summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/51476-8.txt11629
-rw-r--r--old/51476-8.zipbin197471 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/51476-h.zipbin226191 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/51476-h/51476-h.htm20173
-rw-r--r--old/51476-h/images/cover-page.jpgbin15311 -> 0 bytes
8 files changed, 17 insertions, 31802 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..5049670
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #51476 (https://www.gutenberg.org/ebooks/51476)
diff --git a/old/51476-8.txt b/old/51476-8.txt
deleted file mode 100644
index a715097..0000000
--- a/old/51476-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,11629 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Der Golem, by Gustav Meyrink
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Der Golem
-
-Author: Gustav Meyrink
-
-Release Date: March 16, 2016 [EBook #51476]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLEM ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, the University
-of Toronto, and the Online Distributed Proofreading Team
-at http://www.pgdp.net. This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive/Canadian
-Libraries.
-
-
-
-
-
-
- Gustav Meyrink
-
- Gesammelte Werke
-
- Erster Band
-
- Kurt Wolff Verlag
- Leipzig
-
- Gustav Meyrink
-
-
-
-
- Der Golem
-
-
- Ein Roman
-
- Kurt Wolff Verlag
- Leipzig
-
- Einhundertzwanzigstes
- bis einhundertfünfzigstes Tausend
-
- Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1915
- Druck von G. Kreysing in Leipzig
-
-
-
-
- Kapitelverzeichnis
-
-
- Schlaf 1
- Tag 5
- I 17
- Prag 26
- Punsch 45
- Nacht 67
- Wach 85
- Schnee 96
- Spuk 110
- Licht 132
- Not 143
- Angst 177
- Trieb 188
- Weib 204
- List 239
- Qual 260
- Mai 275
- Mond 296
- Frei 323
- Schluß 337
-
-
-
-
- Schlaf
-
-
-Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes und liegt dort wie ein
-großer, heller, flacher Stein.
-
-Wenn der Vollmond in seiner Gestalt zu schrumpfen beginnt und seine
-linke Seite fängt an zu verfallen, -- wie ein Gesicht, das dem Alter
-entgegengeht, zuerst an einer Wange Falten zeigt und abmagert, -- dann
-bemächtigt sich meiner um solche Zeit des Nachts eine trübe, qualvolle
-Unruhe.
-
-Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in
-meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von
-verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen.
-
-Ich hatte über das Leben des Buddha Gotama gelesen, ehe ich mich
-niedergelegt, und in tausend Spielarten zog der Satz immer wieder von
-vorne beginnend durch meinen Sinn:
-
-»Eine Krähe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stück Fett aussah, und
-dachte: vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes. Da nun die Krähe
-dort nichts Wohlschmeckendes fand, flog sie fort. Wie die Krähe, die
-sich dem Stein genähert, so verlassen wir -- wir, die Versucher, -- den
-Aszeten Gotama, da wir den Gefallen an ihm verloren haben.«
-
-Und das Bild von dem Stein, der aussah wie ein Stück Fett, wächst ins
-Ungeheuerliche in meinem Hirn:
-
-Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flußbett und hebe glatte Kiesel
-auf.
-
-Graublaue mit eingesprengtem glitzerndem Staub, über die ich nachgrüble
-und nachgrüble und doch mit ihnen nichts anzufangen weiß, -- dann
-schwarze mit schwefelgelben Flecken wie die steingewordenen Versuche
-eines Kindes, plumpe, gesprenkelte Molche nachzubilden.
-
-Und ich will sie weit von mir werfen diese Kiesel, doch immer fallen sie
-mir aus der Hand, und ich kann sie aus dem Bereich meiner Augen nicht
-bannen.
-
-Alle jene Steine, die je in meinem Leben eine Rolle gespielt, tauchen
-auf rings um mich her.
-
-Manche quälen sich schwerfällig ab, sich aus dem Sande ans Licht
-emporzuarbeiten -- wie große schieferfarbene Taschenkrebse, wenn die
-Flut zurückkommt, -- und als wollten sie alles daran setzen, meine
-Blicke auf sich zu lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu
-sagen.
-
-Andere -- erschöpft -- fallen kraftlos zurück in ihre Löcher und geben
-es auf, je zu Worte zu kommen.
-
-Zuweilen fahre ich empor aus dem Dämmer dieser halben Träume und sehe
-für einen Augenblick wiederum den Mondschein auf dem gebauschten Fußende
-meiner Decke liegen wie einen großen, hellen, flachen Stein, um blind
-von neuem hinter meinem schwindenden Bewußtsein herzutappen, ruhelos
-nach jenem Stein suchend, der mich quält, -- der irgendwo verborgen im
-Schutte meiner Erinnerung liegen muß und aussieht wie ein Stück Fett.
-
-Eine Regenröhre muß einst neben ihm auf der Erde gemündet haben, male
-ich mir aus -- stumpfwinklig abgebogen, die Ränder von Rost zerfressen,
--- und trotzig will ich mir im Geiste ein solches Bild erzwingen, um
-meine aufgescheuchten Gedanken zu belügen und in Schlaf zu lullen.
-
-Es gelingt mir nicht.
-
-Immer wieder und immer wieder mit alberner Beharrlichkeit behauptet eine
-eigensinnige Stimme in meinem Innern -- unermüdlich wie ein
-Fensterladen, den der Wind in regelmäßigen Zwischenräumen an die Mauer
-schlagen läßt: es sei das ganz anders, das sei gar nicht der Stein, der
-wie Fett aussehe.
-
-Und es ist von der Stimme nicht loszukommen.
-
-Wenn ich hundertmal einwende, alles das sei doch ganz nebensächlich, so
-schweigt sie wohl eine kleine Weile, wacht aber dann unvermerkt wieder
-auf und beginnt hartnäckig von neuem: gut, gut, schon recht, es ist aber
-doch nicht der Stein, der wie ein Stück Fett aussieht. --
-
-Langsam beginnt sich meiner ein unerträgliches Gefühl von Hilflosigkeit
-zu bemächtigen.
-
-Wie es weiter gekommen ist, weiß ich nicht. Habe ich freiwillig jeden
-Widerstand aufgegeben, oder haben sie mich überwältigt und geknebelt,
-meine Gedanken?
-
-Ich weiß nur, mein Körper liegt schlafend im Bett, und meine Sinne sind
-losgetrennt und nicht mehr an ihn gebunden. --
-
-Wer ist jetzt »ich«, will ich plötzlich fragen, da besinne ich mich, daß
-ich doch kein Organ mehr besitze, mit dem ich Fragen stellen könnte;
-dann fürchte ich, die dumme Stimme werde wieder aufwachen und von neuem
-das endlose Verhör über den Stein und das Fett beginnen.
-
-Und so wende ich mich ab.
-
-
-
-
- Tag
-
-
-Da stand ich plötzlich in einem düsteren Hofe und sah durch einen
-rötlichen Torbogen gegenüber -- jenseits der engen, schmutzigen Straße
--- einen jüdischen Trödler an einem Gewölbe lehnen, das an den
-Mauerrändern mit altem Eisengerümpel, zerbrochenen Werkzeugen,
-verrosteten Steigbügeln und Schlittschuhen und vielerlei anderen
-abgestorbenen Sachen behangen war.
-
-Und dieses Bild trug das quälend Eintönige an sich, das alle jene
-Eindrücke kennzeichnet, die tagtäglich so und so oft wie Hausierer die
-Schwelle unserer Wahrnehmung überschreiten, und rief in mir weder
-Neugierde noch Überraschung hervor.
-
-Ich wurde mir bewußt, daß ich schon seit langer Zeit in dieser Umgebung
-zu Hause war.
-
-Auch diese Empfindung hinterließ mir trotz ihres Gegensatzes zu dem, was
-ich doch vor kurzem noch wahrgenommen und wie ich hierher gelangt,
-keinerlei tieferen Eindruck. -- --
-
-Ich muß einmal von einem sonderbaren Vergleich zwischen einem Stein und
-einem Stück Fett gehört oder gelesen haben, drängte sich mir plötzlich
-der Einfall auf, als ich die ausgetretenen Stufen zu meiner Kammer
-emporstieg und mir über das speckige Aussehen der Steinschwellen
-flüchtige Gedanken machte.
-
-Da hörte ich Schritte die oberen Treppen über mir vorauslaufen, und als
-ich zu meiner Tür kam, sah ich, daß es die vierzehnjährige, rothaarige
-Rosina des Trödlers Aaron Wassertrum gewesen war.
-
-Ich mußte dicht an ihr vorbei, und sie stand mit dem Rücken gegen das
-Stiegengeländer und bog sich lüstern zurück.
-
-Ihre schmutzigen Hände hatte sie um die Eisenstange gelegt, -- zum Halt
--- und ich sah, wie ihre nackten Unterarme bleich aus dem trüben
-Halbdunkel hervorleuchteten.
-
-Ich wich ihren Blicken aus.
-
-Mich ekelte vor ihrem zudringlichen Lächeln und diesem wächsernen
-Schaukelpferdgesicht.
-
-Sie muß schwammiges, weißes Fleisch haben wie der Axolotl, den ich
-vorhin im Salamanderkäfig bei dem Vogelhändler gesehen habe, fühlte ich.
-
-Die Wimpern Rothaariger sind mir widerwärtig wie die eines Kaninchens.
-
-Und ich sperrte auf und schlug rasch die Türe hinter mir zu. -- --
-
-Von meinem Fenster aus konnte ich den Trödler Aaron Wassertrum vor
-seinem Gewölbe stehen sehen.
-
-Er lehnte am Eingang der dunklen Wölbung und zwickte mit einer Beißzange
-an seinen Fingernägeln herum.
-
-War die rothaarige Rosina seine Tochter oder seine Nichte? Er hatte
-keine Ähnlichkeit mit ihr.
-
-Unter den Judengesichtern, die ich Tag für Tag in der Hahnpaßgasse
-auftauchen sehe, kann ich deutlich verschiedene Stämme unterscheiden,
-die sich so wenig durch die nahe Verwandtschaft der einzelnen Individuen
-verwischen lassen, wie sich Öl mit Wasser vermengen wird. Da darf man
-nicht sagen: die dort sind Brüder oder Vater und Sohn.
-
-Der gehört zu jenem Stamm und dieser zu einem andern, das ist alles, was
-sich aus den Gesichtszügen lesen läßt.
-
-Was bewiese es auch, wenn selbst Rosina dem Trödler ähnlich sähe!
-
-Diese Stämme hegen einen heimlichen Ekel und Abscheu voreinander, der
-sogar die Schranken der engen Blutsverwandtschaft durchbricht, -- aber
-sie verstehen ihn geheimzuhalten vor der Außenwelt, wie man ein
-gefährliches Geheimnis hütet.
-
-Kein einziger läßt ihn durchblicken, und in dieser Übereinstimmung
-gleichen sie haßerfüllten Blinden, die sich an ein schmutzgetränktes
-Seil klammern: der eine mit beiden Fäusten, ein anderer nur widerwillig
-mit einem Finger, alle aber von abergläubischer Furcht besessen, daß sie
-dem Untergang verfallen müssen, sobald sie den gemeinsamen Halt aufgeben
-und sich von den übrigen trennen.
-
-Rosina ist von jenem Stamme, dessen rothaariger Typus noch abstoßender
-ist, als der der andern. Dessen Männer engbrüstig sind und lange
-Hühnerhälse haben mit vorstehendem Adamsapfel.
-
-Alles scheint an ihnen sommersprossig, und ihr ganzes Leben leiden sie
-unter brünstigen Qualen, diese Männer, -- und kämpfen heimlich gegen
-ihre Gelüste einen ununterbrochenen, erfolglosen Kampf, von
-immerwährender widerlicher Angst um ihre Gesundheit gefoltert.
-
-Ich war mir nicht klar, wieso ich Rosina überhaupt in
-verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Trödler Wassertrum bringen
-konnte.
-
-Nie habe ich sie doch in der Nähe des Alten gesehen, oder bemerkt, daß
-sie jemals einander etwas zugerufen hätten.
-
-Auch war sie fast immer in unserem Hofe oder drückte sich in den dunkeln
-Winkeln und Gängen unseres Hauses umher.
-
-Sicherlich halten sie alle meine Mitbewohner für eine nahe Verwandte
-oder zumindest Schutzbefohlene des Trödlers, und doch bin ich überzeugt,
-daß kein einziger einen Grund für solche Vermutungen anzugeben
-vermöchte.
-
-Ich wollte meine Gedanken von Rosina losreißen und sah von dem offenen
-Fenster meiner Stube hinab auf die Hahnpaßgasse.
-
-Als habe Aaron Wassertrum meinen Blick gefühlt, wandte er plötzlich sein
-Gesicht zu mir empor.
-
-Sein starres, gräßliches Gesicht mit den runden Fischaugen und der
-klaffenden Oberlippe, die von einer Hasenscharte gespalten ist.
-
-Wie eine menschliche Spinne kam er mir vor, die die feinste Berührung
-ihres Netzes spürt, so teilnahmslos sie sich auch stellt.
-
-Und wovon er nur leben mag? Was denkt er, und was ist sein Vorhaben?
-
-Ich wußte es nicht.
-
-An den Mauerrändern seines Gewölbes hängen unverändert Tag für Tag,
-jahraus jahrein dieselben toten wertlosen Dinge.
-
-Mit geschlossenen Augen hätte ich sie hinzeichnen können: hier die
-verbogene Blechtrompete ohne Klappen, das vergilbte Bild auf Papier
-gemalt, mit den so sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine
-Girlande verrosteter Sporen an einem schimmligen Lederriemen und anderes
-halb vermodertes Gerümpel.
-
-Und vorne auf dem Boden, dicht nebeneinander geschichtet, so daß niemand
-die Schwelle des Gewölbes überschreiten kann, eine Reihe runder eiserner
-Herdplatten. --
-
-Alle diese Dinge nahmen an Zahl nie zu, nie ab, und blieb wirklich hier
-und da einmal ein Vorübergehender stehen und fragte nach dem Preis des
-einen oder anderen, geriet der Trödler in heftige Erregung.
-
-In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippe mit der Hasenscharte
-empor und sprudelte gereizt irgend etwas Unverständliches in einem
-gurgelnden, stolpernden Baß hervor, daß dem Käufer die Lust weiter zu
-fragen verging und er abgeschreckt seinen Weg fortsetzte.
-
-Der Blick des Aaron Wassertrum war blitzschnell von meinen Augen
-abgeglitten und ruhte jetzt mit gespanntem Interesse an den kahlen
-Mauern, die vom Nebenhause an mein Fenster stoßen.
-
-Was konnte er dort nur sehen?
-
-Das Haus steht doch mit dem Rücken gegen die Hahnpaßgasse und seine
-Fenster blicken in den Hof! Nur eines ist in die Straße gekehrt.
-
-Zufällig schienen die Räume, die nebenan in derselben Stockhöhe wie die
-meinigen liegen -- ich glaube, sie gehören zu einem winkligen Atelier --
-in diesem Moment betreten worden zu sein, denn durch die Mauern hörte
-ich plötzlich eine männliche und eine weibliche Stimme miteinander
-reden.
-
-Unmöglich konnte das aber der Trödler von unten aus wahrgenommen haben!
--- --
-
-Vor meiner Tür bewegte sich jemand, und ich erriet: es ist immer noch
-Rosina, die draußen im Dunkeln steht in begehrlichem Warten, daß ich sie
-doch vielleicht zu mir hereinrufen wolle.
-
-Und unten, ein halbes Stockwerk tiefer, lauert der blatternarbige,
-halbwüchsige Loisa auf den Stiegen mit angehaltenem Atem, ob ich die Tür
-öffnen werde, und ich spüre förmlich den Hauch seines Hasses und seine
-schäumende Eifersucht bis herauf zu mir.
-
-Er fürchtet sich, näher zu kommen und von Rosina bemerkt zu werden. Er
-weiß sich von ihr abhängig wie ein hungriger Wolf von seinem Wärter und
-möchte doch am liebsten aufspringen und besinnungslos seiner Wut die
-Zügel schießen lassen! -- -- --
-
-Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte meine Pinzetten und
-Stichel hervor.
-
-Aber ich konnte nichts fertigbringen und meine Hand war nicht ruhig
-genug, die feinen japanischen Gravierungen auszubessern.
-
-Das trübe, düstere Leben, das an diesem Hause hängt, läßt mein Gemüt
-nicht still werden, und immer tauchen alte Bilder in mir auf.
-
-Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl kaum ein Jahr älter als
-Rosina.
-
-An ihren Vater, der Hostienbäcker gewesen, konnte ich mich kaum mehr
-erinnern, und jetzt sorgt für sie, glaube ich, ein altes Weib.
-
-Ich wußte nur nicht, welche es war unter den vielen, die versteckt im
-Hause wohnen wie Kröten in ihrem Schlupfwinkel.
-
-Sie sorgt für die beiden Jungen, das heißt: sie gewährt ihnen
-Unterkunft; dafür müssen sie ihr abliefern, was sie gelegentlich stehlen
-oder erbetteln. --
-
-Ob sie ihnen wohl auch zu essen gibt? Ich konnte es mir nicht denken,
-denn erst spät abends kommt die Alte heim.
-
-Leichenwäscherin soll sie sein.
-
-Loisa, Jaromir und Rosina sah ich, als sie noch Kinder waren, oft
-harmlos im Hof zu dritt spielen.
-
-Die Zeit aber ist lang vorbei.
-
-Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rothaarigen Judenmädel her.
-
-Zuweilen sucht er sie lange umsonst, und wenn er sie nirgends finden
-kann, dann schleicht er sich vor meine Türe und wartet mit verzerrtem
-Gesicht, daß sie heimlich hierher komme.
-
-Da sehe ich ihn, wenn ich bei meiner Arbeit sitze, im Geiste draußen in
-dem winkligen Gange lauern, den Kopf mit dem ausgemergelten Genick
-horchend vorgebeugt.
-
-Manchmal bricht dann durch die Stille plötzlich ein wilder Lärm.
-
-Jaromir, der taubstumm ist, und dessen ganzes Denken eine
-ununterbrochene wahnsinnige Gier nach Rosina erfüllt, irrt wie ein
-wildes Tier im Hause umher, und sein unartikuliertes heulendes Gebell,
-das er, vor Eifersucht und Argwohn halb von Sinnen, ausstößt, klingt so
-schauerlich, daß einem das Blut in den Adern stockt.
-
-Er sucht die beiden, die er stets beieinander vermutet -- irgendwo in
-einem der tausend schmutzigen Schlupfwinkel versteckt -- in blinder
-Raserei, immer von dem Gedanken gepeitscht, seinem Bruder auf den Fersen
-sein zu müssen, daß nichts mit Rosina vorgehe, von dem er nicht wisse.
-
-Und gerade diese unaufhörliche Qual des Krüppels ist, ahnte ich, das
-Reizmittel, das Rosina antreibt, sich stets von neuem mit dem andern
-einzulassen.
-
-Wird ihre Neigung oder Bereitwilligkeit schwächer, so ersinnt Loisa
-immer wieder besondere Scheußlichkeiten, um Rosinas Gier von neuem zu
-entfachen.
-
-Da lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen ertappen
-und locken den Rasenden heimtückisch hinter sich her in dunkle Gänge, wo
-sie aus rostigen Faßreifen, die in die Höhe schnellen, wenn man auf sie
-tritt, und eisernen Rechen -- mit den Spitzen nach oben gekehrt --
-bösartige Fallen errichtet haben, in die er stürzen muß und sich blutig
-fällt.
-
-Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina, um die Folter aufs äußerste
-anzuspannen, auf eigene Faust etwas Höllisches aus.
-
-Dann ändert sie mit einem Schlage ihr Benehmen zu Jaromir und tut, als
-fände sie plötzlich Gefallen an ihm.
-
-Mit ihrer ewig lächelnden Miene teilt sie dem Krüppel hastig Dinge mit,
-die ihn in eine fast irrsinnige Erregung versetzen, und sie hat sich
-dazu eine geheimnisvoll scheinende, nur halbverständliche Zeichensprache
-ersonnen, die den Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares Netz von
-Ungewißheit und verzehrenden Hoffnungen verstricken muß. --
-
-Einmal sah ich ihn im Hofe vor ihr stehen, und sie sprach mit so
-heftigen Lippenbewegungen und Gestikulationen auf ihn ein, daß ich
-glaubte, jeden Augenblick würde er in wilder Aufregung zusammenbrechen.
-
-Der Schweiß lief ihm übers Gesicht vor übermenschlicher Anstrengung, den
-Sinn der absichtlich so unklaren, hastigen Mitteilung zu erfassen.
-
-Und den ganzen folgenden Tag lauerte er dann fiebernd in Erwartung auf
-den finstern Stiegen eines andern halb versunkenen Hauses, das in der
-Fortsetzung der engen, schmutzigen Hahnpaßgasse liegt, -- bis er die
-Zeit versäumt hatte, sich an den Ecken ein paar Kreuzer zu erbetteln.
-
-Und als er spät abends halb tot vor Hunger und Aufregung heim wollte,
-hatte ihn die Pflegemutter längst ausgesperrt.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ein fröhliches Frauenlachen drang aus dem anstoßenden Atelier durch die
-Mauern herüber zu mir.
-
-Ein Lachen? -- In diesen Häusern ein fröhliches Lachen? Im ganzen Ghetto
-wohnt niemand, der fröhlich lachen könnte.
-
-Da fiel mir ein, daß mir vor einigen Tagen der alte Marionettenspieler
-Zwakh anvertraute, ein junger, vornehmer Herr hätte ihm das Atelier
-teuer abgemietet -- offenbar, um mit der Erwählten seines Herzens
-unbelauscht zusammenkommen zu können.
-
-Nach und nach, jede Nacht, müßten nun, damit niemand im Hause etwas
-merke, die kostbaren Möbel des neuen Mieters heimlich Stück für Stück
-hinaufgeschafft werden.
-
-Der gutmütige Alte hatte sich vor Vergnügen die Hände gerieben, als er
-es mir erzählte, und sich kindlich gefreut, wie er alles so geschickt
-angefangen habe: keiner der Mitbewohner könne auch nur eine Ahnung von
-dem romantischen Liebespaar haben.
-
-Und von drei Häusern aus sei es möglich, unauffällig in das Atelier zu
-gelangen. -- Sogar durch eine Falltüre gäbe es einen Zugang!
-
-Ja, wenn man die eiserne Tür des Bodenraumes aufklinke, -- und das sei
-von drüben aus sehr leicht, -- könne man an meiner Kammer vorbei zu den
-Stiegen unseres Hauses gelangen und diese als Ausgang benützen ...
-
-Wieder klingt das fröhliche Lachen herüber und läßt in mir die
-undeutliche Erinnerung an eine luxuriöse Wohnung und an eine adlige
-Familie auftauchen, zu der ich oft gerufen wurde, um an kostbaren
-Altertümern kleine Ausbesserungen vorzunehmen. --
-
-Plötzlich höre ich nebenan einen gellenden Schrei. Ich horche
-erschreckt.
-
-Die eiserne Bodentür klirrt heftig und im nächsten Augenblick stürzt
-eine Dame in mein Zimmer.
-
-Mit aufgelöstem Haar, weiß wie die Wand, einen goldenen Brokatstoff über
-die bloßen Schultern geworfen.
-
-»Meister Pernath, verbergen Sie mich, -- um Gottes Christi willen! --
-fragen Sie nicht, verbergen Sie mich hier!«
-
-Ehe ich noch antworten konnte, wurde meine Tür abermals aufgerissen und
-sofort wieder zugeschlagen. --
-
-Eine Sekunde lang hatte das Gesicht des Trödlers Aaron Wassertrum wie
-eine scheußliche Maske hereingegrinst. --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ein runder, leuchtender Fleck taucht vor mir auf, und im Scheine des
-Mondlichtes erkenne ich wiederum das Fußende meines Bettes.
-
-Noch liegt der Schlaf auf mir wie ein schwerer, wolliger Mantel und der
-Name Pernath steht in goldenen Buchstaben vor meiner Erinnerung.
-
-Wo nur habe ich diesen Namen gelesen? -- Athanasius Pernath? --
-
-Ich glaube, ich glaube vor langer, langer Zeit habe ich einmal irgendwo
-meinen Hut verwechselt, und ich wunderte mich damals, daß er mir so
-genau passe, wo ich doch eine höchst eigentümliche Kopfform habe.
-
-Und ich sah in den fremden Hut hinein -- damals und -- -- ja, ja, dort
-hatte es gestanden in goldenen Papierbuchstaben auf dem weißen Futter:
-
- ATHANASIUS PERNATH.
-
-Ich hatte mich vor dem Hut gescheut und gefürchtet, ich wußte nicht
-warum.
-
-Da fährt plötzlich die Stimme, die ich vergessen hatte, und die immer
-von mir wissen wollte, wo der Stein ist, der wie Fett ausgesehen habe,
-auf mich los gleich einem Pfeil.
-
-Schnell male ich mir das scharfe, süßlich grinsende Profil der roten
-Rosina aus, und es gelingt mir auf diese Weise dem Pfeil auszuweichen,
-der sich sogleich in der Finsternis verliert.
-
-Ja, das Gesicht der Rosina! Das ist doch noch stärker als die
-stumpfsinnig plappernde Stimme; und gar, wo ich jetzt gleich wieder in
-meinem Zimmer in der Hahnpaßgasse geborgen sein werde, kann ich ganz
-ruhig sein.
-
-
-
-
- I
-
-
-Wenn ich mich nicht getäuscht habe in der Empfindung, daß jemand in
-einem gewissen, gleichbleibenden Abstand hinter mir die Treppe
-heraufkommt in der Absicht, mich zu besuchen, so muß er jetzt ungefähr
-auf dem letzten Stiegenabsatz stehen.
-
-Jetzt biegt er um die Ecke, wo der Archivar Schemajah Hillel seine
-Wohnung hat, und kommt von den ausgetretenen Steinfliesen auf den Flur
-des oberen Stockwerkes, der mit roten Ziegeln ausgelegt ist.
-
-Nun tastet er sich an der Wand entlang, und jetzt, gerade jetzt, muß er,
-mühsam im Finstern buchstabierend, meinen Namen auf dem Türschild lesen.
-
-Und ich stellte mich aufrecht in die Mitte des Zimmers und blickte zum
-Eingang.
-
-Da öffnete sich die Türe, und er trat ein.
-
-Nur wenige Schritte machte er auf mich zu und nahm weder den Hut ab,
-noch sagte er ein Wort der Begrüßung.
-
-So benimmt er sich, wenn er zu Hause ist, fühlte ich, und ich fand es
-ganz selbstverständlich, daß er so und nicht anders handelte.
-
-Er griff in die Tasche und nahm ein Buch heraus.
-
-Dann blätterte er lange darin herum.
-
-Der Umschlag des Buches war aus Metall, und die Vertiefungen in Form von
-Rosetten und Siegeln waren mit Farbe und kleinen Steinen ausgefüllt.
-
-Endlich hatte er die Stelle gefunden, die er suchte, und deutete darauf.
-
-Das Kapitel hieß »Ibbur«, »die Seelenschwängerung«, entzifferte ich.
-
-Das große, in Gold und Rot ausgeführte Initial »I« nahm fast die Hälfte
-der ganzen Seite ein, die ich unwillkürlich überflog, und war am Rande
-verletzt.
-
-Ich sollte es ausbessern.
-
-Das Initial war nicht auf das Pergament geklebt, wie ich es bisher in
-alten Büchern gesehen, schien vielmehr aus zwei Platten dünnen Goldes zu
-bestehen, die im Mittelpunkte zusammengelötet waren und mit den Enden um
-die Ränder des Pergaments griffen.
-
-Also mußte, wo der Buchstabe stand, ein Loch in das Blatt geschnitten
-sein?
-
-Wenn das der Fall war, mußte auf der nächsten Seite das »I« verkehrt
-stehen?
-
-Ich blätterte um und fand meine Annahme bestätigt.
-
-Unwillkürlich las ich auch diese Seite durch und die gegenüberliegende.
-
-Und ich las weiter und weiter.
-
-Das Buch sprach zu mir, wie der Traum spricht, klarer nur und viel
-deutlicher. Und es rührte mein Herz an wie eine Frage.
-
-Worte strömten aus einem unsichtbaren Munde, wurden lebendig und kamen
-auf mich zu. Sie drehten sich und wandten sich vor mir wie bunt
-gekleidete Sklavinnen, sanken dann in den Boden oder verschwanden wie
-schillernder Dunst in der Luft und gaben der nächsten Raum. Jede hoffte
-eine kleine Weile, daß ich sie erwählen würde und auf den Anblick der
-Kommenden verzichten.
-
-Manche waren unter ihnen, die gingen prunkend einher wie Pfauen, in
-schimmernden Gewändern, und ihre Schritte waren langsam und gemessen.
-
-Manche wie Königinnen, doch gealtert und verlebt, die Augenlider
-gefärbt, -- mit dirnenhaftem Zug um den Mund und die Runzeln mit
-häßlicher Schminke verdeckt.
-
-Ich sah an ihnen vorbei und nach den Kommenden, und mein Blick glitt
-über lange Züge grauer Gestalten mit Gesichtern, so gewöhnlich und
-ausdrucksarm, daß es unmöglich schien, sie dem Gedächtnis einzuprägen.
-
-Dann brachten sie ein Weib geschleppt, das war splitternackt und
-riesenhaft wie ein Erzkoloß.
-
-Eine Sekunde blieb das Weib vor mir stehen und beugte sich nieder zu
-mir.
-
-Ihre Wimpern waren so lang wie mein ganzer Körper, und sie deutete stumm
-auf den Puls ihrer linken Hand.
-
-Der schlug wie ein Erdbeben, und ich fühlte, es war das Leben einer
-ganzen Welt in ihr.
-
-Aus der Ferne raste ein Korybantenzug heran.
-
-Ein Mann und ein Weib umschlangen sich. Ich sah sie von weitem kommen,
-und immer näher brauste der Zug.
-
-Jetzt hörte ich den hallenden Gesang der Verzückten dicht vor mir, und
-meine Augen suchten das verschlungene Paar.
-
-Das aber hatte sich verwandelt in eine einzige Gestalt und saß, halb
-männlich, halb weiblich, -- ein Hermaphrodit -- auf einem Throne von
-Perlmutter.
-
-Und die Krone des Hermaphroditen endete in einem Brett aus rotem Holz;
-darein hatte der Wurm der Zerstörung geheimnisvolle Runen genagt.
-
-In einer Staubwolke kam eilig hinterdrein getrappelt eine Herde kleiner,
-blinder Schafe: die Futtertiere, die der gigantische Zwitter in seinem
-Gefolge führte, seine Korybantenschar am Leben zu erhalten.
-
-Zuweilen waren unter den Gestalten, die aus dem unsichtbaren Munde
-strömten, etliche, die kamen aus Gräbern, -- Tücher vor dem Gesicht.
-
-Und blieben sie vor mir stehen, ließen sie plötzlich ihre Hüllen fallen
-und starrten mit Raubtieraugen hungrig auf mein Herz, daß ein eisiger
-Schreck mir ins Hirn fuhr und sich mein Blut zurückstaute wie ein Strom,
-in den Felsblöcke vom Himmel herniedergefallen sind -- plötzlich und
-mitten in sein Bette. --
-
-Eine Frau schwebte an mir vorbei. Ich sah ihr Antlitz nicht, sie wandte
-es ab, und sie trug einen Mantel aus fließenden Tränen. --
-
-Maskenzüge tanzten vorüber, lachten und kümmerten sich nicht um mich.
-
-Nur ein Pierrot sieht sich nachdenklich um nach mir und kehrt zurück.
-Pflanzt sich vor mich hin und blickt in mein Gesicht hinein, als sei es
-ein Spiegel.
-
-Er schneidet so seltsame Grimassen, hebt und bewegt seine Arme, bald
-zögernd, bald blitzschnell, daß sich meiner ein gespenstiger Trieb
-bemächtigt ihn nachzuahmen, mit den Augen zu zwinkern wie er, mit den
-Achseln zu zucken und die Mundwinkel zu verziehen.
-
-Da stoßen ihn ungeduldig nachdrängende Gestalten zur Seite, die alle vor
-meine Blicke wollen.
-
-Doch keines der Wesen hat Bestand.
-
-Gleitende Perlen sind sie, auf eine Seidenschnur gereiht, die einzelnen
-Töne nur einer Melodie, die dem unsichtbaren Munde entströmen.
-
-Das war kein Buch mehr, das zu mir sprach. Das war eine Stimme. Eine
-Stimme, die etwas von mir wollte, was ich nicht begriff; wie sehr ich
-mich auch abmühte. Die mich quälte mit brennenden, unverständlichen
-Fragen.
-
-Die Stimme aber, die diese sichtbaren Worte redete, war abgestorben und
-ohne Widerhall.
-
-Jeder Laut, der in der Welt der Gegenwart erklingt, hat viele Echos, wie
-jegliches Ding einen großen Schatten hat und viele kleine Schatten, doch
-diese Stimme hatte keine Echos mehr, -- lange, lange schon sind sie wohl
-verweht und verklungen. -- -- --
-
-Und bis zu Ende hatte ich das Buch gelesen und hielt es noch in den
-Händen, da war mir, als hätte ich suchend in meinem Gehirn geblättert
-und nicht in einem Buche! -- --
-
-Alles, was mir die Stimme gesagt, hatte ich, seit ich lebte, in mir
-getragen, nur verdeckt war es gewesen und vergessen und hatte sich vor
-meinem Denken versteckt gehalten bis auf den heutigen Tag. --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich blickte auf.
-
-Wo war der Mann, der mir das Buch gebracht hatte?
-
-Fortgegangen!?
-
-Wird er es holen, wenn es fertig ist?
-
-Oder sollte ich es ihm bringen?
-
-Aber ich konnte mich nicht erinnern, daß er gesagt hätte, wo er wohne.
-
-Ich wollte mir seine Erscheinung ins Gedächtnis zurückrufen, doch es
-mißlang.
-
-Wie war er nur gekleidet gewesen? War er alt, war er jung? -- Und welche
-Farben hatten sein Haar und sein Bart gehabt?
-
-Nichts, gar nichts mehr konnte ich mir vorstellen. -- Alle Bilder, die
-ich mir von ihm schuf, zerrannen haltlos, noch ehe ich sie im Geiste
-zusammenzusetzen vermocht.
-
-Ich schloß die Augen und preßte die Hand auf die Lider, um einen
-winzigen Teil nur seines Bildnisses zu erhaschen.
-
-Nichts, nichts.
-
-Ich stellte mich hin, mitten ins Zimmer, und blickte auf die Tür, wie
-ich es getan -- vorhin, als er gekommen war, und malte mir aus: jetzt
-biegt er um die Ecke, jetzt schreitet er über den Ziegelsteinboden,
-liest jetzt draußen mein Türschild »Athanasius Pernath« und jetzt tritt
-er herein.
-
-Vergebens.
-
-Nicht die leiseste Spur einer Erinnerung, wie seine Gestalt ausgesehen,
-wollte in mir erwachen.
-
-Ich sah das Buch auf dem Tische liegen und wünschte mir im Geiste die
-Hand dazu, die es aus der Tasche gezogen und mir gereicht hatte.
-
-Nicht einmal, ob sie einen Handschuh getragen, ob sie entblößt gewesen,
-ob jung oder runzlig, mit Ringen geschmückt oder nicht, konnte ich mich
-entsinnen.
-
-Da kam mir ein seltsamer Einfall.
-
-Wie eine Eingebung war es, der man nicht widerstehen darf.
-
-Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus auf den
-Gang und die Treppen hinab. Dann kam ich langsam wieder zurück in mein
-Zimmer.
-
-Langsam, ganz langsam, so wie er, als er gekommen war. Und wie ich die
-Tür öffnete, da sah ich, daß meine Kammer voll Dämmerung lag. War es
-denn nicht heller Tag noch gewesen, als ich soeben hinausging?
-
-Wie lange mußte ich da gegrübelt haben, daß ich nicht bemerkte, wie spät
-es ist!
-
-Und ich versuchte den Unbekannten nachzuahmen in Gang und Mienen und
-konnte mich an sie doch gar nicht erinnern. --
-
-Wie sollte es mir auch glücken, ihn nachzuahmen, wenn ich keinen
-Anhaltspunkt mehr hatte, wie er ausgesehen haben mochte.
-
-Aber es kam anders. Ganz anders, als ich dachte.
-
-Meine Haut, meine Muskeln, mein Körper erinnerten sich plötzlich, ohne
-es dem Gehirn zu verraten. Sie machten Bewegungen, die ich nicht
-wünschte, und nicht beabsichtigte.
-
-Als ob meine Glieder nicht mehr mir gehörten!
-
-Mit einem Male war mein Gang tappend und fremdartig geworden, wie ich
-ein paar Schritte im Zimmer machte.
-
-Das ist der Gang eines Menschen, der beständig im Begriffe ist, vornüber
-zu fallen, sagte ich mir.
-
-Ja, ja, ja, so war sein Gang!
-
-Ganz deutlich wußte ich: so ist er.
-
-Ich trug ein fremdes, bartloses Gesicht mit hervorstehenden
-Backenknochen und schaute aus schrägstehenden Augen.
-
-Ich fühlte es und konnte mich doch nicht sehen.
-
-Das ist nicht mein Gesicht, wollte ich entsetzt aufschreien, wollte es
-betasten, doch meine Hand folgte meinem Willen nicht und senkte sich in
-die Tasche und holte ein Buch hervor.
-
-Ganz so, wie er es vorhin getan hatte. --
-
-Da plötzlich sitze ich wieder ohne Hut, ohne Mantel, am Tische und bin
-ich. Ich, ich.
-
-Athanasius Pernath.
-
-Grausen und Entsetzen schüttelten mich, mein Herz raste zum Zerspringen,
-und ich fühlte: gespenstische Finger, die soeben noch in meinem Gehirn
-umhergetastet, haben von mir abgelassen.
-
-Noch spürte ich im Hinterkopf die kalten Spuren ihrer Berührung. --
-
-Nun wußte ich, wie der Fremde war, und ich hätte ihn wieder in mir
-fühlen können -- jeden Augenblick --, wenn ich nur gewollt hätte; aber
-sein Bild mir vorstellen, daß ich es vor mir _sehen_ würde Auge in Auge
--- das vermochte ich noch immer nicht und werde es auch nie können.
-
-Er ist wie ein Negativ, eine unsichtbare Hohlform, erkannte ich, deren
-Linien ich nicht erfassen kann -- in die ich selber hineinschlüpfen muß,
-wenn ich mir ihrer Gestalt und ihres Ausdrucks im eigenen Ich bewußt
-werden will -- --
-
-In der Schublade meines Tisches stand eine eiserne Kassette; -- in diese
-wollte ich das Buch sperren und erst, bis der Zustand der geistigen
-Krankheit von mir gewichen sein würde, wollte ich es wieder hervorholen
-und an die Ausbesserung des zerbrochenen Initialen »I« gehen.
-
-Und ich nahm das Buch vom Tisch.
-
-Da war mir, als hätte ich es gar nicht angefaßt; ich griff die Kassette
-an: dasselbe Gefühl. Als müßte das Tastempfinden eine lange, lange
-Strecke voll tiefer Dunkelheit durchlaufen, ehe es in meinem Bewußtsein
-mündete, als seien die Dinge durch eine jahresgroße Zeitschicht von mir
-entfernt und gehörten einer Vergangenheit an, die längst an mir
-vorübergezogen!
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die Stimme, die nach mir suchend in der Finsternis kreist, um mich mit
-dem fettigen Stein zu quälen, ist an mir vorbeigekommen und hat mich
-nicht gesehen. Und ich weiß, daß sie aus dem Reiche des Schlafes stammt.
-Aber was ich erlebt, das war wirkliches Leben, -- darum konnte sie mich
-nicht sehen und sucht vergeblich nach mir, fühle ich.
-
-
-
-
- Prag
-
-
-Neben mir stand der Student Charousek, den Kragen seines dünnen,
-fadenscheinigen Überziehers aufgeschlagen, und ich hörte, wie ihm vor
-Kälte die Zähne aufeinanderschlugen.
-
-Er kann sich den Tod holen in diesem zugigen, eisigen Torbogen, sagte
-ich mir, und ich forderte ihn auf, mit hinüber in meine Wohnung zu
-kommen.
-
-Er aber lehnte ab.
-
-»Ich danke Ihnen, Meister Pernath,« murmelte er fröstelnd, »leider habe
-ich nicht mehr so viel Zeit übrig; -- ich muß eilends in die Stadt. --
-Auch würden wir bis auf die Haut naß, wenn wir jetzt auf die Gasse
-treten wollten -- schon nach wenigen Schritten! -- -- Der Platzregen
-will nicht schwächer werden!«
-
-Die Wasserschauer fegten über die Dächer hin und liefen an den
-Gesichtern der Häuser herunter wie ein Tränenstrom.
-
-Wenn ich den Kopf ein wenig vorbog, konnte ich da drüben im vierten
-Stock mein Fenster sehen, das, vom Regen überrieselt, aussah, als seien
-seine Scheiben aufgeweicht, -- undurchsichtig und höckerig geworden wie
-Hausenblase.
-
-Ein gelber Schmutzbach floß die Gasse herab, und der Torbogen füllte
-sich mit Vorübergehenden, die alle das Nachlassen des Unwetters abwarten
-wollten.
-
-»Dort schwimmt ein Brautbukett,« sagte plötzlich Charousek und deutete
-auf einen Strauß aus welken Myrten, der in dem Schmutzwasser
-vorbeigetrieben kam.
-
-Darüber lachte jemand hinter uns laut auf.
-
-Als ich mich umdrehte, sah ich, daß es ein alter, vornehm gekleideter
-Herr mit weißem Haar und einem aufgedunsenen, krötenartigen Gesicht
-gewesen war.
-
-Charousek blickte ebenfalls einen Augenblick zurück und brummte etwas
-vor sich hin.
-
-Unangenehmes ging von dem Alten aus; -- ich wandte meine Aufmerksamkeit
-von ihm ab und musterte die mißfarbigen Häuser, die da vor meinen Augen
-wie verdrossene alte Tiere im Regen nebeneinander hockten.
-
-Wie unheimlich und verkommen sie alle aussahen!
-
-Ohne Überlegung hingebaut standen sie da, wie Unkraut, das aus dem Boden
-dringt.
-
-An eine niedrige, gelbe Steinmauer, den einzigen standhaltenden Überrest
-eines früheren, langgestreckten Gebäudes hat man sie angelehnt -- vor
-zwei, drei Jahrhunderten, wie es eben kam, ohne Rücksicht auf die
-übrigen zu nehmen. Dort ein halbes, schiefwinkliges Haus mit
-zurückspringender Stirn; -- ein andres daneben: vorstehend wie ein
-Eckzahn.
-
-Unter dem trüben Himmel sahen sie aus, als lägen sie im Schlaf, und man
-spürte nichts von dem tückischen, feindseligen Leben, das zuweilen von
-ihnen ausstrahlt, wenn der Nebel der Herbstabende in den Gassen liegt
-und ihr leises, kaum merkliches Mienenspiel verbergen hilft.
-
-In dem Menschenalter, das ich nun hier wohne, hat sich der Eindruck in
-mir festgesetzt, den ich nicht loswerden kann, als ob es gewisse Stunden
-des Nachts und im frühesten Morgengrauen für sie gäbe, wo sie erregt
-eine lautlose, geheimnisvolle Beratung pflegen. Und manchmal fährt da
-ein schwaches Beben durch ihre Mauern, das sich nicht erklären läßt,
-Geräusche laufen über ihre Dächer und fallen in den Regenrinnen nieder,
--- und wir nehmen sie mit stumpfen Sinnen achtlos hin, ohne nach ihrer
-Ursache zu forschen.
-
-Oft träumte mir, ich hätte diese Häuser belauscht in ihrem spukhaften
-Treiben und mit angstvollem Staunen erfahren, daß sie die heimlichen,
-eigentlichen Herren der Gasse seien, sich ihres Lebens und Fühlens
-entäußern und es wieder an sich ziehen können, -- es tagsüber den
-Bewohnern, die hier hausen, borgen, um es in kommender Nacht mit
-Wucherzinsen wieder zurückzufordern.
-
-Und lasse ich die seltsamen Menschen, die in ihnen wohnen wie Schemen,
-wie Wesen -- nicht von Müttern geboren, -- die in ihrem Denken und Tun
-wie aus Stücken wahllos zusammengefügt scheinen, im Geiste an mir
-vorüberziehen, so bin ich mehr denn je geneigt zu glauben, daß solche
-Träume in sich dunkle Wahrheiten bergen, die mir im Wachsein nur noch
-wie Eindrücke von farbigen Märchen in der Seele fortglimmen.
-
-Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem
-künstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Ghetto ein
-kabbalakundiger Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem
-gedankenlosen automatischen Dasein berief, indem er ihm ein magisches
-Zahlenwort hinter die Zähne schob.
-
-Und wie jener Golem zu einem Lehmbild in derselben Sekunde erstarrte, in
-der die geheime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward, so
-müßten auch, dünkt mich, alle diese _Menschen_ entseelt in einem
-Augenblick zusammenfallen, löschte man irgendeinen winzigen Begriff, ein
-nebensächliches Streben, vielleicht eine zwecklose Gewohnheit bei dem
-einen, bei einem andern gar nur ein dumpfes Warten auf etwas gänzlich
-Unbestimmtes, Haltloses -- in ihrem Hirn aus.
-
-Was ist dabei für ein immerwährendes, schreckhaftes Lauern in diesen
-Geschöpfen!
-
-Niemals sieht man sie arbeiten, diese Menschen, und dennoch sind sie
-früh beim ersten Leuchten des Morgens wach und warten mit angehaltenem
-Atem, -- wie auf ein Opfer, das doch nie kommt.
-
-Und hat es wirklich einmal den Anschein, als träte jemand in ihr
-Bereich, irgend ein Wehrloser, an dem sie sich bereichern könnten, dann
-fällt plötzlich eine lähmende Angst über sie her, scheucht sie in ihre
-Winkel zurück und läßt sie von jeglichem Vorhaben zitternd abstehen.
-
-Niemand scheint schwach genug, daß ihnen noch so viel Mut bliebe, sich
-seiner zu bemächtigen.
-
-»Entartete, zahnlose Raubtiere, von denen die Kraft und die Waffe
-genommen ist,« sagte Charousek zögernd und sah mich an. --
-
-Wie konnte er wissen, woran ich dachte? --
-
-So stark facht man zuweilen seine Gedanken an, daß sie imstande sind,
-auf das Gehirn des Nebenstehenden überzuspringen wie sprühende Funken,
-fühlte ich.
-
-»-- -- -- wovon sie nur leben mögen?« fragte ich nach einer Weile.
-
-»Leben? Wovon? Mancher unter ihnen ist ein Millionär!«
-
-Ich blickte Charousek an. Was konnte er damit meinen!
-
-Der Student aber schwieg und sah nach den Wolken.
-
-Für einen Augenblick hatte das Stimmengemurmel in dem Torbogen gestockt
-und man hörte bloß das Zischen des Regens.
-
-Was er nur damit sagen will: »Mancher unter ihnen ist ein Millionär!?«
-
-Wieder war es, als hätte Charousek meine Gedanken erraten.
-
-Er wies nach dem Trödlerladen neben uns, an dem das Wasser den Rost des
-Eisengerümpels in fließenden, braunroten Pfützen vorbeispülte.
-
-»Aaron Wassertrum! Er zum Beispiel ist Millionär, -- fast ein Drittel
-der Judenstadt ist sein Besitz. Wissen Sie es denn nicht, Herr
-Pernath?!«
-
-Mir blieb förmlich der Atem im Mund stecken. »Aaron Wassertrum! Der
-Trödler Aaron Wassertrum Millionär?!«
-
-»Oh, ich kenne ihn genau«, fuhr Charousek verbissen fort, und als hätte
-er nur darauf gewartet, daß ich ihn frage. »Ich kannte auch seinen Sohn,
-den Dr. Wassory. Haben Sie nie von ihm gehört? Von Dr. Wassory, dem --
-berühmten -- Augenarzt? -- Vor einem Jahr noch hat die ganze Stadt
-begeistert von ihm gesprochen, -- von dem großen -- -- Gelehrten.
-Niemand wußte damals, daß er seinen Namen abgelegt und früher Wassertrum
-geheißen hat. -- Er spielte sich gerne auf den weltabgewandten Mann der
-Wissenschaft, und wenn einmal auf Herkunft die Rede kam, warf er
-bescheiden und tiefbewegt so mit halben Worten hin, daß sein Vater noch
-aus dem Ghetto stamme, -- sich aus den niedrigsten Anfängen heraus unter
-Kummer aller Art und unsäglichen Sorgen empor ans Licht habe arbeiten
-müssen.
-
-Ja! Unter Kummer und Sorgen!
-
-Unter _wessen_ Kummer und unsäglichen Sorgen aber und mit welchen
-Mitteln, das hat er nicht dazu gesagt!
-
-Ich aber weiß, was es mit dem Ghetto für eine Bewandtnis hat!« Charousek
-faßte meinen Arm und schüttelte ihn heftig.
-
-»Meister Pernath, ich bin so arm, daß ich es selbst kaum mehr begreife;
-ich muß halb nackt gehen wie ein Vagabund, sehen Sie her, und ich bin
-doch Student der Medizin, -- bin doch ein gebildeter Mensch!«
-
-Er riß seinen Überzieher auf und ich sah zu meinem Entsetzen, daß er
-weder Hemd noch Rock an hatte und den Mantel über der nackten Haut trug.
-
-»Und so arm war ich bereits, als ich diese Bestie, diesen allmächtigen,
-angesehenen Dr. Wassory zu Fall brachte, -- und noch heute ahnt keiner,
-daß ich, ich der eigentliche Urheber war.
-
-Man meint in der Stadt, ein gewisser Dr. Savioli sei es gewesen, der
-seine Praktiken ans Tageslicht gezogen und ihn dann zum Selbstmord
-getrieben hat. -- Dr. Savioli war nichts als mein Werkzeug! sage ich
-Ihnen. Ich allein habe den Plan erdacht und das Material
-zusammengetragen, habe die Beweise geliefert und leise und unmerklich
-Stein um Stein in dem Gebäude Dr. Wassorys gelockert, bis der Zustand
-erreicht war, wo kein Geld der Erde, keine List des Ghetto mehr vermocht
-hätten, den Zusammenbruch, zu dem es nur noch eines unmerklichen
-Anstoßes bedurfte, abzuwenden.
-
-Wissen Sie, so -- so wie man Schach spielt.
-
-Gerade so wie man Schach spielt.
-
-Und niemand weiß, daß ich es war!
-
-Den Trödler Aaron Wassertrum, den läßt wohl manchmal eine furchtbare
-Ahnung nicht schlafen, daß einer, den er nicht kennt, der immer in
-seiner Nähe ist und den er doch nicht fassen kann, -- ein anderer als
-Dr. Savioli -- die Hand im Spiele gehabt haben müsse.
-
-Wiewohl Wassertrum einer von jenen ist, deren Augen durch Mauern zu
-schauen vermögen, so faßt er es doch nicht, daß es Gehirne gibt, die
-auszurechnen imstande sind, wie man mit langen, unsichtbaren,
-vergifteten Nadeln durch solche Mauern stechen kann, an Quadern, an Gold
-und Edelsteinen vorbei, um die verborgene Lebensader zu treffen.«
-
-Und Charousek schlug sich vor die Stirn und lachte wild.
-
-»Aaron Wassertrum wird es bald erfahren; genau an dem Tage, an dem er
-Dr. Savioli an den Hals will! Genau an demselben Tage!
-
-Auch diese Schachpartie habe ich ausgerechnet bis zum letzten Zug. --
-Diesmal wird es ein Königsläufergambit sein. Da gibt es keinen einzigen
-Zug bis zum bittern Ende, gegen den ich nicht eine verderbliche
-Entgegnung wüßte.
-
-Wer sich mit mir in ein solches Königsläufergambit einläßt, der hängt in
-der Luft, sage ich Ihnen, wie eine hilflose Marionette an feinen Fäden,
--- an Fäden, die ich zupfe, -- hören Sie wohl, die ich zupfe, und mit
-dessen freiem Willen ist's dahin.«
-
-Der Student redete wie im Fieber, und ich sah ihm entsetzt ins Gesicht.
-
-»Was haben Ihnen Wassertrum und sein Sohn denn getan, daß Sie so voll
-Haß sind?«
-
-Charousek wehrte heftig ab:
-
-»Lassen wir das -- fragen Sie lieber, was Dr. Wassory den Hals gebrochen
-hat! -- Oder wünschen Sie, daß wir ein andres Mal darüber sprechen? --
-Der Regen hat nachgelassen. Vielleicht wollen Sie nach Hause gehen?«
-
-Er senkte seine Stimme, wie jemand, der plötzlich ganz ruhig wird. Ich
-schüttelte den Kopf.
-
-»Haben Sie jemals gehört, wie man heutzutage den grünen Star heilt? --
-Nicht? -- So muß ich Ihnen das deutlich machen, damit Sie alles genau
-verstehen, Meister Pernath!
-
-Hören Sie zu: Der >grüne Star< also ist eine bösartige Erkrankung des
-Augeninnern, die mit Erblinden endet, und es gibt nur ein Mittel, dem
-Fortschreiten des Übels Einhalt zu tun, nämlich die sogenannte
-Iridektomie, die darin besteht, daß man aus der Regenbogenhaut des Auges
-ein keilförmiges Stückchen herauszwickt.
-
-Die unvermeidlichen Folgen davon sind wohl greuliche
-Blendungserscheinungen, die fürs ganze Leben bleiben; der Prozeß des
-Erblindens jedoch ist meistens aufgehalten.
-
-Mit der Diagnose des grünen Stars hat es aber eine eigene Bewandtnis.
-
-Es gibt nämlich Zeiten, besonders bei Beginn der Krankheit, wo die
-deutlichsten Symptome scheinbar ganz zurücktreten, und in solchen Fällen
-darf ein Arzt, obwohl er keine Spur einer Krankheit finden kann, dennoch
-niemals mit Bestimmtheit sagen, daß sein Vorgänger, der andrer Meinung
-gewesen, sich notwendigerweise geirrt haben müsse.
-
-Hat aber einmal die erwähnte Iridektomie, die sich natürlich genau so an
-einem gesunden Auge wie an einem kranken ausführen läßt, stattgefunden,
-so kann man unmöglich mehr feststellen, ob früher wirklich grüner Star
-vorgelegen hat oder nicht.
-
-Und auf diese und noch andere Umstände hatte Dr. Wassory einen
-scheußlichen Plan aufgebaut.
-
-Unzählige Male -- besonders an Frauen -- konstatierte er grünen Star, wo
-harmlose Sehstörungen vorlagen, nur um zu einer Operation zu kommen, die
-ihm keine Mühe machte und viel Geld eintrug.
-
-Da endlich hatte er vollkommen Wehrlose in der Hand; da gehörte zum
-Ausplündern auch keine Spur von Mut mehr!
-
-Sehen Sie, Meister Pernath, da war das degenerierte Raubtier in jene
-Lebensbedingungen versetzt, wo es auch ohne Waffe und Kraft sein Opfer
-zerfleischen konnte.
-
-Ohne etwas aufs Spiel zu setzen! -- Begreifen Sie?! Ohne das geringste
-wagen zu müssen!
-
-Durch eine Menge fauler Veröffentlichungen in Fachblättern hatte sich
-Dr. Wassory in den Ruf eines hervorragenden Spezialisten zu setzen
-verstanden und sogar seinen Kollegen, die viel zu arglos und anständig
-waren, um ihn zu durchschauen, Sand in die Augen zu streuen gewußt.
-
-Ein Strom von Patienten, die alle bei ihm Hilfe suchten, war die
-natürliche Folge.
-
-Kam nun jemand mit geringfügigen Sehstörungen zu ihm und ließ sich
-untersuchen, so ging Dr. Wassory sofort mit tückischer Planmäßigkeit zu
-Werke.
-
-Zuerst stellte er das übliche Krankenverhör an, notierte aber geschickt
-immer nur, um für alle Fälle später gedeckt zu sein, jene Antworten, die
-eine Deutung auf grünen Star zuließen.
-
-Und vorsichtig sondierte er, ob nicht schon eine frühere Diagnose
-vorläge.
-
-Gesprächsweise ließ er einfließen, daß ein dringender Ruf aus dem
-Auslande behufs wichtiger, wissenschaftlicher Maßnahmen an ihn ergangen
-sei und er daher schon morgen verreisen müsse. --
-
-Bei der Augenspiegelung mit elektrischen Lichtstrahlen, die er sodann
-vornahm, bereitete er dem Kranken absichtlich so viel Schmerzen wie
-möglich.
-
-Alles mit Vorbedacht! Alles mit Vorbedacht!
-
-Wenn das Verhör vorüber und die übliche bange Frage des Patienten, ob
-Grund zur Befürchtung vorhanden sei, erfolgt war, da tat Wassory seinen
-ersten Schachzug.
-
-Er setzte sich dem Kranken gegenüber, ließ eine Minute verstreichen und
-sprach dann gemessen und mit sonorer Stimme den Satz:
-
-»Erblindung beider Augen ist bereits in der allernächsten Zeit wohl
-unvermeidlich!«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die Szene, die naturgemäß folgte, war entsetzlich. Oft fielen die Leute
-in Ohnmacht, weinten und schrien und warfen sich in wilder Verzweiflung
-zu Boden.
-
-Das Augenlicht verlieren, heißt alles verlieren.
-
-Und wenn der wiederum übliche Moment eintrat, wo das arme Opfer die Knie
-Dr. Wassorys umklammerte und flehte, ob es denn auf Gottes Erde gar
-keine Hilfe mehr gäbe, da tat die Bestie den zweiten Schachzug und
-verwandelte sich selbst in jenen -- Gott, der helfen konnte!
-
-Alles, alles in der Welt, ist wie ein Schachspiel, Meister Pernath! --
-
-Schleunigste Operation, sagte Dr. Wassory dann nachdenklich, sei das
-einzige, was vielleicht Rettung bringen könne, und mit einer wilden,
-gierigen Eitelkeit, die plötzlich über ihn kam, erging er sich mit einem
-Redeschwall in weitschweifigem Ausmalen dieses und jenes Falles, die
-alle mit dem vorliegenden eine ungemein große Ähnlichkeit gehabt hätten,
--- wie unzählige Kranke ihm allein die Erhaltung des Augenlichts
-verdankten, und dergleichen mehr.
-
-Er schwelgte förmlich in dem Gefühl, für eine Art höheren Wesens
-gehalten zu werden, in dessen Hände das Wohl und Wehe seines Mitmenschen
-gelegt ist.
-
-Das hilflose Opfer aber saß, das Herz voll brennender Fragen, gebrochen
-vor ihm, Angstschweiß auf der Stirne, und wagte ihm nicht einmal in die
-Rede zu fallen, aus Furcht: ihn -- den einzigen, der noch Hilfe bringen
-konnte -- zu erzürnen.
-
-Und mit den Worten, daß er zur Operation leider erst in einigen Monaten
-schreiten könne, wenn er von seiner Reise wieder zurück sei, schloß Dr.
-Wassory seine Rede.
-
-Hoffentlich, -- man solle in solchen Fällen immer das Beste hoffen --
-sei es da nicht zu spät, sagte er.
-
-Natürlich sprangen dann die Kranken entsetzt auf, erklärten, daß sie
-unter gar keinen Umständen auch nur einen Tag länger warten wollten, und
-baten flehentlich um Rat, wer von den andern Augenärzten in der Stadt
-sonst wohl als Operateur in Betracht käme.
-
-Da war der Augenblick gekommen, wo Dr. Wassory den entscheidenden Schlag
-führte.
-
-Er ging in tiefem Nachdenken auf und ab, legte seine Stirn in Falten des
-Grams und lispelte schließlich bekümmert, ein Eingriff seitens eines
-_andern_ Arztes bedinge leider eine abermalige Bespiegelung des Auges
-mit elektrischem Licht, und das müsse -- der Patient wisse ja selbst,
-wie schmerzhaft es sei -- wegen der blendenden Strahlen geradezu
-verhängnisvoll wirken.
-
-Ein andrer Arzt also, ganz abgesehen davon, daß so manchem von ihnen
-gerade in der Iridektomie die nötige Übung fehle -- dürfe, eben weil er
-wiederum von neuem untersuchen müsse, gar nicht vor Ablauf längerer
-Zeit, bis sich die Sehnerven wieder erholt hätten, zu einem
-chirurgischen Eingriff schreiten.«
-
-Charousek ballte die Fäuste.
-
-»Das nennen wir in der Schachsprache >Zugzwang<, lieber Meister Pernath!
--- -- Was weiter folgte, war wiederum Zugzwang, -- ein erzwungener Zug
-nach dem andern.
-
-Halb wahnsinnig vor Verzweiflung beschwor nun der Patient den Dr.
-Wassory, er möge doch Erbarmen haben, einen Tag nur seine Abreise
-verschieben und die Operation selber vornehmen. -- Es handle sich doch
-um mehr noch als um schnellen Tod, die grauenhafte, folternde Angst,
-jeden Augenblick erblinden zu müssen, sei ja das Schrecklichste, was es
-geben könne.
-
-Und je mehr das Scheusal sich sträubte und jammerte: ein Aufschub seiner
-Reise könne ihm unabsehbaren Schaden bringen, desto höhere Summen boten
-freiwillig die Kranken.
-
-Schien schließlich die Summe Dr. Wassory hoch genug, gab er nach und
-fügte bereits am selben Tage, ehe noch ein Zufall seinen Plan aufdecken
-konnte, den Bedauernswerten an beiden gesunden Augen jenen unheilbaren
-Schaden zu, jenes immerwährende Gefühl des Geblendetseins, das das Leben
-zu stetiger Qual gestalten mußte, die Spuren des Schurkenstreiches aber
-ein für allemal verwischte.
-
-Durch solche Operationen an gesunden Augen vermehrte Dr. Wassory nicht
-nur seinen Ruhm und seinen Ruf als unvergleichlicher Arzt, dem es noch
-jedesmal gelungen sei, die drohende Erblindung aufzuhalten, -- es
-befriedigte gleichzeitig seine maßlose Geldgier und fröhnte seiner
-Eitelkeit, wenn die ahnungslosen, an Körper und Vermögen geschädigten
-Opfer zu ihm wie zu einem Helfer aufsahen und ihn als Retter priesen.
-
-Nur ein Mensch, der mit allen Fasern im Ghetto und seinen zahllosen,
-unscheinbaren, jedoch unüberwindlichen Hilfsquellen wurzelte und von
-Kindheit an gelernt hat auf der Lauer zu liegen wie eine Spinne, der
-jeden Menschen in der Stadt kannte und bis ins kleinste seine
-Beziehungen und Vermögensverhältnisse erriet und durchschaute, -- nur
-ein solcher -- »Halbhellsehender« möchte man es beinahe nennen, --
-konnte jahrelang derartige Scheußlichkeiten verüben.
-
-Und wäre ich nicht gewesen, bis heute triebe er sein Handwerk noch,
-würde es bis ins hohe Alter weiter betrieben haben, um schließlich als
-ehrwürdiger Patriarch im Kreise seiner Lieben, angetan mit hohen Ehren,
-künftigen Geschlechtern ein leuchtendes Vorbild, seinen Lebensabend zu
-genießen, bis -- bis endlich auch über ihn das große Verrecken
-hinweggezogen wäre.
-
-Ich aber wuchs ebenfalls im Ghetto auf, und auch mein Blut ist mit jener
-Atmosphäre höllischer List gesättigt, und so vermochte ich ihn zu Fall
-zu bringen, -- so wie die Unsichtbaren einen Menschen zu Fall bringen,
--- wie aus heiterm Himmel heraus ein Blitz trifft.
-
-Dr. Savioli, ein junger deutscher Arzt, hat das Verdienst der
-Entlarvung, -- ihn schob ich vor und häufte Beweis auf Beweis, bis der
-Tag anbrach, wo der Staatsanwalt seine Hand nach Dr. Wassory
-ausstreckte.
-
-Da beging die Bestie Selbstmord! -- Gesegnet sei die Stunde!
-
-Als hätte mein Doppelgänger neben ihm gestanden und ihm die Hand
-geführt, nahm er sich das Leben mit jener Phiole Amylnitrit, die ich
-absichtlich in seinem Ordinationszimmer bei der Gelegenheit hatte stehen
-lassen, als ich selbst ihn einmal verleitet, auch an mir die falsche
-Diagnose des grünen Stars zu stellen, -- absichtlich und mit dem
-glühenden Wunsche, daß es dieses Amylnitrit sein möchte, das ihm den
-letzten Stoß geben sollte.
-
-Der Gehirnschlag hätte ihn getroffen, hieß es in der Stadt.
-
-Amylnitrit tötet, eingeatmet, wie Gehirnschlag. Aber lange konnte das
-Gerücht nicht aufrecht erhalten werden.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Charousek starrte plötzlich geistesabwesend, als habe er sich in ein
-tiefes Problem verloren, vor sich hin, dann zuckte er mit der Achsel
-nach der Richtung, wo Aaron Wassertrums Trödlerladen lag.
-
-»Jetzt ist er allein,« murmelte er, »ganz allein mit seiner Gier und --
-und -- und mit der Wachspuppe!«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Mir schlug das Herz bis zum Hals.
-
-Ich sah Charousek voll Entsetzen an.
-
-War er wahnsinnig? Es mußten Fieberphantasien sein, die ihn diese Dinge
-erfinden ließen.
-
-Gewiß, gewiß! Er hat alles erfunden, geträumt!
-
-Es kann nicht wahr sein, was er da über den Augenarzt Grauenhaftes
-erzählt hat. Er ist schwindsüchtig, und die Fieber des Todes kreisen in
-seinem Hirn.
-
-Und ich wollte ihn mit ein paar scherzenden Worten beruhigen, seine
-Gedanken in eine freundliche Richtung lenken.
-
-Da fuhr, noch ehe ich die Worte fand, wie ein Blitz in meine Erinnerung
-das Gesicht Wassertrums mit der gespaltenen Oberlippe, wie es damals in
-mein Zimmer mit runden Fischaugen durch die aufgerissene Tür
-hereingeschaut hatte.
-
-Dr. Savioli! Dr. Savioli! -- ja, ja, so war auch der Name des jungen
-Mannes gewesen, den mir der Marionettenspieler Zwakh flüsternd
-anvertraut als den des vornehmen Zimmerherrn, der von ihm das Atelier
-gemietet hatte.
-
-Dr. Savioli! -- Wie ein Schrei tauchte es in meinem Innern auf. Eine
-Reihe nebelhafter Bilder zuckte durch meinen Geist, jagte sich mit
-schreckhaften Vermutungen, die auf mich einstürmten.
-
-Ich wollte Charousek fragen, ihm voll Angst rasch alles erzählen, was
-ich damals erlebt, da sah ich, daß ein heftiger Hustenanfall sich seiner
-bemächtigt hatte und ihn fast umwarf. Ich konnte nur noch unterscheiden,
-wie er sich mühsam mit den Händen an der Mauer stützend in den Regen
-hinaustappte und mir einen flüchtigen Gruß zunickte.
-
-Ja, ja, er hat recht, er sprach nicht im Fieber, -- fühlte ich, -- das
-unfaßbare Gespenst des Verbrechens ist es, das durch diese Gassen
-schleicht Tag und Nacht und sich zu verkörpern sucht.
-
-Es liegt in der Luft, und wir sehen es nicht. Plötzlich schlägt es sich
-nieder in einer Menschenseele, -- wir ahnen es nicht, -- da, dort, und
-ehe wir es fassen können, ist es gestaltlos geworden und alles längst
-vorüber.
-
-Und nur noch dunkle Worte über irgendein entsetzliches Geschehnis kommen
-an uns heran.
-
-Mit einem Schlage begriff ich diese rätselhaften Geschöpfe, die rings um
-mich wohnten, in ihrem innersten Wesen: sie treiben willenlos durchs
-Dasein von einem unsichtbaren magnetischen Strom belebt -- -- so, wie
-vorhin das Brautbukett in dem schmutzigen Rinnsal vorüberschwamm.
-
-Mir war, als starrten die Häuser alle mit tückischen Gesichtern voll
-namenloser Bosheit auf mich herüber, -- die Tore: aufgerissene schwarze
-Mäuler, aus denen die Zungen ausgefault waren, -- Rachen, die jeden
-Augenblick einen gellenden Schrei ausstoßen konnten, so gellend und
-haßerfüllt, daß es uns bis ins Innerste erschrecken müßte.
-
-Was hatte zum Schluß noch der Student über den Trödler gesagt? -- Ich
-flüsterte mir seine Worte vor: -- Aaron Wassertrum sei jetzt allein mit
-seiner Gier und -- -- seiner Wachspuppe.
-
-Was kann er nur mit der Wachspuppe gemeint haben?
-
-Es muß ein Gleichnis gewesen sein, beschwichtigte ich mich, -- eines
-jener krankhaften Gleichnisse, mit denen er einen zu überfallen pflegt,
-die man nicht versteht, und die einen, wenn sie später unerwartet
-sichtbarlich werden, so tief erschrecken können wie Dinge von
-ungewohnter Form, auf die plötzlich ein greller Lichtstreif fällt.
-
-Ich holte tief Atem, um mich zu beruhigen und den furchtbaren Eindruck,
-den mir Charouseks Erzählung verursacht hatte, abzuschütteln.
-
-Ich sah die Leute genauer an, die mit mir in dem Hausflur warteten:
-Neben mir stand jetzt der dicke Alte. Derselbe, der vorhin so widerlich
-gelacht hatte.
-
-Er hatte einen schwarzen Gehrock an und Handschuhe und starrte mit
-vorquellenden Augen unverwandt auf den Torbogen des Hauses gegenüber.
-
-Sein glattrasiertes Gesicht mit den breiten, gemeinen Zügen zuckte vor
-Erregung.
-
-Unwillkürlich folgte ich seinen Blicken und bemerkte, daß sie wie
-gebannt an der rothaarigen Rosina hingen, die drüben jenseits der Gasse
-stand, ihr immerwährendes Lächeln um die Lippen.
-
-Der Alte war bemüht, ihr Zeichen zu geben, und ich sah, daß sie es wohl
-wußte, aber sich benahm, als verstünde sie nicht.
-
-Endlich hielt es der Alte nicht länger aus, watete auf den Fußspitzen
-hinüber und hüpfte mit lächerlicher Elastizität wie ein großer,
-schwarzer Gummiball über die Pfützen.
-
-Man schien ihn zu kennen, denn ich hörte allerhand Glossen fallen, die
-darauf hinzielten. Ein Strolch hinter mir, ein rotes, gestricktes Tuch
-um den Hals, mit blauer Militärmütze, die Virginia hinter dem Ohr,
-machte mit grinsendem Mund Anspielungen, die ich nicht verstand.
-
-Ich begriff nur, daß sie den Alten in der Judenstadt den »Freimaurer«
-nannten und in ihrer Sprache mit diesem Spitznamen jemand bezeichnen
-wollten, der sich an halbwüchsigen Mädchen zu vergehen pflegt, aber
-durch intime Beziehungen zur Polizei vor jeder Strafe sicher ist. -- --
---
-
-Dann waren das Gesicht Rosinas und der Alte drüben im Dunkel des
-Hausflures verschwunden.
-
-
-
-
- Punsch
-
-
-Wir hatten das Fenster geöffnet, um den Tabakrauch aus meinem kleinen
-Zimmer strömen zu lassen.
-
-Der kalte Nachtwind blies herein und wehte an die zottigen Mäntel, die
-an der Türe hingen, daß sie leise hin und her schwankten.
-
-»Prokops würdige Haupteszierde möchte am liebsten davonfliegen«, sagte
-Zwakh und deutete auf des Musikers großen Schlapphut, der die breite
-Krempe bewegte wie schwarze Flügel.
-
-Josua Prokop zwinkerte lustig mit den Augenlidern.
-
-»Er will,« sagte er, »er will wahrscheinlich -- -- --«
-
-»Er will zum >Loisitschek< zur Tanzmusik«, nahm ihm Vrieslander das Wort
-vorweg.
-
-Prokop lachte und schlug mit der Hand den Takt zu den Klängen, die die
-dünne Winterluft her über die Dächer trug.
-
-Dann nahm er meine alte, zerbrochene Gitarre von der Wand, tat, als
-zupfe er die zerbrochenen Saiten und sang mit kreischendem Falsett und
-gespreizter Betonung in Rotwelsch ein wunderliches Lied:
-
- »An Bein-del von Ei-sen
- recht alt
- »An Stran-zen net gar
- a so kalt
- »Messinung, a' Räucherl
- und Rohn
- »und immerrr nurr putz-en -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Wie großartig er mit einem Mal die Gaunersprache beherrscht!« und
-Vrieslander lachte laut auf und brummte mit:
-
- »Und stok-en sich Aufzug
- und Pfiff
- »Und schmallern an eisernes
- G'süff.
- »Juch, --
- »Und Handschuhkren, Harom net san -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Dieses kuriose Lied schnarrt jeden Abend beim >Loisitschek< der
-meschuggene Nephtali Schaffranek mit dem grünen Augenschirm, und ein
-geschminktes Weibsbild spielt Harmonika und gröhlt den Text dazu«,
-erklärte mir Zwakh. »Sie sollten auch einmal mit uns in diese Schenke
-gehen, Meister Pernath. Später vielleicht, wenn wir mit dem Punsch zu
-Ende sind, -- was meinen Sie? Zur Feier Ihres heutigen Geburtstages?«
-
-»Ja, ja kommen Sie nachher mit uns,« sagte Prokop und klinkte das
-Fenster zu, -- »man muß so etwas gesehen haben.«
-
-Dann tranken wir den heißen Punsch und hingen unseren Gedanken nach.
-
-Vrieslander schnitzte an einer Marionette.
-
-»Sie haben uns förmlich von der Außenwelt abgeschnitten, Josua,«
-unterbrach Zwakh die Stille, »seit Sie das Fenster geschlossen haben,
-hat niemand mehr ein Wort gesprochen.«
-
-»Ich dachte nur darüber nach, als vorhin die Mäntel so flogen, wie
-seltsam es ist, wenn der Wind leblose Dinge bewegt,« antwortete Prokop
-schnell, wie um sich wegen seines Schweigens zu entschuldigen: »Es sieht
-gar so wunderlich aus, wenn Gegenstände plötzlich zu flattern anheben,
-die sonst immer tot daliegen. Nicht? -- Ich sah einmal auf einem
-menschenleeren Platz zu, wie große Papierfetzen, -- ohne daß ich vom
-Winde etwas spürte, denn ich stand durch ein Haus gedeckt, -- in toller
-Wut im Kreise herumjagten und einander verfolgten, als hätten sie sich
-den Tod geschworen. Einen Augenblick später schienen sie sich beruhigt
-zu haben, aber plötzlich kam wieder eine wahnwitzige Erbitterung über
-sie und in sinnlosem Grimm rasten sie umher, drängten sich in einen
-Winkel zusammen, um von neuem besessen auseinander zu stieben und
-schließlich hinter einer Ecke zu verschwinden.
-
-Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie blieb auf dem
-Pflaster liegen und klappte haßerfüllt auf und zu, als sei ihr der Atem
-ausgegangen und als schnappe sie nach Luft.
-
-Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, wenn am Ende wir
-Lebewesen auch so etwas Ähnliches wären wie solche Papierfetzen? -- Ob
-nicht vielleicht ein unsichtbarer, unbegreiflicher »Wind« auch uns hin
-und her treibt und unsre Handlungen bestimmt, während wir in unserer
-Einfalt glauben unter eigenem, freiem Willen zu stehen?
-
-Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wäre als ein rätselhafter
-Wirbelwind? Jener Wind, von dem die Bibel sagt: weißt du von wannen er
-kommt und wohin er geht? -- -- -- Träumen wir nicht auch zuweilen, wir
-griffen in tiefes Wasser und fingen silberne Fische, und nichts anderes
-ist geschehen, als daß ein kalter Luftzug unsere Hände traf?«
-
-»Prokop, Sie sprechen in Worten wie Pernath, was ist's mit Ihnen?« sagte
-Zwakh und sah den Musiker mißtrauisch an.
-
-»Die Geschichte vom Buch Ibbur, die vorhin erzählt wurde, -- schade, daß
-Sie so spät kamen und sie nicht mit anhörten, -- hat ihn so nachdenklich
-gestimmt«, meinte Vrieslander.
-
-»Eine Geschichte von einem Buche?«
-
-»Eigentlich von einem Menschen, der ein Buch brachte und seltsam aussah.
--- Pernath weiß nicht, wie er heißt, wo er wohnt, was er wollte, und
-trotzdem sein Aussehen sehr auffallend gewesen sein soll, lasse es sich
-doch nicht recht schildern.«
-
-Zwakh horchte auf.
-
-»Das ist sehr merkwürdig,« sagte er nach einer Pause, »war der Fremde
-vielleicht bartlos und hatte er schrägstehende Augen?«
-
-»Ich glaube,« antwortete ich, »das heißt, ich -- ich -- weiß es ganz
-bestimmt. Kennen Sie ihn denn?«
-
-Der Marionettenspieler schüttelte den Kopf: »Er erinnert mich nur an den
->Golem<.«
-
-Der Maler Vrieslander ließ sein Schnitzmesser sinken:
-
-»Golem? -- Ich habe schon so viel davon reden hören. Wissen Sie etwas
-über den Golem, Zwakh?«
-
-»Wer kann sagen, daß er über den Golem etwas _wisse_?«, antwortete Zwakh
-und zuckte die Achseln. »Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich
-eines Tages in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn plötzlich
-wieder aufleben läßt. Und eine Zeitlang spricht dann jeder von ihm, und
-die Gerüchte wachsen ins Ungeheuerliche. Werden so übertrieben und
-aufgebauscht, daß sie schließlich an der eigenen Unglaubwürdigkeit
-zugrunde gehen. Der Ursprung der Geschichte reicht wohl ins siebzehnte
-Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen Vorschriften der
-Kabbala soll ein Rabbiner da einen künstlichen Menschen -- den
-sogenannten Golem -- verfertigt haben, damit er ihm als Diener helfe die
-Glocken in der Synagoge läuten, und allerhand grobe Arbeit tue.
-
-Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein
-dumpfes, halbbewußtes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es heißt, auch das
-nur tagsüber und kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm
-hinter den Zähnen stak und die freien siderischen Kräfte des Weltalls
-herabzog.
-
-Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem
-Munde des Golem zu nehmen versäumt, da wäre dieser in Tobsucht
-verfallen, in der Dunkelheit durch die Gassen gerast und hätte
-zerschlagen, was ihm in den Weg kam.
-
-Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe.
-
-Und da sei das Geschöpf leblos niedergestürzt. Nichts blieb von ihm
-übrig, als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch drüben in der
-Altneusynagoge gezeigt wird.«
-
-»Derselbe Rabbiner soll einmal auch zum Kaiser auf die Burg berufen
-worden sein und die Schemen der Toten beschworen und sichtbar gemacht
-haben,« warf Prokop ein, »moderne Forscher behaupten, er habe sich dazu
-einer ^Laterna magica^ bedient.«
-
-»Jawohl, keine Erklärung ist abgeschmackt genug, daß sie bei den
-Heutigen nicht Beifall fände,« fuhr Zwakh unbeirrt fort. -- »Eine
-^Laterna magica^!! Als ob Kaiser Rudolf, der sein ganzes Leben solchen
-Dingen nachging, einen so plumpen Schwindel nicht auf den ersten Blick
-hätte durchschauen müssen!
-
-Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurückführen
-läßt, daß aber irgend etwas, was nicht sterben kann, in diesem
-Stadtviertel sein Wesen treibt und damit zusammenhängt, dessen bin ich
-sicher. Von Geschlecht zu Geschlecht haben meine Vorfahren hier gewohnt,
-und niemand kann wohl auf mehr erlebte und ererbte Erinnerungen an das
-periodische Auftauchen des Golem zurückblicken, als gerade ich!«
-
-Zwakh hatte plötzlich aufgehört zu reden, und man fühlte mit ihm, wie
-seine Gedanken in vergangene Zeiten zurückwanderten.
-
-Wie er, den Kopf aufgestützt, dort am Tische saß und beim Scheine der
-Lampe seine roten, jugendlichen Bäckchen fremdartig von dem weißen Haar
-abstachen, verglich ich unwillkürlich im Geiste seine Züge mit den
-maskenhaften Gesichtern seiner Marionetten, die er mir so oft gezeigt.
-
-Seltsam, wie ähnlich ihnen der alte Mann doch sah!
-
-Derselbe Ausdruck und derselbe Gesichtsschnitt!
-
-Manche Dinge der Erde können nicht loskommen voneinander, fühlte ich,
-und wie ich Zwakhs einfaches Schicksal an mir vorüberziehen ließ, da
-schien es mir mit einem Mal gespenstisch und ungeheuerlich, daß ein
-Mensch wie er, obschon er eine bessere Erziehung als seine Vorfahren
-genossen hatte und Schauspieler hätte werden sollen, plötzlich wieder zu
-dem schäbigen Marionettenkasten zurückkehren konnte, um nun abermals auf
-die Jahrmärkte zu ziehen und dieselben Puppen, die schon seiner Vorväter
-kümmerliches Erwerbsmittel gewesen, von neuem ihre ungelenken
-Verbeugungen machen und schläfrigen Erlebnisse vorführen zu lassen.
-
-Er vermag es nicht, sich von ihnen zu trennen, begriff ich; sie leben
-mit von seinem Leben, und als er fern von ihnen war, da haben sie sich
-in Gedanken verwandelt, haben in seinem Hirn gewohnt und ihn rast- und
-ruhelos gemacht, bis er wieder heimkehrte. Darum hält er sie jetzt so
-liebevoll und kleidet sie stolz in Flitter.
-
-»Zwakh, wollen Sie uns nicht weitererzählen?« forderte Prokop den Alten
-auf und sah fragend nach Vrieslander und mir hin, ob auch wir gleichen
-Wunsches seien.
-
-»Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll,« meinte der Alte zögernd, »die
-Geschichte mit dem Golem läßt sich schwer fassen. So wie Pernath vorhin
-sagte: er wisse genau, wie jener Unbekannte ausgesehen habe, und doch
-könne er ihn nicht schildern. Ungefähr alle dreiunddreißig Jahre
-wiederholt sich ein Ereignis in unsern Gassen, das gar nichts besonders
-Aufregendes an sich trägt und dennoch ein Entsetzen verbreitet, für das
-weder eine Erklärung noch eine Rechtfertigung ausreicht:
-
-Immer wieder begibt es sich nämlich, daß ein vollkommen fremder Mensch,
-bartlos, von gelber Gesichtsfarbe und mongolischem Typus aus der
-Richtung der Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider
-gehüllt, gleichmäßigen und eigentümlich stolpernden Ganges, so, als
-wolle er jeden Augenblick vornüber fallen, durch die Judenstadt
-schreitet und plötzlich -- unsichtbar wird.
-
-Gewöhnlich biegt er in eine Gasse und ist dann verschwunden.
-
-Ein andermal heißt es, er habe auf seinem Wege einen Kreis beschrieben
-und sei zu dem Punkte zurückgekehrt, von dem er ausgegangen: einem
-uralten Hause in der Nähe der Synagoge.
-
-Einige Aufgeregte wiederum behaupten, sie hätten ihn um eine Ecke auf
-sich zukommen sehen. Wiewohl er ihnen aber ganz deutlich
-entgegengeschritten, sei er dennoch, genau wie jemand, dessen Gestalt
-sich in weiter Ferne verliert, immer kleiner und kleiner geworden und --
-schließlich ganz verschwunden.
-
-Vor sechsundsechzig Jahren nun muß der Eindruck, den er hervorgebracht,
-besonders tief gegangen sein, denn ich erinnere mich -- ich war noch ein
-ganz kleiner Junge --, daß man das Gebäude in der Altschulgasse damals
-von oben bis unten durchsuchte.
-
-Es wurde auch festgestellt, daß wirklich in diesem Hause ein Zimmer mit
-Gitterfenstern vorhanden ist, zu dem es keinen Zugang gibt.
-
-Aus allen Fenstern hatte man Wäsche gehängt, um von der Gasse aus einen
-Augenschein zu gewinnen, und war auf diese Weise der Tatsache auf die
-Spur gekommen.
-
-Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich ein Mann an einem
-Strick vom Dache herabgelassen, um hineinzusehen. Kaum aber war er in
-die Nähe des Fensters gelangt, da riß das Seil, und der Unglückliche
-zerschmetterte sich auf dem Pflaster den Schädel. Und als später der
-Versuch nochmals wiederholt werden sollte, gingen die Ansichten über die
-Lage des Fensters derart auseinander, daß man davon abstand.
-
-Ich selber begegnete dem >Golem< das erste Mal in meinem Leben vor
-ungefähr dreiunddreißig Jahren.
-
-Er kam in einem sogenannten Durchhause auf mich zu, und wir rannten fast
-aneinander.
-
-Es ist mir heute noch unbegreiflich, was damals in mir vorgegangen sein
-muß. Man trägt doch um Gotteswillen nicht immerwährend, tagaus, tagein
-die Erwartung mit sich herum, man werde dem Golem begegnen.
-
-In jenem Augenblick aber, bestimmt -- ganz bestimmt, noch ehe ich seiner
-ansichtig werden konnte, schrie etwas in mir gellend auf: der Golem! Und
-im selben Moment stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor,
-und jener Unbekannte ging an mir vorüber. Eine Sekunde später drang eine
-Flut bleicher, aufgeregter Gesichter mir entgegen, die mich mit Fragen
-bestürmten, ob ich ihn gesehen hätte.
-
-Und als ich antwortete, da fühlte ich, daß sich meine Zunge wie aus
-einem Krampfe löste, von dem ich vorher nichts gespürt hatte.
-
-Ich war förmlich überrascht, daß ich mich bewegen konnte, und deutlich
-kam mir zum Bewußtsein, daß ich mich, wenn auch nur den Bruchteil eines
-Herzschlages lang -- in einer Art Starrkrampf befunden haben mußte.
-
-Über all das habe ich oft und lang nachgedacht, und mich dünkt, ich
-komme der Wahrheit am nächsten, wenn ich sage: immer einmal in der Zeit
-eines Menschenalters geht blitzschnell eine geistige Epidemie durch die
-Judenstadt, befällt die Seelen der Lebenden zu irgendeinem Zweck, der
-uns verhüllt bleibt, und läßt wie eine Luftspiegelung die Umrisse eines
-charakteristischen Wesens erstehen, das vielleicht vor Jahrhunderten
-hier gelebt hat und nach Form und Gestaltung dürstet.
-
-Vielleicht ist es mitten unter uns, Stunde für Stunde, und wir nehmen es
-nicht wahr. Hören wir doch auch den Ton einer schwirrenden Stimmgabel
-nicht, bevor sie das Holz berührt und es mitschwingen macht.
-
-Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk, ohne
-innewohnendes Bewußtsein, -- ein Kunstwerk, das entsteht, wie ein
-Kristall nach stets sich gleichbleibendem Gesetz aus dem Gestaltlosen
-herauswächst.
-
-Wer weiß das?
-
-Wie in schwülen Tagen die elektrische Spannung sich bis zur
-Unerträglichkeit steigert und endlich den Blitz gebiert, könnte es da
-nicht sein, daß auch auf die stetige Anhäufung jener niemals wechselnden
-Gedanken, die hier im Ghetto die Luft vergiften, eine plötzliche,
-ruckweise Entladung folgen muß? -- eine seelische Explosion, die unser
-Traumbewußtsein ans Tageslicht peitscht, um -- dort den Blitz der Natur
--- hier ein Gespenst zu schaffen, das in Mienen, Gang und Gehaben, in
-allem und jedem das Symbol der Massenseele unfehlbar offenbaren müßte,
-wenn man die geheime Sprache der Formen nur richtig zu deuten verstünde?
-
-Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen des Blitzes ankünden,
-so verraten auch hier gewisse grauenhafte Vorzeichen das drohende
-Hereinbrechen jenes Phantoms ins Reich der Tat. Der abblätternde Bewurf
-einer alten Mauer nimmt eine Gestalt an, die einem schreitenden Menschen
-gleicht; und in Eisblumen am Fenster bilden sich die Züge starrer
-Gesichter. Der Sand vom Dache scheint anders zu fallen als sonst und
-drängt dem argwöhnischen Beobachter den Verdacht auf, eine unsichtbare
-Intelligenz, die sich lichtscheu verborgen hält, werfe ihn herab und übe
-sich in heimlichen Versuchen, allerlei seltsame Umrisse hervorzubringen.
--- Ruht das Auge auf eintönigem Geflecht oder den Unebenheiten der Haut,
-bemächtigt sich unser die unerfreuliche Gabe, überall mahnende,
-bedeutsame Formen zu sehen, die in unsern Träumen ins Riesengroße
-auswachsen. Und immer zieht sich durch solche schemenhafte Versuche der
-angesammelten Gedankenherden, die Wälle der Alltäglichkeit zu
-durchnagen, für uns wie ein roter Faden die qualvolle Gewißheit, daß
-unser eigenstes Inneres mit Vorbedacht und gegen unsern Willen
-ausgesogen wird, nur damit die Gestalt des Phantoms plastisch werden
-könne.
-
-Wie ich nun vorhin Pernath bestätigen hörte, daß ihm ein Mensch begegnet
-sei, bartlos, mit schiefgestellten Augen, da stand der >Golem< vor mir,
-wie ich ihn damals gesehen.
-
-Wie aus dem Boden gewachsen stand er vor mir.
-
-Und eine gewisse dumpfe Furcht, es stehe wieder etwas Unerklärliches
-nahe bevor, befiel mich einen Augenblick lang; dieselbe Angst, die ich
-schon einmal in meinen Kinderjahren verspürt, als die ersten spukhaften
-Äußerungen des Golem ihre Schatten vorauswarfen.
-
-Sechsundsechzig Jahre ist das wohl jetzt her und knüpft sich an einen
-Abend, an dem der Bräutigam meiner Schwester zu Besuch gekommen war, und
-in der Familie der Tag der Hochzeit festgesetzt werden sollte.
-
-Es wurde damals Blei gegossen -- zum Scherz -- und ich stand mit offenem
-Munde dabei und begriff nicht, was das zu bedeuten habe, -- in meiner
-wirren, kindlichen Vorstellung brachte ich es in Zusammenhang mit dem
-Golem, von dem ich meinen Großvater oft hatte erzählen hören, und
-bildete mir ein, jeden Augenblick müsse die Tür aufgehen und der
-Unbekannte eintreten.
-
-Meine Schwester leerte dann den Löffel mit dem flüssigen Metall in das
-Wasserschaff und lachte mich, der ich aufgeregt zusah, lustig an.
-
-Mit welken, zitternden Händen holte mein Großvater den blitzenden
-Bleiklumpen heraus und hielt ihn ans Licht. Gleich darauf entstand eine
-allgemeine Erregung. Man redete laut durcheinander; ich wollte mich
-hinzudrängen, aber man wehrte mich ab.
-
-Später, als ich älter geworden, erzählte mir mein Vater, es wäre damals
-das geschmolzene Metall zu einem kleinen, ganz deutlichen Kopf erstarrt
-gewesen, -- glatt und rund, wie nach einer Form gegossen, und von solch
-unheimlicher Ähnlichkeit mit den Zügen des >Golem<, daß sich alle
-entsetzt hätten.
-
-Oft sprach ich mit dem Archivar Schemajah Hillel, der die Requisiten der
-Altneusynagoge in Verwahrung hat und auch die gewisse Lehmfigur aus
-Kaiser Rudolfs Zeiten, darüber. Er hat sich mit Kabbala befaßt und
-meint, jener Erdklumpen mit den menschlichen Gliedmaßen sei vielleicht
-nichts anderes als ein ehemaliges Vorzeichen, ganz so wie in meinem Fall
-der bleierne Kopf. Und der Unbekannte, der da umgehe, müsse das
-Phantasie- oder Gedankenbild sein, das jener mittelalterliche Rabbiner
-zuerst _lebendig gedacht_ habe, ehe er es mit Materie bekleiden konnte,
-und das nun in regelmäßigen Zeitabschnitten, bei den gleichen
-astrologischen Sternstellungen, unter denen es erschaffen worden --
-wiederkehre, vom Triebe nach stofflichem Leben gequält.
-
-Auch Hillels verstorbene Frau hat den >Golem< von Angesicht zu Angesicht
-erblickt und ebenso wie ich gefühlt, daß man sich im Starrkrampf
-befindet, solange das rätselhafte Wesen in der Nähe weilt.
-
-Sie sagte, sie sei felsenfest überzeugt gewesen, daß es damals nur ihre
-eigene Seele habe sein können, die -- aus dem Körper getreten -- ihr
-einen Augenblick gegenübergestanden und mit den Zügen eines fremden
-Geschöpfes ins Gesicht gestarrt hätte.
-
-Trotz eines furchtbaren Grauens, das sich ihrer damals bemächtigt, habe
-sie doch keine Sekunde die Gewißheit verlassen, daß jener andere nur ein
-Stück ihres eignen Innern sein konnte.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Es ist unglaublich«, murmelte Prokop in Gedanken verloren.
-
-Auch der Maler Vrieslander schien ganz in Grübeln versunken.
-
-Da klopfte es an die Türe und das alte Weib, das mir des Abends Wasser
-bringt und was ich sonst noch nötig habe, trat ein, stellte den tönernen
-Krug auf den Boden und ging stillschweigend wieder hinaus.
-
-Wir alle hatten aufgeblickt und sahen wie erwacht im Zimmer umher, aber
-noch lange Zeit sprach niemand ein Wort.
-
-Als sei ein neuer Einfluß mit der Alten zur Tür hereingeschlüpft, an den
-man sich erst gewöhnen mußte.
-
-»Ja! Die rothaarige Rosina, das ist auch so ein Gesicht, das man nicht
-loswerden kann und aus den Winkeln und Ecken immer wieder auftauchen
-sieht«, sagte plötzlich Zwakh ganz unvermittelt. »Dieses erstarrte,
-grinsende Lächeln kenne ich nun schon ein ganzes Menschenleben. Erst die
-Großmutter, dann die Mutter! -- Und stets das gleiche Gesicht, kein Zug
-anders! Derselbe Name Rosina; -- es ist immer eine die Auferstehung der
-andern.«
-
-»Ist Rosina nicht die Tochter des Trödlers Aaron Wassertrum?« fragte
-ich.
-
-»Man spricht so«, meinte Zwakh, -- -- »Aaron Wassertrum aber hat manchen
-Sohn und manche Tochter, von denen man nicht weiß. Auch bei Rosinas
-Mutter wußte man nicht, wer ihr Vater gewesen, -- auch nicht, was aus
-ihr geworden ist. -- Mit fünfzehn Jahren hatte sie ein Kind geboren und
-war seitdem nicht mehr aufgetaucht. Ihr Verschwinden hing mit einem Mord
-zusammen, soweit ich mich entsinnen kann, der ihretwegen in diesem Hause
-begangen wurde.
-
-Wie jetzt ihre Tochter, spukte damals _sie_ den halbwüchsigen Jungen im
-Kopfe. Einer von ihnen lebt noch, -- ich sehe ihn öfter, -- doch sein
-Name ist mir entfallen. Die andern sind bald gestorben, und ich meine,
-sie hat sie alle frühzeitig unter die Erde gebracht. Ich erinnere mich
-aus jener Zeit überhaupt nur noch an kurze Episoden, die wie verblichene
-Bilder durch mein Gedächtnis treiben. So hat es damals einen halb
-blödsinnigen Menschen gegeben, der nachts von Schenke zu Schenke zog und
-den Gästen gegen ein paar Kreuzer Silhouetten aus schwarzem Papier
-schnitt. Und wenn man ihn betrunken machte, geriet er in eine unsägliche
-Traurigkeit, und unter Tränen und Schluchzen schnitzelte er, ohne
-aufzuhören, immer das gleiche scharfe Mädchenprofil, bis sein ganzer
-Papiervorrat verbraucht war.
-
-Aus Zusammenhängen zu schließen, die ich längst vergessen, hatte er --
-fast als Kind noch -- eine gewisse Rosina, wohl die Großmutter der
-heutigen, so heftig geliebt, daß er den Verstand darüber verlor.
-
-Wenn ich die Jahre zurückzähle, kann es keine andere als die Großmutter
-der jetzigen Rosina gewesen sein.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Zwakh schwieg und lehnte sich zurück. -- -- --
-
-Das Schicksal in diesem Haus irrt im Kreise umher und kehrt immer wieder
-zum selben Punkt zurück, fuhr es mir durch den Sinn, und ein häßliches
-Bild, das ich einmal mit angesehen -- eine Katze mit verletzter
-Gehirnhälfte im Kreise herumtaumelnd -- trat vor mein Auge. -- -- --
-
-»Jetzt kommt der Kopf«, hörte ich plötzlich den Maler Vrieslander mit
-heller Stimme sagen.
-
-Und er nahm einen runden Holzklotz aus der Tasche und begann an ihm zu
-schnitzen.
-
-Eine schwere Müdigkeit legte sich mir über die Augen, und ich rückte
-meinen Lehnstuhl aus dem Lichtschein in den Hintergrund.
-
-Das Wasser für den Punsch brodelte im Kessel und Josua Prokop füllte
-wiederum die Gläser. Leise, ganz leise klangen die Klänge der Tanzmusik
-durch das geschlossene Fenster; -- manchmal verstummten sie vollends,
-dann wiederum wachten sie ein wenig auf, wie sie der Wind unterwegs
-verlor oder zu uns von der Gasse emportrug.
-
-Ob ich denn nicht mit anstoßen wolle, fragte mich nach einer Weile der
-Musiker.
-
-Ich aber gab keine Antwort, -- so vollkommen war mir der Wille, mich zu
-bewegen, abhanden gekommen, daß ich gar nicht auf den Gedanken, den Mund
-zu öffnen, verfiel.
-
-Ich dachte ich schliefe, so steinern war die innere Ruhe, die sich
-meiner bemächtigt hatte. Und ich mußte hinüber auf Vrieslanders
-funkelndes Messer blinzeln, das ruhelos aus dem Holz kleine Späne biß,
--- um die Gewißheit zu erlangen, daß ich wach sei.
-
-In weiter Ferne brummte Zwakhs Stimme und erzählte wieder allerlei
-wunderliche Geschichten über Marionetten und krause Märchen, die er für
-seine Puppenspiele erdacht.
-
-Auch von Dr. Savioli war die Rede und von der vornehmen Dame, der Gattin
-eines Adligen, die in das versteckte Atelier heimlich zu Savioli zu
-Besuch komme.
-
-Und wiederum sah ich im Geiste Aaron Wassertrums höhnische,
-triumphierende Miene. --
-
-Ob ich Zwakh nicht mitteilen sollte, was sich damals ereignet hatte,
-überlegte ich, -- dann hielt ich es nicht der Mühe für wert und für
-belanglos. Auch wußte ich, daß mein Wille versagen würde, wollte ich
-jetzt den Versuch machen zu sprechen.
-
-Plötzlich sahen die drei am Tische aufmerksam zu mir herüber und Prokop
-sagte ganz laut: »Er ist eingeschlafen«, -- so laut, daß es fast klang,
-als ob es eine Frage sein sollte.
-
-Sie redeten mit gedämpfter Stimme weiter, und ich erkannte, daß sie von
-mir sprachen.
-
-Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und fing das Licht auf,
-das von der Lampe niederfloß, und der spiegelnde Schein brannte mir in
-den Augen.
-
-Es fiel ein Wort wie: »irr sein«, und ich horchte auf die Rede, die in
-der Runde ging.
-
-»Gebiete, wie das vom >Golem< sollte man vor Pernath nie berühren,«
-sagte Josua Prokop vorwurfsvoll, »als er vorhin von dem Buche Ibbur
-erzählte, schwiegen wir still und fragten nicht weiter. Ich möchte
-wetten, er hat alles nur geträumt.«
-
-Zwakh nickte: »Sie haben ganz recht. Es ist, wie wenn man mit offenem
-Lichte eine verstaubte Kammer betreten wollte, in der morsche Tücher
-Decke und Wände bespannen und der dürre Zunder der Vergangenheit fußhoch
-den Boden bedeckt; ein flüchtiges Berühren nur und schon schlägt das
-Feuer aus allen Ecken.«
-
-»War Pernath lange im Irrenhaus? Schade um ihn, er kann doch erst
-vierzig sein«, sagte Vrieslander.
-
-»Ich weiß es nicht, ich habe auch keine Vorstellung, woher er stammen
-mag und was früher sein Beruf gewesen ist. Aussehen tut er ja wie ein
-altfranzösischer Edelmann mit seiner schlanken Gestalt und dem
-Spitzbart. Vor vielen, vielen Jahren hat mich ein befreundeter alter
-Arzt gebeten, ich möchte mich seiner ein wenig annehmen und ihm eine
-kleine Wohnung hier in diesen Gassen, wo sich niemand um ihn kümmern und
-mit Fragen nach früheren Zeiten beunruhigen würde, aussuchen.« -- Wieder
-sah Zwakh bewegt zu mir herüber. -- »Seit jener Zeit lebt er hier,
-bessert Antiquitäten aus und schneidet Gemmen und hat sich damit einen
-kleinen Wohlstand gegründet. Es ist ein Glück für ihn, daß er alles, was
-mit seinem Wahnsinn zusammenhängt, vergessen zu haben scheint. Fragen
-Sie ihn beileibe nur niemals nach Dingen, die die Vergangenheit in
-seiner Erinnerung wachrufen könnten, -- wie oft hat mir das der alte
-Arzt ans Herz gelegt! Wissen Sie, Zwakh, sagte er immer, wir haben so
-eine gewisse Methode; wir haben seine Krankheit mit vieler Mühe
-eingemauert, möchte ich's nennen, -- so wie man eine Unglücksstätte
-einfriedet, weil sich an sie eine traurige Erinnerung knüpft.« -- -- --
-
-Die Rede des Marionettenspielers war auf mich zugekommen wie ein
-Schlächter auf ein wehrloses Tier und preßte mir mit rohen, grausamen
-Händen das Herz zusammen.
-
-Von jeher hatte eine dumpfe Qual an mir genagt, -- ein Ahnen, als wäre
-mir etwas genommen worden und als hätte ich in meinem Leben eine lange
-Strecke Wegs an einem Abgrunde hin durchschritten wie ein Schlafwandler.
-Und nie war es mir gelungen, die Ursache zu ergründen.
-
-Jetzt lag des Rätsels Lösung offen vor mir und brannte mich unerträglich
-wie eine bloßgelegte Wunde.
-
-Mein krankhafter Widerwillen, der Erinnerung an verflossene Ereignisse
-nachzuhängen, -- dann der seltsame, von Zeit zu Zeit immer
-wiederkehrende Traum, ich sei in ein Haus mit einer Flucht mir
-unzugänglicher Gemächer gesperrt, -- das beängstigende Versagen meines
-Gedächtnisses in Dingen, die meine Jugendzeit betrafen, -- alles das
-fand mit einem Male seine furchtbare Erklärung: Ich war wahnsinnig
-gewesen und man hatte Hypnose angewandt, hatte das -- »Zimmer«
-verschlossen, das die Verbindung zu jenen Gemächern meines Gehirns
-bildete, und mich zum Heimatlosen inmitten des mich umgebenden Lebens
-gemacht.
-
-Und keine Aussicht, die verlorene Erinnerung je wiederzugewinnen!
-
-Die Triebfedern meines Denkens und Handelns liegen in einem andern,
-vergessenen Dasein verborgen, begriff ich, -- nie würde ich sie erkennen
-können: eine verschnittne Pflanze bin ich, ein Reis, das aus einer
-fremden Wurzel sproßt. Gelänge es mir auch, den Eingang in jenes
-verschlossene »Zimmer« zu erzwingen, müßte ich nicht abermals den
-Gespenstern, die man darein gebannt, in die Hände fallen?!
-
-Die Geschichte von dem >Golem<, die Zwakh vor einer Stunde erzählte, zog
-mir durch den Sinn, und plötzlich erkannte ich einen riesengroßen,
-geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem sagenhaften Gemach ohne
-Zugang, in dem jener Unbekannte wohnen sollte, und meinem
-bedeutungsvollen Traum.
-
-Ja! auch in meinem Falle »würde der Strick reißen«, wollte ich
-versuchen, in das vergitterte Fenster meines Innern zu blicken.
-
-Der seltsame Zusammenhang wurde mir immer deutlicher und nahm etwas
-unbeschreiblich Erschreckendes für mich an.
-
-Ich fühlte: es sind da Dinge -- unfaßbare -- zusammengeschmiedet und
-laufen wie blinde Pferde, die nicht wissen, wohin der Weg führt,
-nebeneinander her.
-
-Auch im Ghetto: ein Zimmer, ein Raum, dessen Eingang niemand finden
-kann, -- ein schattenhaftes Wesen, das darin wohnt und nur zuweilen
-durch die Gassen tappt, um Grauen und Entsetzen unter die Menschen zu
-tragen! -- -- --
-
-Immer noch schnitzte Vrieslander an dem Kopfe, und das Holz knirschte
-unter der Klinge des Messers.
-
-Es tat mir fast weh, wie ich es hörte, und ich sah hin, ob es denn nicht
-bald zu Ende sei.
-
-Wie der Kopf sich in des Malers Hand hin und her wandte, war es, als
-habe er Bewußtsein und spähe von Winkel zu Winkel. Dann ruhten seine
-Augen lange auf mir, befriedigt, daß sie mich endlich gefunden.
-
-Auch ich vermochte meine Blicke nicht mehr abzuwenden und starrte
-unverwandt auf das hölzerne Antlitz.
-
-Eine Weile schien das Messer des Malers zögernd etwas zu suchen, dann
-ritzte es entschlossen eine Linie ein, und plötzlich gewannen die Züge
-des Holzkopfes schreckhaftes Leben.
-
-Ich erkannte das gelbe Gesicht des Fremden, der mir damals das Buch
-gebracht.
-
-Dann konnte ich nichts mehr unterscheiden, der Anblick hatte nur eine
-Sekunde gedauert, und ich spürte, daß mein Herz zu schlagen aufhörte und
-ängstlich flatterte.
-
-Dennoch blieb ich mir -- wie damals -- des Gesichtes bewußt.
-
-_Ich war es selber geworden und lag auf Vrieslanders Schoß und spähte
-umher._
-
-Meine Augen wanderten im Zimmer umher, und eine fremde Hand bewegte
-meinen Schädel.
-
-Dann sah ich mit einem Male Zwakhs aufgeregte Mienen und hörte seine
-Worte: um Gottes Willen, das ist ja der Golem!
-
-Und ein kurzes Ringen entstand, und man wollte Vrieslander mit Gewalt
-das Schnitzwerk entreißen, doch der wehrte sich und rief lachend:
-
-»Was wollt ihr, es ist doch ganz und gar mißlungen.« Und er wand sich
-los, öffnete das Fenster und warf den Kopf auf die Gasse hinunter.
-
-Da schwand mein Bewußtsein und ich tauchte in eine tiefe Finsternis, die
-von schimmernden Goldfäden durchzogen war, und als ich, wie es mir
-schien, nach einer langen, langen Zeit erwachte, da erst hörte ich das
-Holz klappernd auf das Pflaster fallen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Sie haben so fest geschlafen, daß Sie nicht merkten, wie wir Sie
-schüttelten,« -- sagte Josua Prokop zu mir, »der Punsch ist aus, und Sie
-haben alles versäumt.«
-
-Der heiße Schmerz, über das, was ich vorhin mitangehört, übermannte mich
-wieder, und ich wollte aufschreien, daß ich nicht geträumt habe, als ich
-ihnen von dem Buche Ibbur erzählte -- und es aus der Kassette nehmen und
-ihnen zeigen könne.
-
-Aber diese Gedanken kamen nicht zu Wort und konnten die Stimmung
-allgemeinen Aufbruches, die meine Gäste ergriffen hatte, nicht
-durchdringen.
-
-Zwakh hängte mir mit Gewalt den Mantel um und rief:
-
-»Kommen Sie nur mit zum Loisitschek, Meister Pernath, es wird Ihre
-Lebensgeister erfrischen.«
-
-
-
-
- Nacht
-
-
-Willenlos hatte ich mich von Zwakh die Treppe hinunterführen lassen.
-
-Ich spürte den Geruch des Nebels, der von der Straße ins Haus drang,
-deutlicher und deutlicher werden. Josua Prokop und Vrieslander waren
-einige Schritte vorausgegangen, und man hörte, wie sie draußen vor dem
-Torweg mitsammen sprachen.
-
-»Er muß rein in das Kanalgitter gefallen sein. Es ist doch zum
-Teufelholen.«
-
-Wir traten hinaus auf die Gasse, und ich sah, wie Prokop sich bückte und
-die Marionette suchte.
-
-»Freut mich, daß du den dummen Kopf nicht finden kannst«, brummte
-Vrieslander. Er hatte sich an die Mauer gestellt und sein Gesicht
-leuchtete grell auf und erlosch wieder in kurzen Intervallen -- wie er
-das Feuer eines Streichholzes zischend in seine kurze Pfeife sog.
-
-Prokop machte eine heftig abwehrende Bewegung mit dem Arm und beugte
-sich noch tiefer herab. Er kniete beinahe auf dem Pflaster:
-
-»Still doch! Hört ihr denn nichts?«
-
-Wir traten an ihn heran. Er deutete stumm auf das Kanalgitter und legte
-horchend die Hand ans Ohr. Eine Weile standen wir unbeweglich und
-lauschten in den Schacht hinab.
-
-Nichts.
-
-»Was war's denn?« flüsterte endlich der alte Marionettenspieler; doch
-sofort packte ihn Prokop heftig beim Handgelenk.
-
-Einen Augenblick -- kaum einen Herzschlag lang -- hatte es mir
-geschienen, als klopfte da unten eine Hand gegen eine Eisenplatte --
-fast unhörbar. Wie ich eine Sekunde später darüber nachdachte, war alles
-vorbei; nur in meiner Brust hallte es wie ein Erinnerungsecho weiter und
-löste sich langsam in ein unbestimmtes Gefühl des Grauens auf.
-
-Schritte, die die Gasse heraufkamen, verscheuchten den Eindruck.
-
-»Gehen wir; was stehen wir da herum!« mahnte Vrieslander.
-
-Wir schritten die Häuserreihe entlang.
-
-Prokop folgte nur widerwillig.
-
-»Meinen Hals möcht' ich wetten, da unten hat jemand geschrien in
-Todesangst.«
-
-Niemand von uns antwortete ihm, aber ich fühlte, daß etwas wie leise
-dämmernde Angst uns die Zunge in Fesseln hielt.
-
-Bald darauf standen wir vor einem rotverhängten Schenkenfenster.
-
- »SALON LOISITSCHEK«.
- »Heinte großes Konzehr«
-
-stand auf einem Pappendeckel geschrieben, dessen Rand mit verblichenen
-Photographien von Frauenzimmern bedeckt war.
-
-Ehe noch Zwakh die Hand auf die Klinke legen konnte, öffnete sich die
-Eingangstür nach innen und ein vierschrötiger Kerl mit gewichstem,
-schwarzem Haar, ohne Kragen -- eine grünseidene Kravatte um den bloßen
-Hals geschlungen und die Frackweste mit einem Klumpen aus Schweinszähnen
-geschmückt -- empfing uns mit Bücklingen.
-
-»Jä, jä, das sin mir Gästäh. -- -- -- Pane Schaffranek, rasch einen
-Tusch!« setzte er, über die Schulter in das von Menschen überfüllte
-Lokal gewendet, hastig seinem Willkommengruß hinzu.
-
-Ein klimperndes Geräusch, wie wenn eine Ratte über Klaviersaiten liefe,
-war die Antwort.
-
-»Jä, jä, das sin mir Gästäh, das sin mir Gästäh. Da schaut man«,
-murmelte der Vierschrötige immerwährend vor sich hin, während er uns aus
-den Mänteln half.
-
-»Ja, ja, heinte ist der ganze verehrliche Hochadel des Landes bei mir
-versammelt«, beantwortete er triumphierend Vrieslanders erstaunte Miene,
-als im Hintergrund auf einer Art Estrade, die durch Geländer und eine
-zweistufige Treppe vom vorderen Teil der Schenke getrennt war, ein paar
-vornehme junge Herren in Abendtoilette sichtbar wurden.
-
-Schwaden beißenden Tabakrauches lagerten über den Tischen, hinter denen
-die langen Holzbänke an den Wänden vollbesetzt von zerlumpten Gestalten
-waren: Dirnen von den Schanzen, ungekämmt, schmutzig, barfuß, die festen
-Brüste kaum verhüllt von mißfarbigen Umhängetüchern, Zuhälter daneben
-mit blauen Militärmützen und Zigaretten hinter dem Ohr, Viehhändler mit
-haarigen Fäusten und schwerfälligen Fingern, die bei jeder Bewegung eine
-stumme Sprache der Niedertracht redeten, vazierende Kellner mit frechen
-Augen und blatternarbige Kommis mit karrierten Hosen.
-
-»Ich stell' ich Ihnen spanische Plente umadum, damit Sie schön ungestört
-sein«, krächzte die feiste Stimme des Vierschrötigen, und eine Rollwand,
-beklebt mit kleinen tanzenden Chinesen, schob sich langsam vor den
-Ecktisch, an den wir uns gesetzt hatten.
-
-Schnarrende Klänge einer Harfe machten das Stimmengewirr im Zimmer
-verlöschen.
-
-Eine Sekunde eine rhythmische Pause.
-
-Totenstille, als hielte alles den Atem an.
-
-Mit erschreckender Deutlichkeit hörte man plötzlich wie die eisernen
-Gasstäbe fauchend die flachen herzförmigen Flammen aus ihren Mündern in
-die Luft bliesen -- -- dann fiel die Musik über das Geräusch her und
-verschlang es.
-
-Als wären sie soeben erst entstanden, tauchten da zwei seltsame
-Gestalten aus dem Tabakqualm vor meinem Blick empor.
-
-Mit langem, wallendem, weißem Prophetenbart, ein schwarzseidenes
-Käppchen -- wie es die alten jüdischen Familienväter tragen -- auf dem
-Kahlkopf, die blinden Augen milchbläulich und gläsern -- starr zur Decke
-gerichtet -- saß dort ein Greis, bewegte lautlos die Lippen und fuhr mit
-dürren Fingern wie mit Geierkrallen in die Saiten einer Harfe. Neben ihm
-in speckglänzendem, schwarzem Taffetkleid, Jettschmuck und Jettkreuz an
-Hals und Armen -- ein Sinnbild erheuchelter Bürgermoral -- ein
-schwammiges Weibsbild, die Ziehharmonika auf dem Schoß.
-
-Ein wildes Gestolper von Klängen drängte sich aus den Instrumenten, dann
-sank die Melodie ermattet zur bloßen Begleitung herab.
-
-Der Greis hatte ein paarmal in die Luft gebissen und riß den Mund weit
-auf, daß man die schwarzen Zahnstumpen sehen konnte. Langsam aus der
-Brust herauf rang sich ihm, von seltsamen hebräischen Röchellauten
-begleitet, ein wilder Baß:
-
-»Roo -- n -- te, blau -- we Stern -- --«
-
-»Rititit« (schrillte das Weibsbild dazwischen und schnappte sofort die
-keifigen Lippen zusammen, als habe sie schon zuviel gesagt)
-
- »Roonte blaue Steern
- Hörndlach ess i' ach geern«;
- »Rititit«
- »Rothboart, Grienboart
- allerlaj Stern« -- --
- »Rititit, rititit.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die Paare traten zum Tanze an.
-
-»Es ist das Lied vom >chomezigen Borchu<«, erklärte uns lächelnd der
-Marionettenspieler und schlug leise mit dem Zinnlöffel, der
-sonderbarerweise mit einer Kette am Tisch befestigt war, den Takt. »Vor
-wohl hundert Jahren oder mehr noch hatten zwei Bäckergesellen, Rotbart
-und Grünbart, am Abend des >Schabbes Hagodel< das Brot -- Sterne und
-Hörnchen -- vergiftet, um ein ausgiebiges Sterben in der Judenstadt
-hervorzurufen; aber der >Meschores< -- der Gemeindediener -- war infolge
-göttlicher Erleuchtung noch rechtzeitig daraufgekommen und konnte die
-beiden Verbrecher der Stadtpolizei überliefern. Zur Erinnerung an die
-wundersame Errettung aus Todesgefahr dichteten damals die >Lamdonim< und
->Bocherlech< jenes seltsame Lied, das wir hier jetzt als
-Bordellquadrille hören.«
-
-»Rititit -- Rititit«
-
-»Roote blaue Steern -- -- -- --« immer hohler und fanatischer erscholl
-das Gebell des Greises.
-
-Plötzlich wurde die Melodie konfuser und ging allmählich in den Rhythmus
-des böhmischen »Schlapak« -- eines schleifenden Schiebetanzes -- über,
-bei dem die Paare die schwitzenden Wangen innig aneinander preßten.
-
-»So recht. Bravo. Äh da! fang, hep, hep!« rief von der Estrade ein
-schlanker, junger Kavalier im Frack, das Monokel im Auge, dem
-Harfenisten zu, griff in die Westentasche und warf ein Silberstück in
-der Richtung. Es erreichte sein Ziel nicht: ich sah noch, wie es über
-das Tanzgewühl hinblitzte; da war es plötzlich verschwunden. Ein Strolch
--- sein Gesicht kam mir so bekannt vor; ich glaube, es muß derselbe
-gewesen sein, der neulich bei dem Regenguß neben Charousek gestanden --
-hatte seine Hand hinter dem Busentuch seiner Tänzerin, wo er sie bisher
-hartnäckig ruhen gehabt, hervorgezogen -- ein Griff in die Luft mit
-affenartiger Geschwindigkeit, ohne auch nur einen Takt der Musik
-auszulassen, und die Münze war geschnappt. Nicht eine Muskel zuckte im
-Gesicht des Burschen auf, nur zwei, drei Paare in der Nähe grinsten
-leise.
-
-»Wahrscheinlich einer vom >Bataillon<, nach der Geschicklichkeit zu
-schließen«, sagte Zwakh lachend.
-
-»Meister Pernath hat sicherlich noch nie etwas vom >Bataillon< gehört«,
-fiel Vrieslander auffallend rasch ein und zwinkerte heimlich dem
-Marionettenspieler zu, daß ich es nicht sehen sollte. -- Ich verstand
-gar wohl: es war wie vorhin, oben auf meinem Zimmer. Sie hielten mich
-für krank. Wollten mich aufheitern. Und Zwakh sollte etwas erzählen.
-Irgend etwas.
-
-Wie mich der gute Alte so mitleidig ansah, stieg es mir heiß vom Herzen
-in die Augen. Wenn er wüßte, wie weh mir sein Mitleid tat!
-
-Ich überhörte die ersten Worte, mit denen der Marionettenspieler seine
-Worte einleitete, -- ich weiß nur, mir war, als verblute ich langsam.
-Mir wurde immer kälter und starrer, wie vorhin, als ich als hölzernes
-Gesicht auf Vrieslanders Schoß gelegen hatte. Dann war ich plötzlich
-mitten drin in der Erzählung, die mich fremdartig umfing, -- einhüllte,
-wie ein lebloses Stück aus einem Lesebuch.
-
-Zwakh begann:
-
-»_Die Erzählung vom Rechtsgelehrten Dr. Hulbert und seinem Bataillon._
-
--- -- -- No, was soll ich Ihnen sagen: Das Gesicht hatte er voller
-Warzen und krumme Beine wie ein Dachshund. Schon als Jüngling kannte er
-nichts als Studium. Trockenes, entnervendes Studium. Von dem, was er
-sich durch Stundengeben mühsam erwarb, mußte er noch seine kranke Mutter
-erhalten. Wie grüne Wiesen aussehen und Hecken und Hügel voll Blumen und
-Wälder, erfuhr er, glaube ich, nur aus Büchern. Und wie wenig von
-Sonnenschein in Prags schwarze Gassen fällt, wissen Sie ja selbst.
-
-Sein Doktorat hatte er mit Auszeichnung gemacht; das war eigentlich
-selbstverständlich.
-
-Nun, und mit der Zeit wurde er ein berühmter Rechtsgelehrter. So
-berühmt, daß alle Leute -- Richter und alte Advokaten -- zu ihm fragen
-kamen, wenn sie irgend etwas nicht wußten. Dabei lebte er ärmlich wie
-ein Bettler in einer Dachkammer, deren Fenster hinaus auf den Teinhof
-schaute.
-
-So vergingen Jahre um Jahre und Dr. Hulberts Ruf als Leuchte seiner
-Wissenschaft wurde allmählich Sprichwort im ganzen Lande. Daß ein Mann
-wie er weichen Herzensempfindungen zugänglich sein konnte, zumal sein
-Haar schon anfing weiß zu werden und sich niemand erinnerte, ihn je von
-etwas anderem als von Jurisprudenz sprechen gehört zu haben, hätte wohl
-keiner geglaubt. Doch gerade in solchen verschlossenen Herzen glüht die
-Sehnsucht am heißesten.
-
-An dem Tage, als Dr. Hulbert das Ziel erreichte, das ihm wohl schon als
-höchstes seit seiner Studentenzeit vorgeschwebt hatte: -- als nämlich
-Seine Majestät der Kaiser von Wien aus ihn zum Rektor Magnifikus an
-unserer Universität ernannte, da ging es von Mund zu Mund, er habe sich
-mit einem jungen, bildschönen Fräulein aus zwar armer, aber adliger
-Familie verlobt.
-
-Und wirklich schien von da an das Glück bei Dr. Hulbert eingezogen zu
-sein. Wenn auch seine Ehe kinderlos blieb, so trug er doch seine junge
-Gattin auf Händen, und jeden Wunsch zu erfüllen, den er ihr nur irgend
-von den Augen abzulesen vermochte, war seine höchste Freude.
-
-In seinem Glück vergaß er jedoch keineswegs, wie es wohl so manch
-anderer getan hätte, seiner leidenden Mitmenschen. »Mir hat Gott meine
-Sehnsucht gestillt,« soll er einmal gesagt haben, -- »er hat mir ein
-Traumgesicht zur Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz vor mir
-hergegangen ist seit Kindheit an: er hat mir das lieblichste Wesen zu
-eigen gegeben, das die Erde trägt. Und so will ich, daß ein Schimmer von
-diesem Glück, soweit es in meiner kleinen Macht steht, auch auf andere
-fällt.« -- -- --
-
-Und so kam es, daß er sich bei Gelegenheit eines armen Studenten annahm,
-wie seines eignen Sohnes. Vermutlich in der Erwägung, wie wohl ihm
-selbst ein solch gutes Werk getan hätte, wäre es ihm am eigenen Leib und
-Leben in den Tagen seiner kummervollen Jugendzeit passiert. Wie aber nun
-auf Erden manche Tat, die dem Menschen gut und edel scheint, Folgen nach
-sich zieht gleich der einer fluchwürdigen, weil wir wohl doch nicht
-richtig unterscheiden können zwischen dem, was giftigen Samen in sich
-trägt und was heilsamen, so begab es sich auch hier, daß aus Dr.
-Hulberts mitleidsvollem Werk das bitterste Leid für ihn selbst sproß.
-
-Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher Liebe zu dem Studenten,
-und ein erbarmungsloses Schicksal wollte, daß sie der Rektor gerade in
-dem Augenblicke, als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum Zeichen
-seiner Liebe mit einem Strauß Rosen als Geburtstagspräsent zu
-überraschen, in den Armen dessen antraf, auf den er Wohltat über Wohltat
-gehäuft hatte.
-
-Man sagt, daß die blaue Muttergottesblume für immer ihre Farbe verlieren
-kann, wenn der fahle, schweflige Schein eines Blitzes, der ein
-Hagelwetter verkündet, plötzlich auf sie fällt; gewiß ist, daß die Seele
-des alten Mannes für immer erblindete an dem Tage, wo sein Glück in
-Scherben ging. Am selben Abend noch saß er, er, der bis dahin nicht
-gewußt, was Unmäßigkeit ist, hier beim »Loisitschek« -- fast bewußtlos
-vom Fusel -- bis zum Morgengrauen. Und der »Loisitschek« wurde seine
-Heimstätte für den Rest seines zerstörten Lebens. Im Sommer schlief er
-irgendwo auf dem Schutt eines Neubaues, im Winter hier auf den hölzernen
-Bänken.
-
-Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte beließ man ihm
-stillschweigend. Niemand hatte das Herz dazu, gegen ihn, den einst
-berühmten Gelehrten, den Vorwurf zu erheben, daß man Ärgernis nähme an
-seinem Wandel.
-
-Allmählich sammelte sich um ihn, was an lichtscheuem Gesindel in der
-Judenstadt sein Wesen trieb, und so kam es zur Gründung jener seltsamen
-Gemeinschaft, die man noch heutigentags »das Bataillon« nennt.
-
-Dr. Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das Bollwerk für alle
-die, denen die Polizei zu scharf auf die Finger sah. War irgendein
-entlassener Sträfling daran, zu verhungern, schickte ihn Dr. Hulbert
-splitternackt hinaus auf den Altstädter Ring -- und das Amt auf der
-sogenannten »Fischbanka« sah sich genötigt, einen Anzug beizustellen.
-Sollte eine unterstandslose Dirne aus der Stadt gewiesen werden, so
-heiratete sie schnell einen Strolch, der bezirkszuständig war, und wurde
-dadurch ansässig.
-
-Hundert solcher Auswege wußte Dr. Hulbert, und seinem Rate gegenüber
-stand die Polizei machtlos da. -- Was diese Ausgestoßenen der
-menschlichen Gesellschaft »verdienten«, übergaben sie getreulich auf
-Heller und Kreuzer der gemeinsamen Kassa, aus der der nötige
-Lebensunterhalt bestritten wurde. Niemals ließ sich auch nur eines die
-geringste Unehrlichkeit zuschulden kommen. Mag sein, daß angesichts
-dieser eisernen Disziplin der Name »das Bataillon« entstand.
-
-Pünktlich am ersten Dezember, wo sich der Tag des Unglücks jährte, das
-den alten Mann betroffen hatte, fand jedesmal nachts beim »Loisitschek«
-eine seltsame Feier statt. Kopf an Kopf gedrängt standen sie hier:
-Bettler, Vagabunden, Zuhälter und Dirnen, Trunkenbolde und
-Lumpensammler, und eine lautlose Stille herrschte wie beim Gottesdienst.
--- Und dann erzählte ihnen Dr. Hulbert dort von der Ecke aus, wo jetzt
-die beiden Musikanten sitzen, gerade unter dem Krönungsbilde Seiner
-Majestät des Kaisers seine Lebensgeschichte: -- wie er sich
-emporgerungen, den Doktortitel erworben und später ^Rektor magnificus^
-geworden war. Wenn er zu der Stelle kam, wo er mit dem Busch Rosen in
-der Hand ins Zimmer seiner jungen Frau trat, -- zur Feier ihres
-Geburtstages und zugleich zum Gedächtnis jener Stunde, da er dereinst um
-sie anhalten gekommen und sie seine liebe Braut geworden war, -- da
-versagte ihm jedesmal die Stimme, und weinend sank er am Tisch zusammen.
-Dann geschah es wohl zuweilen, daß irgendein liederliches Frauenzimmer
-ihm verschämt und heimlich, damit es keiner sehen sollte, eine halbwelke
-Blume auf die Hand legte.
-
-Von den Zuhörern rührte sich dann noch lange Zeit keiner. Zum Weinen
-sind diese Menschen zu hart, aber an ihren Kleidern blickten sie
-herunter und drehten unsicher die Finger.
-
-Eines Morgens fand man Dr. Hulbert tot auf einer Bank unten an der
-Moldau. Er wird, denke ich, erfroren sein.
-
-Sein Leichenbegängnis sehe ich noch heute vor mir. Das »Bataillon« hatte
-sich fast zerfleischt, um alles so prunkvoll wie möglich zu gestalten.
-
-Voran ging der Pedell der Universität in vollem Ornat: in den Händen das
-purpurne Kissenpolster mit der güldenen Kette darauf und hinter dem
-Leichenwagen in unabsehbarer Reihe -- -- das »Bataillon« barfuß,
-schmutzstarrend, zerlumpt und zerfetzt. Einer von ihnen hatte sein
-Letztes verkauft und ging daher: Leib, Beine und Arme mit Lagen aus
-altem Zeitungspapier umwickelt und umbunden.
-
-So erwiesen sie ihm die letzte Ehre.
-
-Auf seinem Grabe, draußen im Friedhof, steht ein weißer Stein, darein
-sind drei Figuren gemeißelt: Der Heiland gekreuzigt zwischen zwei
-Räubern. Von unbekannter Hand gestiftet. Man munkelt, Dr. Hulberts Frau
-habe das Denkmal errichtet. -- -- --
-
-Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war ein Legat vorgesehen,
-danach bekommt jeder vom »Bataillon« mittags beim »Loisitschek« umsonst
-eine Suppe; zu diesem Zwecke hängen hier am Tisch die Löffel an den
-Ketten, und die ausgehöhlten Mulden in der Tischplatte sind die Teller.
-Um 12 Uhr kommt die Kellnerin und spritzt mit einer großen, blechernen
-Spritze die Brühe hinein und, wenn sich einer nicht ausweisen kann als
-»vom Bataillon«, so zieht sie die Suppe mit der Spritze wieder zurück.
-
-Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als Witz die Runde durch
-die ganze Welt.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich aus meiner Lethargie.
-Die letzten Sätze, die Zwakh gesprochen, wehten über mein Bewußtsein
-hinweg. Ich sah noch, wie er seine Hände bewegte, um das Vor- und
-Zurückschieben eines Spritzenkolbens klarzumachen, dann jagten die
-Bilder, die sich rings um uns abrollten, so rasch und automatenhaft und
-dennoch mit so gespenstischer Deutlichkeit an meinem Auge vorüber, daß
-ich in Momenten ganz mich selbst vergaß und mir wie ein Rad vorkam in
-einem lebendigen Uhrwerk.
-
-Das Zimmer war ein einziges Menschengewühl geworden. Oben auf der
-Estrade: dutzende Herren in schwarzen Fräcken. Weiße Manschetten,
-blitzende Ringe. Eine Dragoneruniform mit Rittmeisterschnüren. Im
-Hintergrund ein Damenhut mit lachsfarbigen Straußenfedern.
-
-Durch die Stäbe des Geländers stierte das verzerrte Gesicht Loisas
-hinauf. Ich sah: er konnte sich kaum aufrecht halten. Auch Jaromir war
-da und schaute unverwandt hinauf, mit dem Rücken dicht, ganz dicht, an
-der Seitenwand, als presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen.
-
-Die Gestalten hielten plötzlich im Tanzen inne: der Wirt mußte ihnen
-etwas zugerufen haben, was sie erschreckt hatte. Die Musik spielte noch,
-aber leise; sie traute sich nicht mehr recht. Sie zitterte; man fühlte
-es deutlich. Und doch lag der Ausdruck hämischer, wilder Freude in dem
-Gesicht des Wirtes.
-
--- -- -- -- In der Eingangstür steht mit einem Mal der Polizeikommissär
-in Uniform. Er hat die Arme ausgebreitet, um niemand hinauszulassen.
-Hinter ihm ein Kriminalschutzmann.
-
-»Wird also doch hier getanzt? Trotz Verbotes? Ich sperre die Spelunke.
-Sie kommen mit, Wirt! Und was hier ist, marsch auf die Wachstube!«
-
-Es klingt wie Kommandos.
-
-Der Vierschrötige gibt keine Antwort, aber das hämische Grinsen bleibt
-in seinen Zügen.
-
-Bloß starrer ist es geworden.
-
-Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur noch.
-
-Auch die Harfe zieht den Schwanz ein.
-
-Die Gesichter sind plötzlich alle im Profil zu sehen: sie glotzen
-erwartungsvoll hinauf auf die Estrade.
-
-Und da kommt eine vornehme schwarze Gestalt gelassen die paar Stufen
-herab und geht langsam auf den Kommissär zu.
-
-Die Augen des Kriminalschutzmannes hängen gebannt an den
-heranschlendernden schwarzen Lackschuhen.
-
-Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamten stehen geblieben
-und läßt den Blick gelangweilt ihm von Kopf bis zu den Füßen und wieder
-zurückschweifen.
-
-Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben sich über das
-Geländer gebeugt und verbeißen das Lachen hinter ihren grauseidnen
-Taschentüchern.
-
-Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstück ins Auge und spuckt einem
-Mädchen, das unter ihm lehnt, seinen Zigarettenstummel ins Haar.
-
-Der Polizeikommissär hat sich verfärbt und starrt in der Verlegenheit
-immerwährend auf die Perle in der Hemdbrust des Aristokraten.
-
-Er kann den gleichgültigen, glanzlosen Blick dieses glattrasierten,
-unbeweglichen Gesichtes mit der Hakennase nicht ertragen.
-
-Es bringt ihn aus der Ruhe. Schmettert ihn nieder.
-
-Die Totenstille im Lokal wird immer quälender.
-
-»So sehen die Ritterstatuen aus, die mit gefalteten Händen auf den
-Steinsärgen liegen in den gotischen Kirchen«, flüstert der Maler
-Vrieslander mit einem Blick auf den Kavalier.
-
-Da bricht der Aristokrat endlich das Schweigen: »Äh -- Hm.« -- -- -- er
-kopiert die Stimme des Wirtes: »Jä, jä, das sin mir Gästäh -- da schaut
-man.« Ein schallendes Gejohle explodiert im Lokal, daß die Gläser
-klirren; die Strolche halten sich den Bauch vor Lachen. Eine Flasche
-fliegt an die Wand und zerschellt. Der vierschrötige Wirt meckert uns
-erläuternd und ehrfurchtsvoll zu: »Seine Durchlaucht Exzellenz Fürst
-Ferri Athenstädt.«
-
-Der Fürst hat dem Beamten eine Visitenkarte hingehalten. Der Ärmste
-nimmt sie, salutiert wiederholt und schlägt die Hacken zusammen.
-
-Es wird von neuem still, die Menge lauscht atemlos, was weiter geschehen
-wird.
-
-Der Kavalier spricht wieder:
-
-»Die Damen und Herren, die Sie hier versammelt sehen, -- äh -- sind
-meine lieben Gäste.« Seine Durchlaucht deutet mit einer nachlässigen
-Armbewegung auf das Gesindel, »wünschen Sie, Herr Kommissär, -- äh --
-vielleicht vorgestellt zu werden?«
-
-Der Kommissär verneint mit erzwungenem Lächeln, stottert verlegen etwas
-von »leidiger Pflichterfüllung« und rafft sich schließlich zu den Worten
-auf: »Ich sehe ja, daß es hier anständig zugeht.«
-
-Das bringt Leben in den Dragonerrittmeister: er eilt in den Hintergrund
-auf den Damenhut mit der Straußenfeder zu und zerrt im nächsten
-Augenblick unter dem Jubel der jungen Adligen -- Rosina am Arm herunter
-in den Saal.
-
-Sie schwankt vor Trunkenheit und hält die Augen geschlossen. Der große,
-kostbare Hut sitzt ihr schief, und sie hat nichts an als lange rosa
-Strümpfe und -- einen Herrenfrack auf dem bloßen Körper.
-
-Ein Zeichen: Die Musik fällt ein wie rasend -- -- -- »Rititit --
-Rititit« -- -- -- -- -- und schwemmt den gurgelnden Schrei fort, den der
-taubstumme Jaromir, als er Rosina gesehen, an der Wand drüben
-ausgestoßen hat. -- -- --
-
-Wir wollen gehen.
-
-Zwakh ruft nach der Kellnerin.
-
-Der allgemeine Lärm verschlingt seine Worte.
-
-Die Szenen vor mir werden phantastisch wie ein Opiumrausch.
-
-Der Rittmeister hält die halbnackte Rosina im Arm und dreht sich langsam
-mit ihr im Takt.
-
-Die Menge hat respektvoll Platz gemacht.
-
-Dann murmelt es von den Bänken: »Der Loisitschek, der Loisitschek«, die
-Hälse werden lang und zu dem tanzenden Paar gesellt sich ein zweites
-noch seltsameres. Ein weibisch aussehender Bursche in rosa Trikots, mit
-langem blondem Haar bis zu den Schultern, Lippen und Wangen geschminkt
-wie eine Dirne und die Augen niedergeschlagen in koketter Verwirrung, --
-hängt schmachtend an der Brust des Fürsten Athenstädt.
-
-Ein süßlicher Walzer quillt aus der Harfe.
-
-Wilder Ekel vor dem Leben schnürt mir die Kehle zusammen.
-
-Mein Blick sucht voll Angst die Türe: der Kommissär steht dort
-abgewendet, um nichts zu sehen, und flüstert hastig mit dem
-Kriminalschutzmann, der etwas einsteckt. Es klirrt wie Handschellen.
-
-Die beiden spähen herüber auf den blatternarbigen Loisa, der einen
-Augenblick sich zu verstecken sucht und dann gelähmt -- das Gesicht
-kalkweiß und verzerrt vor Entsetzen -- stehen bleibt.
-
-Ein Bild zuckt in der Erinnerung vor mir auf und erlischt sofort: Das
-Bild, wie »Prokop lauscht, wie ich es vor einer Stunde gesehen, -- über
-das Kanalgitter gebeugt -- und ein Todesschrei gellt aus der Erde
-empor.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich will rufen und kann nicht. Kalte Finger greifen mir in den Mund und
-biegen mir die Zunge nach unten gegen die Vorderzähne, daß es wie ein
-Klumpen meinen Gaumen erfüllt und ich kein Wort hervorbringen kann.
-
-Ich kann die Finger nicht sehen, weiß, daß sie unsichtbar sind, und doch
-empfinde ich sie wie etwas Körperliches.
-
-Und klar steht es in meinem Bewußtsein: sie gehören zu der
-gespenstischen Hand, die mir in meinem Zimmer in der Hahnpaßgasse das
-Buch »Ibbur« gegeben haben.
-
-»Wasser, Wasser!« schreit Zwakh neben mir. Sie halten mir den Kopf und
-leuchten mir mit einer Kerze in die Pupillen.
-
-»In seine Wohnung schaffen, Arzt holen -- der Archivar Hillel kennt sich
-aus in solchen Dingen -- -- zu ihm bringen!« -- beraten sie murmelnd.
-
-Dann liege ich starr wie eine Leiche auf einer Bahre und Prokop und
-Vrieslander tragen mich hinaus.
-
-
-
-
- Wach
-
-
-Zwakh war vor uns die Treppen hinaufgelaufen und ich hörte, wie Mirjam,
-die Tochter des Archivars Hillel, ihn ängstlich ausfragte und er sie zu
-beruhigen trachtete.
-
-Ich gab mir keine Mühe, hinzuhorchen, was sie miteinander sprachen, und
-erriet mehr, als ich es in Worten verstand, daß Zwakh erzählte, mir sei
-ein Unfall zugestoßen und sie kämen bitten, mir die erste Hilfe zu
-leisten und mich wieder zu Bewußtsein zu bringen.
-
-Noch immer konnte ich kein Glied rühren, und die unsichtbaren Finger
-hielten meine Zunge; aber mein Denken war fest und sicher und das Gefühl
-des Grauens hatte von mir abgelassen. Ich wußte genau, wo ich war und
-was mit mir geschah, und empfand es nicht einmal als absonderlich, daß
-man mich wie einen Toten herauftrug, samt der Bahre im Zimmer Schemajah
-Hillels niedersetzte und -- allein ließ.
-
-Eine ruhige, natürliche Zufriedenheit, wie man sie beim Heimkommen nach
-einer langen Wanderung genießt, erfüllte mich.
-
-Es war finster in der Stube, und mit verschwimmenden Umrissen hoben sich
-die Fensterrahmen in Kreuzesformen von dem mattleuchtenden Dunst ab, der
-von der Gasse heraufschimmerte.
-
-Alles kam mir selbstverständlich vor und ich wunderte mich weder
-darüber, daß Hillel mit einem jüdischen siebenflammigen Sabbatleuchter
-eintrat, noch, daß er mir gelassen »Guten Abend« wünschte wie jemandem,
-dessen Kommen er erwartet hatte.
-
-Was ich die ganze Zeit, die ich im Hause wohnte, nie als etwas
-Besonderes bemerkt hatte, -- trotzdem wir einander oft drei- bis viermal
-in der Woche auf den Stiegen begegnet waren, -- fiel mir plötzlich stark
-an ihm auf, wie er so hin und her ging, einige Gegenstände auf der
-Kommode zurechtrückte und schließlich mit dem Leuchter einen zweiten,
-gleichfalls siebenflammigen anzündete.
-
-Nämlich: sein Ebenmaß an Leib und Gliedern und der schmale, feine
-Schnitt des Gesichtes mit dem edlen Stirnaufbau.
-
-Er konnte, wie ich jetzt beim Schein der Kerze sah, nicht älter sein als
-ich: höchstens 45 Jahre zählen.
-
-»Du bist um einige Minuten früher gekommen«, -- begann er nach einer
-Weile -- »als anzunehmen war, sonst hätte ich die Lichter schon vorher
-angezündet.« -- Er deutete auf die beiden Leuchter, trat an die Bahre
-und richtete seine dunklen, tiefliegenden Augen, wie es schien, auf
-jemand, der mir zu Häupten stand oder kniete, den ich aber nicht zu
-sehen vermochte. Dabei bewegte er seine Lippen und sprach lautlos einen
-Satz.
-
-Sofort ließen die unsichtbaren Finger meine Zunge los und der
-Starrkrampf wich von mir. Ich richtete mich auf und blickte hinter mich:
-Niemand außer Schemajah Hillel und mir war im Zimmer.
-
-Sein »Du« und die Bemerkung, daß er mich erwartet habe, hatten also mir
-gegolten!?
-
-Viel befremdender als diese beiden Umstände an sich wirkte es auf mich,
-daß ich nicht imstande war, auch nur die geringste Verwunderung darüber
-zu empfinden.
-
-Hillel erriet offenbar meine Gedanken, denn er lächelte freundlich,
-wobei er mir von der Bahre aufstehen half und mit der Hand auf einen
-Sessel wies, und sagte:
-
-»Es ist auch nichts Wunderbares dabei. Schreckhaft wirken nur die
-gespenstischen Dinge -- die Kischuph -- auf den Menschen; das Leben
-kratzt und brennt wie ein härener Mantel, aber die Sonnenstrahlen der
-geistigen Welt sind mild und erwärmend.«
-
-Ich schwieg, da mir nichts einfiel, was ich ihm hätte erwidern sollen.
-Er schien auch keine Gegenrede erwartet zu haben, setzte sich mir
-gegenüber und fuhr gelassen fort: »Auch ein silberner Spiegel, hätte er
-Empfindung, litte nur Schmerzen, wenn er poliert wird. Glatt und
-glänzend geworden, gibt er alle Bilder wieder, die auf ihn fallen, ohne
-Leid und Erregung.«
-
-»Wohl dem Menschen«, setzte er leise hinzu, »der von sich sagen kann:
-Ich bin geschliffen.« -- Einen Augenblick versank er in Nachdenken, und
-ich hörte ihn einen hebräischen Satz murmeln: »^Lischuosècho Kiwisi
-Adoschem^.« Dann drang seine Stimme wieder klar an mein Ohr:
-
-»Du bist zu mir gekommen in tiefem Schlaf und ich habe dich wach
-gemacht. Im Psalm David heißt es:
-
-»_Da sprach ich in mir selbst: jetzt fange ich an: Die Rechte Gottes ist
-es, welche diese Veränderung gemacht hat._«
-
-Wenn die Menschen aufstehen von ihren Lagerstätten, so wähnen sie, sie
-hätten den Schlaf abgeschüttelt, und wissen nicht, daß sie ihren Sinnen
-zum Opfer fallen und die Beute eines neuen viel tieferen Schlafes
-werden, als der war, dem sie soeben entronnen sind. Es gibt nur ein
-wahres Wachsein und das ist das, dem du dich jetzt näherst. Sprich den
-Menschen davon und sie werden sagen, du seist krank, denn sie können
-dich nicht verstehen. Darum ist es zwecklos und grausam, ihnen davon zu
-reden.
-
- _Sie fahren dahin wie ein Strom --_
- _Und sind wie ein Schlaf,_
- _Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird --_
- _Das des Abends abgehauen wird und verdorret._«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Wer war der Fremde, der mich in meiner Kammer aufgesucht hat und mir
-das Buch »Ibbur« gab? Habe ich ihn im Wachen oder im Traum gesehen?«,
-wollte ich fragen, doch Hillel antwortete mir, noch ehe ich den Gedanken
-in Worte fassen konnte:
-
-»Nimm an, der Mann, der zu dir kam und den du den Golem nennst, bedeute
-die Erweckung des Toten durch das innerste Geistesleben. Jedes Ding auf
-Erden ist nichts als ein ewiges Symbol in Staub gekleidet!
-
-Wie denkst du mit dem Auge? Jede Form, die du siehst, denkst du mit dem
-Auge. Alles, was zur Form geronnen ist, war vorher ein Gespenst.«
-
-Ich fühlte, wie Begriffe, die bisher in meinem Hirn verankert gewesen,
-sich losrissen und gleich Schiffen ohne Steuer hinaustrieben in ein
-uferloses Meer.
-
-Ruhevoll fuhr Hillel fort:
-
-»Wer aufgeweckt worden ist, kann nicht mehr sterben; Schlaf und Tod sind
-dasselbe.«
-
-»-- -- kann nicht mehr sterben?« -- ein dumpfer Schmerz ergriff mich.
-
-»Zwei Pfade laufen nebeneinander hin: der Weg des Lebens und der Weg des
-Todes. Du hast das Buch »Ibbur« genommen und darin gelesen. Deine Seele
-ist schwanger geworden vom Geist des Lebens«, hörte ich ihn reden.
-
-»Hillel, Hillel, laß mich den Weg gehen, den alle Menschen gehen: den
-des Sterbens!«, schrie alles wild in mir auf.
-
-Schemajah Hillels Gesicht wurde starr vor Ernst.
-
-»Die Menschen gehen keinen Weg, weder den des Lebens, noch den des
-Todes. Sie treiben daher wie Spreu im Sturm. Im Talmud steht: »Ehe Gott
-die Welt schuf, hielt er den Wesen einen Spiegel vor; darin sahen sie
-die geistigen Leiden des Daseins und die Wonnen, die darauf folgten. Da
-nahmen die einen die Leiden auf sich. Die anderen aber weigerten sich,
-und diese strich Gott aus dem Buche der Lebenden.« Du aber _gehst_ einen
-Weg und hast ihn aus freiem Willen beschritten, -- wenn du es jetzt auch
-selbst nicht mehr weißt: Du bist berufen von dir selbst. Gräm' dich
-nicht: allmählich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung.
-_Wissen und Erinnerung sind dasselbe._«
-
-Der freundliche, fast liebenswürdige Ton, in den Hillels Rede
-ausgeklungen war, gab mir meine Ruhe wieder, und ich fühlte mich
-geborgen wie ein krankes Kind, das seinen Vater bei sich weiß.
-
-Ich blickte auf und sah, daß mit einem Male viele Gestalten im Zimmer
-waren und uns im Kreis umstanden: Einige in weißen Sterbegewändern, wie
-sie die alten Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut und
-Silberschnallen an den Schuhen -- aber Hillel fuhr mir mit der Hand über
-die Augen und die Stube war wieder leer.
-
-Dann geleitete er mich hinaus zur Treppe und gab mir eine brennende
-Kerze mit, damit ich mir hinaufleuchten könne in mein Zimmer.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich legte mich zu Bett und wollte schlafen, aber der Schlummer kam
-nicht, und ich geriet statt dessen in einen sonderbaren Zustand, der
-weder Träumen war, noch Wachen, noch Schlafen.
-
-Das Licht hatte ich ausgelöscht, aber trotzdem war alles in der Stube so
-deutlich, daß ich jede einzelne Form genau unterscheiden konnte. Dabei
-fühlte ich mich vollkommen behaglich und frei von der gewissen
-qualvollen Unruhe, die einen foltert, wenn man sich in ähnlicher
-Verfassung befindet.
-
-Nie vorher in meinem Leben wäre ich imstande gewesen, so scharf und
-präzis zu denken wie eben jetzt. Der Rhythmus der Gesundheit
-durchströmte meine Nerven und ordnete meine Gedanken in Reih und Glied
-wie eine Armee, die nur auf meine Befehle wartete.
