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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Gesammelte Schulhumoresken - -Author: Ernst Eckstein - -Release Date: May 16, 2016 [EBook #52083] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE SCHULHUMORESKEN *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - Gesammelte - - Schulhumoresken - - enthaltend die früheren Sammlungen - - Besuch im Karzer -- Katheder und Schulbank -- - Schulmysterien -- Stimmungsbilder aus dem - Gymnasium -- Samuel Heinzerlings Tagebuch - - und eine Anzahl in Buchform noch - nicht veröffentlichter Geschichten - - Von - - Ernst Eckstein - - [Illustration] - - Neudamm - Verlag von J. Neumann - - - - -Inhalts-Verzeichnis. - - - Seite - - Schülertypen 9 - - Wie der Quartaner Holzheimer Primus wurde 17 - - Ein Familienereignis 23 - - ~Knebelii discipuli Threnodia~ 34 - - Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer: - - Erstes Bruchstück 35 - - Zweites Bruchstück 44 - - Doktor Veit 54 - - Erinnerungsbilder 60 - - Allerlei Unarten 74 - - Der entrüstete Oberlehrer 95 - - Der Bierparagraph 96 - - Vom Rauchen 103 - - Die Lyrik auf dem Gymnasium 110 - - Die Primanerliebe 120 - - Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs 127 - - Eindrücke aus dem Karzer 137 - - Der Besuch im Karzer 163 - - Samuel Heinzerlings Tagebuch 181 - - Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren: - - I. Der schnöde Primaner-Triumph 200 - - II. In der Bierstube 201 - - Die Klassenprüfung 203 - - Ferien 211 - - Das Maturitätsexamen 218 - - - - -Vorwort. - - -Die vorliegende Sammlung vereinigt zum erstenmal Ernst Ecksteins -+sämtliche+ Schulhumoresken in einem Band. Einige davon, wie »Der -Besuch im Karzer«, »Samuel Heinzerlings Tagebuch«, »Schulhumor« u. -a., sind als Einzelbände erschienen und haben in vielen Tausenden -von Exemplaren Verbreitung gefunden; andere sind aus dem Buchhandel -gänzlich verschwunden oder wurden nur in Zeitschriften veröffentlicht; -alle aber haben sich so zahlreiche Freunde erworben, daß in dem -großen Kreise derselben zum mindesten die Sammlung sicher freudig -begrüßt werden wird. Daß sie auch Widerspruch erfahren dürften, wird -ihrer Verbreitung vermutlich ebensowenig schaden, wie dies bei den -verschiedenen Einzelausgaben der Fall gewesen ist. Ist doch »Der Besuch -im Karzer« -- an einem regenschweren Herbsttage in Rom entstanden und -in den »Fliegenden Blättern« zuerst veröffentlicht -- bis auf den -heutigen Tag eines der gelesensten deutschen Bücher geblieben, obgleich -er von verknöcherten Pädagogen von jeher in Acht und Bann getan und als -ein Schädling bezeichnet worden ist, geeignet, die Autorität der Lehrer -und damit die in der Schule so nötige Disziplin zu untergraben. - -Aber lassen sich solche, für den Wert oder Unwert der Humoresken -übrigens ganz gleichgültige Behauptungen im Ernste aufrecht erhaben? -Wer, der je eine Schulbank gedrückt, hat nicht mit scharfen Augen alle -die kleinen Schwächen seiner Lehrer im Fluge herausgefunden und an -lustigen Schülerstreichen sich erfreut? Aber hat dies alles vermocht, -in Tausenden von Schülerherzen Liebe und Verehrung, Anhänglichkeit und -Dankbarkeit zurückzudämmen, die tüchtige Lehrer allezeit überreich -gefunden haben? So haben auch Ernst Ecksteins Schulhumoresken niemals -auch nur den geringsten Schaden gestiftet oder gar mit zu der Verrohung -unserer Jugend beigetragen, über die man jetzt so vielfach klagen hört. -Aber sie haben manch' müdes und trübes Auge hell aufleuchten lassen in -der Erinnerung an die, ach! so lange entschwundene sonnige und goldene -Schülerzeit, und manches herzliche Lachen haben sie ausgelöst bei -vielen, die im Ernste des Lebens das Lachen beinahe verlernt hatten. -Möge ihnen dies auch in Zukunft immer gelingen, dann werden sie ihre -Aufgabe auch im Sinne und nach dem Wunsche ihres Autors voll erfüllt -haben. - - - - -Schülertypen. - - -Das Gymnasium ist für den, der ein offenes Auge besitzt, so recht -eigentlich die Schule der Menschenkenntnis. Später im bürgerlichen -Leben hat man kaum je die Gelegenheit, so eingehende Charakterstudien -zu machen, wie hier, wo der tägliche Verkehr und die noch mangelnde -Routine des Komödiespielens die überraschendsten Blicke in die -verschiedenen Individualitäten gewährt. Im Gymnasiasten, zumal im -Primaner, ist das künftige Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft -bereits bis auf wenige unbedeutende Retouchen vorgezeichnet. Wer -in diesem aufgeschlagenen Buche zu lesen versteht, der wird jedem -einzelnen schwerlich ein unrichtiges Prognostikon stellen. Selbst mit -der geringen Erfahrung, die ich in Prima besaß, wußte ich mir doch von -gar manchem unter meinen Kameraden ein Zukunftsbild zu entwerfen, das -sich nachmals in seinen wesentlichen Zügen verwirklicht hat. - -Da die Menschheit überall die gleiche ist, so wiederholen sich auch die -Schülertypen mit einer fast mathematischen Regelmäßigkeit. Fassen wir -die hervorragendsten etwas näher ins Auge. - -Da finden wir zunächst den von seiner eigenen Tüchtigkeit mannhaft -durchdrungenen Kernschüler, meist Sohn einer armen Witwe, der er durch -fleißige Privatstunden einen Teil ihrer Sorgen abnimmt. Er besitzt -einen lobenswerten Eifer und eine klare, ruhige Intelligenz, die hin -und wieder kleine, von ihm krankhaft überschätzte Anläufe in der -Richtung der Phantasie nimmt; daher er denn zuweilen den Versuch macht, -die Themata des deutschen Aufsatzes novellistisch zu behandeln. Er ist -sich eines tief sittlichen Ernstes bewußt und übt gegen diejenigen -seiner Kameraden, über die er sich hoch erhaben dünkt, das heißt also -gegen alle, einen gewissen väterlichen Sarkasmus. Klein von Statur, -sucht er diesem Mangel durch eine straffe Haltung und durch eine -biedermännliche Art des Auftretens abzuhelfen. Über die jugendlichen -Schwärmer, die da halbe Nachmittage vertrödeln, nur um ein einziges Mal -dem blonden Töchterchen des Professors zu begegnen, zuckt er mitleidig -die Achseln. Sein Herz ist zwar nicht unempfindlich; vielmehr hat auch -er bereits eine stille Neigung; aber konsequent und logisch, wie er -ist, betrachtet er solche zwecklosen Huldigungen als Zeitvergeudung. -Er lebt sich und der Wissenschaft, absolviert das Maturitäts-Examen -mit Nummer eins, scheint nach Erlangung dieses Resultates um zwei -Zoll gewachsen zu sein, gebärdet sich wie der bedeutende Mann ~kat' -exochen~, studiert Philologie, beendet sein Triennium gleichfalls -mit Auszeichnung, ist ein halbes Jahr später vierzehnter Oberlehrer -in Liegnitz und heiratet seine Mathilde nach einer verhältnismäßig -kurzen Brautschaft. Er hält seine Zöglinge streng im Zaum, sendet -seiner Mutter alljährlich eine kleine Unterstützung und erzeugt drei -oder vier Kinder. Hiermit aber ist seine »Tüchtigkeit«, die in Prima -so selbstbewußt auf den Troß der Nichttüchtigen herabschaute, ein -für allemal erschöpft; von irgend einer bedeutenden Leistung bekommt -die erwartungsvolle Heimat nichts zu hören. Er, der sich als der -Mann seines Jahrhunderts gerierte, ist ganz und gar aufgegangen in -der Ernährung und Fortpflanzung. Im vierzigsten Jahre schreibt er -vielleicht eine lateinische oder französische Grammatik, die unbekannt -bleibt wie der Name ihres Verfassers. Trotz alledem und alledem hält er -sich nach wie vor für das Ideal eines Menschen; er ist nur darum nicht -Lessing und Goethe, weil seine Tätigkeit als Gymnasiallehrer ihn so -sehr in Anspruch nimmt, daß ihm für alle anderen Dinge die Zeit fehlt. -Auch in der Malerei -- er hat seiner Frau zu ihrem fünfundzwanzigsten -Geburtstag ein Album überreicht, dessen Titelblatt er eigenhändig -gezeichnet -- auch in der Malerei mangelt ihm nur die Muße. Da aber -Raphael einem bekannten Ausspruch zufolge selbst dann ein großer Maler -gewesen sein würde, wenn er ohne Arme auf die Welt gekommen wäre, so -fühlt sich auch unser ehemaliger Kernschüler im tiefsten Grund seines -Wesens dem großen Urbinaten oder doch etwa den Herren Maratta und -Domenichino ebenbürtig. - -In politischen Dingen huldigt er einem ernsten, gemessenen -Liberalismus. Was seine religiösen Überzeugungen angeht, so liegt -ihm das Dogma ferne; doch ist er fest überzeugt, daß dereinst in den -unbekannten Regionen des Jenseits eine Vergeltung, das heißt in seinem -speziellen Fall eine Belohnung, eintreten wird; unter welcher Form, ist -ihm gleichgültig. - -Eine höchst traurige Erscheinung im Schülerkreise ist der -ausgesprochene Dummkopf. Wer kennt ihn nicht? Mit blöden Augen und -einem Gesichtsausdruck, der die vollkommenste Gleichgültigkeit gegen -alle Erscheinungen der Außenwelt bekundet, so sitzt er da, stramm, -breitschulterig, nichts weiter als eine Raumerfüllung. Richtet der -Lehrer eine Frage an ihn, so erhebt er sich schwerfällig und glotzt: -niemals ist eine Antwort über seine Lippen geglitten; aber auch niemals -hat ihn diese Unfähigkeit, zu antworten, aus dem Gleichgewichte -gebracht. Er ist zwar nicht imstande, das Horazische ~Nil admirari~ -ins Deutsche zu übersetzen; dagegen scheint ihm der Kern dieser Worte -vollkommen in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Der Dummkopf ist -gleich unempfindlich gegen den Fluch der Lächerlichkeit, wie gegen eine -dröhnende Standrede. In jeder Klasse haftet er zwei bis drei Jahre -lang; in Sekunda sproßt ihm bereits ein erfreulicher Vollbart; in Prima -weist seine Statur ein kräftiges Embonpoint auf. Er avanciert indes -selten bis in die erste Klasse: meist haben sich seine Angehörigen -schon vorher überzeugt, daß die akademische Bildung nicht das Feld -ist, auf welchem der Dummkopf zu reüssieren vermag, daher er denn in -der Regel als Sekundaner die Karriere des Landwirts ergreift -- eine -Umwandlung, die mit einemmal Leben in die träge Masse bringt. Der -Dummkopf, der im Gymnasium zu faul schien, nur ein Glied zu rühren, -treibt sich jetzt tagelang auf den Äckern herum und verrichtet die -schwersten Arbeiten. Nach Verlauf von zehn Jahren finden wir ihn -nicht selten als Rittergutsbesitzer wieder; ja, wenn er aus guter -Familie ist, läßt er sich vielleicht in den Reichstag wählen, wo seine -Tätigkeit, je nach Umständen, in »lautem Murren« oder in »Heiterkeit« -besteht. Mit vierzig Jahren wird er Ökonomierat; auch entgeht ihm -selten der Rote Adlerorden. - -Sehr häufig verwechselt der Unverstand der Lehrer eine andere -Spezies, nämlich den einseitig begabten Schüler, mit dem Dummkopf. -Das zukünftige naturwissenschaftliche Genie legt nicht selten für -das Studium der Sprachen eine absolute Talentlosigkeit an den Tag, -die höchstwahrscheinlich mehr aus dem Mangel an Lust, als aus dem an -wirklicher Begabung hervorgeht. So wurde dem berühmten Chemiker Justus -Liebig von seinen Lehrern insgesamt das trübste Prognostikon gestellt. -Die Naturwissenschaften hatten damals an den öffentlichen Schulen so -gut wie keine Vertretung. Der junge Liebig, der sich schon früh eifrig -mit seinem Lieblingsstudium beschäftigte, ist gewiß hundertmal vom -Katheder herab in der bekannten Weise apostrophiert worden: »Denken -Sie an mich, Liebig! Wenn Sie so fortfahren, so werden Sie über kurz -oder lang Schiffbruch leiden!« Oder: »Was wollen Sie eigentlich einmal -werden? Ich für meinen Teil bin ratlos.« Oder: »Wenn Sie nicht endlich -zur Besinnung kommen, so werden Sie der Schandfleck Ihrer Familie -werden!« Wie muß sich Justus von Liebig in späteren Jahren bei der -Erinnerung an diese Prognostika amüsiert haben! Er, der Schöpfer der -modernen Chemie, dem Tausende von Wißbegierigen aus allen Ländern der -Erde zuströmten, er, der scharfsinnige, philosophische Kopf, der, im -Gegensatz zu den aberwitzigen Apothekergehilfen und Barbiergesellen, -den Gedanken, die Verstandesoperation als das Wesentliche, das -Experiment aber gewissermaßen nur als die Probe auf das Exempel -bezeichnete! Was ist aus den Lehrern geworden, die dem genialen -Forscher den »unvermeidlichen Schiffbruch« weissagten? Ihr Gedächtnis -ist mit ihren Leibern zu Grabe gegangen, während der Name Liebigs -leuchten wird, so lange es eine Wissenschaft gibt. - -Hier gilt es also, sehr wohl zu unterscheiden. Nicht jeder ist ein -Dummkopf, der einen schlechten lateinischen Aufsatz schreibt, denn -alles Genie reicht hier nicht aus, sobald die positiven Kenntnisse -mangeln, und diese sind nur durch Fleiß oder doch durch Aufmerksamkeit -zu erwerben. Ein universell begabter Kopf wird allerdings, selbst wenn -er eine ausgesprochene Vorliebe für ein spezielles Fach besitzt, auch -die übrigen Fächer spielend bewältigen. So läßt sich denn z. B. nicht -denken, daß ein Mann wie Schopenhauer auf irgend einem Gebiet hinter -seinen Mitschülern zurückgestanden hätte. Aber solche Naturen sind -äußerst selten, daher wir sie den Schülertypen nicht beizählen dürfen. - -Eine weitverbreitete Spezies von Schülern repräsentiert der -humoristisch beanlagte Autoritätsfeind, wie ich ihn mit großer -Ausführlichkeit in der Gestalt meines unvergeßlichen Freundes Wilhelm -Rumpf zu zeichnen versucht habe. - -Der humoristisch beanlagte Autoritätsfeind ist das sanguinische -Element auf der Polhöhe. Mit einer edlen Sorglosigkeit erträgt er -die empfindlichsten Freiheitsberaubungen. Von überaus leichter -Fassungsgabe, bedarf er durchaus keiner Vorbereitung, um in den meisten -Fächern mit Glanz zu bestehen. Der krankhafte Ehrgeiz, wie er den -oben gezeichneten »tüchtigen« Schüler beseelt, ist ihm fremd. Auch -ihm wird von ernsten Pädagogen vielfach der bevorstehende Schiffbruch -angekündigt, eine Prophezeiung, die er mit dem freundlichsten Lächeln -von der Welt hinnimmt. Er macht in der Regel eine mehr oder minder -glänzende Karriere, gleichviel auf welchem Gebiete. - -Eine sehr unangenehme Erscheinung ist der frühreife Schüler. An den -erheiternden Störungen und sonstigen Zwischenfällen nimmt er nur -beiläufig Teil; dagegen ist er anerkannt als Sachverständiger auf dem -Gebiete des Tabaks und des Bieres. Er trägt in elegantem Futteral -eine Meerschaumspitze bei sich, deren kunstgerechtes Anrauchen ihm -wochenlang als Ideal vorschwebt. Er verkehrt fast nur mit Studenten. -Jene platonischen Regungen, die man unter der Bezeichnung der -Primanerliebe versteht, sind ihm fremd. Er wirft sein Auge vorzugsweise -auf die Feminina der dienenden Klasse, da seine Wünsche durchaus -realistischer Natur sind. Seinem späteren Entwicklungsgang sind sehr -verschiedene Wege vorgezeichnet. Nicht selten wird er ein brauchbarer -Mediziner. Mitunter benutzt er die geringe Konkurrenz auf dem -Gebiete der Theologie und entpuppt sich so schließlich als ehrsamer -Landprediger, der die Bauern auffordert, die Lüste des Fleisches zu -töten und dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Oft auch ereilt ihn -als Folge seiner schon so früh begonnenen Exzesse ein vorzeitiger Tod. - -Noch unangenehmer als diese Spezies ist der hämische Denunziant. Er -gehört unter die Stillen im Lande und benutzt jede Gelegenheit, wo -er einem Mitschüler einen Schabernack spielen kann. Seine Haltung -ist gebeugt, sein Blick unstet und lauernd. Soll irgendwo in der -Umgebung der Stadt eine Orgie gefeiert werden, so benachrichtigt er -den Direktor in einem anonymen Briefe. Findet eine Untersuchung statt, -so ist er stets »wahrheitsliebend«, wenn nicht etwa die Furcht vor -den Fäusten seiner Kameraden ihn zum Schweigen veranlaßt. Die Lehrer -geben sich zwar den Anschein, als ob sie diese Gattung von Schülern -sehr hoch schätzten; im Grund ihres Herzens widmen sie ihnen jedoch -eine unbegrenzte Verachtung. Auch diese Sorte macht unter Umständen -Karriere, materielle wenigstens; zu Ruhm und Ansehen freilich bringen -sie es höchstens für kurze Zeit. - -Fast jede Klasse hat ferner ihren genial sein wollenden Wirrkopf. Ich -meinesteils entsinne mich der köstlichsten Exemplare. Der Wirrkopf -ist frühzeitig Mitglied des städtischen Gesangvereins. Er komponiert -selbstgedichtete Texte, er treibt Ästhetik, ja, er liest vielleicht -Hegel oder Schopenhauer. Von alledem sieht es in seinem Gehirn -so wüst aus, daß kein logischer Gedanke mehr aufzukeimen vermag. -Seine deutschen Aufsätze strotzen von widernatürlichen Bildern. Ich -erinnere mich, daß wir in Prima eine Arbeit über das böse Gewissen -zu liefern hatten. Der Wirrkopf der Klasse schloß seinen Aufsatz mit -der pathetischen Phrase: »Und so liegt denn das böse Gewissen wie ein -eiserner Klotz vor der Tür, der in jedem Augenblick wie Gift durch -die Adern strömt und selbst im Tode kein Ende nimmt.« Der Wirrkopf -war verblendet genug, mir dieses unglaubliche Zeug am Tage vor der -Einlieferung vorzulesen, in der Erwartung, meinen bewundernden -Beifall zu ernten. Ich setzte ihm auseinander, daß hier eine heillose -Vermischung der heterogensten Dinge vorliege; aber mit geringschätzigem -Lächeln wies er meinen Einwand zurück, so daß er denn später vom -Katheder herab vor der ~corona commilitonum~ des Blödsinns bezichtigt -wurde. Aber selbst diese Konstatierung der Sachlage blieb fruchtlos. -Der Wirrkopf war von seiner Leistung so eingenommen, daß er sie später -als Broschüre drucken und an seine Freunde verteilen ließ. - -Jede wirkliche Leistung betrachtet der Wirrkopf als etwas -Geringfügiges. Er hat hierin eine gewisse Verwandtschaft mit dem -»Tüchtigen«, nur daß der gleiche Irrwahn hier aus einer anderen Quelle -fließt. Der Wirrkopf macht in der Regel eine sehr obskure, sang- und -klanglose Karriere; aber er trägt sich nach wie vor mit dem Bewußtsein, -daß er das einzige wahrhafte Genie seines Jahrhunderts ist. Hat einer -seiner früheren Schulkameraden später eine hervorragende Stellung -errungen, so lächelt er über diese »ephemeren« Erfolge. Er schreibt -vielleicht ein Tagebuch, in welchem ab und zu Betrachtungen über das -rasche Vergehen der Zeit (die ganz im Gegensatz zu dem eisernen Klotz -des Gewissens durchaus nicht vor der Tür liegen bleibt) mit Ausrufen -über die Verblendung des Menschengeschlechts und die Verwerflichkeit -der Pariser Moden abwechseln. Die Titelseite dieses Tagebuches trägt -die Aufschrift: ~Erga paralipomena~, ein bescheidener Anklang an -die kleinen Schriften des Frankfurter Philosophen. Der Wirrkopf ist -in die Welt gekommen, um seinen Mitmenschen die wahre Einsicht über -das Wesen der Kunst und der Philosophie zu bringen; freilich, wie -alle großen Geister wird er erst nach seinem Tode anerkannt werden. -Dieses Bewußtsein verleiht allem, was er tut, eine eigentümlich -groteske Würde. Er setzt kein Seidel an den Mund, ohne sich die Frage -aufzuwerfen, ob dieses Glas nicht im Grunde ein beneidenswertes -Objekt sei, da es von den Lippen eines so hervorragenden Sterblichen -ausgeschlürft werde. Wenn er sich kämmt, so lächelt er bei dem -Anblick der ihm allenfalls ausgehenden Haare still vor sich hin ... -Wie manche junge Dame würde sich glücklich schätzen, wenn sie drei -oder vier dieser Haare für ihr Medaillon erwerben dürfte! Denn -- das -hätten wir beinahe vergessen -- der Wirrkopf hält sich dem weiblichen -Geschlecht gegenüber für unwiderstehlich. Mit edler Offenheit spricht -er von seinem geistvollen Auge, auf das er sich ja durchaus nichts -einbildet. In der Tat besitzt er einen schwärmerischen Aufschlag, der -namentlich bei jungen Pfarrerstöchtern von ergreifender Wirkung ist. -Nach langem Hin- und Herwählen verlobt er sich mit einem herzlich -unbedeutenden Frauenzimmerchen. Da er vermöge seiner Wirrköpfigkeit -nur langsam auf der Skala der bürgerlichen Existenz emporklimmt, so -dauert sein Brautstand sieben, acht, neun und mehr Jahre. Er heiratet -dann seine Braut aus Grundsatz; die eigentliche Verliebtheit ist längst -zu Grabe gegangen. Aber der Wirrkopf tröstet sich mit der Tatsache, -daß alles Glück in diesem Jammertale nur ein Phantom ist. In stillen -Sommernächten überläßt er sich ganz und gar dem Weh über sein im Grunde -verfehltes Dasein. Er singt dann das von ihm selbst verfaßte Klagelied -»Herbstschauer« mit dem Refrain »Die Blätter, sie fallen« zu einer -heftig verstimmten Gitarre und erzeugt dadurch ein Echo in der Brust -sämtlicher benachbarten Hofhunde. Plötzlich stürzt seine dicke Jeanette -auf den Altan und ruft ihm schwer keuchend die Worte zu: - -»Aber um Himmels willen, Eduard, du weckst ja die Kinder!« - -Im Innersten geknickt, stellt er die Gitarre an die Wand. Die Prosa des -Lebens hat seine Seele aus den Regionen des Äthers wieder herabgerissen -in die dunklen Tiefen Sansaras; voll stummer Ergebung besteigt er sein -Lager an der Seite Jeanettens. - -Mit diesem Wirrkopf schließen wir. Die Zahl der Schülertypen ist -natürlich noch lange nicht erschöpft; erschöpft aber ist vielleicht die -Geduld des Lesers. - - - - -Wie der Quartaner Holzheimer Primus wurde. - -Von ihm selbst in Briefform aufgezeichnet. - - - Hochgeehrter Herr Redakteur! - -Ihr geschätztes Blatt erörtert mit Vorliebe charaktervolle Ereignisse -aus dem alltäglichen Leben. In der Tat scheint mir der Ausspruch -unseres vortrefflichen Schiller: - - Was sich nie und nirgends hat begeben, - Das allein veraltet nie ... - -aus mehr als einem Gesichtspunkt -- veraltet; womit ich keineswegs -gesagt haben will, daß Schiller nicht gewisse Verdienste besäße. -Erklärt doch derselbe Schiller, -- ich habe das betreffende Gedicht -erst vorgestern in der Deklamationsstunde rezitiert und infolge einer -empörenden Verstimmung des Herrn Professors die Note »ungenügend« -davon getragen, -- erklärt doch derselbe Schiller, daß der Lebende -recht hat. Das Deklamieren ist, beiläufig gesagt, meine Force, während -ich im Griechischen durch allerlei Verkettungen häuslicher Übelstände -in betrüblicher Weise zurückgeblieben und kaum imstande bin, die -ersten Beispiele aus Jakobs zu übersetzen. Nichtsdestoweniger und -dessenungeachtet gelang es mir neulich, just im Griechischen den -Ehrenplatz eines Primus zu erobern und bis zum Schluß der Lehrstunde -unbeeinträchtigt zu behaupten. Sie denken jetzt natürlich an unlautere -Manipulationen, an abgeschriebene Exerzitien, an frech gehandhabte -Spicker. Aber Sie irren: ich ward Primus auf ganz legitimem, ich möchte -sagen, auf höchst honorigem Wege, und kraft jenes Grundsatzes, den -schon die Bibel betont: »Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet -werden«. Fahren Sie nur getrost in der Lektüre dieser meiner Darlegung -fort. - -Professor ~Dr.~ Schmelzle, der uns den Jakobs erklärt, hat nämlich die -befremdliche Angewohnheit, eine mangelhafte Leistung durch Degradation -zu bestrafen. Kaum habe ich meinen Mund geöffnet, um den ersten ~Aor. -Ind. Act.~ von βλέπω mit »ich wurde gesehen« zu verdeutschen, so ertönt -schon das verhängnisvolle »Setz' Dich zu unterst!« Beim Repetieren wie -beim Extemporieren, beim Hersagen der Paradigmen wie beim Abfragen -des Wörterverzeichnisses -- überall und jedesmal ernte ich dieses -ungebührliche »Setz' Dich zu unterst!«, sobald ich auch nur zwei Silben -über die Lippen gebracht habe. Es ist dies, wie Sie in Anbetracht -meines sonstigen Bildungsgrades leicht ermessen werden, eine sogenannte -Tücke des Schicksals, eine μοῖρα, ein ~fatum~, das auf gewöhnlichem -Wege nicht zu ändern ist. Wenn ich, der gehorsamst Unterzeichnete, -gleichwohl ein Mittel fand, das anscheinend so unnahbare Ziel des -ersten Platzes unter Zweiundzwanzigen zu erreichen, so danke ich dies -lediglich meinem diplomatischen Scharfsinn, der allerdings in unserer -Familie schon seit mehreren Generationen heimisch ist, wie denn mein -Onkel mütterlicherseits, der bekannte Papierfabrikant Heinerle, die -Schreibmaterialien in das Reichskanzleramt liefert, während mein -Großvater vor der Schlacht bei Königgrätz die Äußerung getan haben -soll: »Wenn das Schlachtenglück sich auf die Seite der Preußen neigt, -so glaube ich der österreichischen Armee eine ernstliche Niederlage -prophezeien zu dürfen!« ~Habeat sibi!~ wie Professor Gordon zu sagen -pflegt, wenn ich im Bilden eines lateinischen Partizipialsatzes nicht -von der Stelle komme. Sie selbst sollen entscheiden, ob ich zu viel -behaupte. - -Professor Schmelzle -- so viel wird Ihnen seit Beginn dieses Briefes -klar sein -- stellt an die Leistungsfähigkeit seiner Quartaner höhere -Anforderungen, als er, streng genommen, vor dem Richterstuhle der -Humanität verantworten könnte. Es fehlt ihm für die Beurteilung unserer -Kenntnisse jeglicher Maßstab. Diese Tatsache fühlt er selbst, daher er -denn von Zeit zu Zeit gewissermaßen an unser eigenes Urteil appelliert -und am Schluß der Lehrstunde die bedeutsamen Worte spricht: »So, hm, -hm! Fürs nächste Mal mögt Ihr Euch die Klassenaufgabe einmal selber -auswählen. Schlagt mir, hm, hm! ein paar Themata vor, ich werde dann -endgültig resolvieren!« Da ruft dann der eine: »Ach, Herr Professor, -lassen Sie uns bei dem ganzen Pensum von heute das Perfektum ins -Präsens verwandeln.« ... »Nein, nein,« ruft der zweite, »lassen Sie -uns die Erzählung vom Diogenes auswendig lernen!« Kurz, vier, fünf der -hervorragendsten Schüler beantragen ihre meist sehr unverfänglichen -Aufgaben, und der Herr Professor entscheidet dann. Leider bin ich, -wie bereits angedeutet, infolge häuslicher Umstände selbst diesen -leichteren Aufgaben nicht gewachsen, und wenn am folgenden Tage -die Aufforderung des Lehrers mich trifft, so heißt es immer wieder -unfehlbar: »Zu unterst!« - -Nun muß ich bemerken, daß Professor Schmelzle ein Dichter ist. Von -Zeit zu Zeit veröffentlicht er im städtischen Anzeiger ein Kind seiner -Muse, -- sei es nun ein Hymnus auf die Rückkehr des Herzogs, ein -Frühlingslied oder ein Festgesang beim Antritt des neuen Jahres. - -Es war nun am 10. Januar, als Professor Schmelzle uns wiederum die Wahl -der Aufgabe für den folgenden Mittwoch freigab. In der Neujahrsnummer -des städtischen Anzeigers hatte just eine Ode unseres allverehrten -Lehrers gestanden, ein »Rückblick« von zwanzig Strophen, der die -Ereignisse des verflossenen Jahres in tiefsinniger, ja, ich möchte -fast sagen, unverständlicher Weise behandelte. Poeten sind eitel, -und Professor ~Dr.~ Schmelzle ist, was diesen Punkt betrifft, ein -Poet ersten Ranges. Als er daher am Schluß der Lehrstunde vom 10. -Januar zu Vorschlägen aufforderte, erhob ich mich selbstbewußt und -sagte mit Stentorstimme: »Herr Professor, lassen Sie uns das schöne -Gedicht ›Rückblick‹, das Sie in der Neujahrsnummer unseres städtischen -Anzeigers zu veröffentlichen die Güte hatten, ins Griechische -übersetzen!« - -Sie stutzen, geehrter Herr Redakteur! In der Tat war das eine -Aufgabe, an der selbst die Gewandtheit eines Primaners unausbleiblich -gescheitert wäre. Aber gerade das wollte ich. Ich wollte diesen fünf, -sechs Auserlesenen, die stets die Note »Vortrefflich« einheimsten, auch -einmal zeigen, was es heißt, ein Problem lösen zu sollen, das unsere -Kraft übersteigt. Aber noch mehr. Ich selbst wollte mich durch dieses -glorreiche Strategem an die Spitze der Quarta schwingen und meinen -Mitschülern dartun, daß ein offener Kopf praktisch mehr bedeutet als -ein Wust von Optativen, die sich schließlich endigen mögen, wie sie -wollen, -- mir soll's egal sein. - -Der Professor war im ersten Moment über meine Kühnheit verblüfft, -aber gleich darauf spielte um seine Lippen jenes eigentümliche -Dichterlächeln, das mir den Sieg gewährleistete. Der Gedanke, daß -dreiunddreißig mehr oder minder geistvolle Knaben sich stunden- und -tagelang mit dem »Rückblick« beschäftigen, daß sie ihn analysieren -und gewissermaßen in seine Einzelschönheiten aufdröseln sollten, -- -dieser Gedanke hatte für Professor Schmelzle etwas Verführerisches. -Die Autoren-Eitelkeit überwog alle Bedenken, und die idealistische -Auffassung bezüglich unseres Wissens machte ihn ja so wie so geneigt, -uns allerlei Sisyphusarbeiten zuzumuten. - -»Gut,« sagte er schmunzelnd, »übersetzt mir den ›Rückblick‹ -ins Griechische. Die Sache wird Euch zwar Mühe machen, aber -ein deutsch-griechisches Lexikon tut das übrige. Notabene, -selbstverständlich braucht Ihr Euch nicht an das Metrum zu halten.« - -Mit diesen Worten verließ er das Schulzimmer, während ich von meinen -Kommilitonen mit drohenden Vorwürfen überhäuft wurde, die ich stoisch -lächelnd zurückwies. - -Der entscheidende Mittwoch kam unter den mannigfachsten Qualen der -gepeinigten Quarta heran. - -»Nun,« sagte der Herr Professor, indem er sich behaglich über -das rundliche Kinn strich, »wer will mir denn einmal zuerst den -griechischen ›Rückblick‹ vorlesen oder aufsagen?« - -Nicht ein einziger meiner Mitschüler meldete sich, denn alle fühlten -die entsetzliche Unzulänglichkeit ihrer Arbeit; ich aber fuhr stolz in -die Höhe und sagte mit fester, gemessener Stimme: - -»Ich, Herr Professor.« - -»Du, Holzheimer?« fragte der Professor erstaunt; »nun, da bin ich denn -doch in der Tat begierig.« - -Ich hob mein Heft und begann. Kaum aber hatte ich zwei Zeilen meiner -unglückseligen Übersetzung vorgetragen, als schon ein wütendes »Zu -unterst! Zu unterst!« mir das Wort von den Lippen nahm. Da ich bereits -zu unterst saß, so brauchte ich mich nicht weiter vom Platz zu -bemühen. Ich setzte mich und wartete siegesgewiß der Dinge, die da -kommen sollten. - -»Lies Du einmal, Kurschmann!« rief der Professor ärgerlich. - -Stotternd und stammelnd begann der sonst vortreffliche Schüler die -Lektüre seines Elaborates. - -»Was?« unterbrach ihn der Lehrer beim dritten Worte. »Wie übersetzt Du -diesen Passus: ›Im herben Mischkrug schnöder Vergangenheit?‹ Bist Du -von Sinnen? Augenblicklich zu unterst!« - -Das Haupt gesenkt schritt Kurschmann von der Bank der Erlesenen nach -dem Strafplatze. Ich aber rückte einen hinauf. - -»Engelbach!« sagte der Herr Professor, »beschäm' einmal dieses -barbarische Griechisch!« - -Engelbach las, aber er kam nicht weiter als Kurschmann. Die Aufgabe war -eben für einen Quartaner unlöslich. - -»Zu unterst!« schrie der Professor, der die Unfähigkeit seiner -Schüler wie eine persönliche Injurie empfand. Bei den Göttern! -War denn diese Neujahrsode so verworren, so unklar, daß zwei der -besten Jakobs-Übersetzer, daß ein Kurschmann, ein Engelbach daran -scheiterten! ... - -»Kleewitz!« rief Schmelzle mit geröteter Stirn, als Engelbach neben -Kurschmann Platz genommen und mich so abermals um einen herauf -befördert hatte. »Du bist doch ganz gewiß imstande gewesen ... Es -müßte ja mit dem Teufel zugehen ... Ich verlange ja keineswegs den -vollendeten Attizismus, aber mein Gott ... Was? Du hast überhaupt -nichts geschrieben? Die Arbeit war Dir zu schwer? Du bist ja ein ganz -erbärmlicher Junge! Zu unterst! Augenblicklich zu unterst!« - -Und abermals rückte ich einen hinauf. - -Dieser vierfache Mißerfolg hatte den Professor hitzig gemacht. - -»Ich will denn doch einmal sehen, ob nicht ein einziger in der ganzen -Klasse so viel Griechisch besitzt, um dieses schlichte, einfache, ich -kann wirklich sagen: edel-einfache Poem wiederzugeben! Einer wird doch -von den rastlosen Bemühungen, die ich dieser Klasse fortwährend opfere, -etwas profitiert haben. Grazmüller, Veltliner, Stechhuber! Beim Pluto, -seid Ihr denn alle vernagelt? Grazmüller, lies einmal vor!« - -Und Grazmüller las. Aber auch Grazmüller kam zu Fall, wurde im Tagebuch -durch persönliche Eintragung des Professors mit Nachsitzen belegt, und -dann ertönte das traditionelle »Zu unterst!« - -So rutschte ich Bank um Bank aufwärts, und als es drei Viertel schlug, --- Sie mögen's nun glauben oder nicht, -- als es drei Viertel schlug, -war ich, Otto Leberecht Holzheimer, ich, das Opfer mißglückter -Aoristformen, Primus! - -Der Professor bebte am ganzen Leibe. - -»Das ist zu viel!« raunte er mit erstickter Stimme. »Ich muß ein -Exempel statuieren. Die ganze Klasse kann ich nicht einsperren, aber -schon im Altertum pflegte man rebellische Legionen zu dezimieren ... -Die sechs Untersten werden mir über Mittag nachsitzen. Primus, Du wirst -den Pedellen von dieser Verfügung in Kenntnis setzen.« - -Und ich, Otto Leberecht Holzheimer, meldete unserem Pedell, die -sechs Ultimi, darunter zwei der vorzüglichsten Griechen, seien wegen -ungenügender Leistung mit der empfindlichen Strafe des Herrn Professors -~in aeternam rei memoriam~ gebrandmarkt worden! - -Sehen Sie, geehrter Herr Redakteur, so geht's in der Welt! Der Geist -siegte über das Fleisch, die deutsche Intelligenz über den griechischen -Formelkram, der Germanismus über das Welsche, Bismarck über Benedetti, -Schalk über das Philistertum, und Falk über die Jesuiten. Als deutscher -Quartaner biete ich Ihnen, dem Gleichgesinnten, Gruß und Handschlag! -Lassen Sie uns gemeinsam fortstreben im Dienste der echten, der -geistesbefreienden Humanität! - - Mit kollegialischem Gruß - - Ihr - herzlich ergebener - +Otto Leberecht Holzheimer+. - - pr. Adr.: Herrn ~Dr.~ +Friedrich Leberecht Holzheimer+, - Herzogl. Kreisphysikus und Sanitätsrat - zu +Meppingen+. - - - - -Ein Familienereignis. - - -Es ist eigentümlich, wie schwer sich der Gymnasiast daran gewöhnt, das -Privatleben seiner Lehrer unbefangen und parteilos ins Auge zu fassen -und in dem Manne, der da berufen ist, von der Höhe seines Katheders -den Äschylus zu erklären und Karzerstrafen zu verhängen, ohne störende -Nebengedanken den Bürger und Staatsbürger zu würdigen. Alles, was -der Lehrer im Kreise seiner Familie oder innerhalb der menschlichen -Gesellschaft treibt, gewinnt für den Blick des Gymnasiasten eine -absonderliche Beleuchtung, und zwar müssen wir zu unserem Bedauern -konstatieren, daß diese Beleuchtung nur in Ausnahmefällen die einer -rein menschlichen Sympathie ist. Vielmehr geht das Gymnasiastengemüt -systematisch darauf aus, jeder Handlung des Gymnasialprofessors, und -sei sie die indifferenteste und naturgemäßeste, eine komische Seite -abzugewinnen und übermütige Glossen daran zu knüpfen. - -Zu den ernstesten und heiligsten Familienereignissen gehört die -Vermehrung des Hausstandes durch einen jungen Sprößling. Unter -normalen Verhältnissen beeilen sich sofort die Verwandten und -Freunde, das höchlich erfreute Elternpaar zu beglückwünschen, und -ein Inserat im Tageblatt verkündet auch den entfernteren Gönnern und -Gesinnungsgenossen, daß die liebe Frau Berta oder Josephine ihren -Gatten mit einem kräftigen Jungen überrascht habe. Wenn der Gymnasiast -wirklich ein ethisch tief angelegtes Geschöpf wäre, so müßte ein -derartiges Vorkommnis in der Familie des Gymnasialprofessors auf die -ganze Klasse einen erhebenden und läuternden Einfluß ausüben. Aber just -das Gegenteil ist der Fall ... - -In Sekunda und Prima erfreuten wir uns eines Lehrers, der nur darum -nicht die oben erwähnten Insertionskosten in jedem Semester dreimal -zu tragen hatte, weil die Natur in diesem Punkte unüberwindliche -Hindernisse aufgetürmt hat. Aber alljährlich einmal trat die -beglückende Überraschung doch ein, und die ganze Klasse war dann -in einer Weise demoralisiert, die mit dem Geist, wie er in einer -Pflanzstätte des Schönen, Wahren und Guten herrschen soll, schroff -kontrastierte. - -Schon einige Wochen vor dem entscheidenden Tage raunte man sich auf -allen Bänken das Geheimnis von Doktor Brömmels erneuten Hoffnungen -zu. Sobald diese Tatsache für ausgemacht galt, beschäftigten wir uns -während der Unterrichtsstunden Brömmels vornehmlich mit Epigrammen -und Xenien, denen es oblag, unsere Entdeckung nach ihrer sittlichen, -kulturgeschichtlichen und nationalökonomischen Seite zu kritisieren. - -Eine hervorragende Rolle in diesen rhythmischen Kleinigkeiten spielte -Niobe, als das Urbild eines überschwenglichen Mutterstolzes. Auch -Danaos und andere mythische Gestalten woben sich zwanglos in unsere -Distichen ein. Und da sich mir bei einer tieferen Würdigung der -Sachlage die Erwägung aufdrängte, wie es Herrn Brömmel dereinst wohl -gelingen möchte, seine zahlreichen Töchter glücklich und vorteilhaft zu -verheiraten, so schuf ich, die Ereignisse antizipierend, eine Ballade, -die mit den Versen anhub: - - Herr Brömmel ist von Töchtern - Allmählich ganz umringt; - Er denkt und sinnt und dichtet, - Wie er sie unterbringt. - Schon sind Amandens Locken - Mit zartem Grau meliert, - Und Ostern wird die Jüngste, - So Gott will, konfirmiert. - -Im weiteren Verlauf der Dichtung schob ich nun dem unglücklichen -Lehrer eine endlose Reihe von Machinationen unter, von denen keine zum -erwünschten Ziele führt. Da ergreift ihn die helle Verzweiflung. Die -Hände zum Zeus erhoben, bricht er in die klagenden Worte aus: - - O Herr, sieh du in Gnaden - Auf meiner Töchter Zahl - Und hilf mir, Allerbarmer, - In meiner Vaterqual! - -Da läßt Zeus seine Donner rollen, und eine vernichtende Stimme ruft dem -erschrockenen Bittsteller zu: - - Was du dir angerichtet, - Ertrage mit Geduld: - Hast du zu viele Töchter, - So bist du selber schuld! - -Der Leser wird schon bei der Lektüre dieser wenigen Proben die -Überzeugung gewinnen, daß unsere Lieblosigkeit einen wahrhaft -beängstigenden Höhegrad erreicht hatte. Was war indes meine Ballade -gegen die Xenien Wilhelm Rumpfs oder die Vierzeiler Emanuel Boxers? -Eines dieser Quatrains lautete z. B.: - - Und gibt's ein Zwillingspaar, - So sind's der Kinder zwei; - Und gibt's noch eines mehr, - So sind es ihrer drei. - -Ein anderes: - - Wie zärtlich strahlt dein Angesicht, - Und wonnig glüht der Liebe Feuer! - Doch eines, Kind, bedenkst du nicht: - Das Geld ist rar, das Leben teuer. - -Ein drittes griff die Sache noch ironischer und beißender an. Es -lautete: - - Flocken, Flocken streut der Winter, - Zahllos wie der Sterne Heer, - Zahllos wie der Sand am Meer, - Zahllos wie Herrn Brömmels Kinder. - -Oder in knapperer Form: - - »Wie ist die Stadt verwaist!« - Die Brömmels sind verreist. - -Ja, selbst ethnographische Streiflichter blitzten aus unseren -geistsprühenden Epigrammen: - - »Das deutsche Volk vermehrt sich flott, - Und Frankreich senkt beschämt die Fahne ...« - Kein Wunder das, beim ew'gen Gott! - Herr Doktor Brömmel ist Germane! - -Unter solchen und ähnlichen Perfidien verstrich Woche um Woche, und nun -ging es ungefähr, wie ich nachstehend verzeichne. - -Es war etwa in der Nachmittagsstunde zwischen zwei und drei. Doktor -Brömmel erging sich gerade in einer ausführlichen Darlegung der -griechischen Literaturverhältnisse seit dem Tode des Euripides ... -Plötzlich vernahm man an der Tür des Schulsaales ein schüchternes -Pochen. - -»Herr Professor, es klopft!« - -Über die Züge Brömmels flog ein eigentümliches Leuchten. - -»So, es klopft?« sagte er mit unsicherer Stimme. »Sehen Sie einmal -nach, Boxer, wer da ist.« - -Boxer ging, um zu öffnen. Im Rahmen der Pforte ward das ernste Haupt -des Pedells sichtbar. - -»Ah, Sie sind es, Quaddler«, sagte der Professor, nur mit Mühe eine -gewisse Erregung bewältigend. »Was wollen Sie?« - -»Herr Professor, Ihr Mädchen ist draußen, Sie möchten doch rasch mal -nach Haus kommen.« - -Durch die versammelte Sekunda ging ein leises, fast unhörbares Murmeln. -Boxer, der sich wieder auf seinen Platz zurückzog, streckte uns -bedeutsam die Zunge heraus und zog die Brauen in die Höhe, als wollte -er sagen: »~Jamjam adest!~« Professor Brömmel aber beauftragte den -Primus, einstweilen ein Kapitel aus Xenophons Memorabilien übersetzen -zu lassen, griff hastig nach Stock und Hut und eilte ins Freie. - -Sofort bemächtigten wir uns des Pedells. - -»Was ist denn los, Herr Quaddler?« riefen wir, eine naive Unkenntnis -heuchelnd. »Die Frau Professorin ist doch nicht krank geworden?« - -Quaddler schüttelte unwillig das Haupt. - -»Ach, die Herren Sekundaner müssen immer ihre Possen machen«, sagte er -ärgerlich. »Sie werden wohl sehr gut wissen, was geschehen ist.« - -»Aber wir haben keine Ahnung, bester Herr Quaddler!« riefen wir im Chor. - -»Ach, gehen Sie weg, ich kenne das. Seit zwanzig Jahren bin ich Pedell, -und die Herren Sekundaner haben es noch jedesmal so gemacht.« - -»Das ist wohl bis jetzt in jedem Semester passiert?« fragte Boxer. - -»Herr Boxer,« sagte Quaddler sehr ernst, »ich muß mir gütigst erlauben, -zu vermerken, daß ich unmöglich zugeben kann, wo es sich um den Respekt -handelt, und wofern Sie immer so Narrenspossen im Kopfe haben!« - -»Aber ich frage ja nur, -- ereifern Sie sich doch nicht! Also es ist -wirklich was Kleines?« - -Quaddler wurde jetzt ungemütlich. - -»Wenn Sie meinen, Sie können hier Ihren Spott mit mir treiben, so muß -ich mir ergebenst zu vermerken erlauben, daß Sie gütigst im Irrtum -sind. Wenn der Herr Professor zurückkommen, werde ich vermelden, was -vorgefallen ist.« - -»Was? Er droht?« rief jetzt eine Stimme von den hinteren Bänken. - -»'naus! 'naus!« donnerte eine zweite. - -Quaddler richtete sich hoch auf. - -»'naus, sagen Sie? 'naus? Wissen Sie was, wenn Sie mir so kommen und -'naus sagen, dann gehe ich.« - -Und hiermit machte er kehrt und verschwand im Korridor. - -Jetzt brach ein unendlicher Jubel los. Einer von uns bestieg den -Katheder und machte seine Mitschüler in einer kurzen Ansprache auf -das Wichtige und Erhebende des Momentes aufmerksam. Am Schluß dieser -Rede betonte er die Notwendigkeit, dem gefeierten Lehrer durch eine -möglichst glänzende und einstimmige Demonstration die Teilnahme der -Sekunda an dem freudigen Ereignis recht unmittelbar auszudrücken. Nach -längeren Debatten ward der Beschluß gefaßt, Herrn Brömmel des anderen -Tages bei seinem Erscheinen im Lehrzimmer ein großes Bukett und eine -~ad hoc~ zu verfertigende lateinische Ode zu überreichen. Da wir nichts -Besseres zu tun hatten, so gingen unsere berufensten Lateiner sofort -ans Werk, das projektierte Festgedicht in seinen Umrissen zu Papier zu -bringen. Sechs oder sieben Entwürfe gelangten zur Verlesung. Es fand -sich da eine reiche Auswahl der wunderbarsten und überraschendsten -Wendungen. Eine dieser Hymnen begann mit den Worten: - - ~Praeceptori nostro caro, - Viro justo ac praeclaro, - Ridet Zeus haud ita raro --~ - -eine Strophe, deren Schlußwendung nicht der Grazie entbehrt. Ich selbst -hatte eine tiefempfundene Ode verfaßt, die mit dem Ausrufe begann: - - ~Iterum iterumque ...~ - -Sie wurde jedoch von der Majorität meiner Kameraden als zu -karzergefährlich abgelehnt. - -Des anderen Tages mit dem Glockenschlag neun trat Doktor Brömmel -nicht ohne eine gewisse Befangenheit in das Schulzimmer. Sofort erhob -sich der Primus von Obersekunda und streckte die Rechte wie zum -Eidschwur nach der Decke. Auf dieses verabredete Signal brach die ganze -Klasse in ein stürmisches Hoch aus: Hoch! und abermals Hoch! und zum -drittenmal Hoch! Doktor Brömmel wußte nicht, ob er danken oder eine -Untersuchung einleiten sollte. Ehe er sich jedoch über dieses Dilemma -entschieden hatte, trat unser bester Redner aus den Bänken, schritt, -in der Linken das riesige Bukett, in der Rechten die auf sauberes -Velinpapier geschriebene Ode haltend, nach dem Katheder hin und begann -seine Deklamation. Das Festgedicht war so eingerichtet, daß nach jeder -achtzeiligen Strophe der Chor einfallen mußte, was denn auch jedesmal -bestens besorgt wurde. Herr Doktor Brömmel schwankte während der ganzen -Zeremonie fortwährend zwischen den verschiedenartigsten Stimmungen hin -und her. Einmal biß er sich so entschieden auf die Lippe und legte die -geballte Faust auf die Kathederfläche, daß wir unbedingt überzeugt -waren, er würde die ganze Klasse wegen Komplotts beim Lehrerkollegium -anzeigen; dann aber, unseren heiligen Ernst wahrnehmend, lächelte -er still vor sich hin und gedachte an Berta, die ja in der Tat, die -ja wirklich, die ja genau so, wie es in dem Festgedicht hieß, sein -Haus mit Freude und Segen erfüllt hatte. Im stillen aber mochte er -Gott danken, daß der ganze Umfang seines Glückes den Schülern zurzeit -noch verborgen geblieben war. Hätten wir gewußt, daß sich das oben -mitgeteilte Quatrain Boxers verwirklichen sollte, hätten wir geahnt, -daß die Welt um +zwei+ junge Brömmels reicher geworden war: wir würden -ohne Zweifel zwei Redner ins Feld gesandt, zwei Oden gedichtet und zwei -Buketts überreicht haben, eine Huldigung, deren unverkennbare Komik -die Reserve, mit welcher Doktor Brömmel uns jetzt anhörte, unmöglich -gemacht hätte. - -Nachdem unser Spruchvermelder seine Aufgabe erledigt hatte, sagte -Doktor Brömmel mit gemessener Freundlichkeit: »Ich danke Ihnen. Wir -wollen uns durch diesen Zwischenfall indessen nicht weiter stören -lassen und unsere Arbeit da wieder aufnehmen, wo wir sie unterbrochen -haben.« - -Es dauerte zwei Tage, bis wir erfuhren, daß die Sonne des Brömmelschen -Hauses in das Zeichen der Zwillinge getreten war. Jetzt aber kannte -die Flut der Epigramme, Distichen und Quatrains keine Grenzen mehr. -Boxer verfertigte allein an zweihundert Vierzeiler, und da wir seine -Aperçus in hohem Grade originell fanden, so beschlossen wir, dieselben -auf gemeinschaftliche Kosten drucken zu lassen. Gedacht, getan. Jeder -von uns bekam zwei Exemplare der köstlichen Sammlung: die übrigen -zerschnitten wir in kleine Streifen, und zwar so, daß jedesmal -ein Quatrain durch diese Teilung isoliert wurde, und verstreuten -die eigentümlichen Bonbonzettel kurz vor dem Beginne der nächsten -Brömmelschen Lehrstunde im Schulzimmer und insbesondere auf dem -Katheder. - -Brömmel erschien wie gewöhnlich mit einer gewissen Schüchternheit. Der -Soldat mag noch so oft den Donner der Schlachten gehört haben: beim -Beginn des Gefechts verspürt er immer ein gewisses Unbehagen, das er -erst nach und nach im Laufe des Treffens bemeistern lernt. - -Auf dem Katheder angelangt, bemerkte Brömmel zu seiner größten -Überraschung, daß man seinen Ehrenplatz heute in höchst eigentümlicher -Weise dekoriert hatte. Er runzelte die Stirn und wollte sich eben -erkundigen, »wer sich einen so witzlosen Streich erlaubt habe«, als -sein Blick auf dem Namen Brömmel haften blieb, der sich in großen -Buchstaben aus dem typographischen Karree einer sauber ziselierten -Strophe hervorhob. Der Schulmann sah näher zu und vermochte nur mit -Mühe einen Ausruf des Entsetzens zu unterdrücken. - -»Sehr gut, sehr gut!« stöhnte er nach einer Weile, heftig die Nüstern -blähend. »Und wer ist der saubere Kamerad, der sich dieser wohlfeilen -Späße erfrecht? Er möge sich nennen, der Feigling, damit ich ihm zeigen -kann, was einem solchen ehrlosen Streiche gebührt!« - -In den Räumen der Sekunda herrschte lautlose Stille. - -»Nun, will sich der wohl melden, der mir diese schmutzigen Wische da -auf den Katheder gelegt hat? Ich frage nicht zum dritten Male!« - -Über den Subsellien brütete eine unheimliche Grabesruhe. In der Tat -hatten wir keine Veranlassung, der Aufforderung des Herrn Professors -nachzukommen, da er uns so energisch versicherte, zum drittenmal würde -er nicht fragen. - -»So!« rief Brömmel nach einer längeren Pause, furchtbar die Augen -rollend; »der will sich also nicht melden? Gut! Sehr gut! So werde ich -die ganze Klasse über Mittag hier behalten!« - -Jetzt erhob sich auf den hinteren Bänken ein Brummen des Unwillens, -dem sich bald ein sehr dezidiertes Scharren mit den Stiefelabsätzen -zugesellte. - -»Was? Brummen wollen Sie? Scharren wollen Sie? Kindsköpfe, die Sie -sind! Ich werde Ihnen einmal einen Quartaner herauf holen, der soll -Ihnen sagen, was Lebensart ist!« - -Gelächter auf allen Bänken. - -Jetzt riß Herrn Brömmel die Geduld. Er eilte mit großen Schritten -auf Boxer zu, den er in dem begründeten Verdacht hatte, einer der -Haupträdelsführer bei jedem Skandal zu sein, und rief mit Donnerstimme: - -»Sie sind mir für diesen himmelschreienden Unfug verantwortlich! -Entweder Sie machen mir den Schuldigen ausfindig, oder ich sperre Sie -vier Tage auf den Karzer.« - -»Meinen Sie mich?« lächelte Boxer mit der Unschuld eines -vierzehnjährigen Mädchens. - -»Ja, Sie! Ich sehe Ihnen an, daß Sie die ganze Geschichte angestiftet -haben! Kein Wort mehr!« - -»Aber, Herr Doktor, ich versichere Sie, daß ich keine Ahnung habe, um -was es sich eigentlich handelt. Gebrummt habe ich diesmal nicht, und -wegen Nichtbrummens zu brummen fällt mir gar nicht ein.« - -»Lassen Sie Ihre schlechten Witze, sonst werden Sie Ihre Lage nur noch -verschlimmern! Wollen Sie mir kurz und bündig gestehen, was Sie von der -Sache wissen?« - -»Von welcher Sache, Herr Doktor? Gebrummt habe ich nicht, denn ich -sitze viel zu weit vorn, und gescharrt habe ich auch nicht, denn ich -habe heut' Stiefel an, die mir so eng sind, daß ich keinen Fuß rühren -kann. Also wovon soll ich wissen?« - -»Mensch, Sie verstellen sich in einer Weise, die geradezu empörend ist. -Ich frage Sie, was wissen Sie über den Autor der schamlosen Pasquille, -die man mir dort auf den Katheder gelegt hat?« - -»Erlauben Sie einmal«, sagte Boxer, nach dem Katheder eilend. -- Er las -mit halblauter Stimme: - - »O lieber Gott, in jedem Jahr - Ein frisch besohltes Zwillingspaar ...« - -»Behalten Sie diese Dummheiten für sich, und gehen Sie auf Ihren Platz -zurück!« schrie Brömmel mit steigender Erbitterung. - -Boxer raffte die Zettel, die auf dem Katheder lagen, zusammen und -steckte sie in die Brusttasche. - -»Wenn Sie mir drei Tage Zeit lassen,« sagte er harmlos, »so wird es -mir nicht schwer halten, den Urheber zu ermitteln. Ich gehe einfach -bei allen Druckereien der Stadt herum und erkundige mich, in welcher -Offizin diese Zettel gedruckt worden sind. Das ist das einfachste und -sicherste Mittel.« - -»Das werden Sie bleiben lassen«, versetzte Brömmel energisch. »Wollen -Sie Ihren Impertinenzen die Krone aufsetzen und diese Sudeleien -womöglich noch ins Tageblatt befördern? Geben Sie her!« - -Boxer nahm jetzt die Stellung ein, die Lessing auf seinem berühmten -Gemälde dem Johann Huß zuerteilt hat. - -»Herr Professor,« sagte er, »das ist eine schreiende Ungerechtigkeit! -Sie bedrohen mich mit einer mehrtägigen Karzerstrafe, falls ich Ihnen -den Schuldigen nicht namhaft mache, und dabei suchen Sie mir die Mittel -zu entziehen, die allein geeignet sind, mir die gewünschte Entdeckung -zu ermöglichen. Herr Professor, Sie werden entschuldigen, wenn ich mich -damit nicht beruhigen kann. Ganz ergebenst bitte ich um die Erlaubnis, -sofort zum Herrn Direktor gehen zu dürfen. Ich werde ihm die ganze -Angelegenheit vortragen und diese Zettel zur Verfügung stellen. Der -Herr Direktor mag dann selbst entscheiden, ob ich dafür verantwortlich -bin, wenn andere etwas von Zwillingen schreiben. Außerdem habe ich -niemals gehört, daß Zwillinge ein Schimpfwort wäre.« - -Brömmel sah jetzt sehr wohl ein, daß er sich in eine Sackgasse verrannt -hatte. Er wäre lieber gestorben, ehe er zugegeben hätte, daß der -Direktor diese schnöden Machwerke der mißratenen Sekundaner zu Gesicht -bekäme. Was konnte es frommen, wenn die offizielle Folge einer solchen -Wendung der Dinge wirklich für Boxer und Genossen verhängnisvoll -ward? Privatim hätte der Direktor sich doch köstlich amüsiert und -nicht verfehlt, im Klub und auf den öffentlichen Bierkellern, die -er mit Vorliebe frequentierte, das Ereignis zum besten zu geben, -ganz abgesehen davon, daß Brömmel sich dem Direktor gegenüber selbst -unter vier Augen nicht kompromittieren wollte. Der Zwist wurde also -beigelegt, Boxers Unschuld in ihrem vollen Umfange anerkannt und von -einer weiteren Untersuchung Abstand genommen, weil, wie Doktor Brömmel -sich ausdrückte, die ganze Sache eigentlich zu erbärmlich war, um ein -Wort darüber zu verlieren. - -»Ich bitte mir übrigens aus,« fügte er hinzu, als er wieder auf dem -Katheder Platz nahm, »daß Sie die Wische da unverzüglich vernichten. -Sekunda stellt sich durch solche Lächerlichkeiten ein ~testimonium -paupertatis~ aus, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Haben -Sie nichts Besseres zu tun, als Ihre Zeit mit solchen unlauteren -Reimereien zu vertrödeln? Schämen Sie sich in Ihre Seelen hinein! Wenn -Sie so fortfahren, so werden Sie über kurz oder lang moralisch zugrunde -gehen, -- denken Sie an mich! Ohne echten sittlichen Ernst ist eine -gedeihliche Entwickelung des Menschen nicht denkbar, und wenn Sie -noch so glänzende Fortschritte in den Wissenschaften machen, was ich -nicht gerade behaupten kann, so würden Sie doch niemals zu wahrhaften -Männern heranreifen, falls der frivole Geist, wie er seit einiger Zeit -in dieser Klasse herrscht, einen dauernden Einfluß behaupten sollte. -Wahrlich, es ist weit gekommen, wenn nicht einmal mehr das Privatleben -des Lehrers vor den Ungezogenheiten einer charakterlosen Schuljugend -sicher ist. Aber das kommt von dem oberflächlichen und leichtfertigen -Lebenswandel, dem sich die meisten jungen Leute von heutzutage leider -schon sehr, sehr früh zu ergeben pflegen! Es ist ein wahres Unheil, -wenn sich in der Stadt, wo die Gymnasien ihr Zelt aufgeschlagen haben, -gleichzeitig eine Universität befindet. Verlassen Sie sich darauf, -ich werde Ihnen auf die Finger sehen! Erfahre ich jemals wieder, -daß einer von Ihnen an Zechgelagen teilgenommen hat, so lasse ich -keine Milderungsgründe gelten: ich trage unbedingt auf Relegation -an. Es sind Leute unter Ihnen, die gar nicht wissen, was sie sich -und der bürgerlichen Gesellschaft als Mitglieder eines öffentlichen -Erziehungsinstitutes schuldig sind. Das muß anders werden. Boxer, an -Sie wende ich mich speziell. Sie sind mir wiederholt als derjenige -bezeichnet worden, der bei allen nichtsnutzigen Streichen das große -Wort führt. Ich rate Ihnen in aller Freundschaft, bessern Sie sich, -sonst nimmt es kein gutes Ende mit Ihnen. Wahrlich, Ihr vortrefflicher -Herr Vater hat es nicht um Sie verdient, daß Sie in dieser Weise seinem -Namen Unehre machen.« - -Boxer erhob sich mit der Miene eines tödlich Beleidigten. - -»Herr Professor,« stammelte er mit gut gekünstelter Aufregung, »das hat -mir noch niemand gesagt. Und was meinen Vater betrifft, so hat er erst -gestern in meiner Gegenwart geäußert, ich sei der Stolz der Familie. -Ich kann das durch Zeugen erhärten, und in der Tat wüßte ich auch -nicht, inwiefern ich ihm die mindeste Unehre machte. Ich habe bis jetzt -noch immer die besten Aufsätze geschrieben, und meine Zensuren lauten, -bis aufs Betragen, stets günstig.« - -»Setzen Sie sich! Ich weiß besser, was Ihr Herr Vater über Sie denkt, -und sollte er wirklich im Zweifel sein, wie es um seinen Sohn bestellt -ist, so werde ich ihm bei nächster Gelegenheit einmal gründlich die -Augen öffnen.« - -Boxer setzte sich, und der Unterricht nahm seinen Anfang. - -Als aber Doktor Brömmel den Lehrsaal verlassen hatte, sanken sich -die Sekundaner gegenseitig in die Arme und jauchzten vor Wonne und -Seligkeit. - -»Ach,« klang es von Mund zu Mund, »der Himmel gebe, daß die Brömmelina -bald wieder Zwillinge bekommt!« - - - - -~Knebelii discipuli Threnodia.~ - - - ~Si omnes mundi homines, - Quae amant, iis non carerent, - Praeclara vitae esset spes, - Nam qui timores nos terrerent?~ - - ~Perpetuo vellem bibere, - Sed saccus mi repletus raro! - O Deus, pater optume, - Quor fato utor tam amaro?~ - - ~Quor gulam mi tam aridam, - Tam vini cupidam dedisti, - Si, quibus flammas opprimam, - Pecunias dare omisisti?~ - - ~Ad ultimum me rediges: - Haud justum mi parasti sortem! - Mehercle! Quae mi cunque des, -- - Aut dabis aes, aut dabis mortem!~ - - - - -Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer. - - -Erstes Bruchstück. - - ... Am 24. Februar 18** - -Womit soll ich zunächst anfangen? -- Es klingt eigentümlich, aber -es ist nichtsdestoweniger wahr: jeder Anfang hat für mich etwas -Peinliches. Bei meinen deutschen Aufsätzen hocke ich oft stundenlang -und kaue an der Feder, ohne zu wissen, wie ich dem Dinge beikommen -soll. Gewöhnlich helfe ich mir dann dadurch, daß ich mich nach einem -geeigneten Zitat umsehe und dasselbe als Motto oben rechts in die Ecke -schreibe. Hieran läßt sich dann gewöhnlich in ungezwungener Weise -anknüpfen, indem man etwa fortfährt wie nachstehend: - -»Der große Dichter, dem wir diese Worte entlehnen, hat ohne Zweifel -dabei die hochwichtige Frage im Auge gehabt, deren Behandlung mir heute -von Amts wegen obliegt.« - -Es ist mir bis jetzt noch stets gelungen, den erforderlichen Nachweis -zu liefern, zumal wenn das Zitat von Schiller war, dessen Aussprüche -das Angenehme haben, daß sie für alle Verhältnisse des Lebens gleich -brauchbar sind. Ich will also dieser meiner angestammten Gewohnheit -auch heute nicht untreu werden und mein Tagebuch mit den herrlichen -Worten aus Schillers Glocke einleiten: - - Von der Stirne heiß - Rinnen muß der Schweiß. - -Dies ist nämlich die Ansicht meines Mitschülers Leopold Hutzler, -der in der Nähe des Fensters sitzt und durchaus nicht leiden kann, -wenn man auch nur ein kleines Quadratchen öffnet, um frische Luft -hereinzulassen. Wie zu Eingang notiert, ist es noch Februar, und die -Witterung läßt manches zu wünschen übrig. Wir besitzen nun einen -Lehrer, der zum Schlagfluß neigt und vor Kongestionen fast umkommt, -wenn alles geschlossen ist. Kaum tritt er ins Zimmer, so ruft er mit -seiner dröhnenden Baßstimme: »Schwarz, machen Sie mal 's Fenster auf!«, -und Schwarz tut, wie geheißen. Bis zum 20. Februar ging die Sache auch -ihren stillen, friedlichen Gang. An diesem Tage aber gelangten die -~exercitia pro loco~ zur Verteilung, und Hutzler, der ein Feind aller -Zugluft ist, kam in die Nähe des Fensters zu sitzen ... - -Doktor Perner ließ wie gewöhnlich oben die Klappe öffnen und wollte -eben seinen Vortrag beginnen, als der stramme Hutzler sich von seinem -Platze erhob und mit aufgestelltem Rockkragen und frostschauernder -Stimme in die geflügelten Worte ausbrach: - -»Herr Doktor, es zieht so!« - -Doktor Perner wird nun jedesmal nervös, wenn jemand behauptet, -es ziehe. Er sagt, das sei Einbildung, und wenn die Bewegung der -atmosphärischen Luft die Gesundheit schädige, so könne kein Mensch -mehr über die Straße gehen, ohne eine Rippenfellentzündung oder die -Diphtheritis zu bekommen. - -»So, es zieht Ihnen?« erwiderte er in wegwerfendem Tone. »Wie alt sind -Sie eigentlich?« - -»Im nächsten Januar werde ich siebzehn!« entgegnete Hutzler mit Würde. - -»Und demungeachtet zieht es Ihnen? -- Nun, dann ist es die höchste -Zeit, daß Sie endlich einmal dieses Vorurteil ablegen. Setzen Sie sich, -das Fenster bleibt auf!« - -Hutzler zog den Rockkragen noch höher, setzte sich nicht und sagte mit -männlicher Festigkeit: - -»Herr Doktor, der Arzt hat es mir dringend verboten, mich der Zugluft -auch nur auf wenige Minuten auszusetzen. Ich bitte um die Erlaubnis, -meinen Platz wechseln zu dürfen!« - -»Meinetwegen«, sagte der Doktor Perner mit einem geringschätzigen -Achselzucken. -- »Hanau, wechseln Sie einmal mit dem Hutzler den -Platz!« - -»Herr Doktor,« sagte Hanau, »ich bin erst gestern wiedergekommen und -neige sehr zum Katarrh. Es wäre vielleicht doch besser, wenn wir das -Fenster zumachten.« - -»Seien Sie still! Gildemeister, setzen Sie sich dort an das Fenster!« - -Gildemeister hustete dumpf, und es klang wie ein Bierfaß. - -»Wenn Sie erlauben,« sagte er mit heiserer Stimme, »so möchte auch ich -hier auf meinem Platze bleiben. Ich habe jetzt schon acht Senfpflaster -verbraucht, um meinen Luftröhrenkatarrh los zu werden, und bin immer -noch nicht damit zustande gekommen.« - -»Gut,« sagte Doktor Perner jetzt stirnrunzelnd, »so bleiben Sie, wo Sie -sind. Wenn es dem Hutzler zieht, so mag er seinen Paletot umhängen.« - -»Wenn ich meinen Paletot umhänge, so wird mir's zu warm, und dann -erkälte ich mich erst recht.« - -»Meinetwegen erkälten Sie sich sechsmal.« - -»Nun, Sie werden ja sehen, was Sie anrichten, Herr Doktor«, sagte -Hutzler gekränkt. -- »Ich merke jetzt schon einen eigentümlichen Kitzel -im Halse, und so fängt es bei mir jedesmal an.« - -Mit diesen Worten begann er zu hüsteln. - -Ich muß nun an dieser Stelle bemerken, daß Hutzler einer unserer -gesundesten Schüler ist. Wie oft hat der Direktor Samuel Heinzerling -ihm die vernichtenden Worte zugerufen: »Schwächläch! Sä, schwächläch? -Non, hären Sä änmal, Hutzler, äch wollte, jäder Mänsch onter der Sonne -wäre so schwächläch wä Sä! Faul sänd Sä, aber nächt schwächläch!« Es -handelt sich bei der ganzen Opposition Hutzlers lediglich um das, was -man eine parlamentarische Unterbrechung nennt. Er will in die Monotonie -der Lehrstunden eine gewisse Frische und Abwechslung bringen. Aus -diesem Gesichtspunkte wird uns auch die Weigerung der beiden erwähnten -Mitschüler begreiflich. - -Der Lehrer begann nun den Unterricht, und Hutzler, das Haupt trotzig -in die Hand gestützt, bereitete sich zur Fortsetzung seiner planvoll -erwogenen Störung vor. - -Als es ein Viertel schlug, hustete er dreimal tief auf und stöhnte -dann, als ob sich ihm die Luftröhre krampfhaft zusammenschnüre. Fünf -Minuten später hatte sein Husten einen so dröhnenden Charakter -angenommen, daß es Herrn Doktor Perner unmöglich war, den Unterricht -fortzusetzen. - -Er hielt einen Augenblick inne. - -»Sind Sie nun bald fertig?« rief er, die Augen rollend, während er das -Buch heftig wider die Platte des Katheders stieß. - -Hutzler hustete noch lauter, und so natürlich, daß ich noch heute nicht -begreife, wie er diese gewaltigen Erschütterungen seines Kehlkopfes -zuwege bringen konnte, ohne ernstlich Schaden zu nehmen. - -»Hutzler!« schrie Doktor Perner außer sich. - -Jetzt trat in dem trefflich erkünstelten Anfalle eine Pause ein. -Hutzler erhob sich. - -»Herr Doktor, darf ich nun vielleicht das Fenster da zumachen?« - -»Das Fenster bleibt auf! Sie sollten sich schämen, auf so pöbelhafte -Weise etwas erzwingen zu wollen, was ich Ihnen grundsätzlich verweigern -muß.« - -Kaum hatten diese Worte Hutzlers Trommelfell erreicht, als er sofort -wieder zu husten begann, und zwar so krachend und klirrend, daß ich -jeden Augenblick meinte, die Brust müsse ihm zerspringen. - -»Ich lasse Sie sofort nach dem Karzer führen!« rief Doktor Perner, -außer sich vor Zorn. »Wenn Sie so empfindlich sind gegen jede -erbärmliche Kleinigkeit, so wickeln Sie sich in Watte! Ich meinesteils -dulde nicht, daß man in meinen Lehrstunden solche Komödien aufführt.« - -»Komödien?« hustete Hutzler. »Wenn ich erkältet bin, werde ich -doch wohl noch husten dürfen? ... Hätten Sie beizeiten das Fenster -geschlossen ...« - -»Sie sind einer der frechsten Gesellen, die mir noch jemals -vorgekommen. Gehen Sie nach Hause und ziehen Sie sich wärmer an! Ich -bin es müde, mich fortwährend mit Ihnen herumzuzanken!« - -»Recht gern«, hustete Hutzler. »Hätte ich gewußt, daß es hier so ziehen -würde, so wäre ich von Anfang an in einem wärmeren Kostüm erschienen.« - -Hutzler wohnt nur drei Schritte vom Gymnasium entfernt. Er ging, und -Doktor Perner setzte seinen Vortrag fort. Es dauerte ungefähr zehn -Minuten. Dann erschien der treffliche Leopold wieder in der Tür, und -mit einem Male herrschte in Sekunda ein Leben, dessen reizende, -überschwängliche Ausgelassenheit sich nicht in Worte kleiden läßt. -Zuerst erscholl ein dreisalviges Gelächter; dann ein dumpfes Geheul, -wie es die Rothäute bei ihren Angriffen auf die Weißen auszustoßen -pflegen; dann ein Klatschen, Pfeifen, Scharren, Trappeln und Rütteln, -daß mir selbst, der ich doch an das Schlimmste gewöhnt bin, fast Hören -und Sehen verging. Hanau und ich hoben in der allgemeinen Verwirrung -unseren Tisch ungefähr drei Zoll hoch über den Boden und ließen ihn -dann mit aller Wucht aufdonnern, so daß der Staub wie Opferrauch nach -der Decke stieg. - -Es war dies nur eine verdiente Huldigung an die Adresse unseres -liebenswürdigen Kameraden Hutzler. - -Ahnst Du, o Genius meines Tagebuches, +wie+ Hutzler im Schulzimmer -erschien? Hinten auf den Rücken und vorn vor den Bauch hatte er sich -vermittelst roter Schnüre zwei Federkissen gebunden. An den Füßen trug -er die großen Reisepelzstiefel seines Vaters; zwei Müffe, die seinen -beiden Schwestern angehörten, dienten ihm als Pulswärmer, und um den -Hals trug er in unzähligen Windungen einen halbzölligen Hanfstrick, wie -ihn die Packer beim Aufwinden der Warenballen benutzen. - -Doktor Perner stand wie versteinert, während Hutzler sich ganz gelassen -anschickte, seinen Platz einzunehmen. - -»Halt!« schrie der Professor. »Keinen Schritt weiter! Denken Sie etwa, -Sie befinden sich hier in einer Bierkneipe?« - -»Gewiß nicht, Herr Doktor!« entgegnete Hutzler ehrerbietig. »So viel -ich weiß, befinde ich mich in Sekunda.« - -»Schweigen Sie! Ihr Zynismus übersteigt alle Begriffe. Sofort -entledigen Sie sich dieses Unrats und verfügen sich nach dem Karzer!« - -»Welchen Unrates, Herr Professor?« - -Doktor Perner war außer sich, er trat auf den Schüler zu und faßte ihn -an dem Strick, der um seinen Hals lag. - -»Hier, dieses nichtswürdigen Tandes!« schrie er, daß uns allen die -Ohren gellten. - -»Ach so,« sagte Hutzler, »es ist ja wahr, da wollte ich Sie noch ganz -ergebenst um Entschuldigung bitten. Meine beiden wollenen Halstücher -sind in der Wäsche, und Mutter wollte mir das ihrige nicht hergeben. -Da meinte der Vater, so ein Strick sei auch nicht zu verachten, und es -käme ja nicht darauf an, wie es aussehe, wenn es nur warm hielte. Aber -wenn Sie meinen, es wäre unziemlich, so bin ich gern bereit, ihn wieder -abzulegen.« - -Mit diesen Worten begann er, das halbzöllige Seil von seinem Halse -loszuwickeln. - -In immer größeren Kreisen fegte der hanfgeflochtene Radius um Hutzlers -Kopf, und jetzt fehlte nicht viel, und die Spitze hätte den Professor -ernstlich in seiner Integrität verletzt. Ich gebrauche hier Integrität -als Euphemismus, da es mir nicht wohl ansteht, diejenigen Teile des -Doktor Perner namhaft zu machen, die von dem wuchtigen Strick Hutzlers -zunächst bedroht wurden. - -»Mensch!« rief Doktor Perner wutschnaubend, indem er das Ende des -Strickes ergriff und daran zerrte. »Das sollen Sie mir büßen!« - -Hutzler bemühte sich, die Augen zu verdrehen und zwischen den Lippen -die Zunge sichtbar werden zu lassen. - -»Herr Doktor!« stöhnte er mit verlöschender Stimme, nach rechts und -links mit den Armen in die Luft greifend. »Ich ersticke! Ich ersticke!« - -Doktor Perner ließ los. Hutzler reckte seinen Hals und begann, ihn -vollends auszuwickeln. - -»Nun, was zögern Sie noch?« rief der Lehrer, indem er mit der rechten -Hand nach der Tür deutete. »Losgeschnallt! sage ich, und dann hinauf! -Vor nächstem Montag kommen Sie mir nicht wieder herunter!« - -»Also weil ich mich Ihrer ausdrücklichen Anordnung entsprechend etwas -wärmer gekleidet habe, belegen Sie mich mit Karzerstrafe?« sagte -Hutzler, gleich darauf in einen erneuten Hustenanfall ausbrechend. -»Erlauben Sie, Herr Doktor, ist der Karzer geheizt?« - -»Der Pedell wird das Nötige besorgen«, entgegnete Doktor Perner. -»Schwarz, bestellen Sie einmal, daß Nummer fünf geheizt wird. Und jetzt -bringen Sie sich unverzüglich in eine anständige Verfassung. Diese -schamlosen Wülste hier dulde ich nicht!« - -»Aber, Herr Doktor, es sind ja zwei Kopfkissen! Meine Mutter hält -so viel auf ihr Weißzeug, die würde sich schön wundern, wenn sie -erführe ...« - -»Kein Wort mehr, oder ich vergesse mich!« - -Hutzler schwieg und begann, seine Kissen loszuschnallen. Mit einemmal -stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Die Naht war geplatzt, und -eine Flut von Federn ergoß sich in das Schulzimmer. - -Wir andern eilten sofort hinzu, um die kostbaren Daunen aufzulesen, und -bald wirbelte es rings wie Schneeflocken. - -Doktor Perner machte vergebliche Anstrengungen, die Ordnung -wiederherzustellen. Gelles Geheul derjenigen, die in dem Tumult -umgestoßen wurden und auf den Boden zu liegen kamen, mischte sich unter -die Wehklagen Hutzlers, der sich nicht genug tun konnte in elegischen -Ausrufen und Seufzern. - -»Ach, was wird meine Mutter sagen! Das kommt davon, daß ich das so -aufschnallen mußte. Hätte ich die Kissen ruhig anbehalten, dann wären -sie nicht entzwei gegangen. Ach, und jetzt zieht es wieder, und die -Federn kommen mir in den Hals. Herr Doktor, erlauben Sie mir, nach -Hause zu gehen. Ich fühle mich sehr, sehr unwohl!« - -»Gehen Sie!« rief Doktor Perner in ohnmächtigem Zorn. - -Hutzler ließ sich die Sache nicht zweimal sagen. Hastig raffte er -seine Kissen zusammen, ergriff den Strick an einem Ende und schritt -majestätisch zur Tür hinaus, sein improvisiertes Halstuch wie eine -Schlange hinter sich herziehend. Wir übrigen vergnügten uns den Rest -der Stunde hindurch damit, daß wir die Flaumfedern, die rings durch -das Zimmer wirbelten, geschickt in die Höhe bliesen, wodurch ein -ununterbrochenes Schneegestöber entstand, das mir viel Spaß machte. -Doktor Perner ließ in das Tagebuch einschreiben, es habe dem Hutzler -in kindischer Weise gezogen; auch sei derselbe mit einem Strick -um den Hals im Lehrzimmer erschienen und habe sich die frechsten -Störungen erlaubt. Der Eintrag schloß mit dem Vermerk einer zweitägigen -Karzerstrafe. Hutzler war indes klug genug, die nächsten acht Tage -wegen Unwohlseins zu fehlen. Erst am folgenden Sonnabend kam er wieder, -und am Dienstag darauf fragte ihn Doktor Perner, ob er die Strafe -abgesessen habe. - -»Ich?« sagte Hutzler erstaunt. - -»Ja, Sie! Antworten Sie mir!« - -»Aber, Herr Doktor, Sie haben mir die zwei Tage ja geschenkt!« -entgegnete Hutzler, tief beleidigt. - -»So? Davon weiß ich kein Wort!« - -»Doch, Herr Doktor!« wagte ich jetzt schüchtern zu bemerken. - -»Ja, Herr Doktor!« riefen zwei, drei Stimmen aus dem Hintergrunde. »Am -vorigen Sonnabend haben Sie gesagt: Nun, für diesmal will ich es Ihnen -noch erlassen, aber in Zukunft geht es Ihnen schlecht, das gebe ich -Ihnen schriftlich!« - -Doktor Perner begann bei dieser bestimmten Formulierung unserer Lüge -stutzig zu werden. Vielleicht auch schien es ihm das geratenste, mit -Hutzler Frieden zu schließen. Daher sagte er geringschätzig: - -»Nun, es mag gut sein. Wenn ich es denn einmal gesagt habe, so will -ich nicht weiter darauf bestehen. Aber das sage ich Ihnen: kommt mir -wieder einmal etwas Ähnliches vor, so ist es alle mit uns. Überhaupt -konstatiere ich seit einiger Zeit das Überhandnehmen eines Geistes, -der den Zwecken dieser Anstalt schnurstracks zuwiderläuft. Es herrscht -hier statt des wissenschaftlichen Ernstes eine läppische Puerilität, -die mich anwidert. Ich bin auch einmal jung gewesen und habe mich -meines Lebens gefreut, aber ich würde noch jetzt schamrot werden, wenn -ich mir jemals eine so kindische Haltung hätte vorwerfen müssen, wie -sie Ihnen zur zweiten Natur geworden ist. Bessern Sie sich, ich rate -es Ihnen im guten. Ostern steht vor der Tür, und die Versetzungen -sind noch lange nicht entschieden. Es könnte manchem passieren, daß -er sich grimmig verrechnete. Zum Aufrücken in eine höhere Klasse ist -nicht nur eine gewisse Summe von Kenntnissen erforderlich, sondern vor -allen Dingen ein würdiges Betragen. Die Primaner werden sich bedanken, -ihren Lehrsaal mit einer Gesellschaft von Kindsköpfen teilen zu sollen, -wie sie hier auf den Bänken von Obersekunda sitzen. Was lachen Sie, -Hutzler? Weinen sollten Sie und in sich gehen, ehe die verderblichen -Wege, auf denen Sie sich befinden, vollends zum Abgrund geführt haben. -Ein Mensch von Ihren Gaben! Es ist himmelschreiend!« - -Hutzler erhob sich. - -»Herr Doktor, ich habe nur ein freundliches Gesicht gemacht«, versetzte -er mit unerschütterlicher Ruhe. - -»Machen Sie Ihre freundlichen Gesichter, wenn Sie zu Hause sind! Hier -ist Haltung und Ernst erforderlich, und Sie hätten am allerwenigsten -Ursache, ihrem Übermut freien Lauf zu lassen.« - -Hiermit schloß das Hutzlersche Intermezzo. - - - - -Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer. - - -Zweites Bruchstück. - - Am 5. Mai 18** - -... Von mir selber zu reden, verbietet mir eigentlich die mir -innewohnende Bescheidenheit. Indes neulich habe ich unserem -Religionslehrer einen so köstlichen Streich gespielt, daß ich nicht -umhin kann, diese wohlgelungene »Störung« hier aufzuzeichnen. Und eine -»Störung« war es in des Wortes tiefgehendster Bedeutung, insofern sie -nämlich nicht allein den regelmäßigen Verlauf des Lektionsplanes, -sondern mehr noch das gesamte seelische Gleichgewicht unseres -trefflichen Lehrers »störte«. Aber ich konnte ihm nicht helfen. Einmal -hat er's durchaus nicht um mich verdient, daß ich den Regungen des -Mitleids Audienz gebe, da er mir in der Religionsstunde schon dreimal -»wegen hartnäckigen Widersprechens« Ordnungsstrafen erteilte. Und dann -hätte ich Nerven besitzen müssen von der Dicke und der Dauerhaftigkeit -jenes Strickes, den Hutzler im Februar dieses Jahres um seinen Hals -wickelte, wenn ich die qualvolle Monotonie, die sich in der religiösen -Gesinnung des Herrn Pastors geltend machte, länger hätte ertragen -sollen. - -Der Herr Pastor ...! Wir nennen ihn so, weil er in früheren Zeiten -eine Predigerstelle an einem benachbarten Dorfe versah. Er ist indes -schon seit geraumer Zeit an unserem Gymnasium in bester Form angestellt -und gibt in allen Klassen Glaubenslehre und Kirchengeschichte. Ich -unterlasse es, hier auf seine persönliche Beschreibung einzugehen, da -es mir doch nicht möglich wäre, seinen wohlwollenden Gesichtszügen und -dem sanften Behagen, das um seine schmalen, blutlosen Lippen spielt, -stilistisch gerecht zu werden. - -Der Herr Pastor ist nämlich ein sehr frommer Mann, was ich ihm durchaus -nicht verüble, denn wenn jemand Pastor ist, so versteht es sich von -selbst, daß er gewisse Gesinnungen hegt. Wohl aber verüble ich dem -Herrn Pastor im höchsten Grade, daß er seiner Frömmigkeit seit so und -so viel Jahren in sämtlichen Klassen stets denselben Ausdruck verleiht -und so zum Beispiel an jedem Morgen, den Gott werden läßt, aus dem -Klassengebetbuch dasselbe Gebet abliest. Wir alle kennen es längst -auswendig: aber der Herr Pastor scheint nun einmal die Überzeugung zu -hegen, dieses Gebet sei besonders wirksam und gottwohlgefällig. Es -beginnt mit den Worten: - -»So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines Thrones, -o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen um die Gnade -Deines Beistandes ...« - -Es ist mehr als zwei Seiten lang und enthält unter anderm die sehr -richtige Bemerkung: - -»Schritt für Schritt wandeln wir dem Ende zu und sind ihm jeden Morgen -näher gebracht.« - -Es hat mir nun fast den Anschein, als ob der Herr Pastor geglaubt -habe, durch die fortwährende Betonung dieser unleugbaren Tatsache das -immer näher rückende Ende weiter hinausrücken zu können. Denn nur so -vermag ich mir zu erklären, wie er immer und immer wieder dieselben -Phrasen zum besten gab, ohne zu bedenken, daß jedes unverkünstelte -Menschengehirn bei solchem Geklapper aus dem Leim gehen muß. Er scheint -eine ganz eigen organisierte Natur zu besitzen. Wir bekamen das -trostlose Gebet doch nur jeden Dienstag und Freitag zu hören: er aber -trug es seit Menschengedenken auch Montags, Mittwochs, Donnerstags und -Sonnabends vor (in Prima und Tertia nämlich), ohne daß es ihm bis jetzt -irgend geschadet hätte. - -Nun, es heißt schon in Goethes Faust: »Die Kirche hat einen guten -Magen«. Da ich aber in keiner Beziehung zur Kirche gehöre und mich -überhaupt von der sogenannten kirchlichen Richtung prinzipiell fern -halte -- mein Vater ist Freimaurer --, so erscheint es begreiflich, -daß ich infolge dieser ununterbrochenen Gebetsidentität nahezu krank -wurde und eine wahre Wut gegen den wiederkäuenden Lehrer faßte. - -Da kam mir ein köstlicher Gedanke, den ich um so bereitwilliger -durchführte, als ich mir sagen mußte, das Faktum werde, ganz abgesehen -von der Befriedigung meiner Gebetwünsche, auch einen reizvollen -Zwischenfall absetzen, wie ein lebensfroher Gymnasiast ihn stets -brauchen kann. So zögerte ich denn nicht länger und »vollendete -das Werk dieser Woche«. (Ein schönes Zitat! Es ist dem Schlußgebet -entnommen, das wir jeden Sonnabend um zwölf mit anhören müssen.) - -Das Klassengebetbuch liegt in der Regel auf dem Katheder, damit es dem -Lehrer gleich zur Hand sei, sobald er das Bedürfnis fühlt, sich mit -Gott zu unterhalten. Wie Möros in der Schillerschen Ballade, schlich -ich mich eines Morgens in aller Frühe -- ich war eigens eine halbe -Stunde vor Beginn der Lehrstunde erschienen, um der erste zu sein -- -zum Katheder, öffnete das Buch mit dem schwarzen, unheimlichen Einband, -der so oft in den Händen meines Peinigers geruht hatte, und suchte mit -fiebernder Hast nach dem verhängnisvollen Kapitel. - -»Aha!« sagte ich mit diabolischer Wollust, als ich den Gegenstand -meines Hasses entdeckt hatte, -- »da steht es: - -›So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines Thrones, -o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen um die Gnade -Deines Beistandes ...‹ - -Du sollst keinen mehr kränken!« Und mit keckem Griffe riß ich die -beiden Blätter, auf denen das Leibgebet des Herrn Pastors verzeichnet -stand, aus dem Buche, zerpflückte sie in hundert mikroskopische -Stückchen und trug sie kaltblütig, als ob nichts geschehen wäre, nach -dem Hofe, wo ich sie dem Spiel der Frühlingswinde überantwortete. - -In dem beseligenden Gefühle, ein gutes Werk vollbracht zu haben, setzte -ich mich auf meinen Platz und wartete der Dinge, die da kommen sollten. - -Es schlug sieben. Die Tür öffnete sich, und herein wandelte wuchtigen -Schrittes unser gottwohlgefälliger Religionslehrer. Er setzte sich auf -den Kathederstuhl, schneuzte sich zweimal und legte dann sein Gesicht -in jene frommen Gebetsfalten, die ich so oft mit Schrecken an ihm -bemerkt hatte. Das war immer die Introduktion; eine halbe Minute später -ging's los: »So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines -Thrones, o Allmächtiger ...« - -Der Herr Pastor erhob sich und ergriff mit einem verschleierten Blick -gen oben das Gebetbuch. Auch die Schüler standen ehrerbietig von ihren -Plätzen auf und falteten schweigend die Hände. - -Lautlose Stille. - -Der Herr Pastor schlug das Gebetbuch auf und spitzte die Lippen. -Merkwürdigerweise war das so oft vorgetragene Gebet heute nicht auf den -ersten Griff zu finden. - -Der Herr Pastor blätterte. Und blätterte wiederum. Und blätterte -abermals. - -Es war ganz unbegreiflich! - -Er beschaute das Buch von außen, als wolle er sich überzeugen, ob es -noch das alte, stille, traute Gebetbuch von ehedem sei, mit dessen -Hilfe er so manches Mal vereint vor die Stufen des Thrones getreten war. - -In der Tat, der Einband hatte sich nicht im geringsten verändert. - -Nun suchte der Herr Pastor, immer befremdlicher dreinschauend, im -Register. - -Richtig, da stand es, Seite 50! - -Der Herr Pastor suchte demgemäß Seite 50, aber siehe da! der schöne -Spruch: Suchet, so werdet Ihr finden, wurde diesmal zuschanden! ... -Jetzt erst ging dem unglücklichen Lehrer ein Licht auf. Er stieß einen -unartikulierten Ton der Entrüstung aus und sagte dann mit einer Stimme, -die an die Posaune des Jüngsten Gerichts gemahnte: - -»Da hat mir ein miserabler Junge die Blätter herausgerissen, auf denen -unser Morgengebet stand! Ich will nicht untersuchen, wer sich diesen -sakrilegischen Akt erlaubt hat: ich überlasse den Betreffenden dem -Gefühl seiner eigenen Schande. Aber traurig ist es doch, daß so etwas -in einer Klasse von gesitteten jungen Leuten vorkommen kann! Pfui!« - -Ich mußte mir auf die Lippen beißen, um nicht in helles Gelächter -auszuplatzen. Der Herr Pastor bemerkte es. - -»Was lachen Sie?« sagte er mit einem vernichtenden Blick auf mein -unschuldiges Gesicht. »Gehen Sie hinaus: Sie sind in dieser Stimmung -nicht würdig, der Schulandacht beizuwohnen.« - -»Aber Herr Pastor« ... sagte ich demütig. - -»Sie verlassen das Zimmer!« wiederholte er schneidig. »Wenn Sie bei -einem solchen Anlaß überhaupt lachen können, so läßt das tief blicken.« - -Ich verließ also das Zimmer, stand aber nahe genug an der Tür, um -zu hören, daß der Herr Pastor noch eine längere Rede hielt. Hierauf -öffnete er wieder das Gebetbuch und las ein anderes Kapitel vor, das -halb so lang war, als die »Stufen des Thrones«, und schon um seiner -Neuheit willen die gebührende Aufmerksamkeit fand. - -»Amen!« sagte der Herr Pfarrer wuchtig und salbungsvoll, und gleich -darauf fügte er hinzu: »Sie können den Heppenheimer jetzt wieder -hereinholen.« - -War das nicht ein köstlicher Streich? Aber nicht genug! Das Gerücht von -dem herausgerissenen Gebet verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch -alle Klassen, und ehe der folgende Morgen graute, waren die »Stufen des -Thrones« aus sämtlichen Gebetbüchern entfernt! So ging dem Herrn Pastor -denn ein für allemal die Möglichkeit verloren, seiner langjährigen -Leidenschaft fürder zu frönen! - -Er verhängte jetzt eine umfassende Untersuchung, die jedoch ohne -Resultat blieb. Wenn ich der Eventualität einer Karzerstrafe so -gleichmütig gegenüberstünde, wie Schwarz oder Rumpf, die beide einen -unbeschreiblichen Stoizismus besitzen, so würde ich dem Herrn Pastor -ohne weiteres entgegentreten und ihm zurufen: »Ja, Verehrtester, ~c'est -moi qui l'ai fait~! Und wissen Sie, warum ich's getan habe? Weil es ein -Sprüchlein gibt, das da lautet: So Ihr betet, sollt Ihr nicht plappern -wie die Heiden, die da meinen, sie würden erhöret, wenn sie viele -Worte machen! Weil ferner sich der Betende in sein stilles Kämmerlein -einschließen soll! Und weil schließlich geschrieben steht, daß der -Buchstabe tot macht, um wieviel mehr ein ellenlanges Geleier, das aus -mehreren tausend Buchstaben besteht!« - -Da ich heute gerade bei der Persönlichkeit des Herrn Pastors bin, so -will ich noch die Geschichte von den Bescherungen meines Freundes -Boxer notieren. Die Sache ist zwar sehr einfach, aber sie hat mich -königlich amüsiert. - -Vor einiger Zeit nämlich, es mögen jetzt vielleicht acht oder zehn -Wochen her sein, hatten wir es eingeführt, dem Herrn Pastor jedesmal -morgens bei dem Beginn der Lehrstunde eine Bescherung auf den -Katheder zu setzen. Mein Freund Boxer war in dieser Beziehung der -Haupt-Entrepreneur und ging dabei ebenso malerisch als humoristisch -zu Werke. Der Herr Pastor entdeckte beim Eintritt in das Lehrzimmer -folgende Gegenstände in zierlicher Gruppierung auf der Platte seines -Lehrpultes: in der Mitte eine große, halb zerbrochene Blumenscherbe, -mit zwei alten Schreibärmeln behangen, wie eine Totenurne; oben -darauf eine Schneelawine (es war damals noch Winter und hatte tüchtig -geschneit), recht fest geknetet und von der Form eines menschlichen -Kopfes. Die Augen hatten wir aus gekautem, blauem Papier gefertigt; -desgleichen die Nase; den Mund stellte ein hereingedrücktes -Bleistiftchen dar. Unser Mitschüler Schwarz hatte seine brandrote Mütze -hergeben müssen, auf daß sie diesem Schneekopfe zur Bedeckung diene. -Rechts und links prangten zwei stattliche Haufen frischgeschlagener -Chausseesteine und ein Paar alte Stiefel, die Boxer sich von dem -Hausknecht im »Goldenen Pfau« hatte schenken lassen. Die Lücken -unseres künstlichen Aufbaues waren mit Äpfeln und Eierschalen, rohen -Kartoffeln, Besenreisern und ähnlichen Gegenständen dergestalt -ausgefüllt, daß man eine Barrikade ~en miniature~ vor sich zu sehen -glaubte, wie denn Boxer überhaupt viel Talent zum Kommunismus verrät. -Der Herr Pastor näherte sich dieser Bescherung jedesmal mit einem -Blick, als könne das Ding explodieren, bestieg den Katheder und legte -dann seinen Arm links auf die Platte des Pultes. Mit einem einzigen, -gewaltigen Ruck fegte er die Barrikade herunter, daß wir jedesmal Angst -hatten, der Wandschrank, der rechts vom Katheder steht, möge durch den -Anprall so mannigfacher Objekte zertrümmert werden. - -Die Klasse aber brach in ein diabolisches Jauchzen aus, und die -Vordersten liefen herzu, um die Brocken der Schneelawine aus dem -Fenster zu werfen, und besonders um die alten Stiefel in Sicherheit zu -bringen, die bei jeder Bescherung aufs neue verwendet wurden. - -Der Herr Pastor beobachtete bei solchen Vorgängen stets das Prinzip des -unbedingten Ignorierens. Kein Wort kam über seine Lippen: er strafte -uns mit stiller Verachtung. - -Zuweilen fiel ihm das recht schwer, denn einmal hatten wir ihm einen -alten, zerrissenen Familienschirm an die Lehrtafel genagelt, dessen -Fischbeindrähte dergestalt über den Kathedersessel hinausragten, -daß es nur bei einer eigentümlichen Haltung des Kopfes möglich war, -ihnen auszuweichen. Der Herr Pastor ertrug diese Tortur mit einer -bewundernswerten Geduld etwa fünf Minuten hindurch; dann sagte er -dem Katheder Valet und tat, als ob er nur zur Abwechslung einmal -einen anderen Standpunkt einnehme, während er bisher niemals seinen -gewöhnlichen Platz hinter dem Pult verlassen hatte. - -Endlich aber zerriß auch diesem Gerechten der Faden der Geduld. Boxer -hatte ihm nämlich, des ewigen Hinabwerfens müde, einen großen Eimer -voll Wasser auf die Platte gestellt, dessen Fall eine wahre Sündflut -herbeigeführt haben würde. - -Der Herr Pastor kam, beschaute sich das Ding mit rollenden Blicken, -blähte die Nüstern, stieg wieder vom Katheder herunter, schritt zornig -im Zimmer auf und ab, bestieg den Katheder von neuem und sagte endlich -mit Donnerstimme: - -»Boxer, schaffen Sie das augenblicklich hinweg!« - -Ich bewunderte hier den Instinkt des scheinbar so stillen Mannes, der -sofort wußte, wo er den Feind seiner Ruhe zu suchen hatte. - -Boxer erhob sich. - -»Ich?« sagte er indigniert. »Weshalb denn gerade ich?« - -»Tun Sie, was ich Ihnen sage! Augenblicklich schaffen Sie mir das Ding -da fort!« - -»Wenn ich den Eimer dahin gesetzt hätte,« entgegnete Boxer, »mit -Vergnügen! Aber so sehe ich in der Tat nicht ein ...« - -»Augenblicklich!« wiederholte der Herr Pastor, indem er den Arm -ausstreckte und die Spitze seines Zeigefingers auf den Boden richtete. - -»Gut!« sagte Boxer, »ich bin Schüler und muß gehorchen. Aber ich will -mich doch einmal bei dem Herrn Direktor erkundigen, ob ich Ihnen die -Eimer ausleeren muß.« - -Mit diesen Worten trat er aus den Bänken heraus und schritt langsam -und würdevoll dem Katheder zu. Stirnrunzelnd ergriff er das in diesen -Räumen sehr ungewöhnliche Gefäß und wußte es so einzurichten, daß er -beim Herabtreten vom Katheder stolperte und langwegs ins Zimmer fiel. - -Ein Hallo sondergleichen durchbrauste die Räume Sekundas. Ich -versichere bei allen Göttern, es hat ganz über alle Maßen schön -geklatscht, und das Wasser floß bis in den fernsten Winkel des Saales. -Die Verwirrung wurde noch dadurch gesteigert, daß einige von uns -riefen, sie könnten es in einem so feuchten Zimmer nicht aushalten, -sie hätten sich neulich erst erkältet, als der Pedell so unsinnig -aufgewaschen, und sie bäten um ihre Entlassung. Vier oder fünf wurden -in der Tat beurlaubt; dann aber wandte sich der Herr Pastor zu Boxer -und sagte: - -»Boxer, ich mache Sie von jetzt an für alles verantwortlich, was in -diesen Räumen geschieht. Ist morgen wieder etwas auf die Kathederplatte -gestellt, so werden Sie die Folgen zu tragen haben!« - -Boxer trocknete sich inzwischen die Beinkleider und erwiderte in -vorwurfsvollem Tone: - -»Also wenn der Schwarz ein Paar alte Stiefel auf den Katheder legt, -dann bin ich dafür verantwortlich?« - -»Was?« rief Schwarz, »ich hätte ein Paar alte Stiefel auf den Katheder -gelegt? Herr Pastor, das muß ich mir doch sehr von dem Boxer verbitten.« - -»Ich sage ja nur: wenn«, erwiderte Boxer. - -»Still,« gebot der Herr Pastor; »was ich gesagt habe, dabei bleibt es! -Und nun rufen Sie den Pedell, daß er hier aufwischt!« - -Die Situation Boxers war offenbar eine kritische. Gerade für den -folgenden Tag hatten wir uns so etwas Hübsches ausgedacht! Wir wollten -dem Herrn Pastor nämlich +zwei+ Eimer auf den Katheder stellen, und -Schwarz hatte zu diesem Behufe bereits seiner Tante, bei der er zur -Miete wohnte, einen gestohlen. Und nun sollte unser guter Freund Boxer -für alle diese Streiche verantwortlich gemacht und vielleicht mit einer -mehrtägigen Karzerstrafe belegt werden! Es war nicht zu verlangen, daß -wir unser reizendes Amüsement aufgaben; aber ebensowenig durften wir -Boxer zumuten, um unseres Gaudiums willen die Räume des Karzers zu -beziehen. - -Wir überlegten hin und her, ohne zu einem Resultat zu gelangen. - -Plötzlich sagte Boxer: »Laßt mich nur machen!« - -Am folgenden Tage arrangierten wir die Bescherung, wie verabredet. -Boxer war der emsigste, und in der Tat, es war keine kleine Arbeit, -denn wir mußten die Eimer glasweise füllen, weil der Pedell sonst Lunte -gemerkt hätte. Einer von uns stand Wache, um das Herannahen des Herrn -Pastors rechtzeitig anzukündigen. - -»Er kommt!« rief es jählings aus dem Munde unseres Warners. - -Sofort ergriff Boxer seine Mütze, nahm einen möglichst starken Stoß -Bücher unter den Arm und verließ das Lehrzimmer, um sich auf dem -Korridor hinter einen der größten Schränke zu stellen. - -Zwei Minuten später erschien der Lehrer, und unmittelbar hinter ihm -her tappte keuchend und atemlos unser trefflicher Freund Boxer, die -Bescherung auf dem Katheder genau ebenso verblüfft anstarrend, wie der -Herr Pastor. - --- »Boxer! Wo ist der Boxer?« zürnte der entrüstete Schulmann. - -»Hier!« rief es hinter ihm. »Entschuldigen Sie, daß ich mich heute -verspätet habe.« - -Der Herr Pastor biß sich ärgerlich auf die Lippe. Der Tatsache -gegenüber, daß Boxer fast mit ihm zugleich ins Zimmer getreten war, -konnte er seine Drohung von gestern nicht wohl verwirklichen. - -»Heute brauche ich die Eimer wohl nicht auszuleeren?« fragte Boxer -triumphierend. - -»Schwarz,« sagte der Lehrer, »rufen Sie einmal den Pedell.« - -Der Pedell erschien. - -»Quaddler,« begann der Herr Pastor in ernstem Tone, »nehmen Sie -einmal diese Gefäße da hinweg. Ich mache Sie von jetzt ab dafür -verantwortlich, daß solche Ungehörigkeiten sich nicht wiederholen. -Stellen Sie sich an den Brunnen, damit kein Wasser geschöpft -werden kann, oder lassen Sie Ihre Frau Wache halten. Wozu sind Sie -verheiratet?« - -»Entschuldigen Sie gütigst,« stammelte Quaddler in höchster Verwirrung, -»aber meine Frau war gerade damit beschäftigt, sich anzukleiden, und da -mußte ich Kaffee brennen.« - -»Brennen Sie Ihren Kaffee von sieben bis acht! Kommen Sie vorher Ihren -Pedellpflichten nach! Was ist das für eine Art! Die Eimer da können -doch nur von Ihnen herrühren! Warum geben Sie nicht besser auf Ihre -Küchengerätschaften acht?« - -Quaddler näherte sich dem Katheder. - -»Ich bitte um Verzeihung«, sagte er. »Das sind allerdings sozusagen -zwei Eimer, aber zwischen Eimer und Eimer ist ergebenst ein -Unterschied. Meine Eimer sind ganz anders. Und wenn die Herren -Sekundaner hinter meinem Rücken solche Sachen da mitbringen ...« - -»Seien Sie still und machen Sie, daß Sie so schnell wie möglich -hinauskommen. Die Eimer können Sie behalten, denn wenn dieselben auch -nicht Ihrer Küche entstammen, so bezweifle ich doch, daß die wahren -Besitzer sich melden werden.« - -Und Quaddler nahm die Eimer und verschwand in den Gängen des -Schulgebäudes. Der Herr Pastor irrte sich indes, wenn er glaubte, über -fremdes Eigentum so ohne weiteres verfügen zu dürfen. Die Tante meines -Freundes Schwarz machte bei der Polizei die Anzeige, es sei ihr am -Nachmittage des Dreizehnten ein Eimer gestohlen worden. Die Behörden -stellten umfassende Recherchen an; Quaddler mußte zu wiederholten Malen -auf das Gericht, und selbst der Herr Pastor ward eidlich vernommen. -Schwarz brauchte nicht zu schwören, denn er ist erst fünfzehn Jahre -alt, und so lief die Sache höchst günstig ab. ~Fortes fortuna juvat.~ - - - - -Doktor Veit. - -Eine Porträt-Skizze. - - -Zu den reinsten Genüssen meiner Schuljahre zähle ich den Unterricht -des originellen Mathematiklehrers Doktor Veit, der uns von Quarta bis -Obersekunda den Pfad zur Vollendung führte. Man verbindet gewöhnlich -mit dem Begriffe des Mathematikers die Vorstellung eines regelrecht -konstruierten Behälters öder, lebloser Formeln: nur im äußersten Winkel -dieses Behälters lauert die Individualität eines menschlich fühlenden -Wesens. Unser lieber, trefflicher Veit war die verkörperte Widerlegung -dieser einseitigen Theorie. Kein Zug seiner charaktervollen Erscheinung -erinnerte an die Schablone. Seine innere und äußere Physiognomie -entfernte sich himmelweit von jenen typischen Schreckbildern, die alles -auf Gleichungen zurückführen, die selbst in der Liebe von positiven und -negativen Größen phantasieren und die Erkorene mit dem Parallelogramm -der Kräfte an die hochklopfende Brust ziehen. Doktor Veit war vielmehr -ein erquickliches Original, in derber Holzschnittmanier ausgearbeitet, -aber nirgends geometrisch korrekt. In seinen Lehrstunden herrschte -durchaus nicht der Ton der reinen Mathematik. Sein Vortrag war reich an -subjektiven Streiflichtern, an reizvollen Impromptus, an ergötzlichen -Zwischenfällen ... - -Erst in Sekunda lernten wir diesen Mann nach dem ganzen Umfange seiner -Vorzüge schätzen. - -Wenn es elf schlug, und der Xenophon-Interpret, »froh der bestandenen -Gefahr,« von hinnen geeilt war, dann erschien in der Tür eine -mittelgroße Gestalt mit rötlich angestrahltem Gesicht, den Hut ein -wenig im Nacken, um die Lippen ein freundliches Lächeln. Rasch warf er -die Kopfbedeckung auf den Tisch neben dem Eingang und schritt beweglich -nach dem Katheder, ohne nach pädagogischer Würde zu haschen, ohne in -professorenhafter Manier den Rock zuzuknöpfen, ohne an der Brille -zu rücken. Mit prüfendem Blick musterte er die lebhaft plaudernde -Versammlung und nahm dann halb wie im Traum den Schwamm, der neben der -Kreide lag, um ihn mit Wasser zu sättigen. Allerlei groteske Figuren -beschreibend, wischte er die große Schultafel ab; dann kehrte er sein -freundliches Antlitz von neuem dem schwatzhaften Publikum zu, trommelte -mit den Fingern auf die Holzfläche des Katheders und nickte still vor -sich hin ... - -Das währte so drei, vier Minuten. Plötzlich schien er sich zu besinnen, -weshalb er hierher gekommen. Mit der Faust auf die Fläche des -Lehrpultes schlagend wie ein Tambour, der die Kolonne zum Sturme führt, -rief er mit Donnerstimme: - -»~Allez! vite! vite! vite!~ wacker! wacker! wacker! Boxer, komme Se mal -raus an die Tawel!« - -Diese Wendung kehrte in ähnlicher Form als Einleitung zu jeder -Lehrstunde wieder. Doktor Veit vermochte sich nämlich gewisser -dialektischer Eigentümlichkeiten nie zu entschlagen, namentlich in -erregter Stimmung; wenn er im Eifer des Dienstes erglühte, wenn der -Zorn ihm die Nerven schüttelte, stets verfiel er dem Banne der Mundart, -und seine Mundart war nicht die gefeilteste. In grammatikalischer wie -in lexikographischer Hinsicht borgte er bei dem Volke. So ergoß sich -ein Hauch echter Urwüchsigkeit und reinen, gediegenen Menschentums über -die exklusive Klassizität unseres Gymnasialkatheders. - -Boxer stand auf und trat an die »Tawel«, die rechts vom Katheder auf -den Holzzapfen der Staffelei ruhte ... - -»Ich bitt' mer jetzt aus, daß Ihr Ruh' halt't!« rief Doktor Veit -kategorisch den hinteren Bänken zu. »Na, Boxer! ~Allez! vite! vite!~ -Hier ist die Kreide! Schreibe Se emal folgende Gleichung!« - -Boxer schrieb und begann hierauf zu Nutz und Frommen der Klasse die -Auflösung. - -»Halt' mer emal die Gäul' an!« unterbrach ihn Doktor Veit mit der -naiv-herzlichen Frische des Volkes. »Möricke, habe Sie das verstande?« - -»Jawohl, Herr Professor.« - -»So rekapituliere Sie's!« - -Möricke versuchte, die mathematischen Wege seines Freundes Boxer -nachzuwandeln; bald aber geriet er ins Stolpern. - -»Ui! ui, ui! ...« rief Doktor Veit abwehrend. »Sie lerne auch Ihr -Lebdag nix, Möricke! -- Boxer, erkläre Sie's noch emal!« - -Boxer begann von neuem und führte die Aufgabe siegreich zum Schlusse. - -»'s war gut. Gehn Se auf Ihren Platz. Wenn der Hutzler halb so viel -wüßt' wie der Boxer, so wüßt' er zehnmal so viel wie der Möricke.« - -»Oh!« erwiderte Möricke, »ich hatte mich bloß versehen. Die Tafel -blinkt so, und da hatte ich das ~x~ für ein ~a~ gehalten!« - -»So? Ist's wahr, Hutzler, blinkt die Tawel?« - -»Jawohl, Herr Professor. Ich seh' hier so gut wie gar nichts.« - -»Knebel, rücke Se mal die Tawel so, daß der Hutzler und der Möricke was -sieht!« - -Knebel, Heppenheimer und zwei oder drei ihrer Mitschüler sprangen auf, -um die Tafel zurecht zu rücken. - -»Sie steht zu steil«, rief Hutzler pathetisch. - -Heppenheimer beeilte sich, die Hinterbeine des Gerüstes nach hinten zu -schieben. - -»So blinkt's noch mehr!« rief der tückische Hutzler. - -»~Allez! vite! vite!~« mahnte unser guter Professor. »Zeit ist Geld, -sagt der Engländer!« - -Heppenheimer rückte und rückte. Mit einemmal kam der Aufbau ins -Rutschen. Das Zugreifen der Sekundaner bezweckte nur scheinbar die -Rettung. Im nächsten Augenblicke stürzte alles über den Haufen. - -Lautes Gelächter. Das Antlitz des Lehrers nahm jählings ein -violettrotes Kolorit an. Heppenheimer, der den ganzen Frevel veranlaßt, -rieb sich heuchlerisch ächzend die Kniescheibe. - -»Für so Posse bedank' ich mich!« zürnte Herr Veit, heftig den Schwamm -zerknetend. »Ihr müßt net meine, daß Ihr hier en Hanswurscht vor Euch -habt!« - -»Die Dielen hier sind so glitschig«, versetzte Knebel. - -»Selbst glitschig! Lausbube seid Ihr, die bei jeder Gelegeheit ihre -Späß treibe. Jetzt rasch emal die Geschichte da wieder aufgestellt! Und -das sag' ich Euch, passiert so etwas wieder, so komm' ich Euch über die -Köpp'!« - -Bei dieser unparlamentarischen Phrase erhob sich auf den hinteren -Bänken ein Gebrumme der Mißbilligung. - -Doktor Veit verließ den Katheder. - -»Wer hat hier gebrummt? -- Was? Er will sich geheim halte? Ich kenn' -mein' Pappenheimer, sagt Schiller. Das ist gewiß wieder der miserable -Kleemüller gewese!« - -Kleemüller fuhr empor, als habe ihn eine Natter gestochen. - -»Ich bin's nicht gewesen!« - -»Sie sind's gewese, und jetzt halte Sie 's Maul!« - -»Ich verteidige nur meine Rechte«, erwiderte Kleemüller. - -»So? Na, dann komme Se mal raus an die Tawel!« - -»Weshalb?« - -»Dummes Geschwätz! Sie solle die nächst' Aufgab' löse. Na, steht die -Tawel nun fest? ~Allez! vite! vite! vite!~« - -Kleemüller trat heraus und begann zu rechnen. - -»Sie mache das viel zu umständlich. Das Verfahre läßt sich wesentlich -abkürze. Wisse Sie davon nix?« - -»Nein.« - -»Sehe Se wohl, daß ich Recht hab'? Sie habe gebrummt; sonst wüßte Se, -was hier zu tun ist. Jetzt mache Se, daß Se so schnell wie möglich auf -Ihren Platz komme, sonst verzehrt Sie 's Gewirrer!« - -Gewirrer! So sprach Doktor Veit in der Tat, wenn er eine gewisse Stufe -der Indignation überschritten hatte. Im normalen Zustande sprach er: -Gewitter. - -Das Antlitz des ehrlichen Mathematikers gewann jetzt wieder den -alltäglichen Ausdruck. Die Überzeugung, daß er Kleemüllers Sündenschuld -unwiderleglich erhärtet habe, gab ihm die seelische Ruhe zurück. Er -fuhr mit dem Schwamm triumphierend über die Tafel und rief dann in -freudigster Klangfarbe: - -»Aufgepaßt!« - -Nun begann er in seltsam geschraubtem Hochdeutsch eine -wissenschaftliche Erörterung, die er durch praktische Exempel treffend -erläuterte. Ab und zu unterbrach er seine Darlegung mit dialektischen -Ausrufen: - -»Wann jetzt das Geraschpel an dem Tintefaß net bald aufhört, dann fahr' -ich hinein!« - -Oder: - -»Möricke, Sie hocke wieder da wie e betrunke Kaninche und schlafe mit -offene Auge!« - -Oder: - -»Knebel, sage Se doch dem Pedell, er soll sein Küch' zumache. Mer -riecht wieder im ganze Haus, was gekocht wird.« - -Gegen Ende der Stunde ward Doktor Veit in der Regel ein wenig heiser. -Er litt nämlich an einer leichten Entzündlichkeit der Mandeln, war -jedoch im übrigen der kräftigste und gesündeste Mensch unter der Sonne. -Wenn sich dieses Gefühl bei ihm regte, so holte er tief Atem, legte -die Hand vor den Kehlkopf und schüttelte bedenklich das Haupt. Dann -murmelte er halblaut: - -»Ja, ja, die Flöt' hat bald ausgepfiffe!« - -Oder: - -»Lang werde mir's net mehr mitmache: übers Jahr um die Zeit sind die -Quetsche gegesse.« - -Endlich erscholl die Pedellglocke. - -War es Sonnabend, so hatte der Lehrer die Verpflichtung, mit der Klasse -ein Schlußgebet anzustimmen. Für Doktor Veit, den ausgesprochenen -Materialisten, eine schreckliche Aufgabe! Seufzend holte er das -schwarze, unheilverkündende Buch hervor und suchte sich unter den -zweihundertundfünfzig Gebeten das kürzeste aus. - -»Da, Knebel, lese Sie's vor! ~Allez! vite! vite!~« - -Und Knebel begann zu lesen: - -»Vollendet ist das Werk dieser Woche. Du, Herr, hast es vollenden -helfen! ...« - -Doktor Veit, der mit gefalteten Händen auf dem Katheder stand und -auf den Schwamm blickte, wechselte während der Lektüre mindestens -achtmal sein Standbein und atmete erst wieder auf, wie Knebel das Amen -flüsterte. Jetzt drängte die Klasse stürmisch dem Ausgange zu. - -»Halb so wild!« rief Doktor Veit, seinen Hut ergreifend. »~Festina -lente~, sagt der Lateiner!« - -Und somit schritt er behaglich der Treppe zu. - -Im Erdgeschoß begegnete er dem Pedell. - -»Höre Se mal, Quaddler, ich hab's Ihne schon sage lasse: Wenn Sie -wieder Kraut koche, dann mache Se gefälligst die Küch' zu. Es riecht -hier so schon net grad' nach Ambra und Roseöl.« - -»Aber erlauben Sie gütigst, die Tür war fest verschlossen, und der -Geruch muß sozusagen durchs offene Fenster gestiegen sein. Insofern es -übrigens auch ein ganz vortreffliches Kraut war.« - -»Mache Se mer die Gäul' net scheu, Quaddler! Sie wisse nun, was ich -gesagt hab'. Richte Sie sich danach. Und was ich noch weiter bemerke -wollt': Lasse Sie doch drobe ans Tawelgestell e paar Hake mache, daß -die Geschicht net alle Naselang auseinannerrutscht.« - -»Schön, Herr Professor. Inwiefern soll ich die Haken denn machen -lassen?« - -»Ich werd' Ihne das später erörtern! Jetzt hab' ich kein' Zeit!« - -Er räusperte sich. - -»Ach ja,« stöhnte er vor sich hin, »ewig is mer geplagt! Das nimmt kein -gut' End'! Heut' übers Jahr wirft mer mit meine Knoche die Birn' ab.« - -»Ganz gehormster Diener, Herr Professor.« - -Und nun begab sich unser trefflicher Mathematiklehrer ins Gasthaus »Zur -Sonne«, wo er einen kolossalen Appetit entwickelte. Die Empfindlichkeit -seiner Mandeln ließ nach, und den Zahnstocher zwischen den Lippen, -wagte er die schöne Versicherung: »Es is immer noch kein schlecht Lebe -auf der Welt. -- Schorsch, bringe Se mer noch e Flasch Niersteiner!« - - - - -Erinnerungsbilder. - - -Das beglückende Lenzgefühl, das der Mai durch alle Adern gießt, wird -mir durch eine unauslöschliche Erinnerung zu einem wahren Rausch der -Wonne gesteigert. Ich denke nämlich, wenn die Fluren und Wälder sich -neu begrünen, an die Jahre zurück, da ich dies erquickende Schauspiel -durch den steifen, weißgestrichenen Rahmen eines großen Schulfensters -beobachten mußte und dazu verurteilt war, die entzückendsten Stunden -des Frühlings vor dem Katheder höchst würdiger und höchst gelehrter -Männer zu verbringen. Aus den benachbarten Gärten klang das Konzert -der Vögel herüber in die dumpfigen Schulräume, aber die ernsten Männer -mit den großen Rundbrillen hatten kein Ohr für diesen melodischen -Zauber: sie redeten von Sprachgebräuchen, Anakoluthen, Konjunktionen, -Schreibfehlern und Anachronismen, -- ebenso wirr und zusammenhanglos, -wie ich diese verschiedenen Gesichtspunkte ihrer pädagogischen -Tätigkeit hier aneinander reihe. Anstatt die Lebensweisheit von -den grünen Blättern der Natur abzulesen, mußten wir uns mit dem -herumschlagen, was auf den gedruckten stand; sei es nun, daß ein -Chorgesang des Sophokles oder eine schwungvolle Rede Ciceros, sei es, -daß eine Gleichung aus der analytischen Geometrie, oder daß eine Frage -aus der Kirchengeschichte unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. - -Ich seufzte dann oft heimlich über die Tyrannei der modernen -Zivilisation und warf über den Rand meiner Bücher und Hefte hinaus -sehnsuchtsvolle Blicke nach den lauschigen Baumwipfeln, die so -wonniglich im linden Westwinde rauschten. - -Drüben auf dem tannbewachsenen Hügel, etwa eine halbe Stunde vom -Städtchen entfernt, lag die Liebigshöhe, so genannt nach dem großen -Chemiker, dem die dankbare Bürgerschaft kein beredteres Denkmal ihrer -Hochachtung zu stiften wußte, als daß sie einen Bierkeller -- das -Schätzbarste, was eine germanische Bürgerschaft besitzt -- nach seinem -Namen taufte. Dort hatten wir verfassungswidrigen Primaner mehr als -einmal »eine Orgie gefeiert«, -- wie der Direktor sich ausdrückte, wenn -er unsere Zechgelage entdeckte und uns mit mehrtägiger Karzerstrafe -belegte. Auch war die Liebigshöhe ein beliebter Sammelplatz für solche -Insassen der Stadt, die sich einer zahlreichen Familie erfreuten; -denn es war nirgends so billig, wie hier im Schatten der Tannen, ganz -abgesehen davon, daß außer Bier, Kaffee und Kuchen nichts verabreicht -wurde. Zu den Töchtern dieser Familien gehörte auch Jenny, die blonde, -schlanke, blauäugige Jenny, an die ich bereits in Unterprima eine Reihe -hervorragender Liebeslieder gestaltete, während ich sie in Oberprima -zur Heldin eines fünfaktigen Trauerspiels erkor ... - -Wenn ich so von meinem Platz aus das zierliche Gehöft mit dem -braunroten Dach und den blinkenden Fenstern aus der blauen Ferne -herüberlächeln sah, so zogen all diese Bilder in bunter, beglückender -Reihe durch mein Gemüt, und ich begann immer lauter zu seufzen und -immer schwerer den Zwang zu empfinden, der mich an diese harten -Subsellien fesselte ... - -Mit einemmal wurde ich durch die dröhnende Anrede des Direktors oder -eines seiner ebenso pflichttreuen Kollegen daran erinnert, daß ich noch -Sklave war und nicht das Recht hatte, meine Phantasien während der -hochwichtigen Erklärung eines griechischen Tragikers über Berg und Tal -wandern zu lassen. - -»Sä sänd wäder änmal nächt bei der Sache!« klang es von den Lippen -des erzürnten Philologen Doktor Samuel Heinzerling, desselben, der -später mit meinem unvergeßlichen Freunde Wilhelm Rumpf das denkwürdige -Rencontre in den Räumen des Karzers hatte. Die Worte trafen mich -stets wie ein Blitz aus heiterem Himmel, denn ich war in der Tat -durchaus nicht bei der Sache und mußte es stillschweigend über mich -ergehen lassen, wenn Heppenheimer mich auf den Wink des Autokraten als -»onaufmerksam« ins »Tagebooch« einschrieb. - -Wie oft habe ich, noch ehe es halb schlug, die Uhr in die Hand -genommen und auf dem Rand meiner Virgilausgabe Buch geführt über -jede verstrichene Minute! Das gelangweilte Herz glaubte durch diese -Kontrolle den Gang dieser trägen Zeit zu beflügeln; aber es war -unglaublich, wie bleischwer trotz aller Machinationen die Augenblicke -dahinzogen. Ein Triumphgeschrei klang durch die Seele, wenn man mit -großen lateinischen Lettern »drei Viertel« notieren durfte. War man -von dem Aufzeichnen dieser einzelnen Zeitstadien ermüdet, so erging -man sich wohl auch in Epigrammen, deren schweres, molossisches -Versmaß die Stimmung des niedergedrückten Gemüts versinnlichte. Der -Kern ihrer Wehklagen ließ sich in den Ausruf zusammenfassen: »Will's -denn heute wieder einmal gar nicht ›ganz‹ werden!« Ganz! Das war das -erlösende Wort! Ganz! Was lag nicht alles in diesen vier Buchstaben, -zumal wenn sie sich auf den Schluß der letzten Stunde, also auf vier -Uhr nachmittags, bezogen. Und wenn nun gar Quaddler, unser ehrlicher -Pedell, sich um ein paar Minuten verrechnet hatte und zu früh -klingelte, -- wie jauchzten wir da empor beim Gedröhne seines heiseren -Metalls! War es doch das Signal der Freiheit, das er uns gab, und »die -Freiheit schmeckt süß«, selbst in Prima. - -Der geneigte Leser hat vielleicht ein paar Söhne auf dem Gymnasium -und fängt an, diese Skizzensammlung für die Verbreiterin unsittlicher -Ideen zu halten; aber ich kann ihm nicht helfen. Wenn er sich selber -des Jubels nicht mehr erinnert, der ihm bei der Kunde von dem Schluß -der Gymnasialexerzitien durch alle Fibern zuckte, so ist dies ein -individuelles Unglück: ich meinesteils trage das Bild jener Zeit mit -unverblaßten Farben im Busen und fühle fast stündlich ein gewisses -Behagen, daß ich nicht mehr verpflichtet bin, nachmittags um zwei meine -Bücher zusammenzuschnüren und nach der alten Spelunke zu traben, die -mir die herrlichsten, sonnigsten Maitage gestohlen hat. - -Worin besteht denn die Glückseligkeit des jungen Studenten anders, als -in dem Bewußtsein, daß er aufgehört hat, dem Bann des Gymnasiallebens -anzugehören? - -Ich finde hierüber bei Hermann Grimm, dem geistvollen Novellisten, eine -sehr bezeichnende Stelle. - -»Ich war achtzehn Jahre alt«, schreibt dieser feine Beobachter -menschlicher Verhältnisse, »und eben erst Student geworden. Das ist -ein Übergang im Leben, wie wenige. Man ist mit einem Schlage aus -einem ungewissen Wesen ohne Bedeutung zu einem Manne mit Titel, Rang -und gegründeten Ansprüchen umgeschaffen. Man hat Geld zu seiner -Verfügung, kann arbeiten, was und wie man will, und darf den Genuß -des Lebens von den Bäumen pflücken, wo die Früchte am lockendsten aus -dem Laube leuchten. So griff ich das Leben an: ohne kopfhängerische, -einsiedlerhafte Neigung war ich ein vergnügter Student und wußte nur -vom Hörensagen, daß es eine Zukunft gebe; die Vergangenheit war mir -ein unbekanntes Land geworden, zu dessen Ufern die Erinnerung niemals -zurückkehrte. Was konnte ich Größeres verlangen? Ein Palast, um darin -zu studieren, berühmte Gelehrte, die uns »meine Herren« anredeten, die -mit wunderbarer Höflichkeit Kenntnisse und Eifer bei uns voraussetzten, -eine große Stadt, in der es sich frei und unbehelligt lebte, freie -Abende, Nächte (wenn wir wollten), Theater -- für einen Studenten gibt -es keinen unerfüllten Wunsch.« - -Aus diesen Zeilen spricht ganz dasselbe Gefühl, dem ich in den oben -stehenden Worten Ausdruck verliehen habe. Im Winter läßt man sich -die Sache zur Not noch gefallen. Man begeistert sich für Antigone, -obgleich der Umstand, daß man die Tragödie des unsterblichen Meisters -in minimalen Bruchteilen zu sich nimmt, sehr geeignet ist, dieser -Begeisterung Abbruch zu tun. Man übt sich im lateinischen Stil, denn -man kann einmal Reichstagsabgeordneter werden und in die Lage kommen, -das »~timeo Danaos~« oder das »~nil humanibus arduum est~« zitieren zu -wollen. Man fertigt deutsche Aufsätze nach klassischen Vorbildern, denn -eine gewisse Leichtigkeit im Ausdruck ist allezeit nütze, sei es nun, -daß man sich auf die Schriftstellerei wirft, was bei den Gymnasiasten -von heutzutage die Regel ist, oder daß man als Hotelbesitzer lange -Rechnungen verfertigt, die unter Umständen mehr einbringen als die -Schöpfungen der Novellistik. Alles das geht im Winter, denn Schnee -und Regen sind keines Menschen Freund, und im Feld und auf der Heide -ist wenig zu suchen, wenn der Nord durch die kahlen Zweige der Buchen -fegt. Aber im Frühling, sobald die ersten Lerchen ins Blaue steigen, -ändert sich diese Sachlage. Dann wird der Zwang, auf die Vorträge eines -Doktor Samuel Heinzerling zu lauschen, zur qualvollsten Sklaverei, -und die Sehnsucht nach den Umarmungen der Mutter Natur macht jeden -wissenschaftlichen Ernst zuschanden. - -Das Bewußtsein, daß ich einst in diesen Ketten geschmachtet habe und -jetzt frei bin, frei wie der Vogel in der Luft, dieses süße Gefühl des -Nicht-Gymnasiastentums bildet jetzt eine der vornehmsten Würzen meines -Frühlingsgenusses. - -Aber die Medaille hat ihre Rückseite. Nicht selten +rächt+ sich die -Vergangenheit für den stillen, triumphierenden Hohn, mit dem ich -ihrer gedenke, -- und nachts in den entsetzlichsten Traumgesichtern -kehrt sie mir zurück und schreckt mich mit der Maske der Gegenwart. -Ich sehe mich trotz meines Doktordiploms, das bereits vor acht Jahren -lügnerischerweise behauptet hat, ich sei ein ~vir perdoctus~, und trotz -des würdevollen Bartwuchses, den ich mir im Laufe der letzten zwei -Lustra anzueignen wußte, von meinen ehemaligen Schulkameraden umringt -in dem Saale der Prima, und vor mir steht die fragwürdige Gestalt des -Doktor Samuel Heinzerling oder eines seiner gestrengen Kollegen. Das -Verhängnis drückt mir einen lateinischen Klassiker in die Hand und -verlangt von mir, ich solle ~exempli gratia~ das erste Kapitel der Rede -Ciceros ~pro Roscio Amerino~ ins Griechische übersetzen. Ich überfliege -den lateinischen Text mit fiebernden Blicken und gewahre sofort, daß -mir für einige der notwendigsten Ausdrücke die griechischen Vokabeln -fehlen. Mein Nachbar, ein fleißiger und gewissenhafter Schüler, der -in den Tagen meiner wirklichen Primanerschaft stets aufs pünktlichste -präpariert war, scheint diesmal ausnahmsweise faul gewesen zu sein, wie -ich. Ich gebe ihm alle erdenklichen Signale mit dem Ellbogen, mit den -Füßen, mit den Knien; ich raune ihm zu: »Mensch, Du bist des Todes, -wenn Du mir nicht Dein Wörterbuch vorschiebst!« Aber er rührt sich -nicht. - -»Non,« klingt die Stimme meines Peinigers, »wollen Sä non bald -anfangen? Sä scheinen mär wäder änmal nächt gehöräg vorbereitet.« - -Ich lege die Hand aufs Herz. - -»Aber, Herr Direktor,« stammle ich treuherzig, »ich kann Sie aufs -bestimmteste versichern ...« - -Ich hoffe durch diese bestimmte Versicherung nur Zeit zu gewinnen, aber -Samuel Heinzerling unterbricht mich. - -»Sein Sä mer ställ«, sagt er in wegwerfendem Tone; »äch weiß zor -Genöge, was äch von Ähren bestimmten Versächerongen zo halten habe. -Öbersätzen Sä jetzt das Kapätel ins Grächäsche, oder gäben Sä zo, daß -Sä nächt nach Geböhr präparärt sänd!« - -Mit einem verzweifelten Entschluß beginne ich: - -»~Credo ego vos judices mirari~ ... Ὑμᾶς μὲν, ὦ ἄνδρες δικασταὶ, -θαυμάζειν ἐγῷμαι ...« - -»Goot«, sagt Samuel Heinzerling; »non weiter!« - -Da haben wir's! Das nächste Wort, ~summi~, ist zwar ein ganz -gewöhnliches, und ich weiß genau, daß ich die entsprechende -griechische Vokabel mindestens hundertmal angewandt habe; jetzt -aber, im entscheidenden Augenblicke vor den Schranken Doktor Samuel -Heinzerlings, bin ich mit aller Kraft nicht imstande, die fluchwürdigen -paar Silben aus meinem Gedächtnis heraufzubeschwören. - -»~Summi~ ...,« sage ich, »ja, ~summi~, das heißt ... es kommt darauf -an, wie man das hier auffaßt; nämlich insofern ... ~summus~ kann -verschiedenerlei bedeuten. Wenn wir z. B. sagen, ~summus mons~, so ist -das etwas anderes, als wenn wir sagen, ~summa cum laude~ ...« - -»Bleiben Sä bei der Sache; öbersätzen Sä ~sommä~ mit dem änzägen -bezeichnenden grächäschen Wort ond lassen Sä alle Omschweife!« - -»Also,« stammle ich, während mir der helle Angstschweiß auf die Stirne -tritt, »~summi~ ... ~Credo ego vos judices mirari, quid sit, quod cum -tot summi~ ...« - -»Das Lateinäsche können wär ons sälbst lesen. Sä scheinen mer nächt -recht zo wässen, was ~sommä~ auf Grächäsch heißt.« - -»O gewiß, Herr Direktor; es fragt sich nur, ob wir das Wort hier -figürlich auffassen, oder ob wir seine eigentliche Bedeutung ...« (mit -gedämpfter Stimme zum Nachbarn:) »Du, ~summi~, Himmelkreuzdonnerwetter, -lege mir doch Dein Heft hin!« - -Mein Nachbar rührt sich nicht. - -»Was haben Sä da eben zom Schwälble gesagt? Er soll's Ähnen wohl -einflöstern? Korz ond böndig, wässen Sä, wä Sä ~sommä~ zu öbersätzen -haben oder nächt?« - -»~Summi~ ... natürlich ... ich nehme das hier bildlich von den -geistigen Eigenschaften.« - -Der Direktor schüttelt unwillig mit dem Kopf und sucht mit der -rechten Hand in der Westentasche nach dem Bleistift, um mir die Note -»ongenögend« anzumalen. - -Der Angstschweiß rinnt mir jetzt bereits literweise von der Stirn. -Aber noch gebe ich meine Sache nicht verloren. Ich entsinne mich, daß -griechisch καλὸς κἀγαθός eine hervorragende sittliche Eigenschaft -bedeutet, und versuche ganz glatt weg, dieses ~summi~ auf die -angedeutete Weise zu übertragen. - -»Sä sänd wäder änmal faul gewesen«, ruft jetzt Heinzerling in -schnarrendem Tone. - -»Καλὸς κἀγαθός,« hauchte ich noch mit der letzten Kraft meines Mundes, -»κἀγαθός, das heißt, ich wollte mir die ganz ergebene Bemerkung -erlauben, ich war gestern unwohl, und wir hatten Besuch, und mein Onkel -war da, und dann hatte ich noch gestern die Korrektur meiner neuen -Novellen zu lesen, die dieses Jahr erscheinen, und die ich Ihnen nicht -dringend genug empfehlen kann.