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Zweiter Theil" --> - <!-- AUTHOR="Theodor Hildebrand" --> - <!-- LANGUAGE="de" --> - <!-- PUBLISHER="Christian Ernst Kollmann, Leipzig" --> - <!-- DATE="1828" --> - <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> - -<style type='text/css'> - -body { margin-left:15%; margin-right:15%; } - -div.frontmatter { page-break-before:always; } - -h1.title { margin-top:0.5em; margin-bottom:1em; text-align:center; letter-spacing:0.2em; } -h1.title .line1 { font-size:0.8em; } -h1.title .line3 { font-size:0.5em; } -h1.title .line4 { font-size:0.8em; } -p.subt { text-indent:0; text-align:center; line-height:2em; margin-bottom:2em; - letter-spacing:0.2em; } -p.aut { text-indent:0; text-align:center; line-height:2em; margin-bottom:2em; } -p.aut .line1 { font-size:0.8em; } -p.vol { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; font-size:0.8em; } -p.pub { text-indent:0; text-align:center; line-height:1.5em; } -p.pub .line2 { border-top:2px solid black; padding-top:2.5em; font-size:0.8em; - letter-spacing:0.15em; } -p.tit { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:6em; - letter-spacing:0.2em; font-size:2em; font-weight:bold; } -.tit .line1 { font-size:0.8em; } -.tit .line3 { font-size:0.5em; } -.tit .line4 { font-size:0.8em; } - -h2.chapter { text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:2em; - page-break-before:always; } - -p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } -p.first { text-indent:0; } -span.firstchar { font-size:2em; } -span.prefirstchar { font-size:0.5em; } -div.letter { margin:1em; } -p.end { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; letter-spacing:0.2em; } - -/* "emphasis"--used for spaced out text */ -em { letter-spacing:.2em; margin-right:-0.2em; font-style:normal; } - -.underline { text-decoration: underline; } - -a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } -a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } -a:hover { text-decoration: underline; } -a:active { text-decoration: underline; } - -/* Transcriber's note */ -.trnote { font-family:sans-serif; font-size:0.8em; background-color: #ccc; - color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; - page-break-before:always; margin-top:3em; } -.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } -.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } -.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } -.trnote ul li { list-style-type: square; } -p.handheld-only { display:none; } - -/* page numbers */ -a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } -a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; - letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; - font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; - border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; - display: inline; } - -@media handheld { - body { margin-left:0; margin-right:0; } - em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; } - a.pagenum { display:none; } - a.pagenum:after { display:none; } - p.handheld-only { display:block; } -} - -</style> -</head> - -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter -Theil., by Theodor Hildebrand - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil. - Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen - -Author: Theodor Hildebrand - -Release Date: April 8, 2016 [EBook #51695] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ZWEITER THEIL *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<h1 class="title"> -<span class="line1">Der</span><br /> -<span class="line2">Vampyr,</span><br /> -<span class="line3">oder:</span><br /> -<span class="line4">Die Todtenbraut.</span> -</h1> - -<p class="subt"> -<span class="line1">Ein Roman</span><br /> -<span class="line2">nach neugriechischen Volkssagen.</span> -</p> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Von</span><br /> -<span class="line2">Theodor Hildebrand.</span> -</p> - -<p class="vol"> -Zweiter Theil. -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Leipzig, 1828.</span><br /> -<span class="line2">bei Christian Ernst Kollmann.</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="tit"> -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -<span class="line1">Der</span><br /> -<span class="line2">Vampyr,</span><br /> -<span class="line3">oder:</span><br /> -<span class="line4">Die Todtenbraut.</span> -</p> - -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -Dreizehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Knall der beiden Pistolenschüsse hallte -durch das ganze Schloß wider, und verbreitete -darin sogleich einen unbeschreiblichen -Schrecken. Die Knechte auf der Meierei, -von denen einige im Schlosse schliefen, waren -nicht zu Bett gegangen, weil sie am andern -Morgen Getraide nach Prag fahren -sollten, und mit den dazu nöthigen Vorbereitungen -beschäftigt waren. Sie verbreiteten -sich schnell durch mehrere Zimmer, während -eines der Mädchen die Hausthür öffnete -und aus der Nachbarschaft Hülfe herbeirief. -</p> - -<p> -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -Die Oberstin, welche vor Mattigkeit eingeschlafen -war, fuhr schon bei dem ersten Pistolenschusse -empor, hielt ihn aber für ein -gewöhnliches Geräusch, das ihr nur im Traume -stärker vorgekommen sei. Als jedoch bald -darauf der zweite Schuß erschallte, glaubte -sie, daß Räuber im Schlosse wären, und daß -der brave Werner im Kampfe mit ihnen begriffen -sei. Nach diesem ersten Gedanken -war der zweite ihr Sohn. Sie hatte so viel -Muth, schnell aufzustehen, und ohne ihre eigene -Gefahr zu beachten, eilte sie in das -Zimmer, wo der Gegenstand ihrer zärtlichen -Sorgfalt ruhte. -</p> - -<p> -Welches schreckliche Schauspiel bot sich -ihren Augen dar, als sie, beim Schein des -Mondes und einer spärlich brennenden Nachtlampe, -zwei blutende Körper auf dem Fußboden -ausgestreckt sahe, und in ihnen Werner -und die Fremde erkannte. Mit einem -Schrei des Entsetzens eilte sie dann nach dem -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -Bette des Kindes, das sie in ihre Arme -nahm; aber vergebens suchte sie den kleinen -Wilhelm aus dem Schlafe zu wecken, in den -er versunken zu sein schien: sein Leben war -entflohen. Diese schmerzliche Gewißheit vollendete -Helenens Verzweiflung, und ohnmächtig -fiel sie neben den beiden Leichnamen auf -den Fußboden nieder. -</p> - -<p> -Kurze Zeit darauf kamen die Knechte -und Dienstmädchen ebenfalls in dieses Zimmer -des Schreckens. Sie sahen ein Fenster -offen stehen, und an demselben eine seidene -Strickleiter befestigt; sie fanden Werner und -Lodoiska in ihrem Blute gebadet und ohne -ein Zeichen des Lebens; weiter hin erblickten -sie die Oberstin, welche noch athmete, neben -dem Leichnam ihres Kindes. Dieser fürchterliche -Anblick mußte alle Anwesenden natürlich -mit Schauder erfüllen. Die Mörder konnten -nicht weit sein; aber vielleicht hatten sie -schon mit Hülfe der Strickleiter die Flucht -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -ergriffen; man beeilte sich eines Theils, der -Oberstin beizustehen, andern Theils, die schon -angefangenen Nachsuchungen im Schlosse fortzusetzen. -— -</p> - -<p> -Die Anzahl der zur Hülfe herbeieilenden -Nachbarn wurde immer größer; aber auch -die strengsten Nachforschungen blieben fruchtlos. -Im Schlosse selbst fand man keine -Spur von den Räubern, und bei der Durchsuchung -der ganzen Gegend war man nicht -glücklicher. -</p> - -<p> -Gegen Morgen kam Helene wieder zu -sich, und der erste Laut, den sie von sich gab, -war der Name ihres theuren Kindes. Ach, -der arme Wilhelm hörte sie nicht, auch er -war ein Opfer dieser schrecklichen Nacht geworden; -gerade da seine Genesung sicher zu -sein schien, mußte er seiner Krankheit erliegen. -</p> - -<p> -Unter diesen Umständen langten noch -zwei neue Personen im Schlosse an: nämlich -ein Arzt, den man zur Untersuchung der -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Leichname herbeigerufen hatte, und der Oberst -Lobenthal, dem es endlich gelungen war, seinen -Schwager mit seiner Schwester auszusöhnen, -und der darauf keine Zeit mehr verloren -hatte, um in den Armen seiner Familie den -Lohn für diese gute That einzuernten. Wie -weit war er entfernt, einen solchen Anblick -zu erwarten, wie ihm hier bevorstand. Er -hoffte, seine Wiederkehr würde allgemeine -Freude im Schlosse verursachen; statt dessen -ward er wie vom Blitze getroffen, als ihn -der Schulze des Dorfes bei Seite nahm, und -ihm die Ereignisse der Nacht auseinandersetzte. -</p> - -<p> -Lobenthal war ein zärtlicher Vater, und -er schämte sich nicht, seinem tiefen Schmerze -freien Lauf zu lassen; dann verlangte er, -seine Frau zu sehen, um seine Thränen mit -den ihrigen zu vereinigen. Wir unternehmen -es nicht, die Szene ihres schmerzlichen Wiedersehens -zu schildern; man hatte Mühe, sie -beide von dem Leichnam ihres Kindes loszureißen, -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -den sie durchaus nicht von sich lassen -wollten. Der Anblick Juliens, weit entfernt -sie zu trösten und zu beruhigen, vermehrte -nur noch ihren gerechten Schmerz, und man -glaubte daher nichts Besseres thun zu können, -als sie sich selbst zu überlassen, und von der -Zeit die Milderung ihres Kummers zu erwarten. -</p> - -<p> -Mitten in dem Schmerze, den ihm der -Verlust seines Sohnes Wilhelm verursachte, -vergaß der Oberst dennoch nicht den Verlust -seines treuen Werner. So viel zusammen -verlebte Jahre und mit einander bestandene -Gefahren, gegenseitig erwiesene Dienstleistungen -mußten ein höchst trauriges Andenken -im Herzen Alfreds zurücklassen. Er bat den -herbeigekommenen Wundarzt, nichts zu vernachlässigen, -wodurch der brave Unteroffizier -wieder in’s Leben zurückgerufen werden könnte; -aber es war durchaus keine Hoffnung vorhanden, -denn das mörderische Eisen war mitten -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -durch das Herz gegangen. Bei der jungen -Dame fand man zwei Wunden, eine -im Herzen, durch einen Dolchstoß verursacht, -und eine andere in der Brust, wo eine Pistolenkugel -hinein und aus dem Rücken wieder -herausgefahren war; auch sie konnte nicht -wieder leben, und es blieb nichts übrig, als -sie und den unglücklichen Werner zu beerdigen. -</p> - -<p> -Lobenthal, in der höchsten Betrübniß, -verlangte nicht danach, die Leichname zu sehen. -Er kehrte in das Zimmer seiner Gattin -zurück, und wünschte bloß, daß Wilhelms -Leichnam, der keines gewaltsamen Todes gestorben -zu sein schien, bis zum folgenden -Tage erhalten würde. Die beiden andern -sollten Nachmittags um 4 Uhr begraben werden, -weßhalb Werner in seinem Zimmer, -Lodoiska aber in einem Saale des untern -Geschosses auf eine Bahre gelegt wurde. -</p> - -<p> -Schon war der Prediger des Dorfes in -seinem Ornate, und die Glocken der Kirche -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -stimmten das Grabgeläute an, als plötzlich -finstere Gewitterwolken den Himmel überzogen. -Ein Donnerschlag folgte auf den andern, -in Strömen floß der Regen herab, und -fürchterlich kämpften zwei Sturmwinde in entgegengesetzter -Richtung mit einander; ganze -Säulen von Blättern, Korngarben, Staub -und selbst von schwereren Gegenständen wurden -durch die Luft mit fortgeführt; ja es -schien, als wenn der Untergang der Welt -ganz nahe bevorstände. -</p> - -<p> -Mitten unter dem Heulen und Brüllen -der Elemente glaubten mehrere Einwohner -des Dorfes fürchterlich rauhe Stimmen zu -vernehmen, und es schien ihnen, als wenn -die ganze Atmosphäre mit bösen Geistern -erfüllt wäre. Erst spät in der Nacht stillte -sich der Aufruhr, in welchem sich die ganze -Natur befand. Bis dahin war es unmöglich -gewesen, an die Bestattung der beiden Leichen -zu denken; man mußte dieses Geschäft -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -also bis auf den folgenden Tag verschieben, -und dieß war für die Bewohner des Schlosses -kein geringer Gegenstand der Angst. Nur -die Oberstin bekümmerte sich nicht darum; -sie dachte nichts, als ihren Sohn, den sie -nun nicht mehr sehen sollte, und sie schien -nur deßhalb noch zu leben, weil sie hoffte, -bald mit dem armen Wilhelm wieder vereinigt -zu werden. Alfred war gezwungen, seinen -eigenen Kummer zu vergessen, um zu -versuchen, ob er den ihrigen nicht lindern -könne; aber vergebens: sie hörte ihn, und -verstand ihn nicht, vor ihrer Seele stand nur -ihr Sohn, der ihr auf ewig entrissen war. -</p> - -<p> -Schon seit langer Zeit deckte tiefe, finstere -Nacht den Erdball. Mehrere Bauern -aus dem Dorfe, welche bei den Todten wachen -sollten, hatten sich in der Küche des -Schlosses versammelt, wo sie bei gutem Essen -und Trinken lustig und guter Dinge waren; -Branntwein und Bier ging in Flaschen -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -und Krügen der Reihe nach herum, und man -trank fleißig auf das Wohl der ehrenwerthen -Gesellschaft. Die fröhliche Unterhaltung stockte -niemals; jedoch kam man mehrmals auf die -Ereignisse der vergangenen Nacht zurück. -</p> - -<p> -„Da sieht man, sagte Lisette, wie leicht -es um uns Menschen geschehen ist! Wie gesund -war der arme Werner noch gestern, und -heute liegt er todt im Sarge.“ -</p> - -<p> -— Und von seiner Seele sprichst du -nicht? sagte ein altes Weib, dessen verdächtiger -Blick die Knaben und Mädchen des -Dorfes in Schrecken setzte, wenn er auf ihnen -ruhte; denkst du denn, daß seine Seele -jetzt in Ruhe ist? Ist er nicht ohne Abendmahl -gestorben, und wird uns sein Geist in -Ruhe lassen? — -</p> - -<p> -„Daß doch die <em>Mutter Rieben</em>, -sagte ein Bauerknecht, keine Gelegenheit vorbeigehen -lassen kann, unsere Fröhlichkeit zu -stören, und uns in Angst zu setzen. Warum -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -sollte der brave Werner, der uns im Leben -nichts als Gutes gethan hat, uns jetzt, nach -seinem Tode, quälen?“ -</p> - -<p> -— Hat er seine Sünden bereut? — -</p> - -<p> -„Wißt ihr es? Hat er euch das Gegentheil -anvertraut? Uebrigens hat er alle seine -Pflichten erfüllt, und er war jeden Sonntag -in der Kirche.“ -</p> - -<p> -— Aber die junge Dame, Niklas, wie -mag es mit der gewesen sein? Haben wir sie -je in der Kirche gesehen? Diese ist gewiß -mitten in ihren Sünden gestorben, gerade -als sie vielleicht noch auf ein langes Leben -hoffte. — -</p> - -<p> -„Wir wollen auf ihre Gesundheit trinken! -sagte ein Müllerbursche, dessen riesenmäßige -Größe und außerordentliche Stärke -allgemein bewundert wurden. — Möge es -ihr im Grabe gefallen, damit sie nicht wieder -daraus hervorkomme.“ -</p> - -<p> -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -Bei diesen Worten hörte Jedermann -einen halb erstickten Seufzer. Ueberrascht -stand fast die ganze Gesellschaft auf, und auf -den meisten Gesichtern sahe man alle Zeichen -des Schreckens. Auch der Müllerbursche war -eben nicht der Muthigste. Jetzt schlug es -zwölf Uhr, und schweigend hörte man dem -Schall der Glocke zu. -</p> - -<p> -„Wer mag so geseufzt haben?“ fragte -endlich einer aus der Gesellschaft. -</p> - -<p> -— Vielleicht die junge Dame, erwiederte -die Alte; sie hat dem Mehlwurm dort ihren -Dank für seinen Wunsch abstatten wollen. — -</p> - -<p> -„Laßt Eure dummen Scherze, Mutter -Rieben, sagte der Müllerbursche. Wir wollen -uns weiter um das, was geschehen ist, nicht -bekümmern.“ -</p> - -<p> -Ein zweiter lauterer Seufzer schallte -jetzt in die Ohren der ganzen Gesellschaft, -die verwirrt und mit Ausrufungen des -Schreckens durcheinanderstürzte. -</p> - -<p> -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -„Heiliger Gott! sagte Lisette, das kommt -aus dem Zimmer, wo die junge Dame liegt. -Wer hat nun Muth genug, sich davon zu -überzeugen?“ -</p> - -<p> -Keiner der Anwesenden gab eine Antwort, -als sich die Stimme zum dritten Male -hören ließ, und zwar so deutlich, daß gar -kein Zweifel daran mehr Statt finden konnte. -Jetzt jagte die Furcht die ganze Gesellschaft -auseinander, und Mehrere eilten zum Schlosse -hinaus, während Andere den Wundarzt weckten, -der die Oberstin nicht eher hatte verlassen -wollen, bevor sie nicht ruhiger geworden -wäre. Als dieser hörte, wovon die Rede sei, -schob er anfangs die Schuld des allgemeinen -Schreckens auf ihre furchtsame Einbildungskraft; -bei den wiederholten Versicherungen, -daß man sich nicht getäuscht habe, zögerte er -jedoch nicht, in das Zimmer hinunterzugehen, -aus welchem die Stimme hergekommen sein -sollte. Der Oberst, welcher noch nicht schlief -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -und den ungewöhnlichen Lärmen im Schlosse -hörte, kam ebenfalls herbei; er begegnete auf -der Treppe dem Arzt, der ihm unterweges -die Ursache des allgemeinen Schreckens mittheilte. -— -</p> - -<p> -Beide zweifelten nicht, daß das Pfeifen -und Sausen des Windes von den abergläubischen -Dorfleuten für die angeblichen Todtenseufzer -gehalten worden wäre; sie setzten -jedoch ihren Weg fort, und von der Menge -gefolgt, gelangten sie in das von mehreren -Lampen erleuchtete Zimmer, wo der Leichnam -der Fremden niedergesetzt worden war. -</p> - -<p> -Indem sie durch die Thür traten, wurde -abermals ein Seufzer hörbar, und man konnte -nun nicht mehr zweifeln, daß er von dem -Sarge herkäme. Ein Theil des Gefolges -nahm die Flucht, und nur die Muthigsten -blieben zurück, als sie den Obersten und den -Arzt zu gleicher Zeit ausrufen hörten: „Sie -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -lebt noch, die Unglückliche! Ach, retten wir -sie aus ihrer schrecklichen Lage!“ -</p> - -<p> -Sie eilten nun auf den Sarg zu, in -welchem Lodoiska ruhte, hoben Letztere sanft -in die Höhe, und trugen sie in das Zimmer, -welches sie früher bewohnt hatte. Als der -Arzt seine Hand auf ihr Herz legte, fühlte -er, daß es wieder angefangen hatte, obgleich -noch sehr schwach, zu schlagen, und voll Erstaunen -über dieses außerordentliche Wunder, -nahm er sich vor, Alles anzuwenden, um diese -von den Todten Auferstandene wieder völlig -herzustellen. Er bat den Obersten, den Theil -des Leichentuches, womit der Kopf der jungen -Schönheit verhüllt war, zurückzuschieben. -Lobenthal that es, und betrachtete neugierig -die Züge der Fremden; aber wie erstaunte er, -als dieses reizende Gesicht ihn überzeugte, daß -er die unglückliche, leidenschaftlich liebende -Lodoiska in seinen Armen hielt. Ein lauter -Schrei entfuhr seinen Lippen. Einem ruhigen -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Zuschauer würde dadurch ohne Zweifel -die Wahrheit offenbar geworden sein; aber -der Arzt, ganz in seine Gedanken über diese außerordentliche -Wiederbelebung vertieft, merkte -kaum darauf, und von nun an suchte der -Oberst seine inneren Gefühle sorgfältig zu -unterdrücken. -</p> - -<p> -Der Arzt forderte nun die bis hierher -gefolgten Landleute auf, das Zimmer zu verlassen, -und wollte mit dem weiblichen Personale, -das allmählich wieder muthiger geworden -war, allein bei der jungen Dame bleiben. -Auch der Oberst entfernte sich, forderte aber -vorher den Arzt auf, seine ganze Kunst zur -Genesung der Unglücklichen anzuwenden. -</p> - -<p> -„Fürchten Sie nichts, Herr Oberst, erwiederte -der Arzt; mir ist selbst daran gelegen, -diese wunderbare Kur zum gewünschten -Ziele zu führen. Vielleicht kann die -Kunst etwas dabei thun; aber glauben Sie -mir, das Meiste dabei wird die Natur thun -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -müssen; nur sie allein kann eine so wunderbare -Wiederbelebung bewirken. Ich würde -einen Eid darauf abgelegt haben, daß die -Pistolenkugel diese junge Dame augenblicklich -getödtet hat, und sollte sie wirklich völlig -wieder zum Leben zurückkehren, so muß unsere -Kunst verzweifeln, je eine gründliche Ursache -dieser Auferstehung angeben zu können.“ -</p> - -<p> -Langsamen Schritts entfernte sich nun -der Oberst, ohne selbst zu wissen, womit seine -Gedanken beschäftigt waren. Er kehrte zu -seiner Frau zurück, die in einen mehr ermattenden -als erquickenden Schlummer gefallen -war. Wie schmerzlich sollte ihr Erwachen -sein! Welche neue Trauer mußte die Nachricht -von der Wiederbelebung der Fremden -in ihrem Herzen verursachen, da für ihren -geliebten Wilhelm nicht ein ähnliches Wunderwerk -geschehen war. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -Vierzehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span>nter allen Begebenheiten, welche je das -Leben des Obersten Lobenthal beunruhigt -haben mochten, war ohne Zweifel die Erscheinung -der jungen Lodoiska in Deutschland -diejenige, welche ihn am meisten überraschen -mußte. Ihr energischer Charakter, den -er so schlecht beurtheilt hatte, ihre leidenschaftliche -Liebe, wovon sie ihm durch ihre -Gegenwart den auffallendsten Beweis gab, -mußten in seinem Herzen Gefühle erregen, -von denen er sich selbst noch nicht Rechenschaft -zu geben wagte. Nicht allein, um ihm -seine Treulosigkeit vorzuwerfen, konnte sie -einen so weiten Weg aus ihrem Vaterlande -her zurückgelegt haben; ohne Zweifel mußte -sie mehr haben wollen, und er zitterte, wenn -er an die bevorstehenden Auftritte dachte. -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Von der andern Seite, durch einen seltsamen, -aber so gewöhnlichen Widerspruch in dem -menschlichen Herzen, fürchtete er, dem es sehr -lieb gewesen sein würde, dieses Mädchen nie -wieder zu sehen, daß er sie jetzt auf immer -verlieren könnte, und er hätte einen großen -Theil seines Vermögens hingegeben, wenn er -dadurch die Gewißheit ihrer Wiederherstellung -erhalten konnte. Er wünschte, wenigstens -nur ein einziges Mal mit ihr zu sprechen, -sagte er zu sich selbst; er wollte aus ihrem -eigenen Munde hören, wie sie es angefangen -habe, um bis nach R.... zu gelangen. So -verbarg der Oberst vor sich selbst das Wiedererwachen -einer höchst gefährlichen Empfindung -unter dem Namen einer bloßen Neugierde; -aber während er sich mit allen diesen Dingen -beschäftigte, nahm er sich vor, sie tief in -seinen Busen zu begraben, und nie den geringsten -Anlaß zu geben, wodurch Helene zur -Eifersucht verleitet werden könnte. Er beschloß, -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -sich gegen Lodoiska wie gegen eine -ihm völlig Unbekannte zu benehmen, wenn -sie selbst ihn nicht durch eine Unvorsichtigkeit -zur Entdeckung seines Geheimnisses zwingen -würde. -</p> - -<p> -Durch die Sorgfalt eines dienstfertigen -Nachbars und des gefühlvollen Pfarrers war -die Veranstaltung getroffen worden, daß am -andern Morgen schon ganz frühe, ohne alles -Geräusch, die Leichname des jungen Wilhelm -und Werners aus dem Schlosse entfernt und -zur Erde bestattet wurden. Als daher Helene -ihren Sohn noch einmal sehen wollte, gerieth -sie in neue Verzweiflung, daß ihr nun von -ihrem Wilhelm nichts mehr übrig geblieben -sei, als eine herzzerreißende Erinnerung. Beschäftigt, -diesen heftigen Schmerz seiner Gattin, -den er selbst theilte, durch Trostgründe -zu mildern, vergaß der Oberst fast, wie nahe -ihm jetzt Lodoiska sei, und erst gegen Mittag, -als <em>Wildenau</em>, der Arzt, zu ihm kam, -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -dachte er daran, sich nach ihrem Zustande zu -erkundigen. -</p> - -<p> -„Ich habe Ihnen schon gesagt, antwortete -Wildenau, daß bei dieser jungen Person -etwas Unerklärliches obwaltet, was ich vergebens -zu ergründen suche. Noch nie war -die Rückkehr in’s Leben so unverhofft, als bei -ihr; doch kann ich noch nicht versichern, ob -sie am Leben bleiben wird, oder nicht. Ihre -Wunde war ohne Zweifel tödtlich, und schon -vorher mußte eine andere, die bis in’s Herz -gegangen zu sein scheint, ihrem Dasein ein -Ende gemacht haben.“ -</p> - -<p> -— Eine andere Wunde, sagen Sie? -Lieber Doktor, Sie setzen mich in Erstaunen, -denn mich dünkt, als hörte ich gestern -bei meiner Ankunft nur von einer einzigen, -durch einen Pistolenschuß verursachten Wunde -sprechen. — -</p> - -<p> -„Ganz richtig, weil nur diese Wunde -frisch war, und die andere schon vor langer -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Zeit durch ein schneidendes Werkzeug gemacht -worden ist. Weit entfernt, völlig vernarbt -zu sein, blutet sie vielmehr noch, und hat -eine ganz eigenthümliche Beschaffenheit, die -meine bisherigen Kenntnisse völlig zu Schanden -macht. Bei jedem andern Menschen -müßte sie unmittelbar den Tod nach sich ziehen, -und dennoch scheint es, daß diese Dame -schon lange Zeit damit gelebt hat, ohne davon -gehindert worden zu sein. Wahrlich! sie -hat sich über die wunderbare Lebenskraft, die -ihr von der Natur zugetheilt ist, nicht zu beklagen. -Außerdem habe ich noch eine andere -Sonderbarkeit bei ihr gefunden: ihre linke -Hand ist nämlich mit einem Handschuh bedeckt, -der aus einer sehr dicken Haut besteht. -Ich wollte ihn aufschneiden, um der Kranken -völlige Freiheit der Bewegung zu verschaffen; -aber als ich ihren Arm berührte, gerieth er -in ein beispielloses krampfhaftes Zittern, und -die anfangs offene Hand schloß sich mit solcher -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -Kraft, daß ich nicht im Stande war, -mein Vorhaben auszuführen.