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-The Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter
-Theil., by Theodor Hildebrand
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
-Title: Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil.
- Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen
-
-Author: Theodor Hildebrand
-
-Release Date: April 8, 2016 [EBook #51695]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ZWEITER THEIL ***
-
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-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.
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- Der
- Vampyr,
- oder:
- Die Todtenbraut.
-
-
- Ein Roman
- nach neugriechischen Volkssagen.
-
- Von
- Theodor Hildebrand.
-
- Zweiter Theil.
-
- Leipzig, 1828.
- bei Christian Ernst Kollmann.
-
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-
- Der
- Vampyr,
- oder:
- Die Todtenbraut.
-
-
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-
-
- Dreizehntes Kapitel.
-
-
-Der Knall der beiden Pistolenschüsse hallte durch das ganze Schloß
-wider, und verbreitete darin sogleich einen unbeschreiblichen Schrecken.
-Die Knechte auf der Meierei, von denen einige im Schlosse schliefen,
-waren nicht zu Bett gegangen, weil sie am andern Morgen Getraide nach
-Prag fahren sollten, und mit den dazu nöthigen Vorbereitungen
-beschäftigt waren. Sie verbreiteten sich schnell durch mehrere Zimmer,
-während eines der Mädchen die Hausthür öffnete und aus der Nachbarschaft
-Hülfe herbeirief.
-
-Die Oberstin, welche vor Mattigkeit eingeschlafen war, fuhr schon bei
-dem ersten Pistolenschusse empor, hielt ihn aber für ein gewöhnliches
-Geräusch, das ihr nur im Traume stärker vorgekommen sei. Als jedoch bald
-darauf der zweite Schuß erschallte, glaubte sie, daß Räuber im Schlosse
-wären, und daß der brave Werner im Kampfe mit ihnen begriffen sei. Nach
-diesem ersten Gedanken war der zweite ihr Sohn. Sie hatte so viel Muth,
-schnell aufzustehen, und ohne ihre eigene Gefahr zu beachten, eilte sie
-in das Zimmer, wo der Gegenstand ihrer zärtlichen Sorgfalt ruhte.
-
-Welches schreckliche Schauspiel bot sich ihren Augen dar, als sie, beim
-Schein des Mondes und einer spärlich brennenden Nachtlampe, zwei
-blutende Körper auf dem Fußboden ausgestreckt sahe, und in ihnen Werner
-und die Fremde erkannte. Mit einem Schrei des Entsetzens eilte sie dann
-nach dem Bette des Kindes, das sie in ihre Arme nahm; aber vergebens
-suchte sie den kleinen Wilhelm aus dem Schlafe zu wecken, in den er
-versunken zu sein schien: sein Leben war entflohen. Diese schmerzliche
-Gewißheit vollendete Helenens Verzweiflung, und ohnmächtig fiel sie
-neben den beiden Leichnamen auf den Fußboden nieder.
-
-Kurze Zeit darauf kamen die Knechte und Dienstmädchen ebenfalls in
-dieses Zimmer des Schreckens. Sie sahen ein Fenster offen stehen, und an
-demselben eine seidene Strickleiter befestigt; sie fanden Werner und
-Lodoiska in ihrem Blute gebadet und ohne ein Zeichen des Lebens; weiter
-hin erblickten sie die Oberstin, welche noch athmete, neben dem Leichnam
-ihres Kindes. Dieser fürchterliche Anblick mußte alle Anwesenden
-natürlich mit Schauder erfüllen. Die Mörder konnten nicht weit sein;
-aber vielleicht hatten sie schon mit Hülfe der Strickleiter die Flucht
-ergriffen; man beeilte sich eines Theils, der Oberstin beizustehen,
-andern Theils, die schon angefangenen Nachsuchungen im Schlosse
-fortzusetzen. --
-
-Die Anzahl der zur Hülfe herbeieilenden Nachbarn wurde immer größer;
-aber auch die strengsten Nachforschungen blieben fruchtlos. Im Schlosse
-selbst fand man keine Spur von den Räubern, und bei der Durchsuchung der
-ganzen Gegend war man nicht glücklicher.
-
-Gegen Morgen kam Helene wieder zu sich, und der erste Laut, den sie von
-sich gab, war der Name ihres theuren Kindes. Ach, der arme Wilhelm hörte
-sie nicht, auch er war ein Opfer dieser schrecklichen Nacht geworden;
-gerade da seine Genesung sicher zu sein schien, mußte er seiner
-Krankheit erliegen.
-
-Unter diesen Umständen langten noch zwei neue Personen im Schlosse an:
-nämlich ein Arzt, den man zur Untersuchung der Leichname herbeigerufen
-hatte, und der Oberst Lobenthal, dem es endlich gelungen war, seinen
-Schwager mit seiner Schwester auszusöhnen, und der darauf keine Zeit
-mehr verloren hatte, um in den Armen seiner Familie den Lohn für diese
-gute That einzuernten. Wie weit war er entfernt, einen solchen Anblick
-zu erwarten, wie ihm hier bevorstand. Er hoffte, seine Wiederkehr würde
-allgemeine Freude im Schlosse verursachen; statt dessen ward er wie vom
-Blitze getroffen, als ihn der Schulze des Dorfes bei Seite nahm, und ihm
-die Ereignisse der Nacht auseinandersetzte.
-
-Lobenthal war ein zärtlicher Vater, und er schämte sich nicht, seinem
-tiefen Schmerze freien Lauf zu lassen; dann verlangte er, seine Frau zu
-sehen, um seine Thränen mit den ihrigen zu vereinigen. Wir unternehmen
-es nicht, die Szene ihres schmerzlichen Wiedersehens zu schildern; man
-hatte Mühe, sie beide von dem Leichnam ihres Kindes loszureißen, den sie
-durchaus nicht von sich lassen wollten. Der Anblick Juliens, weit
-entfernt sie zu trösten und zu beruhigen, vermehrte nur noch ihren
-gerechten Schmerz, und man glaubte daher nichts Besseres thun zu können,
-als sie sich selbst zu überlassen, und von der Zeit die Milderung ihres
-Kummers zu erwarten.
-
-Mitten in dem Schmerze, den ihm der Verlust seines Sohnes Wilhelm
-verursachte, vergaß der Oberst dennoch nicht den Verlust seines treuen
-Werner. So viel zusammen verlebte Jahre und mit einander bestandene
-Gefahren, gegenseitig erwiesene Dienstleistungen mußten ein höchst
-trauriges Andenken im Herzen Alfreds zurücklassen. Er bat den
-herbeigekommenen Wundarzt, nichts zu vernachlässigen, wodurch der brave
-Unteroffizier wieder in's Leben zurückgerufen werden könnte; aber es war
-durchaus keine Hoffnung vorhanden, denn das mörderische Eisen war mitten
-durch das Herz gegangen. Bei der jungen Dame fand man zwei Wunden, eine
-im Herzen, durch einen Dolchstoß verursacht, und eine andere in der
-Brust, wo eine Pistolenkugel hinein und aus dem Rücken wieder
-herausgefahren war; auch sie konnte nicht wieder leben, und es blieb
-nichts übrig, als sie und den unglücklichen Werner zu beerdigen.
-
-Lobenthal, in der höchsten Betrübniß, verlangte nicht danach, die
-Leichname zu sehen. Er kehrte in das Zimmer seiner Gattin zurück, und
-wünschte bloß, daß Wilhelms Leichnam, der keines gewaltsamen Todes
-gestorben zu sein schien, bis zum folgenden Tage erhalten würde. Die
-beiden andern sollten Nachmittags um 4 Uhr begraben werden, weßhalb
-Werner in seinem Zimmer, Lodoiska aber in einem Saale des untern
-Geschosses auf eine Bahre gelegt wurde.
-
-Schon war der Prediger des Dorfes in seinem Ornate, und die Glocken der
-Kirche stimmten das Grabgeläute an, als plötzlich finstere
-Gewitterwolken den Himmel überzogen. Ein Donnerschlag folgte auf den
-andern, in Strömen floß der Regen herab, und fürchterlich kämpften zwei
-Sturmwinde in entgegengesetzter Richtung mit einander; ganze Säulen von
-Blättern, Korngarben, Staub und selbst von schwereren Gegenständen
-wurden durch die Luft mit fortgeführt; ja es schien, als wenn der
-Untergang der Welt ganz nahe bevorstände.
-
-Mitten unter dem Heulen und Brüllen der Elemente glaubten mehrere
-Einwohner des Dorfes fürchterlich rauhe Stimmen zu vernehmen, und es
-schien ihnen, als wenn die ganze Atmosphäre mit bösen Geistern erfüllt
-wäre. Erst spät in der Nacht stillte sich der Aufruhr, in welchem sich
-die ganze Natur befand. Bis dahin war es unmöglich gewesen, an die
-Bestattung der beiden Leichen zu denken; man mußte dieses Geschäft also
-bis auf den folgenden Tag verschieben, und dieß war für die Bewohner des
-Schlosses kein geringer Gegenstand der Angst. Nur die Oberstin
-bekümmerte sich nicht darum; sie dachte nichts, als ihren Sohn, den sie
-nun nicht mehr sehen sollte, und sie schien nur deßhalb noch zu leben,
-weil sie hoffte, bald mit dem armen Wilhelm wieder vereinigt zu werden.
-Alfred war gezwungen, seinen eigenen Kummer zu vergessen, um zu
-versuchen, ob er den ihrigen nicht lindern könne; aber vergebens: sie
-hörte ihn, und verstand ihn nicht, vor ihrer Seele stand nur ihr Sohn,
-der ihr auf ewig entrissen war.
-
-Schon seit langer Zeit deckte tiefe, finstere Nacht den Erdball. Mehrere
-Bauern aus dem Dorfe, welche bei den Todten wachen sollten, hatten sich
-in der Küche des Schlosses versammelt, wo sie bei gutem Essen und
-Trinken lustig und guter Dinge waren; Branntwein und Bier ging in
-Flaschen und Krügen der Reihe nach herum, und man trank fleißig auf das
-Wohl der ehrenwerthen Gesellschaft. Die fröhliche Unterhaltung stockte
-niemals; jedoch kam man mehrmals auf die Ereignisse der vergangenen
-Nacht zurück.
-
-»Da sieht man, sagte Lisette, wie leicht es um uns Menschen geschehen
-ist! Wie gesund war der arme Werner noch gestern, und heute liegt er
-todt im Sarge.«
-
--- Und von seiner Seele sprichst du nicht? sagte ein altes Weib, dessen
-verdächtiger Blick die Knaben und Mädchen des Dorfes in Schrecken
-setzte, wenn er auf ihnen ruhte; denkst du denn, daß seine Seele jetzt
-in Ruhe ist? Ist er nicht ohne Abendmahl gestorben, und wird uns sein
-Geist in Ruhe lassen? --
-
-»Daß doch die _Mutter Rieben_, sagte ein Bauerknecht, keine Gelegenheit
-vorbeigehen lassen kann, unsere Fröhlichkeit zu stören, und uns in Angst
-zu setzen. Warum sollte der brave Werner, der uns im Leben nichts als
-Gutes gethan hat, uns jetzt, nach seinem Tode, quälen?«
-
--- Hat er seine Sünden bereut? --
-
-»Wißt ihr es? Hat er euch das Gegentheil anvertraut? Uebrigens hat er
-alle seine Pflichten erfüllt, und er war jeden Sonntag in der Kirche.«
-
--- Aber die junge Dame, Niklas, wie mag es mit der gewesen sein? Haben
-wir sie je in der Kirche gesehen? Diese ist gewiß mitten in ihren Sünden
-gestorben, gerade als sie vielleicht noch auf ein langes Leben hoffte.
---
-
-»Wir wollen auf ihre Gesundheit trinken! sagte ein Müllerbursche, dessen
-riesenmäßige Größe und außerordentliche Stärke allgemein bewundert
-wurden. -- Möge es ihr im Grabe gefallen, damit sie nicht wieder daraus
-hervorkomme.«
-
-Bei diesen Worten hörte Jedermann einen halb erstickten Seufzer.
-Ueberrascht stand fast die ganze Gesellschaft auf, und auf den meisten
-Gesichtern sahe man alle Zeichen des Schreckens. Auch der Müllerbursche
-war eben nicht der Muthigste. Jetzt schlug es zwölf Uhr, und schweigend
-hörte man dem Schall der Glocke zu.
-
-»Wer mag so geseufzt haben?« fragte endlich einer aus der Gesellschaft.
-
--- Vielleicht die junge Dame, erwiederte die Alte; sie hat dem Mehlwurm
-dort ihren Dank für seinen Wunsch abstatten wollen. --
-
-»Laßt Eure dummen Scherze, Mutter Rieben, sagte der Müllerbursche. Wir
-wollen uns weiter um das, was geschehen ist, nicht bekümmern.«
-
-Ein zweiter lauterer Seufzer schallte jetzt in die Ohren der ganzen
-Gesellschaft, die verwirrt und mit Ausrufungen des Schreckens
-durcheinanderstürzte.
-
-»Heiliger Gott! sagte Lisette, das kommt aus dem Zimmer, wo die junge
-Dame liegt. Wer hat nun Muth genug, sich davon zu überzeugen?«
-
-Keiner der Anwesenden gab eine Antwort, als sich die Stimme zum dritten
-Male hören ließ, und zwar so deutlich, daß gar kein Zweifel daran mehr
-Statt finden konnte. Jetzt jagte die Furcht die ganze Gesellschaft
-auseinander, und Mehrere eilten zum Schlosse hinaus, während Andere den
-Wundarzt weckten, der die Oberstin nicht eher hatte verlassen wollen,
-bevor sie nicht ruhiger geworden wäre. Als dieser hörte, wovon die Rede
-sei, schob er anfangs die Schuld des allgemeinen Schreckens auf ihre
-furchtsame Einbildungskraft; bei den wiederholten Versicherungen, daß
-man sich nicht getäuscht habe, zögerte er jedoch nicht, in das Zimmer
-hinunterzugehen, aus welchem die Stimme hergekommen sein sollte. Der
-Oberst, welcher noch nicht schlief und den ungewöhnlichen Lärmen im
-Schlosse hörte, kam ebenfalls herbei; er begegnete auf der Treppe dem
-Arzt, der ihm unterweges die Ursache des allgemeinen Schreckens
-mittheilte. --
-
-Beide zweifelten nicht, daß das Pfeifen und Sausen des Windes von den
-abergläubischen Dorfleuten für die angeblichen Todtenseufzer gehalten
-worden wäre; sie setzten jedoch ihren Weg fort, und von der Menge
-gefolgt, gelangten sie in das von mehreren Lampen erleuchtete Zimmer, wo
-der Leichnam der Fremden niedergesetzt worden war.
-
-Indem sie durch die Thür traten, wurde abermals ein Seufzer hörbar, und
-man konnte nun nicht mehr zweifeln, daß er von dem Sarge herkäme. Ein
-Theil des Gefolges nahm die Flucht, und nur die Muthigsten blieben
-zurück, als sie den Obersten und den Arzt zu gleicher Zeit ausrufen
-hörten: »Sie lebt noch, die Unglückliche! Ach, retten wir sie aus ihrer
-schrecklichen Lage!«
-
-Sie eilten nun auf den Sarg zu, in welchem Lodoiska ruhte, hoben
-Letztere sanft in die Höhe, und trugen sie in das Zimmer, welches sie
-früher bewohnt hatte. Als der Arzt seine Hand auf ihr Herz legte, fühlte
-er, daß es wieder angefangen hatte, obgleich noch sehr schwach, zu
-schlagen, und voll Erstaunen über dieses außerordentliche Wunder, nahm
-er sich vor, Alles anzuwenden, um diese von den Todten Auferstandene
-wieder völlig herzustellen. Er bat den Obersten, den Theil des
-Leichentuches, womit der Kopf der jungen Schönheit verhüllt war,
-zurückzuschieben. Lobenthal that es, und betrachtete neugierig die Züge
-der Fremden; aber wie erstaunte er, als dieses reizende Gesicht ihn
-überzeugte, daß er die unglückliche, leidenschaftlich liebende Lodoiska
-in seinen Armen hielt. Ein lauter Schrei entfuhr seinen Lippen. Einem
-ruhigen Zuschauer würde dadurch ohne Zweifel die Wahrheit offenbar
-geworden sein; aber der Arzt, ganz in seine Gedanken über diese
-außerordentliche Wiederbelebung vertieft, merkte kaum darauf, und von
-nun an suchte der Oberst seine inneren Gefühle sorgfältig zu
-unterdrücken.
-
-Der Arzt forderte nun die bis hierher gefolgten Landleute auf, das
-Zimmer zu verlassen, und wollte mit dem weiblichen Personale, das
-allmählich wieder muthiger geworden war, allein bei der jungen Dame
-bleiben. Auch der Oberst entfernte sich, forderte aber vorher den Arzt
-auf, seine ganze Kunst zur Genesung der Unglücklichen anzuwenden.
-
-»Fürchten Sie nichts, Herr Oberst, erwiederte der Arzt; mir ist selbst
-daran gelegen, diese wunderbare Kur zum gewünschten Ziele zu führen.
-Vielleicht kann die Kunst etwas dabei thun; aber glauben Sie mir, das
-Meiste dabei wird die Natur thun müssen; nur sie allein kann eine so
-wunderbare Wiederbelebung bewirken. Ich würde einen Eid darauf abgelegt
-haben, daß die Pistolenkugel diese junge Dame augenblicklich getödtet
-hat, und sollte sie wirklich völlig wieder zum Leben zurückkehren, so
-muß unsere Kunst verzweifeln, je eine gründliche Ursache dieser
-Auferstehung angeben zu können.«
-
-Langsamen Schritts entfernte sich nun der Oberst, ohne selbst zu wissen,
-womit seine Gedanken beschäftigt waren. Er kehrte zu seiner Frau zurück,
-die in einen mehr ermattenden als erquickenden Schlummer gefallen war.
-Wie schmerzlich sollte ihr Erwachen sein! Welche neue Trauer mußte die
-Nachricht von der Wiederbelebung der Fremden in ihrem Herzen
-verursachen, da für ihren geliebten Wilhelm nicht ein ähnliches
-Wunderwerk geschehen war.
-
-
-
-
- Vierzehntes Kapitel.
-
-
-Unter allen Begebenheiten, welche je das Leben des Obersten Lobenthal
-beunruhigt haben mochten, war ohne Zweifel die Erscheinung der jungen
-Lodoiska in Deutschland diejenige, welche ihn am meisten überraschen
-mußte. Ihr energischer Charakter, den er so schlecht beurtheilt hatte,
-ihre leidenschaftliche Liebe, wovon sie ihm durch ihre Gegenwart den
-auffallendsten Beweis gab, mußten in seinem Herzen Gefühle erregen, von
-denen er sich selbst noch nicht Rechenschaft zu geben wagte. Nicht
-allein, um ihm seine Treulosigkeit vorzuwerfen, konnte sie einen so
-weiten Weg aus ihrem Vaterlande her zurückgelegt haben; ohne Zweifel
-mußte sie mehr haben wollen, und er zitterte, wenn er an die
-bevorstehenden Auftritte dachte. Von der andern Seite, durch einen
-seltsamen, aber so gewöhnlichen Widerspruch in dem menschlichen Herzen,
-fürchtete er, dem es sehr lieb gewesen sein würde, dieses Mädchen nie
-wieder zu sehen, daß er sie jetzt auf immer verlieren könnte, und er
-hätte einen großen Theil seines Vermögens hingegeben, wenn er dadurch
-die Gewißheit ihrer Wiederherstellung erhalten konnte. Er wünschte,
-wenigstens nur ein einziges Mal mit ihr zu sprechen, sagte er zu sich
-selbst; er wollte aus ihrem eigenen Munde hören, wie sie es angefangen
-habe, um bis nach R.... zu gelangen. So verbarg der Oberst vor sich
-selbst das Wiedererwachen einer höchst gefährlichen Empfindung unter dem
-Namen einer bloßen Neugierde; aber während er sich mit allen diesen
-Dingen beschäftigte, nahm er sich vor, sie tief in seinen Busen zu
-begraben, und nie den geringsten Anlaß zu geben, wodurch Helene zur
-Eifersucht verleitet werden könnte. Er beschloß, sich gegen Lodoiska wie
-gegen eine ihm völlig Unbekannte zu benehmen, wenn sie selbst ihn nicht
-durch eine Unvorsichtigkeit zur Entdeckung seines Geheimnisses zwingen
-würde.
-
-Durch die Sorgfalt eines dienstfertigen Nachbars und des gefühlvollen
-Pfarrers war die Veranstaltung getroffen worden, daß am andern Morgen
-schon ganz frühe, ohne alles Geräusch, die Leichname des jungen Wilhelm
-und Werners aus dem Schlosse entfernt und zur Erde bestattet wurden. Als
-daher Helene ihren Sohn noch einmal sehen wollte, gerieth sie in neue
-Verzweiflung, daß ihr nun von ihrem Wilhelm nichts mehr übrig geblieben
-sei, als eine herzzerreißende Erinnerung. Beschäftigt, diesen heftigen
-Schmerz seiner Gattin, den er selbst theilte, durch Trostgründe zu
-mildern, vergaß der Oberst fast, wie nahe ihm jetzt Lodoiska sei, und
-erst gegen Mittag, als _Wildenau_, der Arzt, zu ihm kam, dachte er
-daran, sich nach ihrem Zustande zu erkundigen.
-
-»Ich habe Ihnen schon gesagt, antwortete Wildenau, daß bei dieser jungen
-Person etwas Unerklärliches obwaltet, was ich vergebens zu ergründen
-suche. Noch nie war die Rückkehr in's Leben so unverhofft, als bei ihr;
-doch kann ich noch nicht versichern, ob sie am Leben bleiben wird, oder
-nicht. Ihre Wunde war ohne Zweifel tödtlich, und schon vorher mußte eine
-andere, die bis in's Herz gegangen zu sein scheint, ihrem Dasein ein
-Ende gemacht haben.«
-
--- Eine andere Wunde, sagen Sie? Lieber Doktor, Sie setzen mich in
-Erstaunen, denn mich dünkt, als hörte ich gestern bei meiner Ankunft nur
-von einer einzigen, durch einen Pistolenschuß verursachten Wunde
-sprechen. --
-
-»Ganz richtig, weil nur diese Wunde frisch war, und die andere schon vor
-langer Zeit durch ein schneidendes Werkzeug gemacht worden ist. Weit
-entfernt, völlig vernarbt zu sein, blutet sie vielmehr noch, und hat
-eine ganz eigenthümliche Beschaffenheit, die meine bisherigen Kenntnisse
-völlig zu Schanden macht. Bei jedem andern Menschen müßte sie
-unmittelbar den Tod nach sich ziehen, und dennoch scheint es, daß diese
-Dame schon lange Zeit damit gelebt hat, ohne davon gehindert worden zu
-sein. Wahrlich! sie hat sich über die wunderbare Lebenskraft, die ihr
-von der Natur zugetheilt ist, nicht zu beklagen. Außerdem habe ich noch
-eine andere Sonderbarkeit bei ihr gefunden: ihre linke Hand ist nämlich
-mit einem Handschuh bedeckt, der aus einer sehr dicken Haut besteht. Ich
-wollte ihn aufschneiden, um der Kranken völlige Freiheit der Bewegung zu
-verschaffen; aber als ich ihren Arm berührte, gerieth er in ein
-beispielloses krampfhaftes Zittern, und die anfangs offene Hand schloß
-sich mit solcher Kraft, daß ich nicht im Stande war, mein Vorhaben
-auszuführen.«
-
--- Wunderbar! Erstaunenswürdig! Aber lassen Sie nicht ab, lieber Doktor,
-ich bitte Sie: die Menschlichkeit befiehlt uns, dieser Unglücklichen uns
-nach Kräften anzunehmen. Uebrigens kann sie allein uns die Begebenheiten
-der gestrigen Schreckensnacht erklären, und vielleicht ertheilt sie uns
-Aufschlüsse, die uns in den Stand setzen, jene Bösewichter zu entdecken,
-deren Versuch ohne Nutzen für sie, für uns so unglücklich ausgefallen
-ist. --
-
-»Ihre Ermahnungen sind ganz überflüssig, Herr Oberst. Meiner Pflicht
-nicht zu erwähnen, deren Erfüllung mir mein Stand vorschreibt, so kann
-ich Ihnen nicht verbergen, daß diese junge Dame mir die lebhafteste
-Theilnahme eingeflößt hat. Die seltene Vollkommenheit in allen Theilen
-ihres Körpers, die Schönheit ihres Gesichts haben, ich gestehe es Ihnen
-erröthend, auf meine Sinne einen außerordentlichen Eindruck gemacht.
-Wenn ich sie dem Leben wiedergeben könnte, wünschte ich mehr von ihr zu
-erlangen, als bloße Dankbarkeit ..... Aber warum erstaunen Sie so über
-dieses Geständniß? Sollte es Ihnen verdammungswürdig erscheinen?«
-
--- Wem? Mir? Ei, lieber Doktor, mit welchem Rechte könnte ich es tadeln?
-Es scheint mir nur, daß Alles, was jetzt hier um uns vorgeht,
-außerordentlich ist. Sie, zum Beispiel, lieben heute eine Person, die
-Sie gestern noch nicht kannten, und zwar hat sie Ihr Herz in dem
-Augenblick erobert, wo sie noch mehr dem Tode als dem Leben angehört.
-Wie wird es erst werden, wenn sie mit ihren körperlichen Vorzügen noch
-die weit hinreißenderen des Geistes verbindet, die ihr ohne Zweifel
-nicht mangeln! --
-
-»Verzeihen Sie, Herr Oberst, wenn ich Ihnen gerade heraus sage, daß Sie
-ziemlich leicht über einen solchen Punkt sprechen. Ich kannte diese
-Lustigkeit an Ihnen noch nicht.«
-
--- Ach, nehmen Sie es nicht übel, lieber Herr Doktor; in meiner jetzigen
-Stimmung weiß ich kaum, was ich thue; so sehr hat mich der Schmerz
-übermannt, daß meine Worte der Zerrüttung meines Verstandes entsprechen.
-In meiner Lage, deren ganze Qual Sie nicht zu würdigen im Stande sind,
-mag es wohl erlaubt sein, gegen die Regeln der Höflichkeit zu fehlen,
-wie es wohl sonst bei mir nicht der Fall ist. --
-
-Diese Antwort gab dem Arzt die Ueberzeugung, daß der Oberst in der That
-durch den Schmerz etwas an dem freien Gebrauch seiner Verstandeskräfte
-verloren habe, und er fiel deßhalb nicht auf den Verdacht, daß eine
-geheime Ursache, ein Anfall von Eifersucht, großen Theil an des Obersten
-Worten gehabt habe. Der Letztere, voller Scham, einen Augenblick lang
-seinen Entschluß vergessen, und dem Arzt beinahe ein Recht gegeben zu
-haben, in seinem Herzen zu lesen, zog es vor, ihn in der Meinung zu
-lassen, daß das Uebermaß des Schmerzes ihm Abbruch in dem folgerechten
-Gange seiner Gedanken thue; und erst, als er in den Augen des Doktors
-las, daß derselbe wirklich dieser Meinung sei, war er vollkommen
-beruhigt. Er suchte darauf dem Gespräch eine andere Wendung zu geben,
-und bat den Arzt, eine Wohnung im Schlosse anzunehmen, so lange der
-Zustand der verwundeten Dame sowohl als seiner Gattin seine Gegenwart
-nöthig machen würde.
