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-The Project Gutenberg EBook of Der Golem, by Gustav Meyrink
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Der Golem
-
-Author: Gustav Meyrink
-
-Release Date: March 16, 2016 [EBook #51476]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLEM ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, the University
-of Toronto, and the Online Distributed Proofreading Team
-at http://www.pgdp.net. This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive/Canadian
-Libraries.
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-
- Gustav Meyrink
-
- Gesammelte Werke
-
- Erster Band
-
- Kurt Wolff Verlag
- Leipzig
-
- Gustav Meyrink
-
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-
- Der Golem
-
-
- Ein Roman
-
- Kurt Wolff Verlag
- Leipzig
-
- Einhundertzwanzigstes
- bis einhundertfünfzigstes Tausend
-
- Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1915
- Druck von G. Kreysing in Leipzig
-
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-
- Kapitelverzeichnis
-
-
- Schlaf 1
- Tag 5
- I 17
- Prag 26
- Punsch 45
- Nacht 67
- Wach 85
- Schnee 96
- Spuk 110
- Licht 132
- Not 143
- Angst 177
- Trieb 188
- Weib 204
- List 239
- Qual 260
- Mai 275
- Mond 296
- Frei 323
- Schluß 337
-
-
-
-
- Schlaf
-
-
-Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes und liegt dort wie ein
-großer, heller, flacher Stein.
-
-Wenn der Vollmond in seiner Gestalt zu schrumpfen beginnt und seine
-linke Seite fängt an zu verfallen, -- wie ein Gesicht, das dem Alter
-entgegengeht, zuerst an einer Wange Falten zeigt und abmagert, -- dann
-bemächtigt sich meiner um solche Zeit des Nachts eine trübe, qualvolle
-Unruhe.
-
-Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in
-meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von
-verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen.
-
-Ich hatte über das Leben des Buddha Gotama gelesen, ehe ich mich
-niedergelegt, und in tausend Spielarten zog der Satz immer wieder von
-vorne beginnend durch meinen Sinn:
-
-»Eine Krähe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stück Fett aussah, und
-dachte: vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes. Da nun die Krähe
-dort nichts Wohlschmeckendes fand, flog sie fort. Wie die Krähe, die
-sich dem Stein genähert, so verlassen wir -- wir, die Versucher, -- den
-Aszeten Gotama, da wir den Gefallen an ihm verloren haben.«
-
-Und das Bild von dem Stein, der aussah wie ein Stück Fett, wächst ins
-Ungeheuerliche in meinem Hirn:
-
-Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flußbett und hebe glatte Kiesel
-auf.
-
-Graublaue mit eingesprengtem glitzerndem Staub, über die ich nachgrüble
-und nachgrüble und doch mit ihnen nichts anzufangen weiß, -- dann
-schwarze mit schwefelgelben Flecken wie die steingewordenen Versuche
-eines Kindes, plumpe, gesprenkelte Molche nachzubilden.
-
-Und ich will sie weit von mir werfen diese Kiesel, doch immer fallen sie
-mir aus der Hand, und ich kann sie aus dem Bereich meiner Augen nicht
-bannen.
-
-Alle jene Steine, die je in meinem Leben eine Rolle gespielt, tauchen
-auf rings um mich her.
-
-Manche quälen sich schwerfällig ab, sich aus dem Sande ans Licht
-emporzuarbeiten -- wie große schieferfarbene Taschenkrebse, wenn die
-Flut zurückkommt, -- und als wollten sie alles daran setzen, meine
-Blicke auf sich zu lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu
-sagen.
-
-Andere -- erschöpft -- fallen kraftlos zurück in ihre Löcher und geben
-es auf, je zu Worte zu kommen.
-
-Zuweilen fahre ich empor aus dem Dämmer dieser halben Träume und sehe
-für einen Augenblick wiederum den Mondschein auf dem gebauschten Fußende
-meiner Decke liegen wie einen großen, hellen, flachen Stein, um blind
-von neuem hinter meinem schwindenden Bewußtsein herzutappen, ruhelos
-nach jenem Stein suchend, der mich quält, -- der irgendwo verborgen im
-Schutte meiner Erinnerung liegen muß und aussieht wie ein Stück Fett.
-
-Eine Regenröhre muß einst neben ihm auf der Erde gemündet haben, male
-ich mir aus -- stumpfwinklig abgebogen, die Ränder von Rost zerfressen,
--- und trotzig will ich mir im Geiste ein solches Bild erzwingen, um
-meine aufgescheuchten Gedanken zu belügen und in Schlaf zu lullen.
-
-Es gelingt mir nicht.
-
-Immer wieder und immer wieder mit alberner Beharrlichkeit behauptet eine
-eigensinnige Stimme in meinem Innern -- unermüdlich wie ein
-Fensterladen, den der Wind in regelmäßigen Zwischenräumen an die Mauer
-schlagen läßt: es sei das ganz anders, das sei gar nicht der Stein, der
-wie Fett aussehe.
-
-Und es ist von der Stimme nicht loszukommen.
-
-Wenn ich hundertmal einwende, alles das sei doch ganz nebensächlich, so
-schweigt sie wohl eine kleine Weile, wacht aber dann unvermerkt wieder
-auf und beginnt hartnäckig von neuem: gut, gut, schon recht, es ist aber
-doch nicht der Stein, der wie ein Stück Fett aussieht. --
-
-Langsam beginnt sich meiner ein unerträgliches Gefühl von Hilflosigkeit
-zu bemächtigen.
-
-Wie es weiter gekommen ist, weiß ich nicht. Habe ich freiwillig jeden
-Widerstand aufgegeben, oder haben sie mich überwältigt und geknebelt,
-meine Gedanken?
-
-Ich weiß nur, mein Körper liegt schlafend im Bett, und meine Sinne sind
-losgetrennt und nicht mehr an ihn gebunden. --
-
-Wer ist jetzt »ich«, will ich plötzlich fragen, da besinne ich mich, daß
-ich doch kein Organ mehr besitze, mit dem ich Fragen stellen könnte;
-dann fürchte ich, die dumme Stimme werde wieder aufwachen und von neuem
-das endlose Verhör über den Stein und das Fett beginnen.
-
-Und so wende ich mich ab.
-
-
-
-
- Tag
-
-
-Da stand ich plötzlich in einem düsteren Hofe und sah durch einen
-rötlichen Torbogen gegenüber -- jenseits der engen, schmutzigen Straße
--- einen jüdischen Trödler an einem Gewölbe lehnen, das an den
-Mauerrändern mit altem Eisengerümpel, zerbrochenen Werkzeugen,
-verrosteten Steigbügeln und Schlittschuhen und vielerlei anderen
-abgestorbenen Sachen behangen war.
-
-Und dieses Bild trug das quälend Eintönige an sich, das alle jene
-Eindrücke kennzeichnet, die tagtäglich so und so oft wie Hausierer die
-Schwelle unserer Wahrnehmung überschreiten, und rief in mir weder
-Neugierde noch Überraschung hervor.
-
-Ich wurde mir bewußt, daß ich schon seit langer Zeit in dieser Umgebung
-zu Hause war.
-
-Auch diese Empfindung hinterließ mir trotz ihres Gegensatzes zu dem, was
-ich doch vor kurzem noch wahrgenommen und wie ich hierher gelangt,
-keinerlei tieferen Eindruck. -- --
-
-Ich muß einmal von einem sonderbaren Vergleich zwischen einem Stein und
-einem Stück Fett gehört oder gelesen haben, drängte sich mir plötzlich
-der Einfall auf, als ich die ausgetretenen Stufen zu meiner Kammer
-emporstieg und mir über das speckige Aussehen der Steinschwellen
-flüchtige Gedanken machte.
-
-Da hörte ich Schritte die oberen Treppen über mir vorauslaufen, und als
-ich zu meiner Tür kam, sah ich, daß es die vierzehnjährige, rothaarige
-Rosina des Trödlers Aaron Wassertrum gewesen war.
-
-Ich mußte dicht an ihr vorbei, und sie stand mit dem Rücken gegen das
-Stiegengeländer und bog sich lüstern zurück.
-
-Ihre schmutzigen Hände hatte sie um die Eisenstange gelegt, -- zum Halt
--- und ich sah, wie ihre nackten Unterarme bleich aus dem trüben
-Halbdunkel hervorleuchteten.
-
-Ich wich ihren Blicken aus.
-
-Mich ekelte vor ihrem zudringlichen Lächeln und diesem wächsernen
-Schaukelpferdgesicht.
-
-Sie muß schwammiges, weißes Fleisch haben wie der Axolotl, den ich
-vorhin im Salamanderkäfig bei dem Vogelhändler gesehen habe, fühlte ich.
-
-Die Wimpern Rothaariger sind mir widerwärtig wie die eines Kaninchens.
-
-Und ich sperrte auf und schlug rasch die Türe hinter mir zu. -- --
-
-Von meinem Fenster aus konnte ich den Trödler Aaron Wassertrum vor
-seinem Gewölbe stehen sehen.
-
-Er lehnte am Eingang der dunklen Wölbung und zwickte mit einer Beißzange
-an seinen Fingernägeln herum.
-
-War die rothaarige Rosina seine Tochter oder seine Nichte? Er hatte
-keine Ähnlichkeit mit ihr.
-
-Unter den Judengesichtern, die ich Tag für Tag in der Hahnpaßgasse
-auftauchen sehe, kann ich deutlich verschiedene Stämme unterscheiden,
-die sich so wenig durch die nahe Verwandtschaft der einzelnen Individuen
-verwischen lassen, wie sich Öl mit Wasser vermengen wird. Da darf man
-nicht sagen: die dort sind Brüder oder Vater und Sohn.
-
-Der gehört zu jenem Stamm und dieser zu einem andern, das ist alles, was
-sich aus den Gesichtszügen lesen läßt.
-
-Was bewiese es auch, wenn selbst Rosina dem Trödler ähnlich sähe!
-
-Diese Stämme hegen einen heimlichen Ekel und Abscheu voreinander, der
-sogar die Schranken der engen Blutsverwandtschaft durchbricht, -- aber
-sie verstehen ihn geheimzuhalten vor der Außenwelt, wie man ein
-gefährliches Geheimnis hütet.
-
-Kein einziger läßt ihn durchblicken, und in dieser Übereinstimmung
-gleichen sie haßerfüllten Blinden, die sich an ein schmutzgetränktes
-Seil klammern: der eine mit beiden Fäusten, ein anderer nur widerwillig
-mit einem Finger, alle aber von abergläubischer Furcht besessen, daß sie
-dem Untergang verfallen müssen, sobald sie den gemeinsamen Halt aufgeben
-und sich von den übrigen trennen.
-
-Rosina ist von jenem Stamme, dessen rothaariger Typus noch abstoßender
-ist, als der der andern. Dessen Männer engbrüstig sind und lange
-Hühnerhälse haben mit vorstehendem Adamsapfel.
-
-Alles scheint an ihnen sommersprossig, und ihr ganzes Leben leiden sie
-unter brünstigen Qualen, diese Männer, -- und kämpfen heimlich gegen
-ihre Gelüste einen ununterbrochenen, erfolglosen Kampf, von
-immerwährender widerlicher Angst um ihre Gesundheit gefoltert.
-
-Ich war mir nicht klar, wieso ich Rosina überhaupt in
-verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Trödler Wassertrum bringen
-konnte.
-
-Nie habe ich sie doch in der Nähe des Alten gesehen, oder bemerkt, daß
-sie jemals einander etwas zugerufen hätten.
-
-Auch war sie fast immer in unserem Hofe oder drückte sich in den dunkeln
-Winkeln und Gängen unseres Hauses umher.
-
-Sicherlich halten sie alle meine Mitbewohner für eine nahe Verwandte
-oder zumindest Schutzbefohlene des Trödlers, und doch bin ich überzeugt,
-daß kein einziger einen Grund für solche Vermutungen anzugeben
-vermöchte.
-
-Ich wollte meine Gedanken von Rosina losreißen und sah von dem offenen
-Fenster meiner Stube hinab auf die Hahnpaßgasse.
-
-Als habe Aaron Wassertrum meinen Blick gefühlt, wandte er plötzlich sein
-Gesicht zu mir empor.
-
-Sein starres, gräßliches Gesicht mit den runden Fischaugen und der
-klaffenden Oberlippe, die von einer Hasenscharte gespalten ist.
-
-Wie eine menschliche Spinne kam er mir vor, die die feinste Berührung
-ihres Netzes spürt, so teilnahmslos sie sich auch stellt.
-
-Und wovon er nur leben mag? Was denkt er, und was ist sein Vorhaben?
-
-Ich wußte es nicht.
-
-An den Mauerrändern seines Gewölbes hängen unverändert Tag für Tag,
-jahraus jahrein dieselben toten wertlosen Dinge.
-
-Mit geschlossenen Augen hätte ich sie hinzeichnen können: hier die
-verbogene Blechtrompete ohne Klappen, das vergilbte Bild auf Papier
-gemalt, mit den so sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine
-Girlande verrosteter Sporen an einem schimmligen Lederriemen und anderes
-halb vermodertes Gerümpel.
-
-Und vorne auf dem Boden, dicht nebeneinander geschichtet, so daß niemand
-die Schwelle des Gewölbes überschreiten kann, eine Reihe runder eiserner
-Herdplatten. --
-
-Alle diese Dinge nahmen an Zahl nie zu, nie ab, und blieb wirklich hier
-und da einmal ein Vorübergehender stehen und fragte nach dem Preis des
-einen oder anderen, geriet der Trödler in heftige Erregung.
-
-In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippe mit der Hasenscharte
-empor und sprudelte gereizt irgend etwas Unverständliches in einem
-gurgelnden, stolpernden Baß hervor, daß dem Käufer die Lust weiter zu
-fragen verging und er abgeschreckt seinen Weg fortsetzte.
-
-Der Blick des Aaron Wassertrum war blitzschnell von meinen Augen
-abgeglitten und ruhte jetzt mit gespanntem Interesse an den kahlen
-Mauern, die vom Nebenhause an mein Fenster stoßen.
-
-Was konnte er dort nur sehen?
-
-Das Haus steht doch mit dem Rücken gegen die Hahnpaßgasse und seine
-Fenster blicken in den Hof! Nur eines ist in die Straße gekehrt.
-
-Zufällig schienen die Räume, die nebenan in derselben Stockhöhe wie die
-meinigen liegen -- ich glaube, sie gehören zu einem winkligen Atelier --
-in diesem Moment betreten worden zu sein, denn durch die Mauern hörte
-ich plötzlich eine männliche und eine weibliche Stimme miteinander
-reden.
-
-Unmöglich konnte das aber der Trödler von unten aus wahrgenommen haben!
--- --
-
-Vor meiner Tür bewegte sich jemand, und ich erriet: es ist immer noch
-Rosina, die draußen im Dunkeln steht in begehrlichem Warten, daß ich sie
-doch vielleicht zu mir hereinrufen wolle.
-
-Und unten, ein halbes Stockwerk tiefer, lauert der blatternarbige,
-halbwüchsige Loisa auf den Stiegen mit angehaltenem Atem, ob ich die Tür
-öffnen werde, und ich spüre förmlich den Hauch seines Hasses und seine
-schäumende Eifersucht bis herauf zu mir.
-
-Er fürchtet sich, näher zu kommen und von Rosina bemerkt zu werden. Er
-weiß sich von ihr abhängig wie ein hungriger Wolf von seinem Wärter und
-möchte doch am liebsten aufspringen und besinnungslos seiner Wut die
-Zügel schießen lassen! -- -- --
-
-Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte meine Pinzetten und
-Stichel hervor.
-
-Aber ich konnte nichts fertigbringen und meine Hand war nicht ruhig
-genug, die feinen japanischen Gravierungen auszubessern.
-
-Das trübe, düstere Leben, das an diesem Hause hängt, läßt mein Gemüt
-nicht still werden, und immer tauchen alte Bilder in mir auf.
-
-Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl kaum ein Jahr älter als
-Rosina.
-
-An ihren Vater, der Hostienbäcker gewesen, konnte ich mich kaum mehr
-erinnern, und jetzt sorgt für sie, glaube ich, ein altes Weib.
-
-Ich wußte nur nicht, welche es war unter den vielen, die versteckt im
-Hause wohnen wie Kröten in ihrem Schlupfwinkel.
-
-Sie sorgt für die beiden Jungen, das heißt: sie gewährt ihnen
-Unterkunft; dafür müssen sie ihr abliefern, was sie gelegentlich stehlen
-oder erbetteln. --
-
-Ob sie ihnen wohl auch zu essen gibt? Ich konnte es mir nicht denken,
-denn erst spät abends kommt die Alte heim.
-
-Leichenwäscherin soll sie sein.
-
-Loisa, Jaromir und Rosina sah ich, als sie noch Kinder waren, oft
-harmlos im Hof zu dritt spielen.
-
-Die Zeit aber ist lang vorbei.
-
-Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rothaarigen Judenmädel her.
-
-Zuweilen sucht er sie lange umsonst, und wenn er sie nirgends finden
-kann, dann schleicht er sich vor meine Türe und wartet mit verzerrtem
-Gesicht, daß sie heimlich hierher komme.
-
-Da sehe ich ihn, wenn ich bei meiner Arbeit sitze, im Geiste draußen in
-dem winkligen Gange lauern, den Kopf mit dem ausgemergelten Genick
-horchend vorgebeugt.
-
-Manchmal bricht dann durch die Stille plötzlich ein wilder Lärm.
-
-Jaromir, der taubstumm ist, und dessen ganzes Denken eine
-ununterbrochene wahnsinnige Gier nach Rosina erfüllt, irrt wie ein
-wildes Tier im Hause umher, und sein unartikuliertes heulendes Gebell,
-das er, vor Eifersucht und Argwohn halb von Sinnen, ausstößt, klingt so
-schauerlich, daß einem das Blut in den Adern stockt.
-
-Er sucht die beiden, die er stets beieinander vermutet -- irgendwo in
-einem der tausend schmutzigen Schlupfwinkel versteckt -- in blinder
-Raserei, immer von dem Gedanken gepeitscht, seinem Bruder auf den Fersen
-sein zu müssen, daß nichts mit Rosina vorgehe, von dem er nicht wisse.
-
-Und gerade diese unaufhörliche Qual des Krüppels ist, ahnte ich, das
-Reizmittel, das Rosina antreibt, sich stets von neuem mit dem andern
-einzulassen.
-
-Wird ihre Neigung oder Bereitwilligkeit schwächer, so ersinnt Loisa
-immer wieder besondere Scheußlichkeiten, um Rosinas Gier von neuem zu
-entfachen.
-
-Da lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen ertappen
-und locken den Rasenden heimtückisch hinter sich her in dunkle Gänge, wo
-sie aus rostigen Faßreifen, die in die Höhe schnellen, wenn man auf sie
-tritt, und eisernen Rechen -- mit den Spitzen nach oben gekehrt --
-bösartige Fallen errichtet haben, in die er stürzen muß und sich blutig
-fällt.
-
-Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina, um die Folter aufs äußerste
-anzuspannen, auf eigene Faust etwas Höllisches aus.
-
-Dann ändert sie mit einem Schlage ihr Benehmen zu Jaromir und tut, als
-fände sie plötzlich Gefallen an ihm.
-
-Mit ihrer ewig lächelnden Miene teilt sie dem Krüppel hastig Dinge mit,
-die ihn in eine fast irrsinnige Erregung versetzen, und sie hat sich
-dazu eine geheimnisvoll scheinende, nur halbverständliche Zeichensprache
-ersonnen, die den Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares Netz von
-Ungewißheit und verzehrenden Hoffnungen verstricken muß. --
-
-Einmal sah ich ihn im Hofe vor ihr stehen, und sie sprach mit so
-heftigen Lippenbewegungen und Gestikulationen auf ihn ein, daß ich
-glaubte, jeden Augenblick würde er in wilder Aufregung zusammenbrechen.
-
-Der Schweiß lief ihm übers Gesicht vor übermenschlicher Anstrengung, den
-Sinn der absichtlich so unklaren, hastigen Mitteilung zu erfassen.
-
-Und den ganzen folgenden Tag lauerte er dann fiebernd in Erwartung auf
-den finstern Stiegen eines andern halb versunkenen Hauses, das in der
-Fortsetzung der engen, schmutzigen Hahnpaßgasse liegt, -- bis er die
-Zeit versäumt hatte, sich an den Ecken ein paar Kreuzer zu erbetteln.
-
-Und als er spät abends halb tot vor Hunger und Aufregung heim wollte,
-hatte ihn die Pflegemutter längst ausgesperrt.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ein fröhliches Frauenlachen drang aus dem anstoßenden Atelier durch die
-Mauern herüber zu mir.
-
-Ein Lachen? -- In diesen Häusern ein fröhliches Lachen? Im ganzen Ghetto
-wohnt niemand, der fröhlich lachen könnte.
-
-Da fiel mir ein, daß mir vor einigen Tagen der alte Marionettenspieler
-Zwakh anvertraute, ein junger, vornehmer Herr hätte ihm das Atelier
-teuer abgemietet -- offenbar, um mit der Erwählten seines Herzens
-unbelauscht zusammenkommen zu können.
-
-Nach und nach, jede Nacht, müßten nun, damit niemand im Hause etwas
-merke, die kostbaren Möbel des neuen Mieters heimlich Stück für Stück
-hinaufgeschafft werden.
-
-Der gutmütige Alte hatte sich vor Vergnügen die Hände gerieben, als er
-es mir erzählte, und sich kindlich gefreut, wie er alles so geschickt
-angefangen habe: keiner der Mitbewohner könne auch nur eine Ahnung von
-dem romantischen Liebespaar haben.
-
-Und von drei Häusern aus sei es möglich, unauffällig in das Atelier zu
-gelangen. -- Sogar durch eine Falltüre gäbe es einen Zugang!
-
-Ja, wenn man die eiserne Tür des Bodenraumes aufklinke, -- und das sei
-von drüben aus sehr leicht, -- könne man an meiner Kammer vorbei zu den
-Stiegen unseres Hauses gelangen und diese als Ausgang benützen ...
-
-Wieder klingt das fröhliche Lachen herüber und läßt in mir die
-undeutliche Erinnerung an eine luxuriöse Wohnung und an eine adlige
-Familie auftauchen, zu der ich oft gerufen wurde, um an kostbaren
-Altertümern kleine Ausbesserungen vorzunehmen. --
-
-Plötzlich höre ich nebenan einen gellenden Schrei. Ich horche
-erschreckt.
-
-Die eiserne Bodentür klirrt heftig und im nächsten Augenblick stürzt
-eine Dame in mein Zimmer.
-
-Mit aufgelöstem Haar, weiß wie die Wand, einen goldenen Brokatstoff über
-die bloßen Schultern geworfen.
-
-»Meister Pernath, verbergen Sie mich, -- um Gottes Christi willen! --
-fragen Sie nicht, verbergen Sie mich hier!«
-
-Ehe ich noch antworten konnte, wurde meine Tür abermals aufgerissen und
-sofort wieder zugeschlagen. --
-
-Eine Sekunde lang hatte das Gesicht des Trödlers Aaron Wassertrum wie
-eine scheußliche Maske hereingegrinst. --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ein runder, leuchtender Fleck taucht vor mir auf, und im Scheine des
-Mondlichtes erkenne ich wiederum das Fußende meines Bettes.
-
-Noch liegt der Schlaf auf mir wie ein schwerer, wolliger Mantel und der
-Name Pernath steht in goldenen Buchstaben vor meiner Erinnerung.
-
-Wo nur habe ich diesen Namen gelesen? -- Athanasius Pernath? --
-
-Ich glaube, ich glaube vor langer, langer Zeit habe ich einmal irgendwo
-meinen Hut verwechselt, und ich wunderte mich damals, daß er mir so
-genau passe, wo ich doch eine höchst eigentümliche Kopfform habe.
-
-Und ich sah in den fremden Hut hinein -- damals und -- -- ja, ja, dort
-hatte es gestanden in goldenen Papierbuchstaben auf dem weißen Futter:
-
- ATHANASIUS PERNATH.
-
-Ich hatte mich vor dem Hut gescheut und gefürchtet, ich wußte nicht
-warum.
-
-Da fährt plötzlich die Stimme, die ich vergessen hatte, und die immer
-von mir wissen wollte, wo der Stein ist, der wie Fett ausgesehen habe,
-auf mich los gleich einem Pfeil.
-
-Schnell male ich mir das scharfe, süßlich grinsende Profil der roten
-Rosina aus, und es gelingt mir auf diese Weise dem Pfeil auszuweichen,
-der sich sogleich in der Finsternis verliert.
-
-Ja, das Gesicht der Rosina! Das ist doch noch stärker als die
-stumpfsinnig plappernde Stimme; und gar, wo ich jetzt gleich wieder in
-meinem Zimmer in der Hahnpaßgasse geborgen sein werde, kann ich ganz
-ruhig sein.
-
-
-
-
- I
-
-
-Wenn ich mich nicht getäuscht habe in der Empfindung, daß jemand in
-einem gewissen, gleichbleibenden Abstand hinter mir die Treppe
-heraufkommt in der Absicht, mich zu besuchen, so muß er jetzt ungefähr
-auf dem letzten Stiegenabsatz stehen.
-
-Jetzt biegt er um die Ecke, wo der Archivar Schemajah Hillel seine
-Wohnung hat, und kommt von den ausgetretenen Steinfliesen auf den Flur
-des oberen Stockwerkes, der mit roten Ziegeln ausgelegt ist.
-
-Nun tastet er sich an der Wand entlang, und jetzt, gerade jetzt, muß er,
-mühsam im Finstern buchstabierend, meinen Namen auf dem Türschild lesen.
-
-Und ich stellte mich aufrecht in die Mitte des Zimmers und blickte zum
-Eingang.
-
-Da öffnete sich die Türe, und er trat ein.
-
-Nur wenige Schritte machte er auf mich zu und nahm weder den Hut ab,
-noch sagte er ein Wort der Begrüßung.
-
-So benimmt er sich, wenn er zu Hause ist, fühlte ich, und ich fand es
-ganz selbstverständlich, daß er so und nicht anders handelte.
-
-Er griff in die Tasche und nahm ein Buch heraus.
-
-Dann blätterte er lange darin herum.
-
-Der Umschlag des Buches war aus Metall, und die Vertiefungen in Form von
-Rosetten und Siegeln waren mit Farbe und kleinen Steinen ausgefüllt.
-
-Endlich hatte er die Stelle gefunden, die er suchte, und deutete darauf.
-
-Das Kapitel hieß »Ibbur«, »die Seelenschwängerung«, entzifferte ich.
-
-Das große, in Gold und Rot ausgeführte Initial »I« nahm fast die Hälfte
-der ganzen Seite ein, die ich unwillkürlich überflog, und war am Rande
-verletzt.
-
-Ich sollte es ausbessern.
-
-Das Initial war nicht auf das Pergament geklebt, wie ich es bisher in
-alten Büchern gesehen, schien vielmehr aus zwei Platten dünnen Goldes zu
-bestehen, die im Mittelpunkte zusammengelötet waren und mit den Enden um
-die Ränder des Pergaments griffen.
-
-Also mußte, wo der Buchstabe stand, ein Loch in das Blatt geschnitten
-sein?
-
-Wenn das der Fall war, mußte auf der nächsten Seite das »I« verkehrt
-stehen?
-
-Ich blätterte um und fand meine Annahme bestätigt.
-
-Unwillkürlich las ich auch diese Seite durch und die gegenüberliegende.
-
-Und ich las weiter und weiter.
-
-Das Buch sprach zu mir, wie der Traum spricht, klarer nur und viel
-deutlicher. Und es rührte mein Herz an wie eine Frage.
-
-Worte strömten aus einem unsichtbaren Munde, wurden lebendig und kamen
-auf mich zu. Sie drehten sich und wandten sich vor mir wie bunt
-gekleidete Sklavinnen, sanken dann in den Boden oder verschwanden wie
-schillernder Dunst in der Luft und gaben der nächsten Raum. Jede hoffte
-eine kleine Weile, daß ich sie erwählen würde und auf den Anblick der
-Kommenden verzichten.
-
-Manche waren unter ihnen, die gingen prunkend einher wie Pfauen, in
-schimmernden Gewändern, und ihre Schritte waren langsam und gemessen.
-
-Manche wie Königinnen, doch gealtert und verlebt, die Augenlider
-gefärbt, -- mit dirnenhaftem Zug um den Mund und die Runzeln mit
-häßlicher Schminke verdeckt.
-
-Ich sah an ihnen vorbei und nach den Kommenden, und mein Blick glitt
-über lange Züge grauer Gestalten mit Gesichtern, so gewöhnlich und
-ausdrucksarm, daß es unmöglich schien, sie dem Gedächtnis einzuprägen.
-
-Dann brachten sie ein Weib geschleppt, das war splitternackt und
-riesenhaft wie ein Erzkoloß.
-
-Eine Sekunde blieb das Weib vor mir stehen und beugte sich nieder zu
-mir.
-
-Ihre Wimpern waren so lang wie mein ganzer Körper, und sie deutete stumm
-auf den Puls ihrer linken Hand.
-
-Der schlug wie ein Erdbeben, und ich fühlte, es war das Leben einer
-ganzen Welt in ihr.
-
-Aus der Ferne raste ein Korybantenzug heran.
-
-Ein Mann und ein Weib umschlangen sich. Ich sah sie von weitem kommen,
-und immer näher brauste der Zug.
-
-Jetzt hörte ich den hallenden Gesang der Verzückten dicht vor mir, und
-meine Augen suchten das verschlungene Paar.
-
-Das aber hatte sich verwandelt in eine einzige Gestalt und saß, halb
-männlich, halb weiblich, -- ein Hermaphrodit -- auf einem Throne von
-Perlmutter.
-
-Und die Krone des Hermaphroditen endete in einem Brett aus rotem Holz;
-darein hatte der Wurm der Zerstörung geheimnisvolle Runen genagt.
-
-In einer Staubwolke kam eilig hinterdrein getrappelt eine Herde kleiner,
-blinder Schafe: die Futtertiere, die der gigantische Zwitter in seinem
-Gefolge führte, seine Korybantenschar am Leben zu erhalten.
-
-Zuweilen waren unter den Gestalten, die aus dem unsichtbaren Munde
-strömten, etliche, die kamen aus Gräbern, -- Tücher vor dem Gesicht.
-
-Und blieben sie vor mir stehen, ließen sie plötzlich ihre Hüllen fallen
-und starrten mit Raubtieraugen hungrig auf mein Herz, daß ein eisiger
-Schreck mir ins Hirn fuhr und sich mein Blut zurückstaute wie ein Strom,
-in den Felsblöcke vom Himmel herniedergefallen sind -- plötzlich und
-mitten in sein Bette. --
-
-Eine Frau schwebte an mir vorbei. Ich sah ihr Antlitz nicht, sie wandte
-es ab, und sie trug einen Mantel aus fließenden Tränen. --
-
-Maskenzüge tanzten vorüber, lachten und kümmerten sich nicht um mich.
-
-Nur ein Pierrot sieht sich nachdenklich um nach mir und kehrt zurück.
-Pflanzt sich vor mich hin und blickt in mein Gesicht hinein, als sei es
-ein Spiegel.
-
-Er schneidet so seltsame Grimassen, hebt und bewegt seine Arme, bald
-zögernd, bald blitzschnell, daß sich meiner ein gespenstiger Trieb
-bemächtigt ihn nachzuahmen, mit den Augen zu zwinkern wie er, mit den
-Achseln zu zucken und die Mundwinkel zu verziehen.
-
-Da stoßen ihn ungeduldig nachdrängende Gestalten zur Seite, die alle vor
-meine Blicke wollen.
-
-Doch keines der Wesen hat Bestand.
-
-Gleitende Perlen sind sie, auf eine Seidenschnur gereiht, die einzelnen
-Töne nur einer Melodie, die dem unsichtbaren Munde entströmen.
-
-Das war kein Buch mehr, das zu mir sprach. Das war eine Stimme. Eine
-Stimme, die etwas von mir wollte, was ich nicht begriff; wie sehr ich
-mich auch abmühte. Die mich quälte mit brennenden, unverständlichen
-Fragen.
-
-Die Stimme aber, die diese sichtbaren Worte redete, war abgestorben und
-ohne Widerhall.
-
-Jeder Laut, der in der Welt der Gegenwart erklingt, hat viele Echos, wie
-jegliches Ding einen großen Schatten hat und viele kleine Schatten, doch
-diese Stimme hatte keine Echos mehr, -- lange, lange schon sind sie wohl
-verweht und verklungen. -- -- --
-
-Und bis zu Ende hatte ich das Buch gelesen und hielt es noch in den
-Händen, da war mir, als hätte ich suchend in meinem Gehirn geblättert
-und nicht in einem Buche! -- --
-
-Alles, was mir die Stimme gesagt, hatte ich, seit ich lebte, in mir
-getragen, nur verdeckt war es gewesen und vergessen und hatte sich vor
-meinem Denken versteckt gehalten bis auf den heutigen Tag. --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich blickte auf.
-
-Wo war der Mann, der mir das Buch gebracht hatte?
-
-Fortgegangen!?
-
-Wird er es holen, wenn es fertig ist?
-
-Oder sollte ich es ihm bringen?
-
-Aber ich konnte mich nicht erinnern, daß er gesagt hätte, wo er wohne.
-
-Ich wollte mir seine Erscheinung ins Gedächtnis zurückrufen, doch es
-mißlang.
-
-Wie war er nur gekleidet gewesen? War er alt, war er jung? -- Und welche
-Farben hatten sein Haar und sein Bart gehabt?
-
-Nichts, gar nichts mehr konnte ich mir vorstellen. -- Alle Bilder, die
-ich mir von ihm schuf, zerrannen haltlos, noch ehe ich sie im Geiste
-zusammenzusetzen vermocht.
-
-Ich schloß die Augen und preßte die Hand auf die Lider, um einen
-winzigen Teil nur seines Bildnisses zu erhaschen.
-
-Nichts, nichts.
-
-Ich stellte mich hin, mitten ins Zimmer, und blickte auf die Tür, wie
-ich es getan -- vorhin, als er gekommen war, und malte mir aus: jetzt
-biegt er um die Ecke, jetzt schreitet er über den Ziegelsteinboden,
-liest jetzt draußen mein Türschild »Athanasius Pernath« und jetzt tritt
-er herein.
-
-Vergebens.
-
-Nicht die leiseste Spur einer Erinnerung, wie seine Gestalt ausgesehen,
-wollte in mir erwachen.
-
-Ich sah das Buch auf dem Tische liegen und wünschte mir im Geiste die
-Hand dazu, die es aus der Tasche gezogen und mir gereicht hatte.
-
-Nicht einmal, ob sie einen Handschuh getragen, ob sie entblößt gewesen,
-ob jung oder runzlig, mit Ringen geschmückt oder nicht, konnte ich mich
-entsinnen.
-
-Da kam mir ein seltsamer Einfall.
-
-Wie eine Eingebung war es, der man nicht widerstehen darf.
-
-Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus auf den
-Gang und die Treppen hinab. Dann kam ich langsam wieder zurück in mein
-Zimmer.
-
-Langsam, ganz langsam, so wie er, als er gekommen war. Und wie ich die
-Tür öffnete, da sah ich, daß meine Kammer voll Dämmerung lag. War es
-denn nicht heller Tag noch gewesen, als ich soeben hinausging?
-
-Wie lange mußte ich da gegrübelt haben, daß ich nicht bemerkte, wie spät
-es ist!
-
-Und ich versuchte den Unbekannten nachzuahmen in Gang und Mienen und
-konnte mich an sie doch gar nicht erinnern. --
-
-Wie sollte es mir auch glücken, ihn nachzuahmen, wenn ich keinen
-Anhaltspunkt mehr hatte, wie er ausgesehen haben mochte.
-
-Aber es kam anders. Ganz anders, als ich dachte.
-
-Meine Haut, meine Muskeln, mein Körper erinnerten sich plötzlich, ohne
-es dem Gehirn zu verraten. Sie machten Bewegungen, die ich nicht
-wünschte, und nicht beabsichtigte.
-
-Als ob meine Glieder nicht mehr mir gehörten!
-
-Mit einem Male war mein Gang tappend und fremdartig geworden, wie ich
-ein paar Schritte im Zimmer machte.
-
-Das ist der Gang eines Menschen, der beständig im Begriffe ist, vornüber
-zu fallen, sagte ich mir.
-
-Ja, ja, ja, so war sein Gang!
-
-Ganz deutlich wußte ich: so ist er.
-
-Ich trug ein fremdes, bartloses Gesicht mit hervorstehenden
-Backenknochen und schaute aus schrägstehenden Augen.
-
-Ich fühlte es und konnte mich doch nicht sehen.
-
-Das ist nicht mein Gesicht, wollte ich entsetzt aufschreien, wollte es
-betasten, doch meine Hand folgte meinem Willen nicht und senkte sich in
-die Tasche und holte ein Buch hervor.
-
-Ganz so, wie er es vorhin getan hatte. --
-
-Da plötzlich sitze ich wieder ohne Hut, ohne Mantel, am Tische und bin
-ich. Ich, ich.
-
-Athanasius Pernath.
-
-Grausen und Entsetzen schüttelten mich, mein Herz raste zum Zerspringen,
-und ich fühlte: gespenstische Finger, die soeben noch in meinem Gehirn
-umhergetastet, haben von mir abgelassen.
-
-Noch spürte ich im Hinterkopf die kalten Spuren ihrer Berührung. --
-
-Nun wußte ich, wie der Fremde war, und ich hätte ihn wieder in mir
-fühlen können -- jeden Augenblick --, wenn ich nur gewollt hätte; aber
-sein Bild mir vorstellen, daß ich es vor mir _sehen_ würde Auge in Auge
--- das vermochte ich noch immer nicht und werde es auch nie können.
-
-Er ist wie ein Negativ, eine unsichtbare Hohlform, erkannte ich, deren
-Linien ich nicht erfassen kann -- in die ich selber hineinschlüpfen muß,
-wenn ich mir ihrer Gestalt und ihres Ausdrucks im eigenen Ich bewußt
-werden will -- --
-
-In der Schublade meines Tisches stand eine eiserne Kassette; -- in diese
-wollte ich das Buch sperren und erst, bis der Zustand der geistigen
-Krankheit von mir gewichen sein würde, wollte ich es wieder hervorholen
-und an die Ausbesserung des zerbrochenen Initialen »I« gehen.
-
-Und ich nahm das Buch vom Tisch.
-
-Da war mir, als hätte ich es gar nicht angefaßt; ich griff die Kassette
-an: dasselbe Gefühl. Als müßte das Tastempfinden eine lange, lange
-Strecke voll tiefer Dunkelheit durchlaufen, ehe es in meinem Bewußtsein
-mündete, als seien die Dinge durch eine jahresgroße Zeitschicht von mir
-entfernt und gehörten einer Vergangenheit an, die längst an mir
-vorübergezogen!
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die Stimme, die nach mir suchend in der Finsternis kreist, um mich mit
-dem fettigen Stein zu quälen, ist an mir vorbeigekommen und hat mich
-nicht gesehen. Und ich weiß, daß sie aus dem Reiche des Schlafes stammt.
-Aber was ich erlebt, das war wirkliches Leben, -- darum konnte sie mich
-nicht sehen und sucht vergeblich nach mir, fühle ich.
-
-
-
-
- Prag
-
-
-Neben mir stand der Student Charousek, den Kragen seines dünnen,
-fadenscheinigen Überziehers aufgeschlagen, und ich hörte, wie ihm vor
-Kälte die Zähne aufeinanderschlugen.
-
-Er kann sich den Tod holen in diesem zugigen, eisigen Torbogen, sagte
-ich mir, und ich forderte ihn auf, mit hinüber in meine Wohnung zu
-kommen.
-
-Er aber lehnte ab.
-
-»Ich danke Ihnen, Meister Pernath,« murmelte er fröstelnd, »leider habe
-ich nicht mehr so viel Zeit übrig; -- ich muß eilends in die Stadt. --
-Auch würden wir bis auf die Haut naß, wenn wir jetzt auf die Gasse
-treten wollten -- schon nach wenigen Schritten! -- -- Der Platzregen
-will nicht schwächer werden!«
-
-Die Wasserschauer fegten über die Dächer hin und liefen an den
-Gesichtern der Häuser herunter wie ein Tränenstrom.
-
-Wenn ich den Kopf ein wenig vorbog, konnte ich da drüben im vierten
-Stock mein Fenster sehen, das, vom Regen überrieselt, aussah, als seien
-seine Scheiben aufgeweicht, -- undurchsichtig und höckerig geworden wie
-Hausenblase.
-
-Ein gelber Schmutzbach floß die Gasse herab, und der Torbogen füllte
-sich mit Vorübergehenden, die alle das Nachlassen des Unwetters abwarten
-wollten.
-
-»Dort schwimmt ein Brautbukett,« sagte plötzlich Charousek und deutete
-auf einen Strauß aus welken Myrten, der in dem Schmutzwasser
-vorbeigetrieben kam.
-
-Darüber lachte jemand hinter uns laut auf.
-
-Als ich mich umdrehte, sah ich, daß es ein alter, vornehm gekleideter
-Herr mit weißem Haar und einem aufgedunsenen, krötenartigen Gesicht
-gewesen war.
-
-Charousek blickte ebenfalls einen Augenblick zurück und brummte etwas
-vor sich hin.
-
-Unangenehmes ging von dem Alten aus; -- ich wandte meine Aufmerksamkeit
-von ihm ab und musterte die mißfarbigen Häuser, die da vor meinen Augen
-wie verdrossene alte Tiere im Regen nebeneinander hockten.
-
-Wie unheimlich und verkommen sie alle aussahen!
-
-Ohne Überlegung hingebaut standen sie da, wie Unkraut, das aus dem Boden
-dringt.
-
-An eine niedrige, gelbe Steinmauer, den einzigen standhaltenden Überrest
-eines früheren, langgestreckten Gebäudes hat man sie angelehnt -- vor
-zwei, drei Jahrhunderten, wie es eben kam, ohne Rücksicht auf die
-übrigen zu nehmen. Dort ein halbes, schiefwinkliges Haus mit
-zurückspringender Stirn; -- ein andres daneben: vorstehend wie ein
-Eckzahn.
-
-Unter dem trüben Himmel sahen sie aus, als lägen sie im Schlaf, und man
-spürte nichts von dem tückischen, feindseligen Leben, das zuweilen von
-ihnen ausstrahlt, wenn der Nebel der Herbstabende in den Gassen liegt
-und ihr leises, kaum merkliches Mienenspiel verbergen hilft.
-
-In dem Menschenalter, das ich nun hier wohne, hat sich der Eindruck in
-mir festgesetzt, den ich nicht loswerden kann, als ob es gewisse Stunden
-des Nachts und im frühesten Morgengrauen für sie gäbe, wo sie erregt
-eine lautlose, geheimnisvolle Beratung pflegen. Und manchmal fährt da
-ein schwaches Beben durch ihre Mauern, das sich nicht erklären läßt,
-Geräusche laufen über ihre Dächer und fallen in den Regenrinnen nieder,
--- und wir nehmen sie mit stumpfen Sinnen achtlos hin, ohne nach ihrer
-Ursache zu forschen.
-
-Oft träumte mir, ich hätte diese Häuser belauscht in ihrem spukhaften
-Treiben und mit angstvollem Staunen erfahren, daß sie die heimlichen,
-eigentlichen Herren der Gasse seien, sich ihres Lebens und Fühlens
-entäußern und es wieder an sich ziehen können, -- es tagsüber den
-Bewohnern, die hier hausen, borgen, um es in kommender Nacht mit
-Wucherzinsen wieder zurückzufordern.
-
-Und lasse ich die seltsamen Menschen, die in ihnen wohnen wie Schemen,
-wie Wesen -- nicht von Müttern geboren, -- die in ihrem Denken und Tun
-wie aus Stücken wahllos zusammengefügt scheinen, im Geiste an mir
-vorüberziehen, so bin ich mehr denn je geneigt zu glauben, daß solche
-Träume in sich dunkle Wahrheiten bergen, die mir im Wachsein nur noch
-wie Eindrücke von farbigen Märchen in der Seele fortglimmen.
-
-Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem
-künstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Ghetto ein
-kabbalakundiger Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem
-gedankenlosen automatischen Dasein berief, indem er ihm ein magisches
-Zahlenwort hinter die Zähne schob.
-
-Und wie jener Golem zu einem Lehmbild in derselben Sekunde erstarrte, in
-der die geheime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward, so
-müßten auch, dünkt mich, alle diese _Menschen_ entseelt in einem
-Augenblick zusammenfallen, löschte man irgendeinen winzigen Begriff, ein
-nebensächliches Streben, vielleicht eine zwecklose Gewohnheit bei dem
-einen, bei einem andern gar nur ein dumpfes Warten auf etwas gänzlich
-Unbestimmtes, Haltloses -- in ihrem Hirn aus.
-
-Was ist dabei für ein immerwährendes, schreckhaftes Lauern in diesen
-Geschöpfen!
-
-Niemals sieht man sie arbeiten, diese Menschen, und dennoch sind sie
-früh beim ersten Leuchten des Morgens wach und warten mit angehaltenem
-Atem, -- wie auf ein Opfer, das doch nie kommt.
-
-Und hat es wirklich einmal den Anschein, als träte jemand in ihr
-Bereich, irgend ein Wehrloser, an dem sie sich bereichern könnten, dann
-fällt plötzlich eine lähmende Angst über sie her, scheucht sie in ihre
-Winkel zurück und läßt sie von jeglichem Vorhaben zitternd abstehen.
-
-Niemand scheint schwach genug, daß ihnen noch so viel Mut bliebe, sich
-seiner zu bemächtigen.
-
-»Entartete, zahnlose Raubtiere, von denen die Kraft und die Waffe
-genommen ist,« sagte Charousek zögernd und sah mich an. --
-
-Wie konnte er wissen, woran ich dachte? --
-
-So stark facht man zuweilen seine Gedanken an, daß sie imstande sind,
-auf das Gehirn des Nebenstehenden überzuspringen wie sprühende Funken,
-fühlte ich.
-
-»-- -- -- wovon sie nur leben mögen?« fragte ich nach einer Weile.
-
-»Leben? Wovon? Mancher unter ihnen ist ein Millionär!«
-
-Ich blickte Charousek an. Was konnte er damit meinen!
-
-Der Student aber schwieg und sah nach den Wolken.
-
-Für einen Augenblick hatte das Stimmengemurmel in dem Torbogen gestockt
-und man hörte bloß das Zischen des Regens.
-
-Was er nur damit sagen will: »Mancher unter ihnen ist ein Millionär!?«
-
-Wieder war es, als hätte Charousek meine Gedanken erraten.
-
-Er wies nach dem Trödlerladen neben uns, an dem das Wasser den Rost des
-Eisengerümpels in fließenden, braunroten Pfützen vorbeispülte.
-
-»Aaron Wassertrum! Er zum Beispiel ist Millionär, -- fast ein Drittel
-der Judenstadt ist sein Besitz. Wissen Sie es denn nicht, Herr
-Pernath?!«
-
-Mir blieb förmlich der Atem im Mund stecken. »Aaron Wassertrum! Der
-Trödler Aaron Wassertrum Millionär?!«
-
-»Oh, ich kenne ihn genau«, fuhr Charousek verbissen fort, und als hätte
-er nur darauf gewartet, daß ich ihn frage. »Ich kannte auch seinen Sohn,
-den Dr. Wassory. Haben Sie nie von ihm gehört? Von Dr. Wassory, dem --
-berühmten -- Augenarzt? -- Vor einem Jahr noch hat die ganze Stadt
-begeistert von ihm gesprochen, -- von dem großen -- -- Gelehrten.
-Niemand wußte damals, daß er seinen Namen abgelegt und früher Wassertrum
-geheißen hat. -- Er spielte sich gerne auf den weltabgewandten Mann der
-Wissenschaft, und wenn einmal auf Herkunft die Rede kam, warf er
-bescheiden und tiefbewegt so mit halben Worten hin, daß sein Vater noch
-aus dem Ghetto stamme, -- sich aus den niedrigsten Anfängen heraus unter
-Kummer aller Art und unsäglichen Sorgen empor ans Licht habe arbeiten
-müssen.
-
-Ja! Unter Kummer und Sorgen!
-
-Unter _wessen_ Kummer und unsäglichen Sorgen aber und mit welchen
-Mitteln, das hat er nicht dazu gesagt!
-
-Ich aber weiß, was es mit dem Ghetto für eine Bewandtnis hat!« Charousek
-faßte meinen Arm und schüttelte ihn heftig.
-
-»Meister Pernath, ich bin so arm, daß ich es selbst kaum mehr begreife;
-ich muß halb nackt gehen wie ein Vagabund, sehen Sie her, und ich bin
-doch Student der Medizin, -- bin doch ein gebildeter Mensch!«
-
-Er riß seinen Überzieher auf und ich sah zu meinem Entsetzen, daß er
-weder Hemd noch Rock an hatte und den Mantel über der nackten Haut trug.
-
-»Und so arm war ich bereits, als ich diese Bestie, diesen allmächtigen,
-angesehenen Dr. Wassory zu Fall brachte, -- und noch heute ahnt keiner,
-daß ich, ich der eigentliche Urheber war.
-
-Man meint in der Stadt, ein gewisser Dr. Savioli sei es gewesen, der
-seine Praktiken ans Tageslicht gezogen und ihn dann zum Selbstmord
-getrieben hat. -- Dr. Savioli war nichts als mein Werkzeug! sage ich
-Ihnen. Ich allein habe den Plan erdacht und das Material
-zusammengetragen, habe die Beweise geliefert und leise und unmerklich
-Stein um Stein in dem Gebäude Dr. Wassorys gelockert, bis der Zustand
-erreicht war, wo kein Geld der Erde, keine List des Ghetto mehr vermocht
-hätten, den Zusammenbruch, zu dem es nur noch eines unmerklichen
-Anstoßes bedurfte, abzuwenden.
-
-Wissen Sie, so -- so wie man Schach spielt.
-
-Gerade so wie man Schach spielt.
-
-Und niemand weiß, daß ich es war!
-
-Den Trödler Aaron Wassertrum, den läßt wohl manchmal eine furchtbare
-Ahnung nicht schlafen, daß einer, den er nicht kennt, der immer in
-seiner Nähe ist und den er doch nicht fassen kann, -- ein anderer als
-Dr. Savioli -- die Hand im Spiele gehabt haben müsse.
-
-Wiewohl Wassertrum einer von jenen ist, deren Augen durch Mauern zu
-schauen vermögen, so faßt er es doch nicht, daß es Gehirne gibt, die
-auszurechnen imstande sind, wie man mit langen, unsichtbaren,
-vergifteten Nadeln durch solche Mauern stechen kann, an Quadern, an Gold
-und Edelsteinen vorbei, um die verborgene Lebensader zu treffen.«
-
-Und Charousek schlug sich vor die Stirn und lachte wild.
-
-»Aaron Wassertrum wird es bald erfahren; genau an dem Tage, an dem er
-Dr. Savioli an den Hals will! Genau an demselben Tage!
-
-Auch diese Schachpartie habe ich ausgerechnet bis zum letzten Zug. --
-Diesmal wird es ein Königsläufergambit sein. Da gibt es keinen einzigen
-Zug bis zum bittern Ende, gegen den ich nicht eine verderbliche
-Entgegnung wüßte.
-
-Wer sich mit mir in ein solches Königsläufergambit einläßt, der hängt in
-der Luft, sage ich Ihnen, wie eine hilflose Marionette an feinen Fäden,
--- an Fäden, die ich zupfe, -- hören Sie wohl, die ich zupfe, und mit
-dessen freiem Willen ist's dahin.«
-
-Der Student redete wie im Fieber, und ich sah ihm entsetzt ins Gesicht.
-
-»Was haben Ihnen Wassertrum und sein Sohn denn getan, daß Sie so voll
-Haß sind?«
-
-Charousek wehrte heftig ab:
-
-»Lassen wir das -- fragen Sie lieber, was Dr. Wassory den Hals gebrochen
-hat! -- Oder wünschen Sie, daß wir ein andres Mal darüber sprechen? --
-Der Regen hat nachgelassen. Vielleicht wollen Sie nach Hause gehen?«
-
-Er senkte seine Stimme, wie jemand, der plötzlich ganz ruhig wird. Ich
-schüttelte den Kopf.
-
-»Haben Sie jemals gehört, wie man heutzutage den grünen Star heilt? --
-Nicht? -- So muß ich Ihnen das deutlich machen, damit Sie alles genau
-verstehen, Meister Pernath!
-
-Hören Sie zu: Der >grüne Star< also ist eine bösartige Erkrankung des
-Augeninnern, die mit Erblinden endet, und es gibt nur ein Mittel, dem
-Fortschreiten des Übels Einhalt zu tun, nämlich die sogenannte
-Iridektomie, die darin besteht, daß man aus der Regenbogenhaut des Auges
-ein keilförmiges Stückchen herauszwickt.
-
-Die unvermeidlichen Folgen davon sind wohl greuliche
-Blendungserscheinungen, die fürs ganze Leben bleiben; der Prozeß des
-Erblindens jedoch ist meistens aufgehalten.
-
-Mit der Diagnose des grünen Stars hat es aber eine eigene Bewandtnis.
-
-Es gibt nämlich Zeiten, besonders bei Beginn der Krankheit, wo die
-deutlichsten Symptome scheinbar ganz zurücktreten, und in solchen Fällen
-darf ein Arzt, obwohl er keine Spur einer Krankheit finden kann, dennoch
-niemals mit Bestimmtheit sagen, daß sein Vorgänger, der andrer Meinung
-gewesen, sich notwendigerweise geirrt haben müsse.
-
-Hat aber einmal die erwähnte Iridektomie, die sich natürlich genau so an
-einem gesunden Auge wie an einem kranken ausführen läßt, stattgefunden,
-so kann man unmöglich mehr feststellen, ob früher wirklich grüner Star
-vorgelegen hat oder nicht.
-
-Und auf diese und noch andere Umstände hatte Dr. Wassory einen
-scheußlichen Plan aufgebaut.
-
-Unzählige Male -- besonders an Frauen -- konstatierte er grünen Star, wo
-harmlose Sehstörungen vorlagen, nur um zu einer Operation zu kommen, die
-ihm keine Mühe machte und viel Geld eintrug.
-
-Da endlich hatte er vollkommen Wehrlose in der Hand; da gehörte zum
-Ausplündern auch keine Spur von Mut mehr!
-
-Sehen Sie, Meister Pernath, da war das degenerierte Raubtier in jene
-Lebensbedingungen versetzt, wo es auch ohne Waffe und Kraft sein Opfer
-zerfleischen konnte.
-
-Ohne etwas aufs Spiel zu setzen! -- Begreifen Sie?! Ohne das geringste
-wagen zu müssen!
-
-Durch eine Menge fauler Veröffentlichungen in Fachblättern hatte sich
-Dr. Wassory in den Ruf eines hervorragenden Spezialisten zu setzen
-verstanden und sogar seinen Kollegen, die viel zu arglos und anständig
-waren, um ihn zu durchschauen, Sand in die Augen zu streuen gewußt.
-
-Ein Strom von Patienten, die alle bei ihm Hilfe suchten, war die
-natürliche Folge.
-
-Kam nun jemand mit geringfügigen Sehstörungen zu ihm und ließ sich
-untersuchen, so ging Dr. Wassory sofort mit tückischer Planmäßigkeit zu
-Werke.
-
-Zuerst stellte er das übliche Krankenverhör an, notierte aber geschickt
-immer nur, um für alle Fälle später gedeckt zu sein, jene Antworten, die
-eine Deutung auf grünen Star zuließen.
-
-Und vorsichtig sondierte er, ob nicht schon eine frühere Diagnose
-vorläge.
-
-Gesprächsweise ließ er einfließen, daß ein dringender Ruf aus dem
-Auslande behufs wichtiger, wissenschaftlicher Maßnahmen an ihn ergangen
-sei und er daher schon morgen verreisen müsse. --
-
-Bei der Augenspiegelung mit elektrischen Lichtstrahlen, die er sodann
-vornahm, bereitete er dem Kranken absichtlich so viel Schmerzen wie
-möglich.
-
-Alles mit Vorbedacht! Alles mit Vorbedacht!
-
-Wenn das Verhör vorüber und die übliche bange Frage des Patienten, ob
-Grund zur Befürchtung vorhanden sei, erfolgt war, da tat Wassory seinen
-ersten Schachzug.
-
-Er setzte sich dem Kranken gegenüber, ließ eine Minute verstreichen und
-sprach dann gemessen und mit sonorer Stimme den Satz:
-
-»Erblindung beider Augen ist bereits in der allernächsten Zeit wohl
-unvermeidlich!«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die Szene, die naturgemäß folgte, war entsetzlich. Oft fielen die Leute
-in Ohnmacht, weinten und schrien und warfen sich in wilder Verzweiflung
-zu Boden.
-
-Das Augenlicht verlieren, heißt alles verlieren.
-
-Und wenn der wiederum übliche Moment eintrat, wo das arme Opfer die Knie
-Dr. Wassorys umklammerte und flehte, ob es denn auf Gottes Erde gar
-keine Hilfe mehr gäbe, da tat die Bestie den zweiten Schachzug und
-verwandelte sich selbst in jenen -- Gott, der helfen konnte!
-
-Alles, alles in der Welt, ist wie ein Schachspiel, Meister Pernath! --
-
-Schleunigste Operation, sagte Dr. Wassory dann nachdenklich, sei das
-einzige, was vielleicht Rettung bringen könne, und mit einer wilden,
-gierigen Eitelkeit, die plötzlich über ihn kam, erging er sich mit einem
-Redeschwall in weitschweifigem Ausmalen dieses und jenes Falles, die
-alle mit dem vorliegenden eine ungemein große Ähnlichkeit gehabt hätten,
--- wie unzählige Kranke ihm allein die Erhaltung des Augenlichts
-verdankten, und dergleichen mehr.
-
-Er schwelgte förmlich in dem Gefühl, für eine Art höheren Wesens
-gehalten zu werden, in dessen Hände das Wohl und Wehe seines Mitmenschen
-gelegt ist.
-
-Das hilflose Opfer aber saß, das Herz voll brennender Fragen, gebrochen
-vor ihm, Angstschweiß auf der Stirne, und wagte ihm nicht einmal in die
-Rede zu fallen, aus Furcht: ihn -- den einzigen, der noch Hilfe bringen
-konnte -- zu erzürnen.
-
-Und mit den Worten, daß er zur Operation leider erst in einigen Monaten
-schreiten könne, wenn er von seiner Reise wieder zurück sei, schloß Dr.
-Wassory seine Rede.
-
-Hoffentlich, -- man solle in solchen Fällen immer das Beste hoffen --
-sei es da nicht zu spät, sagte er.
-
-Natürlich sprangen dann die Kranken entsetzt auf, erklärten, daß sie
-unter gar keinen Umständen auch nur einen Tag länger warten wollten, und
-baten flehentlich um Rat, wer von den andern Augenärzten in der Stadt
-sonst wohl als Operateur in Betracht käme.
-
-Da war der Augenblick gekommen, wo Dr. Wassory den entscheidenden Schlag
-führte.
-
-Er ging in tiefem Nachdenken auf und ab, legte seine Stirn in Falten des
-Grams und lispelte schließlich bekümmert, ein Eingriff seitens eines
-_andern_ Arztes bedinge leider eine abermalige Bespiegelung des Auges
-mit elektrischem Licht, und das müsse -- der Patient wisse ja selbst,
-wie schmerzhaft es sei -- wegen der blendenden Strahlen geradezu
-verhängnisvoll wirken.
-
-Ein andrer Arzt also, ganz abgesehen davon, daß so manchem von ihnen
-gerade in der Iridektomie die nötige Übung fehle -- dürfe, eben weil er
-wiederum von neuem untersuchen müsse, gar nicht vor Ablauf längerer
-Zeit, bis sich die Sehnerven wieder erholt hätten, zu einem
-chirurgischen Eingriff schreiten.«
-
-Charousek ballte die Fäuste.
-
-»Das nennen wir in der Schachsprache >Zugzwang<, lieber Meister Pernath!
--- -- Was weiter folgte, war wiederum Zugzwang, -- ein erzwungener Zug
-nach dem andern.
-
-Halb wahnsinnig vor Verzweiflung beschwor nun der Patient den Dr.
-Wassory, er möge doch Erbarmen haben, einen Tag nur seine Abreise
-verschieben und die Operation selber vornehmen. -- Es handle sich doch
-um mehr noch als um schnellen Tod, die grauenhafte, folternde Angst,
-jeden Augenblick erblinden zu müssen, sei ja das Schrecklichste, was es
-geben könne.
-
-Und je mehr das Scheusal sich sträubte und jammerte: ein Aufschub seiner
-Reise könne ihm unabsehbaren Schaden bringen, desto höhere Summen boten
-freiwillig die Kranken.
-
-Schien schließlich die Summe Dr. Wassory hoch genug, gab er nach und
-fügte bereits am selben Tage, ehe noch ein Zufall seinen Plan aufdecken
-konnte, den Bedauernswerten an beiden gesunden Augen jenen unheilbaren
-Schaden zu, jenes immerwährende Gefühl des Geblendetseins, das das Leben
-zu stetiger Qual gestalten mußte, die Spuren des Schurkenstreiches aber
-ein für allemal verwischte.
-
-Durch solche Operationen an gesunden Augen vermehrte Dr. Wassory nicht
-nur seinen Ruhm und seinen Ruf als unvergleichlicher Arzt, dem es noch
-jedesmal gelungen sei, die drohende Erblindung aufzuhalten, -- es
-befriedigte gleichzeitig seine maßlose Geldgier und fröhnte seiner
-Eitelkeit, wenn die ahnungslosen, an Körper und Vermögen geschädigten
-Opfer zu ihm wie zu einem Helfer aufsahen und ihn als Retter priesen.
-
-Nur ein Mensch, der mit allen Fasern im Ghetto und seinen zahllosen,
-unscheinbaren, jedoch unüberwindlichen Hilfsquellen wurzelte und von
-Kindheit an gelernt hat auf der Lauer zu liegen wie eine Spinne, der
-jeden Menschen in der Stadt kannte und bis ins kleinste seine
-Beziehungen und Vermögensverhältnisse erriet und durchschaute, -- nur
-ein solcher -- »Halbhellsehender« möchte man es beinahe nennen, --
-konnte jahrelang derartige Scheußlichkeiten verüben.
-
-Und wäre ich nicht gewesen, bis heute triebe er sein Handwerk noch,
-würde es bis ins hohe Alter weiter betrieben haben, um schließlich als
-ehrwürdiger Patriarch im Kreise seiner Lieben, angetan mit hohen Ehren,
-künftigen Geschlechtern ein leuchtendes Vorbild, seinen Lebensabend zu
-genießen, bis -- bis endlich auch über ihn das große Verrecken
-hinweggezogen wäre.
-
-Ich aber wuchs ebenfalls im Ghetto auf, und auch mein Blut ist mit jener
-Atmosphäre höllischer List gesättigt, und so vermochte ich ihn zu Fall
-zu bringen, -- so wie die Unsichtbaren einen Menschen zu Fall bringen,
--- wie aus heiterm Himmel heraus ein Blitz trifft.
-
-Dr. Savioli, ein junger deutscher Arzt, hat das Verdienst der
-Entlarvung, -- ihn schob ich vor und häufte Beweis auf Beweis, bis der
-Tag anbrach, wo der Staatsanwalt seine Hand nach Dr. Wassory
-ausstreckte.
-
-Da beging die Bestie Selbstmord! -- Gesegnet sei die Stunde!
-
-Als hätte mein Doppelgänger neben ihm gestanden und ihm die Hand
-geführt, nahm er sich das Leben mit jener Phiole Amylnitrit, die ich
-absichtlich in seinem Ordinationszimmer bei der Gelegenheit hatte stehen
-lassen, als ich selbst ihn einmal verleitet, auch an mir die falsche
-Diagnose des grünen Stars zu stellen, -- absichtlich und mit dem
-glühenden Wunsche, daß es dieses Amylnitrit sein möchte, das ihm den
-letzten Stoß geben sollte.
-
-Der Gehirnschlag hätte ihn getroffen, hieß es in der Stadt.
-
-Amylnitrit tötet, eingeatmet, wie Gehirnschlag. Aber lange konnte das
-Gerücht nicht aufrecht erhalten werden.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Charousek starrte plötzlich geistesabwesend, als habe er sich in ein
-tiefes Problem verloren, vor sich hin, dann zuckte er mit der Achsel
-nach der Richtung, wo Aaron Wassertrums Trödlerladen lag.
-
-»Jetzt ist er allein,« murmelte er, »ganz allein mit seiner Gier und --
-und -- und mit der Wachspuppe!«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Mir schlug das Herz bis zum Hals.
-
-Ich sah Charousek voll Entsetzen an.
-
-War er wahnsinnig? Es mußten Fieberphantasien sein, die ihn diese Dinge
-erfinden ließen.
-
-Gewiß, gewiß! Er hat alles erfunden, geträumt!
-
-Es kann nicht wahr sein, was er da über den Augenarzt Grauenhaftes
-erzählt hat. Er ist schwindsüchtig, und die Fieber des Todes kreisen in
-seinem Hirn.
-
-Und ich wollte ihn mit ein paar scherzenden Worten beruhigen, seine
-Gedanken in eine freundliche Richtung lenken.
-
-Da fuhr, noch ehe ich die Worte fand, wie ein Blitz in meine Erinnerung
-das Gesicht Wassertrums mit der gespaltenen Oberlippe, wie es damals in
-mein Zimmer mit runden Fischaugen durch die aufgerissene Tür
-hereingeschaut hatte.
-
-Dr. Savioli! Dr. Savioli! -- ja, ja, so war auch der Name des jungen
-Mannes gewesen, den mir der Marionettenspieler Zwakh flüsternd
-anvertraut als den des vornehmen Zimmerherrn, der von ihm das Atelier
-gemietet hatte.
-
-Dr. Savioli! -- Wie ein Schrei tauchte es in meinem Innern auf. Eine
-Reihe nebelhafter Bilder zuckte durch meinen Geist, jagte sich mit
-schreckhaften Vermutungen, die auf mich einstürmten.
-
-Ich wollte Charousek fragen, ihm voll Angst rasch alles erzählen, was
-ich damals erlebt, da sah ich, daß ein heftiger Hustenanfall sich seiner
-bemächtigt hatte und ihn fast umwarf. Ich konnte nur noch unterscheiden,
-wie er sich mühsam mit den Händen an der Mauer stützend in den Regen
-hinaustappte und mir einen flüchtigen Gruß zunickte.
-
-Ja, ja, er hat recht, er sprach nicht im Fieber, -- fühlte ich, -- das
-unfaßbare Gespenst des Verbrechens ist es, das durch diese Gassen
-schleicht Tag und Nacht und sich zu verkörpern sucht.
-
-Es liegt in der Luft, und wir sehen es nicht. Plötzlich schlägt es sich
-nieder in einer Menschenseele, -- wir ahnen es nicht, -- da, dort, und
-ehe wir es fassen können, ist es gestaltlos geworden und alles längst
-vorüber.
-
-Und nur noch dunkle Worte über irgendein entsetzliches Geschehnis kommen
-an uns heran.
-
-Mit einem Schlage begriff ich diese rätselhaften Geschöpfe, die rings um
-mich wohnten, in ihrem innersten Wesen: sie treiben willenlos durchs
-Dasein von einem unsichtbaren magnetischen Strom belebt -- -- so, wie
-vorhin das Brautbukett in dem schmutzigen Rinnsal vorüberschwamm.
-
-Mir war, als starrten die Häuser alle mit tückischen Gesichtern voll
-namenloser Bosheit auf mich herüber, -- die Tore: aufgerissene schwarze
-Mäuler, aus denen die Zungen ausgefault waren, -- Rachen, die jeden
-Augenblick einen gellenden Schrei ausstoßen konnten, so gellend und
-haßerfüllt, daß es uns bis ins Innerste erschrecken müßte.
-
-Was hatte zum Schluß noch der Student über den Trödler gesagt? -- Ich
-flüsterte mir seine Worte vor: -- Aaron Wassertrum sei jetzt allein mit
-seiner Gier und -- -- seiner Wachspuppe.
-
-Was kann er nur mit der Wachspuppe gemeint haben?
-
-Es muß ein Gleichnis gewesen sein, beschwichtigte ich mich, -- eines
-jener krankhaften Gleichnisse, mit denen er einen zu überfallen pflegt,
-die man nicht versteht, und die einen, wenn sie später unerwartet
-sichtbarlich werden, so tief erschrecken können wie Dinge von
-ungewohnter Form, auf die plötzlich ein greller Lichtstreif fällt.
-
-Ich holte tief Atem, um mich zu beruhigen und den furchtbaren Eindruck,
-den mir Charouseks Erzählung verursacht hatte, abzuschütteln.
-
-Ich sah die Leute genauer an, die mit mir in dem Hausflur warteten:
-Neben mir stand jetzt der dicke Alte. Derselbe, der vorhin so widerlich
-gelacht hatte.
-
-Er hatte einen schwarzen Gehrock an und Handschuhe und starrte mit
-vorquellenden Augen unverwandt auf den Torbogen des Hauses gegenüber.
-
-Sein glattrasiertes Gesicht mit den breiten, gemeinen Zügen zuckte vor
-Erregung.
-
-Unwillkürlich folgte ich seinen Blicken und bemerkte, daß sie wie
-gebannt an der rothaarigen Rosina hingen, die drüben jenseits der Gasse
-stand, ihr immerwährendes Lächeln um die Lippen.