“ -</p> - -<p> -— Wunderbar! Erstaunenswürdig! Aber -lassen Sie nicht ab, lieber Doktor, ich bitte -Sie: die Menschlichkeit befiehlt uns, dieser -Unglücklichen uns nach Kräften anzunehmen. -Uebrigens kann sie allein uns die Begebenheiten -der gestrigen Schreckensnacht erklären, -und vielleicht ertheilt sie uns Aufschlüsse, die -uns in den Stand setzen, jene Bösewichter zu -entdecken, deren Versuch ohne Nutzen für sie, -für uns so unglücklich ausgefallen ist. — -</p> - -<p> -„Ihre Ermahnungen sind ganz überflüssig, -Herr Oberst. Meiner Pflicht nicht zu -erwähnen, deren Erfüllung mir mein Stand -vorschreibt, so kann ich Ihnen nicht verbergen, -daß diese junge Dame mir die lebhafteste -Theilnahme eingeflößt hat. Die seltene Vollkommenheit -in allen Theilen ihres Körpers, -die Schönheit ihres Gesichts haben, ich gestehe -es Ihnen erröthend, auf meine Sinne -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -einen außerordentlichen Eindruck gemacht. -Wenn ich sie dem Leben wiedergeben könnte, -wünschte ich mehr von ihr zu erlangen, als -bloße Dankbarkeit ..... Aber warum erstaunen -Sie so über dieses Geständniß? Sollte -es Ihnen verdammungswürdig erscheinen?“ -</p> - -<p> -— Wem? Mir? Ei, lieber Doktor, mit -welchem Rechte könnte ich es tadeln? Es -scheint mir nur, daß Alles, was jetzt hier -um uns vorgeht, außerordentlich ist. Sie, -zum Beispiel, lieben heute eine Person, die -Sie gestern noch nicht kannten, und zwar -hat sie Ihr Herz in dem Augenblick erobert, -wo sie noch mehr dem Tode als dem Leben -angehört. Wie wird es erst werden, wenn -sie mit ihren körperlichen Vorzügen noch die -weit hinreißenderen des Geistes verbindet, die -ihr ohne Zweifel nicht mangeln! — -</p> - -<p> -„Verzeihen Sie, Herr Oberst, wenn ich -Ihnen gerade heraus sage, daß Sie ziemlich -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -leicht über einen solchen Punkt sprechen. Ich -kannte diese Lustigkeit an Ihnen noch nicht.“ -</p> - -<p> -— Ach, nehmen Sie es nicht übel, lieber -Herr Doktor; in meiner jetzigen Stimmung -weiß ich kaum, was ich thue; so sehr hat -mich der Schmerz übermannt, daß meine -Worte der Zerrüttung meines Verstandes -entsprechen. In meiner Lage, deren ganze -Qual Sie nicht zu würdigen im Stande -sind, mag es wohl erlaubt sein, gegen die -Regeln der Höflichkeit zu fehlen, wie es wohl -sonst bei mir nicht der Fall ist. — -</p> - -<p> -Diese Antwort gab dem Arzt die Ueberzeugung, -daß der Oberst in der That durch -den Schmerz etwas an dem freien Gebrauch -seiner Verstandeskräfte verloren habe, und er -fiel deßhalb nicht auf den Verdacht, daß eine -geheime Ursache, ein Anfall von Eifersucht, -großen Theil an des Obersten Worten gehabt -habe. Der Letztere, voller Scham, einen -Augenblick lang seinen Entschluß vergessen, -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -und dem Arzt beinahe ein Recht gegeben zu -haben, in seinem Herzen zu lesen, zog es vor, -ihn in der Meinung zu lassen, daß das Uebermaß -des Schmerzes ihm Abbruch in dem -folgerechten Gange seiner Gedanken thue; -und erst, als er in den Augen des Doktors -las, daß derselbe wirklich dieser Meinung -sei, war er vollkommen beruhigt. Er suchte -darauf dem Gespräch eine andere Wendung -zu geben, und bat den Arzt, eine Wohnung -im Schlosse anzunehmen, so lange der Zustand -der verwundeten Dame sowohl als seiner Gattin -seine Gegenwart nöthig machen würde. -</p> - -<p> -„Ja, erwiederte Wildenau, ich will dieses -Schloß vor der Hand zu meinem Hauptquartiere -machen, und es nur dann auf kurze -Zeit verlassen, wenn meine Gegenwart an -andern Orten nicht entbehrt werden kann. -Sein Sie daher in dieser Hinsicht ganz -ruhig.“ -</p> - -<p> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Lobenthal fragte nun, ob er nicht Zutritt -zu der Fremden erhalten könne, um ihr -dem Anstande gemäß einen Besuch abzustatten. -</p> - -<p> -„Es hängt ganz von Ihnen ab, Herr -Oberst, es zu thun; aber noch lange Zeit -hindurch werden Sie Ihre Komplimente an -einen fast leblosen Körper richten. Die junge -Dame wird wenigstens noch vierzehn Tage -lang in völliger Bewußtlosigkeit verharren, -wovon ihr starker Blutverlust die Ursache ist; -und wir können uns glücklich schätzen, wenn -sie in Zeit von vier Wochen unsere Fragen -beantworten kann.“ -</p> - -<p> -— So müssen wir uns bis dahin gedulden, -sagte der Oberst in einem Tone, dem er -den Anschein der Gleichgültigkeit zu geben -strebte. — -</p> - -<p> -In diesem Augenblicke trat Lisette in’s -Zimmer, und meldete voller Angst, daß Helene -ohnmächtig geworden sei. Beide Herren -eilten nun, wohin ihre Pflichten und Gefühle -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -sie riefen. Die Oberstin blieb noch mehrere -Tage lang in diesem Zustande der Schwäche, -die aus dem Uebermaße ihres Schmerzes entstand, -und nichts konnte sie zerstreuen; nur -ein einziger Gedanke beschäftigte ihre Einbildungskraft. -</p> - -<p> -Lodoiska schien unterdessen bestimmt zu -sein, alle Behauptungen und Voraussetzungen -des Arztes zu widerlegen; ihre Gesundheit -war in weit kürzerer Zeit wieder hergestellt, -als es nach seiner Meinung möglich war, -und er genoß nicht einmal das Glück, die -schöne Fremde zuerst sprechen zu hören. Einige -Tage nach jener Schreckensnacht trat -Alfred, der schon öfter in das Zimmer der -Kranken gekommen war, um sich nach ihrem -Befinden zu erkundigen, abermals hinein, und -hörte von der Wächterin, daß man vergessen -habe, ihr das Frühstück zu bringen; er erlaubte -ihr daher, es selbst zu holen, während -er bei der Kranken zu bleiben und ihre Rückkehr -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -abzuwarten versprach. Die Wächterin, -voll Dankbarkeit über diese Gefälligkeit, und -vielleicht in der Furcht, daß es nicht des -Obersten Ernst sein möchte, nahm ihn beim -Worte, und entfernte sich augenblicklich. -</p> - -<p> -In den ersten Minuten blieb Alfred fast -unbeweglich vor dem Bett, in welchem Lodoiska, -der Gegenstand seiner ersten Liebe, ruhte; -beim Anblick dieser fest geschlossenen Augen, -dieser magern und leichenblassen Gesichtszüge, -verfiel er in ein höchst schmerzliches, träumerisches -Nachdenken. Die Kranke lag völlig -unbeweglich, und kaum merkte man an ihrem -schwachen Athemzuge, daß noch Leben in -ihr sei. -</p> - -<p> -„Armes Mädchen! sagte Alfred halb -laut; so sollte ich dich also wiedersehen, nachdem -dich deine unglückliche Liebe bis hierher -geführt hat?“ -</p> - -<p> -Ein Seufzer, der von Lodoiska’s Lippen -erschallte, machte den Obersten aufmerksam, -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -und er näherte sich dem Bette noch -mehr. Bald sahe er, wie sich die Augenlieder der -Kranken fast unmerklich bewegten; endlich schlug -sie die Augen auf, und blickte ihn an, worauf -eine plötzliche Röthe ihr Gesicht überzog, und -ihr Mund den Namen Alfred aussprach. -</p> - -<p> -„Lodoiska, hast du mich erkannt? fragte -der Oberst, der Heftigkeit seiner Gefühle fast -unterliegend. Ach, wie sehr mußt du mich -verabscheuen!“ -</p> - -<p> -— Alfred! liebst du mich? — -</p> - -<p> -Bei dieser unerwarteten Frage, die nicht -leicht zu beantworten war, fühlte sich der -Oberst fast wie versteinert. Seine Zunge -war im Begriff ein zufriedenstellendes Wort -auszusprechen; aber seine Vernunft hielt dasselbe -zurück; er konnte nur sein Gesicht mit -beiden Händen bedecken, und schweigen. -</p> - -<p> -„Alfred, grausamer Geliebter meines Herzens! -willst du mir den Tod geben, dem ich -jetzt entrinne?“ -</p> - -<p> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -O, wie schrecklich war es für Alfred, -die Unglückliche nicht beruhigen zu dürfen! -Sie schien nur in’s Leben zurückzukehren, um -vom ersten Augenblicke an allen den Kummer -von Neuem mit verdoppelter Heftigkeit -zu fühlen, der schon seit so langer Zeit -an ihrem Herzen nagte. Aber konnte der -Oberst einer unglücklichen Leidenschaft noch -neue Nahrung geben? War er nicht Helenens -Gatte? Konnte er sie so hintergehen? -Die verschiedensten Gefühle und Gedanken -kämpften in seinem Innern mit einander, -und er war noch unentschlossen, als -ein abermaliger Seufzer Lodoiska’s seine -Aufmerksamkeit auf sich zog, und er mit -Schrecken erkannte, daß sie in tiefe Ohnmacht -zurückgesunken sei. -</p> - -<p> -Da der Oberst fürchtete, der armen -Kranken den letzten Stoß gegeben zu haben, -so stürzte er aus dem Zimmer, und rief mit -lauter Stimme den Arzt und die Bedienung -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -herbei. Er erzählte ihnen, daß die Fremde -anfangs zu sich selbst gekommen sei, und einige -Worte gesprochen habe, worauf sie wieder -in eine höchst gefährliche Ohnmacht zurückgefallen -sei. -</p> - -<p> -„Sie hat gesprochen, sagen Sie? rief -der Arzt. Sind Sie auch Ihrer Sache ganz -gewiß? denn es scheint mir ganz unmöglich. -Wenn es aber dennoch wahr ist, so weiß ich -nicht mehr, was ich von diesem unerklärbaren -Wesen denken soll!“ -</p> - -<p> -Der Oberst versicherte, daß die Kranke -gesprochen habe, und daß ihre Worte: Wo -bin ich? wer ist bei mir? ganz vernehmlich -gewesen seien. Freilich hatte sie so nicht gesagt, -aber Alfred hütete sich wohl, die Wahrheit -zu entdecken. Wildenau fand, daß Lodoiska -ein heftiges Fieber hatte, und verhehlte -nicht, daß sie sich in großer Gefahr -befände, weil sie eine große Erschütterung in -ihrem Innern erlitten haben müsse. Bei -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -dieser Erklärung war der Oberst wie vom -Blitze getroffen, und aus Furcht, sich zu verrathen, -entfernte er sich. Ueber eine Stunde -lang ging er in dem großen Saale auf und -nieder, ohne zu wagen, sich zu seiner Gattin -zurück zu begeben, noch in Lodoiska’s Zimmer -zurückzukehren, wo dieselbe vielleicht im Begriff -war, ihren letzten Seufzer auszuhauchen. -O, welche Vorwürfe machte er sich jetzt über -seinen vormaligen jugendlichen Leichtsinn, über -seinen unverzeihlichen Fehler, in dem unschuldigen -und gefühlvollen Herzen Lodoiska’s eine -Flamme entzündet zu haben, deren Folgen so -schrecklich waren! Er sahe jetzt ein, daß die -Liebe, welche gewöhnlich so vergänglich ist, -bei gewissen Charakteren ewig währen kann; -denn Lodoiska’s Beständigkeit gab ihm den -Beweis, weil Nichts ihre Zärtlichkeit zu vermindern -im Stande gewesen war. Die Entfernung -und lange Trennung, selbst die -schlechte Behandlung waren an ihrem Herzen -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -vorübergegangen, ohne es zu erkälten, und er -selbst empfand jetzt das ganze Entzücken der -Liebe, das ihn ehemals trunken machte. Welche -Qualen, welche Kämpfe hatte der Oberst nun -zu überstehen! Er sahe seine Zukunft wie hinter -einer finstern Wolke, und voller Schrecken -ergab er sich seinem Schicksale. Quälte -ihn nicht auch die Art von Nebenbuhlerschaft, -die zwischen ihm und dem Arzte entstehen -zu wollen schien? Der Letztere, der -noch jung und von sehr liebenswürdigem Aeußeren -war, hatte alle Ansprüche, eine zärtliche -Neigung einzuflößen. Ohne Zweifel würde -er jetzt anfangen, Lodoiska mit seiner Leidenschaft -zu verfolgen, ja vielleicht den Obersten -selbst zur Mittelsperson machen wollen, -wozu sich Alfred völlig unfähig fühlte! — -</p> - -<p> -Wie wir schon gesagt haben, Lodoiska -ging, wider alle Wahrscheinlichkeit, ihrer Genesung -mit raschen Schritten entgegen. Kaum -waren vierzehn Tage verflossen, so konnte sie -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -schon aufrecht in ihrem Bette sitzen, und die an -sie gerichteten Fragen beantworten. Helene entschloß -sich nur schwer, ihr einen Besuch abzustatten, -weil ihr Anblick ihr Wilhelms Tod -so lebhaft in’s Gedächtniß zurückrief, daß sie -beim ersten Besuche ohnmächtig wurde. Jedoch -mangelte es der kranken Lodoiska nicht -an Gesellschaft, weil der Arzt, so viel es seine -Geschäfte zuließen, sich bei ihr aufhielt. Auch -der Oberst, durch ein unwiderstehliches Gefühl -dazu fortgerissen, wiederholte seinen Besuch -täglich, obgleich er täglich schwur, seine Besuche -seltener zu machen. Indessen suchte er -es so einzurichten, daß er nie mit Lodoiska -allein war, weil er eine zweite Erklärung von -ihrer Seite fürchtete. -</p> - -<p> -Vergebens suchte Lodoiska öfters, die -lästigen Zeugen zu entfernen, wenn sich der -Oberst bei ihr befand; aber Alfred war so sehr -auf seiner Hut, daß er sich stets entfernte, -wenn der Zufall es hätte herbeiführen können, -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -sich mit dem Opfer einer unglücklichen Liebe -allein zu befinden. In solchen Augenblicken -sah man denn in den sonst gleichgültigen -Gesichtszügen Lodoiska’s den heftigsten Verdruß -vorherrschen, der sich oft gegen ihre -Wärterin, selbst gegen den Arzt, äußerte. -Der Letztere, der sich immer mehr gefesselt -fühlte, ertrug mit seltener Geduld eine Leidenschaftlichkeit, -von welcher er die wahre -Ursache durchaus nicht ahnete, sondern die er -nur ihrem körperlichen Uebelbefinden zuschrieb. -</p> - -<p> -Bald darauf erklärte Lodoiska, daß sie -aufstehen wolle, wobei der Arzt fast in Verzweiflung -gerieth. Er versicherte, daß sie -noch zu schwach sei, um ihren Wunsch befriedigen -zu können, und daß sie sich wenigstens -noch vier Wochen gedulden müsse, weil er -sonst nicht dafür stehen könne, daß sie in die -größte Gefahr geriethe, wenn sie ihr Bett -verlassen wollte. Lodoiska antwortete nicht, -wie sie es stets gewohnt war, wenn man ihr -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -einen Vorschlag machte, der ihr nicht gefiel. -Aber sobald Wildenau sich entfernt hatte, -bat sie ihre Wächterin, ihr eine Frucht herbeizuholen, -nach deren Genuß sie großes Verlangen -fühle, und kaum war sie allein, so -eilte sie, sich anzukleiden. -</p> - -<p> -Das Erstaunen der Wächterin, als sie -in’s Zimmer zurückkehrte, war unbeschreiblich; -sie eiferte gegen die Dreistigkeit, mit welcher -Lodoiska alle Vorschriften des Arztes bei -Seite setzte, und drohte ihr mit dem höchsten -Zorn des Letzteren, wenn derselbe sie bei seiner -Rückkehr nicht im Bette finden würde. Aber -diese Drohung machte nicht den geringsten -Eindruck, und nachdem Lodoiska einige Zeit -lang im Zimmer auf und nieder gegangen -war, ließ sie die Oberstin fragen, ob dieselbe -ihren Besuch annehmen könne. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -Funfzehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Oberstin, und noch mehr ihr Gemahl, -war weit entfernt von dem Gedanken, die -Fremde vor sich erscheinen zu sehen. Beide -fürchteten, daß sie ihrer Gesundheit Schaden -zufügen könnte, und anstatt sie bei sich zu -erwarten, begaben sie sich zu ihr. -</p> - -<p> -„Mein Gott! sagte Helene eintretend, -was beginnen Sie? So wenig beobachten -Sie die Vorschriften unseres Arztes? Er -hatte Ihnen doch empfohlen, sich noch länger -im Bette zu halten, und nun sind Sie ohne -seine Erlaubniß aufgestanden!“ -</p> - -<p> -— Ich hege die größte Meinung von -den Kenntnissen des Herrn Wildenau, antwortete -Lodoiska; aber ich glaube, daß die -Arzneiwissenschaft gewisse Grenzen hat, über -die sie nicht hinausgehen kann. Unser Freund -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -beurtheilt meinen Zustand nach den ihm sonst -vorgekommenen ähnlichen Fällen; aber bei -mir muß er sich in allen seinen Voraussetzungen -getäuscht sehen, weil ich eines außerordentlichen -Daseins genieße: ich kann nicht -völlig sterben, und Sie haben schon den Beweis -davon. Da ich mich nun stark genug -fühle, warum sollte ich mich noch nach Vorschriften -richten, die meine Genesung nur -verzögern würden? — -</p> - -<p> -Seitdem Helene die Fremde bei sich aufgenommen, -hatte sie schon die Erfahrung gemacht, -daß es vergeblich sei, sich ihrem Willen -zu widersetzen. Sie begnügte sich daher, -ihr zu antworten, daß sie besser als jeder -Andere wissen müsse, was sie zu thun habe, -und daß sie dabei ohne Zweifel die Vorsicht -nicht aus den Augen setzen würde. Der -Oberst schwieg völlig. Erst heute sahe er -eigentlich Lodoiska’n zum ersten Male wieder, -und betrachtete mit stiller Rührung die -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -Zerstörungen, welche Zeit, Unglücksfälle und -Leiden in diesem schönen Körper angerichtet -hatten. Sie besaß nicht mehr die lebhafte -Gesichtsfarbe, welche sonst ihre Reize so sehr -erhöheten, und ihre Augen schienen fast erstorben -zu sein; aber dennoch mußte sie Aller -Blicke auf sich ziehen, und den Männern -Liebe einflößen. Ihr prächtiger Wuchs, ihre -regelmäßigen Züge, ihr einnehmendes Wesen -waren ihr noch geblieben. -</p> - -<p> -Lodoiska behandelte den Obersten mit -jener kalten Höflichkeit, die man gewöhnlich -gegen Unbekannte ausübt, und sie wußte die -Gefühle ihres Innern auf das Strengste zu -verbergen. Wenn sie aber gewiß war, von -keinem Zeugen belauscht zu werden, so belebte -sich ihr Blick und machte dem Obersten die -bittersten Vorwürfe, oder schien öfters zu sagen: -Kehre zu mir zurück, und Alles ist verziehen. -Alfred verstand diese Blicke nur allzugut, -doch glaubte er, ihnen trotzen zu können; -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -er vergaß, daß man, um Gefahren dieser -Art zu überwinden, sie fliehen, nicht aber -ihnen die Spitze bieten muß. Zwei Herzen, -die sich einst liebten, und die nach langer -Trennung sich einander wieder finden, vereinigen -sich fast immer. -</p> - -<p> -Während sich unter diesen drei Personen -eine Unterhaltung entspann, kam der Arzt -von seinen Geschäften, die er in der Umgegend -gehabt hatte, zurück. Schon bei seinem -Eintritte in’s Schloß erfuhr er, wie wenig -die Fremde seine Vorschriften befolgt habe; -er nahm sich daher vor, ihr deßhalb Vorwürfe -zu machen; allein sein ganzer Zorn -verschwand, als er in’s Zimmer trat, und sie -in einem Zustande sahe, der ihre völlige Wiederherstellung -bewies. -</p> - -<p> -„Ich sehe, redete er sie an, daß sie meiner -Hülfe nicht mehr bedürfen, und Sie haben -daher vollkommen Recht, sich meiner Autorität -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -zu entziehen; ich wünsche nur, daß -sie es nie bereuen möchten.“ -</p> - -<p> -— Ihren seltenen Kenntnissen, antwortete -Lodoiska, habe ich viel zu verdanken; das -Uebrige hat die Natur gethan. Glauben Sie -mir, daß ich mich jetzt vollkommen wohl befinde; -aber je freier ich nun athme, desto -mehr ist auch mein Herz von Dankbarkeit -gegen Sie erfüllt. Erlauben Sie mir, Ihnen -einen kleinen Beweis davon zu geben, -was Sie mir hoffentlich nicht abschlagen -werden. — -</p> - -<p> -Mit diesen Worten nahm Lodoiska einen -prächtigen Brillantring von sehr bedeutendem -Werthe, von dem Tische, und überreichte -ihn dem Arzte, der vor Ueberraschung -nicht wußte, was er thun sollte. Gern hätte -er ein Geschenk von sich gewiesen, das er für -zu kostbar für seine Bemühungen hielt; wie -gern hätte er es gesehen, wenn ihm die junge -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Schönheit ihre Dankbarkeit auf eine andere -Art bewiesen hätte. Aber Lodoiska trat mit -solcher Zuversichtlichkeit auf ihn zu, daß er -das ihm dargebotene Geschenk nicht ausschlagen -konnte, und nach einigem schwachen Widerstande -nahm er den Ring seufzend an, -steckte ihn an seinen Finger, und gab dem -Obersten durch einen Blick zu erkennen, daß -er gewünscht hätte, Lodoiska möchte ihm auf -eine andere Art ihre Dankbarkeit zu erkennen -gegeben haben. -</p> - -<p> -Die Oberstin brannte vor Ungeduld, zu -erfahren, was sich eigentlich in jener Schreckensnacht -zugetragen hatte, deren Andenken -nur mit ihr selbst in ihr untergehen konnte; -aber sie fühlte auch zu gleicher Zeit, daß sie -noch nicht stark genug sei, diese Erzählung -ruhig mit anzuhören. Daher stand sie von -ihrem Stuhle auf, wiederholte ihre Glückwünsche -zur Wiedergenesung der Fremden, -und überließ es dem Obersten und dem Arzte, -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -die Enthüllung der Geheimnisse jener Nacht -von Lodoiska’n entgegen zu nehmen. -</p> - -<p> -Diese erbebte unwillkührlich, als man -sie über diesen Gegenstand befragte; man -konnte es auf ihrem Gesichte lesen, wie ungern -sie es sehe, daß man sie daran erinnerte; -daher schwieg sie auch einige Augenblicke, sei -es nun, um sich zu sammeln, oder um abzuwarten, -ob man die Frage erneuern würde. -Allein der Oberst wiederholte dieselbe, und -Lodoiska erzählte nun Folgendes: -</p> - -<p> -„Die Frau Oberstin war von dem unausgesetzten -Nachtwachen schon so sehr erschöpft, -daß sie mich bat, an ihrer Stelle bei -dem unglücklichen Kinde zu wachen, das sie -verloren hat.“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten stieß der Oberst einen -tiefen Seufzer aus. Verwirrt hielt Lodoiska -inne, und ein krampfhafter Schmerz -verzog ihre Gesichtszüge. Sie zögerte fortzufahren, -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -that dieß aber doch endlich folgendermaßen. -</p> - -<p> -„Ich konnte es dieser großmüthigen -Dame nicht abschlagen, und ungeachtet meines -Widerwillens, wovon ich mir damals -noch keine Rechenschaft geben konnte, der sich -aber durch die Folge gerechtfertigt hat, willigte -ich ein, die Nacht bei dem armen Wilhelm -zuzubringen. Gegen Mitternacht überwältigte -mich der Schlaf, der seit mehreren Jahren -nur selten meine Augen schließt, mit solcher -Kraft, daß ich ihm vergebens zu widerstehen -suchte; ich legte meinen Kopf gegen den Rücken -des Lehnstuhls, in welchem ich saß, und -in wenigen Augenblicken war ich eingeschlummert. -Was von diesem Zeitpunkte an geschehen -ist, weiß ich nicht, bis ich plötzlich -durch ein starkes Geräusch geweckt wurde. -Kaum schlug ich die Augen auf, so erblickte -ich beim Schein des Mondes vier bewaffnete -Männer, welche auf mich zukamen. Mein -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -Schrecken war so groß, daß ich nicht im -Stande war, zu schreien, um Hülfe herbeizurufen. -Der eine von den Männern faßte mich -beim Arme, ein anderer näherte sich dem -Bette. In diesem Augenblicke wurde die Thür -mit Ungestüm aufgerissen, und Werner erschien. -Ich hörte zwei Pistolenschüsse fallen, -fühlte mich von einer Kugel getroffen, und -stürzte zur Erde. Meine Besinnung verließ -mich. Ohne Zweifel waren die Räuber -durch’s Fenster eingestiegen; denn ich hörte -nachher von meiner Wächterin, daß man eine -Strickleiter am Fenster gefunden habe. Ich -kann diesen Umstand nicht bestätigen, weil -ich nichts gesehen habe, als die Mörder und -den Tod, den sie mir ohne Zweifel bestimmten. -Auch weiß ich keine bestimmte Ursache -für den Tod Ihres Kindes anzuführen. War -dieß gerade der Augenblick seines Sterbens, -oder wäre es durch die Furcht schneller herbeigeführt -worden? Ach, er kann es Ihnen -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -nicht sagen, und kein Sterblicher wird je -von den Geheimnissen des Todes unterrichtet -werden.