« - -»Was? Novellen wollen Sä schreiben ond wässen nächt änmal, wie ~sommä~ -auf Grächäsch heißt? Wässen Sä was, Sä täten auch besser, Sä öbten säch -ärst noch ein wenäg in den Elementen der Scholbäldong, ehe Sä säch -daran machten, einem denkenden Volke geistige Nahrong onterbreiten zo -wollen. Wenn mer än Mänsch sagt, er schreibt Novellen, so wärft das -ein sehr schlechtes Lächt auf seinen Läbenswandel, ond korz ond got, -Sä gehn mer sechs Stonden auf den Karzer. Schreiben Sä änmal ein, -Heppenheimer: ›Doktor Ernst Eckstein wägen ongenögender Vorbereitong -ond vorsätzlichen Novellenschreibens mit sechs Stonden Karzer -bestraft‹. Knöpke, holen Sä einmal den Pedellen.« - -Jetzt wird mir die Sache zu bunt. - -»Was, Herr Direktor? Sie wollen sich hier über meinen -schriftstellerischen Beruf ereifern? Sie wollen mir -Verhaltungsmaßregeln erteilen in Angelegenheiten, von denen Sie nicht -das geringste verstehen? Das übersteigt denn doch alles, was mir bis -jetzt in meiner Praxis vorgekommen ist! Augenblicklich verlassen Sie -das Zimmer! Augenblicklich, sage ich, oder Sie sollen mich von einer -Seite kennen lernen, die Ihnen schwerlich gefallen wird.« - -»Mänsch, was onterstehn Sä säch? Heppenheimer, schreiben Sä änmal ins -Tagebooch: ›Wägen empörenden Benehmens ...‹« - -Ich trete aus den Bänken heraus, kreuze die Arme vor der Brust und -schreite auf den Direktor los. - -»Samuel,« sage ich, »es ist genug des grausamen Spiels. Ich habe längst -mein Maturitätsexamen gemacht und eine Doktorprüfung bestanden, die -mich zur Forderung einer anständigen Behandlung berechtigt. Lassen Sie -sich Ihren Cicero ~pro Roscio Amerino~ einpökeln und das ~summi~ und -alle übrigen lateinischen Superlative übersetzen, von wem Sie Lust -haben; ich danke dafür! Leben Sie wohl und grüßen Sie mir Ihre Frau -Gemahlin!« - -Und hiermit ergreife ich meinen Zylinder, der sich zwischen den Mützen -meiner Schulkameraden ganz eigentümlich ausnimmt, packe meine Bücher -unter den Arm und schreite hochaufgerichtet der Tür zu. - -»Heppenheimer!« ertönt die Stimme Samuels. »Rofen Sä schnell den -Pedellen! Sechs Tage Karzer! Zwölf Tage Karzer! Augenbläckläch wärd er -hänaufgeföhrt.« - -Ich aber renne im Sturmschritt die Treppe hinab, stoße den Pedell, -der mir entgegenkommt, über den Haufen und bin zwei Minuten später im -Freien. Sowie mich Gottes allgütige Sonne bescheint, wache ich auf. Die -Nachbarsleute versichern regelmäßig, ich hätte in den Nächten, die mir -derartige Träume senden, furchtbar gestöhnt, und die Witwe Wendelsheim, -die ein sehr gutes Herz hat, rekommandiert mir jetzt bereits zum -fünfundzwanzigsten Male ihr unfehlbares Mittel gegen Alpdrücken. - -Noch peinlicher gestalten sich diese Verhältnisse, wenn mich der -Geschichtslehrer ins Gebet nimmt. In den Sprachen habe ich mich immer -noch so leidlich zurecht gefunden, aber die Historie war meine schwache -Seite. So erinnere ich mich, daß ich in Sekunda aufgefordert wurde, -eine kurze Darstellung der Hussitenkriege zu liefern. Leider war mir -der Gegenstand, über den meine oratorische Leistung sich erstrecken -sollte, so unbekannt, wie Herrn Gambetta die Geheimnisse der Strategie; -aber in einer dunklen Vorahnung der Tatsache, daß der Diktator von -Tours dereinst auch ohne diese Kenntnisse das militärische Szepter -ergreifen würde, beschloß ich, kühn ins Feuer zu gehen und ein »Essay« -zu liefern, das mich »herausbeißen« sollte. Der Umstand, auf den sich -meine Hoffnung begründete, war die umfassende Kenntnis des berühmten -Studentenliedes: - - »Die Hussiten zogen vor Naumburg, - Über Jena und Camburg ...« - -Ein Volksdichter, so kalkulierte ich, wird von der historischen -Wahrheit nur wenig abgewichen sein, und so bedarf es denn nur einer -glücklichen Paraphrase dieses rührenden Gesanges, um die mir gestellte -Aufgabe zu lösen. - -Ich begann. - -»Es war zur Zeit der Hussitenkriege. Die Verhältnisse hatten sich -damals so eigentümlich gestaltet, daß nach langem Hin- und Herüberlegen -und vielen vergeblichen Bemühungen, den Frieden aufrecht zu erhalten, -demungeachtet der Krieg losbrach. So geht es eben in der Geschichte -der Völker! Ganz ähnlich lagen die Dinge beispielsweise vor Ausbruch -des Ersten punischen Krieges. Überall walten hier die gleichen -Prinzipien: und so gilt denn diese Wahrheit auch von dem bedeutsamen -und hochwichtigen Krieg, den ich jetzt zu behandeln gedenke. Da dieser -Krieg oder diese Kriege von den Anhängern des Professors Huß geführt -wurden, so nannte man sie, um sie mit anderen nicht zu verwechseln, die -Hussitenkriege. Ich übergehe hier einiges minder Wichtige und komme zu -dem entscheidenden Moment, wo die Hussiten sich aufmachten und zunächst -die Richtung nach Jena einschlugen. Nach einem flüchtigen Abstecher -in der Richtung von Camburg langten sie vor dem feindlichen Städtchen -Naumburg an, das neben anderen hervorragenden Eigentümlichkeiten -eine große Wiese besaß, die man mit Rücksicht auf die daselbst -nistenden Vögel, oder vielleicht auch wegen eines daselbst häufig -stattfindenden Vogelschießens, die Vogelwiese nannte. Die Frage ist -noch unentschieden, welche der beiden Versionen die richtigere sei. -Es gibt Geschichtsforscher, welche sich unter Aufwendung eines großen -Scharfsinnes für die erstere Auffassung entscheiden. Ebenso anerkannte -Autoritäten neigen indes der entgegengesetzten Ansicht zu, und so will -ich denn, da mir die Quellen in diesem Augenblicke nicht zur Hand sind, -die Frage nicht weiter erörtern. Auf dieser ganzen Vogelwiese sah man -nichts als Schwerter und Lanzen.« - -Ich vermied das Wort »Spieße«, da der Reim mich verraten hätte. Von -innerem Wohlgefühl über meine Schlauheit erfüllt, bemerkte ich nicht, -daß der Lehrer immer vergnüglicher dreinschaute, -- oder wenn ich sein -Lächeln wahrnahm, so hielt ich es für einen Ausdruck der Zufriedenheit, -der mich ermutigen sollte, kühnlich fortzufahren. - -Das ging denn auch so eine Weile ohne ernstliche Schwierigkeit; als -ich aber bei der Schilderung der Teuerung anlangte und das historische -Faktum zum besten gab, daß ein einziges Lot Kaffee an sechszehn -Pfennige gekostet habe, da brach ein wahrer Sturm des Beifalls los, und -mit peinvollem Erröten mußte ich einsehen, daß ich das Lächeln auf den -wohlwollenden Zügen des Professors gänzlich mißdeutet hatte. - -»Schweig' und setz' Dich«, sagte der Lehrer mit Würde; »ich will nicht -so grausam sein, Dich zu massakrieren.« - -Ich war froh, daß die Komödie vorüber war, denn besonders behaglich -hatte ich mich bei dieser Interpretation deutscher Volkslyrik doch -nicht gefühlt, und besser, in den Abgrund geschleudert zu werden, als -in peinvoller Schwebe über der Tiefe zu hangen. - -Auch diese geschichtlichen Lektionen reproduziert mir der Traum oft in -erschreckender Weise, und ich fühle ganz deutlich, wie sich mir das -Fatum in Gestalt eines bleiernen Druckes auf die Gurgel legt, wenn der -Professor mich auffordert: - -»Geben Sie uns nun einmal eine kurze Darstellung der Situation Europas -nach Beendigung der Völkerwanderung.« - -Mit allen zehn Fingern wühle ich mir im Gehirn herum, aber die -Situation will nicht klar werden, und nur das dunkle Bewußtsein, daß es -damals in Europa sehr wüst und unordentlich ausgesehen, tröstet mich -über die wüste Unordnung in dem eigenen Schädel. Dann plötzlich suche -ich mir dadurch zu helfen, daß ich Nasenbluten bekomme oder mich in -der Wade vom Krampf ziehen lasse, ein Mittel, das ich allen verlegenen -Primanern aufs wärmste empfehlen kann. Nur im Traum will es nicht -verfangen. - -»Das kennt man«, sagte der Lehrer geringschätzig. »Ich bin auch einmal -Primaner gewesen, aber mich hat niemals der Krampf gezogen. Erzählen -Sie nur ruhig weiter, oder machen Sie sich auf drei Tage Karzer gefaßt!« - -Die Tage Karzer regnen nur so, wenn ich träume. Ich habe freilich -auch im Wachen gar manche schöne Stunde unter dem Dachfirst des -Gymnasialgebäudes geschmachtet, aber der Traum treibt es doch noch -verschwenderischer als die Wirklichkeit. Zudem sehe ich im Traum gar -kein Mittel ab, die Verbüßung der verhängten Strafe zu hintertreiben, -während ich tatsächlich dies mit einer Meisterschaft verstand, vor -der ich noch jetzt eine gewisse Hochachtung empfinde. Es traf sich -nicht selten, daß ich während einer einzigen Woche von drei Lehrern -zugleich mit sechs Stunden Karzer belegt wurde. Ich meldete mich dann -eines schönen Tages bei dem Pedell und sagte: »Herr Quaddler, ich habe -auch noch die sechs Stunden Karzer abzusitzen, die der Herr Doktor mir -verordnet hat«. Der brave Pedell glaubte sich bei dieser Bezeichnung -»der Herr Doktor« beruhigen zu dürfen, und ich klomm die Treppe hinan. -Ein paar Tage später kam der erste der drei Lehrer und erkundigte sich, -ob der Verurteilte sich gemeldet habe. Quaddler bejahte. Dann erschien -der zweite. Quaddler bejahte abermals. Und beim dritten bejahte Herr -Quaddler zum drittenmal. Der Gedanke, daß ein Schüler dreimal in einer -einzigen Woche von drei verschiedenen Lehrern der Freiheit beraubt -werden könne, war ihm so unfaßlich, daß seine arme Seele ihn gar nicht -in Berechnung zog. Er hielt die Erkundigungen der Lehrer einfach für -Beweise eines besonderen Interesses, das sie an meiner Persönlichkeit -nahmen, und so erledigte ich denn nicht selten drei und vier Strafen -auf einmal, -- eine stenographische Methode des Absitzens, die ihre -unleugbaren Vorteile hat. Nur im Traume will sich dies oft bewährte -Mittel nicht anwenden lassen: Quaddler, der in Wirklichkeit einer der -gutmütigsten Menschen unter der Sonne war, kontrolliert hier auf einmal -mit der Bosheit eines Inquisitionsrichters, und selbst seine Tochter, -die sanfte, rosige Anny, denunziert mich bei Samuel Heinzerling wegen -unterschlagener Bußestunden. - -So rächt sich das Einst an dem Jetzt, weil das Jetzt seine Befriedigung -darüber ausdrückt, daß es von den Ketten des Einst befreit ist. Alles -gleicht sich im Leben aus. Wer bei Tage mit dem Hut in der Hand an der -Kirchentür sitzt und um Almosen fleht, der besteigt nachts im süßen -Delirium der Träume vielleicht den Thron Frankreichs oder den Stuhl -Petri, und wem das Schicksal die Krone aufs Haupt gedrückt hat, der -beschäftigt sich, wenn Morpheus ihn eingewiegt hat, vielleicht mit dem -Verkauf alter Zahnstocher oder mit dem Waschen gebrauchter Whistkarten. - -Es gab nur ein Mittel, um sich beim Herannahen des Lenzes den Druck -der Gymnasialfesseln weniger fühlbar zu machen: die Wonne der -Ungezogenheit. Ihr Weisen, Frommen und Gerechten, ich sehe schon wieder -im Geiste, wie ihr die Stirn runzelt. Aber ihr wißt nicht, daß die -Ungezogenheit den eigentlichen Lebenskern, ja, die einzige und echte -Poesie des Gymnasiallebens ausmacht. Nimm einer deutschen Nähterin -ihren Sonntagnachmittag, und du knickst ihr die Blüte des Daseins; nimm -einem Gymnasiasten das Privilegium der Ungezogenheit, und du bohrst -ihm den Dolch der Verzweiflung ins Herz. Ich weiß ein Lied davon zu -singen! Ein volles Jahr hindurch habe ich mich, von einem düsteren -Vorurteil irre geführt, mit eigener Hand dieses köstlichen Privilegiums -entkleidet -- und gelitten, wie ein Prometheus am Felsen. Ich will dem -geneigten Leser zum Schluß auseinandersetzen, wie dies zusammenhing. - -Als ich in die Quarta des städtischen Gymnasiums eintrat, war ich ein -frommes Kind von zwölf Jahren, das an nichts Böses dachte und sein -Dasein gestaltete, wie die Götter es fügten, -- ohne Besorgnis vor -dem Stirnrunzeln der Lehrer, ohne Rücksicht auf Lob und Strafe. Die -Folge dieser kindlichen Unbefangenheit war, daß ich mir eine Reihe -empfindlicher Mißtrauensvota zuzog und am Schluß des Jahres eine im -Punkte des Betragens sehr bedenklich nuancierte Zensur mit nach Hause -brachte, während drei oder vier meiner Kameraden »wegen Fleißes und -guten Betragens« ein Prämium erhielten. Dieses Prämium, das den andern -zugefallen und mir vom Schicksal vorenthalten worden war, bildete -während der folgenden Osterferien in meinem elterlichen Hause das -tägliche Tischgespräch. Man sah es wie eine Kränkung der Familienehre -an, daß ich leer ausgegangen sei, und ließ mich dies so schmerzhaft -empfinden, daß ich den heroischen Entschluß faßte, im nächsten Jahre -meinen Aufenthalt in Tertia dazu zu benutzen, eine solche amtliche -Bestätigung meines »Fleißes und guten Betragens« im Schweiße meines -Angesichts zu verdienen. - -Dieses Jahr in Tertia war das unglücklichste meines Lebens. - -Ein Kapitel aus Curtius langweilte mich; ich verspürte das -unwiderstehliche Gelüste, mit meinem Nachbar über irgend einen -erheiternden Gegenstand zu plaudern; aber das Prämium trat wie ein -Gespenst zwischen mich und diesen beglückenden Plan, und das Wort -erstarb mir auf den Lippen. - -Ich machte einen nachmittäglichen Spaziergang. Die Zunge klebte mir am -Gaumen, und ich fühlte den Drang, in die nächste Kneipe einzukehren -und auf das Wohl Samuel Heinzerlings ein Glas Bier zu trinken. Sofort -erinnerte ich mich des Paragraphen der Gymnasialstatuten, der besagt, -daß den Schülern dieser Pflanzstätte des Wahren, Schönen und Guten der -Genuß geistiger Getränke ein für allemal untersagt ist, -- und ich ließ -den verlockenden Kelch seufzend vorübergehen. - -Die Kommilitonen führten irgend einen köstlichen Streich aus; meine -ganze Seele rang nach aktiver Beteiligung, aber ich wußte, daß es mit -dem Prämium aus war, wenn ich mich auch nur eines einzigen Vergehens -schuldig machte, und so erstickte ich meine Sehnsucht und blieb, was zu -sein ich mir vorgenommen: ein braver Schüler. - -Das Osterfest des folgenden Jahres kam heran. Ich erhielt mein -Prämium in Gestalt eines Kiepertschen Atlas, und vorn in zierlich -lithographierten Zügen stand die wunderbare Tatsache zu lesen, daß ich -ein Jahr hindurch die volle Zufriedenheit meiner sämtlichen Lehrer -erworben hatte. - -Mit diesem Kleinod im Arm eilte ich nach Hause; aber schon unterwegs -legte ich den feierlichen Schwur ab: niemals und unter keiner -Bedingung wieder nach einem Prämium zu streben, sondern meinen -Gefühlen freien Lauf zu lassen und mich ohne Rückhalt dem Kultus der -beglückenden Göttin Ungezogenheit zu widmen. Ich habe den Schwur -redlich gehalten; auch meine Eltern haben sich später mit dem -Ausbleiben der Prämien zu versöhnen gewußt. Sie mochten so etwas wie -eine dämmernde Ahnung von dem haben, was in mir vorging, und da ich -ja nun überhaupt einmal gezeigt hatte, daß es mir, wenn es absolut -sein mußte, wohl möglich war, ein ganzes Jahr hindurch die Qualen der -Artigkeit zu ertragen, so fiel es ihnen leichter, auf die Beweise einer -fortgesetzten guten Aufführung zu verzichten. - -Ich aber betrachte noch jetzt das Jahr in Tertia als einen Fehler -in meinem Lebensplan, und hundertmal hab' ich mir zugerufen: ~annum -perdidi~! Nein, ihr Gestrengen, die Ungezogenheit ist das eigentliche -Element des Gymnasialschülers, und so wenig der Fisch im ~Extrait -double de violette~ existieren kann, so wenig ist es dem Alumnen einer -modernen Bildungsanstalt möglich, die Luft eines Nonnenpensionats -einzuatmen. Für die Töchter gebildeter Stände mag die »Gezogenheit« -ihre Vorteile haben. Den jungen Leuten, die sich im Laufe der Dezennien -zu Bürgern einer freien Nation entwickeln und das Material liefern -sollen zu dem großen mitteleuropäischen Kulturstaat, den deutschen -Knaben und Jünglingen lasse man das Privilegium der Flegeljahre und die -süßen Träume der Jugendeselei, denn nur so können sie gedeihen. - - - - -Allerlei Unarten. - - -So oft der Sterbliche in den Schatz seiner Gymnasialerinnerungen -zurückgreifen mag, stets wird er finden, daß die Reichhaltigkeit und -Fülle dieser Reminiszenzen unerschöpflich ist. Stets wird er ein -neues Bild, eine neue Situation entdecken, an die er vielleicht seit -Jahren nicht mehr zurückgedacht hat. Und wenn er das alles unter dem -entsprechenden Gesichtswinkel zu betrachten weiß, so stellt sich ihm -hier eine Welt im kleinen, eine vorgreifende Gestaltung all seiner -späteren Erlebnisse dar, die sich zu dem Treiben der großen und -wirklichen Welt etwa verhalten mag, wie das Puppenspiel der kleinen -Mädchen zu den Freuden des Mutterglücks. - -Es ist dies schon mit Rücksicht auf den beträchtlichen Zeitraum, den -der heranreifende Mensch in den Mauern des Gymnasiums zu verbringen -hat, mehr als erklärlich. Da die Länge der Zeit nicht füglich allein -nach der Summe von Erdumdrehungen, die zwischen zwei bestimmten -Terminen stattfinden, berechnet werden darf, sondern vielmehr nach -der Summe von Eindrücken, die das Gemüt und der Intellekt empfangen, -so darf man kühnlich behaupten: wir verbringen die Hälfte unseres -Lebens unter der Botmäßigkeit der Gymnasialtyrannen. Schopenhauer -hat in seiner Abhandlung über den Unterschied der Lebensalter sehr -treffend nachgewiesen, daß der Mensch etwa mit dem zwanzigsten Jahre -die subjektive Hälfte seiner Existenz hinter sich hat. Die Jahre der -Kindheit sind ungleich inhaltsreicher und daher subjektiv ungleich -länger als die des Mannes- und Greisenalters. Dem jugendlichen Geist -ist fast jede Erscheinung der Außenwelt neu, -- und daher in einem -gewissen Sinne epochemachend. Der Greis hat sich dagegen längst -eine intellektuelle Blasiertheit angeeignet: es bedarf somit schon -außerordentlicher Ereignisse, um ihn ernstlich zu influieren. Die -Tage fliehen ihm dahin wie im Sturme; das Kommen und Gehen der -Jahreszeiten, das dem Kinde als eine Umgestaltung des ganzen Daseins -erscheint, macht ihm den Eindruck regelmäßiger Vibrationen; und die -Wunschlosigkeit seiner Seele entkleidet die Dinge jenes Kolorits, das -sie dem Kinde so wichtig und interessant macht. Kurz, die acht oder -neun Jahre, die wir auf den Subsellien unserer Schulen versitzen, -wiegen reichlich die vierzig oder fünfzig auf, die das Schicksal uns -nachher noch vorbehalten hat, und die Erlebnisse der Gymnasialzeit -bilden somit den größten Teil unserer Persönlichkeit. Es kommt noch -hinzu, daß die Erinnerung jene frühesten Eindrücke weit lebhafter und -frischer reproduziert als alles, was das Leben später hinzufügt. Selbst -gedächtnisschwache Greise, die nach einer Viertelstunde vergessen -haben, was unter ihren Augen vorgegangen ist, bewahren in der Regel -die Bilder ihrer Kindheit in den lebhaftesten Farben, -- zu einer Zeit -also, wo das Gehirn längst aufgehört hat, neue Begebnisse mit einiger -Zuverlässigkeit aufzuspeichern. - -Den eigentlichen Reiz der Gymnasialerinnerungen kann nur derjenige -begreifen, der selbst ein Gymnasium besucht hat, -- daher ihr Zauber -denn in der Regel von Frauen nur in sehr fragmentarischer Weise -gewürdigt und nicht selten absolut mißverstanden wird. Ich erinnere -mich, daß eine meiner zahlreichen, im übrigen höchst achtbaren und -liebenswerten Großtanten bei dem Bericht einiger Gymnasialstreiche, -die ich zum besten gab, in ein so bedenkliches Stadium sittlicher -Entrüstung geriet, daß ich an mir selbst irre ward und mich fragte, ob -ich denn in der Tat jenes ruchlose Geschöpf sei, das die treffliche -Matrone im Sinn hatte, wenn sie von einem unverzeihlichen Mangel an -Pietät und Gesittung redete. Aber bald fand ich Trost in dem Gedanken, -daß es dem Blinden nicht vergönnt ist, über die Farben zu urteilen, -und mein schwankendes Selbstgefühl gewann das Gleichgewicht wieder. -In der Tat, aus der Ferne läßt sich die Situation des Gymnasiasten -durchaus nicht begreifen. Er steht dem »Herrn Professor« oder dem -»Herrn Doktor« in jeder Beziehung anders gegenüber, als z. B. der -Privatschüler dem Privatlehrer oder der Hausschüler dem Hauslehrer. -Es wird keinem vernünftigen Menschen beifallen, in den Flegeleien, die -eine der letztgenannten Spezies in Szene setzen könnte, etwas Witziges -oder Amüsantes zu erblicken. Zum wahren Wesen einer humoristischen -Schülerungezogenheit gehört als erste Bedingung der Hintergrund eines -öffentlichen Schulsaales und die gleichzeitige ideale Beteiligung -von dreißig bis fünfzig gleichgesinnten Seelen. Nur hier ist ein -eigentlicher »Streich«, eine originelle Täuschung des Lehrers, eine -graziös-perfide Störung möglich, denn die beträchtliche Ausdehnung -des Terrains und die große Anzahl der Mitschüler eröffnet die -Wahrscheinlichkeit, daß der Urheber dieser Unarten geheim bleibe oder -doch erst nach langen, erheiternden Zwischenfällen entdeckt werde. -Der ungezogene Privatschüler gleicht dem brutalen Raubmörder, der den -arglosen Wanderer überfällt und mit Kugel oder Stahl zu Boden streckt, -ein Akt, dem jegliche Pointe fehlt, weil eben nichts dazu gehört, -als eine freche Stirn und eine Geringschätzung der Guillotine. Der -verschlagene Brigantenhäuptling dagegen, der sein Opfer mit hundert -Netzen umgarnt und ihm unter Beibehaltung aller äußeren Formen der -Höflichkeit die Freiheit raubt, um erst nach erhaltenem Lösegeld das -Sequester wieder aufzuheben, der geniale Spitzbube des Märchens, der -seinem Oheim das Bettuch unter dem Leibe wegstahl und den Pfarrer samt -dem Küster aus dem Predigerhaus entwandte, um das würdige Paar, in -einen Sack eingeschnürt, neben die Schinken des Rauchfangs zu hängen: -ein solcher Virtuos des Verbrechens, ein solcher Paganini der Gaunerei -hat Anspruch auf unsere ästhetischen Sympathien. Und wie dieser -humoristische Frevler zum Raubmörder, so verhält sich der ungezogene -Gymnasialschüler zu den obenerwähnten Kategorien und zu allen übrigen -Nicht-Gymnasiasten. - -Im Grunde sind die Missetaten der Sekundaner und Primaner so -harmlos! Ich kenne eine Reihe höchst achtbarer und wissenschaftlich -durchbildeter Lehrer, die gar nicht mehr existieren könnten, wenn -ihre Schüler nicht ab und zu die gewitterschwüle Luft des Schulsaales -durch eine erfrischende Ungezogenheit reinigten. Die »goldenen -Rücksichtslosigkeiten« Theodor Storms bewähren sich auch hier: Nichts -ist langweiliger, als ein Saal voll wohlgesinnter, braver Schüler, -die ein braver, wohlgesinnter Lehrer in den Elementen des Wissens -unterrichtet; und kein Lehrer wird von jener gemütstieferen Sorte -von Schülern, die wir mit dem Gesamtnamen der Ungezogenheitsfähigen -bezeichnen wollen, minder geliebt und geachtet als der stirnumrunzelte -Schultyrann, der jede Bewegung nach rechts oder links wie ein -Verbrechen ahndet und in Krämpfe verfällt, wenn Müller bei seinem -Nachbar Stipelius ~sotto voce~ anfragt, wieviel Uhr es sei. ~Proh -pudor!~ Ist denn die Schule ein Zuchthaus? Verblendeter Autokrat! Wenn -Du wüßtest, welche Flüche Dir im stillen nachgesandt werden, sobald -Du mit Deinen langen Beinen durch die Tür geschritten bist! Wenn Du -die Nasen sähest, die Stipelius Dir dreht, sobald Du den Kopf wendest, -und wenn Du die Verse gelesen hättest, die Holzmeier neulich auf Deine -liebende Gattin dichtete! Alles, was Dich und Deine Familie angeht, -ist ein Gegenstand des ausgelassensten Spottes für Deine sämtlichen -zweiundfünfzig gepeinigten Schüler, und die ~noms de guerre~, mit denen -Dich ihre geheime Rachsucht belegt, sind Legion. - -Wie anders ergeht es dem liberalen Denker, der sich daran erinnert, -daß auch er vor so und so viel Dezennien auf diesen Bänken saß und -ab und zu unter dem Tische Sechsundsechzig spielte! Ich hatte mich -während der letzten vier Jahre meiner gymnasialischen Laufbahn eines so -seltenen Mannes zu erfreuen, und ich wüßte nicht, daß derselbe auch nur -ein einziges Mal in eine komische Situation geraten wäre. Solange ein -Schüler nicht ernstlich störte oder kein allzu eklatantes Ärgernis gab, -so lange ignorierte dieser Weltweise selbst die schwersten Verstöße -gegen die Gymnasialordnung: war die Grenze, die seine Nachsicht -gezogen hatte, überschritten, so verhängte er mit einer freundlichen -Gelassenheit die zermalmendsten Strafen und fuhr dann ohne weiteres im -Unterricht fort. Es lag beinahe etwas Wohlwollendes in seiner Stimme, -wenn er plötzlich vom Buche aufsah und, über die Brille hinweglugend, -irgend einem verblüfften Rebellen zurief: »Boxer, Sie haben drei -Tage Karzer!« Keine Spur von Erbitterung malte sich dabei auf seinen -philosophischen Zügen. Wer die Sprache nicht verstanden und bloß nach -dem Klang der Worte geurteilt hätte, der wäre befugt gewesen, eine -Phrase zu vermuten, wie »Bitte, schließen Sie doch das Fenster«, oder -»Ich glaube, es zieht da hinten«. - -Boxer, dem diese unerwartete Anrede öfters begegnete, versuchte niemals -zu replizieren, denn er wußte, daß Sträuben und Schweifwedeln hier -gleich vergeblich waren. Schweigend starrte er vor sich hin und faßte, -von bitterer Reue ergriffen, den lobenswerten Entschluß, in Zukunft -seine Karten etwas tiefer zu halten. - -Dieser erfahrene Stoiker -- ich meine den Professor -- war überhaupt in -vielen Beziehungen ein Original. Der nachstehende Vorfall erscheint in -diesem Sinne charakteristisch: - -Ein gewisser Credner wurde zum Übersetzen aufgefordert und lieferte -eine höchst ungenügende Leistung. - -»Warum sind Sie nicht präpariert?« fragte der Professor, über die -Brille schielend. - -»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Credner mit -einer gewissen Frische. - -»Heppenheimer,« sagte der Herr Professor, »schreiben Sie mal ins -Tagebuch: ›Credner wegen Aufrichtigkeit belobt.‹« - -Nach diesem Credner kam die Reihe an meinen lorbeergekrönten Freund -Wilhelm Rumpf. Er fiel durch wie sein Vorgänger. - -»Auch Sie scheinen nichts gearbeitet zu haben«, sprach der Professor -wohlwollend. »Warum bereiten Sie sich nicht gründlicher vor?« - -»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Wilhelm Rumpf, -die Blicke zu Boden senkend. - -»Heppenheimer, schreiben Sie einmal ein: ›Rumpf wegen Plagiats mit zwei -Tagen Karzer bestraft.‹« - -Und Rumpf mußte auf den Karzer, da half ihm kein Gott. Die Prima aber -fand den Ausspruch ihres Weltweisen so trefflich und wohlbegründet, daß -sie in einen nicht zu beschreibenden Jubel ausbrach. - -Ganz den Gegensatz zu diesem platonischen Urbild eines Gymnasiallehrers -bildete ein unglücklicher Choleriker, der uns in Sekunda den Virgil -erklärte. Seine Haltung wechselte zwischen vulkanischen Wutausbrüchen -und ohnmächtiger Schwäche. Während seiner Lehrstunden herrschte ein -Lärm, wie er seitdem nur noch im deutschen Reichstag erhört worden ist. -Wir lachten, schrien, sangen, husteten, scharrten mit den Füßen und -klatschten mit den Händen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand; -und wenn Doktor Hähnle sich endlich zu der sittlichen Tat eines -Entschlusses aufraffte und Ruhe gebot, so erscholl ein Hohngebrüll, -daß die Fenster klirrten. Vom Standpunkte der reinen Moral hat ein -solcher Unfug allerdings etwas Beklemmendes; aber die Schuld liegt -einzig auf der Seite des Lehrers. Wenn fünfzig ungezogene Jungen die -Gelegenheit haben, straflos zu tumultuieren, so werden sie unter allen -Umständen diese Gelegenheit ausnutzen, -- mit derselben mathematischen -Notwendigkeit, mit der die Biene ihre Wachszellen formt und der Dichter -seine poetischen Schöpfungen webt. Wo der Strom die Dämme einreißt, -da verdienen nicht die Wogen unseren Groll, sondern die nachlässigen -Deichverwalter, denen es oblag, den Anprall in den gehörigen Schranken -zu halten. Waren es doch dieselben Sekundaner, die später in Prima von -dem eben geschilderten Weltweisen wie spielend gebändigt wurden. - -Die Attentate, die wir auf die Person dieses nie genug zu beweinenden -Doktor Hähnle ausübten, waren nach Form und Inhalt zahllos wie der Sand -am Meere. Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung mischten sich hier in -grotesker Buntscheckigkeit mit List und Rache. Von den zärtlichsten -Neckereien bis zu den gröblichsten Unbilden baute unsere ruchlose -Phantasie Staffel um Staffel, und wenn Doktor Hähnle nicht schließlich -unter unseren sakrilegischen Krallen seinen Geist auskrähte, so geschah -dies nur deshalb, weil er noch rechtzeitig pensioniert wurde. - -Wenn die ersten Kirschen reiften, so erstanden wir eines jener -zierlichen Sträußchen, wie die Marktweiber sie, auf blankgeschabte -Hölzer gesteckt, zum Verkauf bieten. Diese köstliche Gabe der jungen -Natur wurde Herrn Doktor Hähnle beim Beginn der Lehrstunden als Zeichen -der allgemeinen Liebe und Verehrung überreicht. - -Obgleich sich das Ereignis, das ich schildern will, bereits seit -einem Dezennium alljährlich wiederholte, so verfehlte der also -gefeierte Lehrer doch niemals, in den verbindlichsten Worten seinen -Dank auszusprechen und das Sträußchen auf dem Tisch neben der Tür in -Depositum zu geben. - -Nun begann die Komödie. - -»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?« - -»Gehen Sie!« - -Der Schüler ging und zog im Vorbeigehen mit geschicktem Griffe von -einer der zierlich zusammengebundenen Kirschen dergestalt das Fleisch -ab, daß der Kern am Stiel sitzen blieb. Die Beute ostensibel zum Munde -führend, verschwand er im Korridor. - -»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?« - -»Gehen Sie!« - -Abermalige Abstreifung des Kirschenfleisches und Zurücklassung des -entblößten Kernes. - -Das Sträußchen enthielt ungefähr zwölf bis fünfzehn Kirschen. Zwölf -bis fünfzehn Schüler baten demgemäß um die Erlaubnis, »hinausgehen« zu -dürfen. - -Unter mannigfachen Störungen und Impertinenzen verstrich die Stunde. -Doktor Hähnle gewahrte sofort, welches Los man ihm bereitet hatte, -und machte Anstalten, ohne weiteres an den Resten des Festgeschenkes -vorüber zu wandeln. Aber das ging nicht so. - -»Herr Doktor, Ihr Sträußchen!« rief eine Stimme aus dem Hintergrunde. - -»Vergessen Sie doch Ihr Sträußchen nicht!« klang das Echo. - -»Ja, wo ist denn dem Herrn Doktor sein Sträußchen?« - -Ein vierter ergriff das Sträußchen mit den zwölf bis fünfzehn Stielen, -an denen die Kerne elegisch herabbaumelten, und trat vor, um es dem -verwirrten Lehrer mit Grazie zu präsentieren. - -Und nun erscholl ein Jubelgeheul durch die heiligen Hallen der Sekunda, -das an die stolze Hyperbel gemahnte, mit welcher Homer das Wehgebrüll -des verwundeten Ares zu versinnlichen sucht. Doktor Hähnle aber wies -die schnöden Überbleibsel des Sträußchens mit Verachtung zurück und -eilte, von einem wahren Gelächter der Hölle verfolgt, ins Freie. - -Ein andermal brachten wir eine Auswahl musikalischer Instrumente mit, -etwa eine Mundharmonika, ein Blechtrompetchen und eine Maultrommel. -An solchen Tagen herrschte in den Räumen der Sekunda eine ungewohnte -Stille. Gewitterschwül lagerte es über den Bänken, und Doktor Hähnle -konstatierte zu seiner eigenen bänglichen Überraschung, daß er fünf -Minuten lang ohne Unterbrechung dozieren konnte. Da mit einemmal erhob -sich in den fernsten Winkeln des Saales ein sanft anschwellender -Triller, der unter der atemlosen Stille der Versammlung in ein Motiv -aus Flotows Martha überging und plötzlich mit einem grellen Mißton -abbrach. - -Donnernder, rasender Applaus. - -Doktor Hähnle stand wie versteinert. - -Abermals herrschte ein brütendes Schweigen, und jetzt ertönte in -melodischer Abdämpfung das unheimliche Schnurren der Maultrommel, -die dasselbe Motiv aus der Flotowschen Oper, nur etwas neckischer -nuanciert, wiederholte. - -Applaus wie vorhin. Doktor Hähnle wurde dunkelrot im Gesicht. Mit der -geballten Faust schlug er aufs Lehrpult. - -»Still einmal«, rief er mit bebender Stimme. »Der miserable Mensch, der -das getan hat, soll sich noch einmal hören lassen; ich will ihm dann -zeigen, was einer so beispiellosen Roheit gebührt!« - -Und wiederum schwieg die ganze Klasse wie +ein+ Mann. - -Eine halbe Minute ungefähr ließ das gewünschte Dakapo auf sich warten; -dann begann wieder jene erste Sirenenstimme mit dem verführerisch -lieblichen Triller, und das Motiv aus Martha folgte in tadelloser -Reinheit. - -»So!« schrie Doktor Hähnle unter dem überschwenglichen Jauchzen der -Schülerschaft. -- »Jetzt soll der miserable Mensch seine Frechheit -+noch einmal+ wagen!« - -Die Versammlung begrüßte diese seltsame Wendung des Hähnleschen Zornes -mit gebührender Aufmerksamkeit. Hähnle trat nunmehr vom Katheder herab, -um von der Seite her in die Reihen der Schüler zu blicken. Indes schon -Uhland singt: - - Nicht an wen'ge stolze Namen - Ist die Liederkunst gebannt. - -Die Artisten auf den hinteren Bänken, die Hähnle jetzt als zunächst -verdächtig ins Auge faßte, ließen ihre Instrumente nach vorn wandern, -und mit einemmal erscholl das schöne Volkslied - - Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ... - -aus der entgegengesetzten Richtung. - -Jetzt schritt Hähnle zur Untersuchung. Er begann beim Primus. - -»Wo haben Sie's gehört?« - -»Da hinten am Ofen.« - -»Wo haben Sie's gehört?« - -»Da vorn am Fenster.« - -»Wo haben Sie's gehört?« - -»Mir kam's vor, als sei's draußen.« - -»Wo haben Sie's gehört?« - -»Ich? Ich habe gar nichts gehört.« - -»Wo haben Sie's gehört?« - -»Dort am Katheder.« - -Diese kühne Bemerkung wurde durch Beifall auf allen Bänken belohnt. - -Nachdem Doktor Hähnle so eine halbe Stunde lang herumgefragt und die -widersprechendsten Auskünfte vernommen hatte, ging er ans Werk, die -einzelnen Schüler zu visitieren. - -»Treten Sie mal hier heraus«, sprach er zum Primus. - -Er befühlte dem lächelnden Schüler nun sämtliche Taschen, wobei -dieser nicht verfehlte, Au! zu schreien oder allerlei unnennbare Töne -auszustoßen, die er mit der Bemerkung entschuldigte: Ach, Herr Doktor, -ich bin so kitzlich! - -Die Visitation blieb natürlich erfolglos, denn die Maultrommel war -längst bei den noch nicht visitierten Schülern in sicheren Gewahrsam -gebracht. - -So untersuchte Doktor Hähnle nun den zweiten, dritten, vierten, fünften -und sechsten seiner mißratenen Sekundaner, ohne das mindeste zu -entdecken. - -Mit einemmal faßte er einen verwegenen Entschluß. Er griff sich -plötzlich einen Schüler aus den mittleren Bänken heraus und befahl ihm, -schnell einmal herzukommen. Zufällig hatte der Instinkt des gequälten -Lehrers diesmal das Rechte getroffen; aber es half ihm nur wenig. Der -Schüler, weit entfernt, der Aufforderung Hähnles so ohne weiteres Folge -zu leisten, stellte sich vielmehr schwerhörig, gab die musikalischen -Instrumente mit aller Vorsicht an den Vordermann ab und fragte dann mit -rührender Naivität: - -»Meinen Sie mich, Herr Doktor?« - -»Ja, Sie!« rief der fiebernde Hähnle. »Machen Sie nur keine Umstände! -Kommen Sie augenblicklich heraus!« - -»Ach so«, sagte der Schüler; »ich dachte, Sie meinten den Heinemann. -Ja, wenn Sie denn wirklich der Ansicht sind, ich könnte mir -diese Störung erlaubt haben, so bin ich ja mit Vergnügen bereit, -herauszukommen; aber Sie dürfen mir nicht in die rechte Seite kommen, -Herr Doktor, da bin ich gestern geschröpft worden.« - -Doktor Hähnle ließ sich zwar in der Regel sehr viel gefallen, wie der -geneigte Leser aus der vorstehenden Schilderung bereits entnommen haben -dürfte; aber zuweilen nahm er an Bemerkungen Anstoß, bei denen dies -keiner vermutet hätte. - -So irritierte ihn jetzt die Versicherung Kleemüllers, daß er in der -rechten Seite geschröpft sei. - -»Denken Sie vielleicht, Sie können hier Ihre Possen treiben?« rief er -mit Donnerstimme. »Ich gebe Ihnen drei Stunden Karzer!« - -»Weshalb?« fragte Kleemüller ruhig. - -»Weshalb? Ich will Sie lehren, mir mit solchen Dummheiten zu kommen!« - -Kleemüller nahm eine sehr ernste Haltung an. - -»Herr Doktor,« begann er, jedes Wort nachdrücklich betonend, »wenn ich -sage, ich bin in der rechten Seite geschröpft, so bin ich geschröpft, -und ich weiß nicht, was Sie an dieser Tatsache auszusetzen haben.« - -»Sie gehen mir jetzt sechs Stunden auf den Karzer, und überdem werde -ich den Herrn Direktor von dem Vorgefallenen in Kenntnis setzen.« - -»So,« entgegnete Kleemüller, »also bei Ihnen darf man nicht einmal in -der rechten Seite geschröpft sein? Nun, da bin ich doch neugierig, ob -der Herr Direktor Ihre Auffassung teilt!« - -»Kein Wort mehr!« rief Doktor Hähnle. »Entweder Sie bringen mir ein -ärztliches Zeugnis, daß Sie wirklich geschröpft sind, oder Sie gehen -auf den Karzer!« - -»Gut«, sagte Kleemüller. »Ich werde Ihnen ein ärztliches Zeugnis -bringen. Muß ich es auch polizeilich beglaubigen lassen?« - -»Kommen Sie jetzt nur mal heraus! Sie haben vorhin gepfiffen!« - -»Ich? Aber Herr Doktor, wenn man in der rechten Seite geschröpft ist, -vergeht einem das Pfeifen von selbst! Ich möchte mal sehen, wenn Sie in -der rechten Seite geschröpft wären ...« - -Nach diesen und ähnlichen Albernheiten begann nun bei Kleemüller die -Untersuchung nach demselben Schema, das Hähnle vorher bei den Schülern -der ersten Bank angewandt hatte, und mit demselben Erfolg. Da mit -einemmal erscholl die Klingel des Pedells. Hähnle ergriff seinen Hut -und war froh, die Untersuchung und die Lehrstunde hinter sich zu haben. - -Am folgenden Tage brachte Kleemüller sein Schröpfzeugnis, und so war -auch dieser Punkt zur Zufriedenheit beider Teile erledigt. - -Eine besonders hervorragende Rolle in unserem Verkehr mit Doktor Hähnle -spielten die Unglücksfälle. - -Ich erkläre mich deutlicher. - -Kleemüller, der überhaupt in körperlichen Leiden exzellierte, hatte -sich den Fuß verstaucht und kam, auf einen Knüppel gestützt, der -während eines nicht allzu strengen Winters ausgereicht haben würde, -eine bescheidene Familie mit Brennmaterial zu versorgen, in das Zimmer -gewankt. Im Begriff, sich auf seinen Platz zu begeben, fiel er langwegs -zu Boden, die eigens zu diesem Zweck in reicher Auswahl mitgebrachten -Bücher nach allen Richtungen hin verstreuend und mit dem Knüppel so auf -die Dielen donnernd, daß der Staub in gigantischen Wolken aufwirbelte. -Gleichzeitig mit diesen Staubwolken stieg Kleemüllers Klagegeschrei zum -Himmel. Der leidende Philoktet des Sophokles kann nicht entsetzlicher -geheult und gewinselt haben wie der gefallene Kleemüller. Die -Töne aller Urwaldsbestien vermischten sich in dieser phonetischen -Kraftleistung, und die entzückte Sekunda brüllte den Chor. - -Doktor Hähnle wartete stirnrunzelnd, bis Kleemüller sich wieder -erhoben hatte. Die Brust des unglücklichen Philologen arbeitete in -wilder Bewegung. Plötzlich streckte er den rechten Arm aus, richtete -die Spitze des Zeigefingers auf denjenigen seiner Schüler, der mit -der Führung des Klassendiariums beauftragt war, und sprach die -vernichtenden Worte: - -»Heppenheimer, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Kleemüller erschien -mit einem Stocke bewaffnet im Lehrzimmer und ließ denselben mit aller -Wucht auf die Dielen aufpoltern!‹ So, das haben Sie sich nun selbst -zuzuschreiben! Denken Sie, ich bin gesonnen, mir Ihre fortgesetzten -Impertinenzen so ohne weiteres gefallen zu lassen? Nun machen Sie, daß -Sie auf Ihren Platz kommen!« - -»Aber Herr Doktor,« wimmerte Kleemüller, »man wird doch noch per Zufall -einmal hinfallen können!« - -»Man wird gar nichts!« entgegnete Hähnle zermalmend, und Kleemüller -setzte sich langsam auf seinen Platz. - -Der beklagenswerte Lehrer trug sich von diesem Moment an wochenlang mit -dem Bewußtsein, ein Exempel statuiert zu haben. - -Ein »Unglücksfall« von höchst folgenschwerer Bedeutung war das -unerwartete Erscheinen einer Wespe. - -Kleemüller, der sehr nervös war, und einige gleichgesinnte Kollegen -gebärdeten sich dann jedesmal wie Pensionsdämchen beim Anblick -einer Ratte, und die übrigen, von christlichem Mitgefühl übermannt, -improvisierten eine Jagd der ausgelassensten Art. Man warf Rosts -deutsch-griechisches Wörterbuch nach dem Eindringling, ohne sich -darum zu kümmern, daß der dickleibige Quartband ganz in der Nähe des -Katheders niederfiel ... Man operierte mit Kappen und Taschentüchern -und griff in der Hitze des Gefechts sogar nach dem Hut des Lehrers, -ohne die Einsprache des geängstigten Eigentümers zu beachten. Solche -Jagden nahmen in der Regel eine volle Viertelstunde in Anspruch. Wenn -sie zu Ende waren, machte Hähnle seiner Erbitterung dadurch Luft, daß -er sich, wie bei dem »Unglücksfall« mit dem Knüppel, an Heppenheimer -wandte und im Diarium die Tatsache konstatieren ließ: eine Wespe -sei während der Lehrstunde durch das Schulzimmer geflogen und von -verschiedenen Schülern unter Herbeiführung mehrfacher Störungen -verfolgt worden. - -Hiermit hatte er seinem pädagogischen Gewissen in jeder Beziehung -Genüge getan. Dieses Tagebuch spielte überhaupt in dem Leben Doktor -Hähnles eine denkwürdige Rolle. Er befahl all seine Wege und was sein -Herz kränkte der treuen Vaterpflege dieses Institutes, ohne daß es uns -jemals klar geworden wäre, was seine Eintragungen füglich bezweckten. - -Eines Tages warf einer meiner Freunde in demselben Moment, da Doktor -Hähnle die Blicke in sein Notizbuch heftete, um eine kritische Note -einzuschreiben, mit geschickter Fingerelastik eine Knallerbse in die -Luft, die in der Nähe des Katheders niederfiel und den unglücklichen -Schulmann nicht wenig erschreckte. - -Sofort wußte er, wo er seine Seele zu erleichtern hatte. - -»Heppenheimer,« schrie er, noch bleich vor Schreck und Aufregung, -»schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Eine Knallerbse fiel in der Nähe des -Katheders nieder und zerplatzte.‹« - -In der folgenden Stunde ereignete sich die überraschende Explosion -aufs neue. Doktor Hähnle verschmähte nicht, der Wiederholung seines -Schreckens durch folgende Tagebuchnotiz Ausdruck zu verleihen: - -»Abermals fiel eine Knallerbse in der Nähe des Katheders nieder und -zerplatzte.« - -Dieses »Abermals« entlockte der jugendlichen Versammlung, die ein -sehr lebhaftes Gefühl für unfreiwillige Komik besaß, ein wieherndes -Gelächter, das Herrn Doktor Hähnle bei einiger Fähigkeit des Urteils -hätte belehren müssen, wie wenig diese amtlichen Bestätigungen seiner -eigenen Schande geeignet waren, den erstorbenen Respekt im Busen der -Schuljugend neu zu beleben. - -Was war die Folge dieses »Abermals«? - -Wir wären keine Vollblut-Sekundaner gewesen, wenn wir nicht den Versuch -gemacht hätten, ob Doktor Hähnle nicht auch zum drittenmal auf den Leim -gehen würde. Leider schlug dieser Versuch infolge des Umstandes fehl, -daß die Freude an dem Zerspringen der kleinen Orsinibomben bereits zu -beträchtliche Dimensionen angenommen hatte. Ehe noch Doktor Hähnle -seinem Heppenheimer zurufen konnte: »Zum drittenmal ...«, -- hatte -sich bereits das vierte, fünfte und sechste Mal an den verschiedensten -Punkten des Schulzimmers ereignet, und während der verzweifelte -Pädagoge nach den hinteren Bänken rannte, um die verborgenen Angreifer -zu entdecken, sandten ihm die Schüler der vorderen Bänke einen ganzen -Hagel dieser Wurfgeschosse in den Rücken, so daß er nach einigen -krampfhaften Wendungen die Arme schlaff am Körper herabsinken ließ, -als wollte er sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott -helfe mir, Amen! Nie wieder habe ich eine so klägliche Szene erlebt, -wie dieses innerliche Zusammenbrechen des knallerbsenüberwältigten -Virgil-Interpreten. In diesem Moment ergriff uns etwas wie Mitleid. -Wir erkannten, daß Doktor Hähnle eigentlich für die normale -Ungezogenheit eines Sekundaners zu schmächtig war: dieser Mann gehörte -nach Sexta. - -Der beweinenswerte Lehrer schien selbst etwas von der Wahrheit dieser -Erwägung zu fühlen: das Bewußtsein, es müsse etwas geschehen, riß ihn -mit einemmal aus seiner Erstarrung empor. Er warf sich in Positur, hob -die Faust und schrie mit geller Stimme: - -»Ihr miserablen Buben! Ich habe mich nie vor Männern gefürchtet, meint -Ihr, ich fürchtete mich vor Euch?« - -Ungeheure Heiterkeit war die Antwort auf diese verunglückte Apostrophe. - -Mit einemmal nahm Hähnle die Haltung eines Mannes an, der mit sich und -seinen Entschlüssen im reinen ist. Er wandelte majestätischen Schrittes -nach dem Tisch, wo sein Hut lag, stülpte die Kopfbedeckung mit einer -energischen Handbewegung über das Haupt und faltete dann die Arme vor -der Brust. - -»So,« sagte er, »nun mag Euch Stunde halten, wer will! Ich gehe jetzt -zum Herrn Direktor.« - -Die ganze Klasse wälzte sich fast vor Vergnügen. Doktor Hähnle aber -warf uns noch einen Blick der grenzenlosesten Verachtung zu und eilte -dann hinaus, die Tür heftig ins Schloß werfend. - -Sofort herrschte in den Räumen der Sekunda eine ganz erträgliche Ruhe. -Einer von uns stand auf und eilte dem Verschwundenen nach. - -Doktor Hähnle hatte seinen furchtbaren Entschluß in der Tat -verwirklicht; er war zum Direktor gegangen, hatte gemeldet, daß die -Sekunda in offener Rebellion begriffen sei, und die Zusage einer -exemplarischen Ahndung erhalten. - -Das Verhängnis sollte nicht lange auf sich warten lassen. Die nächsten -acht Tage waren fast ausschließlich einer umfassenden Untersuchung -gewidmet, an der sich das ganze Lehrerkollegium beteiligte. Im Anfang -blieben die Bemühungen unserer Inquisitoren absolut fruchtlos. Die -Sekundaner bezeugten einstimmig, daß im ganzen nur zwei Knallerbsen zur -Explosion gelangt seien, und daß der Täter in einem gewissen Heinsius -gesucht werden müsse, der zwei Tage nach dem bedeutsamen Ereignis das -Gymnasium für immer verlassen hatte, um nach Amerika überzusiedeln. -Schon gewann es den Anschein, als würde unsere Effronterie, verbunden -mit der Leichtgläubigkeit unserer Lehrer, diesmal den Sieg davontragen: -aber siehe da, es fand sich ein braver, gesitteter Schüler, der den -Verräter spielte. Ich und fünf andere der hervorragendsten Frevler -wurden von diesem verkappten Mouchard bei der Direktion angezeigt -- -ein Zwischenfall, der dem Gange der Untersuchung eine wesentlich neue -Richtung gab. - -Der Reihe nach in das Zimmer des Direktors beschieden, verharrten wir -zunächst bei unserer Aussage, daß Heinsius die Knallerbsen geschleudert -habe; ungünstige Konstellationen zwangen uns indes nach kurzer Frist -ein »reumütiges« Geständnis ab. - -Samuel Heinzerling nahm alles mit hochwichtiger Amtsmiene zu Protokoll. -Über die Art und Weise, wie wir beim Schleudern der Knallerbsen zu -Werke gegangen seien, hatte ich mit dem ernsten Gymnasialfürsten eine -anderthalbstündige Unterredung. Er wollte absolut nicht glauben, -daß es möglich sei, diese Schleuderung lediglich mit den Fingern -zu bewerkstelligen, und fügte seinen hierauf bezüglichen Zweifeln -jedesmal die Bemerkung hinzu, daß fortgesetztes Leugnen »onsere Lage -nor verschlämmern könne«. Erst als ich mich erbot, den Herrn Direktor -durch den Augenschein zu belehren, wie vollkommen es möglich sei, -durch eine kräftige Bewegung des Handgelenkes die erforderliche -Wurfgeschwindigkeit zu erreichen, gab sich der Skeptiker mit der -Bemerkung: »Non, wär wollen das dahingestellt sein lassen«, zufrieden. - -Das Endresultat dieses unvergeßlichen Abenteuers war für sämtliche -Teilnehmer in hohem Grade verhängnisvoll. Zwei von uns wurden -relegiert, wir übrigen erhielten Karzerstrafen bis zu zehn Tagen, und -Doktor Hähnle ward von dem Unterricht in Sekunda »auf sein Ansuchen« -entbunden. Ein Vierteljahr später las man in dem großherzoglichen -Regierungsblatt, daß Doktor Ephraim Hähnle in Anerkennung seiner -langjährigen Dienste pensioniert worden sei. - -Wer erkennt nicht den tieferen Sinn, der in dieser knabenhaften -Rebellion gegen einen unfähigen Pädagogen liegt? Ein ohnmächtiger -Lehrer ist gerade dem mutwilligsten und ausgelassensten Schüler -~a priori~ ein Greuel, denn die Schwäche scheint seine Unarten in -einer Weise herauszufordern, die seinen Stolz beleidigt. Es ist kein -Verdienst, da Exzesse zu begehen, wo die Straflosigkeit so gut wie -gewiß erscheint; auch soll der Exzeß nicht die Regel sein, weil er -sonst viel von seinem eigentlichen Reiz einbüßt. Doktor Hähnle ward -gestürzt wie eine unfähige Regierung, und jede Regierung, der die -Revolution über den Kopf wächst, erleidet genau das, was ihr gebührt. - -In Prima benahmen wir uns schon aus eigenem Antrieb gesetzter, ganz -abgesehen davon, daß sich unter den Lehrern der Prima kein Hähnle -befand. Die originellste Figur war hier ohne Zweifel der Direktor -Samuel Heinzerling, ein jovialer, den Regungen des Humors nicht -unzugänglicher Mann, der sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreute. -Wir nannten ihn Pater und sagten ihm am Schlusse unserer lateinischen -Aufsätze alle erdenklichen Schmeicheleien, die der »~rector gymnasii -illustrissimus, justissimus, dilectissimus~«, wie er in solchen Hymnen -gewöhnlich qualifiziert wurde, ganz beifällig aufnahm und mit einem -»~Valde placet~« am Rande der Arbeit belohnte. - -Nur eine schwache Seite hatte dieser vortreffliche Pädagoge: er litt -nämlich an dem Vorurteil, ein gerechter und vollkommener Primaner -müsse des Morgens präzis mit dem Glockenschlage auf seinem Platze -sein. Nun ist es eine erfahrungsgemäße Tatsache, daß die Freuden des -Morgenschlummers um so entschiedener gewürdigt werden, je mehr sich der -Mensch innerlich und äußerlich entwickelt; und ich insbesondere war -bereits in Unterprima ein unversöhnlicher Gegner des altklassischen -Wahlspruches: ~Aurora musis amica~. - -Noch jetzt empfinde ich, wenn ich mich vorübergehend in meiner -Vaterstadt aufhalte und des Morgens um drei Viertel auf sieben -den Schall des kleinen bimmelnden Glöckchens vernehme, das die -Munizipalität eigens für die Bedürfnisse der Schulen auf dem -Stadtkirchturme angebracht hat, ein dunkles, beklemmendes Unbehagen, -das mir im Anfang durchaus rätselhaft erscheint, bis ich mir darüber -klar werde, daß es die Erinnerung an meine Primanerzeit ist, die mir -diese Gefühle im Busen zeitigt. - -Es war doch eine peinliche Situation ...! Man lag, von den köstlichen -Armen eines jugendkräftigen Schlafes umfangen, sorg- und ahnungslos auf -der Matratze und träumte von Hulda, der schwarzäugigen Schauspielerin, -die des Tags zuvor im Linkerschen Saale so unvergleichlich die -Anna-Liese gespielt hatte, oder von Pauline, der blonden Tochter -des Stadtpredigers: da mit einemmal erscholl die klappernde -Monotonie dieses verwünschten metallenen Weckers, und die duftigen -Phantasiebilder zerflossen in Rauch vor dem unbarmherzigen Tageslichte -der Wirklichkeit. Im Traume vielleicht ein König, ein Gott, sah man -sich jetzt wieder zum Sklaven der Stunde herabgewürdigt; der Zwang -des Müssens trat in qualvoller Zudringlichkeit an uns heran und legte -uns die eisernen Hände aufs Herz, so daß es tief gedemütigt in sich -zusammenschauerte. - -Es begann nun jener stets von neuem auszufechtende Kampf zwischen der -Neigung und der Pflicht. Man dehnte und streckte sich, als wolle man -die Freuden der zwei, drei Stunden, die man unter anderen Umständen -noch verträumt und verdämmert hätte, gleichsam im Extrakt genießen. -Man legte sich »noch für zehn Minuten« auf die andere Seite, um -schon nach Ablauf von dreißig Sekunden emporzufahren und nach der -Zeit zu sehen. Man beneidete seinen älteren Bruder, der Student war -und jeden Morgen bis elf Uhr in den Federn blieb. Man fluchte der -irrationellen Einrichtung des Stundenplans, der die Klufenbrecherschen -Auseinandersetzungen über Mathematik recht gut auf eine passendere Zeit -hätte verlegen können, und schwur sich, sobald man das Gymnasium hinter -sich habe, das Versäumte mit aller Macht nachzuholen. - -Unterdessen verstrich eine Viertelstunde, und von neuem hob der -entsetzliche Klöppel auf dem Stadtkirchturme zu wimmern an. Jetzt -sprang man mit gleichen Füßen aus dem Bett und kleidete sich mit einer -Geschwindigkeit an, die uns seitdem zum Mythus geworden ist. Nach -Verlauf von fünf Minuten war man im Freien: den Kaffee hatte man wie -ein hastiges Stehseidel hinunter gestürzt, und die Semmel pflegte -man sich ohnehin zum behaglichen Verbrauch während der Lehrstunden -aufzusparen. - -So schnell man jedoch hier zu operieren wußte, die verlorene -Viertelstunde konnte nicht wieder eingebracht werden, und so kam man -denn regelmäßig um zehn, ja selbst fünfzehn und zwanzig Minuten zu spät. - -Unser Direktor fand dieses Zuspätkommen empörend. Er hatte, um dem -immer bedrohlicher um sich greifenden Mißbrauche energisch zu steuern, -die Anordnung getroffen, daß jeder, der ohne genügende Entschuldigung -den Beginn der Lehrstunden versäume, mit dem Vermerk »zu spät gekommen« -notiert würde, und daß jeder, der innerhalb einer Woche zweimal notiert -worden sei, einen Tag lang in den Räumen des Karzers über die Pflichten -des Primaners nachzudenken habe. - -Da ich auch ohne diesen Extrazuschuß oft genug meiner Freiheit beraubt -wurde, so strengte ich alle Kräfte an, um der peinvollen Eventualität -einer doppelten Notierung vorzubeugen, und zu diesem Zweck bedurfte -ich einer Reihe genügender Entschuldigungen, deren Beitreibung meinen -ganzen Scharfsinn in Anspruch nahm. - -Zum Glück war der Direktor keine skeptische Natur. Er ließ selbst -das Unwahrscheinliche, wenn es mit einer gewissen Keckheit -vorgetragen wurde, unbeanstandet passieren. Ich hatte mir im Laufe -der Semester eine solche Virtuosität der Erfindung angeeignet, -daß ich am Schluß meiner Gymnasiallaufbahn nahe daran war, ein -»Leichtfaßliches Entschuldigungshandbuch für Gymnasiasten und -Realschüler« zusammenzustellen, das ohne Zweifel ein ebenso dankbares -als zahlreiches Publikum gefunden hätte. Ich will an dieser Stelle -einige der wirksamsten Entschuldigungen planlos aneinander reihen, um -so dem ~dulce~ doch wenigstens einen Gran von ~utile~ beizumischen. -Vielleicht sieht sich ein deutscher Verleger bei der Lektüre dieser -Zeilen veranlaßt, mich zur Ausarbeitung des damals projektierten Werkes -nachträglich aufzufordern. Gefällige Anträge erbitte ich direkt unter -meiner Adresse. - -Einer der wichtigsten Faktoren im Gebiete der Gymnasialentschuldigungen -ist der Onkel. Ein Gymnasiast kann sich gar nicht genug Onkels halten. -Ein Onkel ist in jeder Beziehung verwendbar namentlich aber für das -Zuspätkommen: - -»Ich mußte meinen Onkel an den Bahnhof begleiten.« - -»Mein Onkel hatte einen Schlaganfall.« - -»Mein Onkel feiert heute seinen fünfundsechzigsten Geburtstag.« - -»Mein Onkel aus Havelberg ist angekommen.« - -~NB.~ Ist der Onkel aus Havelberg einigermaßen mit dem -Gymnasialdirektor bekannt, so fügt man hinzu: - -»Er läßt auch schönstens grüßen, und wenn sein Aufenthalt nicht gar zu -kurz wäre, würde er sich die Ehre geben.« - -Bei Samuel Heinzerling waren diese Onkel-Entschuldigungen stets von -augenblicklicher Wirkung. - -»Non, es äst goot«, sagte er befriedigt lächelnd. Nur wenn ich in der -Zerstreutheit die frohe Botschaft von der Ankunft meines Onkels aus -Havelberg an zwei aufeinander folgenden Tagen zum besten gab, wagte er -die überraschte Bemerkung: - -»Schon wäder? Ähr Onkel scheint aber auch recht väl zo reisen!« - -Ich erkannte sofort meinen Irrtum, sagte jedoch so unbefangen als -möglich: - -»O ja, Gott sei Dank, er ist noch recht rüstig.« - -Es versteht sich von selbst, daß unter Umständen auch Tanten in -gleicher Richtung verbraucht werden können. Hier empfiehlt es sich, -von Zeit zu Zeit eine Kindtaufe zu erfinden oder aber, falls man die -Anwendung unvermählter Tanten vorzieht, hysterische Krämpfe in Ansatz -zu bringen. - -Wenn ich die verwandtschaftlichen Beziehungen hinlänglich in -Kontribution gesetzt hatte, griff ich in das Kapitel gewisser -häuslicher Vorkommnisse und beantwortete die Frage des Direktors: -»Warum kommen Sie zu spät?« mit der schlagenden Bemerkung: - -»Mein Waschwasser war gefroren.« - -Oder: - -»Unsere Köchin hat sich verschlafen.« - -Oder: - -»Meine Uhr ging falsch.« - -Alle diese Entgegnungen fand der Direktor vollkommen »genügend« -- -ich hätte denn die Unvorsichtigkeit begehen müssen, die Mär von dem -gefrorenen Waschwasser in den Hundstagen vorzubringen. - -In Oberprima, wo ich die ersten Spuren eines sprossenden Bartes zu -verzeichnen hatte, behauptete ich sogar einmal, mein Barbier habe sich -verspätet. - -»So?« fragte der Direktor. »Non, äch dächte, in Ährem Alter brauchte -man säch noch nächt rasären zo lassen! Wä äch so alt war, dachte äch -nämals an dergleichen Allotria. Öbrigens, Sä haben ja noch Ähren ganzen -Anflug von Bart äm Gesächt stehen. Wo haben Sä säch denn rasären -lassen?« - -»Herr Direktor, das ist es ja gerade. Ich habe mich eben nicht rasieren -lassen, und deswegen steht der Bart noch. Heute war mein Rasiertag. -Jedesmal den fünfzehnten lasse ich mich rasieren.« - -»Non, es mag goot sein! Sagen Sä Ährem Barbär, er soll in Zokonft -zeitiger kommen: wär können här nächt auf ähn warten.« - -Und hiermit nahm ich freudestrahlend meinen Platz ein. - -Als weitere Entschuldigungen führe ich nur noch kurz die nachstehenden -an: - -»Ich fiel, zerriß mir die Beinkleider und mußte wieder umkehren.« -- -»Ich ward beim Vorübergehen an einem Hause der Kreuzstraße mit einer -eigentümlichen Flüssigkeit begossen etc.« -- »Ich bekam eine Ohnmacht.« --- »Auf dem Sandwege war die Passage durch drei ineinander gefahrene -Wagen versperrt. Ich mußte daher den Umweg über die neue Kurstraße und -den Kommandantenplatz nehmen.« -- »Ich wurde irrtümlich verhaftet.« -- -»Ich habe mir den Fuß verstaucht.« -- »Es war Glatteis.« - -Bei dieser letzten Phrase wird sich der Lehrer naturgemäß wundern, daß -er von einer so unverkennbaren Naturerscheinung nichts gemerkt habe. - -»So?« wird er fragen. »War Glatteis?« - -Die Mitschüler ermangeln nicht, diese Frage unbedingt zu bejahen. - -»Das heißt,« fügt nun der zu spät gekommene Schüler hinzu, »nur an -einzelnen Stellen. Sie sind vielleicht über den Hohlweg und am Rathaus -vorübergegangen; dort ist die Temperatur in der Regel um einige Grad -höher als in den feuchteren Gegenden an der Seltersgasse und dem -Waldtore.« - -Während der Monate Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März -und April wird der Lehrer kaum Anstand nehmen, diese klimatologische -Bemerkung als letztes Wort gelten zu lassen. - -Unser trefflicher, unvergeßlicher Direktor hatte es sich selbst -zuzuschreiben, wenn seine Schüler auf diese Weise Fortschritte im -Gebiete der Unwahrheit machten. Warum haftete er mit so eigensinniger -Starrköpfigkeit an dem Prinzip des einzuhaltenden Glockenschlages? Gern -hätten wir uns auf das Kompromiß des akademischen Viertels eingelassen; -aber da sich die Gymnasialregierung absolut weigerte, uns auch nur auf -dem achten Teile des Weges entgegenzukommen, so sahen wir uns genötigt, -unsere Zuflucht zu dem Mittel eines intellektuellen Schleichhandels zu -nehmen, der höheren Ortes ohne Zweifel in seinem wahren Wesen erkannt, -dennoch aus Opportunitätsgründen respektiert wurde. - - - - -Der entrüstete Oberlehrer. - - - Traun, jetzt bin ich es müde! Beim Zeus, das schändet die Klasse! - Flink auf den untersten Platz! Schmelzer, was träumen Sie noch? - Vorwärts! Hören Sie nicht? Dem Besonnensten reißt die Geduld hier, - Wo sich das Nichtstun frech paart mit der Stupidität! - Bildet der schreckliche Mensch mir ein Imperfektum »~etypson~«! - Wahrlich, die Muse verhüllt schaudernd ihr Göttergesicht! - Nie ward gleiches gehört in den würdigen Räumen Sekundas: - Kaum ein Quartanergemüt wagte so schnödes Gewäsch! - Soll ich den Otto vielleicht, das winzige Knäbchen, zitieren, - Daß mit korrektester Form stolz es den Vetter beschämt? - Gehen Sie in sich, Schmelzer! Dies Imperfektum »~etypson~« - Flößt für die Zukunft mir trübste Befürchtungen ein. - Wer da »~etypson~« sagt, der sagt auch: »Lasset uns kneipen!« - Feist in bavarischem Bier schlemmt er die Gelder hinab. - Wer da »~etypson~« sagt, der schwänzt und wütet im Tabak; - Selbst auf erotischem Feld weckt er gerechten Verdacht. - Wie? Sie trumpfen noch auf? Sie zucken die störrische Achsel? - Holt den Pedellen mir her! Piesecke, tragen Sie ein: - »Schmelzer, weil er »~etypson~« als Imperfektum gebildet - Und den kymmerischen Bock nicht, wie es billig, bereut, - Sondern Gebärden gewagt, die empörende Frechheit bekunden, - Stracks auf den Karzer geschickt!« Marsch nun zur Türe hinaus! - So -- jetzt fahren Sie fort! Ja, ja, so fügt es Ananke! - Freundlich im schweren Beruf stärke mich, Meister Apoll! - - - - -Der Bierparagraph. - - -Die Art und Weise, wie die Schüler der oberen Gymnasialklassen von -den Schulgesetzen ~in abstracto~ und ihren einzelnen Lehrern ~in -concreto~ behandelt werden, hat, streng genommen, etwas Naives, denn -sie basiert auf Voraussetzungen, die eine merkwürdige Unkenntnis -der tatsächlichen Verhältnisse bekunden. Es waltet hier teils der -himmelschreiendste Irrtum, teils der unbegreiflichste Optimismus vor. -Die ernsten Männer, die in ihrer Eigenschaft als Oberstudienräte -die Zusammenstellung jener Gesetzesparagraphen beaufsichtigt haben, -verstanden sehr viel von der theoretischen Pflicht, aber sehr wenig -von dem praktischen Leben. Das moderne Gymnasialgesetz verwechselt den -Begriff einer öffentlichen Lehranstalt, die nur zu gewissen Stunden -besucht wird, mit dem eines Pensionats, das die Schüler sozusagen mit -Leib und Seele aufnimmt und nicht allein ihren Unterricht, sondern -ihre moralische und gesellschaftliche Erziehung leitet. Es ist -lächerlich, die Befugnisse des Gymnasiums in der angedeuteten Richtung -zu erweitern, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil seine Mittel -nicht zur Durchführung ausreichen. Wo die Kontrolle fehlt, da ist alles -Befehlen und Verbieten ein zweischneidiges Schwert. Anstatt sich also -damit zu begnügen, den Gymnasiasten während der Lehrstunden im Zaume -zu halten, ihm gelegentlich die christlichen Tugenden einzuprägen und -die Norm aufzustellen: Sobald du irgendwie einen öffentlichen Skandal -erregst, gleichviel durch welche Handlung, so wanderst du auf den -Karzer, -- anstatt sich dieser klugen Reserve zu befleißigen, mischt -sich das Gymnasium in Dinge, die nicht nur über seine vernunftgemäßen -Befugnisse, sondern in der Regel sogar über die Möglichkeit einer -Beaufsichtigung weit hinausgehen. - -So erklärt die Gymnasialordnung das Besuchen von Wirtshäusern -für unmoralisch und ahndet die Zuwiderhandlung mit mehr oder -minder beträchtlichen Freiheitsstrafen. Was man bei diesem Verbot -beabsichtigt, liegt klar zutage: nicht den Wirtshausbesuch an sich, -sondern den daraus erwachsenden Mißbrauch wolle man hintertreiben. -Naiv und idealistisch wie sie sind, glauben die Oberstudienräte diesen -Zweck durch ein Radikalverbot zu erreichen; aber sie haben nur eins -erreicht: der anständige Gebrauch eines an sich harmlosen Instituts -ward zum Verbrechen gestempelt, ohne daß der unanständige Gebrauch, -der Mißbrauch, ernstlich verringert würde. In der Tat läßt sich nicht -absehen, warum es für den achtzehnjährigen Primaner eine Sünde sein -soll, gelegentlich ein Glas Bier zu trinken, während der Kommis schon -in früheren Jahren das gleiche leistet, ohne darum die Achtung seiner -Mitbürger einzubüßen. Weit richtiger und wirkungsvoller würde es sein, -wenn das Gymnasium den allgemeinen Grundsatz aufstellte: »Benehmt -Euch anständig!« -- ohne weiter auf die Details einzugehen. In jedem -einzelnen Falle würde dann das freie Ermessen des Lehrers darüber -entscheiden, ob dieses erste und vornehmste Gebot des Gymnasiasten -befolgt oder verletzt worden wäre. Ein solcher Appell an das Taktgefühl -der jungen Leute bei theoretischer Anerkennung ihrer unbedingten -Selbständigkeit müßte auch moralisch von ungleich günstigeren Erfolgen -sein, als die alberne und demütigende Methode, die jetzt noch vielfach -im Schwunge ist. - -Der Bierparagraph war auch mir in den Tagen meiner Gymnasiastenschaft -ein fortwährender Grund des Verdrusses und der Erbitterung. Wenn ich -so an heißen Juliabenden bei den Hecken des Lohseschen Felsenkellers -vorüber kam und den Direktor Samuel Heinzerling erblickte, wie er -im Kreise seiner zahlreichen Familie ein Seidel nach dem andern -hinter die schwarze Krawatte goß, so war mir zu Mut wie einem Pariser -Vorstadtbewohner, der im zerlumpten Kittel durch das Bois de Boulogne -schlendert und die prunkvollen Equipagen des Quartier Saint Germain -vorbeieilen sieht. Warum schwelgte dieser graue Epikuräer im vollen, -während ich, ein Kind der Entbehrung, fernab an der Böschung stand -und meine Sehnsucht bändigen mußte? Wäre ich jetzt kühnlich auf die -Plattform gewandert, hätte ich unbekümmert um Samuel und seine Töchter -Ismene, Winfriede, Laura und Vitriaria vor einem der braun gestrichenen -Tische Platz genommen und einen Schnitt bestellt, so war mein Schicksal -besiegelt. Am andern Morgen hätte der strenge Autokrat mich in -folgender Weise apostrophiert: - -»Eckstein! Sä waren mer gestern wäder mal auf dem Felsenkeller! Sä -haben dä Ongeböhrlichkeit Ähres Benehmens so weit geträben, daß Sä -sogar, ohngeachtet Sä mäch bemerkt haben, einen Schnätt bestellten. -Sä gehen mer zwei Tage auf den Karzer! Knebel, schreiben Sä änmal äns -Tagebooch: Eckstein, weil er än einem öffentlichen Bärlokal einen -Schnätt bestellte, mit zwei Tagen Karzer bestraft. Heppenheimer, rofen -Sä den Pedellen!« - -Das sieht fast wie ein ~tableau chargé~ aus, aber es ist eine -Photographie, streng nach der Natur. Samuel Heinzerling hatte nur -selten das Glück, einen Schüler wegen »Wärtshausbesochs« abzufassen, -denn wir kannten die Lokale, die er zu frequentieren pflegte, und -vermieden sie: aber wenn er einen ertappte, so übte der ~rector -illustrissimus~ in der oben geschilderten Weise Justiz, und die Form -seines »Eintrags« im »Tagebooch« variierte nur wenig. Niemals ist es -erhört worden, daß er einem kneipenden Schüler die Strafe erlassen -hätte; es war, als fürchte er, der Durst seiner Primaner könnte die -Befriedigung seines eigenen Durstes in Frage stellen, wie er denn in -der Tat stets in den Herbstmonaten, wenn das sogenannte Salvatorbier -ausgetrunken und durch eine geringere, später gebraute Sorte ersetzt -war, düsterer und grämlicher dreinschaute als in der eigentlichen -Saison. - -Trotz dieser exklusiven Richtung unseres Direktors zechten wir schon in -Sekunda ganz wacker. Wir hatten eine Stammkneipe, deren Inhaber, von -der Ungehörigkeit der Gymnasialgesetze im tiefsten Innern durchdrungen, -alles anstrebte, um uns das Joch unserer Schülerschaft nach Möglichkeit -zu erleichtern. Leider bot sein Lokal nicht unbedingte Sicherheit, da -sich mitunter auch ein Lehrer in diese traulichen Räume verirrte. Der -alte Lorenz wußte uns in solchen Fällen rechtzeitig von der drohenden -Gefahr zu verständigen. Es war hergebracht, daß wir vor dem Eintreten -an den Schalter klopften. Lorenz zog dann die Klappe weg und grinste. -Dieses Grinsen bedeutete so viel als: die Luft ist rein. War Lorenz -nicht am Faß tätig, so versah einer von seinen Söhnen das Amt des -Schenkwirts interimistisch, und diese Söhne bewerkstelligten jenes -orientierende Grinsen weit unzuverlässiger als der Vater; daher es sich -denn hin und wieder ereignete, daß wir unseren Peinigern ahnungslos in -die offenen Arme liefen. - -Eines Nachmittags -- es war im August des Jahres 18** -- hatte uns -Samuel Heinzerling durch eine furchtbare Auseinandersetzung über -das Wesen des lateinischen Konjunktivs gemartert und am Schlusse -seiner Rede ein neues Thema für den lateinischen Aufsatz gegeben: -»~Quaeritur utrum Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne.~« -Am Schlusse der Lehrstunde verspürte ich einen unwiderstehlichen -Durst, und mein Freund Wilhelm Rumpf teilte diese Empfindungen, so -daß er meinen Vorschlag, in der Schenke des alten Lorenz ein Seidel -zu schlürfen, ohne weiteres genehmigte. Arm in Arm schritten wir über -den Ludwigsplatz. Vor der Engelhardtschen Buchhandlung begegnete uns -Wilhelm Rumpfs angeheirateter Onkel, ein liebenswürdiger alter Herr, -der gern seinen Spaß mit uns trieb und auch heut nicht umhin konnte, -uns mit einer scherzhaften Phrase dingfest zu machen. Wir kannten zwar -die humoristischen Redensarten des Onkels seit lange auswendig; aber -die selbstgefällige Freude, mit der er sie immer und immer wieder -vortrug, verfehlte nie ihre Wirkung. Besonders tiefsinnig schien ihm -der anachronistische Scherz von den Kanonen des Hannibal, und er besaß -ein bewundernswürdiges Talent, von jedem beliebigen Gesprächsthema auf -dieses Bonmot abzulenken. -- Als er uns nach längerer Kauserie wieder -freigab, hatte unser Durst gewaltige Dimensionen angenommen, und im -Geschwindschritt eilten wir der Stätte zu, wo wir so oft gegen die -Paragraphen des Gymnasialgesetzes gefrevelt hatten. - -Wir klopften an den Schalter. Der alte Lorenz war diesmal wieder -»dienstlich verhindert«, und sein ältester Sohn Fritz stand vor dem -Schenktische. - -Der Bursche warf uns einen beruhigenden Blick zu, und so schritten -wir denn ahnungslos ins Lokal und suchten mit jener prüfenden -Unsicherheit, die jedem Neueintretenden eigen ist, nach einem Tische, -um uns niederzulassen. - -Da -- wer beschreibt unser Erstaunen, unsere Verwirrung, als wir in der -entferntesten Ecke des langen, bandartigen Kneipzimmers die nur allzu -wohlbekannte Gestalt Samuel Heinzerlings wahrnahmen! Der Vortrag über -den lateinischen Konjunktiv schien nicht allein uns durstig gemacht zu -haben, denn das Seidel, das der Direktor vor sich stehen hatte, war -bis auf einen traurigen Rest ausgeschlürft. Samuels Angesicht glühte -in dunkler Röte. Ich schwankte, ob ich dies Echauffement der Glut des -Augusttages oder dem Zorn über unser vermessenes Eintreten zuschreiben -sollte: beide Umstände mochten in gleicher Weise mitgewirkt haben. -Ich ergab mich schon stillschweigend in mein Schicksal. Die zwei Tage -Karzer dünkten mir ebenso unvermeidlich, wie dem Delinquenten, der -unter dem Fallbeil liegt, die Enthauptung. Auch Samuel Heinzerling -schien von der Notwendigkeit dieser Lösung durchdrungen, denn jetzt -spielte um seine Lippen ein halb verdrießliches, halb siegesgewisses -Lächeln, und mit grimmigem Finger rückte er an der großen rundglasigen -Brille. - -Aber wir hatten die Rechnung ohne Wilhelm Rumpf gemacht. Ehe ich noch -ahnte, was er vor hatte, faßt er mich am Arm, und sagte mit einer -Stimme, in der die Fülle der höchsten seelischen Genugtuung widerklang: - -»Komm, da sitzt ja der Herr Direktor! So habe ich mich doch nicht -getäuscht.« - -Samuel Heinzerling starrte uns an, als habe die Vermessenheit Rumpfs -ihn versteinert. - -»Wälhelm« aber schritt kühn auf ihn zu, zog die Mütze und verneigte -sich mit einem artig gelispelten: »Guten Tag, Herr Direktor, verzeihen -Sie gütigst, wenn wir Sie stören!« - -»Rompf, was onterstehn Sä sich?« - -»Entschuldigen Sie gütigst«, stammelte Rumpf mit verbindlichem Lächeln. - -»Was haben Sä här zo sochen? Äch kann mer schon denken, was för -Nächtsnotzigkeiten Sä wäder auf'm Korn haben!« - -»Ich habe Sie auf dem Korn, Herr Direktor. Ich wollte mir nur die -ganz ergebene Frage erlauben, ob wir den Aufsatz: »~Quaeritur utrum -Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne~« auch in Dialogform -behandeln dürfen. Mein Freund da behauptet, nein; ich aber bin in der -Ansicht, daß diese Form sich ganz besonders für ein derartiges Thema -eignet, denn, sagen Sie selbst, Herr Direktor: wenn man so die Tugenden -und die Laster Alexanders des Großen gegeneinander abwägen will, so -ergibt es sich ganz natürlich, daß man jede dieser verschiedenen -Auffassungen eine Person substituiert. Hat nicht z. B. Lessing in -seinem Gespräche über Freimaurerei ...« - -»Schon goot!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling. - -»Wir dürfen's also in Dialogform behandeln?« fuhr Wilhelm Rumpf fort. -»Ich wollte mich doch gleich vergewissern. Wir sahen Sie da eben -hereintreten, und da ich die Absicht habe, noch heute Abend an die -Disposition zu gehen ...« - -»Rompf, Sä sänd ein Schelm; aber es läßt säch nächt leugnen, Sä haben -säch got herausgebässen. Än Zokonft warten Sä mer höbsch draußen, bäs -äch wäder hänaus komme. So lange hat Ähre Däsposätion wohl Zeit. Kennen -Sä nächt dä Vorschräft des Gämnasialgesetzes, daß es den Schölern -onserer Anstalt verboten äst, öffentläche Lokale zo besochen?« - -»Entschuldigen Sie, Herr Direktor,« sagte Rumpf im Tone eines -Gekränkten, »es ist den Schülern verboten, die Lokale allein zu -besuchen; wenn sie aber wissen, daß sie innerhalb dieser Lokale einen -Lehrer oder gar den Direktor der Anstalt treffen, so scheint es mir den -Gesetzen des Gymnasiums durchaus nicht zuwider zu laufen, wenn man in -der Absicht einer wissenschaftlichen Anfrage ...« - -»Schwätzen Sä säch den Hals nächt noch trockener, als er schon äst! Äch -wäderhole Ähnen, Sä haben säch got herausgebässen, ond non wäll äch -Ähnen erlauben, daß Sä mät Anstand än Glas Bär tränken. Hören Sä? Aber -nor +ein+ Glas: von där däalogischen Form wollen wär än däsem Falle -absehen.« - -»Herr Direktor sind zu gütig, aber ich versichere Sie, wir dachten -durchaus nicht ...« - -»Frätz!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling, »brängen Sä mal drei -Seidel! So, ond non lassen Sä säch's got schmecken. Wahrhaftig Rompf, -wenn Sä änmal später än den Verhältnissen des börgerlichen Lebens so -väl Geistesgegenwart an den Tag legen, wä jetzt bei Ähren leider nor -zo oft wäderholten Lompenstreichen, so werden Sä ein beröhmter Mann -werden.« - -Wir nahmen Platz und ließen uns das unter so gefährlichen Umständen -erworbene Bier trefflich munden. Nach Verlauf von zehn Minuten erhob -sich unser jovial-liebenswürdiger Direktor vom Sitze, was für uns -natürlich das Signal war, ein gleiches zu tun. Draußen vor dem Tore -trennten wir uns. Nach zehn Schritten machte Heinzerling Kehrt. - -»Non, Rompf. Sä haben ja noch keine Antwort wägen der däalogischen -Behandlung? Es scheint, daß Ähre Däsposätion doch nächt so große Eile -hat, wä Sä vorgeben?« - -»~Qui tacet, consentire videtur~«, sagte Rumpf mit unerschütterlicher -Gelassenheit. »Sie haben meine Frage unbeantwortet gelassen, also -schließe ich daraus, daß Sie meine Ansicht billigen. Die Grundzüge des -Aufsatzes habe ich mir bereits beim Bier überlegt.« - -»Nochmals, Sä sänd ein Schelm,« lachte Samuel, indem er den -breitkrempigen Hut in die Stirne zog. »Aber nähmen Sä säch än acht! Äch -för mein Teil habe Sänn för Humor, und lasse mer ab ond zo selbst eine -kleine Dommheit gefallen, wenn sä mät Grazie ond attischem Salz gewörzt -ist. Äch känne jedoch Leute, dä för dä Reize der Komäk ongleich weniger -empfänglich sänd! Da könnten Sä mät Ähren olämpischen Konstgräffen sehr -öbel anlaufen! Danken Sä Gott, daß äch här gesässen habe: wäre äch zom -Beispiel mein Schwägersohn, der Ordänarius von Obersekunda gewäsen, so -hätten Sä kein Bär, sondern Cachot gekrägt! Märken Sä säch das!« - -Und mit würdevoller Gelassenheit schritt er den heimischen Laren zu. - - - - -Vom Rauchen. - - -Das zierlich broschierte Heft der Gymnasialgesetze, das jedem neu -aufgenommenen Schüler persönlich vom Herrn Direktor überreicht -und ans Herz gelegt wurde, enthielt auch einen Paragraphen über -das Tabakrauchen. Die Oberstudienräte bezeichneten dieses moderne -Kulturlaster als »überaus schädlich für die Gesundheit und obendrein in -hohem Grade kostspielig«, daher denn jeder Schüler der »Pflanzstätte« -verpflichtet sei, ein Gelübde der Enthaltsamkeit abzulegen. - -Die Wirkungen dieses Paragraphen waren der Art, daß ich der kompetenten -Behörde, falls es ihr um die Förderung der Jugend ernstlich zu -tun ist, den Vorschlag mache, künftighin folgende Ukase unter die -Gesetzessammlung mit aufzunehmen: - -»Die in hohem Grade zeitraubenden und gesundheitswidrigen Privatstudien -sind jedem Schüler des Gymnasiums bei Relegation untersagt.« - -»Das schweigsame Verhalten während der Lehrstunden zeugt von Stumpfsinn -und wird daher dringlich verbeten.« - -»Fortgesetzte Nüchternheit schädigt die Elastizität der Seele, -wie schon der uralte christlich-germanische Wahlspruch beweist: -›Wer niemals einen Rausch gehabt ...‹ Daher sich denn jeder -Schüler mindestens dreimal wöchentlich im Zustande eines schönen, -augenrollenden Wahnsinns befinden muß.« - -Und so weiter. - -Nach den bisherigen Erfahrungen würde man auf diesem Weg wahre -Musterbilder von fleißigen, aufmerksamen und nüchternen Schülern -erziehen. - -Kein Kenner der einschlägigen Verhältnisse wird mir bestreiten, daß -es nur das Verbot ist, was den Quartaner an die Regaliakiste und in -die Kneipe führt. Ich weiß mich sehr wohl zu erinnern, daß ich ein -stark gebrautes Lagerbier mit einer wahren Überwindung trank, denn es -schmeckte mir heillos bitter, und eine Tasse gezuckerter Milch wäre mir -hundertmal lieber gewesen: aber ich erblickte im Bier das Kriterium -der Männlichkeit, und so bezwang ich mein Widerstreben und sündigte -ohne jeden Genuß. Hätte man uns damals täglich drei Seidel als Pensum -diktiert, ich hätte mich lieber einsperren lassen, als daß ich mich -diesem Zwange in Demut gefügt hätte. - -Noch entschiedener und allgemeiner gilt dies vom Rauchen. Mit wahrer -Todesverachtung qualmten wir in Tertia unsere Zigarren -- nur weil es -verboten war! Keinem von uns wäre es im Traum beigefallen, eine so -unerfreuliche Summe von Beschwerden und Üblichkeiten durchzumachen, -wenn wir nicht aus jenem Gymnasial-Paragraphen die Überzeugung -geschöpft hätten, es müsse dem Rauchen doch irgend ein verborgener -Zauber innewohnen, der sich durch fortgesetztes Studium entdecken -ließe. Das Rauchen der Gymnasiasten würde auf ganz bescheidene -Dimensionen beschränkt werden, sobald jener verhängnisvolle Paragraph -hinwegfiele. Man gebe die Sünde frei, -- und sie hört auf, zu verlocken. - -Die Epoche, in der ich am meisten gegen das Tabaksverbot frevelte, -war mein Biennium in Quarta und Tertia. Wir hatten da unser sechs -eine Art Tabakskollegium gegründet, das seine Sitzungen unter freiem -Himmel abhielt. Durch den Wiesengrund am östlichen Ende der Stadt -strömte ein Bach, von Erlen und anderem Dickicht umsäumt. Selten nur -verirrte sich eines Menschen Fuß an dieses trauliche Ufer -- und hier -saßen wir geschart und ließen in feierlichem Ernste den Qualm unserer -Zigarren zum Firmament aufsteigen. Mein Vater hatte damals von einem -bösen Schuldner zweitausend Zigarren an Zahlungs Statt empfangen, die -der Versicherung dieses Spekulanten zufolge unter Brüdern hundert -Taler wert sein sollten, in Wirklichkeit aber ein so niederträchtiges -Kraut waren, daß mein Vater sie schon auf den bloßen Geruch hin -beiseite stellte. Da mir um jene Zeit jede, auch die beste Zigarre ganz -abscheulich schmeckte, so waren mir diese Zahlungsobjekte trotz ihrer -Verwerflichkeit äußerst willkommen. Vor Beginn unseres Tabakskollegiums -füllte ich mir die Taschen und regalierte dann meine Genossen mit -echten Havannas. Schwarz, der sich viel auf seine Kennerschaft zugute -tat, wehte sich wiederholt mit den Fingern den Rauch in die Nase und -sagte bedeutsam: »Ja, die Zigarre ist gut!« -- »Ein feines Blatt«, -fügte Knebel hinzu. Und nun rauchten wir mit wütender Vehemenz -- etwa -dreimal so schnell als ein erwachsener Durchschnittsraucher. -- Knebel -ward immer blässer und blässer, aber er lächelte in stoischem Gleichmut -und wiederholte nur zuweilen mit halb verlöschender Stimme: »Wirklich, -ein sehr feines Blatt! Aber schwer!« -- Noch zwei Minuten, und der -Ärmste ließ die Zigarre sinken, beugte sich über das Wasser und erbrach -sich so heftig, daß ihm der Angstschweiß in großen Perlen auf die -fiebernde Stirn trat. - -Trotz unseres kollegialischen Mitleids war uns diese Katastrophe -äußerst willkommen, denn sie bot uns die Möglichkeit, ohne ein -Geständnis der eigenen Schwäche die Zigarren zu beseitigen und dem -stöhnenden Knebel beizuspringen. Einer von uns trat weiter oberhalb an -den Bach und tauchte sein Taschentuch in die rieselnde Flut, um Knebel -die Schläfe zu kühlen. Ein zweiter und ein dritter faßten den Dulder -bei den Armen; ein vierter klopfte ihm beschwichtigend auf den Rücken. -Die Zigarrenstummel flogen ins Wasser; Knebel erholte sich, und stolz -im Selbstgefühle einer männlichen Tat begab man sich auf den Heimweg. - -Unterwegs blies man sich verschiedene Male den Atem ins Gesicht und -fragte: - -»Du, riecht man's?« - -»Noch ziemlich ...« - -Dann wurde Gras gekaut oder ein Apfel verzehrt, denn auch die Eltern -durften von unseren Orgien nichts wissen. Noch stundenlang trugen wir -die Empfindung einer gewissen Üblichkeit mit uns herum. Ja, zuweilen, -wenn Schwarz ein paar wirklich schwere Zigarren mitgebracht hatte, -waren wir förmlich berauscht, und alles, was um uns vorging, machte uns -den Eindruck eines beklemmenden Traumes ... - -Und doch ertrugen wir diese Leiden mit Genugtuung, -- denn die herbe -Frucht war verboten! - -Auch die Furcht, »abgefaßt« zu werden, steigerte unser Mißgefühl. In -Quarta und Tertia bebt man wie ein scheues Mädchen vor dem Gedanken, -wegen irgend einer Freveltat »eingesponnen« zu werden. Bei mir -persönlich kam noch hinzu, daß ich während des Jahres in Tertia um ein -Prämium kandidierte; eine »Abfassung« wegen Rauchens hätte aber dieses -Prämium im Keime erstickt. - -Mit welcher Ängstlichkeit hielten wir selbst an dem verborgenen Strande -des Wiesenbachs Umschau, ob nicht irgend ein bedrohlicher Wanderer -nahe! Einmal überraschte uns der felder- und wälderdurchstreifende -Registrator Bieler so jählings, daß wir gerade noch Zeit hatten, den -Brand unserer Zigarren in die weiche Erde zu drücken. Der alte Herr -schien nicht wenig befremdet, hier am einsamen Quell eine Reihe von -Knaben zu finden, die sich nicht einmal Blumen zum Kranze wanden, -sondern in sichtlicher Verlegenheit aufsprangen und die Mützen zogen. - -»Was macht Ihr denn hier?« fragte er argwöhnisch. - -»Wir krebsen«, gab Schwarz mit großer Schlagfertigkeit zur Antwort. - -»So, gibt's hier Krebse? Und was brennt denn da drüben?« - -»Ach da«, sagte Schwarz ... »Wir haben vorhin ein kleines -Pulvermännchen gemacht, und da glimmt das Papier noch.« - -Der Registrator entfernte sich, ohne sich über die Glaubhaftigkeit -dieser Bemerkung zu äußern. Tagelang schwebten wir in heilloser Angst, -er möge uns denunzieren; denn der Quartaner lebt der Meinung, die ganze -Welt sei gegen ihn verschworen, und die Bürgerschaft kenne kein höheres -Interesse, als ihn anzuzeigen. - -So ging die Sache in Quarta und Tertia. In Sekunda wurden wir bereits -frecher. Des Abends nach Sonnenuntergang bummelten wir häufig mit -brennender Zigarre durch die Stadt. Anfangs gebrauchten wir die -Vorsicht, das glühende Ende mit der Hand zu bedecken; später ward auch -diese Reserve kühn über Bord geworfen. So begab es sich denn nicht -selten, daß ein Sekundaner wegen Tabakrauchens mit Strafe belegt wurde. -Wenn ich meinesteils diesem Schicksal entging, so lag das nur daran, -daß ich in Sekunda über die Freude am Rauchen so ziemlich hinaus war -und nicht den vierten Teil so oft »blotzte«, als in Quarta und Tertia. -Auch hatte ich, wenn ich ~extra muros~ gegen die Gymnasialgesetze -sündigte, allzeit Glück. - -Ein einziges Mal wurde ich als Sekundaner wegen öffentlichen Rauchens -denunziert, aber nicht bei den Gymnasiallehrern, sondern bei dem -Stadtprediger, der uns den Konfirmanden-Unterricht erteilte. - -Dieser Mann, der sehr ehrwürdige Kirchenrat Doktor Philipp Jakob Engel, -war in jeder Beziehung ein Original. Er hatte sich unter dem schwarzen -Talar ein frisches, fröhliches Herz bewahrt. Nichts lag ihm ferner -als Puritanertum und einseitiger Zelotismus. In der Weise des großen -Doktor Martinus Luther genoß er sein Leben, -- zum mindesten was Wein -und Gesang betraf. Im Punkte des Weibes war er allerdings vom Schicksal -mißhandelt, denn er hatte sich, vom Rausch der Minne verlockt, -eine Wirtstochter aus Bromskirchen zur Gattin erkoren, die ihm das -Dasein mehr mit Dornen als mit Rosen durchflocht. Er suchte dann in -der feierlichen Stille des Wirtshauses Trost für die Leiden seiner -Häuslichkeit. »Der Wind bläst heute wieder von Bromskirchen«, pflegte -er den Stammgästen zuzurufen, und dann wußte man, daß der Kirchenrat -nicht vor ein Uhr nachts den Heimweg antreten würde. - -Doktor Engel leitete also den Konfirmanden-Unterricht, und zwar -abwechselnd in dem einen Jahre den der Knaben und in dem anderen den -der Mädchen. Ich hatte glücklicherweise +ihn+ zum Seelsorger! Wer es -irgend einrichten konnte, sparte sich für das Jahr Engels auf, denn das -Joch dieses Gerechten war sanft und schmerzlos. Der Unterricht fand -von elf bis zwölf statt. Kurz vor halb erschien der Herr Kirchenrat -langsamen Schrittes im Lehrsaale, wandelte wohl noch fünf Minuten lang, -in Gedanken verloren, auf und ab und begann dann mit einer kurzen -Wendung, deren feierliches Phlegma gegen sein sonstiges Feuer wunderbar -kontrastierte, die Gesangbuchverse zu überhören. Human wie er war, -nahm er nie den geringsten Anstoß daran, daß man diese Gesangbuchverse -einfach ablas. Nachdem die Aufgabe zur beiderseitigen Befriedigung -erledigt war, schritt er an das Abfragen der Katechismussprüche, die -wir ebenfalls ganz unverfroren vom Blatte wegstahlen. - -»Nun, und was denkst Du Dir bei diesem Spruche?« forschte er dann wohl -gelegentlich. - -Der Schüler gab eine Antwort, die mit einem langsamen »Ganz gut!« -belohnt wurde, wenn sie nur einigermaßen verdaulich war. Im andern -Falle meinte der Kirchenrat, das lasse sich wohl hören, sei aber -doch nicht so ganz richtig -- und nun lieferte er mit salbungsvollem -Behagen die korrekte Erklärung. Fünf Minuten vor drei Viertel sah er -zum erstenmal auf die Uhr, zwei Minuten später zum zweitenmal. Um drei -Viertel aber stemmte er die rundlichen Finger auf die Tischplatte und -murmelte durch die Zähne: - -»So, ich habe jetzt noch ein Amtsgeschäft, und da wollen wir's denn für -heute gut sein lassen. Für das nächste Mal lernt Ihr mir den folgenden -Vers und die folgenden Sprüche.« - -Und hiermit verließ er das Lehrzimmer. - -Was das für Amtsgeschäfte waren, die so regelmäßig um drei Viertel auf -zwölf wiederkehrten, das habe ich nie in Erfahrung gebracht. - -Bei diesem Kirchenrat, dessen echt christliche Milde aus der -vorstehenden Schilderung zur Genüge erhellen wird, hatten mich einige -der sogenannten Stadtschüler, auf die wir Gymnasiasten mit Verachtung -herabsahen, wegen öffentlichen Rauchens angezeigt. - -Als ich den Saal betrat, riefen sie mir triumphierend entgegen: - -»Heute wird er Dich vornehmen!« - -So recht behaglich war mir bei dieser Eröffnung, trotz Engels bekannter -Nachsichtigkeit, nicht zumute. Doch beherrschte ich mich und gewärtigte -mit stoischer Ruhe der Dinge, die da kommen sollten. - -Der Kirchenrat erschien, wie üblich, kurz vor halb. Sein Antlitz hatte -diesmal etwas ungewöhnlich Ernstes und Feierliches. Ja, ich glaubte -einen Zug von Schmerz zu entdecken, der elegisch um die herabgezogenen -Lippen spielte. So mußte der biblische Vater dreinschauen, wenn er des -verlorenen Sohnes gedachte ... - -Gebeugten Hauptes schritt der Kirchenrat einige Male auf und ab. Dann -blieb er stehen und rief mich beim Namen. - -»Komm einmal heraus«, sagte er mit einer Stimme, die mir ein tiefes -seelisches Weh zu atmen schien. - -Die Stadtschüler rieben sich schmunzelnd die Hände. - -Nicht ohne Verlegenheit trat ich zu dem Kirchenrate heran, der mich ein -wenig abseits führte und mir dann mit gedämpfter Stimme ins Ohr raunte: - -»Eh' ich's vergesse, sag' doch Deinem Herrn Vater, ich könnte morgen -abend nicht zum L'Hombre-Kranz kommen.« - -Frohe Enttäuschung! - -»So,« fuhr er nun mit energisch dröhnender Stimme fort, »nun geh' auf -Deinen Platz und vergiß nicht, was ich Dir gesagt habe!« - -Es war der nachsichtigen und liebevollen Natur dieses Priesters -unmöglich, irgend jemanden zu verletzen. So ignorierte er denn -vollständig die schnöde Anzeige meiner Gegner und genügte nur in dieser -wahrhaft klassischen Weise dem Dekorum. - -In Prima wichen unsere Lehrer insoweit von dem Wortlaute des -Gymnasialgesetzes ab, als sie ein Auge zudrückten, wenn die Schüler -innerhalb ihrer vier Pfähle zur Zigarre oder zur Pfeife griffen. Nur -das Rauchen auf der Straße war hier verboten. Aber gerade deshalb -ward es mit Vorliebe kultiviert. Wäre es dem Gymnasiasten wirklich -nur um das Kraut zu tun, so hätten wir unserem Rauchgelüste bei einer -so milden Praxis hinlänglich fröhnen können: aber jetzt hatten die -Zigarren im Hause ihren wesentlichen Reiz verloren. Die Sehnsucht des -Primaners galt der öffentlich gerauchten Straßenzigarre. Einige von -uns trieben die Sache so weit, daß sie vor dem Beginn der Lehrstunden -in dem Schulsaale rauchten, was hin und wieder zu gräßlichen -Untersuchungen führte, ohne daß jemals der Täter entdeckt worden wäre. - -Als wir schließlich Studenten wurden, und der letzte Zwang wegfiel, -da hingen sehr viele unserer Matadore das Rauchen überhaupt an den -Nagel; wie denn zum Beispiel mein früherer Mitschüler, der Geheime -Medizinalrat ~Dr.~ Schwarz in Hamburg, noch bis auf den heutigen -Tag ein abgesagter Feind der Zigarre ist. Wenn ihm diese Zeilen -hier zu Gesicht kommen, widmet er vielleicht meinen abscheulichen -Tertianer-Glimmstengeln ein dankbares Lächeln der Erinnerung; denn -ihnen schuldet er die erkleckliche Summe, die er jetzt infolge seines -Nichtrauchens alljährlich zurücklegen oder für die Vervollständigung -seiner humoristischen Bibliothek aufwenden kann. - - - - -Die Lyrik auf dem Gymnasium. - - -Ich war vierzehn Jahre alt und erst vor kurzem Sekundaner geworden, -als mich plötzlich, wie ein Flammenstrahl aus heiterm Himmel, der -Drang nach poetischer Selbstbespiegelung ergriff. Ich erinnere mich -noch des Tags und der Stunde ... Der Herbstwind strich klagend durch -die halbentblätterten Zweige der großen Platanen. Ein feiner Regen -stäubte wider die Scheiben, so recht öde und trostlos, als ob die -kranke Natur sich matt und erschöpft in den Schlaf weine. Drunten im -Hofe sah es möglichst unwirtlich aus. Die versumpften Wege mit ihren -großen, gelblichen Pfützen, das bräunliche Laub, das der Wind von Zeit -zu Zeit aufwirbelte, das nasse Holzwerk des Spaliers und die triefende -Hütte des Jagdhundes, der sein Sommerquartier längst verlassen, um im -Hause gegen die Unbilden der Witterung Schutz zu suchen -- dies alles -machte einen unsagbar traurigen Eindruck. Drüben von der Landstraße -her, wo die drei vereinsamten Pappeln wie lange Gespenster in den Dunst -hineinragten, tönte das heisere Krächzen der Dohlen: sonst war alles -wie ausgestorben ... - -Am Fenster stehend sah ich dem Hereinsinken der Dämmerung zu. Ein -schmaler, blaßgelber Streifen am Horizont bezeichnete mir den -Untergang des Tagesgestirns, das seit mehr als einer Woche nicht zum -Vorschein gekommen war. Eh' ich's ahnte, war ringsum bleigraue Nacht -geworden. Tief atmend trat ich ins Zimmer zurück. Im Ofen brannte -ein lustiges Feuer. Auf meinem Arbeitstische glänzte die Lampe, die -man in der Zwischenzeit unbemerkt hereingebracht hatte, und auf dem -Teppich vor dem Sofa lag mit allen Symptomen der Befriedigung und -des Wohlbehagens der treue vierfüßige Begleiter meiner sommerlichen -Ausflüge. Ein wunderbares Gefühl von Traulichkeit überkam mich. So -schnell als möglich ließ ich den Vorhang herab. Dann setzte ich mich -an den Tisch und schrieb mein erstes Gedicht. Seltsamerweise besang -ich in diesen kühn gegliederten Versen den Zauber einer mondhellen -Sommernacht. Ich pries das »unendliche Gewimmel der Sterne« und die -Ulmen, die »sanft versilbert« ihre Häupter ins Blaue erheben! Und doch -war das Ganze keineswegs etwas Angekünsteltes und Gemachtes, sondern -ein wirklicher Herzenserguß, ein Erlebnis, das mit zwingender Macht -nach Gestaltung rang. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß drei oder vier -Strophen mit »wenn« begannen, daß eine wahrhaft großartige Summe von -schmückenden Beiwörtern verbraucht wurde, und daß ich solche Verse, -wo mir der Reim nicht augenblicklich zur Hand war, einfach ungereimt -ließ. Dergleichen findet sich in jedem Erstlingsgedichte und wird erst -später als Frevel empfunden. Damals glaubte ich etwas wahrhaft Schönes -und Imposantes geschaffen zu haben, denn die Fülle meiner subjektiven -Stimmung war mir identisch mit dem Geleisteten. Wie viele, sonst sehr -achtbare Leute, die nicht vierzehn Jahre alt sind und nicht in Sekunda -sitzen, verfallen in einen ähnlichen Irrtum! Was man dem Sekundaner -verzeiht, das macht den Erwachsenen einfach lächerlich. Aller -Dilettantismus beruht auf dieser Verwechslung. Der Dilettant trägt -ganz wie der Dichter eine Welt voll Poesie in der Seele: aber während -der schöpferische Poet seine Empfindungen dergestalt in dem Medium der -Sprache zu verkörpern weiß, daß der Hörer und Leser das Gesamtbild -nachschafft, gelingt dem Dilettanten nur ein trauriges Stammeln. Fehlt -ihm nun der kritische Blick für die Kluft, die sein Empfundenes von -seinem Gestalteten trennt -- und dies ist die Regel --, so ist der -Dichterling fertig. Der Sekundaner, der sich auf dieser Stufe befindet, -hat die Möglichkeit einer Entwicklung für sich: denn selbst das größte -Talent beginnt stümpernd. Der fertige Mensch aber erfährt mit Recht -die strengste Beurteilung, denn in der Sphäre der Kunst gibt es keine -christliche Milde, wie in der Sphäre der Ethik. - -Das war also mein erstes Gedicht, -- wenigstens das erste, dessen -Genesis mir klar vor der Seele steht. Nun folgten rasch aufeinander -die entsetzlichsten Balladen im altdänischen Stile, die furchtbarsten -Sonette und die traurigsten Elegien. Ich kaufte mir ein schönes -Album mit Goldschnitt, in das ich meine »Schöpfungen«, chronologisch -geordnet, eintrug. Bald aber wurde mir dieses Kopieren zu umständlich. -Ich dichtete gleich frisch drauf los in den Prachtband hinein, wobei -es denn wesentlich darauf ankam, keiner Korrektur zu benötigen. Vom -Anlegen der Feile war ich überhaupt damals kein Freund. Ich hatte so -viel Stoff zu verarbeiten, daß ich immer wieder nach Neuem drängte. -Es ist unglaublich, was ich alles in den Bereich meiner rhythmischen -Betrachtungen zog. Sonnenaufgänge, die ich niemals gesehen hatte; die -Leiden eines Negerknaben, der am Strande des Quorra von den Weißen -geraubt wird; der nächtliche Reiter, der seinen Bruder erstochen -und nun am zerbröckelnden Turme Wacht halten muß; die Freude über -den bevorstehenden Semesterschluß; Glaube, Liebe und Hoffnung; der -Gymnasialkarzer; die Vergänglichkeit alles Irdischen, und die Freuden -einer nächtlichen Kahnfahrt: -- dies alles war mir gleichmäßig -untertan. Ich schrieb eine Ode »An unsern Hund« und einen Hymnus auf -das griechische Übersetzungsbuch von Mehlhorn. Ich philosophierte -über die Unsterblichkeit der Seele und über den niederträchtigen -Nationalcharakter der Punier. - -Das währte so ein halbes Jahr. Dann kam ein neues Motiv hinzu: das -»Ewig-Weibliche«. Die schwarzen Locken und flammenden Augen brausten -jetzt nur so durch meine Verse, und an Purpurwangen und Rosenlippen war -kein fühlbarer Mangel. - -Bis dahin hatte ich meine poetischen Regungen durch unverbrüchliches -Schweigen gedeckt. Namentlich in der Schule, wo der Begriff des -Verses jenseits aller Erfahrung zu liegen schien, war mir niemals -eine verräterische Silbe über die Lippen geglitten. Ich hatte die -dunkle Empfindung, als treibe ich etwas Verbotenes. Sobald ich das -Wort »Gedicht« aussprechen hörte, erinnerte ich mich eines Vorfalles -aus meiner Quintanerzeit. Der Lehrer gab uns damals zwei verschiedene -Aufsatzthemata. Zuerst las er uns eine Gellertsche Fabel vor, die -wir in Prosa nacherzählen sollten, -- und dann eine Anekdote in -Prosa. Ich fragte nun in aller Harmlosigkeit: »Die sollen wir wohl in -Verse bringen?« Eine geringschätzige Zurechtweisung war die Antwort, -und einige meiner hochweisen Herren Mitschüler lachten aus vollem -Halse. Von diesem Moment an hatte ich das Gefühl, als sei alles -Rhythmische unziemlich, und so war ich denn äußerst zurückhaltend. -Nur einem einzigen Freunde teilte ich ab und zu etwas mit. Und da -dieselbe Elisabeth, deren Rosenwangen ich poetisch verherrlichte, auch -ihm als Ideal alles weiblichen Liebreizes erschien, so beschlossen -wir gemeinsam, einige dieser Lieder sauber abzuschreiben und dem -Gegenstande unserer Neigung auf dem Wege der Stadtpost zu übermitteln. - -Als wir den Brief eben gesiegelt hatten, trat mein Vater ins Zimmer. -Wir gaben uns alle erdenkliche Mühe, recht gleichgültig dreinzuschauen, --- aber vergebens. Nach einigem Hin- und Herfragen sahen wir uns -schmählich entlarvt. So kam denn nicht nur unsere phantastische -Verliebtheit zutage, -- nein, auch das Geheimniß, daß ich dichtete, -wurde ans Licht gezogen. Tiefe Beschämung. Nach langem Widerstreben -lieferte ich mein Album aus. Es war mir zumute, wie einem Mädchen, das -beim Baden von Männern überrascht wird. - -Indes die Sache lief noch verhältnismäßig befriedigend ab. Ich -wurde dringlich ermahnt, über diesen rhythmischen Versuchen meine -Schularbeiten nicht zu vernachlässigen: im übrigen möge ich nur -fortfahren. Dergleichen sei jedenfalls besser, als das sonst so fleißig -geübte Einwerfen von Fenstern oder Niederreißen der Zaunpfähle. - -Während meines ganzen Aufenthaltes in Sekunda beobachtete ich die -strengste Reserve. Das Terrain war hier für poetische Anwandlungen -äußerst ungünstig. Kaum, daß ich ab und zu die Keckheit hatte, einen -deutschen Aufsatz mit der Wendung zu schließen: »Denn, wie der Dichter -sagt ...« und dann eine Strophe eigener Schöpfung einzuschmuggeln, -in der Voraussetzung, der Lehrer werde den Kunstgriff nicht merken. -Noch kürzlich ist mir einer dieser Aufsätze in die Hände gefallen. -Der Lehrer hätte, um sich täuschen zu lassen, geradezu ein Dummkopf -sein müssen, denn die Verse waren echt knabenhaft; aber großmütig ließ -er die Vermessenheit hingehen, ohne mich durch die Frage: »Wer ist -denn eigentlich der Dichter, dem Sie diese Strophe entlehnen?« in -Verlegenheit zu setzen. - -Erst in Prima hatten wir offizielle Gelegenheit, unsere lyrischen -Talente vor der Korona der Mitschüler zu betätigen. Unser -Horaz-Interpret, ein feingebildeter Mann, der sich namentlich in -literarischen Dingen durch ein reges Interesse auszeichnete, forderte -uns jedesmal, wenn eine Ode genügend erklärt und verstanden war, zur -freiwilligen Leistung einer metrischen Übertragung auf. Natürlich gab -nur eine kleine Minorität diesem Ansinnen Folge; aber mit welchem -Stolzgefühl schwellte es die Brust, wenn man über diese wenigen -Mitbewerber den Sieg davon trug! - -Der poetisch beanlagte Primaner steht zumeist unter dem Einflusse -Platens, dessen Formkorrektheit ihm naturgemäß imponiert. Erst später -entwickelt sich die Vorliebe für Heine und Goethe. Während meines -ersten Semesters in Prima waren es besonders die kunstvoll-fremdartigen -Ghaselen, die mich zur Nacheiferung entflammten. Keine Dichtungsform -schien mir so geeignet, die heterogensten Dinge ohne weitere -Kompositionsschwierigkeiten zusammenzuleimen, als dieses orientalische -Reimgeplänkel. Ohne zu ahnen, daß wir ganz im Sinne Heinrich Heines -(dessen Reisebilder uns damals noch unbekannt waren) die Ghaselform -nach ihrer bedenklichen Seite hin persiflierten, wählten wir die -sonderbarsten Ausklänge. Sie waren das Primitive, Ursprüngliche: -die Gedanken und Verse wurden erst nachträglich wie Arabesken -herumgeschlungen. So dichteten wir Ghaselen aus Braun-Dur, die also -begannen: - - Im Glase schäumt das quellenfrische Bier braun: - Natur, Du färbst den Pelz so manchem Tier braun. - Braun blickt das Auge meiner süßen Amrei, - Und um ihr Haupt schmiegt sich der Zöpfe Zier braun u. s. w. - -Oder wir wählten als Refrain eine ganze Phrase, wie: »Doch der -Schickung Groll verbeut's«, und intonierten nun folgendes Carmen: - - Gerne schritt' ich durch die Wiesen, doch der Schickung Groll - verbeut's, - Und besonders mit Elisen, doch der Schickung Groll verbeut's. - Alles, was die Erde spendet, was der Himmel uns geschenkt, - Alles möcht' ich froh genießen, doch der Schickung Groll verbeut's. - -Und nun folgte in schwungvoller Darlegung, was das glutbeschwingte Herz -alles möchte ... Es sähe gern ... die Bächlein fließen ... die Blumen -sprießen ... den Jäger die Rehlein schießen usw. Aber überall tritt -ihm das Fatum entgegen; überall dröhnt es mit Donnerstimme: »Doch der -Schickung Groll verbeut's!« - -Solche Herzensergüsse waren vollständig ernst gemeint: aber, wie -gesagt, Heinrich Heine hätte sie getrost in seinen »Reisebildern« -verwerten können. - -Nach und nach mochte die Form der Ghaselen uns selbst ein wenig -kurios vorkommen. Wir benutzten sie jetzt zu komischen Extravaganzen, -zu Klageliedern über unsere Primanerleiden, zu Hymnen auf die -Eigentümlichkeiten der Professoren. Eines dieser Gedichte besitze ich -noch: ich schrieb es während der Sophokles-Repetition, als Samuel -Heinzerling eine etwas gar zu theoretische Auseinandersetzung über das -Glykoneische Versmaß lieferte. Das Poem lautete: - - - Unsere Lehrer. - - Der Klufenbrecher schmunzelt mathematisch, - Doch jede Störung ist ihm antipathisch. - Der Perner haßt verdumpfte Atmosphären, - Und wenn er zürnt, so tobt er autokratisch. - Anzeigend trat der Hähnle zum Direktor: - Die Wurfgeschosse knallten so emphatisch. - Der Heinzerling ist morgens allzu pünktlich, - Den Spätgekomm'nen rüffelt er ekstatisch. - Gymnasium! Gerne riefe ich »Lebe wohl!« Dir, - Warmfühlend, wie der Jude spricht den Kadisch. - Soll ewig hier die Knechtschaft mich verzehren? - Zu einem Block erstarr' ich noch erratisch! - Sei hessisch oder preußisch unsre Fahne, - Sei unser Wappen bayrisch oder badisch: - Die Freiheit ist das Ziel des Demokraten, -- - Und Prima fühlt entschieden demokratisch! - -Gleichzeitig mit diesen und ähnlichen Scherzen, unter denen die -Hyperbeln auf die Füße des Herrn Doktor Hellwig und die Epigramme auf -die zahlreichen Kinder des Herrn Doktor Brömmel eine hervorragende -Rolle spielten, ward auch das sentimentale Genre redlicher Begeisterung -kultiviert. Es entstanden glühende Liebeslieder, die mit ängstlicher -Scheu im Pulte verwahrt blieben, denn jeder fremde Blick wäre ja eine -schnöde Entweihung gewesen ... Und dann entschloß man sich gleichwohl, -wenigstens eines der »herrlichen Lieder« hinauszusenden in die kalte, -lieblose Welt ... - -Niemand hat diesen epochemachenden Schritt im Leben eines lyrisch -produzierenden Primaners so reizend geschildert, wie Paul Heyse in -seiner »Lottka«. - -Der Erzähler hat ein wehmuttrunkenes Lied gedichtet; sein Freund, ein -achtzehnjähriger Musiker, setzt die »seufzenden Strophen in Musik, mit -einer Klavierbegleitung, die das nahe Hereinbrechen des Weltgerichts -über dem Haupte des wankelmütigen Mädchens« andeuten sollte. - -»Damals«, so heißt es wörtlich, »erschien die »Dresdener Abendzeitung« -unter der Redaktion eines, wie ich glaube, seitdem verschollenen -Herrn Robert Schmieder, der Gedichte der Aufnahme würdigte, über die -mein kritisches Selbstbewußtsein nur die Achseln zucken konnte. An -ihn schickten wir unsern Liebling, natürlich anonym, in der festen -Überzeugung, schon in der nächsten Nummer Text und Komposition -erscheinen zu sehen, mit der Bitte an die unbekannten Einsender, -die Abendzeitung auch fernerhin mit so willkommenen Früchten ihres -Talentes zu erfreuen. In süßer Beklommenheit, trotz unseres Inkognitos, -betraten wir die Konditoreien, in denen Journale gehalten wurden, und -forschten errötend nach unserm Erstling. Woche auf Woche verging, ohne -daß sich unsere Erwartung erfüllte. Ich selbst hatte endlich, zumal -nachdem wir noch einmal geschrieben und die Zurücksendung in ziemlich -vornehmem Tone verlangt hatten, ohne einer Antwort gewürdigt zu -werden, alle Hoffnung aufgegeben und war über diesen ersten Mißerfolg -so beschämt und gekränkt, daß ich zunächst in einem längeren Gedichte -der undankbaren Mitwelt den Handschuh hinwarf und auf die gerechtere -Nachwelt pränumerierte, dann aber jede Andeutung des fehlgeschlagenen -Unternehmens vermied und von Bastel (der ehrliche Name meines Freundes -war Sebastian) verlangte, er solle auch die Melodie nicht mehr summen, -die mir sogleich die ganze leidige Geschichte wieder ins Gedächtnis -rief.« - -Wer hätte nicht, in gleicher Lage, diese wechselvollen Stimmungen -ausgekostet? Hier nimmt das Schicksal zum erstenmal den Lyriker in die -Schule, und gar mancher kommt über diese verunglückte Probe niemals -hinaus. Ist der Betroffene in der Tat ohne dichterische Begabung, so -darf er eine möglichst baldige Zerstörung seiner Illusionen als ein -Glück betrachten. Aber gleichviel, es schmerzt. Sah man nicht bereits -im Geiste einen prachtvoll gebundenen Oktavband, der in jedem Jahr eine -Neuauflage erlebte und neben Geibel und Rückert in den Büchersammlungen -aller Frauen und Mädchen heimisch wurde? Und nun dieses herbe -Mißgeschick! Was wir für ein literarisches Ereignis hielten, ist an -der kalten Seele des Redakteurs spurlos vorübergegangen! Er hat sich -vielleicht an dem Weh unseres blutenden Herzens die Pfeife angezündet! - -Wie glorreich aber berührt im andern Falle die krönende Hand des -Erfolges! Wenn wirklich nach so und so viel Wochen das Gedicht, A. O. -oder B. O. unterzeichnet, im Feuilleton des Anzeigers erscheint, -- -wie steigt dem glückseligen Primaner die Glut ins Angesicht, und mit -welch' unsäglichen Gefühlen des Stolzes nimmt er überall, wo es möglich -ist, das Blatt zur Hand, um die prächtigen Strophen zwanzig-, dreißig- -und vierzigmal wieder zu lesen! Er kann gar nicht begreifen, daß da -drüben der Herr, der beim Biere sitzt, zuerst den Leitartikel, die -Börsen-Kurse und das Vermischte liest; er meint, jedes Auge müßte sich -von dem Gedichte magisch gebannt fühlen, und von Mund zu Munde müßte -die Frage lodern: »Wer ist der Verfasser dieses herrlichen Liedes? Das -ist ja etwas ganz Eminentes! Das müssen wir herausbringen!« In jedem -Zirkel, den unser anonymer Autor betritt, erwartet er, daß man ihn mit -den Worten überfalle: »Haben Sie's denn auch schon gelesen? ›Die Klage -der Sehnsucht!‹ Wunderbar! Wunderbar! Meine beiden Schwestern haben -sich's in ihr Album geschrieben. Meine Tante kann's bereits auswendig, -und mein Schwager, der Kapellmeister, wird das Prachtstück in Musik -setzen!« - -Nichts von alledem ereignet sich. Die Herren in der Bierstube, die so -eifrig die Börsenkurse und die Leitartikel studieren, würdigen das -phänomenale Gedicht keines Blickes, und in den Familienkreisen und -Teegesellschaften geht die Unterhaltung ihren einförmigen Gang. Auch -hier beginnt die Laufbahn des Poeten mit Enttäuschung. - -Dergleichen läßt sich zur Not noch ertragen. Man richtet sich empor -an dem Beispiele so vieler großer Männer, die auch erst nach langen -Kämpfen Anerkennung gefunden haben. Man setzt seine ganze Hoffnung auf -das nächste Gedicht, das bereits an die Redaktion unterwegs ist usw. - -Weit mehr Stoizismus gehört jedoch zum Überstehen der folgenden Szene: - -Der Primaner ist in das belebteste Bierhaus geschlichen, weil ihm -bekannt ist, daß dort zwei Exemplare der durch ihn mit unsterblichem -Ruhme gekrönten Zeitung gehalten werden. - -Ahnungsvoll und von süßem Grauen durchbebt, schlürft er sein -schäumendes Glas. - -Da sitzt der Stadtrichter, ein alter, redseliger Herr ... Unter dem -Plaudern wirft er auch einen Blick auf das anonyme Gedicht. - -»Der druckt aber doch auch allen möglichen Schund«, sagt er mit -wegwerfender Gebärde. - -Und nun beginnt eine boshafte Besprechung, die von den Umsitzenden aus -vollem Halse belacht wird. - -Der unglückliche Primaner bedarf seiner ganzen moralischen Kraft, -um sich nicht zu verraten. Von diesem Augenblicke an wirft er auf -den Stadtrichter, der sonst ein ganz ehrlicher Mann ist, einen -unversöhnlichen Haß. Die »wohlfeilen Späße« des alten Herrn sind ein -»trauriges Zeichen der Zeit«. »Dieser armselige Böotier, der die -Schönheit nicht sehen und würdigen kann, weil ihm der Aktenstaub -die Augen umwirbelt! Und die Laffen, die seinen abgeschmackten -Bemerkungen Beifall gejauchzt haben!« Ihre Persönlichkeit prägt sich -für alle Zeiten unserm Gedächtnis ein ... Nach Jahren noch, wenn wir -ihnen begegnen, denken wir in einer Anwandlung von Bitterkeit und -Geringschätzung: »Aha, das ist ja auch einer von jenen Vandalen, die -sich an meinem Kleinod vergingen!« - -Erst später, wenn man die literarischen Kinderschuhe ausgetreten und -einen freieren Blick erlangt hat, erst als Mann erkennt man, daß jenes -Gedicht in der Tat sehr mangelhaft war. Und wenn auch der Stadtrichter -keine Ursache hatte, sich über diese Mangelhaftigkeit zu mokieren (er -würde dasselbe Gedicht, wenn er es in den Werken eines Klassikers -gefunden hätte, pflichtschuldigst bewundert haben), so dürfen wir ihm -doch aus hundert Gründen seine Unart verzeihen ... Und in der Tat, -wir verzeihen ihm, zumal wir in Erfahrung gebracht haben, daß der -Stadtrichter zu den eifrigsten Lesern unserer Essays und Novellen -gehört. - - - - -Die Primanerliebe. - - -Die oberen Gymnasialklassen sind der eigentliche Schauplatz für die -platonische Liebe. Die Primanerliebe ist sogar sprichwörtlich geworden, -und in akademisch gebildeten Kreisen gehört es zum vornehmen Ton, über -dieses erste Aufflackern des erotischen Prinzips geringschätzig zu -lächeln. Man vergißt eben im rastlos wiederkehrenden Kampf des Lebens, -was man zu einer Zeit fühlte, da sich Herz und Geist erst für diesen -Kampf vorbereiteten. Wie kalt und verständig schrieb der herangereifte -Goethe über Lili, die den jungen Goethe so magisch gefesselt, so -unwiderstehlich hingerissen und bezaubert hatte! Der Mensch wird -nüchterner und erblickt dann die Vergangenheit durch die Brille seiner -philiströsen Alltagsstimmung. - -Unter Primanerliebe versteht man gemeinhin eine jugendliche Dummheit, -die in schauderhaften Sonetten und tausendfach wiederholten -Fensterpromenaden gipfelt, eine Landpartie als Perihel des Entzückens -und die Abreise der Geliebten in das Pensionat als schrecklichste -Katastrophe kennt, häufige Einschnitzungen in die Subsellien -hervorruft und beim Abgang nach der Universität in Bier, Paukereien -und wohlgewachsenen Schenkmädeln ertränkt wird. Dergleichen mag sich -ereignen; aber wenn der Verlauf der normalen Primanerliebe in der Tat -mit dem Vorgeschilderten buchstäblich übereinstimmt, so folgt daraus -lange nicht, daß eine unwichtige Lächerlichkeit vorliegt. - -Was ist überhaupt eine Kleinigkeit? Was ist geringfügig? Nur die -engherzigste Arroganz kann hier den Maßstab der eigenen Subjektivität -anlegen. Was mir sehr geringfügig und wertlos erscheint, ist einem -anderen vielleicht das halbe Leben. Das Kind, dem seine Puppe ins -Wasser fällt, ist nicht etwa zum Schein, sondern ernstlich und im -tiefsten Grunde seines Herzens unglücklich; der Knabe, der zu Anfang -des neuen Semesters nicht versetzt wird, fühlt nicht etwa einen -Miniaturschmerz, sondern sein ganzes Ich ist unter Umständen so sehr -von der Qual seines verletzten Ehrgefühls durchdrungen, daß ihm jede -Hoffnung zu Grabe geht; daher es denn keineswegs unerhört ist, daß -Schulknaben sich aus solchen »geringfügigen« Anlässen den Tod gegeben. -Nirgends ist der Begriff der Größe und der Kleinheit so relativ -als in dem, was unser Gemüt angeht. Jede Sorge, jede Neigung, jede -Leidenschaft wird einen gesellschaftlich oder philosophisch höher -Stehenden finden, der sie von seinem Standpunkt aus belächeln darf. -Der Professor, der außer sich gerät, weil ihm ein Exemplar seiner mit -so heißer Liebe gepflegten Schmetterlingssammlung ruiniert wurde, -kommt dem ernsten Forscher in gewissem Sinne komisch vor; der Dandy, -den der plötzliche Verlust seines Handschuhknopfs in Erregung bringt, -scheint dem Denker geradezu unbegreiflich; die Hausfrau, die über -einen häßlichen Fleck in ihren frisch gescheuerten Dielen in Tränen -ausbricht, erweckt vielleicht unseren Hohn: und doch liegt in allen -diesen Fällen ein wirklicher Schmerz vor. Würde nicht etwa ein Heros, -ein Gott, der unser ganzes Tun und Treiben aus der Vogelperspektive -betrachtete, selbst die ernstesten Obliegenheiten unseres Staatslebens -komisch finden? Die ganze irdische Geschäftigkeit mit ihrem -anspruchsvollen Eifer unterscheidet sich von dem krabbelnden Treiben -der Milben, die das Mikroskop in einem Stückchen Käserinde entdeckt, -durch kein wesentliches Kriterium. Hier wie dort finden wir ein -mühsames Hasten im Interesse der Ernährung und Fortpflanzung; hier wie -dort lauert im Hintergrunde der Tod, der die ganze Komödie hinwegfegt. -Daß wir dem Treiben der Menschen eine höhere Wichtigkeit beilegen als -dem der Milben, kommt nur daher, weil wir zufällig Menschen sind. Wären -wir Milben, so schwärmten wir vielleicht für die großen Fragen des -Milbentums. - -Es wäre eine blöde Verkennung der Tatsachen, wenn wir leugnen wollten, -daß die sogenannte Primanerliebe nicht selten die einzige wahre Liebe -ist, die ein menschliches Herz auf Erden zu fühlen bekommt. Alphonse -Karr sagt einmal sehr bezeichnend: »Wenn die Mädchen wüßten, welch' -einen Schatz von Liebe das Herz eines solchen jungen Menschen, der zum -erstenmal liebt, in sich birgt! Wenn sie ein Verständnis hätten für -diese Hingebung, diese Vergötterung! Wenn sie ahnten, daß sie für einen -solchen Jüngling das Leben mit all seiner Wonne, das Paradies mit all -seinem geheimnisvollen Zauber darstellen ...! Aber in ihrer törichten -Geringschätzung für diesen Jüngling, in ihrer noch törichteren -Bevorzugung blasierter und verkommener Geschöpfe lassen sie sich diese -erste Liebe von Grisetten oder Kammermädchen hinwegschnappen!