-
-Der Alte war bemüht, ihr Zeichen zu geben, und ich sah, daß sie es wohl
-wußte, aber sich benahm, als verstünde sie nicht.
-
-Endlich hielt es der Alte nicht länger aus, watete auf den Fußspitzen
-hinüber und hüpfte mit lächerlicher Elastizität wie ein großer,
-schwarzer Gummiball über die Pfützen.
-
-Man schien ihn zu kennen, denn ich hörte allerhand Glossen fallen, die
-darauf hinzielten. Ein Strolch hinter mir, ein rotes, gestricktes Tuch
-um den Hals, mit blauer Militärmütze, die Virginia hinter dem Ohr,
-machte mit grinsendem Mund Anspielungen, die ich nicht verstand.
-
-Ich begriff nur, daß sie den Alten in der Judenstadt den »Freimaurer«
-nannten und in ihrer Sprache mit diesem Spitznamen jemand bezeichnen
-wollten, der sich an halbwüchsigen Mädchen zu vergehen pflegt, aber
-durch intime Beziehungen zur Polizei vor jeder Strafe sicher ist. -- --
---
-
-Dann waren das Gesicht Rosinas und der Alte drüben im Dunkel des
-Hausflures verschwunden.
-
-
-
-
- Punsch
-
-
-Wir hatten das Fenster geöffnet, um den Tabakrauch aus meinem kleinen
-Zimmer strömen zu lassen.
-
-Der kalte Nachtwind blies herein und wehte an die zottigen Mäntel, die
-an der Türe hingen, daß sie leise hin und her schwankten.
-
-»Prokops würdige Haupteszierde möchte am liebsten davonfliegen«, sagte
-Zwakh und deutete auf des Musikers großen Schlapphut, der die breite
-Krempe bewegte wie schwarze Flügel.
-
-Josua Prokop zwinkerte lustig mit den Augenlidern.
-
-»Er will,« sagte er, »er will wahrscheinlich -- -- --«
-
-»Er will zum >Loisitschek< zur Tanzmusik«, nahm ihm Vrieslander das Wort
-vorweg.
-
-Prokop lachte und schlug mit der Hand den Takt zu den Klängen, die die
-dünne Winterluft her über die Dächer trug.
-
-Dann nahm er meine alte, zerbrochene Gitarre von der Wand, tat, als
-zupfe er die zerbrochenen Saiten und sang mit kreischendem Falsett und
-gespreizter Betonung in Rotwelsch ein wunderliches Lied:
-
- »An Bein-del von Ei-sen
- recht alt
- »An Stran-zen net gar
- a so kalt
- »Messinung, a' Räucherl
- und Rohn
- »und immerrr nurr putz-en -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Wie großartig er mit einem Mal die Gaunersprache beherrscht!« und
-Vrieslander lachte laut auf und brummte mit:
-
- »Und stok-en sich Aufzug
- und Pfiff
- »Und schmallern an eisernes
- G'süff.
- »Juch, --
- »Und Handschuhkren, Harom net san -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Dieses kuriose Lied schnarrt jeden Abend beim >Loisitschek< der
-meschuggene Nephtali Schaffranek mit dem grünen Augenschirm, und ein
-geschminktes Weibsbild spielt Harmonika und gröhlt den Text dazu«,
-erklärte mir Zwakh. »Sie sollten auch einmal mit uns in diese Schenke
-gehen, Meister Pernath. Später vielleicht, wenn wir mit dem Punsch zu
-Ende sind, -- was meinen Sie? Zur Feier Ihres heutigen Geburtstages?«
-
-»Ja, ja kommen Sie nachher mit uns,« sagte Prokop und klinkte das
-Fenster zu, -- »man muß so etwas gesehen haben.«
-
-Dann tranken wir den heißen Punsch und hingen unseren Gedanken nach.
-
-Vrieslander schnitzte an einer Marionette.
-
-»Sie haben uns förmlich von der Außenwelt abgeschnitten, Josua,«
-unterbrach Zwakh die Stille, »seit Sie das Fenster geschlossen haben,
-hat niemand mehr ein Wort gesprochen.«
-
-»Ich dachte nur darüber nach, als vorhin die Mäntel so flogen, wie
-seltsam es ist, wenn der Wind leblose Dinge bewegt,« antwortete Prokop
-schnell, wie um sich wegen seines Schweigens zu entschuldigen: »Es sieht
-gar so wunderlich aus, wenn Gegenstände plötzlich zu flattern anheben,
-die sonst immer tot daliegen. Nicht? -- Ich sah einmal auf einem
-menschenleeren Platz zu, wie große Papierfetzen, -- ohne daß ich vom
-Winde etwas spürte, denn ich stand durch ein Haus gedeckt, -- in toller
-Wut im Kreise herumjagten und einander verfolgten, als hätten sie sich
-den Tod geschworen. Einen Augenblick später schienen sie sich beruhigt
-zu haben, aber plötzlich kam wieder eine wahnwitzige Erbitterung über
-sie und in sinnlosem Grimm rasten sie umher, drängten sich in einen
-Winkel zusammen, um von neuem besessen auseinander zu stieben und
-schließlich hinter einer Ecke zu verschwinden.
-
-Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie blieb auf dem
-Pflaster liegen und klappte haßerfüllt auf und zu, als sei ihr der Atem
-ausgegangen und als schnappe sie nach Luft.
-
-Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, wenn am Ende wir
-Lebewesen auch so etwas Ähnliches wären wie solche Papierfetzen? -- Ob
-nicht vielleicht ein unsichtbarer, unbegreiflicher »Wind« auch uns hin
-und her treibt und unsre Handlungen bestimmt, während wir in unserer
-Einfalt glauben unter eigenem, freiem Willen zu stehen?
-
-Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wäre als ein rätselhafter
-Wirbelwind? Jener Wind, von dem die Bibel sagt: weißt du von wannen er
-kommt und wohin er geht? -- -- -- Träumen wir nicht auch zuweilen, wir
-griffen in tiefes Wasser und fingen silberne Fische, und nichts anderes
-ist geschehen, als daß ein kalter Luftzug unsere Hände traf?«
-
-»Prokop, Sie sprechen in Worten wie Pernath, was ist's mit Ihnen?« sagte
-Zwakh und sah den Musiker mißtrauisch an.
-
-»Die Geschichte vom Buch Ibbur, die vorhin erzählt wurde, -- schade, daß
-Sie so spät kamen und sie nicht mit anhörten, -- hat ihn so nachdenklich
-gestimmt«, meinte Vrieslander.
-
-»Eine Geschichte von einem Buche?«
-
-»Eigentlich von einem Menschen, der ein Buch brachte und seltsam aussah.
--- Pernath weiß nicht, wie er heißt, wo er wohnt, was er wollte, und
-trotzdem sein Aussehen sehr auffallend gewesen sein soll, lasse es sich
-doch nicht recht schildern.«
-
-Zwakh horchte auf.
-
-»Das ist sehr merkwürdig,« sagte er nach einer Pause, »war der Fremde
-vielleicht bartlos und hatte er schrägstehende Augen?«
-
-»Ich glaube,« antwortete ich, »das heißt, ich -- ich -- weiß es ganz
-bestimmt. Kennen Sie ihn denn?«
-
-Der Marionettenspieler schüttelte den Kopf: »Er erinnert mich nur an den
->Golem<.«
-
-Der Maler Vrieslander ließ sein Schnitzmesser sinken:
-
-»Golem? -- Ich habe schon so viel davon reden hören. Wissen Sie etwas
-über den Golem, Zwakh?«
-
-»Wer kann sagen, daß er über den Golem etwas _wisse_?«, antwortete Zwakh
-und zuckte die Achseln. »Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich
-eines Tages in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn plötzlich
-wieder aufleben läßt. Und eine Zeitlang spricht dann jeder von ihm, und
-die Gerüchte wachsen ins Ungeheuerliche. Werden so übertrieben und
-aufgebauscht, daß sie schließlich an der eigenen Unglaubwürdigkeit
-zugrunde gehen. Der Ursprung der Geschichte reicht wohl ins siebzehnte
-Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen Vorschriften der
-Kabbala soll ein Rabbiner da einen künstlichen Menschen -- den
-sogenannten Golem -- verfertigt haben, damit er ihm als Diener helfe die
-Glocken in der Synagoge läuten, und allerhand grobe Arbeit tue.
-
-Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein
-dumpfes, halbbewußtes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es heißt, auch das
-nur tagsüber und kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm
-hinter den Zähnen stak und die freien siderischen Kräfte des Weltalls
-herabzog.
-
-Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem
-Munde des Golem zu nehmen versäumt, da wäre dieser in Tobsucht
-verfallen, in der Dunkelheit durch die Gassen gerast und hätte
-zerschlagen, was ihm in den Weg kam.
-
-Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe.
-
-Und da sei das Geschöpf leblos niedergestürzt. Nichts blieb von ihm
-übrig, als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch drüben in der
-Altneusynagoge gezeigt wird.«
-
-»Derselbe Rabbiner soll einmal auch zum Kaiser auf die Burg berufen
-worden sein und die Schemen der Toten beschworen und sichtbar gemacht
-haben,« warf Prokop ein, »moderne Forscher behaupten, er habe sich dazu
-einer ^Laterna magica^ bedient.«
-
-»Jawohl, keine Erklärung ist abgeschmackt genug, daß sie bei den
-Heutigen nicht Beifall fände,« fuhr Zwakh unbeirrt fort. -- »Eine
-^Laterna magica^!! Als ob Kaiser Rudolf, der sein ganzes Leben solchen
-Dingen nachging, einen so plumpen Schwindel nicht auf den ersten Blick
-hätte durchschauen müssen!
-
-Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurückführen
-läßt, daß aber irgend etwas, was nicht sterben kann, in diesem
-Stadtviertel sein Wesen treibt und damit zusammenhängt, dessen bin ich
-sicher. Von Geschlecht zu Geschlecht haben meine Vorfahren hier gewohnt,
-und niemand kann wohl auf mehr erlebte und ererbte Erinnerungen an das
-periodische Auftauchen des Golem zurückblicken, als gerade ich!«
-
-Zwakh hatte plötzlich aufgehört zu reden, und man fühlte mit ihm, wie
-seine Gedanken in vergangene Zeiten zurückwanderten.
-
-Wie er, den Kopf aufgestützt, dort am Tische saß und beim Scheine der
-Lampe seine roten, jugendlichen Bäckchen fremdartig von dem weißen Haar
-abstachen, verglich ich unwillkürlich im Geiste seine Züge mit den
-maskenhaften Gesichtern seiner Marionetten, die er mir so oft gezeigt.
-
-Seltsam, wie ähnlich ihnen der alte Mann doch sah!
-
-Derselbe Ausdruck und derselbe Gesichtsschnitt!
-
-Manche Dinge der Erde können nicht loskommen voneinander, fühlte ich,
-und wie ich Zwakhs einfaches Schicksal an mir vorüberziehen ließ, da
-schien es mir mit einem Mal gespenstisch und ungeheuerlich, daß ein
-Mensch wie er, obschon er eine bessere Erziehung als seine Vorfahren
-genossen hatte und Schauspieler hätte werden sollen, plötzlich wieder zu
-dem schäbigen Marionettenkasten zurückkehren konnte, um nun abermals auf
-die Jahrmärkte zu ziehen und dieselben Puppen, die schon seiner Vorväter
-kümmerliches Erwerbsmittel gewesen, von neuem ihre ungelenken
-Verbeugungen machen und schläfrigen Erlebnisse vorführen zu lassen.
-
-Er vermag es nicht, sich von ihnen zu trennen, begriff ich; sie leben
-mit von seinem Leben, und als er fern von ihnen war, da haben sie sich
-in Gedanken verwandelt, haben in seinem Hirn gewohnt und ihn rast- und
-ruhelos gemacht, bis er wieder heimkehrte. Darum hält er sie jetzt so
-liebevoll und kleidet sie stolz in Flitter.
-
-»Zwakh, wollen Sie uns nicht weitererzählen?« forderte Prokop den Alten
-auf und sah fragend nach Vrieslander und mir hin, ob auch wir gleichen
-Wunsches seien.
-
-»Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll,« meinte der Alte zögernd, »die
-Geschichte mit dem Golem läßt sich schwer fassen. So wie Pernath vorhin
-sagte: er wisse genau, wie jener Unbekannte ausgesehen habe, und doch
-könne er ihn nicht schildern. Ungefähr alle dreiunddreißig Jahre
-wiederholt sich ein Ereignis in unsern Gassen, das gar nichts besonders
-Aufregendes an sich trägt und dennoch ein Entsetzen verbreitet, für das
-weder eine Erklärung noch eine Rechtfertigung ausreicht:
-
-Immer wieder begibt es sich nämlich, daß ein vollkommen fremder Mensch,
-bartlos, von gelber Gesichtsfarbe und mongolischem Typus aus der
-Richtung der Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider
-gehüllt, gleichmäßigen und eigentümlich stolpernden Ganges, so, als
-wolle er jeden Augenblick vornüber fallen, durch die Judenstadt
-schreitet und plötzlich -- unsichtbar wird.
-
-Gewöhnlich biegt er in eine Gasse und ist dann verschwunden.
-
-Ein andermal heißt es, er habe auf seinem Wege einen Kreis beschrieben
-und sei zu dem Punkte zurückgekehrt, von dem er ausgegangen: einem
-uralten Hause in der Nähe der Synagoge.
-
-Einige Aufgeregte wiederum behaupten, sie hätten ihn um eine Ecke auf
-sich zukommen sehen. Wiewohl er ihnen aber ganz deutlich
-entgegengeschritten, sei er dennoch, genau wie jemand, dessen Gestalt
-sich in weiter Ferne verliert, immer kleiner und kleiner geworden und --
-schließlich ganz verschwunden.
-
-Vor sechsundsechzig Jahren nun muß der Eindruck, den er hervorgebracht,
-besonders tief gegangen sein, denn ich erinnere mich -- ich war noch ein
-ganz kleiner Junge --, daß man das Gebäude in der Altschulgasse damals
-von oben bis unten durchsuchte.
-
-Es wurde auch festgestellt, daß wirklich in diesem Hause ein Zimmer mit
-Gitterfenstern vorhanden ist, zu dem es keinen Zugang gibt.
-
-Aus allen Fenstern hatte man Wäsche gehängt, um von der Gasse aus einen
-Augenschein zu gewinnen, und war auf diese Weise der Tatsache auf die
-Spur gekommen.
-
-Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich ein Mann an einem
-Strick vom Dache herabgelassen, um hineinzusehen. Kaum aber war er in
-die Nähe des Fensters gelangt, da riß das Seil, und der Unglückliche
-zerschmetterte sich auf dem Pflaster den Schädel. Und als später der
-Versuch nochmals wiederholt werden sollte, gingen die Ansichten über die
-Lage des Fensters derart auseinander, daß man davon abstand.
-
-Ich selber begegnete dem >Golem< das erste Mal in meinem Leben vor
-ungefähr dreiunddreißig Jahren.
-
-Er kam in einem sogenannten Durchhause auf mich zu, und wir rannten fast
-aneinander.
-
-Es ist mir heute noch unbegreiflich, was damals in mir vorgegangen sein
-muß. Man trägt doch um Gotteswillen nicht immerwährend, tagaus, tagein
-die Erwartung mit sich herum, man werde dem Golem begegnen.
-
-In jenem Augenblick aber, bestimmt -- ganz bestimmt, noch ehe ich seiner
-ansichtig werden konnte, schrie etwas in mir gellend auf: der Golem! Und
-im selben Moment stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor,
-und jener Unbekannte ging an mir vorüber. Eine Sekunde später drang eine
-Flut bleicher, aufgeregter Gesichter mir entgegen, die mich mit Fragen
-bestürmten, ob ich ihn gesehen hätte.
-
-Und als ich antwortete, da fühlte ich, daß sich meine Zunge wie aus
-einem Krampfe löste, von dem ich vorher nichts gespürt hatte.
-
-Ich war förmlich überrascht, daß ich mich bewegen konnte, und deutlich
-kam mir zum Bewußtsein, daß ich mich, wenn auch nur den Bruchteil eines
-Herzschlages lang -- in einer Art Starrkrampf befunden haben mußte.
-
-Über all das habe ich oft und lang nachgedacht, und mich dünkt, ich
-komme der Wahrheit am nächsten, wenn ich sage: immer einmal in der Zeit
-eines Menschenalters geht blitzschnell eine geistige Epidemie durch die
-Judenstadt, befällt die Seelen der Lebenden zu irgendeinem Zweck, der
-uns verhüllt bleibt, und läßt wie eine Luftspiegelung die Umrisse eines
-charakteristischen Wesens erstehen, das vielleicht vor Jahrhunderten
-hier gelebt hat und nach Form und Gestaltung dürstet.
-
-Vielleicht ist es mitten unter uns, Stunde für Stunde, und wir nehmen es
-nicht wahr. Hören wir doch auch den Ton einer schwirrenden Stimmgabel
-nicht, bevor sie das Holz berührt und es mitschwingen macht.
-
-Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk, ohne
-innewohnendes Bewußtsein, -- ein Kunstwerk, das entsteht, wie ein
-Kristall nach stets sich gleichbleibendem Gesetz aus dem Gestaltlosen
-herauswächst.
-
-Wer weiß das?
-
-Wie in schwülen Tagen die elektrische Spannung sich bis zur
-Unerträglichkeit steigert und endlich den Blitz gebiert, könnte es da
-nicht sein, daß auch auf die stetige Anhäufung jener niemals wechselnden
-Gedanken, die hier im Ghetto die Luft vergiften, eine plötzliche,
-ruckweise Entladung folgen muß? -- eine seelische Explosion, die unser
-Traumbewußtsein ans Tageslicht peitscht, um -- dort den Blitz der Natur
--- hier ein Gespenst zu schaffen, das in Mienen, Gang und Gehaben, in
-allem und jedem das Symbol der Massenseele unfehlbar offenbaren müßte,
-wenn man die geheime Sprache der Formen nur richtig zu deuten verstünde?
-
-Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen des Blitzes ankünden,
-so verraten auch hier gewisse grauenhafte Vorzeichen das drohende
-Hereinbrechen jenes Phantoms ins Reich der Tat. Der abblätternde Bewurf
-einer alten Mauer nimmt eine Gestalt an, die einem schreitenden Menschen
-gleicht; und in Eisblumen am Fenster bilden sich die Züge starrer
-Gesichter. Der Sand vom Dache scheint anders zu fallen als sonst und
-drängt dem argwöhnischen Beobachter den Verdacht auf, eine unsichtbare
-Intelligenz, die sich lichtscheu verborgen hält, werfe ihn herab und übe
-sich in heimlichen Versuchen, allerlei seltsame Umrisse hervorzubringen.
--- Ruht das Auge auf eintönigem Geflecht oder den Unebenheiten der Haut,
-bemächtigt sich unser die unerfreuliche Gabe, überall mahnende,
-bedeutsame Formen zu sehen, die in unsern Träumen ins Riesengroße
-auswachsen. Und immer zieht sich durch solche schemenhafte Versuche der
-angesammelten Gedankenherden, die Wälle der Alltäglichkeit zu
-durchnagen, für uns wie ein roter Faden die qualvolle Gewißheit, daß
-unser eigenstes Inneres mit Vorbedacht und gegen unsern Willen
-ausgesogen wird, nur damit die Gestalt des Phantoms plastisch werden
-könne.
-
-Wie ich nun vorhin Pernath bestätigen hörte, daß ihm ein Mensch begegnet
-sei, bartlos, mit schiefgestellten Augen, da stand der >Golem< vor mir,
-wie ich ihn damals gesehen.
-
-Wie aus dem Boden gewachsen stand er vor mir.
-
-Und eine gewisse dumpfe Furcht, es stehe wieder etwas Unerklärliches
-nahe bevor, befiel mich einen Augenblick lang; dieselbe Angst, die ich
-schon einmal in meinen Kinderjahren verspürt, als die ersten spukhaften
-Äußerungen des Golem ihre Schatten vorauswarfen.
-
-Sechsundsechzig Jahre ist das wohl jetzt her und knüpft sich an einen
-Abend, an dem der Bräutigam meiner Schwester zu Besuch gekommen war, und
-in der Familie der Tag der Hochzeit festgesetzt werden sollte.
-
-Es wurde damals Blei gegossen -- zum Scherz -- und ich stand mit offenem
-Munde dabei und begriff nicht, was das zu bedeuten habe, -- in meiner
-wirren, kindlichen Vorstellung brachte ich es in Zusammenhang mit dem
-Golem, von dem ich meinen Großvater oft hatte erzählen hören, und
-bildete mir ein, jeden Augenblick müsse die Tür aufgehen und der
-Unbekannte eintreten.
-
-Meine Schwester leerte dann den Löffel mit dem flüssigen Metall in das
-Wasserschaff und lachte mich, der ich aufgeregt zusah, lustig an.
-
-Mit welken, zitternden Händen holte mein Großvater den blitzenden
-Bleiklumpen heraus und hielt ihn ans Licht. Gleich darauf entstand eine
-allgemeine Erregung. Man redete laut durcheinander; ich wollte mich
-hinzudrängen, aber man wehrte mich ab.
-
-Später, als ich älter geworden, erzählte mir mein Vater, es wäre damals
-das geschmolzene Metall zu einem kleinen, ganz deutlichen Kopf erstarrt
-gewesen, -- glatt und rund, wie nach einer Form gegossen, und von solch
-unheimlicher Ähnlichkeit mit den Zügen des >Golem<, daß sich alle
-entsetzt hätten.
-
-Oft sprach ich mit dem Archivar Schemajah Hillel, der die Requisiten der
-Altneusynagoge in Verwahrung hat und auch die gewisse Lehmfigur aus
-Kaiser Rudolfs Zeiten, darüber. Er hat sich mit Kabbala befaßt und
-meint, jener Erdklumpen mit den menschlichen Gliedmaßen sei vielleicht
-nichts anderes als ein ehemaliges Vorzeichen, ganz so wie in meinem Fall
-der bleierne Kopf. Und der Unbekannte, der da umgehe, müsse das
-Phantasie- oder Gedankenbild sein, das jener mittelalterliche Rabbiner
-zuerst _lebendig gedacht_ habe, ehe er es mit Materie bekleiden konnte,
-und das nun in regelmäßigen Zeitabschnitten, bei den gleichen
-astrologischen Sternstellungen, unter denen es erschaffen worden --
-wiederkehre, vom Triebe nach stofflichem Leben gequält.
-
-Auch Hillels verstorbene Frau hat den >Golem< von Angesicht zu Angesicht
-erblickt und ebenso wie ich gefühlt, daß man sich im Starrkrampf
-befindet, solange das rätselhafte Wesen in der Nähe weilt.
-
-Sie sagte, sie sei felsenfest überzeugt gewesen, daß es damals nur ihre
-eigene Seele habe sein können, die -- aus dem Körper getreten -- ihr
-einen Augenblick gegenübergestanden und mit den Zügen eines fremden
-Geschöpfes ins Gesicht gestarrt hätte.
-
-Trotz eines furchtbaren Grauens, das sich ihrer damals bemächtigt, habe
-sie doch keine Sekunde die Gewißheit verlassen, daß jener andere nur ein
-Stück ihres eignen Innern sein konnte.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Es ist unglaublich«, murmelte Prokop in Gedanken verloren.
-
-Auch der Maler Vrieslander schien ganz in Grübeln versunken.
-
-Da klopfte es an die Türe und das alte Weib, das mir des Abends Wasser
-bringt und was ich sonst noch nötig habe, trat ein, stellte den tönernen
-Krug auf den Boden und ging stillschweigend wieder hinaus.
-
-Wir alle hatten aufgeblickt und sahen wie erwacht im Zimmer umher, aber
-noch lange Zeit sprach niemand ein Wort.
-
-Als sei ein neuer Einfluß mit der Alten zur Tür hereingeschlüpft, an den
-man sich erst gewöhnen mußte.
-
-»Ja! Die rothaarige Rosina, das ist auch so ein Gesicht, das man nicht
-loswerden kann und aus den Winkeln und Ecken immer wieder auftauchen
-sieht«, sagte plötzlich Zwakh ganz unvermittelt. »Dieses erstarrte,
-grinsende Lächeln kenne ich nun schon ein ganzes Menschenleben. Erst die
-Großmutter, dann die Mutter! -- Und stets das gleiche Gesicht, kein Zug
-anders! Derselbe Name Rosina; -- es ist immer eine die Auferstehung der
-andern.«
-
-»Ist Rosina nicht die Tochter des Trödlers Aaron Wassertrum?« fragte
-ich.
-
-»Man spricht so«, meinte Zwakh, -- -- »Aaron Wassertrum aber hat manchen
-Sohn und manche Tochter, von denen man nicht weiß. Auch bei Rosinas
-Mutter wußte man nicht, wer ihr Vater gewesen, -- auch nicht, was aus
-ihr geworden ist. -- Mit fünfzehn Jahren hatte sie ein Kind geboren und
-war seitdem nicht mehr aufgetaucht. Ihr Verschwinden hing mit einem Mord
-zusammen, soweit ich mich entsinnen kann, der ihretwegen in diesem Hause
-begangen wurde.
-
-Wie jetzt ihre Tochter, spukte damals _sie_ den halbwüchsigen Jungen im
-Kopfe. Einer von ihnen lebt noch, -- ich sehe ihn öfter, -- doch sein
-Name ist mir entfallen. Die andern sind bald gestorben, und ich meine,
-sie hat sie alle frühzeitig unter die Erde gebracht. Ich erinnere mich
-aus jener Zeit überhaupt nur noch an kurze Episoden, die wie verblichene
-Bilder durch mein Gedächtnis treiben. So hat es damals einen halb
-blödsinnigen Menschen gegeben, der nachts von Schenke zu Schenke zog und
-den Gästen gegen ein paar Kreuzer Silhouetten aus schwarzem Papier
-schnitt. Und wenn man ihn betrunken machte, geriet er in eine unsägliche
-Traurigkeit, und unter Tränen und Schluchzen schnitzelte er, ohne
-aufzuhören, immer das gleiche scharfe Mädchenprofil, bis sein ganzer
-Papiervorrat verbraucht war.
-
-Aus Zusammenhängen zu schließen, die ich längst vergessen, hatte er --
-fast als Kind noch -- eine gewisse Rosina, wohl die Großmutter der
-heutigen, so heftig geliebt, daß er den Verstand darüber verlor.
-
-Wenn ich die Jahre zurückzähle, kann es keine andere als die Großmutter
-der jetzigen Rosina gewesen sein.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Zwakh schwieg und lehnte sich zurück. -- -- --
-
-Das Schicksal in diesem Haus irrt im Kreise umher und kehrt immer wieder
-zum selben Punkt zurück, fuhr es mir durch den Sinn, und ein häßliches
-Bild, das ich einmal mit angesehen -- eine Katze mit verletzter
-Gehirnhälfte im Kreise herumtaumelnd -- trat vor mein Auge. -- -- --
-
-»Jetzt kommt der Kopf«, hörte ich plötzlich den Maler Vrieslander mit
-heller Stimme sagen.
-
-Und er nahm einen runden Holzklotz aus der Tasche und begann an ihm zu
-schnitzen.
-
-Eine schwere Müdigkeit legte sich mir über die Augen, und ich rückte
-meinen Lehnstuhl aus dem Lichtschein in den Hintergrund.
-
-Das Wasser für den Punsch brodelte im Kessel und Josua Prokop füllte
-wiederum die Gläser. Leise, ganz leise klangen die Klänge der Tanzmusik
-durch das geschlossene Fenster; -- manchmal verstummten sie vollends,
-dann wiederum wachten sie ein wenig auf, wie sie der Wind unterwegs
-verlor oder zu uns von der Gasse emportrug.
-
-Ob ich denn nicht mit anstoßen wolle, fragte mich nach einer Weile der
-Musiker.
-
-Ich aber gab keine Antwort, -- so vollkommen war mir der Wille, mich zu
-bewegen, abhanden gekommen, daß ich gar nicht auf den Gedanken, den Mund
-zu öffnen, verfiel.
-
-Ich dachte ich schliefe, so steinern war die innere Ruhe, die sich
-meiner bemächtigt hatte. Und ich mußte hinüber auf Vrieslanders
-funkelndes Messer blinzeln, das ruhelos aus dem Holz kleine Späne biß,
--- um die Gewißheit zu erlangen, daß ich wach sei.
-
-In weiter Ferne brummte Zwakhs Stimme und erzählte wieder allerlei
-wunderliche Geschichten über Marionetten und krause Märchen, die er für
-seine Puppenspiele erdacht.
-
-Auch von Dr. Savioli war die Rede und von der vornehmen Dame, der Gattin
-eines Adligen, die in das versteckte Atelier heimlich zu Savioli zu
-Besuch komme.
-
-Und wiederum sah ich im Geiste Aaron Wassertrums höhnische,
-triumphierende Miene. --
-
-Ob ich Zwakh nicht mitteilen sollte, was sich damals ereignet hatte,
-überlegte ich, -- dann hielt ich es nicht der Mühe für wert und für
-belanglos. Auch wußte ich, daß mein Wille versagen würde, wollte ich
-jetzt den Versuch machen zu sprechen.
-
-Plötzlich sahen die drei am Tische aufmerksam zu mir herüber und Prokop
-sagte ganz laut: »Er ist eingeschlafen«, -- so laut, daß es fast klang,
-als ob es eine Frage sein sollte.
-
-Sie redeten mit gedämpfter Stimme weiter, und ich erkannte, daß sie von
-mir sprachen.
-
-Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und fing das Licht auf,
-das von der Lampe niederfloß, und der spiegelnde Schein brannte mir in
-den Augen.
-
-Es fiel ein Wort wie: »irr sein«, und ich horchte auf die Rede, die in
-der Runde ging.
-
-»Gebiete, wie das vom >Golem< sollte man vor Pernath nie berühren,«
-sagte Josua Prokop vorwurfsvoll, »als er vorhin von dem Buche Ibbur
-erzählte, schwiegen wir still und fragten nicht weiter. Ich möchte
-wetten, er hat alles nur geträumt.«
-
-Zwakh nickte: »Sie haben ganz recht. Es ist, wie wenn man mit offenem
-Lichte eine verstaubte Kammer betreten wollte, in der morsche Tücher
-Decke und Wände bespannen und der dürre Zunder der Vergangenheit fußhoch
-den Boden bedeckt; ein flüchtiges Berühren nur und schon schlägt das
-Feuer aus allen Ecken.«
-
-»War Pernath lange im Irrenhaus? Schade um ihn, er kann doch erst
-vierzig sein«, sagte Vrieslander.
-
-»Ich weiß es nicht, ich habe auch keine Vorstellung, woher er stammen
-mag und was früher sein Beruf gewesen ist. Aussehen tut er ja wie ein
-altfranzösischer Edelmann mit seiner schlanken Gestalt und dem
-Spitzbart. Vor vielen, vielen Jahren hat mich ein befreundeter alter
-Arzt gebeten, ich möchte mich seiner ein wenig annehmen und ihm eine
-kleine Wohnung hier in diesen Gassen, wo sich niemand um ihn kümmern und
-mit Fragen nach früheren Zeiten beunruhigen würde, aussuchen.« -- Wieder
-sah Zwakh bewegt zu mir herüber. -- »Seit jener Zeit lebt er hier,
-bessert Antiquitäten aus und schneidet Gemmen und hat sich damit einen
-kleinen Wohlstand gegründet. Es ist ein Glück für ihn, daß er alles, was
-mit seinem Wahnsinn zusammenhängt, vergessen zu haben scheint. Fragen
-Sie ihn beileibe nur niemals nach Dingen, die die Vergangenheit in
-seiner Erinnerung wachrufen könnten, -- wie oft hat mir das der alte
-Arzt ans Herz gelegt! Wissen Sie, Zwakh, sagte er immer, wir haben so
-eine gewisse Methode; wir haben seine Krankheit mit vieler Mühe
-eingemauert, möchte ich's nennen, -- so wie man eine Unglücksstätte
-einfriedet, weil sich an sie eine traurige Erinnerung knüpft.« -- -- --
-
-Die Rede des Marionettenspielers war auf mich zugekommen wie ein
-Schlächter auf ein wehrloses Tier und preßte mir mit rohen, grausamen
-Händen das Herz zusammen.
-
-Von jeher hatte eine dumpfe Qual an mir genagt, -- ein Ahnen, als wäre
-mir etwas genommen worden und als hätte ich in meinem Leben eine lange
-Strecke Wegs an einem Abgrunde hin durchschritten wie ein Schlafwandler.
-Und nie war es mir gelungen, die Ursache zu ergründen.
-
-Jetzt lag des Rätsels Lösung offen vor mir und brannte mich unerträglich
-wie eine bloßgelegte Wunde.
-
-Mein krankhafter Widerwillen, der Erinnerung an verflossene Ereignisse
-nachzuhängen, -- dann der seltsame, von Zeit zu Zeit immer
-wiederkehrende Traum, ich sei in ein Haus mit einer Flucht mir
-unzugänglicher Gemächer gesperrt, -- das beängstigende Versagen meines
-Gedächtnisses in Dingen, die meine Jugendzeit betrafen, -- alles das
-fand mit einem Male seine furchtbare Erklärung: Ich war wahnsinnig
-gewesen und man hatte Hypnose angewandt, hatte das -- »Zimmer«
-verschlossen, das die Verbindung zu jenen Gemächern meines Gehirns
-bildete, und mich zum Heimatlosen inmitten des mich umgebenden Lebens
-gemacht.
-
-Und keine Aussicht, die verlorene Erinnerung je wiederzugewinnen!
-
-Die Triebfedern meines Denkens und Handelns liegen in einem andern,
-vergessenen Dasein verborgen, begriff ich, -- nie würde ich sie erkennen
-können: eine verschnittne Pflanze bin ich, ein Reis, das aus einer
-fremden Wurzel sproßt. Gelänge es mir auch, den Eingang in jenes
-verschlossene »Zimmer« zu erzwingen, müßte ich nicht abermals den
-Gespenstern, die man darein gebannt, in die Hände fallen?!
-
-Die Geschichte von dem >Golem<, die Zwakh vor einer Stunde erzählte, zog
-mir durch den Sinn, und plötzlich erkannte ich einen riesengroßen,
-geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem sagenhaften Gemach ohne
-Zugang, in dem jener Unbekannte wohnen sollte, und meinem
-bedeutungsvollen Traum.
-
-Ja! auch in meinem Falle »würde der Strick reißen«, wollte ich
-versuchen, in das vergitterte Fenster meines Innern zu blicken.
-
-Der seltsame Zusammenhang wurde mir immer deutlicher und nahm etwas
-unbeschreiblich Erschreckendes für mich an.
-
-Ich fühlte: es sind da Dinge -- unfaßbare -- zusammengeschmiedet und
-laufen wie blinde Pferde, die nicht wissen, wohin der Weg führt,
-nebeneinander her.
-
-Auch im Ghetto: ein Zimmer, ein Raum, dessen Eingang niemand finden
-kann, -- ein schattenhaftes Wesen, das darin wohnt und nur zuweilen
-durch die Gassen tappt, um Grauen und Entsetzen unter die Menschen zu
-tragen! -- -- --
-
-Immer noch schnitzte Vrieslander an dem Kopfe, und das Holz knirschte
-unter der Klinge des Messers.
-
-Es tat mir fast weh, wie ich es hörte, und ich sah hin, ob es denn nicht
-bald zu Ende sei.
-
-Wie der Kopf sich in des Malers Hand hin und her wandte, war es, als
-habe er Bewußtsein und spähe von Winkel zu Winkel. Dann ruhten seine
-Augen lange auf mir, befriedigt, daß sie mich endlich gefunden.
-
-Auch ich vermochte meine Blicke nicht mehr abzuwenden und starrte
-unverwandt auf das hölzerne Antlitz.
-
-Eine Weile schien das Messer des Malers zögernd etwas zu suchen, dann
-ritzte es entschlossen eine Linie ein, und plötzlich gewannen die Züge
-des Holzkopfes schreckhaftes Leben.
-
-Ich erkannte das gelbe Gesicht des Fremden, der mir damals das Buch
-gebracht.
-
-Dann konnte ich nichts mehr unterscheiden, der Anblick hatte nur eine
-Sekunde gedauert, und ich spürte, daß mein Herz zu schlagen aufhörte und
-ängstlich flatterte.
-
-Dennoch blieb ich mir -- wie damals -- des Gesichtes bewußt.
-
-_Ich war es selber geworden und lag auf Vrieslanders Schoß und spähte
-umher._
-
-Meine Augen wanderten im Zimmer umher, und eine fremde Hand bewegte
-meinen Schädel.
-
-Dann sah ich mit einem Male Zwakhs aufgeregte Mienen und hörte seine
-Worte: um Gottes Willen, das ist ja der Golem!
-
-Und ein kurzes Ringen entstand, und man wollte Vrieslander mit Gewalt
-das Schnitzwerk entreißen, doch der wehrte sich und rief lachend:
-
-»Was wollt ihr, es ist doch ganz und gar mißlungen.« Und er wand sich
-los, öffnete das Fenster und warf den Kopf auf die Gasse hinunter.
-
-Da schwand mein Bewußtsein und ich tauchte in eine tiefe Finsternis, die
-von schimmernden Goldfäden durchzogen war, und als ich, wie es mir
-schien, nach einer langen, langen Zeit erwachte, da erst hörte ich das
-Holz klappernd auf das Pflaster fallen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Sie haben so fest geschlafen, daß Sie nicht merkten, wie wir Sie
-schüttelten,« -- sagte Josua Prokop zu mir, »der Punsch ist aus, und Sie
-haben alles versäumt.«
-
-Der heiße Schmerz, über das, was ich vorhin mitangehört, übermannte mich
-wieder, und ich wollte aufschreien, daß ich nicht geträumt habe, als ich
-ihnen von dem Buche Ibbur erzählte -- und es aus der Kassette nehmen und
-ihnen zeigen könne.
-
-Aber diese Gedanken kamen nicht zu Wort und konnten die Stimmung
-allgemeinen Aufbruches, die meine Gäste ergriffen hatte, nicht
-durchdringen.
-
-Zwakh hängte mir mit Gewalt den Mantel um und rief:
-
-»Kommen Sie nur mit zum Loisitschek, Meister Pernath, es wird Ihre
-Lebensgeister erfrischen.«
-
-
-
-
- Nacht
-
-
-Willenlos hatte ich mich von Zwakh die Treppe hinunterführen lassen.
-
-Ich spürte den Geruch des Nebels, der von der Straße ins Haus drang,
-deutlicher und deutlicher werden. Josua Prokop und Vrieslander waren
-einige Schritte vorausgegangen, und man hörte, wie sie draußen vor dem
-Torweg mitsammen sprachen.
-
-»Er muß rein in das Kanalgitter gefallen sein. Es ist doch zum
-Teufelholen.«
-
-Wir traten hinaus auf die Gasse, und ich sah, wie Prokop sich bückte und
-die Marionette suchte.
-
-»Freut mich, daß du den dummen Kopf nicht finden kannst«, brummte
-Vrieslander. Er hatte sich an die Mauer gestellt und sein Gesicht
-leuchtete grell auf und erlosch wieder in kurzen Intervallen -- wie er
-das Feuer eines Streichholzes zischend in seine kurze Pfeife sog.
-
-Prokop machte eine heftig abwehrende Bewegung mit dem Arm und beugte
-sich noch tiefer herab. Er kniete beinahe auf dem Pflaster:
-
-»Still doch! Hört ihr denn nichts?«
-
-Wir traten an ihn heran. Er deutete stumm auf das Kanalgitter und legte
-horchend die Hand ans Ohr. Eine Weile standen wir unbeweglich und
-lauschten in den Schacht hinab.
-
-Nichts.
-
-»Was war's denn?« flüsterte endlich der alte Marionettenspieler; doch
-sofort packte ihn Prokop heftig beim Handgelenk.
-
-Einen Augenblick -- kaum einen Herzschlag lang -- hatte es mir
-geschienen, als klopfte da unten eine Hand gegen eine Eisenplatte --
-fast unhörbar. Wie ich eine Sekunde später darüber nachdachte, war alles
-vorbei; nur in meiner Brust hallte es wie ein Erinnerungsecho weiter und
-löste sich langsam in ein unbestimmtes Gefühl des Grauens auf.
-
-Schritte, die die Gasse heraufkamen, verscheuchten den Eindruck.
-
-»Gehen wir; was stehen wir da herum!« mahnte Vrieslander.
-
-Wir schritten die Häuserreihe entlang.
-
-Prokop folgte nur widerwillig.
-
-»Meinen Hals möcht' ich wetten, da unten hat jemand geschrien in
-Todesangst.«
-
-Niemand von uns antwortete ihm, aber ich fühlte, daß etwas wie leise
-dämmernde Angst uns die Zunge in Fesseln hielt.
-
-Bald darauf standen wir vor einem rotverhängten Schenkenfenster.
-
- »SALON LOISITSCHEK«.
- »Heinte großes Konzehr«
-
-stand auf einem Pappendeckel geschrieben, dessen Rand mit verblichenen
-Photographien von Frauenzimmern bedeckt war.
-
-Ehe noch Zwakh die Hand auf die Klinke legen konnte, öffnete sich die
-Eingangstür nach innen und ein vierschrötiger Kerl mit gewichstem,
-schwarzem Haar, ohne Kragen -- eine grünseidene Kravatte um den bloßen
-Hals geschlungen und die Frackweste mit einem Klumpen aus Schweinszähnen
-geschmückt -- empfing uns mit Bücklingen.
-
-»Jä, jä, das sin mir Gästäh. -- -- -- Pane Schaffranek, rasch einen
-Tusch!« setzte er, über die Schulter in das von Menschen überfüllte
-Lokal gewendet, hastig seinem Willkommengruß hinzu.
-
-Ein klimperndes Geräusch, wie wenn eine Ratte über Klaviersaiten liefe,
-war die Antwort.
-
-»Jä, jä, das sin mir Gästäh, das sin mir Gästäh. Da schaut man«,
-murmelte der Vierschrötige immerwährend vor sich hin, während er uns aus
-den Mänteln half.
-
-»Ja, ja, heinte ist der ganze verehrliche Hochadel des Landes bei mir
-versammelt«, beantwortete er triumphierend Vrieslanders erstaunte Miene,
-als im Hintergrund auf einer Art Estrade, die durch Geländer und eine
-zweistufige Treppe vom vorderen Teil der Schenke getrennt war, ein paar
-vornehme junge Herren in Abendtoilette sichtbar wurden.
-
-Schwaden beißenden Tabakrauches lagerten über den Tischen, hinter denen
-die langen Holzbänke an den Wänden vollbesetzt von zerlumpten Gestalten
-waren: Dirnen von den Schanzen, ungekämmt, schmutzig, barfuß, die festen
-Brüste kaum verhüllt von mißfarbigen Umhängetüchern, Zuhälter daneben
-mit blauen Militärmützen und Zigaretten hinter dem Ohr, Viehhändler mit
-haarigen Fäusten und schwerfälligen Fingern, die bei jeder Bewegung eine
-stumme Sprache der Niedertracht redeten, vazierende Kellner mit frechen
-Augen und blatternarbige Kommis mit karrierten Hosen.
-
-»Ich stell' ich Ihnen spanische Plente umadum, damit Sie schön ungestört
-sein«, krächzte die feiste Stimme des Vierschrötigen, und eine Rollwand,
-beklebt mit kleinen tanzenden Chinesen, schob sich langsam vor den
-Ecktisch, an den wir uns gesetzt hatten.
-
-Schnarrende Klänge einer Harfe machten das Stimmengewirr im Zimmer
-verlöschen.
-
-Eine Sekunde eine rhythmische Pause.
-
-Totenstille, als hielte alles den Atem an.
-
-Mit erschreckender Deutlichkeit hörte man plötzlich wie die eisernen
-Gasstäbe fauchend die flachen herzförmigen Flammen aus ihren Mündern in
-die Luft bliesen -- -- dann fiel die Musik über das Geräusch her und
-verschlang es.
-
-Als wären sie soeben erst entstanden, tauchten da zwei seltsame
-Gestalten aus dem Tabakqualm vor meinem Blick empor.
-
-Mit langem, wallendem, weißem Prophetenbart, ein schwarzseidenes
-Käppchen -- wie es die alten jüdischen Familienväter tragen -- auf dem
-Kahlkopf, die blinden Augen milchbläulich und gläsern -- starr zur Decke
-gerichtet -- saß dort ein Greis, bewegte lautlos die Lippen und fuhr mit
-dürren Fingern wie mit Geierkrallen in die Saiten einer Harfe. Neben ihm
-in speckglänzendem, schwarzem Taffetkleid, Jettschmuck und Jettkreuz an
-Hals und Armen -- ein Sinnbild erheuchelter Bürgermoral -- ein
-schwammiges Weibsbild, die Ziehharmonika auf dem Schoß.
-
-Ein wildes Gestolper von Klängen drängte sich aus den Instrumenten, dann
-sank die Melodie ermattet zur bloßen Begleitung herab.
-
-Der Greis hatte ein paarmal in die Luft gebissen und riß den Mund weit
-auf, daß man die schwarzen Zahnstumpen sehen konnte. Langsam aus der
-Brust herauf rang sich ihm, von seltsamen hebräischen Röchellauten
-begleitet, ein wilder Baß:
-
-»Roo -- n -- te, blau -- we Stern -- --«
-
-»Rititit« (schrillte das Weibsbild dazwischen und schnappte sofort die
-keifigen Lippen zusammen, als habe sie schon zuviel gesagt)
-
- »Roonte blaue Steern
- Hörndlach ess i' ach geern«;
- »Rititit«
- »Rothboart, Grienboart
- allerlaj Stern« -- --
- »Rititit, rititit.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die Paare traten zum Tanze an.
-
-»Es ist das Lied vom >chomezigen Borchu<«, erklärte uns lächelnd der
-Marionettenspieler und schlug leise mit dem Zinnlöffel, der
-sonderbarerweise mit einer Kette am Tisch befestigt war, den Takt. »Vor
-wohl hundert Jahren oder mehr noch hatten zwei Bäckergesellen, Rotbart
-und Grünbart, am Abend des >Schabbes Hagodel< das Brot -- Sterne und
-Hörnchen -- vergiftet, um ein ausgiebiges Sterben in der Judenstadt
-hervorzurufen; aber der >Meschores< -- der Gemeindediener -- war infolge
-göttlicher Erleuchtung noch rechtzeitig daraufgekommen und konnte die
-beiden Verbrecher der Stadtpolizei überliefern. Zur Erinnerung an die
-wundersame Errettung aus Todesgefahr dichteten damals die >Lamdonim< und
->Bocherlech< jenes seltsame Lied, das wir hier jetzt als
-Bordellquadrille hören.«
-
-»Rititit -- Rititit«
-
-»Roote blaue Steern -- -- -- --« immer hohler und fanatischer erscholl
-das Gebell des Greises.
-
-Plötzlich wurde die Melodie konfuser und ging allmählich in den Rhythmus
-des böhmischen »Schlapak« -- eines schleifenden Schiebetanzes -- über,
-bei dem die Paare die schwitzenden Wangen innig aneinander preßten.
-
-»So recht. Bravo. Äh da! fang, hep, hep!« rief von der Estrade ein
-schlanker, junger Kavalier im Frack, das Monokel im Auge, dem
-Harfenisten zu, griff in die Westentasche und warf ein Silberstück in
-der Richtung. Es erreichte sein Ziel nicht: ich sah noch, wie es über
-das Tanzgewühl hinblitzte; da war es plötzlich verschwunden. Ein Strolch
--- sein Gesicht kam mir so bekannt vor; ich glaube, es muß derselbe
-gewesen sein, der neulich bei dem Regenguß neben Charousek gestanden --
-hatte seine Hand hinter dem Busentuch seiner Tänzerin, wo er sie bisher
-hartnäckig ruhen gehabt, hervorgezogen -- ein Griff in die Luft mit
-affenartiger Geschwindigkeit, ohne auch nur einen Takt der Musik
-auszulassen, und die Münze war geschnappt. Nicht eine Muskel zuckte im
-Gesicht des Burschen auf, nur zwei, drei Paare in der Nähe grinsten
-leise.
-
-»Wahrscheinlich einer vom >Bataillon<, nach der Geschicklichkeit zu
-schließen«, sagte Zwakh lachend.
-
-»Meister Pernath hat sicherlich noch nie etwas vom >Bataillon< gehört«,
-fiel Vrieslander auffallend rasch ein und zwinkerte heimlich dem
-Marionettenspieler zu, daß ich es nicht sehen sollte. -- Ich verstand
-gar wohl: es war wie vorhin, oben auf meinem Zimmer. Sie hielten mich
-für krank. Wollten mich aufheitern. Und Zwakh sollte etwas erzählen.
-Irgend etwas.
-
-Wie mich der gute Alte so mitleidig ansah, stieg es mir heiß vom Herzen
-in die Augen. Wenn er wüßte, wie weh mir sein Mitleid tat!
-
-Ich überhörte die ersten Worte, mit denen der Marionettenspieler seine
-Worte einleitete, -- ich weiß nur, mir war, als verblute ich langsam.
-Mir wurde immer kälter und starrer, wie vorhin, als ich als hölzernes
-Gesicht auf Vrieslanders Schoß gelegen hatte. Dann war ich plötzlich
-mitten drin in der Erzählung, die mich fremdartig umfing, -- einhüllte,
-wie ein lebloses Stück aus einem Lesebuch.
-
-Zwakh begann:
-
-»_Die Erzählung vom Rechtsgelehrten Dr. Hulbert und seinem Bataillon._
-
--- -- -- No, was soll ich Ihnen sagen: Das Gesicht hatte er voller
-Warzen und krumme Beine wie ein Dachshund. Schon als Jüngling kannte er
-nichts als Studium. Trockenes, entnervendes Studium. Von dem, was er
-sich durch Stundengeben mühsam erwarb, mußte er noch seine kranke Mutter
-erhalten. Wie grüne Wiesen aussehen und Hecken und Hügel voll Blumen und
-Wälder, erfuhr er, glaube ich, nur aus Büchern. Und wie wenig von
-Sonnenschein in Prags schwarze Gassen fällt, wissen Sie ja selbst.
-
-Sein Doktorat hatte er mit Auszeichnung gemacht; das war eigentlich
-selbstverständlich.
-
-Nun, und mit der Zeit wurde er ein berühmter Rechtsgelehrter. So
-berühmt, daß alle Leute -- Richter und alte Advokaten -- zu ihm fragen
-kamen, wenn sie irgend etwas nicht wußten. Dabei lebte er ärmlich wie
-ein Bettler in einer Dachkammer, deren Fenster hinaus auf den Teinhof
-schaute.
-
-So vergingen Jahre um Jahre und Dr. Hulberts Ruf als Leuchte seiner
-Wissenschaft wurde allmählich Sprichwort im ganzen Lande. Daß ein Mann
-wie er weichen Herzensempfindungen zugänglich sein konnte, zumal sein
-Haar schon anfing weiß zu werden und sich niemand erinnerte, ihn je von
-etwas anderem als von Jurisprudenz sprechen gehört zu haben, hätte wohl
-keiner geglaubt. Doch gerade in solchen verschlossenen Herzen glüht die
-Sehnsucht am heißesten.
-
-An dem Tage, als Dr. Hulbert das Ziel erreichte, das ihm wohl schon als
-höchstes seit seiner Studentenzeit vorgeschwebt hatte: -- als nämlich
-Seine Majestät der Kaiser von Wien aus ihn zum Rektor Magnifikus an
-unserer Universität ernannte, da ging es von Mund zu Mund, er habe sich
-mit einem jungen, bildschönen Fräulein aus zwar armer, aber adliger
-Familie verlobt.
-
-Und wirklich schien von da an das Glück bei Dr. Hulbert eingezogen zu
-sein. Wenn auch seine Ehe kinderlos blieb, so trug er doch seine junge
-Gattin auf Händen, und jeden Wunsch zu erfüllen, den er ihr nur irgend
-von den Augen abzulesen vermochte, war seine höchste Freude.
-
-In seinem Glück vergaß er jedoch keineswegs, wie es wohl so manch
-anderer getan hätte, seiner leidenden Mitmenschen. »Mir hat Gott meine
-Sehnsucht gestillt,« soll er einmal gesagt haben, -- »er hat mir ein
-Traumgesicht zur Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz vor mir
-hergegangen ist seit Kindheit an: er hat mir das lieblichste Wesen zu
-eigen gegeben, das die Erde trägt. Und so will ich, daß ein Schimmer von
-diesem Glück, soweit es in meiner kleinen Macht steht, auch auf andere
-fällt.« -- -- --
-
-Und so kam es, daß er sich bei Gelegenheit eines armen Studenten annahm,
-wie seines eignen Sohnes. Vermutlich in der Erwägung, wie wohl ihm
-selbst ein solch gutes Werk getan hätte, wäre es ihm am eigenen Leib und
-Leben in den Tagen seiner kummervollen Jugendzeit passiert. Wie aber nun
-auf Erden manche Tat, die dem Menschen gut und edel scheint, Folgen nach
-sich zieht gleich der einer fluchwürdigen, weil wir wohl doch nicht
-richtig unterscheiden können zwischen dem, was giftigen Samen in sich
-trägt und was heilsamen, so begab es sich auch hier, daß aus Dr.
-Hulberts mitleidsvollem Werk das bitterste Leid für ihn selbst sproß.
-
-Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher Liebe zu dem Studenten,
-und ein erbarmungsloses Schicksal wollte, daß sie der Rektor gerade in
-dem Augenblicke, als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum Zeichen
-seiner Liebe mit einem Strauß Rosen als Geburtstagspräsent zu
-überraschen, in den Armen dessen antraf, auf den er Wohltat über Wohltat
-gehäuft hatte.
-
-Man sagt, daß die blaue Muttergottesblume für immer ihre Farbe verlieren
-kann, wenn der fahle, schweflige Schein eines Blitzes, der ein
-Hagelwetter verkündet, plötzlich auf sie fällt; gewiß ist, daß die Seele
-des alten Mannes für immer erblindete an dem Tage, wo sein Glück in
-Scherben ging. Am selben Abend noch saß er, er, der bis dahin nicht
-gewußt, was Unmäßigkeit ist, hier beim »Loisitschek« -- fast bewußtlos
-vom Fusel -- bis zum Morgengrauen. Und der »Loisitschek« wurde seine
-Heimstätte für den Rest seines zerstörten Lebens. Im Sommer schlief er
-irgendwo auf dem Schutt eines Neubaues, im Winter hier auf den hölzernen
-Bänken.
-
-Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte beließ man ihm
-stillschweigend. Niemand hatte das Herz dazu, gegen ihn, den einst
-berühmten Gelehrten, den Vorwurf zu erheben, daß man Ärgernis nähme an
-seinem Wandel.
-
-Allmählich sammelte sich um ihn, was an lichtscheuem Gesindel in der
-Judenstadt sein Wesen trieb, und so kam es zur Gründung jener seltsamen
-Gemeinschaft, die man noch heutigentags »das Bataillon« nennt.
-
-Dr. Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das Bollwerk für alle
-die, denen die Polizei zu scharf auf die Finger sah. War irgendein
-entlassener Sträfling daran, zu verhungern, schickte ihn Dr. Hulbert
-splitternackt hinaus auf den Altstädter Ring -- und das Amt auf der
-sogenannten »Fischbanka« sah sich genötigt, einen Anzug beizustellen.
-Sollte eine unterstandslose Dirne aus der Stadt gewiesen werden, so
-heiratete sie schnell einen Strolch, der bezirkszuständig war, und wurde
-dadurch ansässig.
-
-Hundert solcher Auswege wußte Dr. Hulbert, und seinem Rate gegenüber
-stand die Polizei machtlos da. -- Was diese Ausgestoßenen der
-menschlichen Gesellschaft »verdienten«, übergaben sie getreulich auf
-Heller und Kreuzer der gemeinsamen Kassa, aus der der nötige
-Lebensunterhalt bestritten wurde. Niemals ließ sich auch nur eines die
-geringste Unehrlichkeit zuschulden kommen. Mag sein, daß angesichts
-dieser eisernen Disziplin der Name »das Bataillon« entstand.
-
-Pünktlich am ersten Dezember, wo sich der Tag des Unglücks jährte, das
-den alten Mann betroffen hatte, fand jedesmal nachts beim »Loisitschek«
-eine seltsame Feier statt. Kopf an Kopf gedrängt standen sie hier:
-Bettler, Vagabunden, Zuhälter und Dirnen, Trunkenbolde und
-Lumpensammler, und eine lautlose Stille herrschte wie beim Gottesdienst.
--- Und dann erzählte ihnen Dr. Hulbert dort von der Ecke aus, wo jetzt
-die beiden Musikanten sitzen, gerade unter dem Krönungsbilde Seiner
-Majestät des Kaisers seine Lebensgeschichte: -- wie er sich
-emporgerungen, den Doktortitel erworben und später ^Rektor magnificus^
-geworden war. Wenn er zu der Stelle kam, wo er mit dem Busch Rosen in
-der Hand ins Zimmer seiner jungen Frau trat, -- zur Feier ihres
-Geburtstages und zugleich zum Gedächtnis jener Stunde, da er dereinst um
-sie anhalten gekommen und sie seine liebe Braut geworden war, -- da
-versagte ihm jedesmal die Stimme, und weinend sank er am Tisch zusammen.
-Dann geschah es wohl zuweilen, daß irgendein liederliches Frauenzimmer
-ihm verschämt und heimlich, damit es keiner sehen sollte, eine halbwelke
-Blume auf die Hand legte.
-
-Von den Zuhörern rührte sich dann noch lange Zeit keiner. Zum Weinen
-sind diese Menschen zu hart, aber an ihren Kleidern blickten sie
-herunter und drehten unsicher die Finger.
-
-Eines Morgens fand man Dr. Hulbert tot auf einer Bank unten an der
-Moldau. Er wird, denke ich, erfroren sein.
-
-Sein Leichenbegängnis sehe ich noch heute vor mir. Das »Bataillon« hatte
-sich fast zerfleischt, um alles so prunkvoll wie möglich zu gestalten.
-
-Voran ging der Pedell der Universität in vollem Ornat: in den Händen das
-purpurne Kissenpolster mit der güldenen Kette darauf und hinter dem
-Leichenwagen in unabsehbarer Reihe -- -- das »Bataillon« barfuß,
-schmutzstarrend, zerlumpt und zerfetzt. Einer von ihnen hatte sein
-Letztes verkauft und ging daher: Leib, Beine und Arme mit Lagen aus
-altem Zeitungspapier umwickelt und umbunden.
-
-So erwiesen sie ihm die letzte Ehre.
-
-Auf seinem Grabe, draußen im Friedhof, steht ein weißer Stein, darein
-sind drei Figuren gemeißelt: Der Heiland gekreuzigt zwischen zwei
-Räubern. Von unbekannter Hand gestiftet. Man munkelt, Dr. Hulberts Frau
-habe das Denkmal errichtet. -- -- --
-
-Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war ein Legat vorgesehen,
-danach bekommt jeder vom »Bataillon« mittags beim »Loisitschek« umsonst
-eine Suppe; zu diesem Zwecke hängen hier am Tisch die Löffel an den
-Ketten, und die ausgehöhlten Mulden in der Tischplatte sind die Teller.
-Um 12 Uhr kommt die Kellnerin und spritzt mit einer großen, blechernen
-Spritze die Brühe hinein und, wenn sich einer nicht ausweisen kann als
-»vom Bataillon«, so zieht sie die Suppe mit der Spritze wieder zurück.
-
-Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als Witz die Runde durch
-die ganze Welt.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich aus meiner Lethargie.
-Die letzten Sätze, die Zwakh gesprochen, wehten über mein Bewußtsein
-hinweg. Ich sah noch, wie er seine Hände bewegte, um das Vor- und
-Zurückschieben eines Spritzenkolbens klarzumachen, dann jagten die
-Bilder, die sich rings um uns abrollten, so rasch und automatenhaft und
-dennoch mit so gespenstischer Deutlichkeit an meinem Auge vorüber, daß
-ich in Momenten ganz mich selbst vergaß und mir wie ein Rad vorkam in
-einem lebendigen Uhrwerk.
-
-Das Zimmer war ein einziges Menschengewühl geworden. Oben auf der
-Estrade: dutzende Herren in schwarzen Fräcken. Weiße Manschetten,
-blitzende Ringe. Eine Dragoneruniform mit Rittmeisterschnüren. Im
-Hintergrund ein Damenhut mit lachsfarbigen Straußenfedern.
-
-Durch die Stäbe des Geländers stierte das verzerrte Gesicht Loisas
-hinauf. Ich sah: er konnte sich kaum aufrecht halten. Auch Jaromir war
-da und schaute unverwandt hinauf, mit dem Rücken dicht, ganz dicht, an
-der Seitenwand, als presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen.
-
-Die Gestalten hielten plötzlich im Tanzen inne: der Wirt mußte ihnen
-etwas zugerufen haben, was sie erschreckt hatte. Die Musik spielte noch,
-aber leise; sie traute sich nicht mehr recht. Sie zitterte; man fühlte
-es deutlich. Und doch lag der Ausdruck hämischer, wilder Freude in dem
-Gesicht des Wirtes.
-
--- -- -- -- In der Eingangstür steht mit einem Mal der Polizeikommissär
-in Uniform. Er hat die Arme ausgebreitet, um niemand hinauszulassen.
-Hinter ihm ein Kriminalschutzmann.
-
-»Wird also doch hier getanzt? Trotz Verbotes? Ich sperre die Spelunke.
-Sie kommen mit, Wirt! Und was hier ist, marsch auf die Wachstube!«
-
-Es klingt wie Kommandos.
-
-Der Vierschrötige gibt keine Antwort, aber das hämische Grinsen bleibt
-in seinen Zügen.
-
-Bloß starrer ist es geworden.
-
-Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur noch.
-
-Auch die Harfe zieht den Schwanz ein.
-
-Die Gesichter sind plötzlich alle im Profil zu sehen: sie glotzen
-erwartungsvoll hinauf auf die Estrade.
-
-Und da kommt eine vornehme schwarze Gestalt gelassen die paar Stufen
-herab und geht langsam auf den Kommissär zu.
-
-Die Augen des Kriminalschutzmannes hängen gebannt an den
-heranschlendernden schwarzen Lackschuhen.
-
-Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamten stehen geblieben
-und läßt den Blick gelangweilt ihm von Kopf bis zu den Füßen und wieder
-zurückschweifen.
-
-Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben sich über das
-Geländer gebeugt und verbeißen das Lachen hinter ihren grauseidnen
-Taschentüchern.
-
-Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstück ins Auge und spuckt einem
-Mädchen, das unter ihm lehnt, seinen Zigarettenstummel ins Haar.
-
-Der Polizeikommissär hat sich verfärbt und starrt in der Verlegenheit
-immerwährend auf die Perle in der Hemdbrust des Aristokraten.
-
-Er kann den gleichgültigen, glanzlosen Blick dieses glattrasierten,
-unbeweglichen Gesichtes mit der Hakennase nicht ertragen.
-
-Es bringt ihn aus der Ruhe. Schmettert ihn nieder.
-
-Die Totenstille im Lokal wird immer quälender.
-
-»So sehen die Ritterstatuen aus, die mit gefalteten Händen auf den
-Steinsärgen liegen in den gotischen Kirchen«, flüstert der Maler
-Vrieslander mit einem Blick auf den Kavalier.
-
-Da bricht der Aristokrat endlich das Schweigen: »Äh -- Hm.« -- -- -- er
-kopiert die Stimme des Wirtes: »Jä, jä, das sin mir Gästäh -- da schaut
-man.« Ein schallendes Gejohle explodiert im Lokal, daß die Gläser
-klirren; die Strolche halten sich den Bauch vor Lachen. Eine Flasche
-fliegt an die Wand und zerschellt. Der vierschrötige Wirt meckert uns
-erläuternd und ehrfurchtsvoll zu: »Seine Durchlaucht Exzellenz Fürst
-Ferri Athenstädt.«
-
-Der Fürst hat dem Beamten eine Visitenkarte hingehalten. Der Ärmste
-nimmt sie, salutiert wiederholt und schlägt die Hacken zusammen.
-
-Es wird von neuem still, die Menge lauscht atemlos, was weiter geschehen
-wird.
-
-Der Kavalier spricht wieder:
-
-»Die Damen und Herren, die Sie hier versammelt sehen, -- äh -- sind
-meine lieben Gäste.« Seine Durchlaucht deutet mit einer nachlässigen
-Armbewegung auf das Gesindel, »wünschen Sie, Herr Kommissär, -- äh --
-vielleicht vorgestellt zu werden?«
-
-Der Kommissär verneint mit erzwungenem Lächeln, stottert verlegen etwas
-von »leidiger Pflichterfüllung« und rafft sich schließlich zu den Worten
-auf: »Ich sehe ja, daß es hier anständig zugeht.«
-
-Das bringt Leben in den Dragonerrittmeister: er eilt in den Hintergrund
-auf den Damenhut mit der Straußenfeder zu und zerrt im nächsten
-Augenblick unter dem Jubel der jungen Adligen -- Rosina am Arm herunter
-in den Saal.
-
-Sie schwankt vor Trunkenheit und hält die Augen geschlossen. Der große,
-kostbare Hut sitzt ihr schief, und sie hat nichts an als lange rosa
-Strümpfe und -- einen Herrenfrack auf dem bloßen Körper.
-
-Ein Zeichen: Die Musik fällt ein wie rasend -- -- -- »Rititit --
-Rititit« -- -- -- -- -- und schwemmt den gurgelnden Schrei fort, den der
-taubstumme Jaromir, als er Rosina gesehen, an der Wand drüben
-ausgestoßen hat. -- -- --
-
-Wir wollen gehen.
-
-Zwakh ruft nach der Kellnerin.
-
-Der allgemeine Lärm verschlingt seine Worte.
-
-Die Szenen vor mir werden phantastisch wie ein Opiumrausch.
-
-Der Rittmeister hält die halbnackte Rosina im Arm und dreht sich langsam
-mit ihr im Takt.
-
-Die Menge hat respektvoll Platz gemacht.
-
-Dann murmelt es von den Bänken: »Der Loisitschek, der Loisitschek«, die
-Hälse werden lang und zu dem tanzenden Paar gesellt sich ein zweites
-noch seltsameres. Ein weibisch aussehender Bursche in rosa Trikots, mit
-langem blondem Haar bis zu den Schultern, Lippen und Wangen geschminkt
-wie eine Dirne und die Augen niedergeschlagen in koketter Verwirrung, --
-hängt schmachtend an der Brust des Fürsten Athenstädt.
-
-Ein süßlicher Walzer quillt aus der Harfe.
-
-Wilder Ekel vor dem Leben schnürt mir die Kehle zusammen.
-
-Mein Blick sucht voll Angst die Türe: der Kommissär steht dort
-abgewendet, um nichts zu sehen, und flüstert hastig mit dem
-Kriminalschutzmann, der etwas einsteckt. Es klirrt wie Handschellen.
-
-Die beiden spähen herüber auf den blatternarbigen Loisa, der einen
-Augenblick sich zu verstecken sucht und dann gelähmt -- das Gesicht
-kalkweiß und verzerrt vor Entsetzen -- stehen bleibt.
-
-Ein Bild zuckt in der Erinnerung vor mir auf und erlischt sofort: Das
-Bild, wie »Prokop lauscht, wie ich es vor einer Stunde gesehen, -- über
-das Kanalgitter gebeugt -- und ein Todesschrei gellt aus der Erde
-empor.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich will rufen und kann nicht. Kalte Finger greifen mir in den Mund und
-biegen mir die Zunge nach unten gegen die Vorderzähne, daß es wie ein
-Klumpen meinen Gaumen erfüllt und ich kein Wort hervorbringen kann.
-
-Ich kann die Finger nicht sehen, weiß, daß sie unsichtbar sind, und doch
-empfinde ich sie wie etwas Körperliches.
-
-Und klar steht es in meinem Bewußtsein: sie gehören zu der
-gespenstischen Hand, die mir in meinem Zimmer in der Hahnpaßgasse das
-Buch »Ibbur« gegeben haben.
-
-»Wasser, Wasser!« schreit Zwakh neben mir. Sie halten mir den Kopf und
-leuchten mir mit einer Kerze in die Pupillen.
-
-»In seine Wohnung schaffen, Arzt holen -- der Archivar Hillel kennt sich
-aus in solchen Dingen -- -- zu ihm bringen!« -- beraten sie murmelnd.
-
-Dann liege ich starr wie eine Leiche auf einer Bahre und Prokop und
-Vrieslander tragen mich hinaus.
-
-
-
-
- Wach
-
-
-Zwakh war vor uns die Treppen hinaufgelaufen und ich hörte, wie Mirjam,
-die Tochter des Archivars Hillel, ihn ängstlich ausfragte und er sie zu
-beruhigen trachtete.
-
-Ich gab mir keine Mühe, hinzuhorchen, was sie miteinander sprachen, und
-erriet mehr, als ich es in Worten verstand, daß Zwakh erzählte, mir sei
-ein Unfall zugestoßen und sie kämen bitten, mir die erste Hilfe zu
-leisten und mich wieder zu Bewußtsein zu bringen.
-
-Noch immer konnte ich kein Glied rühren, und die unsichtbaren Finger
-hielten meine Zunge; aber mein Denken war fest und sicher und das Gefühl
-des Grauens hatte von mir abgelassen. Ich wußte genau, wo ich war und
-was mit mir geschah, und empfand es nicht einmal als absonderlich, daß
-man mich wie einen Toten herauftrug, samt der Bahre im Zimmer Schemajah
-Hillels niedersetzte und -- allein ließ.