-
-»Ja, erwiederte Wildenau, ich will dieses Schloß vor der Hand zu meinem
-Hauptquartiere machen, und es nur dann auf kurze Zeit verlassen, wenn
-meine Gegenwart an andern Orten nicht entbehrt werden kann. Sein Sie
-daher in dieser Hinsicht ganz ruhig.«
-
-Lobenthal fragte nun, ob er nicht Zutritt zu der Fremden erhalten könne,
-um ihr dem Anstande gemäß einen Besuch abzustatten.
-
-»Es hängt ganz von Ihnen ab, Herr Oberst, es zu thun; aber noch lange
-Zeit hindurch werden Sie Ihre Komplimente an einen fast leblosen Körper
-richten. Die junge Dame wird wenigstens noch vierzehn Tage lang in
-völliger Bewußtlosigkeit verharren, wovon ihr starker Blutverlust die
-Ursache ist; und wir können uns glücklich schätzen, wenn sie in Zeit von
-vier Wochen unsere Fragen beantworten kann.«
-
--- So müssen wir uns bis dahin gedulden, sagte der Oberst in einem Tone,
-dem er den Anschein der Gleichgültigkeit zu geben strebte. --
-
-In diesem Augenblicke trat Lisette in's Zimmer, und meldete voller
-Angst, daß Helene ohnmächtig geworden sei. Beide Herren eilten nun,
-wohin ihre Pflichten und Gefühle sie riefen. Die Oberstin blieb noch
-mehrere Tage lang in diesem Zustande der Schwäche, die aus dem Uebermaße
-ihres Schmerzes entstand, und nichts konnte sie zerstreuen; nur ein
-einziger Gedanke beschäftigte ihre Einbildungskraft.
-
-Lodoiska schien unterdessen bestimmt zu sein, alle Behauptungen und
-Voraussetzungen des Arztes zu widerlegen; ihre Gesundheit war in weit
-kürzerer Zeit wieder hergestellt, als es nach seiner Meinung möglich
-war, und er genoß nicht einmal das Glück, die schöne Fremde zuerst
-sprechen zu hören. Einige Tage nach jener Schreckensnacht trat Alfred,
-der schon öfter in das Zimmer der Kranken gekommen war, um sich nach
-ihrem Befinden zu erkundigen, abermals hinein, und hörte von der
-Wächterin, daß man vergessen habe, ihr das Frühstück zu bringen; er
-erlaubte ihr daher, es selbst zu holen, während er bei der Kranken zu
-bleiben und ihre Rückkehr abzuwarten versprach. Die Wächterin, voll
-Dankbarkeit über diese Gefälligkeit, und vielleicht in der Furcht, daß
-es nicht des Obersten Ernst sein möchte, nahm ihn beim Worte, und
-entfernte sich augenblicklich.
-
-In den ersten Minuten blieb Alfred fast unbeweglich vor dem Bett, in
-welchem Lodoiska, der Gegenstand seiner ersten Liebe, ruhte; beim
-Anblick dieser fest geschlossenen Augen, dieser magern und
-leichenblassen Gesichtszüge, verfiel er in ein höchst schmerzliches,
-träumerisches Nachdenken. Die Kranke lag völlig unbeweglich, und kaum
-merkte man an ihrem schwachen Athemzuge, daß noch Leben in ihr sei.
-
-»Armes Mädchen! sagte Alfred halb laut; so sollte ich dich also
-wiedersehen, nachdem dich deine unglückliche Liebe bis hierher geführt
-hat?«
-
-Ein Seufzer, der von Lodoiska's Lippen erschallte, machte den Obersten
-aufmerksam, und er näherte sich dem Bette noch mehr. Bald sahe er, wie
-sich die Augenlieder der Kranken fast unmerklich bewegten; endlich
-schlug sie die Augen auf, und blickte ihn an, worauf eine plötzliche
-Röthe ihr Gesicht überzog, und ihr Mund den Namen Alfred aussprach.
-
-»Lodoiska, hast du mich erkannt? fragte der Oberst, der Heftigkeit
-seiner Gefühle fast unterliegend. Ach, wie sehr mußt du mich
-verabscheuen!«
-
--- Alfred! liebst du mich? --
-
-Bei dieser unerwarteten Frage, die nicht leicht zu beantworten war,
-fühlte sich der Oberst fast wie versteinert. Seine Zunge war im Begriff
-ein zufriedenstellendes Wort auszusprechen; aber seine Vernunft hielt
-dasselbe zurück; er konnte nur sein Gesicht mit beiden Händen bedecken,
-und schweigen.
-
-»Alfred, grausamer Geliebter meines Herzens! willst du mir den Tod
-geben, dem ich jetzt entrinne?«
-
-O, wie schrecklich war es für Alfred, die Unglückliche nicht beruhigen
-zu dürfen! Sie schien nur in's Leben zurückzukehren, um vom ersten
-Augenblicke an allen den Kummer von Neuem mit verdoppelter Heftigkeit zu
-fühlen, der schon seit so langer Zeit an ihrem Herzen nagte. Aber konnte
-der Oberst einer unglücklichen Leidenschaft noch neue Nahrung geben? War
-er nicht Helenens Gatte? Konnte er sie so hintergehen? Die
-verschiedensten Gefühle und Gedanken kämpften in seinem Innern mit
-einander, und er war noch unentschlossen, als ein abermaliger Seufzer
-Lodoiska's seine Aufmerksamkeit auf sich zog, und er mit Schrecken
-erkannte, daß sie in tiefe Ohnmacht zurückgesunken sei.
-
-Da der Oberst fürchtete, der armen Kranken den letzten Stoß gegeben zu
-haben, so stürzte er aus dem Zimmer, und rief mit lauter Stimme den Arzt
-und die Bedienung herbei. Er erzählte ihnen, daß die Fremde anfangs zu
-sich selbst gekommen sei, und einige Worte gesprochen habe, worauf sie
-wieder in eine höchst gefährliche Ohnmacht zurückgefallen sei.
-
-»Sie hat gesprochen, sagen Sie? rief der Arzt. Sind Sie auch Ihrer Sache
-ganz gewiß? denn es scheint mir ganz unmöglich. Wenn es aber dennoch
-wahr ist, so weiß ich nicht mehr, was ich von diesem unerklärbaren Wesen
-denken soll!«
-
-Der Oberst versicherte, daß die Kranke gesprochen habe, und daß ihre
-Worte: Wo bin ich? wer ist bei mir? ganz vernehmlich gewesen seien.
-Freilich hatte sie so nicht gesagt, aber Alfred hütete sich wohl, die
-Wahrheit zu entdecken. Wildenau fand, daß Lodoiska ein heftiges Fieber
-hatte, und verhehlte nicht, daß sie sich in großer Gefahr befände, weil
-sie eine große Erschütterung in ihrem Innern erlitten haben müsse. Bei
-dieser Erklärung war der Oberst wie vom Blitze getroffen, und aus
-Furcht, sich zu verrathen, entfernte er sich. Ueber eine Stunde lang
-ging er in dem großen Saale auf und nieder, ohne zu wagen, sich zu
-seiner Gattin zurück zu begeben, noch in Lodoiska's Zimmer
-zurückzukehren, wo dieselbe vielleicht im Begriff war, ihren letzten
-Seufzer auszuhauchen. O, welche Vorwürfe machte er sich jetzt über
-seinen vormaligen jugendlichen Leichtsinn, über seinen unverzeihlichen
-Fehler, in dem unschuldigen und gefühlvollen Herzen Lodoiska's eine
-Flamme entzündet zu haben, deren Folgen so schrecklich waren! Er sahe
-jetzt ein, daß die Liebe, welche gewöhnlich so vergänglich ist, bei
-gewissen Charakteren ewig währen kann; denn Lodoiska's Beständigkeit gab
-ihm den Beweis, weil Nichts ihre Zärtlichkeit zu vermindern im Stande
-gewesen war. Die Entfernung und lange Trennung, selbst die schlechte
-Behandlung waren an ihrem Herzen vorübergegangen, ohne es zu erkälten,
-und er selbst empfand jetzt das ganze Entzücken der Liebe, das ihn
-ehemals trunken machte. Welche Qualen, welche Kämpfe hatte der Oberst
-nun zu überstehen! Er sahe seine Zukunft wie hinter einer finstern
-Wolke, und voller Schrecken ergab er sich seinem Schicksale. Quälte ihn
-nicht auch die Art von Nebenbuhlerschaft, die zwischen ihm und dem Arzte
-entstehen zu wollen schien? Der Letztere, der noch jung und von sehr
-liebenswürdigem Aeußeren war, hatte alle Ansprüche, eine zärtliche
-Neigung einzuflößen. Ohne Zweifel würde er jetzt anfangen, Lodoiska mit
-seiner Leidenschaft zu verfolgen, ja vielleicht den Obersten selbst zur
-Mittelsperson machen wollen, wozu sich Alfred völlig unfähig fühlte! --
-
-Wie wir schon gesagt haben, Lodoiska ging, wider alle
-Wahrscheinlichkeit, ihrer Genesung mit raschen Schritten entgegen. Kaum
-waren vierzehn Tage verflossen, so konnte sie schon aufrecht in ihrem
-Bette sitzen, und die an sie gerichteten Fragen beantworten. Helene
-entschloß sich nur schwer, ihr einen Besuch abzustatten, weil ihr
-Anblick ihr Wilhelms Tod so lebhaft in's Gedächtniß zurückrief, daß sie
-beim ersten Besuche ohnmächtig wurde. Jedoch mangelte es der kranken
-Lodoiska nicht an Gesellschaft, weil der Arzt, so viel es seine
-Geschäfte zuließen, sich bei ihr aufhielt. Auch der Oberst, durch ein
-unwiderstehliches Gefühl dazu fortgerissen, wiederholte seinen Besuch
-täglich, obgleich er täglich schwur, seine Besuche seltener zu machen.
-Indessen suchte er es so einzurichten, daß er nie mit Lodoiska allein
-war, weil er eine zweite Erklärung von ihrer Seite fürchtete.
-
-Vergebens suchte Lodoiska öfters, die lästigen Zeugen zu entfernen, wenn
-sich der Oberst bei ihr befand; aber Alfred war so sehr auf seiner Hut,
-daß er sich stets entfernte, wenn der Zufall es hätte herbeiführen
-können, sich mit dem Opfer einer unglücklichen Liebe allein zu befinden.
-In solchen Augenblicken sah man denn in den sonst gleichgültigen
-Gesichtszügen Lodoiska's den heftigsten Verdruß vorherrschen, der sich
-oft gegen ihre Wärterin, selbst gegen den Arzt, äußerte. Der Letztere,
-der sich immer mehr gefesselt fühlte, ertrug mit seltener Geduld eine
-Leidenschaftlichkeit, von welcher er die wahre Ursache durchaus nicht
-ahnete, sondern die er nur ihrem körperlichen Uebelbefinden zuschrieb.
-
-Bald darauf erklärte Lodoiska, daß sie aufstehen wolle, wobei der Arzt
-fast in Verzweiflung gerieth. Er versicherte, daß sie noch zu schwach
-sei, um ihren Wunsch befriedigen zu können, und daß sie sich wenigstens
-noch vier Wochen gedulden müsse, weil er sonst nicht dafür stehen könne,
-daß sie in die größte Gefahr geriethe, wenn sie ihr Bett verlassen
-wollte. Lodoiska antwortete nicht, wie sie es stets gewohnt war, wenn
-man ihr einen Vorschlag machte, der ihr nicht gefiel. Aber sobald
-Wildenau sich entfernt hatte, bat sie ihre Wächterin, ihr eine Frucht
-herbeizuholen, nach deren Genuß sie großes Verlangen fühle, und kaum war
-sie allein, so eilte sie, sich anzukleiden.
-
-Das Erstaunen der Wächterin, als sie in's Zimmer zurückkehrte, war
-unbeschreiblich; sie eiferte gegen die Dreistigkeit, mit welcher
-Lodoiska alle Vorschriften des Arztes bei Seite setzte, und drohte ihr
-mit dem höchsten Zorn des Letzteren, wenn derselbe sie bei seiner
-Rückkehr nicht im Bette finden würde. Aber diese Drohung machte nicht
-den geringsten Eindruck, und nachdem Lodoiska einige Zeit lang im Zimmer
-auf und nieder gegangen war, ließ sie die Oberstin fragen, ob dieselbe
-ihren Besuch annehmen könne.
-
-
-
-
- Funfzehntes Kapitel.
-
-
-Die Oberstin, und noch mehr ihr Gemahl, war weit entfernt von dem
-Gedanken, die Fremde vor sich erscheinen zu sehen. Beide fürchteten, daß
-sie ihrer Gesundheit Schaden zufügen könnte, und anstatt sie bei sich zu
-erwarten, begaben sie sich zu ihr.
-
-»Mein Gott! sagte Helene eintretend, was beginnen Sie? So wenig
-beobachten Sie die Vorschriften unseres Arztes? Er hatte Ihnen doch
-empfohlen, sich noch länger im Bette zu halten, und nun sind Sie ohne
-seine Erlaubniß aufgestanden!«
-
--- Ich hege die größte Meinung von den Kenntnissen des Herrn Wildenau,
-antwortete Lodoiska; aber ich glaube, daß die Arzneiwissenschaft gewisse
-Grenzen hat, über die sie nicht hinausgehen kann. Unser Freund
-beurtheilt meinen Zustand nach den ihm sonst vorgekommenen ähnlichen
-Fällen; aber bei mir muß er sich in allen seinen Voraussetzungen
-getäuscht sehen, weil ich eines außerordentlichen Daseins genieße: ich
-kann nicht völlig sterben, und Sie haben schon den Beweis davon. Da ich
-mich nun stark genug fühle, warum sollte ich mich noch nach Vorschriften
-richten, die meine Genesung nur verzögern würden? --
-
-Seitdem Helene die Fremde bei sich aufgenommen, hatte sie schon die
-Erfahrung gemacht, daß es vergeblich sei, sich ihrem Willen zu
-widersetzen. Sie begnügte sich daher, ihr zu antworten, daß sie besser
-als jeder Andere wissen müsse, was sie zu thun habe, und daß sie dabei
-ohne Zweifel die Vorsicht nicht aus den Augen setzen würde. Der Oberst
-schwieg völlig. Erst heute sahe er eigentlich Lodoiska'n zum ersten Male
-wieder, und betrachtete mit stiller Rührung die Zerstörungen, welche
-Zeit, Unglücksfälle und Leiden in diesem schönen Körper angerichtet
-hatten. Sie besaß nicht mehr die lebhafte Gesichtsfarbe, welche sonst
-ihre Reize so sehr erhöheten, und ihre Augen schienen fast erstorben zu
-sein; aber dennoch mußte sie Aller Blicke auf sich ziehen, und den
-Männern Liebe einflößen. Ihr prächtiger Wuchs, ihre regelmäßigen Züge,
-ihr einnehmendes Wesen waren ihr noch geblieben.
-
-Lodoiska behandelte den Obersten mit jener kalten Höflichkeit, die man
-gewöhnlich gegen Unbekannte ausübt, und sie wußte die Gefühle ihres
-Innern auf das Strengste zu verbergen. Wenn sie aber gewiß war, von
-keinem Zeugen belauscht zu werden, so belebte sich ihr Blick und machte
-dem Obersten die bittersten Vorwürfe, oder schien öfters zu sagen: Kehre
-zu mir zurück, und Alles ist verziehen. Alfred verstand diese Blicke nur
-allzugut, doch glaubte er, ihnen trotzen zu können; er vergaß, daß man,
-um Gefahren dieser Art zu überwinden, sie fliehen, nicht aber ihnen die
-Spitze bieten muß. Zwei Herzen, die sich einst liebten, und die nach
-langer Trennung sich einander wieder finden, vereinigen sich fast immer.
-
-Während sich unter diesen drei Personen eine Unterhaltung entspann, kam
-der Arzt von seinen Geschäften, die er in der Umgegend gehabt hatte,
-zurück. Schon bei seinem Eintritte in's Schloß erfuhr er, wie wenig die
-Fremde seine Vorschriften befolgt habe; er nahm sich daher vor, ihr
-deßhalb Vorwürfe zu machen; allein sein ganzer Zorn verschwand, als er
-in's Zimmer trat, und sie in einem Zustande sahe, der ihre völlige
-Wiederherstellung bewies.
-
-»Ich sehe, redete er sie an, daß sie meiner Hülfe nicht mehr bedürfen,
-und Sie haben daher vollkommen Recht, sich meiner Autorität zu
-entziehen; ich wünsche nur, daß sie es nie bereuen möchten.«
-
--- Ihren seltenen Kenntnissen, antwortete Lodoiska, habe ich viel zu
-verdanken; das Uebrige hat die Natur gethan. Glauben Sie mir, daß ich
-mich jetzt vollkommen wohl befinde; aber je freier ich nun athme, desto
-mehr ist auch mein Herz von Dankbarkeit gegen Sie erfüllt. Erlauben Sie
-mir, Ihnen einen kleinen Beweis davon zu geben, was Sie mir hoffentlich
-nicht abschlagen werden. --
-
-Mit diesen Worten nahm Lodoiska einen prächtigen Brillantring von sehr
-bedeutendem Werthe, von dem Tische, und überreichte ihn dem Arzte, der
-vor Ueberraschung nicht wußte, was er thun sollte. Gern hätte er ein
-Geschenk von sich gewiesen, das er für zu kostbar für seine Bemühungen
-hielt; wie gern hätte er es gesehen, wenn ihm die junge Schönheit ihre
-Dankbarkeit auf eine andere Art bewiesen hätte. Aber Lodoiska trat mit
-solcher Zuversichtlichkeit auf ihn zu, daß er das ihm dargebotene
-Geschenk nicht ausschlagen konnte, und nach einigem schwachen
-Widerstande nahm er den Ring seufzend an, steckte ihn an seinen Finger,
-und gab dem Obersten durch einen Blick zu erkennen, daß er gewünscht
-hätte, Lodoiska möchte ihm auf eine andere Art ihre Dankbarkeit zu
-erkennen gegeben haben.
-
-Die Oberstin brannte vor Ungeduld, zu erfahren, was sich eigentlich in
-jener Schreckensnacht zugetragen hatte, deren Andenken nur mit ihr
-selbst in ihr untergehen konnte; aber sie fühlte auch zu gleicher Zeit,
-daß sie noch nicht stark genug sei, diese Erzählung ruhig mit anzuhören.
-Daher stand sie von ihrem Stuhle auf, wiederholte ihre Glückwünsche zur
-Wiedergenesung der Fremden, und überließ es dem Obersten und dem Arzte,
-die Enthüllung der Geheimnisse jener Nacht von Lodoiska'n entgegen zu
-nehmen.
-
-Diese erbebte unwillkührlich, als man sie über diesen Gegenstand
-befragte; man konnte es auf ihrem Gesichte lesen, wie ungern sie es
-sehe, daß man sie daran erinnerte; daher schwieg sie auch einige
-Augenblicke, sei es nun, um sich zu sammeln, oder um abzuwarten, ob man
-die Frage erneuern würde. Allein der Oberst wiederholte dieselbe, und
-Lodoiska erzählte nun Folgendes:
-
-»Die Frau Oberstin war von dem unausgesetzten Nachtwachen schon so sehr
-erschöpft, daß sie mich bat, an ihrer Stelle bei dem unglücklichen Kinde
-zu wachen, das sie verloren hat.«
-
-Bei diesen Worten stieß der Oberst einen tiefen Seufzer aus. Verwirrt
-hielt Lodoiska inne, und ein krampfhafter Schmerz verzog ihre
-Gesichtszüge. Sie zögerte fortzufahren, that dieß aber doch endlich
-folgendermaßen.
-
-»Ich konnte es dieser großmüthigen Dame nicht abschlagen, und ungeachtet
-meines Widerwillens, wovon ich mir damals noch keine Rechenschaft geben
-konnte, der sich aber durch die Folge gerechtfertigt hat, willigte ich
-ein, die Nacht bei dem armen Wilhelm zuzubringen. Gegen Mitternacht
-überwältigte mich der Schlaf, der seit mehreren Jahren nur selten meine
-Augen schließt, mit solcher Kraft, daß ich ihm vergebens zu widerstehen
-suchte; ich legte meinen Kopf gegen den Rücken des Lehnstuhls, in
-welchem ich saß, und in wenigen Augenblicken war ich eingeschlummert.
-Was von diesem Zeitpunkte an geschehen ist, weiß ich nicht, bis ich
-plötzlich durch ein starkes Geräusch geweckt wurde. Kaum schlug ich die
-Augen auf, so erblickte ich beim Schein des Mondes vier bewaffnete
-Männer, welche auf mich zukamen. Mein Schrecken war so groß, daß ich
-nicht im Stande war, zu schreien, um Hülfe herbeizurufen. Der eine von
-den Männern faßte mich beim Arme, ein anderer näherte sich dem Bette. In
-diesem Augenblicke wurde die Thür mit Ungestüm aufgerissen, und Werner
-erschien. Ich hörte zwei Pistolenschüsse fallen, fühlte mich von einer
-Kugel getroffen, und stürzte zur Erde. Meine Besinnung verließ mich.
-Ohne Zweifel waren die Räuber durch's Fenster eingestiegen; denn ich
-hörte nachher von meiner Wächterin, daß man eine Strickleiter am Fenster
-gefunden habe. Ich kann diesen Umstand nicht bestätigen, weil ich nichts
-gesehen habe, als die Mörder und den Tod, den sie mir ohne Zweifel
-bestimmten. Auch weiß ich keine bestimmte Ursache für den Tod Ihres
-Kindes anzuführen. War dieß gerade der Augenblick seines Sterbens, oder
-wäre es durch die Furcht schneller herbeigeführt worden? Ach, er kann es
-Ihnen nicht sagen, und kein Sterblicher wird je von den Geheimnissen des
-Todes unterrichtet werden.« --
-
-So erzählte Lodoiska ihre Geschichte, und Niemand konnte die Wahrheit
-derselben bezeugen oder ihr widersprechen. Sie allein hatte die
-Begebenheit überlebt; diejenigen, welche die wahren Umstände derselben
-hätten bekannt machen können, waren auf ewig von dieser Erde verbannt,
-wo das Verbrechen und die Lüge nur allzuoft über Unschuld und Tugend den
-Sieg davon tragen. Eine so unvollständige Erzählung konnte übrigens
-nicht die geringste Aufklärung geben. Man hatte ungeachtet der
-eifrigsten Nachforschungen nicht die geringste Spur von den Mördern
-finden können, und dennoch waren sie da gewesen. Lobenthal und Wildenau
-verloren sich in ihren Vermuthungen, während Lodoiska in ihrer
-gewöhnlichen Gleichgültigkeit verharrte, und endlich den Wunsch äußerte,
-auf einige Zeit allein zu sein, um, wie sie sagte, sich von der
-Abspannung zu erholen, in welche ihre Erzählung ihre moralischen Kräfte
-gesetzt habe.
-
-Dieser Wunsch war sowohl für den Obersten als für den Arzt ein Befehl.
-Sie entfernten sich augenblicklich, und begaben sich zu Helenen, der sie
-die eben angehörte Erzählung mittheilten, die aber davon wenig gerührt
-wurde, weil sie keinen Aufschluß über den geheimnißvollen und
-unerwarteten Tod ihres Sohns dadurch erhielt. Das Uebrige kümmerte sie
-wenig, und sie sah darin nichts weiter, als einen gewöhnlichen Angriff
-von Räubern, der für dieselben ohne Erfolg gewesen war, aber blutige
-Spuren hinterlassen hatte.
-
-Lodoiska fing jetzt ihr früheres gewöhnliches Leben wieder an. Fast
-immer in ihrem Zimmer eingeschlossen, zeigte sie sich nur zur Zeit der
-Mahlzeit, und nur selten willigte sie darein, den Nachmittag mit der
-Familie zuzubringen. Ihre Unterhaltung war dann ernsthaft und
-schwermüthig; sie schien ihre Leidenschaft für den Obersten völlig
-vergessen zu haben, sowohl als die Worte, die sie bei ihrem ersten
-Wiedersehen ausgesprochen hatte. Dadurch ward Lobenthal so sicher
-gemacht, daß er täglich weniger Vorsicht anwendete, einer Unterredung
-unter vier Augen auszuweichen, die Lodoiska nicht mehr zu wünschen
-schien. --
-
-Man befand sich jetzt mitten im Winter. Bald machte der Regen alle Wege
-ungangbar, bald verwandelte der eisige Hauch des Nordwindes die Erde in
-Stein, und machte es unmöglich spazieren zu gehen. Bei solchem Wetter
-befiel den Obersten seine alte Jagdlust wieder, und oft kehrte er mit
-reicher Beute beladen nach Hause zurück. So war er auch eines Morgens in
-den Wald gegangen, wo ihm sogleich anfangs ein Reh in den Schuß kam;
-allein das arme Thier stürzte nicht sogleich todt zur Erde nieder,
-sondern lief mit Anstrengung aller Kräfte pfeilschnell durch das dickste
-Gebüsch, von dem bellenden Jagdhunde des Obersten verfolgt. Auch
-Lobenthal folgte der blutigen Spur, bis er das Thier verendet fand, aber
-sich dabei so weit vom Schlosse entfernt sahe, daß er kaum mehr hoffen
-konnte, es zur Mittagszeit wieder zu erreichen.
-
-Nachdem er seine Beute in Stücke getheilt hatte, um sie desto besser
-fortzubringen, machte er sich auf den Rückweg, der ihn so ermüdete, daß
-er sich, nicht weit mehr vom Schlosse entfernt, auf einer in einen
-Felsen gehauenen Bank, auf einige Augenblicke auszuruhen beschloß.
-Tausend verschiedene Gedanken bestürmten seine Einbildungskraft, die ihn
-bald in seine Jugendjahre zurückführte; er glaubte, noch in den Gebirgen
-der Wallachei zu sein, wo er oft in Gesellschaft eines Mädchens, das ihm
-damals ein Engel zu sein schien, die schneebedeckten Gipfel der Felsen
-erkletterte. Plötzlich fiel ihm ein Gedicht ein, das er einst in jener
-glücklichen Zeit für Lodoiska verfertigt hatte; es konnte nach einer in
-ihrem Vaterlande sehr beliebten Weise gesungen werden, und nachdem er
-die ersten Verse für sich hergesagt hatte, ging er unvermerklich in jene
-Melodie über, bis er, ohne es selbst zu wissen, das Lied mit lauter
-Stimme sang.
