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Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..5049670 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #51476 (https://www.gutenberg.org/ebooks/51476) diff --git a/old/51476-8.txt b/old/51476-8.txt deleted file mode 100644 index a715097..0000000 --- a/old/51476-8.txt +++ /dev/null @@ -1,11629 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Der Golem, by Gustav Meyrink - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Der Golem - -Author: Gustav Meyrink - -Release Date: March 16, 2016 [EBook #51476] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLEM *** - - - - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, the University -of Toronto, and the Online Distributed Proofreading Team -at http://www.pgdp.net. This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive/Canadian -Libraries. - - - - - - - Gustav Meyrink - - Gesammelte Werke - - Erster Band - - Kurt Wolff Verlag - Leipzig - - Gustav Meyrink - - - - - Der Golem - - - Ein Roman - - Kurt Wolff Verlag - Leipzig - - Einhundertzwanzigstes - bis einhundertfünfzigstes Tausend - - Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1915 - Druck von G. Kreysing in Leipzig - - - - - Kapitelverzeichnis - - - Schlaf 1 - Tag 5 - I 17 - Prag 26 - Punsch 45 - Nacht 67 - Wach 85 - Schnee 96 - Spuk 110 - Licht 132 - Not 143 - Angst 177 - Trieb 188 - Weib 204 - List 239 - Qual 260 - Mai 275 - Mond 296 - Frei 323 - Schluß 337 - - - - - Schlaf - - -Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes und liegt dort wie ein -großer, heller, flacher Stein. - -Wenn der Vollmond in seiner Gestalt zu schrumpfen beginnt und seine -linke Seite fängt an zu verfallen, -- wie ein Gesicht, das dem Alter -entgegengeht, zuerst an einer Wange Falten zeigt und abmagert, -- dann -bemächtigt sich meiner um solche Zeit des Nachts eine trübe, qualvolle -Unruhe. - -Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in -meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von -verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen. - -Ich hatte über das Leben des Buddha Gotama gelesen, ehe ich mich -niedergelegt, und in tausend Spielarten zog der Satz immer wieder von -vorne beginnend durch meinen Sinn: - -»Eine Krähe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stück Fett aussah, und -dachte: vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes. Da nun die Krähe -dort nichts Wohlschmeckendes fand, flog sie fort. Wie die Krähe, die -sich dem Stein genähert, so verlassen wir -- wir, die Versucher, -- den -Aszeten Gotama, da wir den Gefallen an ihm verloren haben.« - -Und das Bild von dem Stein, der aussah wie ein Stück Fett, wächst ins -Ungeheuerliche in meinem Hirn: - -Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flußbett und hebe glatte Kiesel -auf. - -Graublaue mit eingesprengtem glitzerndem Staub, über die ich nachgrüble -und nachgrüble und doch mit ihnen nichts anzufangen weiß, -- dann -schwarze mit schwefelgelben Flecken wie die steingewordenen Versuche -eines Kindes, plumpe, gesprenkelte Molche nachzubilden. - -Und ich will sie weit von mir werfen diese Kiesel, doch immer fallen sie -mir aus der Hand, und ich kann sie aus dem Bereich meiner Augen nicht -bannen. - -Alle jene Steine, die je in meinem Leben eine Rolle gespielt, tauchen -auf rings um mich her. - -Manche quälen sich schwerfällig ab, sich aus dem Sande ans Licht -emporzuarbeiten -- wie große schieferfarbene Taschenkrebse, wenn die -Flut zurückkommt, -- und als wollten sie alles daran setzen, meine -Blicke auf sich zu lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu -sagen. - -Andere -- erschöpft -- fallen kraftlos zurück in ihre Löcher und geben -es auf, je zu Worte zu kommen. - -Zuweilen fahre ich empor aus dem Dämmer dieser halben Träume und sehe -für einen Augenblick wiederum den Mondschein auf dem gebauschten Fußende -meiner Decke liegen wie einen großen, hellen, flachen Stein, um blind -von neuem hinter meinem schwindenden Bewußtsein herzutappen, ruhelos -nach jenem Stein suchend, der mich quält, -- der irgendwo verborgen im -Schutte meiner Erinnerung liegen muß und aussieht wie ein Stück Fett. - -Eine Regenröhre muß einst neben ihm auf der Erde gemündet haben, male -ich mir aus -- stumpfwinklig abgebogen, die Ränder von Rost zerfressen, --- und trotzig will ich mir im Geiste ein solches Bild erzwingen, um -meine aufgescheuchten Gedanken zu belügen und in Schlaf zu lullen. - -Es gelingt mir nicht. - -Immer wieder und immer wieder mit alberner Beharrlichkeit behauptet eine -eigensinnige Stimme in meinem Innern -- unermüdlich wie ein -Fensterladen, den der Wind in regelmäßigen Zwischenräumen an die Mauer -schlagen läßt: es sei das ganz anders, das sei gar nicht der Stein, der -wie Fett aussehe. - -Und es ist von der Stimme nicht loszukommen. - -Wenn ich hundertmal einwende, alles das sei doch ganz nebensächlich, so -schweigt sie wohl eine kleine Weile, wacht aber dann unvermerkt wieder -auf und beginnt hartnäckig von neuem: gut, gut, schon recht, es ist aber -doch nicht der Stein, der wie ein Stück Fett aussieht. -- - -Langsam beginnt sich meiner ein unerträgliches Gefühl von Hilflosigkeit -zu bemächtigen. - -Wie es weiter gekommen ist, weiß ich nicht. Habe ich freiwillig jeden -Widerstand aufgegeben, oder haben sie mich überwältigt und geknebelt, -meine Gedanken? - -Ich weiß nur, mein Körper liegt schlafend im Bett, und meine Sinne sind -losgetrennt und nicht mehr an ihn gebunden. -- - -Wer ist jetzt »ich«, will ich plötzlich fragen, da besinne ich mich, daß -ich doch kein Organ mehr besitze, mit dem ich Fragen stellen könnte; -dann fürchte ich, die dumme Stimme werde wieder aufwachen und von neuem -das endlose Verhör über den Stein und das Fett beginnen. - -Und so wende ich mich ab. - - - - - Tag - - -Da stand ich plötzlich in einem düsteren Hofe und sah durch einen -rötlichen Torbogen gegenüber -- jenseits der engen, schmutzigen Straße --- einen jüdischen Trödler an einem Gewölbe lehnen, das an den -Mauerrändern mit altem Eisengerümpel, zerbrochenen Werkzeugen, -verrosteten Steigbügeln und Schlittschuhen und vielerlei anderen -abgestorbenen Sachen behangen war. - -Und dieses Bild trug das quälend Eintönige an sich, das alle jene -Eindrücke kennzeichnet, die tagtäglich so und so oft wie Hausierer die -Schwelle unserer Wahrnehmung überschreiten, und rief in mir weder -Neugierde noch Überraschung hervor. - -Ich wurde mir bewußt, daß ich schon seit langer Zeit in dieser Umgebung -zu Hause war. - -Auch diese Empfindung hinterließ mir trotz ihres Gegensatzes zu dem, was -ich doch vor kurzem noch wahrgenommen und wie ich hierher gelangt, -keinerlei tieferen Eindruck. -- -- - -Ich muß einmal von einem sonderbaren Vergleich zwischen einem Stein und -einem Stück Fett gehört oder gelesen haben, drängte sich mir plötzlich -der Einfall auf, als ich die ausgetretenen Stufen zu meiner Kammer -emporstieg und mir über das speckige Aussehen der Steinschwellen -flüchtige Gedanken machte. - -Da hörte ich Schritte die oberen Treppen über mir vorauslaufen, und als -ich zu meiner Tür kam, sah ich, daß es die vierzehnjährige, rothaarige -Rosina des Trödlers Aaron Wassertrum gewesen war. - -Ich mußte dicht an ihr vorbei, und sie stand mit dem Rücken gegen das -Stiegengeländer und bog sich lüstern zurück. - -Ihre schmutzigen Hände hatte sie um die Eisenstange gelegt, -- zum Halt --- und ich sah, wie ihre nackten Unterarme bleich aus dem trüben -Halbdunkel hervorleuchteten. - -Ich wich ihren Blicken aus. - -Mich ekelte vor ihrem zudringlichen Lächeln und diesem wächsernen -Schaukelpferdgesicht. - -Sie muß schwammiges, weißes Fleisch haben wie der Axolotl, den ich -vorhin im Salamanderkäfig bei dem Vogelhändler gesehen habe, fühlte ich. - -Die Wimpern Rothaariger sind mir widerwärtig wie die eines Kaninchens. - -Und ich sperrte auf und schlug rasch die Türe hinter mir zu. -- -- - -Von meinem Fenster aus konnte ich den Trödler Aaron Wassertrum vor -seinem Gewölbe stehen sehen. - -Er lehnte am Eingang der dunklen Wölbung und zwickte mit einer Beißzange -an seinen Fingernägeln herum. - -War die rothaarige Rosina seine Tochter oder seine Nichte? Er hatte -keine Ähnlichkeit mit ihr. - -Unter den Judengesichtern, die ich Tag für Tag in der Hahnpaßgasse -auftauchen sehe, kann ich deutlich verschiedene Stämme unterscheiden, -die sich so wenig durch die nahe Verwandtschaft der einzelnen Individuen -verwischen lassen, wie sich Öl mit Wasser vermengen wird. Da darf man -nicht sagen: die dort sind Brüder oder Vater und Sohn. - -Der gehört zu jenem Stamm und dieser zu einem andern, das ist alles, was -sich aus den Gesichtszügen lesen läßt. - -Was bewiese es auch, wenn selbst Rosina dem Trödler ähnlich sähe! - -Diese Stämme hegen einen heimlichen Ekel und Abscheu voreinander, der -sogar die Schranken der engen Blutsverwandtschaft durchbricht, -- aber -sie verstehen ihn geheimzuhalten vor der Außenwelt, wie man ein -gefährliches Geheimnis hütet. - -Kein einziger läßt ihn durchblicken, und in dieser Übereinstimmung -gleichen sie haßerfüllten Blinden, die sich an ein schmutzgetränktes -Seil klammern: der eine mit beiden Fäusten, ein anderer nur widerwillig -mit einem Finger, alle aber von abergläubischer Furcht besessen, daß sie -dem Untergang verfallen müssen, sobald sie den gemeinsamen Halt aufgeben -und sich von den übrigen trennen. - -Rosina ist von jenem Stamme, dessen rothaariger Typus noch abstoßender -ist, als der der andern. Dessen Männer engbrüstig sind und lange -Hühnerhälse haben mit vorstehendem Adamsapfel. - -Alles scheint an ihnen sommersprossig, und ihr ganzes Leben leiden sie -unter brünstigen Qualen, diese Männer, -- und kämpfen heimlich gegen -ihre Gelüste einen ununterbrochenen, erfolglosen Kampf, von -immerwährender widerlicher Angst um ihre Gesundheit gefoltert. - -Ich war mir nicht klar, wieso ich Rosina überhaupt in -verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Trödler Wassertrum bringen -konnte. - -Nie habe ich sie doch in der Nähe des Alten gesehen, oder bemerkt, daß -sie jemals einander etwas zugerufen hätten. - -Auch war sie fast immer in unserem Hofe oder drückte sich in den dunkeln -Winkeln und Gängen unseres Hauses umher. - -Sicherlich halten sie alle meine Mitbewohner für eine nahe Verwandte -oder zumindest Schutzbefohlene des Trödlers, und doch bin ich überzeugt, -daß kein einziger einen Grund für solche Vermutungen anzugeben -vermöchte. - -Ich wollte meine Gedanken von Rosina losreißen und sah von dem offenen -Fenster meiner Stube hinab auf die Hahnpaßgasse. - -Als habe Aaron Wassertrum meinen Blick gefühlt, wandte er plötzlich sein -Gesicht zu mir empor. - -Sein starres, gräßliches Gesicht mit den runden Fischaugen und der -klaffenden Oberlippe, die von einer Hasenscharte gespalten ist. - -Wie eine menschliche Spinne kam er mir vor, die die feinste Berührung -ihres Netzes spürt, so teilnahmslos sie sich auch stellt. - -Und wovon er nur leben mag? Was denkt er, und was ist sein Vorhaben? - -Ich wußte es nicht. - -An den Mauerrändern seines Gewölbes hängen unverändert Tag für Tag, -jahraus jahrein dieselben toten wertlosen Dinge. - -Mit geschlossenen Augen hätte ich sie hinzeichnen können: hier die -verbogene Blechtrompete ohne Klappen, das vergilbte Bild auf Papier -gemalt, mit den so sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine -Girlande verrosteter Sporen an einem schimmligen Lederriemen und anderes -halb vermodertes Gerümpel. - -Und vorne auf dem Boden, dicht nebeneinander geschichtet, so daß niemand -die Schwelle des Gewölbes überschreiten kann, eine Reihe runder eiserner -Herdplatten. -- - -Alle diese Dinge nahmen an Zahl nie zu, nie ab, und blieb wirklich hier -und da einmal ein Vorübergehender stehen und fragte nach dem Preis des -einen oder anderen, geriet der Trödler in heftige Erregung. - -In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippe mit der Hasenscharte -empor und sprudelte gereizt irgend etwas Unverständliches in einem -gurgelnden, stolpernden Baß hervor, daß dem Käufer die Lust weiter zu -fragen verging und er abgeschreckt seinen Weg fortsetzte. - -Der Blick des Aaron Wassertrum war blitzschnell von meinen Augen -abgeglitten und ruhte jetzt mit gespanntem Interesse an den kahlen -Mauern, die vom Nebenhause an mein Fenster stoßen. - -Was konnte er dort nur sehen? - -Das Haus steht doch mit dem Rücken gegen die Hahnpaßgasse und seine -Fenster blicken in den Hof! Nur eines ist in die Straße gekehrt. - -Zufällig schienen die Räume, die nebenan in derselben Stockhöhe wie die -meinigen liegen -- ich glaube, sie gehören zu einem winkligen Atelier -- -in diesem Moment betreten worden zu sein, denn durch die Mauern hörte -ich plötzlich eine männliche und eine weibliche Stimme miteinander -reden. - -Unmöglich konnte das aber der Trödler von unten aus wahrgenommen haben! --- -- - -Vor meiner Tür bewegte sich jemand, und ich erriet: es ist immer noch -Rosina, die draußen im Dunkeln steht in begehrlichem Warten, daß ich sie -doch vielleicht zu mir hereinrufen wolle. - -Und unten, ein halbes Stockwerk tiefer, lauert der blatternarbige, -halbwüchsige Loisa auf den Stiegen mit angehaltenem Atem, ob ich die Tür -öffnen werde, und ich spüre förmlich den Hauch seines Hasses und seine -schäumende Eifersucht bis herauf zu mir. - -Er fürchtet sich, näher zu kommen und von Rosina bemerkt zu werden. Er -weiß sich von ihr abhängig wie ein hungriger Wolf von seinem Wärter und -möchte doch am liebsten aufspringen und besinnungslos seiner Wut die -Zügel schießen lassen! -- -- -- - -Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte meine Pinzetten und -Stichel hervor. - -Aber ich konnte nichts fertigbringen und meine Hand war nicht ruhig -genug, die feinen japanischen Gravierungen auszubessern. - -Das trübe, düstere Leben, das an diesem Hause hängt, läßt mein Gemüt -nicht still werden, und immer tauchen alte Bilder in mir auf. - -Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl kaum ein Jahr älter als -Rosina. - -An ihren Vater, der Hostienbäcker gewesen, konnte ich mich kaum mehr -erinnern, und jetzt sorgt für sie, glaube ich, ein altes Weib. - -Ich wußte nur nicht, welche es war unter den vielen, die versteckt im -Hause wohnen wie Kröten in ihrem Schlupfwinkel. - -Sie sorgt für die beiden Jungen, das heißt: sie gewährt ihnen -Unterkunft; dafür müssen sie ihr abliefern, was sie gelegentlich stehlen -oder erbetteln. -- - -Ob sie ihnen wohl auch zu essen gibt? Ich konnte es mir nicht denken, -denn erst spät abends kommt die Alte heim. - -Leichenwäscherin soll sie sein. - -Loisa, Jaromir und Rosina sah ich, als sie noch Kinder waren, oft -harmlos im Hof zu dritt spielen. - -Die Zeit aber ist lang vorbei. - -Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rothaarigen Judenmädel her. - -Zuweilen sucht er sie lange umsonst, und wenn er sie nirgends finden -kann, dann schleicht er sich vor meine Türe und wartet mit verzerrtem -Gesicht, daß sie heimlich hierher komme. - -Da sehe ich ihn, wenn ich bei meiner Arbeit sitze, im Geiste draußen in -dem winkligen Gange lauern, den Kopf mit dem ausgemergelten Genick -horchend vorgebeugt. - -Manchmal bricht dann durch die Stille plötzlich ein wilder Lärm. - -Jaromir, der taubstumm ist, und dessen ganzes Denken eine -ununterbrochene wahnsinnige Gier nach Rosina erfüllt, irrt wie ein -wildes Tier im Hause umher, und sein unartikuliertes heulendes Gebell, -das er, vor Eifersucht und Argwohn halb von Sinnen, ausstößt, klingt so -schauerlich, daß einem das Blut in den Adern stockt. - -Er sucht die beiden, die er stets beieinander vermutet -- irgendwo in -einem der tausend schmutzigen Schlupfwinkel versteckt -- in blinder -Raserei, immer von dem Gedanken gepeitscht, seinem Bruder auf den Fersen -sein zu müssen, daß nichts mit Rosina vorgehe, von dem er nicht wisse. - -Und gerade diese unaufhörliche Qual des Krüppels ist, ahnte ich, das -Reizmittel, das Rosina antreibt, sich stets von neuem mit dem andern -einzulassen. - -Wird ihre Neigung oder Bereitwilligkeit schwächer, so ersinnt Loisa -immer wieder besondere Scheußlichkeiten, um Rosinas Gier von neuem zu -entfachen. - -Da lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen ertappen -und locken den Rasenden heimtückisch hinter sich her in dunkle Gänge, wo -sie aus rostigen Faßreifen, die in die Höhe schnellen, wenn man auf sie -tritt, und eisernen Rechen -- mit den Spitzen nach oben gekehrt -- -bösartige Fallen errichtet haben, in die er stürzen muß und sich blutig -fällt. - -Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina, um die Folter aufs äußerste -anzuspannen, auf eigene Faust etwas Höllisches aus. - -Dann ändert sie mit einem Schlage ihr Benehmen zu Jaromir und tut, als -fände sie plötzlich Gefallen an ihm. - -Mit ihrer ewig lächelnden Miene teilt sie dem Krüppel hastig Dinge mit, -die ihn in eine fast irrsinnige Erregung versetzen, und sie hat sich -dazu eine geheimnisvoll scheinende, nur halbverständliche Zeichensprache -ersonnen, die den Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares Netz von -Ungewißheit und verzehrenden Hoffnungen verstricken muß. -- - -Einmal sah ich ihn im Hofe vor ihr stehen, und sie sprach mit so -heftigen Lippenbewegungen und Gestikulationen auf ihn ein, daß ich -glaubte, jeden Augenblick würde er in wilder Aufregung zusammenbrechen. - -Der Schweiß lief ihm übers Gesicht vor übermenschlicher Anstrengung, den -Sinn der absichtlich so unklaren, hastigen Mitteilung zu erfassen. - -Und den ganzen folgenden Tag lauerte er dann fiebernd in Erwartung auf -den finstern Stiegen eines andern halb versunkenen Hauses, das in der -Fortsetzung der engen, schmutzigen Hahnpaßgasse liegt, -- bis er die -Zeit versäumt hatte, sich an den Ecken ein paar Kreuzer zu erbetteln. - -Und als er spät abends halb tot vor Hunger und Aufregung heim wollte, -hatte ihn die Pflegemutter längst ausgesperrt. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ein fröhliches Frauenlachen drang aus dem anstoßenden Atelier durch die -Mauern herüber zu mir. - -Ein Lachen? -- In diesen Häusern ein fröhliches Lachen? Im ganzen Ghetto -wohnt niemand, der fröhlich lachen könnte. - -Da fiel mir ein, daß mir vor einigen Tagen der alte Marionettenspieler -Zwakh anvertraute, ein junger, vornehmer Herr hätte ihm das Atelier -teuer abgemietet -- offenbar, um mit der Erwählten seines Herzens -unbelauscht zusammenkommen zu können. - -Nach und nach, jede Nacht, müßten nun, damit niemand im Hause etwas -merke, die kostbaren Möbel des neuen Mieters heimlich Stück für Stück -hinaufgeschafft werden. - -Der gutmütige Alte hatte sich vor Vergnügen die Hände gerieben, als er -es mir erzählte, und sich kindlich gefreut, wie er alles so geschickt -angefangen habe: keiner der Mitbewohner könne auch nur eine Ahnung von -dem romantischen Liebespaar haben. - -Und von drei Häusern aus sei es möglich, unauffällig in das Atelier zu -gelangen. -- Sogar durch eine Falltüre gäbe es einen Zugang! - -Ja, wenn man die eiserne Tür des Bodenraumes aufklinke, -- und das sei -von drüben aus sehr leicht, -- könne man an meiner Kammer vorbei zu den -Stiegen unseres Hauses gelangen und diese als Ausgang benützen ... - -Wieder klingt das fröhliche Lachen herüber und läßt in mir die -undeutliche Erinnerung an eine luxuriöse Wohnung und an eine adlige -Familie auftauchen, zu der ich oft gerufen wurde, um an kostbaren -Altertümern kleine Ausbesserungen vorzunehmen. -- - -Plötzlich höre ich nebenan einen gellenden Schrei. Ich horche -erschreckt. - -Die eiserne Bodentür klirrt heftig und im nächsten Augenblick stürzt -eine Dame in mein Zimmer. - -Mit aufgelöstem Haar, weiß wie die Wand, einen goldenen Brokatstoff über -die bloßen Schultern geworfen. - -»Meister Pernath, verbergen Sie mich, -- um Gottes Christi willen! -- -fragen Sie nicht, verbergen Sie mich hier!« - -Ehe ich noch antworten konnte, wurde meine Tür abermals aufgerissen und -sofort wieder zugeschlagen. -- - -Eine Sekunde lang hatte das Gesicht des Trödlers Aaron Wassertrum wie -eine scheußliche Maske hereingegrinst. -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ein runder, leuchtender Fleck taucht vor mir auf, und im Scheine des -Mondlichtes erkenne ich wiederum das Fußende meines Bettes. - -Noch liegt der Schlaf auf mir wie ein schwerer, wolliger Mantel und der -Name Pernath steht in goldenen Buchstaben vor meiner Erinnerung. - -Wo nur habe ich diesen Namen gelesen? -- Athanasius Pernath? -- - -Ich glaube, ich glaube vor langer, langer Zeit habe ich einmal irgendwo -meinen Hut verwechselt, und ich wunderte mich damals, daß er mir so -genau passe, wo ich doch eine höchst eigentümliche Kopfform habe. - -Und ich sah in den fremden Hut hinein -- damals und -- -- ja, ja, dort -hatte es gestanden in goldenen Papierbuchstaben auf dem weißen Futter: - - ATHANASIUS PERNATH. - -Ich hatte mich vor dem Hut gescheut und gefürchtet, ich wußte nicht -warum. - -Da fährt plötzlich die Stimme, die ich vergessen hatte, und die immer -von mir wissen wollte, wo der Stein ist, der wie Fett ausgesehen habe, -auf mich los gleich einem Pfeil. - -Schnell male ich mir das scharfe, süßlich grinsende Profil der roten -Rosina aus, und es gelingt mir auf diese Weise dem Pfeil auszuweichen, -der sich sogleich in der Finsternis verliert. - -Ja, das Gesicht der Rosina! Das ist doch noch stärker als die -stumpfsinnig plappernde Stimme; und gar, wo ich jetzt gleich wieder in -meinem Zimmer in der Hahnpaßgasse geborgen sein werde, kann ich ganz -ruhig sein. - - - - - I - - -Wenn ich mich nicht getäuscht habe in der Empfindung, daß jemand in -einem gewissen, gleichbleibenden Abstand hinter mir die Treppe -heraufkommt in der Absicht, mich zu besuchen, so muß er jetzt ungefähr -auf dem letzten Stiegenabsatz stehen. - -Jetzt biegt er um die Ecke, wo der Archivar Schemajah Hillel seine -Wohnung hat, und kommt von den ausgetretenen Steinfliesen auf den Flur -des oberen Stockwerkes, der mit roten Ziegeln ausgelegt ist. - -Nun tastet er sich an der Wand entlang, und jetzt, gerade jetzt, muß er, -mühsam im Finstern buchstabierend, meinen Namen auf dem Türschild lesen. - -Und ich stellte mich aufrecht in die Mitte des Zimmers und blickte zum -Eingang. - -Da öffnete sich die Türe, und er trat ein. - -Nur wenige Schritte machte er auf mich zu und nahm weder den Hut ab, -noch sagte er ein Wort der Begrüßung. - -So benimmt er sich, wenn er zu Hause ist, fühlte ich, und ich fand es -ganz selbstverständlich, daß er so und nicht anders handelte. - -Er griff in die Tasche und nahm ein Buch heraus. - -Dann blätterte er lange darin herum. - -Der Umschlag des Buches war aus Metall, und die Vertiefungen in Form von -Rosetten und Siegeln waren mit Farbe und kleinen Steinen ausgefüllt. - -Endlich hatte er die Stelle gefunden, die er suchte, und deutete darauf. - -Das Kapitel hieß »Ibbur«, »die Seelenschwängerung«, entzifferte ich. - -Das große, in Gold und Rot ausgeführte Initial »I« nahm fast die Hälfte -der ganzen Seite ein, die ich unwillkürlich überflog, und war am Rande -verletzt. - -Ich sollte es ausbessern. - -Das Initial war nicht auf das Pergament geklebt, wie ich es bisher in -alten Büchern gesehen, schien vielmehr aus zwei Platten dünnen Goldes zu -bestehen, die im Mittelpunkte zusammengelötet waren und mit den Enden um -die Ränder des Pergaments griffen. - -Also mußte, wo der Buchstabe stand, ein Loch in das Blatt geschnitten -sein? - -Wenn das der Fall war, mußte auf der nächsten Seite das »I« verkehrt -stehen? - -Ich blätterte um und fand meine Annahme bestätigt. - -Unwillkürlich las ich auch diese Seite durch und die gegenüberliegende. - -Und ich las weiter und weiter. - -Das Buch sprach zu mir, wie der Traum spricht, klarer nur und viel -deutlicher. Und es rührte mein Herz an wie eine Frage. - -Worte strömten aus einem unsichtbaren Munde, wurden lebendig und kamen -auf mich zu. Sie drehten sich und wandten sich vor mir wie bunt -gekleidete Sklavinnen, sanken dann in den Boden oder verschwanden wie -schillernder Dunst in der Luft und gaben der nächsten Raum. Jede hoffte -eine kleine Weile, daß ich sie erwählen würde und auf den Anblick der -Kommenden verzichten. - -Manche waren unter ihnen, die gingen prunkend einher wie Pfauen, in -schimmernden Gewändern, und ihre Schritte waren langsam und gemessen. - -Manche wie Königinnen, doch gealtert und verlebt, die Augenlider -gefärbt, -- mit dirnenhaftem Zug um den Mund und die Runzeln mit -häßlicher Schminke verdeckt. - -Ich sah an ihnen vorbei und nach den Kommenden, und mein Blick glitt -über lange Züge grauer Gestalten mit Gesichtern, so gewöhnlich und -ausdrucksarm, daß es unmöglich schien, sie dem Gedächtnis einzuprägen. - -Dann brachten sie ein Weib geschleppt, das war splitternackt und -riesenhaft wie ein Erzkoloß. - -Eine Sekunde blieb das Weib vor mir stehen und beugte sich nieder zu -mir. - -Ihre Wimpern waren so lang wie mein ganzer Körper, und sie deutete stumm -auf den Puls ihrer linken Hand. - -Der schlug wie ein Erdbeben, und ich fühlte, es war das Leben einer -ganzen Welt in ihr. - -Aus der Ferne raste ein Korybantenzug heran. - -Ein Mann und ein Weib umschlangen sich. Ich sah sie von weitem kommen, -und immer näher brauste der Zug. - -Jetzt hörte ich den hallenden Gesang der Verzückten dicht vor mir, und -meine Augen suchten das verschlungene Paar. - -Das aber hatte sich verwandelt in eine einzige Gestalt und saß, halb -männlich, halb weiblich, -- ein Hermaphrodit -- auf einem Throne von -Perlmutter. - -Und die Krone des Hermaphroditen endete in einem Brett aus rotem Holz; -darein hatte der Wurm der Zerstörung geheimnisvolle Runen genagt. - -In einer Staubwolke kam eilig hinterdrein getrappelt eine Herde kleiner, -blinder Schafe: die Futtertiere, die der gigantische Zwitter in seinem -Gefolge führte, seine Korybantenschar am Leben zu erhalten. - -Zuweilen waren unter den Gestalten, die aus dem unsichtbaren Munde -strömten, etliche, die kamen aus Gräbern, -- Tücher vor dem Gesicht. - -Und blieben sie vor mir stehen, ließen sie plötzlich ihre Hüllen fallen -und starrten mit Raubtieraugen hungrig auf mein Herz, daß ein eisiger -Schreck mir ins Hirn fuhr und sich mein Blut zurückstaute wie ein Strom, -in den Felsblöcke vom Himmel herniedergefallen sind -- plötzlich und -mitten in sein Bette. -- - -Eine Frau schwebte an mir vorbei. Ich sah ihr Antlitz nicht, sie wandte -es ab, und sie trug einen Mantel aus fließenden Tränen. -- - -Maskenzüge tanzten vorüber, lachten und kümmerten sich nicht um mich. - -Nur ein Pierrot sieht sich nachdenklich um nach mir und kehrt zurück. -Pflanzt sich vor mich hin und blickt in mein Gesicht hinein, als sei es -ein Spiegel. - -Er schneidet so seltsame Grimassen, hebt und bewegt seine Arme, bald -zögernd, bald blitzschnell, daß sich meiner ein gespenstiger Trieb -bemächtigt ihn nachzuahmen, mit den Augen zu zwinkern wie er, mit den -Achseln zu zucken und die Mundwinkel zu verziehen. - -Da stoßen ihn ungeduldig nachdrängende Gestalten zur Seite, die alle vor -meine Blicke wollen. - -Doch keines der Wesen hat Bestand. - -Gleitende Perlen sind sie, auf eine Seidenschnur gereiht, die einzelnen -Töne nur einer Melodie, die dem unsichtbaren Munde entströmen. - -Das war kein Buch mehr, das zu mir sprach. Das war eine Stimme. Eine -Stimme, die etwas von mir wollte, was ich nicht begriff; wie sehr ich -mich auch abmühte. Die mich quälte mit brennenden, unverständlichen -Fragen. - -Die Stimme aber, die diese sichtbaren Worte redete, war abgestorben und -ohne Widerhall. - -Jeder Laut, der in der Welt der Gegenwart erklingt, hat viele Echos, wie -jegliches Ding einen großen Schatten hat und viele kleine Schatten, doch -diese Stimme hatte keine Echos mehr, -- lange, lange schon sind sie wohl -verweht und verklungen. -- -- -- - -Und bis zu Ende hatte ich das Buch gelesen und hielt es noch in den -Händen, da war mir, als hätte ich suchend in meinem Gehirn geblättert -und nicht in einem Buche! -- -- - -Alles, was mir die Stimme gesagt, hatte ich, seit ich lebte, in mir -getragen, nur verdeckt war es gewesen und vergessen und hatte sich vor -meinem Denken versteckt gehalten bis auf den heutigen Tag. -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich blickte auf. - -Wo war der Mann, der mir das Buch gebracht hatte? - -Fortgegangen!? - -Wird er es holen, wenn es fertig ist? - -Oder sollte ich es ihm bringen? - -Aber ich konnte mich nicht erinnern, daß er gesagt hätte, wo er wohne. - -Ich wollte mir seine Erscheinung ins Gedächtnis zurückrufen, doch es -mißlang. - -Wie war er nur gekleidet gewesen? War er alt, war er jung? -- Und welche -Farben hatten sein Haar und sein Bart gehabt? - -Nichts, gar nichts mehr konnte ich mir vorstellen. -- Alle Bilder, die -ich mir von ihm schuf, zerrannen haltlos, noch ehe ich sie im Geiste -zusammenzusetzen vermocht. - -Ich schloß die Augen und preßte die Hand auf die Lider, um einen -winzigen Teil nur seines Bildnisses zu erhaschen. - -Nichts, nichts. - -Ich stellte mich hin, mitten ins Zimmer, und blickte auf die Tür, wie -ich es getan -- vorhin, als er gekommen war, und malte mir aus: jetzt -biegt er um die Ecke, jetzt schreitet er über den Ziegelsteinboden, -liest jetzt draußen mein Türschild »Athanasius Pernath« und jetzt tritt -er herein. - -Vergebens. - -Nicht die leiseste Spur einer Erinnerung, wie seine Gestalt ausgesehen, -wollte in mir erwachen. - -Ich sah das Buch auf dem Tische liegen und wünschte mir im Geiste die -Hand dazu, die es aus der Tasche gezogen und mir gereicht hatte. - -Nicht einmal, ob sie einen Handschuh getragen, ob sie entblößt gewesen, -ob jung oder runzlig, mit Ringen geschmückt oder nicht, konnte ich mich -entsinnen. - -Da kam mir ein seltsamer Einfall. - -Wie eine Eingebung war es, der man nicht widerstehen darf. - -Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus auf den -Gang und die Treppen hinab. Dann kam ich langsam wieder zurück in mein -Zimmer. - -Langsam, ganz langsam, so wie er, als er gekommen war. Und wie ich die -Tür öffnete, da sah ich, daß meine Kammer voll Dämmerung lag. War es -denn nicht heller Tag noch gewesen, als ich soeben hinausging? - -Wie lange mußte ich da gegrübelt haben, daß ich nicht bemerkte, wie spät -es ist! - -Und ich versuchte den Unbekannten nachzuahmen in Gang und Mienen und -konnte mich an sie doch gar nicht erinnern. -- - -Wie sollte es mir auch glücken, ihn nachzuahmen, wenn ich keinen -Anhaltspunkt mehr hatte, wie er ausgesehen haben mochte. - -Aber es kam anders. Ganz anders, als ich dachte. - -Meine Haut, meine Muskeln, mein Körper erinnerten sich plötzlich, ohne -es dem Gehirn zu verraten. Sie machten Bewegungen, die ich nicht -wünschte, und nicht beabsichtigte. - -Als ob meine Glieder nicht mehr mir gehörten! - -Mit einem Male war mein Gang tappend und fremdartig geworden, wie ich -ein paar Schritte im Zimmer machte. - -Das ist der Gang eines Menschen, der beständig im Begriffe ist, vornüber -zu fallen, sagte ich mir. - -Ja, ja, ja, so war sein Gang! - -Ganz deutlich wußte ich: so ist er. - -Ich trug ein fremdes, bartloses Gesicht mit hervorstehenden -Backenknochen und schaute aus schrägstehenden Augen. - -Ich fühlte es und konnte mich doch nicht sehen. - -Das ist nicht mein Gesicht, wollte ich entsetzt aufschreien, wollte es -betasten, doch meine Hand folgte meinem Willen nicht und senkte sich in -die Tasche und holte ein Buch hervor. - -Ganz so, wie er es vorhin getan hatte. -- - -Da plötzlich sitze ich wieder ohne Hut, ohne Mantel, am Tische und bin -ich. Ich, ich. - -Athanasius Pernath. - -Grausen und Entsetzen schüttelten mich, mein Herz raste zum Zerspringen, -und ich fühlte: gespenstische Finger, die soeben noch in meinem Gehirn -umhergetastet, haben von mir abgelassen. - -Noch spürte ich im Hinterkopf die kalten Spuren ihrer Berührung. -- - -Nun wußte ich, wie der Fremde war, und ich hätte ihn wieder in mir -fühlen können -- jeden Augenblick --, wenn ich nur gewollt hätte; aber -sein Bild mir vorstellen, daß ich es vor mir _sehen_ würde Auge in Auge --- das vermochte ich noch immer nicht und werde es auch nie können. - -Er ist wie ein Negativ, eine unsichtbare Hohlform, erkannte ich, deren -Linien ich nicht erfassen kann -- in die ich selber hineinschlüpfen muß, -wenn ich mir ihrer Gestalt und ihres Ausdrucks im eigenen Ich bewußt -werden will -- -- - -In der Schublade meines Tisches stand eine eiserne Kassette; -- in diese -wollte ich das Buch sperren und erst, bis der Zustand der geistigen -Krankheit von mir gewichen sein würde, wollte ich es wieder hervorholen -und an die Ausbesserung des zerbrochenen Initialen »I« gehen. - -Und ich nahm das Buch vom Tisch. - -Da war mir, als hätte ich es gar nicht angefaßt; ich griff die Kassette -an: dasselbe Gefühl. Als müßte das Tastempfinden eine lange, lange -Strecke voll tiefer Dunkelheit durchlaufen, ehe es in meinem Bewußtsein -mündete, als seien die Dinge durch eine jahresgroße Zeitschicht von mir -entfernt und gehörten einer Vergangenheit an, die längst an mir -vorübergezogen! - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Die Stimme, die nach mir suchend in der Finsternis kreist, um mich mit -dem fettigen Stein zu quälen, ist an mir vorbeigekommen und hat mich -nicht gesehen. Und ich weiß, daß sie aus dem Reiche des Schlafes stammt. -Aber was ich erlebt, das war wirkliches Leben, -- darum konnte sie mich -nicht sehen und sucht vergeblich nach mir, fühle ich. - - - - - Prag - - -Neben mir stand der Student Charousek, den Kragen seines dünnen, -fadenscheinigen Überziehers aufgeschlagen, und ich hörte, wie ihm vor -Kälte die Zähne aufeinanderschlugen. - -Er kann sich den Tod holen in diesem zugigen, eisigen Torbogen, sagte -ich mir, und ich forderte ihn auf, mit hinüber in meine Wohnung zu -kommen. - -Er aber lehnte ab. - -»Ich danke Ihnen, Meister Pernath,« murmelte er fröstelnd, »leider habe -ich nicht mehr so viel Zeit übrig; -- ich muß eilends in die Stadt. -- -Auch würden wir bis auf die Haut naß, wenn wir jetzt auf die Gasse -treten wollten -- schon nach wenigen Schritten! -- -- Der Platzregen -will nicht schwächer werden!« - -Die Wasserschauer fegten über die Dächer hin und liefen an den -Gesichtern der Häuser herunter wie ein Tränenstrom. - -Wenn ich den Kopf ein wenig vorbog, konnte ich da drüben im vierten -Stock mein Fenster sehen, das, vom Regen überrieselt, aussah, als seien -seine Scheiben aufgeweicht, -- undurchsichtig und höckerig geworden wie -Hausenblase. - -Ein gelber Schmutzbach floß die Gasse herab, und der Torbogen füllte -sich mit Vorübergehenden, die alle das Nachlassen des Unwetters abwarten -wollten. - -»Dort schwimmt ein Brautbukett,« sagte plötzlich Charousek und deutete -auf einen Strauß aus welken Myrten, der in dem Schmutzwasser -vorbeigetrieben kam. - -Darüber lachte jemand hinter uns laut auf. - -Als ich mich umdrehte, sah ich, daß es ein alter, vornehm gekleideter -Herr mit weißem Haar und einem aufgedunsenen, krötenartigen Gesicht -gewesen war. - -Charousek blickte ebenfalls einen Augenblick zurück und brummte etwas -vor sich hin. - -Unangenehmes ging von dem Alten aus; -- ich wandte meine Aufmerksamkeit -von ihm ab und musterte die mißfarbigen Häuser, die da vor meinen Augen -wie verdrossene alte Tiere im Regen nebeneinander hockten. - -Wie unheimlich und verkommen sie alle aussahen! - -Ohne Überlegung hingebaut standen sie da, wie Unkraut, das aus dem Boden -dringt. - -An eine niedrige, gelbe Steinmauer, den einzigen standhaltenden Überrest -eines früheren, langgestreckten Gebäudes hat man sie angelehnt -- vor -zwei, drei Jahrhunderten, wie es eben kam, ohne Rücksicht auf die -übrigen zu nehmen. Dort ein halbes, schiefwinkliges Haus mit -zurückspringender Stirn; -- ein andres daneben: vorstehend wie ein -Eckzahn. - -Unter dem trüben Himmel sahen sie aus, als lägen sie im Schlaf, und man -spürte nichts von dem tückischen, feindseligen Leben, das zuweilen von -ihnen ausstrahlt, wenn der Nebel der Herbstabende in den Gassen liegt -und ihr leises, kaum merkliches Mienenspiel verbergen hilft. - -In dem Menschenalter, das ich nun hier wohne, hat sich der Eindruck in -mir festgesetzt, den ich nicht loswerden kann, als ob es gewisse Stunden -des Nachts und im frühesten Morgengrauen für sie gäbe, wo sie erregt -eine lautlose, geheimnisvolle Beratung pflegen. Und manchmal fährt da -ein schwaches Beben durch ihre Mauern, das sich nicht erklären läßt, -Geräusche laufen über ihre Dächer und fallen in den Regenrinnen nieder, --- und wir nehmen sie mit stumpfen Sinnen achtlos hin, ohne nach ihrer -Ursache zu forschen. - -Oft träumte mir, ich hätte diese Häuser belauscht in ihrem spukhaften -Treiben und mit angstvollem Staunen erfahren, daß sie die heimlichen, -eigentlichen Herren der Gasse seien, sich ihres Lebens und Fühlens -entäußern und es wieder an sich ziehen können, -- es tagsüber den -Bewohnern, die hier hausen, borgen, um es in kommender Nacht mit -Wucherzinsen wieder zurückzufordern. - -Und lasse ich die seltsamen Menschen, die in ihnen wohnen wie Schemen, -wie Wesen -- nicht von Müttern geboren, -- die in ihrem Denken und Tun -wie aus Stücken wahllos zusammengefügt scheinen, im Geiste an mir -vorüberziehen, so bin ich mehr denn je geneigt zu glauben, daß solche -Träume in sich dunkle Wahrheiten bergen, die mir im Wachsein nur noch -wie Eindrücke von farbigen Märchen in der Seele fortglimmen. - -Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem -künstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Ghetto ein -kabbalakundiger Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem -gedankenlosen automatischen Dasein berief, indem er ihm ein magisches -Zahlenwort hinter die Zähne schob. - -Und wie jener Golem zu einem Lehmbild in derselben Sekunde erstarrte, in -der die geheime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward, so -müßten auch, dünkt mich, alle diese _Menschen_ entseelt in einem -Augenblick zusammenfallen, löschte man irgendeinen winzigen Begriff, ein -nebensächliches Streben, vielleicht eine zwecklose Gewohnheit bei dem -einen, bei einem andern gar nur ein dumpfes Warten auf etwas gänzlich -Unbestimmtes, Haltloses -- in ihrem Hirn aus. - -Was ist dabei für ein immerwährendes, schreckhaftes Lauern in diesen -Geschöpfen! - -Niemals sieht man sie arbeiten, diese Menschen, und dennoch sind sie -früh beim ersten Leuchten des Morgens wach und warten mit angehaltenem -Atem, -- wie auf ein Opfer, das doch nie kommt. - -Und hat es wirklich einmal den Anschein, als träte jemand in ihr -Bereich, irgend ein Wehrloser, an dem sie sich bereichern könnten, dann -fällt plötzlich eine lähmende Angst über sie her, scheucht sie in ihre -Winkel zurück und läßt sie von jeglichem Vorhaben zitternd abstehen. - -Niemand scheint schwach genug, daß ihnen noch so viel Mut bliebe, sich -seiner zu bemächtigen. - -»Entartete, zahnlose Raubtiere, von denen die Kraft und die Waffe -genommen ist,« sagte Charousek zögernd und sah mich an. -- - -Wie konnte er wissen, woran ich dachte? -- - -So stark facht man zuweilen seine Gedanken an, daß sie imstande sind, -auf das Gehirn des Nebenstehenden überzuspringen wie sprühende Funken, -fühlte ich. - -»-- -- -- wovon sie nur leben mögen?« fragte ich nach einer Weile. - -»Leben? Wovon? Mancher unter ihnen ist ein Millionär!« - -Ich blickte Charousek an. Was konnte er damit meinen! - -Der Student aber schwieg und sah nach den Wolken. - -Für einen Augenblick hatte das Stimmengemurmel in dem Torbogen gestockt -und man hörte bloß das Zischen des Regens. - -Was er nur damit sagen will: »Mancher unter ihnen ist ein Millionär!?« - -Wieder war es, als hätte Charousek meine Gedanken erraten. - -Er wies nach dem Trödlerladen neben uns, an dem das Wasser den Rost des -Eisengerümpels in fließenden, braunroten Pfützen vorbeispülte. - -»Aaron Wassertrum! Er zum Beispiel ist Millionär, -- fast ein Drittel -der Judenstadt ist sein Besitz. Wissen Sie es denn nicht, Herr -Pernath?!« - -Mir blieb förmlich der Atem im Mund stecken. »Aaron Wassertrum! Der -Trödler Aaron Wassertrum Millionär?!« - -»Oh, ich kenne ihn genau«, fuhr Charousek verbissen fort, und als hätte -er nur darauf gewartet, daß ich ihn frage. »Ich kannte auch seinen Sohn, -den Dr. Wassory. Haben Sie nie von ihm gehört? Von Dr. Wassory, dem -- -berühmten -- Augenarzt? -- Vor einem Jahr noch hat die ganze Stadt -begeistert von ihm gesprochen, -- von dem großen -- -- Gelehrten. -Niemand wußte damals, daß er seinen Namen abgelegt und früher Wassertrum -geheißen hat. -- Er spielte sich gerne auf den weltabgewandten Mann der -Wissenschaft, und wenn einmal auf Herkunft die Rede kam, warf er -bescheiden und tiefbewegt so mit halben Worten hin, daß sein Vater noch -aus dem Ghetto stamme, -- sich aus den niedrigsten Anfängen heraus unter -Kummer aller Art und unsäglichen Sorgen empor ans Licht habe arbeiten -müssen. - -Ja! Unter Kummer und Sorgen! - -Unter _wessen_ Kummer und unsäglichen Sorgen aber und mit welchen -Mitteln, das hat er nicht dazu gesagt! - -Ich aber weiß, was es mit dem Ghetto für eine Bewandtnis hat!« Charousek -faßte meinen Arm und schüttelte ihn heftig. - -»Meister Pernath, ich bin so arm, daß ich es selbst kaum mehr begreife; -ich muß halb nackt gehen wie ein Vagabund, sehen Sie her, und ich bin -doch Student der Medizin, -- bin doch ein gebildeter Mensch!« - -Er riß seinen Überzieher auf und ich sah zu meinem Entsetzen, daß er -weder Hemd noch Rock an hatte und den Mantel über der nackten Haut trug. - -»Und so arm war ich bereits, als ich diese Bestie, diesen allmächtigen, -angesehenen Dr. Wassory zu Fall brachte, -- und noch heute ahnt keiner, -daß ich, ich der eigentliche Urheber war. - -Man meint in der Stadt, ein gewisser Dr. Savioli sei es gewesen, der -seine Praktiken ans Tageslicht gezogen und ihn dann zum Selbstmord -getrieben hat. -- Dr. Savioli war nichts als mein Werkzeug! sage ich -Ihnen. Ich allein habe den Plan erdacht und das Material -zusammengetragen, habe die Beweise geliefert und leise und unmerklich -Stein um Stein in dem Gebäude Dr. Wassorys gelockert, bis der Zustand -erreicht war, wo kein Geld der Erde, keine List des Ghetto mehr vermocht -hätten, den Zusammenbruch, zu dem es nur noch eines unmerklichen -Anstoßes bedurfte, abzuwenden. - -Wissen Sie, so -- so wie man Schach spielt. - -Gerade so wie man Schach spielt. - -Und niemand weiß, daß ich es war! - -Den Trödler Aaron Wassertrum, den läßt wohl manchmal eine furchtbare -Ahnung nicht schlafen, daß einer, den er nicht kennt, der immer in -seiner Nähe ist und den er doch nicht fassen kann, -- ein anderer als -Dr. Savioli -- die Hand im Spiele gehabt haben müsse. - -Wiewohl Wassertrum einer von jenen ist, deren Augen durch Mauern zu -schauen vermögen, so faßt er es doch nicht, daß es Gehirne gibt, die -auszurechnen imstande sind, wie man mit langen, unsichtbaren, -vergifteten Nadeln durch solche Mauern stechen kann, an Quadern, an Gold -und Edelsteinen vorbei, um die verborgene Lebensader zu treffen.« - -Und Charousek schlug sich vor die Stirn und lachte wild. - -»Aaron Wassertrum wird es bald erfahren; genau an dem Tage, an dem er -Dr. Savioli an den Hals will! Genau an demselben Tage! - -Auch diese Schachpartie habe ich ausgerechnet bis zum letzten Zug. -- -Diesmal wird es ein Königsläufergambit sein. Da gibt es keinen einzigen -Zug bis zum bittern Ende, gegen den ich nicht eine verderbliche -Entgegnung wüßte. - -Wer sich mit mir in ein solches Königsläufergambit einläßt, der hängt in -der Luft, sage ich Ihnen, wie eine hilflose Marionette an feinen Fäden, --- an Fäden, die ich zupfe, -- hören Sie wohl, die ich zupfe, und mit -dessen freiem Willen ist's dahin.« - -Der Student redete wie im Fieber, und ich sah ihm entsetzt ins Gesicht. - -»Was haben Ihnen Wassertrum und sein Sohn denn getan, daß Sie so voll -Haß sind?« - -Charousek wehrte heftig ab: - -»Lassen wir das -- fragen Sie lieber, was Dr. Wassory den Hals gebrochen -hat! -- Oder wünschen Sie, daß wir ein andres Mal darüber sprechen? -- -Der Regen hat nachgelassen. Vielleicht wollen Sie nach Hause gehen?« - -Er senkte seine Stimme, wie jemand, der plötzlich ganz ruhig wird. Ich -schüttelte den Kopf. - -»Haben Sie jemals gehört, wie man heutzutage den grünen Star heilt? -- -Nicht? -- So muß ich Ihnen das deutlich machen, damit Sie alles genau -verstehen, Meister Pernath! - -Hören Sie zu: Der >grüne Star< also ist eine bösartige Erkrankung des -Augeninnern, die mit Erblinden endet, und es gibt nur ein Mittel, dem -Fortschreiten des Übels Einhalt zu tun, nämlich die sogenannte -Iridektomie, die darin besteht, daß man aus der Regenbogenhaut des Auges -ein keilförmiges Stückchen herauszwickt. - -Die unvermeidlichen Folgen davon sind wohl greuliche -Blendungserscheinungen, die fürs ganze Leben bleiben; der Prozeß des -Erblindens jedoch ist meistens aufgehalten. - -Mit der Diagnose des grünen Stars hat es aber eine eigene Bewandtnis. - -Es gibt nämlich Zeiten, besonders bei Beginn der Krankheit, wo die -deutlichsten Symptome scheinbar ganz zurücktreten, und in solchen Fällen -darf ein Arzt, obwohl er keine Spur einer Krankheit finden kann, dennoch -niemals mit Bestimmtheit sagen, daß sein Vorgänger, der andrer Meinung -gewesen, sich notwendigerweise geirrt haben müsse. - -Hat aber einmal die erwähnte Iridektomie, die sich natürlich genau so an -einem gesunden Auge wie an einem kranken ausführen läßt, stattgefunden, -so kann man unmöglich mehr feststellen, ob früher wirklich grüner Star -vorgelegen hat oder nicht. - -Und auf diese und noch andere Umstände hatte Dr. Wassory einen -scheußlichen Plan aufgebaut. - -Unzählige Male -- besonders an Frauen -- konstatierte er grünen Star, wo -harmlose Sehstörungen vorlagen, nur um zu einer Operation zu kommen, die -ihm keine Mühe machte und viel Geld eintrug. - -Da endlich hatte er vollkommen Wehrlose in der Hand; da gehörte zum -Ausplündern auch keine Spur von Mut mehr! - -Sehen Sie, Meister Pernath, da war das degenerierte Raubtier in jene -Lebensbedingungen versetzt, wo es auch ohne Waffe und Kraft sein Opfer -zerfleischen konnte. - -Ohne etwas aufs Spiel zu setzen! -- Begreifen Sie?! Ohne das geringste -wagen zu müssen! - -Durch eine Menge fauler Veröffentlichungen in Fachblättern hatte sich -Dr. Wassory in den Ruf eines hervorragenden Spezialisten zu setzen -verstanden und sogar seinen Kollegen, die viel zu arglos und anständig -waren, um ihn zu durchschauen, Sand in die Augen zu streuen gewußt. - -Ein Strom von Patienten, die alle bei ihm Hilfe suchten, war die -natürliche Folge. - -Kam nun jemand mit geringfügigen Sehstörungen zu ihm und ließ sich -untersuchen, so ging Dr. Wassory sofort mit tückischer Planmäßigkeit zu -Werke. - -Zuerst stellte er das übliche Krankenverhör an, notierte aber geschickt -immer nur, um für alle Fälle später gedeckt zu sein, jene Antworten, die -eine Deutung auf grünen Star zuließen. - -Und vorsichtig sondierte er, ob nicht schon eine frühere Diagnose -vorläge. - -Gesprächsweise ließ er einfließen, daß ein dringender Ruf aus dem -Auslande behufs wichtiger, wissenschaftlicher Maßnahmen an ihn ergangen -sei und er daher schon morgen verreisen müsse. -- - -Bei der Augenspiegelung mit elektrischen Lichtstrahlen, die er sodann -vornahm, bereitete er dem Kranken absichtlich so viel Schmerzen wie -möglich. - -Alles mit Vorbedacht! Alles mit Vorbedacht! - -Wenn das Verhör vorüber und die übliche bange Frage des Patienten, ob -Grund zur Befürchtung vorhanden sei, erfolgt war, da tat Wassory seinen -ersten Schachzug. - -Er setzte sich dem Kranken gegenüber, ließ eine Minute verstreichen und -sprach dann gemessen und mit sonorer Stimme den Satz: - -»Erblindung beider Augen ist bereits in der allernächsten Zeit wohl -unvermeidlich!« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Die Szene, die naturgemäß folgte, war entsetzlich. Oft fielen die Leute -in Ohnmacht, weinten und schrien und warfen sich in wilder Verzweiflung -zu Boden. - -Das Augenlicht verlieren, heißt alles verlieren. - -Und wenn der wiederum übliche Moment eintrat, wo das arme Opfer die Knie -Dr. Wassorys umklammerte und flehte, ob es denn auf Gottes Erde gar -keine Hilfe mehr gäbe, da tat die Bestie den zweiten Schachzug und -verwandelte sich selbst in jenen -- Gott, der helfen konnte! - -Alles, alles in der Welt, ist wie ein Schachspiel, Meister Pernath! -- - -Schleunigste Operation, sagte Dr. Wassory dann nachdenklich, sei das -einzige, was vielleicht Rettung bringen könne, und mit einer wilden, -gierigen Eitelkeit, die plötzlich über ihn kam, erging er sich mit einem -Redeschwall in weitschweifigem Ausmalen dieses und jenes Falles, die -alle mit dem vorliegenden eine ungemein große Ähnlichkeit gehabt hätten, --- wie unzählige Kranke ihm allein die Erhaltung des Augenlichts -verdankten, und dergleichen mehr. - -Er schwelgte förmlich in dem Gefühl, für eine Art höheren Wesens -gehalten zu werden, in dessen Hände das Wohl und Wehe seines Mitmenschen -gelegt ist. - -Das hilflose Opfer aber saß, das Herz voll brennender Fragen, gebrochen -vor ihm, Angstschweiß auf der Stirne, und wagte ihm nicht einmal in die -Rede zu fallen, aus Furcht: ihn -- den einzigen, der noch Hilfe bringen -konnte -- zu erzürnen. - -Und mit den Worten, daß er zur Operation leider erst in einigen Monaten -schreiten könne, wenn er von seiner Reise wieder zurück sei, schloß Dr. -Wassory seine Rede. - -Hoffentlich, -- man solle in solchen Fällen immer das Beste hoffen -- -sei es da nicht zu spät, sagte er. - -Natürlich sprangen dann die Kranken entsetzt auf, erklärten, daß sie -unter gar keinen Umständen auch nur einen Tag länger warten wollten, und -baten flehentlich um Rat, wer von den andern Augenärzten in der Stadt -sonst wohl als Operateur in Betracht käme. - -Da war der Augenblick gekommen, wo Dr. Wassory den entscheidenden Schlag -führte. - -Er ging in tiefem Nachdenken auf und ab, legte seine Stirn in Falten des -Grams und lispelte schließlich bekümmert, ein Eingriff seitens eines -_andern_ Arztes bedinge leider eine abermalige Bespiegelung des Auges -mit elektrischem Licht, und das müsse -- der Patient wisse ja selbst, -wie schmerzhaft es sei -- wegen der blendenden Strahlen geradezu -verhängnisvoll wirken. - -Ein andrer Arzt also, ganz abgesehen davon, daß so manchem von ihnen -gerade in der Iridektomie die nötige Übung fehle -- dürfe, eben weil er -wiederum von neuem untersuchen müsse, gar nicht vor Ablauf längerer -Zeit, bis sich die Sehnerven wieder erholt hätten, zu einem -chirurgischen Eingriff schreiten.« - -Charousek ballte die Fäuste. - -»Das nennen wir in der Schachsprache >Zugzwang<, lieber Meister Pernath! --- -- Was weiter folgte, war wiederum Zugzwang, -- ein erzwungener Zug -nach dem andern. - -Halb wahnsinnig vor Verzweiflung beschwor nun der Patient den Dr. -Wassory, er möge doch Erbarmen haben, einen Tag nur seine Abreise -verschieben und die Operation selber vornehmen. -- Es handle sich doch -um mehr noch als um schnellen Tod, die grauenhafte, folternde Angst, -jeden Augenblick erblinden zu müssen, sei ja das Schrecklichste, was es -geben könne. - -Und je mehr das Scheusal sich sträubte und jammerte: ein Aufschub seiner -Reise könne ihm unabsehbaren Schaden bringen, desto höhere Summen boten -freiwillig die Kranken. - -Schien schließlich die Summe Dr. Wassory hoch genug, gab er nach und -fügte bereits am selben Tage, ehe noch ein Zufall seinen Plan aufdecken -konnte, den Bedauernswerten an beiden gesunden Augen jenen unheilbaren -Schaden zu, jenes immerwährende Gefühl des Geblendetseins, das das Leben -zu stetiger Qual gestalten mußte, die Spuren des Schurkenstreiches aber -ein für allemal verwischte. - -Durch solche Operationen an gesunden Augen vermehrte Dr. Wassory nicht -nur seinen Ruhm und seinen Ruf als unvergleichlicher Arzt, dem es noch -jedesmal gelungen sei, die drohende Erblindung aufzuhalten, -- es -befriedigte gleichzeitig seine maßlose Geldgier und fröhnte seiner -Eitelkeit, wenn die ahnungslosen, an Körper und Vermögen geschädigten -Opfer zu ihm wie zu einem Helfer aufsahen und ihn als Retter priesen. - -Nur ein Mensch, der mit allen Fasern im Ghetto und seinen zahllosen, -unscheinbaren, jedoch unüberwindlichen Hilfsquellen wurzelte und von -Kindheit an gelernt hat auf der Lauer zu liegen wie eine Spinne, der -jeden Menschen in der Stadt kannte und bis ins kleinste seine -Beziehungen und Vermögensverhältnisse erriet und durchschaute, -- nur -ein solcher -- »Halbhellsehender« möchte man es beinahe nennen, -- -konnte jahrelang derartige Scheußlichkeiten verüben. - -Und wäre ich nicht gewesen, bis heute triebe er sein Handwerk noch, -würde es bis ins hohe Alter weiter betrieben haben, um schließlich als -ehrwürdiger Patriarch im Kreise seiner Lieben, angetan mit hohen Ehren, -künftigen Geschlechtern ein leuchtendes Vorbild, seinen Lebensabend zu -genießen, bis -- bis endlich auch über ihn das große Verrecken -hinweggezogen wäre. - -Ich aber wuchs ebenfalls im Ghetto auf, und auch mein Blut ist mit jener -Atmosphäre höllischer List gesättigt, und so vermochte ich ihn zu Fall -zu bringen, -- so wie die Unsichtbaren einen Menschen zu Fall bringen, --- wie aus heiterm Himmel heraus ein Blitz trifft. - -Dr. Savioli, ein junger deutscher Arzt, hat das Verdienst der -Entlarvung, -- ihn schob ich vor und häufte Beweis auf Beweis, bis der -Tag anbrach, wo der Staatsanwalt seine Hand nach Dr. Wassory -ausstreckte. - -Da beging die Bestie Selbstmord! -- Gesegnet sei die Stunde! - -Als hätte mein Doppelgänger neben ihm gestanden und ihm die Hand -geführt, nahm er sich das Leben mit jener Phiole Amylnitrit, die ich -absichtlich in seinem Ordinationszimmer bei der Gelegenheit hatte stehen -lassen, als ich selbst ihn einmal verleitet, auch an mir die falsche -Diagnose des grünen Stars zu stellen, -- absichtlich und mit dem -glühenden Wunsche, daß es dieses Amylnitrit sein möchte, das ihm den -letzten Stoß geben sollte. - -Der Gehirnschlag hätte ihn getroffen, hieß es in der Stadt. - -Amylnitrit tötet, eingeatmet, wie Gehirnschlag. Aber lange konnte das -Gerücht nicht aufrecht erhalten werden.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Charousek starrte plötzlich geistesabwesend, als habe er sich in ein -tiefes Problem verloren, vor sich hin, dann zuckte er mit der Achsel -nach der Richtung, wo Aaron Wassertrums Trödlerladen lag. - -»Jetzt ist er allein,« murmelte er, »ganz allein mit seiner Gier und -- -und -- und mit der Wachspuppe!« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Mir schlug das Herz bis zum Hals. - -Ich sah Charousek voll Entsetzen an. - -War er wahnsinnig? Es mußten Fieberphantasien sein, die ihn diese Dinge -erfinden ließen. - -Gewiß, gewiß! Er hat alles erfunden, geträumt! - -Es kann nicht wahr sein, was er da über den Augenarzt Grauenhaftes -erzählt hat. Er ist schwindsüchtig, und die Fieber des Todes kreisen in -seinem Hirn. - -Und ich wollte ihn mit ein paar scherzenden Worten beruhigen, seine -Gedanken in eine freundliche Richtung lenken. - -Da fuhr, noch ehe ich die Worte fand, wie ein Blitz in meine Erinnerung -das Gesicht Wassertrums mit der gespaltenen Oberlippe, wie es damals in -mein Zimmer mit runden Fischaugen durch die aufgerissene Tür -hereingeschaut hatte. - -Dr. Savioli! Dr. Savioli! -- ja, ja, so war auch der Name des jungen -Mannes gewesen, den mir der Marionettenspieler Zwakh flüsternd -anvertraut als den des vornehmen Zimmerherrn, der von ihm das Atelier -gemietet hatte. - -Dr. Savioli! -- Wie ein Schrei tauchte es in meinem Innern auf. Eine -Reihe nebelhafter Bilder zuckte durch meinen Geist, jagte sich mit -schreckhaften Vermutungen, die auf mich einstürmten. - -Ich wollte Charousek fragen, ihm voll Angst rasch alles erzählen, was -ich damals erlebt, da sah ich, daß ein heftiger Hustenanfall sich seiner -bemächtigt hatte und ihn fast umwarf. Ich konnte nur noch unterscheiden, -wie er sich mühsam mit den Händen an der Mauer stützend in den Regen -hinaustappte und mir einen flüchtigen Gruß zunickte. - -Ja, ja, er hat recht, er sprach nicht im Fieber, -- fühlte ich, -- das -unfaßbare Gespenst des Verbrechens ist es, das durch diese Gassen -schleicht Tag und Nacht und sich zu verkörpern sucht. - -Es liegt in der Luft, und wir sehen es nicht. Plötzlich schlägt es sich -nieder in einer Menschenseele, -- wir ahnen es nicht, -- da, dort, und -ehe wir es fassen können, ist es gestaltlos geworden und alles längst -vorüber. - -Und nur noch dunkle Worte über irgendein entsetzliches Geschehnis kommen -an uns heran. - -Mit einem Schlage begriff ich diese rätselhaften Geschöpfe, die rings um -mich wohnten, in ihrem innersten Wesen: sie treiben willenlos durchs -Dasein von einem unsichtbaren magnetischen Strom belebt -- -- so, wie -vorhin das Brautbukett in dem schmutzigen Rinnsal vorüberschwamm. - -Mir war, als starrten die Häuser alle mit tückischen Gesichtern voll -namenloser Bosheit auf mich herüber, -- die Tore: aufgerissene schwarze -Mäuler, aus denen die Zungen ausgefault waren, -- Rachen, die jeden -Augenblick einen gellenden Schrei ausstoßen konnten, so gellend und -haßerfüllt, daß es uns bis ins Innerste erschrecken müßte. - -Was hatte zum Schluß noch der Student über den Trödler gesagt? -- Ich -flüsterte mir seine Worte vor: -- Aaron Wassertrum sei jetzt allein mit -seiner Gier und -- -- seiner Wachspuppe. - -Was kann er nur mit der Wachspuppe gemeint haben? - -Es muß ein Gleichnis gewesen sein, beschwichtigte ich mich, -- eines -jener krankhaften Gleichnisse, mit denen er einen zu überfallen pflegt, -die man nicht versteht, und die einen, wenn sie später unerwartet -sichtbarlich werden, so tief erschrecken können wie Dinge von -ungewohnter Form, auf die plötzlich ein greller Lichtstreif fällt. - -Ich holte tief Atem, um mich zu beruhigen und den furchtbaren Eindruck, -den mir Charouseks Erzählung verursacht hatte, abzuschütteln. - -Ich sah die Leute genauer an, die mit mir in dem Hausflur warteten: -Neben mir stand jetzt der dicke Alte. Derselbe, der vorhin so widerlich -gelacht hatte. - -Er hatte einen schwarzen Gehrock an und Handschuhe und starrte mit -vorquellenden Augen unverwandt auf den Torbogen des Hauses gegenüber. - -Sein glattrasiertes Gesicht mit den breiten, gemeinen Zügen zuckte vor -Erregung. - -Unwillkürlich folgte ich seinen Blicken und bemerkte, daß sie wie -gebannt an der rothaarigen Rosina hingen, die drüben jenseits der Gasse -stand, ihr immerwährendes Lächeln um die Lippen. - -Der Alte war bemüht, ihr Zeichen zu geben, und ich sah, daß sie es wohl -wußte, aber sich benahm, als verstünde sie nicht. - -Endlich hielt es der Alte nicht länger aus, watete auf den Fußspitzen -hinüber und hüpfte mit lächerlicher Elastizität wie ein großer, -schwarzer Gummiball über die Pfützen. - -Man schien ihn zu kennen, denn ich hörte allerhand Glossen fallen, die -darauf hinzielten. Ein Strolch hinter mir, ein rotes, gestricktes Tuch -um den Hals, mit blauer Militärmütze, die Virginia hinter dem Ohr, -machte mit grinsendem Mund Anspielungen, die ich nicht verstand. - -Ich begriff nur, daß sie den Alten in der Judenstadt den »Freimaurer« -nannten und in ihrer Sprache mit diesem Spitznamen jemand bezeichnen -wollten, der sich an halbwüchsigen Mädchen zu vergehen pflegt, aber -durch intime Beziehungen zur Polizei vor jeder Strafe sicher ist. -- -- --- - -Dann waren das Gesicht Rosinas und der Alte drüben im Dunkel des -Hausflures verschwunden. - - - - - Punsch - - -Wir hatten das Fenster geöffnet, um den Tabakrauch aus meinem kleinen -Zimmer strömen zu lassen. - -Der kalte Nachtwind blies herein und wehte an die zottigen Mäntel, die -an der Türe hingen, daß sie leise hin und her schwankten. - -»Prokops würdige Haupteszierde möchte am liebsten davonfliegen«, sagte -Zwakh und deutete auf des Musikers großen Schlapphut, der die breite -Krempe bewegte wie schwarze Flügel. - -Josua Prokop zwinkerte lustig mit den Augenlidern. - -»Er will,« sagte er, »er will wahrscheinlich -- -- --« - -»Er will zum >Loisitschek< zur Tanzmusik«, nahm ihm Vrieslander das Wort -vorweg. - -Prokop lachte und schlug mit der Hand den Takt zu den Klängen, die die -dünne Winterluft her über die Dächer trug. - -Dann nahm er meine alte, zerbrochene Gitarre von der Wand, tat, als -zupfe er die zerbrochenen Saiten und sang mit kreischendem Falsett und -gespreizter Betonung in Rotwelsch ein wunderliches Lied: - - »An Bein-del von Ei-sen - recht alt - »An Stran-zen net gar - a so kalt - »Messinung, a' Räucherl - und Rohn - »und immerrr nurr putz-en -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Wie großartig er mit einem Mal die Gaunersprache beherrscht!« und -Vrieslander lachte laut auf und brummte mit: - - »Und stok-en sich Aufzug - und Pfiff - »Und schmallern an eisernes - G'süff. - »Juch, -- - »Und Handschuhkren, Harom net san -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Dieses kuriose Lied schnarrt jeden Abend beim >Loisitschek< der -meschuggene Nephtali Schaffranek mit dem grünen Augenschirm, und ein -geschminktes Weibsbild spielt Harmonika und gröhlt den Text dazu«, -erklärte mir Zwakh. »Sie sollten auch einmal mit uns in diese Schenke -gehen, Meister Pernath. Später vielleicht, wenn wir mit dem Punsch zu -Ende sind, -- was meinen Sie? Zur Feier Ihres heutigen Geburtstages?« - -»Ja, ja kommen Sie nachher mit uns,« sagte Prokop und klinkte das -Fenster zu, -- »man muß so etwas gesehen haben.« - -Dann tranken wir den heißen Punsch und hingen unseren Gedanken nach. - -Vrieslander schnitzte an einer Marionette. - -»Sie haben uns förmlich von der Außenwelt abgeschnitten, Josua,« -unterbrach Zwakh die Stille, »seit Sie das Fenster geschlossen haben, -hat niemand mehr ein Wort gesprochen.« - -»Ich dachte nur darüber nach, als vorhin die Mäntel so flogen, wie -seltsam es ist, wenn der Wind leblose Dinge bewegt,« antwortete Prokop -schnell, wie um sich wegen seines Schweigens zu entschuldigen: »Es sieht -gar so wunderlich aus, wenn Gegenstände plötzlich zu flattern anheben, -die sonst immer tot daliegen. Nicht? -- Ich sah einmal auf einem -menschenleeren Platz zu, wie große Papierfetzen, -- ohne daß ich vom -Winde etwas spürte, denn ich stand durch ein Haus gedeckt, -- in toller -Wut im Kreise herumjagten und einander verfolgten, als hätten sie sich -den Tod geschworen. Einen Augenblick später schienen sie sich beruhigt -zu haben, aber plötzlich kam wieder eine wahnwitzige Erbitterung über -sie und in sinnlosem Grimm rasten sie umher, drängten sich in einen -Winkel zusammen, um von neuem besessen auseinander zu stieben und -schließlich hinter einer Ecke zu verschwinden. - -Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie blieb auf dem -Pflaster liegen und klappte haßerfüllt auf und zu, als sei ihr der Atem -ausgegangen und als schnappe sie nach Luft. - -Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, wenn am Ende wir -Lebewesen auch so etwas Ähnliches wären wie solche Papierfetzen? -- Ob -nicht vielleicht ein unsichtbarer, unbegreiflicher »Wind« auch uns hin -und her treibt und unsre Handlungen bestimmt, während wir in unserer -Einfalt glauben unter eigenem, freiem Willen zu stehen? - -Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wäre als ein rätselhafter -Wirbelwind? Jener Wind, von dem die Bibel sagt: weißt du von wannen er -kommt und wohin er geht? -- -- -- Träumen wir nicht auch zuweilen, wir -griffen in tiefes Wasser und fingen silberne Fische, und nichts anderes -ist geschehen, als daß ein kalter Luftzug unsere Hände traf?« - -»Prokop, Sie sprechen in Worten wie Pernath, was ist's mit Ihnen?« sagte -Zwakh und sah den Musiker mißtrauisch an. - -»Die Geschichte vom Buch Ibbur, die vorhin erzählt wurde, -- schade, daß -Sie so spät kamen und sie nicht mit anhörten, -- hat ihn so nachdenklich -gestimmt«, meinte Vrieslander. - -»Eine Geschichte von einem Buche?« - -»Eigentlich von einem Menschen, der ein Buch brachte und seltsam aussah. --- Pernath weiß nicht, wie er heißt, wo er wohnt, was er wollte, und -trotzdem sein Aussehen sehr auffallend gewesen sein soll, lasse es sich -doch nicht recht schildern.« - -Zwakh horchte auf. - -»Das ist sehr merkwürdig,« sagte er nach einer Pause, »war der Fremde -vielleicht bartlos und hatte er schrägstehende Augen?« - -»Ich glaube,« antwortete ich, »das heißt, ich -- ich -- weiß es ganz -bestimmt. Kennen Sie ihn denn?« - -Der Marionettenspieler schüttelte den Kopf: »Er erinnert mich nur an den ->Golem<.« - -Der Maler Vrieslander ließ sein Schnitzmesser sinken: - -»Golem? -- Ich habe schon so viel davon reden hören. Wissen Sie etwas -über den Golem, Zwakh?« - -»Wer kann sagen, daß er über den Golem etwas _wisse_?«, antwortete Zwakh -und zuckte die Achseln. »Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich -eines Tages in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn plötzlich -wieder aufleben läßt. Und eine Zeitlang spricht dann jeder von ihm, und -die Gerüchte wachsen ins Ungeheuerliche. Werden so übertrieben und -aufgebauscht, daß sie schließlich an der eigenen Unglaubwürdigkeit -zugrunde gehen. Der Ursprung der Geschichte reicht wohl ins siebzehnte -Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen Vorschriften der -Kabbala soll ein Rabbiner da einen künstlichen Menschen -- den -sogenannten Golem -- verfertigt haben, damit er ihm als Diener helfe die -Glocken in der Synagoge läuten, und allerhand grobe Arbeit tue. - -Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein -dumpfes, halbbewußtes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es heißt, auch das -nur tagsüber und kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm -hinter den Zähnen stak und die freien siderischen Kräfte des Weltalls -herabzog. - -Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem -Munde des Golem zu nehmen versäumt, da wäre dieser in Tobsucht -verfallen, in der Dunkelheit durch die Gassen gerast und hätte -zerschlagen, was ihm in den Weg kam. - -Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe. - -Und da sei das Geschöpf leblos niedergestürzt. Nichts blieb von ihm -übrig, als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch drüben in der -Altneusynagoge gezeigt wird.« - -»Derselbe Rabbiner soll einmal auch zum Kaiser auf die Burg berufen -worden sein und die Schemen der Toten beschworen und sichtbar gemacht -haben,« warf Prokop ein, »moderne Forscher behaupten, er habe sich dazu -einer ^Laterna magica^ bedient.« - -»Jawohl, keine Erklärung ist abgeschmackt genug, daß sie bei den -Heutigen nicht Beifall fände,« fuhr Zwakh unbeirrt fort. -- »Eine -^Laterna magica^!! Als ob Kaiser Rudolf, der sein ganzes Leben solchen -Dingen nachging, einen so plumpen Schwindel nicht auf den ersten Blick -hätte durchschauen müssen! - -Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurückführen -läßt, daß aber irgend etwas, was nicht sterben kann, in diesem -Stadtviertel sein Wesen treibt und damit zusammenhängt, dessen bin ich -sicher. Von Geschlecht zu Geschlecht haben meine Vorfahren hier gewohnt, -und niemand kann wohl auf mehr erlebte und ererbte Erinnerungen an das -periodische Auftauchen des Golem zurückblicken, als gerade ich!« - -Zwakh hatte plötzlich aufgehört zu reden, und man fühlte mit ihm, wie -seine Gedanken in vergangene Zeiten zurückwanderten. - -Wie er, den Kopf aufgestützt, dort am Tische saß und beim Scheine der -Lampe seine roten, jugendlichen Bäckchen fremdartig von dem weißen Haar -abstachen, verglich ich unwillkürlich im Geiste seine Züge mit den -maskenhaften Gesichtern seiner Marionetten, die er mir so oft gezeigt. - -Seltsam, wie ähnlich ihnen der alte Mann doch sah! - -Derselbe Ausdruck und derselbe Gesichtsschnitt! - -Manche Dinge der Erde können nicht loskommen voneinander, fühlte ich, -und wie ich Zwakhs einfaches Schicksal an mir vorüberziehen ließ, da -schien es mir mit einem Mal gespenstisch und ungeheuerlich, daß ein -Mensch wie er, obschon er eine bessere Erziehung als seine Vorfahren -genossen hatte und Schauspieler hätte werden sollen, plötzlich wieder zu -dem schäbigen Marionettenkasten zurückkehren konnte, um nun abermals auf -die Jahrmärkte zu ziehen und dieselben Puppen, die schon seiner Vorväter -kümmerliches Erwerbsmittel gewesen, von neuem ihre ungelenken -Verbeugungen machen und schläfrigen Erlebnisse vorführen zu lassen. - -Er vermag es nicht, sich von ihnen zu trennen, begriff ich; sie leben -mit von seinem Leben, und als er fern von ihnen war, da haben sie sich -in Gedanken verwandelt, haben in seinem Hirn gewohnt und ihn rast- und -ruhelos gemacht, bis er wieder heimkehrte. Darum hält er sie jetzt so -liebevoll und kleidet sie stolz in Flitter. - -»Zwakh, wollen Sie uns nicht weitererzählen?