« - -Wenn die Primanerliebe selten zu einem praktischen Resultat führt, so -liegt dies vorzugsweise in der Natur unserer sozialen Verhältnisse. -Auch sind es wiederum nur diese sozialen Verhältnisse, die der -Primanerliebe in den Augen des wohlbestallten Bürgers eine so überaus -komische Färbung verleihen. Ein achtzehnjähriger Fischerbursche auf -Capri, der seine fünfzehnjährige Teresina liebt und sie nach zwei -Jahren eines mehr oder minder romantischen Brautstandes zum Altare -führt, erscheint uns poetisch: ein achtzehnjähriger Primaner im -gleichen Fall erregt beinahe unsere Mißbilligung. Und doch waltet hier -wie dort das gleiche Naturgesetz ob. Die Komik, die einem verliebten -Primaner innewohnt, erwächst nur aus dem Umstand, daß der Weg von -dem Abiturientenexamen bis zur Würde eines vom Staat besoldeten -Kreisrichters ein sehr langer und unerquicklicher ist. Leider kümmert -sich Eros um solche Äußerlichkeiten nicht; am wenigsten aber hat er -Respekt vor den Gymnasialgesetzen. Es gibt Lehrer, die kindisch genug -sind, jede Regung der Liebe, die vor Beendigung des Gymnasialkursus -eintritt, als eine strafbare Neigung für Allotria zu betrachten; -ja, ich erinnere mich, daß einer dieser kurzsichtigen Pedanten mit -Karzerstrafen vorging, weil ein jugendlicher Leander keine nur irgend -denkbare Gelegenheit versäumte, an gewissen Fenstern vorüber zu -wandeln. Dieser Versuch, das Sonnenlicht mit der Nachtmütze zu fangen, -berührte mich schon damals so kläglich, daß ich mit dem unverständigen -Cato fast Mitleid empfand. Was sind drei Tage Karzer gegen einen -freundlichen Blick aus geliebten Augen? - -Ich verwahre mich hier gegen ein Mißverständnis! Nicht im Traume fällt -es mir ein, jede erotische Bummelei des deutschen Primaners für eine -Haupt- und Staatsaktion des Herzens zu halten; ich erhärte nur, daß -solche ernstlichen und tiefen Empfindungen ungleich häufiger sind, -als die Schulweisheit selbst der liberalsten Pädagogen sich träumen -läßt. Man darf sich hier nicht durch die Außenseite beirren lassen. -Die glühende, das ganze Wesen durchleuchtende Liebe tritt in diesem -ersten Jugendalter oft ganz in derselben kindischen Gewandung auf, -wie die müßige Tändelei. Die Fensterpromenade ist keineswegs nur der -Zeitvertreib des koketten Flaneurs: auch der echte, im tiefsten Grund -der Seele entflammte Romeo wählt dieses Mittel, -- und nur die Musik -oder die Dichtkunst vermöchte zu schildern, was er dabei empfindet. Die -Mutter des jungen Mädchens, die meist nach langer Blindheit dahinter -kommt, daß dieses ewige Vorüberziehen ihrem Töchterchen gilt, zankt -(nicht ohne eine stille Befriedigung ihrer geschmeichelten Eitelkeit) -über die »dummen Jungen«, die etwas Besseres tun könnten, als so ihre -Zeit zu vertrödeln: aber sie ahnt nicht, daß hier eine reinere und -gewaltigere Leidenschaft vorliegt, als die halb aus Wohlgefallen, halb -aus Berechnung zusammengesetzte, bürgerlich abgestempelte Salonliebe, -die nach einer Reihe hochachtbarer Begegnungen zu einer Erklärung und -schließlich zu einer respektablen Ehe führt. Diese Verkennung ist um so -weniger begreiflich, als die Menschen doch alle einmal jung und mehr -oder minder in dem gleichen Falle gewesen sind. - -Wenn wir auf der einen Seite nicht leugnen können, daß die äußeren -Allüren der Primanerliebe nicht selten den Eindruck einer naiven -Ungelenkigkeit, ja einer kindischen Fadheit machen, -- alles natürlich -vom Standpunkte des gesetzten Familienvaters, -- so dürfen wir auf der -anderen Seite nicht verhehlen, daß es gerade die herrschende Sitte -mit ihren verknöcherten Regeln ist, die den Primaner so lange in dem -Zustande der gesellschaftlichen Unreife und Torheit erhält. In gewissem -Sinne ist das Alter von sechzehn bis achtzehn Jahren das unglücklichste -des ganzen Lebens. - -»Ich war«, so schildert Paul Heyse den Zustand des Halbwüchsigen, »ein -lang aufgeschossener, blasser junger Mensch, in jenem verlegenen Alter, -wo man den Knabenschuhen sich entwachsen fühlt und noch sehr unsicher -in die Fußstapfen der Männer zu treten versucht. Mit einer tollkühnen -Phantasie und einem blöden Herzen, zwischen trotzigem Selbstgefühl -und mädchenhafter Empfindlichkeit hin und her geschaukelt, zupft man -grübelnd an allen Schleiern, die die Geheimnisse des Menschenlebens -sterblichen Augen verdecken, weiß heute das letzte Wort über die -letzten Dinge, gesteht sich morgen, daß man noch im +ABC+ stecke, und -gebärdet sich überhaupt so unbehaglich widerspruchsvoll, daß man sich -selbst unerträglich werden würde, wenn man nicht von Leidens-, das -heißt Altersgenossen umgeben wäre, die es nicht besser machen und doch -auch darum nicht aus der Haut fahren.« - -Es ist vornehmlich der +deutsche+ Jüngling, der dies Mißbehagen -auskostet, und zwar zunächst und in erster Linie aus dem betrübenden -Grunde, weil ihm die Gesellschaft absolut keine Stellung anweist. -Der Verkehr eines sechzehnjährigen jungen Menschen mit den übrigen -Mitgliedern der Gesellschaft und insbesondere mit den gleichalterigen -und älteren Mädchen entbehrt jeder vernünftigen Basis und Norm. Er -mag der geistreichste und geweckteste Kopf sein: die Damen rechnen -ihn nicht für voll, und die Herren erst recht nicht. Ja, vielfach -deutet man seine Anwesenheit im Salon als Zudringlichkeit. In -Deutschland ist es eine Sünde, nicht vollständig erwachsen zu sein. In -Frankreich, in England ist das anders. Ich habe in Paris hundertmal -den ungezwungenen, graziösen und doch keineswegs allzu vertraulichen -Ton bewundert, in welchem selbst Knaben von vierzehn und fünfzehn -Jahren mit älteren Leuten verkehren. Da waltet nicht eine Spur von -Befangenheit ob, da herrscht nicht jene blöde Verschämtheit, die nicht -weiß, wo sie mit den langen Beinen und Armen hin soll. Wohl aber hat -sich gerade infolge dieser Freiheit und Leichtigkeit eine bescheidene -Reserve ausgebildet, die sehr wohltätig mit der vorlauten Keckheit -kontrastiert, die als anderes und nur zu begreifliches Extrem den -halbwüchsigen Deutschen charakterisiert. Wo soll ein deutscher Jüngling -eigentlich seine gesellschaftliche Schule durchmachen? Bis zu einem -gewissen Alter verbietet man ihm -- entweder direkt, oder indirekt -durch die unfreundliche, verletzende Behandlung -- den Zutritt in die -Gesellschaft. Dann mit einemmal werden ihm die Pforten geöffnet, und -nun verlangt man die Manieren eines Gentleman. Aber dergleichen erlernt -sich nicht über Nacht. Ich erblicke in der Liebenswürdigkeit, mit -der die Franzosen ihre jungen Leute behandeln, ein Hauptmoment ihrer -geselligen Überlegenheit. Der gebildete Franzose hat sich von jung -auf jene gefälligen Manieren angewöhnt; sie sind ihm in Fleisch und -Blut übergegangen. Der Deutsche dagegen soll sie seinem fast fertigen -Menschen nachträglich aufkleben. Daher braucht man denn später nur ein -wenig zu kratzen, um die Politur wegzubröckeln und den ungeleckten -Bären hervorschimmern zu sehen. - -Ich habe meine Jugend in einer kleinen Stadt verlebt, die ungleich -beträchtlichere Chancen für die Geselligkeit bot, als etwa Leipzig -oder Berlin; aber ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß ich in irgend -einem Kreise unseres Gemeinwesens einem vernünftigen und natürlichen -Verkehr zwischen den Schülern und Schülerinnen begegnet wäre. Schon als -Quintaner spielten wir stets nur »unter uns«. Wenn sich ab und zu eine -»Emanzipierte« in unsere Gesellschaft wagte, so wurde sie von ihren -Freundinnen bedenklich schief angesehen, denn die Mütter behaupteten, -so etwas schicke sich nicht. Später, als das Spielen aufhörte, erstarb -auch dieser letzte Rest von Beziehung, und es war fast ein Zufall, -wenn irgendwo einmal eine Begegnung statthatte. Die Folge dieser -eigentümlichen Klausur war natürlich ein vollendeter Mangel an ~savoir -vivre~. Beide Teile kamen bei einem solchen zufälligen Rencontre nicht -aus der Befangenheit heraus, und das Resultat war eine gründliche -Verstimmung. Man fuhr, wie Paul Heyse sagt, nur deswegen nicht aus der -Haut, weil so und so viele Leidensgefährten gleichfalls drin stecken -blieben. - -Was bleibt also einem Primaner, der in solchen Verhältnissen -aufgewachsen ist, übrig, als schließlich seine Zuflucht zu -Fensterpromenaden und ähnlichen Albernheiten zu nehmen? Er wäre -vielleicht der verständigste Mensch von der Welt, er würde vielleicht -mit verdoppeltem Fleiß arbeiten, wenn er nur ab und zu einmal -Gelegenheit hätte, die knospende Göttin, die er verehrt, zu sehen -und zu sprechen: so aber vertrödelt er seine Zeit, um das mühsam und -flüchtig zu erhaschen, was die Gesellschaft ihm -- der Himmel mag -wissen aus welchem Grunde! -- für die Regel vorenthält. - -Übrigens zeigt sich das Aufkeimen unverstandener Liebesempfindungen, -wie jedermann weiß, schon im frühesten Knabenalter. Nur sind sich -diese Regungen ihres Zieles so völlig unbewußt, daß hier Kombinationen -möglich sind, die späterhin bei einer voll entwickelten Liebe zu -schmerzlichen Katastrophen führen. Noch in Untersekunda liebte ich mit -meinem besten Freunde gemeinsam eine und dieselbe Adorata. Arm in Arm -zogen wir an ihrem Fenster vorbei, ohne daß sich jemals ein Gefühl -von Eifersucht in uns geregt hätte. Auch raubte uns diese ätherische -Huldigung weder den Appetit noch den Schlaf. Das Ganze war in der Tat -eine Kinderei, ein erstes, harmloses Vibrieren der Seele, und als uns -schließlich der Vater des gefeierten Mädchens ohne Verständnis für -unsere Ritterlichkeit bei dem Ordinarius der Klasse verdächtigte, so -überwog unsere Entrüstung, und wir beschlossen ohne jeden Herzenskampf, -die Tochter eines so barbarischen Vaters mit Verachtung zu strafen. -Ganz derselbe Freund hatte später in Prima eine Leidenschaft, die ihn -auf Jahre hinaus tief unglücklich machte und schließlich seinen Tod -herbeiführte. - -Es gilt hier also, zu unterscheiden und nicht vornehm ablehnend die -ernstesten Dinge, die ein Menschenherz zu bewegen imstande sind, mit -dem Leichten und Nichtigen über einen Kamm zu scheren. Das herrlichste -Mittel, die Leidenschaften zu lenken, ist ihr Verständnis. - - - - -Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs. - - -Es war in Sekunda. Die letzte der nachmittäglichen Unterrichtsstunden -neigte sich ihrem Ende zu. Da erhob sich mein Freund Wilhelm Rumpf aus -Gamsweiler -- derselbe, der später als neugebackener Primaner jenes -denkwürdige Rencontre mit dem Direktor Heinzerling zu bestehen hatte -- -und bat den Lehrer in der hergebrachten Weise um die Erlaubnis, »mal -hinausgehen zu dürfen«. - -Es fiel mir auf, daß Wilhelm, als ihm die Bitte gewährt wurde, ganz -gegen seine Gewohnheit nach der Mütze griff; -- bald aber sollte ich -den Grund dieser Maßregel erfahren ... Denn als Doktor Brömmel die -lateinischen Stilübungen glücklich beendet hatte und sich verabschieden -wollte, fand er die Tür des Schulzimmers von außen verschlossen. -Wilhelm Rumpf hatte, gleichsam als Vorstudie für sein künftiges -Attentat auf Samuel Heinzerling, ganz sachte den Schlüssel herumgedreht -und war dann, im Hochgefühl einer bedeutsamen Tat, schmunzelnd von -dannen gewandelt. - -In den Räumen Sekundas herrschte infolge dieser unerwarteten -Einkerkerung großer Tumult. Alles drängte sich eifrig heran und -versuchte zu öffnen. Die Schwächeren wurden in dem Gedränge zu Boden -geworfen, die Kecken und Rücksichtslosen teilten Püffe und Stöße aus, -und der Lehrer selbst geriet in Gefahr, von dem brandenden Ozean der -erregten Schuljugend mit fortgerissen zu werden. Nur mühsam und mit -Aufbietung aller Körper- und Geisteskräfte gelang es ihm, die Ordnung -so weit wieder herzustellen, daß er zum Worte kam. Zerstreut, wie er -war, hielt er uns folgende Ansprache: - -»Vor allen Dingen bitt' ich mir Ruhe aus! Ruhe, sage ich, oder es -geschieht ein Unglück! Boxer, der ganze Unfug scheint mir wieder von -Ihnen auszugehen! Ich rate Ihnen freundschaftlichst, treten Sie etwas -gelinder auf!« - -Boxer versuchte zu remonstrieren. - -»Gehn Sie auf Ihren Platz«, rief Brömmel mit Donnerstimme. »Ich will -mal sehen, ob ich den Urheber solcher Streiche nicht ausfindig mache! -Hutzler, Sie sollen sich setzen! Es ist unerhört, was man in dieser -Klasse erleben muß! Kurz und bündig: Wer hat die Tür da zugeschlossen? -Der Betreffende möge sich melden!« - -»Aber Herr Doktor,« versetzte Hutzler im Ton einer milden -Zurechtweisung, »der Schlüssel steckt ja von außen.« - -Allgemeines Gelächter. - -»Das ist wahr,« brummte der Lehrer, »daran dachte ich nicht. Nun, es -ist wahrlich nicht Ihr Verdienst, wenn Sie diesmal wider Erwarten -unschuldig sind. Jedenfalls ist der Täter ein ganz erbärmlicher Junge, -den ich exemplarisch bestrafen werde.« - -»Herr Professor,« begann Kleemüller, »das hat ganz bestimmt einer von -den nichtsnutzigen Primanern getan!« - -»Unsinn! die Primaner sind ernste, gesittete Leute! Ich wollte, Ihr -hättet halb so viel Anstand und Ehrgefühl!« - -»Dann war's einer aus Tertia!« rief Gildemeister. - -»Das ist hier zunächst indifferent. Vorläufig müssen wir zusehen, daß -wir hinaus kommen. Heppenheimer, gehn Sie mal hinunter und rufen Sie -den Pedellen!« - -Wir unterdrückten nur mühsam eine diabolische Heiterkeit. Heppenheimer -erhob sich und schritt mit komischer Grandezza der Tür zu. - -Jetzt erst erkannte Brömmel, wie seltsam er sich geirrt hatte. - -»Ja, so«, rief er in wachsendem Unwillen. »Wahrhaftig, man wird ganz -irre in dieser Umgebung. Setzen Sie sich, ich werde selbst gehen!« - -Eine Salve des tollsten Gelächters belohnte dieses neue Capriccio. - -»Ich will sagen,« verbesserte Brömmel stirnrunzelnd, »wir müssen -schleunigst den Pedellen zitieren ... Boxer, gehn Sie ans Fenster und -rufen Sie!« - -»Recht gern, Herr Professor«, erwiderte Boxer zuvorkommend. - -Er öffnete einen Flügel: - -»Herr Quaddler! Herr Gymnasialpedell! Herr Karzerverwalter! Herr -Leberecht Gottlieb Quaddler! Sie möchten doch gleich mal heraufkommen! -Hören Sie nicht? Quaddler! Der Herr Professor ruft!« - -»Lassen Sie Ihre Glossen«, zürnte der Lehrer, heftig aufstampfend. -»Rufen Sie einfach: Herr Quaddler! und damit basta!« - -»Herr Quaddler! und damit basta!« schrie Boxer aus vollem Halse. - -»Ich komme ja schon«, erklang die Stimme des ehrlichen Hausverwalters, -der eben mit einer Ladung von Kienspänen aus dem Holzstalle trat. »Was -wollen Sie denn von mir?« - -»Herr Quaddler! Sie sollen gleich mal herauf kommen! Hören Sie, Herr -Quaddler? Der Herr Professor ruft! Wir sind eingeschlossen, Herr -Quaddler! Eilen Sie sich, Herr Quaddler, sonst wird der Kaffee kalt! -Hören Sie, Herr Quaddler?« - -»Lassen Sie Ihr verdammtes ›Herr Quaddler‹!« rief Brömmel entrüstet. - -»Aber der Mann heißt doch so! Ich soll nicht Herr Gymnasialpedell -sagen, ich soll nicht Herr Karzerverwalter sagen ...« - -»Sie sollen das Maul halten!« schrie der Professor außer sich. - -»Auch gut«, versetzte Boxer demütig. - -Nach zwei Minuten ertönten auf dem Korridor Schritte. Gleich darauf -pochte es schüchtern ans Türgetäfel. - -»Herein!« rief der Professor zerstreut. - -Quaddler drückte zur größten Erheiterung von zweiundfünfzig übermütigen -Sekundanern auf die Türklinke. - -»Sie müssen den Schlüssel herumdrehen«, sagte Brömmel verdrießlich. -»Irgend ein frecher Wicht hat uns hier eingeschlossen.« - -»Was?« fragte Quaddler. - -»Den Schlüssel sollen Sie umdrehen!« schrie der cholerische Pädagoge. -»Sie scheinen heute wieder infam schwerhörig!« - -»Schwerhörig? Gewiß nicht, Herr Professor, aber da drüben in der Prima, -wo von vier bis fünf Englisch ist, wird ergebenst so laut gelacht, daß -man sein eigenes Wort nicht versteht.« - -»Enthalten Sie sich aller Bemerkungen und schließen Sie auf!« - -»Ja, Herr Professor, verzeihen Sie gütigst, wenn ich mir ganz ergebenst -erlauben darf zu vermerken, so wird das mit dem besten Willen nicht -möglich sein, weil der Schlüssel nicht steckt.« - -»Was? Auch das noch? Es ist empörend!« - -»Warten Sie mal, Herr Professor,« begann jetzt Boxer, indem er mit -der rechten Hand seine Tasche durchsuchte, »ich habe da meinen -Hausschlüssel bei mir, vielleicht paßt der ...« - -»Was? Ihren Hausschlüssel? Mit welchem Recht tragen Sie einen -Hausschlüssel bei sich? Wissen Sie nicht, daß Sie Punkt neun Uhr in -Ihrer Wohnung zu sein haben?« - -»Gewiß, Herr Professor! Aber man kann sich doch einmal wider Willen -verspäten. Wenn man zum Beispiel einen Onkel an die Bahn zu begleiten -hat ...!« - -»Ihre Onkels können bei Tag reisen. Dieser Hausschlüssel wirft ein sehr -bedenkliches Licht auf Ihre Gewohnheiten.« - -»Das ist wohl zu schroff geurteilt! Aber darf ich einmal die Probe -machen? Ich wette, er schließt!« - -»Meinetwegen, versuchen Sie's!« - -Boxer begann nun sehr geräuschvoll zu operieren. Natürlich erfolglos. - -»Herr Professor!« rief Hutzler nach einer Weile. »Ich muß schleunigst -hinaus! Ich fühle mich unwohl.« - -»So? Was fehlt Ihnen denn?« - -»Wir hatten Gurkensalat zum Rindfleisch, -- und jedesmal, wenn ich -Gurkensalat esse ...« - -»Gedulden Sie sich! Ich kann um Ihretwillen die Tür nicht eintreten -lassen!« - -»So erlauben Sie mir, daß ich durchs Fenster ...« - -»Ich glaube, Sie sind verrückt!« - -»Keineswegs, Herr Professor! Ich klettere einfach am Rohr der -Dachtraufe hinab.« - -»Und brechen den Hals!« - -»Nun, da wär' auch nichts weiter verloren! Sie haben mir ja so manchmal -gesagt ...« - -»Sparen Sie Ihre Worte! Sie bleiben hier, bis geöffnet ist! Quaddler! -sorgen Sie jetzt dafür, daß dieser Unfug ein Ende nimmt!« - -»Erlauben der Herr Professor ... Soll ich sozusagen den Schlosser -holen?« - -»Natürlich! Mit Ihren Fingern werden Sie bei der Sache nichts -ausrichten!« - -»Schön, Herr Professor. Welchen Schlosser soll ich denn holen?« - -»Das ist mir gleichgültig.« - -»Vielleicht den Kreiling?« - -»Himmelkreuzdonnerwetter, holen Sie, wen Sie wollen!« - -»So will ich den Kreiling holen. Der Burkhardt wohnt zwar bedeutend -näher ...« - -»Selbstverständlich holen Sie dann den Burkhardt.« - -»Belieben der Herr Professor ganz ergebenst vermerken zu wollen, der -Schmelzer wohnt aber noch näher!« - -Doktor Brömmel schlug mit der geballten Faust auf die Kathederfläche. - -»Sie sind ein Schafskopf! Augenblicklich machen Sie, daß Sie -fortkommen!« - -»O, Herr Professor ... Ich gehe ja schon«, sagte Quaddler beleidigt. - -Und hiermit tappte er langsam über den Korridor und die Stiege hinunter. - -Doktor Brömmel setzte sich, kreuzte nach Art Walthers von der -Vogelweide ein Bein mit dem andern und heuchelte eine wahrhaft stoische -Ruhe. - -»Ich werde die Frist benutzen, um Ihnen ein kurzes lateinisches -Exerzitium zu diktieren. Rüsten Sie sich zum Schreiben!« - -»Was?« rief Boxer pathetisch. »Das steht nicht im Schulprogramm!« - -»Wenn Sie sich noch ein einziges freches Wort erlauben, so schick' ich -Sie nach dem Karzer!« - -Boxer erhob sich. - -»Frech zu sein ist meine Gewohnheit nicht; aber in aller -Bescheidenheit ...« - -»Sie lernen mir zur Strafe den ersten Gesang der Odyssee auswendig. Ich -will Sie lehren, meine pädagogischen Maßnahmen Ihrer unreifen Kritik zu -unterwerfen! -- Still jetzt dahinten! Ich beginne mit dem Diktat!« - -Er legte die Arme gleichmütig vor die Brust und hub an, wie nachstehend: - -»Gönne die Reichtümer den Reichen und ziehe die Tugend den Reichtümern -vor!« - -»Wie?« fragte Knebel. »Was soll man vorziehen?« - -»... Und ziehe die Tugend den Reichtümern vor«, wiederholte Brömmel mit -eisiger Kälte. - -Die Federn kritzelten hastig übers Papier. - -»Wenn ich die Lehren der Weisheit verschmähe und noch im reiferen Alter -wie ein Kind nach den Zerstreuungen des Augenblicks hasche, so bin ich -albern ... Das letzte Wort geben Sie mit ~ineptio~, ~ineptire~.« - -»So bin ich was?« fragte Knebel. - -»Albern sind Sie,« versetzte Brömmel, -- »im höchsten Grade.« - -»Gehört das mit ins Diktat?« - -»Ja, +Sie+ können sich's mit ins Diktat setzen! Heppenheimer, warum -schreiben Sie nicht?« - -»Ich bin fertig.« - -»So? Zeigen Sie einmal her!« - -Mit siegesgewissem Lächeln reichte Heppenheimer sein Blatt hin. - -»Was ist das für eine erbärmliche Schmiererei?« - -»Das ist Stenographie.« - -»So? Stenographie? Auch wieder so ein Mittel, um den Lehrer zu -hintergehen! Ich muß Ihnen sagen, daß ich von solchen Geheimschriften -absolut kein Freund bin. In meinen Stunden wird so geschrieben, daß es -jedermann lesen kann!« - -»Das kann jedermann lesen, -- vorausgesetzt natürlich, daß er's gelernt -hat. Auch die gewöhnlichste Schrift ist nur dem leserlich, der sie -versteht.« - -»Lassen Sie Ihr Geschwätz, und schreiben Sie weiter!« - -Noch drei oder vier Sätze brachten wir so zu Papier. Dann fingen wir -an, die denkwürdigen Phrasen ins Lateinische zu übertragen. - -»Boxer, warum schreiben Sie nicht?« - -»Ich habe Kopfweh! Sechs Stunden Gymnasium sind mir gerade genug.« - -»Sie lernen mir jetzt auch den zweiten Gesang der Odyssee auswendig!« - -»Damit sich mein Kopfweh noch steigert? Damit ich schließlich eine -Gehirnentzündung bekomme?« - -»Kein Wort mehr, oder ich weise Ihnen die Tür!« - -Die Klasse begann wieder zu lachen. Auch Boxer konnte nicht umhin, sich -trotz seines Kopfwehs aufrichtig zu beteiligen. - -»Was? Sie wollen mir hier Gesichter schneiden? Augenblicklich gehn Sie -hinaus!« - -»Gern, Herr Professor, sobald der Quaddler mit dem Schmelzer gekommen -ist.« - -»Ja so ... Der Mensch bleibt in der Tat über alle Begriffe lang'! -Heppenheimer, sehen Sie mal nach ... Das heißt ... Ich will sagen ... -Es ist gut! Halten Sie sich an die Arbeit!« - -So verstrich eine Viertelstunde. Da knarrte es auf den Dielen des -Korridors. - -»Herr Professor, der Schmelzer war nicht zu Hause, und damit Sie nicht -so lang warten müssen und denken, ich bin etwa nachlässig im Dienst, -so wollte ich mir erlauben, Ihnen dies kurz zu melden. Ich gehe jetzt -gütigst zum Burkhardt.« - -»Sie sind der bornierteste Mensch, der mir je vorgekommen!« wetterte -Brömmel in heller Verzweiflung. »Denken Sie, ich habe Lust, hier bis -morgen früh Quarantäne zu halten?« - -»Aber der Herr Professor werden so frei sein ... insofern Sie mir doch -gesagt und vermeldet haben, und der Schmelzer doch ganz in der Nähe -wohnt ...« - -Brömmel verließ den Katheder und stürmte in ohnmächtigem Zorn nach der -Tür. Mit geballter Faust schlug er wider die Bretter. - -»Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß die Tür uns trennt«, ächzte er, kaum -noch der Sprache mächtig. - -»Gott verzeih' mir die Sünde, der Herr Professor sind ja furchtbar -erregt! Da will ich mich doch recht beeilen, damit ich ja zur -pünktlichen Zeit wieder da bin!« - -Und fort war er, ehe Brömmel etwas erwidern konnte. - -Wilhelm Rumpf hatte sich bis dahin abseits im Hofe herumgetrieben und -die Situation auskundschaftet. Er benutzte den günstigen Moment, um -unbemerkt den Schlüssel wieder ins Schloß zu stecken. - -Brömmel saß inzwischen, von heftigen Gemütsbewegungen hin und her -geschüttelt, auf dem Lehrstuhl. Sein ganzer Habitus verriet, daß -er alle moralische Kraft aufwenden mußte, um nicht in schäumende -Wut auszubrechen. Mit den Fingern der rechten Hand trommelte er in -heftigem Dreivierteltakt auf die Kathederfläche. Ab und zu nickte er -verzweiflungsvoll lächelnd vor sich hin, als wollte er sagen: »Sehr -gut, wirklich, ganz ausgezeichnet! So etwas kann auch nur in Sekunda -passieren!« Dann warf er wieder den Kopf in den Nacken und zuckte die -Achseln. »Die ganze Sache«, so ließ sich diese Geste interpretieren, -»ist mir zu erbärmlich, um mich darüber zu ärgern. Dumme Jungens seid -Ihr allesamt, den Quaddler mit eingerechnet! Wenn ich doch endlich -einmal dieses Gymnasium mit seinen fatalen Auftritten los wäre! -- Aber -die Professur an der Hochschule will noch immer nicht kommen, trotz -meiner epochemachenden Studie über das griechische Medium! Das wahre -Verdienst wird niemals erkannt! Fluch über dies Zeitalter!« - -Endlich, endlich erschien Quaddler mit dem sehnsuchtsvoll erwarteten -Burkhardt. - -Der Schlossermeister war im höchsten Grad ungehalten. - -»Sie denken, ich kann um jede Lumperei abkommen«, sagte er noch im -Treppenbau. »Es ist jetzt verdammt schlimme Zeit: die Gesellen sind -fort, und der Lehrbub versteht nichts. Um ein Schloß aufzumachen, läuft -man nicht so ohne weiteres drei Meilen weit. Die paar Kreuzer machen -die Suppe nicht fett!« - -»Aber erlauben Sie gütigst,« erwiderte Quaddler, »das gehört doch -sozusagen in Ihr Geschäft, und wo die Pflicht Ihres Amtes ...« - -»Ach was,« versetzte Burkhardt, »ich habe kein Amt, und der Teufel -soll's holen, wenn ich alle Naselang aus der Werkstatt geholt werde! -Das nächste Mal setz' ich Ihnen zwei Gulden auf Rechnung. Ich danke -dafür, den halben Nachmittag zu vertrödeln, wenn die Leute einmal einen -Schlüssel verlegen.« - -So traten sie vor die Tür. - -»Aber was wollen Sie denn eigentlich?« schrie Burkhardt, den armen -Quaddler wütend am Arme schüttelnd. »Da steckt ja der Schlüssel! -Himmelschockmillionendonnerwetter, denken Sie vielleicht, Sie können -mich hier, wie ein böser Bube, zum Narren halten?« - -»Ja, aber bester Herr Burkhardt, das geht nicht mit rechten Dingen zu! -Vorhin stak der Schlüssel nicht, das kann ich beeidigen.« - -»So? Können Sie das beeidigen? Na, mir sollen Sie wieder kommen mit -Schlösseraufmachen! Einen alten Hund werde ich tun, aber nicht wieder -mit Ihnen herlaufen, Sie alter, versoffener Pfannenschmied!« - -Der Schlossermeister eilte fluchend die Treppe hinab. Quaddler aber -stand wort- und regungslos da, eine männliche Niobe. - -»Nun, wird's bald?« rief Doktor Brömmel, an der Türklinke rüttelnd. - -Der Pedell seufzte. Dann drehte er in völlig geknickter Stimmung den -Schlüssel um. - -»Hören Sie,« begann Doktor Brömmel in strafendem Tone, »ich glaube, -Sie selbst haben in Ihrer bodenlosen Zerstreutheit den Schlüssel da -abgezogen! Ich hasse nichts mehr als die Zerstreutheit. Wiederholt sich -dergleichen, so werde ich dafür sorgen, daß Ihnen von höchster Stelle -aus ein Verweis erteilt wird.« - -»Herr Professor, so wahr ich hoffe, dereinstens selig zu werden ...« - -»Das kann jeder sagen.« - -»Das finde ich auch«, meinte Boxer. »Wie die Dinge liegen, kann nur -Herr Quaddler die Tat verübt haben.« - -»Da hören Sie's«, eiferte Brömmel. - -»Aber ich will augenblicklich des Todes sterben ...« - -»Schweigen Sie! Nur von außen kann der Schlüssel herumgedreht worden -sein, und Sie allein sind draußen gewesen. Ihr hartnäckiges Leugnen ist -geradezu abgeschmackt. Ich werde dem Herrn Direktor nunmehr sofortige -Anzeige machen.« - -Wilhelm Rumpf, der diese Verhandlungen aus einer Ecke des Korridors mit -anhörte, verspürte bei den strengen Worten des Professors etwas wie -Mitleid. So trat er denn plötzlich ins Schulzimmer und rief atemlos: - -»Ach, Herr Doktor, ich bin rein außer mir! Wie ich vorhin das Zimmer -verließ, war ich so in Gedanken, daß mir ein Unglück passierte. Ich -glaubte, ich wäre daheim. Denn wissen Sie, Herr Professor, Sie sprechen -gerade so, wie mein Hauswirt ... Ich weiß selbst nicht, wie es gekommen -ist ... In der Zerstreutheit zog ich den Schlüssel ab ...« - -»Knebel, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Rumpf wegen groben Unfugs mit -einem Tage Karzer bestraft‹. Wenn Sie wieder ein Märchen aushecken, so -lügen Sie weniger ungeschickt!« - -»Ein Märchen?« rief Wilhelm im höchsten Pathos. »Ich rede die Wahrheit! -Wer sich schuldig fühlt, der bleibt im Verborgenen! Ich aber trete kühn -vor Sie hin, um den Quaddler vom Verdacht zu befreien ...« - -»Ach ja, Herr Rumpf,« murmelte Quaddler gerührt, »das ist wirklich -recht schön von Ihnen! Ich hab's ja immer gesagt, der Rumpf ist gar so -kein übler Schüler nicht.« - -»Es bleibt dabei«, sagte Brömmel, den Hut aufsetzend. »Wenn Sie -wirklich so über alle Begriffe zerstreut sind, wie Sie behaupten, so -geben Sie künftighin besser acht! Ich kann die Zerstreutheit nicht -leiden! Und Sie, Quaddler, werden von jetzt ab den Schlüssel inwendig -stecken lassen. Wenn uns dann jemand einschließt, können wir wenigstens -öffnen, ohne den Schlosser zu rufen. Adieu!« - -»Seien Sie ruhig, Herr Rumpf,« flüsterte Quaddler beschwichtigend, »ich -will Ihnen die zwölf Kreuzer Pedellengebühren für den Tag Karzer nicht -anrechnen!« - - - - -Eindrücke aus dem Karzer. - - -Noch in Tertia hatte das Wort Karzer für unsere Ohren etwas -Dämonisch-Furchtbares. Wir glaubten synonyme Anklänge an »Schafott« -oder »Bagno« herauszuhören. Die wenigsten von uns hatten die -geheimnisvollen Räume, die der Pedell Quaddler mit seinen riesigen -Schlüsseln verwahrte, auch nur zu Gesicht bekommen, denn die -Karzerstrafen gehörten in Tertia zu den größten Seltenheiten. Man -züchtigte unsere kleinen Vergehen einfach durch sogenanntes Nachsitzen, -d. h. man sperrte uns nach Schluß der Unterrichtsstunden in ein -Schulzimmer. Diese Methode ward bei leichteren Vergehen auch in Sekunda -noch angewendet. Nur Prima besaß das Privilegium der ausschließlichen -Karzerverbüßung; daher denn in Sekunda diejenigen Schüler, welche -»hinauf« unter die Botmäßigkeit des Pedells wandelten, mitleidig auf -die bloßen Nachsitzer herablächelten. - -In Sekunda nämlich ging mit den stillen Tertianern eine eigentümliche -Wandlung vor. Das System der Doppelklassen übte hier seine -antipädagogische Wirkung. Wenn die Oberstudienräte alles aufböten, -um die Schüler zu demoralisieren, so könnten sie keine praktischere -Einrichtung treffen, als diese zweijährige Dienstzeit. Sexta, -Quinta, Quarta und Tertia waren auf einen Kursus von nur einem Jahre -berechnet; in Sekunda aber rückten jedesmal zu Ostern die Tertianer -als Untersekundaner ein, während die bisherigen Untersekundaner -zu Obersekundanern emporstiegen. Der Unterricht fand gemeinsam in -demselben Raume statt. ~In litteris~ ward durch diese Verschmelzung -manches gewonnen: schon der Umstand, daß man auf diese Weise dem -Wetteifer der Jüngeren mit den Älteren ein weites Feld eröffnete, -darf nicht unterschätzt werden. ~In moribus~ aber verhielt sich die -Sache umgekehrt. Es gab keine schroffere Kluft, als die zwischen dem -respektvollen Tertianer und dem kecken, krawallsüchtigen Schüler -Sekundas. Mit Staunen und Neid sah der zum Untersekundaner avancierte -Tertianer die edle Ungebundenheit seiner neuen Mitschüler, und schon -nach wenigen Tagen regte sich der Nachahmungstrieb. Derselbe Wetteifer, -der auf dem Gebiete der Wissenschaft Gutes erzielte, lieferte auf dem -des Betragens die unbequemsten Resultate. Man beobachtete, daß die -Phrase: »Sie gehn mir einen Tag auf den Karzer!«, die in Tertia von -geradezu niederschmetternder Wirkung gewesen wäre, hier fast ohne -Einfluß auf das seelische Gleichgewicht der betroffenen Märtyrer blieb. -Man konstatierte, daß diese Obersekundaner absolut aufgehört hatten, -an die Furchtbarkeit des diabolischen Schrecknisses zu glauben. Und -so verschwand denn auch bei uns Jüngeren rasch die letzte Spur jener -Karzer-Religiosität, die uns in Tertia so magisch gebannt hatte. Der -Mensch, der die physikalischen Gesetze des Gewitters kennen lernt, -hört auf, vor dem ~Jupiter tonans~ zu bangen; die Vertrautheit, welche -der Astronom mit den Problemen der Verfinsterungen bekundet, tötet -die heilige Scheu vor dem Schwinden des Sonnenballs. So verloren -auch wir den geheimen Schauder, nachdem wir die Erfahrung gemacht -hatten, daß sterbliche Menschen, wie wir, ganz behaglich mit diesem -Orkus verkehrten und ohne Herzenskrämpfe den Nachen Charon-Quaddlers -bestiegen. - -Es war gerade vier Wochen nach Antritt meiner Sekundanerschaft, als -ich zum erstenmal für sechs Stunden »unter das Dach« verbannt wurde. -Ich hatte, wegen einer kleinen Störung von »vier bis fünf« im Arrest -behalten, diese Zeit der Knechtung dazu benutzt, in Gemeinschaft mit -zwei Leidensgefährten sämtliche Kleiderhaken des Schulzimmers um -ihre Achse zu drehen, ein Prozeß, der mit einer radikalen Zerstörung -identisch war. Noch begreife ich nicht, wie unsere Naivität hoffen -mochte, die Tat werde unbestraft bleiben. Denn Quaddler, der -gewissenhafteste Pedell seines Jahrhunderts, hatte uns sorgfältig -eingeriegelt, so daß also die Unmöglichkeit, einen unbekannten ~Quidam~ -für die Zerstörung des Gymnasialeigentums verantwortlich zu machen, -jeder logischen Natur einleuchten mußte. Nur eine Persönlichkeit -existierte, der wir unseren Frevel aufbürden konnten: Quaddler selbst, -der jedesmal nach Entlassung der Arreststräflinge das Lokal reinigte. -Dieser höchst unwahrscheinliche Ausweg mochte unserem Zerstörungstrieb -hinreichend bedünken. Kurz und gut, wir hatten die verbrecherische -Abdrehung ohne jede Besorgnis vor den möglichen Folgen bewerkstelligt, -und mit siegesgewissem Lächeln zogen wir, als die Stunde unserer -Haft zu Ende war, an dem öffnenden Quaddler vorüber ins Freie. Der -brave Pedell entdeckte natürlich sofort, was seine Schutzbefohlenen -gesündigt; und ehe er des folgenden Tages zum drittenmal geläutet -hatte, waren wir angezeigt. Mit blödem Zynismus wagten wir, unser -Vergehen in Abrede zu stellen. Aber Quaddler stand zu fest in der -Hochachtung seiner Gebieter, als daß man sein Zeugnis bezweifelt hätte. -So räumten wir denn endlich ein, was nicht länger zu leugnen war, und -ernteten als Lohn die beregte sechsstündige Karzerstrafe. - -Es war doch ein eigentümliches Gefühl, als man so die enge Treppe -hinaufwandelte und zum erstenmal die kahlen, weiß gestrichenen Eingänge -der Zellen erblickte! - -Quaddler war bei solchen Anlässen stets von ausgezeichneter Höflichkeit. - -»Wollen die Herren Sekundaner nur hereinspazieren«, sagte er mit einer -chevaleresken Handbewegung; »und dann möchte ich mir gütigst erlauben, -daß Sie ja nicht zu viel klingeln, indem von wegen der Störung, weil -nämlich die Herren Lehrer, insofern sie den Unterricht erteilen, bei -fortwährendem Geklingel nicht fortsetzen können.« - -Er hatte seine guten Gründe, der ehrliche Quaddler, warum er die -Karzer-Delinquenten stets so höflich apostrophierte. Von jeder Stunde, -die wir verbüßen mußten, erhielt er einen Kreuzer süddeutscher Währung, -und ich versichere feierlichst, er stand sich nicht übel bei diesem -Zuschuß! Mit edler Pflichttreue brachte er jeden Verstoß gegen die -Gymnasialgesetze zur Anzeige, und ehe ein Frevler gezüchtigt war, -kannte seine moralische Entrüstung keine Grenzen. Sobald aber der -Mund des Lehrers die Strafe diktiert hatte, sobald war das sittliche -Bewußtsein im Busen Quaddlers befriedigt, und er kehrte die volle -Schönheit seiner Humanität heraus. Ja, er empfand etwas wie Liebe für -seine Sträflinge; nur mußte man sich völlig der Hausordnung fügen, denn -in diesem Punkte war er Pedant. - -Er öffnete also und ließ uns eintreten in die Hallen der stummen -Verbannung. Wohl gemerkt: jeden einzelnen in ein besonderes Lokal; denn -gerade durch das System der Einzelhaft unterschied sich der Karzer von -dem milderen Arrest. - -Die Türen fielen krachend ins Schloß, die Schlüssel drehten sich um -- -fast so geschwind wie jene unglückseligen Kleiderhaken --, Quaddler -tappte wuchtigen Trittes nach der Türe der Vorflur, schloß auch diese -und eilte die Treppe hinunter. - -Da saßen wir denn zum erstenmal auf dem Karzer! Das Krachen des -Schlüsselumdrehens war das Totenlied unserer Freiheit gewesen. - -Verglichen mit dem Arrest, durfte der Karzer für eine weit -entschiedenere Absperrung von der bürgerlichen Gesellschaft gelten. -Während jener Stunde, die wir zur Abdrehung der Kleiderhaken benutzt -hatten, war, wie manchesmal, eine Erholungspause mit behaglichem -Fensterschauen verbracht worden. Hier, wo sich das einzige Fenster hoch -an der Decke befand, war diese Zerstreuung um so weniger zu erreichen, -als das Fenster durch ein starkes Gitter vor unseren Zudringlichkeiten -geschützt war. Auch die sonstige Einrichtung unserer Zelle erschien -minder behaglich als die Räume Sekundas. Ein kleines, weiß getünchtes -Stübchen, dessen einziges Ameublement in einer Pritsche, einem Tisch -und einem Stuhle bestand! Und die Pritsche war hart, und der Stuhl war -noch härter! Auf dem Tische nahmen sich die wenigen Bücher, die wir -mitgebracht hatten, schrecklich verödet aus, und der kleine, schwarze -Ofen in der Ecke schien vor Melancholie verrosten zu müssen ... - -Eine Weile übte dieser erste Eindruck auf unsere Lebensgeister seine -abdämpfende Wirkung aus; nach und nach jedoch erwachten wir zum frohen -Bewußtsein, daß sechs Stunden keine Ewigkeit sind, und das erste -Symptom dieser neu sich regenden Elastizität war ein Ruf an die Adresse -des Nachbars. - -»Du, Knebel, hier ist's äußerst gemütlich! Wie ist's bei Dir?« - -»Famos«, antwortete Knebel. - -Jetzt vernahm ich auch die undeutliche Stimme des dritten Dulders, -dessen Zelle von der meinen durch die Knebels getrennt war. Es gewährte -mir eine besondere Genugtuung, mit diesem fernen Freunde durch das -Medium Knebels zu korrespondieren. - -»Du, Knebel!« - -»Was?« - -»Frag' mal den Scholz, was er treibt.« - -Alsbald telegraphierte Knebel weiter: - -»Du, Scholz, was treibst Du eigentlich?« - -Ein dumpfer Klang war die Antwort, und alsbald gab mir Knebel zurück: - -»Nichts.« - -»Ganz mein Fall«, sagte ich freudig erregt. - -Pause. - -»Du, Knebel!« - -»Was?« - -»Ich klingle jetzt!« - -»Gut!« - -Und nun zog ich die Klingel. - -Es dauerte einige Minuten; dann klirrte die Tür der Vorflur, und -Quaddler erschien vor den Zellen. - -»Wer hat geklingelt?« fragte er unwillig. - -»Ich, Herr Quaddler, ich«, rief ich, an die Tür pochend. - -»Ich bin ja kaum zehn Minuten drunten«, gab Quaddler zur Antwort. »Was -wünschen Sie?« - -»Ach, Herr Quaddler, mir ist auf einmal so schlecht geworden. Bitte, -lassen Sie mich gleich mal hinaus.« - -Quaddler brummte etwas in den Bart und drehte den Schlüssel um. - -»Ich sag' Ihnen, Herr Quaddler, ich hab' ein solches Leibweh bekommen! -Ich kann den Geruch der Tünche nicht recht vertragen. Sie täten -wirklich besser, wenn Sie die Karzerzellen tapezieren ließen.« - -»Das wäre gütigst zu kostspielig«, versetzte Quaddler ärgerlich. -»Machen Sie jetzt nur mal, daß sie fertig werden und wieder -hineinkommen. Ich habe dringende Geschäfte.« - -»Ja, Herr Quaddler, das ist alles ganz gut, aber ich kann doch -unmöglich ...« - -»Ach, die Herren Sekundaner haben allzeit eine Ausrede ...« - -Ich blickte mich jetzt auf der Vorflur um und sagte dann wohlwollend: - -»Die Schränke da gehören wohl Ihnen? Sehr schöne Schränke, wirklich -ganz ausgezeichnete Schränke. Es sind wohl Kleiderschränke?« - -»Sozusagen teilweise«, erwiderte Quaddler sichtlich geschmeichelt. -»Aber machen Sie jetzt nur rasch. Ich habe sehr wenig Zeit ...« - -Ich trat an einen der Schränke heran und befühlte ihn. - -»Echtes Eichenholz«, sagte ich mit Kennermiene. »Wirklich, Herr -Quaddler, ich beneide Sie. Wo haben Sie die Schränke eigentlich her?« - -»Erlauben Sie gütigst, die Pflicht meines Amtes ... Ich kann mit dem -besten Willen nicht zugeben ... Wollen Sie jetzt ... oder wollen Sie -nicht ...?« - -»Aber ich werde doch einmal Ihre Schränke betrachten dürfen ...« - -»Wenn Sie heute abend Ihre Strafe verbüßt haben, will ich mir gütigst -erlauben, Ihnen die Schränke in allen Einzelheiten zu zeigen. Aber -jetzt, inwofern Sie wirklich die Absicht haben ...« - -»Es ist hier draußen viel bessere Luft als drinnen«, sagte ich, auf ein -anderes Thema ablenkend. - -»O, da drinnen ist ganz gute Luft; und wenn die Herren Sekundaner die -Haken abreißen, so ist die Luft längst schön genug, und ich muß jetzt -in allem Ernste bitten, sich gefälligst beeilen zu wollen. Da schlägt's -schon ein Viertel ...« - -»Ein Viertel! Wahrhaftig! Man soll's gar nicht sagen, wie doch die -Zeit vergeht! Überhaupt, wenn man bedenkt ... Wissen Sie noch, Herr -Quaddler, wie ich in Quarta saß ... Ich meine, das wäre erst gestern -gewesen!« - -»Wie Sie in Quarta saßen, hatten Sie gütigst viel weniger tolle -Streiche im Kopfe, und wenn Sie ergebenst meinen, Sie könnten mich hier -zum Narren halten, so werde ich dem Herrn Professor mitteilen, daß Sie -immer sagen, Sie hätten Leibweh und könnten die Tünche nicht vertragen, -und nachher von Quarta sprechen und doch nicht hineingehen.« - -Mit diesen Worten trat er an die Tür der Zelle. - -»Wollen Sie jetzt, oder wollen Sie nicht?« - -»Es ist wirklich merkwürdig, Herr Quaddler,« sagte ich, tief Atem -holend, »die kühle Luft hier draußen hat mich auf wunderbare Weise -gestärkt. Es ist mir gar nicht mehr übel, und wenn Sie erlauben, -verfüge ich mich wieder in meine Zelle.« - -»Sie werden ja sehen, was Sie sich anrichten.« - -»Aber zum Donnerwetter, wenn sich mein Leibweh doch gebessert hat! Soll -ich denn nur, um Ihnen einen Gefallen zu tun ...« - -»Was? Donnerwetter wollen Sie sagen? Ei, zum Donnerwetter, das laß ich -mir nicht gefallen. Wofür halten Sie mich? Marsch in die Zelle!« - -»Quaddler, Quaddler, werden Sie nicht unangenehm.« - -»Ach, ich bin's müde, mich von Ihnen hänseln zu lassen!« Und krach! -flog die Tür zu, und brummend schlich der ehrliche Schließer von dannen. - -Abermals ein kurzes Zwiegespräch mit dem trefflichen Knebel. - -»In zehn Minuten ist die Reihe zu schellen an mir«, rief er jauchzend. -»Der Quaddler soll doch wissen, wofür er das schwere Karzergeld -einheimst.« - -Ich benutzte die Frist bis zur nächsten Quaddler-Episode, um mich im -Innern meiner Zelle etwas gründlicher umzusehen. - -Wenn ich die Mauern meines Verließes vorhin »weiß getüncht« nannte, -so war dies insofern inkorrekt, als die ursprüngliche Reinheit des -Kolorits längst einem Zustande schwarz gesprenkelter Unsauberkeit -Platz gemacht hatte. Da existierte kaum ein Fleckchen, wo nicht ein -Tintenklex, eine Inschrift oder eine groteske Zeichnung prangte, so daß -einzelne Partien der Wandfläche den Eindruck einer fast regelmäßigen -Marmorierung hervorriefen. - -Ich trat näher herzu: Hunderte von Vorgängern hatten hier eine beredte -Erinnerung an durchlittene Stunden zurückgelassen ... Ich bekenne, daß -mich dieser augenscheinliche Beweis von dem ~socios habuisse malorum~ -äußerst behaglich anmutete. Und dabei ersah ich aus den meisten dieser -Ergüsse, daß die Schmerzen des Karzers keineswegs den guten Humor -schädigten: eine Wahrnehmung, die sofort in meinem eigenen Busen -verwandte Regungen weckte. - -Da stand z. B. in großen lateinischen Lettern, fast unmittelbar an der -Decke: - - Weil ich den Schmidt am Haar gezerrt, - Hat Bosheit mich ins Loch gesperrt. - - +Meier.+ - -Und gleich daneben von derselben Hand: - - O Heinzerling, Du schuldest meine Pein, -- - Die Götter mögen gnädig Dir verzeihn! - -Ein Ungenannter verstieg sich zu folgendem Stoßseufzer: - - Führt denn gar kein Weg, - Führt denn gar kein Steg - Aus der Prima schnödem Tartarus, - Wo der Herr Scholar, - Weil er kneipen war, - Ganze Tage stumm verschmachten muß! - -Darunter in schöner Frakturschrift: - - ~Vae victis!~ - -Und hiervon links: - - ~Illi robur et aes triplex circa pectus erat, qui primus - fragilem discipulum carceri commisit.~ - -Ein gewisser Ittmann, künftiger Philologe von Fach, hatte einen Vers -des Tyrtäus in den Kalk eingekratzt und dann die Vertiefungen mit -Rotstift bemalt, so daß da fast in der Weise einer pompejanischen -Mauerinschrift zu lesen war: - - Ὥσπερ ὄνοι μεγάλοις ἄχδεσι τειρόμενοι. - -Zu deutsch: - - Wie die Esel seufzen wir unter den schrecklichsten Lasten. - -Auf der entgegengesetzten Wand las ich die schwungvollen Verse: - - Mein Schicksal war ein Zechgelag, - Nun schmacht' ich in des Karzers Kette; - Doch wärst Du hier, geliebte Henriette, - Des Orkus Nacht verklärte sich zum Tag. - -Ganz ähnlich hatte sich mein Mitschüler Schwarz vernehmen lassen, der -ausnahmsweise bereits in Tertia »unter das Dach« geschafft worden war. -Er schrieb: - - O Fanny, himmlisches Mädchen, wenn Du, Engelgleiche, mich - lieben wolltest, ich ließe mich gern Zeit meines Lebens hier - einsperren. - - Dein treuer Seelsorger - +G. Schwarz+. - -In kecken Lettern prangte unmittelbar darunter folgender Passus: - - Wilhelm Rumpf, weil er dem ~Dr.~ Klufenbrecher Kirschkerne - unter den Stuhl gelegt hat, mit acht Stunden Karzer bestraft. - Gott, wie wenig! - -Ein Jüngling namens Fresenius ließ sich also vernehmen: - - O Karzer, stiller Raum, - Du meiner Sehnsucht Traum, - Du Wiege meiner Leiden, - Um sieben müssen wir scheiden. - -E. P. aus L. schrieb das Nachstehende: - - Wie, schnöder Quaddler, Du weigerst Dich, zu öffnen, wenn ich - klingele? Wahrlich, ich klingele nicht aus Übermut, sondern aus - Not ... Nun, ich spreche mit einer leichten Variation des Horaz: - - ~+Aquam+ memento rebus in arduis servare.~ - -Das waren so die pikantesten und witzigsten Scherze dieser -Wandliteratur. Andere Aufzeichnungen entbehren der Pointe, wie z. -B. die echt sekundanerhafte Lobrede auf des Pedells liebreizendes -Töchterlein: - - ~Anny Quaddler est virgo venustissima, dulcissima, - placentissima. Basia ei dare velim quam plurima. Pedes habet - elegantissimos, genua rotundissima et cetera.~ - -Natürlich fehlten auch die gröberen Lästerungen, Zynismen und -Cochonnerien nicht. Es hat von jeher eine stark verbreitete Sorte -von Schülern gegeben, die den Mangel an Esprit und Humor durch -einen scharf ausgeprägten Kultus der Zwei- und Eindeutigkeiten zu -ersetzen suchen, geistlose Zotenjäger, die in jedem Kleiderhaken -einen Phallus erblicken, ohne imstande zu sein, ihre Sottise in ein -erträgliches Epigramm zu kleiden. Auch diese Dunkelmänner hatten -reichlich zur Beklecksung der Karzerwände beigetragen; aber es fehlte -ihren Skripturen auch jene bescheidene Dosis von Salz, die man einem -christlich-germanischen Sekundaner zumuten darf. - -Ich wurde aus meinen Betrachtungen durch Knebels Geklingel jählings -emporgeschreckt. Drei Minuten später ertönten auf dem Korridor wieder -die Schritte Quaddlers. Knebel begann ein entsetzliches Ächzen und -Stöhnen. - -»Ach, Herr Quaddler, ach, um Himmels willen, was ist mir so schlecht! -Machen Sie schnell auf! Ich muß mich fürchterlich übergeben! Schnell, -schnell! Ach du lieber Gott, ist mir schlecht!« - -»Herr Knebel,« begann Quaddler mit einer Stimme, aus der man sein -olympisches Stirnrunzeln hervorlas, »ich sage Ihnen, ohne Scherz, wenn -Sie mir so kommen, so werden Sie sich ergebenst täuschen.« - -Knebel stieß einige ganz entsetzliche Würgtöne aus und bat dann von -neuem in kläglichster Melodie um Öffnung der Zelle. - -Wütend stieß Quaddler die Tür auf. - -»Gott sei Dank! Das war gerade zur rechten Zeit. Ach, Herr Quaddler, -was ist mir so schlecht! Lassen Sie mich nur ein Viertelstündchen -hinaus.« - -»Das geht nicht«, versetzte der Pedell, durch die Naturwahrheit, mit -welcher Knebel seine merkwürdige Rolle spielte, stutzig gemacht. - -»So holen Sie mir rasch etwas frisches Wasser«, stöhnte der Heuchler, -von neuem glucksend und gröhlend. »Ach, wenn das meine Mutter wüßte! -Ach Gott, wie ist mir so schlecht!« - -»Gut, das Wasser sollen Sie haben. Aber das sag' ich Ihnen, treiben Sie -mir nicht die Sache zu weit, und ulken Sie mich nicht alle Augenblicke -herauf. Ich bin nicht zu Ihrer Bedienung da, das müssen Sie sich nicht -einbilden.« - -Mit diesen Worten entfernte er sich. Die Zelle Knebels hatte er offen -gelassen; der Verschluß des Korridors genügte ja! Knebel aber hatte -nichts Eiligeres zu tun, als mir und unserem Kameraden Scholz das -Verließ zu öffnen und so auf der geweihten Domäne Quaddlers eine -Dreimännerversammlung höchst revolutionärer Art ins Leben zu rufen. -Unsere Verabredungen waren in Kürze getroffen. Scholz versteckte sich -hinter einem der Schränke, nachdem wir vorher seine Zelle sorgfältig -verschlossen hatten. Ich selbst begab mich in mein Gefängnis zurück -und wartete, bis Knebel seine Übelkeitsangelegenheiten geordnet hatte. -Dann, um der Möglichkeit einer Visitation bei Scholz vorzubeugen, -klopfte ich und bat mir ebenfalls ein Glas frisches Wasser aus, wobei -ich durch allerlei gekünstelte Phrasen die Ungeduld Quaddlers so sehr -steigerte, daß er schwur, er werde nicht mehr heraufkommen, und wenn -wir die Klingel abrissen. - -Weiter wünschten wir nichts. - -Nachdem Quaddler verschwunden war, trat Scholz aus seinem Versteck -heraus, drehte die Schlüssel unserer beiden Zellen um, und siegesfroh -sanken wir uns an die brüderlich klopfenden Herzen. Ein brillanter Skat -(Scholz trug immer die Karten bei sich) vereinigte uns für den Rest -unserer Strafzeit in fröhlicher Ungezwungenheit. Einmal noch hatten -wir, nachdem wir alle nötigen Vorbereitungen getroffen, den Pedell -herauf zitiert; unsere dauernde Ruhe hätte seinen Verdacht erregt. -Im übrigen blieben wir unbehelligt. Und so endete denn unser erstes -Karzererlebnis in jeder Hinsicht befriedigend. - - * * * * * - -Mein zweiter Aufenthalt in »Quaddlers Dachkammern« steht mir -nicht minder klar im Gedächtnisse wie mein Debüt. Späterhin haben -die Eindrücke sich verwischt. Die »halben« und die »ganzen« Tage -wiederholten sich zu massenhaft, als daß jede einzelne Perle dieses -Rosenkranzes in meiner Erinnerung aufgezeichnet sein könnte. Damals -aber war meine Seele in Karzerangelegenheiten so jungfräulich, daß -selbst das geringste Ereignis eine unauslöschliche Spur zurückließ. - -Es war drei Wochen seit jener ersten sechsstündigen Skathaft. Ich -hatte diesmal einen vollen Tag zu verbüßen, und zwar in Gemeinschaft -mit Wilhelm Rumpf, der Krone und dem Spiegel aller deutschen -Gymnasialschüler. Die Ursache unserer Schicksale war nicht die gleiche. -Rumpf hatte sich einer tätlichen Mißhandlung des zart organisierten -Salonschülers Heinrich von Sternberg erfrecht, ich aber war, so seltsam -es klingen mag, ein Opfer meines früh entwickelten Patriotismus -geworden. - -Zur Zeit meiner Sekundanerschaft florierte nämlich die Tätigkeit des -Nationalvereins. Unser damaliger Geschichtslehrer, übrigens einer von -den wenigen Pädagogen, die es verstanden, ihren Schülern wirkliches -Interesse einzuflößen, benutzte eine Vorlesung über die französische -Revolution, um den Nationalverein und seine Bestrebungen mit den -terroristischen Klubs von Paris zu vergleichen. Teils aus Frömmig-, -teils aus Zeitvertreib -- wie die berühmte Dame des deutschen -Volksliedes --, ich will sagen, halb aus Liberalismus, halb aus -Freude am Stören und Widersprechen, stand ich auf und erklärte dem -»großdeutsch« gesinnten Lehrer feierlich, es sei mir leider unmöglich, -seine politischen Anschauungen zu teilen. Der Ordinarius von Sekunda -zähle ja persönlich zu den Mitgliedern des Nationalvereins, ohne daß -man behaupten könne, derselbe habe Ähnlichkeit mit Robespierre oder -Marat. Das war nun freilich eine für den Lehrer sehr unangenehme -Gegenrede, denn die Tatsache von der Mitgliedschaft des Ordinarius -ließ sich nicht abstreiten. Der Herr Professor mochte überdies der -berechtigten Ansicht huldigen, meine Opposition habe etwas von der -prinzipiellen Feindseligkeit der »Unversöhnlichen«. Er schritt zur -Gewalt und verbannte mich wegen frecher Störung für zwölf Stunden ins -Gymnasialgefängnis. - -Man hatte diesmal mit diabolischer Tücke den Sonntag für die Verbüßung -der Haft festgesetzt, eine Maßregel, die unser Schicksal bedeutend -erschwerte. - -Schon um drei Viertel auf sieben mußte ich mich den Armen des -Schlummers entreißen, der uns Schülern doch gerade den Sonntagsmorgen -so lieb und wert vor allen übrigen machte! Nicht ohne eine gewisse -Verstimmung wanderte ich durch die stillen Gassen, deren geschlossene -Läden mich höhnisch angrinsten, als wollten sie sagen: Ei, schon so -frühe? Wir beginnen unser Tagewerk noch lange nicht! Wohin denn mit -deinen Büchern und deiner Schulmappe? So viel wir wissen, gibt es doch -heute keine Lektionen ...? - -Nun, sprach ich zu mir selbst, ich werde den Tag schon herumbringen; -und stolzen Hauptes wanderte ich an den schloßverhangenen Buden -vorüber. Goethe hat es gesagt: In der Beschränkung zeigt sich erst der -Meister! ... Ich werde dem Schicksal beweisen, daß die Freiheit selbst -in dem Kerker wohnt! - -Am Brandplatze begegnete mir der alte Registrator Bieler, ein -bekannter Frühaufsteher, der seinen Spaziergang machte. Als ich ihn -grüßte, bemerkte ich, daß über seine Lippen ein halb sarkastisches, -halb mitleidiges Lächeln glitt. Auch nickte er so ganz eigentümlich -still vor sich hin ... Die verwünschten Bücher! Die niederträchtige -Schreibmappe! Ich fühlte, ich war erkannt. Mit dem feierlichen Ernst -eines alten Römers gelobte ich mir, in Zukunft meine Bücher stets am -Tage zuvor bei Quaddler zu deponieren. - -Und nun betrat ich das Gymnasialgebäude. - -Wie öde, wie leblos dehnten sich diese Mauern! Hier, wo sonst das -lauteste, regste Treiben herrschte, wo das Gelächter chronisch und das -Gebrüll permanent war, hier thronte jetzt die dumpfe Majestät einer -Grabesstille, die mir kalt auf die Seele fiel! Nichts ist trauriger -als der Kontrast zwischen dem belebten und dem unbelebten Raum! Ein -Schauspielhaus sieht nach beendigter Vorstellung weit trübseliger, ja -in gewissem Sinne erschütternder aus, als die ödeste Heide ... Nun, das -Gymnasium ist ja auch eine Art Schauspielhaus, nur daß die Komödianten -hier gleichzeitig das Publikum abgeben. - -Langsam ging's die Wendeltreppe hinauf nach den Regionen des Dachstuhls -... Rumpf war noch nicht da. Einsam verhallten unsere Tritte durch den -weiten, schläfrigen Raum. Ich sprach keine Silbe. Mit einer Art von -wollüstigem Grausen sog ich die Elegie dieser trübseligen Morgenstunde -in mein Gemüt ein. - -So war ich denn in die Zelle gelangt. Fünf Minuten später kam Wilhelm -Rumpf, -- ebenfalls sehr stumm und geräuschlos. Die Tür fiel hinter ihm -zu: wir waren allein, -- durch das gemeinsame Schicksal verbunden und -doch getrennt durch die kalkbeworfene, inschriftenübersäte Wand. - -Rumpf war der erste, der das feierliche Schweigen zu brechen wagte. - -»Prosit!« rief er mit gewohntem Zynismus. - -Der warme Klang dieser Stimme gab mir die volle Elastizität des Geistes -wieder. - -Ich antwortete, und so entspann sich ein brüderliches Gespräch, das -endlich mit dem Bemerken abgebrochen wurde, man wolle zunächst etwas -arbeiten, da ja der Tag lang und das ~dolce far niente~ gerade in -diesen Räumen am wenigsten ~dolce~ sei. - -Ich setzte mich an den Tisch und durchmusterte meine Papiere und Bücher. - -Homer! Aufs Geratewohl schlug ich auf und las. Die frische Seeluft, -die mir aus den Rhythmen des hellenischen Sängers entgegenwehte, -paßte so wenig zu meiner Situation, daß ich nach kurzer Frist das -Buch zuklappte und hinauf nach dem spärlichen Stück blauen Himmels -sah, das in wolkenloser Klarheit durch die vergitterte Luke herein -glänzte. In der Tat, es gab keinen schrofferen Gegensatz, als zwischen -jenem ungebundenen Abenteurer Odysseus, der mit den lieben Genossen -die weintraubenfarbige Salzflut befuhr, und mir, dem gefesselten -Sekundaner, der in den Karzerräumen eines deutschen Provinzgymnasiums -für den Nationalverein büßte! - -Meine Stimmung war jetzt, infolge der verschiedenen Wandlungen, die -sie erlitten hatte, nachgerade bis zu dem Punkte gediehen, wo der -deutsche Gymnasiast sich in Versen ergeht. Überhaupt war der Karzer -für mich stets ein poetisch fruchtbarer Boden. Hier entstand mehr als -ein Gedicht, das später mit geringen Veränderungen im Druck erschien, -hier wurde gar mancher Ton angeschlagen, dem man nicht anmerkte, daß -er dem Territorium Quaddlers entstammte. Auch die Primanerliebe fand -die glücklichsten Momente ihrer lyrischen Gestaltungskraft auf dem -prosaischen Karzer! Es klingt wunderbar, aber es ist so ... - -Ich setzte mich also wieder behaglich zurecht, breitete einen Bogen -Papier vor mich hin und ergriff die Feder. - -Was schrieb ich? - -Ein Klagelied um »die sonnigen Tage von einst«! - -Es ist eine sonderbare Erscheinung, die unter anderen auch Paul Heyse -in der Novelle »Lottka« zum Ausdruck gebracht hat, daß die Jugend, die -eigentlich noch kaum von einer Vergangenheit reden kann, mit Vorliebe -ihren begrabenen Träumen, ihren zertrümmerten Hoffnungen nachweint. So -singt der achtzehnjährige Paul in der tränenreichen Melodie des »~long, -long ago~«: - - Ich glaube, in alten Tagen, - Da liebt' ich ein Mägdelein ... - -Späterhin erscheint uns dergleichen fast unbegreiflich; aber wenn -man mitten darin steckt, so kommt man sich mit seiner ganzen -wehmuterfüllten Individualität so heilig und ernst vor, daß man jeden -Zweifel mit Entrüstung von der Hand weisen würde. - -»Die sonnigen Tage von einst« erleichterten mir das Herz, und in bester -Laune benutzte ich die Rückseite des Blattes zur Abfassung eines -Karzerhymnus, der in dröhnenden Rhythmen die Nichtswürdigkeit dieser -Anstalt vom Standpunkte der reinen Moral zu beleuchten suchte. - -Mit einemmal ertönten die Kirchenglocken. Eine erneute -Erinnerung an den Zustand der Unfreiheit! Sonst hatte uns jeder -Sonntag, dafern wir die Stunde nicht ruchlos verschlafen, beim -Vormittagsgottesdienst am Hause des Herrn gesehen. Ich sage -»am« Hause des Herrn, denn wir standen davor, mit dem sehr -weltlichen Zwecke, die schönen Töchter des Landes einwandeln -zu sehen. Die Lehrer, insbesondere die Religionslehrer, hatten -uns zwar vielfach Vorlesungen im Sinne der berühmten Londoner -~Anti-young-men-before-the-church-standing-association~ gehalten -und uns schließlich gesagt, wenn wir denn absolut nicht von dieser -Unsitte ablassen könnten, so möchten wir doch wenigstens +nach+ -stattgehabter Revue auch das Innere des Tempels besuchen; aber -diese Mahnungen blieben fruchtlos. Wir überschritten nur selten die -Schwelle. Nicht als ob wir schon damals sämtlich überzeugungsfeste -Anhänger von Schopenhauer oder David Strauß gewesen, nicht als ob -wir jeder Sympathie für die Kirche entbehrt hätten, nein, es war ein -anderer Umstand, der uns zurückhielt: der Eifer nämlich, mit dem die -Lehrer sich jeden, der beim Gottesdienste erschien, ins Notizbuch -vermerkten. Nur eine ganz verschwindende Minorität strenggläubiger -oder augendienerischer Alumnen frequentierte die Kirche trotz dieser -unglückseligen Methode. Die Quartalzensur brachte dann unter den -»Besonderen Bemerkungen« das herrliche Lob: »~NB.~ Besuchte fleißig die -Kirche ...« - -Jetzt tönten die Glocken durch die klare, friedliche Morgenluft. Ich -glaube, wenn's mir in diesem Augenblicke freigestanden hätte, ich würde -meine Zelle nicht nur mit dem Platz vor der Kirche, sondern auch mit -der Emporbühne im Innern vertauscht haben, selbst auf die Gefahr hin, -als kirchenfleißig notiert zu werden. - -Rumpf schien von ähnlichen Gefühlen durchflutet. Denn mit einemmal rief -er mir sonderbar gähnend zu: - -»Du, es ist doch verflucht langweilig!« - -»Es geht«, antwortete ich mit gut erkünstelter Überlegenheit. Es ging -aber nur sehr mangelhaft! - -Wilhelm Rumpf griff nun zu dem niemals versagenden, ewig vollgültigen -Universalmittel des Klingelns. Quaddler erschien. Es entspann sich -ein Dialog, nach dessen Beendigung der Pedell wieder verschwand, -ohne daß sich unsere Situation im wesentlichen gebessert hätte. Der -ehrliche Schuldiener mußte von unserer neulichen Skatpartie Wind -bekommen haben, denn er weigerte sich hartnäckig, uns Wasser zu holen, -solange Rumpf sich auf dem Vorflur befand. Deprimiert hörten wir seine -nägelbeschlagenen Absätze treppabwärts poltern. Für diesmal schien aus -unserer Partie Piquet, auf die wir so zuverlässig gerechnet hatten, -nichts werden zu sollen. - -Da fiel mein Blick auf das Fenster. Die Vergitterung war nicht in die -Mauer eingelassen. Sie bestand vielmehr aus einer Art Rost, die man -mit Schrauben an das Holzwerk befestigt hatte. Ein köstlicher Gedanke -zuckte durch mein Gehirn. Wenn es uns gelang, diese Schrauben zu lösen, -so konnten wir die Kommunikation, die auf normalem Wege durch die -Türen unmöglich war, über das Dach bewerkstelligen. Die Neigung der -schiefergedeckten Fläche war eine sehr mäßige -- eine Gefahr also nicht -vorhanden. Und überdies, was fragt ein deutscher Sekundaner nach der -Gefahr, sobald es gilt, einen lustigen Streich auszuführen ...! - -Ich teilte meine Idee dem schandtatbereiten Freunde mit, der sie -alsbald feurig ergriff. - -Ans Werk also! - -Ich rückte den Tisch gerade unter die Dachluke, stellte den Stuhl in -die Mitte der geräumigen Platte und stieg dann langsam hinauf. Der -improvisierte Bau war hoch genug, um das Gitterwerk in den Bereich -meiner Hände zu bringen. Ich überzeugte mich, daß der eiserne Rost -sich an der einen Seite wie ein Deckel in Scharnieren bewegte, während -die andere Seite mit vier großen Schrauben an der Rampe des Fensters -haftete. Wenn man diese vier Schrauben herauszog, so mußte das Gitter -ganz nach Art einer Lukenklappe heruntersinken und die Fensteröffnung -frei geben. Die Einrichtung hatte überdies den Vorteil, daß man die -Spuren dieser rechtswidrigen Eröffnung wieder austilgen konnte. Eine -einzige Schraube, nur zur Not eingedrückt, reichte aus, um das Gitter -in der Schwebe zu halten, -- ein Umstand, der nicht unterschätzt werden -durfte. Der Pedell stattete uns nämlich, so ungern er auf unser -Klingeln erschien, mitunter Besuche aus dem Stegreif ab. - -Da ich keinen Schraubenzieher besaß, so öffnete ich mein Taschenmesser, -das mir in Gymnasialangelegenheiten stets ein unentbehrlicher -Diener gewesen. Ich könnte über dies Taschenmesser eine lange -Serie höchst stimmungsvoller Geschichten schreiben. Parenthetisch -erwähne ich hier nur das Nachstehende: Es existierten innerhalb des -Gymnasialgebäudes wenige Subsellien, in die ich nicht eine Anzahl -sehr korrekt gemeißelter Inschriften eingraviert hätte. Nun gab es -zwar einen Gesetzesparagraphen, der da besagte: »Es ist den Schülern -dieser Anstalt aufs strengste verboten, in die Bänke, Tische, Stühle -und sonstige Gerätschaften des Inventars Namen einzuschneiden.« Aber -niemals hat zwischen der Praxis und der Theorie eine so unausgefüllte -Kluft gegähnt, wie hier! Die Subsellien unseres Gymnasiums waren -geradezu Musterkarten aller erdenklichen Schriftarten, von dem -unbehilflichen Stümpern des Anfängers bis zur technisch vollendeten -Leistung des Virtuosen. Da winkten in schöner Antiqua unzählige -Josephinen, Mathilden, Henrietten und Wilhelminen; da prangten in -prickelnder Perlschrift zierliche Disticha und geistvolle Quatrains; -ja selbst Häuser, Bäume und ähnliche Gegenstände waren in ihren -Umrissen dargestellt. Hutzler hat späterhin auf einem Tische der Prima -einen großen Kanal gebaut, der in mehrfachen Windungen von dem einen -Ende zum anderen lief und, wenn man den Tisch durch untergeschobene -Bücher in eine schräge Lage versetzte, vollkommen geeignet war, -einen Tintenstrom ~en miniature~ von der Quelle bis zur Mündung -fließen zu lassen. Niemals, solange man denkt, ist ein Schüler wegen -Einschnitzungen bestraft worden, obgleich der Pedell mit großem Eifer -auf die Missetäter fahndete. Wir schnitten nämlich, um die Möglichkeit, -aus dem Inhalt des Eingeschnittenen auf den Täter zu schließen, ein -für allemal in der Wurzel zu ersticken, nicht selten die Namen solcher -Schüler ein, denen man dergleichen wegen der musterhaften Korrektheit -ihres Lebenswandels nicht zutrauen konnte. Ja, Boxer gravierte einmal -in majestätischen Lettern: =Samuel Heinzerling!= Nachdem wir diesen -Präzedenzfall geschaffen, durften wir getrost unsere eigenen Namen -verewigen, denn nun war die Entschuldigung gestattet: ~alius fecit!~ - -Der Leser könnte nun fragen, ob denn ein Schluß von dem Platz auf den -Täter nicht viel korrekter gewesen wäre. Jawohl! So leicht faßt man -uns nicht! Alle acht Tage wurden infolge der ~exercitia pro loco~ -die Plätze gewechselt. Wenn jemand also einen besonders auffallenden -Einschnitt verbrochen hatte, so machte er die Spuren seiner Tätigkeit -für die nächsten acht Tage unkenntlich. Das geschah auf folgende -Weise: In erster Linie ward die helle Schnittfläche mit Tinte -behandelt, so daß sich der Einschnitt durch nichts von den übrigen, -ebenfalls schwarz und alt aussehenden, unterschied. Dann füllte man -die Vertiefungen dergestalt mit festgeknetetem Brot aus, daß die -Fläche wiederhergestellt war. Hierüber legte man abermals eine Lage -von Tinte. Da die ganze Tischfläche schwarz und überdies ziemlich rauh -und zerklüftet war, so hätte man jeden Quadratzoll genau untersuchen -müssen, um die betreffende Stelle zu finden. Nach vierzehn Tagen, wenn -der Täter längst an einem andern Platze saß, hob er vor dem Beginn der -Lehrstunde die jetzt dürr gewordene Brotfüllung heraus, und wie mit -einem Zauberschlage stand die ganze Inschrift in ihrer vollen Glorie -auf der verwandelten Fläche. Wurde Quaddler jetzt wirklich durch diese -Novität befremdet, so war man jeder Verantwortung überhoben; der -Schüler aber, der neu auf den verfänglichen Platz versetzt worden war, -erklärte auf eine etwaige Interpellation sittlich entrüstet: »Aber ich -sitze ja hier erst seit gestern, und um das einzuschneiden, braucht -man doch mindestens acht Tage!« Der Lehrer ließ dann die Sache aus -Opportunitätsgründen »auf sich beruhen«. - -Dieses bedeutsame Messer also, das hornumschiente, wie Homer sagen -würde, zog ich aus der Tasche und begann meine Operation. Die Schrauben -saßen verzweifelt fest, -- aber nach Verlauf einer halben Stunde und -mit Aufopferung einer Klinge gelang es mir doch, mein Problem zu -bewältigen. Das Gitter senkte sich geräuschlos. Ich faßte rechts und -links den Lukenrand und schwang mich empor. - -Ein wunderbarer Anblick belohnte mich. Da unten tief lag der große, -stille, einsame Platz. Gegenüber das gewaltige Zeughaus, dessen -graurötliches Gemäuer fast an die Ruinen des Heidelberger Schlosses -gemahnte. Nach rechts die Stadt mit ihren zahllosen Giebeln und -Dächern, nach links der herrliche Wiesengrund mit den freundlichen -Landhäusern; und fern am Himmelsrande die bewaldeten Höhen, deren -letzte Kuppen bläulich hinüber schimmerten. - -Da drüben, an dem großen Fabrikgebäude vorüber, erkannte ich auch das -Haus des Professors, dem ich meine Gefangenschaft zu verdanken hatte. - -Schnöder Tyrann, dachte ich bei mir selbst, wie schwer hast du dich -betrogen! Du wähnst mich im öden Dunkel der Zelle, und ich halte hier -Musterung über die Herrlichkeiten des Landes! Ha, wie frei und köstlich -mir diese Morgenluft die Schläfe umspielt! Stolz blicke ich von meiner -Höhe herab auf die Kleinheit und Gemeinheit des Lebens! Was kriecht -und krabbelt da unten? Ich glaube, der Registrator Bieler, der von -seinem Morgenspaziergange zurückkehrt! Wie kläglich! Wie pygmäenhaft! -Jetzt hebt er den Kopf ... Ich ducke mich schleunigst ... Aber es droht -keine Gefahr; der Herr Registrator hat nur drüben nach der großen Uhr -des Zollhauses geblickt. - -»~Salve!~« tönt es mir plötzlich ans Ohr. Wahrhaftig, da ist -er, Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler, mein Leidens- und jetzt mein -Freudensgefährte. Wenn wir uns weit überbeugen und die Arme -ausstrecken, so können wir uns beinahe die Hände reichen. - -»Ist's nicht famos hier oben in der freien, reinen, blauenden -Himmelsluft?« - -»~Bene dixisti~«, gibt Wilhelm mit der Würde eines echten Ciceronianers -zurück. - -Und nun beginnt ein Stündchen der entzückendsten Umschau. Wir preisen -uns gegenseitig die Reize der Landschaft; wir glossieren die Personen, -die da drunten vorüber schreiten. - -Da kommt ein zierliches Dienstmädchen ... - -Das ist das Lieschen von Wilhelm Rumpfs angeheiratetem Onkel. -Wunderbar, wie hier vom Rahmen des Karzerfensters aus alles an -Interesse gewinnt! Freilich, der Platz da unten liegt am Ende der -Stadt, und die Menschen, die vorüber wandeln, sind zu zählen. - -»Ah, ich weiß, was sie will«, sagt Rumpf mit verständnisinnigem -Lächeln. »Der Onkel schickt sie zum Registrator Bieler, um für heute -abend den Whistkranz abzubestellen. Die Tante ist unwohl. Weißt Du, -~carissime~, die verrät uns nicht.« - -Und mit verwegener Donnerstimme ruft er: - -»Lieschen! Lieschen!« - -Sie dreht sich um. Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler möchte sich totlachen. - -»Nimm Dich in acht«, warne ich im Ton einer Cassandra. »Der Quaddler -hat Ohren wie ein Luchs. Auch muß Fräulein Anny jeden Augenblick aus -der Kirche kommen.« - -»Ah was! Bis der hier herauf tappt, sind wir längst wieder drunten -- -Lieschen!« - -Dasselbe Spiel wiederholt sich. Endlich beim dritten Male sieht das -Mädchen herauf. Wie vom Donner gerührt, bleibt sie stehen. - -»Fort, fort!« winkt der Tollkühne, und Lieschen begreift. Noch mehrmals -zurückblickend, wandelt sie ihrer Wege. - -Da kommen zwei junge Damen, biegen aber gleich wieder rechts ab. - -»Das ist Fräulein Elsner und ihr Besuch aus Schleswig«, erläutert -Wilhelm Rumpf mit Kennermiene. - -»Gott bewahre, es ist die kleine Waldow und ihre Cousine Griesinger ...« - -»Lehr' Du mich die Mädchen kennen. Ich sage Dir, ich täusche mich nicht -... Aber sieh mal dort ... Kennst Du den?« - -»Weiß Gott! Der Quaddler! Er kommt aus der Kirche! Rasch hinunter ... -Jetzt hat er sein Pflichtbewußtsein gestärkt und wird uns einen Besuch -abstatten.« - -Im Nu tauchen wir in die Luke. Zwei Minuten später ist das Gitter -angeschraubt, der Stuhl vom Tisch gehoben und alles in Ordnung gebracht. - -Unsere Ahnung betrügt uns nicht. Es währt nur kurze Zeit, da klirren -draußen die Schlüssel, Quaddler schreitet über den Vorflur und begrüßt -zunächst meinen Freund. - -»Es ist auch recht schön von Ihnen, Herr Rumpf,« sagte er wohlwollend, -»daß Sie nicht so viel geklingelt haben. Ich hab's schon von meiner -Tochter gehört, es wäre alles recht stille gewesen.« - -»Ah so,« erwidert Rumpf, »ich denke, Ihre Fräulein Tochter war in der -Kirche ...« - -»Nein, heute mußte sie ergebenst zu Hause bleiben. Heute war mein Tag.« - -»So, wer hat denn gepredigt?« - -»Der Herr Kirchenrat.« - -»Ist's möglich? Das Kirchenrätchen?« - -»Herr Rumpf, ich muß Sie bitten, was den Respekt betrifft ...« - -»Tun Sie doch ums Himmels willen nicht so zimperlich! Alle Welt weiß -doch ...« - -»Alle Welt weiß, daß Ihnen sozusagen nichts heilig ist, aber ich habe -jetzt keine Zeit. Ich will noch mal hinübergehen, und dann muß ich -gütigst einen wichtigen Brief schreiben.« - -Sprach's, empfahl sich und erschien dann bei mir. - -»Sagen Sie mal, Herr Quaddler,« hub ich an, nachdem wir die ersten -Phrasen der Begrüßung gewechselt hatten, »wer waren denn eigentlich die -zwei jungen Damen, die Ihnen da vorhin am Steueramte begegnet sind?« - -Quaddler starrte mich an, als ob er ein Gespenst sähe. - -»Wie? Was? Woher wissen Sie denn ...?« - -Jetzt erst erkannte ich, daß ich in meiner Zerstreutheit eine Bêtise -verbrochen. Jeder andere Pedell würde den Unfug gemerkt haben; nur -Quaddler war mit einiger Effronterie zu beschwichtigen. - -»Sehr einfach, Herr Quaddler! Sehen Sie, Herr Quaddler, ich habe hier -einen Taschenkamm, an dem ist hinten ein sympathetischer Spiegel. Wenn -ich den nun so gegen das Fenster halte und mit dem einen Auge durch die -Finger blinzle ...« - -»Zeigen Sie mal her«, sagte Quaddler erstaunt und bemühte sich, durch -die Finger zu blinzeln. - -»Ja, Sie halten das Ding falsch! So müssen Sie's halten!« - -Ich stellte mich in Positur. - -»Sehen Sie, ganz deutlich ... Eben geht der Herr Registrator Bieler -vorüber ... Sehen Sie ...« - -Quaddler beeilte sich, meinem Beispiel zu folgen. - -»Sozusagen nicht die Spur sehe ich«, rief er nach einer Weile. - -»Sie sind wohl kurzsichtig?« - -»Im Gegenteil, weitsichtig.« - -»Nun wohl, der Spiegel da ist nur für Kurzsichtige berechnet.« - -»Das ist aber merkwürdig!« - -»Sehr merkwürdig, Herr Quaddler!« - -Der Pedell schüttelte den Kopf, als ob er der Sache nicht recht traute. -Dann schaute er empor nach dem Gitter. Da war nichts Verdächtiges zu -bemerken! Es mußte doch wohl in der Ordnung sein mit dem Spiegel ... - -»Wirklich, sozusagen ein sehr merkwürdiger Spiegel«, wiederholte er -nachdenklich. »Nun, ich glaube, es wäre übrigens besser, wenn Sie -lieber gütigst etwas arbeiten wollten!« - -»Arbeiten? Am Tage des Herrn?« - -»Warum nicht? Da Sie ja doch heute sozusagen keinen richtigen Sonntag -haben, und die Arbeit übrigens nicht schändet ...« - -»Nun, ich werde mir's überlegen. Gehen Sie nur jetzt getrost an Ihren -wichtigen Brief!« - -Der Pedell empfahl sich. - -Fünf Minuten später saßen wir wieder auf dem Rande der Luke und -erfreuten uns der herrlichen Aussicht. - -Nachdem wir unsere Gemüter an diesen Wonnen gesättigt, erwachte die -Begier nach einer konkreten Zerstreuung. - -»Wart', ich komme hinüber«, sagte Rumpf mit einem prüfenden Blick auf -das Terrain. - -Vorsichtig zog er erst das rechte, dann das linke Bein über den -Fensterrand. Dann ergriff er einen jener Haken, an denen die -Schieferdecker beim Ausbessern des Daches ihre Leitern festhängen, und -gab sich einen kräftigen Schwung. Ich ergriff seine Linke, und das -große Werk war vollbracht. - -Wir arrangierten nun im Innern der Zelle eine Piquetpartie, die uns -etwa eine Stunde hindurch auf das kostbarste amüsierte. - -Da mit einemmal, welch ein unverhofftes Geräusch ... Quaddler mußte dem -sympathetischen Spiegel doch nicht so recht geglaubt haben, denn er war -ganz leise die Treppe hinauf geschlichen und öffnete jetzt den Korridor -mit diabolischer Vorsicht. - -Wir rührten uns nicht. Es war für Rumpf augenscheinlich zu spät, um in -seine Zelle zurückzukehren. - -Quaddler trat an meine Tür und pochte. - -»Was treiben Sie jetzt?« sagte er mißtrauisch. - -Ich rückte ostensibel mit dem Stuhle, erwiderte das Klopfen und sagte: - -»Gerade war ich dabei, das berühmte Carmen des Horaz: »~Odi profanum -vulgus et arceo~« ins Deutsche zu übersetzen.« - -»Das ist recht von Ihnen«, erwiderte Quaddler. - -Und nun klopfte er an die Zelle Wilhelm Rumpfs. - -»Was machen Sie denn, Herr Rumpf?« - -Keine Antwort. - -»Herr Rumpf! Ich frage Sie, womit Sie beschäftigt sind?« - -Grabesstille. - -Jetzt drehte Quaddler den Schlüssel um. Welch ein Anblick bot sich -seinen entsetzten Blicken! Das Gitter erbrochen, der Sträfling -verschwunden, -- hinaus aufs Dach und von da vielleicht vermittelst der -traditionellen Leine, von welcher Herr Quaddler erst jüngst in einem -spannenden Lieferungsroman gelesen, hinab auf den festen Grund der -Erde! Wer weiß, vielleicht hatte Rumpf genau die Absicht, wie jener -italienische Grafensohn, unter die kleinasiatischen Seeräuber zu gehen -...! Und doch ... Es war nicht zu begreifen ...! - -»Herr Rumpf! Herr Rumpf!« schrie Quaddler verzweifelnd, »wo sind Sie?« - -Alles stille. - -»Da muß ich doch gleich einmal in seine Wohnung gehen und nachsehen, ob -er daheim ist.« - -Und mit rasender Eile stürmte er die Treppe hinab. - -Sofort stieg Rumpf auf dem Wege über das Dach in seine Zelle zurück. -Die Gitter wurden ganz regelrecht mit allen vier Schrauben befestigt, -und als ob nichts geschehen sei, vertieften wir uns in unsere Bücher. -Die Messer aber verbargen wir der Vorsorge halber in unseren Stiefeln. - -So verstrich eine halbe Stunde. Da ertönten Stimmen ... Quaddler hatte -sich richtig bei den Wirtsleuten, wo Wilhelm Rumpf zur Miete wohnte, -erkundigt, und da man hier um den Verschwundenen nicht wußte, so war -der biedere Pedell in seiner Verzweiflung zu dem angeheirateten Onkel -gerannt, um diesen von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen. - -»Da, sehen Sie, geehrter Herr Rat,« sagte Quaddler bebend, indem er den -Schlüssel umdrehte, »fort ist er!« - -»Ei, guten Tag, lieber Onkel!« rief Wilhelm Rumpf mit rührender -Naivität; »das ist aber schön, daß Du mich hier 'mal besuchst.« - -Quaddler und der Herr Rat standen wie angewurzelt. Mehrere Minuten lang -war keiner von ihnen fähig, ein Wort über die Lippen zu bringen. - -»Aber das werde ich dem Herrn Direktor vermelden«, stammelte endlich -Quaddler. - -»Was denn?« versetzte Rumpf harmlos. - -»Daß Sie da oben hinausgeschlüpft sind, und wenn man dann meint, Sie -wären fort, dann kommen Sie wieder.« - -»Sie sind närrisch«, antwortete Rumpf. »Bin ich vielleicht eine Ratte? -Da, sehen Sie her, der Zwischenraum da ist kaum eine Hand breit.« - -»Ja, ja, Sie haben das Gitter abgeschraubt, ich hab's wohl gesehen, und -dann sind Sie aufs Dach entschlüpft.« - -»Herr Quaddler ich verbitte mir das! Womit soll ich das Gitter denn -abschrauben?« - -»Nun, Sie werden wohl irgend ein Instrument bei sich haben.« - -»Lieber Onkel, Du bist Zeuge. Ich belange den Quaddler wegen -Verleumdung. Jetzt aber stelle ich die kategorische Forderung, daß ich -augenblicklich untersucht werde.« - -»Gut, das soll geschehen«, erwiderte Quaddler. »Ich werde das -Meißelchen schon finden, mit dem Sie die Sache gemacht haben.« - -»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich keinen Meißel besitze, noch -jemals besessen habe. Untersuchen Sie nur meine sämtlichen Taschen. -Sie haben wahrscheinlich nach der Kirche die Lotz'sche Bierstube -besucht ...« - -Die Visitation blieb natürlich fruchtlos. - -»Ja, Herr Quaddler,« sagte Rumpfs Onkel, »ich begreife in der Tat -nicht, was Sie eigentlich wollen. Das Gitter da ist doch ganz fest, und -mit den Fingern kann man's nicht abschrauben ...« - -Rumpf wandte sich verständnisinnig zu diesem gewichtigen Fürsprecher -und murmelte: - -»Ich sag's ja, er war bei Lotz. Gestehen Sie's offen Quaddler!« - -»Bei Lotz ..., das steht sozusagen richtig, aber ich habe nur zwei Glas -Bier getrunken, und was ich gesehen habe, das hab' ich gesehen, und -das laß ich mir nicht ausreden, und wenn Sie's gütigst erlauben, werd' -ich's dem Herrn Direktor vermelden.« - -»Zwei Glas Bier!« schrie Wilhelm Rumpf. »Und ein Mann, der sich solchen -Ausschweifungen überläßt, will uns moralische Vorlesungen halten ...? -Wissen Sie was? Besoffen sind Sie gewesen, und da haben Sie in Ihrem -Taumel eine Halluzination gehabt. Ich bin hier nicht von der Stelle -gewichen und habe gearbeitet, während Sie den heiligen Sonntag durch -ein Zechgelage entweihten. Ich werde dem Herrn Direktor schon das -Nötige zu vermerken wissen, wenn Sie mich anschwärzen wollen. Soll -ich noch dafür aufkommen, wenn Sie sich in aller Frühe einen Rausch -antrinken? Pfui, und abermals pfui! Sie wollen Pedell sein? Sie wollen -eine Tochter erziehen? Sie sollten sich schämen! Ein Mann von beinahe -fünfzig Jahren und solche Extravaganzen ...! Siehst Du, Onkel, so hat -man nun seine Not auf der Welt: wenn der Pedell sich bekneipt, soll der -Sekundaner die Suppe ausessen!« - -»In vollem Ernste, Herr Quaddler,« begann jetzt der Onkel, »ich fange -an zu glauben, daß Sie sich in eigentümlicher Weise getäuscht haben. -Darf ich Ihnen einen freundschaftlichen Rat erteilen, so lassen Sie die -Sache auf sich beruhen. Der Herr Direktor gibt etwas auf mein Urteil, -und ich werde ohne Bedenken die Aussagen meines Neffen bestätigen. Oder -haben Sie sich vielleicht gar in der Zelle geirrt? Nicht wahr, daneben -sitzt ja noch einer?« - -»Nein, nein!« erwiderte Quaddler, »es war hier diese Zelle, und ich -will nicht selig werden ...« - -»Sie sind hartnäckig«, sagte der Onkel; »Scherz beiseite, ich werde die -nächste Gelegenheit ergreifen, mit dem Herrn Direktor zu sprechen.« - -»Da möchte ich Sie doch ganz ergebenst bitten, wenn Sie das tun wollen, -die Güte zu haben, es lieber nicht zu tun. Eher will ich noch annehmen, -ich hätte mich getäuscht; obgleich ich mich ganz gewiß, das heißt, ich -will sagen, bitte, sprechen Sie nicht mit dem Herrn Direktor!« - -»Sobald Sie mich wegen Ihrer verrückten Halluzination anzeigen,« sagte -Rumpf pathetisch, »sobald wird mein Onkel das Seinige tun, um Ihre -Intrigen zu hintertreiben! Das versteht sich von selbst! Nicht wahr, -Onkel?« - -Der Onkel nickte. - -»Ich sage gar nichts mehr«, erwiderte Quaddler kleinlaut; »was man -heutzutage alles erlebt ...! Nichts für ungut, Herr Rat, daß ich Sie -hierher bemüht habe. Nehmen Sie's denn meinetwegen auf Rechnung meiner -Kollation, wie der Herr Rumpf sagt, aber ich versichere Sie, wie -gesagt, ich sage gar nichts mehr.« - -Und hiermit war die Sache erledigt. - -Den Rest des Tages verbrachten wir jeder still in seinen vier -Wänden. Wir mochten doch nicht ein zweites Mal auf Quaddlers -Halluzinationsfähigkeit spekulieren. - - - - -Der Besuch im Karzer. - - -Es schlug zwei. Der Direktor des städtischen Gymnasiums, ~Dr.~ Samuel -Heinzerling, wandelte mit der ihm eigenen Würde in den Schulhof und -erklomm langsam die Stiege. - -Auf der Treppe begegnete ihm der Pedell, der eben geläutet hatte und -sich nun in seine Privatgemächer verfügen wollte, wo es allerlei -häusliche Arbeiten zu erledigen gab. - -»Äst nächts vorgefallen, Quaddler?« fragte der Direktor, -- den devoten -Gruß des Vasallen durch ein souveränes Kopfnicken erwidernd. - -»Nein, Herr Direktor.« - -»Hat der Herr Bibläothäkar noch nächt öber die bewußten Bände -resolvärt?« - -»Nein, Herr Direktor.« - -»Goot, so gähen Sä noch heute hinöber und erkondigen Sä säch, wä säch -diese Angelägenheit verhält ... Noch eins. Der Prämaner Rompf fehlt -seit einigen Tagen. Verfögen Sä säch doch einmal in seine Wohnung und -öberzeugen Sä säch, ob er wärklich krank ist! Ich zweifle fast ...« - -»Entschuldigen Sie, Herr Direktor, der Rumpf ist wieder da; ich sah ihn -vorhin über den Hof kommen.« - -»Non, om so bässer.« - -Der geneigte Leser verzeihe die eigentümliche Orthographie, mit -der wir die geflügelten Worte des Gymnasialherrschers zu Papier -bringen. Herr ~Dr.~ Samuel Heinzerling sprach allerdings nicht -ganz so abnorm, als unsere Schreibweise vermuten lassen könnte: -allein das deutsche Lautsystem gibt uns kein Mittel an die Hand, die -spezifisch Heinzerlingsche Klangfarbe genauer zu versinnlichen. Ich, -der bescheidene Erzähler, habe selber hundertmal den Vorträgen des -Herrn Direktors in stummer Andacht gelauscht und den Heinzerlingschen -Vokalismus sozusagen zu meinem Lieblingsstudium erhoben. Solange unser -armseliges Alphabet nicht eigene Zeichen für Zwitterlaute zwischen i -und e, zwischen u und o usw. besitzt, so lange wird der Historiograph, -der sich mit Herrn ~Dr.~ Samuel Heinzerling beschäftigt, die von uns -vorgeschlagene Rechtschreibung adoptieren müssen. - -Der Herr Direktor sagte also: »Non, om so bässer!« und schritt über den -langen Korridor den Pforten seiner Prima zu. - -Samuel war heute ungewöhnlich früh gekommen. In der Regel hielt er -an der Theorie des akademischen Viertels fest. Diesmal hatte ihn -ein häuslicher Zwist, über den wir aus begreiflicher Delikatesse -den Schleier der Verschwiegenheit breiten, schon vor der Zeit -aus dem behaglichen Sorgenstuhle getrieben, in welchem er seinen -nachmittäglichen Kaffee zu schlürfen pflegte. Nur so erklärt es sich, -daß die Primaner noch nicht daran gedacht hatten, nach Art der Gemsen -ihre übliche Wache auszustellen. - -Der Herr Direktor vernahm bereits auf dem Korridor einen Heidenlärm. -Vierzig dröhnende Kehlen schrien »Bravo!« und »Dakapo!« - -Samuel runzelte die Stirn. - -Jetzt verstummte das Chorgebrüll, und eine klare, schneidige Stimme -begann in komischem Pathos: - -»Non, wär wollen äß för diesmal goot sein lassen. Sä haben säch wäder -einmal nächt gehärig vorbereitet, Heppenheimer! Äch bän sähr onzofräden -mät Ähnen! Sätzen Sä säch!« - -Donnernder Applaus. - -Der Direktor stand wie versteinert. - -Bei den Göttern Griechenlands, -- das war +er selbst+, wie er leibte -und lebte ...! Ein wenig karikiert, -- aber doch so täuschend ähnlich, -daß nur ein Kenner den Unterschied herauszufühlen vermochte! Eine -solche Blasphemie war denn doch -- dem Sprichwort zum Trotze -- noch -nicht dagewesen! Ein Schüler erfrechte sich, ihn, den souveränen -Beherrscher aller Gymnasialangelegenheiten, ihn, den Verfasser der -»Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch, mit besonderer Rücksicht -auf die oberen Klassen«, ihn, den renommierten Pädagogen, Ästhetiker -und Kantianer, von der geweihten Höhe seines eigenen Katheders aus -lächerlich zu machen! ~Proh pudor! Honos sit auribus!~ Das war ein -Streich, wie er nur in der Seele des Erzspitzbuben Wilhelm Rumpf zur -Reife gelangen konnte! - -»Wollen Sä einmal etwas nähmen, Möricke«, fuhr die Stimme des -pflichtvergessenen Schülers fort ... »Was, Sä send onwohl? Gott, wenn -mer jonge Leute in Ährem Alter sagen, sä send onwohl, so macht das -einen sähr öblen Eindruck. Knäbel, schreiben Sä einmal äns Tagebooch: -›Möricke, zom Öbersätzen aufgefordert, war onwohl ...‹« - -Jetzt vermochte der Direktor seine Entrüstung nicht länger zu -bemeistern. - -Mit einem energischen Ruck öffnete er die Tür, und trat unter die -erschrockenen Zöglinge, wie der Leu unter die Gazellenherde. - -Er hatte sich nicht getäuscht. - -Es war in der Tat Wilhelm Rumpf, der größte Taugenichts der Klasse, -der sich so frevelhaft an der Majestät vergangen hatte. Erst seit vier -Wochen zählte dieser Mensch zu Samuel Heinzerlings Schülern, und schon -gebührte ihm vor allen Bengeln, vom Primus bis zum Ultimus, die Krone! -Mit hochgezogenen Vatermördern, auf der Nase eine große, papierene -Brille, in der Linken ein Buch, in der Rechten das traditionelle -Bleistiftchen haltend, -- so stand er auf dem Katheder und wollte eben -eine neue Gotteslästerung ausstoßen, als der tiefbeleidigte Direktor -auf der Schwelle erschien. - -»Rompf!« sagte Samuel mit Fassung, -- »Rompf! Sä gähen mer zwei Tage än -den Karzer. Knäbel, schreiben Sä einmal äns Tagebooch: ›Rompf, wegen -kändischen, onwördigen Benähmens mät zwei Tagen Karzer bestraft.‹ -- -Heppenheimer, rofen Sä den Pedellen!« - -»Aber Herr Direktor ...!« stammelte Rumpf, indem er die Papierbrille in -die Tasche steckte und auf seinen Platz zuschritt. - -»Keine Wäderrede!« - -»Aber ich wollte ja nur ... ich dachte ...« - -»Seien Sä ställ, sag' äch Ähnen!« - -»Aber erlauben Sie gütigst ...« - -»Knäbel, schreiben Sä ein: ›Rompf wägen wädersetzlichen Betragens mät -einem weiteren Tage Karzer belägt.‹ -- Äch bän's möde, mich äwig mät -Ähnen heromzoschlagen. Schämen sollten Sä säch in den Grond Ährer Sääle -hänein! Pfoi, und abermals pfoi!« - -»~Audiatur et altera pars~, Herr Direktor. Haben Sie uns diese Lehre -nicht stets ans Herz gelegt ...?« - -»Goot! Sä sollen nächt sagen, daß äch meinen Pränzäpien ontreu wärde. -Was haben Sä zo Ährer Entscholdigong anzoföhren?« - -»Ich kann nur versichern, Herr Direktor, daß ich durchaus nichts -Unziemliches beabsichtigte. Ich gedachte mich lediglich ein wenig in -der Mimik zu üben.« - -»Öben Sä Ähren lateinischen Stäl und Ähre grächische Grammatäk!« - -»Das tu' ich, Herr Direktor. Aber neben der Wissenschaft hat doch auch -die Kunst ihre Berechtigung.« - -»Das habe äch nä in meinem Läben geleugnet. Wollen Sä ätwa Ähre -Albernheiten för Konst ausgäben? Jädenfalls äst däse Konst sähr -brotlos.« - -»O, bitte, Herr Direktor!« - -»Seien Sä ställ. Wänn Sä so fortfahren, so wärden Sä öber korz -oder lang Schäffbroch leiden. Knipcke, sehn Sä einmal nach, wo der -Heppenheimer mit dem Pedellen bleibt.« - -»Ach, für diesmal, Herr Direktor«, flüsterte Rumpf in schmeichlerischem -Tone, -- »für diesmal könnten Sie mir die Strafe noch erlassen.« - -»Nächts da! Sä gähn än den Karzer. Doch wär wollen ons dorch däsen -Zwäschenfall än onsrer Arbeit nächt stären lassen. Hutzler, repetären -Sä einmal ...« - -»Herr Direktor, ich war beim Vorübersetzen nicht zugegen. Hier ist mein -Zeugnis.« - -»So! Sä waren wäder einmal krank. Wässen Sä, Hutzler, Sä sänd auch -öfter krank als gesond ...« - -»Leider, Herr Direktor. Meine schwächliche Konstitution ...« - -»Schwächläch? Sä, schwächläch? Non, hären Sä einmal, Hutzler, äch -wollte, jäder Mänsch unter der Sonne wäre so schwächläch wä Sä! Faul -sänd Sä, aber nächt schwächläch ...« - -»Faul? Aber ich kann doch nicht während eines Fieberanfalls ...« - -»Äch känne das! Sä wärden wäder einmal zo väl Bär getronken haben. -Repetären Sä einmal, Gildemeister.« - -»Fehlt!« riefen sechs Stimmen zugleich. - -Samuel schüttelte mißmutig das Haupt. - -»Weiß keiner, warom der Gildemeister fehlt?« - -»Er hat Katarrh!« antwortete einer der sechse. - -»Katarrh! Wä äch so alt war, hatte äch nämals Katarrh. Aber wo bleibt -denn der Knipcke und der Heppenheimer? Schwarz, gehn Sä einmal hinaus, -kommen Sä aber gleich wäder!« - -Schwarz ging, und kam nach zehn Minuten mit dem Pedell und den beiden -Kommilitonen zurück. - -»Herr Quaddler war mit Tapezieren beschäftigt«, sagte Heppenheimer in -achtungsvollem Tone; »er mußte sich erst ein wenig umkleiden.« - -»So! und dazo brauchen Sä eine halbe Stonde? Quaddler, äch fände, Sä -wärden nachlässig äm Dänste!« - -»Sie entschuldigen ganz gehorsamst, Herr Direktor, aber die Herren sind -erst vor zwei Minuten an meine Tür gekommen.« - -»Oh!« riefen die drei Primaner wie aus einem Munde. - -»Non, äch wäll das nächt weiter ontersochen! Här, nähmen Sä einmal -da den Rompf ond föhren Sä ähn auf den Karzer. Rompf, Sä wärden säch -anständig betragen und nächt alle Augenbläcke nach dem Pedellen rofen, -wä das vor acht Tagen geschehn ist. Quaddler, Sä lassen säch durch -nächts bestämmen, den Rompf auf den Vorflur zo lassen! Wenn ähm wäder -schlächt wärd, so mag er das Fänster öffnen. Am bästen äst's, Sä sätzen -ähm alles Nötige hänein in die Zälle, und lassen die Töre ein för -allemal verschlossen. Freitag abend kömmt er wäder herunter.« - -»Schön, Herr Direktor.« - -»Das Ässen können Sä säch dorch einen Ährer Freunde besorgen lassen. -Verstanden?« - -Rumpf nickte. - -»So! und non fort mät Ähnen!« - -»Es ist also wirklich Ihr Ernst, Herr Direktor, mich für eine -künstlerische Leistung ...« - -Samuel Heinzerling lachte mit männlich-pädagogischer Würde. - -»Sä sänd ein drolliger Kauz, trotz aller Ährer Ongezogenheiten. Aber -helfen kann äch Ähnen nächt. Solange Sä mär nächt dartun, was Ähre -angäbliche könstlerische Leistung notzt und frommt, -- ganz abgesehen -von Ährer onziemlichen Tendenz, -- so lange wärden Sä säch ins -Onabänderliche fögen mössen. Machen Sä jetzt, daß Sä hänauf kommen!« - -Wilhelm Rumpf biß die Lippen aufeinander, machte kehrt und verschwand -mit Quaddler in der Dämmerung des Korridors. - -»Was haben Sie eigentlich verbrochen, Herr Rumpf?« fragte der Pedell, -als sie die Treppe hinanschritten. - -»Nichts.« - -»Aber verzeihen Sie gütigst, Sie müssen doch was gemacht haben?« - -»Ich habe nur das getan, was der Direktor beständig tut.« - -»Woso?« - -»Nun, geben Sie einmal wohl acht: Sähen Sä, mein läber Quaddler, der -Rompf ist ein Taugenächts und verdänt eine exemplarische Zächtigong.« - -»Herr Gott meines Lebens!« stammelte der Pedell, beide Hände über dem -Kopf zusammenschlagend. »Nein, wer mir gesagt hätte, daß so etwas -möglich sei ... Aber das ist ja ordentlich graulich, Herr Rumpf! Weiß -der ewige Himmel, wenn ich Sie nicht mit meinen eigenen Augen vor mir -sähe, ich würde schwören, des gestrengen Herrn Direktors persönliche -Stimme gehört zu haben! Tausend noch 'mal, das muß ich sagen! Sie -können's noch weit bringen in der Welt! Wissen Sie, da war ich einmal -drüben bei Lotz in der Bierstube, da war auch so ein Zauberkünstler, -der machte Ihnen alles nach, was Sie wollten, Vogelgezwitscher und -Pferdewiehern, Hundegebell und Hochzeitspredigten. Aber so wie Sie hat -er mich doch nicht aus Rand und Band gebracht!« - -»Glaub's, glaub's, läber Quaddler!« versetzte Rumpf, immer noch den -Direktor imitierend. - -»Und das haben Sie in seiner Gegenwart aufgeführt? Nein, hören Sie -einmal, nichts für ungut Herr Rumpf, aber alles am rechten Ort. So -was geziemt sich nicht, und der Herr Direktor haben alle Ursache, im -höchsten Grade ungehalten zu sein.« - -»Meinen Sä?« - -»Ich muß Sie recht schön bitten, Ihr Spiel jetzt sein zu lassen. Es -verträgt sich nicht mit dem Ernst meines Amtes. Wollen Sie gefälligst -hier hereinspazieren!« - -»Mät Vergnögen ...!« - -»Herr Rumpf, ich werde dem Herrn Direktor sagen, Sie hätten noch nicht -genug an der Ihnen diktierten Strafe ...« - -»Was gäht Sä meine Strafe an, Sä alter, närrischer Quaddler!« - -»Was mich Ihre Strafe angeht? Nichts! Aber es geht mich viel, sehr viel -an, ob Sie fortfahren, den Herrn Direktor in respektwidriger Weise zu -verspotten.« - -»Ich kann machen, was äch will.« - -»Das können Sie nicht.« - -»Doch, Quaddler. Äch kann sprechen, wä mär's paßt, und wäm's nächt -gefällt, der dröckt säch oder hält säch die Ohren zo.« - -»Nun, warten Sie!« - -»Worauf?« - -»Ich werde dem Herrn Direktor Bericht erstatten.« - -»Sagen Sie einen schönen Gruß von mir.« - -»Sie werden sich wundern.« - -Quaddler drehte den Schüssel um und tappte langsam die Treppe hinunter. - -Im Saale der Prima ward inzwischen eifrig Sophokles interpretiert. -Heppenheimer verdeutschte gerade zum größten Jubel der übermütigen -Sippe das Wehgeschrei des unglücklichen Philoktetes: - - »Ai, ai, ai, ai ...« - -Der Direktor Samuel Heinzerling fiel ihm in die Rede. - -»Sagen Sä ›Au, au, au, au‹. Das ›Ai‹ als Interjektion des Schmerzes äst -sprachwädrig.« - -»Ich dachte, ›Au‹ sei bloß bei körperlichen Schmerzen gebräuchlich«, -bemerkte Heppenheimer. - -»Non, dänken Sä välleicht, Philoktet habe bloß geistig gelätten? Sä -scheinen mer den Gang der Tragödie ohne sonderliche Aufmerksamkeit -verfolgt zu haben.« - -»Herr Direktor, es klopft!« sagte Knebel. - -»Sähn Sä einmal nach, Knipcke!« - -Knipcke eilte, zu öffnen. - -»Was? Sä, Quaddler? Warom stören Sä ons schon wäder? Fassen Sä säch -korz!« - -»Ich wollte mir gütigst erlauben, ergebenst zu vermerken, der Primaner -Rumpf spricht noch immer so, wie von wegen weshalb Sie ihn bestraft -haben.« - -»Was? Er sätzt die Komödie fort? Non, äch wärde die erforderlichen -Maßregeln zu ergreifen wässen! Knäbel, schreiben Sä einmal ein, -- oder -nein, lassen Sä's läber! Es äst goot, Quaddler. Heppenheimer, fahren -Sä fort. Also: ›Au, au, au, au,‹ nächt: ›Ai, ai, ai, ai‹. Das Folgende -können Sä etwa mät: ›Ach, ihr äwigen Götter!‹ oder mät ›Allmächtiger -Hämmel!‹ wädergeben!« - -Heppenheimer erledigte sein Pensum zu des Direktors leidlicher -»Zofrädenheit«. Nach ihm übersetzte Schwarz »ongenögend«. Dann erscholl -Quaddlers Klingel. Der Verfasser der lateinischen Grammatik für den -Schulgebrauch erklärte den Unterricht für geschlossen. In der Tür -erschien Doktor Klufenbrecher, der Mathematiklehrer, der die Prima -von drei bis vier über die Geheimnisse der analytischen Geometrie -zu unterhalten hatte. Samuel Heinzerling reichte dem »geschätzten -Herrn Kollegen« herablassend, aber nicht ohne ein gewisses humanes -Wohlwollen, die grübchenreiche Rechte und verfügte sich dann nach -dem Direktorialzimmer, wo er sich nachdenklich auf seinem Amts- und -Dienstsessel niederließ. - -Quaddler ging inzwischen ans Werk, die freie Stunde gehörig -auszunutzen. Rüstig stülpte er den Pinsel in den Kleistertopf und -bestrich eine Tapetenbreite nach der anderen mit duftender Klebematerie. - -Wilhelm Rumpf aber saß gähnend auf der Pritsche und versicherte -im Selbstgespräch, er sei das Gymnasium mit seinen unmotivierten -Freiheitsbeschränkungen bis über die Ohren müde. - -Herr Samuel Heinzerling kraute sich jetzt in den Locken, rückte die -große Brille mit den runden Gläsern zurecht und schüttelte zwei-, -drei-, viermal das pädagogische Haupt. - -»Ein mäserabler Jonge, dieser Rompf!« murmelte er vor sich hin -... »Aber äch glaube fast, auf dem Weg der Güte äst mähr bei ihm -auszurichten, als mit Gewalt und Strenge. Äch wäll ähm einmal -ärnst-nachdrocksamst ins Gewässen räden! Schade ohm ähn! Er gehört zo -meinen begabtesten Schölern!« - -Er klingelte. - -Nach drei Minuten erschien Anny, Quaddlers sechzehnjährige Tochter. Sie -war augenscheinlich im Begriff, einen Ausgang zu machen; dafür sprach -das kokette Federhütchen, das sich anmutig auf ihren dunklen Locken -wiegte, und das bunte Schaltuch, das ihre vollen Schultern umfing. - -»Sie befehlen, Herr Direktor?« fragte sie mit einer graziösen -Verbeugung. - -»Wo ist Ihr Vater?« flüsterte Samuel mit einer für seine Verhältnisse -außerordentlich reinen Aussprache des »i«. - -»Er kleistert. Haben Sie etwas zu besorgen, Herr Direktor?« - -»So, er kleistert. Na, dann wäll äch ähn nächt stören in seiner -Kleisterei. Es äst nächts Besonderes, Anny. Der Karzerschlössel stäckt -ja?« - -»Ich werde einmal gleich fragen, Herr Direktor.« - -Wie ein Reh eilte das Mädchen die Treppe hinunter. Nach wenigen -Sekunden war sie wieder zur Stelle. - -»Jawohl, Herr Direktor, die Schlüssel stecken, sowohl der zum Vorflur, -wie der zur Zelle. Befehlen Sie sonst etwas?« - -»Nein, äch danke.« - -Anny verabschiedete sich. Lächelnd blickte Samuel ihr nach. - -»Ein reizendes Känd!« murmelte er vor sich hin. »Ich gäbe väl darom, -wenn meine Winfriede nur halb so väl ~savoir vävre~ besäße -- von -Ismenen ganz zo geschweigen. Däser Quaddler äst ein ~paganus~, ein -~homo incultus~, und dessenohngeachtet verstäht er es, eine Charitin -groß zo zähen, während äch, der feingebäldete Kenner des klassischen -Altertoms, äch, der ~homo, coi näl homani alienom äst~, nächt ämstande -bän, eine meines Bäldongsgrades wördige Nachkommenschaft zo erzielen.« - -Er strich sich einigemal über das glattrasierte Kinn, nahm dann seinen -Hut vom Tisch und klomm die Stiege zum Karzer hinan. - -Wilhelm Rumpf war höchlich überrascht, als sich schon nach so kurzer -Gefangenschaft die Tür in den Angeln drehte. Sein Staunen erreichte -jedoch den Zenitpunkt, als er in dem unerwarteten Besucher den Direktor -Samuel Heinzerling erkannte. - -»Non, Rompf?« sagte der ehrenfeste Pädagoge. - -»Was wünschen Sie, Herr Direktor?« entgegnete der Schüler im Tone einer -resoluten Verstocktheit. - -»Äch wollte mäch einmal erkondigen, ob Sä in säch gähn und einsähn, daß -solche Puerilitäten der Aufgabe des Gymnasiums und dem in däsen Mauern -herrschenden Geiste vollständig zowäder laufen ...« - -»Ich bin mir nicht bewußt ...« - -»Was, Rompf? Sä wollen säch noch auf die Hänterbeine stellen? Sähn -Sä einmal, was wörden Sä wohl sagen, wenn Sä an meiner Stelle wären? -Wörden Sä nächt däsen onartigen, öbermötigen Wälhelm Rompf aus -Gamsweiler noch ganz anders bei den Ohren nähmen? Hä?« - -»Herr Direktor ...« - -»Das sänd doch Kändereien, wä man sä einem anständigen jongen Mann -aus gooter Famälie nächt zotraut! Wässen Sä was? Beim nächsten dommen -Streich wärde äch Sä relegären!« - -»Relegieren ...?« - -»Ja, Rompf! Relegären! Drom gähn Sä än säch und lassen Sä dä -Ongezogenheiten, die Ähnen wahrhaftig keine Ehre machen ... Äch -wäderhole Ähnen: sätzen Sä säch einmal an meine Stelle! ...« - -Wilhelm Rumpf ließ das Haupt nachdenklich auf die Brust sinken. Er -fühlte, daß die angedrohte Relegation nur noch eine Frage der Zeit sei. -Mit einemmal zuckte ein diabolischer Gedanke durch sein Gehirn. - -»Wenn ich denn einmal fortgejagt werden soll,« sprach er zu sich -selbst, »so mag es denn auch mit Eklat geschehen!« - -Er lächelte, wie der verbrecherische Held eines Sensationsromanes -nach gelungener Missetat zu lächeln pflegt, und sagte im Tone einer -beginnenden Zerknirschung: - -»Sie meinen, Herr Direktor, ich solle mich an Ihre Stelle -versetzen ...?« - -»Ja, Rompf, das meine äch.« - -»Gut, wenn Sie's denn nicht anders haben wollen, so wünsche ich viel -Vergnügen!« - -Und damit sprang er zur Tür hinaus, drehte den Schlüssel um und -überließ den armen Direktor seinem unverhofften Schicksale. - -»Rompf! Was fällt Ähnen ein! Äch relegäre Sä noch heute! Wollen Sä -augenbläckläch öffnen! Augenbläckläch, sage äch!« - -»Äch gäbe Ähnen härmät zwei Stonden Karzer«, antwortete Rumpf mit -Würde. »Sä haben sälbst gesagt, äch solle mäch an Ähre Stelle -versätzen.« - -»Rompf! Es geschäht ein Onglöck! Ein Onglöck, sage äch! Öffnen Sä! Äch -befähle es Ähnen!« - -»Sä haben nächts mähr zo befählen! Äch bän gägenwärtäg där Därektor! Sä -sänd der Prämaner Rompf! Seien Sä ställ! Äch dolde keine Wäderräde!« - -»Läber Rompf! Äch wäll's Ähnen för däsmal noch verzeihen. Bitte, machen -Sä höbsch auf. Sä sollen mät einer gelinden Strafe dorchkommen. Sä -sollen nächt relegärt werden. Ich verspreche es Ähnen! Hären Sä?« - -Der »läbe Rompf« hörte nicht. Er hatte sich leise über den Vorflur -geschlichen und eilte jetzt die Treppe hinab, um siegreich zu -entweichen. - -Als er an der Tür des Pedells vorüber kam, packte ihn eine prickelnde -Idee. - -Er legte das Auge ans Schlüsselloch. Quaddler stand just auf der -Leiter, den Rücken nach der Pforte gekehrt, und mühte sich, einen -schwer bekleisterten Tapetenstreifen an die Wand zu kleben. Wilhelm -Rumpf klinkte ein wenig auf und rief mit dem schönsten Heinzerlingschen -Akzent, der ihm zu Gebote stand, ins Zimmer: - -»Äch gehe jetzt, Quaddler. Beobachten Sä mär den Rompf. Der Mänsch -beträgt säch wä onsännäg. Er erfrächt säch noch ämmer, seine -ämpärtänenten Spälereien zu treiben. Bleiben Sä jetzt nor rohig auf -Ährer Leiter. Äch wollte Ähnen nor noch sagen, daß Sä ähm onter keiner -Bedängong öffnen! Der Borsche wäre ämstande, Sä öber den Haufen -zo rännen und -- mär nächts, där nächts -- dorchzogehn! Hären Sä, -Quaddler?« - -»Wie Sie befehlen, Herr Direktor. Entschuldigen Sie nur gütigst, daß -ich hier oben ...« - -»Sä sollen rohig bleiben, wo Sä sänd, ond Ähre Kleisterei erst fertig -machen. Adiö!« - -»Ganz gehorsamster Diener, Herr Direktor.« - -Wilhelm Rumpf stieg nunmehr die Treppe wieder hinan und betrat die -Regionen des Karzers. - -Samuel Heinzerling tobte fürchterlich. Jetzt schien er auch die Klingel -zu entdecken, denn in demselben Augenblicke, da Rumpf sich hinter -einen gewaltigen Kleiderschrank der Pedellfamilie barg, erscholl ein -wütendes Geläute, gell und schrill, wie das Kreischen empörter Wald- -und Wasserteufel. - -»Zo Hölfe!« stöhnte der Schulmann, -- »zo Hölfe! Quaddler, äch bränge -Sä von Amt ond Brot, wänn Sä nächt augenbläckläch herauf kommen! Zo -Hölfe! Foier! Foier! Mord! Gewalttat! Zo Hölfe!« - -Der Pedell, durch das unausgesetzte Geklingel an seinen Beruf gemahnt, -verließ seine Privatbeschäftigung und erschien auf dem Vorflur des -Gefängnisses. Der heimtückische Primaner schmiegte sich fester in sein -Versteck. Samuel Heinzerling hatte sich erschöpft auf die Pritsche -gesetzt. Sein Busen keuchte; seine Nasenflügel arbeiteten im Tempo -eines rüstigen Blasebalgs. - -»Herr Rumpf«, sagte Quaddler, indem er wie warnend wider die Tür der -Zelle pochte, »es wird alles notiert!« - -»Gott sei Dank, Quaddler, daß Sä da sänd! Öffnen Sä mär! Däser -mäserable Kärl sperrt mäch här ein ... Es äst hämmelschreiend!« - -»Ich sage Ihnen, Herr Rumpf, die Späße werden Ihnen schlecht bekommen! -Und daß Sie den Herrn Direktor einen miserablen Kerl nennen, das werd' -ich mir besonders vermerken!« - -»Aber Quaddler, sänd Sä denn verröckt?« eiferte Samuel im Tone der -höchsten Entrüstung. »Zom Henker, äch sage Ähnen ja, daß der Rompf, der -elende Gesälle, mäch här eingespärrt hat, als äch ähn besochen und ähm -äns Gewässen räden wollte! Machen Sä jätzt keine Omstände. Öffnen Sä!« - -»Sie müssen mich für sehr dumm halten, Herr Rumpf. Der Herr Direktor -hat eben noch mit mir gesprochen und mir strengstens anbefohlen, Sie -unter keiner Bedingung heraus zu lassen. Und nun betragen Sie sich -anständig und lassen Sie das Klingeln, sonst häng' ich die Schelle ab.« - -»Quaddler, äch bränge Sä äns Zochthaus wägen wäderrechtlicher -Freiheitsberaubung.« - -»Hören Sie einmal, wissen Sie, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben -darf, so ist das ewige Nachahmen des Herrn Direktors recht kindisch, -nehmen Sie mir's nicht übel. Es ist wahr, der Herr Direktor sprechen -ein wenig durch die Nase, aber so ein dummes Geklöne, wie Sie's da -zusammenquatschen, so machen's der Herr Direktor noch lange nicht. -Und nun sag' ich Ihnen zum letztenmal, verhalten Sie sich ruhig, und -benehmen Sie sich, wie es sich geziemt ...« - -»Aber äch wäderhole Ähnen auf Ähre ond Sälägkeit, der schändläche, -näderträchtäge Borsche hat den Schlössel hänter mär heromgedreht, ähe -äch noch woßte, was er vor hatte! Quaddler! Mänsch! Äsel! Sä mössen -mäch doch erkännen! Tun Sä doch Ähre Ohren auf!« - -»Was? Esel nennen Sie mich? Mensch nennen Sie mich? Ei, wissen Sie was, -da fragt sich's doch noch sehr, wer von uns beiden der größte Mensch -und der größte Esel ist. So was lebt nicht. Nennt so ein grüner Junge -einen alten, ehrlichen Mann einen Esel! Selbst Esel! ... Verstehen Sie -mich? Aber warten Sie nur!« - -»Ein Äsel sänd Sä ond ein Ochse dazo!« stöhnte Heinzerling -verzweifelnd. »Sä wollen also nächt öffnen?« - -»Ich denke nicht daran.« - -»Goot! Sehr goot!« ächzte der Schulmann mit verlöschender Stimme. »Sehr -goot! Äch bleibe also äm Karzer! Hären Sä, Quaddler? Äch bleibe äm -Karzer!« - -»Es soll mich freuen, wenn Sie zur Vernunft kommen. Aber nun lassen Sie -mich ungeschoren. Ich habe mehr zu tun, als Ihre Possen mit anzuhören!« - -»Quaddler!« rief Samuel wieder heftiger. »Äch sitze rohig Stonde för -Stonde ab! Verstähen Sä? Stonde för Stonde! Wä ein ongezogener Jonge -erdolde äch däse empörende Schmach! Hären Sä, Quaddler?« - -»Ich gehe jetzt. Arbeiten Sie was.« - -»Heiliger Hämmel, mär schwändelt der Verstand! Bän äch denn wärklich -toll geworden! Mänsch, so gocken Sä doch wänägstens einmal dorchs -Schlösselloch! Dann wärden Sä ja sehen ...« - -»Jawohl, damit Sie mir in die Augen blasen, wie neulich! Das fehlte mir -noch! ...« - -»Non denn, so gehn Sä zom Teufel. Mät der Dommheit kämpfen Götter -sälbst vergäbens! Aber komm' äch Ähnen heraus! komm äch Ähnen heraus! -Äch gäb's Ähnen schriftlich: Sä sänd zom längsten Pädäll gewäsen!« - -Quaddler tappte ärgerlich die Stiege hinunter. Dieser Rumpf war -wirklich ein Ausbund von Impertinenz! Esel hatte er ihn genannt: Donner -und Doria! Seit Frau Kathinka Quaddler das Zeitliche gesegnet, war -dergleichen nicht vorgekommen ...! - -Ja, ja, die Herren Primaner! - -Samuel Heinzerling maß inzwischen mit großen Schritten die Zelle. Seine -ganze Erscheinung gemahnte an den afrikanischen Löwen, den menschliche -Gewinnsucht in den Käfig gebannt, ohne die stolze, urwüchsige Kraft -seiner edlen Natur brechen zu können. Die Hände auf dem Rücken, das -Haupt mit der grauen Mähne wehmütig auf die rechte Schulter geneigt, -die Lippen fest aufeinander gepreßt, -- so wandelte er auf und nieder, -auf und nieder, -- die düstersten, menschenfeindlichsten Gedanken im -Gemüte wälzend. - -Plötzlich spielte ein breites Vollmondslächeln über seine Züge. - -»Es äst ond bleibt doch komäsch!« murmelte er vor sich hin. -»Wahrhaftig! Wenn äch nächt so onmättelbar bei der Geschächte beteiligt -wäre, äch könnte sä amösant fänden ...« - -Er blieb stehen ... - -»Gereicht mär däse Öberlistung eigentlich zur Schande? Pröfe däch, -Samoel! Hat nächt ein bekannter Könäg dem Diebe, der ihm eine Uhr -stehlen wollte, eigenhändig die Leiter gehalten? Äst nächt selbst -Först Bäsmarck von boshafter Hand ränkevollerweise eingerägelt -worden? Hondert andrer Fälle nächt zo gedänken! Ond doch begägnet die -Wältgeschächte besagtem König mät Hochachtong. Ond doch gilt Först -Bäsmarck nach wä vor för den bedeutendsten Däplomaten Europas! Nein, -nein, Samoel! Deine Wörde als Scholmann, als Börger, als gebäldeter -Denker leidet nächt äm gerängsten onter däser peinlichen Sätoation! -Berohäge Däch, Samoel ...« - -Er setzte seine Promenade in befriedigter Stimmung fort. Bald aber -unterbrach er sich von neuem. - -»Aber meine Prämaner!« stammelte er erbleichend. »Wenn meine Prämaner -erfahren, daß äch auf dem Karzer gesässen habe! Onerträglächer -Gedanke! Meine Autorätät wäre ein för allemal dahän! Ond sä +wärden+ -es erfahren! Sä +mössen+ es erfahren! Äch bän ein för allemal -däskredätärt! O ähr Götter, warom habt ähr mär das getan!« - -»Herr Direktor,« flüsterte jetzt eine wohlbekannte Stimme an der -Zellentür ... »Sie sind noch lange nicht diskreditiert! Ihre Autorität -steht noch in vollem Flore ...« - -»Rompf!« stammelte Samuel. -- »Schändlicher, gottvergeßner Mänsch! -Öffnen Sä! Augenbläcklich! Betrachten Sä säch als moraläsch geohrfeigt! -Sähen Sä säch för dreifach relegärt an!« - -»Herr Direktor, ich komme, um Sie zu retten! Beleidigen Sie mich nicht!« - -»Zo rätten? Welche Onverschämtheit! Aufmachen sollen Sä, oder ...« - -»Wollen Sie mich ruhig anhören, Herr Direktor? Ich versichere Sie, -alles wird sich ausgleichen.« - -Samuel überlegte. - -»Goot«, sagte er endlich. »Äch wäll mäch herablassen ... Räden Sä ...« - -»Sehen Sie, ich wollte Ihnen nur zeigen, daß meine Kunst doch nicht so -ganz ohne praktische Bedeutung ist ... Verzeihen Sie, wenn ich dabei -scheinbar die vorzügliche Hochachtung und Verehrung verletzen mußte, -die ich Ihnen aus vollstem Herzen zu zollen mir freudig bewußt bin.« - -»Sä sänd ein Schelm, Rompf!« - -»Herr Direktor ... Wie wär's, wenn Sie mir die Karzerstrafe erließen, -die Drohung betreffs der Relegation zurücknähmen und mir erlaubten, -über alles Vorgefallene das strengste Stillschweigen zu beobachten ...?« - -»Das gäht nächt! ... Ähre Strafe mössen Sä absitzen ...« - -»So? Na, dann leben Sie wohl, Herr Direktor. Klingeln Sie nicht zu -viel!« - -»Rompf! Hären Sä doch! Äch wäll Ähnen was sagen ... Rompf!« - -»Bitte ...!« - -»Sä sänd in välen Bezähungen ein ongewöhnlächer Mänsch, Rompf ... ond -da wäll äch einmal eine Ausnahme machen ... Öffnen Sä nor!« - -»Erlassen Sie mir die Karzerstrafe?« - -»Ja.« - -»Werden Sie mich relegieren?« - -»Nein, än Teufels Namen.« - -»Geben Sie mir Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!« - -»Rompf, was onterstähn Sä säch ...« - -»Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!« - -»Goot! Sä haben's!« - -»Jupiter Ultor ist Zeuge.« - -»Was?« - -»Ich rufe die Götter zu Zeugen an.« - -»Machen Sä auf!« - -»Gleich, Herr Direktor. Sie tragen mir's aber auch ganz gewiß nicht -nach?« - -»Nein, nein, nein! Wärden Sä mäch non bald heraus lassen?« - -»Sie erteilen mir volle Absolution?« - -»Ja, onter der Bedängung, daß Sä nämandem erzählen, wä schwär Sä säch -vergangen haben. Ich habe Ähnen ja gesagt, äch halte Sä för einen -ongewöhnlächen Mänschen, Rompf ...« - -»Ich danke Ihnen für die gute Meinung. Mein Ehrenwort: so lange Sie -Direktor des städtischen Gymnasiums und Ordinarius der Prima sein -werden, soll keine verräterische Silbe über meine Lippen gleiten!« - -Und damit drehte er den Schlüssel um und öffnete ... - -Wie der Uhlandsche König aus dem Turme, so stieg Samuel Heinzerling an -die freie Himmelsluft. Tief holte er Atem. Dann strich er sich mit der -Rechten über die Stirn, als ob er sich besinne ... - -»Rompf,« sagte er, »äch verstehe Spaß ... Aber ... nächt wahr, Sä tun -mer den Gefallen, mäch nächt wäder mimisch zo kopären? Sä ... Sä machen -dä Geschächte zo ähnläch!« - -»Ihr Wunsch ist mir Befehl!« - -»Goot!! Ond non machen Sä, daß Sä hänonter kommen. Es äst noch nächt -drei Värtel. Sä können noch am Onterrächt teilnehmen!« - -»Aber würde man nicht stutzen, Herr Direktor? Jedermann weiß, daß Sie -mir drei Tage Karzer diktiert haben ...!« - -»Goot! Äch gähe mät Ähnen.« - -So eilten sie selbander die Treppe hinab. - -»Quaddler!« rief der Direktor ins Erdgeschoß. - -Der Pedell erschien an der untersten Windung und fragte -dienstbeflissen, was der Gebieter zu verlangen geruhe. - -»Äch habe dem Rompf aus verschädnen Grönden dä drei Tage geschenkt«, -sagte Samuel. - -»Ah ...! +Drum+ sind der Herr Direktor noch einmal zurückgekommen ... -Hm ... Ja, aber was ich sagen wollte, der Herr Rumpf war gar nicht -ruhig in seiner Zelle. Nichts für ungut, Herr Direktor, aber er hat -geschimpft wie ein Rohrspatz ...« - -»Lassen Sä's goot sein, Quaddler. Äch wäll däsmal aus ganz besonderen -Motäven Gnade för Recht ergehen lassen. Sä können den Karzerschlössel -abzähen!« - -Quaddler schüttelte befremdet das Haupt. - -»So!« sagte Samuel. »Ond non kommen Sä mät nach der Präma, Rompf!« - -Sie wandelten über den Korridor dem Schulsaale zu. Der Direktor klopfte. - -»Entscholdigen Sä, Herr Kollege,« flüsterte er eintretend im weichsten -Moll, dessen sein würdevolles Organ fähig war ... »äch bränge da den -Rompf wäder. Knebel! ... Sä erlauben doch, läber Herr Klufenbrecher -...? Knebel! Schreiben Sä äns Tagebooch: ›Man sah säch bewogen, dem -Rompf än Anbetracht seines aufrächtäg reuägen Benähmens dä än der -vorägen Stonde däktärte Karzerstrafe zo erlassen.‹ ... So! Ond non -wäll äch nächt weiter stören, verehrter Herr Kollege ... Haben Sä's, -Knebel? ... ›däktärte Karzerstrafe zo erlassen ...‹« - -»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Direktor?« fragte der höfliche -Mathematiker. - -»Äch danke verbändlichst, äch habe för heute genog gesässen ... Rompf, -äch erwarte, daß Sä das Gelöbnis der Bässerung in jäder Hänsächt -erföllen. Adieu, Herr Kollege.« - -Sprach's und verschwand in den labyrinthischen Gängen des -Schulgebäudes. -- -- - - * * * * * - --- -- Wilhelm Rumpf hielt sein Versprechen aufs gewissenhafteste. - -Er kopierte von jetzt ab nur noch die übrigen Lehrer: Samuel -Heinzerlings geweihte Persönlichkeit war ihm heilig und unverletzlich. - -Auch bewahrte er das unverbrüchlichste Stillschweigen, bis der Direktor -im Herbste desselbigen Jahres auf wiederholtes Ansuchen in den -Ruhestand versetzt wurde. - -Erst dann erfuhr die jauchzende Prima den Hergang jener unerwarteten -Versöhnung. - -Rumpfs »aufrächtäge Reue« war für die lachlustige Bevölkerung des -Städtchens eine Quelle unendlicher Heiterkeit. Unter denen, die -sich am meisten über die Farce amüsierten, befand sich der joviale -Direktor Samuel Heinzerling, der treffliche Autor der lateinischen -Schulgrammatik. - -Möge es ihm vergönnt sein, noch recht oft beim schäumenden Glase zu -erzählen, wie er den gottlosen Schelm »Wälhälm Rompf« auf dem Karzer -besuchte ... »Rompf« seinerseits wird jenes schöne Rencontre im Gebiete -Quaddlers nie vergessen, und sollte er so alt werden wie Grillparzer. - - - - -Samuel Heinzerlings Tagebuch. - - -Die sympathische Teilnahme, die sich mein unvergeßlicher Lehrer ~Dr.~ -Samuel Heinzerling im deutschen Vaterlande zu erwerben wußte, hat mich -veranlaßt, die Papiere meiner Schuljahre aufs neue zu durchblättern -und nach Zügen zu forschen, die das erhabene Bild des trefflichen -Schulmannes vervollständigen und vertiefen könnten. Werden doch -neuerdings Charaktere, die sich nicht annähernd der Popularität Samuel -Heinzerlings rühmen können, -- ~most popular~ nannte ihn erst kürzlich -die Londoner »~Public Opinion~«, -- werden doch literarische Größen, -um die sich keine Seele mehr kümmert, in ausführlichen Biographien -erörtert und bis auf die Eigentümlichkeiten ihrer Fleischerrechnungen -und Einladungskarten seziert: weshalb sollte nicht ein Mann von -der Bedeutung Samuel Heinzerlings die gleiche Pietät von seinem -Geschichtschreiber beanspruchen dürfen? - -Es fällt mir da ein Heft in die Hände, auf dessen Titelseite in -großen Lettern die Worte prangen: »Geographie. Nachgeschrieben in -den Lehrstunden des Herrn Direktor Samuel Heinzerling. Dienstags und -Donnerstags von zwei bis drei. Sommersemester.« - -Was ich dem Leser im nachstehenden mitzuteilen gedenke, ist seinem -wesentlichen Inhalte nach diesem Hefte entlehnt. Nur hin und wieder hat -die Erinnerung einige Linien ergänzt. - -Es war gegen Ende Mai. Samuel Heinzerling hatte uns eine Schilderung -der politischen und sozialen Verhältnisse von Paris geliefert. Der -eigentliche Geographie-Unterricht wurde bereits in den unteren -Klassen erledigt: in Prima gab man unseren Kenntnissen nur die letzte -Retouche. Samuel Heinzerling legte daher einen besonderen Wert auf -das Kolorit. Er wünschte, uns das großstädtische Leben und Treiben, -die tausendfältig sich kreuzenden Tendenzen einer rastlos jagenden -Bevölkerung, die Schwierigkeiten und Wirrnisse eines so ungeheuren -Gemeinwesens und ganz besonders den Kontrast zwischen der ruhigen -Beschaulichkeit einer deutschen Kleinstadt und dem fiebernden Chaos der -modernen Babel »plastäsch vor dä Sääle zo föhren«. - -Beim Beginn der Lehrstunde, von der ich berichten will, trat er mit -würdevoller Langsamkeit in das Schulzimmer, -- noch würdevoller und -langsamer als gewöhnlich. Auf dem Katheder angelangt, zog er einen Stoß -vergilbter Blätter aus der Tasche, breitete sie sorgfältig vor sich aus -und begann dann mit einer gewissen jungfräulichen Verlegenheit: - -»Zor Vervollständägong des Bäldes, das äch än der vorägen Stonde -vor Ähren Bläcken entrollt habe, wäll äch Ähnen heute einige -charakterästäsche Stellen aus meinem Paräser Tagebooch vorlesen, -das äch vor nonmehr säbzehn Jahren während eines fönfwöchentlächen -Aufenthaltes än der französäschen Hauptstadt verfaßt habe. Däse -ansprochslosen Notäzen werden Ähnen besser, als eine theoretäsche -Schälderung däs vermöchte, dä Wahrheit meiner neuläch erörterten -Behauptong klar machen: daß nämläch ein Monäzäpiom von allzo -beträchtlächer Ausdehnong dä Exästenz des Ändävädooms än jeder Hänsicht -erschwert. Äch wäderhole Ähnen: Dezentraläsation moß dä Parole jedes -vernonftgemäß organäsärten Staatswesens sein. Däse sogenannten -Weltstädte sänd aus keinem Gesächtsponkt zo rechtfertägen!« - -»Aber, Herr Direktor,« begann Wilhelm Rumpf, als Samuel innehielt, »das -alte Rom zur Zeit des Augustus war doch auch eine Weltstadt.