-
-Der Gesang war geendigt, und noch befand er sich in seinem träumerischen
-Zustande, als er daraus plötzlich durch das Herabfallen einiger Steine
-von der neben ihm befindlichen Höhe geweckt wurde. Er richtete den Kopf
-nach oben, um die Ursache zu entdecken; aber wie erstaunte er, als er
-Lodoiska, die ihn so eben noch so sehr beschäftigt hatte, von der Höhe
-herabkommen sahe. Er konnte ihr nicht anders ausweichen, als wenn er
-gerade querfeldein lief, was nach den Regeln des Anstandes durchaus
-nicht thunlich war; aber er gerieth in die größte Unruhe über die
-Unterredung, die nun ohne Zweifel Statt haben mußte. In seiner
-Ueberraschung sprang er von seinem Sitze auf, während die junge
-Schönheit, vielleicht von ähnlichen Gefühlen, wie die seinigen,
-bestürmt, stehen blieb, und sich an die Felsenwand stützte, als wenn sie
-fürchtete, ihr Bewußtsein zu verlieren.
-
-So standen beide einige Zeit lang einander gegenüber, ungewiß, was sie
-thun sollten; endlich setzte aber Lodoiska ihren Weg fort, und befand
-sich nach einigen Augenblicken dicht bei dem Obersten.
-
-
-
-
- Sechszehntes Kapitel.
-
-
-»Sollte ich Ihnen, redete sie ihn mit halb erstickter Stimme an, durch
-meine Gegenwart lästig werden? Können Sie mich nicht anders mehr als mit
-Furcht erblicken? Muß ich zu dem Zufall meine Zuflucht nehmen, um mit
-Ihnen zusammen zu treffen?«
-
-Alfred fühlte die Nothwendigkeit, hierauf etwas zu erwidern; aber er
-fürchtete auch, in seinen Worten nicht die richtige Mittelstraße
-beobachten zu können, und das Unangenehme seiner Lage setzte ihn in die
-größte Verlegenheit.
-
-»Ach! antwortete er, ist es gut für uns beide, daß wir uns
-wiedergefunden haben? Hatte uns nicht das Schicksal auf immer von
-einander getrennt? Konnte ich erwarten, Lodoiska, Sie hier in
-Deutschland zu sehen, nachdem die Bande, die uns an einander knüpften,
-längst aufgelöset sind?«
-
--- Und wer hat sie zerrissen, Alfred, diese Bande? Verdiene ich oder Sie
-diesen Vorwurf? Nur die Zeit war zwischen uns; ich konnte meine
-schwachen Reize verlieren, aber mein Herz hat sich nicht geändert, und
-Sie sehen den Beweis davon vor sich! --
-
-»Ich bedarf Ihrer Gegenwart nicht, Lodoiska, um mir Vorwürfe zu machen,
-die ich mir schon seit langer Zeit gemacht habe. Die Verirrungen meiner
-Jugend haben sich meinen Blicken schon längst unter den schwärzesten
-Farben dargestellt. Aber was kann jetzt noch geschehen? Unsere Lage ist
-kummervoll; aber es bleibt uns nichts übrig, als sie mit Fassung und
-Muth zu ertragen: so will es das Schicksal.«
-
--- Sie drücken sich ziemlich dunkel aus, Alfred. Reden Sie offen zu mir,
-sagen Sie mir Alles, was Sie denken, und ich werde aufrichtig Ihrem
-Beispiele folgen. --
-
-»Wie wäre es möglich, selbst zu enträthseln, was jetzt in meinem Herzen
-vorgeht? Und dürfte ich es thun, wenn ich es könnte? Bin ich nicht durch
-unauflösliche Bande gefesselt? Sein Sie großmüthiger als ich, Lodoiska,
-und bringen Sie freiwillig ein nothwendiges Opfer. Vergessen Sie mich,
-wenn Sie können ....«
-
--- Sie haben Recht, wenn Sie daran zweifeln. Ich bin Ihnen völlig
-ähnlich, Alfred; auch ich habe meine Schwächen, mein Unrecht vielleicht.
-Sie haben nicht gefürchtet, mich zu verlassen, und einer Andern die
-Treue zu widmen, die Sie mir gelobt hatten; ich dagegen kann meine
-Empfindungen nicht unterdrücken, obgleich ich einsehe, daß sie
-vergeblich sind. Ich weiß, daß meine Gegenwart Sie belästigt, und
-dennoch fühle ich mich glücklich, daß ich mich mit einer eiteln Hoffnung
-täuschen kann. Warum wollen Sie, daß ich Sie an Geistesstärke
-übertreffen soll? Sie haben mir Ihr Herz nicht erhalten können, und ich
-fühle mich unfähig, Ihnen das meinige zu entreißen. --
-
-»Ihre Worte, Lodoiska, verdoppeln noch meine Verzweiflung. Ich würde
-mein Leben dafür geben, das Geschehene ungeschehen zu machen, damit Sie
-ruhig und glücklich Ihr Leben genießen könnten.«
-
--- Es giebt Wünsche, antwortete Lodoiska mit einem schauerlichen Tone,
-deren Erfüllung nicht mehr möglich ist. Für mich giebt es kein Glück und
-keine Ruhe mehr auf der Erde; auch werde ich beides im Grabe nicht
-finden, und Sie allein muß ich als die Ursache dieses Unglücks
-betrachten. Sie wollen Ihr Leben für mich hingeben, sagen Sie? Dieses
-Opfer steht nicht in Ihrer Gewalt. Gehörten Sie mir nicht schon früher
-an? Habe ich nicht das heiligste Versprechen darüber, mit Ihrem eigenen
-Blute geschrieben? --
-
-»Ich läugne es nicht, daß ich Ihnen dieses Andenken meiner Liebe
-zurückgelassen habe. Aber wozu kann es Ihnen jetzt noch dienen? Es ist
-ein nichtiges Papier, das unsere Gesetze nicht anerkennen.«
-
--- Ihre Gesetze! Was gehen mich die Förmlichkeiten an, die die Willkühr
-der Menschen geheiligt hat? Aber ich werde mich keinesweges so
-herabwürdigen, Sie wegen Ihres Meineids vor den Gerichten Ihres Landes
-zu belangen, sondern besser thun, mich bei dem unbestechlichen Wesen zu
-beklagen, das nicht über Worte richtet, sondern über Thaten. Zittern
-Sie, Unglücklicher, vor der Strafe, die Sie erwartet. Kennen Sie alle
-Mittel, deren sich der Allmächtige bedienen kann, um Sie in Ihrem
-Innersten zu verwunden? --
-
-»Unglückliche Lodoiska, sein Sie ruhiger, ereifern Sie sich nicht! Da
-ich Ihnen jetzt nicht mehr meine Hand anbieten kann, so erlauben Sie,
-daß die reinste Freundschaft eine heftige Leidenschaft ersetze.«
-
--- Die Freundschaft! nichts als die kalte Freundschaft bietet mir also
-Alfred an, für so viele Jahre voll Zärtlichkeit und Schmerz! Ich soll
-mich also entweder von ihm entfernen, um von Zeit zu Zeit einen Brief zu
-erhalten, dessen Kälte mich zur Verzweiflung bringen würde; oder mit ihm
-unter einem Dache bleiben, und dort Zeugin von dem Glücke einer Andern
-sein, mich einer beständigen Marter überliefern! Ach, wie unverständig
-war ich noch vor wenigen Augenblicken, als ich dort hinter jenen Bäumen
-Worte hörte, die mir in's Innerste drangen, und die ich noch nicht
-vergessen habe! --
-
-»Sie mußten Ihnen einen Beweis geben, daß Sie mir oft im Herzen
-gegenwärtig sind, und daß ich mich mit Kummer jener Zeiten erinnere, die
-für mich so glücklich waren. Aber ich beschwöre Sie, Lodoiska, retten
-Sie mich und sich vor der Verzweiflung; suchen Sie sich zu beherrschen,
-und sich nicht zu rächen, wie Sie es mich in Ihrem letzten heftigen
-Briefe fürchten ließen.«
-
--- Sein Sie ruhig Alfred; seit jener Zeit haben meine Gedanken eine
-andere Richtung erhalten. Nicht durch menschliche Mittel will ich mich
-zu rächen suchen, sondern durch eine höhere Macht, die mich wider meinen
-Willen zum Ziele treibt. Gerne wünschte ich den mir vorgeschriebenen
-Gang zu ändern, aber es ist unmöglich! --
-
-Der feierliche Ton, mit welchem das junge Mädchen diese Worte aussprach,
-flößte dem Obersten eine Art von Schrecken ein; doch faßte er sich bald,
-und sagte, Lodoiska'n die Hand reichend:
-
-»Ich hoffe, daß unser Schöpfer mir mein begangenes Unrecht verzeihen
-wird, wenn Sie großmüthig genug sind, es zuerst zu vergessen. Weisen Sie
-meine Hand nicht so verächtlich von sich. Schließen wir einen
-Friedensvertrag, und versprechen Sie mir, daß Sie die Ruhe meiner Frau
-nicht stören wollen.«
-
--- Warum sollte ich großmüthiger sein als Sie? Was geht mich die Ruhe
-Ihrer Frau an? Haben Sie nicht die meinige unwiederbringlich
-aufgeopfert? Doch ich will suchen, Sie in allen Dingen zu übertreffen;
-nur Sie will ich quälen, und wenn ich mich nicht selbst beherrschen
-kann, so werde ich ohne Mitleid gegen Sie sein, wie Sie es gegen mich
-gewesen sind. --
-
-Die Bitterkeit dieser Antwort schlug den Obersten völlig zu Boden. Er
-dachte in seiner Verzweiflung nicht daran, daß es Zeit sei, sich zum
-Mittagsessen nach Hause zu begeben; aber Lodoiska war vorsichtiger.
-
-»Es ist Mittagszeit, sagte sie, und Sie können Ihre Jagd nicht noch
-länger fortsetzen, ohne diejenige in die größte Angst zu setzen, deren
-Ruhe Ihnen so theuer ist. Schlagen Sie jenen Weg dort ein, er führt Sie
-gerade nach dem Schlosse; ich werde über diese Anhöhe hier zurückgehen.
-Weiter habe ich Ihnen nichts zu sagen, Alfred, aber ich fürchte für Sie
-den Zorn des Himmels.«
-
-Mit diesen Worten wendete sich Lodoiska rasch um, erstieg den Hügel, und
-verschwand vor den Augen des Obersten, der noch lange Zeit brauchte, ehe
-er sich erholte und auf den Weg begab. Als er in's Schloß zurückkam,
-sahe er, wie Lodoiska neben seiner Frau saß, so ruhig, als wenn durchaus
-nichts vorgefallen wäre.
-
-Der Nachmittag verstrich fast unter stetem Schweigen. Die Zeit hatte
-noch nichts über den Schmerz der Oberstin vermocht; fast beständig saß
-sie unbeweglich, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, in welchem sie
-nicht las, oder an einem Stickrahmen, den sie mit ihren Thränen
-benetzte. Eine tiefe Schwermuth hatte sich ihrer bemächtigt, und nur in
-seltenen Augenblicken, wo ihr Geist etwas heiterer war, zeigte sie ihrem
-Gatten, daß sie ihn noch liebe. Ihrer Tochter erlaubte sie niemals, sich
-von ihr zu entfernen, und wenn öfters Julie, durch ihre Lebhaftigkeit
-hingerissen, den Befehl ihrer Mutter vergaß, sprang Letztere fast außer
-sich aus dem Zimmer, rief sie mit lauter Stimme, und war nicht eher
-ruhig, als bis das Kind wieder bei ihr war. Stundenlang betrachtete sie
-Juliens lächelndes Gesicht; es schien ihr, als wenn das kleine Mädchen
-schon ebenfalls von der Krankheit befallen wäre, die ihren Bruder in's
-Grab gebracht hatte; dann kannte ihre Verzweiflung keine Grenzen.
-Vergebens versicherte der Arzt, daß ihre Tochter völlig gesund sei; sie
-konnte nur unvollkommen ihre Angst unterdrücken, die sich bei der
-geringsten Veranlassung erneuerte.
-
-Als Alfred diese beständige Traurigkeit sahe, welche die seinige noch
-verdoppelte, fürchtete er, seine Frau einen Augenblick lang allein zu
-lassen. Er bemerkte, daß Helene ihre eigene Gesundheit untergrub, indem
-sie so eifrig über die Gesundheit der kleinen Julie wachte; schon waren
-ihre Wangen blaß und eingefallen, ihre Augen wurden hohl, und aus ihrer
-Brust kamen oft rauhe Töne hervor, als wenn sie von der abzehrenden
-Krankheit befallen wäre.
-
-Am folgenden Tage stattete der alte Herr von Krauthof einen Besuch im
-Schlosse ab. Fast mit ihm zugleich kam Wildenau. Der Erstere hatte schon
-lange mit großer Ungeduld den Augenblick erwartet, wo er die
-geheimnißvolle Fremde zu Gesicht bekommen würde. Oft war er deßhalb
-schon vergebens im Schlosse gewesen; aber heute war er glücklicher, und
-mit welcher Freude sahe er Lodoiska'n, welche die kleine Julie auf dem
-Schooße hatte, am Fenster sitzen. Durch seinen feinen Anstand zeichnete
-sich Herr von Krauthof eben nicht aus; an das Leben auf dem Lande
-gewöhnt, wo er größtentheils nur mit Bauern zusammenkam, über die er
-sich hoch erhaben glaubte, legte er sich in Gesellschaften eben keinen
-Zwang an. Sobald er sich daher gesetzt und der Oberstin die gewöhnlichen
-Komplimente gemacht hatte, wendete er sich an die junge Lodoiska:
-
-»Madame, vielleicht kommt Ihnen dieser Titel nicht zu; denn es ist
-möglich, daß Sie noch nicht verheirathet sind; aber glauben Sie mir, es
-ist nicht meine Schuld, wenn ich Ihnen nicht schon früher meine
-Aufwartung gemacht habe. Vor einiger Zeit fand ich mich an Ihrer Thüre
-ein; allein Ihr Kammerdiener weigerte sich mit außerordentlicher
-Grobheit, der Himmel mag sie ihm verzeihen, mich bei Ihnen vorzulassen.
-Wahrhaftig, ich möchte mich beinahe über die Feuersbrunst freuen, die
-Ihr Häuschen in Asche gelegt hat, weil ich dieser Begebenheit die Ehre
-verdanke, Ihnen meine Aufwartung zu machen.«
-
-Diese seltsame Art sich auszudrücken mißfiel der ganzen Gesellschaft.
-Lodoiska, welche darin nicht geradezu eine Frage sahe, schwieg, während
-der Arzt, der sie aus einer Verlegenheit zu ziehen glaubte, sich nach
-dem Zustande ihrer Gesundheit erkundigte. Hierauf antwortete sie mit
-wenigen Worten. Herr von Krauthof, der sich durch die Unzufriedenheit,
-die er auf allen Gesichtern lesen konnte, wenn er gewollt hätte, nicht
-irre machen ließ, wendete sich nun an den Arzt.
-
-»Zum Teufel, mein gelehrter Herr Doktor, Sie sind mit einem Vorrechte
-begabt, das ich nicht besitze, nämlich diese schöne Dame zum Sprechen zu
-bringen.«
-
--- Allerdings hat sie mir geantwortet, Herr Ober-Land-Jägermeister; aber
-dieß verdanke ich meiner Frage, der einzigen, welche wohlerzogene Leute
-an Jemanden richten können, den sie nicht kennen. --
-
-»Aha! ich höre es, mein Lieber, wie man mir schon früher gesagt hat, daß
-Sie auch zu der Klasse der jetzigen Aufgeklärten gehören. Was können
-denn das für wohlerzogene Leute sein, wenn ich nicht dazu gehöre?«
-
-Ungeachtet der ernsten über Lodoiska's Gesicht verbreiteten Kälte und
-ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit, konnte sie doch nicht ein Lächeln
-über diese Worte unterdrücken, während die Oberstin die Achseln zuckte
-und Lobenthal aus Klugheit die Antwort unterdrückte, die ihm schon auf
-den Lippen schwebte. Indessen suchte er die Unterhaltung auf einen
-andern Gegenstand zu bringen, und fragte, ob es wahr sei, daß endlich
-das Kirchspiel einen eigenen Pfarrer erhalten würde?
-
-»Ja, Herr Oberst, so viel ich weiß, ist es wahr, und mir dauert schon
-die Zeit lang, ehe wir ihn hier haben; denn ich hoffe, daß er durch
-seine Predigten dem Bauervolk mehr Gehorsam und Unterwürfigkeit gegen
-uns beibringen, und ihnen beweisen wird, wie sehr unser Einer über sie
-erhaben ist. Vorzüglich aber muß er suchen, den Aberglauben zu
-verbannen, der unter dem Volke immer mehr Wurzel schlägt, je mehr auf
-der anderen Seite seine Ungläubigkeit zunimmt.«
-
--- Ich erstaune! sagte der Arzt. Wie können Sie so sprechen! Sie, ein
-Feind des Aberglaubens! Ich hielt diesen sehr nahe verwandt mit der
-großen Masse der Vorurtheile. --
-
-»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, mein Lieber; aber ich liebe
-den Aberglauben nicht, weil er die Bauern von ihrer Pflicht abhält.
-Seitdem diese Elenden sich in den Kopf gesetzt haben, daß es _Vampyre_
-im Kirchspiele gebe, wollen sie keinen Schritt mehr aus dem Hause gehen,
-sobald es finster ist.«
-
--- Vampyre! Hier sollen Vampyre sein? rief der Oberst. Wer kann die
-scheußlichen Mährchen Ungarns und Griechenlands hierher verbreitet
-haben? --
-
-Bei diesen Worten konnte der Oberst sich nicht enthalten, seinen Blick
-auf Lodoiska zu richten. Er sahe, daß sie außer aller Fassung war. Ihre
-Gesichtszüge drückten den höchsten Schrecken aus, ihr Mund stand halb
-geöffnet, ihre Augen waren unbeweglich, und mit einer schnellen
-Bewegung, die sie aber wieder unterdrückte, schien sie im Begriff
-gewesen zu sein, sich zu entfernen.
-
-Der Oberst erklärte sich mit Leichtigkeit diesen Schrecken Lodoiska's.
-Es war fast unmöglich, daß ein Mädchen aus der Wallachei nicht an die
-Vampyre glaubte, und sehr häufig hatte sie mit ihm darüber gesprochen,
-ihm die seltsamsten Geschichten über diesen Gegenstand erzählt. Konnte
-er sich also wundern, daß sie außer sich gerieth, als so unerwartet die
-Rede auf die fürchterlichen Vampyre kam? Aus Rücksicht für sie hätte er
-gern dem Gespräche abermals eine andere Wendung gegeben; aber es war zu
-spät. Herr von Krauthof beantwortete die an ihn gerichtete Frage.
-
-»Einem Unglücklichen, der nicht mehr am Leben ist, verdanken wir den in
-dieser Gegend verbreiteten Schrecken. Ihr Bedienter Werner erzählte
-seinen Freunden die Geschichte von diesen Unholden, welche nach dem
-menschlichen Blute dürsten, bei Gelegenheit des sonderbaren Todes einer
-jungen Bäuerin aus dem Dorfe. Aber mein Gott, fuhr er fort, sich an
-Lodoiska wendend, Madame, fürchten Sie sich denn auch vor solchen
-Narrheiten? Sie haben ohne Zweifel zu viel Verstand, als daß Sie an
-diese Unholde, diese Vampyre glauben könnten, die ohne Zweifel nur in
-dem Gehirn desjenigen ihr Dasein hatten, der zuerst von ihnen sprach.«
-
-Hier warf die Fremde einen so finsteren Blick auf den Herrn von
-Krauthof, von einem so scheußlichen Lächeln begleitet, daß er ungeachtet
-seiner Zuversichtlichkeit ganz erschrocken in seiner Rede inne hielt,
-und mit der Sprache zugleich die Lust zum Plaudern verlor, die ihn sonst
-nie verließ.
-
-Der Arzt glaubte nun gleichfalls über diesen Gegenstand sprechen zu
-müssen, und scherzte über diese abscheulichen Mährchen. Er forderte die
-Vampyre heraus, den Schlaf eines muthigen Mannes zu stören, und hätte
-noch lange so fortgefahren, wenn ihn nicht die wiederholten Winke des
-Obersten davon abgehalten hätten. Hierauf folgte ein Augenblick des
-Stillschweigens, als plötzlich auch Helene das Wort nahm:
-
-»Warum, sagte sie, wollen wir so hartnäckig diese Geheimnisse
-bestreiten? Wie abscheulich sie auch sein mögen, kennen wir alle Mittel
-der Vorsehung, wodurch sie uns zu betrüben im Stande ist? Ich glaube an
-die Möglichkeit, daß es Vampyre geben kann, und vielleicht habe ich gar
-einem Ungeheuer dieser Art den unerwarteten Tod meines Sohns zu
-verdanken .....«
-
-Die Fremde stößt bei diesen Worten einen lauten durchdringenden Schrei
-aus. Sie steht mit Heftigkeit auf, will einen Schritt vorwärts thun, und
-fällt ohne Bewußtsein auf den Fußboden nieder. --
-
-
-
-
- Siebenzehntes Kapitel.
-
-
-Während der gefühllose Herr von Krauthof sich vergebens in allerhand
-Vermuthungen verlor, durch welche Ursache die Ohnmacht der schönen
-Fremden hervorgebracht sein könnte, waren Helene, ihr Mann und der Arzt
-eifrig beschäftigt, Lodoiska'n in's Leben zurückzurufen. Aber ihre
-Bemühungen waren fruchtlos, und der Oberst benutzte diese Augenblicke,
-den lächerlichen Edelmann zurechtzuweisen.
-
-»Ich habe mit den russischen Heeren, sagte er, einen großen Theil von
-Europa durchzogen, und dabei Gegenden gesehen, welche sonst von unsern
-Reisenden nur selten besucht werden. Ich müßte mich sehr irren, wenn
-diese fremde Dame, nach ihrer Aussprache und ihrem ganzen Wesen zu
-urtheilen, nicht im östlichen Ungarn oder in der Wallachei geboren ist;
-in diesem Falle muß auch sie von den in ihrem Vaterlande herrschenden
-abergläubischen Meinungen durchdrungen sein, und da die Unterhaltung auf
-einen für ihre Landsleute so furchtbaren Gegenstand kam, so wird dieß,
-verbunden mit ihrer noch schwachen Gesundheit, ihren jetzigen Zustand
-hervorgebracht haben, dem wir sie mit aller Mühe noch nicht entreißen
-können.«
-
-Diese Erklärung schien allen Anwesenden hinreichend zu sein. Der Herr
-von Krauthof bemerkte, daß die Fremde, wenn sie in Ungarn geboren wäre,
-gewiß mit der Art bekannt sei, wie man den Tokaier Wein behandeln müsse,
-und er nahm sich vor, sie über diesen Gegenstand um Auskunft zu bitten,
-da er mehrere Weinstöcke aus jener Gegend in seinem Garten habe. Niemand
-antwortete auf diese Lächerlichkeit. Da Lodoiska nicht wieder zu sich
-kam, so machte Wildenau den Vorschlag, sie in ihr Zimmer zu tragen, was
-auch geschahe; aber sie lag noch lange Zeit auf ihrem Bette völlig kalt
-und unbeweglich. Endlich stieß sie einen tiefen Seufzer aus, schlug die
-Augen auf, und die Umstehenden der Reihe nach ansehend, fragte sie mit
-leiser Stimme, warum sie sich in diesem Zustand befände?
-
-»Der außerordentliche Blutverlust, welchen Sie erlitten haben,
-antwortete Wildenau, wird Ihnen noch häufig dergleichen Zufälle
-zuziehen. Sie nehmen Ihre Gesundheit nicht genug in Acht, und rechnen zu
-sehr auf Ihre gute Natur, ohne auf meine Warnungen zu hören.«
-
--- Ist dieß wirklich die Ursache meiner Ohnmacht? Hat man nicht von
-Vampyren gesprochen? Wer hat es gewagt, den geheimnißvollen Schleier zu
-lüften, mit welchem der Himmel die Erfüllung seines schrecklichen
-Willens bedeckt? --
-
-»O, denken Sie nicht mehr an diesen traurigen Gegenstand, sagte der
-Oberst; das Gespräch kam nur aus Unvorsichtigkeit darauf, und es soll
-nicht wieder geschehen. Aber vergessen Sie wo möglich jene Schrecknisse,
-vor welchen Sie hier in Deutschland sicher sind.«
-
-Lodoiska antwortete nicht hierauf, sondern bat nur um Erlaubniß, allein
-bleiben zu dürfen, um sich auszuruhen. Man verließ sie also, und begab
-sich in das Gesellschaftszimmer zurück, wo der Herr von Krauthof noch
-wartete, und eine Menge Fragen that, die man kaum beantwortete. Endlich
-entfernte er sich, zufrieden, endlich das Vaterland der Fremden erfahren
-zu haben, und mit dem Vorsatze, diese wichtige Entdeckung in der
-möglichst kürzesten Zeit allen Nachbarn mitzutheilen.
-
-Als er fort war, nahm Wildenau das Wort, und machte dem Obersten und
-seiner Gemahlin folgende Erklärung: »Ich weiß nicht recht, fing er an,
-wie ich es machen soll, Ihnen die Gefühle mitzutheilen, die meine ganze
-Seele beherrschen. Aber die Güte, die Sie bisher für mich gezeigt haben,
-giebt mir Muth, und ich schmeichele mir mit Ihrer Unterstützung zur
-Erreichung meiner Wünsche. Ich bin vier und dreißig Jahre alt, besitze
-ein anständiges Vermögen, und habe eine Praxis, die meine Wohlhabenheit
-noch vermehrt. Die Ehelosigkeit ist mir noch weit lästiger geworden,
-seitdem ich die reizende Person gesehen, der Sie einen Zufluchtsort
-gewährt haben. Sie ist eine Fremde; große Unglücksfälle, vielleicht ein
-Fehler, den sie durch freiwillige Verbannung büßt, haben sie hierher
-geführt. Ich wünschte ihr Schicksal zu verbessern, indem ich ihr meine
-Hand anbiete, wenn sie sie annehmen wollte; ehe ich aber das Geringste
-zur Erreichung meiner Absicht unternehmen wollte, glaubte ich, mich
-Ihnen freimüthig entdecken zu müssen, in der Hoffnung, daß die Frau
-Oberstin, um mir einen Korb zu ersparen, die Güte haben würde, die
-Gesinnungen dieser schönen Person auszuforschen.«
-
-Lobenthal war zu sehr bewegt durch das, was er jetzt hörte, als daß er
-hätte darauf antworten können, und er überließ daher diese Sorge seiner
-Frau. Diese billigte Wildenau's Wahl, nur rieth sie ihm, sich nicht
-früher bestimmt zu erklären, ehe er nicht die Geschichte der Fremden
-genau erfahren habe, damit späterhin ihm nicht die Reue sein Leben
-verbittere.
