst goot,
-Quaddler. Heppenheimer, fahren Sä fort. Also: ›Au, au, au,
-au,‹ nächt: ›Ai, ai, ai, ai‹. Das Folgende können Sä etwa mät:
-›Ach, ihr äwigen Götter!‹ oder mät ›Allmächtiger Hämmel!‹
-wädergeben!«</p>
-
-<p>Heppenheimer erledigte sein Pensum zu des Direktors leidlicher
-»Zofrädenheit«. Nach ihm übersetzte Schwarz »ongenögend«. Dann
-erscholl Quaddlers Klingel. Der Verfasser der lateinischen Grammatik
-für den Schulgebrauch erklärte den Unterricht für geschlossen. In
-der Tür erschien Doktor Klufenbrecher, der Mathematiklehrer, der
-die Prima von drei bis vier über die Geheimnisse der analytischen
-Geometrie zu unterhalten hatte. Samuel Heinzerling reichte dem
-»geschätzten Herrn Kollegen« herablassend, aber nicht ohne ein gewisses
-humanes Wohlwollen, die grübchenreiche Rechte und verfügte
-sich dann nach dem Direktorialzimmer, wo er sich nachdenklich
-auf seinem Amts- und Dienstsessel niederließ.</p>
-
-<p>Quaddler ging inzwischen ans Werk, die freie Stunde gehörig
-auszunutzen. Rüstig stülpte er den Pinsel in den Kleistertopf und
-bestrich eine Tapetenbreite nach der anderen mit duftender Klebematerie.</p>
-
-<p>Wilhelm Rumpf aber saß gähnend auf der Pritsche und versicherte
-im Selbstgespräch, er sei das Gymnasium mit seinen unmotivierten
-Freiheitsbeschränkungen bis über die Ohren müde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span></p>
-
-<p>Herr Samuel Heinzerling kraute sich jetzt in den Locken, rückte
-die große Brille mit den runden Gläsern zurecht und schüttelte zwei-,
-drei-, viermal das pädagogische Haupt.</p>
-
-<p>»Ein mäserabler Jonge, dieser Rompf!« murmelte er vor sich
-hin … »Aber äch glaube fast, auf dem Weg der Güte äst mähr
-bei ihm auszurichten, als mit Gewalt und Strenge. Äch wäll ähm
-einmal ärnst-nachdrocksamst ins Gewässen räden! Schade ohm ähn!
-Er gehört zo meinen begabtesten Schölern!«</p>
-
-<p>Er klingelte.</p>
-
-<p>Nach drei Minuten erschien Anny, Quaddlers sechzehnjährige
-Tochter. Sie war augenscheinlich im Begriff, einen Ausgang zu
-machen; dafür sprach das kokette Federhütchen, das sich anmutig
-auf ihren dunklen Locken wiegte, und das bunte Schaltuch, das
-ihre vollen Schultern umfing.</p>
-
-<p>»Sie befehlen, Herr Direktor?« fragte sie mit einer graziösen
-Verbeugung.</p>
-
-<p>»Wo ist Ihr Vater?« flüsterte Samuel mit einer für seine
-Verhältnisse außerordentlich reinen Aussprache des »i«.</p>
-
-<p>»Er kleistert. Haben Sie etwas zu besorgen, Herr Direktor?«</p>
-
-<p>»So, er kleistert. Na, dann wäll äch ähn nächt stören in seiner
-Kleisterei. Es äst nächts Besonderes, Anny. Der Karzerschlössel stäckt ja?«</p>
-
-<p>»Ich werde einmal gleich fragen, Herr Direktor.«</p>
-
-<p>Wie ein Reh eilte das Mädchen die Treppe hinunter. Nach
-wenigen Sekunden war sie wieder zur Stelle.</p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Direktor, die Schlüssel stecken, sowohl der zum
-Vorflur, wie der zur Zelle. Befehlen Sie sonst etwas?«</p>
-
-<p>»Nein, äch danke.«</p>
-
-<p>Anny verabschiedete sich. Lächelnd blickte Samuel ihr nach.</p>
-
-<p>»Ein reizendes Känd!« murmelte er vor sich hin. »Ich gäbe väl
-darom, wenn meine Winfriede nur halb so väl <em class="antiqua">savoir vävre</em> besäße
-&ndash; von Ismenen ganz zo geschweigen. Däser Quaddler äst
-ein <em class="antiqua">paganus</em>, ein <em class="antiqua">homo incultus</em>, und dessenohngeachtet verstäht er
-es, eine Charitin groß zo zähen, während äch, der feingebäldete
-Kenner des klassischen Altertoms, äch, der <em class="antiqua">homo, coi näl homani
-alienom äst</em>, nächt ämstande bän, eine meines Bäldongsgrades
-wördige Nachkommenschaft zo erzielen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span></p>
-
-<p>Er strich sich einigemal über das glattrasierte Kinn, nahm
-dann seinen Hut vom Tisch und klomm die Stiege zum Karzer hinan.</p>
-
-<p>Wilhelm Rumpf war höchlich überrascht, als sich schon nach
-so kurzer Gefangenschaft die Tür in den Angeln drehte. Sein
-Staunen erreichte jedoch den Zenitpunkt, als er in dem unerwarteten
-Besucher den Direktor Samuel Heinzerling erkannte.</p>
-
-<p>»Non, Rompf?« sagte der ehrenfeste Pädagoge.</p>
-
-<p>»Was wünschen Sie, Herr Direktor?« entgegnete der Schüler
-im Tone einer resoluten Verstocktheit.</p>
-
-<p>»Äch wollte mäch einmal erkondigen, ob Sä in säch gähn und
-einsähn, daß solche Puerilitäten der Aufgabe des Gymnasiums und
-dem in däsen Mauern herrschenden Geiste vollständig zowäder
-laufen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich bin mir nicht bewußt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was, Rompf? Sä wollen säch noch auf die Hänterbeine
-stellen? Sähn Sä einmal, was wörden Sä wohl sagen, wenn Sä
-an meiner Stelle wären? Wörden Sä nächt däsen onartigen,
-öbermötigen Wälhelm Rompf aus Gamsweiler noch ganz anders
-bei den Ohren nähmen? Hä?«</p>
-
-<p>»Herr Direktor&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das sänd doch Kändereien, wä man sä einem anständigen
-jongen Mann aus gooter Famälie nächt zotraut! Wässen Sä was?
-Beim nächsten dommen Streich wärde äch Sä relegären!«</p>
-
-<p>»Relegieren&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Ja, Rompf! Relegären! Drom gähn Sä än säch und lassen
-Sä dä Ongezogenheiten, die Ähnen wahrhaftig keine Ehre machen …
-Äch wäderhole Ähnen: sätzen Sä säch einmal an meine Stelle!&nbsp;…«</p>
-
-<p>Wilhelm Rumpf ließ das Haupt nachdenklich auf die Brust
-sinken. Er fühlte, daß die angedrohte Relegation nur noch eine
-Frage der Zeit sei. Mit einemmal zuckte ein diabolischer Gedanke
-durch sein Gehirn.</p>
-
-<p>»Wenn ich denn einmal fortgejagt werden soll,« sprach er zu
-sich selbst, »so mag es denn auch mit Eklat geschehen!«</p>
-
-<p>Er lächelte, wie der verbrecherische Held eines Sensationsromanes
-nach gelungener Missetat zu lächeln pflegt, und sagte im Tone einer
-beginnenden Zerknirschung:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span></p>
-
-<p>»Sie meinen, Herr Direktor, ich solle mich an Ihre Stelle
-versetzen&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Ja, Rompf, das meine äch.«</p>
-
-<p>»Gut, wenn Sie's denn nicht anders haben wollen, so wünsche
-ich viel Vergnügen!«</p>
-
-<p>Und damit sprang er zur Tür hinaus, drehte den Schlüssel
-um und überließ den armen Direktor seinem unverhofften Schicksale.</p>
-
-<p>»Rompf! Was fällt Ähnen ein! Äch relegäre Sä noch heute!
-Wollen Sä augenbläckläch öffnen! Augenbläckläch, sage äch!«</p>
-
-<p>»Äch gäbe Ähnen härmät zwei Stonden Karzer«, antwortete
-Rumpf mit Würde. »Sä haben sälbst gesagt, äch solle mäch an
-Ähre Stelle versätzen.«</p>
-
-<p>»Rompf! Es geschäht ein Onglöck! Ein Onglöck, sage äch!
-Öffnen Sä! Äch befähle es Ähnen!«</p>
-
-<p>»Sä haben nächts mähr zo befählen! Äch bän gägenwärtäg
-där Därektor! Sä sänd der Prämaner Rompf! Seien Sä ställ!
-Äch dolde keine Wäderräde!«</p>
-
-<p>»Läber Rompf! Äch wäll's Ähnen för däsmal noch verzeihen.
-Bitte, machen Sä höbsch auf. Sä sollen mät einer gelinden Strafe
-dorchkommen. Sä sollen nächt relegärt werden. Ich verspreche es
-Ähnen! Hären Sä?«</p>
-
-<p>Der »läbe Rompf« hörte nicht. Er hatte sich leise über den
-Vorflur geschlichen und eilte jetzt die Treppe hinab, um siegreich
-zu entweichen.</p>
-
-<p>Als er an der Tür des Pedells vorüber kam, packte ihn eine
-prickelnde Idee.</p>
-
-<p>Er legte das Auge ans Schlüsselloch. Quaddler stand just
-auf der Leiter, den Rücken nach der Pforte gekehrt, und mühte sich,
-einen schwer bekleisterten Tapetenstreifen an die Wand zu kleben.
-Wilhelm Rumpf klinkte ein wenig auf und rief mit dem schönsten
-Heinzerlingschen Akzent, der ihm zu Gebote stand, ins Zimmer:</p>
-
-<p>»Äch gehe jetzt, Quaddler. Beobachten Sä mär den Rompf.
-Der Mänsch beträgt säch wä onsännäg. Er erfrächt säch noch
-ämmer, seine ämpärtänenten Spälereien zu treiben. Bleiben Sä
-jetzt nor rohig auf Ährer Leiter. Äch wollte Ähnen nor noch sagen,
-daß Sä ähm onter keiner Bedängong öffnen! Der Borsche wäre<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span>
-ämstande, Sä öber den Haufen zo rännen und &ndash; mär nächts,
-där nächts &ndash; dorchzogehn! Hären Sä, Quaddler?«</p>
-
-<p>»Wie Sie befehlen, Herr Direktor. Entschuldigen Sie nur
-gütigst, daß ich hier oben&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sä sollen rohig bleiben, wo Sä sänd, ond Ähre Kleisterei erst
-fertig machen. Adiö!«</p>
-
-<p>»Ganz gehorsamster Diener, Herr Direktor.«</p>
-
-<p>Wilhelm Rumpf stieg nunmehr die Treppe wieder hinan und
-betrat die Regionen des Karzers.</p>
-
-<p>Samuel Heinzerling tobte fürchterlich. Jetzt schien er auch die
-Klingel zu entdecken, denn in demselben Augenblicke, da Rumpf sich
-hinter einen gewaltigen Kleiderschrank der Pedellfamilie barg,
-erscholl ein wütendes Geläute, gell und schrill, wie das Kreischen
-empörter Wald- und Wasserteufel.</p>
-
-<p>»Zo Hölfe!« stöhnte der Schulmann, &ndash; »zo Hölfe! Quaddler,
-äch bränge Sä von Amt ond Brot, wänn Sä nächt augenbläckläch
-herauf kommen! Zo Hölfe! Foier! Foier! Mord! Gewalttat! Zo Hölfe!«</p>
-
-<p>Der Pedell, durch das unausgesetzte Geklingel an seinen Beruf
-gemahnt, verließ seine Privatbeschäftigung und erschien auf dem
-Vorflur des Gefängnisses. Der heimtückische Primaner schmiegte sich
-fester in sein Versteck. Samuel Heinzerling hatte sich erschöpft auf
-die Pritsche gesetzt. Sein Busen keuchte; seine Nasenflügel arbeiteten
-im Tempo eines rüstigen Blasebalgs.</p>
-
-<p>»Herr Rumpf«, sagte Quaddler, indem er wie warnend wider
-die Tür der Zelle pochte, »es wird alles notiert!«</p>
-
-<p>»Gott sei Dank, Quaddler, daß Sä da sänd! Öffnen Sä mär!
-Däser mäserable Kärl sperrt mäch här ein … Es äst hämmelschreiend!«</p>
-
-<p>»Ich sage Ihnen, Herr Rumpf, die Späße werden Ihnen
-schlecht bekommen! Und daß Sie den Herrn Direktor einen miserablen
-Kerl nennen, das werd' ich mir besonders vermerken!«</p>
-
-<p>»Aber Quaddler, sänd Sä denn verröckt?« eiferte Samuel im
-Tone der höchsten Entrüstung. »Zom Henker, äch sage Ähnen ja,
-daß der Rompf, der elende Gesälle, mäch här eingespärrt hat, als
-äch ähn besochen und ähm äns Gewässen räden wollte! Machen
-Sä jätzt keine Omstände. Öffnen Sä!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span></p>
-
-<p>»Sie müssen mich für sehr dumm halten, Herr Rumpf. Der
-Herr Direktor hat eben noch mit mir gesprochen und mir strengstens
-anbefohlen, Sie unter keiner Bedingung heraus zu lassen. Und nun
-betragen Sie sich anständig und lassen Sie das Klingeln, sonst
-häng' ich die Schelle ab.«</p>
-
-<p>»Quaddler, äch bränge Sä äns Zochthaus wägen wäderrechtlicher
-Freiheitsberaubung.«</p>
-
-<p>»Hören Sie einmal, wissen Sie, wenn ich mir eine Bemerkung
-erlauben darf, so ist das ewige Nachahmen des Herrn Direktors
-recht kindisch, nehmen Sie mir's nicht übel. Es ist wahr, der Herr
-Direktor sprechen ein wenig durch die Nase, aber so ein dummes
-Geklöne, wie Sie's da zusammenquatschen, so machen's der Herr
-Direktor noch lange nicht. Und nun sag' ich Ihnen zum letztenmal,
-verhalten Sie sich ruhig, und benehmen Sie sich, wie es sich
-geziemt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber äch wäderhole Ähnen auf Ähre ond Sälägkeit, der
-schändläche, näderträchtäge Borsche hat den Schlössel hänter mär
-heromgedreht, ähe äch noch woßte, was er vor hatte! Quaddler!
-Mänsch! Äsel! Sä mössen mäch doch erkännen! Tun Sä doch Ähre
-Ohren auf!«</p>
-
-<p>»Was? Esel nennen Sie mich? Mensch nennen Sie mich? Ei,
-wissen Sie was, da fragt sich's doch noch sehr, wer von uns beiden
-der größte Mensch und der größte Esel ist. So was lebt nicht.
-Nennt so ein grüner Junge einen alten, ehrlichen Mann einen Esel!
-Selbst Esel! … Verstehen Sie mich? Aber warten Sie nur!«</p>
-
-<p>»Ein Äsel sänd Sä ond ein Ochse dazo!« stöhnte Heinzerling
-verzweifelnd. »Sä wollen also nächt öffnen?«</p>
-
-<p>»Ich denke nicht daran.«</p>
-
-<p>»Goot! Sehr goot!« ächzte der Schulmann mit verlöschender
-Stimme. »Sehr goot! Äch bleibe also äm Karzer! Hären Sä,
-Quaddler? Äch bleibe äm Karzer!«</p>
-
-<p>»Es soll mich freuen, wenn Sie zur Vernunft kommen. Aber
-nun lassen Sie mich ungeschoren. Ich habe mehr zu tun, als Ihre
-Possen mit anzuhören!«</p>
-
-<p>»Quaddler!« rief Samuel wieder heftiger. »Äch sitze rohig
-Stonde för Stonde ab! Verstähen Sä? Stonde för Stonde! Wä<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span>
-ein ongezogener Jonge erdolde äch däse empörende Schmach! Hären
-Sä, Quaddler?«</p>
-
-<p>»Ich gehe jetzt. Arbeiten Sie was.«</p>
-
-<p>»Heiliger Hämmel, mär schwändelt der Verstand! Bän äch
-denn wärklich toll geworden! Mänsch, so gocken Sä doch wänägstens
-einmal dorchs Schlösselloch! Dann wärden Sä ja sehen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Jawohl, damit Sie mir in die Augen blasen, wie neulich!
-Das fehlte mir noch!&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Non denn, so gehn Sä zom Teufel. Mät der Dommheit
-kämpfen Götter sälbst vergäbens! Aber komm' äch Ähnen heraus!
-komm äch Ähnen heraus! Äch gäb's Ähnen schriftlich: Sä sänd
-zom längsten Pädäll gewäsen!«</p>
-
-<p>Quaddler tappte ärgerlich die Stiege hinunter. Dieser Rumpf
-war wirklich ein Ausbund von Impertinenz! Esel hatte er ihn
-genannt: Donner und Doria! Seit Frau Kathinka Quaddler das
-Zeitliche gesegnet, war dergleichen nicht vorgekommen&nbsp;…!</p>
-
-<p>Ja, ja, die Herren Primaner!</p>
-
-<p>Samuel Heinzerling maß inzwischen mit großen Schritten die
-Zelle. Seine ganze Erscheinung gemahnte an den afrikanischen
-Löwen, den menschliche Gewinnsucht in den Käfig gebannt, ohne
-die stolze, urwüchsige Kraft seiner edlen Natur brechen zu können.
-Die Hände auf dem Rücken, das Haupt mit der grauen Mähne
-wehmütig auf die rechte Schulter geneigt, die Lippen fest aufeinander
-gepreßt, &ndash; so wandelte er auf und nieder, auf und nieder, &ndash; die
-düstersten, menschenfeindlichsten Gedanken im Gemüte wälzend.</p>
-
-<p>Plötzlich spielte ein breites Vollmondslächeln über seine Züge.</p>
-
-<p>»Es äst ond bleibt doch komäsch!« murmelte er vor sich hin.
-»Wahrhaftig! Wenn äch nächt so onmättelbar bei der Geschächte
-beteiligt wäre, äch könnte sä amösant fänden&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er blieb stehen&nbsp;…</p>
-
-<p>»Gereicht mär däse Öberlistung eigentlich zur Schande? Pröfe
-däch, Samoel! Hat nächt ein bekannter Könäg dem Diebe, der
-ihm eine Uhr stehlen wollte, eigenhändig die Leiter gehalten? Äst
-nächt selbst Först Bäsmarck von boshafter Hand ränkevollerweise
-eingerägelt worden? Hondert andrer Fälle nächt zo gedänken!
-Ond doch begägnet die Wältgeschächte besagtem König mät Hochachtong.<span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span>
-Ond doch gilt Först Bäsmarck nach wä vor för den
-bedeutendsten Däplomaten Europas! Nein, nein, Samoel! Deine
-Wörde als Scholmann, als Börger, als gebäldeter Denker leidet
-nächt äm gerängsten onter däser peinlichen Sätoation! Berohäge
-Däch, Samoel&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er setzte seine Promenade in befriedigter Stimmung fort. Bald
-aber unterbrach er sich von neuem.</p>
-
-<p>»Aber meine Prämaner!« stammelte er erbleichend. »Wenn
-meine Prämaner erfahren, daß äch auf dem Karzer gesässen habe!
-Onerträglächer Gedanke! Meine Autorätät wäre ein för allemal
-dahän! Ond sä <em class="gesperrt">wärden</em> es erfahren! Sä <em class="gesperrt">mössen</em> es erfahren!