-
-Ich brauchte bloß zu rufen, und sie traten vor mich und erfüllten, was
-ich wünschte.
-
-Eine Gemme, die ich in den letzten Wochen aus Aventurinstein zu
-schneiden versucht hatte, -- ohne damit zurecht zu kommen, da sich die
-vielen zerstreuten Flimmer in dem Mineral niemals mit den Gesichtszügen
-decken wollten, die ich mir vorgestellt, -- fiel mir ein, und im Nu sah
-ich die Lösung vor mir und wußte genau, wie ich den Stichel zu führen
-hatte, um der Struktur der Masse gerecht zu werden.
-
-Ehedem Sklave einer Horde phantastischer Eindrücke und Traumgesichter,
-von denen ich oft nicht gewußt: waren es Ideen oder Gefühle, sah ich
-mich jetzt plötzlich als Herr und König im eigenen Reich.
-
-Rechenexempel, die ich früher nur mit Ächzen und auf dem Papier hätte
-bewältigen können, fügten sich mir mit einem Male im Kopf spielend zum
-Resultat. Alles mit Hilfe einer neuen, in mir erwachten Fähigkeit, das
-zu sehen und festzuhalten, was ich gerade brauchte: Ziffern, Formen,
-Gegenstände oder Farben. Und wenn es sich um Fragen handelte, die durch
-derlei Werkzeuge nicht zu lösen waren: -- philosophische Probleme und
-Ähnliches --, so trat an Stelle des inneren Sehens das Gehör, wobei die
-Stimme Schemajah Hillels die Rolle des Sprechers übernahm.
-
-Erkenntnisse seltsamster Art wurden mir zuteil.
-
-Was ich tausendmal im Leben achtlos als bloßes Wort an meinem Ohr hatte
-vorübergehen lassen, stand wertgetränkt bis in die tiefste Faser vor
-mir; was ich »auswendig« gelernt, »erfaßte« ich mit einem Schlag als
-mein »Eigen«tum. Der Wortbildung Geheimnisse, die ich nie geahnt, lagen
-nackt vor mir.
-
-Die »hohen« Ideale der Menschheit, die vordem mit kommerzienrätlich
-biederer Miene, die Pathosbrust mit Orden bekleckst, mich von oben herab
-behandelt hatten, -- demütig nahmen sie jetzt die Maske von der Fratze
-und entschuldigten sich: sie seien selber ja nur Bettler, aber immerhin
-Krücken für -- einen noch frecheren Schwindel.
-
-Träumte ich nicht vielleicht doch? Hatte ich etwa gar nicht mit Hillel
-gesprochen?
-
-Ich griff nach dem Sessel neben meinem Bett.
-
-Richtig: dort lag die Kerze, die mir Schemajah mitgegeben hatte; und
-selig wie ein kleiner Junge in der Christfestnacht, der sich überzeugt
-hat, daß der wundervolle Hampelmann wirklich und leibhaftig vorhanden
-ist, wühlte ich mich wieder in die Kissen.
-
-Und wie ein Spürhund drang ich weiter vor in das Dickicht der geistigen
-Rätsel, die mich rings umgaben.
-
-Zuerst versuchte ich zu dem Punkt in meinem Leben zurückzugelangen, bis
-zu dem meine Erinnerung reichte. Nur von dort aus -- glaubte ich --
-könnte es mir möglich sein, jenen Teil meines Daseins zu überblicken,
-der für mich, durch eine seltsame Fügung des Schicksals in Finsternis
-gehüllt lag.
-
-Aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich kam nicht weiter, als daß ich
-mich wie einst in dem düsteren Hofe unseres Hauses stehen sah und durch
-den Torbogen den Trödlerladen des Aaron Wassertrum unterschied -- als ob
-ich ein Jahrhundert lang als Gemmenschneider in diesem Hause gewohnt
-hätte, immer gleich alt und ohne jemals ein Kind gewesen zu sein!
-
-Schon wollte ich es als hoffnungslos aufgeben, weiter zu schürfen in den
-Schächten der Vergangenheit, da begriff ich plötzlich mit leuchtender
-Klarheit, daß wohl in meiner Erinnerung die breite Heerstraße der
-Geschehnisse mit dem gewissen Torbogen endete, nicht aber eine Menge
-winzig schmaler Fußsteige, die wohl bisher den Hauptpfad ständig
-begleitet hatten, von mir jedoch nicht beachtet worden waren: »Woher«,
-schrie es mir fast in die Ohren, »hast du denn die Kenntnisse, dank
-derer du jetzt dein Leben fristest? Wer hat dich Gemmenschneiden gelehrt
--- und gravieren und all das andere? Lesen, schreiben, sprechen -- und
-essen -- und gehen, atmen, denken und fühlen?«
-
-Sofort griff ich den Rat meines Innern auf. Systematisch ging ich mein
-Leben zurück.
-
-Ich zwang mich, in verkehrter, aber ununterbrochener Reihenfolge zu
-überlegen: was ist soeben geschehen, was war der Ausgangspunkt dazu, was
-lag vor diesem und so weiter?
-
-Wieder war ich bei dem gewissen Torbogen angelangt -- -- jetzt! Jetzt!
-Nur ein kleiner Sprung ins Leere und der Abgrund, der mich von dem
-Vergessenen trennte, mußte überflogen sein -- da trat ein Bild vor mich,
-das ich auf der Rückwanderung meiner Gedanken übersehen hatte: Schemajah
-Hillel fuhr mir mit der Hand über die Augen -- genau wie vorhin unten in
-seinem Zimmer.
-
-Und weggewischt war alles. Sogar der Wunsch, weiter zu forschen.
-
-Nur eins stand fest als bleibender Gewinn: die Erkenntnis: die Reihe der
-Begebenheiten im Leben ist eine Sackgasse, so breit und gangbar sie auch
-zu sein scheint. Die schmalen, verborgenen Steige sind's, die in die
-verlorene Heimat zurückführen: das, was mit feiner, kaum sichtbarer
-Schrift in unserem Körper eingraviert ist, und nicht die scheußliche
-Narbe, die die Raspel des äußeren Lebens hinterläßt, -- birgt die Lösung
-der letzten Geheimnisse.
-
-So, wie ich zurückfinden könnte in die Tage meiner Jugend, wenn ich in
-der Fibel das Alphabet in verkehrter Folge vornähme von Z bis A, um dort
-anzulangen, wo ich in der Schule zu lernen begonnen, -- so, begriff ich,
-müßte ich auch wandern können in die andere ferne Heimat, die jenseits
-alles Denkens liegt.
-
-Eine Weltkugel aus Arbeit wälzte sich auf meine Schultern. Auch Herkules
-trug eine Zeitlang das Gewölbe des Himmels auf seinem Haupte, fiel mir
-ein, und versteckte Bedeutung schimmerte mir aus der Sage entgegen. Und
-wie Herkules wieder loskam durch eine List, indem er den Riesen Atlas
-bat: »Laß mich nur einen Bausch von Stricken um den Kopf binden, damit
-mir die entsetzliche Last nicht das Gehirn zersprengt«, so gäbe es
-vielleicht einen dunkeln Weg -- dämmerte mir -- von dieser Klippe weg.
-
-Ein tiefer Argwohn, der Führerschaft meiner Gedanken weiter blind zu
-vertrauen, beschlich mich plötzlich. Ich legte mich gerade und verschloß
-mit den Fingern Augen und Ohren, um nicht abgelenkt zu werden durch die
-Sinne. Um jeden Gedanken zu töten.
-
-Doch mein Wille zerschellte an dem ehernen Gesetz: Ich konnte immer nur
-einen Gedanken durch einen anderen vertreiben, und starb der eine, schon
-mästete sich der nächste an seinem Fleische. Ich flüchtete in den
-brausenden Strom meines Blutes, aber die Gedanken folgten mir auf dem
-Fuß; ich verbarg mich im Hämmerwerk meines Herzens: nur eine kleine
-Weile, und sie hatten mich entdeckt.
-
-Abermals kam mir da Hillels freundliche Stimme zu Hilfe und sagte:
-»Bleib auf deinem Weg und wanke nicht! Der Schlüssel zur Kunst des
-Vergessens gehört unseren Brüdern, die den Pfad des Todes wandeln; du
-aber bist geschwängert vom Geiste des -- Lebens.«
-
-Das Buch Ibbur erschien vor mir, und zwei Buchstaben flammten darin auf:
-der eine, der das erzene Weib bedeutete, mit dem Pulsschlag, mächtig,
-gleich einem Erdbeben, -- der andere in unendlicher Ferne: der
-Hermaphrodit auf dem Thron von Perlmutter, auf dem Haupte die Krone aus
-rotem Holz.
-
-Dann fuhr Schemajah Hillel ein drittes Mal mit der Hand über meine
-Augen, und ich schlummerte ein.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Schnee
-
-
- »Mein lieber und verehrter Meister Pernath!
-
- Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile und höchster
- Angst. Bitte, vernichten Sie ihn sofort, nachdem Sie ihn gelesen
- haben, -- oder besser noch, bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit.
- -- Ich hätte keine Ruhe sonst.
-
- Sagen Sie keiner Menschenseele, daß ich Ihnen geschrieben habe.
- Auch nicht, wohin Sie heute gehen werden!
-
- Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir -- »neulich« -- (Sie werden
- durch diese kurze Anspielung auf ein Ereignis, dessen Zeuge Sie
- waren, erraten, wer Ihnen diesen Brief schreibt, denn ich fürchte
- mich, meinen Namen darunter zu setzen) -- so viel Vertrauen
- eingeflößt, und weiter, daß Ihr lieber, seliger Vater mich als
- Kind unterrichtet hat, -- alles das gibt mir den Mut, mich an
- Sie, als vielleicht den einzigen Menschen, der noch helfen kann,
- zu wenden.
-
- Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um 5 Uhr, in die
- Domkirche auf dem Hradschin.
-
- Eine Ihnen bekannte Dame.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wohl eine Viertelstunde lang saß ich da und hielt den Brief in der Hand.
-Die seltsame, weihevolle Stimmung, die mich von gestern nacht her
-umfangen gehalten, war mit einem Schlag gewichen, -- weggeweht von dem
-frischen Windhauch eines neuen irdischen Tages. Ein junges Schicksal kam
-lächelnd und verheißungsvoll -- ein Frühlingskind -- auf mich zu. Ein
-Menschenherz suchte Hilfe bei mir. -- Bei mir! Wie sah meine Stube
-plötzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte Schrank blickte
-so zufrieden drein, und die vier Sessel kamen mir vor wie alte Leute,
-die um den Tisch herumsitzen und behaglich kichernd Tarok spielen.
-
-Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, einen Inhalt voll Reichtum
-und Glanz.
-
-So sollte der morsche Baum noch Früchte tragen?
-
-Ich fühlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, die bisher
-schlafen gelegen in mir -- verborgen gewesen in den Tiefen meiner Seele,
-verschüttet von dem Geröll, das der Alltag häuft, wie eine Quelle
-losbricht aus dem Eis, wenn der Winter zerbricht.
-
-Und ich _wußte_ so gewiß, wie ich den Brief in der Hand hielt, daß ich
-würde helfen können, um was es auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen
-gab mir die Sicherheit.
-
-Wieder und wieder las ich die Stelle: »und weiter, daß Ihr lieber,
-seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat -- -- -- -- -- --«; -- mir
-stand der Atem still. Klang das nicht wie Verheißung: »Heute noch wirst
-du mit mir im Paradiese sein?« Die Hand, die sich mir hinstreckte, Hilfe
-suchend, hielt mir das Geschenk entgegen: _die Rückerinnerung, nach der
-ich dürstete_, -- würde mir das Geheimnis offenbaren, den Vorhang heben
-helfen, der sich hinter meiner Vergangenheit geschlossen hatte!
-
-»Ihr lieber, seliger Vater« -- --, wie fremdartig die Worte klangen, als
-ich sie mir vorsagte! -- Vater! -- Einen Augenblick sah ich das müde
-Gesicht eines alten Mannes mit weißem Haar in dem Lehnstuhl neben meiner
-Truhe auftauchen -- fremd, ganz fremd und doch so schauerlich bekannt;
--- -- dann kamen meine Augen wieder zu sich, und die Hammerlaute meines
-Herzens schlugen die greifbare Stunde der Gegenwart.
-
-Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit verträumt? Ich blickte auf
-die Uhr: Gott sei Lob, erst halb fünf.
-
-Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte Hut und Mantel und schritt
-die Treppen hinab. Was kümmerte mich heute das Geraune der dunkeln
-Winkel, die bösartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die immer
-von ihnen aufstiegen: »Wir lassen dich nicht, -- du bist unser, -- wir
-wollen nicht, daß du dich freust -- das wäre noch schöner, Freude hier
-im Haus!«
-
-Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen diesen Gängen und
-Ecken her um mich gelegt mit würgenden Händen: heute wich er vor dem
-lebendigen Hauch meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an
-Hillels Tür.
-
-Sollte ich eintreten?
-
-Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir war so ganz anders
-heute, -- so, als _dürfe_ ich gar nicht hinein zu ihm. Und schon trieb
-mich die Hand des Lebens vorwärts, die Stiegen hinab. -- --
-
-Die Gasse lag weiß im Schnee.
-
-Ich glaube, daß viele Leute mich gegrüßt haben; ich erinnerte mich
-nicht, ob ich ihnen gedankt. Immer wieder fühlte ich an die Brust, ob
-ich den Brief auch bei mir trüge:
-
-Es ging eine Wärme von der Stelle aus.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengänge auf dem
-Altstädter Ring und an dem Erzbrunnen vorbei, dessen barockes Gitter
-voll Eiszapfen hing, hinüber über die steinerne Brücke mit ihren
-Heiligenstatuen und dem Standbild des Johannes von Nepomuk.
-
-Unten schäumte der Fluß voll Haß gegen die Fundamente.
-
-Halb im Traum fiel mein Blick auf den gehöhlten Sandstein der heiligen
-Luitgard mit »den Qualen der Verdammten« darin: dicht lag der Schnee auf
-den Lidern der Büßenden und den Ketten an ihren betend erhobenen Händen.
-
-Torbogen nahmen mich auf und entließen mich, Paläste zogen langsam an
-mir vorüber mit geschnitzten, hochmütigen Portalen, darinnen Löwenköpfe
-in bronzene Ringe bissen.
-
-Auch hier überall Schnee, Schnee. Weich, weiß wie das Fell eines
-riesigen Eisbären.
-
-Hohe, stolze Fenster, die Simse beglitzert und vereist, schauten
-teilnahmslos zu den Wolken empor.
-
-Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender Vögel war.
-
-Wie ich die unzähligen Granitstufen emporstieg zum Hradschin, jede so
-breit, wie wohl vier Menschenleiber lang sind, versank Schritt um
-Schritt die Stadt mit ihren Dächern und Giebeln vor meinem Sinn.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Schon schlich die Dämmerung die Häuserreihen entlang, da trat ich auf
-den einsamen Platz, aus dessen Mitte der Dom aufragt zum Thron der
-Engel.
-
-Fußtapfen -- die Ränder mit Krusten aus Eis -- führten hin zum Nebentor.
-
-Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise, verlorene Töne
-eines Harmoniums in die Abendstille hinaus. Wie Tränentropfen der
-Schwermut fielen sie in die Verlassenheit.
-
-Ich hörte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters, wie die Kirchentüre
-mich aufnahm, dann stand ich im Dunkel, und der goldene Altar blinkte in
-starrer Ruhe herüber zu mir durch den grünen und blauen Schimmer
-sterbenden Lichtes, das durch die farbigen Fenster auf die Betstühle
-niedersank. Funken sprühten aus roten, gläsernen Ampeln.
-
-Welker Duft von Wachs und Weihrauch.
-
-Ich lehne mich in eine Bank. Mein Blut wird seltsam still in diesem
-Reich der Regungslosigkeit.
-
-Ein Leben ohne Herzschlag erfüllte den Raum -- ein heimliches,
-geduldiges Warten.
-
-Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf.
-
-Da! -- Aus weiter, weiter Ferne drang das Geräusch von Pferdehufen
-gedämpft, kaum merklich an mein Ohr, wollte näherkommen und verstummte.
-
-Ein matter Schall, wie wenn ein Wagenschlag zufällt.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen, und eine
-zarte, schmale Damenhand hatte meinen Arm berührt.
-
-»Bitte, bitte, gehen wir doch dort neben den Pfeiler; es widerstrebt
-mir, hier in den Betstühlen von den Dingen zu sprechen, die ich Ihnen
-sagen muß.«
-
-Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nüchterner Klarheit. Der Tag
-hatte mich plötzlich angefaßt.
-
-»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Meister Pernath, daß Sie
-mir zuliebe bei dem schlechten Wetter den langen Weg hier herauf gemacht
-haben.«
-
-Ich stotterte ein paar banale Worte.
-
-»-- -- Aber ich wußte keinen andern Ort, wo ich sicherer vor
-Nachforschung und Gefahr bin, als diesen. Hierher, in den Dom, ist uns
-gewiß niemand nachgegangen.«
-
-Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame.
-
-Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz, aber schon am Klang
-ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe, die damals voll
-Entsetzen vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpaßgasse flüchtete.
-Ich war auch nicht erstaunt darüber, denn ich hatte niemand anders
-erwartet.
-
-Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der Dämmerung der
-Mauernische wohl noch blasser schien, als es in Wirklichkeit sein
-mochte. Ihre Schönheit benahm mir fast den Atem, und ich stand wie
-gebannt. Am liebsten wäre ich vor ihr niedergefallen und hätte ihre Füße
-geküßt, daß sie es war, der ich helfen sollte, daß sie mich dazu erwählt
-hatte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, -- wenigstens so lange
-wir hier sind -- die Situation, in der Sie mich damals gesehen haben,«
-sprach sie gepreßt weiter, »ich weiß auch gar nicht, wie Sie über solche
-Dinge denken -- --«
-
-»Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges Mal in meinem Leben
-war ich so vermessen, daß ich mich Richter gedünkt hätte über meine
-Mitmenschen«, war das einzige, was ich hervorbrachte.
-
-»Ich danke Ihnen, Meister Pernath«, sagte sie warm und schlicht. »Und
-jetzt hören Sie mich geduldig an, ob Sie mir in meiner Verzweiflung
-nicht helfen oder wenigstens einen Rat geben können.« -- Ich fühlte, wie
-eine wilde Angst sie packte, und hörte ihre Stimme zittern. -- »Damals
--- -- im Atelier -- -- -- damals brach die schreckliche Gewißheit über
-mich herein, daß jener grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgespürt
-hat. -- Schon durch Monate war mir aufgefallen, daß, wohin ich auch
-immer ging, -- ob allein, oder mit meinem Gatten, oder mit -- -- -- mit
--- mit Dr. Savioli, -- stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses
-Trödlers irgendwo in der Nähe auftauchte. Im Schlaf und im Wachen
-verfolgten mich seine schielenden Augen. Noch macht sich ja kein Zeichen
-bemerkbar, was er vorhat, aber um so qualvoller drosselt mich nachts die
-Angst: wann wirft er mir die Schlinge um den Hals!
-
-Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen, was denn so ein
-armseliger Trödler wie dieser Aaron Wassertrum überhaupt vermöchte --
-schlimmsten Falles könnte es sich nur um eine geringfügige Erpressung
-oder dergleichen handeln, aber jedesmal wurden seine Lippen weiß, wenn
-der Name Wassertrum fiel. Ich ahne: Dr. Savioli hält mir etwas geheim,
-um mich zu beruhigen, -- irgend etwas Furchtbares, was ihm oder mir das
-Leben kosten kann.
-
-Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen wollte: daß ihn
-_der Trödler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat!_ --
-Ich _weiß_ es, ich spüre es in jeder Faser meines Körpers: es geht etwas
-vor, das sich langsam um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange.
--- Was hat dieser Mörder dort zu suchen? Warum kann Dr. Savioli ihn
-nicht abschütteln? Nein, nein, ich sehe das nicht länger mit an; ich muß
-etwas tun. Irgend etwas, ehe es mich in den Wahnsinn treibt.«
-
-Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, aber sie ließ mich
-nicht zu Ende sprechen.
-
-»Und in den letzten Tagen nahm der Alb, der mich zu erwürgen droht,
-immer greifbarere Formen an. Dr. Savioli ist plötzlich erkrankt, -- ich
-kann mich nicht mehr mit ihm verständigen -- darf ihn nicht besuchen,
-wenn ich nicht stündlich gewärtigen soll, daß meine Liebe zu ihm
-entdeckt wird --; er liegt in Delirien, und das einzige, was ich
-erkundigen konnte, ist, daß er sich im Fieber von einem Scheusal
-verfolgt wähnt, dessen Lippen von einer Hasenscharte gespalten sind: --
-Aaron Wassertrum!
-
-Ich weiß, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher -- können Sie
-sich das vorstellen? -- wirkt es auf mich, ihn jetzt gelähmt vor einer
-Gefahr, die ich selbst nur wie die dunkle Nähe eines grauenhaften
-Würgengels empfinde, zusammengebrochen zu sehen.
-
-Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich denn nicht offen zu
-Dr. Savioli bekenne, alles von mir würfe, wenn ich ihn doch so liebe --:
-alles, Reichtum, Ehre, Ruf und so weiter, aber --« sie schrie es
-förmlich heraus, daß es widerhallte von den Chorgalerien, -- »ich _kann_
-nicht! -- Ich hab' doch mein Kind, mein liebes, blondes, kleines Mädel!
-Ich _kann_ doch mein Kind nicht hergeben! -- Glauben Sie denn, mein Mann
-ließe es mir!? Da, da, nehmen Sie das, Meister Pernath« -- sie riß im
-Wahnwitz ein Täschchen auf, das vollgestopft war mit Perlenschnüren und
-Edelsteinen -- »und bringen Sie es dem Verbrecher; -- ich weiß, er ist
-habsüchtig -- er soll sich alles holen, was ich besitze, aber mein Kind
-soll er mir lassen. -- Nicht wahr, er wird schweigen? -- So reden Sie
-doch um Jesu Christi willen, sagen Sie nur ein Wort, daß Sie mir helfen
-wollen!«
-
-Es gelang mir mit größter Mühe, die Rasende wenigstens so weit zu
-beruhigen, daß sie sich auf eine Bank niederließ.
-
-Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. Wirre,
-zusammenhanglose Sätze.
-
-Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so daß ich selbst kaum verstand,
-was mein Mund redete, -- Ideen phantastischer Art, die zusammenbrachen,
-kaum daß sie geboren waren.
-
-Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten Mönchsstatue in
-der Wandnische. Ich redete und redete. Allmählich verwandelten sich die
-Züge der Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger Überzieher mit
-hochgeklapptem Kragen, und ein jugendliches Gesicht mit abgezehrten
-Wangen und hektischen Flecken wuchs daraus empor.
-
-Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Mönch wieder da. Meine
-Pulse schlugen zu laut.
-
-Die unglückliche Frau hatte sich über meine Hand gebeugt und weinte
-still.
-
-Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war in der Stunde, als
-ich den Brief gelesen hatte, und mich jetzt abermals übermächtig
-erfüllte, und ich sah, wie sie langsam daran genas.
-
-»Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an Sie gewendet habe,
-Meister Pernath«, fing sie nach langem Schweigen leise wieder an. »Es
-waren ein paar Worte, die Sie mir einmal gesagt haben -- und die ich nie
-vergessen konnte die vielen Jahre hindurch --«
-
-Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut.
-
-»-- -- Sie nahmen Abschied von mir -- ich weiß nicht mehr, weshalb und
-wieso, ich war ja noch ein Kind, -- und Sie sagten so freundlich und
-doch so traurig:
-
->Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken Sie meiner, wenn Sie je
-im Leben nicht aus noch ein wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr,
-daß _ich_ es dann sein darf, der Ihnen hilft.< -- Ich habe mich damals
-abgewendet und rasch meinen Ball in den Springbrunnen fallen lassen,
-damit Sie meine Tränen nicht sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen
-das rote Korallenherz schenken, das ich an einem Seidenband um den Hals
-trug, aber ich schämte mich, weil das gar so lächerlich gewesen wäre.«
--- -- --
-
-_Erinnerung!_
-
--- Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner Kehle. Ein Schimmer
-wie aus einem vergessenen, fernen Land der Sehnsucht trat vor mich --
-unvermittelt und schreckhaft: Ein kleines Mädchen in weißem Kleid und
-ringsum die dunkle Wiese eines Schloßparks, von alten Ulmen umsäumt.
-Deutlich sah ich es wieder vor mir.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich mußte mich verfärbt haben; ich merkte es an der Hast, mit der sie
-fortfuhr: »Ich weiß ja, daß Ihre Worte damals nur der Stimmung des
-Abschieds entsprangen, aber sie waren mir oft ein Trost und -- und ich
-danke Ihnen dafür.«
-
-Mit aller Kraft biß ich die Zähne zusammen und jagte den heulenden
-Schmerz, der mich zerfetzte, in die Brust zurück.
-
-Ich verstand: Eine gnädige Hand war es gewesen, die die Riegel vor
-meiner Erinnerung zugeschoben hatte. Klar stand jetzt in meinem
-Bewußtsein geschrieben, was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen
-herübergetragen: Eine Liebe, die für mein Herz zu stark gewesen, hatte
-für Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht des Irrsinns war damals der
-Balsam für meinen wunden Geist geworden.
-
-Allmählich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins über mich und kühlte
-die Tränen hinter meinen Augenlidern. Der Hall von Glocken zog ernst und
-stolz durch den Dom, und ich konnte freudig lächelnd der in die Augen
-sehen, die gekommen war, Hilfe bei mir zu suchen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wieder hörte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags und das Trappen der
-Hufe.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in die Stadt.
-
-Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden Augen, und aus
-geschlichteten Bergen von Tannenbäumen raunte es von Flitter und
-silbernen Nüssen und vom kommenden Christfest.
-
-Auf dem Rathausplatz an der Mariensäule murmelten bei Kerzenglanz die
-alten Bettelweiber mit den grauen Kopftüchern der Muttergottes ihren
-Rosenkranz.
-
-Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die Buden des
-Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit rotem Tuch bespannt, leuchtete
-grell, von schwelenden Fackeln beschienen, die offene Bühne eines
-Marionettentheaters.
-
-Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett, die Peitsche in der Hand und
-daran an der Schnur ein Totenschädel, ritt klappernd auf hölzernem
-Schimmel über die Bretter.
-
-In Reihen fest aneinandergedrängt starrten die Kleinen -- die Pelzmützen
-tief über die Ohren gezogen -- mit offenem Munde hinauf und lauschten
-gebannt den Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die mein Freund
-Zwakh da drinnen im Kasten sprach:
-
- »Ganz vorne schritt ein Hampelmann,
- Der Kerl war mager wie ein Dichter
- Und hatte bunte Lappen an
- Und torkelte und schnitt Gesichter.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf den Platz mündete.
-Dicht, Kopf an Kopf, stand lautlos eine Menschenmenge da in der
-Finsternis vor einem Anschlagszettel.
-
-Ein Mann hatte ein Streichholz angezündet, und ich konnte einige Zeilen
-bruchstückweise lesen. Mit dumpfen Sinnen nahm mein Bewußtsein ein paar
-Worte auf:
-
- _Vermißt!_
-
- 1000 fl Belohnung
-
- Älterer Herr ...... schwarz gekleidet ...........
- ................... Signalement:
- ...... fleischiges, glattrasiertes Gesicht ......
- ................. Haarfarbe: weiß ...............
- ..... Polizeidirektion .... Zimmer Nr. ..........
-
-Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ich langsam hinein
-in die lichtlosen Häuserreihen.
-
-Eine Handvoll winziger Sterne glitzerte auf dem schmalen, dunklen
-Himmelsweg über den Giebeln.
-
-Friedvoll schweiften meine Gedanken zurück in den Dom, und die Ruhe
-meiner Seele wurde noch beseligender und tiefer, da drang vom Platz
-herüber, schneidend klar -- als stünde sie dicht an meinem Ohr -- die
-Stimme des Marionettenspielers durch die Winterluft:
-
- »Wo ist das Herz aus rotem Stein?
- Es hing an einem Seidenbande,
- Und funkelte im Frührotschein«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Spuk
-
-
-Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer durchmessen und mir
-das Gehirn zermartert, wie ich »ihr« Hilfe bringen könnte.
-
-Oft war ich nahe daran gewesen, hinunter zu Schemajah Hillel zu gehen,
-ihm zu erzählen, was mir anvertraut worden, und ihn um Rat zu bitten.
-Aber jedesmal verwarf ich den Entschluß.
-
-Er stand im Geist so riesengroß vor mir, daß es eine Entweihung schien,
-ihn mit Dingen, die das äußere Leben betrafen, zu behelligen, dann
-wieder kamen Momente, wo mich brennende Zweifel befielen, ob ich in
-Wirklichkeit alles das erlebt hätte, was nur eine kurze Spanne Zeit
-zurücklag und doch so seltsam verblaßt schien, verglichen mit den
-lebenstrotzenden Erlebnissen des verflossenen Tages.
-
-Hatte ich nicht doch geträumt? Durfte ich -- ein Mensch, dem das
-Unerhörte geschehen war, daß er seine Vergangenheit vergessen hatte, --
-auch nur eine Sekunde lang als Gewißheit annehmen, wofür als einziger
-Zeuge bloß meine Erinnerung die Hand aufhob?
-
-Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch auf dem Sessel
-lag. Gott sei Dank, wenigstens das eine stand fest: ich war mit ihm in
-persönlicher Berührung gewesen!
-
-Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm, seine Knie
-umfassen und wie Mensch zu Mensch ihm klagen, daß ein unsägliches Weh an
-meinem Herzen fraß?
-
-Schon hielt ich die Klinke in der Hand, da ließ ich sie wieder los; ich
-sah voraus, was kommen würde: Hillel würde mir mild über die Augen
-fahren und -- -- -- nein, nein, nur das nicht! Ich hatte kein Recht,
-Linderung zu begehren. »Sie« vertraute auf mich und meine Hilfe, und
-wenn die Gefahr, in der sie sich fühlte, mir in Momenten auch klein und
-nichtig erscheinen mochte, -- _sie_ empfand sie sicherlich als
-riesengroß!
-
-Hillel um Rat zu bitten, blieb morgen Zeit -- ich zwang mich, kalt und
-nüchtern zu denken; -- ihn jetzt -- mitten in der Nacht zu stören? -- es
-ging nicht an. So würde nur ein Verrückter handeln.
-
-Ich wollte die Lampe anzünden; dann ließ ich es wieder sein: der Abglanz
-des Mondlichts fiel von den Dächern gegenüber herein in mein Zimmer und
-gab mehr Helle, als ich brauchte. Und ich fürchtete, die Nacht könnte
-noch langsamer vergehen, wenn ich Licht machte.
-
-Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken, die Lampe anzuzünden,
-nur um den Tag zu erwarten, -- eine leise Angst sagte mir, der Morgen
-rücke dadurch in unerlebbare Ferne.
-
-Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der Luft schwebender
-Friedhof lagen die Reihen verschnörkelter Giebel dort oben --
-Leichensteine mit verwitterten Jahreszahlen, getürmt über die dunkeln
-Modergrüfte, diese »Wohnstätten«, darein sich das Gewimmel der Lebenden
-Höhlen und Gänge genagt.
-
-Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich leise, ganz leise zu
-wundern begann, warum ich denn nicht aufschräke, wo doch ein Geräusch
-von verhaltenen Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein
-Ohr drang.
-
-Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein Mensch. Das kurze
-Ächzen der Dielen verriet, wie seine Sohle zögernd schlich.
-
-Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde förmlich kleiner, so
-preßte sich alles in mir zusammen unter dem Druck des Willens zu hören.
-Jedes Zeitempfinden gerann zu Gegenwart.
-
-Noch ein rasches Knistern, das vor sich selbst erschrak und hastig
-abbrach. Dann Totenstille. Jene lauernde, grauenhafte Stille, die ihr
-eigener Verräter ist und Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht.
-
-Regungslos stand ich, das Ohr an die Wand gedrückt, das drohende Gefühl
-in der Kehle, daß drüben einer stand, genau so wie ich und dasselbe tat.
-
-Ich lauschte und lauschte:
-
-Nichts.
-
-Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben.
-
-Lautlos -- auf den Zehenspitzen -- stahl ich mich an den Sessel bei
-meinem Bett, nahm Hillels Kerze und zündete sie an.
-
-Dann überlegte ich: Die eiserne Speichertüre draußen auf dem Gang, die
-zum Atelier Saviolis führte, ging nur von drüben aufzuklinken.
-
-Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenförmiges Stück Draht, das unter
-meinen Graviersticheln auf dem Tische lag: derlei Schlösser springen
-leicht auf. Schon beim ersten Druck auf die Riegelfeder!
-
-Und was würde dann geschehen?
-
-Nur Aaron Wassertrum konnte es sein, der da nebenan spionierte, --
-vielleicht in Kästen wühlte, um neue Waffen und Beweise in die Hand zu
-bekommen, legte ich mir zurecht.
-
-Ob es viel nützen würde, wenn ich dazwischentrat?
-
-Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken! Nur dies furchtbare
-Warten auf den Morgen zerfetzen!
-
-Und schon stand ich vor der eisernen Bodentüre, drückte dagegen, schob
-vorsichtig den Haken ins Schloß und horchte. Richtig: Ein schleifendes
-Geräusch drinnen im Atelier, wie wenn jemand eine Schublade aufzieht.
-
-Im nächsten Augenblick schnellte der Riegel zurück.
-
-Ich konnte das Zimmer überblicken und sah, obwohl es fast finster war
-und meine Kerze mich nur blendete, wie ein Mann in langem, schwarzem
-Mantel entsetzt vor einem Schreibtisch aufsprang, -- eine Sekunde lang
-unschlüssig, wohin sich wenden, -- eine Bewegung machte, als wolle er
-auf mich losstürzen, sich dann den Hut vom Kopf riß und hastig damit
-sein Gesicht bedeckte.
-
-»Was suchen Sie hier!« wollte ich rufen, doch der Mann kam mir zuvor:
-
-»Pernath! Sie sind's? Gotteswillen! Das Licht weg!« Die Stimme kam mir
-bekannt vor, war aber keinesfalls die des Trödlers Wassertrum.
-
-Automatisch blies ich die Kerze aus.
-
-Das Zimmer lag halbdunkel da -- nur von dem schimmrigen Dunst, der aus
-der Fensternische hereindrang, matt erhellt -- genau wie meines, und ich
-mußte meine Augen aufs äußerste anstrengen, ehe ich in dem abgezehrten,
-hektischen Gesicht, das plötzlich über dem Mantel auftauchte, die Züge
-des Studenten Charousek erkennen konnte.
-
-»Der Mönch!« drängte es sich mir auf die Zunge und ich verstand mit
-einem Male die Vision, die ich gestern im Dom gehabt! _Charousek! Das
-war der Mann, an den ich mich wenden sollte!_ -- Und ich hörte seine
-Worte wieder, die er damals im Regen unter dem Torbogen gesagt hatte:
-»Aaron Wassertrum wird es schon erfahren, daß man mit vergifteten,
-unsichtbaren Nadeln durch Mauern stechen kann. Genau an dem Tage, an dem
-er Dr. Savioli an den Hals will.«
-
-Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen? Wußte er ebenfalls, was
-sich zugetragen? Sein Hiersein zu so ungewöhnlicher Stunde ließ fast
-darauf schließen, aber ich scheute mich, die direkte Frage an ihn zu
-richten.
-
-Er war ans Fenster geeilt und spähte hinter dem Vorhang hinunter auf die
-Gasse.
-
-Ich erriet: er fürchtete, Wassertrum könne den Lichtschein meiner Kerze
-wahrgenommen haben.
-
-»Sie denken gewiß, ich bin ein Dieb, daß ich nachts hier in einer
-fremden Wohnung herumsuche, Meister Pernath,« fing er nach langem
-Schweigen mit unsicherer Stimme an, »aber ich schwöre Ihnen -- --«
-
-Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn.
-
-Und um ihm zu zeigen, daß ich keinerlei Mißtrauen gegen ihn hegte, in
-ihm vielmehr einen Bundesgenossen sah, erzählte ich ihm mit kleinen
-Einschränkungen, die ich für nötig hielt, welche Bewandtnis es mit dem
-Atelier habe, und daß ich fürchte, eine Frau, die mir nahestehe, sei in
-Gefahr, den erpresserischen Gelüsten des Trödlers in irgendwelcher Art
-zum Opfer zu fallen.
-
-Aus der höflichen Weise, mit der er mir zuhörte, ohne mich mit Fragen zu
-unterbrechen, entnahm ich, daß er das meiste bereits wußte, wenn auch
-vielleicht nicht in Einzelheiten.
-
-»Es stimmt schon,« sagte er grübelnd, als ich zu Ende gekommen war.
-»Habe ich mich also doch nicht geirrt! Der Kerl will Savioli an die
-Gurgel fahren, das ist klar, aber offenbar hat er noch nicht genug
-Material beisammen. Weshalb würde er sich sonst noch hier immerwährend
-herumdrücken! Ich ging nämlich gestern, sagen wir mal: >zufällig< durch
-die Hahnpaßgasse,« erklärte er, als er meine fragende Miene bemerkte,
-»da fiel mir auf, daß Wassertrum erst lange -- scheinbar unbefangen --
-vor dem Tor unten auf und ab schlenderte, dann aber, als er sich
-unbeobachtet glaubte, rasch ins Haus bog. Ich ging ihm sofort nach und
-tat so, als wollte ich Sie besuchen, das heißt, ich klopfte bei Ihnen
-an, und dabei überraschte ich ihn, wie er draußen an der eisernen
-Bodentür mit einem Schlüssel herumhantierte. Natürlich gab er es
-augenblicklich auf, als ich kam, und klopfte ebenfalls als Vorwand bei
-Ihnen an. Sie schienen übrigens nicht zu Hause gewesen zu sein, denn es
-öffnete niemand.
-
-Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte, erfuhr ich,
-daß jemand, der nach den Schilderungen nur Dr. Savioli sein konnte, hier
-heimlich ein Absteigequartier besäße. Da Dr. Savioli schwer krank liegt,
-reimte ich mir das übrige zurecht.
-
-Sehen Sie: und das da habe ich aus den Schubladen zusammengesucht, um
-Wassertrum für alle Fälle zuvorzukommen«, schloß Charousek und deutete
-auf ein Paket Briefe auf dem Schreibtisch; »es ist alles, was ich an
-Schriftstücken finden konnte. Hoffentlich ist sonst nichts mehr
-vorhanden. Wenigstens habe ich in sämtlichen Truhen und Schränken
-gestöbert, so gut das in der Finsternis ging.«
-
-Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das Zimmer und blieben
-unwillkürlich auf einer Falltüre am Boden haften. Ich entsann mich dabei
-dunkel, daß Zwakh mir irgendwann erzählt hatte, ein geheimer Zugang
-führe von unten herauf ins Atelier.
-
-Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran als Griff.
-
-»Wo sollen wir die Briefe aufheben?«, fing Charousek wieder an. »Sie,
-Herr Pernath, und ich sind wohl die einzigen im ganzen Ghetto, die
-Wassertrum harmlos vorkommen, -- warum gerade _ich_, das -- hat -- seine
--- besonderen -- Gründe«, -- (ich sah, daß sich seine Züge in wildem Haß
-verzerrten, wie er so den letzten Satz förmlich zerbiß --) »und Sie hält
-er für -- --« Charousek erstickte das Wort »verrückt« mit einem raschen,
-erkünstelten Husten, aber ich erriet, was er hatte sagen wollen. Es tat
-mir nicht weh; das Gefühl, »ihr« helfen zu können, machte mich so
-glückselig, daß jede Empfindlichkeit ausgelöscht war.
-
-Wir kamen schließlich überein, das Paket bei mir zu verstecken, und
-gingen hinüber in meine Kammer.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Charousek war längst fort, aber immer noch konnte ich mich nicht
-entschließen, zu Bette zu gehen. Eine gewisse innere Unzufriedenheit
-nagte an mir und hielt mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun,
-fühlte ich, aber was? was?
-
-Einen Plan für den Studenten entwerfen, was weiter zu geschehen hätte?
-
-Das allein konnte es nicht sein. Charousek ließ den Trödler sowieso
-nicht aus den Augen, darüber bestand kein Zweifel. Ich schauderte, wenn
-ich an den Haß dachte, der aus seinen Worten geweht hatte.
-
-Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte?
-
-Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte mich fast zur
-Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges rief nach mir, und ich
-verstand nicht.
-
-Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, das Reißen am Zügel
-spürt und nicht weiß, welches Kunststück er machen soll, den Willen
-seines Herrn nicht erfaßt.
-
-Hinuntergehen zu Schemajah Hillel?
-
-Jede Faser in mir verneinte.
-
-Die Vision des Mönchs in der Domkirche, auf dessen Schultern gestern der
-Kopf Charouseks aufgetaucht war als Antwort auf eine stumme Bitte um
-Rat, gab mir Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefühle nicht ohne
-weiteres zu verachten. Geheime Kräfte keimten in mir auf seit geraumer
-Zeit, das war gewiß: ich empfand es zu übermächtig, als daß ich auch nur
-den Versuch gemacht hätte, es wegzuleugnen.
-
-Buchstaben zu _empfinden_, sie nicht nur mit den Augen in Büchern zu
-lesen, -- einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen, der mir übersetzt,
-was die Instinkte ohne Worte raunen, darin muß der Schlüssel liegen,
-sich mit dem eigenen Innern durch klare Sprache zu verständigen, begriff
-ich.
-
-»Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht«, fiel
-mir eine Bibelstelle wie eine Erklärung dazu ein.
-
-»Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel«, wiederholten mechanisch meine Lippen,
-derweilen mir der Geist jene sonderbaren Ideen vorgaukelte, bemerkte ich
-plötzlich.
-
-»Schlüssel, Schlüssel -- --?« mein Blick fiel auf den krummen Draht in
-meiner Hand, der mir vorhin zum Öffnen der Speichertüre gedient hatte,
-und eine heiße Neugier, wohin wohl die viereckige Falltür aus dem
-Atelier führen könnte, peitschte mich auf.
-
-Und ohne zu überlegen, ging ich nochmals hinüber in Saviolis Atelier und
-zog an dem Griffring der Falltüre, bis es mir schließlich gelang, die
-Platte zu heben.
-
-Zuerst nichts als Dunkelheit.
-
-Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab in tiefste Finsternis.
-
-Ich stieg hinunter.
-
-Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Händen die Mauern entlang, aber
-es wollte kein Ende nehmen: Nischen, feucht von Schimmel und Moder, --
-Windungen, Ecken und Winkel, -- Gänge geradeaus, nach links und nach
-rechts, Reste einer alten Holztüre, Wegteilungen und dann wieder Stufen,
-Stufen, Stufen hinauf und hinab.
-
-Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde überall.
-
-Und noch immer kein Lichtstrahl. --
-
-Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen hätte!
-
-Endlich flacher, ebener Weg.
-
-Aus dem Knirschen unter meinen Füßen schloß ich, daß ich auf trockenem
-Sand dahinschritt.
-
-Es konnte nur einer jener zahllosen Gänge sein, die scheinbar ohne Zweck
-und Ziel unter dem Ghetto hinführen bis zum Fluß.
-
-Ich wunderte mich nicht: die halbe Stadt stand doch seit unvordenklichen
-Zeiten auf solchen unterirdischen Läuften, und die Bewohner Prags hatten
-von jeher triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen.
-
-Das Fehlen jeglichen Geräusches zu meinen Häupten sagte mir, daß ich
-mich immer noch in der Gegend des Judenviertels, das nachts wie
-ausgestorben ist, befinden mußte, obwohl ich schon eine Ewigkeit
-gewandert war. Belebtere Straßen oder Plätze über mir hätten sich durch
-fernes Wagenrasseln verraten.
-
-Eine Sekunde lang würgte mich die Furcht: was, wenn ich im Kreise
-herumging!? In ein Loch stürzte, mich verletzte, ein Bein brach und
-nicht mehr weitergehen konnte!?
-
-Was geschah dann mit _ihren_ Briefen in meiner Kammer? Sie mußten
-unfehlbar Wassertrum in die Hände fallen.
-
-Der Gedanke an Schemajah Hillel, mit dem ich vag den Begriff eines
-Helfers und Führers verknüpfte, beruhigte mich unwillkürlich.
-
-Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und tastenden Schrittes und
-hielt den Arm in die Höhe, um nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen,
-falls der Gang niedriger würde.
-
-Von Zeit zu Zeit, dann immer öfter stieß ich oben mit der Hand an, und
-endlich senkte sich das Gestein so tief herab, daß ich mich bücken
-mußte, um durchzukommen.
-
-Plötzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen leeren Raum.
-
-Ich blieb stehen und starrte hinauf.
-
-Nach und nach schien es mir, als falle von der Decke ein leiser, kaum
-merklicher Schimmer von Licht.
-
-Mündete hier ein Schacht, vielleicht aus irgend einem Keller herunter?
-
-Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Händen in Kopfeshöhe um
-mich herum: die Öffnung war genau viereckig und ausgemauert.
-
-Allmählich konnte ich darin als Abschluß die schattenhaften Umrisse
-eines wagerechten Kreuzes unterscheiden, und endlich gelang es mir,
-seine Stäbe zu erfassen, mich daran emporzuziehen und hindurchzuzwängen.
-
-Ich _stand_ jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich.
-
-Offenbar endeten hier die Überbleibsel einer eisernen Wendeltreppe, wenn
-mich das Gefühl meiner Finger nicht täuschte?
-
-Lang, unsagbar lang mußte ich tappen, bis ich die zweite Stufe finden
-konnte, dann klomm ich empor.
-
-Es waren im ganzen acht Stufen. Eine jede fast in Manneshöhe über der
-andern.
-
-Sonderbar: die Treppe stieß oben gegen eine Art horizontalen Getäfels,
-das aus regelmäßigen, sich schneidenden Linien den Lichtschein
-herabschimmern ließ, den ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte!
-
-Ich duckte mich, so tief ich konnte, um aus etwas weiterer Entfernung
-besser unterscheiden zu können, wie die Linien verliefen, und sah zu
-meinem Erstaunen, daß sie genau die Form eines Sechsecks, wie man es auf
-den Synagogen findet, bildeten.
-
-Was mochte das nur sein?
-
-Plötzlich kam ich dahinter: es war eine Falltür, die an den Kanten Licht
-durchließ! Eine Falltür aus Holz in Gestalt eines Sternes.
-
-Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte, drückte sie
-aufwärts und stand im nächsten Moment in einem Gemach, das von grellem
-Mondschein erfüllt war.
-
-Es war ziemlich klein, vollständig leer bis auf einen Haufen Gerümpel in
-der Ecke und hatte nur ein einziges, stark vergittertes Fenster.
-
-Eine Türe oder sonst einen Zugang mit Ausnahme dessen, den ich soeben
-benützt, vermochte ich nicht zu entdecken, so genau ich auch die Mauern
-immer wieder von neuem absuchte.
-
-Die Gitterstäbe des Fensters standen zu eng, als daß ich den Kopf hätte
-durchstecken können, so viel aber sah ich:
-
-Das Zimmer befand sich ungefähr in der Höhe eines dritten Stockwerks,
-denn die Häuser gegenüber hatten nur zwei Etagen und lagen wesentlich
-tiefer.
-
-Das eine Ufer der Straße unten war für mich noch knapp sichtbar, aber
-infolge des blendenden Mondlichts, das mir voll ins Gesicht schien, in
-tiefe Schlagschatten getaucht, die es mir unmöglich machten,
-Einzelheiten zu unterscheiden.
-
-Zum Judenviertel mußte die Gasse unbedingt gehören, denn die Fenster
-drüben waren sämtlich vermauert oder aus Simsen im Bau angedeutet, und
-nur im Ghetto kehren die Häuser einander so seltsam den Rücken.
-
-Vergebens quälte ich mich ab herauszubringen, was das wohl für ein
-sonderbares Bauwerk sein mochte, in dem ich mich befand.
-
-Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitentürmchen der griechischen
-Kirche sein? Oder gehörte es irgendwie zur Altneusynagoge?
-
-Die Umgebung stimmte nicht.
-
-Wieder sah ich mich im Zimmer um: nichts, was mir auch nur den kleinsten
-Aufschluß gegeben hätte. -- Die Wände und Decke waren kahl, Bewurf und
-Kalk längst abgefallen und weder Nagellöcher, noch Nägel, die verraten
-hätten, daß der Raum einst bewohnt gewesen.
-
-Der Boden lag fußhoch bedeckt mit Staub, als hätte ihn seit Jahrzehnten
-kein lebendes Wesen betreten.
-
-Das Gerümpel in der Ecke zu durchsuchen, ekelte ich mich. Es lag in
-tiefer Finsternis, und ich konnte nicht unterscheiden, woraus es
-bestand.
-
-Dem äußern Eindruck nach schienen es Lumpen zu einem Knäuel geballt.
-
-Oder waren es ein paar alte, schwarze Handkoffer?
-
-Ich tastete mit dem Fuß hin, und es gelang mir, mit dem Absatz einen
-Teil davon in die Nähe des Lichtstreifens zu ziehen, den der Mond quer
-übers Zimmer warf. Es schien wie ein breites, dunkles Band, das sich da
-langsam aufrollte.
-
-Ein blitzender Punkt wie ein Auge!
-
-Ein Metallknopf vielleicht?
-
-Allmählich wurde mir klar: ein Ärmel von sonderbarem, altmodischem
-Schnitt hing da aus dem Bündel heraus.
-
-Und eine kleine weiße Schachtel oder dergleichen lag darunter, lockerte
-sich unter meinem Fuß und zerfiel in eine Menge fleckiger Schichten.
-
-Ich gab ihr einen leichten Stoß: Ein Blatt flog ins Helle.
-
-Ein Bild?
-
-Ich bückte mich: Ein Pagad?
-
-Was mir eine weiße Schachtel geschienen, war ein Tarokspiel.
-
-Ich hob es auf.
-
-Konnte es etwas Lächerlicheres geben: Ein Kartenspiel hier an diesem
-gespenstischen Ort!
-
-Merkwürdig, daß ich mich zum Lächeln zwingen mußte. Ein leises Gefühl
-von Grauen beschlich mich.
-
-Ich suchte nach einer banalen Erklärung, wie die Karten wohl
-hierhergekommen sein könnten, und zählte dabei mechanisch das Spiel. Es
-war vollständig: 78 Stück. Aber schon während des Zählens fiel mir etwas
-auf: Die Blätter waren wie aus Eis.
-
-Eine lähmende Kälte ging von ihnen aus, und wie ich das Paket
-geschlossen in der Hand hielt, konnte ich es kaum mehr loslassen: so
-erstarrt waren meine Finger. Wieder haschte ich nach einer nüchternen
-Erklärung:
-
-Mein dünner Anzug, die lange Wanderung ohne Mantel und Hut in den
-unterirdischen Gängen, die grimmige Winternacht, die Steinwände, der
-entsetzliche Frost, der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinfloß: --
-sonderbar genug, daß ich erst jetzt anfing zu frieren. Die Erregung, in
-der ich mich die ganze Zeit befunden, mußte mich darüber hinweggetäuscht
-haben. --
-
-Ein Schauer nach dem andern jagte mir über die Haut. Schicht um Schicht
-drangen sie tiefer, immer tiefer in meinen Körper ein.
-
-Ich fühlte mein Skelett zu Eis werden und wurde mir jedes einzelnen
-Knochen bewußt wie kalter Metallstangen, an denen mir das Fleisch
-festfror.
-
-Kein Umherlaufen half, kein Stampfen mit den Füßen und nicht das
-Schlagen mit den Armen. Ich biß die Zähne zusammen, um ihr Klappern
-nicht zu hören.
-
-Das ist der Tod, sagte ich mir, der dir die kalten Hände auf den
-Scheitel legt.
-
-Und ich wehrte mich wie ein Rasender gegen den betäubenden Schlaf des
-Erfrierens, der, wollig und erstickend, mich wie mit einem Mantel
-einhüllen kam.
-
-Die Briefe, in meiner Kammer, -- _ihre_ Briefe! brüllte es in mir auf:
-man wird sie finden, wenn ich hier sterbe. Und sie hofft auf mich! Hat
-ihre Rettung in meine Hände gelegt! -- Hilfe! -- Hilfe! -- Hilfe! --
-
-Und ich schrie durch das Fenstergitter hinunter auf die öde Gasse, daß
-es widerhallte: Hilfe, Hilfe, Hilfe!
-
-Warf mich zu Boden und sprang wieder auf. Ich durfte nicht sterben,
-durfte nicht! ihretwegen, nur ihretwegen! Und wenn ich Funken aus meinen
-Knochen schlagen sollte, um mich zu erwärmen.
-
-Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke, und ich stürzte darauf zu
-und zog sie mit schlotternden Händen über meine Kleider.
-
-Es war ein zerschlissener Anzug aus dickem, dunklem Tuch von
-uraltmodischem, seltsamem Schnitt.
-
-Ein Geruch nach Moder ging von ihm aus.
-
-Dann kauerte ich mich in dem gegenüberliegenden Mauerwinkel zusammen und
-spürte meine Haut langsam, langsam wärmer werden. Nur das schauerliche
-Gefühl des eigenen, eisigen Gerippes in mir wollte nicht weichen.
-Regungslos saß ich da und ließ meine Augen wandern: die Karte, die ich
-zuerst gesehen, -- der Pagad, -- lag noch immer inmitten des Zimmers in
-dem Lichtstreifen.
-
-Unverwandt mußte ich sie anstarren.
-
-Sie schien, soweit ich auf die Entfernung hin erkennen konnte, in
-Wasserfarben ungeschickt von Kinderhand gemalt, und stellte den
-hebräischen Buchstaben Aleph dar, in Form eines Mannes, altfränkisch
-gekleidet, den grauen Spitzbart kurz geschnitten und den linken Arm
-erhoben, während der andere abwärts deutete.
-
-Hatte das Gesicht des Mannes nicht eine seltsame Ähnlichkeit mit meinem,
-dämmerte mir ein Verdacht auf? -- Der Bart -- er paßte so gar nicht zu
-einem Pagad, -- -- ich kroch auf die Karte zu und warf sie in die Ecke
-zu dem Rest des Gerümpels, um den quälenden Anblick los zu sein.
-
-Dort lag sie jetzt und schimmerte -- ein grauweißer, unbestimmter Fleck
--- zu mir herüber aus dem Dunkel.
-
-Mit Gewalt zwang ich mich zu überlegen, was ich zu beginnen hätte, um
-wieder in meine Wohnung zu kommen:
-
-Den Morgen abwarten! Unten die Vorübergehenden vom Fenster aus anrufen,
-damit sie mir von außen mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne
-heraufbrächten! -- Ohne Licht die endlosen, sich ewig kreuzenden Gänge
-zurückfinden, würde mir nie gelingen, empfand ich als beklemmende
-Gewißheit. -- Oder, falls das Fenster zu hoch läge, daß sich jemand vom
-Dach mit einem Strick -- --? Gott im Himmel, wie ein Blitzstrahl
-durchfuhr es mich: jetzt wußte ich, wo ich war: Ein Zimmer ohne Zugang
--- nur mit einem vergitterten Fenster -- das altertümliche Haus in der
-Altschulgasse, das jeder mied! -- schon einmal vor vielen Jahren hatte
-sich ein Mensch an einem Strick vom Dach herabgelassen, um durchs
-Fenster zu schauen, und der Strick war gerissen und -- Ja: ich war in
-dem Haus, in dem der gespenstische Golem jedesmal verschwand!
-
-Ein tiefes Grauen, gegen das ich mich vergeblich wehrte, das ich nicht
-einmal mehr durch die Erinnerung an die Briefe niederkämpfen konnte,
-lähmte jedes Weiterdenken, und mein Herz fing an, sich zu krampfen.
-
-Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen, es sei nur der Wind, der da
-so eisig aus der Ecke herüberwehte, sagte es mir vor, schneller und
-schneller, mit pfeifendem Atem -- es half nicht mehr: dort drüben der
-weißliche Fleck -- die Karte -- sie quoll auf zu blasigen Klumpen,
-tastete sich hin zum Rande des Mondstreifens und kroch wieder zurück in
-die Finsternis. -- Tropfende Laute -- halb gedacht, geahnt, halb
-wirklich -- im Raum und doch außerhalb um mich herum und doch anderswo,
--- tief im eigenen Herzen und wieder mitten im Zimmer -- erwachten:
-Geräusche, wie wenn ein Zirkel fällt und mit der Spitze im Holz stecken
-bleibt!
-
-Immer wieder: Der weißliche Fleck -- -- -- der weißliche Fleck -- --!
-Eine Karte, eine erbärmliche, dumme, alberne Spielkarte ist es, schrie
-ich mir ins Hirn hinein -- -- -- umsonst -- -- jetzt hat er sich dennoch
--- dennoch Gestalt erzwungen -- der Pagad -- und hockt in der Ecke und
-stiert herüber zu mir mit _meinem eigenen Gesicht_.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Stunden und Stunden kauerte ich da -- unbeweglich -- in meinem Winkel,
-ein frosterstarrtes Gerippe in fremden, modrigen Kleidern! -- Und er
-drüben: ich selbst.
-
-Stumm und regungslos.
-
-So starrten wir uns in die Augen -- einer das gräßliche Spiegelbild des
-andern. -- -- --
-
-Ob er es auch sieht, wie sich die Mondstrahlen mit schneckenhafter
-Trägheit über den Boden hinsaugen und wie Zeiger eines unsichtbaren
-Uhrwerks in der Unendlichkeit die Wand emporkriechen und fahler und
-fahler werden? --
-
-Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm nichts, daß er sich
-auflösen wollte in dem Morgendämmerschein, der ihm vom Fenster her zu
-Hilfe kam.
-
-Ich hielt ihn fest.
-
-Schritt vor Schritt habe ich mit ihm gerungen um mein Leben -- um das
-Leben, das mein ist, weil es nicht mehr mir gehört. -- -- --
-
-Und wie er kleiner und kleiner wurde und sich bei Tagesgrauen wieder in
-sein Kartenblatt verkroch, da stand ich auf, ging hinüber zu ihm und
-steckte ihn in die Tasche -- den Pagad.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Immer noch war die Gasse unten öd und menschenleer.
-
-Ich durchstöberte die Zimmerecke, die jetzt im stumpfen Morgenlichte
-lag: Scherben, dort eine rostige Pfanne, morsche Fetzen, ein
-Flaschenhals. Tote Dinge und doch so merkwürdig bekannt.
-
-Und auch die Mauern -- wie die Risse und Sprünge darin deutlich wurden
--- wo hatte ich sie nur gesehen?
-
-Ich nahm das Kartenpäckchen zur Hand -- es dämmerte mir auf: hatte ich
-die nicht einst selbst bemalt? Als Kind? Vor langer, langer Zeit?
-
-Es war ein uraltes Tarokspiel. Mit hebräischen Zeichen. -- Nummer 12 muß
-der »Gehenkte« sein, überkam's mich wie halbe Erinnerung. -- Mit dem
-Kopf abwärts? Die Arme auf dem Rücken? -- Ich blätterte nach: Da! Da war
-er.
-
-Dann wieder, halb Traum, halb Gewißheit, tauchte ein Bild vor mir auf:
-Ein geschwärztes Schulhaus, bucklig, schief, ein mürrisches
-Hexengebäude, die linke Schulter hochgezogen, die andere mit einem
-Nebenhaus verwachsen. -- -- -- Wir sind mehrere halbwüchsige Jungen --
-ein verlassener Keller ist irgendwo -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Dann sah ich an meinem Körper herab und wurde wieder irre: Der
-altmodische Anzug war mir völlig fremd. -- -- --
-
-Der Lärm eines holpernden Karrens schreckte mich auf, doch wie ich
-hinabblickte: Keine Menschenseele. Nur ein Fleischerhund stand versonnen
-an einem Eckstein.
-
-Da! Endlich! Stimmen! menschliche Stimmen!
-
-Zwei alte Weiber kamen langsam die Straße dahergetrottet, und ich
-zwängte den Kopf halb durch das Gitter und rief sie an.
-
-Mit offenem Mund glotzten sie in die Höhe und berieten sich. Aber als
-sie mich sahen, stießen sie ein gellendes Geschrei aus und liefen davon.
-
-Sie haben mich für den Golem gehalten, begriff ich.
-
-Und ich erwartete, daß ein Zusammenlauf von Menschen entstehen würde,
-denen ich mich verständlich machen könnte, aber wohl eine Stunde
-verging, und nur hie und da spähte unten vorsichtig ein blasses Gesicht
-herauf zu mir, um sofort in Todesschreck wieder zurückzufahren.
-
-Sollte ich warten, bis vielleicht nach Stunden oder gar erst morgen
-Polizisten kamen -- die Staatsfalotten, wie Zwakh sie zu nennen pflegte?
-
-Nein, lieber wollte ich einen Versuch machen, die unterirdischen Gänge
-ein Stück weit auf ihre Richtung hin zu untersuchen.
-
-Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein eine Spur von
-Licht hinab?
-
-Ich kletterte die Leiter hinunter, setzte den Weg, den ich gestern
-gekommen war, fort -- über ganze Halden zerbrochener Ziegelsteine und
-durch versunkene Keller -- erklomm eine Treppenruine und stand plötzlich
--- -- im Hausflur des _schwarzen Schulhauses_, das ich vorhin wie im
-Traum gesehen.
-
-Sofort stürzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf mich ein: Bänke,
-bespritzt mit Tinte von oben bis unten, Rechenhefte, plärrender Gesang,
-ein Junge, der Maikäfer in der Klasse losläßt, Lesebücher mit
-zerquetschten Butterbroten darin und Geruch nach Orangeschalen. Jetzt
-wußte ich mit Gewißheit: Ich war einst als Knabe hier gewesen. -- Aber
-ich ließ mir keine Zeit nachzudenken und eilte heim.
-
-Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete, war ein
-verwachsener alter Jude mit weißen Schläfenlocken. Kaum hatte er mich
-erblickt, bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und heulte laut
-hebräische Gebete herunter.
-
-Auf den Lärm hin mußten wahrscheinlich viele Leute aus ihren Höhlen
-gestürzt sein, denn es brach ein unbeschreibliches Gezeter hinter mir
-los. Ich drehte mich um und sah ein wimmelndes Heer totenblasser,
-entsetzenverzerrter Gesichter sich mir nachwälzen.
-
-Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand: -- ich trug noch
-immer die seltsam mittelalterlichen Kleider von nachts her über meinem
-Anzug, und die Leute glaubten, den »Golem« vor sich zu haben.
-
-Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und riß mir die modrigen
-Fetzen vom Leibe.
-
-Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen Stöcken und geifernden
-Mäulern schreiend an mir vorüber.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Licht
-
-
-Einige Male im Laufe des Tages hatte ich an Hillels Türe geklopft; -- es
-ließ mir keine Ruhe: ich mußte ihn sprechen und fragen, was alle diese
-seltsamen Erlebnisse bedeuteten; aber immer hieß es, er sei noch nicht
-zu Hause.
-
-Sowie er heimkäme vom jüdischen Rathaus, wollte mich seine Tochter
-sofort verständigen. --
-
-Ein sonderbares Mädchen übrigens, diese Mirjam!
-
-Ein Typus, wie ich ihn noch nie gesehen.
-
-Eine Schönheit, so fremdartig, daß man sie im ersten Moment gar nicht
-fassen kann, -- eine Schönheit, die einen stumm macht, wenn man sie
-ansieht, und ein unerklärliches Gefühl, so etwas, wie leise Mutlosigkeit
-in einem erweckt.
-
-Nach Proportionsgesetzen, die seit Jahrtausenden verloren gegangen sein
-müssen, ist dieses Gesicht geformt, grübelte ich mir zurecht, wie ich es
-so im Geiste wieder vor mir sah.
-
-Und ich dachte nach, welchen Edelstein ich wählen müßte, um es als Gemme
-festzuhalten und dabei den künstlerischen Ausdruck richtig zu wahren:
-Schon an dem rein Äußerlichen; dem blauschwarzen Glanz des Haares und
-der Augen, der alles übertraf, worauf ich auch riet, scheiterte es. --
-Wie erst die unirdische Schmalheit des Gesichtes sinn- und
-visionsgemäß in eine Kamee bannen, ohne sich in die stumpfsinnige
-Ähnlichkeitsmacherei der kanonischen »Kunst«richtung festzurennen!
-
-Nur durch ein Mosaik ließ es sich lösen, erkannte ich klar, aber was für
-Material wählen? Ein Menschenleben gehörte dazu, das passende zusammen
-zu finden. -- --
-
-Wo nur Hillel blieb!
-
-Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben, alten Freunde.
-
-Merkwürdig, wie er mir in den wenigen Tagen -- und ich hatte ihn doch,
-genau genommen, nur ein einziges Mal im Leben gesprochen, -- ins Herz
-gewachsen war.
-
-Ja, richtig: die Briefe -- _ihre_ Briefe wollte ich doch besser
-verstecken. Zu meiner Beruhigung, falls ich wieder einmal länger von zu
-Hause fort sein sollte.
-
-Ich nahm sie aus der Truhe: -- in der Kassette würden sie sicherer
-aufbewahrt sein.
-
-Eine Photographie glitt zwischen den Briefen heraus. Ich wollte nicht
-hinschauen, aber es war zu spät.
-
-Den Brokatstoff um die bloßen Schultern gelegt -- so wie ich >sie< das
-erste Mal gesehen, als sie in mein Zimmer flüchtete aus Saviolis Atelier
--- blickte sie mir in die Augen.
-
-Ein wahnsinniger Schmerz bohrte sich in mich ein. Ich las die Widmung
-unter dem Bilde, ohne die Worte zu erfassen, und den Namen:
-
-Deine _Angelina_.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-_Angelina!!!_
-
-Wie ich den Namen aussprach, zerriß der Vorhang, der meine Jugendjahre
-vor mir verbarg, von oben bis unten.
-
-Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu müssen. Ich krallte die Finger
-in die Luft und winselte, -- biß mich in die Hand: -- -- nur wieder
-blind sein, Gott im Himmel, -- den Scheintod weiter leben, wie bisher,
-flehte ich.
-
-Das Weh stieg mir in den Mund. -- Quoll. -- Schmeckte seltsam süß, --
-wie Blut. -- --
-
-Angelina!!
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Name kreiste in meinen Adern und wurde -- zu unerträglicher
-gespenstischer Liebkosung.
-
-Mit einem gewaltsamen Ruck riß ich mich zusammen und zwang mich -- mit
-knirschenden Zähnen -- das Bild anzustarren, bis ich langsam Herr
-darüber wurde!
-
-_Herr_ darüber!
-
-Wie heute nacht über das Kartenblatt.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Endlich: Schritte! Männertritte.
-
-Er kam!
-
-Voll Jubel eilte ich zur Tür und riß sie auf.
-
-Schemajah Hillel stand draußen und hinter ihm -- ich machte mir leise
-Vorwürfe, daß ich es als Enttäuschung empfand -- mit roten Bäckchen und
-runden Kinderaugen: der alte Zwakh.
-
-»Wie ich zu meiner Freude sehe, sind Sie wohlauf, Meister Pernath«, fing
-Hillel an.
-
-Ein kaltes »Sie«?
-
-Frost. Schneidender, ertötender Frost lag plötzlich im Zimmer.
-
-Betäubt, mit halbem Ohr, hörte ich hin, was Zwakh, atemlos vor
-Aufregung, auf mich losplapperte:
-
-»Wissen Sie schon, der Golem geht wieder um? Neulich erst sprachen wir
-davon, wissen Sie noch, Pernath? Die ganze Judenstadt ist auf.
-Vrieslander hat ihn selbst gesehen, den Golem. Und wieder hat es, wie
-immer, mit einem Mord begonnen« -- Ich horchte erstaunt auf: Ein Mord?
-
-Zwakh schüttelte mich: »Ja, wissen Sie denn von gar nichts, Pernath?
-Unten hängt doch großmächtig ein Polizeiaufruf an den Ecken: den
-dicken Zottmann, den >Freimaurer< -- na, ich meine doch den
-Lebensversicherungsdirektor Zottmann -- soll man ermordet haben. Der
-Loisa -- hier im Haus -- ist bereits verhaftet. Und die rote Rosina:
-spurlos verschwunden. -- Der Golem -- der Golem -- es ist ja
-haarsträubend.«
-
-Ich gab keine Antwort und suchte in Hillels Augen: warum blickte er mich
-so unverwandt an?
-
-Ein verhaltenes Lächeln zuckte plötzlich um seine Mundwinkel.
-
-Ich verstand. Es galt mir.
-
-Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen vor jauchzender Freude.
-
-Außer mir in meinem Entzücken, lief ich planlos im Zimmer umher. Was
-zuerst bringen? Gläser? Eine Flasche Burgunder? (Ich hatte doch nur
-eine.) Zigarren? -- Endlich fand ich Worte: »Aber warum setzt ihr euch
-denn nicht!?« -- Rasch schob ich meinen beiden Freunden Sessel unter. --
--- --
-
-Zwakh fing an, sich zu ärgern: »Warum lächeln Sie denn immerwährend,
-Hillel? Glauben Sie vielleicht nicht, daß der Golem spukt? Mir scheint,
-Sie glauben überhaupt nicht an den Golem?«
-
-»Ich würde nicht an ihn glauben, selbst wenn ich ihn hier im Zimmer vor
-mir sähe«, antwortete Hillel gelassen mit einem Blick auf mich. -- Ich
-verstand den Doppelsinn, der aus seinen Worten klang.
-
-Zwakh hielt erstaunt im Trinken inne: »Das Zeugnis von hunderten
-Menschen gilt Ihnen nichts, Hillel? -- Aber warten Sie nur, Hillel,
-denken Sie an meine Worte: Mord auf Mord wird es jetzt in der Judenstadt
-geben! Ich kenne das. Der Golem zieht eine unheimliche Gefolgschaft
-hinter sich her.«
-
-»Die Häufung gleichartiger Ereignisse ist nichts Wunderbares«, erwiderte
-Hillel. Er sprach es im Gehen, trat ans Fenster und blickte durch die
-Scheiben hinab auf den Trödlerladen -- »Wenn der Tauwind weht, rührt
-sich's in den Wurzeln. In den süßen, wie in den giftigen.«
-
-Zwakh zwinkerte mir lustig zu und deutete mit dem Kopf nach Hillel.
-
-»Wenn der Rabbi nur reden wollte, der könnte uns Dinge erzählen, daß
-einem die Haare zu Berge stünden,« warf er halblaut hin.
-
-Schemajah drehte sich um.
-
-»Ich bin nicht >Rabbi<, wenn ich auch den Titel tragen darf. Ich bin nur
-ein armseliger Archivar im jüdischen Rathaus und führe die Register --
-über die Lebendigen und die Toten.«
-
-Eine verborgene Bedeutung lag in seiner Rede, fühlte ich. Auch der
-Marionettenspieler schien es unterbewußt zu empfinden, -- er wurde still
-und eine Zeitlang sprach keiner von uns ein Wort.
-
-»Hören Sie mal, Rabbi --, verzeihen Sie: >Herr Hillel<, wollte ich
-sagen,« -- fing Zwakh nach einer Weile wieder an, und seine Stimme klang
-auffallend ernst, »ich wollte Sie schon lange etwas fragen. Sie brauchen
-mir ja nicht drauf zu antworten, wenn Sie nicht mögen, oder nicht dürfen
--- -- --«
-
-Schemajah trat an den Tisch und spielte mit dem Weinglas -- er trank
-nicht; vielleicht verbot es ihm das jüdische Ritual.
-
-»Fragen Sie ruhig, Herr Zwakh.«
-
-»-- -- Wissen Sie etwas über die jüdische Geheimlehre, die Kabbala,
-Hillel?«
-
-»Nur wenig.«
-
-»Ich habe gehört, es soll ein Dokument geben, aus dem man die Kabbala
-lernen kann: den >Sohar< -- --«
-
-»Ja, den Sohar, -- das Buch des Glanzes.«
-
-»Sehen Sie, da hat man's«, schimpfte Zwakh los. »Ist es nicht eine
-himmelschreiende Ungerechtigkeit, daß eine Schrift, die angeblich die
-Schlüssel zum Verständnis der Bibel und zur Glückseligkeit enthält --«
-
-Hillel unterbrach ihn: »-- nur einige Schlüssel.«
-
-»Gut, immerhin einige! -- also, daß diese Schrift infolge ihres hohen
-Wertes und ihrer Seltenheit wieder nur den Reichen zugänglich ist? In
-einem einzigen Exemplar, das noch dazu im Londoner Museum steckt, wie
-ich mir habe erzählen lassen? Und überdies chaldäisch, aramäisch,
-hebräisch -- oder was weiß ich wie -- geschrieben? -- Habe _ich_ zum
-Beispiel je im Leben Gelegenheit gehabt, diese Sprachen zu lernen oder
-nach London zu kommen?«
-
-»Haben Sie denn alle Ihre Wünsche so heiß auf dieses Ziel gerichtet?«
-fragte Hillel mit leisem Spott.
-
-»Offen gestanden -- nein«, gab Zwakh einigermaßen verwirrt zu.
-
-»Dann sollten Sie sich nicht beklagen,« sagte Hillel trocken, »wer nicht
-nach dem Geist schreit mit allen Atomen seines Leibes, -- wie ein
-Erstickender nach Luft, -- der kann die Geheimnisse Gottes nicht
-schauen.«
-
-»Es sollte trotzdem ein Buch geben, in dem sämtliche Schlüssel zu den
-Rätseln der anderen Welt stehen, nicht nur einige«, schoß es mir durch
-den Kopf, und meine Hand spielte automatisch mit dem Pagad, den ich
-immer noch in der Tasche trug, aber ehe ich die Frage in Worte kleiden
-konnte, hatte Zwakh sie bereits ausgesprochen.
-
-Hillel lächelte wieder sphinxhaft: »_Jede Frage, die ein Mensch tun
-kann, ist im selben Augenblick beantwortet, wo er sie geistig gestellt
-hat._«
-
-»Verstehen _Sie_, was er damit meint?«, wandte sich Zwakh an mich.
-
-Ich gab keine Antwort und hielt den Atem an, um kein Wort von Hillels
-Rede zu verlieren.
-
-Schemajah fuhr fort:
-
-»Das ganze Leben ist _nichts_ anderes als formgewordene Fragen, die den
-Keim der Antwort in sich tragen -- und Antworten, die schwanger gehen
-mit Fragen. Wer irgend etwas anderes darin sieht, ist ein Narr.«
-
-Zwakh schlug mit der Faust auf den Tisch:
-
-»Jawohl: Fragen, die jedesmal anders lauten, und Antworten, die jeder
-anders versteht.«
-
-»Gerade _darauf_ kommt es an,« sagte Hillel freundlich. »Alle Menschen
-über _einen_ Löffel zu -- kurieren, ist lediglich Vorrecht der Ärzte.
-Der Fragende erhält _die_ Antwort, die ihm not tut: sonst ginge nicht
-die Kreatur den Weg ihrer Sehnsucht. Glauben Sie denn, unsere jüdischen
-Schriften sind bloß aus Willkür nur in Konsonanten geschrieben? -- Jeder
-hat _sich selbst_ die geheimen Vokale dazu zu finden, die ihm den nur
-für ihn allein bestimmten Sinn erschließen, -- soll nicht das lebendige
-Wort zum toten Dogma erstarren.«
-
-Der Marionettenspieler wehrte heftig ab:
-
-»Das sind _Worte_, Rabbi, _Worte_! Pagad ultimo will ich heißen, wenn
-ich daraus klug werde.«
-
-_Pagad!!_ -- Das Wort schlug in mich ein wie der Blitz. Ich fiel vor
-Entsetzen beinahe vom Stuhl.
-
-Hillel wich meinen Augen aus.
-
-»Pagad ultimo? Wer weiß, ob Sie nicht wirklich so heißen, Herr Zwakh!«
--- schlug Hillels Rede wie aus weiter Ferne an mein Ohr. »Man soll
-seiner Sache niemals allzu sicher sein. -- Übrigens, da wir gerade von
-Karten sprechen: Herr Zwakh, spielen Sie Tarok?«
-
-»Tarok? Natürlich. Von Kindheit an.«
-
-»Dann wundert's mich, wieso Sie nach einem Buche fragen können, in dem
-die ganze Kabbala steht, wo Sie es doch selbst tausende Male in der Hand
-gehabt haben.«
-
-»Ich? In der Hand gehabt? Ich?« -- Zwakh griff sich an den Kopf.
-
-»Jawohl, _Sie_! Ist es Ihnen niemals aufgefallen, daß das Tarokspiel
-zweiundzwanzig Trümpfe hat, -- genau so viel, wie das hebräische
-Alphabet Buchstaben? Zeigen unsere böhmischen Karten nicht zum Überfluß
-noch Bilder dazu, die offenkundig Symbole sind: Der Narr, der Tod, der
-Teufel, das letzte Gericht? -- Wie laut, lieber Freund, wollen Sie
-eigentlich, daß Ihnen das Leben die Antworten in die Ohren schreien
-soll? -- -- Was Sie allerdings nicht zu wissen brauchen, ist, daß
->^tarok^< oder >^Tarot^< soviel bedeutet wie das jüdische >^Tora^< = das
-Gesetz, oder das altägyptische >^Tarut^< = >die Befragte<, und in der
-uralten Zendsprache das Wort: >^tarisk^< = >ich verlange die Antwort<.
--- Aber die Gelehrten sollten es wissen, bevor sie die Behauptung
-aufstellen, das Tarok stamme aus der Zeit Karls des Sechsten. -- Und so,
-wie der Pagad die erste Karte im Spiel ist, so ist der Mensch die erste
-Figur in seinem eignen Bilderbuch, sein eigner Doppelgänger: -- -- der
-hebräische Buchstabe Aleph, der, nach der Form des Menschen gebaut, mit
-der einen Hand zum Himmel zeigt und mit der andern abwärts: das heißt
-also: >So wie es oben ist, ist es auch unten; so wie es unten ist, ist
-es auch oben<. -- Darum sagte ich vorhin: Wer weiß, ob Sie wirklich
-Zwakh heißen und nicht: >Pagad< -- Berufen Sie's nicht,« -- Hillel
-blickte mich dabei unverwandt an, und ich ahnte, wie sich unter seinen
-Worten ein Abgrund immer neuer Bedeutungen auftat -- »berufen Sie's
-nicht, Herr Zwakh! _Man kann da in finstere Gänge geraten_, aus denen
-noch keiner zurückfand, der nicht -- _einen Talisman bei sich trug_. Die
-Überlieferung erzählt, daß einmal drei Männer hinabgestiegen seien ins
-Reich der Dunkelheit, der eine wurde wahnsinnig, der zweite blind, nur
-der dritte, Rabbi ben Akiba, kam heil wieder heim und sagte, er sei sich
-selbst begegnet. Schon so mancher, werden Sie sagen, ist sich selbst
-begegnet, z. B. Goethe, gewöhnlich auf einer Brücke, oder sonst einem
-Steig, der von einem Ufer eines Flusses zum andern führt, -- hat sich
-selbst ins Auge geblickt und ist _nicht_ wahnsinnig geworden. Aber dann
-war's eben nur eine Spiegelung des eigenen Bewußtseins und nicht der
-wahre Doppelgänger: nicht das, was man >den Hauch der Knochen<, den
->Habal Garmin< nennt, von dem es heißt: _Wie er in die Grube fuhr,
-unverweslich, im Gebein, so wird er auferstehen am Tage des letzten
-Gerichts._« -- Hillels Blick bohrte sich immer tiefer in meine Augen --
-»Unsere Großmütter sagen von ihm: >_er wohnt_ hoch über der Erde _in
-einem Zimmer ohne Türe, nur mit einem Fenster_, von dem aus eine
-Verständigung mit den Menschen unmöglich ist. Wer ihn zu bannen und zu
--- -- verfeinern versteht, der wird gut Freund mit sich selbst.< -- --
--- Was schließlich das Tarok betrifft, so wissen Sie so gut wie ich: für
-jeden Spieler liegen die Karten anders, wer aber die Trümpfe richtig
-verwendet, der gewinnt die Partie -- -- --. Aber kommen Sie jetzt, Herr
-Zwakh! Gehen wir, Sie trinken sonst Meister Pernaths ganzen Wein aus,
-und es bleibt nichts mehr übrig für ihn selbst.«
-
-
-
-
- Not
-
-
-Eine Flockenschlacht tobte vor meinem Fenster. Regimenterweise jagten
-die Schneesterne -- winzige Soldaten in weißen, zottigen Mäntelchen --
-hintereinander her an den Scheiben vorüber -- minutenlang -- immer in
-derselben Richtung, wie auf gemeinsamer Flucht vor einem ganz besonders
-bösartigen Gegner. Dann hatten sie das Davonlaufen mit einem Mal dick
-satt, schienen aus rätselhaften Gründen einen Wutanfall zu bekommen und
-sausten wieder zurück, bis ihnen von oben und unten neue feindliche
-Armeen in die Flanken fielen und alles in ein heilloses Gewirbel
-auflösten.
-
-Monate schien mir zurückzuliegen, was ich an Seltsamem erst vor kurzem
-erlebt hatte, und wären nicht täglich einigemal immer neue krause
-Gerüchte über den Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch
-aufleben ließen, ich glaube, ich hätte mich in Augenblicken des Zweifels
-verdächtigen können, das Opfer eines seelischen Dämmerzustandes gewesen
-zu sein.
-
-Aus den bunten Arabesken, die die Ereignisse um mich gewoben, stach mit
-schreienden Farben hervor, was mir Zwakh über den noch immer
-unaufgeklärten Mord an dem sogenannten »Freimaurer« erzählt hatte.
-
-Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang zu bringen, wollte mir
-nicht recht einleuchten, obwohl ich einen dunklen Verdacht nicht
-abschütteln konnte, -- fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener
-Nacht aus dem Kanalgitter ein unheimliches Geräusch gehört zu haben
-geglaubt, hatten wir den Burschen beim »Loisitschek« gesehen. Allerdings
-lag kein Anlaß vor, den Schrei unter der Erde, der überdies geradesogut
-eine Sinnestäuschung gewesen sein konnte, als Hilferuf eines Menschen zu
-deuten. -- -- --
-
-Das Schneegestöber vor meinen Augen blendete mich, und ich fing an,
-alles in tanzenden Streifen zu sehen. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit
-wieder auf die Gemme vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams
-Gesicht entworfen hatte, mußte sich vortrefflich auf den bläulich
-leuchtenden Mondstein da übertragen lassen. -- Ich freute mich: es war
-ein angenehmer Zufall, daß ich etwas so Geeignetes unter meinem
-Mineralienvorrat gefunden hatte. Die tiefschwarze Matrix von Hornblende
-gab dem Stein gerade das richtige Licht, und die Konturen paßten so
-genau, als habe ihn die Natur eigens erschaffen, ein bleibendes Abbild
-von Mirjams feinem Profil zu werden.
-
-Anfangs war meine Absicht gewesen, eine Kamee daraus zu schneiden, die
-den ägyptischen Gott Osiris darstellen sollte, und die Vision des
-Hermaphroditen aus dem Buche Ibbur, die ich mir jederzeit mit
-auffallender Deutlichkeit ins Gedächtnis zurückrufen konnte, regte mich
-künstlerisch stark dazu an, aber allmählich entdeckte ich nach den
-ersten Schnitten eine solche Ähnlichkeit mit der Tochter Schemajah
-Hillels, daß ich meinen Plan umstieß. -- -- --
-
--- Das Buch Ibbur! --
-
-Erschüttert legte ich den Stahlgriffel weg. Unfaßbar, was in der kurzen
-Spanne Zeit in mein Leben getreten war!
-
-Wie jemand, der sich plötzlich in eine unabsehbare Sandwüste versetzt
-sieht, wurde ich mir mit einem Schlage der tiefen, riesengroßen
-Einsamkeit bewußt, die mich von meinen Nebenmenschen trennte.
-
-Konnte ich je mit einem Freund -- Hillel ausgenommen -- davon reden, was
-ich erlebt?
-
-Wohl war mir in den stillen Stunden der verflossenen Nächte die
-Erinnerung wiedergekehrt, daß mich all meine Jugendjahre -- von früher
-Kindheit angefangen -- ein unsagbarer Durst nach dem Wunderbaren, dem
-jenseits aller Sterblichkeit Liegenden, bis zur Todespein gefoltert
-hatte, aber die Erfüllung meiner Sehnsucht war wie ein Gewittersturm
-gekommen und erdrückte den Jubelaufschrei meiner Seele mit ihrer Wucht.
-
-Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst kommen und das
-Geschehene in seiner vollen, markverbrennenden Lebendigkeit als
-_Gegenwart_ empfinden mußte.
-
-Nur jetzt sollte es noch nicht kommen! Erst den Genuß auskosten:
-Unaussprechliches an Glanz auf sich zukommen zu sehen!
-
-Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur hinüberzugehen in mein
-Schlafzimmer und die Kassette aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das
-Geschenk der Unsichtbaren, lag!
-
-Wie lang war's her, da hatte es meine Hand berührt, als ich Angelinas
-Briefe dazuschloß!
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Dumpfes Dröhnen draußen, wie von Zeit zu Zeit der Wind die angehäuften
-Schneemassen von den Dächern hinab vor die Häuser warf, gefolgt von
-Pausen tiefer Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut
-verschlang.
-
-Ich wollte weiterarbeiten, -- da plötzlich stahlscharfe Hufschläge unten
-die Gasse entlang, daß man's förmlich Funken sprühen sah.
-
-Das Fenster zu öffnen und hinauszuschauen war unmöglich: Muskeln aus Eis
-verbanden seine Ränder mit dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur
-Hälfte weiß verweht. Ich sah nur, daß Charousek scheinbar ganz friedlich
-neben dem Trödler Wassertrum stand -- sie mußten soeben ein Gespräch
-mitsammen geführt haben -- sah, wie die Verblüffung, die sich in ihrer
-beider Mienen malte, wuchs und sie sprachlos offenbar den Wagen, der
-meinen Blicken entzogen war, anstarrten.
-
-Angelinas Gatte ist es, fuhr es mir durch den Kopf. -- Sie selbst konnte
-es nicht sein! Mit ihrer Equipage hier bei mir vorzufahren, -- in der
-Hahnpaßgasse! -- vor aller Leute Augen! Es wäre hellichter Wahnsinn
-gewesen. -- Aber was sollte ich ihrem Gatten sagen, wenn er's wäre und
-mich auf den Kopf zu fragte?
-
-Leugnen, natürlich leugnen.
-
-Hastig legte ich mir die Möglichkeiten zurecht: es kann nur ihr Gatte
-sein. Er hat einen anonymen Brief bekommen, -- von Wassertrum -- daß sie
-hier gewesen sei zu einem Rendezvous, und sie hat eine Ausrede
-gebraucht: wahrscheinlich, daß sie eine Gemme oder sonst etwas bei mir
-bestellt habe. -- -- -- Da! wütendes Klopfen an meiner Tür und --
-Angelina stand vor mir.
-
-Sie konnte kein Wort hervorbringen, aber der Ausdruck ihres Gesichtes
-verriet mir alles: sie brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Das Lied
-war aus.
-
-Dennoch lehnte sich irgendetwas in mir auf gegen diese Annahme. Ich
-brachte es nicht fertig, zu glauben, daß das Gefühl, ihr helfen zu
-können, mich belogen haben sollte.
-
-Ich führte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr stumm das Haar; und
-sie verbarg todmüde wie ein Kind ihren Kopf an meiner Brust.
-
-Wir hörten das Knistern der brennenden Scheite im Ofen und sahen, wie
-der rote Schein über die Dielen huschte, aufflammte und erlosch --
-aufflammte und erlosch -- aufflammte und erlosch -- -- --
-
-»Wo ist das Herz aus rotem Stein -- -- --« klang es in meinem Innern.
-Ich fuhr auf: wo bin ich! Wie lang sitzt sie schon hier?
-
-Und ich forschte sie aus, -- vorsichtig, leise, ganz leise, daß sie
-nicht aufwache und ich mit der Sonde die schmerzende Wunde nicht
-berühre.
-
-Bruchstückweise erfuhr ich, was ich zu wissen brauchte, und setzte es
-mir zusammen wie ein Mosaik:
-
-»Ihr Gatte weiß -- --?«
-
-»Nein, noch nicht; er ist verreist.«
-
-Also um Dr. Saviolis Leben drehte sich's; -- Charousek hatte es richtig
-erraten. Und weil's um Saviolis Leben ging, und nicht mehr um ihres, war
-sie hier. Sie denkt nicht mehr daran, irgend etwas zu verbergen, begriff
-ich.
-
-Wassertrum war abermals bei Dr. Savioli gewesen. Hatte sich mit
-Drohungen und Gewalt den Weg erzwungen bis zu seinem Krankenlager.
-
-Und weiter! Weiter! Was wollte er von ihm?
-
-Was er wollte? Sie hatte es halb erraten, halb erfahren: er wollte, daß
--- -- daß -- er wollte, daß sich Dr. Savioli -- -- ein Leid antue.
-
-Sie kenne jetzt auch die Gründe von Wassertrums wildem, besinnungslosem
-Haß: »Dr. Savioli habe einst seinen Sohn, den Augenarzt Wassory, in den
-Tod getrieben.«
-
-Sofort schlug ein Gedanke in mich ein wie der Blitz: hinunter laufen,
-dem Trödler alles verraten: daß _Charousek_ den Schlag geführt hatte,
-aus dem Hinterhalt -- und nicht Savioli, der nur das Werkzeug war -- --
---. »Verrat! Verrat!« heulte es mir ins Hirn, »du willst also den armen
-schwindsüchtigen Charousek, der _dir_ helfen wollte und _ihr_, der
-Rachsucht dieses Halunken preisgeben?« -- Und es zerriß mich in blutende
-Hälften. -- Dann sprach ein Gedanke eiskalt und gelassen die Lösung aus:
-»Narr! Du hast es doch in der Hand! Brauchst ja nur die Feile dort auf
-dem Tisch zu nehmen, hinunter zu laufen und sie dem Trödler durch die
-Gurgel zu jagen, daß die Spitze hinten zum Genick herausschaut.«
-
-Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich forschte weiter:
-
-»Und Dr. Savioli?«
-
-Kein Zweifel, daß er Hand an sich legen wird, wenn sie ihn nicht
-rettete. Die Krankenschwestern ließen ihn nicht aus den Augen, hätten
-ihn mit Morphium betäubt, aber vielleicht erwacht er plötzlich --
-vielleicht gerade jetzt -- und -- und -- nein, nein, sie müsse fort,
-dürfe keine Sekunde Zeit mehr versäumen, -- sie wolle ihrem Gatten
-schreiben, ihm alles eingestehen, -- solle er ihr das Kind nehmen, aber
-Savioli sei gerettet, denn sie hätte Wassertrum damit die einzige Waffe
-aus der Hand geschlagen, die er besäße und mit der er drohe.
-
-Sie wolle das Geheimnis selbst enthüllen, ehe er es verraten könne.
-
-»Das werden Sie _nicht_ tun, Angelina!« schrie ich und dachte an die
-Feile, und die Stimme versagte mir in jubelnder Freude über meine Macht.
-
-Angelina wollte sich losreißen: ich hielt sie fest.
-
-»Nur noch eins: überlegen Sie, wird Ihr Gatte denn dem Trödler so ohne
-weiteres glauben?«
-
-»Aber Wassertrum hat doch Beweise, offenbar meine Briefe, vielleicht
-auch ein Bild von mir, -- alles, was im Schreibtisch nebenan im Atelier
-versteckt war.«
-
-Briefe? Bild? Schreibtisch? -- ich wußte nicht mehr, was ich tat: ich
-riß Angelina an meine Brust und küßte sie. Auf den Mund, auf die Stirn,
-auf die Augen.
-
-Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor meinem Gesicht.
-
-Dann hielt ich sie an ihren schmalen Händen und erzählte ihr mit
-fliegenden Worten, daß der Todfeind Wassertrums -- ein armer böhmischer
-Student -- die Briefe und alles in Sicherheit gebracht hätte und sie in
-meinem Besitz seien und fest verwahrt.
-
-Und sie fiel mir um den Hals und lachte und weinte in einem Atem. Küßte
-mich. Rannte zur Tür. Kehrte wieder um und küßte mich wieder.
-
-Dann war sie verschwunden.
-
-Ich stand wie betäubt und fühlte noch immer den Atem ihres Mundes an
-meinem Gesicht.
-
-Ich hörte, wie die Wagenräder über das Pflaster donnerten und den
-rasenden Galopp der Hufe. Eine Minute später war alles still. Wie ein
-Grab.
-
-Auch in mir.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Plötzlich knarrte die Tür leise hinter mir, und Charousek stand im
-Zimmer:
-
-»Verzeihen Sie, Herr Pernath, ich habe lange geklopft, aber Sie schienen
-es nicht zu hören.«
-
-Ich nickte nur stumm.
-
-»Hoffentlich nehmen Sie nicht an, daß ich mich mit Wassertrum versöhnt
-habe, weil Sie mich vorhin mit ihm sprechen sahen?« -- Charouseks
-höhnisches Lächeln sagte mir, daß er nur einen grimmigen Spaß machte. --
-»Sie müssen nämlich wissen: Das Glück ist mir hold; die Kanaille da
-unten fängt an, mich in ihr Herz zu schließen, Meister Pernath. -- -- Es
-ist eine seltsame Sache, das mit der Stimme des Blutes,« setzte er leise
--- halb für sich -- hinzu.
-
-Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und nahm an, ich hätte
-etwas überhört. Die ausgestandene Erregung zitterte noch zu stark in
-mir.
-
-»Er wollte mir einen Mantel schenken,« fuhr Charousek laut fort. »Ich
-habe natürlich dankend abgelehnt. Mich brennt schon meine eigene Haut
-genug. -- Und dann hat er mir Geld aufgedrängt.«
-
-»Sie haben es angenommen?!« wollte es mir herausfahren, aber ich hielt
-noch rasch meine Zunge im Zaum.
-
-Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote Flecken:
-
-»Das Geld habe ich selbstverständlich angenommen.«
-
-Mir wurde ganz wirr im Kopf!
-
-»-- an -- genommen?« stammelte ich.
-
-»Ich hätte nie gedacht, daß man auf Erden eine so reine Freude empfinden
-kann!« -- Charousek hielt einen Augenblick inne und schnitt eine Fratze.
--- »Ist es nicht ein erhebendes Gefühl, im Haushalt der Natur
->Mütterchen Vorsehungs< ökonomischen Finger allenthalben in Weisheit und
-Umsicht walten zu sehen!?« -- Er sprach wie ein Pastor und klimperte
-dabei mit dem Geld in seiner Tasche, -- »wahrlich, als hehre Pflicht
-empfinde ich es, den Schatz, mir anvertraut von milder Hand, auf Heller
-und Pfennig dereinst dem edelsten aller Zwecke zuzuführen.«
-
-War er betrunken? Oder wahnsinnig?
-
-Charousek änderte plötzlich den Ton:
-
-»Es liegt eine satanische Komik darin, daß Wassertrum sich die -- Arznei
-selber bezahlt. Finden Sie nicht?«
-
-Eine Ahnung dämmerte mir auf, was sich hinter Charouseks Rede verbarg,
-und mir graute vor seinen fiebernden Augen.
-
-Ȇbrigens lassen wir das jetzt, Meister Pernath. Erledigen wir erst die
-laufenden Geschäfte. Vorhin, die Dame, das war >_sie_< doch? Was ist ihr
-denn eingefallen, hier öffentlich vorzufahren?«
-
-Ich erzählte Charousek, was geschehen war.
-
-»Wassertrum hat bestimmt keine Beweise in den Händen,« unterbrach er
-mich freudig, »sonst hätte er nicht heute morgen abermals das Atelier
-durchsucht. -- Merkwürdig, daß Sie ihn nicht gehört haben!? Eine volle
-Stunde lang war er drüben.«
-
-Ich staunte, woher er alles so genau wissen könne, und sagte es ihm.
-
-»Darf ich?« -- als Erklärung nahm er sich eine Zigarette vom Tisch,
-zündete sie an und erläuterte: -- »Sehen Sie, wenn Sie jetzt die Tür
-öffnen, bringt die Zugluft, die vom Stiegenhaus hereinweht, den
-Tabaksrauch aus der Richtung. Es ist das vielleicht das einzige
-Naturgesetz, das Herr Wassertrum genau kennt, und für alle Fälle hat er
-in der Straßenmauer des Ateliers -- das Haus gehört ihm, wie Sie wissen
--- eine kleine, versteckte, offene Nische anbringen lassen: eine Art
-Ventilation, und darin ein rotes Fähnchen. Wenn nun jemand das Zimmer
-betritt oder verläßt, das heißt: die Zugtür öffnet, so merkt es
-Wassertrum unten aus dem heftigen Flattern des Fähnchens. Allerdings
-weiß ich es ebenfalls,« setzte Charousek trocken hinzu, »wenn's mir drum
-zu tun ist, und kann es von dem Kellerloch ^vis-à-vis^, in dem zu hausen
-ein gnädiges Schicksal mir huldreichst gestattet, genau beobachten. --
-Der niedliche Scherz mit der Ventilation ist zwar ein Patent des
-würdigen Patriarchen, aber auch mir seit Jahren geläufig.«
-
-»Was für einen übermenschlichen Haß Sie gegen ihn haben müssen, daß Sie
-so jeden seiner Schritte belauern. Und noch dazu seit langem, wie Sie
-sagen!« warf ich ein.
-
-»Haß?« Charousek lächelte krampfhaft. »Haß? -- Haß ist kein Ausdruck.
-Das Wort, das meine Gefühle gegen ihn bezeichnen könnte, muß erst
-geschaffen werden. -- Ich hasse, genau genommen, auch gar nicht _ihn_.
-Ich hasse sein Blut. Verstehen Sie das? Ich wittere wie ein wildes Tier,
-wenn auch nur ein Tropfen von seinem Blut in den Adern eines Menschen
-fließt, -- und« -- er biß die Zähne zusammen -- »das kommt >zuweilen<
-vor hier im Ghetto.« Unfähig, weiter zu sprechen vor Aufregung lief er
-ans Fenster und starrte hinaus. -- Ich hörte, wie er sein Keuchen
-unterdrückte. Wir schwiegen beide eine Weile.
-
-»Hallo, was ist denn das?« fuhr er plötzlich auf und winkte mir hastig:
-»Rasch, rasch! Haben Sie nicht einen Operngucker oder so etwas?«
-
-Wir spähten vorsichtig hinter den Vorhängen hinunter:
-
-Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des Trödlerladens und bot,
-soviel wir aus seiner Zeichensprache erraten konnten, Wassertrum einen
-kleinen blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg, zum Kauf
-an. Wassertrum fuhr danach wie ein Geier und zog sich damit in seine
-Höhle zurück.
-
-Gleich darauf stürzte er wieder hervor -- totenblaß -- und packte
-Jaromir an der Brust: Es entspann sich ein heftiges Ringen. -- Mit einem
-Mal ließ Wassertrum los und schien zu überlegen. Nagte wütend an seiner
-gespaltenen Oberlippe. Warf einen grübelnden Blick zu uns herauf und zog
-dann Jaromir am Arm friedlich in seinen Laden.
-
-Wir warteten wohl eine Viertelstunde lang: sie schienen nicht fertig
-werden zu können mit ihrem Handel.
-
-Endlich kam der Taubstumme mit befriedigter Miene wieder heraus und ging
-seines Weges.
-
-»Was halten Sie davon?« fragte ich. »Es scheint nichts Wichtiges zu
-sein? Vermutlich hat der arme Bursche irgendeinen erbettelten Gegenstand
-versilbert.«
-
-Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend wieder an den
-Tisch.
-
-Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung bei, denn er fuhr
-nach einer Pause da fort, wo er stehen geblieben war:
-
-»Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. -- Unterbrechen Sie mich,
-Meister Pernath, wenn ich wieder heftig werde. Ich will kalt bleiben.
-Ich darf meine besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich
-sonst nachher wie Ernüchterung. Ein Mensch mit Schamgefühl soll in
-kühlen Worten reden, nicht mit Pathos wie eine Prostituierte oder --
-oder ein Dichter. -- Seit die Welt steht, wär's niemand eingefallen, vor
-Leid die >Hände zu ringen<, wenn nicht die Schauspieler diese Geste als
-besonders >plastisch< ausgetüftelt hätten.«
-
-Ich begriff, daß er mit Absicht blind drauflos redete, um innerlich Ruhe
-zu bekommen.
-
-Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervös lief er im Zimmer auf und ab,
-faßte alle möglichen Gegenstände an und stellte sie zerstreut zurück an
-ihren Platz.
-
-Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem Thema:
-
-»Aus den kleinsten unwillkürlichen Bewegungen eines Menschen verrät sich
-mir dieses Blut. Ich kenne Kinder, die >ihm< ähnlich sehen und als seine
-_gelten_, aber doch sind sie nicht vom selben Stamme, -- man kann mich
-nicht täuschen. Jahrelang erfuhr ich nicht, daß Dr. Wassory sein Sohn
-ist, aber ich habe es -- ich möchte sagen -- gerochen.
-
-Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen konnte, in welchen
-Beziehungen Wassertrum zu mir steht,« -- sein Blick ruhte eine Sekunde
-forschend auf mir, -- »besaß ich diese Gabe. Man hat mich mit Füßen
-getreten, mich geschlagen, daß es wohl keine Stelle an meinem Körper
-gibt, die nicht wüßte, was rasender Schmerz ist, -- hat mich hungern und
-dursten lassen, bis ich halb wahnsinnig wurde und schimmlige Erde
-gefressen habe, aber niemals konnte ich diejenigen hassen, die mich
-peinigten. Ich _konnte_ einfach nicht. Es war kein Platz mehr in mir für
-Haß. -- Verstehen Sie? Und doch war mein ganzes Wesen getränkt damit.
-
-Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan -- ich will damit
-sagen, daß er mich jemals weder geschlagen oder beworfen, noch auch
-irgendwie beschimpft hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten
-herumtrieb: ich weiß das genau, -- und doch richtete sich alles, was an
-Rachsucht und Wut in mir kochte, gegen ihn. Nur gegen ihn!
-
-Merkwürdig ist, daß ich ihm trotzdem nie als Kind einen Schabernack
-gespielt habe. Wenn's die andern taten, zog ich mich sofort zurück. Aber
-stundenlang konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustüre
-versteckt, durch die Angelritzen sein Gesicht unverwandt anstieren, bis
-mir vor unerklärlichem Haßgefühl schwarz vor den Augen wurde.
-
-Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem Hellsehen gelegt, das
-sofort in mir aufwacht, wenn ich mit Wesen, ja sogar mit Dingen in
-Berührung komme, die in Verbindung mit ihm stehen. Ich muß wohl jede
-seiner Bewegungen: seine Art, den Rock zu tragen, und wie er Sachen
-anfaßt, hustet und trinkt, und all das Tausenderlei damals unbewußt
-_auswendig_ gelernt haben, bis sich's mir in die Seele fraß, daß ich
-überall die Spuren davon auf den ersten Blick mit unfehlbarer Sicherheit
-als seine Erbstücke erkennen kann.
-
-Später wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf harmlose Gegenstände
-von mir, bloß weil mich der Gedanke quälte, seine Hand könne sie berührt
-haben, -- andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte sie wie
-Freunde, die ihm Böses wünschten.«
-
-Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er geistesabwesend ins
-Leere blickte. Seine Finger streichelten mechanisch die Feile auf dem
-Tisch.
-
-»Als dann ein paar mitleidige Lehrer für mich gesammelt hatten und ich
-Philosophie und Medizin studierte -- auch nebenbei selbst denken lernte
---, da kam mir langsam die Erkenntnis, was Haß ist:
-
-Wir können nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, was ein Teil von
-uns selbst ist.
-
-Und wie ich später dahinter kam, -- nach und nach alles erfuhr: was
-meine Mutter war -- und -- und noch sein muß, wenn -- wenn sie noch
-lebt, -- und daß mein eigner Leib« -- er wendete sich ab, damit ich sein
-Gesicht nicht sehen sollte, -- »voll ist von _seinem_ eklen Blut -- nun
-ja, Pernath, -- warum sollen Sie's nicht wissen: _er_ ist _mein Vater_!
--- da wurde mir klar, wo die Wurzel lag. -- -- -- Zuweilen kommt's mir
-sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, daß ich schwindsüchtig
-bin und Blut spucken muß: mein Körper wehrt sich gegen alles, was von
->_ihm_< ist, und stößt es mit Abscheu von sich.
-
-Oft hat mich mein Haß bis in den Traum begleitet und zu trösten gesucht
-mit Gesichten von allen nur erdenklichen Foltern, die ich >ihm< zufügen
-durfte, aber immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden
-Beigeschmack des -- Unbefriedigtseins in mir hinterließen.
-
-Wenn ich über mich selbst nachdenke und mich wundern muß, daß es so gar
-niemanden und nichts auf der Welt gibt, was ich zu hassen, -- ja nicht
-einmal als antipathisch zu empfinden imstande wäre, außer >ihn< und
-seinen Stamm, -- beschleicht mich oft das widerliche Gefühl: ich könnte
-das sein, was man einen >guten Menschen< nennt. Aber zum Glück ist es
-nicht so. -- Ich sagte Ihnen schon: es ist kein Platz mehr in mir.
-
-Und glauben Sie nur ja nicht, daß ein trauriges Schicksal mich
-verbittert hat: (Was er meiner Mutter angetan hat, erfuhr ich überdies
-erst in späteren Jahren) -- ich habe _einen_ Freudentag erlebt, der weit
-in den Schatten stellt, was sonst einem Sterblichen vergönnt ist. Ich
-weiß nicht, ob Sie kennen, was innere, echte, heiße Frömmigkeit ist, --
-ich hatte es bis dahin auch nicht gekannt -- als ich aber an jenem Tage,
-an dem Wassory sich selbst ausgerottet hat, am Laden unten stand und
-sah, wie >er< die Nachricht bekam, -- sie >stumpfsinnig<, wie ein Laie,
-der die echte Bühne des Lebens nicht kennt, hätte glauben müssen, --
-hinnahm, wohl eine Stunde lang teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote
-Hasenscharte nur ein ganz klein bißchen höher über die Zähne gezogen als
-sonst und den Blick so gewiß -- -- so -- so -- so eigenartig nach innen
-gekehrt, -- -- -- -- da fühlte ich den Weihrauchduft von den Schwingen
-des Erzengels. -- -- Kennen Sie das Gnadenbild der schwarzen
-Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf ich mich nieder, und die
-Finsternis des Paradieses hüllte meine Seele ein.« --
-
--- -- -- Wie ich Charousek so dastehen sah, die großen, träumerischen
-Augen voll Tränen, da fielen mir Hillels Worte ein von der
-Unbegreiflichkeit des dunklen Pfades, den die Brüder des Todes gehen.
-
-Charousek fuhr fort:
-
-»Die äußeren Umstände, die meinen Haß >rechtfertigen< oder in den
-Gehirnen der amtlich besoldeten Richter begreiflich erscheinen lassen
-könnten, werden Sie vielleicht gar nicht interessieren: -- Tatsachen
-sehen sich an wie Meilensteine und sind doch nur leere Eierschalen. Sie
-sind das aufdringliche Knallen der Champagnerpfropfen an den Tafeln der
-Protzen, das nur der Schwachsinnige für das wesentliche eines Gelages
-hält. -- Wassertrum hat meine Mutter mit all den infernalischen Mitteln,
-die seinesgleichen Gewohnheit sind, gezwungen, ihm zu willen zu sein, --
-wenn es nicht noch viel schlimmer war. Und dann -- -- nun ja -- und dann
-hat er sie an -- ein Freudenhaus verkauft, -- -- -- so etwas ist nicht
-schwer, wenn man Polizeiräte zu Geschäftsfreunden hat, -- aber nicht
-etwa, weil er ihrer überdrüssig gewesen wäre, o nein! Ich kenne die
-Schlupfwinkel seines Herzens: an _dem_ Tage hat er sie verkauft, wo er
-sich voll Schrecken bewußt wurde, wie heiß er sie in Wirklichkeit
-liebte. So einer wie er handelt da scheinbar widersinnig, aber immer
-gleich. Das Hamsterhafte in seinem Wesen quietscht auf, sowie jemand
-kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner Trödlerbude gegen noch so
-teures Geld: er empfindet nur den Zwang des >Hergebenmüssens<. Er möchte
-den Begriff >haben< am liebsten in sich hineinfressen, und könnte er
-sich überhaupt ein Ideal ausdenken, so wär's das, sich dereinst in den
-abstrakten Begriff >Besitz< aufzulösen. -- --
-
-Und da ist es damals riesengroß in ihm gewachsen bis zu einem Berg von
-Angst: »seiner selbst nicht mehr sicher« zu sein, -- nicht: etwas an
-Liebe geben zu _wollen_, sondern geben zu _müssen_: die Gegenwart eines
-Unsichtbaren in sich zu ahnen, das seinen Willen oder das, von dem er
-möchte, daß es sein Wille sein solle, heimlich in Fesseln schlug. -- So
-war der Anfang. Was dann folgte, geschah automatisch. Wie der Hecht
-mechanisch zubeißen muß, -- ob er will oder nicht -- wenn ein blitzender
-Gegenstand zu rechter Zeit vorüberschwimmt.
-
-Das Verschachern meiner Mutter ergab sich für Wassertrum als natürliche
-Folge. Es befriedigte den Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften:
-die Gier nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. -- -- --
-Verzeihen Sie, Meister Pernath,« -- Charouseks Stimme klang plötzlich so
-hart und nüchtern, daß ich erschrak, -- »verzeihen Sie, daß ich so
-furchtbar gescheit daherrede, aber wenn man an der Universität ist,
-kommt einem eine Menge vertrottelter Bücher unter die Hände;
-unwillkürlich verfällt man da in eine teppenhafte Ausdrucksweise.« --
-
-Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lächeln; innerlich verstand ich
-gar wohl, daß er mit dem Weinen kämpfte.
-
-Irgendwie muß ich ihm helfen, überlegte ich, wenigstens seine bitterste
-Not zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm
-unauffällig die Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der
-Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche.
-
-»Wenn Sie später einmal in eine bessere Umgebung kommen und Ihren Beruf
-als Arzt ausüben, wird Frieden bei Ihnen einziehen, Herr Charousek;«
-sagte ich, um dem Gespräch eine versöhnliche Richtung zu geben, --
-»machen Sie bald Ihr Doktorat?«
-
-»Demnächst. Ich bin es meinen Wohltätern schuldig. Zweck hat's ja
-keinen, denn meine Tage sind gezählt.«
-
-Ich wollte den üblichen Einwand machen, daß er wohl zu schwarz sehe,
-aber er wehrte lächelnd ab:
-
-»Es ist das beste so. Es muß überdies kein Vergnügen sein, den
-Heilkomödianten zu mimen und sich zu guter Letzt noch als diplomierter
-Brunnenvergifter einen Adelstitel zuzuziehen. -- -- Andererseits,« --
-setzte er mit seinem galligen Humor hinzu, -- »wird mir leider jedes
-weitere segensreiche Wirken hier im Diesseits-Ghetto ein für allemal
-abgeschnitten sein.« Er griff nach seinem Hut. »Jetzt will ich aber
-nicht länger stören. Oder wäre noch etwas zu besprechen in der
-Angelegenheit Savioli? Ich denke nicht. Lassen Sie mich jedenfalls
-wissen, wenn Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hängen einen
-Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, daß ich Sie besuchen soll. Zu mir
-in den Keller dürfen Sie auf keinen Fall kommen: Wassertrum würde sofort
-Verdacht schöpfen, daß wir zusammenhalten. -- Ich bin übrigens sehr
-neugierig, was er jetzt tun wird, wo er gesehen hat, daß die Dame zu
-Ihnen gekommen ist. Sagen Sie ganz einfach, sie hätte Ihnen ein
-Schmuckstück zu reparieren gebracht, und wenn er zudringlich wird,
-spielen Sie eben den Rabiaten.«
-
-Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, Charousek die
-Banknote aufzudrängen; ich nahm daher das Modellierwachs wieder vom
-Fensterbrett und sagte: »Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück die
-Treppen hinunter. -- Hillel erwartet mich,« log ich.
-
-Er stutzte:
-
-»Sie sind mit ihm befreundet?«
-
-»Ein wenig. Kennen Sie ihn? -- -- Oder mißtrauen Sie ihm,« -- ich mußte
-unwillkürlich lächeln -- »vielleicht auch?«
-
-»Da sei Gott vor!«
-
-»Warum sagen Sie das so ernst?«
-
-Charousek zögerte und dachte nach:
-
-»Ich weiß selbst nicht warum. Es muß etwas Unbewußtes sein: so oft ich
-ihm auf der Straße begegne, möchte ich am liebsten vom Pflaster
-heruntertreten und das Knie beugen wie vor einem Priester, der die
-Hostie trägt. -- Sehen Sie, Meister Pernath, da haben Sie einen
-Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil von Wassertrum ist. Er gilt z.
-B. bei den Christen hier im Viertel, die, wie immer, so auch in diesem
-Fall falsch informiert sind, als Geizhals und heimlicher Millionär und
-ist doch unsagbar arm.«
-
-Ich fuhr entsetzt auf: »arm?«
-
-»Ja, womöglich noch ärmer als ich. Das Wort >nehmen< kennt er, glaub'
-ich, überhaupt nur aus Büchern; aber wenn er am Ersten des Monats aus
-dem >Rathaus< kommt, dann laufen die jüdischen Bettler vor ihm davon,
-weil sie wissen, er würde dem nächsten besten von ihnen seinen ganzen
-kärglichen Gehalt in die Hand drücken und ein paar Tage später -- samt
-seiner Tochter selber verhungern. -- Wenn's wahr ist, was eine uralte
-talmudische Legende behauptet: daß von den zwölf jüdischen Stämmen zehn
-verflucht sind und zwei heilig, so verkörpert er die zwei heiligen und
-Wassertrum alle zehn andern zusammen. -- Haben Sie noch nie bemerkt, wie
-Wassertrum sämtliche Farben spielt, wenn Hillel an ihm vorübergeht?
-Interessant, sag' ich Ihnen! Sehen Sie, _solches_ Blut _kann_ sich gar
-nicht vermischen; da kämen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, daß
-die Mütter nicht schon früher vor Entsetzen stürben. -- Hillel ist
-übrigens der einzige, an den sich Wassertrum nicht herantraut; -- er
-weicht ihm aus wie dem Feuer. Vermutlich, weil Hillel das
-Unbegreifliche, das vollkommen Unenträtselbare, für ihn bedeutet.
-Vielleicht wittert er in ihm auch den Kabbalisten.«
-
-Wir gingen bereits die Stiegen hinab.
-
-»Glauben Sie, daß es heutzutage noch Kabbalisten gibt -- daß überhaupt
-an der Kabbala etwas sein könnte?« fragte ich, gespannt, was er wohl
-antworten würde, aber er schien nicht zugehört zu haben.
-
-Ich wiederholte meine Frage.
-
-Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tür des Treppenhauses, die aus
-Kistendeckeln zusammengenagelt war:
-
-»Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar jüdische aber arme
-Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter,
-Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn's dunkel wird und er allein ist mit
-den kleinen Mädchen, kommt der Rappel über ihn: dann bindet er sie an
-den Daumen zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwängt sie in
-einen alten Hühnerkäfig und unterweist sie im >Gesang<, wie er es nennt,
-damit sie später ihren Lebensunterhalt selbst erwerben können, -- das
-heißt, er lehrt sie die verrücktesten Lieder, die es gibt, deutsche
-Texte, Bruchstücke, die er irgendwo aufgeschnappt hat und im Dämmer
-seines Seelenzustandes für -- preußische Schlachthymnen oder dergleichen
-hält.«
-
-Wirklich tönte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein
-Fiedelbogen kratzte fürchterlich hoch und immerwährend in ein und
-demselben Ton die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendünne
-Kinderstimmen sangen dazu:
-
- »Frau Pick,
- Frau Hock,
- Frau Kle -- pe -- tarsch,
- se stehen beirenond
- und schmusen allerhond -- --«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich mußte wider Willen
-hellaut auflachen.
-
-»Schwiegersohn Schaffranek -- seine Frau verkauft auf dem Eiermarkt
-Gurkensaft gläschenweise an die Schuljugend -- läuft den ganzen Tag in
-den Bureaus herum,« fuhr Charousek grimmig fort, »und erbettelt sich
-alte Briefmarken. Die sortiert er dann, und wenn er welche darunter
-findet, die zufällig nur am Rande gestempelt sind, so legt er sie
-aufeinander und schneidet sie durch. Die ungestempelten Hälften klebt er
-zusammen und verkauft sie als neu. Anfangs blühte das Geschäft und warf
-manchmal fast einen -- Gulden im Tag ab, aber schließlich kamen die
-Prager jüdischen Großindustriellen dahinter -- und machen es jetzt
-selber. Sie schöpfen den Rahm ab.«
-
-»Würden _Sie_ Not lindern, Charousek, wenn Sie überflüssiges Geld
-hätten?« fragte ich rasch. -- Wir standen vor Hillels Tür, und ich
-klopfte an.
-
-»Halten Sie mich für so gemein, daß Sie glauben können, ich täte es
-nicht?« fragte er verblüfft zurück.
-
-Mirjams Schritte kamen näher und ich wartete, bis sie die Klinke
-niederdrückte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche:
-»Nein, Herr Charousek, ich halte Sie nicht dafür, aber mich _müßten_ Sie
-für gemein halten, wenn ich's unterließe.«
-
-Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand geschüttelt und die
-Tür hinter mir zugezogen. Während mich Mirjam begrüßte, lauschte ich,
-was er tun würde.
-
-Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise auf und ging
-langsam mit suchendem Schritt die Treppe hinunter. Wie jemand, der sich
-am Geländer halten muß.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Es war das erstemal, daß ich Hillels Zimmer besucht hatte.
-
-Es sah schmucklos aus wie ein Gefängnis. Der Boden peinlich sauber und
-mit weißem Sand bestreut. Nichts an Möbeln als zwei Stühle und ein Tisch
-und eine Kommode. Ein Holzpostament je links und rechts an den Wänden.
--- -- --
-
-Mirjam saß mir gegenüber am Fenster, und ich bossierte an meinem
-Modellierwachs.
-
-»Muß man denn ein Gesicht _vor sich_ haben, um die Ähnlichkeit zu
-treffen?« fragte sie schüchtern und nur, um die Stille zu unterbrechen.
-
-Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie wußte nicht, wohin
-die Augen richten in ihrer Qual und Scham über die jammervolle Stube,
-und mir brannten die Wangen von innerem Vorwurf, daß ich mich nicht
-längst gekümmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten.
-
-Aber irgend etwas mußte ich doch antworten!
-
-»Nicht so sehr, um die Ähnlichkeit zu treffen, als um zu vergleichen, ob
-man innerlich auch richtig gesehen hat,« ich fühlte, noch während ich
-sprach, wie grundfalsch das alles war, was ich sagte.
-
-Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die
-äußere Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig
-nachgebetet und befolgt; erst seit Hillel mich in jener Nacht erweckt,
-war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter
-geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen
-aufschlägt, -- die Gabe, die sie alle zu haben glauben und doch unter
-Millionen keiner wirklich besitzt.
-
-Wie konnte ich auch nur von der _Möglichkeit_ sprechen, die unfehlbare
-Richtschnur der geistigen Vision an den groben Mitteln des Augenscheins
-nachmessen zu wollen!
-
-Mirjam schien Ähnliches zu denken. Nach dem Erstaunen in ihren Mienen zu
-schließen.
-
-»Sie dürfen es nicht so wörtlich nehmen,« entschuldigte ich mich.
-
-Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form
-vertiefte.
-
-»Es muß unendlich schwer sein, alles dann haargenau auf Stein zu
-übertragen?«
-
-»Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.«
-
-Pause.
-
-»Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist?« fragte sie.
-
-»Sie ist doch für Sie bestimmt, Mirjam.«
-
-»Nein, nein; das geht nicht, -- -- das -- das -- --,« -- ich sah, wie
-ihre Hände nervös wurden.
-
-»Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir annehmen?« unterbrach
-ich sie schnell, »ich wollte, ich dürfte mehr für Sie tun.«
-
-Hastig wandte sie das Gesicht ab.
-
-Was hatte ich da gesagt! Ich mußte sie aufs tiefste verletzt haben. Es
-hatte geklungen, als wollte ich auf ihre Armut anspielen.
-
-Konnte ich es noch beschönigen? Wurde es dann nicht weit schlimmer?
-
-Ich nahm einen Anlauf:
-
-»Hören Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie darum. -- Ich schulde
-Ihrem Vater so unendlich viel, -- Sie können das gar nicht ermessen --
---«
-
-Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht.
-
-»-- ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.«
-
-»Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmächtig wurden? Das war doch
-selbstverständlich.«
-
-Ich fühlte: sie wußte nicht, welches Band mich mit ihrem Vater
-verknüpfte. Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu
-verraten, was er ihr verschwieg.
-
-»Weit höher als äußere Hilfe, dächte ich, ist die innere zu stellen. --
-Ich meine die, die aus dem geistigen Einfluß eines Menschen auf den
-andern überstrahlt. -- Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam?
--- Man kann jemand auch seelisch heilen, nicht nur körperlich, Mirjam.«
-
-»Und das hat -- --?«
-
-»Ja, das hat Ihr Vater an mir getan!« -- ich faßte sie an der Hand, --
-»begreifen Sie nicht, daß es mir da ein Herzenswunsch sein muß, wenn
-schon nicht ihm, so doch jemand, der ihm so nahesteht wie Sie,
-irgendeine Freude zu bereiten? -- Haben Sie nur ein ganz klein wenig
-Vertrauen zu mir! -- Gibt's denn gar keinen Wunsch, den ich Ihnen
-erfüllen könnte?«
-
-Sie schüttelte den Kopf: »Sie glauben, ich fühle mich unglücklich hier?«
-
-»Gewiß nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen Sorgen, die ich Ihnen
-abnehmen könnte? Sie sind verpflichtet -- hören Sie! -- verpflichtet,
-mich daran teilnehmen zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier in der
-finstern, traurigen Gasse, wenn Sie nicht müßten? Sie sind noch so jung,
-Mirjam, und -- --«
-
-»Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath,« unterbrach sie mich
-lächelnd, »was fesselt denn Sie an das Haus?«
-
-Ich stutzte. -- Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich
-hier? Ich konnte es mir nicht erklären, was fesselt dich an das Haus?
-wiederholte ich mir geistesabwesend. Ich konnte keine Erklärung finden
-und vergaß einen Augenblick ganz, wo ich war. -- Dann stand ich
-plötzlich entrückt irgendwo hoch oben -- in einem Garten -- roch den
-zauberhaften Duft von blühenden Holunderdolden, -- sah herab auf die
-Stadt -- -- --
-
-»Habe ich eine Wunde berührt? Hab' ich Ihnen weh getan?« kam Mirjams
-Stimme von weit, weit her zu mir.
-
-Sie hatte sich über mich gebeugt und sah mir ängstlich forschend ins
-Gesicht.
-
-Ich mußte wohl lange starr dagesessen haben, daß sie so besorgt war.
-
-Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann brach sich's plötzlich
-gewaltsam Bahn, überflutete mich, und ich schüttete Mirjam mein ganzes
-Herz aus.
-
-Ich erzählte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein
-ganzes Leben beisammen war, und vor dem man kein Geheimnis hat, wie's um
-mich stand, und auf welche Weise ich aus einer Erzählung Zwakhs erfahren
-hatte, daß ich in früheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung
-an meine Vergangenheit beraubt worden war, -- wie in letzter Zeit Bilder
-in mir wach geworden, die in jenen Tagen wurzeln mußten, immer häufiger
-und häufiger, und daß ich vor dem Moment zitterte, wo mir alles offenbar
-werden und mich von neuem zerreißen würde.
-
-Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang bringen mußte: -- meine
-Erlebnisse in den unterirdischen Gängen und all das übrige, verschwieg
-ich ihr.
-
-Sie war dicht zu mir gerückt und hörte mit einer tiefen, atemlosen
-Teilnahme zu, die mir unsäglich wohl tat.
-
-Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen
-konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. -- Gewiß
-wohl: Hillel war ja noch da, aber für mich nur wie ein Wesen jenseits
-der Wolken, das kam und verschwand wie ein Licht, an das ich nicht
-herankonnte, wenn ich mich sehnte.
-
-Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem
-er ihr Vater war.
-
-Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm -- »und doch bin ich
-wie durch eine Glaswand von ihm getrennt,« vertraute sie mir an, »die
-ich nicht durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. -- Wenn ich
-ihn als Kind im Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das
-Gewand des Hohenpriesters: die goldene Tafel des Moses mit den 12
-Steinen darin auf der Brust, und blaue, leuchtende Strahlen gingen von
-seinen Schläfen aus. -- Ich glaube, seine Liebe ist von der Art, die
-übers Grab hinausgeht, und zu groß, als daß wir sie fassen könnten. --
-Das hat auch meine Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich über ihn
-sprachen.« -- -- Sie schauderte plötzlich und zitterte am ganzen Leib.
-Ich wollte aufspringen, aber sie hielt mich zurück: »Seien Sie ruhig, es
-ist nichts. Bloß eine Erinnerung. Als meine Mutter starb, -- nur ich
-weiß, wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines Mädchen,
--- glaubte ich vor Schmerz ersticken zu müssen, und ich lief zu ihm hin
-und krallte mich in seinen Rock und wollte aufschreien und konnte doch
-nicht, weil alles gelähmt war in mir -- und -- und da -- -- -- -- mir
-läuft's wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran denke -- -- sah
-er mich lächelnd an, küßte mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand
-über die Augen. -- -- -- -- Und von dem Moment an bis heute war jedes
-Leid, daß ich meine Mutter verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht
-eine Träne konnte ich vergießen, als sie begraben wurde; ich sah die
-Sonne als strahlende Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich,
-warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter dem Sarge her, neben
-mir, und wenn ich aufblickte, lächelte er jedesmal leise, und ich
-fühlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.«
-
-»Und sind Sie glücklich, Mirjam? Ganz glücklich? Liegt nicht zugleich
-etwas Furchtbares für Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben,
-das hinausgewachsen ist über alles Menschentum?« fragte ich leise.
-
-Mirjam schüttelte freudig den Kopf:
-
-»Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. -- Als Sie mich vorhin
-fragten, Herr Pernath, ob ich nicht Sorgen hätte, und warum wir hier
-wohnten, mußte ich fast lachen. Ist denn die Natur schön? Nun ja, die
-Bäume sind grün und der Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir
-viel schöner vorstellen, wenn ich die Augen schließe. Muß ich denn, um
-sie zu sehen, auf einer Wiese sitzen? -- Und das bißchen Not und -- und
--- und Hunger? Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung und
-das Warten.«
-
-»Das Warten?« fragte ich erstaunt.
-
-»Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie aber
-ein ganz, ganz armer Mensch. -- Daß das so wenige kennen?! Sehen Sie,
-das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand
-verkehre. Ich hatte wohl früher ein paar Freundinnen -- Jüdinnen
-natürlich, wie ich --, aber wir redeten immer aneinander vorbei; sie
-verstanden mich nicht und ich sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach,
-glaubten sie anfangs, ich mache Spaß, und als sie merkten, wie ernst es
-mir war, und daß ich auch unter Wundern nicht das verstand, was die
-Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen: das gesetzmäßige Wachsen des
-Grases und dergleichen, sondern eher das Gegenteil, -- hätten sie mich
-am liebsten für verrückt gehalten, aber dagegen stand ihnen wieder im
-Wege, daß ich ziemlich gelenkig bin im Denken, hebräisch und aramäisch
-gelernt habe, die Targumim und Midraschim lesen kann, und was
-dergleichen Nebensächlichkeiten mehr sind. Schließlich fanden sie ein
-Wort, das überhaupt nichts mehr ausdrückt: sie nannten mich
->überspannt<.
-
-Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, daß das Bedeutsame -- das
-Wesentliche -- für mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das
-_Wunder_ und bloß das Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und
-Ethik, die nur versteckte Wege sein können, um zum Wunder zu gelangen,
--- so wußten sie nur mit Gemeinplätzen zu erwidern, denn sie scheuten
-sich, offen einzugestehen, daß sie aus den Religionsschriften nur das
-glaubten, was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch stehen könnte. Wenn
-sie das Wort >Wunder< nur hörten, wurde ihnen schon unbehaglich. Sie
-verlören den Boden unter den Füßen, sagten sie.
-
-Als ob es etwas Herrlicheres geben könnte, als den Boden unter den Füßen
-zu verlieren!
-
-Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, hörte ich
-einmal meinen Vater sagen, -- dann, dann erst fängt das Leben an. -- Ich
-weiß nicht, was er mit dem >Leben< meinte, aber ich fühle zuweilen, daß
-ich eines Tages so wie: >erwachen< werde. Wenn ich mir auch nicht
-vorstellen kann, in welchen Zustand hinein. Und Wunder müssen dem
-vorhergehen, denke ich mir immer.
-
->Hast du denn schon welche erlebt, daß du fortwährend darauf wartest?<
-fragten mich oft meine Freundinnen, und wenn ich verneinte, wurden sie
-plötzlich froh und siegesgewiß. Sagen Sie, Herr Pernath, können _Sie_
-solche Herzen verstehen? Daß ich _doch_ Wunder erlebt habe, wenn auch
-nur kleine, -- winzig kleine --,« -- Mirjams Augen glänzten, -- »wollte
-ich ihnen nicht verraten, -- -- -- -- -- --«
-
-Ich hörte, wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten.
-
-»-- aber _Sie_ werden mich verstehen: oft, Wochen, ja Monate,« -- Mirjam
-wurde ganz leise, -- »haben wir nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein
-Brot mehr im Hause war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann wußte ich:
-jetzt ist die Stunde da! -- Und dann saß ich hier und wartete und
-wartete, bis ich vor Herzklopfen kaum mehr atmen konnte. Und -- und
-dann, wenn's mich plötzlich zog, lief ich hinunter und kreuz und quer
-durch die Straßen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig wieder im Hause
-zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und -- und jedesmal fand ich Geld.
-Einmal mehr, einmal weniger, aber immer soviel, daß ich das Nötigste
-einkaufen konnte. Oft lag ein Gulden mitten auf der Straße; ich sah ihn
-von weitem blitzen und die Leute traten darauf, rutschten aus darüber,
-aber keiner bemerkte ihn. -- Das machte mich zuweilen so übermütig, daß
-ich gar nicht erst ausging, sondern nebenan in der Küche den Boden
-durchsuchte wie ein Kind, ob nicht Geld oder Brot vom Himmel gefallen
-sei.«
-
--- Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf, und ich mußte aus Freude
-darüber lächeln. --
-
-Sie sah es.
-
-»Lachen Sie nicht, Herr Pernath,« flehte sie. »Glauben Sie mir, ich
-weiß, daß diese Wunder wachsen werden, und daß sie eines Tages --«
-
-Ich beruhigte sie: »Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie
-denn! Ich bin unendlich glücklich, daß Sie nicht sind wie die andern,
-die hinter jeder Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn's
--- _wir_ rufen in solchen Fällen: Gott sei Dank! -- einmal anders
-kommt.«
-
-Sie streckte mir die Hand hin:
-
-»Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr Pernath, daß Sie mir --
-oder uns -- helfen wollen? Jetzt, wo Sie wissen, daß Sie mir die
-Möglichkeit, ein Wunder zu erleben, rauben würden, wenn Sie es täten?«
-
-Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt.
-
-Da ging die Tür, und Hillel trat ein.
-
-Mirjam umarmte ihn; und er begrüßte mich. Herzlich und voll
-Freundschaft, aber wieder mit dem kühlen »Sie«.
-
-Auch schien etwas wie leise Müdigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu
-lasten. -- Oder irrte ich mich?
-
-Vielleicht kam es nur von der Dämmerung, die in der Stube lag.
-
-»Sie sind gewiß hier, mich um Rat zu fragen,« fing er an, als Mirjam uns
-allein gelassen hatte, »in der Sache, die die fremde Dame betrifft --
---?«
-
-Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede:
-
-»Ich weiß es von dem Studenten Charousek. Ich sprach ihn auf der Gasse
-an, weil er mir merkwürdig verändert vorkam. Er hat mir alles erzählt.
-In der Überfülle seines Herzens. Auch, daß -- Sie ihm Geld geschenkt
-haben.« Er sah mich durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf
-höchst seltsame Weise, aber ich verstand nicht, was er damit wollte:
-
-»Gewiß, es hat dadurch ein paar Tropfen Glück mehr vom Himmel geregnet
--- und -- und in diesem -- Fall hat's vielleicht auch nicht geschadet,
-aber --,« er dachte eine Weile nach, -- »aber manchmal schafft man sich
-und anderen nur Leid damit. Gar so leicht ist das Helfen nicht, wie Sie
-denken, mein lieber Freund! Da wäre es sehr, sehr einfach, die Welt zu
-erlösen. -- Oder glauben Sie nicht?«
-
-»Geben _Sie_ denn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen,
-Hillel?« fragte ich.
-
-Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Mir scheint, Sie sind über Nacht ein
-Talmudist geworden, daß Sie eine Frage wieder mit einer Frage
-beantworten. Da ist freilich schwer streiten.«
-
-Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum
-verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete.
-
-»Übrigens, um zu dem Thema zurückzukommen,« fuhr er in verändertem Tone
-fort, »ich glaube nicht, daß Ihrem Schützling -- ich meine die Dame --
-augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten.
-Es heißt zwar: >der kluge Mann baut vor<, aber der Klügere, scheint mir,
-wartet ab und ist auf alles gefaßt. Vielleicht ergibt sich die
-Gelegenheit, daß Aaron Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das muß
-dann von ihm ausgehen, -- ich tue keinen Schritt, _er_ muß
-herüberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist gleichgültig, -- und dann
-will ich mit ihm reden. An _ihm_ wird's sein, sich zu entscheiden, ob er
-meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hände in
-Unschuld.«
-
-Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und
-eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem
-schwarzen, tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.
-
-»Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns,« fielen mir Mirjams
-Worte ein.
-
-Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und -- gehen.
-
-Er begleitete mich bis vor die Türe und, als ich die Treppe hinaufging
-und mich noch einmal umdrehte, sah ich, daß er stehen geblieben war und
-mir freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen
-möchte und nicht kann.
-
-
-
-
- Angst
-
-
-Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine
-Wirtsstube »Zum alten Ungelt« essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh,
-Vrieslander und Prokop bis spät in die Nacht beisammen saßen und
-einander verrückte Geschichten erzählten; aber kaum betrat ich mein
-Zimmer, da fiel der Vorsatz von mir ab, -- wie wenn mir Hände ein Tuch
-oder sonst etwas, was ich am Leibe getragen, abgerissen hätten.
-
-Es lag eine Spannung in der Luft, über die ich mir keine Rechenschaft
-geben konnte, die aber trotzdem vorhanden war wie etwas Greifbares und
-sich im Verlauf weniger Sekunden derart heftig auf mich übertrug, daß
-ich vor Unruhe anfangs kaum wußte, was ich zuerst tun sollte: Licht
-anzünden, hinter mir abschließen, mich niedersetzen oder auf und ab
-gehen.
-
-Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen und versteckt?
-War's die Angst eines Menschen vor dem Gesehenwerden, die mich
-ansteckte? War Wassertrum vielleicht hier?
-
-Ich griff hinter die Gardinen, öffnete den Schrank, ein Blick ins
-Nebenzimmer: -- niemand.
-
-Auch die Kassette stand unverrückt an ihrem Platz.
-
-Ob es nicht am besten war, ich verbrannte die Briefe kurz entschlossen,
-um ein für allemal die Sorge um sie los zu sein?
-
-Schon suchte ich nach dem Schlüssel in meiner Westentasche -- aber mußte
-es denn jetzt geschehen? Es blieb mir doch Zeit genug bis morgen früh.
-
-Erst Licht machen!
-
-Ich konnte die Streichhölzer nicht finden.
-
-War die Tür abgesperrt? -- Ich ging ein paar Schritte zurück. Blieb
-wieder stehen.
-
-Warum mit einem Male die Angst?
-
-Ich wollte mir Vorwürfe machen, daß ich feig sei: -- die Gedanken
-blieben stecken. Mitten im Satz.
-
-Eine wahnwitzige Idee überfiel mich plötzlich: Rasch, rasch auf den
-Tisch steigen, einen Sessel packen und zu mir hinaufziehen und »dem« den
-Schädel damit von oben herab einschlagen, das da auf dem Boden
-herumkroch, -- -- wenn -- wenn es in die Nähe kam.
-
-»Es ist doch niemand hier,« sagte ich mir laut und ärgerlich vor, »hast
-du dich denn je im Leben gefürchtet?«
-
-Es half nichts. Die Luft, die ich einatmete, wurde dünn und schneidend
-wie Äther.
-
-Wenn ich _irgend etwas gesehen_ hätte: das Gräßlichste, was man sich
-vorstellen kann, -- im Nu wäre die Furcht von mir gewichen.
-
-Es kam nichts.
-
-Ich bohrte meine Augen in alle Winkel:
-
-Nichts.
-
-Überall lauter wohlbekannte Dinge: Möbel, Truhen, die Lampe, das Bild,
-die Wanduhr -- leblose, alte, treue Freunde.
-
-Ich hoffte, sie würden sich vor meinen Blicken verändern und mir Grund
-geben, eine Sinnestäuschung als Ursache für das würgende Angstgefühl in
-mir zu finden.
-
-Auch das nicht. -- Sie blieben ihrer Form starr getreu. Viel zu starr
-für das herrschende Halbdunkel, als daß es natürlich gewesen wäre.
-
-»Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst,« fühlte ich. »Sie
-trauen sich nicht, auch nur die leiseste Bewegung zu machen.«
-
-Warum tickt die Wanduhr nicht? --
-
-Das Lauern ringsum trank jeden Laut.
-
-Ich rüttelte am Tisch und wunderte mich, daß ich das Geräusch hören
-konnte.
-
-Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe! -- Nicht einmal das! Oder
-das Holz im Ofen aufknallen wollte: -- das Feuer war erloschen.
-
-Und immerwährend dasselbe entsetzliche Lauern in der Luft -- pausenlos,
-lückenlos, wie das Rinnen von Wasser.
-
-Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne! Ich
-verzweifelte daran, es je überdauern zu können. -- Der Raum voll Augen,
-die ich nicht sehen, -- voll von planlos wandernden Händen, die ich
-nicht greifen konnte.
-
-»Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert, die lähmende
-Schrecknis des unfaßbaren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserm
-Denken die Grenzen zerfrißt,« begriff ich dumpf.
-
-Ich stellte mich steif hin und wartete.
-
-Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht ließ »es« sich verleiten und
-schlich von rückwärts an mich heran -- und ich konnte es ertappen?!
-
-Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts.
-
-Dasselbe markverzehrende »Nichts«, das _nicht war_ und doch das Zimmer
-mit seinem grausigen Leben erfüllte.
-
-Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich?
-
-»Es würde mit mir gehen,« wußte ich sofort mit unabweisbarer Sicherheit.
-Auch, daß es mir nichts nützen könnte, wenn ich Licht machte, sah ich
-ein, -- dennoch suchte ich so lang nach dem Feuerzeug, bis ich es
-gefunden hatte.
-
-Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam lang aus dem Glimmen
-nicht heraus: die kleine Flamme konnte nicht leben und nicht sterben,
-und als sie sich endlich doch ein schwindsüchtiges Dasein erkämpft
-hatte, blieb sie glanzlos wie gelbes, schmutziges Blech. Nein, da war
-die Dunkelheit noch besser.
-
-Ich löschte wieder aus und warf mich angezogen übers Bett. Zählte die
-Schläge meines Herzens: eins, zwei, drei -- vier ... bis tausend, und
-immer von neuem -- Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine
-Lippen trocken wurden und das Haar sich mir sträubte: keine Sekunde der
-Erleichterung.
-
-Auch nicht eine einzige.
-
-Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade auf die Zunge
-kamen: »Prinz«, »Baum«, »Kind«, »Buch« -- und sie krampfhaft zu
-wiederholen, bis sie plötzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus
-barbarischer Vorzeit nackt mir gegenüberstanden, und ich mit aller Kraft
-nachdenken mußte, in ihre Bedeutung zurückzufinden: P--r--i--n--z? --
-B--u--ch?
-
-War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? -- Ich tastete an mir
-herum.
-
-Aufstehen!
-
-Mich in den Sessel setzen!
-
-Ich ließ mich in den Lehnstuhl fallen.
-
-Wenn doch endlich der Tod käme!
-
-Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr fühlen! »Ich -- will
-nicht -- ich -- will -- nicht,« -- schrie ich. »Hört ihr denn nicht?!«
-
-Kraftlos fiel ich zurück.
-
-Konnte es nicht fassen, daß ich immer noch lebte.
-
-Unfähig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte ich geradeaus vor
-mich hin.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Weshalb er mir nur die Körner so beharrlich hinreicht?« ebbte ein
-Gedanke auf mich zu, zog sich zurück und kam wieder. Zog sich zurück.
-Kam wieder.
-
-Langsam wurde mir endlich klar, daß ein seltsames Wesen vor mir stand --
-vielleicht schon, seit ich hier saß, dagestanden hatte -- und mir die
-Hand hinstreckte:
-
-Ein graues, breitschultriges Geschöpf, in der Größe eines gedrungen
-gewachsenen Menschen, auf einen spiralförmig gedrehten Knotenstock aus
-weißem Holz gestützt.
-
-Wo der Kopf hätte sitzen müssen, konnte ich nur einen Nebelballen aus
-fahlem Dunst unterscheiden.
-
-Ein trüber Geruch nach Sandelholz und nassem Schiefer ging von der
-Erscheinung aus.
-
-Ein Gefühl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir fast die Besinnung.
-Was ich die ganze lange Zeit an nervenzernagender Qual mitgemacht,
-drängte sich jetzt zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen
-zur Form geronnen.
-
-Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich würde wahnsinnig werden vor
-Entsetzen und Furcht, wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen könnte, --
-warnte mich davor, schrie es mir in die Ohren -- und doch zog es mich
-wie ein Magnet, daß ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht
-wenden konnte und darin forschte nach Augen, Nase und Mund.
-
-Aber so sehr ich mich auch abmühte: der Dunst blieb unbeweglich. Wohl
-glückte es mir, Köpfe aller Art auf den Rumpf zu setzen, doch jedesmal
-wußte ich, daß sie nur meiner Einbildungskraft entstammten.
-
-Sie zerrannen auch stets -- fast in derselben Sekunde, wo ich sie
-geschaffen hatte.
-
-Nur die Form eines ägyptischen Ibiskopfs blieb noch am längsten
-bestehen.
-
-Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit,
-zogen sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus, wie unter
-langsamen Atemzügen, die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige
-Bewegung, die zu bemerken war. Statt der Füße berührten Knochenstumpen
-den Boden, von denen das Fleisch -- grau und blutleer -- auf
-Spannenbreite zu wulstigen Rändern emporgezogen war.
-
-Regungslos hielt das Geschöpf mir seine Hand hin.
-
-Kleine Körner lagen darin. Bohnengroß, von roter Farbe und mit schwarzen
-Punkten am Rande.
-
-Was sollte ich damit?!
-
-Ich fühlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung lag auf mir -- eine
-Verantwortung, die weit hinausging über alles Irdische, -- wenn ich
-jetzt nicht das Richtige tat.
-
-Zwei Wagschalen, jede belastet mit dem Gewicht des halben Weltgebäudes,
-schweben irgendwo im Reich der Ursachen, ahnte ich, -- auf welche von
-beiden ich ein Stäubchen warf: die sank zu Boden.
-
-_Das_ war das furchtbare Lauern ringsum! verstand ich. »Keinen Finger
-rühren!« riet mir mein Verstand, -- »und wenn der Tod in alle Ewigkeit
-nicht kommen sollte und mich erlösen aus dieser Qual.« --
-
-Auch dann hättest du deine Wahl getroffen: du hättest die Körner
-_abgelehnt_, raunte es in mir. Hier gibt's kein Zurück.
-
-Hilfe suchend blickte ich mich um, ob mir denn kein Zeichen würde, was
-ich tun sollte.
-
-Nichts.
-
-Auch in mir kein Rat, kein Einfall, -- alles tot, gestorben.
-
-Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie eine Feder in diesem
-furchtbaren Augenblick, erkannte ich -- --.
-
-Es mußte bereits tiefe Nacht sein, denn ich konnte die Wände meines
-Zimmers nicht mehr unterscheiden.
-
-Nebenan im Atelier stampften Schritte; ich hörte, daß jemand Schränke
-rückte, Schubladen aufriß und polternd zu Boden warf, glaubte
-Wassertrums Stimme zu erkennen, wie er in seinem röchelnden Baß wilde
-Flüche ausstieß; ich horchte nicht hin. Es war mir belanglos wie das
-Rascheln einer Maus. -- Ich schloß die Augen:
-
-Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir vorüber. Die Lider
-zugedrückt -- starre Totenmasken: -- mein eigenes Geschlecht, meine
-eigenen Vorfahren.
-
-Immer dieselbe Schädelbildung, wie auch der Typus zu wechseln schien, so
-stand es auf aus seinen Grüften, -- mit glattem, gescheiteltem Haar,
-gelocktem und kurz geschnittenem, mit Allongeperücken und in Ringe
-gezwängten Schöpfen -- durch Jahrhunderte heran, bis die Züge mir
-bekannter und bekannter wurden und in ein letztes Gesicht
-zusammenflossen: -- das Gesicht des Golem, mit dem die Kette meiner
-Ahnen abbrach.
-
-Dann löste die Finsternis mein Zimmer in einen unendlichen leeren Raum
-auf, in dessen Mitte ich mich auf meinem Lehnstuhl sitzen wußte, vor mir
-der graue Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm.
-
-Und als ich die Augen aufschlug, standen in zwei sich schneidenden
-Kreisen, die einen Achter bildeten, fremdartige Wesen um uns herum:
-
-Die des einen Kreises gehüllt in Gewänder mit violettem Schimmer, die
-des anderen mit rötlich schwarzem. Menschen einer fremden Rasse, von
-hohem, unnatürlich schmächtigem Wuchs, die Gesichter hinter leuchtenden
-Tüchern verborgen.
-
-Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, daß der Zeitpunkt der
-Entscheidung gekommen war. Meine Finger zuckten nach den Körnern: -- und
-da sah ich, wie ein Zittern durch die Gestalten des rötlichen Kreises
-ging. --
-
-Sollte ich die Körner zurückweisen?: das Zittern ergriff den bläulichen
-Kreis; -- ich blickte den Mann ohne Kopf scharf an; er stand da -- in
-derselben Stellung: regungslos wie früher.
-
-Sogar sein Atmen hatte aufgehört.
-
-Ich hob den Arm, wußte noch immer nicht, was ich tun sollte, und --
-schlug auf die ausgestreckte Hand des Phantoms, daß die Körner über den
-Boden hinrollten.
-
-Einen Moment, so jäh wie ein elektrischer Schlag, entglitt mir das
-Bewußtsein, und ich glaubte in endlose Tiefen zu stürzen, -- dann stand
-ich fest auf den Füßen.
-
-Das graue Geschöpf war verschwunden. Ebenso die Wesen des rötlichen
-Kreises.
-
-Die bläulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring um mich gebildet;
-sie trugen eine Inschrift aus goldnen Hieroglyphen auf der Brust und
-hielten stumm -- es sah aus wie ein Schwur -- zwischen Zeigefinger und
-Daumen die roten Körner in die Höhe, die ich dem Phantom ohne Kopf aus
-der Hand geschlagen hatte.
-
-Ich hörte, wie draußen Hagelschauer gegen die Fenster tobten und
-brüllender Donner die Luft zerriß:
-
-Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen Wut raste über die
-Stadt hinweg. Vom Fluß her dröhnten durch das Heulen des Sturms in
-rhythmischen Intervallen die dumpfen Kanonenschüsse, die das Brechen der
-Eisdecke auf der Moldau verkündeten. Die Stube loderte im Licht der
-ununterbrochen aufeinanderfolgenden Blitze. Ich fühlte mich plötzlich so
-schwach, daß mir die Knie zitterten und ich mich setzen mußte.