« forderte Prokop den Alten -auf und sah fragend nach Vrieslander und mir hin, ob auch wir gleichen -Wunsches seien. - -»Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll,« meinte der Alte zögernd, »die -Geschichte mit dem Golem läßt sich schwer fassen. So wie Pernath vorhin -sagte: er wisse genau, wie jener Unbekannte ausgesehen habe, und doch -könne er ihn nicht schildern. Ungefähr alle dreiunddreißig Jahre -wiederholt sich ein Ereignis in unsern Gassen, das gar nichts besonders -Aufregendes an sich trägt und dennoch ein Entsetzen verbreitet, für das -weder eine Erklärung noch eine Rechtfertigung ausreicht: - -Immer wieder begibt es sich nämlich, daß ein vollkommen fremder Mensch, -bartlos, von gelber Gesichtsfarbe und mongolischem Typus aus der -Richtung der Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider -gehüllt, gleichmäßigen und eigentümlich stolpernden Ganges, so, als -wolle er jeden Augenblick vornüber fallen, durch die Judenstadt -schreitet und plötzlich -- unsichtbar wird. - -Gewöhnlich biegt er in eine Gasse und ist dann verschwunden. - -Ein andermal heißt es, er habe auf seinem Wege einen Kreis beschrieben -und sei zu dem Punkte zurückgekehrt, von dem er ausgegangen: einem -uralten Hause in der Nähe der Synagoge. - -Einige Aufgeregte wiederum behaupten, sie hätten ihn um eine Ecke auf -sich zukommen sehen. Wiewohl er ihnen aber ganz deutlich -entgegengeschritten, sei er dennoch, genau wie jemand, dessen Gestalt -sich in weiter Ferne verliert, immer kleiner und kleiner geworden und -- -schließlich ganz verschwunden. - -Vor sechsundsechzig Jahren nun muß der Eindruck, den er hervorgebracht, -besonders tief gegangen sein, denn ich erinnere mich -- ich war noch ein -ganz kleiner Junge --, daß man das Gebäude in der Altschulgasse damals -von oben bis unten durchsuchte. - -Es wurde auch festgestellt, daß wirklich in diesem Hause ein Zimmer mit -Gitterfenstern vorhanden ist, zu dem es keinen Zugang gibt. - -Aus allen Fenstern hatte man Wäsche gehängt, um von der Gasse aus einen -Augenschein zu gewinnen, und war auf diese Weise der Tatsache auf die -Spur gekommen. - -Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich ein Mann an einem -Strick vom Dache herabgelassen, um hineinzusehen. Kaum aber war er in -die Nähe des Fensters gelangt, da riß das Seil, und der Unglückliche -zerschmetterte sich auf dem Pflaster den Schädel. Und als später der -Versuch nochmals wiederholt werden sollte, gingen die Ansichten über die -Lage des Fensters derart auseinander, daß man davon abstand. - -Ich selber begegnete dem >Golem< das erste Mal in meinem Leben vor -ungefähr dreiunddreißig Jahren. - -Er kam in einem sogenannten Durchhause auf mich zu, und wir rannten fast -aneinander. - -Es ist mir heute noch unbegreiflich, was damals in mir vorgegangen sein -muß. Man trägt doch um Gotteswillen nicht immerwährend, tagaus, tagein -die Erwartung mit sich herum, man werde dem Golem begegnen. - -In jenem Augenblick aber, bestimmt -- ganz bestimmt, noch ehe ich seiner -ansichtig werden konnte, schrie etwas in mir gellend auf: der Golem! Und -im selben Moment stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor, -und jener Unbekannte ging an mir vorüber. Eine Sekunde später drang eine -Flut bleicher, aufgeregter Gesichter mir entgegen, die mich mit Fragen -bestürmten, ob ich ihn gesehen hätte. - -Und als ich antwortete, da fühlte ich, daß sich meine Zunge wie aus -einem Krampfe löste, von dem ich vorher nichts gespürt hatte. - -Ich war förmlich überrascht, daß ich mich bewegen konnte, und deutlich -kam mir zum Bewußtsein, daß ich mich, wenn auch nur den Bruchteil eines -Herzschlages lang -- in einer Art Starrkrampf befunden haben mußte. - -Über all das habe ich oft und lang nachgedacht, und mich dünkt, ich -komme der Wahrheit am nächsten, wenn ich sage: immer einmal in der Zeit -eines Menschenalters geht blitzschnell eine geistige Epidemie durch die -Judenstadt, befällt die Seelen der Lebenden zu irgendeinem Zweck, der -uns verhüllt bleibt, und läßt wie eine Luftspiegelung die Umrisse eines -charakteristischen Wesens erstehen, das vielleicht vor Jahrhunderten -hier gelebt hat und nach Form und Gestaltung dürstet. - -Vielleicht ist es mitten unter uns, Stunde für Stunde, und wir nehmen es -nicht wahr. Hören wir doch auch den Ton einer schwirrenden Stimmgabel -nicht, bevor sie das Holz berührt und es mitschwingen macht. - -Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk, ohne -innewohnendes Bewußtsein, -- ein Kunstwerk, das entsteht, wie ein -Kristall nach stets sich gleichbleibendem Gesetz aus dem Gestaltlosen -herauswächst. - -Wer weiß das? - -Wie in schwülen Tagen die elektrische Spannung sich bis zur -Unerträglichkeit steigert und endlich den Blitz gebiert, könnte es da -nicht sein, daß auch auf die stetige Anhäufung jener niemals wechselnden -Gedanken, die hier im Ghetto die Luft vergiften, eine plötzliche, -ruckweise Entladung folgen muß? -- eine seelische Explosion, die unser -Traumbewußtsein ans Tageslicht peitscht, um -- dort den Blitz der Natur --- hier ein Gespenst zu schaffen, das in Mienen, Gang und Gehaben, in -allem und jedem das Symbol der Massenseele unfehlbar offenbaren müßte, -wenn man die geheime Sprache der Formen nur richtig zu deuten verstünde? - -Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen des Blitzes ankünden, -so verraten auch hier gewisse grauenhafte Vorzeichen das drohende -Hereinbrechen jenes Phantoms ins Reich der Tat. Der abblätternde Bewurf -einer alten Mauer nimmt eine Gestalt an, die einem schreitenden Menschen -gleicht; und in Eisblumen am Fenster bilden sich die Züge starrer -Gesichter. Der Sand vom Dache scheint anders zu fallen als sonst und -drängt dem argwöhnischen Beobachter den Verdacht auf, eine unsichtbare -Intelligenz, die sich lichtscheu verborgen hält, werfe ihn herab und übe -sich in heimlichen Versuchen, allerlei seltsame Umrisse hervorzubringen. --- Ruht das Auge auf eintönigem Geflecht oder den Unebenheiten der Haut, -bemächtigt sich unser die unerfreuliche Gabe, überall mahnende, -bedeutsame Formen zu sehen, die in unsern Träumen ins Riesengroße -auswachsen. Und immer zieht sich durch solche schemenhafte Versuche der -angesammelten Gedankenherden, die Wälle der Alltäglichkeit zu -durchnagen, für uns wie ein roter Faden die qualvolle Gewißheit, daß -unser eigenstes Inneres mit Vorbedacht und gegen unsern Willen -ausgesogen wird, nur damit die Gestalt des Phantoms plastisch werden -könne. - -Wie ich nun vorhin Pernath bestätigen hörte, daß ihm ein Mensch begegnet -sei, bartlos, mit schiefgestellten Augen, da stand der >Golem< vor mir, -wie ich ihn damals gesehen. - -Wie aus dem Boden gewachsen stand er vor mir. - -Und eine gewisse dumpfe Furcht, es stehe wieder etwas Unerklärliches -nahe bevor, befiel mich einen Augenblick lang; dieselbe Angst, die ich -schon einmal in meinen Kinderjahren verspürt, als die ersten spukhaften -Äußerungen des Golem ihre Schatten vorauswarfen. - -Sechsundsechzig Jahre ist das wohl jetzt her und knüpft sich an einen -Abend, an dem der Bräutigam meiner Schwester zu Besuch gekommen war, und -in der Familie der Tag der Hochzeit festgesetzt werden sollte. - -Es wurde damals Blei gegossen -- zum Scherz -- und ich stand mit offenem -Munde dabei und begriff nicht, was das zu bedeuten habe, -- in meiner -wirren, kindlichen Vorstellung brachte ich es in Zusammenhang mit dem -Golem, von dem ich meinen Großvater oft hatte erzählen hören, und -bildete mir ein, jeden Augenblick müsse die Tür aufgehen und der -Unbekannte eintreten. - -Meine Schwester leerte dann den Löffel mit dem flüssigen Metall in das -Wasserschaff und lachte mich, der ich aufgeregt zusah, lustig an. - -Mit welken, zitternden Händen holte mein Großvater den blitzenden -Bleiklumpen heraus und hielt ihn ans Licht. Gleich darauf entstand eine -allgemeine Erregung. Man redete laut durcheinander; ich wollte mich -hinzudrängen, aber man wehrte mich ab. - -Später, als ich älter geworden, erzählte mir mein Vater, es wäre damals -das geschmolzene Metall zu einem kleinen, ganz deutlichen Kopf erstarrt -gewesen, -- glatt und rund, wie nach einer Form gegossen, und von solch -unheimlicher Ähnlichkeit mit den Zügen des >Golem<, daß sich alle -entsetzt hätten. - -Oft sprach ich mit dem Archivar Schemajah Hillel, der die Requisiten der -Altneusynagoge in Verwahrung hat und auch die gewisse Lehmfigur aus -Kaiser Rudolfs Zeiten, darüber. Er hat sich mit Kabbala befaßt und -meint, jener Erdklumpen mit den menschlichen Gliedmaßen sei vielleicht -nichts anderes als ein ehemaliges Vorzeichen, ganz so wie in meinem Fall -der bleierne Kopf. Und der Unbekannte, der da umgehe, müsse das -Phantasie- oder Gedankenbild sein, das jener mittelalterliche Rabbiner -zuerst _lebendig gedacht_ habe, ehe er es mit Materie bekleiden konnte, -und das nun in regelmäßigen Zeitabschnitten, bei den gleichen -astrologischen Sternstellungen, unter denen es erschaffen worden -- -wiederkehre, vom Triebe nach stofflichem Leben gequält. - -Auch Hillels verstorbene Frau hat den >Golem< von Angesicht zu Angesicht -erblickt und ebenso wie ich gefühlt, daß man sich im Starrkrampf -befindet, solange das rätselhafte Wesen in der Nähe weilt. - -Sie sagte, sie sei felsenfest überzeugt gewesen, daß es damals nur ihre -eigene Seele habe sein können, die -- aus dem Körper getreten -- ihr -einen Augenblick gegenübergestanden und mit den Zügen eines fremden -Geschöpfes ins Gesicht gestarrt hätte. - -Trotz eines furchtbaren Grauens, das sich ihrer damals bemächtigt, habe -sie doch keine Sekunde die Gewißheit verlassen, daß jener andere nur ein -Stück ihres eignen Innern sein konnte.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Es ist unglaublich«, murmelte Prokop in Gedanken verloren. - -Auch der Maler Vrieslander schien ganz in Grübeln versunken. - -Da klopfte es an die Türe und das alte Weib, das mir des Abends Wasser -bringt und was ich sonst noch nötig habe, trat ein, stellte den tönernen -Krug auf den Boden und ging stillschweigend wieder hinaus. - -Wir alle hatten aufgeblickt und sahen wie erwacht im Zimmer umher, aber -noch lange Zeit sprach niemand ein Wort. - -Als sei ein neuer Einfluß mit der Alten zur Tür hereingeschlüpft, an den -man sich erst gewöhnen mußte. - -»Ja! Die rothaarige Rosina, das ist auch so ein Gesicht, das man nicht -loswerden kann und aus den Winkeln und Ecken immer wieder auftauchen -sieht«, sagte plötzlich Zwakh ganz unvermittelt. »Dieses erstarrte, -grinsende Lächeln kenne ich nun schon ein ganzes Menschenleben. Erst die -Großmutter, dann die Mutter! -- Und stets das gleiche Gesicht, kein Zug -anders! Derselbe Name Rosina; -- es ist immer eine die Auferstehung der -andern.« - -»Ist Rosina nicht die Tochter des Trödlers Aaron Wassertrum?« fragte -ich. - -»Man spricht so«, meinte Zwakh, -- -- »Aaron Wassertrum aber hat manchen -Sohn und manche Tochter, von denen man nicht weiß. Auch bei Rosinas -Mutter wußte man nicht, wer ihr Vater gewesen, -- auch nicht, was aus -ihr geworden ist. -- Mit fünfzehn Jahren hatte sie ein Kind geboren und -war seitdem nicht mehr aufgetaucht. Ihr Verschwinden hing mit einem Mord -zusammen, soweit ich mich entsinnen kann, der ihretwegen in diesem Hause -begangen wurde. - -Wie jetzt ihre Tochter, spukte damals _sie_ den halbwüchsigen Jungen im -Kopfe. Einer von ihnen lebt noch, -- ich sehe ihn öfter, -- doch sein -Name ist mir entfallen. Die andern sind bald gestorben, und ich meine, -sie hat sie alle frühzeitig unter die Erde gebracht. Ich erinnere mich -aus jener Zeit überhaupt nur noch an kurze Episoden, die wie verblichene -Bilder durch mein Gedächtnis treiben. So hat es damals einen halb -blödsinnigen Menschen gegeben, der nachts von Schenke zu Schenke zog und -den Gästen gegen ein paar Kreuzer Silhouetten aus schwarzem Papier -schnitt. Und wenn man ihn betrunken machte, geriet er in eine unsägliche -Traurigkeit, und unter Tränen und Schluchzen schnitzelte er, ohne -aufzuhören, immer das gleiche scharfe Mädchenprofil, bis sein ganzer -Papiervorrat verbraucht war. - -Aus Zusammenhängen zu schließen, die ich längst vergessen, hatte er -- -fast als Kind noch -- eine gewisse Rosina, wohl die Großmutter der -heutigen, so heftig geliebt, daß er den Verstand darüber verlor. - -Wenn ich die Jahre zurückzähle, kann es keine andere als die Großmutter -der jetzigen Rosina gewesen sein.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Zwakh schwieg und lehnte sich zurück. -- -- -- - -Das Schicksal in diesem Haus irrt im Kreise umher und kehrt immer wieder -zum selben Punkt zurück, fuhr es mir durch den Sinn, und ein häßliches -Bild, das ich einmal mit angesehen -- eine Katze mit verletzter -Gehirnhälfte im Kreise herumtaumelnd -- trat vor mein Auge. -- -- -- - -»Jetzt kommt der Kopf«, hörte ich plötzlich den Maler Vrieslander mit -heller Stimme sagen. - -Und er nahm einen runden Holzklotz aus der Tasche und begann an ihm zu -schnitzen. - -Eine schwere Müdigkeit legte sich mir über die Augen, und ich rückte -meinen Lehnstuhl aus dem Lichtschein in den Hintergrund. - -Das Wasser für den Punsch brodelte im Kessel und Josua Prokop füllte -wiederum die Gläser. Leise, ganz leise klangen die Klänge der Tanzmusik -durch das geschlossene Fenster; -- manchmal verstummten sie vollends, -dann wiederum wachten sie ein wenig auf, wie sie der Wind unterwegs -verlor oder zu uns von der Gasse emportrug. - -Ob ich denn nicht mit anstoßen wolle, fragte mich nach einer Weile der -Musiker. - -Ich aber gab keine Antwort, -- so vollkommen war mir der Wille, mich zu -bewegen, abhanden gekommen, daß ich gar nicht auf den Gedanken, den Mund -zu öffnen, verfiel. - -Ich dachte ich schliefe, so steinern war die innere Ruhe, die sich -meiner bemächtigt hatte. Und ich mußte hinüber auf Vrieslanders -funkelndes Messer blinzeln, das ruhelos aus dem Holz kleine Späne biß, --- um die Gewißheit zu erlangen, daß ich wach sei. - -In weiter Ferne brummte Zwakhs Stimme und erzählte wieder allerlei -wunderliche Geschichten über Marionetten und krause Märchen, die er für -seine Puppenspiele erdacht. - -Auch von Dr. Savioli war die Rede und von der vornehmen Dame, der Gattin -eines Adligen, die in das versteckte Atelier heimlich zu Savioli zu -Besuch komme. - -Und wiederum sah ich im Geiste Aaron Wassertrums höhnische, -triumphierende Miene. -- - -Ob ich Zwakh nicht mitteilen sollte, was sich damals ereignet hatte, -überlegte ich, -- dann hielt ich es nicht der Mühe für wert und für -belanglos. Auch wußte ich, daß mein Wille versagen würde, wollte ich -jetzt den Versuch machen zu sprechen. - -Plötzlich sahen die drei am Tische aufmerksam zu mir herüber und Prokop -sagte ganz laut: »Er ist eingeschlafen«, -- so laut, daß es fast klang, -als ob es eine Frage sein sollte. - -Sie redeten mit gedämpfter Stimme weiter, und ich erkannte, daß sie von -mir sprachen. - -Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und fing das Licht auf, -das von der Lampe niederfloß, und der spiegelnde Schein brannte mir in -den Augen. - -Es fiel ein Wort wie: »irr sein«, und ich horchte auf die Rede, die in -der Runde ging. - -»Gebiete, wie das vom >Golem< sollte man vor Pernath nie berühren,« -sagte Josua Prokop vorwurfsvoll, »als er vorhin von dem Buche Ibbur -erzählte, schwiegen wir still und fragten nicht weiter. Ich möchte -wetten, er hat alles nur geträumt.« - -Zwakh nickte: »Sie haben ganz recht. Es ist, wie wenn man mit offenem -Lichte eine verstaubte Kammer betreten wollte, in der morsche Tücher -Decke und Wände bespannen und der dürre Zunder der Vergangenheit fußhoch -den Boden bedeckt; ein flüchtiges Berühren nur und schon schlägt das -Feuer aus allen Ecken.« - -»War Pernath lange im Irrenhaus? Schade um ihn, er kann doch erst -vierzig sein«, sagte Vrieslander. - -»Ich weiß es nicht, ich habe auch keine Vorstellung, woher er stammen -mag und was früher sein Beruf gewesen ist. Aussehen tut er ja wie ein -altfranzösischer Edelmann mit seiner schlanken Gestalt und dem -Spitzbart. Vor vielen, vielen Jahren hat mich ein befreundeter alter -Arzt gebeten, ich möchte mich seiner ein wenig annehmen und ihm eine -kleine Wohnung hier in diesen Gassen, wo sich niemand um ihn kümmern und -mit Fragen nach früheren Zeiten beunruhigen würde, aussuchen.« -- Wieder -sah Zwakh bewegt zu mir herüber. -- »Seit jener Zeit lebt er hier, -bessert Antiquitäten aus und schneidet Gemmen und hat sich damit einen -kleinen Wohlstand gegründet. Es ist ein Glück für ihn, daß er alles, was -mit seinem Wahnsinn zusammenhängt, vergessen zu haben scheint. Fragen -Sie ihn beileibe nur niemals nach Dingen, die die Vergangenheit in -seiner Erinnerung wachrufen könnten, -- wie oft hat mir das der alte -Arzt ans Herz gelegt! Wissen Sie, Zwakh, sagte er immer, wir haben so -eine gewisse Methode; wir haben seine Krankheit mit vieler Mühe -eingemauert, möchte ich's nennen, -- so wie man eine Unglücksstätte -einfriedet, weil sich an sie eine traurige Erinnerung knüpft.« -- -- -- - -Die Rede des Marionettenspielers war auf mich zugekommen wie ein -Schlächter auf ein wehrloses Tier und preßte mir mit rohen, grausamen -Händen das Herz zusammen. - -Von jeher hatte eine dumpfe Qual an mir genagt, -- ein Ahnen, als wäre -mir etwas genommen worden und als hätte ich in meinem Leben eine lange -Strecke Wegs an einem Abgrunde hin durchschritten wie ein Schlafwandler. -Und nie war es mir gelungen, die Ursache zu ergründen. - -Jetzt lag des Rätsels Lösung offen vor mir und brannte mich unerträglich -wie eine bloßgelegte Wunde. - -Mein krankhafter Widerwillen, der Erinnerung an verflossene Ereignisse -nachzuhängen, -- dann der seltsame, von Zeit zu Zeit immer -wiederkehrende Traum, ich sei in ein Haus mit einer Flucht mir -unzugänglicher Gemächer gesperrt, -- das beängstigende Versagen meines -Gedächtnisses in Dingen, die meine Jugendzeit betrafen, -- alles das -fand mit einem Male seine furchtbare Erklärung: Ich war wahnsinnig -gewesen und man hatte Hypnose angewandt, hatte das -- »Zimmer« -verschlossen, das die Verbindung zu jenen Gemächern meines Gehirns -bildete, und mich zum Heimatlosen inmitten des mich umgebenden Lebens -gemacht. - -Und keine Aussicht, die verlorene Erinnerung je wiederzugewinnen! - -Die Triebfedern meines Denkens und Handelns liegen in einem andern, -vergessenen Dasein verborgen, begriff ich, -- nie würde ich sie erkennen -können: eine verschnittne Pflanze bin ich, ein Reis, das aus einer -fremden Wurzel sproßt. Gelänge es mir auch, den Eingang in jenes -verschlossene »Zimmer« zu erzwingen, müßte ich nicht abermals den -Gespenstern, die man darein gebannt, in die Hände fallen?! - -Die Geschichte von dem >Golem<, die Zwakh vor einer Stunde erzählte, zog -mir durch den Sinn, und plötzlich erkannte ich einen riesengroßen, -geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem sagenhaften Gemach ohne -Zugang, in dem jener Unbekannte wohnen sollte, und meinem -bedeutungsvollen Traum. - -Ja! auch in meinem Falle »würde der Strick reißen«, wollte ich -versuchen, in das vergitterte Fenster meines Innern zu blicken. - -Der seltsame Zusammenhang wurde mir immer deutlicher und nahm etwas -unbeschreiblich Erschreckendes für mich an. - -Ich fühlte: es sind da Dinge -- unfaßbare -- zusammengeschmiedet und -laufen wie blinde Pferde, die nicht wissen, wohin der Weg führt, -nebeneinander her. - -Auch im Ghetto: ein Zimmer, ein Raum, dessen Eingang niemand finden -kann, -- ein schattenhaftes Wesen, das darin wohnt und nur zuweilen -durch die Gassen tappt, um Grauen und Entsetzen unter die Menschen zu -tragen! -- -- -- - -Immer noch schnitzte Vrieslander an dem Kopfe, und das Holz knirschte -unter der Klinge des Messers. - -Es tat mir fast weh, wie ich es hörte, und ich sah hin, ob es denn nicht -bald zu Ende sei. - -Wie der Kopf sich in des Malers Hand hin und her wandte, war es, als -habe er Bewußtsein und spähe von Winkel zu Winkel. Dann ruhten seine -Augen lange auf mir, befriedigt, daß sie mich endlich gefunden. - -Auch ich vermochte meine Blicke nicht mehr abzuwenden und starrte -unverwandt auf das hölzerne Antlitz. - -Eine Weile schien das Messer des Malers zögernd etwas zu suchen, dann -ritzte es entschlossen eine Linie ein, und plötzlich gewannen die Züge -des Holzkopfes schreckhaftes Leben. - -Ich erkannte das gelbe Gesicht des Fremden, der mir damals das Buch -gebracht. - -Dann konnte ich nichts mehr unterscheiden, der Anblick hatte nur eine -Sekunde gedauert, und ich spürte, daß mein Herz zu schlagen aufhörte und -ängstlich flatterte. - -Dennoch blieb ich mir -- wie damals -- des Gesichtes bewußt. - -_Ich war es selber geworden und lag auf Vrieslanders Schoß und spähte -umher._ - -Meine Augen wanderten im Zimmer umher, und eine fremde Hand bewegte -meinen Schädel. - -Dann sah ich mit einem Male Zwakhs aufgeregte Mienen und hörte seine -Worte: um Gottes Willen, das ist ja der Golem! - -Und ein kurzes Ringen entstand, und man wollte Vrieslander mit Gewalt -das Schnitzwerk entreißen, doch der wehrte sich und rief lachend: - -»Was wollt ihr, es ist doch ganz und gar mißlungen.« Und er wand sich -los, öffnete das Fenster und warf den Kopf auf die Gasse hinunter. - -Da schwand mein Bewußtsein und ich tauchte in eine tiefe Finsternis, die -von schimmernden Goldfäden durchzogen war, und als ich, wie es mir -schien, nach einer langen, langen Zeit erwachte, da erst hörte ich das -Holz klappernd auf das Pflaster fallen. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Sie haben so fest geschlafen, daß Sie nicht merkten, wie wir Sie -schüttelten,« -- sagte Josua Prokop zu mir, »der Punsch ist aus, und Sie -haben alles versäumt.« - -Der heiße Schmerz, über das, was ich vorhin mitangehört, übermannte mich -wieder, und ich wollte aufschreien, daß ich nicht geträumt habe, als ich -ihnen von dem Buche Ibbur erzählte -- und es aus der Kassette nehmen und -ihnen zeigen könne. - -Aber diese Gedanken kamen nicht zu Wort und konnten die Stimmung -allgemeinen Aufbruches, die meine Gäste ergriffen hatte, nicht -durchdringen. - -Zwakh hängte mir mit Gewalt den Mantel um und rief: - -»Kommen Sie nur mit zum Loisitschek, Meister Pernath, es wird Ihre -Lebensgeister erfrischen.« - - - - - Nacht - - -Willenlos hatte ich mich von Zwakh die Treppe hinunterführen lassen. - -Ich spürte den Geruch des Nebels, der von der Straße ins Haus drang, -deutlicher und deutlicher werden. Josua Prokop und Vrieslander waren -einige Schritte vorausgegangen, und man hörte, wie sie draußen vor dem -Torweg mitsammen sprachen. - -»Er muß rein in das Kanalgitter gefallen sein. Es ist doch zum -Teufelholen.« - -Wir traten hinaus auf die Gasse, und ich sah, wie Prokop sich bückte und -die Marionette suchte. - -»Freut mich, daß du den dummen Kopf nicht finden kannst«, brummte -Vrieslander. Er hatte sich an die Mauer gestellt und sein Gesicht -leuchtete grell auf und erlosch wieder in kurzen Intervallen -- wie er -das Feuer eines Streichholzes zischend in seine kurze Pfeife sog. - -Prokop machte eine heftig abwehrende Bewegung mit dem Arm und beugte -sich noch tiefer herab. Er kniete beinahe auf dem Pflaster: - -»Still doch! Hört ihr denn nichts?« - -Wir traten an ihn heran. Er deutete stumm auf das Kanalgitter und legte -horchend die Hand ans Ohr. Eine Weile standen wir unbeweglich und -lauschten in den Schacht hinab. - -Nichts. - -»Was war's denn?« flüsterte endlich der alte Marionettenspieler; doch -sofort packte ihn Prokop heftig beim Handgelenk. - -Einen Augenblick -- kaum einen Herzschlag lang -- hatte es mir -geschienen, als klopfte da unten eine Hand gegen eine Eisenplatte -- -fast unhörbar. Wie ich eine Sekunde später darüber nachdachte, war alles -vorbei; nur in meiner Brust hallte es wie ein Erinnerungsecho weiter und -löste sich langsam in ein unbestimmtes Gefühl des Grauens auf. - -Schritte, die die Gasse heraufkamen, verscheuchten den Eindruck. - -»Gehen wir; was stehen wir da herum!« mahnte Vrieslander. - -Wir schritten die Häuserreihe entlang. - -Prokop folgte nur widerwillig. - -»Meinen Hals möcht' ich wetten, da unten hat jemand geschrien in -Todesangst.« - -Niemand von uns antwortete ihm, aber ich fühlte, daß etwas wie leise -dämmernde Angst uns die Zunge in Fesseln hielt. - -Bald darauf standen wir vor einem rotverhängten Schenkenfenster. - - »SALON LOISITSCHEK«. - »Heinte großes Konzehr« - -stand auf einem Pappendeckel geschrieben, dessen Rand mit verblichenen -Photographien von Frauenzimmern bedeckt war. - -Ehe noch Zwakh die Hand auf die Klinke legen konnte, öffnete sich die -Eingangstür nach innen und ein vierschrötiger Kerl mit gewichstem, -schwarzem Haar, ohne Kragen -- eine grünseidene Kravatte um den bloßen -Hals geschlungen und die Frackweste mit einem Klumpen aus Schweinszähnen -geschmückt -- empfing uns mit Bücklingen. - -»Jä, jä, das sin mir Gästäh. -- -- -- Pane Schaffranek, rasch einen -Tusch!« setzte er, über die Schulter in das von Menschen überfüllte -Lokal gewendet, hastig seinem Willkommengruß hinzu. - -Ein klimperndes Geräusch, wie wenn eine Ratte über Klaviersaiten liefe, -war die Antwort. - -»Jä, jä, das sin mir Gästäh, das sin mir Gästäh. Da schaut man«, -murmelte der Vierschrötige immerwährend vor sich hin, während er uns aus -den Mänteln half. - -»Ja, ja, heinte ist der ganze verehrliche Hochadel des Landes bei mir -versammelt«, beantwortete er triumphierend Vrieslanders erstaunte Miene, -als im Hintergrund auf einer Art Estrade, die durch Geländer und eine -zweistufige Treppe vom vorderen Teil der Schenke getrennt war, ein paar -vornehme junge Herren in Abendtoilette sichtbar wurden. - -Schwaden beißenden Tabakrauches lagerten über den Tischen, hinter denen -die langen Holzbänke an den Wänden vollbesetzt von zerlumpten Gestalten -waren: Dirnen von den Schanzen, ungekämmt, schmutzig, barfuß, die festen -Brüste kaum verhüllt von mißfarbigen Umhängetüchern, Zuhälter daneben -mit blauen Militärmützen und Zigaretten hinter dem Ohr, Viehhändler mit -haarigen Fäusten und schwerfälligen Fingern, die bei jeder Bewegung eine -stumme Sprache der Niedertracht redeten, vazierende Kellner mit frechen -Augen und blatternarbige Kommis mit karrierten Hosen. - -»Ich stell' ich Ihnen spanische Plente umadum, damit Sie schön ungestört -sein«, krächzte die feiste Stimme des Vierschrötigen, und eine Rollwand, -beklebt mit kleinen tanzenden Chinesen, schob sich langsam vor den -Ecktisch, an den wir uns gesetzt hatten. - -Schnarrende Klänge einer Harfe machten das Stimmengewirr im Zimmer -verlöschen. - -Eine Sekunde eine rhythmische Pause. - -Totenstille, als hielte alles den Atem an. - -Mit erschreckender Deutlichkeit hörte man plötzlich wie die eisernen -Gasstäbe fauchend die flachen herzförmigen Flammen aus ihren Mündern in -die Luft bliesen -- -- dann fiel die Musik über das Geräusch her und -verschlang es. - -Als wären sie soeben erst entstanden, tauchten da zwei seltsame -Gestalten aus dem Tabakqualm vor meinem Blick empor. - -Mit langem, wallendem, weißem Prophetenbart, ein schwarzseidenes -Käppchen -- wie es die alten jüdischen Familienväter tragen -- auf dem -Kahlkopf, die blinden Augen milchbläulich und gläsern -- starr zur Decke -gerichtet -- saß dort ein Greis, bewegte lautlos die Lippen und fuhr mit -dürren Fingern wie mit Geierkrallen in die Saiten einer Harfe. Neben ihm -in speckglänzendem, schwarzem Taffetkleid, Jettschmuck und Jettkreuz an -Hals und Armen -- ein Sinnbild erheuchelter Bürgermoral -- ein -schwammiges Weibsbild, die Ziehharmonika auf dem Schoß. - -Ein wildes Gestolper von Klängen drängte sich aus den Instrumenten, dann -sank die Melodie ermattet zur bloßen Begleitung herab. - -Der Greis hatte ein paarmal in die Luft gebissen und riß den Mund weit -auf, daß man die schwarzen Zahnstumpen sehen konnte. Langsam aus der -Brust herauf rang sich ihm, von seltsamen hebräischen Röchellauten -begleitet, ein wilder Baß: - -»Roo -- n -- te, blau -- we Stern -- --« - -»Rititit« (schrillte das Weibsbild dazwischen und schnappte sofort die -keifigen Lippen zusammen, als habe sie schon zuviel gesagt) - - »Roonte blaue Steern - Hörndlach ess i' ach geern«; - »Rititit« - »Rothboart, Grienboart - allerlaj Stern« -- -- - »Rititit, rititit.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Die Paare traten zum Tanze an. - -»Es ist das Lied vom >chomezigen Borchu<«, erklärte uns lächelnd der -Marionettenspieler und schlug leise mit dem Zinnlöffel, der -sonderbarerweise mit einer Kette am Tisch befestigt war, den Takt. »Vor -wohl hundert Jahren oder mehr noch hatten zwei Bäckergesellen, Rotbart -und Grünbart, am Abend des >Schabbes Hagodel< das Brot -- Sterne und -Hörnchen -- vergiftet, um ein ausgiebiges Sterben in der Judenstadt -hervorzurufen; aber der >Meschores< -- der Gemeindediener -- war infolge -göttlicher Erleuchtung noch rechtzeitig daraufgekommen und konnte die -beiden Verbrecher der Stadtpolizei überliefern. Zur Erinnerung an die -wundersame Errettung aus Todesgefahr dichteten damals die >Lamdonim< und ->Bocherlech< jenes seltsame Lied, das wir hier jetzt als -Bordellquadrille hören.« - -»Rititit -- Rititit« - -»Roote blaue Steern -- -- -- --« immer hohler und fanatischer erscholl -das Gebell des Greises. - -Plötzlich wurde die Melodie konfuser und ging allmählich in den Rhythmus -des böhmischen »Schlapak« -- eines schleifenden Schiebetanzes -- über, -bei dem die Paare die schwitzenden Wangen innig aneinander preßten. - -»So recht. Bravo. Äh da! fang, hep, hep!« rief von der Estrade ein -schlanker, junger Kavalier im Frack, das Monokel im Auge, dem -Harfenisten zu, griff in die Westentasche und warf ein Silberstück in -der Richtung. Es erreichte sein Ziel nicht: ich sah noch, wie es über -das Tanzgewühl hinblitzte; da war es plötzlich verschwunden. Ein Strolch --- sein Gesicht kam mir so bekannt vor; ich glaube, es muß derselbe -gewesen sein, der neulich bei dem Regenguß neben Charousek gestanden -- -hatte seine Hand hinter dem Busentuch seiner Tänzerin, wo er sie bisher -hartnäckig ruhen gehabt, hervorgezogen -- ein Griff in die Luft mit -affenartiger Geschwindigkeit, ohne auch nur einen Takt der Musik -auszulassen, und die Münze war geschnappt. Nicht eine Muskel zuckte im -Gesicht des Burschen auf, nur zwei, drei Paare in der Nähe grinsten -leise. - -»Wahrscheinlich einer vom >Bataillon<, nach der Geschicklichkeit zu -schließen«, sagte Zwakh lachend. - -»Meister Pernath hat sicherlich noch nie etwas vom >Bataillon< gehört«, -fiel Vrieslander auffallend rasch ein und zwinkerte heimlich dem -Marionettenspieler zu, daß ich es nicht sehen sollte. -- Ich verstand -gar wohl: es war wie vorhin, oben auf meinem Zimmer. Sie hielten mich -für krank. Wollten mich aufheitern. Und Zwakh sollte etwas erzählen. -Irgend etwas. - -Wie mich der gute Alte so mitleidig ansah, stieg es mir heiß vom Herzen -in die Augen. Wenn er wüßte, wie weh mir sein Mitleid tat! - -Ich überhörte die ersten Worte, mit denen der Marionettenspieler seine -Worte einleitete, -- ich weiß nur, mir war, als verblute ich langsam. -Mir wurde immer kälter und starrer, wie vorhin, als ich als hölzernes -Gesicht auf Vrieslanders Schoß gelegen hatte. Dann war ich plötzlich -mitten drin in der Erzählung, die mich fremdartig umfing, -- einhüllte, -wie ein lebloses Stück aus einem Lesebuch. - -Zwakh begann: - -»_Die Erzählung vom Rechtsgelehrten Dr. Hulbert und seinem Bataillon._ - --- -- -- No, was soll ich Ihnen sagen: Das Gesicht hatte er voller -Warzen und krumme Beine wie ein Dachshund. Schon als Jüngling kannte er -nichts als Studium. Trockenes, entnervendes Studium. Von dem, was er -sich durch Stundengeben mühsam erwarb, mußte er noch seine kranke Mutter -erhalten. Wie grüne Wiesen aussehen und Hecken und Hügel voll Blumen und -Wälder, erfuhr er, glaube ich, nur aus Büchern. Und wie wenig von -Sonnenschein in Prags schwarze Gassen fällt, wissen Sie ja selbst. - -Sein Doktorat hatte er mit Auszeichnung gemacht; das war eigentlich -selbstverständlich. - -Nun, und mit der Zeit wurde er ein berühmter Rechtsgelehrter. So -berühmt, daß alle Leute -- Richter und alte Advokaten -- zu ihm fragen -kamen, wenn sie irgend etwas nicht wußten. Dabei lebte er ärmlich wie -ein Bettler in einer Dachkammer, deren Fenster hinaus auf den Teinhof -schaute. - -So vergingen Jahre um Jahre und Dr. Hulberts Ruf als Leuchte seiner -Wissenschaft wurde allmählich Sprichwort im ganzen Lande. Daß ein Mann -wie er weichen Herzensempfindungen zugänglich sein konnte, zumal sein -Haar schon anfing weiß zu werden und sich niemand erinnerte, ihn je von -etwas anderem als von Jurisprudenz sprechen gehört zu haben, hätte wohl -keiner geglaubt. Doch gerade in solchen verschlossenen Herzen glüht die -Sehnsucht am heißesten. - -An dem Tage, als Dr. Hulbert das Ziel erreichte, das ihm wohl schon als -höchstes seit seiner Studentenzeit vorgeschwebt hatte: -- als nämlich -Seine Majestät der Kaiser von Wien aus ihn zum Rektor Magnifikus an -unserer Universität ernannte, da ging es von Mund zu Mund, er habe sich -mit einem jungen, bildschönen Fräulein aus zwar armer, aber adliger -Familie verlobt. - -Und wirklich schien von da an das Glück bei Dr. Hulbert eingezogen zu -sein. Wenn auch seine Ehe kinderlos blieb, so trug er doch seine junge -Gattin auf Händen, und jeden Wunsch zu erfüllen, den er ihr nur irgend -von den Augen abzulesen vermochte, war seine höchste Freude. - -In seinem Glück vergaß er jedoch keineswegs, wie es wohl so manch -anderer getan hätte, seiner leidenden Mitmenschen. »Mir hat Gott meine -Sehnsucht gestillt,« soll er einmal gesagt haben, -- »er hat mir ein -Traumgesicht zur Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz vor mir -hergegangen ist seit Kindheit an: er hat mir das lieblichste Wesen zu -eigen gegeben, das die Erde trägt. Und so will ich, daß ein Schimmer von -diesem Glück, soweit es in meiner kleinen Macht steht, auch auf andere -fällt.« -- -- -- - -Und so kam es, daß er sich bei Gelegenheit eines armen Studenten annahm, -wie seines eignen Sohnes. Vermutlich in der Erwägung, wie wohl ihm -selbst ein solch gutes Werk getan hätte, wäre es ihm am eigenen Leib und -Leben in den Tagen seiner kummervollen Jugendzeit passiert. Wie aber nun -auf Erden manche Tat, die dem Menschen gut und edel scheint, Folgen nach -sich zieht gleich der einer fluchwürdigen, weil wir wohl doch nicht -richtig unterscheiden können zwischen dem, was giftigen Samen in sich -trägt und was heilsamen, so begab es sich auch hier, daß aus Dr. -Hulberts mitleidsvollem Werk das bitterste Leid für ihn selbst sproß. - -Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher Liebe zu dem Studenten, -und ein erbarmungsloses Schicksal wollte, daß sie der Rektor gerade in -dem Augenblicke, als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum Zeichen -seiner Liebe mit einem Strauß Rosen als Geburtstagspräsent zu -überraschen, in den Armen dessen antraf, auf den er Wohltat über Wohltat -gehäuft hatte. - -Man sagt, daß die blaue Muttergottesblume für immer ihre Farbe verlieren -kann, wenn der fahle, schweflige Schein eines Blitzes, der ein -Hagelwetter verkündet, plötzlich auf sie fällt; gewiß ist, daß die Seele -des alten Mannes für immer erblindete an dem Tage, wo sein Glück in -Scherben ging. Am selben Abend noch saß er, er, der bis dahin nicht -gewußt, was Unmäßigkeit ist, hier beim »Loisitschek« -- fast bewußtlos -vom Fusel -- bis zum Morgengrauen. Und der »Loisitschek« wurde seine -Heimstätte für den Rest seines zerstörten Lebens. Im Sommer schlief er -irgendwo auf dem Schutt eines Neubaues, im Winter hier auf den hölzernen -Bänken. - -Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte beließ man ihm -stillschweigend. Niemand hatte das Herz dazu, gegen ihn, den einst -berühmten Gelehrten, den Vorwurf zu erheben, daß man Ärgernis nähme an -seinem Wandel. - -Allmählich sammelte sich um ihn, was an lichtscheuem Gesindel in der -Judenstadt sein Wesen trieb, und so kam es zur Gründung jener seltsamen -Gemeinschaft, die man noch heutigentags »das Bataillon« nennt. - -Dr. Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das Bollwerk für alle -die, denen die Polizei zu scharf auf die Finger sah. War irgendein -entlassener Sträfling daran, zu verhungern, schickte ihn Dr. Hulbert -splitternackt hinaus auf den Altstädter Ring -- und das Amt auf der -sogenannten »Fischbanka« sah sich genötigt, einen Anzug beizustellen. -Sollte eine unterstandslose Dirne aus der Stadt gewiesen werden, so -heiratete sie schnell einen Strolch, der bezirkszuständig war, und wurde -dadurch ansässig. - -Hundert solcher Auswege wußte Dr. Hulbert, und seinem Rate gegenüber -stand die Polizei machtlos da. -- Was diese Ausgestoßenen der -menschlichen Gesellschaft »verdienten«, übergaben sie getreulich auf -Heller und Kreuzer der gemeinsamen Kassa, aus der der nötige -Lebensunterhalt bestritten wurde. Niemals ließ sich auch nur eines die -geringste Unehrlichkeit zuschulden kommen. Mag sein, daß angesichts -dieser eisernen Disziplin der Name »das Bataillon« entstand. - -Pünktlich am ersten Dezember, wo sich der Tag des Unglücks jährte, das -den alten Mann betroffen hatte, fand jedesmal nachts beim »Loisitschek« -eine seltsame Feier statt. Kopf an Kopf gedrängt standen sie hier: -Bettler, Vagabunden, Zuhälter und Dirnen, Trunkenbolde und -Lumpensammler, und eine lautlose Stille herrschte wie beim Gottesdienst. --- Und dann erzählte ihnen Dr. Hulbert dort von der Ecke aus, wo jetzt -die beiden Musikanten sitzen, gerade unter dem Krönungsbilde Seiner -Majestät des Kaisers seine Lebensgeschichte: -- wie er sich -emporgerungen, den Doktortitel erworben und später ^Rektor magnificus^ -geworden war. Wenn er zu der Stelle kam, wo er mit dem Busch Rosen in -der Hand ins Zimmer seiner jungen Frau trat, -- zur Feier ihres -Geburtstages und zugleich zum Gedächtnis jener Stunde, da er dereinst um -sie anhalten gekommen und sie seine liebe Braut geworden war, -- da -versagte ihm jedesmal die Stimme, und weinend sank er am Tisch zusammen. -Dann geschah es wohl zuweilen, daß irgendein liederliches Frauenzimmer -ihm verschämt und heimlich, damit es keiner sehen sollte, eine halbwelke -Blume auf die Hand legte. - -Von den Zuhörern rührte sich dann noch lange Zeit keiner. Zum Weinen -sind diese Menschen zu hart, aber an ihren Kleidern blickten sie -herunter und drehten unsicher die Finger. - -Eines Morgens fand man Dr. Hulbert tot auf einer Bank unten an der -Moldau. Er wird, denke ich, erfroren sein. - -Sein Leichenbegängnis sehe ich noch heute vor mir. Das »Bataillon« hatte -sich fast zerfleischt, um alles so prunkvoll wie möglich zu gestalten. - -Voran ging der Pedell der Universität in vollem Ornat: in den Händen das -purpurne Kissenpolster mit der güldenen Kette darauf und hinter dem -Leichenwagen in unabsehbarer Reihe -- -- das »Bataillon« barfuß, -schmutzstarrend, zerlumpt und zerfetzt. Einer von ihnen hatte sein -Letztes verkauft und ging daher: Leib, Beine und Arme mit Lagen aus -altem Zeitungspapier umwickelt und umbunden. - -So erwiesen sie ihm die letzte Ehre. - -Auf seinem Grabe, draußen im Friedhof, steht ein weißer Stein, darein -sind drei Figuren gemeißelt: Der Heiland gekreuzigt zwischen zwei -Räubern. Von unbekannter Hand gestiftet. Man munkelt, Dr. Hulberts Frau -habe das Denkmal errichtet. -- -- -- - -Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war ein Legat vorgesehen, -danach bekommt jeder vom »Bataillon« mittags beim »Loisitschek« umsonst -eine Suppe; zu diesem Zwecke hängen hier am Tisch die Löffel an den -Ketten, und die ausgehöhlten Mulden in der Tischplatte sind die Teller. -Um 12 Uhr kommt die Kellnerin und spritzt mit einer großen, blechernen -Spritze die Brühe hinein und, wenn sich einer nicht ausweisen kann als -»vom Bataillon«, so zieht sie die Suppe mit der Spritze wieder zurück. - -Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als Witz die Runde durch -die ganze Welt.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich aus meiner Lethargie. -Die letzten Sätze, die Zwakh gesprochen, wehten über mein Bewußtsein -hinweg. Ich sah noch, wie er seine Hände bewegte, um das Vor- und -Zurückschieben eines Spritzenkolbens klarzumachen, dann jagten die -Bilder, die sich rings um uns abrollten, so rasch und automatenhaft und -dennoch mit so gespenstischer Deutlichkeit an meinem Auge vorüber, daß -ich in Momenten ganz mich selbst vergaß und mir wie ein Rad vorkam in -einem lebendigen Uhrwerk. - -Das Zimmer war ein einziges Menschengewühl geworden. Oben auf der -Estrade: dutzende Herren in schwarzen Fräcken. Weiße Manschetten, -blitzende Ringe. Eine Dragoneruniform mit Rittmeisterschnüren. Im -Hintergrund ein Damenhut mit lachsfarbigen Straußenfedern. - -Durch die Stäbe des Geländers stierte das verzerrte Gesicht Loisas -hinauf. Ich sah: er konnte sich kaum aufrecht halten. Auch Jaromir war -da und schaute unverwandt hinauf, mit dem Rücken dicht, ganz dicht, an -der Seitenwand, als presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen. - -Die Gestalten hielten plötzlich im Tanzen inne: der Wirt mußte ihnen -etwas zugerufen haben, was sie erschreckt hatte. Die Musik spielte noch, -aber leise; sie traute sich nicht mehr recht. Sie zitterte; man fühlte -es deutlich. Und doch lag der Ausdruck hämischer, wilder Freude in dem -Gesicht des Wirtes. - --- -- -- -- In der Eingangstür steht mit einem Mal der Polizeikommissär -in Uniform. Er hat die Arme ausgebreitet, um niemand hinauszulassen. -Hinter ihm ein Kriminalschutzmann. - -»Wird also doch hier getanzt? Trotz Verbotes? Ich sperre die Spelunke. -Sie kommen mit, Wirt! Und was hier ist, marsch auf die Wachstube!« - -Es klingt wie Kommandos. - -Der Vierschrötige gibt keine Antwort, aber das hämische Grinsen bleibt -in seinen Zügen. - -Bloß starrer ist es geworden. - -Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur noch. - -Auch die Harfe zieht den Schwanz ein. - -Die Gesichter sind plötzlich alle im Profil zu sehen: sie glotzen -erwartungsvoll hinauf auf die Estrade. - -Und da kommt eine vornehme schwarze Gestalt gelassen die paar Stufen -herab und geht langsam auf den Kommissär zu. - -Die Augen des Kriminalschutzmannes hängen gebannt an den -heranschlendernden schwarzen Lackschuhen. - -Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamten stehen geblieben -und läßt den Blick gelangweilt ihm von Kopf bis zu den Füßen und wieder -zurückschweifen. - -Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben sich über das -Geländer gebeugt und verbeißen das Lachen hinter ihren grauseidnen -Taschentüchern. - -Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstück ins Auge und spuckt einem -Mädchen, das unter ihm lehnt, seinen Zigarettenstummel ins Haar. - -Der Polizeikommissär hat sich verfärbt und starrt in der Verlegenheit -immerwährend auf die Perle in der Hemdbrust des Aristokraten. - -Er kann den gleichgültigen, glanzlosen Blick dieses glattrasierten, -unbeweglichen Gesichtes mit der Hakennase nicht ertragen. - -Es bringt ihn aus der Ruhe. Schmettert ihn nieder. - -Die Totenstille im Lokal wird immer quälender. - -»So sehen die Ritterstatuen aus, die mit gefalteten Händen auf den -Steinsärgen liegen in den gotischen Kirchen«, flüstert der Maler -Vrieslander mit einem Blick auf den Kavalier. - -Da bricht der Aristokrat endlich das Schweigen: »Äh -- Hm.« -- -- -- er -kopiert die Stimme des Wirtes: »Jä, jä, das sin mir Gästäh -- da schaut -man.« Ein schallendes Gejohle explodiert im Lokal, daß die Gläser -klirren; die Strolche halten sich den Bauch vor Lachen. Eine Flasche -fliegt an die Wand und zerschellt. Der vierschrötige Wirt meckert uns -erläuternd und ehrfurchtsvoll zu: »Seine Durchlaucht Exzellenz Fürst -Ferri Athenstädt.« - -Der Fürst hat dem Beamten eine Visitenkarte hingehalten. Der Ärmste -nimmt sie, salutiert wiederholt und schlägt die Hacken zusammen. - -Es wird von neuem still, die Menge lauscht atemlos, was weiter geschehen -wird. - -Der Kavalier spricht wieder: - -»Die Damen und Herren, die Sie hier versammelt sehen, -- äh -- sind -meine lieben Gäste.« Seine Durchlaucht deutet mit einer nachlässigen -Armbewegung auf das Gesindel, »wünschen Sie, Herr Kommissär, -- äh -- -vielleicht vorgestellt zu werden?« - -Der Kommissär verneint mit erzwungenem Lächeln, stottert verlegen etwas -von »leidiger Pflichterfüllung« und rafft sich schließlich zu den Worten -auf: »Ich sehe ja, daß es hier anständig zugeht.« - -Das bringt Leben in den Dragonerrittmeister: er eilt in den Hintergrund -auf den Damenhut mit der Straußenfeder zu und zerrt im nächsten -Augenblick unter dem Jubel der jungen Adligen -- Rosina am Arm herunter -in den Saal. - -Sie schwankt vor Trunkenheit und hält die Augen geschlossen. Der große, -kostbare Hut sitzt ihr schief, und sie hat nichts an als lange rosa -Strümpfe und -- einen Herrenfrack auf dem bloßen Körper. - -Ein Zeichen: Die Musik fällt ein wie rasend -- -- -- »Rititit -- -Rititit« -- -- -- -- -- und schwemmt den gurgelnden Schrei fort, den der -taubstumme Jaromir, als er Rosina gesehen, an der Wand drüben -ausgestoßen hat. -- -- -- - -Wir wollen gehen. - -Zwakh ruft nach der Kellnerin. - -Der allgemeine Lärm verschlingt seine Worte. - -Die Szenen vor mir werden phantastisch wie ein Opiumrausch. - -Der Rittmeister hält die halbnackte Rosina im Arm und dreht sich langsam -mit ihr im Takt. - -Die Menge hat respektvoll Platz gemacht. - -Dann murmelt es von den Bänken: »Der Loisitschek, der Loisitschek«, die -Hälse werden lang und zu dem tanzenden Paar gesellt sich ein zweites -noch seltsameres. Ein weibisch aussehender Bursche in rosa Trikots, mit -langem blondem Haar bis zu den Schultern, Lippen und Wangen geschminkt -wie eine Dirne und die Augen niedergeschlagen in koketter Verwirrung, -- -hängt schmachtend an der Brust des Fürsten Athenstädt. - -Ein süßlicher Walzer quillt aus der Harfe. - -Wilder Ekel vor dem Leben schnürt mir die Kehle zusammen. - -Mein Blick sucht voll Angst die Türe: der Kommissär steht dort -abgewendet, um nichts zu sehen, und flüstert hastig mit dem -Kriminalschutzmann, der etwas einsteckt. Es klirrt wie Handschellen. - -Die beiden spähen herüber auf den blatternarbigen Loisa, der einen -Augenblick sich zu verstecken sucht und dann gelähmt -- das Gesicht -kalkweiß und verzerrt vor Entsetzen -- stehen bleibt. - -Ein Bild zuckt in der Erinnerung vor mir auf und erlischt sofort: Das -Bild, wie »Prokop lauscht, wie ich es vor einer Stunde gesehen, -- über -das Kanalgitter gebeugt -- und ein Todesschrei gellt aus der Erde -empor.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich will rufen und kann nicht. Kalte Finger greifen mir in den Mund und -biegen mir die Zunge nach unten gegen die Vorderzähne, daß es wie ein -Klumpen meinen Gaumen erfüllt und ich kein Wort hervorbringen kann. - -Ich kann die Finger nicht sehen, weiß, daß sie unsichtbar sind, und doch -empfinde ich sie wie etwas Körperliches. - -Und klar steht es in meinem Bewußtsein: sie gehören zu der -gespenstischen Hand, die mir in meinem Zimmer in der Hahnpaßgasse das -Buch »Ibbur« gegeben haben. - -»Wasser, Wasser!« schreit Zwakh neben mir. Sie halten mir den Kopf und -leuchten mir mit einer Kerze in die Pupillen. - -»In seine Wohnung schaffen, Arzt holen -- der Archivar Hillel kennt sich -aus in solchen Dingen -- -- zu ihm bringen!« -- beraten sie murmelnd. - -Dann liege ich starr wie eine Leiche auf einer Bahre und Prokop und -Vrieslander tragen mich hinaus. - - - - - Wach - - -Zwakh war vor uns die Treppen hinaufgelaufen und ich hörte, wie Mirjam, -die Tochter des Archivars Hillel, ihn ängstlich ausfragte und er sie zu -beruhigen trachtete. - -Ich gab mir keine Mühe, hinzuhorchen, was sie miteinander sprachen, und -erriet mehr, als ich es in Worten verstand, daß Zwakh erzählte, mir sei -ein Unfall zugestoßen und sie kämen bitten, mir die erste Hilfe zu -leisten und mich wieder zu Bewußtsein zu bringen. - -Noch immer konnte ich kein Glied rühren, und die unsichtbaren Finger -hielten meine Zunge; aber mein Denken war fest und sicher und das Gefühl -des Grauens hatte von mir abgelassen. Ich wußte genau, wo ich war und -was mit mir geschah, und empfand es nicht einmal als absonderlich, daß -man mich wie einen Toten herauftrug, samt der Bahre im Zimmer Schemajah -Hillels niedersetzte und -- allein ließ. - -Eine ruhige, natürliche Zufriedenheit, wie man sie beim Heimkommen nach -einer langen Wanderung genießt, erfüllte mich. - -Es war finster in der Stube, und mit verschwimmenden Umrissen hoben sich -die Fensterrahmen in Kreuzesformen von dem mattleuchtenden Dunst ab, der -von der Gasse heraufschimmerte. - -Alles kam mir selbstverständlich vor und ich wunderte mich weder -darüber, daß Hillel mit einem jüdischen siebenflammigen Sabbatleuchter -eintrat, noch, daß er mir gelassen »Guten Abend« wünschte wie jemandem, -dessen Kommen er erwartet hatte. - -Was ich die ganze Zeit, die ich im Hause wohnte, nie als etwas -Besonderes bemerkt hatte, -- trotzdem wir einander oft drei- bis viermal -in der Woche auf den Stiegen begegnet waren, -- fiel mir plötzlich stark -an ihm auf, wie er so hin und her ging, einige Gegenstände auf der -Kommode zurechtrückte und schließlich mit dem Leuchter einen zweiten, -gleichfalls siebenflammigen anzündete. - -Nämlich: sein Ebenmaß an Leib und Gliedern und der schmale, feine -Schnitt des Gesichtes mit dem edlen Stirnaufbau. - -Er konnte, wie ich jetzt beim Schein der Kerze sah, nicht älter sein als -ich: höchstens 45 Jahre zählen. - -»Du bist um einige Minuten früher gekommen«, -- begann er nach einer -Weile -- »als anzunehmen war, sonst hätte ich die Lichter schon vorher -angezündet.« -- Er deutete auf die beiden Leuchter, trat an die Bahre -und richtete seine dunklen, tiefliegenden Augen, wie es schien, auf -jemand, der mir zu Häupten stand oder kniete, den ich aber nicht zu -sehen vermochte. Dabei bewegte er seine Lippen und sprach lautlos einen -Satz. - -Sofort ließen die unsichtbaren Finger meine Zunge los und der -Starrkrampf wich von mir. Ich richtete mich auf und blickte hinter mich: -Niemand außer Schemajah Hillel und mir war im Zimmer. - -Sein »Du« und die Bemerkung, daß er mich erwartet habe, hatten also mir -gegolten!? - -Viel befremdender als diese beiden Umstände an sich wirkte es auf mich, -daß ich nicht imstande war, auch nur die geringste Verwunderung darüber -zu empfinden. - -Hillel erriet offenbar meine Gedanken, denn er lächelte freundlich, -wobei er mir von der Bahre aufstehen half und mit der Hand auf einen -Sessel wies, und sagte: - -»Es ist auch nichts Wunderbares dabei. Schreckhaft wirken nur die -gespenstischen Dinge -- die Kischuph -- auf den Menschen; das Leben -kratzt und brennt wie ein härener Mantel, aber die Sonnenstrahlen der -geistigen Welt sind mild und erwärmend.« - -Ich schwieg, da mir nichts einfiel, was ich ihm hätte erwidern sollen. -Er schien auch keine Gegenrede erwartet zu haben, setzte sich mir -gegenüber und fuhr gelassen fort: »Auch ein silberner Spiegel, hätte er -Empfindung, litte nur Schmerzen, wenn er poliert wird. Glatt und -glänzend geworden, gibt er alle Bilder wieder, die auf ihn fallen, ohne -Leid und Erregung.« - -»Wohl dem Menschen«, setzte er leise hinzu, »der von sich sagen kann: -Ich bin geschliffen.« -- Einen Augenblick versank er in Nachdenken, und -ich hörte ihn einen hebräischen Satz murmeln: »^Lischuosècho Kiwisi -Adoschem^.« Dann drang seine Stimme wieder klar an mein Ohr: - -»Du bist zu mir gekommen in tiefem Schlaf und ich habe dich wach -gemacht. Im Psalm David heißt es: - -»_Da sprach ich in mir selbst: jetzt fange ich an: Die Rechte Gottes ist -es, welche diese Veränderung gemacht hat._« - -Wenn die Menschen aufstehen von ihren Lagerstätten, so wähnen sie, sie -hätten den Schlaf abgeschüttelt, und wissen nicht, daß sie ihren Sinnen -zum Opfer fallen und die Beute eines neuen viel tieferen Schlafes -werden, als der war, dem sie soeben entronnen sind. Es gibt nur ein -wahres Wachsein und das ist das, dem du dich jetzt näherst. Sprich den -Menschen davon und sie werden sagen, du seist krank, denn sie können -dich nicht verstehen. Darum ist es zwecklos und grausam, ihnen davon zu -reden. - - _Sie fahren dahin wie ein Strom --_ - _Und sind wie ein Schlaf,_ - _Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird --_ - _Das des Abends abgehauen wird und verdorret._« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Wer war der Fremde, der mich in meiner Kammer aufgesucht hat und mir -das Buch »Ibbur« gab? Habe ich ihn im Wachen oder im Traum gesehen?«, -wollte ich fragen, doch Hillel antwortete mir, noch ehe ich den Gedanken -in Worte fassen konnte: - -»Nimm an, der Mann, der zu dir kam und den du den Golem nennst, bedeute -die Erweckung des Toten durch das innerste Geistesleben. Jedes Ding auf -Erden ist nichts als ein ewiges Symbol in Staub gekleidet! - -Wie denkst du mit dem Auge? Jede Form, die du siehst, denkst du mit dem -Auge. Alles, was zur Form geronnen ist, war vorher ein Gespenst.« - -Ich fühlte, wie Begriffe, die bisher in meinem Hirn verankert gewesen, -sich losrissen und gleich Schiffen ohne Steuer hinaustrieben in ein -uferloses Meer. - -Ruhevoll fuhr Hillel fort: - -»Wer aufgeweckt worden ist, kann nicht mehr sterben; Schlaf und Tod sind -dasselbe.« - -»-- -- kann nicht mehr sterben?« -- ein dumpfer Schmerz ergriff mich. - -»Zwei Pfade laufen nebeneinander hin: der Weg des Lebens und der Weg des -Todes. Du hast das Buch »Ibbur« genommen und darin gelesen. Deine Seele -ist schwanger geworden vom Geist des Lebens«, hörte ich ihn reden. - -»Hillel, Hillel, laß mich den Weg gehen, den alle Menschen gehen: den -des Sterbens!«, schrie alles wild in mir auf. - -Schemajah Hillels Gesicht wurde starr vor Ernst. - -»Die Menschen gehen keinen Weg, weder den des Lebens, noch den des -Todes. Sie treiben daher wie Spreu im Sturm. Im Talmud steht: »Ehe Gott -die Welt schuf, hielt er den Wesen einen Spiegel vor; darin sahen sie -die geistigen Leiden des Daseins und die Wonnen, die darauf folgten. Da -nahmen die einen die Leiden auf sich. Die anderen aber weigerten sich, -und diese strich Gott aus dem Buche der Lebenden.« Du aber _gehst_ einen -Weg und hast ihn aus freiem Willen beschritten, -- wenn du es jetzt auch -selbst nicht mehr weißt: Du bist berufen von dir selbst. Gräm' dich -nicht: allmählich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung. -_Wissen und Erinnerung sind dasselbe._« - -Der freundliche, fast liebenswürdige Ton, in den Hillels Rede -ausgeklungen war, gab mir meine Ruhe wieder, und ich fühlte mich -geborgen wie ein krankes Kind, das seinen Vater bei sich weiß. - -Ich blickte auf und sah, daß mit einem Male viele Gestalten im Zimmer -waren und uns im Kreis umstanden: Einige in weißen Sterbegewändern, wie -sie die alten Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut und -Silberschnallen an den Schuhen -- aber Hillel fuhr mir mit der Hand über -die Augen und die Stube war wieder leer. - -Dann geleitete er mich hinaus zur Treppe und gab mir eine brennende -Kerze mit, damit ich mir hinaufleuchten könne in mein Zimmer. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich legte mich zu Bett und wollte schlafen, aber der Schlummer kam -nicht, und ich geriet statt dessen in einen sonderbaren Zustand, der -weder Träumen war, noch Wachen, noch Schlafen. - -Das Licht hatte ich ausgelöscht, aber trotzdem war alles in der Stube so -deutlich, daß ich jede einzelne Form genau unterscheiden konnte. Dabei -fühlte ich mich vollkommen behaglich und frei von der gewissen -qualvollen Unruhe, die einen foltert, wenn man sich in ähnlicher -Verfassung befindet. - -Nie vorher in meinem Leben wäre ich imstande gewesen, so scharf und -präzis zu denken wie eben jetzt. Der Rhythmus der Gesundheit -durchströmte meine Nerven und ordnete meine Gedanken in Reih und Glied -wie eine Armee, die nur auf meine Befehle wartete. - -Ich brauchte bloß zu rufen, und sie traten vor mich und erfüllten, was -ich wünschte. - -Eine Gemme, die ich in den letzten Wochen aus Aventurinstein zu -schneiden versucht hatte, -- ohne damit zurecht zu kommen, da sich die -vielen zerstreuten Flimmer in dem Mineral niemals mit den Gesichtszügen -decken wollten, die ich mir vorgestellt, -- fiel mir ein, und im Nu sah -ich die Lösung vor mir und wußte genau, wie ich den Stichel zu führen -hatte, um der Struktur der Masse gerecht zu werden. - -Ehedem Sklave einer Horde phantastischer Eindrücke und Traumgesichter, -von denen ich oft nicht gewußt: waren es Ideen oder Gefühle, sah ich -mich jetzt plötzlich als Herr und König im eigenen Reich. - -Rechenexempel, die ich früher nur mit Ächzen und auf dem Papier hätte -bewältigen können, fügten sich mir mit einem Male im Kopf spielend zum -Resultat. Alles mit Hilfe einer neuen, in mir erwachten Fähigkeit, das -zu sehen und festzuhalten, was ich gerade brauchte: Ziffern, Formen, -Gegenstände oder Farben. Und wenn es sich um Fragen handelte, die durch -derlei Werkzeuge nicht zu lösen waren: -- philosophische Probleme und -Ähnliches --, so trat an Stelle des inneren Sehens das Gehör, wobei die -Stimme Schemajah Hillels die Rolle des Sprechers übernahm. - -Erkenntnisse seltsamster Art wurden mir zuteil. - -Was ich tausendmal im Leben achtlos als bloßes Wort an meinem Ohr hatte -vorübergehen lassen, stand wertgetränkt bis in die tiefste Faser vor -mir; was ich »auswendig« gelernt, »erfaßte« ich mit einem Schlag als -mein »Eigen«tum. Der Wortbildung Geheimnisse, die ich nie geahnt, lagen -nackt vor mir. - -Die »hohen« Ideale der Menschheit, die vordem mit kommerzienrätlich -biederer Miene, die Pathosbrust mit Orden bekleckst, mich von oben herab -behandelt hatten, -- demütig nahmen sie jetzt die Maske von der Fratze -und entschuldigten sich: sie seien selber ja nur Bettler, aber immerhin -Krücken für -- einen noch frecheren Schwindel. - -Träumte ich nicht vielleicht doch? Hatte ich etwa gar nicht mit Hillel -gesprochen? - -Ich griff nach dem Sessel neben meinem Bett. - -Richtig: dort lag die Kerze, die mir Schemajah mitgegeben hatte; und -selig wie ein kleiner Junge in der Christfestnacht, der sich überzeugt -hat, daß der wundervolle Hampelmann wirklich und leibhaftig vorhanden -ist, wühlte ich mich wieder in die Kissen. - -Und wie ein Spürhund drang ich weiter vor in das Dickicht der geistigen -Rätsel, die mich rings umgaben. - -Zuerst versuchte ich zu dem Punkt in meinem Leben zurückzugelangen, bis -zu dem meine Erinnerung reichte. Nur von dort aus -- glaubte ich -- -könnte es mir möglich sein, jenen Teil meines Daseins zu überblicken, -der für mich, durch eine seltsame Fügung des Schicksals in Finsternis -gehüllt lag. - -Aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich kam nicht weiter, als daß ich -mich wie einst in dem düsteren Hofe unseres Hauses stehen sah und durch -den Torbogen den Trödlerladen des Aaron Wassertrum unterschied -- als ob -ich ein Jahrhundert lang als Gemmenschneider in diesem Hause gewohnt -hätte, immer gleich alt und ohne jemals ein Kind gewesen zu sein! - -Schon wollte ich es als hoffnungslos aufgeben, weiter zu schürfen in den -Schächten der Vergangenheit, da begriff ich plötzlich mit leuchtender -Klarheit, daß wohl in meiner Erinnerung die breite Heerstraße der -Geschehnisse mit dem gewissen Torbogen endete, nicht aber eine Menge -winzig schmaler Fußsteige, die wohl bisher den Hauptpfad ständig -begleitet hatten, von mir jedoch nicht beachtet worden waren: »Woher«, -schrie es mir fast in die Ohren, »hast du denn die Kenntnisse, dank -derer du jetzt dein Leben fristest? Wer hat dich Gemmenschneiden gelehrt --- und gravieren und all das andere? Lesen, schreiben, sprechen -- und -essen -- und gehen, atmen, denken und fühlen?« - -Sofort griff ich den Rat meines Innern auf. Systematisch ging ich mein -Leben zurück. - -Ich zwang mich, in verkehrter, aber ununterbrochener Reihenfolge zu -überlegen: was ist soeben geschehen, was war der Ausgangspunkt dazu, was -lag vor diesem und so weiter? - -Wieder war ich bei dem gewissen Torbogen angelangt -- -- jetzt! Jetzt! -Nur ein kleiner Sprung ins Leere und der Abgrund, der mich von dem -Vergessenen trennte, mußte überflogen sein -- da trat ein Bild vor mich, -das ich auf der Rückwanderung meiner Gedanken übersehen hatte: Schemajah -Hillel fuhr mir mit der Hand über die Augen -- genau wie vorhin unten in -seinem Zimmer. - -Und weggewischt war alles. Sogar der Wunsch, weiter zu forschen. - -Nur eins stand fest als bleibender Gewinn: die Erkenntnis: die Reihe der -Begebenheiten im Leben ist eine Sackgasse, so breit und gangbar sie auch -zu sein scheint. Die schmalen, verborgenen Steige sind's, die in die -verlorene Heimat zurückführen: das, was mit feiner, kaum sichtbarer -Schrift in unserem Körper eingraviert ist, und nicht die scheußliche -Narbe, die die Raspel des äußeren Lebens hinterläßt, -- birgt die Lösung -der letzten Geheimnisse. - -So, wie ich zurückfinden könnte in die Tage meiner Jugend, wenn ich in -der Fibel das Alphabet in verkehrter Folge vornähme von Z bis A, um dort -anzulangen, wo ich in der Schule zu lernen begonnen, -- so, begriff ich, -müßte ich auch wandern können in die andere ferne Heimat, die jenseits -alles Denkens liegt. - -Eine Weltkugel aus Arbeit wälzte sich auf meine Schultern. Auch Herkules -trug eine Zeitlang das Gewölbe des Himmels auf seinem Haupte, fiel mir -ein, und versteckte Bedeutung schimmerte mir aus der Sage entgegen. Und -wie Herkules wieder loskam durch eine List, indem er den Riesen Atlas -bat: »Laß mich nur einen Bausch von Stricken um den Kopf binden, damit -mir die entsetzliche Last nicht das Gehirn zersprengt«, so gäbe es -vielleicht einen dunkeln Weg -- dämmerte mir -- von dieser Klippe weg. - -Ein tiefer Argwohn, der Führerschaft meiner Gedanken weiter blind zu -vertrauen, beschlich mich plötzlich. Ich legte mich gerade und verschloß -mit den Fingern Augen und Ohren, um nicht abgelenkt zu werden durch die -Sinne. Um jeden Gedanken zu töten. - -Doch mein Wille zerschellte an dem ehernen Gesetz: Ich konnte immer nur -einen Gedanken durch einen anderen vertreiben, und starb der eine, schon -mästete sich der nächste an seinem Fleische. Ich flüchtete in den -brausenden Strom meines Blutes, aber die Gedanken folgten mir auf dem -Fuß; ich verbarg mich im Hämmerwerk meines Herzens: nur eine kleine -Weile, und sie hatten mich entdeckt. - -Abermals kam mir da Hillels freundliche Stimme zu Hilfe und sagte: -»Bleib auf deinem Weg und wanke nicht! Der Schlüssel zur Kunst des -Vergessens gehört unseren Brüdern, die den Pfad des Todes wandeln; du -aber bist geschwängert vom Geiste des -- Lebens.« - -Das Buch Ibbur erschien vor mir, und zwei Buchstaben flammten darin auf: -der eine, der das erzene Weib bedeutete, mit dem Pulsschlag, mächtig, -gleich einem Erdbeben, -- der andere in unendlicher Ferne: der -Hermaphrodit auf dem Thron von Perlmutter, auf dem Haupte die Krone aus -rotem Holz. - -Dann fuhr Schemajah Hillel ein drittes Mal mit der Hand über meine -Augen, und ich schlummerte ein. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - - - Schnee - - - »Mein lieber und verehrter Meister Pernath! - - Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile und höchster - Angst. Bitte, vernichten Sie ihn sofort, nachdem Sie ihn gelesen - haben, -- oder besser noch, bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit. - -- Ich hätte keine Ruhe sonst. - - Sagen Sie keiner Menschenseele, daß ich Ihnen geschrieben habe. - Auch nicht, wohin Sie heute gehen werden! - - Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir -- »neulich« -- (Sie werden - durch diese kurze Anspielung auf ein Ereignis, dessen Zeuge Sie - waren, erraten, wer Ihnen diesen Brief schreibt, denn ich fürchte - mich, meinen Namen darunter zu setzen) -- so viel Vertrauen - eingeflößt, und weiter, daß Ihr lieber, seliger Vater mich als - Kind unterrichtet hat, -- alles das gibt mir den Mut, mich an - Sie, als vielleicht den einzigen Menschen, der noch helfen kann, - zu wenden. - - Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um 5 Uhr, in die - Domkirche auf dem Hradschin. - - Eine Ihnen bekannte Dame.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Wohl eine Viertelstunde lang saß ich da und hielt den Brief in der Hand. -Die seltsame, weihevolle Stimmung, die mich von gestern nacht her -umfangen gehalten, war mit einem Schlag gewichen, -- weggeweht von dem -frischen Windhauch eines neuen irdischen Tages. Ein junges Schicksal kam -lächelnd und verheißungsvoll -- ein Frühlingskind -- auf mich zu. Ein -Menschenherz suchte Hilfe bei mir. -- Bei mir! Wie sah meine Stube -plötzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte Schrank blickte -so zufrieden drein, und die vier Sessel kamen mir vor wie alte Leute, -die um den Tisch herumsitzen und behaglich kichernd Tarok spielen. - -Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, einen Inhalt voll Reichtum -und Glanz. - -So sollte der morsche Baum noch Früchte tragen? - -Ich fühlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, die bisher -schlafen gelegen in mir -- verborgen gewesen in den Tiefen meiner Seele, -verschüttet von dem Geröll, das der Alltag häuft, wie eine Quelle -losbricht aus dem Eis, wenn der Winter zerbricht. - -Und ich _wußte_ so gewiß, wie ich den Brief in der Hand hielt, daß ich -würde helfen können, um was es auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen -gab mir die Sicherheit. - -Wieder und wieder las ich die Stelle: »und weiter, daß Ihr lieber, -seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat -- -- -- -- -- --«; -- mir -stand der Atem still. Klang das nicht wie Verheißung: »Heute noch wirst -du mit mir im Paradiese sein?« Die Hand, die sich mir hinstreckte, Hilfe -suchend, hielt mir das Geschenk entgegen: _die Rückerinnerung, nach der -ich dürstete_, -- würde mir das Geheimnis offenbaren, den Vorhang heben -helfen, der sich hinter meiner Vergangenheit geschlossen hatte! - -»Ihr lieber, seliger Vater« -- --, wie fremdartig die Worte klangen, als -ich sie mir vorsagte! -- Vater! -- Einen Augenblick sah ich das müde -Gesicht eines alten Mannes mit weißem Haar in dem Lehnstuhl neben meiner -Truhe auftauchen -- fremd, ganz fremd und doch so schauerlich bekannt; --- -- dann kamen meine Augen wieder zu sich, und die Hammerlaute meines -Herzens schlugen die greifbare Stunde der Gegenwart. - -Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit verträumt? Ich blickte auf -die Uhr: Gott sei Lob, erst halb fünf. - -Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte Hut und Mantel und schritt -die Treppen hinab. Was kümmerte mich heute das Geraune der dunkeln -Winkel, die bösartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die immer -von ihnen aufstiegen: »Wir lassen dich nicht, -- du bist unser, -- wir -wollen nicht, daß du dich freust -- das wäre noch schöner, Freude hier -im Haus!« - -Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen diesen Gängen und -Ecken her um mich gelegt mit würgenden Händen: heute wich er vor dem -lebendigen Hauch meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an -Hillels Tür. - -Sollte ich eintreten? - -Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir war so ganz anders -heute, -- so, als _dürfe_ ich gar nicht hinein zu ihm. Und schon trieb -mich die Hand des Lebens vorwärts, die Stiegen hinab. -- -- - -Die Gasse lag weiß im Schnee. - -Ich glaube, daß viele Leute mich gegrüßt haben; ich erinnerte mich -nicht, ob ich ihnen gedankt. Immer wieder fühlte ich an die Brust, ob -ich den Brief auch bei mir trüge: - -Es ging eine Wärme von der Stelle aus. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengänge auf dem -Altstädter Ring und an dem Erzbrunnen vorbei, dessen barockes Gitter -voll Eiszapfen hing, hinüber über die steinerne Brücke mit ihren -Heiligenstatuen und dem Standbild des Johannes von Nepomuk. - -Unten schäumte der Fluß voll Haß gegen die Fundamente. - -Halb im Traum fiel mein Blick auf den gehöhlten Sandstein der heiligen -Luitgard mit »den Qualen der Verdammten« darin: dicht lag der Schnee auf -den Lidern der Büßenden und den Ketten an ihren betend erhobenen Händen. - -Torbogen nahmen mich auf und entließen mich, Paläste zogen langsam an -mir vorüber mit geschnitzten, hochmütigen Portalen, darinnen Löwenköpfe -in bronzene Ringe bissen. - -Auch hier überall Schnee, Schnee. Weich, weiß wie das Fell eines -riesigen Eisbären. - -Hohe, stolze Fenster, die Simse beglitzert und vereist, schauten -teilnahmslos zu den Wolken empor. - -Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender Vögel war. - -Wie ich die unzähligen Granitstufen emporstieg zum Hradschin, jede so -breit, wie wohl vier Menschenleiber lang sind, versank Schritt um -Schritt die Stadt mit ihren Dächern und Giebeln vor meinem Sinn. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Schon schlich die Dämmerung die Häuserreihen entlang, da trat ich auf -den einsamen Platz, aus dessen Mitte der Dom aufragt zum Thron der -Engel. - -Fußtapfen -- die Ränder mit Krusten aus Eis -- führten hin zum Nebentor. - -Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise, verlorene Töne -eines Harmoniums in die Abendstille hinaus. Wie Tränentropfen der -Schwermut fielen sie in die Verlassenheit. - -Ich hörte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters, wie die Kirchentüre -mich aufnahm, dann stand ich im Dunkel, und der goldene Altar blinkte in -starrer Ruhe herüber zu mir durch den grünen und blauen Schimmer -sterbenden Lichtes, das durch die farbigen Fenster auf die Betstühle -niedersank. Funken sprühten aus roten, gläsernen Ampeln. - -Welker Duft von Wachs und Weihrauch. - -Ich lehne mich in eine Bank. Mein Blut wird seltsam still in diesem -Reich der Regungslosigkeit. - -Ein Leben ohne Herzschlag erfüllte den Raum -- ein heimliches, -geduldiges Warten. - -Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf. - -Da! -- Aus weiter, weiter Ferne drang das Geräusch von Pferdehufen -gedämpft, kaum merklich an mein Ohr, wollte näherkommen und verstummte. - -Ein matter Schall, wie wenn ein Wagenschlag zufällt. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen, und eine -zarte, schmale Damenhand hatte meinen Arm berührt. - -»Bitte, bitte, gehen wir doch dort neben den Pfeiler; es widerstrebt -mir, hier in den Betstühlen von den Dingen zu sprechen, die ich Ihnen -sagen muß.« - -Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nüchterner Klarheit. Der Tag -hatte mich plötzlich angefaßt. - -»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Meister Pernath, daß Sie -mir zuliebe bei dem schlechten Wetter den langen Weg hier herauf gemacht -haben.« - -Ich stotterte ein paar banale Worte. - -»-- -- Aber ich wußte keinen andern Ort, wo ich sicherer vor -Nachforschung und Gefahr bin, als diesen. Hierher, in den Dom, ist uns -gewiß niemand nachgegangen.« - -Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame. - -Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz, aber schon am Klang -ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe, die damals voll -Entsetzen vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpaßgasse flüchtete. -Ich war auch nicht erstaunt darüber, denn ich hatte niemand anders -erwartet. - -Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der Dämmerung der -Mauernische wohl noch blasser schien, als es in Wirklichkeit sein -mochte. Ihre Schönheit benahm mir fast den Atem, und ich stand wie -gebannt. Am liebsten wäre ich vor ihr niedergefallen und hätte ihre Füße -geküßt, daß sie es war, der ich helfen sollte, daß sie mich dazu erwählt -hatte. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, -- wenigstens so lange -wir hier sind -- die Situation, in der Sie mich damals gesehen haben,« -sprach sie gepreßt weiter, »ich weiß auch gar nicht, wie Sie über solche -Dinge denken -- --« - -»Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges Mal in meinem Leben -war ich so vermessen, daß ich mich Richter gedünkt hätte über meine -Mitmenschen«, war das einzige, was ich hervorbrachte. - -»Ich danke Ihnen, Meister Pernath«, sagte sie warm und schlicht. »Und -jetzt hören Sie mich geduldig an, ob Sie mir in meiner Verzweiflung -nicht helfen oder wenigstens einen Rat geben können.« -- Ich fühlte, wie -eine wilde Angst sie packte, und hörte ihre Stimme zittern. -- »Damals --- -- im Atelier -- -- -- damals brach die schreckliche Gewißheit über -mich herein, daß jener grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgespürt -hat. -- Schon durch Monate war mir aufgefallen, daß, wohin ich auch -immer ging, -- ob allein, oder mit meinem Gatten, oder mit -- -- -- mit --- mit Dr. Savioli, -- stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses -Trödlers irgendwo in der Nähe auftauchte. Im Schlaf und im Wachen -verfolgten mich seine schielenden Augen. Noch macht sich ja kein Zeichen -bemerkbar, was er vorhat, aber um so qualvoller drosselt mich nachts die -Angst: wann wirft er mir die Schlinge um den Hals! - -Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen, was denn so ein -armseliger Trödler wie dieser Aaron Wassertrum überhaupt vermöchte -- -schlimmsten Falles könnte es sich nur um eine geringfügige Erpressung -oder dergleichen handeln, aber jedesmal wurden seine Lippen weiß, wenn -der Name Wassertrum fiel. Ich ahne: Dr. Savioli hält mir etwas geheim, -um mich zu beruhigen, -- irgend etwas Furchtbares, was ihm oder mir das -Leben kosten kann. - -Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen wollte: daß ihn -_der Trödler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat!_ -- -Ich _weiß_ es, ich spüre es in jeder Faser meines Körpers: es geht etwas -vor, das sich langsam um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange. --- Was hat dieser Mörder dort zu suchen? Warum kann Dr. Savioli ihn -nicht abschütteln? Nein, nein, ich sehe das nicht länger mit an; ich muß -etwas tun. Irgend etwas, ehe es mich in den Wahnsinn treibt.« - -Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, aber sie ließ mich -nicht zu Ende sprechen. - -»Und in den letzten Tagen nahm der Alb, der mich zu erwürgen droht, -immer greifbarere Formen an. Dr. Savioli ist plötzlich erkrankt, -- ich -kann mich nicht mehr mit ihm verständigen -- darf ihn nicht besuchen, -wenn ich nicht stündlich gewärtigen soll, daß meine Liebe zu ihm -entdeckt wird --; er liegt in Delirien, und das einzige, was ich -erkundigen konnte, ist, daß er sich im Fieber von einem Scheusal -verfolgt wähnt, dessen Lippen von einer Hasenscharte gespalten sind: -- -Aaron Wassertrum! - -Ich weiß, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher -- können Sie -sich das vorstellen? -- wirkt es auf mich, ihn jetzt gelähmt vor einer -Gefahr, die ich selbst nur wie die dunkle Nähe eines grauenhaften -Würgengels empfinde, zusammengebrochen zu sehen. - -Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich denn nicht offen zu -Dr. Savioli bekenne, alles von mir würfe, wenn ich ihn doch so liebe --: -alles, Reichtum, Ehre, Ruf und so weiter, aber --« sie schrie es -förmlich heraus, daß es widerhallte von den Chorgalerien, -- »ich _kann_ -nicht! -- Ich hab' doch mein Kind, mein liebes, blondes, kleines Mädel! -Ich _kann_ doch mein Kind nicht hergeben! -- Glauben Sie denn, mein Mann -ließe es mir!? Da, da, nehmen Sie das, Meister Pernath« -- sie riß im -Wahnwitz ein Täschchen auf, das vollgestopft war mit Perlenschnüren und -Edelsteinen -- »und bringen Sie es dem Verbrecher; -- ich weiß, er ist -habsüchtig -- er soll sich alles holen, was ich besitze, aber mein Kind -soll er mir lassen. -- Nicht wahr, er wird schweigen? -- So reden Sie -doch um Jesu Christi willen, sagen Sie nur ein Wort, daß Sie mir helfen -wollen!« - -Es gelang mir mit größter Mühe, die Rasende wenigstens so weit zu -beruhigen, daß sie sich auf eine Bank niederließ. - -Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. Wirre, -zusammenhanglose Sätze. - -Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so daß ich selbst kaum verstand, -was mein Mund redete, -- Ideen phantastischer Art, die zusammenbrachen, -kaum daß sie geboren waren. - -Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten Mönchsstatue in -der Wandnische. Ich redete und redete. Allmählich verwandelten sich die -Züge der Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger Überzieher mit -hochgeklapptem Kragen, und ein jugendliches Gesicht mit abgezehrten -Wangen und hektischen Flecken wuchs daraus empor. - -Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Mönch wieder da. Meine -Pulse schlugen zu laut. - -Die unglückliche Frau hatte sich über meine Hand gebeugt und weinte -still. - -Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war in der Stunde, als -ich den Brief gelesen hatte, und mich jetzt abermals übermächtig -erfüllte, und ich sah, wie sie langsam daran genas. - -»Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an Sie gewendet habe, -Meister Pernath«, fing sie nach langem Schweigen leise wieder an. »Es -waren ein paar Worte, die Sie mir einmal gesagt haben -- und die ich nie -vergessen konnte die vielen Jahre hindurch --« - -Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut. - -»-- -- Sie nahmen Abschied von mir -- ich weiß nicht mehr, weshalb und -wieso, ich war ja noch ein Kind, -- und Sie sagten so freundlich und -doch so traurig: - ->Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken Sie meiner, wenn Sie je -im Leben nicht aus noch ein wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr, -daß _ich_ es dann sein darf, der Ihnen hilft.< -- Ich habe mich damals -abgewendet und rasch meinen Ball in den Springbrunnen fallen lassen, -damit Sie meine Tränen nicht sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen -das rote Korallenherz schenken, das ich an einem Seidenband um den Hals -trug, aber ich schämte mich, weil das gar so lächerlich gewesen wäre.« --- -- -- - -_Erinnerung!_ - --- Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner Kehle. Ein Schimmer -wie aus einem vergessenen, fernen Land der Sehnsucht trat vor mich -- -unvermittelt und schreckhaft: Ein kleines Mädchen in weißem Kleid und -ringsum die dunkle Wiese eines Schloßparks, von alten Ulmen umsäumt. -Deutlich sah ich es wieder vor mir. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich mußte mich verfärbt haben; ich merkte es an der Hast, mit der sie -fortfuhr: »Ich weiß ja, daß Ihre Worte damals nur der Stimmung des -Abschieds entsprangen, aber sie waren mir oft ein Trost und -- und ich -danke Ihnen dafür.« - -Mit aller Kraft biß ich die Zähne zusammen und jagte den heulenden -Schmerz, der mich zerfetzte, in die Brust zurück. - -Ich verstand: Eine gnädige Hand war es gewesen, die die Riegel vor -meiner Erinnerung zugeschoben hatte. Klar stand jetzt in meinem -Bewußtsein geschrieben, was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen -herübergetragen: Eine Liebe, die für mein Herz zu stark gewesen, hatte -für Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht des Irrsinns war damals der -Balsam für meinen wunden Geist geworden. - -Allmählich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins über mich und kühlte -die Tränen hinter meinen Augenlidern. Der Hall von Glocken zog ernst und -stolz durch den Dom, und ich konnte freudig lächelnd der in die Augen -sehen, die gekommen war, Hilfe bei mir zu suchen. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Wieder hörte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags und das Trappen der -Hufe. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in die Stadt. - -Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden Augen, und aus -geschlichteten Bergen von Tannenbäumen raunte es von Flitter und -silbernen Nüssen und vom kommenden Christfest. - -Auf dem Rathausplatz an der Mariensäule murmelten bei Kerzenglanz die -alten Bettelweiber mit den grauen Kopftüchern der Muttergottes ihren -Rosenkranz. - -Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die Buden des -Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit rotem Tuch bespannt, leuchtete -grell, von schwelenden Fackeln beschienen, die offene Bühne eines -Marionettentheaters. - -Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett, die Peitsche in der Hand und -daran an der Schnur ein Totenschädel, ritt klappernd auf hölzernem -Schimmel über die Bretter. - -In Reihen fest aneinandergedrängt starrten die Kleinen -- die Pelzmützen -tief über die Ohren gezogen -- mit offenem Munde hinauf und lauschten -gebannt den Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die mein Freund -Zwakh da drinnen im Kasten sprach: - - »Ganz vorne schritt ein Hampelmann, - Der Kerl war mager wie ein Dichter - Und hatte bunte Lappen an - Und torkelte und schnitt Gesichter.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf den Platz mündete. -Dicht, Kopf an Kopf, stand lautlos eine Menschenmenge da in der -Finsternis vor einem Anschlagszettel. - -Ein Mann hatte ein Streichholz angezündet, und ich konnte einige Zeilen -bruchstückweise lesen. Mit dumpfen Sinnen nahm mein Bewußtsein ein paar -Worte auf: - - _Vermißt!_ - - 1000 fl Belohnung - - Älterer Herr ...... schwarz gekleidet ........... - ................... Signalement: - ...... fleischiges, glattrasiertes Gesicht ...... - ................. Haarfarbe: weiß ............... - ..... Polizeidirektion .... Zimmer Nr. .......... - -Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ich langsam hinein -in die lichtlosen Häuserreihen. - -Eine Handvoll winziger Sterne glitzerte auf dem schmalen, dunklen -Himmelsweg über den Giebeln. - -Friedvoll schweiften meine Gedanken zurück in den Dom, und die Ruhe -meiner Seele wurde noch beseligender und tiefer, da drang vom Platz -herüber, schneidend klar -- als stünde sie dicht an meinem Ohr -- die -Stimme des Marionettenspielers durch die Winterluft: - - »Wo ist das Herz aus rotem Stein? - Es hing an einem Seidenbande, - Und funkelte im Frührotschein« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - - - Spuk - - -Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer durchmessen und mir -das Gehirn zermartert, wie ich »ihr« Hilfe bringen könnte. - -Oft war ich nahe daran gewesen, hinunter zu Schemajah Hillel zu gehen, -ihm zu erzählen, was mir anvertraut worden, und ihn um Rat zu bitten. -Aber jedesmal verwarf ich den Entschluß. - -Er stand im Geist so riesengroß vor mir, daß es eine Entweihung schien, -ihn mit Dingen, die das äußere Leben betrafen, zu behelligen, dann -wieder kamen Momente, wo mich brennende Zweifel befielen, ob ich in -Wirklichkeit alles das erlebt hätte, was nur eine kurze Spanne Zeit -zurücklag und doch so seltsam verblaßt schien, verglichen mit den -lebenstrotzenden Erlebnissen des verflossenen Tages. - -Hatte ich nicht doch geträumt? Durfte ich -- ein Mensch, dem das -Unerhörte geschehen war, daß er seine Vergangenheit vergessen hatte, -- -auch nur eine Sekunde lang als Gewißheit annehmen, wofür als einziger -Zeuge bloß meine Erinnerung die Hand aufhob? - -Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch auf dem Sessel -lag. Gott sei Dank, wenigstens das eine stand fest: ich war mit ihm in -persönlicher Berührung gewesen! - -Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm, seine Knie -umfassen und wie Mensch zu Mensch ihm klagen, daß ein unsägliches Weh an -meinem Herzen fraß? - -Schon hielt ich die Klinke in der Hand, da ließ ich sie wieder los; ich -sah voraus, was kommen würde: Hillel würde mir mild über die Augen -fahren und -- -- -- nein, nein, nur das nicht! Ich hatte kein Recht, -Linderung zu begehren. »Sie« vertraute auf mich und meine Hilfe, und -wenn die Gefahr, in der sie sich fühlte, mir in Momenten auch klein und -nichtig erscheinen mochte, -- _sie_ empfand sie sicherlich als -riesengroß! - -Hillel um Rat zu bitten, blieb morgen Zeit -- ich zwang mich, kalt und -nüchtern zu denken; -- ihn jetzt -- mitten in der Nacht zu stören? -- es -ging nicht an. So würde nur ein Verrückter handeln. - -Ich wollte die Lampe anzünden; dann ließ ich es wieder sein: der Abglanz -des Mondlichts fiel von den Dächern gegenüber herein in mein Zimmer und -gab mehr Helle, als ich brauchte. Und ich fürchtete, die Nacht könnte -noch langsamer vergehen, wenn ich Licht machte. - -Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken, die Lampe anzuzünden, -nur um den Tag zu erwarten, -- eine leise Angst sagte mir, der Morgen -rücke dadurch in unerlebbare Ferne. - -Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der Luft schwebender -Friedhof lagen die Reihen verschnörkelter Giebel dort oben -- -Leichensteine mit verwitterten Jahreszahlen, getürmt über die dunkeln -Modergrüfte, diese »Wohnstätten«, darein sich das Gewimmel der Lebenden -Höhlen und Gänge genagt. - -Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich leise, ganz leise zu -wundern begann, warum ich denn nicht aufschräke, wo doch ein Geräusch -von verhaltenen Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein -Ohr drang. - -Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein Mensch. Das kurze -Ächzen der Dielen verriet, wie seine Sohle zögernd schlich. - -Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde förmlich kleiner, so -preßte sich alles in mir zusammen unter dem Druck des Willens zu hören. -Jedes Zeitempfinden gerann zu Gegenwart. - -Noch ein rasches Knistern, das vor sich selbst erschrak und hastig -abbrach. Dann Totenstille. Jene lauernde, grauenhafte Stille, die ihr -eigener Verräter ist und Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht. - -Regungslos stand ich, das Ohr an die Wand gedrückt, das drohende Gefühl -in der Kehle, daß drüben einer stand, genau so wie ich und dasselbe tat. - -Ich lauschte und lauschte: - -Nichts. - -Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben. - -Lautlos -- auf den Zehenspitzen -- stahl ich mich an den Sessel bei -meinem Bett, nahm Hillels Kerze und zündete sie an. - -Dann überlegte ich: Die eiserne Speichertüre draußen auf dem Gang, die -zum Atelier Saviolis führte, ging nur von drüben aufzuklinken. - -Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenförmiges Stück Draht, das unter -meinen Graviersticheln auf dem Tische lag: derlei Schlösser springen -leicht auf. Schon beim ersten Druck auf die Riegelfeder! - -Und was würde dann geschehen? - -Nur Aaron Wassertrum konnte es sein, der da nebenan spionierte, -- -vielleicht in Kästen wühlte, um neue Waffen und Beweise in die Hand zu -bekommen, legte ich mir zurecht. - -Ob es viel nützen würde, wenn ich dazwischentrat? - -Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken! Nur dies furchtbare -Warten auf den Morgen zerfetzen! - -Und schon stand ich vor der eisernen Bodentüre, drückte dagegen, schob -vorsichtig den Haken ins Schloß und horchte. Richtig: Ein schleifendes -Geräusch drinnen im Atelier, wie wenn jemand eine Schublade aufzieht. - -Im nächsten Augenblick schnellte der Riegel zurück. - -Ich konnte das Zimmer überblicken und sah, obwohl es fast finster war -und meine Kerze mich nur blendete, wie ein Mann in langem, schwarzem -Mantel entsetzt vor einem Schreibtisch aufsprang, -- eine Sekunde lang -unschlüssig, wohin sich wenden, -- eine Bewegung machte, als wolle er -auf mich losstürzen, sich dann den Hut vom Kopf riß und hastig damit -sein Gesicht bedeckte. - -»Was suchen Sie hier!« wollte ich rufen, doch der Mann kam mir zuvor: - -»Pernath! Sie sind's? Gotteswillen! Das Licht weg!« Die Stimme kam mir -bekannt vor, war aber keinesfalls die des Trödlers Wassertrum. - -Automatisch blies ich die Kerze aus. - -Das Zimmer lag halbdunkel da -- nur von dem schimmrigen Dunst, der aus -der Fensternische hereindrang, matt erhellt -- genau wie meines, und ich -mußte meine Augen aufs äußerste anstrengen, ehe ich in dem abgezehrten, -hektischen Gesicht, das plötzlich über dem Mantel auftauchte, die Züge -des Studenten Charousek erkennen konnte. - -»Der Mönch!« drängte es sich mir auf die Zunge und ich verstand mit -einem Male die Vision, die ich gestern im Dom gehabt! _Charousek! Das -war der Mann, an den ich mich wenden sollte!_ -- Und ich hörte seine -Worte wieder, die er damals im Regen unter dem Torbogen gesagt hatte: -»Aaron Wassertrum wird es schon erfahren, daß man mit vergifteten, -unsichtbaren Nadeln durch Mauern stechen kann. Genau an dem Tage, an dem -er Dr. Savioli an den Hals will.« - -Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen? Wußte er ebenfalls, was -sich zugetragen? Sein Hiersein zu so ungewöhnlicher Stunde ließ fast -darauf schließen, aber ich scheute mich, die direkte Frage an ihn zu -richten. - -Er war ans Fenster geeilt und spähte hinter dem Vorhang hinunter auf die -Gasse. - -Ich erriet: er fürchtete, Wassertrum könne den Lichtschein meiner Kerze -wahrgenommen haben. - -»Sie denken gewiß, ich bin ein Dieb, daß ich nachts hier in einer -fremden Wohnung herumsuche, Meister Pernath,« fing er nach langem -Schweigen mit unsicherer Stimme an, »aber ich schwöre Ihnen -- --« - -Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn. - -Und um ihm zu zeigen, daß ich keinerlei Mißtrauen gegen ihn hegte, in -ihm vielmehr einen Bundesgenossen sah, erzählte ich ihm mit kleinen -Einschränkungen, die ich für nötig hielt, welche Bewandtnis es mit dem -Atelier habe, und daß ich fürchte, eine Frau, die mir nahestehe, sei in -Gefahr, den erpresserischen Gelüsten des Trödlers in irgendwelcher Art -zum Opfer zu fallen. - -Aus der höflichen Weise, mit der er mir zuhörte, ohne mich mit Fragen zu -unterbrechen, entnahm ich, daß er das meiste bereits wußte, wenn auch -vielleicht nicht in Einzelheiten. - -»Es stimmt schon,« sagte er grübelnd, als ich zu Ende gekommen war. -»Habe ich mich also doch nicht geirrt! Der Kerl will Savioli an die -Gurgel fahren, das ist klar, aber offenbar hat er noch nicht genug -Material beisammen. Weshalb würde er sich sonst noch hier immerwährend -herumdrücken! Ich ging nämlich gestern, sagen wir mal: >zufällig< durch -die Hahnpaßgasse,« erklärte er, als er meine fragende Miene bemerkte, -»da fiel mir auf, daß Wassertrum erst lange -- scheinbar unbefangen -- -vor dem Tor unten auf und ab schlenderte, dann aber, als er sich -unbeobachtet glaubte, rasch ins Haus bog. Ich ging ihm sofort nach und -tat so, als wollte ich Sie besuchen, das heißt, ich klopfte bei Ihnen -an, und dabei überraschte ich ihn, wie er draußen an der eisernen -Bodentür mit einem Schlüssel herumhantierte. Natürlich gab er es -augenblicklich auf, als ich kam, und klopfte ebenfalls als Vorwand bei -Ihnen an. Sie schienen übrigens nicht zu Hause gewesen zu sein, denn es -öffnete niemand. - -Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte, erfuhr ich, -daß jemand, der nach den Schilderungen nur Dr. Savioli sein konnte, hier -heimlich ein Absteigequartier besäße. Da Dr. Savioli schwer krank liegt, -reimte ich mir das übrige zurecht. - -Sehen Sie: und das da habe ich aus den Schubladen zusammengesucht, um -Wassertrum für alle Fälle zuvorzukommen«, schloß Charousek und deutete -auf ein Paket Briefe auf dem Schreibtisch; »es ist alles, was ich an -Schriftstücken finden konnte. Hoffentlich ist sonst nichts mehr -vorhanden. Wenigstens habe ich in sämtlichen Truhen und Schränken -gestöbert, so gut das in der Finsternis ging.« - -Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das Zimmer und blieben -unwillkürlich auf einer Falltüre am Boden haften. Ich entsann mich dabei -dunkel, daß Zwakh mir irgendwann erzählt hatte, ein geheimer Zugang -führe von unten herauf ins Atelier. - -Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran als Griff. - -»Wo sollen wir die Briefe aufheben?«, fing Charousek wieder an. »Sie, -Herr Pernath, und ich sind wohl die einzigen im ganzen Ghetto, die -Wassertrum harmlos vorkommen, -- warum gerade _ich_, das -- hat -- seine --- besonderen -- Gründe«, -- (ich sah, daß sich seine Züge in wildem Haß -verzerrten, wie er so den letzten Satz förmlich zerbiß --) »und Sie hält -er für -- --« Charousek erstickte das Wort »verrückt« mit einem raschen, -erkünstelten Husten, aber ich erriet, was er hatte sagen wollen. Es tat -mir nicht weh; das Gefühl, »ihr« helfen zu können, machte mich so -glückselig, daß jede Empfindlichkeit ausgelöscht war. - -Wir kamen schließlich überein, das Paket bei mir zu verstecken, und -gingen hinüber in meine Kammer. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Charousek war längst fort, aber immer noch konnte ich mich nicht -entschließen, zu Bette zu gehen. Eine gewisse innere Unzufriedenheit -nagte an mir und hielt mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun, -fühlte ich, aber was? was? - -Einen Plan für den Studenten entwerfen, was weiter zu geschehen hätte? - -Das allein konnte es nicht sein. Charousek ließ den Trödler sowieso -nicht aus den Augen, darüber bestand kein Zweifel. Ich schauderte, wenn -ich an den Haß dachte, der aus seinen Worten geweht hatte. - -Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte? - -Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte mich fast zur -Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges rief nach mir, und ich -verstand nicht. - -Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, das Reißen am Zügel -spürt und nicht weiß, welches Kunststück er machen soll, den Willen -seines Herrn nicht erfaßt. - -Hinuntergehen zu Schemajah Hillel? - -Jede Faser in mir verneinte. - -Die Vision des Mönchs in der Domkirche, auf dessen Schultern gestern der -Kopf Charouseks aufgetaucht war als Antwort auf eine stumme Bitte um -Rat, gab mir Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefühle nicht ohne -weiteres zu verachten. Geheime Kräfte keimten in mir auf seit geraumer -Zeit, das war gewiß: ich empfand es zu übermächtig, als daß ich auch nur -den Versuch gemacht hätte, es wegzuleugnen. - -Buchstaben zu _empfinden_, sie nicht nur mit den Augen in Büchern zu -lesen, -- einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen, der mir übersetzt, -was die Instinkte ohne Worte raunen, darin muß der Schlüssel liegen, -sich mit dem eigenen Innern durch klare Sprache zu verständigen, begriff -ich. - -»Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht«, fiel -mir eine Bibelstelle wie eine Erklärung dazu ein. - -»Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel«, wiederholten mechanisch meine Lippen, -derweilen mir der Geist jene sonderbaren Ideen vorgaukelte, bemerkte ich -plötzlich. - -»Schlüssel, Schlüssel -- --?« mein Blick fiel auf den krummen Draht in -meiner Hand, der mir vorhin zum Öffnen der Speichertüre gedient hatte, -und eine heiße Neugier, wohin wohl die viereckige Falltür aus dem -Atelier führen könnte, peitschte mich auf. - -Und ohne zu überlegen, ging ich nochmals hinüber in Saviolis Atelier und -zog an dem Griffring der Falltüre, bis es mir schließlich gelang, die -Platte zu heben. - -Zuerst nichts als Dunkelheit. - -Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab in tiefste Finsternis. - -Ich stieg hinunter. - -Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Händen die Mauern entlang, aber -es wollte kein Ende nehmen: Nischen, feucht von Schimmel und Moder, -- -Windungen, Ecken und Winkel, -- Gänge geradeaus, nach links und nach -rechts, Reste einer alten Holztüre, Wegteilungen und dann wieder Stufen, -Stufen, Stufen hinauf und hinab. - -Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde überall. - -Und noch immer kein Lichtstrahl. -- - -Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen hätte! - -Endlich flacher, ebener Weg. - -Aus dem Knirschen unter meinen Füßen schloß ich, daß ich auf trockenem -Sand dahinschritt. - -Es konnte nur einer jener zahllosen Gänge sein, die scheinbar ohne Zweck -und Ziel unter dem Ghetto hinführen bis zum Fluß. - -Ich wunderte mich nicht: die halbe Stadt stand doch seit unvordenklichen -Zeiten auf solchen unterirdischen Läuften, und die Bewohner Prags hatten -von jeher triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen. - -Das Fehlen jeglichen Geräusches zu meinen Häupten sagte mir, daß ich -mich immer noch in der Gegend des Judenviertels, das nachts wie -ausgestorben ist, befinden mußte, obwohl ich schon eine Ewigkeit -gewandert war. Belebtere Straßen oder Plätze über mir hätten sich durch -fernes Wagenrasseln verraten. - -Eine Sekunde lang würgte mich die Furcht: was, wenn ich im Kreise -herumging!? In ein Loch stürzte, mich verletzte, ein Bein brach und -nicht mehr weitergehen konnte!? - -Was geschah dann mit _ihren_ Briefen in meiner Kammer? Sie mußten -unfehlbar Wassertrum in die Hände fallen. - -Der Gedanke an Schemajah Hillel, mit dem ich vag den Begriff eines -Helfers und Führers verknüpfte, beruhigte mich unwillkürlich. - -Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und tastenden Schrittes und -hielt den Arm in die Höhe, um nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen, -falls der Gang niedriger würde. - -Von Zeit zu Zeit, dann immer öfter stieß ich oben mit der Hand an, und -endlich senkte sich das Gestein so tief herab, daß ich mich bücken -mußte, um durchzukommen. - -Plötzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen leeren Raum. - -Ich blieb stehen und starrte hinauf. - -Nach und nach schien es mir, als falle von der Decke ein leiser, kaum -merklicher Schimmer von Licht. - -Mündete hier ein Schacht, vielleicht aus irgend einem Keller herunter? - -Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Händen in Kopfeshöhe um -mich herum: die Öffnung war genau viereckig und ausgemauert. - -Allmählich konnte ich darin als Abschluß die schattenhaften Umrisse -eines wagerechten Kreuzes unterscheiden, und endlich gelang es mir, -seine Stäbe zu erfassen, mich daran emporzuziehen und hindurchzuzwängen. - -Ich _stand_ jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich. - -Offenbar endeten hier die Überbleibsel einer eisernen Wendeltreppe, wenn -mich das Gefühl meiner Finger nicht täuschte? - -Lang, unsagbar lang mußte ich tappen, bis ich die zweite Stufe finden -konnte, dann klomm ich empor. - -Es waren im ganzen acht Stufen. Eine jede fast in Manneshöhe über der -andern. - -Sonderbar: die Treppe stieß oben gegen eine Art horizontalen Getäfels, -das aus regelmäßigen, sich schneidenden Linien den Lichtschein -herabschimmern ließ, den ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte! - -Ich duckte mich, so tief ich konnte, um aus etwas weiterer Entfernung -besser unterscheiden zu können, wie die Linien verliefen, und sah zu -meinem Erstaunen, daß sie genau die Form eines Sechsecks, wie man es auf -den Synagogen findet, bildeten. - -Was mochte das nur sein? - -Plötzlich kam ich dahinter: es war eine Falltür, die an den Kanten Licht -durchließ! Eine Falltür aus Holz in Gestalt eines Sternes. - -Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte, drückte sie -aufwärts und stand im nächsten Moment in einem Gemach, das von grellem -Mondschein erfüllt war. - -Es war ziemlich klein, vollständig leer bis auf einen Haufen Gerümpel in -der Ecke und hatte nur ein einziges, stark vergittertes Fenster. - -Eine Türe oder sonst einen Zugang mit Ausnahme dessen, den ich soeben -benützt, vermochte ich nicht zu entdecken, so genau ich auch die Mauern -immer wieder von neuem absuchte. - -Die Gitterstäbe des Fensters standen zu eng, als daß ich den Kopf hätte -durchstecken können, so viel aber sah ich: - -Das Zimmer befand sich ungefähr in der Höhe eines dritten Stockwerks, -denn die Häuser gegenüber hatten nur zwei Etagen und lagen wesentlich -tiefer. - -Das eine Ufer der Straße unten war für mich noch knapp sichtbar, aber -infolge des blendenden Mondlichts, das mir voll ins Gesicht schien, in -tiefe Schlagschatten getaucht, die es mir unmöglich machten, -Einzelheiten zu unterscheiden. - -Zum Judenviertel mußte die Gasse unbedingt gehören, denn die Fenster -drüben waren sämtlich vermauert oder aus Simsen im Bau angedeutet, und -nur im Ghetto kehren die Häuser einander so seltsam den Rücken. - -Vergebens quälte ich mich ab herauszubringen, was das wohl für ein -sonderbares Bauwerk sein mochte, in dem ich mich befand. - -Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitentürmchen der griechischen -Kirche sein? Oder gehörte es irgendwie zur Altneusynagoge? - -Die Umgebung stimmte nicht. - -Wieder sah ich mich im Zimmer um: nichts, was mir auch nur den kleinsten -Aufschluß gegeben hätte. -- Die Wände und Decke waren kahl, Bewurf und -Kalk längst abgefallen und weder Nagellöcher, noch Nägel, die verraten -hätten, daß der Raum einst bewohnt gewesen. - -Der Boden lag fußhoch bedeckt mit Staub, als hätte ihn seit Jahrzehnten -kein lebendes Wesen betreten. - -Das Gerümpel in der Ecke zu durchsuchen, ekelte ich mich. Es lag in -tiefer Finsternis, und ich konnte nicht unterscheiden, woraus es -bestand. - -Dem äußern Eindruck nach schienen es Lumpen zu einem Knäuel geballt. - -Oder waren es ein paar alte, schwarze Handkoffer? - -Ich tastete mit dem Fuß hin, und es gelang mir, mit dem Absatz einen -Teil davon in die Nähe des Lichtstreifens zu ziehen, den der Mond quer -übers Zimmer warf. Es schien wie ein breites, dunkles Band, das sich da -langsam aufrollte. - -Ein blitzender Punkt wie ein Auge! - -Ein Metallknopf vielleicht? - -Allmählich wurde mir klar: ein Ärmel von sonderbarem, altmodischem -Schnitt hing da aus dem Bündel heraus. - -Und eine kleine weiße Schachtel oder dergleichen lag darunter, lockerte -sich unter meinem Fuß und zerfiel in eine Menge fleckiger Schichten. - -Ich gab ihr einen leichten Stoß: Ein Blatt flog ins Helle. - -Ein Bild? - -Ich bückte mich: Ein Pagad? - -Was mir eine weiße Schachtel geschienen, war ein Tarokspiel. - -Ich hob es auf. - -Konnte es etwas Lächerlicheres geben: Ein Kartenspiel hier an diesem -gespenstischen Ort! - -Merkwürdig, daß ich mich zum Lächeln zwingen mußte. Ein leises Gefühl -von Grauen beschlich mich. - -Ich suchte nach einer banalen Erklärung, wie die Karten wohl -hierhergekommen sein könnten, und zählte dabei mechanisch das Spiel. Es -war vollständig: 78 Stück. Aber schon während des Zählens fiel mir etwas -auf: Die Blätter waren wie aus Eis. - -Eine lähmende Kälte ging von ihnen aus, und wie ich das Paket -geschlossen in der Hand hielt, konnte ich es kaum mehr loslassen: so -erstarrt waren meine Finger. Wieder haschte ich nach einer nüchternen -Erklärung: - -Mein dünner Anzug, die lange Wanderung ohne Mantel und Hut in den -unterirdischen Gängen, die grimmige Winternacht, die Steinwände, der -entsetzliche Frost, der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinfloß: -- -sonderbar genug, daß ich erst jetzt anfing zu frieren. Die Erregung, in -der ich mich die ganze Zeit befunden, mußte mich darüber hinweggetäuscht -haben. -- - -Ein Schauer nach dem andern jagte mir über die Haut. Schicht um Schicht -drangen sie tiefer, immer tiefer in meinen Körper ein. - -Ich fühlte mein Skelett zu Eis werden und wurde mir jedes einzelnen -Knochen bewußt wie kalter Metallstangen, an denen mir das Fleisch -festfror. - -Kein Umherlaufen half, kein Stampfen mit den Füßen und nicht das -Schlagen mit den Armen. Ich biß die Zähne zusammen, um ihr Klappern -nicht zu hören. - -Das ist der Tod, sagte ich mir, der dir die kalten Hände auf den -Scheitel legt. - -Und ich wehrte mich wie ein Rasender gegen den betäubenden Schlaf des -Erfrierens, der, wollig und erstickend, mich wie mit einem Mantel -einhüllen kam. - -Die Briefe, in meiner Kammer, -- _ihre_ Briefe! brüllte es in mir auf: -man wird sie finden, wenn ich hier sterbe. Und sie hofft auf mich! Hat -ihre Rettung in meine Hände gelegt! -- Hilfe! -- Hilfe! -- Hilfe! -- - -Und ich schrie durch das Fenstergitter hinunter auf die öde Gasse, daß -es widerhallte: Hilfe, Hilfe, Hilfe! - -Warf mich zu Boden und sprang wieder auf. Ich durfte nicht sterben, -durfte nicht! ihretwegen, nur ihretwegen! Und wenn ich Funken aus meinen -Knochen schlagen sollte, um mich zu erwärmen. - -Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke, und ich stürzte darauf zu -und zog sie mit schlotternden Händen über meine Kleider. - -Es war ein zerschlissener Anzug aus dickem, dunklem Tuch von -uraltmodischem, seltsamem Schnitt. - -Ein Geruch nach Moder ging von ihm aus. - -Dann kauerte ich mich in dem gegenüberliegenden Mauerwinkel zusammen und -spürte meine Haut langsam, langsam wärmer werden. Nur das schauerliche -Gefühl des eigenen, eisigen Gerippes in mir wollte nicht weichen. -Regungslos saß ich da und ließ meine Augen wandern: die Karte, die ich -zuerst gesehen, -- der Pagad, -- lag noch immer inmitten des Zimmers in -dem Lichtstreifen. - -Unverwandt mußte ich sie anstarren. - -Sie schien, soweit ich auf die Entfernung hin erkennen konnte, in -Wasserfarben ungeschickt von Kinderhand gemalt, und stellte den -hebräischen Buchstaben Aleph dar, in Form eines Mannes, altfränkisch -gekleidet, den grauen Spitzbart kurz geschnitten und den linken Arm -erhoben, während der andere abwärts deutete. - -Hatte das Gesicht des Mannes nicht eine seltsame Ähnlichkeit mit meinem, -dämmerte mir ein Verdacht auf? -- Der Bart -- er paßte so gar nicht zu -einem Pagad, -- -- ich kroch auf die Karte zu und warf sie in die Ecke -zu dem Rest des Gerümpels, um den quälenden Anblick los zu sein. - -Dort lag sie jetzt und schimmerte -- ein grauweißer, unbestimmter Fleck --- zu mir herüber aus dem Dunkel. - -Mit Gewalt zwang ich mich zu überlegen, was ich zu beginnen hätte, um -wieder in meine Wohnung zu kommen: - -Den Morgen abwarten! Unten die Vorübergehenden vom Fenster aus anrufen, -damit sie mir von außen mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne -heraufbrächten! -- Ohne Licht die endlosen, sich ewig kreuzenden Gänge -zurückfinden, würde mir nie gelingen, empfand ich als beklemmende -Gewißheit. -- Oder, falls das Fenster zu hoch läge, daß sich jemand vom -Dach mit einem Strick -- --? Gott im Himmel, wie ein Blitzstrahl -durchfuhr es mich: jetzt wußte ich, wo ich war: Ein Zimmer ohne Zugang --- nur mit einem vergitterten Fenster -- das altertümliche Haus in der -Altschulgasse, das jeder mied! -- schon einmal vor vielen Jahren hatte -sich ein Mensch an einem Strick vom Dach herabgelassen, um durchs -Fenster zu schauen, und der Strick war gerissen und -- Ja: ich war in -dem Haus, in dem der gespenstische Golem jedesmal verschwand! - -Ein tiefes Grauen, gegen das ich mich vergeblich wehrte, das ich nicht -einmal mehr durch die Erinnerung an die Briefe niederkämpfen konnte, -lähmte jedes Weiterdenken, und mein Herz fing an, sich zu krampfen. - -Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen, es sei nur der Wind, der da -so eisig aus der Ecke herüberwehte, sagte es mir vor, schneller und -schneller, mit pfeifendem Atem -- es half nicht mehr: dort drüben der -weißliche Fleck -- die Karte -- sie quoll auf zu blasigen Klumpen, -tastete sich hin zum Rande des Mondstreifens und kroch wieder zurück in -die Finsternis. -- Tropfende Laute -- halb gedacht, geahnt, halb -wirklich -- im Raum und doch außerhalb um mich herum und doch anderswo, --- tief im eigenen Herzen und wieder mitten im Zimmer -- erwachten: -Geräusche, wie wenn ein Zirkel fällt und mit der Spitze im Holz stecken -bleibt! - -Immer wieder: Der weißliche Fleck -- -- -- der weißliche Fleck -- --! -Eine Karte, eine erbärmliche, dumme, alberne Spielkarte ist es, schrie -ich mir ins Hirn hinein -- -- -- umsonst -- -- jetzt hat er sich dennoch --- dennoch Gestalt erzwungen -- der Pagad -- und hockt in der Ecke und -stiert herüber zu mir mit _meinem eigenen Gesicht_. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Stunden und Stunden kauerte ich da -- unbeweglich -- in meinem Winkel, -ein frosterstarrtes Gerippe in fremden, modrigen Kleidern! -- Und er -drüben: ich selbst. - -Stumm und regungslos. - -So starrten wir uns in die Augen -- einer das gräßliche Spiegelbild des -andern. -- -- -- - -Ob er es auch sieht, wie sich die Mondstrahlen mit schneckenhafter -Trägheit über den Boden hinsaugen und wie Zeiger eines unsichtbaren -Uhrwerks in der Unendlichkeit die Wand emporkriechen und fahler und -fahler werden? -- - -Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm nichts, daß er sich -auflösen wollte in dem Morgendämmerschein, der ihm vom Fenster her zu -Hilfe kam. - -Ich hielt ihn fest. - -Schritt vor Schritt habe ich mit ihm gerungen um mein Leben -- um das -Leben, das mein ist, weil es nicht mehr mir gehört. -- -- -- - -Und wie er kleiner und kleiner wurde und sich bei Tagesgrauen wieder in -sein Kartenblatt verkroch, da stand ich auf, ging hinüber zu ihm und -steckte ihn in die Tasche -- den Pagad. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Immer noch war die Gasse unten öd und menschenleer. - -Ich durchstöberte die Zimmerecke, die jetzt im stumpfen Morgenlichte -lag: Scherben, dort eine rostige Pfanne, morsche Fetzen, ein -Flaschenhals. Tote Dinge und doch so merkwürdig bekannt. - -Und auch die Mauern -- wie die Risse und Sprünge darin deutlich wurden --- wo hatte ich sie nur gesehen? - -Ich nahm das Kartenpäckchen zur Hand -- es dämmerte mir auf: hatte ich -die nicht einst selbst bemalt? Als Kind? Vor langer, langer Zeit? - -Es war ein uraltes Tarokspiel. Mit hebräischen Zeichen. -- Nummer 12 muß -der »Gehenkte« sein, überkam's mich wie halbe Erinnerung. -- Mit dem -Kopf abwärts? Die Arme auf dem Rücken? -- Ich blätterte nach: Da! Da war -er. - -Dann wieder, halb Traum, halb Gewißheit, tauchte ein Bild vor mir auf: -Ein geschwärztes Schulhaus, bucklig, schief, ein mürrisches -Hexengebäude, die linke Schulter hochgezogen, die andere mit einem -Nebenhaus verwachsen. -- -- -- Wir sind mehrere halbwüchsige Jungen -- -ein verlassener Keller ist irgendwo -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Dann sah ich an meinem Körper herab und wurde wieder irre: Der -altmodische Anzug war mir völlig fremd. -- -- -- - -Der Lärm eines holpernden Karrens schreckte mich auf, doch wie ich -hinabblickte: Keine Menschenseele. Nur ein Fleischerhund stand versonnen -an einem Eckstein. - -Da! Endlich! Stimmen! menschliche Stimmen! - -Zwei alte Weiber kamen langsam die Straße dahergetrottet, und ich -zwängte den Kopf halb durch das Gitter und rief sie an. - -Mit offenem Mund glotzten sie in die Höhe und berieten sich. Aber als -sie mich sahen, stießen sie ein gellendes Geschrei aus und liefen davon. - -Sie haben mich für den Golem gehalten, begriff ich. - -Und ich erwartete, daß ein Zusammenlauf von Menschen entstehen würde, -denen ich mich verständlich machen könnte, aber wohl eine Stunde -verging, und nur hie und da spähte unten vorsichtig ein blasses Gesicht -herauf zu mir, um sofort in Todesschreck wieder zurückzufahren. - -Sollte ich warten, bis vielleicht nach Stunden oder gar erst morgen -Polizisten kamen -- die Staatsfalotten, wie Zwakh sie zu nennen pflegte? - -Nein, lieber wollte ich einen Versuch machen, die unterirdischen Gänge -ein Stück weit auf ihre Richtung hin zu untersuchen. - -Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein eine Spur von -Licht hinab? - -Ich kletterte die Leiter hinunter, setzte den Weg, den ich gestern -gekommen war, fort -- über ganze Halden zerbrochener Ziegelsteine und -durch versunkene Keller -- erklomm eine Treppenruine und stand plötzlich --- -- im Hausflur des _schwarzen Schulhauses_, das ich vorhin wie im -Traum gesehen. - -Sofort stürzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf mich ein: Bänke, -bespritzt mit Tinte von oben bis unten, Rechenhefte, plärrender Gesang, -ein Junge, der Maikäfer in der Klasse losläßt, Lesebücher mit -zerquetschten Butterbroten darin und Geruch nach Orangeschalen. Jetzt -wußte ich mit Gewißheit: Ich war einst als Knabe hier gewesen. -- Aber -ich ließ mir keine Zeit nachzudenken und eilte heim. - -Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete, war ein -verwachsener alter Jude mit weißen Schläfenlocken. Kaum hatte er mich -erblickt, bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und heulte laut -hebräische Gebete herunter. - -Auf den Lärm hin mußten wahrscheinlich viele Leute aus ihren Höhlen -gestürzt sein, denn es brach ein unbeschreibliches Gezeter hinter mir -los. Ich drehte mich um und sah ein wimmelndes Heer totenblasser, -entsetzenverzerrter Gesichter sich mir nachwälzen. - -Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand: -- ich trug noch -immer die seltsam mittelalterlichen Kleider von nachts her über meinem -Anzug, und die Leute glaubten, den »Golem« vor sich zu haben. - -Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und riß mir die modrigen -Fetzen vom Leibe. - -Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen Stöcken und geifernden -Mäulern schreiend an mir vorüber. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - - - Licht - - -Einige Male im Laufe des Tages hatte ich an Hillels Türe geklopft; -- es -ließ mir keine Ruhe: ich mußte ihn sprechen und fragen, was alle diese -seltsamen Erlebnisse bedeuteten; aber immer hieß es, er sei noch nicht -zu Hause. - -Sowie er heimkäme vom jüdischen Rathaus, wollte mich seine Tochter -sofort verständigen. -- - -Ein sonderbares Mädchen übrigens, diese Mirjam! - -Ein Typus, wie ich ihn noch nie gesehen. - -Eine Schönheit, so fremdartig, daß man sie im ersten Moment gar nicht -fassen kann, -- eine Schönheit, die einen stumm macht, wenn man sie -ansieht, und ein unerklärliches Gefühl, so etwas, wie leise Mutlosigkeit -in einem erweckt. - -Nach Proportionsgesetzen, die seit Jahrtausenden verloren gegangen sein -müssen, ist dieses Gesicht geformt, grübelte ich mir zurecht, wie ich es -so im Geiste wieder vor mir sah. - -Und ich dachte nach, welchen Edelstein ich wählen müßte, um es als Gemme -festzuhalten und dabei den künstlerischen Ausdruck richtig zu wahren: -Schon an dem rein Äußerlichen; dem blauschwarzen Glanz des Haares und -der Augen, der alles übertraf, worauf ich auch riet, scheiterte es. -- -Wie erst die unirdische Schmalheit des Gesichtes sinn- und -visionsgemäß in eine Kamee bannen, ohne sich in die stumpfsinnige -Ähnlichkeitsmacherei der kanonischen »Kunst«richtung festzurennen! - -Nur durch ein Mosaik ließ es sich lösen, erkannte ich klar, aber was für -Material wählen? Ein Menschenleben gehörte dazu, das passende zusammen -zu finden. -- -- - -Wo nur Hillel blieb! - -Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben, alten Freunde. - -Merkwürdig, wie er mir in den wenigen Tagen -- und ich hatte ihn doch, -genau genommen, nur ein einziges Mal im Leben gesprochen, -- ins Herz -gewachsen war. - -Ja, richtig: die Briefe -- _ihre_ Briefe wollte ich doch besser -verstecken. Zu meiner Beruhigung, falls ich wieder einmal länger von zu -Hause fort sein sollte. - -Ich nahm sie aus der Truhe: -- in der Kassette würden sie sicherer -aufbewahrt sein. - -Eine Photographie glitt zwischen den Briefen heraus. Ich wollte nicht -hinschauen, aber es war zu spät. - -Den Brokatstoff um die bloßen Schultern gelegt -- so wie ich >sie< das -erste Mal gesehen, als sie in mein Zimmer flüchtete aus Saviolis Atelier --- blickte sie mir in die Augen. - -Ein wahnsinniger Schmerz bohrte sich in mich ein. Ich las die Widmung -unter dem Bilde, ohne die Worte zu erfassen, und den Namen: - -Deine _Angelina_. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -_Angelina!!!_ - -Wie ich den Namen aussprach, zerriß der Vorhang, der meine Jugendjahre -vor mir verbarg, von oben bis unten. - -Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu müssen. Ich krallte die Finger -in die Luft und winselte, -- biß mich in die Hand: -- -- nur wieder -blind sein, Gott im Himmel, -- den Scheintod weiter leben, wie bisher, -flehte ich. - -Das Weh stieg mir in den Mund. -- Quoll. -- Schmeckte seltsam süß, -- -wie Blut. -- -- - -Angelina!! - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Der Name kreiste in meinen Adern und wurde -- zu unerträglicher -gespenstischer Liebkosung. - -Mit einem gewaltsamen Ruck riß ich mich zusammen und zwang mich -- mit -knirschenden Zähnen -- das Bild anzustarren, bis ich langsam Herr -darüber wurde! - -_Herr_ darüber! - -Wie heute nacht über das Kartenblatt. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Endlich: Schritte! Männertritte. - -Er kam! - -Voll Jubel eilte ich zur Tür und riß sie auf. - -Schemajah Hillel stand draußen und hinter ihm -- ich machte mir leise -Vorwürfe, daß ich es als Enttäuschung empfand -- mit roten Bäckchen und -runden Kinderaugen: der alte Zwakh. - -»Wie ich zu meiner Freude sehe, sind Sie wohlauf, Meister Pernath«, fing -Hillel an. - -Ein kaltes »Sie«? - -Frost. Schneidender, ertötender Frost lag plötzlich im Zimmer. - -Betäubt, mit halbem Ohr, hörte ich hin, was Zwakh, atemlos vor -Aufregung, auf mich losplapperte: - -»Wissen Sie schon, der Golem geht wieder um? Neulich erst sprachen wir -davon, wissen Sie noch, Pernath? Die ganze Judenstadt ist auf. -Vrieslander hat ihn selbst gesehen, den Golem. Und wieder hat es, wie -immer, mit einem Mord begonnen« -- Ich horchte erstaunt auf: Ein Mord? - -Zwakh schüttelte mich: »Ja, wissen Sie denn von gar nichts, Pernath? -Unten hängt doch großmächtig ein Polizeiaufruf an den Ecken: den -dicken Zottmann, den >Freimaurer< -- na, ich meine doch den -Lebensversicherungsdirektor Zottmann -- soll man ermordet haben. Der -Loisa -- hier im Haus -- ist bereits verhaftet. Und die rote Rosina: -spurlos verschwunden. -- Der Golem -- der Golem -- es ist ja -haarsträubend.« - -Ich gab keine Antwort und suchte in Hillels Augen: warum blickte er mich -so unverwandt an? - -Ein verhaltenes Lächeln zuckte plötzlich um seine Mundwinkel. - -Ich verstand. Es galt mir. - -Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen vor jauchzender Freude. - -Außer mir in meinem Entzücken, lief ich planlos im Zimmer umher. Was -zuerst bringen? Gläser? Eine Flasche Burgunder? (Ich hatte doch nur -eine.) Zigarren? -- Endlich fand ich Worte: »Aber warum setzt ihr euch -denn nicht!?« -- Rasch schob ich meinen beiden Freunden Sessel unter. -- --- -- - -Zwakh fing an, sich zu ärgern: »Warum lächeln Sie denn immerwährend, -Hillel? Glauben Sie vielleicht nicht, daß der Golem spukt? Mir scheint, -Sie glauben überhaupt nicht an den Golem?« - -»Ich würde nicht an ihn glauben, selbst wenn ich ihn hier im Zimmer vor -mir sähe«, antwortete Hillel gelassen mit einem Blick auf mich. -- Ich -verstand den Doppelsinn, der aus seinen Worten klang. - -Zwakh hielt erstaunt im Trinken inne: »Das Zeugnis von hunderten -Menschen gilt Ihnen nichts, Hillel? -- Aber warten Sie nur, Hillel, -denken Sie an meine Worte: Mord auf Mord wird es jetzt in der Judenstadt -geben! Ich kenne das. Der Golem zieht eine unheimliche Gefolgschaft -hinter sich her.« - -»Die Häufung gleichartiger Ereignisse ist nichts Wunderbares«, erwiderte -Hillel. Er sprach es im Gehen, trat ans Fenster und blickte durch die -Scheiben hinab auf den Trödlerladen -- »Wenn der Tauwind weht, rührt -sich's in den Wurzeln. In den süßen, wie in den giftigen.« - -Zwakh zwinkerte mir lustig zu und deutete mit dem Kopf nach Hillel. - -»Wenn der Rabbi nur reden wollte, der könnte uns Dinge erzählen, daß -einem die Haare zu Berge stünden,« warf er halblaut hin. - -Schemajah drehte sich um. - -»Ich bin nicht >Rabbi<, wenn ich auch den Titel tragen darf. Ich bin nur -ein armseliger Archivar im jüdischen Rathaus und führe die Register -- -über die Lebendigen und die Toten.« - -Eine verborgene Bedeutung lag in seiner Rede, fühlte ich. Auch der -Marionettenspieler schien es unterbewußt zu empfinden, -- er wurde still -und eine Zeitlang sprach keiner von uns ein Wort. - -»Hören Sie mal, Rabbi --, verzeihen Sie: >Herr Hillel<, wollte ich -sagen,« -- fing Zwakh nach einer Weile wieder an, und seine Stimme klang -auffallend ernst, »ich wollte Sie schon lange etwas fragen. Sie brauchen -mir ja nicht drauf zu antworten, wenn Sie nicht mögen, oder nicht dürfen --- -- --« - -Schemajah trat an den Tisch und spielte mit dem Weinglas -- er trank -nicht; vielleicht verbot es ihm das jüdische Ritual. - -»Fragen Sie ruhig, Herr Zwakh.« - -»-- -- Wissen Sie etwas über die jüdische Geheimlehre, die Kabbala, -Hillel?« - -»Nur wenig.« - -»Ich habe gehört, es soll ein Dokument geben, aus dem man die Kabbala -lernen kann: den >Sohar< -- --« - -»Ja, den Sohar, -- das Buch des Glanzes.« - -»Sehen Sie, da hat man's«, schimpfte Zwakh los. »Ist es nicht eine -himmelschreiende Ungerechtigkeit, daß eine Schrift, die angeblich die -Schlüssel zum Verständnis der Bibel und zur Glückseligkeit enthält --« - -Hillel unterbrach ihn: »-- nur einige Schlüssel.« - -»Gut, immerhin einige! -- also, daß diese Schrift infolge ihres hohen -Wertes und ihrer Seltenheit wieder nur den Reichen zugänglich ist? In -einem einzigen Exemplar, das noch dazu im Londoner Museum steckt, wie -ich mir habe erzählen lassen? Und überdies chaldäisch, aramäisch, -hebräisch -- oder was weiß ich wie -- geschrieben? -- Habe _ich_ zum -Beispiel je im Leben Gelegenheit gehabt, diese Sprachen zu lernen oder -nach London zu kommen?« - -»Haben Sie denn alle Ihre Wünsche so heiß auf dieses Ziel gerichtet?« -fragte Hillel mit leisem Spott. - -»Offen gestanden -- nein«, gab Zwakh einigermaßen verwirrt zu. - -»Dann sollten Sie sich nicht beklagen,« sagte Hillel trocken, »wer nicht -nach dem Geist schreit mit allen Atomen seines Leibes, -- wie ein -Erstickender nach Luft, -- der kann die Geheimnisse Gottes nicht -schauen.« - -»Es sollte trotzdem ein Buch geben, in dem sämtliche Schlüssel zu den -Rätseln der anderen Welt stehen, nicht nur einige«, schoß es mir durch -den Kopf, und meine Hand spielte automatisch mit dem Pagad, den ich -immer noch in der Tasche trug, aber ehe ich die Frage in Worte kleiden -konnte, hatte Zwakh sie bereits ausgesprochen. - -Hillel lächelte wieder sphinxhaft: »_Jede Frage, die ein Mensch tun -kann, ist im selben Augenblick beantwortet, wo er sie geistig gestellt -hat._« - -»Verstehen _Sie_, was er damit meint?«, wandte sich Zwakh an mich. - -Ich gab keine Antwort und hielt den Atem an, um kein Wort von Hillels -Rede zu verlieren. - -Schemajah fuhr fort: - -»Das ganze Leben ist _nichts_ anderes als formgewordene Fragen, die den -Keim der Antwort in sich tragen -- und Antworten, die schwanger gehen -mit Fragen. Wer irgend etwas anderes darin sieht, ist ein Narr.« - -Zwakh schlug mit der Faust auf den Tisch: - -»Jawohl: Fragen, die jedesmal anders lauten, und Antworten, die jeder -anders versteht.« - -»Gerade _darauf_ kommt es an,« sagte Hillel freundlich. »Alle Menschen -über _einen_ Löffel zu -- kurieren, ist lediglich Vorrecht der Ärzte. -Der Fragende erhält _die_ Antwort, die ihm not tut: sonst ginge nicht -die Kreatur den Weg ihrer Sehnsucht. Glauben Sie denn, unsere jüdischen -Schriften sind bloß aus Willkür nur in Konsonanten geschrieben? -- Jeder -hat _sich selbst_ die geheimen Vokale dazu zu finden, die ihm den nur -für ihn allein bestimmten Sinn erschließen, -- soll nicht das lebendige -Wort zum toten Dogma erstarren.« - -Der Marionettenspieler wehrte heftig ab: - -»Das sind _Worte_, Rabbi, _Worte_! Pagad ultimo will ich heißen, wenn -ich daraus klug werde.« - -_Pagad!!_ -- Das Wort schlug in mich ein wie der Blitz. Ich fiel vor -Entsetzen beinahe vom Stuhl. - -Hillel wich meinen Augen aus. - -»Pagad ultimo? Wer weiß, ob Sie nicht wirklich so heißen, Herr Zwakh!« --- schlug Hillels Rede wie aus weiter Ferne an mein Ohr. »Man soll -seiner Sache niemals allzu sicher sein. -- Übrigens, da wir gerade von -Karten sprechen: Herr Zwakh, spielen Sie Tarok?« - -»Tarok? Natürlich. Von Kindheit an.« - -»Dann wundert's mich, wieso Sie nach einem Buche fragen können, in dem -die ganze Kabbala steht, wo Sie es doch selbst tausende Male in der Hand -gehabt haben.« - -»Ich? In der Hand gehabt? Ich?« -- Zwakh griff sich an den Kopf. - -»Jawohl, _Sie_! Ist es Ihnen niemals aufgefallen, daß das Tarokspiel -zweiundzwanzig Trümpfe hat, -- genau so viel, wie das hebräische -Alphabet Buchstaben? Zeigen unsere böhmischen Karten nicht zum Überfluß -noch Bilder dazu, die offenkundig Symbole sind: Der Narr, der Tod, der -Teufel, das letzte Gericht? -- Wie laut, lieber Freund, wollen Sie -eigentlich, daß Ihnen das Leben die Antworten in die Ohren schreien -soll? -- -- Was Sie allerdings nicht zu wissen brauchen, ist, daß ->^tarok^< oder >^Tarot^< soviel bedeutet wie das jüdische >^Tora^< = das -Gesetz, oder das altägyptische >^Tarut^< = >die Befragte<, und in der -uralten Zendsprache das Wort: >^tarisk^< = >ich verlange die Antwort<. --- Aber die Gelehrten sollten es wissen, bevor sie die Behauptung -aufstellen, das Tarok stamme aus der Zeit Karls des Sechsten. -- Und so, -wie der Pagad die erste Karte im Spiel ist, so ist der Mensch die erste -Figur in seinem eignen Bilderbuch, sein eigner Doppelgänger: -- -- der -hebräische Buchstabe Aleph, der, nach der Form des Menschen gebaut, mit -der einen Hand zum Himmel zeigt und mit der andern abwärts: das heißt -also: >So wie es oben ist, ist es auch unten; so wie es unten ist, ist -es auch oben<. -- Darum sagte ich vorhin: Wer weiß, ob Sie wirklich -Zwakh heißen und nicht: >Pagad< -- Berufen Sie's nicht,« -- Hillel -blickte mich dabei unverwandt an, und ich ahnte, wie sich unter seinen -Worten ein Abgrund immer neuer Bedeutungen auftat -- »berufen Sie's -nicht, Herr Zwakh! _Man kann da in finstere Gänge geraten_, aus denen -noch keiner zurückfand, der nicht -- _einen Talisman bei sich trug_. Die -Überlieferung erzählt, daß einmal drei Männer hinabgestiegen seien ins -Reich der Dunkelheit, der eine wurde wahnsinnig, der zweite blind, nur -der dritte, Rabbi ben Akiba, kam heil wieder heim und sagte, er sei sich -selbst begegnet. Schon so mancher, werden Sie sagen, ist sich selbst -begegnet, z. B. Goethe, gewöhnlich auf einer Brücke, oder sonst einem -Steig, der von einem Ufer eines Flusses zum andern führt, -- hat sich -selbst ins Auge geblickt und ist _nicht_ wahnsinnig geworden. Aber dann -war's eben nur eine Spiegelung des eigenen Bewußtseins und nicht der -wahre Doppelgänger: nicht das, was man >den Hauch der Knochen<, den ->Habal Garmin< nennt, von dem es heißt: _Wie er in die Grube fuhr, -unverweslich, im Gebein, so wird er auferstehen am Tage des letzten -Gerichts._« -- Hillels Blick bohrte sich immer tiefer in meine Augen -- -»Unsere Großmütter sagen von ihm: >_er wohnt_ hoch über der Erde _in -einem Zimmer ohne Türe, nur mit einem Fenster_, von dem aus eine -Verständigung mit den Menschen unmöglich ist. Wer ihn zu bannen und zu --- -- verfeinern versteht, der wird gut Freund mit sich selbst.< -- -- --- Was schließlich das Tarok betrifft, so wissen Sie so gut wie ich: für -jeden Spieler liegen die Karten anders, wer aber die Trümpfe richtig -verwendet, der gewinnt die Partie -- -- --. Aber kommen Sie jetzt, Herr -Zwakh! Gehen wir, Sie trinken sonst Meister Pernaths ganzen Wein aus, -und es bleibt nichts mehr übrig für ihn selbst.« - - - - - Not - - -Eine Flockenschlacht tobte vor meinem Fenster. Regimenterweise jagten -die Schneesterne -- winzige Soldaten in weißen, zottigen Mäntelchen -- -hintereinander her an den Scheiben vorüber -- minutenlang -- immer in -derselben Richtung, wie auf gemeinsamer Flucht vor einem ganz besonders -bösartigen Gegner. Dann hatten sie das Davonlaufen mit einem Mal dick -satt, schienen aus rätselhaften Gründen einen Wutanfall zu bekommen und -sausten wieder zurück, bis ihnen von oben und unten neue feindliche -Armeen in die Flanken fielen und alles in ein heilloses Gewirbel -auflösten. - -Monate schien mir zurückzuliegen, was ich an Seltsamem erst vor kurzem -erlebt hatte, und wären nicht täglich einigemal immer neue krause -Gerüchte über den Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch -aufleben ließen, ich glaube, ich hätte mich in Augenblicken des Zweifels -verdächtigen können, das Opfer eines seelischen Dämmerzustandes gewesen -zu sein. - -Aus den bunten Arabesken, die die Ereignisse um mich gewoben, stach mit -schreienden Farben hervor, was mir Zwakh über den noch immer -unaufgeklärten Mord an dem sogenannten »Freimaurer« erzählt hatte. - -Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang zu bringen, wollte mir -nicht recht einleuchten, obwohl ich einen dunklen Verdacht nicht -abschütteln konnte, -- fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener -Nacht aus dem Kanalgitter ein unheimliches Geräusch gehört zu haben -geglaubt, hatten wir den Burschen beim »Loisitschek« gesehen. Allerdings -lag kein Anlaß vor, den Schrei unter der Erde, der überdies geradesogut -eine Sinnestäuschung gewesen sein konnte, als Hilferuf eines Menschen zu -deuten. -- -- -- - -Das Schneegestöber vor meinen Augen blendete mich, und ich fing an, -alles in tanzenden Streifen zu sehen. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit -wieder auf die Gemme vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams -Gesicht entworfen hatte, mußte sich vortrefflich auf den bläulich -leuchtenden Mondstein da übertragen lassen. -- Ich freute mich: es war -ein angenehmer Zufall, daß ich etwas so Geeignetes unter meinem -Mineralienvorrat gefunden hatte. Die tiefschwarze Matrix von Hornblende -gab dem Stein gerade das richtige Licht, und die Konturen paßten so -genau, als habe ihn die Natur eigens erschaffen, ein bleibendes Abbild -von Mirjams feinem Profil zu werden. - -Anfangs war meine Absicht gewesen, eine Kamee daraus zu schneiden, die -den ägyptischen Gott Osiris darstellen sollte, und die Vision des -Hermaphroditen aus dem Buche Ibbur, die ich mir jederzeit mit -auffallender Deutlichkeit ins Gedächtnis zurückrufen konnte, regte mich -künstlerisch stark dazu an, aber allmählich entdeckte ich nach den -ersten Schnitten eine solche Ähnlichkeit mit der Tochter Schemajah -Hillels, daß ich meinen Plan umstieß. -- -- -- - --- Das Buch Ibbur! -- - -Erschüttert legte ich den Stahlgriffel weg. Unfaßbar, was in der kurzen -Spanne Zeit in mein Leben getreten war! - -Wie jemand, der sich plötzlich in eine unabsehbare Sandwüste versetzt -sieht, wurde ich mir mit einem Schlage der tiefen, riesengroßen -Einsamkeit bewußt, die mich von meinen Nebenmenschen trennte. - -Konnte ich je mit einem Freund -- Hillel ausgenommen -- davon reden, was -ich erlebt? - -Wohl war mir in den stillen Stunden der verflossenen Nächte die -Erinnerung wiedergekehrt, daß mich all meine Jugendjahre -- von früher -Kindheit angefangen -- ein unsagbarer Durst nach dem Wunderbaren, dem -jenseits aller Sterblichkeit Liegenden, bis zur Todespein gefoltert -hatte, aber die Erfüllung meiner Sehnsucht war wie ein Gewittersturm -gekommen und erdrückte den Jubelaufschrei meiner Seele mit ihrer Wucht. - -Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst kommen und das -Geschehene in seiner vollen, markverbrennenden Lebendigkeit als -_Gegenwart_ empfinden mußte. - -Nur jetzt sollte es noch nicht kommen! Erst den Genuß auskosten: -Unaussprechliches an Glanz auf sich zukommen zu sehen! - -Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur hinüberzugehen in mein -Schlafzimmer und die Kassette aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das -Geschenk der Unsichtbaren, lag! - -Wie lang war's her, da hatte es meine Hand berührt, als ich Angelinas -Briefe dazuschloß! - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Dumpfes Dröhnen draußen, wie von Zeit zu Zeit der Wind die angehäuften -Schneemassen von den Dächern hinab vor die Häuser warf, gefolgt von -Pausen tiefer Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut -verschlang. - -Ich wollte weiterarbeiten, -- da plötzlich stahlscharfe Hufschläge unten -die Gasse entlang, daß man's förmlich Funken sprühen sah. - -Das Fenster zu öffnen und hinauszuschauen war unmöglich: Muskeln aus Eis -verbanden seine Ränder mit dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur -Hälfte weiß verweht. Ich sah nur, daß Charousek scheinbar ganz friedlich -neben dem Trödler Wassertrum stand -- sie mußten soeben ein Gespräch -mitsammen geführt haben -- sah, wie die Verblüffung, die sich in ihrer -beider Mienen malte, wuchs und sie sprachlos offenbar den Wagen, der -meinen Blicken entzogen war, anstarrten. - -Angelinas Gatte ist es, fuhr es mir durch den Kopf. -- Sie selbst konnte -es nicht sein! Mit ihrer Equipage hier bei mir vorzufahren, -- in der -Hahnpaßgasse! -- vor aller Leute Augen! Es wäre hellichter Wahnsinn -gewesen. -- Aber was sollte ich ihrem Gatten sagen, wenn er's wäre und -mich auf den Kopf zu fragte? - -Leugnen, natürlich leugnen. - -Hastig legte ich mir die Möglichkeiten zurecht: es kann nur ihr Gatte -sein. Er hat einen anonymen Brief bekommen, -- von Wassertrum -- daß sie -hier gewesen sei zu einem Rendezvous, und sie hat eine Ausrede -gebraucht: wahrscheinlich, daß sie eine Gemme oder sonst etwas bei mir -bestellt habe. -- -- -- Da! wütendes Klopfen an meiner Tür und -- -Angelina stand vor mir. - -Sie konnte kein Wort hervorbringen, aber der Ausdruck ihres Gesichtes -verriet mir alles: sie brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Das Lied -war aus. - -Dennoch lehnte sich irgendetwas in mir auf gegen diese Annahme. Ich -brachte es nicht fertig, zu glauben, daß das Gefühl, ihr helfen zu -können, mich belogen haben sollte. - -Ich führte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr stumm das Haar; und -sie verbarg todmüde wie ein Kind ihren Kopf an meiner Brust. - -Wir hörten das Knistern der brennenden Scheite im Ofen und sahen, wie -der rote Schein über die Dielen huschte, aufflammte und erlosch -- -aufflammte und erlosch -- aufflammte und erlosch -- -- -- - -»Wo ist das Herz aus rotem Stein -- -- --« klang es in meinem Innern. -Ich fuhr auf: wo bin ich! Wie lang sitzt sie schon hier? - -Und ich forschte sie aus, -- vorsichtig, leise, ganz leise, daß sie -nicht aufwache und ich mit der Sonde die schmerzende Wunde nicht -berühre. - -Bruchstückweise erfuhr ich, was ich zu wissen brauchte, und setzte es -mir zusammen wie ein Mosaik: - -»Ihr Gatte weiß -- --?« - -»Nein, noch nicht; er ist verreist.« - -Also um Dr. Saviolis Leben drehte sich's; -- Charousek hatte es richtig -erraten. Und weil's um Saviolis Leben ging, und nicht mehr um ihres, war -sie hier. Sie denkt nicht mehr daran, irgend etwas zu verbergen, begriff -ich. - -Wassertrum war abermals bei Dr. Savioli gewesen. Hatte sich mit -Drohungen und Gewalt den Weg erzwungen bis zu seinem Krankenlager. - -Und weiter! Weiter! Was wollte er von ihm? - -Was er wollte? Sie hatte es halb erraten, halb erfahren: er wollte, daß --- -- daß -- er wollte, daß sich Dr. Savioli -- -- ein Leid antue. - -Sie kenne jetzt auch die Gründe von Wassertrums wildem, besinnungslosem -Haß: »Dr. Savioli habe einst seinen Sohn, den Augenarzt Wassory, in den -Tod getrieben.« - -Sofort schlug ein Gedanke in mich ein wie der Blitz: hinunter laufen, -dem Trödler alles verraten: daß _Charousek_ den Schlag geführt hatte, -aus dem Hinterhalt -- und nicht Savioli, der nur das Werkzeug war -- -- ---. »Verrat! Verrat!« heulte es mir ins Hirn, »du willst also den armen -schwindsüchtigen Charousek, der _dir_ helfen wollte und _ihr_, der -Rachsucht dieses Halunken preisgeben?« -- Und es zerriß mich in blutende -Hälften. -- Dann sprach ein Gedanke eiskalt und gelassen die Lösung aus: -»Narr! Du hast es doch in der Hand! Brauchst ja nur die Feile dort auf -dem Tisch zu nehmen, hinunter zu laufen und sie dem Trödler durch die -Gurgel zu jagen, daß die Spitze hinten zum Genick herausschaut.« - -Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich forschte weiter: - -»Und Dr. Savioli?« - -Kein Zweifel, daß er Hand an sich legen wird, wenn sie ihn nicht -rettete. Die Krankenschwestern ließen ihn nicht aus den Augen, hätten -ihn mit Morphium betäubt, aber vielleicht erwacht er plötzlich -- -vielleicht gerade jetzt -- und -- und -- nein, nein, sie müsse fort, -dürfe keine Sekunde Zeit mehr versäumen, -- sie wolle ihrem Gatten -schreiben, ihm alles eingestehen, -- solle er ihr das Kind nehmen, aber -Savioli sei gerettet, denn sie hätte Wassertrum damit die einzige Waffe -aus der Hand geschlagen, die er besäße und mit der er drohe. - -Sie wolle das Geheimnis selbst enthüllen, ehe er es verraten könne. - -»Das werden Sie _nicht_ tun, Angelina!« schrie ich und dachte an die -Feile, und die Stimme versagte mir in jubelnder Freude über meine Macht. - -Angelina wollte sich losreißen: ich hielt sie fest. - -»Nur noch eins: überlegen Sie, wird Ihr Gatte denn dem Trödler so ohne -weiteres glauben?« - -»Aber Wassertrum hat doch Beweise, offenbar meine Briefe, vielleicht -auch ein Bild von mir, -- alles, was im Schreibtisch nebenan im Atelier -versteckt war.« - -Briefe? Bild? Schreibtisch? -- ich wußte nicht mehr, was ich tat: ich -riß Angelina an meine Brust und küßte sie. Auf den Mund, auf die Stirn, -auf die Augen. - -Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor meinem Gesicht. - -Dann hielt ich sie an ihren schmalen Händen und erzählte ihr mit -fliegenden Worten, daß der Todfeind Wassertrums -- ein armer böhmischer -Student -- die Briefe und alles in Sicherheit gebracht hätte und sie in -meinem Besitz seien und fest verwahrt. - -Und sie fiel mir um den Hals und lachte und weinte in einem Atem. Küßte -mich. Rannte zur Tür. Kehrte wieder um und küßte mich wieder. - -Dann war sie verschwunden. - -Ich stand wie betäubt und fühlte noch immer den Atem ihres Mundes an -meinem Gesicht. - -Ich hörte, wie die Wagenräder über das Pflaster donnerten und den -rasenden Galopp der Hufe. Eine Minute später war alles still. Wie ein -Grab. - -Auch in mir. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Plötzlich knarrte die Tür leise hinter mir, und Charousek stand im -Zimmer: - -»Verzeihen Sie, Herr Pernath, ich habe lange geklopft, aber Sie schienen -es nicht zu hören.« - -Ich nickte nur stumm. - -»Hoffentlich nehmen Sie nicht an, daß ich mich mit Wassertrum versöhnt -habe, weil Sie mich vorhin mit ihm sprechen sahen?« -- Charouseks -höhnisches Lächeln sagte mir, daß er nur einen grimmigen Spaß machte. -- -»Sie müssen nämlich wissen: Das Glück ist mir hold; die Kanaille da -unten fängt an, mich in ihr Herz zu schließen, Meister Pernath. -- -- Es -ist eine seltsame Sache, das mit der Stimme des Blutes,« setzte er leise --- halb für sich -- hinzu. - -Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und nahm an, ich hätte -etwas überhört. Die ausgestandene Erregung zitterte noch zu stark in -mir. - -»Er wollte mir einen Mantel schenken,« fuhr Charousek laut fort. »Ich -habe natürlich dankend abgelehnt. Mich brennt schon meine eigene Haut -genug. -- Und dann hat er mir Geld aufgedrängt.« - -»Sie haben es angenommen?!« wollte es mir herausfahren, aber ich hielt -noch rasch meine Zunge im Zaum. - -Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote Flecken: - -»Das Geld habe ich selbstverständlich angenommen.« - -Mir wurde ganz wirr im Kopf! - -»-- an -- genommen?« stammelte ich. - -»Ich hätte nie gedacht, daß man auf Erden eine so reine Freude empfinden -kann!« -- Charousek hielt einen Augenblick inne und schnitt eine Fratze. --- »Ist es nicht ein erhebendes Gefühl, im Haushalt der Natur ->Mütterchen Vorsehungs< ökonomischen Finger allenthalben in Weisheit und -Umsicht walten zu sehen!?