“ — -</p> - -<p> -So erzählte Lodoiska ihre Geschichte, -und Niemand konnte die Wahrheit derselben -bezeugen oder ihr widersprechen. Sie allein -hatte die Begebenheit überlebt; diejenigen, -welche die wahren Umstände derselben hätten -bekannt machen können, waren auf ewig -von dieser Erde verbannt, wo das Verbrechen -und die Lüge nur allzuoft über Unschuld -und Tugend den Sieg davon tragen. Eine -so unvollständige Erzählung konnte übrigens -nicht die geringste Aufklärung geben. Man -hatte ungeachtet der eifrigsten Nachforschungen -nicht die geringste Spur von den Mördern -finden können, und dennoch waren sie -da gewesen. Lobenthal und Wildenau verloren -sich in ihren Vermuthungen, während -Lodoiska in ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit -verharrte, und endlich den Wunsch äußerte, -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -auf einige Zeit allein zu sein, um, wie -sie sagte, sich von der Abspannung zu erholen, -in welche ihre Erzählung ihre moralischen -Kräfte gesetzt habe. -</p> - -<p> -Dieser Wunsch war sowohl für den -Obersten als für den Arzt ein Befehl. Sie -entfernten sich augenblicklich, und begaben -sich zu Helenen, der sie die eben angehörte -Erzählung mittheilten, die aber davon wenig -gerührt wurde, weil sie keinen Aufschluß über -den geheimnißvollen und unerwarteten Tod -ihres Sohns dadurch erhielt. Das Uebrige -kümmerte sie wenig, und sie sah darin nichts -weiter, als einen gewöhnlichen Angriff von -Räubern, der für dieselben ohne Erfolg gewesen -war, aber blutige Spuren hinterlassen -hatte. -</p> - -<p> -Lodoiska fing jetzt ihr früheres gewöhnliches -Leben wieder an. Fast immer in ihrem -Zimmer eingeschlossen, zeigte sie sich nur -zur Zeit der Mahlzeit, und nur selten willigte -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -sie darein, den Nachmittag mit der Familie -zuzubringen. Ihre Unterhaltung war -dann ernsthaft und schwermüthig; sie schien -ihre Leidenschaft für den Obersten völlig vergessen -zu haben, sowohl als die Worte, die -sie bei ihrem ersten Wiedersehen ausgesprochen -hatte. Dadurch ward Lobenthal so sicher -gemacht, daß er täglich weniger Vorsicht anwendete, -einer Unterredung unter vier Augen -auszuweichen, die Lodoiska nicht mehr zu -wünschen schien. — -</p> - -<p> -Man befand sich jetzt mitten im Winter. -Bald machte der Regen alle Wege ungangbar, -bald verwandelte der eisige Hauch -des Nordwindes die Erde in Stein, und -machte es unmöglich spazieren zu gehen. Bei -solchem Wetter befiel den Obersten seine alte -Jagdlust wieder, und oft kehrte er mit reicher -Beute beladen nach Hause zurück. So war -er auch eines Morgens in den Wald gegangen, -wo ihm sogleich anfangs ein Reh in -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -den Schuß kam; allein das arme Thier stürzte -nicht sogleich todt zur Erde nieder, sondern -lief mit Anstrengung aller Kräfte pfeilschnell -durch das dickste Gebüsch, von dem bellenden -Jagdhunde des Obersten verfolgt. Auch Lobenthal -folgte der blutigen Spur, bis er das -Thier verendet fand, aber sich dabei so weit -vom Schlosse entfernt sahe, daß er kaum -mehr hoffen konnte, es zur Mittagszeit wieder -zu erreichen. -</p> - -<p> -Nachdem er seine Beute in Stücke getheilt -hatte, um sie desto besser fortzubringen, -machte er sich auf den Rückweg, der ihn so -ermüdete, daß er sich, nicht weit mehr vom -Schlosse entfernt, auf einer in einen Felsen -gehauenen Bank, auf einige Augenblicke auszuruhen -beschloß. Tausend verschiedene Gedanken -bestürmten seine Einbildungskraft, -die ihn bald in seine Jugendjahre zurückführte; -er glaubte, noch in den Gebirgen -der Wallachei zu sein, wo er oft in Gesellschaft -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -eines Mädchens, das ihm damals -ein Engel zu sein schien, die schneebedeckten Gipfel -der Felsen erkletterte. Plötzlich fiel ihm ein -Gedicht ein, das er einst in jener glücklichen -Zeit für Lodoiska verfertigt hatte; es konnte -nach einer in ihrem Vaterlande sehr beliebten -Weise gesungen werden, und nachdem er die -ersten Verse für sich hergesagt hatte, ging -er unvermerklich in jene Melodie über, bis -er, ohne es selbst zu wissen, das Lied mit -lauter Stimme sang. -</p> - -<p> -Der Gesang war geendigt, und noch befand -er sich in seinem träumerischen Zustande, -als er daraus plötzlich durch das Herabfallen -einiger Steine von der neben ihm befindlichen -Höhe geweckt wurde. Er richtete den Kopf -nach oben, um die Ursache zu entdecken; aber -wie erstaunte er, als er Lodoiska, die ihn so -eben noch so sehr beschäftigt hatte, von der -Höhe herabkommen sahe. Er konnte ihr nicht -anders ausweichen, als wenn er gerade querfeldein -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -lief, was nach den Regeln des Anstandes -durchaus nicht thunlich war; aber er -gerieth in die größte Unruhe über die Unterredung, -die nun ohne Zweifel Statt haben -mußte. In seiner Ueberraschung sprang er -von seinem Sitze auf, während die junge -Schönheit, vielleicht von ähnlichen Gefühlen, -wie die seinigen, bestürmt, stehen blieb, und -sich an die Felsenwand stützte, als wenn sie -fürchtete, ihr Bewußtsein zu verlieren. -</p> - -<p> -So standen beide einige Zeit lang einander -gegenüber, ungewiß, was sie thun sollten; -endlich setzte aber Lodoiska ihren Weg -fort, und befand sich nach einigen Augenblicken -dicht bei dem Obersten. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Sechszehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>S</span>ollte ich Ihnen, redete sie ihn mit halb -erstickter Stimme an, durch meine Gegenwart -lästig werden? Können Sie mich nicht anders -mehr als mit Furcht erblicken? Muß -ich zu dem Zufall meine Zuflucht nehmen, um -mit Ihnen zusammen zu treffen?“ -</p> - -<p> -Alfred fühlte die Nothwendigkeit, hierauf -etwas zu erwidern; aber er fürchtete -auch, in seinen Worten nicht die richtige -Mittelstraße beobachten zu können, und das -Unangenehme seiner Lage setzte ihn in die -größte Verlegenheit. -</p> - -<p> -„Ach! antwortete er, ist es gut für uns -beide, daß wir uns wiedergefunden haben? -Hatte uns nicht das Schicksal auf immer von -einander getrennt? Konnte ich erwarten, Lodoiska, -Sie hier in Deutschland zu sehen, -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -nachdem die Bande, die uns an einander -knüpften, längst aufgelöset sind?“ -</p> - -<p> -— Und wer hat sie zerrissen, Alfred, -diese Bande? Verdiene ich oder Sie diesen -Vorwurf? Nur die Zeit war zwischen uns; -ich konnte meine schwachen Reize verlieren, -aber mein Herz hat sich nicht geändert, und -Sie sehen den Beweis davon vor sich! — -</p> - -<p> -„Ich bedarf Ihrer Gegenwart nicht, -Lodoiska, um mir Vorwürfe zu machen, die -ich mir schon seit langer Zeit gemacht habe. -Die Verirrungen meiner Jugend haben sich -meinen Blicken schon längst unter den schwärzesten -Farben dargestellt. Aber was kann -jetzt noch geschehen? Unsere Lage ist kummervoll; -aber es bleibt uns nichts übrig, als sie -mit Fassung und Muth zu ertragen: so will -es das Schicksal.“ -</p> - -<p> -— Sie drücken sich ziemlich dunkel aus, -Alfred. Reden Sie offen zu mir, sagen Sie -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -mir Alles, was Sie denken, und ich werde -aufrichtig Ihrem Beispiele folgen. — -</p> - -<p> -„Wie wäre es möglich, selbst zu enträthseln, -was jetzt in meinem Herzen vorgeht? -Und dürfte ich es thun, wenn ich es -könnte? Bin ich nicht durch unauflösliche -Bande gefesselt? Sein Sie großmüthiger -als ich, Lodoiska, und bringen Sie freiwillig -ein nothwendiges Opfer. Vergessen Sie -mich, wenn Sie können ....“ -</p> - -<p> -— Sie haben Recht, wenn Sie daran -zweifeln. Ich bin Ihnen völlig ähnlich, Alfred; -auch ich habe meine Schwächen, mein -Unrecht vielleicht. Sie haben nicht gefürchtet, -mich zu verlassen, und einer Andern die -Treue zu widmen, die Sie mir gelobt hatten; -ich dagegen kann meine Empfindungen -nicht unterdrücken, obgleich ich einsehe, daß -sie vergeblich sind. Ich weiß, daß meine Gegenwart -Sie belästigt, und dennoch fühle ich -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -mich glücklich, daß ich mich mit einer eiteln -Hoffnung täuschen kann. Warum wollen -Sie, daß ich Sie an Geistesstärke übertreffen -soll? Sie haben mir Ihr Herz nicht erhalten -können, und ich fühle mich unfähig, -Ihnen das meinige zu entreißen. — -</p> - -<p> -„Ihre Worte, Lodoiska, verdoppeln noch -meine Verzweiflung. Ich würde mein Leben -dafür geben, das Geschehene ungeschehen zu -machen, damit Sie ruhig und glücklich Ihr -Leben genießen könnten.“ -</p> - -<p> -— Es giebt Wünsche, antwortete Lodoiska -mit einem schauerlichen Tone, deren -Erfüllung nicht mehr möglich ist. Für mich -giebt es kein Glück und keine Ruhe mehr auf -der Erde; auch werde ich beides im Grabe -nicht finden, und Sie allein muß ich als -die Ursache dieses Unglücks betrachten. Sie -wollen Ihr Leben für mich hingeben, sagen -Sie? Dieses Opfer steht nicht in Ihrer Gewalt. -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -Gehörten Sie mir nicht schon früher -an? Habe ich nicht das heiligste Versprechen -darüber, mit Ihrem eigenen Blute geschrieben? -— -</p> - -<p> -„Ich läugne es nicht, daß ich Ihnen -dieses Andenken meiner Liebe zurückgelassen -habe. Aber wozu kann es Ihnen jetzt noch -dienen? Es ist ein nichtiges Papier, das unsere -Gesetze nicht anerkennen.“ -</p> - -<p> -— Ihre Gesetze! Was gehen mich die -Förmlichkeiten an, die die Willkühr der Menschen -geheiligt hat? Aber ich werde mich keinesweges -so herabwürdigen, Sie wegen Ihres -Meineids vor den Gerichten Ihres Landes -zu belangen, sondern besser thun, mich -bei dem unbestechlichen Wesen zu beklagen, -das nicht über Worte richtet, sondern über -Thaten. Zittern Sie, Unglücklicher, vor der -Strafe, die Sie erwartet. Kennen Sie alle -Mittel, deren sich der Allmächtige bedienen -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -kann, um Sie in Ihrem Innersten zu verwunden? -— -</p> - -<p> -„Unglückliche Lodoiska, sein Sie ruhiger, -ereifern Sie sich nicht! Da ich Ihnen -jetzt nicht mehr meine Hand anbieten kann, -so erlauben Sie, daß die reinste Freundschaft -eine heftige Leidenschaft ersetze.“ -</p> - -<p> -— Die Freundschaft! nichts als die kalte -Freundschaft bietet mir also Alfred an, für -so viele Jahre voll Zärtlichkeit und Schmerz! -Ich soll mich also entweder von ihm entfernen, -um von Zeit zu Zeit einen Brief zu -erhalten, dessen Kälte mich zur Verzweiflung -bringen würde; oder mit ihm unter einem -Dache bleiben, und dort Zeugin von dem -Glücke einer Andern sein, mich einer beständigen -Marter überliefern! Ach, wie unverständig -war ich noch vor wenigen Augenblicken, -als ich dort hinter jenen Bäumen Worte -hörte, die mir in’s Innerste drangen, und -die ich noch nicht vergessen habe! — -</p> - -<p> -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -„Sie mußten Ihnen einen Beweis geben, -daß Sie mir oft im Herzen gegenwärtig -sind, und daß ich mich mit Kummer jener -Zeiten erinnere, die für mich so glücklich -waren. Aber ich beschwöre Sie, Lodoiska, -retten Sie mich und sich vor der Verzweiflung; -suchen Sie sich zu beherrschen, und -sich nicht zu rächen, wie Sie es mich in Ihrem -letzten heftigen Briefe fürchten ließen.“ -</p> - -<p> -— Sein Sie ruhig Alfred; seit jener -Zeit haben meine Gedanken eine andere Richtung -erhalten. Nicht durch menschliche Mittel -will ich mich zu rächen suchen, sondern -durch eine höhere Macht, die mich wider meinen -Willen zum Ziele treibt. Gerne wünschte -ich den mir vorgeschriebenen Gang zu ändern, -aber es ist unmöglich! — -</p> - -<p> -Der feierliche Ton, mit welchem das -junge Mädchen diese Worte aussprach, flößte -dem Obersten eine Art von Schrecken ein; -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -doch faßte er sich bald, und sagte, Lodoiska’n -die Hand reichend: -</p> - -<p> -„Ich hoffe, daß unser Schöpfer mir mein -begangenes Unrecht verzeihen wird, wenn -Sie großmüthig genug sind, es zuerst zu vergessen. -Weisen Sie meine Hand nicht so -verächtlich von sich. Schließen wir einen -Friedensvertrag, und versprechen Sie mir, -daß Sie die Ruhe meiner Frau nicht stören -wollen.“ -</p> - -<p> -— Warum sollte ich großmüthiger sein -als Sie? Was geht mich die Ruhe Ihrer -Frau an? Haben Sie nicht die meinige unwiederbringlich -aufgeopfert? Doch ich will -suchen, Sie in allen Dingen zu übertreffen; -nur Sie will ich quälen, und wenn ich mich -nicht selbst beherrschen kann, so werde ich -ohne Mitleid gegen Sie sein, wie Sie es -gegen mich gewesen sind. — -</p> - -<p> -Die Bitterkeit dieser Antwort schlug den -Obersten völlig zu Boden. Er dachte in -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -seiner Verzweiflung nicht daran, daß es Zeit -sei, sich zum Mittagsessen nach Hause zu begeben; -aber Lodoiska war vorsichtiger. -</p> - -<p> -„Es ist Mittagszeit, sagte sie, und Sie -können Ihre Jagd nicht noch länger fortsetzen, -ohne diejenige in die größte Angst zu -setzen, deren Ruhe Ihnen so theuer ist. -Schlagen Sie jenen Weg dort ein, er führt -Sie gerade nach dem Schlosse; ich werde -über diese Anhöhe hier zurückgehen. Weiter -habe ich Ihnen nichts zu sagen, Alfred, -aber ich fürchte für Sie den Zorn des -Himmels.“ -</p> - -<p> -Mit diesen Worten wendete sich Lodoiska -rasch um, erstieg den Hügel, und verschwand -vor den Augen des Obersten, der noch lange -Zeit brauchte, ehe er sich erholte und auf -den Weg begab. Als er in’s Schloß zurückkam, -sahe er, wie Lodoiska neben seiner Frau -saß, so ruhig, als wenn durchaus nichts vorgefallen -wäre. -</p> - -<p> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Der Nachmittag verstrich fast unter stetem -Schweigen. Die Zeit hatte noch nichts -über den Schmerz der Oberstin vermocht; -fast beständig saß sie unbeweglich, ein aufgeschlagenes -Buch in der Hand, in welchem -sie nicht las, oder an einem Stickrahmen, -den sie mit ihren Thränen benetzte. Eine -tiefe Schwermuth hatte sich ihrer bemächtigt, -und nur in seltenen Augenblicken, wo ihr -Geist etwas heiterer war, zeigte sie ihrem -Gatten, daß sie ihn noch liebe. Ihrer Tochter -erlaubte sie niemals, sich von ihr zu entfernen, -und wenn öfters Julie, durch ihre -Lebhaftigkeit hingerissen, den Befehl ihrer -Mutter vergaß, sprang Letztere fast außer sich -aus dem Zimmer, rief sie mit lauter Stimme, -und war nicht eher ruhig, als bis das Kind -wieder bei ihr war. Stundenlang betrachtete -sie Juliens lächelndes Gesicht; es schien ihr, -als wenn das kleine Mädchen schon ebenfalls -von der Krankheit befallen wäre, die ihren -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Bruder in’s Grab gebracht hatte; dann kannte -ihre Verzweiflung keine Grenzen. Vergebens -versicherte der Arzt, daß ihre Tochter völlig -gesund sei; sie konnte nur unvollkommen ihre -Angst unterdrücken, die sich bei der geringsten -Veranlassung erneuerte. -</p> - -<p> -Als Alfred diese beständige Traurigkeit -sahe, welche die seinige noch verdoppelte, -fürchtete er, seine Frau einen Augenblick lang -allein zu lassen. Er bemerkte, daß Helene -ihre eigene Gesundheit untergrub, indem sie -so eifrig über die Gesundheit der kleinen -Julie wachte; schon waren ihre Wangen -blaß und eingefallen, ihre Augen wurden -hohl, und aus ihrer Brust kamen oft rauhe -Töne hervor, als wenn sie von der abzehrenden -Krankheit befallen wäre. -</p> - -<p> -Am folgenden Tage stattete der alte -Herr von Krauthof einen Besuch im Schlosse -ab. Fast mit ihm zugleich kam Wildenau. -Der Erstere hatte schon lange mit großer Ungeduld -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -den Augenblick erwartet, wo er die -geheimnißvolle Fremde zu Gesicht bekommen -würde. Oft war er deßhalb schon vergebens -im Schlosse gewesen; aber heute war er glücklicher, -und mit welcher Freude sahe er Lodoiska’n, -welche die kleine Julie auf dem -Schooße hatte, am Fenster sitzen. Durch seinen -feinen Anstand zeichnete sich Herr von -Krauthof eben nicht aus; an das Leben auf -dem Lande gewöhnt, wo er größtentheils nur -mit Bauern zusammenkam, über die er sich -hoch erhaben glaubte, legte er sich in Gesellschaften -eben keinen Zwang an. Sobald er -sich daher gesetzt und der Oberstin die gewöhnlichen -Komplimente gemacht hatte, wendete -er sich an die junge Lodoiska: -</p> - -<p> -„Madame, vielleicht kommt Ihnen dieser -Titel nicht zu; denn es ist möglich, daß -Sie noch nicht verheirathet sind; aber glauben -Sie mir, es ist nicht meine Schuld, wenn -ich Ihnen nicht schon früher meine Aufwartung -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -gemacht habe. Vor einiger Zeit fand -ich mich an Ihrer Thüre ein; allein Ihr -Kammerdiener weigerte sich mit außerordentlicher -Grobheit, der Himmel mag sie ihm -verzeihen, mich bei Ihnen vorzulassen. Wahrhaftig, -ich möchte mich beinahe über die Feuersbrunst -freuen, die Ihr Häuschen in Asche -gelegt hat, weil ich dieser Begebenheit die -Ehre verdanke, Ihnen meine Aufwartung zu -machen.“ -</p> - -<p> -Diese seltsame Art sich auszudrücken -mißfiel der ganzen Gesellschaft. Lodoiska, -welche darin nicht geradezu eine Frage sahe, -schwieg, während der Arzt, der sie aus einer -Verlegenheit zu ziehen glaubte, sich nach dem -Zustande ihrer Gesundheit erkundigte. Hierauf -antwortete sie mit wenigen Worten. -Herr von Krauthof, der sich durch die Unzufriedenheit, -die er auf allen Gesichtern lesen -konnte, wenn er gewollt hätte, nicht irre -machen ließ, wendete sich nun an den Arzt. -</p> - -<p> -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -„Zum Teufel, mein gelehrter Herr Doktor, -Sie sind mit einem Vorrechte begabt, -das ich nicht besitze, nämlich diese schöne Dame -zum Sprechen zu bringen.“ -</p> - -<p> -— Allerdings hat sie mir geantwortet, -Herr Ober-Land-Jägermeister; aber dieß -verdanke ich meiner Frage, der einzigen, -welche wohlerzogene Leute an Jemanden richten -können, den sie nicht kennen. — -</p> - -<p> -„Aha! ich höre es, mein Lieber, wie -man mir schon früher gesagt hat, daß Sie -auch zu der Klasse der jetzigen Aufgeklärten -gehören. Was können denn das für wohlerzogene -Leute sein, wenn ich nicht dazu -gehöre?“ -</p> - -<p> -Ungeachtet der ernsten über Lodoiska’s -Gesicht verbreiteten Kälte und ihrer gewöhnlichen -Gleichgültigkeit, konnte sie doch nicht -ein Lächeln über diese Worte unterdrücken, -während die Oberstin die Achseln zuckte und -Lobenthal aus Klugheit die Antwort unterdrückte, -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -die ihm schon auf den Lippen -schwebte. Indessen suchte er die Unterhaltung -auf einen andern Gegenstand zu bringen, -und fragte, ob es wahr sei, daß endlich -das Kirchspiel einen eigenen Pfarrer erhalten -würde? -</p> - -<p> -„Ja, Herr Oberst, so viel ich weiß, ist -es wahr, und mir dauert schon die Zeit -lang, ehe wir ihn hier haben; denn ich hoffe, -daß er durch seine Predigten dem Bauervolk -mehr Gehorsam und Unterwürfigkeit gegen -uns beibringen, und ihnen beweisen wird, -wie sehr unser Einer über sie erhaben ist. -Vorzüglich aber muß er suchen, den Aberglauben -zu verbannen, der unter dem Volke -immer mehr Wurzel schlägt, je mehr auf -der anderen Seite seine Ungläubigkeit zunimmt.“ -</p> - -<p> -— Ich erstaune! sagte der Arzt. Wie -<a id="corr-0"></a>können Sie so sprechen! Sie, ein Feind des -Aberglaubens! Ich hielt diesen sehr nahe -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -verwandt mit der großen Masse der Vorurtheile. -— -</p> - -<p> -„Ich weiß nicht, was Sie damit sagen -wollen, mein Lieber; aber ich liebe den Aberglauben -nicht, weil er die Bauern von ihrer -Pflicht abhält. Seitdem diese Elenden sich -in den Kopf gesetzt haben, daß es <em>Vampyre</em> -im Kirchspiele gebe, wollen sie keinen -Schritt mehr aus dem Hause gehen, sobald -es finster ist.“ -</p> - -<p> -— Vampyre! Hier sollen Vampyre -sein? rief der Oberst. Wer kann die scheußlichen -Mährchen Ungarns und Griechenlands -hierher verbreitet haben? — -</p> - -<p> -Bei diesen Worten konnte der Oberst -sich nicht enthalten, seinen Blick auf Lodoiska -zu richten. Er sahe, daß sie außer aller -Fassung war. Ihre Gesichtszüge drückten -den höchsten Schrecken aus, ihr Mund stand -halb geöffnet, ihre Augen waren unbeweglich, -und mit einer schnellen Bewegung, die sie -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -aber wieder unterdrückte, schien sie im Begriff -gewesen zu sein, sich zu entfernen. -</p> - -<p> -Der Oberst erklärte sich mit Leichtigkeit -diesen Schrecken Lodoiska’s. Es war fast -unmöglich, daß ein Mädchen aus der Wallachei -nicht an die Vampyre glaubte, und sehr -häufig hatte sie mit ihm darüber gesprochen, -ihm die seltsamsten Geschichten über diesen -Gegenstand erzählt. Konnte er sich also wundern, -daß sie außer sich gerieth, als so unerwartet -die Rede auf die fürchterlichen Vampyre -kam? Aus Rücksicht für sie hätte er -gern dem Gespräche abermals eine andere -Wendung gegeben; aber es war zu spät. -Herr von Krauthof beantwortete die an ihn -gerichtete Frage. -</p> - -<p> -„Einem Unglücklichen, der nicht mehr -am Leben ist, verdanken wir den in dieser -Gegend verbreiteten Schrecken. Ihr Bedienter -Werner erzählte seinen Freunden die Geschichte -von diesen Unholden, welche nach dem -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -menschlichen Blute dürsten, bei Gelegenheit -des sonderbaren Todes einer jungen Bäuerin -aus dem Dorfe. Aber mein Gott, fuhr er -fort, sich an Lodoiska wendend, Madame, -fürchten Sie sich denn auch vor solchen Narrheiten? -Sie haben ohne Zweifel zu viel Verstand, -als daß Sie an diese Unholde, diese -Vampyre glauben könnten, die ohne Zweifel -nur in dem Gehirn desjenigen ihr Dasein -hatten, der zuerst von ihnen sprach.“ -</p> - -<p> -Hier warf die Fremde einen so finsteren -Blick auf den Herrn von Krauthof, von einem -so scheußlichen Lächeln begleitet, daß er -ungeachtet seiner Zuversichtlichkeit ganz erschrocken -in seiner Rede inne hielt, und mit -der Sprache zugleich die Lust zum Plaudern -verlor, die ihn sonst nie verließ. -</p> - -<p> -Der Arzt glaubte nun gleichfalls über -diesen Gegenstand sprechen zu müssen, und -scherzte über diese abscheulichen Mährchen. Er -forderte die Vampyre heraus, den Schlaf eines -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -muthigen Mannes zu stören, und hätte -noch lange so fortgefahren, wenn ihn nicht -die wiederholten Winke des Obersten davon -abgehalten hätten. Hierauf folgte ein Augenblick -des Stillschweigens, als plötzlich auch -Helene das Wort nahm: -</p> - -<p> -„Warum, sagte sie, wollen wir so hartnäckig -diese Geheimnisse bestreiten? Wie abscheulich -sie auch sein mögen, kennen wir alle -Mittel der Vorsehung, wodurch sie uns zu -betrüben im Stande ist? Ich glaube an die -Möglichkeit, daß es Vampyre geben kann, -und vielleicht habe ich gar einem Ungeheuer -dieser Art den unerwarteten Tod meines -Sohns zu verdanken .....“ -</p> - -<p> -Die Fremde stößt bei diesen Worten einen -lauten durchdringenden Schrei aus. Sie steht -mit Heftigkeit auf, will einen Schritt vorwärts -thun, und fällt ohne Bewußtsein auf -den Fußboden nieder. — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Siebenzehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ährend der gefühllose Herr von Krauthof -sich vergebens in allerhand Vermuthungen -verlor, durch welche Ursache die Ohnmacht der -schönen Fremden hervorgebracht sein könnte, -waren Helene, ihr Mann und der Arzt eifrig -beschäftigt, Lodoiska’n in’s Leben zurückzurufen. -Aber ihre Bemühungen waren fruchtlos, -und der Oberst benutzte diese Augenblicke, -den lächerlichen Edelmann zurechtzuweisen. -</p> - -<p> -„Ich habe mit den russischen Heeren, -sagte er, einen großen Theil von Europa -durchzogen, und dabei Gegenden gesehen, -welche sonst von unsern Reisenden nur selten -besucht werden. Ich müßte mich sehr irren, -wenn diese fremde Dame, nach ihrer Aussprache -und ihrem ganzen Wesen zu urtheilen, -nicht im östlichen Ungarn oder in der Wallachei -geboren ist; in diesem Falle muß auch -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -sie von den in ihrem Vaterlande herrschenden -abergläubischen Meinungen durchdrungen sein, -und da die Unterhaltung auf einen für ihre -Landsleute so furchtbaren Gegenstand kam, so -wird dieß, verbunden mit ihrer noch schwachen -Gesundheit, ihren jetzigen Zustand hervorgebracht -haben, dem wir sie mit aller Mühe -noch nicht entreißen können.“ -</p> - -<p> -Diese Erklärung schien allen Anwesenden -hinreichend zu sein. Der Herr von Krauthof -bemerkte, daß die Fremde, wenn sie in -Ungarn geboren wäre, gewiß mit der Art -bekannt sei, wie man den Tokaier Wein behandeln -müsse, und er nahm sich vor, sie -über diesen Gegenstand um Auskunft zu bitten, -da er mehrere Weinstöcke aus jener Gegend -in seinem Garten habe. Niemand antwortete -auf diese Lächerlichkeit. Da Lodoiska -nicht wieder zu sich kam, so machte Wildenau -den Vorschlag, sie in ihr Zimmer zu tragen, -was auch geschahe; aber sie lag noch lange -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Zeit auf ihrem Bette völlig kalt und unbeweglich. -Endlich stieß sie einen tiefen Seufzer -aus, schlug die Augen auf, und die Umstehenden -der Reihe nach ansehend, fragte sie -mit leiser Stimme, warum sie sich in diesem -Zustand befände? -</p> - -<p> -„Der außerordentliche Blutverlust, welchen -Sie erlitten haben, antwortete Wildenau, -wird Ihnen noch häufig dergleichen Zufälle -zuziehen. Sie nehmen Ihre Gesundheit -nicht genug in Acht, und rechnen zu sehr auf -Ihre gute Natur, ohne auf meine Warnungen -zu hören.“ -</p> - -<p> -— Ist dieß wirklich die Ursache meiner -Ohnmacht? Hat man nicht von Vampyren -gesprochen? Wer hat es gewagt, den geheimnißvollen -Schleier zu lüften, mit welchem -der Himmel die Erfüllung seines schrecklichen -Willens bedeckt? — -</p> - -<p> -„O, denken Sie nicht mehr an diesen -traurigen Gegenstand, sagte der Oberst; das -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -Gespräch kam nur aus Unvorsichtigkeit darauf, -und es soll nicht wieder geschehen. Aber -vergessen Sie wo möglich jene Schrecknisse, -vor welchen Sie hier in Deutschland sicher -sind.