-Äch bän ein för allemal däskredätärt! O ähr Götter, warom habt
-ähr mär das getan!«</p>
-
-<p>»Herr Direktor,« flüsterte jetzt eine wohlbekannte Stimme an
-der Zellentür … »Sie sind noch lange nicht diskreditiert! Ihre
-Autorität steht noch in vollem Flore&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Rompf!« stammelte Samuel. &ndash; »Schändlicher, gottvergeßner
-Mänsch! Öffnen Sä! Augenbläcklich! Betrachten Sä säch als
-moraläsch geohrfeigt! Sähen Sä säch för dreifach relegärt an!«</p>
-
-<p>»Herr Direktor, ich komme, um Sie zu retten! Beleidigen Sie
-mich nicht!«</p>
-
-<p>»Zo rätten? Welche Onverschämtheit! Aufmachen sollen Sä,
-oder&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wollen Sie mich ruhig anhören, Herr Direktor? Ich versichere
-Sie, alles wird sich ausgleichen.«</p>
-
-<p>Samuel überlegte.</p>
-
-<p>»Goot«, sagte er endlich. »Äch wäll mäch herablassen …
-Räden Sä&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sehen Sie, ich wollte Ihnen nur zeigen, daß meine Kunst
-doch nicht so ganz ohne praktische Bedeutung ist … Verzeihen
-Sie, wenn ich dabei scheinbar die vorzügliche Hochachtung und
-Verehrung verletzen mußte, die ich Ihnen aus vollstem Herzen zu
-zollen mir freudig bewußt bin.«</p>
-
-<p>»Sä sänd ein Schelm, Rompf!«</p>
-
-<p>»Herr Direktor … Wie wär's, wenn Sie mir die Karzerstrafe
-erließen, die Drohung betreffs der Relegation zurücknähmen und<span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span>
-mir erlaubten, über alles Vorgefallene das strengste Stillschweigen
-zu beobachten&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Das gäht nächt! … Ähre Strafe mössen Sä absitzen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»So? Na, dann leben Sie wohl, Herr Direktor. Klingeln
-Sie nicht zu viel!«</p>
-
-<p>»Rompf! Hären Sä doch! Äch wäll Ähnen was sagen … Rompf!«</p>
-
-<p>»Bitte&nbsp;…!«</p>
-
-<p>»Sä sänd in välen Bezähungen ein ongewöhnlächer Mänsch,
-Rompf … ond da wäll äch einmal eine Ausnahme machen …
-Öffnen Sä nor!«</p>
-
-<p>»Erlassen Sie mir die Karzerstrafe?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Werden Sie mich relegieren?«</p>
-
-<p>»Nein, än Teufels Namen.«</p>
-
-<p>»Geben Sie mir Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!«</p>
-
-<p>»Rompf, was onterstähn Sä säch&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!«</p>
-
-<p>»Goot! Sä haben's!«</p>
-
-<p>»Jupiter Ultor ist Zeuge.«</p>
-
-<p>»Was?«</p>
-
-<p>»Ich rufe die Götter zu Zeugen an.«</p>
-
-<p>»Machen Sä auf!«</p>
-
-<p>»Gleich, Herr Direktor. Sie tragen mir's aber auch ganz gewiß
-nicht nach?«</p>
-
-<p>»Nein, nein, nein! Wärden Sä mäch non bald heraus lassen?«</p>
-
-<p>»Sie erteilen mir volle Absolution?«</p>
-
-<p>»Ja, onter der Bedängung, daß Sä nämandem erzählen, wä
-schwär Sä säch vergangen haben. Ich habe Ähnen ja gesagt, äch
-halte Sä för einen ongewöhnlächen Mänschen, Rompf&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich danke Ihnen für die gute Meinung. Mein Ehrenwort: so
-lange Sie Direktor des städtischen Gymnasiums und Ordinarius der
-Prima sein werden, soll keine verräterische Silbe über meine Lippen
-gleiten!«</p>
-
-<p>Und damit drehte er den Schlüssel um und öffnete&nbsp;…</p>
-
-<p>Wie der Uhlandsche König aus dem Turme, so stieg Samuel
-Heinzerling an die freie Himmelsluft. Tief holte er Atem. Dann<span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span>
-strich er sich mit der Rechten über die Stirn, als ob er sich
-besinne&nbsp;…</p>
-
-<p>»Rompf,« sagte er, »äch verstehe Spaß … Aber … nächt
-wahr, Sä tun mer den Gefallen, mäch nächt wäder mimisch zo
-kopären? Sä … Sä machen dä Geschächte zo ähnläch!«</p>
-
-<p>»Ihr Wunsch ist mir Befehl!«</p>
-
-<p>»Goot!! Ond non machen Sä, daß Sä hänonter kommen. Es
-äst noch nächt drei Värtel. Sä können noch am Onterrächt teilnehmen!«</p>
-
-<p>»Aber würde man nicht stutzen, Herr Direktor? Jedermann
-weiß, daß Sie mir drei Tage Karzer diktiert haben&nbsp;…!«</p>
-
-<p>»Goot! Äch gähe mät Ähnen.«</p>
-
-<p>So eilten sie selbander die Treppe hinab.</p>
-
-<p>»Quaddler!« rief der Direktor ins Erdgeschoß.</p>
-
-<p>Der Pedell erschien an der untersten Windung und fragte dienstbeflissen,
-was der Gebieter zu verlangen geruhe.</p>
-
-<p>»Äch habe dem Rompf aus verschädnen Grönden dä drei Tage
-geschenkt«, sagte Samuel.</p>
-
-<p>»Ah …! <em class="gesperrt">Drum</em> sind der Herr Direktor noch einmal zurückgekommen
-… Hm … Ja, aber was ich sagen wollte, der Herr
-Rumpf war gar nicht ruhig in seiner Zelle. Nichts für ungut, Herr
-Direktor, aber er hat geschimpft wie ein Rohrspatz&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Lassen Sä's goot sein, Quaddler. Äch wäll däsmal aus ganz
-besonderen Motäven Gnade för Recht ergehen lassen. Sä können
-den Karzerschlössel abzähen!«</p>
-
-<p>Quaddler schüttelte befremdet das Haupt.</p>
-
-<p>»So!« sagte Samuel. »Ond non kommen Sä mät nach der
-Präma, Rompf!«</p>
-
-<p>Sie wandelten über den Korridor dem Schulsaale zu. Der
-Direktor klopfte.</p>
-
-<p>»Entscholdigen Sä, Herr Kollege,« flüsterte er eintretend im
-weichsten Moll, dessen sein würdevolles Organ fähig war … »äch
-bränge da den Rompf wäder. Knebel! … Sä erlauben doch, läber
-Herr Klufenbrecher …? Knebel! Schreiben Sä äns Tagebooch:
-›Man sah säch bewogen, dem Rompf än Anbetracht seines aufrächtäg
-reuägen Benähmens dä än der vorägen Stonde däktärte Karzerstrafe<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span>
-zo erlassen.‹ … So! Ond non wäll äch nächt weiter stören, verehrter
-Herr Kollege … Haben Sä's, Knebel? … ›däktärte Karzerstrafe
-zo erlassen&nbsp;…‹«</p>
-
-<p>»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Direktor?« fragte der
-höfliche Mathematiker.</p>
-
-<p>»Äch danke verbändlichst, äch habe för heute genog gesässen …
-Rompf, äch erwarte, daß Sä das Gelöbnis der Bässerung in jäder
-Hänsächt erföllen. Adieu, Herr Kollege.«</p>
-
-<p>Sprach's und verschwand in den labyrinthischen Gängen des
-Schulgebäudes.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>&ndash; &ndash; Wilhelm Rumpf hielt sein Versprechen aufs gewissenhafteste.</p>
-
-<p>Er kopierte von jetzt ab nur noch die übrigen Lehrer: Samuel
-Heinzerlings geweihte Persönlichkeit war ihm heilig und unverletzlich.</p>
-
-<p>Auch bewahrte er das unverbrüchlichste Stillschweigen, bis der
-Direktor im Herbste desselbigen Jahres auf wiederholtes Ansuchen
-in den Ruhestand versetzt wurde.</p>
-
-<p>Erst dann erfuhr die jauchzende Prima den Hergang jener
-unerwarteten Versöhnung.</p>
-
-<p>Rumpfs »aufrächtäge Reue« war für die lachlustige Bevölkerung
-des Städtchens eine Quelle unendlicher Heiterkeit. Unter denen, die
-sich am meisten über die Farce amüsierten, befand sich der joviale
-Direktor Samuel Heinzerling, der treffliche Autor der lateinischen
-Schulgrammatik.</p>
-
-<p>Möge es ihm vergönnt sein, noch recht oft beim schäumenden
-Glase zu erzählen, wie er den gottlosen Schelm »Wälhälm Rompf«
-auf dem Karzer besuchte … »Rompf« seinerseits wird jenes schöne
-Rencontre im Gebiete Quaddlers nie vergessen, und sollte er so alt
-werden wie Grillparzer.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span></p>
-
-<h2 id="Samuel_Heinzerlings_Tagebuch">
-<img src="images/illu-181.png" alt="" /><br />
-Samuel Heinzerlings Tagebuch.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">Die sympathische Teilnahme, die sich mein unvergeßlicher
-Lehrer <em class="antiqua">Dr.</em> Samuel Heinzerling im deutschen Vaterlande
-zu erwerben wußte, hat mich veranlaßt, die Papiere
-meiner Schuljahre aufs neue zu durchblättern und nach
-Zügen zu forschen, die das erhabene Bild des trefflichen Schulmannes
-vervollständigen und vertiefen könnten. Werden doch neuerdings
-Charaktere, die sich nicht annähernd der Popularität Samuel
-Heinzerlings rühmen können, &ndash; <em class="antiqua">most popular</em> nannte ihn erst
-kürzlich die Londoner »<em class="antiqua">Public Opinion</em>«, &ndash; werden doch literarische
-Größen, um die sich keine Seele mehr kümmert, in ausführlichen
-Biographien erörtert und bis auf die Eigentümlichkeiten ihrer Fleischerrechnungen
-und Einladungskarten seziert: weshalb sollte nicht ein
-Mann von der Bedeutung Samuel Heinzerlings die gleiche Pietät
-von seinem Geschichtschreiber beanspruchen dürfen?</p>
-
-<p>Es fällt mir da ein Heft in die Hände, auf dessen Titelseite
-in großen Lettern die Worte prangen: »Geographie. Nachgeschrieben
-in den Lehrstunden des Herrn Direktor Samuel Heinzerling.
-Dienstags und Donnerstags von zwei bis drei. Sommersemester.«</p>
-
-<p>Was ich dem Leser im nachstehenden mitzuteilen gedenke, ist
-seinem wesentlichen Inhalte nach diesem Hefte entlehnt. Nur hin
-und wieder hat die Erinnerung einige Linien ergänzt.</p>
-
-<p>Es war gegen Ende Mai. Samuel Heinzerling hatte uns eine
-Schilderung der politischen und sozialen Verhältnisse von Paris geliefert.
-Der eigentliche Geographie-Unterricht wurde bereits in den
-unteren Klassen erledigt: in Prima gab man unseren Kenntnissen
-nur die letzte Retouche. Samuel Heinzerling legte daher einen<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span>
-besonderen Wert auf das Kolorit. Er wünschte, uns das großstädtische
-Leben und Treiben, die tausendfältig sich kreuzenden
-Tendenzen einer rastlos jagenden Bevölkerung, die Schwierigkeiten
-und Wirrnisse eines so ungeheuren Gemeinwesens und ganz besonders
-den Kontrast zwischen der ruhigen Beschaulichkeit einer
-deutschen Kleinstadt und dem fiebernden Chaos der modernen Babel
-»plastäsch vor dä Sääle zo föhren«.</p>
-
-<p>Beim Beginn der Lehrstunde, von der ich berichten will, trat
-er mit würdevoller Langsamkeit in das Schulzimmer, &ndash; noch
-würdevoller und langsamer als gewöhnlich. Auf dem Katheder angelangt,
-zog er einen Stoß vergilbter Blätter aus der Tasche,
-breitete sie sorgfältig vor sich aus und begann dann mit einer
-gewissen jungfräulichen Verlegenheit:</p>
-
-<p>»Zor Vervollständägong des Bäldes, das äch än der vorägen
-Stonde vor Ähren Bläcken entrollt habe, wäll äch Ähnen heute
-einige charakterästäsche Stellen aus meinem Paräser Tagebooch vorlesen,
-das äch vor nonmehr säbzehn Jahren während eines fönfwöchentlächen
-Aufenthaltes än der französäschen Hauptstadt verfaßt
-habe. Däse ansprochslosen Notäzen werden Ähnen besser, als eine
-theoretäsche Schälderung däs vermöchte, dä Wahrheit meiner neuläch
-erörterten Behauptong klar machen: daß nämläch ein Monäzäpiom
-von allzo beträchtlächer Ausdehnong dä Exästenz des Ändävädooms
-än jeder Hänsicht erschwert. Äch wäderhole Ähnen: Dezentraläsation
-moß dä Parole jedes vernonftgemäß organäsärten Staatswesens
-sein. Däse sogenannten Weltstädte sänd aus keinem Gesächtsponkt
-zo rechtfertägen!«</p>
-
-<p>»Aber, Herr Direktor,« begann Wilhelm Rumpf, als Samuel
-innehielt, »das alte Rom zur Zeit des Augustus war doch auch eine
-Weltstadt.«</p>
-
-<p>»Sätzen Sä säch«, erwiderte Heinzerling mißmütig. »Das alte
-Rom war der Mättelponkt der damals bekannten Erde, hatte also
-logäscherweise das Anrecht auf eine gewässe räumläche Ausdehnong.
-Heutzotage aber steht der Omfang däser Großstädte mät dem ährer
-Staaten än gar keinem Verhältnäs. Öbrägens, äch halte mer aus,
-daß Sä mäch jetzt nächt bei jeder Sälbe onterbrechen; zomal es
-säch fögen könnte, daß meine Aufzeichnongen hän ond wäder einen<span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span>
-etwas persönlichen Charakter annähmen. Dä Sobjektävätät äst aus
-solchen Reisenotäzen mät dem besten Wällen nächt ämmer hänaus
-zo schaffen. Sollte also etwas Derartäges mät onterlaufen, so erwarte
-äch von Ährem Anstandsgeföhl, daß Sä mäch nächt mät onnötägen
-Fragen behellägen. Äch bränge Ähnen dorch dä Mätteilong
-däser Aufzeichnongen ohnehän ein gewässes Opfer: aber der
-Pädagoge äst mächtäger än mer als der Prävatmann. Rompf,
-wenn Sä lachen wollen, so gehn Sä mer vor dä Töre! Verstehen
-Sä mäch? Ond non ställ! Äch begänne!«</p>
-
-<p>Seit Wochen hatte in der Prima keine so feierliche Ruhe geherrscht,
-wie nach dieser Erklärung unseres allverehrten Direktors.
-Was konnte uns wünschenswerter erscheinen, als die Ankündigung
-subjektiver Streiflichter auf das Privatleben einer uns so teuren
-und hochinteressanten Persönlichkeit?</p>
-
-<p>»Meine Notäzen«, hub Samuel mit der ganzen Fülle seines
-wohlklingenden Organes an, »bestehen aus losen Zätteln, dä dem
-Datom nach aneinander gereiht sänd. Äch habe das Wächtigste
-här zosammengestellt ond begönne non ohne weitere Einleitong mät
-der Lektöre. Äch bemerke nor noch, daß äch mäch damals aus rein
-wässenschaftlächen Grönden zo jener ämmerhän beschwärlächen Reise
-entschlossen hatte.</p>
-
-<p>Nochmals, äch begänne:</p>
-
-<p>›Paräs, am drätten Mai. Bereits seit värzehn Tagen befände
-äch mäch än der Hauptstadt der Gallier. Äch habe mäch schon so
-zämläch än den öffentlächen Bäbläotheken orientärt ond freue mäch
-von Herzen öber dä Fölle des vorhandenen Materäals. Nor eine
-einzäge Handschräft, deren Exästenz Waldhober mär doch so zoverlässig
-behauptete, habe äch bäs jetzt noch nächt auftreiben können.
-&ndash; Gedold!‹«</p>
-
-<p>»Herr Direktor,« warf hier Möricke ein, »wer ist denn der
-Waldhuber?«</p>
-
-<p>»Ohne Zweifel ein Pariser Bibliothekar«, fügte Schwarz hinzu.</p>
-
-<p>»Onsänn! Waldhober! Wer wärd Waldhober sein! Der
-beröhmte Archäologe, gegenwärtäg än Göttängen! Sä scheinen mer
-auch öber den Stand der modernen Wässenschaft sehr schlecht
-onterrächtet.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span></p>
-
-<p>»Wer kann all die Professoren so auswendig kennen«, versetzte
-Möricke.</p>
-
-<p>»Sei'n Sä mer ställ! Sä können öberhaupt nächt väl auswendig.
-Äch fahre än der Lektöre fort:</p>
-
-<p>›Paräs, am värten Mai. Gestern abend beim Diner &ndash;
-dorchaus nächt onsere deutsche Hauptmahlzeit, sondern välmehr der
-römäschen <em class="antiqua">coena</em> entsprechend &ndash; machte mäch Doktor Mouchard
-vom <em class="antiqua">Collège de France</em> aufmerksam, wä sehr es meinen Zwecken
-entsprechen wörde, wenn äch mäch dem Großherzoglich badäschen
-Gesandten, Herrn von Prättwätz, vorstellen wollte. Doktor Mouchard
-schälderte mer besagten Herrn von Prättwätz als einen Mann von
-wahrhaft klassäscher Bäldong, der änsbesondere ein hohes Änteresse
-för das Stodiom der Altertömer bekonde. Er könne meine Ontersochongen
-öber dä grächäschen Haartrachten wesentläch fördern, zomal
-er eine reichhaltäge Prävatbäbläothek ond verschädene wertvolle
-Manoskräpte besitze; daronter ein alexandränäsches Palämpsest
-von höchster Bedeutong. Doktor Mouchard fögte hänzo, Herr
-von Prättwätz sei ein dorchaus menschenfreundlächer, ädler Charakter,
-frei von Dönkel ond Öbermot, &ndash; kein Sklave der Hybris, dä äns
-Verderben föhrt. So habe äch denn än der Tat den Entschloß
-gefaßt, morgen fröh elf Ohr den trefflächen Staatsmann än seiner
-Wohnung, <em class="antiqua">rue de Berlin</em> Nommer neun, aufzosochen ond ähm
-meine wässenschaftlächen Absächten des näheren vorzotragen.</p>
-
-<p>Am fönften Mai, abends. Heute fröh um neun Ohr sochte
-äch meinen schwarzen Frack hervor, börstete ähn sorgfältäg ab, setzte
-meinen Zäländer auf, kaufte mer ein Paar Handschohe von gelblächer
-Farbe ond nahm eines der vor meinem Hotel stehenden Zweigespanne,
-dä, beiläufäg bemerkt, äm onbedeckten Zostande eine gewässe Ähnlächkeit
-mät den Wagen des Homer aufweisen.</p>
-
-<p>Äch habe non von jeher än den Oblägenheiten des alltäglächen
-Lebens einen gewässen Hang zom Onglöck bekondet. Meine Gattän
-wärd mer bezeugen, daß äch, Eier essend, stets dä verdorbenen aus
-der Schössel hervorlange, von dem Verwechseln des Sandfasses mät
-dem Täntenfasse ganz zo geschweigen. Auch dä zahlreichen Verwondongen,
-dä äch mer dorch Gabeln, Scheren, Törpfosten ond
-ähnläche Änstromente zozähe, kann äch nor als das Resoltat einer<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span>
-latenten Neigong zom Mäßgeschäcke betrachten. Wenn mer non
-dergleichen schon daheim än dem trauten Kreise meiner Famälie
-passärt, om wäväl mehr bän äch den Dämonen des Zofalls ausgesetzt
-än einer Weltstadt, dä alle Sänne des Menschen än Ansproch
-nämmt ond ähn fast der Fähägkeit einer rohägen Öberlegong beraubt?</p>
-
-<p>Äch war kaum än das Vehäkolom eingestägen, als äch, von
-dem Wonsche besäält, mäch betreffs des augenbläcklächen Zeitstandes
-zo onterrächten, nach meiner Ohr greifen wollte ond däselbe trotz
-aller Anstrengong nächt zo fänden vermochte. Äch berohägte mäch
-anfängläch bei dem Gedanken, sä sei ohne Zweifel äm Hotel auf
-dem Kamäne lägen gebläben. Als äch jedoch beim Aussteigen den
-Kotscher bezahlen wollte ond zo däsem Endzwecke nach dem kleinen
-Geld sochte, das äch gewöhnläch än der rechten Westentasche verwahre,
-da bemerkte äch zo meiner Verwonderong, daß öch öberhaupt
-keine Weste anhatte.</p>
-
-<p><em class="antiqua">Verte!</em> räf äch dem Kotscher zo. In meinem Hotel angelangt,
-fand äch dä Weste wohlbehalten am Schlössel des Kleiderschrankes,
-wo äch sä sorgfältäg aufgehängt hatte. För heute war es zo spät,
-da der badäsche Gesandte om zwölf Ohr zo fröhstöcken pflegt. Äch
-warf mäch daher wäder än meine Alltags- oder Stodärkleider ond
-gäng vergnögläch zor Bäbläothek. Morgen äst ja auch noch ein
-Tag. Öbrägens war dä heutäge Ausbeute auf der Bäbläothek so
-ergäbäg, daß äch dä kleine Enttäuschong gern än den Kauf nehme.‹«</p>
-
-<p>»Herr Direktor!« rief Möricke, als Heinzerling einen neuen
-Zettel hervorsuchte.</p>
-
-<p>»Non?«</p>
-
-<p>»Hätten Sie denn nicht einfach Ihren Frack zuknöpfen können?