« -- Er sprach wie ein Pastor und klimperte -dabei mit dem Geld in seiner Tasche, -- »wahrlich, als hehre Pflicht -empfinde ich es, den Schatz, mir anvertraut von milder Hand, auf Heller -und Pfennig dereinst dem edelsten aller Zwecke zuzuführen.« - -War er betrunken? Oder wahnsinnig? - -Charousek änderte plötzlich den Ton: - -»Es liegt eine satanische Komik darin, daß Wassertrum sich die -- Arznei -selber bezahlt. Finden Sie nicht?« - -Eine Ahnung dämmerte mir auf, was sich hinter Charouseks Rede verbarg, -und mir graute vor seinen fiebernden Augen. - -»Übrigens lassen wir das jetzt, Meister Pernath. Erledigen wir erst die -laufenden Geschäfte. Vorhin, die Dame, das war >_sie_< doch? Was ist ihr -denn eingefallen, hier öffentlich vorzufahren?« - -Ich erzählte Charousek, was geschehen war. - -»Wassertrum hat bestimmt keine Beweise in den Händen,« unterbrach er -mich freudig, »sonst hätte er nicht heute morgen abermals das Atelier -durchsucht. -- Merkwürdig, daß Sie ihn nicht gehört haben!? Eine volle -Stunde lang war er drüben.« - -Ich staunte, woher er alles so genau wissen könne, und sagte es ihm. - -»Darf ich?« -- als Erklärung nahm er sich eine Zigarette vom Tisch, -zündete sie an und erläuterte: -- »Sehen Sie, wenn Sie jetzt die Tür -öffnen, bringt die Zugluft, die vom Stiegenhaus hereinweht, den -Tabaksrauch aus der Richtung. Es ist das vielleicht das einzige -Naturgesetz, das Herr Wassertrum genau kennt, und für alle Fälle hat er -in der Straßenmauer des Ateliers -- das Haus gehört ihm, wie Sie wissen --- eine kleine, versteckte, offene Nische anbringen lassen: eine Art -Ventilation, und darin ein rotes Fähnchen. Wenn nun jemand das Zimmer -betritt oder verläßt, das heißt: die Zugtür öffnet, so merkt es -Wassertrum unten aus dem heftigen Flattern des Fähnchens. Allerdings -weiß ich es ebenfalls,« setzte Charousek trocken hinzu, »wenn's mir drum -zu tun ist, und kann es von dem Kellerloch ^vis-à-vis^, in dem zu hausen -ein gnädiges Schicksal mir huldreichst gestattet, genau beobachten. -- -Der niedliche Scherz mit der Ventilation ist zwar ein Patent des -würdigen Patriarchen, aber auch mir seit Jahren geläufig.« - -»Was für einen übermenschlichen Haß Sie gegen ihn haben müssen, daß Sie -so jeden seiner Schritte belauern. Und noch dazu seit langem, wie Sie -sagen!« warf ich ein. - -»Haß?« Charousek lächelte krampfhaft. »Haß? -- Haß ist kein Ausdruck. -Das Wort, das meine Gefühle gegen ihn bezeichnen könnte, muß erst -geschaffen werden. -- Ich hasse, genau genommen, auch gar nicht _ihn_. -Ich hasse sein Blut. Verstehen Sie das? Ich wittere wie ein wildes Tier, -wenn auch nur ein Tropfen von seinem Blut in den Adern eines Menschen -fließt, -- und« -- er biß die Zähne zusammen -- »das kommt >zuweilen< -vor hier im Ghetto.« Unfähig, weiter zu sprechen vor Aufregung lief er -ans Fenster und starrte hinaus. -- Ich hörte, wie er sein Keuchen -unterdrückte. Wir schwiegen beide eine Weile. - -»Hallo, was ist denn das?« fuhr er plötzlich auf und winkte mir hastig: -»Rasch, rasch! Haben Sie nicht einen Operngucker oder so etwas?« - -Wir spähten vorsichtig hinter den Vorhängen hinunter: - -Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des Trödlerladens und bot, -soviel wir aus seiner Zeichensprache erraten konnten, Wassertrum einen -kleinen blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg, zum Kauf -an. Wassertrum fuhr danach wie ein Geier und zog sich damit in seine -Höhle zurück. - -Gleich darauf stürzte er wieder hervor -- totenblaß -- und packte -Jaromir an der Brust: Es entspann sich ein heftiges Ringen. -- Mit einem -Mal ließ Wassertrum los und schien zu überlegen. Nagte wütend an seiner -gespaltenen Oberlippe. Warf einen grübelnden Blick zu uns herauf und zog -dann Jaromir am Arm friedlich in seinen Laden. - -Wir warteten wohl eine Viertelstunde lang: sie schienen nicht fertig -werden zu können mit ihrem Handel. - -Endlich kam der Taubstumme mit befriedigter Miene wieder heraus und ging -seines Weges. - -»Was halten Sie davon?« fragte ich. »Es scheint nichts Wichtiges zu -sein? Vermutlich hat der arme Bursche irgendeinen erbettelten Gegenstand -versilbert.« - -Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend wieder an den -Tisch. - -Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung bei, denn er fuhr -nach einer Pause da fort, wo er stehen geblieben war: - -»Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. -- Unterbrechen Sie mich, -Meister Pernath, wenn ich wieder heftig werde. Ich will kalt bleiben. -Ich darf meine besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich -sonst nachher wie Ernüchterung. Ein Mensch mit Schamgefühl soll in -kühlen Worten reden, nicht mit Pathos wie eine Prostituierte oder -- -oder ein Dichter. -- Seit die Welt steht, wär's niemand eingefallen, vor -Leid die >Hände zu ringen<, wenn nicht die Schauspieler diese Geste als -besonders >plastisch< ausgetüftelt hätten.« - -Ich begriff, daß er mit Absicht blind drauflos redete, um innerlich Ruhe -zu bekommen. - -Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervös lief er im Zimmer auf und ab, -faßte alle möglichen Gegenstände an und stellte sie zerstreut zurück an -ihren Platz. - -Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem Thema: - -»Aus den kleinsten unwillkürlichen Bewegungen eines Menschen verrät sich -mir dieses Blut. Ich kenne Kinder, die >ihm< ähnlich sehen und als seine -_gelten_, aber doch sind sie nicht vom selben Stamme, -- man kann mich -nicht täuschen. Jahrelang erfuhr ich nicht, daß Dr. Wassory sein Sohn -ist, aber ich habe es -- ich möchte sagen -- gerochen. - -Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen konnte, in welchen -Beziehungen Wassertrum zu mir steht,« -- sein Blick ruhte eine Sekunde -forschend auf mir, -- »besaß ich diese Gabe. Man hat mich mit Füßen -getreten, mich geschlagen, daß es wohl keine Stelle an meinem Körper -gibt, die nicht wüßte, was rasender Schmerz ist, -- hat mich hungern und -dursten lassen, bis ich halb wahnsinnig wurde und schimmlige Erde -gefressen habe, aber niemals konnte ich diejenigen hassen, die mich -peinigten. Ich _konnte_ einfach nicht. Es war kein Platz mehr in mir für -Haß. -- Verstehen Sie? Und doch war mein ganzes Wesen getränkt damit. - -Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan -- ich will damit -sagen, daß er mich jemals weder geschlagen oder beworfen, noch auch -irgendwie beschimpft hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten -herumtrieb: ich weiß das genau, -- und doch richtete sich alles, was an -Rachsucht und Wut in mir kochte, gegen ihn. Nur gegen ihn! - -Merkwürdig ist, daß ich ihm trotzdem nie als Kind einen Schabernack -gespielt habe. Wenn's die andern taten, zog ich mich sofort zurück. Aber -stundenlang konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustüre -versteckt, durch die Angelritzen sein Gesicht unverwandt anstieren, bis -mir vor unerklärlichem Haßgefühl schwarz vor den Augen wurde. - -Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem Hellsehen gelegt, das -sofort in mir aufwacht, wenn ich mit Wesen, ja sogar mit Dingen in -Berührung komme, die in Verbindung mit ihm stehen. Ich muß wohl jede -seiner Bewegungen: seine Art, den Rock zu tragen, und wie er Sachen -anfaßt, hustet und trinkt, und all das Tausenderlei damals unbewußt -_auswendig_ gelernt haben, bis sich's mir in die Seele fraß, daß ich -überall die Spuren davon auf den ersten Blick mit unfehlbarer Sicherheit -als seine Erbstücke erkennen kann. - -Später wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf harmlose Gegenstände -von mir, bloß weil mich der Gedanke quälte, seine Hand könne sie berührt -haben, -- andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte sie wie -Freunde, die ihm Böses wünschten.« - -Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er geistesabwesend ins -Leere blickte. Seine Finger streichelten mechanisch die Feile auf dem -Tisch. - -»Als dann ein paar mitleidige Lehrer für mich gesammelt hatten und ich -Philosophie und Medizin studierte -- auch nebenbei selbst denken lernte ---, da kam mir langsam die Erkenntnis, was Haß ist: - -Wir können nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, was ein Teil von -uns selbst ist. - -Und wie ich später dahinter kam, -- nach und nach alles erfuhr: was -meine Mutter war -- und -- und noch sein muß, wenn -- wenn sie noch -lebt, -- und daß mein eigner Leib« -- er wendete sich ab, damit ich sein -Gesicht nicht sehen sollte, -- »voll ist von _seinem_ eklen Blut -- nun -ja, Pernath, -- warum sollen Sie's nicht wissen: _er_ ist _mein Vater_! --- da wurde mir klar, wo die Wurzel lag. -- -- -- Zuweilen kommt's mir -sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, daß ich schwindsüchtig -bin und Blut spucken muß: mein Körper wehrt sich gegen alles, was von ->_ihm_< ist, und stößt es mit Abscheu von sich. - -Oft hat mich mein Haß bis in den Traum begleitet und zu trösten gesucht -mit Gesichten von allen nur erdenklichen Foltern, die ich >ihm< zufügen -durfte, aber immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden -Beigeschmack des -- Unbefriedigtseins in mir hinterließen. - -Wenn ich über mich selbst nachdenke und mich wundern muß, daß es so gar -niemanden und nichts auf der Welt gibt, was ich zu hassen, -- ja nicht -einmal als antipathisch zu empfinden imstande wäre, außer >ihn< und -seinen Stamm, -- beschleicht mich oft das widerliche Gefühl: ich könnte -das sein, was man einen >guten Menschen< nennt. Aber zum Glück ist es -nicht so. -- Ich sagte Ihnen schon: es ist kein Platz mehr in mir. - -Und glauben Sie nur ja nicht, daß ein trauriges Schicksal mich -verbittert hat: (Was er meiner Mutter angetan hat, erfuhr ich überdies -erst in späteren Jahren) -- ich habe _einen_ Freudentag erlebt, der weit -in den Schatten stellt, was sonst einem Sterblichen vergönnt ist. Ich -weiß nicht, ob Sie kennen, was innere, echte, heiße Frömmigkeit ist, -- -ich hatte es bis dahin auch nicht gekannt -- als ich aber an jenem Tage, -an dem Wassory sich selbst ausgerottet hat, am Laden unten stand und -sah, wie >er< die Nachricht bekam, -- sie >stumpfsinnig<, wie ein Laie, -der die echte Bühne des Lebens nicht kennt, hätte glauben müssen, -- -hinnahm, wohl eine Stunde lang teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote -Hasenscharte nur ein ganz klein bißchen höher über die Zähne gezogen als -sonst und den Blick so gewiß -- -- so -- so -- so eigenartig nach innen -gekehrt, -- -- -- -- da fühlte ich den Weihrauchduft von den Schwingen -des Erzengels. -- -- Kennen Sie das Gnadenbild der schwarzen -Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf ich mich nieder, und die -Finsternis des Paradieses hüllte meine Seele ein.« -- - --- -- -- Wie ich Charousek so dastehen sah, die großen, träumerischen -Augen voll Tränen, da fielen mir Hillels Worte ein von der -Unbegreiflichkeit des dunklen Pfades, den die Brüder des Todes gehen. - -Charousek fuhr fort: - -»Die äußeren Umstände, die meinen Haß >rechtfertigen< oder in den -Gehirnen der amtlich besoldeten Richter begreiflich erscheinen lassen -könnten, werden Sie vielleicht gar nicht interessieren: -- Tatsachen -sehen sich an wie Meilensteine und sind doch nur leere Eierschalen. Sie -sind das aufdringliche Knallen der Champagnerpfropfen an den Tafeln der -Protzen, das nur der Schwachsinnige für das wesentliche eines Gelages -hält. -- Wassertrum hat meine Mutter mit all den infernalischen Mitteln, -die seinesgleichen Gewohnheit sind, gezwungen, ihm zu willen zu sein, -- -wenn es nicht noch viel schlimmer war. Und dann -- -- nun ja -- und dann -hat er sie an -- ein Freudenhaus verkauft, -- -- -- so etwas ist nicht -schwer, wenn man Polizeiräte zu Geschäftsfreunden hat, -- aber nicht -etwa, weil er ihrer überdrüssig gewesen wäre, o nein! Ich kenne die -Schlupfwinkel seines Herzens: an _dem_ Tage hat er sie verkauft, wo er -sich voll Schrecken bewußt wurde, wie heiß er sie in Wirklichkeit -liebte. So einer wie er handelt da scheinbar widersinnig, aber immer -gleich. Das Hamsterhafte in seinem Wesen quietscht auf, sowie jemand -kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner Trödlerbude gegen noch so -teures Geld: er empfindet nur den Zwang des >Hergebenmüssens<. Er möchte -den Begriff >haben< am liebsten in sich hineinfressen, und könnte er -sich überhaupt ein Ideal ausdenken, so wär's das, sich dereinst in den -abstrakten Begriff >Besitz< aufzulösen. -- -- - -Und da ist es damals riesengroß in ihm gewachsen bis zu einem Berg von -Angst: »seiner selbst nicht mehr sicher« zu sein, -- nicht: etwas an -Liebe geben zu _wollen_, sondern geben zu _müssen_: die Gegenwart eines -Unsichtbaren in sich zu ahnen, das seinen Willen oder das, von dem er -möchte, daß es sein Wille sein solle, heimlich in Fesseln schlug. -- So -war der Anfang. Was dann folgte, geschah automatisch. Wie der Hecht -mechanisch zubeißen muß, -- ob er will oder nicht -- wenn ein blitzender -Gegenstand zu rechter Zeit vorüberschwimmt. - -Das Verschachern meiner Mutter ergab sich für Wassertrum als natürliche -Folge. Es befriedigte den Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften: -die Gier nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. -- -- -- -Verzeihen Sie, Meister Pernath,« -- Charouseks Stimme klang plötzlich so -hart und nüchtern, daß ich erschrak, -- »verzeihen Sie, daß ich so -furchtbar gescheit daherrede, aber wenn man an der Universität ist, -kommt einem eine Menge vertrottelter Bücher unter die Hände; -unwillkürlich verfällt man da in eine teppenhafte Ausdrucksweise.« -- - -Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lächeln; innerlich verstand ich -gar wohl, daß er mit dem Weinen kämpfte. - -Irgendwie muß ich ihm helfen, überlegte ich, wenigstens seine bitterste -Not zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm -unauffällig die Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der -Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche. - -»Wenn Sie später einmal in eine bessere Umgebung kommen und Ihren Beruf -als Arzt ausüben, wird Frieden bei Ihnen einziehen, Herr Charousek;« -sagte ich, um dem Gespräch eine versöhnliche Richtung zu geben, -- -»machen Sie bald Ihr Doktorat?« - -»Demnächst. Ich bin es meinen Wohltätern schuldig. Zweck hat's ja -keinen, denn meine Tage sind gezählt.« - -Ich wollte den üblichen Einwand machen, daß er wohl zu schwarz sehe, -aber er wehrte lächelnd ab: - -»Es ist das beste so. Es muß überdies kein Vergnügen sein, den -Heilkomödianten zu mimen und sich zu guter Letzt noch als diplomierter -Brunnenvergifter einen Adelstitel zuzuziehen. -- -- Andererseits,« -- -setzte er mit seinem galligen Humor hinzu, -- »wird mir leider jedes -weitere segensreiche Wirken hier im Diesseits-Ghetto ein für allemal -abgeschnitten sein.« Er griff nach seinem Hut. »Jetzt will ich aber -nicht länger stören. Oder wäre noch etwas zu besprechen in der -Angelegenheit Savioli? Ich denke nicht. Lassen Sie mich jedenfalls -wissen, wenn Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hängen einen -Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, daß ich Sie besuchen soll. Zu mir -in den Keller dürfen Sie auf keinen Fall kommen: Wassertrum würde sofort -Verdacht schöpfen, daß wir zusammenhalten. -- Ich bin übrigens sehr -neugierig, was er jetzt tun wird, wo er gesehen hat, daß die Dame zu -Ihnen gekommen ist. Sagen Sie ganz einfach, sie hätte Ihnen ein -Schmuckstück zu reparieren gebracht, und wenn er zudringlich wird, -spielen Sie eben den Rabiaten.« - -Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, Charousek die -Banknote aufzudrängen; ich nahm daher das Modellierwachs wieder vom -Fensterbrett und sagte: »Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück die -Treppen hinunter. -- Hillel erwartet mich,« log ich. - -Er stutzte: - -»Sie sind mit ihm befreundet?« - -»Ein wenig. Kennen Sie ihn? -- -- Oder mißtrauen Sie ihm,« -- ich mußte -unwillkürlich lächeln -- »vielleicht auch?« - -»Da sei Gott vor!« - -»Warum sagen Sie das so ernst?« - -Charousek zögerte und dachte nach: - -»Ich weiß selbst nicht warum. Es muß etwas Unbewußtes sein: so oft ich -ihm auf der Straße begegne, möchte ich am liebsten vom Pflaster -heruntertreten und das Knie beugen wie vor einem Priester, der die -Hostie trägt. -- Sehen Sie, Meister Pernath, da haben Sie einen -Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil von Wassertrum ist. Er gilt z. -B. bei den Christen hier im Viertel, die, wie immer, so auch in diesem -Fall falsch informiert sind, als Geizhals und heimlicher Millionär und -ist doch unsagbar arm.« - -Ich fuhr entsetzt auf: »arm?« - -»Ja, womöglich noch ärmer als ich. Das Wort >nehmen< kennt er, glaub' -ich, überhaupt nur aus Büchern; aber wenn er am Ersten des Monats aus -dem >Rathaus< kommt, dann laufen die jüdischen Bettler vor ihm davon, -weil sie wissen, er würde dem nächsten besten von ihnen seinen ganzen -kärglichen Gehalt in die Hand drücken und ein paar Tage später -- samt -seiner Tochter selber verhungern. -- Wenn's wahr ist, was eine uralte -talmudische Legende behauptet: daß von den zwölf jüdischen Stämmen zehn -verflucht sind und zwei heilig, so verkörpert er die zwei heiligen und -Wassertrum alle zehn andern zusammen. -- Haben Sie noch nie bemerkt, wie -Wassertrum sämtliche Farben spielt, wenn Hillel an ihm vorübergeht? -Interessant, sag' ich Ihnen! Sehen Sie, _solches_ Blut _kann_ sich gar -nicht vermischen; da kämen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, daß -die Mütter nicht schon früher vor Entsetzen stürben. -- Hillel ist -übrigens der einzige, an den sich Wassertrum nicht herantraut; -- er -weicht ihm aus wie dem Feuer. Vermutlich, weil Hillel das -Unbegreifliche, das vollkommen Unenträtselbare, für ihn bedeutet. -Vielleicht wittert er in ihm auch den Kabbalisten.« - -Wir gingen bereits die Stiegen hinab. - -»Glauben Sie, daß es heutzutage noch Kabbalisten gibt -- daß überhaupt -an der Kabbala etwas sein könnte?« fragte ich, gespannt, was er wohl -antworten würde, aber er schien nicht zugehört zu haben. - -Ich wiederholte meine Frage. - -Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tür des Treppenhauses, die aus -Kistendeckeln zusammengenagelt war: - -»Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar jüdische aber arme -Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter, -Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn's dunkel wird und er allein ist mit -den kleinen Mädchen, kommt der Rappel über ihn: dann bindet er sie an -den Daumen zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwängt sie in -einen alten Hühnerkäfig und unterweist sie im >Gesang<, wie er es nennt, -damit sie später ihren Lebensunterhalt selbst erwerben können, -- das -heißt, er lehrt sie die verrücktesten Lieder, die es gibt, deutsche -Texte, Bruchstücke, die er irgendwo aufgeschnappt hat und im Dämmer -seines Seelenzustandes für -- preußische Schlachthymnen oder dergleichen -hält.« - -Wirklich tönte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein -Fiedelbogen kratzte fürchterlich hoch und immerwährend in ein und -demselben Ton die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendünne -Kinderstimmen sangen dazu: - - »Frau Pick, - Frau Hock, - Frau Kle -- pe -- tarsch, - se stehen beirenond - und schmusen allerhond -- --« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich mußte wider Willen -hellaut auflachen. - -»Schwiegersohn Schaffranek -- seine Frau verkauft auf dem Eiermarkt -Gurkensaft gläschenweise an die Schuljugend -- läuft den ganzen Tag in -den Bureaus herum,« fuhr Charousek grimmig fort, »und erbettelt sich -alte Briefmarken. Die sortiert er dann, und wenn er welche darunter -findet, die zufällig nur am Rande gestempelt sind, so legt er sie -aufeinander und schneidet sie durch. Die ungestempelten Hälften klebt er -zusammen und verkauft sie als neu. Anfangs blühte das Geschäft und warf -manchmal fast einen -- Gulden im Tag ab, aber schließlich kamen die -Prager jüdischen Großindustriellen dahinter -- und machen es jetzt -selber. Sie schöpfen den Rahm ab.« - -»Würden _Sie_ Not lindern, Charousek, wenn Sie überflüssiges Geld -hätten?« fragte ich rasch. -- Wir standen vor Hillels Tür, und ich -klopfte an. - -»Halten Sie mich für so gemein, daß Sie glauben können, ich täte es -nicht?« fragte er verblüfft zurück. - -Mirjams Schritte kamen näher und ich wartete, bis sie die Klinke -niederdrückte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche: -»Nein, Herr Charousek, ich halte Sie nicht dafür, aber mich _müßten_ Sie -für gemein halten, wenn ich's unterließe.« - -Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand geschüttelt und die -Tür hinter mir zugezogen. Während mich Mirjam begrüßte, lauschte ich, -was er tun würde. - -Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise auf und ging -langsam mit suchendem Schritt die Treppe hinunter. Wie jemand, der sich -am Geländer halten muß. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Es war das erstemal, daß ich Hillels Zimmer besucht hatte. - -Es sah schmucklos aus wie ein Gefängnis. Der Boden peinlich sauber und -mit weißem Sand bestreut. Nichts an Möbeln als zwei Stühle und ein Tisch -und eine Kommode. Ein Holzpostament je links und rechts an den Wänden. --- -- -- - -Mirjam saß mir gegenüber am Fenster, und ich bossierte an meinem -Modellierwachs. - -»Muß man denn ein Gesicht _vor sich_ haben, um die Ähnlichkeit zu -treffen?« fragte sie schüchtern und nur, um die Stille zu unterbrechen. - -Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie wußte nicht, wohin -die Augen richten in ihrer Qual und Scham über die jammervolle Stube, -und mir brannten die Wangen von innerem Vorwurf, daß ich mich nicht -längst gekümmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten. - -Aber irgend etwas mußte ich doch antworten! - -»Nicht so sehr, um die Ähnlichkeit zu treffen, als um zu vergleichen, ob -man innerlich auch richtig gesehen hat,« ich fühlte, noch während ich -sprach, wie grundfalsch das alles war, was ich sagte. - -Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die -äußere Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig -nachgebetet und befolgt; erst seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, -war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter -geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen -aufschlägt, -- die Gabe, die sie alle zu haben glauben und doch unter -Millionen keiner wirklich besitzt. - -Wie konnte ich auch nur von der _Möglichkeit_ sprechen, die unfehlbare -Richtschnur der geistigen Vision an den groben Mitteln des Augenscheins -nachmessen zu wollen! - -Mirjam schien Ähnliches zu denken. Nach dem Erstaunen in ihren Mienen zu -schließen. - -»Sie dürfen es nicht so wörtlich nehmen,« entschuldigte ich mich. - -Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form -vertiefte. - -»Es muß unendlich schwer sein, alles dann haargenau auf Stein zu -übertragen?« - -»Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.« - -Pause. - -»Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist?« fragte sie. - -»Sie ist doch für Sie bestimmt, Mirjam.« - -»Nein, nein; das geht nicht, -- -- das -- das -- --,« -- ich sah, wie -ihre Hände nervös wurden. - -»Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir annehmen?« unterbrach -ich sie schnell, »ich wollte, ich dürfte mehr für Sie tun.« - -Hastig wandte sie das Gesicht ab. - -Was hatte ich da gesagt! Ich mußte sie aufs tiefste verletzt haben. Es -hatte geklungen, als wollte ich auf ihre Armut anspielen. - -Konnte ich es noch beschönigen? Wurde es dann nicht weit schlimmer? - -Ich nahm einen Anlauf: - -»Hören Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie darum. -- Ich schulde -Ihrem Vater so unendlich viel, -- Sie können das gar nicht ermessen -- ---« - -Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht. - -»-- ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.« - -»Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmächtig wurden? Das war doch -selbstverständlich.« - -Ich fühlte: sie wußte nicht, welches Band mich mit ihrem Vater -verknüpfte. Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu -verraten, was er ihr verschwieg. - -»Weit höher als äußere Hilfe, dächte ich, ist die innere zu stellen. -- -Ich meine die, die aus dem geistigen Einfluß eines Menschen auf den -andern überstrahlt. -- Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam? --- Man kann jemand auch seelisch heilen, nicht nur körperlich, Mirjam.« - -»Und das hat -- --?« - -»Ja, das hat Ihr Vater an mir getan!« -- ich faßte sie an der Hand, -- -»begreifen Sie nicht, daß es mir da ein Herzenswunsch sein muß, wenn -schon nicht ihm, so doch jemand, der ihm so nahesteht wie Sie, -irgendeine Freude zu bereiten? -- Haben Sie nur ein ganz klein wenig -Vertrauen zu mir! -- Gibt's denn gar keinen Wunsch, den ich Ihnen -erfüllen könnte?« - -Sie schüttelte den Kopf: »Sie glauben, ich fühle mich unglücklich hier?« - -»Gewiß nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen Sorgen, die ich Ihnen -abnehmen könnte? Sie sind verpflichtet -- hören Sie! -- verpflichtet, -mich daran teilnehmen zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier in der -finstern, traurigen Gasse, wenn Sie nicht müßten? Sie sind noch so jung, -Mirjam, und -- --« - -»Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath,« unterbrach sie mich -lächelnd, »was fesselt denn Sie an das Haus?« - -Ich stutzte. -- Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich -hier? Ich konnte es mir nicht erklären, was fesselt dich an das Haus? -wiederholte ich mir geistesabwesend. Ich konnte keine Erklärung finden -und vergaß einen Augenblick ganz, wo ich war. -- Dann stand ich -plötzlich entrückt irgendwo hoch oben -- in einem Garten -- roch den -zauberhaften Duft von blühenden Holunderdolden, -- sah herab auf die -Stadt -- -- -- - -»Habe ich eine Wunde berührt? Hab' ich Ihnen weh getan?« kam Mirjams -Stimme von weit, weit her zu mir. - -Sie hatte sich über mich gebeugt und sah mir ängstlich forschend ins -Gesicht. - -Ich mußte wohl lange starr dagesessen haben, daß sie so besorgt war. - -Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann brach sich's plötzlich -gewaltsam Bahn, überflutete mich, und ich schüttete Mirjam mein ganzes -Herz aus. - -Ich erzählte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein -ganzes Leben beisammen war, und vor dem man kein Geheimnis hat, wie's um -mich stand, und auf welche Weise ich aus einer Erzählung Zwakhs erfahren -hatte, daß ich in früheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung -an meine Vergangenheit beraubt worden war, -- wie in letzter Zeit Bilder -in mir wach geworden, die in jenen Tagen wurzeln mußten, immer häufiger -und häufiger, und daß ich vor dem Moment zitterte, wo mir alles offenbar -werden und mich von neuem zerreißen würde. - -Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang bringen mußte: -- meine -Erlebnisse in den unterirdischen Gängen und all das übrige, verschwieg -ich ihr. - -Sie war dicht zu mir gerückt und hörte mit einer tiefen, atemlosen -Teilnahme zu, die mir unsäglich wohl tat. - -Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen -konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. -- Gewiß -wohl: Hillel war ja noch da, aber für mich nur wie ein Wesen jenseits -der Wolken, das kam und verschwand wie ein Licht, an das ich nicht -herankonnte, wenn ich mich sehnte. - -Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem -er ihr Vater war. - -Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm -- »und doch bin ich -wie durch eine Glaswand von ihm getrennt,« vertraute sie mir an, »die -ich nicht durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. -- Wenn ich -ihn als Kind im Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das -Gewand des Hohenpriesters: die goldene Tafel des Moses mit den 12 -Steinen darin auf der Brust, und blaue, leuchtende Strahlen gingen von -seinen Schläfen aus. -- Ich glaube, seine Liebe ist von der Art, die -übers Grab hinausgeht, und zu groß, als daß wir sie fassen könnten. -- -Das hat auch meine Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich über ihn -sprachen.« -- -- Sie schauderte plötzlich und zitterte am ganzen Leib. -Ich wollte aufspringen, aber sie hielt mich zurück: »Seien Sie ruhig, es -ist nichts. Bloß eine Erinnerung. Als meine Mutter starb, -- nur ich -weiß, wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines Mädchen, --- glaubte ich vor Schmerz ersticken zu müssen, und ich lief zu ihm hin -und krallte mich in seinen Rock und wollte aufschreien und konnte doch -nicht, weil alles gelähmt war in mir -- und -- und da -- -- -- -- mir -läuft's wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran denke -- -- sah -er mich lächelnd an, küßte mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand -über die Augen. -- -- -- -- Und von dem Moment an bis heute war jedes -Leid, daß ich meine Mutter verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht -eine Träne konnte ich vergießen, als sie begraben wurde; ich sah die -Sonne als strahlende Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich, -warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter dem Sarge her, neben -mir, und wenn ich aufblickte, lächelte er jedesmal leise, und ich -fühlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.« - -»Und sind Sie glücklich, Mirjam? Ganz glücklich? Liegt nicht zugleich -etwas Furchtbares für Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben, -das hinausgewachsen ist über alles Menschentum?« fragte ich leise. - -Mirjam schüttelte freudig den Kopf: - -»Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. -- Als Sie mich vorhin -fragten, Herr Pernath, ob ich nicht Sorgen hätte, und warum wir hier -wohnten, mußte ich fast lachen. Ist denn die Natur schön? Nun ja, die -Bäume sind grün und der Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir -viel schöner vorstellen, wenn ich die Augen schließe. Muß ich denn, um -sie zu sehen, auf einer Wiese sitzen? -- Und das bißchen Not und -- und --- und Hunger? Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung und -das Warten.« - -»Das Warten?« fragte ich erstaunt. - -»Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie aber -ein ganz, ganz armer Mensch. -- Daß das so wenige kennen?! Sehen Sie, -das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand -verkehre. Ich hatte wohl früher ein paar Freundinnen -- Jüdinnen -natürlich, wie ich --, aber wir redeten immer aneinander vorbei; sie -verstanden mich nicht und ich sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach, -glaubten sie anfangs, ich mache Spaß, und als sie merkten, wie ernst es -mir war, und daß ich auch unter Wundern nicht das verstand, was die -Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen: das gesetzmäßige Wachsen des -Grases und dergleichen, sondern eher das Gegenteil, -- hätten sie mich -am liebsten für verrückt gehalten, aber dagegen stand ihnen wieder im -Wege, daß ich ziemlich gelenkig bin im Denken, hebräisch und aramäisch -gelernt habe, die Targumim und Midraschim lesen kann, und was -dergleichen Nebensächlichkeiten mehr sind. Schließlich fanden sie ein -Wort, das überhaupt nichts mehr ausdrückt: sie nannten mich ->überspannt<. - -Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, daß das Bedeutsame -- das -Wesentliche -- für mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das -_Wunder_ und bloß das Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und -Ethik, die nur versteckte Wege sein können, um zum Wunder zu gelangen, --- so wußten sie nur mit Gemeinplätzen zu erwidern, denn sie scheuten -sich, offen einzugestehen, daß sie aus den Religionsschriften nur das -glaubten, was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch stehen könnte. Wenn -sie das Wort >Wunder< nur hörten, wurde ihnen schon unbehaglich. Sie -verlören den Boden unter den Füßen, sagten sie. - -Als ob es etwas Herrlicheres geben könnte, als den Boden unter den Füßen -zu verlieren! - -Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, hörte ich -einmal meinen Vater sagen, -- dann, dann erst fängt das Leben an. -- Ich -weiß nicht, was er mit dem >Leben< meinte, aber ich fühle zuweilen, daß -ich eines Tages so wie: >erwachen< werde. Wenn ich mir auch nicht -vorstellen kann, in welchen Zustand hinein. Und Wunder müssen dem -vorhergehen, denke ich mir immer. - ->Hast du denn schon welche erlebt, daß du fortwährend darauf wartest?< -fragten mich oft meine Freundinnen, und wenn ich verneinte, wurden sie -plötzlich froh und siegesgewiß. Sagen Sie, Herr Pernath, können _Sie_ -solche Herzen verstehen? Daß ich _doch_ Wunder erlebt habe, wenn auch -nur kleine, -- winzig kleine --,« -- Mirjams Augen glänzten, -- »wollte -ich ihnen nicht verraten, -- -- -- -- -- --« - -Ich hörte, wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten. - -»-- aber _Sie_ werden mich verstehen: oft, Wochen, ja Monate,« -- Mirjam -wurde ganz leise, -- »haben wir nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein -Brot mehr im Hause war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann wußte ich: -jetzt ist die Stunde da! -- Und dann saß ich hier und wartete und -wartete, bis ich vor Herzklopfen kaum mehr atmen konnte. Und -- und -dann, wenn's mich plötzlich zog, lief ich hinunter und kreuz und quer -durch die Straßen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig wieder im Hause -zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und -- und jedesmal fand ich Geld. -Einmal mehr, einmal weniger, aber immer soviel, daß ich das Nötigste -einkaufen konnte. Oft lag ein Gulden mitten auf der Straße; ich sah ihn -von weitem blitzen und die Leute traten darauf, rutschten aus darüber, -aber keiner bemerkte ihn. -- Das machte mich zuweilen so übermütig, daß -ich gar nicht erst ausging, sondern nebenan in der Küche den Boden -durchsuchte wie ein Kind, ob nicht Geld oder Brot vom Himmel gefallen -sei.« - --- Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf, und ich mußte aus Freude -darüber lächeln. -- - -Sie sah es. - -»Lachen Sie nicht, Herr Pernath,« flehte sie. »Glauben Sie mir, ich -weiß, daß diese Wunder wachsen werden, und daß sie eines Tages --« - -Ich beruhigte sie: »Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie -denn! Ich bin unendlich glücklich, daß Sie nicht sind wie die andern, -die hinter jeder Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn's --- _wir_ rufen in solchen Fällen: Gott sei Dank! -- einmal anders -kommt.« - -Sie streckte mir die Hand hin: - -»Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr Pernath, daß Sie mir -- -oder uns -- helfen wollen? Jetzt, wo Sie wissen, daß Sie mir die -Möglichkeit, ein Wunder zu erleben, rauben würden, wenn Sie es täten?« - -Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt. - -Da ging die Tür, und Hillel trat ein. - -Mirjam umarmte ihn; und er begrüßte mich. Herzlich und voll -Freundschaft, aber wieder mit dem kühlen »Sie«. - -Auch schien etwas wie leise Müdigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu -lasten. -- Oder irrte ich mich? - -Vielleicht kam es nur von der Dämmerung, die in der Stube lag. - -»Sie sind gewiß hier, mich um Rat zu fragen,« fing er an, als Mirjam uns -allein gelassen hatte, »in der Sache, die die fremde Dame betrifft -- ---?« - -Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede: - -»Ich weiß es von dem Studenten Charousek. Ich sprach ihn auf der Gasse -an, weil er mir merkwürdig verändert vorkam. Er hat mir alles erzählt. -In der Überfülle seines Herzens. Auch, daß -- Sie ihm Geld geschenkt -haben.« Er sah mich durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf -höchst seltsame Weise, aber ich verstand nicht, was er damit wollte: - -»Gewiß, es hat dadurch ein paar Tropfen Glück mehr vom Himmel geregnet --- und -- und in diesem -- Fall hat's vielleicht auch nicht geschadet, -aber --,« er dachte eine Weile nach, -- »aber manchmal schafft man sich -und anderen nur Leid damit. Gar so leicht ist das Helfen nicht, wie Sie -denken, mein lieber Freund! Da wäre es sehr, sehr einfach, die Welt zu -erlösen. -- Oder glauben Sie nicht?« - -»Geben _Sie_ denn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen, -Hillel?« fragte ich. - -Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Mir scheint, Sie sind über Nacht ein -Talmudist geworden, daß Sie eine Frage wieder mit einer Frage -beantworten. Da ist freilich schwer streiten.« - -Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum -verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete. - -»Übrigens, um zu dem Thema zurückzukommen,« fuhr er in verändertem Tone -fort, »ich glaube nicht, daß Ihrem Schützling -- ich meine die Dame -- -augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten. -Es heißt zwar: >der kluge Mann baut vor<, aber der Klügere, scheint mir, -wartet ab und ist auf alles gefaßt. Vielleicht ergibt sich die -Gelegenheit, daß Aaron Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das muß -dann von ihm ausgehen, -- ich tue keinen Schritt, _er_ muß -herüberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist gleichgültig, -- und dann -will ich mit ihm reden. An _ihm_ wird's sein, sich zu entscheiden, ob er -meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hände in -Unschuld.« - -Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und -eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem -schwarzen, tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund. - -»Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns,« fielen mir Mirjams -Worte ein. - -Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und -- gehen. - -Er begleitete mich bis vor die Türe und, als ich die Treppe hinaufging -und mich noch einmal umdrehte, sah ich, daß er stehen geblieben war und -mir freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen -möchte und nicht kann. - - - - - Angst - - -Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine -Wirtsstube »Zum alten Ungelt« essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh, -Vrieslander und Prokop bis spät in die Nacht beisammen saßen und -einander verrückte Geschichten erzählten; aber kaum betrat ich mein -Zimmer, da fiel der Vorsatz von mir ab, -- wie wenn mir Hände ein Tuch -oder sonst etwas, was ich am Leibe getragen, abgerissen hätten. - -Es lag eine Spannung in der Luft, über die ich mir keine Rechenschaft -geben konnte, die aber trotzdem vorhanden war wie etwas Greifbares und -sich im Verlauf weniger Sekunden derart heftig auf mich übertrug, daß -ich vor Unruhe anfangs kaum wußte, was ich zuerst tun sollte: Licht -anzünden, hinter mir abschließen, mich niedersetzen oder auf und ab -gehen. - -Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen und versteckt? -War's die Angst eines Menschen vor dem Gesehenwerden, die mich -ansteckte? War Wassertrum vielleicht hier? - -Ich griff hinter die Gardinen, öffnete den Schrank, ein Blick ins -Nebenzimmer: -- niemand. - -Auch die Kassette stand unverrückt an ihrem Platz. - -Ob es nicht am besten war, ich verbrannte die Briefe kurz entschlossen, -um ein für allemal die Sorge um sie los zu sein? - -Schon suchte ich nach dem Schlüssel in meiner Westentasche -- aber mußte -es denn jetzt geschehen? Es blieb mir doch Zeit genug bis morgen früh. - -Erst Licht machen! - -Ich konnte die Streichhölzer nicht finden. - -War die Tür abgesperrt? -- Ich ging ein paar Schritte zurück. Blieb -wieder stehen. - -Warum mit einem Male die Angst? - -Ich wollte mir Vorwürfe machen, daß ich feig sei: -- die Gedanken -blieben stecken. Mitten im Satz. - -Eine wahnwitzige Idee überfiel mich plötzlich: Rasch, rasch auf den -Tisch steigen, einen Sessel packen und zu mir hinaufziehen und »dem« den -Schädel damit von oben herab einschlagen, das da auf dem Boden -herumkroch, -- -- wenn -- wenn es in die Nähe kam. - -»Es ist doch niemand hier,« sagte ich mir laut und ärgerlich vor, »hast -du dich denn je im Leben gefürchtet?« - -Es half nichts. Die Luft, die ich einatmete, wurde dünn und schneidend -wie Äther. - -Wenn ich _irgend etwas gesehen_ hätte: das Gräßlichste, was man sich -vorstellen kann, -- im Nu wäre die Furcht von mir gewichen. - -Es kam nichts. - -Ich bohrte meine Augen in alle Winkel: - -Nichts. - -Überall lauter wohlbekannte Dinge: Möbel, Truhen, die Lampe, das Bild, -die Wanduhr -- leblose, alte, treue Freunde. - -Ich hoffte, sie würden sich vor meinen Blicken verändern und mir Grund -geben, eine Sinnestäuschung als Ursache für das würgende Angstgefühl in -mir zu finden. - -Auch das nicht. -- Sie blieben ihrer Form starr getreu. Viel zu starr -für das herrschende Halbdunkel, als daß es natürlich gewesen wäre. - -»Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst,« fühlte ich. »Sie -trauen sich nicht, auch nur die leiseste Bewegung zu machen.« - -Warum tickt die Wanduhr nicht? -- - -Das Lauern ringsum trank jeden Laut. - -Ich rüttelte am Tisch und wunderte mich, daß ich das Geräusch hören -konnte. - -Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe! -- Nicht einmal das! Oder -das Holz im Ofen aufknallen wollte: -- das Feuer war erloschen. - -Und immerwährend dasselbe entsetzliche Lauern in der Luft -- pausenlos, -lückenlos, wie das Rinnen von Wasser. - -Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne! Ich -verzweifelte daran, es je überdauern zu können. -- Der Raum voll Augen, -die ich nicht sehen, -- voll von planlos wandernden Händen, die ich -nicht greifen konnte. - -»Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert, die lähmende -Schrecknis des unfaßbaren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserm -Denken die Grenzen zerfrißt,« begriff ich dumpf. - -Ich stellte mich steif hin und wartete. - -Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht ließ »es« sich verleiten und -schlich von rückwärts an mich heran -- und ich konnte es ertappen?! - -Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts. - -Dasselbe markverzehrende »Nichts«, das _nicht war_ und doch das Zimmer -mit seinem grausigen Leben erfüllte. - -Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich? - -»Es würde mit mir gehen,« wußte ich sofort mit unabweisbarer Sicherheit. -Auch, daß es mir nichts nützen könnte, wenn ich Licht machte, sah ich -ein, -- dennoch suchte ich so lang nach dem Feuerzeug, bis ich es -gefunden hatte. - -Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam lang aus dem Glimmen -nicht heraus: die kleine Flamme konnte nicht leben und nicht sterben, -und als sie sich endlich doch ein schwindsüchtiges Dasein erkämpft -hatte, blieb sie glanzlos wie gelbes, schmutziges Blech. Nein, da war -die Dunkelheit noch besser. - -Ich löschte wieder aus und warf mich angezogen übers Bett. Zählte die -Schläge meines Herzens: eins, zwei, drei -- vier ... bis tausend, und -immer von neuem -- Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine -Lippen trocken wurden und das Haar sich mir sträubte: keine Sekunde der -Erleichterung. - -Auch nicht eine einzige. - -Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade auf die Zunge -kamen: »Prinz«, »Baum«, »Kind«, »Buch« -- und sie krampfhaft zu -wiederholen, bis sie plötzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus -barbarischer Vorzeit nackt mir gegenüberstanden, und ich mit aller Kraft -nachdenken mußte, in ihre Bedeutung zurückzufinden: P--r--i--n--z? -- -B--u--ch? - -War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? -- Ich tastete an mir -herum. - -Aufstehen! - -Mich in den Sessel setzen! - -Ich ließ mich in den Lehnstuhl fallen. - -Wenn doch endlich der Tod käme! - -Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr fühlen! »Ich -- will -nicht -- ich -- will -- nicht,« -- schrie ich. »Hört ihr denn nicht?!« - -Kraftlos fiel ich zurück. - -Konnte es nicht fassen, daß ich immer noch lebte. - -Unfähig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte ich geradeaus vor -mich hin. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Weshalb er mir nur die Körner so beharrlich hinreicht?« ebbte ein -Gedanke auf mich zu, zog sich zurück und kam wieder. Zog sich zurück. -Kam wieder. - -Langsam wurde mir endlich klar, daß ein seltsames Wesen vor mir stand -- -vielleicht schon, seit ich hier saß, dagestanden hatte -- und mir die -Hand hinstreckte: - -Ein graues, breitschultriges Geschöpf, in der Größe eines gedrungen -gewachsenen Menschen, auf einen spiralförmig gedrehten Knotenstock aus -weißem Holz gestützt. - -Wo der Kopf hätte sitzen müssen, konnte ich nur einen Nebelballen aus -fahlem Dunst unterscheiden. - -Ein trüber Geruch nach Sandelholz und nassem Schiefer ging von der -Erscheinung aus. - -Ein Gefühl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir fast die Besinnung. -Was ich die ganze lange Zeit an nervenzernagender Qual mitgemacht, -drängte sich jetzt zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen -zur Form geronnen. - -Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich würde wahnsinnig werden vor -Entsetzen und Furcht, wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen könnte, -- -warnte mich davor, schrie es mir in die Ohren -- und doch zog es mich -wie ein Magnet, daß ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht -wenden konnte und darin forschte nach Augen, Nase und Mund. - -Aber so sehr ich mich auch abmühte: der Dunst blieb unbeweglich. Wohl -glückte es mir, Köpfe aller Art auf den Rumpf zu setzen, doch jedesmal -wußte ich, daß sie nur meiner Einbildungskraft entstammten. - -Sie zerrannen auch stets -- fast in derselben Sekunde, wo ich sie -geschaffen hatte. - -Nur die Form eines ägyptischen Ibiskopfs blieb noch am längsten -bestehen. - -Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit, -zogen sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus, wie unter -langsamen Atemzügen, die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige -Bewegung, die zu bemerken war. Statt der Füße berührten Knochenstumpen -den Boden, von denen das Fleisch -- grau und blutleer -- auf -Spannenbreite zu wulstigen Rändern emporgezogen war. - -Regungslos hielt das Geschöpf mir seine Hand hin. - -Kleine Körner lagen darin. Bohnengroß, von roter Farbe und mit schwarzen -Punkten am Rande. - -Was sollte ich damit?! - -Ich fühlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung lag auf mir -- eine -Verantwortung, die weit hinausging über alles Irdische, -- wenn ich -jetzt nicht das Richtige tat. - -Zwei Wagschalen, jede belastet mit dem Gewicht des halben Weltgebäudes, -schweben irgendwo im Reich der Ursachen, ahnte ich, -- auf welche von -beiden ich ein Stäubchen warf: die sank zu Boden. - -_Das_ war das furchtbare Lauern ringsum! verstand ich. »Keinen Finger -rühren!« riet mir mein Verstand, -- »und wenn der Tod in alle Ewigkeit -nicht kommen sollte und mich erlösen aus dieser Qual.« -- - -Auch dann hättest du deine Wahl getroffen: du hättest die Körner -_abgelehnt_, raunte es in mir. Hier gibt's kein Zurück. - -Hilfe suchend blickte ich mich um, ob mir denn kein Zeichen würde, was -ich tun sollte. - -Nichts. - -Auch in mir kein Rat, kein Einfall, -- alles tot, gestorben. - -Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie eine Feder in diesem -furchtbaren Augenblick, erkannte ich -- --. - -Es mußte bereits tiefe Nacht sein, denn ich konnte die Wände meines -Zimmers nicht mehr unterscheiden. - -Nebenan im Atelier stampften Schritte; ich hörte, daß jemand Schränke -rückte, Schubladen aufriß und polternd zu Boden warf, glaubte -Wassertrums Stimme zu erkennen, wie er in seinem röchelnden Baß wilde -Flüche ausstieß; ich horchte nicht hin. Es war mir belanglos wie das -Rascheln einer Maus. -- Ich schloß die Augen: - -Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir vorüber. Die Lider -zugedrückt -- starre Totenmasken: -- mein eigenes Geschlecht, meine -eigenen Vorfahren. - -Immer dieselbe Schädelbildung, wie auch der Typus zu wechseln schien, so -stand es auf aus seinen Grüften, -- mit glattem, gescheiteltem Haar, -gelocktem und kurz geschnittenem, mit Allongeperücken und in Ringe -gezwängten Schöpfen -- durch Jahrhunderte heran, bis die Züge mir -bekannter und bekannter wurden und in ein letztes Gesicht -zusammenflossen: -- das Gesicht des Golem, mit dem die Kette meiner -Ahnen abbrach. - -Dann löste die Finsternis mein Zimmer in einen unendlichen leeren Raum -auf, in dessen Mitte ich mich auf meinem Lehnstuhl sitzen wußte, vor mir -der graue Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm. - -Und als ich die Augen aufschlug, standen in zwei sich schneidenden -Kreisen, die einen Achter bildeten, fremdartige Wesen um uns herum: - -Die des einen Kreises gehüllt in Gewänder mit violettem Schimmer, die -des anderen mit rötlich schwarzem. Menschen einer fremden Rasse, von -hohem, unnatürlich schmächtigem Wuchs, die Gesichter hinter leuchtenden -Tüchern verborgen. - -Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, daß der Zeitpunkt der -Entscheidung gekommen war. Meine Finger zuckten nach den Körnern: -- und -da sah ich, wie ein Zittern durch die Gestalten des rötlichen Kreises -ging. -- - -Sollte ich die Körner zurückweisen?: das Zittern ergriff den bläulichen -Kreis; -- ich blickte den Mann ohne Kopf scharf an; er stand da -- in -derselben Stellung: regungslos wie früher. - -Sogar sein Atmen hatte aufgehört. - -Ich hob den Arm, wußte noch immer nicht, was ich tun sollte, und -- -schlug auf die ausgestreckte Hand des Phantoms, daß die Körner über den -Boden hinrollten. - -Einen Moment, so jäh wie ein elektrischer Schlag, entglitt mir das -Bewußtsein, und ich glaubte in endlose Tiefen zu stürzen, -- dann stand -ich fest auf den Füßen. - -Das graue Geschöpf war verschwunden. Ebenso die Wesen des rötlichen -Kreises. - -Die bläulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring um mich gebildet; -sie trugen eine Inschrift aus goldnen Hieroglyphen auf der Brust und -hielten stumm -- es sah aus wie ein Schwur -- zwischen Zeigefinger und -Daumen die roten Körner in die Höhe, die ich dem Phantom ohne Kopf aus -der Hand geschlagen hatte. - -Ich hörte, wie draußen Hagelschauer gegen die Fenster tobten und -brüllender Donner die Luft zerriß: - -Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen Wut raste über die -Stadt hinweg. Vom Fluß her dröhnten durch das Heulen des Sturms in -rhythmischen Intervallen die dumpfen Kanonenschüsse, die das Brechen der -Eisdecke auf der Moldau verkündeten. Die Stube loderte im Licht der -ununterbrochen aufeinanderfolgenden Blitze. Ich fühlte mich plötzlich so -schwach, daß mir die Knie zitterten und ich mich setzen mußte. - -»Sei ruhig,« sagte deutlich eine Stimme neben mir, »sei ganz ruhig, es -ist heute die Lelschimurim: die Nacht der Beschützung.« -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Allmählich ließ das Unwetter nach, und der betäubende Lärm ging über in -das eintönige Trommeln der Schloßen auf die Dächer. - -Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu, daß ich nur mehr mit -stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm, was um mich her vorging: - -Jemand aus dem Kreis sagte die Worte: - -»_Den ihr suchet, der ist nicht hier._« - -Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache. - -Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz, darin kam der Name - - »Henoch« - -vor, aber ich verstand das übrige nicht: der Wind trug das Stöhnen der -berstenden Eisschollen zu laut vom Flusse herüber. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Dann löste sich einer aus dem Kreis, trat vor mich hin, deutete auf die -Hieroglyphen auf seiner Brust -- sie waren dieselben Buchstaben wie die -der übrigen -- und fragte mich, ob ich sie lesen könne. - -Und als ich -- lallend vor Müdigkeit -- verneinte, streckte er die -Handfläche gegen mich aus, und die Schrift erschien leuchtend auf -_meiner_ Brust in Lettern, die zuerst lateinisch waren: - - CHABRAT ZEREH AUR BOCHER - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten. -- -- -- Und ich -fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf, wie ich ihn seit jener Nacht, -wo Hillel mir die Zunge gelöst, nicht mehr gekannt hatte. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - - - Trieb - - -Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten Tage vergangen. Kaum, daß -ich mir Zeit zu den Mahlzeiten ließ. - -Ein unwiderstehlicher Drang nach äußerer Tätigkeit hatte mich von früh -bis abends an meinen Arbeitstisch gefesselt. - -Die Gemme war fertig geworden, und Mirjam hatte sich wie ein Kind -darüber gefreut. - -Auch der Buchstabe »I« in dem Buche Ibbur war ausgebessert. - -Ich lehnte mich zurück und ließ ruhevoll all die kleinen Geschehnisse -der heutigen Stunden an mir vorüberziehen: - -Wie das alte Weib, das mich bediente, am Morgen nach dem Ungewitter zu -mir ins Zimmer gestürzt kam mit der Meldung, die steinerne Brücke sei in -der Nacht eingestürzt. -- - -Seltsam: -- Eingestürzt! Vielleicht gerade in der Stunde, wo ich die -Körner -- -- -- nein, nein, nicht daran denken; es könnte einen Anstrich -von Nüchternheit bekommen, was damals geschehen war, und ich hatte mir -vorgenommen, es in meiner Brust begraben sein zu lassen, bis es von -selbst wieder erwachte, -- nur nicht daran rühren! - -Wie lange war's her, da ging ich noch über die Brücke, sah die -steinernen Statuen, -- und jetzt lag sie, die Brücke, die Jahrhunderte -gestanden, in Trümmern. - -Es stimmte mich beinahe wehmütig, daß ich nie mehr meinen Fuß auf sie -setzen sollte. Wenn man sie auch wieder aufbaute, war es doch nicht mehr -die alte, geheimnisvolle, steinerne Brücke. - -Stundenlang hatte ich, während ich an der Gemme schnitt, darüber -nachdenken müssen, und so selbstverständlich, als hätte ich es nie -vergessen gehabt, war es lebendig in mir geworden: wie oft ich als Kind -und auch in späteren Jahren zu dem Bildnis der heiligen Luitgard und all -den andern, die jetzt begraben lagen in den tosenden Wassern, -aufgeblickt hatte. - -Die vielen, kleinen lieben Dinge, die ich in meiner Jugend mein eigen -genannt, hatte ich wieder gesehen im Geiste -- und meinen Vater und -meine Mutter und die Menge Schulkameraden. Nur an das Haus, wo ich -gewohnt, konnte ich mich nicht mehr erinnern. - -Ich wußte, es würde plötzlich, eines Tages, wenn ich es am wenigsten -erwartete, wieder vor mir stehen; und ich freute mich darauf. - -Die Empfindung, daß sich mit einem Male alles natürlich und einfach in -mir abwickelte, war so behaglich. - -Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette geholt hatte, -- es -war so gar nichts Erstaunliches daran gewesen, daß es aussah, nun, wie -eben ein altes, mit wertvollen Initialen geschmücktes Pergamentbuch -aussieht -- schien es mir ganz selbstverständlich. - -Ich konnte nicht begreifen, daß es jemals gespenstisch auf mich gewirkt -hatte! - -Es war in hebräischer Sprache geschrieben, vollkommen unverständlich für -mich. - -Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen würde? - -Die Freude am Leben, die während der Arbeit heimlich in mich eingezogen -war, erwachte von neuem in ihrer ganzen erquickenden Frische und -verscheuchte die Nachtgedanken, die mich hinterrücks wieder überfallen -wollten. - -Rasch nahm ich Angelinas Bild -- ich hatte die Widmung, die darunter -stand, abgeschnitten -- und küßte es. - -Es war das alles so töricht und widersinnig, aber warum nicht einmal von --- Glück träumen, die glitzernde Gegenwart festhalten und sich daran -freuen, wie über eine Seifenblase? - -Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfüllung gehen, was mir da die -Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte? War es so ganz und gar unmöglich, -daß ich über Nacht ein berühmter Mann würde? Ihr ebenbürtig, wenn auch -nicht an Herkunft? Zumindest Dr. Savioli ebenbürtig? Ich dachte an die -Gemme Mirjams: wenn mir noch andere so gelangen, wie diese, -- kein -Zweifel, selbst die ersten Künstler aller Zeiten hatten nie etwas -Besseres geschaffen. - -Und nur ein Zufall angenommen: der Gatte Angelinas stürbe plötzlich? - -Mir wurde heiß und kalt: ein winziger Zufall -- und meine Hoffnung, die -verwegenste Hoffnung, gewann Gestalt. An einem dünnen Faden, der -stündlich reißen konnte, hing das Glück, das mir dann in den Schoß -fallen müßte. - -War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres geschehen? Dinge, von -denen die Menschheit gar nicht ahnte, daß sie überhaupt existierten? - -War es _kein_ Wunder, daß binnen weniger Wochen künstlerische -Fähigkeiten in mir erwacht waren, die mich jetzt schon weit über den -Durchschnitt erhoben? - -Und ich stand doch erst am _Anfang_ des Weges! - -Hatte _ich_ denn kein Anrecht auf Glück? - -Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit? - -Ich übertönte das »Ja« in mir: -- nur noch eine Stunde träumen -- eine -Minute -- ein kurzes Menschendasein! - -Und ich träumte mit offenen Augen: - -Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen und umgaben mich von -allen Seiten mit farbigen Wasserfällen. Bäume aus Opal standen in -Gruppen beisammen und strahlten die Lichtwellen des Himmels, der blau -schillerte wie der Flügel eines gigantischen Tropenschmetterlings, in -Funkensprühregen über unabsehbare Wiesen voll heißem Sommerduft. - -Mich dürstete, und ich kühlte meine Glieder in dem eisigen Gischt der -Bäche, die über Felsblöcke rauschten aus schimmerndem Perlmutter. - -Schwüler Hauch strich über Hänge, übersät mit Blüten und Blumen, und -machte mich trunken mit den Gerüchen von Jasmin, Hyazinthen, Narzissen, -Seidelbast -- -- -- - -Unerträglich! Unerträglich! Ich verlöschte das Bild. -- Mich dürstete. - -Das waren die Qualen des Paradieses. - -Ich riß die Fenster auf und ließ den Tauwind an meine Stirne wehen. - -Es roch nach kommendem Frühling -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Mirjam! - -Ich mußte an Mirjam denken. Wie sie sich vor Erregung an der Wand hatte -halten müssen, um nicht umzufallen, als sie mir erzählen gekommen, ein -Wunder sei geschehen, ein wirkliches Wunder: sie habe ein Goldstück -gefunden in dem Brotlaib, den der Bäcker vom Gang aus durchs Gitter ins -Küchenfenster gelegt. -- -- -- - -Ich griff nach meiner Börse. -- Hoffentlich war es heute nicht schon zu -spät, und ich kam noch zurecht, _ihr wieder einen Dukaten zuzuzaubern_! - -Täglich hatte sie mich besucht, um mir Gesellschaft zu leisten, wie sie -es nannte, dabei aber fast nicht gesprochen, so erfüllt war sie von dem -»Wunder« gewesen. Bis in die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie -aufgewühlt und, wenn ich mir vorstellte, wie sie manchmal plötzlich ohne -äußern Grund -- nur unter dem Einfluß ihrer Erinnerung -- totenblaß -geworden war bis in die Lippen, schwindelte mir bei dem bloßen Gedanken, -ich könnte in meiner Blindheit Dinge angerichtet haben, deren Tragweite -bis ins Grenzenlose ging. - -Und wenn ich mir die letzten, dunkeln Worte Hillels ins Gedächtnis rief -und in Zusammenhang damit brachte, überlief es mich eiskalt. - -Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung für mich, -- der Zweck -heiligt die Mittel _nicht_, das sah ich ein. - -Und was, wenn überdies das Motiv: »helfen zu wollen« nur _scheinbar_ -»rein« war? Hielt sich nicht vielleicht doch eine heimliche Lüge -dahinter verborgen?: der selbstgefällige, unbewußte Wunsch, in der Rolle -des Helfers zu schwelgen? - -Ich fing an, irre an mir selbst zu werden. - -Daß ich Mirjam viel zu oberflächlich beurteilt hatte, war klar. - -Schon als die Tochter Hillels mußte sie anders sein als andere Mädchen. - -Wie hatte ich nur so vermessen sein können, auf solch törichte Weise in -ein Innenleben einzugreifen, das vielleicht himmelhoch über meinem -eigenen stand! - -Schon ihr Gesichtsschnitt, der hundertmal eher in die Zeit der sechsten -ägyptischen Dynastie paßte und selbst für diese noch viel zu vergeistigt -war, als in die unsrige mit ihren Verstandesmenschentypen, hätte mich -warnen müssen. - -»Nur der ganz Dumme mißtraut dem äußern Schein,« hatte ich irgendwo -einmal gelesen. -- Wie richtig! Wie richtig! - -Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich ihr eingestehen, daß -ich es gewesen war, der die Dukaten Tag für Tag ins Brot geschmuggelt -hatte? - -Der Schlag käme zu plötzlich. Würde sie betäuben. - -Ich durfte das nicht wagen, mußte behutsamer vorgehen. - -Das »Wunder« irgendwie abschwächen? Statt das Geld ins Brot zu stecken, -es auf die Treppenstufe legen, daß sie es finden mußte, wenn sie die Tür -aufmachte, und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger Schroffes -würde sich schon ausdenken lassen, irgendein Weg, der sie aus dem -Wunderbaren allmählich wieder ins Alltägliche herüberlenkte, tröstete -ich mich. - -Ja! Das war das Richtige. - -Oder den Knoten zerhauen? Ihren Vater einweihen und zu Rate ziehen? Die -Schamröte stieg mir ins Gesicht. Zu diesem Schritt blieb Zeit genug, -wenn alle andern Mittel versagten. - -Nur gleich ans Werk gehen, keine Zeit versäumen! - -Ein guter Einfall kam mir: ich mußte Mirjam zu etwas ganz Absonderlichem -bewegen, sie für ein paar Stunden aus der gewohnten Umgebung reißen, daß -sie andere Eindrücke bekam. - -Wir würden einen Wagen nehmen und eine Spazierfahrt machen. Wer kannte -uns denn, wenn wir das Judenviertel mieden? - -Vielleicht interessierte es sie, die eingestürzte Brücke zu besichtigen? - -Oder der alte Zwakh oder eine ihrer früheren Freundinnen sollte mit ihr -fahren, wenn sie es ungeheuerlich finden würde, daß ich mit dabei sei. - -Ich war fest entschlossen, keinen Widerspruch gelten zu lassen. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -An der Türschwelle rannte ich einen Mann beinahe über den Haufen. - -Wassertrum! - -Er mußte durchs Schlüsselloch hineingespäht haben, denn er stand -gebückt, als ich mit ihm zusammengestoßen war. - -»Suchen Sie mich?« fragte ich barsch. - -Er stammelte ein paar Worte der Entschuldigung in seinem unmöglichen -Jargon; dann bejahte er. - -Ich forderte ihn auf, näher zu treten und sich zu setzen, aber er blieb -am Tisch stehen und drehte krampfhaft mit der Hutkrempe. Eine tiefe -Feindseligkeit, die er vergebens vor mir verbergen wollte, spiegelte aus -seinem Gesicht und jeder seiner Bewegungen. - -Noch nie hatte ich den Mann in so unmittelbarer Nähe gesehen. Seine -grauenhafte Häßlichkeit war es nicht, die einen so abstieß; (sie machte -mich eher mitleidig gestimmt: er sah aus wie ein Geschöpf, dem die Natur -selbst bei seiner Geburt voll Wut und Abscheu mit dem Fuß ins Gesicht -getreten hatte) -- etwas anderes, Unwägbares, das von ihm ausging, trug -die Schuld daran. - -Das »Blut«, wie Charousek es treffend bezeichnet hatte. - -Unwillkürlich wischte ich mir die Hand ab, die ich ihm bei seinem -Eintritt gereicht hatte. - -So wenig auffällig ich es machte, er schien es doch bemerkt zu haben, -denn er mußte sich plötzlich mit Gewalt zwingen, das Aufflammen des -Hasses in seinen Zügen zu unterdrücken. - -»Hübsch ham Se's hier,« fing er endlich stockend an, als er sah, daß ich -ihm nicht den Gefallen tat, das Gespräch zu beginnen. - -Im Widerspruch zu seinen Worten schloß er dabei die Augen, vielleicht, -um meinem Blick nicht zu begegnen. Oder glaubte er, daß es seinem -Gesicht einen harmloseren Ausdruck verleihen würde? - -Man konnte ihm deutlich anhören, welche Mühe er sich gab, hochdeutsch zu -reden. - -Ich fühlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet und wartete, was -er weiter sagen würde. - -In seiner Verlegenheit griff er nach der _Feile_, die -- weiß Gott wieso --- noch seit Charouseks Besuch auf dem Tisch lag, fuhr aber -unwillkürlich sofort wie von einer Schlange gebissen zurück. Ich staunte -innerlich über seine unterbewußte seelische Feinfühligkeit. - -»Freilich, natürlich, es gehört zum Geschäft, daß man's fein hat,« -raffte er sich auf, zu sagen, »wenn man -- so noble Besuche bekommt.« Er -wollte die Augen aufschlagen, um zu sehen, welchen Eindruck die Worte -auf mich machten, hielt es aber offenbar noch für verfrüht und schloß -sie schnell wieder. - -Ich wollte ihn in die Enge treiben: »Sie meinen die Dame, die neulich -hier vorfuhr? Sagen Sie doch offen, wo Sie hinauswollen!« - -Er zögerte einen Moment, dann packte er mich heftig am Handgelenk und -zerrte mich ans Fenster. - -Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat, erinnerte mich -daran, wie er vor einigen Tagen den taubstummen Jaromir unten in seine -Höhle gerissen hatte. - -Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden Gegenstand hin: - -»Was glauben Sie, Herr Pernath, laßt sich da noch was machen?« - -Es war eine goldene Uhr, mit so stark verbeulten Deckeln, daß es fast -aussah, als hätte sie jemand mit Absicht verbogen. - -Ich nahm ein Vergrößerungsglas: die Scharniere waren zur Hälfte -abgerissen und innen -- stand da nicht etwas eingraviert? Kaum mehr -leserlich und noch überdies mit einer Menge ganz frischer Schrammen -zerkratzt. Langsam entzifferte ich: - - K--rl Zott--mann. - -Zottmann? Zottmann? -- Wo hatte ich diesen Namen doch gelesen? Zottmann? -Ich konnte mich nicht entsinnen. Zottmann? - -Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der Hand: - -»Im Werk is nix, da hab' ich schon selber geschaut. Aber mit'm Gehäuse, -da stinkt's.« - -»Braucht man nur gerade zu klopfen -- höchstens ein paar Lötstellen. Das -kann Ihnen ebensogut jeder beliebige Goldarbeiter machen, Herr -Wassertrum.« - -»Ich leg' doch Wert darauf, daß es eine solide Arbeit wird. Was man so -sagt: künstlerisch,« unterbrach er mich hastig. Fast ängstlich. - -»Nun gut, wenn Ihnen derart viel daran liegt --« - -»Viel daran liegt!« Seine Stimme schnappte über vor Eifer. »Ich will sie -doch selber tragen, die Uhr. Und wenn ich sie jemanden zeig', will ich -sagen können: schauen Sie mal her, _so_ arbeitet der Herr von Pernath.« - -Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir seine widerwärtigen -Schmeicheleien förmlich ins Gesicht. - -»Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, wird alles fertig sein.« - -Wassertrum wand sich in Krämpfen: »Das gibt's nicht. Das will ich nicht. -Drei Tag. Vier Tag. Die nächste Woche ist Zeit genug. Das ganze Leben -möcht' ich mir Vorwürfe machen, daß ich Ihnen gedrängt hab'.« - -Was wollte er nur, daß er so außer sich geriet? -- Ich machte einen -Schritt ins Nebenzimmer und sperrte die Uhr in die Kassette. Angelinas -Photographie lag obenauf. Schnell schlug ich den Deckel wieder zu -- für -den Fall, daß Wassertrum mir nachblicken sollte. - -Als ich zurückkam, fiel mir auf, daß er sich verfärbt hatte. - -Ich musterte ihn scharf, ließ aber meinen Verdacht sofort fallen: -Unmöglich! Er _konnte_ nichts gesehen haben. - -»Also, dann vielleicht nächste Woche,« sagte ich, um seinem Besuch ein -Ende zu machen. - -Er schien mit einem Male keine Eile mehr zu haben, nahm einen Sessel und -setzte sich. - -Im Gegensatz zu früher hielt er seine Fischaugen jetzt beim Reden weit -offen und fixierte beharrlich meinen obersten Westenknopf. -- -- - -Pause. - -»Die Duksel hat Ihnen natürlich gesagt, Sie sollen sich nix wissen -machen, wenn's herauskommt. Waas?« sprudelte er plötzlich ohne jede -Einleitung auf mich los und schlug mit der Faust auf den Tisch. - -Es lag etwas merkwürdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit, mit der er -von einer Sprechweise in die andere übergehen -- von Schmeicheltönen -blitzartig ins Brutale springen konnte, und ich hielt es für sehr -wahrscheinlich, daß die meisten Menschen, besonders Frauen, sich im -Handumdrehen in seiner Gewalt befinden mußten, wenn er nur die geringste -Waffe gegen sie besaß. - -Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die Tür setzen, war -mein erster Gedanke; dann überlegte ich, ob es nicht klüger sei, ihn -zuvörderst einmal gründlich auszuhorchen. - -»Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen, Herr Wassertrum;« -- ich -bemühte mich, ein möglichst dummes Gesicht zu machen. »Duksel? Was ist -das: Duksel?« - -»Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen?« fuhr er mich grob an. »Die -Hand werden Sie aufheben müssen bei Gericht, wenn's um die Wurscht geht. -Verstehen Sie mich?! Das sag' ich Ihnen!« -- Er fing an zu schreien: -»Mir ins Gesicht hinein werden Sie nicht abschwören, daß >sie< von da -drüben« -- er deutete mit dem Daumen nach dem Atelier -- »zu Ihnen -heribber geloffen is mit en Teppich an und -- sonst nix!« - -Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken an der Brust und -schüttelte ihn: - -»Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen, breche ich Ihnen die -Knochen im Leibe entzwei! Verstanden?« - -Aschfahl sank er in den Stuhl zurück und stotterte: - -»Was is? Was is? Was wollen Sie? Ich mein' doch bloß.