-
-»Sei ruhig,« sagte deutlich eine Stimme neben mir, »sei ganz ruhig, es
-ist heute die Lelschimurim: die Nacht der Beschützung.« --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Allmählich ließ das Unwetter nach, und der betäubende Lärm ging über in
-das eintönige Trommeln der Schloßen auf die Dächer.
-
-Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu, daß ich nur mehr mit
-stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm, was um mich her vorging:
-
-Jemand aus dem Kreis sagte die Worte:
-
-»_Den ihr suchet, der ist nicht hier._«
-
-Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache.
-
-Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz, darin kam der Name
-
- »Henoch«
-
-vor, aber ich verstand das übrige nicht: der Wind trug das Stöhnen der
-berstenden Eisschollen zu laut vom Flusse herüber.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Dann löste sich einer aus dem Kreis, trat vor mich hin, deutete auf die
-Hieroglyphen auf seiner Brust -- sie waren dieselben Buchstaben wie die
-der übrigen -- und fragte mich, ob ich sie lesen könne.
-
-Und als ich -- lallend vor Müdigkeit -- verneinte, streckte er die
-Handfläche gegen mich aus, und die Schrift erschien leuchtend auf
-_meiner_ Brust in Lettern, die zuerst lateinisch waren:
-
- CHABRAT ZEREH AUR BOCHER
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten. -- -- -- Und ich
-fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf, wie ich ihn seit jener Nacht,
-wo Hillel mir die Zunge gelöst, nicht mehr gekannt hatte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Trieb
-
-
-Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten Tage vergangen. Kaum, daß
-ich mir Zeit zu den Mahlzeiten ließ.
-
-Ein unwiderstehlicher Drang nach äußerer Tätigkeit hatte mich von früh
-bis abends an meinen Arbeitstisch gefesselt.
-
-Die Gemme war fertig geworden, und Mirjam hatte sich wie ein Kind
-darüber gefreut.
-
-Auch der Buchstabe »I« in dem Buche Ibbur war ausgebessert.
-
-Ich lehnte mich zurück und ließ ruhevoll all die kleinen Geschehnisse
-der heutigen Stunden an mir vorüberziehen:
-
-Wie das alte Weib, das mich bediente, am Morgen nach dem Ungewitter zu
-mir ins Zimmer gestürzt kam mit der Meldung, die steinerne Brücke sei in
-der Nacht eingestürzt. --
-
-Seltsam: -- Eingestürzt! Vielleicht gerade in der Stunde, wo ich die
-Körner -- -- -- nein, nein, nicht daran denken; es könnte einen Anstrich
-von Nüchternheit bekommen, was damals geschehen war, und ich hatte mir
-vorgenommen, es in meiner Brust begraben sein zu lassen, bis es von
-selbst wieder erwachte, -- nur nicht daran rühren!
-
-Wie lange war's her, da ging ich noch über die Brücke, sah die
-steinernen Statuen, -- und jetzt lag sie, die Brücke, die Jahrhunderte
-gestanden, in Trümmern.
-
-Es stimmte mich beinahe wehmütig, daß ich nie mehr meinen Fuß auf sie
-setzen sollte. Wenn man sie auch wieder aufbaute, war es doch nicht mehr
-die alte, geheimnisvolle, steinerne Brücke.
-
-Stundenlang hatte ich, während ich an der Gemme schnitt, darüber
-nachdenken müssen, und so selbstverständlich, als hätte ich es nie
-vergessen gehabt, war es lebendig in mir geworden: wie oft ich als Kind
-und auch in späteren Jahren zu dem Bildnis der heiligen Luitgard und all
-den andern, die jetzt begraben lagen in den tosenden Wassern,
-aufgeblickt hatte.
-
-Die vielen, kleinen lieben Dinge, die ich in meiner Jugend mein eigen
-genannt, hatte ich wieder gesehen im Geiste -- und meinen Vater und
-meine Mutter und die Menge Schulkameraden. Nur an das Haus, wo ich
-gewohnt, konnte ich mich nicht mehr erinnern.
-
-Ich wußte, es würde plötzlich, eines Tages, wenn ich es am wenigsten
-erwartete, wieder vor mir stehen; und ich freute mich darauf.
-
-Die Empfindung, daß sich mit einem Male alles natürlich und einfach in
-mir abwickelte, war so behaglich.
-
-Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette geholt hatte, -- es
-war so gar nichts Erstaunliches daran gewesen, daß es aussah, nun, wie
-eben ein altes, mit wertvollen Initialen geschmücktes Pergamentbuch
-aussieht -- schien es mir ganz selbstverständlich.
-
-Ich konnte nicht begreifen, daß es jemals gespenstisch auf mich gewirkt
-hatte!
-
-Es war in hebräischer Sprache geschrieben, vollkommen unverständlich für
-mich.
-
-Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen würde?
-
-Die Freude am Leben, die während der Arbeit heimlich in mich eingezogen
-war, erwachte von neuem in ihrer ganzen erquickenden Frische und
-verscheuchte die Nachtgedanken, die mich hinterrücks wieder überfallen
-wollten.
-
-Rasch nahm ich Angelinas Bild -- ich hatte die Widmung, die darunter
-stand, abgeschnitten -- und küßte es.
-
-Es war das alles so töricht und widersinnig, aber warum nicht einmal von
--- Glück träumen, die glitzernde Gegenwart festhalten und sich daran
-freuen, wie über eine Seifenblase?
-
-Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfüllung gehen, was mir da die
-Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte? War es so ganz und gar unmöglich,
-daß ich über Nacht ein berühmter Mann würde? Ihr ebenbürtig, wenn auch
-nicht an Herkunft? Zumindest Dr. Savioli ebenbürtig? Ich dachte an die
-Gemme Mirjams: wenn mir noch andere so gelangen, wie diese, -- kein
-Zweifel, selbst die ersten Künstler aller Zeiten hatten nie etwas
-Besseres geschaffen.
-
-Und nur ein Zufall angenommen: der Gatte Angelinas stürbe plötzlich?
-
-Mir wurde heiß und kalt: ein winziger Zufall -- und meine Hoffnung, die
-verwegenste Hoffnung, gewann Gestalt. An einem dünnen Faden, der
-stündlich reißen konnte, hing das Glück, das mir dann in den Schoß
-fallen müßte.
-
-War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres geschehen? Dinge, von
-denen die Menschheit gar nicht ahnte, daß sie überhaupt existierten?
-
-War es _kein_ Wunder, daß binnen weniger Wochen künstlerische
-Fähigkeiten in mir erwacht waren, die mich jetzt schon weit über den
-Durchschnitt erhoben?
-
-Und ich stand doch erst am _Anfang_ des Weges!
-
-Hatte _ich_ denn kein Anrecht auf Glück?
-
-Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit?
-
-Ich übertönte das »Ja« in mir: -- nur noch eine Stunde träumen -- eine
-Minute -- ein kurzes Menschendasein!
-
-Und ich träumte mit offenen Augen:
-
-Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen und umgaben mich von
-allen Seiten mit farbigen Wasserfällen. Bäume aus Opal standen in
-Gruppen beisammen und strahlten die Lichtwellen des Himmels, der blau
-schillerte wie der Flügel eines gigantischen Tropenschmetterlings, in
-Funkensprühregen über unabsehbare Wiesen voll heißem Sommerduft.
-
-Mich dürstete, und ich kühlte meine Glieder in dem eisigen Gischt der
-Bäche, die über Felsblöcke rauschten aus schimmerndem Perlmutter.
-
-Schwüler Hauch strich über Hänge, übersät mit Blüten und Blumen, und
-machte mich trunken mit den Gerüchen von Jasmin, Hyazinthen, Narzissen,
-Seidelbast -- -- --
-
-Unerträglich! Unerträglich! Ich verlöschte das Bild. -- Mich dürstete.
-
-Das waren die Qualen des Paradieses.
-
-Ich riß die Fenster auf und ließ den Tauwind an meine Stirne wehen.
-
-Es roch nach kommendem Frühling -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Mirjam!
-
-Ich mußte an Mirjam denken. Wie sie sich vor Erregung an der Wand hatte
-halten müssen, um nicht umzufallen, als sie mir erzählen gekommen, ein
-Wunder sei geschehen, ein wirkliches Wunder: sie habe ein Goldstück
-gefunden in dem Brotlaib, den der Bäcker vom Gang aus durchs Gitter ins
-Küchenfenster gelegt. -- -- --
-
-Ich griff nach meiner Börse. -- Hoffentlich war es heute nicht schon zu
-spät, und ich kam noch zurecht, _ihr wieder einen Dukaten zuzuzaubern_!
-
-Täglich hatte sie mich besucht, um mir Gesellschaft zu leisten, wie sie
-es nannte, dabei aber fast nicht gesprochen, so erfüllt war sie von dem
-»Wunder« gewesen. Bis in die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie
-aufgewühlt und, wenn ich mir vorstellte, wie sie manchmal plötzlich ohne
-äußern Grund -- nur unter dem Einfluß ihrer Erinnerung -- totenblaß
-geworden war bis in die Lippen, schwindelte mir bei dem bloßen Gedanken,
-ich könnte in meiner Blindheit Dinge angerichtet haben, deren Tragweite
-bis ins Grenzenlose ging.
-
-Und wenn ich mir die letzten, dunkeln Worte Hillels ins Gedächtnis rief
-und in Zusammenhang damit brachte, überlief es mich eiskalt.
-
-Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung für mich, -- der Zweck
-heiligt die Mittel _nicht_, das sah ich ein.
-
-Und was, wenn überdies das Motiv: »helfen zu wollen« nur _scheinbar_
-»rein« war? Hielt sich nicht vielleicht doch eine heimliche Lüge
-dahinter verborgen?: der selbstgefällige, unbewußte Wunsch, in der Rolle
-des Helfers zu schwelgen?
-
-Ich fing an, irre an mir selbst zu werden.
-
-Daß ich Mirjam viel zu oberflächlich beurteilt hatte, war klar.
-
-Schon als die Tochter Hillels mußte sie anders sein als andere Mädchen.
-
-Wie hatte ich nur so vermessen sein können, auf solch törichte Weise in
-ein Innenleben einzugreifen, das vielleicht himmelhoch über meinem
-eigenen stand!
-
-Schon ihr Gesichtsschnitt, der hundertmal eher in die Zeit der sechsten
-ägyptischen Dynastie paßte und selbst für diese noch viel zu vergeistigt
-war, als in die unsrige mit ihren Verstandesmenschentypen, hätte mich
-warnen müssen.
-
-»Nur der ganz Dumme mißtraut dem äußern Schein,« hatte ich irgendwo
-einmal gelesen. -- Wie richtig! Wie richtig!
-
-Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich ihr eingestehen, daß
-ich es gewesen war, der die Dukaten Tag für Tag ins Brot geschmuggelt
-hatte?
-
-Der Schlag käme zu plötzlich. Würde sie betäuben.
-
-Ich durfte das nicht wagen, mußte behutsamer vorgehen.
-
-Das »Wunder« irgendwie abschwächen? Statt das Geld ins Brot zu stecken,
-es auf die Treppenstufe legen, daß sie es finden mußte, wenn sie die Tür
-aufmachte, und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger Schroffes
-würde sich schon ausdenken lassen, irgendein Weg, der sie aus dem
-Wunderbaren allmählich wieder ins Alltägliche herüberlenkte, tröstete
-ich mich.
-
-Ja! Das war das Richtige.
-
-Oder den Knoten zerhauen? Ihren Vater einweihen und zu Rate ziehen? Die
-Schamröte stieg mir ins Gesicht. Zu diesem Schritt blieb Zeit genug,
-wenn alle andern Mittel versagten.
-
-Nur gleich ans Werk gehen, keine Zeit versäumen!
-
-Ein guter Einfall kam mir: ich mußte Mirjam zu etwas ganz Absonderlichem
-bewegen, sie für ein paar Stunden aus der gewohnten Umgebung reißen, daß
-sie andere Eindrücke bekam.
-
-Wir würden einen Wagen nehmen und eine Spazierfahrt machen. Wer kannte
-uns denn, wenn wir das Judenviertel mieden?
-
-Vielleicht interessierte es sie, die eingestürzte Brücke zu besichtigen?
-
-Oder der alte Zwakh oder eine ihrer früheren Freundinnen sollte mit ihr
-fahren, wenn sie es ungeheuerlich finden würde, daß ich mit dabei sei.
-
-Ich war fest entschlossen, keinen Widerspruch gelten zu lassen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-An der Türschwelle rannte ich einen Mann beinahe über den Haufen.
-
-Wassertrum!
-
-Er mußte durchs Schlüsselloch hineingespäht haben, denn er stand
-gebückt, als ich mit ihm zusammengestoßen war.
-
-»Suchen Sie mich?« fragte ich barsch.
-
-Er stammelte ein paar Worte der Entschuldigung in seinem unmöglichen
-Jargon; dann bejahte er.
-
-Ich forderte ihn auf, näher zu treten und sich zu setzen, aber er blieb
-am Tisch stehen und drehte krampfhaft mit der Hutkrempe. Eine tiefe
-Feindseligkeit, die er vergebens vor mir verbergen wollte, spiegelte aus
-seinem Gesicht und jeder seiner Bewegungen.
-
-Noch nie hatte ich den Mann in so unmittelbarer Nähe gesehen. Seine
-grauenhafte Häßlichkeit war es nicht, die einen so abstieß; (sie machte
-mich eher mitleidig gestimmt: er sah aus wie ein Geschöpf, dem die Natur
-selbst bei seiner Geburt voll Wut und Abscheu mit dem Fuß ins Gesicht
-getreten hatte) -- etwas anderes, Unwägbares, das von ihm ausging, trug
-die Schuld daran.
-
-Das »Blut«, wie Charousek es treffend bezeichnet hatte.
-
-Unwillkürlich wischte ich mir die Hand ab, die ich ihm bei seinem
-Eintritt gereicht hatte.
-
-So wenig auffällig ich es machte, er schien es doch bemerkt zu haben,
-denn er mußte sich plötzlich mit Gewalt zwingen, das Aufflammen des
-Hasses in seinen Zügen zu unterdrücken.
-
-»Hübsch ham Se's hier,« fing er endlich stockend an, als er sah, daß ich
-ihm nicht den Gefallen tat, das Gespräch zu beginnen.
-
-Im Widerspruch zu seinen Worten schloß er dabei die Augen, vielleicht,
-um meinem Blick nicht zu begegnen. Oder glaubte er, daß es seinem
-Gesicht einen harmloseren Ausdruck verleihen würde?
-
-Man konnte ihm deutlich anhören, welche Mühe er sich gab, hochdeutsch zu
-reden.
-
-Ich fühlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet und wartete, was
-er weiter sagen würde.
-
-In seiner Verlegenheit griff er nach der _Feile_, die -- weiß Gott wieso
--- noch seit Charouseks Besuch auf dem Tisch lag, fuhr aber
-unwillkürlich sofort wie von einer Schlange gebissen zurück. Ich staunte
-innerlich über seine unterbewußte seelische Feinfühligkeit.
-
-»Freilich, natürlich, es gehört zum Geschäft, daß man's fein hat,«
-raffte er sich auf, zu sagen, »wenn man -- so noble Besuche bekommt.« Er
-wollte die Augen aufschlagen, um zu sehen, welchen Eindruck die Worte
-auf mich machten, hielt es aber offenbar noch für verfrüht und schloß
-sie schnell wieder.
-
-Ich wollte ihn in die Enge treiben: »Sie meinen die Dame, die neulich
-hier vorfuhr? Sagen Sie doch offen, wo Sie hinauswollen!«
-
-Er zögerte einen Moment, dann packte er mich heftig am Handgelenk und
-zerrte mich ans Fenster.
-
-Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat, erinnerte mich
-daran, wie er vor einigen Tagen den taubstummen Jaromir unten in seine
-Höhle gerissen hatte.
-
-Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden Gegenstand hin:
-
-»Was glauben Sie, Herr Pernath, laßt sich da noch was machen?«
-
-Es war eine goldene Uhr, mit so stark verbeulten Deckeln, daß es fast
-aussah, als hätte sie jemand mit Absicht verbogen.
-
-Ich nahm ein Vergrößerungsglas: die Scharniere waren zur Hälfte
-abgerissen und innen -- stand da nicht etwas eingraviert? Kaum mehr
-leserlich und noch überdies mit einer Menge ganz frischer Schrammen
-zerkratzt. Langsam entzifferte ich:
-
- K--rl Zott--mann.
-
-Zottmann? Zottmann? -- Wo hatte ich diesen Namen doch gelesen? Zottmann?
-Ich konnte mich nicht entsinnen. Zottmann?
-
-Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der Hand:
-
-»Im Werk is nix, da hab' ich schon selber geschaut. Aber mit'm Gehäuse,
-da stinkt's.«
-
-»Braucht man nur gerade zu klopfen -- höchstens ein paar Lötstellen. Das
-kann Ihnen ebensogut jeder beliebige Goldarbeiter machen, Herr
-Wassertrum.«
-
-»Ich leg' doch Wert darauf, daß es eine solide Arbeit wird. Was man so
-sagt: künstlerisch,« unterbrach er mich hastig. Fast ängstlich.
-
-»Nun gut, wenn Ihnen derart viel daran liegt --«
-
-»Viel daran liegt!« Seine Stimme schnappte über vor Eifer. »Ich will sie
-doch selber tragen, die Uhr. Und wenn ich sie jemanden zeig', will ich
-sagen können: schauen Sie mal her, _so_ arbeitet der Herr von Pernath.«
-
-Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir seine widerwärtigen
-Schmeicheleien förmlich ins Gesicht.
-
-»Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, wird alles fertig sein.«
-
-Wassertrum wand sich in Krämpfen: »Das gibt's nicht. Das will ich nicht.
-Drei Tag. Vier Tag. Die nächste Woche ist Zeit genug. Das ganze Leben
-möcht' ich mir Vorwürfe machen, daß ich Ihnen gedrängt hab'.«
-
-Was wollte er nur, daß er so außer sich geriet? -- Ich machte einen
-Schritt ins Nebenzimmer und sperrte die Uhr in die Kassette. Angelinas
-Photographie lag obenauf. Schnell schlug ich den Deckel wieder zu -- für
-den Fall, daß Wassertrum mir nachblicken sollte.
-
-Als ich zurückkam, fiel mir auf, daß er sich verfärbt hatte.
-
-Ich musterte ihn scharf, ließ aber meinen Verdacht sofort fallen:
-Unmöglich! Er _konnte_ nichts gesehen haben.
-
-»Also, dann vielleicht nächste Woche,« sagte ich, um seinem Besuch ein
-Ende zu machen.
-
-Er schien mit einem Male keine Eile mehr zu haben, nahm einen Sessel und
-setzte sich.
-
-Im Gegensatz zu früher hielt er seine Fischaugen jetzt beim Reden weit
-offen und fixierte beharrlich meinen obersten Westenknopf. -- --
-
-Pause.
-
-»Die Duksel hat Ihnen natürlich gesagt, Sie sollen sich nix wissen
-machen, wenn's herauskommt. Waas?« sprudelte er plötzlich ohne jede
-Einleitung auf mich los und schlug mit der Faust auf den Tisch.
-
-Es lag etwas merkwürdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit, mit der er
-von einer Sprechweise in die andere übergehen -- von Schmeicheltönen
-blitzartig ins Brutale springen konnte, und ich hielt es für sehr
-wahrscheinlich, daß die meisten Menschen, besonders Frauen, sich im
-Handumdrehen in seiner Gewalt befinden mußten, wenn er nur die geringste
-Waffe gegen sie besaß.
-
-Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die Tür setzen, war
-mein erster Gedanke; dann überlegte ich, ob es nicht klüger sei, ihn
-zuvörderst einmal gründlich auszuhorchen.
-
-»Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen, Herr Wassertrum;« -- ich
-bemühte mich, ein möglichst dummes Gesicht zu machen. »Duksel? Was ist
-das: Duksel?«
-
-»Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen?« fuhr er mich grob an. »Die
-Hand werden Sie aufheben müssen bei Gericht, wenn's um die Wurscht geht.
-Verstehen Sie mich?! Das sag' ich Ihnen!« -- Er fing an zu schreien:
-»Mir ins Gesicht hinein werden Sie nicht abschwören, daß >sie< von da
-drüben« -- er deutete mit dem Daumen nach dem Atelier -- »zu Ihnen
-heribber geloffen is mit en Teppich an und -- sonst nix!«
-
-Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken an der Brust und
-schüttelte ihn:
-
-»Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen, breche ich Ihnen die
-Knochen im Leibe entzwei! Verstanden?«
-
-Aschfahl sank er in den Stuhl zurück und stotterte:
-
-»Was is? Was is? Was wollen Sie? Ich mein' doch bloß.«
-
-Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich zu beruhigen. Horchte
-nicht hin, was er alles zu seiner Entschuldigung herausgeiferte.
-
-Dann setzte ich mich ihm dicht gegenüber, in der festen Absicht, die
-Sache, soweit sie Angelina betraf, ein für allemal mit ihm ins Reine zu
-bringen und, sollte es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich
-die Feindseligkeiten zu eröffnen und seine paar schwachen Pfeile
-vorzeitig zu verschießen.
-
-Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten, sagte ich ihm auf
-den Kopf zu, daß Erpressungen irgendwelcher Art -- ich betonte das Wort
--- mißglücken müßten, da er auch nicht eine einzige Anschuldigung mit
-Beweisen erhärten könnte und ich mich einer Zeugenschaft (angenommen, es
-wäre überhaupt im Bereiche der Möglichkeit, daß es je zu einer solchen
-käme) -- _bestimmt_ zu entziehen wissen würde. Angelina stünde mir viel
-zu nahe, als daß ich sie nicht in der Stunde der Not retten würde, koste
-es, was es wolle, _sogar einen Meineid_!
-
-Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte, seine Hasenscharte zog sich bis
-zur Nase auseinander, er fletschte die Zähne und kollerte wie ein
-Truthahn mir immer wieder in die Rede hinein: »Will ich denn was von die
-Duksel? So hören Sie doch zu!« -- Er war außer sich vor Ungeduld, daß
-ich mich nicht beirren ließ. -- »Um den Savioli is mir's zu tun, um den
-gottverfluchten Hund, -- den -- den --,« fuhr es ihm plötzlich brüllend
-heraus.
-
-Er japste nach Luft. Rasch hielt ich inne: endlich war er dort, wo ich
-ihn haben wollte, aber schon hatte er sich gefaßt und fixierte wieder
-meine Weste.
-
-»Hören Sie zu, Pernath,« er zwang sich, die kühle, abwägende Sprechweise
-eines Kaufmanns nachzuahmen, »Sie reden fort von der Duk -- -- von der
-Dame. Gut! sie ist verheiratet. Gut: sie hat sich eingelassen mit dem --
-mit dem jungen Lauser. Was hab' ich damit zu tun?« Er bewegte die Hände
-vor meinem Gesicht hin und her, die Fingerspitzen zusammengedrückt, als
-hielte er eine Prise Salz darin -- »soll _sie_ sich das selber abmachen,
-die Duksel. -- Ich bin e Weltmann, und Sie sin auch e Weltmann. Wir
-kennen doch das beide. Waas? Ich will doch nur zu meinem Geld kommen.
-Verstehen Sie, Pernath?!«
-
-Ich horchte erstaunt auf:
-
-»Zu welchem Geld? Ist Ihnen denn Dr. Savioli etwas schuldig?«
-
-Wassertrum wich aus:
-
-»Abrechnungen hab' ich mit ihm. Das kommt doch auf eins heraus.«
-
-»Sie wollen ihn ermorden!« schrie ich.
-
-Er sprang auf. Taumelte. Gluckste ein paarmal.
-
-»Jawohl! Ermorden! Wie lange wollen Sie mir noch Komödie vorspielen!«
-Ich deutete auf die Tür. »Schauen Sie, daß Sie hinauskommen.«
-
-Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und wandte sich zum
-Gehen. Dann blieb er noch einmal stehen und sagte mit einer Ruhe, deren
-ich ihn nie für fähig gehalten hätte:
-
-»Auch recht. Ich hab' Sie herauslassen wollen. Gut. Wenn nicht: Nicht.
-Barmherzige Barbiere machen faule Wunden. Mein Zarbüchel ist voll. Wenn
-Sie gescheit gewesen wären --: der Savioli is Ihnen doch nur im Weg!? --
-_Jetzt_ -- _mach_ -- _ich_ -- _mit_ -- _Ihnen allen dreien_« -- er
-deutete mit einer Geste des Erdrosselns an, was er meinte --
-»_Preßcolleeh_.«
-
-Seine Mienen drückten eine so satanische Grausamkeit aus, und er schien
-seiner Sache so sicher zu sein, daß mir das Blut in den Adern erstarrte.
-Er mußte eine Waffe in Händen haben, von der ich nichts ahnte, die auch
-Charousek nicht kannte. Ich fühlte den Boden unter mir wanken.
-
-»_Die Feile! Die Feile!_« hörte ich es in meinem Hirn flüstern. Ich
-schätzte die Entfernung ab: ein Schritt bis zum Tisch -- zwei Schritte
-bis zu Wassertrum -- -- ich wollte zuspringen -- -- -- da stand wie aus
-dem Boden gewachsen Hillel auf der Schwelle.
-
-Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen.
-
-Ich sah nur -- wie durch Nebel --, daß Hillel unbeweglich stehen blieb
-und Wassertrum Schritt für Schritt bis an die Wand zurückwich.
-
-Dann hörte ich Hillel sagen:
-
-»Sie kennen doch, Aaron, den Satz: _Alle Juden sind Bürgen füreinander?_
-Machen Sie's einem nicht zu schwer.« -- Er fügte ein paar hebräische
-Worte hinzu, die ich nicht verstand.
-
-»Was haben Sie das netig, an der Türe zu schnuffeln?« geiferte der
-Trödler mit bebenden Lippen.
-
-»Ob ich gehorcht habe oder nicht, braucht Sie nicht zu kümmern!« --
-wieder schloß Hillel mit einem hebräischen Satz, der diesmal wie eine
-Drohung klang. Ich erwartete, daß es zu einem Zank kommen würde, aber
-Wassertrum antwortete nicht eine Silbe, überlegte einen Augenblick und
-ging dann trotzig hinaus.
-
-Gespannt blickte ich Hillel an. Er winkte mir zu, ich solle schweigen.
-Offenbar wartete er auf irgend etwas, denn er horchte angestrengt auf
-den Gang hinaus. Ich wollte die Türe schließen gehen: er hielt mich mit
-einer ungeduldigen Handbewegung zurück.
-
-Wohl eine Minute verging, dann kamen die schleppenden Schritte des
-Trödlers wieder die Stufen herauf. Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel
-hinaus und machte ihm Platz.
-
-Wassertrum wartete, bis er außer Hörweite war, dann knurrte er mich
-verbissen an:
-
-»Geben Se mer meine Uhr zorück.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Weib
-
-
-Wo nur Charousek blieb?
-
-Beinahe 24 Stunden waren vergangen, und noch immer ließ er sich nicht
-blicken.
-
-Sollte er das Zeichen vergessen haben, das wir verabredet hatten? Oder
-sah er es vielleicht nicht?
-
-Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so, daß der Sonnenstrahl,
-der darauf schien, genau auf das vergitterte Guckloch seiner
-Kellerwohnung fiel.
-
-Das Eingreifen Hillels -- gestern -- hatte mich ziemlich beruhigt.
-Bestimmt würde er mich gewarnt haben, wenn eine Gefahr im Anzuge wäre.
-
-Überdies: Wassertrum konnte nichts von Belang mehr unternommen haben;
-gleich, nachdem er mich verlassen hatte, war er in seinen Laden
-zurückgekehrt, -- ich warf einen Blick hinunter: richtig, da lehnte er
-unbeweglich hinter seinen Herdplatten, genau so, wie ich ihn schon
-frühmorgens gesehen. -- -- --
-
-Unerträglich, das ewige Warten!
-
-Die milde Frühlingsluft, die durch das offene Fenster aus dem
-Nebenzimmer hereinströmte, machte mich krank vor Sehnsucht.
-
-Dies schmelzende Tropfen von den Dächern! Und wie die feinen
-Wasserschnüre im Sonnenlicht glänzten!
-
-Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fäden. Voll Ungeduld ging ich in der
-Stube auf und ab. Warf mich in einen Sessel. Stand wieder auf.
-
-Dieses süchtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit in meiner Brust, es
-wollte nicht weichen.
-
-Die ganze Nacht über hatte es mich gequält. Einmal war es Angelina
-gewesen, die sich an mich geschmiegt, dann wieder sprach ich scheinbar
-ganz harmlos mit Mirjam, und kaum hatte ich das Bild zerrissen, kam
-abermals Angelina und küßte mich; ich roch den Duft ihres Haares, und
-ihr weicher Zobelpelz kitzelte mich am Hals, rutschte von ihren
-entblößten Schultern -- und sie wurde zur Rosina, die mit trunkenen,
-halbgeschlossenen Augen tanzte -- im Frack -- nackt; -- -- -- und alles
-in einem Halbschlaf, der doch genau so gewesen war wie ein Wachsein. Wie
-ein süßes, verzehrendes, dämmeriges Wachsein.
-
-Gegen Morgen stand dann mein Doppelgänger an meinem Bett, der
-schattenhafte Habal Garmin, »der Hauch der Knochen«, von dem Hillel
-gesprochen, -- und ich sah ihm an den Augen an: er war in meiner Macht,
-_mußte_ mir jede Frage beantworten, die ich ihm stellen würde nach
-irdischen oder jenseitigen Dingen, und er _wartete_ nur darauf, aber der
-Durst nach dem Geheimnisvollen konnte nicht an gegen die Schwüle meines
-Blutes und versickerte im dürren Erdreich meines Verstandes. -- Ich
-schickte das Phantom weg, es solle zum Spiegelbild Angelinas werden, und
-es schrumpfte zusammen zu dem Buchstaben »Aleph«, wuchs wieder empor,
-stand da als das Koloßweib, splitternackt, wie ich es einstens im Buche
-Ibbur gesehen, mit dem Pulse gleich einem Erdbeben, und beugte sich über
-mich und ich atmete den betäubenden Geruch ihres heißen Fleisches ein.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Kam denn Charousek immer noch nicht? -- Die Glocken sangen von den
-Kirchtürmen.
-
-Eine Viertelstunde wollte ich noch warten -- dann aber hinaus! Durch
-belebte Straßen voll festtägig gekleideter Menschen schlendern, mich in
-das frohe Gewimmel mischen in den Stadtteilen der Reichen, schöne Frauen
-sehen mit koketten Gesichtern und schmalen Händen und Füßen.
-
-Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufällig, entschuldigte ich
-mich vor mir selbst.
-
-Ich holte das altertümliche Tarokspiel vom Bücherbord, um mir die Zeit
-rascher zu vertreiben. --
-
-Vielleicht ließ sich aus den Bildern Anregung schöpfen zum Entwurf einer
-Kamee?
-
-Ich suchte nach dem Pagad.
-
-Nicht zu finden. Wo konnte er hingeraten sein?
-
-Ich blätterte noch einmal die Karten durch und verlor mich in Nachdenken
-über ihren verborgenen Sinn. Besonders der »Gehenkte«, -- was konnte er
-nur bedeuten?:
-
-Ein Mann hängt an einem Seil zwischen Himmel und Erde, den Kopf abwärts,
-die Arme auf den Rücken gebunden, den rechten Unterschenkel über das
-linke Bein verschränkt, daß es aussieht wie ein Kreuz über einem
-verkehrten Dreieck?
-
-Unverständliches Gleichnis.
-
-Da! -- Endlich! Charousek kam.
-
-Oder doch nicht?
-
-Freudige Überraschung: es war Mirjam.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Wissen Sie, Mirjam, daß ich soeben zu Ihnen hinuntergehen wollte und
-Sie bitten, eine Spazierfahrt mit mir zu machen?« Es war nicht ganz die
-Wahrheit, aber ich machte mir weiter keine Gedanken darüber. -- »Nicht
-wahr, Sie schlagen es mir nicht ab?! Ich bin heute so unendlich froh im
-Herzen, daß Sie, gerade Sie, Mirjam, meiner Freude die Krone aufsetzen
-müssen.«
-
-»-- spazierenfahren?«, wiederholte sie derart verblüfft, daß ich laut
-auflachen mußte.
-
-»Ist denn der Vorschlag gar so wunderbar?«
-
-»Nein, nein, aber -- --,« sie suchte nach Worten, »unerhört merkwürdig.
-Spazierenfahren!«
-
-»Durchaus nicht merkwürdig, wenn Sie sich vorhalten, daß es
-Hunderttausende von Menschen tun -- eigentlich ihr ganzes Leben nichts
-anderes tun.«
-
-»Ja, _andere_ Menschen!« gab sie, immer noch vollständig überrumpelt,
-zu.
-
-Ich faßte ihre beiden Hände:
-
-»Was _andere_ Menschen an Freude erleben dürfen, möchte ich, daß Sie,
-Mirjam, in noch unendlich viel reicherem Maße genießen.«
-
-Sie wurde plötzlich leichenblaß, und ich sah an der starren Taubheit
-ihres Blickes, woran sie dachte.
-
-Es gab mir einen Stich.
-
-»Sie dürfen es nicht immer mit sich herumtragen, Mirjam,« redete ich ihr
-zu, »das -- das Wunder. Wollen Sie mir das nicht versprechen -- aus --
-aus Freundschaft?«
-
-Sie hörte die Angst aus meinen Worten und blickte mich erstaunt an.
-
-»Wenn es Sie nicht so angriffe, könnte ich mich mit Ihnen freuen, aber
-so? Wissen Sie, daß ich tief besorgt bin um Sie, Mirjam? -- Um -- um --
-wie soll ich nur sagen? -- um Ihre seelische Gesundheit! Fassen Sie es
-nicht wörtlich auf, aber --: ich wollte, das Wunder wäre nie geschehen.«
-
-Ich erwartete, sie würde mir widersprechen, aber sie nickte nur in
-Gedanken versunken.
-
-»Es verzehrt Sie. Habe ich nicht recht, Mirjam?« Sie raffte sich auf:
-
-»Manchmal möchte ich beinahe auch, es wäre nicht geschehen.«
-
-Es klang wie ein Hoffnungsstrahl für mich. -- »Wenn ich mir denken
-soll,« sie sprach ganz langsam und traumverloren, »daß Zeiten kommen
-könnten, wo ich ohne solche Wunder leben müßte -- -- --.«
-
-»Sie können doch über Nacht reich werden und brauchen dann nicht mehr
---,« fuhr ich ihr unbedacht in die Rede, hielt aber rasch inne, als ich
-das Entsetzen in ihrem Gesicht bemerkte, -- »ich meine: Sie können
-plötzlich auf natürliche Weise ihrer Sorgen enthoben werden, und die
-Wunder, die Sie dann erleben, würden geistiger Art sein: -- innere
-Erlebnisse.«
-
-Sie schüttelte den Kopf und sagte hart: »Innere Erlebnisse sind keine
-Wunder. Erstaunlich genug, daß es Menschen zu geben scheint, die
-überhaupt keine haben. -- Seit meiner Kindheit, Tag für Tag, Nacht für
-Nacht, erlebe ich --« (sie brach mit einem Ruck ab und ich erriet, daß
-noch etwas anderes in ihr war, von dem sie mir nie gesprochen hatte,
-vielleicht das Weben unsichtbarer Geschehnisse, ähnlich den meinigen) --
-»aber das gehört nicht hierher. Selbst, wenn einer aufstünde und machte
-Kranke gesund durch Handauflegen, ich könnte es kein Wunder nennen.
-Erst, wenn der leblose Stoff -- die Erde -- beseelt wird vom Geist und
-die Gesetze der Natur zerbrechen, dann ist das geschehen, wonach ich
-mich sehne, seit ich denken kann. -- Mir hat einmal mein Vater gesagt:
-es gäbe zwei Seiten der Kabbala: eine magische und eine abstrakte, die
-sich niemals zur Deckung bringen ließen. Wohl könne die magische die
-abstrakte an sich ziehen, aber nie und nimmer umgekehrt. Die magische
-ist ein _Geschenk_, die andere _kann_ errungen werden, wenn auch nur mit
-Hilfe eines Führers.« -- Sie nahm den ersten Faden wieder auf: »Das
-_Geschenk_ ist es, nach dem ich dürste; was ich mir erringen kann, ist
-mir gleichgültig und wertlos wie Staub. Wenn ich mir denken soll, es
-könnten Zeiten kommen, sagte ich vorhin, wo ich wieder ohne diese Wunder
-leben müßte,« -- ich sah, wie sich ihre Finger krampften und Reue und
-Jammer zerfleischten mich, -- »ich glaube, ich sterbe jetzt schon
-angesichts der bloßen Möglichkeit.«
-
-»Ist das der Grund, weshalb auch Sie wünschten, das Wunder wäre nie
-geschehen?«, forschte ich.
-
-»Nur zum Teil. Es ist noch etwas anderes da. Ich -- ich --«, sie dachte
-einen Augenblick nach, »war noch nicht reif dazu, ein Wunder in dieser
-Form zu erleben. Das ist es. Wie soll ich es Ihnen nur erklären? Nehmen
-Sie einmal an, bloß als Beispiel, ich hätte seit Jahren jede Nacht ein
-und denselben Traum, der sich immer weiter fortspinnt und in dem mich
-jemand -- sagen wir: ein Bewohner einer andern Welt -- belehrt und mir
-nicht nur an einem Spiegelbilde von mir selbst und seinen allmählichen
-Veränderungen zeigt, wie weit ich von der magischen Reife, ein >Wunder<
-erleben zu können, entfernt bin, sondern: mir auch in Verstandesfragen,
-wie sie mich manchmal tagsüber beschäftigen, derart Aufschluß gibt, daß
-ich es jederzeit nachprüfen kann. Sie werden mich verstehen: Ein solches
-Wesen ersetzt einem an Glück alles, was sich auf Erden ausdenken läßt;
-es ist für mich die Brücke, die mich mit dem >Drüben< verbindet, ist die
-Jakobsleiter, auf der ich mich über die Dunkelheit des Alltags erheben
-kann ins Licht, -- ist mir Führer und Freund, und alle meine Zuversicht,
-daß ich mich auf den dunkeln Wegen, die meine Seele geht, nicht verirren
-kann in Wahnsinn und Finsternis, setze ich auf >ihn<, der mich noch nie
-belogen hat. -- Da mit einem Mal, entgegen allem, was er mir gesagt hat,
-kreuzt ein >Wunder< mein Leben! Wem soll ich jetzt glauben? War das, was
-mich die vielen Jahre über ununterbrochen erfüllt hat, eine Täuschung?
-Wenn ich daran zweifeln müßte, ich stürzte kopfüber in einen bodenlosen
-Abgrund. -- Und doch ist das Wunder geschehen! Ich würde aufjauchzen vor
-Freude, wenn --«
-
-»Wenn -- -- --?« unterbrach ich sie atemlos. Vielleicht sprach sie
-selbst jetzt das erlösende Wort, und ich konnte ihr alles eingestehen.
-
-»-- wenn ich erführe, daß ich mich geirrt habe, -- daß es gar kein
-Wunder war! Aber ich weiß so genau, wie ich weiß, daß ich hier sitze,
-ich ginge zugrunde daran«; (mir blieb das Herz stehen) --
-»zurückgerissen werden, vom Himmel wieder herab müssen auf diese Erde?
-Glauben Sie, daß das ein Mensch ertragen kann?«
-
-»Bitten Sie doch Ihren Vater um Hilfe«, sagte ich ratlos vor Angst.
-
-»Meinen Vater? Um Hilfe?« -- sie blickte mich verständnislos an, -- »wo
-es nur zwei Wege für mich gibt, kann er da einen dritten finden? -- --
-Wissen Sie, was die einzige Rettung für mich wäre? Wenn _mir_ das
-geschähe, was Ihnen geschehen ist. Wenn ich in dieser Minute alles, was
-hinter mir liegt: mein ganzes Leben bis zum heutigen Tag -- vergessen
-könnte. -- Ist es nicht merkwürdig: was Sie als Unglück empfinden, wäre
-für mich das höchste Glück!«
-
-Wir schwiegen beide eine lange Zeit. Dann ergriff sie plötzlich meine
-Hand und lächelte. Beinahe fröhlich.
-
-»Ich will nicht, daß Sie sich meinetwegen grämen;« -- (sie tröstete mich
--- mich!) -- »vorhin waren Sie so voll Freude und Glück über den
-Frühling draußen, und jetzt sind Sie die Betrübnis selbst. Ich hätte
-Ihnen überhaupt nichts sagen sollen. Reißen Sie es aus Ihrem Gedächtnis
-und denken Sie wieder so heiter wie vorhin! -- Ich bin ja so froh --«
-
-»Sie? Froh? Mirjam?«, unterbrach ich sie bitter.
-
-Sie machte ein überzeugtes Gesicht: »Ja! Wirklich! Froh! Als ich zu
-Ihnen heraufging, war ich so unbeschreiblich ängstlich, -- ich weiß
-nicht warum: ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß Sie in einer
-großen Gefahr schweben,« -- ich horchte auf -- »aber, statt mich darüber
-zu freuen, Sie gesund und wohlauf zu treffen, habe ich Sie angeunkt und
--- --«
-
-Ich zwang mich zur Lustigkeit: »und das können Sie nur gutmachen, wenn
-Sie mit mir ausfahren.« (Ich bemühte mich, so viel Übermut wie möglich
-in meine Stimme zu legen:) »Ich möchte doch einmal sehen, Mirjam, ob es
-mir nicht gelingt, Ihnen die trüben Gedanken zu verscheuchen. Sagen Sie,
-was Sie wollen: Sie sind noch lange kein ägyptischer Zauberer, sondern
-vorläufig nur ein junges Mädchen, dem der Tauwind noch manchen bösen
-Streich spielen kann.«
-
-Sie wurde plötzlich ganz lustig:
-
-»Ja, was ist denn das heute mit Ihnen, Herr Pernath? So hab' ich Sie
-noch nie gesehen! -- Übrigens >Tauwind<: bei uns Judenmädchen lenken
-bekanntlich die Eltern den Tauwind, und wir haben nur zu gehorchen. Tuen
-es natürlich auch. Es steckt uns schon so im Blut. -- Mir ja nicht,«
-setzte sie ernsthafter hinzu, »meine Mutter hat bös gestreikt, als sie
-den gräßlichen Aaron Wassertrum heiraten sollte.«
-
-»Was? Ihre Mutter? Den Trödler da unten?«
-
-Mirjam nickte. »Gott sei Dank ist es nicht zustande gekommen. -- Für den
-armen Menschen freilich war es ein vernichtender Schlag.«
-
-»Armer Mensch, sagen Sie?« fuhr ich auf. »Der Kerl ist ein Verbrecher.«
-
-Sie wiegte nachdenklich den Kopf: »Gewiß, er ist ein Verbrecher. Aber
-wer in einer solchen Haut steckt und kein Verbrecher wird, muß ein
-Prophet sein.«
-
-Ich rückte neugierig näher:
-
-»Wissen Sie Genaueres über ihn? Mich interessiert das. Aus ganz
-besonderen -- --«
-
-»Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen hätten, Herr Pernath,
-wüßten Sie sofort, wie es in seiner Seele ausschaut. Ich sage das, weil
-ich als Kind sehr oft drin war. -- Warum sehen Sie mich so erstaunt an?
-Ist denn das so merkwürdig? -- Gegen mich war er immer freundlich und
-gütig. Einmal sogar, erinnere ich mich, schenkte er mir einen großen
-blitzenden Stein, der mir besonders unter seinen Sachen gefallen hatte.
-Meine Mutter sagte, es sei ein Brillant, und ich mußte ihn natürlich
-sofort zurücktragen.
-
-Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen, aber dann riß er ihn mir
-aus der Hand und warf ihn voll Wut weit von sich. Ich habe aber dennoch
-gesehen, wie ihm dabei die Tränen aus den Augen stürzten; ich konnte
-auch damals schon genug Hebräisch, um zu verstehen, was er murmelte:
->Alles ist verflucht, was meine Hand berührt.< -- -- Es war das letzte
-Mal, daß ich ihn besuchen durfte. Nie wieder hat er mich seitdem
-aufgefordert, zu ihm zu kommen. Ich weiß auch warum: Hätte ich ihn nicht
-zu trösten versucht, wäre alles beim alten geblieben, so aber, weil er
-mir unendlich leid tat, und ich es ihm sagte, wollte er mich nicht mehr
-sehen. -- -- -- Sie verstehen das nicht, Herr Pernath? Es ist doch so
-einfach: er ist ein Besessener, -- ein Mensch, der sofort mißtrauisch,
-unheilbar mißtrauisch wird, wenn jemand an sein Herz rührt. Er hält sich
-für noch viel häßlicher, als er in Wirklichkeit ist, -- wenn das
-überhaupt möglich sein kann, -- und darin wurzelt sein ganzes Denken und
-Handeln. Man sagt, seine Frau hätte ihn gern gehabt, vielleicht war es
-mehr Mitleid als Liebe, aber immerhin glaubten es sehr viele Leute. Der
-einzige, der vom Gegenteil tief durchdrungen war, war er. Überall
-wittert er Verrat und Haß.
-
-Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme. Ob es daher kam, daß er ihn
-vom Säuglingsalter an hatte heranwachsen sehen, also das Keimen jeder
-Eigenschaft vom Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte und daher nie
-zu einem Punkte gelangte, wo sein Mißtrauen hätte einsetzen können, oder
-ob es im jüdischen Blute lag: alles, was an Liebesfähigkeit in ihm
-lebte, auf seinen Nachkommen auszugießen -- in jener instinktiven Furcht
-unserer Rasse: wir könnten aussterben und eine Mission nicht erfüllen,
-die wir vergessen haben, die aber dunkel in uns fortlebt, -- wer kann
-das wissen!
-
-Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte, und bei einem
-unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar ist, leitete er die Erziehung
-seines Sohnes. Mit dem Scharfsinn eines Psychologen räumte er dem Kinde
-jedes Erlebnis aus dem Wege, das zur Entwicklung der Gewissenstätigkeit
-hätte beitragen können, um ihm künftige seelische Leiden zu ersparen.
-
-Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten, der die Ansicht
-verfocht, die Tiere seien empfindungslos und ihre Schmerzäußerung ein
-mechanischer Reflex.
-
-Aus jedem Geschöpf so viel Freude und Genuß für sich selbst
-herauspressen wie nur irgend möglich, und dann die Schale sofort als
-nutzlos wegwerfen: das war ungefähr das Abc seines weitblickenden
-Erziehungssystems.
-
-Daß das Geld als Standarte und Schlüssel zur >Macht< dabei eine erste
-Rolle spielte, können Sie sich denken, Herr Pernath. Und so wie er
-selbst den eigenen Reichtum sorgsam geheim hält, um die Grenzen seines
-Einflusses in Dunkel zu hüllen, so ersann er sich ein Mittel, seinem
-Sohn Ähnliches zu ermöglichen, ihm aber gleichzeitig die Qual eines
-scheinbar ärmlichen Lebens zu ersparen: er durchtränkte ihn mit der
-infernalischen Lüge von der >Schönheit<, brachte ihm die äußere und
-innere Gebärde der Ästhetik bei, lehrte ihn _äußerlich_: die Lilie auf
-dem Felde heucheln und _innerlich_ ein Aasgeier sein.
-
-Natürlich war das mit der >Schönheit< wohl kaum eigene Erfindung von ihm
--- vermutlich die >Verbesserung< eines Ratschlages, den ihm ein
-Gebildeter gegeben hatte.
-
-Daß ihn sein Sohn später verleugnete, wo und wann er nur konnte, nahm er
-niemals übel. Im Gegenteil, er machte es ihm zur _Pflicht_: denn seine
-Liebe war selbstlos und wie ich es schon einmal von meinem Vater sagte:
--- von der Art, die übers Grab hinausgeht.«
-
-Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an, wie sie ihre
-Gedanken stumm weiterspann, hörte es an dem veränderten Klang ihrer
-Stimme, als sie sagte:
-
-»Seltsame Früchte wachsen auf dem Baume des Judentums.«
-
-»Sagen Sie, Mirjam,« fragte ich, »haben Sie nie davon gehört, daß
-Wassertrum eine Wachsfigur in seinem Laden stehen hat? Ich weiß nicht
-mehr, wer es mir erzählt hat, -- es war vielleicht nur ein Traum -- --«
-
-»Nein, nein, es ist schon richtig, Herr Pernath: eine lebensgroße
-Wachsfigur steht in der Ecke, in der er, mitten unter dem tollsten
-Gerümpel, auf seinem Strohsack schläft. Er hat sie vor Jahren einem
-Schaubudenbesitzer abgewuchert, heißt es, bloß weil sie einem Mädchen --
-einer Christin -- ähnlich sah, die angeblich einmal seine Geliebte
-gewesen sein soll.«
-
-»Charouseks Mutter!« drängte es sich mir auf.
-
-»Ihren Namen wissen Sie nicht, Mirjam?«
-
-Mirjam schüttelte den Kopf. »Wenn Ihnen daran liegt -- soll ich mich
-erkundigen?«
-
-»Ach Gott, nein, Mirjam; es ist mir vollkommen gleichgültig« (ich sah an
-ihren blitzenden Augen, daß sie sich in Eifer geredet hatte. Sie durfte
-nicht wieder zu sich kommen, nahm ich mir vor) »aber was mich viel mehr
-interessiert, ist das Gebiet, von dem Sie vorhin flüchtig sprachen. Ich
-meine das vom >Tauwind<. -- Ihr Vater würde Ihnen doch gewiß nicht
-vorschreiben, wen Sie heiraten sollen?«
-
-Sie lachte lustig auf:
-
-»Mein Vater? Wo denken Sie hin!«
-
-»Nun, das ist ein großes Glück für mich.«
-
-»Wieso?« fragte sie arglos.
-
-»Weil ich dann noch Chancen habe.«
-
-Es war nur ein Scherz, und sie nahm es auch nicht anders hin, aber doch
-sprang sie rasch auf und ging ans Fenster, um mich nicht sehen zu
-lassen, daß sie rot wurde.
-
-Ich lenkte ein, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen:
-
-»Das eine bitte ich mir aus als alter Freund: Mich müssen Sie einweihen,
-wenn's einmal so weit ist. -- Oder gedenken Sie überhaupt ledig zu
-bleiben?«
-
-»Nein! nein! nein!« -- sie wehrte so entschlossen ab, daß ich
-unwillkürlich lächelte -- »einmal muß ich ja doch heiraten.«
-
-»Natürlich! Selbstverständlich!«
-
-Sie wurde nervös wie ein Backfisch.
-
-»Können Sie denn nicht eine Minute lang ernsthaft bleiben, Herr
-Pernath?« -- Ich machte gehorsam ein Lehrergesicht und sie setzte sich
-wieder. -- »Also: wenn ich sage, ich muß doch einmal heiraten, so meine
-ich damit, daß ich mir zwar bis jetzt den Kopf über die näheren Umstände
-nicht zerbrochen habe, den Sinn des Lebens aber gewiß nicht verstünde,
-wenn ich annehmen würde, ich sei als Weib auf die Welt gekommen, um
-kinderlos zu bleiben.«
-
-Das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich das Frauenhafte in ihren
-Zügen.
-
-»Es gehört mit zu meinen Träumen,« fuhr sie leise fort, »mir
-vorzustellen, daß es ein Endziel ist, wenn zwei Wesen zu einem
-verschmelzen, -- zu dem, was -- -- haben Sie nie von dem alten
-ägyptischen Osiriskult gehört? -- zu dem verschmelzen, was der
->Hermaphrodit< als Symbol bedeuten mag.«
-
-Ich horchte gespannt auf: »Der Hermaphrodit --?«
-
-»Ich meine: Die magische Vereinigung von männlich und weiblich im
-Menschengeschlecht zu einem Halbgott. Als Endziel! -- Nein, nicht als
-Endziel, als Beginn eines neuen Weges, der ewig ist -- _kein_ Ende hat.«
-
-»Und hoffen Sie, dereinst denjenigen zu finden,« fragte ich erschüttert,
-»den Sie suchen? -- Kann es nicht sein, daß er in einem fernen Land
-lebt, vielleicht gar nicht auf Erden ist?«
-
-»Davon weiß ich nichts;« sagte sie einfach, »ich kann nur warten. Wenn
-er durch Zeit und Raum von mir getrennt ist, -- was ich nicht glaube,
-weshalb wäre ich dann hier im Ghetto angebunden? -- oder durch die
-Klüfte gegenseitigen Nichterkennens -- und ich finde ihn nicht, dann hat
-mein Leben keinen Zweck gehabt und war das gedankenlose Spiel eines
-idiotischen Dämons. -- Aber, bitte, bitte, reden wir nicht mehr davon,«
-flehte sie, »wenn man den Gedanken nur ausspricht, bekommt er schon
-einen häßlichen, irdischen Beigeschmack, und ich möchte nicht --«
-
-Sie brach plötzlich ab.
-
-»Was möchten Sie nicht, Mirjam?«
-
-Sie hob die Hand. Stand rasch auf und sagte:
-
-»Sie bekommen Besuch, Herr Pernath!«
-
-Seidenkleider raschelten auf dem Gang.
-
-Ungestümes Klopfen. Dann:
-
-Angelina!
-
-Mirjam wollte gehen; ich hielt sie zurück:
-
-»Darf ich vorstellen: die Tochter eines lieben Freundes -- Frau Gräfin
---«
-
-»Nicht einmal vorfahren kann man mehr. Überall das Pflaster aufgerissen.
-Wann werden Sie einmal in eine menschenwürdige Gegend siedeln, Meister
-Pernath? Draußen schmilzt der Schnee und der Himmel jubelt, daß es einem
-die Brust zersprengt, und Sie hocken hier in Ihrer Tropfsteingrotte wie
-ein alter Frosch, -- -- übrigens wissen Sie, daß ich gestern bei meinem
-Juwelier war und er gesagt hat: Sie sind der größte Künstler, der
-feinste Gemmenschneider, den es heute gibt, wenn nicht einer der
-größten, die je gelebt haben?!« -- Angelina plauderte wie ein
-Wasserfall, und ich war verzaubert. Sah nur mehr ihre strahlenden,
-blauen Augen, die kleinen Füße in den winzigen Lackstiefeln, sah das
-kapriziöse Gesicht aus dem Wust von Pelzwerk leuchten und die rosigen
-Ohrläppchen.
-
-Sie ließ sich kaum Zeit auszuatmen.
-
-»An der Ecke steht mein Wagen. Ich hatte schon Angst, Sie nicht zu Hause
-zu treffen. Sie haben doch hoffentlich noch nicht zu Mittag gegessen?
-Wir fahren zuerst -- ja, wohin fahren wir zuerst? Wir fahren zuerst
-einmal -- warten Sie -- -- ja: vielleicht in den Baumgarten, oder kurz:
-irgendwohin ins Freie, wo man so recht das Keimen und heimliche Sprossen
-in der Luft ahnt. Kommen Sie, kommen Sie, nehmen Sie Ihren Hut; und dann
-essen Sie bei mir, -- und dann schwätzen wir bis abends. Nehmen Sie doch
-Ihren Hut! Worauf warten Sie denn? -- Eine warme, ganz weiche Decke ist
-unten: da wickeln wir uns ein bis an die Ohren und kuscheln uns
-zusammen, bis uns siedheiß wird.«
-
-Was sollte ich nur sagen?! -- -- »Soeben habe ich mit der Tochter meines
-Freundes hier eine Spazierfahrt verabredet -- --«
-
-Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet, noch ehe
-ich aussprechen konnte.
-
-Ich begleitete sie bis vor die Tür, obschon sie mich freundlich abwehren
-wollte.
-
-»Hören Sie mich an, Mirjam, ich kann es Ihnen hier auf der Treppe nicht
-so sagen, wie ich an Ihnen hänge -- -- und daß ich tausendmal lieber mit
-Ihnen -- --«
-
-»Sie dürfen die Dame nicht warten lassen, Herr Pernath,« drängte sie,
-»adieu und viel Vergnügen!«
-
-Sie sagte es voll Herzlichkeit und unverstellt und echt, aber ich sah,
-daß der Glanz in ihren Augen erloschen war.
-
-Sie eilte die Treppe hinunter und das Leid schnürte mir die Kehle
-zusammen.
-
-Mir war, als hätte ich eine Welt verloren.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wie im Rausch saß ich an Angelinas Seite. Wir fuhren in rasendem Trab
-durch die menschenüberfüllten Straßen.
-
-Eine Brandung des Lebens rings um mich, daß ich, halbbetäubt, nur noch
-die kleinen Lichtflecke in dem Bilde, das an mir vorüberhuschte,
-unterscheiden konnte: blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten,
-blanke Zylinderhüte, weiße Damenhandschuhe, einen Pudel mit rosa
-Halsschleife, der kläffend in die Räder beißen wollte, schäumende
-Rappen, die uns entgegensausten in silbernen Geschirren, ein
-Ladenfenster, drin schimmernde Schalen voll Perlschnüren und funkelnden
-Geschmeiden, -- Seidenglanz um schlanke Mädchenhüften.
-
-Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, ließ mich die Wärme von
-Angelinas Körper doppelt sinnverwirrend empfinden.
-
-Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll zur Seite, wenn
-wir an ihnen vorüberjagten.
-
-Dann ging's im Schritt über das Quai, das eine einzige Wagenreihe war,
-an der eingestürzten steinernen Brücke vorbei, umstaut vom Gewühl
-gaffender Gesichter.
-
-Ich blickte kaum hin: -- das kleinste Wort aus dem Munde Angelinas, ihre
-Wimpern, das eilige Spiel ihrer Lippen, -- alles, alles war mir
-unendlich viel wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrümmer dort unten
-den antaumelnden Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. --
-
-Parkwege. Dann -- gestampfte, elastische Erde. Dann Laubrascheln unter
-den Hufen der Pferde, nasse Luft, blätterlose Baumriesen voll von
-Krähennestern, totes Wiesengrün mit weißlichen Inseln schwindenden
-Schnees, alles zog an mir vorbei wie geträumt.
-
-Nur mit ein paar kurzen Worten, fast gleichgültig, kam Angelina auf Dr.
-Savioli zu sprechen.
-
-»Jetzt, wo die Gefahr vorüber ist,« sagte sie mit entzückender,
-kindlicher Unbefangenheit, »und ich weiß, daß es ihm auch wieder besser
-geht, kommt mir alles das, was ich mitgemacht habe, so gräßlich
-langweilig vor. -- Ich will mich endlich einmal wieder freuen, die Augen
-zumachen und untertauchen in dem glitzernden Schaum des Lebens. Ich
-glaube, alle Frauen sind so. Sie gestehen es bloß nicht ein. Oder sind
-sie so dumm, daß sie es selbst nicht wissen. Meinen Sie nicht auch?« Sie
-hörte gar nicht hin, was ich darauf antwortete. »Übrigens sind mir
-Frauen vollständig uninteressant. Sie dürfen es natürlich nicht als
-Schmeichelei auffassen: aber -- wahrhaftig, die bloße Nähe eines
-sympathischen Mannes ist mir im kleinen Finger lieber, als das
-anregendste Gespräch mit einer noch so gescheiten Frau. Es ist ja
-schließlich doch alles dummes Zeug, was man da zusammenschwätzt. --
-Höchstens: das bißchen Putz -- na und! Die Moden wechseln ja nicht gar
-so häufig. -- -- Nicht wahr, ich bin leichtsinnig?«, fragte sie
-plötzlich kokett, daß ich mich, bestrickt von ihrem Reiz, zusammennehmen
-mußte, nicht ihr Köpfchen zwischen meine Hände zu nehmen und sie in den
-Nacken zu küssen, -- »sagen Sie, daß ich leichtsinnig bin!«
-
-Sie schmiegte sich noch dichter an und hängte sich in mich ein.
-
-Wir fuhren aus der Allee heraus an Bosketts entlang mit strohumwickelten
-Zierstauden, die aussahen in ihren Hüllen wie Rümpfe von Ungeheuern mit
-abgehauenen Gliedern und Häuptern.
-
-Leute saßen auf Bänken in der Sonne und blickten hinter uns drein und
-steckten die Köpfe zusammen.
-
-Wir schwiegen eine Weile und hingen unseren Gedanken nach. Wie war
-Angelina doch so vollständig anders, als sie bisher in meiner Einbildung
-gelebt hatte! -- Als sei sie erst heute für mich in die Gegenwart
-gerückt!
-
-War das wirklich dieselbe Frau, die ich damals in der Domkirche
-getröstet hatte?
-
-Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen Mund.
-
-Sie sprach noch immer kein Wort. Schien im Geiste ein Bild zu sehen.
-
-Der Wagen bog über eine feuchte Wiese.
-
-Es roch nach erwachender Erde.
-
-»Wissen Sie, -- -- Frau -- --?«
-
-»Nennen Sie mich doch Angelina«, unterbrach sie mich leise.
-
-»Wissen Sie, Angelina, daß -- daß ich heute die ganze Nacht von Ihnen
-geträumt habe?«, stieß ich gepreßt hervor.
-
-Sie machte eine kleine rasche Bewegung, als wolle sie ihren Arm aus
-meinem ziehen, und sah mich groß an. »Merkwürdig! Und ich von Ihnen! --
-Und in diesem Moment habe ich dasselbe gedacht.«
-
-Wieder stockte das Gespräch und beide errieten wir, daß wir auch
-dasselbe geträumt hatten.
-
-Ich fühlte es an dem Beben ihres Blutes. Ihr Arm zitterte kaum merklich
-an meiner Brust. Sie blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen
-hinaus. -- -- --
-
-Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen, streifte den weißen,
-duftenden Handschuh zurück, hörte, wie ihr Atem heftig wurde, und preßte
-toll vor Liebe meine Zähne in ihren Handballen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
--- -- Stunden später ging ich wie ein Trunkener durch den Abendnebel
-hinab der Stadt zu. Planlos wählte ich die Straßen und ging lange, ohne
-es zu wissen, im Kreise herum.
-
-Dann stand ich am Fluß über ein eisernes Geländer gebeugt und starrte
-hinab in die tosenden Wellen.
-
-Noch immer fühlte ich Angelinas Arme um meinen Nacken, sah das steinerne
-Becken des Springbrunnens, an dem wir schon einmal Abschied voneinander
-genommen vor vielen Jahren, vor mir, mit den faulenden Ulmenblättern
-darin, und sie wanderte wieder mit mir, wie soeben erst vor kurzem, den
-Kopf an meine Schulter gelehnt, stumm durch den fröstelnden, dämmrigen
-Park ihres Schlosses.
-
-Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief ins Gesicht, um zu
-träumen.
-
-Die Wasser brausten über das Wehr und ihr Rauschen verschlang die
-letzten, aufmurrenden Geräusche der schlafengehenden Stadt.
-
-Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um mich zog und
-aufblickte, lag der Fluß in immer tieferen Schatten, bis er endlich, von
-der schweren Nacht erdrückt, schwarzgrau dahinströmte und der Gischt des
-Staudamms als weißer, blendender Streifen schräg hinüber zum andern Ufer
-lief.
-
-Mich schauderte bei dem Gedanken, wieder zurück zu müssen in mein
-trauriges Haus.
-
-Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich für immer zum Fremdling in
-meiner Wohnstätte gemacht.
-
-Eine Spanne von wenigen Wochen, vielleicht nur von Tagen, dann mußte das
-Glück vorüber sein -- und nichts blieb davon, als eine wehe, schöne
-Erinnerung.
-
-Und dann?
-
-Dann war ich heimatlos hier und drüben, diesseits und jenseits des
-Flusses.
-
-Ich stand auf! Wollte noch durch das Parkgitter einen Blick auf das
-Schloß werfen, hinter dessen Fenstern sie schlief, ehe ich in das
-finstere Ghetto ging. -- -- -- Ich schlug die Richtung ein, aus der ich
-gekommen war, tappte mich durch den dichten Nebel an Häuserreihen
-entlang und über schlummernde Plätze, sah schwarze Monumente drohend
-auftauchen und einsame Schilderhäuser und die Schnörkel von
-Barockfassaden. Der matte Schimmer einer Laterne wuchs zu riesigen,
-phantastischen Ringen in verblichenen Regenbogenfarben aus dem Dunst
-heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden Auge und zerging hinter mir in
-der Luft.
-
-Mein Fuß tastete breite, steinerne Stufenflächen, mit Kies bestreut. Wo
-war ich? Ein Hohlweg, der steil aufwärts führt?
-
-Glatte Gartenmauern links und rechts? Die kahlen Äste eines Baumes
-hängen herüber. Sie kommen vom Himmel herunter: der Stamm verbirgt sich
-hinter der Nebelwand. --
-
-Ein paar morsche, dünne Zweige brechen krachend ab, wie mein Hut sie
-streift, und fallen an meinem Mantel hinab in den nebligen grauen
-Abgrund, der mir meine Füße verbirgt.
-
-Dann ein strahlender Punkt: ein einsames Licht in der Ferne -- irgendwo
--- rätselhaft -- zwischen Himmel und Erde. -- -- --
-
-Ich mußte fehlgegangen sein. Es konnte nur die »alte Schloßstiege« sein
-neben den Hängen der Fürstenbergschen Gärten -- -- --
-
-Dann lange Strecken lehmiger Erde. -- Ein gepflasterter Weg.
-
-Ein massiger Schatten ragt hoch auf, den Kopf in einer schwarzen,
-steifen Zipfelmütze: »die Daliborka« = der Hungerturm, in dem Menschen
-einst verschmachteten, derweilen Könige unten im »Hirschgraben« das Wild
-hetzten.
-
-Ein schmales, gewundenes Gäßchen mit Schießscharten, ein Schneckengang,
-kaum breit genug, die Schultern durchzulassen -- und ich stand vor einer
-Reihe von Häuschen, keines höher als ich.
-
-Wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich auf die Dächer greifen.
-
-Ich war in die »Goldmachergasse« geraten, wo im Mittelalter die
-alchimistischen Adepten den Stein der Weisen geglüht und die
-Mondstrahlen vergiftet haben.
-
-Es führte kein anderer Weg hinaus als der, den ich gekommen war.
-
-Aber ich fand die Mauerlücke nicht mehr, die mich eingelassen, -- stieß
-an ein Holzgatter.
-
-Es nützt nichts, ich muß jemand wecken, damit man mir den Weg zeigt,
-sagte ich mir. Sonderbar, daß hier ein Haus die Gasse abschließt --
-größer als die andern und anscheinend wohnlich? Ich kann mich nicht
-entsinnen, es je bemerkt zu haben.
-
-Es muß wohl weiß getüncht sein, daß es so hell aus dem Nebel leuchtet?
-
-Ich gehe durch das Gatter über den schmalen Gartenstreif, drücke das
-Gesicht an die Scheiben: -- alles finster. Ich klopfe ans Fenster. -- Da
-geht drinnen ein steinalter Mann, eine brennende Kerze in der Hand,
-durch eine Tür mit greisenhaft wankenden Schritten bis mitten in die
-Stube, bleibt stehen, dreht langsam den Kopf nach den verstaubten
-alchimistischen Retorten und Kolben an der Wand, starrt nachdenklich auf
-die riesigen Spinnweben in den Ecken und richtet dann seinen Blick
-unverwandt auf mich.
-
-Der Schatten seiner Backenknochen fällt ihm auf die Augenhöhlen, daß es
-aussieht, als seien sie leer wie die einer Mumie.
-
-Er sieht mich offenbar nicht.
-
-Ich klopfe ans Glas.
-
-Er hört mich nicht. Geht lautlos wie ein Schlafwandler wieder aus dem
-Zimmer.
-
-Ich warte vergebens.
-
-Klopfe ans Haustor: niemand öffnet -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Es blieb mir nichts übrig, als so lange zu suchen, bis ich den Ausgang
-aus der Gasse endlich fand.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ob es nicht am besten wäre, ich ginge noch unter Menschen, überlegte
-ich. -- Zu meinen Freunden: Zwakh, Prokop und Vrieslander ins »alte
-Ungelt«, wo sie bestimmt sein würden --, um meine verzehrende Sehnsucht
-nach Angelinas Küssen wenigstens für ein paar Stunden zu übertäuben?
-Rasch mache ich mich auf den Weg.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wie ein Trifolium von Toten hockten sie um den wurmstichigen, alten
-Tisch herum, -- alle drei: weiße dünnstielige Tonpfeifen zwischen den
-Zähnen, und das Zimmer voll Rauch.
-
-Man konnte kaum ihre Gesichtszüge unterscheiden, so schluckten die
-dunkelbraunen Wände das spärliche Licht der altmodischen Hängelampe ein.
-
-In der Ecke die spindeldürre, wortkarge, verwitterte Kellnerin mit ihrem
-ewigen Strickstrumpf, dem farblosen Blick und der gelben
-Entenschnabelnase!
-
-Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Türen, so daß die Stimmen
-der Gäste im Nebenzimmer nur wie das leise Summen eines Bienenschwarms
-herüberdrangen.
-
-Vrieslander, seinen kegelförmigen Hut mit der geraden Krempe auf dem
-Kopf, mit seinem Knebelbart, der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe
-unter dem Auge, sah aus wie ein ertrunkener Holländer aus einem
-vergessenen Jahrhundert.
-
-Josua Prokop hatte sich eine Gabel quer durch die Musikerlocken
-gesteckt, klapperte unaufhörlich mit seinen gespenstisch langen
-Knochenfingern und sah bewundernd zu, wie sich Zwakh abmühte, der
-bauchigen Arakflasche das Purpurmäntelchen einer Marionette umzuhängen.
-
-»Das wird Babinski«, erklärte mir Vrieslander mit tiefem Ernst. »Sie
-wissen nicht, wer Babinski war? Zwakh, erzählen Sie Pernath rasch, wer
-Babinski war!«
-
-»Babinski war«, begann Zwakh sofort, ohne auch nur eine Sekunde von
-seiner Arbeit aufzusehen, »einst ein berühmter Raubmörder in Prag. --
-Viele Jahre betrieb er sein schändliches Handwerk, ohne daß es jemand
-bemerkt hätte. Nach und nach jedoch fiel es den besseren Familien auf,
-daß bald dieses, bald jenes Mitglied der Sippe beim Essen fehlte und
-sich nie wieder blicken ließ. Wenn man auch anfangs nichts sagte, da die
-Sache gewissermaßen ihre guten Seiten hatte, indem man weniger zu kochen
-brauchte, so durfte wiederum nicht außer acht gelassen werden, daß das
-Ansehen in der Gesellschaft leicht darunter leiden und man ins Gerede
-kommen konnte.
-
-Besonders, wenn es sich um das spurlose Verschwinden mannbarer Töchter
-handelte.
-
-Überdies verlangte es die Hochachtung vor sich selbst, daß man auf ein
-bürgerliches Zusammenleben in der Familie nach außen hin das nötige
-Gewicht legte.
-
-Die Zeitungsrubriken: »Kehre zurück, alles ist verziehen« wuchsen immer
-mehr und mehr, -- ein Umstand, den Babinski, leichtsinnig wie die
-meisten Berufsmörder, in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte, --
-und erregten schließlich die allgemeine Aufmerksamkeit.
-
-In dem lieblichen Dörfchen Krtsch bei Prag hatte sich Babinski, der
-innerlich ein ausgesprochen idyllischer Charakter war, mit der Zeit
-durch seine unverdrossene Tätigkeit ein kleines, aber trautes Heim
-geschaffen. Ein Häuschen, blitzend vor Sauberkeit, und ein Gärtchen
-davor mit blühenden Geranien.
-
-Da es ihm seine Einkünfte nicht gestatteten, sich zu vergrößern, sah er
-sich genötigt, um die Leichen seiner Opfer unauffällig bestatten zu
-können, statt eines Blumenbeetes -- wie er es gern gesehen hätte --
-einen grasbewachsenen und schlichten, aber, den Umständen angemessen:
-zweckmäßigen Grabhügel anzulegen, der sich mühelos verlängern ließ, wenn
-es der Betrieb oder die Saison erforderte.
-
-Auf dieser Weihestätte pflegte Babinski allabendlich nach des Tages Last
-und Mühen in den Strahlen der untergehenden Sonne zu sitzen und auf
-seiner Flöte allerlei schwermütige Weisen zu blasen.« -- --
-
-»Halt!« unterbrach Josua Prokop rauh, zog einen Hausschlüssel aus der
-Tasche, hielt ihn wie eine Klarinette an den Mund und sang:
-
-»Zimzerlim zambusla -- deh«.
-
-»Waren Sie denn dabei, daß Sie die Melodie so genau kennen?«, fragte
-Vrieslander erstaunt.
-
-Prokop warf ihm einen bitterbösen Blick zu: »Nein. Dazu hat Babinski zu
-früh gelebt. Aber was er gespielt haben kann, muß ich als Komponist doch
-am besten wissen. Ihnen steht darüber kein Urteil zu: Sie sind nicht
-musikalisch. -- -- Zimzerlim -- zambusla -- busla -- deh.«
-
-Zwakh hörte ergriffen zu, bis Prokop seinen Hausschlüssel wieder
-einsteckte, und fuhr dann fort:
-
-»Das beständige Wachsen des Hügels erweckte allmählich Verdacht bei den
-Anrainern, und einem Polizeimann aus der Vorstadt Zizkov, der
-gelegentlich von weitem zusah, wie Babinski gerade eine alte Dame der
-guten Gesellschaft erwürgte, gebührt das Verdienst, dem selbstsüchtigen
-Treiben des Unholdes ein für allemal Schranken gesetzt zu haben:
-
-Man verhaftete Babinski in seinem Tuskulum.
-
-Der Gerichtshof verurteilte ihn unter Zubilligung des mildernden
-Umstandes eines ansonsten trefflichen Leumundes zum Tode durch den
-Strang und beauftragte zugleich die Firma Gebrüder Leipen -- Seilwaren
-en gros und en detail -- die nötigen Hinrichtungsutensilien, soweit
-diese in ihre Branche fielen, unter Anrechnung ziviler Preise einem
-hohen Staatsärar gegen Quittung auszuhändigen.
-
-Nun fügte es sich aber, daß der Strick riß und Babinski zu
-lebenslänglichem Gefängnis begnadigt wurde.
-
-20 Jahre verbüßte der Raubmörder hinter den Mauern von Sankt Pankraz,
-ohne daß je ein Vorwurf über seine Lippen gekommen wäre; -- noch heute
-ist der Beamtenstab des Institutes voll Lob über seine vorbildliche
-Aufführung; ja, man gestattete ihm sogar, an den Geburtstagen unseres
-allerhöchsten Landesherrn ab und zu die Flöte zu blasen; --«
-
-Prokop suchte sofort wieder nach seinem Hausschlüssel, aber Zwakh wehrte
-ihm.
-
-»-- infolge allgemeiner Amnestie wurde dem Babinski der Rest der Strafe
-nachgesehen, und er bekam die Stelle eines Pförtners im Kloster der
->Barmherzigen Schwestern<.
-
-Die leichte Gartenarbeit, die er nebenbei mit zu versehen hatte, ging
-ihm dank der großen, während seines früheren Wirkungskreises erworbenen
-Geschicklichkeit im Gebrauch des Spatens hurtig von der Hand, so daß ihm
-hinlänglich Muße blieb, Herz und Geist an guter, sorgfältig ausgewählter
-Lektüre zu läutern.
-
-Die daraus resultierenden Folgen waren hocherfreulich.
-
-So oft ihn die Oberin Samstagsabends ins Wirtshaus schickte, damit er
-sein Gemüt ein wenig erheitere, jedesmal kam er pünktlich vor Anbruch
-der Nacht nach Hause mit dem Hinweis, der Verfall der allgemeinen Moral
-stimme ihn trübe und soviel lichtscheues Gesindel schlimmster Sorte
-mache die Landstraße unsicher, daß es für jeden Friedliebenden ein Gebot
-der Klugheit sei, rechtzeitig die Schritte heimwärts zu lenken.
-
-Es war nun damaliger Zeit in Prag bei den Wachsziehern die Unsitte
-eingerissen, kleine Figürchen feilzuhalten, die ein rotes Manterle
-umhängen hatten und den Raubmörder Babinski darstellten.
-
-Wohl in keiner der leidtragenden Familien fehlte ein solches.
-
-Gewöhnlich aber standen sie in den Läden unter Glasstürzen, und über
-nichts konnte sich Babinski so empören, als wenn er eines derartigen
-Wachsbildes ansichtig wurde.
-
->Es ist im höchsten Grade unwürdig und zeugt von einer Gemütsroheit
-sondersgleichen, einem Menschen beständig die Verfehlungen seiner
-Jugendzeit vor Augen zu führen,< pflegte Babinski in solchen Fällen zu
-sagen, >und es ist tief zu bedauern, daß von seiten der Obrigkeit nichts
-geschieht, so offenkundigem Unfug zu steuern.<
-
-Noch auf dem Totenbette äußerte er sich in ähnlichem Sinne.
-
-Nicht vergebens, denn bald darauf verfügte die Behörde die Einstellung
-des Handels mit den ärgerniserregenden Babinskischen Statuetten.« -- --
---
-
--- -- -- Zwakh tat einen mächtigen Schluck aus seinem Grogglas und alle
-drei grinsten wie die Teufel, dann wandte er vorsichtig den Kopf nach
-der farblosen Kellnerin, und ich sah, wie sie eine Träne im Auge
-zerdrückte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
--- »Na, und Sie geben nichts zum besten, außer -- natürlich -- daß Sie
-aus Dankbarkeit für den überstandenen Kunstgenuß die Zeche berappen,
-wertgeschätzter Kollege und Gemmenschneider?«, fragte mich Vrieslander
-nach einer langen Pause allgemeinen Tiefsinnes.
-
-Ich erzählte ihnen meine Wanderung durch den Nebel.
-
-Wie ich in der Schilderung zu der Stelle kam, wo ich das weiße Haus
-erblickt hatte, nahmen alle drei vor Spannung die Pfeifen aus den
-Zähnen, und als ich schloß, schlug Prokop mit der Faust auf den Tisch
-und rief:
-
-»Das ist doch rein -- --! Alle Sagen, die es gibt, erlebt dieser Pernath
-am eigenen Kadaver. -- A propos, der Golem von damals -- Sie wissen: die
-Sache hat sich aufgeklärt.«
-
-»Wieso aufgeklärt?« fragte ich baff.
-
-»Sie kennen doch den verrückten jüdischen Bettler >Haschile<? Nein? Nun
-also: dieser Haschile war der Golem.«
-
-»Ein Bettler der Golem?«
-
-»Jawohl, der Haschile war der Golem. Heute nachmittags ging das Gespenst
-seelenvergnügt bei hellichtem Sonnenschein in seinem berüchtigten
-altmodischen Anzug aus dem 17. Jahrhundert durch die Salnitergasse
-spazieren, und da hat es der Schinder mit einer Hundeschlinge glücklich
-eingefangen.«
-
-»Was soll das heißen? Ich verstehe kein Wort,« fuhr ich auf.
-
-»Ich sage Ihnen doch: der Haschile war es! Er hat die Kleider, höre ich,
-vor längerer Zeit hinter einem Haustor gefunden. -- Übrigens, um auf das
-weiße Haus auf der Kleinseite zurückzukommen: die Sache ist furchtbar
-interessant. Es geht nämlich eine alte Sage, daß dort oben in der
-Alchimistengasse ein Haus steht, das nur bei Nebel sichtbar wird, und
-auch da bloß >Sonntagskindern<. Man nennt es die >Mauer zur letzten
-Laterne<. Wer bei Tag hinaufgeht, sieht dort nur einen großen, grauen
-Stein, -- dahinter stürzt es jäh ab in die Tiefe in den Hirschgraben,
-und Sie können von Glück sagen Pernath, daß Sie keinen Schritt weiter
-gemacht haben: Sie wären unfehlbar hinuntergefallen und hätten sämtliche
-Knochen gebrochen.
-
-Unter dem Stein, heißt es, ruht ein riesiger Schatz, und er soll von dem
-Orden der >Asiatischen Brüder<, die angeblich Prag gegründet haben, als
-Grundstein für ein Haus gelegt worden sein, das dereinst am Ende der
-Tage ein Mensch bewohnen wird -- besser gesagt ein Hermaphrodit -- ein
-Geschöpf, das sich aus Mann und Weib zusammensetzt. Und der wird das
-Bild eines Hasen im Wappen tragen, -- nebenbei: der Hase war das Symbol
-des Osiris, und _daher_ stammt wohl die Sitte mit dem Osterhasen.
-
-Bis die Zeit gekommen ist, heißt es, hält Methusalem in eigener Person
-Wache an dem Ort, damit Satan nicht den Stein beflattert und einen Sohn
-mit ihm zeugt: den sogenannten Armilos. -- Haben Sie noch nie von diesem
-Armilos erzählen hören? -- Sogar wie er aussehen würde, weiß man -- das
-heißt, die alten Rabbiner wissen es, -- wenn er auf die Welt käme: Haare
-aus Gold würde er haben, rückwärts zum Schopf gebunden, dann: zwei
-Scheitel, sichelförmige Augen und Arme bis herunter zu den Füßen.«
-
-»Dieses Ehrengigerl sollte man aufzeichnen«, brummte Vrieslander und
-suchte nach einem Bleistift.
-
-»Also: Pernath, wenn Sie einmal das Glück haben sollten, ein
-Hermaphrodit zu werden und ^en passant^ den vergrabenen Schatz zu
-finden,« schloß Prokop, »dann vergessen Sie nicht, daß ich stets Ihr
-bester Freund gewesen bin!«
-
--- Mir war nicht zum Spaßmachen zumute, und ich fühlte ein leises Weh im
-Herzen.
-
-Zwakh mochte es mir ansehen, wenn er auch den Grund nicht wußte, denn er
-kam mir rasch zu Hilfe:
-
-»Jedenfalls ist es höchst merkwürdig, fast unheimlich, daß Pernath
-gerade eine Vision an jener Stelle hatte, die mit einer uralten Sage so
-eng verknüpft ist. -- Da sind Zusammenhänge, aus deren Umklammerung sich
-ein Mensch anscheinend nicht befreien kann, wenn seine Seele die
-Fähigkeit hat, Formen zu sehen, die dem Tastsinn vorenthalten sind. --
-Ich kann mir nicht helfen: das _Übersinnliche_ ist doch das Reizvollste!
--- Was meint ihr?«
-
-Vrieslander und Prokop waren ernst geworden und jeder von uns hielt eine
-Antwort für überflüssig.
-
-»Was meinen Sie, Eulalia?« wiederholte Zwakh, zurückgewendet, »ist nicht
-das Übersinnliche das Reizvollste?«
-
-Die alte Kellnerin kratzte sich mit der Stricknadel am Kopf, seufzte,
-errötete und sagte:
-
-»Aber gähn' Sie! Sie sind mir ein Schlimmer.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Eine verdammt gespannte Luft war heute den ganzen Tag über,« fing
-Vrieslander an, nachdem sich unser Heiterkeitsausbruch gelegt hatte,
-»nicht einen Pinselstrich hab' ich fertiggebracht. Fortwährend hab' ich
-an die Rosina denken müssen, wie sie im Frack getanzt hat.«
-
-»Ist sie wieder aufgefunden worden?« fragte ich.
-
-»>Aufgefunden< ist gut. Die Sittenpolizei hat sie doch für ein längeres
-Engagement gewonnen! -- Vielleicht ist sie dem Herrn Kommissär -- damals
->beim Loisitschek<, ins Auge gestochen? Jedenfalls ist sie jetzt --
-fieberhaft tätig und trägt wesentlich zur Hebung des Fremdenverkehrs in
-der Judenstadt bei. Ein verflucht dralles Mensch ist sie übrigens
-geworden in der kurzen Zeit.«
-
-»Wenn man bedenkt, was ein Weib aus einem Mann machen kann bloß dadurch,
-daß sie ihn verliebt sein läßt in sich: es ist zum Staunen,« warf Zwakh
-hin. »Um das Geld aufzubringen, zu ihr gehen zu können, ist der arme
-Bursche, der Jaromir, über Nacht Künstler geworden. Er geht in den
-Wirtshäusern herum und schneidet Silhouetten für Gäste aus, die sich auf
-diese Art porträtieren lassen.«
-
-Prokop, der den Schluß überhört hatte, schmatzte mit den Lippen:
-
-»Wirklich? Ist sie so hübsch geworden, die Rosina? -- Haben Sie ihr
-schon ein Küßchen geraubt, Vrieslander?«
-
-Die Kellnerin sprang sofort auf und verließ indigniert das Zimmer.
-
-»Das Suppenhuhn! Die hat's wahrhaftig nötig, -- Tugendanfälle! Pah!«,
-brummte Prokop ärgerlich hinter ihr drein.
-
-»Was wollen Sie, sie ist doch bei der unrichtigen Stelle abgegangen. Und
-außerdem war der Strumpf gerade fertig,« beschwichtigte ihn Zwakh.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Wirt brachte neuen Grog und die Gespräche fingen allmählich an, eine
-schwüle Richtung zu nehmen. Zu schwül, als daß sie mir nicht ins Blut
-gegangen wären bei meiner fiebrigen Stimmung.
-
-Ich sträubte mich dagegen, aber je mehr ich mich innerlich abschloß und
-an Angelina zurückdachte, um so heißer brauste es mir in den Ohren.
-
-Ziemlich unvermittelt verabschiedete ich mich.
-
-Der Nebel war durchsichtiger geworden, sprühte feine Eisnadeln auf mich,
-war aber immer noch so dicht, daß ich die Straßentafeln nicht lesen
-konnte und von meinem Heimweg um ein geringes abkam.
-
-Ich war in eine andere Gasse geraten und wollte eben umkehren, da hörte
-ich meinen Namen rufen:
-
-»Herr Pernath! Herr Pernath!«
-
-Ich blickte um mich, in die Höhe:
-
-Niemand!
-
-Ein offenes Haustor, darüber diskret eine kleine, rote Laterne, gähnte
-neben mir auf, und eine helle Gestalt -- schien mir -- stand tief im
-Flur darin.
-
-Wieder: »Herr Pernath! Herr Pernath!« Im Flüsterton.
-
-Ich trat erstaunt in den Gang, -- da schlangen sich warme Frauenarme um
-meinen Hals und ich sah bei dem Lichtstrahl, der aus einem sich langsam
-öffnenden Türspalt fiel, daß es Rosina war, die sich heiß an mich
-preßte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- List
-
-
-Ein grauer, blinder Tag.
-
-Bis tief in den Morgen hinein hatte ich geschlafen, traumlos, bewußtlos,
-wie ein Scheintoter.
-
-Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte vergessen einzuheizen.
-
-Kalte Asche lag im Ofen.
-
-Staub auf den Möbeln.
-
-Der Fußboden nicht gekehrt.
-
-Fröstelnd ging ich auf und ab.
-
-Widerwärtiger Geruch nach ausgeatmetem Fusel lag im Zimmer. Mein Mantel,
-meine Kleider stanken nach altem Tabakrauch.
-
-Ich riß das Fenster auf, schloß es wieder: -- der kalte, schmutzige
-Hauch von der Straße war unerträglich.
-
-Spatzen mit durchnäßtem Gefieder hockten regungslos draußen auf den
-Dachrinnen.
-
-Wohin ich blickte, mißfarbige Verdrossenheit. Alles in mir war
-zerrissen, zerfetzt.
-
-Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl -- wie fadenscheinig es war! Die
-Roßhaare quollen hervor aus den Rändern.
-
-Man mußte es zum Tapezierer schicken -- -- ach was, sollte es so bleiben
--- noch ein ödes Menschenleben hindurch, bis alles zu Gerümpel zerfiel!
-
-Und dort, welch geschmackloser, zweckwidriger Plunder, diese Zwirnlappen
-an den Fenstern!
-
-Warum drehte ich sie nicht zu einem Strick und erhenkte mich daran?!
-
-Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge wenigstens nie mehr zu
-sehen, und der ganze graue, zermürbende Jammer war vorüber -- ein für
-allemal.
-
-Ja! Das war das Gescheiteste! Ein Ende machen.
-
-Heute noch.
-
-Jetzt noch -- vormittags. Gar nicht erst zum Essen gehen. -- Ein
-ekelhafter Gedanke, mit vollem Magen sich aus der Welt zu schaffen! In
-der nassen Erde zu liegen und unverdaute, verfaulende Speisen in sich zu
-haben.
-
-Wenn nur nie wieder die Sonne scheinen und ihre freche Lüge von der
-Freude des Daseins einem ins Herz funkeln wollte!
-
-Nein! ich ließ mich nicht mehr narren, wollte nicht länger der Spielball
-sein eines täppischen, zwecklosen Schicksals, das mich emporhob und dann
-wieder in Pfützen stieß, bloß damit ich die Vergänglichkeit alles
-Irdischen einsehen sollte, etwas, was ich längst wußte, was jedes Kind
-weiß, jeder Hund auf der Straße weiß.
-
-Arme, arme Mirjam! Wenn ich _ihr_ wenigstens helfen könnte.
-
-Es hieß, einen Entschluß fassen, einen ernsten, unabänderlichen
-Beschluß, bevor der verfluchte Trieb zum Dasein wieder in mir erwachen
-konnte und mir neue Trugbilder vorgaukeln.
-
-Wozu hatten sie mir denn gedient: alle diese Botschaften aus dem Reich
-des Unverweslichen?
-
-Zu nichts, zu gar gar nichts.
-
-Nur dazu vielleicht, daß ich im Kreis herumgetaumelt war und jetzt die
-Erde als unmögliche Qual empfand.
-
-Da gab es nur noch eins.
-
-Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich auf der Bank liegen
-hatte.
-
-Ja, nur _so_ ging es. Das war noch das Einzige, Winzige, was von meinen
-nichtigen Taten im Leben irgendeinen Wert haben konnte!
-
-Alles, was ich besaß -- die paar Edelsteine in der Schublade dazu --
-zusammenschnüren in ein Paket und es Mirjam schicken. Ein paar Jahre
-wenigstens würde es die Sorge ums tägliche Leben von ihr nehmen. Und
-einen Brief an Hillel schreiben, in dem ich ihm sagte, wie es um sie
-stand mit dem »Wunder«.
-
-Er allein konnte ihr helfen.
-
-Ich fühlte: ja, er würde Rat wissen für sie.
-
-Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein, sah auf die Uhr: wenn
-ich jetzt auf die Bank ging -- in einer Stunde konnte alles in Ordnung
-gebracht sein.
-
-Und dann noch einen Strauß roter Rosen kaufen für Angelina! -- -- -- --
-es schrie auf in mir vor Weh und wilder Sehnsucht. -- Nur noch einen
-Tag, einen einzigen Tag möchte ich leben!
-
-Um dann abermals dieselbe würgende Verzweiflung mitmachen zu müssen?
-
-Nein, nicht eine einzige Minute mehr warten! Es kam wie eine
-Befriedigung über mich, daß ich mir nicht nachgegeben hatte.
-
-Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun?
-
-Richtig: die Feile dort. Ich steckte sie in die Tasche, -- wollte sie
-fortwerfen irgendwo auf der Gasse, wie ich es mir neulich schon
-vorgenommen.
-
-Ich haßte die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich wäre zum Mörder
-geworden durch sie.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wer kam mich denn da wieder stören?
-
-Es war der Trödler.
-
-»Nur en Augenblick, Herr von Pernath«, bat er fassungslos, als ich ihm
-bedeutete, daß ich keine Zeit hätte. »Nur en ganz en kurzen Augenblick.
-Nur ä paar Worte.«
-
-Der Schweiß lief ihm übers Gesicht, und er zitterte vor Aufregung.
-
-»Kann man hier auch ungestört mit Ihnen sprechen, Herr von Pernath? Ich
-möcht' nicht, daß der -- der Hillel wieder hereinkommt. Sperren Sie doch
-lieber die Tür ab, oder geh' mer besser ins Nebenzimmer«, -- er zog mich
-in seiner gewohnten, heftigen Art hinter sich drein.
-
-Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flüsterte heiser:
-
-»Ich hab mir's überlegt, wissen Sie, -- das von neilich. Es is besser
-so. Es kommt nix heraus dabei. Gut. Vorüber is vorüber.«
-
-Ich suchte in seinen Augen zu lesen.
-
-Er hielt meinen Blick aus, krampfte aber die Hand in die Stuhllehne,
-solche Anstrengung kostete es ihn.
-
-»Das freut mich, Herr Wassertrum,« sagte ich so freundlich ich konnte,
-»das Leben ist zu trüb, als daß man es sich gegenseitig noch mit Haß
-verbittern sollte.«
-
-»Rein, als ob man ä gedrucktes Buch reden hört,« grunzte er erleichtert,
-wühlte in seinen Hosentaschen und zog wieder die goldene Uhr mit den
-verbogenen Sprungdeckeln hervor, »und damit Sie sehen, ich mein's
-ehrlich, müssen Sie die Kleinigkeit da von mir annehmen. Als Geschenk.«
-
-»Was fällt Ihnen denn ein,« wehrte ich ab, »Sie werden doch wohl nicht
-glauben -- --«, da fiel mir ein, was Mirjam über ihn gesagt hatte, und
-ich streckte ihm die Hand hin, um ihn nicht zu kränken.
-
-Er achtete nicht darauf, wurde plötzlich weiß wie die Wand, lauschte und
-röchelte:
-
-»Da! Da! Hab' ich's doch gewußt. Schon wieder der Hillel! Er klopft.«
-
-Ich horchte, ging ins andere Zimmer zurück und zog zu seiner Beruhigung
-die Verbindungstür hinter mir halb zu.
-
-Es war diesmal nicht Hillel. _Charousek_ trat ein, legte, wie zum
-Zeichen, daß er wisse, _wer_ nebenan sei, den Finger an die Lippen und
-überschüttete mich in der nächsten Sekunde und ohne abzuwarten, was ich
-sagen würde, mit einem Schwall von Worten:
-
-»Oh, mein hochverehrter, liebwerter Meister Pernath, wie soll ich nur
-die Worte finden, Ihnen meine Freude auszudrücken, daß ich Sie allein
-und wohlauf zu Hause antreffe.« -- -- Er sprach wie ein Schauspieler,
-und seine schwülstige, unnatürliche Redeweise stand in so krassem
-Gegensatz zu seinem verzerrten Gesicht, daß ich ein tiefes Grauen vor
-ihm empfand.
-
-»Niemals hätte ich, Meister, es gewagt, in dem zerlumpten Zustande zu
-Ihnen zu kommen, in dem Sie mich gewiß schon des öfteren auf der Straße
-erblickt haben, -- doch, was sage ich: erblickt! haben Sie mir doch oft
-huldreich die Hand gereicht.
-
-Daß ich heute vor Sie hintreten kann mit weißem Kragen und in sauberem
-Anzug, -- wissen Sie, wem ich es verdanke? Einem der edelsten und leider
--- ach -- meist verkannten Menschen unserer Stadt. Rührung übermannt
-mich, wenn ich seiner gedenke.
-
-Selber in bescheidenen Verhältnissen, hat er dennoch eine offene Hand
-für Arme und Bedürftige. Von jeher, wenn ich ihn traurig vor seinem
-Laden stehen sah, trieb es mich aus tiefstem Herzen heraus, zu ihm zu
-treten und ihm stumm die Hand zu drücken.
-
-Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich vorüberging, schenkte mir
-Geld und versetzte mich dadurch in die Lage, mir gegen Ratenzahlung
-einen Anzug kaufen zu können.
-
-Und wissen Sie, Meister Pernath, wer mein Wohltäter war? --
-
-Mit Stolz sage ich es, denn ich war von jeher der einzige, der geahnt
-hat, welch goldenes Herz in seinem Busen schlägt: Es war -- Herr Aaron
-Wassertrum!« -- --
-
--- -- Ich verstand natürlich, daß Charousek seine Komödie auf den
-Trödler, der nebenan lauschte, gemünzt hatte, wenn mir auch unklar
-blieb, was er damit bezweckte; keinesfalls schien mir die allzuplumpe
-Schmeichelei geeignet, den mißtrauischen Wassertrum hinters Licht zu
-führen. Charousek erriet offenbar aus meiner bedenklichen Miene, was ich
-dachte, schüttelte grinsend den Kopf, und auch seine nächsten Worte
-sollten mir wahrscheinlich sagen, daß er seinen Mann genau kenne und
-wisse, wie dick er auftragen dürfe.
-
-»Jawohl! Herr -- Aaron -- Wassertrum! Es drückt mir fast das Herz ab,
-daß ich ihm nicht selbst sagen kann, wie unendlich dankbar ich ihm bin,
-und ich beschwöre Sie, Meister, verraten Sie ihm niemals, daß ich hier
-war und Ihnen alles erzählt habe. -- Ich weiß, die Selbstsucht der
-Menschen hat ihn verbittert und tiefes, unheilbares -- ach, leider nur
-zu gerechtfertigtes Mißtrauen in seine Brust gepflanzt.
-
-Ich bin Seelenarzt, aber auch mein Gefühl sagt mir, es ist am besten,
-Herr Wassertrum erfährt nie -- auch aus meinem Munde nicht -- wie hoch
-ich von ihm denke. -- Es hieße das: Zweifel in sein unglückliches Herz
-säen. Und das sei ferne von mir. Lieber soll er mich für undankbar
-halten.
-
-Meister Pernath! Ich bin selbst ein Unglücklicher und weiß von
-Kindesbeinen an, was es heißt, einsam und verlassen in der Welt zu
-stehen! Ich kenne nicht einmal den Namen meines Vaters. Auch mein
-Mütterlein habe ich niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie muß
-frühzeitig gestorben sein --« Charouseks Stimme wurde seltsam
-geheimnisvoll und eindringlich, -- »und war, wie ich bestimmt glaube,
-eine jener tiefseelisch angelegten Naturen, die nie sagen können, wie
-unendlich sie lieben, und zu denen auch Herr Aaron Wassertrum gehört.
-
-Ich besitze eine abgerissene Seite aus dem Tagebuch meiner Mutter -- ich
-trage das Blatt beständig auf der Brust -- und darin steht, daß sie
-meinen Vater, obschon er häßlich gewesen sein soll, geliebt hat, wie
-wohl noch nie ein sterbliches Weib auf Erden einen Mann geliebt hat.
-
-Dennoch scheint sie es ihm nie gesagt zu haben. -- Vielleicht aus
-ähnlichen Gründen, weshalb ich z. B. Herrn Wassertrum nicht sagen könnte
--- und wenn mir das Herz darüber bräche -- was ich für ihn an
-Dankbarkeit fühle.
-
-Aber noch eins geht aus dem Tagebuchblatt hervor, wenn ich es auch nur
-erraten kann, denn die Sätze sind fast unleserlich vor Tränenspuren:
-mein Vater, wer auch immer er gewesen war -- sein Andenken möge vergehen
-im Himmel und auf Erden! -- muß scheußlich an meiner Mutter gehandelt
-haben.«
-
--- Charousek fiel plötzlich auf die Knie, daß der Boden dröhnte, und
-schrie in so markerschütternden Tönen, daß ich nicht wußte, spielte er
-noch immer Komödie oder war er wahnsinnig geworden:
-
-»_Du Allmächtiger, dessen Namen der Mensch nicht aussprechen soll, hier
-auf meinen Knien liege ich vor dir: verflucht, verflucht, verflucht sei
-mein Vater in alle Ewigkeit!_«
-
-Er biß das letzte Wort förmlich entzwei und horchte eine Sekunde lang
-mit aufgerissenen Augen.
-
-Dann feixte er wie der Satan. Mir schien es, als hätte Wassertrum
-nebenan leise gestöhnt.
-
-»Verzeihen Sie, Meister,« fuhr Charousek nach einer Pause mit mimenhaft
-erstickter Stimme fort, »verzeihen Sie, daß es mich übermannt hat, aber
-es ist mein Gebet früh und spät, der Allmächtige wolle es fügen, daß
-mein Vater, wer immer er auch sein möge, dereinst das gräßlichste Ende
-nehme, das sich ausdenken läßt.«
-
-Ich wollte unwillkürlich etwas erwidern, allein Charousek unterbrach
-mich rasch:
-
-»Doch jetzt, Meister Pernath, komme ich zu der Bitte, die ich Ihnen
-vorzutragen habe:
-
-Herr Wassertrum besaß einen Schützling, den er über die Maßen ins Herz
-geschlossen hatte, -- es dürfte ein Neffe von ihm gewesen sein. Es heißt
-sogar, er sei sein Sohn gewesen, aber ich will es nicht glauben, denn
-sonst hätte er doch denselben Namen getragen, in Wirklichkeit aber hieß
-er: Wassory, Dr. Theodor Wassory.
-
-Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich ihn im Geiste vor mir sehe.
-Ich war ihm aus ganzer Seele zugetan, als hätte mich ein unmittelbares
-Band der Liebe und Verwandtschaft mit ihm verknüpft.«
-
-Charousek schluchzte, als könne er vor Ergriffenheit kaum
-weitersprechen.
-
-»Ach, daß dieser Edeling von der Erde gehen mußte! -- Ach! Ach!
-
-Was auch der Grund gewesen sein mag, -- ich habe ihn nie erfahren -- er
-hat sich selbst den Tod gegeben. Und ich war unter denen, die zu Hilfe
-gerufen wurden -- -- ach, ach, zu spät -- zu spät -- zu spät! Und als
-ich dann allein am Totenlager stand und seine kalte, bleiche Hand mit
-Küssen bedeckte, da -- warum soll ich es nicht eingestehen, Meister
-Pernath? -- es war ja doch kein Diebstahl -- da nahm ich eine Rose von
-der Brust der Leiche und eignete mir das Fläschchen an, mit dessen
-Inhalt der Unglückliche seinem blühenden Leben ein schnelles Ende
-bereitet hatte.«
-
-Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr bebend fort:
-
-»Beides -- lege -- ich -- hier -- auf -- Ihren Tisch, die verdorrte Rose
-und die Phiole; sie waren mir ein Andenken an meinen dahingegangenen
-Freund.
-
-Wie oft in Stunden innerer Verlassenheit, wenn ich mir den Tod
-herbeiwünschte in der Einsamkeit meines Herzens und der Sehnsucht nach
-meiner toten Mutter, spielte ich mit diesem Fläschchen, und es gab mir
-einen seligen Trost, zu wissen: _ich brauchte nur die Flüssigkeit auf
-ein Tuch zu gießen und einzuatmen_ und schwebte schmerzlos hinüber in
-die Gefilde, wo mein lieber, guter Theodor ausruht von den Mühsalen
-unseres Jammertales.
-
-Und nun bitte ich Sie, hochverehrter Meister, -- und deswegen bin ich
-hergekommen -- nehmen Sie beides und bringen Sie es Herrn Wassertrum.
-
-Sagen Sie, Sie hätten es von jemandem bekommen, dem Dr. Wassory
-nahestand, dessen Namen Sie jedoch gelobt hätten, nie zu nennen, --
-vielleicht von einer Dame.
-
-Er wird es glauben, und es wird ihm ein Andenken sein, wie es ein teures
-Andenken für mich war.
-
-Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe. Ich bin arm und es
-ist alles, was ich habe, aber es macht mich froh, zu wissen: beides wird
-jetzt _ihm_ gehören, und dennoch ahnt er nicht, daß _ich_ der Geber bin.
-
-Es liegt darin auch zugleich für mich etwas unendlich Süßes.
-
-Und jetzt leben Sie wohl, teurer Meister, und seien Sie im voraus viel
-tausendmal bedankt.«
-
-Er hielt meine Hand fest, zwinkerte und flüsterte mir, als ich noch
-immer nicht verstand, kaum hörbar etwas zu.
-
-»Warten Sie, Herr Charousek, ich werde Sie ein Stückchen
-hinunterbegleiten«, sagte ich mechanisch die Worte nach, die ich von
-seinen Lippen las, und ging mit ihm hinaus.
-
-Auf dem finsteren Treppenabsatz im ersten Stock blieben wir stehen, und
-ich wollte mich von Charousek verabschieden.
-
-»Ich kann mir denken, was Sie mit der Komödie bezweckt haben. -- -- Sie
--- Sie wollen, daß sich Wassertrum mit dem Fläschchen vergiftet!« Ich
-sagte es ihm ins Gesicht.
-
-»Freilich«, gab Charousek aufgeräumt zu.
-
-»Und _dazu_, glauben Sie, werde ich meine Hand bieten?«
-
-»Durchaus nicht nötig.«
-
-»Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen, sagten Sie
-vorhin!«
-
-Charousek schüttelte den Kopf:
-
-»Wenn Sie jetzt zurückgehen, werden Sie sehen, daß er sie bereits
-eingesteckt hat.«
-
-»Wie können Sie das nur annehmen?«, fragte ich erstaunt. »Ein Mensch wie
-Wassertrum wird sich niemals umbringen, -- ist viel zu feig dazu --
-handelt nie nach plötzlichen Impulsen.«
-
-»Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion nicht,« unterbrach
-mich Charousek ernst. »Hätte ich in alltäglichen Worten geredet, würden
-Sie vielleicht recht behalten, aber auch den kleinsten Tonfall habe ich
-vorher berechnet. Nur das widerlichste Pathos wirkt auf solche
-Hundsfötter! Glauben Sie mir! Sein Mienenspiel bei jedem meiner Sätze
-hätte ich Ihnen hinzeichnen können. -- Kein >Kitsch<, wie es die Maler
-nennen, ist niederträchtig genug, als daß er nicht der bis ins Mark
-verlogenen Menge Tränen entlockte -- sie ins Herz trifft! Glauben Sie
-denn, man hätte nicht längst sämtliche Theater mit Feuer und Schwert
-ausgetilgt, wenn es anders wäre? An der Sentimentalität erkennt man die
-Kanaille. Tausende armer Teufel können verhungern, da wird nicht
-geweint, aber wenn ein Schminkkamel auf der Bühne, als Bauerntrampel
-verkleidet, die Augen verdreht, dann heulen sie wie die Schloßhunde. --
--- Wenn Väterchen Wassertrum vielleicht auch morgen vergessen hat, was
-ihm soeben noch -- Herzjauche kostete: jedes meiner Worte wird wieder in
-ihm lebendig werden, wenn die Stunden reifen, wo er sich selbst
-unendlich bedauernswert vorkommt. -- In solchen Momenten des großen
-Misereres bedarf es bloß eines leisen Anstoßes, -- und für den werde ich
-sorgen -- und selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift. Es muß nur
-zur Hand sein! Theodorchen hätte wahrscheinlich auch nicht zugegrapst,
-wenn ich's ihm nicht so bequem gemacht hätte.«
-
-»Charousek, Sie sind ein furchtbarer Mensch,« rief ich entsetzt.
-»Empfinden Sie denn gar kein -- -- --«
-
-Er hielt mir schnell den Mund zu und drängte mich in eine Mauernische!
-
-»Still! Da ist er!«
-
-Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand stützend, kam Wassertrum die
-Stiege herunter und wankte an uns vorüber.
-
-Charousek schüttelte mir flüchtig die Hand und schlich ihm nach. -- --
-
-Als ich in mein Zimmer zurückgekehrt war, sah ich, daß die Rose und das
-Fläschchen verschwunden waren und an ihrer Stelle die goldene, zerbeulte
-Uhr des Trödlers auf dem Tisch lag.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
->Acht Tage müsse ich warten, ehe ich mein Geld bekommen könne; es sei
-das die übliche Kündigungsfrist<, hatte man mir auf der Bank gesagt.
-
-Man solle den Direktor holen, denn ich sei in größter Eile und gedächte
-in einer Stunde abzureisen, hatte ich eine Ausrede gebraucht.
-
-Er sei nicht zu sprechen und könne an den Gepflogenheiten der Bank auch
-nichts ändern, hieß es, und ein Kerl mit einem Glasauge, der zugleich
-mit mir an den Schalter getreten war, hatte darüber gelacht.
-
-Acht graue, furchtbare Tage auf den Tod sollte ich also warten!
-
-Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor. -- -- --
-
-Ich war so niedergeschlagen, daß ich mir gar nicht bewußt wurde, wie
-lange ich schon vor der Türe eines Kaffeehauses auf und
-niedergeschritten sein mochte.
-
-Endlich trat ich ein, bloß um den widerwärtigen Kerl mit dem Glasauge
-los zu werden, der mir von der Bank her nachgekommen war und sich immer
-in meiner Nähe hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden
-herumsuchte, als habe er etwas verloren.
-
-Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an und schwarze,
-speckglänzende Hosen, die ihm wie Säcke um die Beine schlotterten. Auf
-seinem linken Stiefel war ein eiförmiger, gewölbter Lederfleck
-aufgesteppt, daß es aussah, als trüge er darunter einen Siegelring auf
-der Zehe.
-
-Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein und ließ sich an
-einem Nebentisch nieder.
-
-Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon nach meinem
-Portemonnaie, da sah ich einen großen Brillanten an seinen wulstigen
-Metzgerfingern aufblitzen.
-
-Stunden und Stunden saß ich in dem Kaffeehause und glaubte vor innerer
-Nervosität wahnsinnig werden zu müssen, -- aber wohin sollte ich gehen?
-Nach Hause? Herumschlendern? Eines schien mir gräßlicher als das andere.
-
-Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der Billardkugeln, das
-trockene, unaufhörliche Geräusper eines halbblinden Zeitungstigers mir
-gegenüber, ein storchbeiniger Zollbeamter, der abwechselnd in der Nase
-bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel
-den Schnurrbart kämmte, ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafte,
-verschwitzter, schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke,
-die bald unter gellem Gekreisch ihre Trümpfe mit dem Faustknöchel
-hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen ins Zimmer spuckten. Und das
-alles in den Wandspiegeln doppelt und dreifach sehen zu müssen! Es sog
-mir langsam das Blut aus den Adern. -- --
-
-Es wurde allmählich dunkel und ein plattfüßiger, knieweicher Kellner
-tastete mit einer Stange nach den Gaslüstern, um sich endlich
-kopfschüttelnd zu überzeugen, daß sie nicht brennen wollten.
-
-So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich dem schielenden
-Wolfsblick des Glasäugigen, der sich dann jedesmal rasch hinter eine
-Zeitung versteckte oder seinen schmutzigen Schnurrbart in die längst
-ausgetrunkene Kaffeetasse tauchte.
-
-Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestülpt, daß ihm die Ohren
-fast wagerecht abstanden, machte aber keine Miene, aufzubrechen.
-
-Es war nicht mehr auszuhalten.
-
-Ich zahlte und ging.
-
-Wie ich die Glastür hinter mir zumachen wollte, nahm mir jemand die
-Klinke aus der Hand. -- Ich drehte mich um:
-
-Wieder der Kerl!
-
-Ärgerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung der Judenstadt
-zu, da drängte er sich an meine Seite und hinderte mich daran.
-
-»Da hört denn doch alles auf!« schrie ich ihn an.
-
-»Nach rechts geht's,« sagte er kurz.
-
-»Was soll das heißen?«
-
-Er fixierte mich frech:
-
-»Sie sind der Pernath!«
-
-»Sie wollen wahrscheinlich sagen: _Herr_ Pernath?«
-
-Er lachte nur hämisch:
-
-»Alsdann keine Faxen jetz! Sie gäh'n Sie mit!«
-
-»Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?«, fuhr ich auf.
-
-Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zurück und zeigte vorsichtig
-auf einen abgeschabten Blechadler, der im Futter festgesteckt war.
-
-Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich.
-
-»So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist denn los?«
-
-»Sie werden sich's schonn erfahrrähn. Auf dem Däpartemänt«, erwiderte er
-grob. »Alla marsch jetz!«
-
-Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen.
-
-»Nix da!«
-
-Wir gingen zur Polizei.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ein Gendarm führte mich vor eine Tür.
-
- ALOIS OTSCHIN
- Polizeirat
-
-las ich auf der Porzellantafel.
-
-»Sie kännen sich einträtten«, sagte der Gendarm.
-
-Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufsätzen standen einander
-gegenüber.
-
-Ein paar verkraxte Stühle dazwischen.
-
-Das Bild des Kaisers an der Wand.
-
-Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett.
-
-Sonst nichts im Zimmer.
-
-Ein Klumpfuß und daneben ein dicker Filzschuh unter zerfransten grauen
-Hosen hinter dem linken Schreibpult.
-
-Ich hörte rascheln. Jemand murmelte ein paar Worte in böhmischer Sprache
-und gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten
-Schreibtisch auf und trat vor mich hin.
-
-Es war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und hatte die sonderbare
-Manier, bevor er anfing zu reden, die Zähne zu fletschen wie jemand, der
-in grelles Sonnenlicht schaut.
-
-Dabei kniff er die Augen hinter den Brillengläsern zusammen, was ihm den
-Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh.
-
-»Sie heißen Athanasius Pernath und sind« -- er blickte auf ein Blatt
-Papier, auf dem nichts stand -- »Gemmenschneider«.
-
-Sofort kam Leben in den Klumpfuß unter dem anderen Schreibtisch: er
-wetzte sich an dem Stuhlbein, und ich hörte das Rauschen einer
-Schreibfeder.
-
-Ich bejahte: »Pernath. Gemmenschneider.«
-
-»No, da sin wir ja gleich beisammen, Herr -- -- -- Pernath, -- jawohl
-Pernath. Ja wohl ja.« -- Der Herr Polizeirat war mit einem Schlag von
-erstaunlicher Liebenswürdigkeit, als hätte er die erfreulichste
-Nachricht von der Welt bekommen, streckte mir beide Hände entgegen und
-bemühte sich in lächerlicher Weise, die Miene eines Biedermannes
-aufzusetzen.
-
-»Also, Herr Pernath, erzählen Sie mir einmal, was treiben Sie so den
-ganzen Tag?«
-
-»Ich glaube, daß Sie das nichts angeht, Herr Otschin«, antwortete ich
-kalt.
-
-Er kniff die Augen zusammen, wartete einen Moment und fuhr dann
-blitzschnell los:
-
-»Seit wann hat die Gräfin ihr Verhältnis mit dem Savioli?«
-
-Ich war auf etwas Ähnliches gefaßt gewesen und zuckte nicht mit der
-Wimper.
-
-Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen in Widersprüche zu
-verwickeln, aber, so sehr mir auch vor Entsetzen das Herz im Halse
-schlug, ich verriet mich nicht und kam immer wieder darauf zurück, daß
-ich den Namen Savioli nie gehört hätte, mit Angelina von meinem Vater
-her befreundet sei, und daß sie schon öfter Kameen bei mir bestellt
-habe.
-
-Ich fühlte trotzdem genau, daß der Polizeirat mir ansah, wie ich ihn
-belog, und innerlich schäumte vor Wut, nichts aus mir herausbekommen zu
-können.
-
-Er dachte eine Weile nach, dann zog er mich am Rock dicht an sich,
-deutete warnend mit dem Daumen auf den linken Schreibtisch und flüsterte
-mir ins Ohr:
-
-»Athanasius! Ihr seliger Vater war mein bester Freund. Ich will Sie
-retten, Athanasius! Aber Sie müssen mir alles sagen über die Gräfin. --
-Hören Sie: alles.«
-
-Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. »Was meinen Sie damit: Sie
-wollen mich retten?«, fragte ich laut.
-
-Der Klumpfuß stampfte ärgerlich auf den Boden. Der Polizeirat wurde
-aschgrau im Gesicht vor Haß. Zog die Lippe empor. Wartete. -- Ich wußte,
-daß er gleich wieder losspringen würde; (sein Verblüffungssystem
-erinnerte mich an Wassertrum) und ich wartete ebenfalls, -- sah, daß ein
-Bocksgesicht, der Inhaber des Klumpfußes, lauernd hinter dem
-Schreibpulte auftauchte -- -- dann schrie mich der Polizeirat plötzlich
-gellend an:
-
-»_Mörder_«.
-
-Ich war sprachlos vor Verblüffung.
-
-Mißmutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein Pult zurück.
-
-Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten über meine Ruhe,
-versteckte es aber geschickt, indem er einen Stuhl herbeizog und mich
-aufforderte, Platz zu nehmen.
-
-»Sie verweigern also, über die Gräfin die von mir gewünschte Auskunft zu
-geben, Herr Pernath?«
-
-»Ich kann sie nicht geben, Herr Polizeirat, wenigstens nicht in dem
-Sinne, wie Sie erwarten. Erstens kenne ich niemand namens Savioli, und
-dann bin ich felsenfest überzeugt, daß es eine Verleumdung ist, wenn man
-der Gräfin nachsagt, sie hintergehe ihren Gatten.«
-
-»Sind Sie bereit, das zu beeiden?«
-
-Mir stockte der Atem. »Ja! Jederzeit.«
-
-»Gut. Hm.«
-
-Eine längere Pause entstand, während der der Polizeirat angestrengt
-nachzugrübeln schien.
-
-Als er mich wieder anblickte, lag ein komödiantenhafter Zug von
-Schmerzlichkeit in seiner Fratze. Unwillkürlich mußte ich an Charousek
-denken, wie er dann mit tränenerstickter Stimme anfing:
-
-»Mir können Sie es doch sagen, Athanasius, -- mir, dem alten Freund
-Ihres Vaters, -- mir, der Sie auf den Armen getragen hat --« ich konnte
-das Lachen kaum verbeißen: er war höchstens zehn Jahre älter als ich --
-»nicht wahr, Athanasius, es war Notwehr?«
-
-Das Bockgesicht erschien abermals.
-
-»Was war Notwehr?«, fragte ich verständnislos.
-
-»Das mit dem -- -- -- _Zottmann_!« schrie mir der Polizeirat einen Namen
-ins Gesicht.
-
-Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann! Zottmann! Die Uhr! Der
-Name Zottmann stand doch in der Uhr eingraviert.
-
-Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen strömte: Der grauenhafte
-Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben, um den Verdacht des Mordes auf
-mich zu lenken!
-
-Sofort warf der Polizeirat die Maske ab, fletschte die Zähne und kniff
-die Augen zusammen:
-
-»Sie gestehen also den Mord ein, Pernath?«
-
-»Das alles ist ein Irrtum, ein entsetzlicher Irrtum. Um Gottes willen
-hören Sie mich an. Ich kann es Ihnen erklären, Herr Polizeirat -- --!«,
-schrie ich.
-
-»Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf die Frau Gräfin«,
-unterbrach er mich rasch: »ich mache Sie aufmerksam: Sie verbessern Ihre
-Lage damit.«
-
-»Ich kann nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist: die Gräfin ist
-unschuldig«.
-
-Er biß die Zähne zusammen und wandte sich an das Bocksgesicht:
-
-»Schreiben Sie: -- Also, Pernath gesteht den Mord an dem
-Versicherungsbeamten Karl Zottmann ein«.
-
-Mich packte eine besinnungslose Wut.
-
-»Sie Polizeikanaille!« brüllte ich los, »was unterstehen Sie sich?!«
-
-Ich suchte nach einem schweren Gegenstand.
-
-Im nächsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute gepackt und mir
-Handschellen angelegt.
-
-Der Polizeirat blähte sich jetzt wie der Hahn auf dem Mist:
-
-»Und die Uhr da?«, -- er hielt plötzlich die verbeulte Uhr in der Hand,
--- »hat der unglückliche Zottmann noch gelebt, als Sie ihn beraubten,
-oder nicht?«
-
-Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit klarer Stimme zu
-Protokoll:
-
-»Die Uhr hat mir heute vormittag der Trödler Aaron Wassertrum --
-geschenkt.«
-
-Ein wieherndes Gelächter brach los, und ich sah, wie der Klumpfuß und
-der Filzpantoffel mitsammen einen Freudentanz unter dem Schreibtisch
-aufführten.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Qual
-
-
-Die Hände gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett,
-mußte ich durch die abendlich beleuchteten Straßen gehen.
-
-Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und rechts mit, Weiber
-rissen die Fenster auf, drohten mit Kochlöffeln herunter und schimpften
-hinter mir drein.
-
-Schon von weitem sah ich den massigen Steinwürfel des Gerichtsgebäudes
-mit der Inschrift auf dem Giebel herannahen:
-
- »Die strafende Gerechtigkeit ist
- die Beschirmung aller Braven.«
-
-Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer, in dem es nach
-Küche stank.
-
-Ein vollbärtiger Mann mit Säbel, Beamtenrock und -mütze, barfuß und die
-Beine in langen, um die Knöchel zusammengebundenen Unterhosen, stand
-auf, stellte die Kaffeemühle, die er zwischen den Knien hielt, weg und
-befahl mir, mich auszuziehen.
-
-Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus, was er darin fand,
-und fragte mich, ob ich -- Wanzen hätte.
-
-Als ich verneinte, zog er mir die Ringe von den Fingern und sagte, es
-sei gut, ich könne mich wieder ankleiden.
-
-Man führte mich mehrere Stockwerke hinauf und durch Gänge, in denen
-vereinzelt große, graue, verschließbare Kisten in den Fensternischen
-standen.
-
-Eiserne Türen mit Riegelstangen und kleinen, vergitterten Ausschnitten,
-über jedem eine Gasflamme, zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand
-entlang. Ein hünenhafter, soldatisch aussehender Gefangenwärter -- das
-erste ehrliche Gesicht seit Stunden -- sperrte eine der Türen auf, schob
-mich in eine dunkle, schrankartige, pestilenzialisch stinkende Öffnung
-und schloß hinter mir ab.
-
-Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte mich zurecht.
-
-Mein Knie stieß an einen Blechkübel.
-
-Endlich erwischte ich -- der Raum war so eng, daß ich mich kaum umdrehen
-konnte -- eine Klinke, und stand in -- einer Zelle.
-
-Je zwei und zwei Pritschen mit Strohsäcken an den Mauern.
-
-Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit.
-
-Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der Querwand ließ den matten
-Schein des Nachthimmels herein.
-
-Unerträgliche Hitze, vom Geruch alter Kleider verpestete Luft erfüllte
-den Raum.
-
-Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß auf
-drei der Pritschen -- die vierte war leer -- Menschen in grauen
-Sträflingskleidern saßen; die Arme auf die Knie gestützt und die
-Gesichter in den Händen vergraben.
-
-Keiner sprach ein Wort.
-
-Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete. Wartete.
-
-Eine Stunde.
-
-Zwei -- drei Stunden!
-
-Wenn ich draußen einen Schritt zu hören glaubte, fuhr ich auf:
-
-Jetzt, jetzt kam man mich holen, um mich dem Untersuchungsrichter
-vorzuführen.
-
-Jedesmal war es eine Täuschung gewesen. Immer wieder verloren sich die
-Schritte auf dem Gang.
-
-Ich riß mir den Kragen auf -- glaubte, ersticken zu müssen.
-
-Ich hörte, wie ein Gefangener nach dem andern sich ächzend ausstreckte.
-
-»Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen?«, fragte ich voll
-Verzweiflung laut in die Dunkelheit hinein. Ich erschrak fast vor meiner
-eigenen Stimme.
-
-»Es geht net,« antwortete es mürrisch von einem der Strohsäcke herüber.
-
-Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand entlang: ein Brett
-in Brusthöhe lief quer hin -- -- -- zwei Wasserkrüge -- -- -- Stücke von
-Brotrinden.
-
-Mühsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstäben und preßte
-das Gesicht an die Fensterritzen, um wenigstens etwas frische Luft zu
-atmen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-So stand ich, bis mir die Knie zitterten. Eintöniger, schwarzgrauer
-Nachtnebel vor meinen Augen.
-
-Die kalten Eisenstäbe schwitzten.
-
-Es mußte bald Mitternacht sein.
-
-Hinter mir hörte ich schnarchen. Nur einer schien nicht schlafen zu
-können: er warf sich hin und her auf dem Stroh und stöhnte manchmal
-halblaut auf.
-
-Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen?! Da! Es schlug wieder.
-
-Ich zählte mit bebenden Lippen:
-
-Eins, zwei, drei! -- Gott sei Dank, nur noch wenige Stunden, dann mußte
-die Dämmerung kommen. Es schlug weiter:
-
-Vier? fünf? -- Der Schweiß trat mir auf die Stirn. -- Sechs!! -- Sieben
--- -- -- es war _elf_ Uhr.
-
-Erst eine Stunde war vergangen, seit ich das letzte Mal hatte schlagen
-hören.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Allmählich legten sich meine Gedanken zurecht:
-
-Wassertrum hatte mir die Uhr des vermißten Zottmann zugespielt, um mich
-in Verdacht zu bringen, einen Mord begangen zu haben. -- Er mußte also
-selbst der Mörder sein; wie hätte er sonst in den Besitz der Uhr kommen
-können? Würde er die Leiche irgendwo gefunden und dann erst beraubt
-haben, hätte er sich bestimmt die tausend Gulden Belohnung geholt, die
-für die Entdeckung des Vermißten öffentlich ausgesetzt waren. -- Das
-konnte aber nicht sein: die Plakate klebten noch immer an den
-Straßenecken, wie ich deutlich auf meinem Weg ins Gefängnis gesehen
-hatte. -- -- --
-
-Daß der Trödler mich angezeigt haben mußte, war klar.
-
-Ebenso: daß er mit dem Polizeirat, wenigstens was Angelina betraf, unter
-einer Decke steckte. Wozu sonst das Verhör wegen Savioli?
-
-Andererseits ging daraus hervor, daß Wassertrum Angelinas Briefe _noch
-nicht_ in Händen hatte.
-
-Ich grübelte nach -- -- --
-
-Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher Deutlichkeit vor mir, als
-wäre ich selbst dabei gewesen.
-
-Ja; nur so konnte es sein: Wassertrum hatte meine eiserne Kassette, in
-der er Beweise vermutete, heimlich an sich genommen, als er gerade mit
-seinen Polizeikomplizen meine Wohnung durchstöberte, -- konnte sie nicht
-sogleich öffnen, da ich den Schlüssel bei mir trug und war -- -- --
-vielleicht gerade jetzt daran, sie in seiner Höhle aufzubrechen.
-
-In wahnsinniger Verzweiflung rüttelte ich an den Gitterstäben, sah
-Wassertrum im Geiste vor mir, wie er in Angelinas Briefen wühlte -- --
-
-Wenn ich nur Charousek benachrichtigen könnte, daß er Savioli wenigstens
-rechtzeitig warnen ging!
-
-Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung, meine Verhaftung
-müsse bereits wie ein Lauffeuer in der Judenstadt bekannt geworden sein,
-und ich vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel. Gegen
-seine infernalische Schlauheit kam der Trödler nicht auf; »Ich werde ihn
-genau in der Stunde an der Gurgel haben, in der er Dr. Savioli an den
-Hals will,« hatte Charousek schon einmal gesagt.
-
-In der nächsten Minute wieder verwarf ich alles und eine wilde Angst
-packte mich: Wie, wenn Charousek zu spät kam?
-
-Dann war Angelina verloren. -- -- --
-
-Ich biß mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue, daß
-ich die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte; -- -- -- ich schwor
-es mir zu, Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen,
-wo ich wieder auf freiem Fuß sein würde.
-
-Ob ich von eigner Hand starb oder am Galgen -- was lag mir daran!
-
-Daß der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben würde, wenn ich ihm
-die Geschichte mit der Uhr plausibel machte, ihm von Wassertrums
-Drohungen erzählte, -- keinen Augenblick zweifelte ich daran.
-
-Bestimmt morgen schon mußte ich frei sein; zumindest würde das Gericht
-auch Wassertrum wegen Mordverdacht verhaften lassen.
-
-Ich zählte die Stunden und betete, daß sie rascher vergehen möchten;
-starrte hinaus in den schwärzlichen Dunst.
-
-Nach unsäglich langer Zeit fing es endlich an, heller zu werden, und
-zuerst wie ein dunkler Fleck, dann immer deutlicher, tauchte ein
-kupfernes, riesiges Gesicht aus dem Nebel: das Zifferblatt einer alten
-Turmuhr. Doch die _Zeiger fehlten_; -- neuerliche Qual.
-
-Dann schlug es fünf.
-
-Ich hörte, wie die Gefangenen erwachten und gähnend eine Unterhaltung in
-böhmischer Sprache führten.
-
-Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich um, stieg von dem Brett
-herunter und -- sah den blatternarbigen Loisa auf der Pritsche,
-gegenüber der meinigen, sitzen und mich verwundert anstarren.
-
-Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und
-musterten mich geringschätzig.
-
-»Defraudant? Was?«, fragte der eine halblaut seinen Kameraden und stieß
-ihn mit dem Ellenbogen an.
-
-Der Gefragte brummte verächtlich irgend etwas, kramte in seinem
-Strohsack, holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden.
-
-Dann schüttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf, kniete nieder,
-bespiegelte sich darin und kämmte sich mit den Fingern das Haar in die
-Stirn.
-
-Hierauf trocknete er das Papier mit zärtlicher Sorgfalt ab und
-versteckte es wieder unter der Pritsche.
-
-»Pan Pernath, Pan Pernath,« murmelte Loisa dabei beständig mit
-aufgerissenen Augen vor sich hin, wie jemand, der ein Gespenst sieht.
-
-»Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerkö,« sagte der Ungekämmte,
-dem dies auffiel, in dem geschraubten Dialekt eines tschechischen
-Wieners und machte mir spöttisch eine halbe Verbeugung: »Erlaubens mich
-vorzustellen: Vóssatka ist mein Name. Der schwarze Vóssatka. -- -- --
-Brandstiftung,« setzte er eine Oktave tiefer stolz hinzu.
-
-Der Frisierte spuckte zwischen den Zähnen durch, blickte mich eine Weile
-verächtlich an, deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch:
-
-»Einbruch.«
-
-Ich schwieg.
-
-»No, und zweng wos für einen Verdachtö sin Sie hier, Herr Graf?« fragte
-der Wiener nach einer Pause.
-
-Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: »Wegen Raubmord«.
-
-Die beiden fuhren verblüfft auf, der spöttische Ausdruck auf ihren
-Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz, und sie
-riefen fast wie aus einem Munde:
-
-»Räschpäkt, Räschpäkt.«
-
-Als sie sahen, daß ich keine Notiz von ihnen nahm, zogen sie sich in die
-Ecke zurück und unterhielten sich flüsternd miteinander.
-
-Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir, prüfte schweigend die
-Muskeln meines Oberarms und ging dann kopfschüttelnd zu seinem Freund
-zurück.
-
-»Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den Zottmann ermordet zu
-haben?« fragte ich Loisa unauffällig.
-
-Er nickte. »Ja, schon lang.«
-
-Wieder vergingen einige Stunden.
-
-Ich schloß die Augen und stellte mich schlafend.
-
-»Herr Pernath. Herr Pernath!« hörte ich plötzlich ganz leise Loisas
-Stimme.
-
-»Ja?« -- -- -- Ich tat, als erwachte ich.
-
-»Herr Pernath? Bitte entschuldigen Sie, -- bitte -- bitte, wissen Sie
-nicht, was die Rosina macht? -- Ist sie zu Hause?«, stotterte der arme
-Bursche. Er tat mir unendlich leid, wie er mit seinen entzündeten Augen
-an meinen Lippen hing und vor Aufregung die Hände verkrampfte.
-
-»Es geht ihr gut. Sie -- sie ist jetzt Kellnerin beim -- -- alten
-Ungelt«, log ich.
-
-Ich sah, wie er erleichtert aufatmete.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Zwei Sträflinge hatten auf einem Brett Blechtöpfe mit heißem Wurstabsud
-stumm hereingebracht und drei davon in die Zelle gestellt, dann knallten
-nach einigen Stunden abermals die Riegel und der Aufseher führte mich
-zum Untersuchungsrichter.
-
-Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir treppauf, treppab
-schritten.
-
-»Glauben Sie, ist es möglich, daß ich heute noch freigelassen werde?«,
-fragte ich den Aufseher beklommen.
-
-Ich sah, wie er mitleidig ein Lächeln unterdrückte. »Hm. Heute noch? Hm
--- -- Gott, -- möglich ist ja alles.« --
-
-Mir wurde eiskalt.
-
-Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tür und einen Namen:
-
- KARL FREIHERR VON LEISETRETER
- Untersuchungsrichter
-
-Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte mit meterhohen
-Aufsätzen.
-
-Ein alter, großer Mann mit weißem, geteiltem Vollbart, schwarzem
-Gehrock, roten, wulstigen Lippen, knarrenden Stiefeln.
-
-»Sie sind Herr Pernath?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Gemmenschneider?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Zelle Nr. 70?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Des Mordes an Zottmann verdächtig?«
-
-»Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter -- --«
-
-»_Des Mordes an Zottmann verdächtig?_«
-
-»Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es. Aber -- --«
-
-»Geständig?«
-
-»Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter, ich bin doch
-unschuldig!«
-
-»_Geständig?_«
-
-»Nein.«
-
-»Dann verhänge ich die Untersuchungshaft über Sie. -- Führen Sie den
-Mann hinaus, Gefangenwärter.«
-
-»Bitte, so hören Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter, -- ich muß
-unbedingt heute noch zu Hause sein. Ich habe wichtige Dinge zu
-veranlassen -- --«
-
-Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand.
-
-Der Herr Baron schmunzelte. --
-
-»Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und immer noch saß ich in der
-Zelle.
-
-Um zwölf Uhr durften wir täglich hinunter in den Gefängnishof und mit
-anderen Untersuchungsgefangenen und Sträflingen zu zweit 40 Minuten im
-Kreis herumgehen auf der nassen Erde.
-
-Miteinander zu reden, war verboten.
-
-In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender Baum, in dessen
-Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war.
-
-An den Mauern wuchsen kümmerliche Ligusterstauden, die Blätter fast
-schwarz vom fallenden Ruß.
-
-Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein kittgraues Gesicht
-mit blutleeren Lippen herunterschaute.
-
-Dann ging's wieder hinauf in die gewohnten Grüfte zu Brot, Wasser und
-Wurstabsud und Sonntags zu faulenden Linsen.
-
-Erst einmal war ich wieder vernommen worden:
-
-Ob ich Zeugen hätte, daß mir »Herr« Wassertrum angeblich die Uhr
-geschenkt habe?
-
-»Ja: Herrn Schemajah Hillel -- -- das heißt -- nein« (ich erinnerte
-mich, er war nicht dabei gewesen) -- -- »aber Herr Charousek -- nein,
-auch er war ja nicht dabei.«
-
-»Kurz: also niemand war dabei?«
-
-»Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter.«
-
-Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das:
-
-»Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter!« -- -- --
-
-Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen: Der
-Zeitpunkt, wo ich um sie zittern mußte, war vorüber. Entweder
-Wassertrums Racheplan war längst geglückt, oder Charousek hatte
-eingegriffen, sagte ich mir.
-
-Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn.
-
-Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf wartete, daß sich
-das Wunder erneuere, -- wie sie früh am Morgen, wenn der Bäcker kam,
-hinauslief und mit bebenden Händen das Brot untersuchte, -- wie sie
-vielleicht um meinetwillen vor Angst verging.
-
-Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf, und ich stieg auf das
-Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und
-verzehrte mich in dem Wunsch, meine Gedanken möchten zu Hillel dringen
-und ihm ins Ohr schreien, er solle Mirjam helfen und sie erlösen von der
-Qual des Hoffens auf ein Wunder.
-
-Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an, bis mir
-die Brust fast zersprang, -- um das Bild meines Doppelgängers vor mich
-zu zwingen, damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost.
-
-Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den Buchstaben:
-Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte
-aufschreien vor Jubel, daß jetzt alles wieder gut würde, aber er war in
-den Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte, Mirjam zu
-erscheinen. -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Daß ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden!
-
-Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken? fragte ich meine
-Zellengenossen.
-
-Sie wußten es nicht.
-
-Sie hätten noch nie welche bekommen -- allerdings wäre auch niemand da,
-der ihnen schreiben könnte, sagten sie.
-
-Der Gefangenwärter versprach mir, sich gelegentlich zu erkundigen. -- --
-
-Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen und mein Haar verwildert,
-denn Schere, Kamm und Bürste gab es nicht.
-
-Auch kein Wasser zum Waschen.
-
-Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz, denn der Wurstabsud war
-mit Soda gewürzt statt mit Salz. -- -- Eine Gefängnisvorschrift, um dem
-»Überhandnehmen des Geschlechtstriebes vorzubeugen«. -- --
-
-Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintönigkeit.
-
-Drehte sich im Kreis wie ein Rad der Qual.
-
-Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo plötzlich
-einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und niederlief wie
-ein wildes Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen
-zu lassen und stumpfsinnig weiter zu warten -- zu warten -- zu warten.
-
-Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen über die
-Wände und ich fragte mich erstaunt, warum denn der Kerl in Säbel und
-Unterhosen mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein
-Ungeziefer hätte.
-
-Fürchtete man vielleicht im Landesgericht, es könne eine Kreuzung
-_fremder_ Insektenrassen entstehen?
-
-Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf herein mit
-Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen: Der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt,
-und überzeugte sich, daß alle vor Gesundheit strotzten.
-
-Und wenn einer sich beschwerte, gleichgültig worüber, so verschrieb er
--- Zinksalbe zum Einreiben der Brust.
-
-Einmal kam auch der Landesgerichtspräsident -- ein hochgewachsener,
-parfümierter Halunke der »guten Gesellschaft«, dem die gemeinsten Laster
-im Gesicht geschrieben standen, und sah nach, ob -- alles in Ordnung
-sei: »ob sich noch immer kaner derhenkt hobe«, wie sich der Frisierte
-ausdrückte.
-
-Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er
-einen Satz hinter den Gefangenwärter gemacht und mir einen Revolver
-vorgehalten. -- »Was ich denn wolle«, schrie er mich an.
-
-Ob Briefe für mich da seien, fragte ich höflich. Statt der Antwort bekam
-ich einen Stoß vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf
-das Weite suchte. Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte
-durch den Türausschnitt: -- ich solle lieber den Mord gestehen. Eher
-bekäme ich in diesem Leben keine Briefe.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die Hitze gewöhnt und
-fröstelte beständig. Selbst, wenn die Sonne schien.
-
-Zwei der Gefangenen hatten schon einige Mal gewechselt, aber ich achtete
-nicht darauf. Diese Woche war es ein Taschendieb und ein Wegelagerer,
-das nächste Mal ein Falschmünzer oder ein Hehler, die hereingeführt
-wurden.
-
-Was ich gestern erlebte, war heute vergessen.
-
-Gegen das Wühlen der Sorge um Mirjam verblaßten alle äußern
-Begebenheiten.
-
-Nur _ein_ Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprägt -- es verfolgte mich
-zuweilen als Zerrbild bis in den Traum.
-
-Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu
-starren, da fühlte ich plötzlich, daß mich ein spitzer Gegenstand in die
-Hüfte stach, und als ich nachsah, bemerkte ich, daß es die Feile gewesen
-war, die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt
-hatte. Sie mußte schon lange dort gesteckt haben, sonst hätte sie der
-Mann in der Flurstube gewiß bemerkt.
-
-Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack.
-
-Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, und ich zweifelte
-keinen Augenblick, daß nur Loisa sie genommen haben konnte.
-
-Einige Tage später holte man ihn aus der Zelle, um ihn einen Stock
-tiefer unterzubringen.
-
-Es dürfe nicht sein, daß zwei Untersuchungsgefangene, die desselben
-Verbrechens beschuldigt wären, wie er und ich, in der gleichen Zelle
-säßen, hatte der Gefangenwärter gesagt.
-
-Von ganzem Herzen wünschte ich, es möchte dem armen Burschen gelingen,
-sich mit Hilfe der Feile zu befreien.
-
-
-
-
- Mai
-
-
-Auf meine Frage, welches Datum denn wäre -- die Sonne schien so warm wie
-im Hochsommer und der müde Baum im Hof trieb ein paar Knospen -- hatte
-der Gefangenwärter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflüstert, es
-sei der 15. Mai. Eigentlich dürfe er es nicht sagen, denn es sei
-verboten, mit den Gefangenen zu sprechen, -- insbesondere solche, die
-noch nicht gestanden hätten, müßten hinsichtlich der Zeit im unklaren
-gehalten werden.
-
-Drei volle Monate war ich also schon im Gefängnis und noch immer keine
-Nachricht aus der Welt da draußen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wenn es Abend wurde, drangen leise Klänge eines Klaviers durch das
-Gitterfenster, das jetzt an warmen Tagen offen war.
-
-Die Tochter des Beschließers unten spiele, hatte mir ein Sträfling
-gesagt. -- --
-
-Tag und Nacht träumte ich von Mirjam.
-
-Wie es ihr wohl ging?!
-
-Zuzeiten hatte ich das tröstliche Gefühl, als seien meine Gedanken zu
-ihr gedrungen und stünden an ihrem Bette, während sie schlief, und
-legten ihr lindernd die Hand auf die Stirne.
-
-Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit, wenn einer nach dem
-andern meiner Zellengenossen zum Verhör geführt wurde, -- nur ich nicht,
--- drosselte mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange
-tot.
-
-Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie noch lebe oder
-nicht, krank sei oder gesund, und die Anzahl einer Handvoll Halme, die
-ich aus dem Strohsack riß, sollte mir Antwort geben.
-
-Und fast jedesmal »ging es schlecht aus«, und ich wühlte in meinem
-Innern nach einem Blick in die Zukunft; -- suchte meine Seele, die mir
-das Geheimnis verbarg, zu überlisten durch die scheinbar abseits
-liegende Frage, ob wohl für mich dereinst noch ein Tag kommen würde, wo
-ich heiter sein und wieder lachen könnte.
-
-Immer bejahte das Orakel in solchen Fällen, und dann war ich eine Stunde
-lang glücklich und froh.
-
-Wie eine Pflanze heimlich wächst und sproßt, war allmählich in mir eine
-unbegreifliche, tiefe Liebe zu Mirjam erwacht, und ich faßte es nicht,
-daß ich so oft hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden können, ohne mir
-damals schon klar darüber geworden zu sein.
-
-Der zitternde Wunsch, daß auch sie mit gleichen Gefühlen an mich denken
-möchte, steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der
-Gewißheit, und wenn ich dann auf dem Gange draußen einen Schritt hörte,
-fürchtete ich mich beinahe davor, man könne mich holen und freilassen
-und mein Traum würde in der groben Wirklichkeit der Außenwelt in nichts
-zerrinnen.
-
-Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden, daß ich
-auch das leiseste Geräusch vernahm.
-
-Jedesmal bei Anbruch der Nacht hörte ich in der Ferne einen Wagen fahren
-und zergrübelte mir den Kopf, wer wohl darin sitzen möchte.
-
-Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken, daß es Menschen gab
-da draußen, die tun und lassen durften, was sie wollten, -- die sich
-frei bewegen konnten und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als
-unbeschreiblichen Jubel empfanden.
-
-Daß auch ich jemals wieder so glücklich werden würde, im Sonnenschein
-durch die Straßen wandern zu können -- -- ich war nicht mehr imstande,
-es mir vorzustellen.
-
-Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, schien mir einem
-längstverflossenen Dasein anzugehören; -- ich dachte daran zurück mit
-jener leisen Wehmut, wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch
-aufschlägt und findet darin welke Blumen, die einst die Geliebte der
-Jugendjahre getragen hat.
-
-Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend für Abend mit Vrieslander und
-Prokop beim »Ungelt« saß und der vertrockneten Eulalia das Hirn konfus
-machte?
-
-Nein, es war doch Mai -- die Zeit, wo er mit seinem Marionettenkasten
-durch die Provinznester zog und auf grünen Wiesen vor den Toren den
-Ritter Blaubart spielte.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich saß allein in der Zelle. -- Vóssatka, der Brandstifter, mein
-einziger Gefährte seit einer Woche, war vor ein paar Stunden zum
-Untersuchungsrichter geholt worden.
-
-Merkwürdig lange dauerte diesmal sein Verhör.
-
-Da. Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tür. Und mit
-freudestrahlender Miene stürmte Vóssatka herein, warf ein Bündel Kleider
-auf die Pritsche und begann, sich mit Windeseile umzukleiden.
-
-Den Sträflingsanzug warf er Stück um Stück mit einem Fluch auf den
-Boden.
-
-»Nix hamms mer beweisen könna, dö Hallodri. -- Brandstiftung! -- Ja
-doder« er zog mit dem Zeigefinger an seinem unteren Augenlid. »Auf den
-schwarzen Vóssatka sans jung. -- Der Wind war's, hab i g'sagt. Und bi
-fest blimm. Den kennens iazt eispirrn, wanns'n derwischen -- den Herrn
-von Wind. -- No servus heit Abend! -- Do werd aufdraht. Beim
-Loisitschek.« -- Er breitete die Arme aus und tanzte einen
-»G'strampften«. -- »Nur einmahl im Leböhn blie--het der Mai.« -- Er
-stülpte sich mit einem Krach einen steifen Deckel mit einer kleinen
-blaugesprenkelten Nußhäherfeder darauf über den Schädel. -- »Ja,
-richtig, das wird Ihna intrissirn, Herr Graf: wissens was Neies? Eana
-Freund, der Loisa, is ausbrochen! -- Grad hab i's erfahrehn oben bei die
-Hallodri. Schon vurigen Monat -- gegen Uldimoh hat er das Weide gesucht
-und ist längs ieber -- pbhuit« -- er schlug sich mit den Fingern auf den
-Handrücken -- »ieber alle Bergöh«. --
-
-»Aha, die Feile,« dachte ich mir und lächelte.
-
-»Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr Graf,« der Brandstifter
-streckte mir kameradschaftlich die Hand hin, »daß Sie möglichst bei
-Zeitöhn freikommen. -- Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen
-Sie sich nur beim Loisitschek nach dem schwarzen Vóssatka. -- Kennte
-mich jädes Madel durten. So! -- Alsdann Servus, Herr Graf. War mir ein
-Vergniegen.«
-
-Er stand noch in der Türe, da schob der Wärter schon einen neuen
-Untersuchungsgefangenen in die Zelle.
-
-Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot mit der
-Soldatenmütze, der einmal neben mir bei Regenwetter in dem Torbogen der
-Hahnpaßgasse gestanden hatte. Eine freudige Überraschung! Vielleicht
-wußte er zufällig etwas über Hillel und Zwakh und alle die andern?
-
-Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu meinem größten
-Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und
-bedeutete mir, ich solle schweigen.
-
-Erst als die Tür von draußen abgesperrt und der Schritt des
-Gefangenwärters auf dem Gange verhallt war, kam Leben in ihn.
-
-Mir schlug das Herz vor Aufregung.
-
-Was sollte das bedeuten?
-
-Kannte er mich denn, und was wollte er?
-
-Das erste, was der Schlot tat, war, daß er sich niedersetzte und seinen
-linken Stiefel auszog.
-
-Dann zerrte er mit den Zähnen einen Stöpsel aus dem Absatz, entnahm dem
-entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech, riß die
-anscheinend nur locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides
-mit stolzer Miene hin. --
-
-Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten Fragen auch nur im
-geringsten zu achten.
-
-»So! Einen schönen Gruß vom Herrn Charousek.«
-
-Ich war so verblüfft, daß ich kein Wort herausbringen konnte. --
-
-»Brauchens' bloß Eisenblechl nähmen und Sohlen ausanand brechen in der
-Nacht. Oder wann sunst niemand siecht. -- Ise nämlich hohl inewändig« --
-erklärte der Schlot mit überlegener Miene, »und finden Sie sich drinn
-eine Brieffel von Herrn Charousek.«
-
-Im Übermaß meines Entzückens fiel ich dem Schlot um den Hals und die
-Tränen stürzten mir aus den Augen.
-
-Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll:
-
-»Missen sich mehr zusammennähmen, Herr von Pernath! Mir habens me nicht
-eine Minutten zum Zeitverlieren. Es kann sich soffort herauskommen, daß
-ich in der falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens me unt beim
-Pordjöh die Nummern mitsamm vertauscht.« --
-
-Ich mußte wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn der Schlot
-fuhr fort:
-
-»Wann Sie das auch nicht verstähn, macht nix. Kurz: ich bin ich hier,
-Pasta!«
-
-»Sagen Sie doch,« fiel ich ihm ins Wort, »sagen Sie doch, Herr -- --
-Herr -- -- --«
-
-»Wenzel,« -- half mir der Schlot aus, »ich heiß' ich der schöne Wenzel.«
-
-»Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar Hillel, und wie geht
-es seiner Tochter?«
-
-»Dazu ist jetz keine Zeit nicht,« unterbrach mich der schöne Wenzel
-ungeduldig. »Ich kann ich doch im näxen Augenblick herausgeschmissen
-werden. -- Also: ich bin ich hier, weil ich einen Raubanfall extra
-eingestanden hab -- --«
-
-»Was, Sie haben bloß meinetwegen, und um zu mir kommen zu können, einen
-Raubanfall begangen, Wenzel?« fragte ich erschüttert.