-Dann hätte man ja gar nicht gesehen, daß Sie die Weste nicht
-anhatten.«</p>
-
-<p>»Goot! Sehr goot! Däse Bemerkong zeigt, daß Sä meine
-Mätteilongen einer denkenden Betrachtong onterzähen! Knebel!
-Schreiben Sä mal äns Tagebooch: ›Möricke wegen Aufmerksamkeit
-belobt.‹ … Haben Sä's, Knebel …? ›Wegen Aufmerksamkeit
-belobt.‹ … Was non dä Sache selber betrifft, so moß äch Ähnen
-bemerken, daß dä Verwärklächong Ährer an säch ja recht glöcklächen
-Idee aus dem zwängenden Gronde onmöglich war, weil der Frack<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span>
-noch aus der Zeit meines Staatsexamens herröhrte. Äch konnte
-denselben mät dem besten Wällen nächt zoknöpfen, denn als Kandädat
-war äch wesentläch schlanker. Doch wär wollen ons dorch däsen
-Zwäschenfall än onserer Lektöre nächt stören lassen. Äch fahre da
-fort, wo äch aufgehört habe.</p>
-
-<p>›Am sechsten Mai. Mät dem französäschen Idiom gäng es
-mär gestern abend recht schlecht. Der Kellner wollte mäch absolot
-nächt verstehen; ond da er weder än der lateinäschen noch än der
-grächäschen Sprache dä erforderlächen Kenntnässe besaß, so bläb mer
-nächts öbrig, als meine Wönsche zo Papär zo brängen. Er las
-meine Sätze denn auch mät Leichtägkeit ab. Wahrlich, nämals hätte
-äch äm Traume gedacht, daß dä gewöhnläche französäsche Konversationssprache
-einem Manne von klassäscher Bäldong so schwer fallen
-könnte. Dä nasale Aussprache gewässer Sälben hat för mein Organ
-etwas Wäderstrebendes‹ … Hotzler, was lachen Sä?«</p>
-
-<p>Der Schüler erhob sich.</p>
-
-<p>»Ich … ich wollte nur&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was wollten Sä?«</p>
-
-<p>»Ich kann nicht begreifen, daß gerade Ihnen die nasale Aussprache
-Schwierigkeiten bereitet.«</p>
-
-<p>»Wäso? Was wollen Sä damät sagen? Hören Sä mal,
-Hotzler, äch glaube, Sä brängen här nächt den gehörägen Ernst
-mät, wie er zor Sache erforderläch äst. Knebel, schreiben Sä mal
-äns Tagebooch: ›Hotzler wegen kändäschen, läppäschen Benehmens
-getadelt.‹ Zor Strafe lese äch Ähnen jetzt däse lehrreichen Bemerkongen
-öber dä französäsche Aussprache nächt weiter vor! Das
-haben Sä säch non selber zozoschreiben! Rompf, lassen Sä das
-Gewackel ond röcken Sä weiter nach rechts! Sä hocken dem Gäldemeister
-ja auf dem Leib wä eine Klette. Ond non kein Wort mehr!</p>
-
-<p>›Paräs, am säbenten Mai. Gestern om halb elf Ohr gräff
-äch abermals zo Frack ond Zäländer, vergewässerte mäch zweimal,
-ob dä Weste an Ort ond Stelle sei, ond bestäg dann das Zweigespann
-Nommer 1313. Dä ominöse Zahl beröhrte mäch eigentömläch.
-Ein alter Römer wörde än gleicher Lage omgekehrt sein.
-Äch aber habe mäch stets von den Anwandlongen eines dorch nächts
-zo motävärenden Aberglaubens ferne gehalten. Äch erwähne den<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span>
-Omstand nor, weil der Eindrock, den er än mer hervorräf, för meine
-Stämmong charakterästäsch äst. Ebenso befremdete mäch än der
-Richelieu-Straße dä altklassäsche Änschrift eines Weinkellers: »<em class="antiqua">Cave
-Richelieu</em>«, eine Warnong, dä &ndash; fast an das beröhmte »<em class="antiqua">Cave
-canem!</em>« anklängend &ndash; einen alten Römer ebenfalls zor Vorsächt
-ermahnt hätte&nbsp;…‹«</p>
-
-<p>Samuel Heinzerling hielt einen Augenblick inne.</p>
-
-<p>»Herr Direktor,« rief Wilhelm Rumpf, die Pause benutzend,
-»darf ich mir in Beziehung auf diesen letzten Passus eine Frage
-erlauben?«</p>
-
-<p>»Goot, fragen Sä!«</p>
-
-<p>»So viel ich mich erinnere, heißt französisch <em class="antiqua">la cave</em>: der Keller,
-so daß also jene Inschrift ziemlich zwanglos mit »Richelieukeller«
-übersetzt werden könnte, eine Konjektur, die um so größere Wahrscheinlichkeit
-hat, als besagte Inschrift wirklich auf einem Keller zu
-lesen stand.«</p>
-
-<p>»Goot! Sehr goot!« versetzte Samuel Heinzerling, die rundglasige
-Brille zurecht rückend. »Ähre Häpothese verrät eine röhmläche
-Schlagfertägkeit. Äch wäll sogar zogeben, daß Sä onter Omständen
-möglächerweise tatsächlich recht haben: mer jedoch, als dem klassäschen
-Phälologen ond Altertomsforscher, lag das Lateinäsche ongleich näher&nbsp;…</p>
-
-<p>Äch fahre än der Lektöre fort:</p>
-
-<p>›Trotz däser Omina woßte äch goten Motes zo bleiben. Mein
-Kotscher peitschte drauflos, als hätte er noch heute wä Helios dä
-Ronde om den Erdball zo machen. Nämals bän äch von Pferden
-auf so schnelle Weise befördert worden. Meine schon fröher ausgesprochene
-Häpothese einer Verwandtschaft des grächäschen ἵππος
-mät dem althochdeutschen <em class="antiqua">hupfan</em> (Phölologäsche Jahrböcher IV, S. 306)
-scheint mer jetzt evädenter als je. Leider sollte äch däse wässenschaftläche
-Erkenntnis mät einem persönlächen Onfall bezahlen: denn
-als wär so äm besten Sausen dahän rollten, ereignete säch plötzlich
-eine Erschötterong. Äch schrä auf ond gewahrte das Zweigespann
-än einer Lage, dä mer das Schäcksal des onglöcklächen Bellerophon
-äns Gedächtnäs zoröckräf. Noch lehnte freiläch das geschädägte
-Fohrwerk an einem großen, zweirädrägen Gemösekarren; aber äch
-war onglöcklächerweise wäder das Rad däses Lastwagens angedröckt<span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span>
-worden, was eine starke Besodelong mät Teer ond anderen klebrägen
-Stoffen zur Folge hatte. Än däsem Zostande konnte äch natörläch
-meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten nächt ausföhren.
-So bezahlte äch denn den Kotscher ond gäng än etwas
-deprämärter Stämmong nach Hause.</p>
-
-<p>Das sänd dä Folgen der Zentraläsation, sagte äch, als äch
-nach einer Stonde wäder auf meinem Sofa saß ond ein Gläschen
-Borgonder schlörfte.</p>
-
-<p>Meinen Frack ond meine Weste habe äch dem Hausknecht zom
-Reinägen gegeben. So werde äch denn vor öbermorgen den
-badäschen Gesandten nächt sprechen können; doch äch habe ja Zeit.
-Ohnehän moß äch heute onter allen Omständen Luitgardens Bräf
-beantworten. Sä könnte sonst glauben, äch wäre veronglöckt.‹«</p>
-
-<p>»Wessen Brief?« fragte hier Wilhelm Rumpf.</p>
-
-<p>»Non, das äst onwesentläch.«</p>
-
-<p>»Luitgard, das ist wohl die Frau Direktorin?« fragte Möricke.</p>
-
-<p>»Lassen Sä Ähre unnötägen Fragen! Äch habe keine Lost,
-Ähnen här meine Famälienverhältnisse auseinander zo setzen. Hören
-Sä weiter:</p>
-
-<p>Also … ›sä könnte sonst glauben, äch wäre veronglöckt.
-Ond än der Tat, stand äch nächt heute bereits mät einem Fooße in
-Charons Nachen? Non, äch habe mer geschworen: kein Zweigespann
-mehr! Äch lese da eben än meinem Reisehandbooch, das ein sonst
-onbekannter Schräftsteller, namens Karl Bädeker, verfaßt hat, dä
-Omnäbosse seien bei weitem bälläger ond bequemer. Dä sogenannte
-<em class="antiqua">Impériale</em> &ndash; das Verdeck &ndash; scheint mer än der Tat ein äußerst
-gönstäger Platz, da man von dort einen freien Ombläck genäßt.
-Öbermorgen also mät erneuten Kräften ans Werk!</p>
-
-<p>Meine Stodien liegen heute so zämläch brach. Dä Erschötterong
-än der Droschke hat mäch so verwärrt, daß äch keinen
-vernönftägen Gedanken zo fassen ämstande bän. Äch benotze daher,
-wä bereits oben bemerkt, däsen Änterämszostand zo einem Bräfe
-an meine Gattän.</p>
-
-<p>Noch eines wäll äch erwähnen. Es äst mer vorhän aufgefallen,
-daß der Hausknecht eine korze Tonpfeife rauchte. Es
-scheint däs ein täf eingeworzelter französäscher Nationalgebrauch,<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span>
-während än Deutschland dä lange Pfeife vorherrscht. Obgleich
-nächt moderner Koltorhästoräker von Fach, pflege äch doch dä
-Länder ond ähre Sätten aufmerksam zo beobachten. Den Välgewandten
-nennt mäch Luitgarde oft scherzweise &ndash; ond än gewässem
-Sänne hat sä onstreitäg recht. Besser freiläch wörde sä sagen:
-der Välseitäge.</p>
-
-<p>Doktor Mouchard war vor einer Stonde bei mer ond fragte
-mäch, wä mer der badäsche Gesandte gefallen habe. Äch erzählte
-ähm das erlättene Mäßgeschäck: der Mensch lachte mer laut äns
-Gesächt. Däse Franzosen sänd eine herzlose, egoästäsche Nation.</p>
-
-<p>Mein Kollege Träuble, der Ordänarios von Quarta, wörde
-säch än gleichem Falle ganz anders benommen haben.</p>
-
-<p>Am neunten Mai. Gestern om halb elf verläß äch mein
-Hotel, om den Omnäbos der Länie Clichy-Odéon abzupassen, der,
-wä der Hausknecht versächert, dächt an der <em class="antiqua">rue de Berlin</em> vorbei
-fährt. Der Omnäbos kam, ond da äch än der Gymnastäk zwar
-kein Koryphäe, aber ämmerhän ein ganz leidlächer Dälettant bän,
-so gelang es mär ohne Schwärägkeiten, dä treppenartäge Leiter,
-oder besser, dä leiterartäge Treppe, zor sogenannten <em class="antiqua">Impériale</em> hänan
-zo klämmen. Dä Höhe, än der äch mäch non befand, hatte zwar
-äm ersten Augenbläck etwas Beonrohigendes; bald ändes öberzeugte
-äch mäch von der Solädätät des Eisengeländers, &ndash; ond dä völläge
-Sorglosägkeit der öbrägen Passagäre trog dazo bei, mein Onbehagen
-völläg zo tälgen. So genoß äch denn än onbeschränktem Maße dä
-großartäge Aussächt auf das Treiben der Weltstadt. Än Betrachtongen
-der mannächfachsten Art versonken, hatte äch anfängläch
-nächt bemerkt, daß der Omnäbos, sobald ein Herr absteigen wollte,
-nächt anhält. Däse Röcksächt gält bloß för das zarte Geschlecht.
-Jetzt aber ward äch auf däsen Omstand aufmerksam, da mein
-Nachbar, ein Jöngläng aus dem Handwerkerstande, den Platz an
-meiner Seite verläß ond ohne dä gerängste Bangägkeit an dem
-rasch dahänrollenden Omnäbos hänonter kletterte. Zwei Sekonden
-später stand er wohlbehalten auf dem Trottoir ond gäng än das
-nächste Haus, als wäre nächts vorgefallen&nbsp;…</p>
-
-<p>Mer ward mät jedem Augenbläck schwöler zomote. Das
-Hänanklämmen, zomal wenn der Omnäbos stand, läß säch ohne<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span>
-Möhe bewerkstellägen; aber hänonter, ond noch dazo röckwärts?
-<em class="antiqua">Nonquam retrorsom!</em> Das war von jeher mein Wahlsproch, &ndash;
-ond non sollte äch onter so wäderwärtägen Verhältnässen dem
-Grondsatze meiner Jogend ontreu werden? Ändes, was war zo
-machen? Dä Straße, än dä wär jetzt einfohren, war dä <em class="antiqua">rue de
-Clichy</em> … Äch sprach also: <em class="antiqua">fortes fortona jovat</em> ond gäng <em class="antiqua">färmo
-constantäque anämo</em> ans Werk. Zo Anfang schänen dä Götter
-mer gönstäg. Dä Treppe ward än korzer Zeit glöcklich zoröckgelegt,
-ond wohlbehalten langte äch auf der breiten Onterstäge an, von
-der äch nor herabsprängen moßte, om sägreich geborgen zo sein.</p>
-
-<p>Mein Kollege Salzmann, der Physiker, hat mer oft auseinander
-gesetzt, daß onsere klassäsche Bäldung eine einseitäge,
-ädealästäsche sei ond zor Ergänzong einer realästäschen Hälfte &ndash;
-der Natorwässenschaften &ndash; bedörfe. Äch habe Salzmann oft einen
-Materialästen genannt ond ähn aus Plato ond der »Krätäk der
-reinen Vernonft« zo wäderlegen gesocht. Jetzt ändes erkenne äch,
-daß er nächt völlig äm Onrecht war. Hätte äch än meiner einseitägen,
-ädealästäschen Rächtong nächt öbersehen, daß ein Körper,
-der säch än Bewegong befändet, vermöge des Gesetzes der Trägheit
-än däser Bewegong verharrt, auch wenn dä <em class="antiqua">causa movens</em> zo
-wärken aufhört, &ndash; äch erännere mäch däses Lehrsatzes aus meiner
-Gymnasialzeit, &ndash; so wäre äch nächt beim Absprängen von der
-Omnäbosstäge langwegs än den Kot gefallen.</p>
-
-<p>Mein Alexander moß onter allen Omständen gröndlächen
-Onterrächt än den Realien erhalten. Es äst dä Pflächt der Eltern,
-ähre Känder vor den Öbeln, dä sä selber aus Onkenntnäs erdoldet
-haben, vorsächtäg zo bewahren.</p>
-
-<p>Äch habe mer beim Storz von der Omnäbosstäge dä rechte
-Kännlade verletzt ond sätze daher mät verbondenem Antlätz än
-meinem Hotel. Mein Zostand verbätet mer jedes öffentläche Erscheinen.
-Da äch also heute nächt zum Diner komme, wärd Doktor
-Mouchard mäch ohne Zweifel morgen zor Rede stellen, ob äch välleicht
-beim badäschen Gesandten diniert habe. Äch wörde unbedängt
-Ja sagen, wenn äch nor äm Besätze einer zoverlässägen Personalbeschreibong
-wäre! Das sänd wäder dä Folgen der Zentraläsation!
-Wenn däses Volk nächt so rennte ond jagte, sondern säch Zeit<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span>
-nähme, dä Fahrgäste absteigen zo lassen, so hätte äch heute zoverlässig
-meinen Plan zor Ausföhrong gebracht!</p>
-
-<p>Eines steht ändes fest: keine Macht der Welt brängt mäch
-wäder auf eine <em class="antiqua">Impériale</em>.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es klopft, &ndash; sollte es Mouchard sein?‹«</p>
-
-<p>Boxer und Möricke waren bei den letzten Worten hastig nach
-der Tür gestürzt.</p>
-
-<p>»Was fällt Ähnen ein?« rief Samuel Heinzerling im Tone
-des höchstens Erstaunens.</p>
-
-<p>»Ich wollte mal nachsehen«, erwiderte Boxer; »Sie sagten doch
-eben: ›es klopft.‹«</p>
-
-<p>»Onsänn! Äch habe vorgelesen &ndash; ganz deutlich ond onverkennbar:
-›Es klopft &ndash; sollte es Mouchard sein?‹«</p>
-
-<p>»Ach so,« erwiderte Boxer, »das Letzte habe ich nicht gehört.«</p>
-
-<p>»Ich auch nicht, Herr Direktor«, fügte Möricke ehrerbietig hinzu.</p>
-
-<p>»Sä hören öberhaupt nächts, Möricke; setzen Sä säch!«</p>
-
-<p>Und von neuem hub die wohlklingende Stimme des trefflichen
-Schulmannes zu lesen an:</p>
-
-<p>»›Den zehnten Mai. Es war nächt Doktor Mouchard, sondern
-der Hausknecht. Der wackere Mensch kam, om meine beschmotzten
-Kleider zo holen. Äch werde ähm bei meiner Abreise ein töchtäges
-Tränkgeld geben mössen, denn er hat än der Tat väl Arbeit mät
-meinem schwarzen Kostöm.</p>
-
-<p>Gestern abend hatte äch eine brällante Idee. Sä bestand
-darän, das nächste Mal einen Platz äm Ännern des Fohrwerks zo
-nehmen ond dä Gelegenheit abzopassen, sobald eine Dame den
-Kondokteur anhalten heißt. Äch kann wohl sagen, daß däse Lösong
-mer als ein Träomph menschlächer Berechnong erschien. Meine
-Befrädägong erreichte den Höhegrad, als auch dä Schmerzen än
-meiner Kännlade fast gänzlich nachläßen ond eine Kreuzbandsendong
-aus Grönängen eintraf, eine Beilage des Grönänger Wochenboten,
-woran Luitgarde dä folgende Stelle mät Rotstäft angesträchen hatte.</p>
-
-<p>Vermäschtes. Onser trefflächer Archäologe, dä Zärde onserer
-Vaterstadt, der Gymnasialdärektor Samoel Heinzerläng, befändet
-säch seit einigen Wochen än der französäschen Hauptstadt, wo seine
-Ontersochongen öber dä Haartrachten des Altertoms einen gedeihlächen<span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span>
-Fortgang nehmen. Aus sächerer Quelle können wär hänzofögen,
-daß Herr Baron von Prättwätz, der Großherzogläch badäsche
-Gesandte, onseren Heinzerläng mät seinem ganzen Einflosse onterstötzt
-ond ähm sogar seine reichhaltäge Prävatbäbläothek zor Verfögong
-gestellt hat.</p>
-
-<p>Träuble, Träuble! räf äch aus, als äch däse schmeichelhafte
-Anerkennong meiner bescheidenen Bestrebongen nächt ohne Erröten
-gelesen hatte. Wer sonst auch sollte öber däse Details, dä äch nor
-Luitgarden geschräben hatte, so genau onterrächtet sein, wenn nächt
-er, der langjähräge Freund meines Hauses? Dä Nachrächt von
-dem götägen Entgegenkommen des Großherzogläch badäschen Gesandten
-war freiläch ein wenig verfröht, ändes: Rom äst nächt an
-einem Tage erbaut worden, ond korz ond goot, dä Notäz des
-Grönänger Wochenboten versetzte mäch än dä rosägste Stämmong&nbsp;…</p>
-
-<p>Am zwölften Mai. Gestern warf äch mäch zom värten Male
-än Gala, om endläch meinem prädestänärten Gönner den längst
-zogedachten Besoch abzostatten. Der Omnäbos kam, ond äch, flänk
-wä der Wänd, hänein ond Platz genommen.</p>
-
-<p>Es war doch ein ganz anderes Geföhl här onten äm Schoße
-der behaglächen Sächerheit, als da oben auf der schwankenden Höhe
-der <em class="antiqua">Impériale</em>. Horaz sagt mät Recht, der Blätz schlage am läbsten
-än hohe Törme ond öbermötäge Fächten ein, während er das ställe,
-bescheidene Kraut am Boden verschone&nbsp;…</p>
-
-<p>Äch hatte äm Omnibos ein sehr schön gekleidetes weibläches
-Wesen zor Nachbarän. Dä Dame trog einen halb dorchsächtägen
-schwarzen Schleier, der etwa bäs än dä Gegend des Mundes
-reichte. Vermotläch äst dä Sätte däser halben Maskärong dorch
-dä Phönizier aus dem Orient nach Marsilia, dem heutägen Marseille,
-gebracht ond von da aus nach dem Norden verpflanzt
-worden.</p>
-
-<p>Während der Fahrt war äch bestrebt, meine topographäschen
-Kenntnässe zo erweitern. Der Omnäbos schän ändes heute eine
-andere Roote einzoschlagen. Dä Gegend war mer wenägstens
-vollständäg neu.</p>
-
-<p>Non, om so besser, sagte äch zo mer selbst. Äch bereichere so
-nor meine Anschauongen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span></p>
-
-<p>Dä Physiognomä der Straßen, dorch dä wär kamen, worde
-von Minote zo Minote seltsamer. Äch gewahrte zahlreiche Blusenmänner,
-zom Teil mät Äxten bewaffnet. Aus Wein- ond Branntweinschenken
-tönte mer verworrenes Geschrei entgegen. Deutläch
-glaubte äch dä Klänge der Marseillaise zo hören. Äch gestehe, daß
-äch däse Symptome höchst bedenkläch fand. Onrohig rotschte äch
-auf meinem Sätze hän ond her. Dazo kam der verdächtäge
-Omstand, daß der Omnäbos leerer ond leerer ward. Rätselhafte
-Erscheinong! Hatte välleicht der Kondokteur äm Komplott mät dem
-Kotscher dä Absächt, mäch än eine menschenleere Gegend zo fahren
-ond mäch dort zo berauben? Paräs stand än däser Hänsächt von
-jeher än öblem Rofe. Än Grönängen freiläch wäll äch mäch om
-Mätternacht getrost vor das Tor wagen, &ndash; aber Paräs äst nächt
-Grönängen. Mein Herz begann lebhafter zo schlagen; &ndash; ond als
-jetzt auch der letzte Passagär ausstäg, da rächtete äch än der Tat
-ein ställes Stoßgebet zom Hämmel ond befahl Luitgarden, Alexander,
-Ismenen, Winfrieden ond Vitriaria der Försorge des Allmächtägen.