« - -Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich zu beruhigen. Horchte -nicht hin, was er alles zu seiner Entschuldigung herausgeiferte. - -Dann setzte ich mich ihm dicht gegenüber, in der festen Absicht, die -Sache, soweit sie Angelina betraf, ein für allemal mit ihm ins Reine zu -bringen und, sollte es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich -die Feindseligkeiten zu eröffnen und seine paar schwachen Pfeile -vorzeitig zu verschießen. - -Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten, sagte ich ihm auf -den Kopf zu, daß Erpressungen irgendwelcher Art -- ich betonte das Wort --- mißglücken müßten, da er auch nicht eine einzige Anschuldigung mit -Beweisen erhärten könnte und ich mich einer Zeugenschaft (angenommen, es -wäre überhaupt im Bereiche der Möglichkeit, daß es je zu einer solchen -käme) -- _bestimmt_ zu entziehen wissen würde. Angelina stünde mir viel -zu nahe, als daß ich sie nicht in der Stunde der Not retten würde, koste -es, was es wolle, _sogar einen Meineid_! - -Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte, seine Hasenscharte zog sich bis -zur Nase auseinander, er fletschte die Zähne und kollerte wie ein -Truthahn mir immer wieder in die Rede hinein: »Will ich denn was von die -Duksel? So hören Sie doch zu!« -- Er war außer sich vor Ungeduld, daß -ich mich nicht beirren ließ. -- »Um den Savioli is mir's zu tun, um den -gottverfluchten Hund, -- den -- den --,« fuhr es ihm plötzlich brüllend -heraus. - -Er japste nach Luft. Rasch hielt ich inne: endlich war er dort, wo ich -ihn haben wollte, aber schon hatte er sich gefaßt und fixierte wieder -meine Weste. - -»Hören Sie zu, Pernath,« er zwang sich, die kühle, abwägende Sprechweise -eines Kaufmanns nachzuahmen, »Sie reden fort von der Duk -- -- von der -Dame. Gut! sie ist verheiratet. Gut: sie hat sich eingelassen mit dem -- -mit dem jungen Lauser. Was hab' ich damit zu tun?« Er bewegte die Hände -vor meinem Gesicht hin und her, die Fingerspitzen zusammengedrückt, als -hielte er eine Prise Salz darin -- »soll _sie_ sich das selber abmachen, -die Duksel. -- Ich bin e Weltmann, und Sie sin auch e Weltmann. Wir -kennen doch das beide. Waas? Ich will doch nur zu meinem Geld kommen. -Verstehen Sie, Pernath?!« - -Ich horchte erstaunt auf: - -»Zu welchem Geld? Ist Ihnen denn Dr. Savioli etwas schuldig?« - -Wassertrum wich aus: - -»Abrechnungen hab' ich mit ihm. Das kommt doch auf eins heraus.« - -»Sie wollen ihn ermorden!« schrie ich. - -Er sprang auf. Taumelte. Gluckste ein paarmal. - -»Jawohl! Ermorden! Wie lange wollen Sie mir noch Komödie vorspielen!« -Ich deutete auf die Tür. »Schauen Sie, daß Sie hinauskommen.« - -Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und wandte sich zum -Gehen. Dann blieb er noch einmal stehen und sagte mit einer Ruhe, deren -ich ihn nie für fähig gehalten hätte: - -»Auch recht. Ich hab' Sie herauslassen wollen. Gut. Wenn nicht: Nicht. -Barmherzige Barbiere machen faule Wunden. Mein Zarbüchel ist voll. Wenn -Sie gescheit gewesen wären --: der Savioli is Ihnen doch nur im Weg!? -- -_Jetzt_ -- _mach_ -- _ich_ -- _mit_ -- _Ihnen allen dreien_« -- er -deutete mit einer Geste des Erdrosselns an, was er meinte -- -»_Preßcolleeh_.« - -Seine Mienen drückten eine so satanische Grausamkeit aus, und er schien -seiner Sache so sicher zu sein, daß mir das Blut in den Adern erstarrte. -Er mußte eine Waffe in Händen haben, von der ich nichts ahnte, die auch -Charousek nicht kannte. Ich fühlte den Boden unter mir wanken. - -»_Die Feile! Die Feile!_« hörte ich es in meinem Hirn flüstern. Ich -schätzte die Entfernung ab: ein Schritt bis zum Tisch -- zwei Schritte -bis zu Wassertrum -- -- ich wollte zuspringen -- -- -- da stand wie aus -dem Boden gewachsen Hillel auf der Schwelle. - -Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen. - -Ich sah nur -- wie durch Nebel --, daß Hillel unbeweglich stehen blieb -und Wassertrum Schritt für Schritt bis an die Wand zurückwich. - -Dann hörte ich Hillel sagen: - -»Sie kennen doch, Aaron, den Satz: _Alle Juden sind Bürgen füreinander?_ -Machen Sie's einem nicht zu schwer.« -- Er fügte ein paar hebräische -Worte hinzu, die ich nicht verstand. - -»Was haben Sie das netig, an der Türe zu schnuffeln?« geiferte der -Trödler mit bebenden Lippen. - -»Ob ich gehorcht habe oder nicht, braucht Sie nicht zu kümmern!« -- -wieder schloß Hillel mit einem hebräischen Satz, der diesmal wie eine -Drohung klang. Ich erwartete, daß es zu einem Zank kommen würde, aber -Wassertrum antwortete nicht eine Silbe, überlegte einen Augenblick und -ging dann trotzig hinaus. - -Gespannt blickte ich Hillel an. Er winkte mir zu, ich solle schweigen. -Offenbar wartete er auf irgend etwas, denn er horchte angestrengt auf -den Gang hinaus. Ich wollte die Türe schließen gehen: er hielt mich mit -einer ungeduldigen Handbewegung zurück. - -Wohl eine Minute verging, dann kamen die schleppenden Schritte des -Trödlers wieder die Stufen herauf. Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel -hinaus und machte ihm Platz. - -Wassertrum wartete, bis er außer Hörweite war, dann knurrte er mich -verbissen an: - -»Geben Se mer meine Uhr zorück.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - - - Weib - - -Wo nur Charousek blieb? - -Beinahe 24 Stunden waren vergangen, und noch immer ließ er sich nicht -blicken. - -Sollte er das Zeichen vergessen haben, das wir verabredet hatten? Oder -sah er es vielleicht nicht? - -Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so, daß der Sonnenstrahl, -der darauf schien, genau auf das vergitterte Guckloch seiner -Kellerwohnung fiel. - -Das Eingreifen Hillels -- gestern -- hatte mich ziemlich beruhigt. -Bestimmt würde er mich gewarnt haben, wenn eine Gefahr im Anzuge wäre. - -Überdies: Wassertrum konnte nichts von Belang mehr unternommen haben; -gleich, nachdem er mich verlassen hatte, war er in seinen Laden -zurückgekehrt, -- ich warf einen Blick hinunter: richtig, da lehnte er -unbeweglich hinter seinen Herdplatten, genau so, wie ich ihn schon -frühmorgens gesehen. -- -- -- - -Unerträglich, das ewige Warten! - -Die milde Frühlingsluft, die durch das offene Fenster aus dem -Nebenzimmer hereinströmte, machte mich krank vor Sehnsucht. - -Dies schmelzende Tropfen von den Dächern! Und wie die feinen -Wasserschnüre im Sonnenlicht glänzten! - -Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fäden. Voll Ungeduld ging ich in der -Stube auf und ab. Warf mich in einen Sessel. Stand wieder auf. - -Dieses süchtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit in meiner Brust, es -wollte nicht weichen. - -Die ganze Nacht über hatte es mich gequält. Einmal war es Angelina -gewesen, die sich an mich geschmiegt, dann wieder sprach ich scheinbar -ganz harmlos mit Mirjam, und kaum hatte ich das Bild zerrissen, kam -abermals Angelina und küßte mich; ich roch den Duft ihres Haares, und -ihr weicher Zobelpelz kitzelte mich am Hals, rutschte von ihren -entblößten Schultern -- und sie wurde zur Rosina, die mit trunkenen, -halbgeschlossenen Augen tanzte -- im Frack -- nackt; -- -- -- und alles -in einem Halbschlaf, der doch genau so gewesen war wie ein Wachsein. Wie -ein süßes, verzehrendes, dämmeriges Wachsein. - -Gegen Morgen stand dann mein Doppelgänger an meinem Bett, der -schattenhafte Habal Garmin, »der Hauch der Knochen«, von dem Hillel -gesprochen, -- und ich sah ihm an den Augen an: er war in meiner Macht, -_mußte_ mir jede Frage beantworten, die ich ihm stellen würde nach -irdischen oder jenseitigen Dingen, und er _wartete_ nur darauf, aber der -Durst nach dem Geheimnisvollen konnte nicht an gegen die Schwüle meines -Blutes und versickerte im dürren Erdreich meines Verstandes. -- Ich -schickte das Phantom weg, es solle zum Spiegelbild Angelinas werden, und -es schrumpfte zusammen zu dem Buchstaben »Aleph«, wuchs wieder empor, -stand da als das Koloßweib, splitternackt, wie ich es einstens im Buche -Ibbur gesehen, mit dem Pulse gleich einem Erdbeben, und beugte sich über -mich und ich atmete den betäubenden Geruch ihres heißen Fleisches ein. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Kam denn Charousek immer noch nicht? -- Die Glocken sangen von den -Kirchtürmen. - -Eine Viertelstunde wollte ich noch warten -- dann aber hinaus! Durch -belebte Straßen voll festtägig gekleideter Menschen schlendern, mich in -das frohe Gewimmel mischen in den Stadtteilen der Reichen, schöne Frauen -sehen mit koketten Gesichtern und schmalen Händen und Füßen. - -Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufällig, entschuldigte ich -mich vor mir selbst. - -Ich holte das altertümliche Tarokspiel vom Bücherbord, um mir die Zeit -rascher zu vertreiben. -- - -Vielleicht ließ sich aus den Bildern Anregung schöpfen zum Entwurf einer -Kamee? - -Ich suchte nach dem Pagad. - -Nicht zu finden. Wo konnte er hingeraten sein? - -Ich blätterte noch einmal die Karten durch und verlor mich in Nachdenken -über ihren verborgenen Sinn. Besonders der »Gehenkte«, -- was konnte er -nur bedeuten?: - -Ein Mann hängt an einem Seil zwischen Himmel und Erde, den Kopf abwärts, -die Arme auf den Rücken gebunden, den rechten Unterschenkel über das -linke Bein verschränkt, daß es aussieht wie ein Kreuz über einem -verkehrten Dreieck? - -Unverständliches Gleichnis. - -Da! -- Endlich! Charousek kam. - -Oder doch nicht? - -Freudige Überraschung: es war Mirjam. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Wissen Sie, Mirjam, daß ich soeben zu Ihnen hinuntergehen wollte und -Sie bitten, eine Spazierfahrt mit mir zu machen?« Es war nicht ganz die -Wahrheit, aber ich machte mir weiter keine Gedanken darüber. -- »Nicht -wahr, Sie schlagen es mir nicht ab?! Ich bin heute so unendlich froh im -Herzen, daß Sie, gerade Sie, Mirjam, meiner Freude die Krone aufsetzen -müssen.« - -»-- spazierenfahren?«, wiederholte sie derart verblüfft, daß ich laut -auflachen mußte. - -»Ist denn der Vorschlag gar so wunderbar?« - -»Nein, nein, aber -- --,« sie suchte nach Worten, »unerhört merkwürdig. -Spazierenfahren!« - -»Durchaus nicht merkwürdig, wenn Sie sich vorhalten, daß es -Hunderttausende von Menschen tun -- eigentlich ihr ganzes Leben nichts -anderes tun.« - -»Ja, _andere_ Menschen!« gab sie, immer noch vollständig überrumpelt, -zu. - -Ich faßte ihre beiden Hände: - -»Was _andere_ Menschen an Freude erleben dürfen, möchte ich, daß Sie, -Mirjam, in noch unendlich viel reicherem Maße genießen.« - -Sie wurde plötzlich leichenblaß, und ich sah an der starren Taubheit -ihres Blickes, woran sie dachte. - -Es gab mir einen Stich. - -»Sie dürfen es nicht immer mit sich herumtragen, Mirjam,« redete ich ihr -zu, »das -- das Wunder. Wollen Sie mir das nicht versprechen -- aus -- -aus Freundschaft?« - -Sie hörte die Angst aus meinen Worten und blickte mich erstaunt an. - -»Wenn es Sie nicht so angriffe, könnte ich mich mit Ihnen freuen, aber -so? Wissen Sie, daß ich tief besorgt bin um Sie, Mirjam? -- Um -- um -- -wie soll ich nur sagen? -- um Ihre seelische Gesundheit! Fassen Sie es -nicht wörtlich auf, aber --: ich wollte, das Wunder wäre nie geschehen.« - -Ich erwartete, sie würde mir widersprechen, aber sie nickte nur in -Gedanken versunken. - -»Es verzehrt Sie. Habe ich nicht recht, Mirjam?« Sie raffte sich auf: - -»Manchmal möchte ich beinahe auch, es wäre nicht geschehen.« - -Es klang wie ein Hoffnungsstrahl für mich. -- »Wenn ich mir denken -soll,« sie sprach ganz langsam und traumverloren, »daß Zeiten kommen -könnten, wo ich ohne solche Wunder leben müßte -- -- --.« - -»Sie können doch über Nacht reich werden und brauchen dann nicht mehr ---,« fuhr ich ihr unbedacht in die Rede, hielt aber rasch inne, als ich -das Entsetzen in ihrem Gesicht bemerkte, -- »ich meine: Sie können -plötzlich auf natürliche Weise ihrer Sorgen enthoben werden, und die -Wunder, die Sie dann erleben, würden geistiger Art sein: -- innere -Erlebnisse.« - -Sie schüttelte den Kopf und sagte hart: »Innere Erlebnisse sind keine -Wunder. Erstaunlich genug, daß es Menschen zu geben scheint, die -überhaupt keine haben. -- Seit meiner Kindheit, Tag für Tag, Nacht für -Nacht, erlebe ich --« (sie brach mit einem Ruck ab und ich erriet, daß -noch etwas anderes in ihr war, von dem sie mir nie gesprochen hatte, -vielleicht das Weben unsichtbarer Geschehnisse, ähnlich den meinigen) -- -»aber das gehört nicht hierher. Selbst, wenn einer aufstünde und machte -Kranke gesund durch Handauflegen, ich könnte es kein Wunder nennen. -Erst, wenn der leblose Stoff -- die Erde -- beseelt wird vom Geist und -die Gesetze der Natur zerbrechen, dann ist das geschehen, wonach ich -mich sehne, seit ich denken kann. -- Mir hat einmal mein Vater gesagt: -es gäbe zwei Seiten der Kabbala: eine magische und eine abstrakte, die -sich niemals zur Deckung bringen ließen. Wohl könne die magische die -abstrakte an sich ziehen, aber nie und nimmer umgekehrt. Die magische -ist ein _Geschenk_, die andere _kann_ errungen werden, wenn auch nur mit -Hilfe eines Führers.« -- Sie nahm den ersten Faden wieder auf: »Das -_Geschenk_ ist es, nach dem ich dürste; was ich mir erringen kann, ist -mir gleichgültig und wertlos wie Staub. Wenn ich mir denken soll, es -könnten Zeiten kommen, sagte ich vorhin, wo ich wieder ohne diese Wunder -leben müßte,« -- ich sah, wie sich ihre Finger krampften und Reue und -Jammer zerfleischten mich, -- »ich glaube, ich sterbe jetzt schon -angesichts der bloßen Möglichkeit.« - -»Ist das der Grund, weshalb auch Sie wünschten, das Wunder wäre nie -geschehen?«, forschte ich. - -»Nur zum Teil. Es ist noch etwas anderes da. Ich -- ich --«, sie dachte -einen Augenblick nach, »war noch nicht reif dazu, ein Wunder in dieser -Form zu erleben. Das ist es. Wie soll ich es Ihnen nur erklären? Nehmen -Sie einmal an, bloß als Beispiel, ich hätte seit Jahren jede Nacht ein -und denselben Traum, der sich immer weiter fortspinnt und in dem mich -jemand -- sagen wir: ein Bewohner einer andern Welt -- belehrt und mir -nicht nur an einem Spiegelbilde von mir selbst und seinen allmählichen -Veränderungen zeigt, wie weit ich von der magischen Reife, ein >Wunder< -erleben zu können, entfernt bin, sondern: mir auch in Verstandesfragen, -wie sie mich manchmal tagsüber beschäftigen, derart Aufschluß gibt, daß -ich es jederzeit nachprüfen kann. Sie werden mich verstehen: Ein solches -Wesen ersetzt einem an Glück alles, was sich auf Erden ausdenken läßt; -es ist für mich die Brücke, die mich mit dem >Drüben< verbindet, ist die -Jakobsleiter, auf der ich mich über die Dunkelheit des Alltags erheben -kann ins Licht, -- ist mir Führer und Freund, und alle meine Zuversicht, -daß ich mich auf den dunkeln Wegen, die meine Seele geht, nicht verirren -kann in Wahnsinn und Finsternis, setze ich auf >ihn<, der mich noch nie -belogen hat. -- Da mit einem Mal, entgegen allem, was er mir gesagt hat, -kreuzt ein >Wunder< mein Leben! Wem soll ich jetzt glauben? War das, was -mich die vielen Jahre über ununterbrochen erfüllt hat, eine Täuschung? -Wenn ich daran zweifeln müßte, ich stürzte kopfüber in einen bodenlosen -Abgrund. -- Und doch ist das Wunder geschehen! Ich würde aufjauchzen vor -Freude, wenn --« - -»Wenn -- -- --?« unterbrach ich sie atemlos. Vielleicht sprach sie -selbst jetzt das erlösende Wort, und ich konnte ihr alles eingestehen. - -»-- wenn ich erführe, daß ich mich geirrt habe, -- daß es gar kein -Wunder war! Aber ich weiß so genau, wie ich weiß, daß ich hier sitze, -ich ginge zugrunde daran«; (mir blieb das Herz stehen) -- -»zurückgerissen werden, vom Himmel wieder herab müssen auf diese Erde? -Glauben Sie, daß das ein Mensch ertragen kann?« - -»Bitten Sie doch Ihren Vater um Hilfe«, sagte ich ratlos vor Angst. - -»Meinen Vater? Um Hilfe?« -- sie blickte mich verständnislos an, -- »wo -es nur zwei Wege für mich gibt, kann er da einen dritten finden? -- -- -Wissen Sie, was die einzige Rettung für mich wäre? Wenn _mir_ das -geschähe, was Ihnen geschehen ist. Wenn ich in dieser Minute alles, was -hinter mir liegt: mein ganzes Leben bis zum heutigen Tag -- vergessen -könnte. -- Ist es nicht merkwürdig: was Sie als Unglück empfinden, wäre -für mich das höchste Glück!« - -Wir schwiegen beide eine lange Zeit. Dann ergriff sie plötzlich meine -Hand und lächelte. Beinahe fröhlich. - -»Ich will nicht, daß Sie sich meinetwegen grämen;« -- (sie tröstete mich --- mich!) -- »vorhin waren Sie so voll Freude und Glück über den -Frühling draußen, und jetzt sind Sie die Betrübnis selbst. Ich hätte -Ihnen überhaupt nichts sagen sollen. Reißen Sie es aus Ihrem Gedächtnis -und denken Sie wieder so heiter wie vorhin! -- Ich bin ja so froh --« - -»Sie? Froh? Mirjam?«, unterbrach ich sie bitter. - -Sie machte ein überzeugtes Gesicht: »Ja! Wirklich! Froh! Als ich zu -Ihnen heraufging, war ich so unbeschreiblich ängstlich, -- ich weiß -nicht warum: ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß Sie in einer -großen Gefahr schweben,« -- ich horchte auf -- »aber, statt mich darüber -zu freuen, Sie gesund und wohlauf zu treffen, habe ich Sie angeunkt und --- --« - -Ich zwang mich zur Lustigkeit: »und das können Sie nur gutmachen, wenn -Sie mit mir ausfahren.« (Ich bemühte mich, so viel Übermut wie möglich -in meine Stimme zu legen:) »Ich möchte doch einmal sehen, Mirjam, ob es -mir nicht gelingt, Ihnen die trüben Gedanken zu verscheuchen. Sagen Sie, -was Sie wollen: Sie sind noch lange kein ägyptischer Zauberer, sondern -vorläufig nur ein junges Mädchen, dem der Tauwind noch manchen bösen -Streich spielen kann.« - -Sie wurde plötzlich ganz lustig: - -»Ja, was ist denn das heute mit Ihnen, Herr Pernath? So hab' ich Sie -noch nie gesehen! -- Übrigens >Tauwind<: bei uns Judenmädchen lenken -bekanntlich die Eltern den Tauwind, und wir haben nur zu gehorchen. Tuen -es natürlich auch. Es steckt uns schon so im Blut. -- Mir ja nicht,« -setzte sie ernsthafter hinzu, »meine Mutter hat bös gestreikt, als sie -den gräßlichen Aaron Wassertrum heiraten sollte.« - -»Was? Ihre Mutter? Den Trödler da unten?« - -Mirjam nickte. »Gott sei Dank ist es nicht zustande gekommen. -- Für den -armen Menschen freilich war es ein vernichtender Schlag.« - -»Armer Mensch, sagen Sie?« fuhr ich auf. »Der Kerl ist ein Verbrecher.« - -Sie wiegte nachdenklich den Kopf: »Gewiß, er ist ein Verbrecher. Aber -wer in einer solchen Haut steckt und kein Verbrecher wird, muß ein -Prophet sein.« - -Ich rückte neugierig näher: - -»Wissen Sie Genaueres über ihn? Mich interessiert das. Aus ganz -besonderen -- --« - -»Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen hätten, Herr Pernath, -wüßten Sie sofort, wie es in seiner Seele ausschaut. Ich sage das, weil -ich als Kind sehr oft drin war. -- Warum sehen Sie mich so erstaunt an? -Ist denn das so merkwürdig? -- Gegen mich war er immer freundlich und -gütig. Einmal sogar, erinnere ich mich, schenkte er mir einen großen -blitzenden Stein, der mir besonders unter seinen Sachen gefallen hatte. -Meine Mutter sagte, es sei ein Brillant, und ich mußte ihn natürlich -sofort zurücktragen. - -Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen, aber dann riß er ihn mir -aus der Hand und warf ihn voll Wut weit von sich. Ich habe aber dennoch -gesehen, wie ihm dabei die Tränen aus den Augen stürzten; ich konnte -auch damals schon genug Hebräisch, um zu verstehen, was er murmelte: ->Alles ist verflucht, was meine Hand berührt.< -- -- Es war das letzte -Mal, daß ich ihn besuchen durfte. Nie wieder hat er mich seitdem -aufgefordert, zu ihm zu kommen. Ich weiß auch warum: Hätte ich ihn nicht -zu trösten versucht, wäre alles beim alten geblieben, so aber, weil er -mir unendlich leid tat, und ich es ihm sagte, wollte er mich nicht mehr -sehen. -- -- -- Sie verstehen das nicht, Herr Pernath? Es ist doch so -einfach: er ist ein Besessener, -- ein Mensch, der sofort mißtrauisch, -unheilbar mißtrauisch wird, wenn jemand an sein Herz rührt. Er hält sich -für noch viel häßlicher, als er in Wirklichkeit ist, -- wenn das -überhaupt möglich sein kann, -- und darin wurzelt sein ganzes Denken und -Handeln. Man sagt, seine Frau hätte ihn gern gehabt, vielleicht war es -mehr Mitleid als Liebe, aber immerhin glaubten es sehr viele Leute. Der -einzige, der vom Gegenteil tief durchdrungen war, war er. Überall -wittert er Verrat und Haß. - -Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme. Ob es daher kam, daß er ihn -vom Säuglingsalter an hatte heranwachsen sehen, also das Keimen jeder -Eigenschaft vom Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte und daher nie -zu einem Punkte gelangte, wo sein Mißtrauen hätte einsetzen können, oder -ob es im jüdischen Blute lag: alles, was an Liebesfähigkeit in ihm -lebte, auf seinen Nachkommen auszugießen -- in jener instinktiven Furcht -unserer Rasse: wir könnten aussterben und eine Mission nicht erfüllen, -die wir vergessen haben, die aber dunkel in uns fortlebt, -- wer kann -das wissen! - -Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte, und bei einem -unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar ist, leitete er die Erziehung -seines Sohnes. Mit dem Scharfsinn eines Psychologen räumte er dem Kinde -jedes Erlebnis aus dem Wege, das zur Entwicklung der Gewissenstätigkeit -hätte beitragen können, um ihm künftige seelische Leiden zu ersparen. - -Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten, der die Ansicht -verfocht, die Tiere seien empfindungslos und ihre Schmerzäußerung ein -mechanischer Reflex. - -Aus jedem Geschöpf so viel Freude und Genuß für sich selbst -herauspressen wie nur irgend möglich, und dann die Schale sofort als -nutzlos wegwerfen: das war ungefähr das Abc seines weitblickenden -Erziehungssystems. - -Daß das Geld als Standarte und Schlüssel zur >Macht< dabei eine erste -Rolle spielte, können Sie sich denken, Herr Pernath. Und so wie er -selbst den eigenen Reichtum sorgsam geheim hält, um die Grenzen seines -Einflusses in Dunkel zu hüllen, so ersann er sich ein Mittel, seinem -Sohn Ähnliches zu ermöglichen, ihm aber gleichzeitig die Qual eines -scheinbar ärmlichen Lebens zu ersparen: er durchtränkte ihn mit der -infernalischen Lüge von der >Schönheit<, brachte ihm die äußere und -innere Gebärde der Ästhetik bei, lehrte ihn _äußerlich_: die Lilie auf -dem Felde heucheln und _innerlich_ ein Aasgeier sein. - -Natürlich war das mit der >Schönheit< wohl kaum eigene Erfindung von ihm --- vermutlich die >Verbesserung< eines Ratschlages, den ihm ein -Gebildeter gegeben hatte. - -Daß ihn sein Sohn später verleugnete, wo und wann er nur konnte, nahm er -niemals übel. Im Gegenteil, er machte es ihm zur _Pflicht_: denn seine -Liebe war selbstlos und wie ich es schon einmal von meinem Vater sagte: --- von der Art, die übers Grab hinausgeht.« - -Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an, wie sie ihre -Gedanken stumm weiterspann, hörte es an dem veränderten Klang ihrer -Stimme, als sie sagte: - -»Seltsame Früchte wachsen auf dem Baume des Judentums.« - -»Sagen Sie, Mirjam,« fragte ich, »haben Sie nie davon gehört, daß -Wassertrum eine Wachsfigur in seinem Laden stehen hat? Ich weiß nicht -mehr, wer es mir erzählt hat, -- es war vielleicht nur ein Traum -- --« - -»Nein, nein, es ist schon richtig, Herr Pernath: eine lebensgroße -Wachsfigur steht in der Ecke, in der er, mitten unter dem tollsten -Gerümpel, auf seinem Strohsack schläft. Er hat sie vor Jahren einem -Schaubudenbesitzer abgewuchert, heißt es, bloß weil sie einem Mädchen -- -einer Christin -- ähnlich sah, die angeblich einmal seine Geliebte -gewesen sein soll.« - -»Charouseks Mutter!« drängte es sich mir auf. - -»Ihren Namen wissen Sie nicht, Mirjam?« - -Mirjam schüttelte den Kopf. »Wenn Ihnen daran liegt -- soll ich mich -erkundigen?« - -»Ach Gott, nein, Mirjam; es ist mir vollkommen gleichgültig« (ich sah an -ihren blitzenden Augen, daß sie sich in Eifer geredet hatte. Sie durfte -nicht wieder zu sich kommen, nahm ich mir vor) »aber was mich viel mehr -interessiert, ist das Gebiet, von dem Sie vorhin flüchtig sprachen. Ich -meine das vom >Tauwind<. -- Ihr Vater würde Ihnen doch gewiß nicht -vorschreiben, wen Sie heiraten sollen?« - -Sie lachte lustig auf: - -»Mein Vater? Wo denken Sie hin!« - -»Nun, das ist ein großes Glück für mich.« - -»Wieso?« fragte sie arglos. - -»Weil ich dann noch Chancen habe.« - -Es war nur ein Scherz, und sie nahm es auch nicht anders hin, aber doch -sprang sie rasch auf und ging ans Fenster, um mich nicht sehen zu -lassen, daß sie rot wurde. - -Ich lenkte ein, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen: - -»Das eine bitte ich mir aus als alter Freund: Mich müssen Sie einweihen, -wenn's einmal so weit ist. -- Oder gedenken Sie überhaupt ledig zu -bleiben?« - -»Nein! nein! nein!« -- sie wehrte so entschlossen ab, daß ich -unwillkürlich lächelte -- »einmal muß ich ja doch heiraten.« - -»Natürlich! Selbstverständlich!« - -Sie wurde nervös wie ein Backfisch. - -»Können Sie denn nicht eine Minute lang ernsthaft bleiben, Herr -Pernath?« -- Ich machte gehorsam ein Lehrergesicht und sie setzte sich -wieder. -- »Also: wenn ich sage, ich muß doch einmal heiraten, so meine -ich damit, daß ich mir zwar bis jetzt den Kopf über die näheren Umstände -nicht zerbrochen habe, den Sinn des Lebens aber gewiß nicht verstünde, -wenn ich annehmen würde, ich sei als Weib auf die Welt gekommen, um -kinderlos zu bleiben.« - -Das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich das Frauenhafte in ihren -Zügen. - -»Es gehört mit zu meinen Träumen,« fuhr sie leise fort, »mir -vorzustellen, daß es ein Endziel ist, wenn zwei Wesen zu einem -verschmelzen, -- zu dem, was -- -- haben Sie nie von dem alten -ägyptischen Osiriskult gehört? -- zu dem verschmelzen, was der ->Hermaphrodit< als Symbol bedeuten mag.« - -Ich horchte gespannt auf: »Der Hermaphrodit --?« - -»Ich meine: Die magische Vereinigung von männlich und weiblich im -Menschengeschlecht zu einem Halbgott. Als Endziel! -- Nein, nicht als -Endziel, als Beginn eines neuen Weges, der ewig ist -- _kein_ Ende hat.« - -»Und hoffen Sie, dereinst denjenigen zu finden,« fragte ich erschüttert, -»den Sie suchen? -- Kann es nicht sein, daß er in einem fernen Land -lebt, vielleicht gar nicht auf Erden ist?« - -»Davon weiß ich nichts;« sagte sie einfach, »ich kann nur warten. Wenn -er durch Zeit und Raum von mir getrennt ist, -- was ich nicht glaube, -weshalb wäre ich dann hier im Ghetto angebunden? -- oder durch die -Klüfte gegenseitigen Nichterkennens -- und ich finde ihn nicht, dann hat -mein Leben keinen Zweck gehabt und war das gedankenlose Spiel eines -idiotischen Dämons. -- Aber, bitte, bitte, reden wir nicht mehr davon,« -flehte sie, »wenn man den Gedanken nur ausspricht, bekommt er schon -einen häßlichen, irdischen Beigeschmack, und ich möchte nicht --« - -Sie brach plötzlich ab. - -»Was möchten Sie nicht, Mirjam?« - -Sie hob die Hand. Stand rasch auf und sagte: - -»Sie bekommen Besuch, Herr Pernath!« - -Seidenkleider raschelten auf dem Gang. - -Ungestümes Klopfen. Dann: - -Angelina! - -Mirjam wollte gehen; ich hielt sie zurück: - -»Darf ich vorstellen: die Tochter eines lieben Freundes -- Frau Gräfin ---« - -»Nicht einmal vorfahren kann man mehr. Überall das Pflaster aufgerissen. -Wann werden Sie einmal in eine menschenwürdige Gegend siedeln, Meister -Pernath? Draußen schmilzt der Schnee und der Himmel jubelt, daß es einem -die Brust zersprengt, und Sie hocken hier in Ihrer Tropfsteingrotte wie -ein alter Frosch, -- -- übrigens wissen Sie, daß ich gestern bei meinem -Juwelier war und er gesagt hat: Sie sind der größte Künstler, der -feinste Gemmenschneider, den es heute gibt, wenn nicht einer der -größten, die je gelebt haben?!« -- Angelina plauderte wie ein -Wasserfall, und ich war verzaubert. Sah nur mehr ihre strahlenden, -blauen Augen, die kleinen Füße in den winzigen Lackstiefeln, sah das -kapriziöse Gesicht aus dem Wust von Pelzwerk leuchten und die rosigen -Ohrläppchen. - -Sie ließ sich kaum Zeit auszuatmen. - -»An der Ecke steht mein Wagen. Ich hatte schon Angst, Sie nicht zu Hause -zu treffen. Sie haben doch hoffentlich noch nicht zu Mittag gegessen? -Wir fahren zuerst -- ja, wohin fahren wir zuerst? Wir fahren zuerst -einmal -- warten Sie -- -- ja: vielleicht in den Baumgarten, oder kurz: -irgendwohin ins Freie, wo man so recht das Keimen und heimliche Sprossen -in der Luft ahnt. Kommen Sie, kommen Sie, nehmen Sie Ihren Hut; und dann -essen Sie bei mir, -- und dann schwätzen wir bis abends. Nehmen Sie doch -Ihren Hut! Worauf warten Sie denn? -- Eine warme, ganz weiche Decke ist -unten: da wickeln wir uns ein bis an die Ohren und kuscheln uns -zusammen, bis uns siedheiß wird.« - -Was sollte ich nur sagen?! -- -- »Soeben habe ich mit der Tochter meines -Freundes hier eine Spazierfahrt verabredet -- --« - -Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet, noch ehe -ich aussprechen konnte. - -Ich begleitete sie bis vor die Tür, obschon sie mich freundlich abwehren -wollte. - -»Hören Sie mich an, Mirjam, ich kann es Ihnen hier auf der Treppe nicht -so sagen, wie ich an Ihnen hänge -- -- und daß ich tausendmal lieber mit -Ihnen -- --« - -»Sie dürfen die Dame nicht warten lassen, Herr Pernath,« drängte sie, -»adieu und viel Vergnügen!« - -Sie sagte es voll Herzlichkeit und unverstellt und echt, aber ich sah, -daß der Glanz in ihren Augen erloschen war. - -Sie eilte die Treppe hinunter und das Leid schnürte mir die Kehle -zusammen. - -Mir war, als hätte ich eine Welt verloren. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Wie im Rausch saß ich an Angelinas Seite. Wir fuhren in rasendem Trab -durch die menschenüberfüllten Straßen. - -Eine Brandung des Lebens rings um mich, daß ich, halbbetäubt, nur noch -die kleinen Lichtflecke in dem Bilde, das an mir vorüberhuschte, -unterscheiden konnte: blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten, -blanke Zylinderhüte, weiße Damenhandschuhe, einen Pudel mit rosa -Halsschleife, der kläffend in die Räder beißen wollte, schäumende -Rappen, die uns entgegensausten in silbernen Geschirren, ein -Ladenfenster, drin schimmernde Schalen voll Perlschnüren und funkelnden -Geschmeiden, -- Seidenglanz um schlanke Mädchenhüften. - -Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, ließ mich die Wärme von -Angelinas Körper doppelt sinnverwirrend empfinden. - -Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll zur Seite, wenn -wir an ihnen vorüberjagten. - -Dann ging's im Schritt über das Quai, das eine einzige Wagenreihe war, -an der eingestürzten steinernen Brücke vorbei, umstaut vom Gewühl -gaffender Gesichter. - -Ich blickte kaum hin: -- das kleinste Wort aus dem Munde Angelinas, ihre -Wimpern, das eilige Spiel ihrer Lippen, -- alles, alles war mir -unendlich viel wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrümmer dort unten -den antaumelnden Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. -- - -Parkwege. Dann -- gestampfte, elastische Erde. Dann Laubrascheln unter -den Hufen der Pferde, nasse Luft, blätterlose Baumriesen voll von -Krähennestern, totes Wiesengrün mit weißlichen Inseln schwindenden -Schnees, alles zog an mir vorbei wie geträumt. - -Nur mit ein paar kurzen Worten, fast gleichgültig, kam Angelina auf Dr. -Savioli zu sprechen. - -»Jetzt, wo die Gefahr vorüber ist,« sagte sie mit entzückender, -kindlicher Unbefangenheit, »und ich weiß, daß es ihm auch wieder besser -geht, kommt mir alles das, was ich mitgemacht habe, so gräßlich -langweilig vor. -- Ich will mich endlich einmal wieder freuen, die Augen -zumachen und untertauchen in dem glitzernden Schaum des Lebens. Ich -glaube, alle Frauen sind so. Sie gestehen es bloß nicht ein. Oder sind -sie so dumm, daß sie es selbst nicht wissen. Meinen Sie nicht auch?« Sie -hörte gar nicht hin, was ich darauf antwortete. »Übrigens sind mir -Frauen vollständig uninteressant. Sie dürfen es natürlich nicht als -Schmeichelei auffassen: aber -- wahrhaftig, die bloße Nähe eines -sympathischen Mannes ist mir im kleinen Finger lieber, als das -anregendste Gespräch mit einer noch so gescheiten Frau. Es ist ja -schließlich doch alles dummes Zeug, was man da zusammenschwätzt. -- -Höchstens: das bißchen Putz -- na und! Die Moden wechseln ja nicht gar -so häufig. -- -- Nicht wahr, ich bin leichtsinnig?«, fragte sie -plötzlich kokett, daß ich mich, bestrickt von ihrem Reiz, zusammennehmen -mußte, nicht ihr Köpfchen zwischen meine Hände zu nehmen und sie in den -Nacken zu küssen, -- »sagen Sie, daß ich leichtsinnig bin!« - -Sie schmiegte sich noch dichter an und hängte sich in mich ein. - -Wir fuhren aus der Allee heraus an Bosketts entlang mit strohumwickelten -Zierstauden, die aussahen in ihren Hüllen wie Rümpfe von Ungeheuern mit -abgehauenen Gliedern und Häuptern. - -Leute saßen auf Bänken in der Sonne und blickten hinter uns drein und -steckten die Köpfe zusammen. - -Wir schwiegen eine Weile und hingen unseren Gedanken nach. Wie war -Angelina doch so vollständig anders, als sie bisher in meiner Einbildung -gelebt hatte! -- Als sei sie erst heute für mich in die Gegenwart -gerückt! - -War das wirklich dieselbe Frau, die ich damals in der Domkirche -getröstet hatte? - -Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen Mund. - -Sie sprach noch immer kein Wort. Schien im Geiste ein Bild zu sehen. - -Der Wagen bog über eine feuchte Wiese. - -Es roch nach erwachender Erde. - -»Wissen Sie, -- -- Frau -- --?« - -»Nennen Sie mich doch Angelina«, unterbrach sie mich leise. - -»Wissen Sie, Angelina, daß -- daß ich heute die ganze Nacht von Ihnen -geträumt habe?«, stieß ich gepreßt hervor. - -Sie machte eine kleine rasche Bewegung, als wolle sie ihren Arm aus -meinem ziehen, und sah mich groß an. »Merkwürdig! Und ich von Ihnen! -- -Und in diesem Moment habe ich dasselbe gedacht.« - -Wieder stockte das Gespräch und beide errieten wir, daß wir auch -dasselbe geträumt hatten. - -Ich fühlte es an dem Beben ihres Blutes. Ihr Arm zitterte kaum merklich -an meiner Brust. Sie blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen -hinaus. -- -- -- - -Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen, streifte den weißen, -duftenden Handschuh zurück, hörte, wie ihr Atem heftig wurde, und preßte -toll vor Liebe meine Zähne in ihren Handballen. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - --- -- Stunden später ging ich wie ein Trunkener durch den Abendnebel -hinab der Stadt zu. Planlos wählte ich die Straßen und ging lange, ohne -es zu wissen, im Kreise herum. - -Dann stand ich am Fluß über ein eisernes Geländer gebeugt und starrte -hinab in die tosenden Wellen. - -Noch immer fühlte ich Angelinas Arme um meinen Nacken, sah das steinerne -Becken des Springbrunnens, an dem wir schon einmal Abschied voneinander -genommen vor vielen Jahren, vor mir, mit den faulenden Ulmenblättern -darin, und sie wanderte wieder mit mir, wie soeben erst vor kurzem, den -Kopf an meine Schulter gelehnt, stumm durch den fröstelnden, dämmrigen -Park ihres Schlosses. - -Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief ins Gesicht, um zu -träumen. - -Die Wasser brausten über das Wehr und ihr Rauschen verschlang die -letzten, aufmurrenden Geräusche der schlafengehenden Stadt. - -Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um mich zog und -aufblickte, lag der Fluß in immer tieferen Schatten, bis er endlich, von -der schweren Nacht erdrückt, schwarzgrau dahinströmte und der Gischt des -Staudamms als weißer, blendender Streifen schräg hinüber zum andern Ufer -lief. - -Mich schauderte bei dem Gedanken, wieder zurück zu müssen in mein -trauriges Haus. - -Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich für immer zum Fremdling in -meiner Wohnstätte gemacht. - -Eine Spanne von wenigen Wochen, vielleicht nur von Tagen, dann mußte das -Glück vorüber sein -- und nichts blieb davon, als eine wehe, schöne -Erinnerung. - -Und dann? - -Dann war ich heimatlos hier und drüben, diesseits und jenseits des -Flusses. - -Ich stand auf! Wollte noch durch das Parkgitter einen Blick auf das -Schloß werfen, hinter dessen Fenstern sie schlief, ehe ich in das -finstere Ghetto ging. -- -- -- Ich schlug die Richtung ein, aus der ich -gekommen war, tappte mich durch den dichten Nebel an Häuserreihen -entlang und über schlummernde Plätze, sah schwarze Monumente drohend -auftauchen und einsame Schilderhäuser und die Schnörkel von -Barockfassaden. Der matte Schimmer einer Laterne wuchs zu riesigen, -phantastischen Ringen in verblichenen Regenbogenfarben aus dem Dunst -heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden Auge und zerging hinter mir in -der Luft. - -Mein Fuß tastete breite, steinerne Stufenflächen, mit Kies bestreut. Wo -war ich? Ein Hohlweg, der steil aufwärts führt? - -Glatte Gartenmauern links und rechts? Die kahlen Äste eines Baumes -hängen herüber. Sie kommen vom Himmel herunter: der Stamm verbirgt sich -hinter der Nebelwand. -- - -Ein paar morsche, dünne Zweige brechen krachend ab, wie mein Hut sie -streift, und fallen an meinem Mantel hinab in den nebligen grauen -Abgrund, der mir meine Füße verbirgt. - -Dann ein strahlender Punkt: ein einsames Licht in der Ferne -- irgendwo --- rätselhaft -- zwischen Himmel und Erde. -- -- -- - -Ich mußte fehlgegangen sein. Es konnte nur die »alte Schloßstiege« sein -neben den Hängen der Fürstenbergschen Gärten -- -- -- - -Dann lange Strecken lehmiger Erde. -- Ein gepflasterter Weg. - -Ein massiger Schatten ragt hoch auf, den Kopf in einer schwarzen, -steifen Zipfelmütze: »die Daliborka« = der Hungerturm, in dem Menschen -einst verschmachteten, derweilen Könige unten im »Hirschgraben« das Wild -hetzten. - -Ein schmales, gewundenes Gäßchen mit Schießscharten, ein Schneckengang, -kaum breit genug, die Schultern durchzulassen -- und ich stand vor einer -Reihe von Häuschen, keines höher als ich. - -Wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich auf die Dächer greifen. - -Ich war in die »Goldmachergasse« geraten, wo im Mittelalter die -alchimistischen Adepten den Stein der Weisen geglüht und die -Mondstrahlen vergiftet haben. - -Es führte kein anderer Weg hinaus als der, den ich gekommen war. - -Aber ich fand die Mauerlücke nicht mehr, die mich eingelassen, -- stieß -an ein Holzgatter. - -Es nützt nichts, ich muß jemand wecken, damit man mir den Weg zeigt, -sagte ich mir. Sonderbar, daß hier ein Haus die Gasse abschließt -- -größer als die andern und anscheinend wohnlich? Ich kann mich nicht -entsinnen, es je bemerkt zu haben. - -Es muß wohl weiß getüncht sein, daß es so hell aus dem Nebel leuchtet? - -Ich gehe durch das Gatter über den schmalen Gartenstreif, drücke das -Gesicht an die Scheiben: -- alles finster. Ich klopfe ans Fenster. -- Da -geht drinnen ein steinalter Mann, eine brennende Kerze in der Hand, -durch eine Tür mit greisenhaft wankenden Schritten bis mitten in die -Stube, bleibt stehen, dreht langsam den Kopf nach den verstaubten -alchimistischen Retorten und Kolben an der Wand, starrt nachdenklich auf -die riesigen Spinnweben in den Ecken und richtet dann seinen Blick -unverwandt auf mich. - -Der Schatten seiner Backenknochen fällt ihm auf die Augenhöhlen, daß es -aussieht, als seien sie leer wie die einer Mumie. - -Er sieht mich offenbar nicht. - -Ich klopfe ans Glas. - -Er hört mich nicht. Geht lautlos wie ein Schlafwandler wieder aus dem -Zimmer. - -Ich warte vergebens. - -Klopfe ans Haustor: niemand öffnet -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Es blieb mir nichts übrig, als so lange zu suchen, bis ich den Ausgang -aus der Gasse endlich fand. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ob es nicht am besten wäre, ich ginge noch unter Menschen, überlegte -ich. -- Zu meinen Freunden: Zwakh, Prokop und Vrieslander ins »alte -Ungelt«, wo sie bestimmt sein würden --, um meine verzehrende Sehnsucht -nach Angelinas Küssen wenigstens für ein paar Stunden zu übertäuben? -Rasch mache ich mich auf den Weg. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Wie ein Trifolium von Toten hockten sie um den wurmstichigen, alten -Tisch herum, -- alle drei: weiße dünnstielige Tonpfeifen zwischen den -Zähnen, und das Zimmer voll Rauch. - -Man konnte kaum ihre Gesichtszüge unterscheiden, so schluckten die -dunkelbraunen Wände das spärliche Licht der altmodischen Hängelampe ein. - -In der Ecke die spindeldürre, wortkarge, verwitterte Kellnerin mit ihrem -ewigen Strickstrumpf, dem farblosen Blick und der gelben -Entenschnabelnase! - -Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Türen, so daß die Stimmen -der Gäste im Nebenzimmer nur wie das leise Summen eines Bienenschwarms -herüberdrangen. - -Vrieslander, seinen kegelförmigen Hut mit der geraden Krempe auf dem -Kopf, mit seinem Knebelbart, der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe -unter dem Auge, sah aus wie ein ertrunkener Holländer aus einem -vergessenen Jahrhundert. - -Josua Prokop hatte sich eine Gabel quer durch die Musikerlocken -gesteckt, klapperte unaufhörlich mit seinen gespenstisch langen -Knochenfingern und sah bewundernd zu, wie sich Zwakh abmühte, der -bauchigen Arakflasche das Purpurmäntelchen einer Marionette umzuhängen. - -»Das wird Babinski«, erklärte mir Vrieslander mit tiefem Ernst. »Sie -wissen nicht, wer Babinski war? Zwakh, erzählen Sie Pernath rasch, wer -Babinski war!« - -»Babinski war«, begann Zwakh sofort, ohne auch nur eine Sekunde von -seiner Arbeit aufzusehen, »einst ein berühmter Raubmörder in Prag. -- -Viele Jahre betrieb er sein schändliches Handwerk, ohne daß es jemand -bemerkt hätte. Nach und nach jedoch fiel es den besseren Familien auf, -daß bald dieses, bald jenes Mitglied der Sippe beim Essen fehlte und -sich nie wieder blicken ließ. Wenn man auch anfangs nichts sagte, da die -Sache gewissermaßen ihre guten Seiten hatte, indem man weniger zu kochen -brauchte, so durfte wiederum nicht außer acht gelassen werden, daß das -Ansehen in der Gesellschaft leicht darunter leiden und man ins Gerede -kommen konnte. - -Besonders, wenn es sich um das spurlose Verschwinden mannbarer Töchter -handelte. - -Überdies verlangte es die Hochachtung vor sich selbst, daß man auf ein -bürgerliches Zusammenleben in der Familie nach außen hin das nötige -Gewicht legte. - -Die Zeitungsrubriken: »Kehre zurück, alles ist verziehen« wuchsen immer -mehr und mehr, -- ein Umstand, den Babinski, leichtsinnig wie die -meisten Berufsmörder, in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte, -- -und erregten schließlich die allgemeine Aufmerksamkeit. - -In dem lieblichen Dörfchen Krtsch bei Prag hatte sich Babinski, der -innerlich ein ausgesprochen idyllischer Charakter war, mit der Zeit -durch seine unverdrossene Tätigkeit ein kleines, aber trautes Heim -geschaffen. Ein Häuschen, blitzend vor Sauberkeit, und ein Gärtchen -davor mit blühenden Geranien. - -Da es ihm seine Einkünfte nicht gestatteten, sich zu vergrößern, sah er -sich genötigt, um die Leichen seiner Opfer unauffällig bestatten zu -können, statt eines Blumenbeetes -- wie er es gern gesehen hätte -- -einen grasbewachsenen und schlichten, aber, den Umständen angemessen: -zweckmäßigen Grabhügel anzulegen, der sich mühelos verlängern ließ, wenn -es der Betrieb oder die Saison erforderte. - -Auf dieser Weihestätte pflegte Babinski allabendlich nach des Tages Last -und Mühen in den Strahlen der untergehenden Sonne zu sitzen und auf -seiner Flöte allerlei schwermütige Weisen zu blasen.« -- -- - -»Halt!« unterbrach Josua Prokop rauh, zog einen Hausschlüssel aus der -Tasche, hielt ihn wie eine Klarinette an den Mund und sang: - -»Zimzerlim zambusla -- deh«. - -»Waren Sie denn dabei, daß Sie die Melodie so genau kennen?«, fragte -Vrieslander erstaunt. - -Prokop warf ihm einen bitterbösen Blick zu: »Nein. Dazu hat Babinski zu -früh gelebt. Aber was er gespielt haben kann, muß ich als Komponist doch -am besten wissen. Ihnen steht darüber kein Urteil zu: Sie sind nicht -musikalisch. -- -- Zimzerlim -- zambusla -- busla -- deh.« - -Zwakh hörte ergriffen zu, bis Prokop seinen Hausschlüssel wieder -einsteckte, und fuhr dann fort: - -»Das beständige Wachsen des Hügels erweckte allmählich Verdacht bei den -Anrainern, und einem Polizeimann aus der Vorstadt Zizkov, der -gelegentlich von weitem zusah, wie Babinski gerade eine alte Dame der -guten Gesellschaft erwürgte, gebührt das Verdienst, dem selbstsüchtigen -Treiben des Unholdes ein für allemal Schranken gesetzt zu haben: - -Man verhaftete Babinski in seinem Tuskulum. - -Der Gerichtshof verurteilte ihn unter Zubilligung des mildernden -Umstandes eines ansonsten trefflichen Leumundes zum Tode durch den -Strang und beauftragte zugleich die Firma Gebrüder Leipen -- Seilwaren -en gros und en detail -- die nötigen Hinrichtungsutensilien, soweit -diese in ihre Branche fielen, unter Anrechnung ziviler Preise einem -hohen Staatsärar gegen Quittung auszuhändigen. - -Nun fügte es sich aber, daß der Strick riß und Babinski zu -lebenslänglichem Gefängnis begnadigt wurde. - -20 Jahre verbüßte der Raubmörder hinter den Mauern von Sankt Pankraz, -ohne daß je ein Vorwurf über seine Lippen gekommen wäre; -- noch heute -ist der Beamtenstab des Institutes voll Lob über seine vorbildliche -Aufführung; ja, man gestattete ihm sogar, an den Geburtstagen unseres -allerhöchsten Landesherrn ab und zu die Flöte zu blasen; --« - -Prokop suchte sofort wieder nach seinem Hausschlüssel, aber Zwakh wehrte -ihm. - -»-- infolge allgemeiner Amnestie wurde dem Babinski der Rest der Strafe -nachgesehen, und er bekam die Stelle eines Pförtners im Kloster der ->Barmherzigen Schwestern<. - -Die leichte Gartenarbeit, die er nebenbei mit zu versehen hatte, ging -ihm dank der großen, während seines früheren Wirkungskreises erworbenen -Geschicklichkeit im Gebrauch des Spatens hurtig von der Hand, so daß ihm -hinlänglich Muße blieb, Herz und Geist an guter, sorgfältig ausgewählter -Lektüre zu läutern. - -Die daraus resultierenden Folgen waren hocherfreulich. - -So oft ihn die Oberin Samstagsabends ins Wirtshaus schickte, damit er -sein Gemüt ein wenig erheitere, jedesmal kam er pünktlich vor Anbruch -der Nacht nach Hause mit dem Hinweis, der Verfall der allgemeinen Moral -stimme ihn trübe und soviel lichtscheues Gesindel schlimmster Sorte -mache die Landstraße unsicher, daß es für jeden Friedliebenden ein Gebot -der Klugheit sei, rechtzeitig die Schritte heimwärts zu lenken. - -Es war nun damaliger Zeit in Prag bei den Wachsziehern die Unsitte -eingerissen, kleine Figürchen feilzuhalten, die ein rotes Manterle -umhängen hatten und den Raubmörder Babinski darstellten. - -Wohl in keiner der leidtragenden Familien fehlte ein solches. - -Gewöhnlich aber standen sie in den Läden unter Glasstürzen, und über -nichts konnte sich Babinski so empören, als wenn er eines derartigen -Wachsbildes ansichtig wurde. - ->Es ist im höchsten Grade unwürdig und zeugt von einer Gemütsroheit -sondersgleichen, einem Menschen beständig die Verfehlungen seiner -Jugendzeit vor Augen zu führen,< pflegte Babinski in solchen Fällen zu -sagen, >und es ist tief zu bedauern, daß von seiten der Obrigkeit nichts -geschieht, so offenkundigem Unfug zu steuern.< - -Noch auf dem Totenbette äußerte er sich in ähnlichem Sinne. - -Nicht vergebens, denn bald darauf verfügte die Behörde die Einstellung -des Handels mit den ärgerniserregenden Babinskischen Statuetten.« -- -- --- - --- -- -- Zwakh tat einen mächtigen Schluck aus seinem Grogglas und alle -drei grinsten wie die Teufel, dann wandte er vorsichtig den Kopf nach -der farblosen Kellnerin, und ich sah, wie sie eine Träne im Auge -zerdrückte. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - --- »Na, und Sie geben nichts zum besten, außer -- natürlich -- daß Sie -aus Dankbarkeit für den überstandenen Kunstgenuß die Zeche berappen, -wertgeschätzter Kollege und Gemmenschneider?«, fragte mich Vrieslander -nach einer langen Pause allgemeinen Tiefsinnes. - -Ich erzählte ihnen meine Wanderung durch den Nebel. - -Wie ich in der Schilderung zu der Stelle kam, wo ich das weiße Haus -erblickt hatte, nahmen alle drei vor Spannung die Pfeifen aus den -Zähnen, und als ich schloß, schlug Prokop mit der Faust auf den Tisch -und rief: - -»Das ist doch rein -- --! Alle Sagen, die es gibt, erlebt dieser Pernath -am eigenen Kadaver. -- A propos, der Golem von damals -- Sie wissen: die -Sache hat sich aufgeklärt.« - -»Wieso aufgeklärt?« fragte ich baff. - -»Sie kennen doch den verrückten jüdischen Bettler >Haschile<? Nein? Nun -also: dieser Haschile war der Golem.« - -»Ein Bettler der Golem?« - -»Jawohl, der Haschile war der Golem. Heute nachmittags ging das Gespenst -seelenvergnügt bei hellichtem Sonnenschein in seinem berüchtigten -altmodischen Anzug aus dem 17. Jahrhundert durch die Salnitergasse -spazieren, und da hat es der Schinder mit einer Hundeschlinge glücklich -eingefangen.« - -»Was soll das heißen? Ich verstehe kein Wort,« fuhr ich auf. - -»Ich sage Ihnen doch: der Haschile war es! Er hat die Kleider, höre ich, -vor längerer Zeit hinter einem Haustor gefunden. -- Übrigens, um auf das -weiße Haus auf der Kleinseite zurückzukommen: die Sache ist furchtbar -interessant. Es geht nämlich eine alte Sage, daß dort oben in der -Alchimistengasse ein Haus steht, das nur bei Nebel sichtbar wird, und -auch da bloß >Sonntagskindern<. Man nennt es die >Mauer zur letzten -Laterne<. Wer bei Tag hinaufgeht, sieht dort nur einen großen, grauen -Stein, -- dahinter stürzt es jäh ab in die Tiefe in den Hirschgraben, -und Sie können von Glück sagen Pernath, daß Sie keinen Schritt weiter -gemacht haben: Sie wären unfehlbar hinuntergefallen und hätten sämtliche -Knochen gebrochen. - -Unter dem Stein, heißt es, ruht ein riesiger Schatz, und er soll von dem -Orden der >Asiatischen Brüder<, die angeblich Prag gegründet haben, als -Grundstein für ein Haus gelegt worden sein, das dereinst am Ende der -Tage ein Mensch bewohnen wird -- besser gesagt ein Hermaphrodit -- ein -Geschöpf, das sich aus Mann und Weib zusammensetzt. Und der wird das -Bild eines Hasen im Wappen tragen, -- nebenbei: der Hase war das Symbol -des Osiris, und _daher_ stammt wohl die Sitte mit dem Osterhasen. - -Bis die Zeit gekommen ist, heißt es, hält Methusalem in eigener Person -Wache an dem Ort, damit Satan nicht den Stein beflattert und einen Sohn -mit ihm zeugt: den sogenannten Armilos. -- Haben Sie noch nie von diesem -Armilos erzählen hören? -- Sogar wie er aussehen würde, weiß man -- das -heißt, die alten Rabbiner wissen es, -- wenn er auf die Welt käme: Haare -aus Gold würde er haben, rückwärts zum Schopf gebunden, dann: zwei -Scheitel, sichelförmige Augen und Arme bis herunter zu den Füßen.« - -»Dieses Ehrengigerl sollte man aufzeichnen«, brummte Vrieslander und -suchte nach einem Bleistift. - -»Also: Pernath, wenn Sie einmal das Glück haben sollten, ein -Hermaphrodit zu werden und ^en passant^ den vergrabenen Schatz zu -finden,« schloß Prokop, »dann vergessen Sie nicht, daß ich stets Ihr -bester Freund gewesen bin!« - --- Mir war nicht zum Spaßmachen zumute, und ich fühlte ein leises Weh im -Herzen. - -Zwakh mochte es mir ansehen, wenn er auch den Grund nicht wußte, denn er -kam mir rasch zu Hilfe: - -»Jedenfalls ist es höchst merkwürdig, fast unheimlich, daß Pernath -gerade eine Vision an jener Stelle hatte, die mit einer uralten Sage so -eng verknüpft ist. -- Da sind Zusammenhänge, aus deren Umklammerung sich -ein Mensch anscheinend nicht befreien kann, wenn seine Seele die -Fähigkeit hat, Formen zu sehen, die dem Tastsinn vorenthalten sind. -- -Ich kann mir nicht helfen: das _Übersinnliche_ ist doch das Reizvollste! --- Was meint ihr?« - -Vrieslander und Prokop waren ernst geworden und jeder von uns hielt eine -Antwort für überflüssig. - -»Was meinen Sie, Eulalia?« wiederholte Zwakh, zurückgewendet, »ist nicht -das Übersinnliche das Reizvollste?« - -Die alte Kellnerin kratzte sich mit der Stricknadel am Kopf, seufzte, -errötete und sagte: - -»Aber gähn' Sie! Sie sind mir ein Schlimmer.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Eine verdammt gespannte Luft war heute den ganzen Tag über,« fing -Vrieslander an, nachdem sich unser Heiterkeitsausbruch gelegt hatte, -»nicht einen Pinselstrich hab' ich fertiggebracht. Fortwährend hab' ich -an die Rosina denken müssen, wie sie im Frack getanzt hat.« - -»Ist sie wieder aufgefunden worden?« fragte ich. - -»>Aufgefunden< ist gut. Die Sittenpolizei hat sie doch für ein längeres -Engagement gewonnen! -- Vielleicht ist sie dem Herrn Kommissär -- damals ->beim Loisitschek<, ins Auge gestochen? Jedenfalls ist sie jetzt -- -fieberhaft tätig und trägt wesentlich zur Hebung des Fremdenverkehrs in -der Judenstadt bei. Ein verflucht dralles Mensch ist sie übrigens -geworden in der kurzen Zeit.« - -»Wenn man bedenkt, was ein Weib aus einem Mann machen kann bloß dadurch, -daß sie ihn verliebt sein läßt in sich: es ist zum Staunen,« warf Zwakh -hin. »Um das Geld aufzubringen, zu ihr gehen zu können, ist der arme -Bursche, der Jaromir, über Nacht Künstler geworden. Er geht in den -Wirtshäusern herum und schneidet Silhouetten für Gäste aus, die sich auf -diese Art porträtieren lassen.« - -Prokop, der den Schluß überhört hatte, schmatzte mit den Lippen: - -»Wirklich? Ist sie so hübsch geworden, die Rosina? -- Haben Sie ihr -schon ein Küßchen geraubt, Vrieslander?« - -Die Kellnerin sprang sofort auf und verließ indigniert das Zimmer. - -»Das Suppenhuhn! Die hat's wahrhaftig nötig, -- Tugendanfälle! Pah!«, -brummte Prokop ärgerlich hinter ihr drein. - -»Was wollen Sie, sie ist doch bei der unrichtigen Stelle abgegangen. Und -außerdem war der Strumpf gerade fertig,« beschwichtigte ihn Zwakh. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Der Wirt brachte neuen Grog und die Gespräche fingen allmählich an, eine -schwüle Richtung zu nehmen. Zu schwül, als daß sie mir nicht ins Blut -gegangen wären bei meiner fiebrigen Stimmung. - -Ich sträubte mich dagegen, aber je mehr ich mich innerlich abschloß und -an Angelina zurückdachte, um so heißer brauste es mir in den Ohren. - -Ziemlich unvermittelt verabschiedete ich mich. - -Der Nebel war durchsichtiger geworden, sprühte feine Eisnadeln auf mich, -war aber immer noch so dicht, daß ich die Straßentafeln nicht lesen -konnte und von meinem Heimweg um ein geringes abkam. - -Ich war in eine andere Gasse geraten und wollte eben umkehren, da hörte -ich meinen Namen rufen: - -»Herr Pernath! Herr Pernath!« - -Ich blickte um mich, in die Höhe: - -Niemand! - -Ein offenes Haustor, darüber diskret eine kleine, rote Laterne, gähnte -neben mir auf, und eine helle Gestalt -- schien mir -- stand tief im -Flur darin. - -Wieder: »Herr Pernath! Herr Pernath!« Im Flüsterton. - -Ich trat erstaunt in den Gang, -- da schlangen sich warme Frauenarme um -meinen Hals und ich sah bei dem Lichtstrahl, der aus einem sich langsam -öffnenden Türspalt fiel, daß es Rosina war, die sich heiß an mich -preßte. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - - - List - - -Ein grauer, blinder Tag. - -Bis tief in den Morgen hinein hatte ich geschlafen, traumlos, bewußtlos, -wie ein Scheintoter. - -Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte vergessen einzuheizen. - -Kalte Asche lag im Ofen. - -Staub auf den Möbeln. - -Der Fußboden nicht gekehrt. - -Fröstelnd ging ich auf und ab. - -Widerwärtiger Geruch nach ausgeatmetem Fusel lag im Zimmer. Mein Mantel, -meine Kleider stanken nach altem Tabakrauch. - -Ich riß das Fenster auf, schloß es wieder: -- der kalte, schmutzige -Hauch von der Straße war unerträglich. - -Spatzen mit durchnäßtem Gefieder hockten regungslos draußen auf den -Dachrinnen. - -Wohin ich blickte, mißfarbige Verdrossenheit. Alles in mir war -zerrissen, zerfetzt. - -Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl -- wie fadenscheinig es war! Die -Roßhaare quollen hervor aus den Rändern. - -Man mußte es zum Tapezierer schicken -- -- ach was, sollte es so bleiben --- noch ein ödes Menschenleben hindurch, bis alles zu Gerümpel zerfiel! - -Und dort, welch geschmackloser, zweckwidriger Plunder, diese Zwirnlappen -an den Fenstern! - -Warum drehte ich sie nicht zu einem Strick und erhenkte mich daran?! - -Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge wenigstens nie mehr zu -sehen, und der ganze graue, zermürbende Jammer war vorüber -- ein für -allemal. - -Ja! Das war das Gescheiteste! Ein Ende machen. - -Heute noch. - -Jetzt noch -- vormittags. Gar nicht erst zum Essen gehen. -- Ein -ekelhafter Gedanke, mit vollem Magen sich aus der Welt zu schaffen! In -der nassen Erde zu liegen und unverdaute, verfaulende Speisen in sich zu -haben. - -Wenn nur nie wieder die Sonne scheinen und ihre freche Lüge von der -Freude des Daseins einem ins Herz funkeln wollte! - -Nein! ich ließ mich nicht mehr narren, wollte nicht länger der Spielball -sein eines täppischen, zwecklosen Schicksals, das mich emporhob und dann -wieder in Pfützen stieß, bloß damit ich die Vergänglichkeit alles -Irdischen einsehen sollte, etwas, was ich längst wußte, was jedes Kind -weiß, jeder Hund auf der Straße weiß. - -Arme, arme Mirjam! Wenn ich _ihr_ wenigstens helfen könnte. - -Es hieß, einen Entschluß fassen, einen ernsten, unabänderlichen -Beschluß, bevor der verfluchte Trieb zum Dasein wieder in mir erwachen -konnte und mir neue Trugbilder vorgaukeln. - -Wozu hatten sie mir denn gedient: alle diese Botschaften aus dem Reich -des Unverweslichen? - -Zu nichts, zu gar gar nichts. - -Nur dazu vielleicht, daß ich im Kreis herumgetaumelt war und jetzt die -Erde als unmögliche Qual empfand. - -Da gab es nur noch eins. - -Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich auf der Bank liegen -hatte. - -Ja, nur _so_ ging es. Das war noch das Einzige, Winzige, was von meinen -nichtigen Taten im Leben irgendeinen Wert haben konnte! - -Alles, was ich besaß -- die paar Edelsteine in der Schublade dazu -- -zusammenschnüren in ein Paket und es Mirjam schicken. Ein paar Jahre -wenigstens würde es die Sorge ums tägliche Leben von ihr nehmen. Und -einen Brief an Hillel schreiben, in dem ich ihm sagte, wie es um sie -stand mit dem »Wunder«. - -Er allein konnte ihr helfen. - -Ich fühlte: ja, er würde Rat wissen für sie. - -Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein, sah auf die Uhr: wenn -ich jetzt auf die Bank ging -- in einer Stunde konnte alles in Ordnung -gebracht sein. - -Und dann noch einen Strauß roter Rosen kaufen für Angelina! -- -- -- -- -es schrie auf in mir vor Weh und wilder Sehnsucht. -- Nur noch einen -Tag, einen einzigen Tag möchte ich leben! - -Um dann abermals dieselbe würgende Verzweiflung mitmachen zu müssen? - -Nein, nicht eine einzige Minute mehr warten! Es kam wie eine -Befriedigung über mich, daß ich mir nicht nachgegeben hatte. - -Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun? - -Richtig: die Feile dort. Ich steckte sie in die Tasche, -- wollte sie -fortwerfen irgendwo auf der Gasse, wie ich es mir neulich schon -vorgenommen. - -Ich haßte die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich wäre zum Mörder -geworden durch sie. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Wer kam mich denn da wieder stören? - -Es war der Trödler. - -»Nur en Augenblick, Herr von Pernath«, bat er fassungslos, als ich ihm -bedeutete, daß ich keine Zeit hätte. »Nur en ganz en kurzen Augenblick. -Nur ä paar Worte.« - -Der Schweiß lief ihm übers Gesicht, und er zitterte vor Aufregung. - -»Kann man hier auch ungestört mit Ihnen sprechen, Herr von Pernath? Ich -möcht' nicht, daß der -- der Hillel wieder hereinkommt. Sperren Sie doch -lieber die Tür ab, oder geh' mer besser ins Nebenzimmer«, -- er zog mich -in seiner gewohnten, heftigen Art hinter sich drein. - -Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flüsterte heiser: - -»Ich hab mir's überlegt, wissen Sie, -- das von neilich. Es is besser -so. Es kommt nix heraus dabei. Gut. Vorüber is vorüber.« - -Ich suchte in seinen Augen zu lesen. - -Er hielt meinen Blick aus, krampfte aber die Hand in die Stuhllehne, -solche Anstrengung kostete es ihn. - -»Das freut mich, Herr Wassertrum,« sagte ich so freundlich ich konnte, -»das Leben ist zu trüb, als daß man es sich gegenseitig noch mit Haß -verbittern sollte.« - -»Rein, als ob man ä gedrucktes Buch reden hört,« grunzte er erleichtert, -wühlte in seinen Hosentaschen und zog wieder die goldene Uhr mit den -verbogenen Sprungdeckeln hervor, »und damit Sie sehen, ich mein's -ehrlich, müssen Sie die Kleinigkeit da von mir annehmen. Als Geschenk.« - -»Was fällt Ihnen denn ein,« wehrte ich ab, »Sie werden doch wohl nicht -glauben -- --«, da fiel mir ein, was Mirjam über ihn gesagt hatte, und -ich streckte ihm die Hand hin, um ihn nicht zu kränken. - -Er achtete nicht darauf, wurde plötzlich weiß wie die Wand, lauschte und -röchelte: - -»Da! Da! Hab' ich's doch gewußt. Schon wieder der Hillel! Er klopft.« - -Ich horchte, ging ins andere Zimmer zurück und zog zu seiner Beruhigung -die Verbindungstür hinter mir halb zu. - -Es war diesmal nicht Hillel. _Charousek_ trat ein, legte, wie zum -Zeichen, daß er wisse, _wer_ nebenan sei, den Finger an die Lippen und -überschüttete mich in der nächsten Sekunde und ohne abzuwarten, was ich -sagen würde, mit einem Schwall von Worten: - -»Oh, mein hochverehrter, liebwerter Meister Pernath, wie soll ich nur -die Worte finden, Ihnen meine Freude auszudrücken, daß ich Sie allein -und wohlauf zu Hause antreffe.« -- -- Er sprach wie ein Schauspieler, -und seine schwülstige, unnatürliche Redeweise stand in so krassem -Gegensatz zu seinem verzerrten Gesicht, daß ich ein tiefes Grauen vor -ihm empfand. - -»Niemals hätte ich, Meister, es gewagt, in dem zerlumpten Zustande zu -Ihnen zu kommen, in dem Sie mich gewiß schon des öfteren auf der Straße -erblickt haben, -- doch, was sage ich: erblickt! haben Sie mir doch oft -huldreich die Hand gereicht. - -Daß ich heute vor Sie hintreten kann mit weißem Kragen und in sauberem -Anzug, -- wissen Sie, wem ich es verdanke? Einem der edelsten und leider --- ach -- meist verkannten Menschen unserer Stadt. Rührung übermannt -mich, wenn ich seiner gedenke. - -Selber in bescheidenen Verhältnissen, hat er dennoch eine offene Hand -für Arme und Bedürftige. Von jeher, wenn ich ihn traurig vor seinem -Laden stehen sah, trieb es mich aus tiefstem Herzen heraus, zu ihm zu -treten und ihm stumm die Hand zu drücken. - -Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich vorüberging, schenkte mir -Geld und versetzte mich dadurch in die Lage, mir gegen Ratenzahlung -einen Anzug kaufen zu können. - -Und wissen Sie, Meister Pernath, wer mein Wohltäter war? -- - -Mit Stolz sage ich es, denn ich war von jeher der einzige, der geahnt -hat, welch goldenes Herz in seinem Busen schlägt: Es war -- Herr Aaron -Wassertrum!« -- -- - --- -- Ich verstand natürlich, daß Charousek seine Komödie auf den -Trödler, der nebenan lauschte, gemünzt hatte, wenn mir auch unklar -blieb, was er damit bezweckte; keinesfalls schien mir die allzuplumpe -Schmeichelei geeignet, den mißtrauischen Wassertrum hinters Licht zu -führen. Charousek erriet offenbar aus meiner bedenklichen Miene, was ich -dachte, schüttelte grinsend den Kopf, und auch seine nächsten Worte -sollten mir wahrscheinlich sagen, daß er seinen Mann genau kenne und -wisse, wie dick er auftragen dürfe. - -»Jawohl! Herr -- Aaron -- Wassertrum! Es drückt mir fast das Herz ab, -daß ich ihm nicht selbst sagen kann, wie unendlich dankbar ich ihm bin, -und ich beschwöre Sie, Meister, verraten Sie ihm niemals, daß ich hier -war und Ihnen alles erzählt habe. -- Ich weiß, die Selbstsucht der -Menschen hat ihn verbittert und tiefes, unheilbares -- ach, leider nur -zu gerechtfertigtes Mißtrauen in seine Brust gepflanzt. - -Ich bin Seelenarzt, aber auch mein Gefühl sagt mir, es ist am besten, -Herr Wassertrum erfährt nie -- auch aus meinem Munde nicht -- wie hoch -ich von ihm denke. -- Es hieße das: Zweifel in sein unglückliches Herz -säen. Und das sei ferne von mir. Lieber soll er mich für undankbar -halten. - -Meister Pernath! Ich bin selbst ein Unglücklicher und weiß von -Kindesbeinen an, was es heißt, einsam und verlassen in der Welt zu -stehen! Ich kenne nicht einmal den Namen meines Vaters. Auch mein -Mütterlein habe ich niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie muß -frühzeitig gestorben sein --« Charouseks Stimme wurde seltsam -geheimnisvoll und eindringlich, -- »und war, wie ich bestimmt glaube, -eine jener tiefseelisch angelegten Naturen, die nie sagen können, wie -unendlich sie lieben, und zu denen auch Herr Aaron Wassertrum gehört. - -Ich besitze eine abgerissene Seite aus dem Tagebuch meiner Mutter -- ich -trage das Blatt beständig auf der Brust -- und darin steht, daß sie -meinen Vater, obschon er häßlich gewesen sein soll, geliebt hat, wie -wohl noch nie ein sterbliches Weib auf Erden einen Mann geliebt hat. - -Dennoch scheint sie es ihm nie gesagt zu haben. -- Vielleicht aus -ähnlichen Gründen, weshalb ich z. B. Herrn Wassertrum nicht sagen könnte --- und wenn mir das Herz darüber bräche -- was ich für ihn an -Dankbarkeit fühle. - -Aber noch eins geht aus dem Tagebuchblatt hervor, wenn ich es auch nur -erraten kann, denn die Sätze sind fast unleserlich vor Tränenspuren: -mein Vater, wer auch immer er gewesen war -- sein Andenken möge vergehen -im Himmel und auf Erden! -- muß scheußlich an meiner Mutter gehandelt -haben.« - --- Charousek fiel plötzlich auf die Knie, daß der Boden dröhnte, und -schrie in so markerschütternden Tönen, daß ich nicht wußte, spielte er -noch immer Komödie oder war er wahnsinnig geworden: - -»_Du Allmächtiger, dessen Namen der Mensch nicht aussprechen soll, hier -auf meinen Knien liege ich vor dir: verflucht, verflucht, verflucht sei -mein Vater in alle Ewigkeit!_« - -Er biß das letzte Wort förmlich entzwei und horchte eine Sekunde lang -mit aufgerissenen Augen. - -Dann feixte er wie der Satan. Mir schien es, als hätte Wassertrum -nebenan leise gestöhnt. - -»Verzeihen Sie, Meister,« fuhr Charousek nach einer Pause mit mimenhaft -erstickter Stimme fort, »verzeihen Sie, daß es mich übermannt hat, aber -es ist mein Gebet früh und spät, der Allmächtige wolle es fügen, daß -mein Vater, wer immer er auch sein möge, dereinst das gräßlichste Ende -nehme, das sich ausdenken läßt.« - -Ich wollte unwillkürlich etwas erwidern, allein Charousek unterbrach -mich rasch: - -»Doch jetzt, Meister Pernath, komme ich zu der Bitte, die ich Ihnen -vorzutragen habe: - -Herr Wassertrum besaß einen Schützling, den er über die Maßen ins Herz -geschlossen hatte, -- es dürfte ein Neffe von ihm gewesen sein. Es heißt -sogar, er sei sein Sohn gewesen, aber ich will es nicht glauben, denn -sonst hätte er doch denselben Namen getragen, in Wirklichkeit aber hieß -er: Wassory, Dr. Theodor Wassory. - -Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich ihn im Geiste vor mir sehe. -Ich war ihm aus ganzer Seele zugetan, als hätte mich ein unmittelbares -Band der Liebe und Verwandtschaft mit ihm verknüpft.« - -Charousek schluchzte, als könne er vor Ergriffenheit kaum -weitersprechen. - -»Ach, daß dieser Edeling von der Erde gehen mußte! -- Ach! Ach! - -Was auch der Grund gewesen sein mag, -- ich habe ihn nie erfahren -- er -hat sich selbst den Tod gegeben. Und ich war unter denen, die zu Hilfe -gerufen wurden -- -- ach, ach, zu spät -- zu spät -- zu spät! Und als -ich dann allein am Totenlager stand und seine kalte, bleiche Hand mit -Küssen bedeckte, da -- warum soll ich es nicht eingestehen, Meister -Pernath? -- es war ja doch kein Diebstahl -- da nahm ich eine Rose von -der Brust der Leiche und eignete mir das Fläschchen an, mit dessen -Inhalt der Unglückliche seinem blühenden Leben ein schnelles Ende -bereitet hatte.« - -Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr bebend fort: - -»Beides -- lege -- ich -- hier -- auf -- Ihren Tisch, die verdorrte Rose -und die Phiole; sie waren mir ein Andenken an meinen dahingegangenen -Freund. - -Wie oft in Stunden innerer Verlassenheit, wenn ich mir den Tod -herbeiwünschte in der Einsamkeit meines Herzens und der Sehnsucht nach -meiner toten Mutter, spielte ich mit diesem Fläschchen, und es gab mir -einen seligen Trost, zu wissen: _ich brauchte nur die Flüssigkeit auf -ein Tuch zu gießen und einzuatmen_ und schwebte schmerzlos hinüber in -die Gefilde, wo mein lieber, guter Theodor ausruht von den Mühsalen -unseres Jammertales. - -Und nun bitte ich Sie, hochverehrter Meister, -- und deswegen bin ich -hergekommen -- nehmen Sie beides und bringen Sie es Herrn Wassertrum. - -Sagen Sie, Sie hätten es von jemandem bekommen, dem Dr. Wassory -nahestand, dessen Namen Sie jedoch gelobt hätten, nie zu nennen, -- -vielleicht von einer Dame. - -Er wird es glauben, und es wird ihm ein Andenken sein, wie es ein teures -Andenken für mich war. - -Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe. Ich bin arm und es -ist alles, was ich habe, aber es macht mich froh, zu wissen: beides wird -jetzt _ihm_ gehören, und dennoch ahnt er nicht, daß _ich_ der Geber bin. - -Es liegt darin auch zugleich für mich etwas unendlich Süßes. - -Und jetzt leben Sie wohl, teurer Meister, und seien Sie im voraus viel -tausendmal bedankt.« - -Er hielt meine Hand fest, zwinkerte und flüsterte mir, als ich noch -immer nicht verstand, kaum hörbar etwas zu. - -»Warten Sie, Herr Charousek, ich werde Sie ein Stückchen -hinunterbegleiten«, sagte ich mechanisch die Worte nach, die ich von -seinen Lippen las, und ging mit ihm hinaus. - -Auf dem finsteren Treppenabsatz im ersten Stock blieben wir stehen, und -ich wollte mich von Charousek verabschieden. - -»Ich kann mir denken, was Sie mit der Komödie bezweckt haben. -- -- Sie --- Sie wollen, daß sich Wassertrum mit dem Fläschchen vergiftet!