« - -»Sätzen Sä säch«, erwiderte Heinzerling mißmütig. »Das alte Rom war -der Mättelponkt der damals bekannten Erde, hatte also logäscherweise -das Anrecht auf eine gewässe räumläche Ausdehnong. Heutzotage aber -steht der Omfang däser Großstädte mät dem ährer Staaten än gar keinem -Verhältnäs. Öbrägens, äch halte mer aus, daß Sä mäch jetzt nächt -bei jeder Sälbe onterbrechen; zomal es säch fögen könnte, daß meine -Aufzeichnongen hän ond wäder einen etwas persönlichen Charakter -annähmen. Dä Sobjektävätät äst aus solchen Reisenotäzen mät dem besten -Wällen nächt ämmer hänaus zo schaffen. Sollte also etwas Derartäges mät -onterlaufen, so erwarte äch von Ährem Anstandsgeföhl, daß Sä mäch nächt -mät onnötägen Fragen behellägen. Äch bränge Ähnen dorch dä Mätteilong -däser Aufzeichnongen ohnehän ein gewässes Opfer: aber der Pädagoge äst -mächtäger än mer als der Prävatmann. Rompf, wenn Sä lachen wollen, so -gehn Sä mer vor dä Töre! Verstehen Sä mäch? Ond non ställ! Äch begänne!« - -Seit Wochen hatte in der Prima keine so feierliche Ruhe geherrscht, -wie nach dieser Erklärung unseres allverehrten Direktors. Was konnte -uns wünschenswerter erscheinen, als die Ankündigung subjektiver -Streiflichter auf das Privatleben einer uns so teuren und -hochinteressanten Persönlichkeit? - -»Meine Notäzen«, hub Samuel mit der ganzen Fülle seines wohlklingenden -Organes an, »bestehen aus losen Zätteln, dä dem Datom nach aneinander -gereiht sänd. Äch habe das Wächtigste här zosammengestellt ond begönne -non ohne weitere Einleitong mät der Lektöre. Äch bemerke nor noch, daß -äch mäch damals aus rein wässenschaftlächen Grönden zo jener ämmerhän -beschwärlächen Reise entschlossen hatte. - -Nochmals, äch begänne: - -›Paräs, am drätten Mai. Bereits seit värzehn Tagen befände äch mäch -än der Hauptstadt der Gallier. Äch habe mäch schon so zämläch än den -öffentlächen Bäbläotheken orientärt ond freue mäch von Herzen öber dä -Fölle des vorhandenen Materäals. Nor eine einzäge Handschräft, deren -Exästenz Waldhober mär doch so zoverlässig behauptete, habe äch bäs -jetzt noch nächt auftreiben können. -- Gedold!‹« - -»Herr Direktor,« warf hier Möricke ein, »wer ist denn der Waldhuber?« - -»Ohne Zweifel ein Pariser Bibliothekar«, fügte Schwarz hinzu. - -»Onsänn! Waldhober! Wer wärd Waldhober sein! Der beröhmte Archäologe, -gegenwärtäg än Göttängen! Sä scheinen mer auch öber den Stand der -modernen Wässenschaft sehr schlecht onterrächtet.« - -»Wer kann all die Professoren so auswendig kennen«, versetzte Möricke. - -»Sei'n Sä mer ställ! Sä können öberhaupt nächt väl auswendig. Äch fahre -än der Lektöre fort: - -›Paräs, am värten Mai. Gestern abend beim Diner -- dorchaus nächt -onsere deutsche Hauptmahlzeit, sondern välmehr der römäschen ~coena~ -entsprechend -- machte mäch Doktor Mouchard vom ~Collège de France~ -aufmerksam, wä sehr es meinen Zwecken entsprechen wörde, wenn äch mäch -dem Großherzoglich badäschen Gesandten, Herrn von Prättwätz, vorstellen -wollte. Doktor Mouchard schälderte mer besagten Herrn von Prättwätz -als einen Mann von wahrhaft klassäscher Bäldong, der änsbesondere ein -hohes Änteresse för das Stodiom der Altertömer bekonde. Er könne meine -Ontersochongen öber dä grächäschen Haartrachten wesentläch fördern, -zomal er eine reichhaltäge Prävatbäbläothek ond verschädene wertvolle -Manoskräpte besitze; daronter ein alexandränäsches Palämpsest von -höchster Bedeutong. Doktor Mouchard fögte hänzo, Herr von Prättwätz sei -ein dorchaus menschenfreundlächer, ädler Charakter, frei von Dönkel -ond Öbermot, -- kein Sklave der Hybris, dä äns Verderben föhrt. So -habe äch denn än der Tat den Entschloß gefaßt, morgen fröh elf Ohr den -trefflächen Staatsmann än seiner Wohnung, ~rue de Berlin~ Nommer neun, -aufzosochen ond ähm meine wässenschaftlächen Absächten des näheren -vorzotragen. - -Am fönften Mai, abends. Heute fröh um neun Ohr sochte äch meinen -schwarzen Frack hervor, börstete ähn sorgfältäg ab, setzte meinen -Zäländer auf, kaufte mer ein Paar Handschohe von gelblächer Farbe ond -nahm eines der vor meinem Hotel stehenden Zweigespanne, dä, beiläufäg -bemerkt, äm onbedeckten Zostande eine gewässe Ähnlächkeit mät den Wagen -des Homer aufweisen. - -Äch habe non von jeher än den Oblägenheiten des alltäglächen Lebens -einen gewässen Hang zom Onglöck bekondet. Meine Gattän wärd mer -bezeugen, daß äch, Eier essend, stets dä verdorbenen aus der Schössel -hervorlange, von dem Verwechseln des Sandfasses mät dem Täntenfasse -ganz zo geschweigen. Auch dä zahlreichen Verwondongen, dä äch mer -dorch Gabeln, Scheren, Törpfosten ond ähnläche Änstromente zozähe, -kann äch nor als das Resoltat einer latenten Neigong zom Mäßgeschäcke -betrachten. Wenn mer non dergleichen schon daheim än dem trauten Kreise -meiner Famälie passärt, om wäväl mehr bän äch den Dämonen des Zofalls -ausgesetzt än einer Weltstadt, dä alle Sänne des Menschen än Ansproch -nämmt ond ähn fast der Fähägkeit einer rohägen Öberlegong beraubt? - -Äch war kaum än das Vehäkolom eingestägen, als äch, von dem -Wonsche besäält, mäch betreffs des augenbläcklächen Zeitstandes zo -onterrächten, nach meiner Ohr greifen wollte ond däselbe trotz aller -Anstrengong nächt zo fänden vermochte. Äch berohägte mäch anfängläch -bei dem Gedanken, sä sei ohne Zweifel äm Hotel auf dem Kamäne lägen -gebläben. Als äch jedoch beim Aussteigen den Kotscher bezahlen wollte -ond zo däsem Endzwecke nach dem kleinen Geld sochte, das äch gewöhnläch -än der rechten Westentasche verwahre, da bemerkte äch zo meiner -Verwonderong, daß öch öberhaupt keine Weste anhatte. - -~Verte!~ räf äch dem Kotscher zo. In meinem Hotel angelangt, fand äch -dä Weste wohlbehalten am Schlössel des Kleiderschrankes, wo äch sä -sorgfältäg aufgehängt hatte. För heute war es zo spät, da der badäsche -Gesandte om zwölf Ohr zo fröhstöcken pflegt. Äch warf mäch daher -wäder än meine Alltags- oder Stodärkleider ond gäng vergnögläch zor -Bäbläothek. Morgen äst ja auch noch ein Tag. Öbrägens war dä heutäge -Ausbeute auf der Bäbläothek so ergäbäg, daß äch dä kleine Enttäuschong -gern än den Kauf nehme.‹« - -»Herr Direktor!« rief Möricke, als Heinzerling einen neuen Zettel -hervorsuchte. - -»Non?« - -»Hätten Sie denn nicht einfach Ihren Frack zuknöpfen können? Dann hätte -man ja gar nicht gesehen, daß Sie die Weste nicht anhatten.« - -»Goot! Sehr goot! Däse Bemerkong zeigt, daß Sä meine Mätteilongen -einer denkenden Betrachtong onterzähen! Knebel! Schreiben Sä mal äns -Tagebooch: ›Möricke wegen Aufmerksamkeit belobt.‹ ... Haben Sä's, -Knebel ...? ›Wegen Aufmerksamkeit belobt.‹ ... Was non dä Sache selber -betrifft, so moß äch Ähnen bemerken, daß dä Verwärklächong Ährer an -säch ja recht glöcklächen Idee aus dem zwängenden Gronde onmöglich -war, weil der Frack noch aus der Zeit meines Staatsexamens herröhrte. -Äch konnte denselben mät dem besten Wällen nächt zoknöpfen, denn als -Kandädat war äch wesentläch schlanker. Doch wär wollen ons dorch däsen -Zwäschenfall än onserer Lektöre nächt stören lassen. Äch fahre da fort, -wo äch aufgehört habe. - -›Am sechsten Mai. Mät dem französäschen Idiom gäng es mär gestern -abend recht schlecht. Der Kellner wollte mäch absolot nächt verstehen; -ond da er weder än der lateinäschen noch än der grächäschen Sprache -dä erforderlächen Kenntnässe besaß, so bläb mer nächts öbrig, als -meine Wönsche zo Papär zo brängen. Er las meine Sätze denn auch mät -Leichtägkeit ab. Wahrlich, nämals hätte äch äm Traume gedacht, daß -dä gewöhnläche französäsche Konversationssprache einem Manne von -klassäscher Bäldong so schwer fallen könnte. Dä nasale Aussprache -gewässer Sälben hat för mein Organ etwas Wäderstrebendes‹ ... Hotzler, -was lachen Sä?« - -Der Schüler erhob sich. - -»Ich ... ich wollte nur ...« - -»Was wollten Sä?« - -»Ich kann nicht begreifen, daß gerade Ihnen die nasale Aussprache -Schwierigkeiten bereitet.« - -»Wäso? Was wollen Sä damät sagen? Hören Sä mal, Hotzler, äch -glaube, Sä brängen här nächt den gehörägen Ernst mät, wie er zor -Sache erforderläch äst. Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch: -›Hotzler wegen kändäschen, läppäschen Benehmens getadelt.‹ Zor -Strafe lese äch Ähnen jetzt däse lehrreichen Bemerkongen öber dä -französäsche Aussprache nächt weiter vor! Das haben Sä säch non selber -zozoschreiben! Rompf, lassen Sä das Gewackel ond röcken Sä weiter nach -rechts! Sä hocken dem Gäldemeister ja auf dem Leib wä eine Klette. Ond -non kein Wort mehr! - -›Paräs, am säbenten Mai. Gestern om halb elf Ohr gräff äch abermals zo -Frack ond Zäländer, vergewässerte mäch zweimal, ob dä Weste an Ort ond -Stelle sei, ond bestäg dann das Zweigespann Nommer 1313. Dä ominöse -Zahl beröhrte mäch eigentömläch. Ein alter Römer wörde än gleicher -Lage omgekehrt sein. Äch aber habe mäch stets von den Anwandlongen -eines dorch nächts zo motävärenden Aberglaubens ferne gehalten. Äch -erwähne den Omstand nor, weil der Eindrock, den er än mer hervorräf, -för meine Stämmong charakterästäsch äst. Ebenso befremdete mäch än -der Richelieu-Straße dä altklassäsche Änschrift eines Weinkellers: -»~Cave Richelieu~«, eine Warnong, dä -- fast an das beröhmte »~Cave -canem!~« anklängend -- einen alten Römer ebenfalls zor Vorsächt ermahnt -hätte ...‹« - -Samuel Heinzerling hielt einen Augenblick inne. - -»Herr Direktor,« rief Wilhelm Rumpf, die Pause benutzend, »darf ich mir -in Beziehung auf diesen letzten Passus eine Frage erlauben?« - -»Goot, fragen Sä!« - -»So viel ich mich erinnere, heißt französisch ~la cave~: der Keller, -so daß also jene Inschrift ziemlich zwanglos mit »Richelieukeller« -übersetzt werden könnte, eine Konjektur, die um so größere -Wahrscheinlichkeit hat, als besagte Inschrift wirklich auf einem Keller -zu lesen stand.« - -»Goot! Sehr goot!« versetzte Samuel Heinzerling, die rundglasige -Brille zurecht rückend. »Ähre Häpothese verrät eine röhmläche -Schlagfertägkeit. Äch wäll sogar zogeben, daß Sä onter Omständen -möglächerweise tatsächlich recht haben: mer jedoch, als dem klassäschen -Phälologen ond Altertomsforscher, lag das Lateinäsche ongleich näher ... - -Äch fahre än der Lektöre fort: - -›Trotz däser Omina woßte äch goten Motes zo bleiben. Mein Kotscher -peitschte drauflos, als hätte er noch heute wä Helios dä Ronde om -den Erdball zo machen. Nämals bän äch von Pferden auf so schnelle -Weise befördert worden. Meine schon fröher ausgesprochene Häpothese -einer Verwandtschaft des grächäschen ἵππος mät dem althochdeutschen -~hupfan~ (Phölologäsche Jahrböcher IV, S. 306) scheint mer jetzt -evädenter als je. Leider sollte äch däse wässenschaftläche Erkenntnis -mät einem persönlächen Onfall bezahlen: denn als wär so äm besten -Sausen dahän rollten, ereignete säch plötzlich eine Erschötterong. -Äch schrä auf ond gewahrte das Zweigespann än einer Lage, dä mer das -Schäcksal des onglöcklächen Bellerophon äns Gedächtnäs zoröckräf. Noch -lehnte freiläch das geschädägte Fohrwerk an einem großen, zweirädrägen -Gemösekarren; aber äch war onglöcklächerweise wäder das Rad däses -Lastwagens angedröckt worden, was eine starke Besodelong mät Teer ond -anderen klebrägen Stoffen zur Folge hatte. Än däsem Zostande konnte -äch natörläch meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten -nächt ausföhren. So bezahlte äch denn den Kotscher ond gäng än etwas -deprämärter Stämmong nach Hause. - -Das sänd dä Folgen der Zentraläsation, sagte äch, als äch nach einer -Stonde wäder auf meinem Sofa saß ond ein Gläschen Borgonder schlörfte. - -Meinen Frack ond meine Weste habe äch dem Hausknecht zom Reinägen -gegeben. So werde äch denn vor öbermorgen den badäschen Gesandten nächt -sprechen können; doch äch habe ja Zeit. Ohnehän moß äch heute onter -allen Omständen Luitgardens Bräf beantworten. Sä könnte sonst glauben, -äch wäre veronglöckt.‹« - -»Wessen Brief?« fragte hier Wilhelm Rumpf. - -»Non, das äst onwesentläch.« - -»Luitgard, das ist wohl die Frau Direktorin?« fragte Möricke. - -»Lassen Sä Ähre unnötägen Fragen! Äch habe keine Lost, Ähnen här meine -Famälienverhältnisse auseinander zo setzen. Hören Sä weiter: - -Also ... ›sä könnte sonst glauben, äch wäre veronglöckt. Ond än der -Tat, stand äch nächt heute bereits mät einem Fooße in Charons Nachen? -Non, äch habe mer geschworen: kein Zweigespann mehr! Äch lese da eben -än meinem Reisehandbooch, das ein sonst onbekannter Schräftsteller, -namens Karl Bädeker, verfaßt hat, dä Omnäbosse seien bei weitem -bälläger ond bequemer. Dä sogenannte ~Impériale~ -- das Verdeck -- -scheint mer än der Tat ein äußerst gönstäger Platz, da man von dort -einen freien Ombläck genäßt. Öbermorgen also mät erneuten Kräften ans -Werk! - -Meine Stodien liegen heute so zämläch brach. Dä Erschötterong än der -Droschke hat mäch so verwärrt, daß äch keinen vernönftägen Gedanken zo -fassen ämstande bän. Äch benotze daher, wä bereits oben bemerkt, däsen -Änterämszostand zo einem Bräfe an meine Gattän. - -Noch eines wäll äch erwähnen. Es äst mer vorhän aufgefallen, daß -der Hausknecht eine korze Tonpfeife rauchte. Es scheint däs ein täf -eingeworzelter französäscher Nationalgebrauch, während än Deutschland -dä lange Pfeife vorherrscht. Obgleich nächt moderner Koltorhästoräker -von Fach, pflege äch doch dä Länder ond ähre Sätten aufmerksam zo -beobachten. Den Välgewandten nennt mäch Luitgarde oft scherzweise -- -ond än gewässem Sänne hat sä onstreitäg recht. Besser freiläch wörde sä -sagen: der Välseitäge. - -Doktor Mouchard war vor einer Stonde bei mer ond fragte mäch, wä mer -der badäsche Gesandte gefallen habe. Äch erzählte ähm das erlättene -Mäßgeschäck: der Mensch lachte mer laut äns Gesächt. Däse Franzosen -sänd eine herzlose, egoästäsche Nation. - -Mein Kollege Träuble, der Ordänarios von Quarta, wörde säch än gleichem -Falle ganz anders benommen haben. - -Am neunten Mai. Gestern om halb elf verläß äch mein Hotel, om den -Omnäbos der Länie Clichy-Odéon abzupassen, der, wä der Hausknecht -versächert, dächt an der ~rue de Berlin~ vorbei fährt. Der Omnäbos -kam, ond da äch än der Gymnastäk zwar kein Koryphäe, aber ämmerhän ein -ganz leidlächer Dälettant bän, so gelang es mär ohne Schwärägkeiten, -dä treppenartäge Leiter, oder besser, dä leiterartäge Treppe, zor -sogenannten ~Impériale~ hänan zo klämmen. Dä Höhe, än der äch mäch non -befand, hatte zwar äm ersten Augenbläck etwas Beonrohigendes; bald -ändes öberzeugte äch mäch von der Solädätät des Eisengeländers, -- ond -dä völläge Sorglosägkeit der öbrägen Passagäre trog dazo bei, mein -Onbehagen völläg zo tälgen. So genoß äch denn än onbeschränktem Maße -dä großartäge Aussächt auf das Treiben der Weltstadt. Än Betrachtongen -der mannächfachsten Art versonken, hatte äch anfängläch nächt bemerkt, -daß der Omnäbos, sobald ein Herr absteigen wollte, nächt anhält. -Däse Röcksächt gält bloß för das zarte Geschlecht. Jetzt aber ward -äch auf däsen Omstand aufmerksam, da mein Nachbar, ein Jöngläng aus -dem Handwerkerstande, den Platz an meiner Seite verläß ond ohne dä -gerängste Bangägkeit an dem rasch dahänrollenden Omnäbos hänonter -kletterte. Zwei Sekonden später stand er wohlbehalten auf dem Trottoir -ond gäng än das nächste Haus, als wäre nächts vorgefallen ... - -Mer ward mät jedem Augenbläck schwöler zomote. Das Hänanklämmen, zomal -wenn der Omnäbos stand, läß säch ohne Möhe bewerkstellägen; aber -hänonter, ond noch dazo röckwärts? ~Nonquam retrorsom!~ Das war von -jeher mein Wahlsproch, -- ond non sollte äch onter so wäderwärtägen -Verhältnässen dem Grondsatze meiner Jogend ontreu werden? Ändes, was -war zo machen? Dä Straße, än dä wär jetzt einfohren, war dä ~rue de -Clichy~ ... Äch sprach also: ~fortes fortona jovat~ ond gäng ~färmo -constantäque anämo~ ans Werk. Zo Anfang schänen dä Götter mer gönstäg. -Dä Treppe ward än korzer Zeit glöcklich zoröckgelegt, ond wohlbehalten -langte äch auf der breiten Onterstäge an, von der äch nor herabsprängen -moßte, om sägreich geborgen zo sein. - -Mein Kollege Salzmann, der Physiker, hat mer oft auseinander gesetzt, -daß onsere klassäsche Bäldung eine einseitäge, ädealästäsche sei ond -zor Ergänzong einer realästäschen Hälfte -- der Natorwässenschaften --- bedörfe. Äch habe Salzmann oft einen Materialästen genannt ond -ähn aus Plato ond der »Krätäk der reinen Vernonft« zo wäderlegen -gesocht. Jetzt ändes erkenne äch, daß er nächt völlig äm Onrecht -war. Hätte äch än meiner einseitägen, ädealästäschen Rächtong nächt -öbersehen, daß ein Körper, der säch än Bewegong befändet, vermöge des -Gesetzes der Trägheit än däser Bewegong verharrt, auch wenn dä ~causa -movens~ zo wärken aufhört, -- äch erännere mäch däses Lehrsatzes aus -meiner Gymnasialzeit, -- so wäre äch nächt beim Absprängen von der -Omnäbosstäge langwegs än den Kot gefallen. - -Mein Alexander moß onter allen Omständen gröndlächen Onterrächt än -den Realien erhalten. Es äst dä Pflächt der Eltern, ähre Känder vor -den Öbeln, dä sä selber aus Onkenntnäs erdoldet haben, vorsächtäg zo -bewahren. - -Äch habe mer beim Storz von der Omnäbosstäge dä rechte Kännlade -verletzt ond sätze daher mät verbondenem Antlätz än meinem Hotel. Mein -Zostand verbätet mer jedes öffentläche Erscheinen. Da äch also heute -nächt zum Diner komme, wärd Doktor Mouchard mäch ohne Zweifel morgen -zor Rede stellen, ob äch välleicht beim badäschen Gesandten diniert -habe. Äch wörde unbedängt Ja sagen, wenn äch nor äm Besätze einer -zoverlässägen Personalbeschreibong wäre! Das sänd wäder dä Folgen der -Zentraläsation! Wenn däses Volk nächt so rennte ond jagte, sondern -säch Zeit nähme, dä Fahrgäste absteigen zo lassen, so hätte äch heute -zoverlässig meinen Plan zor Ausföhrong gebracht! - -Eines steht ändes fest: keine Macht der Welt brängt mäch wäder auf eine -~Impériale~. -- - -Es klopft, -- sollte es Mouchard sein?‹« - -Boxer und Möricke waren bei den letzten Worten hastig nach der Tür -gestürzt. - -»Was fällt Ähnen ein?« rief Samuel Heinzerling im Tone des höchstens -Erstaunens. - -»Ich wollte mal nachsehen«, erwiderte Boxer; »Sie sagten doch eben: ›es -klopft.‹« - -»Onsänn! Äch habe vorgelesen -- ganz deutlich ond onverkennbar: ›Es -klopft -- sollte es Mouchard sein?‹« - -»Ach so,« erwiderte Boxer, »das Letzte habe ich nicht gehört.« - -»Ich auch nicht, Herr Direktor«, fügte Möricke ehrerbietig hinzu. - -»Sä hören öberhaupt nächts, Möricke; setzen Sä säch!« - -Und von neuem hub die wohlklingende Stimme des trefflichen Schulmannes -zu lesen an: - -»›Den zehnten Mai. Es war nächt Doktor Mouchard, sondern der -Hausknecht. Der wackere Mensch kam, om meine beschmotzten Kleider zo -holen. Äch werde ähm bei meiner Abreise ein töchtäges Tränkgeld geben -mössen, denn er hat än der Tat väl Arbeit mät meinem schwarzen Kostöm. - -Gestern abend hatte äch eine brällante Idee. Sä bestand darän, das -nächste Mal einen Platz äm Ännern des Fohrwerks zo nehmen ond dä -Gelegenheit abzopassen, sobald eine Dame den Kondokteur anhalten heißt. -Äch kann wohl sagen, daß däse Lösong mer als ein Träomph menschlächer -Berechnong erschien. Meine Befrädägong erreichte den Höhegrad, -als auch dä Schmerzen än meiner Kännlade fast gänzlich nachläßen -ond eine Kreuzbandsendong aus Grönängen eintraf, eine Beilage des -Grönänger Wochenboten, woran Luitgarde dä folgende Stelle mät Rotstäft -angesträchen hatte. - -Vermäschtes. Onser trefflächer Archäologe, dä Zärde onserer Vaterstadt, -der Gymnasialdärektor Samoel Heinzerläng, befändet säch seit einigen -Wochen än der französäschen Hauptstadt, wo seine Ontersochongen öber -dä Haartrachten des Altertoms einen gedeihlächen Fortgang nehmen. Aus -sächerer Quelle können wär hänzofögen, daß Herr Baron von Prättwätz, -der Großherzogläch badäsche Gesandte, onseren Heinzerläng mät seinem -ganzen Einflosse onterstötzt ond ähm sogar seine reichhaltäge -Prävatbäbläothek zor Verfögong gestellt hat. - -Träuble, Träuble! räf äch aus, als äch däse schmeichelhafte Anerkennong -meiner bescheidenen Bestrebongen nächt ohne Erröten gelesen hatte. Wer -sonst auch sollte öber däse Details, dä äch nor Luitgarden geschräben -hatte, so genau onterrächtet sein, wenn nächt er, der langjähräge -Freund meines Hauses? Dä Nachrächt von dem götägen Entgegenkommen des -Großherzogläch badäschen Gesandten war freiläch ein wenig verfröht, -ändes: Rom äst nächt an einem Tage erbaut worden, ond korz ond goot, -dä Notäz des Grönänger Wochenboten versetzte mäch än dä rosägste -Stämmong ... - -Am zwölften Mai. Gestern warf äch mäch zom värten Male än Gala, om -endläch meinem prädestänärten Gönner den längst zogedachten Besoch -abzostatten. Der Omnäbos kam, ond äch, flänk wä der Wänd, hänein ond -Platz genommen. - -Es war doch ein ganz anderes Geföhl här onten äm Schoße der behaglächen -Sächerheit, als da oben auf der schwankenden Höhe der ~Impériale~. -Horaz sagt mät Recht, der Blätz schlage am läbsten än hohe Törme ond -öbermötäge Fächten ein, während er das ställe, bescheidene Kraut am -Boden verschone ... - -Äch hatte äm Omnibos ein sehr schön gekleidetes weibläches Wesen zor -Nachbarän. Dä Dame trog einen halb dorchsächtägen schwarzen Schleier, -der etwa bäs än dä Gegend des Mundes reichte. Vermotläch äst dä Sätte -däser halben Maskärong dorch dä Phönizier aus dem Orient nach Marsilia, -dem heutägen Marseille, gebracht ond von da aus nach dem Norden -verpflanzt worden. - -Während der Fahrt war äch bestrebt, meine topographäschen Kenntnässe -zo erweitern. Der Omnäbos schän ändes heute eine andere Roote -einzoschlagen. Dä Gegend war mer wenägstens vollständäg neu. - -Non, om so besser, sagte äch zo mer selbst. Äch bereichere so nor meine -Anschauongen. - -Dä Physiognomä der Straßen, dorch dä wär kamen, worde von Minote zo -Minote seltsamer. Äch gewahrte zahlreiche Blusenmänner, zom Teil mät -Äxten bewaffnet. Aus Wein- ond Branntweinschenken tönte mer verworrenes -Geschrei entgegen. Deutläch glaubte äch dä Klänge der Marseillaise -zo hören. Äch gestehe, daß äch däse Symptome höchst bedenkläch -fand. Onrohig rotschte äch auf meinem Sätze hän ond her. Dazo kam -der verdächtäge Omstand, daß der Omnäbos leerer ond leerer ward. -Rätselhafte Erscheinong! Hatte välleicht der Kondokteur äm Komplott mät -dem Kotscher dä Absächt, mäch än eine menschenleere Gegend zo fahren -ond mäch dort zo berauben? Paräs stand än däser Hänsächt von jeher än -öblem Rofe. Än Grönängen freiläch wäll äch mäch om Mätternacht getrost -vor das Tor wagen, -- aber Paräs äst nächt Grönängen. Mein Herz begann -lebhafter zo schlagen; -- ond als jetzt auch der letzte Passagär -ausstäg, da rächtete äch än der Tat ein ställes Stoßgebet zom Hämmel -ond befahl Luitgarden, Alexander, Ismenen, Winfrieden ond Vitriaria -der Försorge des Allmächtägen. Was konnte dä nächste Mänote brängen? -Womät hatte äch das verdänt? Äch dorchmosterte mät einem raschen -Bläck mein vergangenes Leben ond fand leider, daß äch välfach gefehlt -hatte. Eine ernstläche Reue öberkam mäch, ond zerknärscht gelobte äch -mer Besserong, wenn äch nor däsmal noch aus den Armen des Verrates -errettet wörde ... Da hält der Omnäbos an ... Fänster bläckend trat der -Kondokteur auf mäch zo ond räf: »~Descendez s'il vous plaît!~« - -Tödläch erschrocken leistete äch seinem Befehl Folge. Wenäge Sekonden -später ändes hatte säch alles befrädägend aufgeklärt. Dä ganze Lösong -der rätselhaften Erscheinongen lag än dem Omstande, daß äch än den -Omnäbos einer falschen Länie eingestägen war, ond mäch non an der -Endstation einer Vorstadt befand, dä von der Wohnong des badäschen -Gesandten reichläch anderthalb Stonden entfernt lag. Was bläb mer -öbrig, als mät demselben Wagen wäder nach Haus zo fahren ond Gott zo -danken, daß mer wenägstens nächts Schlämmeres begegnet war. Morgen -werde äch besser aufpassen: endläch moß man doch eine gewässe Paräser -Routäne erlangen. - -Am dreizehnten Mai. Gestern stand äch wäder gegen halb elf Ohr an der -Omnäbosstation. Aller gooten Dänge sänd drei, mormelte äch vor mäch -hän. Äch bän gewohnt, öfters etwas vor mäch hänzomormeln, ein Gebrauch -des Monologs, den äch mer aus den Komödien des Plautus angeeignet habe. -Äch halte ähn för ein vortreffliches Mättel, säch mät dem eigenen -Äch gehöräg äns Klare zo setzen. Vär, fönf Omnäbosse kamen voröber; -sä waren sämtlich bäs auf den letzten Platz öberföllt. Da kam mer -plötzläch der Gedanke, mäch aller Fohrwerke zo entschlagen ond einfach -zo Fooße zo gehen. Eine herrläche Idee! räf äch aus. Än der Tat, wenn -äch zo Fooße gäng, so war äch gegen alle bäsher erlättenen Onbälden -ein för allemal geschötzt. Onbegreifläch, daß mer däse Wahrheit nächt -fröher einleuchtete! Wäväl Zeit, wäväl Geld, wäväl goote Laune hätte -äch sparen können! - -Röstäg eilte äch förbaß, seelenvergnögt, daß äch endläch das rächtäge -Auskonftsmättel gefonden hatte. - -Leider worde äch erst zo spät gewahr, daß dä Zeit för eine Omnäbosfahrt -zwar reichläch zogemessen, aber för den Fooßgänger doch etwas zo knapp -gegräffen war. Als äch än dä ~rue de Berlin~ einbog, schlog es halb -eins, ond da äch woßte, daß der Baron om zwölf Ohr dejenärt, so besah -äch mer das Haus einstweilen von außen. - -Morgen werde äch zeitäger aufbrechen, mormelte äch, als äch den Röckweg -antrat. - -Heute fröh erhäält äch von Alexandern einen recht netten lateinäschen -Bräf, an dem äch nor einäge Germanäsmen zo rögen hatte. Äch habe ähn -schleunägst korrägärt ond, nach Beifögong zweier Dankeszeilen än -grächäscher Sprache, zoröckgesandt. - -Das Wetter hat säch zom Argen gewendet: ύεῖ μὲν ό Ζεύς, wä der -hellenäsche Lyräker sängt, ond auf den Straßen waltet des Kotes -erdröckende Fölle. Beim Anbläck des grauen Gewölks habe äch eine Elegä -än altklassäscher Form zo Papär gebracht, dä äch här beiföge ...‹« - -Samuel Heinzerling unterbrach sich und rückte die Brille zurecht. - -»Ach, Herr Direktor«, rief die Prima wie aus einem Munde, als der -Verfasser der Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch Miene -machte, die Elegie zu überschlagen. »Ach, lesen Sie uns doch vor! -Lassen Sie doch ja nichts aus, Herr Direktor! Gerade die Verse -interessieren uns! Bitte, die Elegie!« - -»Non goot, Sä sollen sä hören«, versetzte Samuel, augenscheinlich -geschmeichelt. »Das Gedächt betätelt säch: ›Regenwetter‹ ... - - ›Zörnend ronzelt dä Stärne der blätzomspälte Kronäon, - Ach, ond mät Regen begäßt rängs er das ganze Paräs. - Deshalb bleib' äch zo Haus. Zo Haus zo bleiben äst ratsam, - Wenn der erbätterte Zeus grollend das Wetter getröbt. - Morgen aber, wenn hold dä rosenfängräge Eos - Hebet am Hämmel das Haupt, heb' äch den hortägen Fooß, - Gehe zom gastlächen Haus des göttläch erhabenen Prättwätz, - Der mer als wackerer Mann sächer sein Xenion beut.‹« - -»Bravo!« rief Wilhelm Rumpf, als Samuel Heinzerling geendet hatte. - -»Enthalten Sä säch jeder Krätäk«, sagte der Schulmann ein wenig -ungnädig. - -»Aber, Herr Direktor, ich werde doch meinen Empfindungen noch Ausdruck -verleihen dürfen ...« - -»Verschäben Sä den Ausdrock Ährer Empfändongen bäs zom Schlosse der -Lehrstonde!« - -»Wirklich, ganz ausgezeichnet!« sagte jetzt Hutzler halblaut zu seinem -Nachbar. - -»Hotzler, Sä gehn mer hänaus! Äch bän Ähre Dommheiten möde. Wä können -Sä säch ein Orteil erlauben, Sä, der Sä nächt einmal ämstande sänd, -einen Daktylos von einem Trochäos zo onterscheiden.« - -»O, Herr Direktor ...« - -»Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch: ›Hotzler, zom zweiten Male -wegen läppäschen Benehmens getadelt.‹ Hotzler, äch wäderhole Ähnen, Sä -gehn mer hänaus!« - -Hutzler verließ das Lehrzimmer. Der Direktor fuhr fort: - -»›Am säbzehnten Mai. Äch bän so erbättert, daß äch nor archäologäsche -Jamben zo Papär brängen möchte! ~Däffäcele äst satäram non scräbere!~ - -Am Värzehnten däses Monats machte äch mäch schon gegen neun Ohr auf -... Nächt ohne eine gewässe Ängstlächkeit betrat äch dä Straße: ein -fönfmaläges Mäßlängen äst wenäg geeignet, onser Vertrauen zo stärken. - -Äch schrätt dorch dä Straße ~Vivienne~ nach dem Börsenplatze ond bog -dann än dä Richelieustraße ein, wo äch mäch sehr vorsächtäg weiter -bewegte. Schon hatte äch etwa dä Hälfte der Straße zoröckgelegt, -als äch plötzläch einen Menschen bemerkte, der mät einer langen, -speerartägen Stange drohende Gesten ausföhrte ond dabei so onzweideutäg -seine Bläcke auf mäch heftete, daß äch kein Ödäpos zo sein brauchte, om -zo erraten, wem däse Feindselägkeit gelten sollte. - -Hatte der Mensch wärkläch Absächten auf mein Eigentom ond mein Leben? -Offenbar gehörte er dem Arbeiterstande an, -- ond was man von den -Paräser Arbeitern zo halten hat, das weiß heutzotage ein jeder. Das -Schäcksal der onglöcklächen Könägin Maräe Antoinette stand mät einem -Male än forchtbarer Klarheit vor meiner Sääle ... - -Ond doch, wä war es denkbar, daß ein Mensch am hellen Tage auf -dä geachtete Persönlächkeit eines deutschen Gymnasialdärektors -frevelhafterweise ein Attentat wagen dorfte? Wämmelte es nächt rängs -von Menschen? Freiläch bemerkte äch, daß jedermann dem Borschen mit -der speerartägen Stange ängstläch auswäch. Er moßte also gefährläch -sein ... Ändessen, was konnte er mer anhaben? Auf offener Straße, fast -onter den Augen zweier Poläzästen ond einer bewaffneten Schäldwache? Än -dä Mätte der Straße auszobägen, schän mer gefährläch, der zahlreichen -Fohrwerke halber: also köhn drauf los! Mot, Samoel! räf äch mer -zo. Sollte der Mensch da än der Tat einen Frevel beabsächtägen, so -werden dä Männer des Gesetzes alsbald dä Pläne eines wahnwätzägen -Barräkadenmannes zo vereiteln wässen. Äch schrätt mannhaft vorwärts. -Der Mensch mät dem Speer schwenkte ond gestäkolärte ämmer verdächtäger. -Dabei stäß er seltsame Töne aus, dä wä ein fremdländäsches Krägsgebröll -klangen. Sollte äch omkehren? - -Äch räf mer eben ein neues Mot, Samoel! zo, als plötzläch von oben eine -Flössägkeit öber mäch herklatschte, dä meinen Frack alsbald mät einer -weißen, kalkartägen Kroste öberzog. Allmähläch gäng mär ein Lächt -auf, ond auch Doktor Mouchard hat es mer nachträgläch bestätägt. Das -Haus, vor dem der Mann mät der Stange auf- ond abläf, worde jost fräsch -getöncht. Äch hatte den ehrsamen Arbeiter schmähläch verkannt! - -George, der Hausknecht, äst seit ehevorgestern mät der Reinägong meines -Frackes beschäftägt, hat jedoch bäs zor Stonde nor onbefrädägende -Resoltate erzält. Dä Beinkleider hatten nor wenäg gelätten, was -leicht zo erklären äst, da der verhängnäsvolle Goß von oben auf mäch -hereinbrauste. - -Äm ganzen darf äch mer Glöck wönschen, daß äch auf däse Weise eine -lehrreiche Erfahrong gemacht habe. Äch weiß jetzt, was es bedeutet, än -Paräs auf dem Trottoir zo wandeln. Wenn non anstatt däser flössägen -Masse ein Balken, ein Stein oder sonst etwas Wochtäges herabgestörzt -wäre, wä däs bei dem fortwährenden Ausbessern ond Ombauen, das här -zo herrschen scheint, dorchaus äm Bereiche der Möglächkeit lägt? Ond -Luitgarde, Alexander, Winfriede, Ismene ond Vitriaria? Entsetzläch! -Nein, es war nor ein Wänk der götägen Götter, ond äch söndäge gröbläch, -wenn äch öber däsen kleinen Zwäschenfall morre. George, der Hausknecht, -äst ja geschäckt; auch hat er än der letzten Zeit väl Öbong bekommen. - -Meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten habe äch nonmehr -auf Donnerstag den neunzehnten Mai festgesetzt. Äch freue mäch -onendläch, eine Bekanntschaft zo machen, von der mer Mouchard so väl -Gootes geweissagt hat. - -Mouchard hat säch däsmal edler benommen als das letzte Mal. Äch schätze -än ähm einen töchtägen Vertreter der Wässenschaft ond einen läbreichen -Freund ... - -Am zwanzägsten Mai. Non bän äch's denn doch möde, mäch äwäg mät däsen -Paräsern heromzoschlagen. Daß mär so etwas passären moßte! Es äst wahr, -mein schwarzer Frack säht nächt mehr zom elegantesten aus, ond mein -Zäländer äst seit lange des ersten Glanzes beraubt: wä es aber mögläch -war, mäch ongeachtet däser kleinen Änkorrektheiten meiner Toilette för -den belgäschen Klavärlehrer Haentjens zo halten, der wegen verschädener -Betrögereien steckbräfläch verfolgt wärd, das äst ond bleibt mer ein -Rätsel! Non, äch habe den Ärrtom der Paräser Poläzästen teuer bezahlen -mössen. Volle zwölf Stonden verbrachte äch auf der Wache, bäs äch -ämstande war, meine Ädentätät zo erhärten. Doktor Mouchard hat mär -än däser Bezähong sehr anerkennenswerte Dänste geleistet. Onerhört! -sage äch. Einen deutschen Gymnasialdärektor mät einem belgäschen -Klavärlehrer zo verwechseln, ond noch dazo mät einem Betröger! Äch rofe -dä Götter zo Zeugen an, ob äch jemals dem Eigentom meiner Mätmenschen -auch nor än Gedanken zo nahe getreten bän! Man sollte denken, däse -~honestas~ mößte säch auch än meinen Gesächtszögen hänlängläch -ausprägen. Onerhört! sage äch. Bäs elf Ohr abends hab' äch auf der -sogenannten Violine verbracht, teilweise onter schweren Verbrechern, -äch, Samoel Heinzerläng, Därektor des städtäschen Gymnasioms zo -Grönängen. Wer mer das vor acht Tagen geweissagt hätte! Aber äch werde -Genogtoong fordern, -- koste es, was es wolle! Das sänd dä Fröchte -jener räsägen Konglomerate, dä man Weltstädte nennt! Än Grönängen wäre -dergleichen onmögläch gewesen. Notabene, könftäghän werde äch stets -meinen Paß bei mer tragen. - -Den Besoch bei dem Großherzogläch badäschen Gesandten habe äch -natörläch auf öbermorgen vertagt ... - -Am einondzwanzägsten Mai. Endläch bän äch ans Ziel gelangt, wenägstens -topographäsch geredet. Äch erreichte wohlbehalten das Hotel än der -~rue de Berlin~ ond zog, äm Geföhl eines onendlächen Wohlbehagens, dä -gesandtschaftläche Klängel. Leider moßte äch von dem Däner dä Meldong -entgegennehmen, der Baron von Prättwätz sei am Tage zovor auf sechs -Wochen nach Baden-Baden verreist. - -Äch war nächt wenäg verstämmt. So väle Aufregongen, so väle Verloste an -Zeit ond Geld, so väle Verdräßlächkeiten, -- ond non alles omsonst! Äch -legte mer das Gelöbde ab, nä wäder än einer fremden Großstadt Besoche -zo machen. Dergleichen föhrt zo nächts Gootem. Äch bän einmal das Opfer -der Zentraläsation geworden ond habe keine Lost, däse onglöckseläge -Rolle weiter zo spälen. Der wässenschaftläche Ernst eines deutschen -Gelehrten äst onvereinbar mät dem frävolen ond oberflächlächen Treiben -solcher modernen Riesenstädte. Sänd wär dorch dä Omstände verorteilt, -ons zeitweiläg ännerhalb däser gefährlächen Weichbilde aufzohalten, so -gezämt ons dä onbedängte Reserve!‹« - -Samuel Heinzerling faltete seine Zettel zusammen. - -»So,« sagte er, indem er das Päckchen in die Brusttasche schob, »Sä -werden aus dem Mätgeteilten zor Genöge ersehen haben, was äch beweisen -wollte: daß dä Zerteilong än väle abgesonderte Staaten ein Segen för dä -deutsche Nation äst. Äch wönsche non, daß Sä mer för das nächste Mal -däse Frage än einem korzen Aufsatze theoretäsch ond praktäsch erörtern. --- Der Hotzler kann jetzt wäder hereinkommen.« - -In diesem Augenblicke erscholl die Klingel. Würdevollen Schrittes und -im Bewußtsein, die Keime einer segensreichen Weltanschauung gelegt -zu haben, verließ der Verfasser der Lateinischen Grammatik für den -Schulgebrauch, mit besonderer Berücksichtigung der oberen Klassen, das -Lehrzimmer. - -»Ich habe mir alles stenographiert«, rief Heppenheimer, die Mappe -schwenkend. - -»~Et ego~«, versetzte ich freudestrahlend. »Morgen muß uns der Rumpf -die Geschichte vorlesen.« - -Die schändlichen Stenographen! Ohne die teuflische Kunst Gabelsbergers -wäre dem wackeren Schulmann der Schmerz erspart worden, den ~infandus -dolor~ seiner Pariser Leiden in diesen Blättern so buchstäblich -renoviert zu sehen. Er hatte kein Glück mit seinen Besuchen, der -treffliche Heinzerling, weder mit dem Besuch im Karzer, noch mit dem -Besuch beim Großherzoglich badischen Gesandten in der ~rue de Berlin~. - - - - -Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren. - - -Der schnöde Primaner-Triumph. - - Aech werd' ähn Där nämmer vergessen, - Den schnöden Prämaner-Träomph, - Daß äch auf dem Karzer gesessen, - Do extravagärender Rompf! - - Äch bätt' euch, bei allen Prophäten, - Wer nähme dä Sache nächt kromm? - Äch wollt' äns Gewässen ähm räden, -- - Da dräht er den Schlössel mer om! - - Äch schälle ... Was notzt mär das Schällen? - Bornärt äst der Quaddler ond stompf. - Der dömmste von allen Pedellen - Meint faktäsch, äch wäre der Rompf! - - Doch bläb äch gelassen ond monter, - Bäs Rompf als Befreier erschän: - So kam äch denn wäder heronter - Und habe dem Schlängel verzähn! - - Ond mag es ons Lehrer betröben, - Äch wag' das geflögelte Wort: - Als Schöler säch mimisch zo öben, - Äst doch nächt so völläg absord! - - - - -Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren. - - -In der Bierstube. - - Beim Bär -- beim Bär, - War nä mein Bosen schwär! - Vergässen äst des Dolders Not, - Der schnöden Präma Öbermot ... - Der Gäldemeister stärt mäch nächt, - Der Hotzler schäkanärt mäch nächt: - Manch Seidel schlörf' äch leer. - Beim Bär -- beim Bär - War nä mein Bosen schwär! - - Äm Grond -- äm Grond - Äst's Bär mer nächt gesond! - Zom Schlagfloß hab' äch stäts geneigt, - Ond bayräsch Bär erhätzt so leicht. - Es geht äns Blot, es nämmt dä Roh, -- - Der väle Ärger kömmt dazo, - Dä Präma treibt's zo bont! - Äm Grond -- äm Grond - Äst's Bär mer nächt gesond! - - Was toot's? Was toot's? - Das Bär äst doch was Goot's! - Ond ob's das Läben mer verkörzt, -- - Mäch dönkt, wer störzen soll, der störzt! - Zom Hömmel häb' äch köhn den Bläck: - Där, Zeus, vertrau' äch mein Geschäck, - Än Deinen Händen roht's! - Was toot's? Was toot's? - Das Bär äst doch was Goot's! - - Das Bär -- das Bär, - Das bleibt non mein Pläsär! - Der Zechtäsch äst mein Heilägtom, - Dä Kneipe Mekka mer ond Rom; - Ond wenn dä Hand das Glas omspannt, - Föhlt säch dä Sääle gottverwandt: - Fromm wärd sä mehr ond mehr ... - Das Bär -- das Bär, - Das äst non mein Pläsär! - - Wä domm -- wä domm, - Das Zämmer fällt ja om! - Dä Wände taumeln kromm ond schäf, - Jetzt sänd sä hoch, jetzt sänd sä täf ... - Ond jetzt ... aha, äch märk' es wohl, - Jetzt röcken Geister mer am Stohl ... - Herr Wärt, äch dolde stomm! - Wä domm -- wä domm, - Das Zämmer fällt ja om! - - Das Bär -- das Bär - War ongewöhnläch schwär! - ~Sont certi~ ... nein ... Wä sagt Horaz? - Wä? Was? Der Gäldemeister tat's? - Ja, Luitgard! ... ja, äch hab' genog ... - Der Knebel ... schreibt's äns Tagebooch ... - Ja, ja ... schon beim Homär ... - Das Bär -- das Bär - War ongewöhnläch schwär! - - (Ab unter den Tisch.) - - - - -Die Klassenprüfung. - - -Wenn das Maturitätsexamen dem Gymnasiasten ernst und bedeutsam -erscheint, so raubt ihm die Klassenprüfung den Gleichmut nur in -Ausnahmefällen. Es gibt allerdings eine Sorte von ganz besonders -ehrgeizigen oder ganz besonders unwissenden Schülern, die auch der -Klassenprüfung mit einer gewissen Bänglichkeit entgegenwandeln: aber -sie bilden die Minorität. Für mich und meine nächsten Freunde war -dieses ein- oder zweimal im Jahre wiederkehrende Examen allezeit ein -Gaudium, und je zahlreicher sich das Publikum versammelte, um so -vergnüglicher pflegten wir dreinzuschauen. - -Das Klassenexamen ist die Farce des Gymnasiallebens. ~In corona civium~ -liebt es kein Lehrer, seine Schüler als unwissend bloßzustellen. Denn -der Vorwurf dieser Unwissenheit träfe in erster Linie ihn selbst. Daher -wir denn regelmäßig über solche Materien examiniert wurden, die während -der letzten Wochen bis zum Überdruß zerkaut und verdaut waren. - -Wir erschienen beim Beginn des Examens sehr pünktlich, -- in unsern -besten Kleidern, -- und getragen von jener Feiertagsstimmung, die -aus dem Bewußtsein der bevorstehenden Ferien erwächst. So nahmen -wir auf den Subsellien im großen Saale Platz, an dessen Eingang der -Pedell Quaddler in schwarzem Frack und weißer Halsbinde Posto gefaßt -hatte. Nach und nach erschienen die Lehrer, stets in schmunzelndem -Zwiegespräch, sich wiederholt Herr Kollege nennend und eine ähnliche -Befriedigung zur Schau tragend wie die Schüler. Zuletzt nahte -würdevollen Schrittes der Direktor Samuel Heinzerling, ganz Wohlwollen, -ganz Frühling und Sonnenschein. Ehrfurchtsvoll traten die übrigen -Pädagogen nach rechts und links auseinander, um ihren Herrn und Meister -hindurchzulassen. Mit vollendeter Humanität teilte Samuel seine -kollegialischen Grüße aus: die Schüler aber mußten sich bei seinem -Erscheinen von ihren Sitzen erheben, eine Höflichkeitsbezeigung, für -die Samuel stets durch heftiges Abwinken dankte. - -Der Religionslehrer bestieg nunmehr den Katheder, faltete die Hände und -sprach: - -»Lasset uns beten!« - -Abermals stand die Klasse auf wie ein Mann, und Samuel Heinzerling -blickte wohlgefällig auf diese Kolonnen, die ihn und den Herrn der -Heerscharen durch eine so ehrfurchtsvolle Behandlung auszeichneten. - -Der Religionslehrer sprach sein Gebet und bat den Allmächtigen, er möge -unsern Eingang und unsern Ausgang segnen. Hierauf begann das Examen. - -Eine halbe Stunde verstrich, ohne daß uns das Publikum irgend einen -Vertreter gesandt hätte. Da endlich knarrte die Tür. Aller Augen -wandten sich nach der Schwelle: es erschien der Superintendent Samson, -der sich in ganz ungewöhnlichem Maße für die geistige Entwicklung der -Jugend interessierte. Verbindlich lächelnd drückte er einem Lehrer -nach dem andern die Hand, -- aber ganz sachte und insgeheim, um ja -nicht zu stören. Dann folgte er mit reger Aufmerksamkeit den Peripetien -der Prüfung, öfters mit dem Kopfe nickend und stets so schlau -dreinschauend, als ob er wirklich imstande sei, die gestellten Fragen -korrekt zu beantworten. - -Nach dem Superintendenten erschien der erste Stadtprediger, und dann -füllten sich die Hallen so allgemach, bis um elf Uhr der Höhepunkt -eintrat. - -Ein beträchtliches Kontingent zu diesen Vormittagsbesuchern lieferten -die Gymnasiasten selbst, und zwar wohnten die Schüler der unteren -Klassen mit Vorliebe den Prüfungen der oberen bei, so daß die Sextaner -niemals so zahlreich vertreten waren, als wenn die Prima examiniert -wurde. - -Des Nachmittags bot der Saal einen weit pittoreskeren Anblick, denn -jetzt erschienen auch die Mütter und Schwestern der Examinanden. Der -Anblick farbenprächtiger Roben und wallender Hutbänder war in diesen -Räumen etwas so Ungewohntes, daß wir bei dem Erscheinen der ersten Dame -jedesmal in einen Zustand herzklopfender Aufregung gerieten, zumal -wenn die Dame jung und hübsch war. Das Rauschen ihres Gewandes tönte -uns lieblicher als Musik, und die kleinen, zierlichen Halbstiefelchen -klappten so ganz anders auf den Dielen des Saales als die kolossalen -Gehwerkzeuge Doktor Hellwigs. - -Samuel Heinzerling war bei diesen Anlässen von einer musterhaften -Galanterie. Jeder Zoll seines Wesens atmete Wohlwollen und -Ritterlichkeit, wenn er die gnädige Frau oder das verehrte Fräulein -nach dem Stuhle geleitete. Nur die Backfische im Alter von 13 bis 15 -Jahren behandelte er etwas kühler, denn er wußte, daß gerade diese -Sorte seinen Schülern am gefährlichsten war. - -Gegen vier Uhr nachmittags hatte sich der Damenflor, der unsere Prüfung -schmückte, am reichsten entfaltet. Gar mancher von uns erblickte da -auf bescheidenem Rohrstuhle den »Stern seines Lebens«, die »Rose, -vom Himmelstau gebadet«, den »Engel, zu gut für diese lieblos rauhe -Welt«. Besonders zart organisierte Schüler kamen aus dem Erröten gar -nicht heraus; die Mädchen aber steckten die Köpfe zusammen, -- und -was sie insgeheim miteinander schwatzten, betraf gewiß nicht die -Sprachgebräuche des Xenophon. - -Während der Nachmittagsprüfung waren wir selbstverständlich weit -weniger aufmerksam als des Vormittags. Die Lehrer wußten sehr wohl, daß -sie diese rückgängige Bewegung unseres Interesses dem Einflusse des -Ewig-Weiblichen zuschreiben mußten. Daher sie denn jetzt vorzugsweise -solche Schüler examinierten, die ihnen als erotisch unempfänglich -bekannt waren. Es ist wunderbar, wie fein der Instinkt der Lehrer -hier das Richtige trifft. In jeder Klasse sind immer drei, vier, fünf -exemplarische Jünglinge vorhanden, die ein so stark entwickeltes -Pflichtgefühl oder ein so schwach entwickeltes Herz besitzen, daß -ihnen die Regeln über den griechischen Optativ ungleich wichtiger sind -als der Anblick eines schönen Mädchengesichts. Diese Unempfänglichen -werden in so heiklen Fällen besonders aufs Korn genommen, wenn es gilt, -rasch eine Querfrage zu beantworten u. dergl. m. Zu einem längeren, -wissenschaftlichen Verhör eignet sich unter Umständen auch der -verliebte Schüler, -- wofern er nämlich auf dem Gebiete, das der Lehrer -gewählt hat, sehr sattelfest ist. Es wird ihm alsdann ein besonderes -Vergnügen bereiten, in den Augen seiner Angebeteten zu brillieren. Den -Horaz übersetzend, schleudert er wohlgezielte Pfeile nach ihrem Herzen. -Er beschwört die Lydia, sie möge den Sybaris nicht vor Liebessehnsucht -vergehen lassen, und meint dabei sich und Volckmanns blonde Therese. Er -verdeutscht die Ode: ~Quem tu, Melpomene, semel~, -- und denkt dabei -schüchtern an seine eigenen poetischen Versuche, mit denen er die -Auserkorene durch Vermittlung seiner Schwester oder auf dem Wege einer -anonymen Postsendung heimgesucht. Nickt dann der Superintendent mit -beifällig schmunzelnder Miene, so ist der Gymnasiast stolz auf seinen -errungenen Triumph, und zerstreut lächelnd folgt er der Aufforderung -des Lehrers, sich wieder zu setzen. - -Das Klassenexamen ist die einzige Gelegenheit, wo die Primanerliebe -innerhalb der vier Wände des Gymnasiums etwas freier aufatmet. Die -Klassenprüfung ist ihr Sonnenblick. Hier kann der Lehrer gegen ihre -verstohlene Betätigung nichts einwenden. Noch entsinne ich mich -des jauchzenden Entzückens, mit dem mir einer meiner Freunde, Paul -Schuster, am Schluß des Examens um den Hals fiel, weil diese wenigen -Nachmittagsstunden das wieder aufgebaut hatten, was ihm während des -Semesters durch die Ungunst der Verhältnisse zerstört worden war. - -Paul Schuster liebte eine reizende Blondine, namens Elisabeth. Er -besang sie in hundert Liebesliedern. Seine Schwester hatte ihm -zugeredet, und so kopierte er das schönste dieser Gedichte auf -goldgerändertes Briefpapier, schrieb, von hundert seligen Ahnungen -erfüllt, seinen Namen darunter, und barg es in einer zierlichen -Enveloppe, auf deren Siegelstelle eine Taube mit dem biblischen -Ölzweig prangte. Dann setzte er als Adresse die Worte darauf: »Meiner -himmlischen Elisabeth«, und ließ der Holden das Billett durch seine -Schwester mit in die Schule bringen. Am Abend erhielt er die Nachricht, -das Gedicht habe einen ungeheuren Eindruck gemacht. Elisabeth sei von -dem Zauber der wogenden Rhythmen geradezu hingerissen; nur meine sie, -der Dichter habe doch hin und wieder gar zu schmeichelhaft übertrieben. - -Drei Tage später glaubte Paul Schuster zu bemerken, daß der Direktor -Samuel Heinzerling während der Interpretation der Antigone ihm -verschiedene Male einen strafenden Blick zuschleuderte. Das Schicksal -sollte ihn über die Ursache jenes eigentümlichen Mienenspiels nicht -lange in Zweifel lassen. Nach Beendigung der Lehrstunde entbot ihn -Samuel auf sein Zimmer. Verwirrt leistete er dieser Aufforderung -Folge. Wer schildert seine Empfindungen, als er auf dem Tische des -Gymnasialtyrannen sein ~Billet-doux~ an Elisabeth wahrnimmt. - -»Schoster,« begann der Direktor, »Professor Gönther föhrt Klage, Sä -belästägen seine Tochter.« - -Paul Schuster glaubte bei diesen Worten Samuels in den Boden versinken -zu müssen. Ein jäher Krampf schnürte ihm die Kehle zusammen. - -»Herr Direktor,« stammelte er, »wenn Professor Günther dergleichen -behauptet, so spricht er die Unwahrheit ...« - -»Wä, Schoster?« fragte Heinzerling mit schneidiger Stimme, »Sä wollen -noch leugnen? Sätzen Sä säch dort einmal auf den Stohl!« - -»Aber, Herr Direktor ...« - -»Sätzen Sä säch! Also Sä haben dä Dreistägkeit, den Herrn Professor -Gönther der Onwahrheit zo bezächtägen! Goot! Sehr goot! Ond was sagen -Sä zo däsem Zettel, den dä Frau Professor än der Scholtasche ähres -Töchterchens gefonden hat? Wollen Sä etwa än Abrede stellen, daß Sä -däsen Wäsch da geschräben haben?« - -»Nein, Herr Direktor!« - -»Non goot! Äch ontersage Ähnen härmät ein för allemal, däse onzämlächen -Scherze zo wäderholen.« - -Er nahm das Blatt zwischen die Finger und rückte die Brille zurecht. - -»Es äst wärklich stark, Schoster! - - ›Ond schänkte, wenn der Lenz erwacht, - Ein Gott mär allen Blötenflor, - Äch legte gern dä Fröhlingspracht - Als Teppäch Deinen Fößen vor ...‹ - -Begreifen Sä nächt, daß es geradezo onverantwortlich äst, einem -wohlerzogenen Kände solche Albernheiten än den Kopf zo setzen? Äch -dächte, Sä gäben säch vorläufäg noch ein wenig mät Ährem Sophokles ab. - - ›Ach, wenn der Sehnsocht holde Glot - Äm täfsten Bosen aufgeflammt ...‹ - -Sehnsocht, Sehnsocht! Sehnen Sä säch nach einem ordentlächen -Matorätätsexamen, ond vertrödeln Sä Ähre Zeit nächt mät solchen -Abgeschmacktheiten. Wenn säch der Mensch erst einmal solche Alloträa än -den Kopf gesetzt hat, dann geht sein wässenschaftlächer Sänn öber Nacht -zo Grabe. Merken Sä säch das!« - -Paul war außer sich. - -»Herr Direktor,« stöhnte er verzweifelt, »ich glaube bis jetzt noch -keine Veranlassung gegeben zu haben ...« - -»Das habe äch auch nächt behauptet. Aber dä bästen Schöler werden äm -Handomdrehen leichtsännäg, wenn sä anfangen, säch mät solch kändäschem -Tand abzogeben. Äch habe Sä non gewarnt.« - -Der Direktor entließ ihn. Paul Schuster hielt nur mit Mühe die Tränen -zurück. Er kam sich so erbärmlich, so namenlos lächerlich vor, daß er -zu jedem Entschluß unfähig war. Zu Hause angelangt, überlegte er. Nach -mehrstündigem Hin- und Hersinnen kam er zu dem Resultat, daß ihm nichts -anderes übrig bleibe, als Elisabeths Vater persönlich aufzusuchen. -Trotzig erhobenen Hauptes machte er sich auf den Weg. Er ward nicht -vorgelassen. Was tun? Eine halbe Minute lang schwankte er, ob er sich -nicht mit Gewalt den Weg in das friedliche Studierzimmer bahnen und -im Tone eines beleidigten Theaterhelden Rechenschaft fordern sollte -für die zwiefach kränkende Unbill. Bald aber gewann die vernünftige -Erwägung die Oberhand. Der eben noch so heroische Primaner zog ab. Wie -ein verschmähter Freier schlich er gesenkten Blickes nach Hause, warf -sich mit geballten Fäusten langwegs auf das Sofa und heulte. - -So war das poesiereiche Verhältnis zu Elisabeth meuchlings zertrümmert -worden. Allerhand kleine Mißverständnisse hatten dazu beigetragen, den -Sturz der Ideale zu vervollständigen. - -Und nun kam die Klassenprüfung. Elisabeth erschien reizender als je. -Sie nahm in der vordersten Reihe Platz. Zwei Stunden lang kreuzten sich -die Blicke der beiden Liebenden, und dieser stumme Depeschenwechsel -reichte aus, beiden die Gewißheit zu geben, daß sie »einander noch -angehörten«. Am Schluß des Examens erntete Schuster ein Lächeln, das -ihm den letzten Zweifel benahm ... Glücklicher Schuster! - -Ich wiederhole es: Das Klassenexamen ist der Lichtblick der scheuen -Primanerliebe! - -Doch kehren wir aus dem Speziellen ins Allgemeine zurück, und erzählen -wir den weiteren Normalverlauf der Semesterprüfung. - -Am Abend des dritten Tages bestieg Samuel Heinzerling den Katheder und -verkündete die Prämien und die Versetzungen. Ein feierlicher Moment! -Der Direktor wußte denn auch der Bedeutsamkeit des Augenblicks in jeder -Hinsicht gerecht zu werden. Seine Stimme klang fast wie die Posaune des -Jüngsten Gerichts, wenn er begann: - -»Von Onterpräma nach Oberpräma röcken auf:« - -Und nun folgte die Liste. Die nicht erwähnten Schüler waren zu ewiger -Verdammnis -- ich will sagen, zum Sitzenbleiben für ein weiteres -Semester verurteilt. - -Dann fuhr der Direktor fort: - -»Prämien erhalten än däser Klasse:« - -Und nun folgte das kurze Verzeichnis der wenigen Auserwählten. -Dieses Verzeichnis schrumpfte, je höher man in der Reihe der -Klassen hinaufstieg, immer mehr zusammen. In Prima gab es nur ganz -ausnahmsweise Prämien: - -»Dä Prämaner taugen alle nächt väl«, so pflegte Samuel privatim diese -Maßnahme zu motivieren. - -Zu Ostern fand am Schlusse der Prüfungen zuweilen ein sogenannter Aktus -statt, bei dem das schöne Geschlecht noch zahlreicher vertreten war -als beim Examen. Gedichte, deutsche und lateinische Reden, Gesänge -und sonstige musikalische Vorträge waren der Gegenstand dieser -nachmittäglichen Feier, an der sich nicht nur die Schüler, sondern auch -die Lehrer aktiv beteiligten. So entsinne ich mich eines trefflichen -Vortrags, den Samuel Heinzerling über die Wirkung der echten Humanität -hielt. Doktor Brömmel, der Zwillingsvater, sprach wiederholt über die -Bevölkerungsverhältnisse der europäischen Staaten; er wies darauf -hin, daß Deutschland das rivalisierende Frankreich immer mehr zu -überflügeln verspreche, eine Wahrheit, die von Emanuel Boxer mit der -malitiösen Bemerkung begleitet wurde: »Daran ist niemand schuld, als -Doktor Brömmel!« Der »Herr Pastor« ließ sich über das griechische -Schisma vernehmen, ein Thema, von welchem Boxer behauptete, daß es -die anwesenden Damen +nur zur Hälfte+ verstehen würden. Doktor Perner -endlich gab Bilder aus der neueren Literaturgeschichte. Leider waren -meine Gymnasialhumoresken damals noch nicht geschrieben, sonst würde er -sie ohne Zweifel mit Enthusiasmus erwähnt haben. - -Gegen sechs Uhr trat man den Heimweg an. Jedermann befand sich in einer -rosigen Stimmung. Nur die Sitzengebliebenen ließen elegisch die Köpfe -hängen und gelobten sich, im neuen Semester Rache zu üben für die -erlittene Kränkung. - -»Das habe ich dem Doktor Perner zu danken«, sagte der eine. - -»Mich hat der Brömmel ins Verderben geritten! Für das nächste Jahr -wünsche ich ihm Drillinge!« - - - - -Ferien. - - -Gegen Schluß des Semesters tritt in der Stimmung des deutschen -Gymnasiasten eine seltsame Wandlung ein. Bis dahin hat er die -Knechtschaft des Stundenzwanges mit jener edlen Resignation -hingenommen, die der Weise einem unabwendbaren Übel entgegenbringt. -Jetzt mit einemmal ergreift ihn ein selbstbewußter, beinahe trotziger -Frohsinn. Noch leistet er den Befehlen des Lehrers Folge, aber sein -Gesichtsausdruck steht mit dieser äußeren Unterwürfigkeit in schroffem -Gegensatze. Auf der lächelnden Lippe schwebt ein unausgesprochenes -Wort, das, ins Verständliche übertragen, ungefähr also lautet: -»Ich gehorche! Ich stehe unter deiner Botmäßigkeit! Aber der Tag -der Befreiung naht auf Sturmesflügeln! Wenn er erscheint, dann -wehe dem Grundgesetz deiner Herrschaft!« Strafen, die sonst eine -niederschmetternde Wirkung ausgeübt hätten, werden jetzt gleichgültig, -ja fast mit offenem Hohn ertragen: der Skorpion des Absolutismus hat -seinen Stachel verloren. - -Wer in der Völker- und Staatengeschichte einigermaßen bewandert -ist, der wird sich erinnern, daß ähnliche Stimmungen von jeher den -Verschwörer am Vorabend der Entscheidung beseelt haben. Genau so dachte -und fühlte der Neger, der unter Toussaints Führung die Fesseln seiner -langjährigen Sklaverei sprengen sollte. Hätten die Plantagenbesitzer -von St. Domingo ein deutsches Gymnasium besucht, sie wären niemals -von den schwarzen Bataillonen überrumpelt worden. Der deutsche -Gymnasiallehrer weiß nur zu genau, was jener Stimmungswechsel bedeutet. -Er weiß, daß es die Perspektive auf die Ferien ist, die seiner Klasse -so rebellisch die Adern schwellt. - -Ferien! Das Wort hat für einen deutschen Gymnasiasten etwas -Zauberisches! Schon viele Wochen im voraus wird bis auf den Tag und -die Stunde berechnet, wie lange man noch auf den harten Subsellien zu -schmachten hat. Die Phantasie eilt der Wirklichkeit in rauschendem -Fluge voraus und bevölkert die Zukunft mit den beglückendsten -Lichtstrahlen. Man entwirft Pläne; man gelobt sich, die anderthalb -Monate diesmal so recht gründlich und nach allen Richtungen hin -auszukosten. Man überläßt sich einer poesievollen Zerstreutheit, -die sich von Woche zu Woche steigert und zuletzt in die vollendete -Träumerei ausartet. - -Mir und meinem vielgenannten Freund Wilhelm Rumpf war diese gesteigerte -Spannung so unerträglich, daß wir den Freitag und den Sonnabend vor dem -Beginn der Ferien jedesmal schwänzten. Zur gewohnten Stunde ergriffen -wir unsere Schreibmappen und traten ins Freie. In dem kleinen Tempel -der städtischen Promenade, der zu dieser Frist völlig verwaist stand, -gaben wir uns ein Rendezvous und beratschlagten, was den Tag über zu -beginnen sei. Wenn wir einen Entschluß gefaßt hatten, stellten wir -unsere Uhren mit ängstlicher Genauigkeit nach der großen Turmuhr der -Stadtkirche und verloren uns dann, halb Kinderspiele, halb Gott im -Herzen, seitwärts in die Felder. Ganz besonders entzückend waren diese -illegitimen Ausflüge am Schluß des Sommersemesters. Eine prächtige -Landschaft, die noch im reichsten Festgewand strahlte, ein tiefblaues -Himmelsgewölbe, und auf allen Hügeln und Hängen ein überschwenglicher -Segen des köstlichen Obstes, -- was brauchten wir mehr, um glücklich zu -sein? Die Freude über den wolkenlosen Septembertag paarte sich mit dem -Triumphgefühl über die gelungene Entweichung. Jauchzend strichen wir -durch die einsamen Nußgärten und füllten uns, dem siebenten Gebote zum -Trotz, die Taschen. Gegen zehn nahmen wir in der nächsten ländlichen -Schenke einen Imbiß, dessen Mangelhaftigkeit durch den Glanz unserer -Gemütsverfassung ersetzt wurde. Eine Stunde später rüsteten wir uns -zum Heimweg. Es galt, rechtzeitig in der Behausung einzutreffen, denn -die Sache sollte den Anschein haben, als kämen wir direkt aus dem -Gymnasium. - -Auf diese Weise verbrachten wir den Freitag und den Sonnabend. Wie -Leander die Hero, so besuchten wir die Göttin der Freiheit unter dem -Deckmantel des Geheimnisses ... Für kurze Zeit hat dieser verstohlene -Umgang einen unendlichen Reiz: auf die Dauer aber sehnt man sich nach -dem festen Besitz. So hatten wir denn beim Läuten der Sonntagsglocken -gerade genug an dem heimlichen Raube, und wonnetrunken begrüßten wir -unser rechtliches Eigentum, -- die Ferien! - -Wer vermöchte zu schildern, was ein deutscher Gymnasiast beim Beginn -der Ferien empfindet! Sechs lange Wochen! Eine Ewigkeit! Freudig -blitzenden Auges und stolz erhobenen Hauptes wandelt man umher, als -ob man die ganze Welt besäße! Und zwar ist dieses Entzücken um so -aufrichtiger und vollständiger, je weiter abwärts wir uns von der -Prima entfernen, -- vielleicht nur aus dem Grunde, weil die Empfindung -von der Länge der Zeit mit der fortschreitenden Entwicklung des -Menschen zusammenschrumpft. Dem Quartaner und Tertianer sind diese -sechs Wochen in der Tat ein unbegrenzter Spielraum: das jugendliche -Gemüt überläßt sich der Illusion, die Frist könne kein Ende nehmen. -Der Primaner dagegen hat sich zu oft schon diese sechs Wochen »von -rückwärts betrachtet«; die Erfahrung hat seinen Idealismus auf ein -minder grandioses Maß reduziert; er weiß die Summe der Genüsse, die ihn -erwarten, bereits annähernd abzuschätzen. - -In einem Punkte verwerten die Schüler aller Klassen das Privilegium -der Ferien gleichmäßig: im freien Genusse des Morgenschlummers. Das -Recht, ohne Rücksicht auf eine bestimmte Stunde in den hellen Tag -hineinschlafen zu können, gießt über das ganze Wesen des deutschen -Gymnasiasten einen Schimmer der rosigsten Verklärung. Wenn er -nachts erwacht und sich, behaglich aufatmend, nach der anderen -Seite wendet, so ist das Bewußtsein, am folgenden Morgen den sonst -so verhängnisvollen Schlag der Glocke überhören zu dürfen, allein -ausreichend, um die Ferien mit dem Gewand eines zauberischen Liebreizes -zu umkleiden! - -So dämmert der Tag heran. Draußen, in den Zimmern und auf dem Korridor -ist schon alles geschäftig: der glückliche Gymnasiast rührt sich -nicht. Selbst wenn er längst nicht mehr schlafen kann, hält er noch -die Augen geschlossen, bis die Mutter oder die Schwester ihn, weniger -aus Gründen der Moral, als mit Rücksicht auf die gestörte Hausordnung, -weckt. Nun kleidet der Triumphator sich an, langsam, mit souveräner -Verachtung der Zeit, -- denn er hat ihrer ja mehr, als er braucht! Nach -eingenommenem Frühstück verläßt er das Haus: das ist ein unumstößliches -Axiom der Ferienpraxis. Je nach der Verschiedenheit seines Alters und -seines Temperaments verbringt er den Vormittag verschieden. Er streift -durch Feld und Wald, er schlendert Arm in Arm mit seinem Intimus durch -die Gassen, er besucht verstohlenerweise ein Bierhaus und wagt selbst -eine Partie Billard. Der Quartaner und Tertianer gibt sich mit seinen -Altersgenossen in besonders günstig gelegenen Höfen der Nachbarschaft -ein Rendezvous, um zu spielen; er plant tolle Streiche und verabredet -Ausflüge in die weitere Umgebung. Vor Mittagszeit aber betritt keiner, -weder der Schüler von Quarta, noch der Oberprimaner, die elterliche -Wohnung. - -Nach Tische treibt sich der Feriengymnasiast zum Leidwesen seiner -Angehörigen in störender Weise auf den Kanapees und Sesseln herum; -trällert ein Lied, worüber seine ältere Schwester nervös wird; neckt -seine jüngeren Brüder; nimmt eine illustrierte Zeitschrift zur Hand, -trotz der wiederholten Versicherung des Vaters, das sei keine Lektüre -für ihn; fragt, ob nicht bald Kaffee getrunken werde; stemmt seine -Stiefel wider die polierten Tischfüße, legt sich ins Fenster oder -verklebt seiner Mutter das Schlüsselloch des Nähtischchens mit Wachs. -Die Aufforderung, er möge etwas arbeiten, beantwortet er mit einem -wohlwollenden Lächeln. - -»Erst will ich mich ausruhen«, sagt er, behaglich die Arme reckend. - -Wenn man das so mit ansieht, man sollte meinen, der Ärmste habe Monate -lang Dienste in einer Tretmühle geleistet. - -Der Nachmittag wird, je nach der Jahreszeit, zu Ausflügen in die -umliegenden Bierdörfer, zu Fensterpromenaden, zu Skatpartien, zu -Kahnfahrten und dergleichen benutzt, und der Abend bringt oft nur eine -Fortsetzung des Nachmittags. - -Dieses lustige, ungebundene Leben erfährt eine gelinde Trübung durch -den Hinblick auf die Ferienarbeiten, die in einigen Gymnasien nicht -ganz ohne Belang sind. - -Ich meinesteils habe meine Pensa stets schon in der ersten Woche -begonnen und so unter der Hand ohne ernstliche Schädigung meines -Wohlgefühles erledigt. Die meisten Schüler warten jedoch bis zuletzt -und verderben sich den Schluß der Ferien von Grund aus. Es leuchtet -ein, daß die von mir befolgte Methode gerade vom Standpunkt des -Epikuräers aus die einzig richtige ist, -- auch richtiger als das -andere Extrem, während der ersten Tage alles auf einmal zu absolvieren. - -Unter den Ferienarbeiten, mit denen man uns die Flügel ein wenig zu -binden hoffte, nahm der deutsche Aufsatz einen hervorragenden Rang ein. -Und zwar gab man uns zu wiederholten Malen das Thema: »Wie verbrachte -ich meine Ferien?« Diesen Aufsatz schrieb ich stets in der ersten -Woche, denn die historische Wahrheit gehörte von je zu den geringsten -Verdiensten solcher Arbeiten. Ganz faule und versumpfte Kameraden, die -niemals aus eigenem Antrieb ein Buch in die Hand nahmen, gaben sich in -dem Ferienaufsatz den Anschein, als hätten sie umfassende Privatstudien -im Xenophon und im Curtius geleistet. Die Lehrer nahmen das -merkwürdigerweise stets so beifällig hin, daß ich als Obersekundaner -den Entschluß faßte, dieses lügnerische Selbstlob einmal auf die Spitze -zu treiben. Da war denn in meinem Aufsatz etwa folgender Passus zu -lesen: - -»Ich erhob mich des Morgens zwischen vier und fünf, nahm in aller Eile -den Kaffee ein und verfertigte alsdann bis gegen 10 Uhr lateinische -Stilübungen. Hierauf machte ich einen halbstündigen Spaziergang, um -sofort wieder an meine Arbeit zurückzukehren. Ich las Corneille, -Racine, Molière und Chateaubriand, bis ich zu Tische gerufen wurde, -was in der Regel so gegen ein Uhr statthatte. Die Stunden von zwei bis -fünf widmete ich dem Griechischen, der Geschichte und der Geographie. -Hierauf unternahm ich in Begleitung meines Vaters einen Spaziergang, -von dem wir meistens so gegen halb sieben Uhr zurückkehrten. Um -sieben Uhr wurde zu Nacht gespeist, und nun arbeitete ich von acht -bis elf Mathematik, Physik und Kirchengeschichte. Oft auch habe ich -die Mitternacht an meinem stillen Pulte herangewacht, denn ich hatte -mir nun einmal fest vorgenommen, eine gewisse Summe von Lernstoff zu -bewältigen. Sagt doch schon ein alter Klassiker: ›Wir lernen nicht für -die Schule, sondern für das Leben.‹ Meine Mußestunden benutzte ich dann -zur Lektüre von Goethe, Schiller, Klopstock, Wieland, Herder, Lessing, -Platen, Rückert und Roderich Benedix; auch übersetzte ich viele Oden -des Horaz metrisch ins Deutsche. Des Sonntags besuchte ich von neun bis -elf die Kirche, hielt mich jedoch, um nicht aufzufallen, meist abseits, -weshalb mich die Herren Lehrer ohne Zweifel nur selten wahrnahmen. -Einmal war ich zwei Tage lang in Frankfurt, und diese in jeder Hinsicht -belehrende Reise will ich hier zum Gegenstand einer ausführlichen -Schilderung machen.« - -Ich wurde um dieses Aufsatzes willen »wegen Unfugs« mit sechs Stunden -Karzer bestraft und dazu beauftragt, dasselbe Thema noch einmal, und -zwar in jeder Hinsicht wahrheitsgemäß, zu behandeln. - -Drei Tage später also reichte ich dem Lehrer eine neue, von der ersten -wesentlich differierende Arbeit ein, die folgenden Passus enthielt: - -»Des Morgens schlief ich bis neun, mitunter sogar bis zehn Uhr. Denn, -sagte ich bei mir selbst, wozu sollst du dich plagen, wenn du's gut -haben kannst? Gearbeitet habe ich nur sehr wenig. Ich erledigte zwar -zur Not meine Pensa: im übrigen aber verspürte ich einen seltsamen -Abscheu gegen jede Tätigkeit. Man lebt nur einmal auf der Welt, -pflegte mein Großonkel Schmidthenner zu sagen. So hielt ich es denn -für zweckmäßig, mir die kurze Freiheit recht zunutze zu machen. Fast -täglich bestand ich mit Wilhelm Rumpf einen Ringkampf, wobei immer -derjenige siegte, der den Untergriff hatte. Solche Übungen sind in -jeder Beziehung praktisch. Ich merkte dies bei dem Zwist mit dem -Gänsehirten von Wieseck. Der Mann wollte uns ausschimpfen, weil -Rumpfs kleiner Pudel ihm die Gänse gejagt hatte. Wir zerbläuten ihn -jämmerlich. Hieraus erhellt, daß der Jüngling sich nicht früh genug in -körperlichen Exerzitien ergehen kann. Wie sagt schon Horaz? usw. usw.« - -In diesem Stile ging es zwölf Seiten lang. Am Schluß meiner tückischen -Abhandlung hatte ich die zwölf Stunden Karzer, die ich diesmal -eroberte, so vollständig verdient, daß ich mich noch jetzt über die -Nachsicht des sonst so leicht erregbaren Lehrers wundere. - -»Wie verbrachte ich meine Ferien?« - -In der Tat ein trostloses Thema für einen deutschen Gymnasialschüler, -der weder lügen, noch seine Lehrer beleidigen will! - - - - -Das Maturitätsexamen. - - -Das Wort Examen hat für den Gymnasialschüler je nach Umständen eine -sehr verschiedenartige Klangfarbe. Ernst und gewichtig tönt es an sein -Ohr, wenn es die Abiturientenprüfung bezeichnet; leicht und harmlos -dagegen, wenn es jene Komödie bedeutet, die sich alljährlich ein- oder -zweimal vor dem Beginn der Ferien wiederholt, mit dem angeblichen -Zweck, das Publikum über die intellektuellen und ethischen Fortschritte -der künftigen Staatsbürger zu unterrichten. - -Das Abiturienten- oder Maturitätsexamen ist, streng genommen, nur -eine Form, da die Lehrer in den meisten Fällen vorher wissen, wer -da bestehen und wer durchfallen wird. Es wäre auch sonderbar, wenn -die paar Stunden oder Tage des Examens genauere Auskunft über den -Bildungsgrad eines Schülers ermöglichen sollten, als die Monate und -Jahre des regen persönlichen Verkehrs in der Klasse. Gleichwohl -betritt der Abiturient mit einem seltsamen Zagen den Prüfungssaal, -nicht ahnend, daß sein Schicksal schon vor der ersten Frage so gut -wie entschieden ist. Der Schüler, der sich während seiner ganzen -gymnasiastischen Laufbahn durch die lebhafte Betätigung eines -wissenschaftlichen Sinnes ausgezeichnet und den Beweis geliefert -hat, daß er wirkliche Kenntnisse besitzt, wird selbst dann nicht -durchfallen, wenn er in einer Spezialität unglücklicherweise alle -Fragen schuldig bleibt; viel eher ist der umgekehrte Fall denkbar, daß -ein Ignorant, der sich nur oberflächlich »eingepaukt« hat, durch eine -glückliche Konstellation entschlüpfe. Es liegt also nicht der geringste -Grund zur Aufregung vor; aber die Tradition und der Instinkt wirken -hier mächtiger als die reine Vernunft. - -In dem Gymnasium meiner Vaterstadt Gröningen hatten die Abiturienten -erst ein dreitägiges schriftliches Examen und dann ein mündliches -von etwa sechs Stunden zu leisten. Das schriftliche war entschieden -die Hauptsache. Es bestand aus drei Extemporal-Aufsätzen, einem -deutschen, einem französischen und einem lateinischen. Die strengste -Klausur sonderte uns während dieser Arbeiten von der Außenwelt ab. -Vor Schluß seines Aufsatzes durfte keiner den Saal und die dazu -gehörigen Räumlichkeiten verlassen. Gegen Mittag lieferte uns der -Pedell etwas kalte Küche; den Angehörigen der Schüler war es nicht -gestattet, sich bei dieser Proviantlieferung zu beteiligen, da es -früher mehrfach vorgekommen war, daß man in Buttersemmeln, Würsten -u. dergl. die nötigen literarischen Hilfsmittel zur Bewältigung der -Themata eingeschmuggelt hatte. Trotz dieser peinlichen Vorsicht gelang -es fast regelmäßig, etwas Verwendbares über die Schwelle zu paschen. -Bei dem Schließen oder Öffnen des Fensters warf man einen Zettel in -den Hof, der das Thema bezeichnete. Treue Freunde, die unten lauerten, -beschafften sofort, was sie an früheren Bearbeitungen desselben -Vorwurfs etc. etc. auftreiben konnten, und legten es im rechten Moment -auf eine gewisse verschwiegene Lokalität, deren Besuch man uns doch -nicht völlig verbieten konnte. Zuweilen gelang es auch, schon Tags -zuvor das Thema ausfindig zu machen, sei es, daß ein Familienmitglied -des Examinators die Sache verriet, sei es, daß wir listigerweise das -Notizbuch des Lehrers durchforschten und so die nötigen Anhaltspunkte -eroberten. - -Einmal hatte der Direktor Samuel Heinzerling in Erfahrung gebracht, -der Abiturient Ittmann sei am Abend vor dem Beginn der Prüfung auf -wunderbare Weise in den Besitz des Themas gelangt und werde des Tags -darauf eine Reihe von Manuskripten und Drucksachen mitbringen, und -zwar, um der Möglichkeit einer Visitation auszuweichen, in seinen -Stiefelschäften. Gott weiß, wer hier den Judas gespielt hatte: genug, -Samuel Heinzerling war bis ins einzelne unterrichtet und beschloß, dem -p. p. Ittmann auf eine möglichst humorvolle Weise zu Leibe zu gehen. - -Es war die ganze Zeit über abscheuliche Witterung gewesen. Auch am Tage -des lateinischen Aufsatzes herrschte ein großer Schmutz in den Straßen. -Hierauf gründete Samuel seinen Plan. - -Als Ittmann im Saale erschien, trat der Direktor freundlich lächelnd -auf ihn zu und reichte dem überraschten Schüler die Hand. - -»Kommen Sä, läber Ättmann,« sagte er schmunzelnd, »äch weiß, Sä neigen -sehr stark zor Erkältong ...« - -Hiermit führte er den Erstaunten nach dem Ofen, wo ein Stiefelzieher -und zwei Pantoffel standen. - -»So, läber Ättmann, äch habe Ähnen da ein paar Pantoffel besorgt, damit -Sä säch ja nächt verderben. Zähen Sä Ähre Stäfel höbsch aus. Äch bän -öberzeugt, Sä haben säch nasse Föße geholt.« - -»Sie sind zu gütig, Herr Direktor,« stammelte Ittmann, »aber ich habe -wirklich ganz trockene Füße. Ich danke recht sehr.« - -»Es wärd doch besser sein, wenn Sä dä Schohe dort anzähn. Sä sänd mär -än der letzten Zeit wäderholt onwohl gewesen ...« - -»Das ist ganz vorüber, Herr Direktor. Ich fühle mich jetzt vollständig -frisch.« - -»Eben, weil Sä säch fräsch föhlen, sollen Sä säch nächt wäder erkälten. -Machen Sä jetzt keine Omstände; äch meine es goot mät Ähnen!« - -»Ohne Zweifel, Herr Direktor. Ich verspüre aber nicht den geringsten -Anflug von Nässe. Lassen Sie lieber den Schierlitz die Pantoffel da -anziehen: der hat einen viel weiteren Weg als ich.« - -»Nein, nein! Der Schärlätz äst eine roboste Nator! Sä allein haben mär -den verflossenen Wänter fortwährend öber Katarrh geklagt. Jetzt machen -Sä mäch nächt ongedoldäg, ond entledägen Sä säch so rasch wä möglich -Ährer Stäfel! Äch befähle es Ähnen!« - -Ittmann war der Verzweiflung nahe. Seine angeborene Geistesgegenwart -half ihm jedoch auch diesmal über die Klippe hinweg. - -»Nun denn, Herr Direktor,« sagte er mit einer artigen Verbeugung, »so -nehme ich dankbar an.« - -Mit diesen Worten ergriff er die Pantoffel und den Stiefelzieher und -eilte der Tür zu. - -»Wo wollen Sä hän?« rief Samuel Heinzerling. - -»Herr Direktor, Sie werden mir zutrauen, daß ich so viel Lebensart -besitze, um meine Stiefel nicht in Ihrer Gegenwart auszuziehen. Ich -verfüge mich da neben ins Konferenzzimmer.« - -Samuel Heinzerling trat auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter und -flüsterte mit einem halbunterdrückten Lächeln: - -»Wässen Sä was? Gehn Sä läber nach Hause ond wechseln Sä zo Haus Ähre -Stäfel! Sä haben säch öbrägens goot herausgehauen, wärkläch, sehr goot! -Das moß Ähnen der Neid lassen.« - -»Aber, Herr Direktor, ich versichere Sie ...« - -»Machen Sä, daß Sä fortkommen ond versächern Sä mäch läber nächts. -Äch denke, Sä wässen am besten, wo der Schoh Sä dröckt. Aber äch sage -Ähnen, auf dem Fooß stehen wär nächt mäteinander, wenn das Examen -anfängt! Sä sänd mär ein onreeller Kamerad! Verstehn Sä mäch?« - -»Herr Direktor,« versetzte Ittmann mit einem Blick auf seine Stiefel, -»ich habe heute morgen schon so viel eingesteckt, daß ich auch diesen -Vorwurf einstecken und Sie um dauernde Nachsicht ersuchen will.« - -Samuel Heinzerling lachte. - -Ittmann aber eilte nach Hause und erschien diesmal ohne die -Eselsbrücken. Sei es nun, daß das Erlebnis mit Samuel Heinzerling -seinem Geiste eine besondere Elastizität verlieh, sei es, daß der -Direktor ein hervorragendes Wohlwollen entwickelte, kurz, der Schüler -erhielt die Note eins. - -Der lateinische Aufsatz, den ich zur Bekundung meiner Reife verabfolgen -mußte, betraf den Kaiser Tiberius. - -Ich habe nun bereits in meiner Skizzensammlung »Aus Sekunda und Prima« -hervorgehoben, daß die Weltgeschichte von je meine schwache Seite -gewesen. Von Tiberius insbesondere wußte ich nur sehr wenig Positives, --- etwa, daß er des Kaiser Augustus Nachfolger gewesen; daß er sich -durch Grausamkeit und Willkür ausgezeichnet; daß er einen Günstling, -namens Sejanus, besessen und schließlich von Macro mit einem Kissen -erstickt worden sei. Nun verstand ich es zwar, solche geringfügige -Anhaltspunkte möglichst ausgiebig zu verwerten: aber das Gold meines -Wissens wollte diesmal, noch so breit geschlagen, nicht ausreichen, um -den gewaltigen Raum eines Abiturientenaufsatzes zu bedecken. - -Hier half ich mir nun auf folgende sinnreiche Weise, die ich jedem -Primaner unter gleichen Verhältnissen auf das wärmste empfehlen möchte. -Ich hatte zufällig wenige Tage zuvor eine interessante Monographie über -den Kaiser Augustus gelesen, deren Einzelheiten mir noch ziemlich treu -im Gedächtnis hafteten. So begann ich denn meinen Aufsatz wie folgt: - -»Nach dem Tode des Cäsar Octavianus Augustus bestieg der tückische, -menschenfeindliche Tiberius den Kaiserthron. Es gelang ihm schon nach -kurzer Frist, sich in allen Teilen des Reichs gründlich verhaßt zu -machen, denn er bildete durchweg den schroffsten Gegensatz zu dem -wohlwollenden, gerechten, kunst- und literaturfreundlichen Augustus. -Dieser Kontrast mußte die Antipathie der Römer noch beschleunigen und -vertiefen. Augustus hatte das und das getan, diese und jene Einrichtung -getroffen, so und so die Verhältnisse des römischen Volkes geregelt; -von alledem finden wir bei Tiberius keine Spur. Augustus und seine -Freunde Messala, Pollio und Mäcenas waren Kenner der griechischen -Dichter, deren Werke man in öffentlichen Bibliotheken sammelte; in -der Umgebung des Tiberius dagegen finden wir weder einen Mäcenas noch -einen Messala noch einen Pollio. Augustus war auch äußerlich eine sehr -angenehme Erscheinung. Ein heiterer Friede ruhte auf seinem Antlitz. Er -machte den Eindruck eines biederen, würdevollen und geistig bedeutenden -Alten. Ganz anders Tiberius, von welchem uns dergleichen nirgends -berichtet wird.« - -Auf diese Weise gab ich eine sehr detaillierte Geschichte des Augustus -und fügte nur von Zeit zu Zeit die Bemerkung hinzu, das sei bei -Tiberius anders gewesen. - -Nachdem ich so mein Wissen erschöpft hatte, schloß ich wie folgt: - -»Leider ist die Zeit bereits zu sehr vorgerückt, als daß es mir noch -möglich wäre, auf die übrigens allbekannten Einzelheiten der so -verhängnisvollen Regierung des Tiberius näher einzugehen. Erwähnen -will ich noch, daß er, wie fast alle Tyrannen, auf unnatürliche Weise -endete. Ja, es gibt eine Nemesis der Weltgeschichte, deren furchtbares -Walten nur der Tor leugnen wird! ~Est modus in rebus, sunt certi -denique fines!~« - -Und dann sprach ich noch den üblichen Wunsch aus: - -»~Spero fore, ut, quae hodie conscripsi, rectori gymnasii doctissimo, -illustrissimo, justissimo mire placeant.~« - -Meine Hoffnung ging in Erfüllung. Die umfassenden Kenntnisse, die -ich im Punkte des Augustus entwickelt hatte, reichten aus, um meine -tiberianische Unwissenheit zu bemänteln. - -Minder glücklich war ein Abiturient namens Glaser, der einen deutschen -Aufsatz über die Völkerwanderung zu schreiben hatte und, wie Sokrates, -nur eins wußte: daß er nichts wußte. - -Er begann sein Thema wie folgt: - -»Indem ich an die heutige Aufgabe heran trete, erinnere ich mich der -alten Vorschrift, daß der wahre Philosoph niemals über einen Gegenstand -reden darf, ohne ihn des näheren definiert zu haben. - -Was heißt Völkerwanderung? Augenscheinlich bedeutet dieser Ausdruck -eine Wanderung von Völkern. Fragen wir nun zunächst: Was ist ein Volk? -so liegt es klar zutage, daß sich dieser Begriff nicht so in aller -Kürze fixieren läßt. Wir müssen daher etwas weiter ausholen. Schon in -den ältesten Zeiten ...« - -Und nun folgte eine graziös stilisierte Musterkarte historischer Data, -wie sie in dem Kopfe des pfiffigen Schülers nach und nach hängen -geblieben war. Die Ägypter, die Assyrer und Meder spielten hier eine -bedeutsame Rolle. Ein längerer Abschnitt war dem auserwählten Volk -Gottes gewidmet, dem Volk ~par excellence~. Dann sprach Theophil Glaser -von den Volksrechten, von den verschiedenen Staatsformen usw. usw. - -Die Hälfte des Aufsatzes war hiermit zurückgelegt. Der Schüler fuhr -fort: - -»Wir kommen nun zu dem zweiten Teile unserer Definition: Was ist eine -Wanderung?« Ein Problem, das er in ähnlicher Weise löste, wie das des -Volkes. - -Als er endlich den Begriff der Völkerwanderung glücklich -zusammengesetzt hatte, war die gegebene Frist abgelaufen, und hastig -warf er die heuchlerische Phrase auf das Papier: - -»Zu meinem größten Bedauern muß ich hier schließen, denn ich höre das -heisere Metall des Pedellen.« - -Theophil Glaser bestand zwar im deutschen Aufsatze »~cum laude~«, -in der Geschichte aber fiel er trotz seiner glänzenden Definitionen -unwiderruflich durch. - -Die Lehrer wollten nicht glauben, daß nur Quaddler daran schuld war, -wenn Glasers Abhandlung des versöhnenden Schlusses entbehrte. - - - Druck: J. Neumann, Neudamm. - - - - -Empfehlenswerte Werke. - - - - -Verlag von J. Neumann in Neudamm. - - - Für jede Familienbibliothek, - besonders aber für die Hausfrau auf dem Lande. - - Sofiensruh. - - Wie ich mir das Landleben dachte, - und wie ich es fand. - - Von =S. Jansen=. - - =Zweite=, kürzlich neu erschienene Auflage. - Preis fein geheftet =4 Mk.=, hochelegant gebunden =5 Mk.= - -Ein =prächtiges, rein aus dem Leben geschöpftes Werk= von -=eigenartiger, frischer, humorvoller= Darstellung, dessen =erste -Auflage= in noch nicht =sieben Monaten vergriffen= gewesen ist. Die -Verfasserin, Stadtfrau und in der größten norddeutschen Handelsstadt -angesessen, kauft sich in der Nähe ihrer Heimat ein kleines Landgut, -welches sie selbst mit größtem Verständnis bewirtschaftet. Ihre -=wenigen Freuden= und die =große Zahl der Sorgen= schildert uns die -Dichterin nun in einer Form, wie sie =lebenswahrer= und doch =zum -Gemüte sprechender= nicht gedacht werden kann. Wir haben hier eine -=seltene Perle moderner Erzählerkunst= vor uns und ein Buch, das ein -=vorzügliches Festgeschenk=, namentlich für =unsere Hausfrauen=, -genannt zu werden vollauf verdient. - -=Die Kritik= hat sich über =»Sofiensruh« durchweg ungemein anerkennend= -geäußert. Wir geben folgende Kritikauszüge wieder: - - =Der Tag in Berlin.= »Ein +sehr amüsantes+ Buch -- und ein - +sehr nachdenkliches+ Buch, nachdenklich im Sinne Fontanes, - als etwas, über das man viel nachdenkt. Ich habe +viel dabei - gelacht+ und doch +viel dabei gelernt+. +Mark Twainisch+ fängt - es an, mit grotesken Zirkusplätzen, und geht dann doch in den - schönen niederdeutschen, etwas =schwermütigen Humor= über, den - wir an =Klaus Groth= und =Fritz Reuter= so sehr lieben. Und - das schönste daran ist, daß alles, was in dem Buche steht, so - gar nicht erfunden und bloß ausgedacht ist, sondern in jeder - Zeile den +unverkennbaren Stempel der erlebtesten Wahrheit+ - trägt. ... +Städter+ und +Agrarier+ sollten diese meistens - grotesk +lustigen+ und doch so +bitterernsten+ Schilderungen - und Erlebnisse genau studieren, die ersteren, um zu begreifen, - unter welchen unerhörten Schwierigkeiten der Landwirt heute der - Natur und seinem Helferpersonal sein Leben abzuringen hat, die - letzteren, um endlich darüber klar zu werden, daß ohne eine - gründliche, an die Wurzel gehende Umgestaltung des ländlichen - Arbeitsverhältnisses über lang oder kurz jede größere - Wirtschaft zugrunde gehen muß. ... +In Zolas furchtbarem »~La - Terre~« sind die Tatsachen eigentlich nicht viel krasser+; sie - sind eben nur durch ein bittereres Temperament gesehen. ... Wie - gesagt: ein +nachdenkliches+ Buch! Ein sehr +nachdenkliches+ - Buch! Und wird keiner kommen dürfen und sagen, ein »Hetzer« - habe es geschrieben. - - ~Dr.~ Franz Oppenheimer.« - - =Das Daheim in Leipzig.= »... Es ist ein +heiteres+ und - +erfreuendes+ und zugleich ein +trauriges+ und +betrübendes+ - Buch. Es ist heiter und erfreuend, weil wir in ihm eine - =prächtige deutsche Frau= kennen lernen, +voll Mutterwitz, - gesundem Verstande, Tatkraft und zähem Wollen+, die überdies - noch über eine sehr +ungewöhnliche Gabe der Schilderung und - der Charakterisierung+ verfügt. ... Unser Buch ist gerade in - seinen Einzelschilderungen auch =kulturgeschichtlich= +von - großem Wert+, es zeigt uns aber vor allem, unter wie +unsagbar - schwierigen Verhältnissen+ heute vielfach die Landwirtschaft in - Deutschland betrieben wird. - - Th. H. Pantenius.« - - =Gartenlaube in Leipzig.= »... Der Titel »Tagebuch« ist im - allgemeinen nicht gerade vertrauenserweckend; es verbirgt sich - gemeinhin zu viel Eitelkeit und Selbstbespiegelung, zu viel - Absicht und Verlogenheit dahinter. +Hier aber ist+ =Wahrheit - von Anfang bis zu Ende=, +ist Erdgeruch und Eigenart+, =ein - Stück Leben=, +das sich in aller Schlichtheit des Empfindens, - ohne jede Pose, offenbart+ ... Und welch +goldiger Humor+ - verklärt nicht all die großen und kleinen Fehlschläge, - welche +Herzensgüte und Vornehmheit der Gesinnung+ offenbart - sich nicht darin, wie diese Frau sich zu den Menschen, zum - Leben stellt! +Wahrlich+, »=ein Frauenbuch=«, +auf das die - Geschlechtsgenossinnen der Autorin nicht stolz genug sein - können+, dessen Lektüre mehr als ein Zeitvertreib, ein gute - Unterhaltung ist! ... Möge +das schöne Buch+ vielen zu einem - +Freund+ und +Wegweiser+ werden.« - - - Für jede Familien- und Hausbibliothek empfohlen: - - =Entwickelungsgeschichte der Natur.= Von =Wilhelm Bölsche=. - Zwei Bände, 1646 Seiten, 785 Abbildungen, 16 Tafeln in - Schwarz- und Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =18 - Mk.= In Halbleder hochfein gebunden =22 Mk.= - - =Die Physik.= Von =H. Maser=, Professor =~Dr.~ P. Richert= - und Dipl. Ing. =A. Kühns=. Zwei Bände, 1745 Seiten, 1183 - Abbildungen, 10 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen fein - gebunden =18 Mk.= In Halbleder hochfein gebunden =22 Mk.= - - =Die Chemie.= Von =~Dr.~ Max Vogtherr=. Ein Band, 847 Seiten, - 421 Abbildungen, 5 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen - fein gebunden =9 Mk.= In Halbleder hochfein gebunden =11 Mk.= - - =Das Mineralreich.= Von Professor =~Dr.~ Georg Zürich=. Ein - Band, 754 Seiten, 521 Abbildungen, 8 Tafeln und Beilagen in - Schwarz-Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =9 Mk.= In - Halbleder hochfein gebunden =11 Mk.= - - =Das Pflanzenreich.= Von Professor =~Dr.~ K. Schumann= und - Professor =~Dr.~ E. Gilg=. Ein Band, 858 Seiten, 480 - Abbildungen, 6 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen fein - gebunden =9 Mk.= In Halbleder hochfein gebunden =11 Mk.= - - =Das Tierreich.= Von Professor =~Dr.~ L. Heck=, Professor - =Paul Matschie=, =Bruno Dürigen=, =~Dr.~ Ludwig Staby=, - =E. Krieghoff=, Professor =~Dr.~ v. Martens=. Zwei Bände, - 2222 Seiten, 1455 Abbildungen, 12 Tafeln in Schwarz- und - Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =18 Mk.= In - Halbleder hochfein gebunden =22 Mk.= - - =Länder- und Völkerkunde.= Von =~Dr.~ F. W. Paul Lehmann=. - Zwei Bände, 1646 Seiten, 1024 Abbildungen, 11 Tafeln in - Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =18 Mk.= In - Halbleder hochfein gebunden =22 Mk.= - - =Weltgeschichte.= Von =M. Reymond=. Zwei Bände, 1672 Seiten, - 841 Abbildungen, 16 Bildertafeln und 10 bunte, historische - Karten. Preis in Leinen fein gebunden =18 Mk.= In Halbleder - hochfein gebunden =22 Mk.= - - =Kunstgeschichte.= Von Professor =~Dr.~ Max Schmid=. +Nebst - einem kurzen Abriß der Geschichte der Musik und Oper+, - herausgegeben von =~Dr.~ Clarence Sherwood=. Ein Band, - 842 Seiten, 411 Abbildungen, 10 Tafeln in Schwarz- und - Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden =9 Mk.= In - Halbleder hochfein gebunden =11 Mk.= - - =Geschichte der Weltlitteratur= +und des Theaters aller Zeiten - und Völker+. Von =Julius Hart=. Zwei Bände, 1886 Seiten, 825 - Abbildungen, 16 Tafeln in Schwarz- und Farbendruck. Preis in - Leinen fein gebunden =18 Mk.= In Halbleder hochfein gebunden - =22 Mk.= - - =Gesamtregister= bearbeitet von =der Verlagsbuchhandlung=. - Ein Band von etwa 300 Seiten. Das Gesamtregister wird jedem - Abnehmer des Gesamtwerkes, also dem Käufer aller sechzehn - Textbände, kostenlos geliefert; sonst wird es abgegeben: - in feinen Leinenband gebunden, zum Preise von =6 Mk.=, in - hochfeinen Halblederband gebunden zum Preise von =8 Mk.= - -Alle Werke zeichnen sich neben anerkannt vorzüglichem Text durch -=ungemein billigen Preis=, =reichen, prächtigen Bilderschmuck= und -=geschmackvolle Einbände= aus. Es sind Bücher, =welche zu den ersten -Schätzen unserer Literatur= gehören; auf jedem =Weihnachtstische= -werden sie überall Freude und Bewunderung hervorrufen. - - - Reich illustrierte Probehefte aller Werke werden umsonst - und postfrei geliefert. - - -Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen. - - - - -Verlag von J. Neumann in Neudamm. - - - Für Kriegsveteranen, Volksbibliotheken und zu - Prämienzwecken. - - Aus großer Zeit. - - Bilder - aus dem Kriegsleben eines pommerschen Jägers. - - Von - =Paul Lehmann-Schiller.= - +Mit erläuternden Abbildungen.+ - Preis hochelegant gebunden =5 Mk.= - -=Die Literatur über Kriegserinnerungen= ist nicht gering, aber auch der -Interessentenkreis für solche Werke ist ein großer. Unter den vielen -Büchern dieses Genres nimmt obengenanntes, das erst im Jahre 1903 -erschienen ist, =nicht den letzten Platz= ein. Die Kritik nennt es mit -Recht ein =prächtiges, rein aus dem Leben geschöpftes Buch für jung -und alt=! Sein Verfasser ist heute Direktor des Schiller-Gymnasiums -zu Stettin. Nach Ausbruch des Krieges 1870 machte er sofort das -Abiturientenexamen und trat als Einjährig-Freiwilliger bei den -=Greifswalder, pommerschen, zweiten Jägern= ein. Nach der Schlacht von -Sedan zur Belagerung von Metz ins Feld geschickt, machte Lehmann diese, -die Belagerung von Paris (Champigny) und die Jagd auf Bourbaki durch -das südöstliche Frankreich mit. -- Wir lesen das =humorvolle Tagebuch -eines jungen Idealisten, dreißig Jahre später durchgearbeitet und in -seinem Stoff gesichtet von dem gereiften Manne=, mithin ein Werk, -dessen Lektüre mehr bietet, wie die meiste stoffverwandte Literatur, -und sich dem =alten Feldzugssoldaten=, wie dem =Freunde deutscher -Geschichte zum Genuß= gestaltet. Auch =kulturgeschichtlich=, sowohl -=für deutsche=, wie =namentlich für französische Verhältnisse=, bietet -das Buch viel. Besonders aber werden die meist =hochdeutsch=, aber -vielfach auch in =echt vorpommerschem Platt= gegebenen Schilderungen -durch ihren =frischen= und =humordurchwehten Ton= seinem Besitzer -genußreiche Lesestunden bereiten. - -Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen. - - - - -Verlag von J. Neumann in Neudamm. - - - Schönstes Buch für die wirklich reifere Jugend, - besonders für zukünftige Forstleute, Jäger und Landwirte. - - Das Jägerhaus - am Rhein. - - Jugenderinnerungen eines alten Weidmannes. - - Dem jägerischen Nachwuchse erzählt von - =Oberländer=. - - Mit 104 Originalabbildungen von Jagdmaler =C. Schulze=. - Preis hochelegant gebunden =8 Mk.= - -=Das Jägerhaus am Rhein= will den Sinn für =echt weidmännisches Fühlen -und Denken=, sowie für die =Liebe zur Natur= schon =in der Brust des -Knaben= wecken, aus dem später einmal ein tüchtiger und weidgerechter -=Jäger= werden soll. Die Lehren geschehen an der Hand einer prächtigen -und überall in edelstem Sinne unterweisenden Schilderung von -=Oberländers eigenen Jägerlehrjahren= und dabei nicht etwa im trockenen -Schulmeisterton, sondern in einer =so glücklichen und anziehenden -Form=, daß das Buch nicht allein eine hervorragende Bildungsschrift für -die =reifere Jugend= genannt werden kann, sondern auch dem =erfahrenen -Weidmanne=, der sich bei Oberländers Schilderungen vielfach in seine -eigene Jugend zurückversetzt sieht, das größte Interesse abgewinnen -muß. Jedem Jüngling, dem das =erste Gewehr= soeben =anvertraut wurde=, -oder der es demnächst =führen soll=, müßte mit diesem =Das Jägerhaus am -Rhein= in die Hand gegeben werden; die Lehren =Oberländers= werden so -unendlich viel Gutes schaffen. Das reich und wunderhübsch illustrierte -Buch ist mithin besonders =als Festgeschenk= für die wirklich reifere -Jugend geeignet und namentlich für den in der =Jagd-=, =Forst-= oder -auch in der =Landwirtschaftslehre= stehenden zukünftigen Jäger. - -Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen. - - - - -Verlag von J. Neumann in Neudamm. - - - Schönstes Geschenkwerk für die Jugend, - besonders für Jäger-, Forstmanns- und Landkinder im Alter - von acht bis vierzehn Jahren. - - Aus der - Waldheimat. - - Deutsche Wald- und Jägermärchen - für jung und alt. - - Erzählt von - =Ernst Ritter von Dombrowski= - und reich illustriert von =Hans Rudolf Schulze=-Berlin. - Preis hochelegant gebunden =4 Mk.= - -Niemals wird sie ausgesungen, die Poesie des deutschen Waldes; -unerschöpflich in ihrer Schönheit quillt sie als ein Born der Dichtung, -der Sage und des Märchens aus der Phantasie unserer deutschen Dichter. -Zu ihnen gesellt sich als neuester der altbekannte Jagdschriftsteller -=Ernst von Dombrowski= und bietet uns, gleich einem =taufrischen Strauß -Laub- und Nadelzweige aus deutschem Walde, zwölf herrliche, sinnige= -und so =tief empfundene Märchen für unsere Weidmannskinder=, wie sie -nur ein =Dichter= zu schreiben versteht, der in =Wald und Weidwerk= zum -gereiften Manne wurde. Deshalb eignet sich »=Aus der Waldheimat=« auch -wie kein anderes Märchenbuch für das =deutsche Jägerkind=, und überall, -wo einem solchen ein Geschenk gemacht werden soll, wird das hier -angekündigte Buch die trefflichsten Dienste tun. Wie bei keiner anderen -Lektüre werden unsere Kinder durch diese Dichtung in =die Schönheiten -und den ewig jugendlichen Reiz unserer Wälder= sowie in =die Poesie des -deutschen Weidwerkes= eingeführt und ihre Sinne erfüllen sich unbewußt -mit jener Gedankenwelt, die noch den Schatz und das Heiligtum des -gereiften Mannes, ja, des Greises im grünen deutschen Walde bilden. - -Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Der Schmutztitel wurde entfernt. - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - In der Textversion wurden die Hinweise auf die Kapitelverzierungen - entfernt. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 36: daß → das - Er sagt, {das} sei Einbildung - - S. 65 mirami → mirari - Credo ego vos judices {mirari} - - S. 65: summas → summus - Wenn wir z. B. sagen, ~{summus} mons~ - - S. 99: Konjuktivs → Konjunktivs - Wesen des lateinischen {Konjunktivs} gemartert - - S. 100: Deliquenten → Delinquenten - wie dem {Delinquenten}, der unter dem Fallbeil liegt - - S. 101: jeder diese → jede dieser - daß man {jede dieser} verschiedenen Auffassungen - - S. 140: bebesonderes → besonderes - jeden einzelnen in ein {besonderes} Lokal - - S. 140: Sympton → Symptom - erste {Symptom} dieser neu sich regenden Elastizität - - S. 155: Leben → Lebens - auf die Kleinheit und Gemeinheit des {Lebens} - - S. 159: areco → arceo - Odi profanum vulgus et {arceo} - - S. 163: gefügelten → geflügelten - die {geflügelten} Worte des Gymnasialherrschers - - S. 205: Ihnen → ihnen - daß {ihnen} die Regeln über den griechischen Optativ - - S. 212: anderhalb → anderthalb - die {anderthalb} Monate diesmal so recht gründlich - - - - - -End of Project Gutenberg's Gesammelte Schulhumoresken, by Ernst Eckstein - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE SCHULHUMORESKEN *** - -***** This file should be named 52083-0.txt or 52083-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/0/8/52083/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Gesammelte Schulhumoresken - -Author: Ernst Eckstein - -Release Date: May 16, 2016 [EBook #52083] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE SCHULHUMORESKEN *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich <a href="#tnextra">am Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<div class="figcenter"> -<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> -</div> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Gesammelte<br /> -Schulhumoresken</h1> - -<p class="center">enthaltend die früheren Sammlungen</p> - -<p class="center larger">Besuch im Karzer – Katheder und Schulbank –<br /> -Schulmysterien – Stimmungsbilder aus dem<br /> -Gymnasium – Samuel Heinzerlings Tagebuch</p> - -<p class="center">und eine Anzahl in Buchform noch -nicht veröffentlichter Geschichten</p> - -<p class="center larger">Von</p> - -<p class="h2">Ernst Eckstein</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-003.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center"><b>Neudamm</b><br /> -Verlag von J. Neumann -</p> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span></p> - -<h2><a id="Inhalts-Verzeichnis"> - -<img src="images/illu-005.png" alt="" /><br /> -Inhalts-Verzeichnis.</a></h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>Schülertypen</td> -<td class="tdr"><a href="#Schulertypen">9</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Wie der Quartaner Holzheimer Primus wurde</td> -<td class="tdr"><a href="#Wie_der_Quartaner_Holzheimer">17</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ein Familienereignis</td> -<td class="tdr"><a href="#Ein_Familienereignis">23</a></td> -</tr> -<tr> -<td><em class="antiqua">Knebelii discipuli Threnodia</em></td> -<td class="tdr"><a href="#Knebelii_discipuli_Threnodia">34</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Aus den Privataufzeichnungen des Sekundaners Heppenheimer:</td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdind">Erstes Bruchstück</td> -<td class="tdr"><a href="#Privat_1">35</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdind">Zweites Bruchstück</td> -<td class="tdr"><a href="#Privat_2">44</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Doktor Veit</td> -<td class="tdr"><a href="#Doktor_Veit">54</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Erinnerungsbilder</td> -<td class="tdr"><a href="#Erinnerungsbilder">60</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Allerlei Unarten</td> -<td class="tdr"><a href="#Allerlei_Unarten">74</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der entrüstete Oberlehrer</td> -<td class="tdr"><a href="#Der_entrustete_Oberlehrer">95</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Bierparagraph</td> -<td class="tdr"><a href="#Der_Bierparagraph">96</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Vom Rauchen</td> -<td class="tdr"><a href="#Vom_Rauchen">103</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Lyrik auf dem Gymnasium</td> -<td class="tdr"><a href="#Die_Lyrik_auf_dem_Gymnasium">110</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Primanerliebe</td> -<td class="tdr"><a href="#Die_Primanerliebe">120</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs</td> -<td class="tdr"><a href="#Aus_dem_Schuldbuche_Wilhelm_Rumpfs">127</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Eindrücke aus dem Karzer</td> -<td class="tdr"><a href="#Eindrucke_aus_dem_Karzer">137</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Besuch im Karzer</td> -<td class="tdr"><a href="#Der_Besuch_im_Karzer">163</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Samuel Heinzerlings Tagebuch</td> -<td class="tdr"><a href="#Samuel_Heinzerlings_Tagebuch">181</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren:</td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdind">I. Der schnöde Primaner-Triumph</td> -<td class="tdr"><a href="#Aus_Samuel_1">200</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdind">II. In der Bierstube</td> -<td class="tdr"><a href="#Aus_Samuel_2">201</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Klassenprüfung</td> -<td class="tdr"><a href="#Die_Klassenprufung">203</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ferien</td> -<td class="tdr"><a href="#Ferien">211</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Maturitätsexamen</td> -<td class="tdr"><a href="#Das_Maturitatsexamen">218</a></td> -</tr> -</table> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p> - -<h2><a id="Vorwort"> -<img src="images/illu-007.png" alt="" /><br /> -Vorwort.</a></h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d">Die vorliegende Sammlung vereinigt zum erstenmal Ernst -Ecksteins <em class="gesperrt">sämtliche</em> Schulhumoresken in einem Band. -Einige davon, wie »Der Besuch im Karzer«, »Samuel -Heinzerlings Tagebuch«, »Schulhumor« u. a., sind als -Einzelbände erschienen und haben in vielen Tausenden von Exemplaren -Verbreitung gefunden; andere sind aus dem Buchhandel -gänzlich verschwunden oder wurden nur in Zeitschriften veröffentlicht; -alle aber haben sich so zahlreiche Freunde erworben, daß in dem -großen Kreise derselben zum mindesten die Sammlung sicher freudig -begrüßt werden wird. Daß sie auch Widerspruch erfahren dürften, -wird ihrer Verbreitung vermutlich ebensowenig schaden, wie dies bei -den verschiedenen Einzelausgaben der Fall gewesen ist. Ist doch -»Der Besuch im Karzer« – an einem regenschweren Herbsttage in -Rom entstanden und in den »Fliegenden Blättern« zuerst veröffentlicht -– bis auf den heutigen Tag eines der gelesensten deutschen -Bücher geblieben, obgleich er von verknöcherten Pädagogen von jeher -in Acht und Bann getan und als ein Schädling bezeichnet worden ist, -geeignet, die Autorität der Lehrer und damit die in der Schule so -nötige Disziplin zu untergraben.</p> - -<p>Aber lassen sich solche, für den Wert oder Unwert der Humoresken -übrigens ganz gleichgültige Behauptungen im Ernste aufrecht -erhaben? Wer, der je eine Schulbank gedrückt, hat nicht mit -scharfen Augen alle die kleinen Schwächen seiner Lehrer im Fluge<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span> -herausgefunden und an lustigen Schülerstreichen sich erfreut? Aber -hat dies alles vermocht, in Tausenden von Schülerherzen Liebe und -Verehrung, Anhänglichkeit und Dankbarkeit zurückzudämmen, die -tüchtige Lehrer allezeit überreich gefunden haben? So haben auch -Ernst Ecksteins Schulhumoresken niemals auch nur den geringsten -Schaden gestiftet oder gar mit zu der Verrohung unserer Jugend -beigetragen, über die man jetzt so vielfach klagen hört. Aber sie -haben manch' müdes und trübes Auge hell aufleuchten lassen in -der Erinnerung an die, ach! so lange entschwundene sonnige und -goldene Schülerzeit, und manches herzliche Lachen haben sie ausgelöst -bei vielen, die im Ernste des Lebens das Lachen beinahe verlernt -hatten. Möge ihnen dies auch in Zukunft immer gelingen, -dann werden sie ihre Aufgabe auch im Sinne und nach dem Wunsche -ihres Autors voll erfüllt haben.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span></p> - -<h2 id="Schulertypen"> -<img src="images/illu-009.png" alt="" /><br /> -Schülertypen.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d">Das Gymnasium ist für den, der ein offenes Auge besitzt, so -recht eigentlich die Schule der Menschenkenntnis. Später -im bürgerlichen Leben hat man kaum je die Gelegenheit, -so eingehende Charakterstudien zu machen, wie hier, wo -der tägliche Verkehr und die noch mangelnde Routine des Komödiespielens -die überraschendsten Blicke in die verschiedenen Individualitäten -gewährt. Im Gymnasiasten, zumal im Primaner, ist das künftige -Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft bereits bis auf wenige unbedeutende -Retouchen vorgezeichnet. Wer in diesem aufgeschlagenen -Buche zu lesen versteht, der wird jedem einzelnen schwerlich ein -unrichtiges Prognostikon stellen. Selbst mit der geringen Erfahrung, -die ich in Prima besaß, wußte ich mir doch von gar -manchem unter meinen Kameraden ein Zukunftsbild zu entwerfen, -das sich nachmals in seinen wesentlichen Zügen verwirklicht hat.</p> - -<p>Da die Menschheit überall die gleiche ist, so wiederholen sich -auch die Schülertypen mit einer fast mathematischen Regelmäßigkeit. -Fassen wir die hervorragendsten etwas näher ins Auge.</p> - -<p>Da finden wir zunächst den von seiner eigenen Tüchtigkeit -mannhaft durchdrungenen Kernschüler, meist Sohn einer armen -Witwe, der er durch fleißige Privatstunden einen Teil ihrer Sorgen -abnimmt. Er besitzt einen lobenswerten Eifer und eine klare, ruhige -Intelligenz, die hin und wieder kleine, von ihm krankhaft überschätzte -Anläufe in der Richtung der Phantasie nimmt; daher er denn -zuweilen den Versuch macht, die Themata des deutschen Aufsatzes -novellistisch zu behandeln. Er ist sich eines tief sittlichen Ernstes<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span> -bewußt und übt gegen diejenigen seiner Kameraden, über die er sich -hoch erhaben dünkt, das heißt also gegen alle, einen gewissen väterlichen -Sarkasmus. Klein von Statur, sucht er diesem Mangel durch -eine straffe Haltung und durch eine biedermännliche Art des Auftretens -abzuhelfen. Über die jugendlichen Schwärmer, die da -halbe Nachmittage vertrödeln, nur um ein einziges Mal dem blonden -Töchterchen des Professors zu begegnen, zuckt er mitleidig die Achseln. -Sein Herz ist zwar nicht unempfindlich; vielmehr hat auch er bereits -eine stille Neigung; aber konsequent und logisch, wie er ist, betrachtet -er solche zwecklosen Huldigungen als Zeitvergeudung. Er lebt sich -und der Wissenschaft, absolviert das Maturitäts-Examen mit -Nummer eins, scheint nach Erlangung dieses Resultates um zwei -Zoll gewachsen zu sein, gebärdet sich wie der bedeutende Mann -<em class="antiqua">kat' exochen</em>, studiert Philologie, beendet sein Triennium gleichfalls -mit Auszeichnung, ist ein halbes Jahr später vierzehnter Oberlehrer -in Liegnitz und heiratet seine Mathilde nach einer verhältnismäßig -kurzen Brautschaft. Er hält seine Zöglinge streng im Zaum, sendet -seiner Mutter alljährlich eine kleine Unterstützung und erzeugt drei -oder vier Kinder. Hiermit aber ist seine »Tüchtigkeit«, die in Prima -so selbstbewußt auf den Troß der Nichttüchtigen herabschaute, ein -für allemal erschöpft; von irgend einer bedeutenden Leistung bekommt -die erwartungsvolle Heimat nichts zu hören. Er, der sich als der -Mann seines Jahrhunderts gerierte, ist ganz und gar aufgegangen -in der Ernährung und Fortpflanzung. Im vierzigsten Jahre schreibt -er vielleicht eine lateinische oder französische Grammatik, die unbekannt -bleibt wie der Name ihres Verfassers. Trotz alledem und alledem -hält er sich nach wie vor für das Ideal eines Menschen; er ist nur -darum nicht Lessing und Goethe, weil seine Tätigkeit als Gymnasiallehrer -ihn so sehr in Anspruch nimmt, daß ihm für alle anderen -Dinge die Zeit fehlt. Auch in der Malerei – er hat seiner Frau -zu ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag ein Album überreicht, -dessen Titelblatt er eigenhändig gezeichnet – auch in der Malerei -mangelt ihm nur die Muße. Da aber Raphael einem bekannten -Ausspruch zufolge selbst dann ein großer Maler gewesen sein würde, -wenn er ohne Arme auf die Welt gekommen wäre, so fühlt sich auch -unser ehemaliger Kernschüler im tiefsten Grund seines Wesens dem<span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span> -großen Urbinaten oder doch etwa den Herren Maratta und -Domenichino ebenbürtig.</p> - -<p>In politischen Dingen huldigt er einem ernsten, gemessenen -Liberalismus. Was seine religiösen Überzeugungen angeht, so liegt -ihm das Dogma ferne; doch ist er fest überzeugt, daß dereinst in -den unbekannten Regionen des Jenseits eine Vergeltung, das heißt -in seinem speziellen Fall eine Belohnung, eintreten wird; unter -welcher Form, ist ihm gleichgültig.</p> - -<p>Eine höchst traurige Erscheinung im Schülerkreise ist der ausgesprochene -Dummkopf. Wer kennt ihn nicht? Mit blöden Augen -und einem Gesichtsausdruck, der die vollkommenste Gleichgültigkeit -gegen alle Erscheinungen der Außenwelt bekundet, so sitzt er da, -stramm, breitschulterig, nichts weiter als eine Raumerfüllung. Richtet -der Lehrer eine Frage an ihn, so erhebt er sich schwerfällig und -glotzt: niemals ist eine Antwort über seine Lippen geglitten; aber -auch niemals hat ihn diese Unfähigkeit, zu antworten, aus dem -Gleichgewichte gebracht. Er ist zwar nicht imstande, das Horazische -<em class="antiqua">Nil admirari</em> ins Deutsche zu übersetzen; dagegen scheint ihm der -Kern dieser Worte vollkommen in Fleisch und Blut übergegangen zu -sein. Der Dummkopf ist gleich unempfindlich gegen den Fluch der -Lächerlichkeit, wie gegen eine dröhnende Standrede. In jeder Klasse -haftet er zwei bis drei Jahre lang; in Sekunda sproßt ihm bereits -ein erfreulicher Vollbart; in Prima weist seine Statur ein kräftiges -Embonpoint auf. Er avanciert indes selten bis in die erste Klasse: -meist haben sich seine Angehörigen schon vorher überzeugt, daß die -akademische Bildung nicht das Feld ist, auf welchem der Dummkopf -zu reüssieren vermag, daher er denn in der Regel als Sekundaner -die Karriere des Landwirts ergreift – eine Umwandlung, die mit -einemmal Leben in die träge Masse bringt. Der Dummkopf, der im -Gymnasium zu faul schien, nur ein Glied zu rühren, treibt sich jetzt -tagelang auf den Äckern herum und verrichtet die schwersten Arbeiten. -Nach Verlauf von zehn Jahren finden wir ihn nicht selten als Rittergutsbesitzer -wieder; ja, wenn er aus guter Familie ist, läßt er sich vielleicht -in den Reichstag wählen, wo seine Tätigkeit, je nach Umständen, in -»lautem Murren« oder in »Heiterkeit« besteht. Mit vierzig Jahren -wird er Ökonomierat; auch entgeht ihm selten der Rote Adlerorden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span></p> - -<p>Sehr häufig verwechselt der Unverstand der Lehrer eine andere -Spezies, nämlich den einseitig begabten Schüler, mit dem Dummkopf. -Das zukünftige naturwissenschaftliche Genie legt nicht selten für das -Studium der Sprachen eine absolute Talentlosigkeit an den Tag, -die höchstwahrscheinlich mehr aus dem Mangel an Lust, als aus -dem an wirklicher Begabung hervorgeht. So wurde dem berühmten -Chemiker Justus Liebig von seinen Lehrern insgesamt das trübste -Prognostikon gestellt. Die Naturwissenschaften hatten damals an -den öffentlichen Schulen so gut wie keine Vertretung. Der junge -Liebig, der sich schon früh eifrig mit seinem Lieblingsstudium -beschäftigte, ist gewiß hundertmal vom Katheder herab in der -bekannten Weise apostrophiert worden: »Denken Sie an mich, Liebig! -Wenn Sie so fortfahren, so werden Sie über kurz oder lang -Schiffbruch leiden!« Oder: »Was wollen Sie eigentlich einmal -werden? Ich für meinen Teil bin ratlos.« Oder: »Wenn Sie -nicht endlich zur Besinnung kommen, so werden Sie der Schandfleck -Ihrer Familie werden!« Wie muß sich Justus von Liebig in -späteren Jahren bei der Erinnerung an diese Prognostika amüsiert -haben! Er, der Schöpfer der modernen Chemie, dem Tausende -von Wißbegierigen aus allen Ländern der Erde zuströmten, er, der -scharfsinnige, philosophische Kopf, der, im Gegensatz zu den aberwitzigen -Apothekergehilfen und Barbiergesellen, den Gedanken, die -Verstandesoperation als das Wesentliche, das Experiment aber -gewissermaßen nur als die Probe auf das Exempel bezeichnete! -Was ist aus den Lehrern geworden, die dem genialen Forscher den -»unvermeidlichen Schiffbruch« weissagten? Ihr Gedächtnis ist mit -ihren Leibern zu Grabe gegangen, während der Name Liebigs -leuchten wird, so lange es eine Wissenschaft gibt.</p> - -<p>Hier gilt es also, sehr wohl zu unterscheiden. Nicht jeder ist -ein Dummkopf, der einen schlechten lateinischen Aufsatz schreibt, denn -alles Genie reicht hier nicht aus, sobald die positiven Kenntnisse -mangeln, und diese sind nur durch Fleiß oder doch durch Aufmerksamkeit -zu erwerben. Ein universell begabter Kopf wird allerdings, -selbst wenn er eine ausgesprochene Vorliebe für ein spezielles Fach -besitzt, auch die übrigen Fächer spielend bewältigen. So läßt sich -denn z. B. nicht denken, daß ein Mann wie Schopenhauer auf<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span> -irgend einem Gebiet hinter seinen Mitschülern zurückgestanden hätte. -Aber solche Naturen sind äußerst selten, daher wir sie den Schülertypen -nicht beizählen dürfen.</p> - -<p>Eine weitverbreitete Spezies von Schülern repräsentiert der -humoristisch beanlagte Autoritätsfeind, wie ich ihn mit großer Ausführlichkeit -in der Gestalt meines unvergeßlichen Freundes Wilhelm -Rumpf zu zeichnen versucht habe.</p> - -<p>Der humoristisch beanlagte Autoritätsfeind ist das sanguinische -Element auf der Polhöhe. Mit einer edlen Sorglosigkeit erträgt er -die empfindlichsten Freiheitsberaubungen. Von überaus leichter -Fassungsgabe, bedarf er durchaus keiner Vorbereitung, um in den -meisten Fächern mit Glanz zu bestehen. Der krankhafte Ehrgeiz, -wie er den oben gezeichneten »tüchtigen« Schüler beseelt, ist ihm -fremd. Auch ihm wird von ernsten Pädagogen vielfach der bevorstehende -Schiffbruch angekündigt, eine Prophezeiung, die er mit -dem freundlichsten Lächeln von der Welt hinnimmt. Er macht in -der Regel eine mehr oder minder glänzende Karriere, gleichviel auf -welchem Gebiete.</p> - -<p>Eine sehr unangenehme Erscheinung ist der frühreife Schüler. -An den erheiternden Störungen und sonstigen Zwischenfällen nimmt -er nur beiläufig Teil; dagegen ist er anerkannt als Sachverständiger -auf dem Gebiete des Tabaks und des Bieres. Er trägt in elegantem -Futteral eine Meerschaumspitze bei sich, deren kunstgerechtes Anrauchen -ihm wochenlang als Ideal vorschwebt. Er verkehrt fast -nur mit Studenten. Jene platonischen Regungen, die man unter -der Bezeichnung der Primanerliebe versteht, sind ihm fremd. Er -wirft sein Auge vorzugsweise auf die Feminina der dienenden -Klasse, da seine Wünsche durchaus realistischer Natur sind. Seinem -späteren Entwicklungsgang sind sehr verschiedene Wege vorgezeichnet. -Nicht selten wird er ein brauchbarer Mediziner. Mitunter -benutzt er die geringe Konkurrenz auf dem Gebiete der -Theologie und entpuppt sich so schließlich als ehrsamer Landprediger, -der die Bauern auffordert, die Lüste des Fleisches zu -töten und dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Oft auch -ereilt ihn als Folge seiner schon so früh begonnenen Exzesse ein -vorzeitiger Tod.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span></p> - -<p>Noch unangenehmer als diese Spezies ist der hämische Denunziant. -Er gehört unter die Stillen im Lande und benutzt jede -Gelegenheit, wo er einem Mitschüler einen Schabernack spielen kann. -Seine Haltung ist gebeugt, sein Blick unstet und lauernd. Soll -irgendwo in der Umgebung der Stadt eine Orgie gefeiert werden, -so benachrichtigt er den Direktor in einem anonymen Briefe. Findet -eine Untersuchung statt, so ist er stets »wahrheitsliebend«, wenn -nicht etwa die Furcht vor den Fäusten seiner Kameraden ihn zum -Schweigen veranlaßt. Die Lehrer geben sich zwar den Anschein, -als ob sie diese Gattung von Schülern sehr hoch schätzten; im -Grund ihres Herzens widmen sie ihnen jedoch eine unbegrenzte -Verachtung. Auch diese Sorte macht unter Umständen Karriere, -materielle wenigstens; zu Ruhm und Ansehen freilich bringen sie -es höchstens für kurze Zeit.</p> - -<p>Fast jede Klasse hat ferner ihren genial sein wollenden Wirrkopf. -Ich meinesteils entsinne mich der köstlichsten Exemplare. Der Wirrkopf -ist frühzeitig Mitglied des städtischen Gesangvereins. Er komponiert -selbstgedichtete Texte, er treibt Ästhetik, ja, er liest vielleicht Hegel -oder Schopenhauer. Von alledem sieht es in seinem Gehirn so -wüst aus, daß kein logischer Gedanke mehr aufzukeimen vermag. -Seine deutschen Aufsätze strotzen von widernatürlichen Bildern. Ich -erinnere mich, daß wir in Prima eine Arbeit über das böse Gewissen -zu liefern hatten. Der Wirrkopf der Klasse schloß seinen -Aufsatz mit der pathetischen Phrase: »Und so liegt denn das böse -Gewissen wie ein eiserner Klotz vor der Tür, der in jedem -Augenblick wie Gift durch die Adern strömt und selbst im -Tode kein Ende nimmt.« Der Wirrkopf war verblendet genug, mir -dieses unglaubliche Zeug am Tage vor der Einlieferung vorzulesen, -in der Erwartung, meinen bewundernden Beifall zu ernten. Ich -setzte ihm auseinander, daß hier eine heillose Vermischung der -heterogensten Dinge vorliege; aber mit geringschätzigem Lächeln wies -er meinen Einwand zurück, so daß er denn später vom Katheder -herab vor der <em class="antiqua">corona commilitonum</em> des Blödsinns bezichtigt wurde. -Aber selbst diese Konstatierung der Sachlage blieb fruchtlos. Der -Wirrkopf war von seiner Leistung so eingenommen, daß er sie später -als Broschüre drucken und an seine Freunde verteilen ließ.