-
-Der Schlot schüttelte verächtlich den Kopf: »Wann ich wirklich einen
-Raubanfall _begangen_ hätt, mecht ich ihm doch nicht _eingestähen_. Was
-glauben Sie von mir!?«
-
-Ich verstand allmählich: -- der brave Kerl hatte eine List gebraucht, um
-mir den Brief Charouseks ins Gefängnis zu schmuggeln.
-
-»So; zuverderscht« -- er machte ein äußerst wichtiges Gesicht -- »muß
-ich Ihnen Unterricht in der Ebilebsie gäben.«
-
-»Worin?«
-
-»In der Ebilebsie! -- Gäbm S' amal scharf Obacht und merkens Ihna alles
-genau! -- Alsdann schaugens här: Zuerscht macht me Speichel in der
-Goschen;« -- er blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie
-jemand, der sich den Mund ausspült -- »dann kriegt me Schaum vorm Maul,
-sengen S' so«: -- er machte auch dies. Mit widerwärtiger Natürlichkeit.
--- »Nachhe drehte ma die Daumen in die Faust. -- Nachhe kugelt me die
-Augen raus« -- er schielte entsetzlich -- »und dann -- das ise sich bisl
-schwär -- stoßt me so halbeten Schrei aus. Segen S', so: Bö -- bö -- bö,
--- und gleichzeitig fallt me sich um.« -- Er ließ sich der Länge nach zu
-Boden fallen, daß das Haus zitterte, und sagte beim Aufstehen:
-
-»Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie's uns der Dr. Hulbert
-gottsälig beim >Bataljohn< gelernt hat.«
-
-»Ja, ja, es ist täuschend ähnlich,« gab ich zu, »aber wozu dient das
-alles?«
-
-»Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!«, erklärte der schöne
-Wenzel. »Der Dr. Rosenblatt is doch ein Mordsochs! Wenn einer schon gar
-kan Kopf mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann ise sich
-pumperlgesund! -- Nur vor die Ebilebsie hat e' an Viechsräschpäkt. Wann
-aner daas gut kann: gleich ise drieben in der Krankenzelle. -- -- Und da
-ise sich das Ausbrechen dann ein Kinderspielzeug;« -- er wurde tief
-geheimnisvoll -- »den Fenstergitter in der Krankenzelle ise nämlich
-durchgesägt und nur schwach mit Dreck zusammenpappt. -- Es ise sich das
-ein Geheimnis vom Bataljohn! -- Sie brauchen dann bloß ein paar Nächte
-scharf aufpassen und, wenn Sie eine Seilschlingen vom Dach herunter bis
-vors Fenster kommen segen, heben Sie leise den Gitter aus, damit niemand
-nicht aufwacht, steckens die Schultern in die Schlinge, und mir ziegen
-Ihnen hinauf aufs Dach und lassen Ihnen auf der andern Seiten hinunter
-auf die Straßen. -- Pasta.«
-
-»Weshalb soll ich denn aus dem Gefängnis ausbrechen?« wandte ich
-schüchtern ein, »ich bin doch unschuldig.«
-
-»Daß ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!«, widerlegte mich der
-schöne Wenzel und machte vor Erstaunen kreisrunde Augen.
-
-Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um ihm den verwegenen
-Plan, der, wie er sagte, das Resultat eines »Bataillons«beschlusses war,
-auszureden.
-
-Daß ich »die Gabe Gottes« von der Hand wies und lieber warten wollte,
-bis ich von selbst freikommen würde, war ihm unbegreiflich.
-
-»Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden auf das
-allerherzlichste,« sagte ich gerührt und drückte ihm die Hand. »Wenn die
-schwere Zeit für mich vorüber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen
-allen erkenntlich zu zeigen.«
-
-»Ise gar nicht nätig,« lehnte Wenzel freundlich ab. »Wann Sie ein paar
-Glas >Pils< zahlen, nähmen wir sich dankbar an, abe sunst nix. Pan
-Charousek, was ise jetz Schatzmistr vom Bataljohn, hat e' uns schon
-erzählt, was Sie für ein heimlicher Wohltäter sin. Soll ich ihm was
-ausrichten, wenn ich in paar Täg wieder herauskomm?«
-
-»Ja, bitte,« fiel ich rasch ein, »sagen Sie ihm, er möchte zu Hillel
-gehen und ihm mitteilen, ich hätte soviel Angst wegen der Gesundheit
-seiner Tochter Mirjam. Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen.
--- Werden Sie sich den Namen merken?: _Hillel_!«
-
-»Hirräl?«
-
-»Nein: Hillel.«
-
-»Hillär?«
-
-»Nein: Hill--el.«
-
-Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem für einen Tschechen
-unmöglichen Namen, aber schließlich bewältigte er ihn doch unter wilden
-Grimassen.
-
-»Und dann noch eins: Herr Charousek möge -- ich lasse ihn herzlich drum
-bitten -- sich auch, soweit es in seiner Macht steht, der »vornehmen
-Dame« -- er weiß schon, wer darunter zu verstehen ist -- annehmen.«
-
-»Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen, die was das
-Gspusi ghabt hat mit dem Niemetz -- dem Dr. Sapoli? -- No, die hat sich
-doch scheiden lassen und ise mit ihrem Kind und dem Sapoli furt.«
-
-»Wissen Sie das bestimmt?«
-
-Ich fühlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich um Angelinas willen
-freute, -- es krampfte mir dennoch das Herz zusammen.
-
-Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und jetzt -- -- -- war ich
-vergessen.
-
-Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmörder.
-
-Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle.
-
-Der Schlot schien mit dem Feingefühl, das verwahrlosten Menschen
-seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, die sich um Liebe drehen,
-erraten zu haben, wie mir zumute war, denn er blickte scheu weg und
-antwortete nicht.
-
-»Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels Tochter, dem Fräulein
-Mirjam geht? Kennen Sie sie?«, fragte ich gepreßt.
-
-»Mirjam? Mirjam?« -- Wenzel legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten
--- »Mirjam? -- Gäht sich die öfters in der Nacht zum Loisitschek?«
-
-Ich mußte unwillkürlich lächeln. »Nein. Bestimmt nicht.«
-
-»Dann kenn ich sie nicht,« sagte Wenzel trocken.
-
-Wir schwiegen eine Weile.
-
-Vielleicht steht in dem Briefchen etwas über sie, hoffte ich.
-
-»Daß den Wassertrum der Deiwel g'holt hat«, fing Wenzel plötzlich wieder
-an, »wärden Sie sich wohl schon gehärt haben?«
-
-Ich fuhr entsetzt auf.
-
-»No ja.« -- Wenzel deutete auf seine Kehle. -- »Murxi, murxi! Ich sag
-ich Ihnän; es war Ihnän schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen
-haben, weil er sich paar Täg nicht hat segen lassen, war ich natrierlich
-der erschte drin; -- wie denn nicht! -- Und da hat e' durten g'sässen,
-der Wassertrum, in einen dreckigen Lähnsessel, die Brust voller Blut und
-die Augen wie aus Glas. -- -- -- -- -- Wissen S', ich bin ich ein
-handfeste Kerl, aber mir hat sich alles gedräht, sag ich Ihnän, und ich
-hab' gemeint, ich hau ich ohnmächtig hi--iin. Furt' a furt' hab' ich mir
-vorsagen missen: Wenzel, hab' ich mir vorg'sagt, Wenzel, reg' dich nicht
-auf, es is doch bloß ein toter Jud. -- Er hat eine Feile in der Kehle
-stecken gehabt und im Laden war sich alles umedum geschmissen. -- Ein
-Raubmord natierlich.«
-
-»Die Feile! Die Feile!« Ich fühlte, wie mir der Atem kalt wurde vor
-Grausen. -- Die Feile! So hatte sie also doch ihren Weg gefunden!
-
-»Ich weiß ich auch, wer's war,« fuhr Wenzel nach einer Pause halblaut
-fort. »Niemand anders, sag ich Ihnän, als der blattersteppige Loiso. --
-Ich hab' ich nämlich sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt
-und rasch eing'stäckt, damit sich die Polizei nicht draufkommt. -- Er
-ise sich durch einen unterirdischen Gang in den Laden -- -- -- -- --« er
-brach mit einem Ruck seine Rede ab und horchte ein paar Sekunden lang
-angestrengt, dann warf er sich auf die Pritsche und fing an,
-fürchterlich zu schnarchen.
-
-Gleich darauf klirrte das Vorhängeschloß und der Gefängniswärter kam
-herein und musterte mich argwöhnisch.
-
-Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken.
-
-Erst nach vielen Püffen richtete er sich gähnend auf und taumelte,
-gefolgt von dem Wärter, schlaftrunken hinaus.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief auseinander und las:
-
-Den 12. Mai.
-
-»Mein lieber armer Freund und Wohltäter!
-
-Woche um Woche habe ich gewartet, daß Sie endlich freikommen würden, --
-immer vergebens, -- habe alle möglichen Schritte versucht, um
-Entlastungsmaterial für Sie zu sammeln, aber ich fand keins.
-
-Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu beschleunigen, aber
-jedesmal hieß es, er könne nichts tun, -- es sei Sache der
-Staatsanwaltschaft und nicht die seinige.
-
-Amtsschimmel!
-
-_Eben erst, vor einer Stunde_, gelang mir jedoch etwas, von dem ich mir
-den _besten_ Erfolg erhoffe: ich habe erfahren, daß Jaromir dem
-Wassertrum eine goldene Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung
-seines Bruders Loisa in dessen Bett gefunden hatte, verkauft hat.
-
-Beim >Loisitschek<, wo, wie Sie wissen, die Detektivs verkehren, geht
-das Gerücht, man hätte die Uhr des angeblich ermordeten Zottmann --
-dessen Leiche übrigens noch immer nicht entdeckt ist -- als ^corpus
-delicti^ bei _Ihnen_ gefunden. Das übrige reimte ich mir zusammen:
-Wassertrum ^et cetera^!
-
-Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm 1000 fl. gegeben -- --« Ich
-ließ den Brief sinken und die Freudentränen traten mir in die Augen: nur
-Angelina konnte Charousek die Summe gegeben haben. Weder Zwakh, noch
-Prokop, noch Vrieslander besaßen soviel Geld. -- Sie hatte mich also
-doch nicht vergessen! -- Ich las weiter:
-
-»-- 1000 fl. gegeben und ihm weitere 2000 fl. versprochen, wenn er mit
-mir sofort zur Polizei ginge und eingestünde, die Uhr seinem Bruder zu
-Hause entwendet und verkauft zu haben.
-
-Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief durch Wenzel
-bereits an Sie unterwegs ist. Die Zeit reicht nicht aus.
-
-Aber seien Sie versichert: es _wird_ geschehen. _Heute_ noch. Ich bürge
-Ihnen dafür.
-
-Ich zweifle keinen Augenblick, daß Loisa den Mord begangen hat und die
-Uhr die Zottmanns ist.
-
-Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, dann weiß Jaromir, was
-er zu tun hat: -- _Jedenfalls wird er sie als die bei Ihnen gefundene
-agnoszieren_.
-
-Also: harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht! Der Tag, wo Sie frei
-sein werden, steht vielleicht bald bevor.
-
-Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns wiedersehen?
-
-Ich weiß es nicht.
-
-Fast möchte ich sagen: ich glaube es nicht, denn mit mir geht's rasch zu
-Ende, und _ich muß auf der Hut sein, daß mich die letzte Stunde nicht
-überrascht_.
-
-Aber eins halten Sie fest: wir _werden_ uns wiedersehen.
-
-Wenn auch nicht in _diesem_ Leben und nicht wie die Toten in _jenem_
-Leben, aber an dem Tag, wo die Zeit zerbricht, -- wo, wie es in der
-Bibel steht, der HERR _die_ ausspeien wird aus seinem Munde, die lau
-waren und weder kalt noch warm. -- -- --
-
-Wundern Sie sich nicht, daß ich so rede! Ich habe nie mit Ihnen über
-diese Dinge gesprochen und, als Sie einmal das Wort >Kabbala< berührten,
-bin ich Ihnen ausgewichen, aber -- ich weiß, was ich weiß.
-
-Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn nicht, so streichen
-Sie, ich bitte Sie darum, das, was ich gesagt habe, aus Ihrem
-Gedächtnis. -- -- Einmal, in meinen Delirien, glaubte ich -- ein Zeichen
-auf Ihrer Brust zu sehen. -- Mag sein, daß ich wach geträumt habe.
-
-Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen sollten, daß ich
-gewisse Erkenntnisse gehabt habe -- innerlich! -- fast schon von
-Kindheit an, die mich einen seltsamen Weg geführt haben; --
-Erkenntnisse, die sich nicht decken mit dem, was die Medizin lehrt oder,
-Gott sei Dank, noch nicht weiß; hoffentlich auch nie erfahren wird.
-
-Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von der Wissenschaft, deren
-höchstes Ziel es ist, einen -- >Wartesaal< auszustaffieren, den man am
-besten niederrisse.
-
-Doch genug davon.
-
-Ich will Ihnen lieber erzählen, was sich inzwischen zugetragen hat:
-
-Ende April war Wassertrum soweit, daß meine Suggestion anfing zu wirken.
-
-Ich sah es daran, daß er auf der Gasse beständig gestikulierte und laut
-mit sich selbst sprach.
-
-So etwas ist ein sicheres Zeichen, daß die Gedanken eines Menschen sich
-zum Sturm rotten, um über ihren Herrn herzufallen.
-
-Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen.
-
-Er schrieb!
-
-Er schrieb! Daß ich nicht lache! Er _schrieb_.
-
-Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem Hause wußte ich, was er
-oben machte: -- er machte sein Testament.
-
-Daß er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings nicht gedacht.
-Ich hätte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergnügen, wenn's
-mir eingefallen wäre.
-
-Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige auf der Erde bin, an
-dem er noch etwas gutmachen könnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn
-überlistet.
-
-Vielleicht war's auch die Hoffnung, ich würde ihn segnen, wenn ich mich
-nach seinem Tode durch seine Huld plötzlich als Millionär sähe, und
-dadurch den Fluch wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat
-mit anhören müssen.
-
-Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt.
-
-Rasend witzig, daß er heimlich also doch an eine Wiedervergeltung im
-Jenseits geglaubt hat, während er sich's das ganze Leben lang mühselig
-ausreden wollte.
-
-Aber so ist's bei allen den ganz Gescheiten; man sieht es schon an der
-wahnwitzigen Wut, in die sie geraten, wenn man's ihnen ins Gesicht sagt.
-Sie fühlen sich ertappt.
-
-Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar kam, ließ ich ihn nicht mehr
-aus dem Auge.
-
-Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens, denn jede
-Minute konnte die Entscheidung fallen. --
-
-Ich glaube, durch Mauern hindurch würde ich das ersehnte schnalzende
-Geräusch gehört haben, wenn er den Stöpsel aus der Giftflasche gezogen
-hätte.
-
-Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk war
-vollbracht.
-
-Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. Mit einer Feile.
-
-Lassen Sie sich das Nähere von Wenzel erzählen, mir wird es zu bitter,
-alles das niederschreiben zu müssen.
-
-Nennen Sie es Aberglaube, -- aber, wie ich sah, daß Blut _vergossen_
-worden war -- die Dinge im Laden waren befleckt davon, -- kam es mir
-vor, als sei mir seine Seele entwischt.
-
-Etwas in mir, -- ein feiner, untrüglicher Instinkt -- sagt mir, daß es
-nicht dasselbe ist, ob ein Mensch von fremder Hand stirbt, oder von
-eigener: -- daß Wassertrum sein Blut mit sich in die Erde hätte nehmen
-müssen, dann erst wäre meine Mission erfüllt gewesen. -- Jetzt, wo es
-anders gekommen ist, fühle ich mich als Ausgestoßener, als ein Werkzeug,
-das nicht würdig befunden wurde in der Hand des Todesengels.
-
-Aber ich will mich nicht auflehnen. _Mein Haß ist von der Art, die übers
-Grab hinausgeht_, und noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich
-vergießen kann, wie ich will, damit es dem seinigen nachgehe im Reich
-der Schatten auf Schritt und Tritt. -- -- --
-
-Jeden Tag, seit sie Wassertrum verscharrt haben, sitze ich draußen bei
-ihm auf dem Friedhof und horche in meine Brust hinein, was ich tun soll.
-
-Ich glaube, ich weiß es bereits, aber ich will noch warten, bis das
-innere Wort, das zu mir spricht, klar wird wie eine Quelle. -- Wir
-Menschen sind unrein, und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis
-wir das Flüstern unserer Seele verstehen. -- -- --
-
-In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom Gericht mitgeteilt,
-daß mich Wassertrum zum Universalerben eingesetzt hat.
-
-Daß ich für mich keinen Kreuzer davon anrühre, brauche ich Ihnen wohl
-nicht zu versichern, Herr Pernath. -- Ich werde mich hüten, >ihm< -- für
->drüben< eine Handhabe zu geben.
-
-Die Häuser, die er besessen hat, lasse ich versteigern, die Gegenstände,
-die er berührt hat, werden verbrannt, und was an Geld und Geldeswert
-sich dann ergibt, fällt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu. --
-
-Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren, aber ich kann
-Sie beruhigen. Was Sie bekommen, ist Ihr rechtmäßiges Eigentum mit
-Zinsen und Zinseszinsen. Schon lange wußte ich, daß Wassertrum vor
-Jahren Ihren Vater und seine Familie um alles gebracht hat, -- erst
-jetzt bin ich in der Lage, es aktenmäßig nachweisen zu können.
-
-Ein zweites Drittel wird unter die zwölf Mitglieder des »Bataillons«
-verteilt, die den Dr. Hulbert noch persönlich gekannt haben. Ich will,
-daß jeder von ihnen reich wird und Zutritt bekommt zur Prager -- »guten
-Gesellschaft«.
-
-Das letzte Drittel gehört zu gleichen Teilen den nächsten sieben
-Raubmördern des Landes, die mangels zureichender Beweise freigesprochen
-werden müssen.
-
-Ich bin das dem öffentlichen Ärgernis schuldig.
-
-So. Das wäre wohl alles.
-
-Und jetzt, mein lieber, lieber Freund, leben Sie wohl und gedenken Sie
-zuweilen
-
- Ihres
- aufrichtigen und dankbaren
- Innocenz Charousek.«
-
-Tief erschüttert legte ich den Brief aus der Hand.
-
-Ich konnte mich nicht freuen über die Nachricht von meiner
-bevorstehenden Enthaftung.
-
-Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kümmerte er sich um mein
-Schicksal. Bloß, weil ich ihm einst 100 fl. geschenkt hatte. Wenn ich
-ihm nur einmal noch die Hand drücken könnte!
-
-Ich fühlte: ja, er hatte recht; der Tag würde nie kommen.
-
-Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die schwindsüchtigen
-Schultern, die hohe, noble Stirn.
-
-Vielleicht, daß alles ganz anders gekommen wäre, wenn eine hilfreiche
-Hand rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen hätte.
-
-Noch einmal las ich den Brief durch.
-
-Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er überhaupt irrsinnig
-war?
-
-Ich schämte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur einen Augenblick
-geduldet zu haben.
-
-Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein Mensch wie Hillel, wie
-Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch, über den die eigene Seele Gewalt
-gewonnen hatte, -- den sie durch die wilden Schluchten und Klüfte des
-Lebens emporführte in die Firnenwelt eines unbetretenen Landes.
-
-Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen, stand er nicht reiner
-da, als irgendeiner von denen, die naserümpfend umhergehen und
-angelernte Gebote eines unbekannten, mythischen Propheten zu befolgen
-vorgeben?
-
-Er hielt das Gebot, das ihm ein übermächtiger Trieb diktierte, ohne an
-eine »Belohnung« hier oder jenseits auch nur zu denken.
-
-Was er getan hatte, war es etwas anderes als frömmste Pflichterfüllung
-in des Wortes verborgenster Bedeutung?
-
-»Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische -- eine
-Verbrechernatur« -- ich hörte förmlich, wie das Urteil der Menge über
-ihn lauten mußte, wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele
-hineinleuchten käme, -- dieser geifernden Menge, die nie und nimmer
-begreifen wird, daß die giftige Herbstzeitlose tausendfach schöner und
-edler ist als der nützliche Schnittlauch. -- -- --
-
-Wieder ging das Türschloß draußen, und ich hörte, daß man einen Menschen
-hereinschob.
-
-Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich erfüllt von dem
-Eindruck des Briefes.
-
-Kein Wort über Angelina, nichts von Hillel stand darin.
-
-Freilich: Charousek mußte in größter Eile geschrieben haben, die Schrift
-verriet es mir.
-
-Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich überbracht werden würde?
-
-Ich hoffte auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen Rundgang der
-Gefangenen im Hof. -- Da war es noch am leichtesten, daß mir irgendeiner
-vom »Bataillon« etwas zusteckte.
-
-Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grübeleien:
-
-»Würden Sie gestatten, mein Herr, daß ich mich Ihnen vorstelle? Mein
-Name ist Laponder. Amadeus Laponder.«
-
-Ich drehte mich um.
-
-Ein kleiner, schmächtiger, noch ziemlich junger Mann in gewählter
-Kleidung, nur ohne Hut, wie alle Untersuchungsgefangenen, verbeugte sich
-korrekt vor mir.
-
-Er war glattrasiert wie ein Schauspieler, und seine großen, hellgrün
-glänzenden, mandelförmigen Augen hatten das Eigentümliche an sich, daß,
-so geradeaus sie auch auf mich gerichtet waren, sie mich doch nicht zu
-sehen schienen. -- Es lag so etwas wie -- Geistesabwesenheit darin.
-
-Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich ebenfalls und wollte mich
-wieder umdrehen, konnte aber lange den Blick von dem Menschen nicht
-wenden, so fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften Lächeln,
-das die aufwärts gezogenen Mundwinkel der feingeschwungenen Lippen
-beständig seinem Gesicht aufdrückten.
-
-Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus Rosenquarz, mit
-seiner faltenlosen, durchsichtigen Haut, der mädchenhaft schmalen Nase
-und den zarten Nüstern.
-
-»Amadeus Laponder, Amadeus Laponder«, wiederholte ich vor mich hin.
-
-»Was er wohl begangen haben mag?«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Mond
-
-
-»Waren Sie schon beim Verhör,« fragte ich nach einer Weile.
-
-»Ich komme soeben von dort. -- Hoffentlich werde ich Sie hier nicht
-lange inkommodieren müssen,« antwortete Herr Laponder liebenswürdig.
-
-»Armer Teufel,« dachte ich mir, »er ahnt nicht, was einem
-Untersuchungsgefangenen bevorsteht.«
-
-Ich wollte ihn langsam vorbereiten:
-
-»Man gewöhnt sich allmählich an das Stillsitzen, wenn einmal die ersten,
-schlimmsten Tage vorüber sind.« -- --
-
-Er machte ein verbindliches Gesicht.
-
-Pause.
-
-»Hat das Verhör lange gedauert, Herr Laponder?«
-
-Er lächelte zerstreut:
-
-»Nein. Ich wurde bloß gefragt, ob ich geständig sei, und mußte das
-Protokoll unterschreiben.«
-
-»Sie haben unterschrieben, daß Sie geständig sind?« fuhr es mir heraus.
-
-»Allerdings.«
-
-Er sagte es, als ob es sich von selbst verstünde.
-
-Es kann nichts Schlimmes sein, legte ich mir zurecht, weil er so gar
-keine Aufregung zeigt. Wahrscheinlich eine Herausforderung zum Duell
-oder etwas Ähnliches.
-
-»Ich bin leider schon so lange hier, daß es mir wie ein Menschenleben
-vorkommt;« -- ich seufzte unwillkürlich, und er machte sofort eine
-teilnehmende Miene. »Ich wünsche Ihnen, daß Sie das nicht mitzumachen
-brauchen, Herr Laponder. Nach allem, was ich sehe, werden Sie wohl bald
-wieder auf freiem Fuß sein.«
-
-»Wie man's nimmt,« antwortete er ruhig, aber es klang wie ein
-versteckter Doppelsinn.
-
-»Sie glauben nicht?«, fragte ich lächelnd. Er schüttelte den Kopf.
-
-»Wie soll ich das verstehen? -- Was haben Sie denn gar so Schreckliches
-begangen? Verzeihen Sie, Herr Laponder, es ist nicht Neugierde von mir,
--- lediglich Teilnahme, daß ich frage.«
-
-Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er, ohne mit der Wimper zu
-zucken:
-
-»Lustmord.«
-
-Mir war, als hätte er mich mit einem Stock über den Kopf geschlagen.
-
-Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton herausbringen.
-
-Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite, aber nicht das
-leiseste Mienenspiel in seinem automatenhaft lächelnden Gesicht verriet,
-daß er über mein plötzlich verändertes Benehmen verletzt gewesen wäre.
-
-Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm aneinander vorbei. --
--- --
-
-Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte, folgte er
-sogleich meinem Beispiel, entkleidete sich, hängte sorgsam seine Kleider
-an den Wandnagel, streckte sich aus und schien, nach seinen ruhigen,
-tiefen Atemzügen zu schließen, unmittelbar darauf fest eingeschlafen zu
-sein.
-
-Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen.
-
-Das beständige Gefühl, ein solches Scheusal in meiner nächsten Nähe zu
-haben und dieselbe Luft mit ihm atmen zu müssen, war mir so gräßlich und
-aufregend, daß die Eindrücke des Tages, Charouseks Brief und all das
-erlebte Neue tief in den Hintergrund traten.
-
-Ich hatte mich so gelegt, daß ich den Mörder beständig im Auge behielt,
-denn ich würde es nicht haben ertragen können, ihn hinter mir zu wissen.
-
-Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt durchdämmert und ich konnte
-sehen, daß Laponder regungslos, fast starr, dalag.
-
-Seine Züge hatten etwas Leichenhaftes bekommen und der halbgeöffnete
-Mund erhöhte diesen Eindruck.
-
-Viele Stunden hindurch änderte er nicht ein einziges Mal seine Lage.
-
-Erst spät nach Mitternacht, als ein dünner Mondstrahl auf sein Gesicht
-fiel, kam eine leise Unruhe über ihn und er bewegte unhörbar die Lippen,
-wie jemand, der im Schlaf spricht. Es schien immer dasselbe Wort zu
-sein, -- ein zweisilbiger Satz vielleicht, -- so wie:
-
-»Laß mich. Laß mich. Laß mich.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die nächsten paar Tage vergingen, ohne daß ich Notiz von ihm genommen
-hätte, und auch er brach niemals das Schweigen.
-
-Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswürdig. So oft ich auf
-und ab gehen wollte, sah er es mir sofort an und zog höflich, wenn er
-auf der Pritsche saß, die Füße zurück, um mir nicht im Wege zu sein.
-
-Ich fing an, mir Vorwürfe wegen meiner Schroffheit zu machen, konnte
-aber den Abscheu vor ihm beim besten Willen nicht loswerden.
-
-So sehr ich gehofft hatte, mich an seine Nähe gewöhnen zu können, -- es
-ging nicht.
-
-Selbst in den Nächten hielt es mich wach. Kaum eine Viertelstunde
-verbrachte ich im Schlaf.
-
-Abend für Abend wiederholte sich haargenau derselbe Vorgang: Er wartete
-respektvoll, bis ich mich ausstreckte, zog dann seine Kleider aus, legte
-sie pedantisch in Falten, hängte sie auf, und so weiter und so weiter.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Eines Nachts -- es mochte um die zweite Stunde sein -- stand ich
-schlaftrunken vor Müdigkeit wieder auf dem Wandbrett, starrte in den
-Vollmond, dessen Strahlen sich wie glitzerndes Öl auf dem kupfernen
-Gesicht der Turmuhr spiegelten, und dachte voll Trauer an Mirjam.
-
-_Da hörte ich plötzlich leise ihre Stimme hinter mir._
-
-Sofort war ich wach, überwach, -- fuhr herum und horchte.
-
-Eine Minute verging.
-
-Schon glaubte ich, ich hätte mich getäuscht, da kam es wieder. Ich
-konnte die Worte nicht genau verstehen, aber es klang wie:
-
-»Frag' mich. Frag' mich.«
-
-_Es war bestimmt Mirjams Stimme._
-
-Schlotternd vor Aufregung stieg ich, so leise ich konnte, herab und trat
-an das Bett Laponders.
-
-Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich konnte deutlich
-unterscheiden, daß er die Lider offen hatte, doch nur das Weiße der
-Augäpfel war sichtbar.
-
-An der Starre der Wangenmuskeln sah ich, daß er im Tiefschlaf lag.
-
-Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich.
-
-Und allmählich verstand ich die Worte, die hinter seinen Zähnen
-hervordrangen:
-
-»Frag' mich. Frag' mich.«
-
-Die Stimme war der Mirjams täuschend ähnlich.
-
-»Mirjam? Mirjam?« rief ich unwillkürlich, dämpfte aber sofort den Ton,
-um den Schläfer nicht zu erwecken.
-
-Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden war, dann
-wiederholte ich leise:
-
-»Mirjam? Mirjam?«
-
-Sein Mund formte ein kaum vernehmbares, aber doch deutliches:
-
-»Ja.«
-
-Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen.
-
-Nach einer Weile hörte ich _Mirjams Stimme_ flüstern -- so unverkennbar
-ihre Stimme, daß mir Kälteschauer über die Haut liefen.
-
-Ich trank die Worte so gierig, daß ich nur den Sinn begriff. Sie sprach
-von Liebe zu mir und von dem unsagbaren Glück, daß wir uns endlich
-gefunden hätten -- und uns nie wieder trennen würden -- hastig -- ohne
-Pause, wie jemand, der fürchtet unterbrochen zu werden und jede Sekunde
-ausnützen will.
-
-Dann wurde die Stimme stockend -- erlosch zeitweilig ganz.
-
-»Mirjam?« fragte ich, bebend vor Angst und mit eingezogenem Atem,
-»Mirjam, bist du gestorben?«
-
-Lange keine Antwort.
-
-Dann fast unverständlich:
-
-»Nein. -- Ich lebe. -- Ich schlafe.« -- --
-
-Nichts mehr.
-
-Ich lauschte und lauschte.
-
-Vergebens.
-
-Nichts mehr.
-
-Vor Ergriffenheit und Zittern mußte ich mich auf die Kante der Pritsche
-stützen, um nicht vornüber auf Laponder zu fallen.
-
-Die Täuschung war so vollständig gewesen, daß ich Mirjam momentelang
-tatsächlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft
-zusammennehmen mußte, um nicht einen Kuß auf die Lippen des Mörders zu
-drücken.
-
-»Henoch! Henoch!« -- hörte ich ihn plötzlich lallen, dann immer klarer
-und artikulierter: »Henoch! Henoch!«
-
-Sofort erkannte ich Hillel.
-
-»Bist du es, Hillel?«
-
-Keine Antwort.
-
-Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, daß man Schlafenden, um sie zum
-Reden zu bringen, die Fragen nicht ins Ohr stellen dürfe, sondern gegen
-das Nervengeflecht in der Magengrube richten müsse.
-
-Ich tat es:
-
-»Hillel?«
-
-»Ja, ich höre dich!«
-
-»Ist Mirjam gesund? Weißt du alles?«, fragte ich schnell.
-
-»Ja. Ich weiß alles. Wußte es längst. -- Sei ohne Sorge, Henoch, und
-fürchte dich nicht!«
-
-»Kannst du mir verzeihen, Hillel?«
-
-»Ich sage dir doch: sei ohne Sorge.«
-
-»Werden wir uns bald wiedersehen?« -- Ich fürchtete, die Antwort nicht
-mehr verstehen zu können; schon der letzte Satz war nur noch gehaucht
-worden.
-
-»Ich hoffe es. Ich will warten -- auf dich -- wenn ich kann -- dann muß
-ich -- Land --«
-
-»Wohin? In welches Land?« -- ich fiel beinahe auf Laponder -- »In
-welches Land? In welches Land?«
-
-»-- Land -- Gad -- südlich -- Palästina --«
-
-Die Stimme erstarb.
-
-Hundert Fragen schossen mir in der Verwirrung durch den Kopf: Warum
-nennt er mich Henoch? Zwakh, Jaromir, die Uhr, Vrieslander, Angelina,
-_Charousek_.
-
-»Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen,« kam es plötzlich
-wieder laut und deutlich von den Lippen des Mörders. Diesmal in
-Charouseks Tonfall, aber ähnlich so, als hätte ich es selbst gesagt.
-
-Ich erinnerte mich: es war wörtlich der Schlußsatz aus Charouseks Brief.
---
-
-Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das Mondlicht fiel auf die
-Kopfenden des Strohsacks. In einer Viertelstunde mußte es aus der Zelle
-verschwunden sein.
-
-Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort mehr:
-
-Der Mörder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider
-geschlossen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich machte mir die heftigsten Vorwürfe, all die Tage über in Laponder
-nur den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben. --
-
-Nach dem, was ich soeben erlebt, war er offenbar ein Somnambuler -- ein
-Geschöpf, das unter dem Einfluß des Vollmonds stand.
-
-Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dämmerzustand begangen.
-Bestimmt sogar. --
-
-Jetzt, wo der Morgen graute, war die Starrheit aus seinen Zügen gewichen
-und hatte dem Ausdruck seligen Friedens Platz gemacht.
-
-So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern, der einen Mord auf dem
-Gewissen hat, sagte ich mir.
-
-Ich konnte den Moment, wo er aufwachen würde, kaum erwarten.
-
-Ob er wohl wüßte, was geschehen war?
-
-Endlich schlug er die Augen auf, begegnete meinem Blick und sah zur
-Seite.
-
-Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand: »Verzeihen Sie mir, Herr
-Laponder, daß ich bisher so unfreundlich zu Ihnen gewesen bin. Es war
-das Ungewohnte, das --«
-
-»Seien Sie überzeugt, mein Herr, ich begreife vollkommen,« unterbrach er
-mich lebhaft, »daß es ein scheußliches Gefühl sein muß, mit einem
-Lustmörder beisammen zu sein.«
-
-»Reden Sie nicht mehr davon,« bat ich. »Es ist mir heute nacht so
-mancherlei durch den Kopf gegangen und ich werde den Gedanken nicht los,
-Sie könnten vielleicht -- -- -- -- --« ich suchte nach Worten.
-
-»Sie halten mich für krank,« half er mir heraus.
-
-Ich bejahte: »Ich glaube es aus gewissen Anzeichen schließen zu dürfen.
-Ich -- ich -- darf ich Ihnen eine direkte Frage stellen, Herr Laponder?«
-
-»Ich bitte darum.«
-
-»Es klingt etwas merkwürdig, -- aber -- würden Sie mir sagen, was Sie
-heute geträumt haben?«
-
-Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Ich träume nie.«
-
-»Aber Sie haben aus dem Schlaf gesprochen.«
-
-Er blickte überrascht auf. Dachte eine Weile nach. Dann sagte er
-bestimmt:
-
-»Das kann nur geschehen sein, wenn Sie mich etwas gefragt haben.« -- Ich
-gab es zu. »Denn wie gesagt, ich träume nie. Ich -- ich wandere,« setzte
-er nach einer Pause halblaut hinzu.
-
-»Sie wandern? Wie soll ich das verstehen?«
-
-Er schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen, und ich hielt es
-für angezeigt, ihm die Gründe zu nennen, die mich bewogen hatten, in ihn
-zu dringen, und erzählte ihm in Umrissen, was nachts geschehen war.
-
-»Sie können sich fest darauf verlassen,« sagte er ernst, als ich zu Ende
-war, »daß alles auf Richtigkeit beruht, was ich im Schlaf gesprochen
-habe. Wenn ich vorhin bemerkte, daß ich nicht träume, sondern >wandere<,
-so meinte ich damit, daß mein Traumleben anders beschaffen ist als das
--- sagen wir: _normaler_ Menschen. Nennen Sie es, wenn Sie wollen, ein
-Austreten aus dem Körper. -- -- So war ich z. B. heute nacht in einem
-höchst sonderbaren Zimmer, zu dem der Eingang von unten herauf durch
-eine Falltür führte.«
-
-»Wie sah es aus?«, fragte ich rasch. »War es unbewohnt? Leer?«
-
-»Nein; es standen Möbel darin; aber nicht viele. Und ein Bett, in dem
-ein junges Mädchen schlief -- oder wie scheintot lag, -- und ein Mann
-saß neben ihr und hielt seine Hand über ihre Stirn.« -- Laponder
-schilderte die Gesichter der beiden. Kein Zweifel, es waren Hillel und
-Mirjam.
-
-Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen.
-
-»Bitte, erzählen Sie weiter. War sonst noch jemand im Zimmer?«
-
-»Sonst noch jemand? Warten Sie -- -- -- nein: sonst war niemand mehr im
-Zimmer. Ein siebenflammiger Leuchter brannte auf dem Tisch. -- Dann ging
-ich eine Wendeltreppe hinunter.«
-
-»Sie war zerbrochen?« fiel ich ein.
-
-»Zerbrochen? Nein, nein; sie war ganz in Ordnung. Und von ihr zweigte
-seitlich eine Kammer ab, darin saß ein Mann mit silbernen Schnallen an
-den Schuhen und von fremdartigem Typus, wie ich noch nie einen Menschen
-gesehen habe: von gelber Gesichtsfarbe und mit schrägstehenden Augen; --
-er war vornüber gebeugt und schien auf etwas zu warten. Auf einen
-Auftrag vielleicht.«
-
-»Ein Buch, -- ein altes großes Buch haben Sie nirgends gesehen?«,
-forschte ich.
-
-Er rieb sich die Stirn.
-
-»Ein Buch sagen Sie? -- Ja. Sehr richtig: ein Buch lag auf dem Boden. Es
-war aufgeschlagen, ganz aus Pergament, und mit einem großen, goldenen
->A< fing die Seite an.«
-
-»Mit einem >I< meinen Sie wohl?«
-
-»Nein, mit einem >A<.«
-
-»Wissen Sie das bestimmt? War es nicht ein >I<?«
-
-»Nein, es war bestimmt ein >A<.«
-
-Ich schüttelte den Kopf und fing an zu zweifeln. Offenbar hatte Laponder
-im Halbschlaf in meinem Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr
-durcheinander gebracht: Hillel, Mirjam, den Golem, das Buch Ibbur und
-den unterirdischen Gang.
-
-»Haben Sie die Gabe zu >wandern<, wie Sie es nennen, schon lang?«,
-fragte ich.
-
-»Seit meinem 21. Jahr -- -- --«, er stockte, schien nicht gern davon zu
-reden; da nahm seine Miene plötzlich den Ausdruck grenzenlosen
-Erstaunens an, und er starrte auf meine Brust, als ob er dort etwas
-sähe.
-
-Ohne auf meine Verwunderung zu achten, ergriff er hastig meine Hand und
-bat -- fast flehentlich:
-
-»Um Himmelswillen, sagen Sie mir _alles_. Es ist heute der letzte Tag,
-den ich bei Ihnen verbringen darf. Vielleicht schon in einer Stunde
-werde ich abgeholt, um mein Todesurteil anzuhören -- --.«
-
-Ich unterbrach ihn entsetzt:
-
-»Dann müssen Sie mich mitnehmen als Zeugen! Ich werde beschwören, daß
-Sie krank sind. -- Sie sind mondsüchtig. Es darf nicht sein, daß man Sie
-hinrichtet, ohne Ihren Geisteszustand untersucht zu haben. So nehmen Sie
-doch Vernunft an!«
-
-Er wehrte nervös ab: »Das ist doch so nebensächlich, -- bitte, sagen Sie
-mir alles!«
-
-»Aber was soll ich Ihnen denn sagen? -- Reden wir doch lieber von
-_Ihnen_ und -- --«
-
-»Sie müssen, ich weiß das jetzt, gewisse, seltsame Dinge erlebt haben,
-die mich nah angehen, -- näher als Sie ahnen können; -- -- ich bitte
-Sie, sagen Sie mir alles!«, flehte er.
-
-Ich konnte es nicht fassen, daß ihn mein Leben mehr interessierte als
-seine eigenen, doch wahrhaftig genügend dringenden Angelegenheiten; um
-ihn aber zu beruhigen, erzählte ich ihm alles, was mir an
-Unbegreiflichem geschehen war.
-
-Bei jedem größeren Abschnitt nickte er zufrieden, wie jemand, der eine
-Sache bis zum Grund durchschaut.
-
-Als ich zu der Stelle kam, wo die Erscheinung ohne Kopf vor mir
-gestanden und mir die schwarzroten Körner hingehalten hatte, konnte er
-es kaum erwarten, den Schluß zu erfahren.
-
-»Also, aus der Hand geschlagen haben Sie sie ihm«, murmelte er sinnend.
-»Ich hätte nie gedacht, daß es einen _dritten_ >Weg< geben könnte.«
-
-»Es war das kein dritter Weg,« sagte ich, »es war dasselbe, wie wenn ich
-die Körner abgelehnt hätte.«
-
-Er lächelte.
-
-»Glauben Sie nicht, Herr Laponder?«
-
-»Wenn Sie sie abgelehnt hätten, wären Sie wohl auch den >Weg des Lebens<
-gegangen, aber die Körner, die magische Kräfte bedeuten, wären nicht
-zurückgeblieben. -- So sind sie auf den Boden gerollt, wie Sie sagen.
-Das heißt: sie sind hier geblieben und werden von Ihren Vorfahren so
-lange behütet, bis die Zeit des Keimens da ist. Dann werden die Kräfte,
-die in Ihnen jetzt noch schlummern, lebendig werden.«
-
-Ich verstand nicht: »Von meinen Vorfahren werden die Körner behütet?«
-
-»Sie müssen es teilweise symbolisch auffassen, was Sie erlebt haben«,
-erklärte Laponder. »Der Kreis der bläulich strahlenden Menschen, der Sie
-umstand, war die Kette der ererbten >Iche<, die jeder von einer Mutter
-Geborene mit sich herumschleppt. Die Seele ist nichts >Einzelnes<, --
-sie soll es erst werden, und das nennt man dann: >Unsterblichkeit<; Ihre
-Seele ist noch zusammengesetzt aus vielen >Ichen< -- so, wie ein
-Ameisenstaat aus vielen Ameisen; Sie tragen die seelischen Reste vieler
-tausend Vorfahren in sich: -- die Häupter Ihres Geschlechtes. Bei allen
-Wesen ist es so. Wie könnte denn ein Huhn, das aus einem Ei künstlich
-erbrütet wurde, sich sogleich die richtige Nahrung suchen, wenn nicht
-die Erfahrung von Jahrmillionen in ihm stäke? -- Das Vorhandensein des
->Instinktes< verrät die Gegenwart der Vorfahren im Leib und in der
-Seele. -- Aber, verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht unterbrechen.«
-
-Ich erzählte zu Ende. Alles. Auch das, was Mirjam über den
-»Hermaphroditen« gesagt hatte.
-
-Als ich innehielt und aufblickte, bemerkte ich, daß Laponder weiß
-geworden war wie der Kalk an der Wand und Tränen über seine Wangen
-liefen.
-
-Rasch stand ich auf, tat, als sähe ich es nicht, und ging in der Zelle
-auf und nieder, um abzuwarten, bis er sich beruhigt haben würde.
-
-Dann setzte ich mich ihm gegenüber und bot meine ganze Beredsamkeit auf,
-ihn zu überzeugen, wie dringend nötig es wäre, den Richtern gegenüber
-auf seinen krankhaften Geisteszustand hinzuweisen.
-
-»Wenn Sie wenigstens den Mord nicht eingestanden hätten!«, schloß ich.
-
-»Aber ich mußte doch! Man hat mich auf mein Gewissen gefragt«, sagte er
-naiv.
-
-»Halten Sie denn eine Lüge für schlimmer als -- als einen Lustmord?«,
-fragte ich verblüfft.
-
-»Im allgemeinen vielleicht nicht, in meinem Fall gewiß. -- Sehen Sie:
-als ich vom Untersuchungsrichter gefragt wurde, ob ich gestünde, hatte
-ich die Kraft, die Wahrheit zu sagen. Es stand also in meiner Wahl, zu
-lügen oder nicht zu lügen. -- Als ich den Lustmord beging -- -- bitte,
-ersparen Sie mir die Details: es war so gräßlich, daß ich die Erinnerung
-nicht wieder aufleben lassen möchte -- -- als ich den Lustmord beging,
-da hatte ich _keine_ Wahl. Wenn ich auch bei vollkommen klarem
-Bewußtsein handelte, so hatte ich _dennoch keine Wahl_: Irgend etwas,
-dessen Vorhandensein in mir ich nie geahnt hatte, wachte auf und war
-stärker als ich. Glauben Sie, wenn ich die Wahl gehabt haben würde, ich
-hätte gemordet? -- Nie habe ich getötet -- nicht einmal das kleinste
-Tier, -- und jetzt wäre ich es schon gar nicht imstande.
-
-Nehmen Sie an, es wäre Menschengesetz: zu morden, und auf der
-Unterlassung stünde der Tod -- ähnlich wie es im Krieg der Fall ist, --
-augenblicklich hätte ich mir den Tod verdient. -- Weil mir keine Wahl
-bliebe. Ich könnte ganz einfach nicht morden. Damals, als ich den
-Lustmord beging, lag die Sache umgekehrt.«
-
-»Um so mehr, wo Sie sich jetzt quasi als ein anderer fühlen, müssen Sie
-alles aufbieten, dem Richterspruch zu entgehen!«, wandte ich ein.
-
-Laponder machte eine abwehrende Handbewegung: »Sie irren! Die Richter
-haben von ihrem Standpunkt aus ganz recht. Sollen sie einen Menschen wie
-mich vielleicht frei umherlaufen lassen? Damit morgen oder übermorgen
-wieder das Unheil losbricht?«
-
-»Nein; aber in einer Heilanstalt für Geisteskranke sollte man Sie
-internieren. Das ist es doch, was ich sage!«
-
-»Wenn ich irrsinnig wäre, hätten Sie recht«, erwiderte Laponder
-gleichmütig. »Aber ich bin nicht irrsinnig. Ich bin etwas ganz anderes,
--- etwas, was dem Irrsein sehr ähnlich sieht, aber gerade das Gegenteil
-ist. Bitte, hören Sie zu. Sie werden mich sogleich verstehen. -- -- --
-Was Sie mir vorhin von dem Phantom ohne Kopf -- ein Symbol natürlich:
-dieses Phantom, den Schlüssel können Sie leicht finden, wenn Sie darüber
-nachdenken -- erzählten, ist mir einst genau so passiert. Nur habe ich
-die Körner _angenommen_. Ich gehe also den >Weg des Todes<! -- Für mich
-ist das Heiligste, das ich denken kann: meine Schritte vom Geistigen in
-mir lenken zu lassen. Blind, vertrauensvoll, wohin der Weg auch führen
-mag: ob zum Galgen oder zum Thron, ob zur Armut oder zum Reichtum.
-Niemals habe ich gezögert, wenn die Wahl in meine Hand gelegt war.
-
-Darum habe ich auch nicht gelogen, als die Wahl in meiner Hand lag.
-
-Kennen Sie die Worte des Propheten Micha:
-
- »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist,
- und was der Herr von dir fordert,«?
-
-Würde ich gelogen haben, hätte ich eine Ursache geschaffen, weil ich die
-Wahl hatte; -- -- als ich den Mord beging, schuf ich keine Ursache; nur
-die Wirkung einer in mir schlummernden, längst gelegten _Ursache_, über
-die ich keine Gewalt mehr besaß, wurde frei.
-
-Also sind meine Hände rein.
-
-Dadurch, daß das Geistige in mir mich zum Mörder werden ließ, hat es
-eine Hinrichtung an mir vollzogen; dadurch, daß mich die Menschen an den
-Galgen knüpfen, wird mein Schicksal losgelöst von dem ihrigen: -- ich
-komme zur Freiheit.«
-
-Er ist ein Heiliger, fühlte ich, und das Haar sträubte sich mir vor
-Schauer über meine eigene Kleinheit.
-
-»Sie haben mir erzählt, daß Sie durch den hypnotischen Eingriff eines
-Arztes in Ihr Bewußtsein lange die Erinnerung an Ihre Jugendzeit
-vergessen hatten«, fuhr er fort. »Es ist das das Kennzeichen, -- das
-Stigma -- aller derer, die von der >Schlange des geistigen Reiches<
-gebissen sind. Es scheint fast, als müßten in uns zwei Leben
-aufeinandergepfropft werden, wie ein Edelreis auf den wilden Baum, ehe
-das _Wunder der Erweckung_ geschehen kann; -- was sonst durch den Tod
-getrennt wird, geschieht hier durch Erlöschen der Erinnerung -- manchmal
-nur durch eine plötzliche innere Umkehr.
-
-Bei mir war es so, daß ich scheinbar ohne äußere Ursache in meinem 21.
-Jahr eines Morgens wie verändert erwachte. Was mir bis dahin lieb
-gewesen, erschien mir mit einem Mal gleichgültig: Das Leben kam mir dumm
-vor wie eine Indianergeschichte und verlor an Wirklichkeit; die Träume
-wurden zu Gewißheit -- zu apodiktischer, beweiskräftiger Gewißheit,
-verstehen Sie wohl: _zu beweiskräftiger, realer_ Gewißheit, und das
-Leben des Tages wurde zum Traum.
-
-Alle Menschen könnten das, wenn sie den Schlüssel hätten. Und der
-Schlüssel liegt einzig und allein darin, daß man sich seiner
->Ichgestalt<, sozusagen seiner _Haut_, im Schlaf bewußt wird, -- die
-schmale Ritze findet, durch die sich das Bewußtsein zwängt zwischen
-Wachsein und Tiefschlaf.
-
-Darum sagte ich vorhin: ich >wandere< und nicht: >ich träume<.
-
-Das Ringen nach der Unsterblichkeit ist ein Kampf um das Zepter gegen
-die uns innewohnenden Klänge und Gespenster; und das Warten auf das
-Königwerden des eigenen >Ichs< ist das Warten auf den Messias.
-
-Der schemenhafte Habal Garmin, den Sie gesehen haben, der >Hauch der
-Knochen< der Kabbala, das war der König. Wenn er gekrönt sein wird, --
-dann reißt der Strick entzwei, mit dem Sie durch die äußern Sinne und
-den Schornstein des Verstandes an die Welt gebunden sind.
-
-Wieso es kommen konnte, daß ich trotz meinem Losgetrenntsein vom Leben
-über Nacht zum Lustmörder werden konnte, fragen Sie mich? Der Mensch ist
-wie ein Glasrohr, durch das bunte Kugeln laufen: bei fast allen im Leben
-nur eine. Ist die Kugel rot, heißt der Mensch: >schlecht<. Ist sie gelb,
-dann ist der Mensch: >gut<. Laufen zwei hintereinander -- eine rote und
-eine gelbe, dann hat >man< einen >ungefestigten< Charakter. Wir von der
->Schlange Gebissenen<, machen in einem Leben durch, was sonst an der
-ganzen Rasse in einem Weltenalter geschieht: die farbigen Kugeln rasen
-hintereinander her durch das Glasrohr, und wenn sie zu Ende sind -- --
-dann sind wir Propheten, -- sind die Spiegel Gottes geworden.«
-
-Laponder schwieg.
-
-Lange konnte ich kein Wort sprechen. Seine Rede hatte mich fast betäubt.
-
-»Weshalb fragten Sie mich vorhin so ängstlich nach _meinen_ Erlebnissen,
-wo Sie doch so viel, viel höher stehen als ich?«, fing ich endlich
-wieder an.
-
-»Sie irren,« sagte Laponder, »ich stehe weit _unter_ Ihnen. -- Ich
-fragte Sie, weil ich fühlte, daß Sie den Schlüssel besitzen, der mir
-noch fehlte.«
-
-»Ich? Einen Schlüssel? O Gott!«
-
-»Jawohl _Sie_! Und Sie haben ihn mir gegeben. -- Ich glaube nicht, daß
-es einen glücklicheren Menschen auf Erden gibt, als ich es heute bin.«
-
-Draußen entstand ein Geräusch; die Riegel wurden zurückgeschoben, --
-Laponder achtete kaum darauf:
-
-»Das mit dem Hermaphroditen war der Schlüssel. Jetzt habe ich die
-Gewißheit. Schon deshalb bin ich froh, daß man mich holen kommt, denn
-bald bin ich am Ziel.«
-
-Vor Tränen konnte ich Laponders Gesicht nicht mehr unterscheiden, ich
-_hörte_ nur das Lächeln in seiner Stimme.
-
-»Und jetzt: leben Sie wohl, Herr Pernath, und denken Sie: das, was man
-morgen aufhenkt, sind nur meine Kleider; Sie haben mir das Schönste
-eröffnet, -- das Letzte, was ich noch nicht wußte. Jetzt geht's zur
-Hochzeit -- -- -- --,« er stand auf und folgte dem Gefangenwärter -- »es
-hängt mit dem Lustmord eng zusammen«, waren die letzten Worte, die ich
-hörte und nur dunkel begriff.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-So oft seit jener Nacht der Vollmond am Himmel stand, glaubte ich immer
-wieder Laponders schlafendes Gesicht auf der grauen Leinwand des Bettes
-liegen zu sehen.
-
-In den nächsten Tagen, nachdem er weggeführt worden war, hatte ich ein
-Hämmern und Zimmern aus dem Hinrichtungshof heraufdröhnen hören, das
-manchmal bis zum Morgengrauen dauerte.
-
-Ich erriet, was es bedeutete, und hielt mir stundenlang die Ohren zu vor
-Verzweiflung.
-
-Monat um Monat verfloß. Ich sah, wie der Sommer zerrann, am Krankwerden
-des kümmerlichen Laubs im Hof; roch es an dem pelzigen Hauch, der aus
-den Mauern drang.
-
-Wenn mein Blick bei den Rundgängen auf den sterbenden Baum fiel und das
-eingewachsene Glasbild der Heiligen in seiner Rinde, zog ich
-unwillkürlich jedesmal den Vergleich, wie tief sich auch Laponders
-Gesicht in mich eingegraben hatte. Beständig trug ich es in mir herum
-dieses Buddhagesicht mit der faltenlosen Haut und dem seltsamen,
-immerwährenden Lächeln.
-
-Ein einziges Mal noch -- im September -- hatte mich der
-Untersuchungsrichter holen lassen und mißtrauisch gefragt, wie ich es
-begründen könne, daß ich bei dem Bankschalter gesagt, ich müsse dringend
-verreisen, und warum ich in den Stunden vor meiner Verhaftung so unruhig
-gewesen wäre und meine sämtlichen Edelsteine zu mir gesteckt hätte.
-
-Auf meine Antwort, ich sei mit der Absicht umgegangen, mir das Leben zu
-nehmen, hatte es wieder hinter dem Schreibtisch höhnisch gemeckert. --
-
-Bis dahin war ich allein in meiner Zelle gewesen und konnte meinen
-Gedanken, meiner Trauer um Charousek, der, wie ich fühlte, längst tot
-sein mußte, und Laponder und meiner Sehnsucht um Mirjam nachhängen.
-
-Dann kamen wieder neue Gefangene: diebische Kommis mit verlebten
-Gesichtern, dickwanstige Bankkassierer, -- »Waisenkinder«, wie der
-schwarze Vóssatka sie genannt haben würde, -- und verpesteten mir die
-Luft und die Stimmung.
-
-Eines Tages gab einer von ihnen voll Entrüstung zum besten, daß vor
-geraumer Zeit ein Lustmord in der Stadt geschehen sei. Zum Glück hätte
-man den Täter sogleich erwischt und kurzen Prozeß mit ihm gemacht.
-
-»Laponder hat er geheißen, der Schuft, der gottserbärmliche«, schrie ein
-Kerl mit einer Raubtierschnauze, der wegen Kindsmißhandlung zu -- 14
-Tagen Gefängnis verurteilt worden war, dazwischen. »Auf frischer Tat
-habn's'n g'faßt. Die Lampen is umg'fallen bei dem Krawall und's Zimmer
-is ausbrennt. Die Leich' von dem Madel is dabei so verkohlt, daß mer bis
-zum heutigen Tage noch nöt hat rausbringen können, wer sie eigentlich
-war. Schwarze Haar hat's g'habt und a schmal's G'sicht, dös is alls, was
-mer weiß. Und der Laponder hat net ums Verrecken rausg'ruckt mit ihrem
-Namen. -- Wann's nach mir gangen wär, i hätt ihm d'Haut ab'zogen und
-Pfeffer drauf g'streut. -- Dös san halt die feinen Herren! Mörder san's,
-alle z'samm. -- -- -- -- Als ob's net anderne Mittel g'nua gebet, wann
-aner a Madel los sein wüll«, setzte er mit zynischem Lächeln hinzu.
-
-Die Wut kochte in mir und am liebsten hätte ich den Halunken zu Boden
-geschlagen.
-
-Nacht für Nacht schnarchte er in dem Bett, auf dem Laponder gelegen. Ich
-atmete auf, als er endlich freigelassen wurde.
-
-Aber selbst da war ich ihn noch nicht los. Seine Rede hatte sich wie ein
-Pfeil mit Widerhaken in mich eingebohrt.
-
-Fast beständig, hauptsächlich in der Dunkelheit, nagte jetzt in mir der
-grausige Verdacht, Mirjam könne das Opfer Laponders gewesen sein.
-
-Je mehr ich dagegen ankämpfte, desto tiefer verstrickte ich mich in dem
-Gedanken, bis er beinahe zur fixen Idee wurde.
-
-Manchmal, besonders wenn der Mond grell durchs Gitter schien, wurde es
-besser: ich konnte mir die Stunden, die ich mit Laponder verlebt, dann
-lebendig machen, und das tiefe Gefühl für ihn verscheuchte mir die Qual,
--- aber nur zu oft kamen die gräßlichen Minuten wieder, wo ich Mirjam
-ermordet und verkohlt im Geiste vor mir sah und glaubte, vor Angst den
-Verstand verlieren zu müssen.
-
-Die schwachen Anhaltspunkte, die ich für meinen Verdacht hatte,
-verdichteten sich in solchen Zeiten zu einem geschlossenen Ganzen, -- zu
-einem Gemälde voll unbeschreiblich entsetzenerregender Einzelheiten.
-
-Anfangs November gegen 10 Uhr abends, es war bereits stockfinster und
-die Verzweiflung in mir hatte einen derartigen Höhepunkt erreicht, daß
-ich mich, um nicht laut aufzuschreien, in meinen Strohsack verbiß wie
-ein verdurstendes Tier, öffnete plötzlich der Gefangenwärter die Zelle
-und forderte mich auf, mit ihm zum Untersuchungsrichter zu kommen. Ich
-fühlte mich so schwach, daß ich mehr taumelte als ging.
-
-Die Hoffnung, jemals dieses schreckliche Haus verlassen zu dürfen, war
-längst in mir gestorben.
-
-Ich machte mich darauf gefaßt, wieder eine kalte Frage gestellt zu
-bekommen, das stereotype Gemecker hinter dem Schreibtisch zu hören und
-dann zurück in die Finsternis zu müssen.
-
-Der Herr Baron Leisetreter war bereits nach Hause gegangen und nur ein
-alter, buckliger Schreiber mit Spinnenfingern stand im Zimmer.
-
-Dumpf wartete ich, was mit mir geschehen würde.
-
-Es fiel mir auf, daß der Gefangenwärter mit hereingekommen war und mir
-gutmütig zublinzelte, aber ich war viel zu niedergeschlagen, als daß ich
-mir über die Bedeutung alles dessen hätte klarwerden können.
-
-»Die Untersuchung hat ergeben«, fing der Schreiber an, meckerte, stieg
-auf einen Sessel und kramte erst lange auf dem Bücherbord nach
-Schriftstücken, ehe er fortfuhr: »hat ergeben, daß der in Frage kommende
-Karl Zottmann vor seinem Tode anläßlich einer heimlichen Zusammenkunft
-mit der unverehelichten ehemaligen Prostituierten Rosina Metzeles, die
-damaliger Zeit den Spitznamen >die rote Rosina< führte, dann später von
-einem taubstummen, nunmehr unter polizeilicher Aufsicht stehenden
-Silhubettenschneider namens Jaromir Kwáßnitschka aus dem Weinsalon
->Kautsky< losgekauft wurde und seit einigen Monaten mit Seiner
-Durchlaucht dem Fürsten Ferri Athenstädt im gemeinsamen, wilden
-Konkubinate als Majteresse lebt, von hinterlistiger Hand in ein
-unterirdisches, aufgelassenes Kellergewölbe des Hauses Nummer
-^conscriptionis^ 21873, gebrochen durch römisch III, der Hahnpaßgasse,
-laufende Nummero sieben, gelockt, dortselbst eingeschlossen und sich
-selbst, beziehungsweise dem Tode durch Verhungern oder Erfrieren
-überlassen wurde. -- -- Der obenerwähnte Zottmann nämlich«, erklärte der
-Schreiber mit einem Blick über die Brille hinweg und blätterte ein
-paarmal um.
-
-»Die Untersuchung hat weiters ergeben, daß der obenerwähnte Karl
-Zottmann allem Anscheine nach -- nach eingetretenem Ableben -- seiner
-sämtlichen bei ihm getragenen Habseligkeiten, insbesondere seiner sub
-faszikel römisch P gebrochen durch >Bäh< beigeschlossenen
-doppelmanteligen Taschenuhr« -- der Schreiber hob die Uhr an der Kette
-in die Höhe -- »beraubt wurde. Der eidesstattlichen Aussage des
-Silhubettenschnitzers Jaromir Kwáßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17
-Jahren verstorbenen Hostienbäckers gleichen Namens: die Uhr im Bett
-seines inzwischen flüchtig gegangenen Bruders Loisa gefunden und an den
-Altwarenhändler und mehrfachen, inzwischen aus dem Leben geschiedenen
-Realitätenbesitzer Aaron Wassertrum gegen Inempfangnahme von Geldeswert
-veräußert zu haben, konnte mangels Glaubwürdigkeit kein Gewicht
-beigelegt werden.
-
-Die Untersuchung hat weiters ergeben, daß die Leiche des erwähnten Karl
-Zottmann in der rückwärtigen Hosentasche zur Zeit ihrer Auffindung ein
-Notizbuch bei sich trug, in der sie vermutlich bereits einige Tage vor
-erfolgtem Ableben mehrere den Tatbestand erhellende und die Ergreifung
-des Täters durch die k. k. Behörden erleichternde Eintragungen
-vorgenommen hatte.
-
-Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft wurde demzufolge
-auf den nunmehr durch die Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend
-verdächtig gewordenen _Loisa_ Kwáßnitschka, zurzeit flüchtig, gelenkt
-und unter einem verfügt, die Untersuchungshaft gegen Athanasius Pernath,
-Gemmenschneider, dermalen noch unbescholten, aufzuheben, und das
-Verfahren gegen ihn einzustellen.
-
-Prag im Juli
-
- gezeichnet
- Dr. Freiherr von Leisetreter.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Boden schwankte unter meinen Füßen, und ich verlor eine Minute das
-Bewußtsein.
-
-Als ich erwachte, saß ich auf einem Stuhl, und der Gefangenwärter
-klopfte mir freundlich auf die Schulter.
-
-Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben, schnupfte, schneuzte sich
-und sagte zu mir:
-
-»Die Verlesung der Verfügung hat sich bis heute hinausgezogen, weil Ihr
-Name mit einem >Päh< beginnt und naturgemäß im Alphabet erst gegen
-Schluß vorkommen kann.« -- Dann las er weiter:
-
-Ȇberdies ist der Athanasius Pernath, Gemmenschneider, in Kenntnis zu
-setzen, daß ihm laut testamentarischer Verfügung des im Mai mit Tod
-abgegangenen ^stud. med.^ Innocenz Charousek ein Drittel von dessen
-gesamter Verlassenschaft ins Erbe zugefallen ist, und ist er zur
-Unterfertigung des Protokolles hiermit anzuhalten.«
-
-Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder eingetunkt und fing
-an zu schmieren.
-
-Ich erwartete gewohnheitsmäßig, daß er meckern würde, aber er meckerte
-nicht.
-
-»Innocenz Charousek«, murmelte ich ihm wie geistesabwesend nach.
-
-Der Gefangenwärter beugte sich über mich und flüsterte mir ins Ohr:
-
-»Kurz vor seinem Tode war er bei mir, der Herr Dr. Charousek, und hat
-sich nach Ihnen erkundigt. Er läßt Sie viel--vielmals grüßen, hat er
-g'sagt. Ich hab's natürlich damals nicht ausrichten dürfen. Es ist
-streng verboten. Ein schreckliches Ende hat er übrigens genommen, der
-Herr Dr. Charousek. Er hat sich selbst entleibt. Man hat ihn tot auf dem
-Grabhügel des Aaron Wassertrum, auf der Brust liegend, gefunden. -- Er
-hat zwei tiefe Löcher in die Erde gegraben gehabt, sich die Pulsadern
-aufgeschnitten und dann die Arme in die Löcher gesteckt. So ist er
-verblutet. Er ist wahrscheinlich wahnsinnig gewesen, der Herr Dr. Char
--- -- --«
-
-Der Schreiber schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück und reichte mir die
-Feder zum Unterschreiben.
-
-Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im Tonfall seines
-freiherrlichen Vorgesetzten:
-
-»Gefangenwärter, führen Sie den Mann hinaus.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wie vor langer, langer Zeit hatte wiederum der Mann mit Säbel und
-Unterhosen im Torzimmer seine Kaffeemühle vom Schoß genommen; nur daß er
-mich diesmal nicht untersuchte und mir meine Edelsteine, das
-Portemonnaie mit den zehn Gulden darin, meinen Mantel und alles übrige
-zurückgab.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Dann stand ich auf der Straße.
-
-»Mirjam! Mirjam! Jetzt endlich naht das Wiedersehen!« -- Ich
-unterdrückte einen Schrei wildesten Entzückens.
-
-Es mußte Mitternacht sein. Der Vollmond schwebte glanzlos wie ein fahler
-Messingteller hinter Dunstschleiern.
-
-Das Pflaster war mit einer zähen Schicht von Schmutz bedeckt.
-
-Ich wankte auf eine Droschke zu, die im Nebel aussah wie ein
-zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer. Meine Beine versagten
-fast den Dienst; ich hatte das Gehen verlernt und taumelte -- auf
-empfindungslosen Sohlen wie ein Rückenmarkskranker. -- --
-
-»Kutscher, fahren Sie mich, so rasch Sie können, in die Hahnpaßgasse 7!
--- Haben Sie mich verstanden?: -- Hahnpaßgasse 7.«
-
-
-
-
- Frei
-
-
-Nach wenigen Metern Fahrt blieb die Droschke stehn.
-
-»Hahnpaßgassä, gnä' Herr?«
-
-»Ja, ja, nur rasch.«
-
-Wieder fuhr der Wagen ein Stück weiter. Wieder blieb er stehen.
-
-»Um Himmels willen, was gibt's denn?«
-
-»Hahnpaßgassä, gnä' Herr?«
-
-»Ja, ja. Ja doch.«
-
-»In die Hahnpaßgassä kann me doch nicht fahrrähn!«
-
-»Warum denn nicht?«
-
-»Ise sich doch ieberall Pflaste aufgrissen, Judenstadt wirde sich doch
-assaniert.«
-
-»Also fahren Sie eben, soweit Sie können, aber jetzt rasch gefälligst.«
-
-Die Droschke machte einen einzigen Galoppsprung und stolperte dann
-gemächlich weiter.
-
-Ich ließ die klapprigen Fenster herunter und sog mit gierigen Lungen die
-Nachtluft ein.
-
-Alles war mir so fremd geworden, so unbegreiflich neu: die Häuser, die
-Straßen, die geschlossenen Läden.
-
-Ein weißer Hund trabte einsam und mißgelaunt auf dem nassen Trottoir
-vorüber. Ich sah ihm nach. -- Wie sonderbar!! Ein Hund! Ich hatte ganz
-vergessen, daß es solche Tiere gab. -- Vor Freude kindisch rief ich ihm
-nach: »Aber, aber! Wie kann man nur so verdrossen sein.« -- -- --
-
-Was Hillel wohl sagen würde!? -- Und Mirjam?
-
-Nur noch wenige Minuten und ich war bei ihnen. Nicht eher wollte ich
-aufhören, an ihre Türe zu klopfen, bis ich sie aus den Federn getrieben.
-
-Jetzt war ja alles gut -- all der Jammer dieses Jahres vorüber! --
-
-Würde das ein Weihnachten werden!
-
-Diesmal durfte ich es nicht verschlafen, wie das letztemal.
-
-Einen Augenblick lähmte mich wieder das alte Entsetzen: die Worte des
-Sträflings mit der Raubtierschnauze fielen mir ein. Das verbrannte
-Gesicht -- der Lustmord -- aber nein, nein! -- Ich schüttelte es
-gewaltsam ab: nein, nein, es konnte, es konnte nicht sein. -- Mirjam
-lebte! Ich hatte doch ihre Stimme aus Laponders Mund gehört.
-
-Nur noch eine Minute -- eine halbe -- -- und dann --
-
-Die Droschke hielt vor einem Trümmerhaufen. Barrikaden aus
-Pflastersteinen überall!
-
-Rote Laternen brannten darauf.
-
-Beim Schein von Fackeln grub und schaufelte ein Heer von Arbeitern.
-
-Halden von Schutt und Mauerbrocken versperrten den Weg. Ich kletterte
-umher, versank bis ans Knie.
-
-Das hier, das mußte doch die Hahnpaßgasse sein?!
-
-Mühsam orientierte ich mich. Nichts als Ruinen ringsum.
-
-Stand denn da nicht das Haus, in dem ich gewohnt hatte?
-
-Die Vorderseite war eingerissen.
-
-Ich kletterte auf einen Erdhügel; tief unter mir lief ein schwarzer,
-gemauerter Gang die ehemalige Gasse entlang. Ich schaute empor: wie
-riesige Bienenzellen hingen die bloßgelegten Wohnräume in der Luft, halb
-vom Fackelschein, halb von dem trüben Mondlicht beschienen.
-
-Das dort oben, das mußte mein Zimmer sein -- ich erkannte es an der
-Bemalung der Wände.
-
-Nur noch ein Streifen davon war übrig.
-
-Und daranstoßend das Atelier -- Saviolis. Mir wurde plötzlich ganz leer
-im Herzen. Wie seltsam! Das Atelier! -- Angelina! -- -- So weit, so
-unabsehbar fern lag das alles hinter mir!
-
-Ich drehte mich um: von dem Haus, in dem Wassertrum gewohnt, kein Stein
-mehr auf dem andern. Alles dem Erdboden gleichgemacht: der Trödlerladen,
-die Kellerwohnung Charouseks -- -- -- alles, alles.
-
-»Der Mensch geht dahin wie ein Schatten« -- fiel mir ein Satz ein, den
-ich einmal irgendwo gelesen.
-
-Ich fragte einen Arbeiter, ob er nicht wisse, wo die Leute jetzt
-wohnten, die hier ausgezogen seien; ob er vielleicht den Archivar
-Schemajah Hillel kenne.
-
-»Nix daitsch«, war die Antwort.
-
-Ich schenkte dem Mann einen Gulden: er verstand zwar sofort deutsch,
-konnte mir aber keine Antwort geben.
-
-Auch von seinen Kameraden niemand.
-
-Vielleicht, daß beim »Loisitschek« etwas zu erfahren wäre?
-
-Der »Loisitschek« sei gesperrt, hieß es, das Haus würde renoviert.
-
-Also irgend jemand in der Nachbarschaft wecken! -- Ging das nicht?
-
-»Weit a breit wohnt sich keine Katz,« sagte der Arbeiter, »weil ise
-behärdlich verbotten. Von wägen Typhus.«
-
-»Der >Ungelt<? Der wird doch offen haben?«
-
-»Ungelt ise sich geschlossen.«
-
-»Bestimmt?«
-
-»Bestimmt!«
-
-Aufs Geratewohl nannte ich ein paar Namen von Höcklern und
-Tabaktrafikantinnen, die in der Nähe gewohnt hatten; dann die Namen
-Zwakh, Vrieslander, Prokop -- --
-
-Bei allen schüttelte der Mann den Kopf.
-
-»Vielleicht kennen Sie den Jaromir Kwáßnitschka?«
-
-Der Arbeiter horchte auf.
-
-»Jaromir? Ise sich taubstumm?«
-
-Ich jubelte. Gott sei Dank. Wenigstens ein Bekannter.
-
-»Ja, er ist taubstumm. Wo wohnt er?«
-
-»Schneit e' sich Bildeln aus? Aus schwarzem Pappjir?«
-
-»Ja. Er ist es schon. Wo kann ich ihn wohl treffen?«
-
-So umständlich wie möglich bezeichnete mir der Mann ein Nachtcaféhaus in
-der inneren Stadt und fing sofort wieder an zu schaufeln.
-
-Über eine Stunde lang watete ich durch Schuttfelder, balancierte über
-schwankende Bretter und kroch unter Querbalken durch, die die Straßen
-versperrten. Das ganze Judenviertel war eine einzige Steinwüste, als
-hätte ein Erdbeben die Stadt zerstört.
-
-Atemlos vor Aufregung, schmutzbedeckt und mit zerrissenen Schuhen fand
-ich mich endlich aus dem Labyrinth heraus.
-
-Ein paar Häuserreihen, und ich stand vor der gesuchten Spelunke.
-
-»Café Chaos« stand darüber geschrieben.
-
-Ein menschenleeres, winziges Lokal, das kaum genügend Platz ließ für die
-paar Tische, die an die Wände gerückt waren.
-
-In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief ein Kellner und
-schnarchte.
-
-Ein Marktweib, mit einem Gemüsekorb vor sich, saß in der Ecke und nickte
-über einem Glas Caj.
-
-Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu fragen, was ich
-wünschte. Bei dem frechen Blick, mit dem er mich von Kopf bis zu Fuß
-musterte, kam mir erst zum Bewußtsein, wie abgerissen ich aussehen
-mußte.
-
-Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte mich: ein fremdes,
-blutleeres Gesicht, faltig, grau wie Kitt, mit struppigem Bart und
-wirrem, langem Haar starrte mir entgegen.
-
-Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen sei, fragte ich und
-bestellte schwarzen Kaffee.
-
-»Woaß net, wo er so lang bleibt«, war die gegähnte Antwort.
-
-Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard und schlief weiter.
-
-Ich nahm das »Prager Tagblatt« von der Wand und -- wartete.
-
-Die Buchstaben liefen wie Ameisen über die Seiten und ich begriff nicht
-ein einziges Wort von dem, was ich las.
-
-Die Stunden vergingen und hinter den Scheiben zeigte sich bereits das
-verdächtige tiefe Dunkelblau, das den Einbruch der Morgendämmerung für
-ein Lokal mit Gasbeleuchtung anzeigt.
-
-Hie und da spähten ein paar Schutzleute mit grünlich schillernden
-Federbüschen herein und gingen in langsamem, schwerem Schritt wieder
-weiter.
-
-Drei übernächtig aussehende Soldaten traten ein.
-
-Ein Straßenkehrer nahm einen Schnaps.
-
-Endlich, endlich: Jaromir.
-
-Er hatte sich so verändert, daß ich ihn anfangs gar nicht
-wiedererkannte: die Augen erloschen, die Vorderzähne ausgefallen, das
-Haar schütter und tiefe Höhlen hinter den Ohren.
-
-Ich war so froh, nach so langer Zeit wieder ein bekanntes Gesicht zu
-sehen, daß ich aufsprang, ihm entgegenging und seine Hand faßte.
-
-Er benahm sich außerordentlich scheu und blickte immerwährend nach der
-Türe. Durch alle möglichen Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen,
-daß ich mich freute, ihn getroffen zu haben. -- Er schien es mir lange
-nicht zu glauben.
-
-Aber, was für Fragen ich auch stellte, stets die gleiche hilflose
-Handbewegung des Nichtverstehens bei ihm.
-
-Wie konnte ich mich nur verständlich machen?!
-
-Halt! Eine Idee!
-
-Ich ließ mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander die
-Gesichter von Zwakh, Vrieslander und Prokop auf.
-
-»Was? Alle nicht mehr in Prag?«
-
-Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum, machte die Gebärde des
-Geldzählens, marschierte mit den Fingern über den Tisch, schlug sich auf
-den Handrücken. Ich erriet: alle drei hatten wahrscheinlich von
-Charousek Geld bekommen und zogen jetzt als kaufmännische Kompagnie mit
-dem vergrößerten Marionettentheater durch die Welt.
-
-»Und Hillel? Wo wohnt er jetzt?« -- Ich zeichnete sein Gesicht, ein Haus
-dazu und ein Fragezeichen.
-
-Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht; -- er konnte nicht lesen, aber
-er begriff, was ich wollte, -- nahm ein Streichholz, warf es scheinbar
-in die Höhe und ließ es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden.
-
-Was bedeutete das? Hillel sollte auch verreist sein?
-
-Ich zeichnete das jüdische Rathaus auf.
-
-Der Taubstumme schüttelte heftig den Kopf.
-
-»Hillel ist also nicht mehr dort?«
-
-»Nein!« (Kopfschütteln.)
-
-»Wo ist er denn?«
-
-Wieder das Spiel mit dem Streichholz.
-
-»Er meint halt, daß der Herr weg ist, und niem'd weiß nicht, wohin«,
-mischte sich der Straßenkehrer, der uns die ganze Zeit über interessiert
-zugesehen hatte, belehrend ein.
-
-Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen: Hillel fort! -- Jetzt
-war ich ganz allein auf der Welt. -- -- Die Gegenstände im Zimmer fingen
-an vor meinen Augen zu flimmern.
-
-»Und Mirjam?«
-
-Meine Hand zitterte so stark, daß ich ihr Gesicht lange nicht ähnlich
-zeichnen konnte.
-
-»Ist Mirjam auch verschwunden?«
-
-»Ja. Auch verschwunden. Spurlos.«
-
-Ich stöhnte laut auf, lief im Zimmer hin und her, daß die drei Soldaten
-einander fragend anblickten.
-
-Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemühte sich, mir noch etwas
-anderes mitzuteilen, was er erfahren zu haben schien: er legte den Kopf
-auf den Arm, wie jemand, der schläft.
-
-Ich hielt mich an der Tischplatte: »Um Gottes Christi willen, Mirjam ist
-gestorben?«
-
-Kopfschütteln. Jaromir wiederholte die Gebärde des Schlafens.
-
-»War Mirjam krank gewesen?« Ich zeichnete eine Medizinflasche.
-
-Kopfschütteln. Wieder legte Jaromir die Stirn auf den Arm. -- -- --
-
-Das Zwielicht kam, eine Gasflamme nach der andern erlosch und noch immer
-konnte ich nicht herausbringen, was die Geste bedeuten sollte.
-
-Ich gab es auf. Dachte nach.
-
-Das einzige, was mir zu tun blieb, war, in aller Frühe auf das jüdische
-Rathaus zu gehen, um dort Erkundigungen einzuziehen, wohin Hillel mit
-Mirjam gereist sein könne.
-
-_Ich mußte ihm nach._ -- -- --
-
-Wortlos saß ich neben Jaromir. Stumm und taub wie er.
-
-Als ich nach einer langen Zeit aufblickte, sah ich, daß er mit einer
-Schere an einer Silhouette herumschnitt.
-
-Ich erkannte das Profil Rosinas. Er reichte mir das Blatt über den Tisch
-herüber, legte die Hand auf die Augen und -- -- weinte still vor sich
-hin. -- --
-
-Dann sprang er plötzlich auf und taumelte ohne Gruß zur Tür hinaus.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne Grund ausgeblieben
-und nicht mehr wiedergekommen; seine Tochter habe er jedenfalls
-mitgenommen, denn auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit
-jener Zeit, hatte man mir auf dem jüdischen Rathaus gesagt. Das war
-alles, was ich erfahren konnte.
-
-Keine Spur, wohin sie sich gewandt haben mochten.
-
-Auf der Bank hieß es, mein Geld sei gerichtlich immer noch mit Beschlag
-belegt, man erwarte aber täglich den Bescheid, es mir auszahlen zu
-dürfen.
-
-Also auch die Erbschaft Charouseks mußte noch den Amtsweg gehen, und ich
-wartete doch mit brennender Ungeduld auf das Geld, um dann alles
-aufzubieten, Hillels und Mirjams Spur zu suchen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich hatte meine Edelsteine verkauft, die ich noch in der Tasche gehabt,
-und mir zwei kleine, möblierte, aneinanderstoßende Dachkammern in der
-Altschulgasse -- die einzige Gasse, die von der Assanierung der
-Judenstadt verschont geblieben, -- gemietet.
-
-Sonderbarer Zufall: es war dasselbe wohlbekannte Haus, von dem die Sage
-ging, der Golem sei einst darin verschwunden.
-
-Ich hatte mich bei den Bewohnern -- zumeist kleine Kaufleute oder
-Handwerker -- erkundigt, was denn Wahres an dem Gerücht von dem »Zimmer
-ohne Zugang« sei und war ausgelacht worden. -- Wie man einen derartigen
-Unsinn denn glauben könne!
-
-Meine eigenen Erlebnisse, die sich darauf bezogen, hatten im Gefängnis
-die Blässe eines längst verwehten Traumbildes angenommen und ich sah in
-ihnen nur noch Symbole ohne Blut und Leben, -- strich sie aus dem Buch
-meiner Erinnerungen.
-
-Die Worte Laponders, die ich zuweilen so klar in mir hörte, als säße er
-mir gegenüber wie damals in der Zelle und spräche zu mir, bestärkten
-mich darin, daß ich rein innerlich geschaut haben müsse, was mir ehedem
-greifbare Wirklichkeit geschienen.
-
-War denn nicht alles vergangen und verschwunden, was ich einst besessen
-hatte? Das Buch Ibbur, das phantastische Tarokspiel, Angelina und sogar
-meine alten Freunde Zwakh, Vrieslander und Prokop!
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Es war Weihnachtsabend, und ich hatte mir einen kleinen Baum mit roten
-Kerzen nach Hause gebracht. Ich wollte noch einmal jung sein und
-Lichterglanz um mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem
-Wachs.
-
-Ehe das Jahr zu Ende ging, war ich vielleicht schon unterwegs und suchte
-in Städten und Dörfern, oder wohin es mich innerlich ziehen würde, nach
-Hillel und Mirjam.
-
-Alle Ungeduld, alles Warten war allmählich von mir gewichen und alle
-Furcht, Mirjam könne ermordet worden sein, und mit dem Herzen wußte ich,
-ich würde sie beide finden.
-
-Es war ein beständiges glückliches Lächeln in mir, und wenn ich meine
-Hand auf etwas legte, kam mir's vor, als ginge ein Heilen von ihr aus.
-Die Zufriedenheit eines Menschen, der nach langer Wanderung heimkehrt
-und die Türme seiner Vaterstadt von weitem blinken sieht, erfüllte mich
-auf ganz sonderbare Weise.
-
-Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen, um Jaromir zum
-Weihnachtsabend zu mir zu holen. -- Er habe sich nie mehr blicken
-lassen, erfuhr ich, und schon wollte ich betrübt wieder gehen, da kam
-ein alter Tabulettkrämer herein und bot kleine, wertlose Antiquitäten
-zum Kauf an.
-
-Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhängseln, kleinen
-Kruzifixen, Kammnadeln und Broschen herum, da fiel mir ein Herz aus
-rotem Stein an einem verschossenen Seidenbande in die Hand und ich
-erkannte es voll Erstaunen als das Andenken, das mir Angelina, als sie
-noch ein kleines Mädchen gewesen, einst beim Springbrunnen in ihrem
-Schloß geschenkt hatte.
-
-Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor mir, als sähe ich in
-einen Guckkasten tief hinein in ein kindlich gemaltes Bild. --
-
-Lange, lange stand ich erschüttert da und starrte auf das kleine, rote
-Herz in meiner Hand.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich saß in der Dachkammer und lauschte dem Knistern der Tannennadeln,
-wenn hie und da ein kleiner Zweig über den Wachskerzen zu glimmen
-begann.
-
-»Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der alte Zwakh irgendwo
-in der Welt seinen >Marionettenweihnachtsabend<«, malte ich mir aus, --
-»und deklamiert mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines
-Lieblingsdichters Oskar Wiener«:
-
- »Wo ist das Herz aus rotem Stein!
- Es hängt an einem Seidenbande.
- O du, o gib das Herz nicht her;
- Ich war ihm treu und hatt' es lieb,
- Und diente sieben Jahre schwer
- Um dieses Herz, und hatt' es lieb!«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Eigentümlich feierlich wurde mir plötzlich zumute.
-
-Die Kerzen waren heruntergebrannt. Nur eine einzige flackerte noch.
-Rauch ballte sich im Zimmer.
-
-Als ob mich eine Hand zöge, wandte ich mich plötzlich um und:
-
-_Da stand mein Ebenbild auf der Schwelle. Mein Doppelgänger. In einem
-weißen Mantel. Eine Krone auf dem Kopf._
-
-Nur einen Augenblick.
-
-Dann brachen Flammen durch das Holz der Tür und eine Wolke erstickenden
-heißen Qualms schlug herein:
-
-Feuersbrunst im Haus! Feuer! Feuer!
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Ich reiße das Fenster auf. Klettere auf das Dach hinaus.
-
-Von weitem rast schon das gellende Klingeln der Feuerwehr heran.
-
-Blitzende Helme und abgehackte Kommandorufe.
-
-Dann das gespenstische, rhythmische, schlapfende Atmen der Pumpen, wie
-die Dämonen des Wassers sich ducken zum Sprung auf ihren Todfeind: das
-Feuer.
-
-Glas klirrt und rote Lohe schießt aus allen Fenstern.
-
-Matratzen werden hinuntergeworfen, die ganze Straße liegt voll davon,
-Menschen springen nach, werden verwundet weggetragen.
-
-In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder Ekstase; ich weiß
-nicht warum. Das Haar sträubt sich mir.
-
-Ich laufe auf den Schornstein zu, um nicht versengt zu werden, denn die
-Flammen greifen nach mir.
-
-_Das Seil eines Rauchfangkehrers ist herumgewickelt._
-
-Ich rolle es auf, schlinge es um Handgelenk und Bein, wie ich es als
-Knabe beim Turnen gelernt habe, und lasse mich ruhig an der Fassade des
-Hauses hinab. --
-
-Komme an einem Fenster vorbei. Blicke hinein:
-
-Drin ist alles blendend erleuchtet.
-
-_Und da sehe ich_ -- -- -- _da sehe ich_ -- -- -- mein ganzer Körper
-wird ein einziger hallender Freudenschrei:
-
-»_Hillel! Mirjam! Hillel!_«
-
-Ich will auf die Gitterstäbe losspringen.
-
-Greife daneben. Verliere den Halt am Seil.
-
-Einen Augenblick hänge ich, _Kopf abwärts, die Beine gekreuzt zwischen
-Himmel und Erde_.
-
-Das Seil singt bei dem Ruck. Knirschend dehnen sich die Fasern.
-
-Ich falle.
-
-Mein Bewußtsein erlischt.
-
-Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims, aber ich gleite ab. Kein
-Halt:
-
-der Stein ist glatt.
-
- _Glatt wie ein Stück
- Fett._
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-
-
-
- Schluß
-
-
-»-- -- -- _wie ein Stück Fett!_«
-
-_Das ist der Stein, der aussieht wie ein Stück Fett._
-
-Die Worte gellen mir noch in den Ohren. Dann richte ich mich auf und muß
-mich besinnen, wo ich bin.
-
-Ich liege im Bett und wohne im Hotel.
-
-Ich heiße doch gar nicht Pernath.
-
-Habe ich das alles nur geträumt?
-
-Nein! So träumt man nicht.
-
-Ich schaue auf die Uhr: kaum eine Stunde habe ich geschlafen. Es ist
-halb drei.
-
-Und dort hängt der fremde Hut, den ich heute im Dom auf dem Hradschin
-verwechselt habe, als ich beim Hochamt auf der Betbank saß.
-
-Steht ein Name darin?
-
-Ich nehme ihn und lese in goldenen Buchstaben auf dem weißen
-Seidenfutter den fremden und doch so bekannten Namen:
-
- ATHANASIUS PERNATH
-
-Jetzt läßt es mir keine Ruhe mehr; ich ziehe mich hastig an und laufe
-die Treppe hinunter.
-
-»Portier! Aufmachen! Ich gehe noch eine Stunde spazieren.«
-
-»Wohin, bitt schän?«
-
-»In die Judenstadt. In die Hahnpaßgasse. Gibt's überhaupt eine Straße,
-die so heißt?«
-
-»Freilich, freilich« -- der Portier lächelt malitiös -- »aber in der
-Judenstadt, ich mache aufmerksam: ist nicht mehr viel los. Alles neu
-gebaut, bitte.«
-
-»Macht nichts. Wo liegt die Hahnpaßgasse?«
-
-Der dicke Finger des Portiers deutet auf die Karte: »Hier, bitte.«
-
-»Und die Schenke >Zum Loisitschek<?«
-
-»Hier, bitte.«
-
-»Geben Sie mir ein großes Stück Papier.«
-
-»Hier, bitte.«
-
-Ich wickle Pernaths Hut hinein. Merkwürdig: er ist fast neu, tadellos
-sauber und doch so brüchig, als wäre er uralt. --
-
-Unterwegs überlege ich:
-
-Alles, was dieser Athanasius Pernath erlebt hat, habe ich im Traum
-miterlebt, in _einer_ Nacht mitgesehen, mitgehört, mitgefühlt, als wäre
-ich er gewesen. Warum weiß ich denn aber nicht, was er in dem
-Augenblick, als der Strick riß und er »Hillel, Hillel!« rief, hinter dem
-Gitterfenster erblickt hat?
-
-Er hat sich in diesem Augenblick von mir getrennt, begreife ich.
-
-Ich _muß_ diesen Athanasius Pernath auffinden, und wenn ich drei Tage
-und drei Nächte herumlaufen sollte, nehme ich mir vor.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Also das ist die Hahnpaßgasse?
-
-Nicht annähernd so habe ich sie im Traum gesehen! --
-
-Lauter neue Häuser.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Eine Minute später sitze ich im Café Loisitschek. Ein stilloses,
-ziemlich sauberes Lokal.
-
-Im Hintergrund allerdings eine Estrade mit Holzgeländer; eine gewisse
-Ähnlichkeit mit dem alten geträumten »Loisitschek« ist nicht zu leugnen.
-
-»Befehlen, bitt' schön?« fragt die Kellnerin, ein dralles Mädel, in
-einen rotsammetnen Frack buchstäblich hineingeknallt.
-
-»Kognak, Fräulein. -- So, danke.«
-
--- -- -- -- --
-
-»Hm. Fräulein!«
-
-»Bitte?«
-
-»Wem gehört das Kaffehaus?«
-
-»Dem Herrn Kommerzialrat Loisitschek. -- Das ganze Haus gehört ihm. Ein
-sehr feiner reicher Herr.«
-
--- Aha, der Kerl mit den Schweinszähnen an der Uhrkette! erinnere ich
-mich. --
-
-Ich habe einen guten Einfall, der mich orientieren wird:
-
-»Fräulein!«
-
-»Bitte?«
-
-»Wann ist die steinerne Brücke eingestürzt?«
-
-»Vor dreiunddreißig Jahren.«
-
-»Hm. Vor dreiunddreißig Jahren!« -- ich überlege: der Gemmenschneider
-Pernath muß also jetzt fast neunzig sein.
-
-»Fräulein!«
-
-»Bitte?«
-
-»Ist hier niemand unter den Gästen, der sich noch erinnern kann, wie die
-alte Judenstadt von damals ausgesehen hat? Ich bin Schriftsteller und
-interessiere mich dafür.«
-
-Die Kellnerin denkt nach: »Von den Gästen? Nein. -- Aber warten S': der
-Billardmarkör, der dort mit einem Studenten Karambol spielt, -- sehen
-Sie ihn? Der mit der Hakennase, der Alte, -- der hat immer hier gelebt
-und wird Ihnen alles sagen. Soll ich ihn rufen, bis er fertig ist?«
-
-Ich folgte dem Blick des Mädchens:
-
-Ein schlanker, weißhaariger, alter Mann lehnt drüben am Spiegel und
-kreidet sein Queue. Ein verwüstetes, aber seltsam vornehmes Gesicht.
-Woran erinnert er mich nur?
-
-»Fräulein, wie heißt der Markör?«
-
-Die Kellnerin stützt sich im Stehen mit dem Ellenbogen auf den Tisch,
-leckt an einem Bleistift, schreibt in Windeseile ihren Vornamen
-unzählige Male auf die Marmorplatte und löscht ihn jedesmal mit nassem
-Finger rasch wieder aus. Dazwischen wirft sie mir mehr oder minder
-sengende Glutblicke zu; -- je nachdem sie ihr gelingen. Unerläßlich ist
-natürlich das gleichzeitige Emporziehen der Augenbrauen, denn es erhöht
-das Märchenhafte des Blickes.
-
-»Fräulein, wie heißt der Markör?«, wiederhole ich meine Frage. Ich sehe
-ihr an, sie hätte lieber gehört: Fräulein, warum tragen Sie nicht nur
-einen Frack? oder etwas Ähnliches, aber ich frage es nicht; mir geht
-mein Traum zu sehr im Kopf herum.
-
-»No, wie wird er denn heißen,« schmollt sie, »Ferri heißt er halt. Ferri
-Athenstädt.«
-
-»So so? Ferri Athenstädt! -- Hm, -- also wieder ein alter Bekannter.«
-
-»Erzählen Sie mir doch recht, recht viel von ihm, Fräulein,« girre ich,
-muß mich aber sofort mit einem Kognak stärken, »Sie plaudern gar so
-herzig!« (Ich ekle mich vor mir selber.)
-
-Sie neigt sich geheimnisvoll dicht zu mir, damit mich ihre Haare im
-Gesicht kitzeln, und flüstert:
-
-»Der Ferri, der war Ihnen früher ein ganz ein Geriebener. -- Er soll von
-uraltem Adel gewesen sein -- es ist natürlich nur so ein Gerede, weil er
-keinen Bart nicht trägt -- und furchtbar viel Geld g'habt hab'n. Eine
-rothaarige Jüdin, die schon von Jugend auf eine >Person< war« -- sie
-schrieb wieder rasch ein paarmal ihren Namen auf -- »hat ihn dann ganz
-ausgezogen. -- Punkto Geld mein' ich natürlich. No, und wie er dann kein
-Geld nicht mehr gehabt hat, is sie weg und hat sich von einem hohen
-Herrn heiraten lassen: -- von dem ..« -- sie flüsterte mir einen Namen
-ins Ohr, den ich nicht verstehe. »Der hohe Herr hat dann natürlich auf
-alle Ehre verzichten müssen und sich von da an nur mehr Ritter von
-Dämmerich nennen dürfen. No ja. Aber daß sie früher eine >Person<
-g'wesen ist, hat er ihr halt doch nicht wegwaschen können. Ich sag'
-immer --.«
-
-»Fritzi! Zahlen!« ruft jemand von der Estrade herab. --
-
-Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern, da höre ich plötzlich
-ein leises metallisches Zirpen, wie von einer Grille, hinter mir.
-
-Ich drehe mich neugierig um. Traue meinen Augen nicht:
-
-Das Gesicht zur Wand gekehrt, alt wie Methusalem, eine Spieldose, so
-klein wie eine Zigarettenschachtel, in zitternden Skeletthänden sitzt
-ganz in sich zusammengesunken -- der _blinde, greise Nephtali
-Schaffranek_ in der Ecke und leiert mit der winzigen Kurbel.
-
-Ich trete zu ihm.
-
-Im Flüsterton singt er konfus vor sich hin:
-
- »Frau Pick,
- Frau Hock.
- Und rote, blaue Stern
- die schmusen allerhand.
- Von Messinung, an Räucherl und Rohn.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Wissen Sie, wie der alte Mann heißt?«, frage ich einen vorbeieilenden
-Kellner.
-
-»Nein, mein Herr, niemand kennt weder ihn noch seinen Namen. Er selbst
-hat ihn vergessen. Er ist ganz allein auf der Welt. Bitte, er ist 110
-Jahre alt! Er kriegt bei uns jede Nacht einen sogenannten Gnadenkaffee.«
-
-Ich beuge mich über den Greis, -- rufe ihm ein Wort ins Ohr:
-»_Schaffranek!_«
-
-Es durchfährt ihn wie ein Blitz. Er murmelt etwas, streicht sich sinnend
-über die Stirn.
-
-»Verstehen Sie mich, Herr Schaffranek?«
-
-Er nickt.
-
-»Passen Sie mal gut auf! Ich möchte Sie etwas fragen, aus alter Zeit.
-Wenn Sie mir alles gut beantworten, bekommen Sie den Gulden, den ich
-hier auf den Tisch lege.«
-
-»Gulden«, wiederholt der Greis und fängt sofort an wie ein Rasender an
-seiner zirpenden Spieldose zu kurbeln.
-
-Ich halte seine Hand fest: »Denken Sie einmal nach! -- _Haben Sie nicht
-vor etwa 33 Jahren einen Gemmenschneider namens Pernath gekannt?_«
-
-»Hadrbolletz! Hosenschneider!« -- lallt er asthmatisch auf und lacht
-übers ganze Gesicht, in der Meinung, ich hätte ihm einen famosen Witz
-erzählt.
-
-»Nein, nicht Hadrbolletz: -- -- _Pernath_!«
-
-»Pereles?!« -- er jubelt förmlich.
-
-»Nein, auch nicht Pereles. -- Per--_nath_!«
-
-»Pascheles?!« -- er kräht vor Freude. -- --
-
-Ich gebe enttäuscht meinen Versuch auf.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Sie wollten mich sprechen, mein Herr?«, -- der Markör Ferri Athenstädt
-steht vor mir und verbeugt sich kühl.
-
-»Ja. Ganz richtig. -- Wir können dabei eine Partie Billard spielen.«
-
-»Spielen Sie um Geld, mein Herr? Ich gebe Ihnen 90 auf 100 vor.«
-
-»Also gut: um einen Gulden. Fangen Sie vielleicht an, Markör.«
-
-Seine Durchlaucht nimmt das Queue, zielt, gixst, macht ein ärgerliches
-Gesicht. Ich kenne das: er läßt mich bis 99 kommen und dann macht er in
-_einer_ Serie »aus«.
-
-Mir wird immer kurioser zumute. Ich gehe direkt auf mein Ziel los:
-
-»Entsinnen Sie sich, Herr Markör: vor langer Zeit, etwa in den Jahren,
-als die steinerne Brücke einstürzte, in der damaligen Judenstadt _einen
-gewissen_ -- _Athanasius Pernath_ gekannt zu haben?«
-
-Ein Mann in einer rotweißgestreiften Leinwandjacke, mit Schielaugen und
-kleinen goldenen Ohrringen, der auf einer Bank an der Wand sitzt und
-eine Zeitung liest, fährt auf, stiert mich an und bekreuzigt sich.
-
-»Pernath? Pernath?« wiederholt der Markör und denkt angestrengt nach --
-»Pernath? -- War er nicht groß, schlank? Braunes Haar, melierten
-kurzgeschnittenen Spitzbart?«
-
-»Ja. Ganz richtig.«
-
-»Etwa 40 Jahre alt damals? Er sah aus wie -- --«, Seine Durchlaucht
-starrt mich plötzlich überrascht an. -- »Sie sind ein Verwandter von
-ihm, mein Herr?!«
-
-Der Schieläugige bekreuzigt sich.
-
-»Ich? Ein Verwandter? Komische Idee. -- Nein. Ich interessiere mich nur
-für ihn. Wissen Sie noch mehr?«, sagte ich gelassen, fühle aber, daß mir
-eiskalt im Herzen wird.
-
-Ferri Athenstädt denkt wieder nach.
-
-»Wenn ich nicht irre, galt er seinerzeit für verrückt. -- Einmal
-behauptete er, er hieße -- -- warten Sie mal, -- ja: Laponder! Und dann
-wieder gab er sich für einen gewissen -- Charousek aus.«
-
-»Kein Wort wahr!« fährt der Schieläugige dazwischen. »Den _Charousek_
-hat's wirklich gegeben. Mein Vater hat doch mehrere 1000 fl. von ihm
-geerbt.«
-
-»Wer ist dieser Mann?«, frage ich den Markör halblaut.
-
-»Er ist Fährmann und heißt Tschamrda. -- Was den Pernath betrifft, so
-erinnere ich mich nur, oder glaube es wenigstens -- daß er in späteren
-Jahren eine sehr schöne, dunkelhäutige Jüdin geheiratet hat.«
-
-»Mirjam!« sage ich mir und werde so aufgeregt, daß mir die Hände zittern
-und ich nicht mehr weiterspielen kann.
-
-Der Fährmann bekreuzigt sich.
-
-»Ja, was ist denn heute mit Ihnen los, Herr Tschamrda?«, fragt der
-Markör erstaunt.
-
-»Der Pernath hat niemals nicht gelebt«, schreit der Schieläugige los.
-»Ich glaub's nicht.«
-
-Ich schenke dem Mann sofort einen Kognak ein, damit er gesprächiger
-wird.
-
-»Es gibt ja wohl Leut', die sagen, der Pernath lebt noch immer,« rückt
-der Fährmann endlich heraus, »er is, hör' ich, Kammschneider und wohnt
-auf dem Hradschin.«
-
-»Wo auf dem Hradschin?«
-
-Der Fährmann bekreuzigt sich:
-
-»Das ist es ja eben! Er wohnt, wo kein lebender Mensch wohnen kann: _an
-der Mauer zur letzten Latern_.«
-
-»Kennen Sie sein Haus, Herr -- Herr -- Tschamrda?«
-
-»Nicht um die Welt möcht' ich dort hinaufgehen!«, protestiert der
-Schieläugige. »Wofür halten Sie mich? Jesus, Maria und Josef!«
-
-»Aber den Weg hinauf könnten Sie mir doch von weitem zeigen, Herr
-Tschamrda?«
-
-»Das schon,« brummt der Fährmann. »Wenn Sie warten wollen bis 6 Uhr
-früh; dann geh' ich zur Moldau hinunter. Aber ich rat' Ihnen ab! Sie
-stürzen in den Hirschgraben und brechen Hals und Knochen! Heilige
-Muttergottes!«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Wir gehen zusammen durch den Morgen; frischer Wind weht vom Flusse her.
-Ich fühle vor Erwartung kaum den Boden unter mir.
-
-Plötzlich taucht das Haus in der Altschulgasse vor mir auf.
-
-Jedes Fenster erkenne ich wieder: die geschweifte Dachrinne, das Gitter,
-die fettig glänzenden Steinsimse -- alles, alles!
-
-»Wann ist dieses Haus abgebrannt?«, frage ich den Schieläugigen. Es
-braust mir in den Ohren vor Spannung.
-
-»Abgebrannt? Niemals nicht!«
-
-»Doch! Ich weiß es bestimmt.«
-
-»Nein.«
-
-»Aber ich weiß es doch! Wollen Sie wetten?«
-
-»Wieviel?«
-
-»Einen Gulden.«
-
-»Gemacht!« -- Und Tschamrda holt den Hausmeister heraus. »Ist dieses
-Haus jemals abgebrannt?«
-
-»I woher denn!« Der Mann lacht. --
-
-Ich kann und kann es nicht glauben.
-
-»Schon siebzig Jahr' wohn' ich drin,« beteuert der Hausmeister, »ich
-müßt's doch wahrhaftig wissen.«
-
--- -- -- Sonderbar, sonderbar!
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Fährmann rudert mich in seinem Kahn, der aus acht ungehobelten
-Brettern besteht, mit komischen schiefen Zuckbewegungen über die Moldau.
-Die gelben Wasser schäumen gegen das Holz. Die Dächer des Hradschins
-glitzern rot in der Morgensonne. Ein unbeschreiblich feierliches Gefühl
-ergreift Besitz von mir. Ein leise dämmerndes Gefühl wie aus einem
-früheren Dasein, als sei die Welt um mich her verzaubert -- eine
-traumhafte Erkenntnis, als lebte ich zuweilen an mehreren Orten
-zugleich.
-
-Ich steige aus.
-
-»Wieviel bin ich schuldig, Herr Tschamrda?«
-
-»Einen Kreuzer. Wenn Sie mitg'holfen hätten rudern, -- hätt's zwei
-Kreuzer 'kost.«
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Denselben Weg, den ich heute nachts im Schlaf schon einmal gegangen,
-wandere ich wieder empor: die kleine, einsame Schloßstiege. Mir klopft
-das Herz und ich weiß voraus: jetzt kommt der kahle Baum, dessen Äste
-über die Mauer herübergreifen.
-
-Nein: er ist mit weißen Blüten besät.
-
-Die Luft ist voll von süßem Fliederhauch.
-
-Zu meinen Füßen liegt die Stadt im ersten Licht wie eine Vision der
-Verheißung.
-
-Kein Laut. Nur Duft und Glanz.
-
-Mit geschlossenen Augen könnte ich mich hinauffinden in die kleine,
-kuriose Alchimistengasse, so vertraut ist mir plötzlich jeder Schritt.
-
-Aber, wo heute nacht das Holzgitter vor dem weißschimmernden Haus
-gestanden hat, schließt jetzt ein prachtvolles, gebauchtes, vergoldetes
-Gitter die Gasse ab.
-
-Zwei Eibenbäume ragen aus blühendem, niederem Gesträuch und flankieren
-das Eingangstor der Mauer, die hinter dem Gitter entlang läuft.
-
-Ich strecke mich, um über das Strauchwerk hinüberzusehen, und bin
-geblendet von neuer Pracht:
-
-Die Gartenmauer ist ganz mit Mosaik bedeckt. Türkisblau mit goldenen,
-eigenartig gemuschelten Fresken, die den Kult des ägyptischen Gottes
-Osiris darstellen.
-
-Das Flügeltor ist der Gott selbst: ein Hermaphrodit aus zwei Hälften,
-die die Türe bilden, -- die rechte weiblich, die linke männlich. -- Er
-sitzt auf einem kostbaren, flachen Thron aus Perlmutter -- in Halbrelief
--- und sein goldener Kopf ist der eines Hasen. Die Ohren sind in die
-Höhe gestellt und dicht aneinander, daß sie aussehen, wie die beiden
-Seiten eines aufgeschlagenen Buches. --
-
-Es riecht nach Tau, und Hyazinthenduft weht über die Mauer herüber. --
--- --
-
-Lange stehe ich wie versteinert da und staune. Mir wird, als träte eine
-fremde Welt vor mich, und ein alter Gärtner oder Diener mit silbernen
-Schnallenschuhen, Jabot und sonderbar zugeschnittenem Rock kommt von
-links hinter dem Gitter auf mich zu und fragt mich durch die Stäbe, was
-ich wünsche.
-
-Ich reiche ihm stumm den eingewickelten Hut Athanasius Pernaths hinein.
-
-Er nimmt ihn und geht durch das Flügeltor.
-
-Wie es sich öffnet, sehe ich dahinter ein tempelartiges, marmornes Haus
-und auf seinen Stufen:
-
- ATHANASIUS PERNATH
-
-und an ihn gelehnt:
-
- MIRJAM,
-
-und beide schauen hinab in die Stadt.
-
-Einen Augenblick wendet sich Mirjam um, erblickt mich, lächelt und
-flüstert Athanasius Pernath etwas zu.
-
-Ich bin gebannt von ihrer Schönheit.
-
-Sie ist so jung, wie ich sie heut nacht im Traum gesehen.
-
-Athanasius Pernath dreht sich langsam zu mir, und mein Herz bleibt
-stehen:
-
-Mir ist, als sähe ich mich im Spiegel, so ähnlich ist sein Gesicht dem
-meinigen.
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Dann fallen die Flügel des Tores zu, und ich erkenne nur noch den
-schimmernden Hermaphroditen.
-
-Der alte Diener gibt mir meinen Hut und sagt -- ich höre seine Stimme
-wie aus den Tiefen der Erde --:
-
- »Herr Athanasius Pernath läßt verbindlichst danken und bittet,
- ihn nicht für ungastfreundlich zu halten, daß er Sie nicht
- einlädt in den Garten zu kommen, aber es ist strenges Hausgesetz
- so von alters her.
-
- Ihren Hut, soll ich ausrichten, habe er nicht aufgesetzt, da ihm
- die Verwechslung sofort aufgefallen sei.
-
- Er wolle nur hoffen, daß der seinige Ihnen keine Kopfschmerzen
- verursacht habe.«
-
- Gedruckt in der Buchdruckerei
- G. Kreysing in Leipzig
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Auf Seite 1 heisst es »linke Seite« (des Mondes). Dies ist offenbar
-falsch und wurde in späteren Auflagen zu »rechte Seite« berichtigt.
-Hier wird der Originaltext unverändert belassen.
-
-Die Schreibweise der Vorlage wurde weitgehend beibehalten. Einige
-offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt, teilweise
-unter Verwendung weiterer Ausgaben (vorher/nachher):
-
- [S. 36]:
- ... Das hilfslose Opfer aber saß, das Herz voll brennender ...
- ... Das hilflose Opfer aber saß, das Herz voll brennender ...
-
- [S. 46]:
- ... >Loisitschek< der meschuggene Nephtali Schaffraneck mit ...
- ... >Loisitschek< der meschuggene Nephtali Schaffranek mit ...
-
- [S. 47]:
- ... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freien ...
- ... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freiem ...
-
- [S. 55]:
- ... auf, eine unsichtbare Intelliganz, die sich lichtscheu
- verborgen ...
- ... auf, eine unsichtbare Intelligenz, die sich lichtscheu
- verborgen ...
-
- [S. 69]:
- ... über Klavierseiten liefe, war die Antwort. ...
- ... über Klaviersaiten liefe, war die Antwort. ...
-
- [S. 70]:
- ... die eisernen Glasstäbe fauchend die flachen herzförmigen ...
- ... die eisernen Gasstäbe fauchend die flachen herzförmigen ...
-
- [S. 70]:
- ... Mit langem, wallenden, weißen Prophetenbart, ein ...
- ... Mit langem, wallendem, weißem Prophetenbart, ein ...
-
- [S. 90]:
- ... die alten Rabbinen trugen, andere mit dreieckigem Hut ...
- ... die alten Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut ...
-
- [S. 99]:
- ... auf dem Altstätter Ring und an dem Erzbrunnen ...
- ... auf dem Altstädter Ring und an dem Erzbrunnen ...
-
- [S. 99]:
- ... schauten teilnahmlos zu den Wolken empor. ...
- ... schauten teilnahmslos zu den Wolken empor. ...
-
- [S. 108]:
- ... Wunschlos, teilnahmlos, ein lebender Leichnam, ging ...
- ... Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ...
-
- [S. 149]:
- ... Angelina wolte sich losreißen: ich hielt sie fest. ...
- ... Angelina wollte sich losreißen: ich hielt sie fest. ...
-
- [S. 157]:
- ... ich schwindsüchtig bin und Blut spuken muß: mein Körper ...
- ... ich schwindsüchtig bin und Blut spucken muß: mein Körper ...
-
- [S. 191]:
- ... War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbares ...
- ... War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres ...
-
- [S. 198]:
- ... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spukte mir ...
- ... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir ...
-
- [S. 217]:
- ... Oder gedenken sie überhaupt ledig zu bleiben?« ...
- ... Oder gedenken Sie überhaupt ledig zu bleiben?« ...
-
- [S. 287]:
- ... Sollte Sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, ...
- ... Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, ...
-
- [S. 319]: (mehrfache Fälle)
- ... Jaromir Kwaßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 ...
- ... Jaromir Kwáßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 ...
-
- [S. 319]:
- ... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächig ...
- ... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächtig ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Golem, by Gustav Meyrink
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLEM ***
-
-***** This file should be named 51476-8.txt or 51476-8.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/1/4/7/51476/
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, the University
-of Toronto, and the Online Distributed Proofreading Team
-at http://www.pgdp.net. This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive/Canadian
-Libraries.
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
-
-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
-permission and without paying copyright royalties. Special rules,
-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
-copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
-protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
-Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
-charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
-do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
-rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
-practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
-
-
-
-*** START: FULL LICENSE ***
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
-Gutenberg-tm License (available with this file or online at
-http://gutenberg.org/license).
-
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
-electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
-all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
-If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
-terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
-entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
-copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
-Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
-freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
-this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
-the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
-keeping this work in the same format with its attached full Project
-Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
-a constant state of change. If you are outside the United States, check
-the laws of your country in addition to the terms of this agreement
-before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
-creating derivative works based on this work or any other Project
-Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
-the copyright status of any work in any country outside the United
-States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
-access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
-whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
-phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
-Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
-copied or distributed:
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
-from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
-posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
-and distributed to anyone in the United States without paying any fees
-or charges. If you are redistributing or providing access to a work
-with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
-work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
-to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
-word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
-distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
-you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
-copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
-request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
-that
-
-- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
- owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
- has agreed to donate royalties under this paragraph to the
- Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
- must be paid within 60 days following each date on which you
- prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
- returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
- sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
- address specified in Section 4, "Information about donations to
- the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
-
-- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or
- destroy all copies of the works possessed in a physical medium
- and discontinue all use of and all access to other copies of
- Project Gutenberg-tm works.
-
-- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days
- of receipt of the work.
-
-- You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
-collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
-works, and the medium on which they may be stored, may contain
-"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
-corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
-property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
-computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
-your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium with
-your written explanation. The person or entity that provided you with
-the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
-refund. If you received the work electronically, the person or entity
-providing it to you may choose to give you a second opportunity to
-receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
-is also defective, you may demand a refund in writing without further
-opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
-WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
-WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
-If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
-law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
-interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
-the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
-promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/old/51476-8.zip b/old/51476-8.zip
deleted file mode 100644
index c9c82d9..0000000
--- a/old/51476-8.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51476-h.zip b/old/51476-h.zip
deleted file mode 100644
index 232ec97..0000000
--- a/old/51476-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51476-h/51476-h.htm b/old/51476-h/51476-h.htm
deleted file mode 100644
index 6f5f9ce..0000000
--- a/old/51476-h/51476-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,20173 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
-"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de">
-<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
-<title>The Project Gutenberg eBook of Der Golem, by Gustav Meyrink</title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" />
- <!-- TITLE="Der Golem" -->
- <!-- AUTHOR="Gustav Meyrink" -->
- <!-- LANGUAGE="de" -->
- <!-- PUBLISHER="Kurt Wolff Verlag, Leipzig" -->
- <!-- DATE="1918" -->
- <!-- COVER="images/cover-page.jpg" -->
-
-<style type='text/css'>
-
-body { margin-left:15%; margin-right:15%; }
-
-div.frontmatter { page-break-before:always; }
-
-p.aut { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0.5em; margin-bottom:0.5em;
- font-size:1.5em; font-weight:bold; }
-h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0; margin-bottom:0.5em;
- font-size:2em; font-weight:bold; }
-p.ser { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:0.5em;
- font-size:2em; font-weight:bold; }
-p.vol { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:8em; letter-spacing:0.2em; }
-p.pub { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; letter-spacing:0.2em; }
-p.pub .line1 { padding-top:0.5em; border-top:1px solid black; display:inline-block; }
-p.subt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:8em; }
-p.run { text-indent:0; text-align:center; margin-top:6em; margin-bottom:2em;
- font-size:0.8em; letter-spacing:0.2em; }
-p.cop { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:6em;
- font-size:0.8em; }
-p.printer { text-indent:0; text-align:center; margin-top:6em; page-break-before:always; }
-
-h2.chapter { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em;
- page-break-before:always; }
-
-p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; }
-p.first { text-indent:0; }
-p.noindent { text-indent:0; }
-p.center { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; }
-p.tb { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; }
-p.adr { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; }
-p.sign { text-indent:0; text-align:right; margin:1em; }
-div.letter { margin:1em; }
-div.block { margin:1em; letter-spacing:0.2em; }
-
-div.table { text-align:center; }
-table.toc { margin-left:auto; margin-right:auto; text-align:center; }
-table.toc td.col1 { text-align:left; width:15em; }
-table.toc td.col_page { text-align:right; width:3em; }
-
-/* poetry */
-div.poem-container { text-align:center; }
-div.poem-container div.poem { display:inline-block; }
-div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; }
-.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; }
-.stanza .verse2 { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:4em; }
-
-/* boxes */
-div.container { text-align:center; }
-div.box { margin:1em; padding:0.2em; border:1px solid black; display:inline-block; }
-div.box p.center { margin:0; }
-div.box p.box108 { text-indent:0; text-align:left; }
-div.box span.right { display:inline-block; float:right; }
-
-em { letter-spacing:.2em; margin-right:-0.2em; font-style:normal; }
-.antiqua { font-family:"Courier New", monospace; }
-.hidden { display:none; }
-.underline { text-decoration:underline; }
-
-a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
-a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
-a:hover { text-decoration: underline; }
-a:active { text-decoration: underline; }
-
-/* Transcriber's note */
-.trnote { font-family:sans-serif; font-size:0.8em; background-color: #ccc;
- color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em;
- page-break-before:always; margin-top:3em; }
-.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; }
-.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; }
-.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; }
-.trnote ul li { list-style-type: square; }
-span.handheld-only { display:none; }
-
-/* page numbers */
-a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; }
-a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit;
- letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal;
- font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small;
- border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px;
- display: inline; }
-
-@media handheld {
- body { margin-left:0; margin-right:0; }
- div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; }
- em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; }
- div.block { margin:1em; letter-spacing:0; font-style:italic; }
- div.box span.right { display:inline; float:none; }
- a.pagenum { display:none; }
- a.pagenum:after { display:none; }
- span.handheld-only { display:inline; }
-}
-
-</style>
-</head>
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Der Golem, by Gustav Meyrink
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Der Golem
-
-Author: Gustav Meyrink
-
-Release Date: March 16, 2016 [EBook #51476]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLEM ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, the University
-of Toronto, and the Online Distributed Proofreading Team
-at http://www.pgdp.net. This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive/Canadian
-Libraries.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="aut">
-Gustav Meyrink
-</p>
-
-<p class="ser">
-Gesammelte Werke
-</p>
-
-<p class="vol">
-Erster Band
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Kurt Wolff Verlag</span><br />
-<span class="line2">Leipzig</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="aut">
-Gustav Meyrink
-</p>
-
-<h1 class="title">
-Der Golem
-</h1>
-
-<p class="subt">
-Ein Roman
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Kurt Wolff Verlag</span><br />
-<span class="line2">Leipzig</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="run">
-Einhundertzwanzigstes<br />
-bis einhundertfünfzigstes Tausend
-</p>
-
-<p class="cop">
-Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1915<br />
-Druck von G. Kreysing in Leipzig
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
-Kapitelverzeichnis
-</h2>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">Schlaf</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Tag</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-5">5</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">I</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-17">17</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Prag</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-26">26</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Punsch</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Nacht</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-67">67</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Wach</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-85">85</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Schnee</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-96">96</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Spuk</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-110">110</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Licht</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-132">132</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Not</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-143">143</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Angst</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-177">177</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Trieb</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-188">188</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Weib</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-204">204</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">List</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-239">239</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Qual</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-260">260</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Mai</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-275">275</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Mond</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-296">296</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Frei</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-323">323</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Schluß</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-337">337</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-Schlaf
-</h2>
-
-<p class="first">
-Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes
-und liegt dort wie ein großer, heller, flacher Stein.
-</p>
-
-<p>
-Wenn der Vollmond in seiner Gestalt zu schrumpfen
-beginnt und seine <a id="linke"></a>linke Seite fängt an zu verfallen, &mdash;
-wie ein Gesicht, das dem Alter entgegengeht, zuerst an
-einer Wange Falten zeigt und abmagert, &mdash; dann bemächtigt
-sich meiner um solche Zeit des Nachts eine trübe,
-qualvolle Unruhe.
-</p>
-
-<p>
-Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum
-vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem
-und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe
-und Klarheit zusammenfließen.
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte über das Leben des Buddha Gotama gelesen,
-ehe ich mich niedergelegt, und in tausend Spielarten
-zog der Satz immer wieder von vorne beginnend
-durch meinen Sinn:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine Krähe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stück
-Fett aussah, und dachte: vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes.
-Da nun die Krähe dort nichts Wohlschmeckendes
-fand, flog sie fort. Wie die Krähe, die sich
-dem Stein genähert, so verlassen wir &mdash; wir, die Versucher,
-&mdash; den Aszeten Gotama, da wir den Gefallen
-an ihm verloren haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und das Bild von dem Stein, der aussah wie ein
-Stück Fett, wächst ins Ungeheuerliche in meinem Hirn:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
-Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flußbett und
-hebe glatte Kiesel auf.
-</p>
-
-<p>
-Graublaue mit eingesprengtem glitzerndem Staub,
-über die ich nachgrüble und nachgrüble und doch mit
-ihnen nichts anzufangen weiß, &mdash; dann schwarze mit
-schwefelgelben Flecken wie die steingewordenen Versuche
-eines Kindes, plumpe, gesprenkelte Molche nachzubilden.
-</p>
-
-<p>
-Und ich will sie weit von mir werfen diese Kiesel,
-doch immer fallen sie mir aus der Hand, und ich kann sie
-aus dem Bereich meiner Augen nicht bannen.
-</p>
-
-<p>
-Alle jene Steine, die je in meinem Leben eine Rolle
-gespielt, tauchen auf rings um mich her.
-</p>
-
-<p>
-Manche quälen sich schwerfällig ab, sich aus dem Sande
-ans Licht emporzuarbeiten &mdash; wie große schieferfarbene
-Taschenkrebse, wenn die Flut zurückkommt, &mdash; und als
-wollten sie alles daran setzen, meine Blicke auf sich zu
-lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu
-sagen.
-</p>
-
-<p>
-Andere &mdash; erschöpft &mdash; fallen kraftlos zurück in ihre
-Löcher und geben es auf, je zu Worte zu kommen.
-</p>
-
-<p>
-Zuweilen fahre ich empor aus dem Dämmer dieser
-halben Träume und sehe für einen Augenblick wiederum
-den Mondschein auf dem gebauschten Fußende meiner
-Decke liegen wie einen großen, hellen, flachen Stein, um
-blind von neuem hinter meinem schwindenden Bewußtsein
-herzutappen, ruhelos nach jenem Stein suchend, der
-mich quält, &mdash; der irgendwo verborgen im Schutte
-meiner Erinnerung liegen muß und aussieht wie ein
-Stück Fett.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-Eine Regenröhre muß einst neben ihm auf der Erde
-gemündet haben, male ich mir aus &mdash; stumpfwinklig
-abgebogen, die Ränder von Rost zerfressen, &mdash; und trotzig
-will ich mir im Geiste ein solches Bild erzwingen, um
-meine aufgescheuchten Gedanken zu belügen und in
-Schlaf zu lullen.
-</p>
-
-<p>
-Es gelingt mir nicht.
-</p>
-
-<p>
-Immer wieder und immer wieder mit alberner Beharrlichkeit
-behauptet eine eigensinnige Stimme in
-meinem Innern &mdash; unermüdlich wie ein Fensterladen,
-den der Wind in regelmäßigen Zwischenräumen an die
-Mauer schlagen läßt: es sei das ganz anders, das sei gar
-nicht der Stein, der wie Fett aussehe.
-</p>
-
-<p>
-Und es ist von der Stimme nicht loszukommen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich hundertmal einwende, alles das sei doch
-ganz nebensächlich, so schweigt sie wohl eine kleine Weile,
-wacht aber dann unvermerkt wieder auf und beginnt
-hartnäckig von neuem: gut, gut, schon recht, es ist
-aber doch nicht der Stein, der wie ein Stück Fett
-aussieht. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Langsam beginnt sich meiner ein unerträgliches Gefühl
-von Hilflosigkeit zu bemächtigen.
-</p>
-
-<p>
-Wie es weiter gekommen ist, weiß ich nicht. Habe ich
-freiwillig jeden Widerstand aufgegeben, oder haben sie
-mich überwältigt und geknebelt, meine Gedanken?
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß nur, mein Körper liegt schlafend im Bett,
-und meine Sinne sind losgetrennt und nicht mehr an
-ihn gebunden. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wer ist jetzt &bdquo;ich&ldquo;, will ich plötzlich fragen, da besinne
-ich mich, daß ich doch kein Organ mehr besitze, mit dem
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-ich Fragen stellen könnte; dann fürchte ich, die dumme
-Stimme werde wieder aufwachen und von neuem das
-endlose Verhör über den Stein und das Fett beginnen.
-</p>
-
-<p>
-Und so wende ich mich ab.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-Tag
-</h2>
-
-<p class="first">
-Da stand ich plötzlich in einem düsteren Hofe und sah
-durch einen rötlichen Torbogen gegenüber &mdash; jenseits
-der engen, schmutzigen Straße &mdash; einen jüdischen Trödler
-an einem Gewölbe lehnen, das an den Mauerrändern
-mit altem Eisengerümpel, zerbrochenen Werkzeugen,
-verrosteten Steigbügeln und Schlittschuhen und vielerlei
-anderen abgestorbenen Sachen behangen war.
-</p>
-
-<p>
-Und dieses Bild trug das quälend Eintönige an sich,
-das alle jene Eindrücke kennzeichnet, die tagtäglich so und
-so oft wie Hausierer die Schwelle unserer Wahrnehmung
-überschreiten, und rief in mir weder Neugierde noch Überraschung
-hervor.
-</p>
-
-<p>
-Ich wurde mir bewußt, daß ich schon seit langer Zeit
-in dieser Umgebung zu Hause war.
-</p>
-
-<p>
-Auch diese Empfindung hinterließ mir trotz ihres
-Gegensatzes zu dem, was ich doch vor kurzem noch wahrgenommen
-und wie ich hierher gelangt, keinerlei tieferen
-Eindruck. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich muß einmal von einem sonderbaren Vergleich
-zwischen einem Stein und einem Stück Fett gehört oder
-gelesen haben, drängte sich mir plötzlich der Einfall auf,
-als ich die ausgetretenen Stufen zu meiner Kammer
-emporstieg und mir über das speckige Aussehen der Steinschwellen
-flüchtige Gedanken machte.
-</p>
-
-<p>
-Da hörte ich Schritte die oberen Treppen über mir
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-vorauslaufen, und als ich zu meiner Tür kam, sah ich,
-daß es die vierzehnjährige, rothaarige Rosina des Trödlers
-Aaron Wassertrum gewesen war.
-</p>
-
-<p>
-Ich mußte dicht an ihr vorbei, und sie stand mit dem
-Rücken gegen das Stiegengeländer und bog sich lüstern
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Ihre schmutzigen Hände hatte sie um die Eisenstange
-gelegt, &mdash; zum Halt &mdash; und ich sah, wie ihre nackten
-Unterarme bleich aus dem trüben Halbdunkel hervorleuchteten.
-</p>
-
-<p>
-Ich wich ihren Blicken aus.
-</p>
-
-<p>
-Mich ekelte vor ihrem zudringlichen Lächeln und diesem
-wächsernen Schaukelpferdgesicht.
-</p>
-
-<p>
-Sie muß schwammiges, weißes Fleisch haben wie der
-Axolotl, den ich vorhin im Salamanderkäfig bei dem
-Vogelhändler gesehen habe, fühlte ich.
-</p>
-
-<p>
-Die Wimpern Rothaariger sind mir widerwärtig wie
-die eines Kaninchens.
-</p>
-
-<p>
-Und ich sperrte auf und schlug rasch die Türe hinter
-mir zu. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Von meinem Fenster aus konnte ich den Trödler
-Aaron Wassertrum vor seinem Gewölbe stehen sehen.
-</p>
-
-<p>
-Er lehnte am Eingang der dunklen Wölbung und
-zwickte mit einer Beißzange an seinen Fingernägeln
-herum.
-</p>
-
-<p>
-War die rothaarige Rosina seine Tochter oder seine
-Nichte? Er hatte keine Ähnlichkeit mit ihr.
-</p>
-
-<p>
-Unter den Judengesichtern, die ich Tag für Tag in
-der Hahnpaßgasse auftauchen sehe, kann ich deutlich verschiedene
-Stämme unterscheiden, die sich so wenig durch
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-die nahe Verwandtschaft der einzelnen Individuen verwischen
-lassen, wie sich Öl mit Wasser vermengen wird.
-Da darf man nicht sagen: die dort sind Brüder oder
-Vater und Sohn.
-</p>
-
-<p>
-Der gehört zu jenem Stamm und dieser zu einem
-andern, das ist alles, was sich aus den Gesichtszügen
-lesen läßt.
-</p>
-
-<p>
-Was bewiese es auch, wenn selbst Rosina dem Trödler
-ähnlich sähe!
-</p>
-
-<p>
-Diese Stämme hegen einen heimlichen Ekel und Abscheu
-voreinander, der sogar die Schranken der engen
-Blutsverwandtschaft durchbricht, &mdash; aber sie verstehen
-ihn geheimzuhalten vor der Außenwelt, wie man ein
-gefährliches Geheimnis hütet.
-</p>
-
-<p>
-Kein einziger läßt ihn durchblicken, und in dieser
-Übereinstimmung gleichen sie haßerfüllten Blinden, die
-sich an ein schmutzgetränktes Seil klammern: der eine
-mit beiden Fäusten, ein anderer nur widerwillig mit
-einem Finger, alle aber von abergläubischer Furcht besessen,
-daß sie dem Untergang verfallen müssen, sobald
-sie den gemeinsamen Halt aufgeben und sich von den
-übrigen trennen.
-</p>
-
-<p>
-Rosina ist von jenem Stamme, dessen rothaariger
-Typus noch abstoßender ist, als der der andern. Dessen
-Männer engbrüstig sind und lange Hühnerhälse haben
-mit vorstehendem Adamsapfel.
-</p>
-
-<p>
-Alles scheint an ihnen sommersprossig, und ihr ganzes
-Leben leiden sie unter brünstigen Qualen, diese Männer,
-&mdash; und kämpfen heimlich gegen ihre Gelüste einen
-ununterbrochenen, erfolglosen Kampf, von immerwährender
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-widerlicher Angst um ihre Gesundheit gefoltert.
-</p>
-
-<p>
-Ich war mir nicht klar, wieso ich Rosina überhaupt
-in verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Trödler
-Wassertrum bringen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Nie habe ich sie doch in der Nähe des Alten gesehen,
-oder bemerkt, daß sie jemals einander etwas zugerufen
-hätten.
-</p>
-
-<p>
-Auch war sie fast immer in unserem Hofe oder drückte
-sich in den dunkeln Winkeln und Gängen unseres Hauses
-umher.
-</p>
-
-<p>
-Sicherlich halten sie alle meine Mitbewohner für
-eine nahe Verwandte oder zumindest Schutzbefohlene
-des Trödlers, und doch bin ich überzeugt, daß kein einziger
-einen Grund für solche Vermutungen anzugeben
-vermöchte.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte meine Gedanken von Rosina losreißen und
-sah von dem offenen Fenster meiner Stube hinab auf
-die Hahnpaßgasse.
-</p>
-
-<p>
-Als habe Aaron Wassertrum meinen Blick gefühlt,
-wandte er plötzlich sein Gesicht zu mir empor.
-</p>
-
-<p>
-Sein starres, gräßliches Gesicht mit den runden Fischaugen
-und der klaffenden Oberlippe, die von einer Hasenscharte
-gespalten ist.
-</p>
-
-<p>
-Wie eine menschliche Spinne kam er mir vor, die die
-feinste Berührung ihres Netzes spürt, so teilnahmslos
-sie sich auch stellt.
-</p>
-
-<p>
-Und wovon er nur leben mag? Was denkt er, und was
-ist sein Vorhaben?
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte es nicht.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-An den Mauerrändern seines Gewölbes hängen
-unverändert Tag für Tag, jahraus jahrein dieselben toten
-wertlosen Dinge.
-</p>
-
-<p>
-Mit geschlossenen Augen hätte ich sie hinzeichnen
-können: hier die verbogene Blechtrompete ohne Klappen,
-das vergilbte Bild auf Papier gemalt, mit den so
-sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine
-Girlande verrosteter Sporen an einem schimmligen
-Lederriemen und anderes halb vermodertes Gerümpel.
-</p>
-
-<p>
-Und vorne auf dem Boden, dicht nebeneinander geschichtet,
-so daß niemand die Schwelle des Gewölbes
-überschreiten kann, eine Reihe runder eiserner Herdplatten. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Alle diese Dinge nahmen an Zahl nie zu, nie ab, und
-blieb wirklich hier und da einmal ein Vorübergehender
-stehen und fragte nach dem Preis des einen oder anderen,
-geriet der Trödler in heftige Erregung.
-</p>
-
-<p>
-In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippe
-mit der Hasenscharte empor und sprudelte gereizt irgend
-etwas Unverständliches in einem gurgelnden, stolpernden
-Baß hervor, daß dem Käufer die Lust weiter zu
-fragen verging und er abgeschreckt seinen Weg fortsetzte.
-</p>
-
-<p>
-Der Blick des Aaron Wassertrum war blitzschnell von
-meinen Augen abgeglitten und ruhte jetzt mit gespanntem
-Interesse an den kahlen Mauern, die vom Nebenhause
-an mein Fenster stoßen.
-</p>
-
-<p>
-Was konnte er dort nur sehen?
-</p>
-
-<p>
-Das Haus steht doch mit dem Rücken gegen die Hahnpaßgasse
-und seine Fenster blicken in den Hof! Nur
-eines ist in die Straße gekehrt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Zufällig schienen die Räume, die nebenan in derselben
-Stockhöhe wie die meinigen liegen &mdash; ich glaube, sie
-gehören zu einem winkligen Atelier &mdash; in diesem Moment
-betreten worden zu sein, denn durch die Mauern hörte
-ich plötzlich eine männliche und eine weibliche Stimme
-miteinander reden.
-</p>
-
-<p>
-Unmöglich konnte das aber der Trödler von unten
-aus wahrgenommen haben! &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Vor meiner Tür bewegte sich jemand, und ich erriet:
-es ist immer noch Rosina, die draußen im Dunkeln steht
-in begehrlichem Warten, daß ich sie doch vielleicht zu mir
-hereinrufen wolle.
-</p>
-
-<p>
-Und unten, ein halbes Stockwerk tiefer, lauert der
-blatternarbige, halbwüchsige Loisa auf den Stiegen mit
-angehaltenem Atem, ob ich die Tür öffnen werde, und
-ich spüre förmlich den Hauch seines Hasses und seine
-schäumende Eifersucht bis herauf zu mir.
-</p>
-
-<p>
-Er fürchtet sich, näher zu kommen und von Rosina
-bemerkt zu werden. Er weiß sich von ihr abhängig wie
-ein hungriger Wolf von seinem Wärter und möchte doch
-am liebsten aufspringen und besinnungslos seiner Wut
-die Zügel schießen lassen! &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte
-meine Pinzetten und Stichel hervor.
-</p>
-
-<p>
-Aber ich konnte nichts fertigbringen und meine Hand
-war nicht ruhig genug, die feinen japanischen Gravierungen
-auszubessern.
-</p>
-
-<p>
-Das trübe, düstere Leben, das an diesem Hause hängt,
-läßt mein Gemüt nicht still werden, und immer tauchen
-alte Bilder in mir auf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl
-kaum ein Jahr älter als Rosina.
-</p>
-
-<p>
-An ihren Vater, der Hostienbäcker gewesen, konnte ich
-mich kaum mehr erinnern, und jetzt sorgt für sie, glaube
-ich, ein altes Weib.
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte nur nicht, welche es war unter den vielen,
-die versteckt im Hause wohnen wie Kröten in ihrem
-Schlupfwinkel.
-</p>
-
-<p>
-Sie sorgt für die beiden Jungen, das heißt: sie gewährt
-ihnen Unterkunft; dafür müssen sie ihr abliefern,
-was sie gelegentlich stehlen oder erbetteln. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ob sie ihnen wohl auch zu essen gibt? Ich konnte es
-mir nicht denken, denn erst spät abends kommt die Alte
-heim.
-</p>
-
-<p>
-Leichenwäscherin soll sie sein.
-</p>
-
-<p>
-Loisa, Jaromir und Rosina sah ich, als sie noch Kinder
-waren, oft harmlos im Hof zu dritt spielen.
-</p>
-
-<p>
-Die Zeit aber ist lang vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rothaarigen
-Judenmädel her.
-</p>
-
-<p>
-Zuweilen sucht er sie lange umsonst, und wenn er sie
-nirgends finden kann, dann schleicht er sich vor meine
-Türe und wartet mit verzerrtem Gesicht, daß sie heimlich
-hierher komme.
-</p>
-
-<p>
-Da sehe ich ihn, wenn ich bei meiner Arbeit sitze, im
-Geiste draußen in dem winkligen Gange lauern, den Kopf
-mit dem ausgemergelten Genick horchend vorgebeugt.
-</p>
-
-<p>
-Manchmal bricht dann durch die Stille plötzlich ein
-wilder Lärm.
-</p>
-
-<p>
-Jaromir, der taubstumm ist, und dessen ganzes Denken
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-eine ununterbrochene wahnsinnige Gier nach Rosina
-erfüllt, irrt wie ein wildes Tier im Hause umher, und
-sein unartikuliertes heulendes Gebell, das er, vor Eifersucht
-und Argwohn halb von Sinnen, ausstößt, klingt
-so schauerlich, daß einem das Blut in den Adern stockt.
-</p>
-
-<p>
-Er sucht die beiden, die er stets beieinander vermutet
-&mdash; irgendwo in einem der tausend schmutzigen Schlupfwinkel
-versteckt &mdash; in blinder Raserei, immer von dem
-Gedanken gepeitscht, seinem Bruder auf den Fersen
-sein zu müssen, daß nichts mit Rosina vorgehe, von dem
-er nicht wisse.
-</p>
-
-<p>
-Und gerade diese unaufhörliche Qual des Krüppels
-ist, ahnte ich, das Reizmittel, das Rosina antreibt, sich
-stets von neuem mit dem andern einzulassen.
-</p>
-
-<p>
-Wird ihre Neigung oder Bereitwilligkeit schwächer, so
-ersinnt Loisa immer wieder besondere Scheußlichkeiten,
-um Rosinas Gier von neuem zu entfachen.
-</p>
-
-<p>
-Da lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen
-ertappen und locken den Rasenden heimtückisch
-hinter sich her in dunkle Gänge, wo sie aus rostigen
-Faßreifen, die in die Höhe schnellen, wenn man auf sie
-tritt, und eisernen Rechen &mdash; mit den Spitzen nach oben
-gekehrt &mdash; bösartige Fallen errichtet haben, in die er
-stürzen muß und sich blutig fällt.
-</p>
-
-<p>
-Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina, um die Folter
-aufs äußerste anzuspannen, auf eigene Faust etwas
-Höllisches aus.
-</p>
-
-<p>
-Dann ändert sie mit einem Schlage ihr Benehmen zu
-Jaromir und tut, als fände sie plötzlich Gefallen an ihm.
-</p>
-
-<p>
-Mit ihrer ewig lächelnden Miene teilt sie dem Krüppel
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-hastig Dinge mit, die ihn in eine fast irrsinnige Erregung
-versetzen, und sie hat sich dazu eine geheimnisvoll scheinende,
-nur halbverständliche Zeichensprache ersonnen,
-die den Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares
-Netz von Ungewißheit und verzehrenden Hoffnungen
-verstricken muß. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Einmal sah ich ihn im Hofe vor ihr stehen, und sie
-sprach mit so heftigen Lippenbewegungen und Gestikulationen
-auf ihn ein, daß ich glaubte, jeden Augenblick
-würde er in wilder Aufregung zusammenbrechen.
-</p>
-
-<p>
-Der Schweiß lief ihm übers Gesicht vor übermenschlicher
-Anstrengung, den Sinn der absichtlich so unklaren,
-hastigen Mitteilung zu erfassen.
-</p>
-
-<p>
-Und den ganzen folgenden Tag lauerte er dann
-fiebernd in Erwartung auf den finstern Stiegen eines
-andern halb versunkenen Hauses, das in der Fortsetzung
-der engen, schmutzigen Hahnpaßgasse liegt, &mdash; bis er die
-Zeit versäumt hatte, sich an den Ecken ein paar Kreuzer
-zu erbetteln.
-</p>
-
-<p>
-Und als er spät abends halb tot vor Hunger und Aufregung
-heim wollte, hatte ihn die Pflegemutter längst
-ausgesperrt.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ein fröhliches Frauenlachen drang aus dem anstoßenden
-Atelier durch die Mauern herüber zu mir.
-</p>
-
-<p>
-Ein Lachen? &mdash; In diesen Häusern ein fröhliches
-Lachen? Im ganzen Ghetto wohnt niemand, der fröhlich
-lachen könnte.
-</p>
-
-<p>
-Da fiel mir ein, daß mir vor einigen Tagen der alte
-Marionettenspieler Zwakh anvertraute, ein junger, vornehmer
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Herr hätte ihm das Atelier teuer abgemietet &mdash;
-offenbar, um mit der Erwählten seines Herzens unbelauscht
-zusammenkommen zu können.
-</p>
-
-<p>
-Nach und nach, jede Nacht, müßten nun, damit niemand
-im Hause etwas merke, die kostbaren Möbel des
-neuen Mieters heimlich Stück für Stück hinaufgeschafft
-werden.
-</p>
-
-<p>
-Der gutmütige Alte hatte sich vor Vergnügen die
-Hände gerieben, als er es mir erzählte, und sich kindlich
-gefreut, wie er alles so geschickt angefangen habe: keiner
-der Mitbewohner könne auch nur eine Ahnung von dem
-romantischen Liebespaar haben.
-</p>
-
-<p>
-Und von drei Häusern aus sei es möglich, unauffällig
-in das Atelier zu gelangen. &mdash; Sogar durch eine Falltüre
-gäbe es einen Zugang!
-</p>
-
-<p>
-Ja, wenn man die eiserne Tür des Bodenraumes
-aufklinke, &mdash; und das sei von drüben aus sehr leicht, &mdash;
-könne man an meiner Kammer vorbei zu den Stiegen
-unseres Hauses gelangen und diese als Ausgang benützen ...
-</p>
-
-<p>
-Wieder klingt das fröhliche Lachen herüber und läßt
-in mir die undeutliche Erinnerung an eine luxuriöse
-Wohnung und an eine adlige Familie auftauchen, zu
-der ich oft gerufen wurde, um an kostbaren Altertümern
-kleine Ausbesserungen vorzunehmen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich höre ich nebenan einen gellenden Schrei.
-Ich horche erschreckt.
-</p>
-
-<p>
-Die eiserne Bodentür klirrt heftig und im nächsten
-Augenblick stürzt eine Dame in mein Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Mit aufgelöstem Haar, weiß wie die Wand, einen
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-goldenen Brokatstoff über die bloßen Schultern geworfen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meister Pernath, verbergen Sie mich, &mdash; um Gottes
-Christi willen! &mdash; fragen Sie nicht, verbergen Sie mich
-hier!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ehe ich noch antworten konnte, wurde meine Tür
-abermals aufgerissen und sofort wieder zugeschlagen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Eine Sekunde lang hatte das Gesicht des Trödlers
-Aaron Wassertrum wie eine scheußliche Maske hereingegrinst.
-&mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ein runder, leuchtender Fleck taucht vor mir auf, und
-im Scheine des Mondlichtes erkenne ich wiederum das
-Fußende meines Bettes.
-</p>
-
-<p>
-Noch liegt der Schlaf auf mir wie ein schwerer, wolliger
-Mantel und der Name Pernath steht in goldenen Buchstaben
-vor meiner Erinnerung.
-</p>
-
-<p>
-Wo nur habe ich diesen Namen gelesen? &mdash; Athanasius
-Pernath? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, ich glaube vor langer, langer Zeit habe ich
-einmal irgendwo meinen Hut verwechselt, und ich wunderte
-mich damals, daß er mir so genau passe, wo ich
-doch eine höchst eigentümliche Kopfform habe.
-</p>
-
-<p>
-Und ich sah in den fremden Hut hinein &mdash; damals und
-&mdash; &mdash; ja, ja, dort hatte es gestanden in goldenen Papierbuchstaben
-auf dem weißen Futter:
-</p>
-
-<p class="center">
-ATHANASIUS PERNATH.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich hatte mich vor dem Hut gescheut und gefürchtet,
-ich wußte nicht warum.
-</p>
-
-<p>
-Da fährt plötzlich die Stimme, die ich vergessen hatte,
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-und die immer von mir wissen wollte, wo der Stein ist,
-der wie Fett ausgesehen habe, auf mich los gleich einem
-Pfeil.
-</p>
-
-<p>
-Schnell male ich mir das scharfe, süßlich grinsende
-Profil der roten Rosina aus, und es gelingt mir auf
-diese Weise dem Pfeil auszuweichen, der sich sogleich
-in der Finsternis verliert.
-</p>
-
-<p>
-Ja, das Gesicht der Rosina! Das ist doch noch stärker
-als die stumpfsinnig plappernde Stimme; und gar, wo
-ich jetzt gleich wieder in meinem Zimmer in der Hahnpaßgasse
-geborgen sein werde, kann ich ganz ruhig sein.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-I
-</h2>
-
-<p class="first">
-Wenn ich mich nicht getäuscht habe in der Empfindung,
-daß jemand in einem gewissen, gleichbleibenden Abstand
-hinter mir die Treppe heraufkommt in der Absicht, mich
-zu besuchen, so muß er jetzt ungefähr auf dem letzten
-Stiegenabsatz stehen.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt biegt er um die Ecke, wo der Archivar Schemajah
-Hillel seine Wohnung hat, und kommt von den ausgetretenen
-Steinfliesen auf den Flur des oberen Stockwerkes,
-der mit roten Ziegeln ausgelegt ist.
-</p>
-
-<p>
-Nun tastet er sich an der Wand entlang, und jetzt,
-gerade jetzt, muß er, mühsam im Finstern buchstabierend,
-meinen Namen auf dem Türschild lesen.
-</p>
-
-<p>
-Und ich stellte mich aufrecht in die Mitte des Zimmers
-und blickte zum Eingang.
-</p>
-
-<p>
-Da öffnete sich die Türe, und er trat ein.
-</p>
-
-<p>
-Nur wenige Schritte machte er auf mich zu und nahm
-weder den Hut ab, noch sagte er ein Wort der Begrüßung.
-</p>
-
-<p>
-So benimmt er sich, wenn er zu Hause ist, fühlte ich,
-und ich fand es ganz selbstverständlich, daß er so und
-nicht anders handelte.
-</p>
-
-<p>
-Er griff in die Tasche und nahm ein Buch
-heraus.
-</p>
-
-<p>
-Dann blätterte er lange darin herum.
-</p>
-
-<p>
-Der Umschlag des Buches war aus Metall, und die
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Vertiefungen in Form von Rosetten und Siegeln
-waren mit Farbe und kleinen Steinen ausgefüllt.
-</p>
-
-<p>
-Endlich hatte er die Stelle gefunden, die er suchte,
-und deutete darauf.
-</p>
-
-<p>
-Das Kapitel hieß &bdquo;Ibbur&ldquo;, &bdquo;die Seelenschwängerung&ldquo;,
-entzifferte ich.
-</p>
-
-<p>
-Das große, in Gold und Rot ausgeführte Initial &bdquo;I&ldquo;
-nahm fast die Hälfte der ganzen Seite ein, die ich unwillkürlich
-überflog, und war am Rande verletzt.
-</p>
-
-<p>
-Ich sollte es ausbessern.
-</p>
-
-<p>
-Das Initial war nicht auf das Pergament geklebt, wie
-ich es bisher in alten Büchern gesehen, schien vielmehr
-aus zwei Platten dünnen Goldes zu bestehen, die im
-Mittelpunkte zusammengelötet waren und mit den Enden
-um die Ränder des Pergaments griffen.
-</p>
-
-<p>
-Also mußte, wo der Buchstabe stand, ein Loch in das
-Blatt geschnitten sein?
-</p>
-
-<p>
-Wenn das der Fall war, mußte auf der nächsten Seite
-das &bdquo;I&ldquo; verkehrt stehen?
-</p>
-
-<p>
-Ich blätterte um und fand meine Annahme bestätigt.
-</p>
-
-<p>
-Unwillkürlich las ich auch diese Seite durch und die
-gegenüberliegende.
-</p>
-
-<p>
-Und ich las weiter und weiter.
-</p>
-
-<p>
-Das Buch sprach zu mir, wie der Traum spricht,
-klarer nur und viel deutlicher. Und es rührte mein Herz
-an wie eine Frage.