“ -</p> - -<p> -Lodoiska antwortete nicht hierauf, sondern -bat nur um Erlaubniß, allein bleiben -zu dürfen, um sich auszuruhen. Man verließ -sie also, und begab sich in das Gesellschaftszimmer -zurück, wo der Herr von Krauthof -noch wartete, und eine Menge Fragen that, -die man kaum beantwortete. Endlich entfernte -er sich, zufrieden, endlich das Vaterland -der Fremden erfahren zu haben, und -mit dem Vorsatze, diese wichtige Entdeckung -in der möglichst kürzesten Zeit allen Nachbarn -mitzutheilen. -</p> - -<p> -Als er fort war, nahm Wildenau das -Wort, und machte dem Obersten und seiner -Gemahlin folgende Erklärung: „Ich weiß -nicht recht, fing er an, wie ich es machen -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -soll, Ihnen die Gefühle mitzutheilen, die -meine ganze Seele beherrschen. Aber die -Güte, die Sie bisher für mich gezeigt haben, -giebt mir Muth, und ich schmeichele mir -mit Ihrer Unterstützung zur Erreichung meiner -Wünsche. Ich bin vier und dreißig Jahre -alt, besitze ein anständiges Vermögen, und -habe eine Praxis, die meine Wohlhabenheit -noch vermehrt. Die Ehelosigkeit ist mir noch -weit lästiger geworden, seitdem ich die reizende -Person gesehen, der Sie einen Zufluchtsort -gewährt haben. Sie ist eine Fremde; -große Unglücksfälle, vielleicht ein Fehler, den -sie durch freiwillige Verbannung büßt, haben -sie hierher geführt. Ich wünschte ihr Schicksal -zu verbessern, indem ich ihr meine Hand -anbiete, wenn sie sie annehmen wollte; ehe -ich aber das Geringste zur Erreichung meiner -Absicht unternehmen wollte, glaubte ich, -mich Ihnen freimüthig entdecken zu müssen, -in der Hoffnung, daß die Frau Oberstin, um -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -mir einen Korb zu ersparen, die Güte haben -würde, die Gesinnungen dieser schönen Person -auszuforschen.“ -</p> - -<p> -Lobenthal war zu sehr bewegt durch das, -was er jetzt hörte, als daß er hätte darauf -antworten können, und er überließ daher diese -Sorge seiner Frau. Diese billigte Wildenau’s -Wahl, nur rieth sie ihm, sich nicht früher -bestimmt zu erklären, ehe er nicht die -Geschichte der Fremden genau erfahren habe, -damit späterhin ihm nicht die Reue sein Leben -verbittere. -</p> - -<p> -„Glauben Sie mir, Frau Oberstin, entgegnete -der Arzt, daß ich dieß ebenfalls schon -überlegt habe. Durch den ehemaligen Eigenthümer -des abgebrannten Hauses bin ich unterrichtet -worden, daß er dasselbe mit den -dazu gehörigen Ländereien für funfzehntausend -Thaler an die Fremde verkauft hat, -welche ihm sogleich ausgezahlt worden sind. -Das Haus ist verloren; aber die Ländereien -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -sind noch da, und Sie wissen, daß man bei -den Güterkäufen hier zu Lande die letzteren -für Alles, die Gebäude fast für nichts rechnet. -Sie selbst haben mir auch gesagt, daß -diese Dame reiche Kleinodien besitzt, und -man hat eine bedeutende Summe in baarem -Golde aus der Feuersbrunst gerettet, welche -Sie einige Zeit lang in Verwahrung hatten. -Diese Reichthümer, die Talente, welche die -Fremde besitzt, ihr edler Anstand, obgleich -damit einige Sonderbarkeiten verknüpft sind, -scheinen mir zu beweisen, daß sie nicht zu jener -verworfenen Klasse von Frauenzimmern -gehört, die mit ihren Reizen Wucher treiben. -Seitdem sie hier ist, hat sie stets in der -größten Zurückgezogenheit gelebt, was sie gewiß -nicht gethan haben würde, wenn sie auf -Abentheuer ausginge. Unsern Vermuthungen -bleibt also nur noch übrig, daß sie vielleicht -das Opfer einer unvorsichtigen Leidenschaft -ist, oder vielleicht weit von ihrem Vaterlande -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -einen Jugendfehler in Vergessenheit -bringen will. Dieß kann ich nicht geradezu -bestreiten. Aber die ohne Zweifel seitdem -verstrichene Zeit, ihr jetziges Betragen müssen -ihr zur Entschuldigung dienen. Ich will -mich durchaus nicht darauf einlassen, was geschehen -ist, und wenn sie Ihnen darüber ein -offenes Geständniß macht, so will ich noch -weiter gehen: ich will nicht ein Wort davon -wissen; sobald Sie mich versichern, Frau -Oberstin, daß sie meiner nicht unwürdig ist, -so führe ich sie zum Altare.“ -</p> - -<p> -Helene, von Wildenau’s Freimüthigkeit -und Vertrauen gerührt, versprach ihm, nichts -zu vernachlässigen, um seinen Wünschen nachzukommen. -Da der Oberst die Nothwendigkeit -fühlte, daß auch er ein Wort hierzu sagen -müsse, so brachte er mit Mühe einige unzusammenhängende -Redensarten hervor, und -schwieg dann wieder. Es war schon ziemlich -spät, als diese Unterhaltung endete, und da -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -der Arzt am andern Morgen in ziemlicher -Entfernung einen Kranken zu besuchen hatte, -so trennte man sich. -</p> - -<p> -Der Oberst war weit entfernt, in dieser -Nacht zu schlafen; seine innere Bewegung -war zu heftig. Er glaubte fast gewiß zu -sein, daß Lodoiska den Heirathsantrag von -sich weisen würde; aber er fürchtete, daß dieses -junge Mädchen ihrer Heftigkeit freien -Lauf lassen, und einige Worte sagen möchte, -die die Ruhe des Hauses stören könnten. -</p> - -<p> -Während er sich diesen Gedanken überließ, -glaubte er in dem Zimmer seiner Frau, -das sich dicht neben dem seinigen befand, ein -leises Geräusch zu hören. Er horchte genau -auf, um gewiß zu sein, daß er sich nicht -täuschte; da aber das Geräusch anhielt, so -fürchtete er, daß Helene unwohl sein möchte. -Daher stand er rasch auf, und ging leise auf -die Thür des Nebengemaches zu. Er war -im Begriff sie zu öffnen, als er plötzlich von -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -einer Hand, die er nicht sahe, einen so heftigen -Schlag in’s Gesicht erhielt, daß er auf -sein Bett zurückfiel, und einige Minuten fast -ohne Besinnung darauf liegen blieb. -</p> - -<p> -Sobald er sich erholt hatte, eilte er zu -seinem Degen, zündete mit einem chemischen -Feuerzeuge ein Licht an, und untersuchte nun -sorgfältig das ganze Zimmer, in der Hoffnung, -den kühnen Urheber des höchst unsanften -Schlags zu entdecken. Aber alle seine Nachsuchungen -waren vergebens. Die äußere -Zimmerthür war sorgfältig von innen verschlossen, -eben so befanden sich alle Riegel -vor den unversehrten Fenstern, und als er in -das Zimmer seiner Gattin kam, sahe er, daß -sie in einen festen, obgleich ängstlichen Schlaf -versunken lag. Auch hier suchte er Alles genau -durch, und da er nichts entdeckte, so sahe -er sich gezwungen zu glauben, daß seine -Phantasie oder die Unruhe seines Blutes -ihn getäuscht habe. -</p> - -<p> -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -Er kehrte in sein Zimmer zurück, wo die -anbrechende Morgenröthe ihn noch wachend -fand. Der Tag schien vortrefflich zu werden, -und um nicht Zeuge der Unterhaltung seiner -Frau mit Lodoiska zu sein, entschloß er sich -auf die Jagd zu gehen, ehe noch Jemand im -Hause aufgestanden war. -</p> - -<p> -Erst zur Frühstückszeit erfuhr Helene, daß -ihr Gatte nicht erscheinen würde, und dieß -war ihr gewissermaßen lieb, weil sie neugierig -war, die Gesinnungen der Fremden über -den ihr zu machenden Antrag zu erfahren. -</p> - -<p> -Lodoiska trat in’s Zimmer, sobald die -Frühstücksglocke ertönte. Ueber ihr Gesicht -war finstere Schwermuth verbreitet; allein -sie war nicht so blaß als gewöhnlich; sehr -bewegt bedankte sie sich für die Sorgfalt, die -man ihr am vorigen Tage erwiesen hatte. -</p> - -<p> -Da Helene das beabsichtigte Gespräch -nicht in Juliens Gegenwart anfangen wollte, -so wartete sie das Ende der Mahlzeit ab, -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -und befahl dann Lisetten, die Kleine mit sich -zu nehmen, und nicht eher wieder hereinzukommen, -bis sie gerufen würde. Lodoiska -setzte sich gleich darauf an ihren Stickrahmen, -und Helene, um nicht in Verlegenheit -zu gerathen, nahm ein Buch, in welchem sie -aufmerksam zu lesen schien. Nach langem -Zögern fing sie endlich das Gespräch folgendermaßen -an. — -</p> - -<p> -„Nun, liebe Lodoiska, werden Sie denn -immer das beste, aber auch das geheimnißvollste -Wesen auf der Welt bleiben? Sollen -wir denn nie erfahren, durch welche wichtige -Ursachen Sie aus Ihrem Vaterlande entfernt -worden sind? Sie sehen mich voll Erstaunen -an; sollten meine Fragen Sie beleidigen? -Glauben Sie mir, nur meine Theilnahme -für Sie hat sie mir eingegeben.“ -</p> - -<p> -— Ich glaube es, Frau Oberstin, und -ich entschuldige Sie, weil ich Sie kenne; da -Sie mir aber bis jetzt Ihr Wohlwollen geschenkt -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -haben, ohne nach meinen näheren -Verhältnissen zu forschen, warum sollte ich -dieses Vertrauen von Ihrer Seite nicht noch -länger verdienen? Habe ich mich seit Kurzem -vielleicht in einem unvortheilhafteren -Lichte gezeigt? Sollte ich der Verläumdung -preisgegeben sein? — -</p> - -<p> -„Von allem <a id="corr-1"></a>Diesem ist durchaus nicht -die Rede; aber glauben Sie denn, daß Sie -ungestraft so hübsch sein dürfen? Niemand -wird sich um die Verhältnisse eines gewöhnlichen -Frauenzimmers bekümmern. Man geht -an ihr vorüber, ohne sie zu bemerken; aber -Sie, Lodoiska, fallen zu sehr in die Augen, -als daß man Sie mit Gleichgültigkeit ansehen -könnte. Sie setzen ohne Zweifel mehr -als ein Herz in Bewegung, von denen einige -sich Ihnen nähern möchten, um auch das -Ihrige zu rühren; und diese haben einiges -Interesse dabei, zu wissen, wer Sie sind, ob -Sie noch frei sind, ob keine frühere Verbindung -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -Ihnen im Wege ist; kurz, ob Sie über -Ihre Hand verfügen können?“ -</p> - -<p> -Ein melancholisches Lächeln ging der -Antwort voraus, die Lodoiska hierauf zu geben -im Begriff stand. Sie schien einen Augenblick -darüber nachzudenken, richtete dann -ihren Kopf, den sie über den Stickrahmen -gebeugt hatte, in die Höhe, und sagte, Helenen -mit einem Blick der vollkommensten -Gleichgültigkeit ansehend: -</p> - -<p> -„Wenn es bei der Kenntniß meines -Schicksals bloß auf meine jetzige Lage ankommt, -so kann ich mich über diese erklären, -ohne zu erzählen, was mir früher begegnete. -Ich bin frei, völlig frei, und dennoch gehöre -ich mir selbst nicht an. Ich habe mein Herz -verschenkt, und nicht das Recht, es wieder -zurückzufordern; durch ein ganzes Leben bin -ich von demjenigen getrennt, den ich bis zum -Uebermaß liebe; meine Seele steht unter der -Abhängigkeit einer höheren Macht, und ich -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -habe kein Vaterland mehr, ich gehöre der -ganzen Erde an. Fragen Sie mich nicht -weiter; Sie haben jetzt Alles gehört, was ich -Ihnen sagen kann .... suchen Sie es zu vergessen.“ -</p> - -<p> -— Ich würde mich ohne Zweifel mit -einer solchen Erklärung begnügen, so dunkel -sie mir auch ist, aber ich kann Sie versichern, -daß Andere nicht damit zufrieden sein werden. -Und nun erlauben Sie, daß ich mit -Ihnen ein Wort der Vernunft spreche. Sie -sind hier weit von Ihrem Vaterlande entfernt, -allein und unabhängig; Sie können -nicht hoffen, sagen Sie, demjenigen jemals -anzugehören, den Ihr Herz ausgewählt hat: -was wollen Sie aber dann in einem fremden -Lande machen? Wird nicht eine Zeit kommen, -wo Sie, unter der Last des Alters gebeugt, -das Bedürfniß eines Freundes fühlen werden? -Wollen Sie denn vielleicht in Ihr Vaterland -zurückkehren? Das Schicksal könnte -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -Ihnen unübersteigliche Hindernisse in den -Weg legen. Kurz, Sie werden es dann bereuen, -etwas ausgeschlagen zu haben, was -Sie jetzt vielleicht verschmähen. — -</p> - -<p> -„Ich fühle es, Frau Oberstin, wie schrecklich -meine jetzige Lage für jedes andere -Frauenzimmer sein würde, das sich in einem -der gewöhnlichen Verhältnisse des menschlichen -Lebens befindet. Aber meine Verhältnisse -sind ganz besonderer Art! Ich scheine Ihnen -verlassen zu sein? Wohl! so glauben Sie, -daß ich nicht Ursach habe, mich über meine -Zukunft zu beunruhigen; sie ist schon seit -mehreren Jahren fest bestimmt, und kann sich -nicht mehr ändern. Ich drehe mich um einen -Kreis, den ein allmächtiges Wesen mir -vorgeschrieben hat, und von dem ich mich -nicht entfernen kann. Sie glauben, daß -mir eine Stütze, ein Freund nöthig werden -möchte? Enttäuschen Sie sich; ich werde nie -darein willigen, eine solche Stütze anzunehmen. -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -Sagen Sie demjenigen, der Ihnen aufgetragen -hat, mit mir hierüber zu sprechen, er -möge alle Hoffnung aufgeben, vorzüglich aber -eine Liebe zu unterdrücken suchen, die für ihn -gefährlich werden könnte. Der Unverständige! -Er weiß nicht, daß Jeder, welcher mich -liebt, dem Tode verfallen ist! .... Sie erbeben, -Frau Oberstin! Ach, warum ist es -mir nicht erlaubt, Ihnen meine traurige -Geschichte zu erzählen! Meine Lage würde -Ihnen dann den schrecklichsten Abscheu einflößen -.... und dennoch — ich nehme Gott zum -Zeugen, den ich fürchte — habe ich über keine -meiner Handlungen zu erröthen. Sie waren -stets übereinstimmend mit der Tugend, und -wenn ich mir selbst Böses anthat, so ist mir -wenigstens bis dahin kein Vorwurf zu machen. -Hören Sie auf, ich beschwöre Sie, weiter in -mich zu dringen, und lassen Sie mich in der -Hülle meiner Geheimnisse. Ich verlange -nichts von den Menschen; gern wünschte ich -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -mir auf der Erde die Ruhe des Grabes, aber -sie ist mir versagt!“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten drückte Lodoiska ihre -ganze Verzweiflung durch einen sonderbaren, -fürchterlichen Blick aus, stand von ihrem -Stuhle auf, beurlaubte sich bei Helenen, und -begab sich in ihr Zimmer. -</p> - -<p> -„Außerordentliches Geschöpf! sagte Helene -zu sich selbst, als sie sie fortgehen sahe; -unbegreifliches Wesen! Wer ist sie? Was -hat sie gethan? Warum kam sie hierher? -Ihre Geschichte muß äußerst anziehend sein, -und gewiß hat sie den Becher des Unglücks -mit vollen Zügen geleert.“ -</p> - -<p> -Sie blieb bis zur Rückkehr des Obersten -und des Arztes, welche beide zugleich kamen, -in das tiefste Nachdenken versunken. „Armer -Freund! rief sie dem Letztern entgegen; man -giebt Ihnen den Korb, ohne Ihnen die geringste -Hoffnung zu lassen. Erlassen Sie -mir aber, ich bitte, die weitere Auseinandersetzung -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -meiner Unterhaltung mit der Fremden, -und begnügen Sie sich damit, zu wissen, -daß sie mir nichts von ihren Schicksalen erzählt -hat, und daß Sie nicht glücklich sind.“ -</p> - -<p> -Weit entfernt, sich mit diesen Worten zu -befriedigen, verlangte Wildenau eine ausführlichere -Erklärung, und Helene sträubte -sich vergebens: sie mußte Alles genau wieder -erzählen, was gesprochen worden war. Es -läßt sich denken, mit welcher geheimen Theilnahme -der Oberst zuhörte. -</p> - -<p> -„Meine Eigenliebe, sagte endlich der -Arzt, ist bei dieser Gelegenheit durchaus unverletzt -geblieben; ich sehe ein, daß die Grausame -eine Liebe fühlt, welcher nicht Genüge -geleistet werden kann. Ohne Zweifel hat sie -ihr Vaterland aus beleidigter Liebe verlassen; -dieß ist eine zu heftige Maßregel, die ich nicht -nachahmen will, und da sie sich weigert, meine -Frau zu werden, so bleibe ich wenigstens ihr -treuer Freund.“ -</p> - -<p> -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -— Das heißt vernünftig gesprochen! -sagte der Oberst, sein langes Stillschweigen -brechend. Nur keine Seufzer, glauben Sie -mir; stellen Sie sich völlig gleichgültig, und -vielleicht gerade, wenn Sie am wenigsten -daran denken, werden Sie dieses stolze Herz -sich geöffnet sehen. — -</p> - -<p> -Obgleich Wildenau innerlich tief bekümmert -war, so wußte er doch sehr gut seinen -wahren Zustand zu verbergen; aber er gab -seine Liebe noch nicht auf, denn auch er -kannte den Werth und Einfluß der Zeit, -welche allen Dingen nach und nach eine veränderte -Gestalt giebt. -</p> - -<p> -Lodoiska erschien heute nicht zum Mittagessen, -indem sie sagen ließ, daß sie unpäßlich -sei, und in ihrem Zimmer essen würde. -Man glaubte anfangs, daß sie bloß nicht mit -dem Arzte zusammentreffen wolle; aber Lisette -berichtete, daß sie außerordentlich blaß sei, -und in der heftigsten Unruhe zu sein scheine. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -Achtzehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>m folgenden Tage, wo Lodoiska sich wieder -blicken ließ, schien sie gar nicht mehr an die -mit der Oberstin gehabte Unterhaltung zu -denken. Wildenau befand sich noch im Schlosse. -Sie behandelte ihn wie gewöhnlich, und war -vollkommen gleichgültig gegen ihn; allein gegen -den Obersten hatte sich ihr Betragen -völlig geändert. Sie richtete häufig ihre -Blicke auf ihn, mit einem Ausdruck von Unzufriedenheit -und selbst Zorn, der ihn beinahe -in Schrecken setzte; sie war gegen ihn -so trotzend und zu gleicher Zeit vertraulich, -daß man leicht ihre frühere Bekanntschaft -mit einander errathen haben würde, wenn -man nicht überzeugt gewesen wäre, daß der -Verstand der Fremden in manchen Augenblicken -völlig zerrüttet sei. -</p> - -<p> -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -Der Oberst, dem die Wahrheit wohl bekannt -war, bebte über die Folgen, welche -diese üble Laune Lodoiska’s haben könnte. -Jemehr sie ihm nach und nach wieder theuer -wurde, je lieber hätte er es gesehen, daß man -es nicht bemerkte, und vorzüglich fürchtete -er, daß eine Unvorsichtigkeit die Eifersucht -seiner Frau wecken möchte. Er suchte sich -Lodoiska’n verständlich zu machen, indem er -sie durch Blicke bat, ihn zu schonen, und ihres -Versprechens eingedenk zu sein; aber seine -Bemühungen waren vergeblich, und sie fuhr -in ihrem Betragen fort. Unterdessen kam -ein Eilbote, der den Arzt zu einem Nachbar -holte, welchen ein Schlagfluß befallen hatte; -zu gleicher Zeit wollte Helene ein Geschäft in -ihrem Zimmer besorgen, und die beiden Feinde -befanden sich nun allein einander gegenüber. -</p> - -<p> -„Sie erinnern sich also nicht mehr an -Ihr mir gegebenes Versprechen?“ sagte -Alfred schnell. -</p> - -<p> -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -— Sie haben ja auch vergessen, daß -Sie mir Ihr Herz versprochen hatten! -Noch einmal sage ich es Ihnen, betrügerischer -Mann, können Sie mir vorwerfen, -daß ich meine Schwüre gebrochen? Ich betrage -mich gegen Sie, wie es mich gut -dünkt; aber dieß ist hier nicht der Ort, uns -einander Vorwürfe zu machen. Ich muß Sie -sprechen, durchaus allein sprechen. — -</p> - -<p> -„Wann?“ -</p> - -<p> -— Heute um Mitternacht. — -</p> - -<p> -„Wo?“ -</p> - -<p> -— Im großen Saale; dort wird uns -Niemand stören. — -</p> - -<p> -„Was wollen Sie von mir?“ -</p> - -<p> -— Sie werden es erfahren. — -</p> - -<p> -„Aber wenn man uns überrascht?“ -</p> - -<p> -— Sein Sie ohne Sorgen. — -</p> - -<p> -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -„Es wird einen üblen Ausgang nehmen.“ -</p> - -<p> -— Werden Sie kommen? — -</p> - -<p> -„Ich fürchte ....“ -</p> - -<p> -— Zittern Sie, wenn ich vergebens -auf Sie warten muß. — -</p> - -<p> -Helenens Rückkehr in’s Zimmer machte -dieser Unterhaltung ein Ende, die nur halb -laut geführt worden war. Sie kam so plötzlich, -daß ihr Gatte in Verlegenheit gerieth, -und sie überraschte ihn bei einer Bewegung, -die ihr so manche Dinge hätte erklären können, -wenn sie nicht in vollkommener Sicherheit -gewesen wäre. Lodoiska war seit der -Zeit ihres Aufenthalts im Schlosse noch nie -so guter Laune gewesen, als heute. Sie -vergaß ihre gewöhnliche Schwermuth, ja sie -wurde sogar lustig, und es gelang ihr, Helenen -ein Lächeln abzugewinnen, das erste seit -dem Verluste ihres Sohnes. -</p> - -<p> -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Alfred, weit entfernt, Lodoiska’s Frohsinn -zu theilen, wurde immer tiefsinniger und -trauriger, jemehr sich der Abend näherte. -Kaum öffnete er den Mund zum Sprechen; -eine ihm unerklärbare Unruhe bewegte sein -Inneres, und er wagte es nicht, weder Lodoiska’n -noch seine Frau anzublicken. Vorzüglich -fürchtete er, bei der bevorstehenden -Zusammenkunft mit der Erstern, mitten in -der Nacht überrascht zu werden, da hiervon -seine ganze häusliche Ruhe abhing. -</p> - -<p> -Endlich begab sich ein Jeder in sein -Zimmer. Die Oberstin, die sich seit einiger -Zeit über eine allgemeine Schwäche in allen -Gliedern beklagte, legte sich zuerst zu Bett, -und schickte bald darauf auch Lisetten fort. -Der Oberst setzte sich in seinem Zimmer auf -einen Lehnstuhl, und erwartete so, völlig angezogen, -aber ohne Ungeduld, sondern zitternd, -die Mitternachtszeit. Als endlich der letzte -Schlag der zwölften Stunde erschallte, stand -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -er seufzend auf, und ging mit leisen Tritten -nach dem großen Saale, ohne ein Licht mit -sich zu nehmen. -</p> - -<p> -Die undurchdringliche Finsterniß in diesem -weiten Saale, die schneidende Kälte, -welche durch die schlecht geschlossenen Fensterscheiben -eindrang, die Furcht, überrascht zu -werden: alles dieß vereinigte sich, um dem -Obersten ein solches Beben <a id="corr-5"></a>zu verursachen, -wie er noch nie empfunden hatte, selbst als -er früher, hundert Feuerschlünden gegenüber, -den Tod in der ihm angewiesenen Position -erwarten mußte. Aber damals lebte er mit -seinem Herzen in Frieden, und sein Gewissen -war ruhig; jetzt befand er sich mit sich selbst -im Widerspruch. Er war auf den Befehl -eines Frauenzimmers hierhergekommen, das -zu seinem Glücke nichts mehr beitragen, wohl -aber es zerstören konnte. Aber konnte er ihr -ungehorsam sein? Mußte er nicht fürchten, -daß sie, bei ihrem heftigen Charakter, seine -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -ehemaligen Verhältnisse zu ihr öffentlich bekannt -machte? Alfred glaubte, Alles thun zu -müssen, um eine fast wahnsinnige Liebende in -Schranken zu halten. -</p> - -<p> -Sie ließ nicht lange auf sich warten. -Sie trat durch die Thür ein, welche von der -Haupttreppe in den Saal führte, mit einem -weißen Kleide angethan, und halb in einen -großen schwarzen Schleier verhüllt, der ihr -das furchtbare Ansehen eines Gespenstes gab, -das sie auch durch ihren leblosen Blick, durch -die Leichenblässe ihres Gesichts nicht verläugnete. -In der Hand trug sie ein Licht, das -sie schnell auf den Fußboden setzte, als sie den -Obersten erblickte; dann trat sie auf ihn zu, -und gab ihm ihre Zufriedenheit über sein -pünktliches Erscheinen zu erkennen. -</p> - -<p> -„Ich werde stets gern erscheinen, wenn -Lodoiska mich sehen will, vorzüglich seitdem -sie mich versichert hat ....“ -</p> - -<p> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -— Alfred, ich bitte Sie, rufen Sie mir -ein Versprechen nicht mehr in’s Gedächtniß -zurück, dessen Erfüllung mir zu viel kostet. -Wie! soll ich mich denn unaufhörlich verstellen? -Soll ich es ruhig mit ansehen, daß Sie -alle Mittel aufsuchen, mich von hier zu entfernen, -und daß Sie dergleichen Anträge -unterstützen, wie man mir gestern mitgetheilt -hat? — -</p> - -<p> -„Glauben Sie mir, Lodoiska, daß ich dabei -so viel gelitten habe, als Sie selbst, sobald -man mich davon in Kenntniß setzte? -Ja, es war mir schon unerträglich, es nur -zu vermuthen; aber was konnte ich dagegen -thun? Schweigen und das Weitere Ihnen -überlassen. Ich hoffte .... ich wußte, wollte -ich sagen, daß Ihre Antwort verneinend sei, -und daß man Sie dann nicht weiter verfolgen -würde.“ -</p> - -<p> -Ein Strahl von Freude blitzte bei diesen -Worten in Lodoiska’s Augen auf. -</p> - -<p> -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -„Sie hofften, sagen Sie. Ach, warum -kann ich meinerseits nicht mehr hoffen! Ich -bin die Zeugin eines Glücks, das mir über -Alles verhaßt ist, und das ich niemals selbst -schmecken werde. Jetzt muß ich mich einem -Orte entreißen, der mir unerträglich wird. -Ich habe Sie wiedergesehen; mein Unglück -ist vollendet, und es bleibt mir nichts mehr -übrig, als mich zu entfernen.“ -</p> - -<p> -— Sie wollen fort? Lodoiska, bedenken -Sie unsere Freundschaft! — -</p> - -<p> -„Unsere Freundschaft! Alfred, ich mache -mir nichts daraus, und wenn Sie mir dieselbe -auch ganz aufrichtig anbieten, ich nehme -sie nicht an. Mein Loos ist gefallen, und ich -weiß mich dabei zu erhalten! setzte sie mit -einem boshaften Lächeln hinzu. Indem ich -Sie durch meine Abreise von meiner Gegenwart -befreie, gebe ich Ihnen zugleich Ihre -Ruhe zurück. Sie werden nicht mehr zittern, -wenn ich mich Ihnen zeige oder mit Ihnen -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -spreche, und von der Liebe zu derjenigen, -die Sie mir vorziehen, nicht mehr zerstreut -werden.“ -</p> - -<p> -— Es steht Ihnen frei, zu bleiben oder -abzureisen; ja ich weiß nicht, ob ich selbst -Sie nicht zum Letzteren auffordern sollte. -Aber sein Sie überzeugt, daß mein Herz -Ihre Entfernung nicht wünscht; es würde -zufrieden in Ihrer Nähe sein, wenn es Sie -nicht mehr zu fürchten hätte, und es fühlt -mehr als je, wie verführerisch Sie sind. — -</p> - -<p> -„Nun? Und welchen Platz wollten Sie -mir denn neben sich anweisen? Sie antworten -nicht; was soll ich daraus schließen?