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-The Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter
-Theil., by Theodor Hildebrand
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil.
- Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen
-
-Author: Theodor Hildebrand
-
-Release Date: April 8, 2016 [EBook #51695]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ZWEITER THEIL ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.
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-
-
- Der
- Vampyr,
- oder:
- Die Todtenbraut.
-
-
- Ein Roman
- nach neugriechischen Volkssagen.
-
- Von
- Theodor Hildebrand.
-
- Zweiter Theil.
-
- Leipzig, 1828.
- bei Christian Ernst Kollmann.
-
-
-
-
- Der
- Vampyr,
- oder:
- Die Todtenbraut.
-
-
-
-
-
- Dreizehntes Kapitel.
-
-
-Der Knall der beiden Pistolenschüsse hallte durch das ganze Schloß
-wider, und verbreitete darin sogleich einen unbeschreiblichen Schrecken.
-Die Knechte auf der Meierei, von denen einige im Schlosse schliefen,
-waren nicht zu Bett gegangen, weil sie am andern Morgen Getraide nach
-Prag fahren sollten, und mit den dazu nöthigen Vorbereitungen
-beschäftigt waren. Sie verbreiteten sich schnell durch mehrere Zimmer,
-während eines der Mädchen die Hausthür öffnete und aus der Nachbarschaft
-Hülfe herbeirief.
-
-Die Oberstin, welche vor Mattigkeit eingeschlafen war, fuhr schon bei
-dem ersten Pistolenschusse empor, hielt ihn aber für ein gewöhnliches
-Geräusch, das ihr nur im Traume stärker vorgekommen sei. Als jedoch bald
-darauf der zweite Schuß erschallte, glaubte sie, daß Räuber im Schlosse
-wären, und daß der brave Werner im Kampfe mit ihnen begriffen sei. Nach
-diesem ersten Gedanken war der zweite ihr Sohn. Sie hatte so viel Muth,
-schnell aufzustehen, und ohne ihre eigene Gefahr zu beachten, eilte sie
-in das Zimmer, wo der Gegenstand ihrer zärtlichen Sorgfalt ruhte.
-
-Welches schreckliche Schauspiel bot sich ihren Augen dar, als sie, beim
-Schein des Mondes und einer spärlich brennenden Nachtlampe, zwei
-blutende Körper auf dem Fußboden ausgestreckt sahe, und in ihnen Werner
-und die Fremde erkannte. Mit einem Schrei des Entsetzens eilte sie dann
-nach dem Bette des Kindes, das sie in ihre Arme nahm; aber vergebens
-suchte sie den kleinen Wilhelm aus dem Schlafe zu wecken, in den er
-versunken zu sein schien: sein Leben war entflohen. Diese schmerzliche
-Gewißheit vollendete Helenens Verzweiflung, und ohnmächtig fiel sie
-neben den beiden Leichnamen auf den Fußboden nieder.
-
-Kurze Zeit darauf kamen die Knechte und Dienstmädchen ebenfalls in
-dieses Zimmer des Schreckens. Sie sahen ein Fenster offen stehen, und an
-demselben eine seidene Strickleiter befestigt; sie fanden Werner und
-Lodoiska in ihrem Blute gebadet und ohne ein Zeichen des Lebens; weiter
-hin erblickten sie die Oberstin, welche noch athmete, neben dem Leichnam
-ihres Kindes. Dieser fürchterliche Anblick mußte alle Anwesenden
-natürlich mit Schauder erfüllen. Die Mörder konnten nicht weit sein;
-aber vielleicht hatten sie schon mit Hülfe der Strickleiter die Flucht
-ergriffen; man beeilte sich eines Theils, der Oberstin beizustehen,
-andern Theils, die schon angefangenen Nachsuchungen im Schlosse
-fortzusetzen. --
-
-Die Anzahl der zur Hülfe herbeieilenden Nachbarn wurde immer größer;
-aber auch die strengsten Nachforschungen blieben fruchtlos. Im Schlosse
-selbst fand man keine Spur von den Räubern, und bei der Durchsuchung der
-ganzen Gegend war man nicht glücklicher.
-
-Gegen Morgen kam Helene wieder zu sich, und der erste Laut, den sie von
-sich gab, war der Name ihres theuren Kindes. Ach, der arme Wilhelm hörte
-sie nicht, auch er war ein Opfer dieser schrecklichen Nacht geworden;
-gerade da seine Genesung sicher zu sein schien, mußte er seiner
-Krankheit erliegen.
-
-Unter diesen Umständen langten noch zwei neue Personen im Schlosse an:
-nämlich ein Arzt, den man zur Untersuchung der Leichname herbeigerufen
-hatte, und der Oberst Lobenthal, dem es endlich gelungen war, seinen
-Schwager mit seiner Schwester auszusöhnen, und der darauf keine Zeit
-mehr verloren hatte, um in den Armen seiner Familie den Lohn für diese
-gute That einzuernten. Wie weit war er entfernt, einen solchen Anblick
-zu erwarten, wie ihm hier bevorstand. Er hoffte, seine Wiederkehr würde
-allgemeine Freude im Schlosse verursachen; statt dessen ward er wie vom
-Blitze getroffen, als ihn der Schulze des Dorfes bei Seite nahm, und ihm
-die Ereignisse der Nacht auseinandersetzte.
-
-Lobenthal war ein zärtlicher Vater, und er schämte sich nicht, seinem
-tiefen Schmerze freien Lauf zu lassen; dann verlangte er, seine Frau zu
-sehen, um seine Thränen mit den ihrigen zu vereinigen. Wir unternehmen
-es nicht, die Szene ihres schmerzlichen Wiedersehens zu schildern; man
-hatte Mühe, sie beide von dem Leichnam ihres Kindes loszureißen, den sie
-durchaus nicht von sich lassen wollten. Der Anblick Juliens, weit
-entfernt sie zu trösten und zu beruhigen, vermehrte nur noch ihren
-gerechten Schmerz, und man glaubte daher nichts Besseres thun zu können,
-als sie sich selbst zu überlassen, und von der Zeit die Milderung ihres
-Kummers zu erwarten.
-
-Mitten in dem Schmerze, den ihm der Verlust seines Sohnes Wilhelm
-verursachte, vergaß der Oberst dennoch nicht den Verlust seines treuen
-Werner. So viel zusammen verlebte Jahre und mit einander bestandene
-Gefahren, gegenseitig erwiesene Dienstleistungen mußten ein höchst
-trauriges Andenken im Herzen Alfreds zurücklassen. Er bat den
-herbeigekommenen Wundarzt, nichts zu vernachlässigen, wodurch der brave
-Unteroffizier wieder in's Leben zurückgerufen werden könnte; aber es war
-durchaus keine Hoffnung vorhanden, denn das mörderische Eisen war mitten
-durch das Herz gegangen. Bei der jungen Dame fand man zwei Wunden, eine
-im Herzen, durch einen Dolchstoß verursacht, und eine andere in der
-Brust, wo eine Pistolenkugel hinein und aus dem Rücken wieder
-herausgefahren war; auch sie konnte nicht wieder leben, und es blieb
-nichts übrig, als sie und den unglücklichen Werner zu beerdigen.
-
-Lobenthal, in der höchsten Betrübniß, verlangte nicht danach, die
-Leichname zu sehen. Er kehrte in das Zimmer seiner Gattin zurück, und
-wünschte bloß, daß Wilhelms Leichnam, der keines gewaltsamen Todes
-gestorben zu sein schien, bis zum folgenden Tage erhalten würde. Die
-beiden andern sollten Nachmittags um 4 Uhr begraben werden, weßhalb
-Werner in seinem Zimmer, Lodoiska aber in einem Saale des untern
-Geschosses auf eine Bahre gelegt wurde.
-
-Schon war der Prediger des Dorfes in seinem Ornate, und die Glocken der
-Kirche stimmten das Grabgeläute an, als plötzlich finstere
-Gewitterwolken den Himmel überzogen. Ein Donnerschlag folgte auf den
-andern, in Strömen floß der Regen herab, und fürchterlich kämpften zwei
-Sturmwinde in entgegengesetzter Richtung mit einander; ganze Säulen von
-Blättern, Korngarben, Staub und selbst von schwereren Gegenständen
-wurden durch die Luft mit fortgeführt; ja es schien, als wenn der
-Untergang der Welt ganz nahe bevorstände.
-
-Mitten unter dem Heulen und Brüllen der Elemente glaubten mehrere
-Einwohner des Dorfes fürchterlich rauhe Stimmen zu vernehmen, und es
-schien ihnen, als wenn die ganze Atmosphäre mit bösen Geistern erfüllt
-wäre. Erst spät in der Nacht stillte sich der Aufruhr, in welchem sich
-die ganze Natur befand. Bis dahin war es unmöglich gewesen, an die
-Bestattung der beiden Leichen zu denken; man mußte dieses Geschäft also
-bis auf den folgenden Tag verschieben, und dieß war für die Bewohner des
-Schlosses kein geringer Gegenstand der Angst. Nur die Oberstin
-bekümmerte sich nicht darum; sie dachte nichts, als ihren Sohn, den sie
-nun nicht mehr sehen sollte, und sie schien nur deßhalb noch zu leben,
-weil sie hoffte, bald mit dem armen Wilhelm wieder vereinigt zu werden.
-Alfred war gezwungen, seinen eigenen Kummer zu vergessen, um zu
-versuchen, ob er den ihrigen nicht lindern könne; aber vergebens: sie
-hörte ihn, und verstand ihn nicht, vor ihrer Seele stand nur ihr Sohn,
-der ihr auf ewig entrissen war.
-
-Schon seit langer Zeit deckte tiefe, finstere Nacht den Erdball. Mehrere
-Bauern aus dem Dorfe, welche bei den Todten wachen sollten, hatten sich
-in der Küche des Schlosses versammelt, wo sie bei gutem Essen und
-Trinken lustig und guter Dinge waren; Branntwein und Bier ging in
-Flaschen und Krügen der Reihe nach herum, und man trank fleißig auf das
-Wohl der ehrenwerthen Gesellschaft. Die fröhliche Unterhaltung stockte
-niemals; jedoch kam man mehrmals auf die Ereignisse der vergangenen
-Nacht zurück.
-
-»Da sieht man, sagte Lisette, wie leicht es um uns Menschen geschehen
-ist! Wie gesund war der arme Werner noch gestern, und heute liegt er
-todt im Sarge.«
-
--- Und von seiner Seele sprichst du nicht? sagte ein altes Weib, dessen
-verdächtiger Blick die Knaben und Mädchen des Dorfes in Schrecken
-setzte, wenn er auf ihnen ruhte; denkst du denn, daß seine Seele jetzt
-in Ruhe ist? Ist er nicht ohne Abendmahl gestorben, und wird uns sein
-Geist in Ruhe lassen? --
-
-»Daß doch die _Mutter Rieben_, sagte ein Bauerknecht, keine Gelegenheit
-vorbeigehen lassen kann, unsere Fröhlichkeit zu stören, und uns in Angst
-zu setzen. Warum sollte der brave Werner, der uns im Leben nichts als
-Gutes gethan hat, uns jetzt, nach seinem Tode, quälen?«
-
--- Hat er seine Sünden bereut? --
-
-»Wißt ihr es? Hat er euch das Gegentheil anvertraut? Uebrigens hat er
-alle seine Pflichten erfüllt, und er war jeden Sonntag in der Kirche.«
-
--- Aber die junge Dame, Niklas, wie mag es mit der gewesen sein? Haben
-wir sie je in der Kirche gesehen? Diese ist gewiß mitten in ihren Sünden
-gestorben, gerade als sie vielleicht noch auf ein langes Leben hoffte.
---
-
-»Wir wollen auf ihre Gesundheit trinken! sagte ein Müllerbursche, dessen
-riesenmäßige Größe und außerordentliche Stärke allgemein bewundert
-wurden. -- Möge es ihr im Grabe gefallen, damit sie nicht wieder daraus
-hervorkomme.«
-
-Bei diesen Worten hörte Jedermann einen halb erstickten Seufzer.
-Ueberrascht stand fast die ganze Gesellschaft auf, und auf den meisten
-Gesichtern sahe man alle Zeichen des Schreckens. Auch der Müllerbursche
-war eben nicht der Muthigste. Jetzt schlug es zwölf Uhr, und schweigend
-hörte man dem Schall der Glocke zu.
-
-»Wer mag so geseufzt haben?« fragte endlich einer aus der Gesellschaft.
-
--- Vielleicht die junge Dame, erwiederte die Alte; sie hat dem Mehlwurm
-dort ihren Dank für seinen Wunsch abstatten wollen. --
-
-»Laßt Eure dummen Scherze, Mutter Rieben, sagte der Müllerbursche. Wir
-wollen uns weiter um das, was geschehen ist, nicht bekümmern.«
-
-Ein zweiter lauterer Seufzer schallte jetzt in die Ohren der ganzen
-Gesellschaft, die verwirrt und mit Ausrufungen des Schreckens
-durcheinanderstürzte.
-
-»Heiliger Gott! sagte Lisette, das kommt aus dem Zimmer, wo die junge
-Dame liegt. Wer hat nun Muth genug, sich davon zu überzeugen?«
-
-Keiner der Anwesenden gab eine Antwort, als sich die Stimme zum dritten
-Male hören ließ, und zwar so deutlich, daß gar kein Zweifel daran mehr
-Statt finden konnte. Jetzt jagte die Furcht die ganze Gesellschaft
-auseinander, und Mehrere eilten zum Schlosse hinaus, während Andere den
-Wundarzt weckten, der die Oberstin nicht eher hatte verlassen wollen,
-bevor sie nicht ruhiger geworden wäre. Als dieser hörte, wovon die Rede
-sei, schob er anfangs die Schuld des allgemeinen Schreckens auf ihre
-furchtsame Einbildungskraft; bei den wiederholten Versicherungen, daß
-man sich nicht getäuscht habe, zögerte er jedoch nicht, in das Zimmer
-hinunterzugehen, aus welchem die Stimme hergekommen sein sollte. Der
-Oberst, welcher noch nicht schlief und den ungewöhnlichen Lärmen im
-Schlosse hörte, kam ebenfalls herbei; er begegnete auf der Treppe dem
-Arzt, der ihm unterweges die Ursache des allgemeinen Schreckens
-mittheilte. --
-
-Beide zweifelten nicht, daß das Pfeifen und Sausen des Windes von den
-abergläubischen Dorfleuten für die angeblichen Todtenseufzer gehalten
-worden wäre; sie setzten jedoch ihren Weg fort, und von der Menge
-gefolgt, gelangten sie in das von mehreren Lampen erleuchtete Zimmer, wo
-der Leichnam der Fremden niedergesetzt worden war.
-
-Indem sie durch die Thür traten, wurde abermals ein Seufzer hörbar, und
-man konnte nun nicht mehr zweifeln, daß er von dem Sarge herkäme. Ein
-Theil des Gefolges nahm die Flucht, und nur die Muthigsten blieben
-zurück, als sie den Obersten und den Arzt zu gleicher Zeit ausrufen
-hörten: »Sie lebt noch, die Unglückliche! Ach, retten wir sie aus ihrer
-schrecklichen Lage!«
-
-Sie eilten nun auf den Sarg zu, in welchem Lodoiska ruhte, hoben
-Letztere sanft in die Höhe, und trugen sie in das Zimmer, welches sie
-früher bewohnt hatte. Als der Arzt seine Hand auf ihr Herz legte, fühlte
-er, daß es wieder angefangen hatte, obgleich noch sehr schwach, zu
-schlagen, und voll Erstaunen über dieses außerordentliche Wunder, nahm
-er sich vor, Alles anzuwenden, um diese von den Todten Auferstandene
-wieder völlig herzustellen. Er bat den Obersten, den Theil des
-Leichentuches, womit der Kopf der jungen Schönheit verhüllt war,
-zurückzuschieben. Lobenthal that es, und betrachtete neugierig die Züge
-der Fremden; aber wie erstaunte er, als dieses reizende Gesicht ihn
-überzeugte, daß er die unglückliche, leidenschaftlich liebende Lodoiska
-in seinen Armen hielt. Ein lauter Schrei entfuhr seinen Lippen. Einem
-ruhigen Zuschauer würde dadurch ohne Zweifel die Wahrheit offenbar
-geworden sein; aber der Arzt, ganz in seine Gedanken über diese
-außerordentliche Wiederbelebung vertieft, merkte kaum darauf, und von
-nun an suchte der Oberst seine inneren Gefühle sorgfältig zu
-unterdrücken.
-
-Der Arzt forderte nun die bis hierher gefolgten Landleute auf, das
-Zimmer zu verlassen, und wollte mit dem weiblichen Personale, das
-allmählich wieder muthiger geworden war, allein bei der jungen Dame
-bleiben. Auch der Oberst entfernte sich, forderte aber vorher den Arzt
-auf, seine ganze Kunst zur Genesung der Unglücklichen anzuwenden.
-
-»Fürchten Sie nichts, Herr Oberst, erwiederte der Arzt; mir ist selbst
-daran gelegen, diese wunderbare Kur zum gewünschten Ziele zu führen.
-Vielleicht kann die Kunst etwas dabei thun; aber glauben Sie mir, das
-Meiste dabei wird die Natur thun müssen; nur sie allein kann eine so
-wunderbare Wiederbelebung bewirken. Ich würde einen Eid darauf abgelegt
-haben, daß die Pistolenkugel diese junge Dame augenblicklich getödtet
-hat, und sollte sie wirklich völlig wieder zum Leben zurückkehren, so
-muß unsere Kunst verzweifeln, je eine gründliche Ursache dieser
-Auferstehung angeben zu können.«
-
-Langsamen Schritts entfernte sich nun der Oberst, ohne selbst zu wissen,
-womit seine Gedanken beschäftigt waren. Er kehrte zu seiner Frau zurück,
-die in einen mehr ermattenden als erquickenden Schlummer gefallen war.
-Wie schmerzlich sollte ihr Erwachen sein! Welche neue Trauer mußte die
-Nachricht von der Wiederbelebung der Fremden in ihrem Herzen
-verursachen, da für ihren geliebten Wilhelm nicht ein ähnliches
-Wunderwerk geschehen war.
-
-
-
-
- Vierzehntes Kapitel.
-
-
-Unter allen Begebenheiten, welche je das Leben des Obersten Lobenthal
-beunruhigt haben mochten, war ohne Zweifel die Erscheinung der jungen
-Lodoiska in Deutschland diejenige, welche ihn am meisten überraschen
-mußte. Ihr energischer Charakter, den er so schlecht beurtheilt hatte,
-ihre leidenschaftliche Liebe, wovon sie ihm durch ihre Gegenwart den
-auffallendsten Beweis gab, mußten in seinem Herzen Gefühle erregen, von
-denen er sich selbst noch nicht Rechenschaft zu geben wagte. Nicht
-allein, um ihm seine Treulosigkeit vorzuwerfen, konnte sie einen so
-weiten Weg aus ihrem Vaterlande her zurückgelegt haben; ohne Zweifel
-mußte sie mehr haben wollen, und er zitterte, wenn er an die
-bevorstehenden Auftritte dachte. Von der andern Seite, durch einen
-seltsamen, aber so gewöhnlichen Widerspruch in dem menschlichen Herzen,
-fürchtete er, dem es sehr lieb gewesen sein würde, dieses Mädchen nie
-wieder zu sehen, daß er sie jetzt auf immer verlieren könnte, und er
-hätte einen großen Theil seines Vermögens hingegeben, wenn er dadurch
-die Gewißheit ihrer Wiederherstellung erhalten konnte. Er wünschte,
-wenigstens nur ein einziges Mal mit ihr zu sprechen, sagte er zu sich
-selbst; er wollte aus ihrem eigenen Munde hören, wie sie es angefangen
-habe, um bis nach R.... zu gelangen. So verbarg der Oberst vor sich
-selbst das Wiedererwachen einer höchst gefährlichen Empfindung unter dem
-Namen einer bloßen Neugierde; aber während er sich mit allen diesen
-Dingen beschäftigte, nahm er sich vor, sie tief in seinen Busen zu
-begraben, und nie den geringsten Anlaß zu geben, wodurch Helene zur
-Eifersucht verleitet werden könnte. Er beschloß, sich gegen Lodoiska wie
-gegen eine ihm völlig Unbekannte zu benehmen, wenn sie selbst ihn nicht
-durch eine Unvorsichtigkeit zur Entdeckung seines Geheimnisses zwingen
-würde.
-
-Durch die Sorgfalt eines dienstfertigen Nachbars und des gefühlvollen
-Pfarrers war die Veranstaltung getroffen worden, daß am andern Morgen
-schon ganz frühe, ohne alles Geräusch, die Leichname des jungen Wilhelm
-und Werners aus dem Schlosse entfernt und zur Erde bestattet wurden. Als
-daher Helene ihren Sohn noch einmal sehen wollte, gerieth sie in neue
-Verzweiflung, daß ihr nun von ihrem Wilhelm nichts mehr übrig geblieben
-sei, als eine herzzerreißende Erinnerung. Beschäftigt, diesen heftigen
-Schmerz seiner Gattin, den er selbst theilte, durch Trostgründe zu
-mildern, vergaß der Oberst fast, wie nahe ihm jetzt Lodoiska sei, und
-erst gegen Mittag, als _Wildenau_, der Arzt, zu ihm kam, dachte er
-daran, sich nach ihrem Zustande zu erkundigen.
-
-»Ich habe Ihnen schon gesagt, antwortete Wildenau, daß bei dieser jungen
-Person etwas Unerklärliches obwaltet, was ich vergebens zu ergründen
-suche. Noch nie war die Rückkehr in's Leben so unverhofft, als bei ihr;
-doch kann ich noch nicht versichern, ob sie am Leben bleiben wird, oder
-nicht. Ihre Wunde war ohne Zweifel tödtlich, und schon vorher mußte eine
-andere, die bis in's Herz gegangen zu sein scheint, ihrem Dasein ein
-Ende gemacht haben.«
-
--- Eine andere Wunde, sagen Sie? Lieber Doktor, Sie setzen mich in
-Erstaunen, denn mich dünkt, als hörte ich gestern bei meiner Ankunft nur
-von einer einzigen, durch einen Pistolenschuß verursachten Wunde
-sprechen. --
-
-»Ganz richtig, weil nur diese Wunde frisch war, und die andere schon vor
-langer Zeit durch ein schneidendes Werkzeug gemacht worden ist. Weit
-entfernt, völlig vernarbt zu sein, blutet sie vielmehr noch, und hat
-eine ganz eigenthümliche Beschaffenheit, die meine bisherigen Kenntnisse
-völlig zu Schanden macht. Bei jedem andern Menschen müßte sie
-unmittelbar den Tod nach sich ziehen, und dennoch scheint es, daß diese
-Dame schon lange Zeit damit gelebt hat, ohne davon gehindert worden zu
-sein. Wahrlich! sie hat sich über die wunderbare Lebenskraft, die ihr
-von der Natur zugetheilt ist, nicht zu beklagen. Außerdem habe ich noch
-eine andere Sonderbarkeit bei ihr gefunden: ihre linke Hand ist nämlich
-mit einem Handschuh bedeckt, der aus einer sehr dicken Haut besteht. Ich
-wollte ihn aufschneiden, um der Kranken völlige Freiheit der Bewegung zu
-verschaffen; aber als ich ihren Arm berührte, gerieth er in ein
-beispielloses krampfhaftes Zittern, und die anfangs offene Hand schloß
-sich mit solcher Kraft, daß ich nicht im Stande war, mein Vorhaben
-auszuführen.«
-
--- Wunderbar! Erstaunenswürdig! Aber lassen Sie nicht ab, lieber Doktor,
-ich bitte Sie: die Menschlichkeit befiehlt uns, dieser Unglücklichen uns
-nach Kräften anzunehmen. Uebrigens kann sie allein uns die Begebenheiten
-der gestrigen Schreckensnacht erklären, und vielleicht ertheilt sie uns
-Aufschlüsse, die uns in den Stand setzen, jene Bösewichter zu entdecken,
-deren Versuch ohne Nutzen für sie, für uns so unglücklich ausgefallen
-ist. --
-
-»Ihre Ermahnungen sind ganz überflüssig, Herr Oberst. Meiner Pflicht
-nicht zu erwähnen, deren Erfüllung mir mein Stand vorschreibt, so kann
-ich Ihnen nicht verbergen, daß diese junge Dame mir die lebhafteste
-Theilnahme eingeflößt hat. Die seltene Vollkommenheit in allen Theilen
-ihres Körpers, die Schönheit ihres Gesichts haben, ich gestehe es Ihnen
-erröthend, auf meine Sinne einen außerordentlichen Eindruck gemacht.
-Wenn ich sie dem Leben wiedergeben könnte, wünschte ich mehr von ihr zu
-erlangen, als bloße Dankbarkeit ..... Aber warum erstaunen Sie so über
-dieses Geständniß? Sollte es Ihnen verdammungswürdig erscheinen?«
-
--- Wem? Mir? Ei, lieber Doktor, mit welchem Rechte könnte ich es tadeln?
-Es scheint mir nur, daß Alles, was jetzt hier um uns vorgeht,
-außerordentlich ist. Sie, zum Beispiel, lieben heute eine Person, die
-Sie gestern noch nicht kannten, und zwar hat sie Ihr Herz in dem
-Augenblick erobert, wo sie noch mehr dem Tode als dem Leben angehört.
-Wie wird es erst werden, wenn sie mit ihren körperlichen Vorzügen noch
-die weit hinreißenderen des Geistes verbindet, die ihr ohne Zweifel
-nicht mangeln! --
-
-»Verzeihen Sie, Herr Oberst, wenn ich Ihnen gerade heraus sage, daß Sie
-ziemlich leicht über einen solchen Punkt sprechen. Ich kannte diese
-Lustigkeit an Ihnen noch nicht.«
-
--- Ach, nehmen Sie es nicht übel, lieber Herr Doktor; in meiner jetzigen
-Stimmung weiß ich kaum, was ich thue; so sehr hat mich der Schmerz
-übermannt, daß meine Worte der Zerrüttung meines Verstandes entsprechen.
-In meiner Lage, deren ganze Qual Sie nicht zu würdigen im Stande sind,
-mag es wohl erlaubt sein, gegen die Regeln der Höflichkeit zu fehlen,
-wie es wohl sonst bei mir nicht der Fall ist. --
-
-Diese Antwort gab dem Arzt die Ueberzeugung, daß der Oberst in der That
-durch den Schmerz etwas an dem freien Gebrauch seiner Verstandeskräfte
-verloren habe, und er fiel deßhalb nicht auf den Verdacht, daß eine
-geheime Ursache, ein Anfall von Eifersucht, großen Theil an des Obersten
-Worten gehabt habe. Der Letztere, voller Scham, einen Augenblick lang
-seinen Entschluß vergessen, und dem Arzt beinahe ein Recht gegeben zu
-haben, in seinem Herzen zu lesen, zog es vor, ihn in der Meinung zu
-lassen, daß das Uebermaß des Schmerzes ihm Abbruch in dem folgerechten
-Gange seiner Gedanken thue; und erst, als er in den Augen des Doktors
-las, daß derselbe wirklich dieser Meinung sei, war er vollkommen
-beruhigt. Er suchte darauf dem Gespräch eine andere Wendung zu geben,
-und bat den Arzt, eine Wohnung im Schlosse anzunehmen, so lange der
-Zustand der verwundeten Dame sowohl als seiner Gattin seine Gegenwart
-nöthig machen würde.
-
-»Ja, erwiederte Wildenau, ich will dieses Schloß vor der Hand zu meinem
-Hauptquartiere machen, und es nur dann auf kurze Zeit verlassen, wenn
-meine Gegenwart an andern Orten nicht entbehrt werden kann. Sein Sie
-daher in dieser Hinsicht ganz ruhig.«
-
-Lobenthal fragte nun, ob er nicht Zutritt zu der Fremden erhalten könne,
-um ihr dem Anstande gemäß einen Besuch abzustatten.
-
-»Es hängt ganz von Ihnen ab, Herr Oberst, es zu thun; aber noch lange
-Zeit hindurch werden Sie Ihre Komplimente an einen fast leblosen Körper
-richten. Die junge Dame wird wenigstens noch vierzehn Tage lang in
-völliger Bewußtlosigkeit verharren, wovon ihr starker Blutverlust die
-Ursache ist; und wir können uns glücklich schätzen, wenn sie in Zeit von
-vier Wochen unsere Fragen beantworten kann.«
-
--- So müssen wir uns bis dahin gedulden, sagte der Oberst in einem Tone,
-dem er den Anschein der Gleichgültigkeit zu geben strebte. --
-
-In diesem Augenblicke trat Lisette in's Zimmer, und meldete voller
-Angst, daß Helene ohnmächtig geworden sei. Beide Herren eilten nun,
-wohin ihre Pflichten und Gefühle sie riefen. Die Oberstin blieb noch
-mehrere Tage lang in diesem Zustande der Schwäche, die aus dem Uebermaße
-ihres Schmerzes entstand, und nichts konnte sie zerstreuen; nur ein
-einziger Gedanke beschäftigte ihre Einbildungskraft.
-
-Lodoiska schien unterdessen bestimmt zu sein, alle Behauptungen und
-Voraussetzungen des Arztes zu widerlegen; ihre Gesundheit war in weit
-kürzerer Zeit wieder hergestellt, als es nach seiner Meinung möglich
-war, und er genoß nicht einmal das Glück, die schöne Fremde zuerst
-sprechen zu hören. Einige Tage nach jener Schreckensnacht trat Alfred,
-der schon öfter in das Zimmer der Kranken gekommen war, um sich nach
-ihrem Befinden zu erkundigen, abermals hinein, und hörte von der
-Wächterin, daß man vergessen habe, ihr das Frühstück zu bringen; er
-erlaubte ihr daher, es selbst zu holen, während er bei der Kranken zu
-bleiben und ihre Rückkehr abzuwarten versprach. Die Wächterin, voll
-Dankbarkeit über diese Gefälligkeit, und vielleicht in der Furcht, daß
-es nicht des Obersten Ernst sein möchte, nahm ihn beim Worte, und
-entfernte sich augenblicklich.
-
-In den ersten Minuten blieb Alfred fast unbeweglich vor dem Bett, in
-welchem Lodoiska, der Gegenstand seiner ersten Liebe, ruhte; beim
-Anblick dieser fest geschlossenen Augen, dieser magern und
-leichenblassen Gesichtszüge, verfiel er in ein höchst schmerzliches,
-träumerisches Nachdenken. Die Kranke lag völlig unbeweglich, und kaum
-merkte man an ihrem schwachen Athemzuge, daß noch Leben in ihr sei.
-
-»Armes Mädchen! sagte Alfred halb laut; so sollte ich dich also
-wiedersehen, nachdem dich deine unglückliche Liebe bis hierher geführt
-hat?«
-
-Ein Seufzer, der von Lodoiska's Lippen erschallte, machte den Obersten
-aufmerksam, und er näherte sich dem Bette noch mehr. Bald sahe er, wie
-sich die Augenlieder der Kranken fast unmerklich bewegten; endlich
-schlug sie die Augen auf, und blickte ihn an, worauf eine plötzliche
-Röthe ihr Gesicht überzog, und ihr Mund den Namen Alfred aussprach.
-
-»Lodoiska, hast du mich erkannt? fragte der Oberst, der Heftigkeit
-seiner Gefühle fast unterliegend. Ach, wie sehr mußt du mich
-verabscheuen!«
-
--- Alfred! liebst du mich? --
-
-Bei dieser unerwarteten Frage, die nicht leicht zu beantworten war,
-fühlte sich der Oberst fast wie versteinert. Seine Zunge war im Begriff
-ein zufriedenstellendes Wort auszusprechen; aber seine Vernunft hielt
-dasselbe zurück; er konnte nur sein Gesicht mit beiden Händen bedecken,
-und schweigen.
-
-»Alfred, grausamer Geliebter meines Herzens! willst du mir den Tod
-geben, dem ich jetzt entrinne?«
-
-O, wie schrecklich war es für Alfred, die Unglückliche nicht beruhigen
-zu dürfen! Sie schien nur in's Leben zurückzukehren, um vom ersten
-Augenblicke an allen den Kummer von Neuem mit verdoppelter Heftigkeit zu
-fühlen, der schon seit so langer Zeit an ihrem Herzen nagte. Aber konnte
-der Oberst einer unglücklichen Leidenschaft noch neue Nahrung geben? War
-er nicht Helenens Gatte? Konnte er sie so hintergehen? Die
-verschiedensten Gefühle und Gedanken kämpften in seinem Innern mit
-einander, und er war noch unentschlossen, als ein abermaliger Seufzer
-Lodoiska's seine Aufmerksamkeit auf sich zog, und er mit Schrecken
-erkannte, daß sie in tiefe Ohnmacht zurückgesunken sei.
-
-Da der Oberst fürchtete, der armen Kranken den letzten Stoß gegeben zu
-haben, so stürzte er aus dem Zimmer, und rief mit lauter Stimme den Arzt
-und die Bedienung herbei. Er erzählte ihnen, daß die Fremde anfangs zu
-sich selbst gekommen sei, und einige Worte gesprochen habe, worauf sie
-wieder in eine höchst gefährliche Ohnmacht zurückgefallen sei.
-
-»Sie hat gesprochen, sagen Sie? rief der Arzt. Sind Sie auch Ihrer Sache
-ganz gewiß? denn es scheint mir ganz unmöglich. Wenn es aber dennoch
-wahr ist, so weiß ich nicht mehr, was ich von diesem unerklärbaren Wesen
-denken soll!«
-
-Der Oberst versicherte, daß die Kranke gesprochen habe, und daß ihre
-Worte: Wo bin ich? wer ist bei mir? ganz vernehmlich gewesen seien.
-Freilich hatte sie so nicht gesagt, aber Alfred hütete sich wohl, die
-Wahrheit zu entdecken. Wildenau fand, daß Lodoiska ein heftiges Fieber
-hatte, und verhehlte nicht, daß sie sich in großer Gefahr befände, weil
-sie eine große Erschütterung in ihrem Innern erlitten haben müsse. Bei
-dieser Erklärung war der Oberst wie vom Blitze getroffen, und aus
-Furcht, sich zu verrathen, entfernte er sich. Ueber eine Stunde lang
-ging er in dem großen Saale auf und nieder, ohne zu wagen, sich zu
-seiner Gattin zurück zu begeben, noch in Lodoiska's Zimmer
-zurückzukehren, wo dieselbe vielleicht im Begriff war, ihren letzten
-Seufzer auszuhauchen. O, welche Vorwürfe machte er sich jetzt über
-seinen vormaligen jugendlichen Leichtsinn, über seinen unverzeihlichen
-Fehler, in dem unschuldigen und gefühlvollen Herzen Lodoiska's eine
-Flamme entzündet zu haben, deren Folgen so schrecklich waren! Er sahe
-jetzt ein, daß die Liebe, welche gewöhnlich so vergänglich ist, bei
-gewissen Charakteren ewig währen kann; denn Lodoiska's Beständigkeit gab
-ihm den Beweis, weil Nichts ihre Zärtlichkeit zu vermindern im Stande
-gewesen war. Die Entfernung und lange Trennung, selbst die schlechte
-Behandlung waren an ihrem Herzen vorübergegangen, ohne es zu erkälten,
-und er selbst empfand jetzt das ganze Entzücken der Liebe, das ihn
-ehemals trunken machte. Welche Qualen, welche Kämpfe hatte der Oberst
-nun zu überstehen! Er sahe seine Zukunft wie hinter einer finstern
-Wolke, und voller Schrecken ergab er sich seinem Schicksale. Quälte ihn
-nicht auch die Art von Nebenbuhlerschaft, die zwischen ihm und dem Arzte
-entstehen zu wollen schien? Der Letztere, der noch jung und von sehr
-liebenswürdigem Aeußeren war, hatte alle Ansprüche, eine zärtliche
-Neigung einzuflößen. Ohne Zweifel würde er jetzt anfangen, Lodoiska mit
-seiner Leidenschaft zu verfolgen, ja vielleicht den Obersten selbst zur
-Mittelsperson machen wollen, wozu sich Alfred völlig unfähig fühlte! --
-
-Wie wir schon gesagt haben, Lodoiska ging, wider alle
-Wahrscheinlichkeit, ihrer Genesung mit raschen Schritten entgegen. Kaum
-waren vierzehn Tage verflossen, so konnte sie schon aufrecht in ihrem
-Bette sitzen, und die an sie gerichteten Fragen beantworten. Helene
-entschloß sich nur schwer, ihr einen Besuch abzustatten, weil ihr
-Anblick ihr Wilhelms Tod so lebhaft in's Gedächtniß zurückrief, daß sie
-beim ersten Besuche ohnmächtig wurde. Jedoch mangelte es der kranken
-Lodoiska nicht an Gesellschaft, weil der Arzt, so viel es seine
-Geschäfte zuließen, sich bei ihr aufhielt. Auch der Oberst, durch ein
-unwiderstehliches Gefühl dazu fortgerissen, wiederholte seinen Besuch
-täglich, obgleich er täglich schwur, seine Besuche seltener zu machen.
-Indessen suchte er es so einzurichten, daß er nie mit Lodoiska allein
-war, weil er eine zweite Erklärung von ihrer Seite fürchtete.
-
-Vergebens suchte Lodoiska öfters, die lästigen Zeugen zu entfernen, wenn
-sich der Oberst bei ihr befand; aber Alfred war so sehr auf seiner Hut,
-daß er sich stets entfernte, wenn der Zufall es hätte herbeiführen
-können, sich mit dem Opfer einer unglücklichen Liebe allein zu befinden.
-In solchen Augenblicken sah man denn in den sonst gleichgültigen
-Gesichtszügen Lodoiska's den heftigsten Verdruß vorherrschen, der sich
-oft gegen ihre Wärterin, selbst gegen den Arzt, äußerte. Der Letztere,
-der sich immer mehr gefesselt fühlte, ertrug mit seltener Geduld eine
-Leidenschaftlichkeit, von welcher er die wahre Ursache durchaus nicht
-ahnete, sondern die er nur ihrem körperlichen Uebelbefinden zuschrieb.
-
-Bald darauf erklärte Lodoiska, daß sie aufstehen wolle, wobei der Arzt
-fast in Verzweiflung gerieth. Er versicherte, daß sie noch zu schwach
-sei, um ihren Wunsch befriedigen zu können, und daß sie sich wenigstens
-noch vier Wochen gedulden müsse, weil er sonst nicht dafür stehen könne,
-daß sie in die größte Gefahr geriethe, wenn sie ihr Bett verlassen
-wollte. Lodoiska antwortete nicht, wie sie es stets gewohnt war, wenn
-man ihr einen Vorschlag machte, der ihr nicht gefiel. Aber sobald
-Wildenau sich entfernt hatte, bat sie ihre Wächterin, ihr eine Frucht
-herbeizuholen, nach deren Genuß sie großes Verlangen fühle, und kaum war
-sie allein, so eilte sie, sich anzukleiden.
-
-Das Erstaunen der Wächterin, als sie in's Zimmer zurückkehrte, war
-unbeschreiblich; sie eiferte gegen die Dreistigkeit, mit welcher
-Lodoiska alle Vorschriften des Arztes bei Seite setzte, und drohte ihr
-mit dem höchsten Zorn des Letzteren, wenn derselbe sie bei seiner
-Rückkehr nicht im Bette finden würde. Aber diese Drohung machte nicht
-den geringsten Eindruck, und nachdem Lodoiska einige Zeit lang im Zimmer
-auf und nieder gegangen war, ließ sie die Oberstin fragen, ob dieselbe
-ihren Besuch annehmen könne.
-
-
-
-
- Funfzehntes Kapitel.
-
-
-Die Oberstin, und noch mehr ihr Gemahl, war weit entfernt von dem
-Gedanken, die Fremde vor sich erscheinen zu sehen. Beide fürchteten, daß
-sie ihrer Gesundheit Schaden zufügen könnte, und anstatt sie bei sich zu
-erwarten, begaben sie sich zu ihr.
-
-»Mein Gott! sagte Helene eintretend, was beginnen Sie? So wenig
-beobachten Sie die Vorschriften unseres Arztes? Er hatte Ihnen doch
-empfohlen, sich noch länger im Bette zu halten, und nun sind Sie ohne
-seine Erlaubniß aufgestanden!«
-
--- Ich hege die größte Meinung von den Kenntnissen des Herrn Wildenau,
-antwortete Lodoiska; aber ich glaube, daß die Arzneiwissenschaft gewisse
-Grenzen hat, über die sie nicht hinausgehen kann. Unser Freund
-beurtheilt meinen Zustand nach den ihm sonst vorgekommenen ähnlichen
-Fällen; aber bei mir muß er sich in allen seinen Voraussetzungen
-getäuscht sehen, weil ich eines außerordentlichen Daseins genieße: ich
-kann nicht völlig sterben, und Sie haben schon den Beweis davon. Da ich
-mich nun stark genug fühle, warum sollte ich mich noch nach Vorschriften
-richten, die meine Genesung nur verzögern würden? --
-
-Seitdem Helene die Fremde bei sich aufgenommen, hatte sie schon die
-Erfahrung gemacht, daß es vergeblich sei, sich ihrem Willen zu
-widersetzen. Sie begnügte sich daher, ihr zu antworten, daß sie besser
-als jeder Andere wissen müsse, was sie zu thun habe, und daß sie dabei
-ohne Zweifel die Vorsicht nicht aus den Augen setzen würde. Der Oberst
-schwieg völlig. Erst heute sahe er eigentlich Lodoiska'n zum ersten Male
-wieder, und betrachtete mit stiller Rührung die Zerstörungen, welche
-Zeit, Unglücksfälle und Leiden in diesem schönen Körper angerichtet
-hatten. Sie besaß nicht mehr die lebhafte Gesichtsfarbe, welche sonst
-ihre Reize so sehr erhöheten, und ihre Augen schienen fast erstorben zu
-sein; aber dennoch mußte sie Aller Blicke auf sich ziehen, und den
-Männern Liebe einflößen. Ihr prächtiger Wuchs, ihre regelmäßigen Züge,
-ihr einnehmendes Wesen waren ihr noch geblieben.
-
-Lodoiska behandelte den Obersten mit jener kalten Höflichkeit, die man
-gewöhnlich gegen Unbekannte ausübt, und sie wußte die Gefühle ihres
-Innern auf das Strengste zu verbergen. Wenn sie aber gewiß war, von
-keinem Zeugen belauscht zu werden, so belebte sich ihr Blick und machte
-dem Obersten die bittersten Vorwürfe, oder schien öfters zu sagen: Kehre
-zu mir zurück, und Alles ist verziehen. Alfred verstand diese Blicke nur
-allzugut, doch glaubte er, ihnen trotzen zu können; er vergaß, daß man,
-um Gefahren dieser Art zu überwinden, sie fliehen, nicht aber ihnen die
-Spitze bieten muß. Zwei Herzen, die sich einst liebten, und die nach
-langer Trennung sich einander wieder finden, vereinigen sich fast immer.
-
-Während sich unter diesen drei Personen eine Unterhaltung entspann, kam
-der Arzt von seinen Geschäften, die er in der Umgegend gehabt hatte,
-zurück. Schon bei seinem Eintritte in's Schloß erfuhr er, wie wenig die
-Fremde seine Vorschriften befolgt habe; er nahm sich daher vor, ihr
-deßhalb Vorwürfe zu machen; allein sein ganzer Zorn verschwand, als er
-in's Zimmer trat, und sie in einem Zustande sahe, der ihre völlige
-Wiederherstellung bewies.
-
-»Ich sehe, redete er sie an, daß sie meiner Hülfe nicht mehr bedürfen,
-und Sie haben daher vollkommen Recht, sich meiner Autorität zu
-entziehen; ich wünsche nur, daß sie es nie bereuen möchten.«
-
--- Ihren seltenen Kenntnissen, antwortete Lodoiska, habe ich viel zu
-verdanken; das Uebrige hat die Natur gethan. Glauben Sie mir, daß ich
-mich jetzt vollkommen wohl befinde; aber je freier ich nun athme, desto
-mehr ist auch mein Herz von Dankbarkeit gegen Sie erfüllt. Erlauben Sie
-mir, Ihnen einen kleinen Beweis davon zu geben, was Sie mir hoffentlich
-nicht abschlagen werden. --
-
-Mit diesen Worten nahm Lodoiska einen prächtigen Brillantring von sehr
-bedeutendem Werthe, von dem Tische, und überreichte ihn dem Arzte, der
-vor Ueberraschung nicht wußte, was er thun sollte. Gern hätte er ein
-Geschenk von sich gewiesen, das er für zu kostbar für seine Bemühungen
-hielt; wie gern hätte er es gesehen, wenn ihm die junge Schönheit ihre
-Dankbarkeit auf eine andere Art bewiesen hätte. Aber Lodoiska trat mit
-solcher Zuversichtlichkeit auf ihn zu, daß er das ihm dargebotene
-Geschenk nicht ausschlagen konnte, und nach einigem schwachen
-Widerstande nahm er den Ring seufzend an, steckte ihn an seinen Finger,
-und gab dem Obersten durch einen Blick zu erkennen, daß er gewünscht
-hätte, Lodoiska möchte ihm auf eine andere Art ihre Dankbarkeit zu
-erkennen gegeben haben.
-
-Die Oberstin brannte vor Ungeduld, zu erfahren, was sich eigentlich in
-jener Schreckensnacht zugetragen hatte, deren Andenken nur mit ihr
-selbst in ihr untergehen konnte; aber sie fühlte auch zu gleicher Zeit,
-daß sie noch nicht stark genug sei, diese Erzählung ruhig mit anzuhören.
-Daher stand sie von ihrem Stuhle auf, wiederholte ihre Glückwünsche zur
-Wiedergenesung der Fremden, und überließ es dem Obersten und dem Arzte,
-die Enthüllung der Geheimnisse jener Nacht von Lodoiska'n entgegen zu
-nehmen.
-
-Diese erbebte unwillkührlich, als man sie über diesen Gegenstand
-befragte; man konnte es auf ihrem Gesichte lesen, wie ungern sie es
-sehe, daß man sie daran erinnerte; daher schwieg sie auch einige
-Augenblicke, sei es nun, um sich zu sammeln, oder um abzuwarten, ob man
-die Frage erneuern würde. Allein der Oberst wiederholte dieselbe, und
-Lodoiska erzählte nun Folgendes:
-
-»Die Frau Oberstin war von dem unausgesetzten Nachtwachen schon so sehr
-erschöpft, daß sie mich bat, an ihrer Stelle bei dem unglücklichen Kinde
-zu wachen, das sie verloren hat.«
-
-Bei diesen Worten stieß der Oberst einen tiefen Seufzer aus. Verwirrt
-hielt Lodoiska inne, und ein krampfhafter Schmerz verzog ihre
-Gesichtszüge. Sie zögerte fortzufahren, that dieß aber doch endlich
-folgendermaßen.
-
-»Ich konnte es dieser großmüthigen Dame nicht abschlagen, und ungeachtet
-meines Widerwillens, wovon ich mir damals noch keine Rechenschaft geben
-konnte, der sich aber durch die Folge gerechtfertigt hat, willigte ich
-ein, die Nacht bei dem armen Wilhelm zuzubringen. Gegen Mitternacht
-überwältigte mich der Schlaf, der seit mehreren Jahren nur selten meine
-Augen schließt, mit solcher Kraft, daß ich ihm vergebens zu widerstehen
-suchte; ich legte meinen Kopf gegen den Rücken des Lehnstuhls, in
-welchem ich saß, und in wenigen Augenblicken war ich eingeschlummert.
-Was von diesem Zeitpunkte an geschehen ist, weiß ich nicht, bis ich
-plötzlich durch ein starkes Geräusch geweckt wurde. Kaum schlug ich die
-Augen auf, so erblickte ich beim Schein des Mondes vier bewaffnete
-Männer, welche auf mich zukamen. Mein Schrecken war so groß, daß ich
-nicht im Stande war, zu schreien, um Hülfe herbeizurufen. Der eine von
-den Männern faßte mich beim Arme, ein anderer näherte sich dem Bette. In
-diesem Augenblicke wurde die Thür mit Ungestüm aufgerissen, und Werner
-erschien. Ich hörte zwei Pistolenschüsse fallen, fühlte mich von einer
-Kugel getroffen, und stürzte zur Erde. Meine Besinnung verließ mich.
-Ohne Zweifel waren die Räuber durch's Fenster eingestiegen; denn ich
-hörte nachher von meiner Wächterin, daß man eine Strickleiter am Fenster
-gefunden habe. Ich kann diesen Umstand nicht bestätigen, weil ich nichts
-gesehen habe, als die Mörder und den Tod, den sie mir ohne Zweifel
-bestimmten. Auch weiß ich keine bestimmte Ursache für den Tod Ihres
-Kindes anzuführen. War dieß gerade der Augenblick seines Sterbens, oder
-wäre es durch die Furcht schneller herbeigeführt worden? Ach, er kann es
-Ihnen nicht sagen, und kein Sterblicher wird je von den Geheimnissen des
-Todes unterrichtet werden.« --
-
-So erzählte Lodoiska ihre Geschichte, und Niemand konnte die Wahrheit
-derselben bezeugen oder ihr widersprechen. Sie allein hatte die
-Begebenheit überlebt; diejenigen, welche die wahren Umstände derselben
-hätten bekannt machen können, waren auf ewig von dieser Erde verbannt,
-wo das Verbrechen und die Lüge nur allzuoft über Unschuld und Tugend den
-Sieg davon tragen. Eine so unvollständige Erzählung konnte übrigens
-nicht die geringste Aufklärung geben. Man hatte ungeachtet der
-eifrigsten Nachforschungen nicht die geringste Spur von den Mördern
-finden können, und dennoch waren sie da gewesen. Lobenthal und Wildenau
-verloren sich in ihren Vermuthungen, während Lodoiska in ihrer
-gewöhnlichen Gleichgültigkeit verharrte, und endlich den Wunsch äußerte,
-auf einige Zeit allein zu sein, um, wie sie sagte, sich von der
-Abspannung zu erholen, in welche ihre Erzählung ihre moralischen Kräfte
-gesetzt habe.
-
-Dieser Wunsch war sowohl für den Obersten als für den Arzt ein Befehl.
-Sie entfernten sich augenblicklich, und begaben sich zu Helenen, der sie
-die eben angehörte Erzählung mittheilten, die aber davon wenig gerührt
-wurde, weil sie keinen Aufschluß über den geheimnißvollen und
-unerwarteten Tod ihres Sohns dadurch erhielt. Das Uebrige kümmerte sie
-wenig, und sie sah darin nichts weiter, als einen gewöhnlichen Angriff
-von Räubern, der für dieselben ohne Erfolg gewesen war, aber blutige
-Spuren hinterlassen hatte.
-
-Lodoiska fing jetzt ihr früheres gewöhnliches Leben wieder an. Fast
-immer in ihrem Zimmer eingeschlossen, zeigte sie sich nur zur Zeit der
-Mahlzeit, und nur selten willigte sie darein, den Nachmittag mit der
-Familie zuzubringen. Ihre Unterhaltung war dann ernsthaft und
-schwermüthig; sie schien ihre Leidenschaft für den Obersten völlig
-vergessen zu haben, sowohl als die Worte, die sie bei ihrem ersten
-Wiedersehen ausgesprochen hatte. Dadurch ward Lobenthal so sicher
-gemacht, daß er täglich weniger Vorsicht anwendete, einer Unterredung
-unter vier Augen auszuweichen, die Lodoiska nicht mehr zu wünschen
-schien. --
-
-Man befand sich jetzt mitten im Winter. Bald machte der Regen alle Wege
-ungangbar, bald verwandelte der eisige Hauch des Nordwindes die Erde in
-Stein, und machte es unmöglich spazieren zu gehen. Bei solchem Wetter
-befiel den Obersten seine alte Jagdlust wieder, und oft kehrte er mit
-reicher Beute beladen nach Hause zurück. So war er auch eines Morgens in
-den Wald gegangen, wo ihm sogleich anfangs ein Reh in den Schuß kam;
-allein das arme Thier stürzte nicht sogleich todt zur Erde nieder,
-sondern lief mit Anstrengung aller Kräfte pfeilschnell durch das dickste
-Gebüsch, von dem bellenden Jagdhunde des Obersten verfolgt. Auch
-Lobenthal folgte der blutigen Spur, bis er das Thier verendet fand, aber
-sich dabei so weit vom Schlosse entfernt sahe, daß er kaum mehr hoffen
-konnte, es zur Mittagszeit wieder zu erreichen.
-
-Nachdem er seine Beute in Stücke getheilt hatte, um sie desto besser
-fortzubringen, machte er sich auf den Rückweg, der ihn so ermüdete, daß
-er sich, nicht weit mehr vom Schlosse entfernt, auf einer in einen
-Felsen gehauenen Bank, auf einige Augenblicke auszuruhen beschloß.
-Tausend verschiedene Gedanken bestürmten seine Einbildungskraft, die ihn
-bald in seine Jugendjahre zurückführte; er glaubte, noch in den Gebirgen
-der Wallachei zu sein, wo er oft in Gesellschaft eines Mädchens, das ihm
-damals ein Engel zu sein schien, die schneebedeckten Gipfel der Felsen
-erkletterte. Plötzlich fiel ihm ein Gedicht ein, das er einst in jener
-glücklichen Zeit für Lodoiska verfertigt hatte; es konnte nach einer in
-ihrem Vaterlande sehr beliebten Weise gesungen werden, und nachdem er
-die ersten Verse für sich hergesagt hatte, ging er unvermerklich in jene
-Melodie über, bis er, ohne es selbst zu wissen, das Lied mit lauter
-Stimme sang.
-
-Der Gesang war geendigt, und noch befand er sich in seinem träumerischen
-Zustande, als er daraus plötzlich durch das Herabfallen einiger Steine
-von der neben ihm befindlichen Höhe geweckt wurde. Er richtete den Kopf
-nach oben, um die Ursache zu entdecken; aber wie erstaunte er, als er
-Lodoiska, die ihn so eben noch so sehr beschäftigt hatte, von der Höhe
-herabkommen sahe. Er konnte ihr nicht anders ausweichen, als wenn er
-gerade querfeldein lief, was nach den Regeln des Anstandes durchaus
-nicht thunlich war; aber er gerieth in die größte Unruhe über die
-Unterredung, die nun ohne Zweifel Statt haben mußte. In seiner
-Ueberraschung sprang er von seinem Sitze auf, während die junge
-Schönheit, vielleicht von ähnlichen Gefühlen, wie die seinigen,
-bestürmt, stehen blieb, und sich an die Felsenwand stützte, als wenn sie
-fürchtete, ihr Bewußtsein zu verlieren.