-
-»Glauben Sie mir, Frau Oberstin, entgegnete der Arzt, daß ich dieß
-ebenfalls schon überlegt habe. Durch den ehemaligen Eigenthümer des
-abgebrannten Hauses bin ich unterrichtet worden, daß er dasselbe mit den
-dazu gehörigen Ländereien für funfzehntausend Thaler an die Fremde
-verkauft hat, welche ihm sogleich ausgezahlt worden sind. Das Haus ist
-verloren; aber die Ländereien sind noch da, und Sie wissen, daß man bei
-den Güterkäufen hier zu Lande die letzteren für Alles, die Gebäude fast
-für nichts rechnet. Sie selbst haben mir auch gesagt, daß diese Dame
-reiche Kleinodien besitzt, und man hat eine bedeutende Summe in baarem
-Golde aus der Feuersbrunst gerettet, welche Sie einige Zeit lang in
-Verwahrung hatten. Diese Reichthümer, die Talente, welche die Fremde
-besitzt, ihr edler Anstand, obgleich damit einige Sonderbarkeiten
-verknüpft sind, scheinen mir zu beweisen, daß sie nicht zu jener
-verworfenen Klasse von Frauenzimmern gehört, die mit ihren Reizen Wucher
-treiben. Seitdem sie hier ist, hat sie stets in der größten
-Zurückgezogenheit gelebt, was sie gewiß nicht gethan haben würde, wenn
-sie auf Abentheuer ausginge. Unsern Vermuthungen bleibt also nur noch
-übrig, daß sie vielleicht das Opfer einer unvorsichtigen Leidenschaft
-ist, oder vielleicht weit von ihrem Vaterlande einen Jugendfehler in
-Vergessenheit bringen will. Dieß kann ich nicht geradezu bestreiten.
-Aber die ohne Zweifel seitdem verstrichene Zeit, ihr jetziges Betragen
-müssen ihr zur Entschuldigung dienen. Ich will mich durchaus nicht
-darauf einlassen, was geschehen ist, und wenn sie Ihnen darüber ein
-offenes Geständniß macht, so will ich noch weiter gehen: ich will nicht
-ein Wort davon wissen; sobald Sie mich versichern, Frau Oberstin, daß
-sie meiner nicht unwürdig ist, so führe ich sie zum Altare.«
-
-Helene, von Wildenau's Freimüthigkeit und Vertrauen gerührt, versprach
-ihm, nichts zu vernachlässigen, um seinen Wünschen nachzukommen. Da der
-Oberst die Nothwendigkeit fühlte, daß auch er ein Wort hierzu sagen
-müsse, so brachte er mit Mühe einige unzusammenhängende Redensarten
-hervor, und schwieg dann wieder. Es war schon ziemlich spät, als diese
-Unterhaltung endete, und da der Arzt am andern Morgen in ziemlicher
-Entfernung einen Kranken zu besuchen hatte, so trennte man sich.
-
-Der Oberst war weit entfernt, in dieser Nacht zu schlafen; seine innere
-Bewegung war zu heftig. Er glaubte fast gewiß zu sein, daß Lodoiska den
-Heirathsantrag von sich weisen würde; aber er fürchtete, daß dieses
-junge Mädchen ihrer Heftigkeit freien Lauf lassen, und einige Worte
-sagen möchte, die die Ruhe des Hauses stören könnten.
-
-Während er sich diesen Gedanken überließ, glaubte er in dem Zimmer
-seiner Frau, das sich dicht neben dem seinigen befand, ein leises
-Geräusch zu hören. Er horchte genau auf, um gewiß zu sein, daß er sich
-nicht täuschte; da aber das Geräusch anhielt, so fürchtete er, daß
-Helene unwohl sein möchte. Daher stand er rasch auf, und ging leise auf
-die Thür des Nebengemaches zu. Er war im Begriff sie zu öffnen, als er
-plötzlich von einer Hand, die er nicht sahe, einen so heftigen Schlag
-in's Gesicht erhielt, daß er auf sein Bett zurückfiel, und einige
-Minuten fast ohne Besinnung darauf liegen blieb.
-
-Sobald er sich erholt hatte, eilte er zu seinem Degen, zündete mit einem
-chemischen Feuerzeuge ein Licht an, und untersuchte nun sorgfältig das
-ganze Zimmer, in der Hoffnung, den kühnen Urheber des höchst unsanften
-Schlags zu entdecken. Aber alle seine Nachsuchungen waren vergebens. Die
-äußere Zimmerthür war sorgfältig von innen verschlossen, eben so
-befanden sich alle Riegel vor den unversehrten Fenstern, und als er in
-das Zimmer seiner Gattin kam, sahe er, daß sie in einen festen, obgleich
-ängstlichen Schlaf versunken lag. Auch hier suchte er Alles genau durch,
-und da er nichts entdeckte, so sahe er sich gezwungen zu glauben, daß
-seine Phantasie oder die Unruhe seines Blutes ihn getäuscht habe.
-
-Er kehrte in sein Zimmer zurück, wo die anbrechende Morgenröthe ihn noch
-wachend fand. Der Tag schien vortrefflich zu werden, und um nicht Zeuge
-der Unterhaltung seiner Frau mit Lodoiska zu sein, entschloß er sich auf
-die Jagd zu gehen, ehe noch Jemand im Hause aufgestanden war.
-
-Erst zur Frühstückszeit erfuhr Helene, daß ihr Gatte nicht erscheinen
-würde, und dieß war ihr gewissermaßen lieb, weil sie neugierig war, die
-Gesinnungen der Fremden über den ihr zu machenden Antrag zu erfahren.
-
-Lodoiska trat in's Zimmer, sobald die Frühstücksglocke ertönte. Ueber
-ihr Gesicht war finstere Schwermuth verbreitet; allein sie war nicht so
-blaß als gewöhnlich; sehr bewegt bedankte sie sich für die Sorgfalt, die
-man ihr am vorigen Tage erwiesen hatte.
-
-Da Helene das beabsichtigte Gespräch nicht in Juliens Gegenwart anfangen
-wollte, so wartete sie das Ende der Mahlzeit ab, und befahl dann
-Lisetten, die Kleine mit sich zu nehmen, und nicht eher wieder
-hereinzukommen, bis sie gerufen würde. Lodoiska setzte sich gleich
-darauf an ihren Stickrahmen, und Helene, um nicht in Verlegenheit zu
-gerathen, nahm ein Buch, in welchem sie aufmerksam zu lesen schien. Nach
-langem Zögern fing sie endlich das Gespräch folgendermaßen an. --
-
-»Nun, liebe Lodoiska, werden Sie denn immer das beste, aber auch das
-geheimnißvollste Wesen auf der Welt bleiben? Sollen wir denn nie
-erfahren, durch welche wichtige Ursachen Sie aus Ihrem Vaterlande
-entfernt worden sind? Sie sehen mich voll Erstaunen an; sollten meine
-Fragen Sie beleidigen? Glauben Sie mir, nur meine Theilnahme für Sie hat
-sie mir eingegeben.«
-
--- Ich glaube es, Frau Oberstin, und ich entschuldige Sie, weil ich Sie
-kenne; da Sie mir aber bis jetzt Ihr Wohlwollen geschenkt haben, ohne
-nach meinen näheren Verhältnissen zu forschen, warum sollte ich dieses
-Vertrauen von Ihrer Seite nicht noch länger verdienen? Habe ich mich
-seit Kurzem vielleicht in einem unvortheilhafteren Lichte gezeigt?
-Sollte ich der Verläumdung preisgegeben sein? --
-
-»Von allem Diesem ist durchaus nicht die Rede; aber glauben Sie denn,
-daß Sie ungestraft so hübsch sein dürfen? Niemand wird sich um die
-Verhältnisse eines gewöhnlichen Frauenzimmers bekümmern. Man geht an ihr
-vorüber, ohne sie zu bemerken; aber Sie, Lodoiska, fallen zu sehr in die
-Augen, als daß man Sie mit Gleichgültigkeit ansehen könnte. Sie setzen
-ohne Zweifel mehr als ein Herz in Bewegung, von denen einige sich Ihnen
-nähern möchten, um auch das Ihrige zu rühren; und diese haben einiges
-Interesse dabei, zu wissen, wer Sie sind, ob Sie noch frei sind, ob
-keine frühere Verbindung Ihnen im Wege ist; kurz, ob Sie über Ihre Hand
-verfügen können?«
-
-Ein melancholisches Lächeln ging der Antwort voraus, die Lodoiska
-hierauf zu geben im Begriff stand. Sie schien einen Augenblick darüber
-nachzudenken, richtete dann ihren Kopf, den sie über den Stickrahmen
-gebeugt hatte, in die Höhe, und sagte, Helenen mit einem Blick der
-vollkommensten Gleichgültigkeit ansehend:
-
-»Wenn es bei der Kenntniß meines Schicksals bloß auf meine jetzige Lage
-ankommt, so kann ich mich über diese erklären, ohne zu erzählen, was mir
-früher begegnete. Ich bin frei, völlig frei, und dennoch gehöre ich mir
-selbst nicht an. Ich habe mein Herz verschenkt, und nicht das Recht, es
-wieder zurückzufordern; durch ein ganzes Leben bin ich von demjenigen
-getrennt, den ich bis zum Uebermaß liebe; meine Seele steht unter der
-Abhängigkeit einer höheren Macht, und ich habe kein Vaterland mehr, ich
-gehöre der ganzen Erde an. Fragen Sie mich nicht weiter; Sie haben jetzt
-Alles gehört, was ich Ihnen sagen kann .... suchen Sie es zu vergessen.«
-
--- Ich würde mich ohne Zweifel mit einer solchen Erklärung begnügen, so
-dunkel sie mir auch ist, aber ich kann Sie versichern, daß Andere nicht
-damit zufrieden sein werden. Und nun erlauben Sie, daß ich mit Ihnen ein
-Wort der Vernunft spreche. Sie sind hier weit von Ihrem Vaterlande
-entfernt, allein und unabhängig; Sie können nicht hoffen, sagen Sie,
-demjenigen jemals anzugehören, den Ihr Herz ausgewählt hat: was wollen
-Sie aber dann in einem fremden Lande machen? Wird nicht eine Zeit
-kommen, wo Sie, unter der Last des Alters gebeugt, das Bedürfniß eines
-Freundes fühlen werden? Wollen Sie denn vielleicht in Ihr Vaterland
-zurückkehren? Das Schicksal könnte Ihnen unübersteigliche Hindernisse in
-den Weg legen. Kurz, Sie werden es dann bereuen, etwas ausgeschlagen zu
-haben, was Sie jetzt vielleicht verschmähen. --
-
-»Ich fühle es, Frau Oberstin, wie schrecklich meine jetzige Lage für
-jedes andere Frauenzimmer sein würde, das sich in einem der gewöhnlichen
-Verhältnisse des menschlichen Lebens befindet. Aber meine Verhältnisse
-sind ganz besonderer Art! Ich scheine Ihnen verlassen zu sein? Wohl! so
-glauben Sie, daß ich nicht Ursach habe, mich über meine Zukunft zu
-beunruhigen; sie ist schon seit mehreren Jahren fest bestimmt, und kann
-sich nicht mehr ändern. Ich drehe mich um einen Kreis, den ein
-allmächtiges Wesen mir vorgeschrieben hat, und von dem ich mich nicht
-entfernen kann. Sie glauben, daß mir eine Stütze, ein Freund nöthig
-werden möchte? Enttäuschen Sie sich; ich werde nie darein willigen, eine
-solche Stütze anzunehmen. Sagen Sie demjenigen, der Ihnen aufgetragen
-hat, mit mir hierüber zu sprechen, er möge alle Hoffnung aufgeben,
-vorzüglich aber eine Liebe zu unterdrücken suchen, die für ihn
-gefährlich werden könnte. Der Unverständige! Er weiß nicht, daß Jeder,
-welcher mich liebt, dem Tode verfallen ist! .... Sie erbeben, Frau
-Oberstin! Ach, warum ist es mir nicht erlaubt, Ihnen meine traurige
-Geschichte zu erzählen! Meine Lage würde Ihnen dann den schrecklichsten
-Abscheu einflößen .... und dennoch -- ich nehme Gott zum Zeugen, den ich
-fürchte -- habe ich über keine meiner Handlungen zu erröthen. Sie waren
-stets übereinstimmend mit der Tugend, und wenn ich mir selbst Böses
-anthat, so ist mir wenigstens bis dahin kein Vorwurf zu machen. Hören
-Sie auf, ich beschwöre Sie, weiter in mich zu dringen, und lassen Sie
-mich in der Hülle meiner Geheimnisse. Ich verlange nichts von den
-Menschen; gern wünschte ich mir auf der Erde die Ruhe des Grabes, aber
-sie ist mir versagt!«
-
-Bei diesen Worten drückte Lodoiska ihre ganze Verzweiflung durch einen
-sonderbaren, fürchterlichen Blick aus, stand von ihrem Stuhle auf,
-beurlaubte sich bei Helenen, und begab sich in ihr Zimmer.
-
-»Außerordentliches Geschöpf! sagte Helene zu sich selbst, als sie sie
-fortgehen sahe; unbegreifliches Wesen! Wer ist sie? Was hat sie gethan?
-Warum kam sie hierher? Ihre Geschichte muß äußerst anziehend sein, und
-gewiß hat sie den Becher des Unglücks mit vollen Zügen geleert.«
-
-Sie blieb bis zur Rückkehr des Obersten und des Arztes, welche beide
-zugleich kamen, in das tiefste Nachdenken versunken. »Armer Freund! rief
-sie dem Letztern entgegen; man giebt Ihnen den Korb, ohne Ihnen die
-geringste Hoffnung zu lassen. Erlassen Sie mir aber, ich bitte, die
-weitere Auseinandersetzung meiner Unterhaltung mit der Fremden, und
-begnügen Sie sich damit, zu wissen, daß sie mir nichts von ihren
-Schicksalen erzählt hat, und daß Sie nicht glücklich sind.«
-
-Weit entfernt, sich mit diesen Worten zu befriedigen, verlangte Wildenau
-eine ausführlichere Erklärung, und Helene sträubte sich vergebens: sie
-mußte Alles genau wieder erzählen, was gesprochen worden war. Es läßt
-sich denken, mit welcher geheimen Theilnahme der Oberst zuhörte.
-
-»Meine Eigenliebe, sagte endlich der Arzt, ist bei dieser Gelegenheit
-durchaus unverletzt geblieben; ich sehe ein, daß die Grausame eine Liebe
-fühlt, welcher nicht Genüge geleistet werden kann. Ohne Zweifel hat sie
-ihr Vaterland aus beleidigter Liebe verlassen; dieß ist eine zu heftige
-Maßregel, die ich nicht nachahmen will, und da sie sich weigert, meine
-Frau zu werden, so bleibe ich wenigstens ihr treuer Freund.«
-
--- Das heißt vernünftig gesprochen! sagte der Oberst, sein langes
-Stillschweigen brechend. Nur keine Seufzer, glauben Sie mir; stellen Sie
-sich völlig gleichgültig, und vielleicht gerade, wenn Sie am wenigsten
-daran denken, werden Sie dieses stolze Herz sich geöffnet sehen. --
-
-Obgleich Wildenau innerlich tief bekümmert war, so wußte er doch sehr
-gut seinen wahren Zustand zu verbergen; aber er gab seine Liebe noch
-nicht auf, denn auch er kannte den Werth und Einfluß der Zeit, welche
-allen Dingen nach und nach eine veränderte Gestalt giebt.
-
-Lodoiska erschien heute nicht zum Mittagessen, indem sie sagen ließ, daß
-sie unpäßlich sei, und in ihrem Zimmer essen würde. Man glaubte anfangs,
-daß sie bloß nicht mit dem Arzte zusammentreffen wolle; aber Lisette
-berichtete, daß sie außerordentlich blaß sei, und in der heftigsten
-Unruhe zu sein scheine.
-
-
-
-
- Achtzehntes Kapitel.
-
-
-Am folgenden Tage, wo Lodoiska sich wieder blicken ließ, schien sie gar
-nicht mehr an die mit der Oberstin gehabte Unterhaltung zu denken.
-Wildenau befand sich noch im Schlosse. Sie behandelte ihn wie
-gewöhnlich, und war vollkommen gleichgültig gegen ihn; allein gegen den
-Obersten hatte sich ihr Betragen völlig geändert. Sie richtete häufig
-ihre Blicke auf ihn, mit einem Ausdruck von Unzufriedenheit und selbst
-Zorn, der ihn beinahe in Schrecken setzte; sie war gegen ihn so trotzend
-und zu gleicher Zeit vertraulich, daß man leicht ihre frühere
-Bekanntschaft mit einander errathen haben würde, wenn man nicht
-überzeugt gewesen wäre, daß der Verstand der Fremden in manchen
-Augenblicken völlig zerrüttet sei.
-
-Der Oberst, dem die Wahrheit wohl bekannt war, bebte über die Folgen,
-welche diese üble Laune Lodoiska's haben könnte. Jemehr sie ihm nach und
-nach wieder theuer wurde, je lieber hätte er es gesehen, daß man es
-nicht bemerkte, und vorzüglich fürchtete er, daß eine Unvorsichtigkeit
-die Eifersucht seiner Frau wecken möchte. Er suchte sich Lodoiska'n
-verständlich zu machen, indem er sie durch Blicke bat, ihn zu schonen,
-und ihres Versprechens eingedenk zu sein; aber seine Bemühungen waren
-vergeblich, und sie fuhr in ihrem Betragen fort. Unterdessen kam ein
-Eilbote, der den Arzt zu einem Nachbar holte, welchen ein Schlagfluß
-befallen hatte; zu gleicher Zeit wollte Helene ein Geschäft in ihrem
-Zimmer besorgen, und die beiden Feinde befanden sich nun allein einander
-gegenüber.
-
-»Sie erinnern sich also nicht mehr an Ihr mir gegebenes Versprechen?«
-sagte Alfred schnell.
-
--- Sie haben ja auch vergessen, daß Sie mir Ihr Herz versprochen hatten!
-Noch einmal sage ich es Ihnen, betrügerischer Mann, können Sie mir
-vorwerfen, daß ich meine Schwüre gebrochen? Ich betrage mich gegen Sie,
-wie es mich gut dünkt; aber dieß ist hier nicht der Ort, uns einander
-Vorwürfe zu machen. Ich muß Sie sprechen, durchaus allein sprechen. --
-
-»Wann?«
-
--- Heute um Mitternacht. --
-
-»Wo?«
-
--- Im großen Saale; dort wird uns Niemand stören. --
-
-»Was wollen Sie von mir?«
-
--- Sie werden es erfahren. --
-
-»Aber wenn man uns überrascht?«
-
--- Sein Sie ohne Sorgen. --
-
-»Es wird einen üblen Ausgang nehmen.«
-
--- Werden Sie kommen? --
-
-»Ich fürchte ....«
-
--- Zittern Sie, wenn ich vergebens auf Sie warten muß. --
-
-Helenens Rückkehr in's Zimmer machte dieser Unterhaltung ein Ende, die
-nur halb laut geführt worden war. Sie kam so plötzlich, daß ihr Gatte in
-Verlegenheit gerieth, und sie überraschte ihn bei einer Bewegung, die
-ihr so manche Dinge hätte erklären können, wenn sie nicht in
-vollkommener Sicherheit gewesen wäre. Lodoiska war seit der Zeit ihres
-Aufenthalts im Schlosse noch nie so guter Laune gewesen, als heute. Sie
-vergaß ihre gewöhnliche Schwermuth, ja sie wurde sogar lustig, und es
-gelang ihr, Helenen ein Lächeln abzugewinnen, das erste seit dem
-Verluste ihres Sohnes.
-
-Alfred, weit entfernt, Lodoiska's Frohsinn zu theilen, wurde immer
-tiefsinniger und trauriger, jemehr sich der Abend näherte. Kaum öffnete
-er den Mund zum Sprechen; eine ihm unerklärbare Unruhe bewegte sein
-Inneres, und er wagte es nicht, weder Lodoiska'n noch seine Frau
-anzublicken. Vorzüglich fürchtete er, bei der bevorstehenden
-Zusammenkunft mit der Erstern, mitten in der Nacht überrascht zu werden,
-da hiervon seine ganze häusliche Ruhe abhing.
-
-Endlich begab sich ein Jeder in sein Zimmer. Die Oberstin, die sich seit
-einiger Zeit über eine allgemeine Schwäche in allen Gliedern beklagte,
-legte sich zuerst zu Bett, und schickte bald darauf auch Lisetten fort.
-Der Oberst setzte sich in seinem Zimmer auf einen Lehnstuhl, und
-erwartete so, völlig angezogen, aber ohne Ungeduld, sondern zitternd,
-die Mitternachtszeit. Als endlich der letzte Schlag der zwölften Stunde
-erschallte, stand er seufzend auf, und ging mit leisen Tritten nach dem
-großen Saale, ohne ein Licht mit sich zu nehmen.
-
-Die undurchdringliche Finsterniß in diesem weiten Saale, die schneidende
-Kälte, welche durch die schlecht geschlossenen Fensterscheiben eindrang,
-die Furcht, überrascht zu werden: alles dieß vereinigte sich, um dem
-Obersten ein solches Beben zu verursachen, wie er noch nie empfunden
-hatte, selbst als er früher, hundert Feuerschlünden gegenüber, den Tod
-in der ihm angewiesenen Position erwarten mußte. Aber damals lebte er
-mit seinem Herzen in Frieden, und sein Gewissen war ruhig; jetzt befand
-er sich mit sich selbst im Widerspruch. Er war auf den Befehl eines
-Frauenzimmers hierhergekommen, das zu seinem Glücke nichts mehr
-beitragen, wohl aber es zerstören konnte. Aber konnte er ihr ungehorsam
-sein? Mußte er nicht fürchten, daß sie, bei ihrem heftigen Charakter,
-seine ehemaligen Verhältnisse zu ihr öffentlich bekannt machte? Alfred
-glaubte, Alles thun zu müssen, um eine fast wahnsinnige Liebende in
-Schranken zu halten.
-
-Sie ließ nicht lange auf sich warten. Sie trat durch die Thür ein,
-welche von der Haupttreppe in den Saal führte, mit einem weißen Kleide
-angethan, und halb in einen großen schwarzen Schleier verhüllt, der ihr
-das furchtbare Ansehen eines Gespenstes gab, das sie auch durch ihren
-leblosen Blick, durch die Leichenblässe ihres Gesichts nicht
-verläugnete. In der Hand trug sie ein Licht, das sie schnell auf den
-Fußboden setzte, als sie den Obersten erblickte; dann trat sie auf ihn
-zu, und gab ihm ihre Zufriedenheit über sein pünktliches Erscheinen zu
-erkennen.
-
-»Ich werde stets gern erscheinen, wenn Lodoiska mich sehen will,
-vorzüglich seitdem sie mich versichert hat ....«
-
--- Alfred, ich bitte Sie, rufen Sie mir ein Versprechen nicht mehr in's
-Gedächtniß zurück, dessen Erfüllung mir zu viel kostet. Wie! soll ich
-mich denn unaufhörlich verstellen? Soll ich es ruhig mit ansehen, daß
-Sie alle Mittel aufsuchen, mich von hier zu entfernen, und daß Sie
-dergleichen Anträge unterstützen, wie man mir gestern mitgetheilt hat?
---
-
-»Glauben Sie mir, Lodoiska, daß ich dabei so viel gelitten habe, als Sie
-selbst, sobald man mich davon in Kenntniß setzte? Ja, es war mir schon
-unerträglich, es nur zu vermuthen; aber was konnte ich dagegen thun?
-Schweigen und das Weitere Ihnen überlassen. Ich hoffte .... ich wußte,
-wollte ich sagen, daß Ihre Antwort verneinend sei, und daß man Sie dann
-nicht weiter verfolgen würde.«
-
-Ein Strahl von Freude blitzte bei diesen Worten in Lodoiska's Augen auf.
-
-»Sie hofften, sagen Sie. Ach, warum kann ich meinerseits nicht mehr
-hoffen! Ich bin die Zeugin eines Glücks, das mir über Alles verhaßt ist,
-und das ich niemals selbst schmecken werde. Jetzt muß ich mich einem
-Orte entreißen, der mir unerträglich wird. Ich habe Sie wiedergesehen;
-mein Unglück ist vollendet, und es bleibt mir nichts mehr übrig, als
-mich zu entfernen.«
-
--- Sie wollen fort? Lodoiska, bedenken Sie unsere Freundschaft! --
-
-»Unsere Freundschaft! Alfred, ich mache mir nichts daraus, und wenn Sie
-mir dieselbe auch ganz aufrichtig anbieten, ich nehme sie nicht an. Mein
-Loos ist gefallen, und ich weiß mich dabei zu erhalten! setzte sie mit
-einem boshaften Lächeln hinzu. Indem ich Sie durch meine Abreise von
-meiner Gegenwart befreie, gebe ich Ihnen zugleich Ihre Ruhe zurück. Sie
-werden nicht mehr zittern, wenn ich mich Ihnen zeige oder mit Ihnen
-spreche, und von der Liebe zu derjenigen, die Sie mir vorziehen, nicht
-mehr zerstreut werden.«
-
--- Es steht Ihnen frei, zu bleiben oder abzureisen; ja ich weiß nicht,
-ob ich selbst Sie nicht zum Letzteren auffordern sollte. Aber sein Sie
-überzeugt, daß mein Herz Ihre Entfernung nicht wünscht; es würde
-zufrieden in Ihrer Nähe sein, wenn es Sie nicht mehr zu fürchten hätte,
-und es fühlt mehr als je, wie verführerisch Sie sind. --
-
-»Nun? Und welchen Platz wollten Sie mir denn neben sich anweisen? Sie
-antworten nicht; was soll ich daraus schließen?«
-
--- Daß ich höchst verlegen bin; denn was soll ich Ihnen antworten, um
-Sie zu befriedigen? Die Bande, welche mich an Helenen fesseln sind
-unauflöslich. --
-
-»Ja unauflöslich, wie alles Uebrige bei den Menschen, bis zum Tode
-.....«
-
-In dem Tone, mit welchem diese Worte ausgesprochen wurden, lag ein so
-geheimnißvoller Sinn und ein so boshafter Ausdruck, daß der Oberst
-schaudernd einen Schritt zurücktrat, und Lodoiska'n erstaunt ansah;
-allein er bemerkte, daß ihre Augen von der gewöhnlichen
-außerordentlichen Gleichgültigkeit erfüllt waren, und ihr unbefangenes
-Wesen stand so sehr in Widerspruch mit dem, was schon der bloße Ton
-ihrer Stimme ausgedrückt hatte, daß Alfred glauben mußte, er habe sich
-geirrt. Es folgte ein langes Stillschweigen, wobei der Oberst in's
-tiefste Nachdenken versunken war, bis endlich Lodoiska wieder das Wort
-nahm.