-</p>
-
-<p>
-Worte strömten aus einem unsichtbaren Munde,
-wurden lebendig und kamen auf mich zu. Sie drehten
-sich und wandten sich vor mir wie bunt gekleidete Sklavinnen,
-sanken dann in den Boden oder verschwanden
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-wie schillernder Dunst in der Luft und gaben der nächsten
-Raum. Jede hoffte eine kleine Weile, daß ich sie erwählen
-würde und auf den Anblick der Kommenden verzichten.
-</p>
-
-<p>
-Manche waren unter ihnen, die gingen prunkend einher
-wie Pfauen, in schimmernden Gewändern, und ihre
-Schritte waren langsam und gemessen.
-</p>
-
-<p>
-Manche wie Königinnen, doch gealtert und verlebt,
-die Augenlider gefärbt, &mdash; mit dirnenhaftem Zug um
-den Mund und die Runzeln mit häßlicher Schminke
-verdeckt.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah an ihnen vorbei und nach den Kommenden,
-und mein Blick glitt über lange Züge grauer Gestalten
-mit Gesichtern, so gewöhnlich und ausdrucksarm, daß
-es unmöglich schien, sie dem Gedächtnis einzuprägen.
-</p>
-
-<p>
-Dann brachten sie ein Weib geschleppt, das war
-splitternackt und riesenhaft wie ein Erzkoloß.
-</p>
-
-<p>
-Eine Sekunde blieb das Weib vor mir stehen und
-beugte sich nieder zu mir.
-</p>
-
-<p>
-Ihre Wimpern waren so lang wie mein ganzer Körper,
-und sie deutete stumm auf den Puls ihrer linken
-Hand.
-</p>
-
-<p>
-Der schlug wie ein Erdbeben, und ich fühlte, es war
-das Leben einer ganzen Welt in ihr.
-</p>
-
-<p>
-Aus der Ferne raste ein Korybantenzug heran.
-</p>
-
-<p>
-Ein Mann und ein Weib umschlangen sich. Ich sah
-sie von weitem kommen, und immer näher brauste der
-Zug.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt hörte ich den hallenden Gesang der Verzückten
-dicht vor mir, und meine Augen suchten das verschlungene
-Paar.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Das aber hatte sich verwandelt in eine einzige Gestalt
-und saß, halb männlich, halb weiblich, &mdash; ein Hermaphrodit
-&mdash; auf einem Throne von Perlmutter.
-</p>
-
-<p>
-Und die Krone des Hermaphroditen endete in einem
-Brett aus rotem Holz; darein hatte der Wurm der Zerstörung
-geheimnisvolle Runen genagt.
-</p>
-
-<p>
-In einer Staubwolke kam eilig hinterdrein getrappelt
-eine Herde kleiner, blinder Schafe: die Futtertiere, die
-der gigantische Zwitter in seinem Gefolge führte, seine
-Korybantenschar am Leben zu erhalten.
-</p>
-
-<p>
-Zuweilen waren unter den Gestalten, die aus dem
-unsichtbaren Munde strömten, etliche, die kamen aus
-Gräbern, &mdash; Tücher vor dem Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Und blieben sie vor mir stehen, ließen sie plötzlich ihre
-Hüllen fallen und starrten mit Raubtieraugen hungrig
-auf mein Herz, daß ein eisiger Schreck mir ins Hirn fuhr
-und sich mein Blut zurückstaute wie ein Strom, in den
-Felsblöcke vom Himmel herniedergefallen sind &mdash; plötzlich
-und mitten in sein Bette. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Eine Frau schwebte an mir vorbei. Ich sah ihr Antlitz
-nicht, sie wandte es ab, und sie trug einen Mantel
-aus fließenden Tränen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Maskenzüge tanzten vorüber, lachten und kümmerten
-sich nicht um mich.
-</p>
-
-<p>
-Nur ein Pierrot sieht sich nachdenklich um nach mir
-und kehrt zurück. Pflanzt sich vor mich hin und blickt
-in mein Gesicht hinein, als sei es ein Spiegel.
-</p>
-
-<p>
-Er schneidet so seltsame Grimassen, hebt und bewegt
-seine Arme, bald zögernd, bald blitzschnell, daß sich
-meiner ein gespenstiger Trieb bemächtigt ihn nachzuahmen,
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-mit den Augen zu zwinkern wie er, mit den
-Achseln zu zucken und die Mundwinkel zu verziehen.
-</p>
-
-<p>
-Da stoßen ihn ungeduldig nachdrängende Gestalten
-zur Seite, die alle vor meine Blicke wollen.
-</p>
-
-<p>
-Doch keines der Wesen hat Bestand.
-</p>
-
-<p>
-Gleitende Perlen sind sie, auf eine Seidenschnur gereiht,
-die einzelnen Töne nur einer Melodie, die dem
-unsichtbaren Munde entströmen.
-</p>
-
-<p>
-Das war kein Buch mehr, das zu mir sprach. Das
-war eine Stimme. Eine Stimme, die etwas von mir
-wollte, was ich nicht begriff; wie sehr ich mich auch abmühte.
-Die mich quälte mit brennenden, unverständlichen
-Fragen.
-</p>
-
-<p>
-Die Stimme aber, die diese sichtbaren Worte redete,
-war abgestorben und ohne Widerhall.
-</p>
-
-<p>
-Jeder Laut, der in der Welt der Gegenwart erklingt,
-hat viele Echos, wie jegliches Ding einen großen Schatten
-hat und viele kleine Schatten, doch diese Stimme hatte
-keine Echos mehr, &mdash; lange, lange schon sind sie wohl
-verweht und verklungen. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Und bis zu Ende hatte ich das Buch gelesen und
-hielt es noch in den Händen, da war mir, als hätte ich
-suchend in meinem Gehirn geblättert und nicht in einem
-Buche! &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Alles, was mir die Stimme gesagt, hatte ich, seit ich
-lebte, in mir getragen, nur verdeckt war es gewesen und
-vergessen und hatte sich vor meinem Denken versteckt
-gehalten bis auf den heutigen Tag. &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich blickte auf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Wo war der Mann, der mir das Buch gebracht
-hatte?
-</p>
-
-<p>
-Fortgegangen!?
-</p>
-
-<p>
-Wird er es holen, wenn es fertig ist?
-</p>
-
-<p>
-Oder sollte ich es ihm bringen?
-</p>
-
-<p>
-Aber ich konnte mich nicht erinnern, daß er gesagt
-hätte, wo er wohne.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte mir seine Erscheinung ins Gedächtnis zurückrufen,
-doch es mißlang.
-</p>
-
-<p>
-Wie war er nur gekleidet gewesen? War er alt, war er
-jung? &mdash; Und welche Farben hatten sein Haar und sein
-Bart gehabt?
-</p>
-
-<p>
-Nichts, gar nichts mehr konnte ich mir vorstellen. &mdash;
-Alle Bilder, die ich mir von ihm schuf, zerrannen haltlos,
-noch ehe ich sie im Geiste zusammenzusetzen vermocht.
-</p>
-
-<p>
-Ich schloß die Augen und preßte die Hand auf die
-Lider, um einen winzigen Teil nur seines Bildnisses zu
-erhaschen.
-</p>
-
-<p>
-Nichts, nichts.
-</p>
-
-<p>
-Ich stellte mich hin, mitten ins Zimmer, und blickte
-auf die Tür, wie ich es getan &mdash; vorhin, als er gekommen
-war, und malte mir aus: jetzt biegt er um die Ecke, jetzt
-schreitet er über den Ziegelsteinboden, liest jetzt draußen
-mein Türschild &bdquo;Athanasius Pernath&ldquo; und jetzt tritt er
-herein.
-</p>
-
-<p>
-Vergebens.
-</p>
-
-<p>
-Nicht die leiseste Spur einer Erinnerung, wie seine
-Gestalt ausgesehen, wollte in mir erwachen.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah das Buch auf dem Tische liegen und wünschte
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-mir im Geiste die Hand dazu, die es aus der Tasche gezogen
-und mir gereicht hatte.
-</p>
-
-<p>
-Nicht einmal, ob sie einen Handschuh getragen, ob
-sie entblößt gewesen, ob jung oder runzlig, mit Ringen
-geschmückt oder nicht, konnte ich mich entsinnen.
-</p>
-
-<p>
-Da kam mir ein seltsamer Einfall.
-</p>
-
-<p>
-Wie eine Eingebung war es, der man nicht widerstehen
-darf.
-</p>
-
-<p>
-Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf
-und ging hinaus auf den Gang und die Treppen hinab.
-Dann kam ich langsam wieder zurück in mein Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Langsam, ganz langsam, so wie er, als er gekommen
-war. Und wie ich die Tür öffnete, da sah ich, daß meine
-Kammer voll Dämmerung lag. War es denn nicht
-heller Tag noch gewesen, als ich soeben hinausging?
-</p>
-
-<p>
-Wie lange mußte ich da gegrübelt haben, daß ich nicht
-bemerkte, wie spät es ist!
-</p>
-
-<p>
-Und ich versuchte den Unbekannten nachzuahmen in
-Gang und Mienen und konnte mich an sie doch gar nicht
-erinnern. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wie sollte es mir auch glücken, ihn nachzuahmen,
-wenn ich keinen Anhaltspunkt mehr hatte, wie er ausgesehen
-haben mochte.
-</p>
-
-<p>
-Aber es kam anders. Ganz anders, als ich dachte.
-</p>
-
-<p>
-Meine Haut, meine Muskeln, mein Körper erinnerten
-sich plötzlich, ohne es dem Gehirn zu verraten. Sie
-machten Bewegungen, die ich nicht wünschte, und nicht
-beabsichtigte.
-</p>
-
-<p>
-Als ob meine Glieder nicht mehr mir gehörten!
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Male war mein Gang tappend und fremdartig
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-geworden, wie ich ein paar Schritte im Zimmer
-machte.
-</p>
-
-<p>
-Das ist der Gang eines Menschen, der beständig im
-Begriffe ist, vornüber zu fallen, sagte ich mir.
-</p>
-
-<p>
-Ja, ja, ja, so war sein Gang!
-</p>
-
-<p>
-Ganz deutlich wußte ich: so ist er.
-</p>
-
-<p>
-Ich trug ein fremdes, bartloses Gesicht mit hervorstehenden
-Backenknochen und schaute aus schrägstehenden
-Augen.
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte es und konnte mich doch nicht sehen.
-</p>
-
-<p>
-Das ist nicht mein Gesicht, wollte ich entsetzt aufschreien,
-wollte es betasten, doch meine Hand folgte
-meinem Willen nicht und senkte sich in die Tasche und
-holte ein Buch hervor.
-</p>
-
-<p>
-Ganz so, wie er es vorhin getan hatte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Da plötzlich sitze ich wieder ohne Hut, ohne Mantel,
-am Tische und bin ich. Ich, ich.
-</p>
-
-<p>
-Athanasius Pernath.
-</p>
-
-<p>
-Grausen und Entsetzen schüttelten mich, mein Herz
-raste zum Zerspringen, und ich fühlte: gespenstische
-Finger, die soeben noch in meinem Gehirn umhergetastet,
-haben von mir abgelassen.
-</p>
-
-<p>
-Noch spürte ich im Hinterkopf die kalten Spuren
-ihrer Berührung. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nun wußte ich, wie der Fremde war, und ich hätte
-ihn wieder in mir fühlen können &mdash; jeden Augenblick &mdash;,
-wenn ich nur gewollt hätte; aber sein Bild mir vorstellen,
-daß ich es vor mir <em>sehen</em> würde Auge in Auge &mdash;
-das vermochte ich noch immer nicht und werde es auch
-nie können.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-Er ist wie ein Negativ, eine unsichtbare Hohlform,
-erkannte ich, deren Linien ich nicht erfassen kann &mdash; in
-die ich selber hineinschlüpfen muß, wenn ich mir ihrer
-Gestalt und ihres Ausdrucks im eigenen Ich bewußt
-werden will &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-In der Schublade meines Tisches stand eine eiserne
-Kassette; &mdash; in diese wollte ich das Buch sperren und
-erst, bis der Zustand der geistigen Krankheit von mir
-gewichen sein würde, wollte ich es wieder hervorholen
-und an die Ausbesserung des zerbrochenen Initialen &bdquo;I&ldquo;
-gehen.
-</p>
-
-<p>
-Und ich nahm das Buch vom Tisch.
-</p>
-
-<p>
-Da war mir, als hätte ich es gar nicht angefaßt; ich
-griff die Kassette an: dasselbe Gefühl. Als müßte das
-Tastempfinden eine lange, lange Strecke voll tiefer
-Dunkelheit durchlaufen, ehe es in meinem Bewußtsein
-mündete, als seien die Dinge durch eine jahresgroße
-Zeitschicht von mir entfernt und gehörten einer Vergangenheit
-an, die längst an mir vorübergezogen!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Stimme, die nach mir suchend in der Finsternis
-kreist, um mich mit dem fettigen Stein zu quälen, ist
-an mir vorbeigekommen und hat mich nicht gesehen.
-Und ich weiß, daß sie aus dem Reiche des Schlafes
-stammt. Aber was ich erlebt, das war wirkliches Leben,
-&mdash; darum konnte sie mich nicht sehen und sucht vergeblich
-nach mir, fühle ich.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Prag
-</h2>
-
-<p class="first">
-Neben mir stand der Student Charousek, den Kragen
-seines dünnen, fadenscheinigen Überziehers aufgeschlagen,
-und ich hörte, wie ihm vor Kälte die Zähne aufeinanderschlugen.
-</p>
-
-<p>
-Er kann sich den Tod holen in diesem zugigen, eisigen
-Torbogen, sagte ich mir, und ich forderte ihn auf, mit
-hinüber in meine Wohnung zu kommen.
-</p>
-
-<p>
-Er aber lehnte ab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich danke Ihnen, Meister Pernath,&ldquo; murmelte er
-fröstelnd, &bdquo;leider habe ich nicht mehr so viel Zeit übrig;
-&mdash; ich muß eilends in die Stadt. &mdash; Auch würden wir
-bis auf die Haut naß, wenn wir jetzt auf die Gasse treten
-wollten &mdash; schon nach wenigen Schritten! &mdash; &mdash; Der
-Platzregen will nicht schwächer werden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Wasserschauer fegten über die Dächer hin und
-liefen an den Gesichtern der Häuser herunter wie ein
-Tränenstrom.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich den Kopf ein wenig vorbog, konnte ich da
-drüben im vierten Stock mein Fenster sehen, das, vom
-Regen überrieselt, aussah, als seien seine Scheiben aufgeweicht,
-&mdash; undurchsichtig und höckerig geworden wie
-Hausenblase.
-</p>
-
-<p>
-Ein gelber Schmutzbach floß die Gasse herab, und der
-Torbogen füllte sich mit Vorübergehenden, die alle das
-Nachlassen des Unwetters abwarten wollten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-&bdquo;Dort schwimmt ein Brautbukett,&ldquo; sagte plötzlich
-Charousek und deutete auf einen Strauß aus welken
-Myrten, der in dem Schmutzwasser vorbeigetrieben kam.
-</p>
-
-<p>
-Darüber lachte jemand hinter uns laut auf.
-</p>
-
-<p>
-Als ich mich umdrehte, sah ich, daß es ein alter, vornehm
-gekleideter Herr mit weißem Haar und einem aufgedunsenen,
-krötenartigen Gesicht gewesen war.
-</p>
-
-<p>
-Charousek blickte ebenfalls einen Augenblick zurück und
-brummte etwas vor sich hin.
-</p>
-
-<p>
-Unangenehmes ging von dem Alten aus; &mdash; ich wandte
-meine Aufmerksamkeit von ihm ab und musterte die
-mißfarbigen Häuser, die da vor meinen Augen wie
-verdrossene alte Tiere im Regen nebeneinander hockten.
-</p>
-
-<p>
-Wie unheimlich und verkommen sie alle aussahen!
-</p>
-
-<p>
-Ohne Überlegung hingebaut standen sie da, wie Unkraut,
-das aus dem Boden dringt.
-</p>
-
-<p>
-An eine niedrige, gelbe Steinmauer, den einzigen
-standhaltenden Überrest eines früheren, langgestreckten
-Gebäudes hat man sie angelehnt &mdash; vor zwei, drei Jahrhunderten,
-wie es eben kam, ohne Rücksicht auf die
-übrigen zu nehmen. Dort ein halbes, schiefwinkliges
-Haus mit zurückspringender Stirn; &mdash; ein andres daneben:
-vorstehend wie ein Eckzahn.
-</p>
-
-<p>
-Unter dem trüben Himmel sahen sie aus, als lägen
-sie im Schlaf, und man spürte nichts von dem tückischen,
-feindseligen Leben, das zuweilen von ihnen ausstrahlt,
-wenn der Nebel der Herbstabende in den Gassen liegt
-und ihr leises, kaum merkliches Mienenspiel verbergen
-hilft.
-</p>
-
-<p>
-In dem Menschenalter, das ich nun hier wohne, hat
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-sich der Eindruck in mir festgesetzt, den ich nicht loswerden
-kann, als ob es gewisse Stunden des Nachts und im
-frühesten Morgengrauen für sie gäbe, wo sie erregt eine
-lautlose, geheimnisvolle Beratung pflegen. Und manchmal
-fährt da ein schwaches Beben durch ihre Mauern,
-das sich nicht erklären läßt, Geräusche laufen über ihre
-Dächer und fallen in den Regenrinnen nieder, &mdash; und
-wir nehmen sie mit stumpfen Sinnen achtlos hin, ohne
-nach ihrer Ursache zu forschen.
-</p>
-
-<p>
-Oft träumte mir, ich hätte diese Häuser belauscht in
-ihrem spukhaften Treiben und mit angstvollem Staunen
-erfahren, daß sie die heimlichen, eigentlichen Herren der
-Gasse seien, sich ihres Lebens und Fühlens entäußern
-und es wieder an sich ziehen können, &mdash; es tagsüber den
-Bewohnern, die hier hausen, borgen, um es in kommender
-Nacht mit Wucherzinsen wieder zurückzufordern.
-</p>
-
-<p>
-Und lasse ich die seltsamen Menschen, die in ihnen
-wohnen wie Schemen, wie Wesen &mdash; nicht von Müttern
-geboren, &mdash; die in ihrem Denken und Tun wie aus
-Stücken wahllos zusammengefügt scheinen, im Geiste
-an mir vorüberziehen, so bin ich mehr denn je geneigt
-zu glauben, daß solche Träume in sich dunkle Wahrheiten
-bergen, die mir im Wachsein nur noch wie Eindrücke
-von farbigen Märchen in der Seele fortglimmen.
-</p>
-
-<p>
-Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen
-Golem, jenem künstlichen Menschen, wieder
-auf, den einst hier im Ghetto ein kabbalakundiger Rabbiner
-aus dem Elemente formte und ihn zu einem gedankenlosen
-automatischen Dasein berief, indem er ihm
-ein magisches Zahlenwort hinter die Zähne schob.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Und wie jener Golem zu einem Lehmbild in derselben
-Sekunde erstarrte, in der die geheime Silbe des Lebens
-aus seinem Munde genommen ward, so müßten auch,
-dünkt mich, alle diese <em>Menschen</em> entseelt in einem Augenblick
-zusammenfallen, löschte man irgendeinen winzigen
-Begriff, ein nebensächliches Streben, vielleicht eine
-zwecklose Gewohnheit bei dem einen, bei einem andern
-gar nur ein dumpfes Warten auf etwas gänzlich Unbestimmtes,
-Haltloses &mdash; in ihrem Hirn aus.
-</p>
-
-<p>
-Was ist dabei für ein immerwährendes, schreckhaftes
-Lauern in diesen Geschöpfen!
-</p>
-
-<p>
-Niemals sieht man sie arbeiten, diese Menschen, und
-dennoch sind sie früh beim ersten Leuchten des Morgens
-wach und warten mit angehaltenem Atem, &mdash; wie auf
-ein Opfer, das doch nie kommt.
-</p>
-
-<p>
-Und hat es wirklich einmal den Anschein, als träte
-jemand in ihr Bereich, irgend ein Wehrloser, an dem
-sie sich bereichern könnten, dann fällt plötzlich eine lähmende
-Angst über sie her, scheucht sie in ihre Winkel
-zurück und läßt sie von jeglichem Vorhaben zitternd abstehen.
-</p>
-
-<p>
-Niemand scheint schwach genug, daß ihnen noch so
-viel Mut bliebe, sich seiner zu bemächtigen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Entartete, zahnlose Raubtiere, von denen die Kraft
-und die Waffe genommen ist,&ldquo; sagte Charousek zögernd
-und sah mich an. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wie konnte er wissen, woran ich dachte? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-So stark facht man zuweilen seine Gedanken an, daß
-sie imstande sind, auf das Gehirn des Nebenstehenden
-überzuspringen wie sprühende Funken, fühlte ich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-&bdquo;&mdash; &mdash; &mdash; wovon sie nur leben mögen?&ldquo; fragte ich
-nach einer Weile.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leben? Wovon? Mancher unter ihnen ist ein Millionär!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich blickte Charousek an. Was konnte er damit meinen!
-</p>
-
-<p>
-Der Student aber schwieg und sah nach den Wolken.
-</p>
-
-<p>
-Für einen Augenblick hatte das Stimmengemurmel
-in dem Torbogen gestockt und man hörte bloß das Zischen
-des Regens.
-</p>
-
-<p>
-Was er nur damit sagen will: &bdquo;Mancher unter ihnen
-ist ein Millionär!?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wieder war es, als hätte Charousek meine Gedanken
-erraten.
-</p>
-
-<p>
-Er wies nach dem Trödlerladen neben uns, an dem
-das Wasser den Rost des Eisengerümpels in fließenden,
-braunroten Pfützen vorbeispülte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aaron Wassertrum! Er zum Beispiel ist Millionär,
-&mdash; fast ein Drittel der Judenstadt ist sein Besitz. Wissen
-Sie es denn nicht, Herr Pernath?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mir blieb förmlich der Atem im Mund stecken. &bdquo;Aaron
-Wassertrum! Der Trödler Aaron Wassertrum Millionär?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, ich kenne ihn genau&ldquo;, fuhr Charousek verbissen
-fort, und als hätte er nur darauf gewartet, daß ich ihn
-frage. &bdquo;Ich kannte auch seinen Sohn, den Dr. Wassory.
-Haben Sie nie von ihm gehört? Von Dr. Wassory, dem
-&mdash; berühmten &mdash; Augenarzt? &mdash; Vor einem Jahr noch
-hat die ganze Stadt begeistert von ihm gesprochen, &mdash;
-von dem großen &mdash; &mdash; Gelehrten. Niemand wußte
-damals, daß er seinen Namen abgelegt und früher
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Wassertrum geheißen hat. &mdash; Er spielte sich gerne auf den
-weltabgewandten Mann der Wissenschaft, und wenn
-einmal auf Herkunft die Rede kam, warf er bescheiden
-und tiefbewegt so mit halben Worten hin, daß sein
-Vater noch aus dem Ghetto stamme, &mdash; sich aus den
-niedrigsten Anfängen heraus unter Kummer aller Art
-und unsäglichen Sorgen empor ans Licht habe arbeiten
-müssen.
-</p>
-
-<p>
-Ja! Unter Kummer und Sorgen!
-</p>
-
-<p>
-Unter <em>wessen</em> Kummer und unsäglichen Sorgen aber
-und mit welchen Mitteln, das hat er nicht dazu gesagt!
-</p>
-
-<p>
-Ich aber weiß, was es mit dem Ghetto für eine Bewandtnis
-hat!&ldquo; Charousek faßte meinen Arm und
-schüttelte ihn heftig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meister Pernath, ich bin so arm, daß ich es selbst
-kaum mehr begreife; ich muß halb nackt gehen wie ein
-Vagabund, sehen Sie her, und ich bin doch Student der
-Medizin, &mdash; bin doch ein gebildeter Mensch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er riß seinen Überzieher auf und ich sah zu meinem
-Entsetzen, daß er weder Hemd noch Rock an hatte und den
-Mantel über der nackten Haut trug.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und so arm war ich bereits, als ich diese Bestie, diesen
-allmächtigen, angesehenen Dr. Wassory zu Fall brachte,
-&mdash; und noch heute ahnt keiner, daß ich, ich der eigentliche
-Urheber war.
-</p>
-
-<p>
-Man meint in der Stadt, ein gewisser Dr. Savioli
-sei es gewesen, der seine Praktiken ans Tageslicht gezogen
-und ihn dann zum Selbstmord getrieben hat. &mdash;
-Dr. Savioli war nichts als mein Werkzeug! sage ich
-Ihnen. Ich allein habe den Plan erdacht und das Material
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-zusammengetragen, habe die Beweise geliefert und
-leise und unmerklich Stein um Stein in dem Gebäude
-Dr. Wassorys gelockert, bis der Zustand erreicht war,
-wo kein Geld der Erde, keine List des Ghetto mehr
-vermocht hätten, den Zusammenbruch, zu dem es nur
-noch eines unmerklichen Anstoßes bedurfte, abzuwenden.
-</p>
-
-<p>
-Wissen Sie, so &mdash; so wie man Schach spielt.
-</p>
-
-<p>
-Gerade so wie man Schach spielt.
-</p>
-
-<p>
-Und niemand weiß, daß ich es war!
-</p>
-
-<p>
-Den Trödler Aaron Wassertrum, den läßt wohl
-manchmal eine furchtbare Ahnung nicht schlafen, daß
-einer, den er nicht kennt, der immer in seiner Nähe ist
-und den er doch nicht fassen kann, &mdash; ein anderer als
-Dr. Savioli &mdash; die Hand im Spiele gehabt haben
-müsse.
-</p>
-
-<p>
-Wiewohl Wassertrum einer von jenen ist, deren Augen
-durch Mauern zu schauen vermögen, so faßt er es doch
-nicht, daß es Gehirne gibt, die auszurechnen imstande
-sind, wie man mit langen, unsichtbaren, vergifteten
-Nadeln durch solche Mauern stechen kann, an Quadern,
-an Gold und Edelsteinen vorbei, um die verborgene
-Lebensader zu treffen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und Charousek schlug sich vor die Stirn und lachte
-wild.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aaron Wassertrum wird es bald erfahren; genau an
-dem Tage, an dem er Dr. Savioli an den Hals will!
-Genau an demselben Tage!
-</p>
-
-<p>
-Auch diese Schachpartie habe ich ausgerechnet bis zum
-letzten Zug. &mdash; Diesmal wird es ein Königsläufergambit
-sein. Da gibt es keinen einzigen Zug bis zum bittern
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Ende, gegen den ich nicht eine verderbliche Entgegnung
-wüßte.
-</p>
-
-<p>
-Wer sich mit mir in ein solches Königsläufergambit
-einläßt, der hängt in der Luft, sage ich Ihnen, wie eine
-hilflose Marionette an feinen Fäden, &mdash; an Fäden, die
-ich zupfe, &mdash; hören Sie wohl, die ich zupfe, und mit
-dessen freiem Willen ist&rsquo;s dahin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Student redete wie im Fieber, und ich sah ihm
-entsetzt ins Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was haben Ihnen Wassertrum und sein Sohn denn
-getan, daß Sie so voll Haß sind?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Charousek wehrte heftig ab:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lassen wir das &mdash; fragen Sie lieber, was Dr. Wassory
-den Hals gebrochen hat! &mdash; Oder wünschen Sie, daß wir
-ein andres Mal darüber sprechen? &mdash; Der Regen hat
-nachgelassen. Vielleicht wollen Sie nach Hause gehen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er senkte seine Stimme, wie jemand, der plötzlich ganz
-ruhig wird. Ich schüttelte den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie jemals gehört, wie man heutzutage den
-grünen Star heilt? &mdash; Nicht? &mdash; So muß ich Ihnen das
-deutlich machen, damit Sie alles genau verstehen,
-Meister Pernath!
-</p>
-
-<p>
-Hören Sie zu: Der &sbquo;grüne Star&lsquo; also ist eine bösartige
-Erkrankung des Augeninnern, die mit Erblinden
-endet, und es gibt nur ein Mittel, dem Fortschreiten des
-Übels Einhalt zu tun, nämlich die sogenannte Iridektomie,
-die darin besteht, daß man aus der Regenbogenhaut des
-Auges ein keilförmiges Stückchen herauszwickt.
-</p>
-
-<p>
-Die unvermeidlichen Folgen davon sind wohl greuliche
-Blendungserscheinungen, die fürs ganze Leben bleiben;
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-der Prozeß des Erblindens jedoch ist meistens aufgehalten.
-</p>
-
-<p>
-Mit der Diagnose des grünen Stars hat es aber eine
-eigene Bewandtnis.
-</p>
-
-<p>
-Es gibt nämlich Zeiten, besonders bei Beginn der
-Krankheit, wo die deutlichsten Symptome scheinbar ganz
-zurücktreten, und in solchen Fällen darf ein Arzt, obwohl
-er keine Spur einer Krankheit finden kann, dennoch niemals
-mit Bestimmtheit sagen, daß sein Vorgänger, der
-andrer Meinung gewesen, sich notwendigerweise geirrt
-haben müsse.
-</p>
-
-<p>
-Hat aber einmal die erwähnte Iridektomie, die sich
-natürlich genau so an einem gesunden Auge wie an
-einem kranken ausführen läßt, stattgefunden, so kann
-man unmöglich mehr feststellen, ob früher wirklich grüner
-Star vorgelegen hat oder nicht.
-</p>
-
-<p>
-Und auf diese und noch andere Umstände hatte
-Dr. Wassory einen scheußlichen Plan aufgebaut.
-</p>
-
-<p>
-Unzählige Male &mdash; besonders an Frauen &mdash; konstatierte
-er grünen Star, wo harmlose Sehstörungen
-vorlagen, nur um zu einer Operation zu kommen, die
-ihm keine Mühe machte und viel Geld eintrug.
-</p>
-
-<p>
-Da endlich hatte er vollkommen Wehrlose in der Hand;
-da gehörte zum Ausplündern auch keine Spur von Mut
-mehr!
-</p>
-
-<p>
-Sehen Sie, Meister Pernath, da war das degenerierte
-Raubtier in jene Lebensbedingungen versetzt, wo es auch
-ohne Waffe und Kraft sein Opfer zerfleischen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Ohne etwas aufs Spiel zu setzen! &mdash; Begreifen Sie?!
-Ohne das geringste wagen zu müssen!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Durch eine Menge fauler Veröffentlichungen in Fachblättern
-hatte sich Dr. Wassory in den Ruf eines hervorragenden
-Spezialisten zu setzen verstanden und sogar
-seinen Kollegen, die viel zu arglos und anständig waren,
-um ihn zu durchschauen, Sand in die Augen zu streuen
-gewußt.
-</p>
-
-<p>
-Ein Strom von Patienten, die alle bei ihm Hilfe
-suchten, war die natürliche Folge.
-</p>
-
-<p>
-Kam nun jemand mit geringfügigen Sehstörungen zu
-ihm und ließ sich untersuchen, so ging Dr. Wassory sofort
-mit tückischer Planmäßigkeit zu Werke.
-</p>
-
-<p>
-Zuerst stellte er das übliche Krankenverhör an, notierte
-aber geschickt immer nur, um für alle Fälle später gedeckt
-zu sein, jene Antworten, die eine Deutung auf grünen
-Star zuließen.
-</p>
-
-<p>
-Und vorsichtig sondierte er, ob nicht schon eine frühere
-Diagnose vorläge.
-</p>
-
-<p>
-Gesprächsweise ließ er einfließen, daß ein dringender
-Ruf aus dem Auslande behufs wichtiger, wissenschaftlicher
-Maßnahmen an ihn ergangen sei und er daher schon
-morgen verreisen müsse. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Bei der Augenspiegelung mit elektrischen Lichtstrahlen,
-die er sodann vornahm, bereitete er dem Kranken absichtlich
-so viel Schmerzen wie möglich.
-</p>
-
-<p>
-Alles mit Vorbedacht! Alles mit Vorbedacht!
-</p>
-
-<p>
-Wenn das Verhör vorüber und die übliche bange
-Frage des Patienten, ob Grund zur Befürchtung vorhanden
-sei, erfolgt war, da tat Wassory seinen ersten
-Schachzug.
-</p>
-
-<p>
-Er setzte sich dem Kranken gegenüber, ließ eine Minute
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-verstreichen und sprach dann gemessen und mit
-sonorer Stimme den Satz:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erblindung beider Augen ist bereits in der allernächsten
-Zeit wohl unvermeidlich!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Szene, die naturgemäß folgte, war entsetzlich.
-Oft fielen die Leute in Ohnmacht, weinten und schrien
-und warfen sich in wilder Verzweiflung zu Boden.
-</p>
-
-<p>
-Das Augenlicht verlieren, heißt alles verlieren.
-</p>
-
-<p>
-Und wenn der wiederum übliche Moment eintrat,
-wo das arme Opfer die Knie Dr. Wassorys umklammerte
-und flehte, ob es denn auf Gottes Erde gar keine Hilfe
-mehr gäbe, da tat die Bestie den zweiten Schachzug und
-verwandelte sich selbst in jenen &mdash; Gott, der helfen
-konnte!
-</p>
-
-<p>
-Alles, alles in der Welt, ist wie ein Schachspiel,
-Meister Pernath! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Schleunigste Operation, sagte Dr. Wassory dann
-nachdenklich, sei das einzige, was vielleicht Rettung bringen
-könne, und mit einer wilden, gierigen Eitelkeit, die
-plötzlich über ihn kam, erging er sich mit einem Redeschwall
-in weitschweifigem Ausmalen dieses und jenes
-Falles, die alle mit dem vorliegenden eine ungemein
-große Ähnlichkeit gehabt hätten, &mdash; wie unzählige Kranke
-ihm allein die Erhaltung des Augenlichts verdankten, und
-dergleichen mehr.
-</p>
-
-<p>
-Er schwelgte förmlich in dem Gefühl, für eine Art
-höheren Wesens gehalten zu werden, in dessen Hände
-das Wohl und Wehe seines Mitmenschen gelegt ist.
-</p>
-
-<p>
-Das <a id="corr-0"></a>hilflose Opfer aber saß, das Herz voll brennender
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Fragen, gebrochen vor ihm, Angstschweiß auf der Stirne,
-und wagte ihm nicht einmal in die Rede zu fallen, aus
-Furcht: ihn &mdash; den einzigen, der noch Hilfe bringen
-konnte &mdash; zu erzürnen.
-</p>
-
-<p>
-Und mit den Worten, daß er zur Operation leider erst
-in einigen Monaten schreiten könne, wenn er von seiner
-Reise wieder zurück sei, schloß Dr. Wassory seine Rede.
-</p>
-
-<p>
-Hoffentlich, &mdash; man solle in solchen Fällen immer das
-Beste hoffen &mdash; sei es da nicht zu spät, sagte er.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich sprangen dann die Kranken entsetzt auf, erklärten,
-daß sie unter gar keinen Umständen auch nur
-einen Tag länger warten wollten, und baten flehentlich
-um Rat, wer von den andern Augenärzten in der Stadt
-sonst wohl als Operateur in Betracht käme.
-</p>
-
-<p>
-Da war der Augenblick gekommen, wo Dr. Wassory
-den entscheidenden Schlag führte.
-</p>
-
-<p>
-Er ging in tiefem Nachdenken auf und ab, legte seine
-Stirn in Falten des Grams und lispelte schließlich bekümmert,
-ein Eingriff seitens eines <em>andern</em> Arztes bedinge
-leider eine abermalige Bespiegelung des Auges
-mit elektrischem Licht, und das müsse &mdash; der Patient
-wisse ja selbst, wie schmerzhaft es sei &mdash; wegen der blendenden
-Strahlen geradezu verhängnisvoll wirken.
-</p>
-
-<p>
-Ein andrer Arzt also, ganz abgesehen davon, daß so
-manchem von ihnen gerade in der Iridektomie die nötige
-Übung fehle &mdash; dürfe, eben weil er wiederum von neuem
-untersuchen müsse, gar nicht vor Ablauf längerer Zeit,
-bis sich die Sehnerven wieder erholt hätten, zu einem
-chirurgischen Eingriff schreiten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Charousek ballte die Fäuste.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-&bdquo;Das nennen wir in der Schachsprache &sbquo;Zugzwang&lsquo;,
-lieber Meister Pernath! &mdash; &mdash; Was weiter folgte, war
-wiederum Zugzwang, &mdash; ein erzwungener Zug nach dem
-andern.
-</p>
-
-<p>
-Halb wahnsinnig vor Verzweiflung beschwor nun der
-Patient den Dr. Wassory, er möge doch Erbarmen haben,
-einen Tag nur seine Abreise verschieben und die Operation
-selber vornehmen. &mdash; Es handle sich doch um mehr
-noch als um schnellen Tod, die grauenhafte, folternde
-Angst, jeden Augenblick erblinden zu müssen, sei ja das
-Schrecklichste, was es geben könne.
-</p>
-
-<p>
-Und je mehr das Scheusal sich sträubte und jammerte:
-ein Aufschub seiner Reise könne ihm unabsehbaren
-Schaden bringen, desto höhere Summen boten freiwillig
-die Kranken.
-</p>
-
-<p>
-Schien schließlich die Summe Dr. Wassory hoch genug,
-gab er nach und fügte bereits am selben Tage, ehe noch
-ein Zufall seinen Plan aufdecken konnte, den Bedauernswerten
-an beiden gesunden Augen jenen unheilbaren
-Schaden zu, jenes immerwährende Gefühl des Geblendetseins,
-das das Leben zu stetiger Qual gestalten
-mußte, die Spuren des Schurkenstreiches aber ein für
-allemal verwischte.
-</p>
-
-<p>
-Durch solche Operationen an gesunden Augen vermehrte
-Dr. Wassory nicht nur seinen Ruhm und seinen
-Ruf als unvergleichlicher Arzt, dem es noch jedesmal
-gelungen sei, die drohende Erblindung aufzuhalten, &mdash;
-es befriedigte gleichzeitig seine maßlose Geldgier und
-fröhnte seiner Eitelkeit, wenn die ahnungslosen, an
-Körper und Vermögen geschädigten Opfer zu ihm
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-wie zu einem Helfer aufsahen und ihn als Retter
-priesen.
-</p>
-
-<p>
-Nur ein Mensch, der mit allen Fasern im Ghetto und
-seinen zahllosen, unscheinbaren, jedoch unüberwindlichen
-Hilfsquellen wurzelte und von Kindheit an gelernt
-hat auf der Lauer zu liegen wie eine Spinne, der
-jeden Menschen in der Stadt kannte und bis ins kleinste
-seine Beziehungen und Vermögensverhältnisse erriet
-und durchschaute, &mdash; nur ein solcher &mdash; &bdquo;Halbhellsehender&ldquo;
-möchte man es beinahe nennen, &mdash; konnte jahrelang derartige
-Scheußlichkeiten verüben.
-</p>
-
-<p>
-Und wäre ich nicht gewesen, bis heute triebe er sein
-Handwerk noch, würde es bis ins hohe Alter weiter betrieben
-haben, um schließlich als ehrwürdiger Patriarch
-im Kreise seiner Lieben, angetan mit hohen Ehren,
-künftigen Geschlechtern ein leuchtendes Vorbild, seinen
-Lebensabend zu genießen, bis &mdash; bis endlich auch über
-ihn das große Verrecken hinweggezogen wäre.
-</p>
-
-<p>
-Ich aber wuchs ebenfalls im Ghetto auf, und auch
-mein Blut ist mit jener Atmosphäre höllischer List gesättigt,
-und so vermochte ich ihn zu Fall zu bringen, &mdash;
-so wie die Unsichtbaren einen Menschen zu Fall bringen,
-&mdash; wie aus heiterm Himmel heraus ein Blitz trifft.
-</p>
-
-<p>
-Dr. Savioli, ein junger deutscher Arzt, hat das Verdienst
-der Entlarvung, &mdash; ihn schob ich vor und häufte
-Beweis auf Beweis, bis der Tag anbrach, wo der
-Staatsanwalt seine Hand nach Dr. Wassory ausstreckte.
-</p>
-
-<p>
-Da beging die Bestie Selbstmord! &mdash; Gesegnet sei die
-Stunde!
-</p>
-
-<p>
-Als hätte mein Doppelgänger neben ihm gestanden
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-und ihm die Hand geführt, nahm er sich das Leben mit
-jener Phiole Amylnitrit, die ich absichtlich in seinem
-Ordinationszimmer bei der Gelegenheit hatte stehen
-lassen, als ich selbst ihn einmal verleitet, auch an mir die
-falsche Diagnose des grünen Stars zu stellen, &mdash; absichtlich
-und mit dem glühenden Wunsche, daß es dieses Amylnitrit
-sein möchte, das ihm den letzten Stoß geben sollte.
-</p>
-
-<p>
-Der Gehirnschlag hätte ihn getroffen, hieß es in der
-Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Amylnitrit tötet, eingeatmet, wie Gehirnschlag. Aber
-lange konnte das Gerücht nicht aufrecht erhalten werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Charousek starrte plötzlich geistesabwesend, als habe er
-sich in ein tiefes Problem verloren, vor sich hin, dann
-zuckte er mit der Achsel nach der Richtung, wo Aaron
-Wassertrums Trödlerladen lag.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt ist er allein,&ldquo; murmelte er, &bdquo;ganz allein mit
-seiner Gier und &mdash; und &mdash; und mit der Wachspuppe!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Mir schlug das Herz bis zum Hals.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah Charousek voll Entsetzen an.
-</p>
-
-<p>
-War er wahnsinnig? Es mußten Fieberphantasien
-sein, die ihn diese Dinge erfinden ließen.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß, gewiß! Er hat alles erfunden, geträumt!
-</p>
-
-<p>
-Es kann nicht wahr sein, was er da über den Augenarzt
-Grauenhaftes erzählt hat. Er ist schwindsüchtig,
-und die Fieber des Todes kreisen in seinem Hirn.
-</p>
-
-<p>
-Und ich wollte ihn mit ein paar scherzenden Worten
-beruhigen, seine Gedanken in eine freundliche Richtung
-lenken.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-Da fuhr, noch ehe ich die Worte fand, wie ein Blitz
-in meine Erinnerung das Gesicht Wassertrums mit der
-gespaltenen Oberlippe, wie es damals in mein Zimmer
-mit runden Fischaugen durch die aufgerissene Tür
-hereingeschaut hatte.
-</p>
-
-<p>
-Dr. Savioli! Dr. Savioli! &mdash; ja, ja, so war auch der
-Name des jungen Mannes gewesen, den mir der Marionettenspieler
-Zwakh flüsternd anvertraut als den des
-vornehmen Zimmerherrn, der von ihm das Atelier gemietet
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Dr. Savioli! &mdash; Wie ein Schrei tauchte es in meinem
-Innern auf. Eine Reihe nebelhafter Bilder zuckte durch
-meinen Geist, jagte sich mit schreckhaften Vermutungen,
-die auf mich einstürmten.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte Charousek fragen, ihm voll Angst rasch
-alles erzählen, was ich damals erlebt, da sah ich, daß ein
-heftiger Hustenanfall sich seiner bemächtigt hatte und ihn
-fast umwarf. Ich konnte nur noch unterscheiden, wie
-er sich mühsam mit den Händen an der Mauer stützend
-in den Regen hinaustappte und mir einen flüchtigen
-Gruß zunickte.
-</p>
-
-<p>
-Ja, ja, er hat recht, er sprach nicht im Fieber, &mdash;
-fühlte ich, &mdash; das unfaßbare Gespenst des Verbrechens
-ist es, das durch diese Gassen schleicht Tag und Nacht
-und sich zu verkörpern sucht.
-</p>
-
-<p>
-Es liegt in der Luft, und wir sehen es nicht. Plötzlich
-schlägt es sich nieder in einer Menschenseele, &mdash;
-wir ahnen es nicht, &mdash; da, dort, und ehe wir es fassen
-können, ist es gestaltlos geworden und alles längst vorüber.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-Und nur noch dunkle Worte über irgendein entsetzliches
-Geschehnis kommen an uns heran.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Schlage begriff ich diese rätselhaften Geschöpfe,
-die rings um mich wohnten, in ihrem innersten
-Wesen: sie treiben willenlos durchs Dasein von einem
-unsichtbaren magnetischen Strom belebt &mdash; &mdash; so, wie
-vorhin das Brautbukett in dem schmutzigen Rinnsal
-vorüberschwamm.
-</p>
-
-<p>
-Mir war, als starrten die Häuser alle mit tückischen
-Gesichtern voll namenloser Bosheit auf mich herüber, &mdash;
-die Tore: aufgerissene schwarze Mäuler, aus denen die
-Zungen ausgefault waren, &mdash; Rachen, die jeden Augenblick
-einen gellenden Schrei ausstoßen konnten, so gellend
-und haßerfüllt, daß es uns bis ins Innerste erschrecken
-müßte.
-</p>
-
-<p>
-Was hatte zum Schluß noch der Student über den
-Trödler gesagt? &mdash; Ich flüsterte mir seine Worte vor:
-&mdash; Aaron Wassertrum sei jetzt allein mit seiner Gier und
-&mdash; &mdash; seiner Wachspuppe.
-</p>
-
-<p>
-Was kann er nur mit der Wachspuppe gemeint
-haben?
-</p>
-
-<p>
-Es muß ein Gleichnis gewesen sein, beschwichtigte ich
-mich, &mdash; eines jener krankhaften Gleichnisse, mit denen
-er einen zu überfallen pflegt, die man nicht versteht, und
-die einen, wenn sie später unerwartet sichtbarlich werden,
-so tief erschrecken können wie Dinge von ungewohnter
-Form, auf die plötzlich ein greller Lichtstreif fällt.
-</p>
-
-<p>
-Ich holte tief Atem, um mich zu beruhigen und den
-furchtbaren Eindruck, den mir Charouseks Erzählung verursacht
-hatte, abzuschütteln.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Ich sah die Leute genauer an, die mit mir in
-dem Hausflur warteten: Neben mir stand jetzt der
-dicke Alte. Derselbe, der vorhin so widerlich gelacht
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte einen schwarzen Gehrock an und Handschuhe
-und starrte mit vorquellenden Augen unverwandt auf
-den Torbogen des Hauses gegenüber.
-</p>
-
-<p>
-Sein glattrasiertes Gesicht mit den breiten, gemeinen
-Zügen zuckte vor Erregung.
-</p>
-
-<p>
-Unwillkürlich folgte ich seinen Blicken und bemerkte,
-daß sie wie gebannt an der rothaarigen Rosina hingen,
-die drüben jenseits der Gasse stand, ihr immerwährendes
-Lächeln um die Lippen.
-</p>
-
-<p>
-Der Alte war bemüht, ihr Zeichen zu geben, und ich
-sah, daß sie es wohl wußte, aber sich benahm, als verstünde
-sie nicht.
-</p>
-
-<p>
-Endlich hielt es der Alte nicht länger aus, watete auf
-den Fußspitzen hinüber und hüpfte mit lächerlicher
-Elastizität wie ein großer, schwarzer Gummiball über
-die Pfützen.
-</p>
-
-<p>
-Man schien ihn zu kennen, denn ich hörte allerhand
-Glossen fallen, die darauf hinzielten. Ein Strolch hinter
-mir, ein rotes, gestricktes Tuch um den Hals, mit blauer
-Militärmütze, die Virginia hinter dem Ohr, machte
-mit grinsendem Mund Anspielungen, die ich nicht verstand.
-</p>
-
-<p>
-Ich begriff nur, daß sie den Alten in der Judenstadt
-den &bdquo;Freimaurer&ldquo; nannten und in ihrer Sprache mit
-diesem Spitznamen jemand bezeichnen wollten, der sich
-an halbwüchsigen Mädchen zu vergehen pflegt, aber
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-durch intime Beziehungen zur Polizei vor jeder Strafe
-sicher ist. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Dann waren das Gesicht Rosinas und der Alte drüben
-im Dunkel des Hausflures verschwunden.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Punsch
-</h2>
-
-<p class="first">
-Wir hatten das Fenster geöffnet, um den Tabakrauch
-aus meinem kleinen Zimmer strömen zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Der kalte Nachtwind blies herein und wehte an die
-zottigen Mäntel, die an der Türe hingen, daß sie leise
-hin und her schwankten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Prokops würdige Haupteszierde möchte am liebsten
-davonfliegen&ldquo;, sagte Zwakh und deutete auf des Musikers
-großen Schlapphut, der die breite Krempe bewegte wie
-schwarze Flügel.
-</p>
-
-<p>
-Josua Prokop zwinkerte lustig mit den Augenlidern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er will,&ldquo; sagte er, &bdquo;er will wahrscheinlich &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er will zum &sbquo;Loisitschek&lsquo; zur Tanzmusik&ldquo;, nahm ihm
-Vrieslander das Wort vorweg.
-</p>
-
-<p>
-Prokop lachte und schlug mit der Hand den Takt zu
-den Klängen, die die dünne Winterluft her über die
-Dächer trug.
-</p>
-
-<p>
-Dann nahm er meine alte, zerbrochene Gitarre von
-der Wand, tat, als zupfe er die zerbrochenen Saiten und
-sang mit kreischendem Falsett und gespreizter Betonung
-in Rotwelsch ein wunderliches Lied:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;An Bein-del von Ei-sen</p>
- <p class="verse2">recht alt</p>
- <p class="verse">&bdquo;An Stran-zen net gar</p>
- <p class="verse2">a so kalt</p>
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
- <p class="verse">&bdquo;Messinung, a&rsquo; Räucherl</p>
- <p class="verse2">und Rohn</p>
- <p class="verse">&bdquo;und immerrr nurr putz-en &mdash; &mdash; &mdash;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Wie großartig er mit einem Mal die Gaunersprache
-beherrscht!&ldquo; und Vrieslander lachte laut auf und brummte
-mit:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Und stok-en sich Aufzug</p>
- <p class="verse2">und Pfiff</p>
- <p class="verse">&bdquo;Und schmallern an eisernes</p>
- <p class="verse2">G&rsquo;süff.</p>
- <p class="verse">&bdquo;Juch, &mdash;</p>
- <p class="verse">&bdquo;Und Handschuhkren, Harom net san &mdash; &mdash; &mdash;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Dieses kuriose Lied schnarrt jeden Abend beim
-&sbquo;Loisitschek&lsquo; der meschuggene Nephtali <a id="corr-1"></a>Schaffranek mit
-dem grünen Augenschirm, und ein geschminktes Weibsbild
-spielt Harmonika und gröhlt den Text dazu&ldquo;, erklärte
-mir Zwakh. &bdquo;Sie sollten auch einmal mit uns in diese
-Schenke gehen, Meister Pernath. Später vielleicht,
-wenn wir mit dem Punsch zu Ende sind, &mdash; was meinen
-Sie? Zur Feier Ihres heutigen Geburtstages?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja kommen Sie nachher mit uns,&ldquo; sagte Prokop
-und klinkte das Fenster zu, &mdash; &bdquo;man muß so etwas gesehen
-haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dann tranken wir den heißen Punsch und hingen
-unseren Gedanken nach.
-</p>
-
-<p>
-Vrieslander schnitzte an einer Marionette.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben uns förmlich von der Außenwelt abgeschnitten,
-Josua,&ldquo; unterbrach Zwakh die Stille, &bdquo;seit Sie
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-das Fenster geschlossen haben, hat niemand mehr ein
-Wort gesprochen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich dachte nur darüber nach, als vorhin die Mäntel
-so flogen, wie seltsam es ist, wenn der Wind leblose
-Dinge bewegt,&ldquo; antwortete Prokop schnell, wie um sich
-wegen seines Schweigens zu entschuldigen: &bdquo;Es sieht
-gar so wunderlich aus, wenn Gegenstände plötzlich zu
-flattern anheben, die sonst immer tot daliegen. Nicht?
-&mdash; Ich sah einmal auf einem menschenleeren Platz zu,
-wie große Papierfetzen, &mdash; ohne daß ich vom Winde
-etwas spürte, denn ich stand durch ein Haus gedeckt, &mdash;
-in toller Wut im Kreise herumjagten und einander verfolgten,
-als hätten sie sich den Tod geschworen. Einen
-Augenblick später schienen sie sich beruhigt zu haben,
-aber plötzlich kam wieder eine wahnwitzige Erbitterung
-über sie und in sinnlosem Grimm rasten sie umher,
-drängten sich in einen Winkel zusammen, um von neuem
-besessen auseinander zu stieben und schließlich hinter
-einer Ecke zu verschwinden.
-</p>
-
-<p>
-Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie
-blieb auf dem Pflaster liegen und klappte haßerfüllt auf
-und zu, als sei ihr der Atem ausgegangen und als schnappe
-sie nach Luft.
-</p>
-
-<p>
-Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was,
-wenn am Ende wir Lebewesen auch so etwas Ähnliches
-wären wie solche Papierfetzen? &mdash; Ob nicht vielleicht
-ein unsichtbarer, unbegreiflicher &bdquo;Wind&ldquo; auch uns hin
-und her treibt und unsre Handlungen bestimmt, während
-wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, <a id="corr-2"></a>freiem
-Willen zu stehen?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wäre als
-ein rätselhafter Wirbelwind? Jener Wind, von dem die
-Bibel sagt: weißt du von wannen er kommt und wohin
-er geht? &mdash; &mdash; &mdash; Träumen wir nicht auch zuweilen,
-wir griffen in tiefes Wasser und fingen silberne Fische,
-und nichts anderes ist geschehen, als daß ein kalter Luftzug
-unsere Hände traf?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Prokop, Sie sprechen in Worten wie Pernath, was
-ist&rsquo;s mit Ihnen?&ldquo; sagte Zwakh und sah den Musiker
-mißtrauisch an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Geschichte vom Buch Ibbur, die vorhin erzählt
-wurde, &mdash; schade, daß Sie so spät kamen und sie nicht
-mit anhörten, &mdash; hat ihn so nachdenklich gestimmt&ldquo;,
-meinte Vrieslander.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine Geschichte von einem Buche?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eigentlich von einem Menschen, der ein Buch brachte
-und seltsam aussah. &mdash; Pernath weiß nicht, wie er heißt,
-wo er wohnt, was er wollte, und trotzdem sein Aussehen
-sehr auffallend gewesen sein soll, lasse es sich doch nicht
-recht schildern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zwakh horchte auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist sehr merkwürdig,&ldquo; sagte er nach einer Pause,
-&bdquo;war der Fremde vielleicht bartlos und hatte er schrägstehende
-Augen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube,&ldquo; antwortete ich, &bdquo;das heißt, ich &mdash; ich &mdash;
-weiß es ganz bestimmt. Kennen Sie ihn denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Marionettenspieler schüttelte den Kopf: &bdquo;Er
-erinnert mich nur an den &sbquo;Golem&lsquo;.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Maler Vrieslander ließ sein Schnitzmesser
-sinken:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-&bdquo;Golem? &mdash; Ich habe schon so viel davon reden hören.
-Wissen Sie etwas über den Golem, Zwakh?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer kann sagen, daß er über den Golem etwas
-<em>wisse</em>?&ldquo;, antwortete Zwakh und zuckte die Achseln.
-&bdquo;Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich eines
-Tages in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn
-plötzlich wieder aufleben läßt. Und eine Zeitlang spricht
-dann jeder von ihm, und die Gerüchte wachsen ins
-Ungeheuerliche. Werden so übertrieben und aufgebauscht,
-daß sie schließlich an der eigenen Unglaubwürdigkeit zugrunde
-gehen. Der Ursprung der Geschichte reicht wohl
-ins siebzehnte Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen
-Vorschriften der Kabbala soll ein
-Rabbiner da einen künstlichen Menschen &mdash; den sogenannten
-Golem &mdash; verfertigt haben, damit er ihm als
-Diener helfe die Glocken in der Synagoge läuten, und
-allerhand grobe Arbeit tue.
-</p>
-
-<p>
-Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden
-und nur ein dumpfes, halbbewußtes Vegetieren habe ihn
-belebt. Wie es heißt, auch das nur tagsüber und kraft
-des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm hinter
-den Zähnen stak und die freien siderischen Kräfte des
-Weltalls herabzog.
-</p>
-
-<p>
-Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner
-das Siegel aus dem Munde des Golem zu nehmen
-versäumt, da wäre dieser in Tobsucht verfallen, in der
-Dunkelheit durch die Gassen gerast und hätte zerschlagen,
-was ihm in den Weg kam.
-</p>
-
-<p>
-Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den
-Zettel vernichtet habe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-Und da sei das Geschöpf leblos niedergestürzt. Nichts
-blieb von ihm übrig, als die zwerghafte Lehmfigur,
-die heute noch drüben in der Altneusynagoge gezeigt
-wird.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Derselbe Rabbiner soll einmal auch zum Kaiser auf
-die Burg berufen worden sein und die Schemen der
-Toten beschworen und sichtbar gemacht haben,&ldquo; warf
-Prokop ein, &bdquo;moderne Forscher behaupten, er habe sich
-dazu einer <span class="antiqua">Laterna magica</span> bedient.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl, keine Erklärung ist abgeschmackt genug, daß
-sie bei den Heutigen nicht Beifall fände,&ldquo; fuhr Zwakh
-unbeirrt fort. &mdash; &bdquo;Eine <span class="antiqua">Laterna magica</span>!! Als ob Kaiser
-Rudolf, der sein ganzes Leben solchen Dingen nachging,
-einen so plumpen Schwindel nicht auf den ersten
-Blick hätte durchschauen müssen!
-</p>
-
-<p>
-Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage
-zurückführen läßt, daß aber irgend etwas, was nicht
-sterben kann, in diesem Stadtviertel sein Wesen treibt
-und damit zusammenhängt, dessen bin ich sicher. Von
-Geschlecht zu Geschlecht haben meine Vorfahren hier
-gewohnt, und niemand kann wohl auf mehr erlebte und
-ererbte Erinnerungen an das periodische Auftauchen des
-Golem zurückblicken, als gerade ich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zwakh hatte plötzlich aufgehört zu reden, und man
-fühlte mit ihm, wie seine Gedanken in vergangene
-Zeiten zurückwanderten.
-</p>
-
-<p>
-Wie er, den Kopf aufgestützt, dort am Tische saß und
-beim Scheine der Lampe seine roten, jugendlichen
-Bäckchen fremdartig von dem weißen Haar abstachen,
-verglich ich unwillkürlich im Geiste seine Züge mit den
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-maskenhaften Gesichtern seiner Marionetten, die er mir
-so oft gezeigt.
-</p>
-
-<p>
-Seltsam, wie ähnlich ihnen der alte Mann doch sah!
-</p>
-
-<p>
-Derselbe Ausdruck und derselbe Gesichtsschnitt!
-</p>
-
-<p>
-Manche Dinge der Erde können nicht loskommen voneinander,
-fühlte ich, und wie ich Zwakhs einfaches Schicksal
-an mir vorüberziehen ließ, da schien es mir mit einem
-Mal gespenstisch und ungeheuerlich, daß ein Mensch wie
-er, obschon er eine bessere Erziehung als seine Vorfahren
-genossen hatte und Schauspieler hätte werden sollen,
-plötzlich wieder zu dem schäbigen Marionettenkasten zurückkehren
-konnte, um nun abermals auf die Jahrmärkte
-zu ziehen und dieselben Puppen, die schon seiner
-Vorväter kümmerliches Erwerbsmittel gewesen, von
-neuem ihre ungelenken Verbeugungen machen und
-schläfrigen Erlebnisse vorführen zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Er vermag es nicht, sich von ihnen zu trennen, begriff
-ich; sie leben mit von seinem Leben, und als er fern von
-ihnen war, da haben sie sich in Gedanken verwandelt,
-haben in seinem Hirn gewohnt und ihn rast- und ruhelos
-gemacht, bis er wieder heimkehrte. Darum hält er sie
-jetzt so liebevoll und kleidet sie stolz in Flitter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zwakh, wollen Sie uns nicht weitererzählen?&ldquo; forderte
-Prokop den Alten auf und sah fragend nach Vrieslander
-und mir hin, ob auch wir gleichen Wunsches
-seien.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll,&ldquo; meinte der
-Alte zögernd, &bdquo;die Geschichte mit dem Golem läßt sich
-schwer fassen. So wie Pernath vorhin sagte: er wisse
-genau, wie jener Unbekannte ausgesehen habe, und doch
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-könne er ihn nicht schildern. Ungefähr alle dreiunddreißig
-Jahre wiederholt sich ein Ereignis in unsern Gassen, das
-gar nichts besonders Aufregendes an sich trägt und dennoch
-ein Entsetzen verbreitet, für das weder eine Erklärung
-noch eine Rechtfertigung ausreicht:
-</p>
-
-<p>
-Immer wieder begibt es sich nämlich, daß ein vollkommen
-fremder Mensch, bartlos, von gelber Gesichtsfarbe
-und mongolischem Typus aus der Richtung der
-Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider gehüllt,
-gleichmäßigen und eigentümlich stolpernden Ganges,
-so, als wolle er jeden Augenblick vornüber fallen,
-durch die Judenstadt schreitet und plötzlich &mdash; unsichtbar
-wird.
-</p>
-
-<p>
-Gewöhnlich biegt er in eine Gasse und ist dann verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Ein andermal heißt es, er habe auf seinem Wege einen
-Kreis beschrieben und sei zu dem Punkte zurückgekehrt,
-von dem er ausgegangen: einem uralten Hause in der
-Nähe der Synagoge.
-</p>
-
-<p>
-Einige Aufgeregte wiederum behaupten, sie hätten ihn
-um eine Ecke auf sich zukommen sehen. Wiewohl er
-ihnen aber ganz deutlich entgegengeschritten, sei er dennoch,
-genau wie jemand, dessen Gestalt sich in weiter
-Ferne verliert, immer kleiner und kleiner geworden und
-&mdash; schließlich ganz verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Vor sechsundsechzig Jahren nun muß der Eindruck,
-den er hervorgebracht, besonders tief gegangen sein,
-denn ich erinnere mich &mdash; ich war noch ein ganz kleiner
-Junge &mdash;, daß man das Gebäude in der Altschulgasse
-damals von oben bis unten durchsuchte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Es wurde auch festgestellt, daß wirklich in diesem Hause
-ein Zimmer mit Gitterfenstern vorhanden ist, zu dem
-es keinen Zugang gibt.
-</p>
-
-<p>
-Aus allen Fenstern hatte man Wäsche gehängt, um
-von der Gasse aus einen Augenschein zu gewinnen,
-und war auf diese Weise der Tatsache auf die Spur
-gekommen.
-</p>
-
-<p>
-Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich
-ein Mann an einem Strick vom Dache herabgelassen,
-um hineinzusehen. Kaum aber war er in die Nähe des
-Fensters gelangt, da riß das Seil, und der Unglückliche
-zerschmetterte sich auf dem Pflaster den Schädel. Und
-als später der Versuch nochmals wiederholt werden
-sollte, gingen die Ansichten über die Lage des Fensters
-derart auseinander, daß man davon abstand.
-</p>
-
-<p>
-Ich selber begegnete dem &sbquo;Golem&lsquo; das erste Mal in
-meinem Leben vor ungefähr dreiunddreißig Jahren.
-</p>
-
-<p>
-Er kam in einem sogenannten Durchhause auf mich zu,
-und wir rannten fast aneinander.
-</p>
-
-<p>
-Es ist mir heute noch unbegreiflich, was damals in
-mir vorgegangen sein muß. Man trägt doch um Gotteswillen
-nicht immerwährend, tagaus, tagein die Erwartung
-mit sich herum, man werde dem Golem begegnen.
-</p>
-
-<p>
-In jenem Augenblick aber, bestimmt &mdash; ganz bestimmt,
-noch ehe ich seiner ansichtig werden konnte, schrie etwas
-in mir gellend auf: der Golem! Und im selben Moment
-stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor,
-und jener Unbekannte ging an mir vorüber. Eine Sekunde
-später drang eine Flut bleicher, aufgeregter Gesichter
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-mir entgegen, die mich mit Fragen bestürmten,
-ob ich ihn gesehen hätte.
-</p>
-
-<p>
-Und als ich antwortete, da fühlte ich, daß sich meine
-Zunge wie aus einem Krampfe löste, von dem ich
-vorher nichts gespürt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ich war förmlich überrascht, daß ich mich bewegen
-konnte, und deutlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich
-mich, wenn auch nur den Bruchteil eines Herzschlages
-lang &mdash; in einer Art Starrkrampf befunden haben mußte.
-</p>
-
-<p>
-Über all das habe ich oft und lang nachgedacht, und
-mich dünkt, ich komme der Wahrheit am nächsten, wenn
-ich sage: immer einmal in der Zeit eines Menschenalters
-geht blitzschnell eine geistige Epidemie durch die Judenstadt,
-befällt die Seelen der Lebenden zu irgendeinem
-Zweck, der uns verhüllt bleibt, und läßt wie eine Luftspiegelung
-die Umrisse eines charakteristischen Wesens
-erstehen, das vielleicht vor Jahrhunderten hier gelebt
-hat und nach Form und Gestaltung dürstet.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht ist es mitten unter uns, Stunde für Stunde,
-und wir nehmen es nicht wahr. Hören wir doch auch
-den Ton einer schwirrenden Stimmgabel nicht, bevor
-sie das Holz berührt und es mitschwingen macht.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk,
-ohne innewohnendes Bewußtsein, &mdash; ein Kunstwerk,
-das entsteht, wie ein Kristall nach stets sich gleichbleibendem
-Gesetz aus dem Gestaltlosen herauswächst.
-</p>
-
-<p>
-Wer weiß das?
-</p>
-
-<p>
-Wie in schwülen Tagen die elektrische Spannung sich
-bis zur Unerträglichkeit steigert und endlich den Blitz
-gebiert, könnte es da nicht sein, daß auch auf die stetige
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-Anhäufung jener niemals wechselnden Gedanken, die hier
-im Ghetto die Luft vergiften, eine plötzliche, ruckweise
-Entladung folgen muß? &mdash; eine seelische Explosion, die
-unser Traumbewußtsein ans Tageslicht peitscht, um &mdash;
-dort den Blitz der Natur &mdash; hier ein Gespenst zu schaffen,
-das in Mienen, Gang und Gehaben, in allem und jedem
-das Symbol der Massenseele unfehlbar offenbaren
-müßte, wenn man die geheime Sprache der Formen nur
-richtig zu deuten verstünde?
-</p>
-
-<p>
-Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen
-des Blitzes ankünden, so verraten auch hier gewisse
-grauenhafte Vorzeichen das drohende Hereinbrechen
-jenes Phantoms ins Reich der Tat. Der abblätternde
-Bewurf einer alten Mauer nimmt eine Gestalt an, die
-einem schreitenden Menschen gleicht; und in Eisblumen
-am Fenster bilden sich die Züge starrer Gesichter. Der
-Sand vom Dache scheint anders zu fallen als sonst und
-drängt dem argwöhnischen Beobachter den Verdacht
-auf, eine unsichtbare <a id="corr-3"></a>Intelligenz, die sich lichtscheu verborgen
-hält, werfe ihn herab und übe sich in heimlichen
-Versuchen, allerlei seltsame Umrisse hervorzubringen. &mdash;
-Ruht das Auge auf eintönigem Geflecht oder den Unebenheiten
-der Haut, bemächtigt sich unser die unerfreuliche
-Gabe, überall mahnende, bedeutsame Formen zu
-sehen, die in unsern Träumen ins Riesengroße auswachsen.
-Und immer zieht sich durch solche schemenhafte
-Versuche der angesammelten Gedankenherden, die Wälle
-der Alltäglichkeit zu durchnagen, für uns wie ein roter
-Faden die qualvolle Gewißheit, daß unser eigenstes
-Inneres mit Vorbedacht und gegen unsern Willen ausgesogen
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-wird, nur damit die Gestalt des Phantoms
-plastisch werden könne.
-</p>
-
-<p>
-Wie ich nun vorhin Pernath bestätigen hörte, daß ihm
-ein Mensch begegnet sei, bartlos, mit schiefgestellten
-Augen, da stand der &sbquo;Golem&lsquo; vor mir, wie ich ihn damals
-gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Wie aus dem Boden gewachsen stand er vor mir.
-</p>
-
-<p>
-Und eine gewisse dumpfe Furcht, es stehe wieder
-etwas Unerklärliches nahe bevor, befiel mich einen Augenblick
-lang; dieselbe Angst, die ich schon einmal in meinen
-Kinderjahren verspürt, als die ersten spukhaften Äußerungen
-des Golem ihre Schatten vorauswarfen.
-</p>
-
-<p>
-Sechsundsechzig Jahre ist das wohl jetzt her und knüpft
-sich an einen Abend, an dem der Bräutigam meiner
-Schwester zu Besuch gekommen war, und in der Familie
-der Tag der Hochzeit festgesetzt werden sollte.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde damals Blei gegossen &mdash; zum Scherz &mdash;
-und ich stand mit offenem Munde dabei und begriff
-nicht, was das zu bedeuten habe, &mdash; in meiner wirren,
-kindlichen Vorstellung brachte ich es in Zusammenhang
-mit dem Golem, von dem ich meinen Großvater
-oft hatte erzählen hören, und bildete mir ein, jeden
-Augenblick müsse die Tür aufgehen und der Unbekannte
-eintreten.
-</p>
-
-<p>
-Meine Schwester leerte dann den Löffel mit dem
-flüssigen Metall in das Wasserschaff und lachte mich, der
-ich aufgeregt zusah, lustig an.
-</p>
-
-<p>
-Mit welken, zitternden Händen holte mein Großvater
-den blitzenden Bleiklumpen heraus und hielt ihn
-ans Licht. Gleich darauf entstand eine allgemeine Erregung.
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Man redete laut durcheinander; ich wollte mich
-hinzudrängen, aber man wehrte mich ab.
-</p>
-
-<p>
-Später, als ich älter geworden, erzählte mir mein
-Vater, es wäre damals das geschmolzene Metall zu
-einem kleinen, ganz deutlichen Kopf erstarrt gewesen, &mdash;
-glatt und rund, wie nach einer Form gegossen, und von
-solch unheimlicher Ähnlichkeit mit den Zügen des &sbquo;Golem&lsquo;,
-daß sich alle entsetzt hätten.
-</p>
-
-<p>
-Oft sprach ich mit dem Archivar Schemajah Hillel,
-der die Requisiten der Altneusynagoge in Verwahrung
-hat und auch die gewisse Lehmfigur aus Kaiser Rudolfs
-Zeiten, darüber. Er hat sich mit Kabbala befaßt und
-meint, jener Erdklumpen mit den menschlichen Gliedmaßen
-sei vielleicht nichts anderes als ein ehemaliges
-Vorzeichen, ganz so wie in meinem Fall der bleierne
-Kopf. Und der Unbekannte, der da umgehe, müsse das
-Phantasie- oder Gedankenbild sein, das jener mittelalterliche
-Rabbiner zuerst <em>lebendig gedacht</em> habe, ehe
-er es mit Materie bekleiden konnte, und das nun in
-regelmäßigen Zeitabschnitten, bei den gleichen astrologischen
-Sternstellungen, unter denen es erschaffen
-worden &mdash; wiederkehre, vom Triebe nach stofflichem
-Leben gequält.
-</p>
-
-<p>
-Auch Hillels verstorbene Frau hat den &sbquo;Golem&lsquo; von
-Angesicht zu Angesicht erblickt und ebenso wie ich gefühlt,
-daß man sich im Starrkrampf befindet, solange das
-rätselhafte Wesen in der Nähe weilt.
-</p>
-
-<p>
-Sie sagte, sie sei felsenfest überzeugt gewesen, daß es
-damals nur ihre eigene Seele habe sein können, die &mdash;
-aus dem Körper getreten &mdash; ihr einen Augenblick gegenübergestanden
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-und mit den Zügen eines fremden Geschöpfes
-ins Gesicht gestarrt hätte.
-</p>
-
-<p>
-Trotz eines furchtbaren Grauens, das sich ihrer damals
-bemächtigt, habe sie doch keine Sekunde die Gewißheit
-verlassen, daß jener andere nur ein Stück ihres
-eignen Innern sein konnte.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Es ist unglaublich&ldquo;, murmelte Prokop in Gedanken
-verloren.
-</p>
-
-<p>
-Auch der Maler Vrieslander schien ganz in Grübeln
-versunken.
-</p>
-
-<p>
-Da klopfte es an die Türe und das alte Weib, das
-mir des Abends Wasser bringt und was ich sonst noch
-nötig habe, trat ein, stellte den tönernen Krug auf den
-Boden und ging stillschweigend wieder hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Wir alle hatten aufgeblickt und sahen wie erwacht im
-Zimmer umher, aber noch lange Zeit sprach niemand ein
-Wort.
-</p>
-
-<p>
-Als sei ein neuer Einfluß mit der Alten zur Tür
-hereingeschlüpft, an den man sich erst gewöhnen
-mußte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja! Die rothaarige Rosina, das ist auch so ein Gesicht,
-das man nicht loswerden kann und aus den Winkeln
-und Ecken immer wieder auftauchen sieht&ldquo;, sagte
-plötzlich Zwakh ganz unvermittelt. &bdquo;Dieses erstarrte,
-grinsende Lächeln kenne ich nun schon ein ganzes Menschenleben.
-Erst die Großmutter, dann die Mutter! &mdash;
-Und stets das gleiche Gesicht, kein Zug anders! Derselbe
-Name Rosina; &mdash; es ist immer eine die Auferstehung
-der andern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-&bdquo;Ist Rosina nicht die Tochter des Trödlers Aaron
-Wassertrum?&ldquo; fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man spricht so&ldquo;, meinte Zwakh, &mdash; &mdash; &bdquo;Aaron
-Wassertrum aber hat manchen Sohn und manche Tochter,
-von denen man nicht weiß. Auch bei Rosinas Mutter
-wußte man nicht, wer ihr Vater gewesen, &mdash; auch nicht,
-was aus ihr geworden ist. &mdash; Mit fünfzehn Jahren hatte
-sie ein Kind geboren und war seitdem nicht mehr aufgetaucht.
-Ihr Verschwinden hing mit einem Mord zusammen,
-soweit ich mich entsinnen kann, der ihretwegen
-in diesem Hause begangen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Wie jetzt ihre Tochter, spukte damals <em>sie</em> den halbwüchsigen
-Jungen im Kopfe. Einer von ihnen lebt
-noch, &mdash; ich sehe ihn öfter, &mdash; doch sein Name ist mir
-entfallen. Die andern sind bald gestorben, und ich meine,
-sie hat sie alle frühzeitig unter die Erde gebracht. Ich
-erinnere mich aus jener Zeit überhaupt nur noch an
-kurze Episoden, die wie verblichene Bilder durch mein
-Gedächtnis treiben. So hat es damals einen halb blödsinnigen
-Menschen gegeben, der nachts von Schenke zu
-Schenke zog und den Gästen gegen ein paar Kreuzer
-Silhouetten aus schwarzem Papier schnitt. Und wenn
-man ihn betrunken machte, geriet er in eine unsägliche
-Traurigkeit, und unter Tränen und Schluchzen schnitzelte
-er, ohne aufzuhören, immer das gleiche scharfe Mädchenprofil,
-bis sein ganzer Papiervorrat verbraucht war.
-</p>
-
-<p>
-Aus Zusammenhängen zu schließen, die ich längst
-vergessen, hatte er &mdash; fast als Kind noch &mdash; eine gewisse
-Rosina, wohl die Großmutter der heutigen, so heftig
-geliebt, daß er den Verstand darüber verlor.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Wenn ich die Jahre zurückzähle, kann es keine andere
-als die Großmutter der jetzigen Rosina gewesen sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Zwakh schwieg und lehnte sich zurück. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Das Schicksal in diesem Haus irrt im Kreise umher
-und kehrt immer wieder zum selben Punkt zurück, fuhr
-es mir durch den Sinn, und ein häßliches Bild, das ich
-einmal mit angesehen &mdash; eine Katze mit verletzter Gehirnhälfte
-im Kreise herumtaumelnd &mdash; trat vor mein
-Auge. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt kommt der Kopf&ldquo;, hörte ich plötzlich den Maler
-Vrieslander mit heller Stimme sagen.
-</p>
-
-<p>
-Und er nahm einen runden Holzklotz aus der Tasche
-und begann an ihm zu schnitzen.
-</p>
-
-<p>
-Eine schwere Müdigkeit legte sich mir über die Augen,
-und ich rückte meinen Lehnstuhl aus dem Lichtschein in
-den Hintergrund.
-</p>
-
-<p>
-Das Wasser für den Punsch brodelte im Kessel und
-Josua Prokop füllte wiederum die Gläser. Leise, ganz
-leise klangen die Klänge der Tanzmusik durch das geschlossene
-Fenster; &mdash; manchmal verstummten sie vollends,
-dann wiederum wachten sie ein wenig auf, wie
-sie der Wind unterwegs verlor oder zu uns von der Gasse
-emportrug.
-</p>
-
-<p>
-Ob ich denn nicht mit anstoßen wolle, fragte mich
-nach einer Weile der Musiker.
-</p>
-
-<p>
-Ich aber gab keine Antwort, &mdash; so vollkommen war
-mir der Wille, mich zu bewegen, abhanden gekommen,
-daß ich gar nicht auf den Gedanken, den Mund zu öffnen,
-verfiel.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Ich dachte ich schliefe, so steinern war die innere Ruhe,
-die sich meiner bemächtigt hatte. Und ich mußte hinüber
-auf Vrieslanders funkelndes Messer blinzeln, das
-ruhelos aus dem Holz kleine Späne biß, &mdash; um die Gewißheit
-zu erlangen, daß ich wach sei.
-</p>
-
-<p>
-In weiter Ferne brummte Zwakhs Stimme und erzählte
-wieder allerlei wunderliche Geschichten über Marionetten
-und krause Märchen, die er für seine Puppenspiele
-erdacht.
-</p>
-
-<p>
-Auch von Dr. Savioli war die Rede und von der vornehmen
-Dame, der Gattin eines Adligen, die in das
-versteckte Atelier heimlich zu Savioli zu Besuch komme.
-</p>
-
-<p>
-Und wiederum sah ich im Geiste Aaron Wassertrums
-höhnische, triumphierende Miene. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ob ich Zwakh nicht mitteilen sollte, was sich damals
-ereignet hatte, überlegte ich, &mdash; dann hielt ich es nicht
-der Mühe für wert und für belanglos. Auch wußte ich,
-daß mein Wille versagen würde, wollte ich jetzt den Versuch
-machen zu sprechen.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich sahen die drei am Tische aufmerksam zu mir
-herüber und Prokop sagte ganz laut: &bdquo;Er ist eingeschlafen&ldquo;,
-&mdash; so laut, daß es fast klang, als ob es eine
-Frage sein sollte.
-</p>
-
-<p>
-Sie redeten mit gedämpfter Stimme weiter, und ich
-erkannte, daß sie von mir sprachen.
-</p>
-
-<p>
-Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und
-fing das Licht auf, das von der Lampe niederfloß, und
-der spiegelnde Schein brannte mir in den Augen.
-</p>
-
-<p>
-Es fiel ein Wort wie: &bdquo;irr sein&ldquo;, und ich horchte auf
-die Rede, die in der Runde ging.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-&bdquo;Gebiete, wie das vom &sbquo;Golem&lsquo; sollte man vor Pernath
-nie berühren,&ldquo; sagte Josua Prokop vorwurfsvoll,
-&bdquo;als er vorhin von dem Buche Ibbur erzählte, schwiegen
-wir still und fragten nicht weiter. Ich möchte wetten,
-er hat alles nur geträumt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zwakh nickte: &bdquo;Sie haben ganz recht. Es ist, wie
-wenn man mit offenem Lichte eine verstaubte Kammer
-betreten wollte, in der morsche Tücher Decke und Wände
-bespannen und der dürre Zunder der Vergangenheit
-fußhoch den Boden bedeckt; ein flüchtiges Berühren nur
-und schon schlägt das Feuer aus allen Ecken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;War Pernath lange im Irrenhaus? Schade um ihn,
-er kann doch erst vierzig sein&ldquo;, sagte Vrieslander.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß es nicht, ich habe auch keine Vorstellung,
-woher er stammen mag und was früher sein Beruf gewesen
-ist. Aussehen tut er ja wie ein altfranzösischer
-Edelmann mit seiner schlanken Gestalt und dem Spitzbart.
-Vor vielen, vielen Jahren hat mich ein befreundeter
-alter Arzt gebeten, ich möchte mich seiner ein wenig
-annehmen und ihm eine kleine Wohnung hier in diesen
-Gassen, wo sich niemand um ihn kümmern und mit
-Fragen nach früheren Zeiten beunruhigen würde, aussuchen.&ldquo;
-&mdash; Wieder sah Zwakh bewegt zu mir herüber.
-&mdash; &bdquo;Seit jener Zeit lebt er hier, bessert Antiquitäten aus
-und schneidet Gemmen und hat sich damit einen kleinen
-Wohlstand gegründet. Es ist ein Glück für ihn, daß er
-alles, was mit seinem Wahnsinn zusammenhängt, vergessen
-zu haben scheint. Fragen Sie ihn beileibe nur
-niemals nach Dingen, die die Vergangenheit in seiner
-Erinnerung wachrufen könnten, &mdash; wie oft hat mir das
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-der alte Arzt ans Herz gelegt! Wissen Sie, Zwakh,
-sagte er immer, wir haben so eine gewisse Methode;
-wir haben seine Krankheit mit vieler Mühe eingemauert,
-möchte ich&rsquo;s nennen, &mdash; so wie man eine Unglücksstätte
-einfriedet, weil sich an sie eine traurige Erinnerung
-knüpft.&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die Rede des Marionettenspielers war auf mich zugekommen
-wie ein Schlächter auf ein wehrloses Tier
-und preßte mir mit rohen, grausamen Händen das Herz
-zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Von jeher hatte eine dumpfe Qual an mir genagt, &mdash;
-ein Ahnen, als wäre mir etwas genommen worden und
-als hätte ich in meinem Leben eine lange Strecke Wegs
-an einem Abgrunde hin durchschritten wie ein Schlafwandler.
-Und nie war es mir gelungen, die Ursache zu
-ergründen.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt lag des Rätsels Lösung offen vor mir und brannte
-mich unerträglich wie eine bloßgelegte Wunde.
-</p>
-
-<p>
-Mein krankhafter Widerwillen, der Erinnerung an
-verflossene Ereignisse nachzuhängen, &mdash; dann der seltsame,
-von Zeit zu Zeit immer wiederkehrende Traum,
-ich sei in ein Haus mit einer Flucht mir unzugänglicher
-Gemächer gesperrt, &mdash; das beängstigende Versagen
-meines Gedächtnisses in Dingen, die meine Jugendzeit
-betrafen, &mdash; alles das fand mit einem Male seine furchtbare
-Erklärung: Ich war wahnsinnig gewesen und man
-hatte Hypnose angewandt, hatte das &mdash; &bdquo;Zimmer&ldquo;
-verschlossen, das die Verbindung zu jenen Gemächern
-meines Gehirns bildete, und mich zum Heimatlosen inmitten
-des mich umgebenden Lebens gemacht.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Und keine Aussicht, die verlorene Erinnerung je
-wiederzugewinnen!
-</p>
-
-<p>
-Die Triebfedern meines Denkens und Handelns liegen
-in einem andern, vergessenen Dasein verborgen, begriff
-ich, &mdash; nie würde ich sie erkennen können: eine verschnittne
-Pflanze bin ich, ein Reis, das aus einer fremden
-Wurzel sproßt. Gelänge es mir auch, den Eingang in
-jenes verschlossene &bdquo;Zimmer&ldquo; zu erzwingen, müßte ich
-nicht abermals den Gespenstern, die man darein gebannt,
-in die Hände fallen?!
-</p>
-
-<p>
-Die Geschichte von dem &sbquo;Golem&lsquo;, die Zwakh vor einer
-Stunde erzählte, zog mir durch den Sinn, und plötzlich
-erkannte ich einen riesengroßen, geheimnisvollen Zusammenhang
-zwischen dem sagenhaften Gemach ohne
-Zugang, in dem jener Unbekannte wohnen sollte, und
-meinem bedeutungsvollen Traum.
-</p>
-
-<p>
-Ja! auch in meinem Falle &bdquo;würde der Strick reißen&ldquo;,
-wollte ich versuchen, in das vergitterte Fenster meines
-Innern zu blicken.
-</p>
-
-<p>
-Der seltsame Zusammenhang wurde mir immer
-deutlicher und nahm etwas unbeschreiblich Erschreckendes
-für mich an.
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte: es sind da Dinge &mdash; unfaßbare &mdash; zusammengeschmiedet
-und laufen wie blinde Pferde, die
-nicht wissen, wohin der Weg führt, nebeneinander her.
-</p>
-
-<p>
-Auch im Ghetto: ein Zimmer, ein Raum, dessen
-Eingang niemand finden kann, &mdash; ein schattenhaftes
-Wesen, das darin wohnt und nur zuweilen durch die
-Gassen tappt, um Grauen und Entsetzen unter die
-Menschen zu tragen! &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-Immer noch schnitzte Vrieslander an dem Kopfe, und
-das Holz knirschte unter der Klinge des Messers.
-</p>
-
-<p>
-Es tat mir fast weh, wie ich es hörte, und ich sah hin,
-ob es denn nicht bald zu Ende sei.
-</p>
-
-<p>
-Wie der Kopf sich in des Malers Hand hin und her
-wandte, war es, als habe er Bewußtsein und spähe von
-Winkel zu Winkel. Dann ruhten seine Augen lange
-auf mir, befriedigt, daß sie mich endlich gefunden.
-</p>
-
-<p>
-Auch ich vermochte meine Blicke nicht mehr abzuwenden
-und starrte unverwandt auf das hölzerne Antlitz.
-</p>
-
-<p>
-Eine Weile schien das Messer des Malers zögernd etwas
-zu suchen, dann ritzte es entschlossen eine Linie ein, und
-plötzlich gewannen die Züge des Holzkopfes schreckhaftes
-Leben.
-</p>
-
-<p>
-Ich erkannte das gelbe Gesicht des Fremden, der mir
-damals das Buch gebracht.
-</p>
-
-<p>
-Dann konnte ich nichts mehr unterscheiden, der Anblick
-hatte nur eine Sekunde gedauert, und ich spürte,
-daß mein Herz zu schlagen aufhörte und ängstlich flatterte.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch blieb ich mir &mdash; wie damals &mdash; des Gesichtes
-bewußt.
-</p>
-
-<p>
-<em>Ich war es selber geworden und lag auf
-Vrieslanders Schoß und spähte umher.</em>
-</p>
-
-<p>
-Meine Augen wanderten im Zimmer umher, und
-eine fremde Hand bewegte meinen Schädel.
-</p>
-
-<p>
-Dann sah ich mit einem Male Zwakhs aufgeregte
-Mienen und hörte seine Worte: um Gottes Willen, das
-ist ja der Golem!
-</p>
-
-<p>
-Und ein kurzes Ringen entstand, und man wollte
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Vrieslander mit Gewalt das Schnitzwerk entreißen,
-doch der wehrte sich und rief lachend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wollt ihr, es ist doch ganz und gar mißlungen.&ldquo;
-Und er wand sich los, öffnete das Fenster und warf den
-Kopf auf die Gasse hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Da schwand mein Bewußtsein und ich tauchte in eine
-tiefe Finsternis, die von schimmernden Goldfäden durchzogen
-war, und als ich, wie es mir schien, nach einer
-langen, langen Zeit erwachte, da erst hörte ich das Holz
-klappernd auf das Pflaster fallen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Sie haben so fest geschlafen, daß Sie nicht merkten,
-wie wir Sie schüttelten,&ldquo; &mdash; sagte Josua Prokop zu mir,
-&bdquo;der Punsch ist aus, und Sie haben alles versäumt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der heiße Schmerz, über das, was ich vorhin mitangehört,
-übermannte mich wieder, und ich wollte aufschreien,
-daß ich nicht geträumt habe, als ich ihnen von
-dem Buche Ibbur erzählte &mdash; und es aus der Kassette
-nehmen und ihnen zeigen könne.
-</p>
-
-<p>
-Aber diese Gedanken kamen nicht zu Wort und konnten
-die Stimmung allgemeinen Aufbruches, die meine Gäste
-ergriffen hatte, nicht durchdringen.
-</p>
-
-<p>
-Zwakh hängte mir mit Gewalt den Mantel um und
-rief:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kommen Sie nur mit zum Loisitschek, Meister
-Pernath, es wird Ihre Lebensgeister erfrischen.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Nacht
-</h2>
-
-<p class="first">
-Willenlos hatte ich mich von Zwakh die Treppe hinunterführen
-lassen.
-</p>
-
-<p>
-Ich spürte den Geruch des Nebels, der von der Straße
-ins Haus drang, deutlicher und deutlicher werden. Josua
-Prokop und Vrieslander waren einige Schritte vorausgegangen,
-und man hörte, wie sie draußen vor dem
-Torweg mitsammen sprachen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er muß rein in das Kanalgitter gefallen sein. Es
-ist doch zum Teufelholen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir traten hinaus auf die Gasse, und ich sah, wie
-Prokop sich bückte und die Marionette suchte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freut mich, daß du den dummen Kopf nicht finden
-kannst&ldquo;, brummte Vrieslander. Er hatte sich an die
-Mauer gestellt und sein Gesicht leuchtete grell auf und
-erlosch wieder in kurzen Intervallen &mdash; wie er das Feuer
-eines Streichholzes zischend in seine kurze Pfeife sog.
-</p>
-
-<p>
-Prokop machte eine heftig abwehrende Bewegung
-mit dem Arm und beugte sich noch tiefer herab. Er
-kniete beinahe auf dem Pflaster:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Still doch! Hört ihr denn nichts?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir traten an ihn heran. Er deutete stumm auf das
-Kanalgitter und legte horchend die Hand ans Ohr. Eine
-Weile standen wir unbeweglich und lauschten in den
-Schacht hinab.
-</p>
-
-<p>
-Nichts.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-&bdquo;Was war&rsquo;s denn?&ldquo; flüsterte endlich der alte Marionettenspieler;
-doch sofort packte ihn Prokop heftig
-beim Handgelenk.
-</p>
-
-<p>
-Einen Augenblick &mdash; kaum einen Herzschlag lang &mdash;
-hatte es mir geschienen, als klopfte da unten eine Hand
-gegen eine Eisenplatte &mdash; fast unhörbar. Wie ich eine
-Sekunde später darüber nachdachte, war alles vorbei;
-nur in meiner Brust hallte es wie ein Erinnerungsecho
-weiter und löste sich langsam in ein unbestimmtes Gefühl
-des Grauens auf.
-</p>
-
-<p>
-Schritte, die die Gasse heraufkamen, verscheuchten den
-Eindruck.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gehen wir; was stehen wir da herum!&ldquo; mahnte
-Vrieslander.
-</p>
-
-<p>
-Wir schritten die Häuserreihe entlang.
-</p>
-
-<p>
-Prokop folgte nur widerwillig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meinen Hals möcht&rsquo; ich wetten, da unten hat jemand
-geschrien in Todesangst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Niemand von uns antwortete ihm, aber ich fühlte,
-daß etwas wie leise dämmernde Angst uns die Zunge
-in Fesseln hielt.
-</p>
-
-<p>
-Bald darauf standen wir vor einem rotverhängten
-Schenkenfenster.
-</p>
-
-<p class="center">
-&bdquo;SALON LOISITSCHEK&ldquo;.<br />
-&bdquo;Heinte großes Konzehr&ldquo;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-stand auf einem Pappendeckel geschrieben, dessen Rand
-mit verblichenen Photographien von Frauenzimmern
-bedeckt war.
-</p>
-
-<p>
-Ehe noch Zwakh die Hand auf die Klinke legen konnte,
-öffnete sich die Eingangstür nach innen und ein vierschrötiger
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-Kerl mit gewichstem, schwarzem Haar, ohne
-Kragen &mdash; eine grünseidene Kravatte um den bloßen
-Hals geschlungen und die Frackweste mit einem Klumpen
-aus Schweinszähnen geschmückt &mdash; empfing uns mit
-Bücklingen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jä, jä, das sin mir Gästäh. &mdash; &mdash; &mdash; Pane Schaffranek,
-rasch einen Tusch!&ldquo; setzte er, über die Schulter in
-das von Menschen überfüllte Lokal gewendet, hastig
-seinem Willkommengruß hinzu.
-</p>
-
-<p>
-Ein klimperndes Geräusch, wie wenn eine Ratte
-über Klavier<a id="corr-4"></a>saiten liefe, war die Antwort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jä, jä, das sin mir Gästäh, das sin mir Gästäh. Da
-schaut man&ldquo;, murmelte der Vierschrötige immerwährend
-vor sich hin, während er uns aus den Mänteln half.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja, heinte ist der ganze verehrliche Hochadel des
-Landes bei mir versammelt&ldquo;, beantwortete er triumphierend
-Vrieslanders erstaunte Miene, als im Hintergrund
-auf einer Art Estrade, die durch Geländer und eine
-zweistufige Treppe vom vorderen Teil der Schenke getrennt
-war, ein paar vornehme junge Herren in Abendtoilette
-sichtbar wurden.
-</p>
-
-<p>
-Schwaden beißenden Tabakrauches lagerten über den
-Tischen, hinter denen die langen Holzbänke an den
-Wänden vollbesetzt von zerlumpten Gestalten waren:
-Dirnen von den Schanzen, ungekämmt, schmutzig, barfuß,
-die festen Brüste kaum verhüllt von mißfarbigen
-Umhängetüchern, Zuhälter daneben mit blauen Militärmützen
-und Zigaretten hinter dem Ohr, Viehhändler
-mit haarigen Fäusten und schwerfälligen Fingern, die
-bei jeder Bewegung eine stumme Sprache der Niedertracht
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-redeten, vazierende Kellner mit frechen Augen
-und blatternarbige Kommis mit karrierten Hosen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich stell&rsquo; ich Ihnen spanische Plente umadum, damit
-Sie schön ungestört sein&ldquo;, krächzte die feiste Stimme des
-Vierschrötigen, und eine Rollwand, beklebt mit kleinen
-tanzenden Chinesen, schob sich langsam vor den Ecktisch,
-an den wir uns gesetzt hatten.
-</p>
-
-<p>
-Schnarrende Klänge einer Harfe machten das Stimmengewirr
-im Zimmer verlöschen.
-</p>
-
-<p>
-Eine Sekunde eine rhythmische Pause.
-</p>
-
-<p>
-Totenstille, als hielte alles den Atem an.
-</p>
-
-<p>
-Mit erschreckender Deutlichkeit hörte man plötzlich wie
-die eisernen <a id="corr-5"></a>Gasstäbe fauchend die flachen herzförmigen
-Flammen aus ihren Mündern in die Luft bliesen &mdash; &mdash;
-dann fiel die Musik über das Geräusch her und verschlang
-es.
-</p>
-
-<p>
-Als wären sie soeben erst entstanden, tauchten da zwei
-seltsame Gestalten aus dem Tabakqualm vor meinem
-Blick empor.
-</p>
-
-<p>
-Mit langem, <a id="corr-6"></a>wallendem, weißem Prophetenbart, ein
-schwarzseidenes Käppchen &mdash; wie es die alten jüdischen
-Familienväter tragen &mdash; auf dem Kahlkopf, die blinden
-Augen milchbläulich und gläsern &mdash; starr zur Decke gerichtet
-&mdash; saß dort ein Greis, bewegte lautlos die Lippen
-und fuhr mit dürren Fingern wie mit Geierkrallen in
-die Saiten einer Harfe. Neben ihm in speckglänzendem,
-schwarzem Taffetkleid, Jettschmuck und Jettkreuz an
-Hals und Armen &mdash; ein Sinnbild erheuchelter Bürgermoral
-&mdash; ein schwammiges Weibsbild, die Ziehharmonika
-auf dem Schoß.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Ein wildes Gestolper von Klängen drängte sich aus
-den Instrumenten, dann sank die Melodie ermattet zur
-bloßen Begleitung herab.
-</p>
-
-<p>
-Der Greis hatte ein paarmal in die Luft gebissen und
-riß den Mund weit auf, daß man die schwarzen Zahnstumpen
-sehen konnte. Langsam aus der Brust herauf
-rang sich ihm, von seltsamen hebräischen Röchellauten
-begleitet, ein wilder Baß:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Roo &mdash; n &mdash; te, blau &mdash; we Stern &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rititit&ldquo; (schrillte das Weibsbild dazwischen und
-schnappte sofort die keifigen Lippen zusammen, als habe
-sie schon zuviel gesagt)
-</p>
-
-<p class="unwrap">
-&bdquo;Roonte blaue Steern<br />
-Hörndlach ess i&rsquo; ach geern&ldquo;;<br />
-&bdquo;Rititit&ldquo;<br />
-&bdquo;Rothboart, Grienboart<br />
-allerlaj Stern&ldquo; &mdash; &mdash;<br />
-&bdquo;Rititit, rititit.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Paare traten zum Tanze an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist das Lied vom &sbquo;chomezigen Borchu&lsquo;&ldquo;, erklärte
-uns lächelnd der Marionettenspieler und schlug leise mit
-dem Zinnlöffel, der sonderbarerweise mit einer Kette
-am Tisch befestigt war, den Takt. &bdquo;Vor wohl hundert
-Jahren oder mehr noch hatten zwei Bäckergesellen, Rotbart
-und Grünbart, am Abend des &sbquo;Schabbes Hagodel&lsquo;
-das Brot &mdash; Sterne und Hörnchen &mdash; vergiftet, um ein
-ausgiebiges Sterben in der Judenstadt hervorzurufen;
-aber der &sbquo;Meschores&lsquo; &mdash; der Gemeindediener &mdash; war
-infolge göttlicher Erleuchtung noch rechtzeitig daraufgekommen
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-und konnte die beiden Verbrecher der Stadtpolizei
-überliefern. Zur Erinnerung an die wundersame
-Errettung aus Todesgefahr dichteten damals die
-&sbquo;Lamdonim&lsquo; und &sbquo;Bocherlech&lsquo; jenes seltsame Lied, das
-wir hier jetzt als Bordellquadrille hören.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rititit &mdash; Rititit&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Roote blaue Steern &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo; immer hohler und
-fanatischer erscholl das Gebell des Greises.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich wurde die Melodie konfuser und ging allmählich
-in den Rhythmus des böhmischen &bdquo;Schlapak&ldquo;
-&mdash; eines schleifenden Schiebetanzes &mdash; über, bei dem die
-Paare die schwitzenden Wangen innig aneinander preßten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So recht. Bravo. Äh da! fang, hep, hep!&ldquo; rief von
-der Estrade ein schlanker, junger Kavalier im Frack, das
-Monokel im Auge, dem Harfenisten zu, griff in die
-Westentasche und warf ein Silberstück in der Richtung.
-Es erreichte sein Ziel nicht: ich sah noch, wie es über das
-Tanzgewühl hinblitzte; da war es plötzlich verschwunden.
-Ein Strolch &mdash; sein Gesicht kam mir so bekannt vor; ich
-glaube, es muß derselbe gewesen sein, der neulich bei
-dem Regenguß neben Charousek gestanden &mdash; hatte seine
-Hand hinter dem Busentuch seiner Tänzerin, wo er sie
-bisher hartnäckig ruhen gehabt, hervorgezogen &mdash; ein
-Griff in die Luft mit affenartiger Geschwindigkeit, ohne
-auch nur einen Takt der Musik auszulassen, und die
-Münze war geschnappt. Nicht eine Muskel zuckte im
-Gesicht des Burschen auf, nur zwei, drei Paare in der
-Nähe grinsten leise.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wahrscheinlich einer vom &sbquo;Bataillon&lsquo;, nach der Geschicklichkeit
-zu schließen&ldquo;, sagte Zwakh lachend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-&bdquo;Meister Pernath hat sicherlich noch nie etwas vom
-&sbquo;Bataillon&lsquo; gehört&ldquo;, fiel Vrieslander auffallend rasch
-ein und zwinkerte heimlich dem Marionettenspieler
-zu, daß ich es nicht sehen sollte. &mdash; Ich verstand
-gar wohl: es war wie vorhin, oben auf meinem
-Zimmer. Sie hielten mich für krank. Wollten mich
-aufheitern. Und Zwakh sollte etwas erzählen. Irgend
-etwas.
-</p>
-
-<p>
-Wie mich der gute Alte so mitleidig ansah, stieg es mir
-heiß vom Herzen in die Augen. Wenn er wüßte, wie
-weh mir sein Mitleid tat!
-</p>
-
-<p>
-Ich überhörte die ersten Worte, mit denen der Marionettenspieler
-seine Worte einleitete, &mdash; ich weiß nur,
-mir war, als verblute ich langsam. Mir wurde immer
-kälter und starrer, wie vorhin, als ich als hölzernes Gesicht
-auf Vrieslanders Schoß gelegen hatte. Dann war
-ich plötzlich mitten drin in der Erzählung, die mich
-fremdartig umfing, &mdash; einhüllte, wie ein lebloses Stück
-aus einem Lesebuch.
-</p>
-
-<p>
-Zwakh begann:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<em>Die Erzählung vom Rechtsgelehrten Dr.
-Hulbert und seinem Bataillon.</em>
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; No, was soll ich Ihnen sagen: Das Gesicht
-hatte er voller Warzen und krumme Beine wie ein
-Dachshund. Schon als Jüngling kannte er nichts als
-Studium. Trockenes, entnervendes Studium. Von dem,
-was er sich durch Stundengeben mühsam erwarb, mußte
-er noch seine kranke Mutter erhalten. Wie grüne Wiesen
-aussehen und Hecken und Hügel voll Blumen und Wälder,
-erfuhr er, glaube ich, nur aus Büchern. Und wie
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-wenig von Sonnenschein in Prags schwarze Gassen fällt,
-wissen Sie ja selbst.
-</p>
-
-<p>
-Sein Doktorat hatte er mit Auszeichnung gemacht;
-das war eigentlich selbstverständlich.
-</p>
-
-<p>
-Nun, und mit der Zeit wurde er ein berühmter Rechtsgelehrter.
-So berühmt, daß alle Leute &mdash; Richter und
-alte Advokaten &mdash; zu ihm fragen kamen, wenn sie irgend
-etwas nicht wußten. Dabei lebte er ärmlich wie ein
-Bettler in einer Dachkammer, deren Fenster hinaus
-auf den Teinhof schaute.
-</p>
-
-<p>
-So vergingen Jahre um Jahre und Dr. Hulberts
-Ruf als Leuchte seiner Wissenschaft wurde allmählich
-Sprichwort im ganzen Lande. Daß ein Mann wie er
-weichen Herzensempfindungen zugänglich sein konnte,
-zumal sein Haar schon anfing weiß zu werden und sich
-niemand erinnerte, ihn je von etwas anderem als von
-Jurisprudenz sprechen gehört zu haben, hätte wohl
-keiner geglaubt. Doch gerade in solchen verschlossenen
-Herzen glüht die Sehnsucht am heißesten.
-</p>
-
-<p>
-An dem Tage, als Dr. Hulbert das Ziel erreichte, das
-ihm wohl schon als höchstes seit seiner Studentenzeit vorgeschwebt
-hatte: &mdash; als nämlich Seine Majestät der
-Kaiser von Wien aus ihn zum Rektor Magnifikus an
-unserer Universität ernannte, da ging es von Mund zu
-Mund, er habe sich mit einem jungen, bildschönen Fräulein
-aus zwar armer, aber adliger Familie verlobt.
-</p>
-
-<p>
-Und wirklich schien von da an das Glück bei Dr. Hulbert
-eingezogen zu sein. Wenn auch seine Ehe kinderlos
-blieb, so trug er doch seine junge Gattin auf Händen,
-und jeden Wunsch zu erfüllen, den er ihr nur irgend von
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-den Augen abzulesen vermochte, war seine höchste
-Freude.
-</p>
-
-<p>
-In seinem Glück vergaß er jedoch keineswegs, wie es
-wohl so manch anderer getan hätte, seiner leidenden
-Mitmenschen. &bdquo;Mir hat Gott meine Sehnsucht gestillt,&ldquo;
-soll er einmal gesagt haben, &mdash; &bdquo;er hat mir ein Traumgesicht
-zur Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz
-vor mir hergegangen ist seit Kindheit an: er hat mir das
-lieblichste Wesen zu eigen gegeben, das die Erde trägt.
-Und so will ich, daß ein Schimmer von diesem Glück,
-soweit es in meiner kleinen Macht steht, auch auf andere
-fällt.&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Und so kam es, daß er sich bei Gelegenheit eines armen
-Studenten annahm, wie seines eignen Sohnes. Vermutlich
-in der Erwägung, wie wohl ihm selbst ein solch
-gutes Werk getan hätte, wäre es ihm am eigenen Leib
-und Leben in den Tagen seiner kummervollen Jugendzeit
-passiert. Wie aber nun auf Erden manche Tat, die
-dem Menschen gut und edel scheint, Folgen nach sich
-zieht gleich der einer fluchwürdigen, weil wir wohl
-doch nicht richtig unterscheiden können zwischen dem,
-was giftigen Samen in sich trägt und was heilsamen,
-so begab es sich auch hier, daß aus Dr. Hulberts
-mitleidsvollem Werk das bitterste Leid für ihn selbst
-sproß.
-</p>
-
-<p>
-Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher
-Liebe zu dem Studenten, und ein erbarmungsloses
-Schicksal wollte, daß sie der Rektor gerade in dem Augenblicke,
-als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum
-Zeichen seiner Liebe mit einem Strauß Rosen als Geburtstagspräsent
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-zu überraschen, in den Armen dessen
-antraf, auf den er Wohltat über Wohltat gehäuft hatte.
-</p>
-
-<p>
-Man sagt, daß die blaue Muttergottesblume für immer
-ihre Farbe verlieren kann, wenn der fahle, schweflige
-Schein eines Blitzes, der ein Hagelwetter verkündet,
-plötzlich auf sie fällt; gewiß ist, daß die Seele des alten
-Mannes für immer erblindete an dem Tage, wo sein
-Glück in Scherben ging. Am selben Abend noch saß er,
-er, der bis dahin nicht gewußt, was Unmäßigkeit ist, hier
-beim &bdquo;Loisitschek&ldquo; &mdash; fast bewußtlos vom Fusel &mdash; bis
-zum Morgengrauen. Und der &bdquo;Loisitschek&ldquo; wurde seine
-Heimstätte für den Rest seines zerstörten Lebens. Im
-Sommer schlief er irgendwo auf dem Schutt eines Neubaues,
-im Winter hier auf den hölzernen Bänken.
-</p>
-
-<p>
-Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte
-beließ man ihm stillschweigend. Niemand hatte das
-Herz dazu, gegen ihn, den einst berühmten Gelehrten,
-den Vorwurf zu erheben, daß man Ärgernis nähme an
-seinem Wandel.
-</p>
-
-<p>
-Allmählich sammelte sich um ihn, was an lichtscheuem
-Gesindel in der Judenstadt sein Wesen trieb, und so kam
-es zur Gründung jener seltsamen Gemeinschaft, die man
-noch heutigentags &bdquo;das Bataillon&ldquo; nennt.
-</p>
-
-<p>
-Dr. Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das
-Bollwerk für alle die, denen die Polizei zu scharf auf die
-Finger sah. War irgendein entlassener Sträfling daran, zu
-verhungern, schickte ihn Dr. Hulbert splitternackt hinaus auf
-den Altstädter Ring &mdash; und das Amt auf der sogenannten
-&bdquo;Fischbanka&ldquo; sah sich genötigt, einen Anzug beizustellen.
-Sollte eine unterstandslose Dirne aus der Stadt gewiesen
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-werden, so heiratete sie schnell einen Strolch, der
-bezirkszuständig war, und wurde dadurch ansässig.
-</p>
-
-<p>
-Hundert solcher Auswege wußte Dr. Hulbert, und
-seinem Rate gegenüber stand die Polizei machtlos da.
-&mdash; Was diese Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft
-&bdquo;verdienten&ldquo;, übergaben sie getreulich auf Heller
-und Kreuzer der gemeinsamen Kassa, aus der der nötige
-Lebensunterhalt bestritten wurde. Niemals ließ sich
-auch nur eines die geringste Unehrlichkeit zuschulden
-kommen. Mag sein, daß angesichts dieser eisernen Disziplin
-der Name &bdquo;das Bataillon&ldquo; entstand.
-</p>
-
-<p>
-Pünktlich am ersten Dezember, wo sich der Tag des
-Unglücks jährte, das den alten Mann betroffen hatte,
-fand jedesmal nachts beim &bdquo;Loisitschek&ldquo; eine seltsame
-Feier statt. Kopf an Kopf gedrängt standen sie hier:
-Bettler, Vagabunden, Zuhälter und Dirnen, Trunkenbolde
-und Lumpensammler, und eine lautlose Stille
-herrschte wie beim Gottesdienst. &mdash; Und dann erzählte
-ihnen Dr. Hulbert dort von der Ecke aus, wo jetzt die
-beiden Musikanten sitzen, gerade unter dem Krönungsbilde
-Seiner Majestät des Kaisers seine Lebensgeschichte:
-&mdash; wie er sich emporgerungen, den Doktortitel erworben
-und später <span class="antiqua">Rektor magnificus</span> geworden war. Wenn
-er zu der Stelle kam, wo er mit dem Busch Rosen in
-der Hand ins Zimmer seiner jungen Frau trat, &mdash; zur
-Feier ihres Geburtstages und zugleich zum Gedächtnis
-jener Stunde, da er dereinst um sie anhalten gekommen
-und sie seine liebe Braut geworden war, &mdash; da versagte
-ihm jedesmal die Stimme, und weinend sank er am Tisch
-zusammen. Dann geschah es wohl zuweilen, daß irgendein
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-liederliches Frauenzimmer ihm verschämt und heimlich,
-damit es keiner sehen sollte, eine halbwelke Blume
-auf die Hand legte.
-</p>
-
-<p>
-Von den Zuhörern rührte sich dann noch lange Zeit
-keiner. Zum Weinen sind diese Menschen zu hart, aber
-an ihren Kleidern blickten sie herunter und drehten unsicher
-die Finger.
-</p>
-
-<p>
-Eines Morgens fand man Dr. Hulbert tot auf einer
-Bank unten an der Moldau. Er wird, denke ich, erfroren
-sein.
-</p>
-
-<p>
-Sein Leichenbegängnis sehe ich noch heute vor mir.
-Das &bdquo;Bataillon&ldquo; hatte sich fast zerfleischt, um alles so
-prunkvoll wie möglich zu gestalten.
-</p>
-
-<p>
-Voran ging der Pedell der Universität in vollem
-Ornat: in den Händen das purpurne Kissenpolster mit
-der güldenen Kette darauf und hinter dem Leichenwagen
-in unabsehbarer Reihe &mdash; &mdash; das &bdquo;Bataillon&ldquo;
-barfuß, schmutzstarrend, zerlumpt und zerfetzt. Einer
-von ihnen hatte sein Letztes verkauft und ging daher:
-Leib, Beine und Arme mit Lagen aus altem Zeitungspapier
-umwickelt und umbunden.
-</p>
-
-<p>
-So erwiesen sie ihm die letzte Ehre.
-</p>
-
-<p>
-Auf seinem Grabe, draußen im Friedhof, steht ein
-weißer Stein, darein sind drei Figuren gemeißelt: Der
-Heiland gekreuzigt zwischen zwei Räubern. Von unbekannter
-Hand gestiftet. Man munkelt, Dr. Hulberts
-Frau habe das Denkmal errichtet. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war
-ein Legat vorgesehen, danach bekommt jeder vom
-&bdquo;Bataillon&ldquo; mittags beim &bdquo;Loisitschek&ldquo; umsonst eine
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-Suppe; zu diesem Zwecke hängen hier am Tisch die
-Löffel an den Ketten, und die ausgehöhlten Mulden in
-der Tischplatte sind die Teller. Um 12 Uhr kommt die
-Kellnerin und spritzt mit einer großen, blechernen Spritze
-die Brühe hinein und, wenn sich einer nicht ausweisen
-kann als &bdquo;vom Bataillon&ldquo;, so zieht sie die Suppe mit
-der Spritze wieder zurück.
-</p>
-
-<p>
-Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als
-Witz die Runde durch die ganze Welt.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich
-aus meiner Lethargie. Die letzten Sätze, die Zwakh
-gesprochen, wehten über mein Bewußtsein hinweg. Ich
-sah noch, wie er seine Hände bewegte, um das Vor- und
-Zurückschieben eines Spritzenkolbens klarzumachen, dann
-jagten die Bilder, die sich rings um uns abrollten, so
-rasch und automatenhaft und dennoch mit so gespenstischer
-Deutlichkeit an meinem Auge vorüber, daß ich
-in Momenten ganz mich selbst vergaß und mir wie ein
-Rad vorkam in einem lebendigen Uhrwerk.
-</p>
-
-<p>
-Das Zimmer war ein einziges Menschengewühl geworden.
-Oben auf der Estrade: dutzende Herren in
-schwarzen Fräcken. Weiße Manschetten, blitzende Ringe.
-Eine Dragoneruniform mit Rittmeisterschnüren. Im
-Hintergrund ein Damenhut mit lachsfarbigen Straußenfedern.
-</p>
-
-<p>
-Durch die Stäbe des Geländers stierte das verzerrte
-Gesicht Loisas hinauf. Ich sah: er konnte sich kaum aufrecht
-halten. Auch Jaromir war da und schaute unverwandt
-hinauf, mit dem Rücken dicht, ganz dicht, an der
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Seitenwand, als presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen.
-</p>
-
-<p>
-Die Gestalten hielten plötzlich im Tanzen inne: der
-Wirt mußte ihnen etwas zugerufen haben, was sie erschreckt
-hatte. Die Musik spielte noch, aber leise; sie
-traute sich nicht mehr recht. Sie zitterte; man fühlte es
-deutlich. Und doch lag der Ausdruck hämischer, wilder
-Freude in dem Gesicht des Wirtes.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; In der Eingangstür steht mit einem Mal
-der Polizeikommissär in Uniform. Er hat die Arme ausgebreitet,
-um niemand hinauszulassen. Hinter ihm ein
-Kriminalschutzmann.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wird also doch hier getanzt? Trotz Verbotes? Ich
-sperre die Spelunke. Sie kommen mit, Wirt! Und was
-hier ist, marsch auf die Wachstube!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es klingt wie Kommandos.
-</p>
-
-<p>
-Der Vierschrötige gibt keine Antwort, aber das hämische
-Grinsen bleibt in seinen Zügen.
-</p>
-
-<p>
-Bloß starrer ist es geworden.
-</p>
-
-<p>
-Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur
-noch.
-</p>
-
-<p>
-Auch die Harfe zieht den Schwanz ein.
-</p>
-
-<p>
-Die Gesichter sind plötzlich alle im Profil zu sehen:
-sie glotzen erwartungsvoll hinauf auf die Estrade.
-</p>
-
-<p>
-Und da kommt eine vornehme schwarze Gestalt gelassen
-die paar Stufen herab und geht langsam auf den
-Kommissär zu.
-</p>
-
-<p>
-Die Augen des Kriminalschutzmannes hängen gebannt
-an den heranschlendernden schwarzen Lackschuhen.
-</p>
-
-<p>
-Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamten
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-stehen geblieben und läßt den Blick gelangweilt ihm von
-Kopf bis zu den Füßen und wieder zurückschweifen.
-</p>
-
-<p>
-Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben
-sich über das Geländer gebeugt und verbeißen das
-Lachen hinter ihren grauseidnen Taschentüchern.
-</p>
-
-<p>
-Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstück ins
-Auge und spuckt einem Mädchen, das unter ihm lehnt,
-seinen Zigarettenstummel ins Haar.
-</p>
-
-<p>
-Der Polizeikommissär hat sich verfärbt und starrt in
-der Verlegenheit immerwährend auf die Perle in der
-Hemdbrust des Aristokraten.
-</p>
-
-<p>
-Er kann den gleichgültigen, glanzlosen Blick dieses
-glattrasierten, unbeweglichen Gesichtes mit der Hakennase
-nicht ertragen.
-</p>
-
-<p>
-Es bringt ihn aus der Ruhe. Schmettert ihn nieder.
-</p>
-
-<p>
-Die Totenstille im Lokal wird immer quälender.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So sehen die Ritterstatuen aus, die mit gefalteten
-Händen auf den Steinsärgen liegen in den gotischen
-Kirchen&ldquo;, flüstert der Maler Vrieslander mit einem Blick
-auf den Kavalier.
-</p>
-
-<p>
-Da bricht der Aristokrat endlich das Schweigen:
-&bdquo;Äh &mdash; Hm.&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash; er kopiert die Stimme des Wirtes:
-&bdquo;Jä, jä, das sin mir Gästäh &mdash; da schaut man.&ldquo; Ein
-schallendes Gejohle explodiert im Lokal, daß die Gläser
-klirren; die Strolche halten sich den Bauch vor Lachen.
-Eine Flasche fliegt an die Wand und zerschellt. Der
-vierschrötige Wirt meckert uns erläuternd und ehrfurchtsvoll
-zu: &bdquo;Seine Durchlaucht Exzellenz Fürst Ferri
-Athenstädt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Fürst hat dem Beamten eine Visitenkarte hingehalten.
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Der Ärmste nimmt sie, salutiert wiederholt
-und schlägt die Hacken zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Es wird von neuem still, die Menge lauscht atemlos,
-was weiter geschehen wird.
-</p>
-
-<p>
-Der Kavalier spricht wieder:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Damen und Herren, die Sie hier versammelt
-sehen, &mdash; äh &mdash; sind meine lieben Gäste.&ldquo; Seine Durchlaucht
-deutet mit einer nachlässigen Armbewegung auf
-das Gesindel, &bdquo;wünschen Sie, Herr Kommissär, &mdash; äh &mdash;
-vielleicht vorgestellt zu werden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Kommissär verneint mit erzwungenem Lächeln,
-stottert verlegen etwas von &bdquo;leidiger Pflichterfüllung&ldquo;
-und rafft sich schließlich zu den Worten auf: &bdquo;Ich sehe
-ja, daß es hier anständig zugeht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das bringt Leben in den Dragonerrittmeister: er
-eilt in den Hintergrund auf den Damenhut mit der
-Straußenfeder zu und zerrt im nächsten Augenblick
-unter dem Jubel der jungen Adligen &mdash; Rosina am Arm
-herunter in den Saal.
-</p>
-
-<p>
-Sie schwankt vor Trunkenheit und hält die Augen geschlossen.
-Der große, kostbare Hut sitzt ihr schief, und sie
-hat nichts an als lange rosa Strümpfe und &mdash; einen
-Herrenfrack auf dem bloßen Körper.
-</p>
-
-<p>
-Ein Zeichen: Die Musik fällt ein wie rasend &mdash; &mdash; &mdash;
-&bdquo;Rititit &mdash; Rititit&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; und schwemmt den
-gurgelnden Schrei fort, den der taubstumme Jaromir,
-als er Rosina gesehen, an der Wand drüben ausgestoßen
-hat. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wir wollen gehen.
-</p>
-
-<p>
-Zwakh ruft nach der Kellnerin.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Der allgemeine Lärm verschlingt seine Worte.
-</p>
-
-<p>
-Die Szenen vor mir werden phantastisch wie ein
-Opiumrausch.
-</p>
-
-<p>
-Der Rittmeister hält die halbnackte Rosina im Arm
-und dreht sich langsam mit ihr im Takt.
-</p>
-
-<p>
-Die Menge hat respektvoll Platz gemacht.
-</p>
-
-<p>
-Dann murmelt es von den Bänken: &bdquo;Der Loisitschek,
-der Loisitschek&ldquo;, die Hälse werden lang und zu dem
-tanzenden Paar gesellt sich ein zweites noch seltsameres.
-Ein weibisch aussehender Bursche in rosa Trikots, mit
-langem blondem Haar bis zu den Schultern, Lippen und
-Wangen geschminkt wie eine Dirne und die Augen
-niedergeschlagen in koketter Verwirrung, &mdash; hängt
-schmachtend an der Brust des Fürsten Athenstädt.
-</p>
-
-<p>
-Ein süßlicher Walzer quillt aus der Harfe.
-</p>
-
-<p>
-Wilder Ekel vor dem Leben schnürt mir die Kehle
-zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Mein Blick sucht voll Angst die Türe: der Kommissär
-steht dort abgewendet, um nichts zu sehen, und flüstert
-hastig mit dem Kriminalschutzmann, der etwas einsteckt.
-Es klirrt wie Handschellen.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden spähen herüber auf den blatternarbigen
-Loisa, der einen Augenblick sich zu verstecken sucht und
-dann gelähmt &mdash; das Gesicht kalkweiß und verzerrt vor
-Entsetzen &mdash; stehen bleibt.
-</p>
-
-<p>
-Ein Bild zuckt in der Erinnerung vor mir auf und
-erlischt sofort: Das Bild, wie &bdquo;Prokop lauscht, wie ich
-es vor einer Stunde gesehen, &mdash; über das Kanalgitter
-gebeugt &mdash; und ein Todesschrei gellt aus der Erde empor.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-Ich will rufen und kann nicht. Kalte Finger greifen
-mir in den Mund und biegen mir die Zunge nach unten
-gegen die Vorderzähne, daß es wie ein Klumpen meinen
-Gaumen erfüllt und ich kein Wort hervorbringen kann.
-</p>
-
-<p>
-Ich kann die Finger nicht sehen, weiß, daß sie unsichtbar
-sind, und doch empfinde ich sie wie etwas Körperliches.
-</p>
-
-<p>
-Und klar steht es in meinem Bewußtsein: sie gehören
-zu der gespenstischen Hand, die mir in meinem Zimmer
-in der Hahnpaßgasse das Buch &bdquo;Ibbur&ldquo; gegeben haben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wasser, Wasser!&ldquo; schreit Zwakh neben mir. Sie
-halten mir den Kopf und leuchten mir mit einer Kerze
-in die Pupillen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In seine Wohnung schaffen, Arzt holen &mdash; der
-Archivar Hillel kennt sich aus in solchen Dingen &mdash; &mdash;
-zu ihm bringen!&ldquo; &mdash; beraten sie murmelnd.
-</p>
-
-<p>
-Dann liege ich starr wie eine Leiche auf einer Bahre
-und Prokop und Vrieslander tragen mich hinaus.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-Wach
-</h2>
-
-<p class="first">
-Zwakh war vor uns die Treppen hinaufgelaufen und
-ich hörte, wie Mirjam, die Tochter des Archivars Hillel,
-ihn ängstlich ausfragte und er sie zu beruhigen trachtete.
-</p>
-
-<p>
-Ich gab mir keine Mühe, hinzuhorchen, was sie miteinander
-sprachen, und erriet mehr, als ich es in Worten
-verstand, daß Zwakh erzählte, mir sei ein Unfall zugestoßen
-und sie kämen bitten, mir die erste Hilfe zu leisten
-und mich wieder zu Bewußtsein zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Noch immer konnte ich kein Glied rühren, und die
-unsichtbaren Finger hielten meine Zunge; aber mein
-Denken war fest und sicher und das Gefühl des Grauens
-hatte von mir abgelassen. Ich wußte genau, wo ich war
-und was mit mir geschah, und empfand es nicht einmal
-als absonderlich, daß man mich wie einen Toten herauftrug,
-samt der Bahre im Zimmer Schemajah Hillels
-niedersetzte und &mdash; allein ließ.
-</p>
-
-<p>
-Eine ruhige, natürliche Zufriedenheit, wie man sie
-beim Heimkommen nach einer langen Wanderung genießt,
-erfüllte mich.
-</p>
-
-<p>
-Es war finster in der Stube, und mit verschwimmenden
-Umrissen hoben sich die Fensterrahmen in Kreuzesformen
-von dem mattleuchtenden Dunst ab, der von der
-Gasse heraufschimmerte.
-</p>
-
-<p>
-Alles kam mir selbstverständlich vor und ich wunderte
-mich weder darüber, daß Hillel mit einem jüdischen
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-siebenflammigen Sabbatleuchter eintrat, noch, daß er
-mir gelassen &bdquo;Guten Abend&ldquo; wünschte wie jemandem,
-dessen Kommen er erwartet hatte.
-</p>
-
-<p>
-Was ich die ganze Zeit, die ich im Hause wohnte, nie
-als etwas Besonderes bemerkt hatte, &mdash; trotzdem wir
-einander oft drei- bis viermal in der Woche auf den
-Stiegen begegnet waren, &mdash; fiel mir plötzlich stark an
-ihm auf, wie er so hin und her ging, einige Gegenstände
-auf der Kommode zurechtrückte und schließlich mit dem
-Leuchter einen zweiten, gleichfalls siebenflammigen anzündete.
-</p>
-
-<p>
-Nämlich: sein Ebenmaß an Leib und Gliedern und
-der schmale, feine Schnitt des Gesichtes mit dem edlen
-Stirnaufbau.
-</p>
-
-<p>
-Er konnte, wie ich jetzt beim Schein der Kerze sah,
-nicht älter sein als ich: höchstens 45 Jahre zählen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist um einige Minuten früher gekommen&ldquo;, &mdash;
-begann er nach einer Weile &mdash; &bdquo;als anzunehmen war,
-sonst hätte ich die Lichter schon vorher angezündet.&ldquo; &mdash;
-Er deutete auf die beiden Leuchter, trat an die Bahre
-und richtete seine dunklen, tiefliegenden Augen, wie es
-schien, auf jemand, der mir zu Häupten stand oder
-kniete, den ich aber nicht zu sehen vermochte. Dabei
-bewegte er seine Lippen und sprach lautlos einen Satz.
-</p>
-
-<p>
-Sofort ließen die unsichtbaren Finger meine Zunge
-los und der Starrkrampf wich von mir. Ich richtete
-mich auf und blickte hinter mich: Niemand außer Schemajah
-Hillel und mir war im Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Sein &bdquo;Du&ldquo; und die Bemerkung, daß er mich erwartet
-habe, hatten also mir gegolten!?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Viel befremdender als diese beiden Umstände an sich
-wirkte es auf mich, daß ich nicht imstande war, auch nur
-die geringste Verwunderung darüber zu empfinden.
-</p>
-
-<p>
-Hillel erriet offenbar meine Gedanken, denn er
-lächelte freundlich, wobei er mir von der Bahre aufstehen
-half und mit der Hand auf einen Sessel wies,
-und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist auch nichts Wunderbares dabei. Schreckhaft
-wirken nur die gespenstischen Dinge &mdash; die Kischuph &mdash;
-auf den Menschen; das Leben kratzt und brennt wie ein
-härener Mantel, aber die Sonnenstrahlen der geistigen
-Welt sind mild und erwärmend.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich schwieg, da mir nichts einfiel, was ich ihm hätte
-erwidern sollen. Er schien auch keine Gegenrede erwartet
-zu haben, setzte sich mir gegenüber und fuhr gelassen fort:
-&bdquo;Auch ein silberner Spiegel, hätte er Empfindung, litte
-nur Schmerzen, wenn er poliert wird. Glatt und glänzend
-geworden, gibt er alle Bilder wieder, die auf ihn
-fallen, ohne Leid und Erregung.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohl dem Menschen&ldquo;, setzte er leise hinzu, &bdquo;der von
-sich sagen kann: Ich bin geschliffen.&ldquo; &mdash; Einen Augenblick
-versank er in Nachdenken, und ich hörte ihn einen
-hebräischen Satz murmeln: &bdquo;<span class="antiqua">Lischuosècho Kiwisi Adoschem</span>.&ldquo;
-Dann drang seine Stimme wieder klar an
-mein Ohr:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist zu mir gekommen in tiefem Schlaf und ich
-habe dich wach gemacht. Im Psalm David heißt es:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<em>Da sprach ich in mir selbst: jetzt fange ich
-an: Die Rechte Gottes ist es, welche diese Veränderung
-gemacht hat.</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-Wenn die Menschen aufstehen von ihren Lagerstätten,
-so wähnen sie, sie hätten den Schlaf abgeschüttelt, und
-wissen nicht, daß sie ihren Sinnen zum Opfer fallen und
-die Beute eines neuen viel tieferen Schlafes werden,
-als der war, dem sie soeben entronnen sind. Es gibt
-nur ein wahres Wachsein und das ist das, dem du dich
-jetzt näherst. Sprich den Menschen davon und sie werden
-sagen, du seist krank, denn sie können dich nicht verstehen.
-Darum ist es zwecklos und grausam, ihnen davon zu
-reden.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse"><em>Sie fahren dahin wie ein Strom &mdash;</em></p>
- <p class="verse"><em>Und sind wie ein Schlaf,</em></p>
- <p class="verse"><em>Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird &mdash;</em></p>
- <p class="verse"><em>Das des Abends abgehauen wird und verdorret.</em>&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Wer war der Fremde, der mich in meiner Kammer
-aufgesucht hat und mir das Buch &bdquo;Ibbur&ldquo; gab? Habe
-ich ihn im Wachen oder im Traum gesehen?&ldquo;, wollte
-ich fragen, doch Hillel antwortete mir, noch ehe ich den
-Gedanken in Worte fassen konnte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nimm an, der Mann, der zu dir kam und den du
-den Golem nennst, bedeute die Erweckung des Toten
-durch das innerste Geistesleben. Jedes Ding auf Erden
-ist nichts als ein ewiges Symbol in Staub gekleidet!
-</p>
-
-<p>
-Wie denkst du mit dem Auge? Jede Form, die du
-siehst, denkst du mit dem Auge. Alles, was zur Form
-geronnen ist, war vorher ein Gespenst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte, wie Begriffe, die bisher in meinem Hirn
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-verankert gewesen, sich losrissen und gleich Schiffen ohne
-Steuer hinaustrieben in ein uferloses Meer.
-</p>
-
-<p>
-Ruhevoll fuhr Hillel fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer aufgeweckt worden ist, kann nicht mehr sterben;
-Schlaf und Tod sind dasselbe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; &mdash; kann nicht mehr sterben?&ldquo; &mdash; ein dumpfer
-Schmerz ergriff mich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zwei Pfade laufen nebeneinander hin: der Weg
-des Lebens und der Weg des Todes. Du hast das Buch
-&bdquo;Ibbur&ldquo; genommen und darin gelesen. Deine Seele ist
-schwanger geworden vom Geist des Lebens&ldquo;, hörte ich
-ihn reden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hillel, Hillel, laß mich den Weg gehen, den alle
-Menschen gehen: den des Sterbens!&ldquo;, schrie alles wild
-in mir auf.
-</p>
-
-<p>
-Schemajah Hillels Gesicht wurde starr vor Ernst.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Menschen gehen keinen Weg, weder den des
-Lebens, noch den des Todes. Sie treiben daher wie
-Spreu im Sturm. Im Talmud steht: &bdquo;Ehe Gott die
-Welt schuf, hielt er den Wesen einen Spiegel vor; darin
-sahen sie die geistigen Leiden des Daseins und die
-Wonnen, die darauf folgten. Da nahmen die einen die
-Leiden auf sich. Die anderen aber weigerten sich, und
-diese strich Gott aus dem Buche der Lebenden.&ldquo; Du
-aber <em>gehst</em> einen Weg und hast ihn aus freiem Willen
-beschritten, &mdash; wenn du es jetzt auch selbst nicht mehr
-weißt: Du bist berufen von dir selbst. Gräm&rsquo; dich nicht:
-allmählich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die
-Erinnerung. <em>Wissen und Erinnerung sind dasselbe.</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Der freundliche, fast liebenswürdige Ton, in den
-Hillels Rede ausgeklungen war, gab mir meine Ruhe
-wieder, und ich fühlte mich geborgen wie ein krankes
-Kind, das seinen Vater bei sich weiß.
-</p>
-
-<p>
-Ich blickte auf und sah, daß mit einem Male viele
-Gestalten im Zimmer waren und uns im Kreis umstanden:
-Einige in weißen Sterbegewändern, wie sie
-die alten <a id="corr-7"></a>Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut
-und Silberschnallen an den Schuhen &mdash; aber Hillel fuhr
-mir mit der Hand über die Augen und die Stube war
-wieder leer.
-</p>
-
-<p>
-Dann geleitete er mich hinaus zur Treppe und gab
-mir eine brennende Kerze mit, damit ich mir hinaufleuchten
-könne in mein Zimmer.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich legte mich zu Bett und wollte schlafen, aber der
-Schlummer kam nicht, und ich geriet statt dessen in einen
-sonderbaren Zustand, der weder Träumen war, noch
-Wachen, noch Schlafen.
-</p>
-
-<p>
-Das Licht hatte ich ausgelöscht, aber trotzdem war
-alles in der Stube so deutlich, daß ich jede einzelne Form
-genau unterscheiden konnte. Dabei fühlte ich mich vollkommen
-behaglich und frei von der gewissen qualvollen
-Unruhe, die einen foltert, wenn man sich in ähnlicher
-Verfassung befindet.
-</p>
-
-<p>
-Nie vorher in meinem Leben wäre ich imstande gewesen,
-so scharf und präzis zu denken wie eben jetzt. Der
-Rhythmus der Gesundheit durchströmte meine Nerven
-und ordnete meine Gedanken in Reih und Glied wie eine
-Armee, die nur auf meine Befehle wartete.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-Ich brauchte bloß zu rufen, und sie traten vor mich
-und erfüllten, was ich wünschte.
-</p>
-
-<p>
-Eine Gemme, die ich in den letzten Wochen aus
-Aventurinstein zu schneiden versucht hatte, &mdash; ohne damit
-zurecht zu kommen, da sich die vielen zerstreuten Flimmer
-in dem Mineral niemals mit den Gesichtszügen decken
-wollten, die ich mir vorgestellt, &mdash; fiel mir ein, und im
-Nu sah ich die Lösung vor mir und wußte genau, wie ich
-den Stichel zu führen hatte, um der Struktur der Masse
-gerecht zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Ehedem Sklave einer Horde phantastischer Eindrücke
-und Traumgesichter, von denen ich oft nicht gewußt:
-waren es Ideen oder Gefühle, sah ich mich jetzt plötzlich
-als Herr und König im eigenen Reich.
-</p>
-
-<p>
-Rechenexempel, die ich früher nur mit Ächzen und auf
-dem Papier hätte bewältigen können, fügten sich mir
-mit einem Male im Kopf spielend zum Resultat. Alles
-mit Hilfe einer neuen, in mir erwachten Fähigkeit, das
-zu sehen und festzuhalten, was ich gerade brauchte:
-Ziffern, Formen, Gegenstände oder Farben. Und wenn
-es sich um Fragen handelte, die durch derlei Werkzeuge
-nicht zu lösen waren: &mdash; philosophische Probleme und
-Ähnliches &mdash;, so trat an Stelle des inneren Sehens das
-Gehör, wobei die Stimme Schemajah Hillels die Rolle
-des Sprechers übernahm.
-</p>
-
-<p>
-Erkenntnisse seltsamster Art wurden mir zuteil.
-</p>
-
-<p>
-Was ich tausendmal im Leben achtlos als bloßes Wort
-an meinem Ohr hatte vorübergehen lassen, stand wertgetränkt
-bis in die tiefste Faser vor mir; was ich &bdquo;auswendig&ldquo;
-gelernt, &bdquo;erfaßte&ldquo; ich mit einem Schlag als
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-mein &bdquo;Eigen&ldquo;tum. Der Wortbildung Geheimnisse, die
-ich nie geahnt, lagen nackt vor mir.
-</p>
-
-<p>
-Die &bdquo;hohen&ldquo; Ideale der Menschheit, die vordem mit
-kommerzienrätlich biederer Miene, die Pathosbrust mit
-Orden bekleckst, mich von oben herab behandelt hatten,
-&mdash; demütig nahmen sie jetzt die Maske von der Fratze
-und entschuldigten sich: sie seien selber ja nur Bettler,
-aber immerhin Krücken für &mdash; einen noch frecheren
-Schwindel.
-</p>
-
-<p>
-Träumte ich nicht vielleicht doch? Hatte ich etwa gar
-nicht mit Hillel gesprochen?
-</p>
-
-<p>
-Ich griff nach dem Sessel neben meinem Bett.
-</p>
-
-<p>
-Richtig: dort lag die Kerze, die mir Schemajah mitgegeben
-hatte; und selig wie ein kleiner Junge in der
-Christfestnacht, der sich überzeugt hat, daß der wundervolle
-Hampelmann wirklich und leibhaftig vorhanden ist,
-wühlte ich mich wieder in die Kissen.
-</p>
-
-<p>
-Und wie ein Spürhund drang ich weiter vor in das
-Dickicht der geistigen Rätsel, die mich rings umgaben.
-</p>
-
-<p>
-Zuerst versuchte ich zu dem Punkt in meinem Leben
-zurückzugelangen, bis zu dem meine Erinnerung reichte.
-Nur von dort aus &mdash; glaubte ich &mdash; könnte es mir möglich
-sein, jenen Teil meines Daseins zu überblicken, der
-für mich, durch eine seltsame Fügung des Schicksals in
-Finsternis gehüllt lag.
-</p>
-
-<p>
-Aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich kam nicht
-weiter, als daß ich mich wie einst in dem düsteren Hofe
-unseres Hauses stehen sah und durch den Torbogen den
-Trödlerladen des Aaron Wassertrum unterschied &mdash; als
-ob ich ein Jahrhundert lang als Gemmenschneider in
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-diesem Hause gewohnt hätte, immer gleich alt und ohne
-jemals ein Kind gewesen zu sein!
-</p>
-
-<p>
-Schon wollte ich es als hoffnungslos aufgeben, weiter
-zu schürfen in den Schächten der Vergangenheit, da
-begriff ich plötzlich mit leuchtender Klarheit, daß wohl
-in meiner Erinnerung die breite Heerstraße der Geschehnisse
-mit dem gewissen Torbogen endete, nicht aber eine
-Menge winzig schmaler Fußsteige, die wohl bisher den
-Hauptpfad ständig begleitet hatten, von mir jedoch nicht
-beachtet worden waren: &bdquo;Woher&ldquo;, schrie es mir fast in
-die Ohren, &bdquo;hast du denn die Kenntnisse, dank derer du
-jetzt dein Leben fristest? Wer hat dich Gemmenschneiden
-gelehrt &mdash; und gravieren und all das andere? Lesen,
-schreiben, sprechen &mdash; und essen &mdash; und gehen, atmen,
-denken und fühlen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sofort griff ich den Rat meines Innern auf. Systematisch
-ging ich mein Leben zurück.
-</p>
-
-<p>
-Ich zwang mich, in verkehrter, aber ununterbrochener
-Reihenfolge zu überlegen: was ist soeben geschehen, was
-war der Ausgangspunkt dazu, was lag vor diesem und
-so weiter?
-</p>
-
-<p>
-Wieder war ich bei dem gewissen Torbogen angelangt
-&mdash; &mdash; jetzt! Jetzt! Nur ein kleiner Sprung ins Leere
-und der Abgrund, der mich von dem Vergessenen trennte,
-mußte überflogen sein &mdash; da trat ein Bild vor mich, das
-ich auf der Rückwanderung meiner Gedanken übersehen
-hatte: Schemajah Hillel fuhr mir mit der Hand über
-die Augen &mdash; genau wie vorhin unten in seinem Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Und weggewischt war alles. Sogar der Wunsch,
-weiter zu forschen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Nur eins stand fest als bleibender Gewinn: die Erkenntnis:
-die Reihe der Begebenheiten im Leben ist
-eine Sackgasse, so breit und gangbar sie auch zu sein
-scheint. Die schmalen, verborgenen Steige sind&rsquo;s, die
-in die verlorene Heimat zurückführen: das, was mit
-feiner, kaum sichtbarer Schrift in unserem Körper eingraviert
-ist, und nicht die scheußliche Narbe, die die Raspel
-des äußeren Lebens hinterläßt, &mdash; birgt die Lösung der
-letzten Geheimnisse.
-</p>
-
-<p>
-So, wie ich zurückfinden könnte in die Tage meiner
-Jugend, wenn ich in der Fibel das Alphabet in verkehrter
-Folge vornähme von Z bis A, um dort anzulangen,
-wo ich in der Schule zu lernen begonnen, &mdash;
-so, begriff ich, müßte ich auch wandern können in die
-andere ferne Heimat, die jenseits alles Denkens liegt.
-</p>
-
-<p>
-Eine Weltkugel aus Arbeit wälzte sich auf meine
-Schultern. Auch Herkules trug eine Zeitlang das Gewölbe
-des Himmels auf seinem Haupte, fiel mir ein,
-und versteckte Bedeutung schimmerte mir aus der Sage
-entgegen. Und wie Herkules wieder loskam durch eine
-List, indem er den Riesen Atlas bat: &bdquo;Laß mich nur
-einen Bausch von Stricken um den Kopf binden, damit
-mir die entsetzliche Last nicht das Gehirn zersprengt&ldquo;,
-so gäbe es vielleicht einen dunkeln Weg &mdash; dämmerte
-mir &mdash; von dieser Klippe weg.
-</p>
-
-<p>
-Ein tiefer Argwohn, der Führerschaft meiner Gedanken
-weiter blind zu vertrauen, beschlich mich plötzlich.
-Ich legte mich gerade und verschloß mit den Fingern
-Augen und Ohren, um nicht abgelenkt zu werden durch
-die Sinne. Um jeden Gedanken zu töten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Doch mein Wille zerschellte an dem ehernen Gesetz:
-Ich konnte immer nur einen Gedanken durch einen
-anderen vertreiben, und starb der eine, schon mästete
-sich der nächste an seinem Fleische. Ich flüchtete in den
-brausenden Strom meines Blutes, aber die Gedanken
-folgten mir auf dem Fuß; ich verbarg mich im Hämmerwerk
-meines Herzens: nur eine kleine Weile, und sie
-hatten mich entdeckt.
-</p>
-
-<p>
-Abermals kam mir da Hillels freundliche Stimme zu
-Hilfe und sagte: &bdquo;Bleib auf deinem Weg und wanke
-nicht! Der Schlüssel zur Kunst des Vergessens gehört
-unseren Brüdern, die den Pfad des Todes wandeln;
-du aber bist geschwängert vom Geiste des &mdash; Lebens.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Buch Ibbur erschien vor mir, und zwei Buchstaben
-flammten darin auf: der eine, der das erzene
-Weib bedeutete, mit dem Pulsschlag, mächtig, gleich
-einem Erdbeben, &mdash; der andere in unendlicher Ferne:
-der Hermaphrodit auf dem Thron von Perlmutter,
-auf dem Haupte die Krone aus rotem Holz.
-</p>
-
-<p>
-Dann fuhr Schemajah Hillel ein drittes Mal mit der
-Hand über meine Augen, und ich schlummerte ein.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-Schnee
-</h2>
-
-<div class="letter">
-<p class="adr">
-&bdquo;Mein lieber und verehrter Meister Pernath!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile
-und höchster Angst. Bitte, vernichten Sie ihn sofort,
-nachdem Sie ihn gelesen haben, &mdash; oder besser noch,
-bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit. &mdash; Ich hätte
-keine Ruhe sonst.
-</p>
-
-<p>
-Sagen Sie keiner Menschenseele, daß ich Ihnen
-geschrieben habe. Auch nicht, wohin Sie heute gehen
-werden!
-</p>
-
-<p>
-Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir &mdash; &bdquo;neulich&ldquo; &mdash;
-(Sie werden durch diese kurze Anspielung auf ein
-Ereignis, dessen Zeuge Sie waren, erraten, wer Ihnen
-diesen Brief schreibt, denn ich fürchte mich, meinen
-Namen darunter zu setzen) &mdash; so viel Vertrauen eingeflößt,
-und weiter, daß Ihr lieber, seliger Vater mich
-als Kind unterrichtet hat, &mdash; alles das gibt mir den
-Mut, mich an Sie, als vielleicht den einzigen Menschen,
-der noch helfen kann, zu wenden.
-</p>
-
-<p>
-Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um
-5 Uhr, in die Domkirche auf dem Hradschin.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Eine Ihnen bekannte Dame.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wohl eine Viertelstunde lang saß ich da und hielt
-den Brief in der Hand. Die seltsame, weihevolle Stimmung,
-die mich von gestern nacht her umfangen gehalten,
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-war mit einem Schlag gewichen, &mdash; weggeweht
-von dem frischen Windhauch eines neuen irdischen Tages.
-Ein junges Schicksal kam lächelnd und verheißungsvoll
-&mdash; ein Frühlingskind &mdash; auf mich zu. Ein Menschenherz
-suchte Hilfe bei mir. &mdash; Bei mir! Wie sah meine Stube
-plötzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte
-Schrank blickte so zufrieden drein, und die vier Sessel
-kamen mir vor wie alte Leute, die um den Tisch herumsitzen
-und behaglich kichernd Tarok spielen.
-</p>
-
-<p>
-Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen,
-einen Inhalt voll Reichtum und Glanz.
-</p>
-
-<p>
-So sollte der morsche Baum noch Früchte tragen?
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte,
-die bisher schlafen gelegen in mir &mdash; verborgen
-gewesen in den Tiefen meiner Seele, verschüttet
-von dem Geröll, das der Alltag häuft, wie
-eine Quelle losbricht aus dem Eis, wenn der Winter
-zerbricht.
-</p>
-
-<p>
-Und ich <em>wußte</em> so gewiß, wie ich den Brief in der
-Hand hielt, daß ich würde helfen können, um was es
-auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen gab mir die
-Sicherheit.
-</p>
-
-<p>
-Wieder und wieder las ich die Stelle: &bdquo;und weiter,
-daß Ihr lieber, seliger Vater mich als Kind unterrichtet
-hat &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;; &mdash; mir stand der Atem still.
-Klang das nicht wie Verheißung: &bdquo;Heute noch wirst du
-mit mir im Paradiese sein?&ldquo; Die Hand, die sich mir
-hinstreckte, Hilfe suchend, hielt mir das Geschenk entgegen:
-<em>die Rückerinnerung, nach der ich dürstete</em>,
-&mdash; würde mir das Geheimnis offenbaren, den
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-Vorhang heben helfen, der sich hinter meiner Vergangenheit
-geschlossen hatte!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihr lieber, seliger Vater&ldquo; &mdash; &mdash;, wie fremdartig die
-Worte klangen, als ich sie mir vorsagte! &mdash; Vater! &mdash;
-Einen Augenblick sah ich das müde Gesicht eines alten
-Mannes mit weißem Haar in dem Lehnstuhl neben
-meiner Truhe auftauchen &mdash; fremd, ganz fremd und doch
-so schauerlich bekannt; &mdash; &mdash; dann kamen meine Augen
-wieder zu sich, und die Hammerlaute meines Herzens
-schlugen die greifbare Stunde der Gegenwart.
-</p>
-
-<p>
-Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit verträumt?
-Ich blickte auf die Uhr: Gott sei Lob, erst
-halb fünf.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte
-Hut und Mantel und schritt die Treppen hinab. Was
-kümmerte mich heute das Geraune der dunkeln Winkel,
-die bösartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die
-immer von ihnen aufstiegen: &bdquo;Wir lassen dich nicht, &mdash;
-du bist unser, &mdash; wir wollen nicht, daß du dich freust &mdash;
-das wäre noch schöner, Freude hier im Haus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen
-diesen Gängen und Ecken her um mich gelegt mit würgenden
-Händen: heute wich er vor dem lebendigen Hauch
-meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an
-Hillels Tür.
-</p>
-
-<p>
-Sollte ich eintreten?
-</p>
-
-<p>
-Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir
-war so ganz anders heute, &mdash; so, als <em>dürfe</em> ich gar nicht
-hinein zu ihm. Und schon trieb mich die Hand des Lebens
-vorwärts, die Stiegen hinab. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-Die Gasse lag weiß im Schnee.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, daß viele Leute mich gegrüßt haben; ich
-erinnerte mich nicht, ob ich ihnen gedankt. Immer wieder
-fühlte ich an die Brust, ob ich den Brief auch bei mir
-trüge:
-</p>
-
-<p>
-Es ging eine Wärme von der Stelle aus.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengänge
-auf dem <a id="corr-9"></a>Altstädter Ring und an dem Erzbrunnen
-vorbei, dessen barockes Gitter voll Eiszapfen hing, hinüber
-über die steinerne Brücke mit ihren Heiligenstatuen
-und dem Standbild des Johannes von Nepomuk.
-</p>
-
-<p>
-Unten schäumte der Fluß voll Haß gegen die Fundamente.