-
-So standen beide einige Zeit lang einander gegenüber, ungewiß, was sie
-thun sollten; endlich setzte aber Lodoiska ihren Weg fort, und befand
-sich nach einigen Augenblicken dicht bei dem Obersten.
-
-
-
-
- Sechszehntes Kapitel.
-
-
-»Sollte ich Ihnen, redete sie ihn mit halb erstickter Stimme an, durch
-meine Gegenwart lästig werden? Können Sie mich nicht anders mehr als mit
-Furcht erblicken? Muß ich zu dem Zufall meine Zuflucht nehmen, um mit
-Ihnen zusammen zu treffen?«
-
-Alfred fühlte die Nothwendigkeit, hierauf etwas zu erwidern; aber er
-fürchtete auch, in seinen Worten nicht die richtige Mittelstraße
-beobachten zu können, und das Unangenehme seiner Lage setzte ihn in die
-größte Verlegenheit.
-
-»Ach! antwortete er, ist es gut für uns beide, daß wir uns
-wiedergefunden haben? Hatte uns nicht das Schicksal auf immer von
-einander getrennt? Konnte ich erwarten, Lodoiska, Sie hier in
-Deutschland zu sehen, nachdem die Bande, die uns an einander knüpften,
-längst aufgelöset sind?«
-
--- Und wer hat sie zerrissen, Alfred, diese Bande? Verdiene ich oder Sie
-diesen Vorwurf? Nur die Zeit war zwischen uns; ich konnte meine
-schwachen Reize verlieren, aber mein Herz hat sich nicht geändert, und
-Sie sehen den Beweis davon vor sich! --
-
-»Ich bedarf Ihrer Gegenwart nicht, Lodoiska, um mir Vorwürfe zu machen,
-die ich mir schon seit langer Zeit gemacht habe. Die Verirrungen meiner
-Jugend haben sich meinen Blicken schon längst unter den schwärzesten
-Farben dargestellt. Aber was kann jetzt noch geschehen? Unsere Lage ist
-kummervoll; aber es bleibt uns nichts übrig, als sie mit Fassung und
-Muth zu ertragen: so will es das Schicksal.«
-
--- Sie drücken sich ziemlich dunkel aus, Alfred. Reden Sie offen zu mir,
-sagen Sie mir Alles, was Sie denken, und ich werde aufrichtig Ihrem
-Beispiele folgen. --
-
-»Wie wäre es möglich, selbst zu enträthseln, was jetzt in meinem Herzen
-vorgeht? Und dürfte ich es thun, wenn ich es könnte? Bin ich nicht durch
-unauflösliche Bande gefesselt? Sein Sie großmüthiger als ich, Lodoiska,
-und bringen Sie freiwillig ein nothwendiges Opfer. Vergessen Sie mich,
-wenn Sie können ....«
-
--- Sie haben Recht, wenn Sie daran zweifeln. Ich bin Ihnen völlig
-ähnlich, Alfred; auch ich habe meine Schwächen, mein Unrecht vielleicht.
-Sie haben nicht gefürchtet, mich zu verlassen, und einer Andern die
-Treue zu widmen, die Sie mir gelobt hatten; ich dagegen kann meine
-Empfindungen nicht unterdrücken, obgleich ich einsehe, daß sie
-vergeblich sind. Ich weiß, daß meine Gegenwart Sie belästigt, und
-dennoch fühle ich mich glücklich, daß ich mich mit einer eiteln Hoffnung
-täuschen kann. Warum wollen Sie, daß ich Sie an Geistesstärke
-übertreffen soll? Sie haben mir Ihr Herz nicht erhalten können, und ich
-fühle mich unfähig, Ihnen das meinige zu entreißen. --
-
-»Ihre Worte, Lodoiska, verdoppeln noch meine Verzweiflung. Ich würde
-mein Leben dafür geben, das Geschehene ungeschehen zu machen, damit Sie
-ruhig und glücklich Ihr Leben genießen könnten.«
-
--- Es giebt Wünsche, antwortete Lodoiska mit einem schauerlichen Tone,
-deren Erfüllung nicht mehr möglich ist. Für mich giebt es kein Glück und
-keine Ruhe mehr auf der Erde; auch werde ich beides im Grabe nicht
-finden, und Sie allein muß ich als die Ursache dieses Unglücks
-betrachten. Sie wollen Ihr Leben für mich hingeben, sagen Sie? Dieses
-Opfer steht nicht in Ihrer Gewalt. Gehörten Sie mir nicht schon früher
-an? Habe ich nicht das heiligste Versprechen darüber, mit Ihrem eigenen
-Blute geschrieben? --
-
-»Ich läugne es nicht, daß ich Ihnen dieses Andenken meiner Liebe
-zurückgelassen habe. Aber wozu kann es Ihnen jetzt noch dienen? Es ist
-ein nichtiges Papier, das unsere Gesetze nicht anerkennen.«
-
--- Ihre Gesetze! Was gehen mich die Förmlichkeiten an, die die Willkühr
-der Menschen geheiligt hat? Aber ich werde mich keinesweges so
-herabwürdigen, Sie wegen Ihres Meineids vor den Gerichten Ihres Landes
-zu belangen, sondern besser thun, mich bei dem unbestechlichen Wesen zu
-beklagen, das nicht über Worte richtet, sondern über Thaten. Zittern
-Sie, Unglücklicher, vor der Strafe, die Sie erwartet. Kennen Sie alle
-Mittel, deren sich der Allmächtige bedienen kann, um Sie in Ihrem
-Innersten zu verwunden? --
-
-»Unglückliche Lodoiska, sein Sie ruhiger, ereifern Sie sich nicht! Da
-ich Ihnen jetzt nicht mehr meine Hand anbieten kann, so erlauben Sie,
-daß die reinste Freundschaft eine heftige Leidenschaft ersetze.«
-
--- Die Freundschaft! nichts als die kalte Freundschaft bietet mir also
-Alfred an, für so viele Jahre voll Zärtlichkeit und Schmerz! Ich soll
-mich also entweder von ihm entfernen, um von Zeit zu Zeit einen Brief zu
-erhalten, dessen Kälte mich zur Verzweiflung bringen würde; oder mit ihm
-unter einem Dache bleiben, und dort Zeugin von dem Glücke einer Andern
-sein, mich einer beständigen Marter überliefern! Ach, wie unverständig
-war ich noch vor wenigen Augenblicken, als ich dort hinter jenen Bäumen
-Worte hörte, die mir in's Innerste drangen, und die ich noch nicht
-vergessen habe! --
-
-»Sie mußten Ihnen einen Beweis geben, daß Sie mir oft im Herzen
-gegenwärtig sind, und daß ich mich mit Kummer jener Zeiten erinnere, die
-für mich so glücklich waren. Aber ich beschwöre Sie, Lodoiska, retten
-Sie mich und sich vor der Verzweiflung; suchen Sie sich zu beherrschen,
-und sich nicht zu rächen, wie Sie es mich in Ihrem letzten heftigen
-Briefe fürchten ließen.«
-
--- Sein Sie ruhig Alfred; seit jener Zeit haben meine Gedanken eine
-andere Richtung erhalten. Nicht durch menschliche Mittel will ich mich
-zu rächen suchen, sondern durch eine höhere Macht, die mich wider meinen
-Willen zum Ziele treibt. Gerne wünschte ich den mir vorgeschriebenen
-Gang zu ändern, aber es ist unmöglich! --
-
-Der feierliche Ton, mit welchem das junge Mädchen diese Worte aussprach,
-flößte dem Obersten eine Art von Schrecken ein; doch faßte er sich bald,
-und sagte, Lodoiska'n die Hand reichend:
-
-»Ich hoffe, daß unser Schöpfer mir mein begangenes Unrecht verzeihen
-wird, wenn Sie großmüthig genug sind, es zuerst zu vergessen. Weisen Sie
-meine Hand nicht so verächtlich von sich. Schließen wir einen
-Friedensvertrag, und versprechen Sie mir, daß Sie die Ruhe meiner Frau
-nicht stören wollen.«
-
--- Warum sollte ich großmüthiger sein als Sie? Was geht mich die Ruhe
-Ihrer Frau an? Haben Sie nicht die meinige unwiederbringlich
-aufgeopfert? Doch ich will suchen, Sie in allen Dingen zu übertreffen;
-nur Sie will ich quälen, und wenn ich mich nicht selbst beherrschen
-kann, so werde ich ohne Mitleid gegen Sie sein, wie Sie es gegen mich
-gewesen sind. --
-
-Die Bitterkeit dieser Antwort schlug den Obersten völlig zu Boden. Er
-dachte in seiner Verzweiflung nicht daran, daß es Zeit sei, sich zum
-Mittagsessen nach Hause zu begeben; aber Lodoiska war vorsichtiger.
-
-»Es ist Mittagszeit, sagte sie, und Sie können Ihre Jagd nicht noch
-länger fortsetzen, ohne diejenige in die größte Angst zu setzen, deren
-Ruhe Ihnen so theuer ist. Schlagen Sie jenen Weg dort ein, er führt Sie
-gerade nach dem Schlosse; ich werde über diese Anhöhe hier zurückgehen.
-Weiter habe ich Ihnen nichts zu sagen, Alfred, aber ich fürchte für Sie
-den Zorn des Himmels.«
-
-Mit diesen Worten wendete sich Lodoiska rasch um, erstieg den Hügel, und
-verschwand vor den Augen des Obersten, der noch lange Zeit brauchte, ehe
-er sich erholte und auf den Weg begab. Als er in's Schloß zurückkam,
-sahe er, wie Lodoiska neben seiner Frau saß, so ruhig, als wenn durchaus
-nichts vorgefallen wäre.
-
-Der Nachmittag verstrich fast unter stetem Schweigen. Die Zeit hatte
-noch nichts über den Schmerz der Oberstin vermocht; fast beständig saß
-sie unbeweglich, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, in welchem sie
-nicht las, oder an einem Stickrahmen, den sie mit ihren Thränen
-benetzte. Eine tiefe Schwermuth hatte sich ihrer bemächtigt, und nur in
-seltenen Augenblicken, wo ihr Geist etwas heiterer war, zeigte sie ihrem
-Gatten, daß sie ihn noch liebe. Ihrer Tochter erlaubte sie niemals, sich
-von ihr zu entfernen, und wenn öfters Julie, durch ihre Lebhaftigkeit
-hingerissen, den Befehl ihrer Mutter vergaß, sprang Letztere fast außer
-sich aus dem Zimmer, rief sie mit lauter Stimme, und war nicht eher
-ruhig, als bis das Kind wieder bei ihr war. Stundenlang betrachtete sie
-Juliens lächelndes Gesicht; es schien ihr, als wenn das kleine Mädchen
-schon ebenfalls von der Krankheit befallen wäre, die ihren Bruder in's
-Grab gebracht hatte; dann kannte ihre Verzweiflung keine Grenzen.
-Vergebens versicherte der Arzt, daß ihre Tochter völlig gesund sei; sie
-konnte nur unvollkommen ihre Angst unterdrücken, die sich bei der
-geringsten Veranlassung erneuerte.
-
-Als Alfred diese beständige Traurigkeit sahe, welche die seinige noch
-verdoppelte, fürchtete er, seine Frau einen Augenblick lang allein zu
-lassen. Er bemerkte, daß Helene ihre eigene Gesundheit untergrub, indem
-sie so eifrig über die Gesundheit der kleinen Julie wachte; schon waren
-ihre Wangen blaß und eingefallen, ihre Augen wurden hohl, und aus ihrer
-Brust kamen oft rauhe Töne hervor, als wenn sie von der abzehrenden
-Krankheit befallen wäre.
-
-Am folgenden Tage stattete der alte Herr von Krauthof einen Besuch im
-Schlosse ab. Fast mit ihm zugleich kam Wildenau. Der Erstere hatte schon
-lange mit großer Ungeduld den Augenblick erwartet, wo er die
-geheimnißvolle Fremde zu Gesicht bekommen würde. Oft war er deßhalb
-schon vergebens im Schlosse gewesen; aber heute war er glücklicher, und
-mit welcher Freude sahe er Lodoiska'n, welche die kleine Julie auf dem
-Schooße hatte, am Fenster sitzen. Durch seinen feinen Anstand zeichnete
-sich Herr von Krauthof eben nicht aus; an das Leben auf dem Lande
-gewöhnt, wo er größtentheils nur mit Bauern zusammenkam, über die er
-sich hoch erhaben glaubte, legte er sich in Gesellschaften eben keinen
-Zwang an. Sobald er sich daher gesetzt und der Oberstin die gewöhnlichen
-Komplimente gemacht hatte, wendete er sich an die junge Lodoiska:
-
-»Madame, vielleicht kommt Ihnen dieser Titel nicht zu; denn es ist
-möglich, daß Sie noch nicht verheirathet sind; aber glauben Sie mir, es
-ist nicht meine Schuld, wenn ich Ihnen nicht schon früher meine
-Aufwartung gemacht habe. Vor einiger Zeit fand ich mich an Ihrer Thüre
-ein; allein Ihr Kammerdiener weigerte sich mit außerordentlicher
-Grobheit, der Himmel mag sie ihm verzeihen, mich bei Ihnen vorzulassen.
-Wahrhaftig, ich möchte mich beinahe über die Feuersbrunst freuen, die
-Ihr Häuschen in Asche gelegt hat, weil ich dieser Begebenheit die Ehre
-verdanke, Ihnen meine Aufwartung zu machen.«
-
-Diese seltsame Art sich auszudrücken mißfiel der ganzen Gesellschaft.
-Lodoiska, welche darin nicht geradezu eine Frage sahe, schwieg, während
-der Arzt, der sie aus einer Verlegenheit zu ziehen glaubte, sich nach
-dem Zustande ihrer Gesundheit erkundigte. Hierauf antwortete sie mit
-wenigen Worten. Herr von Krauthof, der sich durch die Unzufriedenheit,
-die er auf allen Gesichtern lesen konnte, wenn er gewollt hätte, nicht
-irre machen ließ, wendete sich nun an den Arzt.
-
-»Zum Teufel, mein gelehrter Herr Doktor, Sie sind mit einem Vorrechte
-begabt, das ich nicht besitze, nämlich diese schöne Dame zum Sprechen zu
-bringen.«
-
--- Allerdings hat sie mir geantwortet, Herr Ober-Land-Jägermeister; aber
-dieß verdanke ich meiner Frage, der einzigen, welche wohlerzogene Leute
-an Jemanden richten können, den sie nicht kennen. --
-
-»Aha! ich höre es, mein Lieber, wie man mir schon früher gesagt hat, daß
-Sie auch zu der Klasse der jetzigen Aufgeklärten gehören. Was können
-denn das für wohlerzogene Leute sein, wenn ich nicht dazu gehöre?«
-
-Ungeachtet der ernsten über Lodoiska's Gesicht verbreiteten Kälte und
-ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit, konnte sie doch nicht ein Lächeln
-über diese Worte unterdrücken, während die Oberstin die Achseln zuckte
-und Lobenthal aus Klugheit die Antwort unterdrückte, die ihm schon auf
-den Lippen schwebte. Indessen suchte er die Unterhaltung auf einen
-andern Gegenstand zu bringen, und fragte, ob es wahr sei, daß endlich
-das Kirchspiel einen eigenen Pfarrer erhalten würde?
-
-»Ja, Herr Oberst, so viel ich weiß, ist es wahr, und mir dauert schon
-die Zeit lang, ehe wir ihn hier haben; denn ich hoffe, daß er durch
-seine Predigten dem Bauervolk mehr Gehorsam und Unterwürfigkeit gegen
-uns beibringen, und ihnen beweisen wird, wie sehr unser Einer über sie
-erhaben ist. Vorzüglich aber muß er suchen, den Aberglauben zu
-verbannen, der unter dem Volke immer mehr Wurzel schlägt, je mehr auf
-der anderen Seite seine Ungläubigkeit zunimmt.«
-
--- Ich erstaune! sagte der Arzt. Wie können Sie so sprechen! Sie, ein
-Feind des Aberglaubens! Ich hielt diesen sehr nahe verwandt mit der
-großen Masse der Vorurtheile. --
-
-»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, mein Lieber; aber ich liebe
-den Aberglauben nicht, weil er die Bauern von ihrer Pflicht abhält.
-Seitdem diese Elenden sich in den Kopf gesetzt haben, daß es _Vampyre_
-im Kirchspiele gebe, wollen sie keinen Schritt mehr aus dem Hause gehen,
-sobald es finster ist.«
-
--- Vampyre! Hier sollen Vampyre sein? rief der Oberst. Wer kann die
-scheußlichen Mährchen Ungarns und Griechenlands hierher verbreitet
-haben? --
-
-Bei diesen Worten konnte der Oberst sich nicht enthalten, seinen Blick
-auf Lodoiska zu richten. Er sahe, daß sie außer aller Fassung war. Ihre
-Gesichtszüge drückten den höchsten Schrecken aus, ihr Mund stand halb
-geöffnet, ihre Augen waren unbeweglich, und mit einer schnellen
-Bewegung, die sie aber wieder unterdrückte, schien sie im Begriff
-gewesen zu sein, sich zu entfernen.
-
-Der Oberst erklärte sich mit Leichtigkeit diesen Schrecken Lodoiska's.
-Es war fast unmöglich, daß ein Mädchen aus der Wallachei nicht an die
-Vampyre glaubte, und sehr häufig hatte sie mit ihm darüber gesprochen,
-ihm die seltsamsten Geschichten über diesen Gegenstand erzählt. Konnte
-er sich also wundern, daß sie außer sich gerieth, als so unerwartet die
-Rede auf die fürchterlichen Vampyre kam? Aus Rücksicht für sie hätte er
-gern dem Gespräche abermals eine andere Wendung gegeben; aber es war zu
-spät. Herr von Krauthof beantwortete die an ihn gerichtete Frage.
-
-»Einem Unglücklichen, der nicht mehr am Leben ist, verdanken wir den in
-dieser Gegend verbreiteten Schrecken. Ihr Bedienter Werner erzählte
-seinen Freunden die Geschichte von diesen Unholden, welche nach dem
-menschlichen Blute dürsten, bei Gelegenheit des sonderbaren Todes einer
-jungen Bäuerin aus dem Dorfe. Aber mein Gott, fuhr er fort, sich an
-Lodoiska wendend, Madame, fürchten Sie sich denn auch vor solchen
-Narrheiten? Sie haben ohne Zweifel zu viel Verstand, als daß Sie an
-diese Unholde, diese Vampyre glauben könnten, die ohne Zweifel nur in
-dem Gehirn desjenigen ihr Dasein hatten, der zuerst von ihnen sprach.«
-
-Hier warf die Fremde einen so finsteren Blick auf den Herrn von
-Krauthof, von einem so scheußlichen Lächeln begleitet, daß er ungeachtet
-seiner Zuversichtlichkeit ganz erschrocken in seiner Rede inne hielt,
-und mit der Sprache zugleich die Lust zum Plaudern verlor, die ihn sonst
-nie verließ.
-
-Der Arzt glaubte nun gleichfalls über diesen Gegenstand sprechen zu
-müssen, und scherzte über diese abscheulichen Mährchen. Er forderte die
-Vampyre heraus, den Schlaf eines muthigen Mannes zu stören, und hätte
-noch lange so fortgefahren, wenn ihn nicht die wiederholten Winke des
-Obersten davon abgehalten hätten. Hierauf folgte ein Augenblick des
-Stillschweigens, als plötzlich auch Helene das Wort nahm:
-
-»Warum, sagte sie, wollen wir so hartnäckig diese Geheimnisse
-bestreiten? Wie abscheulich sie auch sein mögen, kennen wir alle Mittel
-der Vorsehung, wodurch sie uns zu betrüben im Stande ist? Ich glaube an
-die Möglichkeit, daß es Vampyre geben kann, und vielleicht habe ich gar
-einem Ungeheuer dieser Art den unerwarteten Tod meines Sohns zu
-verdanken .....«
-
-Die Fremde stößt bei diesen Worten einen lauten durchdringenden Schrei
-aus. Sie steht mit Heftigkeit auf, will einen Schritt vorwärts thun, und
-fällt ohne Bewußtsein auf den Fußboden nieder. --
-
-
-
-
- Siebenzehntes Kapitel.
-
-
-Während der gefühllose Herr von Krauthof sich vergebens in allerhand
-Vermuthungen verlor, durch welche Ursache die Ohnmacht der schönen
-Fremden hervorgebracht sein könnte, waren Helene, ihr Mann und der Arzt
-eifrig beschäftigt, Lodoiska'n in's Leben zurückzurufen. Aber ihre
-Bemühungen waren fruchtlos, und der Oberst benutzte diese Augenblicke,
-den lächerlichen Edelmann zurechtzuweisen.
-
-»Ich habe mit den russischen Heeren, sagte er, einen großen Theil von
-Europa durchzogen, und dabei Gegenden gesehen, welche sonst von unsern
-Reisenden nur selten besucht werden. Ich müßte mich sehr irren, wenn
-diese fremde Dame, nach ihrer Aussprache und ihrem ganzen Wesen zu
-urtheilen, nicht im östlichen Ungarn oder in der Wallachei geboren ist;
-in diesem Falle muß auch sie von den in ihrem Vaterlande herrschenden
-abergläubischen Meinungen durchdrungen sein, und da die Unterhaltung auf
-einen für ihre Landsleute so furchtbaren Gegenstand kam, so wird dieß,
-verbunden mit ihrer noch schwachen Gesundheit, ihren jetzigen Zustand
-hervorgebracht haben, dem wir sie mit aller Mühe noch nicht entreißen
-können.«
-
-Diese Erklärung schien allen Anwesenden hinreichend zu sein. Der Herr
-von Krauthof bemerkte, daß die Fremde, wenn sie in Ungarn geboren wäre,
-gewiß mit der Art bekannt sei, wie man den Tokaier Wein behandeln müsse,
-und er nahm sich vor, sie über diesen Gegenstand um Auskunft zu bitten,
-da er mehrere Weinstöcke aus jener Gegend in seinem Garten habe. Niemand
-antwortete auf diese Lächerlichkeit. Da Lodoiska nicht wieder zu sich
-kam, so machte Wildenau den Vorschlag, sie in ihr Zimmer zu tragen, was
-auch geschahe; aber sie lag noch lange Zeit auf ihrem Bette völlig kalt
-und unbeweglich. Endlich stieß sie einen tiefen Seufzer aus, schlug die
-Augen auf, und die Umstehenden der Reihe nach ansehend, fragte sie mit
-leiser Stimme, warum sie sich in diesem Zustand befände?
-
-»Der außerordentliche Blutverlust, welchen Sie erlitten haben,
-antwortete Wildenau, wird Ihnen noch häufig dergleichen Zufälle
-zuziehen. Sie nehmen Ihre Gesundheit nicht genug in Acht, und rechnen zu
-sehr auf Ihre gute Natur, ohne auf meine Warnungen zu hören.«
-
--- Ist dieß wirklich die Ursache meiner Ohnmacht? Hat man nicht von
-Vampyren gesprochen? Wer hat es gewagt, den geheimnißvollen Schleier zu
-lüften, mit welchem der Himmel die Erfüllung seines schrecklichen
-Willens bedeckt? --
-
-»O, denken Sie nicht mehr an diesen traurigen Gegenstand, sagte der
-Oberst; das Gespräch kam nur aus Unvorsichtigkeit darauf, und es soll
-nicht wieder geschehen. Aber vergessen Sie wo möglich jene Schrecknisse,
-vor welchen Sie hier in Deutschland sicher sind.«
-
-Lodoiska antwortete nicht hierauf, sondern bat nur um Erlaubniß, allein
-bleiben zu dürfen, um sich auszuruhen. Man verließ sie also, und begab
-sich in das Gesellschaftszimmer zurück, wo der Herr von Krauthof noch
-wartete, und eine Menge Fragen that, die man kaum beantwortete. Endlich
-entfernte er sich, zufrieden, endlich das Vaterland der Fremden erfahren
-zu haben, und mit dem Vorsatze, diese wichtige Entdeckung in der
-möglichst kürzesten Zeit allen Nachbarn mitzutheilen.
-
-Als er fort war, nahm Wildenau das Wort, und machte dem Obersten und
-seiner Gemahlin folgende Erklärung: »Ich weiß nicht recht, fing er an,
-wie ich es machen soll, Ihnen die Gefühle mitzutheilen, die meine ganze
-Seele beherrschen. Aber die Güte, die Sie bisher für mich gezeigt haben,
-giebt mir Muth, und ich schmeichele mir mit Ihrer Unterstützung zur
-Erreichung meiner Wünsche. Ich bin vier und dreißig Jahre alt, besitze
-ein anständiges Vermögen, und habe eine Praxis, die meine Wohlhabenheit
-noch vermehrt. Die Ehelosigkeit ist mir noch weit lästiger geworden,
-seitdem ich die reizende Person gesehen, der Sie einen Zufluchtsort
-gewährt haben. Sie ist eine Fremde; große Unglücksfälle, vielleicht ein
-Fehler, den sie durch freiwillige Verbannung büßt, haben sie hierher
-geführt. Ich wünschte ihr Schicksal zu verbessern, indem ich ihr meine
-Hand anbiete, wenn sie sie annehmen wollte; ehe ich aber das Geringste
-zur Erreichung meiner Absicht unternehmen wollte, glaubte ich, mich
-Ihnen freimüthig entdecken zu müssen, in der Hoffnung, daß die Frau
-Oberstin, um mir einen Korb zu ersparen, die Güte haben würde, die
-Gesinnungen dieser schönen Person auszuforschen.«
-
-Lobenthal war zu sehr bewegt durch das, was er jetzt hörte, als daß er
-hätte darauf antworten können, und er überließ daher diese Sorge seiner
-Frau. Diese billigte Wildenau's Wahl, nur rieth sie ihm, sich nicht
-früher bestimmt zu erklären, ehe er nicht die Geschichte der Fremden
-genau erfahren habe, damit späterhin ihm nicht die Reue sein Leben
-verbittere.
-
-»Glauben Sie mir, Frau Oberstin, entgegnete der Arzt, daß ich dieß
-ebenfalls schon überlegt habe. Durch den ehemaligen Eigenthümer des
-abgebrannten Hauses bin ich unterrichtet worden, daß er dasselbe mit den
-dazu gehörigen Ländereien für funfzehntausend Thaler an die Fremde
-verkauft hat, welche ihm sogleich ausgezahlt worden sind. Das Haus ist
-verloren; aber die Ländereien sind noch da, und Sie wissen, daß man bei
-den Güterkäufen hier zu Lande die letzteren für Alles, die Gebäude fast
-für nichts rechnet. Sie selbst haben mir auch gesagt, daß diese Dame
-reiche Kleinodien besitzt, und man hat eine bedeutende Summe in baarem
-Golde aus der Feuersbrunst gerettet, welche Sie einige Zeit lang in
-Verwahrung hatten. Diese Reichthümer, die Talente, welche die Fremde
-besitzt, ihr edler Anstand, obgleich damit einige Sonderbarkeiten
-verknüpft sind, scheinen mir zu beweisen, daß sie nicht zu jener
-verworfenen Klasse von Frauenzimmern gehört, die mit ihren Reizen Wucher
-treiben. Seitdem sie hier ist, hat sie stets in der größten
-Zurückgezogenheit gelebt, was sie gewiß nicht gethan haben würde, wenn
-sie auf Abentheuer ausginge. Unsern Vermuthungen bleibt also nur noch
-übrig, daß sie vielleicht das Opfer einer unvorsichtigen Leidenschaft
-ist, oder vielleicht weit von ihrem Vaterlande einen Jugendfehler in
-Vergessenheit bringen will. Dieß kann ich nicht geradezu bestreiten.
-Aber die ohne Zweifel seitdem verstrichene Zeit, ihr jetziges Betragen
-müssen ihr zur Entschuldigung dienen. Ich will mich durchaus nicht
-darauf einlassen, was geschehen ist, und wenn sie Ihnen darüber ein
-offenes Geständniß macht, so will ich noch weiter gehen: ich will nicht
-ein Wort davon wissen; sobald Sie mich versichern, Frau Oberstin, daß
-sie meiner nicht unwürdig ist, so führe ich sie zum Altare.«
-
-Helene, von Wildenau's Freimüthigkeit und Vertrauen gerührt, versprach
-ihm, nichts zu vernachlässigen, um seinen Wünschen nachzukommen. Da der
-Oberst die Nothwendigkeit fühlte, daß auch er ein Wort hierzu sagen
-müsse, so brachte er mit Mühe einige unzusammenhängende Redensarten
-hervor, und schwieg dann wieder. Es war schon ziemlich spät, als diese
-Unterhaltung endete, und da der Arzt am andern Morgen in ziemlicher
-Entfernung einen Kranken zu besuchen hatte, so trennte man sich.
-
-Der Oberst war weit entfernt, in dieser Nacht zu schlafen; seine innere
-Bewegung war zu heftig. Er glaubte fast gewiß zu sein, daß Lodoiska den
-Heirathsantrag von sich weisen würde; aber er fürchtete, daß dieses
-junge Mädchen ihrer Heftigkeit freien Lauf lassen, und einige Worte
-sagen möchte, die die Ruhe des Hauses stören könnten.
-
-Während er sich diesen Gedanken überließ, glaubte er in dem Zimmer
-seiner Frau, das sich dicht neben dem seinigen befand, ein leises
-Geräusch zu hören. Er horchte genau auf, um gewiß zu sein, daß er sich
-nicht täuschte; da aber das Geräusch anhielt, so fürchtete er, daß
-Helene unwohl sein möchte. Daher stand er rasch auf, und ging leise auf
-die Thür des Nebengemaches zu. Er war im Begriff sie zu öffnen, als er
-plötzlich von einer Hand, die er nicht sahe, einen so heftigen Schlag
-in's Gesicht erhielt, daß er auf sein Bett zurückfiel, und einige
-Minuten fast ohne Besinnung darauf liegen blieb.
-
-Sobald er sich erholt hatte, eilte er zu seinem Degen, zündete mit einem
-chemischen Feuerzeuge ein Licht an, und untersuchte nun sorgfältig das
-ganze Zimmer, in der Hoffnung, den kühnen Urheber des höchst unsanften
-Schlags zu entdecken. Aber alle seine Nachsuchungen waren vergebens. Die
-äußere Zimmerthür war sorgfältig von innen verschlossen, eben so
-befanden sich alle Riegel vor den unversehrten Fenstern, und als er in
-das Zimmer seiner Gattin kam, sahe er, daß sie in einen festen, obgleich
-ängstlichen Schlaf versunken lag. Auch hier suchte er Alles genau durch,
-und da er nichts entdeckte, so sahe er sich gezwungen zu glauben, daß
-seine Phantasie oder die Unruhe seines Blutes ihn getäuscht habe.
-
-Er kehrte in sein Zimmer zurück, wo die anbrechende Morgenröthe ihn noch
-wachend fand. Der Tag schien vortrefflich zu werden, und um nicht Zeuge
-der Unterhaltung seiner Frau mit Lodoiska zu sein, entschloß er sich auf
-die Jagd zu gehen, ehe noch Jemand im Hause aufgestanden war.
-
-Erst zur Frühstückszeit erfuhr Helene, daß ihr Gatte nicht erscheinen
-würde, und dieß war ihr gewissermaßen lieb, weil sie neugierig war, die
-Gesinnungen der Fremden über den ihr zu machenden Antrag zu erfahren.
-
-Lodoiska trat in's Zimmer, sobald die Frühstücksglocke ertönte. Ueber
-ihr Gesicht war finstere Schwermuth verbreitet; allein sie war nicht so
-blaß als gewöhnlich; sehr bewegt bedankte sie sich für die Sorgfalt, die
-man ihr am vorigen Tage erwiesen hatte.
-
-Da Helene das beabsichtigte Gespräch nicht in Juliens Gegenwart anfangen
-wollte, so wartete sie das Ende der Mahlzeit ab, und befahl dann
-Lisetten, die Kleine mit sich zu nehmen, und nicht eher wieder
-hereinzukommen, bis sie gerufen würde. Lodoiska setzte sich gleich
-darauf an ihren Stickrahmen, und Helene, um nicht in Verlegenheit zu
-gerathen, nahm ein Buch, in welchem sie aufmerksam zu lesen schien. Nach
-langem Zögern fing sie endlich das Gespräch folgendermaßen an. --
-
-»Nun, liebe Lodoiska, werden Sie denn immer das beste, aber auch das
-geheimnißvollste Wesen auf der Welt bleiben? Sollen wir denn nie
-erfahren, durch welche wichtige Ursachen Sie aus Ihrem Vaterlande
-entfernt worden sind? Sie sehen mich voll Erstaunen an; sollten meine
-Fragen Sie beleidigen? Glauben Sie mir, nur meine Theilnahme für Sie hat
-sie mir eingegeben.«
-
--- Ich glaube es, Frau Oberstin, und ich entschuldige Sie, weil ich Sie
-kenne; da Sie mir aber bis jetzt Ihr Wohlwollen geschenkt haben, ohne
-nach meinen näheren Verhältnissen zu forschen, warum sollte ich dieses
-Vertrauen von Ihrer Seite nicht noch länger verdienen? Habe ich mich
-seit Kurzem vielleicht in einem unvortheilhafteren Lichte gezeigt?
-Sollte ich der Verläumdung preisgegeben sein? --
-
-»Von allem Diesem ist durchaus nicht die Rede; aber glauben Sie denn,
-daß Sie ungestraft so hübsch sein dürfen? Niemand wird sich um die
-Verhältnisse eines gewöhnlichen Frauenzimmers bekümmern. Man geht an ihr
-vorüber, ohne sie zu bemerken; aber Sie, Lodoiska, fallen zu sehr in die
-Augen, als daß man Sie mit Gleichgültigkeit ansehen könnte. Sie setzen
-ohne Zweifel mehr als ein Herz in Bewegung, von denen einige sich Ihnen
-nähern möchten, um auch das Ihrige zu rühren; und diese haben einiges
-Interesse dabei, zu wissen, wer Sie sind, ob Sie noch frei sind, ob
-keine frühere Verbindung Ihnen im Wege ist; kurz, ob Sie über Ihre Hand
-verfügen können?«
-
-Ein melancholisches Lächeln ging der Antwort voraus, die Lodoiska
-hierauf zu geben im Begriff stand. Sie schien einen Augenblick darüber
-nachzudenken, richtete dann ihren Kopf, den sie über den Stickrahmen
-gebeugt hatte, in die Höhe, und sagte, Helenen mit einem Blick der
-vollkommensten Gleichgültigkeit ansehend:
-
-»Wenn es bei der Kenntniß meines Schicksals bloß auf meine jetzige Lage
-ankommt, so kann ich mich über diese erklären, ohne zu erzählen, was mir
-früher begegnete. Ich bin frei, völlig frei, und dennoch gehöre ich mir
-selbst nicht an. Ich habe mein Herz verschenkt, und nicht das Recht, es
-wieder zurückzufordern; durch ein ganzes Leben bin ich von demjenigen
-getrennt, den ich bis zum Uebermaß liebe; meine Seele steht unter der
-Abhängigkeit einer höheren Macht, und ich habe kein Vaterland mehr, ich
-gehöre der ganzen Erde an. Fragen Sie mich nicht weiter; Sie haben jetzt
-Alles gehört, was ich Ihnen sagen kann .... suchen Sie es zu vergessen.«
-
--- Ich würde mich ohne Zweifel mit einer solchen Erklärung begnügen, so
-dunkel sie mir auch ist, aber ich kann Sie versichern, daß Andere nicht
-damit zufrieden sein werden. Und nun erlauben Sie, daß ich mit Ihnen ein
-Wort der Vernunft spreche. Sie sind hier weit von Ihrem Vaterlande
-entfernt, allein und unabhängig; Sie können nicht hoffen, sagen Sie,
-demjenigen jemals anzugehören, den Ihr Herz ausgewählt hat: was wollen
-Sie aber dann in einem fremden Lande machen? Wird nicht eine Zeit
-kommen, wo Sie, unter der Last des Alters gebeugt, das Bedürfniß eines
-Freundes fühlen werden? Wollen Sie denn vielleicht in Ihr Vaterland
-zurückkehren? Das Schicksal könnte Ihnen unübersteigliche Hindernisse in
-den Weg legen. Kurz, Sie werden es dann bereuen, etwas ausgeschlagen zu
-haben, was Sie jetzt vielleicht verschmähen. --
-
-»Ich fühle es, Frau Oberstin, wie schrecklich meine jetzige Lage für
-jedes andere Frauenzimmer sein würde, das sich in einem der gewöhnlichen
-Verhältnisse des menschlichen Lebens befindet. Aber meine Verhältnisse
-sind ganz besonderer Art! Ich scheine Ihnen verlassen zu sein? Wohl! so
-glauben Sie, daß ich nicht Ursach habe, mich über meine Zukunft zu
-beunruhigen; sie ist schon seit mehreren Jahren fest bestimmt, und kann
-sich nicht mehr ändern. Ich drehe mich um einen Kreis, den ein
-allmächtiges Wesen mir vorgeschrieben hat, und von dem ich mich nicht
-entfernen kann. Sie glauben, daß mir eine Stütze, ein Freund nöthig
-werden möchte? Enttäuschen Sie sich; ich werde nie darein willigen, eine
-solche Stütze anzunehmen. Sagen Sie demjenigen, der Ihnen aufgetragen
-hat, mit mir hierüber zu sprechen, er möge alle Hoffnung aufgeben,
-vorzüglich aber eine Liebe zu unterdrücken suchen, die für ihn
-gefährlich werden könnte. Der Unverständige! Er weiß nicht, daß Jeder,
-welcher mich liebt, dem Tode verfallen ist! .... Sie erbeben, Frau
-Oberstin! Ach, warum ist es mir nicht erlaubt, Ihnen meine traurige
-Geschichte zu erzählen! Meine Lage würde Ihnen dann den schrecklichsten
-Abscheu einflößen .... und dennoch -- ich nehme Gott zum Zeugen, den ich
-fürchte -- habe ich über keine meiner Handlungen zu erröthen. Sie waren
-stets übereinstimmend mit der Tugend, und wenn ich mir selbst Böses
-anthat, so ist mir wenigstens bis dahin kein Vorwurf zu machen. Hören
-Sie auf, ich beschwöre Sie, weiter in mich zu dringen, und lassen Sie
-mich in der Hülle meiner Geheimnisse. Ich verlange nichts von den
-Menschen; gern wünschte ich mir auf der Erde die Ruhe des Grabes, aber
-sie ist mir versagt!«
-
-Bei diesen Worten drückte Lodoiska ihre ganze Verzweiflung durch einen
-sonderbaren, fürchterlichen Blick aus, stand von ihrem Stuhle auf,
-beurlaubte sich bei Helenen, und begab sich in ihr Zimmer.
-
-»Außerordentliches Geschöpf! sagte Helene zu sich selbst, als sie sie
-fortgehen sahe; unbegreifliches Wesen! Wer ist sie? Was hat sie gethan?
-Warum kam sie hierher? Ihre Geschichte muß äußerst anziehend sein, und
-gewiß hat sie den Becher des Unglücks mit vollen Zügen geleert.«
-
-Sie blieb bis zur Rückkehr des Obersten und des Arztes, welche beide
-zugleich kamen, in das tiefste Nachdenken versunken. »Armer Freund! rief
-sie dem Letztern entgegen; man giebt Ihnen den Korb, ohne Ihnen die
-geringste Hoffnung zu lassen. Erlassen Sie mir aber, ich bitte, die
-weitere Auseinandersetzung meiner Unterhaltung mit der Fremden, und
-begnügen Sie sich damit, zu wissen, daß sie mir nichts von ihren
-Schicksalen erzählt hat, und daß Sie nicht glücklich sind.«
-
-Weit entfernt, sich mit diesen Worten zu befriedigen, verlangte Wildenau
-eine ausführlichere Erklärung, und Helene sträubte sich vergebens: sie
-mußte Alles genau wieder erzählen, was gesprochen worden war. Es läßt
-sich denken, mit welcher geheimen Theilnahme der Oberst zuhörte.
-
-»Meine Eigenliebe, sagte endlich der Arzt, ist bei dieser Gelegenheit
-durchaus unverletzt geblieben; ich sehe ein, daß die Grausame eine Liebe
-fühlt, welcher nicht Genüge geleistet werden kann. Ohne Zweifel hat sie
-ihr Vaterland aus beleidigter Liebe verlassen; dieß ist eine zu heftige
-Maßregel, die ich nicht nachahmen will, und da sie sich weigert, meine
-Frau zu werden, so bleibe ich wenigstens ihr treuer Freund.«
-
--- Das heißt vernünftig gesprochen! sagte der Oberst, sein langes
-Stillschweigen brechend. Nur keine Seufzer, glauben Sie mir; stellen Sie
-sich völlig gleichgültig, und vielleicht gerade, wenn Sie am wenigsten
-daran denken, werden Sie dieses stolze Herz sich geöffnet sehen. --
-
-Obgleich Wildenau innerlich tief bekümmert war, so wußte er doch sehr
-gut seinen wahren Zustand zu verbergen; aber er gab seine Liebe noch
-nicht auf, denn auch er kannte den Werth und Einfluß der Zeit, welche
-allen Dingen nach und nach eine veränderte Gestalt giebt.
-
-Lodoiska erschien heute nicht zum Mittagessen, indem sie sagen ließ, daß
-sie unpäßlich sei, und in ihrem Zimmer essen würde. Man glaubte anfangs,
-daß sie bloß nicht mit dem Arzte zusammentreffen wolle; aber Lisette
-berichtete, daß sie außerordentlich blaß sei, und in der heftigsten
-Unruhe zu sein scheine.
-
-
-
-
- Achtzehntes Kapitel.
-
-
-Am folgenden Tage, wo Lodoiska sich wieder blicken ließ, schien sie gar
-nicht mehr an die mit der Oberstin gehabte Unterhaltung zu denken.
-Wildenau befand sich noch im Schlosse. Sie behandelte ihn wie
-gewöhnlich, und war vollkommen gleichgültig gegen ihn; allein gegen den
-Obersten hatte sich ihr Betragen völlig geändert. Sie richtete häufig
-ihre Blicke auf ihn, mit einem Ausdruck von Unzufriedenheit und selbst
-Zorn, der ihn beinahe in Schrecken setzte; sie war gegen ihn so trotzend
-und zu gleicher Zeit vertraulich, daß man leicht ihre frühere
-Bekanntschaft mit einander errathen haben würde, wenn man nicht
-überzeugt gewesen wäre, daß der Verstand der Fremden in manchen
-Augenblicken völlig zerrüttet sei.
-
-Der Oberst, dem die Wahrheit wohl bekannt war, bebte über die Folgen,
-welche diese üble Laune Lodoiska's haben könnte. Jemehr sie ihm nach und
-nach wieder theuer wurde, je lieber hätte er es gesehen, daß man es
-nicht bemerkte, und vorzüglich fürchtete er, daß eine Unvorsichtigkeit
-die Eifersucht seiner Frau wecken möchte. Er suchte sich Lodoiska'n
-verständlich zu machen, indem er sie durch Blicke bat, ihn zu schonen,
-und ihres Versprechens eingedenk zu sein; aber seine Bemühungen waren
-vergeblich, und sie fuhr in ihrem Betragen fort. Unterdessen kam ein
-Eilbote, der den Arzt zu einem Nachbar holte, welchen ein Schlagfluß
-befallen hatte; zu gleicher Zeit wollte Helene ein Geschäft in ihrem
-Zimmer besorgen, und die beiden Feinde befanden sich nun allein einander
-gegenüber.
-
-»Sie erinnern sich also nicht mehr an Ihr mir gegebenes Versprechen?«
-sagte Alfred schnell.
-
--- Sie haben ja auch vergessen, daß Sie mir Ihr Herz versprochen hatten!
-Noch einmal sage ich es Ihnen, betrügerischer Mann, können Sie mir
-vorwerfen, daß ich meine Schwüre gebrochen? Ich betrage mich gegen Sie,
-wie es mich gut dünkt; aber dieß ist hier nicht der Ort, uns einander
-Vorwürfe zu machen. Ich muß Sie sprechen, durchaus allein sprechen. --
-
-»Wann?«
-
--- Heute um Mitternacht. --
-
-»Wo?«
-
--- Im großen Saale; dort wird uns Niemand stören. --
-
-»Was wollen Sie von mir?«
-
--- Sie werden es erfahren. --
-
-»Aber wenn man uns überrascht?«
-
--- Sein Sie ohne Sorgen. --
-
-»Es wird einen üblen Ausgang nehmen.«
-
--- Werden Sie kommen? --
-
-»Ich fürchte ....«
-
--- Zittern Sie, wenn ich vergebens auf Sie warten muß. --
-
-Helenens Rückkehr in's Zimmer machte dieser Unterhaltung ein Ende, die
-nur halb laut geführt worden war. Sie kam so plötzlich, daß ihr Gatte in
-Verlegenheit gerieth, und sie überraschte ihn bei einer Bewegung, die
-ihr so manche Dinge hätte erklären können, wenn sie nicht in
-vollkommener Sicherheit gewesen wäre. Lodoiska war seit der Zeit ihres
-Aufenthalts im Schlosse noch nie so guter Laune gewesen, als heute. Sie
-vergaß ihre gewöhnliche Schwermuth, ja sie wurde sogar lustig, und es
-gelang ihr, Helenen ein Lächeln abzugewinnen, das erste seit dem
-Verluste ihres Sohnes.
-
-Alfred, weit entfernt, Lodoiska's Frohsinn zu theilen, wurde immer
-tiefsinniger und trauriger, jemehr sich der Abend näherte. Kaum öffnete
-er den Mund zum Sprechen; eine ihm unerklärbare Unruhe bewegte sein
-Inneres, und er wagte es nicht, weder Lodoiska'n noch seine Frau
-anzublicken. Vorzüglich fürchtete er, bei der bevorstehenden
-Zusammenkunft mit der Erstern, mitten in der Nacht überrascht zu werden,
-da hiervon seine ganze häusliche Ruhe abhing.
-
-Endlich begab sich ein Jeder in sein Zimmer. Die Oberstin, die sich seit
-einiger Zeit über eine allgemeine Schwäche in allen Gliedern beklagte,
-legte sich zuerst zu Bett, und schickte bald darauf auch Lisetten fort.
-Der Oberst setzte sich in seinem Zimmer auf einen Lehnstuhl, und
-erwartete so, völlig angezogen, aber ohne Ungeduld, sondern zitternd,
-die Mitternachtszeit. Als endlich der letzte Schlag der zwölften Stunde
-erschallte, stand er seufzend auf, und ging mit leisen Tritten nach dem
-großen Saale, ohne ein Licht mit sich zu nehmen.
-
-Die undurchdringliche Finsterniß in diesem weiten Saale, die schneidende
-Kälte, welche durch die schlecht geschlossenen Fensterscheiben eindrang,
-die Furcht, überrascht zu werden: alles dieß vereinigte sich, um dem
-Obersten ein solches Beben zu verursachen, wie er noch nie empfunden
-hatte, selbst als er früher, hundert Feuerschlünden gegenüber, den Tod
-in der ihm angewiesenen Position erwarten mußte. Aber damals lebte er
-mit seinem Herzen in Frieden, und sein Gewissen war ruhig; jetzt befand
-er sich mit sich selbst im Widerspruch. Er war auf den Befehl eines
-Frauenzimmers hierhergekommen, das zu seinem Glücke nichts mehr
-beitragen, wohl aber es zerstören konnte. Aber konnte er ihr ungehorsam
-sein? Mußte er nicht fürchten, daß sie, bei ihrem heftigen Charakter,
-seine ehemaligen Verhältnisse zu ihr öffentlich bekannt machte? Alfred
-glaubte, Alles thun zu müssen, um eine fast wahnsinnige Liebende in
-Schranken zu halten.
-
-Sie ließ nicht lange auf sich warten. Sie trat durch die Thür ein,
-welche von der Haupttreppe in den Saal führte, mit einem weißen Kleide
-angethan, und halb in einen großen schwarzen Schleier verhüllt, der ihr
-das furchtbare Ansehen eines Gespenstes gab, das sie auch durch ihren
-leblosen Blick, durch die Leichenblässe ihres Gesichts nicht
-verläugnete. In der Hand trug sie ein Licht, das sie schnell auf den
-Fußboden setzte, als sie den Obersten erblickte; dann trat sie auf ihn
-zu, und gab ihm ihre Zufriedenheit über sein pünktliches Erscheinen zu
-erkennen.
-
-»Ich werde stets gern erscheinen, wenn Lodoiska mich sehen will,
-vorzüglich seitdem sie mich versichert hat ....«
-
--- Alfred, ich bitte Sie, rufen Sie mir ein Versprechen nicht mehr in's
-Gedächtniß zurück, dessen Erfüllung mir zu viel kostet. Wie! soll ich
-mich denn unaufhörlich verstellen? Soll ich es ruhig mit ansehen, daß
-Sie alle Mittel aufsuchen, mich von hier zu entfernen, und daß Sie
-dergleichen Anträge unterstützen, wie man mir gestern mitgetheilt hat?
---
-
-»Glauben Sie mir, Lodoiska, daß ich dabei so viel gelitten habe, als Sie
-selbst, sobald man mich davon in Kenntniß setzte? Ja, es war mir schon
-unerträglich, es nur zu vermuthen; aber was konnte ich dagegen thun?
-Schweigen und das Weitere Ihnen überlassen. Ich hoffte .... ich wußte,
-wollte ich sagen, daß Ihre Antwort verneinend sei, und daß man Sie dann
-nicht weiter verfolgen würde.«
-
-Ein Strahl von Freude blitzte bei diesen Worten in Lodoiska's Augen auf.
-
-»Sie hofften, sagen Sie. Ach, warum kann ich meinerseits nicht mehr
-hoffen! Ich bin die Zeugin eines Glücks, das mir über Alles verhaßt ist,
-und das ich niemals selbst schmecken werde. Jetzt muß ich mich einem
-Orte entreißen, der mir unerträglich wird. Ich habe Sie wiedergesehen;
-mein Unglück ist vollendet, und es bleibt mir nichts mehr übrig, als
-mich zu entfernen.«
-
--- Sie wollen fort? Lodoiska, bedenken Sie unsere Freundschaft! --
-
-»Unsere Freundschaft! Alfred, ich mache mir nichts daraus, und wenn Sie
-mir dieselbe auch ganz aufrichtig anbieten, ich nehme sie nicht an. Mein
-Loos ist gefallen, und ich weiß mich dabei zu erhalten! setzte sie mit
-einem boshaften Lächeln hinzu. Indem ich Sie durch meine Abreise von
-meiner Gegenwart befreie, gebe ich Ihnen zugleich Ihre Ruhe zurück. Sie
-werden nicht mehr zittern, wenn ich mich Ihnen zeige oder mit Ihnen
-spreche, und von der Liebe zu derjenigen, die Sie mir vorziehen, nicht
-mehr zerstreut werden.«
-
--- Es steht Ihnen frei, zu bleiben oder abzureisen; ja ich weiß nicht,
-ob ich selbst Sie nicht zum Letzteren auffordern sollte. Aber sein Sie
-überzeugt, daß mein Herz Ihre Entfernung nicht wünscht; es würde
-zufrieden in Ihrer Nähe sein, wenn es Sie nicht mehr zu fürchten hätte,
-und es fühlt mehr als je, wie verführerisch Sie sind. --
-
-»Nun? Und welchen Platz wollten Sie mir denn neben sich anweisen? Sie
-antworten nicht; was soll ich daraus schließen?«
-
--- Daß ich höchst verlegen bin; denn was soll ich Ihnen antworten, um
-Sie zu befriedigen? Die Bande, welche mich an Helenen fesseln sind
-unauflöslich. --
-
-»Ja unauflöslich, wie alles Uebrige bei den Menschen, bis zum Tode
-.....«
-
-In dem Tone, mit welchem diese Worte ausgesprochen wurden, lag ein so
-geheimnißvoller Sinn und ein so boshafter Ausdruck, daß der Oberst
-schaudernd einen Schritt zurücktrat, und Lodoiska'n erstaunt ansah;
-allein er bemerkte, daß ihre Augen von der gewöhnlichen
-außerordentlichen Gleichgültigkeit erfüllt waren, und ihr unbefangenes
-Wesen stand so sehr in Widerspruch mit dem, was schon der bloße Ton
-ihrer Stimme ausgedrückt hatte, daß Alfred glauben mußte, er habe sich
-geirrt. Es folgte ein langes Stillschweigen, wobei der Oberst in's
-tiefste Nachdenken versunken war, bis endlich Lodoiska wieder das Wort
-nahm.
-
-»Sie denken sehr ernsthaft nach, Alfred; beschäftigen Sie sich mit der
-Vergangenheit oder mit der Zukunft?«
-
--- Nein, nur mit der Gegenwart, die mich in die unbeschreiblichste
-Verwirrung setzt. --
-
-»Sein Sie nicht böse, wenn ich Ihnen sage, daß ich Ihre Schwäche kenne.
-Sie sind nicht im Stande, einen bestimmten Entschluß zu fassen, und Sie
-wissen selbst kaum, was Sie wollen.«
-
--- Ach, Lodoiska, könnten Sie in mein Herz sehen! Aber ich möchte wohl
-wissen, wie Sie sich benehmen würden, wenn Sie sich in meiner Lage
-befänden. --
-
-»Nach reiflicher Ueberlegung aller Gründe würde mein Entschluß sehr bald
-gefaßt sein, und den einmal eingeschlagenen Weg würde ich dann mit Muth
-und Dreistigkeit betreten.«
-
--- Wenn aber dieser Weg Sie zum Irrthume, oder gar zum Verbrechen
-führte? --
-
-»Auch dann würde ich ihn verfolgen, denn von allen Uebeln ist das
-schlimmste die Unschlüssigkeit. Aber haben Sie sich auch recht davon
-überzeugt, worin eigentlich die Verlegenheit in Ihrer Lage besteht?
-Wissen Sie denn bestimmt, wo das Böse und wo das Gute anzutreffen ist?