-
-»Sie denken sehr ernsthaft nach, Alfred; beschäftigen Sie sich mit der
-Vergangenheit oder mit der Zukunft?«
-
--- Nein, nur mit der Gegenwart, die mich in die unbeschreiblichste
-Verwirrung setzt. --
-
-»Sein Sie nicht böse, wenn ich Ihnen sage, daß ich Ihre Schwäche kenne.
-Sie sind nicht im Stande, einen bestimmten Entschluß zu fassen, und Sie
-wissen selbst kaum, was Sie wollen.«
-
--- Ach, Lodoiska, könnten Sie in mein Herz sehen! Aber ich möchte wohl
-wissen, wie Sie sich benehmen würden, wenn Sie sich in meiner Lage
-befänden. --
-
-»Nach reiflicher Ueberlegung aller Gründe würde mein Entschluß sehr bald
-gefaßt sein, und den einmal eingeschlagenen Weg würde ich dann mit Muth
-und Dreistigkeit betreten.«
-
--- Wenn aber dieser Weg Sie zum Irrthume, oder gar zum Verbrechen
-führte? --
-
-»Auch dann würde ich ihn verfolgen, denn von allen Uebeln ist das
-schlimmste die Unschlüssigkeit. Aber haben Sie sich auch recht davon
-überzeugt, worin eigentlich die Verlegenheit in Ihrer Lage besteht?
-Wissen Sie denn bestimmt, wo das Böse und wo das Gute anzutreffen ist?
-Und seit wann ist es Sitte, daß neuere Rechte die ältern verdrängen
-können?«
-
--- Lodoiska, was würden Sie also von mir fordern? --
-
-»Alles oder Nichts, Alfred! Sie schaudern? O, dann sind Sie nicht würdig
-mich weiter anzuhören.«
-
--- Wie könnte ich eine Gattin verlassen, der ich durchaus keinen Vorwurf
-zu machen habe! mich von einem Kinde trennen ..... --
-
-»Alles oder Nichts, ich wiederhole es Ihnen. Worüber können Sie sich
-beklagen, da Sie völlig freie Wahl haben, und ich Ihnen deutlich zwei
-Wege zeige, aus Ihrer Verlegenheit zu kommen?«
-
--- Wohl, Lodoiska! Aber so groß auch meine Anhänglichkeit an meine erste
-Liebe sein mag, so werde ich doch nie meinen Ruf so beflecken, eine
-tugendhafte Gattin, die ich freiwillig gewählt habe, wieder zu
-verlassen. --
-
-»Allerdings! das können Sie auch nicht, ohne Ihrem Rufe, Ihrer Ehre zu
-schaden, die mir theuer sind. Aber wenn man Sie sprechen hört, sollte
-man glauben, daß diese Gattin unsterblich ist, oder einen Bund mit der
-Ewigkeit geschlossen hat.«
-
--- Sie flößen mir Entsetzen ein, Lodoiska, und ich will Sie nicht
-verstanden haben; ja vielleicht verstehen Sie sich selbst nicht. --
-
-Ein schauerliches Lächeln war die Antwort der Fremden, und in ihren
-Augen las der Oberst völlig klar ihre Gedanken, so daß ihm kein Zweifel
-mehr übrig bleiben konnte.
-
-»Nein, nein, tausend Mal nein! Nie werde ich mich mit einem Verbrechen
-besudeln! Grausames Weib, ich verabscheue Sie!«
-
--- Ja, ich weiß es, Sie waren ein geringerer Verbrecher, als Sie mein
-Herz zerfleischten, als Ihr Betragen, Ihre Briefe meinem Dolche den Weg
-zeigten. -- Bei diesen Worten schlug sie ihren Schleier zurück, und
-zeigte dem erstarrenden Alfred die offene, noch blutende Wunde, welche
-mitten in's Herz ging. -- Auch mein Vater, meine Mutter, fuhr sie fort,
-fanden ihre letzte Zuflucht nur durch den Tod! Nein, damals war Alfred
-kein Verbrecher, und noch jetzt ist er der unschuldigste, der
-tugendhafteste der Männer! --
-
-»O, Lodoiska! welche Verzweiflung! Welche schreckliche That haben Sie
-vollbracht! Wie, Ihr Blut ist geflossen, und Sie legten Hand an sich
-selbst? Und dadurch haben Sie auch Ihren ehrwürdigen Aeltern das Leben
-geraubt?«
-
--- Nicht ich, Alfred! Nicht ich, sondern Sie, Sie allein sind an Allem
-Schuld. Ich war nur das Werkzeug, dessen Sie sich bedienten, eine ganze
-Familie von der Erde zu vertilgen. Und dennoch werden Sie ruhig
-schlafen, oder Ihr Schlaf wird bloß durch den Schrecken beunruhigt
-werden, den ich Ihnen verursache. Auf Wiedersehen! Urheber alles meines
-Elendes, der Sie meine ewige Verbannung aus dem Himmel verursacht haben!
---
-
-»Sie vernichten mich durch Ihre Vorwürfe! Aber wozu wollen Sie
-verzweifeln? Mein Vergehen war groß; doch ich hoffe Gnade vor Gott zu
-finden, und Sie, glauben Sie mir, daß Sie noch durch aufrichtige Reue
-.....«
-
--- Reue! rief die Fremde mit einem lauten schrecklichen Lachen, daß der
-Saal davon erschallte; Reue giebt es nicht mehr für mich; ich habe sie
-sammt meinen übrigen menschlichen Empfindungen in meiner Hütte
-zurückgelassen. Mein Weg ist mir vorgeschrieben, ich kann nichts mehr
-thun, als ihn genau befolgen! --
-
-Der Oberst erstarrte über diese Worte; aber als er bedachte, welche
-Vorurtheile Lodoiska in ihrem Vaterlande seit ihrer frühen Jugend
-eingesogen haben müsse, und daß ihr Unglück ohne Zweifel einen
-nachtheiligen Einfluß auf ihren Verstand gehabt habe, ward er von
-zärtlichem Mitleiden ergriffen; er suchte sie zu trösten und zu
-beruhigen, indem er sich ihr näherte, um die Hand Lodoiska's zu
-ergreifen, über welche sie stets einen Handschuh trug. Allein sie
-errieth den Zweck seiner Bewegung, und trat erschrocken einen Schritt
-zurück.
-
-»Nein, nein, Alfred! Geben Sie Ihre Versuche auf, mich anderes Sinnes zu
-machen. Ich wiederhole Ihnen nochmals, daß ich nicht länger hier bleiben
-kann, und das Schloß mit dem morgenden Tage verlassen muß. Ich habe mein
-abgebranntes Haus wieder aufbauen lassen, und vorgestern die Nachricht
-erhalten, daß es zu meiner Aufnahme bereit ist. Fürchten Sie nun nicht
-mehr, daß ich Ihnen durch meinen Anblick lästig fallen werde.«
-
--- Ich kann die Ausführung Ihres Entschlusses nicht zugeben, Lodoiska.
-Warten Sie noch einige Zeit, ehe Sie uns verlassen; denn wie können Sie
-mitten im Winter in ein neu erbautes Haus einziehen? Wissen Sie nicht,
-wie schädlich die Feuchtigkeit der Mauern auf die Gesundheit wirkt? --
-
-»O, mir schadet sie nichts; denn in einer andern Wohnung fand ich eine
-weit größere Feuchtigkeit, und doch sehen Sie mich noch hier. Mein
-Entschluß ist unabänderlich, und Niemand wird mehr an mich denken, wenn
-ich mich entfernt habe.«
-
-Nach diesen Worten eilte Lodoiska auf ihr Licht zu, nahm es in die Höhe,
-und ging fort, ohne auf Alfred's wiederholte und dringende Bitten zu
-hören. Da er sie verschwunden sahe, kehrte er in sein Zimmer zurück, wo
-er die Nacht unter den peinlichsten Gedanken schlaflos zubrachte.
-
-
-
-
- Neunzehntes Kapitel.
-
-
-Zur Frühstückszeit erschien Lodoiska am folgenden Tage wie gewöhnlich.
-Ihre ruhige Haltung und die Gleichgültigkeit in ihren Blicken verriethen
-Helenen im Geringsten nicht, welchen Entschluß sie gefaßt habe, und
-selbst der Oberst wurde einigermaßen irre an ihr. Nach dem Frühstück
-setzte sie sich an ihren Stickrahmen, wie sie es immer gethan hatte, und
-arbeitete mit ungetheilter Aufmerksamkeit. Als der Oberst sich aber aus
-dem Zimmer entfernte, weil ein Bauer ihn einiger Geschäfte halber zu
-sprechen verlangte, stand Lodoiska auf, und ging zur Thür hinaus, als
-wenn sie sich bloß in ihr Zimmer begeben wollte. Da Helene wußte, wie
-sehr ihr oft die geringsten Fragen lästig waren, so fragte sie auch
-nicht nach der Ursache ihrer plötzlichen Entfernung, die überdieß nur
-auf einige Minuten zu geschehen schien.
-
-Eine Stunde ging vorüber, und die Fremde ließ sich noch nicht blicken.
-Der Oberst bemerkte bei seiner Rückkehr sogleich ihre Abwesenheit, und
-fragte seine Frau nach ihr.
-
-»Sie hat sich, kurz nachdem du das Zimmer verlassen hast, entfernt, und
-ich glaubte bloß, daß sie sich Wolle zum Sticken holen wollte; allein
-jetzt sehe ich ein, daß sie wohl eine andere Absicht haben mußte.«
-
-Der Oberst vermuthete sogleich die Wahrheit, suchte jedoch seine innere
-Bewegung zu verbergen, und stellte sich völlig gleichgültig. Bald darauf
-trat der neue Bediente ein, welcher Werners Stelle ersetzte, und übergab
-der Oberstin einen Brief von Lodoiska.
-
- »Ich muß mich, schrieb dieses unglückliche Mädchen, bei Ihnen
- über die Art entschuldigen, wie ich mich von ihnen trenne. Ich
- bin in meine frühere Wohnung zurückgekehrt, und bedaure, Ihnen so
- viel Last verursacht zu haben; aber die innigste Dankbarkeit
- erfüllt mich für Ihre mir erwiesene Güte. Warum darf ich Ihnen
- keinen Beweis von dieser Gesinnung geben! Ein schreckliches
- Schicksal zwingt mich, stets gegen meinen eigenen Willen zu
- handeln! Ich habe bei Ihnen die größte Zuvorkommenheit
- gefunden, und dennoch werde ich ... Verzeihen Sie meinen Wahnsinn
- .... Ich weiß selbst nicht, was ich will, aber ich traure
- darüber, daß ich weiß, was ich kann. Gern wäre ich in Ihrem
- Schlosse geblieben; aber dann hätte ich mich entschließen
- müssen, öfters einen Mann zu sehen, dessen Zuneigung zu mir mich
- zwingt, ihn zu meiden. Sie seiner Besuche zu berauben, wäre
- ungerecht gewesen, und es war also nothwendig, daß ich mich
- entfernte. Ich befinde mich jetzt wieder in meinem Hause, und
- habe meinen ganzen Geschmack für die ungestörteste Einsamkeit
- dahin zurückgebracht; diese werde ich nur dann auf einige
- Augenblicke verlassen, wenn ich Ihnen, ohne Furcht vor einem
- unangenehmen Zusammentreffen, persönlich Alles das versichern
- kann, was ich jetzt nur mit schwachen Worten ausdrücke.«
-
-Unter der Unterschrift, welche bloß aus dem Namen Lodoiska bestand,
-befanden sich noch einige Höflichkeitsformeln für den Obersten.
-
-»Wahrhaftig, sagte Helene, nachdem sie den Brief mit lauter Stimme
-vorgelesen, eine sonderbare Art uns zu verlassen. Und wie ist es
-möglich, daß sie mitten im Winter in ein neu erbautes Haus einziehen
-kann, bloß um einen Mann zu fliehen, den ein einziges Wort von ihr
-zurückgehalten haben würde! Wir wollen ihr aber sogleich ihre Sachen
-schicken, von denen sie ohne Zweifel nichts mitgenommen hat.«
-
-Der Oberst suchte eine Antwort hervorzubringen, welche gleichgültig sein
-sollte; zu seinem Glücke achtete aber Helene nicht auf ihn, sondern
-ging, um Lisetten zu klingeln, welche mit der Nachricht eintrat, daß
-zugleich mit dem Briefe auch ein Wagen angekommen sei, der die Sachen
-der Fremden abholen sollte. Dadurch fand der Oberst einen Vorwand, sich
-aus dem Zimmer zu entfernen, um Befehl zum Aufladen dieser Sachen zu
-geben, in der That aber, um wieder freien Athem zu schöpfen; und während
-sein Körper sich im Schlosse befand, irrten seine Gedanken in ungeheuren
-Räumen umher.
-
-Das plötzliche Verschwinden Lodoiska's aus dem Schlosse gab der
-Neugierde der Nachbarn neue Nahrung. Herr von Krauthof, der diesem
-schönen Frauenzimmer nicht gewogen war, verbreitete zuerst die
-boshaftesten Gerüchte über die Nothwendigkeit dieser schnellen
-Veränderung der Wohnung, und bald erzählte man sich allgemein in der
-Umgegend, daß die Eifersucht der Oberstin sie verursacht habe.
-Glücklicherweise kamen diese Gerüchte den betheiligten Personen nicht
-selbst zu Ohren; aber der Arzt erfuhr sie ebenfalls, und nahm sie nicht
-mit völliger Gleichgültigkeit auf. Er erinnerte sich einer Menge
-Umstände, die er in dem Augenblicke selbst nicht beachtet hatte, die ihm
-aber jetzt als ein Lichtstrahl zu sein schienen; doch hütete er sich,
-von seinen Entdeckungen irgend Jemanden etwas mitzutheilen, und zog es
-vor, sich mit dem Obersten selbst darüber freimüthig zu erklären, sobald
-er die Gelegenheit dazu finden würde.
-
-Zu dieser Zeit wurden Helenens Gesundheitsumstände immer bedenklicher.
-Vorzüglich empfand sie eine große Schwierigkeit, Athem zu holen; sie
-verlor ihre Kräfte, und verfiel allmählich in eine Abzehrung, die sie
-zum Grabe führen konnte.
-
-Wildenau, der wirklich ein Arzt von großen Verdiensten war, studirte mit
-der größten Genauigkeit alle Symptome dieser Krankheit, welche dieselbe
-zu sein schien, wodurch der kleine Wilhelm dem Leben entrissen worden
-war. Eine außerordentliche Abspannung und Schwäche, ein beständiges
-Bedürfniß zu essen, ein anhaltender Schweiß; alle Zeichen waren
-dieselben. Helene ward still und schwermüthig, ohne die Gefahr zu
-kennen, die ihr drohte; ihren Gatten schien sie mehr als je zu lieben,
-und dieser war weit entfernt, an ihren nahen Tod zu glauben.
-
-Seit der Flucht Lodoiska's bemerkte der Oberst mit Schrecken, daß dieses
-junge Mädchen immer mehr die Oberhand in seinem Herzen gewann, und aus
-Furcht vor den Folgen dieser zunehmenden Neigung hätte er vor sich
-selbst fliehen mögen. Bald war er froh darüber, daß Lodoiska sich aus
-dem Schlosse entfernt hatte, indem er sich schmeichelte, daß dadurch die
-Ruhe seines Lebens gesichert worden sei; bald seufzte er nach der
-Rückkehr der Fremden, und es schien ihm, daß das Schloß jetzt nichts als
-eine große Einöde sei. Oft ging er in das Zimmer, welches sie bewohnt
-hatte, und bildete sich ein, sie dort wiederzusehen; er setzte sich in
-ihren Lehnstuhl, oder auf ihr Bett, und wer ihm zugesehen hätte, würde
-geglaubt haben, daß er wahnsinnig geworden sei.
-
-Oefters führte ihn ein edles Gefühl zu seiner Pflicht zurück, und voller
-Scham über seine Schwäche, über den ihn entehrenden Wahnsinn, suchte er
-in Gesellschaft seiner Frau, seiner Tochter, reinere Gedanken zu
-sammeln. In diesen Augenblicken verschwand das Bild Lodoiska's
-allmählich aus seinem Herzen, und die tugendhafte Helene nahm alle ihre
-Rechte wieder ein; aber leider dauerten diese Augenblicke nicht lange:
-Lodoiska, mit dem mächtigen Reiz eines Gegenstandes, in dessen Besitz
-man noch nicht gewesen ist, kehrte siegreich in sein Herz zurück.
-
-Mehrere Tage vergingen, während der Oberst fast beständig unter diesen
-Kämpfen mit seinem Innern zubrachte, seine Gattin aber immer schwächer
-wurde. Sie war nicht im Stande, wie sie es wünschte, Lodoiska'n in ihrer
-neuen Wohnung einen Besuch abzustatten, und diese ließ sich vor
-Niemandem blicken. Sie begnügte sich damit, sich von Zeit zu Zeit durch
-einen Bauer nach dem Gesundheitszustande Helenens erkundigen zu lassen.
-
-Wildenau fand sich täglich im Schlosse ein, um der Oberstin seine ganze
-Kunst zu widmen. Er vervielfältigte seine Fragen, um die erste Ursache
-ihrer Krankheit kennen zu lernen, aber die Antworten, die er erhielt,
-waren weit entfernt, ihn zu befriedigen.
-
-»Ich erinnere mich durchaus keines Umstandes, sagte sie, der meinen
-jetzigen Zustand verursacht haben könnte, und Sie werden sehen, daß ich
-eben so wie mein Sohn, unter gleichen Umständen, sterben werde.«
-
--- Um Gottes willen! unterbrach sie der Arzt, glauben Sie so etwas
-nicht! Schon dieser Gedanke allein ist im Stande, Ihren Zustand zu
-verschlimmern, und überdieß sind Sie weit entfernt von der Krankheit
-ihres Kindes. --
-
-Helene erwiederte mit einem schwermüthigen Lächeln: »Ich weiß, daß man
-mich in dieser Hinsicht täuschen will; wenn ich alle meine Gedanken
-offenbaren wollte, so würde man mich für kindisch halten; allein ich bin
-überzeugt, daß ich mich nicht irre, und ich weiß am besten, welches
-Uebel mich peinigt.«
-
--- Diese Worte, erwiederte Wildenau, beweisen, daß Sie uns irgend Etwas
-verschweigen wollen. Aber das ist nicht gut, es könnte die
-gefährlichsten Folgen haben. Scheuen Sie sich nicht, uns Ihr Geheimniß
-zu entdecken, was es auch sei; Sie leiten mich dadurch vielleicht auf
-die richtige Spur, Ihnen Ihre Gesundheit wiederzugeben. --
-
-Helene weigerte sich lange hartnäckig, die Meinung, welche sie von ihrem
-Zustande hatte, zu entdecken, bis sich der Oberst mit dem Arzte
-vereinigte, und sie so dringend bat, daß sie endlich erklärte: sie wolle
-ihr Geheimniß ihrem Manne mittheilen, aber unter der ausdrücklichen
-Bedingung, daß dieser es gänzlich für sich behalten wolle. Dieß war zwar
-nicht das, was Wildenau wünschte, allein er mußte sich darein fügen, und
-entfernte sich augenblicklich, mit dem Versprechen, morgen
-wiederzukommen.
-
-Als Helene sich mit ihrem Manne allein befand, verbarg sie ihr Gesicht
-in ihren Händen, gleichsam aus Furcht, befragt zu werden. Auch Alfred
-fürchtete, sie zu fragen, weil er glaubte, daß seine Frau vielleicht von
-seinen früheren Verhältnissen zu Lodoiska Kenntniß erhalten habe, und
-daß der Kummer darüber die Ursache ihres langsamen Dahinschmachtens sei.
-Indessen mußte er sich doch endlich entschließen, das Wort zu nehmen,
-und er fragte daher Helenen, ob sie ihm nun ihr Geheimniß anvertrauen
-wolle.
-
-»Ach Alfred! wie kann ich mich entschließen, dir meine Gedanken
-mitzutheilen? Was wirst du von mir denken, wenn du erst meinen Wahnsinn
-kennst?«
-
--- Wie so, liebe Helene? Ich hoffe doch nicht, daß du an meiner Liebe zu
-dir zweifelst? --
-
-»Nein, Alfred, warum sollte ich dieß thun? Es ist keinesweges bei meinen
-Träumereien von ähnlichen Gegenständen die Rede, sondern ich werde von
-einer schrecklichen Erscheinung verfolgt ..... O, wie lächerlich werde
-ich dir vorkommen!«
-
--- Nein, nein, Helene! fürchte nichts, sagte der Oberst mit der
-äußersten Zufriedenheit, da er gewiß war, daß sie gegen ihn keinen
-Verdacht geschöpft habe. --
-
-»Nun wohlan! Sei es nun Schwäche, oder Aberglauben, oder irgend eine
-andere Ursache, genug, es scheint mir, als wenn ich alle Nächte von
-einem schrecklichen Ungeheuer verfolgt werde, das sich über mich
-hinlegt, mit seinem häßlichen stinkenden Munde den meinigen berührt, und
-mir so das Blut aus den Adern saugt. Kurz, ich werde von einem _Vampyre_
-gequält. Glaube es mir sicher, derselbe Dämon hat schon den Tod unseres
-Sohnes, so wie einer jungen Bäuerin aus dem Dorfe verursacht, obgleich
-bei der letztern auf eine plötzliche und gewaltsame Weise.«
-
--- Sprichst du wirklich im Ernst, Helene? Suchst du nicht vielleicht mit
-mir durch eine solche Entdeckung zu scherzen? --
-
-»Ich wußte es wohl, daß du über mich spotten würdest; allein dem sei,
-wie ihm wolle, ich habe die schreckliche Gewißheit von meinen
-nächtlichen Qualen. Es ist nicht eben ein bloßer Traum, der alle Nächte
-wiederkehrt; nein, der Schmerz, den ich empfinde, das Gewicht des
-Wesens, das mich fast erdrückt, entreißt mich meinem Schlafe. Aber eine
-höhere Macht hemmt alle meine Bewegungen, schließt mir die Augenlieder,
-und überwältigt meine Anstrengungen, mich von meinem Verfolger
-loszumachen. Vergebens suche ich zu schreien, die Töne ersterben in
-meiner Brust; ich fühle die auf mir liegende Last und das Verschwinden
-meines Blutes aus den Adern.«
-
--- Du setzest mich in Erstaunen, Helene, und ich weiß nicht mehr, was
-ich dir antworten soll. Fühlst du nicht, daß du bloß das Spiel einer
-traurigen Täuschung bist, die nur durch deine Krankheit verursacht wird,
-die sie verschlimmert, aber nicht hervorbringt? Ich will nicht
-versuchen, dir die Unmöglichkeit zu beweisen, daß ein solches Wesen, wie
-du es fürchtest, existiren kann; nie wird die Vorsehung erlauben, daß
-die Gesetze der Natur auf eine so schreckliche Weise verletzt werden.
-Aber du hast Zerstreuung nöthig; unser jetziger Aufenthalt taugt nicht
-mehr für uns, und mit dem morgenden Tage wollen wir nach Prag reisen, um
-dort deine völlige Genesung abzuwarten. --
-
-»Nein, Alfred, ich kann nicht einwilligen, dieses Schloß zu verlassen.
-Ich bitte dich, hier zu bleiben, weil eine allzutheure Ursache mich hier
-fesselt.«
-
--- Diese Ursache kann dir nur traurige Erinnerungen bringen. Wenn du
-willst, so wollen wir nach Dresden, deiner Vaterstadt, reisen, oder
-wohin du sonst wünschest. Aber der Anblick neuer Gegenstände muß dich
-diejenigen vergessen machen, die deine Schwermuth verursacht haben. --
-
-»Ich will mich nicht von hier entfernen, weil ich sonst nicht neben dem
-Grabe meines armen Wilhelm würde ruhen können.«
-
-Diese rührende Antwort, mit einem Strom von Thränen begleitet, drohte
-Alfreds Herz zu brechen. Er vermischte seine Thränen mit denen seiner
-Frau, aber gab dessenungeachtet ihren Wünschen nicht nach, sondern
-stellte ihr die wichtigsten Gründe vor, um sie zur Veränderung ihres
-Aufenthalts zu überreden. Nach vielen Bitten mußte sie endlich
-nachgeben, und sie ertheilte ihre Einwilligung zu einem vierzehntägigen
-Aufenthalte in Prag.
-
-
-
-
- Zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Als Helene am andern Morgen die Anstalten zur Abreise sahe, schien ihr
-Versprechen ihr wieder leid zu werden, und sie bat ihren Mann, seinen
-Entschluß aufzugeben. Allein ihre Bitten waren vergebens; der Oberst
-blieb fest bei seinem Willen. Vor der Abreise schrieb Helene noch einige
-Zeilen an Lodoiska, um sie zu benachrichtigen, daß sie auf vierzehn Tage
-mit ihrem Gatten und ihrer Tochter nach Prag reisen würde; zugleich
-sprach sie den Wunsch aus, wie angenehm es ihr sein würde, einen Besuch
-von ihr in dieser Stadt zu erhalten, weßhalb auch ein Zimmer für sie in
-der Wohnung, die man wählen würde, bereit gehalten werden sollte.
-
-Wildenau, der durch einen Boten herbeigeholt worden war, kam in dem
-Augenblicke an, wo die Familie sich in den Wagen setzen wollte. Kaum
-hatte der Oberst, ihn bei Seite nehmend, noch Zeit genug, ihm im
-Allgemeinen zu sagen, daß die Einbildungskraft seiner Frau durch
-schreckliche Vorstellungen angegriffen werde, weßhalb er es für nöthig
-gehalten habe, sie zu zerstreuen, und sie zu diesem Zwecke mitten in den
-Tumult einer großen Stadt zu führen. Der Arzt konnte diesen Plan nur
-billigen, und er versprach, die Familie in der Stadt öfters zu besuchen.
-
-Der Wagen, mit vier raschen Pferden bespannt, eilte pfeilschnell auf der
-Landstraße, die nach der Stadt führte, fort, und nach zwei Stunden
-befand sich die Familie bereits in Prag, im Gasthofe zum Kaiser. Sie
-trat hier so lange ab, bis gegen Abend der Oberst, welcher die ganze
-Stadt durchlaufen hatte, zurückkehrte, mit der Nachricht, eine sehr
-bequeme Wohnung, ganz wie er sie wünschte, gefunden zu haben. Noch in
-dieser Nacht schlief die Familie in ihrer neuen Behausung, wo der Oberst
-sein Bett in das Schlafzimmer seiner Frau hatte setzen lassen.