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p> - -<p>Jede wirkliche Leistung betrachtet der Wirrkopf als etwas Geringfügiges. -Er hat hierin eine gewisse Verwandtschaft mit dem -»Tüchtigen«, nur daß der gleiche Irrwahn hier aus einer anderen -Quelle fließt. Der Wirrkopf macht in der Regel eine sehr obskure, -sang- und klanglose Karriere; aber er trägt sich nach wie vor mit -dem Bewußtsein, daß er das einzige wahrhafte Genie seines Jahrhunderts -ist. Hat einer seiner früheren Schulkameraden später eine -hervorragende Stellung errungen, so lächelt er über diese »ephemeren« -Erfolge. Er schreibt vielleicht ein Tagebuch, in welchem ab und zu -Betrachtungen über das rasche Vergehen der Zeit (die ganz im -Gegensatz zu dem eisernen Klotz des Gewissens durchaus nicht vor -der Tür liegen bleibt) mit Ausrufen über die Verblendung des -Menschengeschlechts und die Verwerflichkeit der Pariser Moden abwechseln. -Die Titelseite dieses Tagebuches trägt die Aufschrift: <em class="antiqua">Erga -paralipomena</em>, ein bescheidener Anklang an die kleinen Schriften -des Frankfurter Philosophen. Der Wirrkopf ist in die Welt gekommen, -um seinen Mitmenschen die wahre Einsicht über das Wesen -der Kunst und der Philosophie zu bringen; freilich, wie alle großen -Geister wird er erst nach seinem Tode anerkannt werden. Dieses -Bewußtsein verleiht allem, was er tut, eine eigentümlich groteske -Würde. Er setzt kein Seidel an den Mund, ohne sich die Frage -aufzuwerfen, ob dieses Glas nicht im Grunde ein beneidenswertes -Objekt sei, da es von den Lippen eines so hervorragenden Sterblichen -ausgeschlürft werde. Wenn er sich kämmt, so lächelt er bei dem -Anblick der ihm allenfalls ausgehenden Haare still vor sich hin … -Wie manche junge Dame würde sich glücklich schätzen, wenn sie drei -oder vier dieser Haare für ihr Medaillon erwerben dürfte! Denn -– das hätten wir beinahe vergessen – der Wirrkopf hält sich dem -weiblichen Geschlecht gegenüber für unwiderstehlich. Mit edler -Offenheit spricht er von seinem geistvollen Auge, auf das er sich ja -durchaus nichts einbildet. In der Tat besitzt er einen schwärmerischen -Aufschlag, der namentlich bei jungen Pfarrerstöchtern von ergreifender -Wirkung ist. Nach langem Hin- und Herwählen verlobt er sich mit -einem herzlich unbedeutenden Frauenzimmerchen. Da er vermöge -seiner Wirrköpfigkeit nur langsam auf der Skala der bürgerlichen -Existenz emporklimmt, so dauert sein Brautstand sieben, acht, neun<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span> -und mehr Jahre. Er heiratet dann seine Braut aus Grundsatz; -die eigentliche Verliebtheit ist längst zu Grabe gegangen. Aber der -Wirrkopf tröstet sich mit der Tatsache, daß alles Glück in diesem -Jammertale nur ein Phantom ist. In stillen Sommernächten -überläßt er sich ganz und gar dem Weh über sein im Grunde verfehltes -Dasein. Er singt dann das von ihm selbst verfaßte Klagelied -»Herbstschauer« mit dem Refrain »Die Blätter, sie fallen« zu -einer heftig verstimmten Gitarre und erzeugt dadurch ein Echo in -der Brust sämtlicher benachbarten Hofhunde. Plötzlich stürzt seine -dicke Jeanette auf den Altan und ruft ihm schwer keuchend die -Worte zu:</p> - -<p>»Aber um Himmels willen, Eduard, du weckst ja die Kinder!«</p> - -<p>Im Innersten geknickt, stellt er die Gitarre an die Wand. -Die Prosa des Lebens hat seine Seele aus den Regionen des -Äthers wieder herabgerissen in die dunklen Tiefen Sansaras; voll -stummer Ergebung besteigt er sein Lager an der Seite Jeanettens.</p> - -<p>Mit diesem Wirrkopf schließen wir. Die Zahl der Schülertypen -ist natürlich noch lange nicht erschöpft; erschöpft aber ist -vielleicht die Geduld des Lesers.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span></p> - -<h2 id="Wie_der_Quartaner_Holzheimer"> -<img src="images/illu-017.png" alt="" /><br /> -Wie der Quartaner Holzheimer -Primus wurde.</h2> - -<p class="center">Von ihm selbst in Briefform aufgezeichnet.</p> -</div> - -<p class="center"> -Hochgeehrter Herr Redakteur! -</p> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Ihr geschätztes Blatt erörtert mit Vorliebe charaktervolle -Ereignisse aus dem alltäglichen Leben. In der Tat scheint -mir der Ausspruch unseres vortrefflichen Schiller:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Was sich nie und nirgends hat begeben,<br /></span> -<span class="i0">Das allein veraltet nie …<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">aus mehr als einem Gesichtspunkt – veraltet; womit ich keineswegs -gesagt haben will, daß Schiller nicht gewisse Verdienste besäße. -Erklärt doch derselbe Schiller, – ich habe das betreffende Gedicht -erst vorgestern in der Deklamationsstunde rezitiert und infolge -einer empörenden Verstimmung des Herrn Professors die Note -»ungenügend« davon getragen, – erklärt doch derselbe Schiller, daß -der Lebende recht hat. Das Deklamieren ist, beiläufig gesagt, meine -Force, während ich im Griechischen durch allerlei Verkettungen -häuslicher Übelstände in betrüblicher Weise zurückgeblieben und -kaum imstande bin, die ersten Beispiele aus Jakobs zu übersetzen. -Nichtsdestoweniger und dessenungeachtet gelang es mir neulich, just -im Griechischen den Ehrenplatz eines Primus zu erobern und bis -zum Schluß der Lehrstunde unbeeinträchtigt zu behaupten. Sie -denken jetzt natürlich an unlautere Manipulationen, an abgeschriebene -Exerzitien, an frech gehandhabte Spicker. Aber Sie irren: ich -ward Primus auf ganz legitimem, ich möchte sagen, auf höchst -honorigem Wege, und kraft jenes Grundsatzes, den schon die Bibel<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span> -betont: »Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet werden«. Fahren -Sie nur getrost in der Lektüre dieser meiner Darlegung fort.</p> - -<p>Professor <em class="antiqua">Dr.</em> Schmelzle, der uns den Jakobs erklärt, hat -nämlich die befremdliche Angewohnheit, eine mangelhafte Leistung -durch Degradation zu bestrafen. Kaum habe ich meinen Mund -geöffnet, um den ersten <em class="antiqua">Aor. Ind. Act.</em> von βλέπω mit »ich wurde -gesehen« zu verdeutschen, so ertönt schon das verhängnisvolle »Setz' -Dich zu unterst!« Beim Repetieren wie beim Extemporieren, beim -Hersagen der Paradigmen wie beim Abfragen des Wörterverzeichnisses -– überall und jedesmal ernte ich dieses ungebührliche »Setz' Dich -zu unterst!«, sobald ich auch nur zwei Silben über die Lippen -gebracht habe. Es ist dies, wie Sie in Anbetracht meines sonstigen -Bildungsgrades leicht ermessen werden, eine sogenannte Tücke des -Schicksals, eine μοῖρα, ein <em class="antiqua">fatum</em>, das auf gewöhnlichem Wege nicht -zu ändern ist. Wenn ich, der gehorsamst Unterzeichnete, gleichwohl -ein Mittel fand, das anscheinend so unnahbare Ziel des ersten -Platzes unter Zweiundzwanzigen zu erreichen, so danke ich dies -lediglich meinem diplomatischen Scharfsinn, der allerdings in unserer -Familie schon seit mehreren Generationen heimisch ist, wie denn -mein Onkel mütterlicherseits, der bekannte Papierfabrikant Heinerle, -die Schreibmaterialien in das Reichskanzleramt liefert, während -mein Großvater vor der Schlacht bei Königgrätz die Äußerung -getan haben soll: »Wenn das Schlachtenglück sich auf die Seite der -Preußen neigt, so glaube ich der österreichischen Armee eine ernstliche -Niederlage prophezeien zu dürfen!« <em class="antiqua">Habeat sibi!</em> wie Professor -Gordon zu sagen pflegt, wenn ich im Bilden eines lateinischen -Partizipialsatzes nicht von der Stelle komme. Sie selbst sollen -entscheiden, ob ich zu viel behaupte.</p> - -<p>Professor Schmelzle – so viel wird Ihnen seit Beginn dieses -Briefes klar sein – stellt an die Leistungsfähigkeit seiner Quartaner -höhere Anforderungen, als er, streng genommen, vor dem Richterstuhle -der Humanität verantworten könnte. Es fehlt ihm für die -Beurteilung unserer Kenntnisse jeglicher Maßstab. Diese Tatsache -fühlt er selbst, daher er denn von Zeit zu Zeit gewissermaßen an -unser eigenes Urteil appelliert und am Schluß der Lehrstunde die -bedeutsamen Worte spricht: »So, hm, hm! Fürs nächste Mal<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span> -mögt Ihr Euch die Klassenaufgabe einmal selber auswählen. Schlagt -mir, hm, hm! ein paar Themata vor, ich werde dann endgültig -resolvieren!« Da ruft dann der eine: »Ach, Herr Professor, lassen -Sie uns bei dem ganzen Pensum von heute das Perfektum ins -Präsens verwandeln.« … »Nein, nein,« ruft der zweite, »lassen -Sie uns die Erzählung vom Diogenes auswendig lernen!« Kurz, -vier, fünf der hervorragendsten Schüler beantragen ihre meist sehr -unverfänglichen Aufgaben, und der Herr Professor entscheidet dann. -Leider bin ich, wie bereits angedeutet, infolge häuslicher Umstände -selbst diesen leichteren Aufgaben nicht gewachsen, und wenn am -folgenden Tage die Aufforderung des Lehrers mich trifft, so heißt -es immer wieder unfehlbar: »Zu unterst!«</p> - -<p>Nun muß ich bemerken, daß Professor Schmelzle ein Dichter -ist. Von Zeit zu Zeit veröffentlicht er im städtischen Anzeiger ein -Kind seiner Muse, – sei es nun ein Hymnus auf die Rückkehr des -Herzogs, ein Frühlingslied oder ein Festgesang beim Antritt des -neuen Jahres.</p> - -<p>Es war nun am 10. Januar, als Professor Schmelzle uns -wiederum die Wahl der Aufgabe für den folgenden Mittwoch freigab. -In der Neujahrsnummer des städtischen Anzeigers hatte just -eine Ode unseres allverehrten Lehrers gestanden, ein »Rückblick« -von zwanzig Strophen, der die Ereignisse des verflossenen Jahres -in tiefsinniger, ja, ich möchte fast sagen, unverständlicher Weise -behandelte. Poeten sind eitel, und Professor <em class="antiqua">Dr.</em> Schmelzle ist, was -diesen Punkt betrifft, ein Poet ersten Ranges. Als er daher am -Schluß der Lehrstunde vom 10. Januar zu Vorschlägen aufforderte, -erhob ich mich selbstbewußt und sagte mit Stentorstimme: -»Herr Professor, lassen Sie uns das schöne Gedicht ›Rückblick‹, das -Sie in der Neujahrsnummer unseres städtischen Anzeigers zu veröffentlichen -die Güte hatten, ins Griechische übersetzen!«</p> - -<p>Sie stutzen, geehrter Herr Redakteur! In der Tat war das -eine Aufgabe, an der selbst die Gewandtheit eines Primaners unausbleiblich -gescheitert wäre. Aber gerade das wollte ich. Ich wollte -diesen fünf, sechs Auserlesenen, die stets die Note »Vortrefflich« -einheimsten, auch einmal zeigen, was es heißt, ein Problem lösen zu -sollen, das unsere Kraft übersteigt. Aber noch mehr. Ich selbst wollte<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span> -mich durch dieses glorreiche Strategem an die Spitze der Quarta -schwingen und meinen Mitschülern dartun, daß ein offener Kopf -praktisch mehr bedeutet als ein Wust von Optativen, die sich schließlich -endigen mögen, wie sie wollen, – mir soll's egal sein.</p> - -<p>Der Professor war im ersten Moment über meine Kühnheit -verblüfft, aber gleich darauf spielte um seine Lippen jenes eigentümliche -Dichterlächeln, das mir den Sieg gewährleistete. Der -Gedanke, daß dreiunddreißig mehr oder minder geistvolle Knaben sich -stunden- und tagelang mit dem »Rückblick« beschäftigen, daß sie ihn -analysieren und gewissermaßen in seine Einzelschönheiten aufdröseln -sollten, – dieser Gedanke hatte für Professor Schmelzle etwas Verführerisches. -Die Autoren-Eitelkeit überwog alle Bedenken, und die -idealistische Auffassung bezüglich unseres Wissens machte ihn ja so -wie so geneigt, uns allerlei Sisyphusarbeiten zuzumuten.</p> - -<p>»Gut,« sagte er schmunzelnd, »übersetzt mir den ›Rückblick‹ -ins Griechische. Die Sache wird Euch zwar Mühe machen, aber ein -deutsch-griechisches Lexikon tut das übrige. Notabene, selbstverständlich -braucht Ihr Euch nicht an das Metrum zu halten.«</p> - -<p>Mit diesen Worten verließ er das Schulzimmer, während ich -von meinen Kommilitonen mit drohenden Vorwürfen überhäuft -wurde, die ich stoisch lächelnd zurückwies.</p> - -<p>Der entscheidende Mittwoch kam unter den mannigfachsten -Qualen der gepeinigten Quarta heran.</p> - -<p>»Nun,« sagte der Herr Professor, indem er sich behaglich über -das rundliche Kinn strich, »wer will mir denn einmal zuerst den -griechischen ›Rückblick‹ vorlesen oder aufsagen?«</p> - -<p>Nicht ein einziger meiner Mitschüler meldete sich, denn alle -fühlten die entsetzliche Unzulänglichkeit ihrer Arbeit; ich aber fuhr -stolz in die Höhe und sagte mit fester, gemessener Stimme:</p> - -<p>»Ich, Herr Professor.«</p> - -<p>»Du, Holzheimer?« fragte der Professor erstaunt; »nun, da bin -ich denn doch in der Tat begierig.«</p> - -<p>Ich hob mein Heft und begann. Kaum aber hatte ich zwei -Zeilen meiner unglückseligen Übersetzung vorgetragen, als schon ein -wütendes »Zu unterst! Zu unterst!« mir das Wort von den Lippen -nahm. Da ich bereits zu unterst saß, so brauchte ich mich nicht<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span> -weiter vom Platz zu bemühen. Ich setzte mich und wartete siegesgewiß -der Dinge, die da kommen sollten.</p> - -<p>»Lies Du einmal, Kurschmann!« rief der Professor ärgerlich.</p> - -<p>Stotternd und stammelnd begann der sonst vortreffliche Schüler -die Lektüre seines Elaborates.</p> - -<p>»Was?« unterbrach ihn der Lehrer beim dritten Worte. »Wie -übersetzt Du diesen Passus: ›Im herben Mischkrug schnöder Vergangenheit?‹ -Bist Du von Sinnen? Augenblicklich zu unterst!«</p> - -<p>Das Haupt gesenkt schritt Kurschmann von der Bank der Erlesenen -nach dem Strafplatze. Ich aber rückte einen hinauf.</p> - -<p>»Engelbach!« sagte der Herr Professor, »beschäm' einmal dieses -barbarische Griechisch!«</p> - -<p>Engelbach las, aber er kam nicht weiter als Kurschmann. Die -Aufgabe war eben für einen Quartaner unlöslich.</p> - -<p>»Zu unterst!« schrie der Professor, der die Unfähigkeit seiner -Schüler wie eine persönliche Injurie empfand. Bei den Göttern! -War denn diese Neujahrsode so verworren, so unklar, daß zwei der -besten Jakobs-Übersetzer, daß ein Kurschmann, ein Engelbach daran -scheiterten! …</p> - -<p>»Kleewitz!« rief Schmelzle mit geröteter Stirn, als Engelbach -neben Kurschmann Platz genommen und mich so abermals um -einen herauf befördert hatte. »Du bist doch ganz gewiß imstande -gewesen … Es müßte ja mit dem Teufel zugehen … Ich -verlange ja keineswegs den vollendeten Attizismus, aber mein -Gott … Was? Du hast überhaupt nichts geschrieben? Die Arbeit -war Dir zu schwer? Du bist ja ein ganz erbärmlicher Junge! Zu -unterst! Augenblicklich zu unterst!«</p> - -<p>Und abermals rückte ich einen hinauf.</p> - -<p>Dieser vierfache Mißerfolg hatte den Professor hitzig gemacht.</p> - -<p>»Ich will denn doch einmal sehen, ob nicht ein einziger in der -ganzen Klasse so viel Griechisch besitzt, um dieses schlichte, einfache, -ich kann wirklich sagen: edel-einfache Poem wiederzugeben! Einer wird -doch von den rastlosen Bemühungen, die ich dieser Klasse fortwährend -opfere, etwas profitiert haben. Grazmüller, Veltliner, Stechhuber! -Beim Pluto, seid Ihr denn alle vernagelt? Grazmüller, lies -einmal vor!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span></p> - -<p>Und Grazmüller las. Aber auch Grazmüller kam zu Fall, -wurde im Tagebuch durch persönliche Eintragung des Professors mit -Nachsitzen belegt, und dann ertönte das traditionelle »Zu unterst!«</p> - -<p>So rutschte ich Bank um Bank aufwärts, und als es drei -Viertel schlug, – Sie mögen's nun glauben oder nicht, – als es -drei Viertel schlug, war ich, Otto Leberecht Holzheimer, ich, das -Opfer mißglückter Aoristformen, Primus!</p> - -<p>Der Professor bebte am ganzen Leibe.</p> - -<p>»Das ist zu viel!« raunte er mit erstickter Stimme. »Ich muß -ein Exempel statuieren. Die ganze Klasse kann ich nicht einsperren, aber -schon im Altertum pflegte man rebellische Legionen zu dezimieren … -Die sechs Untersten werden mir über Mittag nachsitzen. Primus, -Du wirst den Pedellen von dieser Verfügung in Kenntnis setzen.«</p> - -<p>Und ich, Otto Leberecht Holzheimer, meldete unserem Pedell, -die sechs Ultimi, darunter zwei der vorzüglichsten Griechen, seien -wegen ungenügender Leistung mit der empfindlichen Strafe des Herrn -Professors <em class="antiqua">in aeternam rei memoriam</em> gebrandmarkt worden!</p> - -<p>Sehen Sie, geehrter Herr Redakteur, so geht's in der Welt! -Der Geist siegte über das Fleisch, die deutsche Intelligenz über den -griechischen Formelkram, der Germanismus über das Welsche, -Bismarck über Benedetti, Schalk über das Philistertum, und Falk -über die Jesuiten. Als deutscher Quartaner biete ich Ihnen, dem -Gleichgesinnten, Gruß und Handschlag! Lassen Sie uns gemeinsam -fortstreben im Dienste der echten, der geistesbefreienden Humanität!</p> - -<p class="center"> -Mit kollegialischem Gruß</p> - -<p class="center"> -Ihr<br /> -herzlich ergebener<br /> -<em class="gesperrt">Otto Leberecht Holzheimer</em>.<br /> -pr. Adr.: Herrn <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">Friedrich Leberecht Holzheimer</em>,<br /> -Herzogl. Kreisphysikus und Sanitätsrat<br /> -zu <em class="gesperrt">Meppingen</em>. -</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span></p> - -<h2 id="Ein_Familienereignis"> -<img src="images/illu-023.png" alt="" /><br /> -Ein Familienereignis.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop-e">Es ist eigentümlich, wie schwer sich der Gymnasiast daran -gewöhnt, das Privatleben seiner Lehrer unbefangen und -parteilos ins Auge zu fassen und in dem Manne, der -da berufen ist, von der Höhe seines Katheders den Äschylus -zu erklären und Karzerstrafen zu verhängen, ohne störende Nebengedanken -den Bürger und Staatsbürger zu würdigen. Alles, was der -Lehrer im Kreise seiner Familie oder innerhalb der menschlichen Gesellschaft -treibt, gewinnt für den Blick des Gymnasiasten eine absonderliche -Beleuchtung, und zwar müssen wir zu unserem Bedauern -konstatieren, daß diese Beleuchtung nur in Ausnahmefällen die einer -rein menschlichen Sympathie ist. Vielmehr geht das Gymnasiastengemüt -systematisch darauf aus, jeder Handlung des Gymnasialprofessors, -und sei sie die indifferenteste und naturgemäßeste, eine komische -Seite abzugewinnen und übermütige Glossen daran zu knüpfen.</p> - -<p>Zu den ernstesten und heiligsten Familienereignissen gehört die -Vermehrung des Hausstandes durch einen jungen Sprößling. -Unter normalen Verhältnissen beeilen sich sofort die Verwandten -und Freunde, das höchlich erfreute Elternpaar zu beglückwünschen, -und ein Inserat im Tageblatt verkündet auch den entfernteren -Gönnern und Gesinnungsgenossen, daß die liebe Frau Berta oder -Josephine ihren Gatten mit einem kräftigen Jungen überrascht habe. -Wenn der Gymnasiast wirklich ein ethisch tief angelegtes Geschöpf -wäre, so müßte ein derartiges Vorkommnis in der Familie des -Gymnasialprofessors auf die ganze Klasse einen erhebenden und -läuternden Einfluß ausüben. Aber just das Gegenteil ist der -Fall …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span></p> - -<p>In Sekunda und Prima erfreuten wir uns eines Lehrers, der -nur darum nicht die oben erwähnten Insertionskosten in jedem -Semester dreimal zu tragen hatte, weil die Natur in diesem Punkte -unüberwindliche Hindernisse aufgetürmt hat. Aber alljährlich einmal -trat die beglückende Überraschung doch ein, und die ganze Klasse -war dann in einer Weise demoralisiert, die mit dem Geist, wie er -in einer Pflanzstätte des Schönen, Wahren und Guten herrschen -soll, schroff kontrastierte.</p> - -<p>Schon einige Wochen vor dem entscheidenden Tage raunte man -sich auf allen Bänken das Geheimnis von Doktor Brömmels erneuten -Hoffnungen zu. Sobald diese Tatsache für ausgemacht galt, beschäftigten -wir uns während der Unterrichtsstunden Brömmels vornehmlich -mit Epigrammen und Xenien, denen es oblag, unsere Entdeckung -nach ihrer sittlichen, kulturgeschichtlichen und nationalökonomischen -Seite zu kritisieren.</p> - -<p>Eine hervorragende Rolle in diesen rhythmischen Kleinigkeiten -spielte Niobe, als das Urbild eines überschwenglichen Mutterstolzes. -Auch Danaos und andere mythische Gestalten woben sich zwanglos -in unsere Distichen ein. Und da sich mir bei einer tieferen Würdigung -der Sachlage die Erwägung aufdrängte, wie es Herrn Brömmel -dereinst wohl gelingen möchte, seine zahlreichen Töchter glücklich und -vorteilhaft zu verheiraten, so schuf ich, die Ereignisse antizipierend, -eine Ballade, die mit den Versen anhub:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Herr Brömmel ist von Töchtern<br /></span> -<span class="i0">Allmählich ganz umringt;<br /></span> -<span class="i0">Er denkt und sinnt und dichtet,<br /></span> -<span class="i0">Wie er sie unterbringt.<br /></span> -<span class="i0">Schon sind Amandens Locken<br /></span> -<span class="i0">Mit zartem Grau meliert,<br /></span> -<span class="i0">Und Ostern wird die Jüngste,<br /></span> -<span class="i0">So Gott will, konfirmiert.<br /></span> -</div></div> - -<p>Im weiteren Verlauf der Dichtung schob ich nun dem unglücklichen -Lehrer eine endlose Reihe von Machinationen unter, von denen -keine zum erwünschten Ziele führt. Da ergreift ihn die helle Verzweiflung. -Die Hände zum Zeus erhoben, bricht er in die klagenden -Worte aus:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">O Herr, sieh du in Gnaden<br /></span> -<span class="i0">Auf meiner Töchter Zahl<br /></span> -<span class="i0">Und hilf mir, Allerbarmer,<br /></span> -<span class="i0">In meiner Vaterqual!<br /></span> -</div></div> - -<p>Da läßt Zeus seine Donner rollen, und eine vernichtende Stimme -ruft dem erschrockenen Bittsteller zu:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Was du dir angerichtet,<br /></span> -<span class="i0">Ertrage mit Geduld:<br /></span> -<span class="i0">Hast du zu viele Töchter,<br /></span> -<span class="i0">So bist du selber schuld!<br /></span> -</div></div> - -<p>Der Leser wird schon bei der Lektüre dieser wenigen Proben -die Überzeugung gewinnen, daß unsere Lieblosigkeit einen wahrhaft -beängstigenden Höhegrad erreicht hatte. Was war indes meine -Ballade gegen die Xenien Wilhelm Rumpfs oder die Vierzeiler -Emanuel Boxers? Eines dieser Quatrains lautete z. B.:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Und gibt's ein Zwillingspaar,<br /></span> -<span class="i0">So sind's der Kinder zwei;<br /></span> -<span class="i0">Und gibt's noch eines mehr,<br /></span> -<span class="i0">So sind es ihrer drei.<br /></span> -</div></div> - -<p>Ein anderes:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wie zärtlich strahlt dein Angesicht,<br /></span> -<span class="i0">Und wonnig glüht der Liebe Feuer!<br /></span> -<span class="i0">Doch eines, Kind, bedenkst du nicht:<br /></span> -<span class="i0">Das Geld ist rar, das Leben teuer.<br /></span> -</div></div> - -<p>Ein drittes griff die Sache noch ironischer und beißender an. -Es lautete:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Flocken, Flocken streut der Winter,<br /></span> -<span class="i0">Zahllos wie der Sterne Heer,<br /></span> -<span class="i0">Zahllos wie der Sand am Meer,<br /></span> -<span class="i0">Zahllos wie Herrn Brömmels Kinder.<br /></span> -</div></div> - -<p>Oder in knapperer Form:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wie ist die Stadt verwaist!«<br /></span> -<span class="i0">Die Brömmels sind verreist.<br /></span> -</div></div> - -<p>Ja, selbst ethnographische Streiflichter blitzten aus unseren geistsprühenden -Epigrammen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Das deutsche Volk vermehrt sich flott,<br /></span> -<span class="i0">Und Frankreich senkt beschämt die Fahne …«<br /></span> -<span class="i0">Kein Wunder das, beim ew'gen Gott!<br /></span> -<span class="i0">Herr Doktor Brömmel ist Germane!<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span></p> -<p>Unter solchen und ähnlichen Perfidien verstrich Woche um Woche, -und nun ging es ungefähr, wie ich nachstehend verzeichne.</p> - -<p>Es war etwa in der Nachmittagsstunde zwischen zwei und drei. -Doktor Brömmel erging sich gerade in einer ausführlichen Darlegung -der griechischen Literaturverhältnisse seit dem Tode des Euripides … -Plötzlich vernahm man an der Tür des Schulsaales ein schüchternes -Pochen.</p> - -<p>»Herr Professor, es klopft!«</p> - -<p>Über die Züge Brömmels flog ein eigentümliches Leuchten.</p> - -<p>»So, es klopft?« sagte er mit unsicherer Stimme. »Sehen Sie -einmal nach, Boxer, wer da ist.«</p> - -<p>Boxer ging, um zu öffnen. Im Rahmen der Pforte ward -das ernste Haupt des Pedells sichtbar.</p> - -<p>»Ah, Sie sind es, Quaddler«, sagte der Professor, nur mit -Mühe eine gewisse Erregung bewältigend. »Was wollen Sie?«</p> - -<p>»Herr Professor, Ihr Mädchen ist draußen, Sie möchten doch -rasch mal nach Haus kommen.«</p> - -<p>Durch die versammelte Sekunda ging ein leises, fast unhörbares -Murmeln. Boxer, der sich wieder auf seinen Platz zurückzog, streckte uns -bedeutsam die Zunge heraus und zog die Brauen in die Höhe, als -wollte er sagen: »<em class="antiqua">Jamjam adest!</em>« Professor Brömmel aber beauftragte -den Primus, einstweilen ein Kapitel aus Xenophons Memorabilien -übersetzen zu lassen, griff hastig nach Stock und Hut und eilte ins Freie.</p> - -<p>Sofort bemächtigten wir uns des Pedells.</p> - -<p>»Was ist denn los, Herr Quaddler?« riefen wir, eine naive Unkenntnis -heuchelnd. »Die Frau Professorin ist doch nicht krank -geworden?«</p> - -<p>Quaddler schüttelte unwillig das Haupt.</p> - -<p>»Ach, die Herren Sekundaner müssen immer ihre Possen machen«, -sagte er ärgerlich. »Sie werden wohl sehr gut wissen, was -geschehen ist.«</p> - -<p>»Aber wir haben keine Ahnung, bester Herr Quaddler!« riefen -wir im Chor.</p> - -<p>»Ach, gehen Sie weg, ich kenne das. Seit zwanzig Jahren -bin ich Pedell, und die Herren Sekundaner haben es noch jedesmal -so gemacht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span></p> - -<p>»Das ist wohl bis jetzt in jedem Semester passiert?« fragte Boxer.</p> - -<p>»Herr Boxer,« sagte Quaddler sehr ernst, »ich muß mir gütigst -erlauben, zu vermerken, daß ich unmöglich zugeben kann, wo es sich -um den Respekt handelt, und wofern Sie immer so Narrenspossen -im Kopfe haben!«</p> - -<p>»Aber ich frage ja nur, – ereifern Sie sich doch nicht! Also -es ist wirklich was Kleines?«</p> - -<p>Quaddler wurde jetzt ungemütlich.</p> - -<p>»Wenn Sie meinen, Sie können hier Ihren Spott mit mir -treiben, so muß ich mir ergebenst zu vermerken erlauben, daß Sie -gütigst im Irrtum sind. Wenn der Herr Professor zurückkommen, -werde ich vermelden, was vorgefallen ist.«</p> - -<p>»Was? Er droht?« rief jetzt eine Stimme von den hinteren Bänken.</p> - -<p>»'naus! 'naus!« donnerte eine zweite.</p> - -<p>Quaddler richtete sich hoch auf.</p> - -<p>»'naus, sagen Sie? 'naus? Wissen Sie was, wenn Sie mir -so kommen und 'naus sagen, dann gehe ich.«</p> - -<p>Und hiermit machte er kehrt und verschwand im Korridor.</p> - -<p>Jetzt brach ein unendlicher Jubel los. Einer von uns bestieg -den Katheder und machte seine Mitschüler in einer kurzen Ansprache -auf das Wichtige und Erhebende des Momentes aufmerksam. Am -Schluß dieser Rede betonte er die Notwendigkeit, dem gefeierten -Lehrer durch eine möglichst glänzende und einstimmige Demonstration -die Teilnahme der Sekunda an dem freudigen Ereignis recht -unmittelbar auszudrücken. Nach längeren Debatten ward der Beschluß -gefaßt, Herrn Brömmel des anderen Tages bei seinem Erscheinen -im Lehrzimmer ein großes Bukett und eine <em class="antiqua">ad hoc</em> zu verfertigende -lateinische Ode zu überreichen. Da wir nichts Besseres zu tun hatten, -so gingen unsere berufensten Lateiner sofort ans Werk, das projektierte -Festgedicht in seinen Umrissen zu Papier zu bringen. Sechs oder -sieben Entwürfe gelangten zur Verlesung. Es fand sich da eine -reiche Auswahl der wunderbarsten und überraschendsten Wendungen. -Eine dieser Hymnen begann mit den Worten:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0"><em class="antiqua">Praeceptori nostro caro,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Viro justo ac praeclaro,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Ridet Zeus haud ita raro –</em><br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span></p> -<p class="noind">eine Strophe, deren Schlußwendung nicht der Grazie entbehrt. Ich selbst -hatte eine tiefempfundene Ode verfaßt, die mit dem Ausrufe begann:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0"><em class="antiqua">Iterum iterumque …</em><br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Sie wurde jedoch von der Majorität meiner Kameraden als zu -karzergefährlich abgelehnt.</p> - -<p>Des anderen Tages mit dem Glockenschlag neun trat Doktor -Brömmel nicht ohne eine gewisse Befangenheit in das Schulzimmer. -Sofort erhob sich der Primus von Obersekunda und streckte die -Rechte wie zum Eidschwur nach der Decke. Auf dieses verabredete -Signal brach die ganze Klasse in ein stürmisches Hoch aus: Hoch! -und abermals Hoch! und zum drittenmal Hoch! Doktor Brömmel -wußte nicht, ob er danken oder eine Untersuchung einleiten sollte. -Ehe er sich jedoch über dieses Dilemma entschieden hatte, trat unser -bester Redner aus den Bänken, schritt, in der Linken das riesige -Bukett, in der Rechten die auf sauberes Velinpapier geschriebene -Ode haltend, nach dem Katheder hin und begann seine Deklamation. -Das Festgedicht war so eingerichtet, daß nach jeder achtzeiligen -Strophe der Chor einfallen mußte, was denn auch jedesmal bestens -besorgt wurde. Herr Doktor Brömmel schwankte während der -ganzen Zeremonie fortwährend zwischen den verschiedenartigsten -Stimmungen hin und her. Einmal biß er sich so entschieden auf -die Lippe und legte die geballte Faust auf die Kathederfläche, daß -wir unbedingt überzeugt waren, er würde die ganze Klasse wegen -Komplotts beim Lehrerkollegium anzeigen; dann aber, unseren heiligen -Ernst wahrnehmend, lächelte er still vor sich hin und gedachte an -Berta, die ja in der Tat, die ja wirklich, die ja genau so, wie es -in dem Festgedicht hieß, sein Haus mit Freude und Segen erfüllt -hatte. Im stillen aber mochte er Gott danken, daß der ganze -Umfang seines Glückes den Schülern zurzeit noch verborgen geblieben -war. Hätten wir gewußt, daß sich das oben mitgeteilte Quatrain -Boxers verwirklichen sollte, hätten wir geahnt, daß die Welt um -<em class="gesperrt">zwei</em> junge Brömmels reicher geworden war: wir würden ohne -Zweifel zwei Redner ins Feld gesandt, zwei Oden gedichtet und -zwei Buketts überreicht haben, eine Huldigung, deren unverkennbare -Komik die Reserve, mit welcher Doktor Brömmel uns jetzt anhörte, -unmöglich gemacht hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span></p> - -<p>Nachdem unser Spruchvermelder seine Aufgabe erledigt hatte, -sagte Doktor Brömmel mit gemessener Freundlichkeit: »Ich danke -Ihnen. Wir wollen uns durch diesen Zwischenfall indessen nicht -weiter stören lassen und unsere Arbeit da wieder aufnehmen, wo -wir sie unterbrochen haben.«</p> - -<p>Es dauerte zwei Tage, bis wir erfuhren, daß die Sonne des -Brömmelschen Hauses in das Zeichen der Zwillinge getreten war. -Jetzt aber kannte die Flut der Epigramme, Distichen und Quatrains -keine Grenzen mehr. Boxer verfertigte allein an zweihundert Vierzeiler, -und da wir seine Aperçus in hohem Grade originell fanden, -so beschlossen wir, dieselben auf gemeinschaftliche Kosten drucken zu -lassen. Gedacht, getan. Jeder von uns bekam zwei Exemplare der -köstlichen Sammlung: die übrigen zerschnitten wir in kleine Streifen, -und zwar so, daß jedesmal ein Quatrain durch diese Teilung isoliert -wurde, und verstreuten die eigentümlichen Bonbonzettel kurz vor dem -Beginne der nächsten Brömmelschen Lehrstunde im Schulzimmer und -insbesondere auf dem Katheder.</p> - -<p>Brömmel erschien wie gewöhnlich mit einer gewissen Schüchternheit. -Der Soldat mag noch so oft den Donner der Schlachten -gehört haben: beim Beginn des Gefechts verspürt er immer ein -gewisses Unbehagen, das er erst nach und nach im Laufe des Treffens -bemeistern lernt.</p> - -<p>Auf dem Katheder angelangt, bemerkte Brömmel zu seiner -größten Überraschung, daß man seinen Ehrenplatz heute in höchst -eigentümlicher Weise dekoriert hatte. Er runzelte die Stirn und -wollte sich eben erkundigen, »wer sich einen so witzlosen Streich -erlaubt habe«, als sein Blick auf dem Namen Brömmel haften blieb, -der sich in großen Buchstaben aus dem typographischen Karree einer -sauber ziselierten Strophe hervorhob. Der Schulmann sah näher -zu und vermochte nur mit Mühe einen Ausruf des Entsetzens zu -unterdrücken.</p> - -<p>»Sehr gut, sehr gut!« stöhnte er nach einer Weile, heftig die -Nüstern blähend. »Und wer ist der saubere Kamerad, der sich dieser -wohlfeilen Späße erfrecht? Er möge sich nennen, der Feigling, damit -ich ihm zeigen kann, was einem solchen ehrlosen Streiche gebührt!«</p> - -<p>In den Räumen der Sekunda herrschte lautlose Stille.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span></p> - -<p>»Nun, will sich der wohl melden, der mir diese schmutzigen -Wische da auf den Katheder gelegt hat? Ich frage nicht zum -dritten Male!«</p> - -<p>Über den Subsellien brütete eine unheimliche Grabesruhe. In -der Tat hatten wir keine Veranlassung, der Aufforderung des Herrn -Professors nachzukommen, da er uns so energisch versicherte, zum -drittenmal würde er nicht fragen.</p> - -<p>»So!« rief Brömmel nach einer längeren Pause, furchtbar die -Augen rollend; »der will sich also nicht melden? Gut! Sehr gut! -So werde ich die ganze Klasse über Mittag hier behalten!«</p> - -<p>Jetzt erhob sich auf den hinteren Bänken ein Brummen des Unwillens, -dem sich bald ein sehr dezidiertes Scharren mit den Stiefelabsätzen -zugesellte.</p> - -<p>»Was? Brummen wollen Sie? Scharren wollen Sie? Kindsköpfe, -die Sie sind! Ich werde Ihnen einmal einen Quartaner -herauf holen, der soll Ihnen sagen, was Lebensart ist!«</p> - -<p>Gelächter auf allen Bänken.</p> - -<p>Jetzt riß Herrn Brömmel die Geduld. Er eilte mit großen -Schritten auf Boxer zu, den er in dem begründeten Verdacht hatte, -einer der Haupträdelsführer bei jedem Skandal zu sein, und rief -mit Donnerstimme:</p> - -<p>»Sie sind mir für diesen himmelschreienden Unfug verantwortlich! -Entweder Sie machen mir den Schuldigen ausfindig, oder ich sperre -Sie vier Tage auf den Karzer.«</p> - -<p>»Meinen Sie mich?« lächelte Boxer mit der Unschuld eines -vierzehnjährigen Mädchens.</p> - -<p>»Ja, Sie! Ich sehe Ihnen an, daß Sie die ganze Geschichte -angestiftet haben! Kein Wort mehr!«</p> - -<p>»Aber, Herr Doktor, ich versichere Sie, daß ich keine Ahnung -habe, um was es sich eigentlich handelt. Gebrummt habe ich diesmal -nicht, und wegen Nichtbrummens zu brummen fällt mir gar nicht ein.«</p> - -<p>»Lassen Sie Ihre schlechten Witze, sonst werden Sie Ihre Lage -nur noch verschlimmern! Wollen Sie mir kurz und bündig gestehen, -was Sie von der Sache wissen?«</p> - -<p>»Von welcher Sache, Herr Doktor? Gebrummt habe ich nicht, -denn ich sitze viel zu weit vorn, und gescharrt habe ich auch nicht,<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span> -denn ich habe heut' Stiefel an, die mir so eng sind, daß ich keinen -Fuß rühren kann. Also wovon soll ich wissen?«</p> - -<p>»Mensch, Sie verstellen sich in einer Weise, die geradezu empörend -ist. Ich frage Sie, was wissen Sie über den Autor der schamlosen -Pasquille, die man mir dort auf den Katheder gelegt hat?«</p> - -<p>»Erlauben Sie einmal«, sagte Boxer, nach dem Katheder eilend. -– Er las mit halblauter Stimme:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»O lieber Gott, in jedem Jahr<br /></span> -<span class="i0">Ein frisch besohltes Zwillingspaar …«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Behalten Sie diese Dummheiten für sich, und gehen Sie -auf Ihren Platz zurück!« schrie Brömmel mit steigender Erbitterung.</p> - -<p>Boxer raffte die Zettel, die auf dem Katheder lagen, zusammen -und steckte sie in die Brusttasche.</p> - -<p>»Wenn Sie mir drei Tage Zeit lassen,« sagte er harmlos, »so -wird es mir nicht schwer halten, den Urheber zu ermitteln. Ich -gehe einfach bei allen Druckereien der Stadt herum und erkundige -mich, in welcher Offizin diese Zettel gedruckt worden sind. Das ist -das einfachste und sicherste Mittel.«</p> - -<p>»Das werden Sie bleiben lassen«, versetzte Brömmel energisch. -»Wollen Sie Ihren Impertinenzen die Krone aufsetzen und diese -Sudeleien womöglich noch ins Tageblatt befördern? Geben Sie her!«</p> - -<p>Boxer nahm jetzt die Stellung ein, die Lessing auf seinem -berühmten Gemälde dem Johann Huß zuerteilt hat.</p> - -<p>»Herr Professor,« sagte er, »das ist eine schreiende Ungerechtigkeit! -Sie bedrohen mich mit einer mehrtägigen Karzerstrafe, falls -ich Ihnen den Schuldigen nicht namhaft mache, und dabei suchen -Sie mir die Mittel zu entziehen, die allein geeignet sind, mir die -gewünschte Entdeckung zu ermöglichen. Herr Professor, Sie werden -entschuldigen, wenn ich mich damit nicht beruhigen kann. Ganz -ergebenst bitte ich um die Erlaubnis, sofort zum Herrn Direktor -gehen zu dürfen. Ich werde ihm die ganze Angelegenheit vortragen -und diese Zettel zur Verfügung stellen. Der Herr Direktor mag -dann selbst entscheiden, ob ich dafür verantwortlich bin, wenn andere -etwas von Zwillingen schreiben. Außerdem habe ich niemals gehört, -daß Zwillinge ein Schimpfwort wäre.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span></p> - -<p>Brömmel sah jetzt sehr wohl ein, daß er sich in eine Sackgasse -verrannt hatte. Er wäre lieber gestorben, ehe er zugegeben hätte, -daß der Direktor diese schnöden Machwerke der mißratenen Sekundaner -zu Gesicht bekäme. Was konnte es frommen, wenn die offizielle -Folge einer solchen Wendung der Dinge wirklich für Boxer und -Genossen verhängnisvoll ward? Privatim hätte der Direktor sich -doch köstlich amüsiert und nicht verfehlt, im Klub und auf den -öffentlichen Bierkellern, die er mit Vorliebe frequentierte, das Ereignis -zum besten zu geben, ganz abgesehen davon, daß Brömmel sich dem -Direktor gegenüber selbst unter vier Augen nicht kompromittieren -wollte. Der Zwist wurde also beigelegt, Boxers Unschuld in ihrem -vollen Umfange anerkannt und von einer weiteren Untersuchung Abstand -genommen, weil, wie Doktor Brömmel sich ausdrückte, die ganze -Sache eigentlich zu erbärmlich war, um ein Wort darüber zu verlieren.</p> - -<p>»Ich bitte mir übrigens aus,« fügte er hinzu, als er wieder -auf dem Katheder Platz nahm, »daß Sie die Wische da unverzüglich -vernichten. Sekunda stellt sich durch solche Lächerlichkeiten ein -<em class="antiqua">testimonium paupertatis</em> aus, wie ich es nicht für möglich gehalten -hätte. Haben Sie nichts Besseres zu tun, als Ihre Zeit mit solchen -unlauteren Reimereien zu vertrödeln? Schämen Sie sich in Ihre -Seelen hinein! Wenn Sie so fortfahren, so werden Sie über kurz -oder lang moralisch zugrunde gehen, – denken Sie an mich! -Ohne echten sittlichen Ernst ist eine gedeihliche Entwickelung des -Menschen nicht denkbar, und wenn Sie noch so glänzende Fortschritte -in den Wissenschaften machen, was ich nicht gerade behaupten kann, -so würden Sie doch niemals zu wahrhaften Männern heranreifen, -falls der frivole Geist, wie er seit einiger Zeit in dieser Klasse -herrscht, einen dauernden Einfluß behaupten sollte. Wahrlich, es ist -weit gekommen, wenn nicht einmal mehr das Privatleben des Lehrers -vor den Ungezogenheiten einer charakterlosen Schuljugend sicher ist. -Aber das kommt von dem oberflächlichen und leichtfertigen Lebenswandel, -dem sich die meisten jungen Leute von heutzutage leider -schon sehr, sehr früh zu ergeben pflegen! Es ist ein wahres Unheil, -wenn sich in der Stadt, wo die Gymnasien ihr Zelt aufgeschlagen -haben, gleichzeitig eine Universität befindet. Verlassen Sie sich darauf, -ich werde Ihnen auf die Finger sehen! Erfahre ich jemals wieder,<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span> -daß einer von Ihnen an Zechgelagen teilgenommen hat, so lasse ich -keine Milderungsgründe gelten: ich trage unbedingt auf Relegation -an. Es sind Leute unter Ihnen, die gar nicht wissen, was sie sich -und der bürgerlichen Gesellschaft als Mitglieder eines öffentlichen -Erziehungsinstitutes schuldig sind. Das muß anders werden. Boxer, -an Sie wende ich mich speziell. Sie sind mir wiederholt als derjenige -bezeichnet worden, der bei allen nichtsnutzigen Streichen das -große Wort führt. Ich rate Ihnen in aller Freundschaft, bessern -Sie sich, sonst nimmt es kein gutes Ende mit Ihnen. Wahrlich, -Ihr vortrefflicher Herr Vater hat es nicht um Sie verdient, daß -Sie in dieser Weise seinem Namen Unehre machen.«</p> - -<p>Boxer erhob sich mit der Miene eines tödlich Beleidigten.</p> - -<p>»Herr Professor,« stammelte er mit gut gekünstelter Aufregung, -»das hat mir noch niemand gesagt. Und was meinen Vater betrifft, -so hat er erst gestern in meiner Gegenwart geäußert, ich sei der -Stolz der Familie. Ich kann das durch Zeugen erhärten, und in -der Tat wüßte ich auch nicht, inwiefern ich ihm die mindeste -Unehre machte. Ich habe bis jetzt noch immer die besten Aufsätze -geschrieben, und meine Zensuren lauten, bis aufs Betragen, stets -günstig.«</p> - -<p>»Setzen Sie sich! Ich weiß besser, was Ihr Herr Vater über -Sie denkt, und sollte er wirklich im Zweifel sein, wie es um seinen -Sohn bestellt ist, so werde ich ihm bei nächster Gelegenheit einmal -gründlich die Augen öffnen.«</p> - -<p>Boxer setzte sich, und der Unterricht nahm seinen Anfang.</p> - -<p>Als aber Doktor Brömmel den Lehrsaal verlassen hatte, sanken -sich die Sekundaner gegenseitig in die Arme und jauchzten vor -Wonne und Seligkeit.</p> - -<p>»Ach,« klang es von Mund zu Mund, »der Himmel gebe, daß -die Brömmelina bald wieder Zwillinge bekommt!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span></p> - -<h2 id="Knebelii_discipuli_Threnodia"> -<img src="images/illu-034.png" alt="" /><br /> -<em class="antiqua">Knebelii discipuli Threnodia.</em></h2> -</div> - -<div class="poetry"> -<div><img class="drop" src="images/drop-s.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d"> -<em class="antiqua">Si omnes mundi homines,<br /> -Quae amant, iis non carerent,<br /> -Praeclara vitae esset spes,<br /> -Nam qui timores nos terrerent?</em></p> -<p class="noind"> -<em class="antiqua">Perpetuo vellem bibere,<br /> -Sed saccus mi repletus raro!<br /> -O Deus, pater optume,<br /> -Quor fato utor tam amaro?</em></p> -<p class="noind"> -<em class="antiqua">Quor gulam mi tam aridam,<br /> -Tam vini cupidam dedisti,<br /> -Si, quibus flammas opprimam,<br /> -Pecunias dare omisisti?</em></p> -<p class="noind"> -<em class="antiqua">Ad ultimum me rediges:<br /> -Haud justum mi parasti sortem!<br /> -Mehercle! Quae mi cunque des, –<br /> -Aut dabis aes, aut dabis mortem!</em> -</p> -</div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span></p> - -<h2 id="Privat_1"> -<img src="images/illu-035.png" alt="" /><br /> -Aus den Privataufzeichnungen des -Sekundaners Heppenheimer.</h2> - -<p class="h2">Erstes Bruchstück.</p> -</div> - -<p class="right"> -… Am 24. Februar 18** -</p> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div> -<p class="drop-w">Womit soll ich zunächst anfangen? – Es klingt eigentümlich, -aber es ist nichtsdestoweniger wahr: jeder Anfang hat -für mich etwas Peinliches. Bei meinen deutschen Aufsätzen -hocke ich oft stundenlang und kaue an der Feder, -ohne zu wissen, wie ich dem Dinge beikommen soll. Gewöhnlich -helfe ich mir dann dadurch, daß ich mich nach einem geeigneten -Zitat umsehe und dasselbe als Motto oben rechts in die Ecke -schreibe. Hieran läßt sich dann gewöhnlich in ungezwungener Weise -anknüpfen, indem man etwa fortfährt wie nachstehend:</p> - -<p>»Der große Dichter, dem wir diese Worte entlehnen, hat ohne -Zweifel dabei die hochwichtige Frage im Auge gehabt, deren Behandlung -mir heute von Amts wegen obliegt.«</p> - -<p>Es ist mir bis jetzt noch stets gelungen, den erforderlichen -Nachweis zu liefern, zumal wenn das Zitat von Schiller war, dessen -Aussprüche das Angenehme haben, daß sie für alle Verhältnisse -des Lebens gleich brauchbar sind. Ich will also dieser meiner angestammten -Gewohnheit auch heute nicht untreu werden und mein -Tagebuch mit den herrlichen Worten aus Schillers Glocke einleiten:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Von der Stirne heiß<br /></span> -<span class="i0">Rinnen muß der Schweiß.<br /></span> -</div></div> - -<p>Dies ist nämlich die Ansicht meines Mitschülers Leopold Hutzler, -der in der Nähe des Fensters sitzt und durchaus nicht leiden kann,<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span> -wenn man auch nur ein kleines Quadratchen öffnet, um frische Luft -hereinzulassen. Wie zu Eingang notiert, ist es noch Februar, und -die Witterung läßt manches zu wünschen übrig. Wir besitzen nun -einen Lehrer, der zum Schlagfluß neigt und vor Kongestionen fast -umkommt, wenn alles geschlossen ist. Kaum tritt er ins Zimmer, -so ruft er mit seiner dröhnenden Baßstimme: »Schwarz, machen -Sie mal 's Fenster auf!«, und Schwarz tut, wie geheißen. Bis -zum 20. Februar ging die Sache auch ihren stillen, friedlichen Gang. -An diesem Tage aber gelangten die <em class="antiqua">exercitia pro loco</em> zur Verteilung, -und Hutzler, der ein Feind aller Zugluft ist, kam in die -Nähe des Fensters zu sitzen …</p> - -<p>Doktor Perner ließ wie gewöhnlich oben die Klappe öffnen -und wollte eben seinen Vortrag beginnen, als der stramme Hutzler -sich von seinem Platze erhob und mit aufgestelltem Rockkragen und -frostschauernder Stimme in die geflügelten Worte ausbrach:</p> - -<p>»Herr Doktor, es zieht so!«</p> - -<p>Doktor Perner wird nun jedesmal nervös, wenn jemand behauptet, -es ziehe. Er sagt, <span id="corr036">das</span> sei Einbildung, und wenn die Bewegung -der atmosphärischen Luft die Gesundheit schädige, so könne -kein Mensch mehr über die Straße gehen, ohne eine Rippenfellentzündung -oder die Diphtheritis zu bekommen.</p> - -<p>»So, es zieht Ihnen?« erwiderte er in wegwerfendem Tone. -»Wie alt sind Sie eigentlich?«</p> - -<p>»Im nächsten Januar werde ich siebzehn!« entgegnete Hutzler -mit Würde.</p> - -<p>»Und demungeachtet zieht es Ihnen? – Nun, dann ist es die -höchste Zeit, daß Sie endlich einmal dieses Vorurteil ablegen. Setzen -Sie sich, das Fenster bleibt auf!«</p> - -<p>Hutzler zog den Rockkragen noch höher, setzte sich nicht und -sagte mit männlicher Festigkeit:</p> - -<p>»Herr Doktor, der Arzt hat es mir dringend verboten, mich -der Zugluft auch nur auf wenige Minuten auszusetzen. Ich bitte -um die Erlaubnis, meinen Platz wechseln zu dürfen!«</p> - -<p>»Meinetwegen«, sagte der Doktor Perner mit einem geringschätzigen -Achselzucken. – »Hanau, wechseln Sie einmal mit dem -Hutzler den Platz!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span></p> - -<p>»Herr Doktor,« sagte Hanau, »ich bin erst gestern wiedergekommen -und neige sehr zum Katarrh. Es wäre vielleicht doch -besser, wenn wir das Fenster zumachten.«</p> - -<p>»Seien Sie still! Gildemeister, setzen Sie sich dort an das Fenster!«</p> - -<p>Gildemeister hustete dumpf, und es klang wie ein Bierfaß.</p> - -<p>»Wenn Sie erlauben,« sagte er mit heiserer Stimme, »so möchte -auch ich hier auf meinem Platze bleiben. Ich habe jetzt schon acht -Senfpflaster verbraucht, um meinen Luftröhrenkatarrh los zu werden, -und bin immer noch nicht damit zustande gekommen.«</p> - -<p>»Gut,« sagte Doktor Perner jetzt stirnrunzelnd, »so bleiben -Sie, wo Sie sind. Wenn es dem Hutzler zieht, so mag er seinen -Paletot umhängen.«</p> - -<p>»Wenn ich meinen Paletot umhänge, so wird mir's zu warm, -und dann erkälte ich mich erst recht.«</p> - -<p>»Meinetwegen erkälten Sie sich sechsmal.«</p> - -<p>»Nun, Sie werden ja sehen, was Sie anrichten, Herr Doktor«, -sagte Hutzler gekränkt. – »Ich merke jetzt schon einen eigentümlichen -Kitzel im Halse, und so fängt es bei mir jedesmal an.«</p> - -<p>Mit diesen Worten begann er zu hüsteln.</p> - -<p>Ich muß nun an dieser Stelle bemerken, daß Hutzler einer -unserer gesundesten Schüler ist. Wie oft hat der Direktor Samuel -Heinzerling ihm die vernichtenden Worte zugerufen: »Schwächläch! -Sä, schwächläch? Non, hären Sä änmal, Hutzler, äch wollte, jäder -Mänsch onter der Sonne wäre so schwächläch wä Sä! Faul sänd -Sä, aber nächt schwächläch!« Es handelt sich bei der ganzen Opposition -Hutzlers lediglich um das, was man eine parlamentarische Unterbrechung -nennt. Er will in die Monotonie der Lehrstunden eine -gewisse Frische und Abwechslung bringen. Aus diesem Gesichtspunkte -wird uns auch die Weigerung der beiden erwähnten Mitschüler -begreiflich.</p> - -<p>Der Lehrer begann nun den Unterricht, und Hutzler, das Haupt -trotzig in die Hand gestützt, bereitete sich zur Fortsetzung seiner -planvoll erwogenen Störung vor.</p> - -<p>Als es ein Viertel schlug, hustete er dreimal tief auf und stöhnte -dann, als ob sich ihm die Luftröhre krampfhaft zusammenschnüre. -Fünf Minuten später hatte sein Husten einen so dröhnenden Charakter<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span> -angenommen, daß es Herrn Doktor Perner unmöglich war, den -Unterricht fortzusetzen.</p> - -<p>Er hielt einen Augenblick inne.</p> - -<p>»Sind Sie nun bald fertig?« rief er, die Augen rollend, -während er das Buch heftig wider die Platte des Katheders stieß.</p> - -<p>Hutzler hustete noch lauter, und so natürlich, daß ich noch heute -nicht begreife, wie er diese gewaltigen Erschütterungen seines Kehlkopfes -zuwege bringen konnte, ohne ernstlich Schaden zu nehmen.</p> - -<p>»Hutzler!« schrie Doktor Perner außer sich.</p> - -<p>Jetzt trat in dem trefflich erkünstelten Anfalle eine Pause ein. -Hutzler erhob sich.</p> - -<p>»Herr Doktor, darf ich nun vielleicht das Fenster da zumachen?«</p> - -<p>»Das Fenster bleibt auf! Sie sollten sich schämen, auf so -pöbelhafte Weise etwas erzwingen zu wollen, was ich Ihnen grundsätzlich -verweigern muß.«</p> - -<p>Kaum hatten diese Worte Hutzlers Trommelfell erreicht, als er -sofort wieder zu husten begann, und zwar so krachend und klirrend, -daß ich jeden Augenblick meinte, die Brust müsse ihm zerspringen.</p> - -<p>»Ich lasse Sie sofort nach dem Karzer führen!« rief Doktor -Perner, außer sich vor Zorn. »Wenn Sie so empfindlich sind gegen -jede erbärmliche Kleinigkeit, so wickeln Sie sich in Watte! Ich -meinesteils dulde nicht, daß man in meinen Lehrstunden solche -Komödien aufführt.«</p> - -<p>»Komödien?« hustete Hutzler. »Wenn ich erkältet bin, werde -ich doch wohl noch husten dürfen? … Hätten Sie beizeiten das -Fenster geschlossen …«</p> - -<p>»Sie sind einer der frechsten Gesellen, die mir noch jemals -vorgekommen. Gehen Sie nach Hause und ziehen Sie sich wärmer -an! Ich bin es müde, mich fortwährend mit Ihnen herumzuzanken!«</p> - -<p>»Recht gern«, hustete Hutzler. »Hätte ich gewußt, daß es hier -so ziehen würde, so wäre ich von Anfang an in einem wärmeren -Kostüm erschienen.«</p> - -<p>Hutzler wohnt nur drei Schritte vom Gymnasium entfernt. Er -ging, und Doktor Perner setzte seinen Vortrag fort. Es dauerte -ungefähr zehn Minuten. Dann erschien der treffliche Leopold wieder -in der Tür, und mit einem Male herrschte in Sekunda ein Leben,<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span> -dessen reizende, überschwängliche Ausgelassenheit sich nicht in Worte -kleiden läßt. Zuerst erscholl ein dreisalviges Gelächter; dann ein -dumpfes Geheul, wie es die Rothäute bei ihren Angriffen auf die -Weißen auszustoßen pflegen; dann ein Klatschen, Pfeifen, Scharren, -Trappeln und Rütteln, daß mir selbst, der ich doch an das -Schlimmste gewöhnt bin, fast Hören und Sehen verging. Hanau -und ich hoben in der allgemeinen Verwirrung unseren Tisch -ungefähr drei Zoll hoch über den Boden und ließen ihn dann mit -aller Wucht aufdonnern, so daß der Staub wie Opferrauch nach der -Decke stieg.</p> - -<p>Es war dies nur eine verdiente Huldigung an die Adresse -unseres liebenswürdigen Kameraden Hutzler.</p> - -<p>Ahnst Du, o Genius meines Tagebuches, <em class="gesperrt">wie</em> Hutzler im Schulzimmer -erschien? Hinten auf den Rücken und vorn vor den Bauch -hatte er sich vermittelst roter Schnüre zwei Federkissen gebunden. -An den Füßen trug er die großen Reisepelzstiefel seines Vaters; -zwei Müffe, die seinen beiden Schwestern angehörten, dienten ihm -als Pulswärmer, und um den Hals trug er in unzähligen Windungen -einen halbzölligen Hanfstrick, wie ihn die Packer beim Aufwinden -der Warenballen benutzen.</p> - -<p>Doktor Perner stand wie versteinert, während Hutzler sich ganz -gelassen anschickte, seinen Platz einzunehmen.</p> - -<p>»Halt!« schrie der Professor. »Keinen Schritt weiter! Denken -Sie etwa, Sie befinden sich hier in einer Bierkneipe?«</p> - -<p>»Gewiß nicht, Herr Doktor!« entgegnete Hutzler ehrerbietig. -»So viel ich weiß, befinde ich mich in Sekunda.«</p> - -<p>»Schweigen Sie! Ihr Zynismus übersteigt alle Begriffe. Sofort -entledigen Sie sich dieses Unrats und verfügen sich nach dem -Karzer!«</p> - -<p>»Welchen Unrates, Herr Professor?«</p> - -<p>Doktor Perner war außer sich, er trat auf den Schüler zu -und faßte ihn an dem Strick, der um seinen Hals lag.</p> - -<p>»Hier, dieses nichtswürdigen Tandes!« schrie er, daß uns -allen die Ohren gellten.</p> - -<p>»Ach so,« sagte Hutzler, »es ist ja wahr, da wollte ich Sie -noch ganz ergebenst um Entschuldigung bitten. Meine beiden<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span> -wollenen Halstücher sind in der Wäsche, und Mutter wollte mir -das ihrige nicht hergeben. Da meinte der Vater, so ein Strick sei -auch nicht zu verachten, und es käme ja nicht darauf an, wie es -aussehe, wenn es nur warm hielte. Aber wenn Sie meinen, es -wäre unziemlich, so bin ich gern bereit, ihn wieder abzulegen.«</p> - -<p>Mit diesen Worten begann er, das halbzöllige Seil von seinem -Halse loszuwickeln.</p> - -<p>In immer größeren Kreisen fegte der hanfgeflochtene Radius -um Hutzlers Kopf, und jetzt fehlte nicht viel, und die Spitze hätte -den Professor ernstlich in seiner Integrität verletzt. Ich gebrauche -hier Integrität als Euphemismus, da es mir nicht wohl ansteht, -diejenigen Teile des Doktor Perner namhaft zu machen, die von -dem wuchtigen Strick Hutzlers zunächst bedroht wurden.</p> - -<p>»Mensch!« rief Doktor Perner wutschnaubend, indem er das -Ende des Strickes ergriff und daran zerrte. »Das sollen Sie -mir büßen!«</p> - -<p>Hutzler bemühte sich, die Augen zu verdrehen und zwischen den -Lippen die Zunge sichtbar werden zu lassen.</p> - -<p>»Herr Doktor!« stöhnte er mit verlöschender Stimme, nach -rechts und links mit den Armen in die Luft greifend. »Ich ersticke! -Ich ersticke!«</p> - -<p>Doktor Perner ließ los. Hutzler reckte seinen Hals und begann, -ihn vollends auszuwickeln.</p> - -<p>»Nun, was zögern Sie noch?« rief der Lehrer, indem er mit -der rechten Hand nach der Tür deutete. »Losgeschnallt! sage ich, -und dann hinauf! Vor nächstem Montag kommen Sie mir nicht -wieder herunter!«</p> - -<p>»Also weil ich mich Ihrer ausdrücklichen Anordnung entsprechend -etwas wärmer gekleidet habe, belegen Sie mich mit Karzerstrafe?« -sagte Hutzler, gleich darauf in einen erneuten Hustenanfall -ausbrechend. »Erlauben Sie, Herr Doktor, ist der Karzer -geheizt?«</p> - -<p>»Der Pedell wird das Nötige besorgen«, entgegnete Doktor -Perner. »Schwarz, bestellen Sie einmal, daß Nummer fünf geheizt -wird. Und jetzt bringen Sie sich unverzüglich in eine anständige -Verfassung. Diese schamlosen Wülste hier dulde ich nicht!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span></p> - -<p>»Aber, Herr Doktor, es sind ja zwei Kopfkissen! Meine -Mutter hält so viel auf ihr Weißzeug, die würde sich schön wundern, -wenn sie erführe …«</p> - -<p>»Kein Wort mehr, oder ich vergesse mich!«</p> - -<p>Hutzler schwieg und begann, seine Kissen loszuschnallen. Mit -einemmal stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Die Naht -war geplatzt, und eine Flut von Federn ergoß sich in das Schulzimmer.</p> - -<p>Wir andern eilten sofort hinzu, um die kostbaren Daunen aufzulesen, -und bald wirbelte es rings wie Schneeflocken.</p> - -<p>Doktor Perner machte vergebliche Anstrengungen, die Ordnung -wiederherzustellen. Gelles Geheul derjenigen, die in dem Tumult -umgestoßen wurden und auf den Boden zu liegen kamen, mischte -sich unter die Wehklagen Hutzlers, der sich nicht genug tun konnte -in elegischen Ausrufen und Seufzern.</p> - -<p>»Ach, was wird meine Mutter sagen! Das kommt davon, daß -ich das so aufschnallen mußte. Hätte ich die Kissen ruhig anbehalten, -dann wären sie nicht entzwei gegangen. Ach, und jetzt zieht es -wieder, und die Federn kommen mir in den Hals. Herr Doktor, -erlauben Sie mir, nach Hause zu gehen. Ich fühle mich sehr, sehr -unwohl!«</p> - -<p>»Gehen Sie!« rief Doktor Perner in ohnmächtigem Zorn.</p> - -<p>Hutzler ließ sich die Sache nicht zweimal sagen. Hastig raffte -er seine Kissen zusammen, ergriff den Strick an einem Ende und -schritt majestätisch zur Tür hinaus, sein improvisiertes Halstuch -wie eine Schlange hinter sich herziehend. Wir übrigen vergnügten -uns den Rest der Stunde hindurch damit, daß wir die Flaumfedern, -die rings durch das Zimmer wirbelten, geschickt in die Höhe bliesen, -wodurch ein ununterbrochenes Schneegestöber entstand, das mir viel -Spaß machte. Doktor Perner ließ in das Tagebuch einschreiben, -es habe dem Hutzler in kindischer Weise gezogen; auch sei derselbe -mit einem Strick um den Hals im Lehrzimmer erschienen -und habe sich die frechsten Störungen erlaubt. Der Eintrag schloß -mit dem Vermerk einer zweitägigen Karzerstrafe. Hutzler war -indes klug genug, die nächsten acht Tage wegen Unwohlseins -zu fehlen. Erst am folgenden Sonnabend kam er wieder, und<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span> -am Dienstag darauf fragte ihn Doktor Perner, ob er die Strafe -abgesessen habe.</p> - -<p>»Ich?« sagte Hutzler erstaunt.</p> - -<p>»Ja, Sie! Antworten Sie mir!«</p> - -<p>»Aber, Herr Doktor, Sie haben mir die zwei Tage ja geschenkt!« -entgegnete Hutzler, tief beleidigt.</p> - -<p>»So? Davon weiß ich kein Wort!«</p> - -<p>»Doch, Herr Doktor!« wagte ich jetzt schüchtern zu bemerken.</p> - -<p>»Ja, Herr Doktor!« riefen zwei, drei Stimmen aus dem -Hintergrunde. »Am vorigen Sonnabend haben Sie gesagt: Nun, -für diesmal will ich es Ihnen noch erlassen, aber in Zukunft geht -es Ihnen schlecht, das gebe ich Ihnen schriftlich!«</p> - -<p>Doktor Perner begann bei dieser bestimmten Formulierung -unserer Lüge stutzig zu werden. Vielleicht auch schien es ihm das -geratenste, mit Hutzler Frieden zu schließen. Daher sagte er -geringschätzig:</p> - -<p>»Nun, es mag gut sein. Wenn ich es denn einmal gesagt -habe, so will ich nicht weiter darauf bestehen. Aber das sage ich -Ihnen: kommt mir wieder einmal etwas Ähnliches vor, so ist es -alle mit uns. Überhaupt konstatiere ich seit einiger Zeit das -Überhandnehmen eines Geistes, der den Zwecken dieser Anstalt -schnurstracks zuwiderläuft. Es herrscht hier statt des wissenschaftlichen -Ernstes eine läppische Puerilität, die mich anwidert. -Ich bin auch einmal jung gewesen und habe mich meines Lebens -gefreut, aber ich würde noch jetzt schamrot werden, wenn ich mir -jemals eine so kindische Haltung hätte vorwerfen müssen, wie sie -Ihnen zur zweiten Natur geworden ist. Bessern Sie sich, ich rate -es Ihnen im guten. Ostern steht vor der Tür, und die Versetzungen -sind noch lange nicht entschieden. Es könnte manchem passieren, -daß er sich grimmig verrechnete. Zum Aufrücken in eine höhere -Klasse ist nicht nur eine gewisse Summe von Kenntnissen erforderlich, -sondern vor allen Dingen ein würdiges Betragen. Die Primaner -werden sich bedanken, ihren Lehrsaal mit einer Gesellschaft von Kindsköpfen -teilen zu sollen, wie sie hier auf den Bänken von Obersekunda -sitzen. Was lachen Sie, Hutzler? Weinen sollten Sie und in sich -gehen, ehe die verderblichen Wege, auf denen Sie sich befinden,<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span> -vollends zum Abgrund geführt haben. Ein Mensch von Ihren -Gaben! Es ist himmelschreiend!«</p> - -<p>Hutzler erhob sich.</p> - -<p>»Herr Doktor, ich habe nur ein freundliches Gesicht gemacht«, -versetzte er mit unerschütterlicher Ruhe.</p> - -<p>»Machen Sie Ihre freundlichen Gesichter, wenn Sie zu Hause -sind! Hier ist Haltung und Ernst erforderlich, und Sie hätten am -allerwenigsten Ursache, ihrem Übermut freien Lauf zu lassen.«</p> - -<p>Hiermit schloß das Hutzlersche Intermezzo.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span></p> - -<h2 id="Privat_2"> -<img src="images/illu-044.png" alt="" /><br /> -Aus den Privataufzeichnungen des -Sekundaners Heppenheimer.</h2> - -<p class="h2">Zweites Bruchstück.</p> -</div> -<p class="right"> -Am 5. Mai 18** -</p> - -<p>… Von mir selber zu reden, verbietet mir eigentlich die -mir innewohnende Bescheidenheit. Indes neulich habe ich unserem -Religionslehrer einen so köstlichen Streich gespielt, daß ich nicht -umhin kann, diese wohlgelungene »Störung« hier aufzuzeichnen. -Und eine »Störung« war es in des Wortes tiefgehendster Bedeutung, -insofern sie nämlich nicht allein den regelmäßigen Verlauf des -Lektionsplanes, sondern mehr noch das gesamte seelische Gleichgewicht -unseres trefflichen Lehrers »störte«. Aber ich konnte ihm nicht -helfen. Einmal hat er's durchaus nicht um mich verdient, daß ich -den Regungen des Mitleids Audienz gebe, da er mir in der -Religionsstunde schon dreimal »wegen hartnäckigen Widersprechens« -Ordnungsstrafen erteilte. Und dann hätte ich Nerven besitzen -müssen von der Dicke und der Dauerhaftigkeit jenes Strickes, den -Hutzler im Februar dieses Jahres um seinen Hals wickelte, wenn -ich die qualvolle Monotonie, die sich in der religiösen Gesinnung -des Herrn Pastors geltend machte, länger hätte ertragen sollen.</p> - -<p>Der Herr Pastor …! Wir nennen ihn so, weil er in -früheren Zeiten eine Predigerstelle an einem benachbarten Dorfe -versah. Er ist indes schon seit geraumer Zeit an unserem Gymnasium -in bester Form angestellt und gibt in allen Klassen Glaubenslehre -und Kirchengeschichte. Ich unterlasse es, hier auf seine persönliche -Beschreibung einzugehen, da es mir doch nicht möglich wäre, seinen<span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span> -wohlwollenden Gesichtszügen und dem sanften Behagen, das um seine -schmalen, blutlosen Lippen spielt, stilistisch gerecht zu werden.</p> - -<p>Der Herr Pastor ist nämlich ein sehr frommer Mann, was ich -ihm durchaus nicht verüble, denn wenn jemand Pastor ist, so versteht -es sich von selbst, daß er gewisse Gesinnungen hegt. Wohl -aber verüble ich dem Herrn Pastor im höchsten Grade, daß er seiner -Frömmigkeit seit so und so viel Jahren in sämtlichen Klassen stets -denselben Ausdruck verleiht und so zum Beispiel an jedem Morgen, -den Gott werden läßt, aus dem Klassengebetbuch dasselbe Gebet -abliest. Wir alle kennen es längst auswendig: aber der Herr Pastor -scheint nun einmal die Überzeugung zu hegen, dieses Gebet sei -besonders wirksam und gottwohlgefällig. Es beginnt mit den -Worten:</p> - -<p>»So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines -Thrones, o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen -um die Gnade Deines Beistandes …«</p> - -<p>Es ist mehr als zwei Seiten lang und enthält unter anderm -die sehr richtige Bemerkung:</p> - -<p>»Schritt für Schritt wandeln wir dem Ende zu und sind ihm -jeden Morgen näher gebracht.«</p> - -<p>Es hat mir nun fast den Anschein, als ob der Herr Pastor -geglaubt habe, durch die fortwährende Betonung dieser unleugbaren -Tatsache das immer näher rückende Ende weiter hinausrücken zu -können. Denn nur so vermag ich mir zu erklären, wie er immer und -immer wieder dieselben Phrasen zum besten gab, ohne zu bedenken, -daß jedes unverkünstelte Menschengehirn bei solchem Geklapper aus -dem Leim gehen muß. Er scheint eine ganz eigen organisierte -Natur zu besitzen. Wir bekamen das trostlose Gebet doch nur jeden -Dienstag und Freitag zu hören: er aber trug es seit Menschengedenken -auch Montags, Mittwochs, Donnerstags und Sonnabends -vor (in Prima und Tertia nämlich), ohne daß es ihm bis jetzt -irgend geschadet hätte.</p> - -<p>Nun, es heißt schon in Goethes Faust: »Die Kirche hat einen -guten Magen«. Da ich aber in keiner Beziehung zur Kirche gehöre -und mich überhaupt von der sogenannten kirchlichen Richtung -prinzipiell fern halte – mein Vater ist Freimaurer –, so erscheint<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span> -es begreiflich, daß ich infolge dieser ununterbrochenen Gebetsidentität -nahezu krank wurde und eine wahre Wut gegen den -wiederkäuenden Lehrer faßte.</p> - -<p>Da kam mir ein köstlicher Gedanke, den ich um so bereitwilliger -durchführte, als ich mir sagen mußte, das Faktum werde, -ganz abgesehen von der Befriedigung meiner Gebetwünsche, auch -einen reizvollen Zwischenfall absetzen, wie ein lebensfroher Gymnasiast -ihn stets brauchen kann. So zögerte ich denn nicht länger und -»vollendete das Werk dieser Woche«. (Ein schönes Zitat! Es ist -dem Schlußgebet entnommen, das wir jeden Sonnabend um zwölf -mit anhören müssen.)</p> - -<p>Das Klassengebetbuch liegt in der Regel auf dem Katheder, -damit es dem Lehrer gleich zur Hand sei, sobald er das Bedürfnis -fühlt, sich mit Gott zu unterhalten. Wie Möros in der Schillerschen -Ballade, schlich ich mich eines Morgens in aller Frühe – ich war -eigens eine halbe Stunde vor Beginn der Lehrstunde erschienen, um -der erste zu sein – zum Katheder, öffnete das Buch mit dem -schwarzen, unheimlichen Einband, der so oft in den Händen meines -Peinigers geruht hatte, und suchte mit fiebernder Hast nach dem -verhängnisvollen Kapitel.</p> - -<p>»Aha!« sagte ich mit diabolischer Wollust, als ich den Gegenstand -meines Hasses entdeckt hatte, – »da steht es:</p> - -<p>›So treten wir denn wiederum vereint vor die Stufen Deines -Thrones, o Allmächtiger, und flehen zu Dir mit kindlichem Herzen -um die Gnade Deines Beistandes …‹</p> - -<p>Du sollst keinen mehr kränken!« Und mit keckem Griffe riß -ich die beiden Blätter, auf denen das Leibgebet des Herrn Pastors verzeichnet -stand, aus dem Buche, zerpflückte sie in hundert mikroskopische -Stückchen und trug sie kaltblütig, als ob nichts geschehen wäre, nach -dem Hofe, wo ich sie dem Spiel der Frühlingswinde überantwortete.</p> - -<p>In dem beseligenden Gefühle, ein gutes Werk vollbracht zu -haben, setzte ich mich auf meinen Platz und wartete der Dinge, die -da kommen sollten.</p> - -<p>Es schlug sieben. Die Tür öffnete sich, und herein wandelte -wuchtigen Schrittes unser gottwohlgefälliger Religionslehrer. Er -setzte sich auf den Kathederstuhl, schneuzte sich zweimal und legte<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span> -dann sein Gesicht in jene frommen Gebetsfalten, die ich so oft mit -Schrecken an ihm bemerkt hatte. Das war immer die Introduktion; -eine halbe Minute später ging's los: »So treten wir denn wiederum -vereint vor die Stufen Deines Thrones, o Allmächtiger …«</p> - -<p>Der Herr Pastor erhob sich und ergriff mit einem verschleierten -Blick gen oben das Gebetbuch. Auch die Schüler standen ehrerbietig -von ihren Plätzen auf und falteten schweigend die Hände.</p> - -<p>Lautlose Stille.</p> - -<p>Der Herr Pastor schlug das Gebetbuch auf und spitzte die -Lippen. Merkwürdigerweise war das so oft vorgetragene Gebet -heute nicht auf den ersten Griff zu finden.</p> - -<p>Der Herr Pastor blätterte. Und blätterte wiederum. Und -blätterte abermals.</p> - -<p>Es war ganz unbegreiflich!</p> - -<p>Er beschaute das Buch von außen, als wolle er sich überzeugen, -ob es noch das alte, stille, traute Gebetbuch von ehedem sei, mit -dessen Hilfe er so manches Mal vereint vor die Stufen des Thrones -getreten war.</p> - -<p>In der Tat, der Einband hatte sich nicht im geringsten verändert.</p> - -<p>Nun suchte der Herr Pastor, immer befremdlicher dreinschauend, -im Register.</p> - -<p>Richtig, da stand es, Seite 50!</p> - -<p>Der Herr Pastor suchte demgemäß Seite 50, aber siehe da! -der schöne Spruch: Suchet, so werdet Ihr finden, wurde diesmal -zuschanden! … Jetzt erst ging dem unglücklichen Lehrer ein -Licht auf. Er stieß einen unartikulierten Ton der Entrüstung aus -und sagte dann mit einer Stimme, die an die Posaune des Jüngsten -Gerichts gemahnte:</p> - -<p>»Da hat mir ein miserabler Junge die Blätter herausgerissen, -auf denen unser Morgengebet stand! Ich will nicht untersuchen, -wer sich diesen sakrilegischen Akt erlaubt hat: ich überlasse den -Betreffenden dem Gefühl seiner eigenen Schande. Aber traurig ist -es doch, daß so etwas in einer Klasse von gesitteten jungen Leuten -vorkommen kann! Pfui!«</p> - -<p>Ich mußte mir auf die Lippen beißen, um nicht in helles Gelächter -auszuplatzen. Der Herr Pastor bemerkte es.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span></p> - -<p>»Was lachen Sie?« sagte er mit einem vernichtenden Blick -auf mein unschuldiges Gesicht. »Gehen Sie hinaus: Sie sind in -dieser Stimmung nicht würdig, der Schulandacht beizuwohnen.«</p> - -<p>»Aber Herr Pastor« … sagte ich demütig.</p> - -<p>»Sie verlassen das Zimmer!« wiederholte er schneidig. »Wenn -Sie bei einem solchen Anlaß überhaupt lachen können, so läßt das -tief blicken.«</p> - -<p>Ich verließ also das Zimmer, stand aber nahe genug an der -Tür, um zu hören, daß der Herr Pastor noch eine längere Rede -hielt. Hierauf öffnete er wieder das Gebetbuch und las ein anderes -Kapitel vor, das halb so lang war, als die »Stufen des Thrones«, -und schon um seiner Neuheit willen die gebührende Aufmerksamkeit fand.</p> - -<p>»Amen!« sagte der Herr Pfarrer wuchtig und salbungsvoll, und -gleich darauf fügte er hinzu: »Sie können den Heppenheimer jetzt -wieder hereinholen.«</p> - -<p>War das nicht ein köstlicher Streich? Aber nicht genug! Das -Gerücht von dem herausgerissenen Gebet verbreitete sich wie ein -Lauffeuer durch alle Klassen, und ehe der folgende Morgen graute, -waren die »Stufen des Thrones« aus sämtlichen Gebetbüchern -entfernt! So ging dem Herrn Pastor denn ein für allemal die -Möglichkeit verloren, seiner langjährigen Leidenschaft fürder zu frönen!</p> - -<p>Er verhängte jetzt eine umfassende Untersuchung, die jedoch -ohne Resultat blieb. Wenn ich der Eventualität einer Karzerstrafe -so gleichmütig gegenüberstünde, wie Schwarz oder Rumpf, die beide -einen unbeschreiblichen Stoizismus besitzen, so würde ich dem Herrn -Pastor ohne weiteres entgegentreten und ihm zurufen: »Ja, Verehrtester, -<em class="antiqua">c'est moi qui l'ai fait</em>! Und wissen Sie, warum ich's -getan habe? Weil es ein Sprüchlein gibt, das da lautet: So Ihr -betet, sollt Ihr nicht plappern wie die Heiden, die da meinen, sie -würden erhöret, wenn sie viele Worte machen! Weil ferner sich -der Betende in sein stilles Kämmerlein einschließen soll! Und weil -schließlich geschrieben steht, daß der Buchstabe tot macht, um wieviel -mehr ein ellenlanges Geleier, das aus mehreren tausend Buchstaben -besteht!«</p> - -<p>Da ich heute gerade bei der Persönlichkeit des Herrn Pastors -bin, so will ich noch die Geschichte von den Bescherungen meines<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span> -Freundes Boxer notieren. Die Sache ist zwar sehr einfach, aber sie -hat mich königlich amüsiert.</p> - -<p>Vor einiger Zeit nämlich, es mögen jetzt vielleicht acht oder -zehn Wochen her sein, hatten wir es eingeführt, dem Herrn Pastor -jedesmal morgens bei dem Beginn der Lehrstunde eine Bescherung -auf den Katheder zu setzen. Mein Freund Boxer war in dieser -Beziehung der Haupt-Entrepreneur und ging dabei ebenso malerisch -als humoristisch zu Werke. Der Herr Pastor entdeckte beim Eintritt -in das Lehrzimmer folgende Gegenstände in zierlicher Gruppierung -auf der Platte seines Lehrpultes: in der Mitte eine große, halb -zerbrochene Blumenscherbe, mit zwei alten Schreibärmeln behangen, -wie eine Totenurne; oben darauf eine Schneelawine (es war -damals noch Winter und hatte tüchtig geschneit), recht fest geknetet -und von der Form eines menschlichen Kopfes. Die Augen hatten -wir aus gekautem, blauem Papier gefertigt; desgleichen die Nase; -den Mund stellte ein hereingedrücktes Bleistiftchen dar. Unser -Mitschüler Schwarz hatte seine brandrote Mütze hergeben müssen, -auf daß sie diesem Schneekopfe zur Bedeckung diene. Rechts und -links prangten zwei stattliche Haufen frischgeschlagener Chausseesteine -und ein Paar alte Stiefel, die Boxer sich von dem Hausknecht im -»Goldenen Pfau« hatte schenken lassen. Die Lücken unseres künstlichen -Aufbaues waren mit Äpfeln und Eierschalen, rohen Kartoffeln, -Besenreisern und ähnlichen Gegenständen dergestalt ausgefüllt, daß -man eine Barrikade <em class="antiqua">en miniature</em> vor sich zu sehen glaubte, wie -denn Boxer überhaupt viel Talent zum Kommunismus verrät. -Der Herr Pastor näherte sich dieser Bescherung jedesmal mit einem -Blick, als könne das Ding explodieren, bestieg den Katheder und -legte dann seinen Arm links auf die Platte des Pultes. Mit einem -einzigen, gewaltigen Ruck fegte er die Barrikade herunter, daß wir -jedesmal Angst hatten, der Wandschrank, der rechts vom Katheder steht, -möge durch den Anprall so mannigfacher Objekte zertrümmert werden.</p> - -<p>Die Klasse aber brach in ein diabolisches Jauchzen aus, und -die Vordersten liefen herzu, um die Brocken der Schneelawine aus -dem Fenster zu werfen, und besonders um die alten Stiefel in -Sicherheit zu bringen, die bei jeder Bescherung aufs neue verwendet -wurden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p> - -<p>Der Herr Pastor beobachtete bei solchen Vorgängen stets das -Prinzip des unbedingten Ignorierens. Kein Wort kam über seine -Lippen: er strafte uns mit stiller Verachtung.</p> - -<p>Zuweilen fiel ihm das recht schwer, denn einmal hatten wir -ihm einen alten, zerrissenen Familienschirm an die Lehrtafel genagelt, -dessen Fischbeindrähte dergestalt über den Kathedersessel hinausragten, -daß es nur bei einer eigentümlichen Haltung des Kopfes -möglich war, ihnen auszuweichen. Der Herr Pastor ertrug diese -Tortur mit einer bewundernswerten Geduld etwa fünf Minuten -hindurch; dann sagte er dem Katheder Valet und tat, als ob er -nur zur Abwechslung einmal einen anderen Standpunkt einnehme, -während er bisher niemals seinen gewöhnlichen Platz hinter dem -Pult verlassen hatte.</p> - -<p>Endlich aber zerriß auch diesem Gerechten der Faden der Geduld. -Boxer hatte ihm nämlich, des ewigen Hinabwerfens müde, -einen großen Eimer voll Wasser auf die Platte gestellt, dessen Fall -eine wahre Sündflut herbeigeführt haben würde.</p> - -<p>Der Herr Pastor kam, beschaute sich das Ding mit rollenden -Blicken, blähte die Nüstern, stieg wieder vom Katheder herunter, -schritt zornig im Zimmer auf und ab, bestieg den Katheder von -neuem und sagte endlich mit Donnerstimme:</p> - -<p>»Boxer, schaffen Sie das augenblicklich hinweg!«</p> - -<p>Ich bewunderte hier den Instinkt des scheinbar so stillen -Mannes, der sofort wußte, wo er den Feind seiner Ruhe zu -suchen hatte.</p> - -<p>Boxer erhob sich.</p> - -<p>»Ich?« sagte er indigniert. »Weshalb denn gerade ich?«</p> - -<p>»Tun Sie, was ich Ihnen sage! Augenblicklich schaffen Sie mir -das Ding da fort!«</p> - -<p>»Wenn ich den Eimer dahin gesetzt hätte,« entgegnete Boxer, -»mit Vergnügen! Aber so sehe ich in der Tat nicht ein …«</p> - -<p>»Augenblicklich!« wiederholte der Herr Pastor, indem er den Arm -ausstreckte und die Spitze seines Zeigefingers auf den Boden richtete.</p> - -<p>»Gut!« sagte Boxer, »ich bin Schüler und muß gehorchen. -Aber ich will mich doch einmal bei dem Herrn Direktor erkundigen, -ob ich Ihnen die Eimer ausleeren muß.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span></p> - -<p>Mit diesen Worten trat er aus den Bänken heraus und schritt -langsam und würdevoll dem Katheder zu. Stirnrunzelnd ergriff -er das in diesen Räumen sehr ungewöhnliche Gefäß und wußte -es so einzurichten, daß er beim Herabtreten vom Katheder stolperte -und langwegs ins Zimmer fiel.</p> - -<p>Ein Hallo sondergleichen durchbrauste die Räume Sekundas. -Ich versichere bei allen Göttern, es hat ganz über alle Maßen -schön geklatscht, und das Wasser floß bis in den fernsten Winkel -des Saales. Die Verwirrung wurde noch dadurch gesteigert, daß -einige von uns riefen, sie könnten es in einem so feuchten Zimmer -nicht aushalten, sie hätten sich neulich erst erkältet, als der Pedell -so unsinnig aufgewaschen, und sie bäten um ihre Entlassung. Vier -oder fünf wurden in der Tat beurlaubt; dann aber wandte sich der -Herr Pastor zu Boxer und sagte:</p> - -<p>»Boxer, ich mache Sie von jetzt an für alles verantwortlich, -was in diesen Räumen geschieht. Ist morgen wieder etwas auf -die Kathederplatte gestellt, so werden Sie die Folgen zu tragen haben!«</p> - -<p>Boxer trocknete sich inzwischen die Beinkleider und erwiderte -in vorwurfsvollem Tone:</p> - -<p>»Also wenn der Schwarz ein Paar alte Stiefel auf den Katheder -legt, dann bin ich dafür verantwortlich?«</p> - -<p>»Was?« rief Schwarz, »ich hätte ein Paar alte Stiefel auf den -Katheder gelegt? Herr Pastor, das muß ich mir doch sehr von dem -Boxer verbitten.«</p> - -<p>»Ich sage ja nur: wenn«, erwiderte Boxer.</p> - -<p>»Still,« gebot der Herr Pastor; »was ich gesagt habe, -dabei bleibt es! Und nun rufen Sie den Pedell, daß er hier -aufwischt!«</p> - -<p>Die Situation Boxers war offenbar eine kritische. Gerade -für den folgenden Tag hatten wir uns so etwas Hübsches ausgedacht! -Wir wollten dem Herrn Pastor nämlich <em class="gesperrt">zwei</em> Eimer -auf den Katheder stellen, und Schwarz hatte zu diesem Behufe -bereits seiner Tante, bei der er zur Miete wohnte, einen gestohlen. -Und nun sollte unser guter Freund Boxer für alle diese Streiche -verantwortlich gemacht und vielleicht mit einer mehrtägigen Karzerstrafe -belegt werden! Es war nicht zu verlangen, daß wir unser<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span> -reizendes Amüsement aufgaben; aber ebensowenig durften wir -Boxer zumuten, um unseres Gaudiums willen die Räume des -Karzers zu beziehen.</p> - -<p>Wir überlegten hin und her, ohne zu einem Resultat zu gelangen.</p> - -<p>Plötzlich sagte Boxer: »Laßt mich nur machen!«</p> - -<p>Am folgenden Tage arrangierten wir die Bescherung, wie verabredet. -Boxer war der emsigste, und in der Tat, es war keine -kleine Arbeit, denn wir mußten die Eimer glasweise füllen, weil -der Pedell sonst Lunte gemerkt hätte. Einer von uns stand -Wache, um das Herannahen des Herrn Pastors rechtzeitig anzukündigen.</p> - -<p>»Er kommt!« rief es jählings aus dem Munde unseres Warners.</p> - -<p>Sofort ergriff Boxer seine Mütze, nahm einen möglichst starken -Stoß Bücher unter den Arm und verließ das Lehrzimmer, um sich -auf dem Korridor hinter einen der größten Schränke zu stellen.</p> - -<p>Zwei Minuten später erschien der Lehrer, und unmittelbar -hinter ihm her tappte keuchend und atemlos unser trefflicher Freund -Boxer, die Bescherung auf dem Katheder genau ebenso verblüfft -anstarrend, wie der Herr Pastor.</p> - -<p>– »Boxer! Wo ist der Boxer?« zürnte der entrüstete Schulmann.</p> - -<p>»Hier!« rief es hinter ihm. »Entschuldigen Sie, daß ich mich -heute verspätet habe.«</p> - -<p>Der Herr Pastor biß sich ärgerlich auf die Lippe. Der Tatsache -gegenüber, daß Boxer fast mit ihm zugleich ins Zimmer -getreten war, konnte er seine Drohung von gestern nicht wohl verwirklichen.</p> - -<p>»Heute brauche ich die Eimer wohl nicht auszuleeren?« fragte -Boxer triumphierend.</p> - -<p>»Schwarz,« sagte der Lehrer, »rufen Sie einmal den Pedell.«</p> - -<p>Der Pedell erschien.</p> - -<p>»Quaddler,« begann der Herr Pastor in ernstem Tone, »nehmen -Sie einmal diese Gefäße da hinweg. Ich mache Sie von jetzt ab -dafür verantwortlich, daß solche Ungehörigkeiten sich nicht wiederholen. -Stellen Sie sich an den Brunnen, damit kein Wasser -geschöpft werden kann, oder lassen Sie Ihre Frau Wache halten. -Wozu sind Sie verheiratet?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span></p> - -<p>»Entschuldigen Sie gütigst,« stammelte Quaddler in höchster -Verwirrung, »aber meine Frau war gerade damit beschäftigt, sich -anzukleiden, und da mußte ich Kaffee brennen.«</p> - -<p>»Brennen Sie Ihren Kaffee von sieben bis acht! Kommen -Sie vorher Ihren Pedellpflichten nach! Was ist das für eine -Art! Die Eimer da können doch nur von Ihnen herrühren! -Warum geben Sie nicht besser auf Ihre Küchengerätschaften acht?«</p> - -<p>Quaddler näherte sich dem Katheder.</p> - -<p>»Ich bitte um Verzeihung«, sagte er. »Das sind allerdings -sozusagen zwei Eimer, aber zwischen Eimer und Eimer ist ergebenst -ein Unterschied. Meine Eimer sind ganz anders. Und -wenn die Herren Sekundaner hinter meinem Rücken solche Sachen -da mitbringen …«</p> - -<p>»Seien Sie still und machen Sie, daß Sie so schnell wie möglich -hinauskommen. Die Eimer können Sie behalten, denn wenn dieselben -auch nicht Ihrer Küche entstammen, so bezweifle ich doch, -daß die wahren Besitzer sich melden werden.«</p> - -<p>Und Quaddler nahm die Eimer und verschwand in den Gängen -des Schulgebäudes. Der Herr Pastor irrte sich indes, wenn er -glaubte, über fremdes Eigentum so ohne weiteres verfügen zu -dürfen. Die Tante meines Freundes Schwarz machte bei der -Polizei die Anzeige, es sei ihr am Nachmittage des Dreizehnten -ein Eimer gestohlen worden. Die Behörden stellten umfassende -Recherchen an; Quaddler mußte zu wiederholten Malen auf das -Gericht, und selbst der Herr Pastor ward eidlich vernommen. -Schwarz brauchte nicht zu schwören, denn er ist erst fünfzehn -Jahre alt, und so lief die Sache höchst günstig ab. <em class="antiqua">Fortes -fortuna juvat.</em></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p> - -<h2 id="Doktor_Veit"> -<img src="images/illu-054.png" alt="" /><br /> -Doktor Veit.<br /> -<span class="smaller">Eine Porträt-Skizze.</span></h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-z.png" alt="" /></div> -<p class="drop-e">Zu den reinsten Genüssen meiner Schuljahre zähle ich den -Unterricht des originellen Mathematiklehrers Doktor -Veit, der uns von Quarta bis Obersekunda den Pfad -zur Vollendung führte. Man verbindet gewöhnlich mit -dem Begriffe des Mathematikers die Vorstellung eines regelrecht -konstruierten Behälters öder, lebloser Formeln: nur im äußersten -Winkel dieses Behälters lauert die Individualität eines menschlich -fühlenden Wesens. Unser lieber, trefflicher Veit war die verkörperte -Widerlegung dieser einseitigen Theorie. Kein Zug seiner charaktervollen -Erscheinung erinnerte an die Schablone. Seine innere und -äußere Physiognomie entfernte sich himmelweit von jenen typischen -Schreckbildern, die alles auf Gleichungen zurückführen, die selbst in -der Liebe von positiven und negativen Größen phantasieren und die -Erkorene mit dem Parallelogramm der Kräfte an die hochklopfende -Brust ziehen. Doktor Veit war vielmehr ein erquickliches Original, -in derber Holzschnittmanier ausgearbeitet, aber nirgends geometrisch -korrekt. In seinen Lehrstunden herrschte durchaus nicht der Ton der -reinen Mathematik. Sein Vortrag war reich an subjektiven Streiflichtern, -an reizvollen Impromptus, an ergötzlichen Zwischenfällen …</p> - -<p>Erst in Sekunda lernten wir diesen Mann nach dem ganzen -Umfange seiner Vorzüge schätzen.</p> - -<p>Wenn es elf schlug, und der Xenophon-Interpret, »froh der -bestandenen Gefahr,« von hinnen geeilt war, dann erschien in der -Tür eine mittelgroße Gestalt mit rötlich angestrahltem Gesicht, den -Hut ein wenig im Nacken, um die Lippen ein freundliches Lächeln.<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span> -Rasch warf er die Kopfbedeckung auf den Tisch neben dem Eingang -und schritt beweglich nach dem Katheder, ohne nach pädagogischer -Würde zu haschen, ohne in professorenhafter Manier den Rock zuzuknöpfen, -ohne an der Brille zu rücken. Mit prüfendem Blick -musterte er die lebhaft plaudernde Versammlung und nahm dann -halb wie im Traum den Schwamm, der neben der Kreide lag, um -ihn mit Wasser zu sättigen. Allerlei groteske Figuren beschreibend, -wischte er die große Schultafel ab; dann kehrte er sein freundliches -Antlitz von neuem dem schwatzhaften Publikum zu, trommelte mit den -Fingern auf die Holzfläche des Katheders und nickte still vor sich hin …</p> - -<p>Das währte so drei, vier Minuten. Plötzlich schien er sich zu -besinnen, weshalb er hierher gekommen. Mit der Faust auf die -Fläche des Lehrpultes schlagend wie ein Tambour, der die Kolonne -zum Sturme führt, rief er mit Donnerstimme:</p> - -<p>»<em class="antiqua">Allez! vite! vite! vite!</em> wacker! wacker! wacker! Boxer, komme -Se mal raus an die Tawel!«</p> - -<p>Diese Wendung kehrte in ähnlicher Form als Einleitung zu -jeder Lehrstunde wieder. Doktor Veit vermochte sich nämlich gewisser -dialektischer Eigentümlichkeiten nie zu entschlagen, namentlich in -erregter Stimmung; wenn er im Eifer des Dienstes erglühte, wenn -der Zorn ihm die Nerven schüttelte, stets verfiel er dem Banne der -Mundart, und seine Mundart war nicht die gefeilteste. In -grammatikalischer wie in lexikographischer Hinsicht borgte er bei dem -Volke. So ergoß sich ein Hauch echter Urwüchsigkeit und reinen, -gediegenen Menschentums über die exklusive Klassizität unseres -Gymnasialkatheders.</p> - -<p>Boxer stand auf und trat an die »Tawel«, die rechts vom -Katheder auf den Holzzapfen der Staffelei ruhte …</p> - -<p>»Ich bitt' mer jetzt aus, daß Ihr Ruh' halt't!« rief Doktor -Veit kategorisch den hinteren Bänken zu. »Na, Boxer! <em class="antiqua">Allez! vite! -vite!</em> Hier ist die Kreide! Schreibe Se emal folgende Gleichung!«</p> - -<p>Boxer schrieb und begann hierauf zu Nutz und Frommen der -Klasse die Auflösung.</p> - -<p>»Halt' mer emal die Gäul' an!« unterbrach ihn Doktor Veit -mit der naiv-herzlichen Frische des Volkes. »Möricke, habe Sie das -verstande?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span></p> - -<p>»Jawohl, Herr Professor.«</p> - -<p>»So rekapituliere Sie's!«</p> - -<p>Möricke versuchte, die mathematischen Wege seines Freundes -Boxer nachzuwandeln; bald aber geriet er ins Stolpern.</p> - -<p>»Ui! ui, ui! …« rief Doktor Veit abwehrend. »Sie lerne -auch Ihr Lebdag nix, Möricke! – Boxer, erkläre Sie's noch emal!«</p> - -<p>Boxer begann von neuem und führte die Aufgabe siegreich -zum Schlusse.</p> - -<p>»'s war gut. Gehn Se auf Ihren Platz. Wenn der Hutzler -halb so viel wüßt' wie der Boxer, so wüßt' er zehnmal so viel -wie der Möricke.«</p> - -<p>»Oh!« erwiderte Möricke, »ich hatte mich bloß versehen. Die -Tafel blinkt so, und da hatte ich das <em class="antiqua">x</em> für ein <em class="antiqua">a</em> gehalten!«</p> - -<p>»So? Ist's wahr, Hutzler, blinkt die Tawel?«</p> - -<p>»Jawohl, Herr Professor. Ich seh' hier so gut wie gar nichts.«</p> - -<p>»Knebel, rücke Se mal die Tawel so, daß der Hutzler und -der Möricke was sieht!«</p> - -<p>Knebel, Heppenheimer und zwei oder drei ihrer Mitschüler -sprangen auf, um die Tafel zurecht zu rücken.</p> - -<p>»Sie steht zu steil«, rief Hutzler pathetisch.</p> - -<p>Heppenheimer beeilte sich, die Hinterbeine des Gerüstes nach -hinten zu schieben.</p> - -<p>»So blinkt's noch mehr!« rief der tückische Hutzler.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Allez! vite! vite!</em>« mahnte unser guter Professor. »Zeit ist -Geld, sagt der Engländer!«</p> - -<p>Heppenheimer rückte und rückte. Mit einemmal kam der -Aufbau ins Rutschen. Das Zugreifen der Sekundaner bezweckte -nur scheinbar die Rettung. Im nächsten Augenblicke stürzte alles -über den Haufen.</p> - -<p>Lautes Gelächter. Das Antlitz des Lehrers nahm jählings -ein violettrotes Kolorit an. Heppenheimer, der den ganzen Frevel -veranlaßt, rieb sich heuchlerisch ächzend die Kniescheibe.</p> - -<p>»Für so Posse bedank' ich mich!« zürnte Herr Veit, heftig den -Schwamm zerknetend. »Ihr müßt net meine, daß Ihr hier en -Hanswurscht vor Euch habt!«</p> - -<p>»Die Dielen hier sind so glitschig«, versetzte Knebel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p> - -<p>»Selbst glitschig! Lausbube seid Ihr, die bei jeder Gelegeheit -ihre Späß treibe. Jetzt rasch emal die Geschichte da wieder aufgestellt! -Und das sag' ich Euch, passiert so etwas wieder, so komm' -ich Euch über die Köpp'!«</p> - -<p>Bei dieser unparlamentarischen Phrase erhob sich auf den -hinteren Bänken ein Gebrumme der Mißbilligung.</p> - -<p>Doktor Veit verließ den Katheder.</p> - -<p>»Wer hat hier gebrummt? – Was? Er will sich geheim halte? -Ich kenn' mein' Pappenheimer, sagt Schiller. Das ist gewiß wieder -der miserable Kleemüller gewese!«</p> - -<p>Kleemüller fuhr empor, als habe ihn eine Natter gestochen.</p> - -<p>»Ich bin's nicht gewesen!«</p> - -<p>»Sie sind's gewese, und jetzt halte Sie 's Maul!«</p> - -<p>»Ich verteidige nur meine Rechte«, erwiderte Kleemüller.</p> - -<p>»So? Na, dann komme Se mal raus an die Tawel!«</p> - -<p>»Weshalb?«</p> - -<p>»Dummes Geschwätz! Sie solle die nächst' Aufgab' löse. Na, -steht die Tawel nun fest? <em class="antiqua">Allez! vite! vite! vite!</em>«</p> - -<p>Kleemüller trat heraus und begann zu rechnen.</p> - -<p>»Sie mache das viel zu umständlich. Das Verfahre läßt sich -wesentlich abkürze. Wisse Sie davon nix?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Sehe Se wohl, daß ich Recht hab'? Sie habe gebrummt; sonst -wüßte Se, was hier zu tun ist. Jetzt mache Se, daß Se so schnell -wie möglich auf Ihren Platz komme, sonst verzehrt Sie 's Gewirrer!«</p> - -<p>Gewirrer! So sprach Doktor Veit in der Tat, wenn er eine -gewisse Stufe der Indignation überschritten hatte. Im normalen -Zustande sprach er: Gewitter.</p> - -<p>Das Antlitz des ehrlichen Mathematikers gewann jetzt wieder -den alltäglichen Ausdruck. Die Überzeugung, daß er Kleemüllers -Sündenschuld unwiderleglich erhärtet habe, gab ihm die seelische -Ruhe zurück. Er fuhr mit dem Schwamm triumphierend über die -Tafel und rief dann in freudigster Klangfarbe:</p> - -<p>»Aufgepaßt!«</p> - -<p>Nun begann er in seltsam geschraubtem Hochdeutsch eine wissenschaftliche -Erörterung, die er durch praktische Exempel treffend<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span> -erläuterte. Ab und zu unterbrach er seine Darlegung mit dialektischen -Ausrufen:</p> - -<p>»Wann jetzt das Geraschpel an dem Tintefaß net bald aufhört, -dann fahr' ich hinein!«</p> - -<p>Oder:</p> - -<p>»Möricke, Sie hocke wieder da wie e betrunke Kaninche und -schlafe mit offene Auge!«</p> - -<p>Oder:</p> - -<p>»Knebel, sage Se doch dem Pedell, er soll sein Küch' zumache. -Mer riecht wieder im ganze Haus, was gekocht wird.«</p> - -<p>Gegen Ende der Stunde ward Doktor Veit in der Regel ein -wenig heiser. Er litt nämlich an einer leichten Entzündlichkeit der -Mandeln, war jedoch im übrigen der kräftigste und gesündeste -Mensch unter der Sonne. Wenn sich dieses Gefühl bei ihm regte, -so holte er tief Atem, legte die Hand vor den Kehlkopf und -schüttelte bedenklich das Haupt. Dann murmelte er halblaut:</p> - -<p>»Ja, ja, die Flöt' hat bald ausgepfiffe!«</p> - -<p>Oder:</p> - -<p>»Lang werde mir's net mehr mitmache: übers Jahr um die -Zeit sind die Quetsche gegesse.«</p> - -<p>Endlich erscholl die Pedellglocke.</p> - -<p>War es Sonnabend, so hatte der Lehrer die Verpflichtung, -mit der Klasse ein Schlußgebet anzustimmen. Für Doktor Veit, -den ausgesprochenen Materialisten, eine schreckliche Aufgabe! -Seufzend holte er das schwarze, unheilverkündende Buch hervor -und suchte sich unter den zweihundertundfünfzig Gebeten das -kürzeste aus.</p> - -<p>»Da, Knebel, lese Sie's vor! <em class="antiqua">Allez! vite! vite!</em>«</p> - -<p>Und Knebel begann zu lesen:</p> - -<p>»Vollendet ist das Werk dieser Woche. Du, Herr, hast es -vollenden helfen! …«</p> - -<p>Doktor Veit, der mit gefalteten Händen auf dem Katheder -stand und auf den Schwamm blickte, wechselte während der Lektüre -mindestens achtmal sein Standbein und atmete erst wieder auf, -wie Knebel das Amen flüsterte. Jetzt drängte die Klasse stürmisch -dem Ausgange zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span></p> - -<p>»Halb so wild!« rief Doktor Veit, seinen Hut ergreifend. -»<em class="antiqua">Festina lente</em>, sagt der Lateiner!«</p> - -<p>Und somit schritt er behaglich der Treppe zu.</p> - -<p>Im Erdgeschoß begegnete er dem Pedell.</p> - -<p>»Höre Se mal, Quaddler, ich hab's Ihne schon sage lasse: -Wenn Sie wieder Kraut koche, dann mache Se gefälligst die Küch' -zu. Es riecht hier so schon net grad' nach Ambra und Roseöl.«</p> - -<p>»Aber erlauben Sie gütigst, die Tür war fest verschlossen, -und der Geruch muß sozusagen durchs offene Fenster gestiegen sein. -Insofern es übrigens auch ein ganz vortreffliches Kraut war.«</p> - -<p>»Mache Se mer die Gäul' net scheu, Quaddler! Sie wisse -nun, was ich gesagt hab'. Richte Sie sich danach. Und was ich -noch weiter bemerke wollt': Lasse Sie doch drobe ans Tawelgestell -e paar Hake mache, daß die Geschicht net alle Naselang auseinannerrutscht.«</p> - -<p>»Schön, Herr Professor. Inwiefern soll ich die Haken denn -machen lassen?«</p> - -<p>»Ich werd' Ihne das später erörtern! Jetzt hab' ich kein' Zeit!«</p> - -<p>Er räusperte sich.</p> - -<p>»Ach ja,« stöhnte er vor sich hin, »ewig is mer geplagt! Das -nimmt kein gut' End'! Heut' übers Jahr wirft mer mit meine -Knoche die Birn' ab.«</p> - -<p>»Ganz gehormster Diener, Herr Professor.«</p> - -<p>Und nun begab sich unser trefflicher Mathematiklehrer ins -Gasthaus »Zur Sonne«, wo er einen kolossalen Appetit entwickelte. -Die Empfindlichkeit seiner Mandeln ließ nach, und den Zahnstocher -zwischen den Lippen, wagte er die schöne Versicherung: »Es is -immer noch kein schlecht Lebe auf der Welt. – Schorsch, bringe -Se mer noch e Flasch Niersteiner!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span></p> - -<h2 id="Erinnerungsbilder"> -<img src="images/illu-060.png" alt="" /><br /> -Erinnerungsbilder.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d">Das beglückende Lenzgefühl, das der Mai durch alle Adern -gießt, wird mir durch eine unauslöschliche Erinnerung -zu einem wahren Rausch der Wonne gesteigert. Ich -denke nämlich, wenn die Fluren und Wälder sich -neu begrünen, an die Jahre zurück, da ich dies erquickende -Schauspiel durch den steifen, weißgestrichenen Rahmen eines großen -Schulfensters beobachten mußte und dazu verurteilt war, die entzückendsten -Stunden des Frühlings vor dem Katheder höchst würdiger -und höchst gelehrter Männer zu verbringen. Aus den benachbarten -Gärten klang das Konzert der Vögel herüber in die dumpfigen -Schulräume, aber die ernsten Männer mit den großen Rundbrillen -hatten kein Ohr für diesen melodischen Zauber: sie redeten von -Sprachgebräuchen, Anakoluthen, Konjunktionen, Schreibfehlern und -Anachronismen, – ebenso wirr und zusammenhanglos, wie ich -diese verschiedenen Gesichtspunkte ihrer pädagogischen Tätigkeit -hier aneinander reihe. Anstatt die Lebensweisheit von den grünen -Blättern der Natur abzulesen, mußten wir uns mit dem herumschlagen, -was auf den gedruckten stand; sei es nun, daß ein Chorgesang -des Sophokles oder eine schwungvolle Rede Ciceros, sei -es, daß eine Gleichung aus der analytischen Geometrie, oder daß -eine Frage aus der Kirchengeschichte unsere Aufmerksamkeit in -Anspruch nahm.</p> - -<p>Ich seufzte dann oft heimlich über die Tyrannei der modernen -Zivilisation und warf über den Rand meiner Bücher und Hefte -hinaus sehnsuchtsvolle Blicke nach den lauschigen Baumwipfeln, die -so wonniglich im linden Westwinde rauschten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span></p> - -<p>Drüben auf dem tannbewachsenen Hügel, etwa eine halbe -Stunde vom Städtchen entfernt, lag die Liebigshöhe, so genannt -nach dem großen Chemiker, dem die dankbare Bürgerschaft kein -beredteres Denkmal ihrer Hochachtung zu stiften wußte, als daß sie -einen Bierkeller – das Schätzbarste, was eine germanische Bürgerschaft -besitzt – nach seinem Namen taufte. Dort hatten wir verfassungswidrigen -Primaner mehr als einmal »eine Orgie gefeiert«, – -wie der Direktor sich ausdrückte, wenn er unsere Zechgelage entdeckte -und uns mit mehrtägiger Karzerstrafe belegte. Auch war die -Liebigshöhe ein beliebter Sammelplatz für solche Insassen der Stadt, -die sich einer zahlreichen Familie erfreuten; denn es war nirgends -so billig, wie hier im Schatten der Tannen, ganz abgesehen davon, -daß außer Bier, Kaffee und Kuchen nichts verabreicht wurde. Zu -den Töchtern dieser Familien gehörte auch Jenny, die blonde, schlanke, -blauäugige Jenny, an die ich bereits in Unterprima eine Reihe -hervorragender Liebeslieder gestaltete, während ich sie in Oberprima -zur Heldin eines fünfaktigen Trauerspiels erkor …</p> - -<p>Wenn ich so von meinem Platz aus das zierliche Gehöft mit -dem braunroten Dach und den blinkenden Fenstern aus der blauen -Ferne herüberlächeln sah, so zogen all diese Bilder in bunter, -beglückender Reihe durch mein Gemüt, und ich begann immer -lauter zu seufzen und immer schwerer den Zwang zu empfinden, -der mich an diese harten Subsellien fesselte …</p> - -<p>Mit einemmal wurde ich durch die dröhnende Anrede des -Direktors oder eines seiner ebenso pflichttreuen Kollegen daran erinnert, -daß ich noch Sklave war und nicht das Recht hatte, meine -Phantasien während der hochwichtigen Erklärung eines griechischen -Tragikers über Berg und Tal wandern zu lassen.</p> - -<p>»Sä sänd wäder änmal nächt bei der Sache!« klang es von -den Lippen des erzürnten Philologen Doktor Samuel Heinzerling, desselben, -der später mit meinem unvergeßlichen Freunde Wilhelm Rumpf -das denkwürdige Rencontre in den Räumen des Karzers hatte. Die -Worte trafen mich stets wie ein Blitz aus heiterem Himmel, denn ich -war in der Tat durchaus nicht bei der Sache und mußte es stillschweigend -über mich ergehen lassen, wenn Heppenheimer mich auf den -Wink des Autokraten als »onaufmerksam« ins »Tagebooch« einschrieb.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span></p> - -<p>Wie oft habe ich, noch ehe es halb schlug, die Uhr in die -Hand genommen und auf dem Rand meiner Virgilausgabe Buch -geführt über jede verstrichene Minute! Das gelangweilte Herz -glaubte durch diese Kontrolle den Gang dieser trägen Zeit zu -beflügeln; aber es war unglaublich, wie bleischwer trotz aller -Machinationen die Augenblicke dahinzogen. Ein Triumphgeschrei -klang durch die Seele, wenn man mit großen lateinischen Lettern -»drei Viertel« notieren durfte. War man von dem Aufzeichnen -dieser einzelnen Zeitstadien ermüdet, so erging man sich wohl auch -in Epigrammen, deren schweres, molossisches Versmaß die Stimmung -des niedergedrückten Gemüts versinnlichte. Der Kern ihrer Wehklagen -ließ sich in den Ausruf zusammenfassen: »Will's denn -heute wieder einmal gar nicht ›ganz‹ werden!« Ganz! Das war -das erlösende Wort! Ganz! Was lag nicht alles in diesen vier -Buchstaben, zumal wenn sie sich auf den Schluß der letzten Stunde, -also auf vier Uhr nachmittags, bezogen. Und wenn nun gar -Quaddler, unser ehrlicher Pedell, sich um ein paar Minuten verrechnet -hatte und zu früh klingelte, – wie jauchzten wir da empor -beim Gedröhne seines heiseren Metalls! War es doch das Signal der -Freiheit, das er uns gab, und »die Freiheit schmeckt süß«, selbst in -Prima.</p> - -<p>Der geneigte Leser hat vielleicht ein paar Söhne auf dem -Gymnasium und fängt an, diese Skizzensammlung für die Verbreiterin -unsittlicher Ideen zu halten; aber ich kann ihm nicht helfen. Wenn -er sich selber des Jubels nicht mehr erinnert, der ihm bei der Kunde -von dem Schluß der Gymnasialexerzitien durch alle Fibern zuckte, -so ist dies ein individuelles Unglück: ich meinesteils trage das Bild -jener Zeit mit unverblaßten Farben im Busen und fühle fast stündlich -ein gewisses Behagen, daß ich nicht mehr verpflichtet bin, nachmittags -um zwei meine Bücher zusammenzuschnüren und nach der alten Spelunke -zu traben, die mir die herrlichsten, sonnigsten Maitage gestohlen hat.</p> - -<p>Worin besteht denn die Glückseligkeit des jungen Studenten -anders, als in dem Bewußtsein, daß er aufgehört hat, dem Bann -des Gymnasiallebens anzugehören?</p> - -<p>Ich finde hierüber bei Hermann Grimm, dem geistvollen -Novellisten, eine sehr bezeichnende Stelle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p> - -<p>»Ich war achtzehn Jahre alt«, schreibt dieser feine Beobachter -menschlicher Verhältnisse, »und eben erst Student geworden. Das -ist ein Übergang im Leben, wie wenige. Man ist mit einem Schlage -aus einem ungewissen Wesen ohne Bedeutung zu einem Manne mit -Titel, Rang und gegründeten Ansprüchen umgeschaffen. Man hat -Geld zu seiner Verfügung, kann arbeiten, was und wie man will, -und darf den Genuß des Lebens von den Bäumen pflücken, wo die -Früchte am lockendsten aus dem Laube leuchten. So griff ich -das Leben an: ohne kopfhängerische, einsiedlerhafte Neigung war -ich ein vergnügter Student und wußte nur vom Hörensagen, daß -es eine Zukunft gebe; die Vergangenheit war mir ein unbekanntes -Land geworden, zu dessen Ufern die Erinnerung niemals zurückkehrte. -Was konnte ich Größeres verlangen? Ein Palast, um darin zu -studieren, berühmte Gelehrte, die uns »meine Herren« anredeten, -die mit wunderbarer Höflichkeit Kenntnisse und Eifer bei uns -voraussetzten, eine große Stadt, in der es sich frei und unbehelligt -lebte, freie Abende, Nächte (wenn wir wollten), Theater – für einen -Studenten gibt es keinen unerfüllten Wunsch.«</p> - -<p>Aus diesen Zeilen spricht ganz dasselbe Gefühl, dem ich in -den oben stehenden Worten Ausdruck verliehen habe. Im Winter -läßt man sich die Sache zur Not noch gefallen. Man begeistert -sich für Antigone, obgleich der Umstand, daß man die Tragödie -des unsterblichen Meisters in minimalen Bruchteilen zu sich nimmt, -sehr geeignet ist, dieser Begeisterung Abbruch zu tun. Man übt -sich im lateinischen Stil, denn man kann einmal Reichstagsabgeordneter -werden und in die Lage kommen, das »<em class="antiqua">timeo -Danaos</em>« oder das »<em class="antiqua">nil humanibus arduum est</em>« zitieren zu -wollen. Man fertigt deutsche Aufsätze nach klassischen Vorbildern, -denn eine gewisse Leichtigkeit im Ausdruck ist allezeit nütze, sei es -nun, daß man sich auf die Schriftstellerei wirft, was bei den -Gymnasiasten von heutzutage die Regel ist, oder daß man als -Hotelbesitzer lange Rechnungen verfertigt, die unter Umständen mehr -einbringen als die Schöpfungen der Novellistik. Alles das geht -im Winter, denn Schnee und Regen sind keines Menschen Freund, -und im Feld und auf der Heide ist wenig zu suchen, wenn der -Nord durch die kahlen Zweige der Buchen fegt. Aber im Frühling,<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span> -sobald die ersten Lerchen ins Blaue steigen, ändert sich diese -Sachlage. Dann wird der Zwang, auf die Vorträge eines Doktor -Samuel Heinzerling zu lauschen, zur qualvollsten Sklaverei, und -die Sehnsucht nach den Umarmungen der Mutter Natur macht jeden -wissenschaftlichen Ernst zuschanden.</p> - -<p>Das Bewußtsein, daß ich einst in diesen Ketten geschmachtet -habe und jetzt frei bin, frei wie der Vogel in der Luft, dieses süße -Gefühl des Nicht-Gymnasiastentums bildet jetzt eine der vornehmsten -Würzen meines Frühlingsgenusses.</p> - -<p>Aber die Medaille hat ihre Rückseite. Nicht selten <em class="gesperrt">rächt</em> sich -die Vergangenheit für den stillen, triumphierenden Hohn, mit dem -ich ihrer gedenke, – und nachts in den entsetzlichsten Traumgesichtern -kehrt sie mir zurück und schreckt mich mit der Maske der -Gegenwart. Ich sehe mich trotz meines Doktordiploms, das bereits -vor acht Jahren lügnerischerweise behauptet hat, ich sei ein <em class="antiqua">vir -perdoctus</em>, und trotz des würdevollen Bartwuchses, den ich mir -im Laufe der letzten zwei Lustra anzueignen wußte, von meinen -ehemaligen Schulkameraden umringt in dem Saale der Prima, und -vor mir steht die fragwürdige Gestalt des Doktor Samuel Heinzerling -oder eines seiner gestrengen Kollegen. Das Verhängnis drückt mir -einen lateinischen Klassiker in die Hand und verlangt von mir, ich -solle <em class="antiqua">exempli gratia</em> das erste Kapitel der Rede Ciceros <em class="antiqua">pro Roscio -Amerino</em> ins Griechische übersetzen. Ich überfliege den lateinischen -Text mit fiebernden Blicken und gewahre sofort, daß mir für einige -der notwendigsten Ausdrücke die griechischen Vokabeln fehlen. Mein -Nachbar, ein fleißiger und gewissenhafter Schüler, der in den Tagen -meiner wirklichen Primanerschaft stets aufs pünktlichste präpariert -war, scheint diesmal ausnahmsweise faul gewesen zu sein, wie ich. -Ich gebe ihm alle erdenklichen Signale mit dem Ellbogen, mit den -Füßen, mit den Knien; ich raune ihm zu: »Mensch, Du bist des -Todes, wenn Du mir nicht Dein Wörterbuch vorschiebst!« Aber -er rührt sich nicht.</p> - -<p>»Non,« klingt die Stimme meines Peinigers, »wollen Sä non -bald anfangen? Sä scheinen mär wäder änmal nächt gehöräg -vorbereitet.«</p> - -<p>Ich lege die Hand aufs Herz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span></p> - -<p>»Aber, Herr Direktor,« stammle ich treuherzig, »ich kann Sie -aufs bestimmteste versichern …«</p> - -<p>Ich hoffe durch diese bestimmte Versicherung nur Zeit zu gewinnen, -aber Samuel Heinzerling unterbricht mich.</p> - -<p>»Sein Sä mer ställ«, sagt er in wegwerfendem Tone; »äch -weiß zor Genöge, was äch von Ähren bestimmten Versächerongen -zo halten habe. Öbersätzen Sä jetzt das Kapätel ins Grächäsche, -oder gäben Sä zo, daß Sä nächt nach Geböhr präparärt sänd!«</p> - -<p>Mit einem verzweifelten Entschluß beginne ich:</p> - -<p>»<em class="antiqua">Credo ego vos judices <span id="corr065a">mirari</span></em> … Ὑμᾶς μὲν, ὦ ἄνδρες -δικασταὶ, θαυμάζειν ἐγῷμαι …«</p> - -<p>»Goot«, sagt Samuel Heinzerling; »non weiter!«</p> - -<p>Da haben wir's! Das nächste Wort, <em class="antiqua">summi</em>, ist zwar ein -ganz gewöhnliches, und ich weiß genau, daß ich die entsprechende -griechische Vokabel mindestens hundertmal angewandt habe; jetzt -aber, im entscheidenden Augenblicke vor den Schranken Doktor -Samuel Heinzerlings, bin ich mit aller Kraft nicht imstande, die -fluchwürdigen paar Silben aus meinem Gedächtnis heraufzubeschwören.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Summi</em> …,« sage ich, »ja, <em class="antiqua">summi</em>, das heißt … es kommt -darauf an, wie man das hier auffaßt; nämlich insofern … <em class="antiqua">summus</em> -kann verschiedenerlei bedeuten. Wenn wir z. B. sagen, <em class="antiqua"><span id="corr065b">summus</span> -mons</em>, so ist das etwas anderes, als wenn wir sagen, <em class="antiqua">summa cum -laude</em> …«</p> - -<p>»Bleiben Sä bei der Sache; öbersätzen Sä <em class="antiqua">sommä</em> mit dem änzägen -bezeichnenden grächäschen Wort ond lassen Sä alle Omschweife!«</p> - -<p>»Also,« stammle ich, während mir der helle Angstschweiß auf -die Stirne tritt, »<em class="antiqua">summi</em> … <em class="antiqua">Credo ego vos judices mirari, quid -sit, quod cum tot summi</em> …«</p> - -<p>»Das Lateinäsche können wär ons sälbst lesen. Sä scheinen -mer nächt recht zo wässen, was <em class="antiqua">sommä</em> auf Grächäsch heißt.«</p> - -<p>»O gewiß, Herr Direktor; es fragt sich nur, ob wir das Wort -hier figürlich auffassen, oder ob wir seine eigentliche Bedeutung …« -(mit gedämpfter Stimme zum Nachbarn:) »Du, <em class="antiqua">summi</em>, Himmelkreuzdonnerwetter, -lege mir doch Dein Heft hin!«</p> - -<p>Mein Nachbar rührt sich nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span></p> - -<p>»Was haben Sä da eben zom Schwälble gesagt? Er soll's -Ähnen wohl einflöstern? Korz ond böndig, wässen Sä, wä Sä -<em class="antiqua">sommä</em> zu öbersätzen haben oder nächt?«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Summi</em> … natürlich … ich nehme das hier bildlich von -den geistigen Eigenschaften.«</p> - -<p>Der Direktor schüttelt unwillig mit dem Kopf und sucht mit -der rechten Hand in der Westentasche nach dem Bleistift, um mir -die Note »ongenögend« anzumalen.</p> - -<p>Der Angstschweiß rinnt mir jetzt bereits literweise von der -Stirn. Aber noch gebe ich meine Sache nicht verloren. Ich -entsinne mich, daß griechisch καλὸς κἀγαθός eine hervorragende sittliche -Eigenschaft bedeutet, und versuche ganz glatt weg, dieses <em class="antiqua">summi</em> auf -die angedeutete Weise zu übertragen.</p> - -<p>»Sä sänd wäder änmal faul gewesen«, ruft jetzt Heinzerling -in schnarrendem Tone.</p> - -<p>»Καλὸς κἀγαθός,« hauchte ich noch mit der letzten Kraft meines -Mundes, »κἀγαθός, das heißt, ich wollte mir die ganz ergebene -Bemerkung erlauben, ich war gestern unwohl, und wir hatten -Besuch, und mein Onkel war da, und dann hatte ich noch gestern -die Korrektur meiner neuen Novellen zu lesen, die dieses Jahr erscheinen, -und die ich Ihnen nicht dringend genug empfehlen kann.«</p> - -<p>»Was? Novellen wollen Sä schreiben ond wässen nächt -änmal, wie <em class="antiqua">sommä</em> auf Grächäsch heißt? Wässen Sä was, Sä -täten auch besser, Sä öbten säch ärst noch ein wenäg in den Elementen -der Scholbäldong, ehe Sä säch daran machten, einem -denkenden Volke geistige Nahrong onterbreiten zo wollen. Wenn -mer än Mänsch sagt, er schreibt Novellen, so wärft das ein sehr -schlechtes Lächt auf seinen Läbenswandel, ond korz ond got, Sä -gehn mer sechs Stonden auf den Karzer. Schreiben Sä änmal -ein, Heppenheimer: ›Doktor Ernst Eckstein wägen ongenögender -Vorbereitong ond vorsätzlichen Novellenschreibens mit sechs Stonden -Karzer bestraft‹. Knöpke, holen Sä einmal den Pedellen.«</p> - -<p>Jetzt wird mir die Sache zu bunt.</p> - -<p>»Was, Herr Direktor? Sie wollen sich hier über meinen -schriftstellerischen Beruf ereifern? Sie wollen mir Verhaltungsmaßregeln -erteilen in Angelegenheiten, von denen Sie nicht das<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span> -geringste verstehen? Das übersteigt denn doch alles, was mir -bis jetzt in meiner Praxis vorgekommen ist! Augenblicklich verlassen -Sie das Zimmer! Augenblicklich, sage ich, oder Sie sollen -mich von einer Seite kennen lernen, die Ihnen schwerlich gefallen -wird.«</p> - -<p>»Mänsch, was onterstehn Sä säch? Heppenheimer, schreiben -Sä änmal ins Tagebooch: ›Wägen empörenden Benehmens …‹«</p> - -<p>Ich trete aus den Bänken heraus, kreuze die Arme vor der -Brust und schreite auf den Direktor los.</p> - -<p>»Samuel,« sage ich, »es ist genug des grausamen Spiels. -Ich habe längst mein Maturitätsexamen gemacht und eine Doktorprüfung -bestanden, die mich zur Forderung einer anständigen -Behandlung berechtigt. Lassen Sie sich Ihren Cicero <em class="antiqua">pro -Roscio Amerino</em> einpökeln und das <em class="antiqua">summi</em> und alle übrigen -lateinischen Superlative übersetzen, von wem Sie Lust haben; ich -danke dafür! Leben Sie wohl und grüßen Sie mir Ihre Frau -Gemahlin!«</p> - -<p>Und hiermit ergreife ich meinen Zylinder, der sich zwischen -den Mützen meiner Schulkameraden ganz eigentümlich ausnimmt, -packe meine Bücher unter den Arm und schreite hochaufgerichtet der -Tür zu.</p> - -<p>»Heppenheimer!« ertönt die Stimme Samuels. »Rofen Sä -schnell den Pedellen! Sechs Tage Karzer! Zwölf Tage Karzer! -Augenbläckläch wärd er hänaufgeföhrt.«</p> - -<p>Ich aber renne im Sturmschritt die Treppe hinab, stoße den -Pedell, der mir entgegenkommt, über den Haufen und bin zwei -Minuten später im Freien. Sowie mich Gottes allgütige Sonne -bescheint, wache ich auf. Die Nachbarsleute versichern regelmäßig, -ich hätte in den Nächten, die mir derartige Träume senden, furchtbar -gestöhnt, und die Witwe Wendelsheim, die ein sehr gutes Herz hat, -rekommandiert mir jetzt bereits zum fünfundzwanzigsten Male ihr -unfehlbares Mittel gegen Alpdrücken.</p> - -<p>Noch peinlicher gestalten sich diese Verhältnisse, wenn mich der -Geschichtslehrer ins Gebet nimmt. In den Sprachen habe ich mich -immer noch so leidlich zurecht gefunden, aber die Historie war meine -schwache Seite. So erinnere ich mich, daß ich in Sekunda<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span> -aufgefordert wurde, eine kurze Darstellung der Hussitenkriege zu -liefern. Leider war mir der Gegenstand, über den meine oratorische -Leistung sich erstrecken sollte, so unbekannt, wie Herrn Gambetta -die Geheimnisse der Strategie; aber in einer dunklen Vorahnung -der Tatsache, daß der Diktator von Tours dereinst auch ohne diese -Kenntnisse das militärische Szepter ergreifen würde, beschloß ich, -kühn ins Feuer zu gehen und ein »Essay« zu liefern, das mich -»herausbeißen« sollte. Der Umstand, auf den sich meine Hoffnung -begründete, war die umfassende Kenntnis des berühmten Studentenliedes:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Die Hussiten zogen vor Naumburg,<br /></span> -<span class="i0">Über Jena und Camburg …«<br /></span> -</div></div> - -<p>Ein Volksdichter, so kalkulierte ich, wird von der historischen -Wahrheit nur wenig abgewichen sein, und so bedarf es denn nur -einer glücklichen Paraphrase dieses rührenden Gesanges, um die mir -gestellte Aufgabe zu lösen.</p> - -<p>Ich begann.</p> - -<p>»Es war zur Zeit der Hussitenkriege. Die Verhältnisse hatten -sich damals so eigentümlich gestaltet, daß nach langem Hin- und -Herüberlegen und vielen vergeblichen Bemühungen, den Frieden -aufrecht zu erhalten, demungeachtet der Krieg losbrach. So geht -es eben in der Geschichte der Völker! Ganz ähnlich lagen die -Dinge beispielsweise vor Ausbruch des Ersten punischen Krieges. -Überall walten hier die gleichen Prinzipien: und so gilt denn diese -Wahrheit auch von dem bedeutsamen und hochwichtigen Krieg, den -ich jetzt zu behandeln gedenke. Da dieser Krieg oder diese Kriege -von den Anhängern des Professors Huß geführt wurden, so nannte -man sie, um sie mit anderen nicht zu verwechseln, die Hussitenkriege. -Ich übergehe hier einiges minder Wichtige und komme zu dem -entscheidenden Moment, wo die Hussiten sich aufmachten und zunächst -die Richtung nach Jena einschlugen. Nach einem flüchtigen Abstecher -in der Richtung von Camburg langten sie vor dem feindlichen -Städtchen Naumburg an, das neben anderen hervorragenden Eigentümlichkeiten -eine große Wiese besaß, die man mit Rücksicht auf die -daselbst nistenden Vögel, oder vielleicht auch wegen eines daselbst -häufig stattfindenden Vogelschießens, die Vogelwiese nannte. Die<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span> -Frage ist noch unentschieden, welche der beiden Versionen die -richtigere sei. Es gibt Geschichtsforscher, welche sich unter Aufwendung -eines großen Scharfsinnes für die erstere Auffassung -entscheiden. Ebenso anerkannte Autoritäten neigen indes der entgegengesetzten -Ansicht zu, und so will ich denn, da mir die -Quellen in diesem Augenblicke nicht zur Hand sind, die Frage nicht -weiter erörtern. Auf dieser ganzen Vogelwiese sah man nichts als -Schwerter und Lanzen.«</p> - -<p>Ich vermied das Wort »Spieße«, da der Reim mich verraten -hätte. Von innerem Wohlgefühl über meine Schlauheit erfüllt, -bemerkte ich nicht, daß der Lehrer immer vergnüglicher dreinschaute, -– oder wenn ich sein Lächeln wahrnahm, so hielt ich es für einen -Ausdruck der Zufriedenheit, der mich ermutigen sollte, kühnlich -fortzufahren.</p> - -<p>Das ging denn auch so eine Weile ohne ernstliche Schwierigkeit; -als ich aber bei der Schilderung der Teuerung anlangte und das -historische Faktum zum besten gab, daß ein einziges Lot Kaffee an -sechszehn Pfennige gekostet habe, da brach ein wahrer Sturm des -Beifalls los, und mit peinvollem Erröten mußte ich einsehen, daß -ich das Lächeln auf den wohlwollenden Zügen des Professors -gänzlich mißdeutet hatte.</p> - -<p>»Schweig' und setz' Dich«, sagte der Lehrer mit Würde; »ich -will nicht so grausam sein, Dich zu massakrieren.«</p> - -<p>Ich war froh, daß die Komödie vorüber war, denn besonders -behaglich hatte ich mich bei dieser Interpretation deutscher Volkslyrik -doch nicht gefühlt, und besser, in den Abgrund geschleudert zu -werden, als in peinvoller Schwebe über der Tiefe zu hangen.</p> - -<p>Auch diese geschichtlichen Lektionen reproduziert mir der Traum -oft in erschreckender Weise, und ich fühle ganz deutlich, wie sich mir -das Fatum in Gestalt eines bleiernen Druckes auf die Gurgel legt, -wenn der Professor mich auffordert:</p> - -<p>»Geben Sie uns nun einmal eine kurze Darstellung der -Situation Europas nach Beendigung der Völkerwanderung.«</p> - -<p>Mit allen zehn Fingern wühle ich mir im Gehirn herum, aber -die Situation will nicht klar werden, und nur das dunkle Bewußtsein, -daß es damals in Europa sehr wüst und unordentlich<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span> -ausgesehen, tröstet mich über die wüste Unordnung in dem eigenen -Schädel. Dann plötzlich suche ich mir dadurch zu helfen, daß ich -Nasenbluten bekomme oder mich in der Wade vom Krampf ziehen -lasse, ein Mittel, das ich allen verlegenen Primanern aufs wärmste -empfehlen kann. Nur im Traum will es nicht verfangen.