-Und seit wann ist es Sitte, daß neuere Rechte die ältern verdrängen
-können?«
-
--- Lodoiska, was würden Sie also von mir fordern? --
-
-»Alles oder Nichts, Alfred! Sie schaudern? O, dann sind Sie nicht würdig
-mich weiter anzuhören.«
-
--- Wie könnte ich eine Gattin verlassen, der ich durchaus keinen Vorwurf
-zu machen habe! mich von einem Kinde trennen ..... --
-
-»Alles oder Nichts, ich wiederhole es Ihnen. Worüber können Sie sich
-beklagen, da Sie völlig freie Wahl haben, und ich Ihnen deutlich zwei
-Wege zeige, aus Ihrer Verlegenheit zu kommen?«
-
--- Wohl, Lodoiska! Aber so groß auch meine Anhänglichkeit an meine erste
-Liebe sein mag, so werde ich doch nie meinen Ruf so beflecken, eine
-tugendhafte Gattin, die ich freiwillig gewählt habe, wieder zu
-verlassen. --
-
-»Allerdings! das können Sie auch nicht, ohne Ihrem Rufe, Ihrer Ehre zu
-schaden, die mir theuer sind. Aber wenn man Sie sprechen hört, sollte
-man glauben, daß diese Gattin unsterblich ist, oder einen Bund mit der
-Ewigkeit geschlossen hat.«
-
--- Sie flößen mir Entsetzen ein, Lodoiska, und ich will Sie nicht
-verstanden haben; ja vielleicht verstehen Sie sich selbst nicht. --
-
-Ein schauerliches Lächeln war die Antwort der Fremden, und in ihren
-Augen las der Oberst völlig klar ihre Gedanken, so daß ihm kein Zweifel
-mehr übrig bleiben konnte.
-
-»Nein, nein, tausend Mal nein! Nie werde ich mich mit einem Verbrechen
-besudeln! Grausames Weib, ich verabscheue Sie!«
-
--- Ja, ich weiß es, Sie waren ein geringerer Verbrecher, als Sie mein
-Herz zerfleischten, als Ihr Betragen, Ihre Briefe meinem Dolche den Weg
-zeigten. -- Bei diesen Worten schlug sie ihren Schleier zurück, und
-zeigte dem erstarrenden Alfred die offene, noch blutende Wunde, welche
-mitten in's Herz ging. -- Auch mein Vater, meine Mutter, fuhr sie fort,
-fanden ihre letzte Zuflucht nur durch den Tod! Nein, damals war Alfred
-kein Verbrecher, und noch jetzt ist er der unschuldigste, der
-tugendhafteste der Männer! --
-
-»O, Lodoiska! welche Verzweiflung! Welche schreckliche That haben Sie
-vollbracht! Wie, Ihr Blut ist geflossen, und Sie legten Hand an sich
-selbst? Und dadurch haben Sie auch Ihren ehrwürdigen Aeltern das Leben
-geraubt?«
-
--- Nicht ich, Alfred! Nicht ich, sondern Sie, Sie allein sind an Allem
-Schuld. Ich war nur das Werkzeug, dessen Sie sich bedienten, eine ganze
-Familie von der Erde zu vertilgen. Und dennoch werden Sie ruhig
-schlafen, oder Ihr Schlaf wird bloß durch den Schrecken beunruhigt
-werden, den ich Ihnen verursache. Auf Wiedersehen! Urheber alles meines
-Elendes, der Sie meine ewige Verbannung aus dem Himmel verursacht haben!
---
-
-»Sie vernichten mich durch Ihre Vorwürfe! Aber wozu wollen Sie
-verzweifeln? Mein Vergehen war groß; doch ich hoffe Gnade vor Gott zu
-finden, und Sie, glauben Sie mir, daß Sie noch durch aufrichtige Reue
-.....«
-
--- Reue! rief die Fremde mit einem lauten schrecklichen Lachen, daß der
-Saal davon erschallte; Reue giebt es nicht mehr für mich; ich habe sie
-sammt meinen übrigen menschlichen Empfindungen in meiner Hütte
-zurückgelassen. Mein Weg ist mir vorgeschrieben, ich kann nichts mehr
-thun, als ihn genau befolgen! --
-
-Der Oberst erstarrte über diese Worte; aber als er bedachte, welche
-Vorurtheile Lodoiska in ihrem Vaterlande seit ihrer frühen Jugend
-eingesogen haben müsse, und daß ihr Unglück ohne Zweifel einen
-nachtheiligen Einfluß auf ihren Verstand gehabt habe, ward er von
-zärtlichem Mitleiden ergriffen; er suchte sie zu trösten und zu
-beruhigen, indem er sich ihr näherte, um die Hand Lodoiska's zu
-ergreifen, über welche sie stets einen Handschuh trug. Allein sie
-errieth den Zweck seiner Bewegung, und trat erschrocken einen Schritt
-zurück.
-
-»Nein, nein, Alfred! Geben Sie Ihre Versuche auf, mich anderes Sinnes zu
-machen. Ich wiederhole Ihnen nochmals, daß ich nicht länger hier bleiben
-kann, und das Schloß mit dem morgenden Tage verlassen muß. Ich habe mein
-abgebranntes Haus wieder aufbauen lassen, und vorgestern die Nachricht
-erhalten, daß es zu meiner Aufnahme bereit ist. Fürchten Sie nun nicht
-mehr, daß ich Ihnen durch meinen Anblick lästig fallen werde.«
-
--- Ich kann die Ausführung Ihres Entschlusses nicht zugeben, Lodoiska.
-Warten Sie noch einige Zeit, ehe Sie uns verlassen; denn wie können Sie
-mitten im Winter in ein neu erbautes Haus einziehen? Wissen Sie nicht,
-wie schädlich die Feuchtigkeit der Mauern auf die Gesundheit wirkt? --
-
-»O, mir schadet sie nichts; denn in einer andern Wohnung fand ich eine
-weit größere Feuchtigkeit, und doch sehen Sie mich noch hier. Mein
-Entschluß ist unabänderlich, und Niemand wird mehr an mich denken, wenn
-ich mich entfernt habe.«
-
-Nach diesen Worten eilte Lodoiska auf ihr Licht zu, nahm es in die Höhe,
-und ging fort, ohne auf Alfred's wiederholte und dringende Bitten zu
-hören. Da er sie verschwunden sahe, kehrte er in sein Zimmer zurück, wo
-er die Nacht unter den peinlichsten Gedanken schlaflos zubrachte.
-
-
-
-
- Neunzehntes Kapitel.
-
-
-Zur Frühstückszeit erschien Lodoiska am folgenden Tage wie gewöhnlich.
-Ihre ruhige Haltung und die Gleichgültigkeit in ihren Blicken verriethen
-Helenen im Geringsten nicht, welchen Entschluß sie gefaßt habe, und
-selbst der Oberst wurde einigermaßen irre an ihr. Nach dem Frühstück
-setzte sie sich an ihren Stickrahmen, wie sie es immer gethan hatte, und
-arbeitete mit ungetheilter Aufmerksamkeit. Als der Oberst sich aber aus
-dem Zimmer entfernte, weil ein Bauer ihn einiger Geschäfte halber zu
-sprechen verlangte, stand Lodoiska auf, und ging zur Thür hinaus, als
-wenn sie sich bloß in ihr Zimmer begeben wollte. Da Helene wußte, wie
-sehr ihr oft die geringsten Fragen lästig waren, so fragte sie auch
-nicht nach der Ursache ihrer plötzlichen Entfernung, die überdieß nur
-auf einige Minuten zu geschehen schien.
-
-Eine Stunde ging vorüber, und die Fremde ließ sich noch nicht blicken.
-Der Oberst bemerkte bei seiner Rückkehr sogleich ihre Abwesenheit, und
-fragte seine Frau nach ihr.
-
-»Sie hat sich, kurz nachdem du das Zimmer verlassen hast, entfernt, und
-ich glaubte bloß, daß sie sich Wolle zum Sticken holen wollte; allein
-jetzt sehe ich ein, daß sie wohl eine andere Absicht haben mußte.«
-
-Der Oberst vermuthete sogleich die Wahrheit, suchte jedoch seine innere
-Bewegung zu verbergen, und stellte sich völlig gleichgültig. Bald darauf
-trat der neue Bediente ein, welcher Werners Stelle ersetzte, und übergab
-der Oberstin einen Brief von Lodoiska.
-
- »Ich muß mich, schrieb dieses unglückliche Mädchen, bei Ihnen
- über die Art entschuldigen, wie ich mich von ihnen trenne. Ich
- bin in meine frühere Wohnung zurückgekehrt, und bedaure, Ihnen so
- viel Last verursacht zu haben; aber die innigste Dankbarkeit
- erfüllt mich für Ihre mir erwiesene Güte. Warum darf ich Ihnen
- keinen Beweis von dieser Gesinnung geben! Ein schreckliches
- Schicksal zwingt mich, stets gegen meinen eigenen Willen zu
- handeln! Ich habe bei Ihnen die größte Zuvorkommenheit
- gefunden, und dennoch werde ich ... Verzeihen Sie meinen Wahnsinn
- .... Ich weiß selbst nicht, was ich will, aber ich traure
- darüber, daß ich weiß, was ich kann. Gern wäre ich in Ihrem
- Schlosse geblieben; aber dann hätte ich mich entschließen
- müssen, öfters einen Mann zu sehen, dessen Zuneigung zu mir mich
- zwingt, ihn zu meiden. Sie seiner Besuche zu berauben, wäre
- ungerecht gewesen, und es war also nothwendig, daß ich mich
- entfernte. Ich befinde mich jetzt wieder in meinem Hause, und
- habe meinen ganzen Geschmack für die ungestörteste Einsamkeit
- dahin zurückgebracht; diese werde ich nur dann auf einige
- Augenblicke verlassen, wenn ich Ihnen, ohne Furcht vor einem
- unangenehmen Zusammentreffen, persönlich Alles das versichern
- kann, was ich jetzt nur mit schwachen Worten ausdrücke.«
-
-Unter der Unterschrift, welche bloß aus dem Namen Lodoiska bestand,
-befanden sich noch einige Höflichkeitsformeln für den Obersten.
-
-»Wahrhaftig, sagte Helene, nachdem sie den Brief mit lauter Stimme
-vorgelesen, eine sonderbare Art uns zu verlassen. Und wie ist es
-möglich, daß sie mitten im Winter in ein neu erbautes Haus einziehen
-kann, bloß um einen Mann zu fliehen, den ein einziges Wort von ihr
-zurückgehalten haben würde! Wir wollen ihr aber sogleich ihre Sachen
-schicken, von denen sie ohne Zweifel nichts mitgenommen hat.«
-
-Der Oberst suchte eine Antwort hervorzubringen, welche gleichgültig sein
-sollte; zu seinem Glücke achtete aber Helene nicht auf ihn, sondern
-ging, um Lisetten zu klingeln, welche mit der Nachricht eintrat, daß
-zugleich mit dem Briefe auch ein Wagen angekommen sei, der die Sachen
-der Fremden abholen sollte. Dadurch fand der Oberst einen Vorwand, sich
-aus dem Zimmer zu entfernen, um Befehl zum Aufladen dieser Sachen zu
-geben, in der That aber, um wieder freien Athem zu schöpfen; und während
-sein Körper sich im Schlosse befand, irrten seine Gedanken in ungeheuren
-Räumen umher.
-
-Das plötzliche Verschwinden Lodoiska's aus dem Schlosse gab der
-Neugierde der Nachbarn neue Nahrung. Herr von Krauthof, der diesem
-schönen Frauenzimmer nicht gewogen war, verbreitete zuerst die
-boshaftesten Gerüchte über die Nothwendigkeit dieser schnellen
-Veränderung der Wohnung, und bald erzählte man sich allgemein in der
-Umgegend, daß die Eifersucht der Oberstin sie verursacht habe.
-Glücklicherweise kamen diese Gerüchte den betheiligten Personen nicht
-selbst zu Ohren; aber der Arzt erfuhr sie ebenfalls, und nahm sie nicht
-mit völliger Gleichgültigkeit auf. Er erinnerte sich einer Menge
-Umstände, die er in dem Augenblicke selbst nicht beachtet hatte, die ihm
-aber jetzt als ein Lichtstrahl zu sein schienen; doch hütete er sich,
-von seinen Entdeckungen irgend Jemanden etwas mitzutheilen, und zog es
-vor, sich mit dem Obersten selbst darüber freimüthig zu erklären, sobald
-er die Gelegenheit dazu finden würde.
-
-Zu dieser Zeit wurden Helenens Gesundheitsumstände immer bedenklicher.
-Vorzüglich empfand sie eine große Schwierigkeit, Athem zu holen; sie
-verlor ihre Kräfte, und verfiel allmählich in eine Abzehrung, die sie
-zum Grabe führen konnte.
-
-Wildenau, der wirklich ein Arzt von großen Verdiensten war, studirte mit
-der größten Genauigkeit alle Symptome dieser Krankheit, welche dieselbe
-zu sein schien, wodurch der kleine Wilhelm dem Leben entrissen worden
-war. Eine außerordentliche Abspannung und Schwäche, ein beständiges
-Bedürfniß zu essen, ein anhaltender Schweiß; alle Zeichen waren
-dieselben. Helene ward still und schwermüthig, ohne die Gefahr zu
-kennen, die ihr drohte; ihren Gatten schien sie mehr als je zu lieben,
-und dieser war weit entfernt, an ihren nahen Tod zu glauben.
-
-Seit der Flucht Lodoiska's bemerkte der Oberst mit Schrecken, daß dieses
-junge Mädchen immer mehr die Oberhand in seinem Herzen gewann, und aus
-Furcht vor den Folgen dieser zunehmenden Neigung hätte er vor sich
-selbst fliehen mögen. Bald war er froh darüber, daß Lodoiska sich aus
-dem Schlosse entfernt hatte, indem er sich schmeichelte, daß dadurch die
-Ruhe seines Lebens gesichert worden sei; bald seufzte er nach der
-Rückkehr der Fremden, und es schien ihm, daß das Schloß jetzt nichts als
-eine große Einöde sei. Oft ging er in das Zimmer, welches sie bewohnt
-hatte, und bildete sich ein, sie dort wiederzusehen; er setzte sich in
-ihren Lehnstuhl, oder auf ihr Bett, und wer ihm zugesehen hätte, würde
-geglaubt haben, daß er wahnsinnig geworden sei.
-
-Oefters führte ihn ein edles Gefühl zu seiner Pflicht zurück, und voller
-Scham über seine Schwäche, über den ihn entehrenden Wahnsinn, suchte er
-in Gesellschaft seiner Frau, seiner Tochter, reinere Gedanken zu
-sammeln. In diesen Augenblicken verschwand das Bild Lodoiska's
-allmählich aus seinem Herzen, und die tugendhafte Helene nahm alle ihre
-Rechte wieder ein; aber leider dauerten diese Augenblicke nicht lange:
-Lodoiska, mit dem mächtigen Reiz eines Gegenstandes, in dessen Besitz
-man noch nicht gewesen ist, kehrte siegreich in sein Herz zurück.
-
-Mehrere Tage vergingen, während der Oberst fast beständig unter diesen
-Kämpfen mit seinem Innern zubrachte, seine Gattin aber immer schwächer
-wurde. Sie war nicht im Stande, wie sie es wünschte, Lodoiska'n in ihrer
-neuen Wohnung einen Besuch abzustatten, und diese ließ sich vor
-Niemandem blicken. Sie begnügte sich damit, sich von Zeit zu Zeit durch
-einen Bauer nach dem Gesundheitszustande Helenens erkundigen zu lassen.
-
-Wildenau fand sich täglich im Schlosse ein, um der Oberstin seine ganze
-Kunst zu widmen. Er vervielfältigte seine Fragen, um die erste Ursache
-ihrer Krankheit kennen zu lernen, aber die Antworten, die er erhielt,
-waren weit entfernt, ihn zu befriedigen.
-
-»Ich erinnere mich durchaus keines Umstandes, sagte sie, der meinen
-jetzigen Zustand verursacht haben könnte, und Sie werden sehen, daß ich
-eben so wie mein Sohn, unter gleichen Umständen, sterben werde.«
-
--- Um Gottes willen! unterbrach sie der Arzt, glauben Sie so etwas
-nicht! Schon dieser Gedanke allein ist im Stande, Ihren Zustand zu
-verschlimmern, und überdieß sind Sie weit entfernt von der Krankheit
-ihres Kindes. --
-
-Helene erwiederte mit einem schwermüthigen Lächeln: »Ich weiß, daß man
-mich in dieser Hinsicht täuschen will; wenn ich alle meine Gedanken
-offenbaren wollte, so würde man mich für kindisch halten; allein ich bin
-überzeugt, daß ich mich nicht irre, und ich weiß am besten, welches
-Uebel mich peinigt.«
-
--- Diese Worte, erwiederte Wildenau, beweisen, daß Sie uns irgend Etwas
-verschweigen wollen. Aber das ist nicht gut, es könnte die
-gefährlichsten Folgen haben. Scheuen Sie sich nicht, uns Ihr Geheimniß
-zu entdecken, was es auch sei; Sie leiten mich dadurch vielleicht auf
-die richtige Spur, Ihnen Ihre Gesundheit wiederzugeben. --
-
-Helene weigerte sich lange hartnäckig, die Meinung, welche sie von ihrem
-Zustande hatte, zu entdecken, bis sich der Oberst mit dem Arzte
-vereinigte, und sie so dringend bat, daß sie endlich erklärte: sie wolle
-ihr Geheimniß ihrem Manne mittheilen, aber unter der ausdrücklichen
-Bedingung, daß dieser es gänzlich für sich behalten wolle. Dieß war zwar
-nicht das, was Wildenau wünschte, allein er mußte sich darein fügen, und
-entfernte sich augenblicklich, mit dem Versprechen, morgen
-wiederzukommen.
-
-Als Helene sich mit ihrem Manne allein befand, verbarg sie ihr Gesicht
-in ihren Händen, gleichsam aus Furcht, befragt zu werden. Auch Alfred
-fürchtete, sie zu fragen, weil er glaubte, daß seine Frau vielleicht von
-seinen früheren Verhältnissen zu Lodoiska Kenntniß erhalten habe, und
-daß der Kummer darüber die Ursache ihres langsamen Dahinschmachtens sei.
-Indessen mußte er sich doch endlich entschließen, das Wort zu nehmen,
-und er fragte daher Helenen, ob sie ihm nun ihr Geheimniß anvertrauen
-wolle.
-
-»Ach Alfred! wie kann ich mich entschließen, dir meine Gedanken
-mitzutheilen? Was wirst du von mir denken, wenn du erst meinen Wahnsinn
-kennst?«
-
--- Wie so, liebe Helene? Ich hoffe doch nicht, daß du an meiner Liebe zu
-dir zweifelst? --
-
-»Nein, Alfred, warum sollte ich dieß thun? Es ist keinesweges bei meinen
-Träumereien von ähnlichen Gegenständen die Rede, sondern ich werde von
-einer schrecklichen Erscheinung verfolgt ..... O, wie lächerlich werde
-ich dir vorkommen!«
-
--- Nein, nein, Helene! fürchte nichts, sagte der Oberst mit der
-äußersten Zufriedenheit, da er gewiß war, daß sie gegen ihn keinen
-Verdacht geschöpft habe. --
-
-»Nun wohlan! Sei es nun Schwäche, oder Aberglauben, oder irgend eine
-andere Ursache, genug, es scheint mir, als wenn ich alle Nächte von
-einem schrecklichen Ungeheuer verfolgt werde, das sich über mich
-hinlegt, mit seinem häßlichen stinkenden Munde den meinigen berührt, und
-mir so das Blut aus den Adern saugt. Kurz, ich werde von einem _Vampyre_
-gequält. Glaube es mir sicher, derselbe Dämon hat schon den Tod unseres
-Sohnes, so wie einer jungen Bäuerin aus dem Dorfe verursacht, obgleich
-bei der letztern auf eine plötzliche und gewaltsame Weise.«
-
--- Sprichst du wirklich im Ernst, Helene? Suchst du nicht vielleicht mit
-mir durch eine solche Entdeckung zu scherzen? --
-
-»Ich wußte es wohl, daß du über mich spotten würdest; allein dem sei,
-wie ihm wolle, ich habe die schreckliche Gewißheit von meinen
-nächtlichen Qualen. Es ist nicht eben ein bloßer Traum, der alle Nächte
-wiederkehrt; nein, der Schmerz, den ich empfinde, das Gewicht des
-Wesens, das mich fast erdrückt, entreißt mich meinem Schlafe. Aber eine
-höhere Macht hemmt alle meine Bewegungen, schließt mir die Augenlieder,
-und überwältigt meine Anstrengungen, mich von meinem Verfolger
-loszumachen. Vergebens suche ich zu schreien, die Töne ersterben in
-meiner Brust; ich fühle die auf mir liegende Last und das Verschwinden
-meines Blutes aus den Adern.«
-
--- Du setzest mich in Erstaunen, Helene, und ich weiß nicht mehr, was
-ich dir antworten soll. Fühlst du nicht, daß du bloß das Spiel einer
-traurigen Täuschung bist, die nur durch deine Krankheit verursacht wird,
-die sie verschlimmert, aber nicht hervorbringt? Ich will nicht
-versuchen, dir die Unmöglichkeit zu beweisen, daß ein solches Wesen, wie
-du es fürchtest, existiren kann; nie wird die Vorsehung erlauben, daß
-die Gesetze der Natur auf eine so schreckliche Weise verletzt werden.
-Aber du hast Zerstreuung nöthig; unser jetziger Aufenthalt taugt nicht
-mehr für uns, und mit dem morgenden Tage wollen wir nach Prag reisen, um
-dort deine völlige Genesung abzuwarten. --
-
-»Nein, Alfred, ich kann nicht einwilligen, dieses Schloß zu verlassen.
-Ich bitte dich, hier zu bleiben, weil eine allzutheure Ursache mich hier
-fesselt.«
-
--- Diese Ursache kann dir nur traurige Erinnerungen bringen. Wenn du
-willst, so wollen wir nach Dresden, deiner Vaterstadt, reisen, oder
-wohin du sonst wünschest. Aber der Anblick neuer Gegenstände muß dich
-diejenigen vergessen machen, die deine Schwermuth verursacht haben. --
-
-»Ich will mich nicht von hier entfernen, weil ich sonst nicht neben dem
-Grabe meines armen Wilhelm würde ruhen können.«
-
-Diese rührende Antwort, mit einem Strom von Thränen begleitet, drohte
-Alfreds Herz zu brechen. Er vermischte seine Thränen mit denen seiner
-Frau, aber gab dessenungeachtet ihren Wünschen nicht nach, sondern
-stellte ihr die wichtigsten Gründe vor, um sie zur Veränderung ihres
-Aufenthalts zu überreden. Nach vielen Bitten mußte sie endlich
-nachgeben, und sie ertheilte ihre Einwilligung zu einem vierzehntägigen
-Aufenthalte in Prag.
-
-
-
-
- Zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Als Helene am andern Morgen die Anstalten zur Abreise sahe, schien ihr
-Versprechen ihr wieder leid zu werden, und sie bat ihren Mann, seinen
-Entschluß aufzugeben. Allein ihre Bitten waren vergebens; der Oberst
-blieb fest bei seinem Willen. Vor der Abreise schrieb Helene noch einige
-Zeilen an Lodoiska, um sie zu benachrichtigen, daß sie auf vierzehn Tage
-mit ihrem Gatten und ihrer Tochter nach Prag reisen würde; zugleich
-sprach sie den Wunsch aus, wie angenehm es ihr sein würde, einen Besuch
-von ihr in dieser Stadt zu erhalten, weßhalb auch ein Zimmer für sie in
-der Wohnung, die man wählen würde, bereit gehalten werden sollte.
-
-Wildenau, der durch einen Boten herbeigeholt worden war, kam in dem
-Augenblicke an, wo die Familie sich in den Wagen setzen wollte. Kaum
-hatte der Oberst, ihn bei Seite nehmend, noch Zeit genug, ihm im
-Allgemeinen zu sagen, daß die Einbildungskraft seiner Frau durch
-schreckliche Vorstellungen angegriffen werde, weßhalb er es für nöthig
-gehalten habe, sie zu zerstreuen, und sie zu diesem Zwecke mitten in den
-Tumult einer großen Stadt zu führen. Der Arzt konnte diesen Plan nur
-billigen, und er versprach, die Familie in der Stadt öfters zu besuchen.
-
-Der Wagen, mit vier raschen Pferden bespannt, eilte pfeilschnell auf der
-Landstraße, die nach der Stadt führte, fort, und nach zwei Stunden
-befand sich die Familie bereits in Prag, im Gasthofe zum Kaiser. Sie
-trat hier so lange ab, bis gegen Abend der Oberst, welcher die ganze
-Stadt durchlaufen hatte, zurückkehrte, mit der Nachricht, eine sehr
-bequeme Wohnung, ganz wie er sie wünschte, gefunden zu haben. Noch in
-dieser Nacht schlief die Familie in ihrer neuen Behausung, wo der Oberst
-sein Bett in das Schlafzimmer seiner Frau hatte setzen lassen.
-
-»Du siehst nun, sagte er lächelnd zu ihr, was ich für Anstalten zu
-deiner Beschützung gemacht habe; ich bin hier mit Degen und Pistolen, um
-den Dämon mit Vortheil zu bekämpfen. Doch hoffe ich, nicht wirklich mit
-ihm ins Handgemenge zu gerathen, weil er uns wahrscheinlich nicht bis
-hierher folgen wird; denn die Gespenster und bösen Geister haben nur
-selten Erlaubniß in großen Städten umherzuwandeln; nur in den alten
-Schlössern vermögen sie zu spuken.«
-
-Es war Alles vergebens, Helenen aufzuheitern; sie blieb stets schweigend
-und tiefsinnig, denn das Uebel, von welchem sie befallen war, hatte
-schon zu große Fortschritte gemacht. Sie legte sich zeitig schlafen,
-während ihr Mann noch lange wachte; aber als auch er endlich das Bett
-suchte, erstaunte er über die außerordentliche Müdigkeit, die ihn
-befiel, und kaum hatte er sich niedergelegt, so schloß der Schlummer
-seine Augen. Mit anbrechendem Tage erwachte er wieder, und da er hörte,
-daß seine Frau sich im Bette umwendete, um eine andere Lage zu suchen,
-fragte er sie, wie sie die Nacht zugebracht habe?
-
-»Ganz so wie gewöhnlich, antwortete sie; meinen Aufenthalt habe ich
-verändert, aber meine Marter ist geblieben. Fahre immer fort zu lächeln;
-der Vampyr hat mich dessen ungeachtet nicht verlassen, ja er hat sich
-heute schrecklicher und blutgieriger als sonst gezeigt.«
-
-Diese Antwort war für Alfred äußerst niederschlagend; denn da er an die
-Wirklichkeit ihrer Träume nicht glauben konnte, so mußte er annehmen,
-daß wohl gar ihr Verstand angefangen habe zu leiden. Er beschloß daher,
-sie auf alle Weise zu zerstreuen, sie in Gesellschaften, in's Theater zu
-führen, und noch an demselben Morgen beredete er sie, sich mit ihm in
-den Wagen zu setzen, um in der Stadt umher zu fahren, und die
-Merkwürdigkeiten derselben zu besehen.
-
-Helene ward wider ihren Willen durch die Menge und Verschiedenheit der
-Dinge, die sie zu sehen bekam, belustigt, und schien beim Mittagessen,
-wo sie mit vielem Appetit aß, sich sehr wohl zu befinden. Der Oberst sah
-sogar auf ihren blassen Wangen einen Anschein von Farbe, und fühlte sich
-von neuer Hoffnung erfüllt. Ganz seiner Pflicht lebend, entfernte er
-jeden Gedanken von sich, der ihm verbrecherisch scheinen konnte, und
-suchte die Erinnerung an Lodoiska völlig aus seinem Herzen zu verbannen.
-
-Die Nacht kam heran. Um einen Versuch zu machen, ob seine Frau dadurch
-mehr ermuthigt werden könnte, bat er sie um Erlaubniß, sich neben ihr
-ins Bett zu legen, und Helene willigte ein. Er versprach ihr, so lange
-als möglich wach zu bleiben, um durch seine Gegenwart das gefürchtete
-Ungeheuer abzuhalten; aber er hatte sein Wort allzuverwegen gegeben. Es
-dauerte nicht lange, so befiel ihn der Schlaf mit solcher Gewalt, daß er
-vergebens dagegen kämpfte, und wider seinen Willen die Augen schloß.
-
-Als er wieder erwachte, fühlte er auf der Stelle seines Herzens einen
-lebhaften Schmerz, und als er mit der Hand dahin tastete, wurde derselbe
-noch stärker. Er wendete sich gegen die neben dem Bett stehende
-Nachtlampe, und sein Erstaunen übertraf jede Vorstellung, als er auf
-seiner Haut den Abdruck von fünf Fingern, in gelben und schwärzlichen
-Flecken, erblickte! Er urtheilte sogleich, daß Helenens Hand diesen
-Druck hervorgebracht habe, aber schloß auch daraus, daß sein Schlaf
-außerordentlich fest gewesen sein müsse, weil er nichts davon gefühlt
-hatte.
-
-Helene erwachte bald darauf ebenfalls; ihr Stillschweigen sagte
-hinreichend, daß ihr Zustand in dieser Nacht nicht besser gewesen sei,
-als sonst, und es war also dringender als je, ernstlich an ihrer
-Genesung zu arbeiten. Der Oberst fuhr heute wieder vor Tische mit
-Helenen spazieren, und benutzte diese Gelegenheit, zugleich dem
-berühmtesten Arzte in der Stadt seine Aufwartung zu machen. Er bat
-denselben dringend, Alles zur Herstellung seiner Frau anzuwenden, was
-der Arzt auch versprach; aber indem er diesen Trost gab, hatte er schon
-gesehen, daß Helenens Lebenskräfte auf dem Punkt waren, zu erlöschen.
-
-Am folgenden Morgen war die Oberstin so schwach, daß sie nicht im Stande
-war, das Zimmer zu verlassen; sie empfing den Besuch Wildenau's, der
-bloß nach Prag gekommen war, um einen Tag mit der Familie zu verleben;
-aber der erste Blick überzeugte ihn schon, daß die Kranke von einem
-Augenblicke zum andern in ein anderes Leben hinüberschlummern könne.
-
-Bald darauf trat sein geschickter Amtsbruder ein, und beide beobachteten
-nun lange Zeit die Symptome des Uebels, das mit so fürchterlicher
-Schnelle wuchs; ihr Urtheil fiel völlig gleich aus. Sie sahen, daß die
-Oberstin höchstens noch eine Woche lang leben konnte, und hielten es für
-angemessen, ihren Gatten von dem ihm bevorstehenden Verluste in Kenntniß
-zu setzen.
-
-Dieser unangenehme Auftrag mußte natürlich auf Wildenau fallen, weil
-derselbe mit dem Obersten schon länger in freundschaftlichen
-Verhältnissen stand; er bat ihn also einige Augenblicke mit ihm allein
-sein zu dürfen, und machte ihn nun mit der schrecklichen Wahrheit
-bekannt. Der Oberst überließ sich seinem aufrichtigen Schmerze; er
-wollte anfangs an der Wahrscheinlichkeit der ärztlichen Behauptung
-zweifeln, und auf dem Punkt, von seiner Gattin getrennt zu werden,
-fühlte er seine frühere Liebe zu ihr sich in ihrer ganzen Kraft erneuen.
-Es schien ihm grausam, Helenen von ihrem bevorstehenden Ende in Kenntniß
-zu setzen, und da er nicht wußte, wozu er sich entschließen sollte,
-kehrte er mit dem Arzte in Helenens Zimmer zurück, wo er sich dergestalt
-setzte, daß seine Frau ihn und seinen Kummer nicht sehen konnte.
-
-Die Oberstin fragte den Arzt mit schwacher Stimme, ob er Lodoiska
-gesehen, oder Nachricht von ihr habe?
-
-»Sie zu sehen, Frau Oberstin, antwortete Wildenau, ist unmöglich, denn
-sie kommt nie aus ihrem Hause, das beständig verschlossen ist. Können
-Sie wohl glauben, daß Herr von Krauthof den Muth gehabt hat, sich
-abermals bei ihr zu zeigen, ungeachtet der früher gemachten üblen
-Erfahrung?«
-
--- Er ist also bei seinem zweiten Versuche nicht glücklicher gewesen? --
-
-»Der Ausgang war ganz derselbe, wie das erste Mal, und er ist nun so
-entmuthigt, daß er geschworen hat, nie wieder einen Fuß in die Nähe des
-Hauses zu setzen.«
-
--- So sind wir doch glücklicher gewesen, fuhr Helene fort, denn sie hat
-sich öfters sehr artig nach uns erkundigt. Das sonderbare Wesen! Was
-führt sie bei ihrer Jugend und Schönheit für eine Lebensart! Dabei
-bleibt sie stets kalt und gleichgültig, und erscheint mehr als eine
-Maschine, deren Räderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, als wie ein
-menschliches Geschöpf. Indessen kann ich mir nicht erklären, welche
-Gewalt sie über mich erlangt hat. Seitdem wir von einander getrennt
-sind, vermisse ich sie beständig, und es scheint mir, als wenn ich sie
-in den letzten Stunden meines Lebens bei mir haben müßte; auch wünschte
-ich ihr nach meinem Tode die Aufsicht über meine Tochter anzuvertrauen.
---
-
-Diese mit schwacher Stimme ausgesprochenen Worte setzten die beiden
-Zuhörer in Schrecken. Der Oberst sprang heftig vom Stuhle auf, ergriff
-Helenens Hand, und stammelte einige Worte des Trostes und der Hoffnung.
-Wildenau, der mehr an dergleichen Szenen gewöhnt war, benutzte diese
-Gelegenheit, um die Oberstin aufzufordern, einen Geistlichen kommen zu
-lassen.
-
-»Sie thun sich großen Schaden, Frau Oberstin, sagte er, daß Sie sich mit
-so düsteren Gedanken quälen. Ich wünschte, daß Sie Zutrauen genug in
-mich setzten, um mir die Mittel zu erleichtern, Ihren Gesundheitszustand
-zu verbessern; da Sie mir dieß aber verweigern, warum fragen Sie nicht
-einen jener frommen Geistlichen um Rath, die gewohnt sind, an dem Bette
-der Leidenden Trost zu ertheilen? Vielleicht würde dieß Ihrem Zustande
-am zuträglichsten sein.«
-
-Ein schmerzliches Lächeln ging der Antwort Helenens vorher. »Sie kommen
-meinen Wünschen zuvor, sagte sie; ich war schon im Begriff, meinen Mann
-zu bitten, daß er einen Geistlichen kommen ließe. Zugleich komme ich
-aber auf meinen vorher erwähnten Wunsch zurück: ich sehne mich, die
-junge Fremde wiederzusehen, und sie einige Zeit bei mir zu haben.«
-
-Der Ton, womit dieser Wunsch ausgedrückt wurde, bewies, wie sehr Helene
-an dessen Erfüllung hing, und die beiden Zuhörer wurden davon
-überrascht, am meisten aber der Oberst, der die Gefahr fühlte, welche
-für ihn aus Lodoiska's Gegenwart entstehen mußte. Allein er wußte nicht,
-wie er diesem Wunsche seiner sterbenden Frau ausweichen sollte, und
-seine Verlegenheit hinderte ihn anfangs, eine Antwort zu geben. Helene,
-über sein Stillschweigen verwundert, fragte ihn daher, ob ihr Verlangen
-tadelnswürdig sei, und ob der Erfüllung desselben große Hindernisse
-entgegenständen?
-
-Diese Frage weckte den Obersten aus seinen Träumereien, und er
-antwortete, daß er sich nur deßhalb nicht gleich erklärt habe, weil er
-fürchtete, daß die seltsame Fremde die Bitte abschlagen würde. »Da du
-aber auf ihrer Gegenwart bestehst, fuhr er fort, so versuche, ihr einige
-Zeilen zu schreiben, denen ich meine Bitten noch hinzufügen werde, und
-unser Bediente soll augenblicklich mit unserm Wagen nach R**** fahren.
-Ich hoffe dann, daß er sie mitbringen wird.«
-
-Helene versuchte, den verlangten Brief zu schreiben, wozu sie fast eine
-Stunde gebrauchte. Der Oberst setzte dann folgende Worte hinzu:
-
- »Ja, Madame, wir bitten Sie um die gütige Erfüllung unserer
- Wünsche. Wie strenge auch Ihre früheren Entschlüsse sein
- mögen, Sie dürfen sich jetzt dem Verlangen meiner Frau nicht
- weigern, die Ihre Gegenwart so sehnlich wünscht. Kehren Sie
- daher in unsere Gesellschaft zurück, ich wiederhole Ihnen
- nochmals meine Bitte; geben Sie uns diesen Beweis Ihres
- Wohlwollens.«
-
-Während der Oberst schrieb, war Wildenau, der Prag genau kannte,
-fortgegangen, um einen Geistlichen herbeizuholen, der die Oberstin auf
-dem ihr noch übrigen kurzen Lebenswege geleiten und trösten möchte. Es
-gelang ihm, einen der würdigsten ausfindig zu machen, der ihm versprach,
-am folgenden Morgen sich einzufinden, worauf der Arzt zu seinen Freunden
-zurückkehrte. Da seine Geschäfte ihn auf das Land zurückriefen, so nahm
-er bald darauf von dem Obersten und dessen Frau den rührendsten
-Abschied.
-
-
-
-
- Ein und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Es war acht Uhr des Abends, als der Wagen, welcher um Mittag abgefahren
-war, vor dem Hause still hielt. Bei dem dadurch verursachten Geräusch
-erbebte der Oberst; er nahm rasch ein Licht, und eilte die Treppe hinab,
-weniger um der Fremden entgegenzugehen, wenn sie wirklich angekommen
-wäre, als um seine innere heftige Bewegung vor seiner Frau zu verbergen.
-
-Als er auf den Hausflur gelangte, sahe er eine weibliche Gestalt, in
-einen großen schwarzen Shawl verhüllt, ernsten, langsamen Schrittes auf
-sich zukommen, so daß er sich über ihren Anblick überrascht fühlte, als
-wenn er eine übernatürliche Erscheinung gesehen hätte. Aber wie sehr
-vermehrte sich seine Verwirrung, sobald er beim Scheine des Lichts die
-Leichenblässe auf Lodoiska's Gesichte wahrnahm. Sie schien ein Gespenst
-zu sein, so stier waren ihre Augen, so eingefallen ihre Wangen; man
-mußte glauben, daß sie dem Grabe hundert Mal näher sei, als die
-Oberstin, welche stündlich ihrem Ende entgegen sahe.
-
-Der Oberst, voll Entsetzen über diesen Anblick, konnte kein Wort
-hervorbringen, um die Forderungen, welche Höflichkeit und Anstand an ihn
-machten, zu erfüllen. Unbeweglich stand er da, und betrachtete die
-Zerstörungen, welche ein so kurzer Zeitraum in den Gesichtszügen
-Lodoiska's hervorgebracht hatte. Diese bemerkte sein Erstaunen, und mit
-einem wilden Lachen hob sie an:
-
-»Hier bin ich! Sie haben mich gerufen. Schmeicheln Sie sich aber nicht,
-mich nun wieder zur Entfernung zu zwingen, wenn Sie es wünschen werden.«
-
-Glücklicherweise wurden diese lebhaft ausgesprochenen Worte von
-Niemanden weiter gehört. Er erschrak über den Sinn derselben, suchte
-sich jedoch zu fassen, und antwortete ihr mit einem Anschein von
-Galanterie, wofür sie ihm einen fürchterlichen Blick zuwarf. --
-
-Als Beide in das Zimmer der Oberstin traten, brach diese beim Anblick
-der Fremden, die so krank zu sein schien, wie sie selbst, in Thränen
-aus, und reichte ihr freundschaftlich die Hand entgegen.
-
-»Ach, wie gut sind Sie, meine Bitte erfüllt zu haben! Aber Sie selbst
-scheinen der Hülfe eines Arztes zu bedürfen. Warum kamen Sie nicht
-früher nach der Stadt?«
-
--- Mein äußeres Ansehen, erwiederte die Fremde, setzt Sie in Irrthum.
-Meine Gesundheitsumstände sind dieselben, wie vor einem oder zwei
-Monaten, und es ist schwer, mich besser oder schlechter zu befinden.
-Wenn Ihnen meine Züge entstellt erscheinen, die Blässe meines Gesichts
-Sie erschreckt, so setzen Sie dieß auf Rechnung der Verwirrung, in die
-ich durch Ihren Brief und den darin enthaltenen Befehl gerathen bin. Sie
-wissen, wie nothwendig mir die Einsamkeit ist, und ich habe mich nur
-schwer ihr entreißen können; aber, wenn man mich auf eine gewisse Art
-bittet, so habe ich nicht das Recht, mich zu weigern. Sie wollen mich
-haben, und ich bin hier; glauben Sie, durch mich den nöthigen Beistand
-zu finden? --
-
-Diese eben nicht höfliche Rede machte einen unangenehmen Eindruck auf
-Helenen, die den wahren Sinn derselben nicht errathen konnte. Nach
-einigem Nachdenken fiel ihr indessen der seltsame Charakter der Fremden
-ein, und daß man bei ihr nichts beleidigend finden müsse, weil ihr
-Betragen ganz abweichend von allen übrigen Menschen war. Helene bedurfte
-der Gesellschaft, und hatte sich an Lodoiska gewöhnt; konnte sie sich
-also über deren Sonderbarkeit beklagen?
-
-Ungeachtet ihrer anscheinend übeln Laune liebkosete Lodoiska doch die
-kleine Julie, welche kam, um ihr gute Nacht zu wünschen. Sie nahm das
-Kind mit so vieler Zärtlichkeit in ihre Arme, daß sie sich dadurch die
-Gewogenheit der Mutter in einem Augenblicke wieder erwarb. Der Oberst
-stand dabei, in Träumereien versunken, unfähig ein Wort hervorzubringen;
-er wagte es nicht, weder seine Frau noch Lodoiska anzusehen, und die
-Zukunft stellte sich ihm in einem schauerlichen Dunkel dar.
-
-Am andern Morgen erklärte die Oberstin, daß sie heute eine
-schrecklichere Nacht als je gehabt habe. Dieß war auch leicht an dem
-matten und schmerzhaften Ausdrucke ihres abgemagerten Gesichts zu sehen;
-es war augenscheinlich, daß ihre Schwäche mit jeder Minute zunahm, und
-daß ihr Leben vielleicht bald entfliehen würde. Da der erwartete
-Geistliche sich noch immer nicht blicken ließ, obgleich es schon nach
-neun Uhr des Morgens war, so gerieth Helene darüber in Unruhe; bald
-darauf meldete indessen Lisette seine Ankunft an. Der Oberst ging ins
-Nebenzimmer, um ihn zu empfangen; aber Lodoiska stieß einen Schrei des
-Entsetzens aus, und floh eilig in das ihr angewiesene Zimmer.
-
-Die tröstende Ueberredungskraft des würdigen Geistlichen, der Helenen
-neben der Aussicht auf ein künftiges, besseres Leben auch die Hoffnung
-zu ihrer Genesung zeigte, machte einen so guten Eindruck auf sie, daß
-sie sich ruhiger fühlte, als der Prediger sie verließ; er versprach ihr,
-am Abend und, wenn sie es wünsche, auch am folgenden Morgen
-wiederzukommen.
-
-Nach seiner Entfernung kehrte der Oberst ins Zimmer seiner Frau zurück,
-wo auch bald darauf der Arzt erschien, welchen man in Prag angenommen
-hatte. Dieser fand sie nicht schwächer, als bei seinem letzten Besuche,
-und verschrieb ihr einen stärkenden Trank, wovon er sich die beste
-Wirkung versprach. Da der Oberst bemerkte, daß Lodoiska noch nicht
-wieder gegenwärtig war, begab er sich nach ihrem Zimmer, und klopfte
-leise an die Thür.
-
-»Wer ist da? sagte Lodoiska; was soll ich?«
-
--- Ich wollte Sie bitten, zu meiner Frau zurückzukehren. --
-
-»Ist sie allein? Ist er nicht mehr da, der furchtbare Mann, dessen
-Anblick ich nicht mehr ertragen kann?«
-
-Mit diesen Worten öffnete sie die Thür.
-
-»Aber von wem sprechen Sie denn?« fragte der Oberst.
-
--- Von wem ich spreche? Von dem Geistlichen! Seitdem ich mein Vaterland
-verlassen habe, ist es mir unmöglich, in der Gegenwart von seines
-Gleichen auszuhalten; denn ich bin auf ewig von ihnen geschieden. --
-
-Gerührt von dem Aberglauben dieser Unglücklichen, den er ihrem Versuche
-zuschrieb, sich das Leben zu nehmen, setzte der Oberst dieses Gespräch
-nicht fort, und sagte nur noch, daß kein Fremder im Zimmer sei.
-
-»Dann will ich Ihnen folgen, fuhr Lodoiska fort; aber versprechen Sie
-mir, Alfred, wenn Sie nicht Zeuge des schrecklichsten Auftritts sein
-wollen, mich vor jedem Zusammentreffen mit einem Geistlichen zu
-bewahren. Ach, dieß ist wahrlich das Geringste, was Sie für mich thun
-können!«
-
-Voller Mitleiden versprach der Oberst, was sie wünschte, und kehrte dann
-mit ihr zu Helenen zurück, die schon nach ihrem Anblick verlangte.
-
-»Der Arzt, sagte sie, hat mir so eben neue Hoffnung zu meiner Genesung
-gemacht, und ich würde mich selbst über meinen Zustand täuschen, so
-lange es Tag ist; aber die schreckliche Nacht ist die gewisse Ursache
-meines Todes. (Lodoiska bebte unwillkührlich zusammen). Ich weiß am
-besten, daß es mit meinem Leben bald zu Ende sein wird; vorher aber habe
-ich noch einige Bitten, deren Erfüllung allein mich mit Ruhe sterben
-lassen kann.«
-
--- Ach, theure Helene! rief der Oberst lebhaft, ohne sich durch
-Lodoiska's Gegenwart stören zu lassen; gieb dich doch nicht so schwarzen
-Gedanken hin. Du wirst noch lange zum Glück deiner Familie leben, und
-deine Wünsche selbst erfüllen können. --
-
-»Der eine meiner Wünsche, lieber Alfred, kann nicht durch mich selbst
-erfüllt werden, weil er mein Begräbniß betrifft. Ich will nach meinem
-Tode neben meinem Sohne, auf dem Kirchhofe zu R...., ruhen; jede andere
-Erde würde mir fremd sein, und nur dort soll man mich begraben.«
-
-Seufzer und aufrichtige Thränen verhinderten den Obersten, zu antworten;
-aber er drückte die Hand seiner Frau in die seinigen, und gab ihr durch
-dieses stumme Zeugniß die Versicherung, daß er sich in ihren Willen
-füge. Sie bestand also nicht weiter darauf, und wandte sich nun an
-Lodoiska, die leichenblaß und mit stierem Blicke schweigend da saß.
-
--- Was Sie betrifft, meine Freundin, fuhr die Oberstin fort, so bitte
-ich Sie, auf einige Zeit die Obhut über meine Tochter zu übernehmen. Sie
-haben sie bisher immer mit Zuneigung behandelt, und ich nehme daher die
-süße Ueberzeugung mit ins Grab, daß Sie ihr eine zweite Mutter sein
-werden, bis Ihre Angelegenheiten Sie aus dieser Gegend abrufen. --
-
-Lodoiska stieß bei diesen Worten ein lautes, unbeschreibliches
-Angstgeschrei aus. Ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, sank sie in
-den Lehnstuhl zurück, auf welchem sie saß, und schien einem lebhaften
-Schmerze zu erliegen, ohne eine Antwort ertheilen zu können. Auch der
-Oberst erstarrte, als er hörte, daß seine Frau ihrer heimlichen
-Nebenbuhlerin empfahl, ihre Stelle zu vertreten; und er wagte es nicht,
-Lodoiska'n zu Hülfe zu eilen, aus Furcht, seine Gefühle zu verrathen.
-
-Da die Fremde immer noch schwieg, so glaubte Helene, ihre Bitte
-wiederholen zu müssen. Jetzt stand Lodoiska schnell auf, richtete ihre
-dunkelflammenden Augen gen Himmel, und rief: »Du willst es, allmächtige
-Vorsehung! Wie könnte ich mich gegen deinen Willen sträuben! Ja, ich
-nehme es an, was du mir durch diese Unglückliche befiehlst; ja, ich will
-die Wärterin ihrer Tochter sein bis an ihren Tod!«
-
-Der bittere Ton, mit welchem Lodoiska diese Worte aussprach, war für die
-arme Helene gleichsam ein Dolchstoß in's Herz; doch wagte sie nicht,
-ihre Gefühle zu erkennen zu geben, und sagte nur: »Verlassen Sie
-wenigstens meine Tochter nicht eher, als bis Sie sie dem Gatten
-überliefern können, den ihr Vater für sie wählen wird.«
-
-Ein verächtliches Lächeln war der Fremden ganze Antwort, und bald darauf
-entfernte sie sich aus dem Zimmer.
-
-Fünf oder sechs Tage vergingen, während welcher Helene immer schwächer
-wurde. Vergebens verschwendete man an ihr alle Mittel der Arzneikunst:
-sie vermochten nichts gegen die fürchterliche, geheime Ursache, welche
-allmählich ihren Tod herbeiführte. Jede Nacht wachte der Oberst bei ihr
-in Gesellschaft einer an dergleichen Dienst gewöhnten Frau; aber durch
-ein seltsames Zusammentreffen verfielen Beide in jeder Nacht zu
-derselben Zeit in einen festen, todtenähnlichen Schlaf. Jeden Morgen
-beklagte sich Helene über ihre außerordentliche Erschöpfung, und im
-Geheimen bei ihrem Gatten über den unersättlichen Dämon, der ihr das
-Blut tropfenweis aussaugte. Alfred wußte am Ende hierauf nichts zu
-antworten, weil er glaubte, daß ihr Verstand immer mehr durch nächtliche
-Phantasien zerrüttet würde.
-
-Während dieser ganzen Zeit gab Lodoiska ihrem ehemaligen Liebhaber weder
-durch ein Wort noch durch einen Blick ihre geheimen Empfindungen zu
-erkennen; sie betrug sich gegen ihn, als wenn sie ihn nie gekannt hätte.
-Für Helenen zeigte sie jetzt während des Tages die größte Sorgfalt; aber
-mit Anbruch der Nacht begab sie sich in ihr Zimmer, das sie des Morgens
-erst spät wieder verließ.
-
-Wildenau, der Freund der Familie, kam von Zeit zu Zeit nach Prag; er
-belästigte die spröde Lodoiska durchaus nicht mit seinen Seufzern,
-sondern schenkte seine ganze Aufmerksamkeit der Krankheit Helenens,
-deren Tod er bei seinem Besuche in der nächsten Nacht vorhersagte.
-Wirklich wurde auch sein Urtheil bestätigt; denn mit dem Anbruch des
-Tages war der letzte Hauch ihres Lebens aus ihrem Körper entflohen.
-
-Wir versuchen es nicht, den Schmerz zu beschreiben, welchem der Oberst
-sich ergab; zu verschiedenen Malen mußte ihn Wildenau mit Gewalt von dem
-Leichname Helenens fortführen. Lodoiska ließ sich den ganzen Tag über
-nirgends blicken, so daß endlich der Arzt das Recht zu haben glaubte,
-sich gegen Abend nach ihrem Zimmer zu begeben, weil er fürchtete, daß
-auch sie der Hülfe bedürftig sein könnte. Nachdem er an die Thür
-geklopft hatte, erhielt er die Einladung einzutreten.
-
-Lodoiska, den Kopf auf einen Tisch gestützt, saß in ihrem Lehnstuhle,
-ganz in ihren schwarzen Schleier verhüllt. Sie hörte den Worten
-Wildenau's zu, ohne ihn anzusehen, und antwortete ihm mit schwachem,
-aber ruhigem Tone, daß sie keiner Hülfe bedürfe, daß sie aber nach dem
-Tode ihrer Freundin ihre Einsamkeit nicht verlassen wolle. Uebrigens
-würde sie ihr gegebenes Versprechen erfüllen, und sich daher morgen ganz
-allein nach dem Schlosse R.... begeben, wo sie die Ankunft des ihrer
-Obhut anvertrauten Kindes erwarte.
-
-Wildenau, der auf eine ganz andere Antwort gefaßt war, indem er glaubte,
-daß Lodoiska doch wenigstens dem Leichenbegängniß der Oberstin beiwohnen
-werde, behielt seine Gedanken hierüber bei sich, und fragte nur, ob man
-ihr einen Wagen zur Reise bestellen solle?
-
-»Ich danke Ihnen, erwiederte Lodoiska, immer noch ohne ihn anzusehen;
-ich selbst habe schon deßhalb die nöthigen Maßregeln getroffen. Ich
-werde ganz früh abreisen, weil es mir unmöglich ist, dem traurigen
-Leichenbegängniß beizuwohnen.«
-
-Sie schwieg. Ihre fortwährende Unbeweglichkeit veranlaßte endlich den
-Arzt, sich voll Verwunderung über die Seltsamkeit dieser jungen Person
-zu entfernen. Er benachrichtigte den Obersten von ihrem Entschlusse, und
-dieser war insgeheim entzückt, daß Lodoiska ihn durch ihre Gegenwart
-nicht in der vollkommenen Erfüllung seiner Pflichten stören würde. Am
-folgenden Tage brachte man den Leichnam Helenens nach dem Schlosse
-R...., wo diese unglückliche Mutter neben dem Grabe ihres Sohnes ihre
-Ruhestätte fand.
-
-
-
-
- Zwei und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Ein Monat war verflossen, und Lodoiska beobachtete immer noch im
-Schlosse die völlige Zurückgezogenheit, wie sie es schon früher gewohnt
-gewesen war, als sie sich in ihrem Hause im Walde aufhielt. Ihr Zimmer
-war jedem Andern als ihrer Bedienung unzugänglich, und nur Julie hatte
-darin Zutritt, obgleich dieses Kind weit lieber im Garten unter
-Lisettens Aufsicht umherlief.