-
-Eine ruhige, natürliche Zufriedenheit, wie man sie beim Heimkommen nach
-einer langen Wanderung genießt, erfüllte mich.
-
-Es war finster in der Stube, und mit verschwimmenden Umrissen hoben sich
-die Fensterrahmen in Kreuzesformen von dem mattleuchtenden Dunst ab, der
-von der Gasse heraufschimmerte.
-
-Alles kam mir selbstverständlich vor und ich wunderte mich weder
-darüber, daß Hillel mit einem jüdischen siebenflammigen Sabbatleuchter
-eintrat, noch, daß er mir gelassen »Guten Abend« wünschte wie jemandem,
-dessen Kommen er erwartet hatte.
-
-Was ich die ganze Zeit, die ich im Hause wohnte, nie als etwas
-Besonderes bemerkt hatte, -- trotzdem wir einander oft drei- bis viermal
-in der Woche auf den Stiegen begegnet waren, -- fiel mir plötzlich stark
-an ihm auf, wie er so hin und her ging, einige Gegenstände auf der
-Kommode zurechtrückte und schließlich mit dem Leuchter einen zweiten,
-gleichfalls siebenflammigen anzündete.
-
-Nämlich: sein Ebenmaß an Leib und Gliedern und der schmale, feine
-Schnitt des Gesichtes mit dem edlen Stirnaufbau.
-
-Er konnte, wie ich jetzt beim Schein der Kerze sah, nicht älter sein als
-ich: höchstens 45 Jahre zählen.
-
-»Du bist um einige Minuten früher gekommen«, -- begann er nach einer
-Weile -- »als anzunehmen war, sonst hätte ich die Lichter schon vorher
-angezündet.« -- Er deutete auf die beiden Leuchter, trat an die Bahre
-und richtete seine dunklen, tiefliegenden Augen, wie es schien, auf
-jemand, der mir zu Häupten stand oder kniete, den ich aber nicht zu
-sehen vermochte. Dabei bewegte er seine Lippen und sprach lautlos einen
-Satz.
-
-Sofort ließen die unsichtbaren Finger meine Zunge los und der
-Starrkrampf wich von mir. Ich richtete mich auf und blickte hinter mich:
-Niemand außer Schemajah Hillel und mir war im Zimmer.
-
-Sein »Du« und die Bemerkung, daß er mich erwartet habe, hatten also mir
-gegolten!?
-
-Viel befremdender als diese beiden Umstände an sich wirkte es auf mich,
-daß ich nicht imstande war, auch nur die geringste Verwunderung darüber
-zu empfinden.
-
-Hillel erriet offenbar meine Gedanken, denn er lächelte freundlich,
-wobei er mir von der Bahre aufstehen half und mit der Hand auf einen
-Sessel wies, und sagte:
-
-»Es ist auch nichts Wunderbares dabei. Schreckhaft wirken nur die
-gespenstischen Dinge -- die Kischuph -- auf den Menschen; das Leben
-kratzt und brennt wie ein härener Mantel, aber die Sonnenstrahlen der
-geistigen Welt sind mild und erwärmend.«
-
-Ich schwieg, da mir nichts einfiel, was ich ihm hätte erwidern sollen.
-Er schien auch keine Gegenrede erwartet zu haben, setzte sich mir
-gegenüber und fuhr gelassen fort: »Auch ein silberner Spiegel, hätte er
-Empfindung, litte nur Schmerzen, wenn er poliert wird. Glatt und
-glänzend geworden, gibt er alle Bilder wieder, die auf ihn fallen, ohne
-Leid und Erregung.«
-
-»Wohl dem Menschen«, setzte er leise hinzu, »der von sich sagen kann:
-Ich bin geschliffen.« -- Einen Augenblick versank er in Nachdenken, und
-ich hörte ihn einen hebräischen Satz murmeln: »^Lischuosècho Kiwisi
-Adoschem^.« Dann drang seine Stimme wieder klar an mein Ohr:
-
-»Du bist zu mir gekommen in tiefem Schlaf und ich habe dich wach
-gemacht. Im Psalm David heißt es:
-
-»_Da sprach ich in mir selbst: jetzt fange ich an: Die Rechte Gottes ist
-es, welche diese Veränderung gemacht hat._«
-
-Wenn die Menschen aufstehen von ihren Lagerstätten, so wähnen sie, sie
-hätten den Schlaf abgeschüttelt, und wissen nicht, daß sie ihren Sinnen
-zum Opfer fallen und die Beute eines neuen viel tieferen Schlafes
-werden, als der war, dem sie soeben entronnen sind. Es gibt nur ein
-wahres Wachsein und das ist das, dem du dich jetzt näherst. Sprich den
-Menschen davon und sie werden sagen, du seist krank, denn sie können
-dich nicht verstehen. Darum ist es zwecklos und grausam, ihnen davon zu
-reden.
-
- _Sie fahren dahin wie ein Strom --_
- _Und sind wie ein Schlaf,_
- _Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird --_
- _Das des Abends abgehauen wird und verdorret._«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Wer war der Fremde, der mich in meiner Kammer aufgesucht hat und mir
-das Buch »Ibbur« gab? Habe ich ihn im Wachen oder im Traum gesehen?«,
-wollte ich fragen, doch Hillel antwortete mir, noch ehe ich den Gedanken
-in Worte fassen konnte:
-
-»Nimm an, der Mann, der zu dir kam und den du den Golem nennst, bedeute
-die Erweckung des Toten durch das innerste Geistesleben. Jedes Ding auf
-Erden ist nichts als ein ewiges Symbol in Staub gekleidet!
-
-Wie denkst du mit dem Auge? Jede Form, die du siehst, denkst du mit dem
-Auge. Alles, was zur Form geronnen ist, war vorher ein Gespenst.«
-
-Ich fühlte, wie Begriffe, die bisher in meinem Hirn verankert gewesen,
-sich losrissen und gleich Schiffen ohne Steuer hinaustrieben in ein
-uferloses Meer.
-
-Ruhevoll fuhr Hillel fort:
-
-»Wer aufgeweckt worden ist, kann nicht mehr sterben; Schlaf und Tod sind
-dasselbe.«
-
-»-- -- kann nicht mehr sterben?« -- ein dumpfer Schmerz ergriff mich.
-
-»Zwei Pfade laufen nebeneinander hin: der Weg des Lebens und der Weg des
-Todes. Du hast das Buch »Ibbur« genommen und darin gelesen. Deine Seele
-ist schwanger geworden vom Geist des Lebens«, hörte ich ihn reden.
-
-»Hillel, Hillel, laß mich den Weg gehen, den alle Menschen gehen: den
-des Sterbens!«, schrie alles wild in mir auf.
-
-Schemajah Hillels Gesicht wurde starr vor Ernst.
-
-»Die Menschen gehen keinen Weg, weder den des Lebens, noch den des
-Todes. Sie treiben daher wie Spreu im Sturm. Im Talmud steht: »Ehe Gott
-die Welt schuf, hielt er den Wesen einen Spiegel vor; darin sahen sie
-die geistigen Leiden des Daseins und die Wonnen, die darauf folgten. Da
-nahmen die einen die Leiden auf sich. Die anderen aber weigerten sich,
-und diese strich Gott aus dem Buche der Lebenden.« Du aber _gehst_ einen
-Weg und hast ihn aus freiem Willen beschritten, -- wenn du es jetzt auch
-selbst nicht mehr weißt: Du bist berufen von dir selbst. Gräm' dich
-nicht: allmählich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung.
-_Wissen und Erinnerung sind dasselbe._«
-
-Der freundliche, fast liebenswürdige Ton, in den Hillels Rede
-ausgeklungen war, gab mir meine Ruhe wieder, und ich fühlte mich
-geborgen wie ein krankes Kind, das seinen Vater bei sich weiß.
-
-Ich blickte auf und sah, daß mit einem Male viele Gestalten im Zimmer
-waren und uns im Kreis umstanden: Einige in weißen Sterbegewändern, wie
-sie die alten Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut und
-Silberschnallen an den Schuhen -- aber Hillel fuhr mir mit der Hand über
-die Augen und die Stube war wieder leer.
-
-Dann geleitete er mich hinaus zur Treppe und gab mir eine brennende
-Kerze mit, damit ich mir hinaufleuchten könne in mein Zimmer.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich legte mich zu Bett und wollte schlafen, aber der Schlummer kam
-nicht, und ich geriet statt dessen in einen sonderbaren Zustand, der
-weder Träumen war, noch Wachen, noch Schlafen.
-
-Das Licht hatte ich ausgelöscht, aber trotzdem war alles in der Stube so
-deutlich, daß ich jede einzelne Form genau unterscheiden konnte. Dabei
-fühlte ich mich vollkommen behaglich und frei von der gewissen
-qualvollen Unruhe, die einen foltert, wenn man sich in ähnlicher
-Verfassung befindet.
-
-Nie vorher in meinem Leben wäre ich imstande gewesen, so scharf und
-präzis zu denken wie eben jetzt. Der Rhythmus der Gesundheit
-durchströmte meine Nerven und ordnete meine Gedanken in Reih und Glied
-wie eine Armee, die nur auf meine Befehle wartete.
-
-Ich brauchte bloß zu rufen, und sie traten vor mich und erfüllten, was
-ich wünschte.
-
-Eine Gemme, die ich in den letzten Wochen aus Aventurinstein zu
-schneiden versucht hatte, -- ohne damit zurecht zu kommen, da sich die
-vielen zerstreuten Flimmer in dem Mineral niemals mit den Gesichtszügen
-decken wollten, die ich mir vorgestellt, -- fiel mir ein, und im Nu sah
-ich die Lösung vor mir und wußte genau, wie ich den Stichel zu führen
-hatte, um der Struktur der Masse gerecht zu werden.
-
-Ehedem Sklave einer Horde phantastischer Eindrücke und Traumgesichter,
-von denen ich oft nicht gewußt: waren es Ideen oder Gefühle, sah ich
-mich jetzt plötzlich als Herr und König im eigenen Reich.
-
-Rechenexempel, die ich früher nur mit Ächzen und auf dem Papier hätte
-bewältigen können, fügten sich mir mit einem Male im Kopf spielend zum
-Resultat. Alles mit Hilfe einer neuen, in mir erwachten Fähigkeit, das
-zu sehen und festzuhalten, was ich gerade brauchte: Ziffern, Formen,
-Gegenstände oder Farben. Und wenn es sich um Fragen handelte, die durch
-derlei Werkzeuge nicht zu lösen waren: -- philosophische Probleme und
-Ähnliches --, so trat an Stelle des inneren Sehens das Gehör, wobei die
-Stimme Schemajah Hillels die Rolle des Sprechers übernahm.
-
-Erkenntnisse seltsamster Art wurden mir zuteil.
-
-Was ich tausendmal im Leben achtlos als bloßes Wort an meinem Ohr hatte
-vorübergehen lassen, stand wertgetränkt bis in die tiefste Faser vor
-mir; was ich »auswendig« gelernt, »erfaßte« ich mit einem Schlag als
-mein »Eigen«tum. Der Wortbildung Geheimnisse, die ich nie geahnt, lagen
-nackt vor mir.
-
-Die »hohen« Ideale der Menschheit, die vordem mit kommerzienrätlich
-biederer Miene, die Pathosbrust mit Orden bekleckst, mich von oben herab
-behandelt hatten, -- demütig nahmen sie jetzt die Maske von der Fratze
-und entschuldigten sich: sie seien selber ja nur Bettler, aber immerhin
-Krücken für -- einen noch frecheren Schwindel.
-
-Träumte ich nicht vielleicht doch? Hatte ich etwa gar nicht mit Hillel
-gesprochen?
-
-Ich griff nach dem Sessel neben meinem Bett.
-
-Richtig: dort lag die Kerze, die mir Schemajah mitgegeben hatte; und
-selig wie ein kleiner Junge in der Christfestnacht, der sich überzeugt
-hat, daß der wundervolle Hampelmann wirklich und leibhaftig vorhanden
-ist, wühlte ich mich wieder in die Kissen.
-
-Und wie ein Spürhund drang ich weiter vor in das Dickicht der geistigen
-Rätsel, die mich rings umgaben.
-
-Zuerst versuchte ich zu dem Punkt in meinem Leben zurückzugelangen, bis
-zu dem meine Erinnerung reichte. Nur von dort aus -- glaubte ich --
-könnte es mir möglich sein, jenen Teil meines Daseins zu überblicken,
-der für mich, durch eine seltsame Fügung des Schicksals in Finsternis
-gehüllt lag.
-
-Aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich kam nicht weiter, als daß ich
-mich wie einst in dem düsteren Hofe unseres Hauses stehen sah und durch
-den Torbogen den Trödlerladen des Aaron Wassertrum unterschied -- als ob
-ich ein Jahrhundert lang als Gemmenschneider in diesem Hause gewohnt
-hätte, immer gleich alt und ohne jemals ein Kind gewesen zu sein!
-
-Schon wollte ich es als hoffnungslos aufgeben, weiter zu schürfen in den
-Schächten der Vergangenheit, da begriff ich plötzlich mit leuchtender
-Klarheit, daß wohl in meiner Erinnerung die breite Heerstraße der
-Geschehnisse mit dem gewissen Torbogen endete, nicht aber eine Menge
-winzig schmaler Fußsteige, die wohl bisher den Hauptpfad ständig
-begleitet hatten, von mir jedoch nicht beachtet worden waren: »Woher«,
-schrie es mir fast in die Ohren, »hast du denn die Kenntnisse, dank
-derer du jetzt dein Leben fristest? Wer hat dich Gemmenschneiden gelehrt
--- und gravieren und all das andere? Lesen, schreiben, sprechen -- und
-essen -- und gehen, atmen, denken und fühlen?«
-
-Sofort griff ich den Rat meines Innern auf. Systematisch ging ich mein
-Leben zurück.
-
-Ich zwang mich, in verkehrter, aber ununterbrochener Reihenfolge zu
-überlegen: was ist soeben geschehen, was war der Ausgangspunkt dazu, was
-lag vor diesem und so weiter?
-
-Wieder war ich bei dem gewissen Torbogen angelangt -- -- jetzt! Jetzt!
-Nur ein kleiner Sprung ins Leere und der Abgrund, der mich von dem
-Vergessenen trennte, mußte überflogen sein -- da trat ein Bild vor mich,
-das ich auf der Rückwanderung meiner Gedanken übersehen hatte: Schemajah
-Hillel fuhr mir mit der Hand über die Augen -- genau wie vorhin unten in
-seinem Zimmer.
-
-Und weggewischt war alles. Sogar der Wunsch, weiter zu forschen.
-
-Nur eins stand fest als bleibender Gewinn: die Erkenntnis: die Reihe der
-Begebenheiten im Leben ist eine Sackgasse, so breit und gangbar sie auch
-zu sein scheint. Die schmalen, verborgenen Steige sind's, die in die
-verlorene Heimat zurückführen: das, was mit feiner, kaum sichtbarer
-Schrift in unserem Körper eingraviert ist, und nicht die scheußliche
-Narbe, die die Raspel des äußeren Lebens hinterläßt, -- birgt die Lösung
-der letzten Geheimnisse.
-
-So, wie ich zurückfinden könnte in die Tage meiner Jugend, wenn ich in
-der Fibel das Alphabet in verkehrter Folge vornähme von Z bis A, um dort
-anzulangen, wo ich in der Schule zu lernen begonnen, -- so, begriff ich,
-müßte ich auch wandern können in die andere ferne Heimat, die jenseits
-alles Denkens liegt.
-
-Eine Weltkugel aus Arbeit wälzte sich auf meine Schultern. Auch Herkules
-trug eine Zeitlang das Gewölbe des Himmels auf seinem Haupte, fiel mir
-ein, und versteckte Bedeutung schimmerte mir aus der Sage entgegen. Und
-wie Herkules wieder loskam durch eine List, indem er den Riesen Atlas
-bat: »Laß mich nur einen Bausch von Stricken um den Kopf binden, damit
-mir die entsetzliche Last nicht das Gehirn zersprengt«, so gäbe es
-vielleicht einen dunkeln Weg -- dämmerte mir -- von dieser Klippe weg.
-
-Ein tiefer Argwohn, der Führerschaft meiner Gedanken weiter blind zu
-vertrauen, beschlich mich plötzlich. Ich legte mich gerade und verschloß
-mit den Fingern Augen und Ohren, um nicht abgelenkt zu werden durch die
-Sinne. Um jeden Gedanken zu töten.
-
-Doch mein Wille zerschellte an dem ehernen Gesetz: Ich konnte immer nur
-einen Gedanken durch einen anderen vertreiben, und starb der eine, schon
-mästete sich der nächste an seinem Fleische. Ich flüchtete in den
-brausenden Strom meines Blutes, aber die Gedanken folgten mir auf dem
-Fuß; ich verbarg mich im Hämmerwerk meines Herzens: nur eine kleine
-Weile, und sie hatten mich entdeckt.
-
-Abermals kam mir da Hillels freundliche Stimme zu Hilfe und sagte:
-»Bleib auf deinem Weg und wanke nicht! Der Schlüssel zur Kunst des
-Vergessens gehört unseren Brüdern, die den Pfad des Todes wandeln; du
-aber bist geschwängert vom Geiste des -- Lebens.«
-
-Das Buch Ibbur erschien vor mir, und zwei Buchstaben flammten darin auf:
-der eine, der das erzene Weib bedeutete, mit dem Pulsschlag, mächtig,
-gleich einem Erdbeben, -- der andere in unendlicher Ferne: der
-Hermaphrodit auf dem Thron von Perlmutter, auf dem Haupte die Krone aus
-rotem Holz.
-
-Dann fuhr Schemajah Hillel ein drittes Mal mit der Hand über meine
-Augen, und ich schlummerte ein.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Schnee
-
-
- »Mein lieber und verehrter Meister Pernath!
-
- Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile und höchster
- Angst. Bitte, vernichten Sie ihn sofort, nachdem Sie ihn gelesen
- haben, -- oder besser noch, bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit.
- -- Ich hätte keine Ruhe sonst.
-
- Sagen Sie keiner Menschenseele, daß ich Ihnen geschrieben habe.
- Auch nicht, wohin Sie heute gehen werden!
-
- Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir -- »neulich« -- (Sie werden
- durch diese kurze Anspielung auf ein Ereignis, dessen Zeuge Sie
- waren, erraten, wer Ihnen diesen Brief schreibt, denn ich fürchte
- mich, meinen Namen darunter zu setzen) -- so viel Vertrauen
- eingeflößt, und weiter, daß Ihr lieber, seliger Vater mich als
- Kind unterrichtet hat, -- alles das gibt mir den Mut, mich an
- Sie, als vielleicht den einzigen Menschen, der noch helfen kann,
- zu wenden.
-
- Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um 5 Uhr, in die
- Domkirche auf dem Hradschin.
-
- Eine Ihnen bekannte Dame.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wohl eine Viertelstunde lang saß ich da und hielt den Brief in der Hand.
-Die seltsame, weihevolle Stimmung, die mich von gestern nacht her
-umfangen gehalten, war mit einem Schlag gewichen, -- weggeweht von dem
-frischen Windhauch eines neuen irdischen Tages. Ein junges Schicksal kam
-lächelnd und verheißungsvoll -- ein Frühlingskind -- auf mich zu. Ein
-Menschenherz suchte Hilfe bei mir. -- Bei mir! Wie sah meine Stube
-plötzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte Schrank blickte
-so zufrieden drein, und die vier Sessel kamen mir vor wie alte Leute,
-die um den Tisch herumsitzen und behaglich kichernd Tarok spielen.
-
-Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, einen Inhalt voll Reichtum
-und Glanz.
-
-So sollte der morsche Baum noch Früchte tragen?
-
-Ich fühlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, die bisher
-schlafen gelegen in mir -- verborgen gewesen in den Tiefen meiner Seele,
-verschüttet von dem Geröll, das der Alltag häuft, wie eine Quelle
-losbricht aus dem Eis, wenn der Winter zerbricht.
-
-Und ich _wußte_ so gewiß, wie ich den Brief in der Hand hielt, daß ich
-würde helfen können, um was es auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen
-gab mir die Sicherheit.
-
-Wieder und wieder las ich die Stelle: »und weiter, daß Ihr lieber,
-seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat -- -- -- -- -- --«; -- mir
-stand der Atem still. Klang das nicht wie Verheißung: »Heute noch wirst
-du mit mir im Paradiese sein?« Die Hand, die sich mir hinstreckte, Hilfe
-suchend, hielt mir das Geschenk entgegen: _die Rückerinnerung, nach der
-ich dürstete_, -- würde mir das Geheimnis offenbaren, den Vorhang heben
-helfen, der sich hinter meiner Vergangenheit geschlossen hatte!
-
-»Ihr lieber, seliger Vater« -- --, wie fremdartig die Worte klangen, als
-ich sie mir vorsagte! -- Vater! -- Einen Augenblick sah ich das müde
-Gesicht eines alten Mannes mit weißem Haar in dem Lehnstuhl neben meiner
-Truhe auftauchen -- fremd, ganz fremd und doch so schauerlich bekannt;
--- -- dann kamen meine Augen wieder zu sich, und die Hammerlaute meines
-Herzens schlugen die greifbare Stunde der Gegenwart.
-
-Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit verträumt? Ich blickte auf
-die Uhr: Gott sei Lob, erst halb fünf.
-
-Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte Hut und Mantel und schritt
-die Treppen hinab. Was kümmerte mich heute das Geraune der dunkeln
-Winkel, die bösartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die immer
-von ihnen aufstiegen: »Wir lassen dich nicht, -- du bist unser, -- wir
-wollen nicht, daß du dich freust -- das wäre noch schöner, Freude hier
-im Haus!«
-
-Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen diesen Gängen und
-Ecken her um mich gelegt mit würgenden Händen: heute wich er vor dem
-lebendigen Hauch meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an
-Hillels Tür.
-
-Sollte ich eintreten?
-
-Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir war so ganz anders
-heute, -- so, als _dürfe_ ich gar nicht hinein zu ihm. Und schon trieb
-mich die Hand des Lebens vorwärts, die Stiegen hinab. -- --
-
-Die Gasse lag weiß im Schnee.
-
-Ich glaube, daß viele Leute mich gegrüßt haben; ich erinnerte mich
-nicht, ob ich ihnen gedankt. Immer wieder fühlte ich an die Brust, ob
-ich den Brief auch bei mir trüge:
-
-Es ging eine Wärme von der Stelle aus.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengänge auf dem
-Altstädter Ring und an dem Erzbrunnen vorbei, dessen barockes Gitter
-voll Eiszapfen hing, hinüber über die steinerne Brücke mit ihren
-Heiligenstatuen und dem Standbild des Johannes von Nepomuk.
-
-Unten schäumte der Fluß voll Haß gegen die Fundamente.
-
-Halb im Traum fiel mein Blick auf den gehöhlten Sandstein der heiligen
-Luitgard mit »den Qualen der Verdammten« darin: dicht lag der Schnee auf
-den Lidern der Büßenden und den Ketten an ihren betend erhobenen Händen.
-
-Torbogen nahmen mich auf und entließen mich, Paläste zogen langsam an
-mir vorüber mit geschnitzten, hochmütigen Portalen, darinnen Löwenköpfe
-in bronzene Ringe bissen.
-
-Auch hier überall Schnee, Schnee. Weich, weiß wie das Fell eines
-riesigen Eisbären.
-
-Hohe, stolze Fenster, die Simse beglitzert und vereist, schauten
-teilnahmslos zu den Wolken empor.
-
-Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender Vögel war.
-
-Wie ich die unzähligen Granitstufen emporstieg zum Hradschin, jede so
-breit, wie wohl vier Menschenleiber lang sind, versank Schritt um
-Schritt die Stadt mit ihren Dächern und Giebeln vor meinem Sinn.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Schon schlich die Dämmerung die Häuserreihen entlang, da trat ich auf
-den einsamen Platz, aus dessen Mitte der Dom aufragt zum Thron der
-Engel.
-
-Fußtapfen -- die Ränder mit Krusten aus Eis -- führten hin zum Nebentor.
-
-Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise, verlorene Töne
-eines Harmoniums in die Abendstille hinaus. Wie Tränentropfen der
-Schwermut fielen sie in die Verlassenheit.
-
-Ich hörte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters, wie die Kirchentüre
-mich aufnahm, dann stand ich im Dunkel, und der goldene Altar blinkte in
-starrer Ruhe herüber zu mir durch den grünen und blauen Schimmer
-sterbenden Lichtes, das durch die farbigen Fenster auf die Betstühle
-niedersank. Funken sprühten aus roten, gläsernen Ampeln.
-
-Welker Duft von Wachs und Weihrauch.
-
-Ich lehne mich in eine Bank. Mein Blut wird seltsam still in diesem
-Reich der Regungslosigkeit.
-
-Ein Leben ohne Herzschlag erfüllte den Raum -- ein heimliches,
-geduldiges Warten.
-
-Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf.
-
-Da! -- Aus weiter, weiter Ferne drang das Geräusch von Pferdehufen
-gedämpft, kaum merklich an mein Ohr, wollte näherkommen und verstummte.
-
-Ein matter Schall, wie wenn ein Wagenschlag zufällt.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen, und eine
-zarte, schmale Damenhand hatte meinen Arm berührt.
-
-»Bitte, bitte, gehen wir doch dort neben den Pfeiler; es widerstrebt
-mir, hier in den Betstühlen von den Dingen zu sprechen, die ich Ihnen
-sagen muß.«
-
-Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nüchterner Klarheit. Der Tag
-hatte mich plötzlich angefaßt.
-
-»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Meister Pernath, daß Sie
-mir zuliebe bei dem schlechten Wetter den langen Weg hier herauf gemacht
-haben.«
-
-Ich stotterte ein paar banale Worte.
-
-»-- -- Aber ich wußte keinen andern Ort, wo ich sicherer vor
-Nachforschung und Gefahr bin, als diesen. Hierher, in den Dom, ist uns
-gewiß niemand nachgegangen.«
-
-Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame.
-
-Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz, aber schon am Klang
-ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe, die damals voll
-Entsetzen vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpaßgasse flüchtete.
-Ich war auch nicht erstaunt darüber, denn ich hatte niemand anders
-erwartet.
-
-Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der Dämmerung der
-Mauernische wohl noch blasser schien, als es in Wirklichkeit sein
-mochte. Ihre Schönheit benahm mir fast den Atem, und ich stand wie
-gebannt. Am liebsten wäre ich vor ihr niedergefallen und hätte ihre Füße
-geküßt, daß sie es war, der ich helfen sollte, daß sie mich dazu erwählt
-hatte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, -- wenigstens so lange
-wir hier sind -- die Situation, in der Sie mich damals gesehen haben,«
-sprach sie gepreßt weiter, »ich weiß auch gar nicht, wie Sie über solche
-Dinge denken -- --«
-
-»Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges Mal in meinem Leben
-war ich so vermessen, daß ich mich Richter gedünkt hätte über meine
-Mitmenschen«, war das einzige, was ich hervorbrachte.
-
-»Ich danke Ihnen, Meister Pernath«, sagte sie warm und schlicht. »Und
-jetzt hören Sie mich geduldig an, ob Sie mir in meiner Verzweiflung
-nicht helfen oder wenigstens einen Rat geben können.« -- Ich fühlte, wie
-eine wilde Angst sie packte, und hörte ihre Stimme zittern. -- »Damals
--- -- im Atelier -- -- -- damals brach die schreckliche Gewißheit über
-mich herein, daß jener grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgespürt
-hat. -- Schon durch Monate war mir aufgefallen, daß, wohin ich auch
-immer ging, -- ob allein, oder mit meinem Gatten, oder mit -- -- -- mit
--- mit Dr. Savioli, -- stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses
-Trödlers irgendwo in der Nähe auftauchte. Im Schlaf und im Wachen
-verfolgten mich seine schielenden Augen. Noch macht sich ja kein Zeichen
-bemerkbar, was er vorhat, aber um so qualvoller drosselt mich nachts die
-Angst: wann wirft er mir die Schlinge um den Hals!
-
-Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen, was denn so ein
-armseliger Trödler wie dieser Aaron Wassertrum überhaupt vermöchte --
-schlimmsten Falles könnte es sich nur um eine geringfügige Erpressung
-oder dergleichen handeln, aber jedesmal wurden seine Lippen weiß, wenn
-der Name Wassertrum fiel. Ich ahne: Dr. Savioli hält mir etwas geheim,
-um mich zu beruhigen, -- irgend etwas Furchtbares, was ihm oder mir das
-Leben kosten kann.
-
-Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen wollte: daß ihn
-_der Trödler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat!_ --
-Ich _weiß_ es, ich spüre es in jeder Faser meines Körpers: es geht etwas
-vor, das sich langsam um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange.
--- Was hat dieser Mörder dort zu suchen? Warum kann Dr. Savioli ihn
-nicht abschütteln? Nein, nein, ich sehe das nicht länger mit an; ich muß
-etwas tun. Irgend etwas, ehe es mich in den Wahnsinn treibt.«
-
-Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, aber sie ließ mich
-nicht zu Ende sprechen.
-
-»Und in den letzten Tagen nahm der Alb, der mich zu erwürgen droht,
-immer greifbarere Formen an. Dr. Savioli ist plötzlich erkrankt, -- ich
-kann mich nicht mehr mit ihm verständigen -- darf ihn nicht besuchen,
-wenn ich nicht stündlich gewärtigen soll, daß meine Liebe zu ihm
-entdeckt wird --; er liegt in Delirien, und das einzige, was ich
-erkundigen konnte, ist, daß er sich im Fieber von einem Scheusal
-verfolgt wähnt, dessen Lippen von einer Hasenscharte gespalten sind: --
-Aaron Wassertrum!
-
-Ich weiß, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher -- können Sie
-sich das vorstellen? -- wirkt es auf mich, ihn jetzt gelähmt vor einer
-Gefahr, die ich selbst nur wie die dunkle Nähe eines grauenhaften
-Würgengels empfinde, zusammengebrochen zu sehen.
-
-Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich denn nicht offen zu
-Dr. Savioli bekenne, alles von mir würfe, wenn ich ihn doch so liebe --:
-alles, Reichtum, Ehre, Ruf und so weiter, aber --« sie schrie es
-förmlich heraus, daß es widerhallte von den Chorgalerien, -- »ich _kann_
-nicht! -- Ich hab' doch mein Kind, mein liebes, blondes, kleines Mädel!
-Ich _kann_ doch mein Kind nicht hergeben! -- Glauben Sie denn, mein Mann
-ließe es mir!? Da, da, nehmen Sie das, Meister Pernath« -- sie riß im
-Wahnwitz ein Täschchen auf, das vollgestopft war mit Perlenschnüren und
-Edelsteinen -- »und bringen Sie es dem Verbrecher; -- ich weiß, er ist
-habsüchtig -- er soll sich alles holen, was ich besitze, aber mein Kind
-soll er mir lassen. -- Nicht wahr, er wird schweigen? -- So reden Sie
-doch um Jesu Christi willen, sagen Sie nur ein Wort, daß Sie mir helfen
-wollen!«
-
-Es gelang mir mit größter Mühe, die Rasende wenigstens so weit zu
-beruhigen, daß sie sich auf eine Bank niederließ.
-
-Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. Wirre,
-zusammenhanglose Sätze.
-
-Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so daß ich selbst kaum verstand,
-was mein Mund redete, -- Ideen phantastischer Art, die zusammenbrachen,
-kaum daß sie geboren waren.
-
-Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten Mönchsstatue in
-der Wandnische. Ich redete und redete. Allmählich verwandelten sich die
-Züge der Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger Überzieher mit
-hochgeklapptem Kragen, und ein jugendliches Gesicht mit abgezehrten
-Wangen und hektischen Flecken wuchs daraus empor.
-
-Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Mönch wieder da. Meine
-Pulse schlugen zu laut.
-
-Die unglückliche Frau hatte sich über meine Hand gebeugt und weinte
-still.
-
-Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war in der Stunde, als
-ich den Brief gelesen hatte, und mich jetzt abermals übermächtig
-erfüllte, und ich sah, wie sie langsam daran genas.
-
-»Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an Sie gewendet habe,
-Meister Pernath«, fing sie nach langem Schweigen leise wieder an. »Es
-waren ein paar Worte, die Sie mir einmal gesagt haben -- und die ich nie
-vergessen konnte die vielen Jahre hindurch --«
-
-Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut.
-
-»-- -- Sie nahmen Abschied von mir -- ich weiß nicht mehr, weshalb und
-wieso, ich war ja noch ein Kind, -- und Sie sagten so freundlich und
-doch so traurig:
-
->Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken Sie meiner, wenn Sie je
-im Leben nicht aus noch ein wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr,
-daß _ich_ es dann sein darf, der Ihnen hilft.< -- Ich habe mich damals
-abgewendet und rasch meinen Ball in den Springbrunnen fallen lassen,
-damit Sie meine Tränen nicht sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen
-das rote Korallenherz schenken, das ich an einem Seidenband um den Hals
-trug, aber ich schämte mich, weil das gar so lächerlich gewesen wäre.«
--- -- --
-
-_Erinnerung!_
-
--- Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner Kehle. Ein Schimmer
-wie aus einem vergessenen, fernen Land der Sehnsucht trat vor mich --
-unvermittelt und schreckhaft: Ein kleines Mädchen in weißem Kleid und
-ringsum die dunkle Wiese eines Schloßparks, von alten Ulmen umsäumt.
-Deutlich sah ich es wieder vor mir.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich mußte mich verfärbt haben; ich merkte es an der Hast, mit der sie
-fortfuhr: »Ich weiß ja, daß Ihre Worte damals nur der Stimmung des
-Abschieds entsprangen, aber sie waren mir oft ein Trost und -- und ich
-danke Ihnen dafür.«
-
-Mit aller Kraft biß ich die Zähne zusammen und jagte den heulenden
-Schmerz, der mich zerfetzte, in die Brust zurück.
-
-Ich verstand: Eine gnädige Hand war es gewesen, die die Riegel vor
-meiner Erinnerung zugeschoben hatte. Klar stand jetzt in meinem
-Bewußtsein geschrieben, was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen
-herübergetragen: Eine Liebe, die für mein Herz zu stark gewesen, hatte
-für Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht des Irrsinns war damals der
-Balsam für meinen wunden Geist geworden.
-
-Allmählich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins über mich und kühlte
-die Tränen hinter meinen Augenlidern. Der Hall von Glocken zog ernst und
-stolz durch den Dom, und ich konnte freudig lächelnd der in die Augen
-sehen, die gekommen war, Hilfe bei mir zu suchen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wieder hörte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags und das Trappen der
-Hufe.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in die Stadt.
-
-Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden Augen, und aus
-geschlichteten Bergen von Tannenbäumen raunte es von Flitter und
-silbernen Nüssen und vom kommenden Christfest.
-
-Auf dem Rathausplatz an der Mariensäule murmelten bei Kerzenglanz die
-alten Bettelweiber mit den grauen Kopftüchern der Muttergottes ihren
-Rosenkranz.
-
-Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die Buden des
-Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit rotem Tuch bespannt, leuchtete
-grell, von schwelenden Fackeln beschienen, die offene Bühne eines
-Marionettentheaters.
-
-Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett, die Peitsche in der Hand und
-daran an der Schnur ein Totenschädel, ritt klappernd auf hölzernem
-Schimmel über die Bretter.
-
-In Reihen fest aneinandergedrängt starrten die Kleinen -- die Pelzmützen
-tief über die Ohren gezogen -- mit offenem Munde hinauf und lauschten
-gebannt den Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die mein Freund
-Zwakh da drinnen im Kasten sprach:
-
- »Ganz vorne schritt ein Hampelmann,
- Der Kerl war mager wie ein Dichter
- Und hatte bunte Lappen an
- Und torkelte und schnitt Gesichter.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf den Platz mündete.
-Dicht, Kopf an Kopf, stand lautlos eine Menschenmenge da in der
-Finsternis vor einem Anschlagszettel.
-
-Ein Mann hatte ein Streichholz angezündet, und ich konnte einige Zeilen
-bruchstückweise lesen. Mit dumpfen Sinnen nahm mein Bewußtsein ein paar
-Worte auf:
-
- _Vermißt!_
-
- 1000 fl Belohnung
-
- Älterer Herr ...... schwarz gekleidet ...........
- ................... Signalement:
- ...... fleischiges, glattrasiertes Gesicht ......
- ................. Haarfarbe: weiß ...............
- ..... Polizeidirektion .... Zimmer Nr. ..........
-
-Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ich langsam hinein
-in die lichtlosen Häuserreihen.
-
-Eine Handvoll winziger Sterne glitzerte auf dem schmalen, dunklen
-Himmelsweg über den Giebeln.
-
-Friedvoll schweiften meine Gedanken zurück in den Dom, und die Ruhe
-meiner Seele wurde noch beseligender und tiefer, da drang vom Platz
-herüber, schneidend klar -- als stünde sie dicht an meinem Ohr -- die
-Stimme des Marionettenspielers durch die Winterluft:
-
- »Wo ist das Herz aus rotem Stein?
- Es hing an einem Seidenbande,
- Und funkelte im Frührotschein«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Spuk
-
-
-Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer durchmessen und mir
-das Gehirn zermartert, wie ich »ihr« Hilfe bringen könnte.
-
-Oft war ich nahe daran gewesen, hinunter zu Schemajah Hillel zu gehen,
-ihm zu erzählen, was mir anvertraut worden, und ihn um Rat zu bitten.
-Aber jedesmal verwarf ich den Entschluß.
-
-Er stand im Geist so riesengroß vor mir, daß es eine Entweihung schien,
-ihn mit Dingen, die das äußere Leben betrafen, zu behelligen, dann
-wieder kamen Momente, wo mich brennende Zweifel befielen, ob ich in
-Wirklichkeit alles das erlebt hätte, was nur eine kurze Spanne Zeit
-zurücklag und doch so seltsam verblaßt schien, verglichen mit den
-lebenstrotzenden Erlebnissen des verflossenen Tages.
-
-Hatte ich nicht doch geträumt? Durfte ich -- ein Mensch, dem das
-Unerhörte geschehen war, daß er seine Vergangenheit vergessen hatte, --
-auch nur eine Sekunde lang als Gewißheit annehmen, wofür als einziger
-Zeuge bloß meine Erinnerung die Hand aufhob?
-
-Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch auf dem Sessel
-lag. Gott sei Dank, wenigstens das eine stand fest: ich war mit ihm in
-persönlicher Berührung gewesen!
-
-Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm, seine Knie
-umfassen und wie Mensch zu Mensch ihm klagen, daß ein unsägliches Weh an
-meinem Herzen fraß?
-
-Schon hielt ich die Klinke in der Hand, da ließ ich sie wieder los; ich
-sah voraus, was kommen würde: Hillel würde mir mild über die Augen
-fahren und -- -- -- nein, nein, nur das nicht! Ich hatte kein Recht,
-Linderung zu begehren. »Sie« vertraute auf mich und meine Hilfe, und
-wenn die Gefahr, in der sie sich fühlte, mir in Momenten auch klein und
-nichtig erscheinen mochte, -- _sie_ empfand sie sicherlich als
-riesengroß!
-
-Hillel um Rat zu bitten, blieb morgen Zeit -- ich zwang mich, kalt und
-nüchtern zu denken; -- ihn jetzt -- mitten in der Nacht zu stören? -- es
-ging nicht an. So würde nur ein Verrückter handeln.
-
-Ich wollte die Lampe anzünden; dann ließ ich es wieder sein: der Abglanz
-des Mondlichts fiel von den Dächern gegenüber herein in mein Zimmer und
-gab mehr Helle, als ich brauchte. Und ich fürchtete, die Nacht könnte
-noch langsamer vergehen, wenn ich Licht machte.
-
-Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken, die Lampe anzuzünden,
-nur um den Tag zu erwarten, -- eine leise Angst sagte mir, der Morgen
-rücke dadurch in unerlebbare Ferne.
-
-Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der Luft schwebender
-Friedhof lagen die Reihen verschnörkelter Giebel dort oben --
-Leichensteine mit verwitterten Jahreszahlen, getürmt über die dunkeln
-Modergrüfte, diese »Wohnstätten«, darein sich das Gewimmel der Lebenden
-Höhlen und Gänge genagt.
-
-Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich leise, ganz leise zu
-wundern begann, warum ich denn nicht aufschräke, wo doch ein Geräusch
-von verhaltenen Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein
-Ohr drang.
-
-Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein Mensch. Das kurze
-Ächzen der Dielen verriet, wie seine Sohle zögernd schlich.
-
-Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde förmlich kleiner, so
-preßte sich alles in mir zusammen unter dem Druck des Willens zu hören.
-Jedes Zeitempfinden gerann zu Gegenwart.
-
-Noch ein rasches Knistern, das vor sich selbst erschrak und hastig
-abbrach. Dann Totenstille. Jene lauernde, grauenhafte Stille, die ihr
-eigener Verräter ist und Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht.
-
-Regungslos stand ich, das Ohr an die Wand gedrückt, das drohende Gefühl
-in der Kehle, daß drüben einer stand, genau so wie ich und dasselbe tat.
-
-Ich lauschte und lauschte:
-
-Nichts.
-
-Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben.
-
-Lautlos -- auf den Zehenspitzen -- stahl ich mich an den Sessel bei
-meinem Bett, nahm Hillels Kerze und zündete sie an.
-
-Dann überlegte ich: Die eiserne Speichertüre draußen auf dem Gang, die
-zum Atelier Saviolis führte, ging nur von drüben aufzuklinken.
-
-Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenförmiges Stück Draht, das unter
-meinen Graviersticheln auf dem Tische lag: derlei Schlösser springen
-leicht auf. Schon beim ersten Druck auf die Riegelfeder!
-
-Und was würde dann geschehen?
-
-Nur Aaron Wassertrum konnte es sein, der da nebenan spionierte, --
-vielleicht in Kästen wühlte, um neue Waffen und Beweise in die Hand zu
-bekommen, legte ich mir zurecht.
-
-Ob es viel nützen würde, wenn ich dazwischentrat?
-
-Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken! Nur dies furchtbare
-Warten auf den Morgen zerfetzen!
-
-Und schon stand ich vor der eisernen Bodentüre, drückte dagegen, schob
-vorsichtig den Haken ins Schloß und horchte. Richtig: Ein schleifendes
-Geräusch drinnen im Atelier, wie wenn jemand eine Schublade aufzieht.
-
-Im nächsten Augenblick schnellte der Riegel zurück.
-
-Ich konnte das Zimmer überblicken und sah, obwohl es fast finster war
-und meine Kerze mich nur blendete, wie ein Mann in langem, schwarzem
-Mantel entsetzt vor einem Schreibtisch aufsprang, -- eine Sekunde lang
-unschlüssig, wohin sich wenden, -- eine Bewegung machte, als wolle er
-auf mich losstürzen, sich dann den Hut vom Kopf riß und hastig damit
-sein Gesicht bedeckte.
-
-»Was suchen Sie hier!« wollte ich rufen, doch der Mann kam mir zuvor:
-
-»Pernath! Sie sind's? Gotteswillen! Das Licht weg!« Die Stimme kam mir
-bekannt vor, war aber keinesfalls die des Trödlers Wassertrum.
-
-Automatisch blies ich die Kerze aus.
-
-Das Zimmer lag halbdunkel da -- nur von dem schimmrigen Dunst, der aus
-der Fensternische hereindrang, matt erhellt -- genau wie meines, und ich
-mußte meine Augen aufs äußerste anstrengen, ehe ich in dem abgezehrten,
-hektischen Gesicht, das plötzlich über dem Mantel auftauchte, die Züge
-des Studenten Charousek erkennen konnte.
-
-»Der Mönch!« drängte es sich mir auf die Zunge und ich verstand mit
-einem Male die Vision, die ich gestern im Dom gehabt! _Charousek! Das
-war der Mann, an den ich mich wenden sollte!_ -- Und ich hörte seine
-Worte wieder, die er damals im Regen unter dem Torbogen gesagt hatte:
-»Aaron Wassertrum wird es schon erfahren, daß man mit vergifteten,
-unsichtbaren Nadeln durch Mauern stechen kann. Genau an dem Tage, an dem
-er Dr. Savioli an den Hals will.«
-
-Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen? Wußte er ebenfalls, was
-sich zugetragen? Sein Hiersein zu so ungewöhnlicher Stunde ließ fast
-darauf schließen, aber ich scheute mich, die direkte Frage an ihn zu
-richten.
-
-Er war ans Fenster geeilt und spähte hinter dem Vorhang hinunter auf die
-Gasse.
-
-Ich erriet: er fürchtete, Wassertrum könne den Lichtschein meiner Kerze
-wahrgenommen haben.
-
-»Sie denken gewiß, ich bin ein Dieb, daß ich nachts hier in einer
-fremden Wohnung herumsuche, Meister Pernath,« fing er nach langem
-Schweigen mit unsicherer Stimme an, »aber ich schwöre Ihnen -- --«
-
-Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn.
-
-Und um ihm zu zeigen, daß ich keinerlei Mißtrauen gegen ihn hegte, in
-ihm vielmehr einen Bundesgenossen sah, erzählte ich ihm mit kleinen
-Einschränkungen, die ich für nötig hielt, welche Bewandtnis es mit dem
-Atelier habe, und daß ich fürchte, eine Frau, die mir nahestehe, sei in
-Gefahr, den erpresserischen Gelüsten des Trödlers in irgendwelcher Art
-zum Opfer zu fallen.
-
-Aus der höflichen Weise, mit der er mir zuhörte, ohne mich mit Fragen zu
-unterbrechen, entnahm ich, daß er das meiste bereits wußte, wenn auch
-vielleicht nicht in Einzelheiten.
-
-»Es stimmt schon,« sagte er grübelnd, als ich zu Ende gekommen war.
-»Habe ich mich also doch nicht geirrt! Der Kerl will Savioli an die
-Gurgel fahren, das ist klar, aber offenbar hat er noch nicht genug
-Material beisammen. Weshalb würde er sich sonst noch hier immerwährend
-herumdrücken! Ich ging nämlich gestern, sagen wir mal: >zufällig< durch
-die Hahnpaßgasse,« erklärte er, als er meine fragende Miene bemerkte,
-»da fiel mir auf, daß Wassertrum erst lange -- scheinbar unbefangen --
-vor dem Tor unten auf und ab schlenderte, dann aber, als er sich
-unbeobachtet glaubte, rasch ins Haus bog. Ich ging ihm sofort nach und
-tat so, als wollte ich Sie besuchen, das heißt, ich klopfte bei Ihnen
-an, und dabei überraschte ich ihn, wie er draußen an der eisernen
-Bodentür mit einem Schlüssel herumhantierte. Natürlich gab er es
-augenblicklich auf, als ich kam, und klopfte ebenfalls als Vorwand bei
-Ihnen an. Sie schienen übrigens nicht zu Hause gewesen zu sein, denn es
-öffnete niemand.
-
-Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte, erfuhr ich,
-daß jemand, der nach den Schilderungen nur Dr. Savioli sein konnte, hier
-heimlich ein Absteigequartier besäße. Da Dr. Savioli schwer krank liegt,
-reimte ich mir das übrige zurecht.
-
-Sehen Sie: und das da habe ich aus den Schubladen zusammengesucht, um
-Wassertrum für alle Fälle zuvorzukommen«, schloß Charousek und deutete
-auf ein Paket Briefe auf dem Schreibtisch; »es ist alles, was ich an
-Schriftstücken finden konnte. Hoffentlich ist sonst nichts mehr
-vorhanden. Wenigstens habe ich in sämtlichen Truhen und Schränken
-gestöbert, so gut das in der Finsternis ging.«
-
-Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das Zimmer und blieben
-unwillkürlich auf einer Falltüre am Boden haften. Ich entsann mich dabei
-dunkel, daß Zwakh mir irgendwann erzählt hatte, ein geheimer Zugang
-führe von unten herauf ins Atelier.
-
-Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran als Griff.
-
-»Wo sollen wir die Briefe aufheben?«, fing Charousek wieder an. »Sie,
-Herr Pernath, und ich sind wohl die einzigen im ganzen Ghetto, die
-Wassertrum harmlos vorkommen, -- warum gerade _ich_, das -- hat -- seine
--- besonderen -- Gründe«, -- (ich sah, daß sich seine Züge in wildem Haß
-verzerrten, wie er so den letzten Satz förmlich zerbiß --) »und Sie hält
-er für -- --« Charousek erstickte das Wort »verrückt« mit einem raschen,
-erkünstelten Husten, aber ich erriet, was er hatte sagen wollen. Es tat
-mir nicht weh; das Gefühl, »ihr« helfen zu können, machte mich so
-glückselig, daß jede Empfindlichkeit ausgelöscht war.
-
-Wir kamen schließlich überein, das Paket bei mir zu verstecken, und
-gingen hinüber in meine Kammer.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Charousek war längst fort, aber immer noch konnte ich mich nicht
-entschließen, zu Bette zu gehen. Eine gewisse innere Unzufriedenheit
-nagte an mir und hielt mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun,
-fühlte ich, aber was? was?
-
-Einen Plan für den Studenten entwerfen, was weiter zu geschehen hätte?
-
-Das allein konnte es nicht sein. Charousek ließ den Trödler sowieso
-nicht aus den Augen, darüber bestand kein Zweifel. Ich schauderte, wenn
-ich an den Haß dachte, der aus seinen Worten geweht hatte.
-
-Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte?
-
-Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte mich fast zur
-Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges rief nach mir, und ich
-verstand nicht.
-
-Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, das Reißen am Zügel
-spürt und nicht weiß, welches Kunststück er machen soll, den Willen
-seines Herrn nicht erfaßt.
-
-Hinuntergehen zu Schemajah Hillel?
-
-Jede Faser in mir verneinte.
-
-Die Vision des Mönchs in der Domkirche, auf dessen Schultern gestern der
-Kopf Charouseks aufgetaucht war als Antwort auf eine stumme Bitte um
-Rat, gab mir Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefühle nicht ohne
-weiteres zu verachten. Geheime Kräfte keimten in mir auf seit geraumer
-Zeit, das war gewiß: ich empfand es zu übermächtig, als daß ich auch nur
-den Versuch gemacht hätte, es wegzuleugnen.
-
-Buchstaben zu _empfinden_, sie nicht nur mit den Augen in Büchern zu
-lesen, -- einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen, der mir übersetzt,
-was die Instinkte ohne Worte raunen, darin muß der Schlüssel liegen,
-sich mit dem eigenen Innern durch klare Sprache zu verständigen, begriff
-ich.
-
-»Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht«, fiel
-mir eine Bibelstelle wie eine Erklärung dazu ein.
-
-»Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel«, wiederholten mechanisch meine Lippen,
-derweilen mir der Geist jene sonderbaren Ideen vorgaukelte, bemerkte ich
-plötzlich.
-
-»Schlüssel, Schlüssel -- --?« mein Blick fiel auf den krummen Draht in
-meiner Hand, der mir vorhin zum Öffnen der Speichertüre gedient hatte,
-und eine heiße Neugier, wohin wohl die viereckige Falltür aus dem
-Atelier führen könnte, peitschte mich auf.
-
-Und ohne zu überlegen, ging ich nochmals hinüber in Saviolis Atelier und
-zog an dem Griffring der Falltüre, bis es mir schließlich gelang, die
-Platte zu heben.
-
-Zuerst nichts als Dunkelheit.
-
-Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab in tiefste Finsternis.
-
-Ich stieg hinunter.
-
-Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Händen die Mauern entlang, aber
-es wollte kein Ende nehmen: Nischen, feucht von Schimmel und Moder, --
-Windungen, Ecken und Winkel, -- Gänge geradeaus, nach links und nach
-rechts, Reste einer alten Holztüre, Wegteilungen und dann wieder Stufen,
-Stufen, Stufen hinauf und hinab.
-
-Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde überall.
-
-Und noch immer kein Lichtstrahl. --
-
-Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen hätte!
-
-Endlich flacher, ebener Weg.
-
-Aus dem Knirschen unter meinen Füßen schloß ich, daß ich auf trockenem
-Sand dahinschritt.
-
-Es konnte nur einer jener zahllosen Gänge sein, die scheinbar ohne Zweck
-und Ziel unter dem Ghetto hinführen bis zum Fluß.
-
-Ich wunderte mich nicht: die halbe Stadt stand doch seit unvordenklichen
-Zeiten auf solchen unterirdischen Läuften, und die Bewohner Prags hatten
-von jeher triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen.
-
-Das Fehlen jeglichen Geräusches zu meinen Häupten sagte mir, daß ich
-mich immer noch in der Gegend des Judenviertels, das nachts wie
-ausgestorben ist, befinden mußte, obwohl ich schon eine Ewigkeit
-gewandert war. Belebtere Straßen oder Plätze über mir hätten sich durch
-fernes Wagenrasseln verraten.
-
-Eine Sekunde lang würgte mich die Furcht: was, wenn ich im Kreise
-herumging!? In ein Loch stürzte, mich verletzte, ein Bein brach und
-nicht mehr weitergehen konnte!?
-
-Was geschah dann mit _ihren_ Briefen in meiner Kammer? Sie mußten
-unfehlbar Wassertrum in die Hände fallen.
-
-Der Gedanke an Schemajah Hillel, mit dem ich vag den Begriff eines
-Helfers und Führers verknüpfte, beruhigte mich unwillkürlich.
-
-Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und tastenden Schrittes und
-hielt den Arm in die Höhe, um nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen,
-falls der Gang niedriger würde.
-
-Von Zeit zu Zeit, dann immer öfter stieß ich oben mit der Hand an, und
-endlich senkte sich das Gestein so tief herab, daß ich mich bücken
-mußte, um durchzukommen.
-
-Plötzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen leeren Raum.
-
-Ich blieb stehen und starrte hinauf.
-
-Nach und nach schien es mir, als falle von der Decke ein leiser, kaum
-merklicher Schimmer von Licht.
-
-Mündete hier ein Schacht, vielleicht aus irgend einem Keller herunter?
-
-Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Händen in Kopfeshöhe um
-mich herum: die Öffnung war genau viereckig und ausgemauert.
-
-Allmählich konnte ich darin als Abschluß die schattenhaften Umrisse
-eines wagerechten Kreuzes unterscheiden, und endlich gelang es mir,
-seine Stäbe zu erfassen, mich daran emporzuziehen und hindurchzuzwängen.
-
-Ich _stand_ jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich.
-
-Offenbar endeten hier die Überbleibsel einer eisernen Wendeltreppe, wenn
-mich das Gefühl meiner Finger nicht täuschte?
-
-Lang, unsagbar lang mußte ich tappen, bis ich die zweite Stufe finden
-konnte, dann klomm ich empor.
-
-Es waren im ganzen acht Stufen. Eine jede fast in Manneshöhe über der
-andern.
-
-Sonderbar: die Treppe stieß oben gegen eine Art horizontalen Getäfels,
-das aus regelmäßigen, sich schneidenden Linien den Lichtschein
-herabschimmern ließ, den ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte!
-
-Ich duckte mich, so tief ich konnte, um aus etwas weiterer Entfernung
-besser unterscheiden zu können, wie die Linien verliefen, und sah zu
-meinem Erstaunen, daß sie genau die Form eines Sechsecks, wie man es auf
-den Synagogen findet, bildeten.
-
-Was mochte das nur sein?
-
-Plötzlich kam ich dahinter: es war eine Falltür, die an den Kanten Licht
-durchließ! Eine Falltür aus Holz in Gestalt eines Sternes.
-
-Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte, drückte sie
-aufwärts und stand im nächsten Moment in einem Gemach, das von grellem
-Mondschein erfüllt war.
-
-Es war ziemlich klein, vollständig leer bis auf einen Haufen Gerümpel in
-der Ecke und hatte nur ein einziges, stark vergittertes Fenster.
-
-Eine Türe oder sonst einen Zugang mit Ausnahme dessen, den ich soeben
-benützt, vermochte ich nicht zu entdecken, so genau ich auch die Mauern
-immer wieder von neuem absuchte.
-
-Die Gitterstäbe des Fensters standen zu eng, als daß ich den Kopf hätte
-durchstecken können, so viel aber sah ich:
-
-Das Zimmer befand sich ungefähr in der Höhe eines dritten Stockwerks,
-denn die Häuser gegenüber hatten nur zwei Etagen und lagen wesentlich
-tiefer.
-
-Das eine Ufer der Straße unten war für mich noch knapp sichtbar, aber
-infolge des blendenden Mondlichts, das mir voll ins Gesicht schien, in
-tiefe Schlagschatten getaucht, die es mir unmöglich machten,
-Einzelheiten zu unterscheiden.
-
-Zum Judenviertel mußte die Gasse unbedingt gehören, denn die Fenster
-drüben waren sämtlich vermauert oder aus Simsen im Bau angedeutet, und
-nur im Ghetto kehren die Häuser einander so seltsam den Rücken.
-
-Vergebens quälte ich mich ab herauszubringen, was das wohl für ein
-sonderbares Bauwerk sein mochte, in dem ich mich befand.
-
-Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitentürmchen der griechischen
-Kirche sein? Oder gehörte es irgendwie zur Altneusynagoge?
-
-Die Umgebung stimmte nicht.
-
-Wieder sah ich mich im Zimmer um: nichts, was mir auch nur den kleinsten
-Aufschluß gegeben hätte. -- Die Wände und Decke waren kahl, Bewurf und
-Kalk längst abgefallen und weder Nagellöcher, noch Nägel, die verraten
-hätten, daß der Raum einst bewohnt gewesen.
-
-Der Boden lag fußhoch bedeckt mit Staub, als hätte ihn seit Jahrzehnten
-kein lebendes Wesen betreten.
-
-Das Gerümpel in der Ecke zu durchsuchen, ekelte ich mich. Es lag in
-tiefer Finsternis, und ich konnte nicht unterscheiden, woraus es
-bestand.
-
-Dem äußern Eindruck nach schienen es Lumpen zu einem Knäuel geballt.
-
-Oder waren es ein paar alte, schwarze Handkoffer?
-
-Ich tastete mit dem Fuß hin, und es gelang mir, mit dem Absatz einen
-Teil davon in die Nähe des Lichtstreifens zu ziehen, den der Mond quer
-übers Zimmer warf. Es schien wie ein breites, dunkles Band, das sich da
-langsam aufrollte.
-
-Ein blitzender Punkt wie ein Auge!
-
-Ein Metallknopf vielleicht?
-
-Allmählich wurde mir klar: ein Ärmel von sonderbarem, altmodischem
-Schnitt hing da aus dem Bündel heraus.
-
-Und eine kleine weiße Schachtel oder dergleichen lag darunter, lockerte
-sich unter meinem Fuß und zerfiel in eine Menge fleckiger Schichten.
-
-Ich gab ihr einen leichten Stoß: Ein Blatt flog ins Helle.
-
-Ein Bild?
-
-Ich bückte mich: Ein Pagad?
-
-Was mir eine weiße Schachtel geschienen, war ein Tarokspiel.
-
-Ich hob es auf.
-
-Konnte es etwas Lächerlicheres geben: Ein Kartenspiel hier an diesem
-gespenstischen Ort!
-
-Merkwürdig, daß ich mich zum Lächeln zwingen mußte. Ein leises Gefühl
-von Grauen beschlich mich.
-
-Ich suchte nach einer banalen Erklärung, wie die Karten wohl
-hierhergekommen sein könnten, und zählte dabei mechanisch das Spiel. Es
-war vollständig: 78 Stück. Aber schon während des Zählens fiel mir etwas
-auf: Die Blätter waren wie aus Eis.
-
-Eine lähmende Kälte ging von ihnen aus, und wie ich das Paket
-geschlossen in der Hand hielt, konnte ich es kaum mehr loslassen: so
-erstarrt waren meine Finger. Wieder haschte ich nach einer nüchternen
-Erklärung:
-
-Mein dünner Anzug, die lange Wanderung ohne Mantel und Hut in den
-unterirdischen Gängen, die grimmige Winternacht, die Steinwände, der
-entsetzliche Frost, der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinfloß: --
-sonderbar genug, daß ich erst jetzt anfing zu frieren. Die Erregung, in
-der ich mich die ganze Zeit befunden, mußte mich darüber hinweggetäuscht
-haben. --
-
-Ein Schauer nach dem andern jagte mir über die Haut. Schicht um Schicht
-drangen sie tiefer, immer tiefer in meinen Körper ein.
-
-Ich fühlte mein Skelett zu Eis werden und wurde mir jedes einzelnen
-Knochen bewußt wie kalter Metallstangen, an denen mir das Fleisch
-festfror.
-
-Kein Umherlaufen half, kein Stampfen mit den Füßen und nicht das
-Schlagen mit den Armen. Ich biß die Zähne zusammen, um ihr Klappern
-nicht zu hören.
-
-Das ist der Tod, sagte ich mir, der dir die kalten Hände auf den
-Scheitel legt.
-
-Und ich wehrte mich wie ein Rasender gegen den betäubenden Schlaf des
-Erfrierens, der, wollig und erstickend, mich wie mit einem Mantel
-einhüllen kam.
-
-Die Briefe, in meiner Kammer, -- _ihre_ Briefe! brüllte es in mir auf:
-man wird sie finden, wenn ich hier sterbe. Und sie hofft auf mich! Hat
-ihre Rettung in meine Hände gelegt! -- Hilfe! -- Hilfe! -- Hilfe! --
-
-Und ich schrie durch das Fenstergitter hinunter auf die öde Gasse, daß
-es widerhallte: Hilfe, Hilfe, Hilfe!
-
-Warf mich zu Boden und sprang wieder auf. Ich durfte nicht sterben,
-durfte nicht! ihretwegen, nur ihretwegen! Und wenn ich Funken aus meinen
-Knochen schlagen sollte, um mich zu erwärmen.
-
-Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke, und ich stürzte darauf zu
-und zog sie mit schlotternden Händen über meine Kleider.
-
-Es war ein zerschlissener Anzug aus dickem, dunklem Tuch von
-uraltmodischem, seltsamem Schnitt.
-
-Ein Geruch nach Moder ging von ihm aus.
-
-Dann kauerte ich mich in dem gegenüberliegenden Mauerwinkel zusammen und
-spürte meine Haut langsam, langsam wärmer werden. Nur das schauerliche
-Gefühl des eigenen, eisigen Gerippes in mir wollte nicht weichen.
-Regungslos saß ich da und ließ meine Augen wandern: die Karte, die ich
-zuerst gesehen, -- der Pagad, -- lag noch immer inmitten des Zimmers in
-dem Lichtstreifen.
-
-Unverwandt mußte ich sie anstarren.
-
-Sie schien, soweit ich auf die Entfernung hin erkennen konnte, in
-Wasserfarben ungeschickt von Kinderhand gemalt, und stellte den
-hebräischen Buchstaben Aleph dar, in Form eines Mannes, altfränkisch
-gekleidet, den grauen Spitzbart kurz geschnitten und den linken Arm
-erhoben, während der andere abwärts deutete.
-
-Hatte das Gesicht des Mannes nicht eine seltsame Ähnlichkeit mit meinem,
-dämmerte mir ein Verdacht auf? -- Der Bart -- er paßte so gar nicht zu
-einem Pagad, -- -- ich kroch auf die Karte zu und warf sie in die Ecke
-zu dem Rest des Gerümpels, um den quälenden Anblick los zu sein.
-
-Dort lag sie jetzt und schimmerte -- ein grauweißer, unbestimmter Fleck
--- zu mir herüber aus dem Dunkel.
-
-Mit Gewalt zwang ich mich zu überlegen, was ich zu beginnen hätte, um
-wieder in meine Wohnung zu kommen:
-
-Den Morgen abwarten! Unten die Vorübergehenden vom Fenster aus anrufen,
-damit sie mir von außen mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne
-heraufbrächten! -- Ohne Licht die endlosen, sich ewig kreuzenden Gänge
-zurückfinden, würde mir nie gelingen, empfand ich als beklemmende
-Gewißheit. -- Oder, falls das Fenster zu hoch läge, daß sich jemand vom
-Dach mit einem Strick -- --? Gott im Himmel, wie ein Blitzstrahl
-durchfuhr es mich: jetzt wußte ich, wo ich war: Ein Zimmer ohne Zugang
--- nur mit einem vergitterten Fenster -- das altertümliche Haus in der
-Altschulgasse, das jeder mied! -- schon einmal vor vielen Jahren hatte
-sich ein Mensch an einem Strick vom Dach herabgelassen, um durchs
-Fenster zu schauen, und der Strick war gerissen und -- Ja: ich war in
-dem Haus, in dem der gespenstische Golem jedesmal verschwand!
-
-Ein tiefes Grauen, gegen das ich mich vergeblich wehrte, das ich nicht
-einmal mehr durch die Erinnerung an die Briefe niederkämpfen konnte,
-lähmte jedes Weiterdenken, und mein Herz fing an, sich zu krampfen.
-
-Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen, es sei nur der Wind, der da
-so eisig aus der Ecke herüberwehte, sagte es mir vor, schneller und
-schneller, mit pfeifendem Atem -- es half nicht mehr: dort drüben der
-weißliche Fleck -- die Karte -- sie quoll auf zu blasigen Klumpen,
-tastete sich hin zum Rande des Mondstreifens und kroch wieder zurück in
-die Finsternis. -- Tropfende Laute -- halb gedacht, geahnt, halb
-wirklich -- im Raum und doch außerhalb um mich herum und doch anderswo,
--- tief im eigenen Herzen und wieder mitten im Zimmer -- erwachten:
-Geräusche, wie wenn ein Zirkel fällt und mit der Spitze im Holz stecken
-bleibt!
-
-Immer wieder: Der weißliche Fleck -- -- -- der weißliche Fleck -- --!
-Eine Karte, eine erbärmliche, dumme, alberne Spielkarte ist es, schrie
-ich mir ins Hirn hinein -- -- -- umsonst -- -- jetzt hat er sich dennoch
--- dennoch Gestalt erzwungen -- der Pagad -- und hockt in der Ecke und
-stiert herüber zu mir mit _meinem eigenen Gesicht_.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Stunden und Stunden kauerte ich da -- unbeweglich -- in meinem Winkel,
-ein frosterstarrtes Gerippe in fremden, modrigen Kleidern! -- Und er
-drüben: ich selbst.
-
-Stumm und regungslos.
-
-So starrten wir uns in die Augen -- einer das gräßliche Spiegelbild des
-andern. -- -- --
-
-Ob er es auch sieht, wie sich die Mondstrahlen mit schneckenhafter
-Trägheit über den Boden hinsaugen und wie Zeiger eines unsichtbaren
-Uhrwerks in der Unendlichkeit die Wand emporkriechen und fahler und
-fahler werden? --
-
-Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm nichts, daß er sich
-auflösen wollte in dem Morgendämmerschein, der ihm vom Fenster her zu
-Hilfe kam.
-
-Ich hielt ihn fest.
-
-Schritt vor Schritt habe ich mit ihm gerungen um mein Leben -- um das
-Leben, das mein ist, weil es nicht mehr mir gehört. -- -- --
-
-Und wie er kleiner und kleiner wurde und sich bei Tagesgrauen wieder in
-sein Kartenblatt verkroch, da stand ich auf, ging hinüber zu ihm und
-steckte ihn in die Tasche -- den Pagad.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Immer noch war die Gasse unten öd und menschenleer.
-
-Ich durchstöberte die Zimmerecke, die jetzt im stumpfen Morgenlichte
-lag: Scherben, dort eine rostige Pfanne, morsche Fetzen, ein
-Flaschenhals. Tote Dinge und doch so merkwürdig bekannt.
-
-Und auch die Mauern -- wie die Risse und Sprünge darin deutlich wurden
--- wo hatte ich sie nur gesehen?
-
-Ich nahm das Kartenpäckchen zur Hand -- es dämmerte mir auf: hatte ich
-die nicht einst selbst bemalt? Als Kind? Vor langer, langer Zeit?
-
-Es war ein uraltes Tarokspiel. Mit hebräischen Zeichen. -- Nummer 12 muß
-der »Gehenkte« sein, überkam's mich wie halbe Erinnerung. -- Mit dem
-Kopf abwärts? Die Arme auf dem Rücken? -- Ich blätterte nach: Da! Da war
-er.
-
-Dann wieder, halb Traum, halb Gewißheit, tauchte ein Bild vor mir auf:
-Ein geschwärztes Schulhaus, bucklig, schief, ein mürrisches
-Hexengebäude, die linke Schulter hochgezogen, die andere mit einem
-Nebenhaus verwachsen. -- -- -- Wir sind mehrere halbwüchsige Jungen --
-ein verlassener Keller ist irgendwo -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Dann sah ich an meinem Körper herab und wurde wieder irre: Der
-altmodische Anzug war mir völlig fremd. -- -- --
-
-Der Lärm eines holpernden Karrens schreckte mich auf, doch wie ich
-hinabblickte: Keine Menschenseele. Nur ein Fleischerhund stand versonnen
-an einem Eckstein.
-
-Da! Endlich! Stimmen! menschliche Stimmen!
-
-Zwei alte Weiber kamen langsam die Straße dahergetrottet, und ich
-zwängte den Kopf halb durch das Gitter und rief sie an.
-
-Mit offenem Mund glotzten sie in die Höhe und berieten sich. Aber als
-sie mich sahen, stießen sie ein gellendes Geschrei aus und liefen davon.
-
-Sie haben mich für den Golem gehalten, begriff ich.
-
-Und ich erwartete, daß ein Zusammenlauf von Menschen entstehen würde,
-denen ich mich verständlich machen könnte, aber wohl eine Stunde
-verging, und nur hie und da spähte unten vorsichtig ein blasses Gesicht
-herauf zu mir, um sofort in Todesschreck wieder zurückzufahren.
-
-Sollte ich warten, bis vielleicht nach Stunden oder gar erst morgen
-Polizisten kamen -- die Staatsfalotten, wie Zwakh sie zu nennen pflegte?