</p> - -<p>»Das kennt man«, sagte der Lehrer geringschätzig. »Ich bin -auch einmal Primaner gewesen, aber mich hat niemals der Krampf -gezogen. Erzählen Sie nur ruhig weiter, oder machen Sie sich -auf drei Tage Karzer gefaßt!«</p> - -<p>Die Tage Karzer regnen nur so, wenn ich träume. Ich habe -freilich auch im Wachen gar manche schöne Stunde unter dem -Dachfirst des Gymnasialgebäudes geschmachtet, aber der Traum -treibt es doch noch verschwenderischer als die Wirklichkeit. Zudem -sehe ich im Traum gar kein Mittel ab, die Verbüßung der verhängten -Strafe zu hintertreiben, während ich tatsächlich dies mit -einer Meisterschaft verstand, vor der ich noch jetzt eine gewisse -Hochachtung empfinde. Es traf sich nicht selten, daß ich während -einer einzigen Woche von drei Lehrern zugleich mit sechs Stunden -Karzer belegt wurde. Ich meldete mich dann eines schönen Tages -bei dem Pedell und sagte: »Herr Quaddler, ich habe auch noch -die sechs Stunden Karzer abzusitzen, die der Herr Doktor mir verordnet -hat«. Der brave Pedell glaubte sich bei dieser Bezeichnung -»der Herr Doktor« beruhigen zu dürfen, und ich klomm die Treppe -hinan. Ein paar Tage später kam der erste der drei Lehrer und -erkundigte sich, ob der Verurteilte sich gemeldet habe. Quaddler -bejahte. Dann erschien der zweite. Quaddler bejahte abermals. -Und beim dritten bejahte Herr Quaddler zum drittenmal. Der -Gedanke, daß ein Schüler dreimal in einer einzigen Woche von -drei verschiedenen Lehrern der Freiheit beraubt werden könne, war -ihm so unfaßlich, daß seine arme Seele ihn gar nicht in Berechnung -zog. Er hielt die Erkundigungen der Lehrer einfach für Beweise -eines besonderen Interesses, das sie an meiner Persönlichkeit nahmen, -und so erledigte ich denn nicht selten drei und vier Strafen auf -einmal, – eine stenographische Methode des Absitzens, die ihre -unleugbaren Vorteile hat. Nur im Traume will sich dies oft -bewährte Mittel nicht anwenden lassen: Quaddler, der in Wirklichkeit<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span> -einer der gutmütigsten Menschen unter der Sonne war, -kontrolliert hier auf einmal mit der Bosheit eines Inquisitionsrichters, -und selbst seine Tochter, die sanfte, rosige Anny, denunziert -mich bei Samuel Heinzerling wegen unterschlagener Bußestunden.</p> - -<p>So rächt sich das Einst an dem Jetzt, weil das Jetzt seine -Befriedigung darüber ausdrückt, daß es von den Ketten des Einst -befreit ist. Alles gleicht sich im Leben aus. Wer bei Tage mit -dem Hut in der Hand an der Kirchentür sitzt und um Almosen -fleht, der besteigt nachts im süßen Delirium der Träume vielleicht -den Thron Frankreichs oder den Stuhl Petri, und wem das Schicksal -die Krone aufs Haupt gedrückt hat, der beschäftigt sich, wenn -Morpheus ihn eingewiegt hat, vielleicht mit dem Verkauf alter -Zahnstocher oder mit dem Waschen gebrauchter Whistkarten.</p> - -<p>Es gab nur ein Mittel, um sich beim Herannahen des Lenzes -den Druck der Gymnasialfesseln weniger fühlbar zu machen: die -Wonne der Ungezogenheit. Ihr Weisen, Frommen und Gerechten, -ich sehe schon wieder im Geiste, wie ihr die Stirn runzelt. Aber -ihr wißt nicht, daß die Ungezogenheit den eigentlichen Lebenskern, -ja, die einzige und echte Poesie des Gymnasiallebens ausmacht. -Nimm einer deutschen Nähterin ihren Sonntagnachmittag, und du -knickst ihr die Blüte des Daseins; nimm einem Gymnasiasten das -Privilegium der Ungezogenheit, und du bohrst ihm den Dolch der -Verzweiflung ins Herz. Ich weiß ein Lied davon zu singen! Ein -volles Jahr hindurch habe ich mich, von einem düsteren Vorurteil irre -geführt, mit eigener Hand dieses köstlichen Privilegiums entkleidet – -und gelitten, wie ein Prometheus am Felsen. Ich will dem geneigten -Leser zum Schluß auseinandersetzen, wie dies zusammenhing.</p> - -<p>Als ich in die Quarta des städtischen Gymnasiums eintrat, -war ich ein frommes Kind von zwölf Jahren, das an nichts Böses -dachte und sein Dasein gestaltete, wie die Götter es fügten, – -ohne Besorgnis vor dem Stirnrunzeln der Lehrer, ohne Rücksicht -auf Lob und Strafe. Die Folge dieser kindlichen Unbefangenheit -war, daß ich mir eine Reihe empfindlicher Mißtrauensvota zuzog -und am Schluß des Jahres eine im Punkte des Betragens sehr -bedenklich nuancierte Zensur mit nach Hause brachte, während drei -oder vier meiner Kameraden »wegen Fleißes und guten Betragens«<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span> -ein Prämium erhielten. Dieses Prämium, das den andern zugefallen -und mir vom Schicksal vorenthalten worden war, bildete -während der folgenden Osterferien in meinem elterlichen Hause das -tägliche Tischgespräch. Man sah es wie eine Kränkung der Familienehre -an, daß ich leer ausgegangen sei, und ließ mich dies so -schmerzhaft empfinden, daß ich den heroischen Entschluß faßte, im -nächsten Jahre meinen Aufenthalt in Tertia dazu zu benutzen, eine -solche amtliche Bestätigung meines »Fleißes und guten Betragens« -im Schweiße meines Angesichts zu verdienen.</p> - -<p>Dieses Jahr in Tertia war das unglücklichste meines Lebens.</p> - -<p>Ein Kapitel aus Curtius langweilte mich; ich verspürte das -unwiderstehliche Gelüste, mit meinem Nachbar über irgend einen -erheiternden Gegenstand zu plaudern; aber das Prämium trat wie -ein Gespenst zwischen mich und diesen beglückenden Plan, und das -Wort erstarb mir auf den Lippen.</p> - -<p>Ich machte einen nachmittäglichen Spaziergang. Die Zunge -klebte mir am Gaumen, und ich fühlte den Drang, in die nächste -Kneipe einzukehren und auf das Wohl Samuel Heinzerlings ein -Glas Bier zu trinken. Sofort erinnerte ich mich des Paragraphen -der Gymnasialstatuten, der besagt, daß den Schülern dieser Pflanzstätte -des Wahren, Schönen und Guten der Genuß geistiger Getränke -ein für allemal untersagt ist, – und ich ließ den verlockenden Kelch -seufzend vorübergehen.</p> - -<p>Die Kommilitonen führten irgend einen köstlichen Streich aus; -meine ganze Seele rang nach aktiver Beteiligung, aber ich wußte, -daß es mit dem Prämium aus war, wenn ich mich auch nur eines -einzigen Vergehens schuldig machte, und so erstickte ich meine Sehnsucht -und blieb, was zu sein ich mir vorgenommen: ein braver -Schüler.</p> - -<p>Das Osterfest des folgenden Jahres kam heran. Ich erhielt -mein Prämium in Gestalt eines Kiepertschen Atlas, und vorn in -zierlich lithographierten Zügen stand die wunderbare Tatsache zu -lesen, daß ich ein Jahr hindurch die volle Zufriedenheit meiner -sämtlichen Lehrer erworben hatte.</p> - -<p>Mit diesem Kleinod im Arm eilte ich nach Hause; aber schon -unterwegs legte ich den feierlichen Schwur ab: niemals und unter<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span> -keiner Bedingung wieder nach einem Prämium zu streben, sondern -meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und mich ohne Rückhalt dem -Kultus der beglückenden Göttin Ungezogenheit zu widmen. Ich -habe den Schwur redlich gehalten; auch meine Eltern haben sich -später mit dem Ausbleiben der Prämien zu versöhnen gewußt. -Sie mochten so etwas wie eine dämmernde Ahnung von dem haben, -was in mir vorging, und da ich ja nun überhaupt einmal gezeigt -hatte, daß es mir, wenn es absolut sein mußte, wohl möglich war, -ein ganzes Jahr hindurch die Qualen der Artigkeit zu ertragen, -so fiel es ihnen leichter, auf die Beweise einer fortgesetzten guten -Aufführung zu verzichten.</p> - -<p>Ich aber betrachte noch jetzt das Jahr in Tertia als einen -Fehler in meinem Lebensplan, und hundertmal hab' ich mir zugerufen: -<em class="antiqua">annum perdidi</em>! Nein, ihr Gestrengen, die Ungezogenheit -ist das eigentliche Element des Gymnasialschülers, und so wenig -der Fisch im <em class="antiqua">Extrait double de violette</em> existieren kann, so wenig -ist es dem Alumnen einer modernen Bildungsanstalt möglich, die -Luft eines Nonnenpensionats einzuatmen. Für die Töchter gebildeter -Stände mag die »Gezogenheit« ihre Vorteile haben. Den jungen -Leuten, die sich im Laufe der Dezennien zu Bürgern einer freien -Nation entwickeln und das Material liefern sollen zu dem großen -mitteleuropäischen Kulturstaat, den deutschen Knaben und Jünglingen -lasse man das Privilegium der Flegeljahre und die süßen Träume -der Jugendeselei, denn nur so können sie gedeihen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span></p> - -<h2 id="Allerlei_Unarten"> -<img src="images/illu-074.png" alt="" /><br /> -Allerlei Unarten.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-s.png" alt="" /></div> -<p class="drop-e">So oft der Sterbliche in den Schatz seiner Gymnasialerinnerungen -zurückgreifen mag, stets wird er finden, -daß die Reichhaltigkeit und Fülle dieser Reminiszenzen -unerschöpflich ist. Stets wird er ein neues Bild, eine -neue Situation entdecken, an die er vielleicht seit Jahren nicht mehr -zurückgedacht hat. Und wenn er das alles unter dem entsprechenden -Gesichtswinkel zu betrachten weiß, so stellt sich ihm hier eine Welt -im kleinen, eine vorgreifende Gestaltung all seiner späteren Erlebnisse -dar, die sich zu dem Treiben der großen und wirklichen Welt etwa -verhalten mag, wie das Puppenspiel der kleinen Mädchen zu den -Freuden des Mutterglücks.</p> - -<p>Es ist dies schon mit Rücksicht auf den beträchtlichen Zeitraum, -den der heranreifende Mensch in den Mauern des Gymnasiums zu -verbringen hat, mehr als erklärlich. Da die Länge der Zeit nicht -füglich allein nach der Summe von Erdumdrehungen, die zwischen -zwei bestimmten Terminen stattfinden, berechnet werden darf, sondern -vielmehr nach der Summe von Eindrücken, die das Gemüt und der -Intellekt empfangen, so darf man kühnlich behaupten: wir verbringen -die Hälfte unseres Lebens unter der Botmäßigkeit der Gymnasialtyrannen. -Schopenhauer hat in seiner Abhandlung über den -Unterschied der Lebensalter sehr treffend nachgewiesen, daß der Mensch -etwa mit dem zwanzigsten Jahre die subjektive Hälfte seiner Existenz -hinter sich hat. Die Jahre der Kindheit sind ungleich inhaltsreicher -und daher subjektiv ungleich länger als die des Mannes- und Greisenalters. -Dem jugendlichen Geist ist fast jede Erscheinung der Außenwelt -neu, – und daher in einem gewissen Sinne epochemachend.<span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span> -Der Greis hat sich dagegen längst eine intellektuelle Blasiertheit -angeeignet: es bedarf somit schon außerordentlicher Ereignisse, um -ihn ernstlich zu influieren. Die Tage fliehen ihm dahin wie im -Sturme; das Kommen und Gehen der Jahreszeiten, das dem Kinde -als eine Umgestaltung des ganzen Daseins erscheint, macht ihm den -Eindruck regelmäßiger Vibrationen; und die Wunschlosigkeit seiner -Seele entkleidet die Dinge jenes Kolorits, das sie dem Kinde so -wichtig und interessant macht. Kurz, die acht oder neun Jahre, -die wir auf den Subsellien unserer Schulen versitzen, wiegen reichlich -die vierzig oder fünfzig auf, die das Schicksal uns nachher noch -vorbehalten hat, und die Erlebnisse der Gymnasialzeit bilden somit -den größten Teil unserer Persönlichkeit. Es kommt noch hinzu, daß -die Erinnerung jene frühesten Eindrücke weit lebhafter und frischer -reproduziert als alles, was das Leben später hinzufügt. Selbst -gedächtnisschwache Greise, die nach einer Viertelstunde vergessen -haben, was unter ihren Augen vorgegangen ist, bewahren in der -Regel die Bilder ihrer Kindheit in den lebhaftesten Farben, – zu -einer Zeit also, wo das Gehirn längst aufgehört hat, neue Begebnisse -mit einiger Zuverlässigkeit aufzuspeichern.</p> - -<p>Den eigentlichen Reiz der Gymnasialerinnerungen kann nur derjenige -begreifen, der selbst ein Gymnasium besucht hat, – daher ihr -Zauber denn in der Regel von Frauen nur in sehr fragmentarischer -Weise gewürdigt und nicht selten absolut mißverstanden wird. Ich -erinnere mich, daß eine meiner zahlreichen, im übrigen höchst achtbaren -und liebenswerten Großtanten bei dem Bericht einiger Gymnasialstreiche, -die ich zum besten gab, in ein so bedenkliches Stadium -sittlicher Entrüstung geriet, daß ich an mir selbst irre ward und -mich fragte, ob ich denn in der Tat jenes ruchlose Geschöpf sei, das -die treffliche Matrone im Sinn hatte, wenn sie von einem unverzeihlichen -Mangel an Pietät und Gesittung redete. Aber bald fand ich -Trost in dem Gedanken, daß es dem Blinden nicht vergönnt ist, -über die Farben zu urteilen, und mein schwankendes Selbstgefühl -gewann das Gleichgewicht wieder. In der Tat, aus der Ferne -läßt sich die Situation des Gymnasiasten durchaus nicht begreifen. -Er steht dem »Herrn Professor« oder dem »Herrn Doktor« in jeder -Beziehung anders gegenüber, als z. B. der Privatschüler dem Privatlehrer<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span> -oder der Hausschüler dem Hauslehrer. Es wird keinem -vernünftigen Menschen beifallen, in den Flegeleien, die eine der letztgenannten -Spezies in Szene setzen könnte, etwas Witziges oder -Amüsantes zu erblicken. Zum wahren Wesen einer humoristischen -Schülerungezogenheit gehört als erste Bedingung der Hintergrund -eines öffentlichen Schulsaales und die gleichzeitige ideale Beteiligung -von dreißig bis fünfzig gleichgesinnten Seelen. Nur hier ist ein -eigentlicher »Streich«, eine originelle Täuschung des Lehrers, eine -graziös-perfide Störung möglich, denn die beträchtliche Ausdehnung -des Terrains und die große Anzahl der Mitschüler eröffnet die -Wahrscheinlichkeit, daß der Urheber dieser Unarten geheim bleibe -oder doch erst nach langen, erheiternden Zwischenfällen entdeckt werde. -Der ungezogene Privatschüler gleicht dem brutalen Raubmörder, der -den arglosen Wanderer überfällt und mit Kugel oder Stahl zu -Boden streckt, ein Akt, dem jegliche Pointe fehlt, weil eben nichts -dazu gehört, als eine freche Stirn und eine Geringschätzung der -Guillotine. Der verschlagene Brigantenhäuptling dagegen, der sein -Opfer mit hundert Netzen umgarnt und ihm unter Beibehaltung -aller äußeren Formen der Höflichkeit die Freiheit raubt, um erst -nach erhaltenem Lösegeld das Sequester wieder aufzuheben, der -geniale Spitzbube des Märchens, der seinem Oheim das Bettuch -unter dem Leibe wegstahl und den Pfarrer samt dem Küster aus -dem Predigerhaus entwandte, um das würdige Paar, in einen Sack -eingeschnürt, neben die Schinken des Rauchfangs zu hängen: ein -solcher Virtuos des Verbrechens, ein solcher Paganini der Gaunerei -hat Anspruch auf unsere ästhetischen Sympathien. Und wie dieser -humoristische Frevler zum Raubmörder, so verhält sich der ungezogene -Gymnasialschüler zu den obenerwähnten Kategorien und zu allen -übrigen Nicht-Gymnasiasten.</p> - -<p>Im Grunde sind die Missetaten der Sekundaner und Primaner -so harmlos! Ich kenne eine Reihe höchst achtbarer und wissenschaftlich -durchbildeter Lehrer, die gar nicht mehr existieren könnten, -wenn ihre Schüler nicht ab und zu die gewitterschwüle Luft des -Schulsaales durch eine erfrischende Ungezogenheit reinigten. Die -»goldenen Rücksichtslosigkeiten« Theodor Storms bewähren sich auch -hier: Nichts ist langweiliger, als ein Saal voll wohlgesinnter,<span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span> -braver Schüler, die ein braver, wohlgesinnter Lehrer in den Elementen -des Wissens unterrichtet; und kein Lehrer wird von jener gemütstieferen -Sorte von Schülern, die wir mit dem Gesamtnamen der -Ungezogenheitsfähigen bezeichnen wollen, minder geliebt und geachtet -als der stirnumrunzelte Schultyrann, der jede Bewegung nach rechts -oder links wie ein Verbrechen ahndet und in Krämpfe verfällt, -wenn Müller bei seinem Nachbar Stipelius <em class="antiqua">sotto voce</em> anfragt, -wieviel Uhr es sei. <em class="antiqua">Proh pudor!</em> Ist denn die Schule ein Zuchthaus? -Verblendeter Autokrat! Wenn Du wüßtest, welche Flüche -Dir im stillen nachgesandt werden, sobald Du mit Deinen langen -Beinen durch die Tür geschritten bist! Wenn Du die Nasen sähest, -die Stipelius Dir dreht, sobald Du den Kopf wendest, und wenn -Du die Verse gelesen hättest, die Holzmeier neulich auf Deine liebende -Gattin dichtete! Alles, was Dich und Deine Familie angeht, ist ein -Gegenstand des ausgelassensten Spottes für Deine sämtlichen zweiundfünfzig -gepeinigten Schüler, und die <em class="antiqua">noms de guerre</em>, mit denen -Dich ihre geheime Rachsucht belegt, sind Legion.</p> - -<p>Wie anders ergeht es dem liberalen Denker, der sich daran -erinnert, daß auch er vor so und so viel Dezennien auf diesen Bänken -saß und ab und zu unter dem Tische Sechsundsechzig spielte! Ich -hatte mich während der letzten vier Jahre meiner gymnasialischen -Laufbahn eines so seltenen Mannes zu erfreuen, und ich wüßte nicht, -daß derselbe auch nur ein einziges Mal in eine komische Situation -geraten wäre. Solange ein Schüler nicht ernstlich störte oder kein allzu -eklatantes Ärgernis gab, so lange ignorierte dieser Weltweise selbst -die schwersten Verstöße gegen die Gymnasialordnung: war die Grenze, -die seine Nachsicht gezogen hatte, überschritten, so verhängte er mit -einer freundlichen Gelassenheit die zermalmendsten Strafen und fuhr -dann ohne weiteres im Unterricht fort. Es lag beinahe etwas Wohlwollendes -in seiner Stimme, wenn er plötzlich vom Buche aufsah und, -über die Brille hinweglugend, irgend einem verblüfften Rebellen zurief: -»Boxer, Sie haben drei Tage Karzer!« Keine Spur von Erbitterung -malte sich dabei auf seinen philosophischen Zügen. Wer die Sprache -nicht verstanden und bloß nach dem Klang der Worte geurteilt hätte, -der wäre befugt gewesen, eine Phrase zu vermuten, wie »Bitte, schließen -Sie doch das Fenster«, oder »Ich glaube, es zieht da hinten«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span></p> - -<p>Boxer, dem diese unerwartete Anrede öfters begegnete, versuchte -niemals zu replizieren, denn er wußte, daß Sträuben und Schweifwedeln -hier gleich vergeblich waren. Schweigend starrte er vor sich -hin und faßte, von bitterer Reue ergriffen, den lobenswerten Entschluß, -in Zukunft seine Karten etwas tiefer zu halten.</p> - -<p>Dieser erfahrene Stoiker – ich meine den Professor – war -überhaupt in vielen Beziehungen ein Original. Der nachstehende -Vorfall erscheint in diesem Sinne charakteristisch:</p> - -<p>Ein gewisser Credner wurde zum Übersetzen aufgefordert und -lieferte eine höchst ungenügende Leistung.</p> - -<p>»Warum sind Sie nicht präpariert?« fragte der Professor, über -die Brille schielend.</p> - -<p>»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Credner -mit einer gewissen Frische.</p> - -<p>»Heppenheimer,« sagte der Herr Professor, »schreiben Sie mal -ins Tagebuch: ›Credner wegen Aufrichtigkeit belobt.‹«</p> - -<p>Nach diesem Credner kam die Reihe an meinen lorbeergekrönten -Freund Wilhelm Rumpf. Er fiel durch wie sein Vorgänger.</p> - -<p>»Auch Sie scheinen nichts gearbeitet zu haben«, sprach der Professor -wohlwollend. »Warum bereiten Sie sich nicht gründlicher vor?«</p> - -<p>»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Wilhelm -Rumpf, die Blicke zu Boden senkend.</p> - -<p>»Heppenheimer, schreiben Sie einmal ein: ›Rumpf wegen Plagiats -mit zwei Tagen Karzer bestraft.‹«</p> - -<p>Und Rumpf mußte auf den Karzer, da half ihm kein Gott. -Die Prima aber fand den Ausspruch ihres Weltweisen so trefflich -und wohlbegründet, daß sie in einen nicht zu beschreibenden Jubel -ausbrach.</p> - -<p>Ganz den Gegensatz zu diesem platonischen Urbild eines Gymnasiallehrers -bildete ein unglücklicher Choleriker, der uns in Sekunda den -Virgil erklärte. Seine Haltung wechselte zwischen vulkanischen Wutausbrüchen -und ohnmächtiger Schwäche. Während seiner Lehrstunden -herrschte ein Lärm, wie er seitdem nur noch im deutschen Reichstag -erhört worden ist. Wir lachten, schrien, sangen, husteten, scharrten -mit den Füßen und klatschten mit den Händen, daß man sein eigenes -Wort nicht verstand; und wenn Doktor Hähnle sich endlich zu der<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span> -sittlichen Tat eines Entschlusses aufraffte und Ruhe gebot, so erscholl -ein Hohngebrüll, daß die Fenster klirrten. Vom Standpunkte der -reinen Moral hat ein solcher Unfug allerdings etwas Beklemmendes; -aber die Schuld liegt einzig auf der Seite des Lehrers. Wenn -fünfzig ungezogene Jungen die Gelegenheit haben, straflos zu -tumultuieren, so werden sie unter allen Umständen diese Gelegenheit -ausnutzen, – mit derselben mathematischen Notwendigkeit, mit der -die Biene ihre Wachszellen formt und der Dichter seine poetischen -Schöpfungen webt. Wo der Strom die Dämme einreißt, da verdienen -nicht die Wogen unseren Groll, sondern die nachlässigen -Deichverwalter, denen es oblag, den Anprall in den gehörigen -Schranken zu halten. Waren es doch dieselben Sekundaner, die -später in Prima von dem eben geschilderten Weltweisen wie spielend -gebändigt wurden.</p> - -<p>Die Attentate, die wir auf die Person dieses nie genug zu -beweinenden Doktor Hähnle ausübten, waren nach Form und Inhalt -zahllos wie der Sand am Meere. Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung -mischten sich hier in grotesker Buntscheckigkeit mit List und -Rache. Von den zärtlichsten Neckereien bis zu den gröblichsten -Unbilden baute unsere ruchlose Phantasie Staffel um Staffel, und -wenn Doktor Hähnle nicht schließlich unter unseren sakrilegischen -Krallen seinen Geist auskrähte, so geschah dies nur deshalb, weil -er noch rechtzeitig pensioniert wurde.</p> - -<p>Wenn die ersten Kirschen reiften, so erstanden wir eines jener -zierlichen Sträußchen, wie die Marktweiber sie, auf blankgeschabte -Hölzer gesteckt, zum Verkauf bieten. Diese köstliche Gabe -der jungen Natur wurde Herrn Doktor Hähnle beim Beginn der -Lehrstunden als Zeichen der allgemeinen Liebe und Verehrung -überreicht.</p> - -<p>Obgleich sich das Ereignis, das ich schildern will, bereits seit -einem Dezennium alljährlich wiederholte, so verfehlte der also gefeierte -Lehrer doch niemals, in den verbindlichsten Worten seinen Dank -auszusprechen und das Sträußchen auf dem Tisch neben der Tür -in Depositum zu geben.</p> - -<p>Nun begann die Komödie.</p> - -<p>»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span></p> - -<p>»Gehen Sie!«</p> - -<p>Der Schüler ging und zog im Vorbeigehen mit geschicktem Griffe -von einer der zierlich zusammengebundenen Kirschen dergestalt das -Fleisch ab, daß der Kern am Stiel sitzen blieb. Die Beute ostensibel -zum Munde führend, verschwand er im Korridor.</p> - -<p>»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«</p> - -<p>»Gehen Sie!«</p> - -<p>Abermalige Abstreifung des Kirschenfleisches und Zurücklassung -des entblößten Kernes.</p> - -<p>Das Sträußchen enthielt ungefähr zwölf bis fünfzehn Kirschen. -Zwölf bis fünfzehn Schüler baten demgemäß um die Erlaubnis, -»hinausgehen« zu dürfen.</p> - -<p>Unter mannigfachen Störungen und Impertinenzen verstrich die -Stunde. Doktor Hähnle gewahrte sofort, welches Los man ihm -bereitet hatte, und machte Anstalten, ohne weiteres an den Resten -des Festgeschenkes vorüber zu wandeln. Aber das ging nicht so.</p> - -<p>»Herr Doktor, Ihr Sträußchen!« rief eine Stimme aus dem -Hintergrunde.</p> - -<p>»Vergessen Sie doch Ihr Sträußchen nicht!« klang das Echo.</p> - -<p>»Ja, wo ist denn dem Herrn Doktor sein Sträußchen?«</p> - -<p>Ein vierter ergriff das Sträußchen mit den zwölf bis fünfzehn -Stielen, an denen die Kerne elegisch herabbaumelten, und trat vor, -um es dem verwirrten Lehrer mit Grazie zu präsentieren.</p> - -<p>Und nun erscholl ein Jubelgeheul durch die heiligen Hallen der -Sekunda, das an die stolze Hyperbel gemahnte, mit welcher Homer -das Wehgebrüll des verwundeten Ares zu versinnlichen sucht. Doktor -Hähnle aber wies die schnöden Überbleibsel des Sträußchens mit -Verachtung zurück und eilte, von einem wahren Gelächter der Hölle -verfolgt, ins Freie.</p> - -<p>Ein andermal brachten wir eine Auswahl musikalischer Instrumente -mit, etwa eine Mundharmonika, ein Blechtrompetchen und eine Maultrommel. -An solchen Tagen herrschte in den Räumen der Sekunda -eine ungewohnte Stille. Gewitterschwül lagerte es über den Bänken, -und Doktor Hähnle konstatierte zu seiner eigenen bänglichen Überraschung, -daß er fünf Minuten lang ohne Unterbrechung dozieren -konnte. Da mit einemmal erhob sich in den fernsten Winkeln des<span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span> -Saales ein sanft anschwellender Triller, der unter der atemlosen -Stille der Versammlung in ein Motiv aus Flotows Martha überging -und plötzlich mit einem grellen Mißton abbrach.</p> - -<p>Donnernder, rasender Applaus.</p> - -<p>Doktor Hähnle stand wie versteinert.</p> - -<p>Abermals herrschte ein brütendes Schweigen, und jetzt ertönte -in melodischer Abdämpfung das unheimliche Schnurren der Maultrommel, -die dasselbe Motiv aus der Flotowschen Oper, nur etwas -neckischer nuanciert, wiederholte.</p> - -<p>Applaus wie vorhin. Doktor Hähnle wurde dunkelrot im -Gesicht. Mit der geballten Faust schlug er aufs Lehrpult.</p> - -<p>»Still einmal«, rief er mit bebender Stimme. »Der miserable -Mensch, der das getan hat, soll sich noch einmal hören lassen; ich -will ihm dann zeigen, was einer so beispiellosen Roheit gebührt!«</p> - -<p>Und wiederum schwieg die ganze Klasse wie <em class="gesperrt">ein</em> Mann.</p> - -<p>Eine halbe Minute ungefähr ließ das gewünschte Dakapo -auf sich warten; dann begann wieder jene erste Sirenenstimme mit -dem verführerisch lieblichen Triller, und das Motiv aus Martha -folgte in tadelloser Reinheit.</p> - -<p>»So!« schrie Doktor Hähnle unter dem überschwenglichen -Jauchzen der Schülerschaft. – »Jetzt soll der miserable Mensch -seine Frechheit <em class="gesperrt">noch einmal</em> wagen!«</p> - -<p>Die Versammlung begrüßte diese seltsame Wendung des Hähnleschen -Zornes mit gebührender Aufmerksamkeit. Hähnle trat nunmehr vom -Katheder herab, um von der Seite her in die Reihen der Schüler -zu blicken. Indes schon Uhland singt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Nicht an wen'ge stolze Namen<br /></span> -<span class="i0">Ist die Liederkunst gebannt.<br /></span> -</div></div> - -<p>Die Artisten auf den hinteren Bänken, die Hähnle jetzt als -zunächst verdächtig ins Auge faßte, ließen ihre Instrumente nach -vorn wandern, und mit einemmal erscholl das schöne Volkslied</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">aus der entgegengesetzten Richtung.</p> - -<p>Jetzt schritt Hähnle zur Untersuchung. Er begann beim Primus.</p> - -<p>»Wo haben Sie's gehört?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span></p> - -<p>»Da hinten am Ofen.«</p> - -<p>»Wo haben Sie's gehört?«</p> - -<p>»Da vorn am Fenster.«</p> - -<p>»Wo haben Sie's gehört?«</p> - -<p>»Mir kam's vor, als sei's draußen.«</p> - -<p>»Wo haben Sie's gehört?«</p> - -<p>»Ich? Ich habe gar nichts gehört.«</p> - -<p>»Wo haben Sie's gehört?«</p> - -<p>»Dort am Katheder.«</p> - -<p>Diese kühne Bemerkung wurde durch Beifall auf allen Bänken -belohnt.</p> - -<p>Nachdem Doktor Hähnle so eine halbe Stunde lang herumgefragt -und die widersprechendsten Auskünfte vernommen hatte, ging -er ans Werk, die einzelnen Schüler zu visitieren.</p> - -<p>»Treten Sie mal hier heraus«, sprach er zum Primus.</p> - -<p>Er befühlte dem lächelnden Schüler nun sämtliche Taschen, -wobei dieser nicht verfehlte, Au! zu schreien oder allerlei unnennbare -Töne auszustoßen, die er mit der Bemerkung entschuldigte: Ach, -Herr Doktor, ich bin so kitzlich!</p> - -<p>Die Visitation blieb natürlich erfolglos, denn die Maultrommel -war längst bei den noch nicht visitierten Schülern in sicheren Gewahrsam -gebracht.</p> - -<p>So untersuchte Doktor Hähnle nun den zweiten, dritten, vierten, -fünften und sechsten seiner mißratenen Sekundaner, ohne das -mindeste zu entdecken.</p> - -<p>Mit einemmal faßte er einen verwegenen Entschluß. Er griff -sich plötzlich einen Schüler aus den mittleren Bänken heraus und -befahl ihm, schnell einmal herzukommen. Zufällig hatte der Instinkt -des gequälten Lehrers diesmal das Rechte getroffen; aber es half -ihm nur wenig. Der Schüler, weit entfernt, der Aufforderung -Hähnles so ohne weiteres Folge zu leisten, stellte sich vielmehr schwerhörig, -gab die musikalischen Instrumente mit aller Vorsicht an den -Vordermann ab und fragte dann mit rührender Naivität:</p> - -<p>»Meinen Sie mich, Herr Doktor?«</p> - -<p>»Ja, Sie!« rief der fiebernde Hähnle. »Machen Sie nur keine -Umstände! Kommen Sie augenblicklich heraus!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span></p> - -<p>»Ach so«, sagte der Schüler; »ich dachte, Sie meinten den Heinemann. -Ja, wenn Sie denn wirklich der Ansicht sind, ich könnte -mir diese Störung erlaubt haben, so bin ich ja mit Vergnügen -bereit, herauszukommen; aber Sie dürfen mir nicht in die rechte -Seite kommen, Herr Doktor, da bin ich gestern geschröpft worden.«</p> - -<p>Doktor Hähnle ließ sich zwar in der Regel sehr viel gefallen, -wie der geneigte Leser aus der vorstehenden Schilderung bereits -entnommen haben dürfte; aber zuweilen nahm er an Bemerkungen -Anstoß, bei denen dies keiner vermutet hätte.</p> - -<p>So irritierte ihn jetzt die Versicherung Kleemüllers, daß er in -der rechten Seite geschröpft sei.</p> - -<p>»Denken Sie vielleicht, Sie können hier Ihre Possen treiben?« -rief er mit Donnerstimme. »Ich gebe Ihnen drei Stunden Karzer!«</p> - -<p>»Weshalb?« fragte Kleemüller ruhig.</p> - -<p>»Weshalb? Ich will Sie lehren, mir mit solchen Dummheiten -zu kommen!«</p> - -<p>Kleemüller nahm eine sehr ernste Haltung an.</p> - -<p>»Herr Doktor,« begann er, jedes Wort nachdrücklich betonend, -»wenn ich sage, ich bin in der rechten Seite geschröpft, so bin ich -geschröpft, und ich weiß nicht, was Sie an dieser Tatsache auszusetzen -haben.«</p> - -<p>»Sie gehen mir jetzt sechs Stunden auf den Karzer, und überdem -werde ich den Herrn Direktor von dem Vorgefallenen in -Kenntnis setzen.«</p> - -<p>»So,« entgegnete Kleemüller, »also bei Ihnen darf man nicht -einmal in der rechten Seite geschröpft sein? Nun, da bin ich doch -neugierig, ob der Herr Direktor Ihre Auffassung teilt!«</p> - -<p>»Kein Wort mehr!« rief Doktor Hähnle. »Entweder Sie bringen -mir ein ärztliches Zeugnis, daß Sie wirklich geschröpft sind, oder -Sie gehen auf den Karzer!«</p> - -<p>»Gut«, sagte Kleemüller. »Ich werde Ihnen ein ärztliches -Zeugnis bringen. Muß ich es auch polizeilich beglaubigen lassen?«</p> - -<p>»Kommen Sie jetzt nur mal heraus! Sie haben vorhin gepfiffen!«</p> - -<p>»Ich? Aber Herr Doktor, wenn man in der rechten Seite -geschröpft ist, vergeht einem das Pfeifen von selbst! Ich möchte -mal sehen, wenn Sie in der rechten Seite geschröpft wären …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p> - -<p>Nach diesen und ähnlichen Albernheiten begann nun bei -Kleemüller die Untersuchung nach demselben Schema, das Hähnle -vorher bei den Schülern der ersten Bank angewandt hatte, und mit -demselben Erfolg. Da mit einemmal erscholl die Klingel des -Pedells. Hähnle ergriff seinen Hut und war froh, die Untersuchung -und die Lehrstunde hinter sich zu haben.</p> - -<p>Am folgenden Tage brachte Kleemüller sein Schröpfzeugnis, -und so war auch dieser Punkt zur Zufriedenheit beider Teile -erledigt.</p> - -<p>Eine besonders hervorragende Rolle in unserem Verkehr mit -Doktor Hähnle spielten die Unglücksfälle.</p> - -<p>Ich erkläre mich deutlicher.</p> - -<p>Kleemüller, der überhaupt in körperlichen Leiden exzellierte, -hatte sich den Fuß verstaucht und kam, auf einen Knüppel gestützt, -der während eines nicht allzu strengen Winters ausgereicht haben -würde, eine bescheidene Familie mit Brennmaterial zu versorgen, in -das Zimmer gewankt. Im Begriff, sich auf seinen Platz zu begeben, -fiel er langwegs zu Boden, die eigens zu diesem Zweck in reicher -Auswahl mitgebrachten Bücher nach allen Richtungen hin verstreuend -und mit dem Knüppel so auf die Dielen donnernd, daß der Staub -in gigantischen Wolken aufwirbelte. Gleichzeitig mit diesen -Staubwolken stieg Kleemüllers Klagegeschrei zum Himmel. Der leidende -Philoktet des Sophokles kann nicht entsetzlicher geheult und gewinselt -haben wie der gefallene Kleemüller. Die Töne aller Urwaldsbestien -vermischten sich in dieser phonetischen Kraftleistung, und die entzückte -Sekunda brüllte den Chor.</p> - -<p>Doktor Hähnle wartete stirnrunzelnd, bis Kleemüller sich wieder -erhoben hatte. Die Brust des unglücklichen Philologen arbeitete in -wilder Bewegung. Plötzlich streckte er den rechten Arm aus, richtete -die Spitze des Zeigefingers auf denjenigen seiner Schüler, der mit -der Führung des Klassendiariums beauftragt war, und sprach die -vernichtenden Worte:</p> - -<p>»Heppenheimer, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Kleemüller -erschien mit einem Stocke bewaffnet im Lehrzimmer und ließ denselben -mit aller Wucht auf die Dielen aufpoltern!‹ So, das haben Sie -sich nun selbst zuzuschreiben! Denken Sie, ich bin gesonnen, mir<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span> -Ihre fortgesetzten Impertinenzen so ohne weiteres gefallen zu lassen? -Nun machen Sie, daß Sie auf Ihren Platz kommen!«</p> - -<p>»Aber Herr Doktor,« wimmerte Kleemüller, »man wird doch -noch per Zufall einmal hinfallen können!«</p> - -<p>»Man wird gar nichts!« entgegnete Hähnle zermalmend, und -Kleemüller setzte sich langsam auf seinen Platz.</p> - -<p>Der beklagenswerte Lehrer trug sich von diesem Moment an -wochenlang mit dem Bewußtsein, ein Exempel statuiert zu haben.</p> - -<p>Ein »Unglücksfall« von höchst folgenschwerer Bedeutung war -das unerwartete Erscheinen einer Wespe.</p> - -<p>Kleemüller, der sehr nervös war, und einige gleichgesinnte -Kollegen gebärdeten sich dann jedesmal wie Pensionsdämchen beim -Anblick einer Ratte, und die übrigen, von christlichem Mitgefühl -übermannt, improvisierten eine Jagd der ausgelassensten Art. Man -warf Rosts deutsch-griechisches Wörterbuch nach dem Eindringling, -ohne sich darum zu kümmern, daß der dickleibige Quartband ganz in -der Nähe des Katheders niederfiel … Man operierte mit Kappen -und Taschentüchern und griff in der Hitze des Gefechts sogar nach -dem Hut des Lehrers, ohne die Einsprache des geängstigten Eigentümers -zu beachten. Solche Jagden nahmen in der Regel eine -volle Viertelstunde in Anspruch. Wenn sie zu Ende waren, machte -Hähnle seiner Erbitterung dadurch Luft, daß er sich, wie bei dem -»Unglücksfall« mit dem Knüppel, an Heppenheimer wandte und im -Diarium die Tatsache konstatieren ließ: eine Wespe sei während der -Lehrstunde durch das Schulzimmer geflogen und von verschiedenen -Schülern unter Herbeiführung mehrfacher Störungen verfolgt -worden.</p> - -<p>Hiermit hatte er seinem pädagogischen Gewissen in jeder Beziehung -Genüge getan. Dieses Tagebuch spielte überhaupt in dem -Leben Doktor Hähnles eine denkwürdige Rolle. Er befahl all seine -Wege und was sein Herz kränkte der treuen Vaterpflege dieses -Institutes, ohne daß es uns jemals klar geworden wäre, was seine -Eintragungen füglich bezweckten.</p> - -<p>Eines Tages warf einer meiner Freunde in demselben Moment, -da Doktor Hähnle die Blicke in sein Notizbuch heftete, um eine -kritische Note einzuschreiben, mit geschickter Fingerelastik eine Knallerbse<span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span> -in die Luft, die in der Nähe des Katheders niederfiel und den -unglücklichen Schulmann nicht wenig erschreckte.</p> - -<p>Sofort wußte er, wo er seine Seele zu erleichtern hatte.</p> - -<p>»Heppenheimer,« schrie er, noch bleich vor Schreck und Aufregung, -»schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Eine Knallerbse fiel in -der Nähe des Katheders nieder und zerplatzte.‹«</p> - -<p>In der folgenden Stunde ereignete sich die überraschende -Explosion aufs neue. Doktor Hähnle verschmähte nicht, der Wiederholung -seines Schreckens durch folgende Tagebuchnotiz Ausdruck zu -verleihen:</p> - -<p>»Abermals fiel eine Knallerbse in der Nähe des Katheders -nieder und zerplatzte.«</p> - -<p>Dieses »Abermals« entlockte der jugendlichen Versammlung, die -ein sehr lebhaftes Gefühl für unfreiwillige Komik besaß, ein -wieherndes Gelächter, das Herrn Doktor Hähnle bei einiger Fähigkeit -des Urteils hätte belehren müssen, wie wenig diese amtlichen Bestätigungen -seiner eigenen Schande geeignet waren, den erstorbenen -Respekt im Busen der Schuljugend neu zu beleben.</p> - -<p>Was war die Folge dieses »Abermals«?</p> - -<p>Wir wären keine Vollblut-Sekundaner gewesen, wenn wir -nicht den Versuch gemacht hätten, ob Doktor Hähnle nicht auch zum -drittenmal auf den Leim gehen würde. Leider schlug dieser Versuch -infolge des Umstandes fehl, daß die Freude an dem Zerspringen -der kleinen Orsinibomben bereits zu beträchtliche Dimensionen angenommen -hatte. Ehe noch Doktor Hähnle seinem Heppenheimer -zurufen konnte: »Zum drittenmal …«, – hatte sich bereits das -vierte, fünfte und sechste Mal an den verschiedensten Punkten des -Schulzimmers ereignet, und während der verzweifelte Pädagoge nach -den hinteren Bänken rannte, um die verborgenen Angreifer zu -entdecken, sandten ihm die Schüler der vorderen Bänke einen ganzen -Hagel dieser Wurfgeschosse in den Rücken, so daß er nach einigen -krampfhaften Wendungen die Arme schlaff am Körper herabsinken -ließ, als wollte er sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott -helfe mir, Amen! Nie wieder habe ich eine so klägliche Szene -erlebt, wie dieses innerliche Zusammenbrechen des knallerbsenüberwältigten -Virgil-Interpreten. In diesem Moment ergriff uns<span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span> -etwas wie Mitleid. Wir erkannten, daß Doktor Hähnle eigentlich -für die normale Ungezogenheit eines Sekundaners zu schmächtig -war: dieser Mann gehörte nach Sexta.</p> - -<p>Der beweinenswerte Lehrer schien selbst etwas von der Wahrheit -dieser Erwägung zu fühlen: das Bewußtsein, es müsse etwas geschehen, -riß ihn mit einemmal aus seiner Erstarrung empor. Er -warf sich in Positur, hob die Faust und schrie mit geller Stimme:</p> - -<p>»Ihr miserablen Buben! Ich habe mich nie vor Männern -gefürchtet, meint Ihr, ich fürchtete mich vor Euch?«</p> - -<p>Ungeheure Heiterkeit war die Antwort auf diese verunglückte -Apostrophe.</p> - -<p>Mit einemmal nahm Hähnle die Haltung eines Mannes an, -der mit sich und seinen Entschlüssen im reinen ist. Er wandelte -majestätischen Schrittes nach dem Tisch, wo sein Hut lag, stülpte die -Kopfbedeckung mit einer energischen Handbewegung über das Haupt -und faltete dann die Arme vor der Brust.</p> - -<p>»So,« sagte er, »nun mag Euch Stunde halten, wer will! Ich -gehe jetzt zum Herrn Direktor.«</p> - -<p>Die ganze Klasse wälzte sich fast vor Vergnügen. Doktor -Hähnle aber warf uns noch einen Blick der grenzenlosesten Verachtung -zu und eilte dann hinaus, die Tür heftig ins Schloß werfend.</p> - -<p>Sofort herrschte in den Räumen der Sekunda eine ganz -erträgliche Ruhe. Einer von uns stand auf und eilte dem Verschwundenen -nach.</p> - -<p>Doktor Hähnle hatte seinen furchtbaren Entschluß in der Tat -verwirklicht; er war zum Direktor gegangen, hatte gemeldet, daß die -Sekunda in offener Rebellion begriffen sei, und die Zusage einer -exemplarischen Ahndung erhalten.</p> - -<p>Das Verhängnis sollte nicht lange auf sich warten lassen. Die -nächsten acht Tage waren fast ausschließlich einer umfassenden -Untersuchung gewidmet, an der sich das ganze Lehrerkollegium -beteiligte. Im Anfang blieben die Bemühungen unserer Inquisitoren -absolut fruchtlos. Die Sekundaner bezeugten einstimmig, daß im -ganzen nur zwei Knallerbsen zur Explosion gelangt seien, und daß -der Täter in einem gewissen Heinsius gesucht werden müsse, der -zwei Tage nach dem bedeutsamen Ereignis das Gymnasium für<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span> -immer verlassen hatte, um nach Amerika überzusiedeln. Schon -gewann es den Anschein, als würde unsere Effronterie, verbunden -mit der Leichtgläubigkeit unserer Lehrer, diesmal den Sieg davontragen: -aber siehe da, es fand sich ein braver, gesitteter Schüler, -der den Verräter spielte. Ich und fünf andere der hervorragendsten -Frevler wurden von diesem verkappten Mouchard bei der Direktion -angezeigt – ein Zwischenfall, der dem Gange der Untersuchung -eine wesentlich neue Richtung gab.</p> - -<p>Der Reihe nach in das Zimmer des Direktors beschieden, verharrten -wir zunächst bei unserer Aussage, daß Heinsius die Knallerbsen -geschleudert habe; ungünstige Konstellationen zwangen uns -indes nach kurzer Frist ein »reumütiges« Geständnis ab.</p> - -<p>Samuel Heinzerling nahm alles mit hochwichtiger Amtsmiene -zu Protokoll. Über die Art und Weise, wie wir beim Schleudern -der Knallerbsen zu Werke gegangen seien, hatte ich mit dem ernsten -Gymnasialfürsten eine anderthalbstündige Unterredung. Er wollte -absolut nicht glauben, daß es möglich sei, diese Schleuderung -lediglich mit den Fingern zu bewerkstelligen, und fügte seinen hierauf -bezüglichen Zweifeln jedesmal die Bemerkung hinzu, daß fortgesetztes -Leugnen »onsere Lage nor verschlämmern könne«. Erst als ich mich -erbot, den Herrn Direktor durch den Augenschein zu belehren, wie -vollkommen es möglich sei, durch eine kräftige Bewegung des -Handgelenkes die erforderliche Wurfgeschwindigkeit zu erreichen, gab -sich der Skeptiker mit der Bemerkung: »Non, wär wollen das dahingestellt -sein lassen«, zufrieden.</p> - -<p>Das Endresultat dieses unvergeßlichen Abenteuers war für -sämtliche Teilnehmer in hohem Grade verhängnisvoll. Zwei von -uns wurden relegiert, wir übrigen erhielten Karzerstrafen bis zu -zehn Tagen, und Doktor Hähnle ward von dem Unterricht in -Sekunda »auf sein Ansuchen« entbunden. Ein Vierteljahr später -las man in dem großherzoglichen Regierungsblatt, daß Doktor -Ephraim Hähnle in Anerkennung seiner langjährigen Dienste -pensioniert worden sei.</p> - -<p>Wer erkennt nicht den tieferen Sinn, der in dieser knabenhaften -Rebellion gegen einen unfähigen Pädagogen liegt? Ein ohnmächtiger -Lehrer ist gerade dem mutwilligsten und ausgelassensten<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span> -Schüler <em class="antiqua">a priori</em> ein Greuel, denn die Schwäche scheint seine -Unarten in einer Weise herauszufordern, die seinen Stolz beleidigt. -Es ist kein Verdienst, da Exzesse zu begehen, wo die Straflosigkeit -so gut wie gewiß erscheint; auch soll der Exzeß nicht die Regel sein, -weil er sonst viel von seinem eigentlichen Reiz einbüßt. Doktor -Hähnle ward gestürzt wie eine unfähige Regierung, und jede -Regierung, der die Revolution über den Kopf wächst, erleidet genau -das, was ihr gebührt.</p> - -<p>In Prima benahmen wir uns schon aus eigenem Antrieb -gesetzter, ganz abgesehen davon, daß sich unter den Lehrern der -Prima kein Hähnle befand. Die originellste Figur war hier ohne -Zweifel der Direktor Samuel Heinzerling, ein jovialer, den Regungen -des Humors nicht unzugänglicher Mann, der sich einer allgemeinen -Beliebtheit erfreute. Wir nannten ihn Pater und sagten ihm am -Schlusse unserer lateinischen Aufsätze alle erdenklichen Schmeicheleien, -die der »<em class="antiqua">rector gymnasii illustrissimus, justissimus, dilectissimus</em>«, -wie er in solchen Hymnen gewöhnlich qualifiziert wurde, ganz beifällig -aufnahm und mit einem »<em class="antiqua">Valde placet</em>« am Rande der -Arbeit belohnte.</p> - -<p>Nur eine schwache Seite hatte dieser vortreffliche Pädagoge: -er litt nämlich an dem Vorurteil, ein gerechter und vollkommener -Primaner müsse des Morgens präzis mit dem Glockenschlage auf -seinem Platze sein. Nun ist es eine erfahrungsgemäße Tatsache, -daß die Freuden des Morgenschlummers um so entschiedener -gewürdigt werden, je mehr sich der Mensch innerlich und äußerlich -entwickelt; und ich insbesondere war bereits in Unterprima ein unversöhnlicher -Gegner des altklassischen Wahlspruches: <em class="antiqua">Aurora -musis amica</em>.</p> - -<p>Noch jetzt empfinde ich, wenn ich mich vorübergehend in -meiner Vaterstadt aufhalte und des Morgens um drei Viertel auf -sieben den Schall des kleinen bimmelnden Glöckchens vernehme, -das die Munizipalität eigens für die Bedürfnisse der Schulen auf -dem Stadtkirchturme angebracht hat, ein dunkles, beklemmendes -Unbehagen, das mir im Anfang durchaus rätselhaft erscheint, bis -ich mir darüber klar werde, daß es die Erinnerung an meine -Primanerzeit ist, die mir diese Gefühle im Busen zeitigt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span></p> - -<p>Es war doch eine peinliche Situation …! Man lag, von -den köstlichen Armen eines jugendkräftigen Schlafes umfangen, sorg- -und ahnungslos auf der Matratze und träumte von Hulda, der -schwarzäugigen Schauspielerin, die des Tags zuvor im Linkerschen -Saale so unvergleichlich die Anna-Liese gespielt hatte, oder von -Pauline, der blonden Tochter des Stadtpredigers: da mit einemmal -erscholl die klappernde Monotonie dieses verwünschten metallenen -Weckers, und die duftigen Phantasiebilder zerflossen in Rauch vor -dem unbarmherzigen Tageslichte der Wirklichkeit. Im Traume -vielleicht ein König, ein Gott, sah man sich jetzt wieder zum Sklaven -der Stunde herabgewürdigt; der Zwang des Müssens trat in qualvoller -Zudringlichkeit an uns heran und legte uns die eisernen Hände -aufs Herz, so daß es tief gedemütigt in sich zusammenschauerte.</p> - -<p>Es begann nun jener stets von neuem auszufechtende Kampf -zwischen der Neigung und der Pflicht. Man dehnte und streckte sich, -als wolle man die Freuden der zwei, drei Stunden, die man unter -anderen Umständen noch verträumt und verdämmert hätte, gleichsam -im Extrakt genießen. Man legte sich »noch für zehn Minuten« auf -die andere Seite, um schon nach Ablauf von dreißig Sekunden -emporzufahren und nach der Zeit zu sehen. Man beneidete seinen -älteren Bruder, der Student war und jeden Morgen bis elf Uhr -in den Federn blieb. Man fluchte der irrationellen Einrichtung des -Stundenplans, der die Klufenbrecherschen Auseinandersetzungen über -Mathematik recht gut auf eine passendere Zeit hätte verlegen können, -und schwur sich, sobald man das Gymnasium hinter sich habe, das -Versäumte mit aller Macht nachzuholen.</p> - -<p>Unterdessen verstrich eine Viertelstunde, und von neuem hob -der entsetzliche Klöppel auf dem Stadtkirchturme zu wimmern an. -Jetzt sprang man mit gleichen Füßen aus dem Bett und kleidete -sich mit einer Geschwindigkeit an, die uns seitdem zum Mythus -geworden ist. Nach Verlauf von fünf Minuten war man im -Freien: den Kaffee hatte man wie ein hastiges Stehseidel hinunter -gestürzt, und die Semmel pflegte man sich ohnehin zum behaglichen -Verbrauch während der Lehrstunden aufzusparen.</p> - -<p>So schnell man jedoch hier zu operieren wußte, die verlorene -Viertelstunde konnte nicht wieder eingebracht werden, und so kam<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span> -man denn regelmäßig um zehn, ja selbst fünfzehn und zwanzig -Minuten zu spät.</p> - -<p>Unser Direktor fand dieses Zuspätkommen empörend. Er hatte, -um dem immer bedrohlicher um sich greifenden Mißbrauche energisch -zu steuern, die Anordnung getroffen, daß jeder, der ohne genügende -Entschuldigung den Beginn der Lehrstunden versäume, mit dem -Vermerk »zu spät gekommen« notiert würde, und daß jeder, der -innerhalb einer Woche zweimal notiert worden sei, einen Tag lang -in den Räumen des Karzers über die Pflichten des Primaners -nachzudenken habe.</p> - -<p>Da ich auch ohne diesen Extrazuschuß oft genug meiner Freiheit -beraubt wurde, so strengte ich alle Kräfte an, um der peinvollen -Eventualität einer doppelten Notierung vorzubeugen, und zu diesem -Zweck bedurfte ich einer Reihe genügender Entschuldigungen, deren -Beitreibung meinen ganzen Scharfsinn in Anspruch nahm.</p> - -<p>Zum Glück war der Direktor keine skeptische Natur. Er ließ -selbst das Unwahrscheinliche, wenn es mit einer gewissen Keckheit -vorgetragen wurde, unbeanstandet passieren. Ich hatte mir im -Laufe der Semester eine solche Virtuosität der Erfindung angeeignet, -daß ich am Schluß meiner Gymnasiallaufbahn nahe daran war, -ein »Leichtfaßliches Entschuldigungshandbuch für Gymnasiasten und -Realschüler« zusammenzustellen, das ohne Zweifel ein ebenso dankbares -als zahlreiches Publikum gefunden hätte. Ich will an dieser -Stelle einige der wirksamsten Entschuldigungen planlos aneinander -reihen, um so dem <em class="antiqua">dulce</em> doch wenigstens einen Gran von <em class="antiqua">utile</em> -beizumischen. Vielleicht sieht sich ein deutscher Verleger bei der -Lektüre dieser Zeilen veranlaßt, mich zur Ausarbeitung des damals -projektierten Werkes nachträglich aufzufordern. Gefällige Anträge -erbitte ich direkt unter meiner Adresse.</p> - -<p>Einer der wichtigsten Faktoren im Gebiete der Gymnasialentschuldigungen -ist der Onkel. Ein Gymnasiast kann sich gar nicht -genug Onkels halten. Ein Onkel ist in jeder Beziehung verwendbar -namentlich aber für das Zuspätkommen:</p> - -<p>»Ich mußte meinen Onkel an den Bahnhof begleiten.«</p> - -<p>»Mein Onkel hatte einen Schlaganfall.«</p> - -<p>»Mein Onkel feiert heute seinen fünfundsechzigsten Geburtstag.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span></p> - -<p>»Mein Onkel aus Havelberg ist angekommen.«</p> - -<p><em class="antiqua">NB.</em> Ist der Onkel aus Havelberg einigermaßen mit dem -Gymnasialdirektor bekannt, so fügt man hinzu:</p> - -<p>»Er läßt auch schönstens grüßen, und wenn sein Aufenthalt -nicht gar zu kurz wäre, würde er sich die Ehre geben.«</p> - -<p>Bei Samuel Heinzerling waren diese Onkel-Entschuldigungen -stets von augenblicklicher Wirkung.</p> - -<p>»Non, es äst goot«, sagte er befriedigt lächelnd. Nur wenn -ich in der Zerstreutheit die frohe Botschaft von der Ankunft meines -Onkels aus Havelberg an zwei aufeinander folgenden Tagen zum -besten gab, wagte er die überraschte Bemerkung:</p> - -<p>»Schon wäder? Ähr Onkel scheint aber auch recht väl zo reisen!«</p> - -<p>Ich erkannte sofort meinen Irrtum, sagte jedoch so unbefangen -als möglich:</p> - -<p>»O ja, Gott sei Dank, er ist noch recht rüstig.«</p> - -<p>Es versteht sich von selbst, daß unter Umständen auch Tanten -in gleicher Richtung verbraucht werden können. Hier empfiehlt es -sich, von Zeit zu Zeit eine Kindtaufe zu erfinden oder aber, falls -man die Anwendung unvermählter Tanten vorzieht, hysterische -Krämpfe in Ansatz zu bringen.</p> - -<p>Wenn ich die verwandtschaftlichen Beziehungen hinlänglich in -Kontribution gesetzt hatte, griff ich in das Kapitel gewisser häuslicher -Vorkommnisse und beantwortete die Frage des Direktors: -»Warum kommen Sie zu spät?« mit der schlagenden Bemerkung:</p> - -<p>»Mein Waschwasser war gefroren.«</p> - -<p>Oder:</p> - -<p>»Unsere Köchin hat sich verschlafen.«</p> - -<p>Oder:</p> - -<p>»Meine Uhr ging falsch.«</p> - -<p>Alle diese Entgegnungen fand der Direktor vollkommen »genügend« -– ich hätte denn die Unvorsichtigkeit begehen müssen, die -Mär von dem gefrorenen Waschwasser in den Hundstagen vorzubringen.</p> - -<p>In Oberprima, wo ich die ersten Spuren eines sprossenden -Bartes zu verzeichnen hatte, behauptete ich sogar einmal, mein -Barbier habe sich verspätet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span></p> - -<p>»So?« fragte der Direktor. »Non, äch dächte, in Ährem Alter -brauchte man säch noch nächt rasären zo lassen! Wä äch so alt war, -dachte äch nämals an dergleichen Allotria. Öbrigens, Sä haben -ja noch Ähren ganzen Anflug von Bart äm Gesächt stehen. Wo -haben Sä säch denn rasären lassen?«</p> - -<p>»Herr Direktor, das ist es ja gerade. Ich habe mich eben -nicht rasieren lassen, und deswegen steht der Bart noch. Heute -war mein Rasiertag. Jedesmal den fünfzehnten lasse ich mich -rasieren.«</p> - -<p>»Non, es mag goot sein! Sagen Sä Ährem Barbär, er soll -in Zokonft zeitiger kommen: wär können här nächt auf ähn warten.«</p> - -<p>Und hiermit nahm ich freudestrahlend meinen Platz ein.</p> - -<p>Als weitere Entschuldigungen führe ich nur noch kurz die nachstehenden -an:</p> - -<p>»Ich fiel, zerriß mir die Beinkleider und mußte wieder umkehren.« -– »Ich ward beim Vorübergehen an einem Hause der -Kreuzstraße mit einer eigentümlichen Flüssigkeit begossen etc.« – -»Ich bekam eine Ohnmacht.« – »Auf dem Sandwege war die -Passage durch drei ineinander gefahrene Wagen versperrt. Ich -mußte daher den Umweg über die neue Kurstraße und den -Kommandantenplatz nehmen.« – »Ich wurde irrtümlich verhaftet.« -– »Ich habe mir den Fuß verstaucht.« – »Es war Glatteis.«</p> - -<p>Bei dieser letzten Phrase wird sich der Lehrer naturgemäß -wundern, daß er von einer so unverkennbaren Naturerscheinung -nichts gemerkt habe.</p> - -<p>»So?« wird er fragen. »War Glatteis?«</p> - -<p>Die Mitschüler ermangeln nicht, diese Frage unbedingt zu -bejahen.</p> - -<p>»Das heißt,« fügt nun der zu spät gekommene Schüler hinzu, -»nur an einzelnen Stellen. Sie sind vielleicht über den Hohlweg -und am Rathaus vorübergegangen; dort ist die Temperatur in der -Regel um einige Grad höher als in den feuchteren Gegenden an -der Seltersgasse und dem Waldtore.«</p> - -<p>Während der Monate Oktober, November, Dezember, Januar, -Februar, März und April wird der Lehrer kaum Anstand nehmen, -diese klimatologische Bemerkung als letztes Wort gelten zu lassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span></p> - -<p>Unser trefflicher, unvergeßlicher Direktor hatte es sich selbst zuzuschreiben, -wenn seine Schüler auf diese Weise Fortschritte im -Gebiete der Unwahrheit machten. Warum haftete er mit so eigensinniger -Starrköpfigkeit an dem Prinzip des einzuhaltenden Glockenschlages? -Gern hätten wir uns auf das Kompromiß des akademischen -Viertels eingelassen; aber da sich die Gymnasialregierung absolut -weigerte, uns auch nur auf dem achten Teile des Weges entgegenzukommen, -so sahen wir uns genötigt, unsere Zuflucht zu dem -Mittel eines intellektuellen Schleichhandels zu nehmen, der höheren -Ortes ohne Zweifel in seinem wahren Wesen erkannt, dennoch aus -Opportunitätsgründen respektiert wurde.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span></p> - -<h2 id="Der_entrustete_Oberlehrer"> -<img src="images/illu-095.png" alt="" /><br /> -Der entrüstete Oberlehrer.</h2> -</div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Traun, jetzt bin ich es müde! Beim Zeus, das schändet die Klasse!<br /></span> -<span class="i2">Flink auf den untersten Platz! Schmelzer, was träumen Sie noch?<br /></span> -<span class="i0">Vorwärts! Hören Sie nicht? Dem Besonnensten reißt die Geduld hier,<br /></span> -<span class="i2">Wo sich das Nichtstun frech paart mit der Stupidität!<br /></span> -<span class="i0">Bildet der schreckliche Mensch mir ein Imperfektum »<em class="antiqua">etypson</em>«!<br /></span> -<span class="i2">Wahrlich, die Muse verhüllt schaudernd ihr Göttergesicht!<br /></span> -<span class="i0">Nie ward gleiches gehört in den würdigen Räumen Sekundas:<br /></span> -<span class="i2">Kaum ein Quartanergemüt wagte so schnödes Gewäsch!<br /></span> -<span class="i0">Soll ich den Otto vielleicht, das winzige Knäbchen, zitieren,<br /></span> -<span class="i2">Daß mit korrektester Form stolz es den Vetter beschämt?<br /></span> -<span class="i0">Gehen Sie in sich, Schmelzer! Dies Imperfektum »<em class="antiqua">etypson</em>«<br /></span> -<span class="i2">Flößt für die Zukunft mir trübste Befürchtungen ein.<br /></span> -<span class="i0">Wer da »<em class="antiqua">etypson</em>« sagt, der sagt auch: »Lasset uns kneipen!«<br /></span> -<span class="i2">Feist in bavarischem Bier schlemmt er die Gelder hinab.<br /></span> -<span class="i0">Wer da »<em class="antiqua">etypson</em>« sagt, der schwänzt und wütet im Tabak;<br /></span> -<span class="i2">Selbst auf erotischem Feld weckt er gerechten Verdacht.<br /></span> -<span class="i0">Wie? Sie trumpfen noch auf? Sie zucken die störrische Achsel?<br /></span> -<span class="i2">Holt den Pedellen mir her! Piesecke, tragen Sie ein:<br /></span> -<span class="i0">»Schmelzer, weil er »<em class="antiqua">etypson</em>« als Imperfektum gebildet<br /></span> -<span class="i2">Und den kymmerischen Bock nicht, wie es billig, bereut,<br /></span> -<span class="i0">Sondern Gebärden gewagt, die empörende Frechheit bekunden,<br /></span> -<span class="i2">Stracks auf den Karzer geschickt!« Marsch nun zur Türe hinaus!<br /></span> -<span class="i0">So – jetzt fahren Sie fort! Ja, ja, so fügt es Ananke!<br /></span> -<span class="i2">Freundlich im schweren Beruf stärke mich, Meister Apoll!<br /></span> -</div></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Bierparagraph"> -<img src="images/illu-096.png" alt="" /><br /> -Der Bierparagraph.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d">Die Art und Weise, wie die Schüler der oberen Gymnasialklassen -von den Schulgesetzen <em class="antiqua">in abstracto</em> und ihren -einzelnen Lehrern <em class="antiqua">in concreto</em> behandelt werden, hat, -streng genommen, etwas Naives, denn sie basiert auf -Voraussetzungen, die eine merkwürdige Unkenntnis der tatsächlichen -Verhältnisse bekunden. Es waltet hier teils der himmelschreiendste -Irrtum, teils der unbegreiflichste Optimismus vor. Die ernsten -Männer, die in ihrer Eigenschaft als Oberstudienräte die Zusammenstellung -jener Gesetzesparagraphen beaufsichtigt haben, verstanden -sehr viel von der theoretischen Pflicht, aber sehr wenig -von dem praktischen Leben. Das moderne Gymnasialgesetz -verwechselt den Begriff einer öffentlichen Lehranstalt, die nur -zu gewissen Stunden besucht wird, mit dem eines Pensionats, -das die Schüler sozusagen mit Leib und Seele aufnimmt und -nicht allein ihren Unterricht, sondern ihre moralische und gesellschaftliche -Erziehung leitet. Es ist lächerlich, die Befugnisse -des Gymnasiums in der angedeuteten Richtung zu erweitern, -und zwar aus dem einfachen Grunde, weil seine Mittel nicht zur -Durchführung ausreichen. Wo die Kontrolle fehlt, da ist alles -Befehlen und Verbieten ein zweischneidiges Schwert. Anstatt sich -also damit zu begnügen, den Gymnasiasten während der Lehrstunden -im Zaume zu halten, ihm gelegentlich die christlichen Tugenden -einzuprägen und die Norm aufzustellen: Sobald du irgendwie -einen öffentlichen Skandal erregst, gleichviel durch welche Handlung, -so wanderst du auf den Karzer, – anstatt sich dieser klugen Reserve -zu befleißigen, mischt sich das Gymnasium in Dinge, die nicht nur<span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span> -über seine vernunftgemäßen Befugnisse, sondern in der Regel sogar -über die Möglichkeit einer Beaufsichtigung weit hinausgehen.</p> - -<p>So erklärt die Gymnasialordnung das Besuchen von Wirtshäusern -für unmoralisch und ahndet die Zuwiderhandlung mit mehr -oder minder beträchtlichen Freiheitsstrafen. Was man bei diesem -Verbot beabsichtigt, liegt klar zutage: nicht den Wirtshausbesuch -an sich, sondern den daraus erwachsenden Mißbrauch wolle man -hintertreiben. Naiv und idealistisch wie sie sind, glauben die Oberstudienräte -diesen Zweck durch ein Radikalverbot zu erreichen; aber -sie haben nur eins erreicht: der anständige Gebrauch eines an sich -harmlosen Instituts ward zum Verbrechen gestempelt, ohne daß der -unanständige Gebrauch, der Mißbrauch, ernstlich verringert würde. -In der Tat läßt sich nicht absehen, warum es für den achtzehnjährigen -Primaner eine Sünde sein soll, gelegentlich ein Glas Bier -zu trinken, während der Kommis schon in früheren Jahren das -gleiche leistet, ohne darum die Achtung seiner Mitbürger einzubüßen. -Weit richtiger und wirkungsvoller würde es sein, wenn -das Gymnasium den allgemeinen Grundsatz aufstellte: »Benehmt -Euch anständig!« – ohne weiter auf die Details einzugehen. In -jedem einzelnen Falle würde dann das freie Ermessen des Lehrers -darüber entscheiden, ob dieses erste und vornehmste Gebot des -Gymnasiasten befolgt oder verletzt worden wäre. Ein solcher Appell -an das Taktgefühl der jungen Leute bei theoretischer Anerkennung -ihrer unbedingten Selbständigkeit müßte auch moralisch von ungleich -günstigeren Erfolgen sein, als die alberne und demütigende -Methode, die jetzt noch vielfach im Schwunge ist.</p> - -<p>Der Bierparagraph war auch mir in den Tagen meiner -Gymnasiastenschaft ein fortwährender Grund des Verdrusses und -der Erbitterung. Wenn ich so an heißen Juliabenden bei den -Hecken des Lohseschen Felsenkellers vorüber kam und den Direktor -Samuel Heinzerling erblickte, wie er im Kreise seiner zahlreichen -Familie ein Seidel nach dem andern hinter die schwarze Krawatte -goß, so war mir zu Mut wie einem Pariser Vorstadtbewohner, der -im zerlumpten Kittel durch das Bois de Boulogne schlendert und -die prunkvollen Equipagen des Quartier Saint Germain vorbeieilen -sieht. Warum schwelgte dieser graue Epikuräer im vollen, während<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span> -ich, ein Kind der Entbehrung, fernab an der Böschung stand und -meine Sehnsucht bändigen mußte? Wäre ich jetzt kühnlich auf die -Plattform gewandert, hätte ich unbekümmert um Samuel und seine -Töchter Ismene, Winfriede, Laura und Vitriaria vor einem der -braun gestrichenen Tische Platz genommen und einen Schnitt bestellt, -so war mein Schicksal besiegelt. Am andern Morgen hätte der -strenge Autokrat mich in folgender Weise apostrophiert:</p> - -<p>»Eckstein! Sä waren mer gestern wäder mal auf dem Felsenkeller! -Sä haben dä Ongeböhrlichkeit Ähres Benehmens so weit -geträben, daß Sä sogar, ohngeachtet Sä mäch bemerkt haben, -einen Schnätt bestellten. Sä gehen mer zwei Tage auf den -Karzer! Knebel, schreiben Sä änmal äns Tagebooch: Eckstein, -weil er än einem öffentlichen Bärlokal einen Schnätt bestellte, mit -zwei Tagen Karzer bestraft. Heppenheimer, rofen Sä den Pedellen!«</p> - -<p>Das sieht fast wie ein <em class="antiqua">tableau chargé</em> aus, aber es ist eine -Photographie, streng nach der Natur. Samuel Heinzerling hatte -nur selten das Glück, einen Schüler wegen »Wärtshausbesochs« abzufassen, -denn wir kannten die Lokale, die er zu frequentieren -pflegte, und vermieden sie: aber wenn er einen ertappte, so übte -der <em class="antiqua">rector illustrissimus</em> in der oben geschilderten Weise Justiz, -und die Form seines »Eintrags« im »Tagebooch« variierte nur -wenig. Niemals ist es erhört worden, daß er einem kneipenden -Schüler die Strafe erlassen hätte; es war, als fürchte er, der Durst -seiner Primaner könnte die Befriedigung seines eigenen Durstes in -Frage stellen, wie er denn in der Tat stets in den Herbstmonaten, -wenn das sogenannte Salvatorbier ausgetrunken und durch eine -geringere, später gebraute Sorte ersetzt war, düsterer und grämlicher -dreinschaute als in der eigentlichen Saison.</p> - -<p>Trotz dieser exklusiven Richtung unseres Direktors zechten wir -schon in Sekunda ganz wacker. Wir hatten eine Stammkneipe, -deren Inhaber, von der Ungehörigkeit der Gymnasialgesetze im -tiefsten Innern durchdrungen, alles anstrebte, um uns das Joch -unserer Schülerschaft nach Möglichkeit zu erleichtern. Leider bot -sein Lokal nicht unbedingte Sicherheit, da sich mitunter auch ein -Lehrer in diese traulichen Räume verirrte. Der alte Lorenz wußte -uns in solchen Fällen rechtzeitig von der drohenden Gefahr zu<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span> -verständigen. Es war hergebracht, daß wir vor dem Eintreten an -den Schalter klopften. Lorenz zog dann die Klappe weg und -grinste. Dieses Grinsen bedeutete so viel als: die Luft ist rein. -War Lorenz nicht am Faß tätig, so versah einer von seinen Söhnen -das Amt des Schenkwirts interimistisch, und diese Söhne bewerkstelligten -jenes orientierende Grinsen weit unzuverlässiger als -der Vater; daher es sich denn hin und wieder ereignete, daß wir -unseren Peinigern ahnungslos in die offenen Arme liefen.</p> - -<p>Eines Nachmittags – es war im August des Jahres 18** – -hatte uns Samuel Heinzerling durch eine furchtbare Auseinandersetzung -über das Wesen des lateinischen <span id="corr099">Konjunktivs</span> gemartert und -am Schlusse seiner Rede ein neues Thema für den lateinischen -Aufsatz gegeben: »<em class="antiqua">Quaeritur utrum Alexander dignus fuerit -cognomine Magni necne.</em>« Am Schlusse der Lehrstunde verspürte -ich einen unwiderstehlichen Durst, und mein Freund Wilhelm Rumpf -teilte diese Empfindungen, so daß er meinen Vorschlag, in der -Schenke des alten Lorenz ein Seidel zu schlürfen, ohne weiteres genehmigte. -Arm in Arm schritten wir über den Ludwigsplatz. Vor -der Engelhardtschen Buchhandlung begegnete uns Wilhelm Rumpfs -angeheirateter Onkel, ein liebenswürdiger alter Herr, der gern seinen -Spaß mit uns trieb und auch heut nicht umhin konnte, uns mit einer -scherzhaften Phrase dingfest zu machen. Wir kannten zwar die humoristischen -Redensarten des Onkels seit lange auswendig; aber die selbstgefällige -Freude, mit der er sie immer und immer wieder vortrug, -verfehlte nie ihre Wirkung. Besonders tiefsinnig schien ihm der -anachronistische Scherz von den Kanonen des Hannibal, und er besaß -ein bewundernswürdiges Talent, von jedem beliebigen Gesprächsthema -auf dieses Bonmot abzulenken. – Als er uns nach längerer Kauserie -wieder freigab, hatte unser Durst gewaltige Dimensionen angenommen, -und im Geschwindschritt eilten wir der Stätte zu, wo wir so oft -gegen die Paragraphen des Gymnasialgesetzes gefrevelt hatten.</p> - -<p>Wir klopften an den Schalter. Der alte Lorenz war diesmal -wieder »dienstlich verhindert«, und sein ältester Sohn Fritz stand -vor dem Schenktische.</p> - -<p>Der Bursche warf uns einen beruhigenden Blick zu, und so -schritten wir denn ahnungslos ins Lokal und suchten mit jener<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span> -prüfenden Unsicherheit, die jedem Neueintretenden eigen ist, nach -einem Tische, um uns niederzulassen.</p> - -<p>Da – wer beschreibt unser Erstaunen, unsere Verwirrung, -als wir in der entferntesten Ecke des langen, bandartigen Kneipzimmers -die nur allzu wohlbekannte Gestalt Samuel Heinzerlings -wahrnahmen! Der Vortrag über den lateinischen Konjunktiv schien -nicht allein uns durstig gemacht zu haben, denn das Seidel, das -der Direktor vor sich stehen hatte, war bis auf einen traurigen -Rest ausgeschlürft. Samuels Angesicht glühte in dunkler Röte. Ich -schwankte, ob ich dies Echauffement der Glut des Augusttages oder -dem Zorn über unser vermessenes Eintreten zuschreiben sollte: beide -Umstände mochten in gleicher Weise mitgewirkt haben. Ich ergab -mich schon stillschweigend in mein Schicksal. Die zwei Tage Karzer -dünkten mir ebenso unvermeidlich, wie dem <span id="corr100">Delinquenten</span>, der unter dem -Fallbeil liegt, die Enthauptung. Auch Samuel Heinzerling schien von -der Notwendigkeit dieser Lösung durchdrungen, denn jetzt spielte um -seine Lippen ein halb verdrießliches, halb siegesgewisses Lächeln, und -mit grimmigem Finger rückte er an der großen rundglasigen Brille.</p> - -<p>Aber wir hatten die Rechnung ohne Wilhelm Rumpf gemacht. -Ehe ich noch ahnte, was er vor hatte, faßt er mich am Arm, und -sagte mit einer Stimme, in der die Fülle der höchsten seelischen -Genugtuung widerklang:</p> - -<p>»Komm, da sitzt ja der Herr Direktor! So habe ich mich -doch nicht getäuscht.«</p> - -<p>Samuel Heinzerling starrte uns an, als habe die Vermessenheit -Rumpfs ihn versteinert.</p> - -<p>»Wälhelm« aber schritt kühn auf ihn zu, zog die Mütze und -verneigte sich mit einem artig gelispelten: »Guten Tag, Herr -Direktor, verzeihen Sie gütigst, wenn wir Sie stören!«</p> - -<p>»Rompf, was onterstehn Sä sich?«</p> - -<p>»Entschuldigen Sie gütigst«, stammelte Rumpf mit verbindlichem -Lächeln.</p> - -<p>»Was haben Sä här zo sochen? Äch kann mer schon denken, -was för Nächtsnotzigkeiten Sä wäder auf'm Korn haben!«</p> - -<p>»Ich habe Sie auf dem Korn, Herr Direktor. Ich wollte mir -nur die ganz ergebene Frage erlauben, ob wir den Aufsatz: »<em class="antiqua">Quaeritur<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span> -utrum Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne</em>« auch -in Dialogform behandeln dürfen. Mein Freund da behauptet, -nein; ich aber bin in der Ansicht, daß diese Form sich ganz besonders -für ein derartiges Thema eignet, denn, sagen Sie selbst, -Herr Direktor: wenn man so die Tugenden und die Laster -Alexanders des Großen gegeneinander abwägen will, so ergibt es -sich ganz natürlich, daß man <span id="corr101">jede dieser</span> verschiedenen Auffassungen -eine Person substituiert. Hat nicht z. B. Lessing in seinem Gespräche -über Freimaurerei …«</p> - -<p>»Schon goot!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling.</p> - -<p>»Wir dürfen's also in Dialogform behandeln?« fuhr Wilhelm -Rumpf fort. »Ich wollte mich doch gleich vergewissern. Wir sahen -Sie da eben hereintreten, und da ich die Absicht habe, noch heute -Abend an die Disposition zu gehen …«</p> - -<p>»Rompf, Sä sänd ein Schelm; aber es läßt säch nächt leugnen, -Sä haben säch got herausgebässen. Än Zokonft warten Sä mer -höbsch draußen, bäs äch wäder hänaus komme. So lange hat Ähre -Däsposätion wohl Zeit. Kennen Sä nächt dä Vorschräft des -Gämnasialgesetzes, daß es den Schölern onserer Anstalt verboten -äst, öffentläche Lokale zo besochen?«</p> - -<p>»Entschuldigen Sie, Herr Direktor,« sagte Rumpf im Tone -eines Gekränkten, »es ist den Schülern verboten, die Lokale allein -zu besuchen; wenn sie aber wissen, daß sie innerhalb dieser Lokale -einen Lehrer oder gar den Direktor der Anstalt treffen, so scheint -es mir den Gesetzen des Gymnasiums durchaus nicht zuwider zu -laufen, wenn man in der Absicht einer wissenschaftlichen Anfrage …«</p> - -<p>»Schwätzen Sä säch den Hals nächt noch trockener, als er -schon äst! Äch wäderhole Ähnen, Sä haben säch got herausgebässen, -ond non wäll äch Ähnen erlauben, daß Sä mät Anstand -än Glas Bär tränken. Hören Sä? Aber nor <em class="gesperrt">ein</em> Glas: von där -däalogischen Form wollen wär än däsem Falle absehen.«</p> - -<p>»Herr Direktor sind zu gütig, aber ich versichere Sie, wir -dachten durchaus nicht …«</p> - -<p>»Frätz!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling, »brängen Sä mal -drei Seidel! So, ond non lassen Sä säch's got schmecken. Wahrhaftig -Rompf, wenn Sä änmal später än den Verhältnissen des<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span> -börgerlichen Lebens so väl Geistesgegenwart an den Tag legen, -wä jetzt bei Ähren leider nor zo oft wäderholten Lompenstreichen, -so werden Sä ein beröhmter Mann werden.«</p> - -<p>Wir nahmen Platz und ließen uns das unter so gefährlichen -Umständen erworbene Bier trefflich munden. Nach Verlauf von -zehn Minuten erhob sich unser jovial-liebenswürdiger Direktor vom -Sitze, was für uns natürlich das Signal war, ein gleiches zu tun. -Draußen vor dem Tore trennten wir uns. Nach zehn Schritten -machte Heinzerling Kehrt.</p> - -<p>»Non, Rompf. Sä haben ja noch keine Antwort wägen der -däalogischen Behandlung? Es scheint, daß Ähre Däsposätion doch -nächt so große Eile hat, wä Sä vorgeben?«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Qui tacet, consentire videtur</em>«, sagte Rumpf mit unerschütterlicher -Gelassenheit. »Sie haben meine Frage unbeantwortet -gelassen, also schließe ich daraus, daß Sie meine Ansicht billigen. -Die Grundzüge des Aufsatzes habe ich mir bereits beim Bier -überlegt.«</p> - -<p>»Nochmals, Sä sänd ein Schelm,« lachte Samuel, indem er -den breitkrempigen Hut in die Stirne zog. »Aber nähmen Sä säch -än acht! Äch för mein Teil habe Sänn för Humor, und lasse mer -ab ond zo selbst eine kleine Dommheit gefallen, wenn sä mät Grazie -ond attischem Salz gewörzt ist. Äch känne jedoch Leute, dä för -dä Reize der Komäk ongleich weniger empfänglich sänd! Da könnten -Sä mät Ähren olämpischen Konstgräffen sehr öbel anlaufen! Danken -Sä Gott, daß äch här gesässen habe: wäre äch zom Beispiel mein -Schwägersohn, der Ordänarius von Obersekunda gewäsen, so hätten -Sä kein Bär, sondern Cachot gekrägt! Märken Sä säch das!«</p> - -<p>Und mit würdevoller Gelassenheit schritt er den heimischen -Laren zu.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span></p> - -<h2 id="Vom_Rauchen"> -<img src="images/illu-103.png" alt="" /><br /> -Vom Rauchen.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d">Das zierlich broschierte Heft der Gymnasialgesetze, das jedem -neu aufgenommenen Schüler persönlich vom Herrn Direktor -überreicht und ans Herz gelegt wurde, enthielt auch einen -Paragraphen über das Tabakrauchen. Die Oberstudienräte -bezeichneten dieses moderne Kulturlaster als »überaus schädlich -für die Gesundheit und obendrein in hohem Grade kostspielig«, -daher denn jeder Schüler der »Pflanzstätte« verpflichtet sei, ein -Gelübde der Enthaltsamkeit abzulegen.</p> - -<p>Die Wirkungen dieses Paragraphen waren der Art, daß ich -der kompetenten Behörde, falls es ihr um die Förderung der Jugend -ernstlich zu tun ist, den Vorschlag mache, künftighin folgende Ukase -unter die Gesetzessammlung mit aufzunehmen:</p> - -<p>»Die in hohem Grade zeitraubenden und gesundheitswidrigen -Privatstudien sind jedem Schüler des Gymnasiums bei Relegation -untersagt.«</p> - -<p>»Das schweigsame Verhalten während der Lehrstunden zeugt -von Stumpfsinn und wird daher dringlich verbeten.«</p> - -<p>»Fortgesetzte Nüchternheit schädigt die Elastizität der Seele, wie -schon der uralte christlich-germanische Wahlspruch beweist: ›Wer -niemals einen Rausch gehabt …‹ Daher sich denn jeder Schüler -mindestens dreimal wöchentlich im Zustande eines schönen, augenrollenden -Wahnsinns befinden muß.«</p> - -<p>Und so weiter.</p> - -<p>Nach den bisherigen Erfahrungen würde man auf diesem Weg -wahre Musterbilder von fleißigen, aufmerksamen und nüchternen -Schülern erziehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span></p> - -<p>Kein Kenner der einschlägigen Verhältnisse wird mir bestreiten, -daß es nur das Verbot ist, was den Quartaner an die Regaliakiste -und in die Kneipe führt. Ich weiß mich sehr wohl zu erinnern, -daß ich ein stark gebrautes Lagerbier mit einer wahren Überwindung -trank, denn es schmeckte mir heillos bitter, und eine Tasse gezuckerter -Milch wäre mir hundertmal lieber gewesen: aber ich erblickte im -Bier das Kriterium der Männlichkeit, und so bezwang ich mein -Widerstreben und sündigte ohne jeden Genuß. Hätte man uns -damals täglich drei Seidel als Pensum diktiert, ich hätte mich lieber einsperren -lassen, als daß ich mich diesem Zwange in Demut gefügt hätte.</p> - -<p>Noch entschiedener und allgemeiner gilt dies vom Rauchen. -Mit wahrer Todesverachtung qualmten wir in Tertia unsere -Zigarren – nur weil es verboten war! Keinem von uns wäre es -im Traum beigefallen, eine so unerfreuliche Summe von Beschwerden -und Üblichkeiten durchzumachen, wenn wir nicht aus jenem Gymnasial-Paragraphen -die Überzeugung geschöpft hätten, es müsse dem Rauchen -doch irgend ein verborgener Zauber innewohnen, der sich durch -fortgesetztes Studium entdecken ließe. Das Rauchen der Gymnasiasten -würde auf ganz bescheidene Dimensionen beschränkt werden, sobald -jener verhängnisvolle Paragraph hinwegfiele. Man gebe die Sünde -frei, – und sie hört auf, zu verlocken.</p> - -<p>Die Epoche, in der ich am meisten gegen das Tabaksverbot -frevelte, war mein Biennium in Quarta und Tertia. Wir hatten -da unser sechs eine Art Tabakskollegium gegründet, das seine -Sitzungen unter freiem Himmel abhielt. Durch den Wiesengrund -am östlichen Ende der Stadt strömte ein Bach, von Erlen und -anderem Dickicht umsäumt. Selten nur verirrte sich eines Menschen -Fuß an dieses trauliche Ufer – und hier saßen wir geschart und -ließen in feierlichem Ernste den Qualm unserer Zigarren zum -Firmament aufsteigen. Mein Vater hatte damals von einem bösen -Schuldner zweitausend Zigarren an Zahlungs Statt empfangen, die -der Versicherung dieses Spekulanten zufolge unter Brüdern hundert -Taler wert sein sollten, in Wirklichkeit aber ein so niederträchtiges -Kraut waren, daß mein Vater sie schon auf den bloßen Geruch hin -beiseite stellte. Da mir um jene Zeit jede, auch die beste Zigarre -ganz abscheulich schmeckte, so waren mir diese Zahlungsobjekte trotz<span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span> -ihrer Verwerflichkeit äußerst willkommen. Vor Beginn unseres -Tabakskollegiums füllte ich mir die Taschen und regalierte dann -meine Genossen mit echten Havannas. Schwarz, der sich viel auf -seine Kennerschaft zugute tat, wehte sich wiederholt mit den Fingern -den Rauch in die Nase und sagte bedeutsam: »Ja, die Zigarre ist -gut!« – »Ein feines Blatt«, fügte Knebel hinzu. Und nun rauchten -wir mit wütender Vehemenz – etwa dreimal so schnell als ein -erwachsener Durchschnittsraucher. – Knebel ward immer blässer -und blässer, aber er lächelte in stoischem Gleichmut und wiederholte -nur zuweilen mit halb verlöschender Stimme: »Wirklich, ein sehr -feines Blatt! Aber schwer!« – Noch zwei Minuten, und der -Ärmste ließ die Zigarre sinken, beugte sich über das Wasser und -erbrach sich so heftig, daß ihm der Angstschweiß in großen Perlen -auf die fiebernde Stirn trat.</p> - -<p>Trotz unseres kollegialischen Mitleids war uns diese Katastrophe -äußerst willkommen, denn sie bot uns die Möglichkeit, ohne ein -Geständnis der eigenen Schwäche die Zigarren zu beseitigen und -dem stöhnenden Knebel beizuspringen. Einer von uns trat weiter -oberhalb an den Bach und tauchte sein Taschentuch in die rieselnde -Flut, um Knebel die Schläfe zu kühlen. Ein zweiter und ein -dritter faßten den Dulder bei den Armen; ein vierter klopfte ihm -beschwichtigend auf den Rücken. Die Zigarrenstummel flogen ins -Wasser; Knebel erholte sich, und stolz im Selbstgefühle einer männlichen -Tat begab man sich auf den Heimweg.</p> - -<p>Unterwegs blies man sich verschiedene Male den Atem ins -Gesicht und fragte:</p> - -<p>»Du, riecht man's?«</p> - -<p>»Noch ziemlich …«</p> - -<p>Dann wurde Gras gekaut oder ein Apfel verzehrt, denn auch die -Eltern durften von unseren Orgien nichts wissen. Noch stundenlang -trugen wir die Empfindung einer gewissen Üblichkeit mit uns herum. -Ja, zuweilen, wenn Schwarz ein paar wirklich schwere Zigarren mitgebracht -hatte, waren wir förmlich berauscht, und alles, was um uns -vorging, machte uns den Eindruck eines beklemmenden Traumes …</p> - -<p>Und doch ertrugen wir diese Leiden mit Genugtuung, – denn -die herbe Frucht war verboten!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span></p> - -<p>Auch die Furcht, »abgefaßt« zu werden, steigerte unser Mißgefühl. -In Quarta und Tertia bebt man wie ein scheues Mädchen -vor dem Gedanken, wegen irgend einer Freveltat »eingesponnen« zu -werden. Bei mir persönlich kam noch hinzu, daß ich während des -Jahres in Tertia um ein Prämium kandidierte; eine »Abfassung« -wegen Rauchens hätte aber dieses Prämium im Keime erstickt.</p> - -<p>Mit welcher Ängstlichkeit hielten wir selbst an dem verborgenen -Strande des Wiesenbachs Umschau, ob nicht irgend ein bedrohlicher -Wanderer nahe! Einmal überraschte uns der felder- und wälderdurchstreifende -Registrator Bieler so jählings, daß wir gerade noch -Zeit hatten, den Brand unserer Zigarren in die weiche Erde zu -drücken. Der alte Herr schien nicht wenig befremdet, hier am -einsamen Quell eine Reihe von Knaben zu finden, die sich nicht -einmal Blumen zum Kranze wanden, sondern in sichtlicher Verlegenheit -aufsprangen und die Mützen zogen.</p> - -<p>»Was macht Ihr denn hier?« fragte er argwöhnisch.</p> - -<p>»Wir krebsen«, gab Schwarz mit großer Schlagfertigkeit zur -Antwort.</p> - -<p>»So, gibt's hier Krebse? Und was brennt denn da drüben?«</p> - -<p>»Ach da«, sagte Schwarz … »Wir haben vorhin ein kleines -Pulvermännchen gemacht, und da glimmt das Papier noch.«</p> - -<p>Der Registrator entfernte sich, ohne sich über die Glaubhaftigkeit -dieser Bemerkung zu äußern. Tagelang schwebten wir in heilloser -Angst, er möge uns denunzieren; denn der Quartaner lebt der -Meinung, die ganze Welt sei gegen ihn verschworen, und die -Bürgerschaft kenne kein höheres Interesse, als ihn anzuzeigen.</p> - -<p>So ging die Sache in Quarta und Tertia. In Sekunda -wurden wir bereits frecher. Des Abends nach Sonnenuntergang -bummelten wir häufig mit brennender Zigarre durch die Stadt. -Anfangs gebrauchten wir die Vorsicht, das glühende Ende mit der -Hand zu bedecken; später ward auch diese Reserve kühn über Bord -geworfen. So begab es sich denn nicht selten, daß ein Sekundaner -wegen Tabakrauchens mit Strafe belegt wurde. Wenn ich meinesteils -diesem Schicksal entging, so lag das nur daran, daß ich in -Sekunda über die Freude am Rauchen so ziemlich hinaus war und -nicht den vierten Teil so oft »blotzte«, als in Quarta und Tertia.<span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span> -Auch hatte ich, wenn ich <em class="antiqua">extra muros</em> gegen die Gymnasialgesetze -sündigte, allzeit Glück.</p> - -<p>Ein einziges Mal wurde ich als Sekundaner wegen öffentlichen -Rauchens denunziert, aber nicht bei den Gymnasiallehrern, sondern -bei dem Stadtprediger, der uns den Konfirmanden-Unterricht erteilte.</p> - -<p>Dieser Mann, der sehr ehrwürdige Kirchenrat Doktor Philipp -Jakob Engel, war in jeder Beziehung ein Original. Er hatte sich -unter dem schwarzen Talar ein frisches, fröhliches Herz bewahrt. -Nichts lag ihm ferner als Puritanertum und einseitiger Zelotismus. -In der Weise des großen Doktor Martinus Luther genoß er sein -Leben, – zum mindesten was Wein und Gesang betraf. Im -Punkte des Weibes war er allerdings vom Schicksal mißhandelt, -denn er hatte sich, vom Rausch der Minne verlockt, eine Wirtstochter -aus Bromskirchen zur Gattin erkoren, die ihm das Dasein -mehr mit Dornen als mit Rosen durchflocht. Er suchte dann in -der feierlichen Stille des Wirtshauses Trost für die Leiden seiner -Häuslichkeit. »Der Wind bläst heute wieder von Bromskirchen«, -pflegte er den Stammgästen zuzurufen, und dann wußte man, daß -der Kirchenrat nicht vor ein Uhr nachts den Heimweg antreten würde.</p> - -<p>Doktor Engel leitete also den Konfirmanden-Unterricht, und -zwar abwechselnd in dem einen Jahre den der Knaben und in dem -anderen den der Mädchen. Ich hatte glücklicherweise <em class="gesperrt">ihn</em> zum -Seelsorger! Wer es irgend einrichten konnte, sparte sich für das -Jahr Engels auf, denn das Joch dieses Gerechten war sanft und -schmerzlos. Der Unterricht fand von elf bis zwölf statt. Kurz vor -halb erschien der Herr Kirchenrat langsamen Schrittes im Lehrsaale, -wandelte wohl noch fünf Minuten lang, in Gedanken verloren, auf -und ab und begann dann mit einer kurzen Wendung, deren feierliches -Phlegma gegen sein sonstiges Feuer wunderbar kontrastierte, -die Gesangbuchverse zu überhören. Human wie er war, nahm er -nie den geringsten Anstoß daran, daß man diese Gesangbuchverse -einfach ablas. Nachdem die Aufgabe zur beiderseitigen Befriedigung -erledigt war, schritt er an das Abfragen der Katechismussprüche, -die wir ebenfalls ganz unverfroren vom Blatte wegstahlen.</p> - -<p>»Nun, und was denkst Du Dir bei diesem Spruche?« forschte -er dann wohl gelegentlich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span></p> - -<p>Der Schüler gab eine Antwort, die mit einem langsamen »Ganz -gut!« belohnt wurde, wenn sie nur einigermaßen verdaulich war. -Im andern Falle meinte der Kirchenrat, das lasse sich wohl hören, -sei aber doch nicht so ganz richtig – und nun lieferte er mit -salbungsvollem Behagen die korrekte Erklärung. Fünf Minuten -vor drei Viertel sah er zum erstenmal auf die Uhr, zwei Minuten -später zum zweitenmal. Um drei Viertel aber stemmte er die -rundlichen Finger auf die Tischplatte und murmelte durch die Zähne:</p> - -<p>»So, ich habe jetzt noch ein Amtsgeschäft, und da wollen wir's -denn für heute gut sein lassen. Für das nächste Mal lernt Ihr -mir den folgenden Vers und die folgenden Sprüche.«</p> - -<p>Und hiermit verließ er das Lehrzimmer.</p> - -<p>Was das für Amtsgeschäfte waren, die so regelmäßig um drei -Viertel auf zwölf wiederkehrten, das habe ich nie in Erfahrung gebracht.</p> - -<p>Bei diesem Kirchenrat, dessen echt christliche Milde aus der -vorstehenden Schilderung zur Genüge erhellen wird, hatten mich -einige der sogenannten Stadtschüler, auf die wir Gymnasiasten mit -Verachtung herabsahen, wegen öffentlichen Rauchens angezeigt.</p> - -<p>Als ich den Saal betrat, riefen sie mir triumphierend entgegen:</p> - -<p>»Heute wird er Dich vornehmen!«</p> - -<p>So recht behaglich war mir bei dieser Eröffnung, trotz Engels -bekannter Nachsichtigkeit, nicht zumute. Doch beherrschte ich mich -und gewärtigte mit stoischer Ruhe der Dinge, die da kommen sollten.</p> - -<p>Der Kirchenrat erschien, wie üblich, kurz vor halb. Sein Antlitz -hatte diesmal etwas ungewöhnlich Ernstes und Feierliches. Ja, ich -glaubte einen Zug von Schmerz zu entdecken, der elegisch um die -herabgezogenen Lippen spielte. So mußte der biblische Vater dreinschauen, -wenn er des verlorenen Sohnes gedachte …</p> - -<p>Gebeugten Hauptes schritt der Kirchenrat einige Male auf und -ab. Dann blieb er stehen und rief mich beim Namen.</p> - -<p>»Komm einmal heraus«, sagte er mit einer Stimme, die mir -ein tiefes seelisches Weh zu atmen schien.</p> - -<p>Die Stadtschüler rieben sich schmunzelnd die Hände.</p> - -<p>Nicht ohne Verlegenheit trat ich zu dem Kirchenrate heran, -der mich ein wenig abseits führte und mir dann mit gedämpfter -Stimme ins Ohr raunte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span></p> - -<p>»Eh' ich's vergesse, sag' doch Deinem Herrn Vater, ich könnte -morgen abend nicht zum L'Hombre-Kranz kommen.«</p> - -<p>Frohe Enttäuschung!</p> - -<p>»So,« fuhr er nun mit energisch dröhnender Stimme fort, »nun -geh' auf Deinen Platz und vergiß nicht, was ich Dir gesagt habe!«</p> - -<p>Es war der nachsichtigen und liebevollen Natur dieses Priesters -unmöglich, irgend jemanden zu verletzen. So ignorierte er denn -vollständig die schnöde Anzeige meiner Gegner und genügte nur -in dieser wahrhaft klassischen Weise dem Dekorum.</p> - -<p>In Prima wichen unsere Lehrer insoweit von dem Wortlaute -des Gymnasialgesetzes ab, als sie ein Auge zudrückten, wenn die -Schüler innerhalb ihrer vier Pfähle zur Zigarre oder zur Pfeife -griffen. Nur das Rauchen auf der Straße war hier verboten. -Aber gerade deshalb ward es mit Vorliebe kultiviert. Wäre es -dem Gymnasiasten wirklich nur um das Kraut zu tun, so hätten -wir unserem Rauchgelüste bei einer so milden Praxis hinlänglich -fröhnen können: aber jetzt hatten die Zigarren im Hause ihren -wesentlichen Reiz verloren. Die Sehnsucht des Primaners galt der -öffentlich gerauchten Straßenzigarre. Einige von uns trieben die -Sache so weit, daß sie vor dem Beginn der Lehrstunden in dem -Schulsaale rauchten, was hin und wieder zu gräßlichen Untersuchungen -führte, ohne daß jemals der Täter entdeckt worden wäre.</p> - -<p>Als wir schließlich Studenten wurden, und der letzte Zwang -wegfiel, da hingen sehr viele unserer Matadore das Rauchen überhaupt -an den Nagel; wie denn zum Beispiel mein früherer Mitschüler, -der Geheime Medizinalrat <em class="antiqua">Dr.</em> Schwarz in Hamburg, -noch bis auf den heutigen Tag ein abgesagter Feind der Zigarre -ist. Wenn ihm diese Zeilen hier zu Gesicht kommen, widmet er -vielleicht meinen abscheulichen Tertianer-Glimmstengeln ein dankbares -Lächeln der Erinnerung; denn ihnen schuldet er die erkleckliche -Summe, die er jetzt infolge seines Nichtrauchens alljährlich zurücklegen -oder für die Vervollständigung seiner humoristischen Bibliothek -aufwenden kann.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Lyrik_auf_dem_Gymnasium"> -<img src="images/illu-110.png" alt="" /><br /> -Die Lyrik auf dem Gymnasium.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop-i">Ich war vierzehn Jahre alt und erst vor kurzem Sekundaner -geworden, als mich plötzlich, wie ein Flammenstrahl -aus heiterm Himmel, der Drang nach poetischer Selbstbespiegelung -ergriff. Ich erinnere mich noch des Tags -und der Stunde … Der Herbstwind strich klagend durch die -halbentblätterten Zweige der großen Platanen. Ein feiner Regen -stäubte wider die Scheiben, so recht öde und trostlos, als ob die -kranke Natur sich matt und erschöpft in den Schlaf weine. Drunten -im Hofe sah es möglichst unwirtlich aus. Die versumpften Wege -mit ihren großen, gelblichen Pfützen, das bräunliche Laub, das der -Wind von Zeit zu Zeit aufwirbelte, das nasse Holzwerk des Spaliers -und die triefende Hütte des Jagdhundes, der sein Sommerquartier -längst verlassen, um im Hause gegen die Unbilden der Witterung -Schutz zu suchen – dies alles machte einen unsagbar traurigen -Eindruck. Drüben von der Landstraße her, wo die drei vereinsamten -Pappeln wie lange Gespenster in den Dunst hineinragten, -tönte das heisere Krächzen der Dohlen: sonst war alles -wie ausgestorben …</p> - -<p>Am Fenster stehend sah ich dem Hereinsinken der Dämmerung -zu. Ein schmaler, blaßgelber Streifen am Horizont bezeichnete mir -den Untergang des Tagesgestirns, das seit mehr als einer Woche -nicht zum Vorschein gekommen war. Eh' ich's ahnte, war ringsum -bleigraue Nacht geworden. Tief atmend trat ich ins Zimmer zurück. -Im Ofen brannte ein lustiges Feuer. Auf meinem Arbeitstische -glänzte die Lampe, die man in der Zwischenzeit unbemerkt hereingebracht -hatte, und auf dem Teppich vor dem Sofa lag mit allen<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span> -Symptomen der Befriedigung und des Wohlbehagens der treue -vierfüßige Begleiter meiner sommerlichen Ausflüge. Ein wunderbares -Gefühl von Traulichkeit überkam mich. So schnell als möglich -ließ ich den Vorhang herab. Dann setzte ich mich an den -Tisch und schrieb mein erstes Gedicht. Seltsamerweise besang ich -in diesen kühn gegliederten Versen den Zauber einer mondhellen -Sommernacht. Ich pries das »unendliche Gewimmel der Sterne« -und die Ulmen, die »sanft versilbert« ihre Häupter ins Blaue erheben! -Und doch war das Ganze keineswegs etwas Angekünsteltes -und Gemachtes, sondern ein wirklicher Herzenserguß, ein Erlebnis, -das mit zwingender Macht nach Gestaltung rang. Ich brauche -kaum hinzuzufügen, daß drei oder vier Strophen mit »wenn« begannen, -daß eine wahrhaft großartige Summe von schmückenden -Beiwörtern verbraucht wurde, und daß ich solche Verse, wo mir -der Reim nicht augenblicklich zur Hand war, einfach ungereimt ließ. -Dergleichen findet sich in jedem Erstlingsgedichte und wird erst -später als Frevel empfunden. Damals glaubte ich etwas wahrhaft -Schönes und Imposantes geschaffen zu haben, denn die Fülle meiner -subjektiven Stimmung war mir identisch mit dem Geleisteten. Wie -viele, sonst sehr achtbare Leute, die nicht vierzehn Jahre alt sind -und nicht in Sekunda sitzen, verfallen in einen ähnlichen Irrtum! -Was man dem Sekundaner verzeiht, das macht den Erwachsenen -einfach lächerlich. Aller Dilettantismus beruht auf dieser Verwechslung. -Der Dilettant trägt ganz wie der Dichter eine Welt -voll Poesie in der Seele: aber während der schöpferische Poet seine -Empfindungen dergestalt in dem Medium der Sprache zu verkörpern -weiß, daß der Hörer und Leser das Gesamtbild nachschafft, -gelingt dem Dilettanten nur ein trauriges Stammeln. Fehlt ihm -nun der kritische Blick für die Kluft, die sein Empfundenes von -seinem Gestalteten trennt – und dies ist die Regel –, so ist der -Dichterling fertig. Der Sekundaner, der sich auf dieser Stufe -befindet, hat die Möglichkeit einer Entwicklung für sich: denn -selbst das größte Talent beginnt stümpernd. Der fertige Mensch -aber erfährt mit Recht die strengste Beurteilung, denn in der -Sphäre der Kunst gibt es keine christliche Milde, wie in der Sphäre -der Ethik.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span></p> - -<p>Das war also mein erstes Gedicht, – wenigstens das erste, -dessen Genesis mir klar vor der Seele steht. Nun folgten rasch -aufeinander die entsetzlichsten Balladen im altdänischen Stile, die -furchtbarsten Sonette und die traurigsten Elegien. Ich kaufte mir -ein schönes Album mit Goldschnitt, in das ich meine »Schöpfungen«, -chronologisch geordnet, eintrug. Bald aber wurde mir dieses -Kopieren zu umständlich. Ich dichtete gleich frisch drauf los in den -Prachtband hinein, wobei es denn wesentlich darauf ankam, keiner -Korrektur zu benötigen. Vom Anlegen der Feile war ich überhaupt -damals kein Freund. Ich hatte so viel Stoff zu verarbeiten, daß -ich immer wieder nach Neuem drängte. Es ist unglaublich, was -ich alles in den Bereich meiner rhythmischen Betrachtungen zog. -Sonnenaufgänge, die ich niemals gesehen hatte; die Leiden eines -Negerknaben, der am Strande des Quorra von den Weißen geraubt -wird; der nächtliche Reiter, der seinen Bruder erstochen und nun -am zerbröckelnden Turme Wacht halten muß; die Freude über den -bevorstehenden Semesterschluß; Glaube, Liebe und Hoffnung; der -Gymnasialkarzer; die Vergänglichkeit alles Irdischen, und die -Freuden einer nächtlichen Kahnfahrt: – dies alles war mir gleichmäßig -untertan. Ich schrieb eine Ode »An unsern Hund« und -einen Hymnus auf das griechische Übersetzungsbuch von Mehlhorn. -Ich philosophierte über die Unsterblichkeit der Seele und über den -niederträchtigen Nationalcharakter der Punier.</p> - -<p>Das währte so ein halbes Jahr. Dann kam ein neues Motiv -hinzu: das »Ewig-Weibliche«. Die schwarzen Locken und flammenden -Augen brausten jetzt nur so durch meine Verse, und an Purpurwangen -und Rosenlippen war kein fühlbarer Mangel.</p> - -<p>Bis dahin hatte ich meine poetischen Regungen durch unverbrüchliches -Schweigen gedeckt. Namentlich in der Schule, wo der -Begriff des Verses jenseits aller Erfahrung zu liegen schien, war -mir niemals eine verräterische Silbe über die Lippen geglitten. Ich -hatte die dunkle Empfindung, als treibe ich etwas Verbotenes. -Sobald ich das Wort »Gedicht« aussprechen hörte, erinnerte ich -mich eines Vorfalles aus meiner Quintanerzeit. Der Lehrer gab -uns damals zwei verschiedene Aufsatzthemata. Zuerst las er uns -eine Gellertsche Fabel vor, die wir in Prosa nacherzählen sollten, –<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span> -und dann eine Anekdote in Prosa. Ich fragte nun in aller Harmlosigkeit: -»Die sollen wir wohl in Verse bringen?« Eine geringschätzige -Zurechtweisung war die Antwort, und einige meiner hochweisen -Herren Mitschüler lachten aus vollem Halse. Von diesem -Moment an hatte ich das Gefühl, als sei alles Rhythmische unziemlich, -und so war ich denn äußerst zurückhaltend. Nur einem -einzigen Freunde teilte ich ab und zu etwas mit. Und da dieselbe -Elisabeth, deren Rosenwangen ich poetisch verherrlichte, auch ihm -als Ideal alles weiblichen Liebreizes erschien, so beschlossen wir gemeinsam, -einige dieser Lieder sauber abzuschreiben und dem Gegenstande -unserer Neigung auf dem Wege der Stadtpost zu übermitteln.</p> - -<p>Als wir den Brief eben gesiegelt hatten, trat mein Vater ins -Zimmer. Wir gaben uns alle erdenkliche Mühe, recht gleichgültig -dreinzuschauen, – aber vergebens. Nach einigem Hin- und Herfragen -sahen wir uns schmählich entlarvt. So kam denn nicht nur -unsere phantastische Verliebtheit zutage, – nein, auch das Geheimniß, -daß ich dichtete, wurde ans Licht gezogen. Tiefe Beschämung. -Nach langem Widerstreben lieferte ich mein Album aus. -Es war mir zumute, wie einem Mädchen, das beim Baden von -Männern überrascht wird.</p> - -<p>Indes die Sache lief noch verhältnismäßig befriedigend ab. -Ich wurde dringlich ermahnt, über diesen rhythmischen Versuchen meine -Schularbeiten nicht zu vernachlässigen: im übrigen möge ich nur -fortfahren. Dergleichen sei jedenfalls besser, als das sonst so fleißig -geübte Einwerfen von Fenstern oder Niederreißen der Zaunpfähle.</p> - -<p>Während meines ganzen Aufenthaltes in Sekunda beobachtete -ich die strengste Reserve. Das Terrain war hier für poetische Anwandlungen -äußerst ungünstig. Kaum, daß ich ab und zu die -Keckheit hatte, einen deutschen Aufsatz mit der Wendung zu schließen: -»Denn, wie der Dichter sagt …« und dann eine Strophe eigener -Schöpfung einzuschmuggeln, in der Voraussetzung, der Lehrer werde -den Kunstgriff nicht merken. Noch kürzlich ist mir einer dieser -Aufsätze in die Hände gefallen. Der Lehrer hätte, um sich täuschen -zu lassen, geradezu ein Dummkopf sein müssen, denn die Verse -waren echt knabenhaft; aber großmütig ließ er die Vermessenheit -hingehen, ohne mich durch die Frage: »Wer ist denn eigentlich<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span> -der Dichter, dem Sie diese Strophe entlehnen?« in Verlegenheit -zu setzen.</p> - -<p>Erst in Prima hatten wir offizielle Gelegenheit, unsere lyrischen -Talente vor der Korona der Mitschüler zu betätigen. Unser Horaz-Interpret, -ein feingebildeter Mann, der sich namentlich in literarischen -Dingen durch ein reges Interesse auszeichnete, forderte uns jedesmal, -wenn eine Ode genügend erklärt und verstanden war, zur -freiwilligen Leistung einer metrischen Übertragung auf. Natürlich -gab nur eine kleine Minorität diesem Ansinnen Folge; aber mit -welchem Stolzgefühl schwellte es die Brust, wenn man über diese -wenigen Mitbewerber den Sieg davon trug!</p> - -<p>Der poetisch beanlagte Primaner steht zumeist unter dem Einflusse -Platens, dessen Formkorrektheit ihm naturgemäß imponiert. -Erst später entwickelt sich die Vorliebe für Heine und Goethe. -Während meines ersten Semesters in Prima waren es besonders -die kunstvoll-fremdartigen Ghaselen, die mich zur Nacheiferung entflammten. -Keine Dichtungsform schien mir so geeignet, die -heterogensten Dinge ohne weitere Kompositionsschwierigkeiten zusammenzuleimen, -als dieses orientalische Reimgeplänkel. Ohne zu -ahnen, daß wir ganz im Sinne Heinrich Heines (dessen Reisebilder -uns damals noch unbekannt waren) die Ghaselform nach ihrer bedenklichen -Seite hin persiflierten, wählten wir die sonderbarsten -Ausklänge. Sie waren das Primitive, Ursprüngliche: die Gedanken -und Verse wurden erst nachträglich wie Arabesken herumgeschlungen. -So dichteten wir Ghaselen aus Braun-Dur, die also begannen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Im Glase schäumt das quellenfrische Bier braun:<br /></span> -<span class="i0">Natur, Du färbst den Pelz so manchem Tier braun.<br /></span> -<span class="i0">Braun blickt das Auge meiner süßen Amrei,<br /></span> -<span class="i0">Und um ihr Haupt schmiegt sich der Zöpfe Zier braun u. s. w.<br /></span> -</div></div> - -<p>Oder wir wählten als Refrain eine ganze Phrase, wie: »Doch -der Schickung Groll verbeut's«, und intonierten nun folgendes -Carmen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Gerne schritt' ich durch die Wiesen, doch der Schickung Groll verbeut's,<br /></span> -<span class="i0">Und besonders mit Elisen, doch der Schickung Groll verbeut's.<br /></span> -<span class="i0">Alles, was die Erde spendet, was der Himmel uns geschenkt,<br /></span> -<span class="i0">Alles möcht' ich froh genießen, doch der Schickung Groll verbeut's.<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span></p> -<p>Und nun folgte in schwungvoller Darlegung, was das glutbeschwingte -Herz alles möchte … Es sähe gern … die Bächlein -fließen … die Blumen sprießen … den Jäger die Rehlein -schießen usw. Aber überall tritt ihm das Fatum entgegen; überall -dröhnt es mit Donnerstimme: »Doch der Schickung Groll verbeut's!«</p> - -<p>Solche Herzensergüsse waren vollständig ernst gemeint: aber, -wie gesagt, Heinrich Heine hätte sie getrost in seinen »Reisebildern« -verwerten können.</p> - -<p>Nach und nach mochte die Form der Ghaselen uns selbst ein -wenig kurios vorkommen. Wir benutzten sie jetzt zu komischen Extravaganzen, -zu Klageliedern über unsere Primanerleiden, zu Hymnen -auf die Eigentümlichkeiten der Professoren. Eines dieser Gedichte -besitze ich noch: ich schrieb es während der Sophokles-Repetition, -als Samuel Heinzerling eine etwas gar zu theoretische Auseinandersetzung -über das Glykoneische Versmaß lieferte. Das Poem lautete:</p> - -<p class="center">Unsere Lehrer.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Der Klufenbrecher schmunzelt mathematisch,<br /></span> -<span class="i0">Doch jede Störung ist ihm antipathisch.<br /></span> -<span class="i0">Der Perner haßt verdumpfte Atmosphären,<br /></span> -<span class="i0">Und wenn er zürnt, so tobt er autokratisch.<br /></span> -<span class="i0">Anzeigend trat der Hähnle zum Direktor:<br /></span> -<span class="i0">Die Wurfgeschosse knallten so emphatisch.<br /></span> -<span class="i0">Der Heinzerling ist morgens allzu pünktlich,<br /></span> -<span class="i0">Den Spätgekomm'nen rüffelt er ekstatisch.<br /></span> -<span class="i0">Gymnasium! Gerne riefe ich »Lebe wohl!« Dir,<br /></span> -<span class="i0">Warmfühlend, wie der Jude spricht den Kadisch.<br /></span> -<span class="i0">Soll ewig hier die Knechtschaft mich verzehren?<br /></span> -<span class="i0">Zu einem Block erstarr' ich noch erratisch!<br /></span> -<span class="i0">Sei hessisch oder preußisch unsre Fahne,<br /></span> -<span class="i0">Sei unser Wappen bayrisch oder badisch:<br /></span> -<span class="i0">Die Freiheit ist das Ziel des Demokraten, –<br /></span> -<span class="i0">Und Prima fühlt entschieden demokratisch!<br /></span> -</div></div> - -<p>Gleichzeitig mit diesen und ähnlichen Scherzen, unter denen die -Hyperbeln auf die Füße des Herrn Doktor Hellwig und die Epigramme -auf die zahlreichen Kinder des Herrn Doktor Brömmel -eine hervorragende Rolle spielten, ward auch das sentimentale -Genre redlicher Begeisterung kultiviert. Es entstanden glühende -Liebeslieder, die mit ängstlicher Scheu im Pulte verwahrt blieben,<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span> -denn jeder fremde Blick wäre ja eine schnöde Entweihung gewesen … -Und dann entschloß man sich gleichwohl, wenigstens eines der »herrlichen -Lieder« hinauszusenden in die kalte, lieblose Welt …</p> - -<p>Niemand hat diesen epochemachenden Schritt im Leben eines -lyrisch produzierenden Primaners so reizend geschildert, wie Paul -Heyse in seiner »Lottka«.</p> - -<p>Der Erzähler hat ein wehmuttrunkenes Lied gedichtet; sein -Freund, ein achtzehnjähriger Musiker, setzt die »seufzenden Strophen -in Musik, mit einer Klavierbegleitung, die das nahe Hereinbrechen -des Weltgerichts über dem Haupte des wankelmütigen Mädchens« -andeuten sollte.</p> - -<p>»Damals«, so heißt es wörtlich, »erschien die »Dresdener -Abendzeitung« unter der Redaktion eines, wie ich glaube, seitdem -verschollenen Herrn Robert Schmieder, der Gedichte der Aufnahme -würdigte, über die mein kritisches Selbstbewußtsein nur die Achseln -zucken konnte. An ihn schickten wir unsern Liebling, natürlich -anonym, in der festen Überzeugung, schon in der nächsten Nummer -Text und Komposition erscheinen zu sehen, mit der Bitte an die -unbekannten Einsender, die Abendzeitung auch fernerhin mit so willkommenen -Früchten ihres Talentes zu erfreuen. In süßer Beklommenheit, -trotz unseres Inkognitos, betraten wir die Konditoreien, -in denen Journale gehalten wurden, und forschten errötend nach -unserm Erstling. Woche auf Woche verging, ohne daß sich unsere -Erwartung erfüllte. Ich selbst hatte endlich, zumal nachdem wir -noch einmal geschrieben und die Zurücksendung in ziemlich vornehmem -Tone verlangt hatten, ohne einer Antwort gewürdigt zu -werden, alle Hoffnung aufgegeben und war über diesen ersten Mißerfolg -so beschämt und gekränkt, daß ich zunächst in einem längeren -Gedichte der undankbaren Mitwelt den Handschuh hinwarf und auf -die gerechtere Nachwelt pränumerierte, dann aber jede Andeutung -des fehlgeschlagenen Unternehmens vermied und von Bastel (der -ehrliche Name meines Freundes war Sebastian) verlangte, er solle -auch die Melodie nicht mehr summen, die mir sogleich die ganze -leidige Geschichte wieder ins Gedächtnis rief.«</p> - -<p>Wer hätte nicht, in gleicher Lage, diese wechselvollen Stimmungen -ausgekostet? Hier nimmt das Schicksal zum erstenmal den<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span> -Lyriker in die Schule, und gar mancher kommt über diese verunglückte -Probe niemals hinaus. Ist der Betroffene in der Tat -ohne dichterische Begabung, so darf er eine möglichst baldige Zerstörung -seiner Illusionen als ein Glück betrachten. Aber gleichviel, -es schmerzt. Sah man nicht bereits im Geiste einen prachtvoll gebundenen -Oktavband, der in jedem Jahr eine Neuauflage erlebte -und neben Geibel und Rückert in den Büchersammlungen aller -Frauen und Mädchen heimisch wurde? Und nun dieses herbe -Mißgeschick! Was wir für ein literarisches Ereignis hielten, ist an -der kalten Seele des Redakteurs spurlos vorübergegangen! Er hat -sich vielleicht an dem Weh unseres blutenden Herzens die Pfeife -angezündet!</p> - -<p>Wie glorreich aber berührt im andern Falle die krönende -Hand des Erfolges! Wenn wirklich nach so und so viel Wochen -das Gedicht, A. O. oder B. O. unterzeichnet, im Feuilleton des -Anzeigers erscheint, – wie steigt dem glückseligen Primaner die -Glut ins Angesicht, und mit welch' unsäglichen Gefühlen des -Stolzes nimmt er überall, wo es möglich ist, das Blatt zur Hand, -um die prächtigen Strophen zwanzig-, dreißig- und vierzigmal -wieder zu lesen! Er kann gar nicht begreifen, daß da drüben der -Herr, der beim Biere sitzt, zuerst den Leitartikel, die Börsen-Kurse -und das Vermischte liest; er meint, jedes Auge müßte sich von dem -Gedichte magisch gebannt fühlen, und von Mund zu Munde müßte -die Frage lodern: »Wer ist der Verfasser dieses herrlichen Liedes? -Das ist ja etwas ganz Eminentes! Das müssen wir herausbringen!« -In jedem Zirkel, den unser anonymer Autor betritt, erwartet er, -daß man ihn mit den Worten überfalle: »Haben Sie's denn -auch schon gelesen? ›Die Klage der Sehnsucht!‹ Wunderbar! -Wunderbar! Meine beiden Schwestern haben sich's in ihr -Album geschrieben. Meine Tante kann's bereits auswendig, und -mein Schwager, der Kapellmeister, wird das Prachtstück in Musik -setzen!«</p> - -<p>Nichts von alledem ereignet sich. Die Herren in der Bierstube, -die so eifrig die Börsenkurse und die Leitartikel studieren, würdigen -das phänomenale Gedicht keines Blickes, und in den Familienkreisen -und Teegesellschaften geht die Unterhaltung ihren einförmigen<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span> -Gang. Auch hier beginnt die Laufbahn des Poeten mit Enttäuschung.</p> - -<p>Dergleichen läßt sich zur Not noch ertragen. Man richtet sich -empor an dem Beispiele so vieler großer Männer, die auch erst -nach langen Kämpfen Anerkennung gefunden haben. Man setzt -seine ganze Hoffnung auf das nächste Gedicht, das bereits an die -Redaktion unterwegs ist usw.</p> - -<p>Weit mehr Stoizismus gehört jedoch zum Überstehen der -folgenden Szene:</p> - -<p>Der Primaner ist in das belebteste Bierhaus geschlichen, weil -ihm bekannt ist, daß dort zwei Exemplare der durch ihn mit unsterblichem -Ruhme gekrönten Zeitung gehalten werden.</p> - -<p>Ahnungsvoll und von süßem Grauen durchbebt, schlürft er sein -schäumendes Glas.</p> - -<p>Da sitzt der Stadtrichter, ein alter, redseliger Herr … -Unter dem Plaudern wirft er auch einen Blick auf das anonyme -Gedicht.</p> - -<p>»Der druckt aber doch auch allen möglichen Schund«, sagt er -mit wegwerfender Gebärde.</p> - -<p>Und nun beginnt eine boshafte Besprechung, die von den Umsitzenden -aus vollem Halse belacht wird.</p> - -<p>Der unglückliche Primaner bedarf seiner ganzen moralischen -Kraft, um sich nicht zu verraten. Von diesem Augenblicke an wirft -er auf den Stadtrichter, der sonst ein ganz ehrlicher Mann ist, -einen unversöhnlichen Haß. Die »wohlfeilen Späße« des alten -Herrn sind ein »trauriges Zeichen der Zeit«. »Dieser armselige -Böotier, der die Schönheit nicht sehen und würdigen kann, weil -ihm der Aktenstaub die Augen umwirbelt! Und die Laffen, die -seinen abgeschmackten Bemerkungen Beifall gejauchzt haben!« Ihre -Persönlichkeit prägt sich für alle Zeiten unserm Gedächtnis ein … -Nach Jahren noch, wenn wir ihnen begegnen, denken wir in einer -Anwandlung von Bitterkeit und Geringschätzung: »Aha, das ist -ja auch einer von jenen Vandalen, die sich an meinem Kleinod -vergingen!«</p> - -<p>Erst später, wenn man die literarischen Kinderschuhe ausgetreten -und einen freieren Blick erlangt hat, erst als Mann<span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span> -erkennt man, daß jenes Gedicht in der Tat sehr mangelhaft war. -Und wenn auch der Stadtrichter keine Ursache hatte, sich über diese -Mangelhaftigkeit zu mokieren (er würde dasselbe Gedicht, wenn -er es in den Werken eines Klassikers gefunden hätte, pflichtschuldigst -bewundert haben), so dürfen wir ihm doch aus hundert Gründen -seine Unart verzeihen … Und in der Tat, wir verzeihen ihm, -zumal wir in Erfahrung gebracht haben, daß der Stadtrichter zu -den eifrigsten Lesern unserer Essays und Novellen gehört.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Primanerliebe"> -<img src="images/illu-120.png" alt="" /><br /> -Die Primanerliebe.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d">Die oberen Gymnasialklassen sind der eigentliche Schauplatz -für die platonische Liebe. Die Primanerliebe ist sogar -sprichwörtlich geworden, und in akademisch gebildeten -Kreisen gehört es zum vornehmen Ton, über dieses erste -Aufflackern des erotischen Prinzips geringschätzig zu lächeln. Man -vergißt eben im rastlos wiederkehrenden Kampf des Lebens, was -man zu einer Zeit fühlte, da sich Herz und Geist erst für diesen -Kampf vorbereiteten. Wie kalt und verständig schrieb der herangereifte -Goethe über Lili, die den jungen Goethe so magisch gefesselt, -so unwiderstehlich hingerissen und bezaubert hatte! Der Mensch -wird nüchterner und erblickt dann die Vergangenheit durch die Brille -seiner philiströsen Alltagsstimmung.</p> - -<p>Unter Primanerliebe versteht man gemeinhin eine jugendliche -Dummheit, die in schauderhaften Sonetten und tausendfach wiederholten -Fensterpromenaden gipfelt, eine Landpartie als Perihel des -Entzückens und die Abreise der Geliebten in das Pensionat als -schrecklichste Katastrophe kennt, häufige Einschnitzungen in die Subsellien -hervorruft und beim Abgang nach der Universität in Bier, Paukereien -und wohlgewachsenen Schenkmädeln ertränkt wird. Dergleichen mag -sich ereignen; aber wenn der Verlauf der normalen Primanerliebe -in der Tat mit dem Vorgeschilderten buchstäblich übereinstimmt, so -folgt daraus lange nicht, daß eine unwichtige Lächerlichkeit vorliegt.</p> - -<p>Was ist überhaupt eine Kleinigkeit? Was ist geringfügig? -Nur die engherzigste Arroganz kann hier den Maßstab der eigenen -Subjektivität anlegen. Was mir sehr geringfügig und wertlos -erscheint, ist einem anderen vielleicht das halbe Leben. Das Kind,<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span> -dem seine Puppe ins Wasser fällt, ist nicht etwa zum Schein, sondern -ernstlich und im tiefsten Grunde seines Herzens unglücklich; der -Knabe, der zu Anfang des neuen Semesters nicht versetzt wird, -fühlt nicht etwa einen Miniaturschmerz, sondern sein ganzes Ich ist -unter Umständen so sehr von der Qual seines verletzten Ehrgefühls -durchdrungen, daß ihm jede Hoffnung zu Grabe geht; daher es denn -keineswegs unerhört ist, daß Schulknaben sich aus solchen »geringfügigen« -Anlässen den Tod gegeben. Nirgends ist der Begriff der -Größe und der Kleinheit so relativ als in dem, was unser Gemüt -angeht. Jede Sorge, jede Neigung, jede Leidenschaft wird einen -gesellschaftlich oder philosophisch höher Stehenden finden, der sie von -seinem Standpunkt aus belächeln darf. Der Professor, der außer -sich gerät, weil ihm ein Exemplar seiner mit so heißer Liebe gepflegten -Schmetterlingssammlung ruiniert wurde, kommt dem ernsten Forscher -in gewissem Sinne komisch vor; der Dandy, den der plötzliche Verlust -seines Handschuhknopfs in Erregung bringt, scheint dem Denker -geradezu unbegreiflich; die Hausfrau, die über einen häßlichen Fleck -in ihren frisch gescheuerten Dielen in Tränen ausbricht, erweckt vielleicht -unseren Hohn: und doch liegt in allen diesen Fällen ein wirklicher -Schmerz vor. Würde nicht etwa ein Heros, ein Gott, der -unser ganzes Tun und Treiben aus der Vogelperspektive betrachtete, -selbst die ernstesten Obliegenheiten unseres Staatslebens komisch -finden? Die ganze irdische Geschäftigkeit mit ihrem anspruchsvollen -Eifer unterscheidet sich von dem krabbelnden Treiben der Milben, -die das Mikroskop in einem Stückchen Käserinde entdeckt, durch kein -wesentliches Kriterium. Hier wie dort finden wir ein mühsames -Hasten im Interesse der Ernährung und Fortpflanzung; hier wie -dort lauert im Hintergrunde der Tod, der die ganze Komödie hinwegfegt. -Daß wir dem Treiben der Menschen eine höhere Wichtigkeit -beilegen als dem der Milben, kommt nur daher, weil wir zufällig -Menschen sind. Wären wir Milben, so schwärmten wir vielleicht -für die großen Fragen des Milbentums.</p> - -<p>Es wäre eine blöde Verkennung der Tatsachen, wenn wir leugnen -wollten, daß die sogenannte Primanerliebe nicht selten die einzige -wahre Liebe ist, die ein menschliches Herz auf Erden zu fühlen -bekommt. Alphonse Karr sagt einmal sehr bezeichnend: »Wenn die<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span> -Mädchen wüßten, welch' einen Schatz von Liebe das Herz eines -solchen jungen Menschen, der zum erstenmal liebt, in sich birgt! -Wenn sie ein Verständnis hätten für diese Hingebung, diese Vergötterung! -Wenn sie ahnten, daß sie für einen solchen Jüngling -das Leben mit all seiner Wonne, das Paradies mit all seinem -geheimnisvollen Zauber darstellen …! Aber in ihrer törichten -Geringschätzung für diesen Jüngling, in ihrer noch törichteren Bevorzugung -blasierter und verkommener Geschöpfe lassen sie sich diese -erste Liebe von Grisetten oder Kammermädchen hinwegschnappen!«</p> - -<p>Wenn die Primanerliebe selten zu einem praktischen Resultat -führt, so liegt dies vorzugsweise in der Natur unserer sozialen -Verhältnisse. Auch sind es wiederum nur diese sozialen Verhältnisse, -die der Primanerliebe in den Augen des wohlbestallten Bürgers -eine so überaus komische Färbung verleihen. Ein achtzehnjähriger -Fischerbursche auf Capri, der seine fünfzehnjährige Teresina liebt -und sie nach zwei Jahren eines mehr oder minder romantischen -Brautstandes zum Altare führt, erscheint uns poetisch: ein achtzehnjähriger -Primaner im gleichen Fall erregt beinahe unsere Mißbilligung. -Und doch waltet hier wie dort das gleiche Naturgesetz ob. Die -Komik, die einem verliebten Primaner innewohnt, erwächst nur aus -dem Umstand, daß der Weg von dem Abiturientenexamen bis zur -Würde eines vom Staat besoldeten Kreisrichters ein sehr langer und -unerquicklicher ist. Leider kümmert sich Eros um solche Äußerlichkeiten -nicht; am wenigsten aber hat er Respekt vor den Gymnasialgesetzen. -Es gibt Lehrer, die kindisch genug sind, jede Regung der Liebe, -die vor Beendigung des Gymnasialkursus eintritt, als eine strafbare -Neigung für Allotria zu betrachten; ja, ich erinnere mich, daß einer -dieser kurzsichtigen Pedanten mit Karzerstrafen vorging, weil ein -jugendlicher Leander keine nur irgend denkbare Gelegenheit versäumte, -an gewissen Fenstern vorüber zu wandeln. Dieser Versuch, das -Sonnenlicht mit der Nachtmütze zu fangen, berührte mich schon -damals so kläglich, daß ich mit dem unverständigen Cato fast Mitleid -empfand. Was sind drei Tage Karzer gegen einen freundlichen -Blick aus geliebten Augen?