-Was konnte dä nächste Mänote brängen? Womät hatte äch das
-verdänt? Äch dorchmosterte mät einem raschen Bläck mein vergangenes
-Leben ond fand leider, daß äch välfach gefehlt hatte.
-Eine ernstläche Reue öberkam mäch, ond zerknärscht gelobte äch mer
-Besserong, wenn äch nor däsmal noch aus den Armen des Verrates
-errettet wörde … Da hält der Omnäbos an … Fänster
-bläckend trat der Kondokteur auf mäch zo ond räf: »<em class="antiqua">Descendez
-s'il vous plaît!</em>«</p>
-
-<p>Tödläch erschrocken leistete äch seinem Befehl Folge. Wenäge
-Sekonden später ändes hatte säch alles befrädägend aufgeklärt. Dä
-ganze Lösong der rätselhaften Erscheinongen lag än dem Omstande,
-daß äch än den Omnäbos einer falschen Länie eingestägen war,
-ond mäch non an der Endstation einer Vorstadt befand, dä von
-der Wohnong des badäschen Gesandten reichläch anderthalb Stonden
-entfernt lag. Was bläb mer öbrig, als mät demselben Wagen
-wäder nach Haus zo fahren ond Gott zo danken, daß mer
-wenägstens nächts Schlämmeres begegnet war. Morgen werde äch
-besser aufpassen: endläch moß man doch eine gewässe Paräser
-Routäne erlangen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span></p>
-
-<p>Am dreizehnten Mai. Gestern stand äch wäder gegen halb elf
-Ohr an der Omnäbosstation. Aller gooten Dänge sänd drei,
-mormelte äch vor mäch hän. Äch bän gewohnt, öfters etwas vor
-mäch hänzomormeln, ein Gebrauch des Monologs, den äch mer aus
-den Komödien des Plautus angeeignet habe. Äch halte ähn för
-ein vortreffliches Mättel, säch mät dem eigenen Äch gehöräg äns
-Klare zo setzen. Vär, fönf Omnäbosse kamen voröber; sä waren
-sämtlich bäs auf den letzten Platz öberföllt. Da kam mer plötzläch
-der Gedanke, mäch aller Fohrwerke zo entschlagen ond einfach zo
-Fooße zo gehen. Eine herrläche Idee! räf äch aus. Än der Tat,
-wenn äch zo Fooße gäng, so war äch gegen alle bäsher erlättenen
-Onbälden ein för allemal geschötzt. Onbegreifläch, daß mer däse
-Wahrheit nächt fröher einleuchtete! Wäväl Zeit, wäväl Geld,
-wäväl goote Laune hätte äch sparen können!</p>
-
-<p>Röstäg eilte äch förbaß, seelenvergnögt, daß äch endläch das
-rächtäge Auskonftsmättel gefonden hatte.</p>
-
-<p>Leider worde äch erst zo spät gewahr, daß dä Zeit för eine
-Omnäbosfahrt zwar reichläch zogemessen, aber för den Fooßgänger
-doch etwas zo knapp gegräffen war. Als äch än dä <em class="antiqua">rue de Berlin</em>
-einbog, schlog es halb eins, ond da äch woßte, daß der Baron
-om zwölf Ohr dejenärt, so besah äch mer das Haus einstweilen
-von außen.</p>
-
-<p>Morgen werde äch zeitäger aufbrechen, mormelte äch, als äch
-den Röckweg antrat.</p>
-
-<p>Heute fröh erhäält äch von Alexandern einen recht netten
-lateinäschen Bräf, an dem äch nor einäge Germanäsmen zo rögen
-hatte. Äch habe ähn schleunägst korrägärt ond, nach Beifögong
-zweier Dankeszeilen än grächäscher Sprache, zoröckgesandt.</p>
-
-<p>Das Wetter hat säch zom Argen gewendet: ύεῖ μὲν ό Ζεύς, wä
-der hellenäsche Lyräker sängt, ond auf den Straßen waltet des
-Kotes erdröckende Fölle. Beim Anbläck des grauen Gewölks habe
-äch eine Elegä än altklassäscher Form zo Papär gebracht, dä äch
-här beiföge&nbsp;…‹«</p>
-
-<p>Samuel Heinzerling unterbrach sich und rückte die Brille zurecht.</p>
-
-<p>»Ach, Herr Direktor«, rief die Prima wie aus einem Munde,
-als der Verfasser der Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span>
-Miene machte, die Elegie zu überschlagen. »Ach, lesen
-Sie uns doch vor! Lassen Sie doch ja nichts aus, Herr Direktor!
-Gerade die Verse interessieren uns! Bitte, die Elegie!«</p>
-
-<p>»Non goot, Sä sollen sä hören«, versetzte Samuel, augenscheinlich
-geschmeichelt. »Das Gedächt betätelt säch: ›Regenwetter‹&nbsp;…</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">›Zörnend ronzelt dä Stärne der blätzomspälte Kronäon,<br /></span>
-<span class="i2">Ach, ond mät Regen begäßt rängs er das ganze Paräs.<br /></span>
-<span class="i0">Deshalb bleib' äch zo Haus. Zo Haus zo bleiben äst ratsam,<br /></span>
-<span class="i2">Wenn der erbätterte Zeus grollend das Wetter getröbt.<br /></span>
-<span class="i0">Morgen aber, wenn hold dä rosenfängräge Eos<br /></span>
-<span class="i2">Hebet am Hämmel das Haupt, heb' äch den hortägen Fooß,<br /></span>
-<span class="i0">Gehe zom gastlächen Haus des göttläch erhabenen Prättwätz,<br /></span>
-<span class="i2">Der mer als wackerer Mann sächer sein Xenion beut.‹«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»Bravo!« rief Wilhelm Rumpf, als Samuel Heinzerling
-geendet hatte.</p>
-
-<p>»Enthalten Sä säch jeder Krätäk«, sagte der Schulmann ein
-wenig ungnädig.</p>
-
-<p>»Aber, Herr Direktor, ich werde doch meinen Empfindungen
-noch Ausdruck verleihen dürfen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Verschäben Sä den Ausdrock Ährer Empfändongen bäs zom
-Schlosse der Lehrstonde!«</p>
-
-<p>»Wirklich, ganz ausgezeichnet!« sagte jetzt Hutzler halblaut zu
-seinem Nachbar.</p>
-
-<p>»Hotzler, Sä gehn mer hänaus! Äch bän Ähre Dommheiten
-möde. Wä können Sä säch ein Orteil erlauben, Sä, der Sä nächt
-einmal ämstande sänd, einen Daktylos von einem Trochäos zo
-onterscheiden.«</p>
-
-<p>»O, Herr Direktor&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch: ›Hotzler, zom
-zweiten Male wegen läppäschen Benehmens getadelt.‹ Hotzler, äch
-wäderhole Ähnen, Sä gehn mer hänaus!«</p>
-
-<p>Hutzler verließ das Lehrzimmer. Der Direktor fuhr fort:</p>
-
-<p>»›Am säbzehnten Mai. Äch bän so erbättert, daß äch nor
-archäologäsche Jamben zo Papär brängen möchte! <em class="antiqua">Däffäcele äst
-satäram non scräbere!</em></p>
-
-<p>Am Värzehnten däses Monats machte äch mäch schon gegen
-neun Ohr auf … Nächt ohne eine gewässe Ängstlächkeit betrat äch<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span>
-dä Straße: ein fönfmaläges Mäßlängen äst wenäg geeignet, onser
-Vertrauen zo stärken.</p>
-
-<p>Äch schrätt dorch dä Straße <em class="antiqua">Vivienne</em> nach dem Börsenplatze
-ond bog dann än dä Richelieustraße ein, wo äch mäch sehr vorsächtäg
-weiter bewegte. Schon hatte äch etwa dä Hälfte der Straße
-zoröckgelegt, als äch plötzläch einen Menschen bemerkte, der mät
-einer langen, speerartägen Stange drohende Gesten ausföhrte ond
-dabei so onzweideutäg seine Bläcke auf mäch heftete, daß äch kein
-Ödäpos zo sein brauchte, om zo erraten, wem däse Feindselägkeit
-gelten sollte.</p>
-
-<p>Hatte der Mensch wärkläch Absächten auf mein Eigentom ond
-mein Leben? Offenbar gehörte er dem Arbeiterstande an, &ndash; ond
-was man von den Paräser Arbeitern zo halten hat, das weiß
-heutzotage ein jeder. Das Schäcksal der onglöcklächen Könägin
-Maräe Antoinette stand mät einem Male än forchtbarer Klarheit
-vor meiner Sääle&nbsp;…</p>
-
-<p>Ond doch, wä war es denkbar, daß ein Mensch am hellen
-Tage auf dä geachtete Persönlächkeit eines deutschen Gymnasialdärektors
-frevelhafterweise ein Attentat wagen dorfte? Wämmelte
-es nächt rängs von Menschen? Freiläch bemerkte äch, daß jedermann
-dem Borschen mit der speerartägen Stange ängstläch auswäch.
-Er moßte also gefährläch sein … Ändessen, was konnte er mer
-anhaben? Auf offener Straße, fast onter den Augen zweier
-Poläzästen ond einer bewaffneten Schäldwache? Än dä Mätte der
-Straße auszobägen, schän mer gefährläch, der zahlreichen Fohrwerke
-halber: also köhn drauf los! Mot, Samoel! räf äch mer zo.
-Sollte der Mensch da än der Tat einen Frevel beabsächtägen, so
-werden dä Männer des Gesetzes alsbald dä Pläne eines wahnwätzägen
-Barräkadenmannes zo vereiteln wässen. Äch schrätt
-mannhaft vorwärts. Der Mensch mät dem Speer schwenkte ond
-gestäkolärte ämmer verdächtäger. Dabei stäß er seltsame Töne aus,
-dä wä ein fremdländäsches Krägsgebröll klangen. Sollte äch
-omkehren?</p>
-
-<p>Äch räf mer eben ein neues Mot, Samoel! zo, als plötzläch
-von oben eine Flössägkeit öber mäch herklatschte, dä meinen Frack
-alsbald mät einer weißen, kalkartägen Kroste öberzog. Allmähläch<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span>
-gäng mär ein Lächt auf, ond auch Doktor Mouchard hat es mer
-nachträgläch bestätägt. Das Haus, vor dem der Mann mät der
-Stange auf- ond abläf, worde jost fräsch getöncht. Äch hatte den
-ehrsamen Arbeiter schmähläch verkannt!</p>
-
-<p>George, der Hausknecht, äst seit ehevorgestern mät der
-Reinägong meines Frackes beschäftägt, hat jedoch bäs zor Stonde
-nor onbefrädägende Resoltate erzält. Dä Beinkleider hatten nor
-wenäg gelätten, was leicht zo erklären äst, da der verhängnäsvolle
-Goß von oben auf mäch hereinbrauste.</p>
-
-<p>Äm ganzen darf äch mer Glöck wönschen, daß äch auf däse
-Weise eine lehrreiche Erfahrong gemacht habe. Äch weiß jetzt, was
-es bedeutet, än Paräs auf dem Trottoir zo wandeln. Wenn non
-anstatt däser flössägen Masse ein Balken, ein Stein oder sonst
-etwas Wochtäges herabgestörzt wäre, wä däs bei dem fortwährenden
-Ausbessern ond Ombauen, das här zo herrschen scheint, dorchaus
-äm Bereiche der Möglächkeit lägt? Ond Luitgarde, Alexander,
-Winfriede, Ismene ond Vitriaria? Entsetzläch! Nein, es war nor
-ein Wänk der götägen Götter, ond äch söndäge gröbläch, wenn äch
-öber däsen kleinen Zwäschenfall morre. George, der Hausknecht,
-äst ja geschäckt; auch hat er än der letzten Zeit väl Öbong bekommen.</p>
-
-<p>Meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten
-habe äch nonmehr auf Donnerstag den neunzehnten Mai festgesetzt.
-Äch freue mäch onendläch, eine Bekanntschaft zo machen, von der
-mer Mouchard so väl Gootes geweissagt hat.</p>
-
-<p>Mouchard hat säch däsmal edler benommen als das letzte
-Mal. Äch schätze än ähm einen töchtägen Vertreter der Wässenschaft
-ond einen läbreichen Freund&nbsp;…</p>
-
-<p>Am zwanzägsten Mai. Non bän äch's denn doch möde, mäch
-äwäg mät däsen Paräsern heromzoschlagen. Daß mär so etwas
-passären moßte! Es äst wahr, mein schwarzer Frack säht nächt
-mehr zom elegantesten aus, ond mein Zäländer äst seit lange des
-ersten Glanzes beraubt: wä es aber mögläch war, mäch ongeachtet
-däser kleinen Änkorrektheiten meiner Toilette för den belgäschen
-Klavärlehrer Haentjens zo halten, der wegen verschädener Betrögereien
-steckbräfläch verfolgt wärd, das äst ond bleibt mer ein Rätsel! Non,
-äch habe den Ärrtom der Paräser Poläzästen teuer bezahlen mössen.<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span>
-Volle zwölf Stonden verbrachte äch auf der Wache, bäs äch ämstande
-war, meine Ädentätät zo erhärten. Doktor Mouchard hat
-mär än däser Bezähong sehr anerkennenswerte Dänste geleistet.
-Onerhört! sage äch. Einen deutschen Gymnasialdärektor mät einem
-belgäschen Klavärlehrer zo verwechseln, ond noch dazo mät einem
-Betröger! Äch rofe dä Götter zo Zeugen an, ob äch jemals dem
-Eigentom meiner Mätmenschen auch nor än Gedanken zo nahe
-getreten bän! Man sollte denken, däse <em class="antiqua">honestas</em> mößte säch auch
-än meinen Gesächtszögen hänlängläch ausprägen. Onerhört! sage
-äch. Bäs elf Ohr abends hab' äch auf der sogenannten Violine
-verbracht, teilweise onter schweren Verbrechern, äch, Samoel
-Heinzerläng, Därektor des städtäschen Gymnasioms zo Grönängen.
-Wer mer das vor acht Tagen geweissagt hätte! Aber äch werde
-Genogtoong fordern, &ndash; koste es, was es wolle! Das sänd dä
-Fröchte jener räsägen Konglomerate, dä man Weltstädte nennt! Än
-Grönängen wäre dergleichen onmögläch gewesen. Notabene, könftäghän
-werde äch stets meinen Paß bei mer tragen.</p>
-
-<p>Den Besoch bei dem Großherzogläch badäschen Gesandten
-habe äch natörläch auf öbermorgen vertagt&nbsp;…</p>
-
-<p>Am einondzwanzägsten Mai. Endläch bän äch ans Ziel
-gelangt, wenägstens topographäsch geredet. Äch erreichte wohlbehalten
-das Hotel än der <em class="antiqua">rue de Berlin</em> ond zog, äm Geföhl eines onendlächen
-Wohlbehagens, dä gesandtschaftläche Klängel. Leider moßte äch von
-dem Däner dä Meldong entgegennehmen, der Baron von Prättwätz
-sei am Tage zovor auf sechs Wochen nach Baden-Baden verreist.</p>
-
-<p>Äch war nächt wenäg verstämmt. So väle Aufregongen, so
-väle Verloste an Zeit ond Geld, so väle Verdräßlächkeiten, &ndash; ond
-non alles omsonst! Äch legte mer das Gelöbde ab, nä wäder än
-einer fremden Großstadt Besoche zo machen. Dergleichen föhrt zo
-nächts Gootem. Äch bän einmal das Opfer der Zentraläsation
-geworden ond habe keine Lost, däse onglöckseläge Rolle weiter zo
-spälen. Der wässenschaftläche Ernst eines deutschen Gelehrten äst
-onvereinbar mät dem frävolen ond oberflächlächen Treiben solcher
-modernen Riesenstädte. Sänd wär dorch dä Omstände verorteilt,
-ons zeitweiläg ännerhalb däser gefährlächen Weichbilde aufzohalten,
-so gezämt ons dä onbedängte Reserve!‹«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span></p>
-
-<p>Samuel Heinzerling faltete seine Zettel zusammen.</p>
-
-<p>»So,« sagte er, indem er das Päckchen in die Brusttasche
-schob, »Sä werden aus dem Mätgeteilten zor Genöge ersehen haben,
-was äch beweisen wollte: daß dä Zerteilong än väle abgesonderte
-Staaten ein Segen för dä deutsche Nation äst. Äch wönsche non,
-daß Sä mer för das nächste Mal däse Frage än einem korzen
-Aufsatze theoretäsch ond praktäsch erörtern. &ndash; Der Hotzler kann jetzt
-wäder hereinkommen.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke erscholl die Klingel. Würdevollen
-Schrittes und im Bewußtsein, die Keime einer segensreichen Weltanschauung
-gelegt zu haben, verließ der Verfasser der Lateinischen
-Grammatik für den Schulgebrauch, mit besonderer Berücksichtigung
-der oberen Klassen, das Lehrzimmer.</p>
-
-<p>»Ich habe mir alles stenographiert«, rief Heppenheimer, die
-Mappe schwenkend.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Et ego</em>«, versetzte ich freudestrahlend. »Morgen muß uns
-der Rumpf die Geschichte vorlesen.«</p>
-
-<p>Die schändlichen Stenographen! Ohne die teuflische Kunst
-Gabelsbergers wäre dem wackeren Schulmann der Schmerz erspart
-worden, den <em class="antiqua">infandus dolor</em> seiner Pariser Leiden in diesen Blättern
-so buchstäblich renoviert zu sehen. Er hatte kein Glück mit seinen
-Besuchen, der treffliche Heinzerling, weder mit dem Besuch im Karzer,
-noch mit dem Besuch beim Großherzoglich badischen Gesandten in
-der <em class="antiqua">rue de Berlin</em>.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span></p>
-
-<h2 id="Aus_Samuel_1">
-<img src="images/illu-200.png" alt="" /><br />
-Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen
-Papieren.</h2>
-
-<p class="h2">Der schnöde Primaner-Triumph.</p>
-</div>
-
-<div class="poetry">
-<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">Aech werd' ähn Där nämmer vergessen,<br />
-Den schnöden Prämaner-Träomph,<br />
-Daß äch auf dem Karzer gesessen,<br />
-Do extravagärender Rompf!</p>
-<p class="noind">
-Äch bätt' euch, bei allen Prophäten,<br />
-Wer nähme dä Sache nächt kromm?<br />
-Äch wollt' äns Gewässen ähm räden, &ndash;<br />
-Da dräht er den Schlössel mer om!</p>
-<p class="noind">
-Äch schälle … Was notzt mär das Schällen?<br />
-Bornärt äst der Quaddler ond stompf.<br />
-Der dömmste von allen Pedellen<br />
-Meint faktäsch, äch wäre der Rompf!</p>
-<p class="noind">
-Doch bläb äch gelassen ond monter,<br />
-Bäs Rompf als Befreier erschän:<br />
-So kam äch denn wäder heronter<br />
-Und habe dem Schlängel verzähn!</p>
-<p class="noind">
-Ond mag es ons Lehrer betröben,<br />
-Äch wag' das geflögelte Wort:<br />
-Als Schöler säch mimisch zo öben,<br />
-Äst doch nächt so völläg absord!