“ -</p> - -<p> -— Daß ich höchst verlegen bin; denn -was soll ich Ihnen antworten, um Sie zu -befriedigen? Die Bande, welche mich an Helenen -fesseln sind unauflöslich. — -</p> - -<p> -„Ja unauflöslich, wie alles Uebrige bei -den Menschen, bis zum Tode .....“ -</p> - -<p> -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -In dem Tone, mit welchem diese Worte -ausgesprochen wurden, lag ein so geheimnißvoller -Sinn und ein so boshafter Ausdruck, -daß der Oberst schaudernd einen Schritt zurücktrat, -und Lodoiska’n erstaunt ansah; allein -er bemerkte, daß ihre Augen von der gewöhnlichen -außerordentlichen Gleichgültigkeit erfüllt -waren, und ihr unbefangenes Wesen -stand so sehr in Widerspruch mit dem, was -schon der bloße Ton ihrer Stimme ausgedrückt -hatte, daß Alfred glauben mußte, er -habe sich geirrt. Es folgte ein langes Stillschweigen, -wobei der Oberst in’s tiefste Nachdenken -versunken war, bis endlich Lodoiska -wieder das Wort nahm. -</p> - -<p> -„Sie denken sehr ernsthaft nach, Alfred; -beschäftigen Sie sich mit der Vergangenheit -oder mit der Zukunft?“ -</p> - -<p> -— Nein, nur mit der Gegenwart, die -mich in die unbeschreiblichste Verwirrung -setzt. — -</p> - -<p> -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -„Sein Sie nicht böse, wenn ich Ihnen -sage, daß ich Ihre Schwäche kenne. Sie sind -nicht im Stande, einen bestimmten Entschluß -zu fassen, und Sie wissen selbst kaum, was -Sie wollen.“ -</p> - -<p> -— Ach, Lodoiska, könnten Sie in mein -Herz sehen! Aber ich möchte wohl wissen, wie -Sie sich benehmen würden, wenn Sie sich in -meiner Lage befänden. — -</p> - -<p> -„Nach reiflicher Ueberlegung aller Gründe -würde mein Entschluß sehr bald gefaßt sein, -und den einmal eingeschlagenen Weg würde -ich dann mit Muth und Dreistigkeit betreten.“ -</p> - -<p> -— Wenn aber dieser Weg Sie zum Irrthume, -oder gar zum Verbrechen führte? — -</p> - -<p> -„Auch dann würde ich ihn verfolgen, -denn von allen Uebeln ist das schlimmste die -Unschlüssigkeit. Aber haben Sie sich auch -recht davon überzeugt, worin eigentlich die -Verlegenheit in Ihrer Lage besteht? Wissen -Sie denn bestimmt, wo das Böse und wo -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -das Gute anzutreffen ist? Und seit wann ist -es Sitte, daß neuere Rechte die ältern verdrängen -können?“ -</p> - -<p> -— Lodoiska, was würden Sie also von -mir fordern? — -</p> - -<p> -„Alles oder Nichts, Alfred! Sie schaudern? -O, dann sind Sie nicht würdig mich -weiter anzuhören.“ -</p> - -<p> -— Wie könnte ich eine Gattin verlassen, -der ich durchaus keinen Vorwurf zu -machen habe! mich von einem Kinde trennen -..... — -</p> - -<p> -„Alles oder Nichts, ich wiederhole es -Ihnen. Worüber können Sie sich beklagen, -da Sie völlig freie Wahl haben, und ich -Ihnen deutlich zwei Wege zeige, aus Ihrer -Verlegenheit zu kommen?“ -</p> - -<p> -— Wohl, Lodoiska! Aber so groß auch -meine Anhänglichkeit an meine erste Liebe -sein mag, so werde ich doch nie meinen -Ruf so beflecken, eine tugendhafte Gattin, -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -die ich freiwillig gewählt habe, wieder zu -verlassen. — -</p> - -<p> -„Allerdings! das können Sie auch nicht, -ohne Ihrem Rufe, Ihrer Ehre zu schaden, -die mir theuer sind. Aber wenn man Sie -sprechen hört, sollte man glauben, daß diese -Gattin unsterblich ist, oder einen Bund mit -der Ewigkeit geschlossen hat.“ -</p> - -<p> -— Sie flößen mir Entsetzen ein, Lodoiska, -und ich will Sie nicht verstanden haben; -ja vielleicht verstehen Sie sich selbst nicht. — -</p> - -<p> -Ein schauerliches Lächeln war die Antwort -der Fremden, und in ihren Augen las -der Oberst völlig klar ihre Gedanken, so daß -ihm kein Zweifel mehr übrig bleiben konnte. -</p> - -<p> -„Nein, nein, tausend Mal nein! Nie -werde ich mich mit einem Verbrechen besudeln! -Grausames Weib, ich verabscheue Sie!“ -</p> - -<p> -— Ja, ich weiß es, Sie waren ein geringerer -Verbrecher, als Sie mein Herz zerfleischten, -als Ihr Betragen, Ihre Briefe -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -meinem Dolche den Weg zeigten. — Bei diesen -Worten schlug sie ihren Schleier zurück, -und zeigte dem erstarrenden Alfred die offene, -noch blutende Wunde, welche mitten in’s Herz -ging. — Auch mein Vater, meine Mutter, -fuhr sie fort, fanden ihre letzte Zuflucht nur -durch den Tod! Nein, damals war Alfred kein -Verbrecher, und noch jetzt ist er der unschuldigste, -der tugendhafteste der Männer! — -</p> - -<p> -„O, Lodoiska! welche Verzweiflung! -Welche schreckliche That haben Sie vollbracht! -Wie, Ihr Blut ist geflossen, und Sie legten -Hand an sich selbst? Und dadurch haben Sie -auch Ihren ehrwürdigen Aeltern das Leben -geraubt?“ -</p> - -<p> -— Nicht ich, Alfred! Nicht ich, sondern -Sie, Sie allein sind an Allem Schuld. Ich -war nur das Werkzeug, dessen Sie sich bedienten, -eine ganze Familie von der Erde zu -vertilgen. Und dennoch werden Sie ruhig -schlafen, oder Ihr Schlaf wird bloß durch -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -den Schrecken beunruhigt werden, den ich -Ihnen verursache. Auf Wiedersehen! Urheber -alles meines Elendes, der Sie meine -ewige Verbannung aus dem Himmel verursacht -haben! — -</p> - -<p> -„Sie vernichten mich durch Ihre Vorwürfe! -Aber wozu wollen Sie verzweifeln? -Mein Vergehen war groß; doch ich hoffe -Gnade vor Gott zu finden, und Sie, glauben -Sie mir, daß Sie noch durch aufrichtige -Reue .....“ -</p> - -<p> -— Reue! rief die Fremde mit einem -lauten schrecklichen Lachen, daß der Saal -davon erschallte; Reue giebt es nicht mehr -für mich; ich habe sie sammt meinen übrigen -menschlichen Empfindungen in meiner Hütte -zurückgelassen. Mein Weg ist mir vorgeschrieben, -ich kann nichts mehr thun, als -ihn genau befolgen! — -</p> - -<p> -Der Oberst erstarrte über diese Worte; -aber als er bedachte, welche Vorurtheile Lodoiska -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -in ihrem Vaterlande seit ihrer frühen -Jugend eingesogen haben müsse, und daß ihr -Unglück ohne Zweifel einen nachtheiligen Einfluß -auf ihren Verstand gehabt habe, ward -er von zärtlichem Mitleiden ergriffen; er -suchte sie zu trösten und zu beruhigen, indem -er sich ihr näherte, um die Hand Lodoiska’s zu -ergreifen, über welche sie stets einen Handschuh -trug. Allein sie errieth den Zweck seiner Bewegung, -und trat erschrocken einen Schritt zurück. -</p> - -<p> -„Nein, nein, Alfred! Geben Sie Ihre -Versuche auf, mich anderes Sinnes zu machen. -Ich wiederhole Ihnen nochmals, daß -ich nicht länger hier bleiben kann, und das -Schloß mit dem morgenden Tage verlassen -muß. Ich habe mein abgebranntes Haus -wieder aufbauen lassen, und vorgestern die -Nachricht erhalten, daß es zu meiner Aufnahme -bereit ist. Fürchten Sie nun nicht -mehr, daß ich Ihnen durch meinen Anblick -lästig fallen werde.“ -</p> - -<p> -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -— Ich kann die Ausführung Ihres -Entschlusses nicht zugeben, Lodoiska. Warten -Sie noch einige Zeit, ehe Sie uns verlassen; -denn wie können Sie mitten im Winter -in ein neu erbautes Haus einziehen? Wissen -Sie nicht, wie schädlich die Feuchtigkeit -der Mauern auf die Gesundheit wirkt? — -</p> - -<p> -„O, mir schadet sie nichts; denn in einer -andern Wohnung fand ich eine weit größere -Feuchtigkeit, und doch sehen Sie mich -noch hier. Mein Entschluß ist unabänderlich, -und Niemand wird mehr an mich denken, -wenn ich mich entfernt habe.“ -</p> - -<p> -Nach diesen Worten eilte Lodoiska auf -ihr Licht zu, nahm es in die Höhe, und -ging fort, ohne auf Alfred’s wiederholte und -dringende Bitten zu hören. Da er sie verschwunden -sahe, kehrte er in sein Zimmer -zurück, wo er die Nacht unter den peinlichsten -Gedanken schlaflos zubrachte. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-7"> -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -Neunzehntes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">Z</span>ur Frühstückszeit erschien Lodoiska am folgenden -Tage wie gewöhnlich. Ihre ruhige -Haltung und die Gleichgültigkeit in ihren -Blicken verriethen Helenen im Geringsten -nicht, welchen Entschluß sie gefaßt habe, und -selbst der Oberst wurde einigermaßen irre an -ihr. Nach dem Frühstück setzte sie sich an -ihren Stickrahmen, wie sie es immer gethan -hatte, und arbeitete mit ungetheilter Aufmerksamkeit. -Als der Oberst sich aber aus -dem Zimmer entfernte, weil ein Bauer ihn -einiger Geschäfte halber zu sprechen verlangte, -stand Lodoiska auf, und ging zur Thür hinaus, -als wenn sie sich bloß in ihr Zimmer -begeben wollte. Da Helene wußte, wie sehr -ihr oft die geringsten Fragen lästig waren, -so fragte sie auch nicht nach der Ursache ihrer -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -plötzlichen Entfernung, die überdieß nur auf -einige Minuten zu geschehen schien. -</p> - -<p> -Eine Stunde ging vorüber, und die -Fremde ließ sich noch nicht blicken. Der -Oberst bemerkte bei seiner Rückkehr sogleich -ihre Abwesenheit, und fragte seine Frau -nach ihr. -</p> - -<p> -„Sie hat sich, kurz nachdem du das Zimmer -verlassen hast, entfernt, und ich glaubte -bloß, daß sie sich Wolle zum Sticken holen -wollte; allein jetzt sehe ich ein, daß sie wohl -eine andere Absicht haben mußte.“ -</p> - -<p> -Der Oberst vermuthete sogleich die -Wahrheit, suchte jedoch seine innere Bewegung -zu verbergen, und stellte sich völlig -gleichgültig. Bald darauf trat der neue Bediente -ein, welcher Werners Stelle ersetzte, -und übergab der Oberstin einen Brief von -Lodoiska. -</p> - -<div class="letter"> -<p> -„Ich muß mich, schrieb dieses unglückliche -Mädchen, bei Ihnen über die Art entschuldigen, -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -wie ich mich von ihnen trenne. -Ich bin in meine frühere Wohnung zurückgekehrt, -und bedaure, Ihnen so viel Last -verursacht zu haben; aber die innigste Dankbarkeit -erfüllt mich für Ihre mir erwiesene -Güte. Warum darf ich Ihnen keinen Beweis -von dieser Gesinnung geben! Ein -schreckliches Schicksal zwingt mich, stets gegen -meinen eigenen Willen zu handeln! -Ich habe bei Ihnen die größte Zuvorkommenheit -gefunden, und dennoch werde ich ... -Verzeihen Sie meinen Wahnsinn .... Ich -weiß selbst nicht, was ich will, aber ich -traure darüber, daß ich weiß, was ich kann. -Gern wäre ich in Ihrem Schlosse geblieben; -aber dann hätte ich mich entschließen -müssen, öfters einen Mann zu sehen, dessen -Zuneigung zu mir mich zwingt, ihn zu meiden. -Sie seiner Besuche zu berauben, wäre -ungerecht gewesen, und es war also nothwendig, -daß ich mich entfernte. Ich befinde -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -mich jetzt wieder in meinem Hause, und -habe meinen ganzen Geschmack für die ungestörteste -Einsamkeit dahin zurückgebracht; -diese werde ich nur dann auf einige Augenblicke -verlassen, wenn ich Ihnen, ohne Furcht -vor einem unangenehmen Zusammentreffen, -persönlich Alles das versichern kann, was ich -jetzt nur mit schwachen Worten ausdrücke.“ -</p> - -</div> - -<p> -Unter der Unterschrift, welche bloß aus dem -Namen Lodoiska bestand, befanden sich noch -einige Höflichkeitsformeln für den Obersten. -</p> - -<p> -„Wahrhaftig, sagte Helene, nachdem sie -den Brief mit lauter Stimme vorgelesen, -eine sonderbare Art uns zu verlassen. Und -wie ist es möglich, daß sie mitten im Winter -in ein neu erbautes Haus einziehen kann, -bloß um einen Mann zu fliehen, den ein -einziges Wort von ihr zurückgehalten haben -würde! Wir wollen ihr aber sogleich ihre -Sachen schicken, von denen sie ohne Zweifel -nichts mitgenommen hat.“ -</p> - -<p> -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -Der Oberst suchte eine Antwort hervorzubringen, -welche gleichgültig sein sollte; zu -seinem Glücke achtete aber Helene nicht auf -ihn, sondern ging, um Lisetten zu klingeln, -welche mit der Nachricht eintrat, daß zugleich -mit dem Briefe auch ein Wagen angekommen -sei, der die Sachen der Fremden -abholen sollte. Dadurch fand der Oberst einen -Vorwand, sich aus dem Zimmer zu entfernen, -um Befehl zum Aufladen dieser Sachen -zu geben, in der That aber, um wieder -freien Athem zu schöpfen; und während sein -Körper sich im Schlosse befand, irrten seine -Gedanken in ungeheuren Räumen umher. -</p> - -<p> -Das plötzliche Verschwinden Lodoiska’s -aus dem Schlosse gab der Neugierde der -Nachbarn neue Nahrung. Herr von Krauthof, -der diesem schönen Frauenzimmer nicht -gewogen war, verbreitete zuerst die boshaftesten -Gerüchte über die Nothwendigkeit dieser -schnellen Veränderung der Wohnung, und -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -bald erzählte man sich allgemein in der Umgegend, -daß die Eifersucht der Oberstin sie -verursacht habe. Glücklicherweise kamen diese -Gerüchte den betheiligten Personen nicht selbst -zu Ohren; aber der Arzt erfuhr sie ebenfalls, -und nahm sie nicht mit völliger Gleichgültigkeit -auf. Er erinnerte sich einer Menge -Umstände, die er in dem Augenblicke selbst -nicht beachtet hatte, die ihm aber jetzt als -ein Lichtstrahl zu sein schienen; doch hütete -er sich, von seinen Entdeckungen irgend Jemanden -etwas mitzutheilen, und zog es vor, -sich mit dem Obersten selbst darüber freimüthig -zu erklären, sobald er die Gelegenheit -dazu finden würde. -</p> - -<p> -Zu dieser Zeit wurden Helenens Gesundheitsumstände -immer bedenklicher. Vorzüglich -empfand sie eine große Schwierigkeit, -Athem zu holen; sie verlor ihre Kräfte, und -verfiel allmählich in eine Abzehrung, die sie -zum Grabe führen konnte. -</p> - -<p> -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -Wildenau, der wirklich ein Arzt von -großen Verdiensten war, studirte mit der -größten Genauigkeit alle Symptome dieser -Krankheit, welche dieselbe zu sein schien, wodurch -der kleine Wilhelm dem Leben entrissen -worden war. Eine außerordentliche Abspannung -und Schwäche, ein beständiges Bedürfniß -zu essen, ein anhaltender Schweiß; -alle Zeichen waren dieselben. Helene ward -still und schwermüthig, ohne die Gefahr zu -kennen, die ihr drohte; ihren Gatten schien -sie mehr als je zu lieben, und dieser war -weit entfernt, an ihren nahen Tod zu glauben. -</p> - -<p> -Seit der Flucht Lodoiska’s bemerkte der -Oberst mit Schrecken, daß dieses junge Mädchen -immer mehr die Oberhand in seinem -Herzen gewann, und aus Furcht vor den -Folgen dieser zunehmenden Neigung hätte er -vor sich selbst fliehen mögen. Bald war er -froh darüber, daß Lodoiska sich aus dem -Schlosse entfernt hatte, indem er sich schmeichelte, -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -daß dadurch die Ruhe seines Lebens -gesichert worden sei; bald seufzte er nach der -Rückkehr der Fremden, und es schien ihm, -daß das Schloß jetzt nichts als eine große -Einöde sei. Oft ging er in das Zimmer, -welches sie bewohnt hatte, und bildete sich -ein, sie dort wiederzusehen; er setzte sich in -ihren Lehnstuhl, oder auf ihr Bett, und wer -ihm zugesehen hätte, würde geglaubt haben, -daß er wahnsinnig geworden sei. -</p> - -<p> -Oefters führte ihn ein edles Gefühl zu -seiner Pflicht zurück, und voller Scham über -seine Schwäche, über den ihn entehrenden -Wahnsinn, suchte er in Gesellschaft seiner -Frau, seiner Tochter, reinere Gedanken zu -sammeln. In diesen Augenblicken verschwand -das Bild Lodoiska’s allmählich aus seinem -Herzen, und die tugendhafte Helene nahm -alle ihre Rechte wieder ein; aber leider dauerten -diese Augenblicke nicht lange: Lodoiska, -mit dem mächtigen Reiz eines Gegenstandes, -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -in dessen Besitz man noch nicht gewesen ist, -kehrte siegreich in sein Herz zurück. -</p> - -<p> -Mehrere Tage vergingen, während der -Oberst fast beständig unter diesen Kämpfen -mit seinem Innern zubrachte, seine Gattin -aber immer schwächer wurde. Sie war nicht -im Stande, wie sie es wünschte, Lodoiska’n -in ihrer neuen Wohnung einen Besuch abzustatten, -und diese ließ sich vor <a id="corr-7"></a>Niemandem -blicken. Sie begnügte sich damit, sich von -Zeit zu Zeit durch einen Bauer nach dem -Gesundheitszustande Helenens erkundigen zu -lassen. -</p> - -<p> -Wildenau fand sich täglich im Schlosse -ein, um der Oberstin seine ganze Kunst zu -widmen. Er vervielfältigte seine Fragen, um -die erste Ursache ihrer Krankheit kennen zu -lernen, aber die Antworten, die er erhielt, -waren weit entfernt, ihn zu befriedigen. -</p> - -<p> -„Ich erinnere mich durchaus keines Umstandes, -sagte sie, der meinen jetzigen Zustand -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -verursacht haben könnte, und Sie werden -sehen, daß ich eben so wie mein Sohn, unter -gleichen Umständen, sterben werde.“ -</p> - -<p> -— Um Gottes willen! unterbrach sie -der Arzt, glauben Sie so etwas nicht! Schon -dieser Gedanke allein ist im Stande, Ihren -Zustand zu verschlimmern, und überdieß sind -Sie weit entfernt von der Krankheit ihres -Kindes. — -</p> - -<p> -Helene erwiederte mit einem schwermüthigen -Lächeln: „Ich weiß, daß man mich -in dieser Hinsicht täuschen will; wenn ich -alle meine Gedanken offenbaren wollte, so -würde man mich für kindisch halten; allein -ich bin überzeugt, daß ich mich nicht irre, -und ich weiß am besten, welches Uebel mich -peinigt.“ -</p> - -<p> -— Diese Worte, erwiederte Wildenau, -beweisen, daß Sie uns irgend Etwas verschweigen -wollen. Aber das ist nicht gut, -es könnte die gefährlichsten Folgen haben. -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -Scheuen Sie sich nicht, uns Ihr Geheimniß -zu entdecken, was es auch sei; Sie leiten -mich dadurch vielleicht auf die richtige Spur, -Ihnen Ihre Gesundheit wiederzugeben. — -</p> - -<p> -Helene weigerte sich lange hartnäckig, -die Meinung, welche sie von ihrem Zustande -hatte, zu entdecken, bis sich der Oberst mit -dem Arzte vereinigte, und sie so dringend -bat, daß sie endlich erklärte: sie wolle ihr -Geheimniß ihrem Manne mittheilen, aber -unter der ausdrücklichen Bedingung, daß dieser -es gänzlich für sich behalten wolle. Dieß -war zwar nicht das, was Wildenau wünschte, -allein er mußte sich darein fügen, und entfernte -sich augenblicklich, mit dem Versprechen, -morgen wiederzukommen. -</p> - -<p> -Als Helene sich mit ihrem Manne allein -befand, verbarg sie ihr Gesicht in ihren Händen, -gleichsam aus Furcht, befragt zu werden. -Auch Alfred fürchtete, sie zu fragen, weil er -glaubte, daß seine Frau vielleicht von seinen -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -früheren Verhältnissen zu Lodoiska Kenntniß -erhalten habe, und daß der Kummer darüber -die Ursache ihres langsamen Dahinschmachtens -sei. Indessen mußte er sich doch endlich entschließen, -das Wort zu nehmen, und er -fragte daher Helenen, ob sie ihm nun ihr -Geheimniß anvertrauen wolle. -</p> - -<p> -„Ach Alfred! wie kann ich mich entschließen, -dir meine Gedanken mitzutheilen? -Was wirst du von mir denken, wenn du erst -meinen Wahnsinn kennst?“ -</p> - -<p> -— Wie so, liebe Helene? Ich hoffe doch -nicht, daß du an meiner Liebe zu dir zweifelst? — -</p> - -<p> -„Nein, Alfred, warum sollte ich dieß -thun? Es ist keinesweges bei meinen Träumereien -von ähnlichen Gegenständen die Rede, -sondern ich werde von einer schrecklichen Erscheinung -verfolgt ..... O, wie lächerlich -werde ich dir vorkommen!“ -</p> - -<p> -— Nein, nein, Helene! fürchte nichts, -sagte der Oberst mit der äußersten Zufriedenheit, -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -da er gewiß war, daß sie gegen ihn -keinen Verdacht geschöpft habe. — -</p> - -<p> -„Nun wohlan! Sei es nun Schwäche, -oder Aberglauben, oder irgend eine andere -Ursache, genug, es scheint mir, als wenn ich -alle Nächte von einem schrecklichen Ungeheuer -verfolgt werde, das sich über mich hinlegt, -mit seinem häßlichen stinkenden Munde den -meinigen berührt, und mir so das Blut aus -den Adern saugt. Kurz, ich werde von einem -<em>Vampyre</em> gequält. Glaube es mir sicher, -derselbe Dämon hat schon den Tod unseres -Sohnes, so wie einer jungen Bäuerin aus -dem Dorfe verursacht, obgleich bei der letztern -auf eine plötzliche und gewaltsame Weise.“ -</p> - -<p> -— Sprichst du wirklich im Ernst, Helene? -Suchst du nicht vielleicht mit mir durch -eine solche Entdeckung zu scherzen? — -</p> - -<p> -„Ich wußte es wohl, daß du über mich -spotten würdest; allein dem sei, wie ihm wolle, -ich habe die schreckliche Gewißheit von meinen -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -nächtlichen Qualen. Es ist nicht eben ein -bloßer Traum, der alle Nächte wiederkehrt; -nein, der Schmerz, den ich empfinde, das Gewicht -des Wesens, das mich fast erdrückt, -entreißt mich meinem Schlafe. Aber eine -höhere Macht hemmt alle meine Bewegungen, -schließt mir die Augenlieder, und überwältigt -meine Anstrengungen, mich von meinem Verfolger -loszumachen. Vergebens suche ich zu -schreien, die Töne ersterben in meiner Brust; -ich fühle die auf mir liegende Last und das -Verschwinden meines Blutes aus den Adern.“ -</p> - -<p> -— Du setzest mich in Erstaunen, Helene, -und ich weiß nicht mehr, was ich dir -antworten soll. Fühlst du nicht, daß du bloß -das Spiel einer traurigen Täuschung bist, -die nur durch deine Krankheit verursacht -wird, die sie verschlimmert, aber nicht hervorbringt? -Ich will nicht versuchen, dir die -Unmöglichkeit zu beweisen, daß ein solches -Wesen, wie du es fürchtest, existiren kann; -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -nie wird die Vorsehung erlauben, daß die -Gesetze der Natur auf eine so schreckliche -Weise verletzt werden. Aber du hast Zerstreuung -nöthig; unser jetziger Aufenthalt -taugt nicht mehr für uns, und mit dem -morgenden Tage wollen wir nach Prag reisen, -um dort deine völlige Genesung abzuwarten. — -</p> - -<p> -„Nein, Alfred, ich kann nicht einwilligen, -dieses Schloß zu verlassen. Ich bitte -dich, hier zu bleiben, weil eine allzutheure -Ursache mich hier fesselt.“ -</p> - -<p> -— Diese Ursache kann dir nur traurige -Erinnerungen bringen. Wenn du willst, so -wollen wir nach Dresden, deiner Vaterstadt, -reisen, oder wohin du sonst wünschest. Aber -der Anblick neuer Gegenstände muß dich diejenigen -vergessen machen, die deine Schwermuth -verursacht haben. — -</p> - -<p> -„Ich will mich nicht von hier entfernen, -weil ich sonst nicht neben dem -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -Grabe meines armen Wilhelm würde ruhen -können.“ -</p> - -<p> -Diese rührende Antwort, mit einem -Strom von Thränen begleitet, drohte Alfreds -Herz zu brechen. Er vermischte seine Thränen -mit denen seiner Frau, aber gab dessenungeachtet -ihren Wünschen nicht nach, sondern -stellte ihr die wichtigsten Gründe vor, -um sie zur Veränderung ihres Aufenthalts -zu überreden. Nach vielen Bitten mußte -sie endlich nachgeben, und sie ertheilte ihre -Einwilligung zu einem vierzehntägigen Aufenthalte -in Prag. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-8"> -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -Zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>ls Helene am andern Morgen die Anstalten -zur Abreise sahe, schien ihr Versprechen -ihr wieder leid zu werden, und sie bat ihren -Mann, seinen Entschluß aufzugeben. Allein -ihre Bitten waren vergebens; der Oberst -blieb fest bei seinem Willen. Vor der Abreise -schrieb Helene noch einige Zeilen an -Lodoiska, um sie zu benachrichtigen, daß -sie auf vierzehn Tage mit ihrem Gatten und -ihrer Tochter nach Prag reisen würde; zugleich -sprach sie den Wunsch aus, wie angenehm -es ihr sein würde, einen Besuch von -ihr in dieser Stadt zu erhalten, weßhalb auch -ein Zimmer für sie in der Wohnung, die man -wählen würde, bereit gehalten werden sollte. -</p> - -<p> -Wildenau, der durch einen Boten herbeigeholt -worden war, kam in dem Augenblicke -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -an, wo die Familie sich in den Wagen setzen -wollte. Kaum hatte der Oberst, ihn bei -Seite nehmend, noch Zeit genug, ihm im -Allgemeinen zu sagen, daß die Einbildungskraft -seiner Frau durch schreckliche Vorstellungen -angegriffen werde, weßhalb er es für -nöthig gehalten habe, sie zu zerstreuen, und -sie zu diesem Zwecke mitten in den Tumult -einer großen Stadt zu führen. Der Arzt -konnte diesen Plan nur billigen, und er versprach, -die Familie in der Stadt öfters zu -besuchen. -</p> - -<p> -Der Wagen, mit vier raschen Pferden -bespannt, eilte pfeilschnell auf der Landstraße, -die nach der Stadt führte, fort, und nach -zwei Stunden befand sich die Familie bereits -in Prag, im Gasthofe zum Kaiser. Sie -trat hier so lange ab, bis gegen Abend der -Oberst, welcher die ganze Stadt durchlaufen -hatte, zurückkehrte, mit der Nachricht, eine -sehr bequeme Wohnung, ganz wie er sie -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -wünschte, gefunden zu haben. Noch in dieser -Nacht schlief die Familie in ihrer neuen Behausung, -wo der Oberst sein Bett in das -Schlafzimmer seiner Frau hatte setzen lassen. -</p> - -<p> -„Du siehst nun, sagte er lächelnd zu ihr, -was ich für Anstalten zu deiner Beschützung -gemacht habe; ich bin hier mit Degen und -Pistolen, um den Dämon mit Vortheil zu -bekämpfen. Doch hoffe ich, nicht wirklich -mit ihm ins Handgemenge zu gerathen, weil -er uns wahrscheinlich nicht bis hierher folgen -wird; denn die Gespenster und bösen Geister -haben nur selten Erlaubniß in großen Städten -umherzuwandeln; nur in den alten Schlössern -vermögen sie zu spuken.