-
-Der Oberst, welcher anfangs den Augenblick gefürchtet hatte, wo er nach
-dem Tode seiner Gattin zum ersten Male wieder mit seiner ehemaligen
-Geliebten zusammentreffen würde, fing jetzt nach und nach an, sich über
-Lodoiska's hartnäckige Einsamkeit insgeheim zu ärgern, und jemehr sie
-ihn zu vermeiden schien, desto ungeduldiger wurde er am Ende, sie zu
-sehen. Doch wagte er noch nicht, seinen Wunsch laut werden zu lassen; er
-verlebte seine Tage traurig und einförmig, theils sich mit Lesen
-beschäftigend, theils Wald und Feld in der Umgegend durchstreichend.
-
-Wildenau, der Arzt, war ebenfalls ungeduldig, daß er die Fremde nicht
-mehr zu sehen bekam, und nahm sich nun fest vor, sich freimüthig mit dem
-Obersten zu erklären, dessen Empfindungen für den Gegenstand seiner
-Zärtlichkeit er schon seit längerer Zeit in Verdacht hatte. Er wollte
-sich von den Verhältnissen beider zu einander genau überzeugen, um
-danach sein Betragen für die Zukunft einzurichten. Aber verschiedene
-Male ward er durch besondere Umstände von der Ausführung seines
-Entschlusses abgehalten, indem er theils nicht nach dem Schlosse kommen
-konnte, wenn er es sich vorgenommen hatte, theils daselbst mit
-besuchenden Nachbarn zusammentraf, in deren Gegenwart er die
-beabsichtigte Unterredung mit dem Obersten nicht anfangen konnte.
-
-Lobenthal, ohne diesen Entschluß des Arztes zu ahnen, fand sich dennoch
-in dem Umgange mit seinem Freunde nicht mehr so ungezwungen, seitdem
-sein Verhältniß zu Lodoiska durch den Tod seiner Gattin verändert worden
-war. Wildenau war nun sein Nebenbuhler -- -- was er selbst sich nur
-erröthend gestanden haben würde; und dennoch beschäftigte sich sein Herz
-wider seinen Willen mit diesem Gedanken. Sehr häufig floh ihn der Schlaf
-bis spät in die Nacht hinein, und wenn die übrigen Bewohner des
-Schlosses schon längst sich der süßen Ruhe überlassen hatten, war Alfred
-noch in seinem Zimmer wach, wo er durch Lesen seine mancherlei ihn
-peinigenden Gedanken zu verscheuchen suchte. Aber dieses Mittel blieb
-gewöhnlich vergeblich; Lodoiska's Bild, das Andenken an Helenen zogen
-seine Aufmerksamkeit von dem Buche ab, und maschinenmäßig überflogen
-seine Augen die Buchstaben, ohne ihren Sinn zu erfassen.
-
-In einer Nacht, als der Oberst sich unruhiger fühlte als je, wollte er
-durch Auf- und Niedergehen in dem großen Saale des Schlosses seinen
-Unmuth zu verscheuchen suchen; er nahm daher sein Licht, und ging mit
-demselben durch mehrere Zimmer, bis er in den erwähnten Saal gelangte.
-Hier setzte er das Licht auf das Gesimse eines alterthümlichen Kamins,
-und bei dem schwachen Scheine, der nicht im Stande war, den weiten Raum
-zu erleuchten, ging er mit großen Schritten durch die wenig geminderte
-Finsterniß.
-
-Ungefähr seit einer Viertelstunde setzte er diese Bewegung fort, als er
-die Flügelthür, welche nach der Haupttreppe des Schlosses führte,
-knarren hörte .... der Oberst stand still .... die Thür öffnete sich,
-und Lodoiska trat herein ..... Kaum konnte er sie erkennen, so sehr
-verschwand sie durch die Einhüllung in ihren schwarzen Shawl in der
-Finsterniß, die das Licht nicht verscheuchen konnte; doch bemerkte er
-bei dem schwachen Schimmer desto besser die Leichenblässe ihres
-Gesichts. Sie schien kein menschliches Wesen zu sein, und gleich einer
-überirdischen Erscheinung durch den dunkeln Raum einherzuschweben; ja
-die Einbildungskraft Alfred's stellte sie ihm auf einen Augenblick
-beflügelt und von Blute triefend vor; aber dieser Anblick ging mit der
-Schnelligkeit des Blitzes vorüber, obgleich der Oberst darüber fast
-erstarrte. Lodoiska, ohne das geringste Erstaunen über den Anblick ihres
-Geliebten zu zeigen, den sie sogleich erkannte, stand still, und stützte
-sich auf einen alten Lehnstuhl, als wenn sie sich von einer langen
-Anstrengung einen Augenblick lang hätte erholen wollen.
-
-Jetzt näherte sich Alfred, obgleich nicht ohne heftige innere Bewegung,
-der jungen Fremden.
-
-»Endlich, sagte er, sehe ich Sie wieder, und zwar an demselben Orte, und
-in derselben Stunde, wo Sie mir vor einiger Zeit Ihre Entfernung von
-hier ankündigten. Wie seltsam ist dieses Zusammentreffen! Ich mußte es
-also dem bloßen Zufalle verdanken?«
-
--- Es ist möglich, antwortete Lodoiska mit ihrem gewöhnlichen
-schwermüthigen Tone, daß in Absicht auf Sie der Zufall hier sein Spiel
-treibt; was aber mich betrifft, da ich in jeder Nacht mich in diesem
-Saale zu erholen pflege, so sehe ich in diesem Zusammentreffen nur
-Etwas, das auf jeden Fall früher oder später Statt finden mußte. --
-
-»Wie! Lodoiska, in jeder Nacht, sagen Sie, kommen Sie hier her? Welchen
-Reiz kann dieser weite und verfallene Saal für Sie haben, wo man nur
-unangenehmen Vorstellungen ausgesetzt ist, sobald das Licht des Tages
-nicht mehr leuchtet?«
-
--- Ich mache mir wenig aus dem Glanz der Sonne oder aus dem
-schauerlichen Anblick der Finsterniß. Ich lache über Alles, was Andere
-meines Geschlechts in Furcht setzt; ich verspotte das Schrecklichste,
-und durch ein trauriges Schicksal gefalle ich mir am besten in der Mitte
-des Fürchterlichsten und Verabscheuungswürdigsten für alle übrige
-Menschen. --
-
-»Ach, werden Sie denn nie Ihre Gesinnungen ändern? Werden Sie nie zu
-fröhlichen Vorstellungen zurückkehren? Die Vergangenheit, deren Andenken
-anfangs so peinlich ist, verliert durch die Länge der Zeit den
-unangenehmen Eindruck auf uns, ja öfters verwandelt der Lauf der Dinge
-das heftigste Leid in Freude. Sollte Ihr Herz dieser Wirkungen nicht
-empfänglich sein?«
-
--- Nein! sie gleiten eindruckslos an mir vorüber. Sie sprechen von der
-Vergangenheit; ich kenne sie nicht mehr; für mich ist die Gegenwart
-Alles, da ich weder rückwärts noch vorwärts gehen kann. Ich bin nur an
-_einen_ festen Punkt gebannt, und die Hoffnung, welche selbst der
-Elendeste der Menschen noch in seinem Herzen nährt, sie ist mir völlig
-fremd. Was wollen Sie dagegen thun, Alfred? Sie selbst haben Lodoiska's
-Schicksal bestimmt; wundern Sie sich also nicht, wenn es unveränderlich
-bleibt. --
-
-»Je mehr ich Sie reden höre, grausame Freundin, desto mehr zerreißen mir
-Ihre unerklärbaren Worte das Herz. Was ist es für eine grenzenlose
-Verzweiflung, der Sie sich überlassen? Sind Sie die Einzige, die nicht
-mehr auf die Zukunft hoffen darf? Ach, kehren Sie zu sich selbst zurück,
-überzeugen Sie sich, daß Ihre Lage sich noch ändern kann; das Glück wird
-Ihnen nicht stets entgegen sein.«
-
--- Kann es machen, Alfred, erwiederte Lodoiska lebhaft, daß Ihr
-Versprechen wieder aus dem Grabe ersteht, wo ich es auf ewig verborgen
-habe? --
-
-»Mein Versprechen, sagen Sie?«
-
--- Ja, Ihr Versprechen, das Sie mit Ihrem Blute unterzeichneten, und das
-Sie unwiderruflich an mich fesselt. --
-
-»Ist dieß der Augenblick, mich daran zu erinnern? Und wie auch meine
-geheimen Empfindungen sein mögen, sehen Sie nicht, daß ich Trauerkleider
-trage? Denken Sie nicht an die schmerzliche Begebenheit, die vor Kurzem
-Statt fand?«
-
--- Ich weiß, daß Sie, obgleich Sie behaupten, nichts als mein Glück zu
-wünschen, noch nie angestanden haben, meinem Herzen eine neue Wunde zu
-schlagen. Ich weiß, daß Sie mich schändlich betrogen haben; dieß ist der
-einzige Umstand aus der Vergangenheit, dessen ich mich noch erinnere,
-der Sie vernichten muß, und über den Sie auf ewig seufzen werden! --
-
-»Ich wünschte, Sie wieder zu sehen, Lodoiska; aber ich wußte nicht
-vorher, daß dieß nur geschehen würde, um Ihre Vorwürfe anzuhören. Wie
-ungerecht sind Sie, und wie wenig kennen Sie mich!«
-
-Ein Strahl von Freude glänzte in den Augen der Fremden, und ihre Lippen
-verschlangen einige Worte, die sie auszusprechen im Begriff war. Es
-folgte ein Augenblick des Schweigens, der nicht ohne Süßigkeit für sie
-war, und schon erschien eine gewisse Heiterkeit auf ihrer Stirn, die
-seit langer Zeit davon verscheucht gewesen war, als ein bitterer Gedanke
-Alles wieder zerstörte. Lodoiska's Blick wurde wilder, und sie legte
-ihre Hand auf ihr Herz, gleichsam um dessen schmerzliches Klopfen zu
-unterdrücken.
-
-»Auch ich wünschte Sie wiederzusehen, Alfred, sagte sie, weil es mir
-schien, als wenn Sie noch derselbe sein könnten, wie früher; aber ich
-besitze jetzt keinen von den Reizen mehr, die Sie vormals entzückten.«
-
--- Ich liebte damals die vortrefflichen Eigenschaften Ihres Herzens eben
-so sehr, als Ihre Reize. Die Zeit konnte Ihnen einen kleinen Theil der
-letzteren rauben; aber vermochte sie etwas gegen die inneren Vorzüge
-Ihrer Seele? --
-
-»Ich kann Ihnen nichts darauf antworten, Alfred. Unsere Unterhaltung,
-die uns nur Kummer verursacht, hat schon viel zu lange gedauert. Leben
-Sie wohl, ich muß mich entfernen. Erwarten Sie, was die Vorsehung
-entscheiden wird. Ach, wie schrecklich ist das Schicksal, womit mich ihr
-Zorn belastet hat!«
-
--- Ja, lassen wir die Zeit ruhig verstreichen; wir werden uns einst
-wieder vereinigen, und dann .... --
-
-»Und dann gehen wir beide gerade dem Grabe zu, das uns als Hochzeitbett
-dienen wird!«
-
--- Welche schreckliche Vorhersagung! Lodoiska, wie können Sie so grausam
-sein? Sehen Sie denn nichts als einen Sarg in der Zukunft? --
-
-Lodoiska antwortete nicht, sondern entfernte sich mit größter Eile. Als
-sie sich auf der Treppe befand, ließ sie ein lautes Gelächter
-erschallen, welches einen so schrecklichen Eindruck auf den Obersten
-machte, daß er wie erstarrt dastand, und das Hohngelächter eines
-höllischen Wesens gehört zu haben glaubte.
-
-»Armes Mädchen, sagte er endlich, dein Unglück hat dich eines Theils
-deiner Verstandeskräfte beraubt und deinen liebenswürdigen Charakter
-völlig entartet. Aber dennoch bleibt sie immer höchst interessant, und
-vielleicht kehrt sie zu andern Vorstellungen zurück, wenn die Ursache
-ihres Unglücks aufgehört hat.«
-
-Während er diese Worte ziemlich lebhaft und laut aussprach, glaubte er
-hinter sich einen tiefen Seufzer zu hören. Er drehte sich schnell um,
-und erblickte nun in dem finsteren Theile des Saales eine weiße Gestalt,
-die ein Kind an der Hand führte, und mit ihm aus dem Saale in das
-anstoßende Zimmer ging. Ungeachtet seines Muthes erbebte der Oberst bei
-diesem Anblicke. Seine Einbildungskraft gab der Gestalt Gesichtszüge,
-die ihm ein theures Andenken hervorriefen. Anfangs wußte er nicht, was
-er thun sollte; dann aber ergriff er das Licht, und folgte den
-Erscheinungen in's anstoßende Zimmer. Er fand es einsam und leer; nur
-seine eigenen Schritte unterbrachen das tiefe Schweigen der Nacht ....
-und doch hatte er mit eigenen Augen gesehen. Von Angst gefoltert und mit
-großen Schweißtropfen bedeckt, kehrte er endlich in sein Schlafzimmer
-zurück.
-
-
-
-
- Drei und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Der Oberst fand in dieser Nacht keine Ruhe. In angstvollen Gedanken
-versunken ging er mit heftigen Schritten auf und nieder, bis endlich die
-Morgenröthe anbrach, und mit ihr die Ruhe in seine stürmisch bewegten
-Adern zurückkehrte.
-
-Die kleine Julie pflegte jeden Morgen in das Zimmer ihres Vaters zu
-kommen, um ihm einen Kuß zu bringen; auch heute erschien sie zur
-gewöhnlichen Zeit, aber ihre sonst immer lachende Physiognomie war
-traurig, und man bemerkte eine auffallende Blässe in ihren
-Gesichtszügen.
-
-»Bist du krank, mein Kind?« fragte ihr Vater sie beunruhigt.
-
--- Nein, lieber Vater; aber ich habe schlecht geschlafen.
-
-»Wer hat dich denn daran verhindert? Lisette sagt ja, daß du sonst ganz
-vortrefflich schläfst.«
-
--- O, lieber Vater, ich wollte es dir wohl sagen, wenn es mir Lisette
-nicht verboten hätte. --
-
-»So muß ich wohl alle weitere Fragen einstellen? Dennoch bin ich sehr
-neugierig, die Ursache deiner Schlaflosigkeit zu wissen; sie muß sehr
-böse sein, da du plötzlich deine frische Gesichtsfarbe dadurch verloren
-hast.«
-
--- Weinst du auch nicht, Väterchen, wenn ich dir die Wahrheit sage? --
-
-»Ich hoffe so viel Gewalt über mich zu besitzen, daß ich meine ersten
-Gefühle überwinde, wenn deine Erzählung traurig ist.« Der Oberst sagte
-dieß, sich zum Lächeln zwingend, obgleich eine böse Ahnung sein Inneres
-schon mit Schrecken erfüllte.
-
--- Nun, so will ich dir Alles erzählen. Wilhelm und meine gute Mutter
-haben mich heute Nacht besucht. Sie blieben fast die ganze Nacht zu
-beiden Seiten meines Bettes sitzen, um, wie sie sagten, mich gegen den
-Dämon zu vertheidigen, der ihnen den Tod gegeben hat, und der sich auch
-an meinem Blute sättigen will. Anfangs fürchtete ich mich sehr, ward
-aber nachher vollkommen beruhigt. Wilhelm sahe so glücklich und selig
-aus! Meine Mutter blickte mich mit so großer Zärtlichkeit an! Sie haben
-mir versprochen, mich nicht mehr aus den Augen zu verlieren, und mit
-Anbruch des Morgens verließen sie mich erst, indem sie versicherten, daß
-ich bei Tage nichts zu fürchten hätte. Sie sprachen mit mir von vielen
-Dingen; aber glaubst du wohl, lieber Vater, daß sie dich mit keiner
-Silbe erwähnten? Ich sagte ihnen, wie sehr du über ihren Verlust
-weintest; aber sie schüttelten den Kopf, und lächelten, ohne mir zu
-antworten. --
-
-Das Kind hätte noch lange in seiner Erzählung fortfahren können, ohne
-daß sein Vater daran dachte, es zu unterbrechen. Stumm vor Verwirrung,
-durch Schrecken und Verzweiflung im Innersten seines Herzens ergriffen,
-saß er unbeweglich in seinem Lehnstuhle da. Die unbegreifliche
-Uebereinstimmung zwischen dem, was er selbst gesehen hatte und was seine
-Tochter ihm jetzt erzählte, versetzte ihn in einen Wirrwarr von
-Gedanken, aus welchem er sich nicht wieder herausfinden konnte. Zum
-ersten Male unterlag er einem abergläubischen Schrecken. Indessen stand
-Julie noch immer vor ihm, seine Antwort erwartend, und er brach endlich
-das Stillschweigen, indem er mit bewegter Stimme ihr für die Mittheilung
-der nächtlichen Scene dankte.
-
-»Du mußt, sagte er, diesen Traum als eine Wohlthat Gottes betrachten. Er
-hat dich dadurch belehren wollen, daß deine Mutter und dein Bruder vom
-Himmel herab dich vor dem Dämon beschützen werden, das heißt, vor der
-Sünde; dieß ist der Sinn der Worte, die du gehört hast.«
-
--- O, lieber Vater, ich schlief nicht, als sie in mein Zimmer kamen. Von
-der Sünde haben sie mir nichts gesagt, sondern bloß von einem
-abscheulichen Wesen, das uns alle verderben will, und das sie einen
-_Vampyr_ nannten. Ich weiß recht gut, was dieß ist; denn der arme Werner
-hat uns von diesen bösen Geistern erzählt. Ich habe noch jedes Wort
-behalten, denn die Vampyre ... --
-
-»Mein Kind, ich kenne ihre Geschichte besser als du; aber man hätte sie
-dir ersparen sollen, weil dadurch deine Einbildungskraft erhitzt wurde,
-und dieß vielleicht die Ursache deines Traumes ist. Glaube mir, Julchen,
-vergiß ihn gänzlich; denn man würde dich auslachen, wenn du davon
-erzähltest; man würde dich für ein kleines furchtsames Mädchen halten,
-oder dich wohl gar der Lüge beschuldigen, wenn du behauptest, nicht
-geschlafen zu haben. Was mich betrifft, so zweifle ich nicht an deiner
-Wahrheitsliebe; du glaubtest wirklich zu sehen, was doch nur Täuschung
-war; vor allen Dingen aber bitte ich, gegen Lodoiska darüber das tiefste
-Stillschweigen zu beobachten.«
-
--- O, sei unbesorgt, lieber Vater, ich weiß es schon, daß ich ihr nichts
-davon sagen darf. Wilhelm hat es mir sehr dringend anempfohlen; denn er
-behauptet, sie sei meine ärgste Todfeindin. --
-
-Dieser neue Schlag verwundete den Obersten mitten im Herzen. Er sprang
-heftig auf und entließ seine Tochter, um sich wieder zu sammeln.
-Unerklärlich war es ihm, wie so viel Seltsames so genau übereinstimmen,
-wie es möglich sei, daß ein Traum eines Kindes so viel Wahres enthalten
-könne. Ach, er selbst hatte die Erfahrung gemacht, daß eine Stiefmutter
-fast immer die Feindin der Kinder ist, die sie nicht selbst geboren hat.
-Sein eigener Vater hatte sich zum zweiten Male verheirathet, und seine
-ganze Jugend wurde deßhalb durch täglichen Zank, ungerechte
-Beschuldigungen, und Versuche, ihn mit seinem Vater zu entzweien oder
-ihm den größten Theil seines Vermögens zu entziehen, vergiftet. Zum
-ersten Male dachte er jetzt an das Unrecht, was er seiner Tochter
-zufügen würde, wenn er sich jemals wieder vermählte, und die väterliche
-Zärtlichkeit erhob einen neuen Kampf in seinem Herzen.
-
-Nicht ohne das größte Erstaunen sahe er zur Frühstückszeit Lodoiska in's
-Speisezimmer treten. Sie schien zeigen zu wollen, daß sie jetzt völlig
-zufrieden sei, aber dennoch blickte ein tiefer Verdruß durch ihre
-verstellte Freude. Die kleine Julie sahe sie mit dem finsteren Ausdruck
-des heftigsten Zornes an, aber nur, wenn Alfred's Blicke nicht auf sie
-gerichtet waren. Sie scherzte über ihre lange Zurückgezogenheit, und
-sagte, daß sie von nun an ihren Schmerz zwar nicht vergessen, aber doch
-zerstreuen wolle. Sie ließ ihren Verstand mit so vielem Vortheile
-glänzen, und betrug sich so liebenswürdig, daß der Oberst, anfangs auf
-seiner Hut, dennoch bald dem Einflusse nachgab, den sie über ihn ausüben
-wollte. Die Vergangenheit stellte sich gänzlich in den Hintergrund.
-Alfred sah in Lodoiska nur das Mädchen seiner ersten heftigsten Liebe,
-und sein Entzücken stieg auf's Höchste, als sie ihre Harfe nahm, und
-durch ihre hinreißende Stimme ihn gleichsam aus den Grenzen des
-irdischen Daseins hinauszauberte.
-
-In diesem Augenblicke war Wildenau, den man übrigens gar nicht
-erwartete, im Schlosse angekommen. Voll Erstaunen, harmonische Töne an
-einem Orte zu hören, wo die äußern Zeichen der Trauer noch nicht
-verschwunden waren, stand er in dem Vorzimmer still, und ein der offenen
-Thür gegenüberhängender Spiegel zeigte ihm, was vorging. Der Arzt kam in
-der Absicht, sich mit dem Obersten in Betreff Lodoiska's eine Erklärung
-zu verschaffen; was er aber jetzt sahe, überhob ihn jeder weiteren
-Unterhaltung über diesen Gegenstand. Das Entzücken des Obersten, die
-Blicke Lodoiska's, die so leicht zu erkennende Uebereinstimmung zweier
-gleichfühlenden Herzen, Alles gab ihm den Beweis, daß beide schon durch
-eine frühere Liebe vereinigt gewesen. Bei diesem Gedanken entstand der
-fürchterlichste Verdacht in seinem Herzen; doch unterdrückte er ihn
-wieder voller Scham vor sich selbst. An der Rechtschaffenheit des
-Obersten konnte er nicht zweifeln; aber die finstere, wilde Lodoiska
-flößte ihm nicht ein gleiches Vertrauen ein, und mancherlei Geheimnisse
-erklärten sich ihm jetzt so deutlich, daß er davor schauderte.
-
-Lodoiska hörte jetzt auf zu singen, und nun hielt es Wildenau für
-passend, sich zu zeigen. Seine Gegenwart schien der Fremden höchst
-ungelegen zu sein, daher sie bald darauf die Gesellschaft verließ, und
-der Oberst, dadurch gewissermaßen dem Arzte Preis gegeben, fühlte sich
-in großer Verlegenheit, so daß er sogleich wünschte, ein neuer Besuch
-möchte ihm zu Hülfe kommen. Aber es geschah nicht, und der Arzt, der
-seinen Zustand sehr genau beobachtete, fühlte Mitleiden mit ihm, so daß
-er seiner Verwirrung ein Ende machen wollte, und ohne weitere Umschweife
-seinen Angriff begann:
-
-»Sie sind ein Mann von Ehre, Herr Oberst, und ich glaube einiges Recht
-auf Ihre Achtung zu haben. Haben Sie daher die Güte, mir nur eine
-einzige Frage zu beantworten; sie enthält nichts Feindseliges, sondern
-soll nur dazu dienen, mein künftiges Betragen zu bestimmen. Haben Sie
-die schöne Fremde schon gekannt, ehe sie zum ersten Male in dieser
-Gegend erschien?«
-
--- Herr Doktor, antwortete der Oberst sehr bewegt, wenn jeder Andere
-mich so fragte, so würde ich gegen ihn ein vollkommenes Stillschweigen
-beobachten. Aber ich weiß, wie sehr ich mich gegen Sie vergangen habe,
-und ich kann mein Unrecht nur durch meine Aufrichtigkeit wieder gut
-machen. Lodoiska war das erste weibliche Wesen, das mir Liebe einflößte.
-Ich befand mich damals in ihrem Vaterlande; ich konnte über ihre Tugend
-nicht siegen, und dennoch vergaß ich sie, nachdem ich ihr das
-feierlichste Versprechen gegeben hatte, sie zur Gattin zu nehmen. Aber
-sie leistete nicht auf mich Verzicht, sondern hat mich bis hierher nach
-Deutschland verfolgt; so lange indessen meine unglückliche Frau gelebt
-hat, ermuthigte ich ihre Leidenschaft auf keine Weise. Dieß, schwöre ich
-Ihnen, ist reine Wahrheit. --
-
-»Es ist genug, Herr Oberst, mehr verlange ich nicht; nur hätten Sie
-vielleicht mit diesem Geständniß gegen mich nicht so lange zögern
-sollen.«
-
--- Konnte ich anders? Ist das Geheimniß anderer Menschen auch das
-unsrige, und konnte ich daher das Geheimniß Lodoiska's wider ihren
-Willen entdecken? Jetzt habe ich es nur für Sie allein entschleiert, und
-ich hoffe, Sie werden es Niemanden anvertrauen. --
-
-»Leben Sie wohl, Herr Oberst; möchten Sie glücklich sein! Möge die
-Zukunft Sie die Vergangenheit nicht vermissen lassen.«
-
-Nach diesen Worten entfernte sich Wildenau, ungeachtet der dringenden
-Bitten des Obersten, zum Mittagsessen da zu bleiben.
-
-»Nein! sagte er; erlauben Sie, daß ich mich entferne; denn ich darf
-durch meine Gegenwart der Fremden keine unangenehmen Empfindungen
-verursachen. Sie würde in meiner Gesellschaft nur verlegen, ich aber
-keinesweges bei ihr in guter Laune sein. Nochmals, leben Sie wohl!
-Empfangen Sie meine aufrichtigsten Wünsche für Ihr Glück.«
-
-Diese Worte des Arztes waren ohne Zweifel sehr natürlich und der Sache
-völlig angemessen; aber dennoch glaubte der Oberst darin eine Art von
-Vorwurf zu erblicken, der ihn in Unmuth setzte. Er unterdrückte ihn
-indessen, indem er das vermeintliche Bittere in dem Betragen seines
-Freundes auf Rechnung seiner verschmäheten Liebe verzeihen zu müssen
-glaubte.
-
-Mehrere Wochen vergingen nach dieser Unterhaltung, und Lobenthal, der
-sich immer mehr seiner Neigung hingab, machte die jungfräuliche Lodoiska
-zum zweiten Male zur Gebieterin seines Herzens. Diese schien bald
-überaus glücklich zu sein, bald sich wieder ihrer wilden Schwermuth zu
-überlassen; je mehr Gewalt sie über ihren alten Liebhaber erhielt, desto
-mehr überließ sie sich den eigensinnigsten Launen. Vorzüglich zeigte sie
-eine außerordentliche Abneigung gegen die kleine Julie, so daß schon ihr
-bloßer Anblick ihr einen geheimen Unmuth verursachte, den sie vergebens
-zu verbergen oder zu unterdrücken suchte. Dem Obersten konnte dieser Haß
-nicht lange unbekannt bleiben, und er machte ihr darüber sein Erstaunen,
-selbst sein Mißvergnügen bemerklich.
-
-»Ach Alfred, antwortete die Fremde, ich mache mir selbst mehr Vorwürfe
-darüber, als du dir vorstellen kannst; ich fühle, wie ungerecht mein Haß
-gegen dieses liebenswürdige Geschöpf ist; aber kann man den Empfindungen
-seines Herzens befehlen? Ich will allein in dem deinigen herrschen, und
-Alles, was dich an eine Andere erinnert, ist mir daher unerträglich. Mit
-der Zeit werde ich ohne Zweifel vernünftiger werden, aber jetzt kann ich
-den Sieg über mich selbst noch nicht erringen. Indem ich dich mehr liebe
-als je, habe ich alle menschliche Schwachheiten wieder angenommen. Habe
-Mitleiden mit mir und mit meinem Kummer, der mich schon seit so langer
-Zeit, seitdem du mich verlassen, gequält hat.«
-
-Diese Worte und die dazu reichlich vergossenen Thränen beruhigten den
-Obersten; er glaubte den Augen der Gebieterin seines Herzens einen
-Gegenstand unwillkührlichen Widerwillens entziehen zu müssen, und ohne
-Lodoiska vorher davon zu benachrichtigen, fuhr er eines Morgens mit
-Julien nach Prag, wo er sie in eine der besten Erziehungsanstalten that.
-
-Die unerklärbare Lodoiska zeigte den größten Kummer, als sie Juliens
-Abreise erfuhr. »Wenn Sie Ihre Tochter aus dem Hause schaffen, sagte sie
-zum Obersten, so zwingen Sie mich dadurch, mich ebenfalls daraus zu
-entfernen. Ihretwegen allein war ich hier: sie ist fort, unter welchem
-Titel kann ich nun noch hier verweilen?«
-
--- Unter dem Titel, der mir der theuerste sein würde, liebe Lodoiska,
-erwiederte Alfred voller Zärtlichkeit, und den ich Ihnen schon angeboten
-hätte, wenn der äußere Anstand mich nicht abhielte. Es hat der Vorsehung
-gefallen, die früheren Hindernisse unserer Vereinigung hinwegzuräumen;
-werden Sie mir jetzt abschlagen, was Sie früher vielleicht glücklich
-gemacht hätte? --
-
-Lodoiska mußte ohne Zweifel schon lange auf eine solche Erklärung gefaßt
-sein; aber dennoch stand sie wie erstarrt, als Lobenthal so zu ihr
-sprach. Ihr Inneres ward von verschiedenen Empfindungen bewegt, und sie
-fühlte zu gleicher Zeit die höchste Glückseligkeit und die tiefste
-Verzweiflung. Sie sahe den entscheidenden Augenblick sich nähern; sie
-wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüben oblag; sie hätte eigentlich
-nichts als Rache in ihrem Busen tragen sollen; aber die Alles besiegende
-Liebe hatte auch sie unterjocht. Durch ihre Sinne gehörte sie noch der
-Erde an, und sie kämpfte daher hartnäckig, obgleich vergebens, gegen die
-höhere Macht, die ihre Handlungen gebieterisch leitete. Endlich faßte
-sie sich, und rief:
-
-»Nein, Alfred, nein! Reden Sie mir nicht mehr von einer Feierlichkeit,
-an welcher ehemals meine ganze Glückseligkeit hing! Kann ich Ihnen jetzt
-noch angehören, da ich mir selbst nicht mehr angehöre? Und habe ich
-Ihnen nicht schon gesagt, daß ich durch einen fürchterlichen Fluch von
-den Tempeln und Dienern des Herrn entfernt bin? Sie lieben mich, sagen
-Sie? Wohl, so geben Sie mir den Beweis davon, indem Sie mich nicht
-länger mit ihren Wünschen bestürmen.«
-
--- Grausame! hören Sie doch endlich auf, sich und mich durch nichtige
-Truggestalten Ihrer Einbildungskraft zu quälen. Zwar ist schon der
-Versuch zum Selbstmorde ohne Zweifel vor dem Angesichte Gottes ein
-Verbrechen; aber es giebt ja keine Sünde, welche nicht durch die Reue
-getilgt wird, und warum sollten Sie allein mit so unerbittlicher Strenge
-verfolgt werden? --
-
-»Armer Sterblicher! Sie wissen nicht, was Sie wünschen! Wenn nun der
-Augenblick, wo Sie unsere Glückseligkeit zu befestigen glauben, gerade
-der unserer ewigen Trennung würde? Hier können wir noch beisammen
-bleiben .... aber dort unten (fuhr sie mit leiser Stimme fort) gehen wir
-beide unseren eigenen Gang. Und was würde der Geistliche sagen, dem ich
-mich zur Trauung vorstellen wollte!«
-
--- Kann er allwissend sein? Kann er hier von dem Vergehen wissen, zu
-welchem Ihre Liebe Sie in Ihrem entfernten Vaterlande trieb? --
-
-»Alfred! Gott zeichnete die Stirn des Brudermörders Kain mit einem
-fürchterlichen Zeichen; auch ich trage ein solches auf der meinigen;
-obgleich Sie es nicht sehen, so würde es doch der Geistliche sogleich
-erblicken.«
-
--- Armes Mädchen! Wie sehr muß ich Sie beklagen! So weit können die
-Vorurtheile Ihrer Erziehung Sie irre führen! Doch ich will für jetzt
-nicht weiter in Sie dringen, und ich hoffe, daß Sie später meinen
-Wünschen nachgeben werden. --
-
-Ein schwermüthiges Lächeln, ein leichtes Kopfschütteln waren die ganze
-Antwort der Fremden; Alfred schien nicht darauf zu achten, er hoffte
-Alles von der Zeit und von der Macht seiner Zärtlichkeit.
-
-
-
-
- Vier und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Mehrere Monate vergingen, ehe der Oberst weitere Schritte zur Erreichung
-seiner Wünsche that, bis er endlich beschloß, Lodoiska'n durch
-Ueberraschung dahin zu vermögen, daß sie seine Gattin würde. Ohne ihr
-also das Geringste zu sagen, besprach er sich mit dem Pfarrer darüber,
-und vertraute ihm freimüthig alle Umstände an, welche seiner Braut eine
-so große Furcht vor dem Anblick eines Geistlichen verursachten. Der
-Pfarrer war ein vernünftiger Mann, und bedachte, daß er sich leicht von
-der strenge vorgeschriebenen Ordnung ein wenig entfernen könne, wenn
-dadurch ein unangenehmer Auftritt vermieden würde. Er versprach also, um
-Mitternacht, in Gegenwart dreier Zeugen, in der Schloßkapelle, die Ehe
-des Obersten mit Lodoiska einzusegnen.
-
-Zufrieden, so weit mit seinen Vorbereitungen gekommen zu sein, sandte er
-eiligst seinen Bedienten nach der Stadt, um sogleich einen Notarius
-nebst einigen Zeugen mitzubringen. Hierauf begab er sich zu seiner
-Geliebten, und sagte ihr, daß er den heutigen Abend dazu festgesetzt
-habe, vorläufig einen Ehevertrag mit ihr abzuschließen, und daß schon
-alle nöthigen Anstalten dazu getroffen seien.
-
-Eine plötzliche Röthe überflog bei dieser unvermutheten Ankündigung die
-Wangen der schönen Fremden; zu gleicher Zeit verbreitete sich aber auch
-in ihren Augen eine düstere Traurigkeit; sie zitterte am ganzen Körper,
-und war gezwungen, sich an dem neben ihr stehenden Tische zu stützen.
-
-»Schon heute, Alfred? sagte sie; warum eilen Sie so? Können Sie es nicht
-länger mit ansehen, daß unser Glück noch einige Zeit dauert?«
-
--- Zerstören wir es denn, wenn wir es auf immer an uns fesseln? Kann
-unsere Vereinigung dadurch an ihrer Süßigkeit verlieren, wenn sie
-unauflöslich wird? --
-
-»Sie glauben es, weil Sie nur an die Gegenwart denken, und nicht an die
-Zukunft.«
-
--- O gewiß denke ich an die Zukunft, und male sie mir mit den
-freundlichsten Farben aus. Aber warum wollen Sie noch immer bei Ihrer
-Schwermuth beharren? Was führte Sie denn anders hierher, als die
-Hoffnung, sich mit mir zu vereinigen? Forderten Sie nicht meine Person
-als Ihr Eigenthum zurück, und jetzt, da ich Ihre Rechte anerkenne,
-wollen Sie mich von sich stoßen? --
-
-»Daß Sie mir angehören, kann mir nicht bestritten werden, denn Ihr mit
-Ihrem Blut geschriebenes Versprechen ist mir ein sichreres Unterpfand,
-als alle diese Ceremonien, die mir gleichgültig sind. Aber ich bin
-zufrieden, Sie nur zu sehen, und ich fürchte den Augenblick, der mir ein
-schreckliches Recht über Sie geben wird. Ach, Alfred, glaube mir, ändere
-deinen Entschluß, denn du ahnest nicht, welches Unglück dir bevorsteht,
-wenn du dich unwiderruflich an mich fesselst.«
-
-Nach diesen Worten eilte sie pfeilschnell aus dem Zimmer, und begab sich
-in das ihrige, wo der Oberst sie nicht zu stören wagte. Er erstaunte
-über ihre Rede, schob aber Alles auf ihre abergläubische Furcht vor der
-Gegenwart eines Geistlichen, und beharrte bei seinem Entschlusse, diese
-Furcht mit Gewalt zu überwinden. Zu Zeugen bei der Trauung hatte er
-seinen Bedienten und den Verwalter der zum Schlosse gehörigen Ländereien
-gewählt, weil ihm beide zu jeder Zeit zu Gebote standen; unmittelbar
-nach dieser Ceremonie wollte er sich mit seiner neuen Gemahlin in einen
-Wagen setzen, und sich erst nach Prag, dann aber nach Berlin begeben, um
-daselbst seinen festen Wohnsitz wieder aufzuschlagen. Der Aufenthalt im
-Schlosse R.... schien ihm jetzt unerträglich zu sein, weil er in ihm zu
-traurige Erinnerungen hervorrief.
-
-Endlich wurde es Abend. Lodoiska, die noch immer in ihrem Zimmer blieb,
-äußerte den Wunsch, dasselbe nicht eher, als bis im letzten Augenblick
-zu verlassen. Während dieser Zeit irrte der Oberst in der größten Unruhe
-hier und dort umher, und fand nirgends seines Bleibens. Es hatte sich
-ein fürchterlicher Sturmwind erhoben, der bis in das Innere des
-Schlosses drang, und durch sein Pfeifen bald die Klagen eines Leidenden,
-bald ein höllisches Gelächter nachzuahmen schien. Er setzte die
-Fensterscheiben in Bewegung, daß sie klirrten, erschütterte selbst die
-inneren Thüren in ihren Angeln; kurz, die Wuth dieses Sturmes war so
-groß, daß der Oberst sich eines unwillkührlichen Schreckens nicht
-erwehren konnte.
-
-Bei seinem Umherirren im Schlosse kam Lobenthal auch zufällig in die
-Nähe der Gesindestube, wo die Knechte und Mägde von der Meierei beim
-Abendessen versammelt waren. Sie sprachen unter einander von dem
-Befehle, den er gegeben hatte, den Reisewagen um Mitternacht fertig zu
-halten, und suchten die Absicht dieser plötzlichen Reise zu errathen.
-
-»Ich wundere mich gar nicht darüber, sagte einer der Knechte; denn wir
-wissen ja schon seit langer Zeit, daß der Oberst keine ruhigen Nächte
-haben kann, und es muß ihm daher angenehmer sein, um diese Zeit zu
-reisen, als in seinem Bette den schrecklichen Besuch abzuwarten, den er
-dort empfängt.«
-
--- Was sagst du da, Peter? rief eins der Mädchen mit einer Stimme, die
-schon ihr Entsetzen bezeichnete; von was für Besuchen sprichst du denn?
---
-
-»Nun, von den Besuchen, die ihm die verstorbene Oberstin alle Nächte
-abstattet! Der Schulze, der Küster und auch die alte Mutter Rieben, die
-eben kein Geheimniß daraus macht, haben es ja schon öfters gesehen, wie
-unsere verstorbene gnädige Frau aus ihrem Grabe emporsteigt, ihren
-kleinen Sohn beim Namen ruft, der dann ebenfalls aufsteht, und mit ihm
-nach dem Schlosse geht.«
-
-»Das ist eine abscheuliche Lüge,« sagte Johann, der Bediente des
-Obersten, der in einer großen Stadt erzogen war, und daher weniger
-Aberglauben besaß.
-
--- Nun, sei nur nicht böse, Johann, es könnte dir Schaden thun,
-erwiderte Peter. Auch du wirst noch zu sehen bekommen, was Andere schon
-gesehen haben, und es scheint mir, als wenn das Wunder heute Nacht noch
-etwas früher als sonst geschehen werde. Als ich vom Felde hereinkam,
-begegnete ich der alten Mutter Rieben. »Höre, Peter, sagte sie zu mir,
-du gehst nach dem Schlosse; aber bete vorher ein Vaterunser, wenn du mir
-glauben willst; denn es werden sich heute dort seltsame Dinge zutragen.
-Die nächtlichen Geister haben sich heute früher als sonst aus ihren
-Gräbern erhoben, woran wahrscheinlich der wüthende Sturmwind Schuld ist,
-der sie gerufen hat, und ich habe sie so eben vorbeigehen sehen.«
-
-Als der Oberst diese außerordentliche Erzählung mit anhörte, schauderte
-er unwillkührlich, und um nicht noch mehr zu erfahren, entfernte er sich
-mit langsamen Schritten, und stieg die Treppe hinauf. Eben befand er
-sich an der Thür des großen Saales, als er hinter sich ein Geräusch
-hörte. Er stand still und blickte sich um .... zwei weiße Gestalten
-schwebten schnell bei ihm vorüber und verloren sich dann in der
-Finsterniß. Er glaubte, sie zu erkennen .... seine Kniee wankten unter
-ihm; es war ihm unmöglich, seines Schreckens Herr zu werden, und an
-einen Wandpfeiler hinsinkend, blieb er lange Zeit in einem fast
-sinnlosen Zustande.
-
-Mehrere Stimmen, die er unten an der Treppe hörte, weckten ihn aus
-seiner Betäubung. Er raffte sich schnell empor, und sahe nun den
-Notarius und dessen Zeugen, die von seinem Bedienten mit einem Lichte
-begleitet, die Treppe heraufkamen. Kaum hatte er noch so viel Zeit, sich
-einigermaßen wieder zu sammeln. Die erste Frage, die der Notarius an ihn
-that, war nach seinem Gesundheitszustande, so sehr zerstört sahen seine
-Gesichtszüge noch aus. Der Oberst antwortete ihm ausweichend, und führte
-ihn in das Gesellschaftszimmer, wo er ihn auf einige Augenblicke
-verließ, um Lodoiska'n seine Ankunft anzukündigen.
-
-Lodoiska fuhr zusammen, als sie ihn eintreten sahe, und erbebte, sobald
-er sich erklärt hatte. Sie warf einen Blick auf ihn, in welchem sich so
-viel verschiedene Empfindungen malten, daß es unmöglich gewesen wäre,
-sie zu beschreiben. Ihre Trauerkleidung hatte sie abgelegt; ein weißes,
-einfaches Gewand umhüllte ihren prächtigen Wuchs; ein Halsband von
-Perlen und ein Kranz in ihrem Haar war der ganze Schmuck, den sie sich
-erlaubt hatte.
-
-Der Oberst mußte seine Bitte mehrere Male wiederholen, ehe sie sich
-entschloß, ihm zu folgen; man sahe, wie gern sie den Augenblick noch
-verzögern wollte, den er so sehnlich herbeiwünschte. Endlich schien sie
-alle ihre Kräfte zusammenzunehmen, erhob ihre Arme und Augen gen Himmel,
-und schien ihn als Zeugen anzurufen, daß sie gezwungen würde, oder ihn
-um Gnade zu bitten, die sie gleichwohl nicht zu erhalten hoffte.
-
-Beim Eintritt in das Gesellschaftszimmer und beim Anblick des Notarius
-und der Zeugen gerieth Lodoiska einigermaßen in Verwirrung; doch erholte
-sie sich bald wieder, und antwortete mit Bescheidenheit auf die
-Komplimente, die der Notarius an sie richtete. Sein Geschäft war bald
-abgemacht, worauf er sich wieder entfernte, ungeachtet der Oberst ihn
-dringend bat, bis zum andern Tage auf dem Schlosse zu bleiben.
-
-Unterdessen beschäftigte sich Johann, der Bediente des Obersten, mit den
-nöthigen Vorbereitungen zu der feierlichen Ceremonie, die nun noch Statt
-finden sollte. Er hatte den Auftrag, den Pfarrer in die Schloßkapelle zu
-führen, den Verwalter herbeizuholen, und sich dann zu dem Obersten zu
-verfügen, unter dem Vorwande, seine etwanigen Befehle zu vernehmen, ehe
-er sich niederlegte, in der That aber, um ihm durch seine Gegenwart
-anzukündigen, daß Alles bereit sei.
-
-Lodoiska, die nun mit Alfred allein geblieben war, zeigte immer noch die
-größte Unruhe. Ihr Busen wogte mit Ungestüm, ihre Blicke irrten unstät
-umher, und jedes Mal, wenn ihr Bräutigam sich ihr näherte, ergriff sie
-ein krampfartiges Zittern, und sie streckte die Hände vor sich hin,
-gleichsam um ihn von sich abzuhalten. Alfred bemerkte den
-außerordentlichen Kampf, der in ihrem Innern vorging, und versuchte sie
-zu beruhigen; aber vergebens. Sie sprach nichts, als unzusammenhängende
-Worte, welche bald die Heftigkeit ihrer Liebe ausdrückten, bald eine
-schauerliche Zukunft vorhersagten; sie riefen den Himmel um Mitleiden an
-gegen die bevorstehenden Qualen der Hölle.
-
-Es schlug zwölf Uhr, und Johann erschien im Zimmer. Bei seinem Anblick
-wandte sich der Oberst an Lodoiska:
-
-»Nur noch ein wenig Muth, Geliebte, sagte er; in einigen Augenblicken
-wird Alles vorbei sein. Folge mir jetzt; in Zeit von einer Stunde sitzen
-wir schon im Wagen; vorher haben wir aber noch eine Pflicht zu erfüllen,
-und wir müssen uns jetzt in ein anderes Zimmer begeben.«
-
--- Giebt es einen Ort, antwortete Lodoiska mit dumpfem Tone, wo ich Ruhe
-finden kann, wo ich von der rachsüchtigen Frau nicht verfolgt werde? --
-
-»Von welcher Frau?« fragte Alfred lebhaft.
-
--- Wissen Sie es denn nicht? Haben Sie sie denn nicht gesehen, wie sie
-mit ihrem Kinde umherstreicht? Es ist nicht meine Schuld, wenn sie nicht
-ihrer drei sind; warum hat sie mich verhindert, mein Geschäft gänzlich
-zu vollenden! --
-
-»Lodoiska, ich beschwöre Sie bei meiner Liebe, erholen Sie sich; Sie
-machen mich zum unglücklichsten aller Männer. Was fehlt Ihnen? Was
-wollen Sie?«
-
--- Ich habe Durst, großen Durst! --
-
-»Er ist ja leicht zu befriedigen.«
-
--- Oh, nicht so leicht! Blut muß ich haben! Blut! und zwar das deinige,
-Alfred! --
-
-»Ach, Unglückliche, wie kann Ihr Verstand Sie so gänzlich verlassen!
-Beruhigen Sie sich; vergessen Sie, was geschehen ist, und bedenken Sie,
-daß wir für einander bestimmt sind.«
-
--- Ja, ja! im kühlen Grabe, wo ich schon einmal geruht habe. --
-
-»Ich höre nicht weiter auf Sie; kommen Sie jetzt, um das Letzte zu
-erfüllen.«
-
-Mit diesen Worten schlang er seinen Arm um Lodoiska, und zog sie schnell
-zur Kapelle hin, während sie ein lautes Geschrei ausstieß, das sich in
-das Heulen des Sturmwindes mischte.
-
-»Alfred! mein Alfred! so bald willst du sterben? .... Ja, ja, du gehörst
-mir an, und mein schreckliches Geschäft wird nun erfüllt werden!«
-
-Unter so unerklärbaren Ausrufungen der halb bewußtlosen Lodoiska
-gelangte der Oberst endlich in die Kapelle, sie mehr tragend als
-führend. Ein fürchterliches Angstgeschrei war die erste Wirkung, die der
-Anblick des erleuchteten Altars und des Geistlichen auf sie machte.
-
-»O, grausames Schicksal! rief sie aus; so ist es denn wahr, daß du
-erfüllt werden mußt?«
-
-Fast mit Gewalt zog Alfred sie bis vor den Altar. Jetzt leistete sie
-keinen Widerstand mehr, sondern schluchzte nur und zerfloß in Thränen;
-dann schienen ihre Gesichtszüge sich zu verzerren, und der Kreislauf
-ihres Blutes sich zu hemmen. Nur an einem dünnen Faden schien das Leben
-Lodoiska's noch zu hängen, während der Pfarrer die Trauungsceremonie
-anfing. Jetzt sollten die Ringe gewechselt werden; aber Lodoiska's Hand
-war mit dem Handschuh versehen, dessen wir schon mehrmals erwähnten.
-Voll heftiger Ungeduld riß der Oberst diesen Handschuh herunter, ehe es
-Lodoiska verhindern konnte .... und die Abscheu erregenden knöchernen
-Gebeine eines Skelets fielen ihm und dem erstaunten Geistlichen in die
-Augen! --
-
-Ein Schrei des Entsetzens entfuhr allen Zeugen dieses schrecklichen
-Schauspiels. Lodoiska fiel leblos auf den Fußboden nieder, und aus drei
-geöffneten Wunden quoll ein unreines, stinkendes Blut hervor. --
-
-Am dritten Tage ward der Leichnam der Fremden zur Erde bestattet. Aber
-mit den ersten Strahlen des Mondes, die ihr Grab beschienen, erhob sie
-sich abermals aus ihrer Ruhestätte, und .... am andern Morgen fand man
-den Obersten todt in seinem Bette ..... An drei verschiedenen Orten
-waren ihm die Adern geöffnet, und in seinem ganzen Körper war auch kein
-Blutstropfen mehr vorhanden, der von seinem ehemaligen Dasein zeugte. --
-
- Ende.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet.
-
-Die variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales
-wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler
-wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 71]:
- ... könnnen Sie so sprechen! Sie, ein Feind des ...
- ... können Sie so sprechen! Sie, ein Feind des ...
-
- [S. 88]:
- ... »Von allem Diesen ist durchaus nicht ...
- ... »Von allem Diesem ist durchaus nicht ...
-
- [S. 101]:
- ... Obersten ein solches Beben zn verursachen, ...
- ... Obersten ein solches Beben zu verursachen, ...
-
- [S. 122]:
- ... und diese ließ sich vor Niemanden ...
- ... und diese ließ sich vor Niemandem ...
-
- [S. 138]:
- ... »Sie zu sehen, Frau Oberstin, antworwortete ...
- ... »Sie zu sehen, Frau Oberstin, antwortete ...
-
- [S. 139]:
- ... Ruderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, ...
- ... Räderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, ...
-
- [S. 176]:
- ... dich vor dem Dämon beschützen werden, der ...
- ... dich vor dem Dämon beschützen werden, das ...
-
- [S. 183]:
- ... ich nicht; nur hätten sie vielleicht mit ...
- ... ich nicht; nur hätten Sie vielleicht mit ...
-
- [S. 188]:
- ... sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüden ...
- ... sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüben ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut.
-Zweiter Theil., by Theodor Hildebrand
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ZWEITER THEIL ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil, by Theodor Hildebrand</title>
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-
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-</head>
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter
-Theil., by Theodor Hildebrand
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil.
- Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen
-
-Author: Theodor Hildebrand
-
-Release Date: April 8, 2016 [EBook #51695]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ZWEITER THEIL ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter">
-<h1 class="title">
-<span class="line1">Der</span><br />
-<span class="line2">Vampyr,</span><br />
-<span class="line3">oder:</span><br />
-<span class="line4">Die Todtenbraut.</span>
-</h1>
-
-<p class="subt">
-<span class="line1">Ein Roman</span><br />
-<span class="line2">nach neugriechischen Volkssagen.</span>
-</p>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Von</span><br />
-<span class="line2">Theodor Hildebrand.</span>
-</p>
-
-<p class="vol">
-Zweiter Theil.
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Leipzig, 1828.</span><br />
-<span class="line2">bei Christian Ernst Kollmann.</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="tit">
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-<span class="line1">Der</span><br />
-<span class="line2">Vampyr,</span><br />
-<span class="line3">oder:</span><br />
-<span class="line4">Die Todtenbraut.</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-Dreizehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Knall der beiden Pistolenschüsse hallte
-durch das ganze Schloß wider, und verbreitete
-darin sogleich einen unbeschreiblichen
-Schrecken. Die Knechte auf der Meierei,
-von denen einige im Schlosse schliefen, waren
-nicht zu Bett gegangen, weil sie am andern
-Morgen Getraide nach Prag fahren
-sollten, und mit den dazu nöthigen Vorbereitungen
-beschäftigt waren. Sie verbreiteten
-sich schnell durch mehrere Zimmer, während
-eines der Mädchen die Hausthür öffnete
-und aus der Nachbarschaft Hülfe herbeirief.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-Die Oberstin, welche vor Mattigkeit eingeschlafen
-war, fuhr schon bei dem ersten Pistolenschusse
-empor, hielt ihn aber für ein
-gewöhnliches Geräusch, das ihr nur im Traume
-stärker vorgekommen sei. Als jedoch bald
-darauf der zweite Schuß erschallte, glaubte
-sie, daß Räuber im Schlosse wären, und daß
-der brave Werner im Kampfe mit ihnen begriffen
-sei. Nach diesem ersten Gedanken
-war der zweite ihr Sohn. Sie hatte so viel
-Muth, schnell aufzustehen, und ohne ihre eigene
-Gefahr zu beachten, eilte sie in das
-Zimmer, wo der Gegenstand ihrer zärtlichen
-Sorgfalt ruhte.
-</p>
-
-<p>
-Welches schreckliche Schauspiel bot sich
-ihren Augen dar, als sie, beim Schein des
-Mondes und einer spärlich brennenden Nachtlampe,
-zwei blutende Körper auf dem Fußboden
-ausgestreckt sahe, und in ihnen Werner
-und die Fremde erkannte. Mit einem
-Schrei des Entsetzens eilte sie dann nach dem
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Bette des Kindes, das sie in ihre Arme
-nahm; aber vergebens suchte sie den kleinen
-Wilhelm aus dem Schlafe zu wecken, in den
-er versunken zu sein schien: sein Leben war
-entflohen. Diese schmerzliche Gewißheit vollendete
-Helenens Verzweiflung, und ohnmächtig
-fiel sie neben den beiden Leichnamen auf
-den Fußboden nieder.