-
-»Du siehst nun, sagte er lächelnd zu ihr, was ich für Anstalten zu
-deiner Beschützung gemacht habe; ich bin hier mit Degen und Pistolen, um
-den Dämon mit Vortheil zu bekämpfen. Doch hoffe ich, nicht wirklich mit
-ihm ins Handgemenge zu gerathen, weil er uns wahrscheinlich nicht bis
-hierher folgen wird; denn die Gespenster und bösen Geister haben nur
-selten Erlaubniß in großen Städten umherzuwandeln; nur in den alten
-Schlössern vermögen sie zu spuken.«
-
-Es war Alles vergebens, Helenen aufzuheitern; sie blieb stets schweigend
-und tiefsinnig, denn das Uebel, von welchem sie befallen war, hatte
-schon zu große Fortschritte gemacht. Sie legte sich zeitig schlafen,
-während ihr Mann noch lange wachte; aber als auch er endlich das Bett
-suchte, erstaunte er über die außerordentliche Müdigkeit, die ihn
-befiel, und kaum hatte er sich niedergelegt, so schloß der Schlummer
-seine Augen. Mit anbrechendem Tage erwachte er wieder, und da er hörte,
-daß seine Frau sich im Bette umwendete, um eine andere Lage zu suchen,
-fragte er sie, wie sie die Nacht zugebracht habe?
-
-»Ganz so wie gewöhnlich, antwortete sie; meinen Aufenthalt habe ich
-verändert, aber meine Marter ist geblieben. Fahre immer fort zu lächeln;
-der Vampyr hat mich dessen ungeachtet nicht verlassen, ja er hat sich
-heute schrecklicher und blutgieriger als sonst gezeigt.«
-
-Diese Antwort war für Alfred äußerst niederschlagend; denn da er an die
-Wirklichkeit ihrer Träume nicht glauben konnte, so mußte er annehmen,
-daß wohl gar ihr Verstand angefangen habe zu leiden. Er beschloß daher,
-sie auf alle Weise zu zerstreuen, sie in Gesellschaften, in's Theater zu
-führen, und noch an demselben Morgen beredete er sie, sich mit ihm in
-den Wagen zu setzen, um in der Stadt umher zu fahren, und die
-Merkwürdigkeiten derselben zu besehen.
-
-Helene ward wider ihren Willen durch die Menge und Verschiedenheit der
-Dinge, die sie zu sehen bekam, belustigt, und schien beim Mittagessen,
-wo sie mit vielem Appetit aß, sich sehr wohl zu befinden. Der Oberst sah
-sogar auf ihren blassen Wangen einen Anschein von Farbe, und fühlte sich
-von neuer Hoffnung erfüllt. Ganz seiner Pflicht lebend, entfernte er
-jeden Gedanken von sich, der ihm verbrecherisch scheinen konnte, und
-suchte die Erinnerung an Lodoiska völlig aus seinem Herzen zu verbannen.
-
-Die Nacht kam heran. Um einen Versuch zu machen, ob seine Frau dadurch
-mehr ermuthigt werden könnte, bat er sie um Erlaubniß, sich neben ihr
-ins Bett zu legen, und Helene willigte ein. Er versprach ihr, so lange
-als möglich wach zu bleiben, um durch seine Gegenwart das gefürchtete
-Ungeheuer abzuhalten; aber er hatte sein Wort allzuverwegen gegeben. Es
-dauerte nicht lange, so befiel ihn der Schlaf mit solcher Gewalt, daß er
-vergebens dagegen kämpfte, und wider seinen Willen die Augen schloß.
-
-Als er wieder erwachte, fühlte er auf der Stelle seines Herzens einen
-lebhaften Schmerz, und als er mit der Hand dahin tastete, wurde derselbe
-noch stärker. Er wendete sich gegen die neben dem Bett stehende
-Nachtlampe, und sein Erstaunen übertraf jede Vorstellung, als er auf
-seiner Haut den Abdruck von fünf Fingern, in gelben und schwärzlichen
-Flecken, erblickte! Er urtheilte sogleich, daß Helenens Hand diesen
-Druck hervorgebracht habe, aber schloß auch daraus, daß sein Schlaf
-außerordentlich fest gewesen sein müsse, weil er nichts davon gefühlt
-hatte.
-
-Helene erwachte bald darauf ebenfalls; ihr Stillschweigen sagte
-hinreichend, daß ihr Zustand in dieser Nacht nicht besser gewesen sei,
-als sonst, und es war also dringender als je, ernstlich an ihrer
-Genesung zu arbeiten. Der Oberst fuhr heute wieder vor Tische mit
-Helenen spazieren, und benutzte diese Gelegenheit, zugleich dem
-berühmtesten Arzte in der Stadt seine Aufwartung zu machen. Er bat
-denselben dringend, Alles zur Herstellung seiner Frau anzuwenden, was
-der Arzt auch versprach; aber indem er diesen Trost gab, hatte er schon
-gesehen, daß Helenens Lebenskräfte auf dem Punkt waren, zu erlöschen.
-
-Am folgenden Morgen war die Oberstin so schwach, daß sie nicht im Stande
-war, das Zimmer zu verlassen; sie empfing den Besuch Wildenau's, der
-bloß nach Prag gekommen war, um einen Tag mit der Familie zu verleben;
-aber der erste Blick überzeugte ihn schon, daß die Kranke von einem
-Augenblicke zum andern in ein anderes Leben hinüberschlummern könne.
-
-Bald darauf trat sein geschickter Amtsbruder ein, und beide beobachteten
-nun lange Zeit die Symptome des Uebels, das mit so fürchterlicher
-Schnelle wuchs; ihr Urtheil fiel völlig gleich aus. Sie sahen, daß die
-Oberstin höchstens noch eine Woche lang leben konnte, und hielten es für
-angemessen, ihren Gatten von dem ihm bevorstehenden Verluste in Kenntniß
-zu setzen.
-
-Dieser unangenehme Auftrag mußte natürlich auf Wildenau fallen, weil
-derselbe mit dem Obersten schon länger in freundschaftlichen
-Verhältnissen stand; er bat ihn also einige Augenblicke mit ihm allein
-sein zu dürfen, und machte ihn nun mit der schrecklichen Wahrheit
-bekannt. Der Oberst überließ sich seinem aufrichtigen Schmerze; er
-wollte anfangs an der Wahrscheinlichkeit der ärztlichen Behauptung
-zweifeln, und auf dem Punkt, von seiner Gattin getrennt zu werden,
-fühlte er seine frühere Liebe zu ihr sich in ihrer ganzen Kraft erneuen.
-Es schien ihm grausam, Helenen von ihrem bevorstehenden Ende in Kenntniß
-zu setzen, und da er nicht wußte, wozu er sich entschließen sollte,
-kehrte er mit dem Arzte in Helenens Zimmer zurück, wo er sich dergestalt
-setzte, daß seine Frau ihn und seinen Kummer nicht sehen konnte.
-
-Die Oberstin fragte den Arzt mit schwacher Stimme, ob er Lodoiska
-gesehen, oder Nachricht von ihr habe?
-
-»Sie zu sehen, Frau Oberstin, antwortete Wildenau, ist unmöglich, denn
-sie kommt nie aus ihrem Hause, das beständig verschlossen ist. Können
-Sie wohl glauben, daß Herr von Krauthof den Muth gehabt hat, sich
-abermals bei ihr zu zeigen, ungeachtet der früher gemachten üblen
-Erfahrung?«
-
--- Er ist also bei seinem zweiten Versuche nicht glücklicher gewesen? --
-
-»Der Ausgang war ganz derselbe, wie das erste Mal, und er ist nun so
-entmuthigt, daß er geschworen hat, nie wieder einen Fuß in die Nähe des
-Hauses zu setzen.«
-
--- So sind wir doch glücklicher gewesen, fuhr Helene fort, denn sie hat
-sich öfters sehr artig nach uns erkundigt. Das sonderbare Wesen! Was
-führt sie bei ihrer Jugend und Schönheit für eine Lebensart! Dabei
-bleibt sie stets kalt und gleichgültig, und erscheint mehr als eine
-Maschine, deren Räderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, als wie ein
-menschliches Geschöpf. Indessen kann ich mir nicht erklären, welche
-Gewalt sie über mich erlangt hat. Seitdem wir von einander getrennt
-sind, vermisse ich sie beständig, und es scheint mir, als wenn ich sie
-in den letzten Stunden meines Lebens bei mir haben müßte; auch wünschte
-ich ihr nach meinem Tode die Aufsicht über meine Tochter anzuvertrauen.
---
-
-Diese mit schwacher Stimme ausgesprochenen Worte setzten die beiden
-Zuhörer in Schrecken. Der Oberst sprang heftig vom Stuhle auf, ergriff
-Helenens Hand, und stammelte einige Worte des Trostes und der Hoffnung.
-Wildenau, der mehr an dergleichen Szenen gewöhnt war, benutzte diese
-Gelegenheit, um die Oberstin aufzufordern, einen Geistlichen kommen zu
-lassen.
-
-»Sie thun sich großen Schaden, Frau Oberstin, sagte er, daß Sie sich mit
-so düsteren Gedanken quälen. Ich wünschte, daß Sie Zutrauen genug in
-mich setzten, um mir die Mittel zu erleichtern, Ihren Gesundheitszustand
-zu verbessern; da Sie mir dieß aber verweigern, warum fragen Sie nicht
-einen jener frommen Geistlichen um Rath, die gewohnt sind, an dem Bette
-der Leidenden Trost zu ertheilen? Vielleicht würde dieß Ihrem Zustande
-am zuträglichsten sein.«
-
-Ein schmerzliches Lächeln ging der Antwort Helenens vorher. »Sie kommen
-meinen Wünschen zuvor, sagte sie; ich war schon im Begriff, meinen Mann
-zu bitten, daß er einen Geistlichen kommen ließe. Zugleich komme ich
-aber auf meinen vorher erwähnten Wunsch zurück: ich sehne mich, die
-junge Fremde wiederzusehen, und sie einige Zeit bei mir zu haben.«
-
-Der Ton, womit dieser Wunsch ausgedrückt wurde, bewies, wie sehr Helene
-an dessen Erfüllung hing, und die beiden Zuhörer wurden davon
-überrascht, am meisten aber der Oberst, der die Gefahr fühlte, welche
-für ihn aus Lodoiska's Gegenwart entstehen mußte. Allein er wußte nicht,
-wie er diesem Wunsche seiner sterbenden Frau ausweichen sollte, und
-seine Verlegenheit hinderte ihn anfangs, eine Antwort zu geben. Helene,
-über sein Stillschweigen verwundert, fragte ihn daher, ob ihr Verlangen
-tadelnswürdig sei, und ob der Erfüllung desselben große Hindernisse
-entgegenständen?
-
-Diese Frage weckte den Obersten aus seinen Träumereien, und er
-antwortete, daß er sich nur deßhalb nicht gleich erklärt habe, weil er
-fürchtete, daß die seltsame Fremde die Bitte abschlagen würde. »Da du
-aber auf ihrer Gegenwart bestehst, fuhr er fort, so versuche, ihr einige
-Zeilen zu schreiben, denen ich meine Bitten noch hinzufügen werde, und
-unser Bediente soll augenblicklich mit unserm Wagen nach R**** fahren.
-Ich hoffe dann, daß er sie mitbringen wird.«
-
-Helene versuchte, den verlangten Brief zu schreiben, wozu sie fast eine
-Stunde gebrauchte. Der Oberst setzte dann folgende Worte hinzu:
-
- »Ja, Madame, wir bitten Sie um die gütige Erfüllung unserer
- Wünsche. Wie strenge auch Ihre früheren Entschlüsse sein
- mögen, Sie dürfen sich jetzt dem Verlangen meiner Frau nicht
- weigern, die Ihre Gegenwart so sehnlich wünscht. Kehren Sie
- daher in unsere Gesellschaft zurück, ich wiederhole Ihnen
- nochmals meine Bitte; geben Sie uns diesen Beweis Ihres
- Wohlwollens.«
-
-Während der Oberst schrieb, war Wildenau, der Prag genau kannte,
-fortgegangen, um einen Geistlichen herbeizuholen, der die Oberstin auf
-dem ihr noch übrigen kurzen Lebenswege geleiten und trösten möchte. Es
-gelang ihm, einen der würdigsten ausfindig zu machen, der ihm versprach,
-am folgenden Morgen sich einzufinden, worauf der Arzt zu seinen Freunden
-zurückkehrte. Da seine Geschäfte ihn auf das Land zurückriefen, so nahm
-er bald darauf von dem Obersten und dessen Frau den rührendsten
-Abschied.
-
-
-
-
- Ein und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Es war acht Uhr des Abends, als der Wagen, welcher um Mittag abgefahren
-war, vor dem Hause still hielt. Bei dem dadurch verursachten Geräusch
-erbebte der Oberst; er nahm rasch ein Licht, und eilte die Treppe hinab,
-weniger um der Fremden entgegenzugehen, wenn sie wirklich angekommen
-wäre, als um seine innere heftige Bewegung vor seiner Frau zu verbergen.
-
-Als er auf den Hausflur gelangte, sahe er eine weibliche Gestalt, in
-einen großen schwarzen Shawl verhüllt, ernsten, langsamen Schrittes auf
-sich zukommen, so daß er sich über ihren Anblick überrascht fühlte, als
-wenn er eine übernatürliche Erscheinung gesehen hätte. Aber wie sehr
-vermehrte sich seine Verwirrung, sobald er beim Scheine des Lichts die
-Leichenblässe auf Lodoiska's Gesichte wahrnahm. Sie schien ein Gespenst
-zu sein, so stier waren ihre Augen, so eingefallen ihre Wangen; man
-mußte glauben, daß sie dem Grabe hundert Mal näher sei, als die
-Oberstin, welche stündlich ihrem Ende entgegen sahe.
-
-Der Oberst, voll Entsetzen über diesen Anblick, konnte kein Wort
-hervorbringen, um die Forderungen, welche Höflichkeit und Anstand an ihn
-machten, zu erfüllen. Unbeweglich stand er da, und betrachtete die
-Zerstörungen, welche ein so kurzer Zeitraum in den Gesichtszügen
-Lodoiska's hervorgebracht hatte. Diese bemerkte sein Erstaunen, und mit
-einem wilden Lachen hob sie an:
-
-»Hier bin ich! Sie haben mich gerufen. Schmeicheln Sie sich aber nicht,
-mich nun wieder zur Entfernung zu zwingen, wenn Sie es wünschen werden.«
-
-Glücklicherweise wurden diese lebhaft ausgesprochenen Worte von
-Niemanden weiter gehört. Er erschrak über den Sinn derselben, suchte
-sich jedoch zu fassen, und antwortete ihr mit einem Anschein von
-Galanterie, wofür sie ihm einen fürchterlichen Blick zuwarf. --
-
-Als Beide in das Zimmer der Oberstin traten, brach diese beim Anblick
-der Fremden, die so krank zu sein schien, wie sie selbst, in Thränen
-aus, und reichte ihr freundschaftlich die Hand entgegen.
-
-»Ach, wie gut sind Sie, meine Bitte erfüllt zu haben! Aber Sie selbst
-scheinen der Hülfe eines Arztes zu bedürfen. Warum kamen Sie nicht
-früher nach der Stadt?«
-
--- Mein äußeres Ansehen, erwiederte die Fremde, setzt Sie in Irrthum.
-Meine Gesundheitsumstände sind dieselben, wie vor einem oder zwei
-Monaten, und es ist schwer, mich besser oder schlechter zu befinden.
-Wenn Ihnen meine Züge entstellt erscheinen, die Blässe meines Gesichts
-Sie erschreckt, so setzen Sie dieß auf Rechnung der Verwirrung, in die
-ich durch Ihren Brief und den darin enthaltenen Befehl gerathen bin. Sie
-wissen, wie nothwendig mir die Einsamkeit ist, und ich habe mich nur
-schwer ihr entreißen können; aber, wenn man mich auf eine gewisse Art
-bittet, so habe ich nicht das Recht, mich zu weigern. Sie wollen mich
-haben, und ich bin hier; glauben Sie, durch mich den nöthigen Beistand
-zu finden? --
-
-Diese eben nicht höfliche Rede machte einen unangenehmen Eindruck auf
-Helenen, die den wahren Sinn derselben nicht errathen konnte. Nach
-einigem Nachdenken fiel ihr indessen der seltsame Charakter der Fremden
-ein, und daß man bei ihr nichts beleidigend finden müsse, weil ihr
-Betragen ganz abweichend von allen übrigen Menschen war. Helene bedurfte
-der Gesellschaft, und hatte sich an Lodoiska gewöhnt; konnte sie sich
-also über deren Sonderbarkeit beklagen?
-
-Ungeachtet ihrer anscheinend übeln Laune liebkosete Lodoiska doch die
-kleine Julie, welche kam, um ihr gute Nacht zu wünschen. Sie nahm das
-Kind mit so vieler Zärtlichkeit in ihre Arme, daß sie sich dadurch die
-Gewogenheit der Mutter in einem Augenblicke wieder erwarb. Der Oberst
-stand dabei, in Träumereien versunken, unfähig ein Wort hervorzubringen;
-er wagte es nicht, weder seine Frau noch Lodoiska anzusehen, und die
-Zukunft stellte sich ihm in einem schauerlichen Dunkel dar.
-
-Am andern Morgen erklärte die Oberstin, daß sie heute eine
-schrecklichere Nacht als je gehabt habe. Dieß war auch leicht an dem
-matten und schmerzhaften Ausdrucke ihres abgemagerten Gesichts zu sehen;
-es war augenscheinlich, daß ihre Schwäche mit jeder Minute zunahm, und
-daß ihr Leben vielleicht bald entfliehen würde. Da der erwartete
-Geistliche sich noch immer nicht blicken ließ, obgleich es schon nach
-neun Uhr des Morgens war, so gerieth Helene darüber in Unruhe; bald
-darauf meldete indessen Lisette seine Ankunft an. Der Oberst ging ins
-Nebenzimmer, um ihn zu empfangen; aber Lodoiska stieß einen Schrei des
-Entsetzens aus, und floh eilig in das ihr angewiesene Zimmer.
-
-Die tröstende Ueberredungskraft des würdigen Geistlichen, der Helenen
-neben der Aussicht auf ein künftiges, besseres Leben auch die Hoffnung
-zu ihrer Genesung zeigte, machte einen so guten Eindruck auf sie, daß
-sie sich ruhiger fühlte, als der Prediger sie verließ; er versprach ihr,
-am Abend und, wenn sie es wünsche, auch am folgenden Morgen
-wiederzukommen.
-
-Nach seiner Entfernung kehrte der Oberst ins Zimmer seiner Frau zurück,
-wo auch bald darauf der Arzt erschien, welchen man in Prag angenommen
-hatte. Dieser fand sie nicht schwächer, als bei seinem letzten Besuche,
-und verschrieb ihr einen stärkenden Trank, wovon er sich die beste
-Wirkung versprach. Da der Oberst bemerkte, daß Lodoiska noch nicht
-wieder gegenwärtig war, begab er sich nach ihrem Zimmer, und klopfte
-leise an die Thür.
-
-»Wer ist da? sagte Lodoiska; was soll ich?«
-
--- Ich wollte Sie bitten, zu meiner Frau zurückzukehren. --
-
-»Ist sie allein? Ist er nicht mehr da, der furchtbare Mann, dessen
-Anblick ich nicht mehr ertragen kann?«
-
-Mit diesen Worten öffnete sie die Thür.
-
-»Aber von wem sprechen Sie denn?« fragte der Oberst.
-
--- Von wem ich spreche? Von dem Geistlichen! Seitdem ich mein Vaterland
-verlassen habe, ist es mir unmöglich, in der Gegenwart von seines
-Gleichen auszuhalten; denn ich bin auf ewig von ihnen geschieden. --
-
-Gerührt von dem Aberglauben dieser Unglücklichen, den er ihrem Versuche
-zuschrieb, sich das Leben zu nehmen, setzte der Oberst dieses Gespräch
-nicht fort, und sagte nur noch, daß kein Fremder im Zimmer sei.
-
-»Dann will ich Ihnen folgen, fuhr Lodoiska fort; aber versprechen Sie
-mir, Alfred, wenn Sie nicht Zeuge des schrecklichsten Auftritts sein
-wollen, mich vor jedem Zusammentreffen mit einem Geistlichen zu
-bewahren. Ach, dieß ist wahrlich das Geringste, was Sie für mich thun
-können!«
-
-Voller Mitleiden versprach der Oberst, was sie wünschte, und kehrte dann
-mit ihr zu Helenen zurück, die schon nach ihrem Anblick verlangte.
-
-»Der Arzt, sagte sie, hat mir so eben neue Hoffnung zu meiner Genesung
-gemacht, und ich würde mich selbst über meinen Zustand täuschen, so
-lange es Tag ist; aber die schreckliche Nacht ist die gewisse Ursache
-meines Todes. (Lodoiska bebte unwillkührlich zusammen). Ich weiß am
-besten, daß es mit meinem Leben bald zu Ende sein wird; vorher aber habe
-ich noch einige Bitten, deren Erfüllung allein mich mit Ruhe sterben
-lassen kann.«
-
--- Ach, theure Helene! rief der Oberst lebhaft, ohne sich durch
-Lodoiska's Gegenwart stören zu lassen; gieb dich doch nicht so schwarzen
-Gedanken hin. Du wirst noch lange zum Glück deiner Familie leben, und
-deine Wünsche selbst erfüllen können. --
-
-»Der eine meiner Wünsche, lieber Alfred, kann nicht durch mich selbst
-erfüllt werden, weil er mein Begräbniß betrifft. Ich will nach meinem
-Tode neben meinem Sohne, auf dem Kirchhofe zu R...., ruhen; jede andere
-Erde würde mir fremd sein, und nur dort soll man mich begraben.«
-
-Seufzer und aufrichtige Thränen verhinderten den Obersten, zu antworten;
-aber er drückte die Hand seiner Frau in die seinigen, und gab ihr durch
-dieses stumme Zeugniß die Versicherung, daß er sich in ihren Willen
-füge. Sie bestand also nicht weiter darauf, und wandte sich nun an
-Lodoiska, die leichenblaß und mit stierem Blicke schweigend da saß.
-
--- Was Sie betrifft, meine Freundin, fuhr die Oberstin fort, so bitte
-ich Sie, auf einige Zeit die Obhut über meine Tochter zu übernehmen. Sie
-haben sie bisher immer mit Zuneigung behandelt, und ich nehme daher die
-süße Ueberzeugung mit ins Grab, daß Sie ihr eine zweite Mutter sein
-werden, bis Ihre Angelegenheiten Sie aus dieser Gegend abrufen. --
-
-Lodoiska stieß bei diesen Worten ein lautes, unbeschreibliches
-Angstgeschrei aus. Ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, sank sie in
-den Lehnstuhl zurück, auf welchem sie saß, und schien einem lebhaften
-Schmerze zu erliegen, ohne eine Antwort ertheilen zu können. Auch der
-Oberst erstarrte, als er hörte, daß seine Frau ihrer heimlichen
-Nebenbuhlerin empfahl, ihre Stelle zu vertreten; und er wagte es nicht,
-Lodoiska'n zu Hülfe zu eilen, aus Furcht, seine Gefühle zu verrathen.
-
-Da die Fremde immer noch schwieg, so glaubte Helene, ihre Bitte
-wiederholen zu müssen. Jetzt stand Lodoiska schnell auf, richtete ihre
-dunkelflammenden Augen gen Himmel, und rief: »Du willst es, allmächtige
-Vorsehung! Wie könnte ich mich gegen deinen Willen sträuben! Ja, ich
-nehme es an, was du mir durch diese Unglückliche befiehlst; ja, ich will
-die Wärterin ihrer Tochter sein bis an ihren Tod!«
-
-Der bittere Ton, mit welchem Lodoiska diese Worte aussprach, war für die
-arme Helene gleichsam ein Dolchstoß in's Herz; doch wagte sie nicht,
-ihre Gefühle zu erkennen zu geben, und sagte nur: »Verlassen Sie
-wenigstens meine Tochter nicht eher, als bis Sie sie dem Gatten
-überliefern können, den ihr Vater für sie wählen wird.«
-
-Ein verächtliches Lächeln war der Fremden ganze Antwort, und bald darauf
-entfernte sie sich aus dem Zimmer.
-
-Fünf oder sechs Tage vergingen, während welcher Helene immer schwächer
-wurde. Vergebens verschwendete man an ihr alle Mittel der Arzneikunst:
-sie vermochten nichts gegen die fürchterliche, geheime Ursache, welche
-allmählich ihren Tod herbeiführte. Jede Nacht wachte der Oberst bei ihr
-in Gesellschaft einer an dergleichen Dienst gewöhnten Frau; aber durch
-ein seltsames Zusammentreffen verfielen Beide in jeder Nacht zu
-derselben Zeit in einen festen, todtenähnlichen Schlaf. Jeden Morgen
-beklagte sich Helene über ihre außerordentliche Erschöpfung, und im
-Geheimen bei ihrem Gatten über den unersättlichen Dämon, der ihr das
-Blut tropfenweis aussaugte. Alfred wußte am Ende hierauf nichts zu
-antworten, weil er glaubte, daß ihr Verstand immer mehr durch nächtliche
-Phantasien zerrüttet würde.
-
-Während dieser ganzen Zeit gab Lodoiska ihrem ehemaligen Liebhaber weder
-durch ein Wort noch durch einen Blick ihre geheimen Empfindungen zu
-erkennen; sie betrug sich gegen ihn, als wenn sie ihn nie gekannt hätte.
-Für Helenen zeigte sie jetzt während des Tages die größte Sorgfalt; aber
-mit Anbruch der Nacht begab sie sich in ihr Zimmer, das sie des Morgens
-erst spät wieder verließ.
-
-Wildenau, der Freund der Familie, kam von Zeit zu Zeit nach Prag; er
-belästigte die spröde Lodoiska durchaus nicht mit seinen Seufzern,
-sondern schenkte seine ganze Aufmerksamkeit der Krankheit Helenens,
-deren Tod er bei seinem Besuche in der nächsten Nacht vorhersagte.
-Wirklich wurde auch sein Urtheil bestätigt; denn mit dem Anbruch des
-Tages war der letzte Hauch ihres Lebens aus ihrem Körper entflohen.
-
-Wir versuchen es nicht, den Schmerz zu beschreiben, welchem der Oberst
-sich ergab; zu verschiedenen Malen mußte ihn Wildenau mit Gewalt von dem
-Leichname Helenens fortführen. Lodoiska ließ sich den ganzen Tag über
-nirgends blicken, so daß endlich der Arzt das Recht zu haben glaubte,
-sich gegen Abend nach ihrem Zimmer zu begeben, weil er fürchtete, daß
-auch sie der Hülfe bedürftig sein könnte. Nachdem er an die Thür
-geklopft hatte, erhielt er die Einladung einzutreten.