-</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span></p>
-
-<h2 id="Aus_Samuel_2">
-<img src="images/illu-201.png" alt="" /><br />
-Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen
-Papieren.</h2>
-
-<p class="h2">In der Bierstube.</p>
-</div>
-
-<div class="poetry">
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-b.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">Beim Bär &ndash; beim Bär,<br />
-War nä mein Bosen schwär!<br />
-Vergässen äst des Dolders Not,<br />
-Der schnöden Präma Öbermot&nbsp;…<br />
-Der Gäldemeister stärt mäch nächt,<br />
-Der Hotzler schäkanärt mäch nächt:<br />
-Manch Seidel schlörf' äch leer.<br />
-Beim Bär &ndash; beim Bär<br />
-War nä mein Bosen schwär!</p>
-<p class="noind">
-Äm Grond &ndash; äm Grond<br />
-Äst's Bär mer nächt gesond!<br />
-Zom Schlagfloß hab' äch stäts geneigt,<br />
-Ond bayräsch Bär erhätzt so leicht.<br />
-Es geht äns Blot, es nämmt dä Roh, &ndash;<br />
-Der väle Ärger kömmt dazo,<br />
-Dä Präma treibt's zo bont!<br />
-Äm Grond &ndash; äm Grond<br />
-Äst's Bär mer nächt gesond!</p>
-<p class="noind">
-Was toot's? Was toot's?<br />
-Das Bär äst doch was Goot's!<br />
-Ond ob's das Läben mer verkörzt, &ndash;<br />
-<span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span>Mäch dönkt, wer störzen soll, der störzt!<br />
-Zom Hömmel häb' äch köhn den Bläck:<br />
-Där, Zeus, vertrau' äch mein Geschäck,<br />
-Än Deinen Händen roht's!<br />
-Was toot's? Was toot's?<br />
-Das Bär äst doch was Goot's!</p>
-<p class="noind">
-Das Bär &ndash; das Bär,<br />
-Das bleibt non mein Pläsär!<br />
-Der Zechtäsch äst mein Heilägtom,<br />
-Dä Kneipe Mekka mer ond Rom;<br />
-Ond wenn dä Hand das Glas omspannt,<br />
-Föhlt säch dä Sääle gottverwandt:<br />
-Fromm wärd sä mehr ond mehr …<br />
-Das Bär &ndash; das Bär,<br />
-Das äst non mein Pläsär!</p>
-<p class="noind">
-Wä domm &ndash; wä domm,<br />
-Das Zämmer fällt ja om!<br />
-Dä Wände taumeln kromm ond schäf,<br />
-Jetzt sänd sä hoch, jetzt sänd sä täf …<br />
-Ond jetzt … aha, äch märk' es wohl,<br />
-Jetzt röcken Geister mer am Stohl …<br />
-Herr Wärt, äch dolde stomm!<br />
-Wä domm &ndash; wä domm,<br />
-Das Zämmer fällt ja om!</p>
-<p class="noind">
-Das Bär &ndash; das Bär<br />
-War ongewöhnläch schwär!<br />
-<em class="antiqua">Sont certi</em> … nein … Wä sagt Horaz?<br />
-Wä? Was? Der Gäldemeister tat's?<br />
-Ja, Luitgard! … ja, äch hab' genog …<br />
-Der Knebel … schreibt's äns Tagebooch …<br />
-Ja, ja … schon beim Homär …<br />
-Das Bär &ndash; das Bär<br />
-War ongewöhnläch schwär!
-</p>
-
-<p class="center">
-(Ab unter den Tisch.)
-</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Klassenprufung">
-<img src="images/illu-203.png" alt="" /><br />
-Die Klassenprüfung.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-w">Wenn das Maturitätsexamen dem Gymnasiasten ernst und
-bedeutsam erscheint, so raubt ihm die Klassenprüfung
-den Gleichmut nur in Ausnahmefällen. Es gibt allerdings
-eine Sorte von ganz besonders ehrgeizigen oder ganz
-besonders unwissenden Schülern, die auch der Klassenprüfung mit
-einer gewissen Bänglichkeit entgegenwandeln: aber sie bilden die
-Minorität. Für mich und meine nächsten Freunde war dieses ein-
-oder zweimal im Jahre wiederkehrende Examen allezeit ein Gaudium,
-und je zahlreicher sich das Publikum versammelte, um so vergnüglicher
-pflegten wir dreinzuschauen.</p>
-
-<p>Das Klassenexamen ist die Farce des Gymnasiallebens. <em class="antiqua">In
-corona civium</em> liebt es kein Lehrer, seine Schüler als unwissend
-bloßzustellen. Denn der Vorwurf dieser Unwissenheit träfe in erster
-Linie ihn selbst. Daher wir denn regelmäßig über solche Materien
-examiniert wurden, die während der letzten Wochen bis zum Überdruß
-zerkaut und verdaut waren.</p>
-
-<p>Wir erschienen beim Beginn des Examens sehr pünktlich, &ndash;
-in unsern besten Kleidern, &ndash; und getragen von jener Feiertagsstimmung,
-die aus dem Bewußtsein der bevorstehenden Ferien erwächst.
-So nahmen wir auf den Subsellien im großen Saale
-Platz, an dessen Eingang der Pedell Quaddler in schwarzem Frack
-und weißer Halsbinde Posto gefaßt hatte. Nach und nach erschienen
-die Lehrer, stets in schmunzelndem Zwiegespräch, sich wiederholt
-Herr Kollege nennend und eine ähnliche Befriedigung zur Schau
-tragend wie die Schüler. Zuletzt nahte würdevollen Schrittes der
-Direktor Samuel Heinzerling, ganz Wohlwollen, ganz Frühling<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span>
-und Sonnenschein. Ehrfurchtsvoll traten die übrigen Pädagogen
-nach rechts und links auseinander, um ihren Herrn und Meister
-hindurchzulassen. Mit vollendeter Humanität teilte Samuel seine
-kollegialischen Grüße aus: die Schüler aber mußten sich bei seinem
-Erscheinen von ihren Sitzen erheben, eine Höflichkeitsbezeigung, für
-die Samuel stets durch heftiges Abwinken dankte.</p>
-
-<p>Der Religionslehrer bestieg nunmehr den Katheder, faltete die
-Hände und sprach:</p>
-
-<p>»Lasset uns beten!«</p>
-
-<p>Abermals stand die Klasse auf wie ein Mann, und Samuel
-Heinzerling blickte wohlgefällig auf diese Kolonnen, die ihn und
-den Herrn der Heerscharen durch eine so ehrfurchtsvolle Behandlung
-auszeichneten.</p>
-
-<p>Der Religionslehrer sprach sein Gebet und bat den Allmächtigen,
-er möge unsern Eingang und unsern Ausgang segnen. Hierauf
-begann das Examen.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde verstrich, ohne daß uns das Publikum
-irgend einen Vertreter gesandt hätte. Da endlich knarrte die Tür.
-Aller Augen wandten sich nach der Schwelle: es erschien der
-Superintendent Samson, der sich in ganz ungewöhnlichem Maße
-für die geistige Entwicklung der Jugend interessierte. Verbindlich
-lächelnd drückte er einem Lehrer nach dem andern die Hand, &ndash;
-aber ganz sachte und insgeheim, um ja nicht zu stören. Dann
-folgte er mit reger Aufmerksamkeit den Peripetien der Prüfung,
-öfters mit dem Kopfe nickend und stets so schlau dreinschauend, als ob
-er wirklich imstande sei, die gestellten Fragen korrekt zu beantworten.</p>
-
-<p>Nach dem Superintendenten erschien der erste Stadtprediger,
-und dann füllten sich die Hallen so allgemach, bis um elf Uhr der
-Höhepunkt eintrat.</p>
-
-<p>Ein beträchtliches Kontingent zu diesen Vormittagsbesuchern
-lieferten die Gymnasiasten selbst, und zwar wohnten die Schüler
-der unteren Klassen mit Vorliebe den Prüfungen der oberen bei, so
-daß die Sextaner niemals so zahlreich vertreten waren, als wenn
-die Prima examiniert wurde.</p>
-
-<p>Des Nachmittags bot der Saal einen weit pittoreskeren Anblick,
-denn jetzt erschienen auch die Mütter und Schwestern der Examinanden.<span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span>
-Der Anblick farbenprächtiger Roben und wallender Hutbänder war
-in diesen Räumen etwas so Ungewohntes, daß wir bei dem Erscheinen
-der ersten Dame jedesmal in einen Zustand herzklopfender
-Aufregung gerieten, zumal wenn die Dame jung und hübsch war.
-Das Rauschen ihres Gewandes tönte uns lieblicher als Musik,
-und die kleinen, zierlichen Halbstiefelchen klappten so ganz anders
-auf den Dielen des Saales als die kolossalen Gehwerkzeuge
-Doktor Hellwigs.</p>
-
-<p>Samuel Heinzerling war bei diesen Anlässen von einer musterhaften
-Galanterie. Jeder Zoll seines Wesens atmete Wohlwollen
-und Ritterlichkeit, wenn er die gnädige Frau oder das verehrte
-Fräulein nach dem Stuhle geleitete. Nur die Backfische im Alter
-von 13 bis 15 Jahren behandelte er etwas kühler, denn er wußte,
-daß gerade diese Sorte seinen Schülern am gefährlichsten war.</p>
-
-<p>Gegen vier Uhr nachmittags hatte sich der Damenflor, der
-unsere Prüfung schmückte, am reichsten entfaltet. Gar mancher von
-uns erblickte da auf bescheidenem Rohrstuhle den »Stern seines
-Lebens«, die »Rose, vom Himmelstau gebadet«, den »Engel, zu gut
-für diese lieblos rauhe Welt«. Besonders zart organisierte Schüler
-kamen aus dem Erröten gar nicht heraus; die Mädchen aber
-steckten die Köpfe zusammen, &ndash; und was sie insgeheim miteinander
-schwatzten, betraf gewiß nicht die Sprachgebräuche des Xenophon.</p>
-
-<p>Während der Nachmittagsprüfung waren wir selbstverständlich
-weit weniger aufmerksam als des Vormittags. Die Lehrer wußten
-sehr wohl, daß sie diese rückgängige Bewegung unseres Interesses
-dem Einflusse des Ewig-Weiblichen zuschreiben mußten. Daher sie
-denn jetzt vorzugsweise solche Schüler examinierten, die ihnen als
-erotisch unempfänglich bekannt waren. Es ist wunderbar, wie fein
-der Instinkt der Lehrer hier das Richtige trifft. In jeder Klasse sind
-immer drei, vier, fünf exemplarische Jünglinge vorhanden, die ein
-so stark entwickeltes Pflichtgefühl oder ein so schwach entwickeltes
-Herz besitzen, daß <span id="corr205">ihnen</span> die Regeln über den griechischen Optativ
-ungleich wichtiger sind als der Anblick eines schönen Mädchengesichts.
-Diese Unempfänglichen werden in so heiklen Fällen besonders aufs
-Korn genommen, wenn es gilt, rasch eine Querfrage zu beantworten
-u. dergl. m. Zu einem längeren, wissenschaftlichen Verhör<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span>
-eignet sich unter Umständen auch der verliebte Schüler, &ndash; wofern er
-nämlich auf dem Gebiete, das der Lehrer gewählt hat, sehr sattelfest
-ist. Es wird ihm alsdann ein besonderes Vergnügen bereiten,
-in den Augen seiner Angebeteten zu brillieren. Den Horaz übersetzend,
-schleudert er wohlgezielte Pfeile nach ihrem Herzen. Er
-beschwört die Lydia, sie möge den Sybaris nicht vor Liebessehnsucht
-vergehen lassen, und meint dabei sich und Volckmanns blonde
-Therese. Er verdeutscht die Ode: <em class="antiqua">Quem tu, Melpomene, semel</em>, &ndash;
-und denkt dabei schüchtern an seine eigenen poetischen Versuche, mit
-denen er die Auserkorene durch Vermittlung seiner Schwester oder
-auf dem Wege einer anonymen Postsendung heimgesucht. Nickt
-dann der Superintendent mit beifällig schmunzelnder Miene, so ist
-der Gymnasiast stolz auf seinen errungenen Triumph, und zerstreut
-lächelnd folgt er der Aufforderung des Lehrers, sich wieder zu setzen.</p>
-
-<p>Das Klassenexamen ist die einzige Gelegenheit, wo die Primanerliebe
-innerhalb der vier Wände des Gymnasiums etwas freier aufatmet.
-Die Klassenprüfung ist ihr Sonnenblick. Hier kann der
-Lehrer gegen ihre verstohlene Betätigung nichts einwenden. Noch
-entsinne ich mich des jauchzenden Entzückens, mit dem mir einer
-meiner Freunde, Paul Schuster, am Schluß des Examens um den
-Hals fiel, weil diese wenigen Nachmittagsstunden das wieder aufgebaut
-hatten, was ihm während des Semesters durch die Ungunst
-der Verhältnisse zerstört worden war.</p>
-
-<p>Paul Schuster liebte eine reizende Blondine, namens Elisabeth.
-Er besang sie in hundert Liebesliedern. Seine Schwester hatte
-ihm zugeredet, und so kopierte er das schönste dieser Gedichte auf
-goldgerändertes Briefpapier, schrieb, von hundert seligen Ahnungen
-erfüllt, seinen Namen darunter, und barg es in einer zierlichen
-Enveloppe, auf deren Siegelstelle eine Taube mit dem biblischen
-Ölzweig prangte. Dann setzte er als Adresse die Worte darauf:
-»Meiner himmlischen Elisabeth«, und ließ der Holden das Billett
-durch seine Schwester mit in die Schule bringen. Am Abend erhielt
-er die Nachricht, das Gedicht habe einen ungeheuren Eindruck
-gemacht. Elisabeth sei von dem Zauber der wogenden Rhythmen
-geradezu hingerissen; nur meine sie, der Dichter habe doch hin und
-wieder gar zu schmeichelhaft übertrieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span></p>
-
-<p>Drei Tage später glaubte Paul Schuster zu bemerken, daß der
-Direktor Samuel Heinzerling während der Interpretation der
-Antigone ihm verschiedene Male einen strafenden Blick zuschleuderte.
-Das Schicksal sollte ihn über die Ursache jenes eigentümlichen
-Mienenspiels nicht lange in Zweifel lassen. Nach Beendigung der
-Lehrstunde entbot ihn Samuel auf sein Zimmer. Verwirrt leistete
-er dieser Aufforderung Folge. Wer schildert seine Empfindungen,
-als er auf dem Tische des Gymnasialtyrannen sein <em class="antiqua">Billet-doux</em> an
-Elisabeth wahrnimmt.</p>
-
-<p>»Schoster,« begann der Direktor, »Professor Gönther föhrt
-Klage, Sä belästägen seine Tochter.«</p>
-
-<p>Paul Schuster glaubte bei diesen Worten Samuels in den
-Boden versinken zu müssen. Ein jäher Krampf schnürte ihm die
-Kehle zusammen.</p>
-
-<p>»Herr Direktor,« stammelte er, »wenn Professor Günther
-dergleichen behauptet, so spricht er die Unwahrheit&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wä, Schoster?« fragte Heinzerling mit schneidiger Stimme, »Sä
-wollen noch leugnen? Sätzen Sä säch dort einmal auf den Stohl!«</p>
-
-<p>»Aber, Herr Direktor&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sätzen Sä säch! Also Sä haben dä Dreistägkeit, den Herrn
-Professor Gönther der Onwahrheit zo bezächtägen! Goot! Sehr
-goot! Ond was sagen Sä zo däsem Zettel, den dä Frau Professor
-än der Scholtasche ähres Töchterchens gefonden hat? Wollen Sä
-etwa än Abrede stellen, daß Sä däsen Wäsch da geschräben haben?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Direktor!«</p>
-
-<p>»Non goot! Äch ontersage Ähnen härmät ein för allemal,
-däse onzämlächen Scherze zo wäderholen.«</p>
-
-<p>Er nahm das Blatt zwischen die Finger und rückte die Brille
-zurecht.</p>
-
-<p>»Es äst wärklich stark, Schoster!</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">›Ond schänkte, wenn der Lenz erwacht,<br /></span>
-<span class="i0">Ein Gott mär allen Blötenflor,<br /></span>
-<span class="i0">Äch legte gern dä Fröhlingspracht<br /></span>
-<span class="i0">Als Teppäch Deinen Fößen vor&nbsp;…‹<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Begreifen Sä nächt, daß es geradezo onverantwortlich äst,
-einem wohlerzogenen Kände solche Albernheiten än den Kopf zo<span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span>
-setzen? Äch dächte, Sä gäben säch vorläufäg noch ein wenig mät
-Ährem Sophokles ab.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">›Ach, wenn der Sehnsocht holde Glot<br /></span>
-<span class="i0">Äm täfsten Bosen aufgeflammt&nbsp;…‹<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Sehnsocht, Sehnsocht! Sehnen Sä säch nach einem ordentlächen
-Matorätätsexamen, ond vertrödeln Sä Ähre Zeit nächt mät solchen
-Abgeschmacktheiten. Wenn säch der Mensch erst einmal solche Alloträa
-än den Kopf gesetzt hat, dann geht sein wässenschaftlächer Sänn
-öber Nacht zo Grabe. Merken Sä säch das!«</p>
-
-<p>Paul war außer sich.</p>
-
-<p>»Herr Direktor,« stöhnte er verzweifelt, »ich glaube bis jetzt
-noch keine Veranlassung gegeben zu haben&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das habe äch auch nächt behauptet. Aber dä bästen Schöler
-werden äm Handomdrehen leichtsännäg, wenn sä anfangen, säch mät
-solch kändäschem Tand abzogeben. Äch habe Sä non gewarnt.«</p>
-
-<p>Der Direktor entließ ihn. Paul Schuster hielt nur mit Mühe
-die Tränen zurück. Er kam sich so erbärmlich, so namenlos lächerlich
-vor, daß er zu jedem Entschluß unfähig war. Zu Hause angelangt,
-überlegte er. Nach mehrstündigem Hin- und Hersinnen kam er zu
-dem Resultat, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als Elisabeths
-Vater persönlich aufzusuchen. Trotzig erhobenen Hauptes machte
-er sich auf den Weg. Er ward nicht vorgelassen. Was tun?