-
-Nein, lieber wollte ich einen Versuch machen, die unterirdischen Gänge
-ein Stück weit auf ihre Richtung hin zu untersuchen.
-
-Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein eine Spur von
-Licht hinab?
-
-Ich kletterte die Leiter hinunter, setzte den Weg, den ich gestern
-gekommen war, fort -- über ganze Halden zerbrochener Ziegelsteine und
-durch versunkene Keller -- erklomm eine Treppenruine und stand plötzlich
--- -- im Hausflur des _schwarzen Schulhauses_, das ich vorhin wie im
-Traum gesehen.
-
-Sofort stürzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf mich ein: Bänke,
-bespritzt mit Tinte von oben bis unten, Rechenhefte, plärrender Gesang,
-ein Junge, der Maikäfer in der Klasse losläßt, Lesebücher mit
-zerquetschten Butterbroten darin und Geruch nach Orangeschalen. Jetzt
-wußte ich mit Gewißheit: Ich war einst als Knabe hier gewesen. -- Aber
-ich ließ mir keine Zeit nachzudenken und eilte heim.
-
-Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete, war ein
-verwachsener alter Jude mit weißen Schläfenlocken. Kaum hatte er mich
-erblickt, bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und heulte laut
-hebräische Gebete herunter.
-
-Auf den Lärm hin mußten wahrscheinlich viele Leute aus ihren Höhlen
-gestürzt sein, denn es brach ein unbeschreibliches Gezeter hinter mir
-los. Ich drehte mich um und sah ein wimmelndes Heer totenblasser,
-entsetzenverzerrter Gesichter sich mir nachwälzen.
-
-Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand: -- ich trug noch
-immer die seltsam mittelalterlichen Kleider von nachts her über meinem
-Anzug, und die Leute glaubten, den »Golem« vor sich zu haben.
-
-Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und riß mir die modrigen
-Fetzen vom Leibe.
-
-Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen Stöcken und geifernden
-Mäulern schreiend an mir vorüber.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Licht
-
-
-Einige Male im Laufe des Tages hatte ich an Hillels Türe geklopft; -- es
-ließ mir keine Ruhe: ich mußte ihn sprechen und fragen, was alle diese
-seltsamen Erlebnisse bedeuteten; aber immer hieß es, er sei noch nicht
-zu Hause.
-
-Sowie er heimkäme vom jüdischen Rathaus, wollte mich seine Tochter
-sofort verständigen. --
-
-Ein sonderbares Mädchen übrigens, diese Mirjam!
-
-Ein Typus, wie ich ihn noch nie gesehen.
-
-Eine Schönheit, so fremdartig, daß man sie im ersten Moment gar nicht
-fassen kann, -- eine Schönheit, die einen stumm macht, wenn man sie
-ansieht, und ein unerklärliches Gefühl, so etwas, wie leise Mutlosigkeit
-in einem erweckt.
-
-Nach Proportionsgesetzen, die seit Jahrtausenden verloren gegangen sein
-müssen, ist dieses Gesicht geformt, grübelte ich mir zurecht, wie ich es
-so im Geiste wieder vor mir sah.
-
-Und ich dachte nach, welchen Edelstein ich wählen müßte, um es als Gemme
-festzuhalten und dabei den künstlerischen Ausdruck richtig zu wahren:
-Schon an dem rein Äußerlichen; dem blauschwarzen Glanz des Haares und
-der Augen, der alles übertraf, worauf ich auch riet, scheiterte es. --
-Wie erst die unirdische Schmalheit des Gesichtes sinn- und
-visionsgemäß in eine Kamee bannen, ohne sich in die stumpfsinnige
-Ähnlichkeitsmacherei der kanonischen »Kunst«richtung festzurennen!
-
-Nur durch ein Mosaik ließ es sich lösen, erkannte ich klar, aber was für
-Material wählen? Ein Menschenleben gehörte dazu, das passende zusammen
-zu finden. -- --
-
-Wo nur Hillel blieb!
-
-Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben, alten Freunde.
-
-Merkwürdig, wie er mir in den wenigen Tagen -- und ich hatte ihn doch,
-genau genommen, nur ein einziges Mal im Leben gesprochen, -- ins Herz
-gewachsen war.
-
-Ja, richtig: die Briefe -- _ihre_ Briefe wollte ich doch besser
-verstecken. Zu meiner Beruhigung, falls ich wieder einmal länger von zu
-Hause fort sein sollte.
-
-Ich nahm sie aus der Truhe: -- in der Kassette würden sie sicherer
-aufbewahrt sein.
-
-Eine Photographie glitt zwischen den Briefen heraus. Ich wollte nicht
-hinschauen, aber es war zu spät.
-
-Den Brokatstoff um die bloßen Schultern gelegt -- so wie ich >sie< das
-erste Mal gesehen, als sie in mein Zimmer flüchtete aus Saviolis Atelier
--- blickte sie mir in die Augen.
-
-Ein wahnsinniger Schmerz bohrte sich in mich ein. Ich las die Widmung
-unter dem Bilde, ohne die Worte zu erfassen, und den Namen:
-
-Deine _Angelina_.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-_Angelina!!!_
-
-Wie ich den Namen aussprach, zerriß der Vorhang, der meine Jugendjahre
-vor mir verbarg, von oben bis unten.
-
-Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu müssen. Ich krallte die Finger
-in die Luft und winselte, -- biß mich in die Hand: -- -- nur wieder
-blind sein, Gott im Himmel, -- den Scheintod weiter leben, wie bisher,
-flehte ich.
-
-Das Weh stieg mir in den Mund. -- Quoll. -- Schmeckte seltsam süß, --
-wie Blut. -- --
-
-Angelina!!
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Name kreiste in meinen Adern und wurde -- zu unerträglicher
-gespenstischer Liebkosung.
-
-Mit einem gewaltsamen Ruck riß ich mich zusammen und zwang mich -- mit
-knirschenden Zähnen -- das Bild anzustarren, bis ich langsam Herr
-darüber wurde!
-
-_Herr_ darüber!
-
-Wie heute nacht über das Kartenblatt.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Endlich: Schritte! Männertritte.
-
-Er kam!
-
-Voll Jubel eilte ich zur Tür und riß sie auf.
-
-Schemajah Hillel stand draußen und hinter ihm -- ich machte mir leise
-Vorwürfe, daß ich es als Enttäuschung empfand -- mit roten Bäckchen und
-runden Kinderaugen: der alte Zwakh.
-
-»Wie ich zu meiner Freude sehe, sind Sie wohlauf, Meister Pernath«, fing
-Hillel an.
-
-Ein kaltes »Sie«?
-
-Frost. Schneidender, ertötender Frost lag plötzlich im Zimmer.
-
-Betäubt, mit halbem Ohr, hörte ich hin, was Zwakh, atemlos vor
-Aufregung, auf mich losplapperte:
-
-»Wissen Sie schon, der Golem geht wieder um? Neulich erst sprachen wir
-davon, wissen Sie noch, Pernath? Die ganze Judenstadt ist auf.
-Vrieslander hat ihn selbst gesehen, den Golem. Und wieder hat es, wie
-immer, mit einem Mord begonnen« -- Ich horchte erstaunt auf: Ein Mord?
-
-Zwakh schüttelte mich: »Ja, wissen Sie denn von gar nichts, Pernath?
-Unten hängt doch großmächtig ein Polizeiaufruf an den Ecken: den
-dicken Zottmann, den >Freimaurer< -- na, ich meine doch den
-Lebensversicherungsdirektor Zottmann -- soll man ermordet haben. Der
-Loisa -- hier im Haus -- ist bereits verhaftet. Und die rote Rosina:
-spurlos verschwunden. -- Der Golem -- der Golem -- es ist ja
-haarsträubend.«
-
-Ich gab keine Antwort und suchte in Hillels Augen: warum blickte er mich
-so unverwandt an?
-
-Ein verhaltenes Lächeln zuckte plötzlich um seine Mundwinkel.
-
-Ich verstand. Es galt mir.
-
-Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen vor jauchzender Freude.
-
-Außer mir in meinem Entzücken, lief ich planlos im Zimmer umher. Was
-zuerst bringen? Gläser? Eine Flasche Burgunder? (Ich hatte doch nur
-eine.) Zigarren? -- Endlich fand ich Worte: »Aber warum setzt ihr euch
-denn nicht!?« -- Rasch schob ich meinen beiden Freunden Sessel unter. --
--- --
-
-Zwakh fing an, sich zu ärgern: »Warum lächeln Sie denn immerwährend,
-Hillel? Glauben Sie vielleicht nicht, daß der Golem spukt? Mir scheint,
-Sie glauben überhaupt nicht an den Golem?«
-
-»Ich würde nicht an ihn glauben, selbst wenn ich ihn hier im Zimmer vor
-mir sähe«, antwortete Hillel gelassen mit einem Blick auf mich. -- Ich
-verstand den Doppelsinn, der aus seinen Worten klang.
-
-Zwakh hielt erstaunt im Trinken inne: »Das Zeugnis von hunderten
-Menschen gilt Ihnen nichts, Hillel? -- Aber warten Sie nur, Hillel,
-denken Sie an meine Worte: Mord auf Mord wird es jetzt in der Judenstadt
-geben! Ich kenne das. Der Golem zieht eine unheimliche Gefolgschaft
-hinter sich her.«
-
-»Die Häufung gleichartiger Ereignisse ist nichts Wunderbares«, erwiderte
-Hillel. Er sprach es im Gehen, trat ans Fenster und blickte durch die
-Scheiben hinab auf den Trödlerladen -- »Wenn der Tauwind weht, rührt
-sich's in den Wurzeln. In den süßen, wie in den giftigen.«
-
-Zwakh zwinkerte mir lustig zu und deutete mit dem Kopf nach Hillel.
-
-»Wenn der Rabbi nur reden wollte, der könnte uns Dinge erzählen, daß
-einem die Haare zu Berge stünden,« warf er halblaut hin.
-
-Schemajah drehte sich um.
-
-»Ich bin nicht >Rabbi<, wenn ich auch den Titel tragen darf. Ich bin nur
-ein armseliger Archivar im jüdischen Rathaus und führe die Register --
-über die Lebendigen und die Toten.«
-
-Eine verborgene Bedeutung lag in seiner Rede, fühlte ich. Auch der
-Marionettenspieler schien es unterbewußt zu empfinden, -- er wurde still
-und eine Zeitlang sprach keiner von uns ein Wort.
-
-»Hören Sie mal, Rabbi --, verzeihen Sie: >Herr Hillel<, wollte ich
-sagen,« -- fing Zwakh nach einer Weile wieder an, und seine Stimme klang
-auffallend ernst, »ich wollte Sie schon lange etwas fragen. Sie brauchen
-mir ja nicht drauf zu antworten, wenn Sie nicht mögen, oder nicht dürfen
--- -- --«
-
-Schemajah trat an den Tisch und spielte mit dem Weinglas -- er trank
-nicht; vielleicht verbot es ihm das jüdische Ritual.
-
-»Fragen Sie ruhig, Herr Zwakh.«
-
-»-- -- Wissen Sie etwas über die jüdische Geheimlehre, die Kabbala,
-Hillel?«
-
-»Nur wenig.«
-
-»Ich habe gehört, es soll ein Dokument geben, aus dem man die Kabbala
-lernen kann: den >Sohar< -- --«
-
-»Ja, den Sohar, -- das Buch des Glanzes.«
-
-»Sehen Sie, da hat man's«, schimpfte Zwakh los. »Ist es nicht eine
-himmelschreiende Ungerechtigkeit, daß eine Schrift, die angeblich die
-Schlüssel zum Verständnis der Bibel und zur Glückseligkeit enthält --«
-
-Hillel unterbrach ihn: »-- nur einige Schlüssel.«
-
-»Gut, immerhin einige! -- also, daß diese Schrift infolge ihres hohen
-Wertes und ihrer Seltenheit wieder nur den Reichen zugänglich ist? In
-einem einzigen Exemplar, das noch dazu im Londoner Museum steckt, wie
-ich mir habe erzählen lassen? Und überdies chaldäisch, aramäisch,
-hebräisch -- oder was weiß ich wie -- geschrieben? -- Habe _ich_ zum
-Beispiel je im Leben Gelegenheit gehabt, diese Sprachen zu lernen oder
-nach London zu kommen?«
-
-»Haben Sie denn alle Ihre Wünsche so heiß auf dieses Ziel gerichtet?«
-fragte Hillel mit leisem Spott.
-
-»Offen gestanden -- nein«, gab Zwakh einigermaßen verwirrt zu.
-
-»Dann sollten Sie sich nicht beklagen,« sagte Hillel trocken, »wer nicht
-nach dem Geist schreit mit allen Atomen seines Leibes, -- wie ein
-Erstickender nach Luft, -- der kann die Geheimnisse Gottes nicht
-schauen.«
-
-»Es sollte trotzdem ein Buch geben, in dem sämtliche Schlüssel zu den
-Rätseln der anderen Welt stehen, nicht nur einige«, schoß es mir durch
-den Kopf, und meine Hand spielte automatisch mit dem Pagad, den ich
-immer noch in der Tasche trug, aber ehe ich die Frage in Worte kleiden
-konnte, hatte Zwakh sie bereits ausgesprochen.
-
-Hillel lächelte wieder sphinxhaft: »_Jede Frage, die ein Mensch tun
-kann, ist im selben Augenblick beantwortet, wo er sie geistig gestellt
-hat._«
-
-»Verstehen _Sie_, was er damit meint?«, wandte sich Zwakh an mich.
-
-Ich gab keine Antwort und hielt den Atem an, um kein Wort von Hillels
-Rede zu verlieren.
-
-Schemajah fuhr fort:
-
-»Das ganze Leben ist _nichts_ anderes als formgewordene Fragen, die den
-Keim der Antwort in sich tragen -- und Antworten, die schwanger gehen
-mit Fragen. Wer irgend etwas anderes darin sieht, ist ein Narr.«
-
-Zwakh schlug mit der Faust auf den Tisch:
-
-»Jawohl: Fragen, die jedesmal anders lauten, und Antworten, die jeder
-anders versteht.«
-
-»Gerade _darauf_ kommt es an,« sagte Hillel freundlich. »Alle Menschen
-über _einen_ Löffel zu -- kurieren, ist lediglich Vorrecht der Ärzte.
-Der Fragende erhält _die_ Antwort, die ihm not tut: sonst ginge nicht
-die Kreatur den Weg ihrer Sehnsucht. Glauben Sie denn, unsere jüdischen
-Schriften sind bloß aus Willkür nur in Konsonanten geschrieben? -- Jeder
-hat _sich selbst_ die geheimen Vokale dazu zu finden, die ihm den nur
-für ihn allein bestimmten Sinn erschließen, -- soll nicht das lebendige
-Wort zum toten Dogma erstarren.«
-
-Der Marionettenspieler wehrte heftig ab:
-
-»Das sind _Worte_, Rabbi, _Worte_! Pagad ultimo will ich heißen, wenn
-ich daraus klug werde.«
-
-_Pagad!!_ -- Das Wort schlug in mich ein wie der Blitz. Ich fiel vor
-Entsetzen beinahe vom Stuhl.
-
-Hillel wich meinen Augen aus.
-
-»Pagad ultimo? Wer weiß, ob Sie nicht wirklich so heißen, Herr Zwakh!«
--- schlug Hillels Rede wie aus weiter Ferne an mein Ohr. »Man soll
-seiner Sache niemals allzu sicher sein. -- Übrigens, da wir gerade von
-Karten sprechen: Herr Zwakh, spielen Sie Tarok?«
-
-»Tarok? Natürlich. Von Kindheit an.«
-
-»Dann wundert's mich, wieso Sie nach einem Buche fragen können, in dem
-die ganze Kabbala steht, wo Sie es doch selbst tausende Male in der Hand
-gehabt haben.«
-
-»Ich? In der Hand gehabt? Ich?« -- Zwakh griff sich an den Kopf.
-
-»Jawohl, _Sie_! Ist es Ihnen niemals aufgefallen, daß das Tarokspiel
-zweiundzwanzig Trümpfe hat, -- genau so viel, wie das hebräische
-Alphabet Buchstaben? Zeigen unsere böhmischen Karten nicht zum Überfluß
-noch Bilder dazu, die offenkundig Symbole sind: Der Narr, der Tod, der
-Teufel, das letzte Gericht? -- Wie laut, lieber Freund, wollen Sie
-eigentlich, daß Ihnen das Leben die Antworten in die Ohren schreien
-soll? -- -- Was Sie allerdings nicht zu wissen brauchen, ist, daß
->^tarok^< oder >^Tarot^< soviel bedeutet wie das jüdische >^Tora^< = das
-Gesetz, oder das altägyptische >^Tarut^< = >die Befragte<, und in der
-uralten Zendsprache das Wort: >^tarisk^< = >ich verlange die Antwort<.
--- Aber die Gelehrten sollten es wissen, bevor sie die Behauptung
-aufstellen, das Tarok stamme aus der Zeit Karls des Sechsten. -- Und so,
-wie der Pagad die erste Karte im Spiel ist, so ist der Mensch die erste
-Figur in seinem eignen Bilderbuch, sein eigner Doppelgänger: -- -- der
-hebräische Buchstabe Aleph, der, nach der Form des Menschen gebaut, mit
-der einen Hand zum Himmel zeigt und mit der andern abwärts: das heißt
-also: >So wie es oben ist, ist es auch unten; so wie es unten ist, ist
-es auch oben<. -- Darum sagte ich vorhin: Wer weiß, ob Sie wirklich
-Zwakh heißen und nicht: >Pagad< -- Berufen Sie's nicht,« -- Hillel
-blickte mich dabei unverwandt an, und ich ahnte, wie sich unter seinen
-Worten ein Abgrund immer neuer Bedeutungen auftat -- »berufen Sie's
-nicht, Herr Zwakh! _Man kann da in finstere Gänge geraten_, aus denen
-noch keiner zurückfand, der nicht -- _einen Talisman bei sich trug_. Die
-Überlieferung erzählt, daß einmal drei Männer hinabgestiegen seien ins
-Reich der Dunkelheit, der eine wurde wahnsinnig, der zweite blind, nur
-der dritte, Rabbi ben Akiba, kam heil wieder heim und sagte, er sei sich
-selbst begegnet. Schon so mancher, werden Sie sagen, ist sich selbst
-begegnet, z. B. Goethe, gewöhnlich auf einer Brücke, oder sonst einem
-Steig, der von einem Ufer eines Flusses zum andern führt, -- hat sich
-selbst ins Auge geblickt und ist _nicht_ wahnsinnig geworden. Aber dann
-war's eben nur eine Spiegelung des eigenen Bewußtseins und nicht der
-wahre Doppelgänger: nicht das, was man >den Hauch der Knochen<, den
->Habal Garmin< nennt, von dem es heißt: _Wie er in die Grube fuhr,
-unverweslich, im Gebein, so wird er auferstehen am Tage des letzten
-Gerichts._« -- Hillels Blick bohrte sich immer tiefer in meine Augen --
-»Unsere Großmütter sagen von ihm: >_er wohnt_ hoch über der Erde _in
-einem Zimmer ohne Türe, nur mit einem Fenster_, von dem aus eine
-Verständigung mit den Menschen unmöglich ist. Wer ihn zu bannen und zu
--- -- verfeinern versteht, der wird gut Freund mit sich selbst.< -- --
--- Was schließlich das Tarok betrifft, so wissen Sie so gut wie ich: für
-jeden Spieler liegen die Karten anders, wer aber die Trümpfe richtig
-verwendet, der gewinnt die Partie -- -- --. Aber kommen Sie jetzt, Herr
-Zwakh! Gehen wir, Sie trinken sonst Meister Pernaths ganzen Wein aus,
-und es bleibt nichts mehr übrig für ihn selbst.«
-
-
-
-
- Not
-
-
-Eine Flockenschlacht tobte vor meinem Fenster. Regimenterweise jagten
-die Schneesterne -- winzige Soldaten in weißen, zottigen Mäntelchen --
-hintereinander her an den Scheiben vorüber -- minutenlang -- immer in
-derselben Richtung, wie auf gemeinsamer Flucht vor einem ganz besonders
-bösartigen Gegner. Dann hatten sie das Davonlaufen mit einem Mal dick
-satt, schienen aus rätselhaften Gründen einen Wutanfall zu bekommen und
-sausten wieder zurück, bis ihnen von oben und unten neue feindliche
-Armeen in die Flanken fielen und alles in ein heilloses Gewirbel
-auflösten.
-
-Monate schien mir zurückzuliegen, was ich an Seltsamem erst vor kurzem
-erlebt hatte, und wären nicht täglich einigemal immer neue krause
-Gerüchte über den Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch
-aufleben ließen, ich glaube, ich hätte mich in Augenblicken des Zweifels
-verdächtigen können, das Opfer eines seelischen Dämmerzustandes gewesen
-zu sein.
-
-Aus den bunten Arabesken, die die Ereignisse um mich gewoben, stach mit
-schreienden Farben hervor, was mir Zwakh über den noch immer
-unaufgeklärten Mord an dem sogenannten »Freimaurer« erzählt hatte.
-
-Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang zu bringen, wollte mir
-nicht recht einleuchten, obwohl ich einen dunklen Verdacht nicht
-abschütteln konnte, -- fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener
-Nacht aus dem Kanalgitter ein unheimliches Geräusch gehört zu haben
-geglaubt, hatten wir den Burschen beim »Loisitschek« gesehen. Allerdings
-lag kein Anlaß vor, den Schrei unter der Erde, der überdies geradesogut
-eine Sinnestäuschung gewesen sein konnte, als Hilferuf eines Menschen zu
-deuten. -- -- --
-
-Das Schneegestöber vor meinen Augen blendete mich, und ich fing an,
-alles in tanzenden Streifen zu sehen. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit
-wieder auf die Gemme vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams
-Gesicht entworfen hatte, mußte sich vortrefflich auf den bläulich
-leuchtenden Mondstein da übertragen lassen. -- Ich freute mich: es war
-ein angenehmer Zufall, daß ich etwas so Geeignetes unter meinem
-Mineralienvorrat gefunden hatte. Die tiefschwarze Matrix von Hornblende
-gab dem Stein gerade das richtige Licht, und die Konturen paßten so
-genau, als habe ihn die Natur eigens erschaffen, ein bleibendes Abbild
-von Mirjams feinem Profil zu werden.
-
-Anfangs war meine Absicht gewesen, eine Kamee daraus zu schneiden, die
-den ägyptischen Gott Osiris darstellen sollte, und die Vision des
-Hermaphroditen aus dem Buche Ibbur, die ich mir jederzeit mit
-auffallender Deutlichkeit ins Gedächtnis zurückrufen konnte, regte mich
-künstlerisch stark dazu an, aber allmählich entdeckte ich nach den
-ersten Schnitten eine solche Ähnlichkeit mit der Tochter Schemajah
-Hillels, daß ich meinen Plan umstieß. -- -- --
-
--- Das Buch Ibbur! --
-
-Erschüttert legte ich den Stahlgriffel weg. Unfaßbar, was in der kurzen
-Spanne Zeit in mein Leben getreten war!
-
-Wie jemand, der sich plötzlich in eine unabsehbare Sandwüste versetzt
-sieht, wurde ich mir mit einem Schlage der tiefen, riesengroßen
-Einsamkeit bewußt, die mich von meinen Nebenmenschen trennte.
-
-Konnte ich je mit einem Freund -- Hillel ausgenommen -- davon reden, was
-ich erlebt?
-
-Wohl war mir in den stillen Stunden der verflossenen Nächte die
-Erinnerung wiedergekehrt, daß mich all meine Jugendjahre -- von früher
-Kindheit angefangen -- ein unsagbarer Durst nach dem Wunderbaren, dem
-jenseits aller Sterblichkeit Liegenden, bis zur Todespein gefoltert
-hatte, aber die Erfüllung meiner Sehnsucht war wie ein Gewittersturm
-gekommen und erdrückte den Jubelaufschrei meiner Seele mit ihrer Wucht.
-
-Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst kommen und das
-Geschehene in seiner vollen, markverbrennenden Lebendigkeit als
-_Gegenwart_ empfinden mußte.
-
-Nur jetzt sollte es noch nicht kommen! Erst den Genuß auskosten:
-Unaussprechliches an Glanz auf sich zukommen zu sehen!
-
-Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur hinüberzugehen in mein
-Schlafzimmer und die Kassette aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das
-Geschenk der Unsichtbaren, lag!
-
-Wie lang war's her, da hatte es meine Hand berührt, als ich Angelinas
-Briefe dazuschloß!
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Dumpfes Dröhnen draußen, wie von Zeit zu Zeit der Wind die angehäuften
-Schneemassen von den Dächern hinab vor die Häuser warf, gefolgt von
-Pausen tiefer Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut
-verschlang.
-
-Ich wollte weiterarbeiten, -- da plötzlich stahlscharfe Hufschläge unten
-die Gasse entlang, daß man's förmlich Funken sprühen sah.
-
-Das Fenster zu öffnen und hinauszuschauen war unmöglich: Muskeln aus Eis
-verbanden seine Ränder mit dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur
-Hälfte weiß verweht. Ich sah nur, daß Charousek scheinbar ganz friedlich
-neben dem Trödler Wassertrum stand -- sie mußten soeben ein Gespräch
-mitsammen geführt haben -- sah, wie die Verblüffung, die sich in ihrer
-beider Mienen malte, wuchs und sie sprachlos offenbar den Wagen, der
-meinen Blicken entzogen war, anstarrten.
-
-Angelinas Gatte ist es, fuhr es mir durch den Kopf. -- Sie selbst konnte
-es nicht sein! Mit ihrer Equipage hier bei mir vorzufahren, -- in der
-Hahnpaßgasse! -- vor aller Leute Augen! Es wäre hellichter Wahnsinn
-gewesen. -- Aber was sollte ich ihrem Gatten sagen, wenn er's wäre und
-mich auf den Kopf zu fragte?
-
-Leugnen, natürlich leugnen.
-
-Hastig legte ich mir die Möglichkeiten zurecht: es kann nur ihr Gatte
-sein. Er hat einen anonymen Brief bekommen, -- von Wassertrum -- daß sie
-hier gewesen sei zu einem Rendezvous, und sie hat eine Ausrede
-gebraucht: wahrscheinlich, daß sie eine Gemme oder sonst etwas bei mir
-bestellt habe. -- -- -- Da! wütendes Klopfen an meiner Tür und --
-Angelina stand vor mir.
-
-Sie konnte kein Wort hervorbringen, aber der Ausdruck ihres Gesichtes
-verriet mir alles: sie brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Das Lied
-war aus.
-
-Dennoch lehnte sich irgendetwas in mir auf gegen diese Annahme. Ich
-brachte es nicht fertig, zu glauben, daß das Gefühl, ihr helfen zu
-können, mich belogen haben sollte.
-
-Ich führte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr stumm das Haar; und
-sie verbarg todmüde wie ein Kind ihren Kopf an meiner Brust.
-
-Wir hörten das Knistern der brennenden Scheite im Ofen und sahen, wie
-der rote Schein über die Dielen huschte, aufflammte und erlosch --
-aufflammte und erlosch -- aufflammte und erlosch -- -- --
-
-»Wo ist das Herz aus rotem Stein -- -- --« klang es in meinem Innern.
-Ich fuhr auf: wo bin ich! Wie lang sitzt sie schon hier?
-
-Und ich forschte sie aus, -- vorsichtig, leise, ganz leise, daß sie
-nicht aufwache und ich mit der Sonde die schmerzende Wunde nicht
-berühre.
-
-Bruchstückweise erfuhr ich, was ich zu wissen brauchte, und setzte es
-mir zusammen wie ein Mosaik:
-
-»Ihr Gatte weiß -- --?«
-
-»Nein, noch nicht; er ist verreist.«
-
-Also um Dr. Saviolis Leben drehte sich's; -- Charousek hatte es richtig
-erraten. Und weil's um Saviolis Leben ging, und nicht mehr um ihres, war
-sie hier. Sie denkt nicht mehr daran, irgend etwas zu verbergen, begriff
-ich.
-
-Wassertrum war abermals bei Dr. Savioli gewesen. Hatte sich mit
-Drohungen und Gewalt den Weg erzwungen bis zu seinem Krankenlager.
-
-Und weiter! Weiter! Was wollte er von ihm?
-
-Was er wollte? Sie hatte es halb erraten, halb erfahren: er wollte, daß
--- -- daß -- er wollte, daß sich Dr. Savioli -- -- ein Leid antue.
-
-Sie kenne jetzt auch die Gründe von Wassertrums wildem, besinnungslosem
-Haß: »Dr. Savioli habe einst seinen Sohn, den Augenarzt Wassory, in den
-Tod getrieben.«
-
-Sofort schlug ein Gedanke in mich ein wie der Blitz: hinunter laufen,
-dem Trödler alles verraten: daß _Charousek_ den Schlag geführt hatte,
-aus dem Hinterhalt -- und nicht Savioli, der nur das Werkzeug war -- --
---. »Verrat! Verrat!« heulte es mir ins Hirn, »du willst also den armen
-schwindsüchtigen Charousek, der _dir_ helfen wollte und _ihr_, der
-Rachsucht dieses Halunken preisgeben?« -- Und es zerriß mich in blutende
-Hälften. -- Dann sprach ein Gedanke eiskalt und gelassen die Lösung aus:
-»Narr! Du hast es doch in der Hand! Brauchst ja nur die Feile dort auf
-dem Tisch zu nehmen, hinunter zu laufen und sie dem Trödler durch die
-Gurgel zu jagen, daß die Spitze hinten zum Genick herausschaut.«
-
-Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich forschte weiter:
-
-»Und Dr. Savioli?«
-
-Kein Zweifel, daß er Hand an sich legen wird, wenn sie ihn nicht
-rettete. Die Krankenschwestern ließen ihn nicht aus den Augen, hätten
-ihn mit Morphium betäubt, aber vielleicht erwacht er plötzlich --
-vielleicht gerade jetzt -- und -- und -- nein, nein, sie müsse fort,
-dürfe keine Sekunde Zeit mehr versäumen, -- sie wolle ihrem Gatten
-schreiben, ihm alles eingestehen, -- solle er ihr das Kind nehmen, aber
-Savioli sei gerettet, denn sie hätte Wassertrum damit die einzige Waffe
-aus der Hand geschlagen, die er besäße und mit der er drohe.
-
-Sie wolle das Geheimnis selbst enthüllen, ehe er es verraten könne.
-
-»Das werden Sie _nicht_ tun, Angelina!« schrie ich und dachte an die
-Feile, und die Stimme versagte mir in jubelnder Freude über meine Macht.
-
-Angelina wollte sich losreißen: ich hielt sie fest.
-
-»Nur noch eins: überlegen Sie, wird Ihr Gatte denn dem Trödler so ohne
-weiteres glauben?«
-
-»Aber Wassertrum hat doch Beweise, offenbar meine Briefe, vielleicht
-auch ein Bild von mir, -- alles, was im Schreibtisch nebenan im Atelier
-versteckt war.«
-
-Briefe? Bild? Schreibtisch? -- ich wußte nicht mehr, was ich tat: ich
-riß Angelina an meine Brust und küßte sie. Auf den Mund, auf die Stirn,
-auf die Augen.
-
-Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor meinem Gesicht.
-
-Dann hielt ich sie an ihren schmalen Händen und erzählte ihr mit
-fliegenden Worten, daß der Todfeind Wassertrums -- ein armer böhmischer
-Student -- die Briefe und alles in Sicherheit gebracht hätte und sie in
-meinem Besitz seien und fest verwahrt.
-
-Und sie fiel mir um den Hals und lachte und weinte in einem Atem. Küßte
-mich. Rannte zur Tür. Kehrte wieder um und küßte mich wieder.
-
-Dann war sie verschwunden.
-
-Ich stand wie betäubt und fühlte noch immer den Atem ihres Mundes an
-meinem Gesicht.
-
-Ich hörte, wie die Wagenräder über das Pflaster donnerten und den
-rasenden Galopp der Hufe. Eine Minute später war alles still. Wie ein
-Grab.
-
-Auch in mir.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Plötzlich knarrte die Tür leise hinter mir, und Charousek stand im
-Zimmer:
-
-»Verzeihen Sie, Herr Pernath, ich habe lange geklopft, aber Sie schienen
-es nicht zu hören.«
-
-Ich nickte nur stumm.
-
-»Hoffentlich nehmen Sie nicht an, daß ich mich mit Wassertrum versöhnt
-habe, weil Sie mich vorhin mit ihm sprechen sahen?« -- Charouseks
-höhnisches Lächeln sagte mir, daß er nur einen grimmigen Spaß machte. --
-»Sie müssen nämlich wissen: Das Glück ist mir hold; die Kanaille da
-unten fängt an, mich in ihr Herz zu schließen, Meister Pernath. -- -- Es
-ist eine seltsame Sache, das mit der Stimme des Blutes,« setzte er leise
--- halb für sich -- hinzu.
-
-Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und nahm an, ich hätte
-etwas überhört. Die ausgestandene Erregung zitterte noch zu stark in
-mir.
-
-»Er wollte mir einen Mantel schenken,« fuhr Charousek laut fort. »Ich
-habe natürlich dankend abgelehnt. Mich brennt schon meine eigene Haut
-genug. -- Und dann hat er mir Geld aufgedrängt.«
-
-»Sie haben es angenommen?!« wollte es mir herausfahren, aber ich hielt
-noch rasch meine Zunge im Zaum.
-
-Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote Flecken:
-
-»Das Geld habe ich selbstverständlich angenommen.«
-
-Mir wurde ganz wirr im Kopf!
-
-»-- an -- genommen?« stammelte ich.
-
-»Ich hätte nie gedacht, daß man auf Erden eine so reine Freude empfinden
-kann!« -- Charousek hielt einen Augenblick inne und schnitt eine Fratze.
--- »Ist es nicht ein erhebendes Gefühl, im Haushalt der Natur
->Mütterchen Vorsehungs< ökonomischen Finger allenthalben in Weisheit und
-Umsicht walten zu sehen!?« -- Er sprach wie ein Pastor und klimperte
-dabei mit dem Geld in seiner Tasche, -- »wahrlich, als hehre Pflicht
-empfinde ich es, den Schatz, mir anvertraut von milder Hand, auf Heller
-und Pfennig dereinst dem edelsten aller Zwecke zuzuführen.«
-
-War er betrunken? Oder wahnsinnig?
-
-Charousek änderte plötzlich den Ton:
-
-»Es liegt eine satanische Komik darin, daß Wassertrum sich die -- Arznei
-selber bezahlt. Finden Sie nicht?«
-
-Eine Ahnung dämmerte mir auf, was sich hinter Charouseks Rede verbarg,
-und mir graute vor seinen fiebernden Augen.
-
-Ȇbrigens lassen wir das jetzt, Meister Pernath. Erledigen wir erst die
-laufenden Geschäfte. Vorhin, die Dame, das war >_sie_< doch? Was ist ihr
-denn eingefallen, hier öffentlich vorzufahren?«
-
-Ich erzählte Charousek, was geschehen war.
-
-»Wassertrum hat bestimmt keine Beweise in den Händen,« unterbrach er
-mich freudig, »sonst hätte er nicht heute morgen abermals das Atelier
-durchsucht. -- Merkwürdig, daß Sie ihn nicht gehört haben!? Eine volle
-Stunde lang war er drüben.«
-
-Ich staunte, woher er alles so genau wissen könne, und sagte es ihm.
-
-»Darf ich?« -- als Erklärung nahm er sich eine Zigarette vom Tisch,
-zündete sie an und erläuterte: -- »Sehen Sie, wenn Sie jetzt die Tür
-öffnen, bringt die Zugluft, die vom Stiegenhaus hereinweht, den
-Tabaksrauch aus der Richtung. Es ist das vielleicht das einzige
-Naturgesetz, das Herr Wassertrum genau kennt, und für alle Fälle hat er
-in der Straßenmauer des Ateliers -- das Haus gehört ihm, wie Sie wissen
--- eine kleine, versteckte, offene Nische anbringen lassen: eine Art
-Ventilation, und darin ein rotes Fähnchen. Wenn nun jemand das Zimmer
-betritt oder verläßt, das heißt: die Zugtür öffnet, so merkt es
-Wassertrum unten aus dem heftigen Flattern des Fähnchens. Allerdings
-weiß ich es ebenfalls,« setzte Charousek trocken hinzu, »wenn's mir drum
-zu tun ist, und kann es von dem Kellerloch ^vis-à-vis^, in dem zu hausen
-ein gnädiges Schicksal mir huldreichst gestattet, genau beobachten. --
-Der niedliche Scherz mit der Ventilation ist zwar ein Patent des
-würdigen Patriarchen, aber auch mir seit Jahren geläufig.«
-
-»Was für einen übermenschlichen Haß Sie gegen ihn haben müssen, daß Sie
-so jeden seiner Schritte belauern. Und noch dazu seit langem, wie Sie
-sagen!« warf ich ein.
-
-»Haß?« Charousek lächelte krampfhaft. »Haß? -- Haß ist kein Ausdruck.
-Das Wort, das meine Gefühle gegen ihn bezeichnen könnte, muß erst
-geschaffen werden. -- Ich hasse, genau genommen, auch gar nicht _ihn_.
-Ich hasse sein Blut. Verstehen Sie das? Ich wittere wie ein wildes Tier,
-wenn auch nur ein Tropfen von seinem Blut in den Adern eines Menschen
-fließt, -- und« -- er biß die Zähne zusammen -- »das kommt >zuweilen<
-vor hier im Ghetto.« Unfähig, weiter zu sprechen vor Aufregung lief er
-ans Fenster und starrte hinaus. -- Ich hörte, wie er sein Keuchen
-unterdrückte. Wir schwiegen beide eine Weile.
-
-»Hallo, was ist denn das?« fuhr er plötzlich auf und winkte mir hastig:
-»Rasch, rasch! Haben Sie nicht einen Operngucker oder so etwas?«
-
-Wir spähten vorsichtig hinter den Vorhängen hinunter:
-
-Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des Trödlerladens und bot,
-soviel wir aus seiner Zeichensprache erraten konnten, Wassertrum einen
-kleinen blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg, zum Kauf
-an. Wassertrum fuhr danach wie ein Geier und zog sich damit in seine
-Höhle zurück.
-
-Gleich darauf stürzte er wieder hervor -- totenblaß -- und packte
-Jaromir an der Brust: Es entspann sich ein heftiges Ringen. -- Mit einem
-Mal ließ Wassertrum los und schien zu überlegen. Nagte wütend an seiner
-gespaltenen Oberlippe. Warf einen grübelnden Blick zu uns herauf und zog
-dann Jaromir am Arm friedlich in seinen Laden.
-
-Wir warteten wohl eine Viertelstunde lang: sie schienen nicht fertig
-werden zu können mit ihrem Handel.
-
-Endlich kam der Taubstumme mit befriedigter Miene wieder heraus und ging
-seines Weges.
-
-»Was halten Sie davon?« fragte ich. »Es scheint nichts Wichtiges zu
-sein? Vermutlich hat der arme Bursche irgendeinen erbettelten Gegenstand
-versilbert.«
-
-Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend wieder an den
-Tisch.
-
-Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung bei, denn er fuhr
-nach einer Pause da fort, wo er stehen geblieben war:
-
-»Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. -- Unterbrechen Sie mich,
-Meister Pernath, wenn ich wieder heftig werde. Ich will kalt bleiben.
-Ich darf meine besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich
-sonst nachher wie Ernüchterung. Ein Mensch mit Schamgefühl soll in
-kühlen Worten reden, nicht mit Pathos wie eine Prostituierte oder --
-oder ein Dichter. -- Seit die Welt steht, wär's niemand eingefallen, vor
-Leid die >Hände zu ringen<, wenn nicht die Schauspieler diese Geste als
-besonders >plastisch< ausgetüftelt hätten.«
-
-Ich begriff, daß er mit Absicht blind drauflos redete, um innerlich Ruhe
-zu bekommen.
-
-Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervös lief er im Zimmer auf und ab,
-faßte alle möglichen Gegenstände an und stellte sie zerstreut zurück an
-ihren Platz.
-
-Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem Thema:
-
-»Aus den kleinsten unwillkürlichen Bewegungen eines Menschen verrät sich
-mir dieses Blut. Ich kenne Kinder, die >ihm< ähnlich sehen und als seine
-_gelten_, aber doch sind sie nicht vom selben Stamme, -- man kann mich
-nicht täuschen. Jahrelang erfuhr ich nicht, daß Dr. Wassory sein Sohn
-ist, aber ich habe es -- ich möchte sagen -- gerochen.
-
-Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen konnte, in welchen
-Beziehungen Wassertrum zu mir steht,« -- sein Blick ruhte eine Sekunde
-forschend auf mir, -- »besaß ich diese Gabe. Man hat mich mit Füßen
-getreten, mich geschlagen, daß es wohl keine Stelle an meinem Körper
-gibt, die nicht wüßte, was rasender Schmerz ist, -- hat mich hungern und
-dursten lassen, bis ich halb wahnsinnig wurde und schimmlige Erde
-gefressen habe, aber niemals konnte ich diejenigen hassen, die mich
-peinigten. Ich _konnte_ einfach nicht. Es war kein Platz mehr in mir für
-Haß. -- Verstehen Sie? Und doch war mein ganzes Wesen getränkt damit.
-
-Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan -- ich will damit
-sagen, daß er mich jemals weder geschlagen oder beworfen, noch auch
-irgendwie beschimpft hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten
-herumtrieb: ich weiß das genau, -- und doch richtete sich alles, was an
-Rachsucht und Wut in mir kochte, gegen ihn. Nur gegen ihn!
-
-Merkwürdig ist, daß ich ihm trotzdem nie als Kind einen Schabernack
-gespielt habe. Wenn's die andern taten, zog ich mich sofort zurück. Aber
-stundenlang konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustüre
-versteckt, durch die Angelritzen sein Gesicht unverwandt anstieren, bis
-mir vor unerklärlichem Haßgefühl schwarz vor den Augen wurde.
-
-Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem Hellsehen gelegt, das
-sofort in mir aufwacht, wenn ich mit Wesen, ja sogar mit Dingen in
-Berührung komme, die in Verbindung mit ihm stehen. Ich muß wohl jede
-seiner Bewegungen: seine Art, den Rock zu tragen, und wie er Sachen
-anfaßt, hustet und trinkt, und all das Tausenderlei damals unbewußt
-_auswendig_ gelernt haben, bis sich's mir in die Seele fraß, daß ich
-überall die Spuren davon auf den ersten Blick mit unfehlbarer Sicherheit
-als seine Erbstücke erkennen kann.
-
-Später wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf harmlose Gegenstände
-von mir, bloß weil mich der Gedanke quälte, seine Hand könne sie berührt
-haben, -- andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte sie wie
-Freunde, die ihm Böses wünschten.«
-
-Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er geistesabwesend ins
-Leere blickte. Seine Finger streichelten mechanisch die Feile auf dem
-Tisch.
-
-»Als dann ein paar mitleidige Lehrer für mich gesammelt hatten und ich
-Philosophie und Medizin studierte -- auch nebenbei selbst denken lernte
---, da kam mir langsam die Erkenntnis, was Haß ist:
-
-Wir können nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, was ein Teil von
-uns selbst ist.
-
-Und wie ich später dahinter kam, -- nach und nach alles erfuhr: was
-meine Mutter war -- und -- und noch sein muß, wenn -- wenn sie noch
-lebt, -- und daß mein eigner Leib« -- er wendete sich ab, damit ich sein
-Gesicht nicht sehen sollte, -- »voll ist von _seinem_ eklen Blut -- nun
-ja, Pernath, -- warum sollen Sie's nicht wissen: _er_ ist _mein Vater_!
--- da wurde mir klar, wo die Wurzel lag. -- -- -- Zuweilen kommt's mir
-sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, daß ich schwindsüchtig
-bin und Blut spucken muß: mein Körper wehrt sich gegen alles, was von
->_ihm_< ist, und stößt es mit Abscheu von sich.
-
-Oft hat mich mein Haß bis in den Traum begleitet und zu trösten gesucht
-mit Gesichten von allen nur erdenklichen Foltern, die ich >ihm< zufügen
-durfte, aber immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden
-Beigeschmack des -- Unbefriedigtseins in mir hinterließen.
-
-Wenn ich über mich selbst nachdenke und mich wundern muß, daß es so gar
-niemanden und nichts auf der Welt gibt, was ich zu hassen, -- ja nicht
-einmal als antipathisch zu empfinden imstande wäre, außer >ihn< und
-seinen Stamm, -- beschleicht mich oft das widerliche Gefühl: ich könnte
-das sein, was man einen >guten Menschen< nennt. Aber zum Glück ist es
-nicht so. -- Ich sagte Ihnen schon: es ist kein Platz mehr in mir.
-
-Und glauben Sie nur ja nicht, daß ein trauriges Schicksal mich
-verbittert hat: (Was er meiner Mutter angetan hat, erfuhr ich überdies
-erst in späteren Jahren) -- ich habe _einen_ Freudentag erlebt, der weit
-in den Schatten stellt, was sonst einem Sterblichen vergönnt ist. Ich
-weiß nicht, ob Sie kennen, was innere, echte, heiße Frömmigkeit ist, --
-ich hatte es bis dahin auch nicht gekannt -- als ich aber an jenem Tage,
-an dem Wassory sich selbst ausgerottet hat, am Laden unten stand und
-sah, wie >er< die Nachricht bekam, -- sie >stumpfsinnig<, wie ein Laie,
-der die echte Bühne des Lebens nicht kennt, hätte glauben müssen, --
-hinnahm, wohl eine Stunde lang teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote
-Hasenscharte nur ein ganz klein bißchen höher über die Zähne gezogen als
-sonst und den Blick so gewiß -- -- so -- so -- so eigenartig nach innen
-gekehrt, -- -- -- -- da fühlte ich den Weihrauchduft von den Schwingen
-des Erzengels. -- -- Kennen Sie das Gnadenbild der schwarzen
-Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf ich mich nieder, und die
-Finsternis des Paradieses hüllte meine Seele ein.« --
-
--- -- -- Wie ich Charousek so dastehen sah, die großen, träumerischen
-Augen voll Tränen, da fielen mir Hillels Worte ein von der
-Unbegreiflichkeit des dunklen Pfades, den die Brüder des Todes gehen.
-
-Charousek fuhr fort:
-
-»Die äußeren Umstände, die meinen Haß >rechtfertigen< oder in den
-Gehirnen der amtlich besoldeten Richter begreiflich erscheinen lassen
-könnten, werden Sie vielleicht gar nicht interessieren: -- Tatsachen
-sehen sich an wie Meilensteine und sind doch nur leere Eierschalen. Sie
-sind das aufdringliche Knallen der Champagnerpfropfen an den Tafeln der
-Protzen, das nur der Schwachsinnige für das wesentliche eines Gelages
-hält. -- Wassertrum hat meine Mutter mit all den infernalischen Mitteln,
-die seinesgleichen Gewohnheit sind, gezwungen, ihm zu willen zu sein, --
-wenn es nicht noch viel schlimmer war. Und dann -- -- nun ja -- und dann
-hat er sie an -- ein Freudenhaus verkauft, -- -- -- so etwas ist nicht
-schwer, wenn man Polizeiräte zu Geschäftsfreunden hat, -- aber nicht
-etwa, weil er ihrer überdrüssig gewesen wäre, o nein! Ich kenne die
-Schlupfwinkel seines Herzens: an _dem_ Tage hat er sie verkauft, wo er
-sich voll Schrecken bewußt wurde, wie heiß er sie in Wirklichkeit
-liebte. So einer wie er handelt da scheinbar widersinnig, aber immer
-gleich. Das Hamsterhafte in seinem Wesen quietscht auf, sowie jemand
-kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner Trödlerbude gegen noch so
-teures Geld: er empfindet nur den Zwang des >Hergebenmüssens<. Er möchte
-den Begriff >haben< am liebsten in sich hineinfressen, und könnte er
-sich überhaupt ein Ideal ausdenken, so wär's das, sich dereinst in den
-abstrakten Begriff >Besitz< aufzulösen. -- --
-
-Und da ist es damals riesengroß in ihm gewachsen bis zu einem Berg von
-Angst: »seiner selbst nicht mehr sicher« zu sein, -- nicht: etwas an
-Liebe geben zu _wollen_, sondern geben zu _müssen_: die Gegenwart eines
-Unsichtbaren in sich zu ahnen, das seinen Willen oder das, von dem er
-möchte, daß es sein Wille sein solle, heimlich in Fesseln schlug. -- So
-war der Anfang. Was dann folgte, geschah automatisch. Wie der Hecht
-mechanisch zubeißen muß, -- ob er will oder nicht -- wenn ein blitzender
-Gegenstand zu rechter Zeit vorüberschwimmt.
-
-Das Verschachern meiner Mutter ergab sich für Wassertrum als natürliche
-Folge. Es befriedigte den Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften:
-die Gier nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. -- -- --
-Verzeihen Sie, Meister Pernath,« -- Charouseks Stimme klang plötzlich so
-hart und nüchtern, daß ich erschrak, -- »verzeihen Sie, daß ich so
-furchtbar gescheit daherrede, aber wenn man an der Universität ist,
-kommt einem eine Menge vertrottelter Bücher unter die Hände;
-unwillkürlich verfällt man da in eine teppenhafte Ausdrucksweise.« --
-
-Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lächeln; innerlich verstand ich
-gar wohl, daß er mit dem Weinen kämpfte.
-
-Irgendwie muß ich ihm helfen, überlegte ich, wenigstens seine bitterste
-Not zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm
-unauffällig die Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der
-Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche.
-
-»Wenn Sie später einmal in eine bessere Umgebung kommen und Ihren Beruf
-als Arzt ausüben, wird Frieden bei Ihnen einziehen, Herr Charousek;«
-sagte ich, um dem Gespräch eine versöhnliche Richtung zu geben, --
-»machen Sie bald Ihr Doktorat?«
-
-»Demnächst. Ich bin es meinen Wohltätern schuldig. Zweck hat's ja
-keinen, denn meine Tage sind gezählt.«
-
-Ich wollte den üblichen Einwand machen, daß er wohl zu schwarz sehe,
-aber er wehrte lächelnd ab:
-
-»Es ist das beste so. Es muß überdies kein Vergnügen sein, den
-Heilkomödianten zu mimen und sich zu guter Letzt noch als diplomierter
-Brunnenvergifter einen Adelstitel zuzuziehen. -- -- Andererseits,« --
-setzte er mit seinem galligen Humor hinzu, -- »wird mir leider jedes
-weitere segensreiche Wirken hier im Diesseits-Ghetto ein für allemal
-abgeschnitten sein.« Er griff nach seinem Hut. »Jetzt will ich aber
-nicht länger stören. Oder wäre noch etwas zu besprechen in der
-Angelegenheit Savioli? Ich denke nicht. Lassen Sie mich jedenfalls
-wissen, wenn Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hängen einen
-Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, daß ich Sie besuchen soll. Zu mir
-in den Keller dürfen Sie auf keinen Fall kommen: Wassertrum würde sofort
-Verdacht schöpfen, daß wir zusammenhalten. -- Ich bin übrigens sehr
-neugierig, was er jetzt tun wird, wo er gesehen hat, daß die Dame zu
-Ihnen gekommen ist. Sagen Sie ganz einfach, sie hätte Ihnen ein
-Schmuckstück zu reparieren gebracht, und wenn er zudringlich wird,
-spielen Sie eben den Rabiaten.«
-
-Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, Charousek die
-Banknote aufzudrängen; ich nahm daher das Modellierwachs wieder vom
-Fensterbrett und sagte: »Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück die
-Treppen hinunter. -- Hillel erwartet mich,« log ich.
-
-Er stutzte:
-
-»Sie sind mit ihm befreundet?«
-
-»Ein wenig. Kennen Sie ihn? -- -- Oder mißtrauen Sie ihm,« -- ich mußte
-unwillkürlich lächeln -- »vielleicht auch?«
-
-»Da sei Gott vor!«
-
-»Warum sagen Sie das so ernst?«
-
-Charousek zögerte und dachte nach:
-
-»Ich weiß selbst nicht warum. Es muß etwas Unbewußtes sein: so oft ich
-ihm auf der Straße begegne, möchte ich am liebsten vom Pflaster
-heruntertreten und das Knie beugen wie vor einem Priester, der die
-Hostie trägt. -- Sehen Sie, Meister Pernath, da haben Sie einen
-Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil von Wassertrum ist. Er gilt z.
-B. bei den Christen hier im Viertel, die, wie immer, so auch in diesem
-Fall falsch informiert sind, als Geizhals und heimlicher Millionär und
-ist doch unsagbar arm.«
-
-Ich fuhr entsetzt auf: »arm?«
-
-»Ja, womöglich noch ärmer als ich. Das Wort >nehmen< kennt er, glaub'
-ich, überhaupt nur aus Büchern; aber wenn er am Ersten des Monats aus
-dem >Rathaus< kommt, dann laufen die jüdischen Bettler vor ihm davon,
-weil sie wissen, er würde dem nächsten besten von ihnen seinen ganzen
-kärglichen Gehalt in die Hand drücken und ein paar Tage später -- samt
-seiner Tochter selber verhungern. -- Wenn's wahr ist, was eine uralte
-talmudische Legende behauptet: daß von den zwölf jüdischen Stämmen zehn
-verflucht sind und zwei heilig, so verkörpert er die zwei heiligen und
-Wassertrum alle zehn andern zusammen. -- Haben Sie noch nie bemerkt, wie
-Wassertrum sämtliche Farben spielt, wenn Hillel an ihm vorübergeht?
-Interessant, sag' ich Ihnen! Sehen Sie, _solches_ Blut _kann_ sich gar
-nicht vermischen; da kämen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, daß
-die Mütter nicht schon früher vor Entsetzen stürben. -- Hillel ist
-übrigens der einzige, an den sich Wassertrum nicht herantraut; -- er
-weicht ihm aus wie dem Feuer. Vermutlich, weil Hillel das
-Unbegreifliche, das vollkommen Unenträtselbare, für ihn bedeutet.
-Vielleicht wittert er in ihm auch den Kabbalisten.«
-
-Wir gingen bereits die Stiegen hinab.
-
-»Glauben Sie, daß es heutzutage noch Kabbalisten gibt -- daß überhaupt
-an der Kabbala etwas sein könnte?« fragte ich, gespannt, was er wohl
-antworten würde, aber er schien nicht zugehört zu haben.
-
-Ich wiederholte meine Frage.
-
-Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tür des Treppenhauses, die aus
-Kistendeckeln zusammengenagelt war:
-
-»Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar jüdische aber arme
-Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter,
-Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn's dunkel wird und er allein ist mit
-den kleinen Mädchen, kommt der Rappel über ihn: dann bindet er sie an
-den Daumen zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwängt sie in
-einen alten Hühnerkäfig und unterweist sie im >Gesang<, wie er es nennt,
-damit sie später ihren Lebensunterhalt selbst erwerben können, -- das
-heißt, er lehrt sie die verrücktesten Lieder, die es gibt, deutsche
-Texte, Bruchstücke, die er irgendwo aufgeschnappt hat und im Dämmer
-seines Seelenzustandes für -- preußische Schlachthymnen oder dergleichen
-hält.«
-
-Wirklich tönte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein
-Fiedelbogen kratzte fürchterlich hoch und immerwährend in ein und
-demselben Ton die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendünne
-Kinderstimmen sangen dazu:
-
- »Frau Pick,
- Frau Hock,
- Frau Kle -- pe -- tarsch,
- se stehen beirenond
- und schmusen allerhond -- --«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich mußte wider Willen
-hellaut auflachen.
-
-»Schwiegersohn Schaffranek -- seine Frau verkauft auf dem Eiermarkt
-Gurkensaft gläschenweise an die Schuljugend -- läuft den ganzen Tag in
-den Bureaus herum,« fuhr Charousek grimmig fort, »und erbettelt sich
-alte Briefmarken. Die sortiert er dann, und wenn er welche darunter
-findet, die zufällig nur am Rande gestempelt sind, so legt er sie
-aufeinander und schneidet sie durch. Die ungestempelten Hälften klebt er
-zusammen und verkauft sie als neu. Anfangs blühte das Geschäft und warf
-manchmal fast einen -- Gulden im Tag ab, aber schließlich kamen die
-Prager jüdischen Großindustriellen dahinter -- und machen es jetzt
-selber. Sie schöpfen den Rahm ab.«
-
-»Würden _Sie_ Not lindern, Charousek, wenn Sie überflüssiges Geld
-hätten?« fragte ich rasch. -- Wir standen vor Hillels Tür, und ich
-klopfte an.
-
-»Halten Sie mich für so gemein, daß Sie glauben können, ich täte es
-nicht?« fragte er verblüfft zurück.
-
-Mirjams Schritte kamen näher und ich wartete, bis sie die Klinke
-niederdrückte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche:
-»Nein, Herr Charousek, ich halte Sie nicht dafür, aber mich _müßten_ Sie
-für gemein halten, wenn ich's unterließe.«
-
-Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand geschüttelt und die
-Tür hinter mir zugezogen. Während mich Mirjam begrüßte, lauschte ich,
-was er tun würde.
-
-Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise auf und ging
-langsam mit suchendem Schritt die Treppe hinunter. Wie jemand, der sich
-am Geländer halten muß.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Es war das erstemal, daß ich Hillels Zimmer besucht hatte.
-
-Es sah schmucklos aus wie ein Gefängnis. Der Boden peinlich sauber und
-mit weißem Sand bestreut. Nichts an Möbeln als zwei Stühle und ein Tisch
-und eine Kommode. Ein Holzpostament je links und rechts an den Wänden.
--- -- --
-
-Mirjam saß mir gegenüber am Fenster, und ich bossierte an meinem
-Modellierwachs.
-
-»Muß man denn ein Gesicht _vor sich_ haben, um die Ähnlichkeit zu
-treffen?« fragte sie schüchtern und nur, um die Stille zu unterbrechen.
-
-Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie wußte nicht, wohin
-die Augen richten in ihrer Qual und Scham über die jammervolle Stube,
-und mir brannten die Wangen von innerem Vorwurf, daß ich mich nicht
-längst gekümmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten.
-
-Aber irgend etwas mußte ich doch antworten!
-
-»Nicht so sehr, um die Ähnlichkeit zu treffen, als um zu vergleichen, ob
-man innerlich auch richtig gesehen hat,« ich fühlte, noch während ich
-sprach, wie grundfalsch das alles war, was ich sagte.
-
-Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die
-äußere Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig
-nachgebetet und befolgt; erst seit Hillel mich in jener Nacht erweckt,
-war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter
-geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen
-aufschlägt, -- die Gabe, die sie alle zu haben glauben und doch unter
-Millionen keiner wirklich besitzt.
-
-Wie konnte ich auch nur von der _Möglichkeit_ sprechen, die unfehlbare
-Richtschnur der geistigen Vision an den groben Mitteln des Augenscheins
-nachmessen zu wollen!
-
-Mirjam schien Ähnliches zu denken. Nach dem Erstaunen in ihren Mienen zu
-schließen.
-
-»Sie dürfen es nicht so wörtlich nehmen,« entschuldigte ich mich.
-
-Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form
-vertiefte.
-
-»Es muß unendlich schwer sein, alles dann haargenau auf Stein zu
-übertragen?«
-
-»Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.«
-
-Pause.
-
-»Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist?« fragte sie.
-
-»Sie ist doch für Sie bestimmt, Mirjam.«
-
-»Nein, nein; das geht nicht, -- -- das -- das -- --,« -- ich sah, wie
-ihre Hände nervös wurden.
-
-»Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir annehmen?« unterbrach
-ich sie schnell, »ich wollte, ich dürfte mehr für Sie tun.«
-
-Hastig wandte sie das Gesicht ab.
-
-Was hatte ich da gesagt! Ich mußte sie aufs tiefste verletzt haben. Es
-hatte geklungen, als wollte ich auf ihre Armut anspielen.
-
-Konnte ich es noch beschönigen? Wurde es dann nicht weit schlimmer?
-
-Ich nahm einen Anlauf:
-
-»Hören Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie darum. -- Ich schulde
-Ihrem Vater so unendlich viel, -- Sie können das gar nicht ermessen --
---«
-
-Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht.
-
-»-- ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.«
-
-»Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmächtig wurden? Das war doch
-selbstverständlich.«
-
-Ich fühlte: sie wußte nicht, welches Band mich mit ihrem Vater
-verknüpfte. Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu
-verraten, was er ihr verschwieg.
-
-»Weit höher als äußere Hilfe, dächte ich, ist die innere zu stellen. --
-Ich meine die, die aus dem geistigen Einfluß eines Menschen auf den
-andern überstrahlt. -- Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam?
--- Man kann jemand auch seelisch heilen, nicht nur körperlich, Mirjam.«
-
-»Und das hat -- --?«
-
-»Ja, das hat Ihr Vater an mir getan!« -- ich faßte sie an der Hand, --
-»begreifen Sie nicht, daß es mir da ein Herzenswunsch sein muß, wenn
-schon nicht ihm, so doch jemand, der ihm so nahesteht wie Sie,
-irgendeine Freude zu bereiten? -- Haben Sie nur ein ganz klein wenig
-Vertrauen zu mir! -- Gibt's denn gar keinen Wunsch, den ich Ihnen
-erfüllen könnte?«
-
-Sie schüttelte den Kopf: »Sie glauben, ich fühle mich unglücklich hier?«
-
-»Gewiß nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen Sorgen, die ich Ihnen
-abnehmen könnte? Sie sind verpflichtet -- hören Sie! -- verpflichtet,
-mich daran teilnehmen zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier in der
-finstern, traurigen Gasse, wenn Sie nicht müßten? Sie sind noch so jung,
-Mirjam, und -- --«
-
-»Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath,« unterbrach sie mich
-lächelnd, »was fesselt denn Sie an das Haus?«
-
-Ich stutzte. -- Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich
-hier? Ich konnte es mir nicht erklären, was fesselt dich an das Haus?
-wiederholte ich mir geistesabwesend. Ich konnte keine Erklärung finden
-und vergaß einen Augenblick ganz, wo ich war. -- Dann stand ich
-plötzlich entrückt irgendwo hoch oben -- in einem Garten -- roch den
-zauberhaften Duft von blühenden Holunderdolden, -- sah herab auf die
-Stadt -- -- --
-
-»Habe ich eine Wunde berührt? Hab' ich Ihnen weh getan?« kam Mirjams
-Stimme von weit, weit her zu mir.
-
-Sie hatte sich über mich gebeugt und sah mir ängstlich forschend ins
-Gesicht.
-
-Ich mußte wohl lange starr dagesessen haben, daß sie so besorgt war.
-
-Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann brach sich's plötzlich
-gewaltsam Bahn, überflutete mich, und ich schüttete Mirjam mein ganzes
-Herz aus.
-
-Ich erzählte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein
-ganzes Leben beisammen war, und vor dem man kein Geheimnis hat, wie's um
-mich stand, und auf welche Weise ich aus einer Erzählung Zwakhs erfahren
-hatte, daß ich in früheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung
-an meine Vergangenheit beraubt worden war, -- wie in letzter Zeit Bilder
-in mir wach geworden, die in jenen Tagen wurzeln mußten, immer häufiger
-und häufiger, und daß ich vor dem Moment zitterte, wo mir alles offenbar
-werden und mich von neuem zerreißen würde.
-
-Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang bringen mußte: -- meine
-Erlebnisse in den unterirdischen Gängen und all das übrige, verschwieg
-ich ihr.
-
-Sie war dicht zu mir gerückt und hörte mit einer tiefen, atemlosen
-Teilnahme zu, die mir unsäglich wohl tat.
-
-Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen
-konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. -- Gewiß
-wohl: Hillel war ja noch da, aber für mich nur wie ein Wesen jenseits
-der Wolken, das kam und verschwand wie ein Licht, an das ich nicht
-herankonnte, wenn ich mich sehnte.
-
-Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem
-er ihr Vater war.
-
-Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm -- »und doch bin ich
-wie durch eine Glaswand von ihm getrennt,« vertraute sie mir an, »die
-ich nicht durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. -- Wenn ich
-ihn als Kind im Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das
-Gewand des Hohenpriesters: die goldene Tafel des Moses mit den 12
-Steinen darin auf der Brust, und blaue, leuchtende Strahlen gingen von
-seinen Schläfen aus. -- Ich glaube, seine Liebe ist von der Art, die
-übers Grab hinausgeht, und zu groß, als daß wir sie fassen könnten. --
-Das hat auch meine Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich über ihn
-sprachen.« -- -- Sie schauderte plötzlich und zitterte am ganzen Leib.
-Ich wollte aufspringen, aber sie hielt mich zurück: »Seien Sie ruhig, es
-ist nichts. Bloß eine Erinnerung. Als meine Mutter starb, -- nur ich
-weiß, wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines Mädchen,
--- glaubte ich vor Schmerz ersticken zu müssen, und ich lief zu ihm hin
-und krallte mich in seinen Rock und wollte aufschreien und konnte doch
-nicht, weil alles gelähmt war in mir -- und -- und da -- -- -- -- mir
-läuft's wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran denke -- -- sah
-er mich lächelnd an, küßte mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand
-über die Augen. -- -- -- -- Und von dem Moment an bis heute war jedes
-Leid, daß ich meine Mutter verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht
-eine Träne konnte ich vergießen, als sie begraben wurde; ich sah die
-Sonne als strahlende Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich,
-warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter dem Sarge her, neben
-mir, und wenn ich aufblickte, lächelte er jedesmal leise, und ich
-fühlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.«
-
-»Und sind Sie glücklich, Mirjam? Ganz glücklich? Liegt nicht zugleich
-etwas Furchtbares für Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben,
-das hinausgewachsen ist über alles Menschentum?« fragte ich leise.
-
-Mirjam schüttelte freudig den Kopf:
-
-»Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. -- Als Sie mich vorhin
-fragten, Herr Pernath, ob ich nicht Sorgen hätte, und warum wir hier
-wohnten, mußte ich fast lachen. Ist denn die Natur schön? Nun ja, die
-Bäume sind grün und der Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir
-viel schöner vorstellen, wenn ich die Augen schließe. Muß ich denn, um
-sie zu sehen, auf einer Wiese sitzen? -- Und das bißchen Not und -- und
--- und Hunger? Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung und
-das Warten.«
-
-»Das Warten?« fragte ich erstaunt.
-
-»Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie aber
-ein ganz, ganz armer Mensch. -- Daß das so wenige kennen?! Sehen Sie,
-das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand
-verkehre. Ich hatte wohl früher ein paar Freundinnen -- Jüdinnen
-natürlich, wie ich --, aber wir redeten immer aneinander vorbei; sie
-verstanden mich nicht und ich sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach,
-glaubten sie anfangs, ich mache Spaß, und als sie merkten, wie ernst es
-mir war, und daß ich auch unter Wundern nicht das verstand, was die
-Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen: das gesetzmäßige Wachsen des
-Grases und dergleichen, sondern eher das Gegenteil, -- hätten sie mich
-am liebsten für verrückt gehalten, aber dagegen stand ihnen wieder im
-Wege, daß ich ziemlich gelenkig bin im Denken, hebräisch und aramäisch
-gelernt habe, die Targumim und Midraschim lesen kann, und was
-dergleichen Nebensächlichkeiten mehr sind. Schließlich fanden sie ein
-Wort, das überhaupt nichts mehr ausdrückt: sie nannten mich
->überspannt<.
-
-Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, daß das Bedeutsame -- das
-Wesentliche -- für mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das
-_Wunder_ und bloß das Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und
-Ethik, die nur versteckte Wege sein können, um zum Wunder zu gelangen,
--- so wußten sie nur mit Gemeinplätzen zu erwidern, denn sie scheuten
-sich, offen einzugestehen, daß sie aus den Religionsschriften nur das
-glaubten, was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch stehen könnte. Wenn
-sie das Wort >Wunder< nur hörten, wurde ihnen schon unbehaglich. Sie
-verlören den Boden unter den Füßen, sagten sie.
-
-Als ob es etwas Herrlicheres geben könnte, als den Boden unter den Füßen
-zu verlieren!
-
-Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, hörte ich
-einmal meinen Vater sagen, -- dann, dann erst fängt das Leben an. -- Ich
-weiß nicht, was er mit dem >Leben< meinte, aber ich fühle zuweilen, daß
-ich eines Tages so wie: >erwachen< werde. Wenn ich mir auch nicht
-vorstellen kann, in welchen Zustand hinein. Und Wunder müssen dem
-vorhergehen, denke ich mir immer.
-
->Hast du denn schon welche erlebt, daß du fortwährend darauf wartest?<
-fragten mich oft meine Freundinnen, und wenn ich verneinte, wurden sie
-plötzlich froh und siegesgewiß. Sagen Sie, Herr Pernath, können _Sie_
-solche Herzen verstehen? Daß ich _doch_ Wunder erlebt habe, wenn auch
-nur kleine, -- winzig kleine --,« -- Mirjams Augen glänzten, -- »wollte
-ich ihnen nicht verraten, -- -- -- -- -- --«
-
-Ich hörte, wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten.
-
-»-- aber _Sie_ werden mich verstehen: oft, Wochen, ja Monate,« -- Mirjam
-wurde ganz leise, -- »haben wir nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein
-Brot mehr im Hause war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann wußte ich:
-jetzt ist die Stunde da! -- Und dann saß ich hier und wartete und
-wartete, bis ich vor Herzklopfen kaum mehr atmen konnte. Und -- und
-dann, wenn's mich plötzlich zog, lief ich hinunter und kreuz und quer
-durch die Straßen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig wieder im Hause
-zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und -- und jedesmal fand ich Geld.