-
-Lodoiska, den Kopf auf einen Tisch gestützt, saß in ihrem Lehnstuhle,
-ganz in ihren schwarzen Schleier verhüllt. Sie hörte den Worten
-Wildenau's zu, ohne ihn anzusehen, und antwortete ihm mit schwachem,
-aber ruhigem Tone, daß sie keiner Hülfe bedürfe, daß sie aber nach dem
-Tode ihrer Freundin ihre Einsamkeit nicht verlassen wolle. Uebrigens
-würde sie ihr gegebenes Versprechen erfüllen, und sich daher morgen ganz
-allein nach dem Schlosse R.... begeben, wo sie die Ankunft des ihrer
-Obhut anvertrauten Kindes erwarte.
-
-Wildenau, der auf eine ganz andere Antwort gefaßt war, indem er glaubte,
-daß Lodoiska doch wenigstens dem Leichenbegängniß der Oberstin beiwohnen
-werde, behielt seine Gedanken hierüber bei sich, und fragte nur, ob man
-ihr einen Wagen zur Reise bestellen solle?
-
-»Ich danke Ihnen, erwiederte Lodoiska, immer noch ohne ihn anzusehen;
-ich selbst habe schon deßhalb die nöthigen Maßregeln getroffen. Ich
-werde ganz früh abreisen, weil es mir unmöglich ist, dem traurigen
-Leichenbegängniß beizuwohnen.«
-
-Sie schwieg. Ihre fortwährende Unbeweglichkeit veranlaßte endlich den
-Arzt, sich voll Verwunderung über die Seltsamkeit dieser jungen Person
-zu entfernen. Er benachrichtigte den Obersten von ihrem Entschlusse, und
-dieser war insgeheim entzückt, daß Lodoiska ihn durch ihre Gegenwart
-nicht in der vollkommenen Erfüllung seiner Pflichten stören würde. Am
-folgenden Tage brachte man den Leichnam Helenens nach dem Schlosse
-R...., wo diese unglückliche Mutter neben dem Grabe ihres Sohnes ihre
-Ruhestätte fand.
-
-
-
-
- Zwei und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Ein Monat war verflossen, und Lodoiska beobachtete immer noch im
-Schlosse die völlige Zurückgezogenheit, wie sie es schon früher gewohnt
-gewesen war, als sie sich in ihrem Hause im Walde aufhielt. Ihr Zimmer
-war jedem Andern als ihrer Bedienung unzugänglich, und nur Julie hatte
-darin Zutritt, obgleich dieses Kind weit lieber im Garten unter
-Lisettens Aufsicht umherlief.
-
-Der Oberst, welcher anfangs den Augenblick gefürchtet hatte, wo er nach
-dem Tode seiner Gattin zum ersten Male wieder mit seiner ehemaligen
-Geliebten zusammentreffen würde, fing jetzt nach und nach an, sich über
-Lodoiska's hartnäckige Einsamkeit insgeheim zu ärgern, und jemehr sie
-ihn zu vermeiden schien, desto ungeduldiger wurde er am Ende, sie zu
-sehen. Doch wagte er noch nicht, seinen Wunsch laut werden zu lassen; er
-verlebte seine Tage traurig und einförmig, theils sich mit Lesen
-beschäftigend, theils Wald und Feld in der Umgegend durchstreichend.
-
-Wildenau, der Arzt, war ebenfalls ungeduldig, daß er die Fremde nicht
-mehr zu sehen bekam, und nahm sich nun fest vor, sich freimüthig mit dem
-Obersten zu erklären, dessen Empfindungen für den Gegenstand seiner
-Zärtlichkeit er schon seit längerer Zeit in Verdacht hatte. Er wollte
-sich von den Verhältnissen beider zu einander genau überzeugen, um
-danach sein Betragen für die Zukunft einzurichten. Aber verschiedene
-Male ward er durch besondere Umstände von der Ausführung seines
-Entschlusses abgehalten, indem er theils nicht nach dem Schlosse kommen
-konnte, wenn er es sich vorgenommen hatte, theils daselbst mit
-besuchenden Nachbarn zusammentraf, in deren Gegenwart er die
-beabsichtigte Unterredung mit dem Obersten nicht anfangen konnte.
-
-Lobenthal, ohne diesen Entschluß des Arztes zu ahnen, fand sich dennoch
-in dem Umgange mit seinem Freunde nicht mehr so ungezwungen, seitdem
-sein Verhältniß zu Lodoiska durch den Tod seiner Gattin verändert worden
-war. Wildenau war nun sein Nebenbuhler -- -- was er selbst sich nur
-erröthend gestanden haben würde; und dennoch beschäftigte sich sein Herz
-wider seinen Willen mit diesem Gedanken. Sehr häufig floh ihn der Schlaf
-bis spät in die Nacht hinein, und wenn die übrigen Bewohner des
-Schlosses schon längst sich der süßen Ruhe überlassen hatten, war Alfred
-noch in seinem Zimmer wach, wo er durch Lesen seine mancherlei ihn
-peinigenden Gedanken zu verscheuchen suchte. Aber dieses Mittel blieb
-gewöhnlich vergeblich; Lodoiska's Bild, das Andenken an Helenen zogen
-seine Aufmerksamkeit von dem Buche ab, und maschinenmäßig überflogen
-seine Augen die Buchstaben, ohne ihren Sinn zu erfassen.
-
-In einer Nacht, als der Oberst sich unruhiger fühlte als je, wollte er
-durch Auf- und Niedergehen in dem großen Saale des Schlosses seinen
-Unmuth zu verscheuchen suchen; er nahm daher sein Licht, und ging mit
-demselben durch mehrere Zimmer, bis er in den erwähnten Saal gelangte.
-Hier setzte er das Licht auf das Gesimse eines alterthümlichen Kamins,
-und bei dem schwachen Scheine, der nicht im Stande war, den weiten Raum
-zu erleuchten, ging er mit großen Schritten durch die wenig geminderte
-Finsterniß.
-
-Ungefähr seit einer Viertelstunde setzte er diese Bewegung fort, als er
-die Flügelthür, welche nach der Haupttreppe des Schlosses führte,
-knarren hörte .... der Oberst stand still .... die Thür öffnete sich,
-und Lodoiska trat herein ..... Kaum konnte er sie erkennen, so sehr
-verschwand sie durch die Einhüllung in ihren schwarzen Shawl in der
-Finsterniß, die das Licht nicht verscheuchen konnte; doch bemerkte er
-bei dem schwachen Schimmer desto besser die Leichenblässe ihres
-Gesichts. Sie schien kein menschliches Wesen zu sein, und gleich einer
-überirdischen Erscheinung durch den dunkeln Raum einherzuschweben; ja
-die Einbildungskraft Alfred's stellte sie ihm auf einen Augenblick
-beflügelt und von Blute triefend vor; aber dieser Anblick ging mit der
-Schnelligkeit des Blitzes vorüber, obgleich der Oberst darüber fast
-erstarrte. Lodoiska, ohne das geringste Erstaunen über den Anblick ihres
-Geliebten zu zeigen, den sie sogleich erkannte, stand still, und stützte
-sich auf einen alten Lehnstuhl, als wenn sie sich von einer langen
-Anstrengung einen Augenblick lang hätte erholen wollen.
-
-Jetzt näherte sich Alfred, obgleich nicht ohne heftige innere Bewegung,
-der jungen Fremden.
-
-»Endlich, sagte er, sehe ich Sie wieder, und zwar an demselben Orte, und
-in derselben Stunde, wo Sie mir vor einiger Zeit Ihre Entfernung von
-hier ankündigten. Wie seltsam ist dieses Zusammentreffen! Ich mußte es
-also dem bloßen Zufalle verdanken?«
-
--- Es ist möglich, antwortete Lodoiska mit ihrem gewöhnlichen
-schwermüthigen Tone, daß in Absicht auf Sie der Zufall hier sein Spiel
-treibt; was aber mich betrifft, da ich in jeder Nacht mich in diesem
-Saale zu erholen pflege, so sehe ich in diesem Zusammentreffen nur
-Etwas, das auf jeden Fall früher oder später Statt finden mußte. --
-
-»Wie! Lodoiska, in jeder Nacht, sagen Sie, kommen Sie hier her? Welchen
-Reiz kann dieser weite und verfallene Saal für Sie haben, wo man nur
-unangenehmen Vorstellungen ausgesetzt ist, sobald das Licht des Tages
-nicht mehr leuchtet?«
-
--- Ich mache mir wenig aus dem Glanz der Sonne oder aus dem
-schauerlichen Anblick der Finsterniß. Ich lache über Alles, was Andere
-meines Geschlechts in Furcht setzt; ich verspotte das Schrecklichste,
-und durch ein trauriges Schicksal gefalle ich mir am besten in der Mitte
-des Fürchterlichsten und Verabscheuungswürdigsten für alle übrige
-Menschen. --
-
-»Ach, werden Sie denn nie Ihre Gesinnungen ändern? Werden Sie nie zu
-fröhlichen Vorstellungen zurückkehren? Die Vergangenheit, deren Andenken
-anfangs so peinlich ist, verliert durch die Länge der Zeit den
-unangenehmen Eindruck auf uns, ja öfters verwandelt der Lauf der Dinge
-das heftigste Leid in Freude. Sollte Ihr Herz dieser Wirkungen nicht
-empfänglich sein?«
-
--- Nein! sie gleiten eindruckslos an mir vorüber. Sie sprechen von der
-Vergangenheit; ich kenne sie nicht mehr; für mich ist die Gegenwart
-Alles, da ich weder rückwärts noch vorwärts gehen kann. Ich bin nur an
-_einen_ festen Punkt gebannt, und die Hoffnung, welche selbst der
-Elendeste der Menschen noch in seinem Herzen nährt, sie ist mir völlig
-fremd. Was wollen Sie dagegen thun, Alfred? Sie selbst haben Lodoiska's
-Schicksal bestimmt; wundern Sie sich also nicht, wenn es unveränderlich
-bleibt. --
-
-»Je mehr ich Sie reden höre, grausame Freundin, desto mehr zerreißen mir
-Ihre unerklärbaren Worte das Herz. Was ist es für eine grenzenlose
-Verzweiflung, der Sie sich überlassen? Sind Sie die Einzige, die nicht
-mehr auf die Zukunft hoffen darf? Ach, kehren Sie zu sich selbst zurück,
-überzeugen Sie sich, daß Ihre Lage sich noch ändern kann; das Glück wird
-Ihnen nicht stets entgegen sein.«
-
--- Kann es machen, Alfred, erwiederte Lodoiska lebhaft, daß Ihr
-Versprechen wieder aus dem Grabe ersteht, wo ich es auf ewig verborgen
-habe? --
-
-»Mein Versprechen, sagen Sie?«
-
--- Ja, Ihr Versprechen, das Sie mit Ihrem Blute unterzeichneten, und das
-Sie unwiderruflich an mich fesselt. --
-
-»Ist dieß der Augenblick, mich daran zu erinnern? Und wie auch meine
-geheimen Empfindungen sein mögen, sehen Sie nicht, daß ich Trauerkleider
-trage? Denken Sie nicht an die schmerzliche Begebenheit, die vor Kurzem
-Statt fand?«
-
--- Ich weiß, daß Sie, obgleich Sie behaupten, nichts als mein Glück zu
-wünschen, noch nie angestanden haben, meinem Herzen eine neue Wunde zu
-schlagen. Ich weiß, daß Sie mich schändlich betrogen haben; dieß ist der
-einzige Umstand aus der Vergangenheit, dessen ich mich noch erinnere,
-der Sie vernichten muß, und über den Sie auf ewig seufzen werden! --
-
-»Ich wünschte, Sie wieder zu sehen, Lodoiska; aber ich wußte nicht
-vorher, daß dieß nur geschehen würde, um Ihre Vorwürfe anzuhören. Wie
-ungerecht sind Sie, und wie wenig kennen Sie mich!«
-
-Ein Strahl von Freude glänzte in den Augen der Fremden, und ihre Lippen
-verschlangen einige Worte, die sie auszusprechen im Begriff war. Es
-folgte ein Augenblick des Schweigens, der nicht ohne Süßigkeit für sie
-war, und schon erschien eine gewisse Heiterkeit auf ihrer Stirn, die
-seit langer Zeit davon verscheucht gewesen war, als ein bitterer Gedanke
-Alles wieder zerstörte. Lodoiska's Blick wurde wilder, und sie legte
-ihre Hand auf ihr Herz, gleichsam um dessen schmerzliches Klopfen zu
-unterdrücken.
-
-»Auch ich wünschte Sie wiederzusehen, Alfred, sagte sie, weil es mir
-schien, als wenn Sie noch derselbe sein könnten, wie früher; aber ich
-besitze jetzt keinen von den Reizen mehr, die Sie vormals entzückten.«
-
--- Ich liebte damals die vortrefflichen Eigenschaften Ihres Herzens eben
-so sehr, als Ihre Reize. Die Zeit konnte Ihnen einen kleinen Theil der
-letzteren rauben; aber vermochte sie etwas gegen die inneren Vorzüge
-Ihrer Seele? --
-
-»Ich kann Ihnen nichts darauf antworten, Alfred. Unsere Unterhaltung,
-die uns nur Kummer verursacht, hat schon viel zu lange gedauert. Leben
-Sie wohl, ich muß mich entfernen. Erwarten Sie, was die Vorsehung
-entscheiden wird. Ach, wie schrecklich ist das Schicksal, womit mich ihr
-Zorn belastet hat!«
-
--- Ja, lassen wir die Zeit ruhig verstreichen; wir werden uns einst
-wieder vereinigen, und dann .... --
-
-»Und dann gehen wir beide gerade dem Grabe zu, das uns als Hochzeitbett
-dienen wird!«
-
--- Welche schreckliche Vorhersagung! Lodoiska, wie können Sie so grausam
-sein? Sehen Sie denn nichts als einen Sarg in der Zukunft? --
-
-Lodoiska antwortete nicht, sondern entfernte sich mit größter Eile. Als
-sie sich auf der Treppe befand, ließ sie ein lautes Gelächter
-erschallen, welches einen so schrecklichen Eindruck auf den Obersten
-machte, daß er wie erstarrt dastand, und das Hohngelächter eines
-höllischen Wesens gehört zu haben glaubte.
-
-»Armes Mädchen, sagte er endlich, dein Unglück hat dich eines Theils
-deiner Verstandeskräfte beraubt und deinen liebenswürdigen Charakter
-völlig entartet. Aber dennoch bleibt sie immer höchst interessant, und
-vielleicht kehrt sie zu andern Vorstellungen zurück, wenn die Ursache
-ihres Unglücks aufgehört hat.«
-
-Während er diese Worte ziemlich lebhaft und laut aussprach, glaubte er
-hinter sich einen tiefen Seufzer zu hören. Er drehte sich schnell um,
-und erblickte nun in dem finsteren Theile des Saales eine weiße Gestalt,
-die ein Kind an der Hand führte, und mit ihm aus dem Saale in das
-anstoßende Zimmer ging. Ungeachtet seines Muthes erbebte der Oberst bei
-diesem Anblicke. Seine Einbildungskraft gab der Gestalt Gesichtszüge,
-die ihm ein theures Andenken hervorriefen. Anfangs wußte er nicht, was
-er thun sollte; dann aber ergriff er das Licht, und folgte den
-Erscheinungen in's anstoßende Zimmer. Er fand es einsam und leer; nur
-seine eigenen Schritte unterbrachen das tiefe Schweigen der Nacht ....
-und doch hatte er mit eigenen Augen gesehen. Von Angst gefoltert und mit
-großen Schweißtropfen bedeckt, kehrte er endlich in sein Schlafzimmer
-zurück.
-
-
-
-
- Drei und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Der Oberst fand in dieser Nacht keine Ruhe. In angstvollen Gedanken
-versunken ging er mit heftigen Schritten auf und nieder, bis endlich die
-Morgenröthe anbrach, und mit ihr die Ruhe in seine stürmisch bewegten
-Adern zurückkehrte.
-
-Die kleine Julie pflegte jeden Morgen in das Zimmer ihres Vaters zu
-kommen, um ihm einen Kuß zu bringen; auch heute erschien sie zur
-gewöhnlichen Zeit, aber ihre sonst immer lachende Physiognomie war
-traurig, und man bemerkte eine auffallende Blässe in ihren
-Gesichtszügen.
-
-»Bist du krank, mein Kind?« fragte ihr Vater sie beunruhigt.
-
--- Nein, lieber Vater; aber ich habe schlecht geschlafen.
-
-»Wer hat dich denn daran verhindert? Lisette sagt ja, daß du sonst ganz
-vortrefflich schläfst.«
-
--- O, lieber Vater, ich wollte es dir wohl sagen, wenn es mir Lisette
-nicht verboten hätte. --
-
-»So muß ich wohl alle weitere Fragen einstellen? Dennoch bin ich sehr
-neugierig, die Ursache deiner Schlaflosigkeit zu wissen; sie muß sehr
-böse sein, da du plötzlich deine frische Gesichtsfarbe dadurch verloren
-hast.«
-
--- Weinst du auch nicht, Väterchen, wenn ich dir die Wahrheit sage? --
-
-»Ich hoffe so viel Gewalt über mich zu besitzen, daß ich meine ersten
-Gefühle überwinde, wenn deine Erzählung traurig ist.« Der Oberst sagte
-dieß, sich zum Lächeln zwingend, obgleich eine böse Ahnung sein Inneres
-schon mit Schrecken erfüllte.
-
--- Nun, so will ich dir Alles erzählen. Wilhelm und meine gute Mutter
-haben mich heute Nacht besucht. Sie blieben fast die ganze Nacht zu
-beiden Seiten meines Bettes sitzen, um, wie sie sagten, mich gegen den
-Dämon zu vertheidigen, der ihnen den Tod gegeben hat, und der sich auch
-an meinem Blute sättigen will. Anfangs fürchtete ich mich sehr, ward
-aber nachher vollkommen beruhigt. Wilhelm sahe so glücklich und selig
-aus! Meine Mutter blickte mich mit so großer Zärtlichkeit an! Sie haben
-mir versprochen, mich nicht mehr aus den Augen zu verlieren, und mit
-Anbruch des Morgens verließen sie mich erst, indem sie versicherten, daß
-ich bei Tage nichts zu fürchten hätte. Sie sprachen mit mir von vielen
-Dingen; aber glaubst du wohl, lieber Vater, daß sie dich mit keiner
-Silbe erwähnten? Ich sagte ihnen, wie sehr du über ihren Verlust
-weintest; aber sie schüttelten den Kopf, und lächelten, ohne mir zu
-antworten. --
-
-Das Kind hätte noch lange in seiner Erzählung fortfahren können, ohne
-daß sein Vater daran dachte, es zu unterbrechen. Stumm vor Verwirrung,
-durch Schrecken und Verzweiflung im Innersten seines Herzens ergriffen,
-saß er unbeweglich in seinem Lehnstuhle da. Die unbegreifliche
-Uebereinstimmung zwischen dem, was er selbst gesehen hatte und was seine
-Tochter ihm jetzt erzählte, versetzte ihn in einen Wirrwarr von
-Gedanken, aus welchem er sich nicht wieder herausfinden konnte. Zum
-ersten Male unterlag er einem abergläubischen Schrecken. Indessen stand
-Julie noch immer vor ihm, seine Antwort erwartend, und er brach endlich
-das Stillschweigen, indem er mit bewegter Stimme ihr für die Mittheilung
-der nächtlichen Scene dankte.
-
-»Du mußt, sagte er, diesen Traum als eine Wohlthat Gottes betrachten. Er
-hat dich dadurch belehren wollen, daß deine Mutter und dein Bruder vom
-Himmel herab dich vor dem Dämon beschützen werden, das heißt, vor der
-Sünde; dieß ist der Sinn der Worte, die du gehört hast.«
-
--- O, lieber Vater, ich schlief nicht, als sie in mein Zimmer kamen. Von
-der Sünde haben sie mir nichts gesagt, sondern bloß von einem
-abscheulichen Wesen, das uns alle verderben will, und das sie einen
-_Vampyr_ nannten. Ich weiß recht gut, was dieß ist; denn der arme Werner
-hat uns von diesen bösen Geistern erzählt. Ich habe noch jedes Wort
-behalten, denn die Vampyre ... --
-
-»Mein Kind, ich kenne ihre Geschichte besser als du; aber man hätte sie
-dir ersparen sollen, weil dadurch deine Einbildungskraft erhitzt wurde,
-und dieß vielleicht die Ursache deines Traumes ist. Glaube mir, Julchen,
-vergiß ihn gänzlich; denn man würde dich auslachen, wenn du davon
-erzähltest; man würde dich für ein kleines furchtsames Mädchen halten,
-oder dich wohl gar der Lüge beschuldigen, wenn du behauptest, nicht
-geschlafen zu haben. Was mich betrifft, so zweifle ich nicht an deiner
-Wahrheitsliebe; du glaubtest wirklich zu sehen, was doch nur Täuschung
-war; vor allen Dingen aber bitte ich, gegen Lodoiska darüber das tiefste
-Stillschweigen zu beobachten.«
-
--- O, sei unbesorgt, lieber Vater, ich weiß es schon, daß ich ihr nichts
-davon sagen darf. Wilhelm hat es mir sehr dringend anempfohlen; denn er
-behauptet, sie sei meine ärgste Todfeindin. --
-
-Dieser neue Schlag verwundete den Obersten mitten im Herzen. Er sprang
-heftig auf und entließ seine Tochter, um sich wieder zu sammeln.
-Unerklärlich war es ihm, wie so viel Seltsames so genau übereinstimmen,
-wie es möglich sei, daß ein Traum eines Kindes so viel Wahres enthalten
-könne. Ach, er selbst hatte die Erfahrung gemacht, daß eine Stiefmutter
-fast immer die Feindin der Kinder ist, die sie nicht selbst geboren hat.
-Sein eigener Vater hatte sich zum zweiten Male verheirathet, und seine
-ganze Jugend wurde deßhalb durch täglichen Zank, ungerechte
-Beschuldigungen, und Versuche, ihn mit seinem Vater zu entzweien oder
-ihm den größten Theil seines Vermögens zu entziehen, vergiftet. Zum
-ersten Male dachte er jetzt an das Unrecht, was er seiner Tochter
-zufügen würde, wenn er sich jemals wieder vermählte, und die väterliche
-Zärtlichkeit erhob einen neuen Kampf in seinem Herzen.
-
-Nicht ohne das größte Erstaunen sahe er zur Frühstückszeit Lodoiska in's
-Speisezimmer treten. Sie schien zeigen zu wollen, daß sie jetzt völlig
-zufrieden sei, aber dennoch blickte ein tiefer Verdruß durch ihre
-verstellte Freude. Die kleine Julie sahe sie mit dem finsteren Ausdruck
-des heftigsten Zornes an, aber nur, wenn Alfred's Blicke nicht auf sie
-gerichtet waren. Sie scherzte über ihre lange Zurückgezogenheit, und
-sagte, daß sie von nun an ihren Schmerz zwar nicht vergessen, aber doch
-zerstreuen wolle. Sie ließ ihren Verstand mit so vielem Vortheile
-glänzen, und betrug sich so liebenswürdig, daß der Oberst, anfangs auf
-seiner Hut, dennoch bald dem Einflusse nachgab, den sie über ihn ausüben
-wollte. Die Vergangenheit stellte sich gänzlich in den Hintergrund.
-Alfred sah in Lodoiska nur das Mädchen seiner ersten heftigsten Liebe,
-und sein Entzücken stieg auf's Höchste, als sie ihre Harfe nahm, und
-durch ihre hinreißende Stimme ihn gleichsam aus den Grenzen des
-irdischen Daseins hinauszauberte.
-
-In diesem Augenblicke war Wildenau, den man übrigens gar nicht
-erwartete, im Schlosse angekommen. Voll Erstaunen, harmonische Töne an
-einem Orte zu hören, wo die äußern Zeichen der Trauer noch nicht
-verschwunden waren, stand er in dem Vorzimmer still, und ein der offenen
-Thür gegenüberhängender Spiegel zeigte ihm, was vorging. Der Arzt kam in
-der Absicht, sich mit dem Obersten in Betreff Lodoiska's eine Erklärung
-zu verschaffen; was er aber jetzt sahe, überhob ihn jeder weiteren
-Unterhaltung über diesen Gegenstand. Das Entzücken des Obersten, die
-Blicke Lodoiska's, die so leicht zu erkennende Uebereinstimmung zweier
-gleichfühlenden Herzen, Alles gab ihm den Beweis, daß beide schon durch
-eine frühere Liebe vereinigt gewesen. Bei diesem Gedanken entstand der
-fürchterlichste Verdacht in seinem Herzen; doch unterdrückte er ihn
-wieder voller Scham vor sich selbst. An der Rechtschaffenheit des
-Obersten konnte er nicht zweifeln; aber die finstere, wilde Lodoiska
-flößte ihm nicht ein gleiches Vertrauen ein, und mancherlei Geheimnisse
-erklärten sich ihm jetzt so deutlich, daß er davor schauderte.
-
-Lodoiska hörte jetzt auf zu singen, und nun hielt es Wildenau für
-passend, sich zu zeigen. Seine Gegenwart schien der Fremden höchst
-ungelegen zu sein, daher sie bald darauf die Gesellschaft verließ, und
-der Oberst, dadurch gewissermaßen dem Arzte Preis gegeben, fühlte sich
-in großer Verlegenheit, so daß er sogleich wünschte, ein neuer Besuch
-möchte ihm zu Hülfe kommen. Aber es geschah nicht, und der Arzt, der
-seinen Zustand sehr genau beobachtete, fühlte Mitleiden mit ihm, so daß
-er seiner Verwirrung ein Ende machen wollte, und ohne weitere Umschweife
-seinen Angriff begann:
-
-»Sie sind ein Mann von Ehre, Herr Oberst, und ich glaube einiges Recht
-auf Ihre Achtung zu haben. Haben Sie daher die Güte, mir nur eine
-einzige Frage zu beantworten; sie enthält nichts Feindseliges, sondern
-soll nur dazu dienen, mein künftiges Betragen zu bestimmen. Haben Sie
-die schöne Fremde schon gekannt, ehe sie zum ersten Male in dieser
-Gegend erschien?«
-
--- Herr Doktor, antwortete der Oberst sehr bewegt, wenn jeder Andere
-mich so fragte, so würde ich gegen ihn ein vollkommenes Stillschweigen
-beobachten. Aber ich weiß, wie sehr ich mich gegen Sie vergangen habe,
-und ich kann mein Unrecht nur durch meine Aufrichtigkeit wieder gut
-machen. Lodoiska war das erste weibliche Wesen, das mir Liebe einflößte.