-</p>
-
-<p>
-Kurze Zeit darauf kamen die Knechte
-und Dienstmädchen ebenfalls in dieses Zimmer
-des Schreckens. Sie sahen ein Fenster
-offen stehen, und an demselben eine seidene
-Strickleiter befestigt; sie fanden Werner und
-Lodoiska in ihrem Blute gebadet und ohne
-ein Zeichen des Lebens; weiter hin erblickten
-sie die Oberstin, welche noch athmete, neben
-dem Leichnam ihres Kindes. Dieser fürchterliche
-Anblick mußte alle Anwesenden natürlich
-mit Schauder erfüllen. Die Mörder konnten
-nicht weit sein; aber vielleicht hatten sie
-schon mit Hülfe der Strickleiter die Flucht
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-ergriffen; man beeilte sich eines Theils, der
-Oberstin beizustehen, andern Theils, die schon
-angefangenen Nachsuchungen im Schlosse fortzusetzen.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die Anzahl der zur Hülfe herbeieilenden
-Nachbarn wurde immer größer; aber auch
-die strengsten Nachforschungen blieben fruchtlos.
-Im Schlosse selbst fand man keine
-Spur von den Räubern, und bei der Durchsuchung
-der ganzen Gegend war man nicht
-glücklicher.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Morgen kam Helene wieder zu
-sich, und der erste Laut, den sie von sich gab,
-war der Name ihres theuren Kindes. Ach,
-der arme Wilhelm hörte sie nicht, auch er
-war ein Opfer dieser schrecklichen Nacht geworden;
-gerade da seine Genesung sicher zu
-sein schien, mußte er seiner Krankheit erliegen.
-</p>
-
-<p>
-Unter diesen Umständen langten noch
-zwei neue Personen im Schlosse an: nämlich
-ein Arzt, den man zur Untersuchung der
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Leichname herbeigerufen hatte, und der Oberst
-Lobenthal, dem es endlich gelungen war, seinen
-Schwager mit seiner Schwester auszusöhnen,
-und der darauf keine Zeit mehr verloren
-hatte, um in den Armen seiner Familie den
-Lohn für diese gute That einzuernten. Wie
-weit war er entfernt, einen solchen Anblick
-zu erwarten, wie ihm hier bevorstand. Er
-hoffte, seine Wiederkehr würde allgemeine
-Freude im Schlosse verursachen; statt dessen
-ward er wie vom Blitze getroffen, als ihn
-der Schulze des Dorfes bei Seite nahm, und
-ihm die Ereignisse der Nacht auseinandersetzte.
-</p>
-
-<p>
-Lobenthal war ein zärtlicher Vater, und
-er schämte sich nicht, seinem tiefen Schmerze
-freien Lauf zu lassen; dann verlangte er,
-seine Frau zu sehen, um seine Thränen mit
-den ihrigen zu vereinigen. Wir unternehmen
-es nicht, die Szene ihres schmerzlichen Wiedersehens
-zu schildern; man hatte Mühe, sie
-beide von dem Leichnam ihres Kindes loszureißen,
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-den sie durchaus nicht von sich lassen
-wollten. Der Anblick Juliens, weit entfernt
-sie zu trösten und zu beruhigen, vermehrte
-nur noch ihren gerechten Schmerz, und man
-glaubte daher nichts Besseres thun zu können,
-als sie sich selbst zu überlassen, und von der
-Zeit die Milderung ihres Kummers zu erwarten.
-</p>
-
-<p>
-Mitten in dem Schmerze, den ihm der
-Verlust seines Sohnes Wilhelm verursachte,
-vergaß der Oberst dennoch nicht den Verlust
-seines treuen Werner. So viel zusammen
-verlebte Jahre und mit einander bestandene
-Gefahren, gegenseitig erwiesene Dienstleistungen
-mußten ein höchst trauriges Andenken
-im Herzen Alfreds zurücklassen. Er bat den
-herbeigekommenen Wundarzt, nichts zu vernachlässigen,
-wodurch der brave Unteroffizier
-wieder in&rsquo;s Leben zurückgerufen werden könnte;
-aber es war durchaus keine Hoffnung vorhanden,
-denn das mörderische Eisen war mitten
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-durch das Herz gegangen. Bei der jungen
-Dame fand man zwei Wunden, eine
-im Herzen, durch einen Dolchstoß verursacht,
-und eine andere in der Brust, wo eine Pistolenkugel
-hinein und aus dem Rücken wieder
-herausgefahren war; auch sie konnte nicht
-wieder leben, und es blieb nichts übrig, als
-sie und den unglücklichen Werner zu beerdigen.
-</p>
-
-<p>
-Lobenthal, in der höchsten Betrübniß,
-verlangte nicht danach, die Leichname zu sehen.
-Er kehrte in das Zimmer seiner Gattin
-zurück, und wünschte bloß, daß Wilhelms
-Leichnam, der keines gewaltsamen Todes gestorben
-zu sein schien, bis zum folgenden
-Tage erhalten würde. Die beiden andern
-sollten Nachmittags um 4 Uhr begraben werden,
-weßhalb Werner in seinem Zimmer,
-Lodoiska aber in einem Saale des untern
-Geschosses auf eine Bahre gelegt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Schon war der Prediger des Dorfes in
-seinem Ornate, und die Glocken der Kirche
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-stimmten das Grabgeläute an, als plötzlich
-finstere Gewitterwolken den Himmel überzogen.
-Ein Donnerschlag folgte auf den andern,
-in Strömen floß der Regen herab, und
-fürchterlich kämpften zwei Sturmwinde in entgegengesetzter
-Richtung mit einander; ganze
-Säulen von Blättern, Korngarben, Staub
-und selbst von schwereren Gegenständen wurden
-durch die Luft mit fortgeführt; ja es
-schien, als wenn der Untergang der Welt
-ganz nahe bevorstände.
-</p>
-
-<p>
-Mitten unter dem Heulen und Brüllen
-der Elemente glaubten mehrere Einwohner
-des Dorfes fürchterlich rauhe Stimmen zu
-vernehmen, und es schien ihnen, als wenn
-die ganze Atmosphäre mit bösen Geistern
-erfüllt wäre. Erst spät in der Nacht stillte
-sich der Aufruhr, in welchem sich die ganze
-Natur befand. Bis dahin war es unmöglich
-gewesen, an die Bestattung der beiden Leichen
-zu denken; man mußte dieses Geschäft
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-also bis auf den folgenden Tag verschieben,
-und dieß war für die Bewohner des Schlosses
-kein geringer Gegenstand der Angst. Nur
-die Oberstin bekümmerte sich nicht darum;
-sie dachte nichts, als ihren Sohn, den sie
-nun nicht mehr sehen sollte, und sie schien
-nur deßhalb noch zu leben, weil sie hoffte,
-bald mit dem armen Wilhelm wieder vereinigt
-zu werden. Alfred war gezwungen, seinen
-eigenen Kummer zu vergessen, um zu
-versuchen, ob er den ihrigen nicht lindern
-könne; aber vergebens: sie hörte ihn, und
-verstand ihn nicht, vor ihrer Seele stand nur
-ihr Sohn, der ihr auf ewig entrissen war.
-</p>
-
-<p>
-Schon seit langer Zeit deckte tiefe, finstere
-Nacht den Erdball. Mehrere Bauern
-aus dem Dorfe, welche bei den Todten wachen
-sollten, hatten sich in der Küche des
-Schlosses versammelt, wo sie bei gutem Essen
-und Trinken lustig und guter Dinge waren;
-Branntwein und Bier ging in Flaschen
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-und Krügen der Reihe nach herum, und man
-trank fleißig auf das Wohl der ehrenwerthen
-Gesellschaft. Die fröhliche Unterhaltung stockte
-niemals; jedoch kam man mehrmals auf die
-Ereignisse der vergangenen Nacht zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da sieht man, sagte Lisette, wie leicht
-es um uns Menschen geschehen ist! Wie gesund
-war der arme Werner noch gestern, und
-heute liegt er todt im Sarge.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und von seiner Seele sprichst du
-nicht? sagte ein altes Weib, dessen verdächtiger
-Blick die Knaben und Mädchen des
-Dorfes in Schrecken setzte, wenn er auf ihnen
-ruhte; denkst du denn, daß seine Seele
-jetzt in Ruhe ist? Ist er nicht ohne Abendmahl
-gestorben, und wird uns sein Geist in
-Ruhe lassen? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Daß doch die <em>Mutter Rieben</em>,
-sagte ein Bauerknecht, keine Gelegenheit vorbeigehen
-lassen kann, unsere Fröhlichkeit zu
-stören, und uns in Angst zu setzen. Warum
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-sollte der brave Werner, der uns im Leben
-nichts als Gutes gethan hat, uns jetzt, nach
-seinem Tode, quälen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Hat er seine Sünden bereut? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wißt ihr es? Hat er euch das Gegentheil
-anvertraut? Uebrigens hat er alle seine
-Pflichten erfüllt, und er war jeden Sonntag
-in der Kirche.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Aber die junge Dame, Niklas, wie
-mag es mit der gewesen sein? Haben wir sie
-je in der Kirche gesehen? Diese ist gewiß
-mitten in ihren Sünden gestorben, gerade
-als sie vielleicht noch auf ein langes Leben
-hoffte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir wollen auf ihre Gesundheit trinken!
-sagte ein Müllerbursche, dessen riesenmäßige
-Größe und außerordentliche Stärke
-allgemein bewundert wurden. &mdash; Möge es
-ihr im Grabe gefallen, damit sie nicht wieder
-daraus hervorkomme.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-Bei diesen Worten hörte Jedermann
-einen halb erstickten Seufzer. Ueberrascht
-stand fast die ganze Gesellschaft auf, und auf
-den meisten Gesichtern sahe man alle Zeichen
-des Schreckens. Auch der Müllerbursche war
-eben nicht der Muthigste. Jetzt schlug es
-zwölf Uhr, und schweigend hörte man dem
-Schall der Glocke zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer mag so geseufzt haben?&ldquo; fragte
-endlich einer aus der Gesellschaft.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Vielleicht die junge Dame, erwiederte
-die Alte; sie hat dem Mehlwurm dort ihren
-Dank für seinen Wunsch abstatten wollen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laßt Eure dummen Scherze, Mutter
-Rieben, sagte der Müllerbursche. Wir wollen
-uns weiter um das, was geschehen ist, nicht
-bekümmern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein zweiter lauterer Seufzer schallte
-jetzt in die Ohren der ganzen Gesellschaft,
-die verwirrt und mit Ausrufungen des
-Schreckens durcheinanderstürzte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-&bdquo;Heiliger Gott! sagte Lisette, das kommt
-aus dem Zimmer, wo die junge Dame liegt.
-Wer hat nun Muth genug, sich davon zu
-überzeugen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Keiner der Anwesenden gab eine Antwort,
-als sich die Stimme zum dritten Male
-hören ließ, und zwar so deutlich, daß gar
-kein Zweifel daran mehr Statt finden konnte.
-Jetzt jagte die Furcht die ganze Gesellschaft
-auseinander, und Mehrere eilten zum Schlosse
-hinaus, während Andere den Wundarzt weckten,
-der die Oberstin nicht eher hatte verlassen
-wollen, bevor sie nicht ruhiger geworden
-wäre. Als dieser hörte, wovon die Rede sei,
-schob er anfangs die Schuld des allgemeinen
-Schreckens auf ihre furchtsame Einbildungskraft;
-bei den wiederholten Versicherungen,
-daß man sich nicht getäuscht habe, zögerte er
-jedoch nicht, in das Zimmer hinunterzugehen,
-aus welchem die Stimme hergekommen sein
-sollte. Der Oberst, welcher noch nicht schlief
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-und den ungewöhnlichen Lärmen im Schlosse
-hörte, kam ebenfalls herbei; er begegnete auf
-der Treppe dem Arzt, der ihm unterweges
-die Ursache des allgemeinen Schreckens mittheilte.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-Beide zweifelten nicht, daß das Pfeifen
-und Sausen des Windes von den abergläubischen
-Dorfleuten für die angeblichen Todtenseufzer
-gehalten worden wäre; sie setzten
-jedoch ihren Weg fort, und von der Menge
-gefolgt, gelangten sie in das von mehreren
-Lampen erleuchtete Zimmer, wo der Leichnam
-der Fremden niedergesetzt worden war.
-</p>
-
-<p>
-Indem sie durch die Thür traten, wurde
-abermals ein Seufzer hörbar, und man konnte
-nun nicht mehr zweifeln, daß er von dem
-Sarge herkäme. Ein Theil des Gefolges
-nahm die Flucht, und nur die Muthigsten
-blieben zurück, als sie den Obersten und den
-Arzt zu gleicher Zeit ausrufen hörten: &bdquo;Sie
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-lebt noch, die Unglückliche! Ach, retten wir
-sie aus ihrer schrecklichen Lage!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie eilten nun auf den Sarg zu, in
-welchem Lodoiska ruhte, hoben Letztere sanft
-in die Höhe, und trugen sie in das Zimmer,
-welches sie früher bewohnt hatte. Als der
-Arzt seine Hand auf ihr Herz legte, fühlte
-er, daß es wieder angefangen hatte, obgleich
-noch sehr schwach, zu schlagen, und voll Erstaunen
-über dieses außerordentliche Wunder,
-nahm er sich vor, Alles anzuwenden, um diese
-von den Todten Auferstandene wieder völlig
-herzustellen. Er bat den Obersten, den Theil
-des Leichentuches, womit der Kopf der jungen
-Schönheit verhüllt war, zurückzuschieben.
-Lobenthal that es, und betrachtete neugierig
-die Züge der Fremden; aber wie erstaunte er,
-als dieses reizende Gesicht ihn überzeugte, daß
-er die unglückliche, leidenschaftlich liebende
-Lodoiska in seinen Armen hielt. Ein lauter
-Schrei entfuhr seinen Lippen. Einem ruhigen
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Zuschauer würde dadurch ohne Zweifel
-die Wahrheit offenbar geworden sein; aber
-der Arzt, ganz in seine Gedanken über diese außerordentliche
-Wiederbelebung vertieft, merkte
-kaum darauf, und von nun an suchte der
-Oberst seine inneren Gefühle sorgfältig zu
-unterdrücken.
-</p>
-
-<p>
-Der Arzt forderte nun die bis hierher
-gefolgten Landleute auf, das Zimmer zu verlassen,
-und wollte mit dem weiblichen Personale,
-das allmählich wieder muthiger geworden
-war, allein bei der jungen Dame bleiben.
-Auch der Oberst entfernte sich, forderte aber
-vorher den Arzt auf, seine ganze Kunst zur
-Genesung der Unglücklichen anzuwenden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fürchten Sie nichts, Herr Oberst, erwiederte
-der Arzt; mir ist selbst daran gelegen,
-diese wunderbare Kur zum gewünschten
-Ziele zu führen. Vielleicht kann die
-Kunst etwas dabei thun; aber glauben Sie
-mir, das Meiste dabei wird die Natur thun
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-müssen; nur sie allein kann eine so wunderbare
-Wiederbelebung bewirken. Ich würde
-einen Eid darauf abgelegt haben, daß die
-Pistolenkugel diese junge Dame augenblicklich
-getödtet hat, und sollte sie wirklich völlig
-wieder zum Leben zurückkehren, so muß unsere
-Kunst verzweifeln, je eine gründliche Ursache
-dieser Auferstehung angeben zu können.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Langsamen Schritts entfernte sich nun
-der Oberst, ohne selbst zu wissen, womit seine
-Gedanken beschäftigt waren. Er kehrte zu
-seiner Frau zurück, die in einen mehr ermattenden
-als erquickenden Schlummer gefallen
-war. Wie schmerzlich sollte ihr Erwachen
-sein! Welche neue Trauer mußte die Nachricht
-von der Wiederbelebung der Fremden
-in ihrem Herzen verursachen, da für ihren
-geliebten Wilhelm nicht ein ähnliches Wunderwerk
-geschehen war.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Vierzehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">U</span>nter allen Begebenheiten, welche je das
-Leben des Obersten Lobenthal beunruhigt
-haben mochten, war ohne Zweifel die Erscheinung
-der jungen Lodoiska in Deutschland
-diejenige, welche ihn am meisten überraschen
-mußte. Ihr energischer Charakter, den
-er so schlecht beurtheilt hatte, ihre leidenschaftliche
-Liebe, wovon sie ihm durch ihre
-Gegenwart den auffallendsten Beweis gab,
-mußten in seinem Herzen Gefühle erregen,
-von denen er sich selbst noch nicht Rechenschaft
-zu geben wagte. Nicht allein, um ihm
-seine Treulosigkeit vorzuwerfen, konnte sie
-einen so weiten Weg aus ihrem Vaterlande
-her zurückgelegt haben; ohne Zweifel mußte
-sie mehr haben wollen, und er zitterte, wenn
-er an die bevorstehenden Auftritte dachte.
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-Von der andern Seite, durch einen seltsamen,
-aber so gewöhnlichen Widerspruch in dem
-menschlichen Herzen, fürchtete er, dem es sehr
-lieb gewesen sein würde, dieses Mädchen nie
-wieder zu sehen, daß er sie jetzt auf immer
-verlieren könnte, und er hätte einen großen
-Theil seines Vermögens hingegeben, wenn er
-dadurch die Gewißheit ihrer Wiederherstellung
-erhalten konnte. Er wünschte, wenigstens
-nur ein einziges Mal mit ihr zu sprechen,
-sagte er zu sich selbst; er wollte aus ihrem
-eigenen Munde hören, wie sie es angefangen
-habe, um bis nach R.... zu gelangen. So
-verbarg der Oberst vor sich selbst das Wiedererwachen
-einer höchst gefährlichen Empfindung
-unter dem Namen einer bloßen Neugierde;
-aber während er sich mit allen diesen Dingen
-beschäftigte, nahm er sich vor, sie tief in
-seinen Busen zu begraben, und nie den geringsten
-Anlaß zu geben, wodurch Helene zur
-Eifersucht verleitet werden könnte. Er beschloß,
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-sich gegen Lodoiska wie gegen eine
-ihm völlig Unbekannte zu benehmen, wenn
-sie selbst ihn nicht durch eine Unvorsichtigkeit
-zur Entdeckung seines Geheimnisses zwingen
-würde.
-</p>
-
-<p>
-Durch die Sorgfalt eines dienstfertigen
-Nachbars und des gefühlvollen Pfarrers war
-die Veranstaltung getroffen worden, daß am
-andern Morgen schon ganz frühe, ohne alles
-Geräusch, die Leichname des jungen Wilhelm
-und Werners aus dem Schlosse entfernt und
-zur Erde bestattet wurden. Als daher Helene
-ihren Sohn noch einmal sehen wollte, gerieth
-sie in neue Verzweiflung, daß ihr nun von
-ihrem Wilhelm nichts mehr übrig geblieben
-sei, als eine herzzerreißende Erinnerung. Beschäftigt,
-diesen heftigen Schmerz seiner Gattin,
-den er selbst theilte, durch Trostgründe
-zu mildern, vergaß der Oberst fast, wie nahe
-ihm jetzt Lodoiska sei, und erst gegen Mittag,
-als <em>Wildenau</em>, der Arzt, zu ihm kam,
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-dachte er daran, sich nach ihrem Zustande zu
-erkundigen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe Ihnen schon gesagt, antwortete
-Wildenau, daß bei dieser jungen Person
-etwas Unerklärliches obwaltet, was ich vergebens
-zu ergründen suche. Noch nie war
-die Rückkehr in&rsquo;s Leben so unverhofft, als bei
-ihr; doch kann ich noch nicht versichern, ob
-sie am Leben bleiben wird, oder nicht. Ihre
-Wunde war ohne Zweifel tödtlich, und schon
-vorher mußte eine andere, die bis in&rsquo;s Herz
-gegangen zu sein scheint, ihrem Dasein ein
-Ende gemacht haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Eine andere Wunde, sagen Sie?
-Lieber Doktor, Sie setzen mich in Erstaunen,
-denn mich dünkt, als hörte ich gestern
-bei meiner Ankunft nur von einer einzigen,
-durch einen Pistolenschuß verursachten Wunde
-sprechen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ganz richtig, weil nur diese Wunde
-frisch war, und die andere schon vor langer
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Zeit durch ein schneidendes Werkzeug gemacht
-worden ist. Weit entfernt, völlig vernarbt
-zu sein, blutet sie vielmehr noch, und hat
-eine ganz eigenthümliche Beschaffenheit, die
-meine bisherigen Kenntnisse völlig zu Schanden
-macht. Bei jedem andern Menschen
-müßte sie unmittelbar den Tod nach sich ziehen,
-und dennoch scheint es, daß diese Dame
-schon lange Zeit damit gelebt hat, ohne davon
-gehindert worden zu sein. Wahrlich! sie
-hat sich über die wunderbare Lebenskraft, die
-ihr von der Natur zugetheilt ist, nicht zu beklagen.
-Außerdem habe ich noch eine andere
-Sonderbarkeit bei ihr gefunden: ihre linke
-Hand ist nämlich mit einem Handschuh bedeckt,
-der aus einer sehr dicken Haut besteht.
-Ich wollte ihn aufschneiden, um der Kranken
-völlige Freiheit der Bewegung zu verschaffen;
-aber als ich ihren Arm berührte, gerieth er
-in ein beispielloses krampfhaftes Zittern, und
-die anfangs offene Hand schloß sich mit solcher
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Kraft, daß ich nicht im Stande war,
-mein Vorhaben auszuführen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wunderbar! Erstaunenswürdig! Aber
-lassen Sie nicht ab, lieber Doktor, ich bitte
-Sie: die Menschlichkeit befiehlt uns, dieser
-Unglücklichen uns nach Kräften anzunehmen.
-Uebrigens kann sie allein uns die Begebenheiten
-der gestrigen Schreckensnacht erklären,
-und vielleicht ertheilt sie uns Aufschlüsse, die
-uns in den Stand setzen, jene Bösewichter zu
-entdecken, deren Versuch ohne Nutzen für sie,
-für uns so unglücklich ausgefallen ist. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihre Ermahnungen sind ganz überflüssig,
-Herr Oberst. Meiner Pflicht nicht zu
-erwähnen, deren Erfüllung mir mein Stand
-vorschreibt, so kann ich Ihnen nicht verbergen,
-daß diese junge Dame mir die lebhafteste
-Theilnahme eingeflößt hat. Die seltene Vollkommenheit
-in allen Theilen ihres Körpers,
-die Schönheit ihres Gesichts haben, ich gestehe
-es Ihnen erröthend, auf meine Sinne
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-einen außerordentlichen Eindruck gemacht.
-Wenn ich sie dem Leben wiedergeben könnte,
-wünschte ich mehr von ihr zu erlangen, als
-bloße Dankbarkeit ..... Aber warum erstaunen
-Sie so über dieses Geständniß? Sollte
-es Ihnen verdammungswürdig erscheinen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wem? Mir? Ei, lieber Doktor, mit
-welchem Rechte könnte ich es tadeln? Es
-scheint mir nur, daß Alles, was jetzt hier
-um uns vorgeht, außerordentlich ist. Sie,
-zum Beispiel, lieben heute eine Person, die
-Sie gestern noch nicht kannten, und zwar
-hat sie Ihr Herz in dem Augenblick erobert,
-wo sie noch mehr dem Tode als dem Leben
-angehört. Wie wird es erst werden, wenn
-sie mit ihren körperlichen Vorzügen noch die
-weit hinreißenderen des Geistes verbindet, die
-ihr ohne Zweifel nicht mangeln! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verzeihen Sie, Herr Oberst, wenn ich
-Ihnen gerade heraus sage, daß Sie ziemlich
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-leicht über einen solchen Punkt sprechen. Ich
-kannte diese Lustigkeit an Ihnen noch nicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ach, nehmen Sie es nicht übel, lieber
-Herr Doktor; in meiner jetzigen Stimmung
-weiß ich kaum, was ich thue; so sehr hat
-mich der Schmerz übermannt, daß meine
-Worte der Zerrüttung meines Verstandes
-entsprechen. In meiner Lage, deren ganze
-Qual Sie nicht zu würdigen im Stande
-sind, mag es wohl erlaubt sein, gegen die
-Regeln der Höflichkeit zu fehlen, wie es wohl
-sonst bei mir nicht der Fall ist. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Diese Antwort gab dem Arzt die Ueberzeugung,
-daß der Oberst in der That durch
-den Schmerz etwas an dem freien Gebrauch
-seiner Verstandeskräfte verloren habe, und er
-fiel deßhalb nicht auf den Verdacht, daß eine
-geheime Ursache, ein Anfall von Eifersucht,
-großen Theil an des Obersten Worten gehabt
-habe. Der Letztere, voller Scham, einen
-Augenblick lang seinen Entschluß vergessen,
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-und dem Arzt beinahe ein Recht gegeben zu
-haben, in seinem Herzen zu lesen, zog es vor,
-ihn in der Meinung zu lassen, daß das Uebermaß
-des Schmerzes ihm Abbruch in dem
-folgerechten Gange seiner Gedanken thue;
-und erst, als er in den Augen des Doktors
-las, daß derselbe wirklich dieser Meinung
-sei, war er vollkommen beruhigt. Er suchte
-darauf dem Gespräch eine andere Wendung
-zu geben, und bat den Arzt, eine Wohnung
-im Schlosse anzunehmen, so lange der Zustand
-der verwundeten Dame sowohl als seiner Gattin
-seine Gegenwart nöthig machen würde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, erwiederte Wildenau, ich will dieses
-Schloß vor der Hand zu meinem Hauptquartiere
-machen, und es nur dann auf kurze
-Zeit verlassen, wenn meine Gegenwart an
-andern Orten nicht entbehrt werden kann.
-Sein Sie daher in dieser Hinsicht ganz
-ruhig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Lobenthal fragte nun, ob er nicht Zutritt
-zu der Fremden erhalten könne, um ihr
-dem Anstande gemäß einen Besuch abzustatten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es hängt ganz von Ihnen ab, Herr
-Oberst, es zu thun; aber noch lange Zeit
-hindurch werden Sie Ihre Komplimente an
-einen fast leblosen Körper richten. Die junge
-Dame wird wenigstens noch vierzehn Tage
-lang in völliger Bewußtlosigkeit verharren,
-wovon ihr starker Blutverlust die Ursache ist;
-und wir können uns glücklich schätzen, wenn
-sie in Zeit von vier Wochen unsere Fragen
-beantworten kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; So müssen wir uns bis dahin gedulden,
-sagte der Oberst in einem Tone, dem er
-den Anschein der Gleichgültigkeit zu geben
-strebte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblicke trat Lisette in&rsquo;s
-Zimmer, und meldete voller Angst, daß Helene
-ohnmächtig geworden sei. Beide Herren
-eilten nun, wohin ihre Pflichten und Gefühle
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-sie riefen. Die Oberstin blieb noch mehrere
-Tage lang in diesem Zustande der Schwäche,
-die aus dem Uebermaße ihres Schmerzes entstand,
-und nichts konnte sie zerstreuen; nur
-ein einziger Gedanke beschäftigte ihre Einbildungskraft.
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska schien unterdessen bestimmt zu
-sein, alle Behauptungen und Voraussetzungen
-des Arztes zu widerlegen; ihre Gesundheit
-war in weit kürzerer Zeit wieder hergestellt,
-als es nach seiner Meinung möglich war,
-und er genoß nicht einmal das Glück, die
-schöne Fremde zuerst sprechen zu hören. Einige
-Tage nach jener Schreckensnacht trat
-Alfred, der schon öfter in das Zimmer der
-Kranken gekommen war, um sich nach ihrem
-Befinden zu erkundigen, abermals hinein, und
-hörte von der Wächterin, daß man vergessen
-habe, ihr das Frühstück zu bringen; er erlaubte
-ihr daher, es selbst zu holen, während
-er bei der Kranken zu bleiben und ihre Rückkehr
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-abzuwarten versprach. Die Wächterin,
-voll Dankbarkeit über diese Gefälligkeit, und
-vielleicht in der Furcht, daß es nicht des
-Obersten Ernst sein möchte, nahm ihn beim
-Worte, und entfernte sich augenblicklich.
-</p>
-
-<p>
-In den ersten Minuten blieb Alfred fast
-unbeweglich vor dem Bett, in welchem Lodoiska,
-der Gegenstand seiner ersten Liebe, ruhte;
-beim Anblick dieser fest geschlossenen Augen,
-dieser magern und leichenblassen Gesichtszüge,
-verfiel er in ein höchst schmerzliches, träumerisches
-Nachdenken. Die Kranke lag völlig
-unbeweglich, und kaum merkte man an ihrem
-schwachen Athemzuge, daß noch Leben in
-ihr sei.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Armes Mädchen! sagte Alfred halb
-laut; so sollte ich dich also wiedersehen, nachdem
-dich deine unglückliche Liebe bis hierher
-geführt hat?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein Seufzer, der von Lodoiska&rsquo;s Lippen
-erschallte, machte den Obersten aufmerksam,
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-und er näherte sich dem Bette noch
-mehr. Bald sahe er, wie sich die Augenlieder der
-Kranken fast unmerklich bewegten; endlich schlug
-sie die Augen auf, und blickte ihn an, worauf
-eine plötzliche Röthe ihr Gesicht überzog, und
-ihr Mund den Namen Alfred aussprach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lodoiska, hast du mich erkannt? fragte
-der Oberst, der Heftigkeit seiner Gefühle fast
-unterliegend. Ach, wie sehr mußt du mich
-verabscheuen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Alfred! liebst du mich? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Bei dieser unerwarteten Frage, die nicht
-leicht zu beantworten war, fühlte sich der
-Oberst fast wie versteinert. Seine Zunge
-war im Begriff ein zufriedenstellendes Wort
-auszusprechen; aber seine Vernunft hielt dasselbe
-zurück; er konnte nur sein Gesicht mit
-beiden Händen bedecken, und schweigen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alfred, grausamer Geliebter meines Herzens!
-willst du mir den Tod geben, dem ich
-jetzt entrinne?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-O, wie schrecklich war es für Alfred,
-die Unglückliche nicht beruhigen zu dürfen!
-Sie schien nur in&rsquo;s Leben zurückzukehren, um
-vom ersten Augenblicke an allen den Kummer
-von Neuem mit verdoppelter Heftigkeit
-zu fühlen, der schon seit so langer Zeit
-an ihrem Herzen nagte. Aber konnte der
-Oberst einer unglücklichen Leidenschaft noch
-neue Nahrung geben? War er nicht Helenens
-Gatte? Konnte er sie so hintergehen?
-Die verschiedensten Gefühle und Gedanken
-kämpften in seinem Innern mit einander,
-und er war noch unentschlossen, als
-ein abermaliger Seufzer Lodoiska&rsquo;s seine
-Aufmerksamkeit auf sich zog, und er mit
-Schrecken erkannte, daß sie in tiefe Ohnmacht
-zurückgesunken sei.
-</p>
-
-<p>
-Da der Oberst fürchtete, der armen
-Kranken den letzten Stoß gegeben zu haben,
-so stürzte er aus dem Zimmer, und rief mit
-lauter Stimme den Arzt und die Bedienung
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-herbei. Er erzählte ihnen, daß die Fremde
-anfangs zu sich selbst gekommen sei, und einige
-Worte gesprochen habe, worauf sie wieder
-in eine höchst gefährliche Ohnmacht zurückgefallen
-sei.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie hat gesprochen, sagen Sie? rief
-der Arzt. Sind Sie auch Ihrer Sache ganz
-gewiß? denn es scheint mir ganz unmöglich.
-Wenn es aber dennoch wahr ist, so weiß ich
-nicht mehr, was ich von diesem unerklärbaren
-Wesen denken soll!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst versicherte, daß die Kranke
-gesprochen habe, und daß ihre Worte: Wo
-bin ich? wer ist bei mir? ganz vernehmlich
-gewesen seien. Freilich hatte sie so nicht gesagt,
-aber Alfred hütete sich wohl, die Wahrheit
-zu entdecken. Wildenau fand, daß Lodoiska
-ein heftiges Fieber hatte, und verhehlte
-nicht, daß sie sich in großer Gefahr
-befände, weil sie eine große Erschütterung in
-ihrem Innern erlitten haben müsse. Bei
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-dieser Erklärung war der Oberst wie vom
-Blitze getroffen, und aus Furcht, sich zu verrathen,
-entfernte er sich. Ueber eine Stunde
-lang ging er in dem großen Saale auf und
-nieder, ohne zu wagen, sich zu seiner Gattin
-zurück zu begeben, noch in Lodoiska&rsquo;s Zimmer
-zurückzukehren, wo dieselbe vielleicht im Begriff
-war, ihren letzten Seufzer auszuhauchen.
-O, welche Vorwürfe machte er sich jetzt über
-seinen vormaligen jugendlichen Leichtsinn, über
-seinen unverzeihlichen Fehler, in dem unschuldigen
-und gefühlvollen Herzen Lodoiska&rsquo;s eine
-Flamme entzündet zu haben, deren Folgen so
-schrecklich waren! Er sahe jetzt ein, daß die
-Liebe, welche gewöhnlich so vergänglich ist,
-bei gewissen Charakteren ewig währen kann;
-denn Lodoiska&rsquo;s Beständigkeit gab ihm den
-Beweis, weil Nichts ihre Zärtlichkeit zu vermindern
-im Stande gewesen war. Die Entfernung
-und lange Trennung, selbst die
-schlechte Behandlung waren an ihrem Herzen
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-vorübergegangen, ohne es zu erkälten, und er
-selbst empfand jetzt das ganze Entzücken der
-Liebe, das ihn ehemals trunken machte. Welche
-Qualen, welche Kämpfe hatte der Oberst nun
-zu überstehen! Er sahe seine Zukunft wie hinter
-einer finstern Wolke, und voller Schrecken
-ergab er sich seinem Schicksale. Quälte
-ihn nicht auch die Art von Nebenbuhlerschaft,
-die zwischen ihm und dem Arzte entstehen
-zu wollen schien? Der Letztere, der
-noch jung und von sehr liebenswürdigem Aeußeren
-war, hatte alle Ansprüche, eine zärtliche
-Neigung einzuflößen. Ohne Zweifel würde
-er jetzt anfangen, Lodoiska mit seiner Leidenschaft
-zu verfolgen, ja vielleicht den Obersten
-selbst zur Mittelsperson machen wollen,
-wozu sich Alfred völlig unfähig fühlte! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wie wir schon gesagt haben, Lodoiska
-ging, wider alle Wahrscheinlichkeit, ihrer Genesung
-mit raschen Schritten entgegen. Kaum
-waren vierzehn Tage verflossen, so konnte sie
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-schon aufrecht in ihrem Bette sitzen, und die an
-sie gerichteten Fragen beantworten. Helene entschloß
-sich nur schwer, ihr einen Besuch abzustatten,
-weil ihr Anblick ihr Wilhelms Tod
-so lebhaft in&rsquo;s Gedächtniß zurückrief, daß sie
-beim ersten Besuche ohnmächtig wurde. Jedoch
-mangelte es der kranken Lodoiska nicht
-an Gesellschaft, weil der Arzt, so viel es seine
-Geschäfte zuließen, sich bei ihr aufhielt. Auch
-der Oberst, durch ein unwiderstehliches Gefühl
-dazu fortgerissen, wiederholte seinen Besuch
-täglich, obgleich er täglich schwur, seine Besuche
-seltener zu machen. Indessen suchte er
-es so einzurichten, daß er nie mit Lodoiska
-allein war, weil er eine zweite Erklärung von
-ihrer Seite fürchtete.
-</p>
-
-<p>
-Vergebens suchte Lodoiska öfters, die
-lästigen Zeugen zu entfernen, wenn sich der
-Oberst bei ihr befand; aber Alfred war so sehr
-auf seiner Hut, daß er sich stets entfernte,
-wenn der Zufall es hätte herbeiführen können,
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-sich mit dem Opfer einer unglücklichen Liebe
-allein zu befinden. In solchen Augenblicken
-sah man denn in den sonst gleichgültigen
-Gesichtszügen Lodoiska&rsquo;s den heftigsten Verdruß
-vorherrschen, der sich oft gegen ihre
-Wärterin, selbst gegen den Arzt, äußerte.
-Der Letztere, der sich immer mehr gefesselt
-fühlte, ertrug mit seltener Geduld eine Leidenschaftlichkeit,
-von welcher er die wahre
-Ursache durchaus nicht ahnete, sondern die er
-nur ihrem körperlichen Uebelbefinden zuschrieb.
-</p>
-
-<p>
-Bald darauf erklärte Lodoiska, daß sie
-aufstehen wolle, wobei der Arzt fast in Verzweiflung
-gerieth. Er versicherte, daß sie
-noch zu schwach sei, um ihren Wunsch befriedigen
-zu können, und daß sie sich wenigstens
-noch vier Wochen gedulden müsse, weil er
-sonst nicht dafür stehen könne, daß sie in die
-größte Gefahr geriethe, wenn sie ihr Bett
-verlassen wollte. Lodoiska antwortete nicht,
-wie sie es stets gewohnt war, wenn man ihr
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-einen Vorschlag machte, der ihr nicht gefiel.
-Aber sobald Wildenau sich entfernt hatte,
-bat sie ihre Wächterin, ihr eine Frucht herbeizuholen,
-nach deren Genuß sie großes Verlangen
-fühle, und kaum war sie allein, so
-eilte sie, sich anzukleiden.
-</p>
-
-<p>
-Das Erstaunen der Wächterin, als sie
-in&rsquo;s Zimmer zurückkehrte, war unbeschreiblich;
-sie eiferte gegen die Dreistigkeit, mit welcher
-Lodoiska alle Vorschriften des Arztes bei
-Seite setzte, und drohte ihr mit dem höchsten
-Zorn des Letzteren, wenn derselbe sie bei seiner
-Rückkehr nicht im Bette finden würde. Aber
-diese Drohung machte nicht den geringsten
-Eindruck, und nachdem Lodoiska einige Zeit
-lang im Zimmer auf und nieder gegangen
-war, ließ sie die Oberstin fragen, ob dieselbe
-ihren Besuch annehmen könne.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-Funfzehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Oberstin, und noch mehr ihr Gemahl,
-war weit entfernt von dem Gedanken, die
-Fremde vor sich erscheinen zu sehen. Beide
-fürchteten, daß sie ihrer Gesundheit Schaden
-zufügen könnte, und anstatt sie bei sich zu
-erwarten, begaben sie sich zu ihr.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Gott! sagte Helene eintretend,
-was beginnen Sie? So wenig beobachten
-Sie die Vorschriften unseres Arztes? Er
-hatte Ihnen doch empfohlen, sich noch länger
-im Bette zu halten, und nun sind Sie ohne
-seine Erlaubniß aufgestanden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich hege die größte Meinung von
-den Kenntnissen des Herrn Wildenau, antwortete
-Lodoiska; aber ich glaube, daß die
-Arzneiwissenschaft gewisse Grenzen hat, über
-die sie nicht hinausgehen kann. Unser Freund
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-beurtheilt meinen Zustand nach den ihm sonst
-vorgekommenen ähnlichen Fällen; aber bei
-mir muß er sich in allen seinen Voraussetzungen
-getäuscht sehen, weil ich eines außerordentlichen
-Daseins genieße: ich kann nicht
-völlig sterben, und Sie haben schon den Beweis
-davon. Da ich mich nun stark genug
-fühle, warum sollte ich mich noch nach Vorschriften
-richten, die meine Genesung nur
-verzögern würden? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Seitdem Helene die Fremde bei sich aufgenommen,
-hatte sie schon die Erfahrung gemacht,
-daß es vergeblich sei, sich ihrem Willen
-zu widersetzen. Sie begnügte sich daher,
-ihr zu antworten, daß sie besser als jeder
-Andere wissen müsse, was sie zu thun habe,
-und daß sie dabei ohne Zweifel die Vorsicht
-nicht aus den Augen setzen würde. Der
-Oberst schwieg völlig. Erst heute sahe er
-eigentlich Lodoiska&rsquo;n zum ersten Male wieder,
-und betrachtete mit stiller Rührung die
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-Zerstörungen, welche Zeit, Unglücksfälle und
-Leiden in diesem schönen Körper angerichtet
-hatten. Sie besaß nicht mehr die lebhafte
-Gesichtsfarbe, welche sonst ihre Reize so sehr
-erhöheten, und ihre Augen schienen fast erstorben
-zu sein; aber dennoch mußte sie Aller
-Blicke auf sich ziehen, und den Männern
-Liebe einflößen. Ihr prächtiger Wuchs, ihre
-regelmäßigen Züge, ihr einnehmendes Wesen
-waren ihr noch geblieben.
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska behandelte den Obersten mit
-jener kalten Höflichkeit, die man gewöhnlich
-gegen Unbekannte ausübt, und sie wußte die
-Gefühle ihres Innern auf das Strengste zu
-verbergen. Wenn sie aber gewiß war, von
-keinem Zeugen belauscht zu werden, so belebte
-sich ihr Blick und machte dem Obersten die
-bittersten Vorwürfe, oder schien öfters zu sagen:
-Kehre zu mir zurück, und Alles ist verziehen.
-Alfred verstand diese Blicke nur allzugut,
-doch glaubte er, ihnen trotzen zu können;
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-er vergaß, daß man, um Gefahren dieser
-Art zu überwinden, sie fliehen, nicht aber
-ihnen die Spitze bieten muß. Zwei Herzen,
-die sich einst liebten, und die nach langer
-Trennung sich einander wieder finden, vereinigen
-sich fast immer.
-</p>
-
-<p>
-Während sich unter diesen drei Personen
-eine Unterhaltung entspann, kam der Arzt
-von seinen Geschäften, die er in der Umgegend
-gehabt hatte, zurück. Schon bei seinem
-Eintritte in&rsquo;s Schloß erfuhr er, wie wenig
-die Fremde seine Vorschriften befolgt habe;
-er nahm sich daher vor, ihr deßhalb Vorwürfe
-zu machen; allein sein ganzer Zorn
-verschwand, als er in&rsquo;s Zimmer trat, und sie
-in einem Zustande sahe, der ihre völlige Wiederherstellung
-bewies.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sehe, redete er sie an, daß sie meiner
-Hülfe nicht mehr bedürfen, und Sie haben
-daher vollkommen Recht, sich meiner Autorität
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-zu entziehen; ich wünsche nur, daß
-sie es nie bereuen möchten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ihren seltenen Kenntnissen, antwortete
-Lodoiska, habe ich viel zu verdanken; das
-Uebrige hat die Natur gethan. Glauben Sie
-mir, daß ich mich jetzt vollkommen wohl befinde;
-aber je freier ich nun athme, desto
-mehr ist auch mein Herz von Dankbarkeit
-gegen Sie erfüllt. Erlauben Sie mir, Ihnen
-einen kleinen Beweis davon zu geben,
-was Sie mir hoffentlich nicht abschlagen
-werden. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten nahm Lodoiska einen
-prächtigen Brillantring von sehr bedeutendem
-Werthe, von dem Tische, und überreichte
-ihn dem Arzte, der vor Ueberraschung
-nicht wußte, was er thun sollte. Gern hätte
-er ein Geschenk von sich gewiesen, das er für
-zu kostbar für seine Bemühungen hielt; wie
-gern hätte er es gesehen, wenn ihm die junge
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Schönheit ihre Dankbarkeit auf eine andere
-Art bewiesen hätte. Aber Lodoiska trat mit
-solcher Zuversichtlichkeit auf ihn zu, daß er
-das ihm dargebotene Geschenk nicht ausschlagen
-konnte, und nach einigem schwachen Widerstande
-nahm er den Ring seufzend an,
-steckte ihn an seinen Finger, und gab dem
-Obersten durch einen Blick zu erkennen, daß
-er gewünscht hätte, Lodoiska möchte ihm auf
-eine andere Art ihre Dankbarkeit zu erkennen
-gegeben haben.
-</p>
-
-<p>
-Die Oberstin brannte vor Ungeduld, zu
-erfahren, was sich eigentlich in jener Schreckensnacht
-zugetragen hatte, deren Andenken
-nur mit ihr selbst in ihr untergehen konnte;
-aber sie fühlte auch zu gleicher Zeit, daß sie
-noch nicht stark genug sei, diese Erzählung
-ruhig mit anzuhören. Daher stand sie von
-ihrem Stuhle auf, wiederholte ihre Glückwünsche
-zur Wiedergenesung der Fremden,
-und überließ es dem Obersten und dem Arzte,
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-die Enthüllung der Geheimnisse jener Nacht
-von Lodoiska&rsquo;n entgegen zu nehmen.
-</p>
-
-<p>
-Diese erbebte unwillkührlich, als man
-sie über diesen Gegenstand befragte; man
-konnte es auf ihrem Gesichte lesen, wie ungern
-sie es sehe, daß man sie daran erinnerte;
-daher schwieg sie auch einige Augenblicke, sei
-es nun, um sich zu sammeln, oder um abzuwarten,
-ob man die Frage erneuern würde.
-Allein der Oberst wiederholte dieselbe, und
-Lodoiska erzählte nun Folgendes:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Frau Oberstin war von dem unausgesetzten
-Nachtwachen schon so sehr erschöpft,
-daß sie mich bat, an ihrer Stelle bei
-dem unglücklichen Kinde zu wachen, das sie
-verloren hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten stieß der Oberst einen
-tiefen Seufzer aus. Verwirrt hielt Lodoiska
-inne, und ein krampfhafter Schmerz
-verzog ihre Gesichtszüge. Sie zögerte fortzufahren,
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-that dieß aber doch endlich folgendermaßen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich konnte es dieser großmüthigen
-Dame nicht abschlagen, und ungeachtet meines
-Widerwillens, wovon ich mir damals
-noch keine Rechenschaft geben konnte, der sich
-aber durch die Folge gerechtfertigt hat, willigte
-ich ein, die Nacht bei dem armen Wilhelm
-zuzubringen. Gegen Mitternacht überwältigte
-mich der Schlaf, der seit mehreren Jahren
-nur selten meine Augen schließt, mit solcher
-Kraft, daß ich ihm vergebens zu widerstehen
-suchte; ich legte meinen Kopf gegen den Rücken
-des Lehnstuhls, in welchem ich saß, und
-in wenigen Augenblicken war ich eingeschlummert.
-Was von diesem Zeitpunkte an geschehen
-ist, weiß ich nicht, bis ich plötzlich
-durch ein starkes Geräusch geweckt wurde.
-Kaum schlug ich die Augen auf, so erblickte
-ich beim Schein des Mondes vier bewaffnete
-Männer, welche auf mich zukamen. Mein
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-Schrecken war so groß, daß ich nicht im
-Stande war, zu schreien, um Hülfe herbeizurufen.
-Der eine von den Männern faßte mich
-beim Arme, ein anderer näherte sich dem
-Bette. In diesem Augenblicke wurde die Thür
-mit Ungestüm aufgerissen, und Werner erschien.
-Ich hörte zwei Pistolenschüsse fallen,
-fühlte mich von einer Kugel getroffen, und
-stürzte zur Erde. Meine Besinnung verließ
-mich. Ohne Zweifel waren die Räuber
-durch&rsquo;s Fenster eingestiegen; denn ich hörte
-nachher von meiner Wächterin, daß man eine
-Strickleiter am Fenster gefunden habe. Ich
-kann diesen Umstand nicht bestätigen, weil
-ich nichts gesehen habe, als die Mörder und
-den Tod, den sie mir ohne Zweifel bestimmten.
-Auch weiß ich keine bestimmte Ursache
-für den Tod Ihres Kindes anzuführen. War
-dieß gerade der Augenblick seines Sterbens,
-oder wäre es durch die Furcht schneller herbeigeführt
-worden? Ach, er kann es Ihnen
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-nicht sagen, und kein Sterblicher wird je
-von den Geheimnissen des Todes unterrichtet
-werden.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-So erzählte Lodoiska ihre Geschichte,
-und Niemand konnte die Wahrheit derselben
-bezeugen oder ihr widersprechen. Sie allein
-hatte die Begebenheit überlebt; diejenigen,
-welche die wahren Umstände derselben hätten
-bekannt machen können, waren auf ewig
-von dieser Erde verbannt, wo das Verbrechen
-und die Lüge nur allzuoft über Unschuld
-und Tugend den Sieg davon tragen. Eine
-so unvollständige Erzählung konnte übrigens
-nicht die geringste Aufklärung geben. Man
-hatte ungeachtet der eifrigsten Nachforschungen
-nicht die geringste Spur von den Mördern
-finden können, und dennoch waren sie
-da gewesen. Lobenthal und Wildenau verloren
-sich in ihren Vermuthungen, während
-Lodoiska in ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit
-verharrte, und endlich den Wunsch äußerte,
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-auf einige Zeit allein zu sein, um, wie
-sie sagte, sich von der Abspannung zu erholen,
-in welche ihre Erzählung ihre moralischen
-Kräfte gesetzt habe.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Wunsch war sowohl für den
-Obersten als für den Arzt ein Befehl. Sie
-entfernten sich augenblicklich, und begaben
-sich zu Helenen, der sie die eben angehörte
-Erzählung mittheilten, die aber davon wenig
-gerührt wurde, weil sie keinen Aufschluß über
-den geheimnißvollen und unerwarteten Tod
-ihres Sohns dadurch erhielt. Das Uebrige
-kümmerte sie wenig, und sie sah darin nichts
-weiter, als einen gewöhnlichen Angriff von
-Räubern, der für dieselben ohne Erfolg gewesen
-war, aber blutige Spuren hinterlassen
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska fing jetzt ihr früheres gewöhnliches
-Leben wieder an. Fast immer in ihrem
-Zimmer eingeschlossen, zeigte sie sich nur
-zur Zeit der Mahlzeit, und nur selten willigte
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-sie darein, den Nachmittag mit der Familie
-zuzubringen. Ihre Unterhaltung war
-dann ernsthaft und schwermüthig; sie schien
-ihre Leidenschaft für den Obersten völlig vergessen
-zu haben, sowohl als die Worte, die
-sie bei ihrem ersten Wiedersehen ausgesprochen
-hatte. Dadurch ward Lobenthal so sicher
-gemacht, daß er täglich weniger Vorsicht anwendete,
-einer Unterredung unter vier Augen
-auszuweichen, die Lodoiska nicht mehr zu
-wünschen schien. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Man befand sich jetzt mitten im Winter.
-Bald machte der Regen alle Wege ungangbar,
-bald verwandelte der eisige Hauch
-des Nordwindes die Erde in Stein, und
-machte es unmöglich spazieren zu gehen. Bei
-solchem Wetter befiel den Obersten seine alte
-Jagdlust wieder, und oft kehrte er mit reicher
-Beute beladen nach Hause zurück. So war
-er auch eines Morgens in den Wald gegangen,
-wo ihm sogleich anfangs ein Reh in
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-den Schuß kam; allein das arme Thier stürzte
-nicht sogleich todt zur Erde nieder, sondern
-lief mit Anstrengung aller Kräfte pfeilschnell
-durch das dickste Gebüsch, von dem bellenden
-Jagdhunde des Obersten verfolgt. Auch Lobenthal
-folgte der blutigen Spur, bis er das
-Thier verendet fand, aber sich dabei so weit
-vom Schlosse entfernt sahe, daß er kaum
-mehr hoffen konnte, es zur Mittagszeit wieder
-zu erreichen.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er seine Beute in Stücke getheilt
-hatte, um sie desto besser fortzubringen,
-machte er sich auf den Rückweg, der ihn so
-ermüdete, daß er sich, nicht weit mehr vom
-Schlosse entfernt, auf einer in einen Felsen
-gehauenen Bank, auf einige Augenblicke auszuruhen
-beschloß. Tausend verschiedene Gedanken
-bestürmten seine Einbildungskraft,
-die ihn bald in seine Jugendjahre zurückführte;
-er glaubte, noch in den Gebirgen
-der Wallachei zu sein, wo er oft in Gesellschaft
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-eines Mädchens, das ihm damals
-ein Engel zu sein schien, die schneebedeckten Gipfel
-der Felsen erkletterte. Plötzlich fiel ihm ein
-Gedicht ein, das er einst in jener glücklichen
-Zeit für Lodoiska verfertigt hatte; es konnte
-nach einer in ihrem Vaterlande sehr beliebten
-Weise gesungen werden, und nachdem er die
-ersten Verse für sich hergesagt hatte, ging
-er unvermerklich in jene Melodie über, bis
-er, ohne es selbst zu wissen, das Lied mit
-lauter Stimme sang.
-</p>
-
-<p>
-Der Gesang war geendigt, und noch befand
-er sich in seinem träumerischen Zustande,
-als er daraus plötzlich durch das Herabfallen
-einiger Steine von der neben ihm befindlichen
-Höhe geweckt wurde. Er richtete den Kopf
-nach oben, um die Ursache zu entdecken; aber
-wie erstaunte er, als er Lodoiska, die ihn so
-eben noch so sehr beschäftigt hatte, von der
-Höhe herabkommen sahe. Er konnte ihr nicht
-anders ausweichen, als wenn er gerade querfeldein
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-lief, was nach den Regeln des Anstandes
-durchaus nicht thunlich war; aber er
-gerieth in die größte Unruhe über die Unterredung,
-die nun ohne Zweifel Statt haben
-mußte. In seiner Ueberraschung sprang er
-von seinem Sitze auf, während die junge
-Schönheit, vielleicht von ähnlichen Gefühlen,
-wie die seinigen, bestürmt, stehen blieb, und
-sich an die Felsenwand stützte, als wenn sie
-fürchtete, ihr Bewußtsein zu verlieren.
-</p>
-
-<p>
-So standen beide einige Zeit lang einander
-gegenüber, ungewiß, was sie thun sollten;
-endlich setzte aber Lodoiska ihren Weg
-fort, und befand sich nach einigen Augenblicken
-dicht bei dem Obersten.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Sechszehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>S</span>ollte ich Ihnen, redete sie ihn mit halb
-erstickter Stimme an, durch meine Gegenwart
-lästig werden? Können Sie mich nicht anders
-mehr als mit Furcht erblicken? Muß
-ich zu dem Zufall meine Zuflucht nehmen, um
-mit Ihnen zusammen zu treffen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Alfred fühlte die Nothwendigkeit, hierauf
-etwas zu erwidern; aber er fürchtete
-auch, in seinen Worten nicht die richtige
-Mittelstraße beobachten zu können, und das
-Unangenehme seiner Lage setzte ihn in die
-größte Verlegenheit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach! antwortete er, ist es gut für uns
-beide, daß wir uns wiedergefunden haben?