</p> - -<p>Ich verwahre mich hier gegen ein Mißverständnis! Nicht im -Traume fällt es mir ein, jede erotische Bummelei des deutschen<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span> -Primaners für eine Haupt- und Staatsaktion des Herzens zu halten; -ich erhärte nur, daß solche ernstlichen und tiefen Empfindungen -ungleich häufiger sind, als die Schulweisheit selbst der liberalsten -Pädagogen sich träumen läßt. Man darf sich hier nicht durch die -Außenseite beirren lassen. Die glühende, das ganze Wesen durchleuchtende -Liebe tritt in diesem ersten Jugendalter oft ganz in derselben -kindischen Gewandung auf, wie die müßige Tändelei. Die -Fensterpromenade ist keineswegs nur der Zeitvertreib des koketten -Flaneurs: auch der echte, im tiefsten Grund der Seele entflammte -Romeo wählt dieses Mittel, – und nur die Musik oder die Dichtkunst -vermöchte zu schildern, was er dabei empfindet. Die Mutter -des jungen Mädchens, die meist nach langer Blindheit dahinter -kommt, daß dieses ewige Vorüberziehen ihrem Töchterchen gilt, zankt -(nicht ohne eine stille Befriedigung ihrer geschmeichelten Eitelkeit) -über die »dummen Jungen«, die etwas Besseres tun könnten, als so -ihre Zeit zu vertrödeln: aber sie ahnt nicht, daß hier eine reinere -und gewaltigere Leidenschaft vorliegt, als die halb aus Wohlgefallen, -halb aus Berechnung zusammengesetzte, bürgerlich abgestempelte -Salonliebe, die nach einer Reihe hochachtbarer Begegnungen zu einer -Erklärung und schließlich zu einer respektablen Ehe führt. Diese -Verkennung ist um so weniger begreiflich, als die Menschen doch -alle einmal jung und mehr oder minder in dem gleichen Falle -gewesen sind.</p> - -<p>Wenn wir auf der einen Seite nicht leugnen können, daß die -äußeren Allüren der Primanerliebe nicht selten den Eindruck einer -naiven Ungelenkigkeit, ja einer kindischen Fadheit machen, – alles -natürlich vom Standpunkte des gesetzten Familienvaters, – so dürfen -wir auf der anderen Seite nicht verhehlen, daß es gerade die -herrschende Sitte mit ihren verknöcherten Regeln ist, die den Primaner -so lange in dem Zustande der gesellschaftlichen Unreife und Torheit -erhält. In gewissem Sinne ist das Alter von sechzehn bis achtzehn -Jahren das unglücklichste des ganzen Lebens.</p> - -<p>»Ich war«, so schildert Paul Heyse den Zustand des Halbwüchsigen, -»ein lang aufgeschossener, blasser junger Mensch, in jenem -verlegenen Alter, wo man den Knabenschuhen sich entwachsen fühlt -und noch sehr unsicher in die Fußstapfen der Männer zu treten<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span> -versucht. Mit einer tollkühnen Phantasie und einem blöden Herzen, -zwischen trotzigem Selbstgefühl und mädchenhafter Empfindlichkeit -hin und her geschaukelt, zupft man grübelnd an allen Schleiern, die -die Geheimnisse des Menschenlebens sterblichen Augen verdecken, -weiß heute das letzte Wort über die letzten Dinge, gesteht sich morgen, -daß man noch im <em class="gesperrt">ABC</em> stecke, und gebärdet sich überhaupt so -unbehaglich widerspruchsvoll, daß man sich selbst unerträglich werden -würde, wenn man nicht von Leidens-, das heißt Altersgenossen -umgeben wäre, die es nicht besser machen und doch auch darum nicht -aus der Haut fahren.«</p> - -<p>Es ist vornehmlich der <em class="gesperrt">deutsche</em> Jüngling, der dies Mißbehagen -auskostet, und zwar zunächst und in erster Linie aus dem betrübenden -Grunde, weil ihm die Gesellschaft absolut keine Stellung anweist. -Der Verkehr eines sechzehnjährigen jungen Menschen mit den übrigen -Mitgliedern der Gesellschaft und insbesondere mit den gleichalterigen -und älteren Mädchen entbehrt jeder vernünftigen Basis und Norm. -Er mag der geistreichste und geweckteste Kopf sein: die Damen -rechnen ihn nicht für voll, und die Herren erst recht nicht. Ja, vielfach -deutet man seine Anwesenheit im Salon als Zudringlichkeit. -In Deutschland ist es eine Sünde, nicht vollständig erwachsen zu -sein. In Frankreich, in England ist das anders. Ich habe in Paris -hundertmal den ungezwungenen, graziösen und doch keineswegs -allzu vertraulichen Ton bewundert, in welchem selbst Knaben von -vierzehn und fünfzehn Jahren mit älteren Leuten verkehren. Da -waltet nicht eine Spur von Befangenheit ob, da herrscht nicht jene -blöde Verschämtheit, die nicht weiß, wo sie mit den langen Beinen -und Armen hin soll. Wohl aber hat sich gerade infolge dieser -Freiheit und Leichtigkeit eine bescheidene Reserve ausgebildet, die -sehr wohltätig mit der vorlauten Keckheit kontrastiert, die als anderes -und nur zu begreifliches Extrem den halbwüchsigen Deutschen -charakterisiert. Wo soll ein deutscher Jüngling eigentlich seine gesellschaftliche -Schule durchmachen? Bis zu einem gewissen Alter verbietet -man ihm – entweder direkt, oder indirekt durch die unfreundliche, -verletzende Behandlung – den Zutritt in die Gesellschaft. Dann -mit einemmal werden ihm die Pforten geöffnet, und nun verlangt -man die Manieren eines Gentleman. Aber dergleichen erlernt sich<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span> -nicht über Nacht. Ich erblicke in der Liebenswürdigkeit, mit der -die Franzosen ihre jungen Leute behandeln, ein Hauptmoment ihrer -geselligen Überlegenheit. Der gebildete Franzose hat sich von jung -auf jene gefälligen Manieren angewöhnt; sie sind ihm in Fleisch -und Blut übergegangen. Der Deutsche dagegen soll sie seinem fast -fertigen Menschen nachträglich aufkleben. Daher braucht man denn -später nur ein wenig zu kratzen, um die Politur wegzubröckeln und -den ungeleckten Bären hervorschimmern zu sehen.</p> - -<p>Ich habe meine Jugend in einer kleinen Stadt verlebt, die -ungleich beträchtlichere Chancen für die Geselligkeit bot, als etwa -Leipzig oder Berlin; aber ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß ich -in irgend einem Kreise unseres Gemeinwesens einem vernünftigen -und natürlichen Verkehr zwischen den Schülern und Schülerinnen -begegnet wäre. Schon als Quintaner spielten wir stets nur »unter -uns«. Wenn sich ab und zu eine »Emanzipierte« in unsere Gesellschaft -wagte, so wurde sie von ihren Freundinnen bedenklich schief -angesehen, denn die Mütter behaupteten, so etwas schicke sich nicht. -Später, als das Spielen aufhörte, erstarb auch dieser letzte Rest -von Beziehung, und es war fast ein Zufall, wenn irgendwo einmal -eine Begegnung statthatte. Die Folge dieser eigentümlichen Klausur -war natürlich ein vollendeter Mangel an <em class="antiqua">savoir vivre</em>. Beide Teile -kamen bei einem solchen zufälligen Rencontre nicht aus der Befangenheit -heraus, und das Resultat war eine gründliche Verstimmung. -Man fuhr, wie Paul Heyse sagt, nur deswegen nicht aus der Haut, -weil so und so viele Leidensgefährten gleichfalls drin stecken blieben.</p> - -<p>Was bleibt also einem Primaner, der in solchen Verhältnissen -aufgewachsen ist, übrig, als schließlich seine Zuflucht zu Fensterpromenaden -und ähnlichen Albernheiten zu nehmen? Er wäre -vielleicht der verständigste Mensch von der Welt, er würde vielleicht -mit verdoppeltem Fleiß arbeiten, wenn er nur ab und zu einmal -Gelegenheit hätte, die knospende Göttin, die er verehrt, zu sehen und -zu sprechen: so aber vertrödelt er seine Zeit, um das mühsam und -flüchtig zu erhaschen, was die Gesellschaft ihm – der Himmel mag -wissen aus welchem Grunde! – für die Regel vorenthält.</p> - -<p>Übrigens zeigt sich das Aufkeimen unverstandener Liebesempfindungen, -wie jedermann weiß, schon im frühesten Knabenalter.<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span> -Nur sind sich diese Regungen ihres Zieles so völlig unbewußt, daß -hier Kombinationen möglich sind, die späterhin bei einer voll entwickelten -Liebe zu schmerzlichen Katastrophen führen. Noch in Untersekunda -liebte ich mit meinem besten Freunde gemeinsam eine und dieselbe -Adorata. Arm in Arm zogen wir an ihrem Fenster vorbei, ohne -daß sich jemals ein Gefühl von Eifersucht in uns geregt hätte. Auch -raubte uns diese ätherische Huldigung weder den Appetit noch den -Schlaf. Das Ganze war in der Tat eine Kinderei, ein erstes, harmloses -Vibrieren der Seele, und als uns schließlich der Vater des -gefeierten Mädchens ohne Verständnis für unsere Ritterlichkeit bei -dem Ordinarius der Klasse verdächtigte, so überwog unsere Entrüstung, -und wir beschlossen ohne jeden Herzenskampf, die Tochter -eines so barbarischen Vaters mit Verachtung zu strafen. Ganz derselbe -Freund hatte später in Prima eine Leidenschaft, die ihn auf -Jahre hinaus tief unglücklich machte und schließlich seinen Tod -herbeiführte.</p> - -<p>Es gilt hier also, zu unterscheiden und nicht vornehm ablehnend -die ernstesten Dinge, die ein Menschenherz zu bewegen imstande -sind, mit dem Leichten und Nichtigen über einen Kamm zu scheren. -Das herrlichste Mittel, die Leidenschaften zu lenken, ist ihr Verständnis.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span></p> - -<h2 id="Aus_dem_Schuldbuche_Wilhelm_Rumpfs"> -<img src="images/illu-127.png" alt="" /><br /> -Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop-e">Es war in Sekunda. Die letzte der nachmittäglichen Unterrichtsstunden -neigte sich ihrem Ende zu. Da erhob -sich mein Freund Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler – -derselbe, der später als neugebackener Primaner jenes -denkwürdige Rencontre mit dem Direktor Heinzerling zu bestehen -hatte – und bat den Lehrer in der hergebrachten Weise um die -Erlaubnis, »mal hinausgehen zu dürfen«.</p> - -<p>Es fiel mir auf, daß Wilhelm, als ihm die Bitte gewährt -wurde, ganz gegen seine Gewohnheit nach der Mütze griff; – bald -aber sollte ich den Grund dieser Maßregel erfahren … Denn als -Doktor Brömmel die lateinischen Stilübungen glücklich beendet hatte -und sich verabschieden wollte, fand er die Tür des Schulzimmers -von außen verschlossen. Wilhelm Rumpf hatte, gleichsam als -Vorstudie für sein künftiges Attentat auf Samuel Heinzerling, ganz -sachte den Schlüssel herumgedreht und war dann, im Hochgefühl -einer bedeutsamen Tat, schmunzelnd von dannen gewandelt.</p> - -<p>In den Räumen Sekundas herrschte infolge dieser unerwarteten -Einkerkerung großer Tumult. Alles drängte sich eifrig heran und -versuchte zu öffnen. Die Schwächeren wurden in dem Gedränge -zu Boden geworfen, die Kecken und Rücksichtslosen teilten Püffe -und Stöße aus, und der Lehrer selbst geriet in Gefahr, von dem -brandenden Ozean der erregten Schuljugend mit fortgerissen zu -werden. Nur mühsam und mit Aufbietung aller Körper- und -Geisteskräfte gelang es ihm, die Ordnung so weit wieder herzustellen, -daß er zum Worte kam. Zerstreut, wie er war, hielt er uns folgende -Ansprache:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span></p> - -<p>»Vor allen Dingen bitt' ich mir Ruhe aus! Ruhe, sage ich, -oder es geschieht ein Unglück! Boxer, der ganze Unfug scheint mir -wieder von Ihnen auszugehen! Ich rate Ihnen freundschaftlichst, -treten Sie etwas gelinder auf!«</p> - -<p>Boxer versuchte zu remonstrieren.</p> - -<p>»Gehn Sie auf Ihren Platz«, rief Brömmel mit Donnerstimme. -»Ich will mal sehen, ob ich den Urheber solcher Streiche nicht ausfindig -mache! Hutzler, Sie sollen sich setzen! Es ist unerhört, was -man in dieser Klasse erleben muß! Kurz und bündig: Wer hat -die Tür da zugeschlossen? Der Betreffende möge sich melden!«</p> - -<p>»Aber Herr Doktor,« versetzte Hutzler im Ton einer milden -Zurechtweisung, »der Schlüssel steckt ja von außen.«</p> - -<p>Allgemeines Gelächter.</p> - -<p>»Das ist wahr,« brummte der Lehrer, »daran dachte ich nicht. -Nun, es ist wahrlich nicht Ihr Verdienst, wenn Sie diesmal wider -Erwarten unschuldig sind. Jedenfalls ist der Täter ein ganz -erbärmlicher Junge, den ich exemplarisch bestrafen werde.«</p> - -<p>»Herr Professor,« begann Kleemüller, »das hat ganz bestimmt -einer von den nichtsnutzigen Primanern getan!«</p> - -<p>»Unsinn! die Primaner sind ernste, gesittete Leute! Ich wollte, -Ihr hättet halb so viel Anstand und Ehrgefühl!«</p> - -<p>»Dann war's einer aus Tertia!« rief Gildemeister.</p> - -<p>»Das ist hier zunächst indifferent. Vorläufig müssen wir -zusehen, daß wir hinaus kommen. Heppenheimer, gehn Sie mal -hinunter und rufen Sie den Pedellen!«</p> - -<p>Wir unterdrückten nur mühsam eine diabolische Heiterkeit. -Heppenheimer erhob sich und schritt mit komischer Grandezza der -Tür zu.</p> - -<p>Jetzt erst erkannte Brömmel, wie seltsam er sich geirrt hatte.</p> - -<p>»Ja, so«, rief er in wachsendem Unwillen. »Wahrhaftig, man -wird ganz irre in dieser Umgebung. Setzen Sie sich, ich werde -selbst gehen!«</p> - -<p>Eine Salve des tollsten Gelächters belohnte dieses neue Capriccio.</p> - -<p>»Ich will sagen,« verbesserte Brömmel stirnrunzelnd, »wir -müssen schleunigst den Pedellen zitieren … Boxer, gehn Sie ans -Fenster und rufen Sie!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span></p> - -<p>»Recht gern, Herr Professor«, erwiderte Boxer zuvorkommend.</p> - -<p>Er öffnete einen Flügel:</p> - -<p>»Herr Quaddler! Herr Gymnasialpedell! Herr Karzerverwalter! -Herr Leberecht Gottlieb Quaddler! Sie möchten doch gleich mal -heraufkommen! Hören Sie nicht? Quaddler! Der Herr Professor -ruft!«</p> - -<p>»Lassen Sie Ihre Glossen«, zürnte der Lehrer, heftig aufstampfend. -»Rufen Sie einfach: Herr Quaddler! und damit basta!«</p> - -<p>»Herr Quaddler! und damit basta!« schrie Boxer aus vollem Halse.</p> - -<p>»Ich komme ja schon«, erklang die Stimme des ehrlichen -Hausverwalters, der eben mit einer Ladung von Kienspänen aus -dem Holzstalle trat. »Was wollen Sie denn von mir?«</p> - -<p>»Herr Quaddler! Sie sollen gleich mal herauf kommen! Hören -Sie, Herr Quaddler? Der Herr Professor ruft! Wir sind eingeschlossen, -Herr Quaddler! Eilen Sie sich, Herr Quaddler, sonst -wird der Kaffee kalt! Hören Sie, Herr Quaddler?«</p> - -<p>»Lassen Sie Ihr verdammtes ›Herr Quaddler‹!« rief Brömmel -entrüstet.</p> - -<p>»Aber der Mann heißt doch so! Ich soll nicht Herr Gymnasialpedell -sagen, ich soll nicht Herr Karzerverwalter sagen …«</p> - -<p>»Sie sollen das Maul halten!« schrie der Professor außer sich.</p> - -<p>»Auch gut«, versetzte Boxer demütig.</p> - -<p>Nach zwei Minuten ertönten auf dem Korridor Schritte. Gleich -darauf pochte es schüchtern ans Türgetäfel.</p> - -<p>»Herein!« rief der Professor zerstreut.</p> - -<p>Quaddler drückte zur größten Erheiterung von zweiundfünfzig -übermütigen Sekundanern auf die Türklinke.</p> - -<p>»Sie müssen den Schlüssel herumdrehen«, sagte Brömmel verdrießlich. -»Irgend ein frecher Wicht hat uns hier eingeschlossen.«</p> - -<p>»Was?« fragte Quaddler.</p> - -<p>»Den Schlüssel sollen Sie umdrehen!« schrie der cholerische -Pädagoge. »Sie scheinen heute wieder infam schwerhörig!«</p> - -<p>»Schwerhörig? Gewiß nicht, Herr Professor, aber da drüben -in der Prima, wo von vier bis fünf Englisch ist, wird ergebenst so -laut gelacht, daß man sein eigenes Wort nicht versteht.«</p> - -<p>»Enthalten Sie sich aller Bemerkungen und schließen Sie auf!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span></p> - -<p>»Ja, Herr Professor, verzeihen Sie gütigst, wenn ich mir ganz -ergebenst erlauben darf zu vermerken, so wird das mit dem besten -Willen nicht möglich sein, weil der Schlüssel nicht steckt.«</p> - -<p>»Was? Auch das noch? Es ist empörend!«</p> - -<p>»Warten Sie mal, Herr Professor,« begann jetzt Boxer, indem -er mit der rechten Hand seine Tasche durchsuchte, »ich habe da -meinen Hausschlüssel bei mir, vielleicht paßt der …«</p> - -<p>»Was? Ihren Hausschlüssel? Mit welchem Recht tragen Sie -einen Hausschlüssel bei sich? Wissen Sie nicht, daß Sie Punkt -neun Uhr in Ihrer Wohnung zu sein haben?«</p> - -<p>»Gewiß, Herr Professor! Aber man kann sich doch einmal -wider Willen verspäten. Wenn man zum Beispiel einen Onkel an -die Bahn zu begleiten hat …!«</p> - -<p>»Ihre Onkels können bei Tag reisen. Dieser Hausschlüssel -wirft ein sehr bedenkliches Licht auf Ihre Gewohnheiten.«</p> - -<p>»Das ist wohl zu schroff geurteilt! Aber darf ich einmal die -Probe machen? Ich wette, er schließt!«</p> - -<p>»Meinetwegen, versuchen Sie's!«</p> - -<p>Boxer begann nun sehr geräuschvoll zu operieren. Natürlich -erfolglos.</p> - -<p>»Herr Professor!« rief Hutzler nach einer Weile. »Ich muß -schleunigst hinaus! Ich fühle mich unwohl.«</p> - -<p>»So? Was fehlt Ihnen denn?«</p> - -<p>»Wir hatten Gurkensalat zum Rindfleisch, – und jedesmal, -wenn ich Gurkensalat esse …«</p> - -<p>»Gedulden Sie sich! Ich kann um Ihretwillen die Tür nicht -eintreten lassen!«</p> - -<p>»So erlauben Sie mir, daß ich durchs Fenster …«</p> - -<p>»Ich glaube, Sie sind verrückt!«</p> - -<p>»Keineswegs, Herr Professor! Ich klettere einfach am Rohr -der Dachtraufe hinab.«</p> - -<p>»Und brechen den Hals!«</p> - -<p>»Nun, da wär' auch nichts weiter verloren! Sie haben mir ja -so manchmal gesagt …«</p> - -<p>»Sparen Sie Ihre Worte! Sie bleiben hier, bis geöffnet ist! -Quaddler! sorgen Sie jetzt dafür, daß dieser Unfug ein Ende nimmt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span></p> - -<p>»Erlauben der Herr Professor … Soll ich sozusagen den -Schlosser holen?«</p> - -<p>»Natürlich! Mit Ihren Fingern werden Sie bei der Sache -nichts ausrichten!«</p> - -<p>»Schön, Herr Professor. Welchen Schlosser soll ich denn holen?«</p> - -<p>»Das ist mir gleichgültig.«</p> - -<p>»Vielleicht den Kreiling?«</p> - -<p>»Himmelkreuzdonnerwetter, holen Sie, wen Sie wollen!«</p> - -<p>»So will ich den Kreiling holen. Der Burkhardt wohnt zwar -bedeutend näher …«</p> - -<p>»Selbstverständlich holen Sie dann den Burkhardt.«</p> - -<p>»Belieben der Herr Professor ganz ergebenst vermerken zu -wollen, der Schmelzer wohnt aber noch näher!«</p> - -<p>Doktor Brömmel schlug mit der geballten Faust auf die -Kathederfläche.</p> - -<p>»Sie sind ein Schafskopf! Augenblicklich machen Sie, daß Sie -fortkommen!«</p> - -<p>»O, Herr Professor … Ich gehe ja schon«, sagte Quaddler beleidigt.</p> - -<p>Und hiermit tappte er langsam über den Korridor und die -Stiege hinunter.</p> - -<p>Doktor Brömmel setzte sich, kreuzte nach Art Walthers von -der Vogelweide ein Bein mit dem andern und heuchelte eine -wahrhaft stoische Ruhe.</p> - -<p>»Ich werde die Frist benutzen, um Ihnen ein kurzes lateinisches -Exerzitium zu diktieren. Rüsten Sie sich zum Schreiben!«</p> - -<p>»Was?« rief Boxer pathetisch. »Das steht nicht im Schulprogramm!«</p> - -<p>»Wenn Sie sich noch ein einziges freches Wort erlauben, so -schick' ich Sie nach dem Karzer!«</p> - -<p>Boxer erhob sich.</p> - -<p>»Frech zu sein ist meine Gewohnheit nicht; aber in aller Bescheidenheit …«</p> - -<p>»Sie lernen mir zur Strafe den ersten Gesang der Odyssee -auswendig. Ich will Sie lehren, meine pädagogischen Maßnahmen -Ihrer unreifen Kritik zu unterwerfen! – Still jetzt dahinten! Ich -beginne mit dem Diktat!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span></p> - -<p>Er legte die Arme gleichmütig vor die Brust und hub an, wie -nachstehend:</p> - -<p>»Gönne die Reichtümer den Reichen und ziehe die Tugend den -Reichtümern vor!«</p> - -<p>»Wie?« fragte Knebel. »Was soll man vorziehen?«</p> - -<p>»… Und ziehe die Tugend den Reichtümern vor«, wiederholte -Brömmel mit eisiger Kälte.</p> - -<p>Die Federn kritzelten hastig übers Papier.</p> - -<p>»Wenn ich die Lehren der Weisheit verschmähe und noch im -reiferen Alter wie ein Kind nach den Zerstreuungen des Augenblicks -hasche, so bin ich albern … Das letzte Wort geben Sie mit -<em class="antiqua">ineptio</em>, <em class="antiqua">ineptire</em>.«</p> - -<p>»So bin ich was?« fragte Knebel.</p> - -<p>»Albern sind Sie,« versetzte Brömmel, – »im höchsten Grade.«</p> - -<p>»Gehört das mit ins Diktat?«</p> - -<p>»Ja, <em class="gesperrt">Sie</em> können sich's mit ins Diktat setzen! Heppenheimer, -warum schreiben Sie nicht?«</p> - -<p>»Ich bin fertig.«</p> - -<p>»So? Zeigen Sie einmal her!«</p> - -<p>Mit siegesgewissem Lächeln reichte Heppenheimer sein Blatt hin.</p> - -<p>»Was ist das für eine erbärmliche Schmiererei?«</p> - -<p>»Das ist Stenographie.«</p> - -<p>»So? Stenographie? Auch wieder so ein Mittel, um den -Lehrer zu hintergehen! Ich muß Ihnen sagen, daß ich von solchen -Geheimschriften absolut kein Freund bin. In meinen Stunden wird -so geschrieben, daß es jedermann lesen kann!«</p> - -<p>»Das kann jedermann lesen, – vorausgesetzt natürlich, daß -er's gelernt hat. Auch die gewöhnlichste Schrift ist nur dem -leserlich, der sie versteht.«</p> - -<p>»Lassen Sie Ihr Geschwätz, und schreiben Sie weiter!«</p> - -<p>Noch drei oder vier Sätze brachten wir so zu Papier. Dann -fingen wir an, die denkwürdigen Phrasen ins Lateinische zu -übertragen.</p> - -<p>»Boxer, warum schreiben Sie nicht?«</p> - -<p>»Ich habe Kopfweh! Sechs Stunden Gymnasium sind mir -gerade genug.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span></p> - -<p>»Sie lernen mir jetzt auch den zweiten Gesang der Odyssee -auswendig!«</p> - -<p>»Damit sich mein Kopfweh noch steigert? Damit ich schließlich -eine Gehirnentzündung bekomme?«</p> - -<p>»Kein Wort mehr, oder ich weise Ihnen die Tür!«</p> - -<p>Die Klasse begann wieder zu lachen. Auch Boxer konnte nicht -umhin, sich trotz seines Kopfwehs aufrichtig zu beteiligen.</p> - -<p>»Was? Sie wollen mir hier Gesichter schneiden? Augenblicklich -gehn Sie hinaus!«</p> - -<p>»Gern, Herr Professor, sobald der Quaddler mit dem Schmelzer -gekommen ist.«</p> - -<p>»Ja so … Der Mensch bleibt in der Tat über alle Begriffe -lang'! Heppenheimer, sehen Sie mal nach … Das heißt … -Ich will sagen … Es ist gut! Halten Sie sich an die Arbeit!«</p> - -<p>So verstrich eine Viertelstunde. Da knarrte es auf den Dielen -des Korridors.</p> - -<p>»Herr Professor, der Schmelzer war nicht zu Hause, und damit -Sie nicht so lang warten müssen und denken, ich bin etwa nachlässig -im Dienst, so wollte ich mir erlauben, Ihnen dies kurz zu -melden. Ich gehe jetzt gütigst zum Burkhardt.«</p> - -<p>»Sie sind der bornierteste Mensch, der mir je vorgekommen!« -wetterte Brömmel in heller Verzweiflung. »Denken Sie, ich habe -Lust, hier bis morgen früh Quarantäne zu halten?«</p> - -<p>»Aber der Herr Professor werden so frei sein … insofern -Sie mir doch gesagt und vermeldet haben, und der Schmelzer doch -ganz in der Nähe wohnt …«</p> - -<p>Brömmel verließ den Katheder und stürmte in ohnmächtigem -Zorn nach der Tür. Mit geballter Faust schlug er wider die Bretter.</p> - -<p>»Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß die Tür uns trennt«, -ächzte er, kaum noch der Sprache mächtig.</p> - -<p>»Gott verzeih' mir die Sünde, der Herr Professor sind ja -furchtbar erregt! Da will ich mich doch recht beeilen, damit ich ja -zur pünktlichen Zeit wieder da bin!«</p> - -<p>Und fort war er, ehe Brömmel etwas erwidern konnte.</p> - -<p>Wilhelm Rumpf hatte sich bis dahin abseits im Hofe herumgetrieben -und die Situation auskundschaftet. Er benutzte den<span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span> -günstigen Moment, um unbemerkt den Schlüssel wieder ins Schloß -zu stecken.</p> - -<p>Brömmel saß inzwischen, von heftigen Gemütsbewegungen hin -und her geschüttelt, auf dem Lehrstuhl. Sein ganzer Habitus -verriet, daß er alle moralische Kraft aufwenden mußte, um nicht in -schäumende Wut auszubrechen. Mit den Fingern der rechten Hand -trommelte er in heftigem Dreivierteltakt auf die Kathederfläche. Ab -und zu nickte er verzweiflungsvoll lächelnd vor sich hin, als wollte -er sagen: »Sehr gut, wirklich, ganz ausgezeichnet! So etwas kann -auch nur in Sekunda passieren!« Dann warf er wieder den Kopf -in den Nacken und zuckte die Achseln. »Die ganze Sache«, so ließ -sich diese Geste interpretieren, »ist mir zu erbärmlich, um mich -darüber zu ärgern. Dumme Jungens seid Ihr allesamt, den -Quaddler mit eingerechnet! Wenn ich doch endlich einmal dieses -Gymnasium mit seinen fatalen Auftritten los wäre! – Aber die -Professur an der Hochschule will noch immer nicht kommen, trotz -meiner epochemachenden Studie über das griechische Medium! Das -wahre Verdienst wird niemals erkannt! Fluch über dies Zeitalter!«</p> - -<p>Endlich, endlich erschien Quaddler mit dem sehnsuchtsvoll -erwarteten Burkhardt.</p> - -<p>Der Schlossermeister war im höchsten Grad ungehalten.</p> - -<p>»Sie denken, ich kann um jede Lumperei abkommen«, sagte er -noch im Treppenbau. »Es ist jetzt verdammt schlimme Zeit: die -Gesellen sind fort, und der Lehrbub versteht nichts. Um ein Schloß -aufzumachen, läuft man nicht so ohne weiteres drei Meilen weit. -Die paar Kreuzer machen die Suppe nicht fett!«</p> - -<p>»Aber erlauben Sie gütigst,« erwiderte Quaddler, »das gehört -doch sozusagen in Ihr Geschäft, und wo die Pflicht Ihres Amtes …«</p> - -<p>»Ach was,« versetzte Burkhardt, »ich habe kein Amt, und der -Teufel soll's holen, wenn ich alle Naselang aus der Werkstatt -geholt werde! Das nächste Mal setz' ich Ihnen zwei Gulden auf -Rechnung. Ich danke dafür, den halben Nachmittag zu vertrödeln, -wenn die Leute einmal einen Schlüssel verlegen.«</p> - -<p>So traten sie vor die Tür.</p> - -<p>»Aber was wollen Sie denn eigentlich?« schrie Burkhardt, den -armen Quaddler wütend am Arme schüttelnd. »Da steckt ja der<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span> -Schlüssel! Himmelschockmillionendonnerwetter, denken Sie vielleicht, -Sie können mich hier, wie ein böser Bube, zum Narren halten?«</p> - -<p>»Ja, aber bester Herr Burkhardt, das geht nicht mit rechten -Dingen zu! Vorhin stak der Schlüssel nicht, das kann ich beeidigen.«</p> - -<p>»So? Können Sie das beeidigen? Na, mir sollen Sie wieder -kommen mit Schlösseraufmachen! Einen alten Hund werde ich tun, -aber nicht wieder mit Ihnen herlaufen, Sie alter, versoffener -Pfannenschmied!«</p> - -<p>Der Schlossermeister eilte fluchend die Treppe hinab. Quaddler -aber stand wort- und regungslos da, eine männliche Niobe.</p> - -<p>»Nun, wird's bald?« rief Doktor Brömmel, an der Türklinke -rüttelnd.</p> - -<p>Der Pedell seufzte. Dann drehte er in völlig geknickter -Stimmung den Schlüssel um.</p> - -<p>»Hören Sie,« begann Doktor Brömmel in strafendem Tone, -»ich glaube, Sie selbst haben in Ihrer bodenlosen Zerstreutheit den -Schlüssel da abgezogen! Ich hasse nichts mehr als die Zerstreutheit. -Wiederholt sich dergleichen, so werde ich dafür sorgen, daß Ihnen -von höchster Stelle aus ein Verweis erteilt wird.«</p> - -<p>»Herr Professor, so wahr ich hoffe, dereinstens selig zu -werden …«</p> - -<p>»Das kann jeder sagen.«</p> - -<p>»Das finde ich auch«, meinte Boxer. »Wie die Dinge liegen, -kann nur Herr Quaddler die Tat verübt haben.«</p> - -<p>»Da hören Sie's«, eiferte Brömmel.</p> - -<p>»Aber ich will augenblicklich des Todes sterben …«</p> - -<p>»Schweigen Sie! Nur von außen kann der Schlüssel herumgedreht -worden sein, und Sie allein sind draußen gewesen. Ihr -hartnäckiges Leugnen ist geradezu abgeschmackt. Ich werde dem -Herrn Direktor nunmehr sofortige Anzeige machen.«</p> - -<p>Wilhelm Rumpf, der diese Verhandlungen aus einer Ecke des -Korridors mit anhörte, verspürte bei den strengen Worten des -Professors etwas wie Mitleid. So trat er denn plötzlich ins -Schulzimmer und rief atemlos:</p> - -<p>»Ach, Herr Doktor, ich bin rein außer mir! Wie ich vorhin -das Zimmer verließ, war ich so in Gedanken, daß mir ein Unglück<span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span> -passierte. Ich glaubte, ich wäre daheim. Denn wissen Sie, Herr -Professor, Sie sprechen gerade so, wie mein Hauswirt … Ich -weiß selbst nicht, wie es gekommen ist … In der Zerstreutheit -zog ich den Schlüssel ab …«</p> - -<p>»Knebel, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Rumpf wegen -groben Unfugs mit einem Tage Karzer bestraft‹. Wenn Sie wieder -ein Märchen aushecken, so lügen Sie weniger ungeschickt!«</p> - -<p>»Ein Märchen?« rief Wilhelm im höchsten Pathos. »Ich rede -die Wahrheit! Wer sich schuldig fühlt, der bleibt im Verborgenen! -Ich aber trete kühn vor Sie hin, um den Quaddler vom Verdacht -zu befreien …«</p> - -<p>»Ach ja, Herr Rumpf,« murmelte Quaddler gerührt, »das ist -wirklich recht schön von Ihnen! Ich hab's ja immer gesagt, der -Rumpf ist gar so kein übler Schüler nicht.«</p> - -<p>»Es bleibt dabei«, sagte Brömmel, den Hut aufsetzend. »Wenn -Sie wirklich so über alle Begriffe zerstreut sind, wie Sie behaupten, -so geben Sie künftighin besser acht! Ich kann die Zerstreutheit -nicht leiden! Und Sie, Quaddler, werden von jetzt ab den Schlüssel -inwendig stecken lassen. Wenn uns dann jemand einschließt, können -wir wenigstens öffnen, ohne den Schlosser zu rufen. Adieu!«</p> - -<p>»Seien Sie ruhig, Herr Rumpf,« flüsterte Quaddler beschwichtigend, -»ich will Ihnen die zwölf Kreuzer Pedellengebühren -für den Tag Karzer nicht anrechnen!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span></p> - -<h2 id="Eindrucke_aus_dem_Karzer"> -<img src="images/illu-137.png" alt="" /><br /> -Eindrücke aus dem Karzer.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-n.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d">Noch in Tertia hatte das Wort Karzer für unsere Ohren -etwas Dämonisch-Furchtbares. Wir glaubten synonyme -Anklänge an »Schafott« oder »Bagno« herauszuhören. -Die wenigsten von uns hatten die geheimnisvollen -Räume, die der Pedell Quaddler mit seinen riesigen Schlüsseln verwahrte, -auch nur zu Gesicht bekommen, denn die Karzerstrafen gehörten -in Tertia zu den größten Seltenheiten. Man züchtigte -unsere kleinen Vergehen einfach durch sogenanntes Nachsitzen, d. h. -man sperrte uns nach Schluß der Unterrichtsstunden in ein Schulzimmer. -Diese Methode ward bei leichteren Vergehen auch in -Sekunda noch angewendet. Nur Prima besaß das Privilegium -der ausschließlichen Karzerverbüßung; daher denn in Sekunda diejenigen -Schüler, welche »hinauf« unter die Botmäßigkeit des Pedells -wandelten, mitleidig auf die bloßen Nachsitzer herablächelten.</p> - -<p>In Sekunda nämlich ging mit den stillen Tertianern eine -eigentümliche Wandlung vor. Das System der Doppelklassen übte -hier seine antipädagogische Wirkung. Wenn die Oberstudienräte -alles aufböten, um die Schüler zu demoralisieren, so könnten sie -keine praktischere Einrichtung treffen, als diese zweijährige Dienstzeit. -Sexta, Quinta, Quarta und Tertia waren auf einen Kursus von -nur einem Jahre berechnet; in Sekunda aber rückten jedesmal zu -Ostern die Tertianer als Untersekundaner ein, während die bisherigen -Untersekundaner zu Obersekundanern emporstiegen. Der Unterricht -fand gemeinsam in demselben Raume statt. <em class="antiqua">In litteris</em> ward durch -diese Verschmelzung manches gewonnen: schon der Umstand, daß -man auf diese Weise dem Wetteifer der Jüngeren mit den Älteren<span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span> -ein weites Feld eröffnete, darf nicht unterschätzt werden. <em class="antiqua">In moribus</em> -aber verhielt sich die Sache umgekehrt. Es gab keine schroffere -Kluft, als die zwischen dem respektvollen Tertianer und dem kecken, -krawallsüchtigen Schüler Sekundas. Mit Staunen und Neid sah -der zum Untersekundaner avancierte Tertianer die edle Ungebundenheit -seiner neuen Mitschüler, und schon nach wenigen Tagen regte -sich der Nachahmungstrieb. Derselbe Wetteifer, der auf dem Gebiete -der Wissenschaft Gutes erzielte, lieferte auf dem des Betragens die -unbequemsten Resultate. Man beobachtete, daß die Phrase: »Sie -gehn mir einen Tag auf den Karzer!«, die in Tertia von geradezu -niederschmetternder Wirkung gewesen wäre, hier fast ohne Einfluß -auf das seelische Gleichgewicht der betroffenen Märtyrer blieb. -Man konstatierte, daß diese Obersekundaner absolut aufgehört hatten, -an die Furchtbarkeit des diabolischen Schrecknisses zu glauben. -Und so verschwand denn auch bei uns Jüngeren rasch die letzte Spur -jener Karzer-Religiosität, die uns in Tertia so magisch gebannt hatte. -Der Mensch, der die physikalischen Gesetze des Gewitters kennen -lernt, hört auf, vor dem <em class="antiqua">Jupiter tonans</em> zu bangen; die Vertrautheit, -welche der Astronom mit den Problemen der Verfinsterungen -bekundet, tötet die heilige Scheu vor dem Schwinden des Sonnenballs. -So verloren auch wir den geheimen Schauder, nachdem wir die -Erfahrung gemacht hatten, daß sterbliche Menschen, wie wir, ganz -behaglich mit diesem Orkus verkehrten und ohne Herzenskrämpfe -den Nachen Charon-Quaddlers bestiegen.</p> - -<p>Es war gerade vier Wochen nach Antritt meiner Sekundanerschaft, -als ich zum erstenmal für sechs Stunden »unter das Dach« -verbannt wurde. Ich hatte, wegen einer kleinen Störung von -»vier bis fünf« im Arrest behalten, diese Zeit der Knechtung dazu -benutzt, in Gemeinschaft mit zwei Leidensgefährten sämtliche Kleiderhaken -des Schulzimmers um ihre Achse zu drehen, ein Prozeß, der -mit einer radikalen Zerstörung identisch war. Noch begreife ich -nicht, wie unsere Naivität hoffen mochte, die Tat werde unbestraft -bleiben. Denn Quaddler, der gewissenhafteste Pedell seines Jahrhunderts, -hatte uns sorgfältig eingeriegelt, so daß also die Unmöglichkeit, -einen unbekannten <em class="antiqua">Quidam</em> für die Zerstörung des -Gymnasialeigentums verantwortlich zu machen, jeder logischen Natur<span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span> -einleuchten mußte. Nur eine Persönlichkeit existierte, der wir unseren -Frevel aufbürden konnten: Quaddler selbst, der jedesmal nach Entlassung -der Arreststräflinge das Lokal reinigte. Dieser höchst unwahrscheinliche -Ausweg mochte unserem Zerstörungstrieb hinreichend -bedünken. Kurz und gut, wir hatten die verbrecherische Abdrehung -ohne jede Besorgnis vor den möglichen Folgen bewerkstelligt, und -mit siegesgewissem Lächeln zogen wir, als die Stunde unserer Haft -zu Ende war, an dem öffnenden Quaddler vorüber ins Freie. Der -brave Pedell entdeckte natürlich sofort, was seine Schutzbefohlenen -gesündigt; und ehe er des folgenden Tages zum drittenmal -geläutet hatte, waren wir angezeigt. Mit blödem Zynismus wagten -wir, unser Vergehen in Abrede zu stellen. Aber Quaddler stand zu -fest in der Hochachtung seiner Gebieter, als daß man sein Zeugnis -bezweifelt hätte. So räumten wir denn endlich ein, was nicht -länger zu leugnen war, und ernteten als Lohn die beregte sechsstündige -Karzerstrafe.</p> - -<p>Es war doch ein eigentümliches Gefühl, als man so die enge -Treppe hinaufwandelte und zum erstenmal die kahlen, weiß -gestrichenen Eingänge der Zellen erblickte!</p> - -<p>Quaddler war bei solchen Anlässen stets von ausgezeichneter -Höflichkeit.</p> - -<p>»Wollen die Herren Sekundaner nur hereinspazieren«, sagte er -mit einer chevaleresken Handbewegung; »und dann möchte ich mir -gütigst erlauben, daß Sie ja nicht zu viel klingeln, indem von wegen -der Störung, weil nämlich die Herren Lehrer, insofern sie den -Unterricht erteilen, bei fortwährendem Geklingel nicht fortsetzen können.«</p> - -<p>Er hatte seine guten Gründe, der ehrliche Quaddler, warum -er die Karzer-Delinquenten stets so höflich apostrophierte. Von -jeder Stunde, die wir verbüßen mußten, erhielt er einen Kreuzer -süddeutscher Währung, und ich versichere feierlichst, er stand sich -nicht übel bei diesem Zuschuß! Mit edler Pflichttreue brachte er -jeden Verstoß gegen die Gymnasialgesetze zur Anzeige, und ehe ein -Frevler gezüchtigt war, kannte seine moralische Entrüstung keine -Grenzen. Sobald aber der Mund des Lehrers die Strafe diktiert -hatte, sobald war das sittliche Bewußtsein im Busen Quaddlers -befriedigt, und er kehrte die volle Schönheit seiner Humanität<span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span> -heraus. Ja, er empfand etwas wie Liebe für seine Sträflinge; nur -mußte man sich völlig der Hausordnung fügen, denn in diesem -Punkte war er Pedant.</p> - -<p>Er öffnete also und ließ uns eintreten in die Hallen der -stummen Verbannung. Wohl gemerkt: jeden einzelnen in ein <span id="corr140a">besonderes</span> -Lokal; denn gerade durch das System der Einzelhaft -unterschied sich der Karzer von dem milderen Arrest.</p> - -<p>Die Türen fielen krachend ins Schloß, die Schlüssel drehten -sich um – fast so geschwind wie jene unglückseligen Kleiderhaken –, -Quaddler tappte wuchtigen Trittes nach der Türe der Vorflur, -schloß auch diese und eilte die Treppe hinunter.</p> - -<p>Da saßen wir denn zum erstenmal auf dem Karzer! Das -Krachen des Schlüsselumdrehens war das Totenlied unserer Freiheit -gewesen.</p> - -<p>Verglichen mit dem Arrest, durfte der Karzer für eine weit -entschiedenere Absperrung von der bürgerlichen Gesellschaft gelten. -Während jener Stunde, die wir zur Abdrehung der Kleiderhaken -benutzt hatten, war, wie manchesmal, eine Erholungspause mit -behaglichem Fensterschauen verbracht worden. Hier, wo sich das -einzige Fenster hoch an der Decke befand, war diese Zerstreuung -um so weniger zu erreichen, als das Fenster durch ein starkes Gitter -vor unseren Zudringlichkeiten geschützt war. Auch die sonstige Einrichtung -unserer Zelle erschien minder behaglich als die Räume -Sekundas. Ein kleines, weiß getünchtes Stübchen, dessen einziges -Ameublement in einer Pritsche, einem Tisch und einem Stuhle -bestand! Und die Pritsche war hart, und der Stuhl war noch härter! -Auf dem Tische nahmen sich die wenigen Bücher, die wir mitgebracht -hatten, schrecklich verödet aus, und der kleine, schwarze -Ofen in der Ecke schien vor Melancholie verrosten zu müssen …</p> - -<p>Eine Weile übte dieser erste Eindruck auf unsere Lebensgeister -seine abdämpfende Wirkung aus; nach und nach jedoch erwachten -wir zum frohen Bewußtsein, daß sechs Stunden keine Ewigkeit sind, -und das erste <span id="corr140b">Symptom</span> dieser neu sich regenden Elastizität war -ein Ruf an die Adresse des Nachbars.</p> - -<p>»Du, Knebel, hier ist's äußerst gemütlich! Wie ist's bei Dir?«</p> - -<p>»Famos«, antwortete Knebel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span></p> - -<p>Jetzt vernahm ich auch die undeutliche Stimme des dritten -Dulders, dessen Zelle von der meinen durch die Knebels getrennt -war. Es gewährte mir eine besondere Genugtuung, mit diesem -fernen Freunde durch das Medium Knebels zu korrespondieren.</p> - -<p>»Du, Knebel!«</p> - -<p>»Was?«</p> - -<p>»Frag' mal den Scholz, was er treibt.«</p> - -<p>Alsbald telegraphierte Knebel weiter:</p> - -<p>»Du, Scholz, was treibst Du eigentlich?«</p> - -<p>Ein dumpfer Klang war die Antwort, und alsbald gab mir -Knebel zurück:</p> - -<p>»Nichts.«</p> - -<p>»Ganz mein Fall«, sagte ich freudig erregt.</p> - -<p>Pause.</p> - -<p>»Du, Knebel!«</p> - -<p>»Was?«</p> - -<p>»Ich klingle jetzt!«</p> - -<p>»Gut!«</p> - -<p>Und nun zog ich die Klingel.</p> - -<p>Es dauerte einige Minuten; dann klirrte die Tür der Vorflur, -und Quaddler erschien vor den Zellen.</p> - -<p>»Wer hat geklingelt?« fragte er unwillig.</p> - -<p>»Ich, Herr Quaddler, ich«, rief ich, an die Tür pochend.</p> - -<p>»Ich bin ja kaum zehn Minuten drunten«, gab Quaddler zur -Antwort. »Was wünschen Sie?«</p> - -<p>»Ach, Herr Quaddler, mir ist auf einmal so schlecht geworden. -Bitte, lassen Sie mich gleich mal hinaus.«</p> - -<p>Quaddler brummte etwas in den Bart und drehte den -Schlüssel um.</p> - -<p>»Ich sag' Ihnen, Herr Quaddler, ich hab' ein solches Leibweh -bekommen! Ich kann den Geruch der Tünche nicht recht vertragen. -Sie täten wirklich besser, wenn Sie die Karzerzellen tapezieren -ließen.«</p> - -<p>»Das wäre gütigst zu kostspielig«, versetzte Quaddler ärgerlich. -»Machen Sie jetzt nur mal, daß sie fertig werden und wieder hineinkommen. -Ich habe dringende Geschäfte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span></p> - -<p>»Ja, Herr Quaddler, das ist alles ganz gut, aber ich kann -doch unmöglich …«</p> - -<p>»Ach, die Herren Sekundaner haben allzeit eine Ausrede …«</p> - -<p>Ich blickte mich jetzt auf der Vorflur um und sagte dann -wohlwollend:</p> - -<p>»Die Schränke da gehören wohl Ihnen? Sehr schöne -Schränke, wirklich ganz ausgezeichnete Schränke. Es sind wohl -Kleiderschränke?«</p> - -<p>»Sozusagen teilweise«, erwiderte Quaddler sichtlich geschmeichelt. -»Aber machen Sie jetzt nur rasch. Ich habe sehr wenig Zeit …«</p> - -<p>Ich trat an einen der Schränke heran und befühlte ihn.</p> - -<p>»Echtes Eichenholz«, sagte ich mit Kennermiene. »Wirklich, Herr -Quaddler, ich beneide Sie. Wo haben Sie die Schränke eigentlich her?«</p> - -<p>»Erlauben Sie gütigst, die Pflicht meines Amtes … Ich -kann mit dem besten Willen nicht zugeben … Wollen Sie jetzt … -oder wollen Sie nicht …?«</p> - -<p>»Aber ich werde doch einmal Ihre Schränke betrachten dürfen …«</p> - -<p>»Wenn Sie heute abend Ihre Strafe verbüßt haben, will ich -mir gütigst erlauben, Ihnen die Schränke in allen Einzelheiten zu -zeigen. Aber jetzt, inwofern Sie wirklich die Absicht haben …«</p> - -<p>»Es ist hier draußen viel bessere Luft als drinnen«, sagte ich, -auf ein anderes Thema ablenkend.</p> - -<p>»O, da drinnen ist ganz gute Luft; und wenn die Herren -Sekundaner die Haken abreißen, so ist die Luft längst schön genug, -und ich muß jetzt in allem Ernste bitten, sich gefälligst beeilen zu -wollen. Da schlägt's schon ein Viertel …«</p> - -<p>»Ein Viertel! Wahrhaftig! Man soll's gar nicht sagen, wie -doch die Zeit vergeht! Überhaupt, wenn man bedenkt … Wissen -Sie noch, Herr Quaddler, wie ich in Quarta saß … Ich meine, -das wäre erst gestern gewesen!«</p> - -<p>»Wie Sie in Quarta saßen, hatten Sie gütigst viel weniger -tolle Streiche im Kopfe, und wenn Sie ergebenst meinen, Sie könnten -mich hier zum Narren halten, so werde ich dem Herrn Professor -mitteilen, daß Sie immer sagen, Sie hätten Leibweh und könnten -die Tünche nicht vertragen, und nachher von Quarta sprechen und -doch nicht hineingehen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span></p> - -<p>Mit diesen Worten trat er an die Tür der Zelle.</p> - -<p>»Wollen Sie jetzt, oder wollen Sie nicht?«</p> - -<p>»Es ist wirklich merkwürdig, Herr Quaddler,« sagte ich, tief -Atem holend, »die kühle Luft hier draußen hat mich auf wunderbare -Weise gestärkt. Es ist mir gar nicht mehr übel, und wenn -Sie erlauben, verfüge ich mich wieder in meine Zelle.«</p> - -<p>»Sie werden ja sehen, was Sie sich anrichten.«</p> - -<p>»Aber zum Donnerwetter, wenn sich mein Leibweh doch gebessert -hat! Soll ich denn nur, um Ihnen einen Gefallen zu tun …«</p> - -<p>»Was? Donnerwetter wollen Sie sagen? Ei, zum Donnerwetter, -das laß ich mir nicht gefallen. Wofür halten Sie mich? -Marsch in die Zelle!«</p> - -<p>»Quaddler, Quaddler, werden Sie nicht unangenehm.«</p> - -<p>»Ach, ich bin's müde, mich von Ihnen hänseln zu lassen!« -Und krach! flog die Tür zu, und brummend schlich der ehrliche -Schließer von dannen.</p> - -<p>Abermals ein kurzes Zwiegespräch mit dem trefflichen Knebel.</p> - -<p>»In zehn Minuten ist die Reihe zu schellen an mir«, rief er -jauchzend. »Der Quaddler soll doch wissen, wofür er das schwere -Karzergeld einheimst.«</p> - -<p>Ich benutzte die Frist bis zur nächsten Quaddler-Episode, um -mich im Innern meiner Zelle etwas gründlicher umzusehen.</p> - -<p>Wenn ich die Mauern meines Verließes vorhin »weiß getüncht« -nannte, so war dies insofern inkorrekt, als die ursprüngliche Reinheit -des Kolorits längst einem Zustande schwarz gesprenkelter Unsauberkeit -Platz gemacht hatte. Da existierte kaum ein Fleckchen, -wo nicht ein Tintenklex, eine Inschrift oder eine groteske Zeichnung -prangte, so daß einzelne Partien der Wandfläche den Eindruck einer -fast regelmäßigen Marmorierung hervorriefen.</p> - -<p>Ich trat näher herzu: Hunderte von Vorgängern hatten hier -eine beredte Erinnerung an durchlittene Stunden zurückgelassen … -Ich bekenne, daß mich dieser augenscheinliche Beweis von dem <em class="antiqua">socios -habuisse malorum</em> äußerst behaglich anmutete. Und dabei ersah -ich aus den meisten dieser Ergüsse, daß die Schmerzen des Karzers -keineswegs den guten Humor schädigten: eine Wahrnehmung, die -sofort in meinem eigenen Busen verwandte Regungen weckte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span></p> - -<p>Da stand z. B. in großen lateinischen Lettern, fast unmittelbar -an der Decke:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Weil ich den Schmidt am Haar gezerrt,<br /></span> -<span class="i0">Hat Bosheit mich ins Loch gesperrt.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i8"><em class="gesperrt">Meier.</em><br /></span> -</div></div> - -<p>Und gleich daneben von derselben Hand:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">O Heinzerling, Du schuldest meine Pein, –<br /></span> -<span class="i0">Die Götter mögen gnädig Dir verzeihn!<br /></span> -</div></div> - -<p>Ein Ungenannter verstieg sich zu folgendem Stoßseufzer:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Führt denn gar kein Weg,<br /></span> -<span class="i0">Führt denn gar kein Steg<br /></span> -<span class="i0">Aus der Prima schnödem Tartarus,<br /></span> -<span class="i0">Wo der Herr Scholar,<br /></span> -<span class="i0">Weil er kneipen war,<br /></span> -<span class="i0">Ganze Tage stumm verschmachten muß!<br /></span> -</div></div> - -<p>Darunter in schöner Frakturschrift:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0"><em class="antiqua">Vae victis!</em><br /></span> -</div></div> - -<p>Und hiervon links:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p><em class="antiqua">Illi robur et aes triplex circa pectus erat, qui primus -fragilem discipulum carceri commisit.</em></p></div> - -<p>Ein gewisser Ittmann, künftiger Philologe von Fach, hatte -einen Vers des Tyrtäus in den Kalk eingekratzt und dann die Vertiefungen -mit Rotstift bemalt, so daß da fast in der Weise einer -pompejanischen Mauerinschrift zu lesen war:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ὥσπερ ὄνοι μεγάλοις ἄχδεσι τειρόμενοι.<br /></span> -</div></div> - -<p>Zu deutsch:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wie die Esel seufzen wir unter den schrecklichsten Lasten.<br /></span> -</div></div> - -<p>Auf der entgegengesetzten Wand las ich die schwungvollen -Verse:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Mein Schicksal war ein Zechgelag,<br /></span> -<span class="i0">Nun schmacht' ich in des Karzers Kette;<br /></span> -<span class="i0">Doch wärst Du hier, geliebte Henriette,<br /></span> -<span class="i0">Des Orkus Nacht verklärte sich zum Tag.<br /></span> -</div></div> - -<p>Ganz ähnlich hatte sich mein Mitschüler Schwarz vernehmen -lassen, der ausnahmsweise bereits in Tertia »unter das Dach« -geschafft worden war. Er schrieb:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>O Fanny, himmlisches Mädchen, wenn Du, Engelgleiche, -mich lieben wolltest, ich ließe mich gern Zeit meines Lebens -hier einsperren.</p> - -<div class="bright50"> -<p class="center"> -Dein treuer Seelsorger<br /> -<em class="gesperrt">G. Schwarz</em>. -</p> -</div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span></p> - -<p>In kecken Lettern prangte unmittelbar darunter folgender Passus:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Wilhelm Rumpf, weil er dem <em class="antiqua">Dr.</em> Klufenbrecher Kirschkerne -unter den Stuhl gelegt hat, mit acht Stunden Karzer bestraft. -Gott, wie wenig!</p></div> - -<p>Ein Jüngling namens Fresenius ließ sich also vernehmen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">O Karzer, stiller Raum,<br /></span> -<span class="i0">Du meiner Sehnsucht Traum,<br /></span> -<span class="i0">Du Wiege meiner Leiden,<br /></span> -<span class="i0">Um sieben müssen wir scheiden.<br /></span> -</div></div> - -<p>E. P. aus L. schrieb das Nachstehende:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Wie, schnöder Quaddler, Du weigerst Dich, zu öffnen, wenn -ich klingele? Wahrlich, ich klingele nicht aus Übermut, sondern -aus Not … Nun, ich spreche mit einer leichten Variation -des Horaz:</p> - -<p><em class="antiqua"><em class="gesperrt">Aquam</em> memento rebus in arduis servare.</em></p></div> - -<p>Das waren so die pikantesten und witzigsten Scherze dieser -Wandliteratur. Andere Aufzeichnungen entbehren der Pointe, wie -z. B. die echt sekundanerhafte Lobrede auf des Pedells liebreizendes -Töchterlein:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p><em class="antiqua">Anny Quaddler est virgo venustissima, dulcissima, -placentissima. Basia ei dare velim quam plurima. Pedes -habet elegantissimos, genua rotundissima et cetera.</em></p></div> - -<p>Natürlich fehlten auch die gröberen Lästerungen, Zynismen -und Cochonnerien nicht. Es hat von jeher eine stark verbreitete -Sorte von Schülern gegeben, die den Mangel an Esprit und -Humor durch einen scharf ausgeprägten Kultus der Zwei- und Eindeutigkeiten -zu ersetzen suchen, geistlose Zotenjäger, die in jedem -Kleiderhaken einen Phallus erblicken, ohne imstande zu sein, ihre -Sottise in ein erträgliches Epigramm zu kleiden. Auch diese -Dunkelmänner hatten reichlich zur Beklecksung der Karzerwände beigetragen; -aber es fehlte ihren Skripturen auch jene bescheidene -Dosis von Salz, die man einem christlich-germanischen Sekundaner -zumuten darf.</p> - -<p>Ich wurde aus meinen Betrachtungen durch Knebels Geklingel -jählings emporgeschreckt. Drei Minuten später ertönten auf dem -Korridor wieder die Schritte Quaddlers. Knebel begann ein -entsetzliches Ächzen und Stöhnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span></p> - -<p>»Ach, Herr Quaddler, ach, um Himmels willen, was ist mir so -schlecht! Machen Sie schnell auf! Ich muß mich fürchterlich übergeben! -Schnell, schnell! Ach du lieber Gott, ist mir schlecht!«</p> - -<p>»Herr Knebel,« begann Quaddler mit einer Stimme, aus der -man sein olympisches Stirnrunzeln hervorlas, »ich sage Ihnen, -ohne Scherz, wenn Sie mir so kommen, so werden Sie sich ergebenst -täuschen.«</p> - -<p>Knebel stieß einige ganz entsetzliche Würgtöne aus und bat -dann von neuem in kläglichster Melodie um Öffnung der Zelle.</p> - -<p>Wütend stieß Quaddler die Tür auf.</p> - -<p>»Gott sei Dank! Das war gerade zur rechten Zeit. Ach, -Herr Quaddler, was ist mir so schlecht! Lassen Sie mich nur ein -Viertelstündchen hinaus.«</p> - -<p>»Das geht nicht«, versetzte der Pedell, durch die Naturwahrheit, -mit welcher Knebel seine merkwürdige Rolle spielte, stutzig gemacht.</p> - -<p>»So holen Sie mir rasch etwas frisches Wasser«, stöhnte der -Heuchler, von neuem glucksend und gröhlend. »Ach, wenn das -meine Mutter wüßte! Ach Gott, wie ist mir so schlecht!«</p> - -<p>»Gut, das Wasser sollen Sie haben. Aber das sag' ich Ihnen, -treiben Sie mir nicht die Sache zu weit, und ulken Sie mich nicht -alle Augenblicke herauf. Ich bin nicht zu Ihrer Bedienung da, -das müssen Sie sich nicht einbilden.«</p> - -<p>Mit diesen Worten entfernte er sich. Die Zelle Knebels hatte -er offen gelassen; der Verschluß des Korridors genügte ja! Knebel -aber hatte nichts Eiligeres zu tun, als mir und unserem Kameraden -Scholz das Verließ zu öffnen und so auf der geweihten Domäne -Quaddlers eine Dreimännerversammlung höchst revolutionärer Art -ins Leben zu rufen. Unsere Verabredungen waren in Kürze getroffen. -Scholz versteckte sich hinter einem der Schränke, nachdem wir vorher -seine Zelle sorgfältig verschlossen hatten. Ich selbst begab mich in -mein Gefängnis zurück und wartete, bis Knebel seine Übelkeitsangelegenheiten -geordnet hatte. Dann, um der Möglichkeit einer -Visitation bei Scholz vorzubeugen, klopfte ich und bat mir ebenfalls -ein Glas frisches Wasser aus, wobei ich durch allerlei gekünstelte -Phrasen die Ungeduld Quaddlers so sehr steigerte, daß er schwur, er -werde nicht mehr heraufkommen, und wenn wir die Klingel abrissen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span></p> - -<p>Weiter wünschten wir nichts.</p> - -<p>Nachdem Quaddler verschwunden war, trat Scholz aus seinem -Versteck heraus, drehte die Schlüssel unserer beiden Zellen um, und -siegesfroh sanken wir uns an die brüderlich klopfenden Herzen. -Ein brillanter Skat (Scholz trug immer die Karten bei sich) vereinigte -uns für den Rest unserer Strafzeit in fröhlicher Ungezwungenheit. -Einmal noch hatten wir, nachdem wir alle nötigen Vorbereitungen -getroffen, den Pedell herauf zitiert; unsere dauernde -Ruhe hätte seinen Verdacht erregt. Im übrigen blieben wir unbehelligt. -Und so endete denn unser erstes Karzererlebnis in jeder -Hinsicht befriedigend.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Mein zweiter Aufenthalt in »Quaddlers Dachkammern« steht -mir nicht minder klar im Gedächtnisse wie mein Debüt. Späterhin -haben die Eindrücke sich verwischt. Die »halben« und die »ganzen« -Tage wiederholten sich zu massenhaft, als daß jede einzelne Perle -dieses Rosenkranzes in meiner Erinnerung aufgezeichnet sein könnte. -Damals aber war meine Seele in Karzerangelegenheiten so jungfräulich, -daß selbst das geringste Ereignis eine unauslöschliche Spur -zurückließ.</p> - -<p>Es war drei Wochen seit jener ersten sechsstündigen Skathaft. -Ich hatte diesmal einen vollen Tag zu verbüßen, und zwar in -Gemeinschaft mit Wilhelm Rumpf, der Krone und dem Spiegel -aller deutschen Gymnasialschüler. Die Ursache unserer Schicksale -war nicht die gleiche. Rumpf hatte sich einer tätlichen Mißhandlung -des zart organisierten Salonschülers Heinrich von Sternberg erfrecht, -ich aber war, so seltsam es klingen mag, ein Opfer meines früh -entwickelten Patriotismus geworden.</p> - -<p>Zur Zeit meiner Sekundanerschaft florierte nämlich die Tätigkeit -des Nationalvereins. Unser damaliger Geschichtslehrer, übrigens -einer von den wenigen Pädagogen, die es verstanden, ihren Schülern -wirkliches Interesse einzuflößen, benutzte eine Vorlesung über die -französische Revolution, um den Nationalverein und seine Bestrebungen -mit den terroristischen Klubs von Paris zu vergleichen. Teils aus -Frömmig-, teils aus Zeitvertreib – wie die berühmte Dame des<span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span> -deutschen Volksliedes –, ich will sagen, halb aus Liberalismus, -halb aus Freude am Stören und Widersprechen, stand ich auf und -erklärte dem »großdeutsch« gesinnten Lehrer feierlich, es sei mir -leider unmöglich, seine politischen Anschauungen zu teilen. Der -Ordinarius von Sekunda zähle ja persönlich zu den Mitgliedern -des Nationalvereins, ohne daß man behaupten könne, derselbe habe -Ähnlichkeit mit Robespierre oder Marat. Das war nun freilich -eine für den Lehrer sehr unangenehme Gegenrede, denn die Tatsache -von der Mitgliedschaft des Ordinarius ließ sich nicht abstreiten. -Der Herr Professor mochte überdies der berechtigten Ansicht huldigen, -meine Opposition habe etwas von der prinzipiellen Feindseligkeit der -»Unversöhnlichen«. Er schritt zur Gewalt und verbannte mich -wegen frecher Störung für zwölf Stunden ins Gymnasialgefängnis.</p> - -<p>Man hatte diesmal mit diabolischer Tücke den Sonntag für die -Verbüßung der Haft festgesetzt, eine Maßregel, die unser Schicksal -bedeutend erschwerte.</p> - -<p>Schon um drei Viertel auf sieben mußte ich mich den Armen -des Schlummers entreißen, der uns Schülern doch gerade den -Sonntagsmorgen so lieb und wert vor allen übrigen machte! Nicht -ohne eine gewisse Verstimmung wanderte ich durch die stillen Gassen, -deren geschlossene Läden mich höhnisch angrinsten, als wollten -sie sagen: Ei, schon so frühe? Wir beginnen unser Tagewerk -noch lange nicht! Wohin denn mit deinen Büchern und deiner -Schulmappe? So viel wir wissen, gibt es doch heute keine -Lektionen …?</p> - -<p>Nun, sprach ich zu mir selbst, ich werde den Tag schon herumbringen; -und stolzen Hauptes wanderte ich an den schloßverhangenen -Buden vorüber. Goethe hat es gesagt: In der Beschränkung zeigt -sich erst der Meister! … Ich werde dem Schicksal beweisen, daß -die Freiheit selbst in dem Kerker wohnt!</p> - -<p>Am Brandplatze begegnete mir der alte Registrator Bieler, ein -bekannter Frühaufsteher, der seinen Spaziergang machte. Als ich -ihn grüßte, bemerkte ich, daß über seine Lippen ein halb sarkastisches, -halb mitleidiges Lächeln glitt. Auch nickte er so ganz eigentümlich -still vor sich hin … Die verwünschten Bücher! Die niederträchtige -Schreibmappe! Ich fühlte, ich war erkannt. Mit dem feierlichen<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span> -Ernst eines alten Römers gelobte ich mir, in Zukunft meine Bücher -stets am Tage zuvor bei Quaddler zu deponieren.</p> - -<p>Und nun betrat ich das Gymnasialgebäude.</p> - -<p>Wie öde, wie leblos dehnten sich diese Mauern! Hier, wo -sonst das lauteste, regste Treiben herrschte, wo das Gelächter -chronisch und das Gebrüll permanent war, hier thronte jetzt die -dumpfe Majestät einer Grabesstille, die mir kalt auf die Seele fiel! -Nichts ist trauriger als der Kontrast zwischen dem belebten und -dem unbelebten Raum! Ein Schauspielhaus sieht nach beendigter -Vorstellung weit trübseliger, ja in gewissem Sinne erschütternder -aus, als die ödeste Heide … Nun, das Gymnasium ist ja auch -eine Art Schauspielhaus, nur daß die Komödianten hier gleichzeitig -das Publikum abgeben.</p> - -<p>Langsam ging's die Wendeltreppe hinauf nach den Regionen -des Dachstuhls … Rumpf war noch nicht da. Einsam verhallten -unsere Tritte durch den weiten, schläfrigen Raum. Ich -sprach keine Silbe. Mit einer Art von wollüstigem Grausen sog -ich die Elegie dieser trübseligen Morgenstunde in mein Gemüt ein.</p> - -<p>So war ich denn in die Zelle gelangt. Fünf Minuten später -kam Wilhelm Rumpf, – ebenfalls sehr stumm und geräuschlos. Die -Tür fiel hinter ihm zu: wir waren allein, – durch das gemeinsame -Schicksal verbunden und doch getrennt durch die kalkbeworfene, inschriftenübersäte -Wand.</p> - -<p>Rumpf war der erste, der das feierliche Schweigen zu brechen wagte.</p> - -<p>»Prosit!« rief er mit gewohntem Zynismus.</p> - -<p>Der warme Klang dieser Stimme gab mir die volle Elastizität -des Geistes wieder.</p> - -<p>Ich antwortete, und so entspann sich ein brüderliches Gespräch, -das endlich mit dem Bemerken abgebrochen wurde, man wolle zunächst -etwas arbeiten, da ja der Tag lang und das <em class="antiqua">dolce far niente</em> -gerade in diesen Räumen am wenigsten <em class="antiqua">dolce</em> sei.</p> - -<p>Ich setzte mich an den Tisch und durchmusterte meine Papiere -und Bücher.</p> - -<p>Homer! Aufs Geratewohl schlug ich auf und las. Die frische -Seeluft, die mir aus den Rhythmen des hellenischen Sängers entgegenwehte, -paßte so wenig zu meiner Situation, daß ich nach kurzer<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span> -Frist das Buch zuklappte und hinauf nach dem spärlichen Stück -blauen Himmels sah, das in wolkenloser Klarheit durch die vergitterte -Luke herein glänzte. In der Tat, es gab keinen schrofferen Gegensatz, -als zwischen jenem ungebundenen Abenteurer Odysseus, der mit -den lieben Genossen die weintraubenfarbige Salzflut befuhr, und -mir, dem gefesselten Sekundaner, der in den Karzerräumen eines -deutschen Provinzgymnasiums für den Nationalverein büßte!</p> - -<p>Meine Stimmung war jetzt, infolge der verschiedenen Wandlungen, -die sie erlitten hatte, nachgerade bis zu dem Punkte gediehen, wo -der deutsche Gymnasiast sich in Versen ergeht. Überhaupt war der -Karzer für mich stets ein poetisch fruchtbarer Boden. Hier entstand -mehr als ein Gedicht, das später mit geringen Veränderungen im -Druck erschien, hier wurde gar mancher Ton angeschlagen, dem man -nicht anmerkte, daß er dem Territorium Quaddlers entstammte. Auch -die Primanerliebe fand die glücklichsten Momente ihrer lyrischen -Gestaltungskraft auf dem prosaischen Karzer! Es klingt wunderbar, -aber es ist so …</p> - -<p>Ich setzte mich also wieder behaglich zurecht, breitete einen Bogen -Papier vor mich hin und ergriff die Feder.</p> - -<p>Was schrieb ich?</p> - -<p>Ein Klagelied um »die sonnigen Tage von einst«!</p> - -<p>Es ist eine sonderbare Erscheinung, die unter anderen auch -Paul Heyse in der Novelle »Lottka« zum Ausdruck gebracht hat, -daß die Jugend, die eigentlich noch kaum von einer Vergangenheit -reden kann, mit Vorliebe ihren begrabenen Träumen, ihren zertrümmerten -Hoffnungen nachweint. So singt der achtzehnjährige -Paul in der tränenreichen Melodie des »<em class="antiqua">long, long ago</em>«:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich glaube, in alten Tagen,<br /></span> -<span class="i0">Da liebt' ich ein Mägdelein …<br /></span> -</div></div> - -<p>Späterhin erscheint uns dergleichen fast unbegreiflich; aber wenn -man mitten darin steckt, so kommt man sich mit seiner ganzen wehmuterfüllten -Individualität so heilig und ernst vor, daß man jeden -Zweifel mit Entrüstung von der Hand weisen würde.</p> - -<p>»Die sonnigen Tage von einst« erleichterten mir das Herz, und -in bester Laune benutzte ich die Rückseite des Blattes zur Abfassung -eines Karzerhymnus, der in dröhnenden Rhythmen die Nichtswürdigkeit<span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span> -dieser Anstalt vom Standpunkte der reinen Moral zu beleuchten -suchte.</p> - -<p>Mit einemmal ertönten die Kirchenglocken. Eine erneute Erinnerung -an den Zustand der Unfreiheit! Sonst hatte uns jeder -Sonntag, dafern wir die Stunde nicht ruchlos verschlafen, beim -Vormittagsgottesdienst am Hause des Herrn gesehen. Ich sage »am« -Hause des Herrn, denn wir standen davor, mit dem sehr weltlichen -Zwecke, die schönen Töchter des Landes einwandeln zu sehen. Die -Lehrer, insbesondere die Religionslehrer, hatten uns zwar vielfach -Vorlesungen im Sinne der berühmten Londoner <em class="antiqua">Anti-young-men-before-the-church-standing-association</em> -gehalten und uns schließlich -gesagt, wenn wir denn absolut nicht von dieser Unsitte ablassen -könnten, so möchten wir doch wenigstens <em class="gesperrt">nach</em> stattgehabter Revue -auch das Innere des Tempels besuchen; aber diese Mahnungen -blieben fruchtlos. Wir überschritten nur selten die Schwelle. Nicht -als ob wir schon damals sämtlich überzeugungsfeste Anhänger von -Schopenhauer oder David Strauß gewesen, nicht als ob wir jeder -Sympathie für die Kirche entbehrt hätten, nein, es war ein anderer -Umstand, der uns zurückhielt: der Eifer nämlich, mit dem die Lehrer -sich jeden, der beim Gottesdienste erschien, ins Notizbuch vermerkten. -Nur eine ganz verschwindende Minorität strenggläubiger oder augendienerischer -Alumnen frequentierte die Kirche trotz dieser unglückseligen -Methode. Die Quartalzensur brachte dann unter den »Besonderen -Bemerkungen« das herrliche Lob: »<em class="antiqua">NB.</em> Besuchte fleißig -die Kirche …«</p> - -<p>Jetzt tönten die Glocken durch die klare, friedliche Morgenluft. -Ich glaube, wenn's mir in diesem Augenblicke freigestanden -hätte, ich würde meine Zelle nicht nur mit dem Platz vor der -Kirche, sondern auch mit der Emporbühne im Innern vertauscht -haben, selbst auf die Gefahr hin, als kirchenfleißig notiert zu -werden.</p> - -<p>Rumpf schien von ähnlichen Gefühlen durchflutet. Denn mit -einemmal rief er mir sonderbar gähnend zu:</p> - -<p>»Du, es ist doch verflucht langweilig!«</p> - -<p>»Es geht«, antwortete ich mit gut erkünstelter Überlegenheit. -Es ging aber nur sehr mangelhaft!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span></p> - -<p>Wilhelm Rumpf griff nun zu dem niemals versagenden, ewig -vollgültigen Universalmittel des Klingelns. Quaddler erschien. Es -entspann sich ein Dialog, nach dessen Beendigung der Pedell wieder -verschwand, ohne daß sich unsere Situation im wesentlichen gebessert -hätte. Der ehrliche Schuldiener mußte von unserer neulichen Skatpartie -Wind bekommen haben, denn er weigerte sich hartnäckig, uns -Wasser zu holen, solange Rumpf sich auf dem Vorflur befand. -Deprimiert hörten wir seine nägelbeschlagenen Absätze treppabwärts -poltern. Für diesmal schien aus unserer Partie Piquet, auf die -wir so zuverlässig gerechnet hatten, nichts werden zu sollen.</p> - -<p>Da fiel mein Blick auf das Fenster. Die Vergitterung war -nicht in die Mauer eingelassen. Sie bestand vielmehr aus einer -Art Rost, die man mit Schrauben an das Holzwerk befestigt hatte. -Ein köstlicher Gedanke zuckte durch mein Gehirn. Wenn es uns -gelang, diese Schrauben zu lösen, so konnten wir die Kommunikation, -die auf normalem Wege durch die Türen unmöglich war, über das -Dach bewerkstelligen. Die Neigung der schiefergedeckten Fläche war -eine sehr mäßige – eine Gefahr also nicht vorhanden. Und überdies, -was fragt ein deutscher Sekundaner nach der Gefahr, sobald -es gilt, einen lustigen Streich auszuführen …!</p> - -<p>Ich teilte meine Idee dem schandtatbereiten Freunde mit, der -sie alsbald feurig ergriff.</p> - -<p>Ans Werk also!</p> - -<p>Ich rückte den Tisch gerade unter die Dachluke, stellte den Stuhl -in die Mitte der geräumigen Platte und stieg dann langsam hinauf. -Der improvisierte Bau war hoch genug, um das Gitterwerk in den -Bereich meiner Hände zu bringen. Ich überzeugte mich, daß der -eiserne Rost sich an der einen Seite wie ein Deckel in Scharnieren -bewegte, während die andere Seite mit vier großen Schrauben an -der Rampe des Fensters haftete. Wenn man diese vier Schrauben -herauszog, so mußte das Gitter ganz nach Art einer Lukenklappe -heruntersinken und die Fensteröffnung frei geben. Die Einrichtung -hatte überdies den Vorteil, daß man die Spuren dieser rechtswidrigen -Eröffnung wieder austilgen konnte. Eine einzige Schraube, nur -zur Not eingedrückt, reichte aus, um das Gitter in der Schwebe zu -halten, – ein Umstand, der nicht unterschätzt werden durfte. Der<span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span> -Pedell stattete uns nämlich, so ungern er auf unser Klingeln erschien, -mitunter Besuche aus dem Stegreif ab.</p> - -<p>Da ich keinen Schraubenzieher besaß, so öffnete ich mein Taschenmesser, -das mir in Gymnasialangelegenheiten stets ein unentbehrlicher -Diener gewesen. Ich könnte über dies Taschenmesser eine lange -Serie höchst stimmungsvoller Geschichten schreiben. Parenthetisch -erwähne ich hier nur das Nachstehende: Es existierten innerhalb -des Gymnasialgebäudes wenige Subsellien, in die ich nicht eine -Anzahl sehr korrekt gemeißelter Inschriften eingraviert hätte. Nun -gab es zwar einen Gesetzesparagraphen, der da besagte: »Es ist -den Schülern dieser Anstalt aufs strengste verboten, in die Bänke, -Tische, Stühle und sonstige Gerätschaften des Inventars Namen -einzuschneiden.« Aber niemals hat zwischen der Praxis und der -Theorie eine so unausgefüllte Kluft gegähnt, wie hier! Die Subsellien -unseres Gymnasiums waren geradezu Musterkarten aller erdenklichen -Schriftarten, von dem unbehilflichen Stümpern des Anfängers bis -zur technisch vollendeten Leistung des Virtuosen. Da winkten in -schöner Antiqua unzählige Josephinen, Mathilden, Henrietten und -Wilhelminen; da prangten in prickelnder Perlschrift zierliche Disticha -und geistvolle Quatrains; ja selbst Häuser, Bäume und ähnliche -Gegenstände waren in ihren Umrissen dargestellt. Hutzler hat späterhin -auf einem Tische der Prima einen großen Kanal gebaut, der -in mehrfachen Windungen von dem einen Ende zum anderen lief -und, wenn man den Tisch durch untergeschobene Bücher in eine -schräge Lage versetzte, vollkommen geeignet war, einen Tintenstrom -<em class="antiqua">en miniature</em> von der Quelle bis zur Mündung fließen zu lassen. -Niemals, solange man denkt, ist ein Schüler wegen Einschnitzungen -bestraft worden, obgleich der Pedell mit großem Eifer auf die Missetäter -fahndete. Wir schnitten nämlich, um die Möglichkeit, aus dem -Inhalt des Eingeschnittenen auf den Täter zu schließen, ein für -allemal in der Wurzel zu ersticken, nicht selten die Namen solcher -Schüler ein, denen man dergleichen wegen der musterhaften Korrektheit -ihres Lebenswandels nicht zutrauen konnte. Ja, Boxer gravierte -einmal in majestätischen Lettern: <b>Samuel Heinzerling!</b> Nachdem wir -diesen Präzedenzfall geschaffen, durften wir getrost unsere eigenen Namen -verewigen, denn nun war die Entschuldigung gestattet: <em class="antiqua">alius fecit!</em></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span></p> - -<p>Der Leser könnte nun fragen, ob denn ein Schluß von dem -Platz auf den Täter nicht viel korrekter gewesen wäre. Jawohl! -So leicht faßt man uns nicht! Alle acht Tage wurden infolge der -<em class="antiqua">exercitia pro loco</em> die Plätze gewechselt. Wenn jemand also einen -besonders auffallenden Einschnitt verbrochen hatte, so machte er die -Spuren seiner Tätigkeit für die nächsten acht Tage unkenntlich. Das -geschah auf folgende Weise: In erster Linie ward die helle Schnittfläche -mit Tinte behandelt, so daß sich der Einschnitt durch nichts -von den übrigen, ebenfalls schwarz und alt aussehenden, unterschied. -Dann füllte man die Vertiefungen dergestalt mit festgeknetetem -Brot aus, daß die Fläche wiederhergestellt war. Hierüber legte -man abermals eine Lage von Tinte. Da die ganze Tischfläche -schwarz und überdies ziemlich rauh und zerklüftet war, so hätte -man jeden Quadratzoll genau untersuchen müssen, um die betreffende -Stelle zu finden. Nach vierzehn Tagen, wenn der Täter längst an -einem andern Platze saß, hob er vor dem Beginn der Lehrstunde die -jetzt dürr gewordene Brotfüllung heraus, und wie mit einem Zauberschlage -stand die ganze Inschrift in ihrer vollen Glorie auf der -verwandelten Fläche. Wurde Quaddler jetzt wirklich durch diese -Novität befremdet, so war man jeder Verantwortung überhoben; -der Schüler aber, der neu auf den verfänglichen Platz versetzt -worden war, erklärte auf eine etwaige Interpellation sittlich entrüstet: -»Aber ich sitze ja hier erst seit gestern, und um das einzuschneiden, -braucht man doch mindestens acht Tage!« Der Lehrer -ließ dann die Sache aus Opportunitätsgründen »auf sich beruhen«.</p> - -<p>Dieses bedeutsame Messer also, das hornumschiente, wie Homer -sagen würde, zog ich aus der Tasche und begann meine Operation. -Die Schrauben saßen verzweifelt fest, – aber nach Verlauf einer -halben Stunde und mit Aufopferung einer Klinge gelang es mir -doch, mein Problem zu bewältigen. Das Gitter senkte sich geräuschlos. -Ich faßte rechts und links den Lukenrand und schwang mich empor.</p> - -<p>Ein wunderbarer Anblick belohnte mich. Da unten tief lag der -große, stille, einsame Platz. Gegenüber das gewaltige Zeughaus, -dessen graurötliches Gemäuer fast an die Ruinen des Heidelberger -Schlosses gemahnte. Nach rechts die Stadt mit ihren zahllosen -Giebeln und Dächern, nach links der herrliche Wiesengrund mit den<span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span> -freundlichen Landhäusern; und fern am Himmelsrande die bewaldeten -Höhen, deren letzte Kuppen bläulich hinüber schimmerten.</p> - -<p>Da drüben, an dem großen Fabrikgebäude vorüber, erkannte -ich auch das Haus des Professors, dem ich meine Gefangenschaft -zu verdanken hatte.</p> - -<p>Schnöder Tyrann, dachte ich bei mir selbst, wie schwer hast -du dich betrogen! Du wähnst mich im öden Dunkel der Zelle, und -ich halte hier Musterung über die Herrlichkeiten des Landes! Ha, -wie frei und köstlich mir diese Morgenluft die Schläfe umspielt! -Stolz blicke ich von meiner Höhe herab auf die Kleinheit und Gemeinheit -des <span id="corr155">Lebens</span>! Was kriecht und krabbelt da unten? Ich glaube, -der Registrator Bieler, der von seinem Morgenspaziergange zurückkehrt! -Wie kläglich! Wie pygmäenhaft! Jetzt hebt er den Kopf … -Ich ducke mich schleunigst … Aber es droht keine Gefahr; der -Herr Registrator hat nur drüben nach der großen Uhr des Zollhauses -geblickt.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Salve!</em>« tönt es mir plötzlich ans Ohr. Wahrhaftig, da -ist er, Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler, mein Leidens- und jetzt -mein Freudensgefährte. Wenn wir uns weit überbeugen und -die Arme ausstrecken, so können wir uns beinahe die Hände -reichen.</p> - -<p>»Ist's nicht famos hier oben in der freien, reinen, blauenden -Himmelsluft?«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Bene dixisti</em>«, gibt Wilhelm mit der Würde eines echten -Ciceronianers zurück.</p> - -<p>Und nun beginnt ein Stündchen der entzückendsten Umschau. -Wir preisen uns gegenseitig die Reize der Landschaft; wir glossieren -die Personen, die da drunten vorüber schreiten.</p> - -<p>Da kommt ein zierliches Dienstmädchen …</p> - -<p>Das ist das Lieschen von Wilhelm Rumpfs angeheiratetem -Onkel. Wunderbar, wie hier vom Rahmen des Karzerfensters aus -alles an Interesse gewinnt! Freilich, der Platz da unten liegt am -Ende der Stadt, und die Menschen, die vorüber wandeln, sind -zu zählen.</p> - -<p>»Ah, ich weiß, was sie will«, sagt Rumpf mit verständnisinnigem -Lächeln. »Der Onkel schickt sie zum Registrator Bieler, um<span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span> -für heute abend den Whistkranz abzubestellen. Die Tante ist unwohl. -Weißt Du, <em class="antiqua">carissime</em>, die verrät uns nicht.«</p> - -<p>Und mit verwegener Donnerstimme ruft er:</p> - -<p>»Lieschen! Lieschen!«</p> - -<p>Sie dreht sich um. Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler möchte -sich totlachen.</p> - -<p>»Nimm Dich in acht«, warne ich im Ton einer Cassandra. -»Der Quaddler hat Ohren wie ein Luchs. Auch muß Fräulein -Anny jeden Augenblick aus der Kirche kommen.«</p> - -<p>»Ah was! Bis der hier herauf tappt, sind wir längst wieder -drunten – Lieschen!«</p> - -<p>Dasselbe Spiel wiederholt sich. Endlich beim dritten Male -sieht das Mädchen herauf. Wie vom Donner gerührt, bleibt sie -stehen.</p> - -<p>»Fort, fort!« winkt der Tollkühne, und Lieschen begreift. Noch -mehrmals zurückblickend, wandelt sie ihrer Wege.</p> - -<p>Da kommen zwei junge Damen, biegen aber gleich wieder -rechts ab.</p> - -<p>»Das ist Fräulein Elsner und ihr Besuch aus Schleswig«, -erläutert Wilhelm Rumpf mit Kennermiene.</p> - -<p>»Gott bewahre, es ist die kleine Waldow und ihre Cousine -Griesinger …«</p> - -<p>»Lehr' Du mich die Mädchen kennen. Ich sage Dir, ich täusche -mich nicht … Aber sieh mal dort … Kennst Du den?«</p> - -<p>»Weiß Gott! Der Quaddler! Er kommt aus der Kirche! -Rasch hinunter … Jetzt hat er sein Pflichtbewußtsein gestärkt -und wird uns einen Besuch abstatten.«</p> - -<p>Im Nu tauchen wir in die Luke. Zwei Minuten später ist -das Gitter angeschraubt, der Stuhl vom Tisch gehoben und alles -in Ordnung gebracht.</p> - -<p>Unsere Ahnung betrügt uns nicht. Es währt nur kurze Zeit, -da klirren draußen die Schlüssel, Quaddler schreitet über den Vorflur -und begrüßt zunächst meinen Freund.</p> - -<p>»Es ist auch recht schön von Ihnen, Herr Rumpf,« sagte er -wohlwollend, »daß Sie nicht so viel geklingelt haben. Ich hab's -schon von meiner Tochter gehört, es wäre alles recht stille gewesen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span></p> - -<p>»Ah so,« erwidert Rumpf, »ich denke, Ihre Fräulein Tochter -war in der Kirche …«</p> - -<p>»Nein, heute mußte sie ergebenst zu Hause bleiben. Heute war -mein Tag.«</p> - -<p>»So, wer hat denn gepredigt?«</p> - -<p>»Der Herr Kirchenrat.«</p> - -<p>»Ist's möglich? Das Kirchenrätchen?«</p> - -<p>»Herr Rumpf, ich muß Sie bitten, was den Respekt betrifft …«</p> - -<p>»Tun Sie doch ums Himmels willen nicht so zimperlich! Alle -Welt weiß doch …«</p> - -<p>»Alle Welt weiß, daß Ihnen sozusagen nichts heilig ist, aber -ich habe jetzt keine Zeit. Ich will noch mal hinübergehen, und dann -muß ich gütigst einen wichtigen Brief schreiben.«</p> - -<p>Sprach's, empfahl sich und erschien dann bei mir.</p> - -<p>»Sagen Sie mal, Herr Quaddler,« hub ich an, nachdem wir -die ersten Phrasen der Begrüßung gewechselt hatten, »wer waren -denn eigentlich die zwei jungen Damen, die Ihnen da vorhin am -Steueramte begegnet sind?«</p> - -<p>Quaddler starrte mich an, als ob er ein Gespenst sähe.</p> - -<p>»Wie? Was? Woher wissen Sie denn …?«</p> - -<p>Jetzt erst erkannte ich, daß ich in meiner Zerstreutheit eine -Bêtise verbrochen. Jeder andere Pedell würde den Unfug gemerkt -haben; nur Quaddler war mit einiger Effronterie zu beschwichtigen.</p> - -<p>»Sehr einfach, Herr Quaddler! Sehen Sie, Herr Quaddler, -ich habe hier einen Taschenkamm, an dem ist hinten ein sympathetischer -Spiegel. Wenn ich den nun so gegen das Fenster halte und mit -dem einen Auge durch die Finger blinzle …«</p> - -<p>»Zeigen Sie mal her«, sagte Quaddler erstaunt und bemühte -sich, durch die Finger zu blinzeln.</p> - -<p>»Ja, Sie halten das Ding falsch! So müssen Sie's halten!«</p> - -<p>Ich stellte mich in Positur.</p> - -<p>»Sehen Sie, ganz deutlich … Eben geht der Herr Registrator -Bieler vorüber … Sehen Sie …«</p> - -<p>Quaddler beeilte sich, meinem Beispiel zu folgen.</p> - -<p>»Sozusagen nicht die Spur sehe ich«, rief er nach einer Weile.</p> - -<p>»Sie sind wohl kurzsichtig?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span></p> - -<p>»Im Gegenteil, weitsichtig.«</p> - -<p>»Nun wohl, der Spiegel da ist nur für Kurzsichtige berechnet.«</p> - -<p>»Das ist aber merkwürdig!«</p> - -<p>»Sehr merkwürdig, Herr Quaddler!«</p> - -<p>Der Pedell schüttelte den Kopf, als ob er der Sache nicht recht -traute. Dann schaute er empor nach dem Gitter. Da war nichts -Verdächtiges zu bemerken! Es mußte doch wohl in der Ordnung -sein mit dem Spiegel …</p> - -<p>»Wirklich, sozusagen ein sehr merkwürdiger Spiegel«, wiederholte -er nachdenklich. »Nun, ich glaube, es wäre übrigens besser, -wenn Sie lieber gütigst etwas arbeiten wollten!«</p> - -<p>»Arbeiten? Am Tage des Herrn?«</p> - -<p>»Warum nicht? Da Sie ja doch heute sozusagen keinen -richtigen Sonntag haben, und die Arbeit übrigens nicht schändet …«</p> - -<p>»Nun, ich werde mir's überlegen. Gehen Sie nur jetzt getrost -an Ihren wichtigen Brief!«</p> - -<p>Der Pedell empfahl sich.</p> - -<p>Fünf Minuten später saßen wir wieder auf dem Rande der -Luke und erfreuten uns der herrlichen Aussicht.</p> - -<p>Nachdem wir unsere Gemüter an diesen Wonnen gesättigt, -erwachte die Begier nach einer konkreten Zerstreuung.</p> - -<p>»Wart', ich komme hinüber«, sagte Rumpf mit einem prüfenden -Blick auf das Terrain.</p> - -<p>Vorsichtig zog er erst das rechte, dann das linke Bein über -den Fensterrand. Dann ergriff er einen jener Haken, an denen die -Schieferdecker beim Ausbessern des Daches ihre Leitern festhängen, -und gab sich einen kräftigen Schwung. Ich ergriff seine Linke, und -das große Werk war vollbracht.</p> - -<p>Wir arrangierten nun im Innern der Zelle eine Piquetpartie, -die uns etwa eine Stunde hindurch auf das kostbarste amüsierte.</p> - -<p>Da mit einemmal, welch ein unverhofftes Geräusch … Quaddler -mußte dem sympathetischen Spiegel doch nicht so recht geglaubt haben, -denn er war ganz leise die Treppe hinauf geschlichen und öffnete jetzt -den Korridor mit diabolischer Vorsicht.</p> - -<p>Wir rührten uns nicht. Es war für Rumpf augenscheinlich zu -spät, um in seine Zelle zurückzukehren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span></p> - -<p>Quaddler trat an meine Tür und pochte.</p> - -<p>»Was treiben Sie jetzt?« sagte er mißtrauisch.</p> - -<p>Ich rückte ostensibel mit dem Stuhle, erwiderte das Klopfen -und sagte:</p> - -<p>»Gerade war ich dabei, das berühmte Carmen des Horaz: »<em class="antiqua">Odi -profanum vulgus et <span id="corr159">arceo</span></em>« ins Deutsche zu übersetzen.«</p> - -<p>»Das ist recht von Ihnen«, erwiderte Quaddler.</p> - -<p>Und nun klopfte er an die Zelle Wilhelm Rumpfs.</p> - -<p>»Was machen Sie denn, Herr Rumpf?«</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>»Herr Rumpf! Ich frage Sie, womit Sie beschäftigt sind?«</p> - -<p>Grabesstille.</p> - -<p>Jetzt drehte Quaddler den Schlüssel um. Welch ein Anblick -bot sich seinen entsetzten Blicken! Das Gitter erbrochen, der Sträfling -verschwunden, – hinaus aufs Dach und von da vielleicht vermittelst -der traditionellen Leine, von welcher Herr Quaddler erst jüngst in -einem spannenden Lieferungsroman gelesen, hinab auf den festen -Grund der Erde! Wer weiß, vielleicht hatte Rumpf genau die -Absicht, wie jener italienische Grafensohn, unter die kleinasiatischen -Seeräuber zu gehen …! Und doch … Es war nicht zu begreifen …!</p> - -<p>»Herr Rumpf! Herr Rumpf!« schrie Quaddler verzweifelnd, -»wo sind Sie?«</p> - -<p>Alles stille.</p> - -<p>»Da muß ich doch gleich einmal in seine Wohnung gehen und -nachsehen, ob er daheim ist.«</p> - -<p>Und mit rasender Eile stürmte er die Treppe hinab.</p> - -<p>Sofort stieg Rumpf auf dem Wege über das Dach in seine -Zelle zurück. Die Gitter wurden ganz regelrecht mit allen vier -Schrauben befestigt, und als ob nichts geschehen sei, vertieften wir -uns in unsere Bücher. Die Messer aber verbargen wir der Vorsorge -halber in unseren Stiefeln.</p> - -<p>So verstrich eine halbe Stunde. Da ertönten Stimmen … -Quaddler hatte sich richtig bei den Wirtsleuten, wo Wilhelm Rumpf -zur Miete wohnte, erkundigt, und da man hier um den Verschwundenen -nicht wußte, so war der biedere Pedell in seiner Verzweiflung zu<span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span> -dem angeheirateten Onkel gerannt, um diesen von dem Vorfall in -Kenntnis zu setzen.</p> - -<p>»Da, sehen Sie, geehrter Herr Rat,« sagte Quaddler bebend, -indem er den Schlüssel umdrehte, »fort ist er!«</p> - -<p>»Ei, guten Tag, lieber Onkel!« rief Wilhelm Rumpf mit rührender -Naivität; »das ist aber schön, daß Du mich hier 'mal besuchst.«</p> - -<p>Quaddler und der Herr Rat standen wie angewurzelt. Mehrere -Minuten lang war keiner von ihnen fähig, ein Wort über die Lippen -zu bringen.</p> - -<p>»Aber das werde ich dem Herrn Direktor vermelden«, stammelte -endlich Quaddler.</p> - -<p>»Was denn?« versetzte Rumpf harmlos.</p> - -<p>»Daß Sie da oben hinausgeschlüpft sind, und wenn man dann -meint, Sie wären fort, dann kommen Sie wieder.«</p> - -<p>»Sie sind närrisch«, antwortete Rumpf. »Bin ich vielleicht -eine Ratte? Da, sehen Sie her, der Zwischenraum da ist kaum -eine Hand breit.«</p> - -<p>»Ja, ja, Sie haben das Gitter abgeschraubt, ich hab's wohl -gesehen, und dann sind Sie aufs Dach entschlüpft.«</p> - -<p>»Herr Quaddler ich verbitte mir das! Womit soll ich das -Gitter denn abschrauben?«</p> - -<p>»Nun, Sie werden wohl irgend ein Instrument bei sich -haben.«</p> - -<p>»Lieber Onkel, Du bist Zeuge. Ich belange den Quaddler -wegen Verleumdung. Jetzt aber stelle ich die kategorische Forderung, -daß ich augenblicklich untersucht werde.«</p> - -<p>»Gut, das soll geschehen«, erwiderte Quaddler. »Ich werde -das Meißelchen schon finden, mit dem Sie die Sache gemacht haben.«</p> - -<p>»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich keinen Meißel -besitze, noch jemals besessen habe. Untersuchen Sie nur meine -sämtlichen Taschen. Sie haben wahrscheinlich nach der Kirche die -Lotz'sche Bierstube besucht …«</p> - -<p>Die Visitation blieb natürlich fruchtlos.</p> - -<p>»Ja, Herr Quaddler,« sagte Rumpfs Onkel, »ich begreife in -der Tat nicht, was Sie eigentlich wollen. Das Gitter da ist doch -ganz fest, und mit den Fingern kann man's nicht abschrauben …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span></p> - -<p>Rumpf wandte sich verständnisinnig zu diesem gewichtigen -Fürsprecher und murmelte:</p> - -<p>»Ich sag's ja, er war bei Lotz. Gestehen Sie's offen Quaddler!«</p> - -<p>»Bei Lotz …, das steht sozusagen richtig, aber ich habe -nur zwei Glas Bier getrunken, und was ich gesehen habe, das hab' -ich gesehen, und das laß ich mir nicht ausreden, und wenn Sie's -gütigst erlauben, werd' ich's dem Herrn Direktor vermelden.«</p> - -<p>»Zwei Glas Bier!« schrie Wilhelm Rumpf. »Und ein Mann, -der sich solchen Ausschweifungen überläßt, will uns moralische Vorlesungen -halten …? Wissen Sie was? Besoffen sind Sie gewesen, -und da haben Sie in Ihrem Taumel eine Halluzination gehabt. -Ich bin hier nicht von der Stelle gewichen und habe gearbeitet, -während Sie den heiligen Sonntag durch ein Zechgelage entweihten. -Ich werde dem Herrn Direktor schon das Nötige zu vermerken -wissen, wenn Sie mich anschwärzen wollen. Soll ich noch dafür -aufkommen, wenn Sie sich in aller Frühe einen Rausch antrinken? -Pfui, und abermals pfui! Sie wollen Pedell sein? Sie wollen -eine Tochter erziehen? Sie sollten sich schämen! Ein Mann von -beinahe fünfzig Jahren und solche Extravaganzen …! Siehst -Du, Onkel, so hat man nun seine Not auf der Welt: wenn der -Pedell sich bekneipt, soll der Sekundaner die Suppe ausessen!«</p> - -<p>»In vollem Ernste, Herr Quaddler,« begann jetzt der Onkel, -»ich fange an zu glauben, daß Sie sich in eigentümlicher Weise -getäuscht haben. Darf ich Ihnen einen freundschaftlichen Rat erteilen, -so lassen Sie die Sache auf sich beruhen. Der Herr Direktor -gibt etwas auf mein Urteil, und ich werde ohne Bedenken die -Aussagen meines Neffen bestätigen. Oder haben Sie sich vielleicht -gar in der Zelle geirrt? Nicht wahr, daneben sitzt ja noch einer?«</p> - -<p>»Nein, nein!« erwiderte Quaddler, »es war hier diese Zelle, -und ich will nicht selig werden …«</p> - -<p>»Sie sind hartnäckig«, sagte der Onkel; »Scherz beiseite, ich -werde die nächste Gelegenheit ergreifen, mit dem Herrn Direktor -zu sprechen.«</p> - -<p>»Da möchte ich Sie doch ganz ergebenst bitten, wenn Sie das -tun wollen, die Güte zu haben, es lieber nicht zu tun. Eher will -ich noch annehmen, ich hätte mich getäuscht; obgleich ich mich ganz<span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span> -gewiß, das heißt, ich will sagen, bitte, sprechen Sie nicht mit dem -Herrn Direktor!«</p> - -<p>»Sobald Sie mich wegen Ihrer verrückten Halluzination anzeigen,« -sagte Rumpf pathetisch, »sobald wird mein Onkel das -Seinige tun, um Ihre Intrigen zu hintertreiben! Das versteht sich -von selbst! Nicht wahr, Onkel?«</p> - -<p>Der Onkel nickte.</p> - -<p>»Ich sage gar nichts mehr«, erwiderte Quaddler kleinlaut; -»was man heutzutage alles erlebt …! Nichts für ungut, Herr -Rat, daß ich Sie hierher bemüht habe. Nehmen Sie's denn -meinetwegen auf Rechnung meiner Kollation, wie der Herr Rumpf -sagt, aber ich versichere Sie, wie gesagt, ich sage gar nichts mehr.«</p> - -<p>Und hiermit war die Sache erledigt.</p> - -<p>Den Rest des Tages verbrachten wir jeder still in seinen vier -Wänden. Wir mochten doch nicht ein zweites Mal auf Quaddlers -Halluzinationsfähigkeit spekulieren.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Besuch_im_Karzer"> -<img src="images/illu-163.png" alt="" /><br /> -Der Besuch im Karzer.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop-e">Es schlug zwei. Der Direktor des städtischen Gymnasiums, -<em class="antiqua">Dr.</em> Samuel Heinzerling, wandelte mit der ihm eigenen -Würde in den Schulhof und erklomm langsam die -Stiege.</p> - -<p>Auf der Treppe begegnete ihm der Pedell, der eben geläutet -hatte und sich nun in seine Privatgemächer verfügen wollte, wo es -allerlei häusliche Arbeiten zu erledigen gab.</p> - -<p>»Äst nächts vorgefallen, Quaddler?« fragte der Direktor, – -den devoten Gruß des Vasallen durch ein souveränes Kopfnicken -erwidernd.</p> - -<p>»Nein, Herr Direktor.«</p> - -<p>»Hat der Herr Bibläothäkar noch nächt öber die bewußten -Bände resolvärt?«</p> - -<p>»Nein, Herr Direktor.«</p> - -<p>»Goot, so gähen Sä noch heute hinöber und erkondigen Sä -säch, wä säch diese Angelägenheit verhält … Noch eins. Der -Prämaner Rompf fehlt seit einigen Tagen. Verfögen Sä säch doch -einmal in seine Wohnung und öberzeugen Sä säch, ob er wärklich -krank ist! Ich zweifle fast …«</p> - -<p>»Entschuldigen Sie, Herr Direktor, der Rumpf ist wieder da; -ich sah ihn vorhin über den Hof kommen.«</p> - -<p>»Non, om so bässer.«</p> - -<p>Der geneigte Leser verzeihe die eigentümliche Orthographie, mit -der wir die <span id="corr163">geflügelten</span> Worte des Gymnasialherrschers zu Papier -bringen. Herr <em class="antiqua">Dr.</em> Samuel Heinzerling sprach allerdings nicht -ganz so abnorm, als unsere Schreibweise vermuten lassen könnte:<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span> -allein das deutsche Lautsystem gibt uns kein Mittel an die Hand, -die spezifisch Heinzerlingsche Klangfarbe genauer zu versinnlichen. -Ich, der bescheidene Erzähler, habe selber hundertmal den Vorträgen -des Herrn Direktors in stummer Andacht gelauscht und den -Heinzerlingschen Vokalismus sozusagen zu meinem Lieblingsstudium -erhoben. Solange unser armseliges Alphabet nicht eigene Zeichen -für Zwitterlaute zwischen i und e, zwischen u und o usw. besitzt, -so lange wird der Historiograph, der sich mit Herrn <em class="antiqua">Dr.</em> Samuel -Heinzerling beschäftigt, die von uns vorgeschlagene Rechtschreibung -adoptieren müssen.</p> - -<p>Der Herr Direktor sagte also: »Non, om so bässer!« und -schritt über den langen Korridor den Pforten seiner Prima zu.</p> - -<p>Samuel war heute ungewöhnlich früh gekommen. In der -Regel hielt er an der Theorie des akademischen Viertels fest. Diesmal -hatte ihn ein häuslicher Zwist, über den wir aus begreiflicher -Delikatesse den Schleier der Verschwiegenheit breiten, schon vor der -Zeit aus dem behaglichen Sorgenstuhle getrieben, in welchem er -seinen nachmittäglichen Kaffee zu schlürfen pflegte. Nur so erklärt -es sich, daß die Primaner noch nicht daran gedacht hatten, nach -Art der Gemsen ihre übliche Wache auszustellen.</p> - -<p>Der Herr Direktor vernahm bereits auf dem Korridor einen -Heidenlärm. Vierzig dröhnende Kehlen schrien »Bravo!« und -»Dakapo!«</p> - -<p>Samuel runzelte die Stirn.</p> - -<p>Jetzt verstummte das Chorgebrüll, und eine klare, schneidige -Stimme begann in komischem Pathos:</p> - -<p>»Non, wär wollen äß för diesmal goot sein lassen. Sä haben -säch wäder einmal nächt gehärig vorbereitet, Heppenheimer! Äch -bän sähr onzofräden mät Ähnen! Sätzen Sä säch!«</p> - -<p>Donnernder Applaus.</p> - -<p>Der Direktor stand wie versteinert.</p> - -<p>Bei den Göttern Griechenlands, – das war <em class="gesperrt">er selbst</em>, wie -er leibte und lebte …! Ein wenig karikiert, – aber doch so -täuschend ähnlich, daß nur ein Kenner den Unterschied herauszufühlen -vermochte! Eine solche Blasphemie war denn doch – -dem Sprichwort zum Trotze – noch nicht dagewesen! Ein Schüler<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span> -erfrechte sich, ihn, den souveränen Beherrscher aller Gymnasialangelegenheiten, -ihn, den Verfasser der »Lateinischen Grammatik -für den Schulgebrauch, mit besonderer Rücksicht auf die oberen -Klassen«, ihn, den renommierten Pädagogen, Ästhetiker und Kantianer, -von der geweihten Höhe seines eigenen Katheders aus lächerlich zu -machen! <em class="antiqua">Proh pudor! Honos sit auribus!</em> Das war ein Streich, -wie er nur in der Seele des Erzspitzbuben Wilhelm Rumpf zur -Reife gelangen konnte!</p> - -<p>»Wollen Sä einmal etwas nähmen, Möricke«, fuhr die -Stimme des pflichtvergessenen Schülers fort … »Was, Sä send -onwohl? Gott, wenn mer jonge Leute in Ährem Alter sagen, sä -send onwohl, so macht das einen sähr öblen Eindruck. Knäbel, -schreiben Sä einmal äns Tagebooch: ›Möricke, zom Öbersätzen aufgefordert, -war onwohl …‹«</p> - -<p>Jetzt vermochte der Direktor seine Entrüstung nicht länger zu -bemeistern.</p> - -<p>Mit einem energischen Ruck öffnete er die Tür, und trat -unter die erschrockenen Zöglinge, wie der Leu unter die Gazellenherde.</p> - -<p>Er hatte sich nicht getäuscht.</p> - -<p>Es war in der Tat Wilhelm Rumpf, der größte Taugenichts -der Klasse, der sich so frevelhaft an der Majestät vergangen hatte. -Erst seit vier Wochen zählte dieser Mensch zu Samuel Heinzerlings -Schülern, und schon gebührte ihm vor allen Bengeln, vom Primus -bis zum Ultimus, die Krone! Mit hochgezogenen Vatermördern, -auf der Nase eine große, papierene Brille, in der Linken ein Buch, -in der Rechten das traditionelle Bleistiftchen haltend, – so stand -er auf dem Katheder und wollte eben eine neue Gotteslästerung -ausstoßen, als der tiefbeleidigte Direktor auf der Schwelle erschien.</p> - -<p>»Rompf!« sagte Samuel mit Fassung, – »Rompf! Sä gähen -mer zwei Tage än den Karzer. Knäbel, schreiben Sä einmal äns -Tagebooch: ›Rompf, wegen kändischen, onwördigen Benähmens -mät zwei Tagen Karzer bestraft.‹ – Heppenheimer, rofen Sä den -Pedellen!«</p> - -<p>»Aber Herr Direktor …!« stammelte Rumpf, indem er die -Papierbrille in die Tasche steckte und auf seinen Platz zuschritt.</p> - -<p>»Keine Wäderrede!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span></p> - -<p>»Aber ich wollte ja nur … ich dachte …«</p> - -<p>»Seien Sä ställ, sag' äch Ähnen!«</p> - -<p>»Aber erlauben Sie gütigst …«</p> - -<p>»Knäbel, schreiben Sä ein: ›Rompf wägen wädersetzlichen -Betragens mät einem weiteren Tage Karzer belägt.‹ – Äch bän's -möde, mich äwig mät Ähnen heromzoschlagen. Schämen sollten Sä -säch in den Grond Ährer Sääle hänein! Pfoi, und abermals pfoi!«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Audiatur et altera pars</em>, Herr Direktor. Haben Sie uns -diese Lehre nicht stets ans Herz gelegt …?«</p> - -<p>»Goot! Sä sollen nächt sagen, daß äch meinen Pränzäpien -ontreu wärde. Was haben Sä zo Ährer Entscholdigong anzoföhren?«</p> - -<p>»Ich kann nur versichern, Herr Direktor, daß ich durchaus -nichts Unziemliches beabsichtigte. Ich gedachte mich lediglich ein -wenig in der Mimik zu üben.«</p> - -<p>»Öben Sä Ähren lateinischen Stäl und Ähre grächische -Grammatäk!«</p> - -<p>»Das tu' ich, Herr Direktor. Aber neben der Wissenschaft -hat doch auch die Kunst ihre Berechtigung.«</p> - -<p>»Das habe äch nä in meinem Läben geleugnet. Wollen Sä -ätwa Ähre Albernheiten för Konst ausgäben? Jädenfalls äst däse -Konst sähr brotlos.«</p> - -<p>»O, bitte, Herr Direktor!«</p> - -<p>»Seien Sä ställ. Wänn Sä so fortfahren, so wärden Sä -öber korz oder lang Schäffbroch leiden. Knipcke, sehn Sä einmal -nach, wo der Heppenheimer mit dem Pedellen bleibt.«</p> - -<p>»Ach, für diesmal, Herr Direktor«, flüsterte Rumpf in -schmeichlerischem Tone, – »für diesmal könnten Sie mir die Strafe -noch erlassen.«</p> - -<p>»Nächts da! Sä gähn än den Karzer. Doch wär wollen -ons dorch däsen Zwäschenfall än onsrer Arbeit nächt stären lassen. -Hutzler, repetären Sä einmal …«</p> - -<p>»Herr Direktor, ich war beim Vorübersetzen nicht zugegen. -Hier ist mein Zeugnis.«</p> - -<p>»So! Sä waren wäder einmal krank. Wässen Sä, Hutzler, -Sä sänd auch öfter krank als gesond …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span></p> - -<p>»Leider, Herr Direktor. Meine schwächliche Konstitution …«</p> - -<p>»Schwächläch? Sä, schwächläch? Non, hären Sä einmal, -Hutzler, äch wollte, jäder Mänsch unter der Sonne wäre so schwächläch -wä Sä! Faul sänd Sä, aber nächt schwächläch …«</p> - -<p>»Faul? Aber ich kann doch nicht während eines Fieberanfalls …«</p> - -<p>»Äch känne das! Sä wärden wäder einmal zo väl Bär -getronken haben. Repetären Sä einmal, Gildemeister.«</p> - -<p>»Fehlt!« riefen sechs Stimmen zugleich.</p> - -<p>Samuel schüttelte mißmutig das Haupt.</p> - -<p>»Weiß keiner, warom der Gildemeister fehlt?«</p> - -<p>»Er hat Katarrh!« antwortete einer der sechse.</p> - -<p>»Katarrh! Wä äch so alt war, hatte äch nämals Katarrh. -Aber wo bleibt denn der Knipcke und der Heppenheimer? Schwarz, -gehn Sä einmal hinaus, kommen Sä aber gleich wäder!«</p> - -<p>Schwarz ging, und kam nach zehn Minuten mit dem Pedell -und den beiden Kommilitonen zurück.</p> - -<p>»Herr Quaddler war mit Tapezieren beschäftigt«, sagte Heppenheimer -in achtungsvollem Tone; »er mußte sich erst ein wenig umkleiden.«</p> - -<p>»So! und dazo brauchen Sä eine halbe Stonde? Quaddler, -äch fände, Sä wärden nachlässig äm Dänste!«</p> - -<p>»Sie entschuldigen ganz gehorsamst, Herr Direktor, aber die -Herren sind erst vor zwei Minuten an meine Tür gekommen.«</p> - -<p>»Oh!« riefen die drei Primaner wie aus einem Munde.</p> - -<p>»Non, äch wäll das nächt weiter ontersochen! Här, nähmen -Sä einmal da den Rompf ond föhren Sä ähn auf den Karzer. -Rompf, Sä wärden säch anständig betragen und nächt alle Augenbläcke -nach dem Pedellen rofen, wä das vor acht Tagen geschehn -ist. Quaddler, Sä lassen säch durch nächts bestämmen, den Rompf -auf den Vorflur zo lassen! Wenn ähm wäder schlächt wärd, so -mag er das Fänster öffnen. Am bästen äst's, Sä sätzen ähm alles -Nötige hänein in die Zälle, und lassen die Töre ein för allemal -verschlossen. Freitag abend kömmt er wäder herunter.«</p> - -<p>»Schön, Herr Direktor.«</p> - -<p>»Das Ässen können Sä säch dorch einen Ährer Freunde besorgen -lassen. Verstanden?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span></p> - -<p>Rumpf nickte.</p> - -<p>»So! und non fort mät Ähnen!«</p> - -<p>»Es ist also wirklich Ihr Ernst, Herr Direktor, mich für eine -künstlerische Leistung …«</p> - -<p>Samuel Heinzerling lachte mit männlich-pädagogischer Würde.</p> - -<p>»Sä sänd ein drolliger Kauz, trotz aller Ährer Ongezogenheiten. -Aber helfen kann äch Ähnen nächt. Solange Sä mär nächt dartun, -was Ähre angäbliche könstlerische Leistung notzt und frommt, – -ganz abgesehen von Ährer onziemlichen Tendenz, – so lange -wärden Sä säch ins Onabänderliche fögen mössen. Machen Sä -jetzt, daß Sä hänauf kommen!«</p> - -<p>Wilhelm Rumpf biß die Lippen aufeinander, machte kehrt und -verschwand mit Quaddler in der Dämmerung des Korridors.</p> - -<p>»Was haben Sie eigentlich verbrochen, Herr Rumpf?« fragte -der Pedell, als sie die Treppe hinanschritten.</p> - -<p>»Nichts.«</p> - -<p>»Aber verzeihen Sie gütigst, Sie müssen doch was gemacht haben?«</p> - -<p>»Ich habe nur das getan, was der Direktor beständig tut.«</p> - -<p>»Woso?«</p> - -<p>»Nun, geben Sie einmal wohl acht: Sähen Sä, mein läber -Quaddler, der Rompf ist ein Taugenächts und verdänt eine -exemplarische Zächtigong.«</p> - -<p>»Herr Gott meines Lebens!« stammelte der Pedell, beide Hände -über dem Kopf zusammenschlagend. »Nein, wer mir gesagt hätte, -daß so etwas möglich sei … Aber das ist ja ordentlich graulich, -Herr Rumpf! Weiß der ewige Himmel, wenn ich Sie nicht mit -meinen eigenen Augen vor mir sähe, ich würde schwören, des gestrengen -Herrn Direktors persönliche Stimme gehört zu haben! -Tausend noch 'mal, das muß ich sagen! Sie können's noch weit -bringen in der Welt! Wissen Sie, da war ich einmal drüben bei -Lotz in der Bierstube, da war auch so ein Zauberkünstler, der machte -Ihnen alles nach, was Sie wollten, Vogelgezwitscher und Pferdewiehern, -Hundegebell und Hochzeitspredigten. Aber so wie Sie hat -er mich doch nicht aus Rand und Band gebracht!«</p> - -<p>»Glaub's, glaub's, läber Quaddler!« versetzte Rumpf, immer -noch den Direktor imitierend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span></p> - -<p>»Und das haben Sie in seiner Gegenwart aufgeführt? Nein, -hören Sie einmal, nichts für ungut Herr Rumpf, aber alles am -rechten Ort. So was geziemt sich nicht, und der Herr Direktor -haben alle Ursache, im höchsten Grade ungehalten zu sein.«</p> - -<p>»Meinen Sä?«</p> - -<p>»Ich muß Sie recht schön bitten, Ihr Spiel jetzt sein zu -lassen. Es verträgt sich nicht mit dem Ernst meines Amtes. -Wollen Sie gefälligst hier hereinspazieren!«</p> - -<p>»Mät Vergnögen …!«</p> - -<p>»Herr Rumpf, ich werde dem Herrn Direktor sagen, Sie hätten -noch nicht genug an der Ihnen diktierten Strafe …«</p> - -<p>»Was gäht Sä meine Strafe an, Sä alter, närrischer -Quaddler!«</p> - -<p>»Was mich Ihre Strafe angeht? Nichts! Aber es geht mich -viel, sehr viel an, ob Sie fortfahren, den Herrn Direktor in -respektwidriger Weise zu verspotten.«</p> - -<p>»Ich kann machen, was äch will.«</p> - -<p>»Das können Sie nicht.«</p> - -<p>»Doch, Quaddler. Äch kann sprechen, wä mär's paßt, und -wäm's nächt gefällt, der dröckt säch oder hält säch die Ohren zo.«</p> - -<p>»Nun, warten Sie!«</p> - -<p>»Worauf?«</p> - -<p>»Ich werde dem Herrn Direktor Bericht erstatten.«</p> - -<p>»Sagen Sie einen schönen Gruß von mir.«</p> - -<p>»Sie werden sich wundern.«</p> - -<p>Quaddler drehte den Schüssel um und tappte langsam die -Treppe hinunter.</p> - -<p>Im Saale der Prima ward inzwischen eifrig Sophokles interpretiert. -Heppenheimer verdeutschte gerade zum größten Jubel der -übermütigen Sippe das Wehgeschrei des unglücklichen Philoktetes:</p> - -<p class="center"> -»Ai, ai, ai, ai …« -</p> - -<p>Der Direktor Samuel Heinzerling fiel ihm in die Rede.</p> - -<p>»Sagen Sä ›Au, au, au, au‹. Das ›Ai‹ als Interjektion -des Schmerzes äst sprachwädrig.«</p> - -<p>»Ich dachte, ›Au‹ sei bloß bei körperlichen Schmerzen gebräuchlich«, -bemerkte Heppenheimer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span></p> - -<p>»Non, dänken Sä välleicht, Philoktet habe bloß geistig gelätten? -Sä scheinen mer den Gang der Tragödie ohne sonderliche Aufmerksamkeit -verfolgt zu haben.«</p> - -<p>»Herr Direktor, es klopft!« sagte Knebel.</p> - -<p>»Sähn Sä einmal nach, Knipcke!«</p> - -<p>Knipcke eilte, zu öffnen.</p> - -<p>»Was? Sä, Quaddler? Warom stören Sä ons schon wäder? -Fassen Sä säch korz!«</p> - -<p>»Ich wollte mir gütigst erlauben, ergebenst zu vermerken, der -Primaner Rumpf spricht noch immer so, wie von wegen weshalb -Sie ihn bestraft haben.«</p> - -<p>»Was? Er sätzt die Komödie fort? Non, äch wärde die -erforderlichen Maßregeln zu ergreifen wässen! Knäbel, schreiben -Sä einmal ein, – oder nein, lassen Sä's läber! Es äst goot, -Quaddler. Heppenheimer, fahren Sä fort. Also: ›Au, au, au, -au,‹ nächt: ›Ai, ai, ai, ai‹. Das Folgende können Sä etwa mät: -›Ach, ihr äwigen Götter!‹ oder mät ›Allmächtiger Hämmel!‹ -wädergeben!«</p> - -<p>Heppenheimer erledigte sein Pensum zu des Direktors leidlicher -»Zofrädenheit«. Nach ihm übersetzte Schwarz »ongenögend«. Dann -erscholl Quaddlers Klingel. Der Verfasser der lateinischen Grammatik -für den Schulgebrauch erklärte den Unterricht für geschlossen. In -der Tür erschien Doktor Klufenbrecher, der Mathematiklehrer, der -die Prima von drei bis vier über die Geheimnisse der analytischen -Geometrie zu unterhalten hatte. Samuel Heinzerling reichte dem -»geschätzten Herrn Kollegen« herablassend, aber nicht ohne ein gewisses -humanes Wohlwollen, die grübchenreiche Rechte und verfügte -sich dann nach dem Direktorialzimmer, wo er sich nachdenklich -auf seinem Amts- und Dienstsessel niederließ.</p> - -<p>Quaddler ging inzwischen ans Werk, die freie Stunde gehörig -auszunutzen. Rüstig stülpte er den Pinsel in den Kleistertopf und -bestrich eine Tapetenbreite nach der anderen mit duftender Klebematerie.</p> - -<p>Wilhelm Rumpf aber saß gähnend auf der Pritsche und versicherte -im Selbstgespräch, er sei das Gymnasium mit seinen unmotivierten -Freiheitsbeschränkungen bis über die Ohren müde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span></p> - -<p>Herr Samuel Heinzerling kraute sich jetzt in den Locken, rückte -die große Brille mit den runden Gläsern zurecht und schüttelte zwei-, -drei-, viermal das pädagogische Haupt.</p> - -<p>»Ein mäserabler Jonge, dieser Rompf!« murmelte er vor sich -hin … »Aber äch glaube fast, auf dem Weg der Güte äst mähr -bei ihm auszurichten, als mit Gewalt und Strenge. Äch wäll ähm -einmal ärnst-nachdrocksamst ins Gewässen räden! Schade ohm ähn! -Er gehört zo meinen begabtesten Schölern!«</p> - -<p>Er klingelte.</p> - -<p>Nach drei Minuten erschien Anny, Quaddlers sechzehnjährige -Tochter. Sie war augenscheinlich im Begriff, einen Ausgang zu -machen; dafür sprach das kokette Federhütchen, das sich anmutig -auf ihren dunklen Locken wiegte, und das bunte Schaltuch, das -ihre vollen Schultern umfing.</p> - -<p>»Sie befehlen, Herr Direktor?« fragte sie mit einer graziösen -Verbeugung.</p> - -<p>»Wo ist Ihr Vater?« flüsterte Samuel mit einer für seine -Verhältnisse außerordentlich reinen Aussprache des »i«.</p> - -<p>»Er kleistert. Haben Sie etwas zu besorgen, Herr Direktor?«</p> - -<p>»So, er kleistert. Na, dann wäll äch ähn nächt stören in seiner -Kleisterei. Es äst nächts Besonderes, Anny. Der Karzerschlössel stäckt ja?«</p> - -<p>»Ich werde einmal gleich fragen, Herr Direktor.«</p> - -<p>Wie ein Reh eilte das Mädchen die Treppe hinunter. Nach -wenigen Sekunden war sie wieder zur Stelle.</p> - -<p>»Jawohl, Herr Direktor, die Schlüssel stecken, sowohl der zum -Vorflur, wie der zur Zelle. Befehlen Sie sonst etwas?«</p> - -<p>»Nein, äch danke.«</p> - -<p>Anny verabschiedete sich. Lächelnd blickte Samuel ihr nach.</p> - -<p>»Ein reizendes Känd!« murmelte er vor sich hin. »Ich gäbe väl -darom, wenn meine Winfriede nur halb so väl <em class="antiqua">savoir vävre</em> besäße -– von Ismenen ganz zo geschweigen. Däser Quaddler äst -ein <em class="antiqua">paganus</em>, ein <em class="antiqua">homo incultus</em>, und dessenohngeachtet verstäht er -es, eine Charitin groß zo zähen, während äch, der feingebäldete -Kenner des klassischen Altertoms, äch, der <em class="antiqua">homo, coi näl homani -alienom äst</em>, nächt ämstande bän, eine meines Bäldongsgrades -wördige Nachkommenschaft zo erzielen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span></p> - -<p>Er strich sich einigemal über das glattrasierte Kinn, nahm -dann seinen Hut vom Tisch und klomm die Stiege zum Karzer hinan.</p> - -<p>Wilhelm Rumpf war höchlich überrascht, als sich schon nach -so kurzer Gefangenschaft die Tür in den Angeln drehte. Sein -Staunen erreichte jedoch den Zenitpunkt, als er in dem unerwarteten -Besucher den Direktor Samuel Heinzerling erkannte.</p> - -<p>»Non, Rompf?« sagte der ehrenfeste Pädagoge.</p> - -<p>»Was wünschen Sie, Herr Direktor?« entgegnete der Schüler -im Tone einer resoluten Verstocktheit.</p> - -<p>»Äch wollte mäch einmal erkondigen, ob Sä in säch gähn und -einsähn, daß solche Puerilitäten der Aufgabe des Gymnasiums und -dem in däsen Mauern herrschenden Geiste vollständig zowäder -laufen …«</p> - -<p>»Ich bin mir nicht bewußt …«</p> - -<p>»Was, Rompf? Sä wollen säch noch auf die Hänterbeine -stellen? Sähn Sä einmal, was wörden Sä wohl sagen, wenn Sä -an meiner Stelle wären? Wörden Sä nächt däsen onartigen, -öbermötigen Wälhelm Rompf aus Gamsweiler noch ganz anders -bei den Ohren nähmen? Hä?«</p> - -<p>»Herr Direktor …«</p> - -<p>»Das sänd doch Kändereien, wä man sä einem anständigen -jongen Mann aus gooter Famälie nächt zotraut! Wässen Sä was? -Beim nächsten dommen Streich wärde äch Sä relegären!«</p> - -<p>»Relegieren …?«</p> - -<p>»Ja, Rompf! Relegären! Drom gähn Sä än säch und lassen -Sä dä Ongezogenheiten, die Ähnen wahrhaftig keine Ehre machen … -Äch wäderhole Ähnen: sätzen Sä säch einmal an meine Stelle! …«</p> - -<p>Wilhelm Rumpf ließ das Haupt nachdenklich auf die Brust -sinken. Er fühlte, daß die angedrohte Relegation nur noch eine -Frage der Zeit sei. Mit einemmal zuckte ein diabolischer Gedanke -durch sein Gehirn.</p> - -<p>»Wenn ich denn einmal fortgejagt werden soll,« sprach er zu -sich selbst, »so mag es denn auch mit Eklat geschehen!«</p> - -<p>Er lächelte, wie der verbrecherische Held eines Sensationsromanes -nach gelungener Missetat zu lächeln pflegt, und sagte im Tone einer -beginnenden Zerknirschung:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span></p> - -<p>»Sie meinen, Herr Direktor, ich solle mich an Ihre Stelle -versetzen …?«</p> - -<p>»Ja, Rompf, das meine äch.«</p> - -<p>»Gut, wenn Sie's denn nicht anders haben wollen, so wünsche -ich viel Vergnügen!«</p> - -<p>Und damit sprang er zur Tür hinaus, drehte den Schlüssel -um und überließ den armen Direktor seinem unverhofften Schicksale.</p> - -<p>»Rompf! Was fällt Ähnen ein! Äch relegäre Sä noch heute! -Wollen Sä augenbläckläch öffnen! Augenbläckläch, sage äch!«</p> - -<p>»Äch gäbe Ähnen härmät zwei Stonden Karzer«, antwortete -Rumpf mit Würde. »Sä haben sälbst gesagt, äch solle mäch an -Ähre Stelle versätzen.«</p> - -<p>»Rompf! Es geschäht ein Onglöck! Ein Onglöck, sage äch! -Öffnen Sä! Äch befähle es Ähnen!«</p> - -<p>»Sä haben nächts mähr zo befählen! Äch bän gägenwärtäg -där Därektor! Sä sänd der Prämaner Rompf! Seien Sä ställ! -Äch dolde keine Wäderräde!«</p> - -<p>»Läber Rompf! Äch wäll's Ähnen för däsmal noch verzeihen. -Bitte, machen Sä höbsch auf. Sä sollen mät einer gelinden Strafe -dorchkommen. Sä sollen nächt relegärt werden. Ich verspreche es -Ähnen! Hären Sä?«</p> - -<p>Der »läbe Rompf« hörte nicht. Er hatte sich leise über den -Vorflur geschlichen und eilte jetzt die Treppe hinab, um siegreich -zu entweichen.</p> - -<p>Als er an der Tür des Pedells vorüber kam, packte ihn eine -prickelnde Idee.</p> - -<p>Er legte das Auge ans Schlüsselloch. Quaddler stand just -auf der Leiter, den Rücken nach der Pforte gekehrt, und mühte sich, -einen schwer bekleisterten Tapetenstreifen an die Wand zu kleben. -Wilhelm Rumpf klinkte ein wenig auf und rief mit dem schönsten -Heinzerlingschen Akzent, der ihm zu Gebote stand, ins Zimmer:</p> - -<p>»Äch gehe jetzt, Quaddler. Beobachten Sä mär den Rompf. -Der Mänsch beträgt säch wä onsännäg. Er erfrächt säch noch -ämmer, seine ämpärtänenten Spälereien zu treiben. Bleiben Sä -jetzt nor rohig auf Ährer Leiter. Äch wollte Ähnen nor noch sagen, -daß Sä ähm onter keiner Bedängong öffnen! Der Borsche wäre<span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span> -ämstande, Sä öber den Haufen zo rännen und – mär nächts, -där nächts – dorchzogehn! Hären Sä, Quaddler?«</p> - -<p>»Wie Sie befehlen, Herr Direktor. Entschuldigen Sie nur -gütigst, daß ich hier oben …«</p> - -<p>»Sä sollen rohig bleiben, wo Sä sänd, ond Ähre Kleisterei erst -fertig machen. Adiö!«</p> - -<p>»Ganz gehorsamster Diener, Herr Direktor.«</p> - -<p>Wilhelm Rumpf stieg nunmehr die Treppe wieder hinan und -betrat die Regionen des Karzers.</p> - -<p>Samuel Heinzerling tobte fürchterlich. Jetzt schien er auch die -Klingel zu entdecken, denn in demselben Augenblicke, da Rumpf sich -hinter einen gewaltigen Kleiderschrank der Pedellfamilie barg, -erscholl ein wütendes Geläute, gell und schrill, wie das Kreischen -empörter Wald- und Wasserteufel.</p> - -<p>»Zo Hölfe!« stöhnte der Schulmann, – »zo Hölfe! Quaddler, -äch bränge Sä von Amt ond Brot, wänn Sä nächt augenbläckläch -herauf kommen! Zo Hölfe! Foier! Foier! Mord! Gewalttat! Zo Hölfe!«</p> - -<p>Der Pedell, durch das unausgesetzte Geklingel an seinen Beruf -gemahnt, verließ seine Privatbeschäftigung und erschien auf dem -Vorflur des Gefängnisses. Der heimtückische Primaner schmiegte sich -fester in sein Versteck. Samuel Heinzerling hatte sich erschöpft auf -die Pritsche gesetzt. Sein Busen keuchte; seine Nasenflügel arbeiteten -im Tempo eines rüstigen Blasebalgs.</p> - -<p>»Herr Rumpf«, sagte Quaddler, indem er wie warnend wider -die Tür der Zelle pochte, »es wird alles notiert!«</p> - -<p>»Gott sei Dank, Quaddler, daß Sä da sänd! Öffnen Sä mär! -Däser mäserable Kärl sperrt mäch här ein … Es äst hämmelschreiend!«</p> - -<p>»Ich sage Ihnen, Herr Rumpf, die Späße werden Ihnen -schlecht bekommen! Und daß Sie den Herrn Direktor einen miserablen -Kerl nennen, das werd' ich mir besonders vermerken!«</p> - -<p>»Aber Quaddler, sänd Sä denn verröckt?« eiferte Samuel im -Tone der höchsten Entrüstung. »Zom Henker, äch sage Ähnen ja, -daß der Rompf, der elende Gesälle, mäch här eingespärrt hat, als -äch ähn besochen und ähm äns Gewässen räden wollte! Machen -Sä jätzt keine Omstände. Öffnen Sä!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span></p> - -<p>»Sie müssen mich für sehr dumm halten, Herr Rumpf. Der -Herr Direktor hat eben noch mit mir gesprochen und mir strengstens -anbefohlen, Sie unter keiner Bedingung heraus zu lassen. Und nun -betragen Sie sich anständig und lassen Sie das Klingeln, sonst -häng' ich die Schelle ab.«</p> - -<p>»Quaddler, äch bränge Sä äns Zochthaus wägen wäderrechtlicher -Freiheitsberaubung.«</p> - -<p>»Hören Sie einmal, wissen Sie, wenn ich mir eine Bemerkung -erlauben darf, so ist das ewige Nachahmen des Herrn Direktors -recht kindisch, nehmen Sie mir's nicht übel. Es ist wahr, der Herr -Direktor sprechen ein wenig durch die Nase, aber so ein dummes -Geklöne, wie Sie's da zusammenquatschen, so machen's der Herr -Direktor noch lange nicht. Und nun sag' ich Ihnen zum letztenmal, -verhalten Sie sich ruhig, und benehmen Sie sich, wie es sich -geziemt …«</p> - -<p>»Aber äch wäderhole Ähnen auf Ähre ond Sälägkeit, der -schändläche, näderträchtäge Borsche hat den Schlössel hänter mär -heromgedreht, ähe äch noch woßte, was er vor hatte! Quaddler! -Mänsch! Äsel! Sä mössen mäch doch erkännen! Tun Sä doch Ähre -Ohren auf!«</p> - -<p>»Was? Esel nennen Sie mich? Mensch nennen Sie mich? Ei, -wissen Sie was, da fragt sich's doch noch sehr, wer von uns beiden -der größte Mensch und der größte Esel ist. So was lebt nicht. -Nennt so ein grüner Junge einen alten, ehrlichen Mann einen Esel! -Selbst Esel! … Verstehen Sie mich? Aber warten Sie nur!«</p> - -<p>»Ein Äsel sänd Sä ond ein Ochse dazo!« stöhnte Heinzerling -verzweifelnd. »Sä wollen also nächt öffnen?«</p> - -<p>»Ich denke nicht daran.«</p> - -<p>»Goot! Sehr goot!« ächzte der Schulmann mit verlöschender -Stimme. »Sehr goot! Äch bleibe also äm Karzer! Hären Sä, -Quaddler? Äch bleibe äm Karzer!«</p> - -<p>»Es soll mich freuen, wenn Sie zur Vernunft kommen. Aber -nun lassen Sie mich ungeschoren. Ich habe mehr zu tun, als Ihre -Possen mit anzuhören!«</p> - -<p>»Quaddler!« rief Samuel wieder heftiger. »Äch sitze rohig -Stonde för Stonde ab! Verstähen Sä? Stonde för Stonde! Wä<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span> -ein ongezogener Jonge erdolde äch däse empörende Schmach! Hären -Sä, Quaddler?«</p> - -<p>»Ich gehe jetzt. Arbeiten Sie was.«</p> - -<p>»Heiliger Hämmel, mär schwändelt der Verstand! Bän äch -denn wärklich toll geworden! Mänsch, so gocken Sä doch wänägstens -einmal dorchs Schlösselloch! Dann wärden Sä ja sehen …«</p> - -<p>»Jawohl, damit Sie mir in die Augen blasen, wie neulich! -Das fehlte mir noch! …«</p> - -<p>»Non denn, so gehn Sä zom Teufel. Mät der Dommheit -kämpfen Götter sälbst vergäbens! Aber komm' äch Ähnen heraus! -komm äch Ähnen heraus! Äch gäb's Ähnen schriftlich: Sä sänd -zom längsten Pädäll gewäsen!«</p> - -<p>Quaddler tappte ärgerlich die Stiege hinunter. Dieser Rumpf -war wirklich ein Ausbund von Impertinenz! Esel hatte er ihn -genannt: Donner und Doria! Seit Frau Kathinka Quaddler das -Zeitliche gesegnet, war dergleichen nicht vorgekommen …!</p> - -<p>Ja, ja, die Herren Primaner!</p> - -<p>Samuel Heinzerling maß inzwischen mit großen Schritten die -Zelle. Seine ganze Erscheinung gemahnte an den afrikanischen -Löwen, den menschliche Gewinnsucht in den Käfig gebannt, ohne -die stolze, urwüchsige Kraft seiner edlen Natur brechen zu können. -Die Hände auf dem Rücken, das Haupt mit der grauen Mähne -wehmütig auf die rechte Schulter geneigt, die Lippen fest aufeinander -gepreßt, – so wandelte er auf und nieder, auf und nieder, – die -düstersten, menschenfeindlichsten Gedanken im Gemüte wälzend.</p> - -<p>Plötzlich spielte ein breites Vollmondslächeln über seine Züge.</p> - -<p>»Es äst ond bleibt doch komäsch!« murmelte er vor sich hin. -»Wahrhaftig! Wenn äch nächt so onmättelbar bei der Geschächte -beteiligt wäre, äch könnte sä amösant fänden …«</p> - -<p>Er blieb stehen …</p> - -<p>»Gereicht mär däse Öberlistung eigentlich zur Schande? Pröfe -däch, Samoel! Hat nächt ein bekannter Könäg dem Diebe, der -ihm eine Uhr stehlen wollte, eigenhändig die Leiter gehalten? Äst -nächt selbst Först Bäsmarck von boshafter Hand ränkevollerweise -eingerägelt worden? Hondert andrer Fälle nächt zo gedänken! -Ond doch begägnet die Wältgeschächte besagtem König mät Hochachtong.<span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span> -Ond doch gilt Först Bäsmarck nach wä vor för den -bedeutendsten Däplomaten Europas! Nein, nein, Samoel! Deine -Wörde als Scholmann, als Börger, als gebäldeter Denker leidet -nächt äm gerängsten onter däser peinlichen Sätoation! Berohäge -Däch, Samoel …«</p> - -<p>Er setzte seine Promenade in befriedigter Stimmung fort. Bald -aber unterbrach er sich von neuem.