-</p>
-
-<p>
-Halb im Traum fiel mein Blick auf den gehöhlten
-Sandstein der heiligen Luitgard mit &bdquo;den Qualen der
-Verdammten&ldquo; darin: dicht lag der Schnee auf den
-Lidern der Büßenden und den Ketten an ihren betend
-erhobenen Händen.
-</p>
-
-<p>
-Torbogen nahmen mich auf und entließen mich,
-Paläste zogen langsam an mir vorüber mit geschnitzten,
-hochmütigen Portalen, darinnen Löwenköpfe in bronzene
-Ringe bissen.
-</p>
-
-<p>
-Auch hier überall Schnee, Schnee. Weich, weiß wie
-das Fell eines riesigen Eisbären.
-</p>
-
-<p>
-Hohe, stolze Fenster, die Simse beglitzert und vereist,
-schauten <a id="corr-10"></a>teilnahmslos zu den Wolken empor.
-</p>
-
-<p>
-Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender
-Vögel war.
-</p>
-
-<p>
-Wie ich die unzähligen Granitstufen emporstieg zum
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Hradschin, jede so breit, wie wohl vier Menschenleiber
-lang sind, versank Schritt um Schritt die Stadt mit
-ihren Dächern und Giebeln vor meinem Sinn.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Schon schlich die Dämmerung die Häuserreihen entlang,
-da trat ich auf den einsamen Platz, aus dessen Mitte
-der Dom aufragt zum Thron der Engel.
-</p>
-
-<p>
-Fußtapfen &mdash; die Ränder mit Krusten aus Eis &mdash;
-führten hin zum Nebentor.
-</p>
-
-<p>
-Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen
-leise, verlorene Töne eines Harmoniums in die Abendstille
-hinaus. Wie Tränentropfen der Schwermut fielen
-sie in die Verlassenheit.
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters,
-wie die Kirchentüre mich aufnahm, dann stand ich im
-Dunkel, und der goldene Altar blinkte in starrer Ruhe
-herüber zu mir durch den grünen und blauen Schimmer
-sterbenden Lichtes, das durch die farbigen Fenster auf
-die Betstühle niedersank. Funken sprühten aus roten,
-gläsernen Ampeln.
-</p>
-
-<p>
-Welker Duft von Wachs und Weihrauch.
-</p>
-
-<p>
-Ich lehne mich in eine Bank. Mein Blut wird seltsam
-still in diesem Reich der Regungslosigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Ein Leben ohne Herzschlag erfüllte den Raum &mdash;
-ein heimliches, geduldiges Warten.
-</p>
-
-<p>
-Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen
-Schlaf.
-</p>
-
-<p>
-Da! &mdash; Aus weiter, weiter Ferne drang das Geräusch
-von Pferdehufen gedämpft, kaum merklich an
-mein Ohr, wollte näherkommen und verstummte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-Ein matter Schall, wie wenn ein Wagenschlag zufällt.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich
-zugekommen, und eine zarte, schmale Damenhand hatte
-meinen Arm berührt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte, bitte, gehen wir doch dort neben den Pfeiler;
-es widerstrebt mir, hier in den Betstühlen von den
-Dingen zu sprechen, die ich Ihnen sagen muß.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nüchterner
-Klarheit. Der Tag hatte mich plötzlich angefaßt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Meister
-Pernath, daß Sie mir zuliebe bei dem schlechten Wetter
-den langen Weg hier herauf gemacht haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich stotterte ein paar banale Worte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; &mdash; Aber ich wußte keinen andern Ort, wo ich
-sicherer vor Nachforschung und Gefahr bin, als diesen.
-Hierher, in den Dom, ist uns gewiß niemand nachgegangen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der
-Dame.
-</p>
-
-<p>
-Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren
-Pelz, aber schon am Klang ihrer Stimme hatte ich sie
-wiedererkannt als dieselbe, die damals voll Entsetzen vor
-Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpaßgasse
-flüchtete. Ich war auch nicht erstaunt darüber, denn ich
-hatte niemand anders erwartet.
-</p>
-
-<p>
-Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der
-Dämmerung der Mauernische wohl noch blasser schien,
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-als es in Wirklichkeit sein mochte. Ihre Schönheit benahm
-mir fast den Atem, und ich stand wie gebannt.
-Am liebsten wäre ich vor ihr niedergefallen und hätte
-ihre Füße geküßt, daß sie es war, der ich helfen sollte,
-daß sie mich dazu erwählt hatte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, &mdash;
-wenigstens so lange wir hier sind &mdash; die Situation, in
-der Sie mich damals gesehen haben,&ldquo; sprach sie gepreßt
-weiter, &bdquo;ich weiß auch gar nicht, wie Sie über solche
-Dinge denken &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges
-Mal in meinem Leben war ich so vermessen, daß ich mich
-Richter gedünkt hätte über meine Mitmenschen&ldquo;, war
-das einzige, was ich hervorbrachte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich danke Ihnen, Meister Pernath&ldquo;, sagte sie warm
-und schlicht. &bdquo;Und jetzt hören Sie mich geduldig an, ob
-Sie mir in meiner Verzweiflung nicht helfen oder
-wenigstens einen Rat geben können.&ldquo; &mdash; Ich fühlte, wie
-eine wilde Angst sie packte, und hörte ihre Stimme
-zittern. &mdash; &bdquo;Damals &mdash; &mdash; im Atelier &mdash; &mdash; &mdash; damals
-brach die schreckliche Gewißheit über mich herein, daß
-jener grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgespürt
-hat. &mdash; Schon durch Monate war mir aufgefallen, daß,
-wohin ich auch immer ging, &mdash; ob allein, oder mit meinem
-Gatten, oder mit &mdash; &mdash; &mdash; mit &mdash; mit Dr. Savioli, &mdash;
-stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses Trödlers
-irgendwo in der Nähe auftauchte. Im Schlaf und im
-Wachen verfolgten mich seine schielenden Augen. Noch
-macht sich ja kein Zeichen bemerkbar, was er vorhat, aber
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-um so qualvoller drosselt mich nachts die Angst: wann
-wirft er mir die Schlinge um den Hals!
-</p>
-
-<p>
-Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen,
-was denn so ein armseliger Trödler wie dieser Aaron
-Wassertrum überhaupt vermöchte &mdash; schlimmsten Falles
-könnte es sich nur um eine geringfügige Erpressung oder
-dergleichen handeln, aber jedesmal wurden seine Lippen
-weiß, wenn der Name Wassertrum fiel. Ich ahne:
-Dr. Savioli hält mir etwas geheim, um mich zu beruhigen,
-&mdash; irgend etwas Furchtbares, was ihm oder
-mir das Leben kosten kann.
-</p>
-
-<p>
-Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen
-wollte: daß ihn <em>der Trödler mehrere Male
-des Nachts in seiner Wohnung besucht hat!</em> &mdash;
-Ich <em>weiß</em> es, ich spüre es in jeder Faser meines Körpers:
-es geht etwas vor, das sich langsam um uns zusammenzieht
-wie die Ringe einer Schlange. &mdash; Was
-hat dieser Mörder dort zu suchen? Warum kann Dr. Savioli
-ihn nicht abschütteln? Nein, nein, ich sehe das nicht
-länger mit an; ich muß etwas tun. Irgend etwas, ehe
-es mich in den Wahnsinn treibt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen,
-aber sie ließ mich nicht zu Ende sprechen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und in den letzten Tagen nahm der Alb, der mich
-zu erwürgen droht, immer greifbarere Formen an.
-Dr. Savioli ist plötzlich erkrankt, &mdash; ich kann mich nicht
-mehr mit ihm verständigen &mdash; darf ihn nicht besuchen,
-wenn ich nicht stündlich gewärtigen soll, daß meine Liebe
-zu ihm entdeckt wird &mdash;; er liegt in Delirien, und das
-einzige, was ich erkundigen konnte, ist, daß er sich im
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-Fieber von einem Scheusal verfolgt wähnt, dessen Lippen
-von einer Hasenscharte gespalten sind: &mdash; Aaron Wassertrum!
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher
-&mdash; können Sie sich das vorstellen? &mdash; wirkt es auf
-mich, ihn jetzt gelähmt vor einer Gefahr, die ich selbst
-nur wie die dunkle Nähe eines grauenhaften Würgengels
-empfinde, zusammengebrochen zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich
-denn nicht offen zu Dr. Savioli bekenne, alles von mir
-würfe, wenn ich ihn doch so liebe &mdash;: alles, Reichtum,
-Ehre, Ruf und so weiter, aber &mdash;&ldquo; sie schrie es förmlich
-heraus, daß es widerhallte von den Chorgalerien, &mdash; &bdquo;ich
-<em>kann</em> nicht! &mdash; Ich hab&rsquo; doch mein Kind, mein liebes,
-blondes, kleines Mädel! Ich <em>kann</em> doch mein Kind nicht
-hergeben! &mdash; Glauben Sie denn, mein Mann ließe es
-mir!? Da, da, nehmen Sie das, Meister Pernath&ldquo; &mdash;
-sie riß im Wahnwitz ein Täschchen auf, das vollgestopft
-war mit Perlenschnüren und Edelsteinen &mdash; &bdquo;und bringen
-Sie es dem Verbrecher; &mdash; ich weiß, er ist habsüchtig
-&mdash; er soll sich alles holen, was ich besitze, aber
-mein Kind soll er mir lassen. &mdash; Nicht wahr, er wird
-schweigen? &mdash; So reden Sie doch um Jesu Christi willen,
-sagen Sie nur ein Wort, daß Sie mir helfen wollen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es gelang mir mit größter Mühe, die Rasende wenigstens
-so weit zu beruhigen, daß sie sich auf eine Bank
-niederließ.
-</p>
-
-<p>
-Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab.
-Wirre, zusammenhanglose Sätze.
-</p>
-
-<p>
-Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so daß ich
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-selbst kaum verstand, was mein Mund redete, &mdash; Ideen
-phantastischer Art, die zusammenbrachen, kaum daß sie
-geboren waren.
-</p>
-
-<p>
-Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten
-Mönchsstatue in der Wandnische. Ich redete
-und redete. Allmählich verwandelten sich die Züge der
-Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger Überzieher
-mit hochgeklapptem Kragen, und ein jugendliches Gesicht
-mit abgezehrten Wangen und hektischen Flecken wuchs
-daraus empor.
-</p>
-
-<p>
-Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Mönch
-wieder da. Meine Pulse schlugen zu laut.
-</p>
-
-<p>
-Die unglückliche Frau hatte sich über meine Hand gebeugt
-und weinte still.
-</p>
-
-<p>
-Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war
-in der Stunde, als ich den Brief gelesen hatte, und mich
-jetzt abermals übermächtig erfüllte, und ich sah, wie sie
-langsam daran genas.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an
-Sie gewendet habe, Meister Pernath&ldquo;, fing sie nach
-langem Schweigen leise wieder an. &bdquo;Es waren ein
-paar Worte, die Sie mir einmal gesagt haben &mdash; und
-die ich nie vergessen konnte die vielen Jahre hindurch &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; &mdash; Sie nahmen Abschied von mir &mdash; ich weiß
-nicht mehr, weshalb und wieso, ich war ja noch ein Kind,
-&mdash; und Sie sagten so freundlich und doch so traurig:
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken
-Sie meiner, wenn Sie je im Leben nicht aus noch ein
-wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr, daß <em>ich</em> es
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-dann sein darf, der Ihnen hilft.&lsquo; &mdash; Ich habe mich damals
-abgewendet und rasch meinen Ball in den Springbrunnen
-fallen lassen, damit Sie meine Tränen nicht
-sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen das rote
-Korallenherz schenken, das ich an einem Seidenband um
-den Hals trug, aber ich schämte mich, weil das gar so
-lächerlich gewesen wäre.&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<em>Erinnerung!</em>
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner
-Kehle. Ein Schimmer wie aus einem vergessenen,
-fernen Land der Sehnsucht trat vor mich &mdash; unvermittelt
-und schreckhaft: Ein kleines Mädchen in weißem Kleid
-und ringsum die dunkle Wiese eines Schloßparks, von
-alten Ulmen umsäumt. Deutlich sah ich es wieder
-vor mir.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich mußte mich verfärbt haben; ich merkte es an der
-Hast, mit der sie fortfuhr: &bdquo;Ich weiß ja, daß Ihre Worte
-damals nur der Stimmung des Abschieds entsprangen,
-aber sie waren mir oft ein Trost und &mdash; und ich danke
-Ihnen dafür.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit aller Kraft biß ich die Zähne zusammen und jagte
-den heulenden Schmerz, der mich zerfetzte, in die Brust
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Ich verstand: Eine gnädige Hand war es gewesen,
-die die Riegel vor meiner Erinnerung zugeschoben hatte.
-Klar stand jetzt in meinem Bewußtsein geschrieben, was
-ein kurzer Schimmer aus alten Tagen herübergetragen:
-Eine Liebe, die für mein Herz zu stark gewesen, hatte
-für Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht des Irrsinns
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-war damals der Balsam für meinen wunden Geist
-geworden.
-</p>
-
-<p>
-Allmählich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins
-über mich und kühlte die Tränen hinter meinen Augenlidern.
-Der Hall von Glocken zog ernst und stolz durch
-den Dom, und ich konnte freudig lächelnd der in die
-Augen sehen, die gekommen war, Hilfe bei mir zu suchen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wieder hörte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags
-und das Trappen der Hufe.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in
-die Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden
-Augen, und aus geschlichteten Bergen von Tannenbäumen
-raunte es von Flitter und silbernen Nüssen und
-vom kommenden Christfest.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Rathausplatz an der Mariensäule murmelten
-bei Kerzenglanz die alten Bettelweiber mit den grauen
-Kopftüchern der Muttergottes ihren Rosenkranz.
-</p>
-
-<p>
-Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die
-Buden des Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit
-rotem Tuch bespannt, leuchtete grell, von schwelenden
-Fackeln beschienen, die offene Bühne eines Marionettentheaters.
-</p>
-
-<p>
-Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett, die
-Peitsche in der Hand und daran an der Schnur ein
-Totenschädel, ritt klappernd auf hölzernem Schimmel
-über die Bretter.
-</p>
-
-<p>
-In Reihen fest aneinandergedrängt starrten die
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-Kleinen &mdash; die Pelzmützen tief über die Ohren gezogen
-&mdash; mit offenem Munde hinauf und lauschten gebannt
-den Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die
-mein Freund Zwakh da drinnen im Kasten sprach:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Ganz vorne schritt ein Hampelmann,</p>
- <p class="verse">Der Kerl war mager wie ein Dichter</p>
- <p class="verse">Und hatte bunte Lappen an</p>
- <p class="verse">Und torkelte und schnitt Gesichter.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf
-den Platz mündete. Dicht, Kopf an Kopf, stand lautlos
-eine Menschenmenge da in der Finsternis vor einem
-Anschlagszettel.
-</p>
-
-<p>
-Ein Mann hatte ein Streichholz angezündet, und ich
-konnte einige Zeilen bruchstückweise lesen. Mit dumpfen
-Sinnen nahm mein Bewußtsein ein paar Worte auf:
-</p>
-
-<div class="container">
- <div class="box">
-<p class="center">
-<em>Vermißt!</em>
-</p>
-
-<p class="center">
-1000 fl Belohnung
-</p>
-
-<p class="box108">
-Älterer Herr ...... schwarz gekleidet <span class="right">...........</span><br />
-................... Signalement:<br />
-...... fleischiges, glattrasiertes Gesicht <span class="right">......</span><br />
-................. Haarfarbe: weiß <span class="right">...............</span><br />
-..... Polizeidirektion .... Zimmer Nr. <span class="right">..........</span>
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Wunschlos, <a id="corr-12"></a>teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging
-ich langsam hinein in die lichtlosen Häuserreihen.
-</p>
-
-<p>
-Eine Handvoll winziger Sterne glitzerte auf dem
-schmalen, dunklen Himmelsweg über den Giebeln.
-</p>
-
-<p>
-Friedvoll schweiften meine Gedanken zurück in den
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Dom, und die Ruhe meiner Seele wurde noch beseligender
-und tiefer, da drang vom Platz herüber,
-schneidend klar &mdash; als stünde sie dicht an meinem Ohr
-&mdash; die Stimme des Marionettenspielers durch die
-Winterluft:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Wo ist das Herz aus rotem Stein?</p>
- <p class="verse">Es hing an einem Seidenbande,</p>
- <p class="verse">Und funkelte im Frührotschein&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-Spuk
-</h2>
-
-<p class="first">
-Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer
-durchmessen und mir das Gehirn zermartert, wie ich
-&bdquo;ihr&ldquo; Hilfe bringen könnte.
-</p>
-
-<p>
-Oft war ich nahe daran gewesen, hinunter zu Schemajah
-Hillel zu gehen, ihm zu erzählen, was mir anvertraut
-worden, und ihn um Rat zu bitten. Aber jedesmal
-verwarf ich den Entschluß.
-</p>
-
-<p>
-Er stand im Geist so riesengroß vor mir, daß es eine
-Entweihung schien, ihn mit Dingen, die das äußere
-Leben betrafen, zu behelligen, dann wieder kamen Momente,
-wo mich brennende Zweifel befielen, ob ich in
-Wirklichkeit alles das erlebt hätte, was nur eine kurze
-Spanne Zeit zurücklag und doch so seltsam verblaßt
-schien, verglichen mit den lebenstrotzenden Erlebnissen
-des verflossenen Tages.
-</p>
-
-<p>
-Hatte ich nicht doch geträumt? Durfte ich &mdash; ein
-Mensch, dem das Unerhörte geschehen war, daß er
-seine Vergangenheit vergessen hatte, &mdash; auch nur eine
-Sekunde lang als Gewißheit annehmen, wofür als
-einziger Zeuge bloß meine Erinnerung die Hand aufhob?
-</p>
-
-<p>
-Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch
-auf dem Sessel lag. Gott sei Dank, wenigstens das eine
-stand fest: ich war mit ihm in persönlicher Berührung
-gewesen!
-</p>
-
-<p>
-Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm,
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-seine Knie umfassen und wie Mensch zu Mensch ihm
-klagen, daß ein unsägliches Weh an meinem Herzen
-fraß?
-</p>
-
-<p>
-Schon hielt ich die Klinke in der Hand, da ließ ich sie
-wieder los; ich sah voraus, was kommen würde: Hillel
-würde mir mild über die Augen fahren und &mdash; &mdash; &mdash;
-nein, nein, nur das nicht! Ich hatte kein Recht, Linderung
-zu begehren. &bdquo;Sie&ldquo; vertraute auf mich und
-meine Hilfe, und wenn die Gefahr, in der sie sich fühlte,
-mir in Momenten auch klein und nichtig erscheinen
-mochte, &mdash; <em>sie</em> empfand sie sicherlich als riesengroß!
-</p>
-
-<p>
-Hillel um Rat zu bitten, blieb morgen Zeit &mdash; ich
-zwang mich, kalt und nüchtern zu denken; &mdash; ihn jetzt
-&mdash; mitten in der Nacht zu stören? &mdash; es ging nicht an.
-So würde nur ein Verrückter handeln.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte die Lampe anzünden; dann ließ ich es
-wieder sein: der Abglanz des Mondlichts fiel von den
-Dächern gegenüber herein in mein Zimmer und gab
-mehr Helle, als ich brauchte. Und ich fürchtete, die Nacht
-könnte noch langsamer vergehen, wenn ich Licht machte.
-</p>
-
-<p>
-Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken,
-die Lampe anzuzünden, nur um den Tag zu erwarten,
-&mdash; eine leise Angst sagte mir, der Morgen rücke dadurch
-in unerlebbare Ferne.
-</p>
-
-<p>
-Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der
-Luft schwebender Friedhof lagen die Reihen verschnörkelter
-Giebel dort oben &mdash; Leichensteine mit verwitterten
-Jahreszahlen, getürmt über die dunkeln Modergrüfte,
-diese &bdquo;Wohnstätten&ldquo;, darein sich das Gewimmel
-der Lebenden Höhlen und Gänge genagt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich
-leise, ganz leise zu wundern begann, warum ich denn
-nicht aufschräke, wo doch ein Geräusch von verhaltenen
-Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein
-Ohr drang.
-</p>
-
-<p>
-Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein
-Mensch. Das kurze Ächzen der Dielen verriet, wie seine
-Sohle zögernd schlich.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde
-förmlich kleiner, so preßte sich alles in mir zusammen
-unter dem Druck des Willens zu hören. Jedes Zeitempfinden
-gerann zu Gegenwart.
-</p>
-
-<p>
-Noch ein rasches Knistern, das vor sich selbst erschrak
-und hastig abbrach. Dann Totenstille. Jene lauernde,
-grauenhafte Stille, die ihr eigener Verräter ist und
-Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht.
-</p>
-
-<p>
-Regungslos stand ich, das Ohr an die Wand gedrückt,
-das drohende Gefühl in der Kehle, daß drüben einer
-stand, genau so wie ich und dasselbe tat.
-</p>
-
-<p>
-Ich lauschte und lauschte:
-</p>
-
-<p>
-Nichts.
-</p>
-
-<p>
-Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben.
-</p>
-
-<p>
-Lautlos &mdash; auf den Zehenspitzen &mdash; stahl ich mich an
-den Sessel bei meinem Bett, nahm Hillels Kerze und
-zündete sie an.
-</p>
-
-<p>
-Dann überlegte ich: Die eiserne Speichertüre draußen
-auf dem Gang, die zum Atelier Saviolis führte, ging
-nur von drüben aufzuklinken.
-</p>
-
-<p>
-Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenförmiges Stück
-Draht, das unter meinen Graviersticheln auf dem
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-Tische lag: derlei Schlösser springen leicht auf. Schon
-beim ersten Druck auf die Riegelfeder!
-</p>
-
-<p>
-Und was würde dann geschehen?
-</p>
-
-<p>
-Nur Aaron Wassertrum konnte es sein, der da nebenan
-spionierte, &mdash; vielleicht in Kästen wühlte, um neue
-Waffen und Beweise in die Hand zu bekommen, legte
-ich mir zurecht.
-</p>
-
-<p>
-Ob es viel nützen würde, wenn ich dazwischentrat?
-</p>
-
-<p>
-Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken!
-Nur dies furchtbare Warten auf den Morgen zerfetzen!
-</p>
-
-<p>
-Und schon stand ich vor der eisernen Bodentüre,
-drückte dagegen, schob vorsichtig den Haken ins Schloß
-und horchte. Richtig: Ein schleifendes Geräusch drinnen
-im Atelier, wie wenn jemand eine Schublade aufzieht.
-</p>
-
-<p>
-Im nächsten Augenblick schnellte der Riegel zurück.
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte das Zimmer überblicken und sah, obwohl
-es fast finster war und meine Kerze mich nur blendete,
-wie ein Mann in langem, schwarzem Mantel entsetzt
-vor einem Schreibtisch aufsprang, &mdash; eine Sekunde lang
-unschlüssig, wohin sich wenden, &mdash; eine Bewegung machte,
-als wolle er auf mich losstürzen, sich dann den Hut vom
-Kopf riß und hastig damit sein Gesicht bedeckte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was suchen Sie hier!&ldquo; wollte ich rufen, doch der
-Mann kam mir zuvor:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pernath! Sie sind&rsquo;s? Gotteswillen! Das Licht
-weg!&ldquo; Die Stimme kam mir bekannt vor, war aber
-keinesfalls die des Trödlers Wassertrum.
-</p>
-
-<p>
-Automatisch blies ich die Kerze aus.
-</p>
-
-<p>
-Das Zimmer lag halbdunkel da &mdash; nur von dem
-schimmrigen Dunst, der aus der Fensternische hereindrang,
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-matt erhellt &mdash; genau wie meines, und ich mußte
-meine Augen aufs äußerste anstrengen, ehe ich in dem
-abgezehrten, hektischen Gesicht, das plötzlich über dem
-Mantel auftauchte, die Züge des Studenten Charousek
-erkennen konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Mönch!&ldquo; drängte es sich mir auf die Zunge
-und ich verstand mit einem Male die Vision, die ich
-gestern im Dom gehabt! <em>Charousek! Das war
-der Mann, an den ich mich wenden sollte!</em> &mdash;
-Und ich hörte seine Worte wieder, die er damals im
-Regen unter dem Torbogen gesagt hatte: &bdquo;Aaron Wassertrum
-wird es schon erfahren, daß man mit vergifteten,
-unsichtbaren Nadeln durch Mauern stechen kann. Genau
-an dem Tage, an dem er Dr. Savioli an den Hals
-will.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen? Wußte
-er ebenfalls, was sich zugetragen? Sein Hiersein zu so
-ungewöhnlicher Stunde ließ fast darauf schließen, aber
-ich scheute mich, die direkte Frage an ihn zu richten.
-</p>
-
-<p>
-Er war ans Fenster geeilt und spähte hinter dem Vorhang
-hinunter auf die Gasse.
-</p>
-
-<p>
-Ich erriet: er fürchtete, Wassertrum könne den Lichtschein
-meiner Kerze wahrgenommen haben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie denken gewiß, ich bin ein Dieb, daß ich nachts
-hier in einer fremden Wohnung herumsuche, Meister
-Pernath,&ldquo; fing er nach langem Schweigen mit unsicherer
-Stimme an, &bdquo;aber ich schwöre Ihnen &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn.
-</p>
-
-<p>
-Und um ihm zu zeigen, daß ich keinerlei Mißtrauen
-gegen ihn hegte, in ihm vielmehr einen Bundesgenossen
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-sah, erzählte ich ihm mit kleinen Einschränkungen, die
-ich für nötig hielt, welche Bewandtnis es mit dem Atelier
-habe, und daß ich fürchte, eine Frau, die mir nahestehe,
-sei in Gefahr, den erpresserischen Gelüsten des Trödlers
-in irgendwelcher Art zum Opfer zu fallen.
-</p>
-
-<p>
-Aus der höflichen Weise, mit der er mir zuhörte, ohne
-mich mit Fragen zu unterbrechen, entnahm ich, daß er
-das meiste bereits wußte, wenn auch vielleicht nicht in
-Einzelheiten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es stimmt schon,&ldquo; sagte er grübelnd, als ich zu Ende
-gekommen war. &bdquo;Habe ich mich also doch nicht geirrt!
-Der Kerl will Savioli an die Gurgel fahren, das ist
-klar, aber offenbar hat er noch nicht genug Material
-beisammen. Weshalb würde er sich sonst noch hier
-immerwährend herumdrücken! Ich ging nämlich gestern,
-sagen wir mal: &sbquo;zufällig&lsquo; durch die Hahnpaßgasse,&ldquo; erklärte
-er, als er meine fragende Miene bemerkte, &bdquo;da
-fiel mir auf, daß Wassertrum erst lange &mdash; scheinbar
-unbefangen &mdash; vor dem Tor unten auf und ab schlenderte,
-dann aber, als er sich unbeobachtet glaubte, rasch
-ins Haus bog. Ich ging ihm sofort nach und tat so, als
-wollte ich Sie besuchen, das heißt, ich klopfte bei Ihnen
-an, und dabei überraschte ich ihn, wie er draußen an der
-eisernen Bodentür mit einem Schlüssel herumhantierte.
-Natürlich gab er es augenblicklich auf, als ich kam, und
-klopfte ebenfalls als Vorwand bei Ihnen an. Sie schienen
-übrigens nicht zu Hause gewesen zu sein, denn es öffnete
-niemand.
-</p>
-
-<p>
-Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte,
-erfuhr ich, daß jemand, der nach den Schilderungen
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-nur Dr. Savioli sein konnte, hier heimlich ein Absteigequartier
-besäße. Da Dr. Savioli schwer krank liegt,
-reimte ich mir das übrige zurecht.
-</p>
-
-<p>
-Sehen Sie: und das da habe ich aus den Schubladen
-zusammengesucht, um Wassertrum für alle Fälle
-zuvorzukommen&ldquo;, schloß Charousek und deutete auf ein
-Paket Briefe auf dem Schreibtisch; &bdquo;es ist alles, was ich
-an Schriftstücken finden konnte. Hoffentlich ist sonst
-nichts mehr vorhanden. Wenigstens habe ich in sämtlichen
-Truhen und Schränken gestöbert, so gut das in
-der Finsternis ging.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das
-Zimmer und blieben unwillkürlich auf einer Falltüre
-am Boden haften. Ich entsann mich dabei dunkel, daß
-Zwakh mir irgendwann erzählt hatte, ein geheimer
-Zugang führe von unten herauf ins Atelier.
-</p>
-
-<p>
-Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran
-als Griff.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo sollen wir die Briefe aufheben?&ldquo;, fing Charousek
-wieder an. &bdquo;Sie, Herr Pernath, und ich sind wohl die
-einzigen im ganzen Ghetto, die Wassertrum harmlos
-vorkommen, &mdash; warum gerade <em>ich</em>, das &mdash; hat &mdash; seine
-&mdash; besonderen &mdash; Gründe&ldquo;, &mdash; (ich sah, daß sich seine
-Züge in wildem Haß verzerrten, wie er so den letzten
-Satz förmlich zerbiß &mdash;) &bdquo;und Sie hält er für &mdash; &mdash;&ldquo;
-Charousek erstickte das Wort &bdquo;verrückt&ldquo; mit einem raschen,
-erkünstelten Husten, aber ich erriet, was er hatte sagen
-wollen. Es tat mir nicht weh; das Gefühl, &bdquo;ihr&ldquo; helfen
-zu können, machte mich so glückselig, daß jede Empfindlichkeit
-ausgelöscht war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-Wir kamen schließlich überein, das Paket bei mir
-zu verstecken, und gingen hinüber in meine Kammer.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Charousek war längst fort, aber immer noch konnte
-ich mich nicht entschließen, zu Bette zu gehen. Eine gewisse
-innere Unzufriedenheit nagte an mir und hielt
-mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun, fühlte
-ich, aber was? was?
-</p>
-
-<p>
-Einen Plan für den Studenten entwerfen, was
-weiter zu geschehen hätte?
-</p>
-
-<p>
-Das allein konnte es nicht sein. Charousek ließ den
-Trödler sowieso nicht aus den Augen, darüber bestand
-kein Zweifel. Ich schauderte, wenn ich an den Haß
-dachte, der aus seinen Worten geweht hatte.
-</p>
-
-<p>
-Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte?
-</p>
-
-<p>
-Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte
-mich fast zur Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges
-rief nach mir, und ich verstand nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird,
-das Reißen am Zügel spürt und nicht weiß, welches
-Kunststück er machen soll, den Willen seines Herrn nicht
-erfaßt.
-</p>
-
-<p>
-Hinuntergehen zu Schemajah Hillel?
-</p>
-
-<p>
-Jede Faser in mir verneinte.
-</p>
-
-<p>
-Die Vision des Mönchs in der Domkirche, auf dessen
-Schultern gestern der Kopf Charouseks aufgetaucht war
-als Antwort auf eine stumme Bitte um Rat, gab mir
-Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefühle nicht
-ohne weiteres zu verachten. Geheime Kräfte keimten
-in mir auf seit geraumer Zeit, das war gewiß: ich empfand
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-es zu übermächtig, als daß ich auch nur den Versuch
-gemacht hätte, es wegzuleugnen.
-</p>
-
-<p>
-Buchstaben zu <em>empfinden</em>, sie nicht nur mit den
-Augen in Büchern zu lesen, &mdash; einen Dolmetsch in mir
-selbst aufzustellen, der mir übersetzt, was die Instinkte
-ohne Worte raunen, darin muß der Schlüssel liegen,
-sich mit dem eigenen Innern durch klare Sprache zu
-verständigen, begriff ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren
-und hören nicht&ldquo;, fiel mir eine Bibelstelle wie eine Erklärung
-dazu ein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel&ldquo;, wiederholten mechanisch
-meine Lippen, derweilen mir der Geist jene
-sonderbaren Ideen vorgaukelte, bemerkte ich plötzlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schlüssel, Schlüssel &mdash; &mdash;?&ldquo; mein Blick fiel auf den
-krummen Draht in meiner Hand, der mir vorhin zum
-Öffnen der Speichertüre gedient hatte, und eine heiße
-Neugier, wohin wohl die viereckige Falltür aus dem
-Atelier führen könnte, peitschte mich auf.
-</p>
-
-<p>
-Und ohne zu überlegen, ging ich nochmals hinüber
-in Saviolis Atelier und zog an dem Griffring der Falltüre,
-bis es mir schließlich gelang, die Platte zu heben.
-</p>
-
-<p>
-Zuerst nichts als Dunkelheit.
-</p>
-
-<p>
-Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab
-in tiefste Finsternis.
-</p>
-
-<p>
-Ich stieg hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Händen die
-Mauern entlang, aber es wollte kein Ende nehmen:
-Nischen, feucht von Schimmel und Moder, &mdash; Windungen,
-Ecken und Winkel, &mdash; Gänge geradeaus, nach
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-links und nach rechts, Reste einer alten Holztüre, Wegteilungen
-und dann wieder Stufen, Stufen, Stufen
-hinauf und hinab.
-</p>
-
-<p>
-Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde
-überall.
-</p>
-
-<p>
-Und noch immer kein Lichtstrahl. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen hätte!
-</p>
-
-<p>
-Endlich flacher, ebener Weg.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Knirschen unter meinen Füßen schloß ich,
-daß ich auf trockenem Sand dahinschritt.
-</p>
-
-<p>
-Es konnte nur einer jener zahllosen Gänge sein, die
-scheinbar ohne Zweck und Ziel unter dem Ghetto hinführen
-bis zum Fluß.
-</p>
-
-<p>
-Ich wunderte mich nicht: die halbe Stadt stand doch
-seit unvordenklichen Zeiten auf solchen unterirdischen
-Läuften, und die Bewohner Prags hatten von jeher
-triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen.
-</p>
-
-<p>
-Das Fehlen jeglichen Geräusches zu meinen Häupten
-sagte mir, daß ich mich immer noch in der Gegend des
-Judenviertels, das nachts wie ausgestorben ist, befinden
-mußte, obwohl ich schon eine Ewigkeit gewandert war.
-Belebtere Straßen oder Plätze über mir hätten sich durch
-fernes Wagenrasseln verraten.
-</p>
-
-<p>
-Eine Sekunde lang würgte mich die Furcht: was,
-wenn ich im Kreise herumging!? In ein Loch stürzte,
-mich verletzte, ein Bein brach und nicht mehr weitergehen
-konnte!?
-</p>
-
-<p>
-Was geschah dann mit <em>ihren</em> Briefen in meiner
-Kammer? Sie mußten unfehlbar Wassertrum in die
-Hände fallen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-Der Gedanke an Schemajah Hillel, mit dem ich vag
-den Begriff eines Helfers und Führers verknüpfte, beruhigte
-mich unwillkürlich.
-</p>
-
-<p>
-Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und
-tastenden Schrittes und hielt den Arm in die Höhe, um
-nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen, falls der
-Gang niedriger würde.
-</p>
-
-<p>
-Von Zeit zu Zeit, dann immer öfter stieß ich oben
-mit der Hand an, und endlich senkte sich das Gestein so
-tief herab, daß ich mich bücken mußte, um durchzukommen.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen
-leeren Raum.
-</p>
-
-<p>
-Ich blieb stehen und starrte hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Nach und nach schien es mir, als falle von der Decke
-ein leiser, kaum merklicher Schimmer von Licht.
-</p>
-
-<p>
-Mündete hier ein Schacht, vielleicht aus irgend einem
-Keller herunter?
-</p>
-
-<p>
-Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Händen
-in Kopfeshöhe um mich herum: die Öffnung war genau
-viereckig und ausgemauert.
-</p>
-
-<p>
-Allmählich konnte ich darin als Abschluß die schattenhaften
-Umrisse eines wagerechten Kreuzes unterscheiden,
-und endlich gelang es mir, seine Stäbe zu erfassen, mich
-daran emporzuziehen und hindurchzuzwängen.
-</p>
-
-<p>
-Ich <em>stand</em> jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich.
-</p>
-
-<p>
-Offenbar endeten hier die Überbleibsel einer eisernen
-Wendeltreppe, wenn mich das Gefühl meiner Finger
-nicht täuschte?
-</p>
-
-<p>
-Lang, unsagbar lang mußte ich tappen, bis ich
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-die zweite Stufe finden konnte, dann klomm ich
-empor.
-</p>
-
-<p>
-Es waren im ganzen acht Stufen. Eine jede fast in
-Manneshöhe über der andern.
-</p>
-
-<p>
-Sonderbar: die Treppe stieß oben gegen eine Art
-horizontalen Getäfels, das aus regelmäßigen, sich schneidenden
-Linien den Lichtschein herabschimmern ließ, den
-ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte!
-</p>
-
-<p>
-Ich duckte mich, so tief ich konnte, um aus etwas
-weiterer Entfernung besser unterscheiden zu können,
-wie die Linien verliefen, und sah zu meinem Erstaunen,
-daß sie genau die Form eines Sechsecks, wie man es
-auf den Synagogen findet, bildeten.
-</p>
-
-<p>
-Was mochte das nur sein?
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich kam ich dahinter: es war eine Falltür, die
-an den Kanten Licht durchließ! Eine Falltür aus Holz
-in Gestalt eines Sternes.
-</p>
-
-<p>
-Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte,
-drückte sie aufwärts und stand im nächsten Moment
-in einem Gemach, das von grellem Mondschein erfüllt
-war.
-</p>
-
-<p>
-Es war ziemlich klein, vollständig leer bis auf einen
-Haufen Gerümpel in der Ecke und hatte nur ein einziges,
-stark vergittertes Fenster.
-</p>
-
-<p>
-Eine Türe oder sonst einen Zugang mit Ausnahme
-dessen, den ich soeben benützt, vermochte ich nicht zu
-entdecken, so genau ich auch die Mauern immer wieder
-von neuem absuchte.
-</p>
-
-<p>
-Die Gitterstäbe des Fensters standen zu eng, als daß
-ich den Kopf hätte durchstecken können, so viel aber sah ich:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-Das Zimmer befand sich ungefähr in der Höhe eines
-dritten Stockwerks, denn die Häuser gegenüber hatten
-nur zwei Etagen und lagen wesentlich tiefer.
-</p>
-
-<p>
-Das eine Ufer der Straße unten war für mich noch
-knapp sichtbar, aber infolge des blendenden Mondlichts,
-das mir voll ins Gesicht schien, in tiefe Schlagschatten
-getaucht, die es mir unmöglich machten, Einzelheiten
-zu unterscheiden.
-</p>
-
-<p>
-Zum Judenviertel mußte die Gasse unbedingt gehören,
-denn die Fenster drüben waren sämtlich vermauert
-oder aus Simsen im Bau angedeutet, und nur
-im Ghetto kehren die Häuser einander so seltsam den
-Rücken.
-</p>
-
-<p>
-Vergebens quälte ich mich ab herauszubringen, was
-das wohl für ein sonderbares Bauwerk sein mochte, in
-dem ich mich befand.
-</p>
-
-<p>
-Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitentürmchen
-der griechischen Kirche sein? Oder gehörte es irgendwie
-zur Altneusynagoge?
-</p>
-
-<p>
-Die Umgebung stimmte nicht.
-</p>
-
-<p>
-Wieder sah ich mich im Zimmer um: nichts, was mir
-auch nur den kleinsten Aufschluß gegeben hätte. &mdash;
-Die Wände und Decke waren kahl, Bewurf und Kalk
-längst abgefallen und weder Nagellöcher, noch Nägel,
-die verraten hätten, daß der Raum einst bewohnt gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Der Boden lag fußhoch bedeckt mit Staub, als
-hätte ihn seit Jahrzehnten kein lebendes Wesen betreten.
-</p>
-
-<p>
-Das Gerümpel in der Ecke zu durchsuchen, ekelte ich
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-mich. Es lag in tiefer Finsternis, und ich konnte nicht
-unterscheiden, woraus es bestand.
-</p>
-
-<p>
-Dem äußern Eindruck nach schienen es Lumpen zu
-einem Knäuel geballt.
-</p>
-
-<p>
-Oder waren es ein paar alte, schwarze Handkoffer?
-</p>
-
-<p>
-Ich tastete mit dem Fuß hin, und es gelang mir, mit
-dem Absatz einen Teil davon in die Nähe des Lichtstreifens
-zu ziehen, den der Mond quer übers Zimmer
-warf. Es schien wie ein breites, dunkles Band, das sich
-da langsam aufrollte.
-</p>
-
-<p>
-Ein blitzender Punkt wie ein Auge!
-</p>
-
-<p>
-Ein Metallknopf vielleicht?
-</p>
-
-<p>
-Allmählich wurde mir klar: ein Ärmel von sonderbarem,
-altmodischem Schnitt hing da aus dem Bündel
-heraus.
-</p>
-
-<p>
-Und eine kleine weiße Schachtel oder dergleichen lag
-darunter, lockerte sich unter meinem Fuß und zerfiel
-in eine Menge fleckiger Schichten.
-</p>
-
-<p>
-Ich gab ihr einen leichten Stoß: Ein Blatt flog ins
-Helle.
-</p>
-
-<p>
-Ein Bild?
-</p>
-
-<p>
-Ich bückte mich: Ein Pagad?
-</p>
-
-<p>
-Was mir eine weiße Schachtel geschienen, war ein
-Tarokspiel.
-</p>
-
-<p>
-Ich hob es auf.
-</p>
-
-<p>
-Konnte es etwas Lächerlicheres geben: Ein Kartenspiel
-hier an diesem gespenstischen Ort!
-</p>
-
-<p>
-Merkwürdig, daß ich mich zum Lächeln zwingen
-mußte. Ein leises Gefühl von Grauen beschlich mich.
-</p>
-
-<p>
-Ich suchte nach einer banalen Erklärung, wie die
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-Karten wohl hierhergekommen sein könnten, und zählte
-dabei mechanisch das Spiel. Es war vollständig: 78 Stück.
-Aber schon während des Zählens fiel mir etwas auf:
-Die Blätter waren wie aus Eis.
-</p>
-
-<p>
-Eine lähmende Kälte ging von ihnen aus, und wie
-ich das Paket geschlossen in der Hand hielt, konnte ich es
-kaum mehr loslassen: so erstarrt waren meine Finger.
-Wieder haschte ich nach einer nüchternen Erklärung:
-</p>
-
-<p>
-Mein dünner Anzug, die lange Wanderung ohne
-Mantel und Hut in den unterirdischen Gängen, die
-grimmige Winternacht, die Steinwände, der entsetzliche
-Frost, der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinfloß:
-&mdash; sonderbar genug, daß ich erst jetzt anfing zu
-frieren. Die Erregung, in der ich mich die ganze Zeit
-befunden, mußte mich darüber hinweggetäuscht haben. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ein Schauer nach dem andern jagte mir über die
-Haut. Schicht um Schicht drangen sie tiefer, immer
-tiefer in meinen Körper ein.
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte mein Skelett zu Eis werden und wurde
-mir jedes einzelnen Knochen bewußt wie kalter Metallstangen,
-an denen mir das Fleisch festfror.
-</p>
-
-<p>
-Kein Umherlaufen half, kein Stampfen mit den
-Füßen und nicht das Schlagen mit den Armen. Ich biß
-die Zähne zusammen, um ihr Klappern nicht zu hören.
-</p>
-
-<p>
-Das ist der Tod, sagte ich mir, der dir die kalten Hände
-auf den Scheitel legt.
-</p>
-
-<p>
-Und ich wehrte mich wie ein Rasender gegen den betäubenden
-Schlaf des Erfrierens, der, wollig und erstickend,
-mich wie mit einem Mantel einhüllen kam.
-</p>
-
-<p>
-Die Briefe, in meiner Kammer, &mdash; <em>ihre</em> Briefe!
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-brüllte es in mir auf: man wird sie finden, wenn ich hier
-sterbe. Und sie hofft auf mich! Hat ihre Rettung in
-meine Hände gelegt! &mdash; Hilfe! &mdash; Hilfe! &mdash; Hilfe! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Und ich schrie durch das Fenstergitter hinunter auf die
-öde Gasse, daß es widerhallte: Hilfe, Hilfe, Hilfe!
-</p>
-
-<p>
-Warf mich zu Boden und sprang wieder auf. Ich
-durfte nicht sterben, durfte nicht! ihretwegen, nur ihretwegen!
-Und wenn ich Funken aus meinen Knochen
-schlagen sollte, um mich zu erwärmen.
-</p>
-
-<p>
-Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke, und
-ich stürzte darauf zu und zog sie mit schlotternden Händen
-über meine Kleider.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein zerschlissener Anzug aus dickem, dunklem
-Tuch von uraltmodischem, seltsamem Schnitt.
-</p>
-
-<p>
-Ein Geruch nach Moder ging von ihm aus.
-</p>
-
-<p>
-Dann kauerte ich mich in dem gegenüberliegenden
-Mauerwinkel zusammen und spürte meine Haut langsam,
-langsam wärmer werden. Nur das schauerliche
-Gefühl des eigenen, eisigen Gerippes in mir wollte
-nicht weichen. Regungslos saß ich da und ließ meine
-Augen wandern: die Karte, die ich zuerst gesehen, &mdash;
-der Pagad, &mdash; lag noch immer inmitten des Zimmers
-in dem Lichtstreifen.
-</p>
-
-<p>
-Unverwandt mußte ich sie anstarren.
-</p>
-
-<p>
-Sie schien, soweit ich auf die Entfernung hin erkennen
-konnte, in Wasserfarben ungeschickt von Kinderhand gemalt,
-und stellte den hebräischen Buchstaben Aleph dar,
-in Form eines Mannes, altfränkisch gekleidet, den grauen
-Spitzbart kurz geschnitten und den linken Arm erhoben,
-während der andere abwärts deutete.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-Hatte das Gesicht des Mannes nicht eine seltsame
-Ähnlichkeit mit meinem, dämmerte mir ein Verdacht
-auf? &mdash; Der Bart &mdash; er paßte so gar nicht zu einem
-Pagad, &mdash; &mdash; ich kroch auf die Karte zu und warf sie
-in die Ecke zu dem Rest des Gerümpels, um den quälenden
-Anblick los zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Dort lag sie jetzt und schimmerte &mdash; ein grauweißer,
-unbestimmter Fleck &mdash; zu mir herüber aus dem
-Dunkel.
-</p>
-
-<p>
-Mit Gewalt zwang ich mich zu überlegen, was ich zu
-beginnen hätte, um wieder in meine Wohnung zu
-kommen:
-</p>
-
-<p>
-Den Morgen abwarten! Unten die Vorübergehenden
-vom Fenster aus anrufen, damit sie mir von außen
-mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne heraufbrächten!
-&mdash; Ohne Licht die endlosen, sich ewig kreuzenden
-Gänge zurückfinden, würde mir nie gelingen, empfand
-ich als beklemmende Gewißheit. &mdash; Oder, falls das
-Fenster zu hoch läge, daß sich jemand vom Dach
-mit einem Strick &mdash; &mdash;? Gott im Himmel, wie ein
-Blitzstrahl durchfuhr es mich: jetzt wußte ich, wo ich
-war: Ein Zimmer ohne Zugang &mdash; nur mit einem
-vergitterten Fenster &mdash; das altertümliche Haus in der
-Altschulgasse, das jeder mied! &mdash; schon einmal vor
-vielen Jahren hatte sich ein Mensch an einem Strick
-vom Dach herabgelassen, um durchs Fenster zu schauen,
-und der Strick war gerissen und &mdash; Ja: ich war in
-dem Haus, in dem der gespenstische Golem jedesmal
-verschwand!
-</p>
-
-<p>
-Ein tiefes Grauen, gegen das ich mich vergeblich
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-wehrte, das ich nicht einmal mehr durch die Erinnerung
-an die Briefe niederkämpfen konnte, lähmte jedes
-Weiterdenken, und mein Herz fing an, sich zu krampfen.
-</p>
-
-<p>
-Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen, es sei nur
-der Wind, der da so eisig aus der Ecke herüberwehte,
-sagte es mir vor, schneller und schneller, mit pfeifendem
-Atem &mdash; es half nicht mehr: dort drüben der weißliche
-Fleck &mdash; die Karte &mdash; sie quoll auf zu blasigen Klumpen,
-tastete sich hin zum Rande des Mondstreifens und kroch
-wieder zurück in die Finsternis. &mdash; Tropfende Laute &mdash;
-halb gedacht, geahnt, halb wirklich &mdash; im Raum und doch
-außerhalb um mich herum und doch anderswo, &mdash; tief
-im eigenen Herzen und wieder mitten im Zimmer &mdash;
-erwachten: Geräusche, wie wenn ein Zirkel fällt und mit
-der Spitze im Holz stecken bleibt!
-</p>
-
-<p>
-Immer wieder: Der weißliche Fleck &mdash; &mdash; &mdash; der
-weißliche Fleck &mdash; &mdash;! Eine Karte, eine erbärmliche,
-dumme, alberne Spielkarte ist es, schrie ich mir ins Hirn
-hinein &mdash; &mdash; &mdash; umsonst &mdash; &mdash; jetzt hat er sich dennoch &mdash;
-dennoch Gestalt erzwungen &mdash; der Pagad &mdash; und hockt
-in der Ecke und stiert herüber zu mir mit <em>meinem
-eigenen Gesicht</em>.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Stunden und Stunden kauerte ich da &mdash; unbeweglich
-&mdash; in meinem Winkel, ein frosterstarrtes Gerippe in
-fremden, modrigen Kleidern! &mdash; Und er drüben: ich
-selbst.
-</p>
-
-<p>
-Stumm und regungslos.
-</p>
-
-<p>
-So starrten wir uns in die Augen &mdash; einer das gräßliche
-Spiegelbild des andern. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-Ob er es auch sieht, wie sich die Mondstrahlen mit
-schneckenhafter Trägheit über den Boden hinsaugen und
-wie Zeiger eines unsichtbaren Uhrwerks in der Unendlichkeit
-die Wand emporkriechen und fahler und fahler
-werden? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm
-nichts, daß er sich auflösen wollte in dem Morgendämmerschein,
-der ihm vom Fenster her zu Hilfe kam.
-</p>
-
-<p>
-Ich hielt ihn fest.
-</p>
-
-<p>
-Schritt vor Schritt habe ich mit ihm gerungen um
-mein Leben &mdash; um das Leben, das mein ist, weil es nicht
-mehr mir gehört. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Und wie er kleiner und kleiner wurde und sich bei
-Tagesgrauen wieder in sein Kartenblatt verkroch, da
-stand ich auf, ging hinüber zu ihm und steckte ihn in die
-Tasche &mdash; den Pagad.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Immer noch war die Gasse unten öd und menschenleer.
-</p>
-
-<p>
-Ich durchstöberte die Zimmerecke, die jetzt im stumpfen
-Morgenlichte lag: Scherben, dort eine rostige Pfanne,
-morsche Fetzen, ein Flaschenhals. Tote Dinge und
-doch so merkwürdig bekannt.
-</p>
-
-<p>
-Und auch die Mauern &mdash; wie die Risse und Sprünge
-darin deutlich wurden &mdash; wo hatte ich sie nur gesehen?
-</p>
-
-<p>
-Ich nahm das Kartenpäckchen zur Hand &mdash; es dämmerte
-mir auf: hatte ich die nicht einst selbst bemalt?
-Als Kind? Vor langer, langer Zeit?
-</p>
-
-<p>
-Es war ein uraltes Tarokspiel. Mit hebräischen
-Zeichen. &mdash; Nummer 12 muß der &bdquo;Gehenkte&ldquo; sein, überkam&rsquo;s
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-mich wie halbe Erinnerung. &mdash; Mit dem Kopf
-abwärts? Die Arme auf dem Rücken? &mdash; Ich blätterte
-nach: Da! Da war er.
-</p>
-
-<p>
-Dann wieder, halb Traum, halb Gewißheit, tauchte
-ein Bild vor mir auf: Ein geschwärztes Schulhaus,
-bucklig, schief, ein mürrisches Hexengebäude, die linke
-Schulter hochgezogen, die andere mit einem Nebenhaus
-verwachsen. &mdash; &mdash; &mdash; Wir sind mehrere halbwüchsige
-Jungen &mdash; ein verlassener Keller ist irgendwo &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Dann sah ich an meinem Körper herab und wurde
-wieder irre: Der altmodische Anzug war mir völlig
-fremd. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Der Lärm eines holpernden Karrens schreckte mich
-auf, doch wie ich hinabblickte: Keine Menschenseele.
-Nur ein Fleischerhund stand versonnen an einem Eckstein.
-</p>
-
-<p>
-Da! Endlich! Stimmen! menschliche Stimmen!
-</p>
-
-<p>
-Zwei alte Weiber kamen langsam die Straße dahergetrottet,
-und ich zwängte den Kopf halb durch das
-Gitter und rief sie an.
-</p>
-
-<p>
-Mit offenem Mund glotzten sie in die Höhe und berieten
-sich. Aber als sie mich sahen, stießen sie ein gellendes
-Geschrei aus und liefen davon.
-</p>
-
-<p>
-Sie haben mich für den Golem gehalten, begriff ich.
-</p>
-
-<p>
-Und ich erwartete, daß ein Zusammenlauf von Menschen
-entstehen würde, denen ich mich verständlich machen
-könnte, aber wohl eine Stunde verging, und nur hie
-und da spähte unten vorsichtig ein blasses Gesicht herauf
-zu mir, um sofort in Todesschreck wieder zurückzufahren.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-Sollte ich warten, bis vielleicht nach Stunden oder
-gar erst morgen Polizisten kamen &mdash; die Staatsfalotten,
-wie Zwakh sie zu nennen pflegte?
-</p>
-
-<p>
-Nein, lieber wollte ich einen Versuch machen, die
-unterirdischen Gänge ein Stück weit auf ihre Richtung
-hin zu untersuchen.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein
-eine Spur von Licht hinab?
-</p>
-
-<p>
-Ich kletterte die Leiter hinunter, setzte den Weg, den
-ich gestern gekommen war, fort &mdash; über ganze Halden
-zerbrochener Ziegelsteine und durch versunkene Keller &mdash;
-erklomm eine Treppenruine und stand plötzlich &mdash; &mdash;
-im Hausflur des <em>schwarzen Schulhauses</em>, das ich
-vorhin wie im Traum gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Sofort stürzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf
-mich ein: Bänke, bespritzt mit Tinte von oben bis unten,
-Rechenhefte, plärrender Gesang, ein Junge, der Maikäfer
-in der Klasse losläßt, Lesebücher mit zerquetschten
-Butterbroten darin und Geruch nach Orangeschalen.
-Jetzt wußte ich mit Gewißheit: Ich war einst als Knabe
-hier gewesen. &mdash; Aber ich ließ mir keine Zeit nachzudenken
-und eilte heim.
-</p>
-
-<p>
-Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete,
-war ein verwachsener alter Jude mit weißen
-Schläfenlocken. Kaum hatte er mich erblickt, bedeckte er
-sein Gesicht mit den Händen und heulte laut hebräische
-Gebete herunter.
-</p>
-
-<p>
-Auf den Lärm hin mußten wahrscheinlich viele Leute
-aus ihren Höhlen gestürzt sein, denn es brach ein unbeschreibliches
-Gezeter hinter mir los. Ich drehte mich um
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-und sah ein wimmelndes Heer totenblasser, entsetzenverzerrter
-Gesichter sich mir nachwälzen.
-</p>
-
-<p>
-Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand: &mdash;
-ich trug noch immer die seltsam mittelalterlichen Kleider
-von nachts her über meinem Anzug, und die Leute
-glaubten, den &bdquo;Golem&ldquo; vor sich zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und riß
-mir die modrigen Fetzen vom Leibe.
-</p>
-
-<p>
-Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen
-Stöcken und geifernden Mäulern schreiend an mir vorüber.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-Licht
-</h2>
-
-<p class="first">
-Einige Male im Laufe des Tages hatte ich an Hillels
-Türe geklopft; &mdash; es ließ mir keine Ruhe: ich mußte
-ihn sprechen und fragen, was alle diese seltsamen Erlebnisse
-bedeuteten; aber immer hieß es, er sei noch
-nicht zu Hause.
-</p>
-
-<p>
-Sowie er heimkäme vom jüdischen Rathaus, wollte
-mich seine Tochter sofort verständigen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ein sonderbares Mädchen übrigens, diese Mirjam!
-</p>
-
-<p>
-Ein Typus, wie ich ihn noch nie gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Eine Schönheit, so fremdartig, daß man sie im ersten
-Moment gar nicht fassen kann, &mdash; eine Schönheit, die
-einen stumm macht, wenn man sie ansieht, und ein
-unerklärliches Gefühl, so etwas, wie leise Mutlosigkeit
-in einem erweckt.
-</p>
-
-<p>
-Nach Proportionsgesetzen, die seit Jahrtausenden verloren
-gegangen sein müssen, ist dieses Gesicht geformt,
-grübelte ich mir zurecht, wie ich es so im Geiste wieder
-vor mir sah.
-</p>
-
-<p>
-Und ich dachte nach, welchen Edelstein ich wählen
-müßte, um es als Gemme festzuhalten und dabei den
-künstlerischen Ausdruck richtig zu wahren: Schon an dem
-rein Äußerlichen; dem blauschwarzen Glanz des Haares
-und der Augen, der alles übertraf, worauf ich auch riet,
-scheiterte es. &mdash; Wie erst die unirdische Schmalheit des
-Gesichtes sinn- und visionsgemäß in eine Kamee bannen,
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-ohne sich in die stumpfsinnige Ähnlichkeitsmacherei der
-kanonischen &bdquo;Kunst&ldquo;richtung festzurennen!
-</p>
-
-<p>
-Nur durch ein Mosaik ließ es sich lösen, erkannte
-ich klar, aber was für Material wählen? Ein Menschenleben
-gehörte dazu, das passende zusammen zu
-finden. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wo nur Hillel blieb!
-</p>
-
-<p>
-Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben, alten
-Freunde.
-</p>
-
-<p>
-Merkwürdig, wie er mir in den wenigen Tagen &mdash;
-und ich hatte ihn doch, genau genommen, nur ein einziges
-Mal im Leben gesprochen, &mdash; ins Herz gewachsen
-war.
-</p>
-
-<p>
-Ja, richtig: die Briefe &mdash; <em>ihre</em> Briefe wollte ich doch
-besser verstecken. Zu meiner Beruhigung, falls ich wieder
-einmal länger von zu Hause fort sein sollte.
-</p>
-
-<p>
-Ich nahm sie aus der Truhe: &mdash; in der Kassette würden
-sie sicherer aufbewahrt sein.
-</p>
-
-<p>
-Eine Photographie glitt zwischen den Briefen heraus.
-Ich wollte nicht hinschauen, aber es war zu spät.
-</p>
-
-<p>
-Den Brokatstoff um die bloßen Schultern gelegt &mdash;
-so wie ich &sbquo;sie&lsquo; das erste Mal gesehen, als sie in mein
-Zimmer flüchtete aus Saviolis Atelier &mdash; blickte sie mir
-in die Augen.
-</p>
-
-<p>
-Ein wahnsinniger Schmerz bohrte sich in mich ein.
-Ich las die Widmung unter dem Bilde, ohne die Worte
-zu erfassen, und den Namen:
-</p>
-
-<p>
-Deine <em>Angelina</em>.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<em>Angelina!!!</em>
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-Wie ich den Namen aussprach, zerriß der Vorhang,
-der meine Jugendjahre vor mir verbarg, von oben bis
-unten.
-</p>
-
-<p>
-Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu müssen.
-Ich krallte die Finger in die Luft und winselte, &mdash; biß
-mich in die Hand: &mdash; &mdash; nur wieder blind sein, Gott im
-Himmel, &mdash; den Scheintod weiter leben, wie bisher,
-flehte ich.
-</p>
-
-<p>
-Das Weh stieg mir in den Mund. &mdash; Quoll. &mdash;
-Schmeckte seltsam süß, &mdash; wie Blut. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Angelina!!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Der Name kreiste in meinen Adern und wurde &mdash; zu
-unerträglicher gespenstischer Liebkosung.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem gewaltsamen Ruck riß ich mich zusammen
-und zwang mich &mdash; mit knirschenden Zähnen &mdash; das
-Bild anzustarren, bis ich langsam Herr darüber wurde!
-</p>
-
-<p>
-<em>Herr</em> darüber!
-</p>
-
-<p>
-Wie heute nacht über das Kartenblatt.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Endlich: Schritte! Männertritte.
-</p>
-
-<p>
-Er kam!
-</p>
-
-<p>
-Voll Jubel eilte ich zur Tür und riß sie auf.
-</p>
-
-<p>
-Schemajah Hillel stand draußen und hinter ihm &mdash;
-ich machte mir leise Vorwürfe, daß ich es als Enttäuschung
-empfand &mdash; mit roten Bäckchen und runden Kinderaugen:
-der alte Zwakh.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie ich zu meiner Freude sehe, sind Sie wohlauf,
-Meister Pernath&ldquo;, fing Hillel an.
-</p>
-
-<p>
-Ein kaltes &bdquo;Sie&ldquo;?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-Frost. Schneidender, ertötender Frost lag plötzlich im
-Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Betäubt, mit halbem Ohr, hörte ich hin, was Zwakh,
-atemlos vor Aufregung, auf mich losplapperte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie schon, der Golem geht wieder um? Neulich
-erst sprachen wir davon, wissen Sie noch, Pernath?
-Die ganze Judenstadt ist auf. Vrieslander hat ihn selbst
-gesehen, den Golem. Und wieder hat es, wie immer,
-mit einem Mord begonnen&ldquo; &mdash; Ich horchte erstaunt
-auf: Ein Mord?
-</p>
-
-<p>
-Zwakh schüttelte mich: &bdquo;Ja, wissen Sie denn von
-gar nichts, Pernath? Unten hängt doch großmächtig
-ein Polizeiaufruf an den Ecken: den dicken Zottmann,
-den &sbquo;Freimaurer&lsquo; &mdash; na, ich meine doch den Lebensversicherungsdirektor
-Zottmann &mdash; soll man ermordet
-haben. Der Loisa &mdash; hier im Haus &mdash; ist bereits verhaftet.
-Und die rote Rosina: spurlos verschwunden.
-&mdash; Der Golem &mdash; der Golem &mdash; es ist ja haarsträubend.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich gab keine Antwort und suchte in Hillels Augen:
-warum blickte er mich so unverwandt an?
-</p>
-
-<p>
-Ein verhaltenes Lächeln zuckte plötzlich um seine
-Mundwinkel.
-</p>
-
-<p>
-Ich verstand. Es galt mir.
-</p>
-
-<p>
-Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen vor
-jauchzender Freude.
-</p>
-
-<p>
-Außer mir in meinem Entzücken, lief ich planlos im
-Zimmer umher. Was zuerst bringen? Gläser? Eine
-Flasche Burgunder? (Ich hatte doch nur eine.) Zigarren?
-&mdash; Endlich fand ich Worte: &bdquo;Aber warum setzt ihr euch
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-denn nicht!?&ldquo; &mdash; Rasch schob ich meinen beiden Freunden
-Sessel unter. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Zwakh fing an, sich zu ärgern: &bdquo;Warum lächeln Sie
-denn immerwährend, Hillel? Glauben Sie vielleicht
-nicht, daß der Golem spukt? Mir scheint, Sie glauben
-überhaupt nicht an den Golem?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich würde nicht an ihn glauben, selbst wenn ich ihn
-hier im Zimmer vor mir sähe&ldquo;, antwortete Hillel gelassen
-mit einem Blick auf mich. &mdash; Ich verstand den
-Doppelsinn, der aus seinen Worten klang.
-</p>
-
-<p>
-Zwakh hielt erstaunt im Trinken inne: &bdquo;Das Zeugnis
-von hunderten Menschen gilt Ihnen nichts, Hillel? &mdash;
-Aber warten Sie nur, Hillel, denken Sie an meine
-Worte: Mord auf Mord wird es jetzt in der Judenstadt
-geben! Ich kenne das. Der Golem zieht eine unheimliche
-Gefolgschaft hinter sich her.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Häufung gleichartiger Ereignisse ist nichts
-Wunderbares&ldquo;, erwiderte Hillel. Er sprach es im Gehen,
-trat ans Fenster und blickte durch die Scheiben hinab
-auf den Trödlerladen &mdash; &bdquo;Wenn der Tauwind weht,
-rührt sich&rsquo;s in den Wurzeln. In den süßen, wie in den
-giftigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zwakh zwinkerte mir lustig zu und deutete mit dem
-Kopf nach Hillel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn der Rabbi nur reden wollte, der könnte uns
-Dinge erzählen, daß einem die Haare zu Berge stünden,&ldquo;
-warf er halblaut hin.
-</p>
-
-<p>
-Schemajah drehte sich um.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin nicht &sbquo;Rabbi&lsquo;, wenn ich auch den Titel tragen
-darf. Ich bin nur ein armseliger Archivar im jüdischen
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-Rathaus und führe die Register &mdash; über die Lebendigen
-und die Toten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine verborgene Bedeutung lag in seiner Rede,
-fühlte ich. Auch der Marionettenspieler schien es unterbewußt
-zu empfinden, &mdash; er wurde still und eine Zeitlang
-sprach keiner von uns ein Wort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hören Sie mal, Rabbi &mdash;, verzeihen Sie: &sbquo;Herr
-Hillel&lsquo;, wollte ich sagen,&ldquo; &mdash; fing Zwakh nach einer
-Weile wieder an, und seine Stimme klang auffallend
-ernst, &bdquo;ich wollte Sie schon lange etwas fragen. Sie
-brauchen mir ja nicht drauf zu antworten, wenn Sie
-nicht mögen, oder nicht dürfen &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schemajah trat an den Tisch und spielte mit dem
-Weinglas &mdash; er trank nicht; vielleicht verbot es ihm das
-jüdische Ritual.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fragen Sie ruhig, Herr Zwakh.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; &mdash; Wissen Sie etwas über die jüdische Geheimlehre,
-die Kabbala, Hillel?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur wenig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe gehört, es soll ein Dokument geben, aus
-dem man die Kabbala lernen kann: den &sbquo;Sohar&lsquo; &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, den Sohar, &mdash; das Buch des Glanzes.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehen Sie, da hat man&rsquo;s&ldquo;, schimpfte Zwakh los.
-&bdquo;Ist es nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, daß
-eine Schrift, die angeblich die Schlüssel zum Verständnis
-der Bibel und zur Glückseligkeit enthält &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hillel unterbrach ihn: &bdquo;&mdash; nur einige Schlüssel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut, immerhin einige! &mdash; also, daß diese Schrift
-infolge ihres hohen Wertes und ihrer Seltenheit wieder
-nur den Reichen zugänglich ist? In einem einzigen
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Exemplar, das noch dazu im Londoner Museum steckt,
-wie ich mir habe erzählen lassen? Und überdies chaldäisch,
-aramäisch, hebräisch &mdash; oder was weiß ich wie &mdash;
-geschrieben? &mdash; Habe <em>ich</em> zum Beispiel je im Leben
-Gelegenheit gehabt, diese Sprachen zu lernen oder nach
-London zu kommen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie denn alle Ihre Wünsche so heiß auf
-dieses Ziel gerichtet?&ldquo; fragte Hillel mit leisem Spott.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Offen gestanden &mdash; nein&ldquo;, gab Zwakh einigermaßen
-verwirrt zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann sollten Sie sich nicht beklagen,&ldquo; sagte Hillel
-trocken, &bdquo;wer nicht nach dem Geist schreit mit allen Atomen
-seines Leibes, &mdash; wie ein Erstickender nach Luft, &mdash; der
-kann die Geheimnisse Gottes nicht schauen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es sollte trotzdem ein Buch geben, in dem sämtliche
-Schlüssel zu den Rätseln der anderen Welt stehen,
-nicht nur einige&ldquo;, schoß es mir durch den Kopf, und
-meine Hand spielte automatisch mit dem Pagad, den ich
-immer noch in der Tasche trug, aber ehe ich die Frage
-in Worte kleiden konnte, hatte Zwakh sie bereits ausgesprochen.
-</p>
-
-<p>
-Hillel lächelte wieder sphinxhaft: &bdquo;<em>Jede Frage,
-die ein Mensch tun kann, ist im selben Augenblick
-beantwortet, wo er sie geistig gestellt
-hat.</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verstehen <em>Sie</em>, was er damit meint?&ldquo;, wandte sich
-Zwakh an mich.
-</p>
-
-<p>
-Ich gab keine Antwort und hielt den Atem an, um
-kein Wort von Hillels Rede zu verlieren.
-</p>
-
-<p>
-Schemajah fuhr fort:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-&bdquo;Das ganze Leben ist <em>nichts</em> anderes als formgewordene
-Fragen, die den Keim der Antwort in sich
-tragen &mdash; und Antworten, die schwanger gehen mit
-Fragen. Wer irgend etwas anderes darin sieht, ist ein
-Narr.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zwakh schlug mit der Faust auf den Tisch:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl: Fragen, die jedesmal anders lauten, und
-Antworten, die jeder anders versteht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gerade <em>darauf</em> kommt es an,&ldquo; sagte Hillel freundlich.
-&bdquo;Alle Menschen über <em>einen</em> Löffel zu &mdash; kurieren,
-ist lediglich Vorrecht der Ärzte. Der Fragende erhält
-<em>die</em> Antwort, die ihm not tut: sonst ginge nicht die Kreatur
-den Weg ihrer Sehnsucht. Glauben Sie denn,
-unsere jüdischen Schriften sind bloß aus Willkür nur in
-Konsonanten geschrieben? &mdash; Jeder hat <em>sich selbst</em> die
-geheimen Vokale dazu zu finden, die ihm den nur für
-ihn allein bestimmten Sinn erschließen, &mdash; soll nicht das
-lebendige Wort zum toten Dogma erstarren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Marionettenspieler wehrte heftig ab:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das sind <em>Worte</em>, Rabbi, <em>Worte</em>! Pagad ultimo
-will ich heißen, wenn ich daraus klug werde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<em>Pagad!!</em> &mdash; Das Wort schlug in mich ein wie der
-Blitz. Ich fiel vor Entsetzen beinahe vom Stuhl.
-</p>
-
-<p>
-Hillel wich meinen Augen aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pagad ultimo? Wer weiß, ob Sie nicht wirklich so
-heißen, Herr Zwakh!&ldquo; &mdash; schlug Hillels Rede wie aus
-weiter Ferne an mein Ohr. &bdquo;Man soll seiner Sache
-niemals allzu sicher sein. &mdash; Übrigens, da wir gerade
-von Karten sprechen: Herr Zwakh, spielen Sie Tarok?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Tarok? Natürlich. Von Kindheit an.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-&bdquo;Dann wundert&rsquo;s mich, wieso Sie nach einem Buche
-fragen können, in dem die ganze Kabbala steht, wo Sie
-es doch selbst tausende Male in der Hand gehabt haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich? In der Hand gehabt? Ich?&ldquo; &mdash; Zwakh griff
-sich an den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl, <em>Sie</em>! Ist es Ihnen niemals aufgefallen,
-daß das Tarokspiel zweiundzwanzig Trümpfe hat, &mdash;
-genau so viel, wie das hebräische Alphabet Buchstaben?
-Zeigen unsere böhmischen Karten nicht zum Überfluß
-noch Bilder dazu, die offenkundig Symbole sind: Der
-Narr, der Tod, der Teufel, das letzte Gericht? &mdash; Wie
-laut, lieber Freund, wollen Sie eigentlich, daß Ihnen
-das Leben die Antworten in die Ohren schreien soll?
-&mdash; &mdash; Was Sie allerdings nicht zu wissen brauchen, ist,
-daß &sbquo;<span class="antiqua">tarok</span>&lsquo; oder &sbquo;<span class="antiqua">Tarot</span>&lsquo; soviel bedeutet wie das jüdische
-&sbquo;<span class="antiqua">Tora</span>&lsquo; = das Gesetz, oder das altägyptische &sbquo;<span class="antiqua">Tarut</span>&lsquo; =
-&sbquo;die Befragte&lsquo;, und in der uralten Zendsprache das Wort:
-&sbquo;<span class="antiqua">tarisk</span>&lsquo; = &sbquo;ich verlange die Antwort&lsquo;. &mdash; Aber die Gelehrten
-sollten es wissen, bevor sie die Behauptung aufstellen,
-das Tarok stamme aus der Zeit Karls des Sechsten.
-&mdash; Und so, wie der Pagad die erste Karte im Spiel
-ist, so ist der Mensch die erste Figur in seinem eignen
-Bilderbuch, sein eigner Doppelgänger: &mdash; &mdash; der hebräische
-Buchstabe Aleph, der, nach der Form des Menschen
-gebaut, mit der einen Hand zum Himmel zeigt
-und mit der andern abwärts: das heißt also: &sbquo;So wie es
-oben ist, ist es auch unten; so wie es unten ist, ist es auch
-oben&lsquo;. &mdash; Darum sagte ich vorhin: Wer weiß, ob Sie
-wirklich Zwakh heißen und nicht: &sbquo;Pagad&lsquo; &mdash; Berufen
-Sie&rsquo;s nicht,&ldquo; &mdash; Hillel blickte mich dabei unverwandt
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-an, und ich ahnte, wie sich unter seinen Worten ein
-Abgrund immer neuer Bedeutungen auftat &mdash; &bdquo;berufen
-Sie&rsquo;s nicht, Herr Zwakh! <em>Man kann da in finstere
-Gänge geraten</em>, aus denen noch keiner zurückfand,
-der nicht &mdash; <em>einen Talisman bei sich trug</em>. Die
-Überlieferung erzählt, daß einmal drei Männer hinabgestiegen
-seien ins Reich der Dunkelheit, der eine wurde
-wahnsinnig, der zweite blind, nur der dritte, Rabbi ben
-Akiba, kam heil wieder heim und sagte, er sei sich selbst
-begegnet. Schon so mancher, werden Sie sagen, ist
-sich selbst begegnet, z. B. Goethe, gewöhnlich auf einer
-Brücke, oder sonst einem Steig, der von einem Ufer
-eines Flusses zum andern führt, &mdash; hat sich selbst ins
-Auge geblickt und ist <em>nicht</em> wahnsinnig geworden. Aber
-dann war&rsquo;s eben nur eine Spiegelung des eigenen Bewußtseins
-und nicht der wahre Doppelgänger: nicht
-das, was man &sbquo;den Hauch der Knochen&lsquo;, den &sbquo;Habal
-Garmin&lsquo; nennt, von dem es heißt: <em>Wie er in die
-Grube fuhr, unverweslich, im Gebein, so
-wird er auferstehen am Tage des letzten Gerichts.</em>&ldquo;
-&mdash; Hillels Blick bohrte sich immer tiefer in
-meine Augen &mdash; &bdquo;Unsere Großmütter sagen von ihm:
-&sbquo;<em>er wohnt</em> hoch über der Erde <em>in einem Zimmer
-ohne Türe, nur mit einem Fenster</em>, von dem
-aus eine Verständigung mit den Menschen unmöglich
-ist. Wer ihn zu bannen und zu &mdash; &mdash; verfeinern versteht,
-der wird gut Freund mit sich selbst.&lsquo; &mdash; &mdash; &mdash;
-Was schließlich das Tarok betrifft, so wissen Sie so gut
-wie ich: für jeden Spieler liegen die Karten anders,
-wer aber die Trümpfe richtig verwendet, der gewinnt
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-die Partie &mdash; &mdash; &mdash;. Aber kommen Sie jetzt, Herr
-Zwakh! Gehen wir, Sie trinken sonst Meister Pernaths
-ganzen Wein aus, und es bleibt nichts mehr übrig für
-ihn selbst.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-Not
-</h2>
-
-<p class="first">
-Eine Flockenschlacht tobte vor meinem Fenster. Regimenterweise
-jagten die Schneesterne &mdash; winzige Soldaten
-in weißen, zottigen Mäntelchen &mdash; hintereinander
-her an den Scheiben vorüber &mdash; minutenlang &mdash; immer
-in derselben Richtung, wie auf gemeinsamer Flucht vor
-einem ganz besonders bösartigen Gegner. Dann hatten
-sie das Davonlaufen mit einem Mal dick satt, schienen
-aus rätselhaften Gründen einen Wutanfall zu bekommen
-und sausten wieder zurück, bis ihnen von oben und unten
-neue feindliche Armeen in die Flanken fielen und alles
-in ein heilloses Gewirbel auflösten.
-</p>
-
-<p>
-Monate schien mir zurückzuliegen, was ich an Seltsamem
-erst vor kurzem erlebt hatte, und wären nicht
-täglich einigemal immer neue krause Gerüchte über den
-Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch aufleben
-ließen, ich glaube, ich hätte mich in Augenblicken
-des Zweifels verdächtigen können, das Opfer eines
-seelischen Dämmerzustandes gewesen zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Aus den bunten Arabesken, die die Ereignisse um mich
-gewoben, stach mit schreienden Farben hervor, was mir
-Zwakh über den noch immer unaufgeklärten Mord an
-dem sogenannten &bdquo;Freimaurer&ldquo; erzählt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang
-zu bringen, wollte mir nicht recht einleuchten, obwohl
-ich einen dunklen Verdacht nicht abschütteln konnte, &mdash;
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener Nacht aus
-dem Kanalgitter ein unheimliches Geräusch gehört zu
-haben geglaubt, hatten wir den Burschen beim &bdquo;Loisitschek&ldquo;
-gesehen. Allerdings lag kein Anlaß vor, den Schrei
-unter der Erde, der überdies geradesogut eine Sinnestäuschung
-gewesen sein konnte, als Hilferuf eines Menschen
-zu deuten. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Das Schneegestöber vor meinen Augen blendete mich,
-und ich fing an, alles in tanzenden Streifen zu sehen.
-Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Gemme
-vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams Gesicht
-entworfen hatte, mußte sich vortrefflich auf den
-bläulich leuchtenden Mondstein da übertragen lassen. &mdash;
-Ich freute mich: es war ein angenehmer Zufall, daß ich
-etwas so Geeignetes unter meinem Mineralienvorrat
-gefunden hatte. Die tiefschwarze Matrix von Hornblende
-gab dem Stein gerade das richtige Licht, und die
-Konturen paßten so genau, als habe ihn die Natur
-eigens erschaffen, ein bleibendes Abbild von Mirjams
-feinem Profil zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Anfangs war meine Absicht gewesen, eine Kamee
-daraus zu schneiden, die den ägyptischen Gott Osiris
-darstellen sollte, und die Vision des Hermaphroditen
-aus dem Buche Ibbur, die ich mir jederzeit mit auffallender
-Deutlichkeit ins Gedächtnis zurückrufen konnte,
-regte mich künstlerisch stark dazu an, aber allmählich entdeckte
-ich nach den ersten Schnitten eine solche Ähnlichkeit
-mit der Tochter Schemajah Hillels, daß ich meinen
-Plan umstieß. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das Buch Ibbur! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-Erschüttert legte ich den Stahlgriffel weg. Unfaßbar, was
-in der kurzen Spanne Zeit in mein Leben getreten war!
-</p>
-
-<p>
-Wie jemand, der sich plötzlich in eine unabsehbare
-Sandwüste versetzt sieht, wurde ich mir mit einem Schlage
-der tiefen, riesengroßen Einsamkeit bewußt, die mich von
-meinen Nebenmenschen trennte.
-</p>
-
-<p>
-Konnte ich je mit einem Freund &mdash; Hillel ausgenommen
-&mdash; davon reden, was ich erlebt?
-</p>
-
-<p>
-Wohl war mir in den stillen Stunden der verflossenen
-Nächte die Erinnerung wiedergekehrt, daß mich all
-meine Jugendjahre &mdash; von früher Kindheit angefangen
-&mdash; ein unsagbarer Durst nach dem Wunderbaren, dem
-jenseits aller Sterblichkeit Liegenden, bis zur Todespein
-gefoltert hatte, aber die Erfüllung meiner Sehnsucht
-war wie ein Gewittersturm gekommen und erdrückte
-den Jubelaufschrei meiner Seele mit ihrer Wucht.
-</p>
-
-<p>
-Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst
-kommen und das Geschehene in seiner vollen, markverbrennenden
-Lebendigkeit als <em>Gegenwart</em> empfinden
-mußte.
-</p>
-
-<p>
-Nur jetzt sollte es noch nicht kommen! Erst den Genuß
-auskosten: Unaussprechliches an Glanz auf sich zukommen
-zu sehen!
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur
-hinüberzugehen in mein Schlafzimmer und die Kassette
-aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das Geschenk der
-Unsichtbaren, lag!
-</p>
-
-<p>
-Wie lang war&rsquo;s her, da hatte es meine Hand berührt,
-als ich Angelinas Briefe dazuschloß!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-Dumpfes Dröhnen draußen, wie von Zeit zu Zeit
-der Wind die angehäuften Schneemassen von den Dächern
-hinab vor die Häuser warf, gefolgt von Pausen tiefer
-Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut
-verschlang.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte weiterarbeiten, &mdash; da plötzlich stahlscharfe
-Hufschläge unten die Gasse entlang, daß man&rsquo;s förmlich
-Funken sprühen sah.
-</p>
-
-<p>
-Das Fenster zu öffnen und hinauszuschauen war unmöglich:
-Muskeln aus Eis verbanden seine Ränder mit
-dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur Hälfte
-weiß verweht. Ich sah nur, daß Charousek scheinbar
-ganz friedlich neben dem Trödler Wassertrum stand &mdash;
-sie mußten soeben ein Gespräch mitsammen geführt
-haben &mdash; sah, wie die Verblüffung, die sich in ihrer
-beider Mienen malte, wuchs und sie sprachlos offenbar
-den Wagen, der meinen Blicken entzogen war, anstarrten.
-</p>
-
-<p>
-Angelinas Gatte ist es, fuhr es mir durch den Kopf.
-&mdash; Sie selbst konnte es nicht sein! Mit ihrer Equipage
-hier bei mir vorzufahren, &mdash; in der Hahnpaßgasse! &mdash;
-vor aller Leute Augen! Es wäre hellichter Wahnsinn
-gewesen. &mdash; Aber was sollte ich ihrem Gatten sagen,
-wenn er&rsquo;s wäre und mich auf den Kopf zu fragte?
-</p>
-
-<p>
-Leugnen, natürlich leugnen.
-</p>
-
-<p>
-Hastig legte ich mir die Möglichkeiten zurecht: es kann
-nur ihr Gatte sein. Er hat einen anonymen Brief bekommen,
-&mdash; von Wassertrum &mdash; daß sie hier gewesen
-sei zu einem Rendezvous, und sie hat eine Ausrede gebraucht:
-wahrscheinlich, daß sie eine Gemme oder sonst
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-etwas bei mir bestellt habe. &mdash; &mdash; &mdash; Da! wütendes
-Klopfen an meiner Tür und &mdash; Angelina stand vor
-mir.
-</p>
-
-<p>
-Sie konnte kein Wort hervorbringen, aber der Ausdruck
-ihres Gesichtes verriet mir alles: sie brauchte sich
-nicht mehr zu verstecken. Das Lied war aus.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch lehnte sich irgendetwas in mir auf gegen
-diese Annahme. Ich brachte es nicht fertig, zu glauben,
-daß das Gefühl, ihr helfen zu können, mich belogen haben
-sollte.
-</p>
-
-<p>
-Ich führte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr
-stumm das Haar; und sie verbarg todmüde wie ein Kind
-ihren Kopf an meiner Brust.
-</p>
-
-<p>
-Wir hörten das Knistern der brennenden Scheite im
-Ofen und sahen, wie der rote Schein über die Dielen
-huschte, aufflammte und erlosch &mdash; aufflammte und
-erlosch &mdash; aufflammte und erlosch &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo ist das Herz aus rotem Stein &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo; klang
-es in meinem Innern. Ich fuhr auf: wo bin ich! Wie
-lang sitzt sie schon hier?
-</p>
-
-<p>
-Und ich forschte sie aus, &mdash; vorsichtig, leise, ganz leise,
-daß sie nicht aufwache und ich mit der Sonde die schmerzende
-Wunde nicht berühre.
-</p>
-
-<p>
-Bruchstückweise erfuhr ich, was ich zu wissen brauchte,
-und setzte es mir zusammen wie ein Mosaik:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihr Gatte weiß &mdash; &mdash;?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, noch nicht; er ist verreist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Also um Dr. Saviolis Leben drehte sich&rsquo;s; &mdash; Charousek
-hatte es richtig erraten. Und weil&rsquo;s um Saviolis
-Leben ging, und nicht mehr um ihres, war sie hier. Sie
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-denkt nicht mehr daran, irgend etwas zu verbergen, begriff
-ich.
-</p>
-
-<p>
-Wassertrum war abermals bei Dr. Savioli gewesen.
-Hatte sich mit Drohungen und Gewalt den Weg erzwungen
-bis zu seinem Krankenlager.
-</p>
-
-<p>
-Und weiter! Weiter! Was wollte er von ihm?
-</p>
-
-<p>
-Was er wollte? Sie hatte es halb erraten, halb erfahren:
-er wollte, daß &mdash; &mdash; daß &mdash; er wollte, daß sich
-Dr. Savioli &mdash; &mdash; ein Leid antue.
-</p>
-
-<p>
-Sie kenne jetzt auch die Gründe von Wassertrums
-wildem, besinnungslosem Haß: &bdquo;Dr. Savioli habe einst
-seinen Sohn, den Augenarzt Wassory, in den Tod getrieben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sofort schlug ein Gedanke in mich ein wie der Blitz:
-hinunter laufen, dem Trödler alles verraten: daß <em>Charousek</em>
-den Schlag geführt hatte, aus dem Hinterhalt
-&mdash; und nicht Savioli, der nur das Werkzeug war &mdash; &mdash; &mdash;.
-&bdquo;Verrat! Verrat!&ldquo; heulte es mir ins Hirn, &bdquo;du willst
-also den armen schwindsüchtigen Charousek, der <em>dir</em>
-helfen wollte und <em>ihr</em>, der Rachsucht dieses Halunken
-preisgeben?&ldquo; &mdash; Und es zerriß mich in blutende Hälften.
-&mdash; Dann sprach ein Gedanke eiskalt und gelassen
-die Lösung aus: &bdquo;Narr! Du hast es doch in der Hand!
-Brauchst ja nur die Feile dort auf dem Tisch zu nehmen,
-hinunter zu laufen und sie dem Trödler durch die Gurgel
-zu jagen, daß die Spitze hinten zum Genick herausschaut.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich forschte weiter:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-&bdquo;Und Dr. Savioli?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kein Zweifel, daß er Hand an sich legen wird, wenn
-sie ihn nicht rettete. Die Krankenschwestern ließen ihn
-nicht aus den Augen, hätten ihn mit Morphium betäubt,
-aber vielleicht erwacht er plötzlich &mdash; vielleicht
-gerade jetzt &mdash; und &mdash; und &mdash; nein, nein, sie müsse fort,
-dürfe keine Sekunde Zeit mehr versäumen, &mdash; sie wolle
-ihrem Gatten schreiben, ihm alles eingestehen, &mdash; solle
-er ihr das Kind nehmen, aber Savioli sei gerettet, denn
-sie hätte Wassertrum damit die einzige Waffe aus der
-Hand geschlagen, die er besäße und mit der er drohe.
-</p>
-
-<p>
-Sie wolle das Geheimnis selbst enthüllen, ehe er es
-verraten könne.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das werden Sie <em>nicht</em> tun, Angelina!&ldquo; schrie ich
-und dachte an die Feile, und die Stimme versagte mir
-in jubelnder Freude über meine Macht.
-</p>
-
-<p>
-Angelina <a id="corr-16"></a>wollte sich losreißen: ich hielt sie fest.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur noch eins: überlegen Sie, wird Ihr Gatte denn
-dem Trödler so ohne weiteres glauben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber Wassertrum hat doch Beweise, offenbar meine
-Briefe, vielleicht auch ein Bild von mir, &mdash; alles, was im
-Schreibtisch nebenan im Atelier versteckt war.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Briefe? Bild? Schreibtisch? &mdash; ich wußte nicht
-mehr, was ich tat: ich riß Angelina an meine Brust und
-küßte sie. Auf den Mund, auf die Stirn, auf die Augen.
-</p>
-
-<p>
-Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor
-meinem Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Dann hielt ich sie an ihren schmalen Händen und
-erzählte ihr mit fliegenden Worten, daß der Todfeind
-Wassertrums &mdash; ein armer böhmischer Student &mdash; die
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-Briefe und alles in Sicherheit gebracht hätte und sie
-in meinem Besitz seien und fest verwahrt.
-</p>
-
-<p>
-Und sie fiel mir um den Hals und lachte und weinte
-in einem Atem. Küßte mich. Rannte zur Tür. Kehrte
-wieder um und küßte mich wieder.
-</p>
-
-<p>
-Dann war sie verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Ich stand wie betäubt und fühlte noch immer den
-Atem ihres Mundes an meinem Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte, wie die Wagenräder über das Pflaster
-donnerten und den rasenden Galopp der Hufe. Eine
-Minute später war alles still. Wie ein Grab.
-</p>
-
-<p>
-Auch in mir.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Plötzlich knarrte die Tür leise hinter mir, und Charousek
-stand im Zimmer:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verzeihen Sie, Herr Pernath, ich habe lange geklopft,
-aber Sie schienen es nicht zu hören.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich nickte nur stumm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hoffentlich nehmen Sie nicht an, daß ich mich mit
-Wassertrum versöhnt habe, weil Sie mich vorhin mit
-ihm sprechen sahen?&ldquo; &mdash; Charouseks höhnisches Lächeln
-sagte mir, daß er nur einen grimmigen Spaß machte. &mdash;
-&bdquo;Sie müssen nämlich wissen: Das Glück ist mir hold;
-die Kanaille da unten fängt an, mich in ihr Herz zu
-schließen, Meister Pernath. &mdash; &mdash; Es ist eine seltsame
-Sache, das mit der Stimme des Blutes,&ldquo; setzte er leise
-&mdash; halb für sich &mdash; hinzu.
-</p>
-
-<p>
-Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und
-nahm an, ich hätte etwas überhört. Die ausgestandene
-Erregung zitterte noch zu stark in mir.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-&bdquo;Er wollte mir einen Mantel schenken,&ldquo; fuhr Charousek
-laut fort. &bdquo;Ich habe natürlich dankend abgelehnt.
-Mich brennt schon meine eigene Haut genug. &mdash; Und
-dann hat er mir Geld aufgedrängt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben es angenommen?!&ldquo; wollte es mir herausfahren,
-aber ich hielt noch rasch meine Zunge im
-Zaum.
-</p>
-
-<p>
-Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote
-Flecken:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Geld habe ich selbstverständlich angenommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mir wurde ganz wirr im Kopf!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; an &mdash; genommen?&ldquo; stammelte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hätte nie gedacht, daß man auf Erden eine so
-reine Freude empfinden kann!&ldquo; &mdash; Charousek hielt
-einen Augenblick inne und schnitt eine Fratze. &mdash; &bdquo;Ist es
-nicht ein erhebendes Gefühl, im Haushalt der Natur
-&sbquo;Mütterchen Vorsehungs&lsquo; ökonomischen Finger allenthalben
-in Weisheit und Umsicht walten zu sehen!?&ldquo; &mdash;
-Er sprach wie ein Pastor und klimperte dabei mit dem
-Geld in seiner Tasche, &mdash; &bdquo;wahrlich, als hehre Pflicht
-empfinde ich es, den Schatz, mir anvertraut von milder
-Hand, auf Heller und Pfennig dereinst dem edelsten
-aller Zwecke zuzuführen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-War er betrunken? Oder wahnsinnig?
-</p>
-
-<p>
-Charousek änderte plötzlich den Ton:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es liegt eine satanische Komik darin, daß Wassertrum
-sich die &mdash; Arznei selber bezahlt. Finden Sie nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine Ahnung dämmerte mir auf, was sich hinter
-Charouseks Rede verbarg, und mir graute vor seinen
-fiebernden Augen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-&bdquo;Übrigens lassen wir das jetzt, Meister Pernath. Erledigen
-wir erst die laufenden Geschäfte. Vorhin, die
-Dame, das war &sbquo;<em>sie</em>&lsquo; doch? Was ist ihr denn eingefallen,
-hier öffentlich vorzufahren?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich erzählte Charousek, was geschehen war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wassertrum hat bestimmt keine Beweise in den
-Händen,&ldquo; unterbrach er mich freudig, &bdquo;sonst hätte er
-nicht heute morgen abermals das Atelier durchsucht. &mdash;
-Merkwürdig, daß Sie ihn nicht gehört haben!? Eine
-volle Stunde lang war er drüben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich staunte, woher er alles so genau wissen könne,
-und sagte es ihm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Darf ich?&ldquo; &mdash; als Erklärung nahm er sich eine Zigarette
-vom Tisch, zündete sie an und erläuterte: &mdash; &bdquo;Sehen
-Sie, wenn Sie jetzt die Tür öffnen, bringt die Zugluft,
-die vom Stiegenhaus hereinweht, den Tabaksrauch
-aus der Richtung. Es ist das vielleicht das einzige
-Naturgesetz, das Herr Wassertrum genau kennt, und für
-alle Fälle hat er in der Straßenmauer des Ateliers &mdash;
-das Haus gehört ihm, wie Sie wissen &mdash; eine kleine,
-versteckte, offene Nische anbringen lassen: eine Art Ventilation,
-und darin ein rotes Fähnchen. Wenn nun
-jemand das Zimmer betritt oder verläßt, das heißt: die
-Zugtür öffnet, so merkt es Wassertrum unten aus dem
-heftigen Flattern des Fähnchens. Allerdings weiß ich
-es ebenfalls,&ldquo; setzte Charousek trocken hinzu, &bdquo;wenn&rsquo;s
-mir drum zu tun ist, und kann es von dem Kellerloch
-<span class="antiqua">vis-à-vis</span>, in dem zu hausen ein gnädiges Schicksal mir
-huldreichst gestattet, genau beobachten. &mdash; Der niedliche
-Scherz mit der Ventilation ist zwar ein Patent
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-des würdigen Patriarchen, aber auch mir seit Jahren
-geläufig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für einen übermenschlichen Haß Sie gegen ihn
-haben müssen, daß Sie so jeden seiner Schritte belauern.
-Und noch dazu seit langem, wie Sie sagen!&ldquo;
-warf ich ein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haß?&ldquo; Charousek lächelte krampfhaft. &bdquo;Haß? &mdash;
-Haß ist kein Ausdruck. Das Wort, das meine Gefühle
-gegen ihn bezeichnen könnte, muß erst geschaffen werden.
-&mdash; Ich hasse, genau genommen, auch gar nicht
-<em>ihn</em>. Ich hasse sein Blut. Verstehen Sie das? Ich
-wittere wie ein wildes Tier, wenn auch nur ein Tropfen
-von seinem Blut in den Adern eines Menschen fließt,
-&mdash; und&ldquo; &mdash; er biß die Zähne zusammen &mdash; &bdquo;das kommt
-&sbquo;zuweilen&lsquo; vor hier im Ghetto.&ldquo; Unfähig, weiter zu
-sprechen vor Aufregung lief er ans Fenster und starrte
-hinaus. &mdash; Ich hörte, wie er sein Keuchen unterdrückte.
-Wir schwiegen beide eine Weile.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hallo, was ist denn das?&ldquo; fuhr er plötzlich auf und
-winkte mir hastig: &bdquo;Rasch, rasch! Haben Sie nicht einen
-Operngucker oder so etwas?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir spähten vorsichtig hinter den Vorhängen hinunter:
-</p>
-
-<p>
-Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des
-Trödlerladens und bot, soviel wir aus seiner Zeichensprache
-erraten konnten, Wassertrum einen kleinen
-blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg,
-zum Kauf an. Wassertrum fuhr danach wie ein Geier
-und zog sich damit in seine Höhle zurück.
-</p>
-
-<p>
-Gleich darauf stürzte er wieder hervor &mdash; totenblaß
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-&mdash; und packte Jaromir an der Brust: Es entspann sich
-ein heftiges Ringen. &mdash; Mit einem Mal ließ Wassertrum
-los und schien zu überlegen. Nagte wütend an seiner
-gespaltenen Oberlippe. Warf einen grübelnden Blick
-zu uns herauf und zog dann Jaromir am Arm friedlich
-in seinen Laden.
-</p>
-
-<p>
-Wir warteten wohl eine Viertelstunde lang: sie
-schienen nicht fertig werden zu können mit ihrem Handel.
-</p>
-
-<p>
-Endlich kam der Taubstumme mit befriedigter Miene
-wieder heraus und ging seines Weges.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was halten Sie davon?&ldquo; fragte ich. &bdquo;Es scheint
-nichts Wichtiges zu sein? Vermutlich hat der arme
-Bursche irgendeinen erbettelten Gegenstand versilbert.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend
-wieder an den Tisch.
-</p>
-
-<p>
-Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung
-bei, denn er fuhr nach einer Pause da fort, wo
-er stehen geblieben war:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. &mdash; Unterbrechen
-Sie mich, Meister Pernath, wenn ich wieder
-heftig werde. Ich will kalt bleiben. Ich darf meine
-besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich
-sonst nachher wie Ernüchterung. Ein Mensch mit Schamgefühl
-soll in kühlen Worten reden, nicht mit Pathos
-wie eine Prostituierte oder &mdash; oder ein Dichter. &mdash; Seit
-die Welt steht, wär&rsquo;s niemand eingefallen, vor Leid die
-&sbquo;Hände zu ringen&lsquo;, wenn nicht die Schauspieler diese
-Geste als besonders &sbquo;plastisch&lsquo; ausgetüftelt hätten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich begriff, daß er mit Absicht blind drauflos redete,
-um innerlich Ruhe zu bekommen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervös lief er
-im Zimmer auf und ab, faßte alle möglichen Gegenstände
-an und stellte sie zerstreut zurück an ihren
-Platz.
-</p>
-
-<p>
-Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem
-Thema:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aus den kleinsten unwillkürlichen Bewegungen eines
-Menschen verrät sich mir dieses Blut. Ich kenne Kinder,
-die &sbquo;ihm&lsquo; ähnlich sehen und als seine <em>gelten</em>, aber doch
-sind sie nicht vom selben Stamme, &mdash; man kann mich
-nicht täuschen. Jahrelang erfuhr ich nicht, daß Dr. Wassory
-sein Sohn ist, aber ich habe es &mdash; ich möchte sagen
-&mdash; gerochen.
-</p>
-
-<p>
-Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen
-konnte, in welchen Beziehungen Wassertrum zu mir
-steht,&ldquo; &mdash; sein Blick ruhte eine Sekunde forschend auf
-mir, &mdash; &bdquo;besaß ich diese Gabe. Man hat mich mit Füßen
-getreten, mich geschlagen, daß es wohl keine Stelle an
-meinem Körper gibt, die nicht wüßte, was rasender
-Schmerz ist, &mdash; hat mich hungern und dursten lassen,
-bis ich halb wahnsinnig wurde und schimmlige Erde
-gefressen habe, aber niemals konnte ich diejenigen hassen,
-die mich peinigten. Ich <em>konnte</em> einfach nicht. Es war
-kein Platz mehr in mir für Haß. &mdash; Verstehen Sie?
-Und doch war mein ganzes Wesen getränkt damit.
-</p>
-
-<p>
-Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan
-&mdash; ich will damit sagen, daß er mich jemals weder
-geschlagen oder beworfen, noch auch irgendwie beschimpft
-hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten herumtrieb:
-ich weiß das genau, &mdash; und doch richtete sich alles, was
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-an Rachsucht und Wut in mir kochte, gegen ihn. Nur
-gegen ihn!
-</p>
-
-<p>
-Merkwürdig ist, daß ich ihm trotzdem nie als Kind
-einen Schabernack gespielt habe. Wenn&rsquo;s die andern
-taten, zog ich mich sofort zurück. Aber stundenlang
-konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustüre
-versteckt, durch die Angelritzen sein Gesicht unverwandt
-anstieren, bis mir vor unerklärlichem Haßgefühl schwarz
-vor den Augen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem
-Hellsehen gelegt, das sofort in mir aufwacht, wenn ich
-mit Wesen, ja sogar mit Dingen in Berührung komme,
-die in Verbindung mit ihm stehen. Ich muß wohl jede
-seiner Bewegungen: seine Art, den Rock zu tragen,
-und wie er Sachen anfaßt, hustet und trinkt, und
-all das Tausenderlei damals unbewußt <em>auswendig</em>
-gelernt haben, bis sich&rsquo;s mir in die Seele fraß, daß
-ich überall die Spuren davon auf den ersten Blick
-mit unfehlbarer Sicherheit als seine Erbstücke erkennen
-kann.
-</p>
-
-<p>
-Später wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf
-harmlose Gegenstände von mir, bloß weil mich der Gedanke
-quälte, seine Hand könne sie berührt haben, &mdash;
-andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte
-sie wie Freunde, die ihm Böses wünschten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er
-geistesabwesend ins Leere blickte. Seine Finger streichelten
-mechanisch die Feile auf dem Tisch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Als dann ein paar mitleidige Lehrer für mich gesammelt
-hatten und ich Philosophie und Medizin
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-studierte &mdash; auch nebenbei selbst denken lernte &mdash;, da
-kam mir langsam die Erkenntnis, was Haß ist:
-</p>
-
-<p>
-Wir können nur etwas so tief hassen, wie ich es tue,
-was ein Teil von uns selbst ist.
-</p>
-
-<p>
-Und wie ich später dahinter kam, &mdash; nach und nach
-alles erfuhr: was meine Mutter war &mdash; und &mdash; und
-noch sein muß, wenn &mdash; wenn sie noch lebt, &mdash; und daß
-mein eigner Leib&ldquo; &mdash; er wendete sich ab, damit ich sein
-Gesicht nicht sehen sollte, &mdash; &bdquo;voll ist von <em>seinem</em> eklen
-Blut &mdash; nun ja, Pernath, &mdash; warum sollen Sie&rsquo;s nicht
-wissen: <em>er</em> ist <em>mein Vater</em>! &mdash; da wurde mir klar,
-wo die Wurzel lag. &mdash; &mdash; &mdash; Zuweilen kommt&rsquo;s mir
-sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, daß
-ich schwindsüchtig bin und Blut <a id="corr-17"></a>spucken muß: mein Körper
-wehrt sich gegen alles, was von &sbquo;<em>ihm</em>&lsquo; ist, und stößt es
-mit Abscheu von sich.
-</p>
-
-<p>
-Oft hat mich mein Haß bis in den Traum begleitet
-und zu trösten gesucht mit Gesichten von allen nur
-erdenklichen Foltern, die ich &sbquo;ihm&lsquo; zufügen durfte, aber
-immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden Beigeschmack
-des &mdash; Unbefriedigtseins in mir hinterließen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich über mich selbst nachdenke und mich wundern
-muß, daß es so gar niemanden und nichts auf der
-Welt gibt, was ich zu hassen, &mdash; ja nicht einmal als
-antipathisch zu empfinden imstande wäre, außer &sbquo;ihn&lsquo;
-und seinen Stamm, &mdash; beschleicht mich oft das widerliche
-Gefühl: ich könnte das sein, was man einen &sbquo;guten
-Menschen&lsquo; nennt. Aber zum Glück ist es nicht so. &mdash; Ich
-sagte Ihnen schon: es ist kein Platz mehr in mir.
-</p>
-
-<p>
-Und glauben Sie nur ja nicht, daß ein trauriges Schicksal
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-mich verbittert hat: (Was er meiner Mutter angetan
-hat, erfuhr ich überdies erst in späteren Jahren) &mdash; ich
-habe <em>einen</em> Freudentag erlebt, der weit in den Schatten
-stellt, was sonst einem Sterblichen vergönnt ist. Ich
-weiß nicht, ob Sie kennen, was innere, echte, heiße
-Frömmigkeit ist, &mdash; ich hatte es bis dahin auch nicht gekannt
-&mdash; als ich aber an jenem Tage, an dem Wassory
-sich selbst ausgerottet hat, am Laden unten stand und
-sah, wie &sbquo;er&lsquo; die Nachricht bekam, &mdash; sie &sbquo;stumpfsinnig&lsquo;,
-wie ein Laie, der die echte Bühne des Lebens nicht
-kennt, hätte glauben müssen, &mdash; hinnahm, wohl eine
-Stunde lang teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote
-Hasenscharte nur ein ganz klein bißchen höher über die
-Zähne gezogen als sonst und den Blick so gewiß &mdash; &mdash;
-so &mdash; so &mdash; so eigenartig nach innen gekehrt, &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-da fühlte ich den Weihrauchduft von den Schwingen des
-Erzengels. &mdash; &mdash; Kennen Sie das Gnadenbild der
-schwarzen Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf
-ich mich nieder, und die Finsternis des Paradieses hüllte
-meine Seele ein.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; Wie ich Charousek so dastehen sah, die großen,
-träumerischen Augen voll Tränen, da fielen mir Hillels
-Worte ein von der Unbegreiflichkeit des dunklen Pfades,
-den die Brüder des Todes gehen.
-</p>
-
-<p>
-Charousek fuhr fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die äußeren Umstände, die meinen Haß &sbquo;rechtfertigen&lsquo;
-oder in den Gehirnen der amtlich besoldeten
-Richter begreiflich erscheinen lassen könnten, werden Sie
-vielleicht gar nicht interessieren: &mdash; Tatsachen sehen sich
-an wie Meilensteine und sind doch nur leere Eierschalen.
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-Sie sind das aufdringliche Knallen der Champagnerpfropfen
-an den Tafeln der Protzen, das nur der Schwachsinnige
-für das wesentliche eines Gelages hält. &mdash;
-Wassertrum hat meine Mutter mit all den infernalischen
-Mitteln, die seinesgleichen Gewohnheit sind, gezwungen,
-ihm zu willen zu sein, &mdash; wenn es nicht noch viel schlimmer
-war. Und dann &mdash; &mdash; nun ja &mdash; und dann hat er
-sie an &mdash; ein Freudenhaus verkauft, &mdash; &mdash; &mdash; so etwas
-ist nicht schwer, wenn man Polizeiräte zu Geschäftsfreunden
-hat, &mdash; aber nicht etwa, weil er ihrer überdrüssig
-gewesen wäre, o nein! Ich kenne die Schlupfwinkel
-seines Herzens: an <em>dem</em> Tage hat er sie verkauft,
-wo er sich voll Schrecken bewußt wurde, wie heiß
-er sie in Wirklichkeit liebte. So einer wie er handelt da
-scheinbar widersinnig, aber immer gleich. Das Hamsterhafte
-in seinem Wesen quietscht auf, sowie jemand
-kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner Trödlerbude
-gegen noch so teures Geld: er empfindet nur den
-Zwang des &sbquo;Hergebenmüssens&lsquo;. Er möchte den Begriff
-&sbquo;haben&lsquo; am liebsten in sich hineinfressen, und könnte er
-sich überhaupt ein Ideal ausdenken, so wär&rsquo;s das, sich
-dereinst in den abstrakten Begriff &sbquo;Besitz&lsquo; aufzulösen. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Und da ist es damals riesengroß in ihm gewachsen
-bis zu einem Berg von Angst: &bdquo;seiner selbst nicht mehr
-sicher&ldquo; zu sein, &mdash; nicht: etwas an Liebe geben zu
-<em>wollen</em>, sondern geben zu <em>müssen</em>: die Gegenwart
-eines Unsichtbaren in sich zu ahnen, das seinen Willen
-oder das, von dem er möchte, daß es sein Wille sein
-solle, heimlich in Fesseln schlug. &mdash; So war der Anfang.
-Was dann folgte, geschah automatisch. Wie der Hecht
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-mechanisch zubeißen muß, &mdash; ob er will oder nicht &mdash; wenn
-ein blitzender Gegenstand zu rechter Zeit vorüberschwimmt.
-</p>
-
-<p>
-Das Verschachern meiner Mutter ergab sich für
-Wassertrum als natürliche Folge. Es befriedigte den
-Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften: die Gier
-nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual.
-&mdash; &mdash; &mdash; Verzeihen Sie, Meister Pernath,&ldquo; &mdash; Charouseks
-Stimme klang plötzlich so hart und nüchtern,
-daß ich erschrak, &mdash; &bdquo;verzeihen Sie, daß ich so furchtbar
-gescheit daherrede, aber wenn man an der Universität
-ist, kommt einem eine Menge vertrottelter Bücher unter
-die Hände; unwillkürlich verfällt man da in eine teppenhafte
-Ausdrucksweise.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lächeln;
-innerlich verstand ich gar wohl, daß er mit dem Weinen
-kämpfte.
-</p>
-
-<p>
-Irgendwie muß ich ihm helfen, überlegte ich, wenigstens
-seine bitterste Not zu lindern versuchen, soweit
-das in meiner Macht steht. Ich nahm unauffällig die
-Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der
-Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn Sie später einmal in eine bessere Umgebung
-kommen und Ihren Beruf als Arzt ausüben, wird Frieden
-bei Ihnen einziehen, Herr Charousek;&ldquo; sagte ich,
-um dem Gespräch eine versöhnliche Richtung zu geben,
-&mdash; &bdquo;machen Sie bald Ihr Doktorat?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Demnächst. Ich bin es meinen Wohltätern schuldig.
-Zweck hat&rsquo;s ja keinen, denn meine Tage sind gezählt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-Ich wollte den üblichen Einwand machen, daß er
-wohl zu schwarz sehe, aber er wehrte lächelnd ab:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist das beste so. Es muß überdies kein Vergnügen
-sein, den Heilkomödianten zu mimen und sich zu guter
-Letzt noch als diplomierter Brunnenvergifter einen Adelstitel
-zuzuziehen. &mdash; &mdash; Andererseits,&ldquo; &mdash; setzte er mit
-seinem galligen Humor hinzu, &mdash; &bdquo;wird mir leider jedes
-weitere segensreiche Wirken hier im Diesseits-Ghetto
-ein für allemal abgeschnitten sein.&ldquo; Er griff nach seinem
-Hut. &bdquo;Jetzt will ich aber nicht länger stören. Oder wäre
-noch etwas zu besprechen in der Angelegenheit Savioli?
-Ich denke nicht. Lassen Sie mich jedenfalls wissen, wenn
-Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hängen
-einen Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, daß ich Sie
-besuchen soll. Zu mir in den Keller dürfen Sie auf
-keinen Fall kommen: Wassertrum würde sofort Verdacht
-schöpfen, daß wir zusammenhalten. &mdash; Ich bin
-übrigens sehr neugierig, was er jetzt tun wird, wo er
-gesehen hat, daß die Dame zu Ihnen gekommen ist.
-Sagen Sie ganz einfach, sie hätte Ihnen ein Schmuckstück
-zu reparieren gebracht, und wenn er zudringlich
-wird, spielen Sie eben den Rabiaten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben,
-Charousek die Banknote aufzudrängen; ich nahm daher
-das Modellierwachs wieder vom Fensterbrett und sagte:
-&bdquo;Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück die Treppen
-hinunter. &mdash; Hillel erwartet mich,&ldquo; log ich.
-</p>
-
-<p>
-Er stutzte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind mit ihm befreundet?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein wenig. Kennen Sie ihn? &mdash; &mdash; Oder mißtrauen
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-Sie ihm,&ldquo; &mdash; ich mußte unwillkürlich lächeln &mdash;
-&bdquo;vielleicht auch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da sei Gott vor!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum sagen Sie das so ernst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Charousek zögerte und dachte nach:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß selbst nicht warum. Es muß etwas Unbewußtes
-sein: so oft ich ihm auf der Straße begegne,
-möchte ich am liebsten vom Pflaster heruntertreten und
-das Knie beugen wie vor einem Priester, der die Hostie
-trägt. &mdash; Sehen Sie, Meister Pernath, da haben Sie
-einen Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil von
-Wassertrum ist. Er gilt z. B. bei den Christen hier im
-Viertel, die, wie immer, so auch in diesem Fall falsch
-informiert sind, als Geizhals und heimlicher Millionär
-und ist doch unsagbar arm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich fuhr entsetzt auf: &bdquo;arm?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, womöglich noch ärmer als ich. Das Wort &sbquo;nehmen&lsquo;
-kennt er, glaub&rsquo; ich, überhaupt nur aus Büchern;
-aber wenn er am Ersten des Monats aus dem &sbquo;Rathaus&lsquo;
-kommt, dann laufen die jüdischen Bettler vor ihm davon,
-weil sie wissen, er würde dem nächsten besten von ihnen
-seinen ganzen kärglichen Gehalt in die Hand drücken
-und ein paar Tage später &mdash; samt seiner Tochter selber
-verhungern. &mdash; Wenn&rsquo;s wahr ist, was eine uralte talmudische
-Legende behauptet: daß von den zwölf jüdischen
-Stämmen zehn verflucht sind und zwei heilig, so verkörpert
-er die zwei heiligen und Wassertrum alle zehn
-andern zusammen. &mdash; Haben Sie noch nie bemerkt,
-wie Wassertrum sämtliche Farben spielt, wenn Hillel
-an ihm vorübergeht? Interessant, sag&rsquo; ich Ihnen!
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-Sehen Sie, <em>solches</em> Blut <em>kann</em> sich gar nicht vermischen;
-da kämen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, daß
-die Mütter nicht schon früher vor Entsetzen stürben. &mdash;
-Hillel ist übrigens der einzige, an den sich Wassertrum
-nicht herantraut; &mdash; er weicht ihm aus wie dem Feuer.
-Vermutlich, weil Hillel das Unbegreifliche, das vollkommen
-Unenträtselbare, für ihn bedeutet. Vielleicht
-wittert er in ihm auch den Kabbalisten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir gingen bereits die Stiegen hinab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Glauben Sie, daß es heutzutage noch Kabbalisten
-gibt &mdash; daß überhaupt an der Kabbala etwas sein könnte?&ldquo;
-fragte ich, gespannt, was er wohl antworten würde,
-aber er schien nicht zugehört zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Ich wiederholte meine Frage.
-</p>
-
-<p>
-Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tür des Treppenhauses,
-die aus Kistendeckeln zusammengenagelt war:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine
-zwar jüdische aber arme Familie: den meschuggenen
-Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter, Schwiegersohn
-und Enkelkindern. Wenn&rsquo;s dunkel wird und er
-allein ist mit den kleinen Mädchen, kommt der Rappel
-über ihn: dann bindet er sie an den Daumen zusammen,
-damit sie ihm nicht davonlaufen, zwängt sie in einen
-alten Hühnerkäfig und unterweist sie im &sbquo;Gesang&lsquo;, wie
-er es nennt, damit sie später ihren Lebensunterhalt
-selbst erwerben können, &mdash; das heißt, er lehrt sie die
-verrücktesten Lieder, die es gibt, deutsche Texte, Bruchstücke,
-die er irgendwo aufgeschnappt hat und im
-Dämmer seines Seelenzustandes für &mdash; preußische
-Schlachthymnen oder dergleichen hält.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-Wirklich tönte da eine sonderbare Musik leise auf den
-Gang heraus. Ein Fiedelbogen kratzte fürchterlich hoch
-und immerwährend in ein und demselben Ton die Umrisse
-eines Gassenhauers, und zwei fadendünne Kinderstimmen
-sangen dazu:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse2">&bdquo;Frau Pick,</p>
- <p class="verse2">Frau Hock,</p>
- <p class="verse">Frau Kle &mdash; pe &mdash; tarsch,</p>
- <p class="verse">se stehen beirenond</p>
- <p class="verse">und schmusen allerhond &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich
-mußte wider Willen hellaut auflachen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schwiegersohn Schaffranek &mdash; seine Frau verkauft
-auf dem Eiermarkt Gurkensaft gläschenweise an die
-Schuljugend &mdash; läuft den ganzen Tag in den Bureaus
-herum,&ldquo; fuhr Charousek grimmig fort, &bdquo;und erbettelt
-sich alte Briefmarken. Die sortiert er dann, und wenn
-er welche darunter findet, die zufällig nur am Rande gestempelt
-sind, so legt er sie aufeinander und schneidet
-sie durch. Die ungestempelten Hälften klebt er zusammen
-und verkauft sie als neu. Anfangs blühte das Geschäft
-und warf manchmal fast einen &mdash; Gulden im Tag ab,
-aber schließlich kamen die Prager jüdischen Großindustriellen
-dahinter &mdash; und machen es jetzt selber.
-Sie schöpfen den Rahm ab.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Würden <em>Sie</em> Not lindern, Charousek, wenn Sie
-überflüssiges Geld hätten?&ldquo; fragte ich rasch. &mdash; Wir
-standen vor Hillels Tür, und ich klopfte an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halten Sie mich für so gemein, daß Sie glauben
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-können, ich täte es nicht?&ldquo; fragte er verblüfft zurück.
-</p>
-
-<p>
-Mirjams Schritte kamen näher und ich wartete, bis
-sie die Klinke niederdrückte, dann schob ich ihm rasch die
-Banknote in die Tasche: &bdquo;Nein, Herr Charousek, ich halte
-Sie nicht dafür, aber mich <em>müßten</em> Sie für gemein
-halten, wenn ich&rsquo;s unterließe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand
-geschüttelt und die Tür hinter mir zugezogen. Während
-mich Mirjam begrüßte, lauschte ich, was er tun würde.
-</p>
-
-<p>
-Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise
-auf und ging langsam mit suchendem Schritt die Treppe
-hinunter. Wie jemand, der sich am Geländer halten
-muß.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es war das erstemal, daß ich Hillels Zimmer besucht
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Es sah schmucklos aus wie ein Gefängnis. Der Boden
-peinlich sauber und mit weißem Sand bestreut. Nichts
-an Möbeln als zwei Stühle und ein Tisch und eine Kommode.
-Ein Holzpostament je links und rechts an den
-Wänden. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Mirjam saß mir gegenüber am Fenster, und ich
-bossierte an meinem Modellierwachs.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Muß man denn ein Gesicht <em>vor sich</em> haben, um die
-Ähnlichkeit zu treffen?&ldquo; fragte sie schüchtern und nur,
-um die Stille zu unterbrechen.
-</p>
-
-<p>
-Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie
-wußte nicht, wohin die Augen richten in ihrer Qual und
-Scham über die jammervolle Stube, und mir brannten
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-die Wangen von innerem Vorwurf, daß ich mich nicht
-längst gekümmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten.
-</p>
-
-<p>
-Aber irgend etwas mußte ich doch antworten!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht so sehr, um die Ähnlichkeit zu treffen, als um
-zu vergleichen, ob man innerlich auch richtig gesehen
-hat,&ldquo; ich fühlte, noch während ich sprach, wie grundfalsch
-das alles war, was ich sagte.
-</p>
-
-<p>
-Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler,
-man müsse die äußere Natur studieren, um künstlerisch
-schaffen zu können, stumpfsinnig nachgebetet und befolgt;
-erst seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war mir
-das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen
-hinter geschlossenen Lidern, das sofort erlischt,
-wenn man die Augen aufschlägt, &mdash; die Gabe, die sie
-alle zu haben glauben und doch unter Millionen keiner
-wirklich besitzt.
-</p>
-
-<p>
-Wie konnte ich auch nur von der <em>Möglichkeit</em> sprechen,
-die unfehlbare Richtschnur der geistigen Vision an den
-groben Mitteln des Augenscheins nachmessen zu wollen!
-</p>
-
-<p>
-Mirjam schien Ähnliches zu denken. Nach dem Erstaunen
-in ihren Mienen zu schließen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie dürfen es nicht so wörtlich nehmen,&ldquo; entschuldigte
-ich mich.
-</p>
-
-<p>
-Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem
-Griffel die Form vertiefte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es muß unendlich schwer sein, alles dann haargenau
-auf Stein zu übertragen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Pause.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-&bdquo;Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist?&ldquo;
-fragte sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie ist doch für Sie bestimmt, Mirjam.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein; das geht nicht, &mdash; &mdash; das &mdash; das &mdash; &mdash;,&ldquo;
-&mdash; ich sah, wie ihre Hände nervös wurden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir
-annehmen?&ldquo; unterbrach ich sie schnell, &bdquo;ich wollte, ich
-dürfte mehr für Sie tun.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hastig wandte sie das Gesicht ab.
-</p>
-
-<p>
-Was hatte ich da gesagt! Ich mußte sie aufs tiefste
-verletzt haben. Es hatte geklungen, als wollte ich auf
-ihre Armut anspielen.
-</p>
-
-<p>
-Konnte ich es noch beschönigen? Wurde es dann nicht
-weit schlimmer?
-</p>
-
-<p>
-Ich nahm einen Anlauf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hören Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie
-darum. &mdash; Ich schulde Ihrem Vater so unendlich viel,
-&mdash; Sie können das gar nicht ermessen &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmächtig
-wurden? Das war doch selbstverständlich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte: sie wußte nicht, welches Band mich mit
-ihrem Vater verknüpfte. Vorsichtig sondierte ich, wie
-weit ich gehen durfte, ohne zu verraten, was er ihr
-verschwieg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weit höher als äußere Hilfe, dächte ich, ist die innere
-zu stellen. &mdash; Ich meine die, die aus dem geistigen Einfluß
-eines Menschen auf den andern überstrahlt. &mdash;
-Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam? &mdash;
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-Man kann jemand auch seelisch heilen, nicht nur körperlich,
-Mirjam.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und das hat &mdash; &mdash;?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das hat Ihr Vater an mir getan!&ldquo; &mdash; ich faßte
-sie an der Hand, &mdash; &bdquo;begreifen Sie nicht, daß es mir da
-ein Herzenswunsch sein muß, wenn schon nicht ihm, so
-doch jemand, der ihm so nahesteht wie Sie, irgendeine
-Freude zu bereiten? &mdash; Haben Sie nur ein ganz klein
-wenig Vertrauen zu mir! &mdash; Gibt&rsquo;s denn gar keinen
-Wunsch, den ich Ihnen erfüllen könnte?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schüttelte den Kopf: &bdquo;Sie glauben, ich fühle mich
-unglücklich hier?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen
-Sorgen, die ich Ihnen abnehmen könnte? Sie sind verpflichtet
-&mdash; hören Sie! &mdash; verpflichtet, mich daran teilnehmen
-zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier
-in der finstern, traurigen Gasse, wenn Sie nicht müßten?
-Sie sind noch so jung, Mirjam, und &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath,&ldquo; unterbrach
-sie mich lächelnd, &bdquo;was fesselt denn Sie an das
-Haus?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich stutzte. &mdash; Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte
-ich eigentlich hier? Ich konnte es mir nicht erklären,
-was fesselt dich an das Haus? wiederholte ich mir geistesabwesend.
-Ich konnte keine Erklärung finden und vergaß
-einen Augenblick ganz, wo ich war. &mdash; Dann stand ich
-plötzlich entrückt irgendwo hoch oben &mdash; in einem Garten
-&mdash; roch den zauberhaften Duft von blühenden Holunderdolden,
-&mdash; sah herab auf die Stadt &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Habe ich eine Wunde berührt? Hab&rsquo; ich Ihnen weh
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-getan?&ldquo; kam Mirjams Stimme von weit, weit her zu
-mir.
-</p>
-
-<p>
-Sie hatte sich über mich gebeugt und sah mir ängstlich
-forschend ins Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Ich mußte wohl lange starr dagesessen haben, daß sie
-so besorgt war.
-</p>
-
-<p>
-Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann
-brach sich&rsquo;s plötzlich gewaltsam Bahn, überflutete mich,
-und ich schüttete Mirjam mein ganzes Herz aus.
-</p>
-
-<p>
-Ich erzählte ihr, wie einem lieben, alten Freund,
-mit dem man sein ganzes Leben beisammen war, und
-vor dem man kein Geheimnis hat, wie&rsquo;s um mich stand,
-und auf welche Weise ich aus einer Erzählung Zwakhs
-erfahren hatte, daß ich in früheren Jahren wahnsinnig
-gewesen und der Erinnerung an meine Vergangenheit
-beraubt worden war, &mdash; wie in letzter Zeit Bilder in
-mir wach geworden, die in jenen Tagen wurzeln mußten,
-immer häufiger und häufiger, und daß ich vor dem Moment
-zitterte, wo mir alles offenbar werden und mich
-von neuem zerreißen würde.
-</p>
-
-<p>
-Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang
-bringen mußte: &mdash; meine Erlebnisse in den unterirdischen
-Gängen und all das übrige, verschwieg ich ihr.
-</p>
-
-<p>
-Sie war dicht zu mir gerückt und hörte mit einer
-tiefen, atemlosen Teilnahme zu, die mir unsäglich
-wohl tat.
-</p>
-
-<p>
-Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem
-ich mich aussprechen konnte, wenn mir meine geistige
-Einsamkeit zu schwer wurde. &mdash; Gewiß wohl: Hillel
-war ja noch da, aber für mich nur wie ein Wesen jenseits
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-der Wolken, das kam und verschwand wie ein Licht, an
-das ich nicht herankonnte, wenn ich mich sehnte.
-</p>
-
-<p>
-Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah
-ihn so, trotzdem er ihr Vater war.
-</p>
-
-<p>
-Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm
-&mdash; &bdquo;und doch bin ich wie durch eine Glaswand von ihm
-getrennt,&ldquo; vertraute sie mir an, &bdquo;die ich nicht durchbrechen
-kann. Solange ich denke, war es so. &mdash; Wenn
-ich ihn als Kind im Traum an meinem Bette stehen sah,
-immer trug er das Gewand des Hohenpriesters: die
-goldene Tafel des Moses mit den 12 Steinen darin auf
-der Brust, und blaue, leuchtende Strahlen gingen von
-seinen Schläfen aus. &mdash; Ich glaube, seine Liebe ist von
-der Art, die übers Grab hinausgeht, und zu groß, als
-daß wir sie fassen könnten. &mdash; Das hat auch meine
-Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich über ihn sprachen.&ldquo;
-&mdash; &mdash; Sie schauderte plötzlich und zitterte am
-ganzen Leib. Ich wollte aufspringen, aber sie hielt
-mich zurück: &bdquo;Seien Sie ruhig, es ist nichts. Bloß eine
-Erinnerung. Als meine Mutter starb, &mdash; nur ich weiß,
-wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines
-Mädchen, &mdash; glaubte ich vor Schmerz ersticken zu müssen,
-und ich lief zu ihm hin und krallte mich in seinen Rock
-und wollte aufschreien und konnte doch nicht, weil alles
-gelähmt war in mir &mdash; und &mdash; und da &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; mir
-läuft&rsquo;s wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran
-denke &mdash; &mdash; sah er mich lächelnd an, küßte mich auf die
-Stirn und fuhr mir mit der Hand über die Augen. &mdash;
-&mdash; &mdash; &mdash; Und von dem Moment an bis heute war
-jedes Leid, daß ich meine Mutter verloren hatte, wie
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-ausgetilgt in mir. Nicht eine Träne konnte ich vergießen,
-als sie begraben wurde; ich sah die Sonne als strahlende
-Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich,
-warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter
-dem Sarge her, neben mir, und wenn ich aufblickte,
-lächelte er jedesmal leise, und ich fühlte, wie das Entsetzen
-durch die Menge fuhr, als sie es sahen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und sind Sie glücklich, Mirjam? Ganz glücklich?
-Liegt nicht zugleich etwas Furchtbares für Sie in dem
-Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben, das hinausgewachsen
-ist über alles Menschentum?&ldquo; fragte ich
-leise.
-</p>
-
-<p>
-Mirjam schüttelte freudig den Kopf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. &mdash; Als
-Sie mich vorhin fragten, Herr Pernath, ob ich nicht
-Sorgen hätte, und warum wir hier wohnten, mußte ich
-fast lachen. Ist denn die Natur schön? Nun ja, die Bäume
-sind grün und der Himmel ist blau, aber das alles kann
-ich mir viel schöner vorstellen, wenn ich die Augen
-schließe. Muß ich denn, um sie zu sehen, auf einer Wiese
-sitzen? &mdash; Und das bißchen Not und &mdash; und &mdash; und Hunger?
-Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung
-und das Warten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Warten?&ldquo; fragte ich erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das
-nicht? Nein? Da sind Sie aber ein ganz, ganz armer
-Mensch. &mdash; Daß das so wenige kennen?! Sehen Sie,
-das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit
-niemand verkehre. Ich hatte wohl früher ein paar Freundinnen
-&mdash; Jüdinnen natürlich, wie ich &mdash;, aber wir
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-redeten immer aneinander vorbei; sie verstanden mich
-nicht und ich sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach,
-glaubten sie anfangs, ich mache Spaß, und als sie merkten,
-wie ernst es mir war, und daß ich auch unter Wundern
-nicht das verstand, was die Deutschen mit ihren Brillen
-so bezeichnen: das gesetzmäßige Wachsen des Grases und
-dergleichen, sondern eher das Gegenteil, &mdash; hätten sie
-mich am liebsten für verrückt gehalten, aber dagegen stand
-ihnen wieder im Wege, daß ich ziemlich gelenkig bin
-im Denken, hebräisch und aramäisch gelernt habe, die
-Targumim und Midraschim lesen kann, und was dergleichen
-Nebensächlichkeiten mehr sind. Schließlich fanden
-sie ein Wort, das überhaupt nichts mehr ausdrückt:
-sie nannten mich &sbquo;überspannt&lsquo;.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, daß das Bedeutsame
-&mdash; das Wesentliche &mdash; für mich in der Bibel
-und anderen heiligen Schriften das <em>Wunder</em> und bloß
-das Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und
-Ethik, die nur versteckte Wege sein können, um zum Wunder
-zu gelangen, &mdash; so wußten sie nur mit Gemeinplätzen
-zu erwidern, denn sie scheuten sich, offen einzugestehen,
-daß sie aus den Religionsschriften nur das
-glaubten, was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch
-stehen könnte. Wenn sie das Wort &sbquo;Wunder&lsquo; nur hörten,
-wurde ihnen schon unbehaglich. Sie verlören den Boden
-unter den Füßen, sagten sie.
-</p>
-
-<p>
-Als ob es etwas Herrlicheres geben könnte, als den
-Boden unter den Füßen zu verlieren!
-</p>
-
-<p>
-Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu
-werden, hörte ich einmal meinen Vater sagen, &mdash; dann,
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-dann erst fängt das Leben an. &mdash; Ich weiß nicht, was er
-mit dem &sbquo;Leben&lsquo; meinte, aber ich fühle zuweilen, daß
-ich eines Tages so wie: &sbquo;erwachen&lsquo; werde. Wenn ich
-mir auch nicht vorstellen kann, in welchen Zustand
-hinein. Und Wunder müssen dem vorhergehen, denke
-ich mir immer.
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Hast du denn schon welche erlebt, daß du fortwährend
-darauf wartest?&lsquo; fragten mich oft meine Freundinnen,
-und wenn ich verneinte, wurden sie plötzlich froh und
-siegesgewiß. Sagen Sie, Herr Pernath, können <em>Sie</em>
-solche Herzen verstehen? Daß ich <em>doch</em> Wunder erlebt
-habe, wenn auch nur kleine, &mdash; winzig kleine &mdash;,&ldquo; &mdash;
-Mirjams Augen glänzten, &mdash; &bdquo;wollte ich ihnen nicht
-verraten, &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte, wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; aber <em>Sie</em> werden mich verstehen: oft, Wochen,
-ja Monate,&ldquo; &mdash; Mirjam wurde ganz leise, &mdash; &bdquo;haben wir
-nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein Brot mehr
-im Hause war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann
-wußte ich: jetzt ist die Stunde da! &mdash; Und dann saß ich
-hier und wartete und wartete, bis ich vor Herzklopfen
-kaum mehr atmen konnte. Und &mdash; und dann, wenn&rsquo;s
-mich plötzlich zog, lief ich hinunter und kreuz und quer
-durch die Straßen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig
-wieder im Hause zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und
-&mdash; und jedesmal fand ich Geld. Einmal mehr, einmal
-weniger, aber immer soviel, daß ich das Nötigste einkaufen
-konnte. Oft lag ein Gulden mitten auf der
-Straße; ich sah ihn von weitem blitzen und die Leute
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-traten darauf, rutschten aus darüber, aber keiner bemerkte
-ihn. &mdash; Das machte mich zuweilen so übermütig,
-daß ich gar nicht erst ausging, sondern nebenan in der
-Küche den Boden durchsuchte wie ein Kind, ob nicht
-Geld oder Brot vom Himmel gefallen sei.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf, und ich
-mußte aus Freude darüber lächeln. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Sie sah es.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lachen Sie nicht, Herr Pernath,&ldquo; flehte sie. &bdquo;Glauben
-Sie mir, ich weiß, daß diese Wunder wachsen werden,
-und daß sie eines Tages &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich beruhigte sie: &bdquo;Aber ich lache doch nicht, Mirjam!
-Was denken Sie denn! Ich bin unendlich glücklich, daß
-Sie nicht sind wie die andern, die hinter jeder Wirkung
-die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn&rsquo;s &mdash; <em>wir</em>
-rufen in solchen Fällen: Gott sei Dank! &mdash; einmal anders
-kommt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie streckte mir die Hand hin:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr
-Pernath, daß Sie mir &mdash; oder uns &mdash; helfen wollen?
-Jetzt, wo Sie wissen, daß Sie mir die Möglichkeit, ein
-Wunder zu erleben, rauben würden, wenn Sie es
-täten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen
-Vorbehalt.
-</p>
-
-<p>
-Da ging die Tür, und Hillel trat ein.
-</p>
-
-<p>
-Mirjam umarmte ihn; und er begrüßte mich. Herzlich
-und voll Freundschaft, aber wieder mit dem kühlen &bdquo;Sie&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Auch schien etwas wie leise Müdigkeit oder Unsicherheit
-auf ihm zu lasten. &mdash; Oder irrte ich mich?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-Vielleicht kam es nur von der Dämmerung, die in
-der Stube lag.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind gewiß hier, mich um Rat zu fragen,&ldquo; fing
-er an, als Mirjam uns allein gelassen hatte, &bdquo;in der
-Sache, die die fremde Dame betrifft &mdash; &mdash;?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel
-mir in die Rede:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß es von dem Studenten Charousek. Ich
-sprach ihn auf der Gasse an, weil er mir merkwürdig
-verändert vorkam. Er hat mir alles erzählt. In der
-Überfülle seines Herzens. Auch, daß &mdash; Sie ihm Geld
-geschenkt haben.&ldquo; Er sah mich durchdringend an und
-betonte jedes seiner Worte auf höchst seltsame Weise,
-aber ich verstand nicht, was er damit wollte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß, es hat dadurch ein paar Tropfen Glück mehr
-vom Himmel geregnet &mdash; und &mdash; und in diesem &mdash;
-Fall hat&rsquo;s vielleicht auch nicht geschadet, aber &mdash;,&ldquo; er
-dachte eine Weile nach, &mdash; &bdquo;aber manchmal schafft man
-sich und anderen nur Leid damit. Gar so leicht ist das
-Helfen nicht, wie Sie denken, mein lieber Freund!
-Da wäre es sehr, sehr einfach, die Welt zu erlösen. &mdash;
-Oder glauben Sie nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geben <em>Sie</em> denn nicht auch den Armen? Oft alles,
-was Sie besitzen, Hillel?&ldquo; fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-Er schüttelte lächelnd den Kopf: &bdquo;Mir scheint, Sie
-sind über Nacht ein Talmudist geworden, daß Sie eine
-Frage wieder mit einer Frage beantworten. Da ist
-freilich schwer streiten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber
-wiederum verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-&bdquo;Übrigens, um zu dem Thema zurückzukommen,&ldquo;
-fuhr er in verändertem Tone fort, &bdquo;ich glaube nicht, daß
-Ihrem Schützling &mdash; ich meine die Dame &mdash; augenblicklich
-Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten.
-Es heißt zwar: &sbquo;der kluge Mann baut vor&lsquo;, aber
-der Klügere, scheint mir, wartet ab und ist auf alles gefaßt.
-Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, daß Aaron
-Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das muß
-dann von ihm ausgehen, &mdash; ich tue keinen Schritt, <em>er</em>
-muß herüberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist
-gleichgültig, &mdash; und dann will ich mit ihm reden. An
-<em>ihm</em> wird&rsquo;s sein, sich zu entscheiden, ob er meinen Rat
-befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hände in
-Unschuld.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen.
-So kalt und eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen.
-Aber hinter diesem schwarzen, tiefliegenden
-Auge schlief ein Abgrund.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns,&ldquo;
-fielen mir Mirjams Worte ein.
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und &mdash;
-gehen.
-</p>
-
-<p>
-Er begleitete mich bis vor die Türe und, als ich die
-Treppe hinaufging und mich noch einmal umdrehte,
-sah ich, daß er stehen geblieben war und mir freundlich
-nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas
-sagen möchte und nicht kann.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-13">
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-Angst
-</h2>
-
-<p class="first">
-Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen
-und in die kleine Wirtsstube &bdquo;Zum alten Ungelt&ldquo; essen
-zu gehen, wo allabendlich Zwakh, Vrieslander und
-Prokop bis spät in die Nacht beisammen saßen und einander
-verrückte Geschichten erzählten; aber kaum betrat
-ich mein Zimmer, da fiel der Vorsatz von mir ab, &mdash;
-wie wenn mir Hände ein Tuch oder sonst etwas, was ich
-am Leibe getragen, abgerissen hätten.
-</p>
-
-<p>
-Es lag eine Spannung in der Luft, über die ich mir
-keine Rechenschaft geben konnte, die aber trotzdem vorhanden
-war wie etwas Greifbares und sich im Verlauf
-weniger Sekunden derart heftig auf mich übertrug,
-daß ich vor Unruhe anfangs kaum wußte, was ich zuerst
-tun sollte: Licht anzünden, hinter mir abschließen, mich
-niedersetzen oder auf und ab gehen.
-</p>
-
-<p>
-Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen
-und versteckt? War&rsquo;s die Angst eines Menschen vor dem
-Gesehenwerden, die mich ansteckte? War Wassertrum
-vielleicht hier?
-</p>
-
-<p>
-Ich griff hinter die Gardinen, öffnete den Schrank,
-ein Blick ins Nebenzimmer: &mdash; niemand.
-</p>
-
-<p>
-Auch die Kassette stand unverrückt an ihrem Platz.
-</p>
-
-<p>
-Ob es nicht am besten war, ich verbrannte die Briefe
-kurz entschlossen, um ein für allemal die Sorge um sie
-los zu sein?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-Schon suchte ich nach dem Schlüssel in meiner Westentasche
-&mdash; aber mußte es denn jetzt geschehen? Es blieb
-mir doch Zeit genug bis morgen früh.
-</p>
-
-<p>
-Erst Licht machen!
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte die Streichhölzer nicht finden.
-</p>
-
-<p>
-War die Tür abgesperrt? &mdash; Ich ging ein paar Schritte
-zurück. Blieb wieder stehen.
-</p>
-
-<p>
-Warum mit einem Male die Angst?
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte mir Vorwürfe machen, daß ich feig sei: &mdash;
-die Gedanken blieben stecken. Mitten im Satz.
-</p>
-
-<p>
-Eine wahnwitzige Idee überfiel mich plötzlich: Rasch,
-rasch auf den Tisch steigen, einen Sessel packen und zu
-mir hinaufziehen und &bdquo;dem&ldquo; den Schädel damit von
-oben herab einschlagen, das da auf dem Boden herumkroch,
-&mdash; &mdash; wenn &mdash; wenn es in die Nähe kam.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist doch niemand hier,&ldquo; sagte ich mir laut und
-ärgerlich vor, &bdquo;hast du dich denn je im Leben gefürchtet?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es half nichts. Die Luft, die ich einatmete, wurde
-dünn und schneidend wie Äther.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich <em>irgend etwas gesehen</em> hätte: das Gräßlichste,
-was man sich vorstellen kann, &mdash; im Nu wäre die
-Furcht von mir gewichen.
-</p>
-
-<p>
-Es kam nichts.
-</p>
-
-<p>
-Ich bohrte meine Augen in alle Winkel:
-</p>
-
-<p>
-Nichts.
-</p>
-
-<p>
-Überall lauter wohlbekannte Dinge: Möbel, Truhen,
-die Lampe, das Bild, die Wanduhr &mdash; leblose, alte,
-treue Freunde.
-</p>
-
-<p>
-Ich hoffte, sie würden sich vor meinen Blicken verändern
-und mir Grund geben, eine Sinnestäuschung
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-als Ursache für das würgende Angstgefühl in mir zu
-finden.
-</p>
-
-<p>
-Auch das nicht. &mdash; Sie blieben ihrer Form starr getreu.
-Viel zu starr für das herrschende Halbdunkel, als
-daß es natürlich gewesen wäre.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst,&ldquo;
-fühlte ich. &bdquo;Sie trauen sich nicht, auch nur die leiseste
-Bewegung zu machen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Warum tickt die Wanduhr nicht? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Das Lauern ringsum trank jeden Laut.
-</p>
-
-<p>
-Ich rüttelte am Tisch und wunderte mich, daß ich das
-Geräusch hören konnte.
-</p>
-
-<p>
-Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe!
-&mdash; Nicht einmal das! Oder das Holz im Ofen aufknallen
-wollte: &mdash; das Feuer war erloschen.
-</p>
-
-<p>
-Und immerwährend dasselbe entsetzliche Lauern in der
-Luft &mdash; pausenlos, lückenlos, wie das Rinnen von Wasser.
-</p>
-
-<p>
-Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner
-Sinne! Ich verzweifelte daran, es je überdauern zu
-können. &mdash; Der Raum voll Augen, die ich nicht sehen,
-&mdash; voll von planlos wandernden Händen, die ich nicht
-greifen konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert,
-die lähmende Schrecknis des unfaßbaren Nicht-Etwas,
-das keine Form hat und unserm Denken die Grenzen
-zerfrißt,&ldquo; begriff ich dumpf.
-</p>
-
-<p>
-Ich stellte mich steif hin und wartete.
-</p>
-
-<p>
-Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht ließ &bdquo;es&ldquo;
-sich verleiten und schlich von rückwärts an mich heran &mdash;
-und ich konnte es ertappen?!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts.
-</p>
-
-<p>
-Dasselbe markverzehrende &bdquo;Nichts&ldquo;, das <em>nicht war</em>
-und doch das Zimmer mit seinem grausigen Leben
-erfüllte.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es würde mit mir gehen,&ldquo; wußte ich sofort mit
-unabweisbarer Sicherheit. Auch, daß es mir nichts
-nützen könnte, wenn ich Licht machte, sah ich ein, &mdash;
-dennoch suchte ich so lang nach dem Feuerzeug, bis ich
-es gefunden hatte.
-</p>
-
-<p>
-Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam
-lang aus dem Glimmen nicht heraus: die kleine Flamme
-konnte nicht leben und nicht sterben, und als sie sich endlich
-doch ein schwindsüchtiges Dasein erkämpft hatte,
-blieb sie glanzlos wie gelbes, schmutziges Blech. Nein,
-da war die Dunkelheit noch besser.
-</p>
-
-<p>
-Ich löschte wieder aus und warf mich angezogen übers
-Bett. Zählte die Schläge meines Herzens: eins, zwei,
-drei &mdash; vier ... bis tausend, und immer von neuem &mdash;
-Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine Lippen
-trocken wurden und das Haar sich mir sträubte: keine
-Sekunde der Erleichterung.
-</p>
-
-<p>
-Auch nicht eine einzige.
-</p>
-
-<p>
-Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade
-auf die Zunge kamen: &bdquo;Prinz&ldquo;, &bdquo;Baum&ldquo;, &bdquo;Kind&ldquo;,
-&bdquo;Buch&ldquo; &mdash; und sie krampfhaft zu wiederholen, bis sie
-plötzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus barbarischer
-Vorzeit nackt mir gegenüberstanden, und ich mit aller
-Kraft nachdenken mußte, in ihre Bedeutung zurückzufinden:
-P&mdash;r&mdash;i&mdash;n&mdash;z? &mdash; B&mdash;u&mdash;ch?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? &mdash; Ich
-tastete an mir herum.
-</p>
-
-<p>
-Aufstehen!
-</p>
-
-<p>
-Mich in den Sessel setzen!
-</p>
-
-<p>
-Ich ließ mich in den Lehnstuhl fallen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn doch endlich der Tod käme!
-</p>
-
-<p>
-Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr
-fühlen! &bdquo;Ich &mdash; will nicht &mdash; ich &mdash; will &mdash; nicht,&ldquo; &mdash;
-schrie ich. &bdquo;Hört ihr denn nicht?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kraftlos fiel ich zurück.
-</p>
-
-<p>
-Konnte es nicht fassen, daß ich immer noch lebte.
-</p>
-
-<p>
-Unfähig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte
-ich geradeaus vor mich hin.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Weshalb er mir nur die Körner so beharrlich hinreicht?&ldquo;
-ebbte ein Gedanke auf mich zu, zog sich zurück
-und kam wieder. Zog sich zurück. Kam wieder.
-</p>
-
-<p>
-Langsam wurde mir endlich klar, daß ein seltsames
-Wesen vor mir stand &mdash; vielleicht schon, seit ich hier saß,
-dagestanden hatte &mdash; und mir die Hand hinstreckte:
-</p>
-
-<p>
-Ein graues, breitschultriges Geschöpf, in der Größe
-eines gedrungen gewachsenen Menschen, auf einen spiralförmig
-gedrehten Knotenstock aus weißem Holz gestützt.
-</p>
-
-<p>
-Wo der Kopf hätte sitzen müssen, konnte ich nur einen
-Nebelballen aus fahlem Dunst unterscheiden.
-</p>
-
-<p>
-Ein trüber Geruch nach Sandelholz und nassem
-Schiefer ging von der Erscheinung aus.
-</p>
-
-<p>
-Ein Gefühl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir
-fast die Besinnung. Was ich die ganze lange Zeit an
-nervenzernagender Qual mitgemacht, drängte sich jetzt
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen
-zur Form geronnen.
-</p>
-
-<p>
-Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich würde
-wahnsinnig werden vor Entsetzen und Furcht, wenn ich
-das Gesicht des Phantoms sehen könnte, &mdash; warnte
-mich davor, schrie es mir in die Ohren &mdash; und doch zog
-es mich wie ein Magnet, daß ich den Blick von dem fahlen
-Nebelballen nicht wenden konnte und darin forschte
-nach Augen, Nase und Mund.
-</p>
-
-<p>
-Aber so sehr ich mich auch abmühte: der Dunst blieb
-unbeweglich. Wohl glückte es mir, Köpfe aller Art auf
-den Rumpf zu setzen, doch jedesmal wußte ich, daß sie
-nur meiner Einbildungskraft entstammten.
-</p>
-
-<p>
-Sie zerrannen auch stets &mdash; fast in derselben Sekunde,
-wo ich sie geschaffen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Nur die Form eines ägyptischen Ibiskopfs blieb noch
-am längsten bestehen.
-</p>
-
-<p>
-Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft
-in der Dunkelheit, zogen sich kaum merklich zusammen
-und dehnten sich wieder aus, wie unter langsamen Atemzügen,
-die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige Bewegung,
-die zu bemerken war. Statt der Füße berührten
-Knochenstumpen den Boden, von denen das Fleisch &mdash;
-grau und blutleer &mdash; auf Spannenbreite zu wulstigen
-Rändern emporgezogen war.
-</p>
-
-<p>
-Regungslos hielt das Geschöpf mir seine Hand
-hin.
-</p>
-
-<p>
-Kleine Körner lagen darin. Bohnengroß, von roter
-Farbe und mit schwarzen Punkten am Rande.
-</p>
-
-<p>
-Was sollte ich damit?!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-Ich fühlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung
-lag auf mir &mdash; eine Verantwortung, die weit hinausging
-über alles Irdische, &mdash; wenn ich jetzt nicht das Richtige
-tat.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Wagschalen, jede belastet mit dem Gewicht des
-halben Weltgebäudes, schweben irgendwo im Reich der
-Ursachen, ahnte ich, &mdash; auf welche von beiden ich ein
-Stäubchen warf: die sank zu Boden.
-</p>
-
-<p>
-<em>Das</em> war das furchtbare Lauern ringsum! verstand
-ich. &bdquo;Keinen Finger rühren!&ldquo; riet mir mein Verstand,
-&mdash; &bdquo;und wenn der Tod in alle Ewigkeit nicht kommen
-sollte und mich erlösen aus dieser Qual.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Auch dann hättest du deine Wahl getroffen: du hättest
-die Körner <em>abgelehnt</em>, raunte es in mir. Hier gibt&rsquo;s
-kein Zurück.