-Hatte uns nicht das Schicksal auf immer von
-einander getrennt? Konnte ich erwarten, Lodoiska,
-Sie hier in Deutschland zu sehen,
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-nachdem die Bande, die uns an einander
-knüpften, längst aufgelöset sind?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und wer hat sie zerrissen, Alfred,
-diese Bande? Verdiene ich oder Sie diesen
-Vorwurf? Nur die Zeit war zwischen uns;
-ich konnte meine schwachen Reize verlieren,
-aber mein Herz hat sich nicht geändert, und
-Sie sehen den Beweis davon vor sich! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bedarf Ihrer Gegenwart nicht,
-Lodoiska, um mir Vorwürfe zu machen, die
-ich mir schon seit langer Zeit gemacht habe.
-Die Verirrungen meiner Jugend haben sich
-meinen Blicken schon längst unter den schwärzesten
-Farben dargestellt. Aber was kann
-jetzt noch geschehen? Unsere Lage ist kummervoll;
-aber es bleibt uns nichts übrig, als sie
-mit Fassung und Muth zu ertragen: so will
-es das Schicksal.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sie drücken sich ziemlich dunkel aus,
-Alfred. Reden Sie offen zu mir, sagen Sie
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-mir Alles, was Sie denken, und ich werde
-aufrichtig Ihrem Beispiele folgen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie wäre es möglich, selbst zu enträthseln,
-was jetzt in meinem Herzen vorgeht?
-Und dürfte ich es thun, wenn ich es
-könnte? Bin ich nicht durch unauflösliche
-Bande gefesselt? Sein Sie großmüthiger
-als ich, Lodoiska, und bringen Sie freiwillig
-ein nothwendiges Opfer. Vergessen Sie
-mich, wenn Sie können ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sie haben Recht, wenn Sie daran
-zweifeln. Ich bin Ihnen völlig ähnlich, Alfred;
-auch ich habe meine Schwächen, mein
-Unrecht vielleicht. Sie haben nicht gefürchtet,
-mich zu verlassen, und einer Andern die
-Treue zu widmen, die Sie mir gelobt hatten;
-ich dagegen kann meine Empfindungen
-nicht unterdrücken, obgleich ich einsehe, daß
-sie vergeblich sind. Ich weiß, daß meine Gegenwart
-Sie belästigt, und dennoch fühle ich
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-mich glücklich, daß ich mich mit einer eiteln
-Hoffnung täuschen kann. Warum wollen
-Sie, daß ich Sie an Geistesstärke übertreffen
-soll? Sie haben mir Ihr Herz nicht erhalten
-können, und ich fühle mich unfähig,
-Ihnen das meinige zu entreißen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihre Worte, Lodoiska, verdoppeln noch
-meine Verzweiflung. Ich würde mein Leben
-dafür geben, das Geschehene ungeschehen zu
-machen, damit Sie ruhig und glücklich Ihr
-Leben genießen könnten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Es giebt Wünsche, antwortete Lodoiska
-mit einem schauerlichen Tone, deren
-Erfüllung nicht mehr möglich ist. Für mich
-giebt es kein Glück und keine Ruhe mehr auf
-der Erde; auch werde ich beides im Grabe
-nicht finden, und Sie allein muß ich als
-die Ursache dieses Unglücks betrachten. Sie
-wollen Ihr Leben für mich hingeben, sagen
-Sie? Dieses Opfer steht nicht in Ihrer Gewalt.
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Gehörten Sie mir nicht schon früher
-an? Habe ich nicht das heiligste Versprechen
-darüber, mit Ihrem eigenen Blute geschrieben?
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich läugne es nicht, daß ich Ihnen
-dieses Andenken meiner Liebe zurückgelassen
-habe. Aber wozu kann es Ihnen jetzt noch
-dienen? Es ist ein nichtiges Papier, das unsere
-Gesetze nicht anerkennen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ihre Gesetze! Was gehen mich die
-Förmlichkeiten an, die die Willkühr der Menschen
-geheiligt hat? Aber ich werde mich keinesweges
-so herabwürdigen, Sie wegen Ihres
-Meineids vor den Gerichten Ihres Landes
-zu belangen, sondern besser thun, mich
-bei dem unbestechlichen Wesen zu beklagen,
-das nicht über Worte richtet, sondern über
-Thaten. Zittern Sie, Unglücklicher, vor der
-Strafe, die Sie erwartet. Kennen Sie alle
-Mittel, deren sich der Allmächtige bedienen
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-kann, um Sie in Ihrem Innersten zu verwunden?
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Unglückliche Lodoiska, sein Sie ruhiger,
-ereifern Sie sich nicht! Da ich Ihnen
-jetzt nicht mehr meine Hand anbieten kann,
-so erlauben Sie, daß die reinste Freundschaft
-eine heftige Leidenschaft ersetze.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Die Freundschaft! nichts als die kalte
-Freundschaft bietet mir also Alfred an, für
-so viele Jahre voll Zärtlichkeit und Schmerz!
-Ich soll mich also entweder von ihm entfernen,
-um von Zeit zu Zeit einen Brief zu
-erhalten, dessen Kälte mich zur Verzweiflung
-bringen würde; oder mit ihm unter einem
-Dache bleiben, und dort Zeugin von dem
-Glücke einer Andern sein, mich einer beständigen
-Marter überliefern! Ach, wie unverständig
-war ich noch vor wenigen Augenblicken,
-als ich dort hinter jenen Bäumen Worte
-hörte, die mir in&rsquo;s Innerste drangen, und
-die ich noch nicht vergessen habe! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-&bdquo;Sie mußten Ihnen einen Beweis geben,
-daß Sie mir oft im Herzen gegenwärtig
-sind, und daß ich mich mit Kummer jener
-Zeiten erinnere, die für mich so glücklich
-waren. Aber ich beschwöre Sie, Lodoiska,
-retten Sie mich und sich vor der Verzweiflung;
-suchen Sie sich zu beherrschen, und
-sich nicht zu rächen, wie Sie es mich in Ihrem
-letzten heftigen Briefe fürchten ließen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sein Sie ruhig Alfred; seit jener
-Zeit haben meine Gedanken eine andere Richtung
-erhalten. Nicht durch menschliche Mittel
-will ich mich zu rächen suchen, sondern
-durch eine höhere Macht, die mich wider meinen
-Willen zum Ziele treibt. Gerne wünschte
-ich den mir vorgeschriebenen Gang zu ändern,
-aber es ist unmöglich! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Der feierliche Ton, mit welchem das
-junge Mädchen diese Worte aussprach, flößte
-dem Obersten eine Art von Schrecken ein;
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-doch faßte er sich bald, und sagte, Lodoiska&rsquo;n
-die Hand reichend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hoffe, daß unser Schöpfer mir mein
-begangenes Unrecht verzeihen wird, wenn
-Sie großmüthig genug sind, es zuerst zu vergessen.
-Weisen Sie meine Hand nicht so
-verächtlich von sich. Schließen wir einen
-Friedensvertrag, und versprechen Sie mir,
-daß Sie die Ruhe meiner Frau nicht stören
-wollen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Warum sollte ich großmüthiger sein
-als Sie? Was geht mich die Ruhe Ihrer
-Frau an? Haben Sie nicht die meinige unwiederbringlich
-aufgeopfert? Doch ich will
-suchen, Sie in allen Dingen zu übertreffen;
-nur Sie will ich quälen, und wenn ich mich
-nicht selbst beherrschen kann, so werde ich
-ohne Mitleid gegen Sie sein, wie Sie es
-gegen mich gewesen sind. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die Bitterkeit dieser Antwort schlug den
-Obersten völlig zu Boden. Er dachte in
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-seiner Verzweiflung nicht daran, daß es Zeit
-sei, sich zum Mittagsessen nach Hause zu begeben;
-aber Lodoiska war vorsichtiger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist Mittagszeit, sagte sie, und Sie
-können Ihre Jagd nicht noch länger fortsetzen,
-ohne diejenige in die größte Angst zu
-setzen, deren Ruhe Ihnen so theuer ist.
-Schlagen Sie jenen Weg dort ein, er führt
-Sie gerade nach dem Schlosse; ich werde
-über diese Anhöhe hier zurückgehen. Weiter
-habe ich Ihnen nichts zu sagen, Alfred,
-aber ich fürchte für Sie den Zorn des
-Himmels.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten wendete sich Lodoiska
-rasch um, erstieg den Hügel, und verschwand
-vor den Augen des Obersten, der noch lange
-Zeit brauchte, ehe er sich erholte und auf
-den Weg begab. Als er in&rsquo;s Schloß zurückkam,
-sahe er, wie Lodoiska neben seiner Frau
-saß, so ruhig, als wenn durchaus nichts vorgefallen
-wäre.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Der Nachmittag verstrich fast unter stetem
-Schweigen. Die Zeit hatte noch nichts
-über den Schmerz der Oberstin vermocht;
-fast beständig saß sie unbeweglich, ein aufgeschlagenes
-Buch in der Hand, in welchem
-sie nicht las, oder an einem Stickrahmen,
-den sie mit ihren Thränen benetzte. Eine
-tiefe Schwermuth hatte sich ihrer bemächtigt,
-und nur in seltenen Augenblicken, wo ihr
-Geist etwas heiterer war, zeigte sie ihrem
-Gatten, daß sie ihn noch liebe. Ihrer Tochter
-erlaubte sie niemals, sich von ihr zu entfernen,
-und wenn öfters Julie, durch ihre
-Lebhaftigkeit hingerissen, den Befehl ihrer
-Mutter vergaß, sprang Letztere fast außer sich
-aus dem Zimmer, rief sie mit lauter Stimme,
-und war nicht eher ruhig, als bis das Kind
-wieder bei ihr war. Stundenlang betrachtete
-sie Juliens lächelndes Gesicht; es schien ihr,
-als wenn das kleine Mädchen schon ebenfalls
-von der Krankheit befallen wäre, die ihren
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Bruder in&rsquo;s Grab gebracht hatte; dann kannte
-ihre Verzweiflung keine Grenzen. Vergebens
-versicherte der Arzt, daß ihre Tochter völlig
-gesund sei; sie konnte nur unvollkommen ihre
-Angst unterdrücken, die sich bei der geringsten
-Veranlassung erneuerte.
-</p>
-
-<p>
-Als Alfred diese beständige Traurigkeit
-sahe, welche die seinige noch verdoppelte,
-fürchtete er, seine Frau einen Augenblick lang
-allein zu lassen. Er bemerkte, daß Helene
-ihre eigene Gesundheit untergrub, indem sie
-so eifrig über die Gesundheit der kleinen
-Julie wachte; schon waren ihre Wangen
-blaß und eingefallen, ihre Augen wurden
-hohl, und aus ihrer Brust kamen oft rauhe
-Töne hervor, als wenn sie von der abzehrenden
-Krankheit befallen wäre.
-</p>
-
-<p>
-Am folgenden Tage stattete der alte
-Herr von Krauthof einen Besuch im Schlosse
-ab. Fast mit ihm zugleich kam Wildenau.
-Der Erstere hatte schon lange mit großer Ungeduld
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-den Augenblick erwartet, wo er die
-geheimnißvolle Fremde zu Gesicht bekommen
-würde. Oft war er deßhalb schon vergebens
-im Schlosse gewesen; aber heute war er glücklicher,
-und mit welcher Freude sahe er Lodoiska&rsquo;n,
-welche die kleine Julie auf dem
-Schooße hatte, am Fenster sitzen. Durch seinen
-feinen Anstand zeichnete sich Herr von
-Krauthof eben nicht aus; an das Leben auf
-dem Lande gewöhnt, wo er größtentheils nur
-mit Bauern zusammenkam, über die er sich
-hoch erhaben glaubte, legte er sich in Gesellschaften
-eben keinen Zwang an. Sobald er
-sich daher gesetzt und der Oberstin die gewöhnlichen
-Komplimente gemacht hatte, wendete
-er sich an die junge Lodoiska:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Madame, vielleicht kommt Ihnen dieser
-Titel nicht zu; denn es ist möglich, daß
-Sie noch nicht verheirathet sind; aber glauben
-Sie mir, es ist nicht meine Schuld, wenn
-ich Ihnen nicht schon früher meine Aufwartung
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-gemacht habe. Vor einiger Zeit fand
-ich mich an Ihrer Thüre ein; allein Ihr
-Kammerdiener weigerte sich mit außerordentlicher
-Grobheit, der Himmel mag sie ihm
-verzeihen, mich bei Ihnen vorzulassen. Wahrhaftig,
-ich möchte mich beinahe über die Feuersbrunst
-freuen, die Ihr Häuschen in Asche
-gelegt hat, weil ich dieser Begebenheit die
-Ehre verdanke, Ihnen meine Aufwartung zu
-machen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese seltsame Art sich auszudrücken
-mißfiel der ganzen Gesellschaft. Lodoiska,
-welche darin nicht geradezu eine Frage sahe,
-schwieg, während der Arzt, der sie aus einer
-Verlegenheit zu ziehen glaubte, sich nach dem
-Zustande ihrer Gesundheit erkundigte. Hierauf
-antwortete sie mit wenigen Worten.
-Herr von Krauthof, der sich durch die Unzufriedenheit,
-die er auf allen Gesichtern lesen
-konnte, wenn er gewollt hätte, nicht irre
-machen ließ, wendete sich nun an den Arzt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-&bdquo;Zum Teufel, mein gelehrter Herr Doktor,
-Sie sind mit einem Vorrechte begabt,
-das ich nicht besitze, nämlich diese schöne Dame
-zum Sprechen zu bringen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Allerdings hat sie mir geantwortet,
-Herr Ober-Land-Jägermeister; aber dieß
-verdanke ich meiner Frage, der einzigen,
-welche wohlerzogene Leute an Jemanden richten
-können, den sie nicht kennen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aha! ich höre es, mein Lieber, wie
-man mir schon früher gesagt hat, daß Sie
-auch zu der Klasse der jetzigen Aufgeklärten
-gehören. Was können denn das für wohlerzogene
-Leute sein, wenn ich nicht dazu
-gehöre?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ungeachtet der ernsten über Lodoiska&rsquo;s
-Gesicht verbreiteten Kälte und ihrer gewöhnlichen
-Gleichgültigkeit, konnte sie doch nicht
-ein Lächeln über diese Worte unterdrücken,
-während die Oberstin die Achseln zuckte und
-Lobenthal aus Klugheit die Antwort unterdrückte,
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-die ihm schon auf den Lippen
-schwebte. Indessen suchte er die Unterhaltung
-auf einen andern Gegenstand zu bringen,
-und fragte, ob es wahr sei, daß endlich
-das Kirchspiel einen eigenen Pfarrer erhalten
-würde?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Herr Oberst, so viel ich weiß, ist
-es wahr, und mir dauert schon die Zeit
-lang, ehe wir ihn hier haben; denn ich hoffe,
-daß er durch seine Predigten dem Bauervolk
-mehr Gehorsam und Unterwürfigkeit gegen
-uns beibringen, und ihnen beweisen wird,
-wie sehr unser Einer über sie erhaben ist.
-Vorzüglich aber muß er suchen, den Aberglauben
-zu verbannen, der unter dem Volke
-immer mehr Wurzel schlägt, je mehr auf
-der anderen Seite seine Ungläubigkeit zunimmt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich erstaune! sagte der Arzt. Wie
-<a id="corr-0"></a>können Sie so sprechen! Sie, ein Feind des
-Aberglaubens! Ich hielt diesen sehr nahe
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-verwandt mit der großen Masse der Vorurtheile.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß nicht, was Sie damit sagen
-wollen, mein Lieber; aber ich liebe den Aberglauben
-nicht, weil er die Bauern von ihrer
-Pflicht abhält. Seitdem diese Elenden sich
-in den Kopf gesetzt haben, daß es <em>Vampyre</em>
-im Kirchspiele gebe, wollen sie keinen
-Schritt mehr aus dem Hause gehen, sobald
-es finster ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Vampyre! Hier sollen Vampyre
-sein? rief der Oberst. Wer kann die scheußlichen
-Mährchen Ungarns und Griechenlands
-hierher verbreitet haben? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten konnte der Oberst
-sich nicht enthalten, seinen Blick auf Lodoiska
-zu richten. Er sahe, daß sie außer aller
-Fassung war. Ihre Gesichtszüge drückten
-den höchsten Schrecken aus, ihr Mund stand
-halb geöffnet, ihre Augen waren unbeweglich,
-und mit einer schnellen Bewegung, die sie
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-aber wieder unterdrückte, schien sie im Begriff
-gewesen zu sein, sich zu entfernen.
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst erklärte sich mit Leichtigkeit
-diesen Schrecken Lodoiska&rsquo;s. Es war fast
-unmöglich, daß ein Mädchen aus der Wallachei
-nicht an die Vampyre glaubte, und sehr
-häufig hatte sie mit ihm darüber gesprochen,
-ihm die seltsamsten Geschichten über diesen
-Gegenstand erzählt. Konnte er sich also wundern,
-daß sie außer sich gerieth, als so unerwartet
-die Rede auf die fürchterlichen Vampyre
-kam? Aus Rücksicht für sie hätte er
-gern dem Gespräche abermals eine andere
-Wendung gegeben; aber es war zu spät.
-Herr von Krauthof beantwortete die an ihn
-gerichtete Frage.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einem Unglücklichen, der nicht mehr
-am Leben ist, verdanken wir den in dieser
-Gegend verbreiteten Schrecken. Ihr Bedienter
-Werner erzählte seinen Freunden die Geschichte
-von diesen Unholden, welche nach dem
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-menschlichen Blute dürsten, bei Gelegenheit
-des sonderbaren Todes einer jungen Bäuerin
-aus dem Dorfe. Aber mein Gott, fuhr er
-fort, sich an Lodoiska wendend, Madame,
-fürchten Sie sich denn auch vor solchen Narrheiten?
-Sie haben ohne Zweifel zu viel Verstand,
-als daß Sie an diese Unholde, diese
-Vampyre glauben könnten, die ohne Zweifel
-nur in dem Gehirn desjenigen ihr Dasein
-hatten, der zuerst von ihnen sprach.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier warf die Fremde einen so finsteren
-Blick auf den Herrn von Krauthof, von einem
-so scheußlichen Lächeln begleitet, daß er
-ungeachtet seiner Zuversichtlichkeit ganz erschrocken
-in seiner Rede inne hielt, und mit
-der Sprache zugleich die Lust zum Plaudern
-verlor, die ihn sonst nie verließ.
-</p>
-
-<p>
-Der Arzt glaubte nun gleichfalls über
-diesen Gegenstand sprechen zu müssen, und
-scherzte über diese abscheulichen Mährchen. Er
-forderte die Vampyre heraus, den Schlaf eines
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-muthigen Mannes zu stören, und hätte
-noch lange so fortgefahren, wenn ihn nicht
-die wiederholten Winke des Obersten davon
-abgehalten hätten. Hierauf folgte ein Augenblick
-des Stillschweigens, als plötzlich auch
-Helene das Wort nahm:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum, sagte sie, wollen wir so hartnäckig
-diese Geheimnisse bestreiten? Wie abscheulich
-sie auch sein mögen, kennen wir alle
-Mittel der Vorsehung, wodurch sie uns zu
-betrüben im Stande ist? Ich glaube an die
-Möglichkeit, daß es Vampyre geben kann,
-und vielleicht habe ich gar einem Ungeheuer
-dieser Art den unerwarteten Tod meines
-Sohns zu verdanken .....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Fremde stößt bei diesen Worten einen
-lauten durchdringenden Schrei aus. Sie steht
-mit Heftigkeit auf, will einen Schritt vorwärts
-thun, und fällt ohne Bewußtsein auf
-den Fußboden nieder. &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Siebenzehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ährend der gefühllose Herr von Krauthof
-sich vergebens in allerhand Vermuthungen
-verlor, durch welche Ursache die Ohnmacht der
-schönen Fremden hervorgebracht sein könnte,
-waren Helene, ihr Mann und der Arzt eifrig
-beschäftigt, Lodoiska&rsquo;n in&rsquo;s Leben zurückzurufen.
-Aber ihre Bemühungen waren fruchtlos,
-und der Oberst benutzte diese Augenblicke,
-den lächerlichen Edelmann zurechtzuweisen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe mit den russischen Heeren,
-sagte er, einen großen Theil von Europa
-durchzogen, und dabei Gegenden gesehen,
-welche sonst von unsern Reisenden nur selten
-besucht werden. Ich müßte mich sehr irren,
-wenn diese fremde Dame, nach ihrer Aussprache
-und ihrem ganzen Wesen zu urtheilen,
-nicht im östlichen Ungarn oder in der Wallachei
-geboren ist; in diesem Falle muß auch
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-sie von den in ihrem Vaterlande herrschenden
-abergläubischen Meinungen durchdrungen sein,
-und da die Unterhaltung auf einen für ihre
-Landsleute so furchtbaren Gegenstand kam, so
-wird dieß, verbunden mit ihrer noch schwachen
-Gesundheit, ihren jetzigen Zustand hervorgebracht
-haben, dem wir sie mit aller Mühe
-noch nicht entreißen können.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Erklärung schien allen Anwesenden
-hinreichend zu sein. Der Herr von Krauthof
-bemerkte, daß die Fremde, wenn sie in
-Ungarn geboren wäre, gewiß mit der Art
-bekannt sei, wie man den Tokaier Wein behandeln
-müsse, und er nahm sich vor, sie
-über diesen Gegenstand um Auskunft zu bitten,
-da er mehrere Weinstöcke aus jener Gegend
-in seinem Garten habe. Niemand antwortete
-auf diese Lächerlichkeit. Da Lodoiska
-nicht wieder zu sich kam, so machte Wildenau
-den Vorschlag, sie in ihr Zimmer zu tragen,
-was auch geschahe; aber sie lag noch lange
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Zeit auf ihrem Bette völlig kalt und unbeweglich.
-Endlich stieß sie einen tiefen Seufzer
-aus, schlug die Augen auf, und die Umstehenden
-der Reihe nach ansehend, fragte sie
-mit leiser Stimme, warum sie sich in diesem
-Zustand befände?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der außerordentliche Blutverlust, welchen
-Sie erlitten haben, antwortete Wildenau,
-wird Ihnen noch häufig dergleichen Zufälle
-zuziehen. Sie nehmen Ihre Gesundheit
-nicht genug in Acht, und rechnen zu sehr auf
-Ihre gute Natur, ohne auf meine Warnungen
-zu hören.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ist dieß wirklich die Ursache meiner
-Ohnmacht? Hat man nicht von Vampyren
-gesprochen? Wer hat es gewagt, den geheimnißvollen
-Schleier zu lüften, mit welchem
-der Himmel die Erfüllung seines schrecklichen
-Willens bedeckt? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, denken Sie nicht mehr an diesen
-traurigen Gegenstand, sagte der Oberst; das
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-Gespräch kam nur aus Unvorsichtigkeit darauf,
-und es soll nicht wieder geschehen. Aber
-vergessen Sie wo möglich jene Schrecknisse,
-vor welchen Sie hier in Deutschland sicher
-sind.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska antwortete nicht hierauf, sondern
-bat nur um Erlaubniß, allein bleiben
-zu dürfen, um sich auszuruhen. Man verließ
-sie also, und begab sich in das Gesellschaftszimmer
-zurück, wo der Herr von Krauthof
-noch wartete, und eine Menge Fragen that,
-die man kaum beantwortete. Endlich entfernte
-er sich, zufrieden, endlich das Vaterland
-der Fremden erfahren zu haben, und
-mit dem Vorsatze, diese wichtige Entdeckung
-in der möglichst kürzesten Zeit allen Nachbarn
-mitzutheilen.
-</p>
-
-<p>
-Als er fort war, nahm Wildenau das
-Wort, und machte dem Obersten und seiner
-Gemahlin folgende Erklärung: &bdquo;Ich weiß
-nicht recht, fing er an, wie ich es machen
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-soll, Ihnen die Gefühle mitzutheilen, die
-meine ganze Seele beherrschen. Aber die
-Güte, die Sie bisher für mich gezeigt haben,
-giebt mir Muth, und ich schmeichele mir
-mit Ihrer Unterstützung zur Erreichung meiner
-Wünsche. Ich bin vier und dreißig Jahre
-alt, besitze ein anständiges Vermögen, und
-habe eine Praxis, die meine Wohlhabenheit
-noch vermehrt. Die Ehelosigkeit ist mir noch
-weit lästiger geworden, seitdem ich die reizende
-Person gesehen, der Sie einen Zufluchtsort
-gewährt haben. Sie ist eine Fremde;
-große Unglücksfälle, vielleicht ein Fehler, den
-sie durch freiwillige Verbannung büßt, haben
-sie hierher geführt. Ich wünschte ihr Schicksal
-zu verbessern, indem ich ihr meine Hand
-anbiete, wenn sie sie annehmen wollte; ehe
-ich aber das Geringste zur Erreichung meiner
-Absicht unternehmen wollte, glaubte ich,
-mich Ihnen freimüthig entdecken zu müssen,
-in der Hoffnung, daß die Frau Oberstin, um
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-mir einen Korb zu ersparen, die Güte haben
-würde, die Gesinnungen dieser schönen Person
-auszuforschen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Lobenthal war zu sehr bewegt durch das,
-was er jetzt hörte, als daß er hätte darauf
-antworten können, und er überließ daher diese
-Sorge seiner Frau. Diese billigte Wildenau&rsquo;s
-Wahl, nur rieth sie ihm, sich nicht früher
-bestimmt zu erklären, ehe er nicht die
-Geschichte der Fremden genau erfahren habe,
-damit späterhin ihm nicht die Reue sein Leben
-verbittere.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Glauben Sie mir, Frau Oberstin, entgegnete
-der Arzt, daß ich dieß ebenfalls schon
-überlegt habe. Durch den ehemaligen Eigenthümer
-des abgebrannten Hauses bin ich unterrichtet
-worden, daß er dasselbe mit den
-dazu gehörigen Ländereien für funfzehntausend
-Thaler an die Fremde verkauft hat,
-welche ihm sogleich ausgezahlt worden sind.
-Das Haus ist verloren; aber die Ländereien
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-sind noch da, und Sie wissen, daß man bei
-den Güterkäufen hier zu Lande die letzteren
-für Alles, die Gebäude fast für nichts rechnet.
-Sie selbst haben mir auch gesagt, daß
-diese Dame reiche Kleinodien besitzt, und
-man hat eine bedeutende Summe in baarem
-Golde aus der Feuersbrunst gerettet, welche
-Sie einige Zeit lang in Verwahrung hatten.
-Diese Reichthümer, die Talente, welche die
-Fremde besitzt, ihr edler Anstand, obgleich
-damit einige Sonderbarkeiten verknüpft sind,
-scheinen mir zu beweisen, daß sie nicht zu jener
-verworfenen Klasse von Frauenzimmern
-gehört, die mit ihren Reizen Wucher treiben.
-Seitdem sie hier ist, hat sie stets in der
-größten Zurückgezogenheit gelebt, was sie gewiß
-nicht gethan haben würde, wenn sie auf
-Abentheuer ausginge. Unsern Vermuthungen
-bleibt also nur noch übrig, daß sie vielleicht
-das Opfer einer unvorsichtigen Leidenschaft
-ist, oder vielleicht weit von ihrem Vaterlande
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-einen Jugendfehler in Vergessenheit
-bringen will. Dieß kann ich nicht geradezu
-bestreiten. Aber die ohne Zweifel seitdem
-verstrichene Zeit, ihr jetziges Betragen müssen
-ihr zur Entschuldigung dienen. Ich will
-mich durchaus nicht darauf einlassen, was geschehen
-ist, und wenn sie Ihnen darüber ein
-offenes Geständniß macht, so will ich noch
-weiter gehen: ich will nicht ein Wort davon
-wissen; sobald Sie mich versichern, Frau
-Oberstin, daß sie meiner nicht unwürdig ist,
-so führe ich sie zum Altare.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Helene, von Wildenau&rsquo;s Freimüthigkeit
-und Vertrauen gerührt, versprach ihm, nichts
-zu vernachlässigen, um seinen Wünschen nachzukommen.
-Da der Oberst die Nothwendigkeit
-fühlte, daß auch er ein Wort hierzu sagen
-müsse, so brachte er mit Mühe einige unzusammenhängende
-Redensarten hervor, und
-schwieg dann wieder. Es war schon ziemlich
-spät, als diese Unterhaltung endete, und da
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-der Arzt am andern Morgen in ziemlicher
-Entfernung einen Kranken zu besuchen hatte,
-so trennte man sich.
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst war weit entfernt, in dieser
-Nacht zu schlafen; seine innere Bewegung
-war zu heftig. Er glaubte fast gewiß zu
-sein, daß Lodoiska den Heirathsantrag von
-sich weisen würde; aber er fürchtete, daß dieses
-junge Mädchen ihrer Heftigkeit freien
-Lauf lassen, und einige Worte sagen möchte,
-die die Ruhe des Hauses stören könnten.
-</p>
-
-<p>
-Während er sich diesen Gedanken überließ,
-glaubte er in dem Zimmer seiner Frau,
-das sich dicht neben dem seinigen befand, ein
-leises Geräusch zu hören. Er horchte genau
-auf, um gewiß zu sein, daß er sich nicht
-täuschte; da aber das Geräusch anhielt, so
-fürchtete er, daß Helene unwohl sein möchte.
-Daher stand er rasch auf, und ging leise auf
-die Thür des Nebengemaches zu. Er war
-im Begriff sie zu öffnen, als er plötzlich von
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-einer Hand, die er nicht sahe, einen so heftigen
-Schlag in&rsquo;s Gesicht erhielt, daß er auf
-sein Bett zurückfiel, und einige Minuten fast
-ohne Besinnung darauf liegen blieb.
-</p>
-
-<p>
-Sobald er sich erholt hatte, eilte er zu
-seinem Degen, zündete mit einem chemischen
-Feuerzeuge ein Licht an, und untersuchte nun
-sorgfältig das ganze Zimmer, in der Hoffnung,
-den kühnen Urheber des höchst unsanften
-Schlags zu entdecken. Aber alle seine Nachsuchungen
-waren vergebens. Die äußere
-Zimmerthür war sorgfältig von innen verschlossen,
-eben so befanden sich alle Riegel
-vor den unversehrten Fenstern, und als er in
-das Zimmer seiner Gattin kam, sahe er, daß
-sie in einen festen, obgleich ängstlichen Schlaf
-versunken lag. Auch hier suchte er Alles genau
-durch, und da er nichts entdeckte, so sahe
-er sich gezwungen zu glauben, daß seine
-Phantasie oder die Unruhe seines Blutes
-ihn getäuscht habe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Er kehrte in sein Zimmer zurück, wo die
-anbrechende Morgenröthe ihn noch wachend
-fand. Der Tag schien vortrefflich zu werden,
-und um nicht Zeuge der Unterhaltung seiner
-Frau mit Lodoiska zu sein, entschloß er sich
-auf die Jagd zu gehen, ehe noch Jemand im
-Hause aufgestanden war.
-</p>
-
-<p>
-Erst zur Frühstückszeit erfuhr Helene, daß
-ihr Gatte nicht erscheinen würde, und dieß
-war ihr gewissermaßen lieb, weil sie neugierig
-war, die Gesinnungen der Fremden über
-den ihr zu machenden Antrag zu erfahren.
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska trat in&rsquo;s Zimmer, sobald die
-Frühstücksglocke ertönte. Ueber ihr Gesicht
-war finstere Schwermuth verbreitet; allein
-sie war nicht so blaß als gewöhnlich; sehr
-bewegt bedankte sie sich für die Sorgfalt, die
-man ihr am vorigen Tage erwiesen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Da Helene das beabsichtigte Gespräch
-nicht in Juliens Gegenwart anfangen wollte,
-so wartete sie das Ende der Mahlzeit ab,
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-und befahl dann Lisetten, die Kleine mit sich
-zu nehmen, und nicht eher wieder hereinzukommen,
-bis sie gerufen würde. Lodoiska
-setzte sich gleich darauf an ihren Stickrahmen,
-und Helene, um nicht in Verlegenheit
-zu gerathen, nahm ein Buch, in welchem sie
-aufmerksam zu lesen schien. Nach langem
-Zögern fing sie endlich das Gespräch folgendermaßen
-an. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, liebe Lodoiska, werden Sie denn
-immer das beste, aber auch das geheimnißvollste
-Wesen auf der Welt bleiben? Sollen
-wir denn nie erfahren, durch welche wichtige
-Ursachen Sie aus Ihrem Vaterlande entfernt
-worden sind? Sie sehen mich voll Erstaunen
-an; sollten meine Fragen Sie beleidigen?
-Glauben Sie mir, nur meine Theilnahme
-für Sie hat sie mir eingegeben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich glaube es, Frau Oberstin, und
-ich entschuldige Sie, weil ich Sie kenne; da
-Sie mir aber bis jetzt Ihr Wohlwollen geschenkt
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-haben, ohne nach meinen näheren
-Verhältnissen zu forschen, warum sollte ich
-dieses Vertrauen von Ihrer Seite nicht noch
-länger verdienen? Habe ich mich seit Kurzem
-vielleicht in einem unvortheilhafteren
-Lichte gezeigt? Sollte ich der Verläumdung
-preisgegeben sein? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Von allem <a id="corr-1"></a>Diesem ist durchaus nicht
-die Rede; aber glauben Sie denn, daß Sie
-ungestraft so hübsch sein dürfen? Niemand
-wird sich um die Verhältnisse eines gewöhnlichen
-Frauenzimmers bekümmern. Man geht
-an ihr vorüber, ohne sie zu bemerken; aber
-Sie, Lodoiska, fallen zu sehr in die Augen,
-als daß man Sie mit Gleichgültigkeit ansehen
-könnte. Sie setzen ohne Zweifel mehr
-als ein Herz in Bewegung, von denen einige
-sich Ihnen nähern möchten, um auch das
-Ihrige zu rühren; und diese haben einiges
-Interesse dabei, zu wissen, wer Sie sind, ob
-Sie noch frei sind, ob keine frühere Verbindung
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Ihnen im Wege ist; kurz, ob Sie über
-Ihre Hand verfügen können?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein melancholisches Lächeln ging der
-Antwort voraus, die Lodoiska hierauf zu geben
-im Begriff stand. Sie schien einen Augenblick
-darüber nachzudenken, richtete dann
-ihren Kopf, den sie über den Stickrahmen
-gebeugt hatte, in die Höhe, und sagte, Helenen
-mit einem Blick der vollkommensten
-Gleichgültigkeit ansehend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn es bei der Kenntniß meines
-Schicksals bloß auf meine jetzige Lage ankommt,
-so kann ich mich über diese erklären,
-ohne zu erzählen, was mir früher begegnete.
-Ich bin frei, völlig frei, und dennoch gehöre
-ich mir selbst nicht an. Ich habe mein Herz
-verschenkt, und nicht das Recht, es wieder
-zurückzufordern; durch ein ganzes Leben bin
-ich von demjenigen getrennt, den ich bis zum
-Uebermaß liebe; meine Seele steht unter der
-Abhängigkeit einer höheren Macht, und ich
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-habe kein Vaterland mehr, ich gehöre der
-ganzen Erde an. Fragen Sie mich nicht
-weiter; Sie haben jetzt Alles gehört, was ich
-Ihnen sagen kann .... suchen Sie es zu vergessen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich würde mich ohne Zweifel mit
-einer solchen Erklärung begnügen, so dunkel
-sie mir auch ist, aber ich kann Sie versichern,
-daß Andere nicht damit zufrieden sein werden.
-Und nun erlauben Sie, daß ich mit
-Ihnen ein Wort der Vernunft spreche. Sie
-sind hier weit von Ihrem Vaterlande entfernt,
-allein und unabhängig; Sie können
-nicht hoffen, sagen Sie, demjenigen jemals
-anzugehören, den Ihr Herz ausgewählt hat:
-was wollen Sie aber dann in einem fremden
-Lande machen? Wird nicht eine Zeit kommen,
-wo Sie, unter der Last des Alters gebeugt,
-das Bedürfniß eines Freundes fühlen werden?
-Wollen Sie denn vielleicht in Ihr Vaterland
-zurückkehren? Das Schicksal könnte
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-Ihnen unübersteigliche Hindernisse in den
-Weg legen. Kurz, Sie werden es dann bereuen,
-etwas ausgeschlagen zu haben, was
-Sie jetzt vielleicht verschmähen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich fühle es, Frau Oberstin, wie schrecklich
-meine jetzige Lage für jedes andere
-Frauenzimmer sein würde, das sich in einem
-der gewöhnlichen Verhältnisse des menschlichen
-Lebens befindet. Aber meine Verhältnisse
-sind ganz besonderer Art! Ich scheine Ihnen
-verlassen zu sein? Wohl! so glauben Sie,
-daß ich nicht Ursach habe, mich über meine
-Zukunft zu beunruhigen; sie ist schon seit
-mehreren Jahren fest bestimmt, und kann sich
-nicht mehr ändern. Ich drehe mich um einen
-Kreis, den ein allmächtiges Wesen mir
-vorgeschrieben hat, und von dem ich mich
-nicht entfernen kann. Sie glauben, daß
-mir eine Stütze, ein Freund nöthig werden
-möchte? Enttäuschen Sie sich; ich werde nie
-darein willigen, eine solche Stütze anzunehmen.
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-Sagen Sie demjenigen, der Ihnen aufgetragen
-hat, mit mir hierüber zu sprechen, er
-möge alle Hoffnung aufgeben, vorzüglich aber
-eine Liebe zu unterdrücken suchen, die für ihn
-gefährlich werden könnte. Der Unverständige!
-Er weiß nicht, daß Jeder, welcher mich
-liebt, dem Tode verfallen ist! .... Sie erbeben,
-Frau Oberstin! Ach, warum ist es
-mir nicht erlaubt, Ihnen meine traurige
-Geschichte zu erzählen! Meine Lage würde
-Ihnen dann den schrecklichsten Abscheu einflößen
-.... und dennoch &mdash; ich nehme Gott zum
-Zeugen, den ich fürchte &mdash; habe ich über keine
-meiner Handlungen zu erröthen. Sie waren
-stets übereinstimmend mit der Tugend, und
-wenn ich mir selbst Böses anthat, so ist mir
-wenigstens bis dahin kein Vorwurf zu machen.
-Hören Sie auf, ich beschwöre Sie, weiter in
-mich zu dringen, und lassen Sie mich in der
-Hülle meiner Geheimnisse. Ich verlange
-nichts von den Menschen; gern wünschte ich
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-mir auf der Erde die Ruhe des Grabes, aber
-sie ist mir versagt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten drückte Lodoiska ihre
-ganze Verzweiflung durch einen sonderbaren,
-fürchterlichen Blick aus, stand von ihrem
-Stuhle auf, beurlaubte sich bei Helenen, und
-begab sich in ihr Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Außerordentliches Geschöpf! sagte Helene
-zu sich selbst, als sie sie fortgehen sahe;
-unbegreifliches Wesen! Wer ist sie? Was
-hat sie gethan? Warum kam sie hierher?
-Ihre Geschichte muß äußerst anziehend sein,
-und gewiß hat sie den Becher des Unglücks
-mit vollen Zügen geleert.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie blieb bis zur Rückkehr des Obersten
-und des Arztes, welche beide zugleich kamen,
-in das tiefste Nachdenken versunken. &bdquo;Armer
-Freund! rief sie dem Letztern entgegen; man
-giebt Ihnen den Korb, ohne Ihnen die geringste
-Hoffnung zu lassen. Erlassen Sie
-mir aber, ich bitte, die weitere Auseinandersetzung
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-meiner Unterhaltung mit der Fremden,
-und begnügen Sie sich damit, zu wissen,
-daß sie mir nichts von ihren Schicksalen erzählt
-hat, und daß Sie nicht glücklich sind.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Weit entfernt, sich mit diesen Worten zu
-befriedigen, verlangte Wildenau eine ausführlichere
-Erklärung, und Helene sträubte
-sich vergebens: sie mußte Alles genau wieder
-erzählen, was gesprochen worden war. Es
-läßt sich denken, mit welcher geheimen Theilnahme
-der Oberst zuhörte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Eigenliebe, sagte endlich der
-Arzt, ist bei dieser Gelegenheit durchaus unverletzt
-geblieben; ich sehe ein, daß die Grausame
-eine Liebe fühlt, welcher nicht Genüge
-geleistet werden kann. Ohne Zweifel hat sie
-ihr Vaterland aus beleidigter Liebe verlassen;
-dieß ist eine zu heftige Maßregel, die ich nicht
-nachahmen will, und da sie sich weigert, meine
-Frau zu werden, so bleibe ich wenigstens ihr
-treuer Freund.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-&mdash; Das heißt vernünftig gesprochen!
-sagte der Oberst, sein langes Stillschweigen
-brechend. Nur keine Seufzer, glauben Sie
-mir; stellen Sie sich völlig gleichgültig, und
-vielleicht gerade, wenn Sie am wenigsten
-daran denken, werden Sie dieses stolze Herz
-sich geöffnet sehen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Obgleich Wildenau innerlich tief bekümmert
-war, so wußte er doch sehr gut seinen
-wahren Zustand zu verbergen; aber er gab
-seine Liebe noch nicht auf, denn auch er
-kannte den Werth und Einfluß der Zeit,
-welche allen Dingen nach und nach eine veränderte
-Gestalt giebt.
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska erschien heute nicht zum Mittagessen,
-indem sie sagen ließ, daß sie unpäßlich
-sei, und in ihrem Zimmer essen würde.
-Man glaubte anfangs, daß sie bloß nicht mit
-dem Arzte zusammentreffen wolle; aber Lisette
-berichtete, daß sie außerordentlich blaß sei,
-und in der heftigsten Unruhe zu sein scheine.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-Achtzehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>m folgenden Tage, wo Lodoiska sich wieder
-blicken ließ, schien sie gar nicht mehr an die
-mit der Oberstin gehabte Unterhaltung zu
-denken. Wildenau befand sich noch im Schlosse.
-Sie behandelte ihn wie gewöhnlich, und war
-vollkommen gleichgültig gegen ihn; allein gegen
-den Obersten hatte sich ihr Betragen
-völlig geändert. Sie richtete häufig ihre
-Blicke auf ihn, mit einem Ausdruck von Unzufriedenheit
-und selbst Zorn, der ihn beinahe
-in Schrecken setzte; sie war gegen ihn
-so trotzend und zu gleicher Zeit vertraulich,
-daß man leicht ihre frühere Bekanntschaft
-mit einander errathen haben würde, wenn
-man nicht überzeugt gewesen wäre, daß der
-Verstand der Fremden in manchen Augenblicken
-völlig zerrüttet sei.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-Der Oberst, dem die Wahrheit wohl bekannt
-war, bebte über die Folgen, welche
-diese üble Laune Lodoiska&rsquo;s haben könnte.
-Jemehr sie ihm nach und nach wieder theuer
-wurde, je lieber hätte er es gesehen, daß man
-es nicht bemerkte, und vorzüglich fürchtete
-er, daß eine Unvorsichtigkeit die Eifersucht
-seiner Frau wecken möchte. Er suchte sich
-Lodoiska&rsquo;n verständlich zu machen, indem er
-sie durch Blicke bat, ihn zu schonen, und ihres
-Versprechens eingedenk zu sein; aber seine
-Bemühungen waren vergeblich, und sie fuhr
-in ihrem Betragen fort. Unterdessen kam
-ein Eilbote, der den Arzt zu einem Nachbar
-holte, welchen ein Schlagfluß befallen hatte;
-zu gleicher Zeit wollte Helene ein Geschäft in
-ihrem Zimmer besorgen, und die beiden Feinde
-befanden sich nun allein einander gegenüber.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie erinnern sich also nicht mehr an
-Ihr mir gegebenes Versprechen?&ldquo; sagte
-Alfred schnell.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-&mdash; Sie haben ja auch vergessen, daß
-Sie mir Ihr Herz versprochen hatten!
-Noch einmal sage ich es Ihnen, betrügerischer
-Mann, können Sie mir vorwerfen,
-daß ich meine Schwüre gebrochen? Ich betrage
-mich gegen Sie, wie es mich gut
-dünkt; aber dieß ist hier nicht der Ort, uns
-einander Vorwürfe zu machen. Ich muß Sie
-sprechen, durchaus allein sprechen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Heute um Mitternacht. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Im großen Saale; dort wird uns
-Niemand stören. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wollen Sie von mir?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sie werden es erfahren. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber wenn man uns überrascht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sein Sie ohne Sorgen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-&bdquo;Es wird einen üblen Ausgang nehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Werden Sie kommen? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich fürchte ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Zittern Sie, wenn ich vergebens
-auf Sie warten muß. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Helenens Rückkehr in&rsquo;s Zimmer machte
-dieser Unterhaltung ein Ende, die nur halb
-laut geführt worden war. Sie kam so plötzlich,
-daß ihr Gatte in Verlegenheit gerieth,
-und sie überraschte ihn bei einer Bewegung,
-die ihr so manche Dinge hätte erklären können,
-wenn sie nicht in vollkommener Sicherheit
-gewesen wäre. Lodoiska war seit der
-Zeit ihres Aufenthalts im Schlosse noch nie
-so guter Laune gewesen, als heute. Sie
-vergaß ihre gewöhnliche Schwermuth, ja sie
-wurde sogar lustig, und es gelang ihr, Helenen
-ein Lächeln abzugewinnen, das erste seit
-dem Verluste ihres Sohnes.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Alfred, weit entfernt, Lodoiska&rsquo;s Frohsinn
-zu theilen, wurde immer tiefsinniger und
-trauriger, jemehr sich der Abend näherte.
-Kaum öffnete er den Mund zum Sprechen;
-eine ihm unerklärbare Unruhe bewegte sein
-Inneres, und er wagte es nicht, weder Lodoiska&rsquo;n
-noch seine Frau anzublicken. Vorzüglich
-fürchtete er, bei der bevorstehenden
-Zusammenkunft mit der Erstern, mitten in
-der Nacht überrascht zu werden, da hiervon
-seine ganze häusliche Ruhe abhing.
-</p>
-
-<p>
-Endlich begab sich ein Jeder in sein
-Zimmer. Die Oberstin, die sich seit einiger
-Zeit über eine allgemeine Schwäche in allen
-Gliedern beklagte, legte sich zuerst zu Bett,
-und schickte bald darauf auch Lisetten fort.
-Der Oberst setzte sich in seinem Zimmer auf
-einen Lehnstuhl, und erwartete so, völlig angezogen,
-aber ohne Ungeduld, sondern zitternd,
-die Mitternachtszeit. Als endlich der letzte
-Schlag der zwölften Stunde erschallte, stand
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-er seufzend auf, und ging mit leisen Tritten
-nach dem großen Saale, ohne ein Licht mit
-sich zu nehmen.
-</p>
-
-<p>
-Die undurchdringliche Finsterniß in diesem
-weiten Saale, die schneidende Kälte,
-welche durch die schlecht geschlossenen Fensterscheiben
-eindrang, die Furcht, überrascht zu
-werden: alles dieß vereinigte sich, um dem
-Obersten ein solches Beben <a id="corr-5"></a>zu verursachen,
-wie er noch nie empfunden hatte, selbst als
-er früher, hundert Feuerschlünden gegenüber,
-den Tod in der ihm angewiesenen Position
-erwarten mußte. Aber damals lebte er mit
-seinem Herzen in Frieden, und sein Gewissen
-war ruhig; jetzt befand er sich mit sich selbst
-im Widerspruch. Er war auf den Befehl
-eines Frauenzimmers hierhergekommen, das
-zu seinem Glücke nichts mehr beitragen, wohl
-aber es zerstören konnte. Aber konnte er ihr
-ungehorsam sein? Mußte er nicht fürchten,
-daß sie, bei ihrem heftigen Charakter, seine
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-ehemaligen Verhältnisse zu ihr öffentlich bekannt
-machte? Alfred glaubte, Alles thun zu
-müssen, um eine fast wahnsinnige Liebende in
-Schranken zu halten.
-</p>
-
-<p>
-Sie ließ nicht lange auf sich warten.
-Sie trat durch die Thür ein, welche von der
-Haupttreppe in den Saal führte, mit einem
-weißen Kleide angethan, und halb in einen
-großen schwarzen Schleier verhüllt, der ihr
-das furchtbare Ansehen eines Gespenstes gab,
-das sie auch durch ihren leblosen Blick, durch
-die Leichenblässe ihres Gesichts nicht verläugnete.
-In der Hand trug sie ein Licht, das
-sie schnell auf den Fußboden setzte, als sie den
-Obersten erblickte; dann trat sie auf ihn zu,
-und gab ihm ihre Zufriedenheit über sein
-pünktliches Erscheinen zu erkennen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich werde stets gern erscheinen, wenn
-Lodoiska mich sehen will, vorzüglich seitdem
-sie mich versichert hat ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-&mdash; Alfred, ich bitte Sie, rufen Sie mir
-ein Versprechen nicht mehr in&rsquo;s Gedächtniß
-zurück, dessen Erfüllung mir zu viel kostet.
-Wie! soll ich mich denn unaufhörlich verstellen?
-Soll ich es ruhig mit ansehen, daß Sie
-alle Mittel aufsuchen, mich von hier zu entfernen,
-und daß Sie dergleichen Anträge
-unterstützen, wie man mir gestern mitgetheilt
-hat? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Glauben Sie mir, Lodoiska, daß ich dabei
-so viel gelitten habe, als Sie selbst, sobald
-man mich davon in Kenntniß setzte?
-Ja, es war mir schon unerträglich, es nur
-zu vermuthen; aber was konnte ich dagegen
-thun? Schweigen und das Weitere Ihnen
-überlassen. Ich hoffte .... ich wußte, wollte
-ich sagen, daß Ihre Antwort verneinend sei,
-und daß man Sie dann nicht weiter verfolgen
-würde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein Strahl von Freude blitzte bei diesen
-Worten in Lodoiska&rsquo;s Augen auf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-&bdquo;Sie hofften, sagen Sie. Ach, warum
-kann ich meinerseits nicht mehr hoffen! Ich
-bin die Zeugin eines Glücks, das mir über
-Alles verhaßt ist, und das ich niemals selbst
-schmecken werde. Jetzt muß ich mich einem
-Orte entreißen, der mir unerträglich wird.
-Ich habe Sie wiedergesehen; mein Unglück
-ist vollendet, und es bleibt mir nichts mehr
-übrig, als mich zu entfernen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sie wollen fort? Lodoiska, bedenken
-Sie unsere Freundschaft! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Unsere Freundschaft! Alfred, ich mache
-mir nichts daraus, und wenn Sie mir dieselbe
-auch ganz aufrichtig anbieten, ich nehme
-sie nicht an. Mein Loos ist gefallen, und ich
-weiß mich dabei zu erhalten! setzte sie mit
-einem boshaften Lächeln hinzu. Indem ich
-Sie durch meine Abreise von meiner Gegenwart
-befreie, gebe ich Ihnen zugleich Ihre
-Ruhe zurück. Sie werden nicht mehr zittern,
-wenn ich mich Ihnen zeige oder mit Ihnen
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-spreche, und von der Liebe zu derjenigen,
-die Sie mir vorziehen, nicht mehr zerstreut
-werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Es steht Ihnen frei, zu bleiben oder
-abzureisen; ja ich weiß nicht, ob ich selbst
-Sie nicht zum Letzteren auffordern sollte.
-Aber sein Sie überzeugt, daß mein Herz
-Ihre Entfernung nicht wünscht; es würde
-zufrieden in Ihrer Nähe sein, wenn es Sie
-nicht mehr zu fürchten hätte, und es fühlt
-mehr als je, wie verführerisch Sie sind. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun? Und welchen Platz wollten Sie
-mir denn neben sich anweisen? Sie antworten
-nicht; was soll ich daraus schließen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Daß ich höchst verlegen bin; denn
-was soll ich Ihnen antworten, um Sie zu
-befriedigen? Die Bande, welche mich an Helenen
-fesseln sind unauflöslich. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja unauflöslich, wie alles Uebrige bei
-den Menschen, bis zum Tode .....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-In dem Tone, mit welchem diese Worte
-ausgesprochen wurden, lag ein so geheimnißvoller
-Sinn und ein so boshafter Ausdruck,
-daß der Oberst schaudernd einen Schritt zurücktrat,
-und Lodoiska&rsquo;n erstaunt ansah; allein
-er bemerkte, daß ihre Augen von der gewöhnlichen
-außerordentlichen Gleichgültigkeit erfüllt
-waren, und ihr unbefangenes Wesen
-stand so sehr in Widerspruch mit dem, was
-schon der bloße Ton ihrer Stimme ausgedrückt
-hatte, daß Alfred glauben mußte, er
-habe sich geirrt. Es folgte ein langes Stillschweigen,
-wobei der Oberst in&rsquo;s tiefste Nachdenken
-versunken war, bis endlich Lodoiska
-wieder das Wort nahm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie denken sehr ernsthaft nach, Alfred;
-beschäftigen Sie sich mit der Vergangenheit
-oder mit der Zukunft?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, nur mit der Gegenwart, die
-mich in die unbeschreiblichste Verwirrung
-setzt. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-&bdquo;Sein Sie nicht böse, wenn ich Ihnen
-sage, daß ich Ihre Schwäche kenne. Sie sind
-nicht im Stande, einen bestimmten Entschluß
-zu fassen, und Sie wissen selbst kaum, was
-Sie wollen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ach, Lodoiska, könnten Sie in mein
-Herz sehen! Aber ich möchte wohl wissen, wie
-Sie sich benehmen würden, wenn Sie sich in
-meiner Lage befänden. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nach reiflicher Ueberlegung aller Gründe
-würde mein Entschluß sehr bald gefaßt sein,
-und den einmal eingeschlagenen Weg würde
-ich dann mit Muth und Dreistigkeit betreten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wenn aber dieser Weg Sie zum Irrthume,
-oder gar zum Verbrechen führte? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auch dann würde ich ihn verfolgen,
-denn von allen Uebeln ist das schlimmste die
-Unschlüssigkeit. Aber haben Sie sich auch
-recht davon überzeugt, worin eigentlich die
-Verlegenheit in Ihrer Lage besteht? Wissen
-Sie denn bestimmt, wo das Böse und wo
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-das Gute anzutreffen ist? Und seit wann ist
-es Sitte, daß neuere Rechte die ältern verdrängen
-können?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Lodoiska, was würden Sie also von
-mir fordern? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alles oder Nichts, Alfred! Sie schaudern?