-Ich befand mich damals in ihrem Vaterlande; ich konnte über ihre Tugend
-nicht siegen, und dennoch vergaß ich sie, nachdem ich ihr das
-feierlichste Versprechen gegeben hatte, sie zur Gattin zu nehmen. Aber
-sie leistete nicht auf mich Verzicht, sondern hat mich bis hierher nach
-Deutschland verfolgt; so lange indessen meine unglückliche Frau gelebt
-hat, ermuthigte ich ihre Leidenschaft auf keine Weise. Dieß, schwöre ich
-Ihnen, ist reine Wahrheit. --
-
-»Es ist genug, Herr Oberst, mehr verlange ich nicht; nur hätten Sie
-vielleicht mit diesem Geständniß gegen mich nicht so lange zögern
-sollen.«
-
--- Konnte ich anders? Ist das Geheimniß anderer Menschen auch das
-unsrige, und konnte ich daher das Geheimniß Lodoiska's wider ihren
-Willen entdecken? Jetzt habe ich es nur für Sie allein entschleiert, und
-ich hoffe, Sie werden es Niemanden anvertrauen. --
-
-»Leben Sie wohl, Herr Oberst; möchten Sie glücklich sein! Möge die
-Zukunft Sie die Vergangenheit nicht vermissen lassen.«
-
-Nach diesen Worten entfernte sich Wildenau, ungeachtet der dringenden
-Bitten des Obersten, zum Mittagsessen da zu bleiben.
-
-»Nein! sagte er; erlauben Sie, daß ich mich entferne; denn ich darf
-durch meine Gegenwart der Fremden keine unangenehmen Empfindungen
-verursachen. Sie würde in meiner Gesellschaft nur verlegen, ich aber
-keinesweges bei ihr in guter Laune sein. Nochmals, leben Sie wohl!
-Empfangen Sie meine aufrichtigsten Wünsche für Ihr Glück.«
-
-Diese Worte des Arztes waren ohne Zweifel sehr natürlich und der Sache
-völlig angemessen; aber dennoch glaubte der Oberst darin eine Art von
-Vorwurf zu erblicken, der ihn in Unmuth setzte. Er unterdrückte ihn
-indessen, indem er das vermeintliche Bittere in dem Betragen seines
-Freundes auf Rechnung seiner verschmäheten Liebe verzeihen zu müssen
-glaubte.
-
-Mehrere Wochen vergingen nach dieser Unterhaltung, und Lobenthal, der
-sich immer mehr seiner Neigung hingab, machte die jungfräuliche Lodoiska
-zum zweiten Male zur Gebieterin seines Herzens. Diese schien bald
-überaus glücklich zu sein, bald sich wieder ihrer wilden Schwermuth zu
-überlassen; je mehr Gewalt sie über ihren alten Liebhaber erhielt, desto
-mehr überließ sie sich den eigensinnigsten Launen. Vorzüglich zeigte sie
-eine außerordentliche Abneigung gegen die kleine Julie, so daß schon ihr
-bloßer Anblick ihr einen geheimen Unmuth verursachte, den sie vergebens
-zu verbergen oder zu unterdrücken suchte. Dem Obersten konnte dieser Haß
-nicht lange unbekannt bleiben, und er machte ihr darüber sein Erstaunen,
-selbst sein Mißvergnügen bemerklich.
-
-»Ach Alfred, antwortete die Fremde, ich mache mir selbst mehr Vorwürfe
-darüber, als du dir vorstellen kannst; ich fühle, wie ungerecht mein Haß
-gegen dieses liebenswürdige Geschöpf ist; aber kann man den Empfindungen
-seines Herzens befehlen? Ich will allein in dem deinigen herrschen, und
-Alles, was dich an eine Andere erinnert, ist mir daher unerträglich. Mit
-der Zeit werde ich ohne Zweifel vernünftiger werden, aber jetzt kann ich
-den Sieg über mich selbst noch nicht erringen. Indem ich dich mehr liebe
-als je, habe ich alle menschliche Schwachheiten wieder angenommen. Habe
-Mitleiden mit mir und mit meinem Kummer, der mich schon seit so langer
-Zeit, seitdem du mich verlassen, gequält hat.«
-
-Diese Worte und die dazu reichlich vergossenen Thränen beruhigten den
-Obersten; er glaubte den Augen der Gebieterin seines Herzens einen
-Gegenstand unwillkührlichen Widerwillens entziehen zu müssen, und ohne
-Lodoiska vorher davon zu benachrichtigen, fuhr er eines Morgens mit
-Julien nach Prag, wo er sie in eine der besten Erziehungsanstalten that.
-
-Die unerklärbare Lodoiska zeigte den größten Kummer, als sie Juliens
-Abreise erfuhr. »Wenn Sie Ihre Tochter aus dem Hause schaffen, sagte sie
-zum Obersten, so zwingen Sie mich dadurch, mich ebenfalls daraus zu
-entfernen. Ihretwegen allein war ich hier: sie ist fort, unter welchem
-Titel kann ich nun noch hier verweilen?«
-
--- Unter dem Titel, der mir der theuerste sein würde, liebe Lodoiska,
-erwiederte Alfred voller Zärtlichkeit, und den ich Ihnen schon angeboten
-hätte, wenn der äußere Anstand mich nicht abhielte. Es hat der Vorsehung
-gefallen, die früheren Hindernisse unserer Vereinigung hinwegzuräumen;
-werden Sie mir jetzt abschlagen, was Sie früher vielleicht glücklich
-gemacht hätte? --
-
-Lodoiska mußte ohne Zweifel schon lange auf eine solche Erklärung gefaßt
-sein; aber dennoch stand sie wie erstarrt, als Lobenthal so zu ihr
-sprach. Ihr Inneres ward von verschiedenen Empfindungen bewegt, und sie
-fühlte zu gleicher Zeit die höchste Glückseligkeit und die tiefste
-Verzweiflung. Sie sahe den entscheidenden Augenblick sich nähern; sie
-wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüben oblag; sie hätte eigentlich
-nichts als Rache in ihrem Busen tragen sollen; aber die Alles besiegende
-Liebe hatte auch sie unterjocht. Durch ihre Sinne gehörte sie noch der
-Erde an, und sie kämpfte daher hartnäckig, obgleich vergebens, gegen die
-höhere Macht, die ihre Handlungen gebieterisch leitete. Endlich faßte
-sie sich, und rief:
-
-»Nein, Alfred, nein! Reden Sie mir nicht mehr von einer Feierlichkeit,
-an welcher ehemals meine ganze Glückseligkeit hing! Kann ich Ihnen jetzt
-noch angehören, da ich mir selbst nicht mehr angehöre? Und habe ich
-Ihnen nicht schon gesagt, daß ich durch einen fürchterlichen Fluch von
-den Tempeln und Dienern des Herrn entfernt bin? Sie lieben mich, sagen
-Sie? Wohl, so geben Sie mir den Beweis davon, indem Sie mich nicht
-länger mit ihren Wünschen bestürmen.«
-
--- Grausame! hören Sie doch endlich auf, sich und mich durch nichtige
-Truggestalten Ihrer Einbildungskraft zu quälen. Zwar ist schon der
-Versuch zum Selbstmorde ohne Zweifel vor dem Angesichte Gottes ein
-Verbrechen; aber es giebt ja keine Sünde, welche nicht durch die Reue
-getilgt wird, und warum sollten Sie allein mit so unerbittlicher Strenge
-verfolgt werden? --
-
-»Armer Sterblicher! Sie wissen nicht, was Sie wünschen! Wenn nun der
-Augenblick, wo Sie unsere Glückseligkeit zu befestigen glauben, gerade
-der unserer ewigen Trennung würde? Hier können wir noch beisammen
-bleiben .... aber dort unten (fuhr sie mit leiser Stimme fort) gehen wir
-beide unseren eigenen Gang. Und was würde der Geistliche sagen, dem ich
-mich zur Trauung vorstellen wollte!«
-
--- Kann er allwissend sein? Kann er hier von dem Vergehen wissen, zu
-welchem Ihre Liebe Sie in Ihrem entfernten Vaterlande trieb? --
-
-»Alfred! Gott zeichnete die Stirn des Brudermörders Kain mit einem
-fürchterlichen Zeichen; auch ich trage ein solches auf der meinigen;
-obgleich Sie es nicht sehen, so würde es doch der Geistliche sogleich
-erblicken.«
-
--- Armes Mädchen! Wie sehr muß ich Sie beklagen! So weit können die
-Vorurtheile Ihrer Erziehung Sie irre führen! Doch ich will für jetzt
-nicht weiter in Sie dringen, und ich hoffe, daß Sie später meinen
-Wünschen nachgeben werden. --
-
-Ein schwermüthiges Lächeln, ein leichtes Kopfschütteln waren die ganze
-Antwort der Fremden; Alfred schien nicht darauf zu achten, er hoffte
-Alles von der Zeit und von der Macht seiner Zärtlichkeit.
-
-
-
-
- Vier und zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Mehrere Monate vergingen, ehe der Oberst weitere Schritte zur Erreichung
-seiner Wünsche that, bis er endlich beschloß, Lodoiska'n durch
-Ueberraschung dahin zu vermögen, daß sie seine Gattin würde. Ohne ihr
-also das Geringste zu sagen, besprach er sich mit dem Pfarrer darüber,
-und vertraute ihm freimüthig alle Umstände an, welche seiner Braut eine
-so große Furcht vor dem Anblick eines Geistlichen verursachten. Der
-Pfarrer war ein vernünftiger Mann, und bedachte, daß er sich leicht von
-der strenge vorgeschriebenen Ordnung ein wenig entfernen könne, wenn
-dadurch ein unangenehmer Auftritt vermieden würde. Er versprach also, um
-Mitternacht, in Gegenwart dreier Zeugen, in der Schloßkapelle, die Ehe
-des Obersten mit Lodoiska einzusegnen.
-
-Zufrieden, so weit mit seinen Vorbereitungen gekommen zu sein, sandte er
-eiligst seinen Bedienten nach der Stadt, um sogleich einen Notarius
-nebst einigen Zeugen mitzubringen. Hierauf begab er sich zu seiner
-Geliebten, und sagte ihr, daß er den heutigen Abend dazu festgesetzt
-habe, vorläufig einen Ehevertrag mit ihr abzuschließen, und daß schon
-alle nöthigen Anstalten dazu getroffen seien.
-
-Eine plötzliche Röthe überflog bei dieser unvermutheten Ankündigung die
-Wangen der schönen Fremden; zu gleicher Zeit verbreitete sich aber auch
-in ihren Augen eine düstere Traurigkeit; sie zitterte am ganzen Körper,
-und war gezwungen, sich an dem neben ihr stehenden Tische zu stützen.
-
-»Schon heute, Alfred? sagte sie; warum eilen Sie so? Können Sie es nicht
-länger mit ansehen, daß unser Glück noch einige Zeit dauert?«
-
--- Zerstören wir es denn, wenn wir es auf immer an uns fesseln? Kann
-unsere Vereinigung dadurch an ihrer Süßigkeit verlieren, wenn sie
-unauflöslich wird? --
-
-»Sie glauben es, weil Sie nur an die Gegenwart denken, und nicht an die
-Zukunft.«
-
--- O gewiß denke ich an die Zukunft, und male sie mir mit den
-freundlichsten Farben aus. Aber warum wollen Sie noch immer bei Ihrer
-Schwermuth beharren? Was führte Sie denn anders hierher, als die
-Hoffnung, sich mit mir zu vereinigen? Forderten Sie nicht meine Person
-als Ihr Eigenthum zurück, und jetzt, da ich Ihre Rechte anerkenne,
-wollen Sie mich von sich stoßen? --
-
-»Daß Sie mir angehören, kann mir nicht bestritten werden, denn Ihr mit
-Ihrem Blut geschriebenes Versprechen ist mir ein sichreres Unterpfand,
-als alle diese Ceremonien, die mir gleichgültig sind. Aber ich bin
-zufrieden, Sie nur zu sehen, und ich fürchte den Augenblick, der mir ein
-schreckliches Recht über Sie geben wird. Ach, Alfred, glaube mir, ändere
-deinen Entschluß, denn du ahnest nicht, welches Unglück dir bevorsteht,
-wenn du dich unwiderruflich an mich fesselst.«
-
-Nach diesen Worten eilte sie pfeilschnell aus dem Zimmer, und begab sich
-in das ihrige, wo der Oberst sie nicht zu stören wagte. Er erstaunte
-über ihre Rede, schob aber Alles auf ihre abergläubische Furcht vor der
-Gegenwart eines Geistlichen, und beharrte bei seinem Entschlusse, diese
-Furcht mit Gewalt zu überwinden. Zu Zeugen bei der Trauung hatte er
-seinen Bedienten und den Verwalter der zum Schlosse gehörigen Ländereien
-gewählt, weil ihm beide zu jeder Zeit zu Gebote standen; unmittelbar
-nach dieser Ceremonie wollte er sich mit seiner neuen Gemahlin in einen
-Wagen setzen, und sich erst nach Prag, dann aber nach Berlin begeben, um
-daselbst seinen festen Wohnsitz wieder aufzuschlagen. Der Aufenthalt im
-Schlosse R.... schien ihm jetzt unerträglich zu sein, weil er in ihm zu
-traurige Erinnerungen hervorrief.
-
-Endlich wurde es Abend. Lodoiska, die noch immer in ihrem Zimmer blieb,
-äußerte den Wunsch, dasselbe nicht eher, als bis im letzten Augenblick
-zu verlassen. Während dieser Zeit irrte der Oberst in der größten Unruhe
-hier und dort umher, und fand nirgends seines Bleibens. Es hatte sich
-ein fürchterlicher Sturmwind erhoben, der bis in das Innere des
-Schlosses drang, und durch sein Pfeifen bald die Klagen eines Leidenden,
-bald ein höllisches Gelächter nachzuahmen schien. Er setzte die
-Fensterscheiben in Bewegung, daß sie klirrten, erschütterte selbst die
-inneren Thüren in ihren Angeln; kurz, die Wuth dieses Sturmes war so
-groß, daß der Oberst sich eines unwillkührlichen Schreckens nicht
-erwehren konnte.
-
-Bei seinem Umherirren im Schlosse kam Lobenthal auch zufällig in die
-Nähe der Gesindestube, wo die Knechte und Mägde von der Meierei beim
-Abendessen versammelt waren. Sie sprachen unter einander von dem
-Befehle, den er gegeben hatte, den Reisewagen um Mitternacht fertig zu
-halten, und suchten die Absicht dieser plötzlichen Reise zu errathen.
-
-»Ich wundere mich gar nicht darüber, sagte einer der Knechte; denn wir
-wissen ja schon seit langer Zeit, daß der Oberst keine ruhigen Nächte
-haben kann, und es muß ihm daher angenehmer sein, um diese Zeit zu
-reisen, als in seinem Bette den schrecklichen Besuch abzuwarten, den er
-dort empfängt.«
-
--- Was sagst du da, Peter? rief eins der Mädchen mit einer Stimme, die
-schon ihr Entsetzen bezeichnete; von was für Besuchen sprichst du denn?
---
-
-»Nun, von den Besuchen, die ihm die verstorbene Oberstin alle Nächte
-abstattet! Der Schulze, der Küster und auch die alte Mutter Rieben, die
-eben kein Geheimniß daraus macht, haben es ja schon öfters gesehen, wie
-unsere verstorbene gnädige Frau aus ihrem Grabe emporsteigt, ihren
-kleinen Sohn beim Namen ruft, der dann ebenfalls aufsteht, und mit ihm
-nach dem Schlosse geht.«
-
-»Das ist eine abscheuliche Lüge,« sagte Johann, der Bediente des
-Obersten, der in einer großen Stadt erzogen war, und daher weniger
-Aberglauben besaß.
-
--- Nun, sei nur nicht böse, Johann, es könnte dir Schaden thun,
-erwiderte Peter. Auch du wirst noch zu sehen bekommen, was Andere schon
-gesehen haben, und es scheint mir, als wenn das Wunder heute Nacht noch
-etwas früher als sonst geschehen werde. Als ich vom Felde hereinkam,
-begegnete ich der alten Mutter Rieben. »Höre, Peter, sagte sie zu mir,
-du gehst nach dem Schlosse; aber bete vorher ein Vaterunser, wenn du mir
-glauben willst; denn es werden sich heute dort seltsame Dinge zutragen.
-Die nächtlichen Geister haben sich heute früher als sonst aus ihren
-Gräbern erhoben, woran wahrscheinlich der wüthende Sturmwind Schuld ist,
-der sie gerufen hat, und ich habe sie so eben vorbeigehen sehen.«
-
-Als der Oberst diese außerordentliche Erzählung mit anhörte, schauderte
-er unwillkührlich, und um nicht noch mehr zu erfahren, entfernte er sich
-mit langsamen Schritten, und stieg die Treppe hinauf. Eben befand er
-sich an der Thür des großen Saales, als er hinter sich ein Geräusch
-hörte. Er stand still und blickte sich um .... zwei weiße Gestalten
-schwebten schnell bei ihm vorüber und verloren sich dann in der
-Finsterniß. Er glaubte, sie zu erkennen .... seine Kniee wankten unter
-ihm; es war ihm unmöglich, seines Schreckens Herr zu werden, und an
-einen Wandpfeiler hinsinkend, blieb er lange Zeit in einem fast
-sinnlosen Zustande.
-
-Mehrere Stimmen, die er unten an der Treppe hörte, weckten ihn aus
-seiner Betäubung. Er raffte sich schnell empor, und sahe nun den
-Notarius und dessen Zeugen, die von seinem Bedienten mit einem Lichte
-begleitet, die Treppe heraufkamen. Kaum hatte er noch so viel Zeit, sich
-einigermaßen wieder zu sammeln. Die erste Frage, die der Notarius an ihn
-that, war nach seinem Gesundheitszustande, so sehr zerstört sahen seine
-Gesichtszüge noch aus. Der Oberst antwortete ihm ausweichend, und führte
-ihn in das Gesellschaftszimmer, wo er ihn auf einige Augenblicke
-verließ, um Lodoiska'n seine Ankunft anzukündigen.
-
-Lodoiska fuhr zusammen, als sie ihn eintreten sahe, und erbebte, sobald
-er sich erklärt hatte. Sie warf einen Blick auf ihn, in welchem sich so
-viel verschiedene Empfindungen malten, daß es unmöglich gewesen wäre,
-sie zu beschreiben. Ihre Trauerkleidung hatte sie abgelegt; ein weißes,
-einfaches Gewand umhüllte ihren prächtigen Wuchs; ein Halsband von
-Perlen und ein Kranz in ihrem Haar war der ganze Schmuck, den sie sich
-erlaubt hatte.
-
-Der Oberst mußte seine Bitte mehrere Male wiederholen, ehe sie sich
-entschloß, ihm zu folgen; man sahe, wie gern sie den Augenblick noch
-verzögern wollte, den er so sehnlich herbeiwünschte. Endlich schien sie
-alle ihre Kräfte zusammenzunehmen, erhob ihre Arme und Augen gen Himmel,
-und schien ihn als Zeugen anzurufen, daß sie gezwungen würde, oder ihn
-um Gnade zu bitten, die sie gleichwohl nicht zu erhalten hoffte.
-
-Beim Eintritt in das Gesellschaftszimmer und beim Anblick des Notarius
-und der Zeugen gerieth Lodoiska einigermaßen in Verwirrung; doch erholte
-sie sich bald wieder, und antwortete mit Bescheidenheit auf die
-Komplimente, die der Notarius an sie richtete. Sein Geschäft war bald
-abgemacht, worauf er sich wieder entfernte, ungeachtet der Oberst ihn
-dringend bat, bis zum andern Tage auf dem Schlosse zu bleiben.
-
-Unterdessen beschäftigte sich Johann, der Bediente des Obersten, mit den
-nöthigen Vorbereitungen zu der feierlichen Ceremonie, die nun noch Statt
-finden sollte. Er hatte den Auftrag, den Pfarrer in die Schloßkapelle zu
-führen, den Verwalter herbeizuholen, und sich dann zu dem Obersten zu
-verfügen, unter dem Vorwande, seine etwanigen Befehle zu vernehmen, ehe
-er sich niederlegte, in der That aber, um ihm durch seine Gegenwart
-anzukündigen, daß Alles bereit sei.
-
-Lodoiska, die nun mit Alfred allein geblieben war, zeigte immer noch die
-größte Unruhe. Ihr Busen wogte mit Ungestüm, ihre Blicke irrten unstät
-umher, und jedes Mal, wenn ihr Bräutigam sich ihr näherte, ergriff sie
-ein krampfartiges Zittern, und sie streckte die Hände vor sich hin,
-gleichsam um ihn von sich abzuhalten. Alfred bemerkte den
-außerordentlichen Kampf, der in ihrem Innern vorging, und versuchte sie
-zu beruhigen; aber vergebens. Sie sprach nichts, als unzusammenhängende
-Worte, welche bald die Heftigkeit ihrer Liebe ausdrückten, bald eine
-schauerliche Zukunft vorhersagten; sie riefen den Himmel um Mitleiden an
-gegen die bevorstehenden Qualen der Hölle.
-
-Es schlug zwölf Uhr, und Johann erschien im Zimmer. Bei seinem Anblick
-wandte sich der Oberst an Lodoiska:
-
-»Nur noch ein wenig Muth, Geliebte, sagte er; in einigen Augenblicken
-wird Alles vorbei sein. Folge mir jetzt; in Zeit von einer Stunde sitzen
-wir schon im Wagen; vorher haben wir aber noch eine Pflicht zu erfüllen,
-und wir müssen uns jetzt in ein anderes Zimmer begeben.«
-
--- Giebt es einen Ort, antwortete Lodoiska mit dumpfem Tone, wo ich Ruhe
-finden kann, wo ich von der rachsüchtigen Frau nicht verfolgt werde? --
-
-»Von welcher Frau?« fragte Alfred lebhaft.
-
--- Wissen Sie es denn nicht? Haben Sie sie denn nicht gesehen, wie sie
-mit ihrem Kinde umherstreicht? Es ist nicht meine Schuld, wenn sie nicht
-ihrer drei sind; warum hat sie mich verhindert, mein Geschäft gänzlich
-zu vollenden! --
-
-»Lodoiska, ich beschwöre Sie bei meiner Liebe, erholen Sie sich; Sie
-machen mich zum unglücklichsten aller Männer. Was fehlt Ihnen? Was
-wollen Sie?«
-
--- Ich habe Durst, großen Durst! --
-
-»Er ist ja leicht zu befriedigen.«
-
--- Oh, nicht so leicht! Blut muß ich haben! Blut! und zwar das deinige,
-Alfred! --
-
-»Ach, Unglückliche, wie kann Ihr Verstand Sie so gänzlich verlassen!
-Beruhigen Sie sich; vergessen Sie, was geschehen ist, und bedenken Sie,
-daß wir für einander bestimmt sind.«
-
--- Ja, ja! im kühlen Grabe, wo ich schon einmal geruht habe. --
-
-»Ich höre nicht weiter auf Sie; kommen Sie jetzt, um das Letzte zu
-erfüllen.«
-
-Mit diesen Worten schlang er seinen Arm um Lodoiska, und zog sie schnell
-zur Kapelle hin, während sie ein lautes Geschrei ausstieß, das sich in
-das Heulen des Sturmwindes mischte.
-
-»Alfred! mein Alfred! so bald willst du sterben? .... Ja, ja, du gehörst
-mir an, und mein schreckliches Geschäft wird nun erfüllt werden!«
-
-Unter so unerklärbaren Ausrufungen der halb bewußtlosen Lodoiska
-gelangte der Oberst endlich in die Kapelle, sie mehr tragend als
-führend. Ein fürchterliches Angstgeschrei war die erste Wirkung, die der
-Anblick des erleuchteten Altars und des Geistlichen auf sie machte.
-
-»O, grausames Schicksal! rief sie aus; so ist es denn wahr, daß du
-erfüllt werden mußt?«
-
-Fast mit Gewalt zog Alfred sie bis vor den Altar. Jetzt leistete sie
-keinen Widerstand mehr, sondern schluchzte nur und zerfloß in Thränen;
-dann schienen ihre Gesichtszüge sich zu verzerren, und der Kreislauf
-ihres Blutes sich zu hemmen. Nur an einem dünnen Faden schien das Leben
-Lodoiska's noch zu hängen, während der Pfarrer die Trauungsceremonie
-anfing. Jetzt sollten die Ringe gewechselt werden; aber Lodoiska's Hand
-war mit dem Handschuh versehen, dessen wir schon mehrmals erwähnten.
-Voll heftiger Ungeduld riß der Oberst diesen Handschuh herunter, ehe es
-Lodoiska verhindern konnte .... und die Abscheu erregenden knöchernen
-Gebeine eines Skelets fielen ihm und dem erstaunten Geistlichen in die
-Augen! --
-
-Ein Schrei des Entsetzens entfuhr allen Zeugen dieses schrecklichen
-Schauspiels. Lodoiska fiel leblos auf den Fußboden nieder, und aus drei
-geöffneten Wunden quoll ein unreines, stinkendes Blut hervor. --
-
-Am dritten Tage ward der Leichnam der Fremden zur Erde bestattet. Aber
-mit den ersten Strahlen des Mondes, die ihr Grab beschienen, erhob sie
-sich abermals aus ihrer Ruhestätte, und .... am andern Morgen fand man
-den Obersten todt in seinem Bette ..... An drei verschiedenen Orten
-waren ihm die Adern geöffnet, und in seinem ganzen Körper war auch kein
-Blutstropfen mehr vorhanden, der von seinem ehemaligen Dasein zeugte. --
-
- Ende.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet.
-
-Die variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales
-wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler
-wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 71]:
- ... könnnen Sie so sprechen! Sie, ein Feind des ...
- ... können Sie so sprechen! Sie, ein Feind des ...
-
- [S. 88]:
- ... »Von allem Diesen ist durchaus nicht ...
- ... »Von allem Diesem ist durchaus nicht ...
-
- [S. 101]:
- ... Obersten ein solches Beben zn verursachen, ...
- ... Obersten ein solches Beben zu verursachen, ...
-
- [S. 122]:
- ... und diese ließ sich vor Niemanden ...
- ... und diese ließ sich vor Niemandem ...
-
- [S. 138]:
- ... »Sie zu sehen, Frau Oberstin, antworwortete ...
- ... »Sie zu sehen, Frau Oberstin, antwortete ...
-
- [S. 139]:
- ... Ruderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, ...
- ... Räderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, ...
-
- [S. 176]:
- ... dich vor dem Dämon beschützen werden, der ...
- ... dich vor dem Dämon beschützen werden, das ...
-
- [S. 183]:
- ... ich nicht; nur hätten sie vielleicht mit ...
- ... ich nicht; nur hätten Sie vielleicht mit ...
-
- [S. 188]:
- ... sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüden ...
- ... sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüben ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut.
-Zweiter Theil., by Theodor Hildebrand
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VAMPYR: ZWEITER THEIL ***
-
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