-Eine halbe Minute lang schwankte er, ob er sich nicht mit Gewalt
-den Weg in das friedliche Studierzimmer bahnen und im Tone
-eines beleidigten Theaterhelden Rechenschaft fordern sollte für die
-zwiefach kränkende Unbill. Bald aber gewann die vernünftige Erwägung
-die Oberhand. Der eben noch so heroische Primaner zog
-ab. Wie ein verschmähter Freier schlich er gesenkten Blickes nach
-Hause, warf sich mit geballten Fäusten langwegs auf das Sofa
-und heulte.</p>
-
-<p>So war das poesiereiche Verhältnis zu Elisabeth meuchlings
-zertrümmert worden. Allerhand kleine Mißverständnisse hatten
-dazu beigetragen, den Sturz der Ideale zu vervollständigen.</p>
-
-<p>Und nun kam die Klassenprüfung. Elisabeth erschien reizender
-als je. Sie nahm in der vordersten Reihe Platz. Zwei Stunden
-lang kreuzten sich die Blicke der beiden Liebenden, und dieser stumme<span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span>
-Depeschenwechsel reichte aus, beiden die Gewißheit zu geben, daß
-sie »einander noch angehörten«. Am Schluß des Examens erntete
-Schuster ein Lächeln, das ihm den letzten Zweifel benahm …
-Glücklicher Schuster!</p>
-
-<p>Ich wiederhole es: Das Klassenexamen ist der Lichtblick der
-scheuen Primanerliebe!</p>
-
-<p>Doch kehren wir aus dem Speziellen ins Allgemeine zurück,
-und erzählen wir den weiteren Normalverlauf der Semesterprüfung.</p>
-
-<p>Am Abend des dritten Tages bestieg Samuel Heinzerling den
-Katheder und verkündete die Prämien und die Versetzungen. Ein
-feierlicher Moment! Der Direktor wußte denn auch der Bedeutsamkeit
-des Augenblicks in jeder Hinsicht gerecht zu werden. Seine Stimme
-klang fast wie die Posaune des Jüngsten Gerichts, wenn er begann:</p>
-
-<p>»Von Onterpräma nach Oberpräma röcken auf:«</p>
-
-<p>Und nun folgte die Liste. Die nicht erwähnten Schüler waren
-zu ewiger Verdammnis &ndash; ich will sagen, zum Sitzenbleiben für
-ein weiteres Semester verurteilt.</p>
-
-<p>Dann fuhr der Direktor fort:</p>
-
-<p>»Prämien erhalten än däser Klasse:«</p>
-
-<p>Und nun folgte das kurze Verzeichnis der wenigen Auserwählten.
-Dieses Verzeichnis schrumpfte, je höher man in der
-Reihe der Klassen hinaufstieg, immer mehr zusammen. In Prima
-gab es nur ganz ausnahmsweise Prämien:</p>
-
-<p>»Dä Prämaner taugen alle nächt väl«, so pflegte Samuel
-privatim diese Maßnahme zu motivieren.</p>
-
-<p>Zu Ostern fand am Schlusse der Prüfungen zuweilen ein
-sogenannter Aktus statt, bei dem das schöne Geschlecht noch zahlreicher
-vertreten war als beim Examen. Gedichte, deutsche und
-lateinische Reden, Gesänge und sonstige musikalische Vorträge waren
-der Gegenstand dieser nachmittäglichen Feier, an der sich nicht nur
-die Schüler, sondern auch die Lehrer aktiv beteiligten. So entsinne
-ich mich eines trefflichen Vortrags, den Samuel Heinzerling über die
-Wirkung der echten Humanität hielt. Doktor Brömmel, der
-Zwillingsvater, sprach wiederholt über die Bevölkerungsverhältnisse
-der europäischen Staaten; er wies darauf hin, daß Deutschland
-das rivalisierende Frankreich immer mehr zu überflügeln verspreche,<span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span>
-eine Wahrheit, die von Emanuel Boxer mit der malitiösen Bemerkung
-begleitet wurde: »Daran ist niemand schuld, als Doktor
-Brömmel!« Der »Herr Pastor« ließ sich über das griechische
-Schisma vernehmen, ein Thema, von welchem Boxer behauptete,
-daß es die anwesenden Damen <em class="gesperrt">nur zur Hälfte</em> verstehen würden.
-Doktor Perner endlich gab Bilder aus der neueren Literaturgeschichte.
-Leider waren meine Gymnasialhumoresken damals noch
-nicht geschrieben, sonst würde er sie ohne Zweifel mit Enthusiasmus
-erwähnt haben.</p>
-
-<p>Gegen sechs Uhr trat man den Heimweg an. Jedermann
-befand sich in einer rosigen Stimmung. Nur die Sitzengebliebenen
-ließen elegisch die Köpfe hängen und gelobten sich, im neuen
-Semester Rache zu üben für die erlittene Kränkung.</p>
-
-<p>»Das habe ich dem Doktor Perner zu danken«, sagte der eine.</p>
-
-<p>»Mich hat der Brömmel ins Verderben geritten! Für das
-nächste Jahr wünsche ich ihm Drillinge!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span></p>
-
-<h2 id="Ferien">
-<img src="images/illu-211.png" alt="" /><br />
-Ferien.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-g.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">Gegen Schluß des Semesters tritt in der Stimmung des
-deutschen Gymnasiasten eine seltsame Wandlung ein. Bis
-dahin hat er die Knechtschaft des Stundenzwanges mit
-jener edlen Resignation hingenommen, die der Weise
-einem unabwendbaren Übel entgegenbringt. Jetzt mit einemmal
-ergreift ihn ein selbstbewußter, beinahe trotziger Frohsinn. Noch
-leistet er den Befehlen des Lehrers Folge, aber sein Gesichtsausdruck
-steht mit dieser äußeren Unterwürfigkeit in schroffem Gegensatze. Auf
-der lächelnden Lippe schwebt ein unausgesprochenes Wort, das, ins
-Verständliche übertragen, ungefähr also lautet: »Ich gehorche! Ich
-stehe unter deiner Botmäßigkeit! Aber der Tag der Befreiung naht
-auf Sturmesflügeln! Wenn er erscheint, dann wehe dem Grundgesetz
-deiner Herrschaft!« Strafen, die sonst eine niederschmetternde
-Wirkung ausgeübt hätten, werden jetzt gleichgültig, ja fast mit
-offenem Hohn ertragen: der Skorpion des Absolutismus hat seinen
-Stachel verloren.</p>
-
-<p>Wer in der Völker- und Staatengeschichte einigermaßen bewandert
-ist, der wird sich erinnern, daß ähnliche Stimmungen
-von jeher den Verschwörer am Vorabend der Entscheidung beseelt
-haben. Genau so dachte und fühlte der Neger, der unter Toussaints
-Führung die Fesseln seiner langjährigen Sklaverei sprengen sollte.
-Hätten die Plantagenbesitzer von St. Domingo ein deutsches Gymnasium
-besucht, sie wären niemals von den schwarzen Bataillonen
-überrumpelt worden. Der deutsche Gymnasiallehrer weiß nur zu
-genau, was jener Stimmungswechsel bedeutet. Er weiß, daß es<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span>
-die Perspektive auf die Ferien ist, die seiner Klasse so rebellisch die
-Adern schwellt.</p>
-
-<p>Ferien! Das Wort hat für einen deutschen Gymnasiasten etwas
-Zauberisches! Schon viele Wochen im voraus wird bis auf den
-Tag und die Stunde berechnet, wie lange man noch auf den harten
-Subsellien zu schmachten hat. Die Phantasie eilt der Wirklichkeit
-in rauschendem Fluge voraus und bevölkert die Zukunft mit den
-beglückendsten Lichtstrahlen. Man entwirft Pläne; man gelobt sich,
-die <span id="corr212">anderthalb</span> Monate diesmal so recht gründlich und nach allen
-Richtungen hin auszukosten. Man überläßt sich einer poesievollen
-Zerstreutheit, die sich von Woche zu Woche steigert und zuletzt in
-die vollendete Träumerei ausartet.</p>
-
-<p>Mir und meinem vielgenannten Freund Wilhelm Rumpf war diese
-gesteigerte Spannung so unerträglich, daß wir den Freitag und den
-Sonnabend vor dem Beginn der Ferien jedesmal schwänzten. Zur
-gewohnten Stunde ergriffen wir unsere Schreibmappen und traten ins
-Freie. In dem kleinen Tempel der städtischen Promenade, der zu dieser
-Frist völlig verwaist stand, gaben wir uns ein Rendezvous und beratschlagten,
-was den Tag über zu beginnen sei. Wenn wir einen Entschluß
-gefaßt hatten, stellten wir unsere Uhren mit ängstlicher Genauigkeit nach
-der großen Turmuhr der Stadtkirche und verloren uns dann, halb
-Kinderspiele, halb Gott im Herzen, seitwärts in die Felder. Ganz
-besonders entzückend waren diese illegitimen Ausflüge am Schluß
-des Sommersemesters. Eine prächtige Landschaft, die noch im
-reichsten Festgewand strahlte, ein tiefblaues Himmelsgewölbe, und
-auf allen Hügeln und Hängen ein überschwenglicher Segen des
-köstlichen Obstes, &ndash; was brauchten wir mehr, um glücklich zu sein?
-Die Freude über den wolkenlosen Septembertag paarte sich mit dem
-Triumphgefühl über die gelungene Entweichung. Jauchzend strichen
-wir durch die einsamen Nußgärten und füllten uns, dem siebenten
-Gebote zum Trotz, die Taschen. Gegen zehn nahmen wir in der
-nächsten ländlichen Schenke einen Imbiß, dessen Mangelhaftigkeit
-durch den Glanz unserer Gemütsverfassung ersetzt wurde. Eine
-Stunde später rüsteten wir uns zum Heimweg. Es galt, rechtzeitig
-in der Behausung einzutreffen, denn die Sache sollte den Anschein
-haben, als kämen wir direkt aus dem Gymnasium.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span></p>
-
-<p>Auf diese Weise verbrachten wir den Freitag und den Sonnabend.
-Wie Leander die Hero, so besuchten wir die Göttin der Freiheit
-unter dem Deckmantel des Geheimnisses … Für kurze Zeit hat
-dieser verstohlene Umgang einen unendlichen Reiz: auf die Dauer aber
-sehnt man sich nach dem festen Besitz. So hatten wir denn beim
-Läuten der Sonntagsglocken gerade genug an dem heimlichen Raube,
-und wonnetrunken begrüßten wir unser rechtliches Eigentum, &ndash;
-die Ferien!</p>
-
-<p>Wer vermöchte zu schildern, was ein deutscher Gymnasiast beim
-Beginn der Ferien empfindet! Sechs lange Wochen! Eine Ewigkeit!
-Freudig blitzenden Auges und stolz erhobenen Hauptes wandelt man
-umher, als ob man die ganze Welt besäße! Und zwar ist dieses
-Entzücken um so aufrichtiger und vollständiger, je weiter abwärts
-wir uns von der Prima entfernen, &ndash; vielleicht nur aus dem Grunde,
-weil die Empfindung von der Länge der Zeit mit der fortschreitenden
-Entwicklung des Menschen zusammenschrumpft. Dem Quartaner
-und Tertianer sind diese sechs Wochen in der Tat ein unbegrenzter
-Spielraum: das jugendliche Gemüt überläßt sich der Illusion, die
-Frist könne kein Ende nehmen. Der Primaner dagegen hat sich zu
-oft schon diese sechs Wochen »von rückwärts betrachtet«; die Erfahrung
-hat seinen Idealismus auf ein minder grandioses Maß
-reduziert; er weiß die Summe der Genüsse, die ihn erwarten, bereits
-annähernd abzuschätzen.</p>
-
-<p>In einem Punkte verwerten die Schüler aller Klassen das
-Privilegium der Ferien gleichmäßig: im freien Genusse des Morgenschlummers.
-Das Recht, ohne Rücksicht auf eine bestimmte
-Stunde in den hellen Tag hineinschlafen zu können, gießt über
-das ganze Wesen des deutschen Gymnasiasten einen Schimmer
-der rosigsten Verklärung. Wenn er nachts erwacht und sich,
-behaglich aufatmend, nach der anderen Seite wendet, so ist das
-Bewußtsein, am folgenden Morgen den sonst so verhängnisvollen
-Schlag der Glocke überhören zu dürfen, allein ausreichend, um
-die Ferien mit dem Gewand eines zauberischen Liebreizes zu umkleiden!</p>
-
-<p>So dämmert der Tag heran. Draußen, in den Zimmern und
-auf dem Korridor ist schon alles geschäftig: der glückliche Gymnasiast<span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span>
-rührt sich nicht. Selbst wenn er längst nicht mehr schlafen kann,
-hält er noch die Augen geschlossen, bis die Mutter oder die Schwester
-ihn, weniger aus Gründen der Moral, als mit Rücksicht auf die
-gestörte Hausordnung, weckt. Nun kleidet der Triumphator sich an,
-langsam, mit souveräner Verachtung der Zeit, &ndash; denn er hat ihrer
-ja mehr, als er braucht! Nach eingenommenem Frühstück verläßt er
-das Haus: das ist ein unumstößliches Axiom der Ferienpraxis.
-Je nach der Verschiedenheit seines Alters und seines Temperaments
-verbringt er den Vormittag verschieden. Er streift durch Feld und
-Wald, er schlendert Arm in Arm mit seinem Intimus durch die
-Gassen, er besucht verstohlenerweise ein Bierhaus und wagt selbst
-eine Partie Billard. Der Quartaner und Tertianer gibt sich mit
-seinen Altersgenossen in besonders günstig gelegenen Höfen der
-Nachbarschaft ein Rendezvous, um zu spielen; er plant tolle Streiche
-und verabredet Ausflüge in die weitere Umgebung. Vor Mittagszeit
-aber betritt keiner, weder der Schüler von Quarta, noch der
-Oberprimaner, die elterliche Wohnung.</p>
-
-<p>Nach Tische treibt sich der Feriengymnasiast zum Leidwesen
-seiner Angehörigen in störender Weise auf den Kanapees und
-Sesseln herum; trällert ein Lied, worüber seine ältere Schwester
-nervös wird; neckt seine jüngeren Brüder; nimmt eine illustrierte
-Zeitschrift zur Hand, trotz der wiederholten Versicherung des
-Vaters, das sei keine Lektüre für ihn; fragt, ob nicht bald
-Kaffee getrunken werde; stemmt seine Stiefel wider die polierten
-Tischfüße, legt sich ins Fenster oder verklebt seiner Mutter das
-Schlüsselloch des Nähtischchens mit Wachs. Die Aufforderung,
-er möge etwas arbeiten, beantwortet er mit einem wohlwollenden
-Lächeln.</p>
-
-<p>»Erst will ich mich ausruhen«, sagt er, behaglich die Arme
-reckend.</p>
-
-<p>Wenn man das so mit ansieht, man sollte meinen, der Ärmste
-habe Monate lang Dienste in einer Tretmühle geleistet.</p>
-
-<p>Der Nachmittag wird, je nach der Jahreszeit, zu Ausflügen in
-die umliegenden Bierdörfer, zu Fensterpromenaden, zu Skatpartien,
-zu Kahnfahrten und dergleichen benutzt, und der Abend bringt oft
-nur eine Fortsetzung des Nachmittags.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span></p>
-
-<p>Dieses lustige, ungebundene Leben erfährt eine gelinde Trübung
-durch den Hinblick auf die Ferienarbeiten, die in einigen Gymnasien
-nicht ganz ohne Belang sind.</p>
-
-<p>Ich meinesteils habe meine Pensa stets schon in der ersten
-Woche begonnen und so unter der Hand ohne ernstliche Schädigung
-meines Wohlgefühles erledigt. Die meisten Schüler warten jedoch
-bis zuletzt und verderben sich den Schluß der Ferien von Grund
-aus. Es leuchtet ein, daß die von mir befolgte Methode gerade
-vom Standpunkt des Epikuräers aus die einzig richtige ist, &ndash; auch
-richtiger als das andere Extrem, während der ersten Tage alles
-auf einmal zu absolvieren.</p>
-
-<p>Unter den Ferienarbeiten, mit denen man uns die Flügel ein
-wenig zu binden hoffte, nahm der deutsche Aufsatz einen hervorragenden
-Rang ein. Und zwar gab man uns zu wiederholten
-Malen das Thema: »Wie verbrachte ich meine Ferien?« Diesen
-Aufsatz schrieb ich stets in der ersten Woche, denn die historische
-Wahrheit gehörte von je zu den geringsten Verdiensten solcher
-Arbeiten. Ganz faule und versumpfte Kameraden, die niemals aus
-eigenem Antrieb ein Buch in die Hand nahmen, gaben sich in dem
-Ferienaufsatz den Anschein, als hätten sie umfassende Privatstudien
-im Xenophon und im Curtius geleistet. Die Lehrer nahmen das
-merkwürdigerweise stets so beifällig hin, daß ich als Obersekundaner
-den Entschluß faßte, dieses lügnerische Selbstlob einmal auf die
-Spitze zu treiben. Da war denn in meinem Aufsatz etwa folgender
-Passus zu lesen:</p>
-
-<p>»Ich erhob mich des Morgens zwischen vier und fünf, nahm
-in aller Eile den Kaffee ein und verfertigte alsdann bis gegen
-10 Uhr lateinische Stilübungen. Hierauf machte ich einen halbstündigen
-Spaziergang, um sofort wieder an meine Arbeit zurückzukehren.
-Ich las Corneille, Racine, Molière und Chateaubriand,
-bis ich zu Tische gerufen wurde, was in der Regel so gegen ein Uhr
-statthatte. Die Stunden von zwei bis fünf widmete ich dem
-Griechischen, der Geschichte und der Geographie. Hierauf unternahm
-ich in Begleitung meines Vaters einen Spaziergang, von dem wir
-meistens so gegen halb sieben Uhr zurückkehrten. Um sieben Uhr
-wurde zu Nacht gespeist, und nun arbeitete ich von acht bis elf<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span>
-Mathematik, Physik und Kirchengeschichte. Oft auch habe ich die
-Mitternacht an meinem stillen Pulte herangewacht, denn ich hatte
-mir nun einmal fest vorgenommen, eine gewisse Summe von Lernstoff
-zu bewältigen. Sagt doch schon ein alter Klassiker: ›Wir
-lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben.‹ Meine Mußestunden
-benutzte ich dann zur Lektüre von Goethe, Schiller, Klopstock,
-Wieland, Herder, Lessing, Platen, Rückert und Roderich Benedix;
-auch übersetzte ich viele Oden des Horaz metrisch ins Deutsche.
-Des Sonntags besuchte ich von neun bis elf die Kirche, hielt mich
-jedoch, um nicht aufzufallen, meist abseits, weshalb mich die Herren
-Lehrer ohne Zweifel nur selten wahrnahmen. Einmal war ich zwei
-Tage lang in Frankfurt, und diese in jeder Hinsicht belehrende
-Reise will ich hier zum Gegenstand einer ausführlichen Schilderung
-machen.«</p>
-
-<p>Ich wurde um dieses Aufsatzes willen »wegen Unfugs« mit
-sechs Stunden Karzer bestraft und dazu beauftragt, dasselbe
-Thema noch einmal, und zwar in jeder Hinsicht wahrheitsgemäß,
-zu behandeln.</p>
-
-<p>Drei Tage später also reichte ich dem Lehrer eine neue, von
-der ersten wesentlich differierende Arbeit ein, die folgenden Passus
-enthielt:</p>
-
-<p>»Des Morgens schlief ich bis neun, mitunter sogar bis zehn
-Uhr. Denn, sagte ich bei mir selbst, wozu sollst du dich plagen,
-wenn du's gut haben kannst? Gearbeitet habe ich nur sehr wenig.
-Ich erledigte zwar zur Not meine Pensa: im übrigen aber verspürte
-ich einen seltsamen Abscheu gegen jede Tätigkeit. Man lebt nur
-einmal auf der Welt, pflegte mein Großonkel Schmidthenner zu sagen.