-O, dann sind Sie nicht würdig mich
-weiter anzuhören.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wie könnte ich eine Gattin verlassen,
-der ich durchaus keinen Vorwurf zu
-machen habe! mich von einem Kinde trennen
-..... &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alles oder Nichts, ich wiederhole es
-Ihnen. Worüber können Sie sich beklagen,
-da Sie völlig freie Wahl haben, und ich
-Ihnen deutlich zwei Wege zeige, aus Ihrer
-Verlegenheit zu kommen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wohl, Lodoiska! Aber so groß auch
-meine Anhänglichkeit an meine erste Liebe
-sein mag, so werde ich doch nie meinen
-Ruf so beflecken, eine tugendhafte Gattin,
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-die ich freiwillig gewählt habe, wieder zu
-verlassen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Allerdings! das können Sie auch nicht,
-ohne Ihrem Rufe, Ihrer Ehre zu schaden,
-die mir theuer sind. Aber wenn man Sie
-sprechen hört, sollte man glauben, daß diese
-Gattin unsterblich ist, oder einen Bund mit
-der Ewigkeit geschlossen hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sie flößen mir Entsetzen ein, Lodoiska,
-und ich will Sie nicht verstanden haben;
-ja vielleicht verstehen Sie sich selbst nicht. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ein schauerliches Lächeln war die Antwort
-der Fremden, und in ihren Augen las
-der Oberst völlig klar ihre Gedanken, so daß
-ihm kein Zweifel mehr übrig bleiben konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein, tausend Mal nein! Nie
-werde ich mich mit einem Verbrechen besudeln!
-Grausames Weib, ich verabscheue Sie!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, ich weiß es, Sie waren ein geringerer
-Verbrecher, als Sie mein Herz zerfleischten,
-als Ihr Betragen, Ihre Briefe
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-meinem Dolche den Weg zeigten. &mdash; Bei diesen
-Worten schlug sie ihren Schleier zurück,
-und zeigte dem erstarrenden Alfred die offene,
-noch blutende Wunde, welche mitten in&rsquo;s Herz
-ging. &mdash; Auch mein Vater, meine Mutter,
-fuhr sie fort, fanden ihre letzte Zuflucht nur
-durch den Tod! Nein, damals war Alfred kein
-Verbrecher, und noch jetzt ist er der unschuldigste,
-der tugendhafteste der Männer! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, Lodoiska! welche Verzweiflung!
-Welche schreckliche That haben Sie vollbracht!
-Wie, Ihr Blut ist geflossen, und Sie legten
-Hand an sich selbst? Und dadurch haben Sie
-auch Ihren ehrwürdigen Aeltern das Leben
-geraubt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nicht ich, Alfred! Nicht ich, sondern
-Sie, Sie allein sind an Allem Schuld. Ich
-war nur das Werkzeug, dessen Sie sich bedienten,
-eine ganze Familie von der Erde zu
-vertilgen. Und dennoch werden Sie ruhig
-schlafen, oder Ihr Schlaf wird bloß durch
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-den Schrecken beunruhigt werden, den ich
-Ihnen verursache. Auf Wiedersehen! Urheber
-alles meines Elendes, der Sie meine
-ewige Verbannung aus dem Himmel verursacht
-haben! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie vernichten mich durch Ihre Vorwürfe!
-Aber wozu wollen Sie verzweifeln?
-Mein Vergehen war groß; doch ich hoffe
-Gnade vor Gott zu finden, und Sie, glauben
-Sie mir, daß Sie noch durch aufrichtige
-Reue .....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Reue! rief die Fremde mit einem
-lauten schrecklichen Lachen, daß der Saal
-davon erschallte; Reue giebt es nicht mehr
-für mich; ich habe sie sammt meinen übrigen
-menschlichen Empfindungen in meiner Hütte
-zurückgelassen. Mein Weg ist mir vorgeschrieben,
-ich kann nichts mehr thun, als
-ihn genau befolgen! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst erstarrte über diese Worte;
-aber als er bedachte, welche Vorurtheile Lodoiska
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-in ihrem Vaterlande seit ihrer frühen
-Jugend eingesogen haben müsse, und daß ihr
-Unglück ohne Zweifel einen nachtheiligen Einfluß
-auf ihren Verstand gehabt habe, ward
-er von zärtlichem Mitleiden ergriffen; er
-suchte sie zu trösten und zu beruhigen, indem
-er sich ihr näherte, um die Hand Lodoiska&rsquo;s zu
-ergreifen, über welche sie stets einen Handschuh
-trug. Allein sie errieth den Zweck seiner Bewegung,
-und trat erschrocken einen Schritt zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein, Alfred! Geben Sie Ihre
-Versuche auf, mich anderes Sinnes zu machen.
-Ich wiederhole Ihnen nochmals, daß
-ich nicht länger hier bleiben kann, und das
-Schloß mit dem morgenden Tage verlassen
-muß. Ich habe mein abgebranntes Haus
-wieder aufbauen lassen, und vorgestern die
-Nachricht erhalten, daß es zu meiner Aufnahme
-bereit ist. Fürchten Sie nun nicht
-mehr, daß ich Ihnen durch meinen Anblick
-lästig fallen werde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-&mdash; Ich kann die Ausführung Ihres
-Entschlusses nicht zugeben, Lodoiska. Warten
-Sie noch einige Zeit, ehe Sie uns verlassen;
-denn wie können Sie mitten im Winter
-in ein neu erbautes Haus einziehen? Wissen
-Sie nicht, wie schädlich die Feuchtigkeit
-der Mauern auf die Gesundheit wirkt? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, mir schadet sie nichts; denn in einer
-andern Wohnung fand ich eine weit größere
-Feuchtigkeit, und doch sehen Sie mich
-noch hier. Mein Entschluß ist unabänderlich,
-und Niemand wird mehr an mich denken,
-wenn ich mich entfernt habe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen Worten eilte Lodoiska auf
-ihr Licht zu, nahm es in die Höhe, und
-ging fort, ohne auf Alfred&rsquo;s wiederholte und
-dringende Bitten zu hören. Da er sie verschwunden
-sahe, kehrte er in sein Zimmer
-zurück, wo er die Nacht unter den peinlichsten
-Gedanken schlaflos zubrachte.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-Neunzehntes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">Z</span>ur Frühstückszeit erschien Lodoiska am folgenden
-Tage wie gewöhnlich. Ihre ruhige
-Haltung und die Gleichgültigkeit in ihren
-Blicken verriethen Helenen im Geringsten
-nicht, welchen Entschluß sie gefaßt habe, und
-selbst der Oberst wurde einigermaßen irre an
-ihr. Nach dem Frühstück setzte sie sich an
-ihren Stickrahmen, wie sie es immer gethan
-hatte, und arbeitete mit ungetheilter Aufmerksamkeit.
-Als der Oberst sich aber aus
-dem Zimmer entfernte, weil ein Bauer ihn
-einiger Geschäfte halber zu sprechen verlangte,
-stand Lodoiska auf, und ging zur Thür hinaus,
-als wenn sie sich bloß in ihr Zimmer
-begeben wollte. Da Helene wußte, wie sehr
-ihr oft die geringsten Fragen lästig waren,
-so fragte sie auch nicht nach der Ursache ihrer
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-plötzlichen Entfernung, die überdieß nur auf
-einige Minuten zu geschehen schien.
-</p>
-
-<p>
-Eine Stunde ging vorüber, und die
-Fremde ließ sich noch nicht blicken. Der
-Oberst bemerkte bei seiner Rückkehr sogleich
-ihre Abwesenheit, und fragte seine Frau
-nach ihr.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie hat sich, kurz nachdem du das Zimmer
-verlassen hast, entfernt, und ich glaubte
-bloß, daß sie sich Wolle zum Sticken holen
-wollte; allein jetzt sehe ich ein, daß sie wohl
-eine andere Absicht haben mußte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst vermuthete sogleich die
-Wahrheit, suchte jedoch seine innere Bewegung
-zu verbergen, und stellte sich völlig
-gleichgültig. Bald darauf trat der neue Bediente
-ein, welcher Werners Stelle ersetzte,
-und übergab der Oberstin einen Brief von
-Lodoiska.
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p>
-&bdquo;Ich muß mich, schrieb dieses unglückliche
-Mädchen, bei Ihnen über die Art entschuldigen,
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-wie ich mich von ihnen trenne.
-Ich bin in meine frühere Wohnung zurückgekehrt,
-und bedaure, Ihnen so viel Last
-verursacht zu haben; aber die innigste Dankbarkeit
-erfüllt mich für Ihre mir erwiesene
-Güte. Warum darf ich Ihnen keinen Beweis
-von dieser Gesinnung geben! Ein
-schreckliches Schicksal zwingt mich, stets gegen
-meinen eigenen Willen zu handeln!
-Ich habe bei Ihnen die größte Zuvorkommenheit
-gefunden, und dennoch werde ich ...
-Verzeihen Sie meinen Wahnsinn .... Ich
-weiß selbst nicht, was ich will, aber ich
-traure darüber, daß ich weiß, was ich kann.
-Gern wäre ich in Ihrem Schlosse geblieben;
-aber dann hätte ich mich entschließen
-müssen, öfters einen Mann zu sehen, dessen
-Zuneigung zu mir mich zwingt, ihn zu meiden.
-Sie seiner Besuche zu berauben, wäre
-ungerecht gewesen, und es war also nothwendig,
-daß ich mich entfernte. Ich befinde
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-mich jetzt wieder in meinem Hause, und
-habe meinen ganzen Geschmack für die ungestörteste
-Einsamkeit dahin zurückgebracht;
-diese werde ich nur dann auf einige Augenblicke
-verlassen, wenn ich Ihnen, ohne Furcht
-vor einem unangenehmen Zusammentreffen,
-persönlich Alles das versichern kann, was ich
-jetzt nur mit schwachen Worten ausdrücke.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Unter der Unterschrift, welche bloß aus dem
-Namen Lodoiska bestand, befanden sich noch
-einige Höflichkeitsformeln für den Obersten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wahrhaftig, sagte Helene, nachdem sie
-den Brief mit lauter Stimme vorgelesen,
-eine sonderbare Art uns zu verlassen. Und
-wie ist es möglich, daß sie mitten im Winter
-in ein neu erbautes Haus einziehen kann,
-bloß um einen Mann zu fliehen, den ein
-einziges Wort von ihr zurückgehalten haben
-würde! Wir wollen ihr aber sogleich ihre
-Sachen schicken, von denen sie ohne Zweifel
-nichts mitgenommen hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-Der Oberst suchte eine Antwort hervorzubringen,
-welche gleichgültig sein sollte; zu
-seinem Glücke achtete aber Helene nicht auf
-ihn, sondern ging, um Lisetten zu klingeln,
-welche mit der Nachricht eintrat, daß zugleich
-mit dem Briefe auch ein Wagen angekommen
-sei, der die Sachen der Fremden
-abholen sollte. Dadurch fand der Oberst einen
-Vorwand, sich aus dem Zimmer zu entfernen,
-um Befehl zum Aufladen dieser Sachen
-zu geben, in der That aber, um wieder
-freien Athem zu schöpfen; und während sein
-Körper sich im Schlosse befand, irrten seine
-Gedanken in ungeheuren Räumen umher.
-</p>
-
-<p>
-Das plötzliche Verschwinden Lodoiska&rsquo;s
-aus dem Schlosse gab der Neugierde der
-Nachbarn neue Nahrung. Herr von Krauthof,
-der diesem schönen Frauenzimmer nicht
-gewogen war, verbreitete zuerst die boshaftesten
-Gerüchte über die Nothwendigkeit dieser
-schnellen Veränderung der Wohnung, und
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-bald erzählte man sich allgemein in der Umgegend,
-daß die Eifersucht der Oberstin sie
-verursacht habe. Glücklicherweise kamen diese
-Gerüchte den betheiligten Personen nicht selbst
-zu Ohren; aber der Arzt erfuhr sie ebenfalls,
-und nahm sie nicht mit völliger Gleichgültigkeit
-auf. Er erinnerte sich einer Menge
-Umstände, die er in dem Augenblicke selbst
-nicht beachtet hatte, die ihm aber jetzt als
-ein Lichtstrahl zu sein schienen; doch hütete
-er sich, von seinen Entdeckungen irgend Jemanden
-etwas mitzutheilen, und zog es vor,
-sich mit dem Obersten selbst darüber freimüthig
-zu erklären, sobald er die Gelegenheit
-dazu finden würde.
-</p>
-
-<p>
-Zu dieser Zeit wurden Helenens Gesundheitsumstände
-immer bedenklicher. Vorzüglich
-empfand sie eine große Schwierigkeit,
-Athem zu holen; sie verlor ihre Kräfte, und
-verfiel allmählich in eine Abzehrung, die sie
-zum Grabe führen konnte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-Wildenau, der wirklich ein Arzt von
-großen Verdiensten war, studirte mit der
-größten Genauigkeit alle Symptome dieser
-Krankheit, welche dieselbe zu sein schien, wodurch
-der kleine Wilhelm dem Leben entrissen
-worden war. Eine außerordentliche Abspannung
-und Schwäche, ein beständiges Bedürfniß
-zu essen, ein anhaltender Schweiß;
-alle Zeichen waren dieselben. Helene ward
-still und schwermüthig, ohne die Gefahr zu
-kennen, die ihr drohte; ihren Gatten schien
-sie mehr als je zu lieben, und dieser war
-weit entfernt, an ihren nahen Tod zu glauben.
-</p>
-
-<p>
-Seit der Flucht Lodoiska&rsquo;s bemerkte der
-Oberst mit Schrecken, daß dieses junge Mädchen
-immer mehr die Oberhand in seinem
-Herzen gewann, und aus Furcht vor den
-Folgen dieser zunehmenden Neigung hätte er
-vor sich selbst fliehen mögen. Bald war er
-froh darüber, daß Lodoiska sich aus dem
-Schlosse entfernt hatte, indem er sich schmeichelte,
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-daß dadurch die Ruhe seines Lebens
-gesichert worden sei; bald seufzte er nach der
-Rückkehr der Fremden, und es schien ihm,
-daß das Schloß jetzt nichts als eine große
-Einöde sei. Oft ging er in das Zimmer,
-welches sie bewohnt hatte, und bildete sich
-ein, sie dort wiederzusehen; er setzte sich in
-ihren Lehnstuhl, oder auf ihr Bett, und wer
-ihm zugesehen hätte, würde geglaubt haben,
-daß er wahnsinnig geworden sei.
-</p>
-
-<p>
-Oefters führte ihn ein edles Gefühl zu
-seiner Pflicht zurück, und voller Scham über
-seine Schwäche, über den ihn entehrenden
-Wahnsinn, suchte er in Gesellschaft seiner
-Frau, seiner Tochter, reinere Gedanken zu
-sammeln. In diesen Augenblicken verschwand
-das Bild Lodoiska&rsquo;s allmählich aus seinem
-Herzen, und die tugendhafte Helene nahm
-alle ihre Rechte wieder ein; aber leider dauerten
-diese Augenblicke nicht lange: Lodoiska,
-mit dem mächtigen Reiz eines Gegenstandes,
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-in dessen Besitz man noch nicht gewesen ist,
-kehrte siegreich in sein Herz zurück.
-</p>
-
-<p>
-Mehrere Tage vergingen, während der
-Oberst fast beständig unter diesen Kämpfen
-mit seinem Innern zubrachte, seine Gattin
-aber immer schwächer wurde. Sie war nicht
-im Stande, wie sie es wünschte, Lodoiska&rsquo;n
-in ihrer neuen Wohnung einen Besuch abzustatten,
-und diese ließ sich vor <a id="corr-7"></a>Niemandem
-blicken. Sie begnügte sich damit, sich von
-Zeit zu Zeit durch einen Bauer nach dem
-Gesundheitszustande Helenens erkundigen zu
-lassen.
-</p>
-
-<p>
-Wildenau fand sich täglich im Schlosse
-ein, um der Oberstin seine ganze Kunst zu
-widmen. Er vervielfältigte seine Fragen, um
-die erste Ursache ihrer Krankheit kennen zu
-lernen, aber die Antworten, die er erhielt,
-waren weit entfernt, ihn zu befriedigen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich erinnere mich durchaus keines Umstandes,
-sagte sie, der meinen jetzigen Zustand
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-verursacht haben könnte, und Sie werden
-sehen, daß ich eben so wie mein Sohn, unter
-gleichen Umständen, sterben werde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Um Gottes willen! unterbrach sie
-der Arzt, glauben Sie so etwas nicht! Schon
-dieser Gedanke allein ist im Stande, Ihren
-Zustand zu verschlimmern, und überdieß sind
-Sie weit entfernt von der Krankheit ihres
-Kindes. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Helene erwiederte mit einem schwermüthigen
-Lächeln: &bdquo;Ich weiß, daß man mich
-in dieser Hinsicht täuschen will; wenn ich
-alle meine Gedanken offenbaren wollte, so
-würde man mich für kindisch halten; allein
-ich bin überzeugt, daß ich mich nicht irre,
-und ich weiß am besten, welches Uebel mich
-peinigt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Diese Worte, erwiederte Wildenau,
-beweisen, daß Sie uns irgend Etwas verschweigen
-wollen. Aber das ist nicht gut,
-es könnte die gefährlichsten Folgen haben.
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-Scheuen Sie sich nicht, uns Ihr Geheimniß
-zu entdecken, was es auch sei; Sie leiten
-mich dadurch vielleicht auf die richtige Spur,
-Ihnen Ihre Gesundheit wiederzugeben. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Helene weigerte sich lange hartnäckig,
-die Meinung, welche sie von ihrem Zustande
-hatte, zu entdecken, bis sich der Oberst mit
-dem Arzte vereinigte, und sie so dringend
-bat, daß sie endlich erklärte: sie wolle ihr
-Geheimniß ihrem Manne mittheilen, aber
-unter der ausdrücklichen Bedingung, daß dieser
-es gänzlich für sich behalten wolle. Dieß
-war zwar nicht das, was Wildenau wünschte,
-allein er mußte sich darein fügen, und entfernte
-sich augenblicklich, mit dem Versprechen,
-morgen wiederzukommen.
-</p>
-
-<p>
-Als Helene sich mit ihrem Manne allein
-befand, verbarg sie ihr Gesicht in ihren Händen,
-gleichsam aus Furcht, befragt zu werden.
-Auch Alfred fürchtete, sie zu fragen, weil er
-glaubte, daß seine Frau vielleicht von seinen
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-früheren Verhältnissen zu Lodoiska Kenntniß
-erhalten habe, und daß der Kummer darüber
-die Ursache ihres langsamen Dahinschmachtens
-sei. Indessen mußte er sich doch endlich entschließen,
-das Wort zu nehmen, und er
-fragte daher Helenen, ob sie ihm nun ihr
-Geheimniß anvertrauen wolle.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach Alfred! wie kann ich mich entschließen,
-dir meine Gedanken mitzutheilen?
-Was wirst du von mir denken, wenn du erst
-meinen Wahnsinn kennst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wie so, liebe Helene? Ich hoffe doch
-nicht, daß du an meiner Liebe zu dir zweifelst? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Alfred, warum sollte ich dieß
-thun? Es ist keinesweges bei meinen Träumereien
-von ähnlichen Gegenständen die Rede,
-sondern ich werde von einer schrecklichen Erscheinung
-verfolgt ..... O, wie lächerlich
-werde ich dir vorkommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, nein, Helene! fürchte nichts,
-sagte der Oberst mit der äußersten Zufriedenheit,
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-da er gewiß war, daß sie gegen ihn
-keinen Verdacht geschöpft habe. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun wohlan! Sei es nun Schwäche,
-oder Aberglauben, oder irgend eine andere
-Ursache, genug, es scheint mir, als wenn ich
-alle Nächte von einem schrecklichen Ungeheuer
-verfolgt werde, das sich über mich hinlegt,
-mit seinem häßlichen stinkenden Munde den
-meinigen berührt, und mir so das Blut aus
-den Adern saugt. Kurz, ich werde von einem
-<em>Vampyre</em> gequält. Glaube es mir sicher,
-derselbe Dämon hat schon den Tod unseres
-Sohnes, so wie einer jungen Bäuerin aus
-dem Dorfe verursacht, obgleich bei der letztern
-auf eine plötzliche und gewaltsame Weise.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sprichst du wirklich im Ernst, Helene?
-Suchst du nicht vielleicht mit mir durch
-eine solche Entdeckung zu scherzen? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wußte es wohl, daß du über mich
-spotten würdest; allein dem sei, wie ihm wolle,
-ich habe die schreckliche Gewißheit von meinen
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-nächtlichen Qualen. Es ist nicht eben ein
-bloßer Traum, der alle Nächte wiederkehrt;
-nein, der Schmerz, den ich empfinde, das Gewicht
-des Wesens, das mich fast erdrückt,
-entreißt mich meinem Schlafe. Aber eine
-höhere Macht hemmt alle meine Bewegungen,
-schließt mir die Augenlieder, und überwältigt
-meine Anstrengungen, mich von meinem Verfolger
-loszumachen. Vergebens suche ich zu
-schreien, die Töne ersterben in meiner Brust;
-ich fühle die auf mir liegende Last und das
-Verschwinden meines Blutes aus den Adern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du setzest mich in Erstaunen, Helene,
-und ich weiß nicht mehr, was ich dir
-antworten soll. Fühlst du nicht, daß du bloß
-das Spiel einer traurigen Täuschung bist,
-die nur durch deine Krankheit verursacht
-wird, die sie verschlimmert, aber nicht hervorbringt?
-Ich will nicht versuchen, dir die
-Unmöglichkeit zu beweisen, daß ein solches
-Wesen, wie du es fürchtest, existiren kann;
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-nie wird die Vorsehung erlauben, daß die
-Gesetze der Natur auf eine so schreckliche
-Weise verletzt werden. Aber du hast Zerstreuung
-nöthig; unser jetziger Aufenthalt
-taugt nicht mehr für uns, und mit dem
-morgenden Tage wollen wir nach Prag reisen,
-um dort deine völlige Genesung abzuwarten. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Alfred, ich kann nicht einwilligen,
-dieses Schloß zu verlassen. Ich bitte
-dich, hier zu bleiben, weil eine allzutheure
-Ursache mich hier fesselt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Diese Ursache kann dir nur traurige
-Erinnerungen bringen. Wenn du willst, so
-wollen wir nach Dresden, deiner Vaterstadt,
-reisen, oder wohin du sonst wünschest. Aber
-der Anblick neuer Gegenstände muß dich diejenigen
-vergessen machen, die deine Schwermuth
-verursacht haben. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will mich nicht von hier entfernen,
-weil ich sonst nicht neben dem
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-Grabe meines armen Wilhelm würde ruhen
-können.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese rührende Antwort, mit einem
-Strom von Thränen begleitet, drohte Alfreds
-Herz zu brechen. Er vermischte seine Thränen
-mit denen seiner Frau, aber gab dessenungeachtet
-ihren Wünschen nicht nach, sondern
-stellte ihr die wichtigsten Gründe vor,
-um sie zur Veränderung ihres Aufenthalts
-zu überreden. Nach vielen Bitten mußte
-sie endlich nachgeben, und sie ertheilte ihre
-Einwilligung zu einem vierzehntägigen Aufenthalte
-in Prag.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-Zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ls Helene am andern Morgen die Anstalten
-zur Abreise sahe, schien ihr Versprechen
-ihr wieder leid zu werden, und sie bat ihren
-Mann, seinen Entschluß aufzugeben. Allein
-ihre Bitten waren vergebens; der Oberst
-blieb fest bei seinem Willen. Vor der Abreise
-schrieb Helene noch einige Zeilen an
-Lodoiska, um sie zu benachrichtigen, daß
-sie auf vierzehn Tage mit ihrem Gatten und
-ihrer Tochter nach Prag reisen würde; zugleich
-sprach sie den Wunsch aus, wie angenehm
-es ihr sein würde, einen Besuch von
-ihr in dieser Stadt zu erhalten, weßhalb auch
-ein Zimmer für sie in der Wohnung, die man
-wählen würde, bereit gehalten werden sollte.
-</p>
-
-<p>
-Wildenau, der durch einen Boten herbeigeholt
-worden war, kam in dem Augenblicke
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-an, wo die Familie sich in den Wagen setzen
-wollte. Kaum hatte der Oberst, ihn bei
-Seite nehmend, noch Zeit genug, ihm im
-Allgemeinen zu sagen, daß die Einbildungskraft
-seiner Frau durch schreckliche Vorstellungen
-angegriffen werde, weßhalb er es für
-nöthig gehalten habe, sie zu zerstreuen, und
-sie zu diesem Zwecke mitten in den Tumult
-einer großen Stadt zu führen. Der Arzt
-konnte diesen Plan nur billigen, und er versprach,
-die Familie in der Stadt öfters zu
-besuchen.
-</p>
-
-<p>
-Der Wagen, mit vier raschen Pferden
-bespannt, eilte pfeilschnell auf der Landstraße,
-die nach der Stadt führte, fort, und nach
-zwei Stunden befand sich die Familie bereits
-in Prag, im Gasthofe zum Kaiser. Sie
-trat hier so lange ab, bis gegen Abend der
-Oberst, welcher die ganze Stadt durchlaufen
-hatte, zurückkehrte, mit der Nachricht, eine
-sehr bequeme Wohnung, ganz wie er sie
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-wünschte, gefunden zu haben. Noch in dieser
-Nacht schlief die Familie in ihrer neuen Behausung,
-wo der Oberst sein Bett in das
-Schlafzimmer seiner Frau hatte setzen lassen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du siehst nun, sagte er lächelnd zu ihr,
-was ich für Anstalten zu deiner Beschützung
-gemacht habe; ich bin hier mit Degen und
-Pistolen, um den Dämon mit Vortheil zu
-bekämpfen. Doch hoffe ich, nicht wirklich
-mit ihm ins Handgemenge zu gerathen, weil
-er uns wahrscheinlich nicht bis hierher folgen
-wird; denn die Gespenster und bösen Geister
-haben nur selten Erlaubniß in großen Städten
-umherzuwandeln; nur in den alten Schlössern
-vermögen sie zu spuken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es war Alles vergebens, Helenen aufzuheitern;
-sie blieb stets schweigend und tiefsinnig,
-denn das Uebel, von welchem sie befallen
-war, hatte schon zu große Fortschritte
-gemacht. Sie legte sich zeitig schlafen, während
-ihr Mann noch lange wachte; aber als
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-auch er endlich das Bett suchte, erstaunte er
-über die außerordentliche Müdigkeit, die ihn
-befiel, und kaum hatte er sich niedergelegt, so
-schloß der Schlummer seine Augen. Mit anbrechendem
-Tage erwachte er wieder, und da
-er hörte, daß seine Frau sich im Bette umwendete,
-um eine andere Lage zu suchen, fragte
-er sie, wie sie die Nacht zugebracht habe?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ganz so wie gewöhnlich, antwortete
-sie; meinen Aufenthalt habe ich verändert,
-aber meine Marter ist geblieben. Fahre
-immer fort zu lächeln; der Vampyr hat mich
-dessen ungeachtet nicht verlassen, ja er hat
-sich heute schrecklicher und blutgieriger als
-sonst gezeigt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Antwort war für Alfred äußerst
-niederschlagend; denn da er an die Wirklichkeit
-ihrer Träume nicht glauben konnte, so
-mußte er annehmen, daß wohl gar ihr Verstand
-angefangen habe zu leiden. Er beschloß
-daher, sie auf alle Weise zu zerstreuen, sie in
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-Gesellschaften, in&rsquo;s Theater zu führen, und
-noch an demselben Morgen beredete er sie,
-sich mit ihm in den Wagen zu setzen, um in
-der Stadt umher zu fahren, und die Merkwürdigkeiten
-derselben zu besehen.
-</p>
-
-<p>
-Helene ward wider ihren Willen durch
-die Menge und Verschiedenheit der Dinge,
-die sie zu sehen bekam, belustigt, und schien
-beim Mittagessen, wo sie mit vielem Appetit
-aß, sich sehr wohl zu befinden. Der
-Oberst sah sogar auf ihren blassen Wangen
-einen Anschein von Farbe, und fühlte sich
-von neuer Hoffnung erfüllt. Ganz seiner
-Pflicht lebend, entfernte er jeden Gedanken
-von sich, der ihm verbrecherisch scheinen konnte,
-und suchte die Erinnerung an Lodoiska
-völlig aus seinem Herzen zu verbannen.
-</p>
-
-<p>
-Die Nacht kam heran. Um einen Versuch
-zu machen, ob seine Frau dadurch mehr
-ermuthigt werden könnte, bat er sie um Erlaubniß,
-sich neben ihr ins Bett zu legen,
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-und Helene willigte ein. Er versprach ihr,
-so lange als möglich wach zu bleiben, um
-durch seine Gegenwart das gefürchtete Ungeheuer
-abzuhalten; aber er hatte sein Wort allzuverwegen
-gegeben. Es dauerte nicht lange,
-so befiel ihn der Schlaf mit solcher Gewalt,
-daß er vergebens dagegen kämpfte,
-und wider seinen Willen die Augen schloß.
-</p>
-
-<p>
-Als er wieder erwachte, fühlte er auf
-der Stelle seines Herzens einen lebhaften
-Schmerz, und als er mit der Hand dahin
-tastete, wurde derselbe noch stärker. Er wendete
-sich gegen die neben dem Bett stehende
-Nachtlampe, und sein Erstaunen übertraf
-jede Vorstellung, als er auf seiner Haut den
-Abdruck von fünf Fingern, in gelben und
-schwärzlichen Flecken, erblickte! Er urtheilte
-sogleich, daß Helenens Hand diesen Druck
-hervorgebracht habe, aber schloß auch daraus,
-daß sein Schlaf außerordentlich fest gewesen
-sein müsse, weil er nichts davon gefühlt hatte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-Helene erwachte bald darauf ebenfalls;
-ihr Stillschweigen sagte hinreichend, daß ihr
-Zustand in dieser Nacht nicht besser gewesen
-sei, als sonst, und es war also dringender
-als je, ernstlich an ihrer Genesung zu arbeiten.
-Der Oberst fuhr heute wieder vor
-Tische mit Helenen spazieren, und benutzte
-diese Gelegenheit, zugleich dem berühmtesten
-Arzte in der Stadt seine Aufwartung zu machen.
-Er bat denselben dringend, Alles zur Herstellung
-seiner Frau anzuwenden, was der Arzt
-auch versprach; aber indem er diesen Trost gab,
-hatte er schon gesehen, daß Helenens Lebenskräfte
-auf dem Punkt waren, zu erlöschen.
-</p>
-
-<p>
-Am folgenden Morgen war die Oberstin
-so schwach, daß sie nicht im Stande war,
-das Zimmer zu verlassen; sie empfing den
-Besuch Wildenau&rsquo;s, der bloß nach Prag gekommen
-war, um einen Tag mit der Familie
-zu verleben; aber der erste Blick überzeugte
-ihn schon, daß die Kranke von einem Augenblicke
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-zum andern in ein anderes Leben hinüberschlummern
-könne.
-</p>
-
-<p>
-Bald darauf trat sein geschickter Amtsbruder
-ein, und beide beobachteten nun lange
-Zeit die Symptome des Uebels, das mit so
-fürchterlicher Schnelle wuchs; ihr Urtheil fiel
-völlig gleich aus. Sie sahen, daß die Oberstin
-höchstens noch eine Woche lang leben
-konnte, und hielten es für angemessen, ihren
-Gatten von dem ihm bevorstehenden Verluste
-in Kenntniß zu setzen.
-</p>
-
-<p>
-Dieser unangenehme Auftrag mußte natürlich
-auf Wildenau fallen, weil derselbe
-mit dem Obersten schon länger in freundschaftlichen
-Verhältnissen stand; er bat ihn
-also einige Augenblicke mit ihm allein sein
-zu dürfen, und machte ihn nun mit der
-schrecklichen Wahrheit bekannt. Der Oberst
-überließ sich seinem aufrichtigen Schmerze;
-er wollte anfangs an der Wahrscheinlichkeit
-der ärztlichen Behauptung zweifeln, und auf
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-dem Punkt, von seiner Gattin getrennt zu werden,
-fühlte er seine frühere Liebe zu ihr sich in
-ihrer ganzen Kraft erneuen. Es schien ihm
-grausam, Helenen von ihrem bevorstehenden
-Ende in Kenntniß zu setzen, und da er nicht
-wußte, wozu er sich entschließen sollte, kehrte
-er mit dem Arzte in Helenens Zimmer zurück,
-wo er sich dergestalt setzte, daß seine Frau ihn
-und seinen Kummer nicht sehen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Die Oberstin fragte den Arzt mit schwacher
-Stimme, ob er Lodoiska gesehen, oder
-Nachricht von ihr habe?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie zu sehen, Frau Oberstin, <a id="corr-9"></a>antwortete
-Wildenau, ist unmöglich, denn sie
-kommt nie aus ihrem Hause, das beständig
-verschlossen ist. Können Sie wohl glauben,
-daß Herr von Krauthof den Muth gehabt hat,
-sich abermals bei ihr zu zeigen, ungeachtet
-der früher gemachten üblen Erfahrung?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Er ist also bei seinem zweiten Versuche
-nicht glücklicher gewesen? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-&bdquo;Der Ausgang war ganz derselbe, wie
-das erste Mal, und er ist nun so entmuthigt,
-daß er geschworen hat, nie wieder einen
-Fuß in die Nähe des Hauses zu setzen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; So sind wir doch glücklicher gewesen,
-fuhr Helene fort, denn sie hat sich öfters
-sehr artig nach uns erkundigt. Das
-sonderbare Wesen! Was führt sie bei ihrer
-Jugend und Schönheit für eine Lebensart!
-Dabei bleibt sie stets kalt und gleichgültig,
-und erscheint mehr als eine Maschine, deren
-<a id="corr-10"></a>Räderwerk in Bewegung gesetzt worden ist,
-als wie ein menschliches Geschöpf. Indessen
-kann ich mir nicht erklären, welche Gewalt
-sie über mich erlangt hat. Seitdem wir
-von einander getrennt sind, vermisse ich sie
-beständig, und es scheint mir, als wenn ich
-sie in den letzten Stunden meines Lebens
-bei mir haben müßte; auch wünschte ich ihr
-nach meinem Tode die Aufsicht über meine
-Tochter anzuvertrauen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-Diese mit schwacher Stimme ausgesprochenen
-Worte setzten die beiden Zuhörer in
-Schrecken. Der Oberst sprang heftig vom
-Stuhle auf, ergriff Helenens Hand, und stammelte
-einige Worte des Trostes und der
-Hoffnung. Wildenau, der mehr an dergleichen
-Szenen gewöhnt war, benutzte diese Gelegenheit,
-um die Oberstin aufzufordern, einen
-Geistlichen kommen zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie thun sich großen Schaden, Frau
-Oberstin, sagte er, daß Sie sich mit so
-düsteren Gedanken quälen. Ich wünschte, daß
-Sie Zutrauen genug in mich setzten, um
-mir die Mittel zu erleichtern, Ihren Gesundheitszustand
-zu verbessern; da Sie mir
-dieß aber verweigern, warum fragen Sie
-nicht einen jener frommen Geistlichen um
-Rath, die gewohnt sind, an dem Bette der
-Leidenden Trost zu ertheilen? Vielleicht würde
-dieß Ihrem Zustande am zuträglichsten
-sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-Ein schmerzliches Lächeln ging der Antwort
-Helenens vorher. &bdquo;Sie kommen meinen
-Wünschen zuvor, sagte sie; ich war schon
-im Begriff, meinen Mann zu bitten, daß
-er einen Geistlichen kommen ließe. Zugleich
-komme ich aber auf meinen vorher erwähnten
-Wunsch zurück: ich sehne mich, die junge
-Fremde wiederzusehen, und sie einige Zeit
-bei mir zu haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Ton, womit dieser Wunsch ausgedrückt
-wurde, bewies, wie sehr Helene an
-dessen Erfüllung hing, und die beiden Zuhörer
-wurden davon überrascht, am meisten
-aber der Oberst, der die Gefahr fühlte, welche
-für ihn aus Lodoiska&rsquo;s Gegenwart entstehen
-mußte. Allein er wußte nicht, wie er diesem
-Wunsche seiner sterbenden Frau ausweichen
-sollte, und seine Verlegenheit hinderte ihn
-anfangs, eine Antwort zu geben. Helene,
-über sein Stillschweigen verwundert, fragte
-ihn daher, ob ihr Verlangen tadelnswürdig
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-sei, und ob der Erfüllung desselben große
-Hindernisse entgegenständen?
-</p>
-
-<p>
-Diese Frage weckte den Obersten aus seinen
-Träumereien, und er antwortete, daß
-er sich nur deßhalb nicht gleich erklärt habe,
-weil er fürchtete, daß die seltsame Fremde
-die Bitte abschlagen würde. &bdquo;Da du aber
-auf ihrer Gegenwart bestehst, fuhr er fort,
-so versuche, ihr einige Zeilen zu schreiben,
-denen ich meine Bitten noch hinzufügen werde,
-und unser Bediente soll augenblicklich
-mit unserm Wagen nach R**** fahren.
-Ich hoffe dann, daß er sie mitbringen wird.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Helene versuchte, den verlangten Brief
-zu schreiben, wozu sie fast eine Stunde gebrauchte.
-Der Oberst setzte dann folgende
-Worte hinzu:
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p>
-&bdquo;Ja, Madame, wir bitten Sie um die
-gütige Erfüllung unserer Wünsche. Wie
-strenge auch Ihre früheren Entschlüsse sein
-mögen, Sie dürfen sich jetzt dem Verlangen
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-meiner Frau nicht weigern, die Ihre
-Gegenwart so sehnlich wünscht. Kehren Sie
-daher in unsere Gesellschaft zurück, ich wiederhole
-Ihnen nochmals meine Bitte; geben
-Sie uns diesen Beweis Ihres Wohlwollens.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Während der Oberst schrieb, war Wildenau,
-der Prag genau kannte, fortgegangen,
-um einen Geistlichen herbeizuholen, der
-die Oberstin auf dem ihr noch übrigen kurzen
-Lebenswege geleiten und trösten möchte.
-Es gelang ihm, einen der würdigsten ausfindig
-zu machen, der ihm versprach, am
-folgenden Morgen sich einzufinden, worauf
-der Arzt zu seinen Freunden zurückkehrte. Da
-seine Geschäfte ihn auf das Land zurückriefen,
-so nahm er bald darauf von dem Obersten
-und dessen Frau den rührendsten Abschied.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-Ein und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>s war acht Uhr des Abends, als der Wagen,
-welcher um Mittag abgefahren war,
-vor dem Hause still hielt. Bei dem dadurch
-verursachten Geräusch erbebte der Oberst;
-er nahm rasch ein Licht, und eilte die Treppe
-hinab, weniger um der Fremden entgegenzugehen,
-wenn sie wirklich angekommen wäre,
-als um seine innere heftige Bewegung vor
-seiner Frau zu verbergen.
-</p>
-
-<p>
-Als er auf den Hausflur gelangte, sahe
-er eine weibliche Gestalt, in einen großen
-schwarzen Shawl verhüllt, ernsten, langsamen
-Schrittes auf sich zukommen, so daß er sich
-über ihren Anblick überrascht fühlte, als
-wenn er eine übernatürliche Erscheinung gesehen
-hätte. Aber wie sehr vermehrte sich
-seine Verwirrung, sobald er beim Scheine
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-des Lichts die Leichenblässe auf Lodoiska&rsquo;s
-Gesichte wahrnahm. Sie schien ein Gespenst
-zu sein, so stier waren ihre Augen, so eingefallen
-ihre Wangen; man mußte glauben,
-daß sie dem Grabe hundert Mal näher sei,
-als die Oberstin, welche stündlich ihrem Ende
-entgegen sahe.
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst, voll Entsetzen über diesen
-Anblick, konnte kein Wort hervorbringen, um
-die Forderungen, welche Höflichkeit und Anstand
-an ihn machten, zu erfüllen. Unbeweglich
-stand er da, und betrachtete die Zerstörungen,
-welche ein so kurzer Zeitraum in den
-Gesichtszügen Lodoiska&rsquo;s hervorgebracht hatte.
-Diese bemerkte sein Erstaunen, und mit einem
-wilden Lachen hob sie an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier bin ich! Sie haben mich gerufen.
-Schmeicheln Sie sich aber nicht, mich nun
-wieder zur Entfernung zu zwingen, wenn
-Sie es wünschen werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-Glücklicherweise wurden diese lebhaft ausgesprochenen
-Worte von Niemanden weiter
-gehört. Er erschrak über den Sinn derselben,
-suchte sich jedoch zu fassen, und antwortete
-ihr mit einem Anschein von Galanterie,
-wofür sie ihm einen fürchterlichen Blick zuwarf.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-Als Beide in das Zimmer der Oberstin
-traten, brach diese beim Anblick der Fremden,
-die so krank zu sein schien, wie sie selbst, in
-Thränen aus, und reichte ihr freundschaftlich
-die Hand entgegen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, wie gut sind Sie, meine Bitte erfüllt
-zu haben! Aber Sie selbst scheinen der
-Hülfe eines Arztes zu bedürfen. Warum kamen
-Sie nicht früher nach der Stadt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Mein äußeres Ansehen, erwiederte
-die Fremde, setzt Sie in Irrthum. Meine
-Gesundheitsumstände sind dieselben, wie vor
-einem oder zwei Monaten, und es ist schwer,
-mich besser oder schlechter zu befinden. Wenn
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-Ihnen meine Züge entstellt erscheinen, die
-Blässe meines Gesichts Sie erschreckt, so setzen
-Sie dieß auf Rechnung der Verwirrung, in
-die ich durch Ihren Brief und den darin enthaltenen
-Befehl gerathen bin. Sie wissen,
-wie nothwendig mir die Einsamkeit ist, und
-ich habe mich nur schwer ihr entreißen können;
-aber, wenn man mich auf eine gewisse
-Art bittet, so habe ich nicht das Recht, mich
-zu weigern. Sie wollen mich haben, und ich
-bin hier; glauben Sie, durch mich den nöthigen
-Beistand zu finden? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Diese eben nicht höfliche Rede machte
-einen unangenehmen Eindruck auf Helenen,
-die den wahren Sinn derselben nicht errathen
-konnte. Nach einigem Nachdenken fiel
-ihr indessen der seltsame Charakter der Fremden
-ein, und daß man bei ihr nichts beleidigend
-finden müsse, weil ihr Betragen ganz
-abweichend von allen übrigen Menschen war.
-Helene bedurfte der Gesellschaft, und hatte
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-sich an Lodoiska gewöhnt; konnte sie sich also
-über deren Sonderbarkeit beklagen?
-</p>
-
-<p>
-Ungeachtet ihrer anscheinend übeln Laune
-liebkosete Lodoiska doch die kleine Julie,
-welche kam, um ihr gute Nacht zu wünschen.
-Sie nahm das Kind mit so vieler Zärtlichkeit
-in ihre Arme, daß sie sich dadurch die
-Gewogenheit der Mutter in einem Augenblicke
-wieder erwarb. Der Oberst stand dabei,
-in Träumereien versunken, unfähig ein
-Wort hervorzubringen; er wagte es nicht,
-weder seine Frau noch Lodoiska anzusehen,
-und die Zukunft stellte sich ihm in einem
-schauerlichen Dunkel dar.
-</p>
-
-<p>
-Am andern Morgen erklärte die Oberstin,
-daß sie heute eine schrecklichere Nacht
-als je gehabt habe. Dieß war auch leicht an
-dem matten und schmerzhaften Ausdrucke ihres
-abgemagerten Gesichts zu sehen; es war
-augenscheinlich, daß ihre Schwäche mit jeder
-Minute zunahm, und daß ihr Leben vielleicht
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-bald entfliehen würde. Da der erwartete
-Geistliche sich noch immer nicht blicken ließ,
-obgleich es schon nach neun Uhr des Morgens
-war, so gerieth Helene darüber in Unruhe;
-bald darauf meldete indessen Lisette seine
-Ankunft an. Der Oberst ging ins Nebenzimmer,
-um ihn zu empfangen; aber Lodoiska
-stieß einen Schrei des Entsetzens aus, und
-floh eilig in das ihr angewiesene Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Die tröstende Ueberredungskraft des würdigen
-Geistlichen, der Helenen neben der Aussicht
-auf ein künftiges, besseres Leben auch die
-Hoffnung zu ihrer Genesung zeigte, machte
-einen so guten Eindruck auf sie, daß sie sich
-ruhiger fühlte, als der Prediger sie verließ;
-er versprach ihr, am Abend und, wenn sie es
-wünsche, auch am folgenden Morgen wiederzukommen.
-</p>
-
-<p>
-Nach seiner Entfernung kehrte der Oberst
-ins Zimmer seiner Frau zurück, wo auch bald
-darauf der Arzt erschien, welchen man in
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-Prag angenommen hatte. Dieser fand sie
-nicht schwächer, als bei seinem letzten Besuche,
-und verschrieb ihr einen stärkenden
-Trank, wovon er sich die beste Wirkung versprach.
-Da der Oberst bemerkte, daß Lodoiska
-noch nicht wieder gegenwärtig war,
-begab er sich nach ihrem Zimmer, und klopfte
-leise an die Thür.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer ist da? sagte Lodoiska; was
-soll ich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich wollte Sie bitten, zu meiner
-Frau zurückzukehren. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist sie allein? Ist er nicht mehr da,
-der furchtbare Mann, dessen Anblick ich nicht
-mehr ertragen kann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten öffnete sie die Thür.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber von wem sprechen Sie denn?&ldquo;
-fragte der Oberst.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Von wem ich spreche? Von dem
-Geistlichen! Seitdem ich mein Vaterland verlassen
-habe, ist es mir unmöglich, in der Gegenwart
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-von seines Gleichen auszuhalten; denn
-ich bin auf ewig von ihnen geschieden. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Gerührt von dem Aberglauben dieser
-Unglücklichen, den er ihrem Versuche zuschrieb,
-sich das Leben zu nehmen, setzte
-der Oberst dieses Gespräch nicht fort, und
-sagte nur noch, daß kein Fremder im Zimmer
-sei.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann will ich Ihnen folgen, fuhr Lodoiska
-fort; aber versprechen Sie mir, Alfred,
-wenn Sie nicht Zeuge des schrecklichsten
-Auftritts sein wollen, mich vor jedem Zusammentreffen
-mit einem Geistlichen zu bewahren.
-Ach, dieß ist wahrlich das Geringste,
-was Sie für mich thun können!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Voller Mitleiden versprach der Oberst,
-was sie wünschte, und kehrte dann mit ihr
-zu Helenen zurück, die schon nach ihrem Anblick
-verlangte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Arzt, sagte sie, hat mir so eben
-neue Hoffnung zu meiner Genesung gemacht,
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-und ich würde mich selbst über meinen Zustand
-täuschen, so lange es Tag ist; aber
-die schreckliche Nacht ist die gewisse Ursache
-meines Todes. (Lodoiska bebte unwillkührlich
-zusammen). Ich weiß am besten, daß
-es mit meinem Leben bald zu Ende sein
-wird; vorher aber habe ich noch einige Bitten,
-deren Erfüllung allein mich mit Ruhe
-sterben lassen kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ach, theure Helene! rief der Oberst
-lebhaft, ohne sich durch Lodoiska&rsquo;s Gegenwart
-stören zu lassen; gieb dich doch nicht
-so schwarzen Gedanken hin. Du wirst noch
-lange zum Glück deiner Familie leben, und
-deine Wünsche selbst erfüllen können. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der eine meiner Wünsche, lieber Alfred,
-kann nicht durch mich selbst erfüllt werden,
-weil er mein Begräbniß betrifft. Ich
-will nach meinem Tode neben meinem Sohne,
-auf dem Kirchhofe zu R...., ruhen; jede
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-andere Erde würde mir fremd sein, und nur
-dort soll man mich begraben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Seufzer und aufrichtige Thränen verhinderten
-den Obersten, zu antworten; aber er
-drückte die Hand seiner Frau in die seinigen,
-und gab ihr durch dieses stumme Zeugniß
-die Versicherung, daß er sich in ihren Willen
-füge. Sie bestand also nicht weiter
-darauf, und wandte sich nun an Lodoiska,
-die leichenblaß und mit stierem Blicke schweigend
-da saß.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was Sie betrifft, meine Freundin,
-fuhr die Oberstin fort, so bitte ich Sie,
-auf einige Zeit die Obhut über meine Tochter
-zu übernehmen. Sie haben sie bisher
-immer mit Zuneigung behandelt, und ich
-nehme daher die süße Ueberzeugung mit ins
-Grab, daß Sie ihr eine zweite Mutter sein
-werden, bis Ihre Angelegenheiten Sie aus
-dieser Gegend abrufen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-Lodoiska stieß bei diesen Worten ein
-lautes, unbeschreibliches Angstgeschrei aus.
-Ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend,
-sank sie in den Lehnstuhl zurück, auf welchem
-sie saß, und schien einem lebhaften Schmerze
-zu erliegen, ohne eine Antwort ertheilen zu
-können. Auch der Oberst erstarrte, als er
-hörte, daß seine Frau ihrer heimlichen Nebenbuhlerin
-empfahl, ihre Stelle zu vertreten; und
-er wagte es nicht, Lodoiska&rsquo;n zu Hülfe zu eilen,
-aus Furcht, seine Gefühle zu verrathen.
-</p>
-
-<p>
-Da die Fremde immer noch schwieg, so
-glaubte Helene, ihre Bitte wiederholen zu müssen.
-Jetzt stand Lodoiska schnell auf, richtete
-ihre dunkelflammenden Augen gen Himmel,
-und rief: &bdquo;Du willst es, allmächtige Vorsehung!
-Wie könnte ich mich gegen deinen
-Willen sträuben! Ja, ich nehme es an, was
-du mir durch diese Unglückliche befiehlst; ja,
-ich will die Wärterin ihrer Tochter sein bis
-an ihren Tod!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-Der bittere Ton, mit welchem Lodoiska
-diese Worte aussprach, war für die arme
-Helene gleichsam ein Dolchstoß in&rsquo;s Herz;
-doch wagte sie nicht, ihre Gefühle zu erkennen
-zu geben, und sagte nur: &bdquo;Verlassen
-Sie wenigstens meine Tochter nicht
-eher, als bis Sie sie dem Gatten überliefern
-können, den ihr Vater für sie wählen
-wird.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein verächtliches Lächeln war der Fremden
-ganze Antwort, und bald darauf entfernte
-sie sich aus dem Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Fünf oder sechs Tage vergingen, während
-welcher Helene immer schwächer wurde.
-Vergebens verschwendete man an ihr alle
-Mittel der Arzneikunst: sie vermochten nichts
-gegen die fürchterliche, geheime Ursache, welche
-allmählich ihren Tod herbeiführte. Jede Nacht
-wachte der Oberst bei ihr in Gesellschaft einer
-an dergleichen Dienst gewöhnten Frau;
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-aber durch ein seltsames Zusammentreffen
-verfielen Beide in jeder Nacht zu derselben
-Zeit in einen festen, todtenähnlichen Schlaf.
-Jeden Morgen beklagte sich Helene über ihre
-außerordentliche Erschöpfung, und im Geheimen
-bei ihrem Gatten über den unersättlichen
-Dämon, der ihr das Blut tropfenweis
-aussaugte. Alfred wußte am Ende hierauf
-nichts zu antworten, weil er glaubte, daß ihr
-Verstand immer mehr durch nächtliche Phantasien
-zerrüttet würde.
-</p>
-
-<p>
-Während dieser ganzen Zeit gab Lodoiska
-ihrem ehemaligen Liebhaber weder
-durch ein Wort noch durch einen Blick ihre
-geheimen Empfindungen zu erkennen; sie betrug
-sich gegen ihn, als wenn sie ihn nie gekannt
-hätte. Für Helenen zeigte sie jetzt
-während des Tages die größte Sorgfalt;
-aber mit Anbruch der Nacht begab sie sich
-in ihr Zimmer, das sie des Morgens erst
-spät wieder verließ.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-Wildenau, der Freund der Familie, kam
-von Zeit zu Zeit nach Prag; er belästigte
-die spröde Lodoiska durchaus nicht mit seinen
-Seufzern, sondern schenkte seine ganze Aufmerksamkeit
-der Krankheit Helenens, deren
-Tod er bei seinem Besuche in der nächsten
-Nacht vorhersagte. Wirklich wurde auch sein
-Urtheil bestätigt; denn mit dem Anbruch des
-Tages war der letzte Hauch ihres Lebens aus
-ihrem Körper entflohen.
-</p>
-
-<p>
-Wir versuchen es nicht, den Schmerz zu
-beschreiben, welchem der Oberst sich ergab;
-zu verschiedenen Malen mußte ihn Wildenau
-mit Gewalt von dem Leichname Helenens
-fortführen. Lodoiska ließ sich den ganzen
-Tag über nirgends blicken, so daß endlich der
-Arzt das Recht zu haben glaubte, sich gegen
-Abend nach ihrem Zimmer zu begeben, weil
-er fürchtete, daß auch sie der Hülfe bedürftig
-sein könnte. Nachdem er an die Thür geklopft
-hatte, erhielt er die Einladung einzutreten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-Lodoiska, den Kopf auf einen Tisch gestützt,
-saß in ihrem Lehnstuhle, ganz in ihren
-schwarzen Schleier verhüllt. Sie hörte den
-Worten Wildenau&rsquo;s zu, ohne ihn anzusehen,
-und antwortete ihm mit schwachem, aber
-ruhigem Tone, daß sie keiner Hülfe bedürfe,
-daß sie aber nach dem Tode ihrer Freundin
-ihre Einsamkeit nicht verlassen wolle. Uebrigens
-würde sie ihr gegebenes Versprechen erfüllen,
-und sich daher morgen ganz allein
-nach dem Schlosse R.... begeben, wo sie die
-Ankunft des ihrer Obhut anvertrauten Kindes
-erwarte.