« Ich -sagte es ihm ins Gesicht. - -»Freilich«, gab Charousek aufgeräumt zu. - -»Und _dazu_, glauben Sie, werde ich meine Hand bieten?« - -»Durchaus nicht nötig.« - -»Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen, sagten Sie -vorhin!« - -Charousek schüttelte den Kopf: - -»Wenn Sie jetzt zurückgehen, werden Sie sehen, daß er sie bereits -eingesteckt hat.« - -»Wie können Sie das nur annehmen?«, fragte ich erstaunt. »Ein Mensch wie -Wassertrum wird sich niemals umbringen, -- ist viel zu feig dazu -- -handelt nie nach plötzlichen Impulsen.« - -»Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion nicht,« unterbrach -mich Charousek ernst. »Hätte ich in alltäglichen Worten geredet, würden -Sie vielleicht recht behalten, aber auch den kleinsten Tonfall habe ich -vorher berechnet. Nur das widerlichste Pathos wirkt auf solche -Hundsfötter! Glauben Sie mir! Sein Mienenspiel bei jedem meiner Sätze -hätte ich Ihnen hinzeichnen können. -- Kein >Kitsch<, wie es die Maler -nennen, ist niederträchtig genug, als daß er nicht der bis ins Mark -verlogenen Menge Tränen entlockte -- sie ins Herz trifft! Glauben Sie -denn, man hätte nicht längst sämtliche Theater mit Feuer und Schwert -ausgetilgt, wenn es anders wäre? An der Sentimentalität erkennt man die -Kanaille. Tausende armer Teufel können verhungern, da wird nicht -geweint, aber wenn ein Schminkkamel auf der Bühne, als Bauerntrampel -verkleidet, die Augen verdreht, dann heulen sie wie die Schloßhunde. -- --- Wenn Väterchen Wassertrum vielleicht auch morgen vergessen hat, was -ihm soeben noch -- Herzjauche kostete: jedes meiner Worte wird wieder in -ihm lebendig werden, wenn die Stunden reifen, wo er sich selbst -unendlich bedauernswert vorkommt. -- In solchen Momenten des großen -Misereres bedarf es bloß eines leisen Anstoßes, -- und für den werde ich -sorgen -- und selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift. Es muß nur -zur Hand sein! Theodorchen hätte wahrscheinlich auch nicht zugegrapst, -wenn ich's ihm nicht so bequem gemacht hätte.« - -»Charousek, Sie sind ein furchtbarer Mensch,« rief ich entsetzt. -»Empfinden Sie denn gar kein -- -- --« - -Er hielt mir schnell den Mund zu und drängte mich in eine Mauernische! - -»Still! Da ist er!« - -Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand stützend, kam Wassertrum die -Stiege herunter und wankte an uns vorüber. - -Charousek schüttelte mir flüchtig die Hand und schlich ihm nach. -- -- - -Als ich in mein Zimmer zurückgekehrt war, sah ich, daß die Rose und das -Fläschchen verschwunden waren und an ihrer Stelle die goldene, zerbeulte -Uhr des Trödlers auf dem Tisch lag. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - ->Acht Tage müsse ich warten, ehe ich mein Geld bekommen könne; es sei -das die übliche Kündigungsfrist<, hatte man mir auf der Bank gesagt. - -Man solle den Direktor holen, denn ich sei in größter Eile und gedächte -in einer Stunde abzureisen, hatte ich eine Ausrede gebraucht. - -Er sei nicht zu sprechen und könne an den Gepflogenheiten der Bank auch -nichts ändern, hieß es, und ein Kerl mit einem Glasauge, der zugleich -mit mir an den Schalter getreten war, hatte darüber gelacht. - -Acht graue, furchtbare Tage auf den Tod sollte ich also warten! - -Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor. -- -- -- - -Ich war so niedergeschlagen, daß ich mir gar nicht bewußt wurde, wie -lange ich schon vor der Türe eines Kaffeehauses auf und -niedergeschritten sein mochte. - -Endlich trat ich ein, bloß um den widerwärtigen Kerl mit dem Glasauge -los zu werden, der mir von der Bank her nachgekommen war und sich immer -in meiner Nähe hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden -herumsuchte, als habe er etwas verloren. - -Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an und schwarze, -speckglänzende Hosen, die ihm wie Säcke um die Beine schlotterten. Auf -seinem linken Stiefel war ein eiförmiger, gewölbter Lederfleck -aufgesteppt, daß es aussah, als trüge er darunter einen Siegelring auf -der Zehe. - -Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein und ließ sich an -einem Nebentisch nieder. - -Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon nach meinem -Portemonnaie, da sah ich einen großen Brillanten an seinen wulstigen -Metzgerfingern aufblitzen. - -Stunden und Stunden saß ich in dem Kaffeehause und glaubte vor innerer -Nervosität wahnsinnig werden zu müssen, -- aber wohin sollte ich gehen? -Nach Hause? Herumschlendern? Eines schien mir gräßlicher als das andere. - -Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der Billardkugeln, das -trockene, unaufhörliche Geräusper eines halbblinden Zeitungstigers mir -gegenüber, ein storchbeiniger Zollbeamter, der abwechselnd in der Nase -bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel -den Schnurrbart kämmte, ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafte, -verschwitzter, schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke, -die bald unter gellem Gekreisch ihre Trümpfe mit dem Faustknöchel -hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen ins Zimmer spuckten. Und das -alles in den Wandspiegeln doppelt und dreifach sehen zu müssen! Es sog -mir langsam das Blut aus den Adern. -- -- - -Es wurde allmählich dunkel und ein plattfüßiger, knieweicher Kellner -tastete mit einer Stange nach den Gaslüstern, um sich endlich -kopfschüttelnd zu überzeugen, daß sie nicht brennen wollten. - -So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich dem schielenden -Wolfsblick des Glasäugigen, der sich dann jedesmal rasch hinter eine -Zeitung versteckte oder seinen schmutzigen Schnurrbart in die längst -ausgetrunkene Kaffeetasse tauchte. - -Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestülpt, daß ihm die Ohren -fast wagerecht abstanden, machte aber keine Miene, aufzubrechen. - -Es war nicht mehr auszuhalten. - -Ich zahlte und ging. - -Wie ich die Glastür hinter mir zumachen wollte, nahm mir jemand die -Klinke aus der Hand. -- Ich drehte mich um: - -Wieder der Kerl! - -Ärgerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung der Judenstadt -zu, da drängte er sich an meine Seite und hinderte mich daran. - -»Da hört denn doch alles auf!« schrie ich ihn an. - -»Nach rechts geht's,« sagte er kurz. - -»Was soll das heißen?« - -Er fixierte mich frech: - -»Sie sind der Pernath!« - -»Sie wollen wahrscheinlich sagen: _Herr_ Pernath?« - -Er lachte nur hämisch: - -»Alsdann keine Faxen jetz! Sie gäh'n Sie mit!« - -»Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?«, fuhr ich auf. - -Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zurück und zeigte vorsichtig -auf einen abgeschabten Blechadler, der im Futter festgesteckt war. - -Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich. - -»So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist denn los?« - -»Sie werden sich's schonn erfahrrähn. Auf dem Däpartemänt«, erwiderte er -grob. »Alla marsch jetz!« - -Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen. - -»Nix da!« - -Wir gingen zur Polizei. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ein Gendarm führte mich vor eine Tür. - - ALOIS OTSCHIN - Polizeirat - -las ich auf der Porzellantafel. - -»Sie kännen sich einträtten«, sagte der Gendarm. - -Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufsätzen standen einander -gegenüber. - -Ein paar verkraxte Stühle dazwischen. - -Das Bild des Kaisers an der Wand. - -Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett. - -Sonst nichts im Zimmer. - -Ein Klumpfuß und daneben ein dicker Filzschuh unter zerfransten grauen -Hosen hinter dem linken Schreibpult. - -Ich hörte rascheln. Jemand murmelte ein paar Worte in böhmischer Sprache -und gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten -Schreibtisch auf und trat vor mich hin. - -Es war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und hatte die sonderbare -Manier, bevor er anfing zu reden, die Zähne zu fletschen wie jemand, der -in grelles Sonnenlicht schaut. - -Dabei kniff er die Augen hinter den Brillengläsern zusammen, was ihm den -Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh. - -»Sie heißen Athanasius Pernath und sind« -- er blickte auf ein Blatt -Papier, auf dem nichts stand -- »Gemmenschneider«. - -Sofort kam Leben in den Klumpfuß unter dem anderen Schreibtisch: er -wetzte sich an dem Stuhlbein, und ich hörte das Rauschen einer -Schreibfeder. - -Ich bejahte: »Pernath. Gemmenschneider.« - -»No, da sin wir ja gleich beisammen, Herr -- -- -- Pernath, -- jawohl -Pernath. Ja wohl ja.« -- Der Herr Polizeirat war mit einem Schlag von -erstaunlicher Liebenswürdigkeit, als hätte er die erfreulichste -Nachricht von der Welt bekommen, streckte mir beide Hände entgegen und -bemühte sich in lächerlicher Weise, die Miene eines Biedermannes -aufzusetzen. - -»Also, Herr Pernath, erzählen Sie mir einmal, was treiben Sie so den -ganzen Tag?« - -»Ich glaube, daß Sie das nichts angeht, Herr Otschin«, antwortete ich -kalt. - -Er kniff die Augen zusammen, wartete einen Moment und fuhr dann -blitzschnell los: - -»Seit wann hat die Gräfin ihr Verhältnis mit dem Savioli?« - -Ich war auf etwas Ähnliches gefaßt gewesen und zuckte nicht mit der -Wimper. - -Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen in Widersprüche zu -verwickeln, aber, so sehr mir auch vor Entsetzen das Herz im Halse -schlug, ich verriet mich nicht und kam immer wieder darauf zurück, daß -ich den Namen Savioli nie gehört hätte, mit Angelina von meinem Vater -her befreundet sei, und daß sie schon öfter Kameen bei mir bestellt -habe. - -Ich fühlte trotzdem genau, daß der Polizeirat mir ansah, wie ich ihn -belog, und innerlich schäumte vor Wut, nichts aus mir herausbekommen zu -können. - -Er dachte eine Weile nach, dann zog er mich am Rock dicht an sich, -deutete warnend mit dem Daumen auf den linken Schreibtisch und flüsterte -mir ins Ohr: - -»Athanasius! Ihr seliger Vater war mein bester Freund. Ich will Sie -retten, Athanasius! Aber Sie müssen mir alles sagen über die Gräfin. -- -Hören Sie: alles.« - -Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. »Was meinen Sie damit: Sie -wollen mich retten?«, fragte ich laut. - -Der Klumpfuß stampfte ärgerlich auf den Boden. Der Polizeirat wurde -aschgrau im Gesicht vor Haß. Zog die Lippe empor. Wartete. -- Ich wußte, -daß er gleich wieder losspringen würde; (sein Verblüffungssystem -erinnerte mich an Wassertrum) und ich wartete ebenfalls, -- sah, daß ein -Bocksgesicht, der Inhaber des Klumpfußes, lauernd hinter dem -Schreibpulte auftauchte -- -- dann schrie mich der Polizeirat plötzlich -gellend an: - -»_Mörder_«. - -Ich war sprachlos vor Verblüffung. - -Mißmutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein Pult zurück. - -Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten über meine Ruhe, -versteckte es aber geschickt, indem er einen Stuhl herbeizog und mich -aufforderte, Platz zu nehmen. - -»Sie verweigern also, über die Gräfin die von mir gewünschte Auskunft zu -geben, Herr Pernath?« - -»Ich kann sie nicht geben, Herr Polizeirat, wenigstens nicht in dem -Sinne, wie Sie erwarten. Erstens kenne ich niemand namens Savioli, und -dann bin ich felsenfest überzeugt, daß es eine Verleumdung ist, wenn man -der Gräfin nachsagt, sie hintergehe ihren Gatten.« - -»Sind Sie bereit, das zu beeiden?« - -Mir stockte der Atem. »Ja! Jederzeit.« - -»Gut. Hm.« - -Eine längere Pause entstand, während der der Polizeirat angestrengt -nachzugrübeln schien. - -Als er mich wieder anblickte, lag ein komödiantenhafter Zug von -Schmerzlichkeit in seiner Fratze. Unwillkürlich mußte ich an Charousek -denken, wie er dann mit tränenerstickter Stimme anfing: - -»Mir können Sie es doch sagen, Athanasius, -- mir, dem alten Freund -Ihres Vaters, -- mir, der Sie auf den Armen getragen hat --« ich konnte -das Lachen kaum verbeißen: er war höchstens zehn Jahre älter als ich -- -»nicht wahr, Athanasius, es war Notwehr?« - -Das Bockgesicht erschien abermals. - -»Was war Notwehr?«, fragte ich verständnislos. - -»Das mit dem -- -- -- _Zottmann_!« schrie mir der Polizeirat einen Namen -ins Gesicht. - -Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann! Zottmann! Die Uhr! Der -Name Zottmann stand doch in der Uhr eingraviert. - -Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen strömte: Der grauenhafte -Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben, um den Verdacht des Mordes auf -mich zu lenken! - -Sofort warf der Polizeirat die Maske ab, fletschte die Zähne und kniff -die Augen zusammen: - -»Sie gestehen also den Mord ein, Pernath?« - -»Das alles ist ein Irrtum, ein entsetzlicher Irrtum. Um Gottes willen -hören Sie mich an. Ich kann es Ihnen erklären, Herr Polizeirat -- --!«, -schrie ich. - -»Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf die Frau Gräfin«, -unterbrach er mich rasch: »ich mache Sie aufmerksam: Sie verbessern Ihre -Lage damit.« - -»Ich kann nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist: die Gräfin ist -unschuldig«. - -Er biß die Zähne zusammen und wandte sich an das Bocksgesicht: - -»Schreiben Sie: -- Also, Pernath gesteht den Mord an dem -Versicherungsbeamten Karl Zottmann ein«. - -Mich packte eine besinnungslose Wut. - -»Sie Polizeikanaille!« brüllte ich los, »was unterstehen Sie sich?!« - -Ich suchte nach einem schweren Gegenstand. - -Im nächsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute gepackt und mir -Handschellen angelegt. - -Der Polizeirat blähte sich jetzt wie der Hahn auf dem Mist: - -»Und die Uhr da?«, -- er hielt plötzlich die verbeulte Uhr in der Hand, --- »hat der unglückliche Zottmann noch gelebt, als Sie ihn beraubten, -oder nicht?« - -Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit klarer Stimme zu -Protokoll: - -»Die Uhr hat mir heute vormittag der Trödler Aaron Wassertrum -- -geschenkt.« - -Ein wieherndes Gelächter brach los, und ich sah, wie der Klumpfuß und -der Filzpantoffel mitsammen einen Freudentanz unter dem Schreibtisch -aufführten. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - - - Qual - - -Die Hände gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett, -mußte ich durch die abendlich beleuchteten Straßen gehen. - -Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und rechts mit, Weiber -rissen die Fenster auf, drohten mit Kochlöffeln herunter und schimpften -hinter mir drein. - -Schon von weitem sah ich den massigen Steinwürfel des Gerichtsgebäudes -mit der Inschrift auf dem Giebel herannahen: - - »Die strafende Gerechtigkeit ist - die Beschirmung aller Braven.« - -Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer, in dem es nach -Küche stank. - -Ein vollbärtiger Mann mit Säbel, Beamtenrock und -mütze, barfuß und die -Beine in langen, um die Knöchel zusammengebundenen Unterhosen, stand -auf, stellte die Kaffeemühle, die er zwischen den Knien hielt, weg und -befahl mir, mich auszuziehen. - -Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus, was er darin fand, -und fragte mich, ob ich -- Wanzen hätte. - -Als ich verneinte, zog er mir die Ringe von den Fingern und sagte, es -sei gut, ich könne mich wieder ankleiden. - -Man führte mich mehrere Stockwerke hinauf und durch Gänge, in denen -vereinzelt große, graue, verschließbare Kisten in den Fensternischen -standen. - -Eiserne Türen mit Riegelstangen und kleinen, vergitterten Ausschnitten, -über jedem eine Gasflamme, zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand -entlang. Ein hünenhafter, soldatisch aussehender Gefangenwärter -- das -erste ehrliche Gesicht seit Stunden -- sperrte eine der Türen auf, schob -mich in eine dunkle, schrankartige, pestilenzialisch stinkende Öffnung -und schloß hinter mir ab. - -Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte mich zurecht. - -Mein Knie stieß an einen Blechkübel. - -Endlich erwischte ich -- der Raum war so eng, daß ich mich kaum umdrehen -konnte -- eine Klinke, und stand in -- einer Zelle. - -Je zwei und zwei Pritschen mit Strohsäcken an den Mauern. - -Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit. - -Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der Querwand ließ den matten -Schein des Nachthimmels herein. - -Unerträgliche Hitze, vom Geruch alter Kleider verpestete Luft erfüllte -den Raum. - -Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß auf -drei der Pritschen -- die vierte war leer -- Menschen in grauen -Sträflingskleidern saßen; die Arme auf die Knie gestützt und die -Gesichter in den Händen vergraben. - -Keiner sprach ein Wort. - -Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete. Wartete. - -Eine Stunde. - -Zwei -- drei Stunden! - -Wenn ich draußen einen Schritt zu hören glaubte, fuhr ich auf: - -Jetzt, jetzt kam man mich holen, um mich dem Untersuchungsrichter -vorzuführen. - -Jedesmal war es eine Täuschung gewesen. Immer wieder verloren sich die -Schritte auf dem Gang. - -Ich riß mir den Kragen auf -- glaubte, ersticken zu müssen. - -Ich hörte, wie ein Gefangener nach dem andern sich ächzend ausstreckte. - -»Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen?«, fragte ich voll -Verzweiflung laut in die Dunkelheit hinein. Ich erschrak fast vor meiner -eigenen Stimme. - -»Es geht net,« antwortete es mürrisch von einem der Strohsäcke herüber. - -Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand entlang: ein Brett -in Brusthöhe lief quer hin -- -- -- zwei Wasserkrüge -- -- -- Stücke von -Brotrinden. - -Mühsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstäben und preßte -das Gesicht an die Fensterritzen, um wenigstens etwas frische Luft zu -atmen. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -So stand ich, bis mir die Knie zitterten. Eintöniger, schwarzgrauer -Nachtnebel vor meinen Augen. - -Die kalten Eisenstäbe schwitzten. - -Es mußte bald Mitternacht sein. - -Hinter mir hörte ich schnarchen. Nur einer schien nicht schlafen zu -können: er warf sich hin und her auf dem Stroh und stöhnte manchmal -halblaut auf. - -Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen?! Da! Es schlug wieder. - -Ich zählte mit bebenden Lippen: - -Eins, zwei, drei! -- Gott sei Dank, nur noch wenige Stunden, dann mußte -die Dämmerung kommen. Es schlug weiter: - -Vier? fünf? -- Der Schweiß trat mir auf die Stirn. -- Sechs!! -- Sieben --- -- -- es war _elf_ Uhr. - -Erst eine Stunde war vergangen, seit ich das letzte Mal hatte schlagen -hören. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Allmählich legten sich meine Gedanken zurecht: - -Wassertrum hatte mir die Uhr des vermißten Zottmann zugespielt, um mich -in Verdacht zu bringen, einen Mord begangen zu haben. -- Er mußte also -selbst der Mörder sein; wie hätte er sonst in den Besitz der Uhr kommen -können? Würde er die Leiche irgendwo gefunden und dann erst beraubt -haben, hätte er sich bestimmt die tausend Gulden Belohnung geholt, die -für die Entdeckung des Vermißten öffentlich ausgesetzt waren. -- Das -konnte aber nicht sein: die Plakate klebten noch immer an den -Straßenecken, wie ich deutlich auf meinem Weg ins Gefängnis gesehen -hatte. -- -- -- - -Daß der Trödler mich angezeigt haben mußte, war klar. - -Ebenso: daß er mit dem Polizeirat, wenigstens was Angelina betraf, unter -einer Decke steckte. Wozu sonst das Verhör wegen Savioli? - -Andererseits ging daraus hervor, daß Wassertrum Angelinas Briefe _noch -nicht_ in Händen hatte. - -Ich grübelte nach -- -- -- - -Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher Deutlichkeit vor mir, als -wäre ich selbst dabei gewesen. - -Ja; nur so konnte es sein: Wassertrum hatte meine eiserne Kassette, in -der er Beweise vermutete, heimlich an sich genommen, als er gerade mit -seinen Polizeikomplizen meine Wohnung durchstöberte, -- konnte sie nicht -sogleich öffnen, da ich den Schlüssel bei mir trug und war -- -- -- -vielleicht gerade jetzt daran, sie in seiner Höhle aufzubrechen. - -In wahnsinniger Verzweiflung rüttelte ich an den Gitterstäben, sah -Wassertrum im Geiste vor mir, wie er in Angelinas Briefen wühlte -- -- - -Wenn ich nur Charousek benachrichtigen könnte, daß er Savioli wenigstens -rechtzeitig warnen ging! - -Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung, meine Verhaftung -müsse bereits wie ein Lauffeuer in der Judenstadt bekannt geworden sein, -und ich vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel. Gegen -seine infernalische Schlauheit kam der Trödler nicht auf; »Ich werde ihn -genau in der Stunde an der Gurgel haben, in der er Dr. Savioli an den -Hals will,« hatte Charousek schon einmal gesagt. - -In der nächsten Minute wieder verwarf ich alles und eine wilde Angst -packte mich: Wie, wenn Charousek zu spät kam? - -Dann war Angelina verloren. -- -- -- - -Ich biß mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue, daß -ich die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte; -- -- -- ich schwor -es mir zu, Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen, -wo ich wieder auf freiem Fuß sein würde. - -Ob ich von eigner Hand starb oder am Galgen -- was lag mir daran! - -Daß der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben würde, wenn ich ihm -die Geschichte mit der Uhr plausibel machte, ihm von Wassertrums -Drohungen erzählte, -- keinen Augenblick zweifelte ich daran. - -Bestimmt morgen schon mußte ich frei sein; zumindest würde das Gericht -auch Wassertrum wegen Mordverdacht verhaften lassen. - -Ich zählte die Stunden und betete, daß sie rascher vergehen möchten; -starrte hinaus in den schwärzlichen Dunst. - -Nach unsäglich langer Zeit fing es endlich an, heller zu werden, und -zuerst wie ein dunkler Fleck, dann immer deutlicher, tauchte ein -kupfernes, riesiges Gesicht aus dem Nebel: das Zifferblatt einer alten -Turmuhr. Doch die _Zeiger fehlten_; -- neuerliche Qual. - -Dann schlug es fünf. - -Ich hörte, wie die Gefangenen erwachten und gähnend eine Unterhaltung in -böhmischer Sprache führten. - -Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich um, stieg von dem Brett -herunter und -- sah den blatternarbigen Loisa auf der Pritsche, -gegenüber der meinigen, sitzen und mich verwundert anstarren. - -Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und -musterten mich geringschätzig. - -»Defraudant? Was?«, fragte der eine halblaut seinen Kameraden und stieß -ihn mit dem Ellenbogen an. - -Der Gefragte brummte verächtlich irgend etwas, kramte in seinem -Strohsack, holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden. - -Dann schüttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf, kniete nieder, -bespiegelte sich darin und kämmte sich mit den Fingern das Haar in die -Stirn. - -Hierauf trocknete er das Papier mit zärtlicher Sorgfalt ab und -versteckte es wieder unter der Pritsche. - -»Pan Pernath, Pan Pernath,« murmelte Loisa dabei beständig mit -aufgerissenen Augen vor sich hin, wie jemand, der ein Gespenst sieht. - -»Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerkö,« sagte der Ungekämmte, -dem dies auffiel, in dem geschraubten Dialekt eines tschechischen -Wieners und machte mir spöttisch eine halbe Verbeugung: »Erlaubens mich -vorzustellen: Vóssatka ist mein Name. Der schwarze Vóssatka. -- -- -- -Brandstiftung,« setzte er eine Oktave tiefer stolz hinzu. - -Der Frisierte spuckte zwischen den Zähnen durch, blickte mich eine Weile -verächtlich an, deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch: - -»Einbruch.« - -Ich schwieg. - -»No, und zweng wos für einen Verdachtö sin Sie hier, Herr Graf?« fragte -der Wiener nach einer Pause. - -Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: »Wegen Raubmord«. - -Die beiden fuhren verblüfft auf, der spöttische Ausdruck auf ihren -Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz, und sie -riefen fast wie aus einem Munde: - -»Räschpäkt, Räschpäkt.« - -Als sie sahen, daß ich keine Notiz von ihnen nahm, zogen sie sich in die -Ecke zurück und unterhielten sich flüsternd miteinander. - -Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir, prüfte schweigend die -Muskeln meines Oberarms und ging dann kopfschüttelnd zu seinem Freund -zurück. - -»Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den Zottmann ermordet zu -haben?« fragte ich Loisa unauffällig. - -Er nickte. »Ja, schon lang.« - -Wieder vergingen einige Stunden. - -Ich schloß die Augen und stellte mich schlafend. - -»Herr Pernath. Herr Pernath!« hörte ich plötzlich ganz leise Loisas -Stimme. - -»Ja?« -- -- -- Ich tat, als erwachte ich. - -»Herr Pernath? Bitte entschuldigen Sie, -- bitte -- bitte, wissen Sie -nicht, was die Rosina macht? -- Ist sie zu Hause?«, stotterte der arme -Bursche. Er tat mir unendlich leid, wie er mit seinen entzündeten Augen -an meinen Lippen hing und vor Aufregung die Hände verkrampfte. - -»Es geht ihr gut. Sie -- sie ist jetzt Kellnerin beim -- -- alten -Ungelt«, log ich. - -Ich sah, wie er erleichtert aufatmete. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Zwei Sträflinge hatten auf einem Brett Blechtöpfe mit heißem Wurstabsud -stumm hereingebracht und drei davon in die Zelle gestellt, dann knallten -nach einigen Stunden abermals die Riegel und der Aufseher führte mich -zum Untersuchungsrichter. - -Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir treppauf, treppab -schritten. - -»Glauben Sie, ist es möglich, daß ich heute noch freigelassen werde?«, -fragte ich den Aufseher beklommen. - -Ich sah, wie er mitleidig ein Lächeln unterdrückte. »Hm. Heute noch? Hm --- -- Gott, -- möglich ist ja alles.« -- - -Mir wurde eiskalt. - -Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tür und einen Namen: - - KARL FREIHERR VON LEISETRETER - Untersuchungsrichter - -Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte mit meterhohen -Aufsätzen. - -Ein alter, großer Mann mit weißem, geteiltem Vollbart, schwarzem -Gehrock, roten, wulstigen Lippen, knarrenden Stiefeln. - -»Sie sind Herr Pernath?« - -»Jawohl.« - -»Gemmenschneider?« - -»Jawohl.« - -»Zelle Nr. 70?« - -»Jawohl.« - -»Des Mordes an Zottmann verdächtig?« - -»Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter -- --« - -»_Des Mordes an Zottmann verdächtig?_« - -»Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es. Aber -- --« - -»Geständig?« - -»Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter, ich bin doch -unschuldig!« - -»_Geständig?_« - -»Nein.« - -»Dann verhänge ich die Untersuchungshaft über Sie. -- Führen Sie den -Mann hinaus, Gefangenwärter.« - -»Bitte, so hören Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter, -- ich muß -unbedingt heute noch zu Hause sein. Ich habe wichtige Dinge zu -veranlassen -- --« - -Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand. - -Der Herr Baron schmunzelte. -- - -»Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und immer noch saß ich in der -Zelle. - -Um zwölf Uhr durften wir täglich hinunter in den Gefängnishof und mit -anderen Untersuchungsgefangenen und Sträflingen zu zweit 40 Minuten im -Kreis herumgehen auf der nassen Erde. - -Miteinander zu reden, war verboten. - -In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender Baum, in dessen -Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war. - -An den Mauern wuchsen kümmerliche Ligusterstauden, die Blätter fast -schwarz vom fallenden Ruß. - -Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein kittgraues Gesicht -mit blutleeren Lippen herunterschaute. - -Dann ging's wieder hinauf in die gewohnten Grüfte zu Brot, Wasser und -Wurstabsud und Sonntags zu faulenden Linsen. - -Erst einmal war ich wieder vernommen worden: - -Ob ich Zeugen hätte, daß mir »Herr« Wassertrum angeblich die Uhr -geschenkt habe? - -»Ja: Herrn Schemajah Hillel -- -- das heißt -- nein« (ich erinnerte -mich, er war nicht dabei gewesen) -- -- »aber Herr Charousek -- nein, -auch er war ja nicht dabei.« - -»Kurz: also niemand war dabei?« - -»Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter.« - -Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das: - -»Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter!« -- -- -- - -Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen: Der -Zeitpunkt, wo ich um sie zittern mußte, war vorüber. Entweder -Wassertrums Racheplan war längst geglückt, oder Charousek hatte -eingegriffen, sagte ich mir. - -Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn. - -Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf wartete, daß sich -das Wunder erneuere, -- wie sie früh am Morgen, wenn der Bäcker kam, -hinauslief und mit bebenden Händen das Brot untersuchte, -- wie sie -vielleicht um meinetwillen vor Angst verging. - -Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf, und ich stieg auf das -Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und -verzehrte mich in dem Wunsch, meine Gedanken möchten zu Hillel dringen -und ihm ins Ohr schreien, er solle Mirjam helfen und sie erlösen von der -Qual des Hoffens auf ein Wunder. - -Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an, bis mir -die Brust fast zersprang, -- um das Bild meines Doppelgängers vor mich -zu zwingen, damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost. - -Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den Buchstaben: -Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte -aufschreien vor Jubel, daß jetzt alles wieder gut würde, aber er war in -den Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte, Mirjam zu -erscheinen. -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Daß ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden! - -Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken? fragte ich meine -Zellengenossen. - -Sie wußten es nicht. - -Sie hätten noch nie welche bekommen -- allerdings wäre auch niemand da, -der ihnen schreiben könnte, sagten sie. - -Der Gefangenwärter versprach mir, sich gelegentlich zu erkundigen. -- -- - -Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen und mein Haar verwildert, -denn Schere, Kamm und Bürste gab es nicht. - -Auch kein Wasser zum Waschen. - -Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz, denn der Wurstabsud war -mit Soda gewürzt statt mit Salz. -- -- Eine Gefängnisvorschrift, um dem -»Überhandnehmen des Geschlechtstriebes vorzubeugen«. -- -- - -Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintönigkeit. - -Drehte sich im Kreis wie ein Rad der Qual. - -Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo plötzlich -einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und niederlief wie -ein wildes Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen -zu lassen und stumpfsinnig weiter zu warten -- zu warten -- zu warten. - -Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen über die -Wände und ich fragte mich erstaunt, warum denn der Kerl in Säbel und -Unterhosen mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein -Ungeziefer hätte. - -Fürchtete man vielleicht im Landesgericht, es könne eine Kreuzung -_fremder_ Insektenrassen entstehen? - -Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf herein mit -Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen: Der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt, -und überzeugte sich, daß alle vor Gesundheit strotzten. - -Und wenn einer sich beschwerte, gleichgültig worüber, so verschrieb er --- Zinksalbe zum Einreiben der Brust. - -Einmal kam auch der Landesgerichtspräsident -- ein hochgewachsener, -parfümierter Halunke der »guten Gesellschaft«, dem die gemeinsten Laster -im Gesicht geschrieben standen, und sah nach, ob -- alles in Ordnung -sei: »ob sich noch immer kaner derhenkt hobe«, wie sich der Frisierte -ausdrückte. - -Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er -einen Satz hinter den Gefangenwärter gemacht und mir einen Revolver -vorgehalten. -- »Was ich denn wolle«, schrie er mich an. - -Ob Briefe für mich da seien, fragte ich höflich. Statt der Antwort bekam -ich einen Stoß vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf -das Weite suchte. Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte -durch den Türausschnitt: -- ich solle lieber den Mord gestehen. Eher -bekäme ich in diesem Leben keine Briefe. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die Hitze gewöhnt und -fröstelte beständig. Selbst, wenn die Sonne schien. - -Zwei der Gefangenen hatten schon einige Mal gewechselt, aber ich achtete -nicht darauf. Diese Woche war es ein Taschendieb und ein Wegelagerer, -das nächste Mal ein Falschmünzer oder ein Hehler, die hereingeführt -wurden. - -Was ich gestern erlebte, war heute vergessen. - -Gegen das Wühlen der Sorge um Mirjam verblaßten alle äußern -Begebenheiten. - -Nur _ein_ Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprägt -- es verfolgte mich -zuweilen als Zerrbild bis in den Traum. - -Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu -starren, da fühlte ich plötzlich, daß mich ein spitzer Gegenstand in die -Hüfte stach, und als ich nachsah, bemerkte ich, daß es die Feile gewesen -war, die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt -hatte. Sie mußte schon lange dort gesteckt haben, sonst hätte sie der -Mann in der Flurstube gewiß bemerkt. - -Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack. - -Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, und ich zweifelte -keinen Augenblick, daß nur Loisa sie genommen haben konnte. - -Einige Tage später holte man ihn aus der Zelle, um ihn einen Stock -tiefer unterzubringen. - -Es dürfe nicht sein, daß zwei Untersuchungsgefangene, die desselben -Verbrechens beschuldigt wären, wie er und ich, in der gleichen Zelle -säßen, hatte der Gefangenwärter gesagt. - -Von ganzem Herzen wünschte ich, es möchte dem armen Burschen gelingen, -sich mit Hilfe der Feile zu befreien. - - - - - Mai - - -Auf meine Frage, welches Datum denn wäre -- die Sonne schien so warm wie -im Hochsommer und der müde Baum im Hof trieb ein paar Knospen -- hatte -der Gefangenwärter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflüstert, es -sei der 15. Mai. Eigentlich dürfe er es nicht sagen, denn es sei -verboten, mit den Gefangenen zu sprechen, -- insbesondere solche, die -noch nicht gestanden hätten, müßten hinsichtlich der Zeit im unklaren -gehalten werden. - -Drei volle Monate war ich also schon im Gefängnis und noch immer keine -Nachricht aus der Welt da draußen. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Wenn es Abend wurde, drangen leise Klänge eines Klaviers durch das -Gitterfenster, das jetzt an warmen Tagen offen war. - -Die Tochter des Beschließers unten spiele, hatte mir ein Sträfling -gesagt. -- -- - -Tag und Nacht träumte ich von Mirjam. - -Wie es ihr wohl ging?! - -Zuzeiten hatte ich das tröstliche Gefühl, als seien meine Gedanken zu -ihr gedrungen und stünden an ihrem Bette, während sie schlief, und -legten ihr lindernd die Hand auf die Stirne. - -Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit, wenn einer nach dem -andern meiner Zellengenossen zum Verhör geführt wurde, -- nur ich nicht, --- drosselte mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange -tot. - -Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie noch lebe oder -nicht, krank sei oder gesund, und die Anzahl einer Handvoll Halme, die -ich aus dem Strohsack riß, sollte mir Antwort geben. - -Und fast jedesmal »ging es schlecht aus«, und ich wühlte in meinem -Innern nach einem Blick in die Zukunft; -- suchte meine Seele, die mir -das Geheimnis verbarg, zu überlisten durch die scheinbar abseits -liegende Frage, ob wohl für mich dereinst noch ein Tag kommen würde, wo -ich heiter sein und wieder lachen könnte. - -Immer bejahte das Orakel in solchen Fällen, und dann war ich eine Stunde -lang glücklich und froh. - -Wie eine Pflanze heimlich wächst und sproßt, war allmählich in mir eine -unbegreifliche, tiefe Liebe zu Mirjam erwacht, und ich faßte es nicht, -daß ich so oft hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden können, ohne mir -damals schon klar darüber geworden zu sein. - -Der zitternde Wunsch, daß auch sie mit gleichen Gefühlen an mich denken -möchte, steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der -Gewißheit, und wenn ich dann auf dem Gange draußen einen Schritt hörte, -fürchtete ich mich beinahe davor, man könne mich holen und freilassen -und mein Traum würde in der groben Wirklichkeit der Außenwelt in nichts -zerrinnen. - -Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden, daß ich -auch das leiseste Geräusch vernahm. - -Jedesmal bei Anbruch der Nacht hörte ich in der Ferne einen Wagen fahren -und zergrübelte mir den Kopf, wer wohl darin sitzen möchte. - -Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken, daß es Menschen gab -da draußen, die tun und lassen durften, was sie wollten, -- die sich -frei bewegen konnten und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als -unbeschreiblichen Jubel empfanden. - -Daß auch ich jemals wieder so glücklich werden würde, im Sonnenschein -durch die Straßen wandern zu können -- -- ich war nicht mehr imstande, -es mir vorzustellen. - -Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, schien mir einem -längstverflossenen Dasein anzugehören; -- ich dachte daran zurück mit -jener leisen Wehmut, wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch -aufschlägt und findet darin welke Blumen, die einst die Geliebte der -Jugendjahre getragen hat. - -Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend für Abend mit Vrieslander und -Prokop beim »Ungelt« saß und der vertrockneten Eulalia das Hirn konfus -machte? - -Nein, es war doch Mai -- die Zeit, wo er mit seinem Marionettenkasten -durch die Provinznester zog und auf grünen Wiesen vor den Toren den -Ritter Blaubart spielte. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich saß allein in der Zelle. -- Vóssatka, der Brandstifter, mein -einziger Gefährte seit einer Woche, war vor ein paar Stunden zum -Untersuchungsrichter geholt worden. - -Merkwürdig lange dauerte diesmal sein Verhör. - -Da. Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tür. Und mit -freudestrahlender Miene stürmte Vóssatka herein, warf ein Bündel Kleider -auf die Pritsche und begann, sich mit Windeseile umzukleiden. - -Den Sträflingsanzug warf er Stück um Stück mit einem Fluch auf den -Boden. - -»Nix hamms mer beweisen könna, dö Hallodri. -- Brandstiftung! -- Ja -doder« er zog mit dem Zeigefinger an seinem unteren Augenlid. »Auf den -schwarzen Vóssatka sans jung. -- Der Wind war's, hab i g'sagt. Und bi -fest blimm. Den kennens iazt eispirrn, wanns'n derwischen -- den Herrn -von Wind. -- No servus heit Abend! -- Do werd aufdraht. Beim -Loisitschek.« -- Er breitete die Arme aus und tanzte einen -»G'strampften«. -- »Nur einmahl im Leböhn blie--het der Mai.« -- Er -stülpte sich mit einem Krach einen steifen Deckel mit einer kleinen -blaugesprenkelten Nußhäherfeder darauf über den Schädel. -- »Ja, -richtig, das wird Ihna intrissirn, Herr Graf: wissens was Neies? Eana -Freund, der Loisa, is ausbrochen! -- Grad hab i's erfahrehn oben bei die -Hallodri. Schon vurigen Monat -- gegen Uldimoh hat er das Weide gesucht -und ist längs ieber -- pbhuit« -- er schlug sich mit den Fingern auf den -Handrücken -- »ieber alle Bergöh«. -- - -»Aha, die Feile,« dachte ich mir und lächelte. - -»Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr Graf,« der Brandstifter -streckte mir kameradschaftlich die Hand hin, »daß Sie möglichst bei -Zeitöhn freikommen. -- Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen -Sie sich nur beim Loisitschek nach dem schwarzen Vóssatka. -- Kennte -mich jädes Madel durten. So! -- Alsdann Servus, Herr Graf. War mir ein -Vergniegen.« - -Er stand noch in der Türe, da schob der Wärter schon einen neuen -Untersuchungsgefangenen in die Zelle. - -Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot mit der -Soldatenmütze, der einmal neben mir bei Regenwetter in dem Torbogen der -Hahnpaßgasse gestanden hatte. Eine freudige Überraschung! Vielleicht -wußte er zufällig etwas über Hillel und Zwakh und alle die andern? - -Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu meinem größten -Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und -bedeutete mir, ich solle schweigen. - -Erst als die Tür von draußen abgesperrt und der Schritt des -Gefangenwärters auf dem Gange verhallt war, kam Leben in ihn. - -Mir schlug das Herz vor Aufregung. - -Was sollte das bedeuten? - -Kannte er mich denn, und was wollte er? - -Das erste, was der Schlot tat, war, daß er sich niedersetzte und seinen -linken Stiefel auszog. - -Dann zerrte er mit den Zähnen einen Stöpsel aus dem Absatz, entnahm dem -entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech, riß die -anscheinend nur locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides -mit stolzer Miene hin. -- - -Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten Fragen auch nur im -geringsten zu achten. - -»So! Einen schönen Gruß vom Herrn Charousek.« - -Ich war so verblüfft, daß ich kein Wort herausbringen konnte. -- - -»Brauchens' bloß Eisenblechl nähmen und Sohlen ausanand brechen in der -Nacht. Oder wann sunst niemand siecht. -- Ise nämlich hohl inewändig« -- -erklärte der Schlot mit überlegener Miene, »und finden Sie sich drinn -eine Brieffel von Herrn Charousek.« - -Im Übermaß meines Entzückens fiel ich dem Schlot um den Hals und die -Tränen stürzten mir aus den Augen. - -Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll: - -»Missen sich mehr zusammennähmen, Herr von Pernath! Mir habens me nicht -eine Minutten zum Zeitverlieren. Es kann sich soffort herauskommen, daß -ich in der falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens me unt beim -Pordjöh die Nummern mitsamm vertauscht.« -- - -Ich mußte wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn der Schlot -fuhr fort: - -»Wann Sie das auch nicht verstähn, macht nix. Kurz: ich bin ich hier, -Pasta!« - -»Sagen Sie doch,« fiel ich ihm ins Wort, »sagen Sie doch, Herr -- -- -Herr -- -- --« - -»Wenzel,« -- half mir der Schlot aus, »ich heiß' ich der schöne Wenzel.« - -»Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar Hillel, und wie geht -es seiner Tochter?« - -»Dazu ist jetz keine Zeit nicht,« unterbrach mich der schöne Wenzel -ungeduldig. »Ich kann ich doch im näxen Augenblick herausgeschmissen -werden. -- Also: ich bin ich hier, weil ich einen Raubanfall extra -eingestanden hab -- --« - -»Was, Sie haben bloß meinetwegen, und um zu mir kommen zu können, einen -Raubanfall begangen, Wenzel?« fragte ich erschüttert. - -Der Schlot schüttelte verächtlich den Kopf: »Wann ich wirklich einen -Raubanfall _begangen_ hätt, mecht ich ihm doch nicht _eingestähen_. Was -glauben Sie von mir!?« - -Ich verstand allmählich: -- der brave Kerl hatte eine List gebraucht, um -mir den Brief Charouseks ins Gefängnis zu schmuggeln. - -»So; zuverderscht« -- er machte ein äußerst wichtiges Gesicht -- »muß -ich Ihnen Unterricht in der Ebilebsie gäben.« - -»Worin?« - -»In der Ebilebsie! -- Gäbm S' amal scharf Obacht und merkens Ihna alles -genau! -- Alsdann schaugens här: Zuerscht macht me Speichel in der -Goschen;« -- er blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie -jemand, der sich den Mund ausspült -- »dann kriegt me Schaum vorm Maul, -sengen S' so«: -- er machte auch dies. Mit widerwärtiger Natürlichkeit. --- »Nachhe drehte ma die Daumen in die Faust. -- Nachhe kugelt me die -Augen raus« -- er schielte entsetzlich -- »und dann -- das ise sich bisl -schwär -- stoßt me so halbeten Schrei aus. Segen S', so: Bö -- bö -- bö, --- und gleichzeitig fallt me sich um.« -- Er ließ sich der Länge nach zu -Boden fallen, daß das Haus zitterte, und sagte beim Aufstehen: - -»Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie's uns der Dr. Hulbert -gottsälig beim >Bataljohn< gelernt hat.« - -»Ja, ja, es ist täuschend ähnlich,« gab ich zu, »aber wozu dient das -alles?« - -»Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!«, erklärte der schöne -Wenzel. »Der Dr. Rosenblatt is doch ein Mordsochs! Wenn einer schon gar -kan Kopf mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann ise sich -pumperlgesund! -- Nur vor die Ebilebsie hat e' an Viechsräschpäkt. Wann -aner daas gut kann: gleich ise drieben in der Krankenzelle. -- -- Und da -ise sich das Ausbrechen dann ein Kinderspielzeug;« -- er wurde tief -geheimnisvoll -- »den Fenstergitter in der Krankenzelle ise nämlich -durchgesägt und nur schwach mit Dreck zusammenpappt. -- Es ise sich das -ein Geheimnis vom Bataljohn! -- Sie brauchen dann bloß ein paar Nächte -scharf aufpassen und, wenn Sie eine Seilschlingen vom Dach herunter bis -vors Fenster kommen segen, heben Sie leise den Gitter aus, damit niemand -nicht aufwacht, steckens die Schultern in die Schlinge, und mir ziegen -Ihnen hinauf aufs Dach und lassen Ihnen auf der andern Seiten hinunter -auf die Straßen. -- Pasta.« - -»Weshalb soll ich denn aus dem Gefängnis ausbrechen?« wandte ich -schüchtern ein, »ich bin doch unschuldig.« - -»Daß ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!«, widerlegte mich der -schöne Wenzel und machte vor Erstaunen kreisrunde Augen. - -Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um ihm den verwegenen -Plan, der, wie er sagte, das Resultat eines »Bataillons«beschlusses war, -auszureden. - -Daß ich »die Gabe Gottes« von der Hand wies und lieber warten wollte, -bis ich von selbst freikommen würde, war ihm unbegreiflich. - -»Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden auf das -allerherzlichste,« sagte ich gerührt und drückte ihm die Hand. »Wenn die -schwere Zeit für mich vorüber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen -allen erkenntlich zu zeigen.« - -»Ise gar nicht nätig,« lehnte Wenzel freundlich ab. »Wann Sie ein paar -Glas >Pils< zahlen, nähmen wir sich dankbar an, abe sunst nix. Pan -Charousek, was ise jetz Schatzmistr vom Bataljohn, hat e' uns schon -erzählt, was Sie für ein heimlicher Wohltäter sin. Soll ich ihm was -ausrichten, wenn ich in paar Täg wieder herauskomm?« - -»Ja, bitte,« fiel ich rasch ein, »sagen Sie ihm, er möchte zu Hillel -gehen und ihm mitteilen, ich hätte soviel Angst wegen der Gesundheit -seiner Tochter Mirjam. Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen. --- Werden Sie sich den Namen merken?: _Hillel_!« - -»Hirräl?« - -»Nein: Hillel.« - -»Hillär?« - -»Nein: Hill--el.« - -Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem für einen Tschechen -unmöglichen Namen, aber schließlich bewältigte er ihn doch unter wilden -Grimassen. - -»Und dann noch eins: Herr Charousek möge -- ich lasse ihn herzlich drum -bitten -- sich auch, soweit es in seiner Macht steht, der »vornehmen -Dame« -- er weiß schon, wer darunter zu verstehen ist -- annehmen.« - -»Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen, die was das -Gspusi ghabt hat mit dem Niemetz -- dem Dr. Sapoli? -- No, die hat sich -doch scheiden lassen und ise mit ihrem Kind und dem Sapoli furt.« - -»Wissen Sie das bestimmt?« - -Ich fühlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich um Angelinas willen -freute, -- es krampfte mir dennoch das Herz zusammen. - -Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und jetzt -- -- -- war ich -vergessen. - -Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmörder. - -Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle. - -Der Schlot schien mit dem Feingefühl, das verwahrlosten Menschen -seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, die sich um Liebe drehen, -erraten zu haben, wie mir zumute war, denn er blickte scheu weg und -antwortete nicht. - -»Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels Tochter, dem Fräulein -Mirjam geht? Kennen Sie sie?«, fragte ich gepreßt. - -»Mirjam? Mirjam?« -- Wenzel legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten --- »Mirjam? -- Gäht sich die öfters in der Nacht zum Loisitschek?« - -Ich mußte unwillkürlich lächeln. »Nein. Bestimmt nicht.« - -»Dann kenn ich sie nicht,« sagte Wenzel trocken. - -Wir schwiegen eine Weile. - -Vielleicht steht in dem Briefchen etwas über sie, hoffte ich. - -»Daß den Wassertrum der Deiwel g'holt hat«, fing Wenzel plötzlich wieder -an, »wärden Sie sich wohl schon gehärt haben?« - -Ich fuhr entsetzt auf. - -»No ja.« -- Wenzel deutete auf seine Kehle. -- »Murxi, murxi! Ich sag -ich Ihnän; es war Ihnän schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen -haben, weil er sich paar Täg nicht hat segen lassen, war ich natrierlich -der erschte drin; -- wie denn nicht! -- Und da hat e' durten g'sässen, -der Wassertrum, in einen dreckigen Lähnsessel, die Brust voller Blut und -die Augen wie aus Glas. -- -- -- -- -- Wissen S', ich bin ich ein -handfeste Kerl, aber mir hat sich alles gedräht, sag ich Ihnän, und ich -hab' gemeint, ich hau ich ohnmächtig hi--iin. Furt' a furt' hab' ich mir -vorsagen missen: Wenzel, hab' ich mir vorg'sagt, Wenzel, reg' dich nicht -auf, es is doch bloß ein toter Jud. -- Er hat eine Feile in der Kehle -stecken gehabt und im Laden war sich alles umedum geschmissen. -- Ein -Raubmord natierlich.« - -»Die Feile! Die Feile!« Ich fühlte, wie mir der Atem kalt wurde vor -Grausen. -- Die Feile! So hatte sie also doch ihren Weg gefunden! - -»Ich weiß ich auch, wer's war,« fuhr Wenzel nach einer Pause halblaut -fort. »Niemand anders, sag ich Ihnän, als der blattersteppige Loiso. -- -Ich hab' ich nämlich sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt -und rasch eing'stäckt, damit sich die Polizei nicht draufkommt. -- Er -ise sich durch einen unterirdischen Gang in den Laden -- -- -- -- --« er -brach mit einem Ruck seine Rede ab und horchte ein paar Sekunden lang -angestrengt, dann warf er sich auf die Pritsche und fing an, -fürchterlich zu schnarchen. - -Gleich darauf klirrte das Vorhängeschloß und der Gefängniswärter kam -herein und musterte mich argwöhnisch. - -Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken. - -Erst nach vielen Püffen richtete er sich gähnend auf und taumelte, -gefolgt von dem Wärter, schlaftrunken hinaus. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief auseinander und las: - -Den 12. Mai. - -»Mein lieber armer Freund und Wohltäter! - -Woche um Woche habe ich gewartet, daß Sie endlich freikommen würden, -- -immer vergebens, -- habe alle möglichen Schritte versucht, um -Entlastungsmaterial für Sie zu sammeln, aber ich fand keins. - -Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu beschleunigen, aber -jedesmal hieß es, er könne nichts tun, -- es sei Sache der -Staatsanwaltschaft und nicht die seinige. - -Amtsschimmel! - -_Eben erst, vor einer Stunde_, gelang mir jedoch etwas, von dem ich mir -den _besten_ Erfolg erhoffe: ich habe erfahren, daß Jaromir dem -Wassertrum eine goldene Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung -seines Bruders Loisa in dessen Bett gefunden hatte, verkauft hat. - -Beim >Loisitschek<, wo, wie Sie wissen, die Detektivs verkehren, geht -das Gerücht, man hätte die Uhr des angeblich ermordeten Zottmann -- -dessen Leiche übrigens noch immer nicht entdeckt ist -- als ^corpus -delicti^ bei _Ihnen_ gefunden. Das übrige reimte ich mir zusammen: -Wassertrum ^et cetera^! - -Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm 1000 fl. gegeben -- --« Ich -ließ den Brief sinken und die Freudentränen traten mir in die Augen: nur -Angelina konnte Charousek die Summe gegeben haben. Weder Zwakh, noch -Prokop, noch Vrieslander besaßen soviel Geld. -- Sie hatte mich also -doch nicht vergessen! -- Ich las weiter: - -»-- 1000 fl. gegeben und ihm weitere 2000 fl. versprochen, wenn er mit -mir sofort zur Polizei ginge und eingestünde, die Uhr seinem Bruder zu -Hause entwendet und verkauft zu haben. - -Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief durch Wenzel -bereits an Sie unterwegs ist. Die Zeit reicht nicht aus. - -Aber seien Sie versichert: es _wird_ geschehen. _Heute_ noch. Ich bürge -Ihnen dafür. - -Ich zweifle keinen Augenblick, daß Loisa den Mord begangen hat und die -Uhr die Zottmanns ist. - -Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, dann weiß Jaromir, was -er zu tun hat: -- _Jedenfalls wird er sie als die bei Ihnen gefundene -agnoszieren_. - -Also: harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht! Der Tag, wo Sie frei -sein werden, steht vielleicht bald bevor. - -Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns wiedersehen? - -Ich weiß es nicht. - -Fast möchte ich sagen: ich glaube es nicht, denn mit mir geht's rasch zu -Ende, und _ich muß auf der Hut sein, daß mich die letzte Stunde nicht -überrascht_. - -Aber eins halten Sie fest: wir _werden_ uns wiedersehen. - -Wenn auch nicht in _diesem_ Leben und nicht wie die Toten in _jenem_ -Leben, aber an dem Tag, wo die Zeit zerbricht, -- wo, wie es in der -Bibel steht, der HERR _die_ ausspeien wird aus seinem Munde, die lau -waren und weder kalt noch warm. -- -- -- - -Wundern Sie sich nicht, daß ich so rede! Ich habe nie mit Ihnen über -diese Dinge gesprochen und, als Sie einmal das Wort >Kabbala< berührten, -bin ich Ihnen ausgewichen, aber -- ich weiß, was ich weiß. - -Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn nicht, so streichen -Sie, ich bitte Sie darum, das, was ich gesagt habe, aus Ihrem -Gedächtnis. -- -- Einmal, in meinen Delirien, glaubte ich -- ein Zeichen -auf Ihrer Brust zu sehen. -- Mag sein, daß ich wach geträumt habe. - -Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen sollten, daß ich -gewisse Erkenntnisse gehabt habe -- innerlich! -- fast schon von -Kindheit an, die mich einen seltsamen Weg geführt haben; -- -Erkenntnisse, die sich nicht decken mit dem, was die Medizin lehrt oder, -Gott sei Dank, noch nicht weiß; hoffentlich auch nie erfahren wird. - -Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von der Wissenschaft, deren -höchstes Ziel es ist, einen -- >Wartesaal< auszustaffieren, den man am -besten niederrisse. - -Doch genug davon. - -Ich will Ihnen lieber erzählen, was sich inzwischen zugetragen hat: - -Ende April war Wassertrum soweit, daß meine Suggestion anfing zu wirken. - -Ich sah es daran, daß er auf der Gasse beständig gestikulierte und laut -mit sich selbst sprach. - -So etwas ist ein sicheres Zeichen, daß die Gedanken eines Menschen sich -zum Sturm rotten, um über ihren Herrn herzufallen. - -Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen. - -Er schrieb! - -Er schrieb! Daß ich nicht lache! Er _schrieb_. - -Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem Hause wußte ich, was er -oben machte: -- er machte sein Testament. - -Daß er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings nicht gedacht. -Ich hätte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergnügen, wenn's -mir eingefallen wäre. - -Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige auf der Erde bin, an -dem er noch etwas gutmachen könnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn -überlistet. - -Vielleicht war's auch die Hoffnung, ich würde ihn segnen, wenn ich mich -nach seinem Tode durch seine Huld plötzlich als Millionär sähe, und -dadurch den Fluch wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat -mit anhören müssen. - -Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt. - -Rasend witzig, daß er heimlich also doch an eine Wiedervergeltung im -Jenseits geglaubt hat, während er sich's das ganze Leben lang mühselig -ausreden wollte. - -Aber so ist's bei allen den ganz Gescheiten; man sieht es schon an der -wahnwitzigen Wut, in die sie geraten, wenn man's ihnen ins Gesicht sagt. -Sie fühlen sich ertappt. - -Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar kam, ließ ich ihn nicht mehr -aus dem Auge. - -Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens, denn jede -Minute konnte die Entscheidung fallen. -- - -Ich glaube, durch Mauern hindurch würde ich das ersehnte schnalzende -Geräusch gehört haben, wenn er den Stöpsel aus der Giftflasche gezogen -hätte. - -Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk war -vollbracht. - -Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. Mit einer Feile. - -Lassen Sie sich das Nähere von Wenzel erzählen, mir wird es zu bitter, -alles das niederschreiben zu müssen. - -Nennen Sie es Aberglaube, -- aber, wie ich sah, daß Blut _vergossen_ -worden war -- die Dinge im Laden waren befleckt davon, -- kam es mir -vor, als sei mir seine Seele entwischt. - -Etwas in mir, -- ein feiner, untrüglicher Instinkt -- sagt mir, daß es -nicht dasselbe ist, ob ein Mensch von fremder Hand stirbt, oder von -eigener: -- daß Wassertrum sein Blut mit sich in die Erde hätte nehmen -müssen, dann erst wäre meine Mission erfüllt gewesen. -- Jetzt, wo es -anders gekommen ist, fühle ich mich als Ausgestoßener, als ein Werkzeug, -das nicht würdig befunden wurde in der Hand des Todesengels. - -Aber ich will mich nicht auflehnen. _Mein Haß ist von der Art, die übers -Grab hinausgeht_, und noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich -vergießen kann, wie ich will, damit es dem seinigen nachgehe im Reich -der Schatten auf Schritt und Tritt. -- -- -- - -Jeden Tag, seit sie Wassertrum verscharrt haben, sitze ich draußen bei -ihm auf dem Friedhof und horche in meine Brust hinein, was ich tun soll. - -Ich glaube, ich weiß es bereits, aber ich will noch warten, bis das -innere Wort, das zu mir spricht, klar wird wie eine Quelle. -- Wir -Menschen sind unrein, und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis -wir das Flüstern unserer Seele verstehen. -- -- -- - -In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom Gericht mitgeteilt, -daß mich Wassertrum zum Universalerben eingesetzt hat. - -Daß ich für mich keinen Kreuzer davon anrühre, brauche ich Ihnen wohl -nicht zu versichern, Herr Pernath. -- Ich werde mich hüten, >ihm< -- für ->drüben< eine Handhabe zu geben. - -Die Häuser, die er besessen hat, lasse ich versteigern, die Gegenstände, -die er berührt hat, werden verbrannt, und was an Geld und Geldeswert -sich dann ergibt, fällt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu. -- - -Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren, aber ich kann -Sie beruhigen. Was Sie bekommen, ist Ihr rechtmäßiges Eigentum mit -Zinsen und Zinseszinsen. Schon lange wußte ich, daß Wassertrum vor -Jahren Ihren Vater und seine Familie um alles gebracht hat, -- erst -jetzt bin ich in der Lage, es aktenmäßig nachweisen zu können. - -Ein zweites Drittel wird unter die zwölf Mitglieder des »Bataillons« -verteilt, die den Dr. Hulbert noch persönlich gekannt haben. Ich will, -daß jeder von ihnen reich wird und Zutritt bekommt zur Prager -- »guten -Gesellschaft«. - -Das letzte Drittel gehört zu gleichen Teilen den nächsten sieben -Raubmördern des Landes, die mangels zureichender Beweise freigesprochen -werden müssen. - -Ich bin das dem öffentlichen Ärgernis schuldig. - -So. Das wäre wohl alles. - -Und jetzt, mein lieber, lieber Freund, leben Sie wohl und gedenken Sie -zuweilen - - Ihres - aufrichtigen und dankbaren - Innocenz Charousek.« - -Tief erschüttert legte ich den Brief aus der Hand. - -Ich konnte mich nicht freuen über die Nachricht von meiner -bevorstehenden Enthaftung. - -Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kümmerte er sich um mein -Schicksal. Bloß, weil ich ihm einst 100 fl. geschenkt hatte. Wenn ich -ihm nur einmal noch die Hand drücken könnte! - -Ich fühlte: ja, er hatte recht; der Tag würde nie kommen. - -Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die schwindsüchtigen -Schultern, die hohe, noble Stirn. - -Vielleicht, daß alles ganz anders gekommen wäre, wenn eine hilfreiche -Hand rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen hätte. - -Noch einmal las ich den Brief durch. - -Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er überhaupt irrsinnig -war? - -Ich schämte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur einen Augenblick -geduldet zu haben. - -Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein Mensch wie Hillel, wie -Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch, über den die eigene Seele Gewalt -gewonnen hatte, -- den sie durch die wilden Schluchten und Klüfte des -Lebens emporführte in die Firnenwelt eines unbetretenen Landes. - -Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen, stand er nicht reiner -da, als irgendeiner von denen, die naserümpfend umhergehen und -angelernte Gebote eines unbekannten, mythischen Propheten zu befolgen -vorgeben? - -Er hielt das Gebot, das ihm ein übermächtiger Trieb diktierte, ohne an -eine »Belohnung« hier oder jenseits auch nur zu denken. - -Was er getan hatte, war es etwas anderes als frömmste Pflichterfüllung -in des Wortes verborgenster Bedeutung? - -»Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische -- eine -Verbrechernatur« -- ich hörte förmlich, wie das Urteil der Menge über -ihn lauten mußte, wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele -hineinleuchten käme, -- dieser geifernden Menge, die nie und nimmer -begreifen wird, daß die giftige Herbstzeitlose tausendfach schöner und -edler ist als der nützliche Schnittlauch. -- -- -- - -Wieder ging das Türschloß draußen, und ich hörte, daß man einen Menschen -hereinschob. - -Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich erfüllt von dem -Eindruck des Briefes. - -Kein Wort über Angelina, nichts von Hillel stand darin. - -Freilich: Charousek mußte in größter Eile geschrieben haben, die Schrift -verriet es mir. - -Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich überbracht werden würde? - -Ich hoffte auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen Rundgang der -Gefangenen im Hof. -- Da war es noch am leichtesten, daß mir irgendeiner -vom »Bataillon« etwas zusteckte. - -Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grübeleien: - -»Würden Sie gestatten, mein Herr, daß ich mich Ihnen vorstelle? Mein -Name ist Laponder. Amadeus Laponder.« - -Ich drehte mich um. - -Ein kleiner, schmächtiger, noch ziemlich junger Mann in gewählter -Kleidung, nur ohne Hut, wie alle Untersuchungsgefangenen, verbeugte sich -korrekt vor mir. - -Er war glattrasiert wie ein Schauspieler, und seine großen, hellgrün -glänzenden, mandelförmigen Augen hatten das Eigentümliche an sich, daß, -so geradeaus sie auch auf mich gerichtet waren, sie mich doch nicht zu -sehen schienen. -- Es lag so etwas wie -- Geistesabwesenheit darin. - -Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich ebenfalls und wollte mich -wieder umdrehen, konnte aber lange den Blick von dem Menschen nicht -wenden, so fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften Lächeln, -das die aufwärts gezogenen Mundwinkel der feingeschwungenen Lippen -beständig seinem Gesicht aufdrückten. - -Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus Rosenquarz, mit -seiner faltenlosen, durchsichtigen Haut, der mädchenhaft schmalen Nase -und den zarten Nüstern. - -»Amadeus Laponder, Amadeus Laponder«, wiederholte ich vor mich hin. - -»Was er wohl begangen haben mag?« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - - - Mond - - -»Waren Sie schon beim Verhör,« fragte ich nach einer Weile. - -»Ich komme soeben von dort. -- Hoffentlich werde ich Sie hier nicht -lange inkommodieren müssen,« antwortete Herr Laponder liebenswürdig. - -»Armer Teufel,« dachte ich mir, »er ahnt nicht, was einem -Untersuchungsgefangenen bevorsteht.« - -Ich wollte ihn langsam vorbereiten: - -»Man gewöhnt sich allmählich an das Stillsitzen, wenn einmal die ersten, -schlimmsten Tage vorüber sind.« -- -- - -Er machte ein verbindliches Gesicht. - -Pause. - -»Hat das Verhör lange gedauert, Herr Laponder?« - -Er lächelte zerstreut: - -»Nein. Ich wurde bloß gefragt, ob ich geständig sei, und mußte das -Protokoll unterschreiben.« - -»Sie haben unterschrieben, daß Sie geständig sind?« fuhr es mir heraus. - -»Allerdings.« - -Er sagte es, als ob es sich von selbst verstünde. - -Es kann nichts Schlimmes sein, legte ich mir zurecht, weil er so gar -keine Aufregung zeigt. Wahrscheinlich eine Herausforderung zum Duell -oder etwas Ähnliches. - -»Ich bin leider schon so lange hier, daß es mir wie ein Menschenleben -vorkommt;« -- ich seufzte unwillkürlich, und er machte sofort eine -teilnehmende Miene. »Ich wünsche Ihnen, daß Sie das nicht mitzumachen -brauchen, Herr Laponder. Nach allem, was ich sehe, werden Sie wohl bald -wieder auf freiem Fuß sein.« - -»Wie man's nimmt,« antwortete er ruhig, aber es klang wie ein -versteckter Doppelsinn. - -»Sie glauben nicht?«, fragte ich lächelnd. Er schüttelte den Kopf. - -»Wie soll ich das verstehen? -- Was haben Sie denn gar so Schreckliches -begangen? Verzeihen Sie, Herr Laponder, es ist nicht Neugierde von mir, --- lediglich Teilnahme, daß ich frage.« - -Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er, ohne mit der Wimper zu -zucken: - -»Lustmord.« - -Mir war, als hätte er mich mit einem Stock über den Kopf geschlagen. - -Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton herausbringen. - -Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite, aber nicht das -leiseste Mienenspiel in seinem automatenhaft lächelnden Gesicht verriet, -daß er über mein plötzlich verändertes Benehmen verletzt gewesen wäre. - -Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm aneinander vorbei. -- --- -- - -Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte, folgte er -sogleich meinem Beispiel, entkleidete sich, hängte sorgsam seine Kleider -an den Wandnagel, streckte sich aus und schien, nach seinen ruhigen, -tiefen Atemzügen zu schließen, unmittelbar darauf fest eingeschlafen zu -sein. - -Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen. - -Das beständige Gefühl, ein solches Scheusal in meiner nächsten Nähe zu -haben und dieselbe Luft mit ihm atmen zu müssen, war mir so gräßlich und -aufregend, daß die Eindrücke des Tages, Charouseks Brief und all das -erlebte Neue tief in den Hintergrund traten. - -Ich hatte mich so gelegt, daß ich den Mörder beständig im Auge behielt, -denn ich würde es nicht haben ertragen können, ihn hinter mir zu wissen. - -Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt durchdämmert und ich konnte -sehen, daß Laponder regungslos, fast starr, dalag. - -Seine Züge hatten etwas Leichenhaftes bekommen und der halbgeöffnete -Mund erhöhte diesen Eindruck. - -Viele Stunden hindurch änderte er nicht ein einziges Mal seine Lage. - -Erst spät nach Mitternacht, als ein dünner Mondstrahl auf sein Gesicht -fiel, kam eine leise Unruhe über ihn und er bewegte unhörbar die Lippen, -wie jemand, der im Schlaf spricht. Es schien immer dasselbe Wort zu -sein, -- ein zweisilbiger Satz vielleicht, -- so wie: - -»Laß mich. Laß mich. Laß mich.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Die nächsten paar Tage vergingen, ohne daß ich Notiz von ihm genommen -hätte, und auch er brach niemals das Schweigen. - -Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswürdig. So oft ich auf -und ab gehen wollte, sah er es mir sofort an und zog höflich, wenn er -auf der Pritsche saß, die Füße zurück, um mir nicht im Wege zu sein. - -Ich fing an, mir Vorwürfe wegen meiner Schroffheit zu machen, konnte -aber den Abscheu vor ihm beim besten Willen nicht loswerden. - -So sehr ich gehofft hatte, mich an seine Nähe gewöhnen zu können, -- es -ging nicht. - -Selbst in den Nächten hielt es mich wach. Kaum eine Viertelstunde -verbrachte ich im Schlaf. - -Abend für Abend wiederholte sich haargenau derselbe Vorgang: Er wartete -respektvoll, bis ich mich ausstreckte, zog dann seine Kleider aus, legte -sie pedantisch in Falten, hängte sie auf, und so weiter und so weiter. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Eines Nachts -- es mochte um die zweite Stunde sein -- stand ich -schlaftrunken vor Müdigkeit wieder auf dem Wandbrett, starrte in den -Vollmond, dessen Strahlen sich wie glitzerndes Öl auf dem kupfernen -Gesicht der Turmuhr spiegelten, und dachte voll Trauer an Mirjam. - -_Da hörte ich plötzlich leise ihre Stimme hinter mir._ - -Sofort war ich wach, überwach, -- fuhr herum und horchte. - -Eine Minute verging. - -Schon glaubte ich, ich hätte mich getäuscht, da kam es wieder. Ich -konnte die Worte nicht genau verstehen, aber es klang wie: - -»Frag' mich. Frag' mich.« - -_Es war bestimmt Mirjams Stimme._ - -Schlotternd vor Aufregung stieg ich, so leise ich konnte, herab und trat -an das Bett Laponders. - -Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich konnte deutlich -unterscheiden, daß er die Lider offen hatte, doch nur das Weiße der -Augäpfel war sichtbar. - -An der Starre der Wangenmuskeln sah ich, daß er im Tiefschlaf lag. - -Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich. - -Und allmählich verstand ich die Worte, die hinter seinen Zähnen -hervordrangen: - -»Frag' mich. Frag' mich.« - -Die Stimme war der Mirjams täuschend ähnlich. - -»Mirjam? Mirjam?« rief ich unwillkürlich, dämpfte aber sofort den Ton, -um den Schläfer nicht zu erwecken. - -Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden war, dann -wiederholte ich leise: - -»Mirjam? Mirjam?« - -Sein Mund formte ein kaum vernehmbares, aber doch deutliches: - -»Ja.