-</p>
-
-<p>
-Hilfe suchend blickte ich mich um, ob mir denn kein
-Zeichen würde, was ich tun sollte.
-</p>
-
-<p>
-Nichts.
-</p>
-
-<p>
-Auch in mir kein Rat, kein Einfall, &mdash; alles tot, gestorben.
-</p>
-
-<p>
-Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie
-eine Feder in diesem furchtbaren Augenblick, erkannte
-ich &mdash; &mdash;.
-</p>
-
-<p>
-Es mußte bereits tiefe Nacht sein, denn ich konnte die
-Wände meines Zimmers nicht mehr unterscheiden.
-</p>
-
-<p>
-Nebenan im Atelier stampften Schritte; ich hörte,
-daß jemand Schränke rückte, Schubladen aufriß und
-polternd zu Boden warf, glaubte Wassertrums Stimme
-zu erkennen, wie er in seinem röchelnden Baß wilde
-Flüche ausstieß; ich horchte nicht hin. Es war mir belanglos
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-wie das Rascheln einer Maus. &mdash; Ich schloß die
-Augen:
-</p>
-
-<p>
-Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir
-vorüber. Die Lider zugedrückt &mdash; starre Totenmasken:
-&mdash; mein eigenes Geschlecht, meine eigenen Vorfahren.
-</p>
-
-<p>
-Immer dieselbe Schädelbildung, wie auch der Typus
-zu wechseln schien, so stand es auf aus seinen Grüften,
-&mdash; mit glattem, gescheiteltem Haar, gelocktem und kurz
-geschnittenem, mit Allongeperücken und in Ringe gezwängten
-Schöpfen &mdash; durch Jahrhunderte heran, bis
-die Züge mir bekannter und bekannter wurden und in
-ein letztes Gesicht zusammenflossen: &mdash; das Gesicht des
-Golem, mit dem die Kette meiner Ahnen abbrach.
-</p>
-
-<p>
-Dann löste die Finsternis mein Zimmer in einen
-unendlichen leeren Raum auf, in dessen Mitte ich mich
-auf meinem Lehnstuhl sitzen wußte, vor mir der graue
-Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm.
-</p>
-
-<p>
-Und als ich die Augen aufschlug, standen in zwei sich
-schneidenden Kreisen, die einen Achter bildeten, fremdartige
-Wesen um uns herum:
-</p>
-
-<p>
-Die des einen Kreises gehüllt in Gewänder mit
-violettem Schimmer, die des anderen mit rötlich schwarzem.
-Menschen einer fremden Rasse, von hohem,
-unnatürlich schmächtigem Wuchs, die Gesichter hinter
-leuchtenden Tüchern verborgen.
-</p>
-
-<p>
-Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, daß der
-Zeitpunkt der Entscheidung gekommen war. Meine
-Finger zuckten nach den Körnern: &mdash; und da sah ich, wie
-ein Zittern durch die Gestalten des rötlichen Kreises
-ging. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-Sollte ich die Körner zurückweisen?: das Zittern
-ergriff den bläulichen Kreis; &mdash; ich blickte den Mann
-ohne Kopf scharf an; er stand da &mdash; in derselben Stellung:
-regungslos wie früher.
-</p>
-
-<p>
-Sogar sein Atmen hatte aufgehört.
-</p>
-
-<p>
-Ich hob den Arm, wußte noch immer nicht, was ich
-tun sollte, und &mdash; schlug auf die ausgestreckte Hand des
-Phantoms, daß die Körner über den Boden hinrollten.
-</p>
-
-<p>
-Einen Moment, so jäh wie ein elektrischer Schlag,
-entglitt mir das Bewußtsein, und ich glaubte in endlose
-Tiefen zu stürzen, &mdash; dann stand ich fest auf den Füßen.
-</p>
-
-<p>
-Das graue Geschöpf war verschwunden. Ebenso die
-Wesen des rötlichen Kreises.
-</p>
-
-<p>
-Die bläulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring
-um mich gebildet; sie trugen eine Inschrift aus goldnen
-Hieroglyphen auf der Brust und hielten stumm &mdash; es
-sah aus wie ein Schwur &mdash; zwischen Zeigefinger und
-Daumen die roten Körner in die Höhe, die ich dem Phantom
-ohne Kopf aus der Hand geschlagen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte, wie draußen Hagelschauer gegen die Fenster
-tobten und brüllender Donner die Luft zerriß:
-</p>
-
-<p>
-Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen
-Wut raste über die Stadt hinweg. Vom Fluß her dröhnten
-durch das Heulen des Sturms in rhythmischen Intervallen
-die dumpfen Kanonenschüsse, die das Brechen der
-Eisdecke auf der Moldau verkündeten. Die Stube loderte
-im Licht der ununterbrochen aufeinanderfolgenden
-Blitze. Ich fühlte mich plötzlich so schwach, daß mir die
-Knie zitterten und ich mich setzen mußte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sei ruhig,&ldquo; sagte deutlich eine Stimme neben mir,
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-&bdquo;sei ganz ruhig, es ist heute die Lelschimurim: die Nacht
-der Beschützung.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Allmählich ließ das Unwetter nach, und der betäubende
-Lärm ging über in das eintönige Trommeln der Schloßen
-auf die Dächer.
-</p>
-
-<p>
-Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu,
-daß ich nur mehr mit stumpfen Sinnen und halb im
-Traum wahrnahm, was um mich her vorging:
-</p>
-
-<p>
-Jemand aus dem Kreis sagte die Worte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<em>Den ihr suchet, der ist nicht hier.</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die andern erwiderten etwas in einer fremden
-Sprache.
-</p>
-
-<p>
-Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz, darin
-kam der Name
-</p>
-
-<p class="center">
-&bdquo;Henoch&ldquo;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-vor, aber ich verstand das übrige nicht: der Wind trug
-das Stöhnen der berstenden Eisschollen zu laut vom
-Flusse herüber.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Dann löste sich einer aus dem Kreis, trat vor mich
-hin, deutete auf die Hieroglyphen auf seiner Brust &mdash;
-sie waren dieselben Buchstaben wie die der übrigen &mdash;
-und fragte mich, ob ich sie lesen könne.
-</p>
-
-<p>
-Und als ich &mdash; lallend vor Müdigkeit &mdash; verneinte,
-streckte er die Handfläche gegen mich aus, und die Schrift
-erschien leuchtend auf <em>meiner</em> Brust in Lettern, die
-zuerst lateinisch waren:
-</p>
-
-<p class="center">
-CHABRAT ZEREH AUR BOCHER<br />
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten.
-&mdash; &mdash; &mdash; Und ich fiel in einen tiefen, traumlosen
-Schlaf, wie ich ihn seit jener Nacht, wo Hillel mir die
-Zunge gelöst, nicht mehr gekannt hatte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-14">
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-Trieb
-</h2>
-
-<p class="first">
-Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten
-Tage vergangen. Kaum, daß ich mir Zeit zu den Mahlzeiten
-ließ.
-</p>
-
-<p>
-Ein unwiderstehlicher Drang nach äußerer Tätigkeit
-hatte mich von früh bis abends an meinen Arbeitstisch
-gefesselt.
-</p>
-
-<p>
-Die Gemme war fertig geworden, und Mirjam hatte
-sich wie ein Kind darüber gefreut.
-</p>
-
-<p>
-Auch der Buchstabe &bdquo;I&ldquo; in dem Buche Ibbur war
-ausgebessert.
-</p>
-
-<p>
-Ich lehnte mich zurück und ließ ruhevoll all die kleinen
-Geschehnisse der heutigen Stunden an mir vorüberziehen:
-</p>
-
-<p>
-Wie das alte Weib, das mich bediente, am Morgen
-nach dem Ungewitter zu mir ins Zimmer gestürzt kam
-mit der Meldung, die steinerne Brücke sei in der Nacht
-eingestürzt. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Seltsam: &mdash; Eingestürzt! Vielleicht gerade in der
-Stunde, wo ich die Körner &mdash; &mdash; &mdash; nein, nein, nicht
-daran denken; es könnte einen Anstrich von Nüchternheit
-bekommen, was damals geschehen war, und ich hatte
-mir vorgenommen, es in meiner Brust begraben sein
-zu lassen, bis es von selbst wieder erwachte, &mdash; nur nicht
-daran rühren!
-</p>
-
-<p>
-Wie lange war&rsquo;s her, da ging ich noch über die Brücke,
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-sah die steinernen Statuen, &mdash; und jetzt lag sie, die
-Brücke, die Jahrhunderte gestanden, in Trümmern.
-</p>
-
-<p>
-Es stimmte mich beinahe wehmütig, daß ich nie mehr
-meinen Fuß auf sie setzen sollte. Wenn man sie auch
-wieder aufbaute, war es doch nicht mehr die alte, geheimnisvolle,
-steinerne Brücke.
-</p>
-
-<p>
-Stundenlang hatte ich, während ich an der Gemme
-schnitt, darüber nachdenken müssen, und so selbstverständlich,
-als hätte ich es nie vergessen gehabt, war es
-lebendig in mir geworden: wie oft ich als Kind und auch
-in späteren Jahren zu dem Bildnis der heiligen Luitgard
-und all den andern, die jetzt begraben lagen in den tosenden
-Wassern, aufgeblickt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Die vielen, kleinen lieben Dinge, die ich in meiner
-Jugend mein eigen genannt, hatte ich wieder gesehen
-im Geiste &mdash; und meinen Vater und meine Mutter und
-die Menge Schulkameraden. Nur an das Haus, wo ich
-gewohnt, konnte ich mich nicht mehr erinnern.
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte, es würde plötzlich, eines Tages, wenn
-ich es am wenigsten erwartete, wieder vor mir stehen;
-und ich freute mich darauf.
-</p>
-
-<p>
-Die Empfindung, daß sich mit einem Male alles natürlich
-und einfach in mir abwickelte, war so behaglich.
-</p>
-
-<p>
-Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette
-geholt hatte, &mdash; es war so gar nichts Erstaunliches daran
-gewesen, daß es aussah, nun, wie eben ein altes, mit
-wertvollen Initialen geschmücktes Pergamentbuch aussieht
-&mdash; schien es mir ganz selbstverständlich.
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte nicht begreifen, daß es jemals gespenstisch
-auf mich gewirkt hatte!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-Es war in hebräischer Sprache geschrieben, vollkommen
-unverständlich für mich.
-</p>
-
-<p>
-Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen
-würde?
-</p>
-
-<p>
-Die Freude am Leben, die während der Arbeit heimlich
-in mich eingezogen war, erwachte von neuem in
-ihrer ganzen erquickenden Frische und verscheuchte die
-Nachtgedanken, die mich hinterrücks wieder überfallen
-wollten.
-</p>
-
-<p>
-Rasch nahm ich Angelinas Bild &mdash; ich hatte die
-Widmung, die darunter stand, abgeschnitten &mdash; und
-küßte es.
-</p>
-
-<p>
-Es war das alles so töricht und widersinnig, aber
-warum nicht einmal von &mdash; Glück träumen, die glitzernde
-Gegenwart festhalten und sich daran freuen, wie über
-eine Seifenblase?
-</p>
-
-<p>
-Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfüllung gehen,
-was mir da die Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte?
-War es so ganz und gar unmöglich, daß ich über Nacht
-ein berühmter Mann würde? Ihr ebenbürtig, wenn
-auch nicht an Herkunft? Zumindest Dr. Savioli ebenbürtig?
-Ich dachte an die Gemme Mirjams: wenn mir
-noch andere so gelangen, wie diese, &mdash; kein Zweifel,
-selbst die ersten Künstler aller Zeiten hatten nie etwas
-Besseres geschaffen.
-</p>
-
-<p>
-Und nur ein Zufall angenommen: der Gatte Angelinas
-stürbe plötzlich?
-</p>
-
-<p>
-Mir wurde heiß und kalt: ein winziger Zufall &mdash; und
-meine Hoffnung, die verwegenste Hoffnung, gewann
-Gestalt. An einem dünnen Faden, der stündlich reißen
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-konnte, hing das Glück, das mir dann in den Schoß
-fallen müßte.
-</p>
-
-<p>
-War mir denn nicht schon tausendfach <a id="corr-19"></a>Wunderbareres
-geschehen? Dinge, von denen die Menschheit gar nicht
-ahnte, daß sie überhaupt existierten?
-</p>
-
-<p>
-War es <em>kein</em> Wunder, daß binnen weniger Wochen
-künstlerische Fähigkeiten in mir erwacht waren, die mich
-jetzt schon weit über den Durchschnitt erhoben?
-</p>
-
-<p>
-Und ich stand doch erst am <em>Anfang</em> des Weges!
-</p>
-
-<p>
-Hatte <em>ich</em> denn kein Anrecht auf Glück?
-</p>
-
-<p>
-Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit?
-</p>
-
-<p>
-Ich übertönte das &bdquo;Ja&ldquo; in mir: &mdash; nur noch eine
-Stunde träumen &mdash; eine Minute &mdash; ein kurzes Menschendasein!
-</p>
-
-<p>
-Und ich träumte mit offenen Augen:
-</p>
-
-<p>
-Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen
-und umgaben mich von allen Seiten mit farbigen
-Wasserfällen. Bäume aus Opal standen in Gruppen
-beisammen und strahlten die Lichtwellen des Himmels,
-der blau schillerte wie der Flügel eines gigantischen
-Tropenschmetterlings, in Funkensprühregen über unabsehbare
-Wiesen voll heißem Sommerduft.
-</p>
-
-<p>
-Mich dürstete, und ich kühlte meine Glieder in dem
-eisigen Gischt der Bäche, die über Felsblöcke rauschten
-aus schimmerndem Perlmutter.
-</p>
-
-<p>
-Schwüler Hauch strich über Hänge, übersät mit Blüten
-und Blumen, und machte mich trunken mit den Gerüchen
-von Jasmin, Hyazinthen, Narzissen, Seidelbast
-&mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-Unerträglich! Unerträglich! Ich verlöschte das Bild.
-&mdash; Mich dürstete.
-</p>
-
-<p>
-Das waren die Qualen des Paradieses.
-</p>
-
-<p>
-Ich riß die Fenster auf und ließ den Tauwind an
-meine Stirne wehen.
-</p>
-
-<p>
-Es roch nach kommendem Frühling &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Mirjam!
-</p>
-
-<p>
-Ich mußte an Mirjam denken. Wie sie sich vor Erregung
-an der Wand hatte halten müssen, um nicht
-umzufallen, als sie mir erzählen gekommen, ein Wunder
-sei geschehen, ein wirkliches Wunder: sie habe ein Goldstück
-gefunden in dem Brotlaib, den der Bäcker vom
-Gang aus durchs Gitter ins Küchenfenster gelegt. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich griff nach meiner Börse. &mdash; Hoffentlich war es
-heute nicht schon zu spät, und ich kam noch zurecht, <em>ihr
-wieder einen Dukaten zuzuzaubern</em>!
-</p>
-
-<p>
-Täglich hatte sie mich besucht, um mir Gesellschaft zu
-leisten, wie sie es nannte, dabei aber fast nicht gesprochen,
-so erfüllt war sie von dem &bdquo;Wunder&ldquo; gewesen. Bis in
-die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie aufgewühlt
-und, wenn ich mir vorstellte, wie sie manchmal plötzlich
-ohne äußern Grund &mdash; nur unter dem Einfluß ihrer
-Erinnerung &mdash; totenblaß geworden war bis in die Lippen,
-schwindelte mir bei dem bloßen Gedanken, ich könnte
-in meiner Blindheit Dinge angerichtet haben, deren
-Tragweite bis ins Grenzenlose ging.
-</p>
-
-<p>
-Und wenn ich mir die letzten, dunkeln Worte Hillels
-ins Gedächtnis rief und in Zusammenhang damit brachte,
-überlief es mich eiskalt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung
-für mich, &mdash; der Zweck heiligt die Mittel <em>nicht</em>, das sah
-ich ein.
-</p>
-
-<p>
-Und was, wenn überdies das Motiv: &bdquo;helfen zu
-wollen&ldquo; nur <em>scheinbar</em> &bdquo;rein&ldquo; war? Hielt sich nicht
-vielleicht doch eine heimliche Lüge dahinter verborgen?:
-der selbstgefällige, unbewußte Wunsch, in der Rolle des
-Helfers zu schwelgen?
-</p>
-
-<p>
-Ich fing an, irre an mir selbst zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Daß ich Mirjam viel zu oberflächlich beurteilt hatte,
-war klar.
-</p>
-
-<p>
-Schon als die Tochter Hillels mußte sie anders sein
-als andere Mädchen.
-</p>
-
-<p>
-Wie hatte ich nur so vermessen sein können, auf solch
-törichte Weise in ein Innenleben einzugreifen, das vielleicht
-himmelhoch über meinem eigenen stand!
-</p>
-
-<p>
-Schon ihr Gesichtsschnitt, der hundertmal eher in die
-Zeit der sechsten ägyptischen Dynastie paßte und selbst
-für diese noch viel zu vergeistigt war, als in die unsrige
-mit ihren Verstandesmenschentypen, hätte mich warnen
-müssen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur der ganz Dumme mißtraut dem äußern Schein,&ldquo;
-hatte ich irgendwo einmal gelesen. &mdash; Wie richtig! Wie
-richtig!
-</p>
-
-<p>
-Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich
-ihr eingestehen, daß ich es gewesen war, der die Dukaten
-Tag für Tag ins Brot geschmuggelt hatte?
-</p>
-
-<p>
-Der Schlag käme zu plötzlich. Würde sie betäuben.
-</p>
-
-<p>
-Ich durfte das nicht wagen, mußte behutsamer vorgehen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-Das &bdquo;Wunder&ldquo; irgendwie abschwächen? Statt das
-Geld ins Brot zu stecken, es auf die Treppenstufe legen,
-daß sie es finden mußte, wenn sie die Tür aufmachte,
-und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger
-Schroffes würde sich schon ausdenken lassen, irgendein
-Weg, der sie aus dem Wunderbaren allmählich wieder
-ins Alltägliche herüberlenkte, tröstete ich mich.
-</p>
-
-<p>
-Ja! Das war das Richtige.
-</p>
-
-<p>
-Oder den Knoten zerhauen? Ihren Vater einweihen
-und zu Rate ziehen? Die Schamröte stieg mir ins Gesicht.
-Zu diesem Schritt blieb Zeit genug, wenn alle
-andern Mittel versagten.
-</p>
-
-<p>
-Nur gleich ans Werk gehen, keine Zeit versäumen!
-</p>
-
-<p>
-Ein guter Einfall kam mir: ich mußte Mirjam zu
-etwas ganz Absonderlichem bewegen, sie für ein paar
-Stunden aus der gewohnten Umgebung reißen, daß sie
-andere Eindrücke bekam.
-</p>
-
-<p>
-Wir würden einen Wagen nehmen und eine Spazierfahrt
-machen. Wer kannte uns denn, wenn wir das
-Judenviertel mieden?
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht interessierte es sie, die eingestürzte Brücke
-zu besichtigen?
-</p>
-
-<p>
-Oder der alte Zwakh oder eine ihrer früheren Freundinnen
-sollte mit ihr fahren, wenn sie es ungeheuerlich
-finden würde, daß ich mit dabei sei.
-</p>
-
-<p>
-Ich war fest entschlossen, keinen Widerspruch gelten
-zu lassen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-An der Türschwelle rannte ich einen Mann beinahe
-über den Haufen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-Wassertrum!
-</p>
-
-<p>
-Er mußte durchs Schlüsselloch hineingespäht haben,
-denn er stand gebückt, als ich mit ihm zusammengestoßen
-war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Suchen Sie mich?&ldquo; fragte ich barsch.
-</p>
-
-<p>
-Er stammelte ein paar Worte der Entschuldigung in
-seinem unmöglichen Jargon; dann bejahte er.
-</p>
-
-<p>
-Ich forderte ihn auf, näher zu treten und sich zu
-setzen, aber er blieb am Tisch stehen und drehte krampfhaft
-mit der Hutkrempe. Eine tiefe Feindseligkeit, die
-er vergebens vor mir verbergen wollte, spiegelte aus
-seinem Gesicht und jeder seiner Bewegungen.
-</p>
-
-<p>
-Noch nie hatte ich den Mann in so unmittelbarer Nähe
-gesehen. Seine grauenhafte Häßlichkeit war es nicht,
-die einen so abstieß; (sie machte mich eher mitleidig gestimmt:
-er sah aus wie ein Geschöpf, dem die Natur
-selbst bei seiner Geburt voll Wut und Abscheu mit dem
-Fuß ins Gesicht getreten hatte) &mdash; etwas anderes,
-Unwägbares, das von ihm ausging, trug die Schuld
-daran.
-</p>
-
-<p>
-Das &bdquo;Blut&ldquo;, wie Charousek es treffend bezeichnet hatte.
-</p>
-
-<p>
-Unwillkürlich wischte ich mir die Hand ab, die ich ihm
-bei seinem Eintritt gereicht hatte.
-</p>
-
-<p>
-So wenig auffällig ich es machte, er schien es doch bemerkt
-zu haben, denn er mußte sich plötzlich mit Gewalt
-zwingen, das Aufflammen des Hasses in seinen Zügen
-zu unterdrücken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hübsch ham Se&rsquo;s hier,&ldquo; fing er endlich stockend an,
-als er sah, daß ich ihm nicht den Gefallen tat, das Gespräch
-zu beginnen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-Im Widerspruch zu seinen Worten schloß er dabei die
-Augen, vielleicht, um meinem Blick nicht zu begegnen.
-Oder glaubte er, daß es seinem Gesicht einen harmloseren
-Ausdruck verleihen würde?
-</p>
-
-<p>
-Man konnte ihm deutlich anhören, welche Mühe er
-sich gab, hochdeutsch zu reden.
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet
-und wartete, was er weiter sagen würde.
-</p>
-
-<p>
-In seiner Verlegenheit griff er nach der <em>Feile</em>, die
-&mdash; weiß Gott wieso &mdash; noch seit Charouseks Besuch auf
-dem Tisch lag, fuhr aber unwillkürlich sofort wie von
-einer Schlange gebissen zurück. Ich staunte innerlich
-über seine unterbewußte seelische Feinfühligkeit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freilich, natürlich, es gehört zum Geschäft, daß man&rsquo;s
-fein hat,&ldquo; raffte er sich auf, zu sagen, &bdquo;wenn man &mdash; so
-noble Besuche bekommt.&ldquo; Er wollte die Augen aufschlagen,
-um zu sehen, welchen Eindruck die Worte auf
-mich machten, hielt es aber offenbar noch für verfrüht
-und schloß sie schnell wieder.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte ihn in die Enge treiben: &bdquo;Sie meinen die
-Dame, die neulich hier vorfuhr? Sagen Sie doch offen,
-wo Sie hinauswollen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er zögerte einen Moment, dann packte er mich heftig
-am Handgelenk und zerrte mich ans Fenster.
-</p>
-
-<p>
-Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat,
-erinnerte mich daran, wie er vor einigen Tagen den
-taubstummen Jaromir unten in seine Höhle gerissen
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden
-Gegenstand hin:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-&bdquo;Was glauben Sie, Herr Pernath, laßt sich da noch
-was machen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es war eine goldene Uhr, mit so stark verbeulten
-Deckeln, daß es fast aussah, als hätte sie jemand mit
-Absicht verbogen.
-</p>
-
-<p>
-Ich nahm ein Vergrößerungsglas: die Scharniere
-waren zur Hälfte abgerissen und innen &mdash; stand da nicht
-etwas eingraviert? Kaum mehr leserlich und noch überdies
-mit einer Menge ganz frischer Schrammen zerkratzt.
-Langsam entzifferte ich:
-</p>
-
-<p class="center">
-K&mdash;rl Zott&mdash;mann.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Zottmann? Zottmann? &mdash; Wo hatte ich diesen
-Namen doch gelesen? Zottmann? Ich konnte mich
-nicht entsinnen. Zottmann?
-</p>
-
-<p>
-Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der
-Hand:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Im Werk is nix, da hab&rsquo; ich schon selber geschaut.
-Aber mit&rsquo;m Gehäuse, da stinkt&rsquo;s.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Braucht man nur gerade zu klopfen &mdash; höchstens ein
-paar Lötstellen. Das kann Ihnen ebensogut jeder beliebige
-Goldarbeiter machen, Herr Wassertrum.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich leg&rsquo; doch Wert darauf, daß es eine solide Arbeit
-wird. Was man so sagt: künstlerisch,&ldquo; unterbrach er
-mich hastig. Fast ängstlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun gut, wenn Ihnen derart viel daran liegt &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Viel daran liegt!&ldquo; Seine Stimme schnappte über
-vor Eifer. &bdquo;Ich will sie doch selber tragen, die Uhr.
-Und wenn ich sie jemanden zeig&rsquo;, will ich sagen
-können: schauen Sie mal her, <em>so</em> arbeitet der Herr von
-Pernath.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-Ich ekelte mich vor dem Kerl; er <a id="corr-20"></a>spuckte mir
-seine widerwärtigen Schmeicheleien förmlich ins Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, wird
-alles fertig sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wassertrum wand sich in Krämpfen: &bdquo;Das gibt&rsquo;s
-nicht. Das will ich nicht. Drei Tag. Vier Tag. Die
-nächste Woche ist Zeit genug. Das ganze Leben möcht&rsquo;
-ich mir Vorwürfe machen, daß ich Ihnen gedrängt
-hab&rsquo;.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Was wollte er nur, daß er so außer sich geriet? &mdash;
-Ich machte einen Schritt ins Nebenzimmer und sperrte
-die Uhr in die Kassette. Angelinas Photographie lag
-obenauf. Schnell schlug ich den Deckel wieder zu &mdash; für
-den Fall, daß Wassertrum mir nachblicken sollte.
-</p>
-
-<p>
-Als ich zurückkam, fiel mir auf, daß er sich verfärbt
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ich musterte ihn scharf, ließ aber meinen Verdacht
-sofort fallen: Unmöglich! Er <em>konnte</em> nichts gesehen
-haben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also, dann vielleicht nächste Woche,&ldquo; sagte ich, um
-seinem Besuch ein Ende zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Er schien mit einem Male keine Eile mehr zu haben,
-nahm einen Sessel und setzte sich.
-</p>
-
-<p>
-Im Gegensatz zu früher hielt er seine Fischaugen
-jetzt beim Reden weit offen und fixierte beharrlich meinen
-obersten Westenknopf. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Pause.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Duksel hat Ihnen natürlich gesagt, Sie sollen
-sich nix wissen machen, wenn&rsquo;s herauskommt. Waas?&ldquo;
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-sprudelte er plötzlich ohne jede Einleitung auf mich los
-und schlug mit der Faust auf den Tisch.
-</p>
-
-<p>
-Es lag etwas merkwürdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit,
-mit der er von einer Sprechweise in die
-andere übergehen &mdash; von Schmeicheltönen blitzartig ins
-Brutale springen konnte, und ich hielt es für sehr wahrscheinlich,
-daß die meisten Menschen, besonders Frauen,
-sich im Handumdrehen in seiner Gewalt befinden mußten,
-wenn er nur die geringste Waffe gegen sie besaß.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die
-Tür setzen, war mein erster Gedanke; dann überlegte
-ich, ob es nicht klüger sei, ihn zuvörderst einmal gründlich
-auszuhorchen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen,
-Herr Wassertrum;&ldquo; &mdash; ich bemühte mich, ein möglichst
-dummes Gesicht zu machen. &bdquo;Duksel? Was ist das:
-Duksel?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen?&ldquo; fuhr er
-mich grob an. &bdquo;Die Hand werden Sie aufheben müssen
-bei Gericht, wenn&rsquo;s um die Wurscht geht. Verstehen Sie
-mich?! Das sag&rsquo; ich Ihnen!&ldquo; &mdash; Er fing an zu schreien:
-&bdquo;Mir ins Gesicht hinein werden Sie nicht abschwören,
-daß &sbquo;sie&lsquo; von da drüben&ldquo; &mdash; er deutete mit dem Daumen
-nach dem Atelier &mdash; &bdquo;zu Ihnen heribber geloffen is mit
-en Teppich an und &mdash; sonst nix!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken
-an der Brust und schüttelte ihn:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen,
-breche ich Ihnen die Knochen im Leibe entzwei! Verstanden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-Aschfahl sank er in den Stuhl zurück und stotterte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was is? Was is? Was wollen Sie? Ich mein&rsquo;
-doch bloß.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich
-zu beruhigen. Horchte nicht hin, was er alles zu seiner
-Entschuldigung herausgeiferte.
-</p>
-
-<p>
-Dann setzte ich mich ihm dicht gegenüber, in der
-festen Absicht, die Sache, soweit sie Angelina betraf,
-ein für allemal mit ihm ins Reine zu bringen und, sollte
-es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich die
-Feindseligkeiten zu eröffnen und seine paar schwachen
-Pfeile vorzeitig zu verschießen.
-</p>
-
-<p>
-Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten,
-sagte ich ihm auf den Kopf zu, daß Erpressungen
-irgendwelcher Art &mdash; ich betonte das Wort &mdash; mißglücken
-müßten, da er auch nicht eine einzige Anschuldigung
-mit Beweisen erhärten könnte und ich mich einer
-Zeugenschaft (angenommen, es wäre überhaupt im
-Bereiche der Möglichkeit, daß es je zu einer solchen käme)
-&mdash; <em>bestimmt</em> zu entziehen wissen würde. Angelina
-stünde mir viel zu nahe, als daß ich sie nicht in der Stunde
-der Not retten würde, koste es, was es wolle, <em>sogar
-einen Meineid</em>!
-</p>
-
-<p>
-Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte, seine Hasenscharte
-zog sich bis zur Nase auseinander, er fletschte die
-Zähne und kollerte wie ein Truthahn mir immer wieder
-in die Rede hinein: &bdquo;Will ich denn was von die Duksel?
-So hören Sie doch zu!&ldquo; &mdash; Er war außer sich vor Ungeduld,
-daß ich mich nicht beirren ließ. &mdash; &bdquo;Um den
-Savioli is mir&rsquo;s zu tun, um den gottverfluchten Hund,
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-&mdash; den &mdash; den &mdash;,&ldquo; fuhr es ihm plötzlich brüllend
-heraus.
-</p>
-
-<p>
-Er japste nach Luft. Rasch hielt ich inne: endlich war
-er dort, wo ich ihn haben wollte, aber schon hatte er sich
-gefaßt und fixierte wieder meine Weste.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hören Sie zu, Pernath,&ldquo; er zwang sich, die kühle,
-abwägende Sprechweise eines Kaufmanns nachzuahmen,
-&bdquo;Sie reden fort von der Duk &mdash; &mdash; von der Dame.
-Gut! sie ist verheiratet. Gut: sie hat sich eingelassen
-mit dem &mdash; mit dem jungen Lauser. Was hab&rsquo; ich damit
-zu tun?&ldquo; Er bewegte die Hände vor meinem Gesicht
-hin und her, die Fingerspitzen zusammengedrückt, als
-hielte er eine Prise Salz darin &mdash; &bdquo;soll <em>sie</em> sich das selber
-abmachen, die Duksel. &mdash; Ich bin e Weltmann, und Sie
-sin auch e Weltmann. Wir kennen doch das beide. Waas?
-Ich will doch nur zu meinem Geld kommen. Verstehen
-Sie, Pernath?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich horchte erstaunt auf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zu welchem Geld? Ist Ihnen denn Dr. Savioli
-etwas schuldig?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wassertrum wich aus:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Abrechnungen hab&rsquo; ich mit ihm. Das kommt doch
-auf eins heraus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie wollen ihn ermorden!&ldquo; schrie ich.
-</p>
-
-<p>
-Er sprang auf. Taumelte. Gluckste ein paarmal.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl! Ermorden! Wie lange wollen Sie mir
-noch Komödie vorspielen!&ldquo; Ich deutete auf die Tür.
-&bdquo;Schauen Sie, daß Sie hinauskommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und
-wandte sich zum Gehen. Dann blieb er noch einmal
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-stehen und sagte mit einer Ruhe, deren ich ihn nie für
-fähig gehalten hätte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auch recht. Ich hab&rsquo; Sie herauslassen wollen.
-Gut. Wenn nicht: Nicht. Barmherzige Barbiere machen
-faule Wunden. Mein Zarbüchel ist voll. Wenn Sie
-gescheit gewesen wären &mdash;: der Savioli is Ihnen doch
-nur im Weg!? &mdash; <em>Jetzt</em> &mdash; <em>mach</em> &mdash; <em>ich</em> &mdash; <em>mit</em>
-&mdash; <em>Ihnen allen dreien</em>&ldquo; &mdash; er deutete mit einer
-Geste des Erdrosselns an, was er meinte &mdash; &bdquo;<em>Preßcolleeh</em>.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Seine Mienen drückten eine so satanische Grausamkeit
-aus, und er schien seiner Sache so sicher zu sein, daß
-mir das Blut in den Adern erstarrte. Er mußte eine
-Waffe in Händen haben, von der ich nichts ahnte, die
-auch Charousek nicht kannte. Ich fühlte den Boden unter
-mir wanken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<em>Die Feile! Die Feile!</em>&ldquo; hörte ich es in meinem
-Hirn flüstern. Ich schätzte die Entfernung ab: ein Schritt
-bis zum Tisch &mdash; zwei Schritte bis zu Wassertrum &mdash; &mdash;
-ich wollte zuspringen &mdash; &mdash; &mdash; da stand wie aus dem
-Boden gewachsen Hillel auf der Schwelle.
-</p>
-
-<p>
-Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah nur &mdash; wie durch Nebel &mdash;, daß Hillel unbeweglich
-stehen blieb und Wassertrum Schritt für Schritt
-bis an die Wand zurückwich.
-</p>
-
-<p>
-Dann hörte ich Hillel sagen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie kennen doch, Aaron, den Satz: <em>Alle Juden
-sind Bürgen füreinander?</em> Machen Sie&rsquo;s einem
-nicht zu schwer.&ldquo; &mdash; Er fügte ein paar hebräische Worte
-hinzu, die ich nicht verstand.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-&bdquo;Was haben Sie das netig, an der Türe zu schnuffeln?&ldquo;
-geiferte der Trödler mit bebenden Lippen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ob ich gehorcht habe oder nicht, braucht Sie nicht
-zu kümmern!&ldquo; &mdash; wieder schloß Hillel mit einem hebräischen
-Satz, der diesmal wie eine Drohung klang. Ich
-erwartete, daß es zu einem Zank kommen würde, aber
-Wassertrum antwortete nicht eine Silbe, überlegte einen
-Augenblick und ging dann trotzig hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Gespannt blickte ich Hillel an. Er winkte mir zu, ich
-solle schweigen. Offenbar wartete er auf irgend etwas,
-denn er horchte angestrengt auf den Gang hinaus. Ich
-wollte die Türe schließen gehen: er hielt mich mit einer
-ungeduldigen Handbewegung zurück.
-</p>
-
-<p>
-Wohl eine Minute verging, dann kamen die schleppenden
-Schritte des Trödlers wieder die Stufen herauf.
-Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel hinaus und machte
-ihm Platz.
-</p>
-
-<p>
-Wassertrum wartete, bis er außer Hörweite war,
-dann knurrte er mich verbissen an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geben Se mer meine Uhr zorück.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-15">
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-Weib
-</h2>
-
-<p class="first">
-Wo nur Charousek blieb?
-</p>
-
-<p>
-Beinahe 24 Stunden waren vergangen, und noch
-immer ließ er sich nicht blicken.
-</p>
-
-<p>
-Sollte er das Zeichen vergessen haben, das wir verabredet
-hatten? Oder sah er es vielleicht nicht?
-</p>
-
-<p>
-Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so, daß
-der Sonnenstrahl, der darauf schien, genau auf das
-vergitterte Guckloch seiner Kellerwohnung fiel.
-</p>
-
-<p>
-Das Eingreifen Hillels &mdash; gestern &mdash; hatte mich
-ziemlich beruhigt. Bestimmt würde er mich gewarnt
-haben, wenn eine Gefahr im Anzuge wäre.
-</p>
-
-<p>
-Überdies: Wassertrum konnte nichts von Belang mehr
-unternommen haben; gleich, nachdem er mich verlassen
-hatte, war er in seinen Laden zurückgekehrt, &mdash; ich warf
-einen Blick hinunter: richtig, da lehnte er unbeweglich
-hinter seinen Herdplatten, genau so, wie ich ihn schon
-frühmorgens gesehen. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Unerträglich, das ewige Warten!
-</p>
-
-<p>
-Die milde Frühlingsluft, die durch das offene Fenster
-aus dem Nebenzimmer hereinströmte, machte mich krank
-vor Sehnsucht.
-</p>
-
-<p>
-Dies schmelzende Tropfen von den Dächern! Und
-wie die feinen Wasserschnüre im Sonnenlicht glänzten!
-</p>
-
-<p>
-Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fäden. Voll
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-Ungeduld ging ich in der Stube auf und ab. Warf mich
-in einen Sessel. Stand wieder auf.
-</p>
-
-<p>
-Dieses süchtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit
-in meiner Brust, es wollte nicht weichen.
-</p>
-
-<p>
-Die ganze Nacht über hatte es mich gequält. Einmal
-war es Angelina gewesen, die sich an mich geschmiegt,
-dann wieder sprach ich scheinbar ganz harmlos mit
-Mirjam, und kaum hatte ich das Bild zerrissen, kam
-abermals Angelina und küßte mich; ich roch den Duft
-ihres Haares, und ihr weicher Zobelpelz kitzelte mich
-am Hals, rutschte von ihren entblößten Schultern &mdash;
-und sie wurde zur Rosina, die mit trunkenen, halbgeschlossenen
-Augen tanzte &mdash; im Frack &mdash; nackt; &mdash; &mdash; &mdash;
-und alles in einem Halbschlaf, der doch genau so gewesen
-war wie ein Wachsein. Wie ein süßes, verzehrendes,
-dämmeriges Wachsein.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Morgen stand dann mein Doppelgänger an
-meinem Bett, der schattenhafte Habal Garmin, &bdquo;der
-Hauch der Knochen&ldquo;, von dem Hillel gesprochen, &mdash; und
-ich sah ihm an den Augen an: er war in meiner Macht,
-<em>mußte</em> mir jede Frage beantworten, die ich ihm stellen
-würde nach irdischen oder jenseitigen Dingen, und er
-<em>wartete</em> nur darauf, aber der Durst nach dem Geheimnisvollen
-konnte nicht an gegen die Schwüle meines
-Blutes und versickerte im dürren Erdreich meines Verstandes.
-&mdash; Ich schickte das Phantom weg, es solle zum
-Spiegelbild Angelinas werden, und es schrumpfte zusammen
-zu dem Buchstaben &bdquo;Aleph&ldquo;, wuchs wieder
-empor, stand da als das Koloßweib, splitternackt, wie ich
-es einstens im Buche Ibbur gesehen, mit dem Pulse
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-gleich einem Erdbeben, und beugte sich über mich und
-ich atmete den betäubenden Geruch ihres heißen Fleisches
-ein.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Kam denn Charousek immer noch nicht? &mdash; Die
-Glocken sangen von den Kirchtürmen.
-</p>
-
-<p>
-Eine Viertelstunde wollte ich noch warten &mdash; dann
-aber hinaus! Durch belebte Straßen voll festtägig gekleideter
-Menschen schlendern, mich in das frohe Gewimmel
-mischen in den Stadtteilen der Reichen, schöne
-Frauen sehen mit koketten Gesichtern und schmalen
-Händen und Füßen.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufällig, entschuldigte
-ich mich vor mir selbst.
-</p>
-
-<p>
-Ich holte das altertümliche Tarokspiel vom Bücherbord,
-um mir die Zeit rascher zu vertreiben. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht ließ sich aus den Bildern Anregung schöpfen
-zum Entwurf einer Kamee?
-</p>
-
-<p>
-Ich suchte nach dem Pagad.
-</p>
-
-<p>
-Nicht zu finden. Wo konnte er hingeraten sein?
-</p>
-
-<p>
-Ich blätterte noch einmal die Karten durch und verlor
-mich in Nachdenken über ihren verborgenen Sinn.
-Besonders der &bdquo;Gehenkte&ldquo;, &mdash; was konnte er nur bedeuten?:
-</p>
-
-<p>
-Ein Mann hängt an einem Seil zwischen Himmel und
-Erde, den Kopf abwärts, die Arme auf den Rücken gebunden,
-den rechten Unterschenkel über das linke Bein
-verschränkt, daß es aussieht wie ein Kreuz über einem
-verkehrten Dreieck?
-</p>
-
-<p>
-Unverständliches Gleichnis.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-Da! &mdash; Endlich! Charousek kam.
-</p>
-
-<p>
-Oder doch nicht?
-</p>
-
-<p>
-Freudige Überraschung: es war Mirjam.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Wissen Sie, Mirjam, daß ich soeben zu Ihnen hinuntergehen
-wollte und Sie bitten, eine Spazierfahrt
-mit mir zu machen?&ldquo; Es war nicht ganz die Wahrheit,
-aber ich machte mir weiter keine Gedanken darüber. &mdash;
-&bdquo;Nicht wahr, Sie schlagen es mir nicht ab?! Ich bin
-heute so unendlich froh im Herzen, daß Sie, gerade Sie,
-Mirjam, meiner Freude die Krone aufsetzen müssen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; spazierenfahren?&ldquo;, wiederholte sie derart verblüfft,
-daß ich laut auflachen mußte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist denn der Vorschlag gar so wunderbar?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein, aber &mdash; &mdash;,&ldquo; sie suchte nach Worten,
-&bdquo;unerhört merkwürdig. Spazierenfahren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchaus nicht merkwürdig, wenn Sie sich vorhalten,
-daß es Hunderttausende von Menschen tun &mdash;
-eigentlich ihr ganzes Leben nichts anderes tun.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, <em>andere</em> Menschen!&ldquo; gab sie, immer noch vollständig
-überrumpelt, zu.
-</p>
-
-<p>
-Ich faßte ihre beiden Hände:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was <em>andere</em> Menschen an Freude erleben dürfen,
-möchte ich, daß Sie, Mirjam, in noch unendlich viel
-reicherem Maße genießen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie wurde plötzlich leichenblaß, und ich sah an der
-starren Taubheit ihres Blickes, woran sie dachte.
-</p>
-
-<p>
-Es gab mir einen Stich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie dürfen es nicht immer mit sich herumtragen,
-Mirjam,&ldquo; redete ich ihr zu, &bdquo;das &mdash; das Wunder. Wollen
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-Sie mir das nicht versprechen &mdash; aus &mdash; aus Freundschaft?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie hörte die Angst aus meinen Worten und blickte
-mich erstaunt an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn es Sie nicht so angriffe, könnte ich mich mit
-Ihnen freuen, aber so? Wissen Sie, daß ich tief besorgt
-bin um Sie, Mirjam? &mdash; Um &mdash; um &mdash; wie soll ich nur
-sagen? &mdash; um Ihre seelische Gesundheit! Fassen Sie
-es nicht wörtlich auf, aber &mdash;: ich wollte, das Wunder
-wäre nie geschehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich erwartete, sie würde mir widersprechen, aber sie
-nickte nur in Gedanken versunken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es verzehrt Sie. Habe ich nicht recht, Mirjam?&ldquo;
-Sie raffte sich auf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Manchmal möchte ich beinahe auch, es wäre nicht
-geschehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es klang wie ein Hoffnungsstrahl für mich. &mdash; &bdquo;Wenn
-ich mir denken soll,&ldquo; sie sprach ganz langsam und traumverloren,
-&bdquo;daß Zeiten kommen könnten, wo ich ohne
-solche Wunder leben müßte &mdash; &mdash; &mdash;.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie können doch über Nacht reich werden und brauchen
-dann nicht mehr &mdash;,&ldquo; fuhr ich ihr unbedacht in die
-Rede, hielt aber rasch inne, als ich das Entsetzen in ihrem
-Gesicht bemerkte, &mdash; &bdquo;ich meine: Sie können plötzlich
-auf natürliche Weise ihrer Sorgen enthoben werden,
-und die Wunder, die Sie dann erleben, würden geistiger
-Art sein: &mdash; innere Erlebnisse.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schüttelte den Kopf und sagte hart: &bdquo;Innere Erlebnisse
-sind keine Wunder. Erstaunlich genug, daß es
-Menschen zu geben scheint, die überhaupt keine haben.
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-&mdash; Seit meiner Kindheit, Tag für Tag, Nacht für Nacht,
-erlebe ich &mdash;&ldquo; (sie brach mit einem Ruck ab und ich erriet,
-daß noch etwas anderes in ihr war, von dem sie mir
-nie gesprochen hatte, vielleicht das Weben unsichtbarer
-Geschehnisse, ähnlich den meinigen) &mdash; &bdquo;aber das gehört
-nicht hierher. Selbst, wenn einer aufstünde und machte
-Kranke gesund durch Handauflegen, ich könnte es kein
-Wunder nennen. Erst, wenn der leblose Stoff &mdash; die
-Erde &mdash; beseelt wird vom Geist und die Gesetze der
-Natur zerbrechen, dann ist das geschehen, wonach ich
-mich sehne, seit ich denken kann. &mdash; Mir hat einmal mein
-Vater gesagt: es gäbe zwei Seiten der Kabbala: eine
-magische und eine abstrakte, die sich niemals zur Deckung
-bringen ließen. Wohl könne die magische die abstrakte
-an sich ziehen, aber nie und nimmer umgekehrt. Die
-magische ist ein <em>Geschenk</em>, die andere <em>kann</em> errungen
-werden, wenn auch nur mit Hilfe eines Führers.&ldquo; &mdash;
-Sie nahm den ersten Faden wieder auf: &bdquo;Das <em>Geschenk</em>
-ist es, nach dem ich dürste; was ich mir erringen
-kann, ist mir gleichgültig und wertlos wie Staub. Wenn
-ich mir denken soll, es könnten Zeiten kommen, sagte ich
-vorhin, wo ich wieder ohne diese Wunder leben müßte,&ldquo;
-&mdash; ich sah, wie sich ihre Finger krampften und Reue und
-Jammer zerfleischten mich, &mdash; &bdquo;ich glaube, ich sterbe
-jetzt schon angesichts der bloßen Möglichkeit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist das der Grund, weshalb auch Sie wünschten,
-das Wunder wäre nie geschehen?&ldquo;, forschte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur zum Teil. Es ist noch etwas anderes da. Ich
-&mdash; ich &mdash;&ldquo;, sie dachte einen Augenblick nach, &bdquo;war noch
-nicht reif dazu, ein Wunder in dieser Form zu erleben.
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-Das ist es. Wie soll ich es Ihnen nur erklären? Nehmen
-Sie einmal an, bloß als Beispiel, ich hätte seit Jahren
-jede Nacht ein und denselben Traum, der sich immer
-weiter fortspinnt und in dem mich jemand &mdash; sagen wir:
-ein Bewohner einer andern Welt &mdash; belehrt und mir
-nicht nur an einem Spiegelbilde von mir selbst und seinen
-allmählichen Veränderungen zeigt, wie weit ich von der
-magischen Reife, ein &sbquo;Wunder&lsquo; erleben zu können, entfernt
-bin, sondern: mir auch in Verstandesfragen, wie
-sie mich manchmal tagsüber beschäftigen, derart Aufschluß
-gibt, daß ich es jederzeit nachprüfen kann. Sie
-werden mich verstehen: Ein solches Wesen ersetzt einem
-an Glück alles, was sich auf Erden ausdenken läßt; es
-ist für mich die Brücke, die mich mit dem &sbquo;Drüben&lsquo; verbindet,
-ist die Jakobsleiter, auf der ich mich über die
-Dunkelheit des Alltags erheben kann ins Licht, &mdash; ist
-mir Führer und Freund, und alle meine Zuversicht, daß
-ich mich auf den dunkeln Wegen, die meine Seele geht,
-nicht verirren kann in Wahnsinn und Finsternis, setze ich
-auf &sbquo;ihn&lsquo;, der mich noch nie belogen hat. &mdash; Da mit einem
-Mal, entgegen allem, was er mir gesagt hat, kreuzt ein
-&sbquo;Wunder&lsquo; mein Leben! Wem soll ich jetzt glauben? War
-das, was mich die vielen Jahre über ununterbrochen
-erfüllt hat, eine Täuschung? Wenn ich daran zweifeln
-müßte, ich stürzte kopfüber in einen bodenlosen Abgrund.
-&mdash; Und doch ist das Wunder geschehen! Ich
-würde aufjauchzen vor Freude, wenn &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn &mdash; &mdash; &mdash;?&ldquo; unterbrach ich sie atemlos. Vielleicht
-sprach sie selbst jetzt das erlösende Wort, und ich
-konnte ihr alles eingestehen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-&bdquo;&mdash; wenn ich erführe, daß ich mich geirrt habe, &mdash;
-daß es gar kein Wunder war! Aber ich weiß so genau,
-wie ich weiß, daß ich hier sitze, ich ginge zugrunde daran&ldquo;;
-(mir blieb das Herz stehen) &mdash; &bdquo;zurückgerissen werden,
-vom Himmel wieder herab müssen auf diese Erde?
-Glauben Sie, daß das ein Mensch ertragen kann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitten Sie doch Ihren Vater um Hilfe&ldquo;, sagte ich
-ratlos vor Angst.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meinen Vater? Um Hilfe?&ldquo; &mdash; sie blickte mich verständnislos
-an, &mdash; &bdquo;wo es nur zwei Wege für mich gibt,
-kann er da einen dritten finden? &mdash; &mdash; Wissen Sie, was
-die einzige Rettung für mich wäre? Wenn <em>mir</em> das
-geschähe, was Ihnen geschehen ist. Wenn ich in dieser
-Minute alles, was hinter mir liegt: mein ganzes Leben
-bis zum heutigen Tag &mdash; vergessen könnte. &mdash; Ist es
-nicht merkwürdig: was Sie als Unglück empfinden,
-wäre für mich das höchste Glück!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir schwiegen beide eine lange Zeit. Dann ergriff
-sie plötzlich meine Hand und lächelte. Beinahe
-fröhlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will nicht, daß Sie sich meinetwegen grämen;&ldquo;
-&mdash; (sie tröstete mich &mdash; mich!) &mdash; &bdquo;vorhin waren Sie so
-voll Freude und Glück über den Frühling draußen, und
-jetzt sind Sie die Betrübnis selbst. Ich hätte Ihnen überhaupt
-nichts sagen sollen. Reißen Sie es aus Ihrem
-Gedächtnis und denken Sie wieder so heiter wie vorhin!
-&mdash; Ich bin ja so froh &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie? Froh? Mirjam?&ldquo;, unterbrach ich sie bitter.
-</p>
-
-<p>
-Sie machte ein überzeugtes Gesicht: &bdquo;Ja! Wirklich!
-Froh! Als ich zu Ihnen heraufging, war ich so unbeschreiblich
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-ängstlich, &mdash; ich weiß nicht warum: ich konnte
-das Gefühl nicht loswerden, daß Sie in einer großen
-Gefahr schweben,&ldquo; &mdash; ich horchte auf &mdash; &bdquo;aber, statt mich
-darüber zu freuen, Sie gesund und wohlauf zu treffen,
-habe ich Sie angeunkt und &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich zwang mich zur Lustigkeit: &bdquo;und das können Sie
-nur gutmachen, wenn Sie mit mir ausfahren.&ldquo; (Ich
-bemühte mich, so viel Übermut wie möglich in meine
-Stimme zu legen:) &bdquo;Ich möchte doch einmal sehen,
-Mirjam, ob es mir nicht gelingt, Ihnen die trüben Gedanken
-zu verscheuchen. Sagen Sie, was Sie wollen:
-Sie sind noch lange kein ägyptischer Zauberer, sondern
-vorläufig nur ein junges Mädchen, dem der Tauwind
-noch manchen bösen Streich spielen kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie wurde plötzlich ganz lustig:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, was ist denn das heute mit Ihnen, Herr Pernath?
-So hab&rsquo; ich Sie noch nie gesehen! &mdash; Übrigens
-&sbquo;Tauwind&lsquo;: bei uns Judenmädchen lenken bekanntlich
-die Eltern den Tauwind, und wir haben nur zu gehorchen.
-Tuen es natürlich auch. Es steckt uns schon so
-im Blut. &mdash; Mir ja nicht,&ldquo; setzte sie ernsthafter hinzu,
-&bdquo;meine Mutter hat bös gestreikt, als sie den gräßlichen
-Aaron Wassertrum heiraten sollte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was? Ihre Mutter? Den Trödler da unten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mirjam nickte. &bdquo;Gott sei Dank ist es nicht zustande
-gekommen. &mdash; Für den armen Menschen freilich war es
-ein vernichtender Schlag.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Armer Mensch, sagen Sie?&ldquo; fuhr ich auf. &bdquo;Der Kerl
-ist ein Verbrecher.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie wiegte nachdenklich den Kopf: &bdquo;Gewiß, er ist
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-ein Verbrecher. Aber wer in einer solchen Haut steckt
-und kein Verbrecher wird, muß ein Prophet sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich rückte neugierig näher:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie Genaueres über ihn? Mich interessiert
-das. Aus ganz besonderen &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen
-hätten, Herr Pernath, wüßten Sie sofort, wie es in
-seiner Seele ausschaut. Ich sage das, weil ich als Kind
-sehr oft drin war. &mdash; Warum sehen Sie mich so erstaunt
-an? Ist denn das so merkwürdig? &mdash; Gegen mich war
-er immer freundlich und gütig. Einmal sogar, erinnere
-ich mich, schenkte er mir einen großen blitzenden Stein,
-der mir besonders unter seinen Sachen gefallen hatte.
-Meine Mutter sagte, es sei ein Brillant, und ich mußte
-ihn natürlich sofort zurücktragen.
-</p>
-
-<p>
-Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen, aber
-dann riß er ihn mir aus der Hand und warf ihn voll
-Wut weit von sich. Ich habe aber dennoch gesehen, wie
-ihm dabei die Tränen aus den Augen stürzten; ich konnte
-auch damals schon genug Hebräisch, um zu verstehen,
-was er murmelte: &sbquo;Alles ist verflucht, was meine Hand
-berührt.&lsquo; &mdash; &mdash; Es war das letzte Mal, daß ich ihn besuchen
-durfte. Nie wieder hat er mich seitdem aufgefordert,
-zu ihm zu kommen. Ich weiß auch warum:
-Hätte ich ihn nicht zu trösten versucht, wäre alles beim
-alten geblieben, so aber, weil er mir unendlich leid tat,
-und ich es ihm sagte, wollte er mich nicht mehr sehen. &mdash;
-&mdash; &mdash; Sie verstehen das nicht, Herr Pernath? Es ist
-doch so einfach: er ist ein Besessener, &mdash; ein Mensch, der
-sofort mißtrauisch, unheilbar mißtrauisch wird, wenn
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-jemand an sein Herz rührt. Er hält sich für noch viel
-häßlicher, als er in Wirklichkeit ist, &mdash; wenn das überhaupt
-möglich sein kann, &mdash; und darin wurzelt sein ganzes
-Denken und Handeln. Man sagt, seine Frau hätte ihn
-gern gehabt, vielleicht war es mehr Mitleid als Liebe,
-aber immerhin glaubten es sehr viele Leute. Der einzige,
-der vom Gegenteil tief durchdrungen war, war er.
-Überall wittert er Verrat und Haß.
-</p>
-
-<p>
-Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme.
-Ob es daher kam, daß er ihn vom Säuglingsalter an
-hatte heranwachsen sehen, also das Keimen jeder Eigenschaft
-vom Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte
-und daher nie zu einem Punkte gelangte, wo sein Mißtrauen
-hätte einsetzen können, oder ob es im jüdischen
-Blute lag: alles, was an Liebesfähigkeit in ihm lebte,
-auf seinen Nachkommen auszugießen &mdash; in jener instinktiven
-Furcht unserer Rasse: wir könnten aussterben und
-eine Mission nicht erfüllen, die wir vergessen haben,
-die aber dunkel in uns fortlebt, &mdash; wer kann das wissen!
-</p>
-
-<p>
-Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte,
-und bei einem unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar
-ist, leitete er die Erziehung seines Sohnes. Mit
-dem Scharfsinn eines Psychologen räumte er dem Kinde
-jedes Erlebnis aus dem Wege, das zur Entwicklung der
-Gewissenstätigkeit hätte beitragen können, um ihm
-künftige seelische Leiden zu ersparen.
-</p>
-
-<p>
-Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten,
-der die Ansicht verfocht, die Tiere seien empfindungslos
-und ihre Schmerzäußerung ein mechanischer
-Reflex.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-Aus jedem Geschöpf so viel Freude und Genuß für
-sich selbst herauspressen wie nur irgend möglich, und dann
-die Schale sofort als nutzlos wegwerfen: das war ungefähr
-das Abc seines weitblickenden Erziehungssystems.
-</p>
-
-<p>
-Daß das Geld als Standarte und Schlüssel zur &sbquo;Macht&lsquo;
-dabei eine erste Rolle spielte, können Sie sich denken,
-Herr Pernath. Und so wie er selbst den eigenen Reichtum
-sorgsam geheim hält, um die Grenzen seines Einflusses
-in Dunkel zu hüllen, so ersann er sich ein Mittel,
-seinem Sohn Ähnliches zu ermöglichen, ihm aber gleichzeitig
-die Qual eines scheinbar ärmlichen Lebens zu
-ersparen: er durchtränkte ihn mit der infernalischen Lüge
-von der &sbquo;Schönheit&lsquo;, brachte ihm die äußere und innere
-Gebärde der Ästhetik bei, lehrte ihn <em>äußerlich</em>: die
-Lilie auf dem Felde heucheln und <em>innerlich</em> ein Aasgeier
-sein.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich war das mit der &sbquo;Schönheit&lsquo; wohl kaum
-eigene Erfindung von ihm &mdash; vermutlich die &sbquo;Verbesserung&lsquo;
-eines Ratschlages, den ihm ein Gebildeter
-gegeben hatte.
-</p>
-
-<p>
-Daß ihn sein Sohn später verleugnete, wo und wann
-er nur konnte, nahm er niemals übel. Im Gegenteil,
-er machte es ihm zur <em>Pflicht</em>: denn seine Liebe war
-selbstlos und wie ich es schon einmal von meinem Vater
-sagte: &mdash; von der Art, die übers Grab hinausgeht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an,
-wie sie ihre Gedanken stumm weiterspann, hörte es an
-dem veränderten Klang ihrer Stimme, als sie sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seltsame Früchte wachsen auf dem Baume des
-Judentums.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-&bdquo;Sagen Sie, Mirjam,&ldquo; fragte ich, &bdquo;haben Sie nie
-davon gehört, daß Wassertrum eine Wachsfigur in seinem
-Laden stehen hat? Ich weiß nicht mehr, wer es mir
-erzählt hat, &mdash; es war vielleicht nur ein Traum &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein, es ist schon richtig, Herr Pernath: eine
-lebensgroße Wachsfigur steht in der Ecke, in der er,
-mitten unter dem tollsten Gerümpel, auf seinem Strohsack
-schläft. Er hat sie vor Jahren einem Schaubudenbesitzer
-abgewuchert, heißt es, bloß weil sie einem Mädchen
-&mdash; einer Christin &mdash; ähnlich sah, die angeblich einmal
-seine Geliebte gewesen sein soll.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Charouseks Mutter!&ldquo; drängte es sich mir auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihren Namen wissen Sie nicht, Mirjam?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mirjam schüttelte den Kopf. &bdquo;Wenn Ihnen daran
-liegt &mdash; soll ich mich erkundigen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach Gott, nein, Mirjam; es ist mir vollkommen
-gleichgültig&ldquo; (ich sah an ihren blitzenden Augen, daß sie
-sich in Eifer geredet hatte. Sie durfte nicht wieder zu
-sich kommen, nahm ich mir vor) &bdquo;aber was mich viel
-mehr interessiert, ist das Gebiet, von dem Sie vorhin
-flüchtig sprachen. Ich meine das vom &sbquo;Tauwind&lsquo;. &mdash;
-Ihr Vater würde Ihnen doch gewiß nicht vorschreiben,
-wen Sie heiraten sollen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie lachte lustig auf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Vater? Wo denken Sie hin!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, das ist ein großes Glück für mich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wieso?&ldquo; fragte sie arglos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil ich dann noch Chancen habe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es war nur ein Scherz, und sie nahm es auch nicht
-anders hin, aber doch sprang sie rasch auf und ging
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-ans Fenster, um mich nicht sehen zu lassen, daß sie rot
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Ich lenkte ein, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das eine bitte ich mir aus als alter Freund: Mich
-müssen Sie einweihen, wenn&rsquo;s einmal so weit ist. &mdash;
-Oder gedenken <a id="corr-22"></a>Sie überhaupt ledig zu bleiben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein! nein! nein!&ldquo; &mdash; sie wehrte so entschlossen ab,
-daß ich unwillkürlich lächelte &mdash; &bdquo;einmal muß ich ja doch
-heiraten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Natürlich! Selbstverständlich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie wurde nervös wie ein Backfisch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Können Sie denn nicht eine Minute lang ernsthaft
-bleiben, Herr Pernath?&ldquo; &mdash; Ich machte gehorsam ein
-Lehrergesicht und sie setzte sich wieder. &mdash; &bdquo;Also: wenn
-ich sage, ich muß doch einmal heiraten, so meine ich
-damit, daß ich mir zwar bis jetzt den Kopf über die näheren
-Umstände nicht zerbrochen habe, den Sinn des Lebens
-aber gewiß nicht verstünde, wenn ich annehmen würde,
-ich sei als Weib auf die Welt gekommen, um kinderlos
-zu bleiben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich das Frauenhafte
-in ihren Zügen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es gehört mit zu meinen Träumen,&ldquo; fuhr sie leise
-fort, &bdquo;mir vorzustellen, daß es ein Endziel ist, wenn zwei
-Wesen zu einem verschmelzen, &mdash; zu dem, was &mdash; &mdash;
-haben Sie nie von dem alten ägyptischen Osiriskult
-gehört? &mdash; zu dem verschmelzen, was der &sbquo;Hermaphrodit&lsquo;
-als Symbol bedeuten mag.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich horchte gespannt auf: &bdquo;Der Hermaphrodit &mdash;?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich meine: Die magische Vereinigung von männlich
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-und weiblich im Menschengeschlecht zu einem Halbgott.
-Als Endziel! &mdash; Nein, nicht als Endziel, als Beginn
-eines neuen Weges, der ewig ist &mdash; <em>kein</em> Ende hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und hoffen Sie, dereinst denjenigen zu finden,&ldquo;
-fragte ich erschüttert, &bdquo;den Sie suchen? &mdash; Kann es nicht
-sein, daß er in einem fernen Land lebt, vielleicht gar nicht
-auf Erden ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Davon weiß ich nichts;&ldquo; sagte sie einfach, &bdquo;ich kann
-nur warten. Wenn er durch Zeit und Raum von mir
-getrennt ist, &mdash; was ich nicht glaube, weshalb wäre ich
-dann hier im Ghetto angebunden? &mdash; oder durch die
-Klüfte gegenseitigen Nichterkennens &mdash; und ich finde
-ihn nicht, dann hat mein Leben keinen Zweck gehabt
-und war das gedankenlose Spiel eines idiotischen Dämons.
-&mdash; Aber, bitte, bitte, reden wir nicht mehr davon,&ldquo;
-flehte sie, &bdquo;wenn man den Gedanken nur ausspricht,
-bekommt er schon einen häßlichen, irdischen Beigeschmack,
-und ich möchte nicht &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie brach plötzlich ab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was möchten Sie nicht, Mirjam?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie hob die Hand. Stand rasch auf und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie bekommen Besuch, Herr Pernath!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Seidenkleider raschelten auf dem Gang.
-</p>
-
-<p>
-Ungestümes Klopfen. Dann:
-</p>
-
-<p>
-Angelina!
-</p>
-
-<p>
-Mirjam wollte gehen; ich hielt sie zurück:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Darf ich vorstellen: die Tochter eines lieben Freundes
-&mdash; Frau Gräfin &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht einmal vorfahren kann man mehr. Überall
-das Pflaster aufgerissen. Wann werden Sie einmal in
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-eine menschenwürdige Gegend siedeln, Meister Pernath?
-Draußen schmilzt der Schnee und der Himmel jubelt,
-daß es einem die Brust zersprengt, und Sie hocken hier
-in Ihrer Tropfsteingrotte wie ein alter Frosch, &mdash; &mdash;
-übrigens wissen Sie, daß ich gestern bei meinem Juwelier
-war und er gesagt hat: Sie sind der größte Künstler,
-der feinste Gemmenschneider, den es heute gibt, wenn
-nicht einer der größten, die je gelebt haben?!&ldquo; &mdash; Angelina
-plauderte wie ein Wasserfall, und ich war verzaubert.
-Sah nur mehr ihre strahlenden, blauen Augen, die
-kleinen Füße in den winzigen Lackstiefeln, sah das kapriziöse
-Gesicht aus dem Wust von Pelzwerk leuchten und
-die rosigen Ohrläppchen.
-</p>
-
-<p>
-Sie ließ sich kaum Zeit auszuatmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;An der Ecke steht mein Wagen. Ich hatte schon
-Angst, Sie nicht zu Hause zu treffen. Sie haben doch
-hoffentlich noch nicht zu Mittag gegessen? Wir fahren
-zuerst &mdash; ja, wohin fahren wir zuerst? Wir fahren zuerst
-einmal &mdash; warten Sie &mdash; &mdash; ja: vielleicht in den Baumgarten,
-oder kurz: irgendwohin ins Freie, wo man so
-recht das Keimen und heimliche Sprossen in der Luft
-ahnt. Kommen Sie, kommen Sie, nehmen Sie Ihren
-Hut; und dann essen Sie bei mir, &mdash; und dann schwätzen
-wir bis abends. Nehmen Sie doch Ihren Hut! Worauf
-warten Sie denn? &mdash; Eine warme, ganz weiche Decke
-ist unten: da wickeln wir uns ein bis an die Ohren und
-kuscheln uns zusammen, bis uns siedheiß wird.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Was sollte ich nur sagen?! &mdash; &mdash; &bdquo;Soeben habe ich
-mit der Tochter meines Freundes hier eine Spazierfahrt
-verabredet &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet,
-noch ehe ich aussprechen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Ich begleitete sie bis vor die Tür, obschon sie mich
-freundlich abwehren wollte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hören Sie mich an, Mirjam, ich kann es Ihnen hier
-auf der Treppe nicht so sagen, wie ich an Ihnen hänge
-&mdash; &mdash; und daß ich tausendmal lieber mit Ihnen &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie dürfen die Dame nicht warten lassen, Herr Pernath,&ldquo;
-drängte sie, &bdquo;adieu und viel Vergnügen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie sagte es voll Herzlichkeit und unverstellt und echt,
-aber ich sah, daß der Glanz in ihren Augen erloschen
-war.
-</p>
-
-<p>
-Sie eilte die Treppe hinunter und das Leid schnürte
-mir die Kehle zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Mir war, als hätte ich eine Welt verloren.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wie im Rausch saß ich an Angelinas Seite. Wir
-fuhren in rasendem Trab durch die menschenüberfüllten
-Straßen.
-</p>
-
-<p>
-Eine Brandung des Lebens rings um mich, daß ich,
-halbbetäubt, nur noch die kleinen Lichtflecke in dem
-Bilde, das an mir vorüberhuschte, unterscheiden konnte:
-blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten, blanke
-Zylinderhüte, weiße Damenhandschuhe, einen Pudel
-mit rosa Halsschleife, der kläffend in die Räder beißen
-wollte, schäumende Rappen, die uns entgegensausten in
-silbernen Geschirren, ein Ladenfenster, drin schimmernde
-Schalen voll Perlschnüren und funkelnden Geschmeiden,
-&mdash; Seidenglanz um schlanke Mädchenhüften.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, ließ
-mich die Wärme von Angelinas Körper doppelt sinnverwirrend
-empfinden.
-</p>
-
-<p>
-Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll
-zur Seite, wenn wir an ihnen vorüberjagten.
-</p>
-
-<p>
-Dann ging&rsquo;s im Schritt über das Quai, das eine
-einzige Wagenreihe war, an der eingestürzten steinernen
-Brücke vorbei, umstaut vom Gewühl gaffender Gesichter.
-</p>
-
-<p>
-Ich blickte kaum hin: &mdash; das kleinste Wort aus dem
-Munde Angelinas, ihre Wimpern, das eilige Spiel
-ihrer Lippen, &mdash; alles, alles war mir unendlich viel
-wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrümmer dort
-unten den antaumelnden Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Parkwege. Dann &mdash; gestampfte, elastische Erde.
-Dann Laubrascheln unter den Hufen der Pferde, nasse
-Luft, blätterlose Baumriesen voll von Krähennestern,
-totes Wiesengrün mit weißlichen Inseln schwindenden
-Schnees, alles zog an mir vorbei wie geträumt.
-</p>
-
-<p>
-Nur mit ein paar kurzen Worten, fast gleichgültig,
-kam Angelina auf Dr. Savioli zu sprechen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt, wo die Gefahr vorüber ist,&ldquo; sagte sie mit entzückender,
-kindlicher Unbefangenheit, &bdquo;und ich weiß,
-daß es ihm auch wieder besser geht, kommt mir alles
-das, was ich mitgemacht habe, so gräßlich langweilig
-vor. &mdash; Ich will mich endlich einmal wieder freuen, die
-Augen zumachen und untertauchen in dem glitzernden
-Schaum des Lebens. Ich glaube, alle Frauen sind so.
-Sie gestehen es bloß nicht ein. Oder sind sie so dumm,
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-daß sie es selbst nicht wissen. Meinen Sie nicht auch?&ldquo;
-Sie hörte gar nicht hin, was ich darauf antwortete.
-&bdquo;Übrigens sind mir Frauen vollständig uninteressant.
-Sie dürfen es natürlich nicht als Schmeichelei auffassen:
-aber &mdash; wahrhaftig, die bloße Nähe eines sympathischen
-Mannes ist mir im kleinen Finger lieber, als das anregendste
-Gespräch mit einer noch so gescheiten Frau.
-Es ist ja schließlich doch alles dummes Zeug, was man da
-zusammenschwätzt. &mdash; Höchstens: das bißchen Putz &mdash;
-na und! Die Moden wechseln ja nicht gar so häufig.
-&mdash; &mdash; Nicht wahr, ich bin leichtsinnig?&ldquo;, fragte sie plötzlich
-kokett, daß ich mich, bestrickt von ihrem Reiz, zusammennehmen
-mußte, nicht ihr Köpfchen zwischen
-meine Hände zu nehmen und sie in den Nacken zu küssen,
-&mdash; &bdquo;sagen Sie, daß ich leichtsinnig bin!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schmiegte sich noch dichter an und hängte sich in
-mich ein.
-</p>
-
-<p>
-Wir fuhren aus der Allee heraus an Bosketts entlang
-mit strohumwickelten Zierstauden, die aussahen in ihren
-Hüllen wie Rümpfe von Ungeheuern mit abgehauenen
-Gliedern und Häuptern.
-</p>
-
-<p>
-Leute saßen auf Bänken in der Sonne und blickten
-hinter uns drein und steckten die Köpfe zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Wir schwiegen eine Weile und hingen unseren Gedanken
-nach. Wie war Angelina doch so vollständig
-anders, als sie bisher in meiner Einbildung gelebt hatte!
-&mdash; Als sei sie erst heute für mich in die Gegenwart gerückt!
-</p>
-
-<p>
-War das wirklich dieselbe Frau, die ich damals in der
-Domkirche getröstet hatte?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen
-Mund.
-</p>
-
-<p>
-Sie sprach noch immer kein Wort. Schien im Geiste
-ein Bild zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Der Wagen bog über eine feuchte Wiese.
-</p>
-
-<p>
-Es roch nach erwachender Erde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie, &mdash; &mdash; Frau &mdash; &mdash;?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nennen Sie mich doch Angelina&ldquo;, unterbrach sie
-mich leise.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie, Angelina, daß &mdash; daß ich heute die ganze
-Nacht von Ihnen geträumt habe?&ldquo;, stieß ich gepreßt
-hervor.
-</p>
-
-<p>
-Sie machte eine kleine rasche Bewegung, als wolle
-sie ihren Arm aus meinem ziehen, und sah mich groß
-an. &bdquo;Merkwürdig! Und ich von Ihnen! &mdash; Und in
-diesem Moment habe ich dasselbe gedacht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wieder stockte das Gespräch und beide errieten wir,
-daß wir auch dasselbe geträumt hatten.
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte es an dem Beben ihres Blutes. Ihr
-Arm zitterte kaum merklich an meiner Brust. Sie
-blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen hinaus.
-&mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen, streifte
-den weißen, duftenden Handschuh zurück, hörte, wie ihr
-Atem heftig wurde, und preßte toll vor Liebe meine
-Zähne in ihren Handballen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&mdash; &mdash; Stunden später ging ich wie ein Trunkener
-durch den Abendnebel hinab der Stadt zu. Planlos
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-wählte ich die Straßen und ging lange, ohne es zu
-wissen, im Kreise herum.
-</p>
-
-<p>
-Dann stand ich am Fluß über ein eisernes Geländer
-gebeugt und starrte hinab in die tosenden Wellen.
-</p>
-
-<p>
-Noch immer fühlte ich Angelinas Arme um meinen
-Nacken, sah das steinerne Becken des Springbrunnens,
-an dem wir schon einmal Abschied voneinander genommen
-vor vielen Jahren, vor mir, mit den faulenden
-Ulmenblättern darin, und sie wanderte wieder mit mir,
-wie soeben erst vor kurzem, den Kopf an meine Schulter
-gelehnt, stumm durch den fröstelnden, dämmrigen Park
-ihres Schlosses.
-</p>
-
-<p>
-Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief
-ins Gesicht, um zu träumen.
-</p>
-
-<p>
-Die Wasser brausten über das Wehr und ihr Rauschen
-verschlang die letzten, aufmurrenden Geräusche der
-schlafengehenden Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um
-mich zog und aufblickte, lag der Fluß in immer tieferen
-Schatten, bis er endlich, von der schweren Nacht erdrückt,
-schwarzgrau dahinströmte und der Gischt des Staudamms
-als weißer, blendender Streifen schräg hinüber
-zum andern Ufer lief.
-</p>
-
-<p>
-Mich schauderte bei dem Gedanken, wieder zurück zu
-müssen in mein trauriges Haus.
-</p>
-
-<p>
-Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich für
-immer zum Fremdling in meiner Wohnstätte gemacht.
-</p>
-
-<p>
-Eine Spanne von wenigen Wochen, vielleicht nur von
-Tagen, dann mußte das Glück vorüber sein &mdash; und nichts
-blieb davon, als eine wehe, schöne Erinnerung.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-Und dann?
-</p>
-
-<p>
-Dann war ich heimatlos hier und drüben, diesseits
-und jenseits des Flusses.
-</p>
-
-<p>
-Ich stand auf! Wollte noch durch das Parkgitter einen
-Blick auf das Schloß werfen, hinter dessen Fenstern sie
-schlief, ehe ich in das finstere Ghetto ging. &mdash; &mdash; &mdash; Ich
-schlug die Richtung ein, aus der ich gekommen war,
-tappte mich durch den dichten Nebel an Häuserreihen
-entlang und über schlummernde Plätze, sah schwarze
-Monumente drohend auftauchen und einsame Schilderhäuser
-und die Schnörkel von Barockfassaden. Der
-matte Schimmer einer Laterne wuchs zu riesigen,
-phantastischen Ringen in verblichenen Regenbogenfarben
-aus dem Dunst heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden
-Auge und zerging hinter mir in der Luft.
-</p>
-
-<p>
-Mein Fuß tastete breite, steinerne Stufenflächen, mit
-Kies bestreut. Wo war ich? Ein Hohlweg, der steil aufwärts
-führt?
-</p>
-
-<p>
-Glatte Gartenmauern links und rechts? Die kahlen
-Äste eines Baumes hängen herüber. Sie kommen vom
-Himmel herunter: der Stamm verbirgt sich hinter der
-Nebelwand. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ein paar morsche, dünne Zweige brechen krachend
-ab, wie mein Hut sie streift, und fallen an meinem Mantel
-hinab in den nebligen grauen Abgrund, der mir meine
-Füße verbirgt.
-</p>
-
-<p>
-Dann ein strahlender Punkt: ein einsames Licht in
-der Ferne &mdash; irgendwo &mdash; rätselhaft &mdash; zwischen Himmel
-und Erde. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich mußte fehlgegangen sein. Es konnte nur die
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-&bdquo;alte Schloßstiege&ldquo; sein neben den Hängen der Fürstenbergschen
-Gärten &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Dann lange Strecken lehmiger Erde. &mdash; Ein gepflasterter
-Weg.
-</p>
-
-<p>
-Ein massiger Schatten ragt hoch auf, den Kopf in
-einer schwarzen, steifen Zipfelmütze: &bdquo;die Daliborka&ldquo; =
-der Hungerturm, in dem Menschen einst verschmachteten,
-derweilen Könige unten im &bdquo;Hirschgraben&ldquo; das Wild hetzten.
-</p>
-
-<p>
-Ein schmales, gewundenes Gäßchen mit Schießscharten,
-ein Schneckengang, kaum breit genug, die
-Schultern durchzulassen &mdash; und ich stand vor einer Reihe
-von Häuschen, keines höher als ich.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich auf die
-Dächer greifen.
-</p>
-
-<p>
-Ich war in die &bdquo;Goldmachergasse&ldquo; geraten, wo im
-Mittelalter die alchimistischen Adepten den Stein der
-Weisen geglüht und die Mondstrahlen vergiftet haben.
-</p>
-
-<p>
-Es führte kein anderer Weg hinaus als der, den ich
-gekommen war.
-</p>
-
-<p>
-Aber ich fand die Mauerlücke nicht mehr, die mich
-eingelassen, &mdash; stieß an ein Holzgatter.
-</p>
-
-<p>
-Es nützt nichts, ich muß jemand wecken, damit man
-mir den Weg zeigt, sagte ich mir. Sonderbar, daß hier
-ein Haus die Gasse abschließt &mdash; größer als die andern
-und anscheinend wohnlich? Ich kann mich nicht entsinnen,
-es je bemerkt zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Es muß wohl weiß getüncht sein, daß es so hell aus
-dem Nebel leuchtet?
-</p>
-
-<p>
-Ich gehe durch das Gatter über den schmalen Gartenstreif,
-drücke das Gesicht an die Scheiben: &mdash; alles finster.
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-Ich klopfe ans Fenster. &mdash; Da geht drinnen ein steinalter
-Mann, eine brennende Kerze in der Hand, durch
-eine Tür mit greisenhaft wankenden Schritten bis mitten
-in die Stube, bleibt stehen, dreht langsam den Kopf
-nach den verstaubten alchimistischen Retorten und Kolben
-an der Wand, starrt nachdenklich auf die riesigen Spinnweben
-in den Ecken und richtet dann seinen Blick unverwandt
-auf mich.
-</p>
-
-<p>
-Der Schatten seiner Backenknochen fällt ihm auf die
-Augenhöhlen, daß es aussieht, als seien sie leer wie die
-einer Mumie.
-</p>
-
-<p>
-Er sieht mich offenbar nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ich klopfe ans Glas.
-</p>
-
-<p>
-Er hört mich nicht. Geht lautlos wie ein Schlafwandler
-wieder aus dem Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Ich warte vergebens.
-</p>
-
-<p>
-Klopfe ans Haustor: niemand öffnet &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es blieb mir nichts übrig, als so lange zu suchen, bis
-ich den Ausgang aus der Gasse endlich fand.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ob es nicht am besten wäre, ich ginge noch unter
-Menschen, überlegte ich. &mdash; Zu meinen Freunden:
-Zwakh, Prokop und Vrieslander ins &bdquo;alte Ungelt&ldquo;,
-wo sie bestimmt sein würden &mdash;, um meine verzehrende
-Sehnsucht nach Angelinas Küssen wenigstens für ein
-paar Stunden zu übertäuben? Rasch mache ich mich
-auf den Weg.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-Wie ein Trifolium von Toten hockten sie um den
-wurmstichigen, alten Tisch herum, &mdash; alle drei: weiße
-dünnstielige Tonpfeifen zwischen den Zähnen, und das
-Zimmer voll Rauch.
-</p>
-
-<p>
-Man konnte kaum ihre Gesichtszüge unterscheiden, so
-schluckten die dunkelbraunen Wände das spärliche Licht
-der altmodischen Hängelampe ein.
-</p>
-
-<p>
-In der Ecke die spindeldürre, wortkarge, verwitterte
-Kellnerin mit ihrem ewigen Strickstrumpf, dem farblosen
-Blick und der gelben Entenschnabelnase!
-</p>
-
-<p>
-Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Türen,
-so daß die Stimmen der Gäste im Nebenzimmer nur
-wie das leise Summen eines Bienenschwarms herüberdrangen.
-</p>
-
-<p>
-Vrieslander, seinen kegelförmigen Hut mit der geraden
-Krempe auf dem Kopf, mit seinem Knebelbart,
-der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe unter dem
-Auge, sah aus wie ein ertrunkener Holländer aus einem
-vergessenen Jahrhundert.
-</p>
-
-<p>
-Josua Prokop hatte sich eine Gabel quer durch die
-Musikerlocken gesteckt, klapperte unaufhörlich mit seinen
-gespenstisch langen Knochenfingern und sah bewundernd
-zu, wie sich Zwakh abmühte, der bauchigen Arakflasche
-das Purpurmäntelchen einer Marionette umzuhängen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das wird Babinski&ldquo;, erklärte mir Vrieslander mit
-tiefem Ernst. &bdquo;Sie wissen nicht, wer Babinski war?
-Zwakh, erzählen Sie Pernath rasch, wer Babinski war!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Babinski war&ldquo;, begann Zwakh sofort, ohne auch nur
-eine Sekunde von seiner Arbeit aufzusehen, &bdquo;einst ein
-berühmter Raubmörder in Prag. &mdash; Viele Jahre betrieb
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-er sein schändliches Handwerk, ohne daß es jemand bemerkt
-hätte. Nach und nach jedoch fiel es den besseren
-Familien auf, daß bald dieses, bald jenes Mitglied der
-Sippe beim Essen fehlte und sich nie wieder blicken ließ.
-Wenn man auch anfangs nichts sagte, da die Sache gewissermaßen
-ihre guten Seiten hatte, indem man weniger
-zu kochen brauchte, so durfte wiederum nicht außer acht
-gelassen werden, daß das Ansehen in der Gesellschaft
-leicht darunter leiden und man ins Gerede kommen
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Besonders, wenn es sich um das spurlose Verschwinden
-mannbarer Töchter handelte.
-</p>
-
-<p>
-Überdies verlangte es die Hochachtung vor sich selbst,
-daß man auf ein bürgerliches Zusammenleben in der
-Familie nach außen hin das nötige Gewicht legte.
-</p>
-
-<p>
-Die Zeitungsrubriken: &bdquo;Kehre zurück, alles ist verziehen&ldquo;
-wuchsen immer mehr und mehr, &mdash; ein Umstand,
-den Babinski, leichtsinnig wie die meisten Berufsmörder,
-in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte, &mdash; und
-erregten schließlich die allgemeine Aufmerksamkeit.
-</p>
-
-<p>
-In dem lieblichen Dörfchen Krtsch bei Prag hatte
-sich Babinski, der innerlich ein ausgesprochen idyllischer
-Charakter war, mit der Zeit durch seine unverdrossene
-Tätigkeit ein kleines, aber trautes Heim geschaffen. Ein
-Häuschen, blitzend vor Sauberkeit, und ein Gärtchen
-davor mit blühenden Geranien.
-</p>
-
-<p>
-Da es ihm seine Einkünfte nicht gestatteten, sich zu
-vergrößern, sah er sich genötigt, um die Leichen seiner
-Opfer unauffällig bestatten zu können, statt eines
-Blumenbeetes &mdash; wie er es gern gesehen hätte &mdash; einen
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-grasbewachsenen und schlichten, aber, den Umständen
-angemessen: zweckmäßigen Grabhügel anzulegen, der
-sich mühelos verlängern ließ, wenn es der Betrieb oder
-die Saison erforderte.
-</p>
-
-<p>
-Auf dieser Weihestätte pflegte Babinski allabendlich
-nach des Tages Last und Mühen in den Strahlen der
-untergehenden Sonne zu sitzen und auf seiner Flöte
-allerlei schwermütige Weisen zu blasen.&ldquo; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt!&ldquo; unterbrach Josua Prokop rauh, zog einen
-Hausschlüssel aus der Tasche, hielt ihn wie eine Klarinette
-an den Mund und sang:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zimzerlim zambusla &mdash; deh&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Waren Sie denn dabei, daß Sie die Melodie so genau
-kennen?&ldquo;, fragte Vrieslander erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-Prokop warf ihm einen bitterbösen Blick zu: &bdquo;Nein.
-Dazu hat Babinski zu früh gelebt. Aber was er gespielt
-haben kann, muß ich als Komponist doch am besten
-wissen. Ihnen steht darüber kein Urteil zu: Sie sind
-nicht musikalisch. &mdash; &mdash; Zimzerlim &mdash; zambusla &mdash; busla
-&mdash; deh.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zwakh hörte ergriffen zu, bis Prokop seinen Hausschlüssel
-wieder einsteckte, und fuhr dann fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das beständige Wachsen des Hügels erweckte allmählich
-Verdacht bei den Anrainern, und einem Polizeimann
-aus der Vorstadt Zizkov, der gelegentlich von
-weitem zusah, wie Babinski gerade eine alte Dame der
-guten Gesellschaft erwürgte, gebührt das Verdienst,
-dem selbstsüchtigen Treiben des Unholdes ein für allemal
-Schranken gesetzt zu haben:
-</p>
-
-<p>
-Man verhaftete Babinski in seinem Tuskulum.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-Der Gerichtshof verurteilte ihn unter Zubilligung
-des mildernden Umstandes eines ansonsten trefflichen
-Leumundes zum Tode durch den Strang und beauftragte
-zugleich die Firma Gebrüder Leipen &mdash; Seilwaren
-en gros und en detail &mdash; die nötigen Hinrichtungsutensilien,
-soweit diese in ihre Branche fielen, unter Anrechnung
-ziviler Preise einem hohen Staatsärar gegen
-Quittung auszuhändigen.
-</p>
-
-<p>
-Nun fügte es sich aber, daß der Strick riß und Babinski
-zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt wurde.
-</p>
-
-<p>
-20 Jahre verbüßte der Raubmörder hinter den Mauern
-von Sankt Pankraz, ohne daß je ein Vorwurf über seine
-Lippen gekommen wäre; &mdash; noch heute ist der Beamtenstab
-des Institutes voll Lob über seine vorbildliche Aufführung;
-ja, man gestattete ihm sogar, an den Geburtstagen
-unseres allerhöchsten Landesherrn ab und zu die
-Flöte zu blasen; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Prokop suchte sofort wieder nach seinem Hausschlüssel,
-aber Zwakh wehrte ihm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; infolge allgemeiner Amnestie wurde dem Babinski
-der Rest der Strafe nachgesehen, und er bekam
-die Stelle eines Pförtners im Kloster der &sbquo;Barmherzigen
-Schwestern&lsquo;.
-</p>
-
-<p>
-Die leichte Gartenarbeit, die er nebenbei mit zu versehen
-hatte, ging ihm dank der großen, während seines
-früheren Wirkungskreises erworbenen Geschicklichkeit im
-Gebrauch des Spatens hurtig von der Hand, so daß ihm
-hinlänglich Muße blieb, Herz und Geist an guter, sorgfältig
-ausgewählter Lektüre zu läutern.
-</p>
-
-<p>
-Die daraus resultierenden Folgen waren hocherfreulich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-So oft ihn die Oberin Samstagsabends ins Wirtshaus
-schickte, damit er sein Gemüt ein wenig erheitere,
-jedesmal kam er pünktlich vor Anbruch der Nacht nach
-Hause mit dem Hinweis, der Verfall der allgemeinen
-Moral stimme ihn trübe und soviel lichtscheues Gesindel
-schlimmster Sorte mache die Landstraße unsicher, daß
-es für jeden Friedliebenden ein Gebot der Klugheit sei,
-rechtzeitig die Schritte heimwärts zu lenken.
-</p>
-
-<p>
-Es war nun damaliger Zeit in Prag bei den Wachsziehern
-die Unsitte eingerissen, kleine Figürchen feilzuhalten,
-die ein rotes Manterle umhängen hatten und
-den Raubmörder Babinski darstellten.
-</p>
-
-<p>
-Wohl in keiner der leidtragenden Familien fehlte ein
-solches.
-</p>
-
-<p>
-Gewöhnlich aber standen sie in den Läden unter Glasstürzen,
-und über nichts konnte sich Babinski so empören,
-als wenn er eines derartigen Wachsbildes ansichtig
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Es ist im höchsten Grade unwürdig und zeugt von
-einer Gemütsroheit sondersgleichen, einem Menschen
-beständig die Verfehlungen seiner Jugendzeit vor Augen
-zu führen,&lsquo; pflegte Babinski in solchen Fällen zu sagen,
-&sbquo;und es ist tief zu bedauern, daß von seiten der Obrigkeit
-nichts geschieht, so offenkundigem Unfug zu
-steuern.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Noch auf dem Totenbette äußerte er sich in ähnlichem
-Sinne.
-</p>
-
-<p>
-Nicht vergebens, denn bald darauf verfügte die Behörde
-die Einstellung des Handels mit den ärgerniserregenden
-Babinskischen Statuetten.&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-&mdash; &mdash; &mdash; Zwakh tat einen mächtigen Schluck aus
-seinem Grogglas und alle drei grinsten wie die Teufel,
-dann wandte er vorsichtig den Kopf nach der farblosen
-Kellnerin, und ich sah, wie sie eine Träne im Auge
-zerdrückte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&mdash; &bdquo;Na, und Sie geben nichts zum besten, außer &mdash;
-natürlich &mdash; daß Sie aus Dankbarkeit für den überstandenen
-Kunstgenuß die Zeche berappen, wertgeschätzter
-Kollege und Gemmenschneider?&ldquo;, fragte mich Vrieslander
-nach einer langen Pause allgemeinen Tiefsinnes.
-</p>
-
-<p>
-Ich erzählte ihnen meine Wanderung durch den Nebel.
-</p>
-
-<p>
-Wie ich in der Schilderung zu der Stelle kam, wo ich
-das weiße Haus erblickt hatte, nahmen alle drei vor
-Spannung die Pfeifen aus den Zähnen, und als ich
-schloß, schlug Prokop mit der Faust auf den Tisch und
-rief:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist doch rein &mdash; &mdash;! Alle Sagen, die es gibt,
-erlebt dieser Pernath am eigenen Kadaver. &mdash; A propos,
-der Golem von damals &mdash; Sie wissen: die Sache hat
-sich aufgeklärt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wieso aufgeklärt?&ldquo; fragte ich baff.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie kennen doch den verrückten jüdischen Bettler
-&sbquo;Haschile&lsquo;? Nein? Nun also: dieser Haschile war der
-Golem.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Bettler der Golem?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl, der Haschile war der Golem. Heute nachmittags
-ging das Gespenst seelenvergnügt bei hellichtem
-Sonnenschein in seinem berüchtigten altmodischen Anzug
-aus dem 17. Jahrhundert durch die Salnitergasse
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-spazieren, und da hat es der Schinder mit einer Hundeschlinge
-glücklich eingefangen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll das heißen? Ich verstehe kein Wort,&ldquo; fuhr
-ich auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sage Ihnen doch: der Haschile war es! Er hat
-die Kleider, höre ich, vor längerer Zeit hinter einem
-Haustor gefunden. &mdash; Übrigens, um auf das weiße Haus
-auf der Kleinseite zurückzukommen: die Sache ist furchtbar
-interessant. Es geht nämlich eine alte Sage, daß
-dort oben in der Alchimistengasse ein Haus steht, das
-nur bei Nebel sichtbar wird, und auch da bloß &sbquo;Sonntagskindern&lsquo;.
-Man nennt es die &sbquo;Mauer zur letzten Laterne&lsquo;.
-Wer bei Tag hinaufgeht, sieht dort nur einen großen,
-grauen Stein, &mdash; dahinter stürzt es jäh ab in die Tiefe
-in den Hirschgraben, und Sie können von Glück sagen
-Pernath, daß Sie keinen Schritt weiter gemacht haben:
-Sie wären unfehlbar hinuntergefallen und hätten sämtliche
-Knochen gebrochen.
-</p>
-
-<p>
-Unter dem Stein, heißt es, ruht ein riesiger Schatz,
-und er soll von dem Orden der &sbquo;Asiatischen Brüder&lsquo;,
-die angeblich Prag gegründet haben, als Grundstein
-für ein Haus gelegt worden sein, das dereinst am Ende
-der Tage ein Mensch bewohnen wird &mdash; besser gesagt ein
-Hermaphrodit &mdash; ein Geschöpf, das sich aus Mann und
-Weib zusammensetzt. Und der wird das Bild eines Hasen
-im Wappen tragen, &mdash; nebenbei: der Hase war das
-Symbol des Osiris, und <em>daher</em> stammt wohl die Sitte
-mit dem Osterhasen.
-</p>
-
-<p>
-Bis die Zeit gekommen ist, heißt es, hält Methusalem
-in eigener Person Wache an dem Ort, damit Satan nicht
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-den Stein beflattert und einen Sohn mit ihm zeugt:
-den sogenannten Armilos. &mdash; Haben Sie noch nie von
-diesem Armilos erzählen hören? &mdash; Sogar wie er aussehen
-würde, weiß man &mdash; das heißt, die alten Rabbiner
-wissen es, &mdash; wenn er auf die Welt käme: Haare aus
-Gold würde er haben, rückwärts zum Schopf gebunden,
-dann: zwei Scheitel, sichelförmige Augen und Arme bis
-herunter zu den Füßen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dieses Ehrengigerl sollte man aufzeichnen&ldquo;, brummte
-Vrieslander und suchte nach einem Bleistift.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also: Pernath, wenn Sie einmal das Glück haben
-sollten, ein Hermaphrodit zu werden und <span class="antiqua">en passant</span>
-den vergrabenen Schatz zu finden,&ldquo; schloß Prokop,
-&bdquo;dann vergessen Sie nicht, daß ich stets Ihr bester Freund
-gewesen bin!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Mir war nicht zum Spaßmachen zumute, und ich
-fühlte ein leises Weh im Herzen.
-</p>
-
-<p>
-Zwakh mochte es mir ansehen, wenn er auch den Grund
-nicht wußte, denn er kam mir rasch zu Hilfe:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jedenfalls ist es höchst merkwürdig, fast unheimlich,
-daß Pernath gerade eine Vision an jener Stelle hatte,
-die mit einer uralten Sage so eng verknüpft ist. &mdash; Da
-sind Zusammenhänge, aus deren Umklammerung sich
-ein Mensch anscheinend nicht befreien kann, wenn seine
-Seele die Fähigkeit hat, Formen zu sehen, die dem Tastsinn
-vorenthalten sind. &mdash; Ich kann mir nicht helfen:
-das <em>Übersinnliche</em> ist doch das Reizvollste! &mdash; Was
-meint ihr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Vrieslander und Prokop waren ernst geworden und
-jeder von uns hielt eine Antwort für überflüssig.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-&bdquo;Was meinen Sie, Eulalia?&ldquo; wiederholte Zwakh,
-zurückgewendet, &bdquo;ist nicht das Übersinnliche das Reizvollste?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die alte Kellnerin kratzte sich mit der Stricknadel am
-Kopf, seufzte, errötete und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber gähn&rsquo; Sie! Sie sind mir ein Schlimmer.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Eine verdammt gespannte Luft war heute den ganzen
-Tag über,&ldquo; fing Vrieslander an, nachdem sich unser
-Heiterkeitsausbruch gelegt hatte, &bdquo;nicht einen Pinselstrich
-hab&rsquo; ich fertiggebracht. Fortwährend hab&rsquo; ich an
-die Rosina denken müssen, wie sie im Frack getanzt hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist sie wieder aufgefunden worden?&ldquo; fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&sbquo;Aufgefunden&lsquo; ist gut. Die Sittenpolizei hat sie doch
-für ein längeres Engagement gewonnen! &mdash; Vielleicht
-ist sie dem Herrn Kommissär &mdash; damals &sbquo;beim Loisitschek&lsquo;,
-ins Auge gestochen? Jedenfalls ist sie jetzt &mdash; fieberhaft
-tätig und trägt wesentlich zur Hebung des Fremdenverkehrs
-in der Judenstadt bei. Ein verflucht dralles
-Mensch ist sie übrigens geworden in der kurzen Zeit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn man bedenkt, was ein Weib aus einem Mann
-machen kann bloß dadurch, daß sie ihn verliebt sein läßt
-in sich: es ist zum Staunen,&ldquo; warf Zwakh hin. &bdquo;Um das
-Geld aufzubringen, zu ihr gehen zu können, ist der arme
-Bursche, der Jaromir, über Nacht Künstler geworden.
-Er geht in den Wirtshäusern herum und schneidet Silhouetten
-für Gäste aus, die sich auf diese Art porträtieren
-lassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Prokop, der den Schluß überhört hatte, schmatzte mit
-den Lippen:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-&bdquo;Wirklich? Ist sie so hübsch geworden, die Rosina?
-&mdash; Haben Sie ihr schon ein Küßchen geraubt, Vrieslander?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Kellnerin sprang sofort auf und verließ indigniert
-das Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Suppenhuhn! Die hat&rsquo;s wahrhaftig nötig, &mdash;
-Tugendanfälle! Pah!&ldquo;, brummte Prokop ärgerlich
-hinter ihr drein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wollen Sie, sie ist doch bei der unrichtigen
-Stelle abgegangen. Und außerdem war der Strumpf
-gerade fertig,&ldquo; beschwichtigte ihn Zwakh.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Der Wirt brachte neuen Grog und die Gespräche
-fingen allmählich an, eine schwüle Richtung zu nehmen.
-Zu schwül, als daß sie mir nicht ins Blut gegangen
-wären bei meiner fiebrigen Stimmung.
-</p>
-
-<p>
-Ich sträubte mich dagegen, aber je mehr ich mich innerlich
-abschloß und an Angelina zurückdachte, um so heißer
-brauste es mir in den Ohren.
-</p>
-
-<p>
-Ziemlich unvermittelt verabschiedete ich mich.
-</p>
-
-<p>
-Der Nebel war durchsichtiger geworden, sprühte feine
-Eisnadeln auf mich, war aber immer noch so dicht, daß
-ich die Straßentafeln nicht lesen konnte und von meinem
-Heimweg um ein geringes abkam.
-</p>
-
-<p>
-Ich war in eine andere Gasse geraten und wollte eben
-umkehren, da hörte ich meinen Namen rufen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Pernath! Herr Pernath!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich blickte um mich, in die Höhe:
-</p>
-
-<p>
-Niemand!
-</p>
-
-<p>
-Ein offenes Haustor, darüber diskret eine kleine, rote
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-Laterne, gähnte neben mir auf, und eine helle Gestalt
-&mdash; schien mir &mdash; stand tief im Flur darin.
-</p>
-
-<p>
-Wieder: &bdquo;Herr Pernath! Herr Pernath!&ldquo; Im
-Flüsterton.
-</p>
-
-<p>
-Ich trat erstaunt in den Gang, &mdash; da schlangen sich
-warme Frauenarme um meinen Hals und ich sah bei
-dem Lichtstrahl, der aus einem sich langsam öffnenden
-Türspalt fiel, daß es Rosina war, die sich heiß an mich
-preßte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-16">
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-List
-</h2>
-
-<p class="first">
-Ein grauer, blinder Tag.
-</p>
-
-<p>
-Bis tief in den Morgen hinein hatte ich geschlafen,
-traumlos, bewußtlos, wie ein Scheintoter.
-</p>
-
-<p>
-Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte
-vergessen einzuheizen.
-</p>
-
-<p>
-Kalte Asche lag im Ofen.
-</p>
-
-<p>
-Staub auf den Möbeln.
-</p>
-
-<p>
-Der Fußboden nicht gekehrt.
-</p>
-
-<p>
-Fröstelnd ging ich auf und ab.
-</p>
-
-<p>
-Widerwärtiger Geruch nach ausgeatmetem Fusel lag
-im Zimmer. Mein Mantel, meine Kleider stanken nach
-altem Tabakrauch.
-</p>
-
-<p>
-Ich riß das Fenster auf, schloß es wieder: &mdash; der
-kalte, schmutzige Hauch von der Straße war unerträglich.
-</p>
-
-<p>
-Spatzen mit durchnäßtem Gefieder hockten regungslos
-draußen auf den Dachrinnen.
-</p>
-
-<p>
-Wohin ich blickte, mißfarbige Verdrossenheit. Alles in
-mir war zerrissen, zerfetzt.
-</p>
-
-<p>
-Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl &mdash; wie fadenscheinig
-es war! Die Roßhaare quollen hervor aus den
-Rändern.
-</p>
-
-<p>
-Man mußte es zum Tapezierer schicken &mdash; &mdash; ach was,
-sollte es so bleiben &mdash; noch ein ödes Menschenleben hindurch,
-bis alles zu Gerümpel zerfiel!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-Und dort, welch geschmackloser, zweckwidriger Plunder,
-diese Zwirnlappen an den Fenstern!
-</p>
-
-<p>
-Warum drehte ich sie nicht zu einem Strick und erhenkte
-mich daran?!
-</p>
-
-<p>
-Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge
-wenigstens nie mehr zu sehen, und der ganze graue, zermürbende
-Jammer war vorüber &mdash; ein für allemal.
-</p>
-
-<p>
-Ja! Das war das Gescheiteste! Ein Ende machen.
-</p>
-
-<p>
-Heute noch.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt noch &mdash; vormittags. Gar nicht erst zum Essen
-gehen. &mdash; Ein ekelhafter Gedanke, mit vollem Magen
-sich aus der Welt zu schaffen! In der nassen Erde zu
-liegen und unverdaute, verfaulende Speisen in sich zu
-haben.
-</p>
-
-<p>
-Wenn nur nie wieder die Sonne scheinen und ihre
-freche Lüge von der Freude des Daseins einem ins Herz
-funkeln wollte!
-</p>
-
-<p>
-Nein! ich ließ mich nicht mehr narren, wollte nicht
-länger der Spielball sein eines täppischen, zwecklosen
-Schicksals, das mich emporhob und dann wieder in
-Pfützen stieß, bloß damit ich die Vergänglichkeit alles
-Irdischen einsehen sollte, etwas, was ich längst wußte,
-was jedes Kind weiß, jeder Hund auf der Straße
-weiß.
-</p>
-
-<p>
-Arme, arme Mirjam! Wenn ich <em>ihr</em> wenigstens
-helfen könnte.
-</p>
-
-<p>
-Es hieß, einen Entschluß fassen, einen ernsten, unabänderlichen
-Beschluß, bevor der verfluchte Trieb zum
-Dasein wieder in mir erwachen konnte und mir neue
-Trugbilder vorgaukeln.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-Wozu hatten sie mir denn gedient: alle diese Botschaften
-aus dem Reich des Unverweslichen?
-</p>
-
-<p>
-Zu nichts, zu gar gar nichts.
-</p>
-
-<p>
-Nur dazu vielleicht, daß ich im Kreis herumgetaumelt
-war und jetzt die Erde als unmögliche Qual
-empfand.
-</p>
-
-<p>
-Da gab es nur noch eins.
-</p>
-
-<p>
-Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich
-auf der Bank liegen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ja, nur <em>so</em> ging es. Das war noch das Einzige, Winzige,
-was von meinen nichtigen Taten im Leben irgendeinen
-Wert haben konnte!
-</p>
-
-<p>
-Alles, was ich besaß &mdash; die paar Edelsteine in der
-Schublade dazu &mdash; zusammenschnüren in ein Paket und
-es Mirjam schicken. Ein paar Jahre wenigstens würde
-es die Sorge ums tägliche Leben von ihr nehmen. Und
-einen Brief an Hillel schreiben, in dem ich ihm sagte, wie
-es um sie stand mit dem &bdquo;Wunder&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Er allein konnte ihr helfen.
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte: ja, er würde Rat wissen für sie.
-</p>
-
-<p>
-Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein,
-sah auf die Uhr: wenn ich jetzt auf die Bank ging &mdash;
-in einer Stunde konnte alles in Ordnung gebracht
-sein.
-</p>
-
-<p>
-Und dann noch einen Strauß roter Rosen kaufen für
-Angelina! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; es schrie auf in mir vor Weh und
-wilder Sehnsucht. &mdash; Nur noch einen Tag, einen einzigen
-Tag möchte ich leben!
-</p>
-
-<p>
-Um dann abermals dieselbe würgende Verzweiflung
-mitmachen zu müssen?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
-Nein, nicht eine einzige Minute mehr warten! Es
-kam wie eine Befriedigung über mich, daß ich mir nicht
-nachgegeben hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun?
-</p>
-
-<p>
-Richtig: die Feile dort. Ich steckte sie in die Tasche,
-&mdash; wollte sie fortwerfen irgendwo auf der Gasse, wie ich
-es mir neulich schon vorgenommen.
-</p>
-
-<p>
-Ich haßte die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich
-wäre zum Mörder geworden durch sie.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wer kam mich denn da wieder stören?
-</p>
-
-<p>
-Es war der Trödler.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur en Augenblick, Herr von Pernath&ldquo;, bat er
-fassungslos, als ich ihm bedeutete, daß ich keine Zeit
-hätte. &bdquo;Nur en ganz en kurzen Augenblick. Nur ä paar
-Worte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schweiß lief ihm übers Gesicht, und er zitterte
-vor Aufregung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kann man hier auch ungestört mit Ihnen sprechen,
-Herr von Pernath? Ich möcht&rsquo; nicht, daß der &mdash; der
-Hillel wieder hereinkommt. Sperren Sie doch lieber
-die Tür ab, oder geh&rsquo; mer besser ins Nebenzimmer&ldquo;, &mdash;
-er zog mich in seiner gewohnten, heftigen Art hinter
-sich drein.
-</p>
-
-<p>
-Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flüsterte
-heiser:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hab mir&rsquo;s überlegt, wissen Sie, &mdash; das von neilich.
-Es is besser so. Es kommt nix heraus dabei. Gut.
-Vorüber is vorüber.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich suchte in seinen Augen zu lesen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-Er hielt meinen Blick aus, krampfte aber die Hand
-in die Stuhllehne, solche Anstrengung kostete es ihn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das freut mich, Herr Wassertrum,&ldquo; sagte ich so
-freundlich ich konnte, &bdquo;das Leben ist zu trüb, als daß
-man es sich gegenseitig noch mit Haß verbittern
-sollte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rein, als ob man ä gedrucktes Buch reden hört,&ldquo;
-grunzte er erleichtert, wühlte in seinen Hosentaschen und
-zog wieder die goldene Uhr mit den verbogenen Sprungdeckeln
-hervor, &bdquo;und damit Sie sehen, ich mein&rsquo;s ehrlich,
-müssen Sie die Kleinigkeit da von mir annehmen. Als
-Geschenk.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was fällt Ihnen denn ein,&ldquo; wehrte ich ab, &bdquo;Sie
-werden doch wohl nicht glauben &mdash; &mdash;&ldquo;, da fiel mir
-ein, was Mirjam über ihn gesagt hatte, und ich streckte
-ihm die Hand hin, um ihn nicht zu kränken.
-</p>
-
-<p>
-Er achtete nicht darauf, wurde plötzlich weiß wie die
-Wand, lauschte und röchelte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da! Da! Hab&rsquo; ich&rsquo;s doch gewußt. Schon wieder
-der Hillel! Er klopft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich horchte, ging ins andere Zimmer zurück und zog
-zu seiner Beruhigung die Verbindungstür hinter mir
-halb zu.
-</p>
-
-<p>
-Es war diesmal nicht Hillel. <em>Charousek</em> trat ein,
-legte, wie zum Zeichen, daß er wisse, <em>wer</em> nebenan sei,
-den Finger an die Lippen und überschüttete mich in
-der nächsten Sekunde und ohne abzuwarten, was ich
-sagen würde, mit einem Schwall von Worten:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, mein hochverehrter, liebwerter Meister Pernath,
-wie soll ich nur die Worte finden, Ihnen meine Freude
-<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-auszudrücken, daß ich Sie allein und wohlauf zu Hause
-antreffe.&ldquo; &mdash; &mdash; Er sprach wie ein Schauspieler, und seine
-schwülstige, unnatürliche Redeweise stand in so krassem
-Gegensatz zu seinem verzerrten Gesicht, daß ich ein tiefes
-Grauen vor ihm empfand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Niemals hätte ich, Meister, es gewagt, in dem zerlumpten
-Zustande zu Ihnen zu kommen, in dem Sie
-mich gewiß schon des öfteren auf der Straße erblickt
-haben, &mdash; doch, was sage ich: erblickt! haben Sie mir
-doch oft huldreich die Hand gereicht.
-</p>
-
-<p>
-Daß ich heute vor Sie hintreten kann mit weißem
-Kragen und in sauberem Anzug, &mdash; wissen Sie, wem ich
-es verdanke? Einem der edelsten und leider &mdash; ach &mdash;
-meist verkannten Menschen unserer Stadt. Rührung
-übermannt mich, wenn ich seiner gedenke.
-</p>
-
-<p>
-Selber in bescheidenen Verhältnissen, hat er dennoch
-eine offene Hand für Arme und Bedürftige. Von jeher,
-wenn ich ihn traurig vor seinem Laden stehen sah, trieb
-es mich aus tiefstem Herzen heraus, zu ihm zu treten
-und ihm stumm die Hand zu drücken.
-</p>
-
-<p>
-Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich vorüberging,
-schenkte mir Geld und versetzte mich dadurch in
-die Lage, mir gegen Ratenzahlung einen Anzug kaufen
-zu können.
-</p>
-
-<p>
-Und wissen Sie, Meister Pernath, wer mein Wohltäter
-war? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Mit Stolz sage ich es, denn ich war von jeher der
-einzige, der geahnt hat, welch goldenes Herz in seinem
-Busen schlägt: Es war &mdash; Herr Aaron Wassertrum!&ldquo; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; Ich verstand natürlich, daß Charousek seine Komödie
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-auf den Trödler, der nebenan lauschte, gemünzt
-hatte, wenn mir auch unklar blieb, was er damit bezweckte;
-keinesfalls schien mir die allzuplumpe Schmeichelei
-geeignet, den mißtrauischen Wassertrum hinters
-Licht zu führen. Charousek erriet offenbar aus meiner
-bedenklichen Miene, was ich dachte, schüttelte grinsend
-den Kopf, und auch seine nächsten Worte sollten mir
-wahrscheinlich sagen, daß er seinen Mann genau kenne
-und wisse, wie dick er auftragen dürfe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl! Herr &mdash; Aaron &mdash; Wassertrum! Es drückt
-mir fast das Herz ab, daß ich ihm nicht selbst sagen kann,
-wie unendlich dankbar ich ihm bin, und ich beschwöre
-Sie, Meister, verraten Sie ihm niemals, daß ich hier
-war und Ihnen alles erzählt habe. &mdash; Ich weiß, die Selbstsucht
-der Menschen hat ihn verbittert und tiefes, unheilbares
-&mdash; ach, leider nur zu gerechtfertigtes Mißtrauen
-in seine Brust gepflanzt.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin Seelenarzt, aber auch mein Gefühl sagt mir,
-es ist am besten, Herr Wassertrum erfährt nie &mdash; auch
-aus meinem Munde nicht &mdash; wie hoch ich von ihm denke.
-&mdash; Es hieße das: Zweifel in sein unglückliches Herz
-säen. Und das sei ferne von mir. Lieber soll er mich
-für undankbar halten.
-</p>
-
-<p>
-Meister Pernath! Ich bin selbst ein Unglücklicher und
-weiß von Kindesbeinen an, was es heißt, einsam und
-verlassen in der Welt zu stehen! Ich kenne nicht einmal
-den Namen meines Vaters. Auch mein Mütterlein
-habe ich niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen.
-Sie muß frühzeitig gestorben sein &mdash;&ldquo; Charouseks
-Stimme wurde seltsam geheimnisvoll und eindringlich,
-<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-&mdash; &bdquo;und war, wie ich bestimmt glaube, eine jener tiefseelisch
-angelegten Naturen, die nie sagen können, wie
-unendlich sie lieben, und zu denen auch Herr Aaron
-Wassertrum gehört.
-</p>
-
-<p>
-Ich besitze eine abgerissene Seite aus dem Tagebuch
-meiner Mutter &mdash; ich trage das Blatt beständig auf der
-Brust &mdash; und darin steht, daß sie meinen Vater, obschon er
-häßlich gewesen sein soll, geliebt hat, wie wohl noch nie
-ein sterbliches Weib auf Erden einen Mann geliebt hat.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch scheint sie es ihm nie gesagt zu haben. &mdash;
-Vielleicht aus ähnlichen Gründen, weshalb ich z. B.
-Herrn Wassertrum nicht sagen könnte &mdash; und wenn mir
-das Herz darüber bräche &mdash; was ich für ihn an Dankbarkeit
-fühle.
-</p>
-
-<p>
-Aber noch eins geht aus dem Tagebuchblatt hervor,
-wenn ich es auch nur erraten kann, denn die Sätze sind
-fast unleserlich vor Tränenspuren: mein Vater, wer
-auch immer er gewesen war &mdash; sein Andenken möge
-vergehen im Himmel und auf Erden! &mdash; muß scheußlich
-an meiner Mutter gehandelt haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Charousek fiel plötzlich auf die Knie, daß der Boden
-dröhnte, und schrie in so markerschütternden Tönen, daß
-ich nicht wußte, spielte er noch immer Komödie oder war
-er wahnsinnig geworden:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<em>Du Allmächtiger, dessen Namen der Mensch
-nicht aussprechen soll, hier auf meinen Knien
-liege ich vor dir: verflucht, verflucht, verflucht
-sei mein Vater in alle Ewigkeit!</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er biß das letzte Wort förmlich entzwei und horchte
-eine Sekunde lang mit aufgerissenen Augen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-Dann feixte er wie der Satan. Mir schien es, als
-hätte Wassertrum nebenan leise gestöhnt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verzeihen Sie, Meister,&ldquo; fuhr Charousek nach einer
-Pause mit mimenhaft erstickter Stimme fort, &bdquo;verzeihen
-Sie, daß es mich übermannt hat, aber es ist mein
-Gebet früh und spät, der Allmächtige wolle es fügen,
-daß mein Vater, wer immer er auch sein möge, dereinst
-das gräßlichste Ende nehme, das sich ausdenken läßt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte unwillkürlich etwas erwidern, allein Charousek
-unterbrach mich rasch:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Doch jetzt, Meister Pernath, komme ich zu der Bitte,
-die ich Ihnen vorzutragen habe:
-</p>
-
-<p>
-Herr Wassertrum besaß einen Schützling, den er über
-die Maßen ins Herz geschlossen hatte, &mdash; es dürfte ein
-Neffe von ihm gewesen sein. Es heißt sogar, er sei sein
-Sohn gewesen, aber ich will es nicht glauben, denn sonst
-hätte er doch denselben Namen getragen, in Wirklichkeit
-aber hieß er: Wassory, Dr. Theodor Wassory.
-</p>
-
-<p>
-Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich ihn
-im Geiste vor mir sehe. Ich war ihm aus ganzer Seele
-zugetan, als hätte mich ein unmittelbares Band der
-Liebe und Verwandtschaft mit ihm verknüpft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Charousek schluchzte, als könne er vor Ergriffenheit
-kaum weitersprechen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, daß dieser Edeling von der Erde gehen mußte!
-&mdash; Ach! Ach!
-</p>
-
-<p>
-Was auch der Grund gewesen sein mag, &mdash; ich habe
-ihn nie erfahren &mdash; er hat sich selbst den Tod gegeben.
-Und ich war unter denen, die zu Hilfe gerufen wurden
-&mdash; &mdash; ach, ach, zu spät &mdash; zu spät &mdash; zu spät! Und als
-<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
-ich dann allein am Totenlager stand und seine kalte,
-bleiche Hand mit Küssen bedeckte, da &mdash; warum soll ich
-es nicht eingestehen, Meister Pernath? &mdash; es war ja
-doch kein Diebstahl &mdash; da nahm ich eine Rose von der
-Brust der Leiche und eignete mir das Fläschchen an,
-mit dessen Inhalt der Unglückliche seinem blühenden
-Leben ein schnelles Ende bereitet hatte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr
-bebend fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Beides &mdash; lege &mdash; ich &mdash; hier &mdash; auf &mdash; Ihren Tisch,
-die verdorrte Rose und die Phiole; sie waren mir ein
-Andenken an meinen dahingegangenen Freund.
-</p>
-
-<p>
-Wie oft in Stunden innerer Verlassenheit, wenn ich
-mir den Tod herbeiwünschte in der Einsamkeit meines
-Herzens und der Sehnsucht nach meiner toten Mutter,
-spielte ich mit diesem Fläschchen, und es gab mir einen
-seligen Trost, zu wissen: <em>ich brauchte nur die Flüssigkeit
-auf ein Tuch zu gießen und einzuatmen</em>
-und schwebte schmerzlos hinüber in die Gefilde, wo mein
-lieber, guter Theodor ausruht von den Mühsalen unseres
-Jammertales.
-</p>
-
-<p>
-Und nun bitte ich Sie, hochverehrter Meister, &mdash; und
-deswegen bin ich hergekommen &mdash; nehmen Sie beides
-und bringen Sie es Herrn Wassertrum.
-</p>
-
-<p>
-Sagen Sie, Sie hätten es von jemandem bekommen,
-dem Dr. Wassory nahestand, dessen Namen Sie jedoch
-gelobt hätten, nie zu nennen, &mdash; vielleicht von einer
-Dame.
-</p>
-
-<p>
-Er wird es glauben, und es wird ihm ein Andenken
-sein, wie es ein teures Andenken für mich war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe.
-Ich bin arm und es ist alles, was ich habe, aber es macht
-mich froh, zu wissen: beides wird jetzt <em>ihm</em> gehören, und
-dennoch ahnt er nicht, daß <em>ich</em> der Geber bin.
-</p>
-
-<p>
-Es liegt darin auch zugleich für mich etwas unendlich
-Süßes.
-</p>
-
-<p>
-Und jetzt leben Sie wohl, teurer Meister, und seien
-Sie im voraus viel tausendmal bedankt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hielt meine Hand fest, zwinkerte und flüsterte mir,
-als ich noch immer nicht verstand, kaum hörbar etwas zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warten Sie, Herr Charousek, ich werde Sie ein Stückchen
-hinunterbegleiten&ldquo;, sagte ich mechanisch die Worte
-nach, die ich von seinen Lippen las, und ging mit ihm
-hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem finsteren Treppenabsatz im ersten Stock
-blieben wir stehen, und ich wollte mich von Charousek
-verabschieden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann mir denken, was Sie mit der Komödie bezweckt
-haben. &mdash; &mdash; Sie &mdash; Sie wollen, daß sich Wassertrum
-mit dem Fläschchen vergiftet!&ldquo; Ich sagte es ihm
-ins Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freilich&ldquo;, gab Charousek aufgeräumt zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und <em>dazu</em>, glauben Sie, werde ich meine Hand
-bieten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchaus nicht nötig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen,
-sagten Sie vorhin!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Charousek schüttelte den Kopf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn Sie jetzt zurückgehen, werden Sie sehen, daß
-er sie bereits eingesteckt hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-&bdquo;Wie können Sie das nur annehmen?&ldquo;, fragte ich
-erstaunt. &bdquo;Ein Mensch wie Wassertrum wird sich niemals
-umbringen, &mdash; ist viel zu feig dazu &mdash; handelt nie
-nach plötzlichen Impulsen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion
-nicht,&ldquo; unterbrach mich Charousek ernst. &bdquo;Hätte ich in
-alltäglichen Worten geredet, würden Sie vielleicht recht
-behalten, aber auch den kleinsten Tonfall habe ich vorher
-berechnet. Nur das widerlichste Pathos wirkt auf solche
-Hundsfötter! Glauben Sie mir! Sein Mienenspiel
-bei jedem meiner Sätze hätte ich Ihnen hinzeichnen
-können. &mdash; Kein &sbquo;Kitsch&lsquo;, wie es die Maler nennen, ist
-niederträchtig genug, als daß er nicht der bis ins Mark
-verlogenen Menge Tränen entlockte &mdash; sie ins Herz
-trifft! Glauben Sie denn, man hätte nicht längst sämtliche
-Theater mit Feuer und Schwert ausgetilgt, wenn
-es anders wäre? An der Sentimentalität erkennt man
-die Kanaille. Tausende armer Teufel können verhungern,
-da wird nicht geweint, aber wenn ein Schminkkamel
-auf der Bühne, als Bauerntrampel verkleidet,
-die Augen verdreht, dann heulen sie wie die Schloßhunde.
-&mdash; &mdash; Wenn Väterchen Wassertrum vielleicht
-auch morgen vergessen hat, was ihm soeben noch &mdash;
-Herzjauche kostete: jedes meiner Worte wird wieder in
-ihm lebendig werden, wenn die Stunden reifen, wo er
-sich selbst unendlich bedauernswert vorkommt. &mdash; In
-solchen Momenten des großen Misereres bedarf es bloß
-eines leisen Anstoßes, &mdash; und für den werde ich sorgen
-&mdash; und selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift. Es
-muß nur zur Hand sein! Theodorchen hätte wahrscheinlich
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-auch nicht zugegrapst, wenn ich&rsquo;s ihm nicht so bequem
-gemacht hätte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Charousek, Sie sind ein furchtbarer Mensch,&ldquo; rief ich
-entsetzt. &bdquo;Empfinden Sie denn gar kein &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hielt mir schnell den Mund zu und drängte mich
-in eine Mauernische!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Still! Da ist er!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand stützend,
-kam Wassertrum die Stiege herunter und wankte an
-uns vorüber.
-</p>
-
-<p>
-Charousek schüttelte mir flüchtig die Hand und schlich
-ihm nach. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Als ich in mein Zimmer zurückgekehrt war, sah ich,
-daß die Rose und das Fläschchen verschwunden waren
-und an ihrer Stelle die goldene, zerbeulte Uhr des Trödlers
-auf dem Tisch lag.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&sbquo;Acht Tage müsse ich warten, ehe ich mein Geld bekommen
-könne; es sei das die übliche Kündigungsfrist&lsquo;,
-hatte man mir auf der Bank gesagt.
-</p>
-
-<p>
-Man solle den Direktor holen, denn ich sei in größter
-Eile und gedächte in einer Stunde abzureisen, hatte ich
-eine Ausrede gebraucht.
-</p>
-
-<p>
-Er sei nicht zu sprechen und könne an den Gepflogenheiten
-der Bank auch nichts ändern, hieß es, und ein
-Kerl mit einem Glasauge, der zugleich mit mir an den
-Schalter getreten war, hatte darüber gelacht.
-</p>
-
-<p>
-Acht graue, furchtbare Tage auf den Tod sollte ich
-also warten!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich war so niedergeschlagen, daß ich mir gar nicht
-bewußt wurde, wie lange ich schon vor der Türe eines
-Kaffeehauses auf und niedergeschritten sein mochte.
-</p>
-
-<p>
-Endlich trat ich ein, bloß um den widerwärtigen Kerl
-mit dem Glasauge los zu werden, der mir von der Bank
-her nachgekommen war und sich immer in meiner Nähe
-hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden
-herumsuchte, als habe er etwas verloren.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an
-und schwarze, speckglänzende Hosen, die ihm wie Säcke
-um die Beine schlotterten. Auf seinem linken Stiefel
-war ein eiförmiger, gewölbter Lederfleck aufgesteppt,
-daß es aussah, als trüge er darunter einen Siegelring
-auf der Zehe.
-</p>
-
-<p>
-Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein
-und ließ sich an einem Nebentisch nieder.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon
-nach meinem Portemonnaie, da sah ich einen großen
-Brillanten an seinen wulstigen Metzgerfingern aufblitzen.
-</p>
-
-<p>
-Stunden und Stunden saß ich in dem Kaffeehause
-und glaubte vor innerer Nervosität wahnsinnig werden
-zu müssen, &mdash; aber wohin sollte ich gehen? Nach Hause?
-Herumschlendern? Eines schien mir gräßlicher als das
-andere.
-</p>
-
-<p>
-Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der
-Billardkugeln, das trockene, unaufhörliche Geräusper
-eines halbblinden Zeitungstigers mir gegenüber, ein
-storchbeiniger Zollbeamter, der abwechselnd in der
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-Nase bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern
-vor einem Taschenspiegel den Schnurrbart kämmte, ein
-braunsammetenes Gebrodel ekelhafte, verschwitzter,
-schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke,
-die bald unter gellem Gekreisch ihre Trümpfe mit dem
-Faustknöchel hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen
-ins Zimmer spuckten. Und das alles in den Wandspiegeln
-doppelt und dreifach sehen zu müssen! Es sog mir langsam
-das Blut aus den Adern. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Es wurde allmählich dunkel und ein plattfüßiger, knieweicher
-Kellner tastete mit einer Stange nach den Gaslüstern,
-um sich endlich kopfschüttelnd zu überzeugen,
-daß sie nicht brennen wollten.
-</p>
-
-<p>
-So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich
-dem schielenden Wolfsblick des Glasäugigen, der sich
-dann jedesmal rasch hinter eine Zeitung versteckte oder
-seinen schmutzigen Schnurrbart in die längst ausgetrunkene
-Kaffeetasse tauchte.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestülpt,
-daß ihm die Ohren fast wagerecht abstanden, machte
-aber keine Miene, aufzubrechen.
-</p>
-
-<p>
-Es war nicht mehr auszuhalten.
-</p>
-
-<p>
-Ich zahlte und ging.
-</p>
-
-<p>
-Wie ich die Glastür hinter mir zumachen wollte, nahm
-mir jemand die Klinke aus der Hand. &mdash; Ich drehte
-mich um:
-</p>
-
-<p>
-Wieder der Kerl!
-</p>
-
-<p>
-Ärgerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung
-der Judenstadt zu, da drängte er sich an meine Seite
-und hinderte mich daran.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
-&bdquo;Da hört denn doch alles auf!&ldquo; schrie ich ihn an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nach rechts geht&rsquo;s,&ldquo; sagte er kurz.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll das heißen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er fixierte mich frech:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind der Pernath!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie wollen wahrscheinlich sagen: <em>Herr</em> Pernath?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er lachte nur hämisch:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alsdann keine Faxen jetz! Sie gäh&rsquo;n Sie mit!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?&ldquo;, fuhr
-ich auf.
-</p>
-
-<p>
-Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zurück und
-zeigte vorsichtig auf einen abgeschabten Blechadler, der
-im Futter festgesteckt war.
-</p>
-
-<p>
-Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete
-mich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist
-denn los?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie werden sich&rsquo;s schonn erfahrrähn. Auf dem Däpartemänt&ldquo;,
-erwiderte er grob. &bdquo;Alla marsch jetz!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nix da!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir gingen zur Polizei.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ein Gendarm führte mich vor eine Tür.
-</p>
-
-<div class="container">
- <div class="box">
-<p class="center">
-ALOIS OTSCHIN<br />
-Polizeirat
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-las ich auf der Porzellantafel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie kännen sich einträtten&ldquo;, sagte der Gendarm.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufsätzen
-standen einander gegenüber.
-</p>
-
-<p>
-Ein paar verkraxte Stühle dazwischen.
-</p>
-
-<p>
-Das Bild des Kaisers an der Wand.
-</p>
-
-<p>
-Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett.
-</p>
-
-<p>
-Sonst nichts im Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Ein Klumpfuß und daneben ein dicker Filzschuh
-unter zerfransten grauen Hosen hinter dem linken
-Schreibpult.
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte rascheln. Jemand murmelte ein paar
-Worte in böhmischer Sprache und gleich darauf tauchte
-der Herr Polizeirat aus dem rechten Schreibtisch auf
-und trat vor mich hin.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und
-hatte die sonderbare Manier, bevor er anfing zu reden,
-die Zähne zu fletschen wie jemand, der in grelles Sonnenlicht
-schaut.
-</p>
-
-<p>
-Dabei kniff er die Augen hinter den Brillengläsern
-zusammen, was ihm den Ausdruck furchterregender
-Niedertracht verlieh.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie heißen Athanasius Pernath und sind&ldquo; &mdash; er
-blickte auf ein Blatt Papier, auf dem nichts stand &mdash;
-&bdquo;Gemmenschneider&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Sofort kam Leben in den Klumpfuß unter dem
-anderen Schreibtisch: er wetzte sich an dem Stuhlbein,
-und ich hörte das Rauschen einer Schreibfeder.
-</p>
-
-<p>
-Ich bejahte: &bdquo;Pernath. Gemmenschneider.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;No, da sin wir ja gleich beisammen, Herr &mdash; &mdash; &mdash;
-Pernath, &mdash; jawohl Pernath. Ja wohl ja.&ldquo; &mdash; Der
-Herr Polizeirat war mit einem Schlag von erstaunlicher
-<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
-Liebenswürdigkeit, als hätte er die erfreulichste
-Nachricht von der Welt bekommen, streckte mir beide
-Hände entgegen und bemühte sich in lächerlicher Weise,
-die Miene eines Biedermannes aufzusetzen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also, Herr Pernath, erzählen Sie mir einmal, was
-treiben Sie so den ganzen Tag?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube, daß Sie das nichts angeht, Herr Otschin&ldquo;,
-antwortete ich kalt.
-</p>
-
-<p>
-Er kniff die Augen zusammen, wartete einen Moment
-und fuhr dann blitzschnell los:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seit wann hat die Gräfin ihr Verhältnis mit dem
-Savioli?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich war auf etwas Ähnliches gefaßt gewesen und
-zuckte nicht mit der Wimper.
-</p>
-
-<p>
-Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen
-in Widersprüche zu verwickeln, aber, so sehr mir auch
-vor Entsetzen das Herz im Halse schlug, ich verriet mich
-nicht und kam immer wieder darauf zurück, daß ich den
-Namen Savioli nie gehört hätte, mit Angelina von
-meinem Vater her befreundet sei, und daß sie schon
-öfter Kameen bei mir bestellt habe.
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte trotzdem genau, daß der Polizeirat mir
-ansah, wie ich ihn belog, und innerlich schäumte vor
-Wut, nichts aus mir herausbekommen zu können.
-</p>
-
-<p>
-Er dachte eine Weile nach, dann zog er mich am Rock
-dicht an sich, deutete warnend mit dem Daumen auf
-den linken Schreibtisch und flüsterte mir ins Ohr:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Athanasius! Ihr seliger Vater war mein bester Freund.
-Ich will Sie retten, Athanasius! Aber Sie müssen mir
-alles sagen über die Gräfin. &mdash; Hören Sie: alles.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. &bdquo;Was
-meinen Sie damit: Sie wollen mich retten?&ldquo;, fragte
-ich laut.
-</p>
-
-<p>
-Der Klumpfuß stampfte ärgerlich auf den Boden.
-Der Polizeirat wurde aschgrau im Gesicht vor Haß.
-Zog die Lippe empor. Wartete. &mdash; Ich wußte, daß er
-gleich wieder losspringen würde; (sein Verblüffungssystem
-erinnerte mich an Wassertrum) und ich wartete
-ebenfalls, &mdash; sah, daß ein Bocksgesicht, der Inhaber des
-Klumpfußes, lauernd hinter dem Schreibpulte auftauchte
-&mdash; &mdash; dann schrie mich der Polizeirat plötzlich
-gellend an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<em>Mörder</em>&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Ich war sprachlos vor Verblüffung.
-</p>
-
-<p>
-Mißmutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein
-Pult zurück.
-</p>
-
-<p>
-Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten
-über meine Ruhe, versteckte es aber geschickt, indem er
-einen Stuhl herbeizog und mich aufforderte, Platz zu
-nehmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie verweigern also, über die Gräfin die von mir
-gewünschte Auskunft zu geben, Herr Pernath?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann sie nicht geben, Herr Polizeirat, wenigstens
-nicht in dem Sinne, wie Sie erwarten. Erstens kenne
-ich niemand namens Savioli, und dann bin ich felsenfest
-überzeugt, daß es eine Verleumdung ist, wenn man
-der Gräfin nachsagt, sie hintergehe ihren Gatten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sind Sie bereit, das zu beeiden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mir stockte der Atem. &bdquo;Ja! Jederzeit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut. Hm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-Eine längere Pause entstand, während der der Polizeirat
-angestrengt nachzugrübeln schien.
-</p>
-
-<p>
-Als er mich wieder anblickte, lag ein komödiantenhafter
-Zug von Schmerzlichkeit in seiner Fratze. Unwillkürlich
-mußte ich an Charousek denken, wie er dann mit
-tränenerstickter Stimme anfing:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mir können Sie es doch sagen, Athanasius, &mdash; mir,
-dem alten Freund Ihres Vaters, &mdash; mir, der Sie auf
-den Armen getragen hat &mdash;&ldquo; ich konnte das Lachen kaum
-verbeißen: er war höchstens zehn Jahre älter als ich &mdash;
-&bdquo;nicht wahr, Athanasius, es war Notwehr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Bockgesicht erschien abermals.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was war Notwehr?&ldquo;, fragte ich verständnislos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das mit dem &mdash; &mdash; &mdash; <em>Zottmann</em>!&ldquo; schrie mir der
-Polizeirat einen Namen ins Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann!
-Zottmann! Die Uhr! Der Name Zottmann stand doch
-in der Uhr eingraviert.
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen strömte:
-Der grauenhafte Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben,
-um den Verdacht des Mordes auf mich zu lenken!
-</p>
-
-<p>
-Sofort warf der Polizeirat die Maske ab, fletschte
-die Zähne und kniff die Augen zusammen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie gestehen also den Mord ein, Pernath?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das alles ist ein Irrtum, ein entsetzlicher Irrtum.
-Um Gottes willen hören Sie mich an. Ich kann es Ihnen
-erklären, Herr Polizeirat &mdash; &mdash;!&ldquo;, schrie ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf
-die Frau Gräfin&ldquo;, unterbrach er mich rasch: &bdquo;ich mache
-Sie aufmerksam: Sie verbessern Ihre Lage damit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-&bdquo;Ich kann nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist:
-die Gräfin ist unschuldig&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Er biß die Zähne zusammen und wandte sich an das
-Bocksgesicht:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schreiben Sie: &mdash; Also, Pernath gesteht den Mord
-an dem Versicherungsbeamten Karl Zottmann ein&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Mich packte eine besinnungslose Wut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie Polizeikanaille!&ldquo; brüllte ich los, &bdquo;was unterstehen
-Sie sich?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich suchte nach einem schweren Gegenstand.
-</p>
-
-<p>
-Im nächsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute
-gepackt und mir Handschellen angelegt.
-</p>
-
-<p>
-Der Polizeirat blähte sich jetzt wie der Hahn auf dem
-Mist:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und die Uhr da?&ldquo;, &mdash; er hielt plötzlich die verbeulte
-Uhr in der Hand, &mdash; &bdquo;hat der unglückliche Zottmann
-noch gelebt, als Sie ihn beraubten, oder nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit
-klarer Stimme zu Protokoll:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Uhr hat mir heute vormittag der Trödler Aaron
-Wassertrum &mdash; geschenkt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein wieherndes Gelächter brach los, und ich sah, wie
-der Klumpfuß und der Filzpantoffel mitsammen einen
-Freudentanz unter dem Schreibtisch aufführten.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-17">
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-Qual
-</h2>
-
-<p class="first">
-Die Hände gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit
-aufgepflanztem Bajonett, mußte ich durch die abendlich
-beleuchteten Straßen gehen.
-</p>
-
-<p>
-Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und
-rechts mit, Weiber rissen die Fenster auf, drohten mit
-Kochlöffeln herunter und schimpften hinter mir drein.
-</p>
-
-<p>
-Schon von weitem sah ich den massigen Steinwürfel
-des Gerichtsgebäudes mit der Inschrift auf dem Giebel
-herannahen:
-</p>
-
-<p class="center">
-&bdquo;Die strafende Gerechtigkeit ist<br />
-die Beschirmung aller Braven.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer,
-in dem es nach Küche stank.
-</p>
-
-<p>
-Ein vollbärtiger Mann mit Säbel, Beamtenrock und
--mütze, barfuß und die Beine in langen, um die Knöchel
-zusammengebundenen Unterhosen, stand auf, stellte die
-Kaffeemühle, die er zwischen den Knien hielt, weg und
-befahl mir, mich auszuziehen.
-</p>
-
-<p>
-Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus,
-was er darin fand, und fragte mich, ob ich &mdash; Wanzen
-hätte.
-</p>
-
-<p>
-Als ich verneinte, zog er mir die Ringe von den Fingern
-und sagte, es sei gut, ich könne mich wieder ankleiden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-Man führte mich mehrere Stockwerke hinauf und
-durch Gänge, in denen vereinzelt große, graue, verschließbare
-Kisten in den Fensternischen standen.
-</p>
-
-<p>
-Eiserne Türen mit Riegelstangen und kleinen, vergitterten
-Ausschnitten, über jedem eine Gasflamme,
-zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand entlang.
-Ein hünenhafter, soldatisch aussehender Gefangenwärter
-&mdash; das erste ehrliche Gesicht seit Stunden &mdash;
-sperrte eine der Türen auf, schob mich in eine dunkle,
-schrankartige, pestilenzialisch stinkende Öffnung und
-schloß hinter mir ab.
-</p>
-
-<p>
-Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte
-mich zurecht.
-</p>
-
-<p>
-Mein Knie stieß an einen Blechkübel.
-</p>
-
-<p>
-Endlich erwischte ich &mdash; der Raum war so eng, daß
-ich mich kaum umdrehen konnte &mdash; eine Klinke, und stand
-in &mdash; einer Zelle.
-</p>
-
-<p>
-Je zwei und zwei Pritschen mit Strohsäcken an den
-Mauern.
-</p>
-
-<p>
-Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit.
-</p>
-
-<p>
-Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der
-Querwand ließ den matten Schein des Nachthimmels
-herein.
-</p>
-
-<p>
-Unerträgliche Hitze, vom Geruch alter Kleider verpestete
-Luft erfüllte den Raum.
-</p>
-
-<p>
-Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt
-hatten, sah ich, daß auf drei der Pritschen &mdash; die vierte
-war leer &mdash; Menschen in grauen Sträflingskleidern
-saßen; die Arme auf die Knie gestützt und die Gesichter
-in den Händen vergraben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-Keiner sprach ein Wort.
-</p>
-
-<p>
-Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete.
-Wartete.
-</p>
-
-<p>
-Eine Stunde.
-</p>
-
-<p>
-Zwei &mdash; drei Stunden!
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich draußen einen Schritt zu hören glaubte,
-fuhr ich auf:
-</p>
-
-<p>
-Jetzt, jetzt kam man mich holen, um mich dem Untersuchungsrichter
-vorzuführen.
-</p>
-
-<p>
-Jedesmal war es eine Täuschung gewesen. Immer
-wieder verloren sich die Schritte auf dem Gang.
-</p>
-
-<p>
-Ich riß mir den Kragen auf &mdash; glaubte, ersticken zu
-müssen.
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte, wie ein Gefangener nach dem andern sich
-ächzend ausstreckte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen?&ldquo;,
-fragte ich voll Verzweiflung laut in die
-Dunkelheit hinein. Ich erschrak fast vor meiner eigenen
-Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es geht net,&ldquo; antwortete es mürrisch von einem der
-Strohsäcke herüber.
-</p>
-
-<p>
-Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand
-entlang: ein Brett in Brusthöhe lief quer hin &mdash;
-&mdash; &mdash; zwei Wasserkrüge &mdash; &mdash; &mdash; Stücke von Brotrinden.
-</p>
-
-<p>
-Mühsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstäben
-und preßte das Gesicht an die Fensterritzen, um
-wenigstens etwas frische Luft zu atmen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-So stand ich, bis mir die Knie zitterten. Eintöniger,
-schwarzgrauer Nachtnebel vor meinen Augen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-Die kalten Eisenstäbe schwitzten.
-</p>
-
-<p>
-Es mußte bald Mitternacht sein.
-</p>
-
-<p>
-Hinter mir hörte ich schnarchen. Nur einer schien nicht
-schlafen zu können: er warf sich hin und her auf dem
-Stroh und stöhnte manchmal halblaut auf.
-</p>
-
-<p>
-Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen?!
-Da! Es schlug wieder.
-</p>
-
-<p>
-Ich zählte mit bebenden Lippen:
-</p>
-
-<p>
-Eins, zwei, drei! &mdash; Gott sei Dank, nur noch wenige
-Stunden, dann mußte die Dämmerung kommen. Es
-schlug weiter:
-</p>
-
-<p>
-Vier? fünf? &mdash; Der Schweiß trat mir auf die Stirn.
-&mdash; Sechs!! &mdash; Sieben &mdash; &mdash; &mdash; es war <em>elf</em> Uhr.
-</p>
-
-<p>
-Erst eine Stunde war vergangen, seit ich das letzte
-Mal hatte schlagen hören.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Allmählich legten sich meine Gedanken zurecht:
-</p>
-
-<p>
-Wassertrum hatte mir die Uhr des vermißten Zottmann
-zugespielt, um mich in Verdacht zu bringen, einen
-Mord begangen zu haben. &mdash; Er mußte also selbst der
-Mörder sein; wie hätte er sonst in den Besitz der Uhr
-kommen können? Würde er die Leiche irgendwo gefunden
-und dann erst beraubt haben, hätte er sich bestimmt
-die tausend Gulden Belohnung geholt, die für die
-Entdeckung des Vermißten öffentlich ausgesetzt waren.
-&mdash; Das konnte aber nicht sein: die Plakate klebten noch
-immer an den Straßenecken, wie ich deutlich auf meinem
-Weg ins Gefängnis gesehen hatte. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Daß der Trödler mich angezeigt haben mußte, war
-klar.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
-Ebenso: daß er mit dem Polizeirat, wenigstens was
-Angelina betraf, unter einer Decke steckte. Wozu sonst
-das Verhör wegen Savioli?
-</p>
-
-<p>
-Andererseits ging daraus hervor, daß Wassertrum
-Angelinas Briefe <em>noch nicht</em> in Händen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ich grübelte nach &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher
-Deutlichkeit vor mir, als wäre ich selbst dabei gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Ja; nur so konnte es sein: Wassertrum hatte meine
-eiserne Kassette, in der er Beweise vermutete, heimlich
-an sich genommen, als er gerade mit seinen Polizeikomplizen
-meine Wohnung durchstöberte, &mdash; konnte sie
-nicht sogleich öffnen, da ich den Schlüssel bei mir trug
-und war &mdash; &mdash; &mdash; vielleicht gerade jetzt daran, sie in
-seiner Höhle aufzubrechen.
-</p>
-
-<p>
-In wahnsinniger Verzweiflung rüttelte ich an den
-Gitterstäben, sah Wassertrum im Geiste vor mir, wie er
-in Angelinas Briefen wühlte &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich nur Charousek benachrichtigen könnte, daß
-er Savioli wenigstens rechtzeitig warnen ging!
-</p>
-
-<p>
-Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung,
-meine Verhaftung müsse bereits wie ein Lauffeuer
-in der Judenstadt bekannt geworden sein, und ich
-vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel.
-Gegen seine infernalische Schlauheit kam der Trödler
-nicht auf; &bdquo;Ich werde ihn genau in der Stunde an der
-Gurgel haben, in der er Dr. Savioli an den Hals will,&ldquo;
-hatte Charousek schon einmal gesagt.
-</p>
-
-<p>
-In der nächsten Minute wieder verwarf ich alles und
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
-eine wilde Angst packte mich: Wie, wenn Charousek zu
-spät kam?
-</p>
-
-<p>
-Dann war Angelina verloren. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich biß mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die
-Brust aus Reue, daß ich die Briefe damals nicht sofort
-verbrannt hatte; &mdash; &mdash; &mdash; ich schwor es mir zu, Wassertrum
-noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen,
-wo ich wieder auf freiem Fuß sein würde.
-</p>
-
-<p>
-Ob ich von eigner Hand starb oder am Galgen &mdash; was
-lag mir daran!
-</p>
-
-<p>
-Daß der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben
-würde, wenn ich ihm die Geschichte mit der Uhr plausibel
-machte, ihm von Wassertrums Drohungen erzählte,
-&mdash; keinen Augenblick zweifelte ich daran.
-</p>
-
-<p>
-Bestimmt morgen schon mußte ich frei sein; zumindest
-würde das Gericht auch Wassertrum wegen Mordverdacht
-verhaften lassen.
-</p>
-
-<p>
-Ich zählte die Stunden und betete, daß sie rascher
-vergehen möchten; starrte hinaus in den schwärzlichen
-Dunst.
-</p>
-
-<p>
-Nach unsäglich langer Zeit fing es endlich an, heller
-zu werden, und zuerst wie ein dunkler Fleck, dann immer
-deutlicher, tauchte ein kupfernes, riesiges Gesicht aus
-dem Nebel: das Zifferblatt einer alten Turmuhr. Doch
-die <em>Zeiger fehlten</em>; &mdash; neuerliche Qual.
-</p>
-
-<p>
-Dann schlug es fünf.
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte, wie die Gefangenen erwachten und gähnend
-eine Unterhaltung in böhmischer Sprache führten.
-</p>
-
-<p>
-Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich
-um, stieg von dem Brett herunter und &mdash; sah den blatternarbigen
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-Loisa auf der Pritsche, gegenüber der meinigen,
-sitzen und mich verwundert anstarren.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen
-Gesichtern und musterten mich geringschätzig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Defraudant? Was?&ldquo;, fragte der eine halblaut seinen
-Kameraden und stieß ihn mit dem Ellenbogen an.
-</p>
-
-<p>
-Der Gefragte brummte verächtlich irgend etwas,
-kramte in seinem Strohsack, holte ein schwarzes Papier
-hervor und legte es auf den Boden.
-</p>
-
-<p>
-Dann schüttete er aus dem Krug ein wenig Wasser
-darauf, kniete nieder, bespiegelte sich darin und kämmte
-sich mit den Fingern das Haar in die Stirn.
-</p>
-
-<p>
-Hierauf trocknete er das Papier mit zärtlicher Sorgfalt
-ab und versteckte es wieder unter der Pritsche.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pan Pernath, Pan Pernath,&ldquo; murmelte Loisa
-dabei beständig mit aufgerissenen Augen vor sich hin,
-wie jemand, der ein Gespenst sieht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerkö,&ldquo;
-sagte der Ungekämmte, dem dies auffiel, in dem geschraubten
-Dialekt eines tschechischen Wieners und machte
-mir spöttisch eine halbe Verbeugung: &bdquo;Erlaubens mich
-vorzustellen: Vóssatka ist mein Name. Der schwarze
-Vóssatka. &mdash; &mdash; &mdash; Brandstiftung,&ldquo; setzte er eine Oktave
-tiefer stolz hinzu.
-</p>
-
-<p>
-Der Frisierte spuckte zwischen den Zähnen durch,
-blickte mich eine Weile verächtlich an, deutete sich dann
-auf die Brust und sagte lakonisch:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einbruch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich schwieg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;No, und zweng wos für einen Verdachtö sin Sie
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-hier, Herr Graf?&ldquo; fragte der Wiener nach einer
-Pause.
-</p>
-
-<p>
-Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig:
-&bdquo;Wegen Raubmord&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden fuhren verblüfft auf, der spöttische Ausdruck
-auf ihren Gesichtern machte einer Miene grenzenloser
-Hochachtung Platz, und sie riefen fast wie aus einem
-Munde:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Räschpäkt, Räschpäkt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als sie sahen, daß ich keine Notiz von ihnen nahm,
-zogen sie sich in die Ecke zurück und unterhielten sich
-flüsternd miteinander.
-</p>
-
-<p>
-Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir,
-prüfte schweigend die Muskeln meines Oberarms und
-ging dann kopfschüttelnd zu seinem Freund zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den
-Zottmann ermordet zu haben?&ldquo; fragte ich Loisa unauffällig.
-</p>
-
-<p>
-Er nickte. &bdquo;Ja, schon lang.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wieder vergingen einige Stunden.