-</p>
-
-<p>
-Wildenau, der auf eine ganz andere Antwort
-gefaßt war, indem er glaubte, daß Lodoiska
-doch wenigstens dem Leichenbegängniß
-der Oberstin beiwohnen werde, behielt seine
-Gedanken hierüber bei sich, und fragte nur, ob
-man ihr einen Wagen zur Reise bestellen solle?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich danke Ihnen, erwiederte Lodoiska,
-immer noch ohne ihn anzusehen; ich selbst
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-habe schon deßhalb die nöthigen Maßregeln
-getroffen. Ich werde ganz früh abreisen,
-weil es mir unmöglich ist, dem traurigen Leichenbegängniß
-beizuwohnen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schwieg. Ihre fortwährende Unbeweglichkeit
-veranlaßte endlich den Arzt, sich
-voll Verwunderung über die Seltsamkeit dieser
-jungen Person zu entfernen. Er benachrichtigte
-den Obersten von ihrem Entschlusse,
-und dieser war insgeheim entzückt, daß Lodoiska
-ihn durch ihre Gegenwart nicht in
-der vollkommenen Erfüllung seiner Pflichten
-stören würde. Am folgenden Tage brachte
-man den Leichnam Helenens nach dem
-Schlosse R...., wo diese unglückliche Mutter
-neben dem Grabe ihres Sohnes ihre
-Ruhestätte fand.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-Zwei und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>in Monat war verflossen, und Lodoiska
-beobachtete immer noch im Schlosse die völlige
-Zurückgezogenheit, wie sie es schon früher
-gewohnt gewesen war, als sie sich in
-ihrem Hause im Walde aufhielt. Ihr Zimmer
-war jedem Andern als ihrer Bedienung
-unzugänglich, und nur Julie hatte darin Zutritt,
-obgleich dieses Kind weit lieber im
-Garten unter Lisettens Aufsicht umherlief.
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst, welcher anfangs den Augenblick
-gefürchtet hatte, wo er nach dem Tode
-seiner Gattin zum ersten Male wieder mit
-seiner ehemaligen Geliebten zusammentreffen
-würde, fing jetzt nach und nach an, sich über
-Lodoiska&rsquo;s hartnäckige Einsamkeit insgeheim
-zu ärgern, und jemehr sie ihn zu vermeiden
-schien, desto ungeduldiger wurde er am Ende,
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-sie zu sehen. Doch wagte er noch nicht,
-seinen Wunsch laut werden zu lassen; er
-verlebte seine Tage traurig und einförmig, theils
-sich mit Lesen beschäftigend, theils
-Wald und Feld in der Umgegend durchstreichend.
-</p>
-
-<p>
-Wildenau, der Arzt, war ebenfalls ungeduldig,
-daß er die Fremde nicht mehr zu
-sehen bekam, und nahm sich nun fest vor,
-sich freimüthig mit dem Obersten zu erklären,
-dessen Empfindungen für den Gegenstand
-seiner Zärtlichkeit er schon seit längerer Zeit
-in Verdacht hatte. Er wollte sich von den
-Verhältnissen beider zu einander genau überzeugen,
-um danach sein Betragen für die Zukunft
-einzurichten. Aber verschiedene Male
-ward er durch besondere Umstände von der
-Ausführung seines Entschlusses abgehalten,
-indem er theils nicht nach dem Schlosse kommen
-konnte, wenn er es sich vorgenommen
-hatte, theils daselbst mit besuchenden Nachbarn
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-zusammentraf, in deren Gegenwart er
-die beabsichtigte Unterredung mit dem Obersten
-nicht anfangen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Lobenthal, ohne diesen Entschluß des
-Arztes zu ahnen, fand sich dennoch in dem
-Umgange mit seinem Freunde nicht mehr so
-ungezwungen, seitdem sein Verhältniß zu Lodoiska
-durch den Tod seiner Gattin verändert
-worden war. Wildenau war nun sein
-Nebenbuhler &mdash; &mdash; was er selbst sich nur erröthend
-gestanden haben würde; und dennoch
-beschäftigte sich sein Herz wider seinen Willen
-mit diesem Gedanken. Sehr häufig floh
-ihn der Schlaf bis spät in die Nacht hinein,
-und wenn die übrigen Bewohner des Schlosses
-schon längst sich der süßen Ruhe überlassen
-hatten, war Alfred noch in seinem Zimmer
-wach, wo er durch Lesen seine mancherlei
-ihn peinigenden Gedanken zu verscheuchen
-suchte. Aber dieses Mittel blieb gewöhnlich
-vergeblich; Lodoiska&rsquo;s Bild, das Andenken
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-an Helenen zogen seine Aufmerksamkeit von
-dem Buche ab, und maschinenmäßig überflogen
-seine Augen die Buchstaben, ohne ihren
-Sinn zu erfassen.
-</p>
-
-<p>
-In einer Nacht, als der Oberst sich unruhiger
-fühlte als je, wollte er durch Auf-
-und Niedergehen in dem großen Saale des
-Schlosses seinen Unmuth zu verscheuchen suchen;
-er nahm daher sein Licht, und ging
-mit demselben durch mehrere Zimmer, bis
-er in den erwähnten Saal gelangte. Hier
-setzte er das Licht auf das Gesimse eines alterthümlichen
-Kamins, und bei dem schwachen
-Scheine, der nicht im Stande war, den
-weiten Raum zu erleuchten, ging er mit
-großen Schritten durch die wenig geminderte
-Finsterniß.
-</p>
-
-<p>
-Ungefähr seit einer Viertelstunde setzte
-er diese Bewegung fort, als er die Flügelthür,
-welche nach der Haupttreppe des Schlosses
-führte, knarren hörte .... der Oberst
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-stand still .... die Thür öffnete sich, und
-Lodoiska trat herein ..... Kaum konnte er
-sie erkennen, so sehr verschwand sie durch die
-Einhüllung in ihren schwarzen Shawl in der
-Finsterniß, die das Licht nicht verscheuchen
-konnte; doch bemerkte er bei dem schwachen
-Schimmer desto besser die Leichenblässe ihres
-Gesichts. Sie schien kein menschliches Wesen
-zu sein, und gleich einer überirdischen
-Erscheinung durch den dunkeln Raum einherzuschweben;
-ja die Einbildungskraft Alfred&rsquo;s
-stellte sie ihm auf einen Augenblick beflügelt
-und von Blute triefend vor; aber dieser Anblick
-ging mit der Schnelligkeit des Blitzes
-vorüber, obgleich der Oberst darüber fast erstarrte.
-Lodoiska, ohne das geringste Erstaunen
-über den Anblick ihres Geliebten zu zeigen,
-den sie sogleich erkannte, stand still, und
-stützte sich auf einen alten Lehnstuhl, als
-wenn sie sich von einer langen Anstrengung
-einen Augenblick lang hätte erholen wollen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-Jetzt näherte sich Alfred, obgleich nicht
-ohne heftige innere Bewegung, der jungen
-Fremden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Endlich, sagte er, sehe ich Sie wieder,
-und zwar an demselben Orte, und in derselben
-Stunde, wo Sie mir vor einiger Zeit
-Ihre Entfernung von hier ankündigten. Wie
-seltsam ist dieses Zusammentreffen! Ich mußte
-es also dem bloßen Zufalle verdanken?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Es ist möglich, antwortete Lodoiska
-mit ihrem gewöhnlichen schwermüthigen Tone,
-daß in Absicht auf Sie der Zufall hier sein
-Spiel treibt; was aber mich betrifft, da ich
-in jeder Nacht mich in diesem Saale zu erholen
-pflege, so sehe ich in diesem Zusammentreffen
-nur Etwas, das auf jeden Fall früher
-oder später Statt finden mußte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie! Lodoiska, in jeder Nacht, sagen
-Sie, kommen Sie hier her? Welchen Reiz
-kann dieser weite und verfallene Saal für
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-Sie haben, wo man nur unangenehmen Vorstellungen
-ausgesetzt ist, sobald das Licht des
-Tages nicht mehr leuchtet?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich mache mir wenig aus dem Glanz
-der Sonne oder aus dem schauerlichen Anblick
-der Finsterniß. Ich lache über Alles, was
-Andere meines Geschlechts in Furcht setzt;
-ich verspotte das Schrecklichste, und durch ein
-trauriges Schicksal gefalle ich mir am besten
-in der Mitte des Fürchterlichsten und Verabscheuungswürdigsten
-für alle übrige Menschen.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, werden Sie denn nie Ihre Gesinnungen
-ändern? Werden Sie nie zu fröhlichen
-Vorstellungen zurückkehren? Die Vergangenheit,
-deren Andenken anfangs so peinlich
-ist, verliert durch die Länge der Zeit den
-unangenehmen Eindruck auf uns, ja öfters
-verwandelt der Lauf der Dinge das heftigste
-Leid in Freude. Sollte Ihr Herz dieser
-Wirkungen nicht empfänglich sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-&mdash; Nein! sie gleiten eindruckslos an
-mir vorüber. Sie sprechen von der Vergangenheit;
-ich kenne sie nicht mehr; für mich
-ist die Gegenwart Alles, da ich weder rückwärts
-noch vorwärts gehen kann. Ich bin
-nur an <em>einen</em> festen Punkt gebannt, und
-die Hoffnung, welche selbst der Elendeste der
-Menschen noch in seinem Herzen nährt, sie
-ist mir völlig fremd. Was wollen Sie
-dagegen thun, Alfred? Sie selbst haben
-Lodoiska&rsquo;s Schicksal bestimmt; wundern
-Sie sich also nicht, wenn es unveränderlich
-bleibt. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Je mehr ich Sie reden höre, grausame
-Freundin, desto mehr zerreißen mir Ihre unerklärbaren
-Worte das Herz. Was ist es
-für eine grenzenlose Verzweiflung, der Sie
-sich überlassen? Sind Sie die Einzige, die
-nicht mehr auf die Zukunft hoffen darf?
-Ach, kehren Sie zu sich selbst zurück, überzeugen
-Sie sich, daß Ihre Lage sich noch ändern
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-kann; das Glück wird Ihnen nicht stets
-entgegen sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Kann es machen, Alfred, erwiederte
-Lodoiska lebhaft, daß Ihr Versprechen wieder
-aus dem Grabe ersteht, wo ich es auf
-ewig verborgen habe? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Versprechen, sagen Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, Ihr Versprechen, das Sie mit
-Ihrem Blute unterzeichneten, und das Sie
-unwiderruflich an mich fesselt. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist dieß der Augenblick, mich daran
-zu erinnern? Und wie auch meine geheimen
-Empfindungen sein mögen, sehen Sie nicht,
-daß ich Trauerkleider trage? Denken Sie
-nicht an die schmerzliche Begebenheit, die vor
-Kurzem Statt fand?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich weiß, daß Sie, obgleich Sie behaupten,
-nichts als mein Glück zu wünschen,
-noch nie angestanden haben, meinem Herzen
-eine neue Wunde zu schlagen. Ich weiß,
-daß Sie mich schändlich betrogen haben;
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-dieß ist der einzige Umstand aus der Vergangenheit,
-dessen ich mich noch erinnere, der
-Sie vernichten muß, und über den Sie auf
-ewig seufzen werden! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wünschte, Sie wieder zu sehen, Lodoiska;
-aber ich wußte nicht vorher, daß
-dieß nur geschehen würde, um Ihre Vorwürfe
-anzuhören. Wie ungerecht sind Sie, und
-wie wenig kennen Sie mich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein Strahl von Freude glänzte in den
-Augen der Fremden, und ihre Lippen verschlangen
-einige Worte, die sie auszusprechen
-im Begriff war. Es folgte ein Augenblick
-des Schweigens, der nicht ohne Süßigkeit
-für sie war, und schon erschien eine gewisse
-Heiterkeit auf ihrer Stirn, die seit langer
-Zeit davon verscheucht gewesen war, als ein
-bitterer Gedanke Alles wieder zerstörte. Lodoiska&rsquo;s
-Blick wurde wilder, und sie legte
-ihre Hand auf ihr Herz, gleichsam um dessen
-schmerzliches Klopfen zu unterdrücken.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-&bdquo;Auch ich wünschte Sie wiederzusehen,
-Alfred, sagte sie, weil es mir schien, als
-wenn Sie noch derselbe sein könnten, wie
-früher; aber ich besitze jetzt keinen von den
-Reizen mehr, die Sie vormals entzückten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich liebte damals die vortrefflichen
-Eigenschaften Ihres Herzens eben so sehr,
-als Ihre Reize. Die Zeit konnte Ihnen
-einen kleinen Theil der letzteren rauben;
-aber vermochte sie etwas gegen die inneren
-Vorzüge Ihrer Seele? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann Ihnen nichts darauf antworten,
-Alfred. Unsere Unterhaltung, die uns nur
-Kummer verursacht, hat schon viel zu lange
-gedauert. Leben Sie wohl, ich muß mich entfernen.
-Erwarten Sie, was die Vorsehung
-entscheiden wird. Ach, wie schrecklich ist das
-Schicksal, womit mich ihr Zorn belastet hat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, lassen wir die Zeit ruhig verstreichen;
-wir werden uns einst wieder vereinigen,
-und dann .... &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-&bdquo;Und dann gehen wir beide gerade dem Grabe
-zu, das uns als Hochzeitbett dienen wird!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Welche schreckliche Vorhersagung! Lodoiska,
-wie können Sie so grausam sein?
-Sehen Sie denn nichts als einen Sarg in
-der Zukunft? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska antwortete nicht, sondern entfernte
-sich mit größter Eile. Als sie sich
-auf der Treppe befand, ließ sie ein lautes
-Gelächter erschallen, welches einen so schrecklichen
-Eindruck auf den Obersten machte,
-daß er wie erstarrt dastand, und das Hohngelächter
-eines höllischen Wesens gehört zu
-haben glaubte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Armes Mädchen, sagte er endlich, dein
-Unglück hat dich eines Theils deiner Verstandeskräfte
-beraubt und deinen liebenswürdigen
-Charakter völlig entartet. Aber dennoch
-bleibt sie immer höchst interessant, und vielleicht
-kehrt sie zu andern Vorstellungen zurück,
-wenn die Ursache ihres Unglücks aufgehört hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-Während er diese Worte ziemlich lebhaft
-und laut aussprach, glaubte er hinter sich
-einen tiefen Seufzer zu hören. Er drehte sich
-schnell um, und erblickte nun in dem finsteren
-Theile des Saales eine weiße Gestalt, die
-ein Kind an der Hand führte, und mit ihm
-aus dem Saale in das anstoßende Zimmer ging.
-Ungeachtet seines Muthes erbebte der Oberst
-bei diesem Anblicke. Seine Einbildungskraft
-gab der Gestalt Gesichtszüge, die ihm ein theures
-Andenken hervorriefen. Anfangs wußte er
-nicht, was er thun sollte; dann aber ergriff
-er das Licht, und folgte den Erscheinungen
-in&rsquo;s anstoßende Zimmer. Er fand es einsam
-und leer; nur seine eigenen Schritte unterbrachen
-das tiefe Schweigen der Nacht ....
-und doch hatte er mit eigenen Augen gesehen.
-Von Angst gefoltert und mit großen Schweißtropfen
-bedeckt, kehrte er endlich in sein Schlafzimmer
-zurück.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-Drei und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Oberst fand in dieser Nacht keine Ruhe.
-In angstvollen Gedanken versunken ging er
-mit heftigen Schritten auf und nieder, bis
-endlich die Morgenröthe anbrach, und mit
-ihr die Ruhe in seine stürmisch bewegten
-Adern zurückkehrte.
-</p>
-
-<p>
-Die kleine Julie pflegte jeden Morgen
-in das Zimmer ihres Vaters zu kommen, um
-ihm einen Kuß zu bringen; auch heute erschien
-sie zur gewöhnlichen Zeit, aber ihre
-sonst immer lachende Physiognomie war traurig,
-und man bemerkte eine auffallende Blässe
-in ihren Gesichtszügen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bist du krank, mein Kind?&ldquo; fragte ihr
-Vater sie beunruhigt.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, lieber Vater; aber ich habe
-schlecht geschlafen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-&bdquo;Wer hat dich denn daran verhindert? Lisette
-sagt ja, daß du sonst ganz vortrefflich schläfst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; O, lieber Vater, ich wollte es dir
-wohl sagen, wenn es mir Lisette nicht verboten
-hätte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So muß ich wohl alle weitere Fragen
-einstellen? Dennoch bin ich sehr neugierig,
-die Ursache deiner Schlaflosigkeit zu wissen;
-sie muß sehr böse sein, da du plötzlich deine
-frische Gesichtsfarbe dadurch verloren hast.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Weinst du auch nicht, Väterchen,
-wenn ich dir die Wahrheit sage? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hoffe so viel Gewalt über mich zu
-besitzen, daß ich meine ersten Gefühle überwinde,
-wenn deine Erzählung traurig ist.&ldquo;
-Der Oberst sagte dieß, sich zum Lächeln
-zwingend, obgleich eine böse Ahnung sein Inneres
-schon mit Schrecken erfüllte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nun, so will ich dir Alles erzählen.
-Wilhelm und meine gute Mutter haben mich
-heute Nacht besucht. Sie blieben fast die
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-ganze Nacht zu beiden Seiten meines Bettes
-sitzen, um, wie sie sagten, mich gegen den
-Dämon zu vertheidigen, der ihnen den Tod
-gegeben hat, und der sich auch an meinem
-Blute sättigen will. Anfangs fürchtete ich
-mich sehr, ward aber nachher vollkommen
-beruhigt. Wilhelm sahe so glücklich und
-selig aus! Meine Mutter blickte mich mit
-so großer Zärtlichkeit an! Sie haben mir
-versprochen, mich nicht mehr aus den Augen
-zu verlieren, und mit Anbruch des Morgens
-verließen sie mich erst, indem sie versicherten,
-daß ich bei Tage nichts zu fürchten hätte.
-Sie sprachen mit mir von vielen Dingen;
-aber glaubst du wohl, lieber Vater, daß sie
-dich mit keiner Silbe erwähnten? Ich sagte
-ihnen, wie sehr du über ihren Verlust weintest;
-aber sie schüttelten den Kopf, und lächelten,
-ohne mir zu antworten. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Das Kind hätte noch lange in seiner
-Erzählung fortfahren können, ohne daß sein
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-Vater daran dachte, es zu unterbrechen.
-Stumm vor Verwirrung, durch Schrecken
-und Verzweiflung im Innersten seines Herzens
-ergriffen, saß er unbeweglich in seinem
-Lehnstuhle da. Die unbegreifliche Uebereinstimmung
-zwischen dem, was er selbst gesehen
-hatte und was seine Tochter ihm jetzt erzählte,
-versetzte ihn in einen Wirrwarr von Gedanken,
-aus welchem er sich nicht wieder herausfinden
-konnte. Zum ersten Male unterlag
-er einem abergläubischen Schrecken. Indessen
-stand Julie noch immer vor ihm, seine
-Antwort erwartend, und er brach endlich das
-Stillschweigen, indem er mit bewegter Stimme
-ihr für die Mittheilung der nächtlichen
-Scene dankte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du mußt, sagte er, diesen Traum als
-eine Wohlthat Gottes betrachten. Er hat
-dich dadurch belehren wollen, daß deine Mutter
-und dein Bruder vom Himmel herab
-dich vor dem Dämon beschützen werden, <a id="corr-13"></a>das
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-heißt, vor der Sünde; dieß ist der Sinn der
-Worte, die du gehört hast.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; O, lieber Vater, ich schlief nicht,
-als sie in mein Zimmer kamen. Von der
-Sünde haben sie mir nichts gesagt, sondern
-bloß von einem abscheulichen Wesen, das uns
-alle verderben will, und das sie einen <em>Vampyr</em>
-nannten. Ich weiß recht gut, was
-dieß ist; denn der arme Werner hat uns von
-diesen bösen Geistern erzählt. Ich habe noch
-jedes Wort behalten, denn die Vampyre ... &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Kind, ich kenne ihre Geschichte
-besser als du; aber man hätte sie dir ersparen
-sollen, weil dadurch deine Einbildungskraft
-erhitzt wurde, und dieß vielleicht die
-Ursache deines Traumes ist. Glaube mir,
-Julchen, vergiß ihn gänzlich; denn man
-würde dich auslachen, wenn du davon erzähltest;
-man würde dich für ein kleines furchtsames
-Mädchen halten, oder dich wohl gar der
-Lüge beschuldigen, wenn du behauptest, nicht
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-geschlafen zu haben. Was mich betrifft, so
-zweifle ich nicht an deiner Wahrheitsliebe;
-du glaubtest wirklich zu sehen, was doch nur
-Täuschung war; vor allen Dingen aber bitte
-ich, gegen Lodoiska darüber das tiefste Stillschweigen
-zu beobachten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; O, sei unbesorgt, lieber Vater, ich
-weiß es schon, daß ich ihr nichts davon sagen
-darf. Wilhelm hat es mir sehr dringend
-anempfohlen; denn er behauptet, sie
-sei meine ärgste Todfeindin. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Dieser neue Schlag verwundete den Obersten
-mitten im Herzen. Er sprang heftig
-auf und entließ seine Tochter, um sich wieder
-zu sammeln. Unerklärlich war es ihm,
-wie so viel Seltsames so genau übereinstimmen,
-wie es möglich sei, daß ein Traum eines
-Kindes so viel Wahres enthalten könne.
-Ach, er selbst hatte die Erfahrung gemacht,
-daß eine Stiefmutter fast immer die Feindin
-der Kinder ist, die sie nicht selbst geboren
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-hat. Sein eigener Vater hatte sich zum
-zweiten Male verheirathet, und seine ganze
-Jugend wurde deßhalb durch täglichen Zank,
-ungerechte Beschuldigungen, und Versuche,
-ihn mit seinem Vater zu entzweien oder ihm
-den größten Theil seines Vermögens zu entziehen,
-vergiftet. Zum ersten Male dachte
-er jetzt an das Unrecht, was er seiner Tochter
-zufügen würde, wenn er sich jemals wieder
-vermählte, und die väterliche Zärtlichkeit
-erhob einen neuen Kampf in seinem Herzen.
-</p>
-
-<p>
-Nicht ohne das größte Erstaunen sahe
-er zur Frühstückszeit Lodoiska in&rsquo;s Speisezimmer
-treten. Sie schien zeigen zu wollen,
-daß sie jetzt völlig zufrieden sei, aber dennoch
-blickte ein tiefer Verdruß durch ihre verstellte
-Freude. Die kleine Julie sahe sie mit dem
-finsteren Ausdruck des heftigsten Zornes an,
-aber nur, wenn Alfred&rsquo;s Blicke nicht auf sie
-gerichtet waren. Sie scherzte über ihre lange
-Zurückgezogenheit, und sagte, daß sie von nun
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-an ihren Schmerz zwar nicht vergessen, aber
-doch zerstreuen wolle. Sie ließ ihren Verstand
-mit so vielem Vortheile glänzen, und
-betrug sich so liebenswürdig, daß der Oberst,
-anfangs auf seiner Hut, dennoch bald dem
-Einflusse nachgab, den sie über ihn ausüben
-wollte. Die Vergangenheit stellte sich gänzlich
-in den Hintergrund. Alfred sah in Lodoiska
-nur das Mädchen seiner ersten heftigsten
-Liebe, und sein Entzücken stieg auf&rsquo;s
-Höchste, als sie ihre Harfe nahm, und durch
-ihre hinreißende Stimme ihn gleichsam aus den
-Grenzen des irdischen Daseins hinauszauberte.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblicke war Wildenau,
-den man übrigens gar nicht erwartete, im
-Schlosse angekommen. Voll Erstaunen, harmonische
-Töne an einem Orte zu hören, wo
-die äußern Zeichen der Trauer noch nicht
-verschwunden waren, stand er in dem Vorzimmer
-still, und ein der offenen Thür gegenüberhängender
-Spiegel zeigte ihm, was
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-vorging. Der Arzt kam in der Absicht, sich
-mit dem Obersten in Betreff Lodoiska&rsquo;s eine
-Erklärung zu verschaffen; was er aber jetzt
-sahe, überhob ihn jeder weiteren Unterhaltung
-über diesen Gegenstand. Das Entzücken
-des Obersten, die Blicke Lodoiska&rsquo;s, die
-so leicht zu erkennende Uebereinstimmung
-zweier gleichfühlenden Herzen, Alles gab ihm
-den Beweis, daß beide schon durch eine frühere
-Liebe vereinigt gewesen. Bei diesem
-Gedanken entstand der fürchterlichste Verdacht
-in seinem Herzen; doch unterdrückte
-er ihn wieder voller Scham vor sich selbst.
-An der Rechtschaffenheit des Obersten konnte
-er nicht zweifeln; aber die finstere, wilde Lodoiska
-flößte ihm nicht ein gleiches Vertrauen
-ein, und mancherlei Geheimnisse erklärten
-sich ihm jetzt so deutlich, daß er davor
-schauderte.
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska hörte jetzt auf zu singen, und
-nun hielt es Wildenau für passend, sich zu
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-zeigen. Seine Gegenwart schien der Fremden
-höchst ungelegen zu sein, daher sie bald
-darauf die Gesellschaft verließ, und der Oberst,
-dadurch gewissermaßen dem Arzte Preis gegeben,
-fühlte sich in großer Verlegenheit, so
-daß er sogleich wünschte, ein neuer Besuch
-möchte ihm zu Hülfe kommen. Aber es geschah
-nicht, und der Arzt, der seinen Zustand
-sehr genau beobachtete, fühlte Mitleiden mit
-ihm, so daß er seiner Verwirrung ein Ende
-machen wollte, und ohne weitere Umschweife
-seinen Angriff begann:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind ein Mann von Ehre, Herr
-Oberst, und ich glaube einiges Recht auf
-Ihre Achtung zu haben. Haben Sie daher
-die Güte, mir nur eine einzige Frage zu beantworten;
-sie enthält nichts Feindseliges,
-sondern soll nur dazu dienen, mein künftiges
-Betragen zu bestimmen. Haben Sie die
-schöne Fremde schon gekannt, ehe sie zum
-ersten Male in dieser Gegend erschien?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-&mdash; Herr Doktor, antwortete der Oberst
-sehr bewegt, wenn jeder Andere mich so
-fragte, so würde ich gegen ihn ein vollkommenes
-Stillschweigen beobachten. Aber ich
-weiß, wie sehr ich mich gegen Sie vergangen
-habe, und ich kann mein Unrecht nur durch
-meine Aufrichtigkeit wieder gut machen. Lodoiska
-war das erste weibliche Wesen, das
-mir Liebe einflößte. Ich befand mich damals
-in ihrem Vaterlande; ich konnte über
-ihre Tugend nicht siegen, und dennoch vergaß
-ich sie, nachdem ich ihr das feierlichste
-Versprechen gegeben hatte, sie zur Gattin
-zu nehmen. Aber sie leistete nicht auf mich
-Verzicht, sondern hat mich bis hierher nach
-Deutschland verfolgt; so lange indessen meine
-unglückliche Frau gelebt hat, ermuthigte ich
-ihre Leidenschaft auf keine Weise. Dieß,
-schwöre ich Ihnen, ist reine Wahrheit. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist genug, Herr Oberst, mehr verlange
-ich nicht; nur hätten <a id="corr-14"></a>Sie vielleicht mit
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-diesem Geständniß gegen mich nicht so lange
-zögern sollen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Konnte ich anders? Ist das Geheimniß
-anderer Menschen auch das unsrige,
-und konnte ich daher das Geheimniß Lodoiska&rsquo;s
-wider ihren Willen entdecken? Jetzt
-habe ich es nur für Sie allein entschleiert,
-und ich hoffe, Sie werden es Niemanden anvertrauen.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leben Sie wohl, Herr Oberst; möchten
-Sie glücklich sein! Möge die Zukunft Sie
-die Vergangenheit nicht vermissen lassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen Worten entfernte sich Wildenau,
-ungeachtet der dringenden Bitten des
-Obersten, zum Mittagsessen da zu bleiben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein! sagte er; erlauben Sie, daß ich
-mich entferne; denn ich darf durch meine Gegenwart
-der Fremden keine unangenehmen
-Empfindungen verursachen. Sie würde in
-meiner Gesellschaft nur verlegen, ich aber
-keinesweges bei ihr in guter Laune sein.
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-Nochmals, leben Sie wohl! Empfangen
-Sie meine aufrichtigsten Wünsche für Ihr
-Glück.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte des Arztes waren ohne
-Zweifel sehr natürlich und der Sache völlig
-angemessen; aber dennoch glaubte der Oberst
-darin eine Art von Vorwurf zu erblicken,
-der ihn in Unmuth setzte. Er unterdrückte
-ihn indessen, indem er das vermeintliche
-Bittere in dem Betragen seines Freundes
-auf Rechnung seiner verschmäheten Liebe verzeihen
-zu müssen glaubte.
-</p>
-
-<p>
-Mehrere Wochen vergingen nach dieser
-Unterhaltung, und Lobenthal, der sich immer
-mehr seiner Neigung hingab, machte die
-jungfräuliche Lodoiska zum zweiten Male zur
-Gebieterin seines Herzens. Diese schien bald
-überaus glücklich zu sein, bald sich wieder
-ihrer wilden Schwermuth zu überlassen; je
-mehr Gewalt sie über ihren alten Liebhaber
-erhielt, desto mehr überließ sie sich den eigensinnigsten
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-Launen. Vorzüglich zeigte sie
-eine außerordentliche Abneigung gegen die
-kleine Julie, so daß schon ihr bloßer Anblick
-ihr einen geheimen Unmuth verursachte, den
-sie vergebens zu verbergen oder zu unterdrücken
-suchte. Dem Obersten konnte dieser
-Haß nicht lange unbekannt bleiben, und er
-machte ihr darüber sein Erstaunen, selbst sein
-Mißvergnügen bemerklich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach Alfred, antwortete die Fremde, ich
-mache mir selbst mehr Vorwürfe darüber, als
-du dir vorstellen kannst; ich fühle, wie ungerecht
-mein Haß gegen dieses liebenswürdige
-Geschöpf ist; aber kann man den Empfindungen
-seines Herzens befehlen? Ich will
-allein in dem deinigen herrschen, und Alles,
-was dich an eine Andere erinnert, ist mir
-daher unerträglich. Mit der Zeit werde ich
-ohne Zweifel vernünftiger werden, aber jetzt
-kann ich den Sieg über mich selbst noch nicht
-erringen. Indem ich dich mehr liebe als je,
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-habe ich alle menschliche Schwachheiten wieder
-angenommen. Habe Mitleiden mit mir
-und mit meinem Kummer, der mich schon
-seit so langer Zeit, seitdem du mich verlassen,
-gequält hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte und die dazu reichlich vergossenen
-Thränen beruhigten den Obersten;
-er glaubte den Augen der Gebieterin seines
-Herzens einen Gegenstand unwillkührlichen
-Widerwillens entziehen zu müssen, und ohne
-Lodoiska vorher davon zu benachrichtigen,
-fuhr er eines Morgens mit Julien nach
-Prag, wo er sie in eine der besten Erziehungsanstalten
-that.
-</p>
-
-<p>
-Die unerklärbare Lodoiska zeigte den
-größten Kummer, als sie Juliens Abreise
-erfuhr. &bdquo;Wenn Sie Ihre Tochter aus dem
-Hause schaffen, sagte sie zum Obersten, so
-zwingen Sie mich dadurch, mich ebenfalls
-daraus zu entfernen. Ihretwegen allein war
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-ich hier: sie ist fort, unter welchem Titel
-kann ich nun noch hier verweilen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Unter dem Titel, der mir der theuerste
-sein würde, liebe Lodoiska, erwiederte
-Alfred voller Zärtlichkeit, und den ich Ihnen
-schon angeboten hätte, wenn der äußere Anstand
-mich nicht abhielte. Es hat der Vorsehung
-gefallen, die früheren Hindernisse unserer
-Vereinigung hinwegzuräumen; werden
-Sie mir jetzt abschlagen, was Sie früher
-vielleicht glücklich gemacht hätte? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska mußte ohne Zweifel schon lange
-auf eine solche Erklärung gefaßt sein; aber
-dennoch stand sie wie erstarrt, als Lobenthal
-so zu ihr sprach. Ihr Inneres ward von
-verschiedenen Empfindungen bewegt, und sie
-fühlte zu gleicher Zeit die höchste Glückseligkeit
-und die tiefste Verzweiflung. Sie sahe
-den entscheidenden Augenblick sich nähern;
-sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch <a id="corr-15"></a>auszuüben
-oblag; sie hätte eigentlich nichts als
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-Rache in ihrem Busen tragen sollen; aber
-die Alles besiegende Liebe hatte auch sie unterjocht.
-Durch ihre Sinne gehörte sie noch
-der Erde an, und sie kämpfte daher hartnäckig,
-obgleich vergebens, gegen die höhere
-Macht, die ihre Handlungen gebieterisch leitete.
-Endlich faßte sie sich, und rief:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Alfred, nein! Reden Sie mir
-nicht mehr von einer Feierlichkeit, an welcher
-ehemals meine ganze Glückseligkeit hing!
-Kann ich Ihnen jetzt noch angehören, da ich
-mir selbst nicht mehr angehöre? Und habe
-ich Ihnen nicht schon gesagt, daß ich durch
-einen fürchterlichen Fluch von den Tempeln
-und Dienern des Herrn entfernt bin? Sie
-lieben mich, sagen Sie? Wohl, so geben
-Sie mir den Beweis davon, indem Sie mich
-nicht länger mit ihren Wünschen bestürmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Grausame! hören Sie doch endlich
-auf, sich und mich durch nichtige Truggestalten
-Ihrer Einbildungskraft zu quälen.
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-Zwar ist schon der Versuch zum Selbstmorde
-ohne Zweifel vor dem Angesichte Gottes ein
-Verbrechen; aber es giebt ja keine Sünde,
-welche nicht durch die Reue getilgt wird,
-und warum sollten Sie allein mit so unerbittlicher
-Strenge verfolgt werden? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Armer Sterblicher! Sie wissen nicht,
-was Sie wünschen! Wenn nun der Augenblick,
-wo Sie unsere Glückseligkeit zu befestigen
-glauben, gerade der unserer ewigen
-Trennung würde? Hier können wir noch
-beisammen bleiben .... aber dort unten
-(fuhr sie mit leiser Stimme fort) gehen
-wir beide unseren eigenen Gang. Und was
-würde der Geistliche sagen, dem ich mich zur
-Trauung vorstellen wollte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Kann er allwissend sein? Kann er
-hier von dem Vergehen wissen, zu welchem
-Ihre Liebe Sie in Ihrem entfernten Vaterlande
-trieb? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-&bdquo;Alfred! Gott zeichnete die Stirn des
-Brudermörders Kain mit einem fürchterlichen
-Zeichen; auch ich trage ein solches auf
-der meinigen; obgleich Sie es nicht sehen,
-so würde es doch der Geistliche sogleich erblicken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Armes Mädchen! Wie sehr muß ich
-Sie beklagen! So weit können die Vorurtheile
-Ihrer Erziehung Sie irre führen!
-Doch ich will für jetzt nicht weiter in Sie
-dringen, und ich hoffe, daß Sie später meinen
-Wünschen nachgeben werden. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ein schwermüthiges Lächeln, ein leichtes
-Kopfschütteln waren die ganze Antwort der
-Fremden; Alfred schien nicht darauf zu achten,
-er hoffte Alles von der Zeit und von
-der Macht seiner Zärtlichkeit.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-Vier und zwanzigstes Kapitel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>ehrere Monate vergingen, ehe der Oberst
-weitere Schritte zur Erreichung seiner Wünsche
-that, bis er endlich beschloß, Lodoiska&rsquo;n
-durch Ueberraschung dahin zu vermögen, daß
-sie seine Gattin würde. Ohne ihr also das
-Geringste zu sagen, besprach er sich mit dem
-Pfarrer darüber, und vertraute ihm freimüthig
-alle Umstände an, welche seiner Braut
-eine so große Furcht vor dem Anblick eines
-Geistlichen verursachten. Der Pfarrer war
-ein vernünftiger Mann, und bedachte, daß
-er sich leicht von der strenge vorgeschriebenen
-Ordnung ein wenig entfernen könne, wenn
-dadurch ein unangenehmer Auftritt vermieden
-würde. Er versprach also, um Mitternacht,
-in Gegenwart dreier Zeugen, in der Schloßkapelle,
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-die Ehe des Obersten mit Lodoiska
-einzusegnen.
-</p>
-
-<p>
-Zufrieden, so weit mit seinen Vorbereitungen
-gekommen zu sein, sandte er eiligst
-seinen Bedienten nach der Stadt, um sogleich
-einen Notarius nebst einigen Zeugen mitzubringen.
-Hierauf begab er sich zu seiner
-Geliebten, und sagte ihr, daß er den heutigen
-Abend dazu festgesetzt habe, vorläufig
-einen Ehevertrag mit ihr abzuschließen, und
-daß schon alle nöthigen Anstalten dazu getroffen
-seien.
-</p>
-
-<p>
-Eine plötzliche Röthe überflog bei dieser
-unvermutheten Ankündigung die Wangen
-der schönen Fremden; zu gleicher Zeit verbreitete
-sich aber auch in ihren Augen eine
-düstere Traurigkeit; sie zitterte am ganzen
-Körper, und war gezwungen, sich an dem
-neben ihr stehenden Tische zu stützen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schon heute, Alfred? sagte sie; warum
-eilen Sie so? Können Sie es nicht länger
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-mit ansehen, daß unser Glück noch einige
-Zeit dauert?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Zerstören wir es denn, wenn wir es
-auf immer an uns fesseln? Kann unsere
-Vereinigung dadurch an ihrer Süßigkeit verlieren,
-wenn sie unauflöslich wird? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie glauben es, weil Sie nur an die
-Gegenwart denken, und nicht an die Zukunft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; O gewiß denke ich an die Zukunft,
-und male sie mir mit den freundlichsten Farben
-aus. Aber warum wollen Sie noch immer
-bei Ihrer Schwermuth beharren? Was
-führte Sie denn anders hierher, als die
-Hoffnung, sich mit mir zu vereinigen? Forderten
-Sie nicht meine Person als Ihr
-Eigenthum zurück, und jetzt, da ich Ihre
-Rechte anerkenne, wollen Sie mich von sich
-stoßen? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Daß Sie mir angehören, kann mir
-nicht bestritten werden, denn Ihr mit Ihrem
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-Blut geschriebenes Versprechen ist mir
-ein sichreres Unterpfand, als alle diese Ceremonien,
-die mir gleichgültig sind. Aber ich
-bin zufrieden, Sie nur zu sehen, und ich
-fürchte den Augenblick, der mir ein schreckliches
-Recht über Sie geben wird. Ach,
-Alfred, glaube mir, ändere deinen Entschluß,
-denn du ahnest nicht, welches Unglück dir bevorsteht,
-wenn du dich unwiderruflich an
-mich fesselst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen Worten eilte sie pfeilschnell
-aus dem Zimmer, und begab sich in das
-ihrige, wo der Oberst sie nicht zu stören
-wagte. Er erstaunte über ihre Rede, schob
-aber Alles auf ihre abergläubische Furcht
-vor der Gegenwart eines Geistlichen, und
-beharrte bei seinem Entschlusse, diese Furcht
-mit Gewalt zu überwinden. Zu Zeugen bei
-der Trauung hatte er seinen Bedienten und
-den Verwalter der zum Schlosse gehörigen
-Ländereien gewählt, weil ihm beide zu jeder
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-Zeit zu Gebote standen; unmittelbar nach
-dieser Ceremonie wollte er sich mit seiner
-neuen Gemahlin in einen Wagen setzen,
-und sich erst nach Prag, dann aber nach
-Berlin begeben, um daselbst seinen festen
-Wohnsitz wieder aufzuschlagen. Der
-Aufenthalt im Schlosse R.... schien ihm
-jetzt unerträglich zu sein, weil er in ihm
-zu traurige Erinnerungen hervorrief.
-</p>
-
-<p>
-Endlich wurde es Abend. Lodoiska,
-die noch immer in ihrem Zimmer blieb,
-äußerte den Wunsch, dasselbe nicht eher,
-als bis im letzten Augenblick zu verlassen.
-Während dieser Zeit irrte der Oberst in
-der größten Unruhe hier und dort umher,
-und fand nirgends seines Bleibens. Es
-hatte sich ein fürchterlicher Sturmwind erhoben,
-der bis in das Innere des Schlosses
-drang, und durch sein Pfeifen bald
-die Klagen eines Leidenden, bald ein höllisches
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-Gelächter nachzuahmen schien. Er
-setzte die Fensterscheiben in Bewegung, daß
-sie klirrten, erschütterte selbst die inneren
-Thüren in ihren Angeln; kurz, die Wuth
-dieses Sturmes war so groß, daß der
-Oberst sich eines unwillkührlichen Schreckens
-nicht erwehren konnte.
-</p>
-
-<p>
-Bei seinem Umherirren im Schlosse
-kam Lobenthal auch zufällig in die Nähe
-der Gesindestube, wo die Knechte und
-Mägde von der Meierei beim Abendessen
-versammelt waren. Sie sprachen unter einander
-von dem Befehle, den er gegeben
-hatte, den Reisewagen um Mitternacht fertig
-zu halten, und suchten die Absicht dieser
-plötzlichen Reise zu errathen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wundere mich gar nicht darüber,
-sagte einer der Knechte; denn wir wissen
-ja schon seit langer Zeit, daß der Oberst
-keine ruhigen Nächte haben kann, und es
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-muß ihm daher angenehmer sein, um diese
-Zeit zu reisen, als in seinem Bette den
-schrecklichen Besuch abzuwarten, den er
-dort empfängt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was sagst du da, Peter? rief
-eins der Mädchen mit einer Stimme, die
-schon ihr Entsetzen bezeichnete; von was
-für Besuchen sprichst du denn? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, von den Besuchen, die ihm
-die verstorbene Oberstin alle Nächte abstattet!
-Der Schulze, der Küster und auch
-die alte Mutter Rieben, die eben kein
-Geheimniß daraus macht, haben es ja
-schon öfters gesehen, wie unsere verstorbene
-gnädige Frau aus ihrem Grabe emporsteigt,
-ihren kleinen Sohn beim Namen
-ruft, der dann ebenfalls aufsteht,
-und mit ihm nach dem Schlosse geht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist eine abscheuliche Lüge,&ldquo; sagte
-Johann, der Bediente des Obersten,
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-der in einer großen Stadt erzogen war,
-und daher weniger Aberglauben besaß.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nun, sei nur nicht böse, Johann,
-es könnte dir Schaden thun, erwiderte Peter.
-Auch du wirst noch zu sehen bekommen,
-was Andere schon gesehen haben, und
-es scheint mir, als wenn das Wunder heute
-Nacht noch etwas früher als sonst geschehen
-werde. Als ich vom Felde hereinkam,
-begegnete ich der alten Mutter Rieben.
-&bdquo;Höre, Peter, sagte sie zu mir, du gehst
-nach dem Schlosse; aber bete vorher ein
-Vaterunser, wenn du mir glauben willst;
-denn es werden sich heute dort seltsame
-Dinge zutragen. Die nächtlichen Geister
-haben sich heute früher als sonst aus ihren
-Gräbern erhoben, woran wahrscheinlich
-der wüthende Sturmwind Schuld ist,
-der sie gerufen hat, und ich habe sie so
-eben vorbeigehen sehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-Als der Oberst diese außerordentliche
-Erzählung mit anhörte, schauderte er unwillkührlich,
-und um nicht noch mehr zu
-erfahren, entfernte er sich mit langsamen
-Schritten, und stieg die Treppe hinauf.
-Eben befand er sich an der Thür des großen
-Saales, als er hinter sich ein Geräusch
-hörte. Er stand still und blickte
-sich um .... zwei weiße Gestalten schwebten
-schnell bei ihm vorüber und verloren
-sich dann in der Finsterniß. Er glaubte, sie
-zu erkennen .... seine Kniee wankten unter
-ihm; es war ihm unmöglich, seines
-Schreckens Herr zu werden, und an einen
-Wandpfeiler hinsinkend, blieb er lange
-Zeit in einem fast sinnlosen Zustande.
-</p>
-
-<p>
-Mehrere Stimmen, die er unten an der
-Treppe hörte, weckten ihn aus seiner Betäubung.
-Er raffte sich schnell empor, und sahe
-nun den Notarius und dessen Zeugen, die
-von seinem Bedienten mit einem Lichte begleitet,
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-die Treppe heraufkamen. Kaum hatte
-er noch so viel Zeit, sich einigermaßen wieder
-zu sammeln. Die erste Frage, die der
-Notarius an ihn that, war nach seinem
-Gesundheitszustande, so sehr zerstört sahen
-seine Gesichtszüge noch aus. Der Oberst
-antwortete ihm ausweichend, und führte ihn
-in das Gesellschaftszimmer, wo er ihn auf
-einige Augenblicke verließ, um Lodoiska&rsquo;n
-seine Ankunft anzukündigen.
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska fuhr zusammen, als sie ihn
-eintreten sahe, und erbebte, sobald er sich
-erklärt hatte. Sie warf einen Blick auf
-ihn, in welchem sich so viel verschiedene
-Empfindungen malten, daß es unmöglich
-gewesen wäre, sie zu beschreiben. Ihre
-Trauerkleidung hatte sie abgelegt; ein weißes,
-einfaches Gewand umhüllte ihren prächtigen
-Wuchs; ein Halsband von Perlen
-und ein Kranz in ihrem Haar war der
-ganze Schmuck, den sie sich erlaubt hatte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-Der Oberst mußte seine Bitte mehrere
-Male wiederholen, ehe sie sich entschloß,
-ihm zu folgen; man sahe, wie gern sie den
-Augenblick noch verzögern wollte, den er so
-sehnlich herbeiwünschte. Endlich schien sie
-alle ihre Kräfte zusammenzunehmen, erhob
-ihre Arme und Augen gen Himmel, und
-schien ihn als Zeugen anzurufen, daß sie
-gezwungen würde, oder ihn um Gnade zu
-bitten, die sie gleichwohl nicht zu erhalten
-hoffte.
-</p>
-
-<p>
-Beim Eintritt in das Gesellschaftszimmer
-und beim Anblick des Notarius und
-der Zeugen gerieth Lodoiska einigermaßen
-in Verwirrung; doch erholte sie sich bald
-wieder, und antwortete mit Bescheidenheit
-auf die Komplimente, die der Notarius an
-sie richtete. Sein Geschäft war bald abgemacht,
-worauf er sich wieder entfernte, ungeachtet
-der Oberst ihn dringend bat, bis zum
-andern Tage auf dem Schlosse zu bleiben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-Unterdessen beschäftigte sich Johann,
-der Bediente des Obersten, mit den nöthigen
-Vorbereitungen zu der feierlichen Ceremonie,
-die nun noch Statt finden sollte.
-Er hatte den Auftrag, den Pfarrer in die
-Schloßkapelle zu führen, den Verwalter herbeizuholen,
-und sich dann zu dem Obersten
-zu verfügen, unter dem Vorwande, seine
-etwanigen Befehle zu vernehmen, ehe er
-sich niederlegte, in der That aber, um ihm
-durch seine Gegenwart anzukündigen, daß
-Alles bereit sei.
-</p>
-
-<p>
-Lodoiska, die nun mit Alfred allein
-geblieben war, zeigte immer noch die größte
-Unruhe. Ihr Busen wogte mit Ungestüm,
-ihre Blicke irrten unstät umher, und jedes
-Mal, wenn ihr Bräutigam sich ihr näherte,
-ergriff sie ein krampfartiges Zittern, und
-sie streckte die Hände vor sich hin, gleichsam
-um ihn von sich abzuhalten. Alfred
-bemerkte den außerordentlichen Kampf, der
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-in ihrem Innern vorging, und versuchte sie
-zu beruhigen; aber vergebens. Sie sprach
-nichts, als unzusammenhängende Worte, welche
-bald die Heftigkeit ihrer Liebe ausdrückten,
-bald eine schauerliche Zukunft vorhersagten;
-sie riefen den Himmel um Mitleiden
-an gegen die bevorstehenden Qualen der
-Hölle.
-</p>
-
-<p>
-Es schlug zwölf Uhr, und Johann erschien
-im Zimmer. Bei seinem Anblick wandte
-sich der Oberst an Lodoiska:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur noch ein wenig Muth, Geliebte,
-sagte er; in einigen Augenblicken wird Alles
-vorbei sein. Folge mir jetzt; in Zeit von
-einer Stunde sitzen wir schon im Wagen;
-vorher haben wir aber noch eine Pflicht zu
-erfüllen, und wir müssen uns jetzt in ein
-anderes Zimmer begeben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Giebt es einen Ort, antwortete Lodoiska
-mit dumpfem Tone, wo ich Ruhe
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-finden kann, wo ich von der rachsüchtigen
-Frau nicht verfolgt werde? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Von welcher Frau?&ldquo; fragte Alfred
-lebhaft.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wissen Sie es denn nicht? Haben
-Sie sie denn nicht gesehen, wie sie mit ihrem
-Kinde umherstreicht? Es ist nicht meine
-Schuld, wenn sie nicht ihrer drei sind; warum
-hat sie mich verhindert, mein Geschäft
-gänzlich zu vollenden! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lodoiska, ich beschwöre Sie bei meiner
-Liebe, erholen Sie sich; Sie machen mich zum
-unglücklichsten aller Männer. Was fehlt
-Ihnen? Was wollen Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich habe Durst, großen Durst! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er ist ja leicht zu befriedigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Oh, nicht so leicht! Blut muß ich
-haben! Blut! und zwar das deinige, Alfred! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, Unglückliche, wie kann Ihr Verstand
-Sie so gänzlich verlassen! Beruhigen
-Sie sich; vergessen Sie, was geschehen ist,
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-und bedenken Sie, daß wir für einander bestimmt
-sind.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, ja! im kühlen Grabe, wo ich
-schon einmal geruht habe. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich höre nicht weiter auf Sie; kommen
-Sie jetzt, um das Letzte zu erfüllen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten schlang er seinen
-Arm um Lodoiska, und zog sie schnell zur
-Kapelle hin, während sie ein lautes Geschrei
-ausstieß, das sich in das Heulen des Sturmwindes
-mischte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alfred! mein Alfred! so bald willst du
-sterben? .... Ja, ja, du gehörst mir an,
-und mein schreckliches Geschäft wird nun erfüllt
-werden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unter so unerklärbaren Ausrufungen der
-halb bewußtlosen Lodoiska gelangte der Oberst
-endlich in die Kapelle, sie mehr tragend als
-führend. Ein fürchterliches Angstgeschrei war
-die erste Wirkung, die der Anblick des erleuchteten
-Altars und des Geistlichen auf sie machte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-&bdquo;O, grausames Schicksal! rief sie aus; so
-ist es denn wahr, daß du erfüllt werden mußt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Fast mit Gewalt zog Alfred sie bis vor
-den Altar. Jetzt leistete sie keinen Widerstand
-mehr, sondern schluchzte nur und zerfloß
-in Thränen; dann schienen ihre Gesichtszüge
-sich zu verzerren, und der Kreislauf ihres Blutes
-sich zu hemmen. Nur an einem dünnen
-Faden schien das Leben Lodoiska&rsquo;s noch zu
-hängen, während der Pfarrer die Trauungsceremonie
-anfing. Jetzt sollten die Ringe gewechselt
-werden; aber Lodoiska&rsquo;s Hand war
-mit dem Handschuh versehen, dessen wir schon
-mehrmals erwähnten. Voll heftiger Ungeduld
-riß der Oberst diesen Handschuh herunter, ehe
-es Lodoiska verhindern konnte .... und die
-Abscheu erregenden knöchernen Gebeine eines
-Skelets fielen ihm und dem erstaunten Geistlichen
-in die Augen! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ein Schrei des Entsetzens entfuhr allen
-Zeugen dieses schrecklichen Schauspiels. Lodoiska
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-fiel leblos auf den Fußboden nieder,
-und aus drei geöffneten Wunden quoll ein
-unreines, stinkendes Blut hervor. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Am dritten Tage ward der Leichnam
-der Fremden zur Erde bestattet. Aber mit
-den ersten Strahlen des Mondes, die ihr
-Grab beschienen, erhob sie sich abermals aus
-ihrer Ruhestätte, und .... am andern Morgen
-fand man den Obersten todt in seinem
-Bette ..... An drei verschiedenen Orten
-waren ihm die Adern geöffnet, und in seinem
-ganzen Körper war auch kein Blutstropfen
-mehr vorhanden, der von seinem ehemaligen
-Dasein zeugte. &mdash;
-</p>
-
-<p class="end">
-Ende.
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="part"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="handheld-only">
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original
-g&nbsp;e&nbsp;s&nbsp;p&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;r&nbsp;t
-hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.
-</p>
-
-<p>
-Die variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales
-wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
-korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... <span class="underline">könnnen</span> Sie so sprechen! Sie, ein Feind des ...<br />
-... <a href="#corr-0"><span class="underline">können</span></a> Sie so sprechen! Sie, ein Feind des ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;Von allem <span class="underline">Diesen</span> ist durchaus nicht ...<br />
-... &bdquo;Von allem <a href="#corr-1"><span class="underline">Diesem</span></a> ist durchaus nicht ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Obersten ein solches Beben <span class="underline">zn</span> verursachen, ...<br />
-... Obersten ein solches Beben <a href="#corr-5"><span class="underline">zu</span></a> verursachen, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und diese ließ sich vor <span class="underline">Niemanden</span> ...<br />
-... und diese ließ sich vor <a href="#corr-7"><span class="underline">Niemandem</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;Sie zu sehen, Frau Oberstin, <span class="underline">antworwortete</span> ...<br />
-... &bdquo;Sie zu sehen, Frau Oberstin, <a href="#corr-9"><span class="underline">antwortete</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Ruderwerk</span> in Bewegung gesetzt worden ist, ...<br />
-... <a href="#corr-10"><span class="underline">Räderwerk</span></a> in Bewegung gesetzt worden ist, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... dich vor dem Dämon beschützen werden, <span class="underline">der</span> ...<br />
-... dich vor dem Dämon beschützen werden, <a href="#corr-13"><span class="underline">das</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ich nicht; nur hätten <span class="underline">sie</span> vielleicht mit ...<br />
-... ich nicht; nur hätten <a href="#corr-14"><span class="underline">Sie</span></a> vielleicht mit ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch <span class="underline">auszuüden</span> ...<br />
-... sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch <a href="#corr-15"><span class="underline">auszuüben</span></a> ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut.
-Zweiter Theil., by Theodor Hildebrand
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ZWEITER THEIL ***
-
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