“ -</p> - -<p> -Es war Alles vergebens, Helenen aufzuheitern; -sie blieb stets schweigend und tiefsinnig, -denn das Uebel, von welchem sie befallen -war, hatte schon zu große Fortschritte -gemacht. Sie legte sich zeitig schlafen, während -ihr Mann noch lange wachte; aber als -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -auch er endlich das Bett suchte, erstaunte er -über die außerordentliche Müdigkeit, die ihn -befiel, und kaum hatte er sich niedergelegt, so -schloß der Schlummer seine Augen. Mit anbrechendem -Tage erwachte er wieder, und da -er hörte, daß seine Frau sich im Bette umwendete, -um eine andere Lage zu suchen, fragte -er sie, wie sie die Nacht zugebracht habe? -</p> - -<p> -„Ganz so wie gewöhnlich, antwortete -sie; meinen Aufenthalt habe ich verändert, -aber meine Marter ist geblieben. Fahre -immer fort zu lächeln; der Vampyr hat mich -dessen ungeachtet nicht verlassen, ja er hat -sich heute schrecklicher und blutgieriger als -sonst gezeigt.“ -</p> - -<p> -Diese Antwort war für Alfred äußerst -niederschlagend; denn da er an die Wirklichkeit -ihrer Träume nicht glauben konnte, so -mußte er annehmen, daß wohl gar ihr Verstand -angefangen habe zu leiden. Er beschloß -daher, sie auf alle Weise zu zerstreuen, sie in -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -Gesellschaften, in’s Theater zu führen, und -noch an demselben Morgen beredete er sie, -sich mit ihm in den Wagen zu setzen, um in -der Stadt umher zu fahren, und die Merkwürdigkeiten -derselben zu besehen. -</p> - -<p> -Helene ward wider ihren Willen durch -die Menge und Verschiedenheit der Dinge, -die sie zu sehen bekam, belustigt, und schien -beim Mittagessen, wo sie mit vielem Appetit -aß, sich sehr wohl zu befinden. Der -Oberst sah sogar auf ihren blassen Wangen -einen Anschein von Farbe, und fühlte sich -von neuer Hoffnung erfüllt. Ganz seiner -Pflicht lebend, entfernte er jeden Gedanken -von sich, der ihm verbrecherisch scheinen konnte, -und suchte die Erinnerung an Lodoiska -völlig aus seinem Herzen zu verbannen. -</p> - -<p> -Die Nacht kam heran. Um einen Versuch -zu machen, ob seine Frau dadurch mehr -ermuthigt werden könnte, bat er sie um Erlaubniß, -sich neben ihr ins Bett zu legen, -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -und Helene willigte ein. Er versprach ihr, -so lange als möglich wach zu bleiben, um -durch seine Gegenwart das gefürchtete Ungeheuer -abzuhalten; aber er hatte sein Wort allzuverwegen -gegeben. Es dauerte nicht lange, -so befiel ihn der Schlaf mit solcher Gewalt, -daß er vergebens dagegen kämpfte, -und wider seinen Willen die Augen schloß. -</p> - -<p> -Als er wieder erwachte, fühlte er auf -der Stelle seines Herzens einen lebhaften -Schmerz, und als er mit der Hand dahin -tastete, wurde derselbe noch stärker. Er wendete -sich gegen die neben dem Bett stehende -Nachtlampe, und sein Erstaunen übertraf -jede Vorstellung, als er auf seiner Haut den -Abdruck von fünf Fingern, in gelben und -schwärzlichen Flecken, erblickte! Er urtheilte -sogleich, daß Helenens Hand diesen Druck -hervorgebracht habe, aber schloß auch daraus, -daß sein Schlaf außerordentlich fest gewesen -sein müsse, weil er nichts davon gefühlt hatte. -</p> - -<p> -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -Helene erwachte bald darauf ebenfalls; -ihr Stillschweigen sagte hinreichend, daß ihr -Zustand in dieser Nacht nicht besser gewesen -sei, als sonst, und es war also dringender -als je, ernstlich an ihrer Genesung zu arbeiten. -Der Oberst fuhr heute wieder vor -Tische mit Helenen spazieren, und benutzte -diese Gelegenheit, zugleich dem berühmtesten -Arzte in der Stadt seine Aufwartung zu machen. -Er bat denselben dringend, Alles zur Herstellung -seiner Frau anzuwenden, was der Arzt -auch versprach; aber indem er diesen Trost gab, -hatte er schon gesehen, daß Helenens Lebenskräfte -auf dem Punkt waren, zu erlöschen. -</p> - -<p> -Am folgenden Morgen war die Oberstin -so schwach, daß sie nicht im Stande war, -das Zimmer zu verlassen; sie empfing den -Besuch Wildenau’s, der bloß nach Prag gekommen -war, um einen Tag mit der Familie -zu verleben; aber der erste Blick überzeugte -ihn schon, daß die Kranke von einem Augenblicke -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -zum andern in ein anderes Leben hinüberschlummern -könne. -</p> - -<p> -Bald darauf trat sein geschickter Amtsbruder -ein, und beide beobachteten nun lange -Zeit die Symptome des Uebels, das mit so -fürchterlicher Schnelle wuchs; ihr Urtheil fiel -völlig gleich aus. Sie sahen, daß die Oberstin -höchstens noch eine Woche lang leben -konnte, und hielten es für angemessen, ihren -Gatten von dem ihm bevorstehenden Verluste -in Kenntniß zu setzen. -</p> - -<p> -Dieser unangenehme Auftrag mußte natürlich -auf Wildenau fallen, weil derselbe -mit dem Obersten schon länger in freundschaftlichen -Verhältnissen stand; er bat ihn -also einige Augenblicke mit ihm allein sein -zu dürfen, und machte ihn nun mit der -schrecklichen Wahrheit bekannt. Der Oberst -überließ sich seinem aufrichtigen Schmerze; -er wollte anfangs an der Wahrscheinlichkeit -der ärztlichen Behauptung zweifeln, und auf -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -dem Punkt, von seiner Gattin getrennt zu werden, -fühlte er seine frühere Liebe zu ihr sich in -ihrer ganzen Kraft erneuen. Es schien ihm -grausam, Helenen von ihrem bevorstehenden -Ende in Kenntniß zu setzen, und da er nicht -wußte, wozu er sich entschließen sollte, kehrte -er mit dem Arzte in Helenens Zimmer zurück, -wo er sich dergestalt setzte, daß seine Frau ihn -und seinen Kummer nicht sehen konnte. -</p> - -<p> -Die Oberstin fragte den Arzt mit schwacher -Stimme, ob er Lodoiska gesehen, oder -Nachricht von ihr habe? -</p> - -<p> -„Sie zu sehen, Frau Oberstin, <a id="corr-9"></a>antwortete -Wildenau, ist unmöglich, denn sie -kommt nie aus ihrem Hause, das beständig -verschlossen ist. Können Sie wohl glauben, -daß Herr von Krauthof den Muth gehabt hat, -sich abermals bei ihr zu zeigen, ungeachtet -der früher gemachten üblen Erfahrung?“ -</p> - -<p> -— Er ist also bei seinem zweiten Versuche -nicht glücklicher gewesen? — -</p> - -<p> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -„Der Ausgang war ganz derselbe, wie -das erste Mal, und er ist nun so entmuthigt, -daß er geschworen hat, nie wieder einen -Fuß in die Nähe des Hauses zu setzen.“ -</p> - -<p> -— So sind wir doch glücklicher gewesen, -fuhr Helene fort, denn sie hat sich öfters -sehr artig nach uns erkundigt. Das -sonderbare Wesen! Was führt sie bei ihrer -Jugend und Schönheit für eine Lebensart! -Dabei bleibt sie stets kalt und gleichgültig, -und erscheint mehr als eine Maschine, deren -<a id="corr-10"></a>Räderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, -als wie ein menschliches Geschöpf. Indessen -kann ich mir nicht erklären, welche Gewalt -sie über mich erlangt hat. Seitdem wir -von einander getrennt sind, vermisse ich sie -beständig, und es scheint mir, als wenn ich -sie in den letzten Stunden meines Lebens -bei mir haben müßte; auch wünschte ich ihr -nach meinem Tode die Aufsicht über meine -Tochter anzuvertrauen. — -</p> - -<p> -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -Diese mit schwacher Stimme ausgesprochenen -Worte setzten die beiden Zuhörer in -Schrecken. Der Oberst sprang heftig vom -Stuhle auf, ergriff Helenens Hand, und stammelte -einige Worte des Trostes und der -Hoffnung. Wildenau, der mehr an dergleichen -Szenen gewöhnt war, benutzte diese Gelegenheit, -um die Oberstin aufzufordern, einen -Geistlichen kommen zu lassen. -</p> - -<p> -„Sie thun sich großen Schaden, Frau -Oberstin, sagte er, daß Sie sich mit so -düsteren Gedanken quälen. Ich wünschte, daß -Sie Zutrauen genug in mich setzten, um -mir die Mittel zu erleichtern, Ihren Gesundheitszustand -zu verbessern; da Sie mir -dieß aber verweigern, warum fragen Sie -nicht einen jener frommen Geistlichen um -Rath, die gewohnt sind, an dem Bette der -Leidenden Trost zu ertheilen? Vielleicht würde -dieß Ihrem Zustande am zuträglichsten -sein.“ -</p> - -<p> -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -Ein schmerzliches Lächeln ging der Antwort -Helenens vorher. „Sie kommen meinen -Wünschen zuvor, sagte sie; ich war schon -im Begriff, meinen Mann zu bitten, daß -er einen Geistlichen kommen ließe. Zugleich -komme ich aber auf meinen vorher erwähnten -Wunsch zurück: ich sehne mich, die junge -Fremde wiederzusehen, und sie einige Zeit -bei mir zu haben.“ -</p> - -<p> -Der Ton, womit dieser Wunsch ausgedrückt -wurde, bewies, wie sehr Helene an -dessen Erfüllung hing, und die beiden Zuhörer -wurden davon überrascht, am meisten -aber der Oberst, der die Gefahr fühlte, welche -für ihn aus Lodoiska’s Gegenwart entstehen -mußte. Allein er wußte nicht, wie er diesem -Wunsche seiner sterbenden Frau ausweichen -sollte, und seine Verlegenheit hinderte ihn -anfangs, eine Antwort zu geben. Helene, -über sein Stillschweigen verwundert, fragte -ihn daher, ob ihr Verlangen tadelnswürdig -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -sei, und ob der Erfüllung desselben große -Hindernisse entgegenständen? -</p> - -<p> -Diese Frage weckte den Obersten aus seinen -Träumereien, und er antwortete, daß -er sich nur deßhalb nicht gleich erklärt habe, -weil er fürchtete, daß die seltsame Fremde -die Bitte abschlagen würde. „Da du aber -auf ihrer Gegenwart bestehst, fuhr er fort, -so versuche, ihr einige Zeilen zu schreiben, -denen ich meine Bitten noch hinzufügen werde, -und unser Bediente soll augenblicklich -mit unserm Wagen nach R**** fahren. -Ich hoffe dann, daß er sie mitbringen wird.“ -</p> - -<p> -Helene versuchte, den verlangten Brief -zu schreiben, wozu sie fast eine Stunde gebrauchte. -Der Oberst setzte dann folgende -Worte hinzu: -</p> - -<div class="letter"> -<p> -„Ja, Madame, wir bitten Sie um die -gütige Erfüllung unserer Wünsche. Wie -strenge auch Ihre früheren Entschlüsse sein -mögen, Sie dürfen sich jetzt dem Verlangen -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -meiner Frau nicht weigern, die Ihre -Gegenwart so sehnlich wünscht. Kehren Sie -daher in unsere Gesellschaft zurück, ich wiederhole -Ihnen nochmals meine Bitte; geben -Sie uns diesen Beweis Ihres Wohlwollens.“ -</p> - -</div> - -<p> -Während der Oberst schrieb, war Wildenau, -der Prag genau kannte, fortgegangen, -um einen Geistlichen herbeizuholen, der -die Oberstin auf dem ihr noch übrigen kurzen -Lebenswege geleiten und trösten möchte. -Es gelang ihm, einen der würdigsten ausfindig -zu machen, der ihm versprach, am -folgenden Morgen sich einzufinden, worauf -der Arzt zu seinen Freunden zurückkehrte. Da -seine Geschäfte ihn auf das Land zurückriefen, -so nahm er bald darauf von dem Obersten -und dessen Frau den rührendsten Abschied. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-9"> -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -Ein und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>s war acht Uhr des Abends, als der Wagen, -welcher um Mittag abgefahren war, -vor dem Hause still hielt. Bei dem dadurch -verursachten Geräusch erbebte der Oberst; -er nahm rasch ein Licht, und eilte die Treppe -hinab, weniger um der Fremden entgegenzugehen, -wenn sie wirklich angekommen wäre, -als um seine innere heftige Bewegung vor -seiner Frau zu verbergen. -</p> - -<p> -Als er auf den Hausflur gelangte, sahe -er eine weibliche Gestalt, in einen großen -schwarzen Shawl verhüllt, ernsten, langsamen -Schrittes auf sich zukommen, so daß er sich -über ihren Anblick überrascht fühlte, als -wenn er eine übernatürliche Erscheinung gesehen -hätte. Aber wie sehr vermehrte sich -seine Verwirrung, sobald er beim Scheine -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -des Lichts die Leichenblässe auf Lodoiska’s -Gesichte wahrnahm. Sie schien ein Gespenst -zu sein, so stier waren ihre Augen, so eingefallen -ihre Wangen; man mußte glauben, -daß sie dem Grabe hundert Mal näher sei, -als die Oberstin, welche stündlich ihrem Ende -entgegen sahe. -</p> - -<p> -Der Oberst, voll Entsetzen über diesen -Anblick, konnte kein Wort hervorbringen, um -die Forderungen, welche Höflichkeit und Anstand -an ihn machten, zu erfüllen. Unbeweglich -stand er da, und betrachtete die Zerstörungen, -welche ein so kurzer Zeitraum in den -Gesichtszügen Lodoiska’s hervorgebracht hatte. -Diese bemerkte sein Erstaunen, und mit einem -wilden Lachen hob sie an: -</p> - -<p> -„Hier bin ich! Sie haben mich gerufen. -Schmeicheln Sie sich aber nicht, mich nun -wieder zur Entfernung zu zwingen, wenn -Sie es wünschen werden.“ -</p> - -<p> -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -Glücklicherweise wurden diese lebhaft ausgesprochenen -Worte von Niemanden weiter -gehört. Er erschrak über den Sinn derselben, -suchte sich jedoch zu fassen, und antwortete -ihr mit einem Anschein von Galanterie, -wofür sie ihm einen fürchterlichen Blick zuwarf. -— -</p> - -<p> -Als Beide in das Zimmer der Oberstin -traten, brach diese beim Anblick der Fremden, -die so krank zu sein schien, wie sie selbst, in -Thränen aus, und reichte ihr freundschaftlich -die Hand entgegen. -</p> - -<p> -„Ach, wie gut sind Sie, meine Bitte erfüllt -zu haben! Aber Sie selbst scheinen der -Hülfe eines Arztes zu bedürfen. Warum kamen -Sie nicht früher nach der Stadt?“ -</p> - -<p> -— Mein äußeres Ansehen, erwiederte -die Fremde, setzt Sie in Irrthum. Meine -Gesundheitsumstände sind dieselben, wie vor -einem oder zwei Monaten, und es ist schwer, -mich besser oder schlechter zu befinden. Wenn -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -Ihnen meine Züge entstellt erscheinen, die -Blässe meines Gesichts Sie erschreckt, so setzen -Sie dieß auf Rechnung der Verwirrung, in -die ich durch Ihren Brief und den darin enthaltenen -Befehl gerathen bin. Sie wissen, -wie nothwendig mir die Einsamkeit ist, und -ich habe mich nur schwer ihr entreißen können; -aber, wenn man mich auf eine gewisse -Art bittet, so habe ich nicht das Recht, mich -zu weigern. Sie wollen mich haben, und ich -bin hier; glauben Sie, durch mich den nöthigen -Beistand zu finden? — -</p> - -<p> -Diese eben nicht höfliche Rede machte -einen unangenehmen Eindruck auf Helenen, -die den wahren Sinn derselben nicht errathen -konnte. Nach einigem Nachdenken fiel -ihr indessen der seltsame Charakter der Fremden -ein, und daß man bei ihr nichts beleidigend -finden müsse, weil ihr Betragen ganz -abweichend von allen übrigen Menschen war. -Helene bedurfte der Gesellschaft, und hatte -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -sich an Lodoiska gewöhnt; konnte sie sich also -über deren Sonderbarkeit beklagen? -</p> - -<p> -Ungeachtet ihrer anscheinend übeln Laune -liebkosete Lodoiska doch die kleine Julie, -welche kam, um ihr gute Nacht zu wünschen. -Sie nahm das Kind mit so vieler Zärtlichkeit -in ihre Arme, daß sie sich dadurch die -Gewogenheit der Mutter in einem Augenblicke -wieder erwarb. Der Oberst stand dabei, -in Träumereien versunken, unfähig ein -Wort hervorzubringen; er wagte es nicht, -weder seine Frau noch Lodoiska anzusehen, -und die Zukunft stellte sich ihm in einem -schauerlichen Dunkel dar. -</p> - -<p> -Am andern Morgen erklärte die Oberstin, -daß sie heute eine schrecklichere Nacht -als je gehabt habe. Dieß war auch leicht an -dem matten und schmerzhaften Ausdrucke ihres -abgemagerten Gesichts zu sehen; es war -augenscheinlich, daß ihre Schwäche mit jeder -Minute zunahm, und daß ihr Leben vielleicht -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -bald entfliehen würde. Da der erwartete -Geistliche sich noch immer nicht blicken ließ, -obgleich es schon nach neun Uhr des Morgens -war, so gerieth Helene darüber in Unruhe; -bald darauf meldete indessen Lisette seine -Ankunft an. Der Oberst ging ins Nebenzimmer, -um ihn zu empfangen; aber Lodoiska -stieß einen Schrei des Entsetzens aus, und -floh eilig in das ihr angewiesene Zimmer. -</p> - -<p> -Die tröstende Ueberredungskraft des würdigen -Geistlichen, der Helenen neben der Aussicht -auf ein künftiges, besseres Leben auch die -Hoffnung zu ihrer Genesung zeigte, machte -einen so guten Eindruck auf sie, daß sie sich -ruhiger fühlte, als der Prediger sie verließ; -er versprach ihr, am Abend und, wenn sie es -wünsche, auch am folgenden Morgen wiederzukommen. -</p> - -<p> -Nach seiner Entfernung kehrte der Oberst -ins Zimmer seiner Frau zurück, wo auch bald -darauf der Arzt erschien, welchen man in -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -Prag angenommen hatte. Dieser fand sie -nicht schwächer, als bei seinem letzten Besuche, -und verschrieb ihr einen stärkenden -Trank, wovon er sich die beste Wirkung versprach. -Da der Oberst bemerkte, daß Lodoiska -noch nicht wieder gegenwärtig war, -begab er sich nach ihrem Zimmer, und klopfte -leise an die Thür. -</p> - -<p> -„Wer ist da? sagte Lodoiska; was -soll ich?“ -</p> - -<p> -— Ich wollte Sie bitten, zu meiner -Frau zurückzukehren. — -</p> - -<p> -„Ist sie allein? Ist er nicht mehr da, -der furchtbare Mann, dessen Anblick ich nicht -mehr ertragen kann?“ -</p> - -<p> -Mit diesen Worten öffnete sie die Thür. -</p> - -<p> -„Aber von wem sprechen Sie denn?“ -fragte der Oberst. -</p> - -<p> -— Von wem ich spreche? Von dem -Geistlichen! Seitdem ich mein Vaterland verlassen -habe, ist es mir unmöglich, in der Gegenwart -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -von seines Gleichen auszuhalten; denn -ich bin auf ewig von ihnen geschieden. — -</p> - -<p> -Gerührt von dem Aberglauben dieser -Unglücklichen, den er ihrem Versuche zuschrieb, -sich das Leben zu nehmen, setzte -der Oberst dieses Gespräch nicht fort, und -sagte nur noch, daß kein Fremder im Zimmer -sei. -</p> - -<p> -„Dann will ich Ihnen folgen, fuhr Lodoiska -fort; aber versprechen Sie mir, Alfred, -wenn Sie nicht Zeuge des schrecklichsten -Auftritts sein wollen, mich vor jedem Zusammentreffen -mit einem Geistlichen zu bewahren. -Ach, dieß ist wahrlich das Geringste, -was Sie für mich thun können!“ -</p> - -<p> -Voller Mitleiden versprach der Oberst, -was sie wünschte, und kehrte dann mit ihr -zu Helenen zurück, die schon nach ihrem Anblick -verlangte. -</p> - -<p> -„Der Arzt, sagte sie, hat mir so eben -neue Hoffnung zu meiner Genesung gemacht, -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -und ich würde mich selbst über meinen Zustand -täuschen, so lange es Tag ist; aber -die schreckliche Nacht ist die gewisse Ursache -meines Todes. (Lodoiska bebte unwillkührlich -zusammen). Ich weiß am besten, daß -es mit meinem Leben bald zu Ende sein -wird; vorher aber habe ich noch einige Bitten, -deren Erfüllung allein mich mit Ruhe -sterben lassen kann.“ -</p> - -<p> -— Ach, theure Helene! rief der Oberst -lebhaft, ohne sich durch Lodoiska’s Gegenwart -stören zu lassen; gieb dich doch nicht -so schwarzen Gedanken hin. Du wirst noch -lange zum Glück deiner Familie leben, und -deine Wünsche selbst erfüllen können. — -</p> - -<p> -„Der eine meiner Wünsche, lieber Alfred, -kann nicht durch mich selbst erfüllt werden, -weil er mein Begräbniß betrifft. Ich -will nach meinem Tode neben meinem Sohne, -auf dem Kirchhofe zu R...., ruhen; jede -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -andere Erde würde mir fremd sein, und nur -dort soll man mich begraben.“ -</p> - -<p> -Seufzer und aufrichtige Thränen verhinderten -den Obersten, zu antworten; aber er -drückte die Hand seiner Frau in die seinigen, -und gab ihr durch dieses stumme Zeugniß -die Versicherung, daß er sich in ihren Willen -füge. Sie bestand also nicht weiter -darauf, und wandte sich nun an Lodoiska, -die leichenblaß und mit stierem Blicke schweigend -da saß. -</p> - -<p> -— Was Sie betrifft, meine Freundin, -fuhr die Oberstin fort, so bitte ich Sie, -auf einige Zeit die Obhut über meine Tochter -zu übernehmen. Sie haben sie bisher -immer mit Zuneigung behandelt, und ich -nehme daher die süße Ueberzeugung mit ins -Grab, daß Sie ihr eine zweite Mutter sein -werden, bis Ihre Angelegenheiten Sie aus -dieser Gegend abrufen. — -</p> - -<p> -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -Lodoiska stieß bei diesen Worten ein -lautes, unbeschreibliches Angstgeschrei aus. -Ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, -sank sie in den Lehnstuhl zurück, auf welchem -sie saß, und schien einem lebhaften Schmerze -zu erliegen, ohne eine Antwort ertheilen zu -können. Auch der Oberst erstarrte, als er -hörte, daß seine Frau ihrer heimlichen Nebenbuhlerin -empfahl, ihre Stelle zu vertreten; und -er wagte es nicht, Lodoiska’n zu Hülfe zu eilen, -aus Furcht, seine Gefühle zu verrathen. -</p> - -<p> -Da die Fremde immer noch schwieg, so -glaubte Helene, ihre Bitte wiederholen zu müssen. -Jetzt stand Lodoiska schnell auf, richtete -ihre dunkelflammenden Augen gen Himmel, -und rief: „Du willst es, allmächtige Vorsehung! -Wie könnte ich mich gegen deinen -Willen sträuben! Ja, ich nehme es an, was -du mir durch diese Unglückliche befiehlst; ja, -ich will die Wärterin ihrer Tochter sein bis -an ihren Tod!“ -</p> - -<p> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -Der bittere Ton, mit welchem Lodoiska -diese Worte aussprach, war für die arme -Helene gleichsam ein Dolchstoß in’s Herz; -doch wagte sie nicht, ihre Gefühle zu erkennen -zu geben, und sagte nur: „Verlassen -Sie wenigstens meine Tochter nicht -eher, als bis Sie sie dem Gatten überliefern -können, den ihr Vater für sie wählen -wird.“ -</p> - -<p> -Ein verächtliches Lächeln war der Fremden -ganze Antwort, und bald darauf entfernte -sie sich aus dem Zimmer. -</p> - -<p> -Fünf oder sechs Tage vergingen, während -welcher Helene immer schwächer wurde. -Vergebens verschwendete man an ihr alle -Mittel der Arzneikunst: sie vermochten nichts -gegen die fürchterliche, geheime Ursache, welche -allmählich ihren Tod herbeiführte. Jede Nacht -wachte der Oberst bei ihr in Gesellschaft einer -an dergleichen Dienst gewöhnten Frau; -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -aber durch ein seltsames Zusammentreffen -verfielen Beide in jeder Nacht zu derselben -Zeit in einen festen, todtenähnlichen Schlaf. -Jeden Morgen beklagte sich Helene über ihre -außerordentliche Erschöpfung, und im Geheimen -bei ihrem Gatten über den unersättlichen -Dämon, der ihr das Blut tropfenweis -aussaugte. Alfred wußte am Ende hierauf -nichts zu antworten, weil er glaubte, daß ihr -Verstand immer mehr durch nächtliche Phantasien -zerrüttet würde. -</p> - -<p> -Während dieser ganzen Zeit gab Lodoiska -ihrem ehemaligen Liebhaber weder -durch ein Wort noch durch einen Blick ihre -geheimen Empfindungen zu erkennen; sie betrug -sich gegen ihn, als wenn sie ihn nie gekannt -hätte. Für Helenen zeigte sie jetzt -während des Tages die größte Sorgfalt; -aber mit Anbruch der Nacht begab sie sich -in ihr Zimmer, das sie des Morgens erst -spät wieder verließ. -</p> - -<p> -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -Wildenau, der Freund der Familie, kam -von Zeit zu Zeit nach Prag; er belästigte -die spröde Lodoiska durchaus nicht mit seinen -Seufzern, sondern schenkte seine ganze Aufmerksamkeit -der Krankheit Helenens, deren -Tod er bei seinem Besuche in der nächsten -Nacht vorhersagte. Wirklich wurde auch sein -Urtheil bestätigt; denn mit dem Anbruch des -Tages war der letzte Hauch ihres Lebens aus -ihrem Körper entflohen. -</p> - -<p> -Wir versuchen es nicht, den Schmerz zu -beschreiben, welchem der Oberst sich ergab; -zu verschiedenen Malen mußte ihn Wildenau -mit Gewalt von dem Leichname Helenens -fortführen. Lodoiska ließ sich den ganzen -Tag über nirgends blicken, so daß endlich der -Arzt das Recht zu haben glaubte, sich gegen -Abend nach ihrem Zimmer zu begeben, weil -er fürchtete, daß auch sie der Hülfe bedürftig -sein könnte. Nachdem er an die Thür geklopft -hatte, erhielt er die Einladung einzutreten. -</p> - -<p> -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -Lodoiska, den Kopf auf einen Tisch gestützt, -saß in ihrem Lehnstuhle, ganz in ihren -schwarzen Schleier verhüllt. Sie hörte den -Worten Wildenau’s zu, ohne ihn anzusehen, -und antwortete ihm mit schwachem, aber -ruhigem Tone, daß sie keiner Hülfe bedürfe, -daß sie aber nach dem Tode ihrer Freundin -ihre Einsamkeit nicht verlassen wolle. Uebrigens -würde sie ihr gegebenes Versprechen erfüllen, -und sich daher morgen ganz allein -nach dem Schlosse R.... begeben, wo sie die -Ankunft des ihrer Obhut anvertrauten Kindes -erwarte. -</p> - -<p> -Wildenau, der auf eine ganz andere Antwort -gefaßt war, indem er glaubte, daß Lodoiska -doch wenigstens dem Leichenbegängniß -der Oberstin beiwohnen werde, behielt seine -Gedanken hierüber bei sich, und fragte nur, ob -man ihr einen Wagen zur Reise bestellen solle? -</p> - -<p> -„Ich danke Ihnen, erwiederte Lodoiska, -immer noch ohne ihn anzusehen; ich selbst -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -habe schon deßhalb die nöthigen Maßregeln -getroffen. Ich werde ganz früh abreisen, -weil es mir unmöglich ist, dem traurigen Leichenbegängniß -beizuwohnen.