-Einmal mehr, einmal weniger, aber immer soviel, daß ich das Nötigste
-einkaufen konnte. Oft lag ein Gulden mitten auf der Straße; ich sah ihn
-von weitem blitzen und die Leute traten darauf, rutschten aus darüber,
-aber keiner bemerkte ihn. -- Das machte mich zuweilen so übermütig, daß
-ich gar nicht erst ausging, sondern nebenan in der Küche den Boden
-durchsuchte wie ein Kind, ob nicht Geld oder Brot vom Himmel gefallen
-sei.«
-
--- Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf, und ich mußte aus Freude
-darüber lächeln. --
-
-Sie sah es.
-
-»Lachen Sie nicht, Herr Pernath,« flehte sie. »Glauben Sie mir, ich
-weiß, daß diese Wunder wachsen werden, und daß sie eines Tages --«
-
-Ich beruhigte sie: »Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie
-denn! Ich bin unendlich glücklich, daß Sie nicht sind wie die andern,
-die hinter jeder Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn's
--- _wir_ rufen in solchen Fällen: Gott sei Dank! -- einmal anders
-kommt.«
-
-Sie streckte mir die Hand hin:
-
-»Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr Pernath, daß Sie mir --
-oder uns -- helfen wollen? Jetzt, wo Sie wissen, daß Sie mir die
-Möglichkeit, ein Wunder zu erleben, rauben würden, wenn Sie es täten?«
-
-Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt.
-
-Da ging die Tür, und Hillel trat ein.
-
-Mirjam umarmte ihn; und er begrüßte mich. Herzlich und voll
-Freundschaft, aber wieder mit dem kühlen »Sie«.
-
-Auch schien etwas wie leise Müdigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu
-lasten. -- Oder irrte ich mich?
-
-Vielleicht kam es nur von der Dämmerung, die in der Stube lag.
-
-»Sie sind gewiß hier, mich um Rat zu fragen,« fing er an, als Mirjam uns
-allein gelassen hatte, »in der Sache, die die fremde Dame betrifft --
---?«
-
-Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede:
-
-»Ich weiß es von dem Studenten Charousek. Ich sprach ihn auf der Gasse
-an, weil er mir merkwürdig verändert vorkam. Er hat mir alles erzählt.
-In der Überfülle seines Herzens. Auch, daß -- Sie ihm Geld geschenkt
-haben.« Er sah mich durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf
-höchst seltsame Weise, aber ich verstand nicht, was er damit wollte:
-
-»Gewiß, es hat dadurch ein paar Tropfen Glück mehr vom Himmel geregnet
--- und -- und in diesem -- Fall hat's vielleicht auch nicht geschadet,
-aber --,« er dachte eine Weile nach, -- »aber manchmal schafft man sich
-und anderen nur Leid damit. Gar so leicht ist das Helfen nicht, wie Sie
-denken, mein lieber Freund! Da wäre es sehr, sehr einfach, die Welt zu
-erlösen. -- Oder glauben Sie nicht?«
-
-»Geben _Sie_ denn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen,
-Hillel?« fragte ich.
-
-Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Mir scheint, Sie sind über Nacht ein
-Talmudist geworden, daß Sie eine Frage wieder mit einer Frage
-beantworten. Da ist freilich schwer streiten.«
-
-Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum
-verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete.
-
-»Übrigens, um zu dem Thema zurückzukommen,« fuhr er in verändertem Tone
-fort, »ich glaube nicht, daß Ihrem Schützling -- ich meine die Dame --
-augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten.
-Es heißt zwar: >der kluge Mann baut vor<, aber der Klügere, scheint mir,
-wartet ab und ist auf alles gefaßt. Vielleicht ergibt sich die
-Gelegenheit, daß Aaron Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das muß
-dann von ihm ausgehen, -- ich tue keinen Schritt, _er_ muß
-herüberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist gleichgültig, -- und dann
-will ich mit ihm reden. An _ihm_ wird's sein, sich zu entscheiden, ob er
-meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hände in
-Unschuld.«
-
-Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und
-eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem
-schwarzen, tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.
-
-»Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns,« fielen mir Mirjams
-Worte ein.
-
-Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und -- gehen.
-
-Er begleitete mich bis vor die Türe und, als ich die Treppe hinaufging
-und mich noch einmal umdrehte, sah ich, daß er stehen geblieben war und
-mir freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen
-möchte und nicht kann.
-
-
-
-
- Angst
-
-
-Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine
-Wirtsstube »Zum alten Ungelt« essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh,
-Vrieslander und Prokop bis spät in die Nacht beisammen saßen und
-einander verrückte Geschichten erzählten; aber kaum betrat ich mein
-Zimmer, da fiel der Vorsatz von mir ab, -- wie wenn mir Hände ein Tuch
-oder sonst etwas, was ich am Leibe getragen, abgerissen hätten.
-
-Es lag eine Spannung in der Luft, über die ich mir keine Rechenschaft
-geben konnte, die aber trotzdem vorhanden war wie etwas Greifbares und
-sich im Verlauf weniger Sekunden derart heftig auf mich übertrug, daß
-ich vor Unruhe anfangs kaum wußte, was ich zuerst tun sollte: Licht
-anzünden, hinter mir abschließen, mich niedersetzen oder auf und ab
-gehen.
-
-Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen und versteckt?
-War's die Angst eines Menschen vor dem Gesehenwerden, die mich
-ansteckte? War Wassertrum vielleicht hier?
-
-Ich griff hinter die Gardinen, öffnete den Schrank, ein Blick ins
-Nebenzimmer: -- niemand.
-
-Auch die Kassette stand unverrückt an ihrem Platz.
-
-Ob es nicht am besten war, ich verbrannte die Briefe kurz entschlossen,
-um ein für allemal die Sorge um sie los zu sein?
-
-Schon suchte ich nach dem Schlüssel in meiner Westentasche -- aber mußte
-es denn jetzt geschehen? Es blieb mir doch Zeit genug bis morgen früh.
-
-Erst Licht machen!
-
-Ich konnte die Streichhölzer nicht finden.
-
-War die Tür abgesperrt? -- Ich ging ein paar Schritte zurück. Blieb
-wieder stehen.
-
-Warum mit einem Male die Angst?
-
-Ich wollte mir Vorwürfe machen, daß ich feig sei: -- die Gedanken
-blieben stecken. Mitten im Satz.
-
-Eine wahnwitzige Idee überfiel mich plötzlich: Rasch, rasch auf den
-Tisch steigen, einen Sessel packen und zu mir hinaufziehen und »dem« den
-Schädel damit von oben herab einschlagen, das da auf dem Boden
-herumkroch, -- -- wenn -- wenn es in die Nähe kam.
-
-»Es ist doch niemand hier,« sagte ich mir laut und ärgerlich vor, »hast
-du dich denn je im Leben gefürchtet?«
-
-Es half nichts. Die Luft, die ich einatmete, wurde dünn und schneidend
-wie Äther.
-
-Wenn ich _irgend etwas gesehen_ hätte: das Gräßlichste, was man sich
-vorstellen kann, -- im Nu wäre die Furcht von mir gewichen.
-
-Es kam nichts.
-
-Ich bohrte meine Augen in alle Winkel:
-
-Nichts.
-
-Überall lauter wohlbekannte Dinge: Möbel, Truhen, die Lampe, das Bild,
-die Wanduhr -- leblose, alte, treue Freunde.
-
-Ich hoffte, sie würden sich vor meinen Blicken verändern und mir Grund
-geben, eine Sinnestäuschung als Ursache für das würgende Angstgefühl in
-mir zu finden.
-
-Auch das nicht. -- Sie blieben ihrer Form starr getreu. Viel zu starr
-für das herrschende Halbdunkel, als daß es natürlich gewesen wäre.
-
-»Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst,« fühlte ich. »Sie
-trauen sich nicht, auch nur die leiseste Bewegung zu machen.«
-
-Warum tickt die Wanduhr nicht? --
-
-Das Lauern ringsum trank jeden Laut.
-
-Ich rüttelte am Tisch und wunderte mich, daß ich das Geräusch hören
-konnte.
-
-Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe! -- Nicht einmal das! Oder
-das Holz im Ofen aufknallen wollte: -- das Feuer war erloschen.
-
-Und immerwährend dasselbe entsetzliche Lauern in der Luft -- pausenlos,
-lückenlos, wie das Rinnen von Wasser.
-
-Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne! Ich
-verzweifelte daran, es je überdauern zu können. -- Der Raum voll Augen,
-die ich nicht sehen, -- voll von planlos wandernden Händen, die ich
-nicht greifen konnte.
-
-»Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert, die lähmende
-Schrecknis des unfaßbaren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserm
-Denken die Grenzen zerfrißt,« begriff ich dumpf.
-
-Ich stellte mich steif hin und wartete.
-
-Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht ließ »es« sich verleiten und
-schlich von rückwärts an mich heran -- und ich konnte es ertappen?!
-
-Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts.
-
-Dasselbe markverzehrende »Nichts«, das _nicht war_ und doch das Zimmer
-mit seinem grausigen Leben erfüllte.
-
-Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich?
-
-»Es würde mit mir gehen,« wußte ich sofort mit unabweisbarer Sicherheit.
-Auch, daß es mir nichts nützen könnte, wenn ich Licht machte, sah ich
-ein, -- dennoch suchte ich so lang nach dem Feuerzeug, bis ich es
-gefunden hatte.
-
-Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam lang aus dem Glimmen
-nicht heraus: die kleine Flamme konnte nicht leben und nicht sterben,
-und als sie sich endlich doch ein schwindsüchtiges Dasein erkämpft
-hatte, blieb sie glanzlos wie gelbes, schmutziges Blech. Nein, da war
-die Dunkelheit noch besser.
-
-Ich löschte wieder aus und warf mich angezogen übers Bett. Zählte die
-Schläge meines Herzens: eins, zwei, drei -- vier ... bis tausend, und
-immer von neuem -- Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine
-Lippen trocken wurden und das Haar sich mir sträubte: keine Sekunde der
-Erleichterung.
-
-Auch nicht eine einzige.
-
-Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade auf die Zunge
-kamen: »Prinz«, »Baum«, »Kind«, »Buch« -- und sie krampfhaft zu
-wiederholen, bis sie plötzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus
-barbarischer Vorzeit nackt mir gegenüberstanden, und ich mit aller Kraft
-nachdenken mußte, in ihre Bedeutung zurückzufinden: P--r--i--n--z? --
-B--u--ch?
-
-War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? -- Ich tastete an mir
-herum.
-
-Aufstehen!
-
-Mich in den Sessel setzen!
-
-Ich ließ mich in den Lehnstuhl fallen.
-
-Wenn doch endlich der Tod käme!
-
-Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr fühlen! »Ich -- will
-nicht -- ich -- will -- nicht,« -- schrie ich. »Hört ihr denn nicht?!«
-
-Kraftlos fiel ich zurück.
-
-Konnte es nicht fassen, daß ich immer noch lebte.
-
-Unfähig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte ich geradeaus vor
-mich hin.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Weshalb er mir nur die Körner so beharrlich hinreicht?« ebbte ein
-Gedanke auf mich zu, zog sich zurück und kam wieder. Zog sich zurück.
-Kam wieder.
-
-Langsam wurde mir endlich klar, daß ein seltsames Wesen vor mir stand --
-vielleicht schon, seit ich hier saß, dagestanden hatte -- und mir die
-Hand hinstreckte:
-
-Ein graues, breitschultriges Geschöpf, in der Größe eines gedrungen
-gewachsenen Menschen, auf einen spiralförmig gedrehten Knotenstock aus
-weißem Holz gestützt.
-
-Wo der Kopf hätte sitzen müssen, konnte ich nur einen Nebelballen aus
-fahlem Dunst unterscheiden.
-
-Ein trüber Geruch nach Sandelholz und nassem Schiefer ging von der
-Erscheinung aus.
-
-Ein Gefühl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir fast die Besinnung.
-Was ich die ganze lange Zeit an nervenzernagender Qual mitgemacht,
-drängte sich jetzt zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen
-zur Form geronnen.
-
-Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich würde wahnsinnig werden vor
-Entsetzen und Furcht, wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen könnte, --
-warnte mich davor, schrie es mir in die Ohren -- und doch zog es mich
-wie ein Magnet, daß ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht
-wenden konnte und darin forschte nach Augen, Nase und Mund.
-
-Aber so sehr ich mich auch abmühte: der Dunst blieb unbeweglich. Wohl
-glückte es mir, Köpfe aller Art auf den Rumpf zu setzen, doch jedesmal
-wußte ich, daß sie nur meiner Einbildungskraft entstammten.
-
-Sie zerrannen auch stets -- fast in derselben Sekunde, wo ich sie
-geschaffen hatte.
-
-Nur die Form eines ägyptischen Ibiskopfs blieb noch am längsten
-bestehen.
-
-Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit,
-zogen sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus, wie unter
-langsamen Atemzügen, die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige
-Bewegung, die zu bemerken war. Statt der Füße berührten Knochenstumpen
-den Boden, von denen das Fleisch -- grau und blutleer -- auf
-Spannenbreite zu wulstigen Rändern emporgezogen war.
-
-Regungslos hielt das Geschöpf mir seine Hand hin.
-
-Kleine Körner lagen darin. Bohnengroß, von roter Farbe und mit schwarzen
-Punkten am Rande.
-
-Was sollte ich damit?!
-
-Ich fühlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung lag auf mir -- eine
-Verantwortung, die weit hinausging über alles Irdische, -- wenn ich
-jetzt nicht das Richtige tat.
-
-Zwei Wagschalen, jede belastet mit dem Gewicht des halben Weltgebäudes,
-schweben irgendwo im Reich der Ursachen, ahnte ich, -- auf welche von
-beiden ich ein Stäubchen warf: die sank zu Boden.
-
-_Das_ war das furchtbare Lauern ringsum! verstand ich. »Keinen Finger
-rühren!« riet mir mein Verstand, -- »und wenn der Tod in alle Ewigkeit
-nicht kommen sollte und mich erlösen aus dieser Qual.« --
-
-Auch dann hättest du deine Wahl getroffen: du hättest die Körner
-_abgelehnt_, raunte es in mir. Hier gibt's kein Zurück.
-
-Hilfe suchend blickte ich mich um, ob mir denn kein Zeichen würde, was
-ich tun sollte.
-
-Nichts.
-
-Auch in mir kein Rat, kein Einfall, -- alles tot, gestorben.
-
-Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie eine Feder in diesem
-furchtbaren Augenblick, erkannte ich -- --.
-
-Es mußte bereits tiefe Nacht sein, denn ich konnte die Wände meines
-Zimmers nicht mehr unterscheiden.
-
-Nebenan im Atelier stampften Schritte; ich hörte, daß jemand Schränke
-rückte, Schubladen aufriß und polternd zu Boden warf, glaubte
-Wassertrums Stimme zu erkennen, wie er in seinem röchelnden Baß wilde
-Flüche ausstieß; ich horchte nicht hin. Es war mir belanglos wie das
-Rascheln einer Maus. -- Ich schloß die Augen:
-
-Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir vorüber. Die Lider
-zugedrückt -- starre Totenmasken: -- mein eigenes Geschlecht, meine
-eigenen Vorfahren.
-
-Immer dieselbe Schädelbildung, wie auch der Typus zu wechseln schien, so
-stand es auf aus seinen Grüften, -- mit glattem, gescheiteltem Haar,
-gelocktem und kurz geschnittenem, mit Allongeperücken und in Ringe
-gezwängten Schöpfen -- durch Jahrhunderte heran, bis die Züge mir
-bekannter und bekannter wurden und in ein letztes Gesicht
-zusammenflossen: -- das Gesicht des Golem, mit dem die Kette meiner
-Ahnen abbrach.
-
-Dann löste die Finsternis mein Zimmer in einen unendlichen leeren Raum
-auf, in dessen Mitte ich mich auf meinem Lehnstuhl sitzen wußte, vor mir
-der graue Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm.
-
-Und als ich die Augen aufschlug, standen in zwei sich schneidenden
-Kreisen, die einen Achter bildeten, fremdartige Wesen um uns herum:
-
-Die des einen Kreises gehüllt in Gewänder mit violettem Schimmer, die
-des anderen mit rötlich schwarzem. Menschen einer fremden Rasse, von
-hohem, unnatürlich schmächtigem Wuchs, die Gesichter hinter leuchtenden
-Tüchern verborgen.
-
-Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, daß der Zeitpunkt der
-Entscheidung gekommen war. Meine Finger zuckten nach den Körnern: -- und
-da sah ich, wie ein Zittern durch die Gestalten des rötlichen Kreises
-ging. --
-
-Sollte ich die Körner zurückweisen?: das Zittern ergriff den bläulichen
-Kreis; -- ich blickte den Mann ohne Kopf scharf an; er stand da -- in
-derselben Stellung: regungslos wie früher.
-
-Sogar sein Atmen hatte aufgehört.
-
-Ich hob den Arm, wußte noch immer nicht, was ich tun sollte, und --
-schlug auf die ausgestreckte Hand des Phantoms, daß die Körner über den
-Boden hinrollten.
-
-Einen Moment, so jäh wie ein elektrischer Schlag, entglitt mir das
-Bewußtsein, und ich glaubte in endlose Tiefen zu stürzen, -- dann stand
-ich fest auf den Füßen.
-
-Das graue Geschöpf war verschwunden. Ebenso die Wesen des rötlichen
-Kreises.
-
-Die bläulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring um mich gebildet;
-sie trugen eine Inschrift aus goldnen Hieroglyphen auf der Brust und
-hielten stumm -- es sah aus wie ein Schwur -- zwischen Zeigefinger und
-Daumen die roten Körner in die Höhe, die ich dem Phantom ohne Kopf aus
-der Hand geschlagen hatte.
-
-Ich hörte, wie draußen Hagelschauer gegen die Fenster tobten und
-brüllender Donner die Luft zerriß:
-
-Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen Wut raste über die
-Stadt hinweg. Vom Fluß her dröhnten durch das Heulen des Sturms in
-rhythmischen Intervallen die dumpfen Kanonenschüsse, die das Brechen der
-Eisdecke auf der Moldau verkündeten. Die Stube loderte im Licht der
-ununterbrochen aufeinanderfolgenden Blitze. Ich fühlte mich plötzlich so
-schwach, daß mir die Knie zitterten und ich mich setzen mußte.
-
-»Sei ruhig,« sagte deutlich eine Stimme neben mir, »sei ganz ruhig, es
-ist heute die Lelschimurim: die Nacht der Beschützung.« --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Allmählich ließ das Unwetter nach, und der betäubende Lärm ging über in
-das eintönige Trommeln der Schloßen auf die Dächer.
-
-Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu, daß ich nur mehr mit
-stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm, was um mich her vorging:
-
-Jemand aus dem Kreis sagte die Worte:
-
-»_Den ihr suchet, der ist nicht hier._«
-
-Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache.
-
-Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz, darin kam der Name
-
- »Henoch«
-
-vor, aber ich verstand das übrige nicht: der Wind trug das Stöhnen der
-berstenden Eisschollen zu laut vom Flusse herüber.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Dann löste sich einer aus dem Kreis, trat vor mich hin, deutete auf die
-Hieroglyphen auf seiner Brust -- sie waren dieselben Buchstaben wie die
-der übrigen -- und fragte mich, ob ich sie lesen könne.
-
-Und als ich -- lallend vor Müdigkeit -- verneinte, streckte er die
-Handfläche gegen mich aus, und die Schrift erschien leuchtend auf
-_meiner_ Brust in Lettern, die zuerst lateinisch waren:
-
- CHABRAT ZEREH AUR BOCHER
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten. -- -- -- Und ich
-fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf, wie ich ihn seit jener Nacht,
-wo Hillel mir die Zunge gelöst, nicht mehr gekannt hatte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Trieb
-
-
-Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten Tage vergangen. Kaum, daß
-ich mir Zeit zu den Mahlzeiten ließ.
-
-Ein unwiderstehlicher Drang nach äußerer Tätigkeit hatte mich von früh
-bis abends an meinen Arbeitstisch gefesselt.
-
-Die Gemme war fertig geworden, und Mirjam hatte sich wie ein Kind
-darüber gefreut.
-
-Auch der Buchstabe »I« in dem Buche Ibbur war ausgebessert.
-
-Ich lehnte mich zurück und ließ ruhevoll all die kleinen Geschehnisse
-der heutigen Stunden an mir vorüberziehen:
-
-Wie das alte Weib, das mich bediente, am Morgen nach dem Ungewitter zu
-mir ins Zimmer gestürzt kam mit der Meldung, die steinerne Brücke sei in
-der Nacht eingestürzt. --
-
-Seltsam: -- Eingestürzt! Vielleicht gerade in der Stunde, wo ich die
-Körner -- -- -- nein, nein, nicht daran denken; es könnte einen Anstrich
-von Nüchternheit bekommen, was damals geschehen war, und ich hatte mir
-vorgenommen, es in meiner Brust begraben sein zu lassen, bis es von
-selbst wieder erwachte, -- nur nicht daran rühren!
-
-Wie lange war's her, da ging ich noch über die Brücke, sah die
-steinernen Statuen, -- und jetzt lag sie, die Brücke, die Jahrhunderte
-gestanden, in Trümmern.
-
-Es stimmte mich beinahe wehmütig, daß ich nie mehr meinen Fuß auf sie
-setzen sollte. Wenn man sie auch wieder aufbaute, war es doch nicht mehr
-die alte, geheimnisvolle, steinerne Brücke.
-
-Stundenlang hatte ich, während ich an der Gemme schnitt, darüber
-nachdenken müssen, und so selbstverständlich, als hätte ich es nie
-vergessen gehabt, war es lebendig in mir geworden: wie oft ich als Kind
-und auch in späteren Jahren zu dem Bildnis der heiligen Luitgard und all
-den andern, die jetzt begraben lagen in den tosenden Wassern,
-aufgeblickt hatte.
-
-Die vielen, kleinen lieben Dinge, die ich in meiner Jugend mein eigen
-genannt, hatte ich wieder gesehen im Geiste -- und meinen Vater und
-meine Mutter und die Menge Schulkameraden. Nur an das Haus, wo ich
-gewohnt, konnte ich mich nicht mehr erinnern.
-
-Ich wußte, es würde plötzlich, eines Tages, wenn ich es am wenigsten
-erwartete, wieder vor mir stehen; und ich freute mich darauf.
-
-Die Empfindung, daß sich mit einem Male alles natürlich und einfach in
-mir abwickelte, war so behaglich.
-
-Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette geholt hatte, -- es
-war so gar nichts Erstaunliches daran gewesen, daß es aussah, nun, wie
-eben ein altes, mit wertvollen Initialen geschmücktes Pergamentbuch
-aussieht -- schien es mir ganz selbstverständlich.
-
-Ich konnte nicht begreifen, daß es jemals gespenstisch auf mich gewirkt
-hatte!
-
-Es war in hebräischer Sprache geschrieben, vollkommen unverständlich für
-mich.
-
-Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen würde?
-
-Die Freude am Leben, die während der Arbeit heimlich in mich eingezogen
-war, erwachte von neuem in ihrer ganzen erquickenden Frische und
-verscheuchte die Nachtgedanken, die mich hinterrücks wieder überfallen
-wollten.
-
-Rasch nahm ich Angelinas Bild -- ich hatte die Widmung, die darunter
-stand, abgeschnitten -- und küßte es.
-
-Es war das alles so töricht und widersinnig, aber warum nicht einmal von
--- Glück träumen, die glitzernde Gegenwart festhalten und sich daran
-freuen, wie über eine Seifenblase?
-
-Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfüllung gehen, was mir da die
-Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte? War es so ganz und gar unmöglich,
-daß ich über Nacht ein berühmter Mann würde? Ihr ebenbürtig, wenn auch
-nicht an Herkunft? Zumindest Dr. Savioli ebenbürtig? Ich dachte an die
-Gemme Mirjams: wenn mir noch andere so gelangen, wie diese, -- kein
-Zweifel, selbst die ersten Künstler aller Zeiten hatten nie etwas
-Besseres geschaffen.
-
-Und nur ein Zufall angenommen: der Gatte Angelinas stürbe plötzlich?
-
-Mir wurde heiß und kalt: ein winziger Zufall -- und meine Hoffnung, die
-verwegenste Hoffnung, gewann Gestalt. An einem dünnen Faden, der
-stündlich reißen konnte, hing das Glück, das mir dann in den Schoß
-fallen müßte.
-
-War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres geschehen? Dinge, von
-denen die Menschheit gar nicht ahnte, daß sie überhaupt existierten?
-
-War es _kein_ Wunder, daß binnen weniger Wochen künstlerische
-Fähigkeiten in mir erwacht waren, die mich jetzt schon weit über den
-Durchschnitt erhoben?
-
-Und ich stand doch erst am _Anfang_ des Weges!
-
-Hatte _ich_ denn kein Anrecht auf Glück?
-
-Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit?
-
-Ich übertönte das »Ja« in mir: -- nur noch eine Stunde träumen -- eine
-Minute -- ein kurzes Menschendasein!
-
-Und ich träumte mit offenen Augen:
-
-Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen und umgaben mich von
-allen Seiten mit farbigen Wasserfällen. Bäume aus Opal standen in
-Gruppen beisammen und strahlten die Lichtwellen des Himmels, der blau
-schillerte wie der Flügel eines gigantischen Tropenschmetterlings, in
-Funkensprühregen über unabsehbare Wiesen voll heißem Sommerduft.
-
-Mich dürstete, und ich kühlte meine Glieder in dem eisigen Gischt der
-Bäche, die über Felsblöcke rauschten aus schimmerndem Perlmutter.
-
-Schwüler Hauch strich über Hänge, übersät mit Blüten und Blumen, und
-machte mich trunken mit den Gerüchen von Jasmin, Hyazinthen, Narzissen,
-Seidelbast -- -- --
-
-Unerträglich! Unerträglich! Ich verlöschte das Bild. -- Mich dürstete.
-
-Das waren die Qualen des Paradieses.
-
-Ich riß die Fenster auf und ließ den Tauwind an meine Stirne wehen.
-
-Es roch nach kommendem Frühling -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Mirjam!
-
-Ich mußte an Mirjam denken. Wie sie sich vor Erregung an der Wand hatte
-halten müssen, um nicht umzufallen, als sie mir erzählen gekommen, ein
-Wunder sei geschehen, ein wirkliches Wunder: sie habe ein Goldstück
-gefunden in dem Brotlaib, den der Bäcker vom Gang aus durchs Gitter ins
-Küchenfenster gelegt. -- -- --
-
-Ich griff nach meiner Börse. -- Hoffentlich war es heute nicht schon zu
-spät, und ich kam noch zurecht, _ihr wieder einen Dukaten zuzuzaubern_!
-
-Täglich hatte sie mich besucht, um mir Gesellschaft zu leisten, wie sie
-es nannte, dabei aber fast nicht gesprochen, so erfüllt war sie von dem
-»Wunder« gewesen. Bis in die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie
-aufgewühlt und, wenn ich mir vorstellte, wie sie manchmal plötzlich ohne
-äußern Grund -- nur unter dem Einfluß ihrer Erinnerung -- totenblaß
-geworden war bis in die Lippen, schwindelte mir bei dem bloßen Gedanken,
-ich könnte in meiner Blindheit Dinge angerichtet haben, deren Tragweite
-bis ins Grenzenlose ging.
-
-Und wenn ich mir die letzten, dunkeln Worte Hillels ins Gedächtnis rief
-und in Zusammenhang damit brachte, überlief es mich eiskalt.
-
-Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung für mich, -- der Zweck
-heiligt die Mittel _nicht_, das sah ich ein.
-
-Und was, wenn überdies das Motiv: »helfen zu wollen« nur _scheinbar_
-»rein« war? Hielt sich nicht vielleicht doch eine heimliche Lüge
-dahinter verborgen?: der selbstgefällige, unbewußte Wunsch, in der Rolle
-des Helfers zu schwelgen?
-
-Ich fing an, irre an mir selbst zu werden.
-
-Daß ich Mirjam viel zu oberflächlich beurteilt hatte, war klar.
-
-Schon als die Tochter Hillels mußte sie anders sein als andere Mädchen.
-
-Wie hatte ich nur so vermessen sein können, auf solch törichte Weise in
-ein Innenleben einzugreifen, das vielleicht himmelhoch über meinem
-eigenen stand!
-
-Schon ihr Gesichtsschnitt, der hundertmal eher in die Zeit der sechsten
-ägyptischen Dynastie paßte und selbst für diese noch viel zu vergeistigt
-war, als in die unsrige mit ihren Verstandesmenschentypen, hätte mich
-warnen müssen.
-
-»Nur der ganz Dumme mißtraut dem äußern Schein,« hatte ich irgendwo
-einmal gelesen. -- Wie richtig! Wie richtig!
-
-Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich ihr eingestehen, daß
-ich es gewesen war, der die Dukaten Tag für Tag ins Brot geschmuggelt
-hatte?
-
-Der Schlag käme zu plötzlich. Würde sie betäuben.
-
-Ich durfte das nicht wagen, mußte behutsamer vorgehen.
-
-Das »Wunder« irgendwie abschwächen? Statt das Geld ins Brot zu stecken,
-es auf die Treppenstufe legen, daß sie es finden mußte, wenn sie die Tür
-aufmachte, und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger Schroffes
-würde sich schon ausdenken lassen, irgendein Weg, der sie aus dem
-Wunderbaren allmählich wieder ins Alltägliche herüberlenkte, tröstete
-ich mich.
-
-Ja! Das war das Richtige.
-
-Oder den Knoten zerhauen? Ihren Vater einweihen und zu Rate ziehen? Die
-Schamröte stieg mir ins Gesicht. Zu diesem Schritt blieb Zeit genug,
-wenn alle andern Mittel versagten.
-
-Nur gleich ans Werk gehen, keine Zeit versäumen!
-
-Ein guter Einfall kam mir: ich mußte Mirjam zu etwas ganz Absonderlichem
-bewegen, sie für ein paar Stunden aus der gewohnten Umgebung reißen, daß
-sie andere Eindrücke bekam.
-
-Wir würden einen Wagen nehmen und eine Spazierfahrt machen. Wer kannte
-uns denn, wenn wir das Judenviertel mieden?
-
-Vielleicht interessierte es sie, die eingestürzte Brücke zu besichtigen?
-
-Oder der alte Zwakh oder eine ihrer früheren Freundinnen sollte mit ihr
-fahren, wenn sie es ungeheuerlich finden würde, daß ich mit dabei sei.
-
-Ich war fest entschlossen, keinen Widerspruch gelten zu lassen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-An der Türschwelle rannte ich einen Mann beinahe über den Haufen.
-
-Wassertrum!
-
-Er mußte durchs Schlüsselloch hineingespäht haben, denn er stand
-gebückt, als ich mit ihm zusammengestoßen war.
-
-»Suchen Sie mich?« fragte ich barsch.
-
-Er stammelte ein paar Worte der Entschuldigung in seinem unmöglichen
-Jargon; dann bejahte er.
-
-Ich forderte ihn auf, näher zu treten und sich zu setzen, aber er blieb
-am Tisch stehen und drehte krampfhaft mit der Hutkrempe. Eine tiefe
-Feindseligkeit, die er vergebens vor mir verbergen wollte, spiegelte aus
-seinem Gesicht und jeder seiner Bewegungen.
-
-Noch nie hatte ich den Mann in so unmittelbarer Nähe gesehen. Seine
-grauenhafte Häßlichkeit war es nicht, die einen so abstieß; (sie machte
-mich eher mitleidig gestimmt: er sah aus wie ein Geschöpf, dem die Natur
-selbst bei seiner Geburt voll Wut und Abscheu mit dem Fuß ins Gesicht
-getreten hatte) -- etwas anderes, Unwägbares, das von ihm ausging, trug
-die Schuld daran.
-
-Das »Blut«, wie Charousek es treffend bezeichnet hatte.
-
-Unwillkürlich wischte ich mir die Hand ab, die ich ihm bei seinem
-Eintritt gereicht hatte.
-
-So wenig auffällig ich es machte, er schien es doch bemerkt zu haben,
-denn er mußte sich plötzlich mit Gewalt zwingen, das Aufflammen des
-Hasses in seinen Zügen zu unterdrücken.
-
-»Hübsch ham Se's hier,« fing er endlich stockend an, als er sah, daß ich
-ihm nicht den Gefallen tat, das Gespräch zu beginnen.
-
-Im Widerspruch zu seinen Worten schloß er dabei die Augen, vielleicht,
-um meinem Blick nicht zu begegnen. Oder glaubte er, daß es seinem
-Gesicht einen harmloseren Ausdruck verleihen würde?
-
-Man konnte ihm deutlich anhören, welche Mühe er sich gab, hochdeutsch zu
-reden.
-
-Ich fühlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet und wartete, was
-er weiter sagen würde.
-
-In seiner Verlegenheit griff er nach der _Feile_, die -- weiß Gott wieso
--- noch seit Charouseks Besuch auf dem Tisch lag, fuhr aber
-unwillkürlich sofort wie von einer Schlange gebissen zurück. Ich staunte
-innerlich über seine unterbewußte seelische Feinfühligkeit.
-
-»Freilich, natürlich, es gehört zum Geschäft, daß man's fein hat,«
-raffte er sich auf, zu sagen, »wenn man -- so noble Besuche bekommt.« Er
-wollte die Augen aufschlagen, um zu sehen, welchen Eindruck die Worte
-auf mich machten, hielt es aber offenbar noch für verfrüht und schloß
-sie schnell wieder.
-
-Ich wollte ihn in die Enge treiben: »Sie meinen die Dame, die neulich
-hier vorfuhr? Sagen Sie doch offen, wo Sie hinauswollen!«
-
-Er zögerte einen Moment, dann packte er mich heftig am Handgelenk und
-zerrte mich ans Fenster.
-
-Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat, erinnerte mich
-daran, wie er vor einigen Tagen den taubstummen Jaromir unten in seine
-Höhle gerissen hatte.
-
-Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden Gegenstand hin:
-
-»Was glauben Sie, Herr Pernath, laßt sich da noch was machen?«
-
-Es war eine goldene Uhr, mit so stark verbeulten Deckeln, daß es fast
-aussah, als hätte sie jemand mit Absicht verbogen.
-
-Ich nahm ein Vergrößerungsglas: die Scharniere waren zur Hälfte
-abgerissen und innen -- stand da nicht etwas eingraviert? Kaum mehr
-leserlich und noch überdies mit einer Menge ganz frischer Schrammen
-zerkratzt. Langsam entzifferte ich:
-
- K--rl Zott--mann.
-
-Zottmann? Zottmann? -- Wo hatte ich diesen Namen doch gelesen? Zottmann?
-Ich konnte mich nicht entsinnen. Zottmann?
-
-Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der Hand:
-
-»Im Werk is nix, da hab' ich schon selber geschaut. Aber mit'm Gehäuse,
-da stinkt's.«
-
-»Braucht man nur gerade zu klopfen -- höchstens ein paar Lötstellen. Das
-kann Ihnen ebensogut jeder beliebige Goldarbeiter machen, Herr
-Wassertrum.«
-
-»Ich leg' doch Wert darauf, daß es eine solide Arbeit wird. Was man so
-sagt: künstlerisch,« unterbrach er mich hastig. Fast ängstlich.
-
-»Nun gut, wenn Ihnen derart viel daran liegt --«
-
-»Viel daran liegt!« Seine Stimme schnappte über vor Eifer. »Ich will sie
-doch selber tragen, die Uhr. Und wenn ich sie jemanden zeig', will ich
-sagen können: schauen Sie mal her, _so_ arbeitet der Herr von Pernath.«
-
-Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir seine widerwärtigen
-Schmeicheleien förmlich ins Gesicht.
-
-»Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, wird alles fertig sein.«
-
-Wassertrum wand sich in Krämpfen: »Das gibt's nicht. Das will ich nicht.
-Drei Tag. Vier Tag. Die nächste Woche ist Zeit genug. Das ganze Leben
-möcht' ich mir Vorwürfe machen, daß ich Ihnen gedrängt hab'.«
-
-Was wollte er nur, daß er so außer sich geriet? -- Ich machte einen
-Schritt ins Nebenzimmer und sperrte die Uhr in die Kassette. Angelinas
-Photographie lag obenauf. Schnell schlug ich den Deckel wieder zu -- für
-den Fall, daß Wassertrum mir nachblicken sollte.
-
-Als ich zurückkam, fiel mir auf, daß er sich verfärbt hatte.
-
-Ich musterte ihn scharf, ließ aber meinen Verdacht sofort fallen:
-Unmöglich! Er _konnte_ nichts gesehen haben.
-
-»Also, dann vielleicht nächste Woche,« sagte ich, um seinem Besuch ein
-Ende zu machen.
-
-Er schien mit einem Male keine Eile mehr zu haben, nahm einen Sessel und
-setzte sich.
-
-Im Gegensatz zu früher hielt er seine Fischaugen jetzt beim Reden weit
-offen und fixierte beharrlich meinen obersten Westenknopf. -- --
-
-Pause.
-
-»Die Duksel hat Ihnen natürlich gesagt, Sie sollen sich nix wissen
-machen, wenn's herauskommt. Waas?« sprudelte er plötzlich ohne jede
-Einleitung auf mich los und schlug mit der Faust auf den Tisch.
-
-Es lag etwas merkwürdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit, mit der er
-von einer Sprechweise in die andere übergehen -- von Schmeicheltönen
-blitzartig ins Brutale springen konnte, und ich hielt es für sehr
-wahrscheinlich, daß die meisten Menschen, besonders Frauen, sich im
-Handumdrehen in seiner Gewalt befinden mußten, wenn er nur die geringste
-Waffe gegen sie besaß.
-
-Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die Tür setzen, war
-mein erster Gedanke; dann überlegte ich, ob es nicht klüger sei, ihn
-zuvörderst einmal gründlich auszuhorchen.
-
-»Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen, Herr Wassertrum;« -- ich
-bemühte mich, ein möglichst dummes Gesicht zu machen. »Duksel? Was ist
-das: Duksel?«
-
-»Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen?« fuhr er mich grob an. »Die
-Hand werden Sie aufheben müssen bei Gericht, wenn's um die Wurscht geht.
-Verstehen Sie mich?! Das sag' ich Ihnen!« -- Er fing an zu schreien:
-»Mir ins Gesicht hinein werden Sie nicht abschwören, daß >sie< von da
-drüben« -- er deutete mit dem Daumen nach dem Atelier -- »zu Ihnen
-heribber geloffen is mit en Teppich an und -- sonst nix!«
-
-Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken an der Brust und
-schüttelte ihn:
-
-»Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen, breche ich Ihnen die
-Knochen im Leibe entzwei! Verstanden?«
-
-Aschfahl sank er in den Stuhl zurück und stotterte:
-
-»Was is? Was is? Was wollen Sie? Ich mein' doch bloß.«
-
-Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich zu beruhigen. Horchte
-nicht hin, was er alles zu seiner Entschuldigung herausgeiferte.
-
-Dann setzte ich mich ihm dicht gegenüber, in der festen Absicht, die
-Sache, soweit sie Angelina betraf, ein für allemal mit ihm ins Reine zu
-bringen und, sollte es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich
-die Feindseligkeiten zu eröffnen und seine paar schwachen Pfeile
-vorzeitig zu verschießen.
-
-Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten, sagte ich ihm auf
-den Kopf zu, daß Erpressungen irgendwelcher Art -- ich betonte das Wort
--- mißglücken müßten, da er auch nicht eine einzige Anschuldigung mit
-Beweisen erhärten könnte und ich mich einer Zeugenschaft (angenommen, es
-wäre überhaupt im Bereiche der Möglichkeit, daß es je zu einer solchen
-käme) -- _bestimmt_ zu entziehen wissen würde. Angelina stünde mir viel
-zu nahe, als daß ich sie nicht in der Stunde der Not retten würde, koste
-es, was es wolle, _sogar einen Meineid_!
-
-Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte, seine Hasenscharte zog sich bis
-zur Nase auseinander, er fletschte die Zähne und kollerte wie ein
-Truthahn mir immer wieder in die Rede hinein: »Will ich denn was von die
-Duksel? So hören Sie doch zu!« -- Er war außer sich vor Ungeduld, daß
-ich mich nicht beirren ließ. -- »Um den Savioli is mir's zu tun, um den
-gottverfluchten Hund, -- den -- den --,« fuhr es ihm plötzlich brüllend
-heraus.
-
-Er japste nach Luft. Rasch hielt ich inne: endlich war er dort, wo ich
-ihn haben wollte, aber schon hatte er sich gefaßt und fixierte wieder
-meine Weste.
-
-»Hören Sie zu, Pernath,« er zwang sich, die kühle, abwägende Sprechweise
-eines Kaufmanns nachzuahmen, »Sie reden fort von der Duk -- -- von der
-Dame. Gut! sie ist verheiratet. Gut: sie hat sich eingelassen mit dem --
-mit dem jungen Lauser. Was hab' ich damit zu tun?« Er bewegte die Hände
-vor meinem Gesicht hin und her, die Fingerspitzen zusammengedrückt, als
-hielte er eine Prise Salz darin -- »soll _sie_ sich das selber abmachen,
-die Duksel. -- Ich bin e Weltmann, und Sie sin auch e Weltmann. Wir
-kennen doch das beide. Waas? Ich will doch nur zu meinem Geld kommen.
-Verstehen Sie, Pernath?!«
-
-Ich horchte erstaunt auf:
-
-»Zu welchem Geld? Ist Ihnen denn Dr. Savioli etwas schuldig?«
-
-Wassertrum wich aus:
-
-»Abrechnungen hab' ich mit ihm. Das kommt doch auf eins heraus.«
-
-»Sie wollen ihn ermorden!« schrie ich.
-
-Er sprang auf. Taumelte. Gluckste ein paarmal.
-
-»Jawohl! Ermorden! Wie lange wollen Sie mir noch Komödie vorspielen!«
-Ich deutete auf die Tür. »Schauen Sie, daß Sie hinauskommen.«
-
-Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und wandte sich zum
-Gehen. Dann blieb er noch einmal stehen und sagte mit einer Ruhe, deren
-ich ihn nie für fähig gehalten hätte:
-
-»Auch recht. Ich hab' Sie herauslassen wollen. Gut. Wenn nicht: Nicht.
-Barmherzige Barbiere machen faule Wunden. Mein Zarbüchel ist voll. Wenn
-Sie gescheit gewesen wären --: der Savioli is Ihnen doch nur im Weg!? --
-_Jetzt_ -- _mach_ -- _ich_ -- _mit_ -- _Ihnen allen dreien_« -- er
-deutete mit einer Geste des Erdrosselns an, was er meinte --
-»_Preßcolleeh_.«
-
-Seine Mienen drückten eine so satanische Grausamkeit aus, und er schien
-seiner Sache so sicher zu sein, daß mir das Blut in den Adern erstarrte.
-Er mußte eine Waffe in Händen haben, von der ich nichts ahnte, die auch
-Charousek nicht kannte. Ich fühlte den Boden unter mir wanken.
-
-»_Die Feile! Die Feile!_« hörte ich es in meinem Hirn flüstern. Ich
-schätzte die Entfernung ab: ein Schritt bis zum Tisch -- zwei Schritte
-bis zu Wassertrum -- -- ich wollte zuspringen -- -- -- da stand wie aus
-dem Boden gewachsen Hillel auf der Schwelle.
-
-Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen.
-
-Ich sah nur -- wie durch Nebel --, daß Hillel unbeweglich stehen blieb
-und Wassertrum Schritt für Schritt bis an die Wand zurückwich.
-
-Dann hörte ich Hillel sagen:
-
-»Sie kennen doch, Aaron, den Satz: _Alle Juden sind Bürgen füreinander?_
-Machen Sie's einem nicht zu schwer.« -- Er fügte ein paar hebräische
-Worte hinzu, die ich nicht verstand.
-
-»Was haben Sie das netig, an der Türe zu schnuffeln?« geiferte der
-Trödler mit bebenden Lippen.
-
-»Ob ich gehorcht habe oder nicht, braucht Sie nicht zu kümmern!« --
-wieder schloß Hillel mit einem hebräischen Satz, der diesmal wie eine
-Drohung klang. Ich erwartete, daß es zu einem Zank kommen würde, aber
-Wassertrum antwortete nicht eine Silbe, überlegte einen Augenblick und
-ging dann trotzig hinaus.
-
-Gespannt blickte ich Hillel an. Er winkte mir zu, ich solle schweigen.
-Offenbar wartete er auf irgend etwas, denn er horchte angestrengt auf
-den Gang hinaus. Ich wollte die Türe schließen gehen: er hielt mich mit
-einer ungeduldigen Handbewegung zurück.
-
-Wohl eine Minute verging, dann kamen die schleppenden Schritte des
-Trödlers wieder die Stufen herauf. Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel
-hinaus und machte ihm Platz.
-
-Wassertrum wartete, bis er außer Hörweite war, dann knurrte er mich
-verbissen an:
-
-»Geben Se mer meine Uhr zorück.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Weib
-
-
-Wo nur Charousek blieb?
-
-Beinahe 24 Stunden waren vergangen, und noch immer ließ er sich nicht
-blicken.
-
-Sollte er das Zeichen vergessen haben, das wir verabredet hatten? Oder
-sah er es vielleicht nicht?
-
-Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so, daß der Sonnenstrahl,
-der darauf schien, genau auf das vergitterte Guckloch seiner
-Kellerwohnung fiel.
-
-Das Eingreifen Hillels -- gestern -- hatte mich ziemlich beruhigt.
-Bestimmt würde er mich gewarnt haben, wenn eine Gefahr im Anzuge wäre.
-
-Überdies: Wassertrum konnte nichts von Belang mehr unternommen haben;
-gleich, nachdem er mich verlassen hatte, war er in seinen Laden
-zurückgekehrt, -- ich warf einen Blick hinunter: richtig, da lehnte er
-unbeweglich hinter seinen Herdplatten, genau so, wie ich ihn schon
-frühmorgens gesehen. -- -- --
-
-Unerträglich, das ewige Warten!
-
-Die milde Frühlingsluft, die durch das offene Fenster aus dem
-Nebenzimmer hereinströmte, machte mich krank vor Sehnsucht.
-
-Dies schmelzende Tropfen von den Dächern! Und wie die feinen
-Wasserschnüre im Sonnenlicht glänzten!
-
-Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fäden. Voll Ungeduld ging ich in der
-Stube auf und ab. Warf mich in einen Sessel. Stand wieder auf.
-
-Dieses süchtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit in meiner Brust, es
-wollte nicht weichen.
-
-Die ganze Nacht über hatte es mich gequält. Einmal war es Angelina
-gewesen, die sich an mich geschmiegt, dann wieder sprach ich scheinbar
-ganz harmlos mit Mirjam, und kaum hatte ich das Bild zerrissen, kam
-abermals Angelina und küßte mich; ich roch den Duft ihres Haares, und
-ihr weicher Zobelpelz kitzelte mich am Hals, rutschte von ihren
-entblößten Schultern -- und sie wurde zur Rosina, die mit trunkenen,
-halbgeschlossenen Augen tanzte -- im Frack -- nackt; -- -- -- und alles
-in einem Halbschlaf, der doch genau so gewesen war wie ein Wachsein. Wie
-ein süßes, verzehrendes, dämmeriges Wachsein.
-
-Gegen Morgen stand dann mein Doppelgänger an meinem Bett, der
-schattenhafte Habal Garmin, »der Hauch der Knochen«, von dem Hillel
-gesprochen, -- und ich sah ihm an den Augen an: er war in meiner Macht,
-_mußte_ mir jede Frage beantworten, die ich ihm stellen würde nach
-irdischen oder jenseitigen Dingen, und er _wartete_ nur darauf, aber der
-Durst nach dem Geheimnisvollen konnte nicht an gegen die Schwüle meines
-Blutes und versickerte im dürren Erdreich meines Verstandes. -- Ich
-schickte das Phantom weg, es solle zum Spiegelbild Angelinas werden, und
-es schrumpfte zusammen zu dem Buchstaben »Aleph«, wuchs wieder empor,
-stand da als das Koloßweib, splitternackt, wie ich es einstens im Buche
-Ibbur gesehen, mit dem Pulse gleich einem Erdbeben, und beugte sich über
-mich und ich atmete den betäubenden Geruch ihres heißen Fleisches ein.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Kam denn Charousek immer noch nicht? -- Die Glocken sangen von den
-Kirchtürmen.
-
-Eine Viertelstunde wollte ich noch warten -- dann aber hinaus! Durch
-belebte Straßen voll festtägig gekleideter Menschen schlendern, mich in
-das frohe Gewimmel mischen in den Stadtteilen der Reichen, schöne Frauen
-sehen mit koketten Gesichtern und schmalen Händen und Füßen.
-
-Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufällig, entschuldigte ich
-mich vor mir selbst.
-
-Ich holte das altertümliche Tarokspiel vom Bücherbord, um mir die Zeit
-rascher zu vertreiben. --
-
-Vielleicht ließ sich aus den Bildern Anregung schöpfen zum Entwurf einer
-Kamee?
-
-Ich suchte nach dem Pagad.
-
-Nicht zu finden. Wo konnte er hingeraten sein?
-
-Ich blätterte noch einmal die Karten durch und verlor mich in Nachdenken
-über ihren verborgenen Sinn. Besonders der »Gehenkte«, -- was konnte er
-nur bedeuten?:
-
-Ein Mann hängt an einem Seil zwischen Himmel und Erde, den Kopf abwärts,
-die Arme auf den Rücken gebunden, den rechten Unterschenkel über das
-linke Bein verschränkt, daß es aussieht wie ein Kreuz über einem
-verkehrten Dreieck?
-
-Unverständliches Gleichnis.
-
-Da! -- Endlich! Charousek kam.
-
-Oder doch nicht?
-
-Freudige Überraschung: es war Mirjam.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Wissen Sie, Mirjam, daß ich soeben zu Ihnen hinuntergehen wollte und
-Sie bitten, eine Spazierfahrt mit mir zu machen?« Es war nicht ganz die
-Wahrheit, aber ich machte mir weiter keine Gedanken darüber. -- »Nicht
-wahr, Sie schlagen es mir nicht ab?! Ich bin heute so unendlich froh im
-Herzen, daß Sie, gerade Sie, Mirjam, meiner Freude die Krone aufsetzen
-müssen.«
-
-»-- spazierenfahren?«, wiederholte sie derart verblüfft, daß ich laut
-auflachen mußte.
-
-»Ist denn der Vorschlag gar so wunderbar?«
-
-»Nein, nein, aber -- --,« sie suchte nach Worten, »unerhört merkwürdig.
-Spazierenfahren!«
-
-»Durchaus nicht merkwürdig, wenn Sie sich vorhalten, daß es
-Hunderttausende von Menschen tun -- eigentlich ihr ganzes Leben nichts
-anderes tun.«
-
-»Ja, _andere_ Menschen!« gab sie, immer noch vollständig überrumpelt,
-zu.
-
-Ich faßte ihre beiden Hände:
-
-»Was _andere_ Menschen an Freude erleben dürfen, möchte ich, daß Sie,
-Mirjam, in noch unendlich viel reicherem Maße genießen.«
-
-Sie wurde plötzlich leichenblaß, und ich sah an der starren Taubheit
-ihres Blickes, woran sie dachte.
-
-Es gab mir einen Stich.
-
-»Sie dürfen es nicht immer mit sich herumtragen, Mirjam,« redete ich ihr
-zu, »das -- das Wunder. Wollen Sie mir das nicht versprechen -- aus --
-aus Freundschaft?«
-
-Sie hörte die Angst aus meinen Worten und blickte mich erstaunt an.
-
-»Wenn es Sie nicht so angriffe, könnte ich mich mit Ihnen freuen, aber
-so? Wissen Sie, daß ich tief besorgt bin um Sie, Mirjam? -- Um -- um --
-wie soll ich nur sagen? -- um Ihre seelische Gesundheit! Fassen Sie es
-nicht wörtlich auf, aber --: ich wollte, das Wunder wäre nie geschehen.«
-
-Ich erwartete, sie würde mir widersprechen, aber sie nickte nur in
-Gedanken versunken.
-
-»Es verzehrt Sie. Habe ich nicht recht, Mirjam?« Sie raffte sich auf:
-
-»Manchmal möchte ich beinahe auch, es wäre nicht geschehen.«
-
-Es klang wie ein Hoffnungsstrahl für mich. -- »Wenn ich mir denken
-soll,« sie sprach ganz langsam und traumverloren, »daß Zeiten kommen
-könnten, wo ich ohne solche Wunder leben müßte -- -- --.«
-
-»Sie können doch über Nacht reich werden und brauchen dann nicht mehr
---,« fuhr ich ihr unbedacht in die Rede, hielt aber rasch inne, als ich
-das Entsetzen in ihrem Gesicht bemerkte, -- »ich meine: Sie können
-plötzlich auf natürliche Weise ihrer Sorgen enthoben werden, und die
-Wunder, die Sie dann erleben, würden geistiger Art sein: -- innere
-Erlebnisse.«
-
-Sie schüttelte den Kopf und sagte hart: »Innere Erlebnisse sind keine
-Wunder. Erstaunlich genug, daß es Menschen zu geben scheint, die
-überhaupt keine haben. -- Seit meiner Kindheit, Tag für Tag, Nacht für
-Nacht, erlebe ich --« (sie brach mit einem Ruck ab und ich erriet, daß
-noch etwas anderes in ihr war, von dem sie mir nie gesprochen hatte,
-vielleicht das Weben unsichtbarer Geschehnisse, ähnlich den meinigen) --
-»aber das gehört nicht hierher. Selbst, wenn einer aufstünde und machte
-Kranke gesund durch Handauflegen, ich könnte es kein Wunder nennen.
-Erst, wenn der leblose Stoff -- die Erde -- beseelt wird vom Geist und
-die Gesetze der Natur zerbrechen, dann ist das geschehen, wonach ich
-mich sehne, seit ich denken kann. -- Mir hat einmal mein Vater gesagt:
-es gäbe zwei Seiten der Kabbala: eine magische und eine abstrakte, die
-sich niemals zur Deckung bringen ließen. Wohl könne die magische die
-abstrakte an sich ziehen, aber nie und nimmer umgekehrt. Die magische
-ist ein _Geschenk_, die andere _kann_ errungen werden, wenn auch nur mit
-Hilfe eines Führers.« -- Sie nahm den ersten Faden wieder auf: »Das
-_Geschenk_ ist es, nach dem ich dürste; was ich mir erringen kann, ist
-mir gleichgültig und wertlos wie Staub. Wenn ich mir denken soll, es
-könnten Zeiten kommen, sagte ich vorhin, wo ich wieder ohne diese Wunder
-leben müßte,« -- ich sah, wie sich ihre Finger krampften und Reue und
-Jammer zerfleischten mich, -- »ich glaube, ich sterbe jetzt schon
-angesichts der bloßen Möglichkeit.«
-
-»Ist das der Grund, weshalb auch Sie wünschten, das Wunder wäre nie
-geschehen?«, forschte ich.
-
-»Nur zum Teil. Es ist noch etwas anderes da. Ich -- ich --«, sie dachte
-einen Augenblick nach, »war noch nicht reif dazu, ein Wunder in dieser
-Form zu erleben. Das ist es. Wie soll ich es Ihnen nur erklären? Nehmen
-Sie einmal an, bloß als Beispiel, ich hätte seit Jahren jede Nacht ein
-und denselben Traum, der sich immer weiter fortspinnt und in dem mich
-jemand -- sagen wir: ein Bewohner einer andern Welt -- belehrt und mir
-nicht nur an einem Spiegelbilde von mir selbst und seinen allmählichen
-Veränderungen zeigt, wie weit ich von der magischen Reife, ein >Wunder<
-erleben zu können, entfernt bin, sondern: mir auch in Verstandesfragen,
-wie sie mich manchmal tagsüber beschäftigen, derart Aufschluß gibt, daß
-ich es jederzeit nachprüfen kann. Sie werden mich verstehen: Ein solches
-Wesen ersetzt einem an Glück alles, was sich auf Erden ausdenken läßt;
-es ist für mich die Brücke, die mich mit dem >Drüben< verbindet, ist die
-Jakobsleiter, auf der ich mich über die Dunkelheit des Alltags erheben
-kann ins Licht, -- ist mir Führer und Freund, und alle meine Zuversicht,
-daß ich mich auf den dunkeln Wegen, die meine Seele geht, nicht verirren
-kann in Wahnsinn und Finsternis, setze ich auf >ihn<, der mich noch nie
-belogen hat. -- Da mit einem Mal, entgegen allem, was er mir gesagt hat,
-kreuzt ein >Wunder< mein Leben! Wem soll ich jetzt glauben? War das, was
-mich die vielen Jahre über ununterbrochen erfüllt hat, eine Täuschung?
-Wenn ich daran zweifeln müßte, ich stürzte kopfüber in einen bodenlosen
-Abgrund. -- Und doch ist das Wunder geschehen! Ich würde aufjauchzen vor
-Freude, wenn --«
-
-»Wenn -- -- --?« unterbrach ich sie atemlos. Vielleicht sprach sie
-selbst jetzt das erlösende Wort, und ich konnte ihr alles eingestehen.
-
-»-- wenn ich erführe, daß ich mich geirrt habe, -- daß es gar kein
-Wunder war! Aber ich weiß so genau, wie ich weiß, daß ich hier sitze,
-ich ginge zugrunde daran«; (mir blieb das Herz stehen) --
-»zurückgerissen werden, vom Himmel wieder herab müssen auf diese Erde?
-Glauben Sie, daß das ein Mensch ertragen kann?«
-
-»Bitten Sie doch Ihren Vater um Hilfe«, sagte ich ratlos vor Angst.
-
-»Meinen Vater? Um Hilfe?« -- sie blickte mich verständnislos an, -- »wo
-es nur zwei Wege für mich gibt, kann er da einen dritten finden? -- --
-Wissen Sie, was die einzige Rettung für mich wäre? Wenn _mir_ das
-geschähe, was Ihnen geschehen ist. Wenn ich in dieser Minute alles, was
-hinter mir liegt: mein ganzes Leben bis zum heutigen Tag -- vergessen
-könnte. -- Ist es nicht merkwürdig: was Sie als Unglück empfinden, wäre
-für mich das höchste Glück!«
-
-Wir schwiegen beide eine lange Zeit. Dann ergriff sie plötzlich meine
-Hand und lächelte. Beinahe fröhlich.
-
-»Ich will nicht, daß Sie sich meinetwegen grämen;« -- (sie tröstete mich
--- mich!) -- »vorhin waren Sie so voll Freude und Glück über den
-Frühling draußen, und jetzt sind Sie die Betrübnis selbst. Ich hätte
-Ihnen überhaupt nichts sagen sollen. Reißen Sie es aus Ihrem Gedächtnis
-und denken Sie wieder so heiter wie vorhin! -- Ich bin ja so froh --«
-
-»Sie? Froh? Mirjam?«, unterbrach ich sie bitter.
-
-Sie machte ein überzeugtes Gesicht: »Ja! Wirklich! Froh! Als ich zu
-Ihnen heraufging, war ich so unbeschreiblich ängstlich, -- ich weiß
-nicht warum: ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß Sie in einer
-großen Gefahr schweben,« -- ich horchte auf -- »aber, statt mich darüber
-zu freuen, Sie gesund und wohlauf zu treffen, habe ich Sie angeunkt und
--- --«
-
-Ich zwang mich zur Lustigkeit: »und das können Sie nur gutmachen, wenn
-Sie mit mir ausfahren.« (Ich bemühte mich, so viel Übermut wie möglich
-in meine Stimme zu legen:) »Ich möchte doch einmal sehen, Mirjam, ob es
-mir nicht gelingt, Ihnen die trüben Gedanken zu verscheuchen. Sagen Sie,
-was Sie wollen: Sie sind noch lange kein ägyptischer Zauberer, sondern
-vorläufig nur ein junges Mädchen, dem der Tauwind noch manchen bösen
-Streich spielen kann.«
-
-Sie wurde plötzlich ganz lustig:
-
-»Ja, was ist denn das heute mit Ihnen, Herr Pernath? So hab' ich Sie
-noch nie gesehen! -- Übrigens >Tauwind<: bei uns Judenmädchen lenken
-bekanntlich die Eltern den Tauwind, und wir haben nur zu gehorchen. Tuen
-es natürlich auch. Es steckt uns schon so im Blut. -- Mir ja nicht,«
-setzte sie ernsthafter hinzu, »meine Mutter hat bös gestreikt, als sie
-den gräßlichen Aaron Wassertrum heiraten sollte.«
-
-»Was? Ihre Mutter? Den Trödler da unten?«
-
-Mirjam nickte. »Gott sei Dank ist es nicht zustande gekommen. -- Für den
-armen Menschen freilich war es ein vernichtender Schlag.«
-
-»Armer Mensch, sagen Sie?« fuhr ich auf. »Der Kerl ist ein Verbrecher.«
-
-Sie wiegte nachdenklich den Kopf: »Gewiß, er ist ein Verbrecher. Aber
-wer in einer solchen Haut steckt und kein Verbrecher wird, muß ein
-Prophet sein.«
-
-Ich rückte neugierig näher:
-
-»Wissen Sie Genaueres über ihn? Mich interessiert das. Aus ganz
-besonderen -- --«
-
-»Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen hätten, Herr Pernath,
-wüßten Sie sofort, wie es in seiner Seele ausschaut. Ich sage das, weil
-ich als Kind sehr oft drin war. -- Warum sehen Sie mich so erstaunt an?
-Ist denn das so merkwürdig? -- Gegen mich war er immer freundlich und
-gütig. Einmal sogar, erinnere ich mich, schenkte er mir einen großen
-blitzenden Stein, der mir besonders unter seinen Sachen gefallen hatte.
-Meine Mutter sagte, es sei ein Brillant, und ich mußte ihn natürlich
-sofort zurücktragen.
-
-Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen, aber dann riß er ihn mir
-aus der Hand und warf ihn voll Wut weit von sich. Ich habe aber dennoch
-gesehen, wie ihm dabei die Tränen aus den Augen stürzten; ich konnte
-auch damals schon genug Hebräisch, um zu verstehen, was er murmelte:
->Alles ist verflucht, was meine Hand berührt.< -- -- Es war das letzte
-Mal, daß ich ihn besuchen durfte. Nie wieder hat er mich seitdem
-aufgefordert, zu ihm zu kommen. Ich weiß auch warum: Hätte ich ihn nicht
-zu trösten versucht, wäre alles beim alten geblieben, so aber, weil er
-mir unendlich leid tat, und ich es ihm sagte, wollte er mich nicht mehr
-sehen. -- -- -- Sie verstehen das nicht, Herr Pernath? Es ist doch so
-einfach: er ist ein Besessener, -- ein Mensch, der sofort mißtrauisch,
-unheilbar mißtrauisch wird, wenn jemand an sein Herz rührt. Er hält sich
-für noch viel häßlicher, als er in Wirklichkeit ist, -- wenn das
-überhaupt möglich sein kann, -- und darin wurzelt sein ganzes Denken und
-Handeln. Man sagt, seine Frau hätte ihn gern gehabt, vielleicht war es
-mehr Mitleid als Liebe, aber immerhin glaubten es sehr viele Leute. Der
-einzige, der vom Gegenteil tief durchdrungen war, war er. Überall
-wittert er Verrat und Haß.
-
-Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme. Ob es daher kam, daß er ihn
-vom Säuglingsalter an hatte heranwachsen sehen, also das Keimen jeder
-Eigenschaft vom Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte und daher nie
-zu einem Punkte gelangte, wo sein Mißtrauen hätte einsetzen können, oder
-ob es im jüdischen Blute lag: alles, was an Liebesfähigkeit in ihm
-lebte, auf seinen Nachkommen auszugießen -- in jener instinktiven Furcht
-unserer Rasse: wir könnten aussterben und eine Mission nicht erfüllen,
-die wir vergessen haben, die aber dunkel in uns fortlebt, -- wer kann
-das wissen!
-
-Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte, und bei einem
-unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar ist, leitete er die Erziehung
-seines Sohnes. Mit dem Scharfsinn eines Psychologen räumte er dem Kinde
-jedes Erlebnis aus dem Wege, das zur Entwicklung der Gewissenstätigkeit
-hätte beitragen können, um ihm künftige seelische Leiden zu ersparen.
-
-Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten, der die Ansicht
-verfocht, die Tiere seien empfindungslos und ihre Schmerzäußerung ein
-mechanischer Reflex.
-
-Aus jedem Geschöpf so viel Freude und Genuß für sich selbst
-herauspressen wie nur irgend möglich, und dann die Schale sofort als
-nutzlos wegwerfen: das war ungefähr das Abc seines weitblickenden
-Erziehungssystems.
-
-Daß das Geld als Standarte und Schlüssel zur >Macht< dabei eine erste
-Rolle spielte, können Sie sich denken, Herr Pernath. Und so wie er
-selbst den eigenen Reichtum sorgsam geheim hält, um die Grenzen seines
-Einflusses in Dunkel zu hüllen, so ersann er sich ein Mittel, seinem
-Sohn Ähnliches zu ermöglichen, ihm aber gleichzeitig die Qual eines
-scheinbar ärmlichen Lebens zu ersparen: er durchtränkte ihn mit der
-infernalischen Lüge von der >Schönheit<, brachte ihm die äußere und
-innere Gebärde der Ästhetik bei, lehrte ihn _äußerlich_: die Lilie auf
-dem Felde heucheln und _innerlich_ ein Aasgeier sein.
-
-Natürlich war das mit der >Schönheit< wohl kaum eigene Erfindung von ihm
--- vermutlich die >Verbesserung< eines Ratschlages, den ihm ein
-Gebildeter gegeben hatte.
-
-Daß ihn sein Sohn später verleugnete, wo und wann er nur konnte, nahm er
-niemals übel. Im Gegenteil, er machte es ihm zur _Pflicht_: denn seine
-Liebe war selbstlos und wie ich es schon einmal von meinem Vater sagte:
--- von der Art, die übers Grab hinausgeht.«
-
-Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an, wie sie ihre
-Gedanken stumm weiterspann, hörte es an dem veränderten Klang ihrer
-Stimme, als sie sagte:
-
-»Seltsame Früchte wachsen auf dem Baume des Judentums.«
-
-»Sagen Sie, Mirjam,« fragte ich, »haben Sie nie davon gehört, daß
-Wassertrum eine Wachsfigur in seinem Laden stehen hat? Ich weiß nicht
-mehr, wer es mir erzählt hat, -- es war vielleicht nur ein Traum -- --«
-
-»Nein, nein, es ist schon richtig, Herr Pernath: eine lebensgroße
-Wachsfigur steht in der Ecke, in der er, mitten unter dem tollsten
-Gerümpel, auf seinem Strohsack schläft. Er hat sie vor Jahren einem
-Schaubudenbesitzer abgewuchert, heißt es, bloß weil sie einem Mädchen --
-einer Christin -- ähnlich sah, die angeblich einmal seine Geliebte
-gewesen sein soll.«
-
-»Charouseks Mutter!« drängte es sich mir auf.
-
-»Ihren Namen wissen Sie nicht, Mirjam?«
-
-Mirjam schüttelte den Kopf. »Wenn Ihnen daran liegt -- soll ich mich
-erkundigen?«
-
-»Ach Gott, nein, Mirjam; es ist mir vollkommen gleichgültig« (ich sah an
-ihren blitzenden Augen, daß sie sich in Eifer geredet hatte. Sie durfte
-nicht wieder zu sich kommen, nahm ich mir vor) »aber was mich viel mehr
-interessiert, ist das Gebiet, von dem Sie vorhin flüchtig sprachen. Ich
-meine das vom >Tauwind<. -- Ihr Vater würde Ihnen doch gewiß nicht
-vorschreiben, wen Sie heiraten sollen?«
-
-Sie lachte lustig auf:
-
-»Mein Vater? Wo denken Sie hin!«
-
-»Nun, das ist ein großes Glück für mich.«
-
-»Wieso?« fragte sie arglos.
-
-»Weil ich dann noch Chancen habe.«
-
-Es war nur ein Scherz, und sie nahm es auch nicht anders hin, aber doch
-sprang sie rasch auf und ging ans Fenster, um mich nicht sehen zu
-lassen, daß sie rot wurde.
-
-Ich lenkte ein, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen:
-
-»Das eine bitte ich mir aus als alter Freund: Mich müssen Sie einweihen,
-wenn's einmal so weit ist. -- Oder gedenken Sie überhaupt ledig zu
-bleiben?«
-
-»Nein! nein! nein!« -- sie wehrte so entschlossen ab, daß ich
-unwillkürlich lächelte -- »einmal muß ich ja doch heiraten.«
-
-»Natürlich! Selbstverständlich!«
-
-Sie wurde nervös wie ein Backfisch.
-
-»Können Sie denn nicht eine Minute lang ernsthaft bleiben, Herr
-Pernath?« -- Ich machte gehorsam ein Lehrergesicht und sie setzte sich
-wieder. -- »Also: wenn ich sage, ich muß doch einmal heiraten, so meine
-ich damit, daß ich mir zwar bis jetzt den Kopf über die näheren Umstände
-nicht zerbrochen habe, den Sinn des Lebens aber gewiß nicht verstünde,
-wenn ich annehmen würde, ich sei als Weib auf die Welt gekommen, um
-kinderlos zu bleiben.«
-
-Das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich das Frauenhafte in ihren
-Zügen.