-</p>
-
-<p>
-Ich schloß die Augen und stellte mich schlafend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Pernath. Herr Pernath!&ldquo; hörte ich plötzlich
-ganz leise Loisas Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja?&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash; Ich tat, als erwachte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Pernath? Bitte entschuldigen Sie, &mdash; bitte &mdash;
-bitte, wissen Sie nicht, was die Rosina macht? &mdash; Ist
-sie zu Hause?&ldquo;, stotterte der arme Bursche. Er tat mir
-unendlich leid, wie er mit seinen entzündeten Augen an
-meinen Lippen hing und vor Aufregung die Hände verkrampfte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-&bdquo;Es geht ihr gut. Sie &mdash; sie ist jetzt Kellnerin beim
-&mdash; &mdash; alten Ungelt&ldquo;, log ich.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah, wie er erleichtert aufatmete.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Zwei Sträflinge hatten auf einem Brett Blechtöpfe
-mit heißem Wurstabsud stumm hereingebracht und drei
-davon in die Zelle gestellt, dann knallten nach einigen
-Stunden abermals die Riegel und der Aufseher führte
-mich zum Untersuchungsrichter.
-</p>
-
-<p>
-Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir
-treppauf, treppab schritten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Glauben Sie, ist es möglich, daß ich heute noch freigelassen
-werde?&ldquo;, fragte ich den Aufseher beklommen.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah, wie er mitleidig ein Lächeln unterdrückte.
-&bdquo;Hm. Heute noch? Hm &mdash; &mdash; Gott, &mdash; möglich ist ja
-alles.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Mir wurde eiskalt.
-</p>
-
-<p>
-Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tür und
-einen Namen:
-</p>
-
-<div class="container">
- <div class="box">
-<p class="center">
-KARL FREIHERR VON LEISETRETER<br />
-Untersuchungsrichter
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte
-mit meterhohen Aufsätzen.
-</p>
-
-<p>
-Ein alter, großer Mann mit weißem, geteiltem Vollbart,
-schwarzem Gehrock, roten, wulstigen Lippen, knarrenden
-Stiefeln.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind Herr Pernath?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-&bdquo;Gemmenschneider?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zelle Nr. 70?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Des Mordes an Zottmann verdächtig?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<em>Des Mordes an Zottmann verdächtig?</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es.
-Aber &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geständig?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter,
-ich bin doch unschuldig!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<em>Geständig?</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann verhänge ich die Untersuchungshaft über Sie.
-&mdash; Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte, so hören Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter,
-&mdash; ich muß unbedingt heute noch zu Hause sein.
-Ich habe wichtige Dinge zu veranlassen &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr Baron schmunzelte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und
-immer noch saß ich in der Zelle.
-</p>
-
-<p>
-Um zwölf Uhr durften wir täglich hinunter in den
-Gefängnishof und mit anderen Untersuchungsgefangenen
-und Sträflingen zu zweit 40 Minuten im Kreis
-herumgehen auf der nassen Erde.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
-Miteinander zu reden, war verboten.
-</p>
-
-<p>
-In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender
-Baum, in dessen Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes
-eingewachsen war.
-</p>
-
-<p>
-An den Mauern wuchsen kümmerliche Ligusterstauden,
-die Blätter fast schwarz vom fallenden Ruß.
-</p>
-
-<p>
-Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein
-kittgraues Gesicht mit blutleeren Lippen herunterschaute.
-</p>
-
-<p>
-Dann ging&rsquo;s wieder hinauf in die gewohnten Grüfte
-zu Brot, Wasser und Wurstabsud und Sonntags zu faulenden
-Linsen.
-</p>
-
-<p>
-Erst einmal war ich wieder vernommen worden:
-</p>
-
-<p>
-Ob ich Zeugen hätte, daß mir &bdquo;Herr&ldquo; Wassertrum
-angeblich die Uhr geschenkt habe?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja: Herrn Schemajah Hillel &mdash; &mdash; das heißt &mdash; nein&ldquo;
-(ich erinnerte mich, er war nicht dabei gewesen) &mdash; &mdash;
-&bdquo;aber Herr Charousek &mdash; nein, auch er war ja nicht
-dabei.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kurz: also niemand war dabei?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und
-wieder das:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter!&ldquo;
-&mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen
-Resignation gewichen: Der Zeitpunkt, wo ich um sie
-zittern mußte, war vorüber. Entweder Wassertrums
-Racheplan war längst geglückt, oder Charousek hatte
-eingegriffen, sagte ich mir.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum
-Wahnsinn.
-</p>
-
-<p>
-Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf
-wartete, daß sich das Wunder erneuere, &mdash; wie sie früh
-am Morgen, wenn der Bäcker kam, hinauslief und mit
-bebenden Händen das Brot untersuchte, &mdash; wie sie
-vielleicht um meinetwillen vor Angst verging.
-</p>
-
-<p>
-Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf,
-und ich stieg auf das Wandbrett und starrte empor zu
-dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und verzehrte mich
-in dem Wunsch, meine Gedanken möchten zu Hillel
-dringen und ihm ins Ohr schreien, er solle Mirjam
-helfen und sie erlösen von der Qual des Hoffens auf ein
-Wunder.
-</p>
-
-<p>
-Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt
-den Atem an, bis mir die Brust fast zersprang, &mdash; um
-das Bild meines Doppelgängers vor mich zu zwingen,
-damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost.
-</p>
-
-<p>
-Und einmal war er auch erschienen neben meinem
-Lager mit den Buchstaben: Chabrat Zereh Aur Bocher
-in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte aufschreien
-vor Jubel, daß jetzt alles wieder gut würde, aber er war
-in den Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl
-geben konnte, Mirjam zu erscheinen. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Daß ich so gar keine Nachricht bekam von meinen
-Freunden!
-</p>
-
-<p>
-Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken?
-fragte ich meine Zellengenossen.
-</p>
-
-<p>
-Sie wußten es nicht.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
-Sie hätten noch nie welche bekommen &mdash; allerdings
-wäre auch niemand da, der ihnen schreiben könnte,
-sagten sie.
-</p>
-
-<p>
-Der Gefangenwärter versprach mir, sich gelegentlich
-zu erkundigen. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen
-und mein Haar verwildert, denn Schere, Kamm und
-Bürste gab es nicht.
-</p>
-
-<p>
-Auch kein Wasser zum Waschen.
-</p>
-
-<p>
-Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz, denn
-der Wurstabsud war mit Soda gewürzt statt mit Salz.
-&mdash; &mdash; Eine Gefängnisvorschrift, um dem &bdquo;Überhandnehmen
-des Geschlechtstriebes vorzubeugen&ldquo;. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintönigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Drehte sich im Kreis wie ein Rad der Qual.
-</p>
-
-<p>
-Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns
-kannte, wo plötzlich einer oder der andere aufsprang und
-stundenlang auf und niederlief wie ein wildes Tier, um
-sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen zu
-lassen und stumpfsinnig weiter zu warten &mdash; zu warten
-&mdash; zu warten.
-</p>
-
-<p>
-Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen
-gleich Ameisen über die Wände und ich fragte mich
-erstaunt, warum denn der Kerl in Säbel und Unterhosen
-mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein
-Ungeziefer hätte.
-</p>
-
-<p>
-Fürchtete man vielleicht im Landesgericht, es könne
-eine Kreuzung <em>fremder</em> Insektenrassen entstehen?
-</p>
-
-<p>
-Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf
-herein mit Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen:
-<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
-Der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt, und überzeugte
-sich, daß alle vor Gesundheit strotzten.
-</p>
-
-<p>
-Und wenn einer sich beschwerte, gleichgültig worüber,
-so verschrieb er &mdash; Zinksalbe zum Einreiben der Brust.
-</p>
-
-<p>
-Einmal kam auch der Landesgerichtspräsident &mdash;
-ein hochgewachsener, parfümierter Halunke der &bdquo;guten
-Gesellschaft&ldquo;, dem die gemeinsten Laster im Gesicht geschrieben
-standen, und sah nach, ob &mdash; alles in Ordnung
-sei: &bdquo;ob sich noch immer kaner derhenkt hobe&ldquo;, wie sich
-der Frisierte ausdrückte.
-</p>
-
-<p>
-Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen,
-da hatte er einen Satz hinter den Gefangenwärter
-gemacht und mir einen Revolver vorgehalten. &mdash;
-&bdquo;Was ich denn wolle&ldquo;, schrie er mich an.
-</p>
-
-<p>
-Ob Briefe für mich da seien, fragte ich höflich. Statt
-der Antwort bekam ich einen Stoß vor die Brust vom
-Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf das Weite suchte.
-Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte durch
-den Türausschnitt: &mdash; ich solle lieber den Mord gestehen.
-Eher bekäme ich in diesem Leben keine Briefe.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die
-Hitze gewöhnt und fröstelte beständig. Selbst, wenn die
-Sonne schien.
-</p>
-
-<p>
-Zwei der Gefangenen hatten schon einige Mal gewechselt,
-aber ich achtete nicht darauf. Diese Woche war
-es ein Taschendieb und ein Wegelagerer, das nächste
-Mal ein Falschmünzer oder ein Hehler, die hereingeführt
-wurden.
-</p>
-
-<p>
-Was ich gestern erlebte, war heute vergessen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
-Gegen das Wühlen der Sorge um Mirjam verblaßten
-alle äußern Begebenheiten.
-</p>
-
-<p>
-Nur <em>ein</em> Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprägt &mdash;
-es verfolgte mich zuweilen als Zerrbild bis in den
-Traum.
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf
-in den Himmel zu starren, da fühlte ich plötzlich, daß
-mich ein spitzer Gegenstand in die Hüfte stach, und als
-ich nachsah, bemerkte ich, daß es die Feile gewesen war,
-die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter
-gebohrt hatte. Sie mußte schon lange dort gesteckt
-haben, sonst hätte sie der Mann in der Flurstube gewiß
-bemerkt.
-</p>
-
-<p>
-Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen
-Strohsack.
-</p>
-
-<p>
-Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden,
-und ich zweifelte keinen Augenblick, daß nur Loisa sie
-genommen haben konnte.
-</p>
-
-<p>
-Einige Tage später holte man ihn aus der Zelle, um
-ihn einen Stock tiefer unterzubringen.
-</p>
-
-<p>
-Es dürfe nicht sein, daß zwei Untersuchungsgefangene,
-die desselben Verbrechens beschuldigt wären, wie er
-und ich, in der gleichen Zelle säßen, hatte der Gefangenwärter
-gesagt.
-</p>
-
-<p>
-Von ganzem Herzen wünschte ich, es möchte dem
-armen Burschen gelingen, sich mit Hilfe der Feile zu
-befreien.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-18">
-<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
-Mai
-</h2>
-
-<p class="first">
-Auf meine Frage, welches Datum denn wäre &mdash; die
-Sonne schien so warm wie im Hochsommer und der
-müde Baum im Hof trieb ein paar Knospen &mdash; hatte der
-Gefangenwärter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflüstert,
-es sei der 15. Mai. Eigentlich dürfe er es nicht
-sagen, denn es sei verboten, mit den Gefangenen zu
-sprechen, &mdash; insbesondere solche, die noch nicht gestanden
-hätten, müßten hinsichtlich der Zeit im unklaren gehalten
-werden.
-</p>
-
-<p>
-Drei volle Monate war ich also schon im Gefängnis
-und noch immer keine Nachricht aus der Welt da
-draußen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wenn es Abend wurde, drangen leise Klänge eines
-Klaviers durch das Gitterfenster, das jetzt an warmen
-Tagen offen war.
-</p>
-
-<p>
-Die Tochter des Beschließers unten spiele, hatte mir
-ein Sträfling gesagt. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Tag und Nacht träumte ich von Mirjam.
-</p>
-
-<p>
-Wie es ihr wohl ging?!
-</p>
-
-<p>
-Zuzeiten hatte ich das tröstliche Gefühl, als seien meine
-Gedanken zu ihr gedrungen und stünden an ihrem Bette,
-während sie schlief, und legten ihr lindernd die Hand
-auf die Stirne.
-</p>
-
-<p>
-Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit,
-<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-wenn einer nach dem andern meiner Zellengenossen
-zum Verhör geführt wurde, &mdash; nur ich nicht, &mdash; drosselte
-mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange
-tot.
-</p>
-
-<p>
-Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie
-noch lebe oder nicht, krank sei oder gesund, und die Anzahl
-einer Handvoll Halme, die ich aus dem Strohsack
-riß, sollte mir Antwort geben.
-</p>
-
-<p>
-Und fast jedesmal &bdquo;ging es schlecht aus&ldquo;, und ich
-wühlte in meinem Innern nach einem Blick in die Zukunft;
-&mdash; suchte meine Seele, die mir das Geheimnis
-verbarg, zu überlisten durch die scheinbar abseits liegende
-Frage, ob wohl für mich dereinst noch ein Tag kommen
-würde, wo ich heiter sein und wieder lachen könnte.
-</p>
-
-<p>
-Immer bejahte das Orakel in solchen Fällen, und
-dann war ich eine Stunde lang glücklich und froh.
-</p>
-
-<p>
-Wie eine Pflanze heimlich wächst und sproßt, war
-allmählich in mir eine unbegreifliche, tiefe Liebe zu
-Mirjam erwacht, und ich faßte es nicht, daß ich so oft
-hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden können, ohne mir
-damals schon klar darüber geworden zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Der zitternde Wunsch, daß auch sie mit gleichen Gefühlen
-an mich denken möchte, steigerte sich in solchen
-Augenblicken oft bis zur Ahnung der Gewißheit, und
-wenn ich dann auf dem Gange draußen einen Schritt
-hörte, fürchtete ich mich beinahe davor, man könne mich
-holen und freilassen und mein Traum würde in der
-groben Wirklichkeit der Außenwelt in nichts zerrinnen.
-</p>
-
-<p>
-Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf
-geworden, daß ich auch das leiseste Geräusch vernahm.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-Jedesmal bei Anbruch der Nacht hörte ich in der Ferne
-einen Wagen fahren und zergrübelte mir den Kopf,
-wer wohl darin sitzen möchte.
-</p>
-
-<p>
-Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken,
-daß es Menschen gab da draußen, die tun und lassen
-durften, was sie wollten, &mdash; die sich frei bewegen konnten
-und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als
-unbeschreiblichen Jubel empfanden.
-</p>
-
-<p>
-Daß auch ich jemals wieder so glücklich werden würde,
-im Sonnenschein durch die Straßen wandern zu können
-&mdash; &mdash; ich war nicht mehr imstande, es mir vorzustellen.
-</p>
-
-<p>
-Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten,
-schien mir einem längstverflossenen Dasein anzugehören;
-&mdash; ich dachte daran zurück mit jener leisen Wehmut,
-wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch aufschlägt
-und findet darin welke Blumen, die einst die Geliebte
-der Jugendjahre getragen hat.
-</p>
-
-<p>
-Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend für Abend
-mit Vrieslander und Prokop beim &bdquo;Ungelt&ldquo; saß und der
-vertrockneten Eulalia das Hirn konfus machte?
-</p>
-
-<p>
-Nein, es war doch Mai &mdash; die Zeit, wo er mit seinem
-Marionettenkasten durch die Provinznester zog und auf
-grünen Wiesen vor den Toren den Ritter Blaubart
-spielte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich saß allein in der Zelle. &mdash; Vóssatka, der Brandstifter,
-mein einziger Gefährte seit einer Woche, war
-vor ein paar Stunden zum Untersuchungsrichter geholt
-worden.
-</p>
-
-<p>
-Merkwürdig lange dauerte diesmal sein Verhör.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
-Da. Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tür.
-Und mit freudestrahlender Miene stürmte Vóssatka herein,
-warf ein Bündel Kleider auf die Pritsche und begann,
-sich mit Windeseile umzukleiden.
-</p>
-
-<p>
-Den Sträflingsanzug warf er Stück um Stück mit
-einem Fluch auf den Boden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nix hamms mer beweisen könna, dö Hallodri. &mdash;
-Brandstiftung! &mdash; Ja doder&ldquo; er zog mit dem Zeigefinger
-an seinem unteren Augenlid. &bdquo;Auf den schwarzen
-Vóssatka sans jung. &mdash; Der Wind war&rsquo;s, hab i g&rsquo;sagt.
-Und bi fest blimm. Den kennens iazt eispirrn, wanns&rsquo;n
-derwischen &mdash; den Herrn von Wind. &mdash; No servus heit
-Abend! &mdash; Do werd aufdraht. Beim Loisitschek.&ldquo; &mdash;
-Er breitete die Arme aus und tanzte einen &bdquo;G&rsquo;strampften&ldquo;.
-&mdash; &bdquo;Nur einmahl im Leböhn blie&mdash;het der Mai.&ldquo;
-&mdash; Er stülpte sich mit einem Krach einen steifen Deckel
-mit einer kleinen blaugesprenkelten Nußhäherfeder darauf
-über den Schädel. &mdash; &bdquo;Ja, richtig, das wird Ihna
-intrissirn, Herr Graf: wissens was Neies? Eana Freund,
-der Loisa, is ausbrochen! &mdash; Grad hab i&rsquo;s erfahrehn oben
-bei die Hallodri. Schon vurigen Monat &mdash; gegen Uldimoh
-hat er das Weide gesucht und ist längs ieber &mdash;
-pbhuit&ldquo; &mdash; er schlug sich mit den Fingern auf den Handrücken
-&mdash; &bdquo;ieber alle Bergöh&ldquo;. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aha, die Feile,&ldquo; dachte ich mir und lächelte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr
-Graf,&ldquo; der Brandstifter streckte mir kameradschaftlich die
-Hand hin, &bdquo;daß Sie möglichst bei Zeitöhn freikommen.
-&mdash; Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen
-Sie sich nur beim Loisitschek nach dem schwarzen Vóssatka.
-<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
-&mdash; Kennte mich jädes Madel durten. So! &mdash; Alsdann
-Servus, Herr Graf. War mir ein Vergniegen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er stand noch in der Türe, da schob der Wärter schon
-einen neuen Untersuchungsgefangenen in die Zelle.
-</p>
-
-<p>
-Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot
-mit der Soldatenmütze, der einmal neben mir bei
-Regenwetter in dem Torbogen der Hahnpaßgasse gestanden
-hatte. Eine freudige Überraschung! Vielleicht
-wußte er zufällig etwas über Hillel und Zwakh und alle
-die andern?
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu
-meinem größten Erstaunen legte er mit geheimnisvoller
-Miene den Finger an den Mund und bedeutete mir,
-ich solle schweigen.
-</p>
-
-<p>
-Erst als die Tür von draußen abgesperrt und der Schritt
-des Gefangenwärters auf dem Gange verhallt war, kam
-Leben in ihn.
-</p>
-
-<p>
-Mir schlug das Herz vor Aufregung.
-</p>
-
-<p>
-Was sollte das bedeuten?
-</p>
-
-<p>
-Kannte er mich denn, und was wollte er?
-</p>
-
-<p>
-Das erste, was der Schlot tat, war, daß er sich niedersetzte
-und seinen linken Stiefel auszog.
-</p>
-
-<p>
-Dann zerrte er mit den Zähnen einen Stöpsel aus
-dem Absatz, entnahm dem entstandenen Hohlraum ein
-kleines gebogenes Eisenblech, riß die anscheinend nur
-locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides
-mit stolzer Miene hin. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten
-Fragen auch nur im geringsten zu achten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So! Einen schönen Gruß vom Herrn Charousek.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
-Ich war so verblüfft, daß ich kein Wort herausbringen
-konnte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Brauchens&rsquo; bloß Eisenblechl nähmen und Sohlen
-ausanand brechen in der Nacht. Oder wann sunst niemand
-siecht. &mdash; Ise nämlich hohl inewändig&ldquo; &mdash; erklärte
-der Schlot mit überlegener Miene, &bdquo;und finden
-Sie sich drinn eine Brieffel von Herrn Charousek.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im Übermaß meines Entzückens fiel ich dem Schlot
-um den Hals und die Tränen stürzten mir aus den
-Augen.
-</p>
-
-<p>
-Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Missen sich mehr zusammennähmen, Herr von Pernath!
-Mir habens me nicht eine Minutten zum Zeitverlieren.
-Es kann sich soffort herauskommen, daß ich
-in der falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens
-me unt beim Pordjöh die Nummern mitsamm vertauscht.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich mußte wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht
-haben, denn der Schlot fuhr fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wann Sie das auch nicht verstähn, macht nix. Kurz:
-ich bin ich hier, Pasta!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sagen Sie doch,&ldquo; fiel ich ihm ins Wort, &bdquo;sagen Sie
-doch, Herr &mdash; &mdash; Herr &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenzel,&ldquo; &mdash; half mir der Schlot aus, &bdquo;ich heiß&rsquo; ich
-der schöne Wenzel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar
-Hillel, und wie geht es seiner Tochter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dazu ist jetz keine Zeit nicht,&ldquo; unterbrach mich der
-schöne Wenzel ungeduldig. &bdquo;Ich kann ich doch im näxen
-Augenblick herausgeschmissen werden. &mdash; Also: ich bin
-<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
-ich hier, weil ich einen Raubanfall extra eingestanden
-hab &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was, Sie haben bloß meinetwegen, und um zu mir
-kommen zu können, einen Raubanfall begangen, Wenzel?&ldquo;
-fragte ich erschüttert.
-</p>
-
-<p>
-Der Schlot schüttelte verächtlich den Kopf: &bdquo;Wann
-ich wirklich einen Raubanfall <em>begangen</em> hätt, mecht
-ich ihm doch nicht <em>eingestähen</em>. Was glauben Sie
-von mir!?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich verstand allmählich: &mdash; der brave Kerl hatte eine
-List gebraucht, um mir den Brief Charouseks ins Gefängnis
-zu schmuggeln.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So; zuverderscht&ldquo; &mdash; er machte ein äußerst wichtiges
-Gesicht &mdash; &bdquo;muß ich Ihnen Unterricht in der Ebilebsie
-gäben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Worin?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In der Ebilebsie! &mdash; Gäbm S&rsquo; amal scharf Obacht
-und merkens Ihna alles genau! &mdash; Alsdann schaugens
-här: Zuerscht macht me Speichel in der Goschen;&ldquo; &mdash;
-er blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie
-jemand, der sich den Mund ausspült &mdash; &bdquo;dann kriegt me
-Schaum vorm Maul, sengen S&rsquo; so&ldquo;: &mdash; er machte auch
-dies. Mit widerwärtiger Natürlichkeit. &mdash; &bdquo;Nachhe
-drehte ma die Daumen in die Faust. &mdash; Nachhe kugelt
-me die Augen raus&ldquo; &mdash; er schielte entsetzlich &mdash; &bdquo;und
-dann &mdash; das ise sich bisl schwär &mdash; stoßt me so halbeten
-Schrei aus. Segen S&rsquo;, so: Bö &mdash; bö &mdash; bö, &mdash; und gleichzeitig
-fallt me sich um.&ldquo; &mdash; Er ließ sich der Länge nach
-zu Boden fallen, daß das Haus zitterte, und sagte beim
-Aufstehen:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
-&bdquo;Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie&rsquo;s uns der
-Dr. Hulbert gottsälig beim &sbquo;Bataljohn&lsquo; gelernt hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja, es ist täuschend ähnlich,&ldquo; gab ich zu, &bdquo;aber
-wozu dient das alles?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!&ldquo;,
-erklärte der schöne Wenzel. &bdquo;Der Dr. Rosenblatt is
-doch ein Mordsochs! Wenn einer schon gar kan Kopf
-mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann
-ise sich pumperlgesund! &mdash; Nur vor die Ebilebsie hat e&rsquo;
-an Viechsräschpäkt. Wann aner daas gut kann: gleich
-ise drieben in der Krankenzelle. &mdash; &mdash; Und da ise sich das
-Ausbrechen dann ein Kinderspielzeug;&ldquo; &mdash; er wurde
-tief geheimnisvoll &mdash; &bdquo;den Fenstergitter in der Krankenzelle
-ise nämlich durchgesägt und nur schwach mit Dreck
-zusammenpappt. &mdash; Es ise sich das ein Geheimnis vom
-Bataljohn! &mdash; Sie brauchen dann bloß ein paar Nächte
-scharf aufpassen und, wenn Sie eine Seilschlingen vom
-Dach herunter bis vors Fenster kommen segen, heben
-Sie leise den Gitter aus, damit niemand nicht aufwacht,
-steckens die Schultern in die Schlinge, und mir
-ziegen Ihnen hinauf aufs Dach und lassen Ihnen
-auf der andern Seiten hinunter auf die Straßen. &mdash;
-Pasta.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weshalb soll ich denn aus dem Gefängnis ausbrechen?&ldquo;
-wandte ich schüchtern ein, &bdquo;ich bin doch unschuldig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Daß ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!&ldquo;,
-widerlegte mich der schöne Wenzel und machte vor Erstaunen
-kreisrunde Augen.
-</p>
-
-<p>
-Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um
-<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
-ihm den verwegenen Plan, der, wie er sagte, das Resultat
-eines &bdquo;Bataillons&ldquo;beschlusses war, auszureden.
-</p>
-
-<p>
-Daß ich &bdquo;die Gabe Gottes&ldquo; von der Hand wies und
-lieber warten wollte, bis ich von selbst freikommen würde,
-war ihm unbegreiflich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden
-auf das allerherzlichste,&ldquo; sagte ich gerührt und
-drückte ihm die Hand. &bdquo;Wenn die schwere Zeit für mich
-vorüber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen allen
-erkenntlich zu zeigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ise gar nicht nätig,&ldquo; lehnte Wenzel freundlich ab.
-&bdquo;Wann Sie ein paar Glas &sbquo;Pils&lsquo; zahlen, nähmen wir
-sich dankbar an, abe sunst nix. Pan Charousek, was ise
-jetz Schatzmistr vom Bataljohn, hat e&rsquo; uns schon erzählt,
-was Sie für ein heimlicher Wohltäter sin. Soll ich ihm
-was ausrichten, wenn ich in paar Täg wieder herauskomm?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, bitte,&ldquo; fiel ich rasch ein, &bdquo;sagen Sie ihm, er
-möchte zu Hillel gehen und ihm mitteilen, ich hätte soviel
-Angst wegen der Gesundheit seiner Tochter Mirjam.
-Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen. &mdash;
-Werden Sie sich den Namen merken?: <em>Hillel</em>!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hirräl?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein: Hillel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hillär?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein: Hill&mdash;el.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem für einen
-Tschechen unmöglichen Namen, aber schließlich bewältigte
-er ihn doch unter wilden Grimassen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und dann noch eins: Herr Charousek möge &mdash; ich
-<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
-lasse ihn herzlich drum bitten &mdash; sich auch, soweit es
-in seiner Macht steht, der &bdquo;vornehmen Dame&ldquo; &mdash; er
-weiß schon, wer darunter zu verstehen ist &mdash; annehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen,
-die was das Gspusi ghabt hat mit dem Niemetz &mdash; dem
-Dr. Sapoli? &mdash; No, die hat sich doch scheiden lassen und
-ise mit ihrem Kind und dem Sapoli furt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie das bestimmt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich
-um Angelinas willen freute, &mdash; es krampfte mir dennoch
-das Herz zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und
-jetzt &mdash; &mdash; &mdash; war ich vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmörder.
-</p>
-
-<p>
-Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle.
-</p>
-
-<p>
-Der Schlot schien mit dem Feingefühl, das verwahrlosten
-Menschen seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen,
-die sich um Liebe drehen, erraten zu haben, wie mir
-zumute war, denn er blickte scheu weg und antwortete
-nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels
-Tochter, dem Fräulein Mirjam geht? Kennen Sie
-sie?&ldquo;, fragte ich gepreßt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mirjam? Mirjam?&ldquo; &mdash; Wenzel legte sein Gesicht in
-nachdenkliche Falten &mdash; &bdquo;Mirjam? &mdash; Gäht sich die
-öfters in der Nacht zum Loisitschek?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich mußte unwillkürlich lächeln. &bdquo;Nein. Bestimmt
-nicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann kenn ich sie nicht,&ldquo; sagte Wenzel trocken.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
-Wir schwiegen eine Weile.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht steht in dem Briefchen etwas über sie,
-hoffte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Daß den Wassertrum der Deiwel g&rsquo;holt hat&ldquo;, fing
-Wenzel plötzlich wieder an, &bdquo;wärden Sie sich wohl schon
-gehärt haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich fuhr entsetzt auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;No ja.&ldquo; &mdash; Wenzel deutete auf seine Kehle. &mdash;
-&bdquo;Murxi, murxi! Ich sag ich Ihnän; es war Ihnän
-schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen haben, weil
-er sich paar Täg nicht hat segen lassen, war ich natrierlich
-der erschte drin; &mdash; wie denn nicht! &mdash; Und da hat e&rsquo;
-durten g&rsquo;sässen, der Wassertrum, in einen dreckigen Lähnsessel,
-die Brust voller Blut und die Augen wie aus
-Glas. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Wissen S&rsquo;, ich bin ich ein handfeste
-Kerl, aber mir hat sich alles gedräht, sag ich Ihnän, und
-ich hab&rsquo; gemeint, ich hau ich ohnmächtig hi&mdash;iin. Furt&rsquo; a
-furt&rsquo; hab&rsquo; ich mir vorsagen missen: Wenzel, hab&rsquo; ich mir
-vorg&rsquo;sagt, Wenzel, reg&rsquo; dich nicht auf, es is doch bloß
-ein toter Jud. &mdash; Er hat eine Feile in der Kehle stecken
-gehabt und im Laden war sich alles umedum geschmissen.
-&mdash; Ein Raubmord natierlich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Feile! Die Feile!&ldquo; Ich fühlte, wie mir der
-Atem kalt wurde vor Grausen. &mdash; Die Feile! So hatte
-sie also doch ihren Weg gefunden!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß ich auch, wer&rsquo;s war,&ldquo; fuhr Wenzel nach einer
-Pause halblaut fort. &bdquo;Niemand anders, sag ich Ihnän,
-als der blattersteppige Loiso. &mdash; Ich hab&rsquo; ich nämlich
-sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt
-und rasch eing&rsquo;stäckt, damit sich die Polizei nicht draufkommt.
-<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
-&mdash; Er ise sich durch einen unterirdischen Gang
-in den Laden &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo; er brach mit einem Ruck
-seine Rede ab und horchte ein paar Sekunden lang
-angestrengt, dann warf er sich auf die Pritsche und fing
-an, fürchterlich zu schnarchen.
-</p>
-
-<p>
-Gleich darauf klirrte das Vorhängeschloß und der
-Gefängniswärter kam herein und musterte mich argwöhnisch.
-</p>
-
-<p>
-Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel
-war kaum zu erwecken.
-</p>
-
-<p>
-Erst nach vielen Püffen richtete er sich gähnend auf
-und taumelte, gefolgt von dem Wärter, schlaftrunken
-hinaus.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief
-auseinander und las:
-</p>
-
-<p>
-Den 12. Mai.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein lieber armer Freund und Wohltäter!
-</p>
-
-<p>
-Woche um Woche habe ich gewartet, daß Sie endlich
-freikommen würden, &mdash; immer vergebens, &mdash; habe alle
-möglichen Schritte versucht, um Entlastungsmaterial für
-Sie zu sammeln, aber ich fand keins.
-</p>
-
-<p>
-Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu
-beschleunigen, aber jedesmal hieß es, er könne nichts
-tun, &mdash; es sei Sache der Staatsanwaltschaft und nicht
-die seinige.
-</p>
-
-<p>
-Amtsschimmel!
-</p>
-
-<p>
-<em>Eben erst, vor einer Stunde</em>, gelang mir jedoch
-etwas, von dem ich mir den <em>besten</em> Erfolg erhoffe: ich
-<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
-habe erfahren, daß Jaromir dem Wassertrum eine goldene
-Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung
-seines Bruders Loisa in dessen Bett gefunden hatte, verkauft
-hat.
-</p>
-
-<p>
-Beim &sbquo;Loisitschek&lsquo;, wo, wie Sie wissen, die Detektivs
-verkehren, geht das Gerücht, man hätte die Uhr des
-angeblich ermordeten Zottmann &mdash; dessen Leiche übrigens
-noch immer nicht entdeckt ist &mdash; als <span class="antiqua">corpus delicti</span>
-bei <em>Ihnen</em> gefunden. Das übrige reimte ich mir zusammen:
-Wassertrum <span class="antiqua">et cetera</span>!
-</p>
-
-<p>
-Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm
-1000 fl. gegeben &mdash; &mdash;&ldquo; Ich ließ den Brief sinken und
-die Freudentränen traten mir in die Augen: nur Angelina
-konnte Charousek die Summe gegeben haben.
-Weder Zwakh, noch Prokop, noch Vrieslander besaßen
-soviel Geld. &mdash; Sie hatte mich also doch nicht vergessen!
-&mdash; Ich las weiter:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; 1000 fl. gegeben und ihm weitere 2000 fl. versprochen,
-wenn er mit mir sofort zur Polizei ginge und
-eingestünde, die Uhr seinem Bruder zu Hause entwendet
-und verkauft zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief
-durch Wenzel bereits an Sie unterwegs ist. Die Zeit
-reicht nicht aus.
-</p>
-
-<p>
-Aber seien Sie versichert: es <em>wird</em> geschehen. <em>Heute</em>
-noch. Ich bürge Ihnen dafür.
-</p>
-
-<p>
-Ich zweifle keinen Augenblick, daß Loisa den Mord
-begangen hat und die Uhr die Zottmanns ist.
-</p>
-
-<p>
-Sollte <a id="corr-26"></a>sie es wider Erwarten nicht sein, &mdash; nun,
-dann weiß Jaromir, was er zu tun hat: &mdash; <em>Jedenfalls
-<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
-wird er sie als die bei Ihnen gefundene
-agnoszieren</em>.
-</p>
-
-<p>
-Also: harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht!
-Der Tag, wo Sie frei sein werden, steht vielleicht bald
-bevor.
-</p>
-
-<p>
-Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns
-wiedersehen?
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß es nicht.
-</p>
-
-<p>
-Fast möchte ich sagen: ich glaube es nicht, denn mit
-mir geht&rsquo;s rasch zu Ende, und <em>ich muß auf der Hut
-sein, daß mich die letzte Stunde nicht überrascht</em>.
-</p>
-
-<p>
-Aber eins halten Sie fest: wir <em>werden</em> uns wiedersehen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn auch nicht in <em>diesem</em> Leben und nicht wie
-die Toten in <em>jenem</em> Leben, aber an dem Tag, wo die
-Zeit zerbricht, &mdash; wo, wie es in der Bibel steht, der
-HERR <em>die</em> ausspeien wird aus seinem Munde, die lau
-waren und weder kalt noch warm. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wundern Sie sich nicht, daß ich so rede! Ich habe
-nie mit Ihnen über diese Dinge gesprochen und, als
-Sie einmal das Wort &sbquo;Kabbala&lsquo; berührten, bin ich Ihnen
-ausgewichen, aber &mdash; ich weiß, was ich weiß.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn
-nicht, so streichen Sie, ich bitte Sie darum, das, was ich
-gesagt habe, aus Ihrem Gedächtnis. &mdash; &mdash; Einmal,
-in meinen Delirien, glaubte ich &mdash; ein Zeichen auf Ihrer
-Brust zu sehen. &mdash; Mag sein, daß ich wach geträumt habe.
-</p>
-
-<p>
-Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen
-sollten, daß ich gewisse Erkenntnisse gehabt habe
-<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
-&mdash; innerlich! &mdash; fast schon von Kindheit an, die mich einen
-seltsamen Weg geführt haben; &mdash; Erkenntnisse, die sich
-nicht decken mit dem, was die Medizin lehrt oder, Gott
-sei Dank, noch nicht weiß; hoffentlich auch nie erfahren
-wird.
-</p>
-
-<p>
-Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von
-der Wissenschaft, deren höchstes Ziel es ist, einen &mdash;
-&sbquo;Wartesaal&lsquo; auszustaffieren, den man am besten niederrisse.
-</p>
-
-<p>
-Doch genug davon.
-</p>
-
-<p>
-Ich will Ihnen lieber erzählen, was sich inzwischen
-zugetragen hat:
-</p>
-
-<p>
-Ende April war Wassertrum soweit, daß meine Suggestion
-anfing zu wirken.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah es daran, daß er auf der Gasse beständig
-gestikulierte und laut mit sich selbst sprach.
-</p>
-
-<p>
-So etwas ist ein sicheres Zeichen, daß die Gedanken
-eines Menschen sich zum Sturm rotten, um über ihren
-Herrn herzufallen.
-</p>
-
-<p>
-Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich
-Notizen.
-</p>
-
-<p>
-Er schrieb!
-</p>
-
-<p>
-Er schrieb! Daß ich nicht lache! Er <em>schrieb</em>.
-</p>
-
-<p>
-Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem
-Hause wußte ich, was er oben machte: &mdash; er machte
-sein Testament.
-</p>
-
-<p>
-Daß er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings
-nicht gedacht. Ich hätte wahrscheinlich den Veitstanz
-bekommen vor Vergnügen, wenn&rsquo;s mir eingefallen
-wäre.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
-Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige
-auf der Erde bin, an dem er noch etwas gutmachen
-könnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn überlistet.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht war&rsquo;s auch die Hoffnung, ich würde ihn
-segnen, wenn ich mich nach seinem Tode durch seine
-Huld plötzlich als Millionär sähe, und dadurch den Fluch
-wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem
-Mund hat mit anhören müssen.
-</p>
-
-<p>
-Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt.
-</p>
-
-<p>
-Rasend witzig, daß er heimlich also doch an eine
-Wiedervergeltung im Jenseits geglaubt hat, während
-er sich&rsquo;s das ganze Leben lang mühselig ausreden
-wollte.
-</p>
-
-<p>
-Aber so ist&rsquo;s bei allen den ganz Gescheiten; man sieht
-es schon an der wahnwitzigen Wut, in die sie geraten,
-wenn man&rsquo;s ihnen ins Gesicht sagt. Sie fühlen sich
-ertappt.
-</p>
-
-<p>
-Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar
-kam, ließ ich ihn nicht mehr aus dem Auge.
-</p>
-
-<p>
-Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern
-seines Ladens, denn jede Minute konnte die Entscheidung
-fallen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, durch Mauern hindurch würde ich das
-ersehnte schnalzende Geräusch gehört haben, wenn er
-den Stöpsel aus der Giftflasche gezogen hätte.
-</p>
-
-<p>
-Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk
-war vollbracht.
-</p>
-
-<p>
-Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn.
-Mit einer Feile.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
-Lassen Sie sich das Nähere von Wenzel erzählen, mir
-wird es zu bitter, alles das niederschreiben zu müssen.
-</p>
-
-<p>
-Nennen Sie es Aberglaube, &mdash; aber, wie ich sah, daß
-Blut <em>vergossen</em> worden war &mdash; die Dinge im Laden
-waren befleckt davon, &mdash; kam es mir vor, als sei mir
-seine Seele entwischt.
-</p>
-
-<p>
-Etwas in mir, &mdash; ein feiner, untrüglicher Instinkt &mdash;
-sagt mir, daß es nicht dasselbe ist, ob ein Mensch von
-fremder Hand stirbt, oder von eigener: &mdash; daß Wassertrum
-sein Blut mit sich in die Erde hätte nehmen müssen,
-dann erst wäre meine Mission erfüllt gewesen. &mdash; Jetzt,
-wo es anders gekommen ist, fühle ich mich als Ausgestoßener,
-als ein Werkzeug, das nicht würdig befunden
-wurde in der Hand des Todesengels.
-</p>
-
-<p>
-Aber ich will mich nicht auflehnen. <em>Mein Haß ist
-von der Art, die übers Grab hinausgeht</em>, und
-noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich vergießen
-kann, wie ich will, damit es dem seinigen nachgehe im
-Reich der Schatten auf Schritt und Tritt. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Jeden Tag, seit sie Wassertrum verscharrt haben, sitze
-ich draußen bei ihm auf dem Friedhof und horche in
-meine Brust hinein, was ich tun soll.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, ich weiß es bereits, aber ich will noch
-warten, bis das innere Wort, das zu mir spricht, klar
-wird wie eine Quelle. &mdash; Wir Menschen sind unrein,
-und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis wir
-das Flüstern unserer Seele verstehen. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom
-Gericht mitgeteilt, daß mich Wassertrum zum Universalerben
-eingesetzt hat.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
-Daß ich für mich keinen Kreuzer davon anrühre,
-brauche ich Ihnen wohl nicht zu versichern, Herr Pernath.
-&mdash; Ich werde mich hüten, &sbquo;ihm&lsquo; &mdash; für &sbquo;drüben&lsquo;
-eine Handhabe zu geben.
-</p>
-
-<p>
-Die Häuser, die er besessen hat, lasse ich versteigern,
-die Gegenstände, die er berührt hat, werden verbrannt,
-und was an Geld und Geldeswert sich dann ergibt,
-fällt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren,
-aber ich kann Sie beruhigen. Was Sie bekommen,
-ist Ihr rechtmäßiges Eigentum mit Zinsen und
-Zinseszinsen. Schon lange wußte ich, daß Wassertrum
-vor Jahren Ihren Vater und seine Familie um alles
-gebracht hat, &mdash; erst jetzt bin ich in der Lage, es aktenmäßig
-nachweisen zu können.
-</p>
-
-<p>
-Ein zweites Drittel wird unter die zwölf Mitglieder
-des &bdquo;Bataillons&ldquo; verteilt, die den Dr. Hulbert noch persönlich
-gekannt haben. Ich will, daß jeder von ihnen
-reich wird und Zutritt bekommt zur Prager &mdash; &bdquo;guten
-Gesellschaft&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Das letzte Drittel gehört zu gleichen Teilen den nächsten
-sieben Raubmördern des Landes, die mangels zureichender
-Beweise freigesprochen werden müssen.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin das dem öffentlichen Ärgernis schuldig.
-</p>
-
-<p>
-So. Das wäre wohl alles.
-</p>
-
-<p>
-Und jetzt, mein lieber, lieber Freund, leben Sie wohl
-und gedenken Sie zuweilen
-</p>
-
-<p class="sign">
-Ihres<br />
-aufrichtigen und dankbaren<br />
-Innocenz Charousek.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
-Tief erschüttert legte ich den Brief aus der Hand.
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte mich nicht freuen über die Nachricht von
-meiner bevorstehenden Enthaftung.
-</p>
-
-<p>
-Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kümmerte
-er sich um mein Schicksal. Bloß, weil ich ihm einst
-100 fl. geschenkt hatte. Wenn ich ihm nur einmal noch
-die Hand drücken könnte!
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte: ja, er hatte recht; der Tag würde nie
-kommen.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die
-schwindsüchtigen Schultern, die hohe, noble Stirn.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht, daß alles ganz anders gekommen wäre,
-wenn eine hilfreiche Hand rechtzeitig in dies verdorrte
-Leben eingegriffen hätte.
-</p>
-
-<p>
-Noch einmal las ich den Brief durch.
-</p>
-
-<p>
-Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er
-überhaupt irrsinnig war?
-</p>
-
-<p>
-Ich schämte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur
-einen Augenblick geduldet zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein
-Mensch wie Hillel, wie Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch,
-über den die eigene Seele Gewalt gewonnen hatte, &mdash;
-den sie durch die wilden Schluchten und Klüfte des
-Lebens emporführte in die Firnenwelt eines unbetretenen
-Landes.
-</p>
-
-<p>
-Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen,
-stand er nicht reiner da, als irgendeiner von denen, die
-naserümpfend umhergehen und angelernte Gebote eines
-unbekannten, mythischen Propheten zu befolgen vorgeben?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
-Er hielt das Gebot, das ihm ein übermächtiger Trieb
-diktierte, ohne an eine &bdquo;Belohnung&ldquo; hier oder jenseits
-auch nur zu denken.
-</p>
-
-<p>
-Was er getan hatte, war es etwas anderes als frömmste
-Pflichterfüllung in des Wortes verborgenster Bedeutung?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische
-&mdash; eine Verbrechernatur&ldquo; &mdash; ich hörte förmlich,
-wie das Urteil der Menge über ihn lauten mußte,
-wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele
-hineinleuchten käme, &mdash; dieser geifernden Menge, die
-nie und nimmer begreifen wird, daß die giftige Herbstzeitlose
-tausendfach schöner und edler ist als der nützliche
-Schnittlauch. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wieder ging das Türschloß draußen, und ich hörte,
-daß man einen Menschen hereinschob.
-</p>
-
-<p>
-Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich
-erfüllt von dem Eindruck des Briefes.
-</p>
-
-<p>
-Kein Wort über Angelina, nichts von Hillel stand
-darin.
-</p>
-
-<p>
-Freilich: Charousek mußte in größter Eile geschrieben
-haben, die Schrift verriet es mir.
-</p>
-
-<p>
-Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich überbracht
-werden würde?
-</p>
-
-<p>
-Ich hoffte auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen
-Rundgang der Gefangenen im Hof. &mdash; Da
-war es noch am leichtesten, daß mir irgendeiner vom
-&bdquo;Bataillon&ldquo; etwas zusteckte.
-</p>
-
-<p>
-Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grübeleien:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Würden Sie gestatten, mein Herr, daß ich mich
-<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
-Ihnen vorstelle? Mein Name ist Laponder. Amadeus
-Laponder.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich drehte mich um.
-</p>
-
-<p>
-Ein kleiner, schmächtiger, noch ziemlich junger Mann
-in gewählter Kleidung, nur ohne Hut, wie alle Untersuchungsgefangenen,
-verbeugte sich korrekt vor mir.
-</p>
-
-<p>
-Er war glattrasiert wie ein Schauspieler, und seine
-großen, hellgrün glänzenden, mandelförmigen Augen
-hatten das Eigentümliche an sich, daß, so geradeaus sie
-auch auf mich gerichtet waren, sie mich doch nicht zu
-sehen schienen. &mdash; Es lag so etwas wie &mdash; Geistesabwesenheit
-darin.
-</p>
-
-<p>
-Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich
-ebenfalls und wollte mich wieder umdrehen, konnte
-aber lange den Blick von dem Menschen nicht wenden,
-so fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften
-Lächeln, das die aufwärts gezogenen Mundwinkel der
-feingeschwungenen Lippen beständig seinem Gesicht
-aufdrückten.
-</p>
-
-<p>
-Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus
-Rosenquarz, mit seiner faltenlosen, durchsichtigen Haut,
-der mädchenhaft schmalen Nase und den zarten Nüstern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Amadeus Laponder, Amadeus Laponder&ldquo;, wiederholte
-ich vor mich hin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was er wohl begangen haben mag?&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-19">
-<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
-Mond
-</h2>
-
-<p class="first">
-&bdquo;Waren Sie schon beim Verhör,&ldquo; fragte ich nach
-einer Weile.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich komme soeben von dort. &mdash; Hoffentlich werde
-ich Sie hier nicht lange inkommodieren müssen,&ldquo; antwortete
-Herr Laponder liebenswürdig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Armer Teufel,&ldquo; dachte ich mir, &bdquo;er ahnt nicht, was
-einem Untersuchungsgefangenen bevorsteht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte ihn langsam vorbereiten:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man gewöhnt sich allmählich an das Stillsitzen, wenn
-einmal die ersten, schlimmsten Tage vorüber sind.&ldquo; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Er machte ein verbindliches Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Pause.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hat das Verhör lange gedauert, Herr Laponder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er lächelte zerstreut:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein. Ich wurde bloß gefragt, ob ich geständig sei,
-und mußte das Protokoll unterschreiben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben unterschrieben, daß Sie geständig sind?&ldquo;
-fuhr es mir heraus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Allerdings.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er sagte es, als ob es sich von selbst verstünde.
-</p>
-
-<p>
-Es kann nichts Schlimmes sein, legte ich mir zurecht,
-weil er so gar keine Aufregung zeigt. Wahrscheinlich
-eine Herausforderung zum Duell oder etwas
-Ähnliches.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin leider schon so lange hier, daß es mir wie
-<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
-ein Menschenleben vorkommt;&ldquo; &mdash; ich seufzte unwillkürlich,
-und er machte sofort eine teilnehmende Miene.
-&bdquo;Ich wünsche Ihnen, daß Sie das nicht mitzumachen
-brauchen, Herr Laponder. Nach allem, was ich sehe,
-werden Sie wohl bald wieder auf freiem Fuß sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie man&rsquo;s nimmt,&ldquo; antwortete er ruhig, aber es
-klang wie ein versteckter Doppelsinn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie glauben nicht?&ldquo;, fragte ich lächelnd. Er schüttelte
-den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie soll ich das verstehen? &mdash; Was haben Sie denn
-gar so Schreckliches begangen? Verzeihen Sie, Herr
-Laponder, es ist nicht Neugierde von mir, &mdash; lediglich
-Teilnahme, daß ich frage.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er, ohne mit
-der Wimper zu zucken:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lustmord.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mir war, als hätte er mich mit einem Stock über den
-Kopf geschlagen.
-</p>
-
-<p>
-Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton
-herausbringen.
-</p>
-
-<p>
-Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite,
-aber nicht das leiseste Mienenspiel in seinem automatenhaft
-lächelnden Gesicht verriet, daß er über mein plötzlich
-verändertes Benehmen verletzt gewesen wäre.
-</p>
-
-<p>
-Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm
-aneinander vorbei. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte,
-folgte er sogleich meinem Beispiel, entkleidete sich,
-hängte sorgsam seine Kleider an den Wandnagel, streckte
-sich aus und schien, nach seinen ruhigen, tiefen Atemzügen
-<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
-zu schließen, unmittelbar darauf fest eingeschlafen
-zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen.
-</p>
-
-<p>
-Das beständige Gefühl, ein solches Scheusal in meiner
-nächsten Nähe zu haben und dieselbe Luft mit ihm atmen
-zu müssen, war mir so gräßlich und aufregend, daß die
-Eindrücke des Tages, Charouseks Brief und all das
-erlebte Neue tief in den Hintergrund traten.
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte mich so gelegt, daß ich den Mörder beständig
-im Auge behielt, denn ich würde es nicht haben ertragen
-können, ihn hinter mir zu wissen.
-</p>
-
-<p>
-Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt
-durchdämmert und ich konnte sehen, daß Laponder
-regungslos, fast starr, dalag.
-</p>
-
-<p>
-Seine Züge hatten etwas Leichenhaftes bekommen
-und der halbgeöffnete Mund erhöhte diesen Eindruck.
-</p>
-
-<p>
-Viele Stunden hindurch änderte er nicht ein einziges
-Mal seine Lage.
-</p>
-
-<p>
-Erst spät nach Mitternacht, als ein dünner Mondstrahl
-auf sein Gesicht fiel, kam eine leise Unruhe über
-ihn und er bewegte unhörbar die Lippen, wie jemand,
-der im Schlaf spricht. Es schien immer dasselbe Wort
-zu sein, &mdash; ein zweisilbiger Satz vielleicht, &mdash; so wie:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laß mich. Laß mich. Laß mich.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die nächsten paar Tage vergingen, ohne daß ich
-Notiz von ihm genommen hätte, und auch er brach niemals
-das Schweigen.
-</p>
-
-<p>
-Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswürdig.
-So oft ich auf und ab gehen wollte, sah er es
-<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
-mir sofort an und zog höflich, wenn er auf der Pritsche
-saß, die Füße zurück, um mir nicht im Wege zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Ich fing an, mir Vorwürfe wegen meiner Schroffheit
-zu machen, konnte aber den Abscheu vor ihm beim
-besten Willen nicht loswerden.
-</p>
-
-<p>
-So sehr ich gehofft hatte, mich an seine Nähe gewöhnen
-zu können, &mdash; es ging nicht.
-</p>
-
-<p>
-Selbst in den Nächten hielt es mich wach. Kaum eine
-Viertelstunde verbrachte ich im Schlaf.
-</p>
-
-<p>
-Abend für Abend wiederholte sich haargenau derselbe
-Vorgang: Er wartete respektvoll, bis ich mich ausstreckte,
-zog dann seine Kleider aus, legte sie pedantisch
-in Falten, hängte sie auf, und so weiter und so weiter.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Eines Nachts &mdash; es mochte um die zweite Stunde
-sein &mdash; stand ich schlaftrunken vor Müdigkeit wieder auf
-dem Wandbrett, starrte in den Vollmond, dessen Strahlen
-sich wie glitzerndes Öl auf dem kupfernen Gesicht
-der Turmuhr spiegelten, und dachte voll Trauer an
-Mirjam.
-</p>
-
-<p>
-<em>Da hörte ich plötzlich leise ihre Stimme
-hinter mir.</em>
-</p>
-
-<p>
-Sofort war ich wach, überwach, &mdash; fuhr herum und
-horchte.
-</p>
-
-<p>
-Eine Minute verging.
-</p>
-
-<p>
-Schon glaubte ich, ich hätte mich getäuscht, da kam es
-wieder. Ich konnte die Worte nicht genau verstehen,
-aber es klang wie:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Frag&rsquo; mich. Frag&rsquo; mich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<em>Es war bestimmt Mirjams Stimme.</em>
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
-Schlotternd vor Aufregung stieg ich, so leise ich konnte,
-herab und trat an das Bett Laponders.
-</p>
-
-<p>
-Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich
-konnte deutlich unterscheiden, daß er die Lider offen
-hatte, doch nur das Weiße der Augäpfel war sichtbar.
-</p>
-
-<p>
-An der Starre der Wangenmuskeln sah ich, daß er
-im Tiefschlaf lag.
-</p>
-
-<p>
-Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich.
-</p>
-
-<p>
-Und allmählich verstand ich die Worte, die hinter
-seinen Zähnen hervordrangen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Frag&rsquo; mich. Frag&rsquo; mich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Stimme war der Mirjams täuschend ähnlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mirjam? Mirjam?&ldquo; rief ich unwillkürlich, dämpfte
-aber sofort den Ton, um den Schläfer nicht zu erwecken.
-</p>
-
-<p>
-Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden
-war, dann wiederholte ich leise:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mirjam? Mirjam?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sein Mund formte ein kaum vernehmbares, aber doch
-deutliches:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer Weile hörte ich <em>Mirjams Stimme</em>
-flüstern &mdash; so unverkennbar ihre Stimme, daß mir
-Kälteschauer über die Haut liefen.
-</p>
-
-<p>
-Ich trank die Worte so gierig, daß ich nur den Sinn
-begriff. Sie sprach von Liebe zu mir und von dem unsagbaren
-Glück, daß wir uns endlich gefunden hätten &mdash;
-und uns nie wieder trennen würden &mdash; hastig &mdash; ohne
-Pause, wie jemand, der fürchtet unterbrochen zu werden
-und jede Sekunde ausnützen will.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
-Dann wurde die Stimme stockend &mdash; erlosch zeitweilig
-ganz.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mirjam?&ldquo; fragte ich, bebend vor Angst und mit
-eingezogenem Atem, &bdquo;Mirjam, bist du gestorben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Lange keine Antwort.
-</p>
-
-<p>
-Dann fast unverständlich:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein. &mdash; Ich lebe. &mdash; Ich schlafe.&ldquo; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nichts mehr.
-</p>
-
-<p>
-Ich lauschte und lauschte.
-</p>
-
-<p>
-Vergebens.
-</p>
-
-<p>
-Nichts mehr.
-</p>
-
-<p>
-Vor Ergriffenheit und Zittern mußte ich mich auf
-die Kante der Pritsche stützen, um nicht vornüber auf
-Laponder zu fallen.
-</p>
-
-<p>
-Die Täuschung war so vollständig gewesen, daß ich
-Mirjam momentelang tatsächlich vor mir liegen zu sehen
-glaubte und alle meine Kraft zusammennehmen mußte,
-um nicht einen Kuß auf die Lippen des Mörders zu
-drücken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Henoch! Henoch!&ldquo; &mdash; hörte ich ihn plötzlich lallen,
-dann immer klarer und artikulierter: &bdquo;Henoch! Henoch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sofort erkannte ich Hillel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bist du es, Hillel?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Keine Antwort.
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, daß man Schlafenden,
-um sie zum Reden zu bringen, die Fragen nicht
-ins Ohr stellen dürfe, sondern gegen das Nervengeflecht
-in der Magengrube richten müsse.
-</p>
-
-<p>
-Ich tat es:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hillel?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
-&bdquo;Ja, ich höre dich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist Mirjam gesund? Weißt du alles?&ldquo;, fragte ich
-schnell.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja. Ich weiß alles. Wußte es längst. &mdash; Sei ohne
-Sorge, Henoch, und fürchte dich nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kannst du mir verzeihen, Hillel?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sage dir doch: sei ohne Sorge.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Werden wir uns bald wiedersehen?&ldquo; &mdash; Ich fürchtete,
-die Antwort nicht mehr verstehen zu können; schon der
-letzte Satz war nur noch gehaucht worden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hoffe es. Ich will warten &mdash; auf dich &mdash; wenn
-ich kann &mdash; dann muß ich &mdash; Land &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin? In welches Land?&ldquo; &mdash; ich fiel beinahe auf
-Laponder &mdash; &bdquo;In welches Land? In welches Land?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; Land &mdash; Gad &mdash; südlich &mdash; Palästina &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Stimme erstarb.
-</p>
-
-<p>
-Hundert Fragen schossen mir in der Verwirrung
-durch den Kopf: Warum nennt er mich Henoch?
-Zwakh, Jaromir, die Uhr, Vrieslander, Angelina, <em>Charousek</em>.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen,&ldquo;
-kam es plötzlich wieder laut und deutlich von den Lippen
-des Mörders. Diesmal in Charouseks Tonfall, aber ähnlich
-so, als hätte ich es selbst gesagt.
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnerte mich: es war wörtlich der Schlußsatz aus
-Charouseks Brief. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das
-Mondlicht fiel auf die Kopfenden des Strohsacks. In
-einer Viertelstunde mußte es aus der Zelle verschwunden
-sein.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
-Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort
-mehr:
-</p>
-
-<p>
-Der Mörder lag unbeweglich da wie eine Leiche und
-hatte die Lider geschlossen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich machte mir die heftigsten Vorwürfe, all die Tage
-über in Laponder nur den Verbrecher und niemals den
-Menschen gesehen zu haben. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nach dem, was ich soeben erlebt, war er offenbar ein
-Somnambuler &mdash; ein Geschöpf, das unter dem Einfluß
-des Vollmonds stand.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dämmerzustand
-begangen. Bestimmt sogar. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Jetzt, wo der Morgen graute, war die Starrheit aus
-seinen Zügen gewichen und hatte dem Ausdruck seligen
-Friedens Platz gemacht.
-</p>
-
-<p>
-So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern,
-der einen Mord auf dem Gewissen hat, sagte ich
-mir.
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte den Moment, wo er aufwachen würde,
-kaum erwarten.
-</p>
-
-<p>
-Ob er wohl wüßte, was geschehen war?
-</p>
-
-<p>
-Endlich schlug er die Augen auf, begegnete meinem
-Blick und sah zur Seite.
-</p>
-
-<p>
-Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand: &bdquo;Verzeihen
-Sie mir, Herr Laponder, daß ich bisher so unfreundlich
-zu Ihnen gewesen bin. Es war das Ungewohnte,
-das &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seien Sie überzeugt, mein Herr, ich begreife vollkommen,&ldquo;
-unterbrach er mich lebhaft, &bdquo;daß es ein scheußliches
-<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
-Gefühl sein muß, mit einem Lustmörder beisammen
-zu sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Reden Sie nicht mehr davon,&ldquo; bat ich. &bdquo;Es ist mir
-heute nacht so mancherlei durch den Kopf gegangen und
-ich werde den Gedanken nicht los, Sie könnten vielleicht
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo; ich suchte nach Worten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie halten mich für krank,&ldquo; half er mir heraus.
-</p>
-
-<p>
-Ich bejahte: &bdquo;Ich glaube es aus gewissen Anzeichen
-schließen zu dürfen. Ich &mdash; ich &mdash; darf ich Ihnen eine
-direkte Frage stellen, Herr Laponder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bitte darum.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es klingt etwas merkwürdig, &mdash; aber &mdash; würden
-Sie mir sagen, was Sie heute geträumt haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schüttelte lächelnd den Kopf: &bdquo;Ich träume nie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber Sie haben aus dem Schlaf gesprochen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er blickte überrascht auf. Dachte eine Weile nach.
-Dann sagte er bestimmt:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das kann nur geschehen sein, wenn Sie mich etwas
-gefragt haben.&ldquo; &mdash; Ich gab es zu. &bdquo;Denn wie gesagt,
-ich träume nie. Ich &mdash; ich wandere,&ldquo; setzte er nach einer
-Pause halblaut hinzu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie wandern? Wie soll ich das verstehen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen,
-und ich hielt es für angezeigt, ihm die Gründe zu nennen,
-die mich bewogen hatten, in ihn zu dringen, und erzählte
-ihm in Umrissen, was nachts geschehen war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie können sich fest darauf verlassen,&ldquo; sagte er ernst,
-als ich zu Ende war, &bdquo;daß alles auf Richtigkeit beruht,
-was ich im Schlaf gesprochen habe. Wenn ich vorhin
-bemerkte, daß ich nicht träume, sondern &sbquo;wandere&lsquo;, so
-<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
-meinte ich damit, daß mein Traumleben anders beschaffen
-ist als das &mdash; sagen wir: <em>normaler</em> Menschen.
-Nennen Sie es, wenn Sie wollen, ein Austreten aus
-dem Körper. &mdash; &mdash; So war ich z. B. heute nacht in einem
-höchst sonderbaren Zimmer, zu dem der Eingang von
-unten herauf durch eine Falltür führte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie sah es aus?&ldquo;, fragte ich rasch. &bdquo;War es unbewohnt?
-Leer?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein; es standen Möbel darin; aber nicht viele.
-Und ein Bett, in dem ein junges Mädchen schlief &mdash;
-oder wie scheintot lag, &mdash; und ein Mann saß neben ihr
-und hielt seine Hand über ihre Stirn.&ldquo; &mdash; Laponder
-schilderte die Gesichter der beiden. Kein Zweifel, es
-waren Hillel und Mirjam.
-</p>
-
-<p>
-Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte, erzählen Sie weiter. War sonst noch jemand
-im Zimmer?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sonst noch jemand? Warten Sie &mdash; &mdash; &mdash; nein:
-sonst war niemand mehr im Zimmer. Ein siebenflammiger
-Leuchter brannte auf dem Tisch. &mdash; Dann ging
-ich eine Wendeltreppe hinunter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie war zerbrochen?&ldquo; fiel ich ein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zerbrochen? Nein, nein; sie war ganz in Ordnung.
-Und von ihr zweigte seitlich eine Kammer ab, darin
-saß ein Mann mit silbernen Schnallen an den Schuhen
-und von fremdartigem Typus, wie ich noch nie einen
-Menschen gesehen habe: von gelber Gesichtsfarbe und
-mit schrägstehenden Augen; &mdash; er war vornüber gebeugt
-und schien auf etwas zu warten. Auf einen Auftrag
-vielleicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
-&bdquo;Ein Buch, &mdash; ein altes großes Buch haben Sie nirgends
-gesehen?&ldquo;, forschte ich.
-</p>
-
-<p>
-Er rieb sich die Stirn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Buch sagen Sie? &mdash; Ja. Sehr richtig: ein Buch
-lag auf dem Boden. Es war aufgeschlagen, ganz aus
-Pergament, und mit einem großen, goldenen &sbquo;A&lsquo; fing
-die Seite an.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit einem &sbquo;I&lsquo; meinen Sie wohl?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, mit einem &sbquo;A&lsquo;.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie das bestimmt? War es nicht ein &sbquo;I&lsquo;?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, es war bestimmt ein &sbquo;A&lsquo;.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich schüttelte den Kopf und fing an zu zweifeln.
-Offenbar hatte Laponder im Halbschlaf in meinem
-Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr durcheinander
-gebracht: Hillel, Mirjam, den Golem, das Buch Ibbur
-und den unterirdischen Gang.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie die Gabe zu &sbquo;wandern&lsquo;, wie Sie es nennen,
-schon lang?&ldquo;, fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seit meinem 21. Jahr &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;, er stockte, schien
-nicht gern davon zu reden; da nahm seine Miene plötzlich
-den Ausdruck grenzenlosen Erstaunens an, und er
-starrte auf meine Brust, als ob er dort etwas sähe.
-</p>
-
-<p>
-Ohne auf meine Verwunderung zu achten, ergriff er
-hastig meine Hand und bat &mdash; fast flehentlich:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um Himmelswillen, sagen Sie mir <em>alles</em>. Es ist
-heute der letzte Tag, den ich bei Ihnen verbringen darf.
-Vielleicht schon in einer Stunde werde ich abgeholt, um
-mein Todesurteil anzuhören &mdash; &mdash;.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich unterbrach ihn entsetzt:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann müssen Sie mich mitnehmen als Zeugen!
-<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
-Ich werde beschwören, daß Sie krank sind. &mdash; Sie sind
-mondsüchtig. Es darf nicht sein, daß man Sie hinrichtet,
-ohne Ihren Geisteszustand untersucht zu haben.
-So nehmen Sie doch Vernunft an!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er wehrte nervös ab: &bdquo;Das ist doch so nebensächlich,
-&mdash; bitte, sagen Sie mir alles!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber was soll ich Ihnen denn sagen? &mdash; Reden wir
-doch lieber von <em>Ihnen</em> und &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie müssen, ich weiß das jetzt, gewisse, seltsame
-Dinge erlebt haben, die mich nah angehen, &mdash; näher als
-Sie ahnen können; &mdash; &mdash; ich bitte Sie, sagen Sie mir
-alles!&ldquo;, flehte er.
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte es nicht fassen, daß ihn mein Leben mehr
-interessierte als seine eigenen, doch wahrhaftig genügend
-dringenden Angelegenheiten; um ihn aber zu beruhigen,
-erzählte ich ihm alles, was mir an Unbegreiflichem geschehen
-war.
-</p>
-
-<p>
-Bei jedem größeren Abschnitt nickte er zufrieden, wie
-jemand, der eine Sache bis zum Grund durchschaut.
-</p>
-
-<p>
-Als ich zu der Stelle kam, wo die Erscheinung ohne
-Kopf vor mir gestanden und mir die schwarzroten Körner
-hingehalten hatte, konnte er es kaum erwarten, den
-Schluß zu erfahren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also, aus der Hand geschlagen haben Sie sie ihm&ldquo;,
-murmelte er sinnend. &bdquo;Ich hätte nie gedacht, daß es
-einen <em>dritten</em> &sbquo;Weg&lsquo; geben könnte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es war das kein dritter Weg,&ldquo; sagte ich, &bdquo;es war
-dasselbe, wie wenn ich die Körner abgelehnt hätte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er lächelte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Glauben Sie nicht, Herr Laponder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
-&bdquo;Wenn Sie sie abgelehnt hätten, wären Sie wohl
-auch den &sbquo;Weg des Lebens&lsquo; gegangen, aber die Körner,
-die magische Kräfte bedeuten, wären nicht zurückgeblieben.
-&mdash; So sind sie auf den Boden gerollt, wie Sie
-sagen. Das heißt: sie sind hier geblieben und werden
-von Ihren Vorfahren so lange behütet, bis die Zeit des
-Keimens da ist. Dann werden die Kräfte, die in Ihnen
-jetzt noch schlummern, lebendig werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich verstand nicht: &bdquo;Von meinen Vorfahren werden
-die Körner behütet?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie müssen es teilweise symbolisch auffassen, was
-Sie erlebt haben&ldquo;, erklärte Laponder. &bdquo;Der Kreis der
-bläulich strahlenden Menschen, der Sie umstand, war
-die Kette der ererbten &sbquo;Iche&lsquo;, die jeder von einer Mutter
-Geborene mit sich herumschleppt. Die Seele ist nichts
-&sbquo;Einzelnes&lsquo;, &mdash; sie soll es erst werden, und das nennt man
-dann: &sbquo;Unsterblichkeit&lsquo;; Ihre Seele ist noch zusammengesetzt
-aus vielen &sbquo;Ichen&lsquo; &mdash; so, wie ein Ameisenstaat
-aus vielen Ameisen; Sie tragen die seelischen Reste
-vieler tausend Vorfahren in sich: &mdash; die Häupter Ihres
-Geschlechtes. Bei allen Wesen ist es so. Wie könnte denn
-ein Huhn, das aus einem Ei künstlich erbrütet wurde,
-sich sogleich die richtige Nahrung suchen, wenn nicht
-die Erfahrung von Jahrmillionen in ihm stäke? &mdash;
-Das Vorhandensein des &sbquo;Instinktes&lsquo; verrät die Gegenwart
-der Vorfahren im Leib und in der Seele. &mdash;
-Aber, verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht unterbrechen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich erzählte zu Ende. Alles. Auch das, was Mirjam
-über den &bdquo;Hermaphroditen&ldquo; gesagt hatte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
-Als ich innehielt und aufblickte, bemerkte ich, daß
-Laponder weiß geworden war wie der Kalk an der
-Wand und Tränen über seine Wangen liefen.
-</p>
-
-<p>
-Rasch stand ich auf, tat, als sähe ich es nicht, und ging
-in der Zelle auf und nieder, um abzuwarten, bis er sich
-beruhigt haben würde.
-</p>
-
-<p>
-Dann setzte ich mich ihm gegenüber und bot meine
-ganze Beredsamkeit auf, ihn zu überzeugen, wie dringend
-nötig es wäre, den Richtern gegenüber auf seinen
-krankhaften Geisteszustand hinzuweisen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn Sie wenigstens den Mord nicht eingestanden
-hätten!&ldquo;, schloß ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ich mußte doch! Man hat mich auf mein Gewissen
-gefragt&ldquo;, sagte er naiv.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halten Sie denn eine Lüge für schlimmer als &mdash;
-als einen Lustmord?&ldquo;, fragte ich verblüfft.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Im allgemeinen vielleicht nicht, in meinem Fall
-gewiß. &mdash; Sehen Sie: als ich vom Untersuchungsrichter
-gefragt wurde, ob ich gestünde, hatte ich die Kraft, die
-Wahrheit zu sagen. Es stand also in meiner Wahl, zu
-lügen oder nicht zu lügen. &mdash; Als ich den Lustmord beging
-&mdash; &mdash; bitte, ersparen Sie mir die Details: es war
-so gräßlich, daß ich die Erinnerung nicht wieder aufleben
-lassen möchte &mdash; &mdash; als ich den Lustmord beging, da hatte
-ich <em>keine</em> Wahl. Wenn ich auch bei vollkommen klarem
-Bewußtsein handelte, so hatte ich <em>dennoch keine
-Wahl</em>: Irgend etwas, dessen Vorhandensein in mir ich
-nie geahnt hatte, wachte auf und war stärker als ich.
-Glauben Sie, wenn ich die Wahl gehabt haben würde,
-ich hätte gemordet? &mdash; Nie habe ich getötet &mdash; nicht einmal
-<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
-das kleinste Tier, &mdash; und jetzt wäre ich es schon gar
-nicht imstande.
-</p>
-
-<p>
-Nehmen Sie an, es wäre Menschengesetz: zu morden,
-und auf der Unterlassung stünde der Tod &mdash; ähnlich
-wie es im Krieg der Fall ist, &mdash; augenblicklich hätte ich
-mir den Tod verdient. &mdash; Weil mir keine Wahl bliebe.
-Ich könnte ganz einfach nicht morden. Damals, als ich
-den Lustmord beging, lag die Sache umgekehrt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um so mehr, wo Sie sich jetzt quasi als ein anderer
-fühlen, müssen Sie alles aufbieten, dem Richterspruch
-zu entgehen!&ldquo;, wandte ich ein.
-</p>
-
-<p>
-Laponder machte eine abwehrende Handbewegung:
-&bdquo;Sie irren! Die Richter haben von ihrem Standpunkt
-aus ganz recht. Sollen sie einen Menschen wie mich
-vielleicht frei umherlaufen lassen? Damit morgen oder
-übermorgen wieder das Unheil losbricht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein; aber in einer Heilanstalt für Geisteskranke
-sollte man Sie internieren. Das ist es doch, was ich
-sage!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn ich irrsinnig wäre, hätten Sie recht&ldquo;, erwiderte
-Laponder gleichmütig. &bdquo;Aber ich bin nicht irrsinnig.
-Ich bin etwas ganz anderes, &mdash; etwas, was dem Irrsein
-sehr ähnlich sieht, aber gerade das Gegenteil ist.
-Bitte, hören Sie zu. Sie werden mich sogleich verstehen.
-&mdash; &mdash; &mdash; Was Sie mir vorhin von dem Phantom
-ohne Kopf &mdash; ein Symbol natürlich: dieses Phantom,
-den Schlüssel können Sie leicht finden, wenn Sie darüber
-nachdenken &mdash; erzählten, ist mir einst genau so
-passiert. Nur habe ich die Körner <em>angenommen</em>. Ich
-gehe also den &sbquo;Weg des Todes&lsquo;! &mdash; Für mich ist das
-<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
-Heiligste, das ich denken kann: meine Schritte vom Geistigen
-in mir lenken zu lassen. Blind, vertrauensvoll,
-wohin der Weg auch führen mag: ob zum Galgen oder
-zum Thron, ob zur Armut oder zum Reichtum. Niemals
-habe ich gezögert, wenn die Wahl in meine Hand gelegt
-war.
-</p>
-
-<p>
-Darum habe ich auch nicht gelogen, als die Wahl in
-meiner Hand lag.
-</p>
-
-<p>
-Kennen Sie die Worte des Propheten Micha:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist,</p>
- <p class="verse">und was der Herr von dir fordert,&ldquo;?</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Würde ich gelogen haben, hätte ich eine Ursache geschaffen,
-weil ich die Wahl hatte; &mdash; &mdash; als ich den Mord
-beging, schuf ich keine Ursache; nur die Wirkung einer
-in mir schlummernden, längst gelegten <em>Ursache</em>, über
-die ich keine Gewalt mehr besaß, wurde frei.
-</p>
-
-<p>
-Also sind meine Hände rein.
-</p>
-
-<p>
-Dadurch, daß das Geistige in mir mich zum Mörder
-werden ließ, hat es eine Hinrichtung an mir vollzogen;
-dadurch, daß mich die Menschen an den Galgen knüpfen,
-wird mein Schicksal losgelöst von dem ihrigen: &mdash; ich
-komme zur Freiheit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er ist ein Heiliger, fühlte ich, und das Haar sträubte
-sich mir vor Schauer über meine eigene Kleinheit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben mir erzählt, daß Sie durch den hypnotischen
-Eingriff eines Arztes in Ihr Bewußtsein lange die
-Erinnerung an Ihre Jugendzeit vergessen hatten&ldquo;, fuhr
-er fort. &bdquo;Es ist das das Kennzeichen, &mdash; das Stigma &mdash;
-aller derer, die von der &sbquo;Schlange des geistigen Reiches&lsquo;
-gebissen sind. Es scheint fast, als müßten in uns zwei
-<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
-Leben aufeinandergepfropft werden, wie ein Edelreis
-auf den wilden Baum, ehe das <em>Wunder der Erweckung</em>
-geschehen kann; &mdash; was sonst durch den Tod
-getrennt wird, geschieht hier durch Erlöschen der Erinnerung
-&mdash; manchmal nur durch eine plötzliche innere
-Umkehr.
-</p>
-
-<p>
-Bei mir war es so, daß ich scheinbar ohne äußere
-Ursache in meinem 21. Jahr eines Morgens wie verändert
-erwachte. Was mir bis dahin lieb gewesen,
-erschien mir mit einem Mal gleichgültig: Das Leben kam
-mir dumm vor wie eine Indianergeschichte und verlor
-an Wirklichkeit; die Träume wurden zu Gewißheit &mdash;
-zu apodiktischer, beweiskräftiger Gewißheit, verstehen
-Sie wohl: <em>zu beweiskräftiger, realer</em> Gewißheit,
-und das Leben des Tages wurde zum Traum.
-</p>
-
-<p>
-Alle Menschen könnten das, wenn sie den Schlüssel
-hätten. Und der Schlüssel liegt einzig und allein darin,
-daß man sich seiner &sbquo;Ichgestalt&lsquo;, sozusagen seiner <em>Haut</em>,
-im Schlaf bewußt wird, &mdash; die schmale Ritze findet,
-durch die sich das Bewußtsein zwängt zwischen Wachsein
-und Tiefschlaf.
-</p>
-
-<p>
-Darum sagte ich vorhin: ich &sbquo;wandere&lsquo; und nicht: &sbquo;ich
-träume&lsquo;.
-</p>
-
-<p>
-Das Ringen nach der Unsterblichkeit ist ein Kampf
-um das Zepter gegen die uns innewohnenden Klänge
-und Gespenster; und das Warten auf das Königwerden
-des eigenen &sbquo;Ichs&lsquo; ist das Warten auf den Messias.
-</p>
-
-<p>
-Der schemenhafte Habal Garmin, den Sie gesehen
-haben, der &sbquo;Hauch der Knochen&lsquo; der Kabbala, das war
-der König. Wenn er gekrönt sein wird, &mdash; dann reißt
-<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
-der Strick entzwei, mit dem Sie durch die äußern Sinne
-und den Schornstein des Verstandes an die Welt gebunden
-sind.
-</p>
-
-<p>
-Wieso es kommen konnte, daß ich trotz meinem Losgetrenntsein
-vom Leben über Nacht zum Lustmörder
-werden konnte, fragen Sie mich? Der Mensch ist wie
-ein Glasrohr, durch das bunte Kugeln laufen: bei fast
-allen im Leben nur eine. Ist die Kugel rot, heißt der
-Mensch: &sbquo;schlecht&lsquo;. Ist sie gelb, dann ist der Mensch:
-&sbquo;gut&lsquo;. Laufen zwei hintereinander &mdash; eine rote und eine
-gelbe, dann hat &sbquo;man&lsquo; einen &sbquo;ungefestigten&lsquo; Charakter.
-Wir von der &sbquo;Schlange Gebissenen&lsquo;, machen in einem
-Leben durch, was sonst an der ganzen Rasse in einem
-Weltenalter geschieht: die farbigen Kugeln rasen hintereinander
-her durch das Glasrohr, und wenn sie zu Ende
-sind &mdash; &mdash; dann sind wir Propheten, &mdash; sind die Spiegel
-Gottes geworden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Laponder schwieg.
-</p>
-
-<p>
-Lange konnte ich kein Wort sprechen. Seine Rede
-hatte mich fast betäubt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weshalb fragten Sie mich vorhin so ängstlich nach
-<em>meinen</em> Erlebnissen, wo Sie doch so viel, viel höher
-stehen als ich?&ldquo;, fing ich endlich wieder an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie irren,&ldquo; sagte Laponder, &bdquo;ich stehe weit <em>unter</em>
-Ihnen. &mdash; Ich fragte Sie, weil ich fühlte, daß Sie den
-Schlüssel besitzen, der mir noch fehlte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich? Einen Schlüssel? O Gott!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl <em>Sie</em>! Und Sie haben ihn mir gegeben. &mdash;
-Ich glaube nicht, daß es einen glücklicheren Menschen auf
-Erden gibt, als ich es heute bin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
-Draußen entstand ein Geräusch; die Riegel wurden
-zurückgeschoben, &mdash; Laponder achtete kaum darauf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das mit dem Hermaphroditen war der Schlüssel.
-Jetzt habe ich die Gewißheit. Schon deshalb bin ich
-froh, daß man mich holen kommt, denn bald bin ich am
-Ziel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Vor Tränen konnte ich Laponders Gesicht nicht mehr
-unterscheiden, ich <em>hörte</em> nur das Lächeln in seiner
-Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und jetzt: leben Sie wohl, Herr Pernath, und
-denken Sie: das, was man morgen aufhenkt, sind nur
-meine Kleider; Sie haben mir das Schönste eröffnet,
-&mdash; das Letzte, was ich noch nicht wußte. Jetzt geht&rsquo;s
-zur Hochzeit &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;,&ldquo; er stand auf und folgte dem
-Gefangenwärter &mdash; &bdquo;es hängt mit dem Lustmord eng
-zusammen&ldquo;, waren die letzten Worte, die ich hörte und
-nur dunkel begriff.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-So oft seit jener Nacht der Vollmond am Himmel
-stand, glaubte ich immer wieder Laponders schlafendes
-Gesicht auf der grauen Leinwand des Bettes liegen zu
-sehen.
-</p>
-
-<p>
-In den nächsten Tagen, nachdem er weggeführt worden
-war, hatte ich ein Hämmern und Zimmern aus dem
-Hinrichtungshof heraufdröhnen hören, das manchmal bis
-zum Morgengrauen dauerte.
-</p>
-
-<p>
-Ich erriet, was es bedeutete, und hielt mir stundenlang
-die Ohren zu vor Verzweiflung.
-</p>
-
-<p>
-Monat um Monat verfloß. Ich sah, wie der Sommer
-zerrann, am Krankwerden des kümmerlichen Laubs im
-<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
-Hof; roch es an dem pelzigen Hauch, der aus den Mauern
-drang.
-</p>
-
-<p>
-Wenn mein Blick bei den Rundgängen auf den sterbenden
-Baum fiel und das eingewachsene Glasbild der
-Heiligen in seiner Rinde, zog ich unwillkürlich jedesmal
-den Vergleich, wie tief sich auch Laponders Gesicht in
-mich eingegraben hatte. Beständig trug ich es in mir
-herum dieses Buddhagesicht mit der faltenlosen Haut
-und dem seltsamen, immerwährenden Lächeln.
-</p>
-
-<p>
-Ein einziges Mal noch &mdash; im September &mdash; hatte mich
-der Untersuchungsrichter holen lassen und mißtrauisch
-gefragt, wie ich es begründen könne, daß ich bei dem
-Bankschalter gesagt, ich müsse dringend verreisen, und
-warum ich in den Stunden vor meiner Verhaftung so
-unruhig gewesen wäre und meine sämtlichen Edelsteine
-zu mir gesteckt hätte.
-</p>
-
-<p>
-Auf meine Antwort, ich sei mit der Absicht umgegangen,
-mir das Leben zu nehmen, hatte es wieder hinter
-dem Schreibtisch höhnisch gemeckert. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Bis dahin war ich allein in meiner Zelle gewesen und
-konnte meinen Gedanken, meiner Trauer um Charousek,
-der, wie ich fühlte, längst tot sein mußte, und Laponder
-und meiner Sehnsucht um Mirjam nachhängen.
-</p>
-
-<p>
-Dann kamen wieder neue Gefangene: diebische
-Kommis mit verlebten Gesichtern, dickwanstige Bankkassierer,
-&mdash; &bdquo;Waisenkinder&ldquo;, wie der schwarze Vóssatka
-sie genannt haben würde, &mdash; und verpesteten mir die
-Luft und die Stimmung.
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages gab einer von ihnen voll Entrüstung
-zum besten, daß vor geraumer Zeit ein Lustmord in der
-<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
-Stadt geschehen sei. Zum Glück hätte man den Täter
-sogleich erwischt und kurzen Prozeß mit ihm gemacht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laponder hat er geheißen, der Schuft, der gottserbärmliche&ldquo;,
-schrie ein Kerl mit einer Raubtierschnauze,
-der wegen Kindsmißhandlung zu &mdash; 14 Tagen Gefängnis
-verurteilt worden war, dazwischen. &bdquo;Auf
-frischer Tat habn&rsquo;s&rsquo;n g&rsquo;faßt. Die Lampen is umg&rsquo;fallen
-bei dem Krawall und&rsquo;s Zimmer is ausbrennt. Die
-Leich&rsquo; von dem Madel is dabei so verkohlt, daß mer bis
-zum heutigen Tage noch nöt hat rausbringen können,
-wer sie eigentlich war. Schwarze Haar hat&rsquo;s g&rsquo;habt und
-a schmal&rsquo;s G&rsquo;sicht, dös is alls, was mer weiß. Und der
-Laponder hat net ums Verrecken rausg&rsquo;ruckt mit ihrem
-Namen. &mdash; Wann&rsquo;s nach mir gangen wär, i hätt ihm
-d&rsquo;Haut ab&rsquo;zogen und Pfeffer drauf g&rsquo;streut. &mdash; Dös
-san halt die feinen Herren! Mörder san&rsquo;s, alle z&rsquo;samm.
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Als ob&rsquo;s net anderne Mittel g&rsquo;nua gebet,
-wann aner a Madel los sein wüll&ldquo;, setzte er mit zynischem
-Lächeln hinzu.
-</p>
-
-<p>
-Die Wut kochte in mir und am liebsten hätte ich den
-Halunken zu Boden geschlagen.
-</p>
-
-<p>
-Nacht für Nacht schnarchte er in dem Bett, auf dem
-Laponder gelegen. Ich atmete auf, als er endlich freigelassen
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Aber selbst da war ich ihn noch nicht los. Seine Rede
-hatte sich wie ein Pfeil mit Widerhaken in mich eingebohrt.
-</p>
-
-<p>
-Fast beständig, hauptsächlich in der Dunkelheit, nagte
-jetzt in mir der grausige Verdacht, Mirjam könne das
-Opfer Laponders gewesen sein.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
-Je mehr ich dagegen ankämpfte, desto tiefer verstrickte
-ich mich in dem Gedanken, bis er beinahe zur
-fixen Idee wurde.
-</p>
-
-<p>
-Manchmal, besonders wenn der Mond grell durchs
-Gitter schien, wurde es besser: ich konnte mir die Stunden,
-die ich mit Laponder verlebt, dann lebendig machen,
-und das tiefe Gefühl für ihn verscheuchte mir die Qual,
-&mdash; aber nur zu oft kamen die gräßlichen Minuten wieder,
-wo ich Mirjam ermordet und verkohlt im Geiste vor
-mir sah und glaubte, vor Angst den Verstand verlieren
-zu müssen.
-</p>
-
-<p>
-Die schwachen Anhaltspunkte, die ich für meinen Verdacht
-hatte, verdichteten sich in solchen Zeiten zu einem
-geschlossenen Ganzen, &mdash; zu einem Gemälde voll unbeschreiblich
-entsetzenerregender Einzelheiten.
-</p>
-
-<p>
-Anfangs November gegen 10 Uhr abends, es war
-bereits stockfinster und die Verzweiflung in mir hatte
-einen derartigen Höhepunkt erreicht, daß ich mich, um
-nicht laut aufzuschreien, in meinen Strohsack verbiß wie
-ein verdurstendes Tier, öffnete plötzlich der Gefangenwärter
-die Zelle und forderte mich auf, mit ihm zum
-Untersuchungsrichter zu kommen. Ich fühlte mich so
-schwach, daß ich mehr taumelte als ging.
-</p>
-
-<p>
-Die Hoffnung, jemals dieses schreckliche Haus verlassen
-zu dürfen, war längst in mir gestorben.
-</p>
-
-<p>
-Ich machte mich darauf gefaßt, wieder eine kalte Frage
-gestellt zu bekommen, das stereotype Gemecker hinter
-dem Schreibtisch zu hören und dann zurück in die Finsternis
-zu müssen.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr Baron Leisetreter war bereits nach Hause
-<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
-gegangen und nur ein alter, buckliger Schreiber mit
-Spinnenfingern stand im Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Dumpf wartete ich, was mit mir geschehen würde.
-</p>
-
-<p>
-Es fiel mir auf, daß der Gefangenwärter mit hereingekommen
-war und mir gutmütig zublinzelte, aber ich
-war viel zu niedergeschlagen, als daß ich mir über die
-Bedeutung alles dessen hätte klarwerden können.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Untersuchung hat ergeben&ldquo;, fing der Schreiber
-an, meckerte, stieg auf einen Sessel und kramte erst lange
-auf dem Bücherbord nach Schriftstücken, ehe er fortfuhr:
-&bdquo;hat ergeben, daß der in Frage kommende Karl
-Zottmann vor seinem Tode anläßlich einer heimlichen
-Zusammenkunft mit der unverehelichten ehemaligen
-Prostituierten Rosina Metzeles, die damaliger Zeit den
-Spitznamen &sbquo;die rote Rosina&lsquo; führte, dann später von
-einem taubstummen, nunmehr unter polizeilicher Aufsicht
-stehenden Silhubettenschneider namens Jaromir
-Kwáßnitschka aus dem Weinsalon &sbquo;Kautsky&lsquo; losgekauft
-wurde und seit einigen Monaten mit Seiner Durchlaucht
-dem Fürsten Ferri Athenstädt im gemeinsamen,
-wilden Konkubinate als Majteresse lebt, von hinterlistiger
-Hand in ein unterirdisches, aufgelassenes Kellergewölbe
-des Hauses Nummer <span class="antiqua">conscriptionis</span> 21873,
-gebrochen durch römisch III, der Hahnpaßgasse, laufende
-Nummero sieben, gelockt, dortselbst eingeschlossen und
-sich selbst, beziehungsweise dem Tode durch Verhungern
-oder Erfrieren überlassen wurde. &mdash; &mdash; Der obenerwähnte
-Zottmann nämlich&ldquo;, erklärte der Schreiber
-mit einem Blick über die Brille hinweg und blätterte
-ein paarmal um.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
-&bdquo;Die Untersuchung hat weiters ergeben, daß der obenerwähnte
-Karl Zottmann allem Anscheine nach &mdash; nach
-eingetretenem Ableben &mdash; seiner sämtlichen bei ihm
-getragenen Habseligkeiten, insbesondere seiner sub faszikel
-römisch P gebrochen durch &sbquo;Bäh&lsquo; beigeschlossenen
-doppelmanteligen Taschenuhr&ldquo; &mdash; der Schreiber hob
-die Uhr an der Kette in die Höhe &mdash; &bdquo;beraubt wurde.
-Der eidesstattlichen Aussage des Silhubettenschnitzers
-Jaromir <a id="corr-30"></a>Kwáßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17
-Jahren verstorbenen Hostienbäckers gleichen Namens:
-die Uhr im Bett seines inzwischen flüchtig gegangenen
-Bruders Loisa gefunden und an den Altwarenhändler
-und mehrfachen, inzwischen aus dem Leben geschiedenen
-Realitätenbesitzer Aaron Wassertrum gegen Inempfangnahme
-von Geldeswert veräußert zu haben,
-konnte mangels Glaubwürdigkeit kein Gewicht beigelegt
-werden.
-</p>
-
-<p>
-Die Untersuchung hat weiters ergeben, daß die Leiche
-des erwähnten Karl Zottmann in der rückwärtigen
-Hosentasche zur Zeit ihrer Auffindung ein Notizbuch
-bei sich trug, in der sie vermutlich bereits einige Tage
-vor erfolgtem Ableben mehrere den Tatbestand erhellende
-und die Ergreifung des Täters durch die k. k. Behörden
-erleichternde Eintragungen vorgenommen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft
-wurde demzufolge auf den nunmehr durch die
-Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend <a id="corr-31"></a>verdächtig
-gewordenen <em>Loisa</em> Kwáßnitschka, zurzeit flüchtig, gelenkt
-und unter einem verfügt, die Untersuchungshaft
-gegen Athanasius Pernath, Gemmenschneider, dermalen
-<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
-noch unbescholten, aufzuheben, und das Verfahren gegen
-ihn einzustellen.
-</p>
-
-<p>
-Prag im Juli
-</p>
-
-<p class="sign">
-gezeichnet<br />
-Dr. Freiherr von Leisetreter.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Der Boden schwankte unter meinen Füßen, und ich
-verlor eine Minute das Bewußtsein.
-</p>
-
-<p>
-Als ich erwachte, saß ich auf einem Stuhl, und
-der Gefangenwärter klopfte mir freundlich auf die
-Schulter.
-</p>
-
-<p>
-Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben,
-schnupfte, schneuzte sich und sagte zu mir:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Verlesung der Verfügung hat sich bis heute
-hinausgezogen, weil Ihr Name mit einem &sbquo;Päh&lsquo; beginnt
-und naturgemäß im Alphabet erst gegen Schluß
-vorkommen kann.&ldquo; &mdash; Dann las er weiter:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Überdies ist der Athanasius Pernath, Gemmenschneider,
-in Kenntnis zu setzen, daß ihm laut testamentarischer
-Verfügung des im Mai mit Tod abgegangenen
-<span class="antiqua">stud. med.</span> Innocenz Charousek ein Drittel von dessen
-gesamter Verlassenschaft ins Erbe zugefallen ist, und ist
-er zur Unterfertigung des Protokolles hiermit anzuhalten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder
-eingetunkt und fing an zu schmieren.
-</p>
-
-<p>
-Ich erwartete gewohnheitsmäßig, daß er meckern
-würde, aber er meckerte nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Innocenz Charousek&ldquo;, murmelte ich ihm wie geistesabwesend
-nach.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
-Der Gefangenwärter beugte sich über mich und
-flüsterte mir ins Ohr:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kurz vor seinem Tode war er bei mir, der Herr
-Dr. Charousek, und hat sich nach Ihnen erkundigt. Er
-läßt Sie viel&mdash;vielmals grüßen, hat er g&rsquo;sagt. Ich hab&rsquo;s
-natürlich damals nicht ausrichten dürfen. Es ist streng
-verboten. Ein schreckliches Ende hat er übrigens genommen,
-der Herr Dr. Charousek. Er hat sich selbst entleibt.
-Man hat ihn tot auf dem Grabhügel des Aaron
-Wassertrum, auf der Brust liegend, gefunden. &mdash; Er hat
-zwei tiefe Löcher in die Erde gegraben gehabt, sich die
-Pulsadern aufgeschnitten und dann die Arme in die
-Löcher gesteckt. So ist er verblutet. Er ist wahrscheinlich
-wahnsinnig gewesen, der Herr Dr. Char &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schreiber schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück
-und reichte mir die Feder zum Unterschreiben.
-</p>
-
-<p>
-Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im
-Tonfall seines freiherrlichen Vorgesetzten:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gefangenwärter, führen Sie den Mann hinaus.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wie vor langer, langer Zeit hatte wiederum der
-Mann mit Säbel und Unterhosen im Torzimmer seine
-Kaffeemühle vom Schoß genommen; nur daß er mich
-diesmal nicht untersuchte und mir meine Edelsteine, das
-Portemonnaie mit den zehn Gulden darin, meinen Mantel
-und alles übrige zurückgab.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Dann stand ich auf der Straße.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mirjam! Mirjam! Jetzt endlich naht das Wiedersehen!&ldquo;
-<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
-&mdash; Ich unterdrückte einen Schrei wildesten
-Entzückens.
-</p>
-
-<p>
-Es mußte Mitternacht sein. Der Vollmond schwebte
-glanzlos wie ein fahler Messingteller hinter Dunstschleiern.
-</p>
-
-<p>
-Das Pflaster war mit einer zähen Schicht von Schmutz
-bedeckt.
-</p>
-
-<p>
-Ich wankte auf eine Droschke zu, die im Nebel aussah
-wie ein zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer.
-Meine Beine versagten fast den Dienst; ich hatte
-das Gehen verlernt und taumelte &mdash; auf empfindungslosen
-Sohlen wie ein Rückenmarkskranker. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kutscher, fahren Sie mich, so rasch Sie können, in
-die Hahnpaßgasse 7! &mdash; Haben Sie mich verstanden?:
-&mdash; Hahnpaßgasse 7.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-20">
-<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
-Frei
-</h2>
-
-<p class="first">
-Nach wenigen Metern Fahrt blieb die Droschke stehn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hahnpaßgassä, gnä&rsquo; Herr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja, nur rasch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wieder fuhr der Wagen ein Stück weiter. Wieder
-blieb er stehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um Himmels willen, was gibt&rsquo;s denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hahnpaßgassä, gnä&rsquo; Herr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja. Ja doch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In die Hahnpaßgassä kann me doch nicht fahrrähn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum denn nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ise sich doch ieberall Pflaste aufgrissen, Judenstadt
-wirde sich doch assaniert.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also fahren Sie eben, soweit Sie können, aber jetzt
-rasch gefälligst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Droschke machte einen einzigen Galoppsprung
-und stolperte dann gemächlich weiter.
-</p>
-
-<p>
-Ich ließ die klapprigen Fenster herunter und sog mit
-gierigen Lungen die Nachtluft ein.
-</p>
-
-<p>
-Alles war mir so fremd geworden, so unbegreiflich
-neu: die Häuser, die Straßen, die geschlossenen
-Läden.
-</p>
-
-<p>
-Ein weißer Hund trabte einsam und mißgelaunt auf
-dem nassen Trottoir vorüber. Ich sah ihm nach. &mdash; Wie
-sonderbar!! Ein Hund! Ich hatte ganz vergessen, daß
-es solche Tiere gab. &mdash; Vor Freude kindisch rief ich ihm
-<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
-nach: &bdquo;Aber, aber! Wie kann man nur so verdrossen
-sein.&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Was Hillel wohl sagen würde!? &mdash; Und Mirjam?
-</p>
-
-<p>
-Nur noch wenige Minuten und ich war bei ihnen.
-Nicht eher wollte ich aufhören, an ihre Türe zu klopfen,
-bis ich sie aus den Federn getrieben.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt war ja alles gut &mdash; all der Jammer dieses Jahres
-vorüber! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Würde das ein Weihnachten werden!
-</p>
-
-<p>
-Diesmal durfte ich es nicht verschlafen, wie das
-letztemal.
-</p>
-
-<p>
-Einen Augenblick lähmte mich wieder das alte Entsetzen:
-die Worte des Sträflings mit der Raubtierschnauze
-fielen mir ein. Das verbrannte Gesicht &mdash; der Lustmord
-&mdash; aber nein, nein! &mdash; Ich schüttelte es gewaltsam
-ab: nein, nein, es konnte, es konnte nicht sein.
-&mdash; Mirjam lebte! Ich hatte doch ihre Stimme aus Laponders
-Mund gehört.
-</p>
-
-<p>
-Nur noch eine Minute &mdash; eine halbe &mdash; &mdash; und
-dann &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die Droschke hielt vor einem Trümmerhaufen. Barrikaden
-aus Pflastersteinen überall!
-</p>
-
-<p>
-Rote Laternen brannten darauf.
-</p>
-
-<p>
-Beim Schein von Fackeln grub und schaufelte ein
-Heer von Arbeitern.
-</p>
-
-<p>
-Halden von Schutt und Mauerbrocken versperrten den
-Weg. Ich kletterte umher, versank bis ans Knie.
-</p>
-
-<p>
-Das hier, das mußte doch die Hahnpaßgasse sein?!
-</p>
-
-<p>
-Mühsam orientierte ich mich. Nichts als Ruinen
-ringsum.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
-Stand denn da nicht das Haus, in dem ich gewohnt
-hatte?
-</p>
-
-<p>
-Die Vorderseite war eingerissen.
-</p>
-
-<p>
-Ich kletterte auf einen Erdhügel; tief unter mir lief
-ein schwarzer, gemauerter Gang die ehemalige Gasse
-entlang. Ich schaute empor: wie riesige Bienenzellen
-hingen die bloßgelegten Wohnräume in der Luft, halb
-vom Fackelschein, halb von dem trüben Mondlicht beschienen.
-</p>
-
-<p>
-Das dort oben, das mußte mein Zimmer sein &mdash; ich
-erkannte es an der Bemalung der Wände.
-</p>
-
-<p>
-Nur noch ein Streifen davon war übrig.
-</p>
-
-<p>
-Und daranstoßend das Atelier &mdash; Saviolis. Mir
-wurde plötzlich ganz leer im Herzen. Wie seltsam! Das
-Atelier! &mdash; Angelina! &mdash; &mdash; So weit, so unabsehbar
-fern lag das alles hinter mir!
-</p>
-
-<p>
-Ich drehte mich um: von dem Haus, in dem Wassertrum
-gewohnt, kein Stein mehr auf dem andern. Alles
-dem Erdboden gleichgemacht: der Trödlerladen, die
-Kellerwohnung Charouseks &mdash; &mdash; &mdash; alles, alles.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Mensch geht dahin wie ein Schatten&ldquo; &mdash; fiel
-mir ein Satz ein, den ich einmal irgendwo gelesen.
-</p>
-
-<p>
-Ich fragte einen Arbeiter, ob er nicht wisse, wo die
-Leute jetzt wohnten, die hier ausgezogen seien; ob er
-vielleicht den Archivar Schemajah Hillel kenne.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nix daitsch&ldquo;, war die Antwort.
-</p>
-
-<p>
-Ich schenkte dem Mann einen Gulden: er verstand
-zwar sofort deutsch, konnte mir aber keine Antwort
-geben.
-</p>
-
-<p>
-Auch von seinen Kameraden niemand.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
-Vielleicht, daß beim &bdquo;Loisitschek&ldquo; etwas zu erfahren
-wäre?
-</p>
-
-<p>
-Der &bdquo;Loisitschek&ldquo; sei gesperrt, hieß es, das Haus würde
-renoviert.
-</p>
-
-<p>
-Also irgend jemand in der Nachbarschaft wecken! &mdash;
-Ging das nicht?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weit a breit wohnt sich keine Katz,&ldquo; sagte der Arbeiter,
-&bdquo;weil ise behärdlich verbotten. Von wägen
-Typhus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der &sbquo;Ungelt&lsquo;? Der wird doch offen haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ungelt ise sich geschlossen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bestimmt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bestimmt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aufs Geratewohl nannte ich ein paar Namen von
-Höcklern und Tabaktrafikantinnen, die in der Nähe gewohnt
-hatten; dann die Namen Zwakh, Vrieslander,
-Prokop &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Bei allen schüttelte der Mann den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht kennen Sie den Jaromir Kwáßnitschka?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Arbeiter horchte auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jaromir? Ise sich taubstumm?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich jubelte. Gott sei Dank. Wenigstens ein Bekannter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, er ist taubstumm. Wo wohnt er?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schneit e&rsquo; sich Bildeln aus? Aus schwarzem Pappjir?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja. Er ist es schon. Wo kann ich ihn wohl treffen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So umständlich wie möglich bezeichnete mir der Mann
-ein Nachtcaféhaus in der inneren Stadt und fing sofort
-wieder an zu schaufeln.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
-Über eine Stunde lang watete ich durch Schuttfelder,
-balancierte über schwankende Bretter und kroch unter
-Querbalken durch, die die Straßen versperrten. Das
-ganze Judenviertel war eine einzige Steinwüste, als
-hätte ein Erdbeben die Stadt zerstört.
-</p>
-
-<p>
-Atemlos vor Aufregung, schmutzbedeckt und mit zerrissenen
-Schuhen fand ich mich endlich aus dem Labyrinth
-heraus.
-</p>
-
-<p>
-Ein paar Häuserreihen, und ich stand vor der gesuchten
-Spelunke.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Café Chaos&ldquo; stand darüber geschrieben.
-</p>
-
-<p>
-Ein menschenleeres, winziges Lokal, das kaum genügend
-Platz ließ für die paar Tische, die an die Wände
-gerückt waren.
-</p>
-
-<p>
-In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief
-ein Kellner und schnarchte.
-</p>
-
-<p>
-Ein Marktweib, mit einem Gemüsekorb vor sich, saß
-in der Ecke und nickte über einem Glas Caj.
-</p>
-
-<p>
-Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu
-fragen, was ich wünschte. Bei dem frechen Blick, mit
-dem er mich von Kopf bis zu Fuß musterte, kam mir erst
-zum Bewußtsein, wie abgerissen ich aussehen mußte.
-</p>
-
-<p>
-Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte
-mich: ein fremdes, blutleeres Gesicht, faltig, grau wie
-Kitt, mit struppigem Bart und wirrem, langem Haar
-starrte mir entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen
-sei, fragte ich und bestellte schwarzen Kaffee.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Woaß net, wo er so lang bleibt&ldquo;, war die gegähnte
-Antwort.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
-Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard
-und schlief weiter.
-</p>
-
-<p>
-Ich nahm das &bdquo;Prager Tagblatt&ldquo; von der Wand und
-&mdash; wartete.
-</p>
-
-<p>
-Die Buchstaben liefen wie Ameisen über die Seiten
-und ich begriff nicht ein einziges Wort von dem, was
-ich las.
-</p>
-
-<p>
-Die Stunden vergingen und hinter den Scheiben
-zeigte sich bereits das verdächtige tiefe Dunkelblau, das
-den Einbruch der Morgendämmerung für ein Lokal mit
-Gasbeleuchtung anzeigt.
-</p>
-
-<p>
-Hie und da spähten ein paar Schutzleute mit grünlich
-schillernden Federbüschen herein und gingen in langsamem,
-schwerem Schritt wieder weiter.
-</p>
-
-<p>
-Drei übernächtig aussehende Soldaten traten ein.
-</p>
-
-<p>
-Ein Straßenkehrer nahm einen Schnaps.
-</p>
-
-<p>
-Endlich, endlich: Jaromir.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte sich so verändert, daß ich ihn anfangs gar nicht
-wiedererkannte: die Augen erloschen, die Vorderzähne
-ausgefallen, das Haar schütter und tiefe Höhlen hinter
-den Ohren.
-</p>
-
-<p>
-Ich war so froh, nach so langer Zeit wieder ein bekanntes
-Gesicht zu sehen, daß ich aufsprang, ihm entgegenging
-und seine Hand faßte.
-</p>
-
-<p>
-Er benahm sich außerordentlich scheu und blickte
-immerwährend nach der Türe. Durch alle möglichen
-Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen, daß ich mich
-freute, ihn getroffen zu haben. &mdash; Er schien es mir lange
-nicht zu glauben.
-</p>
-
-<p>
-Aber, was für Fragen ich auch stellte, stets die
-<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
-gleiche hilflose Handbewegung des Nichtverstehens bei
-ihm.
-</p>
-
-<p>
-Wie konnte ich mich nur verständlich machen?!
-</p>
-
-<p>
-Halt! Eine Idee!
-</p>
-
-<p>
-Ich ließ mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander
-die Gesichter von Zwakh, Vrieslander und
-Prokop auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was? Alle nicht mehr in Prag?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum, machte die
-Gebärde des Geldzählens, marschierte mit den Fingern
-über den Tisch, schlug sich auf den Handrücken.
-Ich erriet: alle drei hatten wahrscheinlich von Charousek
-Geld bekommen und zogen jetzt als kaufmännische Kompagnie
-mit dem vergrößerten Marionettentheater durch
-die Welt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und Hillel? Wo wohnt er jetzt?&ldquo; &mdash; Ich zeichnete
-sein Gesicht, ein Haus dazu und ein Fragezeichen.
-</p>
-
-<p>
-Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht; &mdash; er
-konnte nicht lesen, aber er begriff, was ich wollte, &mdash;
-nahm ein Streichholz, warf es scheinbar in die Höhe
-und ließ es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden.
-</p>
-
-<p>
-Was bedeutete das? Hillel sollte auch verreist sein?
-</p>
-
-<p>
-Ich zeichnete das jüdische Rathaus auf.
-</p>
-
-<p>
-Der Taubstumme schüttelte heftig den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hillel ist also nicht mehr dort?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein!&ldquo; (Kopfschütteln.)
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo ist er denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wieder das Spiel mit dem Streichholz.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er meint halt, daß der Herr weg ist, und niem&rsquo;d
-weiß nicht, wohin&ldquo;, mischte sich der Straßenkehrer, der
-<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
-uns die ganze Zeit über interessiert zugesehen hatte,
-belehrend ein.
-</p>
-
-<p>
-Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen:
-Hillel fort! &mdash; Jetzt war ich ganz allein auf der Welt.
-&mdash; &mdash; Die Gegenstände im Zimmer fingen an vor meinen
-Augen zu flimmern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und Mirjam?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Meine Hand zitterte so stark, daß ich ihr Gesicht lange
-nicht ähnlich zeichnen konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist Mirjam auch verschwunden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja. Auch verschwunden. Spurlos.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich stöhnte laut auf, lief im Zimmer hin und her,
-daß die drei Soldaten einander fragend anblickten.
-</p>
-
-<p>
-Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemühte sich,
-mir noch etwas anderes mitzuteilen, was er erfahren
-zu haben schien: er legte den Kopf auf den Arm, wie
-jemand, der schläft.
-</p>
-
-<p>
-Ich hielt mich an der Tischplatte: &bdquo;Um Gottes Christi
-willen, Mirjam ist gestorben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kopfschütteln. Jaromir wiederholte die Gebärde des
-Schlafens.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;War Mirjam krank gewesen?&ldquo; Ich zeichnete eine
-Medizinflasche.
-</p>
-
-<p>
-Kopfschütteln. Wieder legte Jaromir die Stirn auf
-den Arm. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Das Zwielicht kam, eine Gasflamme nach der andern
-erlosch und noch immer konnte ich nicht herausbringen,
-was die Geste bedeuten sollte.
-</p>
-
-<p>
-Ich gab es auf. Dachte nach.
-</p>
-
-<p>
-Das einzige, was mir zu tun blieb, war, in aller Frühe
-<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
-auf das jüdische Rathaus zu gehen, um dort Erkundigungen
-einzuziehen, wohin Hillel mit Mirjam gereist
-sein könne.
-</p>
-
-<p>
-<em>Ich mußte ihm nach.</em> &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wortlos saß ich neben Jaromir. Stumm und taub
-wie er.
-</p>
-
-<p>
-Als ich nach einer langen Zeit aufblickte, sah ich, daß
-er mit einer Schere an einer Silhouette herumschnitt.
-</p>
-
-<p>
-Ich erkannte das Profil Rosinas. Er reichte mir das
-Blatt über den Tisch herüber, legte die Hand auf die
-Augen und &mdash; &mdash; weinte still vor sich hin. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Dann sprang er plötzlich auf und taumelte ohne Gruß
-zur Tür hinaus.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne
-Grund ausgeblieben und nicht mehr wiedergekommen;
-seine Tochter habe er jedenfalls mitgenommen, denn
-auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit jener
-Zeit, hatte man mir auf dem jüdischen Rathaus gesagt.
-Das war alles, was ich erfahren konnte.
-</p>
-
-<p>
-Keine Spur, wohin sie sich gewandt haben mochten.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Bank hieß es, mein Geld sei gerichtlich immer
-noch mit Beschlag belegt, man erwarte aber täglich den
-Bescheid, es mir auszahlen zu dürfen.
-</p>
-
-<p>
-Also auch die Erbschaft Charouseks mußte noch den
-Amtsweg gehen, und ich wartete doch mit brennender
-Ungeduld auf das Geld, um dann alles aufzubieten,
-Hillels und Mirjams Spur zu suchen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
-Ich hatte meine Edelsteine verkauft, die ich noch in
-der Tasche gehabt, und mir zwei kleine, möblierte, aneinanderstoßende
-Dachkammern in der Altschulgasse &mdash;
-die einzige Gasse, die von der Assanierung der Judenstadt
-verschont geblieben, &mdash; gemietet.
-</p>
-
-<p>
-Sonderbarer Zufall: es war dasselbe wohlbekannte
-Haus, von dem die Sage ging, der Golem sei einst
-darin verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte mich bei den Bewohnern &mdash; zumeist kleine
-Kaufleute oder Handwerker &mdash; erkundigt, was denn
-Wahres an dem Gerücht von dem &bdquo;Zimmer ohne Zugang&ldquo;
-sei und war ausgelacht worden. &mdash; Wie man
-einen derartigen Unsinn denn glauben könne!
-</p>
-
-<p>
-Meine eigenen Erlebnisse, die sich darauf bezogen,
-hatten im Gefängnis die Blässe eines längst verwehten
-Traumbildes angenommen und ich sah in ihnen nur
-noch Symbole ohne Blut und Leben, &mdash; strich sie aus
-dem Buch meiner Erinnerungen.
-</p>
-
-<p>
-Die Worte Laponders, die ich zuweilen so klar in mir
-hörte, als säße er mir gegenüber wie damals in der
-Zelle und spräche zu mir, bestärkten mich darin, daß ich
-rein innerlich geschaut haben müsse, was mir ehedem
-greifbare Wirklichkeit geschienen.
-</p>
-
-<p>
-War denn nicht alles vergangen und verschwunden,
-was ich einst besessen hatte? Das Buch Ibbur, das
-phantastische Tarokspiel, Angelina und sogar meine
-alten Freunde Zwakh, Vrieslander und Prokop!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es war Weihnachtsabend, und ich hatte mir einen
-kleinen Baum mit roten Kerzen nach Hause gebracht.
-<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
-Ich wollte noch einmal jung sein und Lichterglanz um
-mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem
-Wachs.
-</p>
-
-<p>
-Ehe das Jahr zu Ende ging, war ich vielleicht schon
-unterwegs und suchte in Städten und Dörfern, oder
-wohin es mich innerlich ziehen würde, nach Hillel und
-Mirjam.
-</p>
-
-<p>
-Alle Ungeduld, alles Warten war allmählich von mir
-gewichen und alle Furcht, Mirjam könne ermordet
-worden sein, und mit dem Herzen wußte ich, ich würde
-sie beide finden.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein beständiges glückliches Lächeln in mir,
-und wenn ich meine Hand auf etwas legte, kam mir&rsquo;s
-vor, als ginge ein Heilen von ihr aus. Die Zufriedenheit
-eines Menschen, der nach langer Wanderung heimkehrt
-und die Türme seiner Vaterstadt von weitem
-blinken sieht, erfüllte mich auf ganz sonderbare Weise.
-</p>
-
-<p>
-Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen,
-um Jaromir zum Weihnachtsabend zu mir zu
-holen. &mdash; Er habe sich nie mehr blicken lassen, erfuhr ich,
-und schon wollte ich betrübt wieder gehen, da kam ein
-alter Tabulettkrämer herein und bot kleine, wertlose
-Antiquitäten zum Kauf an.
-</p>
-
-<p>
-Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhängseln,
-kleinen Kruzifixen, Kammnadeln und Broschen
-herum, da fiel mir ein Herz aus rotem Stein an einem
-verschossenen Seidenbande in die Hand und ich erkannte
-es voll Erstaunen als das Andenken, das mir Angelina,
-als sie noch ein kleines Mädchen gewesen, einst beim
-Springbrunnen in ihrem Schloß geschenkt hatte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
-Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor
-mir, als sähe ich in einen Guckkasten tief hinein in ein
-kindlich gemaltes Bild. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Lange, lange stand ich erschüttert da und starrte auf
-das kleine, rote Herz in meiner Hand.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich saß in der Dachkammer und lauschte dem Knistern
-der Tannennadeln, wenn hie und da ein kleiner Zweig
-über den Wachskerzen zu glimmen begann.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der
-alte Zwakh irgendwo in der Welt seinen &sbquo;Marionettenweihnachtsabend&lsquo;&ldquo;,
-malte ich mir aus, &mdash; &bdquo;und deklamiert
-mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines
-Lieblingsdichters Oskar Wiener&ldquo;:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Wo ist das Herz aus rotem Stein!</p>
- <p class="verse">Es hängt an einem Seidenbande.</p>
- <p class="verse">O du, o gib das Herz nicht her;</p>
- <p class="verse">Ich war ihm treu und hatt&rsquo; es lieb,</p>
- <p class="verse">Und diente sieben Jahre schwer</p>
- <p class="verse">Um dieses Herz, und hatt&rsquo; es lieb!&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Eigentümlich feierlich wurde mir plötzlich zumute.
-</p>
-
-<p>
-Die Kerzen waren heruntergebrannt. Nur eine einzige
-flackerte noch. Rauch ballte sich im Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Als ob mich eine Hand zöge, wandte ich mich plötzlich
-um und:
-</p>
-
-<p>
-<em>Da stand mein Ebenbild auf der Schwelle.
-Mein Doppelgänger. In einem weißen Mantel.
-Eine Krone auf dem Kopf.</em>
-</p>
-
-<p>
-Nur einen Augenblick.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
-Dann brachen Flammen durch das Holz der Tür
-und eine Wolke erstickenden heißen Qualms schlug
-herein:
-</p>
-
-<p>
-Feuersbrunst im Haus! Feuer! Feuer!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich reiße das Fenster auf. Klettere auf das Dach
-hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Von weitem rast schon das gellende Klingeln der
-Feuerwehr heran.
-</p>
-
-<p>
-Blitzende Helme und abgehackte Kommandorufe.
-</p>
-
-<p>
-Dann das gespenstische, rhythmische, schlapfende Atmen
-der Pumpen, wie die Dämonen des Wassers sich
-ducken zum Sprung auf ihren Todfeind: das Feuer.
-</p>
-
-<p>
-Glas klirrt und rote Lohe schießt aus allen Fenstern.
-</p>
-
-<p>
-Matratzen werden hinuntergeworfen, die ganze Straße
-liegt voll davon, Menschen springen nach, werden verwundet
-weggetragen.
-</p>
-
-<p>
-In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder
-Ekstase; ich weiß nicht warum. Das Haar sträubt sich
-mir.
-</p>
-
-<p>
-Ich laufe auf den Schornstein zu, um nicht versengt
-zu werden, denn die Flammen greifen nach mir.
-</p>
-
-<p>
-<em>Das Seil eines Rauchfangkehrers ist herumgewickelt.</em>
-</p>
-
-<p>
-Ich rolle es auf, schlinge es um Handgelenk und
-Bein, wie ich es als Knabe beim Turnen gelernt habe,
-und lasse mich ruhig an der Fassade des Hauses hinab. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Komme an einem Fenster vorbei. Blicke hinein:
-</p>
-
-<p>
-Drin ist alles blendend erleuchtet.
-</p>
-
-<p>
-<em>Und da sehe ich</em> &mdash; &mdash; &mdash; <em>da sehe ich</em> &mdash; &mdash; &mdash;
-<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
-mein ganzer Körper wird ein einziger hallender Freudenschrei:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<em>Hillel! Mirjam! Hillel!</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich will auf die Gitterstäbe losspringen.
-</p>
-
-<p>
-Greife daneben. Verliere den Halt am Seil.
-</p>
-
-<p>
-Einen Augenblick hänge ich, <em>Kopf abwärts, die
-Beine gekreuzt zwischen Himmel und Erde</em>.
-</p>
-
-<p>
-Das Seil singt bei dem Ruck. Knirschend dehnen
-sich die Fasern.
-</p>
-
-<p>
-Ich falle.
-</p>
-
-<p>
-Mein Bewußtsein erlischt.
-</p>
-
-<p>
-Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims, aber
-ich gleite ab. Kein Halt:
-</p>
-
-<p>
-der Stein ist glatt.
-</p>
-
-<p class="center">
-<em>Glatt wie ein Stück<br />
-Fett.</em>
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-21">
-<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
-Schluß
-</h2>
-
-<p class="first">
-&bdquo;&mdash; &mdash; &mdash; <em>wie ein Stück Fett!</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<em>Das ist der Stein, der aussieht wie ein
-Stück Fett.</em>
-</p>
-
-<p>
-Die Worte gellen mir noch in den Ohren. Dann
-richte ich mich auf und muß mich besinnen, wo ich
-bin.
-</p>
-
-<p>
-Ich liege im Bett und wohne im Hotel.
-</p>
-
-<p>
-Ich heiße doch gar nicht Pernath.
-</p>
-
-<p>
-Habe ich das alles nur geträumt?
-</p>
-
-<p>
-Nein! So träumt man nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ich schaue auf die Uhr: kaum eine Stunde habe
-ich geschlafen. Es ist halb drei.
-</p>
-
-<p>
-Und dort hängt der fremde Hut, den ich heute im
-Dom auf dem Hradschin verwechselt habe, als ich beim
-Hochamt auf der Betbank saß.
-</p>
-
-<p>
-Steht ein Name darin?
-</p>
-
-<p>
-Ich nehme ihn und lese in goldenen Buchstaben auf
-dem weißen Seidenfutter den fremden und doch so
-bekannten Namen:
-</p>
-
-<p class="center">
-ATHANASIUS PERNATH
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Jetzt läßt es mir keine Ruhe mehr; ich ziehe mich
-hastig an und laufe die Treppe hinunter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Portier! Aufmachen! Ich gehe noch eine Stunde
-spazieren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin, bitt schän?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
-&bdquo;In die Judenstadt. In die Hahnpaßgasse. Gibt&rsquo;s
-überhaupt eine Straße, die so heißt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freilich, freilich&ldquo; &mdash; der Portier lächelt malitiös &mdash;
-&bdquo;aber in der Judenstadt, ich mache aufmerksam: ist
-nicht mehr viel los. Alles neu gebaut, bitte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Macht nichts. Wo liegt die Hahnpaßgasse?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der dicke Finger des Portiers deutet auf die Karte:
-&bdquo;Hier, bitte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und die Schenke &sbquo;Zum Loisitschek&lsquo;?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier, bitte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geben Sie mir ein großes Stück Papier.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier, bitte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich wickle Pernaths Hut hinein. Merkwürdig: er
-ist fast neu, tadellos sauber und doch so brüchig, als
-wäre er uralt. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Unterwegs überlege ich:
-</p>
-
-<p>
-Alles, was dieser Athanasius Pernath erlebt hat,
-habe ich im Traum miterlebt, in <em>einer</em> Nacht mitgesehen,
-mitgehört, mitgefühlt, als wäre ich er gewesen.
-Warum weiß ich denn aber nicht, was er in dem
-Augenblick, als der Strick riß und er &bdquo;Hillel, Hillel!&ldquo;
-rief, hinter dem Gitterfenster erblickt hat?
-</p>
-
-<p>
-Er hat sich in diesem Augenblick von mir getrennt,
-begreife ich.
-</p>
-
-<p>
-Ich <em>muß</em> diesen Athanasius Pernath auffinden, und
-wenn ich drei Tage und drei Nächte herumlaufen sollte,
-nehme ich mir vor.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Also das ist die Hahnpaßgasse?
-</p>
-
-<p>
-Nicht annähernd so habe ich sie im Traum gesehen! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
-Lauter neue Häuser.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Eine Minute später sitze ich im Café Loisitschek. Ein
-stilloses, ziemlich sauberes Lokal.
-</p>
-
-<p>
-Im Hintergrund allerdings eine Estrade mit Holzgeländer;
-eine gewisse Ähnlichkeit mit dem alten geträumten
-&bdquo;Loisitschek&ldquo; ist nicht zu leugnen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Befehlen, bitt&rsquo; schön?&ldquo; fragt die Kellnerin, ein
-dralles Mädel, in einen rotsammetnen Frack buchstäblich
-hineingeknallt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kognak, Fräulein. &mdash; So, danke.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm. Fräulein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wem gehört das Kaffehaus?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dem Herrn Kommerzialrat Loisitschek. &mdash; Das
-ganze Haus gehört ihm. Ein sehr feiner reicher Herr.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Aha, der Kerl mit den Schweinszähnen an der
-Uhrkette! erinnere ich mich. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich habe einen guten Einfall, der mich orientieren
-wird:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fräulein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wann ist die steinerne Brücke eingestürzt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vor dreiunddreißig Jahren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm. Vor dreiunddreißig Jahren!&ldquo; &mdash; ich überlege:
-der Gemmenschneider Pernath muß also jetzt
-fast neunzig sein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fräulein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
-&bdquo;Ist hier niemand unter den Gästen, der sich noch
-erinnern kann, wie die alte Judenstadt von damals
-ausgesehen hat? Ich bin Schriftsteller und interessiere
-mich dafür.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Kellnerin denkt nach: &bdquo;Von den Gästen? Nein.
-&mdash; Aber warten S&rsquo;: der Billardmarkör, der dort mit
-einem Studenten Karambol spielt, &mdash; sehen Sie ihn?
-Der mit der Hakennase, der Alte, &mdash; der hat immer
-hier gelebt und wird Ihnen alles sagen. Soll ich ihn
-rufen, bis er fertig ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich folgte dem Blick des Mädchens:
-</p>
-
-<p>
-Ein schlanker, weißhaariger, alter Mann lehnt drüben
-am Spiegel und kreidet sein Queue. Ein verwüstetes,
-aber seltsam vornehmes Gesicht. Woran erinnert er
-mich nur?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fräulein, wie heißt der Markör?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Kellnerin stützt sich im Stehen mit dem Ellenbogen
-auf den Tisch, leckt an einem Bleistift, schreibt
-in Windeseile ihren Vornamen unzählige Male auf
-die Marmorplatte und löscht ihn jedesmal mit nassem
-Finger rasch wieder aus. Dazwischen wirft sie mir mehr
-oder minder sengende Glutblicke zu; &mdash; je nachdem
-sie ihr gelingen. Unerläßlich ist natürlich das gleichzeitige
-Emporziehen der Augenbrauen, denn es erhöht
-das Märchenhafte des Blickes.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fräulein, wie heißt der Markör?&ldquo;, wiederhole ich
-meine Frage. Ich sehe ihr an, sie hätte lieber gehört:
-Fräulein, warum tragen Sie nicht nur einen Frack?
-oder etwas Ähnliches, aber ich frage es nicht; mir geht
-mein Traum zu sehr im Kopf herum.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
-&bdquo;No, wie wird er denn heißen,&ldquo; schmollt sie, &bdquo;Ferri
-heißt er halt. Ferri Athenstädt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So so? Ferri Athenstädt! &mdash; Hm, &mdash; also wieder
-ein alter Bekannter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erzählen Sie mir doch recht, recht viel von ihm,
-Fräulein,&ldquo; girre ich, muß mich aber sofort mit einem
-Kognak stärken, &bdquo;Sie plaudern gar so herzig!&ldquo; (Ich
-ekle mich vor mir selber.)
-</p>
-
-<p>
-Sie neigt sich geheimnisvoll dicht zu mir, damit
-mich ihre Haare im Gesicht kitzeln, und flüstert:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Ferri, der war Ihnen früher ein ganz ein Geriebener.
-&mdash; Er soll von uraltem Adel gewesen sein &mdash;
-es ist natürlich nur so ein Gerede, weil er keinen Bart
-nicht trägt &mdash; und furchtbar viel Geld g&rsquo;habt hab&rsquo;n.
-Eine rothaarige Jüdin, die schon von Jugend auf eine
-&sbquo;Person&lsquo; war&ldquo; &mdash; sie schrieb wieder rasch ein paarmal
-ihren Namen auf &mdash; &bdquo;hat ihn dann ganz ausgezogen. &mdash;
-Punkto Geld mein&rsquo; ich natürlich. No, und wie er dann
-kein Geld nicht mehr gehabt hat, is sie weg und hat sich
-von einem hohen Herrn heiraten lassen: &mdash; von dem ..&ldquo;
-&mdash; sie flüsterte mir einen Namen ins Ohr, den ich
-nicht verstehe. &bdquo;Der hohe Herr hat dann natürlich
-auf alle Ehre verzichten müssen und sich von da an
-nur mehr Ritter von Dämmerich nennen dürfen. No
-ja. Aber daß sie früher eine &sbquo;Person&lsquo; g&rsquo;wesen ist, hat
-er ihr halt doch nicht wegwaschen können. Ich sag&rsquo;
-immer &mdash;.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fritzi! Zahlen!&ldquo; ruft jemand von der Estrade
-herab. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern,
-<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
-da höre ich plötzlich ein leises metallisches Zirpen, wie
-von einer Grille, hinter mir.
-</p>
-
-<p>
-Ich drehe mich neugierig um. Traue meinen Augen
-nicht:
-</p>
-
-<p>
-Das Gesicht zur Wand gekehrt, alt wie Methusalem,
-eine Spieldose, so klein wie eine Zigarettenschachtel,
-in zitternden Skeletthänden sitzt ganz in sich zusammengesunken
-&mdash; der <em>blinde, greise Nephtali Schaffranek</em>
-in der Ecke und leiert mit der winzigen Kurbel.
-</p>
-
-<p>
-Ich trete zu ihm.
-</p>
-
-<p>
-Im Flüsterton singt er konfus vor sich hin:
-</p>
-
-<p class="unwrap">
-&bdquo;Frau Pick,<br />
-Frau Hock.<br />
-Und rote, blaue Stern<br />
-die schmusen allerhand.<br />
-Von Messinung, an Räucherl und Rohn.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Wissen Sie, wie der alte Mann heißt?&ldquo;, frage ich
-einen vorbeieilenden Kellner.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, mein Herr, niemand kennt weder ihn noch
-seinen Namen. Er selbst hat ihn vergessen. Er ist ganz
-allein auf der Welt. Bitte, er ist 110 Jahre alt! Er
-kriegt bei uns jede Nacht einen sogenannten Gnadenkaffee.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich beuge mich über den Greis, &mdash; rufe ihm ein
-Wort ins Ohr: &bdquo;<em>Schaffranek!</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es durchfährt ihn wie ein Blitz. Er murmelt etwas,
-streicht sich sinnend über die Stirn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verstehen Sie mich, Herr Schaffranek?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er nickt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
-&bdquo;Passen Sie mal gut auf! Ich möchte Sie etwas
-fragen, aus alter Zeit. Wenn Sie mir alles gut beantworten,
-bekommen Sie den Gulden, den ich hier
-auf den Tisch lege.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gulden&ldquo;, wiederholt der Greis und fängt sofort an
-wie ein Rasender an seiner zirpenden Spieldose zu
-kurbeln.
-</p>
-
-<p>
-Ich halte seine Hand fest: &bdquo;Denken Sie einmal nach!
-&mdash; <em>Haben Sie nicht vor etwa 33 Jahren einen
-Gemmenschneider namens Pernath gekannt?</em>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hadrbolletz! Hosenschneider!&ldquo; &mdash; lallt er asthmatisch
-auf und lacht übers ganze Gesicht, in der Meinung,
-ich hätte ihm einen famosen Witz erzählt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nicht Hadrbolletz: &mdash; &mdash; <em>Pernath</em>!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pereles?!&ldquo; &mdash; er jubelt förmlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, auch nicht Pereles. &mdash; Per&mdash;<em>nath</em>!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pascheles?!&ldquo; &mdash; er kräht vor Freude. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich gebe enttäuscht meinen Versuch auf.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Sie wollten mich sprechen, mein Herr?&ldquo;, &mdash; der
-Markör Ferri Athenstädt steht vor mir und verbeugt
-sich kühl.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja. Ganz richtig. &mdash; Wir können dabei eine Partie
-Billard spielen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Spielen Sie um Geld, mein Herr? Ich gebe Ihnen
-90 auf 100 vor.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also gut: um einen Gulden. Fangen Sie vielleicht
-an, Markör.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Seine Durchlaucht nimmt das Queue, zielt, gixst,
-macht ein ärgerliches Gesicht. Ich kenne das: er läßt
-<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
-mich bis 99 kommen und dann macht er in <em>einer</em> Serie
-&bdquo;aus&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Mir wird immer kurioser zumute. Ich gehe direkt
-auf mein Ziel los:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Entsinnen Sie sich, Herr Markör: vor langer Zeit,
-etwa in den Jahren, als die steinerne Brücke einstürzte,
-in der damaligen Judenstadt <em>einen gewissen</em> &mdash;
-<em>Athanasius Pernath</em> gekannt zu haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein Mann in einer rotweißgestreiften Leinwandjacke,
-mit Schielaugen und kleinen goldenen Ohrringen, der
-auf einer Bank an der Wand sitzt und eine Zeitung
-liest, fährt auf, stiert mich an und bekreuzigt sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pernath? Pernath?&ldquo; wiederholt der Markör und
-denkt angestrengt nach &mdash; &bdquo;Pernath? &mdash; War er nicht
-groß, schlank? Braunes Haar, melierten kurzgeschnittenen
-Spitzbart?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja. Ganz richtig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Etwa 40 Jahre alt damals? Er sah aus wie &mdash; &mdash;&ldquo;,
-Seine Durchlaucht starrt mich plötzlich überrascht an. &mdash;
-&bdquo;Sie sind ein Verwandter von ihm, mein Herr?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schieläugige bekreuzigt sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich? Ein Verwandter? Komische Idee. &mdash; Nein.
-Ich interessiere mich nur für ihn. Wissen Sie noch
-mehr?&ldquo;, sagte ich gelassen, fühle aber, daß mir eiskalt
-im Herzen wird.
-</p>
-
-<p>
-Ferri Athenstädt denkt wieder nach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn ich nicht irre, galt er seinerzeit für verrückt. &mdash;
-Einmal behauptete er, er hieße &mdash; &mdash; warten Sie mal,
-&mdash; ja: Laponder! Und dann wieder gab er sich für einen
-gewissen &mdash; Charousek aus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
-&bdquo;Kein Wort wahr!&ldquo; fährt der Schieläugige dazwischen.
-&bdquo;Den <em>Charousek</em> hat&rsquo;s wirklich gegeben. Mein Vater
-hat doch mehrere 1000 fl. von ihm geerbt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer ist dieser Mann?&ldquo;, frage ich den Markör halblaut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er ist Fährmann und heißt Tschamrda. &mdash; Was
-den Pernath betrifft, so erinnere ich mich nur, oder
-glaube es wenigstens &mdash; daß er in späteren Jahren
-eine sehr schöne, dunkelhäutige Jüdin geheiratet hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mirjam!&ldquo; sage ich mir und werde so aufgeregt,
-daß mir die Hände zittern und ich nicht mehr weiterspielen
-kann.
-</p>
-
-<p>
-Der Fährmann bekreuzigt sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, was ist denn heute mit Ihnen los, Herr Tschamrda?&ldquo;,
-fragt der Markör erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Pernath hat niemals nicht gelebt&ldquo;, schreit der
-Schieläugige los. &bdquo;Ich glaub&rsquo;s nicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich schenke dem Mann sofort einen Kognak ein,
-damit er gesprächiger wird.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es gibt ja wohl Leut&rsquo;, die sagen, der Pernath lebt
-noch immer,&ldquo; rückt der Fährmann endlich heraus, &bdquo;er
-is, hör&rsquo; ich, Kammschneider und wohnt auf dem Hradschin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo auf dem Hradschin?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Fährmann bekreuzigt sich:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist es ja eben! Er wohnt, wo kein lebender
-Mensch wohnen kann: <em>an der Mauer zur letzten
-Latern</em>.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kennen Sie sein Haus, Herr &mdash; Herr &mdash; Tschamrda?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht um die Welt möcht&rsquo; ich dort hinaufgehen!&ldquo;,
-<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
-protestiert der Schieläugige. &bdquo;Wofür halten Sie mich?
-Jesus, Maria und Josef!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber den Weg hinauf könnten Sie mir doch von
-weitem zeigen, Herr Tschamrda?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das schon,&ldquo; brummt der Fährmann. &bdquo;Wenn Sie
-warten wollen bis 6 Uhr früh; dann geh&rsquo; ich zur Moldau
-hinunter. Aber ich rat&rsquo; Ihnen ab! Sie stürzen in den
-Hirschgraben und brechen Hals und Knochen! Heilige
-Muttergottes!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wir gehen zusammen durch den Morgen; frischer
-Wind weht vom Flusse her. Ich fühle vor Erwartung
-kaum den Boden unter mir.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich taucht das Haus in der Altschulgasse vor
-mir auf.
-</p>
-
-<p>
-Jedes Fenster erkenne ich wieder: die geschweifte
-Dachrinne, das Gitter, die fettig glänzenden Steinsimse
-&mdash; alles, alles!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wann ist dieses Haus abgebrannt?&ldquo;, frage ich den
-Schieläugigen. Es braust mir in den Ohren vor Spannung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Abgebrannt? Niemals nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Doch! Ich weiß es bestimmt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ich weiß es doch! Wollen Sie wetten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wieviel?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einen Gulden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gemacht!&ldquo; &mdash; Und Tschamrda holt den Hausmeister
-heraus. &bdquo;Ist dieses Haus jemals abgebrannt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;I woher denn!&ldquo; Der Mann lacht. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
-Ich kann und kann es nicht glauben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schon siebzig Jahr&rsquo; wohn&rsquo; ich drin,&ldquo; beteuert der
-Hausmeister, &bdquo;ich müßt&rsquo;s doch wahrhaftig wissen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; Sonderbar, sonderbar!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Der Fährmann rudert mich in seinem Kahn, der
-aus acht ungehobelten Brettern besteht, mit komischen
-schiefen Zuckbewegungen über die Moldau. Die gelben
-Wasser schäumen gegen das Holz. Die Dächer des Hradschins
-glitzern rot in der Morgensonne. Ein unbeschreiblich
-feierliches Gefühl ergreift Besitz von mir. Ein
-leise dämmerndes Gefühl wie aus einem früheren Dasein,
-als sei die Welt um mich her verzaubert &mdash; eine
-traumhafte Erkenntnis, als lebte ich zuweilen an mehreren
-Orten zugleich.
-</p>
-
-<p>
-Ich steige aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wieviel bin ich schuldig, Herr Tschamrda?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einen Kreuzer. Wenn Sie mitg&rsquo;holfen hätten
-rudern, &mdash; hätt&rsquo;s zwei Kreuzer &rsquo;kost.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Denselben Weg, den ich heute nachts im Schlaf
-schon einmal gegangen, wandere ich wieder empor:
-die kleine, einsame Schloßstiege. Mir klopft das Herz
-und ich weiß voraus: jetzt kommt der kahle Baum,
-dessen Äste über die Mauer herübergreifen.
-</p>
-
-<p>
-Nein: er ist mit weißen Blüten besät.
-</p>
-
-<p>
-Die Luft ist voll von süßem Fliederhauch.
-</p>
-
-<p>
-Zu meinen Füßen liegt die Stadt im ersten Licht wie
-eine Vision der Verheißung.
-</p>
-
-<p>
-Kein Laut. Nur Duft und Glanz.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
-Mit geschlossenen Augen könnte ich mich hinauffinden
-in die kleine, kuriose Alchimistengasse, so vertraut
-ist mir plötzlich jeder Schritt.
-</p>
-
-<p>
-Aber, wo heute nacht das Holzgitter vor dem weißschimmernden
-Haus gestanden hat, schließt jetzt ein
-prachtvolles, gebauchtes, vergoldetes Gitter die Gasse ab.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Eibenbäume ragen aus blühendem, niederem
-Gesträuch und flankieren das Eingangstor der Mauer,
-die hinter dem Gitter entlang läuft.
-</p>
-
-<p>
-Ich strecke mich, um über das Strauchwerk hinüberzusehen,
-und bin geblendet von neuer Pracht:
-</p>
-
-<p>
-Die Gartenmauer ist ganz mit Mosaik bedeckt. Türkisblau
-mit goldenen, eigenartig gemuschelten Fresken, die
-den Kult des ägyptischen Gottes Osiris darstellen.
-</p>
-
-<p>
-Das Flügeltor ist der Gott selbst: ein Hermaphrodit
-aus zwei Hälften, die die Türe bilden, &mdash; die rechte
-weiblich, die linke männlich. &mdash; Er sitzt auf einem kostbaren,
-flachen Thron aus Perlmutter &mdash; in Halbrelief &mdash;
-und sein goldener Kopf ist der eines Hasen. Die Ohren
-sind in die Höhe gestellt und dicht aneinander, daß sie
-aussehen, wie die beiden Seiten eines aufgeschlagenen
-Buches. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Es riecht nach Tau, und Hyazinthenduft weht über
-die Mauer herüber. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Lange stehe ich wie versteinert da und staune. Mir
-wird, als träte eine fremde Welt vor mich, und ein alter
-Gärtner oder Diener mit silbernen Schnallenschuhen,
-Jabot und sonderbar zugeschnittenem Rock kommt von
-links hinter dem Gitter auf mich zu und fragt mich
-durch die Stäbe, was ich wünsche.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
-Ich reiche ihm stumm den eingewickelten Hut Athanasius
-Pernaths hinein.
-</p>
-
-<p>
-Er nimmt ihn und geht durch das Flügeltor.
-</p>
-
-<p>
-Wie es sich öffnet, sehe ich dahinter ein tempelartiges,
-marmornes Haus und auf seinen Stufen:
-</p>
-
-<p class="center">
-ATHANASIUS PERNATH
-</p>
-
-<p class="noindent">
-und an ihn gelehnt:
-</p>
-
-<p class="center">
-MIRJAM,
-</p>
-
-<p class="noindent">
-und beide schauen hinab in die Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Einen Augenblick wendet sich Mirjam um, erblickt
-mich, lächelt und flüstert Athanasius Pernath etwas zu.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin gebannt von ihrer Schönheit.
-</p>
-
-<p>
-Sie ist so jung, wie ich sie heut nacht im Traum
-gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Athanasius Pernath dreht sich langsam zu mir, und
-mein Herz bleibt stehen:
-</p>
-
-<p>
-Mir ist, als sähe ich mich im Spiegel, so ähnlich
-ist sein Gesicht dem meinigen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Dann fallen die Flügel des Tores zu, und ich erkenne
-nur noch den schimmernden Hermaphroditen.
-</p>
-
-<p>
-Der alte Diener gibt mir meinen Hut und sagt &mdash;
-ich höre seine Stimme wie aus den Tiefen der Erde &mdash;:
-</p>
-
-<div class="block">
-<p class="noindent">
-&bdquo;Herr Athanasius Pernath läßt verbindlichst
-danken und bittet, ihn nicht für ungastfreundlich
-zu halten, daß er Sie nicht
-einlädt in den Garten zu kommen, aber
-es ist strenges Hausgesetz so von alters
-her.
-</p>
-
-<p>
-Ihren Hut, soll ich ausrichten, habe er
-<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
-nicht aufgesetzt, da ihm die Verwechslung
-sofort aufgefallen sei.
-</p>
-
-<p>
-Er wolle nur hoffen, daß der seinige
-Ihnen keine Kopfschmerzen verursacht habe.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="printer">
-<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
-Gedruckt in der Buchdruckerei
-G. Kreysing in Leipzig
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. <span class="handheld-only">Im Original
-g&nbsp;e&nbsp;s&nbsp;p&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;r&nbsp;t
-hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.</span>
-Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer
-<span class="antiqua">anderen Schriftart</span> markiert.
-</p>
-
-<p>
-Auf <a href="#page-1">Seite 1</a> heisst es »<a href="#linke">linke Seite</a>« (des Mondes). Dies ist offenbar
-falsch und wurde in späteren Auflagen zu »rechte Seite« berichtigt.
-Hier wird der Originaltext unverändert belassen.
-</p>
-
-<p>
-Die Schreibweise der Vorlage wurde weitgehend beibehalten. Einige
-offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt, teilweise
-unter Verwendung weiterer Ausgaben (vorher/nachher):
-</p>
-
-
-<ul>
-
-<li>
-... Das <span class="underline">hilfslose</span> Opfer aber saß, das Herz voll brennender ...<br />
-... Das <a href="#corr-0"><span class="underline">hilflose</span></a> Opfer aber saß, das Herz voll brennender ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &sbquo;Loisitschek&lsquo; der meschuggene Nephtali <span class="underline">Schaffraneck</span> mit ...<br />
-... &sbquo;Loisitschek&lsquo; der meschuggene Nephtali <a href="#corr-1"><span class="underline">Schaffranek</span></a> mit ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, <span class="underline">freien</span> ...<br />
-... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, <a href="#corr-2"><span class="underline">freiem</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... auf, eine unsichtbare <span class="underline">Intelliganz</span>, die sich lichtscheu verborgen ...<br />
-... auf, eine unsichtbare <a href="#corr-3"><span class="underline">Intelligenz</span></a>, die sich lichtscheu verborgen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... über Klavier<span class="underline">seiten</span> liefe, war die Antwort. ...<br />
-... über Klavier<a href="#corr-4"><span class="underline">saiten</span></a> liefe, war die Antwort. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... die eisernen <span class="underline">Glasstäbe</span> fauchend die flachen herzförmigen ...<br />
-... die eisernen <a href="#corr-5"><span class="underline">Gasstäbe</span></a> fauchend die flachen herzförmigen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Mit langem, <span class="underline">wallenden, weißen</span> Prophetenbart, ein ...<br />
-... Mit langem, <a href="#corr-6"><span class="underline">wallendem, weißem</span></a> Prophetenbart, ein ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... die alten <span class="underline">Rabbinen</span> trugen, andere mit dreieckigem Hut ...<br />
-... die alten <a href="#corr-7"><span class="underline">Rabbiner</span></a> trugen, andere mit dreieckigem Hut ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... auf dem <span class="underline">Altstätter</span> Ring und an dem Erzbrunnen ...<br />
-... auf dem <a href="#corr-9"><span class="underline">Altstädter</span></a> Ring und an dem Erzbrunnen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... schauten <span class="underline">teilnahmlos</span> zu den Wolken empor. ...<br />
-... schauten <a href="#corr-10"><span class="underline">teilnahmslos</span></a> zu den Wolken empor. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Wunschlos, <span class="underline">teilnahmlos</span>, ein lebender Leichnam, ging ...<br />
-... Wunschlos, <a href="#corr-12"><span class="underline">teilnahmslos</span></a>, ein lebender Leichnam, ging ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Angelina <span class="underline">wolte</span> sich losreißen: ich hielt sie fest. ...<br />
-... Angelina <a href="#corr-16"><span class="underline">wollte</span></a> sich losreißen: ich hielt sie fest. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ich schwindsüchtig bin und Blut <span class="underline">spuken</span> muß: mein Körper ...<br />
-... ich schwindsüchtig bin und Blut <a href="#corr-17"><span class="underline">spucken</span></a> muß: mein Körper ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... War mir denn nicht schon tausendfach <span class="underline">Wunderbares</span> ...<br />
-... War mir denn nicht schon tausendfach <a href="#corr-19"><span class="underline">Wunderbareres</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er <span class="underline">spukte</span> mir ...<br />
-... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er <a href="#corr-20"><span class="underline">spuckte</span></a> mir ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Oder gedenken <span class="underline">sie</span> überhaupt ledig zu bleiben?&ldquo; ...<br />
-... Oder gedenken <a href="#corr-22"><span class="underline">Sie</span></a> überhaupt ledig zu bleiben?&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Sollte <span class="underline">Sie</span> es wider Erwarten nicht sein, &mdash; nun, ...<br />
-... Sollte <a href="#corr-26"><span class="underline">sie</span></a> es wider Erwarten nicht sein, &mdash; nun, ...<br />
-</li>
-
-<li>
- (mehrfache Fälle)<br />
-... Jaromir <span class="underline">Kwaßnitschka</span>, verwaisten Sohnes des vor 17 ...<br />
-... Jaromir <a href="#corr-30"><span class="underline">Kwáßnitschka</span></a>, verwaisten Sohnes des vor 17 ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend <span class="underline">verdächig</span> ...<br />
-... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend <a href="#corr-31"><span class="underline">verdächtig</span></a> ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Golem, by Gustav Meyrink
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLEM ***
-
-***** This file should be named 51476-h.htm or 51476-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/1/4/7/51476/
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, the University
-of Toronto, and the Online Distributed Proofreading Team
-at http://www.pgdp.net. This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive/Canadian
-Libraries.
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
-
-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
-permission and without paying copyright royalties. Special rules,
-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
-copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
-protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
-Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
-charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
-do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
-rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
-practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
-
-
-
-*** START: FULL LICENSE ***
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
-Gutenberg-tm License (available with this file or online at
-http://gutenberg.org/license).
-
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
-electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
-all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
-If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
-terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
-entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
-copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
-Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
-freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
-this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
-the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
-keeping this work in the same format with its attached full Project
-Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
-a constant state of change. If you are outside the United States, check
-the laws of your country in addition to the terms of this agreement
-before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
-creating derivative works based on this work or any other Project
-Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
-the copyright status of any work in any country outside the United
-States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
-access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
-whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
-phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
-Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
-copied or distributed:
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
-from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
-posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
-and distributed to anyone in the United States without paying any fees
-or charges. If you are redistributing or providing access to a work
-with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
-work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
-to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
-word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
-distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
-you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
-copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
-request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
-that
-
-- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
- owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
- has agreed to donate royalties under this paragraph to the
- Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
- must be paid within 60 days following each date on which you
- prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
- returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
- sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
- address specified in Section 4, "Information about donations to
- the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
-
-- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or
- destroy all copies of the works possessed in a physical medium
- and discontinue all use of and all access to other copies of
- Project Gutenberg-tm works.
-
-- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days
- of receipt of the work.
-
-- You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
-collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
-works, and the medium on which they may be stored, may contain
-"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
-corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
-property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
-computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
-your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium with
-your written explanation. The person or entity that provided you with
-the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
-refund. If you received the work electronically, the person or entity
-providing it to you may choose to give you a second opportunity to
-receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
-is also defective, you may demand a refund in writing without further
-opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
-WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
-WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
-If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
-law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
-interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
-the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
-promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/51476-h/images/cover-page.jpg b/old/51476-h/images/cover-page.jpg
deleted file mode 100644
index f4d652d..0000000
--- a/old/51476-h/images/cover-page.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