« - -Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen. - -Nach einer Weile hörte ich _Mirjams Stimme_ flüstern -- so unverkennbar -ihre Stimme, daß mir Kälteschauer über die Haut liefen. - -Ich trank die Worte so gierig, daß ich nur den Sinn begriff. Sie sprach -von Liebe zu mir und von dem unsagbaren Glück, daß wir uns endlich -gefunden hätten -- und uns nie wieder trennen würden -- hastig -- ohne -Pause, wie jemand, der fürchtet unterbrochen zu werden und jede Sekunde -ausnützen will. - -Dann wurde die Stimme stockend -- erlosch zeitweilig ganz. - -»Mirjam?« fragte ich, bebend vor Angst und mit eingezogenem Atem, -»Mirjam, bist du gestorben?« - -Lange keine Antwort. - -Dann fast unverständlich: - -»Nein. -- Ich lebe. -- Ich schlafe.« -- -- - -Nichts mehr. - -Ich lauschte und lauschte. - -Vergebens. - -Nichts mehr. - -Vor Ergriffenheit und Zittern mußte ich mich auf die Kante der Pritsche -stützen, um nicht vornüber auf Laponder zu fallen. - -Die Täuschung war so vollständig gewesen, daß ich Mirjam momentelang -tatsächlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft -zusammennehmen mußte, um nicht einen Kuß auf die Lippen des Mörders zu -drücken. - -»Henoch! Henoch!« -- hörte ich ihn plötzlich lallen, dann immer klarer -und artikulierter: »Henoch! Henoch!« - -Sofort erkannte ich Hillel. - -»Bist du es, Hillel?« - -Keine Antwort. - -Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, daß man Schlafenden, um sie zum -Reden zu bringen, die Fragen nicht ins Ohr stellen dürfe, sondern gegen -das Nervengeflecht in der Magengrube richten müsse. - -Ich tat es: - -»Hillel?« - -»Ja, ich höre dich!« - -»Ist Mirjam gesund? Weißt du alles?«, fragte ich schnell. - -»Ja. Ich weiß alles. Wußte es längst. -- Sei ohne Sorge, Henoch, und -fürchte dich nicht!« - -»Kannst du mir verzeihen, Hillel?« - -»Ich sage dir doch: sei ohne Sorge.« - -»Werden wir uns bald wiedersehen?« -- Ich fürchtete, die Antwort nicht -mehr verstehen zu können; schon der letzte Satz war nur noch gehaucht -worden. - -»Ich hoffe es. Ich will warten -- auf dich -- wenn ich kann -- dann muß -ich -- Land --« - -»Wohin? In welches Land?« -- ich fiel beinahe auf Laponder -- »In -welches Land? In welches Land?« - -»-- Land -- Gad -- südlich -- Palästina --« - -Die Stimme erstarb. - -Hundert Fragen schossen mir in der Verwirrung durch den Kopf: Warum -nennt er mich Henoch? Zwakh, Jaromir, die Uhr, Vrieslander, Angelina, -_Charousek_. - -»Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen,« kam es plötzlich -wieder laut und deutlich von den Lippen des Mörders. Diesmal in -Charouseks Tonfall, aber ähnlich so, als hätte ich es selbst gesagt. - -Ich erinnerte mich: es war wörtlich der Schlußsatz aus Charouseks Brief. --- - -Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das Mondlicht fiel auf die -Kopfenden des Strohsacks. In einer Viertelstunde mußte es aus der Zelle -verschwunden sein. - -Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort mehr: - -Der Mörder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider -geschlossen. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich machte mir die heftigsten Vorwürfe, all die Tage über in Laponder -nur den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben. -- - -Nach dem, was ich soeben erlebt, war er offenbar ein Somnambuler -- ein -Geschöpf, das unter dem Einfluß des Vollmonds stand. - -Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dämmerzustand begangen. -Bestimmt sogar. -- - -Jetzt, wo der Morgen graute, war die Starrheit aus seinen Zügen gewichen -und hatte dem Ausdruck seligen Friedens Platz gemacht. - -So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern, der einen Mord auf dem -Gewissen hat, sagte ich mir. - -Ich konnte den Moment, wo er aufwachen würde, kaum erwarten. - -Ob er wohl wüßte, was geschehen war? - -Endlich schlug er die Augen auf, begegnete meinem Blick und sah zur -Seite. - -Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand: »Verzeihen Sie mir, Herr -Laponder, daß ich bisher so unfreundlich zu Ihnen gewesen bin. Es war -das Ungewohnte, das --« - -»Seien Sie überzeugt, mein Herr, ich begreife vollkommen,« unterbrach er -mich lebhaft, »daß es ein scheußliches Gefühl sein muß, mit einem -Lustmörder beisammen zu sein.« - -»Reden Sie nicht mehr davon,« bat ich. »Es ist mir heute nacht so -mancherlei durch den Kopf gegangen und ich werde den Gedanken nicht los, -Sie könnten vielleicht -- -- -- -- --« ich suchte nach Worten. - -»Sie halten mich für krank,« half er mir heraus. - -Ich bejahte: »Ich glaube es aus gewissen Anzeichen schließen zu dürfen. -Ich -- ich -- darf ich Ihnen eine direkte Frage stellen, Herr Laponder?« - -»Ich bitte darum.« - -»Es klingt etwas merkwürdig, -- aber -- würden Sie mir sagen, was Sie -heute geträumt haben?« - -Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Ich träume nie.« - -»Aber Sie haben aus dem Schlaf gesprochen.« - -Er blickte überrascht auf. Dachte eine Weile nach. Dann sagte er -bestimmt: - -»Das kann nur geschehen sein, wenn Sie mich etwas gefragt haben.« -- Ich -gab es zu. »Denn wie gesagt, ich träume nie. Ich -- ich wandere,« setzte -er nach einer Pause halblaut hinzu. - -»Sie wandern? Wie soll ich das verstehen?« - -Er schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen, und ich hielt es -für angezeigt, ihm die Gründe zu nennen, die mich bewogen hatten, in ihn -zu dringen, und erzählte ihm in Umrissen, was nachts geschehen war. - -»Sie können sich fest darauf verlassen,« sagte er ernst, als ich zu Ende -war, »daß alles auf Richtigkeit beruht, was ich im Schlaf gesprochen -habe. Wenn ich vorhin bemerkte, daß ich nicht träume, sondern >wandere<, -so meinte ich damit, daß mein Traumleben anders beschaffen ist als das --- sagen wir: _normaler_ Menschen. Nennen Sie es, wenn Sie wollen, ein -Austreten aus dem Körper. -- -- So war ich z. B. heute nacht in einem -höchst sonderbaren Zimmer, zu dem der Eingang von unten herauf durch -eine Falltür führte.« - -»Wie sah es aus?«, fragte ich rasch. »War es unbewohnt? Leer?« - -»Nein; es standen Möbel darin; aber nicht viele. Und ein Bett, in dem -ein junges Mädchen schlief -- oder wie scheintot lag, -- und ein Mann -saß neben ihr und hielt seine Hand über ihre Stirn.« -- Laponder -schilderte die Gesichter der beiden. Kein Zweifel, es waren Hillel und -Mirjam. - -Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen. - -»Bitte, erzählen Sie weiter. War sonst noch jemand im Zimmer?« - -»Sonst noch jemand? Warten Sie -- -- -- nein: sonst war niemand mehr im -Zimmer. Ein siebenflammiger Leuchter brannte auf dem Tisch. -- Dann ging -ich eine Wendeltreppe hinunter.« - -»Sie war zerbrochen?« fiel ich ein. - -»Zerbrochen? Nein, nein; sie war ganz in Ordnung. Und von ihr zweigte -seitlich eine Kammer ab, darin saß ein Mann mit silbernen Schnallen an -den Schuhen und von fremdartigem Typus, wie ich noch nie einen Menschen -gesehen habe: von gelber Gesichtsfarbe und mit schrägstehenden Augen; -- -er war vornüber gebeugt und schien auf etwas zu warten. Auf einen -Auftrag vielleicht.« - -»Ein Buch, -- ein altes großes Buch haben Sie nirgends gesehen?«, -forschte ich. - -Er rieb sich die Stirn. - -»Ein Buch sagen Sie? -- Ja. Sehr richtig: ein Buch lag auf dem Boden. Es -war aufgeschlagen, ganz aus Pergament, und mit einem großen, goldenen ->A< fing die Seite an.« - -»Mit einem >I< meinen Sie wohl?« - -»Nein, mit einem >A<.« - -»Wissen Sie das bestimmt? War es nicht ein >I<?« - -»Nein, es war bestimmt ein >A<.« - -Ich schüttelte den Kopf und fing an zu zweifeln. Offenbar hatte Laponder -im Halbschlaf in meinem Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr -durcheinander gebracht: Hillel, Mirjam, den Golem, das Buch Ibbur und -den unterirdischen Gang. - -»Haben Sie die Gabe zu >wandern<, wie Sie es nennen, schon lang?«, -fragte ich. - -»Seit meinem 21. Jahr -- -- --«, er stockte, schien nicht gern davon zu -reden; da nahm seine Miene plötzlich den Ausdruck grenzenlosen -Erstaunens an, und er starrte auf meine Brust, als ob er dort etwas -sähe. - -Ohne auf meine Verwunderung zu achten, ergriff er hastig meine Hand und -bat -- fast flehentlich: - -»Um Himmelswillen, sagen Sie mir _alles_. Es ist heute der letzte Tag, -den ich bei Ihnen verbringen darf. Vielleicht schon in einer Stunde -werde ich abgeholt, um mein Todesurteil anzuhören -- --.« - -Ich unterbrach ihn entsetzt: - -»Dann müssen Sie mich mitnehmen als Zeugen! Ich werde beschwören, daß -Sie krank sind. -- Sie sind mondsüchtig. Es darf nicht sein, daß man Sie -hinrichtet, ohne Ihren Geisteszustand untersucht zu haben. So nehmen Sie -doch Vernunft an!« - -Er wehrte nervös ab: »Das ist doch so nebensächlich, -- bitte, sagen Sie -mir alles!« - -»Aber was soll ich Ihnen denn sagen? -- Reden wir doch lieber von -_Ihnen_ und -- --« - -»Sie müssen, ich weiß das jetzt, gewisse, seltsame Dinge erlebt haben, -die mich nah angehen, -- näher als Sie ahnen können; -- -- ich bitte -Sie, sagen Sie mir alles!«, flehte er. - -Ich konnte es nicht fassen, daß ihn mein Leben mehr interessierte als -seine eigenen, doch wahrhaftig genügend dringenden Angelegenheiten; um -ihn aber zu beruhigen, erzählte ich ihm alles, was mir an -Unbegreiflichem geschehen war. - -Bei jedem größeren Abschnitt nickte er zufrieden, wie jemand, der eine -Sache bis zum Grund durchschaut. - -Als ich zu der Stelle kam, wo die Erscheinung ohne Kopf vor mir -gestanden und mir die schwarzroten Körner hingehalten hatte, konnte er -es kaum erwarten, den Schluß zu erfahren. - -»Also, aus der Hand geschlagen haben Sie sie ihm«, murmelte er sinnend. -»Ich hätte nie gedacht, daß es einen _dritten_ >Weg< geben könnte.« - -»Es war das kein dritter Weg,« sagte ich, »es war dasselbe, wie wenn ich -die Körner abgelehnt hätte.« - -Er lächelte. - -»Glauben Sie nicht, Herr Laponder?« - -»Wenn Sie sie abgelehnt hätten, wären Sie wohl auch den >Weg des Lebens< -gegangen, aber die Körner, die magische Kräfte bedeuten, wären nicht -zurückgeblieben. -- So sind sie auf den Boden gerollt, wie Sie sagen. -Das heißt: sie sind hier geblieben und werden von Ihren Vorfahren so -lange behütet, bis die Zeit des Keimens da ist. Dann werden die Kräfte, -die in Ihnen jetzt noch schlummern, lebendig werden.« - -Ich verstand nicht: »Von meinen Vorfahren werden die Körner behütet?« - -»Sie müssen es teilweise symbolisch auffassen, was Sie erlebt haben«, -erklärte Laponder. »Der Kreis der bläulich strahlenden Menschen, der Sie -umstand, war die Kette der ererbten >Iche<, die jeder von einer Mutter -Geborene mit sich herumschleppt. Die Seele ist nichts >Einzelnes<, -- -sie soll es erst werden, und das nennt man dann: >Unsterblichkeit<; Ihre -Seele ist noch zusammengesetzt aus vielen >Ichen< -- so, wie ein -Ameisenstaat aus vielen Ameisen; Sie tragen die seelischen Reste vieler -tausend Vorfahren in sich: -- die Häupter Ihres Geschlechtes. Bei allen -Wesen ist es so. Wie könnte denn ein Huhn, das aus einem Ei künstlich -erbrütet wurde, sich sogleich die richtige Nahrung suchen, wenn nicht -die Erfahrung von Jahrmillionen in ihm stäke? -- Das Vorhandensein des ->Instinktes< verrät die Gegenwart der Vorfahren im Leib und in der -Seele. -- Aber, verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht unterbrechen.« - -Ich erzählte zu Ende. Alles. Auch das, was Mirjam über den -»Hermaphroditen« gesagt hatte. - -Als ich innehielt und aufblickte, bemerkte ich, daß Laponder weiß -geworden war wie der Kalk an der Wand und Tränen über seine Wangen -liefen. - -Rasch stand ich auf, tat, als sähe ich es nicht, und ging in der Zelle -auf und nieder, um abzuwarten, bis er sich beruhigt haben würde. - -Dann setzte ich mich ihm gegenüber und bot meine ganze Beredsamkeit auf, -ihn zu überzeugen, wie dringend nötig es wäre, den Richtern gegenüber -auf seinen krankhaften Geisteszustand hinzuweisen. - -»Wenn Sie wenigstens den Mord nicht eingestanden hätten!«, schloß ich. - -»Aber ich mußte doch! Man hat mich auf mein Gewissen gefragt«, sagte er -naiv. - -»Halten Sie denn eine Lüge für schlimmer als -- als einen Lustmord?«, -fragte ich verblüfft. - -»Im allgemeinen vielleicht nicht, in meinem Fall gewiß. -- Sehen Sie: -als ich vom Untersuchungsrichter gefragt wurde, ob ich gestünde, hatte -ich die Kraft, die Wahrheit zu sagen. Es stand also in meiner Wahl, zu -lügen oder nicht zu lügen. -- Als ich den Lustmord beging -- -- bitte, -ersparen Sie mir die Details: es war so gräßlich, daß ich die Erinnerung -nicht wieder aufleben lassen möchte -- -- als ich den Lustmord beging, -da hatte ich _keine_ Wahl. Wenn ich auch bei vollkommen klarem -Bewußtsein handelte, so hatte ich _dennoch keine Wahl_: Irgend etwas, -dessen Vorhandensein in mir ich nie geahnt hatte, wachte auf und war -stärker als ich. Glauben Sie, wenn ich die Wahl gehabt haben würde, ich -hätte gemordet? -- Nie habe ich getötet -- nicht einmal das kleinste -Tier, -- und jetzt wäre ich es schon gar nicht imstande. - -Nehmen Sie an, es wäre Menschengesetz: zu morden, und auf der -Unterlassung stünde der Tod -- ähnlich wie es im Krieg der Fall ist, -- -augenblicklich hätte ich mir den Tod verdient. -- Weil mir keine Wahl -bliebe. Ich könnte ganz einfach nicht morden. Damals, als ich den -Lustmord beging, lag die Sache umgekehrt.« - -»Um so mehr, wo Sie sich jetzt quasi als ein anderer fühlen, müssen Sie -alles aufbieten, dem Richterspruch zu entgehen!«, wandte ich ein. - -Laponder machte eine abwehrende Handbewegung: »Sie irren! Die Richter -haben von ihrem Standpunkt aus ganz recht. Sollen sie einen Menschen wie -mich vielleicht frei umherlaufen lassen? Damit morgen oder übermorgen -wieder das Unheil losbricht?« - -»Nein; aber in einer Heilanstalt für Geisteskranke sollte man Sie -internieren. Das ist es doch, was ich sage!« - -»Wenn ich irrsinnig wäre, hätten Sie recht«, erwiderte Laponder -gleichmütig. »Aber ich bin nicht irrsinnig. Ich bin etwas ganz anderes, --- etwas, was dem Irrsein sehr ähnlich sieht, aber gerade das Gegenteil -ist. Bitte, hören Sie zu. Sie werden mich sogleich verstehen. -- -- -- -Was Sie mir vorhin von dem Phantom ohne Kopf -- ein Symbol natürlich: -dieses Phantom, den Schlüssel können Sie leicht finden, wenn Sie darüber -nachdenken -- erzählten, ist mir einst genau so passiert. Nur habe ich -die Körner _angenommen_. Ich gehe also den >Weg des Todes<! -- Für mich -ist das Heiligste, das ich denken kann: meine Schritte vom Geistigen in -mir lenken zu lassen. Blind, vertrauensvoll, wohin der Weg auch führen -mag: ob zum Galgen oder zum Thron, ob zur Armut oder zum Reichtum. -Niemals habe ich gezögert, wenn die Wahl in meine Hand gelegt war. - -Darum habe ich auch nicht gelogen, als die Wahl in meiner Hand lag. - -Kennen Sie die Worte des Propheten Micha: - - »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, - und was der Herr von dir fordert,«? - -Würde ich gelogen haben, hätte ich eine Ursache geschaffen, weil ich die -Wahl hatte; -- -- als ich den Mord beging, schuf ich keine Ursache; nur -die Wirkung einer in mir schlummernden, längst gelegten _Ursache_, über -die ich keine Gewalt mehr besaß, wurde frei. - -Also sind meine Hände rein. - -Dadurch, daß das Geistige in mir mich zum Mörder werden ließ, hat es -eine Hinrichtung an mir vollzogen; dadurch, daß mich die Menschen an den -Galgen knüpfen, wird mein Schicksal losgelöst von dem ihrigen: -- ich -komme zur Freiheit.« - -Er ist ein Heiliger, fühlte ich, und das Haar sträubte sich mir vor -Schauer über meine eigene Kleinheit. - -»Sie haben mir erzählt, daß Sie durch den hypnotischen Eingriff eines -Arztes in Ihr Bewußtsein lange die Erinnerung an Ihre Jugendzeit -vergessen hatten«, fuhr er fort. »Es ist das das Kennzeichen, -- das -Stigma -- aller derer, die von der >Schlange des geistigen Reiches< -gebissen sind. Es scheint fast, als müßten in uns zwei Leben -aufeinandergepfropft werden, wie ein Edelreis auf den wilden Baum, ehe -das _Wunder der Erweckung_ geschehen kann; -- was sonst durch den Tod -getrennt wird, geschieht hier durch Erlöschen der Erinnerung -- manchmal -nur durch eine plötzliche innere Umkehr. - -Bei mir war es so, daß ich scheinbar ohne äußere Ursache in meinem 21. -Jahr eines Morgens wie verändert erwachte. Was mir bis dahin lieb -gewesen, erschien mir mit einem Mal gleichgültig: Das Leben kam mir dumm -vor wie eine Indianergeschichte und verlor an Wirklichkeit; die Träume -wurden zu Gewißheit -- zu apodiktischer, beweiskräftiger Gewißheit, -verstehen Sie wohl: _zu beweiskräftiger, realer_ Gewißheit, und das -Leben des Tages wurde zum Traum. - -Alle Menschen könnten das, wenn sie den Schlüssel hätten. Und der -Schlüssel liegt einzig und allein darin, daß man sich seiner ->Ichgestalt<, sozusagen seiner _Haut_, im Schlaf bewußt wird, -- die -schmale Ritze findet, durch die sich das Bewußtsein zwängt zwischen -Wachsein und Tiefschlaf. - -Darum sagte ich vorhin: ich >wandere< und nicht: >ich träume<. - -Das Ringen nach der Unsterblichkeit ist ein Kampf um das Zepter gegen -die uns innewohnenden Klänge und Gespenster; und das Warten auf das -Königwerden des eigenen >Ichs< ist das Warten auf den Messias. - -Der schemenhafte Habal Garmin, den Sie gesehen haben, der >Hauch der -Knochen< der Kabbala, das war der König. Wenn er gekrönt sein wird, -- -dann reißt der Strick entzwei, mit dem Sie durch die äußern Sinne und -den Schornstein des Verstandes an die Welt gebunden sind. - -Wieso es kommen konnte, daß ich trotz meinem Losgetrenntsein vom Leben -über Nacht zum Lustmörder werden konnte, fragen Sie mich? Der Mensch ist -wie ein Glasrohr, durch das bunte Kugeln laufen: bei fast allen im Leben -nur eine. Ist die Kugel rot, heißt der Mensch: >schlecht<. Ist sie gelb, -dann ist der Mensch: >gut<. Laufen zwei hintereinander -- eine rote und -eine gelbe, dann hat >man< einen >ungefestigten< Charakter. Wir von der ->Schlange Gebissenen<, machen in einem Leben durch, was sonst an der -ganzen Rasse in einem Weltenalter geschieht: die farbigen Kugeln rasen -hintereinander her durch das Glasrohr, und wenn sie zu Ende sind -- -- -dann sind wir Propheten, -- sind die Spiegel Gottes geworden.« - -Laponder schwieg. - -Lange konnte ich kein Wort sprechen. Seine Rede hatte mich fast betäubt. - -»Weshalb fragten Sie mich vorhin so ängstlich nach _meinen_ Erlebnissen, -wo Sie doch so viel, viel höher stehen als ich?«, fing ich endlich -wieder an. - -»Sie irren,« sagte Laponder, »ich stehe weit _unter_ Ihnen. -- Ich -fragte Sie, weil ich fühlte, daß Sie den Schlüssel besitzen, der mir -noch fehlte.« - -»Ich? Einen Schlüssel? O Gott!« - -»Jawohl _Sie_! Und Sie haben ihn mir gegeben. -- Ich glaube nicht, daß -es einen glücklicheren Menschen auf Erden gibt, als ich es heute bin.« - -Draußen entstand ein Geräusch; die Riegel wurden zurückgeschoben, -- -Laponder achtete kaum darauf: - -»Das mit dem Hermaphroditen war der Schlüssel. Jetzt habe ich die -Gewißheit. Schon deshalb bin ich froh, daß man mich holen kommt, denn -bald bin ich am Ziel.« - -Vor Tränen konnte ich Laponders Gesicht nicht mehr unterscheiden, ich -_hörte_ nur das Lächeln in seiner Stimme. - -»Und jetzt: leben Sie wohl, Herr Pernath, und denken Sie: das, was man -morgen aufhenkt, sind nur meine Kleider; Sie haben mir das Schönste -eröffnet, -- das Letzte, was ich noch nicht wußte. Jetzt geht's zur -Hochzeit -- -- -- --,« er stand auf und folgte dem Gefangenwärter -- »es -hängt mit dem Lustmord eng zusammen«, waren die letzten Worte, die ich -hörte und nur dunkel begriff. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -So oft seit jener Nacht der Vollmond am Himmel stand, glaubte ich immer -wieder Laponders schlafendes Gesicht auf der grauen Leinwand des Bettes -liegen zu sehen. - -In den nächsten Tagen, nachdem er weggeführt worden war, hatte ich ein -Hämmern und Zimmern aus dem Hinrichtungshof heraufdröhnen hören, das -manchmal bis zum Morgengrauen dauerte. - -Ich erriet, was es bedeutete, und hielt mir stundenlang die Ohren zu vor -Verzweiflung. - -Monat um Monat verfloß. Ich sah, wie der Sommer zerrann, am Krankwerden -des kümmerlichen Laubs im Hof; roch es an dem pelzigen Hauch, der aus -den Mauern drang. - -Wenn mein Blick bei den Rundgängen auf den sterbenden Baum fiel und das -eingewachsene Glasbild der Heiligen in seiner Rinde, zog ich -unwillkürlich jedesmal den Vergleich, wie tief sich auch Laponders -Gesicht in mich eingegraben hatte. Beständig trug ich es in mir herum -dieses Buddhagesicht mit der faltenlosen Haut und dem seltsamen, -immerwährenden Lächeln. - -Ein einziges Mal noch -- im September -- hatte mich der -Untersuchungsrichter holen lassen und mißtrauisch gefragt, wie ich es -begründen könne, daß ich bei dem Bankschalter gesagt, ich müsse dringend -verreisen, und warum ich in den Stunden vor meiner Verhaftung so unruhig -gewesen wäre und meine sämtlichen Edelsteine zu mir gesteckt hätte. - -Auf meine Antwort, ich sei mit der Absicht umgegangen, mir das Leben zu -nehmen, hatte es wieder hinter dem Schreibtisch höhnisch gemeckert. -- - -Bis dahin war ich allein in meiner Zelle gewesen und konnte meinen -Gedanken, meiner Trauer um Charousek, der, wie ich fühlte, längst tot -sein mußte, und Laponder und meiner Sehnsucht um Mirjam nachhängen. - -Dann kamen wieder neue Gefangene: diebische Kommis mit verlebten -Gesichtern, dickwanstige Bankkassierer, -- »Waisenkinder«, wie der -schwarze Vóssatka sie genannt haben würde, -- und verpesteten mir die -Luft und die Stimmung. - -Eines Tages gab einer von ihnen voll Entrüstung zum besten, daß vor -geraumer Zeit ein Lustmord in der Stadt geschehen sei. Zum Glück hätte -man den Täter sogleich erwischt und kurzen Prozeß mit ihm gemacht. - -»Laponder hat er geheißen, der Schuft, der gottserbärmliche«, schrie ein -Kerl mit einer Raubtierschnauze, der wegen Kindsmißhandlung zu -- 14 -Tagen Gefängnis verurteilt worden war, dazwischen. »Auf frischer Tat -habn's'n g'faßt. Die Lampen is umg'fallen bei dem Krawall und's Zimmer -is ausbrennt. Die Leich' von dem Madel is dabei so verkohlt, daß mer bis -zum heutigen Tage noch nöt hat rausbringen können, wer sie eigentlich -war. Schwarze Haar hat's g'habt und a schmal's G'sicht, dös is alls, was -mer weiß. Und der Laponder hat net ums Verrecken rausg'ruckt mit ihrem -Namen. -- Wann's nach mir gangen wär, i hätt ihm d'Haut ab'zogen und -Pfeffer drauf g'streut. -- Dös san halt die feinen Herren! Mörder san's, -alle z'samm. -- -- -- -- Als ob's net anderne Mittel g'nua gebet, wann -aner a Madel los sein wüll«, setzte er mit zynischem Lächeln hinzu. - -Die Wut kochte in mir und am liebsten hätte ich den Halunken zu Boden -geschlagen. - -Nacht für Nacht schnarchte er in dem Bett, auf dem Laponder gelegen. Ich -atmete auf, als er endlich freigelassen wurde. - -Aber selbst da war ich ihn noch nicht los. Seine Rede hatte sich wie ein -Pfeil mit Widerhaken in mich eingebohrt. - -Fast beständig, hauptsächlich in der Dunkelheit, nagte jetzt in mir der -grausige Verdacht, Mirjam könne das Opfer Laponders gewesen sein. - -Je mehr ich dagegen ankämpfte, desto tiefer verstrickte ich mich in dem -Gedanken, bis er beinahe zur fixen Idee wurde. - -Manchmal, besonders wenn der Mond grell durchs Gitter schien, wurde es -besser: ich konnte mir die Stunden, die ich mit Laponder verlebt, dann -lebendig machen, und das tiefe Gefühl für ihn verscheuchte mir die Qual, --- aber nur zu oft kamen die gräßlichen Minuten wieder, wo ich Mirjam -ermordet und verkohlt im Geiste vor mir sah und glaubte, vor Angst den -Verstand verlieren zu müssen. - -Die schwachen Anhaltspunkte, die ich für meinen Verdacht hatte, -verdichteten sich in solchen Zeiten zu einem geschlossenen Ganzen, -- zu -einem Gemälde voll unbeschreiblich entsetzenerregender Einzelheiten. - -Anfangs November gegen 10 Uhr abends, es war bereits stockfinster und -die Verzweiflung in mir hatte einen derartigen Höhepunkt erreicht, daß -ich mich, um nicht laut aufzuschreien, in meinen Strohsack verbiß wie -ein verdurstendes Tier, öffnete plötzlich der Gefangenwärter die Zelle -und forderte mich auf, mit ihm zum Untersuchungsrichter zu kommen. Ich -fühlte mich so schwach, daß ich mehr taumelte als ging. - -Die Hoffnung, jemals dieses schreckliche Haus verlassen zu dürfen, war -längst in mir gestorben. - -Ich machte mich darauf gefaßt, wieder eine kalte Frage gestellt zu -bekommen, das stereotype Gemecker hinter dem Schreibtisch zu hören und -dann zurück in die Finsternis zu müssen. - -Der Herr Baron Leisetreter war bereits nach Hause gegangen und nur ein -alter, buckliger Schreiber mit Spinnenfingern stand im Zimmer. - -Dumpf wartete ich, was mit mir geschehen würde. - -Es fiel mir auf, daß der Gefangenwärter mit hereingekommen war und mir -gutmütig zublinzelte, aber ich war viel zu niedergeschlagen, als daß ich -mir über die Bedeutung alles dessen hätte klarwerden können. - -»Die Untersuchung hat ergeben«, fing der Schreiber an, meckerte, stieg -auf einen Sessel und kramte erst lange auf dem Bücherbord nach -Schriftstücken, ehe er fortfuhr: »hat ergeben, daß der in Frage kommende -Karl Zottmann vor seinem Tode anläßlich einer heimlichen Zusammenkunft -mit der unverehelichten ehemaligen Prostituierten Rosina Metzeles, die -damaliger Zeit den Spitznamen >die rote Rosina< führte, dann später von -einem taubstummen, nunmehr unter polizeilicher Aufsicht stehenden -Silhubettenschneider namens Jaromir Kwáßnitschka aus dem Weinsalon ->Kautsky< losgekauft wurde und seit einigen Monaten mit Seiner -Durchlaucht dem Fürsten Ferri Athenstädt im gemeinsamen, wilden -Konkubinate als Majteresse lebt, von hinterlistiger Hand in ein -unterirdisches, aufgelassenes Kellergewölbe des Hauses Nummer -^conscriptionis^ 21873, gebrochen durch römisch III, der Hahnpaßgasse, -laufende Nummero sieben, gelockt, dortselbst eingeschlossen und sich -selbst, beziehungsweise dem Tode durch Verhungern oder Erfrieren -überlassen wurde. -- -- Der obenerwähnte Zottmann nämlich«, erklärte der -Schreiber mit einem Blick über die Brille hinweg und blätterte ein -paarmal um. - -»Die Untersuchung hat weiters ergeben, daß der obenerwähnte Karl -Zottmann allem Anscheine nach -- nach eingetretenem Ableben -- seiner -sämtlichen bei ihm getragenen Habseligkeiten, insbesondere seiner sub -faszikel römisch P gebrochen durch >Bäh< beigeschlossenen -doppelmanteligen Taschenuhr« -- der Schreiber hob die Uhr an der Kette -in die Höhe -- »beraubt wurde. Der eidesstattlichen Aussage des -Silhubettenschnitzers Jaromir Kwáßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 -Jahren verstorbenen Hostienbäckers gleichen Namens: die Uhr im Bett -seines inzwischen flüchtig gegangenen Bruders Loisa gefunden und an den -Altwarenhändler und mehrfachen, inzwischen aus dem Leben geschiedenen -Realitätenbesitzer Aaron Wassertrum gegen Inempfangnahme von Geldeswert -veräußert zu haben, konnte mangels Glaubwürdigkeit kein Gewicht -beigelegt werden. - -Die Untersuchung hat weiters ergeben, daß die Leiche des erwähnten Karl -Zottmann in der rückwärtigen Hosentasche zur Zeit ihrer Auffindung ein -Notizbuch bei sich trug, in der sie vermutlich bereits einige Tage vor -erfolgtem Ableben mehrere den Tatbestand erhellende und die Ergreifung -des Täters durch die k. k. Behörden erleichternde Eintragungen -vorgenommen hatte. - -Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft wurde demzufolge -auf den nunmehr durch die Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend -verdächtig gewordenen _Loisa_ Kwáßnitschka, zurzeit flüchtig, gelenkt -und unter einem verfügt, die Untersuchungshaft gegen Athanasius Pernath, -Gemmenschneider, dermalen noch unbescholten, aufzuheben, und das -Verfahren gegen ihn einzustellen. - -Prag im Juli - - gezeichnet - Dr. Freiherr von Leisetreter.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Der Boden schwankte unter meinen Füßen, und ich verlor eine Minute das -Bewußtsein. - -Als ich erwachte, saß ich auf einem Stuhl, und der Gefangenwärter -klopfte mir freundlich auf die Schulter. - -Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben, schnupfte, schneuzte sich -und sagte zu mir: - -»Die Verlesung der Verfügung hat sich bis heute hinausgezogen, weil Ihr -Name mit einem >Päh< beginnt und naturgemäß im Alphabet erst gegen -Schluß vorkommen kann.« -- Dann las er weiter: - -»Überdies ist der Athanasius Pernath, Gemmenschneider, in Kenntnis zu -setzen, daß ihm laut testamentarischer Verfügung des im Mai mit Tod -abgegangenen ^stud. med.^ Innocenz Charousek ein Drittel von dessen -gesamter Verlassenschaft ins Erbe zugefallen ist, und ist er zur -Unterfertigung des Protokolles hiermit anzuhalten.« - -Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder eingetunkt und fing -an zu schmieren. - -Ich erwartete gewohnheitsmäßig, daß er meckern würde, aber er meckerte -nicht. - -»Innocenz Charousek«, murmelte ich ihm wie geistesabwesend nach. - -Der Gefangenwärter beugte sich über mich und flüsterte mir ins Ohr: - -»Kurz vor seinem Tode war er bei mir, der Herr Dr. Charousek, und hat -sich nach Ihnen erkundigt. Er läßt Sie viel--vielmals grüßen, hat er -g'sagt. Ich hab's natürlich damals nicht ausrichten dürfen. Es ist -streng verboten. Ein schreckliches Ende hat er übrigens genommen, der -Herr Dr. Charousek. Er hat sich selbst entleibt. Man hat ihn tot auf dem -Grabhügel des Aaron Wassertrum, auf der Brust liegend, gefunden. -- Er -hat zwei tiefe Löcher in die Erde gegraben gehabt, sich die Pulsadern -aufgeschnitten und dann die Arme in die Löcher gesteckt. So ist er -verblutet. Er ist wahrscheinlich wahnsinnig gewesen, der Herr Dr. Char --- -- --« - -Der Schreiber schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück und reichte mir die -Feder zum Unterschreiben. - -Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im Tonfall seines -freiherrlichen Vorgesetzten: - -»Gefangenwärter, führen Sie den Mann hinaus.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Wie vor langer, langer Zeit hatte wiederum der Mann mit Säbel und -Unterhosen im Torzimmer seine Kaffeemühle vom Schoß genommen; nur daß er -mich diesmal nicht untersuchte und mir meine Edelsteine, das -Portemonnaie mit den zehn Gulden darin, meinen Mantel und alles übrige -zurückgab. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Dann stand ich auf der Straße. - -»Mirjam! Mirjam! Jetzt endlich naht das Wiedersehen!« -- Ich -unterdrückte einen Schrei wildesten Entzückens. - -Es mußte Mitternacht sein. Der Vollmond schwebte glanzlos wie ein fahler -Messingteller hinter Dunstschleiern. - -Das Pflaster war mit einer zähen Schicht von Schmutz bedeckt. - -Ich wankte auf eine Droschke zu, die im Nebel aussah wie ein -zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer. Meine Beine versagten -fast den Dienst; ich hatte das Gehen verlernt und taumelte -- auf -empfindungslosen Sohlen wie ein Rückenmarkskranker. -- -- - -»Kutscher, fahren Sie mich, so rasch Sie können, in die Hahnpaßgasse 7! --- Haben Sie mich verstanden?: -- Hahnpaßgasse 7.« - - - - - Frei - - -Nach wenigen Metern Fahrt blieb die Droschke stehn. - -»Hahnpaßgassä, gnä' Herr?« - -»Ja, ja, nur rasch.« - -Wieder fuhr der Wagen ein Stück weiter. Wieder blieb er stehen. - -»Um Himmels willen, was gibt's denn?« - -»Hahnpaßgassä, gnä' Herr?« - -»Ja, ja. Ja doch.« - -»In die Hahnpaßgassä kann me doch nicht fahrrähn!« - -»Warum denn nicht?« - -»Ise sich doch ieberall Pflaste aufgrissen, Judenstadt wirde sich doch -assaniert.« - -»Also fahren Sie eben, soweit Sie können, aber jetzt rasch gefälligst.« - -Die Droschke machte einen einzigen Galoppsprung und stolperte dann -gemächlich weiter. - -Ich ließ die klapprigen Fenster herunter und sog mit gierigen Lungen die -Nachtluft ein. - -Alles war mir so fremd geworden, so unbegreiflich neu: die Häuser, die -Straßen, die geschlossenen Läden. - -Ein weißer Hund trabte einsam und mißgelaunt auf dem nassen Trottoir -vorüber. Ich sah ihm nach. -- Wie sonderbar!! Ein Hund! Ich hatte ganz -vergessen, daß es solche Tiere gab. -- Vor Freude kindisch rief ich ihm -nach: »Aber, aber! Wie kann man nur so verdrossen sein.« -- -- -- - -Was Hillel wohl sagen würde!? -- Und Mirjam? - -Nur noch wenige Minuten und ich war bei ihnen. Nicht eher wollte ich -aufhören, an ihre Türe zu klopfen, bis ich sie aus den Federn getrieben. - -Jetzt war ja alles gut -- all der Jammer dieses Jahres vorüber! -- - -Würde das ein Weihnachten werden! - -Diesmal durfte ich es nicht verschlafen, wie das letztemal. - -Einen Augenblick lähmte mich wieder das alte Entsetzen: die Worte des -Sträflings mit der Raubtierschnauze fielen mir ein. Das verbrannte -Gesicht -- der Lustmord -- aber nein, nein! -- Ich schüttelte es -gewaltsam ab: nein, nein, es konnte, es konnte nicht sein. -- Mirjam -lebte! Ich hatte doch ihre Stimme aus Laponders Mund gehört. - -Nur noch eine Minute -- eine halbe -- -- und dann -- - -Die Droschke hielt vor einem Trümmerhaufen. Barrikaden aus -Pflastersteinen überall! - -Rote Laternen brannten darauf. - -Beim Schein von Fackeln grub und schaufelte ein Heer von Arbeitern. - -Halden von Schutt und Mauerbrocken versperrten den Weg. Ich kletterte -umher, versank bis ans Knie. - -Das hier, das mußte doch die Hahnpaßgasse sein?! - -Mühsam orientierte ich mich. Nichts als Ruinen ringsum. - -Stand denn da nicht das Haus, in dem ich gewohnt hatte? - -Die Vorderseite war eingerissen. - -Ich kletterte auf einen Erdhügel; tief unter mir lief ein schwarzer, -gemauerter Gang die ehemalige Gasse entlang. Ich schaute empor: wie -riesige Bienenzellen hingen die bloßgelegten Wohnräume in der Luft, halb -vom Fackelschein, halb von dem trüben Mondlicht beschienen. - -Das dort oben, das mußte mein Zimmer sein -- ich erkannte es an der -Bemalung der Wände. - -Nur noch ein Streifen davon war übrig. - -Und daranstoßend das Atelier -- Saviolis. Mir wurde plötzlich ganz leer -im Herzen. Wie seltsam! Das Atelier! -- Angelina! -- -- So weit, so -unabsehbar fern lag das alles hinter mir! - -Ich drehte mich um: von dem Haus, in dem Wassertrum gewohnt, kein Stein -mehr auf dem andern. Alles dem Erdboden gleichgemacht: der Trödlerladen, -die Kellerwohnung Charouseks -- -- -- alles, alles. - -»Der Mensch geht dahin wie ein Schatten« -- fiel mir ein Satz ein, den -ich einmal irgendwo gelesen. - -Ich fragte einen Arbeiter, ob er nicht wisse, wo die Leute jetzt -wohnten, die hier ausgezogen seien; ob er vielleicht den Archivar -Schemajah Hillel kenne. - -»Nix daitsch«, war die Antwort. - -Ich schenkte dem Mann einen Gulden: er verstand zwar sofort deutsch, -konnte mir aber keine Antwort geben. - -Auch von seinen Kameraden niemand. - -Vielleicht, daß beim »Loisitschek« etwas zu erfahren wäre? - -Der »Loisitschek« sei gesperrt, hieß es, das Haus würde renoviert. - -Also irgend jemand in der Nachbarschaft wecken! -- Ging das nicht? - -»Weit a breit wohnt sich keine Katz,« sagte der Arbeiter, »weil ise -behärdlich verbotten. Von wägen Typhus.« - -»Der >Ungelt<? Der wird doch offen haben?« - -»Ungelt ise sich geschlossen.« - -»Bestimmt?« - -»Bestimmt!« - -Aufs Geratewohl nannte ich ein paar Namen von Höcklern und -Tabaktrafikantinnen, die in der Nähe gewohnt hatten; dann die Namen -Zwakh, Vrieslander, Prokop -- -- - -Bei allen schüttelte der Mann den Kopf. - -»Vielleicht kennen Sie den Jaromir Kwáßnitschka?« - -Der Arbeiter horchte auf. - -»Jaromir? Ise sich taubstumm?« - -Ich jubelte. Gott sei Dank. Wenigstens ein Bekannter. - -»Ja, er ist taubstumm. Wo wohnt er?« - -»Schneit e' sich Bildeln aus? Aus schwarzem Pappjir?« - -»Ja. Er ist es schon. Wo kann ich ihn wohl treffen?« - -So umständlich wie möglich bezeichnete mir der Mann ein Nachtcaféhaus in -der inneren Stadt und fing sofort wieder an zu schaufeln. - -Über eine Stunde lang watete ich durch Schuttfelder, balancierte über -schwankende Bretter und kroch unter Querbalken durch, die die Straßen -versperrten. Das ganze Judenviertel war eine einzige Steinwüste, als -hätte ein Erdbeben die Stadt zerstört. - -Atemlos vor Aufregung, schmutzbedeckt und mit zerrissenen Schuhen fand -ich mich endlich aus dem Labyrinth heraus. - -Ein paar Häuserreihen, und ich stand vor der gesuchten Spelunke. - -»Café Chaos« stand darüber geschrieben. - -Ein menschenleeres, winziges Lokal, das kaum genügend Platz ließ für die -paar Tische, die an die Wände gerückt waren. - -In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief ein Kellner und -schnarchte. - -Ein Marktweib, mit einem Gemüsekorb vor sich, saß in der Ecke und nickte -über einem Glas Caj. - -Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu fragen, was ich -wünschte. Bei dem frechen Blick, mit dem er mich von Kopf bis zu Fuß -musterte, kam mir erst zum Bewußtsein, wie abgerissen ich aussehen -mußte. - -Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte mich: ein fremdes, -blutleeres Gesicht, faltig, grau wie Kitt, mit struppigem Bart und -wirrem, langem Haar starrte mir entgegen. - -Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen sei, fragte ich und -bestellte schwarzen Kaffee. - -»Woaß net, wo er so lang bleibt«, war die gegähnte Antwort. - -Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard und schlief weiter. - -Ich nahm das »Prager Tagblatt« von der Wand und -- wartete. - -Die Buchstaben liefen wie Ameisen über die Seiten und ich begriff nicht -ein einziges Wort von dem, was ich las. - -Die Stunden vergingen und hinter den Scheiben zeigte sich bereits das -verdächtige tiefe Dunkelblau, das den Einbruch der Morgendämmerung für -ein Lokal mit Gasbeleuchtung anzeigt. - -Hie und da spähten ein paar Schutzleute mit grünlich schillernden -Federbüschen herein und gingen in langsamem, schwerem Schritt wieder -weiter. - -Drei übernächtig aussehende Soldaten traten ein. - -Ein Straßenkehrer nahm einen Schnaps. - -Endlich, endlich: Jaromir. - -Er hatte sich so verändert, daß ich ihn anfangs gar nicht -wiedererkannte: die Augen erloschen, die Vorderzähne ausgefallen, das -Haar schütter und tiefe Höhlen hinter den Ohren. - -Ich war so froh, nach so langer Zeit wieder ein bekanntes Gesicht zu -sehen, daß ich aufsprang, ihm entgegenging und seine Hand faßte. - -Er benahm sich außerordentlich scheu und blickte immerwährend nach der -Türe. Durch alle möglichen Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen, -daß ich mich freute, ihn getroffen zu haben. -- Er schien es mir lange -nicht zu glauben. - -Aber, was für Fragen ich auch stellte, stets die gleiche hilflose -Handbewegung des Nichtverstehens bei ihm. - -Wie konnte ich mich nur verständlich machen?! - -Halt! Eine Idee! - -Ich ließ mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander die -Gesichter von Zwakh, Vrieslander und Prokop auf. - -»Was? Alle nicht mehr in Prag?« - -Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum, machte die Gebärde des -Geldzählens, marschierte mit den Fingern über den Tisch, schlug sich auf -den Handrücken. Ich erriet: alle drei hatten wahrscheinlich von -Charousek Geld bekommen und zogen jetzt als kaufmännische Kompagnie mit -dem vergrößerten Marionettentheater durch die Welt. - -»Und Hillel? Wo wohnt er jetzt?« -- Ich zeichnete sein Gesicht, ein Haus -dazu und ein Fragezeichen. - -Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht; -- er konnte nicht lesen, aber -er begriff, was ich wollte, -- nahm ein Streichholz, warf es scheinbar -in die Höhe und ließ es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden. - -Was bedeutete das? Hillel sollte auch verreist sein? - -Ich zeichnete das jüdische Rathaus auf. - -Der Taubstumme schüttelte heftig den Kopf. - -»Hillel ist also nicht mehr dort?« - -»Nein!« (Kopfschütteln.) - -»Wo ist er denn?« - -Wieder das Spiel mit dem Streichholz. - -»Er meint halt, daß der Herr weg ist, und niem'd weiß nicht, wohin«, -mischte sich der Straßenkehrer, der uns die ganze Zeit über interessiert -zugesehen hatte, belehrend ein. - -Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen: Hillel fort! -- Jetzt -war ich ganz allein auf der Welt. -- -- Die Gegenstände im Zimmer fingen -an vor meinen Augen zu flimmern. - -»Und Mirjam?« - -Meine Hand zitterte so stark, daß ich ihr Gesicht lange nicht ähnlich -zeichnen konnte. - -»Ist Mirjam auch verschwunden?« - -»Ja. Auch verschwunden. Spurlos.« - -Ich stöhnte laut auf, lief im Zimmer hin und her, daß die drei Soldaten -einander fragend anblickten. - -Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemühte sich, mir noch etwas -anderes mitzuteilen, was er erfahren zu haben schien: er legte den Kopf -auf den Arm, wie jemand, der schläft. - -Ich hielt mich an der Tischplatte: »Um Gottes Christi willen, Mirjam ist -gestorben?« - -Kopfschütteln. Jaromir wiederholte die Gebärde des Schlafens. - -»War Mirjam krank gewesen?« Ich zeichnete eine Medizinflasche. - -Kopfschütteln. Wieder legte Jaromir die Stirn auf den Arm. -- -- -- - -Das Zwielicht kam, eine Gasflamme nach der andern erlosch und noch immer -konnte ich nicht herausbringen, was die Geste bedeuten sollte. - -Ich gab es auf. Dachte nach. - -Das einzige, was mir zu tun blieb, war, in aller Frühe auf das jüdische -Rathaus zu gehen, um dort Erkundigungen einzuziehen, wohin Hillel mit -Mirjam gereist sein könne. - -_Ich mußte ihm nach._ -- -- -- - -Wortlos saß ich neben Jaromir. Stumm und taub wie er. - -Als ich nach einer langen Zeit aufblickte, sah ich, daß er mit einer -Schere an einer Silhouette herumschnitt. - -Ich erkannte das Profil Rosinas. Er reichte mir das Blatt über den Tisch -herüber, legte die Hand auf die Augen und -- -- weinte still vor sich -hin. -- -- - -Dann sprang er plötzlich auf und taumelte ohne Gruß zur Tür hinaus. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne Grund ausgeblieben -und nicht mehr wiedergekommen; seine Tochter habe er jedenfalls -mitgenommen, denn auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit -jener Zeit, hatte man mir auf dem jüdischen Rathaus gesagt. Das war -alles, was ich erfahren konnte. - -Keine Spur, wohin sie sich gewandt haben mochten. - -Auf der Bank hieß es, mein Geld sei gerichtlich immer noch mit Beschlag -belegt, man erwarte aber täglich den Bescheid, es mir auszahlen zu -dürfen. - -Also auch die Erbschaft Charouseks mußte noch den Amtsweg gehen, und ich -wartete doch mit brennender Ungeduld auf das Geld, um dann alles -aufzubieten, Hillels und Mirjams Spur zu suchen. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich hatte meine Edelsteine verkauft, die ich noch in der Tasche gehabt, -und mir zwei kleine, möblierte, aneinanderstoßende Dachkammern in der -Altschulgasse -- die einzige Gasse, die von der Assanierung der -Judenstadt verschont geblieben, -- gemietet. - -Sonderbarer Zufall: es war dasselbe wohlbekannte Haus, von dem die Sage -ging, der Golem sei einst darin verschwunden. - -Ich hatte mich bei den Bewohnern -- zumeist kleine Kaufleute oder -Handwerker -- erkundigt, was denn Wahres an dem Gerücht von dem »Zimmer -ohne Zugang« sei und war ausgelacht worden. -- Wie man einen derartigen -Unsinn denn glauben könne! - -Meine eigenen Erlebnisse, die sich darauf bezogen, hatten im Gefängnis -die Blässe eines längst verwehten Traumbildes angenommen und ich sah in -ihnen nur noch Symbole ohne Blut und Leben, -- strich sie aus dem Buch -meiner Erinnerungen. - -Die Worte Laponders, die ich zuweilen so klar in mir hörte, als säße er -mir gegenüber wie damals in der Zelle und spräche zu mir, bestärkten -mich darin, daß ich rein innerlich geschaut haben müsse, was mir ehedem -greifbare Wirklichkeit geschienen. - -War denn nicht alles vergangen und verschwunden, was ich einst besessen -hatte? Das Buch Ibbur, das phantastische Tarokspiel, Angelina und sogar -meine alten Freunde Zwakh, Vrieslander und Prokop! - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Es war Weihnachtsabend, und ich hatte mir einen kleinen Baum mit roten -Kerzen nach Hause gebracht. Ich wollte noch einmal jung sein und -Lichterglanz um mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem -Wachs. - -Ehe das Jahr zu Ende ging, war ich vielleicht schon unterwegs und suchte -in Städten und Dörfern, oder wohin es mich innerlich ziehen würde, nach -Hillel und Mirjam. - -Alle Ungeduld, alles Warten war allmählich von mir gewichen und alle -Furcht, Mirjam könne ermordet worden sein, und mit dem Herzen wußte ich, -ich würde sie beide finden. - -Es war ein beständiges glückliches Lächeln in mir, und wenn ich meine -Hand auf etwas legte, kam mir's vor, als ginge ein Heilen von ihr aus. -Die Zufriedenheit eines Menschen, der nach langer Wanderung heimkehrt -und die Türme seiner Vaterstadt von weitem blinken sieht, erfüllte mich -auf ganz sonderbare Weise. - -Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen, um Jaromir zum -Weihnachtsabend zu mir zu holen. -- Er habe sich nie mehr blicken -lassen, erfuhr ich, und schon wollte ich betrübt wieder gehen, da kam -ein alter Tabulettkrämer herein und bot kleine, wertlose Antiquitäten -zum Kauf an. - -Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhängseln, kleinen -Kruzifixen, Kammnadeln und Broschen herum, da fiel mir ein Herz aus -rotem Stein an einem verschossenen Seidenbande in die Hand und ich -erkannte es voll Erstaunen als das Andenken, das mir Angelina, als sie -noch ein kleines Mädchen gewesen, einst beim Springbrunnen in ihrem -Schloß geschenkt hatte. - -Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor mir, als sähe ich in -einen Guckkasten tief hinein in ein kindlich gemaltes Bild. -- - -Lange, lange stand ich erschüttert da und starrte auf das kleine, rote -Herz in meiner Hand. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich saß in der Dachkammer und lauschte dem Knistern der Tannennadeln, -wenn hie und da ein kleiner Zweig über den Wachskerzen zu glimmen -begann. - -»Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der alte Zwakh irgendwo -in der Welt seinen >Marionettenweihnachtsabend<«, malte ich mir aus, -- -»und deklamiert mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines -Lieblingsdichters Oskar Wiener«: - - »Wo ist das Herz aus rotem Stein! - Es hängt an einem Seidenbande. - O du, o gib das Herz nicht her; - Ich war ihm treu und hatt' es lieb, - Und diente sieben Jahre schwer - Um dieses Herz, und hatt' es lieb!« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Eigentümlich feierlich wurde mir plötzlich zumute. - -Die Kerzen waren heruntergebrannt. Nur eine einzige flackerte noch. -Rauch ballte sich im Zimmer. - -Als ob mich eine Hand zöge, wandte ich mich plötzlich um und: - -_Da stand mein Ebenbild auf der Schwelle. Mein Doppelgänger. In einem -weißen Mantel. Eine Krone auf dem Kopf._ - -Nur einen Augenblick. - -Dann brachen Flammen durch das Holz der Tür und eine Wolke erstickenden -heißen Qualms schlug herein: - -Feuersbrunst im Haus! Feuer! Feuer! - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Ich reiße das Fenster auf. Klettere auf das Dach hinaus. - -Von weitem rast schon das gellende Klingeln der Feuerwehr heran. - -Blitzende Helme und abgehackte Kommandorufe. - -Dann das gespenstische, rhythmische, schlapfende Atmen der Pumpen, wie -die Dämonen des Wassers sich ducken zum Sprung auf ihren Todfeind: das -Feuer. - -Glas klirrt und rote Lohe schießt aus allen Fenstern. - -Matratzen werden hinuntergeworfen, die ganze Straße liegt voll davon, -Menschen springen nach, werden verwundet weggetragen. - -In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder Ekstase; ich weiß -nicht warum. Das Haar sträubt sich mir. - -Ich laufe auf den Schornstein zu, um nicht versengt zu werden, denn die -Flammen greifen nach mir. - -_Das Seil eines Rauchfangkehrers ist herumgewickelt._ - -Ich rolle es auf, schlinge es um Handgelenk und Bein, wie ich es als -Knabe beim Turnen gelernt habe, und lasse mich ruhig an der Fassade des -Hauses hinab. -- - -Komme an einem Fenster vorbei. Blicke hinein: - -Drin ist alles blendend erleuchtet. - -_Und da sehe ich_ -- -- -- _da sehe ich_ -- -- -- mein ganzer Körper -wird ein einziger hallender Freudenschrei: - -»_Hillel! Mirjam! Hillel!_« - -Ich will auf die Gitterstäbe losspringen. - -Greife daneben. Verliere den Halt am Seil. - -Einen Augenblick hänge ich, _Kopf abwärts, die Beine gekreuzt zwischen -Himmel und Erde_. - -Das Seil singt bei dem Ruck. Knirschend dehnen sich die Fasern. - -Ich falle. - -Mein Bewußtsein erlischt. - -Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims, aber ich gleite ab. Kein -Halt: - -der Stein ist glatt. - - _Glatt wie ein Stück - Fett._ - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - - - Schluß - - -»-- -- -- _wie ein Stück Fett!_« - -_Das ist der Stein, der aussieht wie ein Stück Fett._ - -Die Worte gellen mir noch in den Ohren. Dann richte ich mich auf und muß -mich besinnen, wo ich bin. - -Ich liege im Bett und wohne im Hotel. - -Ich heiße doch gar nicht Pernath. - -Habe ich das alles nur geträumt? - -Nein! So träumt man nicht. - -Ich schaue auf die Uhr: kaum eine Stunde habe ich geschlafen. Es ist -halb drei. - -Und dort hängt der fremde Hut, den ich heute im Dom auf dem Hradschin -verwechselt habe, als ich beim Hochamt auf der Betbank saß. - -Steht ein Name darin? - -Ich nehme ihn und lese in goldenen Buchstaben auf dem weißen -Seidenfutter den fremden und doch so bekannten Namen: - - ATHANASIUS PERNATH - -Jetzt läßt es mir keine Ruhe mehr; ich ziehe mich hastig an und laufe -die Treppe hinunter. - -»Portier! Aufmachen! Ich gehe noch eine Stunde spazieren.« - -»Wohin, bitt schän?« - -»In die Judenstadt. In die Hahnpaßgasse. Gibt's überhaupt eine Straße, -die so heißt?« - -»Freilich, freilich« -- der Portier lächelt malitiös -- »aber in der -Judenstadt, ich mache aufmerksam: ist nicht mehr viel los. Alles neu -gebaut, bitte.« - -»Macht nichts. Wo liegt die Hahnpaßgasse?« - -Der dicke Finger des Portiers deutet auf die Karte: »Hier, bitte.« - -»Und die Schenke >Zum Loisitschek<?« - -»Hier, bitte.« - -»Geben Sie mir ein großes Stück Papier.« - -»Hier, bitte.« - -Ich wickle Pernaths Hut hinein. Merkwürdig: er ist fast neu, tadellos -sauber und doch so brüchig, als wäre er uralt. -- - -Unterwegs überlege ich: - -Alles, was dieser Athanasius Pernath erlebt hat, habe ich im Traum -miterlebt, in _einer_ Nacht mitgesehen, mitgehört, mitgefühlt, als wäre -ich er gewesen. Warum weiß ich denn aber nicht, was er in dem -Augenblick, als der Strick riß und er »Hillel, Hillel!« rief, hinter dem -Gitterfenster erblickt hat? - -Er hat sich in diesem Augenblick von mir getrennt, begreife ich. - -Ich _muß_ diesen Athanasius Pernath auffinden, und wenn ich drei Tage -und drei Nächte herumlaufen sollte, nehme ich mir vor. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Also das ist die Hahnpaßgasse? - -Nicht annähernd so habe ich sie im Traum gesehen! -- - -Lauter neue Häuser. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Eine Minute später sitze ich im Café Loisitschek. Ein stilloses, -ziemlich sauberes Lokal. - -Im Hintergrund allerdings eine Estrade mit Holzgeländer; eine gewisse -Ähnlichkeit mit dem alten geträumten »Loisitschek« ist nicht zu leugnen. - -»Befehlen, bitt' schön?« fragt die Kellnerin, ein dralles Mädel, in -einen rotsammetnen Frack buchstäblich hineingeknallt. - -»Kognak, Fräulein. -- So, danke.« - --- -- -- -- -- - -»Hm. Fräulein!« - -»Bitte?« - -»Wem gehört das Kaffehaus?« - -»Dem Herrn Kommerzialrat Loisitschek. -- Das ganze Haus gehört ihm. Ein -sehr feiner reicher Herr.« - --- Aha, der Kerl mit den Schweinszähnen an der Uhrkette! erinnere ich -mich. -- - -Ich habe einen guten Einfall, der mich orientieren wird: - -»Fräulein!« - -»Bitte?« - -»Wann ist die steinerne Brücke eingestürzt?« - -»Vor dreiunddreißig Jahren.« - -»Hm. Vor dreiunddreißig Jahren!« -- ich überlege: der Gemmenschneider -Pernath muß also jetzt fast neunzig sein. - -»Fräulein!« - -»Bitte?« - -»Ist hier niemand unter den Gästen, der sich noch erinnern kann, wie die -alte Judenstadt von damals ausgesehen hat? Ich bin Schriftsteller und -interessiere mich dafür.« - -Die Kellnerin denkt nach: »Von den Gästen? Nein. -- Aber warten S': der -Billardmarkör, der dort mit einem Studenten Karambol spielt, -- sehen -Sie ihn? Der mit der Hakennase, der Alte, -- der hat immer hier gelebt -und wird Ihnen alles sagen. Soll ich ihn rufen, bis er fertig ist?« - -Ich folgte dem Blick des Mädchens: - -Ein schlanker, weißhaariger, alter Mann lehnt drüben am Spiegel und -kreidet sein Queue. Ein verwüstetes, aber seltsam vornehmes Gesicht. -Woran erinnert er mich nur? - -»Fräulein, wie heißt der Markör?« - -Die Kellnerin stützt sich im Stehen mit dem Ellenbogen auf den Tisch, -leckt an einem Bleistift, schreibt in Windeseile ihren Vornamen -unzählige Male auf die Marmorplatte und löscht ihn jedesmal mit nassem -Finger rasch wieder aus. Dazwischen wirft sie mir mehr oder minder -sengende Glutblicke zu; -- je nachdem sie ihr gelingen. Unerläßlich ist -natürlich das gleichzeitige Emporziehen der Augenbrauen, denn es erhöht -das Märchenhafte des Blickes. - -»Fräulein, wie heißt der Markör?«, wiederhole ich meine Frage. Ich sehe -ihr an, sie hätte lieber gehört: Fräulein, warum tragen Sie nicht nur -einen Frack? oder etwas Ähnliches, aber ich frage es nicht; mir geht -mein Traum zu sehr im Kopf herum. - -»No, wie wird er denn heißen,« schmollt sie, »Ferri heißt er halt. Ferri -Athenstädt.« - -»So so? Ferri Athenstädt! -- Hm, -- also wieder ein alter Bekannter.« - -»Erzählen Sie mir doch recht, recht viel von ihm, Fräulein,« girre ich, -muß mich aber sofort mit einem Kognak stärken, »Sie plaudern gar so -herzig!« (Ich ekle mich vor mir selber.) - -Sie neigt sich geheimnisvoll dicht zu mir, damit mich ihre Haare im -Gesicht kitzeln, und flüstert: - -»Der Ferri, der war Ihnen früher ein ganz ein Geriebener. -- Er soll von -uraltem Adel gewesen sein -- es ist natürlich nur so ein Gerede, weil er -keinen Bart nicht trägt -- und furchtbar viel Geld g'habt hab'n. Eine -rothaarige Jüdin, die schon von Jugend auf eine >Person< war« -- sie -schrieb wieder rasch ein paarmal ihren Namen auf -- »hat ihn dann ganz -ausgezogen. -- Punkto Geld mein' ich natürlich. No, und wie er dann kein -Geld nicht mehr gehabt hat, is sie weg und hat sich von einem hohen -Herrn heiraten lassen: -- von dem ..« -- sie flüsterte mir einen Namen -ins Ohr, den ich nicht verstehe. »Der hohe Herr hat dann natürlich auf -alle Ehre verzichten müssen und sich von da an nur mehr Ritter von -Dämmerich nennen dürfen. No ja. Aber daß sie früher eine >Person< -g'wesen ist, hat er ihr halt doch nicht wegwaschen können. Ich sag' -immer --.« - -»Fritzi! Zahlen!« ruft jemand von der Estrade herab. -- - -Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern, da höre ich plötzlich -ein leises metallisches Zirpen, wie von einer Grille, hinter mir. - -Ich drehe mich neugierig um. Traue meinen Augen nicht: - -Das Gesicht zur Wand gekehrt, alt wie Methusalem, eine Spieldose, so -klein wie eine Zigarettenschachtel, in zitternden Skeletthänden sitzt -ganz in sich zusammengesunken -- der _blinde, greise Nephtali -Schaffranek_ in der Ecke und leiert mit der winzigen Kurbel. - -Ich trete zu ihm. - -Im Flüsterton singt er konfus vor sich hin: - - »Frau Pick, - Frau Hock. - Und rote, blaue Stern - die schmusen allerhand. - Von Messinung, an Räucherl und Rohn.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Wissen Sie, wie der alte Mann heißt?«, frage ich einen vorbeieilenden -Kellner. - -»Nein, mein Herr, niemand kennt weder ihn noch seinen Namen. Er selbst -hat ihn vergessen. Er ist ganz allein auf der Welt. Bitte, er ist 110 -Jahre alt! Er kriegt bei uns jede Nacht einen sogenannten Gnadenkaffee.« - -Ich beuge mich über den Greis, -- rufe ihm ein Wort ins Ohr: -»_Schaffranek!_« - -Es durchfährt ihn wie ein Blitz. Er murmelt etwas, streicht sich sinnend -über die Stirn. - -»Verstehen Sie mich, Herr Schaffranek?« - -Er nickt. - -»Passen Sie mal gut auf! Ich möchte Sie etwas fragen, aus alter Zeit. -Wenn Sie mir alles gut beantworten, bekommen Sie den Gulden, den ich -hier auf den Tisch lege.« - -»Gulden«, wiederholt der Greis und fängt sofort an wie ein Rasender an -seiner zirpenden Spieldose zu kurbeln. - -Ich halte seine Hand fest: »Denken Sie einmal nach! -- _Haben Sie nicht -vor etwa 33 Jahren einen Gemmenschneider namens Pernath gekannt?_« - -»Hadrbolletz! Hosenschneider!« -- lallt er asthmatisch auf und lacht -übers ganze Gesicht, in der Meinung, ich hätte ihm einen famosen Witz -erzählt. - -»Nein, nicht Hadrbolletz: -- -- _Pernath_!« - -»Pereles?!« -- er jubelt förmlich. - -»Nein, auch nicht Pereles. -- Per--_nath_!« - -»Pascheles?!« -- er kräht vor Freude. -- -- - -Ich gebe enttäuscht meinen Versuch auf. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Sie wollten mich sprechen, mein Herr?«, -- der Markör Ferri Athenstädt -steht vor mir und verbeugt sich kühl. - -»Ja. Ganz richtig. -- Wir können dabei eine Partie Billard spielen.« - -»Spielen Sie um Geld, mein Herr? Ich gebe Ihnen 90 auf 100 vor.« - -»Also gut: um einen Gulden. Fangen Sie vielleicht an, Markör.« - -Seine Durchlaucht nimmt das Queue, zielt, gixst, macht ein ärgerliches -Gesicht. Ich kenne das: er läßt mich bis 99 kommen und dann macht er in -_einer_ Serie »aus«. - -Mir wird immer kurioser zumute. Ich gehe direkt auf mein Ziel los: - -»Entsinnen Sie sich, Herr Markör: vor langer Zeit, etwa in den Jahren, -als die steinerne Brücke einstürzte, in der damaligen Judenstadt _einen -gewissen_ -- _Athanasius Pernath_ gekannt zu haben?« - -Ein Mann in einer rotweißgestreiften Leinwandjacke, mit Schielaugen und -kleinen goldenen Ohrringen, der auf einer Bank an der Wand sitzt und -eine Zeitung liest, fährt auf, stiert mich an und bekreuzigt sich. - -»Pernath? Pernath?« wiederholt der Markör und denkt angestrengt nach -- -»Pernath? -- War er nicht groß, schlank? Braunes Haar, melierten -kurzgeschnittenen Spitzbart?« - -»Ja. Ganz richtig.« - -»Etwa 40 Jahre alt damals? Er sah aus wie -- --«, Seine Durchlaucht -starrt mich plötzlich überrascht an. -- »Sie sind ein Verwandter von -ihm, mein Herr?!« - -Der Schieläugige bekreuzigt sich. - -»Ich? Ein Verwandter? Komische Idee. -- Nein. Ich interessiere mich nur -für ihn. Wissen Sie noch mehr?«, sagte ich gelassen, fühle aber, daß mir -eiskalt im Herzen wird. - -Ferri Athenstädt denkt wieder nach. - -»Wenn ich nicht irre, galt er seinerzeit für verrückt. -- Einmal -behauptete er, er hieße -- -- warten Sie mal, -- ja: Laponder! Und dann -wieder gab er sich für einen gewissen -- Charousek aus.« - -»Kein Wort wahr!« fährt der Schieläugige dazwischen. »Den _Charousek_ -hat's wirklich gegeben. Mein Vater hat doch mehrere 1000 fl. von ihm -geerbt.« - -»Wer ist dieser Mann?«, frage ich den Markör halblaut. - -»Er ist Fährmann und heißt Tschamrda. -- Was den Pernath betrifft, so -erinnere ich mich nur, oder glaube es wenigstens -- daß er in späteren -Jahren eine sehr schöne, dunkelhäutige Jüdin geheiratet hat.« - -»Mirjam!« sage ich mir und werde so aufgeregt, daß mir die Hände zittern -und ich nicht mehr weiterspielen kann. - -Der Fährmann bekreuzigt sich. - -»Ja, was ist denn heute mit Ihnen los, Herr Tschamrda?«, fragt der -Markör erstaunt. - -»Der Pernath hat niemals nicht gelebt«, schreit der Schieläugige los. -»Ich glaub's nicht.« - -Ich schenke dem Mann sofort einen Kognak ein, damit er gesprächiger -wird. - -»Es gibt ja wohl Leut', die sagen, der Pernath lebt noch immer,« rückt -der Fährmann endlich heraus, »er is, hör' ich, Kammschneider und wohnt -auf dem Hradschin.« - -»Wo auf dem Hradschin?« - -Der Fährmann bekreuzigt sich: - -»Das ist es ja eben! Er wohnt, wo kein lebender Mensch wohnen kann: _an -der Mauer zur letzten Latern_.« - -»Kennen Sie sein Haus, Herr -- Herr -- Tschamrda?« - -»Nicht um die Welt möcht' ich dort hinaufgehen!«, protestiert der -Schieläugige. »Wofür halten Sie mich? Jesus, Maria und Josef!« - -»Aber den Weg hinauf könnten Sie mir doch von weitem zeigen, Herr -Tschamrda?« - -»Das schon,« brummt der Fährmann. »Wenn Sie warten wollen bis 6 Uhr -früh; dann geh' ich zur Moldau hinunter. Aber ich rat' Ihnen ab! Sie -stürzen in den Hirschgraben und brechen Hals und Knochen! Heilige -Muttergottes!« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Wir gehen zusammen durch den Morgen; frischer Wind weht vom Flusse her. -Ich fühle vor Erwartung kaum den Boden unter mir. - -Plötzlich taucht das Haus in der Altschulgasse vor mir auf. - -Jedes Fenster erkenne ich wieder: die geschweifte Dachrinne, das Gitter, -die fettig glänzenden Steinsimse -- alles, alles! - -»Wann ist dieses Haus abgebrannt?«, frage ich den Schieläugigen. Es -braust mir in den Ohren vor Spannung. - -»Abgebrannt? Niemals nicht!« - -»Doch! Ich weiß es bestimmt.« - -»Nein.« - -»Aber ich weiß es doch! Wollen Sie wetten?« - -»Wieviel?« - -»Einen Gulden.« - -»Gemacht!« -- Und Tschamrda holt den Hausmeister heraus. »Ist dieses -Haus jemals abgebrannt?« - -»I woher denn!« Der Mann lacht. -- - -Ich kann und kann es nicht glauben. - -»Schon siebzig Jahr' wohn' ich drin,« beteuert der Hausmeister, »ich -müßt's doch wahrhaftig wissen.« - --- -- -- Sonderbar, sonderbar! - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Der Fährmann rudert mich in seinem Kahn, der aus acht ungehobelten -Brettern besteht, mit komischen schiefen Zuckbewegungen über die Moldau. -Die gelben Wasser schäumen gegen das Holz. Die Dächer des Hradschins -glitzern rot in der Morgensonne. Ein unbeschreiblich feierliches Gefühl -ergreift Besitz von mir. Ein leise dämmerndes Gefühl wie aus einem -früheren Dasein, als sei die Welt um mich her verzaubert -- eine -traumhafte Erkenntnis, als lebte ich zuweilen an mehreren Orten -zugleich. - -Ich steige aus. - -»Wieviel bin ich schuldig, Herr Tschamrda?« - -»Einen Kreuzer. Wenn Sie mitg'holfen hätten rudern, -- hätt's zwei -Kreuzer 'kost.« - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Denselben Weg, den ich heute nachts im Schlaf schon einmal gegangen, -wandere ich wieder empor: die kleine, einsame Schloßstiege. Mir klopft -das Herz und ich weiß voraus: jetzt kommt der kahle Baum, dessen Äste -über die Mauer herübergreifen. - -Nein: er ist mit weißen Blüten besät. - -Die Luft ist voll von süßem Fliederhauch. - -Zu meinen Füßen liegt die Stadt im ersten Licht wie eine Vision der -Verheißung. - -Kein Laut. Nur Duft und Glanz. - -Mit geschlossenen Augen könnte ich mich hinauffinden in die kleine, -kuriose Alchimistengasse, so vertraut ist mir plötzlich jeder Schritt. - -Aber, wo heute nacht das Holzgitter vor dem weißschimmernden Haus -gestanden hat, schließt jetzt ein prachtvolles, gebauchtes, vergoldetes -Gitter die Gasse ab. - -Zwei Eibenbäume ragen aus blühendem, niederem Gesträuch und flankieren -das Eingangstor der Mauer, die hinter dem Gitter entlang läuft. - -Ich strecke mich, um über das Strauchwerk hinüberzusehen, und bin -geblendet von neuer Pracht: - -Die Gartenmauer ist ganz mit Mosaik bedeckt. Türkisblau mit goldenen, -eigenartig gemuschelten Fresken, die den Kult des ägyptischen Gottes -Osiris darstellen. - -Das Flügeltor ist der Gott selbst: ein Hermaphrodit aus zwei Hälften, -die die Türe bilden, -- die rechte weiblich, die linke männlich. -- Er -sitzt auf einem kostbaren, flachen Thron aus Perlmutter -- in Halbrelief --- und sein goldener Kopf ist der eines Hasen. Die Ohren sind in die -Höhe gestellt und dicht aneinander, daß sie aussehen, wie die beiden -Seiten eines aufgeschlagenen Buches. -- - -Es riecht nach Tau, und Hyazinthenduft weht über die Mauer herüber. -- --- -- - -Lange stehe ich wie versteinert da und staune. Mir wird, als träte eine -fremde Welt vor mich, und ein alter Gärtner oder Diener mit silbernen -Schnallenschuhen, Jabot und sonderbar zugeschnittenem Rock kommt von -links hinter dem Gitter auf mich zu und fragt mich durch die Stäbe, was -ich wünsche. - -Ich reiche ihm stumm den eingewickelten Hut Athanasius Pernaths hinein. - -Er nimmt ihn und geht durch das Flügeltor. - -Wie es sich öffnet, sehe ich dahinter ein tempelartiges, marmornes Haus -und auf seinen Stufen: - - ATHANASIUS PERNATH - -und an ihn gelehnt: - - MIRJAM, - -und beide schauen hinab in die Stadt. - -Einen Augenblick wendet sich Mirjam um, erblickt mich, lächelt und -flüstert Athanasius Pernath etwas zu. - -Ich bin gebannt von ihrer Schönheit. - -Sie ist so jung, wie ich sie heut nacht im Traum gesehen. - -Athanasius Pernath dreht sich langsam zu mir, und mein Herz bleibt -stehen: - -Mir ist, als sähe ich mich im Spiegel, so ähnlich ist sein Gesicht dem -meinigen. - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Dann fallen die Flügel des Tores zu, und ich erkenne nur noch den -schimmernden Hermaphroditen. - -Der alte Diener gibt mir meinen Hut und sagt -- ich höre seine Stimme -wie aus den Tiefen der Erde --: - - »Herr Athanasius Pernath läßt verbindlichst danken und bittet, - ihn nicht für ungastfreundlich zu halten, daß er Sie nicht - einlädt in den Garten zu kommen, aber es ist strenges Hausgesetz - so von alters her. - - Ihren Hut, soll ich ausrichten, habe er nicht aufgesetzt, da ihm - die Verwechslung sofort aufgefallen sei. - - Er wolle nur hoffen, daß der seinige Ihnen keine Kopfschmerzen - verursacht habe.« - - Gedruckt in der Buchdruckerei - G. Kreysing in Leipzig - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im -Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ -gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, -wurden ^so^ markiert. - -Auf Seite 1 heisst es »linke Seite« (des Mondes). Dies ist offenbar -falsch und wurde in späteren Auflagen zu »rechte Seite« berichtigt. -Hier wird der Originaltext unverändert belassen. - -Die Schreibweise der Vorlage wurde weitgehend beibehalten. Einige -offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt, teilweise -unter Verwendung weiterer Ausgaben (vorher/nachher): - - [S. 36]: - ... Das hilfslose Opfer aber saß, das Herz voll brennender ... - ... Das hilflose Opfer aber saß, das Herz voll brennender ... - - [S. 46]: - ... >Loisitschek< der meschuggene Nephtali Schaffraneck mit ... - ... >Loisitschek< der meschuggene Nephtali Schaffranek mit ... - - [S. 47]: - ... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freien ... - ... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freiem ... - - [S. 55]: - ... auf, eine unsichtbare Intelliganz, die sich lichtscheu - verborgen ... - ... auf, eine unsichtbare Intelligenz, die sich lichtscheu - verborgen ... - - [S. 69]: - ... über Klavierseiten liefe, war die Antwort. ... - ... über Klaviersaiten liefe, war die Antwort. ... - - [S. 70]: - ... die eisernen Glasstäbe fauchend die flachen herzförmigen ... - ... die eisernen Gasstäbe fauchend die flachen herzförmigen ... - - [S. 70]: - ... Mit langem, wallenden, weißen Prophetenbart, ein ... - ... Mit langem, wallendem, weißem Prophetenbart, ein ... - - [S. 90]: - ... die alten Rabbinen trugen, andere mit dreieckigem Hut ... - ... die alten Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut ... - - [S. 99]: - ... auf dem Altstätter Ring und an dem Erzbrunnen ... - ... auf dem Altstädter Ring und an dem Erzbrunnen ... - - [S. 99]: - ... schauten teilnahmlos zu den Wolken empor. ... - ... schauten teilnahmslos zu den Wolken empor. ... - - [S. 108]: - ... Wunschlos, teilnahmlos, ein lebender Leichnam, ging ... - ... Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ... - - [S. 149]: - ... Angelina wolte sich losreißen: ich hielt sie fest. ... - ... Angelina wollte sich losreißen: ich hielt sie fest. ... - - [S. 157]: - ... ich schwindsüchtig bin und Blut spuken muß: mein Körper ... - ... ich schwindsüchtig bin und Blut spucken muß: mein Körper ... - - [S. 191]: - ... War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbares ... - ... War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres ... - - [S. 198]: - ... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spukte mir ... - ... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir ... - - [S. 217]: - ... Oder gedenken sie überhaupt ledig zu bleiben?« ... - ... Oder gedenken Sie überhaupt ledig zu bleiben?« ... - - [S. 287]: - ... Sollte Sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, ... - ... Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, ... - - [S. 319]: (mehrfache Fälle) - ... Jaromir Kwaßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 ... - ... Jaromir Kwáßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 ... - - [S. 319]: - ... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächig ... - ... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächtig ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Golem, by Gustav Meyrink - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLEM *** - -***** This file should be named 51476-8.txt or 51476-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/4/7/51476/ - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, the University -of Toronto, and the Online Distributed Proofreading Team -at http://www.pgdp.net. This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive/Canadian -Libraries. - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. 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Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/51476-8.zip b/old/51476-8.