-
-»Es gehört mit zu meinen Träumen,« fuhr sie leise fort, »mir
-vorzustellen, daß es ein Endziel ist, wenn zwei Wesen zu einem
-verschmelzen, -- zu dem, was -- -- haben Sie nie von dem alten
-ägyptischen Osiriskult gehört? -- zu dem verschmelzen, was der
->Hermaphrodit< als Symbol bedeuten mag.«
-
-Ich horchte gespannt auf: »Der Hermaphrodit --?«
-
-»Ich meine: Die magische Vereinigung von männlich und weiblich im
-Menschengeschlecht zu einem Halbgott. Als Endziel! -- Nein, nicht als
-Endziel, als Beginn eines neuen Weges, der ewig ist -- _kein_ Ende hat.«
-
-»Und hoffen Sie, dereinst denjenigen zu finden,« fragte ich erschüttert,
-»den Sie suchen? -- Kann es nicht sein, daß er in einem fernen Land
-lebt, vielleicht gar nicht auf Erden ist?«
-
-»Davon weiß ich nichts;« sagte sie einfach, »ich kann nur warten. Wenn
-er durch Zeit und Raum von mir getrennt ist, -- was ich nicht glaube,
-weshalb wäre ich dann hier im Ghetto angebunden? -- oder durch die
-Klüfte gegenseitigen Nichterkennens -- und ich finde ihn nicht, dann hat
-mein Leben keinen Zweck gehabt und war das gedankenlose Spiel eines
-idiotischen Dämons. -- Aber, bitte, bitte, reden wir nicht mehr davon,«
-flehte sie, »wenn man den Gedanken nur ausspricht, bekommt er schon
-einen häßlichen, irdischen Beigeschmack, und ich möchte nicht --«
-
-Sie brach plötzlich ab.
-
-»Was möchten Sie nicht, Mirjam?«
-
-Sie hob die Hand. Stand rasch auf und sagte:
-
-»Sie bekommen Besuch, Herr Pernath!«
-
-Seidenkleider raschelten auf dem Gang.
-
-Ungestümes Klopfen. Dann:
-
-Angelina!
-
-Mirjam wollte gehen; ich hielt sie zurück:
-
-»Darf ich vorstellen: die Tochter eines lieben Freundes -- Frau Gräfin
---«
-
-»Nicht einmal vorfahren kann man mehr. Überall das Pflaster aufgerissen.
-Wann werden Sie einmal in eine menschenwürdige Gegend siedeln, Meister
-Pernath? Draußen schmilzt der Schnee und der Himmel jubelt, daß es einem
-die Brust zersprengt, und Sie hocken hier in Ihrer Tropfsteingrotte wie
-ein alter Frosch, -- -- übrigens wissen Sie, daß ich gestern bei meinem
-Juwelier war und er gesagt hat: Sie sind der größte Künstler, der
-feinste Gemmenschneider, den es heute gibt, wenn nicht einer der
-größten, die je gelebt haben?!« -- Angelina plauderte wie ein
-Wasserfall, und ich war verzaubert. Sah nur mehr ihre strahlenden,
-blauen Augen, die kleinen Füße in den winzigen Lackstiefeln, sah das
-kapriziöse Gesicht aus dem Wust von Pelzwerk leuchten und die rosigen
-Ohrläppchen.
-
-Sie ließ sich kaum Zeit auszuatmen.
-
-»An der Ecke steht mein Wagen. Ich hatte schon Angst, Sie nicht zu Hause
-zu treffen. Sie haben doch hoffentlich noch nicht zu Mittag gegessen?
-Wir fahren zuerst -- ja, wohin fahren wir zuerst? Wir fahren zuerst
-einmal -- warten Sie -- -- ja: vielleicht in den Baumgarten, oder kurz:
-irgendwohin ins Freie, wo man so recht das Keimen und heimliche Sprossen
-in der Luft ahnt. Kommen Sie, kommen Sie, nehmen Sie Ihren Hut; und dann
-essen Sie bei mir, -- und dann schwätzen wir bis abends. Nehmen Sie doch
-Ihren Hut! Worauf warten Sie denn? -- Eine warme, ganz weiche Decke ist
-unten: da wickeln wir uns ein bis an die Ohren und kuscheln uns
-zusammen, bis uns siedheiß wird.«
-
-Was sollte ich nur sagen?! -- -- »Soeben habe ich mit der Tochter meines
-Freundes hier eine Spazierfahrt verabredet -- --«
-
-Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet, noch ehe
-ich aussprechen konnte.
-
-Ich begleitete sie bis vor die Tür, obschon sie mich freundlich abwehren
-wollte.
-
-»Hören Sie mich an, Mirjam, ich kann es Ihnen hier auf der Treppe nicht
-so sagen, wie ich an Ihnen hänge -- -- und daß ich tausendmal lieber mit
-Ihnen -- --«
-
-»Sie dürfen die Dame nicht warten lassen, Herr Pernath,« drängte sie,
-»adieu und viel Vergnügen!«
-
-Sie sagte es voll Herzlichkeit und unverstellt und echt, aber ich sah,
-daß der Glanz in ihren Augen erloschen war.
-
-Sie eilte die Treppe hinunter und das Leid schnürte mir die Kehle
-zusammen.
-
-Mir war, als hätte ich eine Welt verloren.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wie im Rausch saß ich an Angelinas Seite. Wir fuhren in rasendem Trab
-durch die menschenüberfüllten Straßen.
-
-Eine Brandung des Lebens rings um mich, daß ich, halbbetäubt, nur noch
-die kleinen Lichtflecke in dem Bilde, das an mir vorüberhuschte,
-unterscheiden konnte: blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten,
-blanke Zylinderhüte, weiße Damenhandschuhe, einen Pudel mit rosa
-Halsschleife, der kläffend in die Räder beißen wollte, schäumende
-Rappen, die uns entgegensausten in silbernen Geschirren, ein
-Ladenfenster, drin schimmernde Schalen voll Perlschnüren und funkelnden
-Geschmeiden, -- Seidenglanz um schlanke Mädchenhüften.
-
-Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, ließ mich die Wärme von
-Angelinas Körper doppelt sinnverwirrend empfinden.
-
-Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll zur Seite, wenn
-wir an ihnen vorüberjagten.
-
-Dann ging's im Schritt über das Quai, das eine einzige Wagenreihe war,
-an der eingestürzten steinernen Brücke vorbei, umstaut vom Gewühl
-gaffender Gesichter.
-
-Ich blickte kaum hin: -- das kleinste Wort aus dem Munde Angelinas, ihre
-Wimpern, das eilige Spiel ihrer Lippen, -- alles, alles war mir
-unendlich viel wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrümmer dort unten
-den antaumelnden Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. --
-
-Parkwege. Dann -- gestampfte, elastische Erde. Dann Laubrascheln unter
-den Hufen der Pferde, nasse Luft, blätterlose Baumriesen voll von
-Krähennestern, totes Wiesengrün mit weißlichen Inseln schwindenden
-Schnees, alles zog an mir vorbei wie geträumt.
-
-Nur mit ein paar kurzen Worten, fast gleichgültig, kam Angelina auf Dr.
-Savioli zu sprechen.
-
-»Jetzt, wo die Gefahr vorüber ist,« sagte sie mit entzückender,
-kindlicher Unbefangenheit, »und ich weiß, daß es ihm auch wieder besser
-geht, kommt mir alles das, was ich mitgemacht habe, so gräßlich
-langweilig vor. -- Ich will mich endlich einmal wieder freuen, die Augen
-zumachen und untertauchen in dem glitzernden Schaum des Lebens. Ich
-glaube, alle Frauen sind so. Sie gestehen es bloß nicht ein. Oder sind
-sie so dumm, daß sie es selbst nicht wissen. Meinen Sie nicht auch?« Sie
-hörte gar nicht hin, was ich darauf antwortete. »Übrigens sind mir
-Frauen vollständig uninteressant. Sie dürfen es natürlich nicht als
-Schmeichelei auffassen: aber -- wahrhaftig, die bloße Nähe eines
-sympathischen Mannes ist mir im kleinen Finger lieber, als das
-anregendste Gespräch mit einer noch so gescheiten Frau. Es ist ja
-schließlich doch alles dummes Zeug, was man da zusammenschwätzt. --
-Höchstens: das bißchen Putz -- na und! Die Moden wechseln ja nicht gar
-so häufig. -- -- Nicht wahr, ich bin leichtsinnig?«, fragte sie
-plötzlich kokett, daß ich mich, bestrickt von ihrem Reiz, zusammennehmen
-mußte, nicht ihr Köpfchen zwischen meine Hände zu nehmen und sie in den
-Nacken zu küssen, -- »sagen Sie, daß ich leichtsinnig bin!«
-
-Sie schmiegte sich noch dichter an und hängte sich in mich ein.
-
-Wir fuhren aus der Allee heraus an Bosketts entlang mit strohumwickelten
-Zierstauden, die aussahen in ihren Hüllen wie Rümpfe von Ungeheuern mit
-abgehauenen Gliedern und Häuptern.
-
-Leute saßen auf Bänken in der Sonne und blickten hinter uns drein und
-steckten die Köpfe zusammen.
-
-Wir schwiegen eine Weile und hingen unseren Gedanken nach. Wie war
-Angelina doch so vollständig anders, als sie bisher in meiner Einbildung
-gelebt hatte! -- Als sei sie erst heute für mich in die Gegenwart
-gerückt!
-
-War das wirklich dieselbe Frau, die ich damals in der Domkirche
-getröstet hatte?
-
-Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen Mund.
-
-Sie sprach noch immer kein Wort. Schien im Geiste ein Bild zu sehen.
-
-Der Wagen bog über eine feuchte Wiese.
-
-Es roch nach erwachender Erde.
-
-»Wissen Sie, -- -- Frau -- --?«
-
-»Nennen Sie mich doch Angelina«, unterbrach sie mich leise.
-
-»Wissen Sie, Angelina, daß -- daß ich heute die ganze Nacht von Ihnen
-geträumt habe?«, stieß ich gepreßt hervor.
-
-Sie machte eine kleine rasche Bewegung, als wolle sie ihren Arm aus
-meinem ziehen, und sah mich groß an. »Merkwürdig! Und ich von Ihnen! --
-Und in diesem Moment habe ich dasselbe gedacht.«
-
-Wieder stockte das Gespräch und beide errieten wir, daß wir auch
-dasselbe geträumt hatten.
-
-Ich fühlte es an dem Beben ihres Blutes. Ihr Arm zitterte kaum merklich
-an meiner Brust. Sie blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen
-hinaus. -- -- --
-
-Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen, streifte den weißen,
-duftenden Handschuh zurück, hörte, wie ihr Atem heftig wurde, und preßte
-toll vor Liebe meine Zähne in ihren Handballen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
--- -- Stunden später ging ich wie ein Trunkener durch den Abendnebel
-hinab der Stadt zu. Planlos wählte ich die Straßen und ging lange, ohne
-es zu wissen, im Kreise herum.
-
-Dann stand ich am Fluß über ein eisernes Geländer gebeugt und starrte
-hinab in die tosenden Wellen.
-
-Noch immer fühlte ich Angelinas Arme um meinen Nacken, sah das steinerne
-Becken des Springbrunnens, an dem wir schon einmal Abschied voneinander
-genommen vor vielen Jahren, vor mir, mit den faulenden Ulmenblättern
-darin, und sie wanderte wieder mit mir, wie soeben erst vor kurzem, den
-Kopf an meine Schulter gelehnt, stumm durch den fröstelnden, dämmrigen
-Park ihres Schlosses.
-
-Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief ins Gesicht, um zu
-träumen.
-
-Die Wasser brausten über das Wehr und ihr Rauschen verschlang die
-letzten, aufmurrenden Geräusche der schlafengehenden Stadt.
-
-Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um mich zog und
-aufblickte, lag der Fluß in immer tieferen Schatten, bis er endlich, von
-der schweren Nacht erdrückt, schwarzgrau dahinströmte und der Gischt des
-Staudamms als weißer, blendender Streifen schräg hinüber zum andern Ufer
-lief.
-
-Mich schauderte bei dem Gedanken, wieder zurück zu müssen in mein
-trauriges Haus.
-
-Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich für immer zum Fremdling in
-meiner Wohnstätte gemacht.
-
-Eine Spanne von wenigen Wochen, vielleicht nur von Tagen, dann mußte das
-Glück vorüber sein -- und nichts blieb davon, als eine wehe, schöne
-Erinnerung.
-
-Und dann?
-
-Dann war ich heimatlos hier und drüben, diesseits und jenseits des
-Flusses.
-
-Ich stand auf! Wollte noch durch das Parkgitter einen Blick auf das
-Schloß werfen, hinter dessen Fenstern sie schlief, ehe ich in das
-finstere Ghetto ging. -- -- -- Ich schlug die Richtung ein, aus der ich
-gekommen war, tappte mich durch den dichten Nebel an Häuserreihen
-entlang und über schlummernde Plätze, sah schwarze Monumente drohend
-auftauchen und einsame Schilderhäuser und die Schnörkel von
-Barockfassaden. Der matte Schimmer einer Laterne wuchs zu riesigen,
-phantastischen Ringen in verblichenen Regenbogenfarben aus dem Dunst
-heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden Auge und zerging hinter mir in
-der Luft.
-
-Mein Fuß tastete breite, steinerne Stufenflächen, mit Kies bestreut. Wo
-war ich? Ein Hohlweg, der steil aufwärts führt?
-
-Glatte Gartenmauern links und rechts? Die kahlen Äste eines Baumes
-hängen herüber. Sie kommen vom Himmel herunter: der Stamm verbirgt sich
-hinter der Nebelwand. --
-
-Ein paar morsche, dünne Zweige brechen krachend ab, wie mein Hut sie
-streift, und fallen an meinem Mantel hinab in den nebligen grauen
-Abgrund, der mir meine Füße verbirgt.
-
-Dann ein strahlender Punkt: ein einsames Licht in der Ferne -- irgendwo
--- rätselhaft -- zwischen Himmel und Erde. -- -- --
-
-Ich mußte fehlgegangen sein. Es konnte nur die »alte Schloßstiege« sein
-neben den Hängen der Fürstenbergschen Gärten -- -- --
-
-Dann lange Strecken lehmiger Erde. -- Ein gepflasterter Weg.
-
-Ein massiger Schatten ragt hoch auf, den Kopf in einer schwarzen,
-steifen Zipfelmütze: »die Daliborka« = der Hungerturm, in dem Menschen
-einst verschmachteten, derweilen Könige unten im »Hirschgraben« das Wild
-hetzten.
-
-Ein schmales, gewundenes Gäßchen mit Schießscharten, ein Schneckengang,
-kaum breit genug, die Schultern durchzulassen -- und ich stand vor einer
-Reihe von Häuschen, keines höher als ich.
-
-Wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich auf die Dächer greifen.
-
-Ich war in die »Goldmachergasse« geraten, wo im Mittelalter die
-alchimistischen Adepten den Stein der Weisen geglüht und die
-Mondstrahlen vergiftet haben.
-
-Es führte kein anderer Weg hinaus als der, den ich gekommen war.
-
-Aber ich fand die Mauerlücke nicht mehr, die mich eingelassen, -- stieß
-an ein Holzgatter.
-
-Es nützt nichts, ich muß jemand wecken, damit man mir den Weg zeigt,
-sagte ich mir. Sonderbar, daß hier ein Haus die Gasse abschließt --
-größer als die andern und anscheinend wohnlich? Ich kann mich nicht
-entsinnen, es je bemerkt zu haben.
-
-Es muß wohl weiß getüncht sein, daß es so hell aus dem Nebel leuchtet?
-
-Ich gehe durch das Gatter über den schmalen Gartenstreif, drücke das
-Gesicht an die Scheiben: -- alles finster. Ich klopfe ans Fenster. -- Da
-geht drinnen ein steinalter Mann, eine brennende Kerze in der Hand,
-durch eine Tür mit greisenhaft wankenden Schritten bis mitten in die
-Stube, bleibt stehen, dreht langsam den Kopf nach den verstaubten
-alchimistischen Retorten und Kolben an der Wand, starrt nachdenklich auf
-die riesigen Spinnweben in den Ecken und richtet dann seinen Blick
-unverwandt auf mich.
-
-Der Schatten seiner Backenknochen fällt ihm auf die Augenhöhlen, daß es
-aussieht, als seien sie leer wie die einer Mumie.
-
-Er sieht mich offenbar nicht.
-
-Ich klopfe ans Glas.
-
-Er hört mich nicht. Geht lautlos wie ein Schlafwandler wieder aus dem
-Zimmer.
-
-Ich warte vergebens.
-
-Klopfe ans Haustor: niemand öffnet -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Es blieb mir nichts übrig, als so lange zu suchen, bis ich den Ausgang
-aus der Gasse endlich fand.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ob es nicht am besten wäre, ich ginge noch unter Menschen, überlegte
-ich. -- Zu meinen Freunden: Zwakh, Prokop und Vrieslander ins »alte
-Ungelt«, wo sie bestimmt sein würden --, um meine verzehrende Sehnsucht
-nach Angelinas Küssen wenigstens für ein paar Stunden zu übertäuben?
-Rasch mache ich mich auf den Weg.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wie ein Trifolium von Toten hockten sie um den wurmstichigen, alten
-Tisch herum, -- alle drei: weiße dünnstielige Tonpfeifen zwischen den
-Zähnen, und das Zimmer voll Rauch.
-
-Man konnte kaum ihre Gesichtszüge unterscheiden, so schluckten die
-dunkelbraunen Wände das spärliche Licht der altmodischen Hängelampe ein.
-
-In der Ecke die spindeldürre, wortkarge, verwitterte Kellnerin mit ihrem
-ewigen Strickstrumpf, dem farblosen Blick und der gelben
-Entenschnabelnase!
-
-Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Türen, so daß die Stimmen
-der Gäste im Nebenzimmer nur wie das leise Summen eines Bienenschwarms
-herüberdrangen.
-
-Vrieslander, seinen kegelförmigen Hut mit der geraden Krempe auf dem
-Kopf, mit seinem Knebelbart, der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe
-unter dem Auge, sah aus wie ein ertrunkener Holländer aus einem
-vergessenen Jahrhundert.
-
-Josua Prokop hatte sich eine Gabel quer durch die Musikerlocken
-gesteckt, klapperte unaufhörlich mit seinen gespenstisch langen
-Knochenfingern und sah bewundernd zu, wie sich Zwakh abmühte, der
-bauchigen Arakflasche das Purpurmäntelchen einer Marionette umzuhängen.
-
-»Das wird Babinski«, erklärte mir Vrieslander mit tiefem Ernst. »Sie
-wissen nicht, wer Babinski war? Zwakh, erzählen Sie Pernath rasch, wer
-Babinski war!«
-
-»Babinski war«, begann Zwakh sofort, ohne auch nur eine Sekunde von
-seiner Arbeit aufzusehen, »einst ein berühmter Raubmörder in Prag. --
-Viele Jahre betrieb er sein schändliches Handwerk, ohne daß es jemand
-bemerkt hätte. Nach und nach jedoch fiel es den besseren Familien auf,
-daß bald dieses, bald jenes Mitglied der Sippe beim Essen fehlte und
-sich nie wieder blicken ließ. Wenn man auch anfangs nichts sagte, da die
-Sache gewissermaßen ihre guten Seiten hatte, indem man weniger zu kochen
-brauchte, so durfte wiederum nicht außer acht gelassen werden, daß das
-Ansehen in der Gesellschaft leicht darunter leiden und man ins Gerede
-kommen konnte.
-
-Besonders, wenn es sich um das spurlose Verschwinden mannbarer Töchter
-handelte.
-
-Überdies verlangte es die Hochachtung vor sich selbst, daß man auf ein
-bürgerliches Zusammenleben in der Familie nach außen hin das nötige
-Gewicht legte.
-
-Die Zeitungsrubriken: »Kehre zurück, alles ist verziehen« wuchsen immer
-mehr und mehr, -- ein Umstand, den Babinski, leichtsinnig wie die
-meisten Berufsmörder, in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte, --
-und erregten schließlich die allgemeine Aufmerksamkeit.
-
-In dem lieblichen Dörfchen Krtsch bei Prag hatte sich Babinski, der
-innerlich ein ausgesprochen idyllischer Charakter war, mit der Zeit
-durch seine unverdrossene Tätigkeit ein kleines, aber trautes Heim
-geschaffen. Ein Häuschen, blitzend vor Sauberkeit, und ein Gärtchen
-davor mit blühenden Geranien.
-
-Da es ihm seine Einkünfte nicht gestatteten, sich zu vergrößern, sah er
-sich genötigt, um die Leichen seiner Opfer unauffällig bestatten zu
-können, statt eines Blumenbeetes -- wie er es gern gesehen hätte --
-einen grasbewachsenen und schlichten, aber, den Umständen angemessen:
-zweckmäßigen Grabhügel anzulegen, der sich mühelos verlängern ließ, wenn
-es der Betrieb oder die Saison erforderte.
-
-Auf dieser Weihestätte pflegte Babinski allabendlich nach des Tages Last
-und Mühen in den Strahlen der untergehenden Sonne zu sitzen und auf
-seiner Flöte allerlei schwermütige Weisen zu blasen.« -- --
-
-»Halt!« unterbrach Josua Prokop rauh, zog einen Hausschlüssel aus der
-Tasche, hielt ihn wie eine Klarinette an den Mund und sang:
-
-»Zimzerlim zambusla -- deh«.
-
-»Waren Sie denn dabei, daß Sie die Melodie so genau kennen?«, fragte
-Vrieslander erstaunt.
-
-Prokop warf ihm einen bitterbösen Blick zu: »Nein. Dazu hat Babinski zu
-früh gelebt. Aber was er gespielt haben kann, muß ich als Komponist doch
-am besten wissen. Ihnen steht darüber kein Urteil zu: Sie sind nicht
-musikalisch. -- -- Zimzerlim -- zambusla -- busla -- deh.«
-
-Zwakh hörte ergriffen zu, bis Prokop seinen Hausschlüssel wieder
-einsteckte, und fuhr dann fort:
-
-»Das beständige Wachsen des Hügels erweckte allmählich Verdacht bei den
-Anrainern, und einem Polizeimann aus der Vorstadt Zizkov, der
-gelegentlich von weitem zusah, wie Babinski gerade eine alte Dame der
-guten Gesellschaft erwürgte, gebührt das Verdienst, dem selbstsüchtigen
-Treiben des Unholdes ein für allemal Schranken gesetzt zu haben:
-
-Man verhaftete Babinski in seinem Tuskulum.
-
-Der Gerichtshof verurteilte ihn unter Zubilligung des mildernden
-Umstandes eines ansonsten trefflichen Leumundes zum Tode durch den
-Strang und beauftragte zugleich die Firma Gebrüder Leipen -- Seilwaren
-en gros und en detail -- die nötigen Hinrichtungsutensilien, soweit
-diese in ihre Branche fielen, unter Anrechnung ziviler Preise einem
-hohen Staatsärar gegen Quittung auszuhändigen.
-
-Nun fügte es sich aber, daß der Strick riß und Babinski zu
-lebenslänglichem Gefängnis begnadigt wurde.
-
-20 Jahre verbüßte der Raubmörder hinter den Mauern von Sankt Pankraz,
-ohne daß je ein Vorwurf über seine Lippen gekommen wäre; -- noch heute
-ist der Beamtenstab des Institutes voll Lob über seine vorbildliche
-Aufführung; ja, man gestattete ihm sogar, an den Geburtstagen unseres
-allerhöchsten Landesherrn ab und zu die Flöte zu blasen; --«
-
-Prokop suchte sofort wieder nach seinem Hausschlüssel, aber Zwakh wehrte
-ihm.
-
-»-- infolge allgemeiner Amnestie wurde dem Babinski der Rest der Strafe
-nachgesehen, und er bekam die Stelle eines Pförtners im Kloster der
->Barmherzigen Schwestern<.
-
-Die leichte Gartenarbeit, die er nebenbei mit zu versehen hatte, ging
-ihm dank der großen, während seines früheren Wirkungskreises erworbenen
-Geschicklichkeit im Gebrauch des Spatens hurtig von der Hand, so daß ihm
-hinlänglich Muße blieb, Herz und Geist an guter, sorgfältig ausgewählter
-Lektüre zu läutern.
-
-Die daraus resultierenden Folgen waren hocherfreulich.
-
-So oft ihn die Oberin Samstagsabends ins Wirtshaus schickte, damit er
-sein Gemüt ein wenig erheitere, jedesmal kam er pünktlich vor Anbruch
-der Nacht nach Hause mit dem Hinweis, der Verfall der allgemeinen Moral
-stimme ihn trübe und soviel lichtscheues Gesindel schlimmster Sorte
-mache die Landstraße unsicher, daß es für jeden Friedliebenden ein Gebot
-der Klugheit sei, rechtzeitig die Schritte heimwärts zu lenken.
-
-Es war nun damaliger Zeit in Prag bei den Wachsziehern die Unsitte
-eingerissen, kleine Figürchen feilzuhalten, die ein rotes Manterle
-umhängen hatten und den Raubmörder Babinski darstellten.
-
-Wohl in keiner der leidtragenden Familien fehlte ein solches.
-
-Gewöhnlich aber standen sie in den Läden unter Glasstürzen, und über
-nichts konnte sich Babinski so empören, als wenn er eines derartigen
-Wachsbildes ansichtig wurde.
-
->Es ist im höchsten Grade unwürdig und zeugt von einer Gemütsroheit
-sondersgleichen, einem Menschen beständig die Verfehlungen seiner
-Jugendzeit vor Augen zu führen,< pflegte Babinski in solchen Fällen zu
-sagen, >und es ist tief zu bedauern, daß von seiten der Obrigkeit nichts
-geschieht, so offenkundigem Unfug zu steuern.<
-
-Noch auf dem Totenbette äußerte er sich in ähnlichem Sinne.
-
-Nicht vergebens, denn bald darauf verfügte die Behörde die Einstellung
-des Handels mit den ärgerniserregenden Babinskischen Statuetten.« -- --
---
-
--- -- -- Zwakh tat einen mächtigen Schluck aus seinem Grogglas und alle
-drei grinsten wie die Teufel, dann wandte er vorsichtig den Kopf nach
-der farblosen Kellnerin, und ich sah, wie sie eine Träne im Auge
-zerdrückte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
--- »Na, und Sie geben nichts zum besten, außer -- natürlich -- daß Sie
-aus Dankbarkeit für den überstandenen Kunstgenuß die Zeche berappen,
-wertgeschätzter Kollege und Gemmenschneider?«, fragte mich Vrieslander
-nach einer langen Pause allgemeinen Tiefsinnes.
-
-Ich erzählte ihnen meine Wanderung durch den Nebel.
-
-Wie ich in der Schilderung zu der Stelle kam, wo ich das weiße Haus
-erblickt hatte, nahmen alle drei vor Spannung die Pfeifen aus den
-Zähnen, und als ich schloß, schlug Prokop mit der Faust auf den Tisch
-und rief:
-
-»Das ist doch rein -- --! Alle Sagen, die es gibt, erlebt dieser Pernath
-am eigenen Kadaver. -- A propos, der Golem von damals -- Sie wissen: die
-Sache hat sich aufgeklärt.«
-
-»Wieso aufgeklärt?« fragte ich baff.
-
-»Sie kennen doch den verrückten jüdischen Bettler >Haschile<? Nein? Nun
-also: dieser Haschile war der Golem.«
-
-»Ein Bettler der Golem?«
-
-»Jawohl, der Haschile war der Golem. Heute nachmittags ging das Gespenst
-seelenvergnügt bei hellichtem Sonnenschein in seinem berüchtigten
-altmodischen Anzug aus dem 17. Jahrhundert durch die Salnitergasse
-spazieren, und da hat es der Schinder mit einer Hundeschlinge glücklich
-eingefangen.«
-
-»Was soll das heißen? Ich verstehe kein Wort,« fuhr ich auf.
-
-»Ich sage Ihnen doch: der Haschile war es! Er hat die Kleider, höre ich,
-vor längerer Zeit hinter einem Haustor gefunden. -- Übrigens, um auf das
-weiße Haus auf der Kleinseite zurückzukommen: die Sache ist furchtbar
-interessant. Es geht nämlich eine alte Sage, daß dort oben in der
-Alchimistengasse ein Haus steht, das nur bei Nebel sichtbar wird, und
-auch da bloß >Sonntagskindern<. Man nennt es die >Mauer zur letzten
-Laterne<. Wer bei Tag hinaufgeht, sieht dort nur einen großen, grauen
-Stein, -- dahinter stürzt es jäh ab in die Tiefe in den Hirschgraben,
-und Sie können von Glück sagen Pernath, daß Sie keinen Schritt weiter
-gemacht haben: Sie wären unfehlbar hinuntergefallen und hätten sämtliche
-Knochen gebrochen.
-
-Unter dem Stein, heißt es, ruht ein riesiger Schatz, und er soll von dem
-Orden der >Asiatischen Brüder<, die angeblich Prag gegründet haben, als
-Grundstein für ein Haus gelegt worden sein, das dereinst am Ende der
-Tage ein Mensch bewohnen wird -- besser gesagt ein Hermaphrodit -- ein
-Geschöpf, das sich aus Mann und Weib zusammensetzt. Und der wird das
-Bild eines Hasen im Wappen tragen, -- nebenbei: der Hase war das Symbol
-des Osiris, und _daher_ stammt wohl die Sitte mit dem Osterhasen.
-
-Bis die Zeit gekommen ist, heißt es, hält Methusalem in eigener Person
-Wache an dem Ort, damit Satan nicht den Stein beflattert und einen Sohn
-mit ihm zeugt: den sogenannten Armilos. -- Haben Sie noch nie von diesem
-Armilos erzählen hören? -- Sogar wie er aussehen würde, weiß man -- das
-heißt, die alten Rabbiner wissen es, -- wenn er auf die Welt käme: Haare
-aus Gold würde er haben, rückwärts zum Schopf gebunden, dann: zwei
-Scheitel, sichelförmige Augen und Arme bis herunter zu den Füßen.«
-
-»Dieses Ehrengigerl sollte man aufzeichnen«, brummte Vrieslander und
-suchte nach einem Bleistift.
-
-»Also: Pernath, wenn Sie einmal das Glück haben sollten, ein
-Hermaphrodit zu werden und ^en passant^ den vergrabenen Schatz zu
-finden,« schloß Prokop, »dann vergessen Sie nicht, daß ich stets Ihr
-bester Freund gewesen bin!«
-
--- Mir war nicht zum Spaßmachen zumute, und ich fühlte ein leises Weh im
-Herzen.
-
-Zwakh mochte es mir ansehen, wenn er auch den Grund nicht wußte, denn er
-kam mir rasch zu Hilfe:
-
-»Jedenfalls ist es höchst merkwürdig, fast unheimlich, daß Pernath
-gerade eine Vision an jener Stelle hatte, die mit einer uralten Sage so
-eng verknüpft ist. -- Da sind Zusammenhänge, aus deren Umklammerung sich
-ein Mensch anscheinend nicht befreien kann, wenn seine Seele die
-Fähigkeit hat, Formen zu sehen, die dem Tastsinn vorenthalten sind. --
-Ich kann mir nicht helfen: das _Übersinnliche_ ist doch das Reizvollste!
--- Was meint ihr?«
-
-Vrieslander und Prokop waren ernst geworden und jeder von uns hielt eine
-Antwort für überflüssig.
-
-»Was meinen Sie, Eulalia?« wiederholte Zwakh, zurückgewendet, »ist nicht
-das Übersinnliche das Reizvollste?«
-
-Die alte Kellnerin kratzte sich mit der Stricknadel am Kopf, seufzte,
-errötete und sagte:
-
-»Aber gähn' Sie! Sie sind mir ein Schlimmer.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Eine verdammt gespannte Luft war heute den ganzen Tag über,« fing
-Vrieslander an, nachdem sich unser Heiterkeitsausbruch gelegt hatte,
-»nicht einen Pinselstrich hab' ich fertiggebracht. Fortwährend hab' ich
-an die Rosina denken müssen, wie sie im Frack getanzt hat.«
-
-»Ist sie wieder aufgefunden worden?« fragte ich.
-
-»>Aufgefunden< ist gut. Die Sittenpolizei hat sie doch für ein längeres
-Engagement gewonnen! -- Vielleicht ist sie dem Herrn Kommissär -- damals
->beim Loisitschek<, ins Auge gestochen? Jedenfalls ist sie jetzt --
-fieberhaft tätig und trägt wesentlich zur Hebung des Fremdenverkehrs in
-der Judenstadt bei. Ein verflucht dralles Mensch ist sie übrigens
-geworden in der kurzen Zeit.«
-
-»Wenn man bedenkt, was ein Weib aus einem Mann machen kann bloß dadurch,
-daß sie ihn verliebt sein läßt in sich: es ist zum Staunen,« warf Zwakh
-hin. »Um das Geld aufzubringen, zu ihr gehen zu können, ist der arme
-Bursche, der Jaromir, über Nacht Künstler geworden. Er geht in den
-Wirtshäusern herum und schneidet Silhouetten für Gäste aus, die sich auf
-diese Art porträtieren lassen.«
-
-Prokop, der den Schluß überhört hatte, schmatzte mit den Lippen:
-
-»Wirklich? Ist sie so hübsch geworden, die Rosina? -- Haben Sie ihr
-schon ein Küßchen geraubt, Vrieslander?«
-
-Die Kellnerin sprang sofort auf und verließ indigniert das Zimmer.
-
-»Das Suppenhuhn! Die hat's wahrhaftig nötig, -- Tugendanfälle! Pah!«,
-brummte Prokop ärgerlich hinter ihr drein.
-
-»Was wollen Sie, sie ist doch bei der unrichtigen Stelle abgegangen. Und
-außerdem war der Strumpf gerade fertig,« beschwichtigte ihn Zwakh.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Wirt brachte neuen Grog und die Gespräche fingen allmählich an, eine
-schwüle Richtung zu nehmen. Zu schwül, als daß sie mir nicht ins Blut
-gegangen wären bei meiner fiebrigen Stimmung.
-
-Ich sträubte mich dagegen, aber je mehr ich mich innerlich abschloß und
-an Angelina zurückdachte, um so heißer brauste es mir in den Ohren.
-
-Ziemlich unvermittelt verabschiedete ich mich.
-
-Der Nebel war durchsichtiger geworden, sprühte feine Eisnadeln auf mich,
-war aber immer noch so dicht, daß ich die Straßentafeln nicht lesen
-konnte und von meinem Heimweg um ein geringes abkam.
-
-Ich war in eine andere Gasse geraten und wollte eben umkehren, da hörte
-ich meinen Namen rufen:
-
-»Herr Pernath! Herr Pernath!«
-
-Ich blickte um mich, in die Höhe:
-
-Niemand!
-
-Ein offenes Haustor, darüber diskret eine kleine, rote Laterne, gähnte
-neben mir auf, und eine helle Gestalt -- schien mir -- stand tief im
-Flur darin.
-
-Wieder: »Herr Pernath! Herr Pernath!« Im Flüsterton.
-
-Ich trat erstaunt in den Gang, -- da schlangen sich warme Frauenarme um
-meinen Hals und ich sah bei dem Lichtstrahl, der aus einem sich langsam
-öffnenden Türspalt fiel, daß es Rosina war, die sich heiß an mich
-preßte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- List
-
-
-Ein grauer, blinder Tag.
-
-Bis tief in den Morgen hinein hatte ich geschlafen, traumlos, bewußtlos,
-wie ein Scheintoter.
-
-Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte vergessen einzuheizen.
-
-Kalte Asche lag im Ofen.
-
-Staub auf den Möbeln.
-
-Der Fußboden nicht gekehrt.
-
-Fröstelnd ging ich auf und ab.
-
-Widerwärtiger Geruch nach ausgeatmetem Fusel lag im Zimmer. Mein Mantel,
-meine Kleider stanken nach altem Tabakrauch.
-
-Ich riß das Fenster auf, schloß es wieder: -- der kalte, schmutzige
-Hauch von der Straße war unerträglich.
-
-Spatzen mit durchnäßtem Gefieder hockten regungslos draußen auf den
-Dachrinnen.
-
-Wohin ich blickte, mißfarbige Verdrossenheit. Alles in mir war
-zerrissen, zerfetzt.
-
-Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl -- wie fadenscheinig es war! Die
-Roßhaare quollen hervor aus den Rändern.
-
-Man mußte es zum Tapezierer schicken -- -- ach was, sollte es so bleiben
--- noch ein ödes Menschenleben hindurch, bis alles zu Gerümpel zerfiel!
-
-Und dort, welch geschmackloser, zweckwidriger Plunder, diese Zwirnlappen
-an den Fenstern!
-
-Warum drehte ich sie nicht zu einem Strick und erhenkte mich daran?!
-
-Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge wenigstens nie mehr zu
-sehen, und der ganze graue, zermürbende Jammer war vorüber -- ein für
-allemal.
-
-Ja! Das war das Gescheiteste! Ein Ende machen.
-
-Heute noch.
-
-Jetzt noch -- vormittags. Gar nicht erst zum Essen gehen. -- Ein
-ekelhafter Gedanke, mit vollem Magen sich aus der Welt zu schaffen! In
-der nassen Erde zu liegen und unverdaute, verfaulende Speisen in sich zu
-haben.
-
-Wenn nur nie wieder die Sonne scheinen und ihre freche Lüge von der
-Freude des Daseins einem ins Herz funkeln wollte!
-
-Nein! ich ließ mich nicht mehr narren, wollte nicht länger der Spielball
-sein eines täppischen, zwecklosen Schicksals, das mich emporhob und dann
-wieder in Pfützen stieß, bloß damit ich die Vergänglichkeit alles
-Irdischen einsehen sollte, etwas, was ich längst wußte, was jedes Kind
-weiß, jeder Hund auf der Straße weiß.
-
-Arme, arme Mirjam! Wenn ich _ihr_ wenigstens helfen könnte.
-
-Es hieß, einen Entschluß fassen, einen ernsten, unabänderlichen
-Beschluß, bevor der verfluchte Trieb zum Dasein wieder in mir erwachen
-konnte und mir neue Trugbilder vorgaukeln.
-
-Wozu hatten sie mir denn gedient: alle diese Botschaften aus dem Reich
-des Unverweslichen?
-
-Zu nichts, zu gar gar nichts.
-
-Nur dazu vielleicht, daß ich im Kreis herumgetaumelt war und jetzt die
-Erde als unmögliche Qual empfand.
-
-Da gab es nur noch eins.
-
-Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich auf der Bank liegen
-hatte.
-
-Ja, nur _so_ ging es. Das war noch das Einzige, Winzige, was von meinen
-nichtigen Taten im Leben irgendeinen Wert haben konnte!
-
-Alles, was ich besaß -- die paar Edelsteine in der Schublade dazu --
-zusammenschnüren in ein Paket und es Mirjam schicken. Ein paar Jahre
-wenigstens würde es die Sorge ums tägliche Leben von ihr nehmen. Und
-einen Brief an Hillel schreiben, in dem ich ihm sagte, wie es um sie
-stand mit dem »Wunder«.
-
-Er allein konnte ihr helfen.
-
-Ich fühlte: ja, er würde Rat wissen für sie.
-
-Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein, sah auf die Uhr: wenn
-ich jetzt auf die Bank ging -- in einer Stunde konnte alles in Ordnung
-gebracht sein.
-
-Und dann noch einen Strauß roter Rosen kaufen für Angelina! -- -- -- --
-es schrie auf in mir vor Weh und wilder Sehnsucht. -- Nur noch einen
-Tag, einen einzigen Tag möchte ich leben!
-
-Um dann abermals dieselbe würgende Verzweiflung mitmachen zu müssen?
-
-Nein, nicht eine einzige Minute mehr warten! Es kam wie eine
-Befriedigung über mich, daß ich mir nicht nachgegeben hatte.
-
-Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun?
-
-Richtig: die Feile dort. Ich steckte sie in die Tasche, -- wollte sie
-fortwerfen irgendwo auf der Gasse, wie ich es mir neulich schon
-vorgenommen.
-
-Ich haßte die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich wäre zum Mörder
-geworden durch sie.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wer kam mich denn da wieder stören?
-
-Es war der Trödler.
-
-»Nur en Augenblick, Herr von Pernath«, bat er fassungslos, als ich ihm
-bedeutete, daß ich keine Zeit hätte. »Nur en ganz en kurzen Augenblick.
-Nur ä paar Worte.«
-
-Der Schweiß lief ihm übers Gesicht, und er zitterte vor Aufregung.
-
-»Kann man hier auch ungestört mit Ihnen sprechen, Herr von Pernath? Ich
-möcht' nicht, daß der -- der Hillel wieder hereinkommt. Sperren Sie doch
-lieber die Tür ab, oder geh' mer besser ins Nebenzimmer«, -- er zog mich
-in seiner gewohnten, heftigen Art hinter sich drein.
-
-Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flüsterte heiser:
-
-»Ich hab mir's überlegt, wissen Sie, -- das von neilich. Es is besser
-so. Es kommt nix heraus dabei. Gut. Vorüber is vorüber.«
-
-Ich suchte in seinen Augen zu lesen.
-
-Er hielt meinen Blick aus, krampfte aber die Hand in die Stuhllehne,
-solche Anstrengung kostete es ihn.
-
-»Das freut mich, Herr Wassertrum,« sagte ich so freundlich ich konnte,
-»das Leben ist zu trüb, als daß man es sich gegenseitig noch mit Haß
-verbittern sollte.«
-
-»Rein, als ob man ä gedrucktes Buch reden hört,« grunzte er erleichtert,
-wühlte in seinen Hosentaschen und zog wieder die goldene Uhr mit den
-verbogenen Sprungdeckeln hervor, »und damit Sie sehen, ich mein's
-ehrlich, müssen Sie die Kleinigkeit da von mir annehmen. Als Geschenk.«
-
-»Was fällt Ihnen denn ein,« wehrte ich ab, »Sie werden doch wohl nicht
-glauben -- --«, da fiel mir ein, was Mirjam über ihn gesagt hatte, und
-ich streckte ihm die Hand hin, um ihn nicht zu kränken.
-
-Er achtete nicht darauf, wurde plötzlich weiß wie die Wand, lauschte und
-röchelte:
-
-»Da! Da! Hab' ich's doch gewußt. Schon wieder der Hillel! Er klopft.«
-
-Ich horchte, ging ins andere Zimmer zurück und zog zu seiner Beruhigung
-die Verbindungstür hinter mir halb zu.
-
-Es war diesmal nicht Hillel. _Charousek_ trat ein, legte, wie zum
-Zeichen, daß er wisse, _wer_ nebenan sei, den Finger an die Lippen und
-überschüttete mich in der nächsten Sekunde und ohne abzuwarten, was ich
-sagen würde, mit einem Schwall von Worten:
-
-»Oh, mein hochverehrter, liebwerter Meister Pernath, wie soll ich nur
-die Worte finden, Ihnen meine Freude auszudrücken, daß ich Sie allein
-und wohlauf zu Hause antreffe.« -- -- Er sprach wie ein Schauspieler,
-und seine schwülstige, unnatürliche Redeweise stand in so krassem
-Gegensatz zu seinem verzerrten Gesicht, daß ich ein tiefes Grauen vor
-ihm empfand.
-
-»Niemals hätte ich, Meister, es gewagt, in dem zerlumpten Zustande zu
-Ihnen zu kommen, in dem Sie mich gewiß schon des öfteren auf der Straße
-erblickt haben, -- doch, was sage ich: erblickt! haben Sie mir doch oft
-huldreich die Hand gereicht.
-
-Daß ich heute vor Sie hintreten kann mit weißem Kragen und in sauberem
-Anzug, -- wissen Sie, wem ich es verdanke? Einem der edelsten und leider
--- ach -- meist verkannten Menschen unserer Stadt. Rührung übermannt
-mich, wenn ich seiner gedenke.
-
-Selber in bescheidenen Verhältnissen, hat er dennoch eine offene Hand
-für Arme und Bedürftige. Von jeher, wenn ich ihn traurig vor seinem
-Laden stehen sah, trieb es mich aus tiefstem Herzen heraus, zu ihm zu
-treten und ihm stumm die Hand zu drücken.
-
-Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich vorüberging, schenkte mir
-Geld und versetzte mich dadurch in die Lage, mir gegen Ratenzahlung
-einen Anzug kaufen zu können.
-
-Und wissen Sie, Meister Pernath, wer mein Wohltäter war? --
-
-Mit Stolz sage ich es, denn ich war von jeher der einzige, der geahnt
-hat, welch goldenes Herz in seinem Busen schlägt: Es war -- Herr Aaron
-Wassertrum!« -- --
-
--- -- Ich verstand natürlich, daß Charousek seine Komödie auf den
-Trödler, der nebenan lauschte, gemünzt hatte, wenn mir auch unklar
-blieb, was er damit bezweckte; keinesfalls schien mir die allzuplumpe
-Schmeichelei geeignet, den mißtrauischen Wassertrum hinters Licht zu
-führen. Charousek erriet offenbar aus meiner bedenklichen Miene, was ich
-dachte, schüttelte grinsend den Kopf, und auch seine nächsten Worte
-sollten mir wahrscheinlich sagen, daß er seinen Mann genau kenne und
-wisse, wie dick er auftragen dürfe.
-
-»Jawohl! Herr -- Aaron -- Wassertrum! Es drückt mir fast das Herz ab,
-daß ich ihm nicht selbst sagen kann, wie unendlich dankbar ich ihm bin,
-und ich beschwöre Sie, Meister, verraten Sie ihm niemals, daß ich hier
-war und Ihnen alles erzählt habe. -- Ich weiß, die Selbstsucht der
-Menschen hat ihn verbittert und tiefes, unheilbares -- ach, leider nur
-zu gerechtfertigtes Mißtrauen in seine Brust gepflanzt.
-
-Ich bin Seelenarzt, aber auch mein Gefühl sagt mir, es ist am besten,
-Herr Wassertrum erfährt nie -- auch aus meinem Munde nicht -- wie hoch
-ich von ihm denke. -- Es hieße das: Zweifel in sein unglückliches Herz
-säen. Und das sei ferne von mir. Lieber soll er mich für undankbar
-halten.
-
-Meister Pernath! Ich bin selbst ein Unglücklicher und weiß von
-Kindesbeinen an, was es heißt, einsam und verlassen in der Welt zu
-stehen! Ich kenne nicht einmal den Namen meines Vaters. Auch mein
-Mütterlein habe ich niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie muß
-frühzeitig gestorben sein --« Charouseks Stimme wurde seltsam
-geheimnisvoll und eindringlich, -- »und war, wie ich bestimmt glaube,
-eine jener tiefseelisch angelegten Naturen, die nie sagen können, wie
-unendlich sie lieben, und zu denen auch Herr Aaron Wassertrum gehört.
-
-Ich besitze eine abgerissene Seite aus dem Tagebuch meiner Mutter -- ich
-trage das Blatt beständig auf der Brust -- und darin steht, daß sie
-meinen Vater, obschon er häßlich gewesen sein soll, geliebt hat, wie
-wohl noch nie ein sterbliches Weib auf Erden einen Mann geliebt hat.
-
-Dennoch scheint sie es ihm nie gesagt zu haben. -- Vielleicht aus
-ähnlichen Gründen, weshalb ich z. B. Herrn Wassertrum nicht sagen könnte
--- und wenn mir das Herz darüber bräche -- was ich für ihn an
-Dankbarkeit fühle.
-
-Aber noch eins geht aus dem Tagebuchblatt hervor, wenn ich es auch nur
-erraten kann, denn die Sätze sind fast unleserlich vor Tränenspuren:
-mein Vater, wer auch immer er gewesen war -- sein Andenken möge vergehen
-im Himmel und auf Erden! -- muß scheußlich an meiner Mutter gehandelt
-haben.«
-
--- Charousek fiel plötzlich auf die Knie, daß der Boden dröhnte, und
-schrie in so markerschütternden Tönen, daß ich nicht wußte, spielte er
-noch immer Komödie oder war er wahnsinnig geworden:
-
-»_Du Allmächtiger, dessen Namen der Mensch nicht aussprechen soll, hier
-auf meinen Knien liege ich vor dir: verflucht, verflucht, verflucht sei
-mein Vater in alle Ewigkeit!_«
-
-Er biß das letzte Wort förmlich entzwei und horchte eine Sekunde lang
-mit aufgerissenen Augen.
-
-Dann feixte er wie der Satan. Mir schien es, als hätte Wassertrum
-nebenan leise gestöhnt.
-
-»Verzeihen Sie, Meister,« fuhr Charousek nach einer Pause mit mimenhaft
-erstickter Stimme fort, »verzeihen Sie, daß es mich übermannt hat, aber
-es ist mein Gebet früh und spät, der Allmächtige wolle es fügen, daß
-mein Vater, wer immer er auch sein möge, dereinst das gräßlichste Ende
-nehme, das sich ausdenken läßt.«
-
-Ich wollte unwillkürlich etwas erwidern, allein Charousek unterbrach
-mich rasch:
-
-»Doch jetzt, Meister Pernath, komme ich zu der Bitte, die ich Ihnen
-vorzutragen habe:
-
-Herr Wassertrum besaß einen Schützling, den er über die Maßen ins Herz
-geschlossen hatte, -- es dürfte ein Neffe von ihm gewesen sein. Es heißt
-sogar, er sei sein Sohn gewesen, aber ich will es nicht glauben, denn
-sonst hätte er doch denselben Namen getragen, in Wirklichkeit aber hieß
-er: Wassory, Dr. Theodor Wassory.
-
-Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich ihn im Geiste vor mir sehe.
-Ich war ihm aus ganzer Seele zugetan, als hätte mich ein unmittelbares
-Band der Liebe und Verwandtschaft mit ihm verknüpft.«
-
-Charousek schluchzte, als könne er vor Ergriffenheit kaum
-weitersprechen.
-
-»Ach, daß dieser Edeling von der Erde gehen mußte! -- Ach! Ach!
-
-Was auch der Grund gewesen sein mag, -- ich habe ihn nie erfahren -- er
-hat sich selbst den Tod gegeben. Und ich war unter denen, die zu Hilfe
-gerufen wurden -- -- ach, ach, zu spät -- zu spät -- zu spät! Und als
-ich dann allein am Totenlager stand und seine kalte, bleiche Hand mit
-Küssen bedeckte, da -- warum soll ich es nicht eingestehen, Meister
-Pernath? -- es war ja doch kein Diebstahl -- da nahm ich eine Rose von
-der Brust der Leiche und eignete mir das Fläschchen an, mit dessen
-Inhalt der Unglückliche seinem blühenden Leben ein schnelles Ende
-bereitet hatte.«
-
-Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr bebend fort:
-
-»Beides -- lege -- ich -- hier -- auf -- Ihren Tisch, die verdorrte Rose
-und die Phiole; sie waren mir ein Andenken an meinen dahingegangenen
-Freund.
-
-Wie oft in Stunden innerer Verlassenheit, wenn ich mir den Tod
-herbeiwünschte in der Einsamkeit meines Herzens und der Sehnsucht nach
-meiner toten Mutter, spielte ich mit diesem Fläschchen, und es gab mir
-einen seligen Trost, zu wissen: _ich brauchte nur die Flüssigkeit auf
-ein Tuch zu gießen und einzuatmen_ und schwebte schmerzlos hinüber in
-die Gefilde, wo mein lieber, guter Theodor ausruht von den Mühsalen
-unseres Jammertales.
-
-Und nun bitte ich Sie, hochverehrter Meister, -- und deswegen bin ich
-hergekommen -- nehmen Sie beides und bringen Sie es Herrn Wassertrum.
-
-Sagen Sie, Sie hätten es von jemandem bekommen, dem Dr. Wassory
-nahestand, dessen Namen Sie jedoch gelobt hätten, nie zu nennen, --
-vielleicht von einer Dame.
-
-Er wird es glauben, und es wird ihm ein Andenken sein, wie es ein teures
-Andenken für mich war.
-
-Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe. Ich bin arm und es
-ist alles, was ich habe, aber es macht mich froh, zu wissen: beides wird
-jetzt _ihm_ gehören, und dennoch ahnt er nicht, daß _ich_ der Geber bin.
-
-Es liegt darin auch zugleich für mich etwas unendlich Süßes.
-
-Und jetzt leben Sie wohl, teurer Meister, und seien Sie im voraus viel
-tausendmal bedankt.«
-
-Er hielt meine Hand fest, zwinkerte und flüsterte mir, als ich noch
-immer nicht verstand, kaum hörbar etwas zu.
-
-»Warten Sie, Herr Charousek, ich werde Sie ein Stückchen
-hinunterbegleiten«, sagte ich mechanisch die Worte nach, die ich von
-seinen Lippen las, und ging mit ihm hinaus.
-
-Auf dem finsteren Treppenabsatz im ersten Stock blieben wir stehen, und
-ich wollte mich von Charousek verabschieden.
-
-»Ich kann mir denken, was Sie mit der Komödie bezweckt haben. -- -- Sie
--- Sie wollen, daß sich Wassertrum mit dem Fläschchen vergiftet!« Ich
-sagte es ihm ins Gesicht.
-
-»Freilich«, gab Charousek aufgeräumt zu.
-
-»Und _dazu_, glauben Sie, werde ich meine Hand bieten?«
-
-»Durchaus nicht nötig.«
-
-»Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen, sagten Sie
-vorhin!«
-
-Charousek schüttelte den Kopf:
-
-»Wenn Sie jetzt zurückgehen, werden Sie sehen, daß er sie bereits
-eingesteckt hat.«
-
-»Wie können Sie das nur annehmen?«, fragte ich erstaunt. »Ein Mensch wie
-Wassertrum wird sich niemals umbringen, -- ist viel zu feig dazu --
-handelt nie nach plötzlichen Impulsen.«
-
-»Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion nicht,« unterbrach
-mich Charousek ernst. »Hätte ich in alltäglichen Worten geredet, würden
-Sie vielleicht recht behalten, aber auch den kleinsten Tonfall habe ich
-vorher berechnet. Nur das widerlichste Pathos wirkt auf solche
-Hundsfötter! Glauben Sie mir! Sein Mienenspiel bei jedem meiner Sätze
-hätte ich Ihnen hinzeichnen können. -- Kein >Kitsch<, wie es die Maler
-nennen, ist niederträchtig genug, als daß er nicht der bis ins Mark
-verlogenen Menge Tränen entlockte -- sie ins Herz trifft! Glauben Sie
-denn, man hätte nicht längst sämtliche Theater mit Feuer und Schwert
-ausgetilgt, wenn es anders wäre? An der Sentimentalität erkennt man die
-Kanaille. Tausende armer Teufel können verhungern, da wird nicht
-geweint, aber wenn ein Schminkkamel auf der Bühne, als Bauerntrampel
-verkleidet, die Augen verdreht, dann heulen sie wie die Schloßhunde. --
--- Wenn Väterchen Wassertrum vielleicht auch morgen vergessen hat, was
-ihm soeben noch -- Herzjauche kostete: jedes meiner Worte wird wieder in
-ihm lebendig werden, wenn die Stunden reifen, wo er sich selbst
-unendlich bedauernswert vorkommt. -- In solchen Momenten des großen
-Misereres bedarf es bloß eines leisen Anstoßes, -- und für den werde ich
-sorgen -- und selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift. Es muß nur
-zur Hand sein! Theodorchen hätte wahrscheinlich auch nicht zugegrapst,
-wenn ich's ihm nicht so bequem gemacht hätte.«
-
-»Charousek, Sie sind ein furchtbarer Mensch,« rief ich entsetzt.
-»Empfinden Sie denn gar kein -- -- --«
-
-Er hielt mir schnell den Mund zu und drängte mich in eine Mauernische!
-
-»Still! Da ist er!«
-
-Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand stützend, kam Wassertrum die
-Stiege herunter und wankte an uns vorüber.
-
-Charousek schüttelte mir flüchtig die Hand und schlich ihm nach. -- --
-
-Als ich in mein Zimmer zurückgekehrt war, sah ich, daß die Rose und das
-Fläschchen verschwunden waren und an ihrer Stelle die goldene, zerbeulte
-Uhr des Trödlers auf dem Tisch lag.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
->Acht Tage müsse ich warten, ehe ich mein Geld bekommen könne; es sei
-das die übliche Kündigungsfrist<, hatte man mir auf der Bank gesagt.
-
-Man solle den Direktor holen, denn ich sei in größter Eile und gedächte
-in einer Stunde abzureisen, hatte ich eine Ausrede gebraucht.
-
-Er sei nicht zu sprechen und könne an den Gepflogenheiten der Bank auch
-nichts ändern, hieß es, und ein Kerl mit einem Glasauge, der zugleich
-mit mir an den Schalter getreten war, hatte darüber gelacht.
-
-Acht graue, furchtbare Tage auf den Tod sollte ich also warten!
-
-Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor. -- -- --
-
-Ich war so niedergeschlagen, daß ich mir gar nicht bewußt wurde, wie
-lange ich schon vor der Türe eines Kaffeehauses auf und
-niedergeschritten sein mochte.
-
-Endlich trat ich ein, bloß um den widerwärtigen Kerl mit dem Glasauge
-los zu werden, der mir von der Bank her nachgekommen war und sich immer
-in meiner Nähe hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden
-herumsuchte, als habe er etwas verloren.
-
-Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an und schwarze,
-speckglänzende Hosen, die ihm wie Säcke um die Beine schlotterten. Auf
-seinem linken Stiefel war ein eiförmiger, gewölbter Lederfleck
-aufgesteppt, daß es aussah, als trüge er darunter einen Siegelring auf
-der Zehe.
-
-Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein und ließ sich an
-einem Nebentisch nieder.
-
-Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon nach meinem
-Portemonnaie, da sah ich einen großen Brillanten an seinen wulstigen
-Metzgerfingern aufblitzen.
-
-Stunden und Stunden saß ich in dem Kaffeehause und glaubte vor innerer
-Nervosität wahnsinnig werden zu müssen, -- aber wohin sollte ich gehen?
-Nach Hause? Herumschlendern? Eines schien mir gräßlicher als das andere.
-
-Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der Billardkugeln, das
-trockene, unaufhörliche Geräusper eines halbblinden Zeitungstigers mir
-gegenüber, ein storchbeiniger Zollbeamter, der abwechselnd in der Nase
-bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel
-den Schnurrbart kämmte, ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafte,
-verschwitzter, schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke,
-die bald unter gellem Gekreisch ihre Trümpfe mit dem Faustknöchel
-hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen ins Zimmer spuckten. Und das
-alles in den Wandspiegeln doppelt und dreifach sehen zu müssen! Es sog
-mir langsam das Blut aus den Adern. -- --
-
-Es wurde allmählich dunkel und ein plattfüßiger, knieweicher Kellner
-tastete mit einer Stange nach den Gaslüstern, um sich endlich
-kopfschüttelnd zu überzeugen, daß sie nicht brennen wollten.
-
-So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich dem schielenden
-Wolfsblick des Glasäugigen, der sich dann jedesmal rasch hinter eine
-Zeitung versteckte oder seinen schmutzigen Schnurrbart in die längst
-ausgetrunkene Kaffeetasse tauchte.
-
-Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestülpt, daß ihm die Ohren
-fast wagerecht abstanden, machte aber keine Miene, aufzubrechen.
-
-Es war nicht mehr auszuhalten.
-
-Ich zahlte und ging.
-
-Wie ich die Glastür hinter mir zumachen wollte, nahm mir jemand die
-Klinke aus der Hand. -- Ich drehte mich um:
-
-Wieder der Kerl!
-
-Ärgerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung der Judenstadt
-zu, da drängte er sich an meine Seite und hinderte mich daran.
-
-»Da hört denn doch alles auf!« schrie ich ihn an.
-
-»Nach rechts geht's,« sagte er kurz.
-
-»Was soll das heißen?«
-
-Er fixierte mich frech:
-
-»Sie sind der Pernath!«
-
-»Sie wollen wahrscheinlich sagen: _Herr_ Pernath?«
-
-Er lachte nur hämisch:
-
-»Alsdann keine Faxen jetz! Sie gäh'n Sie mit!«
-
-»Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?«, fuhr ich auf.
-
-Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zurück und zeigte vorsichtig
-auf einen abgeschabten Blechadler, der im Futter festgesteckt war.
-
-Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich.
-
-»So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist denn los?«
-
-»Sie werden sich's schonn erfahrrähn. Auf dem Däpartemänt«, erwiderte er
-grob. »Alla marsch jetz!«
-
-Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen.
-
-»Nix da!«
-
-Wir gingen zur Polizei.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ein Gendarm führte mich vor eine Tür.
-
- ALOIS OTSCHIN
- Polizeirat
-
-las ich auf der Porzellantafel.
-
-»Sie kännen sich einträtten«, sagte der Gendarm.
-
-Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufsätzen standen einander
-gegenüber.
-
-Ein paar verkraxte Stühle dazwischen.
-
-Das Bild des Kaisers an der Wand.
-
-Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett.
-
-Sonst nichts im Zimmer.
-
-Ein Klumpfuß und daneben ein dicker Filzschuh unter zerfransten grauen
-Hosen hinter dem linken Schreibpult.
-
-Ich hörte rascheln. Jemand murmelte ein paar Worte in böhmischer Sprache
-und gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten
-Schreibtisch auf und trat vor mich hin.
-
-Es war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und hatte die sonderbare
-Manier, bevor er anfing zu reden, die Zähne zu fletschen wie jemand, der
-in grelles Sonnenlicht schaut.
-
-Dabei kniff er die Augen hinter den Brillengläsern zusammen, was ihm den
-Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh.
-
-»Sie heißen Athanasius Pernath und sind« -- er blickte auf ein Blatt
-Papier, auf dem nichts stand -- »Gemmenschneider«.
-
-Sofort kam Leben in den Klumpfuß unter dem anderen Schreibtisch: er
-wetzte sich an dem Stuhlbein, und ich hörte das Rauschen einer
-Schreibfeder.
-
-Ich bejahte: »Pernath. Gemmenschneider.«
-
-»No, da sin wir ja gleich beisammen, Herr -- -- -- Pernath, -- jawohl
-Pernath. Ja wohl ja.« -- Der Herr Polizeirat war mit einem Schlag von
-erstaunlicher Liebenswürdigkeit, als hätte er die erfreulichste
-Nachricht von der Welt bekommen, streckte mir beide Hände entgegen und
-bemühte sich in lächerlicher Weise, die Miene eines Biedermannes
-aufzusetzen.
-
-»Also, Herr Pernath, erzählen Sie mir einmal, was treiben Sie so den
-ganzen Tag?«
-
-»Ich glaube, daß Sie das nichts angeht, Herr Otschin«, antwortete ich
-kalt.
-
-Er kniff die Augen zusammen, wartete einen Moment und fuhr dann
-blitzschnell los:
-
-»Seit wann hat die Gräfin ihr Verhältnis mit dem Savioli?«
-
-Ich war auf etwas Ähnliches gefaßt gewesen und zuckte nicht mit der
-Wimper.
-
-Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen in Widersprüche zu
-verwickeln, aber, so sehr mir auch vor Entsetzen das Herz im Halse
-schlug, ich verriet mich nicht und kam immer wieder darauf zurück, daß
-ich den Namen Savioli nie gehört hätte, mit Angelina von meinem Vater
-her befreundet sei, und daß sie schon öfter Kameen bei mir bestellt
-habe.
-
-Ich fühlte trotzdem genau, daß der Polizeirat mir ansah, wie ich ihn
-belog, und innerlich schäumte vor Wut, nichts aus mir herausbekommen zu
-können.
-
-Er dachte eine Weile nach, dann zog er mich am Rock dicht an sich,
-deutete warnend mit dem Daumen auf den linken Schreibtisch und flüsterte
-mir ins Ohr:
-
-»Athanasius! Ihr seliger Vater war mein bester Freund. Ich will Sie
-retten, Athanasius! Aber Sie müssen mir alles sagen über die Gräfin. --
-Hören Sie: alles.«
-
-Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. »Was meinen Sie damit: Sie
-wollen mich retten?«, fragte ich laut.
-
-Der Klumpfuß stampfte ärgerlich auf den Boden. Der Polizeirat wurde
-aschgrau im Gesicht vor Haß. Zog die Lippe empor. Wartete. -- Ich wußte,
-daß er gleich wieder losspringen würde; (sein Verblüffungssystem
-erinnerte mich an Wassertrum) und ich wartete ebenfalls, -- sah, daß ein
-Bocksgesicht, der Inhaber des Klumpfußes, lauernd hinter dem
-Schreibpulte auftauchte -- -- dann schrie mich der Polizeirat plötzlich
-gellend an:
-
-»_Mörder_«.
-
-Ich war sprachlos vor Verblüffung.
-
-Mißmutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein Pult zurück.
-
-Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten über meine Ruhe,
-versteckte es aber geschickt, indem er einen Stuhl herbeizog und mich
-aufforderte, Platz zu nehmen.
-
-»Sie verweigern also, über die Gräfin die von mir gewünschte Auskunft zu
-geben, Herr Pernath?«
-
-»Ich kann sie nicht geben, Herr Polizeirat, wenigstens nicht in dem
-Sinne, wie Sie erwarten. Erstens kenne ich niemand namens Savioli, und
-dann bin ich felsenfest überzeugt, daß es eine Verleumdung ist, wenn man
-der Gräfin nachsagt, sie hintergehe ihren Gatten.«
-
-»Sind Sie bereit, das zu beeiden?«
-
-Mir stockte der Atem. »Ja! Jederzeit.«
-
-»Gut. Hm.«
-
-Eine längere Pause entstand, während der der Polizeirat angestrengt
-nachzugrübeln schien.
-
-Als er mich wieder anblickte, lag ein komödiantenhafter Zug von
-Schmerzlichkeit in seiner Fratze. Unwillkürlich mußte ich an Charousek
-denken, wie er dann mit tränenerstickter Stimme anfing:
-
-»Mir können Sie es doch sagen, Athanasius, -- mir, dem alten Freund
-Ihres Vaters, -- mir, der Sie auf den Armen getragen hat --« ich konnte
-das Lachen kaum verbeißen: er war höchstens zehn Jahre älter als ich --
-»nicht wahr, Athanasius, es war Notwehr?«
-
-Das Bockgesicht erschien abermals.
-
-»Was war Notwehr?«, fragte ich verständnislos.
-
-»Das mit dem -- -- -- _Zottmann_!« schrie mir der Polizeirat einen Namen
-ins Gesicht.
-
-Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann! Zottmann! Die Uhr! Der
-Name Zottmann stand doch in der Uhr eingraviert.
-
-Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen strömte: Der grauenhafte
-Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben, um den Verdacht des Mordes auf
-mich zu lenken!
-
-Sofort warf der Polizeirat die Maske ab, fletschte die Zähne und kniff
-die Augen zusammen:
-
-»Sie gestehen also den Mord ein, Pernath?«
-
-»Das alles ist ein Irrtum, ein entsetzlicher Irrtum. Um Gottes willen
-hören Sie mich an. Ich kann es Ihnen erklären, Herr Polizeirat -- --!«,
-schrie ich.
-
-»Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf die Frau Gräfin«,
-unterbrach er mich rasch: »ich mache Sie aufmerksam: Sie verbessern Ihre
-Lage damit.«
-
-»Ich kann nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist: die Gräfin ist
-unschuldig«.
-
-Er biß die Zähne zusammen und wandte sich an das Bocksgesicht:
-
-»Schreiben Sie: -- Also, Pernath gesteht den Mord an dem
-Versicherungsbeamten Karl Zottmann ein«.
-
-Mich packte eine besinnungslose Wut.
-
-»Sie Polizeikanaille!« brüllte ich los, »was unterstehen Sie sich?!«
-
-Ich suchte nach einem schweren Gegenstand.
-
-Im nächsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute gepackt und mir
-Handschellen angelegt.
-
-Der Polizeirat blähte sich jetzt wie der Hahn auf dem Mist:
-
-»Und die Uhr da?«, -- er hielt plötzlich die verbeulte Uhr in der Hand,
--- »hat der unglückliche Zottmann noch gelebt, als Sie ihn beraubten,
-oder nicht?«
-
-Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit klarer Stimme zu
-Protokoll:
-
-»Die Uhr hat mir heute vormittag der Trödler Aaron Wassertrum --
-geschenkt.«
-
-Ein wieherndes Gelächter brach los, und ich sah, wie der Klumpfuß und
-der Filzpantoffel mitsammen einen Freudentanz unter dem Schreibtisch
-aufführten.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Qual
-
-
-Die Hände gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett,
-mußte ich durch die abendlich beleuchteten Straßen gehen.
-
-Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und rechts mit, Weiber
-rissen die Fenster auf, drohten mit Kochlöffeln herunter und schimpften
-hinter mir drein.
-
-Schon von weitem sah ich den massigen Steinwürfel des Gerichtsgebäudes
-mit der Inschrift auf dem Giebel herannahen:
-
- »Die strafende Gerechtigkeit ist
- die Beschirmung aller Braven.«
-
-Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer, in dem es nach
-Küche stank.
-
-Ein vollbärtiger Mann mit Säbel, Beamtenrock und -mütze, barfuß und die
-Beine in langen, um die Knöchel zusammengebundenen Unterhosen, stand
-auf, stellte die Kaffeemühle, die er zwischen den Knien hielt, weg und
-befahl mir, mich auszuziehen.
-
-Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus, was er darin fand,
-und fragte mich, ob ich -- Wanzen hätte.
-
-Als ich verneinte, zog er mir die Ringe von den Fingern und sagte, es
-sei gut, ich könne mich wieder ankleiden.
-
-Man führte mich mehrere Stockwerke hinauf und durch Gänge, in denen
-vereinzelt große, graue, verschließbare Kisten in den Fensternischen
-standen.
-
-Eiserne Türen mit Riegelstangen und kleinen, vergitterten Ausschnitten,
-über jedem eine Gasflamme, zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand
-entlang. Ein hünenhafter, soldatisch aussehender Gefangenwärter -- das
-erste ehrliche Gesicht seit Stunden -- sperrte eine der Türen auf, schob
-mich in eine dunkle, schrankartige, pestilenzialisch stinkende Öffnung
-und schloß hinter mir ab.