-So hielt ich es denn für zweckmäßig, mir die kurze Freiheit recht
-zunutze zu machen. Fast täglich bestand ich mit Wilhelm Rumpf
-einen Ringkampf, wobei immer derjenige siegte, der den Untergriff
-hatte. Solche Übungen sind in jeder Beziehung praktisch. Ich
-merkte dies bei dem Zwist mit dem Gänsehirten von Wieseck. Der
-Mann wollte uns ausschimpfen, weil Rumpfs kleiner Pudel ihm die
-Gänse gejagt hatte. Wir zerbläuten ihn jämmerlich. Hieraus
-erhellt, daß der Jüngling sich nicht früh genug in körperlichen
-Exerzitien ergehen kann. Wie sagt schon Horaz? usw. usw.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span></p>
-
-<p>In diesem Stile ging es zwölf Seiten lang. Am Schluß
-meiner tückischen Abhandlung hatte ich die zwölf Stunden Karzer,
-die ich diesmal eroberte, so vollständig verdient, daß ich mich noch
-jetzt über die Nachsicht des sonst so leicht erregbaren Lehrers wundere.</p>
-
-<p>»Wie verbrachte ich meine Ferien?«</p>
-
-<p>In der Tat ein trostloses Thema für einen deutschen Gymnasialschüler,
-der weder lügen, noch seine Lehrer beleidigen will!</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Maturitatsexamen">
-<img src="images/illu-218.png" alt="" /><br />
-Das Maturitätsexamen.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop-d">Das Wort Examen hat für den Gymnasialschüler je nach
-Umständen eine sehr verschiedenartige Klangfarbe. Ernst
-und gewichtig tönt es an sein Ohr, wenn es die
-Abiturientenprüfung bezeichnet; leicht und harmlos dagegen,
-wenn es jene Komödie bedeutet, die sich alljährlich ein- oder
-zweimal vor dem Beginn der Ferien wiederholt, mit dem angeblichen
-Zweck, das Publikum über die intellektuellen und ethischen Fortschritte
-der künftigen Staatsbürger zu unterrichten.</p>
-
-<p>Das Abiturienten- oder Maturitätsexamen ist, streng genommen,
-nur eine Form, da die Lehrer in den meisten Fällen vorher wissen,
-wer da bestehen und wer durchfallen wird. Es wäre auch sonderbar,
-wenn die paar Stunden oder Tage des Examens genauere
-Auskunft über den Bildungsgrad eines Schülers ermöglichen sollten,
-als die Monate und Jahre des regen persönlichen Verkehrs in der
-Klasse. Gleichwohl betritt der Abiturient mit einem seltsamen Zagen
-den Prüfungssaal, nicht ahnend, daß sein Schicksal schon vor der
-ersten Frage so gut wie entschieden ist. Der Schüler, der sich
-während seiner ganzen gymnasiastischen Laufbahn durch die lebhafte
-Betätigung eines wissenschaftlichen Sinnes ausgezeichnet und den
-Beweis geliefert hat, daß er wirkliche Kenntnisse besitzt, wird
-selbst dann nicht durchfallen, wenn er in einer Spezialität unglücklicherweise
-alle Fragen schuldig bleibt; viel eher ist der umgekehrte
-Fall denkbar, daß ein Ignorant, der sich nur oberflächlich
-»eingepaukt« hat, durch eine glückliche Konstellation entschlüpfe.
-Es liegt also nicht der geringste Grund zur Aufregung vor;<span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span>
-aber die Tradition und der Instinkt wirken hier mächtiger als die
-reine Vernunft.</p>
-
-<p>In dem Gymnasium meiner Vaterstadt Gröningen hatten die
-Abiturienten erst ein dreitägiges schriftliches Examen und dann ein
-mündliches von etwa sechs Stunden zu leisten. Das schriftliche
-war entschieden die Hauptsache. Es bestand aus drei Extemporal-Aufsätzen,
-einem deutschen, einem französischen und einem lateinischen.
-Die strengste Klausur sonderte uns während dieser Arbeiten von
-der Außenwelt ab. Vor Schluß seines Aufsatzes durfte keiner den
-Saal und die dazu gehörigen Räumlichkeiten verlassen. Gegen
-Mittag lieferte uns der Pedell etwas kalte Küche; den Angehörigen
-der Schüler war es nicht gestattet, sich bei dieser Proviantlieferung
-zu beteiligen, da es früher mehrfach vorgekommen war, daß
-man in Buttersemmeln, Würsten u. dergl. die nötigen literarischen
-Hilfsmittel zur Bewältigung der Themata eingeschmuggelt hatte.
-Trotz dieser peinlichen Vorsicht gelang es fast regelmäßig, etwas
-Verwendbares über die Schwelle zu paschen. Bei dem Schließen
-oder Öffnen des Fensters warf man einen Zettel in den Hof, der
-das Thema bezeichnete. Treue Freunde, die unten lauerten, beschafften
-sofort, was sie an früheren Bearbeitungen desselben Vorwurfs
-etc. etc. auftreiben konnten, und legten es im rechten Moment
-auf eine gewisse verschwiegene Lokalität, deren Besuch man uns
-doch nicht völlig verbieten konnte. Zuweilen gelang es auch, schon
-Tags zuvor das Thema ausfindig zu machen, sei es, daß ein
-Familienmitglied des Examinators die Sache verriet, sei es, daß
-wir listigerweise das Notizbuch des Lehrers durchforschten und so
-die nötigen Anhaltspunkte eroberten.</p>
-
-<p>Einmal hatte der Direktor Samuel Heinzerling in Erfahrung
-gebracht, der Abiturient Ittmann sei am Abend vor dem Beginn
-der Prüfung auf wunderbare Weise in den Besitz des Themas
-gelangt und werde des Tags darauf eine Reihe von Manuskripten
-und Drucksachen mitbringen, und zwar, um der Möglichkeit einer
-Visitation auszuweichen, in seinen Stiefelschäften. Gott weiß, wer
-hier den Judas gespielt hatte: genug, Samuel Heinzerling war bis
-ins einzelne unterrichtet und beschloß, dem p. p. Ittmann auf eine
-möglichst humorvolle Weise zu Leibe zu gehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span></p>
-
-<p>Es war die ganze Zeit über abscheuliche Witterung gewesen.
-Auch am Tage des lateinischen Aufsatzes herrschte ein großer Schmutz
-in den Straßen. Hierauf gründete Samuel seinen Plan.</p>
-
-<p>Als Ittmann im Saale erschien, trat der Direktor freundlich
-lächelnd auf ihn zu und reichte dem überraschten Schüler die
-Hand.</p>
-
-<p>»Kommen Sä, läber Ättmann,« sagte er schmunzelnd, »äch
-weiß, Sä neigen sehr stark zor Erkältong&nbsp;…«</p>
-
-<p>Hiermit führte er den Erstaunten nach dem Ofen, wo ein
-Stiefelzieher und zwei Pantoffel standen.</p>
-
-<p>»So, läber Ättmann, äch habe Ähnen da ein paar Pantoffel
-besorgt, damit Sä säch ja nächt verderben. Zähen Sä Ähre Stäfel
-höbsch aus. Äch bän öberzeugt, Sä haben säch nasse Föße
-geholt.«</p>
-
-<p>»Sie sind zu gütig, Herr Direktor,« stammelte Ittmann, »aber
-ich habe wirklich ganz trockene Füße. Ich danke recht sehr.«</p>
-
-<p>»Es wärd doch besser sein, wenn Sä dä Schohe dort anzähn.
-Sä sänd mär än der letzten Zeit wäderholt onwohl gewesen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das ist ganz vorüber, Herr Direktor. Ich fühle mich jetzt
-vollständig frisch.«</p>
-
-<p>»Eben, weil Sä säch fräsch föhlen, sollen Sä säch nächt wäder
-erkälten. Machen Sä jetzt keine Omstände; äch meine es goot mät
-Ähnen!«</p>
-
-<p>»Ohne Zweifel, Herr Direktor. Ich verspüre aber nicht den
-geringsten Anflug von Nässe. Lassen Sie lieber den Schierlitz die
-Pantoffel da anziehen: der hat einen viel weiteren Weg als ich.«</p>
-
-<p>»Nein, nein! Der Schärlätz äst eine roboste Nator! Sä allein
-haben mär den verflossenen Wänter fortwährend öber Katarrh
-geklagt. Jetzt machen Sä mäch nächt ongedoldäg, ond entledägen
-Sä säch so rasch wä möglich Ährer Stäfel! Äch befähle es
-Ähnen!«</p>
-
-<p>Ittmann war der Verzweiflung nahe. Seine angeborene
-Geistesgegenwart half ihm jedoch auch diesmal über die Klippe
-hinweg.</p>
-
-<p>»Nun denn, Herr Direktor,« sagte er mit einer artigen Verbeugung,
-»so nehme ich dankbar an.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span></p>
-
-<p>Mit diesen Worten ergriff er die Pantoffel und den Stiefelzieher
-und eilte der Tür zu.</p>
-
-<p>»Wo wollen Sä hän?« rief Samuel Heinzerling.</p>
-
-<p>»Herr Direktor, Sie werden mir zutrauen, daß ich so viel
-Lebensart besitze, um meine Stiefel nicht in Ihrer Gegenwart auszuziehen.
-Ich verfüge mich da neben ins Konferenzzimmer.«</p>
-
-<p>Samuel Heinzerling trat auf ihn zu, klopfte ihm auf die
-Schulter und flüsterte mit einem halbunterdrückten Lächeln:</p>
-
-<p>»Wässen Sä was? Gehn Sä läber nach Hause ond wechseln
-Sä zo Haus Ähre Stäfel! Sä haben säch öbrägens goot herausgehauen,
-wärkläch, sehr goot! Das moß Ähnen der Neid lassen.«</p>
-
-<p>»Aber, Herr Direktor, ich versichere Sie&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Machen Sä, daß Sä fortkommen ond versächern Sä mäch
-läber nächts. Äch denke, Sä wässen am besten, wo der Schoh Sä
-dröckt. Aber äch sage Ähnen, auf dem Fooß stehen wär nächt mäteinander,
-wenn das Examen anfängt! Sä sänd mär ein onreeller
-Kamerad! Verstehn Sä mäch?«</p>
-
-<p>»Herr Direktor,« versetzte Ittmann mit einem Blick auf seine
-Stiefel, »ich habe heute morgen schon so viel eingesteckt, daß ich
-auch diesen Vorwurf einstecken und Sie um dauernde Nachsicht
-ersuchen will.«</p>
-
-<p>Samuel Heinzerling lachte.</p>
-
-<p>Ittmann aber eilte nach Hause und erschien diesmal ohne die
-Eselsbrücken. Sei es nun, daß das Erlebnis mit Samuel Heinzerling
-seinem Geiste eine besondere Elastizität verlieh, sei es, daß
-der Direktor ein hervorragendes Wohlwollen entwickelte, kurz, der
-Schüler erhielt die Note eins.</p>
-
-<p>Der lateinische Aufsatz, den ich zur Bekundung meiner Reife
-verabfolgen mußte, betraf den Kaiser Tiberius.</p>
-
-<p>Ich habe nun bereits in meiner Skizzensammlung »Aus Sekunda
-und Prima« hervorgehoben, daß die Weltgeschichte von je meine
-schwache Seite gewesen. Von Tiberius insbesondere wußte ich nur
-sehr wenig Positives, &ndash; etwa, daß er des Kaiser Augustus Nachfolger
-gewesen; daß er sich durch Grausamkeit und Willkür ausgezeichnet;
-daß er einen Günstling, namens Sejanus, besessen und
-schließlich von Macro mit einem Kissen erstickt worden sei. Nun<span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span>
-verstand ich es zwar, solche geringfügige Anhaltspunkte möglichst
-ausgiebig zu verwerten: aber das Gold meines Wissens wollte
-diesmal, noch so breit geschlagen, nicht ausreichen, um den gewaltigen
-Raum eines Abiturientenaufsatzes zu bedecken.</p>
-
-<p>Hier half ich mir nun auf folgende sinnreiche Weise, die ich
-jedem Primaner unter gleichen Verhältnissen auf das wärmste
-empfehlen möchte. Ich hatte zufällig wenige Tage zuvor eine
-interessante Monographie über den Kaiser Augustus gelesen, deren
-Einzelheiten mir noch ziemlich treu im Gedächtnis hafteten. So
-begann ich denn meinen Aufsatz wie folgt:</p>
-
-<p>»Nach dem Tode des Cäsar Octavianus Augustus bestieg der
-tückische, menschenfeindliche Tiberius den Kaiserthron. Es gelang
-ihm schon nach kurzer Frist, sich in allen Teilen des Reichs gründlich
-verhaßt zu machen, denn er bildete durchweg den schroffsten Gegensatz
-zu dem wohlwollenden, gerechten, kunst- und literaturfreundlichen
-Augustus. Dieser Kontrast mußte die Antipathie der Römer
-noch beschleunigen und vertiefen. Augustus hatte das und das
-getan, diese und jene Einrichtung getroffen, so und so die Verhältnisse
-des römischen Volkes geregelt; von alledem finden wir bei
-Tiberius keine Spur. Augustus und seine Freunde Messala, Pollio
-und Mäcenas waren Kenner der griechischen Dichter, deren Werke
-man in öffentlichen Bibliotheken sammelte; in der Umgebung des
-Tiberius dagegen finden wir weder einen Mäcenas noch einen
-Messala noch einen Pollio. Augustus war auch äußerlich eine sehr
-angenehme Erscheinung. Ein heiterer Friede ruhte auf seinem
-Antlitz. Er machte den Eindruck eines biederen, würdevollen und
-geistig bedeutenden Alten. Ganz anders Tiberius, von welchem
-uns dergleichen nirgends berichtet wird.«</p>
-
-<p>Auf diese Weise gab ich eine sehr detaillierte Geschichte des
-Augustus und fügte nur von Zeit zu Zeit die Bemerkung hinzu,
-das sei bei Tiberius anders gewesen.</p>
-
-<p>Nachdem ich so mein Wissen erschöpft hatte, schloß ich wie folgt:</p>
-
-<p>»Leider ist die Zeit bereits zu sehr vorgerückt, als daß es mir
-noch möglich wäre, auf die übrigens allbekannten Einzelheiten der
-so verhängnisvollen Regierung des Tiberius näher einzugehen.
-Erwähnen will ich noch, daß er, wie fast alle Tyrannen, auf<span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span>
-unnatürliche Weise endete. Ja, es gibt eine Nemesis der Weltgeschichte,
-deren furchtbares Walten nur der Tor leugnen wird!
-<em class="antiqua">Est modus in rebus, sunt certi denique fines!</em>«</p>
-
-<p>Und dann sprach ich noch den üblichen Wunsch aus:</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Spero fore, ut, quae hodie conscripsi, rectori gymnasii
-doctissimo, illustrissimo, justissimo mire placeant.</em>«</p>
-
-<p>Meine Hoffnung ging in Erfüllung. Die umfassenden Kenntnisse,
-die ich im Punkte des Augustus entwickelt hatte, reichten aus,
-um meine tiberianische Unwissenheit zu bemänteln.</p>
-
-<p>Minder glücklich war ein Abiturient namens Glaser, der einen
-deutschen Aufsatz über die Völkerwanderung zu schreiben hatte und,
-wie Sokrates, nur eins wußte: daß er nichts wußte.</p>
-
-<p>Er begann sein Thema wie folgt:</p>
-
-<p>»Indem ich an die heutige Aufgabe heran trete, erinnere ich
-mich der alten Vorschrift, daß der wahre Philosoph niemals über
-einen Gegenstand reden darf, ohne ihn des näheren definiert zu haben.</p>
-
-<p>Was heißt Völkerwanderung? Augenscheinlich bedeutet dieser
-Ausdruck eine Wanderung von Völkern. Fragen wir nun zunächst:
-Was ist ein Volk? so liegt es klar zutage, daß sich dieser Begriff
-nicht so in aller Kürze fixieren läßt. Wir müssen daher etwas
-weiter ausholen. Schon in den ältesten Zeiten&nbsp;…«</p>
-
-<p>Und nun folgte eine graziös stilisierte Musterkarte historischer
-Data, wie sie in dem Kopfe des pfiffigen Schülers nach und nach
-hängen geblieben war. Die Ägypter, die Assyrer und Meder
-spielten hier eine bedeutsame Rolle. Ein längerer Abschnitt war
-dem auserwählten Volk Gottes gewidmet, dem Volk <em class="antiqua">par excellence</em>.
-Dann sprach Theophil Glaser von den Volksrechten, von den verschiedenen
-Staatsformen usw. usw.</p>
-
-<p>Die Hälfte des Aufsatzes war hiermit zurückgelegt. Der Schüler
-fuhr fort:</p>
-
-<p>»Wir kommen nun zu dem zweiten Teile unserer Definition:
-Was ist eine Wanderung?« Ein Problem, das er in ähnlicher
-Weise löste, wie das des Volkes.</p>
-
-<p>Als er endlich den Begriff der Völkerwanderung glücklich
-zusammengesetzt hatte, war die gegebene Frist abgelaufen, und hastig
-warf er die heuchlerische Phrase auf das Papier:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span></p>
-
-<p>»Zu meinem größten Bedauern muß ich hier schließen, denn ich
-höre das heisere Metall des Pedellen.«</p>
-
-<p>Theophil Glaser bestand zwar im deutschen Aufsatze »<em class="antiqua">cum
-laude</em>«, in der Geschichte aber fiel er trotz seiner glänzenden
-Definitionen unwiderruflich durch.</p>
-
-<p>Die Lehrer wollten nicht glauben, daß nur Quaddler daran
-schuld war, wenn Glasers Abhandlung des versöhnenden Schlusses
-entbehrte.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" />
-</div>
-
-<p class="center">
-Druck: J. Neumann, Neudamm.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Empfehlenswerte_Werke">Empfehlenswerte Werke.</h2>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-227.png" alt="Verlag von J. Neumann in Neudamm." />
-</div>
-</div>
-
-<p class="center">
-Für jede Familienbibliothek,<br />
-besonders aber für die Hausfrau auf dem Lande.<br />
-</p>
-<p class="h2">Sofiensruh.</p>
-<p class="center larger">
-Wie ich mir das Landleben dachte,<br />
-und wie ich es fand.</p>
-<p class="center">
-Von <b>S. Jansen</b>.<br />
-<br />
-<b>Zweite</b>, kürzlich neu erschienene Auflage.<br />
-Preis fein geheftet <b>4 Mk.</b>, hochelegant gebunden <b>5 Mk.</b>
-</p>
-
-<p>Ein <b>prächtiges, rein aus dem Leben geschöpftes Werk</b>
-von <b>eigenartiger, frischer, humorvoller</b> Darstellung, dessen <b>erste
-Auflage</b> in noch nicht <b>sieben Monaten vergriffen</b> gewesen ist. Die
-Verfasserin, Stadtfrau und in der größten norddeutschen Handelsstadt
-angesessen, kauft sich in der Nähe ihrer Heimat ein kleines Landgut,
-welches sie selbst mit größtem Verständnis bewirtschaftet. Ihre
-<b>wenigen Freuden</b> und die <b>große Zahl der Sorgen</b> schildert uns
-die Dichterin nun in einer Form, wie sie <b>lebenswahrer</b> und doch
-<b>zum Gemüte sprechender</b> nicht gedacht werden kann. Wir haben
-hier eine <b>seltene Perle moderner Erzählerkunst</b> vor uns und
-ein Buch, das ein <b>vorzügliches Festgeschenk</b>, namentlich für
-<b>unsere Hausfrauen</b>, genannt zu werden vollauf verdient.</p>
-
-<p><b>Die Kritik</b> hat sich über <b>»Sofiensruh« durchweg ungemein
-anerkennend</b> geäußert. Wir geben folgende Kritikauszüge wieder:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p><b>Der Tag in Berlin.</b> »Ein <em class="gesperrt">sehr amüsantes</em> Buch &ndash; und ein <em class="gesperrt">sehr nachdenkliches</em>
-Buch, nachdenklich im Sinne Fontanes, als etwas, über das man viel
-nachdenkt. Ich habe <em class="gesperrt">viel dabei gelacht</em> und doch <em class="gesperrt">viel dabei gelernt</em>.