</p> - -<p>»Aber meine Prämaner!« stammelte er erbleichend. »Wenn -meine Prämaner erfahren, daß äch auf dem Karzer gesässen habe! -Onerträglächer Gedanke! Meine Autorätät wäre ein för allemal -dahän! Ond sä <em class="gesperrt">wärden</em> es erfahren! Sä <em class="gesperrt">mössen</em> es erfahren! -Äch bän ein för allemal däskredätärt! O ähr Götter, warom habt -ähr mär das getan!«</p> - -<p>»Herr Direktor,« flüsterte jetzt eine wohlbekannte Stimme an -der Zellentür … »Sie sind noch lange nicht diskreditiert! Ihre -Autorität steht noch in vollem Flore …«</p> - -<p>»Rompf!« stammelte Samuel. – »Schändlicher, gottvergeßner -Mänsch! Öffnen Sä! Augenbläcklich! Betrachten Sä säch als -moraläsch geohrfeigt! Sähen Sä säch för dreifach relegärt an!«</p> - -<p>»Herr Direktor, ich komme, um Sie zu retten! Beleidigen Sie -mich nicht!«</p> - -<p>»Zo rätten? Welche Onverschämtheit! Aufmachen sollen Sä, -oder …«</p> - -<p>»Wollen Sie mich ruhig anhören, Herr Direktor? Ich versichere -Sie, alles wird sich ausgleichen.«</p> - -<p>Samuel überlegte.</p> - -<p>»Goot«, sagte er endlich. »Äch wäll mäch herablassen … -Räden Sä …«</p> - -<p>»Sehen Sie, ich wollte Ihnen nur zeigen, daß meine Kunst -doch nicht so ganz ohne praktische Bedeutung ist … Verzeihen -Sie, wenn ich dabei scheinbar die vorzügliche Hochachtung und -Verehrung verletzen mußte, die ich Ihnen aus vollstem Herzen zu -zollen mir freudig bewußt bin.«</p> - -<p>»Sä sänd ein Schelm, Rompf!«</p> - -<p>»Herr Direktor … Wie wär's, wenn Sie mir die Karzerstrafe -erließen, die Drohung betreffs der Relegation zurücknähmen und<span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span> -mir erlaubten, über alles Vorgefallene das strengste Stillschweigen -zu beobachten …?«</p> - -<p>»Das gäht nächt! … Ähre Strafe mössen Sä absitzen …«</p> - -<p>»So? Na, dann leben Sie wohl, Herr Direktor. Klingeln -Sie nicht zu viel!«</p> - -<p>»Rompf! Hären Sä doch! Äch wäll Ähnen was sagen … Rompf!«</p> - -<p>»Bitte …!«</p> - -<p>»Sä sänd in välen Bezähungen ein ongewöhnlächer Mänsch, -Rompf … ond da wäll äch einmal eine Ausnahme machen … -Öffnen Sä nor!«</p> - -<p>»Erlassen Sie mir die Karzerstrafe?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Werden Sie mich relegieren?«</p> - -<p>»Nein, än Teufels Namen.«</p> - -<p>»Geben Sie mir Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!«</p> - -<p>»Rompf, was onterstähn Sä säch …«</p> - -<p>»Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!«</p> - -<p>»Goot! Sä haben's!«</p> - -<p>»Jupiter Ultor ist Zeuge.«</p> - -<p>»Was?«</p> - -<p>»Ich rufe die Götter zu Zeugen an.«</p> - -<p>»Machen Sä auf!«</p> - -<p>»Gleich, Herr Direktor. Sie tragen mir's aber auch ganz gewiß -nicht nach?«</p> - -<p>»Nein, nein, nein! Wärden Sä mäch non bald heraus lassen?«</p> - -<p>»Sie erteilen mir volle Absolution?«</p> - -<p>»Ja, onter der Bedängung, daß Sä nämandem erzählen, wä -schwär Sä säch vergangen haben. Ich habe Ähnen ja gesagt, äch -halte Sä för einen ongewöhnlächen Mänschen, Rompf …«</p> - -<p>»Ich danke Ihnen für die gute Meinung. Mein Ehrenwort: so -lange Sie Direktor des städtischen Gymnasiums und Ordinarius der -Prima sein werden, soll keine verräterische Silbe über meine Lippen -gleiten!«</p> - -<p>Und damit drehte er den Schlüssel um und öffnete …</p> - -<p>Wie der Uhlandsche König aus dem Turme, so stieg Samuel -Heinzerling an die freie Himmelsluft. Tief holte er Atem. Dann<span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span> -strich er sich mit der Rechten über die Stirn, als ob er sich -besinne …</p> - -<p>»Rompf,« sagte er, »äch verstehe Spaß … Aber … nächt -wahr, Sä tun mer den Gefallen, mäch nächt wäder mimisch zo -kopären? Sä … Sä machen dä Geschächte zo ähnläch!«</p> - -<p>»Ihr Wunsch ist mir Befehl!«</p> - -<p>»Goot!! Ond non machen Sä, daß Sä hänonter kommen. Es -äst noch nächt drei Värtel. Sä können noch am Onterrächt teilnehmen!«</p> - -<p>»Aber würde man nicht stutzen, Herr Direktor? Jedermann -weiß, daß Sie mir drei Tage Karzer diktiert haben …!«</p> - -<p>»Goot! Äch gähe mät Ähnen.«</p> - -<p>So eilten sie selbander die Treppe hinab.</p> - -<p>»Quaddler!« rief der Direktor ins Erdgeschoß.</p> - -<p>Der Pedell erschien an der untersten Windung und fragte dienstbeflissen, -was der Gebieter zu verlangen geruhe.</p> - -<p>»Äch habe dem Rompf aus verschädnen Grönden dä drei Tage -geschenkt«, sagte Samuel.</p> - -<p>»Ah …! <em class="gesperrt">Drum</em> sind der Herr Direktor noch einmal zurückgekommen -… Hm … Ja, aber was ich sagen wollte, der Herr -Rumpf war gar nicht ruhig in seiner Zelle. Nichts für ungut, Herr -Direktor, aber er hat geschimpft wie ein Rohrspatz …«</p> - -<p>»Lassen Sä's goot sein, Quaddler. Äch wäll däsmal aus ganz -besonderen Motäven Gnade för Recht ergehen lassen. Sä können -den Karzerschlössel abzähen!«</p> - -<p>Quaddler schüttelte befremdet das Haupt.</p> - -<p>»So!« sagte Samuel. »Ond non kommen Sä mät nach der -Präma, Rompf!«</p> - -<p>Sie wandelten über den Korridor dem Schulsaale zu. Der -Direktor klopfte.</p> - -<p>»Entscholdigen Sä, Herr Kollege,« flüsterte er eintretend im -weichsten Moll, dessen sein würdevolles Organ fähig war … »äch -bränge da den Rompf wäder. Knebel! … Sä erlauben doch, läber -Herr Klufenbrecher …? Knebel! Schreiben Sä äns Tagebooch: -›Man sah säch bewogen, dem Rompf än Anbetracht seines aufrächtäg -reuägen Benähmens dä än der vorägen Stonde däktärte Karzerstrafe<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span> -zo erlassen.‹ … So! Ond non wäll äch nächt weiter stören, verehrter -Herr Kollege … Haben Sä's, Knebel? … ›däktärte Karzerstrafe -zo erlassen …‹«</p> - -<p>»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Direktor?« fragte der -höfliche Mathematiker.</p> - -<p>»Äch danke verbändlichst, äch habe för heute genog gesässen … -Rompf, äch erwarte, daß Sä das Gelöbnis der Bässerung in jäder -Hänsächt erföllen. Adieu, Herr Kollege.«</p> - -<p>Sprach's und verschwand in den labyrinthischen Gängen des -Schulgebäudes. – –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>– – Wilhelm Rumpf hielt sein Versprechen aufs gewissenhafteste.</p> - -<p>Er kopierte von jetzt ab nur noch die übrigen Lehrer: Samuel -Heinzerlings geweihte Persönlichkeit war ihm heilig und unverletzlich.</p> - -<p>Auch bewahrte er das unverbrüchlichste Stillschweigen, bis der -Direktor im Herbste desselbigen Jahres auf wiederholtes Ansuchen -in den Ruhestand versetzt wurde.</p> - -<p>Erst dann erfuhr die jauchzende Prima den Hergang jener -unerwarteten Versöhnung.</p> - -<p>Rumpfs »aufrächtäge Reue« war für die lachlustige Bevölkerung -des Städtchens eine Quelle unendlicher Heiterkeit. Unter denen, die -sich am meisten über die Farce amüsierten, befand sich der joviale -Direktor Samuel Heinzerling, der treffliche Autor der lateinischen -Schulgrammatik.</p> - -<p>Möge es ihm vergönnt sein, noch recht oft beim schäumenden -Glase zu erzählen, wie er den gottlosen Schelm »Wälhälm Rompf« -auf dem Karzer besuchte … »Rompf« seinerseits wird jenes schöne -Rencontre im Gebiete Quaddlers nie vergessen, und sollte er so alt -werden wie Grillparzer.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span></p> - -<h2 id="Samuel_Heinzerlings_Tagebuch"> -<img src="images/illu-181.png" alt="" /><br /> -Samuel Heinzerlings Tagebuch.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d">Die sympathische Teilnahme, die sich mein unvergeßlicher -Lehrer <em class="antiqua">Dr.</em> Samuel Heinzerling im deutschen Vaterlande -zu erwerben wußte, hat mich veranlaßt, die Papiere -meiner Schuljahre aufs neue zu durchblättern und nach -Zügen zu forschen, die das erhabene Bild des trefflichen Schulmannes -vervollständigen und vertiefen könnten. Werden doch neuerdings -Charaktere, die sich nicht annähernd der Popularität Samuel -Heinzerlings rühmen können, – <em class="antiqua">most popular</em> nannte ihn erst -kürzlich die Londoner »<em class="antiqua">Public Opinion</em>«, – werden doch literarische -Größen, um die sich keine Seele mehr kümmert, in ausführlichen -Biographien erörtert und bis auf die Eigentümlichkeiten ihrer Fleischerrechnungen -und Einladungskarten seziert: weshalb sollte nicht ein -Mann von der Bedeutung Samuel Heinzerlings die gleiche Pietät -von seinem Geschichtschreiber beanspruchen dürfen?</p> - -<p>Es fällt mir da ein Heft in die Hände, auf dessen Titelseite -in großen Lettern die Worte prangen: »Geographie. Nachgeschrieben -in den Lehrstunden des Herrn Direktor Samuel Heinzerling. -Dienstags und Donnerstags von zwei bis drei. Sommersemester.«</p> - -<p>Was ich dem Leser im nachstehenden mitzuteilen gedenke, ist -seinem wesentlichen Inhalte nach diesem Hefte entlehnt. Nur hin -und wieder hat die Erinnerung einige Linien ergänzt.</p> - -<p>Es war gegen Ende Mai. Samuel Heinzerling hatte uns eine -Schilderung der politischen und sozialen Verhältnisse von Paris geliefert. -Der eigentliche Geographie-Unterricht wurde bereits in den -unteren Klassen erledigt: in Prima gab man unseren Kenntnissen -nur die letzte Retouche. Samuel Heinzerling legte daher einen<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span> -besonderen Wert auf das Kolorit. Er wünschte, uns das großstädtische -Leben und Treiben, die tausendfältig sich kreuzenden -Tendenzen einer rastlos jagenden Bevölkerung, die Schwierigkeiten -und Wirrnisse eines so ungeheuren Gemeinwesens und ganz besonders -den Kontrast zwischen der ruhigen Beschaulichkeit einer -deutschen Kleinstadt und dem fiebernden Chaos der modernen Babel -»plastäsch vor dä Sääle zo föhren«.</p> - -<p>Beim Beginn der Lehrstunde, von der ich berichten will, trat -er mit würdevoller Langsamkeit in das Schulzimmer, – noch -würdevoller und langsamer als gewöhnlich. Auf dem Katheder angelangt, -zog er einen Stoß vergilbter Blätter aus der Tasche, -breitete sie sorgfältig vor sich aus und begann dann mit einer -gewissen jungfräulichen Verlegenheit:</p> - -<p>»Zor Vervollständägong des Bäldes, das äch än der vorägen -Stonde vor Ähren Bläcken entrollt habe, wäll äch Ähnen heute -einige charakterästäsche Stellen aus meinem Paräser Tagebooch vorlesen, -das äch vor nonmehr säbzehn Jahren während eines fönfwöchentlächen -Aufenthaltes än der französäschen Hauptstadt verfaßt -habe. Däse ansprochslosen Notäzen werden Ähnen besser, als eine -theoretäsche Schälderung däs vermöchte, dä Wahrheit meiner neuläch -erörterten Behauptong klar machen: daß nämläch ein Monäzäpiom -von allzo beträchtlächer Ausdehnong dä Exästenz des Ändävädooms -än jeder Hänsicht erschwert. Äch wäderhole Ähnen: Dezentraläsation -moß dä Parole jedes vernonftgemäß organäsärten Staatswesens -sein. Däse sogenannten Weltstädte sänd aus keinem Gesächtsponkt -zo rechtfertägen!«</p> - -<p>»Aber, Herr Direktor,« begann Wilhelm Rumpf, als Samuel -innehielt, »das alte Rom zur Zeit des Augustus war doch auch eine -Weltstadt.«</p> - -<p>»Sätzen Sä säch«, erwiderte Heinzerling mißmütig. »Das alte -Rom war der Mättelponkt der damals bekannten Erde, hatte also -logäscherweise das Anrecht auf eine gewässe räumläche Ausdehnong. -Heutzotage aber steht der Omfang däser Großstädte mät dem ährer -Staaten än gar keinem Verhältnäs. Öbrägens, äch halte mer aus, -daß Sä mäch jetzt nächt bei jeder Sälbe onterbrechen; zomal es -säch fögen könnte, daß meine Aufzeichnongen hän ond wäder einen<span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span> -etwas persönlichen Charakter annähmen. Dä Sobjektävätät äst aus -solchen Reisenotäzen mät dem besten Wällen nächt ämmer hänaus -zo schaffen. Sollte also etwas Derartäges mät onterlaufen, so erwarte -äch von Ährem Anstandsgeföhl, daß Sä mäch nächt mät onnötägen -Fragen behellägen. Äch bränge Ähnen dorch dä Mätteilong -däser Aufzeichnongen ohnehän ein gewässes Opfer: aber der -Pädagoge äst mächtäger än mer als der Prävatmann. Rompf, -wenn Sä lachen wollen, so gehn Sä mer vor dä Töre! Verstehen -Sä mäch? Ond non ställ! Äch begänne!«</p> - -<p>Seit Wochen hatte in der Prima keine so feierliche Ruhe geherrscht, -wie nach dieser Erklärung unseres allverehrten Direktors. -Was konnte uns wünschenswerter erscheinen, als die Ankündigung -subjektiver Streiflichter auf das Privatleben einer uns so teuren -und hochinteressanten Persönlichkeit?</p> - -<p>»Meine Notäzen«, hub Samuel mit der ganzen Fülle seines -wohlklingenden Organes an, »bestehen aus losen Zätteln, dä dem -Datom nach aneinander gereiht sänd. Äch habe das Wächtigste -här zosammengestellt ond begönne non ohne weitere Einleitong mät -der Lektöre. Äch bemerke nor noch, daß äch mäch damals aus rein -wässenschaftlächen Grönden zo jener ämmerhän beschwärlächen Reise -entschlossen hatte.</p> - -<p>Nochmals, äch begänne:</p> - -<p>›Paräs, am drätten Mai. Bereits seit värzehn Tagen befände -äch mäch än der Hauptstadt der Gallier. Äch habe mäch schon so -zämläch än den öffentlächen Bäbläotheken orientärt ond freue mäch -von Herzen öber dä Fölle des vorhandenen Materäals. Nor eine -einzäge Handschräft, deren Exästenz Waldhober mär doch so zoverlässig -behauptete, habe äch bäs jetzt noch nächt auftreiben können. -– Gedold!‹«</p> - -<p>»Herr Direktor,« warf hier Möricke ein, »wer ist denn der -Waldhuber?«</p> - -<p>»Ohne Zweifel ein Pariser Bibliothekar«, fügte Schwarz hinzu.</p> - -<p>»Onsänn! Waldhober! Wer wärd Waldhober sein! Der -beröhmte Archäologe, gegenwärtäg än Göttängen! Sä scheinen mer -auch öber den Stand der modernen Wässenschaft sehr schlecht -onterrächtet.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span></p> - -<p>»Wer kann all die Professoren so auswendig kennen«, versetzte -Möricke.</p> - -<p>»Sei'n Sä mer ställ! Sä können öberhaupt nächt väl auswendig. -Äch fahre än der Lektöre fort:</p> - -<p>›Paräs, am värten Mai. Gestern abend beim Diner – -dorchaus nächt onsere deutsche Hauptmahlzeit, sondern välmehr der -römäschen <em class="antiqua">coena</em> entsprechend – machte mäch Doktor Mouchard -vom <em class="antiqua">Collège de France</em> aufmerksam, wä sehr es meinen Zwecken -entsprechen wörde, wenn äch mäch dem Großherzoglich badäschen -Gesandten, Herrn von Prättwätz, vorstellen wollte. Doktor Mouchard -schälderte mer besagten Herrn von Prättwätz als einen Mann von -wahrhaft klassäscher Bäldong, der änsbesondere ein hohes Änteresse -för das Stodiom der Altertömer bekonde. Er könne meine Ontersochongen -öber dä grächäschen Haartrachten wesentläch fördern, zomal -er eine reichhaltäge Prävatbäbläothek ond verschädene wertvolle -Manoskräpte besitze; daronter ein alexandränäsches Palämpsest -von höchster Bedeutong. Doktor Mouchard fögte hänzo, Herr -von Prättwätz sei ein dorchaus menschenfreundlächer, ädler Charakter, -frei von Dönkel ond Öbermot, – kein Sklave der Hybris, dä äns -Verderben föhrt. So habe äch denn än der Tat den Entschloß -gefaßt, morgen fröh elf Ohr den trefflächen Staatsmann än seiner -Wohnung, <em class="antiqua">rue de Berlin</em> Nommer neun, aufzosochen ond ähm -meine wässenschaftlächen Absächten des näheren vorzotragen.</p> - -<p>Am fönften Mai, abends. Heute fröh um neun Ohr sochte -äch meinen schwarzen Frack hervor, börstete ähn sorgfältäg ab, setzte -meinen Zäländer auf, kaufte mer ein Paar Handschohe von gelblächer -Farbe ond nahm eines der vor meinem Hotel stehenden Zweigespanne, -dä, beiläufäg bemerkt, äm onbedeckten Zostande eine gewässe Ähnlächkeit -mät den Wagen des Homer aufweisen.</p> - -<p>Äch habe non von jeher än den Oblägenheiten des alltäglächen -Lebens einen gewässen Hang zom Onglöck bekondet. Meine Gattän -wärd mer bezeugen, daß äch, Eier essend, stets dä verdorbenen aus -der Schössel hervorlange, von dem Verwechseln des Sandfasses mät -dem Täntenfasse ganz zo geschweigen. Auch dä zahlreichen Verwondongen, -dä äch mer dorch Gabeln, Scheren, Törpfosten ond -ähnläche Änstromente zozähe, kann äch nor als das Resoltat einer<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span> -latenten Neigong zom Mäßgeschäcke betrachten. Wenn mer non -dergleichen schon daheim än dem trauten Kreise meiner Famälie -passärt, om wäväl mehr bän äch den Dämonen des Zofalls ausgesetzt -än einer Weltstadt, dä alle Sänne des Menschen än Ansproch -nämmt ond ähn fast der Fähägkeit einer rohägen Öberlegong beraubt?</p> - -<p>Äch war kaum än das Vehäkolom eingestägen, als äch, von -dem Wonsche besäält, mäch betreffs des augenbläcklächen Zeitstandes -zo onterrächten, nach meiner Ohr greifen wollte ond däselbe trotz -aller Anstrengong nächt zo fänden vermochte. Äch berohägte mäch -anfängläch bei dem Gedanken, sä sei ohne Zweifel äm Hotel auf -dem Kamäne lägen gebläben. Als äch jedoch beim Aussteigen den -Kotscher bezahlen wollte ond zo däsem Endzwecke nach dem kleinen -Geld sochte, das äch gewöhnläch än der rechten Westentasche verwahre, -da bemerkte äch zo meiner Verwonderong, daß öch öberhaupt -keine Weste anhatte.</p> - -<p><em class="antiqua">Verte!</em> räf äch dem Kotscher zo. In meinem Hotel angelangt, -fand äch dä Weste wohlbehalten am Schlössel des Kleiderschrankes, -wo äch sä sorgfältäg aufgehängt hatte. För heute war es zo spät, -da der badäsche Gesandte om zwölf Ohr zo fröhstöcken pflegt. Äch -warf mäch daher wäder än meine Alltags- oder Stodärkleider ond -gäng vergnögläch zor Bäbläothek. Morgen äst ja auch noch ein -Tag. Öbrägens war dä heutäge Ausbeute auf der Bäbläothek so -ergäbäg, daß äch dä kleine Enttäuschong gern än den Kauf nehme.‹«</p> - -<p>»Herr Direktor!« rief Möricke, als Heinzerling einen neuen -Zettel hervorsuchte.</p> - -<p>»Non?«</p> - -<p>»Hätten Sie denn nicht einfach Ihren Frack zuknöpfen können? -Dann hätte man ja gar nicht gesehen, daß Sie die Weste nicht -anhatten.«</p> - -<p>»Goot! Sehr goot! Däse Bemerkong zeigt, daß Sä meine -Mätteilongen einer denkenden Betrachtong onterzähen! Knebel! -Schreiben Sä mal äns Tagebooch: ›Möricke wegen Aufmerksamkeit -belobt.‹ … Haben Sä's, Knebel …? ›Wegen Aufmerksamkeit -belobt.‹ … Was non dä Sache selber betrifft, so moß äch Ähnen -bemerken, daß dä Verwärklächong Ährer an säch ja recht glöcklächen -Idee aus dem zwängenden Gronde onmöglich war, weil der Frack<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span> -noch aus der Zeit meines Staatsexamens herröhrte. Äch konnte -denselben mät dem besten Wällen nächt zoknöpfen, denn als Kandädat -war äch wesentläch schlanker. Doch wär wollen ons dorch däsen -Zwäschenfall än onserer Lektöre nächt stören lassen. Äch fahre da -fort, wo äch aufgehört habe.</p> - -<p>›Am sechsten Mai. Mät dem französäschen Idiom gäng es -mär gestern abend recht schlecht. Der Kellner wollte mäch absolot -nächt verstehen; ond da er weder än der lateinäschen noch än der -grächäschen Sprache dä erforderlächen Kenntnässe besaß, so bläb mer -nächts öbrig, als meine Wönsche zo Papär zo brängen. Er las -meine Sätze denn auch mät Leichtägkeit ab. Wahrlich, nämals hätte -äch äm Traume gedacht, daß dä gewöhnläche französäsche Konversationssprache -einem Manne von klassäscher Bäldong so schwer fallen -könnte. Dä nasale Aussprache gewässer Sälben hat för mein Organ -etwas Wäderstrebendes‹ … Hotzler, was lachen Sä?«</p> - -<p>Der Schüler erhob sich.</p> - -<p>»Ich … ich wollte nur …«</p> - -<p>»Was wollten Sä?«</p> - -<p>»Ich kann nicht begreifen, daß gerade Ihnen die nasale Aussprache -Schwierigkeiten bereitet.«</p> - -<p>»Wäso? Was wollen Sä damät sagen? Hören Sä mal, -Hotzler, äch glaube, Sä brängen här nächt den gehörägen Ernst -mät, wie er zor Sache erforderläch äst. Knebel, schreiben Sä mal -äns Tagebooch: ›Hotzler wegen kändäschen, läppäschen Benehmens -getadelt.‹ Zor Strafe lese äch Ähnen jetzt däse lehrreichen Bemerkongen -öber dä französäsche Aussprache nächt weiter vor! Das -haben Sä säch non selber zozoschreiben! Rompf, lassen Sä das -Gewackel ond röcken Sä weiter nach rechts! Sä hocken dem Gäldemeister -ja auf dem Leib wä eine Klette. Ond non kein Wort mehr!</p> - -<p>›Paräs, am säbenten Mai. Gestern om halb elf Ohr gräff -äch abermals zo Frack ond Zäländer, vergewässerte mäch zweimal, -ob dä Weste an Ort ond Stelle sei, ond bestäg dann das Zweigespann -Nommer 1313. Dä ominöse Zahl beröhrte mäch eigentömläch. -Ein alter Römer wörde än gleicher Lage omgekehrt sein. -Äch aber habe mäch stets von den Anwandlongen eines dorch nächts -zo motävärenden Aberglaubens ferne gehalten. Äch erwähne den<span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span> -Omstand nor, weil der Eindrock, den er än mer hervorräf, för meine -Stämmong charakterästäsch äst. Ebenso befremdete mäch än der -Richelieu-Straße dä altklassäsche Änschrift eines Weinkellers: »<em class="antiqua">Cave -Richelieu</em>«, eine Warnong, dä – fast an das beröhmte »<em class="antiqua">Cave -canem!</em>« anklängend – einen alten Römer ebenfalls zor Vorsächt -ermahnt hätte …‹«</p> - -<p>Samuel Heinzerling hielt einen Augenblick inne.</p> - -<p>»Herr Direktor,« rief Wilhelm Rumpf, die Pause benutzend, -»darf ich mir in Beziehung auf diesen letzten Passus eine Frage -erlauben?«</p> - -<p>»Goot, fragen Sä!«</p> - -<p>»So viel ich mich erinnere, heißt französisch <em class="antiqua">la cave</em>: der Keller, -so daß also jene Inschrift ziemlich zwanglos mit »Richelieukeller« -übersetzt werden könnte, eine Konjektur, die um so größere Wahrscheinlichkeit -hat, als besagte Inschrift wirklich auf einem Keller zu -lesen stand.«</p> - -<p>»Goot! Sehr goot!« versetzte Samuel Heinzerling, die rundglasige -Brille zurecht rückend. »Ähre Häpothese verrät eine röhmläche -Schlagfertägkeit. Äch wäll sogar zogeben, daß Sä onter Omständen -möglächerweise tatsächlich recht haben: mer jedoch, als dem klassäschen -Phälologen ond Altertomsforscher, lag das Lateinäsche ongleich näher …</p> - -<p>Äch fahre än der Lektöre fort:</p> - -<p>›Trotz däser Omina woßte äch goten Motes zo bleiben. Mein -Kotscher peitschte drauflos, als hätte er noch heute wä Helios dä -Ronde om den Erdball zo machen. Nämals bän äch von Pferden -auf so schnelle Weise befördert worden. Meine schon fröher ausgesprochene -Häpothese einer Verwandtschaft des grächäschen ἵππος -mät dem althochdeutschen <em class="antiqua">hupfan</em> (Phölologäsche Jahrböcher IV, S. 306) -scheint mer jetzt evädenter als je. Leider sollte äch däse wässenschaftläche -Erkenntnis mät einem persönlächen Onfall bezahlen: denn -als wär so äm besten Sausen dahän rollten, ereignete säch plötzlich -eine Erschötterong. Äch schrä auf ond gewahrte das Zweigespann -än einer Lage, dä mer das Schäcksal des onglöcklächen Bellerophon -äns Gedächtnäs zoröckräf. Noch lehnte freiläch das geschädägte -Fohrwerk an einem großen, zweirädrägen Gemösekarren; aber äch -war onglöcklächerweise wäder das Rad däses Lastwagens angedröckt<span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span> -worden, was eine starke Besodelong mät Teer ond anderen klebrägen -Stoffen zur Folge hatte. Än däsem Zostande konnte äch natörläch -meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten nächt ausföhren. -So bezahlte äch denn den Kotscher ond gäng än etwas -deprämärter Stämmong nach Hause.</p> - -<p>Das sänd dä Folgen der Zentraläsation, sagte äch, als äch -nach einer Stonde wäder auf meinem Sofa saß ond ein Gläschen -Borgonder schlörfte.</p> - -<p>Meinen Frack ond meine Weste habe äch dem Hausknecht zom -Reinägen gegeben. So werde äch denn vor öbermorgen den -badäschen Gesandten nächt sprechen können; doch äch habe ja Zeit. -Ohnehän moß äch heute onter allen Omständen Luitgardens Bräf -beantworten. Sä könnte sonst glauben, äch wäre veronglöckt.‹«</p> - -<p>»Wessen Brief?« fragte hier Wilhelm Rumpf.</p> - -<p>»Non, das äst onwesentläch.«</p> - -<p>»Luitgard, das ist wohl die Frau Direktorin?« fragte Möricke.</p> - -<p>»Lassen Sä Ähre unnötägen Fragen! Äch habe keine Lost, -Ähnen här meine Famälienverhältnisse auseinander zo setzen. Hören -Sä weiter:</p> - -<p>Also … ›sä könnte sonst glauben, äch wäre veronglöckt. -Ond än der Tat, stand äch nächt heute bereits mät einem Fooße in -Charons Nachen? Non, äch habe mer geschworen: kein Zweigespann -mehr! Äch lese da eben än meinem Reisehandbooch, das ein sonst -onbekannter Schräftsteller, namens Karl Bädeker, verfaßt hat, dä -Omnäbosse seien bei weitem bälläger ond bequemer. Dä sogenannte -<em class="antiqua">Impériale</em> – das Verdeck – scheint mer än der Tat ein äußerst -gönstäger Platz, da man von dort einen freien Ombläck genäßt. -Öbermorgen also mät erneuten Kräften ans Werk!</p> - -<p>Meine Stodien liegen heute so zämläch brach. Dä Erschötterong -än der Droschke hat mäch so verwärrt, daß äch keinen -vernönftägen Gedanken zo fassen ämstande bän. Äch benotze daher, -wä bereits oben bemerkt, däsen Änterämszostand zo einem Bräfe -an meine Gattän.</p> - -<p>Noch eines wäll äch erwähnen. Es äst mer vorhän aufgefallen, -daß der Hausknecht eine korze Tonpfeife rauchte. Es -scheint däs ein täf eingeworzelter französäscher Nationalgebrauch,<span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span> -während än Deutschland dä lange Pfeife vorherrscht. Obgleich -nächt moderner Koltorhästoräker von Fach, pflege äch doch dä -Länder ond ähre Sätten aufmerksam zo beobachten. Den Välgewandten -nennt mäch Luitgarde oft scherzweise – ond än gewässem -Sänne hat sä onstreitäg recht. Besser freiläch wörde sä sagen: -der Välseitäge.</p> - -<p>Doktor Mouchard war vor einer Stonde bei mer ond fragte -mäch, wä mer der badäsche Gesandte gefallen habe. Äch erzählte -ähm das erlättene Mäßgeschäck: der Mensch lachte mer laut äns -Gesächt. Däse Franzosen sänd eine herzlose, egoästäsche Nation.</p> - -<p>Mein Kollege Träuble, der Ordänarios von Quarta, wörde -säch än gleichem Falle ganz anders benommen haben.</p> - -<p>Am neunten Mai. Gestern om halb elf verläß äch mein -Hotel, om den Omnäbos der Länie Clichy-Odéon abzupassen, der, -wä der Hausknecht versächert, dächt an der <em class="antiqua">rue de Berlin</em> vorbei -fährt. Der Omnäbos kam, ond da äch än der Gymnastäk zwar -kein Koryphäe, aber ämmerhän ein ganz leidlächer Dälettant bän, -so gelang es mär ohne Schwärägkeiten, dä treppenartäge Leiter, -oder besser, dä leiterartäge Treppe, zor sogenannten <em class="antiqua">Impériale</em> hänan -zo klämmen. Dä Höhe, än der äch mäch non befand, hatte zwar -äm ersten Augenbläck etwas Beonrohigendes; bald ändes öberzeugte -äch mäch von der Solädätät des Eisengeländers, – ond dä völläge -Sorglosägkeit der öbrägen Passagäre trog dazo bei, mein Onbehagen -völläg zo tälgen. So genoß äch denn än onbeschränktem Maße dä -großartäge Aussächt auf das Treiben der Weltstadt. Än Betrachtongen -der mannächfachsten Art versonken, hatte äch anfängläch -nächt bemerkt, daß der Omnäbos, sobald ein Herr absteigen wollte, -nächt anhält. Däse Röcksächt gält bloß för das zarte Geschlecht. -Jetzt aber ward äch auf däsen Omstand aufmerksam, da mein -Nachbar, ein Jöngläng aus dem Handwerkerstande, den Platz an -meiner Seite verläß ond ohne dä gerängste Bangägkeit an dem -rasch dahänrollenden Omnäbos hänonter kletterte. Zwei Sekonden -später stand er wohlbehalten auf dem Trottoir ond gäng än das -nächste Haus, als wäre nächts vorgefallen …</p> - -<p>Mer ward mät jedem Augenbläck schwöler zomote. Das -Hänanklämmen, zomal wenn der Omnäbos stand, läß säch ohne<span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span> -Möhe bewerkstellägen; aber hänonter, ond noch dazo röckwärts? -<em class="antiqua">Nonquam retrorsom!</em> Das war von jeher mein Wahlsproch, – -ond non sollte äch onter so wäderwärtägen Verhältnässen dem -Grondsatze meiner Jogend ontreu werden? Ändes, was war zo -machen? Dä Straße, än dä wär jetzt einfohren, war dä <em class="antiqua">rue de -Clichy</em> … Äch sprach also: <em class="antiqua">fortes fortona jovat</em> ond gäng <em class="antiqua">färmo -constantäque anämo</em> ans Werk. Zo Anfang schänen dä Götter -mer gönstäg. Dä Treppe ward än korzer Zeit glöcklich zoröckgelegt, -ond wohlbehalten langte äch auf der breiten Onterstäge an, von -der äch nor herabsprängen moßte, om sägreich geborgen zo sein.</p> - -<p>Mein Kollege Salzmann, der Physiker, hat mer oft auseinander -gesetzt, daß onsere klassäsche Bäldung eine einseitäge, -ädealästäsche sei ond zor Ergänzong einer realästäschen Hälfte – -der Natorwässenschaften – bedörfe. Äch habe Salzmann oft einen -Materialästen genannt ond ähn aus Plato ond der »Krätäk der -reinen Vernonft« zo wäderlegen gesocht. Jetzt ändes erkenne äch, -daß er nächt völlig äm Onrecht war. Hätte äch än meiner einseitägen, -ädealästäschen Rächtong nächt öbersehen, daß ein Körper, -der säch än Bewegong befändet, vermöge des Gesetzes der Trägheit -än däser Bewegong verharrt, auch wenn dä <em class="antiqua">causa movens</em> zo -wärken aufhört, – äch erännere mäch däses Lehrsatzes aus meiner -Gymnasialzeit, – so wäre äch nächt beim Absprängen von der -Omnäbosstäge langwegs än den Kot gefallen.</p> - -<p>Mein Alexander moß onter allen Omständen gröndlächen -Onterrächt än den Realien erhalten. Es äst dä Pflächt der Eltern, -ähre Känder vor den Öbeln, dä sä selber aus Onkenntnäs erdoldet -haben, vorsächtäg zo bewahren.</p> - -<p>Äch habe mer beim Storz von der Omnäbosstäge dä rechte -Kännlade verletzt ond sätze daher mät verbondenem Antlätz än -meinem Hotel. Mein Zostand verbätet mer jedes öffentläche Erscheinen. -Da äch also heute nächt zum Diner komme, wärd Doktor -Mouchard mäch ohne Zweifel morgen zor Rede stellen, ob äch välleicht -beim badäschen Gesandten diniert habe. Äch wörde unbedängt -Ja sagen, wenn äch nor äm Besätze einer zoverlässägen Personalbeschreibong -wäre! Das sänd wäder dä Folgen der Zentraläsation! -Wenn däses Volk nächt so rennte ond jagte, sondern säch Zeit<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span> -nähme, dä Fahrgäste absteigen zo lassen, so hätte äch heute zoverlässig -meinen Plan zor Ausföhrong gebracht!</p> - -<p>Eines steht ändes fest: keine Macht der Welt brängt mäch -wäder auf eine <em class="antiqua">Impériale</em>. –</p> - -<p>Es klopft, – sollte es Mouchard sein?‹«</p> - -<p>Boxer und Möricke waren bei den letzten Worten hastig nach -der Tür gestürzt.</p> - -<p>»Was fällt Ähnen ein?« rief Samuel Heinzerling im Tone -des höchstens Erstaunens.</p> - -<p>»Ich wollte mal nachsehen«, erwiderte Boxer; »Sie sagten doch -eben: ›es klopft.‹«</p> - -<p>»Onsänn! Äch habe vorgelesen – ganz deutlich ond onverkennbar: -›Es klopft – sollte es Mouchard sein?‹«</p> - -<p>»Ach so,« erwiderte Boxer, »das Letzte habe ich nicht gehört.«</p> - -<p>»Ich auch nicht, Herr Direktor«, fügte Möricke ehrerbietig hinzu.</p> - -<p>»Sä hören öberhaupt nächts, Möricke; setzen Sä säch!«</p> - -<p>Und von neuem hub die wohlklingende Stimme des trefflichen -Schulmannes zu lesen an:</p> - -<p>»›Den zehnten Mai. Es war nächt Doktor Mouchard, sondern -der Hausknecht. Der wackere Mensch kam, om meine beschmotzten -Kleider zo holen. Äch werde ähm bei meiner Abreise ein töchtäges -Tränkgeld geben mössen, denn er hat än der Tat väl Arbeit mät -meinem schwarzen Kostöm.</p> - -<p>Gestern abend hatte äch eine brällante Idee. Sä bestand -darän, das nächste Mal einen Platz äm Ännern des Fohrwerks zo -nehmen ond dä Gelegenheit abzopassen, sobald eine Dame den -Kondokteur anhalten heißt. Äch kann wohl sagen, daß däse Lösong -mer als ein Träomph menschlächer Berechnong erschien. Meine -Befrädägong erreichte den Höhegrad, als auch dä Schmerzen än -meiner Kännlade fast gänzlich nachläßen ond eine Kreuzbandsendong -aus Grönängen eintraf, eine Beilage des Grönänger Wochenboten, -woran Luitgarde dä folgende Stelle mät Rotstäft angesträchen hatte.</p> - -<p>Vermäschtes. Onser trefflächer Archäologe, dä Zärde onserer -Vaterstadt, der Gymnasialdärektor Samoel Heinzerläng, befändet -säch seit einigen Wochen än der französäschen Hauptstadt, wo seine -Ontersochongen öber dä Haartrachten des Altertoms einen gedeihlächen<span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span> -Fortgang nehmen. Aus sächerer Quelle können wär hänzofögen, -daß Herr Baron von Prättwätz, der Großherzogläch badäsche -Gesandte, onseren Heinzerläng mät seinem ganzen Einflosse onterstötzt -ond ähm sogar seine reichhaltäge Prävatbäbläothek zor Verfögong -gestellt hat.</p> - -<p>Träuble, Träuble! räf äch aus, als äch däse schmeichelhafte -Anerkennong meiner bescheidenen Bestrebongen nächt ohne Erröten -gelesen hatte. Wer sonst auch sollte öber däse Details, dä äch nor -Luitgarden geschräben hatte, so genau onterrächtet sein, wenn nächt -er, der langjähräge Freund meines Hauses? Dä Nachrächt von -dem götägen Entgegenkommen des Großherzogläch badäschen Gesandten -war freiläch ein wenig verfröht, ändes: Rom äst nächt an -einem Tage erbaut worden, ond korz ond goot, dä Notäz des -Grönänger Wochenboten versetzte mäch än dä rosägste Stämmong …</p> - -<p>Am zwölften Mai. Gestern warf äch mäch zom värten Male -än Gala, om endläch meinem prädestänärten Gönner den längst -zogedachten Besoch abzostatten. Der Omnäbos kam, ond äch, flänk -wä der Wänd, hänein ond Platz genommen.</p> - -<p>Es war doch ein ganz anderes Geföhl här onten äm Schoße -der behaglächen Sächerheit, als da oben auf der schwankenden Höhe -der <em class="antiqua">Impériale</em>. Horaz sagt mät Recht, der Blätz schlage am läbsten -än hohe Törme ond öbermötäge Fächten ein, während er das ställe, -bescheidene Kraut am Boden verschone …</p> - -<p>Äch hatte äm Omnibos ein sehr schön gekleidetes weibläches -Wesen zor Nachbarän. Dä Dame trog einen halb dorchsächtägen -schwarzen Schleier, der etwa bäs än dä Gegend des Mundes -reichte. Vermotläch äst dä Sätte däser halben Maskärong dorch -dä Phönizier aus dem Orient nach Marsilia, dem heutägen Marseille, -gebracht ond von da aus nach dem Norden verpflanzt -worden.</p> - -<p>Während der Fahrt war äch bestrebt, meine topographäschen -Kenntnässe zo erweitern. Der Omnäbos schän ändes heute eine -andere Roote einzoschlagen. Dä Gegend war mer wenägstens -vollständäg neu.</p> - -<p>Non, om so besser, sagte äch zo mer selbst. Äch bereichere so -nor meine Anschauongen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span></p> - -<p>Dä Physiognomä der Straßen, dorch dä wär kamen, worde -von Minote zo Minote seltsamer. Äch gewahrte zahlreiche Blusenmänner, -zom Teil mät Äxten bewaffnet. Aus Wein- ond Branntweinschenken -tönte mer verworrenes Geschrei entgegen. Deutläch -glaubte äch dä Klänge der Marseillaise zo hören. Äch gestehe, daß -äch däse Symptome höchst bedenkläch fand. Onrohig rotschte äch -auf meinem Sätze hän ond her. Dazo kam der verdächtäge -Omstand, daß der Omnäbos leerer ond leerer ward. Rätselhafte -Erscheinong! Hatte välleicht der Kondokteur äm Komplott mät dem -Kotscher dä Absächt, mäch än eine menschenleere Gegend zo fahren -ond mäch dort zo berauben? Paräs stand än däser Hänsächt von -jeher än öblem Rofe. Än Grönängen freiläch wäll äch mäch om -Mätternacht getrost vor das Tor wagen, – aber Paräs äst nächt -Grönängen. Mein Herz begann lebhafter zo schlagen; – ond als -jetzt auch der letzte Passagär ausstäg, da rächtete äch än der Tat -ein ställes Stoßgebet zom Hämmel ond befahl Luitgarden, Alexander, -Ismenen, Winfrieden ond Vitriaria der Försorge des Allmächtägen. -Was konnte dä nächste Mänote brängen? Womät hatte äch das -verdänt? Äch dorchmosterte mät einem raschen Bläck mein vergangenes -Leben ond fand leider, daß äch välfach gefehlt hatte. -Eine ernstläche Reue öberkam mäch, ond zerknärscht gelobte äch mer -Besserong, wenn äch nor däsmal noch aus den Armen des Verrates -errettet wörde … Da hält der Omnäbos an … Fänster -bläckend trat der Kondokteur auf mäch zo ond räf: »<em class="antiqua">Descendez -s'il vous plaît!</em>«</p> - -<p>Tödläch erschrocken leistete äch seinem Befehl Folge. Wenäge -Sekonden später ändes hatte säch alles befrädägend aufgeklärt. Dä -ganze Lösong der rätselhaften Erscheinongen lag än dem Omstande, -daß äch än den Omnäbos einer falschen Länie eingestägen war, -ond mäch non an der Endstation einer Vorstadt befand, dä von -der Wohnong des badäschen Gesandten reichläch anderthalb Stonden -entfernt lag. Was bläb mer öbrig, als mät demselben Wagen -wäder nach Haus zo fahren ond Gott zo danken, daß mer -wenägstens nächts Schlämmeres begegnet war. Morgen werde äch -besser aufpassen: endläch moß man doch eine gewässe Paräser -Routäne erlangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span></p> - -<p>Am dreizehnten Mai. Gestern stand äch wäder gegen halb elf -Ohr an der Omnäbosstation. Aller gooten Dänge sänd drei, -mormelte äch vor mäch hän. Äch bän gewohnt, öfters etwas vor -mäch hänzomormeln, ein Gebrauch des Monologs, den äch mer aus -den Komödien des Plautus angeeignet habe. Äch halte ähn för -ein vortreffliches Mättel, säch mät dem eigenen Äch gehöräg äns -Klare zo setzen. Vär, fönf Omnäbosse kamen voröber; sä waren -sämtlich bäs auf den letzten Platz öberföllt. Da kam mer plötzläch -der Gedanke, mäch aller Fohrwerke zo entschlagen ond einfach zo -Fooße zo gehen. Eine herrläche Idee! räf äch aus. Än der Tat, -wenn äch zo Fooße gäng, so war äch gegen alle bäsher erlättenen -Onbälden ein för allemal geschötzt. Onbegreifläch, daß mer däse -Wahrheit nächt fröher einleuchtete! Wäväl Zeit, wäväl Geld, -wäväl goote Laune hätte äch sparen können!</p> - -<p>Röstäg eilte äch förbaß, seelenvergnögt, daß äch endläch das -rächtäge Auskonftsmättel gefonden hatte.</p> - -<p>Leider worde äch erst zo spät gewahr, daß dä Zeit för eine -Omnäbosfahrt zwar reichläch zogemessen, aber för den Fooßgänger -doch etwas zo knapp gegräffen war. Als äch än dä <em class="antiqua">rue de Berlin</em> -einbog, schlog es halb eins, ond da äch woßte, daß der Baron -om zwölf Ohr dejenärt, so besah äch mer das Haus einstweilen -von außen.</p> - -<p>Morgen werde äch zeitäger aufbrechen, mormelte äch, als äch -den Röckweg antrat.</p> - -<p>Heute fröh erhäält äch von Alexandern einen recht netten -lateinäschen Bräf, an dem äch nor einäge Germanäsmen zo rögen -hatte. Äch habe ähn schleunägst korrägärt ond, nach Beifögong -zweier Dankeszeilen än grächäscher Sprache, zoröckgesandt.</p> - -<p>Das Wetter hat säch zom Argen gewendet: ύεῖ μὲν ό Ζεύς, wä -der hellenäsche Lyräker sängt, ond auf den Straßen waltet des -Kotes erdröckende Fölle. Beim Anbläck des grauen Gewölks habe -äch eine Elegä än altklassäscher Form zo Papär gebracht, dä äch -här beiföge …‹«</p> - -<p>Samuel Heinzerling unterbrach sich und rückte die Brille zurecht.</p> - -<p>»Ach, Herr Direktor«, rief die Prima wie aus einem Munde, -als der Verfasser der Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span> -Miene machte, die Elegie zu überschlagen. »Ach, lesen -Sie uns doch vor! Lassen Sie doch ja nichts aus, Herr Direktor! -Gerade die Verse interessieren uns! Bitte, die Elegie!«</p> - -<p>»Non goot, Sä sollen sä hören«, versetzte Samuel, augenscheinlich -geschmeichelt. »Das Gedächt betätelt säch: ›Regenwetter‹ …</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">›Zörnend ronzelt dä Stärne der blätzomspälte Kronäon,<br /></span> -<span class="i2">Ach, ond mät Regen begäßt rängs er das ganze Paräs.<br /></span> -<span class="i0">Deshalb bleib' äch zo Haus. Zo Haus zo bleiben äst ratsam,<br /></span> -<span class="i2">Wenn der erbätterte Zeus grollend das Wetter getröbt.<br /></span> -<span class="i0">Morgen aber, wenn hold dä rosenfängräge Eos<br /></span> -<span class="i2">Hebet am Hämmel das Haupt, heb' äch den hortägen Fooß,<br /></span> -<span class="i0">Gehe zom gastlächen Haus des göttläch erhabenen Prättwätz,<br /></span> -<span class="i2">Der mer als wackerer Mann sächer sein Xenion beut.‹«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Bravo!« rief Wilhelm Rumpf, als Samuel Heinzerling -geendet hatte.</p> - -<p>»Enthalten Sä säch jeder Krätäk«, sagte der Schulmann ein -wenig ungnädig.</p> - -<p>»Aber, Herr Direktor, ich werde doch meinen Empfindungen -noch Ausdruck verleihen dürfen …«</p> - -<p>»Verschäben Sä den Ausdrock Ährer Empfändongen bäs zom -Schlosse der Lehrstonde!«</p> - -<p>»Wirklich, ganz ausgezeichnet!« sagte jetzt Hutzler halblaut zu -seinem Nachbar.</p> - -<p>»Hotzler, Sä gehn mer hänaus! Äch bän Ähre Dommheiten -möde. Wä können Sä säch ein Orteil erlauben, Sä, der Sä nächt -einmal ämstande sänd, einen Daktylos von einem Trochäos zo -onterscheiden.«</p> - -<p>»O, Herr Direktor …«</p> - -<p>»Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch: ›Hotzler, zom -zweiten Male wegen läppäschen Benehmens getadelt.‹ Hotzler, äch -wäderhole Ähnen, Sä gehn mer hänaus!«</p> - -<p>Hutzler verließ das Lehrzimmer. Der Direktor fuhr fort:</p> - -<p>»›Am säbzehnten Mai. Äch bän so erbättert, daß äch nor -archäologäsche Jamben zo Papär brängen möchte! <em class="antiqua">Däffäcele äst -satäram non scräbere!</em></p> - -<p>Am Värzehnten däses Monats machte äch mäch schon gegen -neun Ohr auf … Nächt ohne eine gewässe Ängstlächkeit betrat äch<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span> -dä Straße: ein fönfmaläges Mäßlängen äst wenäg geeignet, onser -Vertrauen zo stärken.</p> - -<p>Äch schrätt dorch dä Straße <em class="antiqua">Vivienne</em> nach dem Börsenplatze -ond bog dann än dä Richelieustraße ein, wo äch mäch sehr vorsächtäg -weiter bewegte. Schon hatte äch etwa dä Hälfte der Straße -zoröckgelegt, als äch plötzläch einen Menschen bemerkte, der mät -einer langen, speerartägen Stange drohende Gesten ausföhrte ond -dabei so onzweideutäg seine Bläcke auf mäch heftete, daß äch kein -Ödäpos zo sein brauchte, om zo erraten, wem däse Feindselägkeit -gelten sollte.</p> - -<p>Hatte der Mensch wärkläch Absächten auf mein Eigentom ond -mein Leben? Offenbar gehörte er dem Arbeiterstande an, – ond -was man von den Paräser Arbeitern zo halten hat, das weiß -heutzotage ein jeder. Das Schäcksal der onglöcklächen Könägin -Maräe Antoinette stand mät einem Male än forchtbarer Klarheit -vor meiner Sääle …</p> - -<p>Ond doch, wä war es denkbar, daß ein Mensch am hellen -Tage auf dä geachtete Persönlächkeit eines deutschen Gymnasialdärektors -frevelhafterweise ein Attentat wagen dorfte? Wämmelte -es nächt rängs von Menschen? Freiläch bemerkte äch, daß jedermann -dem Borschen mit der speerartägen Stange ängstläch auswäch. -Er moßte also gefährläch sein … Ändessen, was konnte er mer -anhaben? Auf offener Straße, fast onter den Augen zweier -Poläzästen ond einer bewaffneten Schäldwache? Än dä Mätte der -Straße auszobägen, schän mer gefährläch, der zahlreichen Fohrwerke -halber: also köhn drauf los! Mot, Samoel! räf äch mer zo. -Sollte der Mensch da än der Tat einen Frevel beabsächtägen, so -werden dä Männer des Gesetzes alsbald dä Pläne eines wahnwätzägen -Barräkadenmannes zo vereiteln wässen. Äch schrätt -mannhaft vorwärts. Der Mensch mät dem Speer schwenkte ond -gestäkolärte ämmer verdächtäger. Dabei stäß er seltsame Töne aus, -dä wä ein fremdländäsches Krägsgebröll klangen. Sollte äch -omkehren?</p> - -<p>Äch räf mer eben ein neues Mot, Samoel! zo, als plötzläch -von oben eine Flössägkeit öber mäch herklatschte, dä meinen Frack -alsbald mät einer weißen, kalkartägen Kroste öberzog. Allmähläch<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span> -gäng mär ein Lächt auf, ond auch Doktor Mouchard hat es mer -nachträgläch bestätägt. Das Haus, vor dem der Mann mät der -Stange auf- ond abläf, worde jost fräsch getöncht. Äch hatte den -ehrsamen Arbeiter schmähläch verkannt!</p> - -<p>George, der Hausknecht, äst seit ehevorgestern mät der -Reinägong meines Frackes beschäftägt, hat jedoch bäs zor Stonde -nor onbefrädägende Resoltate erzält. Dä Beinkleider hatten nor -wenäg gelätten, was leicht zo erklären äst, da der verhängnäsvolle -Goß von oben auf mäch hereinbrauste.</p> - -<p>Äm ganzen darf äch mer Glöck wönschen, daß äch auf däse -Weise eine lehrreiche Erfahrong gemacht habe. Äch weiß jetzt, was -es bedeutet, än Paräs auf dem Trottoir zo wandeln. Wenn non -anstatt däser flössägen Masse ein Balken, ein Stein oder sonst -etwas Wochtäges herabgestörzt wäre, wä däs bei dem fortwährenden -Ausbessern ond Ombauen, das här zo herrschen scheint, dorchaus -äm Bereiche der Möglächkeit lägt? Ond Luitgarde, Alexander, -Winfriede, Ismene ond Vitriaria? Entsetzläch! Nein, es war nor -ein Wänk der götägen Götter, ond äch söndäge gröbläch, wenn äch -öber däsen kleinen Zwäschenfall morre. George, der Hausknecht, -äst ja geschäckt; auch hat er än der letzten Zeit väl Öbong bekommen.</p> - -<p>Meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten -habe äch nonmehr auf Donnerstag den neunzehnten Mai festgesetzt. -Äch freue mäch onendläch, eine Bekanntschaft zo machen, von der -mer Mouchard so väl Gootes geweissagt hat.</p> - -<p>Mouchard hat säch däsmal edler benommen als das letzte -Mal. Äch schätze än ähm einen töchtägen Vertreter der Wässenschaft -ond einen läbreichen Freund …</p> - -<p>Am zwanzägsten Mai. Non bän äch's denn doch möde, mäch -äwäg mät däsen Paräsern heromzoschlagen. Daß mär so etwas -passären moßte! Es äst wahr, mein schwarzer Frack säht nächt -mehr zom elegantesten aus, ond mein Zäländer äst seit lange des -ersten Glanzes beraubt: wä es aber mögläch war, mäch ongeachtet -däser kleinen Änkorrektheiten meiner Toilette för den belgäschen -Klavärlehrer Haentjens zo halten, der wegen verschädener Betrögereien -steckbräfläch verfolgt wärd, das äst ond bleibt mer ein Rätsel! Non, -äch habe den Ärrtom der Paräser Poläzästen teuer bezahlen mössen.<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span> -Volle zwölf Stonden verbrachte äch auf der Wache, bäs äch ämstande -war, meine Ädentätät zo erhärten. Doktor Mouchard hat -mär än däser Bezähong sehr anerkennenswerte Dänste geleistet. -Onerhört! sage äch. Einen deutschen Gymnasialdärektor mät einem -belgäschen Klavärlehrer zo verwechseln, ond noch dazo mät einem -Betröger! Äch rofe dä Götter zo Zeugen an, ob äch jemals dem -Eigentom meiner Mätmenschen auch nor än Gedanken zo nahe -getreten bän! Man sollte denken, däse <em class="antiqua">honestas</em> mößte säch auch -än meinen Gesächtszögen hänlängläch ausprägen. Onerhört! sage -äch. Bäs elf Ohr abends hab' äch auf der sogenannten Violine -verbracht, teilweise onter schweren Verbrechern, äch, Samoel -Heinzerläng, Därektor des städtäschen Gymnasioms zo Grönängen. -Wer mer das vor acht Tagen geweissagt hätte! Aber äch werde -Genogtoong fordern, – koste es, was es wolle! Das sänd dä -Fröchte jener räsägen Konglomerate, dä man Weltstädte nennt! Än -Grönängen wäre dergleichen onmögläch gewesen. Notabene, könftäghän -werde äch stets meinen Paß bei mer tragen.</p> - -<p>Den Besoch bei dem Großherzogläch badäschen Gesandten -habe äch natörläch auf öbermorgen vertagt …</p> - -<p>Am einondzwanzägsten Mai. Endläch bän äch ans Ziel -gelangt, wenägstens topographäsch geredet. Äch erreichte wohlbehalten -das Hotel än der <em class="antiqua">rue de Berlin</em> ond zog, äm Geföhl eines onendlächen -Wohlbehagens, dä gesandtschaftläche Klängel. Leider moßte äch von -dem Däner dä Meldong entgegennehmen, der Baron von Prättwätz -sei am Tage zovor auf sechs Wochen nach Baden-Baden verreist.</p> - -<p>Äch war nächt wenäg verstämmt. So väle Aufregongen, so -väle Verloste an Zeit ond Geld, so väle Verdräßlächkeiten, – ond -non alles omsonst! Äch legte mer das Gelöbde ab, nä wäder än -einer fremden Großstadt Besoche zo machen. Dergleichen föhrt zo -nächts Gootem. Äch bän einmal das Opfer der Zentraläsation -geworden ond habe keine Lost, däse onglöckseläge Rolle weiter zo -spälen. Der wässenschaftläche Ernst eines deutschen Gelehrten äst -onvereinbar mät dem frävolen ond oberflächlächen Treiben solcher -modernen Riesenstädte. Sänd wär dorch dä Omstände verorteilt, -ons zeitweiläg ännerhalb däser gefährlächen Weichbilde aufzohalten, -so gezämt ons dä onbedängte Reserve!‹«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span></p> - -<p>Samuel Heinzerling faltete seine Zettel zusammen.</p> - -<p>»So,« sagte er, indem er das Päckchen in die Brusttasche -schob, »Sä werden aus dem Mätgeteilten zor Genöge ersehen haben, -was äch beweisen wollte: daß dä Zerteilong än väle abgesonderte -Staaten ein Segen för dä deutsche Nation äst. Äch wönsche non, -daß Sä mer för das nächste Mal däse Frage än einem korzen -Aufsatze theoretäsch ond praktäsch erörtern. – Der Hotzler kann jetzt -wäder hereinkommen.«</p> - -<p>In diesem Augenblicke erscholl die Klingel. Würdevollen -Schrittes und im Bewußtsein, die Keime einer segensreichen Weltanschauung -gelegt zu haben, verließ der Verfasser der Lateinischen -Grammatik für den Schulgebrauch, mit besonderer Berücksichtigung -der oberen Klassen, das Lehrzimmer.</p> - -<p>»Ich habe mir alles stenographiert«, rief Heppenheimer, die -Mappe schwenkend.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Et ego</em>«, versetzte ich freudestrahlend. »Morgen muß uns -der Rumpf die Geschichte vorlesen.«</p> - -<p>Die schändlichen Stenographen! Ohne die teuflische Kunst -Gabelsbergers wäre dem wackeren Schulmann der Schmerz erspart -worden, den <em class="antiqua">infandus dolor</em> seiner Pariser Leiden in diesen Blättern -so buchstäblich renoviert zu sehen. Er hatte kein Glück mit seinen -Besuchen, der treffliche Heinzerling, weder mit dem Besuch im Karzer, -noch mit dem Besuch beim Großherzoglich badischen Gesandten in -der <em class="antiqua">rue de Berlin</em>.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span></p> - -<h2 id="Aus_Samuel_1"> -<img src="images/illu-200.png" alt="" /><br /> -Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen -Papieren.</h2> - -<p class="h2">Der schnöde Primaner-Triumph.</p> -</div> - -<div class="poetry"> -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d">Aech werd' ähn Där nämmer vergessen,<br /> -Den schnöden Prämaner-Träomph,<br /> -Daß äch auf dem Karzer gesessen,<br /> -Do extravagärender Rompf!</p> -<p class="noind"> -Äch bätt' euch, bei allen Prophäten,<br /> -Wer nähme dä Sache nächt kromm?<br /> -Äch wollt' äns Gewässen ähm räden, –<br /> -Da dräht er den Schlössel mer om!</p> -<p class="noind"> -Äch schälle … Was notzt mär das Schällen?<br /> -Bornärt äst der Quaddler ond stompf.<br /> -Der dömmste von allen Pedellen<br /> -Meint faktäsch, äch wäre der Rompf!</p> -<p class="noind"> -Doch bläb äch gelassen ond monter,<br /> -Bäs Rompf als Befreier erschän:<br /> -So kam äch denn wäder heronter<br /> -Und habe dem Schlängel verzähn!</p> -<p class="noind"> -Ond mag es ons Lehrer betröben,<br /> -Äch wag' das geflögelte Wort:<br /> -Als Schöler säch mimisch zo öben,<br /> -Äst doch nächt so völläg absord! -</p> -</div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span></p> - -<h2 id="Aus_Samuel_2"> -<img src="images/illu-201.png" alt="" /><br /> -Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen -Papieren.</h2> - -<p class="h2">In der Bierstube.</p> -</div> - -<div class="poetry"> - -<div><img class="drop" src="images/drop-b.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d">Beim Bär – beim Bär,<br /> -War nä mein Bosen schwär!<br /> -Vergässen äst des Dolders Not,<br /> -Der schnöden Präma Öbermot …<br /> -Der Gäldemeister stärt mäch nächt,<br /> -Der Hotzler schäkanärt mäch nächt:<br /> -Manch Seidel schlörf' äch leer.<br /> -Beim Bär – beim Bär<br /> -War nä mein Bosen schwär!</p> -<p class="noind"> -Äm Grond – äm Grond<br /> -Äst's Bär mer nächt gesond!<br /> -Zom Schlagfloß hab' äch stäts geneigt,<br /> -Ond bayräsch Bär erhätzt so leicht.<br /> -Es geht äns Blot, es nämmt dä Roh, –<br /> -Der väle Ärger kömmt dazo,<br /> -Dä Präma treibt's zo bont!<br /> -Äm Grond – äm Grond<br /> -Äst's Bär mer nächt gesond!</p> -<p class="noind"> -Was toot's? Was toot's?<br /> -Das Bär äst doch was Goot's!<br /> -Ond ob's das Läben mer verkörzt, –<br /> -<span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span>Mäch dönkt, wer störzen soll, der störzt!<br /> -Zom Hömmel häb' äch köhn den Bläck:<br /> -Där, Zeus, vertrau' äch mein Geschäck,<br /> -Än Deinen Händen roht's!<br /> -Was toot's? Was toot's?<br /> -Das Bär äst doch was Goot's!</p> -<p class="noind"> -Das Bär – das Bär,<br /> -Das bleibt non mein Pläsär!<br /> -Der Zechtäsch äst mein Heilägtom,<br /> -Dä Kneipe Mekka mer ond Rom;<br /> -Ond wenn dä Hand das Glas omspannt,<br /> -Föhlt säch dä Sääle gottverwandt:<br /> -Fromm wärd sä mehr ond mehr …<br /> -Das Bär – das Bär,<br /> -Das äst non mein Pläsär!</p> -<p class="noind"> -Wä domm – wä domm,<br /> -Das Zämmer fällt ja om!<br /> -Dä Wände taumeln kromm ond schäf,<br /> -Jetzt sänd sä hoch, jetzt sänd sä täf …<br /> -Ond jetzt … aha, äch märk' es wohl,<br /> -Jetzt röcken Geister mer am Stohl …<br /> -Herr Wärt, äch dolde stomm!<br /> -Wä domm – wä domm,<br /> -Das Zämmer fällt ja om!</p> -<p class="noind"> -Das Bär – das Bär<br /> -War ongewöhnläch schwär!<br /> -<em class="antiqua">Sont certi</em> … nein … Wä sagt Horaz?<br /> -Wä? Was? Der Gäldemeister tat's?<br /> -Ja, Luitgard! … ja, äch hab' genog …<br /> -Der Knebel … schreibt's äns Tagebooch …<br /> -Ja, ja … schon beim Homär …<br /> -Das Bär – das Bär<br /> -War ongewöhnläch schwär! -</p> - -<p class="center"> -(Ab unter den Tisch.) -</p> -</div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Klassenprufung"> -<img src="images/illu-203.png" alt="" /><br /> -Die Klassenprüfung.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div> -<p class="drop-w">Wenn das Maturitätsexamen dem Gymnasiasten ernst und -bedeutsam erscheint, so raubt ihm die Klassenprüfung -den Gleichmut nur in Ausnahmefällen. Es gibt allerdings -eine Sorte von ganz besonders ehrgeizigen oder ganz -besonders unwissenden Schülern, die auch der Klassenprüfung mit -einer gewissen Bänglichkeit entgegenwandeln: aber sie bilden die -Minorität. Für mich und meine nächsten Freunde war dieses ein- -oder zweimal im Jahre wiederkehrende Examen allezeit ein Gaudium, -und je zahlreicher sich das Publikum versammelte, um so vergnüglicher -pflegten wir dreinzuschauen.</p> - -<p>Das Klassenexamen ist die Farce des Gymnasiallebens. <em class="antiqua">In -corona civium</em> liebt es kein Lehrer, seine Schüler als unwissend -bloßzustellen. Denn der Vorwurf dieser Unwissenheit träfe in erster -Linie ihn selbst. Daher wir denn regelmäßig über solche Materien -examiniert wurden, die während der letzten Wochen bis zum Überdruß -zerkaut und verdaut waren.</p> - -<p>Wir erschienen beim Beginn des Examens sehr pünktlich, – -in unsern besten Kleidern, – und getragen von jener Feiertagsstimmung, -die aus dem Bewußtsein der bevorstehenden Ferien erwächst. -So nahmen wir auf den Subsellien im großen Saale -Platz, an dessen Eingang der Pedell Quaddler in schwarzem Frack -und weißer Halsbinde Posto gefaßt hatte. Nach und nach erschienen -die Lehrer, stets in schmunzelndem Zwiegespräch, sich wiederholt -Herr Kollege nennend und eine ähnliche Befriedigung zur Schau -tragend wie die Schüler. Zuletzt nahte würdevollen Schrittes der -Direktor Samuel Heinzerling, ganz Wohlwollen, ganz Frühling<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span> -und Sonnenschein. Ehrfurchtsvoll traten die übrigen Pädagogen -nach rechts und links auseinander, um ihren Herrn und Meister -hindurchzulassen. Mit vollendeter Humanität teilte Samuel seine -kollegialischen Grüße aus: die Schüler aber mußten sich bei seinem -Erscheinen von ihren Sitzen erheben, eine Höflichkeitsbezeigung, für -die Samuel stets durch heftiges Abwinken dankte.</p> - -<p>Der Religionslehrer bestieg nunmehr den Katheder, faltete die -Hände und sprach:</p> - -<p>»Lasset uns beten!«</p> - -<p>Abermals stand die Klasse auf wie ein Mann, und Samuel -Heinzerling blickte wohlgefällig auf diese Kolonnen, die ihn und -den Herrn der Heerscharen durch eine so ehrfurchtsvolle Behandlung -auszeichneten.</p> - -<p>Der Religionslehrer sprach sein Gebet und bat den Allmächtigen, -er möge unsern Eingang und unsern Ausgang segnen. Hierauf -begann das Examen.</p> - -<p>Eine halbe Stunde verstrich, ohne daß uns das Publikum -irgend einen Vertreter gesandt hätte. Da endlich knarrte die Tür. -Aller Augen wandten sich nach der Schwelle: es erschien der -Superintendent Samson, der sich in ganz ungewöhnlichem Maße -für die geistige Entwicklung der Jugend interessierte. Verbindlich -lächelnd drückte er einem Lehrer nach dem andern die Hand, – -aber ganz sachte und insgeheim, um ja nicht zu stören. Dann -folgte er mit reger Aufmerksamkeit den Peripetien der Prüfung, -öfters mit dem Kopfe nickend und stets so schlau dreinschauend, als ob -er wirklich imstande sei, die gestellten Fragen korrekt zu beantworten.</p> - -<p>Nach dem Superintendenten erschien der erste Stadtprediger, -und dann füllten sich die Hallen so allgemach, bis um elf Uhr der -Höhepunkt eintrat.</p> - -<p>Ein beträchtliches Kontingent zu diesen Vormittagsbesuchern -lieferten die Gymnasiasten selbst, und zwar wohnten die Schüler -der unteren Klassen mit Vorliebe den Prüfungen der oberen bei, so -daß die Sextaner niemals so zahlreich vertreten waren, als wenn -die Prima examiniert wurde.</p> - -<p>Des Nachmittags bot der Saal einen weit pittoreskeren Anblick, -denn jetzt erschienen auch die Mütter und Schwestern der Examinanden.<span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span> -Der Anblick farbenprächtiger Roben und wallender Hutbänder war -in diesen Räumen etwas so Ungewohntes, daß wir bei dem Erscheinen -der ersten Dame jedesmal in einen Zustand herzklopfender -Aufregung gerieten, zumal wenn die Dame jung und hübsch war. -Das Rauschen ihres Gewandes tönte uns lieblicher als Musik, -und die kleinen, zierlichen Halbstiefelchen klappten so ganz anders -auf den Dielen des Saales als die kolossalen Gehwerkzeuge -Doktor Hellwigs.</p> - -<p>Samuel Heinzerling war bei diesen Anlässen von einer musterhaften -Galanterie. Jeder Zoll seines Wesens atmete Wohlwollen -und Ritterlichkeit, wenn er die gnädige Frau oder das verehrte -Fräulein nach dem Stuhle geleitete. Nur die Backfische im Alter -von 13 bis 15 Jahren behandelte er etwas kühler, denn er wußte, -daß gerade diese Sorte seinen Schülern am gefährlichsten war.</p> - -<p>Gegen vier Uhr nachmittags hatte sich der Damenflor, der -unsere Prüfung schmückte, am reichsten entfaltet. Gar mancher von -uns erblickte da auf bescheidenem Rohrstuhle den »Stern seines -Lebens«, die »Rose, vom Himmelstau gebadet«, den »Engel, zu gut -für diese lieblos rauhe Welt«. Besonders zart organisierte Schüler -kamen aus dem Erröten gar nicht heraus; die Mädchen aber -steckten die Köpfe zusammen, – und was sie insgeheim miteinander -schwatzten, betraf gewiß nicht die Sprachgebräuche des Xenophon.</p> - -<p>Während der Nachmittagsprüfung waren wir selbstverständlich -weit weniger aufmerksam als des Vormittags. Die Lehrer wußten -sehr wohl, daß sie diese rückgängige Bewegung unseres Interesses -dem Einflusse des Ewig-Weiblichen zuschreiben mußten. Daher sie -denn jetzt vorzugsweise solche Schüler examinierten, die ihnen als -erotisch unempfänglich bekannt waren. Es ist wunderbar, wie fein -der Instinkt der Lehrer hier das Richtige trifft. In jeder Klasse sind -immer drei, vier, fünf exemplarische Jünglinge vorhanden, die ein -so stark entwickeltes Pflichtgefühl oder ein so schwach entwickeltes -Herz besitzen, daß <span id="corr205">ihnen</span> die Regeln über den griechischen Optativ -ungleich wichtiger sind als der Anblick eines schönen Mädchengesichts. -Diese Unempfänglichen werden in so heiklen Fällen besonders aufs -Korn genommen, wenn es gilt, rasch eine Querfrage zu beantworten -u. dergl. m. Zu einem längeren, wissenschaftlichen Verhör<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span> -eignet sich unter Umständen auch der verliebte Schüler, – wofern er -nämlich auf dem Gebiete, das der Lehrer gewählt hat, sehr sattelfest -ist. Es wird ihm alsdann ein besonderes Vergnügen bereiten, -in den Augen seiner Angebeteten zu brillieren. Den Horaz übersetzend, -schleudert er wohlgezielte Pfeile nach ihrem Herzen. Er -beschwört die Lydia, sie möge den Sybaris nicht vor Liebessehnsucht -vergehen lassen, und meint dabei sich und Volckmanns blonde -Therese. Er verdeutscht die Ode: <em class="antiqua">Quem tu, Melpomene, semel</em>, – -und denkt dabei schüchtern an seine eigenen poetischen Versuche, mit -denen er die Auserkorene durch Vermittlung seiner Schwester oder -auf dem Wege einer anonymen Postsendung heimgesucht. Nickt -dann der Superintendent mit beifällig schmunzelnder Miene, so ist -der Gymnasiast stolz auf seinen errungenen Triumph, und zerstreut -lächelnd folgt er der Aufforderung des Lehrers, sich wieder zu setzen.</p> - -<p>Das Klassenexamen ist die einzige Gelegenheit, wo die Primanerliebe -innerhalb der vier Wände des Gymnasiums etwas freier aufatmet. -Die Klassenprüfung ist ihr Sonnenblick. Hier kann der -Lehrer gegen ihre verstohlene Betätigung nichts einwenden. Noch -entsinne ich mich des jauchzenden Entzückens, mit dem mir einer -meiner Freunde, Paul Schuster, am Schluß des Examens um den -Hals fiel, weil diese wenigen Nachmittagsstunden das wieder aufgebaut -hatten, was ihm während des Semesters durch die Ungunst -der Verhältnisse zerstört worden war.</p> - -<p>Paul Schuster liebte eine reizende Blondine, namens Elisabeth. -Er besang sie in hundert Liebesliedern. Seine Schwester hatte -ihm zugeredet, und so kopierte er das schönste dieser Gedichte auf -goldgerändertes Briefpapier, schrieb, von hundert seligen Ahnungen -erfüllt, seinen Namen darunter, und barg es in einer zierlichen -Enveloppe, auf deren Siegelstelle eine Taube mit dem biblischen -Ölzweig prangte. Dann setzte er als Adresse die Worte darauf: -»Meiner himmlischen Elisabeth«, und ließ der Holden das Billett -durch seine Schwester mit in die Schule bringen. Am Abend erhielt -er die Nachricht, das Gedicht habe einen ungeheuren Eindruck -gemacht. Elisabeth sei von dem Zauber der wogenden Rhythmen -geradezu hingerissen; nur meine sie, der Dichter habe doch hin und -wieder gar zu schmeichelhaft übertrieben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span></p> - -<p>Drei Tage später glaubte Paul Schuster zu bemerken, daß der -Direktor Samuel Heinzerling während der Interpretation der -Antigone ihm verschiedene Male einen strafenden Blick zuschleuderte. -Das Schicksal sollte ihn über die Ursache jenes eigentümlichen -Mienenspiels nicht lange in Zweifel lassen. Nach Beendigung der -Lehrstunde entbot ihn Samuel auf sein Zimmer. Verwirrt leistete -er dieser Aufforderung Folge. Wer schildert seine Empfindungen, -als er auf dem Tische des Gymnasialtyrannen sein <em class="antiqua">Billet-doux</em> an -Elisabeth wahrnimmt.</p> - -<p>»Schoster,« begann der Direktor, »Professor Gönther föhrt -Klage, Sä belästägen seine Tochter.«</p> - -<p>Paul Schuster glaubte bei diesen Worten Samuels in den -Boden versinken zu müssen. Ein jäher Krampf schnürte ihm die -Kehle zusammen.</p> - -<p>»Herr Direktor,« stammelte er, »wenn Professor Günther -dergleichen behauptet, so spricht er die Unwahrheit …«</p> - -<p>»Wä, Schoster?« fragte Heinzerling mit schneidiger Stimme, »Sä -wollen noch leugnen? Sätzen Sä säch dort einmal auf den Stohl!«</p> - -<p>»Aber, Herr Direktor …«</p> - -<p>»Sätzen Sä säch! Also Sä haben dä Dreistägkeit, den Herrn -Professor Gönther der Onwahrheit zo bezächtägen! Goot! Sehr -goot! Ond was sagen Sä zo däsem Zettel, den dä Frau Professor -än der Scholtasche ähres Töchterchens gefonden hat? Wollen Sä -etwa än Abrede stellen, daß Sä däsen Wäsch da geschräben haben?«</p> - -<p>»Nein, Herr Direktor!«</p> - -<p>»Non goot! Äch ontersage Ähnen härmät ein för allemal, -däse onzämlächen Scherze zo wäderholen.«</p> - -<p>Er nahm das Blatt zwischen die Finger und rückte die Brille -zurecht.</p> - -<p>»Es äst wärklich stark, Schoster!</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">›Ond schänkte, wenn der Lenz erwacht,<br /></span> -<span class="i0">Ein Gott mär allen Blötenflor,<br /></span> -<span class="i0">Äch legte gern dä Fröhlingspracht<br /></span> -<span class="i0">Als Teppäch Deinen Fößen vor …‹<br /></span> -</div></div> - -<p>Begreifen Sä nächt, daß es geradezo onverantwortlich äst, -einem wohlerzogenen Kände solche Albernheiten än den Kopf zo<span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span> -setzen? Äch dächte, Sä gäben säch vorläufäg noch ein wenig mät -Ährem Sophokles ab.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">›Ach, wenn der Sehnsocht holde Glot<br /></span> -<span class="i0">Äm täfsten Bosen aufgeflammt …‹<br /></span> -</div></div> - -<p>Sehnsocht, Sehnsocht! Sehnen Sä säch nach einem ordentlächen -Matorätätsexamen, ond vertrödeln Sä Ähre Zeit nächt mät solchen -Abgeschmacktheiten. Wenn säch der Mensch erst einmal solche Alloträa -än den Kopf gesetzt hat, dann geht sein wässenschaftlächer Sänn -öber Nacht zo Grabe. Merken Sä säch das!«</p> - -<p>Paul war außer sich.</p> - -<p>»Herr Direktor,« stöhnte er verzweifelt, »ich glaube bis jetzt -noch keine Veranlassung gegeben zu haben …«</p> - -<p>»Das habe äch auch nächt behauptet. Aber dä bästen Schöler -werden äm Handomdrehen leichtsännäg, wenn sä anfangen, säch mät -solch kändäschem Tand abzogeben. Äch habe Sä non gewarnt.«</p> - -<p>Der Direktor entließ ihn. Paul Schuster hielt nur mit Mühe -die Tränen zurück. Er kam sich so erbärmlich, so namenlos lächerlich -vor, daß er zu jedem Entschluß unfähig war. Zu Hause angelangt, -überlegte er. Nach mehrstündigem Hin- und Hersinnen kam er zu -dem Resultat, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als Elisabeths -Vater persönlich aufzusuchen. Trotzig erhobenen Hauptes machte -er sich auf den Weg. Er ward nicht vorgelassen. Was tun? -Eine halbe Minute lang schwankte er, ob er sich nicht mit Gewalt -den Weg in das friedliche Studierzimmer bahnen und im Tone -eines beleidigten Theaterhelden Rechenschaft fordern sollte für die -zwiefach kränkende Unbill. Bald aber gewann die vernünftige Erwägung -die Oberhand. Der eben noch so heroische Primaner zog -ab. Wie ein verschmähter Freier schlich er gesenkten Blickes nach -Hause, warf sich mit geballten Fäusten langwegs auf das Sofa -und heulte.</p> - -<p>So war das poesiereiche Verhältnis zu Elisabeth meuchlings -zertrümmert worden. Allerhand kleine Mißverständnisse hatten -dazu beigetragen, den Sturz der Ideale zu vervollständigen.</p> - -<p>Und nun kam die Klassenprüfung. Elisabeth erschien reizender -als je. Sie nahm in der vordersten Reihe Platz. Zwei Stunden -lang kreuzten sich die Blicke der beiden Liebenden, und dieser stumme<span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span> -Depeschenwechsel reichte aus, beiden die Gewißheit zu geben, daß -sie »einander noch angehörten«. Am Schluß des Examens erntete -Schuster ein Lächeln, das ihm den letzten Zweifel benahm … -Glücklicher Schuster!</p> - -<p>Ich wiederhole es: Das Klassenexamen ist der Lichtblick der -scheuen Primanerliebe!</p> - -<p>Doch kehren wir aus dem Speziellen ins Allgemeine zurück, -und erzählen wir den weiteren Normalverlauf der Semesterprüfung.</p> - -<p>Am Abend des dritten Tages bestieg Samuel Heinzerling den -Katheder und verkündete die Prämien und die Versetzungen. Ein -feierlicher Moment! Der Direktor wußte denn auch der Bedeutsamkeit -des Augenblicks in jeder Hinsicht gerecht zu werden. Seine Stimme -klang fast wie die Posaune des Jüngsten Gerichts, wenn er begann:</p> - -<p>»Von Onterpräma nach Oberpräma röcken auf:«</p> - -<p>Und nun folgte die Liste. Die nicht erwähnten Schüler waren -zu ewiger Verdammnis – ich will sagen, zum Sitzenbleiben für -ein weiteres Semester verurteilt.</p> - -<p>Dann fuhr der Direktor fort:</p> - -<p>»Prämien erhalten än däser Klasse:«</p> - -<p>Und nun folgte das kurze Verzeichnis der wenigen Auserwählten. -Dieses Verzeichnis schrumpfte, je höher man in der -Reihe der Klassen hinaufstieg, immer mehr zusammen. In Prima -gab es nur ganz ausnahmsweise Prämien:</p> - -<p>»Dä Prämaner taugen alle nächt väl«, so pflegte Samuel -privatim diese Maßnahme zu motivieren.</p> - -<p>Zu Ostern fand am Schlusse der Prüfungen zuweilen ein -sogenannter Aktus statt, bei dem das schöne Geschlecht noch zahlreicher -vertreten war als beim Examen. Gedichte, deutsche und -lateinische Reden, Gesänge und sonstige musikalische Vorträge waren -der Gegenstand dieser nachmittäglichen Feier, an der sich nicht nur -die Schüler, sondern auch die Lehrer aktiv beteiligten. So entsinne -ich mich eines trefflichen Vortrags, den Samuel Heinzerling über die -Wirkung der echten Humanität hielt. Doktor Brömmel, der -Zwillingsvater, sprach wiederholt über die Bevölkerungsverhältnisse -der europäischen Staaten; er wies darauf hin, daß Deutschland -das rivalisierende Frankreich immer mehr zu überflügeln verspreche,<span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span> -eine Wahrheit, die von Emanuel Boxer mit der malitiösen Bemerkung -begleitet wurde: »Daran ist niemand schuld, als Doktor -Brömmel!« Der »Herr Pastor« ließ sich über das griechische -Schisma vernehmen, ein Thema, von welchem Boxer behauptete, -daß es die anwesenden Damen <em class="gesperrt">nur zur Hälfte</em> verstehen würden. -Doktor Perner endlich gab Bilder aus der neueren Literaturgeschichte. -Leider waren meine Gymnasialhumoresken damals noch -nicht geschrieben, sonst würde er sie ohne Zweifel mit Enthusiasmus -erwähnt haben.</p> - -<p>Gegen sechs Uhr trat man den Heimweg an. Jedermann -befand sich in einer rosigen Stimmung. Nur die Sitzengebliebenen -ließen elegisch die Köpfe hängen und gelobten sich, im neuen -Semester Rache zu üben für die erlittene Kränkung.</p> - -<p>»Das habe ich dem Doktor Perner zu danken«, sagte der eine.</p> - -<p>»Mich hat der Brömmel ins Verderben geritten! Für das -nächste Jahr wünsche ich ihm Drillinge!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span></p> - -<h2 id="Ferien"> -<img src="images/illu-211.png" alt="" /><br /> -Ferien.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-g.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d">Gegen Schluß des Semesters tritt in der Stimmung des -deutschen Gymnasiasten eine seltsame Wandlung ein. Bis -dahin hat er die Knechtschaft des Stundenzwanges mit -jener edlen Resignation hingenommen, die der Weise -einem unabwendbaren Übel entgegenbringt. Jetzt mit einemmal -ergreift ihn ein selbstbewußter, beinahe trotziger Frohsinn. Noch -leistet er den Befehlen des Lehrers Folge, aber sein Gesichtsausdruck -steht mit dieser äußeren Unterwürfigkeit in schroffem Gegensatze. Auf -der lächelnden Lippe schwebt ein unausgesprochenes Wort, das, ins -Verständliche übertragen, ungefähr also lautet: »Ich gehorche! Ich -stehe unter deiner Botmäßigkeit! Aber der Tag der Befreiung naht -auf Sturmesflügeln! Wenn er erscheint, dann wehe dem Grundgesetz -deiner Herrschaft!« Strafen, die sonst eine niederschmetternde -Wirkung ausgeübt hätten, werden jetzt gleichgültig, ja fast mit -offenem Hohn ertragen: der Skorpion des Absolutismus hat seinen -Stachel verloren.</p> - -<p>Wer in der Völker- und Staatengeschichte einigermaßen bewandert -ist, der wird sich erinnern, daß ähnliche Stimmungen -von jeher den Verschwörer am Vorabend der Entscheidung beseelt -haben. Genau so dachte und fühlte der Neger, der unter Toussaints -Führung die Fesseln seiner langjährigen Sklaverei sprengen sollte. -Hätten die Plantagenbesitzer von St. Domingo ein deutsches Gymnasium -besucht, sie wären niemals von den schwarzen Bataillonen -überrumpelt worden. Der deutsche Gymnasiallehrer weiß nur zu -genau, was jener Stimmungswechsel bedeutet. Er weiß, daß es<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span> -die Perspektive auf die Ferien ist, die seiner Klasse so rebellisch die -Adern schwellt.</p> - -<p>Ferien! Das Wort hat für einen deutschen Gymnasiasten etwas -Zauberisches! Schon viele Wochen im voraus wird bis auf den -Tag und die Stunde berechnet, wie lange man noch auf den harten -Subsellien zu schmachten hat. Die Phantasie eilt der Wirklichkeit -in rauschendem Fluge voraus und bevölkert die Zukunft mit den -beglückendsten Lichtstrahlen. Man entwirft Pläne; man gelobt sich, -die <span id="corr212">anderthalb</span> Monate diesmal so recht gründlich und nach allen -Richtungen hin auszukosten. Man überläßt sich einer poesievollen -Zerstreutheit, die sich von Woche zu Woche steigert und zuletzt in -die vollendete Träumerei ausartet.</p> - -<p>Mir und meinem vielgenannten Freund Wilhelm Rumpf war diese -gesteigerte Spannung so unerträglich, daß wir den Freitag und den -Sonnabend vor dem Beginn der Ferien jedesmal schwänzten. Zur -gewohnten Stunde ergriffen wir unsere Schreibmappen und traten ins -Freie. In dem kleinen Tempel der städtischen Promenade, der zu dieser -Frist völlig verwaist stand, gaben wir uns ein Rendezvous und beratschlagten, -was den Tag über zu beginnen sei. Wenn wir einen Entschluß -gefaßt hatten, stellten wir unsere Uhren mit ängstlicher Genauigkeit nach -der großen Turmuhr der Stadtkirche und verloren uns dann, halb -Kinderspiele, halb Gott im Herzen, seitwärts in die Felder. Ganz -besonders entzückend waren diese illegitimen Ausflüge am Schluß -des Sommersemesters. Eine prächtige Landschaft, die noch im -reichsten Festgewand strahlte, ein tiefblaues Himmelsgewölbe, und -auf allen Hügeln und Hängen ein überschwenglicher Segen des -köstlichen Obstes, – was brauchten wir mehr, um glücklich zu sein? -Die Freude über den wolkenlosen Septembertag paarte sich mit dem -Triumphgefühl über die gelungene Entweichung. Jauchzend strichen -wir durch die einsamen Nußgärten und füllten uns, dem siebenten -Gebote zum Trotz, die Taschen. Gegen zehn nahmen wir in der -nächsten ländlichen Schenke einen Imbiß, dessen Mangelhaftigkeit -durch den Glanz unserer Gemütsverfassung ersetzt wurde. Eine -Stunde später rüsteten wir uns zum Heimweg. Es galt, rechtzeitig -in der Behausung einzutreffen, denn die Sache sollte den Anschein -haben, als kämen wir direkt aus dem Gymnasium.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span></p> - -<p>Auf diese Weise verbrachten wir den Freitag und den Sonnabend. -Wie Leander die Hero, so besuchten wir die Göttin der Freiheit -unter dem Deckmantel des Geheimnisses … Für kurze Zeit hat -dieser verstohlene Umgang einen unendlichen Reiz: auf die Dauer aber -sehnt man sich nach dem festen Besitz. So hatten wir denn beim -Läuten der Sonntagsglocken gerade genug an dem heimlichen Raube, -und wonnetrunken begrüßten wir unser rechtliches Eigentum, – -die Ferien!</p> - -<p>Wer vermöchte zu schildern, was ein deutscher Gymnasiast beim -Beginn der Ferien empfindet! Sechs lange Wochen! Eine Ewigkeit! -Freudig blitzenden Auges und stolz erhobenen Hauptes wandelt man -umher, als ob man die ganze Welt besäße! Und zwar ist dieses -Entzücken um so aufrichtiger und vollständiger, je weiter abwärts -wir uns von der Prima entfernen, – vielleicht nur aus dem Grunde, -weil die Empfindung von der Länge der Zeit mit der fortschreitenden -Entwicklung des Menschen zusammenschrumpft. Dem Quartaner -und Tertianer sind diese sechs Wochen in der Tat ein unbegrenzter -Spielraum: das jugendliche Gemüt überläßt sich der Illusion, die -Frist könne kein Ende nehmen. Der Primaner dagegen hat sich zu -oft schon diese sechs Wochen »von rückwärts betrachtet«; die Erfahrung -hat seinen Idealismus auf ein minder grandioses Maß -reduziert; er weiß die Summe der Genüsse, die ihn erwarten, bereits -annähernd abzuschätzen.</p> - -<p>In einem Punkte verwerten die Schüler aller Klassen das -Privilegium der Ferien gleichmäßig: im freien Genusse des Morgenschlummers. -Das Recht, ohne Rücksicht auf eine bestimmte -Stunde in den hellen Tag hineinschlafen zu können, gießt über -das ganze Wesen des deutschen Gymnasiasten einen Schimmer -der rosigsten Verklärung. Wenn er nachts erwacht und sich, -behaglich aufatmend, nach der anderen Seite wendet, so ist das -Bewußtsein, am folgenden Morgen den sonst so verhängnisvollen -Schlag der Glocke überhören zu dürfen, allein ausreichend, um -die Ferien mit dem Gewand eines zauberischen Liebreizes zu umkleiden!</p> - -<p>So dämmert der Tag heran. Draußen, in den Zimmern und -auf dem Korridor ist schon alles geschäftig: der glückliche Gymnasiast<span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span> -rührt sich nicht. Selbst wenn er längst nicht mehr schlafen kann, -hält er noch die Augen geschlossen, bis die Mutter oder die Schwester -ihn, weniger aus Gründen der Moral, als mit Rücksicht auf die -gestörte Hausordnung, weckt. Nun kleidet der Triumphator sich an, -langsam, mit souveräner Verachtung der Zeit, – denn er hat ihrer -ja mehr, als er braucht! Nach eingenommenem Frühstück verläßt er -das Haus: das ist ein unumstößliches Axiom der Ferienpraxis. -Je nach der Verschiedenheit seines Alters und seines Temperaments -verbringt er den Vormittag verschieden. Er streift durch Feld und -Wald, er schlendert Arm in Arm mit seinem Intimus durch die -Gassen, er besucht verstohlenerweise ein Bierhaus und wagt selbst -eine Partie Billard. Der Quartaner und Tertianer gibt sich mit -seinen Altersgenossen in besonders günstig gelegenen Höfen der -Nachbarschaft ein Rendezvous, um zu spielen; er plant tolle Streiche -und verabredet Ausflüge in die weitere Umgebung. Vor Mittagszeit -aber betritt keiner, weder der Schüler von Quarta, noch der -Oberprimaner, die elterliche Wohnung.</p> - -<p>Nach Tische treibt sich der Feriengymnasiast zum Leidwesen -seiner Angehörigen in störender Weise auf den Kanapees und -Sesseln herum; trällert ein Lied, worüber seine ältere Schwester -nervös wird; neckt seine jüngeren Brüder; nimmt eine illustrierte -Zeitschrift zur Hand, trotz der wiederholten Versicherung des -Vaters, das sei keine Lektüre für ihn; fragt, ob nicht bald -Kaffee getrunken werde; stemmt seine Stiefel wider die polierten -Tischfüße, legt sich ins Fenster oder verklebt seiner Mutter das -Schlüsselloch des Nähtischchens mit Wachs. Die Aufforderung, -er möge etwas arbeiten, beantwortet er mit einem wohlwollenden -Lächeln.</p> - -<p>»Erst will ich mich ausruhen«, sagt er, behaglich die Arme -reckend.</p> - -<p>Wenn man das so mit ansieht, man sollte meinen, der Ärmste -habe Monate lang Dienste in einer Tretmühle geleistet.</p> - -<p>Der Nachmittag wird, je nach der Jahreszeit, zu Ausflügen in -die umliegenden Bierdörfer, zu Fensterpromenaden, zu Skatpartien, -zu Kahnfahrten und dergleichen benutzt, und der Abend bringt oft -nur eine Fortsetzung des Nachmittags.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span></p> - -<p>Dieses lustige, ungebundene Leben erfährt eine gelinde Trübung -durch den Hinblick auf die Ferienarbeiten, die in einigen Gymnasien -nicht ganz ohne Belang sind.</p> - -<p>Ich meinesteils habe meine Pensa stets schon in der ersten -Woche begonnen und so unter der Hand ohne ernstliche Schädigung -meines Wohlgefühles erledigt. Die meisten Schüler warten jedoch -bis zuletzt und verderben sich den Schluß der Ferien von Grund -aus. Es leuchtet ein, daß die von mir befolgte Methode gerade -vom Standpunkt des Epikuräers aus die einzig richtige ist, – auch -richtiger als das andere Extrem, während der ersten Tage alles -auf einmal zu absolvieren.</p> - -<p>Unter den Ferienarbeiten, mit denen man uns die Flügel ein -wenig zu binden hoffte, nahm der deutsche Aufsatz einen hervorragenden -Rang ein. Und zwar gab man uns zu wiederholten -Malen das Thema: »Wie verbrachte ich meine Ferien?« Diesen -Aufsatz schrieb ich stets in der ersten Woche, denn die historische -Wahrheit gehörte von je zu den geringsten Verdiensten solcher -Arbeiten. Ganz faule und versumpfte Kameraden, die niemals aus -eigenem Antrieb ein Buch in die Hand nahmen, gaben sich in dem -Ferienaufsatz den Anschein, als hätten sie umfassende Privatstudien -im Xenophon und im Curtius geleistet. Die Lehrer nahmen das -merkwürdigerweise stets so beifällig hin, daß ich als Obersekundaner -den Entschluß faßte, dieses lügnerische Selbstlob einmal auf die -Spitze zu treiben. Da war denn in meinem Aufsatz etwa folgender -Passus zu lesen:</p> - -<p>»Ich erhob mich des Morgens zwischen vier und fünf, nahm -in aller Eile den Kaffee ein und verfertigte alsdann bis gegen -10 Uhr lateinische Stilübungen. Hierauf machte ich einen halbstündigen -Spaziergang, um sofort wieder an meine Arbeit zurückzukehren. -Ich las Corneille, Racine, Molière und Chateaubriand, -bis ich zu Tische gerufen wurde, was in der Regel so gegen ein Uhr -statthatte. Die Stunden von zwei bis fünf widmete ich dem -Griechischen, der Geschichte und der Geographie. Hierauf unternahm -ich in Begleitung meines Vaters einen Spaziergang, von dem wir -meistens so gegen halb sieben Uhr zurückkehrten. Um sieben Uhr -wurde zu Nacht gespeist, und nun arbeitete ich von acht bis elf<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span> -Mathematik, Physik und Kirchengeschichte. Oft auch habe ich die -Mitternacht an meinem stillen Pulte herangewacht, denn ich hatte -mir nun einmal fest vorgenommen, eine gewisse Summe von Lernstoff -zu bewältigen. Sagt doch schon ein alter Klassiker: ›Wir -lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben.‹ Meine Mußestunden -benutzte ich dann zur Lektüre von Goethe, Schiller, Klopstock, -Wieland, Herder, Lessing, Platen, Rückert und Roderich Benedix; -auch übersetzte ich viele Oden des Horaz metrisch ins Deutsche. -Des Sonntags besuchte ich von neun bis elf die Kirche, hielt mich -jedoch, um nicht aufzufallen, meist abseits, weshalb mich die Herren -Lehrer ohne Zweifel nur selten wahrnahmen. Einmal war ich zwei -Tage lang in Frankfurt, und diese in jeder Hinsicht belehrende -Reise will ich hier zum Gegenstand einer ausführlichen Schilderung -machen.«</p> - -<p>Ich wurde um dieses Aufsatzes willen »wegen Unfugs« mit -sechs Stunden Karzer bestraft und dazu beauftragt, dasselbe -Thema noch einmal, und zwar in jeder Hinsicht wahrheitsgemäß, -zu behandeln.</p> - -<p>Drei Tage später also reichte ich dem Lehrer eine neue, von -der ersten wesentlich differierende Arbeit ein, die folgenden Passus -enthielt:</p> - -<p>»Des Morgens schlief ich bis neun, mitunter sogar bis zehn -Uhr. Denn, sagte ich bei mir selbst, wozu sollst du dich plagen, -wenn du's gut haben kannst? Gearbeitet habe ich nur sehr wenig. -Ich erledigte zwar zur Not meine Pensa: im übrigen aber verspürte -ich einen seltsamen Abscheu gegen jede Tätigkeit. Man lebt nur -einmal auf der Welt, pflegte mein Großonkel Schmidthenner zu sagen. -So hielt ich es denn für zweckmäßig, mir die kurze Freiheit recht -zunutze zu machen. Fast täglich bestand ich mit Wilhelm Rumpf -einen Ringkampf, wobei immer derjenige siegte, der den Untergriff -hatte. Solche Übungen sind in jeder Beziehung praktisch. Ich -merkte dies bei dem Zwist mit dem Gänsehirten von Wieseck. Der -Mann wollte uns ausschimpfen, weil Rumpfs kleiner Pudel ihm die -Gänse gejagt hatte. Wir zerbläuten ihn jämmerlich. Hieraus -erhellt, daß der Jüngling sich nicht früh genug in körperlichen -Exerzitien ergehen kann. Wie sagt schon Horaz? usw. usw.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span></p> - -<p>In diesem Stile ging es zwölf Seiten lang. Am Schluß -meiner tückischen Abhandlung hatte ich die zwölf Stunden Karzer, -die ich diesmal eroberte, so vollständig verdient, daß ich mich noch -jetzt über die Nachsicht des sonst so leicht erregbaren Lehrers wundere.</p> - -<p>»Wie verbrachte ich meine Ferien?«</p> - -<p>In der Tat ein trostloses Thema für einen deutschen Gymnasialschüler, -der weder lügen, noch seine Lehrer beleidigen will!</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Maturitatsexamen"> -<img src="images/illu-218.png" alt="" /><br /> -Das Maturitätsexamen.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop-d">Das Wort Examen hat für den Gymnasialschüler je nach -Umständen eine sehr verschiedenartige Klangfarbe. Ernst -und gewichtig tönt es an sein Ohr, wenn es die -Abiturientenprüfung bezeichnet; leicht und harmlos dagegen, -wenn es jene Komödie bedeutet, die sich alljährlich ein- oder -zweimal vor dem Beginn der Ferien wiederholt, mit dem angeblichen -Zweck, das Publikum über die intellektuellen und ethischen Fortschritte -der künftigen Staatsbürger zu unterrichten.</p> - -<p>Das Abiturienten- oder Maturitätsexamen ist, streng genommen, -nur eine Form, da die Lehrer in den meisten Fällen vorher wissen, -wer da bestehen und wer durchfallen wird. Es wäre auch sonderbar, -wenn die paar Stunden oder Tage des Examens genauere -Auskunft über den Bildungsgrad eines Schülers ermöglichen sollten, -als die Monate und Jahre des regen persönlichen Verkehrs in der -Klasse. Gleichwohl betritt der Abiturient mit einem seltsamen Zagen -den Prüfungssaal, nicht ahnend, daß sein Schicksal schon vor der -ersten Frage so gut wie entschieden ist. Der Schüler, der sich -während seiner ganzen gymnasiastischen Laufbahn durch die lebhafte -Betätigung eines wissenschaftlichen Sinnes ausgezeichnet und den -Beweis geliefert hat, daß er wirkliche Kenntnisse besitzt, wird -selbst dann nicht durchfallen, wenn er in einer Spezialität unglücklicherweise -alle Fragen schuldig bleibt; viel eher ist der umgekehrte -Fall denkbar, daß ein Ignorant, der sich nur oberflächlich -»eingepaukt« hat, durch eine glückliche Konstellation entschlüpfe. -Es liegt also nicht der geringste Grund zur Aufregung vor;<span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span> -aber die Tradition und der Instinkt wirken hier mächtiger als die -reine Vernunft.</p> - -<p>In dem Gymnasium meiner Vaterstadt Gröningen hatten die -Abiturienten erst ein dreitägiges schriftliches Examen und dann ein -mündliches von etwa sechs Stunden zu leisten. Das schriftliche -war entschieden die Hauptsache. Es bestand aus drei Extemporal-Aufsätzen, -einem deutschen, einem französischen und einem lateinischen. -Die strengste Klausur sonderte uns während dieser Arbeiten von -der Außenwelt ab. Vor Schluß seines Aufsatzes durfte keiner den -Saal und die dazu gehörigen Räumlichkeiten verlassen. Gegen -Mittag lieferte uns der Pedell etwas kalte Küche; den Angehörigen -der Schüler war es nicht gestattet, sich bei dieser Proviantlieferung -zu beteiligen, da es früher mehrfach vorgekommen war, daß -man in Buttersemmeln, Würsten u. dergl. die nötigen literarischen -Hilfsmittel zur Bewältigung der Themata eingeschmuggelt hatte. -Trotz dieser peinlichen Vorsicht gelang es fast regelmäßig, etwas -Verwendbares über die Schwelle zu paschen. Bei dem Schließen -oder Öffnen des Fensters warf man einen Zettel in den Hof, der -das Thema bezeichnete. Treue Freunde, die unten lauerten, beschafften -sofort, was sie an früheren Bearbeitungen desselben Vorwurfs -etc. etc. auftreiben konnten, und legten es im rechten Moment -auf eine gewisse verschwiegene Lokalität, deren Besuch man uns -doch nicht völlig verbieten konnte. Zuweilen gelang es auch, schon -Tags zuvor das Thema ausfindig zu machen, sei es, daß ein -Familienmitglied des Examinators die Sache verriet, sei es, daß -wir listigerweise das Notizbuch des Lehrers durchforschten und so -die nötigen Anhaltspunkte eroberten.</p> - -<p>Einmal hatte der Direktor Samuel Heinzerling in Erfahrung -gebracht, der Abiturient Ittmann sei am Abend vor dem Beginn -der Prüfung auf wunderbare Weise in den Besitz des Themas -gelangt und werde des Tags darauf eine Reihe von Manuskripten -und Drucksachen mitbringen, und zwar, um der Möglichkeit einer -Visitation auszuweichen, in seinen Stiefelschäften. Gott weiß, wer -hier den Judas gespielt hatte: genug, Samuel Heinzerling war bis -ins einzelne unterrichtet und beschloß, dem p. p. Ittmann auf eine -möglichst humorvolle Weise zu Leibe zu gehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span></p> - -<p>Es war die ganze Zeit über abscheuliche Witterung gewesen. -Auch am Tage des lateinischen Aufsatzes herrschte ein großer Schmutz -in den Straßen. Hierauf gründete Samuel seinen Plan.</p> - -<p>Als Ittmann im Saale erschien, trat der Direktor freundlich -lächelnd auf ihn zu und reichte dem überraschten Schüler die -Hand.</p> - -<p>»Kommen Sä, läber Ättmann,« sagte er schmunzelnd, »äch -weiß, Sä neigen sehr stark zor Erkältong …«</p> - -<p>Hiermit führte er den Erstaunten nach dem Ofen, wo ein -Stiefelzieher und zwei Pantoffel standen.</p> - -<p>»So, läber Ättmann, äch habe Ähnen da ein paar Pantoffel -besorgt, damit Sä säch ja nächt verderben. Zähen Sä Ähre Stäfel -höbsch aus. Äch bän öberzeugt, Sä haben säch nasse Föße -geholt.«</p> - -<p>»Sie sind zu gütig, Herr Direktor,« stammelte Ittmann, »aber -ich habe wirklich ganz trockene Füße. Ich danke recht sehr.«</p> - -<p>»Es wärd doch besser sein, wenn Sä dä Schohe dort anzähn. -Sä sänd mär än der letzten Zeit wäderholt onwohl gewesen …«</p> - -<p>»Das ist ganz vorüber, Herr Direktor. Ich fühle mich jetzt -vollständig frisch.«</p> - -<p>»Eben, weil Sä säch fräsch föhlen, sollen Sä säch nächt wäder -erkälten. Machen Sä jetzt keine Omstände; äch meine es goot mät -Ähnen!«</p> - -<p>»Ohne Zweifel, Herr Direktor. Ich verspüre aber nicht den -geringsten Anflug von Nässe. Lassen Sie lieber den Schierlitz die -Pantoffel da anziehen: der hat einen viel weiteren Weg als ich.«</p> - -<p>»Nein, nein! Der Schärlätz äst eine roboste Nator! Sä allein -haben mär den verflossenen Wänter fortwährend öber Katarrh -geklagt. Jetzt machen Sä mäch nächt ongedoldäg, ond entledägen -Sä säch so rasch wä möglich Ährer Stäfel! Äch befähle es -Ähnen!«</p> - -<p>Ittmann war der Verzweiflung nahe. Seine angeborene -Geistesgegenwart half ihm jedoch auch diesmal über die Klippe -hinweg.</p> - -<p>»Nun denn, Herr Direktor,« sagte er mit einer artigen Verbeugung, -»so nehme ich dankbar an.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span></p> - -<p>Mit diesen Worten ergriff er die Pantoffel und den Stiefelzieher -und eilte der Tür zu.</p> - -<p>»Wo wollen Sä hän?« rief Samuel Heinzerling.</p> - -<p>»Herr Direktor, Sie werden mir zutrauen, daß ich so viel -Lebensart besitze, um meine Stiefel nicht in Ihrer Gegenwart auszuziehen. -Ich verfüge mich da neben ins Konferenzzimmer.«</p> - -<p>Samuel Heinzerling trat auf ihn zu, klopfte ihm auf die -Schulter und flüsterte mit einem halbunterdrückten Lächeln:</p> - -<p>»Wässen Sä was? Gehn Sä läber nach Hause ond wechseln -Sä zo Haus Ähre Stäfel! Sä haben säch öbrägens goot herausgehauen, -wärkläch, sehr goot! Das moß Ähnen der Neid lassen.«</p> - -<p>»Aber, Herr Direktor, ich versichere Sie …«</p> - -<p>»Machen Sä, daß Sä fortkommen ond versächern Sä mäch -läber nächts. Äch denke, Sä wässen am besten, wo der Schoh Sä -dröckt. Aber äch sage Ähnen, auf dem Fooß stehen wär nächt mäteinander, -wenn das Examen anfängt! Sä sänd mär ein onreeller -Kamerad! Verstehn Sä mäch?«</p> - -<p>»Herr Direktor,« versetzte Ittmann mit einem Blick auf seine -Stiefel, »ich habe heute morgen schon so viel eingesteckt, daß ich -auch diesen Vorwurf einstecken und Sie um dauernde Nachsicht -ersuchen will.«</p> - -<p>Samuel Heinzerling lachte.</p> - -<p>Ittmann aber eilte nach Hause und erschien diesmal ohne die -Eselsbrücken. Sei es nun, daß das Erlebnis mit Samuel Heinzerling -seinem Geiste eine besondere Elastizität verlieh, sei es, daß -der Direktor ein hervorragendes Wohlwollen entwickelte, kurz, der -Schüler erhielt die Note eins.</p> - -<p>Der lateinische Aufsatz, den ich zur Bekundung meiner Reife -verabfolgen mußte, betraf den Kaiser Tiberius.</p> - -<p>Ich habe nun bereits in meiner Skizzensammlung »Aus Sekunda -und Prima« hervorgehoben, daß die Weltgeschichte von je meine -schwache Seite gewesen. Von Tiberius insbesondere wußte ich nur -sehr wenig Positives, – etwa, daß er des Kaiser Augustus Nachfolger -gewesen; daß er sich durch Grausamkeit und Willkür ausgezeichnet; -daß er einen Günstling, namens Sejanus, besessen und -schließlich von Macro mit einem Kissen erstickt worden sei. Nun<span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span> -verstand ich es zwar, solche geringfügige Anhaltspunkte möglichst -ausgiebig zu verwerten: aber das Gold meines Wissens wollte -diesmal, noch so breit geschlagen, nicht ausreichen, um den gewaltigen -Raum eines Abiturientenaufsatzes zu bedecken.</p> - -<p>Hier half ich mir nun auf folgende sinnreiche Weise, die ich -jedem Primaner unter gleichen Verhältnissen auf das wärmste -empfehlen möchte. Ich hatte zufällig wenige Tage zuvor eine -interessante Monographie über den Kaiser Augustus gelesen, deren -Einzelheiten mir noch ziemlich treu im Gedächtnis hafteten. So -begann ich denn meinen Aufsatz wie folgt:</p> - -<p>»Nach dem Tode des Cäsar Octavianus Augustus bestieg der -tückische, menschenfeindliche Tiberius den Kaiserthron. Es gelang -ihm schon nach kurzer Frist, sich in allen Teilen des Reichs gründlich -verhaßt zu machen, denn er bildete durchweg den schroffsten Gegensatz -zu dem wohlwollenden, gerechten, kunst- und literaturfreundlichen -Augustus. Dieser Kontrast mußte die Antipathie der Römer -noch beschleunigen und vertiefen. Augustus hatte das und das -getan, diese und jene Einrichtung getroffen, so und so die Verhältnisse -des römischen Volkes geregelt; von alledem finden wir bei -Tiberius keine Spur. Augustus und seine Freunde Messala, Pollio -und Mäcenas waren Kenner der griechischen Dichter, deren Werke -man in öffentlichen Bibliotheken sammelte; in der Umgebung des -Tiberius dagegen finden wir weder einen Mäcenas noch einen -Messala noch einen Pollio. Augustus war auch äußerlich eine sehr -angenehme Erscheinung. Ein heiterer Friede ruhte auf seinem -Antlitz. Er machte den Eindruck eines biederen, würdevollen und -geistig bedeutenden Alten. Ganz anders Tiberius, von welchem -uns dergleichen nirgends berichtet wird.«</p> - -<p>Auf diese Weise gab ich eine sehr detaillierte Geschichte des -Augustus und fügte nur von Zeit zu Zeit die Bemerkung hinzu, -das sei bei Tiberius anders gewesen.</p> - -<p>Nachdem ich so mein Wissen erschöpft hatte, schloß ich wie folgt:</p> - -<p>»Leider ist die Zeit bereits zu sehr vorgerückt, als daß es mir -noch möglich wäre, auf die übrigens allbekannten Einzelheiten der -so verhängnisvollen Regierung des Tiberius näher einzugehen. -Erwähnen will ich noch, daß er, wie fast alle Tyrannen, auf<span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span> -unnatürliche Weise endete. Ja, es gibt eine Nemesis der Weltgeschichte, -deren furchtbares Walten nur der Tor leugnen wird! -<em class="antiqua">Est modus in rebus, sunt certi denique fines!</em>«</p> - -<p>Und dann sprach ich noch den üblichen Wunsch aus:</p> - -<p>»<em class="antiqua">Spero fore, ut, quae hodie conscripsi, rectori gymnasii -doctissimo, illustrissimo, justissimo mire placeant.</em>«</p> - -<p>Meine Hoffnung ging in Erfüllung. Die umfassenden Kenntnisse, -die ich im Punkte des Augustus entwickelt hatte, reichten aus, -um meine tiberianische Unwissenheit zu bemänteln.</p> - -<p>Minder glücklich war ein Abiturient namens Glaser, der einen -deutschen Aufsatz über die Völkerwanderung zu schreiben hatte und, -wie Sokrates, nur eins wußte: daß er nichts wußte.</p> - -<p>Er begann sein Thema wie folgt:</p> - -<p>»Indem ich an die heutige Aufgabe heran trete, erinnere ich -mich der alten Vorschrift, daß der wahre Philosoph niemals über -einen Gegenstand reden darf, ohne ihn des näheren definiert zu haben.</p> - -<p>Was heißt Völkerwanderung? Augenscheinlich bedeutet dieser -Ausdruck eine Wanderung von Völkern. Fragen wir nun zunächst: -Was ist ein Volk? so liegt es klar zutage, daß sich dieser Begriff -nicht so in aller Kürze fixieren läßt. Wir müssen daher etwas -weiter ausholen. Schon in den ältesten Zeiten …«</p> - -<p>Und nun folgte eine graziös stilisierte Musterkarte historischer -Data, wie sie in dem Kopfe des pfiffigen Schülers nach und nach -hängen geblieben war. Die Ägypter, die Assyrer und Meder -spielten hier eine bedeutsame Rolle. Ein längerer Abschnitt war -dem auserwählten Volk Gottes gewidmet, dem Volk <em class="antiqua">par excellence</em>. -Dann sprach Theophil Glaser von den Volksrechten, von den verschiedenen -Staatsformen usw. usw.</p> - -<p>Die Hälfte des Aufsatzes war hiermit zurückgelegt. Der Schüler -fuhr fort:</p> - -<p>»Wir kommen nun zu dem zweiten Teile unserer Definition: -Was ist eine Wanderung?« Ein Problem, das er in ähnlicher -Weise löste, wie das des Volkes.</p> - -<p>Als er endlich den Begriff der Völkerwanderung glücklich -zusammengesetzt hatte, war die gegebene Frist abgelaufen, und hastig -warf er die heuchlerische Phrase auf das Papier:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span></p> - -<p>»Zu meinem größten Bedauern muß ich hier schließen, denn ich -höre das heisere Metall des Pedellen.«</p> - -<p>Theophil Glaser bestand zwar im deutschen Aufsatze »<em class="antiqua">cum -laude</em>«, in der Geschichte aber fiel er trotz seiner glänzenden -Definitionen unwiderruflich durch.</p> - -<p>Die Lehrer wollten nicht glauben, daß nur Quaddler daran -schuld war, wenn Glasers Abhandlung des versöhnenden Schlusses -entbehrte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/end-of-chapter.png" alt="" /> -</div> - -<p class="center"> -Druck: J. Neumann, Neudamm. -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Empfehlenswerte_Werke">Empfehlenswerte Werke.</h2> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-227.png" alt="Verlag von J. Neumann in Neudamm." /> -</div> -</div> - -<p class="center"> -Für jede Familienbibliothek,<br /> -besonders aber für die Hausfrau auf dem Lande.<br /> -</p> -<p class="h2">Sofiensruh.</p> -<p class="center larger"> -Wie ich mir das Landleben dachte,<br /> -und wie ich es fand.</p> -<p class="center"> -Von <b>S. Jansen</b>.<br /> -<br /> -<b>Zweite</b>, kürzlich neu erschienene Auflage.<br /> -Preis fein geheftet <b>4 Mk.</b>, hochelegant gebunden <b>5 Mk.</b> -</p> - -<p>Ein <b>prächtiges, rein aus dem Leben geschöpftes Werk</b> -von <b>eigenartiger, frischer, humorvoller</b> Darstellung, dessen <b>erste -Auflage</b> in noch nicht <b>sieben Monaten vergriffen</b> gewesen ist. Die -Verfasserin, Stadtfrau und in der größten norddeutschen Handelsstadt -angesessen, kauft sich in der Nähe ihrer Heimat ein kleines Landgut, -welches sie selbst mit größtem Verständnis bewirtschaftet. Ihre -<b>wenigen Freuden</b> und die <b>große Zahl der Sorgen</b> schildert uns -die Dichterin nun in einer Form, wie sie <b>lebenswahrer</b> und doch -<b>zum Gemüte sprechender</b> nicht gedacht werden kann. Wir haben -hier eine <b>seltene Perle moderner Erzählerkunst</b> vor uns und -ein Buch, das ein <b>vorzügliches Festgeschenk</b>, namentlich für -<b>unsere Hausfrauen</b>, genannt zu werden vollauf verdient.</p> - -<p><b>Die Kritik</b> hat sich über <b>»Sofiensruh« durchweg ungemein -anerkennend</b> geäußert. Wir geben folgende Kritikauszüge wieder:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p><b>Der Tag in Berlin.</b> »Ein <em class="gesperrt">sehr amüsantes</em> Buch – und ein <em class="gesperrt">sehr nachdenkliches</em> -Buch, nachdenklich im Sinne Fontanes, als etwas, über das man viel -nachdenkt. Ich habe <em class="gesperrt">viel dabei gelacht</em> und doch <em class="gesperrt">viel dabei gelernt</em>. -<em class="gesperrt">Mark Twainisch</em> fängt es an, mit grotesken Zirkusplätzen, und geht dann doch -in den schönen niederdeutschen, etwas <b>schwermütigen Humor</b> über, den wir an -<b>Klaus Groth</b> und <b>Fritz Reuter</b> so sehr lieben. Und das schönste daran ist, -daß alles, was in dem Buche steht, so gar nicht erfunden und bloß ausgedacht -ist, sondern in jeder Zeile den <em class="gesperrt">unverkennbaren Stempel der erlebtesten -Wahrheit</em> trägt. … <em class="gesperrt">Städter</em> und <em class="gesperrt">Agrarier</em> sollten diese meistens -grotesk <em class="gesperrt">lustigen</em> und doch so <em class="gesperrt">bitterernsten</em> Schilderungen und Erlebnisse -genau studieren, die ersteren, um zu begreifen, unter welchen unerhörten -Schwierigkeiten der Landwirt heute der Natur und seinem Helferpersonal sein -Leben abzuringen hat, die letzteren, um endlich darüber klar zu werden, daß -ohne eine gründliche, an die Wurzel gehende Umgestaltung des ländlichen -Arbeitsverhältnisses über lang oder kurz jede größere Wirtschaft zugrunde gehen -muß. … <em class="gesperrt">In Zolas furchtbarem »<em class="antiqua">La Terre</em>« sind die Tatsachen -eigentlich nicht viel krasser</em>; sie sind eben nur durch ein bittereres Temperament -gesehen. … Wie gesagt: ein <em class="gesperrt">nachdenkliches</em> Buch! Ein sehr -<em class="gesperrt">nachdenkliches</em> Buch! Und wird keiner kommen dürfen und sagen, ein »Hetzer« -habe es geschrieben.</p> - -<p class="right"> -<em class="antiqua">Dr.</em> Franz Oppenheimer.«<br /> -</p> - -<p><b>Das Daheim in Leipzig.</b> »… Es ist ein <em class="gesperrt">heiteres</em> und <em class="gesperrt">erfreuendes</em> -und zugleich ein <em class="gesperrt">trauriges</em> und <em class="gesperrt">betrübendes</em> Buch. Es ist heiter und erfreuend, -weil wir in ihm eine <b>prächtige deutsche Frau</b> kennen lernen, <em class="gesperrt">voll -Mutterwitz, gesundem Verstande, Tatkraft und zähem Wollen</em>, -die überdies noch über eine sehr <em class="gesperrt">ungewöhnliche Gabe der Schilderung -und der Charakterisierung</em> verfügt. … Unser Buch ist gerade in -seinen Einzelschilderungen auch <b>kulturgeschichtlich</b> <em class="gesperrt">von großem Wert</em>, es -zeigt uns aber vor allem, unter wie <em class="gesperrt">unsagbar schwierigen Verhältnissen</em> -heute vielfach die Landwirtschaft in Deutschland betrieben wird.</p> - -<p class="right"> -Th. H. Pantenius.«<br /> -</p> - -<p><b>Gartenlaube in Leipzig.</b> »… Der Titel »Tagebuch« ist im allgemeinen -nicht gerade vertrauenserweckend; es verbirgt sich gemeinhin zu viel -Eitelkeit und Selbstbespiegelung, zu viel Absicht und Verlogenheit dahinter. <em class="gesperrt">Hier -aber ist</em> <b>Wahrheit von Anfang bis zu Ende</b>, <em class="gesperrt">ist Erdgeruch und Eigenart</em>, -<b>ein Stück Leben</b>, <em class="gesperrt">das sich in aller Schlichtheit des Empfindens, -ohne jede Pose, offenbart</em> … Und welch <em class="gesperrt">goldiger Humor</em> verklärt -nicht all die großen und kleinen Fehlschläge, welche <em class="gesperrt">Herzensgüte und -Vornehmheit der Gesinnung</em> offenbart sich nicht darin, wie diese Frau -sich zu den Menschen, zum Leben stellt! <em class="gesperrt">Wahrlich</em>, »<b>ein Frauenbuch</b>«, <em class="gesperrt">auf -das die Geschlechtsgenossinnen der Autorin nicht stolz genug sein -können</em>, dessen Lektüre mehr als ein Zeitvertreib, ein gute Unterhaltung -ist! … Möge <em class="gesperrt">das schöne Buch</em> vielen zu einem <em class="gesperrt">Freund</em> und <em class="gesperrt">Wegweiser</em> -werden.«</p></div> - -<p class="h2">Für jede Familien- und Hausbibliothek empfohlen:</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Entwickelungsgeschichte der Natur.</b> Von <b>Wilhelm Bölsche</b>. -Zwei Bände, 1646 Seiten, 785 Abbildungen, 16 Tafeln in -Schwarz- und Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden -<b>18 Mk.</b> In Halbleder hochfein gebunden <b>22 Mk.</b></p> - -<p><b>Die Physik.</b> Von <b>H. Maser</b>, Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> P. Richert</b> und -Dipl. Ing. <b>A. Kühns</b>. Zwei Bände, 1745 Seiten, 1183 Abbildungen, -10 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen fein -gebunden <b>18 Mk.</b> In Halbleder hochfein gebunden <b>22 Mk.</b></p> - -<p><b>Die Chemie.</b> Von <b><em class="antiqua">Dr.</em> Max Vogtherr</b>. Ein Band, 847 Seiten, -421 Abbildungen, 5 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen fein -gebunden <b>9 Mk.</b> In Halbleder hochfein gebunden <b>11 Mk.</b></p> - -<p><b>Das Mineralreich.</b> Von Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> Georg Zürich</b>. Ein Band, -754 Seiten, 521 Abbildungen, 8 Tafeln und Beilagen in Schwarz-Farbendruck. -Preis in Leinen fein gebunden <b>9 Mk.</b> In Halbleder -hochfein gebunden <b>11 Mk.</b></p> - -<p><b>Das Pflanzenreich.</b> Von Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> K. Schumann</b> und -Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> E. Gilg</b>. Ein Band, 858 Seiten, 480 Abbildungen, -6 Tafeln in Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden <b>9 Mk.</b> -In Halbleder hochfein gebunden <b>11 Mk.</b></p> - -<p><b>Das Tierreich.</b> Von Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> L. Heck</b>, Professor <b>Paul -Matschie</b>, <b>Bruno Dürigen</b>, <b><em class="antiqua">Dr.</em> Ludwig Staby</b>, <b>E. Krieghoff</b>, -Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> v. Martens</b>. Zwei Bände, 2222 Seiten, 1455 Abbildungen, -12 Tafeln in Schwarz- und Farbendruck. Preis -in Leinen fein gebunden <b>18 Mk.</b> In Halbleder hochfein gebunden -<b>22 Mk.</b></p> - -<p><b>Länder- und Völkerkunde.</b> Von <b><em class="antiqua">Dr.</em> F. W. Paul Lehmann</b>. -Zwei Bände, 1646 Seiten, 1024 Abbildungen, 11 Tafeln in -Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden <b>18 Mk.</b> In -Halbleder hochfein gebunden <b>22 Mk.</b></p> - -<p><b>Weltgeschichte.</b> Von <b>M. Reymond</b>. Zwei Bände, 1672 Seiten, -841 Abbildungen, 16 Bildertafeln und 10 bunte, historische -Karten. Preis in Leinen fein gebunden <b>18 Mk.</b> In Halbleder -hochfein gebunden <b>22 Mk.</b></p> - -<p><b>Kunstgeschichte.</b> Von Professor <b><em class="antiqua">Dr.</em> Max Schmid</b>. <em class="gesperrt">Nebst -einem kurzen Abriß der Geschichte der Musik und -Oper</em>, herausgegeben von <b><em class="antiqua">Dr.</em> Clarence Sherwood</b>. Ein -Band, 842 Seiten, 411 Abbildungen, 10 Tafeln in Schwarz- -und Farbendruck. Preis in Leinen fein gebunden <b>9 Mk.</b> In -Halbleder hochfein gebunden <b>11 Mk.</b></p> - -<p><b>Geschichte der Weltlitteratur</b> <em class="gesperrt">und des Theaters aller Zeiten -und Völker</em>. Von <b>Julius Hart</b>. Zwei Bände, 1886 Seiten, -825 Abbildungen, 16 Tafeln in Schwarz- und Farbendruck. -Preis in Leinen fein gebunden <b>18 Mk.</b> In Halbleder hochfein -gebunden <b>22 Mk.</b></p> - -<p><b>Gesamtregister</b> bearbeitet von <b>der Verlagsbuchhandlung</b>. Ein -Band von etwa 300 Seiten. Das Gesamtregister wird jedem -Abnehmer des Gesamtwerkes, also dem Käufer aller sechzehn -Textbände, kostenlos geliefert; sonst wird es abgegeben: in -feinen Leinenband gebunden, zum Preise von <b>6 Mk.</b>, in hochfeinen -Halblederband gebunden zum Preise von <b>8 Mk.</b></p></div> - -<p>Alle Werke zeichnen sich neben anerkannt vorzüglichem Text -durch <b>ungemein billigen Preis</b>, <b>reichen, prächtigen Bilderschmuck</b> -und <b>geschmackvolle Einbände</b> aus. Es sind Bücher, -<b>welche zu den ersten Schätzen unserer Literatur</b> gehören; auf -jedem <b>Weihnachtstische</b> werden sie überall Freude und Bewunderung -hervorrufen.</p> - -<p class="center"> -Reich illustrierte Probehefte aller Werke werden umsonst -und postfrei geliefert.<br /> -</p> - -<p class="center">Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-227.png" alt="Verlag von J. Neumann in Neudamm." /> -</div> -</div> - -<p class="center"> -Für Kriegsveteranen, Volksbibliotheken und zu<br /> -Prämienzwecken.</p> -<p class="h2"> -Aus großer Zeit.</p> -<p class="center larger"> -Bilder<br /> -aus dem Kriegsleben eines pommerschen Jägers.</p> -<p class="center"> -Von<br /> -<b>Paul Lehmann-Schiller.</b><br /> -<em class="gesperrt">Mit erläuternden Abbildungen.</em><br /> -Preis hochelegant gebunden <b>5 Mk.</b> -</p> - -<p><b>Die Literatur über Kriegserinnerungen</b> ist nicht gering, -aber auch der Interessentenkreis für solche Werke ist ein großer. -Unter den vielen Büchern dieses Genres nimmt obengenanntes, -das erst im Jahre 1903 erschienen ist, <b>nicht den letzten Platz</b> ein. -Die Kritik nennt es mit Recht ein <b>prächtiges, rein aus dem -Leben geschöpftes Buch für jung und alt</b>! Sein Verfasser ist -heute Direktor des Schiller-Gymnasiums zu Stettin. Nach Ausbruch -des Krieges 1870 machte er sofort das Abiturientenexamen -und trat als Einjährig-Freiwilliger bei den <b>Greifswalder, -pommerschen, zweiten Jägern</b> ein. Nach der Schlacht von -Sedan zur Belagerung von Metz ins Feld geschickt, machte -Lehmann diese, die Belagerung von Paris (Champigny) und die -Jagd auf Bourbaki durch das südöstliche Frankreich mit. – Wir -lesen das <b>humorvolle Tagebuch eines jungen Idealisten, -dreißig Jahre später durchgearbeitet und in seinem Stoff -gesichtet von dem gereiften Manne</b>, mithin ein Werk, dessen -Lektüre mehr bietet, wie die meiste stoffverwandte Literatur, und -sich dem <b>alten Feldzugssoldaten</b>, wie dem <b>Freunde deutscher -Geschichte zum Genuß</b> gestaltet. Auch <b>kulturgeschichtlich</b>, sowohl -<b>für deutsche</b>, wie <b>namentlich für französische Verhältnisse</b>, -bietet das Buch viel. Besonders aber werden die meist <b>hochdeutsch</b>, -aber vielfach auch in <b>echt vorpommerschem Platt</b> -gegebenen Schilderungen durch ihren <b>frischen</b> und <b>humordurchwehten -Ton</b> seinem Besitzer genußreiche Lesestunden bereiten.</p> - -<p class="center">Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-227.png" alt="Verlag von J. Neumann in Neudamm." /> -</div> -</div> - -<p class="center"> -Schönstes Buch für die wirklich reifere Jugend,<br /> -besonders für zukünftige Forstleute, Jäger und Landwirte.</p> -<p class="h2"> -Das Jägerhaus<br /> -am Rhein.</p> -<p class="center larger"> -Jugenderinnerungen eines alten Weidmannes.</p> -<p class="center"> -Dem jägerischen Nachwuchse erzählt von<br /> -<b>Oberländer</b>.<br /> -<br /> -Mit 104 Originalabbildungen von Jagdmaler <b>C. Schulze</b>.<br /> -Preis hochelegant gebunden <b>8 Mk.</b> -</p> - -<p><b>Das Jägerhaus am Rhein</b> will den Sinn für <b>echt weidmännisches -Fühlen und Denken</b>, sowie für die <b>Liebe zur Natur</b> -schon <b>in der Brust des Knaben</b> wecken, aus dem später einmal -ein tüchtiger und weidgerechter <b>Jäger</b> werden soll. Die Lehren -geschehen an der Hand einer prächtigen und überall in edelstem -Sinne unterweisenden Schilderung von <b>Oberländers eigenen -Jägerlehrjahren</b> und dabei nicht etwa im trockenen Schulmeisterton, -sondern in einer <b>so glücklichen und anziehenden Form</b>, -daß das Buch nicht allein eine hervorragende Bildungsschrift für -die <b>reifere Jugend</b> genannt werden kann, sondern auch dem -<b>erfahrenen Weidmanne</b>, der sich bei Oberländers Schilderungen -vielfach in seine eigene Jugend zurückversetzt sieht, das größte -Interesse abgewinnen muß. Jedem Jüngling, dem das <b>erste -Gewehr</b> soeben <b>anvertraut wurde</b>, oder der es demnächst <b>führen -soll</b>, müßte mit diesem <b>Das Jägerhaus am Rhein</b> in die Hand -gegeben werden; die Lehren <b>Oberländers</b> werden so unendlich -viel Gutes schaffen. Das reich und wunderhübsch illustrierte -Buch ist mithin besonders <b>als Festgeschenk</b> für die wirklich -reifere Jugend geeignet und namentlich für den in der <b>Jagd-</b>, -<b>Forst-</b> oder auch in der <b>Landwirtschaftslehre</b> stehenden zukünftigen -Jäger.</p> - -<p class="center">Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-227.png" alt="Verlag von J. Neumann in Neudamm." /> -</div> -</div> - -<p class="center"> -Schönstes Geschenkwerk für die Jugend, -besonders für Jäger-, Forstmanns- und Landkinder im Alter -von acht bis vierzehn Jahren.</p> -<p class="h2"> -Aus der<br /> -Waldheimat.</p> -<p class="center larger"> -Deutsche Wald- und Jägermärchen<br /> -für jung und alt.</p> -<p class="center"> -Erzählt von<br /> -<b>Ernst Ritter von Dombrowski</b><br /> -und reich illustriert von <b>Hans Rudolf Schulze</b>-Berlin.<br /> -Preis hochelegant gebunden <b>4 Mk.</b> -</p> - -<p>Niemals wird sie ausgesungen, die Poesie des deutschen -Waldes; unerschöpflich in ihrer Schönheit quillt sie als ein Born -der Dichtung, der Sage und des Märchens aus der Phantasie -unserer deutschen Dichter. Zu ihnen gesellt sich als neuester der -altbekannte Jagdschriftsteller <b>Ernst von Dombrowski</b> und bietet -uns, gleich einem <b>taufrischen Strauß Laub- und Nadelzweige -aus deutschem Walde, zwölf herrliche, sinnige</b> und so <b>tief -empfundene Märchen für unsere Weidmannskinder</b>, wie sie -nur ein <b>Dichter</b> zu schreiben versteht, der in <b>Wald und Weidwerk</b> -zum gereiften Manne wurde. Deshalb eignet sich »<b>Aus der -Waldheimat</b>« auch wie kein anderes Märchenbuch für das <b>deutsche -Jägerkind</b>, und überall, wo einem solchen ein Geschenk gemacht -werden soll, wird das hier angekündigte Buch die trefflichsten -Dienste tun. Wie bei keiner anderen Lektüre werden unsere Kinder -durch diese Dichtung in <b>die Schönheiten und den ewig jugendlichen -Reiz unserer Wälder</b> sowie in <b>die Poesie des deutschen -Weidwerkes</b> eingeführt und ihre Sinne erfüllen sich unbewußt mit -jener Gedankenwelt, die noch den Schatz und das Heiligtum des gereiften -Mannes, ja, des Greises im grünen deutschen Walde bilden.</p> - -<p class="center">Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Der Schmutztitel wurde entfernt.</p> -<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 36: daß → das<br /> -Er sagt, <a href="#corr036">das</a> sei Einbildung</p> -<p> -S. 65 mirami → mirari<br /> -Credo ego vos judices <a href="#corr065a">mirari</a></p> -<p> -S. 65: summas → summus<br /> -Wenn wir z. B. sagen, <em class="antiqua"><a href="#corr065b">summus</a> mons</em></p> -<p> -S. 99: Konjuktivs → Konjunktivs<br /> -Wesen des lateinischen <a href="#corr099">Konjunktivs</a> gemartert</p> -<p> -S. 100: Deliquenten → Delinquenten<br /> -wie dem <a href="#corr100">Delinquenten</a>, der unter dem Fallbeil liegt</p> -<p> -S. 101: jeder diese → jede dieser<br /> -daß man <a href="#corr101">jede dieser</a> verschiedenen Auffassungen</p> -<p> -S. 140: bebesonderes → besonderes<br /> -jeden einzelnen in ein <a href="#corr140a">besonderes</a> Lokal</p> -<p> -S. 140: Sympton → Symptom<br /> -erste <a href="#corr140b">Symptom</a> dieser neu sich regenden Elastizität</p> -<p> -S. 155: Leben → Lebens<br /> -auf die Kleinheit und Gemeinheit des <a href="#corr155">Lebens</a></p> -<p> -S. 159: areco → arceo<br /> -Odi profanum vulgus et <a href="#corr159">arceo</a></p> -<p> -S. 163: gefügelten → geflügelten<br /> -die <a href="#corr163">geflügelten</a> Worte des Gymnasialherrschers</p> -<p> -S. 205: Ihnen → ihnen<br /> -daß <a href="#corr205">ihnen</a> die Regeln über den griechischen Optativ</p> -<p> -S. 212: anderhalb → anderthalb<br /> -die <a href="#corr212">anderthalb</a> Monate diesmal so recht gründlich</p> -</div> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Gesammelte Schulhumoresken, by Ernst Eckstein - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE SCHULHUMORESKEN *** - -***** This file should be named 52083-h.htm or 52083-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/0/8/52083/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. 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Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/52083-h/images/cover.jpg b/old/52083-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 94f58bf..0000000 --- a/old/52083-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52083-h/images/drop-a.png b/old/52083-h/images/drop-a.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 38136f8..0000000 --- a/old/52083-h/images/drop-a.png +++ /dev/null diff --git a/old/52083-h/images/drop-b.png b/old/52083-h/images/drop-b.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 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