-
-Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte mich zurecht.
-
-Mein Knie stieß an einen Blechkübel.
-
-Endlich erwischte ich -- der Raum war so eng, daß ich mich kaum umdrehen
-konnte -- eine Klinke, und stand in -- einer Zelle.
-
-Je zwei und zwei Pritschen mit Strohsäcken an den Mauern.
-
-Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit.
-
-Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der Querwand ließ den matten
-Schein des Nachthimmels herein.
-
-Unerträgliche Hitze, vom Geruch alter Kleider verpestete Luft erfüllte
-den Raum.
-
-Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß auf
-drei der Pritschen -- die vierte war leer -- Menschen in grauen
-Sträflingskleidern saßen; die Arme auf die Knie gestützt und die
-Gesichter in den Händen vergraben.
-
-Keiner sprach ein Wort.
-
-Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete. Wartete.
-
-Eine Stunde.
-
-Zwei -- drei Stunden!
-
-Wenn ich draußen einen Schritt zu hören glaubte, fuhr ich auf:
-
-Jetzt, jetzt kam man mich holen, um mich dem Untersuchungsrichter
-vorzuführen.
-
-Jedesmal war es eine Täuschung gewesen. Immer wieder verloren sich die
-Schritte auf dem Gang.
-
-Ich riß mir den Kragen auf -- glaubte, ersticken zu müssen.
-
-Ich hörte, wie ein Gefangener nach dem andern sich ächzend ausstreckte.
-
-»Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen?«, fragte ich voll
-Verzweiflung laut in die Dunkelheit hinein. Ich erschrak fast vor meiner
-eigenen Stimme.
-
-»Es geht net,« antwortete es mürrisch von einem der Strohsäcke herüber.
-
-Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand entlang: ein Brett
-in Brusthöhe lief quer hin -- -- -- zwei Wasserkrüge -- -- -- Stücke von
-Brotrinden.
-
-Mühsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstäben und preßte
-das Gesicht an die Fensterritzen, um wenigstens etwas frische Luft zu
-atmen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-So stand ich, bis mir die Knie zitterten. Eintöniger, schwarzgrauer
-Nachtnebel vor meinen Augen.
-
-Die kalten Eisenstäbe schwitzten.
-
-Es mußte bald Mitternacht sein.
-
-Hinter mir hörte ich schnarchen. Nur einer schien nicht schlafen zu
-können: er warf sich hin und her auf dem Stroh und stöhnte manchmal
-halblaut auf.
-
-Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen?! Da! Es schlug wieder.
-
-Ich zählte mit bebenden Lippen:
-
-Eins, zwei, drei! -- Gott sei Dank, nur noch wenige Stunden, dann mußte
-die Dämmerung kommen. Es schlug weiter:
-
-Vier? fünf? -- Der Schweiß trat mir auf die Stirn. -- Sechs!! -- Sieben
--- -- -- es war _elf_ Uhr.
-
-Erst eine Stunde war vergangen, seit ich das letzte Mal hatte schlagen
-hören.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Allmählich legten sich meine Gedanken zurecht:
-
-Wassertrum hatte mir die Uhr des vermißten Zottmann zugespielt, um mich
-in Verdacht zu bringen, einen Mord begangen zu haben. -- Er mußte also
-selbst der Mörder sein; wie hätte er sonst in den Besitz der Uhr kommen
-können? Würde er die Leiche irgendwo gefunden und dann erst beraubt
-haben, hätte er sich bestimmt die tausend Gulden Belohnung geholt, die
-für die Entdeckung des Vermißten öffentlich ausgesetzt waren. -- Das
-konnte aber nicht sein: die Plakate klebten noch immer an den
-Straßenecken, wie ich deutlich auf meinem Weg ins Gefängnis gesehen
-hatte. -- -- --
-
-Daß der Trödler mich angezeigt haben mußte, war klar.
-
-Ebenso: daß er mit dem Polizeirat, wenigstens was Angelina betraf, unter
-einer Decke steckte. Wozu sonst das Verhör wegen Savioli?
-
-Andererseits ging daraus hervor, daß Wassertrum Angelinas Briefe _noch
-nicht_ in Händen hatte.
-
-Ich grübelte nach -- -- --
-
-Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher Deutlichkeit vor mir, als
-wäre ich selbst dabei gewesen.
-
-Ja; nur so konnte es sein: Wassertrum hatte meine eiserne Kassette, in
-der er Beweise vermutete, heimlich an sich genommen, als er gerade mit
-seinen Polizeikomplizen meine Wohnung durchstöberte, -- konnte sie nicht
-sogleich öffnen, da ich den Schlüssel bei mir trug und war -- -- --
-vielleicht gerade jetzt daran, sie in seiner Höhle aufzubrechen.
-
-In wahnsinniger Verzweiflung rüttelte ich an den Gitterstäben, sah
-Wassertrum im Geiste vor mir, wie er in Angelinas Briefen wühlte -- --
-
-Wenn ich nur Charousek benachrichtigen könnte, daß er Savioli wenigstens
-rechtzeitig warnen ging!
-
-Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung, meine Verhaftung
-müsse bereits wie ein Lauffeuer in der Judenstadt bekannt geworden sein,
-und ich vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel. Gegen
-seine infernalische Schlauheit kam der Trödler nicht auf; »Ich werde ihn
-genau in der Stunde an der Gurgel haben, in der er Dr. Savioli an den
-Hals will,« hatte Charousek schon einmal gesagt.
-
-In der nächsten Minute wieder verwarf ich alles und eine wilde Angst
-packte mich: Wie, wenn Charousek zu spät kam?
-
-Dann war Angelina verloren. -- -- --
-
-Ich biß mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue, daß
-ich die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte; -- -- -- ich schwor
-es mir zu, Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen,
-wo ich wieder auf freiem Fuß sein würde.
-
-Ob ich von eigner Hand starb oder am Galgen -- was lag mir daran!
-
-Daß der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben würde, wenn ich ihm
-die Geschichte mit der Uhr plausibel machte, ihm von Wassertrums
-Drohungen erzählte, -- keinen Augenblick zweifelte ich daran.
-
-Bestimmt morgen schon mußte ich frei sein; zumindest würde das Gericht
-auch Wassertrum wegen Mordverdacht verhaften lassen.
-
-Ich zählte die Stunden und betete, daß sie rascher vergehen möchten;
-starrte hinaus in den schwärzlichen Dunst.
-
-Nach unsäglich langer Zeit fing es endlich an, heller zu werden, und
-zuerst wie ein dunkler Fleck, dann immer deutlicher, tauchte ein
-kupfernes, riesiges Gesicht aus dem Nebel: das Zifferblatt einer alten
-Turmuhr. Doch die _Zeiger fehlten_; -- neuerliche Qual.
-
-Dann schlug es fünf.
-
-Ich hörte, wie die Gefangenen erwachten und gähnend eine Unterhaltung in
-böhmischer Sprache führten.
-
-Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich um, stieg von dem Brett
-herunter und -- sah den blatternarbigen Loisa auf der Pritsche,
-gegenüber der meinigen, sitzen und mich verwundert anstarren.
-
-Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und
-musterten mich geringschätzig.
-
-»Defraudant? Was?«, fragte der eine halblaut seinen Kameraden und stieß
-ihn mit dem Ellenbogen an.
-
-Der Gefragte brummte verächtlich irgend etwas, kramte in seinem
-Strohsack, holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden.
-
-Dann schüttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf, kniete nieder,
-bespiegelte sich darin und kämmte sich mit den Fingern das Haar in die
-Stirn.
-
-Hierauf trocknete er das Papier mit zärtlicher Sorgfalt ab und
-versteckte es wieder unter der Pritsche.
-
-»Pan Pernath, Pan Pernath,« murmelte Loisa dabei beständig mit
-aufgerissenen Augen vor sich hin, wie jemand, der ein Gespenst sieht.
-
-»Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerkö,« sagte der Ungekämmte,
-dem dies auffiel, in dem geschraubten Dialekt eines tschechischen
-Wieners und machte mir spöttisch eine halbe Verbeugung: »Erlaubens mich
-vorzustellen: Vóssatka ist mein Name. Der schwarze Vóssatka. -- -- --
-Brandstiftung,« setzte er eine Oktave tiefer stolz hinzu.
-
-Der Frisierte spuckte zwischen den Zähnen durch, blickte mich eine Weile
-verächtlich an, deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch:
-
-»Einbruch.«
-
-Ich schwieg.
-
-»No, und zweng wos für einen Verdachtö sin Sie hier, Herr Graf?« fragte
-der Wiener nach einer Pause.
-
-Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: »Wegen Raubmord«.
-
-Die beiden fuhren verblüfft auf, der spöttische Ausdruck auf ihren
-Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz, und sie
-riefen fast wie aus einem Munde:
-
-»Räschpäkt, Räschpäkt.«
-
-Als sie sahen, daß ich keine Notiz von ihnen nahm, zogen sie sich in die
-Ecke zurück und unterhielten sich flüsternd miteinander.
-
-Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir, prüfte schweigend die
-Muskeln meines Oberarms und ging dann kopfschüttelnd zu seinem Freund
-zurück.
-
-»Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den Zottmann ermordet zu
-haben?« fragte ich Loisa unauffällig.
-
-Er nickte. »Ja, schon lang.«
-
-Wieder vergingen einige Stunden.
-
-Ich schloß die Augen und stellte mich schlafend.
-
-»Herr Pernath. Herr Pernath!« hörte ich plötzlich ganz leise Loisas
-Stimme.
-
-»Ja?« -- -- -- Ich tat, als erwachte ich.
-
-»Herr Pernath? Bitte entschuldigen Sie, -- bitte -- bitte, wissen Sie
-nicht, was die Rosina macht? -- Ist sie zu Hause?«, stotterte der arme
-Bursche. Er tat mir unendlich leid, wie er mit seinen entzündeten Augen
-an meinen Lippen hing und vor Aufregung die Hände verkrampfte.
-
-»Es geht ihr gut. Sie -- sie ist jetzt Kellnerin beim -- -- alten
-Ungelt«, log ich.
-
-Ich sah, wie er erleichtert aufatmete.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Zwei Sträflinge hatten auf einem Brett Blechtöpfe mit heißem Wurstabsud
-stumm hereingebracht und drei davon in die Zelle gestellt, dann knallten
-nach einigen Stunden abermals die Riegel und der Aufseher führte mich
-zum Untersuchungsrichter.
-
-Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir treppauf, treppab
-schritten.
-
-»Glauben Sie, ist es möglich, daß ich heute noch freigelassen werde?«,
-fragte ich den Aufseher beklommen.
-
-Ich sah, wie er mitleidig ein Lächeln unterdrückte. »Hm. Heute noch? Hm
--- -- Gott, -- möglich ist ja alles.« --
-
-Mir wurde eiskalt.
-
-Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tür und einen Namen:
-
- KARL FREIHERR VON LEISETRETER
- Untersuchungsrichter
-
-Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte mit meterhohen
-Aufsätzen.
-
-Ein alter, großer Mann mit weißem, geteiltem Vollbart, schwarzem
-Gehrock, roten, wulstigen Lippen, knarrenden Stiefeln.
-
-»Sie sind Herr Pernath?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Gemmenschneider?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Zelle Nr. 70?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Des Mordes an Zottmann verdächtig?«
-
-»Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter -- --«
-
-»_Des Mordes an Zottmann verdächtig?_«
-
-»Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es. Aber -- --«
-
-»Geständig?«
-
-»Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter, ich bin doch
-unschuldig!«
-
-»_Geständig?_«
-
-»Nein.«
-
-»Dann verhänge ich die Untersuchungshaft über Sie. -- Führen Sie den
-Mann hinaus, Gefangenwärter.«
-
-»Bitte, so hören Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter, -- ich muß
-unbedingt heute noch zu Hause sein. Ich habe wichtige Dinge zu
-veranlassen -- --«
-
-Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand.
-
-Der Herr Baron schmunzelte. --
-
-»Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und immer noch saß ich in der
-Zelle.
-
-Um zwölf Uhr durften wir täglich hinunter in den Gefängnishof und mit
-anderen Untersuchungsgefangenen und Sträflingen zu zweit 40 Minuten im
-Kreis herumgehen auf der nassen Erde.
-
-Miteinander zu reden, war verboten.
-
-In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender Baum, in dessen
-Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war.
-
-An den Mauern wuchsen kümmerliche Ligusterstauden, die Blätter fast
-schwarz vom fallenden Ruß.
-
-Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein kittgraues Gesicht
-mit blutleeren Lippen herunterschaute.
-
-Dann ging's wieder hinauf in die gewohnten Grüfte zu Brot, Wasser und
-Wurstabsud und Sonntags zu faulenden Linsen.
-
-Erst einmal war ich wieder vernommen worden:
-
-Ob ich Zeugen hätte, daß mir »Herr« Wassertrum angeblich die Uhr
-geschenkt habe?
-
-»Ja: Herrn Schemajah Hillel -- -- das heißt -- nein« (ich erinnerte
-mich, er war nicht dabei gewesen) -- -- »aber Herr Charousek -- nein,
-auch er war ja nicht dabei.«
-
-»Kurz: also niemand war dabei?«
-
-»Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter.«
-
-Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das:
-
-»Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter!« -- -- --
-
-Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen: Der
-Zeitpunkt, wo ich um sie zittern mußte, war vorüber. Entweder
-Wassertrums Racheplan war längst geglückt, oder Charousek hatte
-eingegriffen, sagte ich mir.
-
-Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn.
-
-Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf wartete, daß sich
-das Wunder erneuere, -- wie sie früh am Morgen, wenn der Bäcker kam,
-hinauslief und mit bebenden Händen das Brot untersuchte, -- wie sie
-vielleicht um meinetwillen vor Angst verging.
-
-Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf, und ich stieg auf das
-Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und
-verzehrte mich in dem Wunsch, meine Gedanken möchten zu Hillel dringen
-und ihm ins Ohr schreien, er solle Mirjam helfen und sie erlösen von der
-Qual des Hoffens auf ein Wunder.
-
-Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an, bis mir
-die Brust fast zersprang, -- um das Bild meines Doppelgängers vor mich
-zu zwingen, damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost.
-
-Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den Buchstaben:
-Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte
-aufschreien vor Jubel, daß jetzt alles wieder gut würde, aber er war in
-den Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte, Mirjam zu
-erscheinen. -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Daß ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden!
-
-Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken? fragte ich meine
-Zellengenossen.
-
-Sie wußten es nicht.
-
-Sie hätten noch nie welche bekommen -- allerdings wäre auch niemand da,
-der ihnen schreiben könnte, sagten sie.
-
-Der Gefangenwärter versprach mir, sich gelegentlich zu erkundigen. -- --
-
-Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen und mein Haar verwildert,
-denn Schere, Kamm und Bürste gab es nicht.
-
-Auch kein Wasser zum Waschen.
-
-Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz, denn der Wurstabsud war
-mit Soda gewürzt statt mit Salz. -- -- Eine Gefängnisvorschrift, um dem
-»Überhandnehmen des Geschlechtstriebes vorzubeugen«. -- --
-
-Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintönigkeit.
-
-Drehte sich im Kreis wie ein Rad der Qual.
-
-Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo plötzlich
-einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und niederlief wie
-ein wildes Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen
-zu lassen und stumpfsinnig weiter zu warten -- zu warten -- zu warten.
-
-Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen über die
-Wände und ich fragte mich erstaunt, warum denn der Kerl in Säbel und
-Unterhosen mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein
-Ungeziefer hätte.
-
-Fürchtete man vielleicht im Landesgericht, es könne eine Kreuzung
-_fremder_ Insektenrassen entstehen?
-
-Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf herein mit
-Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen: Der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt,
-und überzeugte sich, daß alle vor Gesundheit strotzten.
-
-Und wenn einer sich beschwerte, gleichgültig worüber, so verschrieb er
--- Zinksalbe zum Einreiben der Brust.
-
-Einmal kam auch der Landesgerichtspräsident -- ein hochgewachsener,
-parfümierter Halunke der »guten Gesellschaft«, dem die gemeinsten Laster
-im Gesicht geschrieben standen, und sah nach, ob -- alles in Ordnung
-sei: »ob sich noch immer kaner derhenkt hobe«, wie sich der Frisierte
-ausdrückte.
-
-Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er
-einen Satz hinter den Gefangenwärter gemacht und mir einen Revolver
-vorgehalten. -- »Was ich denn wolle«, schrie er mich an.
-
-Ob Briefe für mich da seien, fragte ich höflich. Statt der Antwort bekam
-ich einen Stoß vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf
-das Weite suchte. Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte
-durch den Türausschnitt: -- ich solle lieber den Mord gestehen. Eher
-bekäme ich in diesem Leben keine Briefe.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die Hitze gewöhnt und
-fröstelte beständig. Selbst, wenn die Sonne schien.
-
-Zwei der Gefangenen hatten schon einige Mal gewechselt, aber ich achtete
-nicht darauf. Diese Woche war es ein Taschendieb und ein Wegelagerer,
-das nächste Mal ein Falschmünzer oder ein Hehler, die hereingeführt
-wurden.
-
-Was ich gestern erlebte, war heute vergessen.
-
-Gegen das Wühlen der Sorge um Mirjam verblaßten alle äußern
-Begebenheiten.
-
-Nur _ein_ Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprägt -- es verfolgte mich
-zuweilen als Zerrbild bis in den Traum.
-
-Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu
-starren, da fühlte ich plötzlich, daß mich ein spitzer Gegenstand in die
-Hüfte stach, und als ich nachsah, bemerkte ich, daß es die Feile gewesen
-war, die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt
-hatte. Sie mußte schon lange dort gesteckt haben, sonst hätte sie der
-Mann in der Flurstube gewiß bemerkt.
-
-Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack.
-
-Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, und ich zweifelte
-keinen Augenblick, daß nur Loisa sie genommen haben konnte.
-
-Einige Tage später holte man ihn aus der Zelle, um ihn einen Stock
-tiefer unterzubringen.
-
-Es dürfe nicht sein, daß zwei Untersuchungsgefangene, die desselben
-Verbrechens beschuldigt wären, wie er und ich, in der gleichen Zelle
-säßen, hatte der Gefangenwärter gesagt.
-
-Von ganzem Herzen wünschte ich, es möchte dem armen Burschen gelingen,
-sich mit Hilfe der Feile zu befreien.
-
-
-
-
- Mai
-
-
-Auf meine Frage, welches Datum denn wäre -- die Sonne schien so warm wie
-im Hochsommer und der müde Baum im Hof trieb ein paar Knospen -- hatte
-der Gefangenwärter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflüstert, es
-sei der 15. Mai. Eigentlich dürfe er es nicht sagen, denn es sei
-verboten, mit den Gefangenen zu sprechen, -- insbesondere solche, die
-noch nicht gestanden hätten, müßten hinsichtlich der Zeit im unklaren
-gehalten werden.
-
-Drei volle Monate war ich also schon im Gefängnis und noch immer keine
-Nachricht aus der Welt da draußen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wenn es Abend wurde, drangen leise Klänge eines Klaviers durch das
-Gitterfenster, das jetzt an warmen Tagen offen war.
-
-Die Tochter des Beschließers unten spiele, hatte mir ein Sträfling
-gesagt. -- --
-
-Tag und Nacht träumte ich von Mirjam.
-
-Wie es ihr wohl ging?!
-
-Zuzeiten hatte ich das tröstliche Gefühl, als seien meine Gedanken zu
-ihr gedrungen und stünden an ihrem Bette, während sie schlief, und
-legten ihr lindernd die Hand auf die Stirne.
-
-Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit, wenn einer nach dem
-andern meiner Zellengenossen zum Verhör geführt wurde, -- nur ich nicht,
--- drosselte mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange
-tot.
-
-Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie noch lebe oder
-nicht, krank sei oder gesund, und die Anzahl einer Handvoll Halme, die
-ich aus dem Strohsack riß, sollte mir Antwort geben.
-
-Und fast jedesmal »ging es schlecht aus«, und ich wühlte in meinem
-Innern nach einem Blick in die Zukunft; -- suchte meine Seele, die mir
-das Geheimnis verbarg, zu überlisten durch die scheinbar abseits
-liegende Frage, ob wohl für mich dereinst noch ein Tag kommen würde, wo
-ich heiter sein und wieder lachen könnte.
-
-Immer bejahte das Orakel in solchen Fällen, und dann war ich eine Stunde
-lang glücklich und froh.
-
-Wie eine Pflanze heimlich wächst und sproßt, war allmählich in mir eine
-unbegreifliche, tiefe Liebe zu Mirjam erwacht, und ich faßte es nicht,
-daß ich so oft hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden können, ohne mir
-damals schon klar darüber geworden zu sein.
-
-Der zitternde Wunsch, daß auch sie mit gleichen Gefühlen an mich denken
-möchte, steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der
-Gewißheit, und wenn ich dann auf dem Gange draußen einen Schritt hörte,
-fürchtete ich mich beinahe davor, man könne mich holen und freilassen
-und mein Traum würde in der groben Wirklichkeit der Außenwelt in nichts
-zerrinnen.
-
-Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden, daß ich
-auch das leiseste Geräusch vernahm.
-
-Jedesmal bei Anbruch der Nacht hörte ich in der Ferne einen Wagen fahren
-und zergrübelte mir den Kopf, wer wohl darin sitzen möchte.
-
-Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken, daß es Menschen gab
-da draußen, die tun und lassen durften, was sie wollten, -- die sich
-frei bewegen konnten und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als
-unbeschreiblichen Jubel empfanden.
-
-Daß auch ich jemals wieder so glücklich werden würde, im Sonnenschein
-durch die Straßen wandern zu können -- -- ich war nicht mehr imstande,
-es mir vorzustellen.
-
-Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, schien mir einem
-längstverflossenen Dasein anzugehören; -- ich dachte daran zurück mit
-jener leisen Wehmut, wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch
-aufschlägt und findet darin welke Blumen, die einst die Geliebte der
-Jugendjahre getragen hat.
-
-Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend für Abend mit Vrieslander und
-Prokop beim »Ungelt« saß und der vertrockneten Eulalia das Hirn konfus
-machte?
-
-Nein, es war doch Mai -- die Zeit, wo er mit seinem Marionettenkasten
-durch die Provinznester zog und auf grünen Wiesen vor den Toren den
-Ritter Blaubart spielte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich saß allein in der Zelle. -- Vóssatka, der Brandstifter, mein
-einziger Gefährte seit einer Woche, war vor ein paar Stunden zum
-Untersuchungsrichter geholt worden.
-
-Merkwürdig lange dauerte diesmal sein Verhör.
-
-Da. Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tür. Und mit
-freudestrahlender Miene stürmte Vóssatka herein, warf ein Bündel Kleider
-auf die Pritsche und begann, sich mit Windeseile umzukleiden.
-
-Den Sträflingsanzug warf er Stück um Stück mit einem Fluch auf den
-Boden.
-
-»Nix hamms mer beweisen könna, dö Hallodri. -- Brandstiftung! -- Ja
-doder« er zog mit dem Zeigefinger an seinem unteren Augenlid. »Auf den
-schwarzen Vóssatka sans jung. -- Der Wind war's, hab i g'sagt. Und bi
-fest blimm. Den kennens iazt eispirrn, wanns'n derwischen -- den Herrn
-von Wind. -- No servus heit Abend! -- Do werd aufdraht. Beim
-Loisitschek.« -- Er breitete die Arme aus und tanzte einen
-»G'strampften«. -- »Nur einmahl im Leböhn blie--het der Mai.« -- Er
-stülpte sich mit einem Krach einen steifen Deckel mit einer kleinen
-blaugesprenkelten Nußhäherfeder darauf über den Schädel. -- »Ja,
-richtig, das wird Ihna intrissirn, Herr Graf: wissens was Neies? Eana
-Freund, der Loisa, is ausbrochen! -- Grad hab i's erfahrehn oben bei die
-Hallodri. Schon vurigen Monat -- gegen Uldimoh hat er das Weide gesucht
-und ist längs ieber -- pbhuit« -- er schlug sich mit den Fingern auf den
-Handrücken -- »ieber alle Bergöh«. --
-
-»Aha, die Feile,« dachte ich mir und lächelte.
-
-»Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr Graf,« der Brandstifter
-streckte mir kameradschaftlich die Hand hin, »daß Sie möglichst bei
-Zeitöhn freikommen. -- Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen
-Sie sich nur beim Loisitschek nach dem schwarzen Vóssatka. -- Kennte
-mich jädes Madel durten. So! -- Alsdann Servus, Herr Graf. War mir ein
-Vergniegen.«
-
-Er stand noch in der Türe, da schob der Wärter schon einen neuen
-Untersuchungsgefangenen in die Zelle.
-
-Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot mit der
-Soldatenmütze, der einmal neben mir bei Regenwetter in dem Torbogen der
-Hahnpaßgasse gestanden hatte. Eine freudige Überraschung! Vielleicht
-wußte er zufällig etwas über Hillel und Zwakh und alle die andern?
-
-Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu meinem größten
-Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und
-bedeutete mir, ich solle schweigen.
-
-Erst als die Tür von draußen abgesperrt und der Schritt des
-Gefangenwärters auf dem Gange verhallt war, kam Leben in ihn.
-
-Mir schlug das Herz vor Aufregung.
-
-Was sollte das bedeuten?
-
-Kannte er mich denn, und was wollte er?
-
-Das erste, was der Schlot tat, war, daß er sich niedersetzte und seinen
-linken Stiefel auszog.
-
-Dann zerrte er mit den Zähnen einen Stöpsel aus dem Absatz, entnahm dem
-entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech, riß die
-anscheinend nur locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides
-mit stolzer Miene hin. --
-
-Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten Fragen auch nur im
-geringsten zu achten.
-
-»So! Einen schönen Gruß vom Herrn Charousek.«
-
-Ich war so verblüfft, daß ich kein Wort herausbringen konnte. --
-
-»Brauchens' bloß Eisenblechl nähmen und Sohlen ausanand brechen in der
-Nacht. Oder wann sunst niemand siecht. -- Ise nämlich hohl inewändig« --
-erklärte der Schlot mit überlegener Miene, »und finden Sie sich drinn
-eine Brieffel von Herrn Charousek.«
-
-Im Übermaß meines Entzückens fiel ich dem Schlot um den Hals und die
-Tränen stürzten mir aus den Augen.
-
-Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll:
-
-»Missen sich mehr zusammennähmen, Herr von Pernath! Mir habens me nicht
-eine Minutten zum Zeitverlieren. Es kann sich soffort herauskommen, daß
-ich in der falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens me unt beim
-Pordjöh die Nummern mitsamm vertauscht.« --
-
-Ich mußte wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn der Schlot
-fuhr fort:
-
-»Wann Sie das auch nicht verstähn, macht nix. Kurz: ich bin ich hier,
-Pasta!«
-
-»Sagen Sie doch,« fiel ich ihm ins Wort, »sagen Sie doch, Herr -- --
-Herr -- -- --«
-
-»Wenzel,« -- half mir der Schlot aus, »ich heiß' ich der schöne Wenzel.«
-
-»Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar Hillel, und wie geht
-es seiner Tochter?«
-
-»Dazu ist jetz keine Zeit nicht,« unterbrach mich der schöne Wenzel
-ungeduldig. »Ich kann ich doch im näxen Augenblick herausgeschmissen
-werden. -- Also: ich bin ich hier, weil ich einen Raubanfall extra
-eingestanden hab -- --«
-
-»Was, Sie haben bloß meinetwegen, und um zu mir kommen zu können, einen
-Raubanfall begangen, Wenzel?« fragte ich erschüttert.
-
-Der Schlot schüttelte verächtlich den Kopf: »Wann ich wirklich einen
-Raubanfall _begangen_ hätt, mecht ich ihm doch nicht _eingestähen_. Was
-glauben Sie von mir!?«
-
-Ich verstand allmählich: -- der brave Kerl hatte eine List gebraucht, um
-mir den Brief Charouseks ins Gefängnis zu schmuggeln.
-
-»So; zuverderscht« -- er machte ein äußerst wichtiges Gesicht -- »muß
-ich Ihnen Unterricht in der Ebilebsie gäben.«
-
-»Worin?«
-
-»In der Ebilebsie! -- Gäbm S' amal scharf Obacht und merkens Ihna alles
-genau! -- Alsdann schaugens här: Zuerscht macht me Speichel in der
-Goschen;« -- er blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie
-jemand, der sich den Mund ausspült -- »dann kriegt me Schaum vorm Maul,
-sengen S' so«: -- er machte auch dies. Mit widerwärtiger Natürlichkeit.
--- »Nachhe drehte ma die Daumen in die Faust. -- Nachhe kugelt me die
-Augen raus« -- er schielte entsetzlich -- »und dann -- das ise sich bisl
-schwär -- stoßt me so halbeten Schrei aus. Segen S', so: Bö -- bö -- bö,
--- und gleichzeitig fallt me sich um.« -- Er ließ sich der Länge nach zu
-Boden fallen, daß das Haus zitterte, und sagte beim Aufstehen:
-
-»Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie's uns der Dr. Hulbert
-gottsälig beim >Bataljohn< gelernt hat.«
-
-»Ja, ja, es ist täuschend ähnlich,« gab ich zu, »aber wozu dient das
-alles?«
-
-»Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!«, erklärte der schöne
-Wenzel. »Der Dr. Rosenblatt is doch ein Mordsochs! Wenn einer schon gar
-kan Kopf mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann ise sich
-pumperlgesund! -- Nur vor die Ebilebsie hat e' an Viechsräschpäkt. Wann
-aner daas gut kann: gleich ise drieben in der Krankenzelle. -- -- Und da
-ise sich das Ausbrechen dann ein Kinderspielzeug;« -- er wurde tief
-geheimnisvoll -- »den Fenstergitter in der Krankenzelle ise nämlich
-durchgesägt und nur schwach mit Dreck zusammenpappt. -- Es ise sich das
-ein Geheimnis vom Bataljohn! -- Sie brauchen dann bloß ein paar Nächte
-scharf aufpassen und, wenn Sie eine Seilschlingen vom Dach herunter bis
-vors Fenster kommen segen, heben Sie leise den Gitter aus, damit niemand
-nicht aufwacht, steckens die Schultern in die Schlinge, und mir ziegen
-Ihnen hinauf aufs Dach und lassen Ihnen auf der andern Seiten hinunter
-auf die Straßen. -- Pasta.«
-
-»Weshalb soll ich denn aus dem Gefängnis ausbrechen?« wandte ich
-schüchtern ein, »ich bin doch unschuldig.«
-
-»Daß ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!«, widerlegte mich der
-schöne Wenzel und machte vor Erstaunen kreisrunde Augen.
-
-Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um ihm den verwegenen
-Plan, der, wie er sagte, das Resultat eines »Bataillons«beschlusses war,
-auszureden.
-
-Daß ich »die Gabe Gottes« von der Hand wies und lieber warten wollte,
-bis ich von selbst freikommen würde, war ihm unbegreiflich.
-
-»Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden auf das
-allerherzlichste,« sagte ich gerührt und drückte ihm die Hand. »Wenn die
-schwere Zeit für mich vorüber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen
-allen erkenntlich zu zeigen.«
-
-»Ise gar nicht nätig,« lehnte Wenzel freundlich ab. »Wann Sie ein paar
-Glas >Pils< zahlen, nähmen wir sich dankbar an, abe sunst nix. Pan
-Charousek, was ise jetz Schatzmistr vom Bataljohn, hat e' uns schon
-erzählt, was Sie für ein heimlicher Wohltäter sin. Soll ich ihm was
-ausrichten, wenn ich in paar Täg wieder herauskomm?«
-
-»Ja, bitte,« fiel ich rasch ein, »sagen Sie ihm, er möchte zu Hillel
-gehen und ihm mitteilen, ich hätte soviel Angst wegen der Gesundheit
-seiner Tochter Mirjam. Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen.
--- Werden Sie sich den Namen merken?: _Hillel_!«
-
-»Hirräl?«
-
-»Nein: Hillel.«
-
-»Hillär?«
-
-»Nein: Hill--el.«
-
-Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem für einen Tschechen
-unmöglichen Namen, aber schließlich bewältigte er ihn doch unter wilden
-Grimassen.
-
-»Und dann noch eins: Herr Charousek möge -- ich lasse ihn herzlich drum
-bitten -- sich auch, soweit es in seiner Macht steht, der »vornehmen
-Dame« -- er weiß schon, wer darunter zu verstehen ist -- annehmen.«
-
-»Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen, die was das
-Gspusi ghabt hat mit dem Niemetz -- dem Dr. Sapoli? -- No, die hat sich
-doch scheiden lassen und ise mit ihrem Kind und dem Sapoli furt.«
-
-»Wissen Sie das bestimmt?«
-
-Ich fühlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich um Angelinas willen
-freute, -- es krampfte mir dennoch das Herz zusammen.
-
-Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und jetzt -- -- -- war ich
-vergessen.
-
-Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmörder.
-
-Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle.
-
-Der Schlot schien mit dem Feingefühl, das verwahrlosten Menschen
-seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, die sich um Liebe drehen,
-erraten zu haben, wie mir zumute war, denn er blickte scheu weg und
-antwortete nicht.
-
-»Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels Tochter, dem Fräulein
-Mirjam geht? Kennen Sie sie?«, fragte ich gepreßt.
-
-»Mirjam? Mirjam?« -- Wenzel legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten
--- »Mirjam? -- Gäht sich die öfters in der Nacht zum Loisitschek?«
-
-Ich mußte unwillkürlich lächeln. »Nein. Bestimmt nicht.«
-
-»Dann kenn ich sie nicht,« sagte Wenzel trocken.
-
-Wir schwiegen eine Weile.
-
-Vielleicht steht in dem Briefchen etwas über sie, hoffte ich.
-
-»Daß den Wassertrum der Deiwel g'holt hat«, fing Wenzel plötzlich wieder
-an, »wärden Sie sich wohl schon gehärt haben?«
-
-Ich fuhr entsetzt auf.
-
-»No ja.« -- Wenzel deutete auf seine Kehle. -- »Murxi, murxi! Ich sag
-ich Ihnän; es war Ihnän schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen
-haben, weil er sich paar Täg nicht hat segen lassen, war ich natrierlich
-der erschte drin; -- wie denn nicht! -- Und da hat e' durten g'sässen,
-der Wassertrum, in einen dreckigen Lähnsessel, die Brust voller Blut und
-die Augen wie aus Glas. -- -- -- -- -- Wissen S', ich bin ich ein
-handfeste Kerl, aber mir hat sich alles gedräht, sag ich Ihnän, und ich
-hab' gemeint, ich hau ich ohnmächtig hi--iin. Furt' a furt' hab' ich mir
-vorsagen missen: Wenzel, hab' ich mir vorg'sagt, Wenzel, reg' dich nicht
-auf, es is doch bloß ein toter Jud. -- Er hat eine Feile in der Kehle
-stecken gehabt und im Laden war sich alles umedum geschmissen. -- Ein
-Raubmord natierlich.«
-
-»Die Feile! Die Feile!« Ich fühlte, wie mir der Atem kalt wurde vor
-Grausen. -- Die Feile! So hatte sie also doch ihren Weg gefunden!
-
-»Ich weiß ich auch, wer's war,« fuhr Wenzel nach einer Pause halblaut
-fort. »Niemand anders, sag ich Ihnän, als der blattersteppige Loiso. --
-Ich hab' ich nämlich sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt
-und rasch eing'stäckt, damit sich die Polizei nicht draufkommt. -- Er
-ise sich durch einen unterirdischen Gang in den Laden -- -- -- -- --« er
-brach mit einem Ruck seine Rede ab und horchte ein paar Sekunden lang
-angestrengt, dann warf er sich auf die Pritsche und fing an,
-fürchterlich zu schnarchen.
-
-Gleich darauf klirrte das Vorhängeschloß und der Gefängniswärter kam
-herein und musterte mich argwöhnisch.
-
-Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken.
-
-Erst nach vielen Püffen richtete er sich gähnend auf und taumelte,
-gefolgt von dem Wärter, schlaftrunken hinaus.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief auseinander und las:
-
-Den 12. Mai.
-
-»Mein lieber armer Freund und Wohltäter!
-
-Woche um Woche habe ich gewartet, daß Sie endlich freikommen würden, --
-immer vergebens, -- habe alle möglichen Schritte versucht, um
-Entlastungsmaterial für Sie zu sammeln, aber ich fand keins.
-
-Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu beschleunigen, aber
-jedesmal hieß es, er könne nichts tun, -- es sei Sache der
-Staatsanwaltschaft und nicht die seinige.
-
-Amtsschimmel!
-
-_Eben erst, vor einer Stunde_, gelang mir jedoch etwas, von dem ich mir
-den _besten_ Erfolg erhoffe: ich habe erfahren, daß Jaromir dem
-Wassertrum eine goldene Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung
-seines Bruders Loisa in dessen Bett gefunden hatte, verkauft hat.
-
-Beim >Loisitschek<, wo, wie Sie wissen, die Detektivs verkehren, geht
-das Gerücht, man hätte die Uhr des angeblich ermordeten Zottmann --
-dessen Leiche übrigens noch immer nicht entdeckt ist -- als ^corpus
-delicti^ bei _Ihnen_ gefunden. Das übrige reimte ich mir zusammen:
-Wassertrum ^et cetera^!
-
-Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm 1000 fl. gegeben -- --« Ich
-ließ den Brief sinken und die Freudentränen traten mir in die Augen: nur
-Angelina konnte Charousek die Summe gegeben haben. Weder Zwakh, noch
-Prokop, noch Vrieslander besaßen soviel Geld. -- Sie hatte mich also
-doch nicht vergessen! -- Ich las weiter:
-
-»-- 1000 fl. gegeben und ihm weitere 2000 fl. versprochen, wenn er mit
-mir sofort zur Polizei ginge und eingestünde, die Uhr seinem Bruder zu
-Hause entwendet und verkauft zu haben.
-
-Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief durch Wenzel
-bereits an Sie unterwegs ist. Die Zeit reicht nicht aus.
-
-Aber seien Sie versichert: es _wird_ geschehen. _Heute_ noch. Ich bürge
-Ihnen dafür.
-
-Ich zweifle keinen Augenblick, daß Loisa den Mord begangen hat und die
-Uhr die Zottmanns ist.
-
-Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, dann weiß Jaromir, was
-er zu tun hat: -- _Jedenfalls wird er sie als die bei Ihnen gefundene
-agnoszieren_.
-
-Also: harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht! Der Tag, wo Sie frei
-sein werden, steht vielleicht bald bevor.
-
-Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns wiedersehen?
-
-Ich weiß es nicht.
-
-Fast möchte ich sagen: ich glaube es nicht, denn mit mir geht's rasch zu
-Ende, und _ich muß auf der Hut sein, daß mich die letzte Stunde nicht
-überrascht_.
-
-Aber eins halten Sie fest: wir _werden_ uns wiedersehen.
-
-Wenn auch nicht in _diesem_ Leben und nicht wie die Toten in _jenem_
-Leben, aber an dem Tag, wo die Zeit zerbricht, -- wo, wie es in der
-Bibel steht, der HERR _die_ ausspeien wird aus seinem Munde, die lau
-waren und weder kalt noch warm. -- -- --
-
-Wundern Sie sich nicht, daß ich so rede! Ich habe nie mit Ihnen über
-diese Dinge gesprochen und, als Sie einmal das Wort >Kabbala< berührten,
-bin ich Ihnen ausgewichen, aber -- ich weiß, was ich weiß.
-
-Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn nicht, so streichen
-Sie, ich bitte Sie darum, das, was ich gesagt habe, aus Ihrem
-Gedächtnis. -- -- Einmal, in meinen Delirien, glaubte ich -- ein Zeichen
-auf Ihrer Brust zu sehen. -- Mag sein, daß ich wach geträumt habe.
-
-Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen sollten, daß ich
-gewisse Erkenntnisse gehabt habe -- innerlich! -- fast schon von
-Kindheit an, die mich einen seltsamen Weg geführt haben; --
-Erkenntnisse, die sich nicht decken mit dem, was die Medizin lehrt oder,
-Gott sei Dank, noch nicht weiß; hoffentlich auch nie erfahren wird.
-
-Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von der Wissenschaft, deren
-höchstes Ziel es ist, einen -- >Wartesaal< auszustaffieren, den man am
-besten niederrisse.
-
-Doch genug davon.
-
-Ich will Ihnen lieber erzählen, was sich inzwischen zugetragen hat:
-
-Ende April war Wassertrum soweit, daß meine Suggestion anfing zu wirken.
-
-Ich sah es daran, daß er auf der Gasse beständig gestikulierte und laut
-mit sich selbst sprach.
-
-So etwas ist ein sicheres Zeichen, daß die Gedanken eines Menschen sich
-zum Sturm rotten, um über ihren Herrn herzufallen.
-
-Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen.
-
-Er schrieb!
-
-Er schrieb! Daß ich nicht lache! Er _schrieb_.
-
-Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem Hause wußte ich, was er
-oben machte: -- er machte sein Testament.
-
-Daß er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings nicht gedacht.
-Ich hätte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergnügen, wenn's
-mir eingefallen wäre.
-
-Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige auf der Erde bin, an
-dem er noch etwas gutmachen könnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn
-überlistet.
-
-Vielleicht war's auch die Hoffnung, ich würde ihn segnen, wenn ich mich
-nach seinem Tode durch seine Huld plötzlich als Millionär sähe, und
-dadurch den Fluch wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat
-mit anhören müssen.
-
-Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt.
-
-Rasend witzig, daß er heimlich also doch an eine Wiedervergeltung im
-Jenseits geglaubt hat, während er sich's das ganze Leben lang mühselig
-ausreden wollte.
-
-Aber so ist's bei allen den ganz Gescheiten; man sieht es schon an der
-wahnwitzigen Wut, in die sie geraten, wenn man's ihnen ins Gesicht sagt.
-Sie fühlen sich ertappt.
-
-Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar kam, ließ ich ihn nicht mehr
-aus dem Auge.
-
-Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens, denn jede
-Minute konnte die Entscheidung fallen. --
-
-Ich glaube, durch Mauern hindurch würde ich das ersehnte schnalzende
-Geräusch gehört haben, wenn er den Stöpsel aus der Giftflasche gezogen
-hätte.
-
-Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk war
-vollbracht.
-
-Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. Mit einer Feile.
-
-Lassen Sie sich das Nähere von Wenzel erzählen, mir wird es zu bitter,
-alles das niederschreiben zu müssen.
-
-Nennen Sie es Aberglaube, -- aber, wie ich sah, daß Blut _vergossen_
-worden war -- die Dinge im Laden waren befleckt davon, -- kam es mir
-vor, als sei mir seine Seele entwischt.
-
-Etwas in mir, -- ein feiner, untrüglicher Instinkt -- sagt mir, daß es
-nicht dasselbe ist, ob ein Mensch von fremder Hand stirbt, oder von
-eigener: -- daß Wassertrum sein Blut mit sich in die Erde hätte nehmen
-müssen, dann erst wäre meine Mission erfüllt gewesen. -- Jetzt, wo es
-anders gekommen ist, fühle ich mich als Ausgestoßener, als ein Werkzeug,
-das nicht würdig befunden wurde in der Hand des Todesengels.
-
-Aber ich will mich nicht auflehnen. _Mein Haß ist von der Art, die übers
-Grab hinausgeht_, und noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich
-vergießen kann, wie ich will, damit es dem seinigen nachgehe im Reich
-der Schatten auf Schritt und Tritt. -- -- --
-
-Jeden Tag, seit sie Wassertrum verscharrt haben, sitze ich draußen bei
-ihm auf dem Friedhof und horche in meine Brust hinein, was ich tun soll.
-
-Ich glaube, ich weiß es bereits, aber ich will noch warten, bis das
-innere Wort, das zu mir spricht, klar wird wie eine Quelle. -- Wir
-Menschen sind unrein, und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis
-wir das Flüstern unserer Seele verstehen. -- -- --
-
-In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom Gericht mitgeteilt,
-daß mich Wassertrum zum Universalerben eingesetzt hat.
-
-Daß ich für mich keinen Kreuzer davon anrühre, brauche ich Ihnen wohl
-nicht zu versichern, Herr Pernath. -- Ich werde mich hüten, >ihm< -- für
->drüben< eine Handhabe zu geben.
-
-Die Häuser, die er besessen hat, lasse ich versteigern, die Gegenstände,
-die er berührt hat, werden verbrannt, und was an Geld und Geldeswert
-sich dann ergibt, fällt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu. --
-
-Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren, aber ich kann
-Sie beruhigen. Was Sie bekommen, ist Ihr rechtmäßiges Eigentum mit
-Zinsen und Zinseszinsen. Schon lange wußte ich, daß Wassertrum vor
-Jahren Ihren Vater und seine Familie um alles gebracht hat, -- erst
-jetzt bin ich in der Lage, es aktenmäßig nachweisen zu können.
-
-Ein zweites Drittel wird unter die zwölf Mitglieder des »Bataillons«
-verteilt, die den Dr. Hulbert noch persönlich gekannt haben. Ich will,
-daß jeder von ihnen reich wird und Zutritt bekommt zur Prager -- »guten
-Gesellschaft«.
-
-Das letzte Drittel gehört zu gleichen Teilen den nächsten sieben
-Raubmördern des Landes, die mangels zureichender Beweise freigesprochen
-werden müssen.
-
-Ich bin das dem öffentlichen Ärgernis schuldig.
-
-So. Das wäre wohl alles.
-
-Und jetzt, mein lieber, lieber Freund, leben Sie wohl und gedenken Sie
-zuweilen
-
- Ihres
- aufrichtigen und dankbaren
- Innocenz Charousek.«
-
-Tief erschüttert legte ich den Brief aus der Hand.
-
-Ich konnte mich nicht freuen über die Nachricht von meiner
-bevorstehenden Enthaftung.
-
-Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kümmerte er sich um mein
-Schicksal. Bloß, weil ich ihm einst 100 fl. geschenkt hatte. Wenn ich
-ihm nur einmal noch die Hand drücken könnte!
-
-Ich fühlte: ja, er hatte recht; der Tag würde nie kommen.
-
-Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die schwindsüchtigen
-Schultern, die hohe, noble Stirn.
-
-Vielleicht, daß alles ganz anders gekommen wäre, wenn eine hilfreiche
-Hand rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen hätte.
-
-Noch einmal las ich den Brief durch.
-
-Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er überhaupt irrsinnig
-war?
-
-Ich schämte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur einen Augenblick
-geduldet zu haben.
-
-Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein Mensch wie Hillel, wie
-Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch, über den die eigene Seele Gewalt
-gewonnen hatte, -- den sie durch die wilden Schluchten und Klüfte des
-Lebens emporführte in die Firnenwelt eines unbetretenen Landes.
-
-Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen, stand er nicht reiner
-da, als irgendeiner von denen, die naserümpfend umhergehen und
-angelernte Gebote eines unbekannten, mythischen Propheten zu befolgen
-vorgeben?
-
-Er hielt das Gebot, das ihm ein übermächtiger Trieb diktierte, ohne an
-eine »Belohnung« hier oder jenseits auch nur zu denken.
-
-Was er getan hatte, war es etwas anderes als frömmste Pflichterfüllung
-in des Wortes verborgenster Bedeutung?
-
-»Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische -- eine
-Verbrechernatur« -- ich hörte förmlich, wie das Urteil der Menge über
-ihn lauten mußte, wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele
-hineinleuchten käme, -- dieser geifernden Menge, die nie und nimmer
-begreifen wird, daß die giftige Herbstzeitlose tausendfach schöner und
-edler ist als der nützliche Schnittlauch. -- -- --
-
-Wieder ging das Türschloß draußen, und ich hörte, daß man einen Menschen
-hereinschob.
-
-Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich erfüllt von dem
-Eindruck des Briefes.
-
-Kein Wort über Angelina, nichts von Hillel stand darin.
-
-Freilich: Charousek mußte in größter Eile geschrieben haben, die Schrift
-verriet es mir.
-
-Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich überbracht werden würde?
-
-Ich hoffte auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen Rundgang der
-Gefangenen im Hof. -- Da war es noch am leichtesten, daß mir irgendeiner
-vom »Bataillon« etwas zusteckte.
-
-Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grübeleien:
-
-»Würden Sie gestatten, mein Herr, daß ich mich Ihnen vorstelle? Mein
-Name ist Laponder. Amadeus Laponder.«
-
-Ich drehte mich um.
-
-Ein kleiner, schmächtiger, noch ziemlich junger Mann in gewählter
-Kleidung, nur ohne Hut, wie alle Untersuchungsgefangenen, verbeugte sich
-korrekt vor mir.
-
-Er war glattrasiert wie ein Schauspieler, und seine großen, hellgrün
-glänzenden, mandelförmigen Augen hatten das Eigentümliche an sich, daß,
-so geradeaus sie auch auf mich gerichtet waren, sie mich doch nicht zu
-sehen schienen. -- Es lag so etwas wie -- Geistesabwesenheit darin.
-
-Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich ebenfalls und wollte mich
-wieder umdrehen, konnte aber lange den Blick von dem Menschen nicht
-wenden, so fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften Lächeln,
-das die aufwärts gezogenen Mundwinkel der feingeschwungenen Lippen
-beständig seinem Gesicht aufdrückten.
-
-Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus Rosenquarz, mit
-seiner faltenlosen, durchsichtigen Haut, der mädchenhaft schmalen Nase
-und den zarten Nüstern.
-
-»Amadeus Laponder, Amadeus Laponder«, wiederholte ich vor mich hin.
-
-»Was er wohl begangen haben mag?«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Mond
-
-
-»Waren Sie schon beim Verhör,« fragte ich nach einer Weile.
-
-»Ich komme soeben von dort. -- Hoffentlich werde ich Sie hier nicht
-lange inkommodieren müssen,« antwortete Herr Laponder liebenswürdig.
-
-»Armer Teufel,« dachte ich mir, »er ahnt nicht, was einem
-Untersuchungsgefangenen bevorsteht.«
-
-Ich wollte ihn langsam vorbereiten:
-
-»Man gewöhnt sich allmählich an das Stillsitzen, wenn einmal die ersten,
-schlimmsten Tage vorüber sind.« -- --
-
-Er machte ein verbindliches Gesicht.
-
-Pause.
-
-»Hat das Verhör lange gedauert, Herr Laponder?«
-
-Er lächelte zerstreut:
-
-»Nein. Ich wurde bloß gefragt, ob ich geständig sei, und mußte das
-Protokoll unterschreiben.«
-
-»Sie haben unterschrieben, daß Sie geständig sind?« fuhr es mir heraus.
-
-»Allerdings.«
-
-Er sagte es, als ob es sich von selbst verstünde.
-
-Es kann nichts Schlimmes sein, legte ich mir zurecht, weil er so gar
-keine Aufregung zeigt. Wahrscheinlich eine Herausforderung zum Duell
-oder etwas Ähnliches.
-
-»Ich bin leider schon so lange hier, daß es mir wie ein Menschenleben
-vorkommt;« -- ich seufzte unwillkürlich, und er machte sofort eine
-teilnehmende Miene. »Ich wünsche Ihnen, daß Sie das nicht mitzumachen
-brauchen, Herr Laponder. Nach allem, was ich sehe, werden Sie wohl bald
-wieder auf freiem Fuß sein.«
-
-»Wie man's nimmt,« antwortete er ruhig, aber es klang wie ein
-versteckter Doppelsinn.
-
-»Sie glauben nicht?«, fragte ich lächelnd. Er schüttelte den Kopf.
-
-»Wie soll ich das verstehen? -- Was haben Sie denn gar so Schreckliches
-begangen? Verzeihen Sie, Herr Laponder, es ist nicht Neugierde von mir,
--- lediglich Teilnahme, daß ich frage.«
-
-Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er, ohne mit der Wimper zu
-zucken:
-
-»Lustmord.«
-
-Mir war, als hätte er mich mit einem Stock über den Kopf geschlagen.
-
-Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton herausbringen.
-
-Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite, aber nicht das
-leiseste Mienenspiel in seinem automatenhaft lächelnden Gesicht verriet,
-daß er über mein plötzlich verändertes Benehmen verletzt gewesen wäre.
-
-Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm aneinander vorbei. --
--- --
-
-Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte, folgte er
-sogleich meinem Beispiel, entkleidete sich, hängte sorgsam seine Kleider
-an den Wandnagel, streckte sich aus und schien, nach seinen ruhigen,
-tiefen Atemzügen zu schließen, unmittelbar darauf fest eingeschlafen zu
-sein.
-
-Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen.
-
-Das beständige Gefühl, ein solches Scheusal in meiner nächsten Nähe zu
-haben und dieselbe Luft mit ihm atmen zu müssen, war mir so gräßlich und
-aufregend, daß die Eindrücke des Tages, Charouseks Brief und all das
-erlebte Neue tief in den Hintergrund traten.
-
-Ich hatte mich so gelegt, daß ich den Mörder beständig im Auge behielt,
-denn ich würde es nicht haben ertragen können, ihn hinter mir zu wissen.
-
-Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt durchdämmert und ich konnte
-sehen, daß Laponder regungslos, fast starr, dalag.
-
-Seine Züge hatten etwas Leichenhaftes bekommen und der halbgeöffnete
-Mund erhöhte diesen Eindruck.
-
-Viele Stunden hindurch änderte er nicht ein einziges Mal seine Lage.
-
-Erst spät nach Mitternacht, als ein dünner Mondstrahl auf sein Gesicht
-fiel, kam eine leise Unruhe über ihn und er bewegte unhörbar die Lippen,
-wie jemand, der im Schlaf spricht. Es schien immer dasselbe Wort zu
-sein, -- ein zweisilbiger Satz vielleicht, -- so wie:
-
-»Laß mich. Laß mich. Laß mich.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die nächsten paar Tage vergingen, ohne daß ich Notiz von ihm genommen
-hätte, und auch er brach niemals das Schweigen.
-
-Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswürdig. So oft ich auf
-und ab gehen wollte, sah er es mir sofort an und zog höflich, wenn er
-auf der Pritsche saß, die Füße zurück, um mir nicht im Wege zu sein.
-
-Ich fing an, mir Vorwürfe wegen meiner Schroffheit zu machen, konnte
-aber den Abscheu vor ihm beim besten Willen nicht loswerden.
-
-So sehr ich gehofft hatte, mich an seine Nähe gewöhnen zu können, -- es
-ging nicht.
-
-Selbst in den Nächten hielt es mich wach. Kaum eine Viertelstunde
-verbrachte ich im Schlaf.
-
-Abend für Abend wiederholte sich haargenau derselbe Vorgang: Er wartete
-respektvoll, bis ich mich ausstreckte, zog dann seine Kleider aus, legte
-sie pedantisch in Falten, hängte sie auf, und so weiter und so weiter.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Eines Nachts -- es mochte um die zweite Stunde sein -- stand ich
-schlaftrunken vor Müdigkeit wieder auf dem Wandbrett, starrte in den
-Vollmond, dessen Strahlen sich wie glitzerndes Öl auf dem kupfernen
-Gesicht der Turmuhr spiegelten, und dachte voll Trauer an Mirjam.
-
-_Da hörte ich plötzlich leise ihre Stimme hinter mir._
-
-Sofort war ich wach, überwach, -- fuhr herum und horchte.
-
-Eine Minute verging.
-
-Schon glaubte ich, ich hätte mich getäuscht, da kam es wieder. Ich
-konnte die Worte nicht genau verstehen, aber es klang wie:
-
-»Frag' mich. Frag' mich.«
-
-_Es war bestimmt Mirjams Stimme._
-
-Schlotternd vor Aufregung stieg ich, so leise ich konnte, herab und trat
-an das Bett Laponders.
-
-Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich konnte deutlich
-unterscheiden, daß er die Lider offen hatte, doch nur das Weiße der
-Augäpfel war sichtbar.
-
-An der Starre der Wangenmuskeln sah ich, daß er im Tiefschlaf lag.
-
-Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich.
-
-Und allmählich verstand ich die Worte, die hinter seinen Zähnen
-hervordrangen:
-
-»Frag' mich. Frag' mich.«
-
-Die Stimme war der Mirjams täuschend ähnlich.
-
-»Mirjam? Mirjam?« rief ich unwillkürlich, dämpfte aber sofort den Ton,
-um den Schläfer nicht zu erwecken.
-
-Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden war, dann
-wiederholte ich leise:
-
-»Mirjam? Mirjam?«
-
-Sein Mund formte ein kaum vernehmbares, aber doch deutliches:
-
-»Ja.«
-
-Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen.
-
-Nach einer Weile hörte ich _Mirjams Stimme_ flüstern -- so unverkennbar
-ihre Stimme, daß mir Kälteschauer über die Haut liefen.
-
-Ich trank die Worte so gierig, daß ich nur den Sinn begriff. Sie sprach
-von Liebe zu mir und von dem unsagbaren Glück, daß wir uns endlich
-gefunden hätten -- und uns nie wieder trennen würden -- hastig -- ohne
-Pause, wie jemand, der fürchtet unterbrochen zu werden und jede Sekunde
-ausnützen will.
-
-Dann wurde die Stimme stockend -- erlosch zeitweilig ganz.
-
-»Mirjam?« fragte ich, bebend vor Angst und mit eingezogenem Atem,
-»Mirjam, bist du gestorben?«
-
-Lange keine Antwort.
-
-Dann fast unverständlich:
-
-»Nein. -- Ich lebe. -- Ich schlafe.« -- --
-
-Nichts mehr.
-
-Ich lauschte und lauschte.
-
-Vergebens.
-
-Nichts mehr.
-
-Vor Ergriffenheit und Zittern mußte ich mich auf die Kante der Pritsche
-stützen, um nicht vornüber auf Laponder zu fallen.
-
-Die Täuschung war so vollständig gewesen, daß ich Mirjam momentelang
-tatsächlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft
-zusammennehmen mußte, um nicht einen Kuß auf die Lippen des Mörders zu
-drücken.
-
-»Henoch! Henoch!« -- hörte ich ihn plötzlich lallen, dann immer klarer
-und artikulierter: »Henoch! Henoch!«
-
-Sofort erkannte ich Hillel.
-
-»Bist du es, Hillel?«
-
-Keine Antwort.
-
-Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, daß man Schlafenden, um sie zum
-Reden zu bringen, die Fragen nicht ins Ohr stellen dürfe, sondern gegen
-das Nervengeflecht in der Magengrube richten müsse.
-
-Ich tat es:
-
-»Hillel?«
-
-»Ja, ich höre dich!«
-
-»Ist Mirjam gesund? Weißt du alles?«, fragte ich schnell.
-
-»Ja. Ich weiß alles. Wußte es längst. -- Sei ohne Sorge, Henoch, und
-fürchte dich nicht!«
-
-»Kannst du mir verzeihen, Hillel?«
-
-»Ich sage dir doch: sei ohne Sorge.«
-
-»Werden wir uns bald wiedersehen?« -- Ich fürchtete, die Antwort nicht
-mehr verstehen zu können; schon der letzte Satz war nur noch gehaucht
-worden.
-
-»Ich hoffe es. Ich will warten -- auf dich -- wenn ich kann -- dann muß
-ich -- Land --«
-
-»Wohin? In welches Land?« -- ich fiel beinahe auf Laponder -- »In
-welches Land? In welches Land?«
-
-»-- Land -- Gad -- südlich -- Palästina --«
-
-Die Stimme erstarb.
-
-Hundert Fragen schossen mir in der Verwirrung durch den Kopf: Warum
-nennt er mich Henoch? Zwakh, Jaromir, die Uhr, Vrieslander, Angelina,
-_Charousek_.
-
-»Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen,« kam es plötzlich
-wieder laut und deutlich von den Lippen des Mörders. Diesmal in
-Charouseks Tonfall, aber ähnlich so, als hätte ich es selbst gesagt.
-
-Ich erinnerte mich: es war wörtlich der Schlußsatz aus Charouseks Brief.
---
-
-Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das Mondlicht fiel auf die
-Kopfenden des Strohsacks. In einer Viertelstunde mußte es aus der Zelle
-verschwunden sein.
-
-Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort mehr:
-
-Der Mörder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider
-geschlossen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich machte mir die heftigsten Vorwürfe, all die Tage über in Laponder
-nur den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben. --
-
-Nach dem, was ich soeben erlebt, war er offenbar ein Somnambuler -- ein
-Geschöpf, das unter dem Einfluß des Vollmonds stand.
-
-Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dämmerzustand begangen.
-Bestimmt sogar. --
-
-Jetzt, wo der Morgen graute, war die Starrheit aus seinen Zügen gewichen
-und hatte dem Ausdruck seligen Friedens Platz gemacht.
-
-So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern, der einen Mord auf dem
-Gewissen hat, sagte ich mir.
-
-Ich konnte den Moment, wo er aufwachen würde, kaum erwarten.
-
-Ob er wohl wüßte, was geschehen war?
-
-Endlich schlug er die Augen auf, begegnete meinem Blick und sah zur
-Seite.
-
-Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand: »Verzeihen Sie mir, Herr
-Laponder, daß ich bisher so unfreundlich zu Ihnen gewesen bin. Es war
-das Ungewohnte, das --«
-
-»Seien Sie überzeugt, mein Herr, ich begreife vollkommen,« unterbrach er
-mich lebhaft, »daß es ein scheußliches Gefühl sein muß, mit einem
-Lustmörder beisammen zu sein.«
-
-»Reden Sie nicht mehr davon,« bat ich. »Es ist mir heute nacht so
-mancherlei durch den Kopf gegangen und ich werde den Gedanken nicht los,
-Sie könnten vielleicht -- -- -- -- --« ich suchte nach Worten.
-
-»Sie halten mich für krank,« half er mir heraus.
-
-Ich bejahte: »Ich glaube es aus gewissen Anzeichen schließen zu dürfen.
-Ich -- ich -- darf ich Ihnen eine direkte Frage stellen, Herr Laponder?«
-
-»Ich bitte darum.«
-
-»Es klingt etwas merkwürdig, -- aber -- würden Sie mir sagen, was Sie
-heute geträumt haben?«
-
-Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Ich träume nie.«
-
-»Aber Sie haben aus dem Schlaf gesprochen.«
-
-Er blickte überrascht auf. Dachte eine Weile nach. Dann sagte er
-bestimmt:
-
-»Das kann nur geschehen sein, wenn Sie mich etwas gefragt haben.« -- Ich
-gab es zu. »Denn wie gesagt, ich träume nie. Ich -- ich wandere,« setzte
-er nach einer Pause halblaut hinzu.
-
-»Sie wandern? Wie soll ich das verstehen?«
-
-Er schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen, und ich hielt es
-für angezeigt, ihm die Gründe zu nennen, die mich bewogen hatten, in ihn
-zu dringen, und erzählte ihm in Umrissen, was nachts geschehen war.
-
-»Sie können sich fest darauf verlassen,« sagte er ernst, als ich zu Ende
-war, »daß alles auf Richtigkeit beruht, was ich im Schlaf gesprochen
-habe. Wenn ich vorhin bemerkte, daß ich nicht träume, sondern >wandere<,
-so meinte ich damit, daß mein Traumleben anders beschaffen ist als das
--- sagen wir: _normaler_ Menschen. Nennen Sie es, wenn Sie wollen, ein
-Austreten aus dem Körper. -- -- So war ich z. B. heute nacht in einem
-höchst sonderbaren Zimmer, zu dem der Eingang von unten herauf durch
-eine Falltür führte.«
-
-»Wie sah es aus?«, fragte ich rasch. »War es unbewohnt? Leer?«
-
-»Nein; es standen Möbel darin; aber nicht viele. Und ein Bett, in dem
-ein junges Mädchen schlief -- oder wie scheintot lag, -- und ein Mann
-saß neben ihr und hielt seine Hand über ihre Stirn.« -- Laponder
-schilderte die Gesichter der beiden. Kein Zweifel, es waren Hillel und
-Mirjam.
-
-Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen.
-
-»Bitte, erzählen Sie weiter. War sonst noch jemand im Zimmer?«
-
-»Sonst noch jemand? Warten Sie -- -- -- nein: sonst war niemand mehr im
-Zimmer. Ein siebenflammiger Leuchter brannte auf dem Tisch. -- Dann ging
-ich eine Wendeltreppe hinunter.«
-
-»Sie war zerbrochen?« fiel ich ein.
-
-»Zerbrochen? Nein, nein; sie war ganz in Ordnung. Und von ihr zweigte
-seitlich eine Kammer ab, darin saß ein Mann mit silbernen Schnallen an
-den Schuhen und von fremdartigem Typus, wie ich noch nie einen Menschen
-gesehen habe: von gelber Gesichtsfarbe und mit schrägstehenden Augen; --
-er war vornüber gebeugt und schien auf etwas zu warten. Auf einen
-Auftrag vielleicht.«
-
-»Ein Buch, -- ein altes großes Buch haben Sie nirgends gesehen?«,
-forschte ich.
-
-Er rieb sich die Stirn.
-
-»Ein Buch sagen Sie? -- Ja. Sehr richtig: ein Buch lag auf dem Boden. Es
-war aufgeschlagen, ganz aus Pergament, und mit einem großen, goldenen
->A< fing die Seite an.«
-
-»Mit einem >I< meinen Sie wohl?«
-
-»Nein, mit einem >A<.«
-
-»Wissen Sie das bestimmt? War es nicht ein >I<?«
-
-»Nein, es war bestimmt ein >A<.«
-
-Ich schüttelte den Kopf und fing an zu zweifeln. Offenbar hatte Laponder
-im Halbschlaf in meinem Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr
-durcheinander gebracht: Hillel, Mirjam, den Golem, das Buch Ibbur und
-den unterirdischen Gang.
-
-»Haben Sie die Gabe zu >wandern<, wie Sie es nennen, schon lang?«,
-fragte ich.
-
-»Seit meinem 21. Jahr -- -- --«, er stockte, schien nicht gern davon zu
-reden; da nahm seine Miene plötzlich den Ausdruck grenzenlosen
-Erstaunens an, und er starrte auf meine Brust, als ob er dort etwas
-sähe.
-
-Ohne auf meine Verwunderung zu achten, ergriff er hastig meine Hand und
-bat -- fast flehentlich:
-
-»Um Himmelswillen, sagen Sie mir _alles_. Es ist heute der letzte Tag,
-den ich bei Ihnen verbringen darf. Vielleicht schon in einer Stunde
-werde ich abgeholt, um mein Todesurteil anzuhören -- --.«
-
-Ich unterbrach ihn entsetzt:
-
-»Dann müssen Sie mich mitnehmen als Zeugen! Ich werde beschwören, daß
-Sie krank sind. -- Sie sind mondsüchtig. Es darf nicht sein, daß man Sie
-hinrichtet, ohne Ihren Geisteszustand untersucht zu haben. So nehmen Sie
-doch Vernunft an!«
-
-Er wehrte nervös ab: »Das ist doch so nebensächlich, -- bitte, sagen Sie
-mir alles!«
-
-»Aber was soll ich Ihnen denn sagen? -- Reden wir doch lieber von
-_Ihnen_ und -- --«
-
-»Sie müssen, ich weiß das jetzt, gewisse, seltsame Dinge erlebt haben,
-die mich nah angehen, -- näher als Sie ahnen können; -- -- ich bitte
-Sie, sagen Sie mir alles!«, flehte er.
-
-Ich konnte es nicht fassen, daß ihn mein Leben mehr interessierte als
-seine eigenen, doch wahrhaftig genügend dringenden Angelegenheiten; um
-ihn aber zu beruhigen, erzählte ich ihm alles, was mir an
-Unbegreiflichem geschehen war.
-
-Bei jedem größeren Abschnitt nickte er zufrieden, wie jemand, der eine
-Sache bis zum Grund durchschaut.
-
-Als ich zu der Stelle kam, wo die Erscheinung ohne Kopf vor mir
-gestanden und mir die schwarzroten Körner hingehalten hatte, konnte er
-es kaum erwarten, den Schluß zu erfahren.
-
-»Also, aus der Hand geschlagen haben Sie sie ihm«, murmelte er sinnend.
-»Ich hätte nie gedacht, daß es einen _dritten_ >Weg< geben könnte.«
-
-»Es war das kein dritter Weg,« sagte ich, »es war dasselbe, wie wenn ich
-die Körner abgelehnt hätte.«
-
-Er lächelte.
-
-»Glauben Sie nicht, Herr Laponder?«
-
-»Wenn Sie sie abgelehnt hätten, wären Sie wohl auch den >Weg des Lebens<
-gegangen, aber die Körner, die magische Kräfte bedeuten, wären nicht
-zurückgeblieben. -- So sind sie auf den Boden gerollt, wie Sie sagen.
-Das heißt: sie sind hier geblieben und werden von Ihren Vorfahren so
-lange behütet, bis die Zeit des Keimens da ist. Dann werden die Kräfte,
-die in Ihnen jetzt noch schlummern, lebendig werden.«
-
-Ich verstand nicht: »Von meinen Vorfahren werden die Körner behütet?«
-
-»Sie müssen es teilweise symbolisch auffassen, was Sie erlebt haben«,
-erklärte Laponder. »Der Kreis der bläulich strahlenden Menschen, der Sie
-umstand, war die Kette der ererbten >Iche<, die jeder von einer Mutter
-Geborene mit sich herumschleppt. Die Seele ist nichts >Einzelnes<, --
-sie soll es erst werden, und das nennt man dann: >Unsterblichkeit<; Ihre
-Seele ist noch zusammengesetzt aus vielen >Ichen< -- so, wie ein
-Ameisenstaat aus vielen Ameisen; Sie tragen die seelischen Reste vieler
-tausend Vorfahren in sich: -- die Häupter Ihres Geschlechtes. Bei allen
-Wesen ist es so. Wie könnte denn ein Huhn, das aus einem Ei künstlich
-erbrütet wurde, sich sogleich die richtige Nahrung suchen, wenn nicht
-die Erfahrung von Jahrmillionen in ihm stäke? -- Das Vorhandensein des
->Instinktes< verrät die Gegenwart der Vorfahren im Leib und in der
-Seele. -- Aber, verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht unterbrechen.«
-
-Ich erzählte zu Ende. Alles. Auch das, was Mirjam über den
-»Hermaphroditen« gesagt hatte.