-<em class="gesperrt">Mark Twainisch</em> fängt es an, mit grotesken Zirkusplätzen, und geht dann doch
-in den schönen niederdeutschen, etwas <b>schwermütigen Humor</b> über, den wir an
-<b>Klaus Groth</b> und <b>Fritz Reuter</b> so sehr lieben. Und das schönste daran ist,
-daß alles, was in dem Buche steht, so gar nicht erfunden und bloß ausgedacht
-ist, sondern in jeder Zeile den <em class="gesperrt">unverkennbaren Stempel der erlebtesten
-Wahrheit</em> trägt. … <em class="gesperrt">Städter</em> und <em class="gesperrt">Agrarier</em> sollten diese meistens
-grotesk <em class="gesperrt">lustigen</em> und doch so <em class="gesperrt">bitterernsten</em> Schilderungen und Erlebnisse
-genau studieren, die ersteren, um zu begreifen, unter welchen unerhörten
-Schwierigkeiten der Landwirt heute der Natur und seinem Helferpersonal sein
-Leben abzuringen hat, die letzteren, um endlich darüber klar zu werden, daß
-ohne eine gründliche, an die Wurzel gehende Umgestaltung des ländlichen
-Arbeitsverhältnisses über lang oder kurz jede größere Wirtschaft zugrunde gehen
-muß. … <em class="gesperrt">In Zolas furchtbarem »<em class="antiqua">La Terre</em>« sind die Tatsachen
-eigentlich nicht viel krasser</em>; sie sind eben nur durch ein bittereres Temperament
-gesehen. … Wie gesagt: ein <em class="gesperrt">nachdenkliches</em> Buch! Ein sehr
-<em class="gesperrt">nachdenkliches</em> Buch! Und wird keiner kommen dürfen und sagen, ein »Hetzer«
-habe es geschrieben.</p>
-
-<p class="right">
-<em class="antiqua">Dr.</em> Franz Oppenheimer.«<br />
-</p>
-
-<p><b>Das Daheim in Leipzig.</b> »… Es ist ein <em class="gesperrt">heiteres</em> und <em class="gesperrt">erfreuendes</em>
-und zugleich ein <em class="gesperrt">trauriges</em> und <em class="gesperrt">betrübendes</em> Buch. Es ist heiter und erfreuend,
-weil wir in ihm eine <b>prächtige deutsche Frau</b> kennen lernen, <em class="gesperrt">voll
-Mutterwitz, gesundem Verstande, Tatkraft und zähem Wollen</em>,
-die überdies noch über eine sehr <em class="gesperrt">ungewöhnliche Gabe der Schilderung
-und der Charakterisierung</em> verfügt. … Unser Buch ist gerade in
-seinen Einzelschilderungen auch <b>kulturgeschichtlich</b> <em class="gesperrt">von großem Wert</em>, es
-zeigt uns aber vor allem, unter wie <em class="gesperrt">unsagbar schwierigen Verhältnissen</em>
-heute vielfach die Landwirtschaft in Deutschland betrieben wird.</p>
-
-<p class="right">
-Th. H. Pantenius.«<br />
-</p>
-
-<p><b>Gartenlaube in Leipzig.</b> »… Der Titel »Tagebuch« ist im allgemeinen
-nicht gerade vertrauenserweckend; es verbirgt sich gemeinhin zu viel
-Eitelkeit und Selbstbespiegelung, zu viel Absicht und Verlogenheit dahinter. <em class="gesperrt">Hier
-aber ist</em> <b>Wahrheit von Anfang bis zu Ende</b>, <em class="gesperrt">ist Erdgeruch und Eigenart</em>,
-<b>ein Stück Leben</b>, <em class="gesperrt">das sich in aller Schlichtheit des Empfindens,
-ohne jede Pose, offenbart</em> … Und welch <em class="gesperrt">goldiger Humor</em> verklärt
-nicht all die großen und kleinen Fehlschläge, welche <em class="gesperrt">Herzensgüte und
-Vornehmheit der Gesinnung</em> offenbart sich nicht darin, wie diese Frau
-sich zu den Menschen, zum Leben stellt! <em class="gesperrt">Wahrlich</em>, »<b>ein Frauenbuch</b>«, <em class="gesperrt">auf
-das die Geschlechtsgenossinnen der Autorin nicht stolz genug sein
-können</em>, dessen Lektüre mehr als ein Zeitvertreib, ein gute Unterhaltung
-ist! … Möge <em class="gesperrt">das schöne Buch</em> vielen zu einem <em class="gesperrt">Freund</em> und <em class="gesperrt">Wegweiser</em>
-werden.«</p></div>
-
-<p class="h2">Für jede Familien- und Hausbibliothek empfohlen:</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Entwickelungsgeschichte der Natur.</b> Von <b>Wilhelm Bölsche</b>.
-Zwei Bände, 1646 Seiten, 785 Abbildungen, 16 Tafeln in
-Schwarz- und Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden
-<b>18 Mk.</b> In Halbleder hochfein gebunden <b>22 Mk.</b></p>
-
-<p><b>Die Physik.</b> Von <b>H. Maser</b>, Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> P. Richert</b> und
-Dipl. Ing. <b>A. Kühns</b>. Zwei Bände, 1745 Seiten, 1183 Abbildungen,
-10 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen fein
-gebunden <b>18 Mk.</b> In Halbleder hochfein gebunden <b>22 Mk.</b></p>
-
-<p><b>Die Chemie.</b> Von <b><em class="antiqua">Dr.</em> Max Vogtherr</b>. Ein Band, 847 Seiten,
-421 Abbildungen, 5 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen fein
-gebunden <b>9 Mk.</b> In Halbleder hochfein gebunden <b>11 Mk.</b></p>
-
-<p><b>Das Mineralreich.</b> Von Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> Georg Zürich</b>. Ein Band,
-754 Seiten, 521 Abbildungen, 8 Tafeln und Beilagen in Schwarz-Farbendruck.
-Preis in Leinen fein gebunden <b>9 Mk.</b> In Halbleder
-hochfein gebunden <b>11 Mk.</b></p>
-
-<p><b>Das Pflanzenreich.</b> Von Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> K. Schumann</b> und
-Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> E. Gilg</b>. Ein Band, 858 Seiten, 480 Abbildungen,
-6 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden <b>9 Mk.</b>
-In Halbleder hochfein gebunden <b>11 Mk.</b></p>
-
-<p><b>Das Tierreich.</b> Von Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> L. Heck</b>, Professor <b>Paul
-Matschie</b>, <b>Bruno Dürigen</b>, <b><em class="antiqua">Dr.</em> Ludwig Staby</b>, <b>E. Krieghoff</b>,
-Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> v. Martens</b>. Zwei Bände, 2222 Seiten, 1455 Abbildungen,
-12 Tafeln in Schwarz- und Farbendruck. Preis
-in Leinen fein gebunden <b>18 Mk.</b> In Halbleder hochfein gebunden
-<b>22 Mk.</b></p>
-
-<p><b>Länder- und Völkerkunde.</b> Von <b><em class="antiqua">Dr.</em> F. W. Paul Lehmann</b>.
-Zwei Bände, 1646 Seiten, 1024 Abbildungen, 11 Tafeln in
-Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden <b>18 Mk.</b> In
-Halbleder hochfein gebunden <b>22 Mk.</b></p>
-
-<p><b>Weltgeschichte.</b> Von <b>M. Reymond</b>. Zwei Bände, 1672 Seiten,
-841 Abbildungen, 16 Bildertafeln und 10 bunte, historische
-Karten. Preis in Leinen fein gebunden <b>18 Mk.</b> In Halbleder
-hochfein gebunden <b>22 Mk.</b></p>
-
-<p><b>Kunstgeschichte.</b> Von Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> Max Schmid</b>. <em class="gesperrt">Nebst
-einem kurzen Abriß der Geschichte der Musik und
-Oper</em>, herausgegeben von <b><em class="antiqua">Dr.</em> Clarence Sherwood</b>. Ein
-Band, 842 Seiten, 411 Abbildungen, 10 Tafeln in Schwarz-
-und Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden <b>9 Mk.</b> In
-Halbleder hochfein gebunden <b>11 Mk.</b></p>
-
-<p><b>Geschichte der Weltlitteratur</b> <em class="gesperrt">und des Theaters aller Zeiten
-und Völker</em>. Von <b>Julius Hart</b>. Zwei Bände, 1886 Seiten,
-825 Abbildungen, 16 Tafeln in Schwarz- und Farbendruck.
-Preis in Leinen fein gebunden <b>18 Mk.</b> In Halbleder hochfein
-gebunden <b>22 Mk.</b></p>
-
-<p><b>Gesamtregister</b> bearbeitet von <b>der Verlagsbuchhandlung</b>. Ein
-Band von etwa 300 Seiten. Das Gesamtregister wird jedem
-Abnehmer des Gesamtwerkes, also dem Käufer aller sechzehn
-Textbände, kostenlos geliefert; sonst wird es abgegeben: in
-feinen Leinenband gebunden, zum Preise von <b>6 Mk.</b>, in hochfeinen
-Halblederband gebunden zum Preise von <b>8 Mk.</b></p></div>
-
-<p>Alle Werke zeichnen sich neben anerkannt vorzüglichem Text
-durch <b>ungemein billigen Preis</b>, <b>reichen, prächtigen Bilderschmuck</b>
-und <b>geschmackvolle Einbände</b> aus. Es sind Bücher,
-<b>welche zu den ersten Schätzen unserer Literatur</b> gehören; auf
-jedem <b>Weihnachtstische</b> werden sie überall Freude und Bewunderung
-hervorrufen.</p>
-
-<p class="center">
-Reich illustrierte Probehefte aller Werke werden umsonst
-und postfrei geliefert.<br />
-</p>
-
-<p class="center">Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-227.png" alt="Verlag von J. Neumann in Neudamm." />
-</div>
-</div>
-
-<p class="center">
-Für Kriegsveteranen, Volksbibliotheken und zu<br />
-Prämienzwecken.</p>
-<p class="h2">
-Aus großer Zeit.</p>
-<p class="center larger">
-Bilder<br />
-aus dem Kriegsleben eines pommerschen Jägers.</p>
-<p class="center">
-Von<br />
-<b>Paul Lehmann-Schiller.</b><br />
-<em class="gesperrt">Mit erläuternden Abbildungen.</em><br />
-Preis hochelegant gebunden <b>5 Mk.</b>
-</p>
-
-<p><b>Die Literatur über Kriegserinnerungen</b> ist nicht gering,
-aber auch der Interessentenkreis für solche Werke ist ein großer.
-Unter den vielen Büchern dieses Genres nimmt obengenanntes,
-das erst im Jahre 1903 erschienen ist, <b>nicht den letzten Platz</b> ein.
-Die Kritik nennt es mit Recht ein <b>prächtiges, rein aus dem
-Leben geschöpftes Buch für jung und alt</b>! Sein Verfasser ist
-heute Direktor des Schiller-Gymnasiums zu Stettin. Nach Ausbruch
-des Krieges 1870 machte er sofort das Abiturientenexamen
-und trat als Einjährig-Freiwilliger bei den <b>Greifswalder,
-pommerschen, zweiten Jägern</b> ein. Nach der Schlacht von
-Sedan zur Belagerung von Metz ins Feld geschickt, machte
-Lehmann diese, die Belagerung von Paris (Champigny) und die
-Jagd auf Bourbaki durch das südöstliche Frankreich mit. &ndash; Wir
-lesen das <b>humorvolle Tagebuch eines jungen Idealisten,
-dreißig Jahre später durchgearbeitet und in seinem Stoff
-gesichtet von dem gereiften Manne</b>, mithin ein Werk, dessen
-Lektüre mehr bietet, wie die meiste stoffverwandte Literatur, und
-sich dem <b>alten Feldzugssoldaten</b>, wie dem <b>Freunde deutscher
-Geschichte zum Genuß</b> gestaltet. Auch <b>kulturgeschichtlich</b>, sowohl
-<b>für deutsche</b>, wie <b>namentlich für französische Verhältnisse</b>,
-bietet das Buch viel. Besonders aber werden die meist <b>hochdeutsch</b>,
-aber vielfach auch in <b>echt vorpommerschem Platt</b>
-gegebenen Schilderungen durch ihren <b>frischen</b> und <b>humordurchwehten
-Ton</b> seinem Besitzer genußreiche Lesestunden bereiten.</p>
-
-<p class="center">Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-227.png" alt="Verlag von J. Neumann in Neudamm." />
-</div>
-</div>
-
-<p class="center">
-Schönstes Buch für die wirklich reifere Jugend,<br />
-besonders für zukünftige Forstleute, Jäger und Landwirte.</p>
-<p class="h2">
-Das Jägerhaus<br />
-am Rhein.</p>
-<p class="center larger">
-Jugenderinnerungen eines alten Weidmannes.</p>
-<p class="center">
-Dem jägerischen Nachwuchse erzählt von<br />
-<b>Oberländer</b>.<br />
-<br />
-Mit 104 Originalabbildungen von Jagdmaler <b>C. Schulze</b>.<br />
-Preis hochelegant gebunden <b>8 Mk.</b>
-</p>
-
-<p><b>Das Jägerhaus am Rhein</b> will den Sinn für <b>echt weidmännisches
-Fühlen und Denken</b>, sowie für die <b>Liebe zur Natur</b>
-schon <b>in der Brust des Knaben</b> wecken, aus dem später einmal
-ein tüchtiger und weidgerechter <b>Jäger</b> werden soll. Die Lehren
-geschehen an der Hand einer prächtigen und überall in edelstem
-Sinne unterweisenden Schilderung von <b>Oberländers eigenen
-Jägerlehrjahren</b> und dabei nicht etwa im trockenen Schulmeisterton,
-sondern in einer <b>so glücklichen und anziehenden Form</b>,
-daß das Buch nicht allein eine hervorragende Bildungsschrift für
-die <b>reifere Jugend</b> genannt werden kann, sondern auch dem
-<b>erfahrenen Weidmanne</b>, der sich bei Oberländers Schilderungen
-vielfach in seine eigene Jugend zurückversetzt sieht, das größte
-Interesse abgewinnen muß. Jedem Jüngling, dem das <b>erste
-Gewehr</b> soeben <b>anvertraut wurde</b>, oder der es demnächst <b>führen
-soll</b>, müßte mit diesem <b>Das Jägerhaus am Rhein</b> in die Hand
-gegeben werden; die Lehren <b>Oberländers</b> werden so unendlich
-viel Gutes schaffen. Das reich und wunderhübsch illustrierte
-Buch ist mithin besonders <b>als Festgeschenk</b> für die wirklich
-reifere Jugend geeignet und namentlich für den in der <b>Jagd-</b>,
-<b>Forst-</b> oder auch in der <b>Landwirtschaftslehre</b> stehenden zukünftigen
-Jäger.</p>
-
-<p class="center">Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-227.png" alt="Verlag von J. Neumann in Neudamm." />
-</div>
-</div>
-
-<p class="center">
-Schönstes Geschenkwerk für die Jugend,
-besonders für Jäger-, Forstmanns- und Landkinder im Alter
-von acht bis vierzehn Jahren.</p>
-<p class="h2">
-Aus der<br />
-Waldheimat.</p>
-<p class="center larger">
-Deutsche Wald- und Jägermärchen<br />
-für jung und alt.</p>
-<p class="center">
-Erzählt von<br />
-<b>Ernst Ritter von Dombrowski</b><br />
-und reich illustriert von <b>Hans Rudolf Schulze</b>-Berlin.<br />
-Preis hochelegant gebunden <b>4 Mk.</b>
-</p>
-
-<p>Niemals wird sie ausgesungen, die Poesie des deutschen
-Waldes; unerschöpflich in ihrer Schönheit quillt sie als ein Born
-der Dichtung, der Sage und des Märchens aus der Phantasie
-unserer deutschen Dichter. Zu ihnen gesellt sich als neuester der
-altbekannte Jagdschriftsteller <b>Ernst von Dombrowski</b> und bietet
-uns, gleich einem <b>taufrischen Strauß Laub- und Nadelzweige
-aus deutschem Walde, zwölf herrliche, sinnige</b> und so <b>tief
-empfundene Märchen für unsere Weidmannskinder</b>, wie sie
-nur ein <b>Dichter</b> zu schreiben versteht, der in <b>Wald und Weidwerk</b>
-zum gereiften Manne wurde. Deshalb eignet sich »<b>Aus der
-Waldheimat</b>« auch wie kein anderes Märchenbuch für das <b>deutsche
-Jägerkind</b>, und überall, wo einem solchen ein Geschenk gemacht
-werden soll, wird das hier angekündigte Buch die trefflichsten
-Dienste tun. Wie bei keiner anderen Lektüre werden unsere Kinder
-durch diese Dichtung in <b>die Schönheiten und den ewig jugendlichen
-Reiz unserer Wälder</b> sowie in <b>die Poesie des deutschen
-Weidwerkes</b> eingeführt und ihre Sinne erfüllen sich unbewußt mit
-jener Gedankenwelt, die noch den Schatz und das Heiligtum des gereiften
-Mannes, ja, des Greises im grünen deutschen Walde bilden.</p>
-
-<p class="center">Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Der Schmutztitel wurde entfernt.</p>
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 36: daß → das<br />
-Er sagt, <a href="#corr036">das</a> sei Einbildung</p>
-<p>
-S. 65 mirami → mirari<br />
-Credo ego vos judices <a href="#corr065a">mirari</a></p>
-<p>
-S. 65: summas → summus<br />
-Wenn wir z. B. sagen, <em class="antiqua"><a href="#corr065b">summus</a> mons</em></p>
-<p>
-S. 99: Konjuktivs → Konjunktivs<br />
-Wesen des lateinischen <a href="#corr099">Konjunktivs</a> gemartert</p>
-<p>
-S. 100: Deliquenten → Delinquenten<br />
-wie dem <a href="#corr100">Delinquenten</a>, der unter dem Fallbeil liegt</p>
-<p>
-S. 101: jeder diese → jede dieser<br />
-daß man <a href="#corr101">jede dieser</a> verschiedenen Auffassungen</p>
-<p>
-S. 140: bebesonderes → besonderes<br />
-jeden einzelnen in ein <a href="#corr140a">besonderes</a> Lokal</p>
-<p>
-S. 140: Sympton → Symptom<br />
-erste <a href="#corr140b">Symptom</a> dieser neu sich regenden Elastizität</p>
-<p>
-S. 155: Leben → Lebens<br />
-auf die Kleinheit und Gemeinheit des <a href="#corr155">Lebens</a></p>
-<p>
-S. 159: areco → arceo<br />
-Odi profanum vulgus et <a href="#corr159">arceo</a></p>
-<p>
-S. 163: gefügelten → geflügelten<br />
-die <a href="#corr163">geflügelten</a> Worte des Gymnasialherrschers</p>
-<p>
-S. 205: Ihnen → ihnen<br />
-daß <a href="#corr205">ihnen</a> die Regeln über den griechischen Optativ</p>
-<p>
-S. 212: anderhalb → anderthalb<br />
-die <a href="#corr212">anderthalb</a> Monate diesmal so recht gründlich</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Gesammelte Schulhumoresken, by Ernst Eckstein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE SCHULHUMORESKEN ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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-</pre>
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-</body>
-</html>
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Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-017.png b/old/52083-h/images/illu-017.png
deleted file mode 100644
index 68cc0d3..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-017.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-023.png b/old/52083-h/images/illu-023.png
deleted file mode 100644
index d29a096..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-023.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-034.png b/old/52083-h/images/illu-034.png
deleted file mode 100644
index cc9eb33..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-034.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-035.png b/old/52083-h/images/illu-035.png
deleted file mode 100644
index 81d15a1..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-035.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-044.png b/old/52083-h/images/illu-044.png
deleted file mode 100644
index 12c5876..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-044.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-054.png b/old/52083-h/images/illu-054.png
deleted file mode 100644
index f5f52df..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-054.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-060.png b/old/52083-h/images/illu-060.png
deleted file mode 100644
index 09a7e63..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-060.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-074.png b/old/52083-h/images/illu-074.png
deleted file mode 100644
index c794657..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-074.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-095.png b/old/52083-h/images/illu-095.png
deleted file mode 100644
index a0750b6..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-095.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-096.png b/old/52083-h/images/illu-096.png
deleted file mode 100644
index 2662602..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-096.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-103.png b/old/52083-h/images/illu-103.png
deleted file mode 100644
index 0ce5cb5..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-103.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-110.png b/old/52083-h/images/illu-110.png
deleted file mode 100644
index 02c6a6c..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-110.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-120.png b/old/52083-h/images/illu-120.png
deleted file mode 100644
index 5eb6106..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-120.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-127.png b/old/52083-h/images/illu-127.png
deleted file mode 100644
index e298477..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-127.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-137.png b/old/52083-h/images/illu-137.png
deleted file mode 100644
index ad1973f..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-137.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-163.png b/old/52083-h/images/illu-163.png
deleted file mode 100644
index 360f9e4..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-163.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-181.png b/old/52083-h/images/illu-181.png
deleted file mode 100644
index 4cdefd6..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-181.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-200.png b/old/52083-h/images/illu-200.png
deleted file mode 100644
index 1d4fc68..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-200.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-201.png b/old/52083-h/images/illu-201.png
deleted file mode 100644
index 616e986..0000000
--- a/old/52083-h/images/illu-201.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-203.png b/old/52083-h/images/illu-203.png
deleted file mode 100644
index 990e563..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-211.png b/old/52083-h/images/illu-211.png
deleted file mode 100644
index 6a8d76e..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-218.png b/old/52083-h/images/illu-218.png
deleted file mode 100644
index b99ba74..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/52083-h/images/illu-227.png b/old/52083-h/images/illu-227.png
deleted file mode 100644
index 88d1087..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