“ -</p> - -<p> -Sie schwieg. Ihre fortwährende Unbeweglichkeit -veranlaßte endlich den Arzt, sich -voll Verwunderung über die Seltsamkeit dieser -jungen Person zu entfernen. Er benachrichtigte -den Obersten von ihrem Entschlusse, -und dieser war insgeheim entzückt, daß Lodoiska -ihn durch ihre Gegenwart nicht in -der vollkommenen Erfüllung seiner Pflichten -stören würde. Am folgenden Tage brachte -man den Leichnam Helenens nach dem -Schlosse R...., wo diese unglückliche Mutter -neben dem Grabe ihres Sohnes ihre -Ruhestätte fand. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-10"> -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -Zwei und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>in Monat war verflossen, und Lodoiska -beobachtete immer noch im Schlosse die völlige -Zurückgezogenheit, wie sie es schon früher -gewohnt gewesen war, als sie sich in -ihrem Hause im Walde aufhielt. Ihr Zimmer -war jedem Andern als ihrer Bedienung -unzugänglich, und nur Julie hatte darin Zutritt, -obgleich dieses Kind weit lieber im -Garten unter Lisettens Aufsicht umherlief. -</p> - -<p> -Der Oberst, welcher anfangs den Augenblick -gefürchtet hatte, wo er nach dem Tode -seiner Gattin zum ersten Male wieder mit -seiner ehemaligen Geliebten zusammentreffen -würde, fing jetzt nach und nach an, sich über -Lodoiska’s hartnäckige Einsamkeit insgeheim -zu ärgern, und jemehr sie ihn zu vermeiden -schien, desto ungeduldiger wurde er am Ende, -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -sie zu sehen. Doch wagte er noch nicht, -seinen Wunsch laut werden zu lassen; er -verlebte seine Tage traurig und einförmig, theils -sich mit Lesen beschäftigend, theils -Wald und Feld in der Umgegend durchstreichend. -</p> - -<p> -Wildenau, der Arzt, war ebenfalls ungeduldig, -daß er die Fremde nicht mehr zu -sehen bekam, und nahm sich nun fest vor, -sich freimüthig mit dem Obersten zu erklären, -dessen Empfindungen für den Gegenstand -seiner Zärtlichkeit er schon seit längerer Zeit -in Verdacht hatte. Er wollte sich von den -Verhältnissen beider zu einander genau überzeugen, -um danach sein Betragen für die Zukunft -einzurichten. Aber verschiedene Male -ward er durch besondere Umstände von der -Ausführung seines Entschlusses abgehalten, -indem er theils nicht nach dem Schlosse kommen -konnte, wenn er es sich vorgenommen -hatte, theils daselbst mit besuchenden Nachbarn -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -zusammentraf, in deren Gegenwart er -die beabsichtigte Unterredung mit dem Obersten -nicht anfangen konnte. -</p> - -<p> -Lobenthal, ohne diesen Entschluß des -Arztes zu ahnen, fand sich dennoch in dem -Umgange mit seinem Freunde nicht mehr so -ungezwungen, seitdem sein Verhältniß zu Lodoiska -durch den Tod seiner Gattin verändert -worden war. Wildenau war nun sein -Nebenbuhler — — was er selbst sich nur erröthend -gestanden haben würde; und dennoch -beschäftigte sich sein Herz wider seinen Willen -mit diesem Gedanken. Sehr häufig floh -ihn der Schlaf bis spät in die Nacht hinein, -und wenn die übrigen Bewohner des Schlosses -schon längst sich der süßen Ruhe überlassen -hatten, war Alfred noch in seinem Zimmer -wach, wo er durch Lesen seine mancherlei -ihn peinigenden Gedanken zu verscheuchen -suchte. Aber dieses Mittel blieb gewöhnlich -vergeblich; Lodoiska’s Bild, das Andenken -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -an Helenen zogen seine Aufmerksamkeit von -dem Buche ab, und maschinenmäßig überflogen -seine Augen die Buchstaben, ohne ihren -Sinn zu erfassen. -</p> - -<p> -In einer Nacht, als der Oberst sich unruhiger -fühlte als je, wollte er durch Auf- -und Niedergehen in dem großen Saale des -Schlosses seinen Unmuth zu verscheuchen suchen; -er nahm daher sein Licht, und ging -mit demselben durch mehrere Zimmer, bis -er in den erwähnten Saal gelangte. Hier -setzte er das Licht auf das Gesimse eines alterthümlichen -Kamins, und bei dem schwachen -Scheine, der nicht im Stande war, den -weiten Raum zu erleuchten, ging er mit -großen Schritten durch die wenig geminderte -Finsterniß. -</p> - -<p> -Ungefähr seit einer Viertelstunde setzte -er diese Bewegung fort, als er die Flügelthür, -welche nach der Haupttreppe des Schlosses -führte, knarren hörte .... der Oberst -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -stand still .... die Thür öffnete sich, und -Lodoiska trat herein ..... Kaum konnte er -sie erkennen, so sehr verschwand sie durch die -Einhüllung in ihren schwarzen Shawl in der -Finsterniß, die das Licht nicht verscheuchen -konnte; doch bemerkte er bei dem schwachen -Schimmer desto besser die Leichenblässe ihres -Gesichts. Sie schien kein menschliches Wesen -zu sein, und gleich einer überirdischen -Erscheinung durch den dunkeln Raum einherzuschweben; -ja die Einbildungskraft Alfred’s -stellte sie ihm auf einen Augenblick beflügelt -und von Blute triefend vor; aber dieser Anblick -ging mit der Schnelligkeit des Blitzes -vorüber, obgleich der Oberst darüber fast erstarrte. -Lodoiska, ohne das geringste Erstaunen -über den Anblick ihres Geliebten zu zeigen, -den sie sogleich erkannte, stand still, und -stützte sich auf einen alten Lehnstuhl, als -wenn sie sich von einer langen Anstrengung -einen Augenblick lang hätte erholen wollen. -</p> - -<p> -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -Jetzt näherte sich Alfred, obgleich nicht -ohne heftige innere Bewegung, der jungen -Fremden. -</p> - -<p> -„Endlich, sagte er, sehe ich Sie wieder, -und zwar an demselben Orte, und in derselben -Stunde, wo Sie mir vor einiger Zeit -Ihre Entfernung von hier ankündigten. Wie -seltsam ist dieses Zusammentreffen! Ich mußte -es also dem bloßen Zufalle verdanken?“ -</p> - -<p> -— Es ist möglich, antwortete Lodoiska -mit ihrem gewöhnlichen schwermüthigen Tone, -daß in Absicht auf Sie der Zufall hier sein -Spiel treibt; was aber mich betrifft, da ich -in jeder Nacht mich in diesem Saale zu erholen -pflege, so sehe ich in diesem Zusammentreffen -nur Etwas, das auf jeden Fall früher -oder später Statt finden mußte. — -</p> - -<p> -„Wie! Lodoiska, in jeder Nacht, sagen -Sie, kommen Sie hier her? Welchen Reiz -kann dieser weite und verfallene Saal für -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -Sie haben, wo man nur unangenehmen Vorstellungen -ausgesetzt ist, sobald das Licht des -Tages nicht mehr leuchtet?“ -</p> - -<p> -— Ich mache mir wenig aus dem Glanz -der Sonne oder aus dem schauerlichen Anblick -der Finsterniß. Ich lache über Alles, was -Andere meines Geschlechts in Furcht setzt; -ich verspotte das Schrecklichste, und durch ein -trauriges Schicksal gefalle ich mir am besten -in der Mitte des Fürchterlichsten und Verabscheuungswürdigsten -für alle übrige Menschen. -— -</p> - -<p> -„Ach, werden Sie denn nie Ihre Gesinnungen -ändern? Werden Sie nie zu fröhlichen -Vorstellungen zurückkehren? Die Vergangenheit, -deren Andenken anfangs so peinlich -ist, verliert durch die Länge der Zeit den -unangenehmen Eindruck auf uns, ja öfters -verwandelt der Lauf der Dinge das heftigste -Leid in Freude. Sollte Ihr Herz dieser -Wirkungen nicht empfänglich sein?“ -</p> - -<p> -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -— Nein! sie gleiten eindruckslos an -mir vorüber. Sie sprechen von der Vergangenheit; -ich kenne sie nicht mehr; für mich -ist die Gegenwart Alles, da ich weder rückwärts -noch vorwärts gehen kann. Ich bin -nur an <em>einen</em> festen Punkt gebannt, und -die Hoffnung, welche selbst der Elendeste der -Menschen noch in seinem Herzen nährt, sie -ist mir völlig fremd. Was wollen Sie -dagegen thun, Alfred? Sie selbst haben -Lodoiska’s Schicksal bestimmt; wundern -Sie sich also nicht, wenn es unveränderlich -bleibt. — -</p> - -<p> -„Je mehr ich Sie reden höre, grausame -Freundin, desto mehr zerreißen mir Ihre unerklärbaren -Worte das Herz. Was ist es -für eine grenzenlose Verzweiflung, der Sie -sich überlassen? Sind Sie die Einzige, die -nicht mehr auf die Zukunft hoffen darf? -Ach, kehren Sie zu sich selbst zurück, überzeugen -Sie sich, daß Ihre Lage sich noch ändern -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -kann; das Glück wird Ihnen nicht stets -entgegen sein.“ -</p> - -<p> -— Kann es machen, Alfred, erwiederte -Lodoiska lebhaft, daß Ihr Versprechen wieder -aus dem Grabe ersteht, wo ich es auf -ewig verborgen habe? — -</p> - -<p> -„Mein Versprechen, sagen Sie?“ -</p> - -<p> -— Ja, Ihr Versprechen, das Sie mit -Ihrem Blute unterzeichneten, und das Sie -unwiderruflich an mich fesselt. — -</p> - -<p> -„Ist dieß der Augenblick, mich daran -zu erinnern? Und wie auch meine geheimen -Empfindungen sein mögen, sehen Sie nicht, -daß ich Trauerkleider trage? Denken Sie -nicht an die schmerzliche Begebenheit, die vor -Kurzem Statt fand?“ -</p> - -<p> -— Ich weiß, daß Sie, obgleich Sie behaupten, -nichts als mein Glück zu wünschen, -noch nie angestanden haben, meinem Herzen -eine neue Wunde zu schlagen. Ich weiß, -daß Sie mich schändlich betrogen haben; -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -dieß ist der einzige Umstand aus der Vergangenheit, -dessen ich mich noch erinnere, der -Sie vernichten muß, und über den Sie auf -ewig seufzen werden! — -</p> - -<p> -„Ich wünschte, Sie wieder zu sehen, Lodoiska; -aber ich wußte nicht vorher, daß -dieß nur geschehen würde, um Ihre Vorwürfe -anzuhören. Wie ungerecht sind Sie, und -wie wenig kennen Sie mich!“ -</p> - -<p> -Ein Strahl von Freude glänzte in den -Augen der Fremden, und ihre Lippen verschlangen -einige Worte, die sie auszusprechen -im Begriff war. Es folgte ein Augenblick -des Schweigens, der nicht ohne Süßigkeit -für sie war, und schon erschien eine gewisse -Heiterkeit auf ihrer Stirn, die seit langer -Zeit davon verscheucht gewesen war, als ein -bitterer Gedanke Alles wieder zerstörte. Lodoiska’s -Blick wurde wilder, und sie legte -ihre Hand auf ihr Herz, gleichsam um dessen -schmerzliches Klopfen zu unterdrücken. -</p> - -<p> -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -„Auch ich wünschte Sie wiederzusehen, -Alfred, sagte sie, weil es mir schien, als -wenn Sie noch derselbe sein könnten, wie -früher; aber ich besitze jetzt keinen von den -Reizen mehr, die Sie vormals entzückten.“ -</p> - -<p> -— Ich liebte damals die vortrefflichen -Eigenschaften Ihres Herzens eben so sehr, -als Ihre Reize. Die Zeit konnte Ihnen -einen kleinen Theil der letzteren rauben; -aber vermochte sie etwas gegen die inneren -Vorzüge Ihrer Seele? — -</p> - -<p> -„Ich kann Ihnen nichts darauf antworten, -Alfred. Unsere Unterhaltung, die uns nur -Kummer verursacht, hat schon viel zu lange -gedauert. Leben Sie wohl, ich muß mich entfernen. -Erwarten Sie, was die Vorsehung -entscheiden wird. Ach, wie schrecklich ist das -Schicksal, womit mich ihr Zorn belastet hat!“ -</p> - -<p> -— Ja, lassen wir die Zeit ruhig verstreichen; -wir werden uns einst wieder vereinigen, -und dann .... — -</p> - -<p> -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -„Und dann gehen wir beide gerade dem Grabe -zu, das uns als Hochzeitbett dienen wird!“ -</p> - -<p> -— Welche schreckliche Vorhersagung! Lodoiska, -wie können Sie so grausam sein? -Sehen Sie denn nichts als einen Sarg in -der Zukunft? — -</p> - -<p> -Lodoiska antwortete nicht, sondern entfernte -sich mit größter Eile. Als sie sich -auf der Treppe befand, ließ sie ein lautes -Gelächter erschallen, welches einen so schrecklichen -Eindruck auf den Obersten machte, -daß er wie erstarrt dastand, und das Hohngelächter -eines höllischen Wesens gehört zu -haben glaubte. -</p> - -<p> -„Armes Mädchen, sagte er endlich, dein -Unglück hat dich eines Theils deiner Verstandeskräfte -beraubt und deinen liebenswürdigen -Charakter völlig entartet. Aber dennoch -bleibt sie immer höchst interessant, und vielleicht -kehrt sie zu andern Vorstellungen zurück, -wenn die Ursache ihres Unglücks aufgehört hat.“ -</p> - -<p> -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -Während er diese Worte ziemlich lebhaft -und laut aussprach, glaubte er hinter sich -einen tiefen Seufzer zu hören. Er drehte sich -schnell um, und erblickte nun in dem finsteren -Theile des Saales eine weiße Gestalt, die -ein Kind an der Hand führte, und mit ihm -aus dem Saale in das anstoßende Zimmer ging. -Ungeachtet seines Muthes erbebte der Oberst -bei diesem Anblicke. Seine Einbildungskraft -gab der Gestalt Gesichtszüge, die ihm ein theures -Andenken hervorriefen. Anfangs wußte er -nicht, was er thun sollte; dann aber ergriff -er das Licht, und folgte den Erscheinungen -in’s anstoßende Zimmer. Er fand es einsam -und leer; nur seine eigenen Schritte unterbrachen -das tiefe Schweigen der Nacht .... -und doch hatte er mit eigenen Augen gesehen. -Von Angst gefoltert und mit großen Schweißtropfen -bedeckt, kehrte er endlich in sein Schlafzimmer -zurück. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-11"> -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -Drei und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Oberst fand in dieser Nacht keine Ruhe. -In angstvollen Gedanken versunken ging er -mit heftigen Schritten auf und nieder, bis -endlich die Morgenröthe anbrach, und mit -ihr die Ruhe in seine stürmisch bewegten -Adern zurückkehrte. -</p> - -<p> -Die kleine Julie pflegte jeden Morgen -in das Zimmer ihres Vaters zu kommen, um -ihm einen Kuß zu bringen; auch heute erschien -sie zur gewöhnlichen Zeit, aber ihre -sonst immer lachende Physiognomie war traurig, -und man bemerkte eine auffallende Blässe -in ihren Gesichtszügen. -</p> - -<p> -„Bist du krank, mein Kind?“ fragte ihr -Vater sie beunruhigt. -</p> - -<p> -— Nein, lieber Vater; aber ich habe -schlecht geschlafen. -</p> - -<p> -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -„Wer hat dich denn daran verhindert? Lisette -sagt ja, daß du sonst ganz vortrefflich schläfst.“ -</p> - -<p> -— O, lieber Vater, ich wollte es dir -wohl sagen, wenn es mir Lisette nicht verboten -hätte. — -</p> - -<p> -„So muß ich wohl alle weitere Fragen -einstellen? Dennoch bin ich sehr neugierig, -die Ursache deiner Schlaflosigkeit zu wissen; -sie muß sehr böse sein, da du plötzlich deine -frische Gesichtsfarbe dadurch verloren hast.“ -</p> - -<p> -— Weinst du auch nicht, Väterchen, -wenn ich dir die Wahrheit sage? — -</p> - -<p> -„Ich hoffe so viel Gewalt über mich zu -besitzen, daß ich meine ersten Gefühle überwinde, -wenn deine Erzählung traurig ist.“ -Der Oberst sagte dieß, sich zum Lächeln -zwingend, obgleich eine böse Ahnung sein Inneres -schon mit Schrecken erfüllte. -</p> - -<p> -— Nun, so will ich dir Alles erzählen. -Wilhelm und meine gute Mutter haben mich -heute Nacht besucht. Sie blieben fast die -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -ganze Nacht zu beiden Seiten meines Bettes -sitzen, um, wie sie sagten, mich gegen den -Dämon zu vertheidigen, der ihnen den Tod -gegeben hat, und der sich auch an meinem -Blute sättigen will. Anfangs fürchtete ich -mich sehr, ward aber nachher vollkommen -beruhigt. Wilhelm sahe so glücklich und -selig aus! Meine Mutter blickte mich mit -so großer Zärtlichkeit an! Sie haben mir -versprochen, mich nicht mehr aus den Augen -zu verlieren, und mit Anbruch des Morgens -verließen sie mich erst, indem sie versicherten, -daß ich bei Tage nichts zu fürchten hätte. -Sie sprachen mit mir von vielen Dingen; -aber glaubst du wohl, lieber Vater, daß sie -dich mit keiner Silbe erwähnten? Ich sagte -ihnen, wie sehr du über ihren Verlust weintest; -aber sie schüttelten den Kopf, und lächelten, -ohne mir zu antworten. — -</p> - -<p> -Das Kind hätte noch lange in seiner -Erzählung fortfahren können, ohne daß sein -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -Vater daran dachte, es zu unterbrechen. -Stumm vor Verwirrung, durch Schrecken -und Verzweiflung im Innersten seines Herzens -ergriffen, saß er unbeweglich in seinem -Lehnstuhle da. Die unbegreifliche Uebereinstimmung -zwischen dem, was er selbst gesehen -hatte und was seine Tochter ihm jetzt erzählte, -versetzte ihn in einen Wirrwarr von Gedanken, -aus welchem er sich nicht wieder herausfinden -konnte. Zum ersten Male unterlag -er einem abergläubischen Schrecken. Indessen -stand Julie noch immer vor ihm, seine -Antwort erwartend, und er brach endlich das -Stillschweigen, indem er mit bewegter Stimme -ihr für die Mittheilung der nächtlichen -Scene dankte. -</p> - -<p> -„Du mußt, sagte er, diesen Traum als -eine Wohlthat Gottes betrachten. Er hat -dich dadurch belehren wollen, daß deine Mutter -und dein Bruder vom Himmel herab -dich vor dem Dämon beschützen werden, <a id="corr-13"></a>das -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -heißt, vor der Sünde; dieß ist der Sinn der -Worte, die du gehört hast.“ -</p> - -<p> -— O, lieber Vater, ich schlief nicht, -als sie in mein Zimmer kamen. Von der -Sünde haben sie mir nichts gesagt, sondern -bloß von einem abscheulichen Wesen, das uns -alle verderben will, und das sie einen <em>Vampyr</em> -nannten. Ich weiß recht gut, was -dieß ist; denn der arme Werner hat uns von -diesen bösen Geistern erzählt. Ich habe noch -jedes Wort behalten, denn die Vampyre ... — -</p> - -<p> -„Mein Kind, ich kenne ihre Geschichte -besser als du; aber man hätte sie dir ersparen -sollen, weil dadurch deine Einbildungskraft -erhitzt wurde, und dieß vielleicht die -Ursache deines Traumes ist. Glaube mir, -Julchen, vergiß ihn gänzlich; denn man -würde dich auslachen, wenn du davon erzähltest; -man würde dich für ein kleines furchtsames -Mädchen halten, oder dich wohl gar der -Lüge beschuldigen, wenn du behauptest, nicht -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -geschlafen zu haben. Was mich betrifft, so -zweifle ich nicht an deiner Wahrheitsliebe; -du glaubtest wirklich zu sehen, was doch nur -Täuschung war; vor allen Dingen aber bitte -ich, gegen Lodoiska darüber das tiefste Stillschweigen -zu beobachten.“ -</p> - -<p> -— O, sei unbesorgt, lieber Vater, ich -weiß es schon, daß ich ihr nichts davon sagen -darf. Wilhelm hat es mir sehr dringend -anempfohlen; denn er behauptet, sie -sei meine ärgste Todfeindin. — -</p> - -<p> -Dieser neue Schlag verwundete den Obersten -mitten im Herzen. Er sprang heftig -auf und entließ seine Tochter, um sich wieder -zu sammeln. Unerklärlich war es ihm, -wie so viel Seltsames so genau übereinstimmen, -wie es möglich sei, daß ein Traum eines -Kindes so viel Wahres enthalten könne. -Ach, er selbst hatte die Erfahrung gemacht, -daß eine Stiefmutter fast immer die Feindin -der Kinder ist, die sie nicht selbst geboren -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -hat. Sein eigener Vater hatte sich zum -zweiten Male verheirathet, und seine ganze -Jugend wurde deßhalb durch täglichen Zank, -ungerechte Beschuldigungen, und Versuche, -ihn mit seinem Vater zu entzweien oder ihm -den größten Theil seines Vermögens zu entziehen, -vergiftet. Zum ersten Male dachte -er jetzt an das Unrecht, was er seiner Tochter -zufügen würde, wenn er sich jemals wieder -vermählte, und die väterliche Zärtlichkeit -erhob einen neuen Kampf in seinem Herzen. -</p> - -<p> -Nicht ohne das größte Erstaunen sahe -er zur Frühstückszeit Lodoiska in’s Speisezimmer -treten. Sie schien zeigen zu wollen, -daß sie jetzt völlig zufrieden sei, aber dennoch -blickte ein tiefer Verdruß durch ihre verstellte -Freude. Die kleine Julie sahe sie mit dem -finsteren Ausdruck des heftigsten Zornes an, -aber nur, wenn Alfred’s Blicke nicht auf sie -gerichtet waren. Sie scherzte über ihre lange -Zurückgezogenheit, und sagte, daß sie von nun -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -an ihren Schmerz zwar nicht vergessen, aber -doch zerstreuen wolle. Sie ließ ihren Verstand -mit so vielem Vortheile glänzen, und -betrug sich so liebenswürdig, daß der Oberst, -anfangs auf seiner Hut, dennoch bald dem -Einflusse nachgab, den sie über ihn ausüben -wollte. Die Vergangenheit stellte sich gänzlich -in den Hintergrund. Alfred sah in Lodoiska -nur das Mädchen seiner ersten heftigsten -Liebe, und sein Entzücken stieg auf’s -Höchste, als sie ihre Harfe nahm, und durch -ihre hinreißende Stimme ihn gleichsam aus den -Grenzen des irdischen Daseins hinauszauberte. -</p> - -<p> -In diesem Augenblicke war Wildenau, -den man übrigens gar nicht erwartete, im -Schlosse angekommen. Voll Erstaunen, harmonische -Töne an einem Orte zu hören, wo -die äußern Zeichen der Trauer noch nicht -verschwunden waren, stand er in dem Vorzimmer -still, und ein der offenen Thür gegenüberhängender -Spiegel zeigte ihm, was -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -vorging. Der Arzt kam in der Absicht, sich -mit dem Obersten in Betreff Lodoiska’s eine -Erklärung zu verschaffen; was er aber jetzt -sahe, überhob ihn jeder weiteren Unterhaltung -über diesen Gegenstand. Das Entzücken -des Obersten, die Blicke Lodoiska’s, die -so leicht zu erkennende Uebereinstimmung -zweier gleichfühlenden Herzen, Alles gab ihm -den Beweis, daß beide schon durch eine frühere -Liebe vereinigt gewesen. Bei diesem -Gedanken entstand der fürchterlichste Verdacht -in seinem Herzen; doch unterdrückte -er ihn wieder voller Scham vor sich selbst. -An der Rechtschaffenheit des Obersten konnte -er nicht zweifeln; aber die finstere, wilde Lodoiska -flößte ihm nicht ein gleiches Vertrauen -ein, und mancherlei Geheimnisse erklärten -sich ihm jetzt so deutlich, daß er davor -schauderte. -</p> - -<p> -Lodoiska hörte jetzt auf zu singen, und -nun hielt es Wildenau für passend, sich zu -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -zeigen. Seine Gegenwart schien der Fremden -höchst ungelegen zu sein, daher sie bald -darauf die Gesellschaft verließ, und der Oberst, -dadurch gewissermaßen dem Arzte Preis gegeben, -fühlte sich in großer Verlegenheit, so -daß er sogleich wünschte, ein neuer Besuch -möchte ihm zu Hülfe kommen. Aber es geschah -nicht, und der Arzt, der seinen Zustand -sehr genau beobachtete, fühlte Mitleiden mit -ihm, so daß er seiner Verwirrung ein Ende -machen wollte, und ohne weitere Umschweife -seinen Angriff begann: -</p> - -<p> -„Sie sind ein Mann von Ehre, Herr -Oberst, und ich glaube einiges Recht auf -Ihre Achtung zu haben. Haben Sie daher -die Güte, mir nur eine einzige Frage zu beantworten; -sie enthält nichts Feindseliges, -sondern soll nur dazu dienen, mein künftiges -Betragen zu bestimmen. Haben Sie die -schöne Fremde schon gekannt, ehe sie zum -ersten Male in dieser Gegend erschien?“ -</p> - -<p> -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -— Herr Doktor, antwortete der Oberst -sehr bewegt, wenn jeder Andere mich so -fragte, so würde ich gegen ihn ein vollkommenes -Stillschweigen beobachten. Aber ich -weiß, wie sehr ich mich gegen Sie vergangen -habe, und ich kann mein Unrecht nur durch -meine Aufrichtigkeit wieder gut machen. Lodoiska -war das erste weibliche Wesen, das -mir Liebe einflößte. Ich befand mich damals -in ihrem Vaterlande; ich konnte über -ihre Tugend nicht siegen, und dennoch vergaß -ich sie, nachdem ich ihr das feierlichste -Versprechen gegeben hatte, sie zur Gattin -zu nehmen. Aber sie leistete nicht auf mich -Verzicht, sondern hat mich bis hierher nach -Deutschland verfolgt; so lange indessen meine -unglückliche Frau gelebt hat, ermuthigte ich -ihre Leidenschaft auf keine Weise. Dieß, -schwöre ich Ihnen, ist reine Wahrheit. — -</p> - -<p> -„Es ist genug, Herr Oberst, mehr verlange -ich nicht; nur hätten <a id="corr-14"></a>Sie vielleicht mit -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -diesem Geständniß gegen mich nicht so lange -zögern sollen.“ -</p> - -<p> -— Konnte ich anders? Ist das Geheimniß -anderer Menschen auch das unsrige, -und konnte ich daher das Geheimniß Lodoiska’s -wider ihren Willen entdecken? Jetzt -habe ich es nur für Sie allein entschleiert, -und ich hoffe, Sie werden es Niemanden anvertrauen. -— -</p> - -<p> -„Leben Sie wohl, Herr Oberst; möchten -Sie glücklich sein! Möge die Zukunft Sie -die Vergangenheit nicht vermissen lassen.