-
-Als ich innehielt und aufblickte, bemerkte ich, daß Laponder weiß
-geworden war wie der Kalk an der Wand und Tränen über seine Wangen
-liefen.
-
-Rasch stand ich auf, tat, als sähe ich es nicht, und ging in der Zelle
-auf und nieder, um abzuwarten, bis er sich beruhigt haben würde.
-
-Dann setzte ich mich ihm gegenüber und bot meine ganze Beredsamkeit auf,
-ihn zu überzeugen, wie dringend nötig es wäre, den Richtern gegenüber
-auf seinen krankhaften Geisteszustand hinzuweisen.
-
-»Wenn Sie wenigstens den Mord nicht eingestanden hätten!«, schloß ich.
-
-»Aber ich mußte doch! Man hat mich auf mein Gewissen gefragt«, sagte er
-naiv.
-
-»Halten Sie denn eine Lüge für schlimmer als -- als einen Lustmord?«,
-fragte ich verblüfft.
-
-»Im allgemeinen vielleicht nicht, in meinem Fall gewiß. -- Sehen Sie:
-als ich vom Untersuchungsrichter gefragt wurde, ob ich gestünde, hatte
-ich die Kraft, die Wahrheit zu sagen. Es stand also in meiner Wahl, zu
-lügen oder nicht zu lügen. -- Als ich den Lustmord beging -- -- bitte,
-ersparen Sie mir die Details: es war so gräßlich, daß ich die Erinnerung
-nicht wieder aufleben lassen möchte -- -- als ich den Lustmord beging,
-da hatte ich _keine_ Wahl. Wenn ich auch bei vollkommen klarem
-Bewußtsein handelte, so hatte ich _dennoch keine Wahl_: Irgend etwas,
-dessen Vorhandensein in mir ich nie geahnt hatte, wachte auf und war
-stärker als ich. Glauben Sie, wenn ich die Wahl gehabt haben würde, ich
-hätte gemordet? -- Nie habe ich getötet -- nicht einmal das kleinste
-Tier, -- und jetzt wäre ich es schon gar nicht imstande.
-
-Nehmen Sie an, es wäre Menschengesetz: zu morden, und auf der
-Unterlassung stünde der Tod -- ähnlich wie es im Krieg der Fall ist, --
-augenblicklich hätte ich mir den Tod verdient. -- Weil mir keine Wahl
-bliebe. Ich könnte ganz einfach nicht morden. Damals, als ich den
-Lustmord beging, lag die Sache umgekehrt.«
-
-»Um so mehr, wo Sie sich jetzt quasi als ein anderer fühlen, müssen Sie
-alles aufbieten, dem Richterspruch zu entgehen!«, wandte ich ein.
-
-Laponder machte eine abwehrende Handbewegung: »Sie irren! Die Richter
-haben von ihrem Standpunkt aus ganz recht. Sollen sie einen Menschen wie
-mich vielleicht frei umherlaufen lassen? Damit morgen oder übermorgen
-wieder das Unheil losbricht?«
-
-»Nein; aber in einer Heilanstalt für Geisteskranke sollte man Sie
-internieren. Das ist es doch, was ich sage!«
-
-»Wenn ich irrsinnig wäre, hätten Sie recht«, erwiderte Laponder
-gleichmütig. »Aber ich bin nicht irrsinnig. Ich bin etwas ganz anderes,
--- etwas, was dem Irrsein sehr ähnlich sieht, aber gerade das Gegenteil
-ist. Bitte, hören Sie zu. Sie werden mich sogleich verstehen. -- -- --
-Was Sie mir vorhin von dem Phantom ohne Kopf -- ein Symbol natürlich:
-dieses Phantom, den Schlüssel können Sie leicht finden, wenn Sie darüber
-nachdenken -- erzählten, ist mir einst genau so passiert. Nur habe ich
-die Körner _angenommen_. Ich gehe also den >Weg des Todes<! -- Für mich
-ist das Heiligste, das ich denken kann: meine Schritte vom Geistigen in
-mir lenken zu lassen. Blind, vertrauensvoll, wohin der Weg auch führen
-mag: ob zum Galgen oder zum Thron, ob zur Armut oder zum Reichtum.
-Niemals habe ich gezögert, wenn die Wahl in meine Hand gelegt war.
-
-Darum habe ich auch nicht gelogen, als die Wahl in meiner Hand lag.
-
-Kennen Sie die Worte des Propheten Micha:
-
- »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist,
- und was der Herr von dir fordert,«?
-
-Würde ich gelogen haben, hätte ich eine Ursache geschaffen, weil ich die
-Wahl hatte; -- -- als ich den Mord beging, schuf ich keine Ursache; nur
-die Wirkung einer in mir schlummernden, längst gelegten _Ursache_, über
-die ich keine Gewalt mehr besaß, wurde frei.
-
-Also sind meine Hände rein.
-
-Dadurch, daß das Geistige in mir mich zum Mörder werden ließ, hat es
-eine Hinrichtung an mir vollzogen; dadurch, daß mich die Menschen an den
-Galgen knüpfen, wird mein Schicksal losgelöst von dem ihrigen: -- ich
-komme zur Freiheit.«
-
-Er ist ein Heiliger, fühlte ich, und das Haar sträubte sich mir vor
-Schauer über meine eigene Kleinheit.
-
-»Sie haben mir erzählt, daß Sie durch den hypnotischen Eingriff eines
-Arztes in Ihr Bewußtsein lange die Erinnerung an Ihre Jugendzeit
-vergessen hatten«, fuhr er fort. »Es ist das das Kennzeichen, -- das
-Stigma -- aller derer, die von der >Schlange des geistigen Reiches<
-gebissen sind. Es scheint fast, als müßten in uns zwei Leben
-aufeinandergepfropft werden, wie ein Edelreis auf den wilden Baum, ehe
-das _Wunder der Erweckung_ geschehen kann; -- was sonst durch den Tod
-getrennt wird, geschieht hier durch Erlöschen der Erinnerung -- manchmal
-nur durch eine plötzliche innere Umkehr.
-
-Bei mir war es so, daß ich scheinbar ohne äußere Ursache in meinem 21.
-Jahr eines Morgens wie verändert erwachte. Was mir bis dahin lieb
-gewesen, erschien mir mit einem Mal gleichgültig: Das Leben kam mir dumm
-vor wie eine Indianergeschichte und verlor an Wirklichkeit; die Träume
-wurden zu Gewißheit -- zu apodiktischer, beweiskräftiger Gewißheit,
-verstehen Sie wohl: _zu beweiskräftiger, realer_ Gewißheit, und das
-Leben des Tages wurde zum Traum.
-
-Alle Menschen könnten das, wenn sie den Schlüssel hätten. Und der
-Schlüssel liegt einzig und allein darin, daß man sich seiner
->Ichgestalt<, sozusagen seiner _Haut_, im Schlaf bewußt wird, -- die
-schmale Ritze findet, durch die sich das Bewußtsein zwängt zwischen
-Wachsein und Tiefschlaf.
-
-Darum sagte ich vorhin: ich >wandere< und nicht: >ich träume<.
-
-Das Ringen nach der Unsterblichkeit ist ein Kampf um das Zepter gegen
-die uns innewohnenden Klänge und Gespenster; und das Warten auf das
-Königwerden des eigenen >Ichs< ist das Warten auf den Messias.
-
-Der schemenhafte Habal Garmin, den Sie gesehen haben, der >Hauch der
-Knochen< der Kabbala, das war der König. Wenn er gekrönt sein wird, --
-dann reißt der Strick entzwei, mit dem Sie durch die äußern Sinne und
-den Schornstein des Verstandes an die Welt gebunden sind.
-
-Wieso es kommen konnte, daß ich trotz meinem Losgetrenntsein vom Leben
-über Nacht zum Lustmörder werden konnte, fragen Sie mich? Der Mensch ist
-wie ein Glasrohr, durch das bunte Kugeln laufen: bei fast allen im Leben
-nur eine. Ist die Kugel rot, heißt der Mensch: >schlecht<. Ist sie gelb,
-dann ist der Mensch: >gut<. Laufen zwei hintereinander -- eine rote und
-eine gelbe, dann hat >man< einen >ungefestigten< Charakter. Wir von der
->Schlange Gebissenen<, machen in einem Leben durch, was sonst an der
-ganzen Rasse in einem Weltenalter geschieht: die farbigen Kugeln rasen
-hintereinander her durch das Glasrohr, und wenn sie zu Ende sind -- --
-dann sind wir Propheten, -- sind die Spiegel Gottes geworden.«
-
-Laponder schwieg.
-
-Lange konnte ich kein Wort sprechen. Seine Rede hatte mich fast betäubt.
-
-»Weshalb fragten Sie mich vorhin so ängstlich nach _meinen_ Erlebnissen,
-wo Sie doch so viel, viel höher stehen als ich?«, fing ich endlich
-wieder an.
-
-»Sie irren,« sagte Laponder, »ich stehe weit _unter_ Ihnen. -- Ich
-fragte Sie, weil ich fühlte, daß Sie den Schlüssel besitzen, der mir
-noch fehlte.«
-
-»Ich? Einen Schlüssel? O Gott!«
-
-»Jawohl _Sie_! Und Sie haben ihn mir gegeben. -- Ich glaube nicht, daß
-es einen glücklicheren Menschen auf Erden gibt, als ich es heute bin.«
-
-Draußen entstand ein Geräusch; die Riegel wurden zurückgeschoben, --
-Laponder achtete kaum darauf:
-
-»Das mit dem Hermaphroditen war der Schlüssel. Jetzt habe ich die
-Gewißheit. Schon deshalb bin ich froh, daß man mich holen kommt, denn
-bald bin ich am Ziel.«
-
-Vor Tränen konnte ich Laponders Gesicht nicht mehr unterscheiden, ich
-_hörte_ nur das Lächeln in seiner Stimme.
-
-»Und jetzt: leben Sie wohl, Herr Pernath, und denken Sie: das, was man
-morgen aufhenkt, sind nur meine Kleider; Sie haben mir das Schönste
-eröffnet, -- das Letzte, was ich noch nicht wußte. Jetzt geht's zur
-Hochzeit -- -- -- --,« er stand auf und folgte dem Gefangenwärter -- »es
-hängt mit dem Lustmord eng zusammen«, waren die letzten Worte, die ich
-hörte und nur dunkel begriff.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-So oft seit jener Nacht der Vollmond am Himmel stand, glaubte ich immer
-wieder Laponders schlafendes Gesicht auf der grauen Leinwand des Bettes
-liegen zu sehen.
-
-In den nächsten Tagen, nachdem er weggeführt worden war, hatte ich ein
-Hämmern und Zimmern aus dem Hinrichtungshof heraufdröhnen hören, das
-manchmal bis zum Morgengrauen dauerte.
-
-Ich erriet, was es bedeutete, und hielt mir stundenlang die Ohren zu vor
-Verzweiflung.
-
-Monat um Monat verfloß. Ich sah, wie der Sommer zerrann, am Krankwerden
-des kümmerlichen Laubs im Hof; roch es an dem pelzigen Hauch, der aus
-den Mauern drang.
-
-Wenn mein Blick bei den Rundgängen auf den sterbenden Baum fiel und das
-eingewachsene Glasbild der Heiligen in seiner Rinde, zog ich
-unwillkürlich jedesmal den Vergleich, wie tief sich auch Laponders
-Gesicht in mich eingegraben hatte. Beständig trug ich es in mir herum
-dieses Buddhagesicht mit der faltenlosen Haut und dem seltsamen,
-immerwährenden Lächeln.
-
-Ein einziges Mal noch -- im September -- hatte mich der
-Untersuchungsrichter holen lassen und mißtrauisch gefragt, wie ich es
-begründen könne, daß ich bei dem Bankschalter gesagt, ich müsse dringend
-verreisen, und warum ich in den Stunden vor meiner Verhaftung so unruhig
-gewesen wäre und meine sämtlichen Edelsteine zu mir gesteckt hätte.
-
-Auf meine Antwort, ich sei mit der Absicht umgegangen, mir das Leben zu
-nehmen, hatte es wieder hinter dem Schreibtisch höhnisch gemeckert. --
-
-Bis dahin war ich allein in meiner Zelle gewesen und konnte meinen
-Gedanken, meiner Trauer um Charousek, der, wie ich fühlte, längst tot
-sein mußte, und Laponder und meiner Sehnsucht um Mirjam nachhängen.
-
-Dann kamen wieder neue Gefangene: diebische Kommis mit verlebten
-Gesichtern, dickwanstige Bankkassierer, -- »Waisenkinder«, wie der
-schwarze Vóssatka sie genannt haben würde, -- und verpesteten mir die
-Luft und die Stimmung.
-
-Eines Tages gab einer von ihnen voll Entrüstung zum besten, daß vor
-geraumer Zeit ein Lustmord in der Stadt geschehen sei. Zum Glück hätte
-man den Täter sogleich erwischt und kurzen Prozeß mit ihm gemacht.
-
-»Laponder hat er geheißen, der Schuft, der gottserbärmliche«, schrie ein
-Kerl mit einer Raubtierschnauze, der wegen Kindsmißhandlung zu -- 14
-Tagen Gefängnis verurteilt worden war, dazwischen. »Auf frischer Tat
-habn's'n g'faßt. Die Lampen is umg'fallen bei dem Krawall und's Zimmer
-is ausbrennt. Die Leich' von dem Madel is dabei so verkohlt, daß mer bis
-zum heutigen Tage noch nöt hat rausbringen können, wer sie eigentlich
-war. Schwarze Haar hat's g'habt und a schmal's G'sicht, dös is alls, was
-mer weiß. Und der Laponder hat net ums Verrecken rausg'ruckt mit ihrem
-Namen. -- Wann's nach mir gangen wär, i hätt ihm d'Haut ab'zogen und
-Pfeffer drauf g'streut. -- Dös san halt die feinen Herren! Mörder san's,
-alle z'samm. -- -- -- -- Als ob's net anderne Mittel g'nua gebet, wann
-aner a Madel los sein wüll«, setzte er mit zynischem Lächeln hinzu.
-
-Die Wut kochte in mir und am liebsten hätte ich den Halunken zu Boden
-geschlagen.
-
-Nacht für Nacht schnarchte er in dem Bett, auf dem Laponder gelegen. Ich
-atmete auf, als er endlich freigelassen wurde.
-
-Aber selbst da war ich ihn noch nicht los. Seine Rede hatte sich wie ein
-Pfeil mit Widerhaken in mich eingebohrt.
-
-Fast beständig, hauptsächlich in der Dunkelheit, nagte jetzt in mir der
-grausige Verdacht, Mirjam könne das Opfer Laponders gewesen sein.
-
-Je mehr ich dagegen ankämpfte, desto tiefer verstrickte ich mich in dem
-Gedanken, bis er beinahe zur fixen Idee wurde.
-
-Manchmal, besonders wenn der Mond grell durchs Gitter schien, wurde es
-besser: ich konnte mir die Stunden, die ich mit Laponder verlebt, dann
-lebendig machen, und das tiefe Gefühl für ihn verscheuchte mir die Qual,
--- aber nur zu oft kamen die gräßlichen Minuten wieder, wo ich Mirjam
-ermordet und verkohlt im Geiste vor mir sah und glaubte, vor Angst den
-Verstand verlieren zu müssen.
-
-Die schwachen Anhaltspunkte, die ich für meinen Verdacht hatte,
-verdichteten sich in solchen Zeiten zu einem geschlossenen Ganzen, -- zu
-einem Gemälde voll unbeschreiblich entsetzenerregender Einzelheiten.
-
-Anfangs November gegen 10 Uhr abends, es war bereits stockfinster und
-die Verzweiflung in mir hatte einen derartigen Höhepunkt erreicht, daß
-ich mich, um nicht laut aufzuschreien, in meinen Strohsack verbiß wie
-ein verdurstendes Tier, öffnete plötzlich der Gefangenwärter die Zelle
-und forderte mich auf, mit ihm zum Untersuchungsrichter zu kommen. Ich
-fühlte mich so schwach, daß ich mehr taumelte als ging.
-
-Die Hoffnung, jemals dieses schreckliche Haus verlassen zu dürfen, war
-längst in mir gestorben.
-
-Ich machte mich darauf gefaßt, wieder eine kalte Frage gestellt zu
-bekommen, das stereotype Gemecker hinter dem Schreibtisch zu hören und
-dann zurück in die Finsternis zu müssen.
-
-Der Herr Baron Leisetreter war bereits nach Hause gegangen und nur ein
-alter, buckliger Schreiber mit Spinnenfingern stand im Zimmer.
-
-Dumpf wartete ich, was mit mir geschehen würde.
-
-Es fiel mir auf, daß der Gefangenwärter mit hereingekommen war und mir
-gutmütig zublinzelte, aber ich war viel zu niedergeschlagen, als daß ich
-mir über die Bedeutung alles dessen hätte klarwerden können.
-
-»Die Untersuchung hat ergeben«, fing der Schreiber an, meckerte, stieg
-auf einen Sessel und kramte erst lange auf dem Bücherbord nach
-Schriftstücken, ehe er fortfuhr: »hat ergeben, daß der in Frage kommende
-Karl Zottmann vor seinem Tode anläßlich einer heimlichen Zusammenkunft
-mit der unverehelichten ehemaligen Prostituierten Rosina Metzeles, die
-damaliger Zeit den Spitznamen >die rote Rosina< führte, dann später von
-einem taubstummen, nunmehr unter polizeilicher Aufsicht stehenden
-Silhubettenschneider namens Jaromir Kwáßnitschka aus dem Weinsalon
->Kautsky< losgekauft wurde und seit einigen Monaten mit Seiner
-Durchlaucht dem Fürsten Ferri Athenstädt im gemeinsamen, wilden
-Konkubinate als Majteresse lebt, von hinterlistiger Hand in ein
-unterirdisches, aufgelassenes Kellergewölbe des Hauses Nummer
-^conscriptionis^ 21873, gebrochen durch römisch III, der Hahnpaßgasse,
-laufende Nummero sieben, gelockt, dortselbst eingeschlossen und sich
-selbst, beziehungsweise dem Tode durch Verhungern oder Erfrieren
-überlassen wurde. -- -- Der obenerwähnte Zottmann nämlich«, erklärte der
-Schreiber mit einem Blick über die Brille hinweg und blätterte ein
-paarmal um.
-
-»Die Untersuchung hat weiters ergeben, daß der obenerwähnte Karl
-Zottmann allem Anscheine nach -- nach eingetretenem Ableben -- seiner
-sämtlichen bei ihm getragenen Habseligkeiten, insbesondere seiner sub
-faszikel römisch P gebrochen durch >Bäh< beigeschlossenen
-doppelmanteligen Taschenuhr« -- der Schreiber hob die Uhr an der Kette
-in die Höhe -- »beraubt wurde. Der eidesstattlichen Aussage des
-Silhubettenschnitzers Jaromir Kwáßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17
-Jahren verstorbenen Hostienbäckers gleichen Namens: die Uhr im Bett
-seines inzwischen flüchtig gegangenen Bruders Loisa gefunden und an den
-Altwarenhändler und mehrfachen, inzwischen aus dem Leben geschiedenen
-Realitätenbesitzer Aaron Wassertrum gegen Inempfangnahme von Geldeswert
-veräußert zu haben, konnte mangels Glaubwürdigkeit kein Gewicht
-beigelegt werden.
-
-Die Untersuchung hat weiters ergeben, daß die Leiche des erwähnten Karl
-Zottmann in der rückwärtigen Hosentasche zur Zeit ihrer Auffindung ein
-Notizbuch bei sich trug, in der sie vermutlich bereits einige Tage vor
-erfolgtem Ableben mehrere den Tatbestand erhellende und die Ergreifung
-des Täters durch die k. k. Behörden erleichternde Eintragungen
-vorgenommen hatte.
-
-Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft wurde demzufolge
-auf den nunmehr durch die Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend
-verdächtig gewordenen _Loisa_ Kwáßnitschka, zurzeit flüchtig, gelenkt
-und unter einem verfügt, die Untersuchungshaft gegen Athanasius Pernath,
-Gemmenschneider, dermalen noch unbescholten, aufzuheben, und das
-Verfahren gegen ihn einzustellen.
-
-Prag im Juli
-
- gezeichnet
- Dr. Freiherr von Leisetreter.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Boden schwankte unter meinen Füßen, und ich verlor eine Minute das
-Bewußtsein.
-
-Als ich erwachte, saß ich auf einem Stuhl, und der Gefangenwärter
-klopfte mir freundlich auf die Schulter.
-
-Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben, schnupfte, schneuzte sich
-und sagte zu mir:
-
-»Die Verlesung der Verfügung hat sich bis heute hinausgezogen, weil Ihr
-Name mit einem >Päh< beginnt und naturgemäß im Alphabet erst gegen
-Schluß vorkommen kann.« -- Dann las er weiter:
-
-Ȇberdies ist der Athanasius Pernath, Gemmenschneider, in Kenntnis zu
-setzen, daß ihm laut testamentarischer Verfügung des im Mai mit Tod
-abgegangenen ^stud. med.^ Innocenz Charousek ein Drittel von dessen
-gesamter Verlassenschaft ins Erbe zugefallen ist, und ist er zur
-Unterfertigung des Protokolles hiermit anzuhalten.«
-
-Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder eingetunkt und fing
-an zu schmieren.
-
-Ich erwartete gewohnheitsmäßig, daß er meckern würde, aber er meckerte
-nicht.
-
-»Innocenz Charousek«, murmelte ich ihm wie geistesabwesend nach.
-
-Der Gefangenwärter beugte sich über mich und flüsterte mir ins Ohr:
-
-»Kurz vor seinem Tode war er bei mir, der Herr Dr. Charousek, und hat
-sich nach Ihnen erkundigt. Er läßt Sie viel--vielmals grüßen, hat er
-g'sagt. Ich hab's natürlich damals nicht ausrichten dürfen. Es ist
-streng verboten. Ein schreckliches Ende hat er übrigens genommen, der
-Herr Dr. Charousek. Er hat sich selbst entleibt. Man hat ihn tot auf dem
-Grabhügel des Aaron Wassertrum, auf der Brust liegend, gefunden. -- Er
-hat zwei tiefe Löcher in die Erde gegraben gehabt, sich die Pulsadern
-aufgeschnitten und dann die Arme in die Löcher gesteckt. So ist er
-verblutet. Er ist wahrscheinlich wahnsinnig gewesen, der Herr Dr. Char
--- -- --«
-
-Der Schreiber schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück und reichte mir die
-Feder zum Unterschreiben.
-
-Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im Tonfall seines
-freiherrlichen Vorgesetzten:
-
-»Gefangenwärter, führen Sie den Mann hinaus.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wie vor langer, langer Zeit hatte wiederum der Mann mit Säbel und
-Unterhosen im Torzimmer seine Kaffeemühle vom Schoß genommen; nur daß er
-mich diesmal nicht untersuchte und mir meine Edelsteine, das
-Portemonnaie mit den zehn Gulden darin, meinen Mantel und alles übrige
-zurückgab.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Dann stand ich auf der Straße.
-
-»Mirjam! Mirjam! Jetzt endlich naht das Wiedersehen!« -- Ich
-unterdrückte einen Schrei wildesten Entzückens.
-
-Es mußte Mitternacht sein. Der Vollmond schwebte glanzlos wie ein fahler
-Messingteller hinter Dunstschleiern.
-
-Das Pflaster war mit einer zähen Schicht von Schmutz bedeckt.
-
-Ich wankte auf eine Droschke zu, die im Nebel aussah wie ein
-zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer. Meine Beine versagten
-fast den Dienst; ich hatte das Gehen verlernt und taumelte -- auf
-empfindungslosen Sohlen wie ein Rückenmarkskranker. -- --
-
-»Kutscher, fahren Sie mich, so rasch Sie können, in die Hahnpaßgasse 7!
--- Haben Sie mich verstanden?: -- Hahnpaßgasse 7.«
-
-
-
-
- Frei
-
-
-Nach wenigen Metern Fahrt blieb die Droschke stehn.
-
-»Hahnpaßgassä, gnä' Herr?«
-
-»Ja, ja, nur rasch.«
-
-Wieder fuhr der Wagen ein Stück weiter. Wieder blieb er stehen.
-
-»Um Himmels willen, was gibt's denn?«
-
-»Hahnpaßgassä, gnä' Herr?«
-
-»Ja, ja. Ja doch.«
-
-»In die Hahnpaßgassä kann me doch nicht fahrrähn!«
-
-»Warum denn nicht?«
-
-»Ise sich doch ieberall Pflaste aufgrissen, Judenstadt wirde sich doch
-assaniert.«
-
-»Also fahren Sie eben, soweit Sie können, aber jetzt rasch gefälligst.«
-
-Die Droschke machte einen einzigen Galoppsprung und stolperte dann
-gemächlich weiter.
-
-Ich ließ die klapprigen Fenster herunter und sog mit gierigen Lungen die
-Nachtluft ein.
-
-Alles war mir so fremd geworden, so unbegreiflich neu: die Häuser, die
-Straßen, die geschlossenen Läden.
-
-Ein weißer Hund trabte einsam und mißgelaunt auf dem nassen Trottoir
-vorüber. Ich sah ihm nach. -- Wie sonderbar!! Ein Hund! Ich hatte ganz
-vergessen, daß es solche Tiere gab. -- Vor Freude kindisch rief ich ihm
-nach: »Aber, aber! Wie kann man nur so verdrossen sein.« -- -- --
-
-Was Hillel wohl sagen würde!? -- Und Mirjam?
-
-Nur noch wenige Minuten und ich war bei ihnen. Nicht eher wollte ich
-aufhören, an ihre Türe zu klopfen, bis ich sie aus den Federn getrieben.
-
-Jetzt war ja alles gut -- all der Jammer dieses Jahres vorüber! --
-
-Würde das ein Weihnachten werden!
-
-Diesmal durfte ich es nicht verschlafen, wie das letztemal.
-
-Einen Augenblick lähmte mich wieder das alte Entsetzen: die Worte des
-Sträflings mit der Raubtierschnauze fielen mir ein. Das verbrannte
-Gesicht -- der Lustmord -- aber nein, nein! -- Ich schüttelte es
-gewaltsam ab: nein, nein, es konnte, es konnte nicht sein. -- Mirjam
-lebte! Ich hatte doch ihre Stimme aus Laponders Mund gehört.
-
-Nur noch eine Minute -- eine halbe -- -- und dann --
-
-Die Droschke hielt vor einem Trümmerhaufen. Barrikaden aus
-Pflastersteinen überall!
-
-Rote Laternen brannten darauf.
-
-Beim Schein von Fackeln grub und schaufelte ein Heer von Arbeitern.
-
-Halden von Schutt und Mauerbrocken versperrten den Weg. Ich kletterte
-umher, versank bis ans Knie.
-
-Das hier, das mußte doch die Hahnpaßgasse sein?!
-
-Mühsam orientierte ich mich. Nichts als Ruinen ringsum.
-
-Stand denn da nicht das Haus, in dem ich gewohnt hatte?
-
-Die Vorderseite war eingerissen.
-
-Ich kletterte auf einen Erdhügel; tief unter mir lief ein schwarzer,
-gemauerter Gang die ehemalige Gasse entlang. Ich schaute empor: wie
-riesige Bienenzellen hingen die bloßgelegten Wohnräume in der Luft, halb
-vom Fackelschein, halb von dem trüben Mondlicht beschienen.
-
-Das dort oben, das mußte mein Zimmer sein -- ich erkannte es an der
-Bemalung der Wände.
-
-Nur noch ein Streifen davon war übrig.
-
-Und daranstoßend das Atelier -- Saviolis. Mir wurde plötzlich ganz leer
-im Herzen. Wie seltsam! Das Atelier! -- Angelina! -- -- So weit, so
-unabsehbar fern lag das alles hinter mir!
-
-Ich drehte mich um: von dem Haus, in dem Wassertrum gewohnt, kein Stein
-mehr auf dem andern. Alles dem Erdboden gleichgemacht: der Trödlerladen,
-die Kellerwohnung Charouseks -- -- -- alles, alles.
-
-»Der Mensch geht dahin wie ein Schatten« -- fiel mir ein Satz ein, den
-ich einmal irgendwo gelesen.
-
-Ich fragte einen Arbeiter, ob er nicht wisse, wo die Leute jetzt
-wohnten, die hier ausgezogen seien; ob er vielleicht den Archivar
-Schemajah Hillel kenne.
-
-»Nix daitsch«, war die Antwort.
-
-Ich schenkte dem Mann einen Gulden: er verstand zwar sofort deutsch,
-konnte mir aber keine Antwort geben.
-
-Auch von seinen Kameraden niemand.
-
-Vielleicht, daß beim »Loisitschek« etwas zu erfahren wäre?
-
-Der »Loisitschek« sei gesperrt, hieß es, das Haus würde renoviert.
-
-Also irgend jemand in der Nachbarschaft wecken! -- Ging das nicht?
-
-»Weit a breit wohnt sich keine Katz,« sagte der Arbeiter, »weil ise
-behärdlich verbotten. Von wägen Typhus.«
-
-»Der >Ungelt<? Der wird doch offen haben?«
-
-»Ungelt ise sich geschlossen.«
-
-»Bestimmt?«
-
-»Bestimmt!«
-
-Aufs Geratewohl nannte ich ein paar Namen von Höcklern und
-Tabaktrafikantinnen, die in der Nähe gewohnt hatten; dann die Namen
-Zwakh, Vrieslander, Prokop -- --
-
-Bei allen schüttelte der Mann den Kopf.
-
-»Vielleicht kennen Sie den Jaromir Kwáßnitschka?«
-
-Der Arbeiter horchte auf.
-
-»Jaromir? Ise sich taubstumm?«
-
-Ich jubelte. Gott sei Dank. Wenigstens ein Bekannter.
-
-»Ja, er ist taubstumm. Wo wohnt er?«
-
-»Schneit e' sich Bildeln aus? Aus schwarzem Pappjir?«
-
-»Ja. Er ist es schon. Wo kann ich ihn wohl treffen?«
-
-So umständlich wie möglich bezeichnete mir der Mann ein Nachtcaféhaus in
-der inneren Stadt und fing sofort wieder an zu schaufeln.
-
-Über eine Stunde lang watete ich durch Schuttfelder, balancierte über
-schwankende Bretter und kroch unter Querbalken durch, die die Straßen
-versperrten. Das ganze Judenviertel war eine einzige Steinwüste, als
-hätte ein Erdbeben die Stadt zerstört.
-
-Atemlos vor Aufregung, schmutzbedeckt und mit zerrissenen Schuhen fand
-ich mich endlich aus dem Labyrinth heraus.
-
-Ein paar Häuserreihen, und ich stand vor der gesuchten Spelunke.
-
-»Café Chaos« stand darüber geschrieben.
-
-Ein menschenleeres, winziges Lokal, das kaum genügend Platz ließ für die
-paar Tische, die an die Wände gerückt waren.
-
-In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief ein Kellner und
-schnarchte.
-
-Ein Marktweib, mit einem Gemüsekorb vor sich, saß in der Ecke und nickte
-über einem Glas Caj.
-
-Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu fragen, was ich
-wünschte. Bei dem frechen Blick, mit dem er mich von Kopf bis zu Fuß
-musterte, kam mir erst zum Bewußtsein, wie abgerissen ich aussehen
-mußte.
-
-Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte mich: ein fremdes,
-blutleeres Gesicht, faltig, grau wie Kitt, mit struppigem Bart und
-wirrem, langem Haar starrte mir entgegen.
-
-Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen sei, fragte ich und
-bestellte schwarzen Kaffee.
-
-»Woaß net, wo er so lang bleibt«, war die gegähnte Antwort.
-
-Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard und schlief weiter.
-
-Ich nahm das »Prager Tagblatt« von der Wand und -- wartete.
-
-Die Buchstaben liefen wie Ameisen über die Seiten und ich begriff nicht
-ein einziges Wort von dem, was ich las.
-
-Die Stunden vergingen und hinter den Scheiben zeigte sich bereits das
-verdächtige tiefe Dunkelblau, das den Einbruch der Morgendämmerung für
-ein Lokal mit Gasbeleuchtung anzeigt.
-
-Hie und da spähten ein paar Schutzleute mit grünlich schillernden
-Federbüschen herein und gingen in langsamem, schwerem Schritt wieder
-weiter.
-
-Drei übernächtig aussehende Soldaten traten ein.
-
-Ein Straßenkehrer nahm einen Schnaps.
-
-Endlich, endlich: Jaromir.
-
-Er hatte sich so verändert, daß ich ihn anfangs gar nicht
-wiedererkannte: die Augen erloschen, die Vorderzähne ausgefallen, das
-Haar schütter und tiefe Höhlen hinter den Ohren.
-
-Ich war so froh, nach so langer Zeit wieder ein bekanntes Gesicht zu
-sehen, daß ich aufsprang, ihm entgegenging und seine Hand faßte.
-
-Er benahm sich außerordentlich scheu und blickte immerwährend nach der
-Türe. Durch alle möglichen Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen,
-daß ich mich freute, ihn getroffen zu haben. -- Er schien es mir lange
-nicht zu glauben.
-
-Aber, was für Fragen ich auch stellte, stets die gleiche hilflose
-Handbewegung des Nichtverstehens bei ihm.
-
-Wie konnte ich mich nur verständlich machen?!
-
-Halt! Eine Idee!
-
-Ich ließ mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander die
-Gesichter von Zwakh, Vrieslander und Prokop auf.
-
-»Was? Alle nicht mehr in Prag?«
-
-Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum, machte die Gebärde des
-Geldzählens, marschierte mit den Fingern über den Tisch, schlug sich auf
-den Handrücken. Ich erriet: alle drei hatten wahrscheinlich von
-Charousek Geld bekommen und zogen jetzt als kaufmännische Kompagnie mit
-dem vergrößerten Marionettentheater durch die Welt.
-
-»Und Hillel? Wo wohnt er jetzt?« -- Ich zeichnete sein Gesicht, ein Haus
-dazu und ein Fragezeichen.
-
-Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht; -- er konnte nicht lesen, aber
-er begriff, was ich wollte, -- nahm ein Streichholz, warf es scheinbar
-in die Höhe und ließ es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden.
-
-Was bedeutete das? Hillel sollte auch verreist sein?
-
-Ich zeichnete das jüdische Rathaus auf.
-
-Der Taubstumme schüttelte heftig den Kopf.
-
-»Hillel ist also nicht mehr dort?«
-
-»Nein!« (Kopfschütteln.)
-
-»Wo ist er denn?«
-
-Wieder das Spiel mit dem Streichholz.
-
-»Er meint halt, daß der Herr weg ist, und niem'd weiß nicht, wohin«,
-mischte sich der Straßenkehrer, der uns die ganze Zeit über interessiert
-zugesehen hatte, belehrend ein.
-
-Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen: Hillel fort! -- Jetzt
-war ich ganz allein auf der Welt. -- -- Die Gegenstände im Zimmer fingen
-an vor meinen Augen zu flimmern.
-
-»Und Mirjam?«
-
-Meine Hand zitterte so stark, daß ich ihr Gesicht lange nicht ähnlich
-zeichnen konnte.
-
-»Ist Mirjam auch verschwunden?«
-
-»Ja. Auch verschwunden. Spurlos.«
-
-Ich stöhnte laut auf, lief im Zimmer hin und her, daß die drei Soldaten
-einander fragend anblickten.
-
-Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemühte sich, mir noch etwas
-anderes mitzuteilen, was er erfahren zu haben schien: er legte den Kopf
-auf den Arm, wie jemand, der schläft.
-
-Ich hielt mich an der Tischplatte: »Um Gottes Christi willen, Mirjam ist
-gestorben?«
-
-Kopfschütteln. Jaromir wiederholte die Gebärde des Schlafens.
-
-»War Mirjam krank gewesen?« Ich zeichnete eine Medizinflasche.
-
-Kopfschütteln. Wieder legte Jaromir die Stirn auf den Arm. -- -- --
-
-Das Zwielicht kam, eine Gasflamme nach der andern erlosch und noch immer
-konnte ich nicht herausbringen, was die Geste bedeuten sollte.
-
-Ich gab es auf. Dachte nach.
-
-Das einzige, was mir zu tun blieb, war, in aller Frühe auf das jüdische
-Rathaus zu gehen, um dort Erkundigungen einzuziehen, wohin Hillel mit
-Mirjam gereist sein könne.
-
-_Ich mußte ihm nach._ -- -- --
-
-Wortlos saß ich neben Jaromir. Stumm und taub wie er.
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-Als ich nach einer langen Zeit aufblickte, sah ich, daß er mit einer
-Schere an einer Silhouette herumschnitt.
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-Ich erkannte das Profil Rosinas. Er reichte mir das Blatt über den Tisch
-herüber, legte die Hand auf die Augen und -- -- weinte still vor sich
-hin. -- --
-
-Dann sprang er plötzlich auf und taumelte ohne Gruß zur Tür hinaus.
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-Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne Grund ausgeblieben
-und nicht mehr wiedergekommen; seine Tochter habe er jedenfalls
-mitgenommen, denn auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit
-jener Zeit, hatte man mir auf dem jüdischen Rathaus gesagt. Das war
-alles, was ich erfahren konnte.
-
-Keine Spur, wohin sie sich gewandt haben mochten.
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-Auf der Bank hieß es, mein Geld sei gerichtlich immer noch mit Beschlag
-belegt, man erwarte aber täglich den Bescheid, es mir auszahlen zu
-dürfen.
-
-Also auch die Erbschaft Charouseks mußte noch den Amtsweg gehen, und ich
-wartete doch mit brennender Ungeduld auf das Geld, um dann alles
-aufzubieten, Hillels und Mirjams Spur zu suchen.
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-Ich hatte meine Edelsteine verkauft, die ich noch in der Tasche gehabt,
-und mir zwei kleine, möblierte, aneinanderstoßende Dachkammern in der
-Altschulgasse -- die einzige Gasse, die von der Assanierung der
-Judenstadt verschont geblieben, -- gemietet.
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-Sonderbarer Zufall: es war dasselbe wohlbekannte Haus, von dem die Sage
-ging, der Golem sei einst darin verschwunden.
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-Ich hatte mich bei den Bewohnern -- zumeist kleine Kaufleute oder
-Handwerker -- erkundigt, was denn Wahres an dem Gerücht von dem »Zimmer
-ohne Zugang« sei und war ausgelacht worden. -- Wie man einen derartigen
-Unsinn denn glauben könne!
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-Meine eigenen Erlebnisse, die sich darauf bezogen, hatten im Gefängnis
-die Blässe eines längst verwehten Traumbildes angenommen und ich sah in
-ihnen nur noch Symbole ohne Blut und Leben, -- strich sie aus dem Buch
-meiner Erinnerungen.
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-Die Worte Laponders, die ich zuweilen so klar in mir hörte, als säße er
-mir gegenüber wie damals in der Zelle und spräche zu mir, bestärkten
-mich darin, daß ich rein innerlich geschaut haben müsse, was mir ehedem
-greifbare Wirklichkeit geschienen.
-
-War denn nicht alles vergangen und verschwunden, was ich einst besessen
-hatte? Das Buch Ibbur, das phantastische Tarokspiel, Angelina und sogar
-meine alten Freunde Zwakh, Vrieslander und Prokop!
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-
-Es war Weihnachtsabend, und ich hatte mir einen kleinen Baum mit roten
-Kerzen nach Hause gebracht. Ich wollte noch einmal jung sein und
-Lichterglanz um mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem
-Wachs.
-
-Ehe das Jahr zu Ende ging, war ich vielleicht schon unterwegs und suchte
-in Städten und Dörfern, oder wohin es mich innerlich ziehen würde, nach
-Hillel und Mirjam.
-
-Alle Ungeduld, alles Warten war allmählich von mir gewichen und alle
-Furcht, Mirjam könne ermordet worden sein, und mit dem Herzen wußte ich,
-ich würde sie beide finden.
-
-Es war ein beständiges glückliches Lächeln in mir, und wenn ich meine
-Hand auf etwas legte, kam mir's vor, als ginge ein Heilen von ihr aus.
-Die Zufriedenheit eines Menschen, der nach langer Wanderung heimkehrt
-und die Türme seiner Vaterstadt von weitem blinken sieht, erfüllte mich
-auf ganz sonderbare Weise.
-
-Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen, um Jaromir zum
-Weihnachtsabend zu mir zu holen. -- Er habe sich nie mehr blicken
-lassen, erfuhr ich, und schon wollte ich betrübt wieder gehen, da kam
-ein alter Tabulettkrämer herein und bot kleine, wertlose Antiquitäten
-zum Kauf an.
-
-Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhängseln, kleinen
-Kruzifixen, Kammnadeln und Broschen herum, da fiel mir ein Herz aus
-rotem Stein an einem verschossenen Seidenbande in die Hand und ich
-erkannte es voll Erstaunen als das Andenken, das mir Angelina, als sie
-noch ein kleines Mädchen gewesen, einst beim Springbrunnen in ihrem
-Schloß geschenkt hatte.
-
-Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor mir, als sähe ich in
-einen Guckkasten tief hinein in ein kindlich gemaltes Bild. --
-
-Lange, lange stand ich erschüttert da und starrte auf das kleine, rote
-Herz in meiner Hand.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich saß in der Dachkammer und lauschte dem Knistern der Tannennadeln,
-wenn hie und da ein kleiner Zweig über den Wachskerzen zu glimmen
-begann.
-
-»Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der alte Zwakh irgendwo
-in der Welt seinen >Marionettenweihnachtsabend<«, malte ich mir aus, --
-»und deklamiert mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines
-Lieblingsdichters Oskar Wiener«:
-
- »Wo ist das Herz aus rotem Stein!
- Es hängt an einem Seidenbande.
- O du, o gib das Herz nicht her;
- Ich war ihm treu und hatt' es lieb,
- Und diente sieben Jahre schwer
- Um dieses Herz, und hatt' es lieb!«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Eigentümlich feierlich wurde mir plötzlich zumute.
-
-Die Kerzen waren heruntergebrannt. Nur eine einzige flackerte noch.
-Rauch ballte sich im Zimmer.
-
-Als ob mich eine Hand zöge, wandte ich mich plötzlich um und:
-
-_Da stand mein Ebenbild auf der Schwelle. Mein Doppelgänger. In einem
-weißen Mantel. Eine Krone auf dem Kopf._
-
-Nur einen Augenblick.
-
-Dann brachen Flammen durch das Holz der Tür und eine Wolke erstickenden
-heißen Qualms schlug herein:
-
-Feuersbrunst im Haus! Feuer! Feuer!
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich reiße das Fenster auf. Klettere auf das Dach hinaus.
-
-Von weitem rast schon das gellende Klingeln der Feuerwehr heran.
-
-Blitzende Helme und abgehackte Kommandorufe.
-
-Dann das gespenstische, rhythmische, schlapfende Atmen der Pumpen, wie
-die Dämonen des Wassers sich ducken zum Sprung auf ihren Todfeind: das
-Feuer.
-
-Glas klirrt und rote Lohe schießt aus allen Fenstern.
-
-Matratzen werden hinuntergeworfen, die ganze Straße liegt voll davon,
-Menschen springen nach, werden verwundet weggetragen.
-
-In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder Ekstase; ich weiß
-nicht warum. Das Haar sträubt sich mir.
-
-Ich laufe auf den Schornstein zu, um nicht versengt zu werden, denn die
-Flammen greifen nach mir.
-
-_Das Seil eines Rauchfangkehrers ist herumgewickelt._
-
-Ich rolle es auf, schlinge es um Handgelenk und Bein, wie ich es als
-Knabe beim Turnen gelernt habe, und lasse mich ruhig an der Fassade des
-Hauses hinab. --
-
-Komme an einem Fenster vorbei. Blicke hinein:
-
-Drin ist alles blendend erleuchtet.
-
-_Und da sehe ich_ -- -- -- _da sehe ich_ -- -- -- mein ganzer Körper
-wird ein einziger hallender Freudenschrei:
-
-»_Hillel! Mirjam! Hillel!_«
-
-Ich will auf die Gitterstäbe losspringen.
-
-Greife daneben. Verliere den Halt am Seil.
-
-Einen Augenblick hänge ich, _Kopf abwärts, die Beine gekreuzt zwischen
-Himmel und Erde_.
-
-Das Seil singt bei dem Ruck. Knirschend dehnen sich die Fasern.
-
-Ich falle.
-
-Mein Bewußtsein erlischt.
-
-Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims, aber ich gleite ab. Kein
-Halt:
-
-der Stein ist glatt.
-
- _Glatt wie ein Stück
- Fett._
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Schluß
-
-
-»-- -- -- _wie ein Stück Fett!_«
-
-_Das ist der Stein, der aussieht wie ein Stück Fett._
-
-Die Worte gellen mir noch in den Ohren. Dann richte ich mich auf und muß
-mich besinnen, wo ich bin.
-
-Ich liege im Bett und wohne im Hotel.
-
-Ich heiße doch gar nicht Pernath.
-
-Habe ich das alles nur geträumt?
-
-Nein! So träumt man nicht.
-
-Ich schaue auf die Uhr: kaum eine Stunde habe ich geschlafen. Es ist
-halb drei.
-
-Und dort hängt der fremde Hut, den ich heute im Dom auf dem Hradschin
-verwechselt habe, als ich beim Hochamt auf der Betbank saß.
-
-Steht ein Name darin?
-
-Ich nehme ihn und lese in goldenen Buchstaben auf dem weißen
-Seidenfutter den fremden und doch so bekannten Namen:
-
- ATHANASIUS PERNATH
-
-Jetzt läßt es mir keine Ruhe mehr; ich ziehe mich hastig an und laufe
-die Treppe hinunter.
-
-»Portier! Aufmachen! Ich gehe noch eine Stunde spazieren.«
-
-»Wohin, bitt schän?«
-
-»In die Judenstadt. In die Hahnpaßgasse. Gibt's überhaupt eine Straße,
-die so heißt?«
-
-»Freilich, freilich« -- der Portier lächelt malitiös -- »aber in der
-Judenstadt, ich mache aufmerksam: ist nicht mehr viel los. Alles neu
-gebaut, bitte.«
-
-»Macht nichts. Wo liegt die Hahnpaßgasse?«
-
-Der dicke Finger des Portiers deutet auf die Karte: »Hier, bitte.«
-
-»Und die Schenke >Zum Loisitschek<?«
-
-»Hier, bitte.«
-
-»Geben Sie mir ein großes Stück Papier.«
-
-»Hier, bitte.«
-
-Ich wickle Pernaths Hut hinein. Merkwürdig: er ist fast neu, tadellos
-sauber und doch so brüchig, als wäre er uralt. --
-
-Unterwegs überlege ich:
-
-Alles, was dieser Athanasius Pernath erlebt hat, habe ich im Traum
-miterlebt, in _einer_ Nacht mitgesehen, mitgehört, mitgefühlt, als wäre
-ich er gewesen. Warum weiß ich denn aber nicht, was er in dem
-Augenblick, als der Strick riß und er »Hillel, Hillel!« rief, hinter dem
-Gitterfenster erblickt hat?
-
-Er hat sich in diesem Augenblick von mir getrennt, begreife ich.
-
-Ich _muß_ diesen Athanasius Pernath auffinden, und wenn ich drei Tage
-und drei Nächte herumlaufen sollte, nehme ich mir vor.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Also das ist die Hahnpaßgasse?
-
-Nicht annähernd so habe ich sie im Traum gesehen! --
-
-Lauter neue Häuser.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Eine Minute später sitze ich im Café Loisitschek. Ein stilloses,
-ziemlich sauberes Lokal.
-
-Im Hintergrund allerdings eine Estrade mit Holzgeländer; eine gewisse
-Ähnlichkeit mit dem alten geträumten »Loisitschek« ist nicht zu leugnen.
-
-»Befehlen, bitt' schön?« fragt die Kellnerin, ein dralles Mädel, in
-einen rotsammetnen Frack buchstäblich hineingeknallt.
-
-»Kognak, Fräulein. -- So, danke.«
-
--- -- -- -- --
-
-»Hm. Fräulein!«
-
-»Bitte?«
-
-»Wem gehört das Kaffehaus?«
-
-»Dem Herrn Kommerzialrat Loisitschek. -- Das ganze Haus gehört ihm. Ein
-sehr feiner reicher Herr.«
-
--- Aha, der Kerl mit den Schweinszähnen an der Uhrkette! erinnere ich
-mich. --
-
-Ich habe einen guten Einfall, der mich orientieren wird:
-
-»Fräulein!«
-
-»Bitte?«
-
-»Wann ist die steinerne Brücke eingestürzt?«
-
-»Vor dreiunddreißig Jahren.«
-
-»Hm. Vor dreiunddreißig Jahren!« -- ich überlege: der Gemmenschneider
-Pernath muß also jetzt fast neunzig sein.
-
-»Fräulein!«
-
-»Bitte?«
-
-»Ist hier niemand unter den Gästen, der sich noch erinnern kann, wie die
-alte Judenstadt von damals ausgesehen hat? Ich bin Schriftsteller und
-interessiere mich dafür.«
-
-Die Kellnerin denkt nach: »Von den Gästen? Nein. -- Aber warten S': der
-Billardmarkör, der dort mit einem Studenten Karambol spielt, -- sehen
-Sie ihn? Der mit der Hakennase, der Alte, -- der hat immer hier gelebt
-und wird Ihnen alles sagen. Soll ich ihn rufen, bis er fertig ist?«
-
-Ich folgte dem Blick des Mädchens:
-
-Ein schlanker, weißhaariger, alter Mann lehnt drüben am Spiegel und
-kreidet sein Queue. Ein verwüstetes, aber seltsam vornehmes Gesicht.
-Woran erinnert er mich nur?
-
-»Fräulein, wie heißt der Markör?«
-
-Die Kellnerin stützt sich im Stehen mit dem Ellenbogen auf den Tisch,
-leckt an einem Bleistift, schreibt in Windeseile ihren Vornamen
-unzählige Male auf die Marmorplatte und löscht ihn jedesmal mit nassem
-Finger rasch wieder aus. Dazwischen wirft sie mir mehr oder minder
-sengende Glutblicke zu; -- je nachdem sie ihr gelingen. Unerläßlich ist
-natürlich das gleichzeitige Emporziehen der Augenbrauen, denn es erhöht
-das Märchenhafte des Blickes.
-
-»Fräulein, wie heißt der Markör?«, wiederhole ich meine Frage. Ich sehe
-ihr an, sie hätte lieber gehört: Fräulein, warum tragen Sie nicht nur
-einen Frack? oder etwas Ähnliches, aber ich frage es nicht; mir geht
-mein Traum zu sehr im Kopf herum.
-
-»No, wie wird er denn heißen,« schmollt sie, »Ferri heißt er halt. Ferri
-Athenstädt.«
-
-»So so? Ferri Athenstädt! -- Hm, -- also wieder ein alter Bekannter.«
-
-»Erzählen Sie mir doch recht, recht viel von ihm, Fräulein,« girre ich,
-muß mich aber sofort mit einem Kognak stärken, »Sie plaudern gar so
-herzig!« (Ich ekle mich vor mir selber.)
-
-Sie neigt sich geheimnisvoll dicht zu mir, damit mich ihre Haare im
-Gesicht kitzeln, und flüstert:
-
-»Der Ferri, der war Ihnen früher ein ganz ein Geriebener. -- Er soll von
-uraltem Adel gewesen sein -- es ist natürlich nur so ein Gerede, weil er
-keinen Bart nicht trägt -- und furchtbar viel Geld g'habt hab'n. Eine
-rothaarige Jüdin, die schon von Jugend auf eine >Person< war« -- sie
-schrieb wieder rasch ein paarmal ihren Namen auf -- »hat ihn dann ganz
-ausgezogen. -- Punkto Geld mein' ich natürlich. No, und wie er dann kein
-Geld nicht mehr gehabt hat, is sie weg und hat sich von einem hohen
-Herrn heiraten lassen: -- von dem ..« -- sie flüsterte mir einen Namen
-ins Ohr, den ich nicht verstehe. »Der hohe Herr hat dann natürlich auf
-alle Ehre verzichten müssen und sich von da an nur mehr Ritter von
-Dämmerich nennen dürfen. No ja. Aber daß sie früher eine >Person<
-g'wesen ist, hat er ihr halt doch nicht wegwaschen können. Ich sag'
-immer --.«
-
-»Fritzi! Zahlen!« ruft jemand von der Estrade herab. --
-
-Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern, da höre ich plötzlich
-ein leises metallisches Zirpen, wie von einer Grille, hinter mir.
-
-Ich drehe mich neugierig um. Traue meinen Augen nicht:
-
-Das Gesicht zur Wand gekehrt, alt wie Methusalem, eine Spieldose, so
-klein wie eine Zigarettenschachtel, in zitternden Skeletthänden sitzt
-ganz in sich zusammengesunken -- der _blinde, greise Nephtali
-Schaffranek_ in der Ecke und leiert mit der winzigen Kurbel.
-
-Ich trete zu ihm.
-
-Im Flüsterton singt er konfus vor sich hin:
-
- »Frau Pick,
- Frau Hock.
- Und rote, blaue Stern
- die schmusen allerhand.
- Von Messinung, an Räucherl und Rohn.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Wissen Sie, wie der alte Mann heißt?«, frage ich einen vorbeieilenden
-Kellner.
-
-»Nein, mein Herr, niemand kennt weder ihn noch seinen Namen. Er selbst
-hat ihn vergessen. Er ist ganz allein auf der Welt. Bitte, er ist 110
-Jahre alt! Er kriegt bei uns jede Nacht einen sogenannten Gnadenkaffee.«
-
-Ich beuge mich über den Greis, -- rufe ihm ein Wort ins Ohr:
-»_Schaffranek!_«
-
-Es durchfährt ihn wie ein Blitz. Er murmelt etwas, streicht sich sinnend
-über die Stirn.
-
-»Verstehen Sie mich, Herr Schaffranek?«
-
-Er nickt.
-
-»Passen Sie mal gut auf! Ich möchte Sie etwas fragen, aus alter Zeit.
-Wenn Sie mir alles gut beantworten, bekommen Sie den Gulden, den ich
-hier auf den Tisch lege.«
-
-»Gulden«, wiederholt der Greis und fängt sofort an wie ein Rasender an
-seiner zirpenden Spieldose zu kurbeln.
-
-Ich halte seine Hand fest: »Denken Sie einmal nach! -- _Haben Sie nicht
-vor etwa 33 Jahren einen Gemmenschneider namens Pernath gekannt?_«
-
-»Hadrbolletz! Hosenschneider!« -- lallt er asthmatisch auf und lacht
-übers ganze Gesicht, in der Meinung, ich hätte ihm einen famosen Witz
-erzählt.
-
-»Nein, nicht Hadrbolletz: -- -- _Pernath_!«
-
-»Pereles?!« -- er jubelt förmlich.
-
-»Nein, auch nicht Pereles. -- Per--_nath_!«
-
-»Pascheles?!« -- er kräht vor Freude. -- --
-
-Ich gebe enttäuscht meinen Versuch auf.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Sie wollten mich sprechen, mein Herr?«, -- der Markör Ferri Athenstädt
-steht vor mir und verbeugt sich kühl.
-
-»Ja. Ganz richtig. -- Wir können dabei eine Partie Billard spielen.«
-
-»Spielen Sie um Geld, mein Herr? Ich gebe Ihnen 90 auf 100 vor.«
-
-»Also gut: um einen Gulden. Fangen Sie vielleicht an, Markör.«
-
-Seine Durchlaucht nimmt das Queue, zielt, gixst, macht ein ärgerliches
-Gesicht. Ich kenne das: er läßt mich bis 99 kommen und dann macht er in
-_einer_ Serie »aus«.
-
-Mir wird immer kurioser zumute. Ich gehe direkt auf mein Ziel los:
-
-»Entsinnen Sie sich, Herr Markör: vor langer Zeit, etwa in den Jahren,
-als die steinerne Brücke einstürzte, in der damaligen Judenstadt _einen
-gewissen_ -- _Athanasius Pernath_ gekannt zu haben?«
-
-Ein Mann in einer rotweißgestreiften Leinwandjacke, mit Schielaugen und
-kleinen goldenen Ohrringen, der auf einer Bank an der Wand sitzt und
-eine Zeitung liest, fährt auf, stiert mich an und bekreuzigt sich.
-
-»Pernath? Pernath?« wiederholt der Markör und denkt angestrengt nach --
-»Pernath? -- War er nicht groß, schlank? Braunes Haar, melierten
-kurzgeschnittenen Spitzbart?«
-
-»Ja. Ganz richtig.«
-
-»Etwa 40 Jahre alt damals? Er sah aus wie -- --«, Seine Durchlaucht
-starrt mich plötzlich überrascht an. -- »Sie sind ein Verwandter von
-ihm, mein Herr?!«
-
-Der Schieläugige bekreuzigt sich.
-
-»Ich? Ein Verwandter? Komische Idee. -- Nein. Ich interessiere mich nur
-für ihn. Wissen Sie noch mehr?«, sagte ich gelassen, fühle aber, daß mir
-eiskalt im Herzen wird.
-
-Ferri Athenstädt denkt wieder nach.
-
-»Wenn ich nicht irre, galt er seinerzeit für verrückt. -- Einmal
-behauptete er, er hieße -- -- warten Sie mal, -- ja: Laponder! Und dann
-wieder gab er sich für einen gewissen -- Charousek aus.«
-
-»Kein Wort wahr!« fährt der Schieläugige dazwischen. »Den _Charousek_
-hat's wirklich gegeben. Mein Vater hat doch mehrere 1000 fl. von ihm
-geerbt.«
-
-»Wer ist dieser Mann?«, frage ich den Markör halblaut.
-
-»Er ist Fährmann und heißt Tschamrda. -- Was den Pernath betrifft, so
-erinnere ich mich nur, oder glaube es wenigstens -- daß er in späteren
-Jahren eine sehr schöne, dunkelhäutige Jüdin geheiratet hat.«
-
-»Mirjam!« sage ich mir und werde so aufgeregt, daß mir die Hände zittern
-und ich nicht mehr weiterspielen kann.
-
-Der Fährmann bekreuzigt sich.
-
-»Ja, was ist denn heute mit Ihnen los, Herr Tschamrda?«, fragt der
-Markör erstaunt.
-
-»Der Pernath hat niemals nicht gelebt«, schreit der Schieläugige los.
-»Ich glaub's nicht.«
-
-Ich schenke dem Mann sofort einen Kognak ein, damit er gesprächiger
-wird.
-
-»Es gibt ja wohl Leut', die sagen, der Pernath lebt noch immer,« rückt
-der Fährmann endlich heraus, »er is, hör' ich, Kammschneider und wohnt
-auf dem Hradschin.«
-
-»Wo auf dem Hradschin?«
-
-Der Fährmann bekreuzigt sich:
-
-»Das ist es ja eben! Er wohnt, wo kein lebender Mensch wohnen kann: _an
-der Mauer zur letzten Latern_.«
-
-»Kennen Sie sein Haus, Herr -- Herr -- Tschamrda?«
-
-»Nicht um die Welt möcht' ich dort hinaufgehen!«, protestiert der
-Schieläugige. »Wofür halten Sie mich? Jesus, Maria und Josef!«
-
-»Aber den Weg hinauf könnten Sie mir doch von weitem zeigen, Herr
-Tschamrda?«
-
-»Das schon,« brummt der Fährmann. »Wenn Sie warten wollen bis 6 Uhr
-früh; dann geh' ich zur Moldau hinunter. Aber ich rat' Ihnen ab! Sie
-stürzen in den Hirschgraben und brechen Hals und Knochen! Heilige
-Muttergottes!«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wir gehen zusammen durch den Morgen; frischer Wind weht vom Flusse her.
-Ich fühle vor Erwartung kaum den Boden unter mir.
-
-Plötzlich taucht das Haus in der Altschulgasse vor mir auf.
-
-Jedes Fenster erkenne ich wieder: die geschweifte Dachrinne, das Gitter,
-die fettig glänzenden Steinsimse -- alles, alles!
-
-»Wann ist dieses Haus abgebrannt?«, frage ich den Schieläugigen. Es
-braust mir in den Ohren vor Spannung.
-
-»Abgebrannt? Niemals nicht!«
-
-»Doch! Ich weiß es bestimmt.«
-
-»Nein.«
-
-»Aber ich weiß es doch! Wollen Sie wetten?«
-
-»Wieviel?«
-
-»Einen Gulden.«
-
-»Gemacht!« -- Und Tschamrda holt den Hausmeister heraus. »Ist dieses
-Haus jemals abgebrannt?«
-
-»I woher denn!« Der Mann lacht. --
-
-Ich kann und kann es nicht glauben.
-
-»Schon siebzig Jahr' wohn' ich drin,« beteuert der Hausmeister, »ich
-müßt's doch wahrhaftig wissen.«
-
--- -- -- Sonderbar, sonderbar!
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Fährmann rudert mich in seinem Kahn, der aus acht ungehobelten
-Brettern besteht, mit komischen schiefen Zuckbewegungen über die Moldau.
-Die gelben Wasser schäumen gegen das Holz. Die Dächer des Hradschins
-glitzern rot in der Morgensonne. Ein unbeschreiblich feierliches Gefühl
-ergreift Besitz von mir. Ein leise dämmerndes Gefühl wie aus einem
-früheren Dasein, als sei die Welt um mich her verzaubert -- eine
-traumhafte Erkenntnis, als lebte ich zuweilen an mehreren Orten
-zugleich.
-
-Ich steige aus.
-
-»Wieviel bin ich schuldig, Herr Tschamrda?«
-
-»Einen Kreuzer. Wenn Sie mitg'holfen hätten rudern, -- hätt's zwei
-Kreuzer 'kost.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Denselben Weg, den ich heute nachts im Schlaf schon einmal gegangen,
-wandere ich wieder empor: die kleine, einsame Schloßstiege. Mir klopft
-das Herz und ich weiß voraus: jetzt kommt der kahle Baum, dessen Äste
-über die Mauer herübergreifen.
-
-Nein: er ist mit weißen Blüten besät.
-
-Die Luft ist voll von süßem Fliederhauch.
-
-Zu meinen Füßen liegt die Stadt im ersten Licht wie eine Vision der
-Verheißung.
-
-Kein Laut. Nur Duft und Glanz.
-
-Mit geschlossenen Augen könnte ich mich hinauffinden in die kleine,
-kuriose Alchimistengasse, so vertraut ist mir plötzlich jeder Schritt.
-
-Aber, wo heute nacht das Holzgitter vor dem weißschimmernden Haus
-gestanden hat, schließt jetzt ein prachtvolles, gebauchtes, vergoldetes
-Gitter die Gasse ab.
-
-Zwei Eibenbäume ragen aus blühendem, niederem Gesträuch und flankieren
-das Eingangstor der Mauer, die hinter dem Gitter entlang läuft.
-
-Ich strecke mich, um über das Strauchwerk hinüberzusehen, und bin
-geblendet von neuer Pracht:
-
-Die Gartenmauer ist ganz mit Mosaik bedeckt. Türkisblau mit goldenen,
-eigenartig gemuschelten Fresken, die den Kult des ägyptischen Gottes
-Osiris darstellen.
-
-Das Flügeltor ist der Gott selbst: ein Hermaphrodit aus zwei Hälften,
-die die Türe bilden, -- die rechte weiblich, die linke männlich. -- Er
-sitzt auf einem kostbaren, flachen Thron aus Perlmutter -- in Halbrelief
--- und sein goldener Kopf ist der eines Hasen. Die Ohren sind in die
-Höhe gestellt und dicht aneinander, daß sie aussehen, wie die beiden
-Seiten eines aufgeschlagenen Buches. --
-
-Es riecht nach Tau, und Hyazinthenduft weht über die Mauer herüber. --
--- --
-
-Lange stehe ich wie versteinert da und staune. Mir wird, als träte eine
-fremde Welt vor mich, und ein alter Gärtner oder Diener mit silbernen
-Schnallenschuhen, Jabot und sonderbar zugeschnittenem Rock kommt von
-links hinter dem Gitter auf mich zu und fragt mich durch die Stäbe, was
-ich wünsche.
-
-Ich reiche ihm stumm den eingewickelten Hut Athanasius Pernaths hinein.
-
-Er nimmt ihn und geht durch das Flügeltor.
-
-Wie es sich öffnet, sehe ich dahinter ein tempelartiges, marmornes Haus
-und auf seinen Stufen:
-
- ATHANASIUS PERNATH
-
-und an ihn gelehnt:
-
- MIRJAM,
-
-und beide schauen hinab in die Stadt.
-
-Einen Augenblick wendet sich Mirjam um, erblickt mich, lächelt und
-flüstert Athanasius Pernath etwas zu.
-
-Ich bin gebannt von ihrer Schönheit.
-
-Sie ist so jung, wie ich sie heut nacht im Traum gesehen.
-
-Athanasius Pernath dreht sich langsam zu mir, und mein Herz bleibt
-stehen:
-
-Mir ist, als sähe ich mich im Spiegel, so ähnlich ist sein Gesicht dem
-meinigen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Dann fallen die Flügel des Tores zu, und ich erkenne nur noch den
-schimmernden Hermaphroditen.
-
-Der alte Diener gibt mir meinen Hut und sagt -- ich höre seine Stimme
-wie aus den Tiefen der Erde --:
-
- »Herr Athanasius Pernath läßt verbindlichst danken und bittet,
- ihn nicht für ungastfreundlich zu halten, daß er Sie nicht
- einlädt in den Garten zu kommen, aber es ist strenges Hausgesetz
- so von alters her.
-
- Ihren Hut, soll ich ausrichten, habe er nicht aufgesetzt, da ihm
- die Verwechslung sofort aufgefallen sei.
-
- Er wolle nur hoffen, daß der seinige Ihnen keine Kopfschmerzen
- verursacht habe.«
-
- Gedruckt in der Buchdruckerei
- G. Kreysing in Leipzig
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Auf Seite 1 heisst es »linke Seite« (des Mondes). Dies ist offenbar
-falsch und wurde in späteren Auflagen zu »rechte Seite« berichtigt.
-Hier wird der Originaltext unverändert belassen.
-
-Die Schreibweise der Vorlage wurde weitgehend beibehalten. Einige
-offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt, teilweise
-unter Verwendung weiterer Ausgaben (vorher/nachher):
-
- [S. 36]:
- ... Das hilfslose Opfer aber saß, das Herz voll brennender ...
- ... Das hilflose Opfer aber saß, das Herz voll brennender ...
-
- [S. 46]:
- ... >Loisitschek< der meschuggene Nephtali Schaffraneck mit ...
- ... >Loisitschek< der meschuggene Nephtali Schaffranek mit ...
-
- [S. 47]:
- ... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freien ...
- ... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freiem ...
-
- [S. 55]:
- ... auf, eine unsichtbare Intelliganz, die sich lichtscheu
- verborgen ...
- ... auf, eine unsichtbare Intelligenz, die sich lichtscheu
- verborgen ...
-
- [S. 69]:
- ... über Klavierseiten liefe, war die Antwort. ...
- ... über Klaviersaiten liefe, war die Antwort. ...
-
- [S. 70]:
- ... die eisernen Glasstäbe fauchend die flachen herzförmigen ...
- ... die eisernen Gasstäbe fauchend die flachen herzförmigen ...
-
- [S. 70]:
- ... Mit langem, wallenden, weißen Prophetenbart, ein ...
- ... Mit langem, wallendem, weißem Prophetenbart, ein ...
-
- [S. 90]:
- ... die alten Rabbinen trugen, andere mit dreieckigem Hut ...
- ... die alten Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut ...
-
- [S. 99]:
- ... auf dem Altstätter Ring und an dem Erzbrunnen ...
- ... auf dem Altstädter Ring und an dem Erzbrunnen ...
-
- [S. 99]:
- ... schauten teilnahmlos zu den Wolken empor. ...
- ... schauten teilnahmslos zu den Wolken empor. ...
-
- [S. 108]:
- ... Wunschlos, teilnahmlos, ein lebender Leichnam, ging ...
- ... Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ...
-
- [S. 149]:
- ... Angelina wolte sich losreißen: ich hielt sie fest. ...
- ... Angelina wollte sich losreißen: ich hielt sie fest. ...
-
- [S. 157]:
- ... ich schwindsüchtig bin und Blut spuken muß: mein Körper ...
- ... ich schwindsüchtig bin und Blut spucken muß: mein Körper ...
-
- [S. 191]:
- ... War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbares ...
- ... War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres ...
-
- [S. 198]:
- ... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spukte mir ...
- ... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir ...
-
- [S. 217]:
- ... Oder gedenken sie überhaupt ledig zu bleiben?« ...
- ... Oder gedenken Sie überhaupt ledig zu bleiben?« ...
-
- [S. 287]:
- ... Sollte Sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, ...
- ... Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, ...
-
- [S. 319]: (mehrfache Fälle)
- ... Jaromir Kwaßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 ...
- ... Jaromir Kwáßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 ...
-
- [S. 319]:
- ... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächig ...
- ... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächtig ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Golem, by Gustav Meyrink
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLEM ***
-
-***** This file should be named 51476-8.txt or 51476-8.zip *****
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-works. See paragraph 1.E below.
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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-Foundation
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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