“ -</p> - -<p> -Nach diesen Worten entfernte sich Wildenau, -ungeachtet der dringenden Bitten des -Obersten, zum Mittagsessen da zu bleiben. -</p> - -<p> -„Nein! sagte er; erlauben Sie, daß ich -mich entferne; denn ich darf durch meine Gegenwart -der Fremden keine unangenehmen -Empfindungen verursachen. Sie würde in -meiner Gesellschaft nur verlegen, ich aber -keinesweges bei ihr in guter Laune sein. -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -Nochmals, leben Sie wohl! Empfangen -Sie meine aufrichtigsten Wünsche für Ihr -Glück.“ -</p> - -<p> -Diese Worte des Arztes waren ohne -Zweifel sehr natürlich und der Sache völlig -angemessen; aber dennoch glaubte der Oberst -darin eine Art von Vorwurf zu erblicken, -der ihn in Unmuth setzte. Er unterdrückte -ihn indessen, indem er das vermeintliche -Bittere in dem Betragen seines Freundes -auf Rechnung seiner verschmäheten Liebe verzeihen -zu müssen glaubte. -</p> - -<p> -Mehrere Wochen vergingen nach dieser -Unterhaltung, und Lobenthal, der sich immer -mehr seiner Neigung hingab, machte die -jungfräuliche Lodoiska zum zweiten Male zur -Gebieterin seines Herzens. Diese schien bald -überaus glücklich zu sein, bald sich wieder -ihrer wilden Schwermuth zu überlassen; je -mehr Gewalt sie über ihren alten Liebhaber -erhielt, desto mehr überließ sie sich den eigensinnigsten -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -Launen. Vorzüglich zeigte sie -eine außerordentliche Abneigung gegen die -kleine Julie, so daß schon ihr bloßer Anblick -ihr einen geheimen Unmuth verursachte, den -sie vergebens zu verbergen oder zu unterdrücken -suchte. Dem Obersten konnte dieser -Haß nicht lange unbekannt bleiben, und er -machte ihr darüber sein Erstaunen, selbst sein -Mißvergnügen bemerklich. -</p> - -<p> -„Ach Alfred, antwortete die Fremde, ich -mache mir selbst mehr Vorwürfe darüber, als -du dir vorstellen kannst; ich fühle, wie ungerecht -mein Haß gegen dieses liebenswürdige -Geschöpf ist; aber kann man den Empfindungen -seines Herzens befehlen? Ich will -allein in dem deinigen herrschen, und Alles, -was dich an eine Andere erinnert, ist mir -daher unerträglich. Mit der Zeit werde ich -ohne Zweifel vernünftiger werden, aber jetzt -kann ich den Sieg über mich selbst noch nicht -erringen. Indem ich dich mehr liebe als je, -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -habe ich alle menschliche Schwachheiten wieder -angenommen. Habe Mitleiden mit mir -und mit meinem Kummer, der mich schon -seit so langer Zeit, seitdem du mich verlassen, -gequält hat.“ -</p> - -<p> -Diese Worte und die dazu reichlich vergossenen -Thränen beruhigten den Obersten; -er glaubte den Augen der Gebieterin seines -Herzens einen Gegenstand unwillkührlichen -Widerwillens entziehen zu müssen, und ohne -Lodoiska vorher davon zu benachrichtigen, -fuhr er eines Morgens mit Julien nach -Prag, wo er sie in eine der besten Erziehungsanstalten -that. -</p> - -<p> -Die unerklärbare Lodoiska zeigte den -größten Kummer, als sie Juliens Abreise -erfuhr. „Wenn Sie Ihre Tochter aus dem -Hause schaffen, sagte sie zum Obersten, so -zwingen Sie mich dadurch, mich ebenfalls -daraus zu entfernen. Ihretwegen allein war -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -ich hier: sie ist fort, unter welchem Titel -kann ich nun noch hier verweilen?“ -</p> - -<p> -— Unter dem Titel, der mir der theuerste -sein würde, liebe Lodoiska, erwiederte -Alfred voller Zärtlichkeit, und den ich Ihnen -schon angeboten hätte, wenn der äußere Anstand -mich nicht abhielte. Es hat der Vorsehung -gefallen, die früheren Hindernisse unserer -Vereinigung hinwegzuräumen; werden -Sie mir jetzt abschlagen, was Sie früher -vielleicht glücklich gemacht hätte? — -</p> - -<p> -Lodoiska mußte ohne Zweifel schon lange -auf eine solche Erklärung gefaßt sein; aber -dennoch stand sie wie erstarrt, als Lobenthal -so zu ihr sprach. Ihr Inneres ward von -verschiedenen Empfindungen bewegt, und sie -fühlte zu gleicher Zeit die höchste Glückseligkeit -und die tiefste Verzweiflung. Sie sahe -den entscheidenden Augenblick sich nähern; -sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch <a id="corr-15"></a>auszuüben -oblag; sie hätte eigentlich nichts als -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -Rache in ihrem Busen tragen sollen; aber -die Alles besiegende Liebe hatte auch sie unterjocht. -Durch ihre Sinne gehörte sie noch -der Erde an, und sie kämpfte daher hartnäckig, -obgleich vergebens, gegen die höhere -Macht, die ihre Handlungen gebieterisch leitete. -Endlich faßte sie sich, und rief: -</p> - -<p> -„Nein, Alfred, nein! Reden Sie mir -nicht mehr von einer Feierlichkeit, an welcher -ehemals meine ganze Glückseligkeit hing! -Kann ich Ihnen jetzt noch angehören, da ich -mir selbst nicht mehr angehöre? Und habe -ich Ihnen nicht schon gesagt, daß ich durch -einen fürchterlichen Fluch von den Tempeln -und Dienern des Herrn entfernt bin? Sie -lieben mich, sagen Sie? Wohl, so geben -Sie mir den Beweis davon, indem Sie mich -nicht länger mit ihren Wünschen bestürmen.“ -</p> - -<p> -— Grausame! hören Sie doch endlich -auf, sich und mich durch nichtige Truggestalten -Ihrer Einbildungskraft zu quälen. -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -Zwar ist schon der Versuch zum Selbstmorde -ohne Zweifel vor dem Angesichte Gottes ein -Verbrechen; aber es giebt ja keine Sünde, -welche nicht durch die Reue getilgt wird, -und warum sollten Sie allein mit so unerbittlicher -Strenge verfolgt werden? — -</p> - -<p> -„Armer Sterblicher! Sie wissen nicht, -was Sie wünschen! Wenn nun der Augenblick, -wo Sie unsere Glückseligkeit zu befestigen -glauben, gerade der unserer ewigen -Trennung würde? Hier können wir noch -beisammen bleiben .... aber dort unten -(fuhr sie mit leiser Stimme fort) gehen -wir beide unseren eigenen Gang. Und was -würde der Geistliche sagen, dem ich mich zur -Trauung vorstellen wollte!“ -</p> - -<p> -— Kann er allwissend sein? Kann er -hier von dem Vergehen wissen, zu welchem -Ihre Liebe Sie in Ihrem entfernten Vaterlande -trieb? — -</p> - -<p> -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -„Alfred! Gott zeichnete die Stirn des -Brudermörders Kain mit einem fürchterlichen -Zeichen; auch ich trage ein solches auf -der meinigen; obgleich Sie es nicht sehen, -so würde es doch der Geistliche sogleich erblicken.“ -</p> - -<p> -— Armes Mädchen! Wie sehr muß ich -Sie beklagen! So weit können die Vorurtheile -Ihrer Erziehung Sie irre führen! -Doch ich will für jetzt nicht weiter in Sie -dringen, und ich hoffe, daß Sie später meinen -Wünschen nachgeben werden. — -</p> - -<p> -Ein schwermüthiges Lächeln, ein leichtes -Kopfschütteln waren die ganze Antwort der -Fremden; Alfred schien nicht darauf zu achten, -er hoffte Alles von der Zeit und von -der Macht seiner Zärtlichkeit. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-12"> -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -Vier und zwanzigstes Kapitel. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>ehrere Monate vergingen, ehe der Oberst -weitere Schritte zur Erreichung seiner Wünsche -that, bis er endlich beschloß, Lodoiska’n -durch Ueberraschung dahin zu vermögen, daß -sie seine Gattin würde. Ohne ihr also das -Geringste zu sagen, besprach er sich mit dem -Pfarrer darüber, und vertraute ihm freimüthig -alle Umstände an, welche seiner Braut -eine so große Furcht vor dem Anblick eines -Geistlichen verursachten. Der Pfarrer war -ein vernünftiger Mann, und bedachte, daß -er sich leicht von der strenge vorgeschriebenen -Ordnung ein wenig entfernen könne, wenn -dadurch ein unangenehmer Auftritt vermieden -würde. Er versprach also, um Mitternacht, -in Gegenwart dreier Zeugen, in der Schloßkapelle, -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -die Ehe des Obersten mit Lodoiska -einzusegnen. -</p> - -<p> -Zufrieden, so weit mit seinen Vorbereitungen -gekommen zu sein, sandte er eiligst -seinen Bedienten nach der Stadt, um sogleich -einen Notarius nebst einigen Zeugen mitzubringen. -Hierauf begab er sich zu seiner -Geliebten, und sagte ihr, daß er den heutigen -Abend dazu festgesetzt habe, vorläufig -einen Ehevertrag mit ihr abzuschließen, und -daß schon alle nöthigen Anstalten dazu getroffen -seien. -</p> - -<p> -Eine plötzliche Röthe überflog bei dieser -unvermutheten Ankündigung die Wangen -der schönen Fremden; zu gleicher Zeit verbreitete -sich aber auch in ihren Augen eine -düstere Traurigkeit; sie zitterte am ganzen -Körper, und war gezwungen, sich an dem -neben ihr stehenden Tische zu stützen. -</p> - -<p> -„Schon heute, Alfred? sagte sie; warum -eilen Sie so? Können Sie es nicht länger -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -mit ansehen, daß unser Glück noch einige -Zeit dauert?“ -</p> - -<p> -— Zerstören wir es denn, wenn wir es -auf immer an uns fesseln? Kann unsere -Vereinigung dadurch an ihrer Süßigkeit verlieren, -wenn sie unauflöslich wird? — -</p> - -<p> -„Sie glauben es, weil Sie nur an die -Gegenwart denken, und nicht an die Zukunft.“ -</p> - -<p> -— O gewiß denke ich an die Zukunft, -und male sie mir mit den freundlichsten Farben -aus. Aber warum wollen Sie noch immer -bei Ihrer Schwermuth beharren? Was -führte Sie denn anders hierher, als die -Hoffnung, sich mit mir zu vereinigen? Forderten -Sie nicht meine Person als Ihr -Eigenthum zurück, und jetzt, da ich Ihre -Rechte anerkenne, wollen Sie mich von sich -stoßen? — -</p> - -<p> -„Daß Sie mir angehören, kann mir -nicht bestritten werden, denn Ihr mit Ihrem -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -Blut geschriebenes Versprechen ist mir -ein sichreres Unterpfand, als alle diese Ceremonien, -die mir gleichgültig sind. Aber ich -bin zufrieden, Sie nur zu sehen, und ich -fürchte den Augenblick, der mir ein schreckliches -Recht über Sie geben wird. Ach, -Alfred, glaube mir, ändere deinen Entschluß, -denn du ahnest nicht, welches Unglück dir bevorsteht, -wenn du dich unwiderruflich an -mich fesselst.“ -</p> - -<p> -Nach diesen Worten eilte sie pfeilschnell -aus dem Zimmer, und begab sich in das -ihrige, wo der Oberst sie nicht zu stören -wagte. Er erstaunte über ihre Rede, schob -aber Alles auf ihre abergläubische Furcht -vor der Gegenwart eines Geistlichen, und -beharrte bei seinem Entschlusse, diese Furcht -mit Gewalt zu überwinden. Zu Zeugen bei -der Trauung hatte er seinen Bedienten und -den Verwalter der zum Schlosse gehörigen -Ländereien gewählt, weil ihm beide zu jeder -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -Zeit zu Gebote standen; unmittelbar nach -dieser Ceremonie wollte er sich mit seiner -neuen Gemahlin in einen Wagen setzen, -und sich erst nach Prag, dann aber nach -Berlin begeben, um daselbst seinen festen -Wohnsitz wieder aufzuschlagen. Der -Aufenthalt im Schlosse R.... schien ihm -jetzt unerträglich zu sein, weil er in ihm -zu traurige Erinnerungen hervorrief. -</p> - -<p> -Endlich wurde es Abend. Lodoiska, -die noch immer in ihrem Zimmer blieb, -äußerte den Wunsch, dasselbe nicht eher, -als bis im letzten Augenblick zu verlassen. -Während dieser Zeit irrte der Oberst in -der größten Unruhe hier und dort umher, -und fand nirgends seines Bleibens. Es -hatte sich ein fürchterlicher Sturmwind erhoben, -der bis in das Innere des Schlosses -drang, und durch sein Pfeifen bald -die Klagen eines Leidenden, bald ein höllisches -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -Gelächter nachzuahmen schien. Er -setzte die Fensterscheiben in Bewegung, daß -sie klirrten, erschütterte selbst die inneren -Thüren in ihren Angeln; kurz, die Wuth -dieses Sturmes war so groß, daß der -Oberst sich eines unwillkührlichen Schreckens -nicht erwehren konnte. -</p> - -<p> -Bei seinem Umherirren im Schlosse -kam Lobenthal auch zufällig in die Nähe -der Gesindestube, wo die Knechte und -Mägde von der Meierei beim Abendessen -versammelt waren. Sie sprachen unter einander -von dem Befehle, den er gegeben -hatte, den Reisewagen um Mitternacht fertig -zu halten, und suchten die Absicht dieser -plötzlichen Reise zu errathen. -</p> - -<p> -„Ich wundere mich gar nicht darüber, -sagte einer der Knechte; denn wir wissen -ja schon seit langer Zeit, daß der Oberst -keine ruhigen Nächte haben kann, und es -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -muß ihm daher angenehmer sein, um diese -Zeit zu reisen, als in seinem Bette den -schrecklichen Besuch abzuwarten, den er -dort empfängt.“ -</p> - -<p> -— Was sagst du da, Peter? rief -eins der Mädchen mit einer Stimme, die -schon ihr Entsetzen bezeichnete; von was -für Besuchen sprichst du denn? — -</p> - -<p> -„Nun, von den Besuchen, die ihm -die verstorbene Oberstin alle Nächte abstattet! -Der Schulze, der Küster und auch -die alte Mutter Rieben, die eben kein -Geheimniß daraus macht, haben es ja -schon öfters gesehen, wie unsere verstorbene -gnädige Frau aus ihrem Grabe emporsteigt, -ihren kleinen Sohn beim Namen -ruft, der dann ebenfalls aufsteht, -und mit ihm nach dem Schlosse geht.“ -</p> - -<p> -„Das ist eine abscheuliche Lüge,“ sagte -Johann, der Bediente des Obersten, -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -der in einer großen Stadt erzogen war, -und daher weniger Aberglauben besaß. -</p> - -<p> -— Nun, sei nur nicht böse, Johann, -es könnte dir Schaden thun, erwiderte Peter. -Auch du wirst noch zu sehen bekommen, -was Andere schon gesehen haben, und -es scheint mir, als wenn das Wunder heute -Nacht noch etwas früher als sonst geschehen -werde. Als ich vom Felde hereinkam, -begegnete ich der alten Mutter Rieben. -„Höre, Peter, sagte sie zu mir, du gehst -nach dem Schlosse; aber bete vorher ein -Vaterunser, wenn du mir glauben willst; -denn es werden sich heute dort seltsame -Dinge zutragen. Die nächtlichen Geister -haben sich heute früher als sonst aus ihren -Gräbern erhoben, woran wahrscheinlich -der wüthende Sturmwind Schuld ist, -der sie gerufen hat, und ich habe sie so -eben vorbeigehen sehen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -Als der Oberst diese außerordentliche -Erzählung mit anhörte, schauderte er unwillkührlich, -und um nicht noch mehr zu -erfahren, entfernte er sich mit langsamen -Schritten, und stieg die Treppe hinauf. -Eben befand er sich an der Thür des großen -Saales, als er hinter sich ein Geräusch -hörte. Er stand still und blickte -sich um .... zwei weiße Gestalten schwebten -schnell bei ihm vorüber und verloren -sich dann in der Finsterniß. Er glaubte, sie -zu erkennen .... seine Kniee wankten unter -ihm; es war ihm unmöglich, seines -Schreckens Herr zu werden, und an einen -Wandpfeiler hinsinkend, blieb er lange -Zeit in einem fast sinnlosen Zustande. -</p> - -<p> -Mehrere Stimmen, die er unten an der -Treppe hörte, weckten ihn aus seiner Betäubung. -Er raffte sich schnell empor, und sahe -nun den Notarius und dessen Zeugen, die -von seinem Bedienten mit einem Lichte begleitet, -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -die Treppe heraufkamen. Kaum hatte -er noch so viel Zeit, sich einigermaßen wieder -zu sammeln. Die erste Frage, die der -Notarius an ihn that, war nach seinem -Gesundheitszustande, so sehr zerstört sahen -seine Gesichtszüge noch aus. Der Oberst -antwortete ihm ausweichend, und führte ihn -in das Gesellschaftszimmer, wo er ihn auf -einige Augenblicke verließ, um Lodoiska’n -seine Ankunft anzukündigen. -</p> - -<p> -Lodoiska fuhr zusammen, als sie ihn -eintreten sahe, und erbebte, sobald er sich -erklärt hatte. Sie warf einen Blick auf -ihn, in welchem sich so viel verschiedene -Empfindungen malten, daß es unmöglich -gewesen wäre, sie zu beschreiben. Ihre -Trauerkleidung hatte sie abgelegt; ein weißes, -einfaches Gewand umhüllte ihren prächtigen -Wuchs; ein Halsband von Perlen -und ein Kranz in ihrem Haar war der -ganze Schmuck, den sie sich erlaubt hatte. -</p> - -<p> -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -Der Oberst mußte seine Bitte mehrere -Male wiederholen, ehe sie sich entschloß, -ihm zu folgen; man sahe, wie gern sie den -Augenblick noch verzögern wollte, den er so -sehnlich herbeiwünschte. Endlich schien sie -alle ihre Kräfte zusammenzunehmen, erhob -ihre Arme und Augen gen Himmel, und -schien ihn als Zeugen anzurufen, daß sie -gezwungen würde, oder ihn um Gnade zu -bitten, die sie gleichwohl nicht zu erhalten -hoffte. -</p> - -<p> -Beim Eintritt in das Gesellschaftszimmer -und beim Anblick des Notarius und -der Zeugen gerieth Lodoiska einigermaßen -in Verwirrung; doch erholte sie sich bald -wieder, und antwortete mit Bescheidenheit -auf die Komplimente, die der Notarius an -sie richtete. Sein Geschäft war bald abgemacht, -worauf er sich wieder entfernte, ungeachtet -der Oberst ihn dringend bat, bis zum -andern Tage auf dem Schlosse zu bleiben. -</p> - -<p> -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -Unterdessen beschäftigte sich Johann, -der Bediente des Obersten, mit den nöthigen -Vorbereitungen zu der feierlichen Ceremonie, -die nun noch Statt finden sollte. -Er hatte den Auftrag, den Pfarrer in die -Schloßkapelle zu führen, den Verwalter herbeizuholen, -und sich dann zu dem Obersten -zu verfügen, unter dem Vorwande, seine -etwanigen Befehle zu vernehmen, ehe er -sich niederlegte, in der That aber, um ihm -durch seine Gegenwart anzukündigen, daß -Alles bereit sei. -</p> - -<p> -Lodoiska, die nun mit Alfred allein -geblieben war, zeigte immer noch die größte -Unruhe. Ihr Busen wogte mit Ungestüm, -ihre Blicke irrten unstät umher, und jedes -Mal, wenn ihr Bräutigam sich ihr näherte, -ergriff sie ein krampfartiges Zittern, und -sie streckte die Hände vor sich hin, gleichsam -um ihn von sich abzuhalten. Alfred -bemerkte den außerordentlichen Kampf, der -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -in ihrem Innern vorging, und versuchte sie -zu beruhigen; aber vergebens. Sie sprach -nichts, als unzusammenhängende Worte, welche -bald die Heftigkeit ihrer Liebe ausdrückten, -bald eine schauerliche Zukunft vorhersagten; -sie riefen den Himmel um Mitleiden -an gegen die bevorstehenden Qualen der -Hölle. -</p> - -<p> -Es schlug zwölf Uhr, und Johann erschien -im Zimmer. Bei seinem Anblick wandte -sich der Oberst an Lodoiska: -</p> - -<p> -„Nur noch ein wenig Muth, Geliebte, -sagte er; in einigen Augenblicken wird Alles -vorbei sein. Folge mir jetzt; in Zeit von -einer Stunde sitzen wir schon im Wagen; -vorher haben wir aber noch eine Pflicht zu -erfüllen, und wir müssen uns jetzt in ein -anderes Zimmer begeben.“ -</p> - -<p> -— Giebt es einen Ort, antwortete Lodoiska -mit dumpfem Tone, wo ich Ruhe -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -finden kann, wo ich von der rachsüchtigen -Frau nicht verfolgt werde? — -</p> - -<p> -„Von welcher Frau?“ fragte Alfred -lebhaft. -</p> - -<p> -— Wissen Sie es denn nicht? Haben -Sie sie denn nicht gesehen, wie sie mit ihrem -Kinde umherstreicht? Es ist nicht meine -Schuld, wenn sie nicht ihrer drei sind; warum -hat sie mich verhindert, mein Geschäft -gänzlich zu vollenden! — -</p> - -<p> -„Lodoiska, ich beschwöre Sie bei meiner -Liebe, erholen Sie sich; Sie machen mich zum -unglücklichsten aller Männer. Was fehlt -Ihnen? Was wollen Sie?“ -</p> - -<p> -— Ich habe Durst, großen Durst! — -</p> - -<p> -„Er ist ja leicht zu befriedigen.“ -</p> - -<p> -— Oh, nicht so leicht! Blut muß ich -haben! Blut! und zwar das deinige, Alfred! — -</p> - -<p> -„Ach, Unglückliche, wie kann Ihr Verstand -Sie so gänzlich verlassen! Beruhigen -Sie sich; vergessen Sie, was geschehen ist, -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -und bedenken Sie, daß wir für einander bestimmt -sind.“ -</p> - -<p> -— Ja, ja! im kühlen Grabe, wo ich -schon einmal geruht habe. — -</p> - -<p> -„Ich höre nicht weiter auf Sie; kommen -Sie jetzt, um das Letzte zu erfüllen.“ -</p> - -<p> -Mit diesen Worten schlang er seinen -Arm um Lodoiska, und zog sie schnell zur -Kapelle hin, während sie ein lautes Geschrei -ausstieß, das sich in das Heulen des Sturmwindes -mischte. -</p> - -<p> -„Alfred! mein Alfred! so bald willst du -sterben? .... Ja, ja, du gehörst mir an, -und mein schreckliches Geschäft wird nun erfüllt -werden!“ -</p> - -<p> -Unter so unerklärbaren Ausrufungen der -halb bewußtlosen Lodoiska gelangte der Oberst -endlich in die Kapelle, sie mehr tragend als -führend. Ein fürchterliches Angstgeschrei war -die erste Wirkung, die der Anblick des erleuchteten -Altars und des Geistlichen auf sie machte. -</p> - -<p> -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -„O, grausames Schicksal! rief sie aus; so -ist es denn wahr, daß du erfüllt werden mußt?“ -</p> - -<p> -Fast mit Gewalt zog Alfred sie bis vor -den Altar. Jetzt leistete sie keinen Widerstand -mehr, sondern schluchzte nur und zerfloß -in Thränen; dann schienen ihre Gesichtszüge -sich zu verzerren, und der Kreislauf ihres Blutes -sich zu hemmen. Nur an einem dünnen -Faden schien das Leben Lodoiska’s noch zu -hängen, während der Pfarrer die Trauungsceremonie -anfing. Jetzt sollten die Ringe gewechselt -werden; aber Lodoiska’s Hand war -mit dem Handschuh versehen, dessen wir schon -mehrmals erwähnten. Voll heftiger Ungeduld -riß der Oberst diesen Handschuh herunter, ehe -es Lodoiska verhindern konnte .... und die -Abscheu erregenden knöchernen Gebeine eines -Skelets fielen ihm und dem erstaunten Geistlichen -in die Augen! — -</p> - -<p> -Ein Schrei des Entsetzens entfuhr allen -Zeugen dieses schrecklichen Schauspiels. Lodoiska -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -fiel leblos auf den Fußboden nieder, -und aus drei geöffneten Wunden quoll ein -unreines, stinkendes Blut hervor. — -</p> - -<p> -Am dritten Tage ward der Leichnam -der Fremden zur Erde bestattet. Aber mit -den ersten Strahlen des Mondes, die ihr -Grab beschienen, erhob sie sich abermals aus -ihrer Ruhestätte, und .... am andern Morgen -fand man den Obersten todt in seinem -Bette ..... An drei verschiedenen Orten -waren ihm die Adern geöffnet, und in seinem -ganzen Körper war auch kein Blutstropfen -mehr vorhanden, der von seinem ehemaligen -Dasein zeugte. — -</p> - -<p class="end"> -Ende. -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="part"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="handheld-only"> -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert. -</p> - -<p> -Die variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales -wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden -korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... <span class="underline">könnnen</span> Sie so sprechen! Sie, ein Feind des ...<br /> -... <a href="#corr-0"><span class="underline">können</span></a> Sie so sprechen! Sie, ein Feind des ...<br /> -</li> - -<li> -... „Von allem <span class="underline">Diesen</span> ist durchaus nicht ...<br /> -... „Von allem <a href="#corr-1"><span class="underline">Diesem</span></a> ist durchaus nicht ...<br /> -</li> - -<li> -... Obersten ein solches Beben <span class="underline">zn</span> verursachen, ...<br /> -... Obersten ein solches Beben <a href="#corr-5"><span class="underline">zu</span></a> verursachen, ...<br /> -</li> - -<li> -... und diese ließ sich vor <span class="underline">Niemanden</span> ...<br /> -... und diese ließ sich vor <a href="#corr-7"><span class="underline">Niemandem</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... „Sie zu sehen, Frau Oberstin, <span class="underline">antworwortete</span> ...<br /> -... „Sie zu sehen, Frau Oberstin, <a href="#corr-9"><span class="underline">antwortete</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Ruderwerk</span> in Bewegung gesetzt worden ist, ...<br /> -... <a href="#corr-10"><span class="underline">Räderwerk</span></a> in Bewegung gesetzt worden ist, ...<br /> -</li> - -<li> -... dich vor dem Dämon beschützen werden, <span class="underline">der</span> ...<br /> -... dich vor dem Dämon beschützen werden, <a href="#corr-13"><span class="underline">das</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... ich nicht; nur hätten <span class="underline">sie</span> vielleicht mit ...<br /> -... ich nicht; nur hätten <a href="#corr-14"><span class="underline">Sie</span></a> vielleicht mit ...<br /> -</li> - -<li> -... sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch <span class="underline">auszuüden</span> ...<br /> -... sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch <a href="#corr-15"><span class="underline">auszuüben</span></a> ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. -Zweiter Theil., by Theodor Hildebrand - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ZWEITER THEIL *** - -***** This file should be named 51695-h.htm or 51695-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/6/9/51695/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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