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index c9c82d9..0000000 --- a/old/51476-8.zip +++ /dev/null diff --git a/old/51476-h.zip b/old/51476-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 232ec97..0000000 --- a/old/51476-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/51476-h/51476-h.htm b/old/51476-h/51476-h.htm deleted file mode 100644 index 6f5f9ce..0000000 --- a/old/51476-h/51476-h.htm +++ /dev/null @@ -1,20173 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" -"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> -<title>The Project Gutenberg eBook of Der Golem, by Gustav Meyrink</title> - <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" /> - <!-- TITLE="Der Golem" --> - <!-- AUTHOR="Gustav Meyrink" --> - <!-- LANGUAGE="de" --> - <!-- PUBLISHER="Kurt Wolff Verlag, Leipzig" --> - <!-- DATE="1918" --> - <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> - -<style type='text/css'> - -body { margin-left:15%; 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Der Golem - -Author: Gustav Meyrink - -Release Date: March 16, 2016 [EBook #51476] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLEM *** - - - - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, the University -of Toronto, and the Online Distributed Proofreading Team -at http://www.pgdp.net. This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive/Canadian -Libraries. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<p class="aut"> -Gustav Meyrink -</p> - -<p class="ser"> -Gesammelte Werke -</p> - -<p class="vol"> -Erster Band -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Kurt Wolff Verlag</span><br /> -<span class="line2">Leipzig</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="aut"> -Gustav Meyrink -</p> - -<h1 class="title"> -Der Golem -</h1> - -<p class="subt"> -Ein Roman -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Kurt Wolff Verlag</span><br /> -<span class="line2">Leipzig</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="run"> -Einhundertzwanzigstes<br /> -bis einhundertfünfzigstes Tausend -</p> - -<p class="cop"> -Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1915<br /> -Druck von G. Kreysing in Leipzig -</p> - -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> -Kapitelverzeichnis -</h2> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1">Schlaf</td> - <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Tag</td> - <td class="col_page"><a href="#page-5">5</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">I</td> - <td class="col_page"><a href="#page-17">17</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Prag</td> - <td class="col_page"><a href="#page-26">26</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Punsch</td> - <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Nacht</td> - <td class="col_page"><a href="#page-67">67</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Wach</td> - <td class="col_page"><a href="#page-85">85</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Schnee</td> - <td class="col_page"><a href="#page-96">96</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Spuk</td> - <td class="col_page"><a href="#page-110">110</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Licht</td> - <td class="col_page"><a href="#page-132">132</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Not</td> - <td class="col_page"><a href="#page-143">143</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Angst</td> - <td class="col_page"><a href="#page-177">177</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Trieb</td> - <td class="col_page"><a href="#page-188">188</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Weib</td> - <td class="col_page"><a href="#page-204">204</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">List</td> - <td class="col_page"><a href="#page-239">239</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Qual</td> - <td class="col_page"><a href="#page-260">260</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Mai</td> - <td class="col_page"><a href="#page-275">275</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Mond</td> - <td class="col_page"><a href="#page-296">296</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Frei</td> - <td class="col_page"><a href="#page-323">323</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Schluß</td> - <td class="col_page"><a href="#page-337">337</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -Schlaf -</h2> - -<p class="first"> -Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes -und liegt dort wie ein großer, heller, flacher Stein. -</p> - -<p> -Wenn der Vollmond in seiner Gestalt zu schrumpfen -beginnt und seine <a id="linke"></a>linke Seite fängt an zu verfallen, — -wie ein Gesicht, das dem Alter entgegengeht, zuerst an -einer Wange Falten zeigt und abmagert, — dann bemächtigt -sich meiner um solche Zeit des Nachts eine trübe, -qualvolle Unruhe. -</p> - -<p> -Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum -vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem -und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe -und Klarheit zusammenfließen. -</p> - -<p> -Ich hatte über das Leben des Buddha Gotama gelesen, -ehe ich mich niedergelegt, und in tausend Spielarten -zog der Satz immer wieder von vorne beginnend -durch meinen Sinn: -</p> - -<p> -„Eine Krähe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stück -Fett aussah, und dachte: vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes. -Da nun die Krähe dort nichts Wohlschmeckendes -fand, flog sie fort. Wie die Krähe, die sich -dem Stein genähert, so verlassen wir — wir, die Versucher, -— den Aszeten Gotama, da wir den Gefallen -an ihm verloren haben.“ -</p> - -<p> -Und das Bild von dem Stein, der aussah wie ein -Stück Fett, wächst ins Ungeheuerliche in meinem Hirn: -</p> - -<p> -<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a> -Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flußbett und -hebe glatte Kiesel auf. -</p> - -<p> -Graublaue mit eingesprengtem glitzerndem Staub, -über die ich nachgrüble und nachgrüble und doch mit -ihnen nichts anzufangen weiß, — dann schwarze mit -schwefelgelben Flecken wie die steingewordenen Versuche -eines Kindes, plumpe, gesprenkelte Molche nachzubilden. -</p> - -<p> -Und ich will sie weit von mir werfen diese Kiesel, -doch immer fallen sie mir aus der Hand, und ich kann sie -aus dem Bereich meiner Augen nicht bannen. -</p> - -<p> -Alle jene Steine, die je in meinem Leben eine Rolle -gespielt, tauchen auf rings um mich her. -</p> - -<p> -Manche quälen sich schwerfällig ab, sich aus dem Sande -ans Licht emporzuarbeiten — wie große schieferfarbene -Taschenkrebse, wenn die Flut zurückkommt, — und als -wollten sie alles daran setzen, meine Blicke auf sich zu -lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu -sagen. -</p> - -<p> -Andere — erschöpft — fallen kraftlos zurück in ihre -Löcher und geben es auf, je zu Worte zu kommen. -</p> - -<p> -Zuweilen fahre ich empor aus dem Dämmer dieser -halben Träume und sehe für einen Augenblick wiederum -den Mondschein auf dem gebauschten Fußende meiner -Decke liegen wie einen großen, hellen, flachen Stein, um -blind von neuem hinter meinem schwindenden Bewußtsein -herzutappen, ruhelos nach jenem Stein suchend, der -mich quält, — der irgendwo verborgen im Schutte -meiner Erinnerung liegen muß und aussieht wie ein -Stück Fett. -</p> - -<p> -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -Eine Regenröhre muß einst neben ihm auf der Erde -gemündet haben, male ich mir aus — stumpfwinklig -abgebogen, die Ränder von Rost zerfressen, — und trotzig -will ich mir im Geiste ein solches Bild erzwingen, um -meine aufgescheuchten Gedanken zu belügen und in -Schlaf zu lullen. -</p> - -<p> -Es gelingt mir nicht. -</p> - -<p> -Immer wieder und immer wieder mit alberner Beharrlichkeit -behauptet eine eigensinnige Stimme in -meinem Innern — unermüdlich wie ein Fensterladen, -den der Wind in regelmäßigen Zwischenräumen an die -Mauer schlagen läßt: es sei das ganz anders, das sei gar -nicht der Stein, der wie Fett aussehe. -</p> - -<p> -Und es ist von der Stimme nicht loszukommen. -</p> - -<p> -Wenn ich hundertmal einwende, alles das sei doch -ganz nebensächlich, so schweigt sie wohl eine kleine Weile, -wacht aber dann unvermerkt wieder auf und beginnt -hartnäckig von neuem: gut, gut, schon recht, es ist -aber doch nicht der Stein, der wie ein Stück Fett -aussieht. — -</p> - -<p> -Langsam beginnt sich meiner ein unerträgliches Gefühl -von Hilflosigkeit zu bemächtigen. -</p> - -<p> -Wie es weiter gekommen ist, weiß ich nicht. Habe ich -freiwillig jeden Widerstand aufgegeben, oder haben sie -mich überwältigt und geknebelt, meine Gedanken? -</p> - -<p> -Ich weiß nur, mein Körper liegt schlafend im Bett, -und meine Sinne sind losgetrennt und nicht mehr an -ihn gebunden. — -</p> - -<p> -Wer ist jetzt „ich“, will ich plötzlich fragen, da besinne -ich mich, daß ich doch kein Organ mehr besitze, mit dem -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -ich Fragen stellen könnte; dann fürchte ich, die dumme -Stimme werde wieder aufwachen und von neuem das -endlose Verhör über den Stein und das Fett beginnen. -</p> - -<p> -Und so wende ich mich ab. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -Tag -</h2> - -<p class="first"> -Da stand ich plötzlich in einem düsteren Hofe und sah -durch einen rötlichen Torbogen gegenüber — jenseits -der engen, schmutzigen Straße — einen jüdischen Trödler -an einem Gewölbe lehnen, das an den Mauerrändern -mit altem Eisengerümpel, zerbrochenen Werkzeugen, -verrosteten Steigbügeln und Schlittschuhen und vielerlei -anderen abgestorbenen Sachen behangen war. -</p> - -<p> -Und dieses Bild trug das quälend Eintönige an sich, -das alle jene Eindrücke kennzeichnet, die tagtäglich so und -so oft wie Hausierer die Schwelle unserer Wahrnehmung -überschreiten, und rief in mir weder Neugierde noch Überraschung -hervor. -</p> - -<p> -Ich wurde mir bewußt, daß ich schon seit langer Zeit -in dieser Umgebung zu Hause war. -</p> - -<p> -Auch diese Empfindung hinterließ mir trotz ihres -Gegensatzes zu dem, was ich doch vor kurzem noch wahrgenommen -und wie ich hierher gelangt, keinerlei tieferen -Eindruck. — — -</p> - -<p> -Ich muß einmal von einem sonderbaren Vergleich -zwischen einem Stein und einem Stück Fett gehört oder -gelesen haben, drängte sich mir plötzlich der Einfall auf, -als ich die ausgetretenen Stufen zu meiner Kammer -emporstieg und mir über das speckige Aussehen der Steinschwellen -flüchtige Gedanken machte. -</p> - -<p> -Da hörte ich Schritte die oberen Treppen über mir -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -vorauslaufen, und als ich zu meiner Tür kam, sah ich, -daß es die vierzehnjährige, rothaarige Rosina des Trödlers -Aaron Wassertrum gewesen war. -</p> - -<p> -Ich mußte dicht an ihr vorbei, und sie stand mit dem -Rücken gegen das Stiegengeländer und bog sich lüstern -zurück. -</p> - -<p> -Ihre schmutzigen Hände hatte sie um die Eisenstange -gelegt, — zum Halt — und ich sah, wie ihre nackten -Unterarme bleich aus dem trüben Halbdunkel hervorleuchteten. -</p> - -<p> -Ich wich ihren Blicken aus. -</p> - -<p> -Mich ekelte vor ihrem zudringlichen Lächeln und diesem -wächsernen Schaukelpferdgesicht. -</p> - -<p> -Sie muß schwammiges, weißes Fleisch haben wie der -Axolotl, den ich vorhin im Salamanderkäfig bei dem -Vogelhändler gesehen habe, fühlte ich. -</p> - -<p> -Die Wimpern Rothaariger sind mir widerwärtig wie -die eines Kaninchens. -</p> - -<p> -Und ich sperrte auf und schlug rasch die Türe hinter -mir zu. — — -</p> - -<p> -Von meinem Fenster aus konnte ich den Trödler -Aaron Wassertrum vor seinem Gewölbe stehen sehen. -</p> - -<p> -Er lehnte am Eingang der dunklen Wölbung und -zwickte mit einer Beißzange an seinen Fingernägeln -herum. -</p> - -<p> -War die rothaarige Rosina seine Tochter oder seine -Nichte? Er hatte keine Ähnlichkeit mit ihr. -</p> - -<p> -Unter den Judengesichtern, die ich Tag für Tag in -der Hahnpaßgasse auftauchen sehe, kann ich deutlich verschiedene -Stämme unterscheiden, die sich so wenig durch -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -die nahe Verwandtschaft der einzelnen Individuen verwischen -lassen, wie sich Öl mit Wasser vermengen wird. -Da darf man nicht sagen: die dort sind Brüder oder -Vater und Sohn. -</p> - -<p> -Der gehört zu jenem Stamm und dieser zu einem -andern, das ist alles, was sich aus den Gesichtszügen -lesen läßt. -</p> - -<p> -Was bewiese es auch, wenn selbst Rosina dem Trödler -ähnlich sähe! -</p> - -<p> -Diese Stämme hegen einen heimlichen Ekel und Abscheu -voreinander, der sogar die Schranken der engen -Blutsverwandtschaft durchbricht, — aber sie verstehen -ihn geheimzuhalten vor der Außenwelt, wie man ein -gefährliches Geheimnis hütet. -</p> - -<p> -Kein einziger läßt ihn durchblicken, und in dieser -Übereinstimmung gleichen sie haßerfüllten Blinden, die -sich an ein schmutzgetränktes Seil klammern: der eine -mit beiden Fäusten, ein anderer nur widerwillig mit -einem Finger, alle aber von abergläubischer Furcht besessen, -daß sie dem Untergang verfallen müssen, sobald -sie den gemeinsamen Halt aufgeben und sich von den -übrigen trennen. -</p> - -<p> -Rosina ist von jenem Stamme, dessen rothaariger -Typus noch abstoßender ist, als der der andern. Dessen -Männer engbrüstig sind und lange Hühnerhälse haben -mit vorstehendem Adamsapfel. -</p> - -<p> -Alles scheint an ihnen sommersprossig, und ihr ganzes -Leben leiden sie unter brünstigen Qualen, diese Männer, -— und kämpfen heimlich gegen ihre Gelüste einen -ununterbrochenen, erfolglosen Kampf, von immerwährender -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -widerlicher Angst um ihre Gesundheit gefoltert. -</p> - -<p> -Ich war mir nicht klar, wieso ich Rosina überhaupt -in verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Trödler -Wassertrum bringen konnte. -</p> - -<p> -Nie habe ich sie doch in der Nähe des Alten gesehen, -oder bemerkt, daß sie jemals einander etwas zugerufen -hätten. -</p> - -<p> -Auch war sie fast immer in unserem Hofe oder drückte -sich in den dunkeln Winkeln und Gängen unseres Hauses -umher. -</p> - -<p> -Sicherlich halten sie alle meine Mitbewohner für -eine nahe Verwandte oder zumindest Schutzbefohlene -des Trödlers, und doch bin ich überzeugt, daß kein einziger -einen Grund für solche Vermutungen anzugeben -vermöchte. -</p> - -<p> -Ich wollte meine Gedanken von Rosina losreißen und -sah von dem offenen Fenster meiner Stube hinab auf -die Hahnpaßgasse. -</p> - -<p> -Als habe Aaron Wassertrum meinen Blick gefühlt, -wandte er plötzlich sein Gesicht zu mir empor. -</p> - -<p> -Sein starres, gräßliches Gesicht mit den runden Fischaugen -und der klaffenden Oberlippe, die von einer Hasenscharte -gespalten ist. -</p> - -<p> -Wie eine menschliche Spinne kam er mir vor, die die -feinste Berührung ihres Netzes spürt, so teilnahmslos -sie sich auch stellt. -</p> - -<p> -Und wovon er nur leben mag? Was denkt er, und was -ist sein Vorhaben? -</p> - -<p> -Ich wußte es nicht. -</p> - -<p> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -An den Mauerrändern seines Gewölbes hängen -unverändert Tag für Tag, jahraus jahrein dieselben toten -wertlosen Dinge. -</p> - -<p> -Mit geschlossenen Augen hätte ich sie hinzeichnen -können: hier die verbogene Blechtrompete ohne Klappen, -das vergilbte Bild auf Papier gemalt, mit den so -sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine -Girlande verrosteter Sporen an einem schimmligen -Lederriemen und anderes halb vermodertes Gerümpel. -</p> - -<p> -Und vorne auf dem Boden, dicht nebeneinander geschichtet, -so daß niemand die Schwelle des Gewölbes -überschreiten kann, eine Reihe runder eiserner Herdplatten. — -</p> - -<p> -Alle diese Dinge nahmen an Zahl nie zu, nie ab, und -blieb wirklich hier und da einmal ein Vorübergehender -stehen und fragte nach dem Preis des einen oder anderen, -geriet der Trödler in heftige Erregung. -</p> - -<p> -In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippe -mit der Hasenscharte empor und sprudelte gereizt irgend -etwas Unverständliches in einem gurgelnden, stolpernden -Baß hervor, daß dem Käufer die Lust weiter zu -fragen verging und er abgeschreckt seinen Weg fortsetzte. -</p> - -<p> -Der Blick des Aaron Wassertrum war blitzschnell von -meinen Augen abgeglitten und ruhte jetzt mit gespanntem -Interesse an den kahlen Mauern, die vom Nebenhause -an mein Fenster stoßen. -</p> - -<p> -Was konnte er dort nur sehen? -</p> - -<p> -Das Haus steht doch mit dem Rücken gegen die Hahnpaßgasse -und seine Fenster blicken in den Hof! Nur -eines ist in die Straße gekehrt. -</p> - -<p> -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Zufällig schienen die Räume, die nebenan in derselben -Stockhöhe wie die meinigen liegen — ich glaube, sie -gehören zu einem winkligen Atelier — in diesem Moment -betreten worden zu sein, denn durch die Mauern hörte -ich plötzlich eine männliche und eine weibliche Stimme -miteinander reden. -</p> - -<p> -Unmöglich konnte das aber der Trödler von unten -aus wahrgenommen haben! — — -</p> - -<p> -Vor meiner Tür bewegte sich jemand, und ich erriet: -es ist immer noch Rosina, die draußen im Dunkeln steht -in begehrlichem Warten, daß ich sie doch vielleicht zu mir -hereinrufen wolle. -</p> - -<p> -Und unten, ein halbes Stockwerk tiefer, lauert der -blatternarbige, halbwüchsige Loisa auf den Stiegen mit -angehaltenem Atem, ob ich die Tür öffnen werde, und -ich spüre förmlich den Hauch seines Hasses und seine -schäumende Eifersucht bis herauf zu mir. -</p> - -<p> -Er fürchtet sich, näher zu kommen und von Rosina -bemerkt zu werden. Er weiß sich von ihr abhängig wie -ein hungriger Wolf von seinem Wärter und möchte doch -am liebsten aufspringen und besinnungslos seiner Wut -die Zügel schießen lassen! — — — -</p> - -<p> -Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte -meine Pinzetten und Stichel hervor. -</p> - -<p> -Aber ich konnte nichts fertigbringen und meine Hand -war nicht ruhig genug, die feinen japanischen Gravierungen -auszubessern. -</p> - -<p> -Das trübe, düstere Leben, das an diesem Hause hängt, -läßt mein Gemüt nicht still werden, und immer tauchen -alte Bilder in mir auf. -</p> - -<p> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl -kaum ein Jahr älter als Rosina. -</p> - -<p> -An ihren Vater, der Hostienbäcker gewesen, konnte ich -mich kaum mehr erinnern, und jetzt sorgt für sie, glaube -ich, ein altes Weib. -</p> - -<p> -Ich wußte nur nicht, welche es war unter den vielen, -die versteckt im Hause wohnen wie Kröten in ihrem -Schlupfwinkel. -</p> - -<p> -Sie sorgt für die beiden Jungen, das heißt: sie gewährt -ihnen Unterkunft; dafür müssen sie ihr abliefern, -was sie gelegentlich stehlen oder erbetteln. — -</p> - -<p> -Ob sie ihnen wohl auch zu essen gibt? Ich konnte es -mir nicht denken, denn erst spät abends kommt die Alte -heim. -</p> - -<p> -Leichenwäscherin soll sie sein. -</p> - -<p> -Loisa, Jaromir und Rosina sah ich, als sie noch Kinder -waren, oft harmlos im Hof zu dritt spielen. -</p> - -<p> -Die Zeit aber ist lang vorbei. -</p> - -<p> -Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rothaarigen -Judenmädel her. -</p> - -<p> -Zuweilen sucht er sie lange umsonst, und wenn er sie -nirgends finden kann, dann schleicht er sich vor meine -Türe und wartet mit verzerrtem Gesicht, daß sie heimlich -hierher komme. -</p> - -<p> -Da sehe ich ihn, wenn ich bei meiner Arbeit sitze, im -Geiste draußen in dem winkligen Gange lauern, den Kopf -mit dem ausgemergelten Genick horchend vorgebeugt. -</p> - -<p> -Manchmal bricht dann durch die Stille plötzlich ein -wilder Lärm. -</p> - -<p> -Jaromir, der taubstumm ist, und dessen ganzes Denken -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -eine ununterbrochene wahnsinnige Gier nach Rosina -erfüllt, irrt wie ein wildes Tier im Hause umher, und -sein unartikuliertes heulendes Gebell, das er, vor Eifersucht -und Argwohn halb von Sinnen, ausstößt, klingt -so schauerlich, daß einem das Blut in den Adern stockt. -</p> - -<p> -Er sucht die beiden, die er stets beieinander vermutet -— irgendwo in einem der tausend schmutzigen Schlupfwinkel -versteckt — in blinder Raserei, immer von dem -Gedanken gepeitscht, seinem Bruder auf den Fersen -sein zu müssen, daß nichts mit Rosina vorgehe, von dem -er nicht wisse. -</p> - -<p> -Und gerade diese unaufhörliche Qual des Krüppels -ist, ahnte ich, das Reizmittel, das Rosina antreibt, sich -stets von neuem mit dem andern einzulassen. -</p> - -<p> -Wird ihre Neigung oder Bereitwilligkeit schwächer, so -ersinnt Loisa immer wieder besondere Scheußlichkeiten, -um Rosinas Gier von neuem zu entfachen. -</p> - -<p> -Da lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen -ertappen und locken den Rasenden heimtückisch -hinter sich her in dunkle Gänge, wo sie aus rostigen -Faßreifen, die in die Höhe schnellen, wenn man auf sie -tritt, und eisernen Rechen — mit den Spitzen nach oben -gekehrt — bösartige Fallen errichtet haben, in die er -stürzen muß und sich blutig fällt. -</p> - -<p> -Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina, um die Folter -aufs äußerste anzuspannen, auf eigene Faust etwas -Höllisches aus. -</p> - -<p> -Dann ändert sie mit einem Schlage ihr Benehmen zu -Jaromir und tut, als fände sie plötzlich Gefallen an ihm. -</p> - -<p> -Mit ihrer ewig lächelnden Miene teilt sie dem Krüppel -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -hastig Dinge mit, die ihn in eine fast irrsinnige Erregung -versetzen, und sie hat sich dazu eine geheimnisvoll scheinende, -nur halbverständliche Zeichensprache ersonnen, -die den Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares -Netz von Ungewißheit und verzehrenden Hoffnungen -verstricken muß. — -</p> - -<p> -Einmal sah ich ihn im Hofe vor ihr stehen, und sie -sprach mit so heftigen Lippenbewegungen und Gestikulationen -auf ihn ein, daß ich glaubte, jeden Augenblick -würde er in wilder Aufregung zusammenbrechen. -</p> - -<p> -Der Schweiß lief ihm übers Gesicht vor übermenschlicher -Anstrengung, den Sinn der absichtlich so unklaren, -hastigen Mitteilung zu erfassen. -</p> - -<p> -Und den ganzen folgenden Tag lauerte er dann -fiebernd in Erwartung auf den finstern Stiegen eines -andern halb versunkenen Hauses, das in der Fortsetzung -der engen, schmutzigen Hahnpaßgasse liegt, — bis er die -Zeit versäumt hatte, sich an den Ecken ein paar Kreuzer -zu erbetteln. -</p> - -<p> -Und als er spät abends halb tot vor Hunger und Aufregung -heim wollte, hatte ihn die Pflegemutter längst -ausgesperrt. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ein fröhliches Frauenlachen drang aus dem anstoßenden -Atelier durch die Mauern herüber zu mir. -</p> - -<p> -Ein Lachen? — In diesen Häusern ein fröhliches -Lachen? Im ganzen Ghetto wohnt niemand, der fröhlich -lachen könnte. -</p> - -<p> -Da fiel mir ein, daß mir vor einigen Tagen der alte -Marionettenspieler Zwakh anvertraute, ein junger, vornehmer -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Herr hätte ihm das Atelier teuer abgemietet — -offenbar, um mit der Erwählten seines Herzens unbelauscht -zusammenkommen zu können. -</p> - -<p> -Nach und nach, jede Nacht, müßten nun, damit niemand -im Hause etwas merke, die kostbaren Möbel des -neuen Mieters heimlich Stück für Stück hinaufgeschafft -werden. -</p> - -<p> -Der gutmütige Alte hatte sich vor Vergnügen die -Hände gerieben, als er es mir erzählte, und sich kindlich -gefreut, wie er alles so geschickt angefangen habe: keiner -der Mitbewohner könne auch nur eine Ahnung von dem -romantischen Liebespaar haben. -</p> - -<p> -Und von drei Häusern aus sei es möglich, unauffällig -in das Atelier zu gelangen. — Sogar durch eine Falltüre -gäbe es einen Zugang! -</p> - -<p> -Ja, wenn man die eiserne Tür des Bodenraumes -aufklinke, — und das sei von drüben aus sehr leicht, — -könne man an meiner Kammer vorbei zu den Stiegen -unseres Hauses gelangen und diese als Ausgang benützen ... -</p> - -<p> -Wieder klingt das fröhliche Lachen herüber und läßt -in mir die undeutliche Erinnerung an eine luxuriöse -Wohnung und an eine adlige Familie auftauchen, zu -der ich oft gerufen wurde, um an kostbaren Altertümern -kleine Ausbesserungen vorzunehmen. — -</p> - -<p> -Plötzlich höre ich nebenan einen gellenden Schrei. -Ich horche erschreckt. -</p> - -<p> -Die eiserne Bodentür klirrt heftig und im nächsten -Augenblick stürzt eine Dame in mein Zimmer. -</p> - -<p> -Mit aufgelöstem Haar, weiß wie die Wand, einen -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -goldenen Brokatstoff über die bloßen Schultern geworfen. -</p> - -<p> -„Meister Pernath, verbergen Sie mich, — um Gottes -Christi willen! — fragen Sie nicht, verbergen Sie mich -hier!“ -</p> - -<p> -Ehe ich noch antworten konnte, wurde meine Tür -abermals aufgerissen und sofort wieder zugeschlagen. — -</p> - -<p> -Eine Sekunde lang hatte das Gesicht des Trödlers -Aaron Wassertrum wie eine scheußliche Maske hereingegrinst. -— -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ein runder, leuchtender Fleck taucht vor mir auf, und -im Scheine des Mondlichtes erkenne ich wiederum das -Fußende meines Bettes. -</p> - -<p> -Noch liegt der Schlaf auf mir wie ein schwerer, wolliger -Mantel und der Name Pernath steht in goldenen Buchstaben -vor meiner Erinnerung. -</p> - -<p> -Wo nur habe ich diesen Namen gelesen? — Athanasius -Pernath? — -</p> - -<p> -Ich glaube, ich glaube vor langer, langer Zeit habe ich -einmal irgendwo meinen Hut verwechselt, und ich wunderte -mich damals, daß er mir so genau passe, wo ich -doch eine höchst eigentümliche Kopfform habe. -</p> - -<p> -Und ich sah in den fremden Hut hinein — damals und -— — ja, ja, dort hatte es gestanden in goldenen Papierbuchstaben -auf dem weißen Futter: -</p> - -<p class="center"> -ATHANASIUS PERNATH. -</p> - -<p class="noindent"> -Ich hatte mich vor dem Hut gescheut und gefürchtet, -ich wußte nicht warum. -</p> - -<p> -Da fährt plötzlich die Stimme, die ich vergessen hatte, -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -und die immer von mir wissen wollte, wo der Stein ist, -der wie Fett ausgesehen habe, auf mich los gleich einem -Pfeil. -</p> - -<p> -Schnell male ich mir das scharfe, süßlich grinsende -Profil der roten Rosina aus, und es gelingt mir auf -diese Weise dem Pfeil auszuweichen, der sich sogleich -in der Finsternis verliert. -</p> - -<p> -Ja, das Gesicht der Rosina! Das ist doch noch stärker -als die stumpfsinnig plappernde Stimme; und gar, wo -ich jetzt gleich wieder in meinem Zimmer in der Hahnpaßgasse -geborgen sein werde, kann ich ganz ruhig sein. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -I -</h2> - -<p class="first"> -Wenn ich mich nicht getäuscht habe in der Empfindung, -daß jemand in einem gewissen, gleichbleibenden Abstand -hinter mir die Treppe heraufkommt in der Absicht, mich -zu besuchen, so muß er jetzt ungefähr auf dem letzten -Stiegenabsatz stehen. -</p> - -<p> -Jetzt biegt er um die Ecke, wo der Archivar Schemajah -Hillel seine Wohnung hat, und kommt von den ausgetretenen -Steinfliesen auf den Flur des oberen Stockwerkes, -der mit roten Ziegeln ausgelegt ist. -</p> - -<p> -Nun tastet er sich an der Wand entlang, und jetzt, -gerade jetzt, muß er, mühsam im Finstern buchstabierend, -meinen Namen auf dem Türschild lesen. -</p> - -<p> -Und ich stellte mich aufrecht in die Mitte des Zimmers -und blickte zum Eingang. -</p> - -<p> -Da öffnete sich die Türe, und er trat ein. -</p> - -<p> -Nur wenige Schritte machte er auf mich zu und nahm -weder den Hut ab, noch sagte er ein Wort der Begrüßung. -</p> - -<p> -So benimmt er sich, wenn er zu Hause ist, fühlte ich, -und ich fand es ganz selbstverständlich, daß er so und -nicht anders handelte. -</p> - -<p> -Er griff in die Tasche und nahm ein Buch -heraus. -</p> - -<p> -Dann blätterte er lange darin herum. -</p> - -<p> -Der Umschlag des Buches war aus Metall, und die -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -Vertiefungen in Form von Rosetten und Siegeln -waren mit Farbe und kleinen Steinen ausgefüllt. -</p> - -<p> -Endlich hatte er die Stelle gefunden, die er suchte, -und deutete darauf. -</p> - -<p> -Das Kapitel hieß „Ibbur“, „die Seelenschwängerung“, -entzifferte ich. -</p> - -<p> -Das große, in Gold und Rot ausgeführte Initial „I“ -nahm fast die Hälfte der ganzen Seite ein, die ich unwillkürlich -überflog, und war am Rande verletzt. -</p> - -<p> -Ich sollte es ausbessern. -</p> - -<p> -Das Initial war nicht auf das Pergament geklebt, wie -ich es bisher in alten Büchern gesehen, schien vielmehr -aus zwei Platten dünnen Goldes zu bestehen, die im -Mittelpunkte zusammengelötet waren und mit den Enden -um die Ränder des Pergaments griffen. -</p> - -<p> -Also mußte, wo der Buchstabe stand, ein Loch in das -Blatt geschnitten sein? -</p> - -<p> -Wenn das der Fall war, mußte auf der nächsten Seite -das „I“ verkehrt stehen? -</p> - -<p> -Ich blätterte um und fand meine Annahme bestätigt. -</p> - -<p> -Unwillkürlich las ich auch diese Seite durch und die -gegenüberliegende. -</p> - -<p> -Und ich las weiter und weiter. -</p> - -<p> -Das Buch sprach zu mir, wie der Traum spricht, -klarer nur und viel deutlicher. Und es rührte mein Herz -an wie eine Frage. -</p> - -<p> -Worte strömten aus einem unsichtbaren Munde, -wurden lebendig und kamen auf mich zu. Sie drehten -sich und wandten sich vor mir wie bunt gekleidete Sklavinnen, -sanken dann in den Boden oder verschwanden -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -wie schillernder Dunst in der Luft und gaben der nächsten -Raum. Jede hoffte eine kleine Weile, daß ich sie erwählen -würde und auf den Anblick der Kommenden verzichten. -</p> - -<p> -Manche waren unter ihnen, die gingen prunkend einher -wie Pfauen, in schimmernden Gewändern, und ihre -Schritte waren langsam und gemessen. -</p> - -<p> -Manche wie Königinnen, doch gealtert und verlebt, -die Augenlider gefärbt, — mit dirnenhaftem Zug um -den Mund und die Runzeln mit häßlicher Schminke -verdeckt. -</p> - -<p> -Ich sah an ihnen vorbei und nach den Kommenden, -und mein Blick glitt über lange Züge grauer Gestalten -mit Gesichtern, so gewöhnlich und ausdrucksarm, daß -es unmöglich schien, sie dem Gedächtnis einzuprägen. -</p> - -<p> -Dann brachten sie ein Weib geschleppt, das war -splitternackt und riesenhaft wie ein Erzkoloß. -</p> - -<p> -Eine Sekunde blieb das Weib vor mir stehen und -beugte sich nieder zu mir. -</p> - -<p> -Ihre Wimpern waren so lang wie mein ganzer Körper, -und sie deutete stumm auf den Puls ihrer linken -Hand. -</p> - -<p> -Der schlug wie ein Erdbeben, und ich fühlte, es war -das Leben einer ganzen Welt in ihr. -</p> - -<p> -Aus der Ferne raste ein Korybantenzug heran. -</p> - -<p> -Ein Mann und ein Weib umschlangen sich. Ich sah -sie von weitem kommen, und immer näher brauste der -Zug. -</p> - -<p> -Jetzt hörte ich den hallenden Gesang der Verzückten -dicht vor mir, und meine Augen suchten das verschlungene -Paar. -</p> - -<p> -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Das aber hatte sich verwandelt in eine einzige Gestalt -und saß, halb männlich, halb weiblich, — ein Hermaphrodit -— auf einem Throne von Perlmutter. -</p> - -<p> -Und die Krone des Hermaphroditen endete in einem -Brett aus rotem Holz; darein hatte der Wurm der Zerstörung -geheimnisvolle Runen genagt. -</p> - -<p> -In einer Staubwolke kam eilig hinterdrein getrappelt -eine Herde kleiner, blinder Schafe: die Futtertiere, die -der gigantische Zwitter in seinem Gefolge führte, seine -Korybantenschar am Leben zu erhalten. -</p> - -<p> -Zuweilen waren unter den Gestalten, die aus dem -unsichtbaren Munde strömten, etliche, die kamen aus -Gräbern, — Tücher vor dem Gesicht. -</p> - -<p> -Und blieben sie vor mir stehen, ließen sie plötzlich ihre -Hüllen fallen und starrten mit Raubtieraugen hungrig -auf mein Herz, daß ein eisiger Schreck mir ins Hirn fuhr -und sich mein Blut zurückstaute wie ein Strom, in den -Felsblöcke vom Himmel herniedergefallen sind — plötzlich -und mitten in sein Bette. — -</p> - -<p> -Eine Frau schwebte an mir vorbei. Ich sah ihr Antlitz -nicht, sie wandte es ab, und sie trug einen Mantel -aus fließenden Tränen. — -</p> - -<p> -Maskenzüge tanzten vorüber, lachten und kümmerten -sich nicht um mich. -</p> - -<p> -Nur ein Pierrot sieht sich nachdenklich um nach mir -und kehrt zurück. Pflanzt sich vor mich hin und blickt -in mein Gesicht hinein, als sei es ein Spiegel. -</p> - -<p> -Er schneidet so seltsame Grimassen, hebt und bewegt -seine Arme, bald zögernd, bald blitzschnell, daß sich -meiner ein gespenstiger Trieb bemächtigt ihn nachzuahmen, -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -mit den Augen zu zwinkern wie er, mit den -Achseln zu zucken und die Mundwinkel zu verziehen. -</p> - -<p> -Da stoßen ihn ungeduldig nachdrängende Gestalten -zur Seite, die alle vor meine Blicke wollen. -</p> - -<p> -Doch keines der Wesen hat Bestand. -</p> - -<p> -Gleitende Perlen sind sie, auf eine Seidenschnur gereiht, -die einzelnen Töne nur einer Melodie, die dem -unsichtbaren Munde entströmen. -</p> - -<p> -Das war kein Buch mehr, das zu mir sprach. Das -war eine Stimme. Eine Stimme, die etwas von mir -wollte, was ich nicht begriff; wie sehr ich mich auch abmühte. -Die mich quälte mit brennenden, unverständlichen -Fragen. -</p> - -<p> -Die Stimme aber, die diese sichtbaren Worte redete, -war abgestorben und ohne Widerhall. -</p> - -<p> -Jeder Laut, der in der Welt der Gegenwart erklingt, -hat viele Echos, wie jegliches Ding einen großen Schatten -hat und viele kleine Schatten, doch diese Stimme hatte -keine Echos mehr, — lange, lange schon sind sie wohl -verweht und verklungen. — — — -</p> - -<p> -Und bis zu Ende hatte ich das Buch gelesen und -hielt es noch in den Händen, da war mir, als hätte ich -suchend in meinem Gehirn geblättert und nicht in einem -Buche! — — -</p> - -<p> -Alles, was mir die Stimme gesagt, hatte ich, seit ich -lebte, in mir getragen, nur verdeckt war es gewesen und -vergessen und hatte sich vor meinem Denken versteckt -gehalten bis auf den heutigen Tag. — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ich blickte auf. -</p> - -<p> -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -Wo war der Mann, der mir das Buch gebracht -hatte? -</p> - -<p> -Fortgegangen!? -</p> - -<p> -Wird er es holen, wenn es fertig ist? -</p> - -<p> -Oder sollte ich es ihm bringen? -</p> - -<p> -Aber ich konnte mich nicht erinnern, daß er gesagt -hätte, wo er wohne. -</p> - -<p> -Ich wollte mir seine Erscheinung ins Gedächtnis zurückrufen, -doch es mißlang. -</p> - -<p> -Wie war er nur gekleidet gewesen? War er alt, war er -jung? — Und welche Farben hatten sein Haar und sein -Bart gehabt? -</p> - -<p> -Nichts, gar nichts mehr konnte ich mir vorstellen. — -Alle Bilder, die ich mir von ihm schuf, zerrannen haltlos, -noch ehe ich sie im Geiste zusammenzusetzen vermocht. -</p> - -<p> -Ich schloß die Augen und preßte die Hand auf die -Lider, um einen winzigen Teil nur seines Bildnisses zu -erhaschen. -</p> - -<p> -Nichts, nichts. -</p> - -<p> -Ich stellte mich hin, mitten ins Zimmer, und blickte -auf die Tür, wie ich es getan — vorhin, als er gekommen -war, und malte mir aus: jetzt biegt er um die Ecke, jetzt -schreitet er über den Ziegelsteinboden, liest jetzt draußen -mein Türschild „Athanasius Pernath“ und jetzt tritt er -herein. -</p> - -<p> -Vergebens. -</p> - -<p> -Nicht die leiseste Spur einer Erinnerung, wie seine -Gestalt ausgesehen, wollte in mir erwachen. -</p> - -<p> -Ich sah das Buch auf dem Tische liegen und wünschte -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -mir im Geiste die Hand dazu, die es aus der Tasche gezogen -und mir gereicht hatte. -</p> - -<p> -Nicht einmal, ob sie einen Handschuh getragen, ob -sie entblößt gewesen, ob jung oder runzlig, mit Ringen -geschmückt oder nicht, konnte ich mich entsinnen. -</p> - -<p> -Da kam mir ein seltsamer Einfall. -</p> - -<p> -Wie eine Eingebung war es, der man nicht widerstehen -darf. -</p> - -<p> -Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf -und ging hinaus auf den Gang und die Treppen hinab. -Dann kam ich langsam wieder zurück in mein Zimmer. -</p> - -<p> -Langsam, ganz langsam, so wie er, als er gekommen -war. Und wie ich die Tür öffnete, da sah ich, daß meine -Kammer voll Dämmerung lag. War es denn nicht -heller Tag noch gewesen, als ich soeben hinausging? -</p> - -<p> -Wie lange mußte ich da gegrübelt haben, daß ich nicht -bemerkte, wie spät es ist! -</p> - -<p> -Und ich versuchte den Unbekannten nachzuahmen in -Gang und Mienen und konnte mich an sie doch gar nicht -erinnern. — -</p> - -<p> -Wie sollte es mir auch glücken, ihn nachzuahmen, -wenn ich keinen Anhaltspunkt mehr hatte, wie er ausgesehen -haben mochte. -</p> - -<p> -Aber es kam anders. Ganz anders, als ich dachte. -</p> - -<p> -Meine Haut, meine Muskeln, mein Körper erinnerten -sich plötzlich, ohne es dem Gehirn zu verraten. Sie -machten Bewegungen, die ich nicht wünschte, und nicht -beabsichtigte. -</p> - -<p> -Als ob meine Glieder nicht mehr mir gehörten! -</p> - -<p> -Mit einem Male war mein Gang tappend und fremdartig -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -geworden, wie ich ein paar Schritte im Zimmer -machte. -</p> - -<p> -Das ist der Gang eines Menschen, der beständig im -Begriffe ist, vornüber zu fallen, sagte ich mir. -</p> - -<p> -Ja, ja, ja, so war sein Gang! -</p> - -<p> -Ganz deutlich wußte ich: so ist er. -</p> - -<p> -Ich trug ein fremdes, bartloses Gesicht mit hervorstehenden -Backenknochen und schaute aus schrägstehenden -Augen. -</p> - -<p> -Ich fühlte es und konnte mich doch nicht sehen. -</p> - -<p> -Das ist nicht mein Gesicht, wollte ich entsetzt aufschreien, -wollte es betasten, doch meine Hand folgte -meinem Willen nicht und senkte sich in die Tasche und -holte ein Buch hervor. -</p> - -<p> -Ganz so, wie er es vorhin getan hatte. — -</p> - -<p> -Da plötzlich sitze ich wieder ohne Hut, ohne Mantel, -am Tische und bin ich. Ich, ich. -</p> - -<p> -Athanasius Pernath. -</p> - -<p> -Grausen und Entsetzen schüttelten mich, mein Herz -raste zum Zerspringen, und ich fühlte: gespenstische -Finger, die soeben noch in meinem Gehirn umhergetastet, -haben von mir abgelassen. -</p> - -<p> -Noch spürte ich im Hinterkopf die kalten Spuren -ihrer Berührung. — -</p> - -<p> -Nun wußte ich, wie der Fremde war, und ich hätte -ihn wieder in mir fühlen können — jeden Augenblick —, -wenn ich nur gewollt hätte; aber sein Bild mir vorstellen, -daß ich es vor mir <em>sehen</em> würde Auge in Auge — -das vermochte ich noch immer nicht und werde es auch -nie können. -</p> - -<p> -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -Er ist wie ein Negativ, eine unsichtbare Hohlform, -erkannte ich, deren Linien ich nicht erfassen kann — in -die ich selber hineinschlüpfen muß, wenn ich mir ihrer -Gestalt und ihres Ausdrucks im eigenen Ich bewußt -werden will — — -</p> - -<p> -In der Schublade meines Tisches stand eine eiserne -Kassette; — in diese wollte ich das Buch sperren und -erst, bis der Zustand der geistigen Krankheit von mir -gewichen sein würde, wollte ich es wieder hervorholen -und an die Ausbesserung des zerbrochenen Initialen „I“ -gehen. -</p> - -<p> -Und ich nahm das Buch vom Tisch. -</p> - -<p> -Da war mir, als hätte ich es gar nicht angefaßt; ich -griff die Kassette an: dasselbe Gefühl. Als müßte das -Tastempfinden eine lange, lange Strecke voll tiefer -Dunkelheit durchlaufen, ehe es in meinem Bewußtsein -mündete, als seien die Dinge durch eine jahresgroße -Zeitschicht von mir entfernt und gehörten einer Vergangenheit -an, die längst an mir vorübergezogen! -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Die Stimme, die nach mir suchend in der Finsternis -kreist, um mich mit dem fettigen Stein zu quälen, ist -an mir vorbeigekommen und hat mich nicht gesehen. -Und ich weiß, daß sie aus dem Reiche des Schlafes -stammt. Aber was ich erlebt, das war wirkliches Leben, -— darum konnte sie mich nicht sehen und sucht vergeblich -nach mir, fühle ich. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Prag -</h2> - -<p class="first"> -Neben mir stand der Student Charousek, den Kragen -seines dünnen, fadenscheinigen Überziehers aufgeschlagen, -und ich hörte, wie ihm vor Kälte die Zähne aufeinanderschlugen. -</p> - -<p> -Er kann sich den Tod holen in diesem zugigen, eisigen -Torbogen, sagte ich mir, und ich forderte ihn auf, mit -hinüber in meine Wohnung zu kommen. -</p> - -<p> -Er aber lehnte ab. -</p> - -<p> -„Ich danke Ihnen, Meister Pernath,“ murmelte er -fröstelnd, „leider habe ich nicht mehr so viel Zeit übrig; -— ich muß eilends in die Stadt. — Auch würden wir -bis auf die Haut naß, wenn wir jetzt auf die Gasse treten -wollten — schon nach wenigen Schritten! — — Der -Platzregen will nicht schwächer werden!“ -</p> - -<p> -Die Wasserschauer fegten über die Dächer hin und -liefen an den Gesichtern der Häuser herunter wie ein -Tränenstrom. -</p> - -<p> -Wenn ich den Kopf ein wenig vorbog, konnte ich da -drüben im vierten Stock mein Fenster sehen, das, vom -Regen überrieselt, aussah, als seien seine Scheiben aufgeweicht, -— undurchsichtig und höckerig geworden wie -Hausenblase. -</p> - -<p> -Ein gelber Schmutzbach floß die Gasse herab, und der -Torbogen füllte sich mit Vorübergehenden, die alle das -Nachlassen des Unwetters abwarten wollten. -</p> - -<p> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -„Dort schwimmt ein Brautbukett,“ sagte plötzlich -Charousek und deutete auf einen Strauß aus welken -Myrten, der in dem Schmutzwasser vorbeigetrieben kam. -</p> - -<p> -Darüber lachte jemand hinter uns laut auf. -</p> - -<p> -Als ich mich umdrehte, sah ich, daß es ein alter, vornehm -gekleideter Herr mit weißem Haar und einem aufgedunsenen, -krötenartigen Gesicht gewesen war. -</p> - -<p> -Charousek blickte ebenfalls einen Augenblick zurück und -brummte etwas vor sich hin. -</p> - -<p> -Unangenehmes ging von dem Alten aus; — ich wandte -meine Aufmerksamkeit von ihm ab und musterte die -mißfarbigen Häuser, die da vor meinen Augen wie -verdrossene alte Tiere im Regen nebeneinander hockten. -</p> - -<p> -Wie unheimlich und verkommen sie alle aussahen! -</p> - -<p> -Ohne Überlegung hingebaut standen sie da, wie Unkraut, -das aus dem Boden dringt. -</p> - -<p> -An eine niedrige, gelbe Steinmauer, den einzigen -standhaltenden Überrest eines früheren, langgestreckten -Gebäudes hat man sie angelehnt — vor zwei, drei Jahrhunderten, -wie es eben kam, ohne Rücksicht auf die -übrigen zu nehmen. Dort ein halbes, schiefwinkliges -Haus mit zurückspringender Stirn; — ein andres daneben: -vorstehend wie ein Eckzahn. -</p> - -<p> -Unter dem trüben Himmel sahen sie aus, als lägen -sie im Schlaf, und man spürte nichts von dem tückischen, -feindseligen Leben, das zuweilen von ihnen ausstrahlt, -wenn der Nebel der Herbstabende in den Gassen liegt -und ihr leises, kaum merkliches Mienenspiel verbergen -hilft. -</p> - -<p> -In dem Menschenalter, das ich nun hier wohne, hat -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -sich der Eindruck in mir festgesetzt, den ich nicht loswerden -kann, als ob es gewisse Stunden des Nachts und im -frühesten Morgengrauen für sie gäbe, wo sie erregt eine -lautlose, geheimnisvolle Beratung pflegen. Und manchmal -fährt da ein schwaches Beben durch ihre Mauern, -das sich nicht erklären läßt, Geräusche laufen über ihre -Dächer und fallen in den Regenrinnen nieder, — und -wir nehmen sie mit stumpfen Sinnen achtlos hin, ohne -nach ihrer Ursache zu forschen. -</p> - -<p> -Oft träumte mir, ich hätte diese Häuser belauscht in -ihrem spukhaften Treiben und mit angstvollem Staunen -erfahren, daß sie die heimlichen, eigentlichen Herren der -Gasse seien, sich ihres Lebens und Fühlens entäußern -und es wieder an sich ziehen können, — es tagsüber den -Bewohnern, die hier hausen, borgen, um es in kommender -Nacht mit Wucherzinsen wieder zurückzufordern. -</p> - -<p> -Und lasse ich die seltsamen Menschen, die in ihnen -wohnen wie Schemen, wie Wesen — nicht von Müttern -geboren, — die in ihrem Denken und Tun wie aus -Stücken wahllos zusammengefügt scheinen, im Geiste -an mir vorüberziehen, so bin ich mehr denn je geneigt -zu glauben, daß solche Träume in sich dunkle Wahrheiten -bergen, die mir im Wachsein nur noch wie Eindrücke -von farbigen Märchen in der Seele fortglimmen. -</p> - -<p> -Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen -Golem, jenem künstlichen Menschen, wieder -auf, den einst hier im Ghetto ein kabbalakundiger Rabbiner -aus dem Elemente formte und ihn zu einem gedankenlosen -automatischen Dasein berief, indem er ihm -ein magisches Zahlenwort hinter die Zähne schob. -</p> - -<p> -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Und wie jener Golem zu einem Lehmbild in derselben -Sekunde erstarrte, in der die geheime Silbe des Lebens -aus seinem Munde genommen ward, so müßten auch, -dünkt mich, alle diese <em>Menschen</em> entseelt in einem Augenblick -zusammenfallen, löschte man irgendeinen winzigen -Begriff, ein nebensächliches Streben, vielleicht eine -zwecklose Gewohnheit bei dem einen, bei einem andern -gar nur ein dumpfes Warten auf etwas gänzlich Unbestimmtes, -Haltloses — in ihrem Hirn aus. -</p> - -<p> -Was ist dabei für ein immerwährendes, schreckhaftes -Lauern in diesen Geschöpfen! -</p> - -<p> -Niemals sieht man sie arbeiten, diese Menschen, und -dennoch sind sie früh beim ersten Leuchten des Morgens -wach und warten mit angehaltenem Atem, — wie auf -ein Opfer, das doch nie kommt. -</p> - -<p> -Und hat es wirklich einmal den Anschein, als träte -jemand in ihr Bereich, irgend ein Wehrloser, an dem -sie sich bereichern könnten, dann fällt plötzlich eine lähmende -Angst über sie her, scheucht sie in ihre Winkel -zurück und läßt sie von jeglichem Vorhaben zitternd abstehen. -</p> - -<p> -Niemand scheint schwach genug, daß ihnen noch so -viel Mut bliebe, sich seiner zu bemächtigen. -</p> - -<p> -„Entartete, zahnlose Raubtiere, von denen die Kraft -und die Waffe genommen ist,“ sagte Charousek zögernd -und sah mich an. — -</p> - -<p> -Wie konnte er wissen, woran ich dachte? — -</p> - -<p> -So stark facht man zuweilen seine Gedanken an, daß -sie imstande sind, auf das Gehirn des Nebenstehenden -überzuspringen wie sprühende Funken, fühlte ich. -</p> - -<p> -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -„— — — wovon sie nur leben mögen?“ fragte ich -nach einer Weile. -</p> - -<p> -„Leben? Wovon? Mancher unter ihnen ist ein Millionär!“ -</p> - -<p> -Ich blickte Charousek an. Was konnte er damit meinen! -</p> - -<p> -Der Student aber schwieg und sah nach den Wolken. -</p> - -<p> -Für einen Augenblick hatte das Stimmengemurmel -in dem Torbogen gestockt und man hörte bloß das Zischen -des Regens. -</p> - -<p> -Was er nur damit sagen will: „Mancher unter ihnen -ist ein Millionär!?“ -</p> - -<p> -Wieder war es, als hätte Charousek meine Gedanken -erraten. -</p> - -<p> -Er wies nach dem Trödlerladen neben uns, an dem -das Wasser den Rost des Eisengerümpels in fließenden, -braunroten Pfützen vorbeispülte. -</p> - -<p> -„Aaron Wassertrum! Er zum Beispiel ist Millionär, -— fast ein Drittel der Judenstadt ist sein Besitz. Wissen -Sie es denn nicht, Herr Pernath?!“ -</p> - -<p> -Mir blieb förmlich der Atem im Mund stecken. „Aaron -Wassertrum! Der Trödler Aaron Wassertrum Millionär?!“ -</p> - -<p> -„Oh, ich kenne ihn genau“, fuhr Charousek verbissen -fort, und als hätte er nur darauf gewartet, daß ich ihn -frage. „Ich kannte auch seinen Sohn, den Dr. Wassory. -Haben Sie nie von ihm gehört? Von Dr. Wassory, dem -— berühmten — Augenarzt? — Vor einem Jahr noch -hat die ganze Stadt begeistert von ihm gesprochen, — -von dem großen — — Gelehrten. Niemand wußte -damals, daß er seinen Namen abgelegt und früher -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Wassertrum geheißen hat. — Er spielte sich gerne auf den -weltabgewandten Mann der Wissenschaft, und wenn -einmal auf Herkunft die Rede kam, warf er bescheiden -und tiefbewegt so mit halben Worten hin, daß sein -Vater noch aus dem Ghetto stamme, — sich aus den -niedrigsten Anfängen heraus unter Kummer aller Art -und unsäglichen Sorgen empor ans Licht habe arbeiten -müssen. -</p> - -<p> -Ja! Unter Kummer und Sorgen! -</p> - -<p> -Unter <em>wessen</em> Kummer und unsäglichen Sorgen aber -und mit welchen Mitteln, das hat er nicht dazu gesagt! -</p> - -<p> -Ich aber weiß, was es mit dem Ghetto für eine Bewandtnis -hat!“ Charousek faßte meinen Arm und -schüttelte ihn heftig. -</p> - -<p> -„Meister Pernath, ich bin so arm, daß ich es selbst -kaum mehr begreife; ich muß halb nackt gehen wie ein -Vagabund, sehen Sie her, und ich bin doch Student der -Medizin, — bin doch ein gebildeter Mensch!“ -</p> - -<p> -Er riß seinen Überzieher auf und ich sah zu meinem -Entsetzen, daß er weder Hemd noch Rock an hatte und den -Mantel über der nackten Haut trug. -</p> - -<p> -„Und so arm war ich bereits, als ich diese Bestie, diesen -allmächtigen, angesehenen Dr. Wassory zu Fall brachte, -— und noch heute ahnt keiner, daß ich, ich der eigentliche -Urheber war. -</p> - -<p> -Man meint in der Stadt, ein gewisser Dr. Savioli -sei es gewesen, der seine Praktiken ans Tageslicht gezogen -und ihn dann zum Selbstmord getrieben hat. — -Dr. Savioli war nichts als mein Werkzeug! sage ich -Ihnen. Ich allein habe den Plan erdacht und das Material -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -zusammengetragen, habe die Beweise geliefert und -leise und unmerklich Stein um Stein in dem Gebäude -Dr. Wassorys gelockert, bis der Zustand erreicht war, -wo kein Geld der Erde, keine List des Ghetto mehr -vermocht hätten, den Zusammenbruch, zu dem es nur -noch eines unmerklichen Anstoßes bedurfte, abzuwenden. -</p> - -<p> -Wissen Sie, so — so wie man Schach spielt. -</p> - -<p> -Gerade so wie man Schach spielt. -</p> - -<p> -Und niemand weiß, daß ich es war! -</p> - -<p> -Den Trödler Aaron Wassertrum, den läßt wohl -manchmal eine furchtbare Ahnung nicht schlafen, daß -einer, den er nicht kennt, der immer in seiner Nähe ist -und den er doch nicht fassen kann, — ein anderer als -Dr. Savioli — die Hand im Spiele gehabt haben -müsse. -</p> - -<p> -Wiewohl Wassertrum einer von jenen ist, deren Augen -durch Mauern zu schauen vermögen, so faßt er es doch -nicht, daß es Gehirne gibt, die auszurechnen imstande -sind, wie man mit langen, unsichtbaren, vergifteten -Nadeln durch solche Mauern stechen kann, an Quadern, -an Gold und Edelsteinen vorbei, um die verborgene -Lebensader zu treffen.“ -</p> - -<p> -Und Charousek schlug sich vor die Stirn und lachte -wild. -</p> - -<p> -„Aaron Wassertrum wird es bald erfahren; genau an -dem Tage, an dem er Dr. Savioli an den Hals will! -Genau an demselben Tage! -</p> - -<p> -Auch diese Schachpartie habe ich ausgerechnet bis zum -letzten Zug. — Diesmal wird es ein Königsläufergambit -sein. Da gibt es keinen einzigen Zug bis zum bittern -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Ende, gegen den ich nicht eine verderbliche Entgegnung -wüßte. -</p> - -<p> -Wer sich mit mir in ein solches Königsläufergambit -einläßt, der hängt in der Luft, sage ich Ihnen, wie eine -hilflose Marionette an feinen Fäden, — an Fäden, die -ich zupfe, — hören Sie wohl, die ich zupfe, und mit -dessen freiem Willen ist’s dahin.“ -</p> - -<p> -Der Student redete wie im Fieber, und ich sah ihm -entsetzt ins Gesicht. -</p> - -<p> -„Was haben Ihnen Wassertrum und sein Sohn denn -getan, daß Sie so voll Haß sind?“ -</p> - -<p> -Charousek wehrte heftig ab: -</p> - -<p> -„Lassen wir das — fragen Sie lieber, was Dr. Wassory -den Hals gebrochen hat! — Oder wünschen Sie, daß wir -ein andres Mal darüber sprechen? — Der Regen hat -nachgelassen. Vielleicht wollen Sie nach Hause gehen?“ -</p> - -<p> -Er senkte seine Stimme, wie jemand, der plötzlich ganz -ruhig wird. Ich schüttelte den Kopf. -</p> - -<p> -„Haben Sie jemals gehört, wie man heutzutage den -grünen Star heilt? — Nicht? — So muß ich Ihnen das -deutlich machen, damit Sie alles genau verstehen, -Meister Pernath! -</p> - -<p> -Hören Sie zu: Der ‚grüne Star‘ also ist eine bösartige -Erkrankung des Augeninnern, die mit Erblinden -endet, und es gibt nur ein Mittel, dem Fortschreiten des -Übels Einhalt zu tun, nämlich die sogenannte Iridektomie, -die darin besteht, daß man aus der Regenbogenhaut des -Auges ein keilförmiges Stückchen herauszwickt. -</p> - -<p> -Die unvermeidlichen Folgen davon sind wohl greuliche -Blendungserscheinungen, die fürs ganze Leben bleiben; -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -der Prozeß des Erblindens jedoch ist meistens aufgehalten. -</p> - -<p> -Mit der Diagnose des grünen Stars hat es aber eine -eigene Bewandtnis. -</p> - -<p> -Es gibt nämlich Zeiten, besonders bei Beginn der -Krankheit, wo die deutlichsten Symptome scheinbar ganz -zurücktreten, und in solchen Fällen darf ein Arzt, obwohl -er keine Spur einer Krankheit finden kann, dennoch niemals -mit Bestimmtheit sagen, daß sein Vorgänger, der -andrer Meinung gewesen, sich notwendigerweise geirrt -haben müsse. -</p> - -<p> -Hat aber einmal die erwähnte Iridektomie, die sich -natürlich genau so an einem gesunden Auge wie an -einem kranken ausführen läßt, stattgefunden, so kann -man unmöglich mehr feststellen, ob früher wirklich grüner -Star vorgelegen hat oder nicht. -</p> - -<p> -Und auf diese und noch andere Umstände hatte -Dr. Wassory einen scheußlichen Plan aufgebaut. -</p> - -<p> -Unzählige Male — besonders an Frauen — konstatierte -er grünen Star, wo harmlose Sehstörungen -vorlagen, nur um zu einer Operation zu kommen, die -ihm keine Mühe machte und viel Geld eintrug. -</p> - -<p> -Da endlich hatte er vollkommen Wehrlose in der Hand; -da gehörte zum Ausplündern auch keine Spur von Mut -mehr! -</p> - -<p> -Sehen Sie, Meister Pernath, da war das degenerierte -Raubtier in jene Lebensbedingungen versetzt, wo es auch -ohne Waffe und Kraft sein Opfer zerfleischen konnte. -</p> - -<p> -Ohne etwas aufs Spiel zu setzen! — Begreifen Sie?! -Ohne das geringste wagen zu müssen! -</p> - -<p> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -Durch eine Menge fauler Veröffentlichungen in Fachblättern -hatte sich Dr. Wassory in den Ruf eines hervorragenden -Spezialisten zu setzen verstanden und sogar -seinen Kollegen, die viel zu arglos und anständig waren, -um ihn zu durchschauen, Sand in die Augen zu streuen -gewußt. -</p> - -<p> -Ein Strom von Patienten, die alle bei ihm Hilfe -suchten, war die natürliche Folge. -</p> - -<p> -Kam nun jemand mit geringfügigen Sehstörungen zu -ihm und ließ sich untersuchen, so ging Dr. Wassory sofort -mit tückischer Planmäßigkeit zu Werke. -</p> - -<p> -Zuerst stellte er das übliche Krankenverhör an, notierte -aber geschickt immer nur, um für alle Fälle später gedeckt -zu sein, jene Antworten, die eine Deutung auf grünen -Star zuließen. -</p> - -<p> -Und vorsichtig sondierte er, ob nicht schon eine frühere -Diagnose vorläge. -</p> - -<p> -Gesprächsweise ließ er einfließen, daß ein dringender -Ruf aus dem Auslande behufs wichtiger, wissenschaftlicher -Maßnahmen an ihn ergangen sei und er daher schon -morgen verreisen müsse. — -</p> - -<p> -Bei der Augenspiegelung mit elektrischen Lichtstrahlen, -die er sodann vornahm, bereitete er dem Kranken absichtlich -so viel Schmerzen wie möglich. -</p> - -<p> -Alles mit Vorbedacht! Alles mit Vorbedacht! -</p> - -<p> -Wenn das Verhör vorüber und die übliche bange -Frage des Patienten, ob Grund zur Befürchtung vorhanden -sei, erfolgt war, da tat Wassory seinen ersten -Schachzug. -</p> - -<p> -Er setzte sich dem Kranken gegenüber, ließ eine Minute -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -verstreichen und sprach dann gemessen und mit -sonorer Stimme den Satz: -</p> - -<p> -„Erblindung beider Augen ist bereits in der allernächsten -Zeit wohl unvermeidlich!“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Die Szene, die naturgemäß folgte, war entsetzlich. -Oft fielen die Leute in Ohnmacht, weinten und schrien -und warfen sich in wilder Verzweiflung zu Boden. -</p> - -<p> -Das Augenlicht verlieren, heißt alles verlieren. -</p> - -<p> -Und wenn der wiederum übliche Moment eintrat, -wo das arme Opfer die Knie Dr. Wassorys umklammerte -und flehte, ob es denn auf Gottes Erde gar keine Hilfe -mehr gäbe, da tat die Bestie den zweiten Schachzug und -verwandelte sich selbst in jenen — Gott, der helfen -konnte! -</p> - -<p> -Alles, alles in der Welt, ist wie ein Schachspiel, -Meister Pernath! — -</p> - -<p> -Schleunigste Operation, sagte Dr. Wassory dann -nachdenklich, sei das einzige, was vielleicht Rettung bringen -könne, und mit einer wilden, gierigen Eitelkeit, die -plötzlich über ihn kam, erging er sich mit einem Redeschwall -in weitschweifigem Ausmalen dieses und jenes -Falles, die alle mit dem vorliegenden eine ungemein -große Ähnlichkeit gehabt hätten, — wie unzählige Kranke -ihm allein die Erhaltung des Augenlichts verdankten, und -dergleichen mehr. -</p> - -<p> -Er schwelgte förmlich in dem Gefühl, für eine Art -höheren Wesens gehalten zu werden, in dessen Hände -das Wohl und Wehe seines Mitmenschen gelegt ist. -</p> - -<p> -Das <a id="corr-0"></a>hilflose Opfer aber saß, das Herz voll brennender -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Fragen, gebrochen vor ihm, Angstschweiß auf der Stirne, -und wagte ihm nicht einmal in die Rede zu fallen, aus -Furcht: ihn — den einzigen, der noch Hilfe bringen -konnte — zu erzürnen. -</p> - -<p> -Und mit den Worten, daß er zur Operation leider erst -in einigen Monaten schreiten könne, wenn er von seiner -Reise wieder zurück sei, schloß Dr. Wassory seine Rede. -</p> - -<p> -Hoffentlich, — man solle in solchen Fällen immer das -Beste hoffen — sei es da nicht zu spät, sagte er. -</p> - -<p> -Natürlich sprangen dann die Kranken entsetzt auf, erklärten, -daß sie unter gar keinen Umständen auch nur -einen Tag länger warten wollten, und baten flehentlich -um Rat, wer von den andern Augenärzten in der Stadt -sonst wohl als Operateur in Betracht käme. -</p> - -<p> -Da war der Augenblick gekommen, wo Dr. Wassory -den entscheidenden Schlag führte. -</p> - -<p> -Er ging in tiefem Nachdenken auf und ab, legte seine -Stirn in Falten des Grams und lispelte schließlich bekümmert, -ein Eingriff seitens eines <em>andern</em> Arztes bedinge -leider eine abermalige Bespiegelung des Auges -mit elektrischem Licht, und das müsse — der Patient -wisse ja selbst, wie schmerzhaft es sei — wegen der blendenden -Strahlen geradezu verhängnisvoll wirken. -</p> - -<p> -Ein andrer Arzt also, ganz abgesehen davon, daß so -manchem von ihnen gerade in der Iridektomie die nötige -Übung fehle — dürfe, eben weil er wiederum von neuem -untersuchen müsse, gar nicht vor Ablauf längerer Zeit, -bis sich die Sehnerven wieder erholt hätten, zu einem -chirurgischen Eingriff schreiten.“ -</p> - -<p> -Charousek ballte die Fäuste. -</p> - -<p> -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -„Das nennen wir in der Schachsprache ‚Zugzwang‘, -lieber Meister Pernath! — — Was weiter folgte, war -wiederum Zugzwang, — ein erzwungener Zug nach dem -andern. -</p> - -<p> -Halb wahnsinnig vor Verzweiflung beschwor nun der -Patient den Dr. Wassory, er möge doch Erbarmen haben, -einen Tag nur seine Abreise verschieben und die Operation -selber vornehmen. — Es handle sich doch um mehr -noch als um schnellen Tod, die grauenhafte, folternde -Angst, jeden Augenblick erblinden zu müssen, sei ja das -Schrecklichste, was es geben könne. -</p> - -<p> -Und je mehr das Scheusal sich sträubte und jammerte: -ein Aufschub seiner Reise könne ihm unabsehbaren -Schaden bringen, desto höhere Summen boten freiwillig -die Kranken. -</p> - -<p> -Schien schließlich die Summe Dr. Wassory hoch genug, -gab er nach und fügte bereits am selben Tage, ehe noch -ein Zufall seinen Plan aufdecken konnte, den Bedauernswerten -an beiden gesunden Augen jenen unheilbaren -Schaden zu, jenes immerwährende Gefühl des Geblendetseins, -das das Leben zu stetiger Qual gestalten -mußte, die Spuren des Schurkenstreiches aber ein für -allemal verwischte. -</p> - -<p> -Durch solche Operationen an gesunden Augen vermehrte -Dr. Wassory nicht nur seinen Ruhm und seinen -Ruf als unvergleichlicher Arzt, dem es noch jedesmal -gelungen sei, die drohende Erblindung aufzuhalten, — -es befriedigte gleichzeitig seine maßlose Geldgier und -fröhnte seiner Eitelkeit, wenn die ahnungslosen, an -Körper und Vermögen geschädigten Opfer zu ihm -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -wie zu einem Helfer aufsahen und ihn als Retter -priesen. -</p> - -<p> -Nur ein Mensch, der mit allen Fasern im Ghetto und -seinen zahllosen, unscheinbaren, jedoch unüberwindlichen -Hilfsquellen wurzelte und von Kindheit an gelernt -hat auf der Lauer zu liegen wie eine Spinne, der -jeden Menschen in der Stadt kannte und bis ins kleinste -seine Beziehungen und Vermögensverhältnisse erriet -und durchschaute, — nur ein solcher — „Halbhellsehender“ -möchte man es beinahe nennen, — konnte jahrelang derartige -Scheußlichkeiten verüben. -</p> - -<p> -Und wäre ich nicht gewesen, bis heute triebe er sein -Handwerk noch, würde es bis ins hohe Alter weiter betrieben -haben, um schließlich als ehrwürdiger Patriarch -im Kreise seiner Lieben, angetan mit hohen Ehren, -künftigen Geschlechtern ein leuchtendes Vorbild, seinen -Lebensabend zu genießen, bis — bis endlich auch über -ihn das große Verrecken hinweggezogen wäre. -</p> - -<p> -Ich aber wuchs ebenfalls im Ghetto auf, und auch -mein Blut ist mit jener Atmosphäre höllischer List gesättigt, -und so vermochte ich ihn zu Fall zu bringen, — -so wie die Unsichtbaren einen Menschen zu Fall bringen, -— wie aus heiterm Himmel heraus ein Blitz trifft. -</p> - -<p> -Dr. Savioli, ein junger deutscher Arzt, hat das Verdienst -der Entlarvung, — ihn schob ich vor und häufte -Beweis auf Beweis, bis der Tag anbrach, wo der -Staatsanwalt seine Hand nach Dr. Wassory ausstreckte. -</p> - -<p> -Da beging die Bestie Selbstmord! — Gesegnet sei die -Stunde! -</p> - -<p> -Als hätte mein Doppelgänger neben ihm gestanden -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -und ihm die Hand geführt, nahm er sich das Leben mit -jener Phiole Amylnitrit, die ich absichtlich in seinem -Ordinationszimmer bei der Gelegenheit hatte stehen -lassen, als ich selbst ihn einmal verleitet, auch an mir die -falsche Diagnose des grünen Stars zu stellen, — absichtlich -und mit dem glühenden Wunsche, daß es dieses Amylnitrit -sein möchte, das ihm den letzten Stoß geben sollte. -</p> - -<p> -Der Gehirnschlag hätte ihn getroffen, hieß es in der -Stadt. -</p> - -<p> -Amylnitrit tötet, eingeatmet, wie Gehirnschlag. Aber -lange konnte das Gerücht nicht aufrecht erhalten werden.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Charousek starrte plötzlich geistesabwesend, als habe er -sich in ein tiefes Problem verloren, vor sich hin, dann -zuckte er mit der Achsel nach der Richtung, wo Aaron -Wassertrums Trödlerladen lag. -</p> - -<p> -„Jetzt ist er allein,“ murmelte er, „ganz allein mit -seiner Gier und — und — und mit der Wachspuppe!“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Mir schlug das Herz bis zum Hals. -</p> - -<p> -Ich sah Charousek voll Entsetzen an. -</p> - -<p> -War er wahnsinnig? Es mußten Fieberphantasien -sein, die ihn diese Dinge erfinden ließen. -</p> - -<p> -Gewiß, gewiß! Er hat alles erfunden, geträumt! -</p> - -<p> -Es kann nicht wahr sein, was er da über den Augenarzt -Grauenhaftes erzählt hat. Er ist schwindsüchtig, -und die Fieber des Todes kreisen in seinem Hirn. -</p> - -<p> -Und ich wollte ihn mit ein paar scherzenden Worten -beruhigen, seine Gedanken in eine freundliche Richtung -lenken. -</p> - -<p> -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -Da fuhr, noch ehe ich die Worte fand, wie ein Blitz -in meine Erinnerung das Gesicht Wassertrums mit der -gespaltenen Oberlippe, wie es damals in mein Zimmer -mit runden Fischaugen durch die aufgerissene Tür -hereingeschaut hatte. -</p> - -<p> -Dr. Savioli! Dr. Savioli! — ja, ja, so war auch der -Name des jungen Mannes gewesen, den mir der Marionettenspieler -Zwakh flüsternd anvertraut als den des -vornehmen Zimmerherrn, der von ihm das Atelier gemietet -hatte. -</p> - -<p> -Dr. Savioli! — Wie ein Schrei tauchte es in meinem -Innern auf. Eine Reihe nebelhafter Bilder zuckte durch -meinen Geist, jagte sich mit schreckhaften Vermutungen, -die auf mich einstürmten. -</p> - -<p> -Ich wollte Charousek fragen, ihm voll Angst rasch -alles erzählen, was ich damals erlebt, da sah ich, daß ein -heftiger Hustenanfall sich seiner bemächtigt hatte und ihn -fast umwarf. Ich konnte nur noch unterscheiden, wie -er sich mühsam mit den Händen an der Mauer stützend -in den Regen hinaustappte und mir einen flüchtigen -Gruß zunickte. -</p> - -<p> -Ja, ja, er hat recht, er sprach nicht im Fieber, — -fühlte ich, — das unfaßbare Gespenst des Verbrechens -ist es, das durch diese Gassen schleicht Tag und Nacht -und sich zu verkörpern sucht. -</p> - -<p> -Es liegt in der Luft, und wir sehen es nicht. Plötzlich -schlägt es sich nieder in einer Menschenseele, — -wir ahnen es nicht, — da, dort, und ehe wir es fassen -können, ist es gestaltlos geworden und alles längst vorüber. -</p> - -<p> -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -Und nur noch dunkle Worte über irgendein entsetzliches -Geschehnis kommen an uns heran. -</p> - -<p> -Mit einem Schlage begriff ich diese rätselhaften Geschöpfe, -die rings um mich wohnten, in ihrem innersten -Wesen: sie treiben willenlos durchs Dasein von einem -unsichtbaren magnetischen Strom belebt — — so, wie -vorhin das Brautbukett in dem schmutzigen Rinnsal -vorüberschwamm. -</p> - -<p> -Mir war, als starrten die Häuser alle mit tückischen -Gesichtern voll namenloser Bosheit auf mich herüber, — -die Tore: aufgerissene schwarze Mäuler, aus denen die -Zungen ausgefault waren, — Rachen, die jeden Augenblick -einen gellenden Schrei ausstoßen konnten, so gellend -und haßerfüllt, daß es uns bis ins Innerste erschrecken -müßte. -</p> - -<p> -Was hatte zum Schluß noch der Student über den -Trödler gesagt? — Ich flüsterte mir seine Worte vor: -— Aaron Wassertrum sei jetzt allein mit seiner Gier und -— — seiner Wachspuppe. -</p> - -<p> -Was kann er nur mit der Wachspuppe gemeint -haben? -</p> - -<p> -Es muß ein Gleichnis gewesen sein, beschwichtigte ich -mich, — eines jener krankhaften Gleichnisse, mit denen -er einen zu überfallen pflegt, die man nicht versteht, und -die einen, wenn sie später unerwartet sichtbarlich werden, -so tief erschrecken können wie Dinge von ungewohnter -Form, auf die plötzlich ein greller Lichtstreif fällt. -</p> - -<p> -Ich holte tief Atem, um mich zu beruhigen und den -furchtbaren Eindruck, den mir Charouseks Erzählung verursacht -hatte, abzuschütteln. -</p> - -<p> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Ich sah die Leute genauer an, die mit mir in -dem Hausflur warteten: Neben mir stand jetzt der -dicke Alte. Derselbe, der vorhin so widerlich gelacht -hatte. -</p> - -<p> -Er hatte einen schwarzen Gehrock an und Handschuhe -und starrte mit vorquellenden Augen unverwandt auf -den Torbogen des Hauses gegenüber. -</p> - -<p> -Sein glattrasiertes Gesicht mit den breiten, gemeinen -Zügen zuckte vor Erregung. -</p> - -<p> -Unwillkürlich folgte ich seinen Blicken und bemerkte, -daß sie wie gebannt an der rothaarigen Rosina hingen, -die drüben jenseits der Gasse stand, ihr immerwährendes -Lächeln um die Lippen. -</p> - -<p> -Der Alte war bemüht, ihr Zeichen zu geben, und ich -sah, daß sie es wohl wußte, aber sich benahm, als verstünde -sie nicht. -</p> - -<p> -Endlich hielt es der Alte nicht länger aus, watete auf -den Fußspitzen hinüber und hüpfte mit lächerlicher -Elastizität wie ein großer, schwarzer Gummiball über -die Pfützen. -</p> - -<p> -Man schien ihn zu kennen, denn ich hörte allerhand -Glossen fallen, die darauf hinzielten. Ein Strolch hinter -mir, ein rotes, gestricktes Tuch um den Hals, mit blauer -Militärmütze, die Virginia hinter dem Ohr, machte -mit grinsendem Mund Anspielungen, die ich nicht verstand. -</p> - -<p> -Ich begriff nur, daß sie den Alten in der Judenstadt -den „Freimaurer“ nannten und in ihrer Sprache mit -diesem Spitznamen jemand bezeichnen wollten, der sich -an halbwüchsigen Mädchen zu vergehen pflegt, aber -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -durch intime Beziehungen zur Polizei vor jeder Strafe -sicher ist. — — — -</p> - -<p> -Dann waren das Gesicht Rosinas und der Alte drüben -im Dunkel des Hausflures verschwunden. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Punsch -</h2> - -<p class="first"> -Wir hatten das Fenster geöffnet, um den Tabakrauch -aus meinem kleinen Zimmer strömen zu lassen. -</p> - -<p> -Der kalte Nachtwind blies herein und wehte an die -zottigen Mäntel, die an der Türe hingen, daß sie leise -hin und her schwankten. -</p> - -<p> -„Prokops würdige Haupteszierde möchte am liebsten -davonfliegen“, sagte Zwakh und deutete auf des Musikers -großen Schlapphut, der die breite Krempe bewegte wie -schwarze Flügel. -</p> - -<p> -Josua Prokop zwinkerte lustig mit den Augenlidern. -</p> - -<p> -„Er will,“ sagte er, „er will wahrscheinlich — — —“ -</p> - -<p> -„Er will zum ‚Loisitschek‘ zur Tanzmusik“, nahm ihm -Vrieslander das Wort vorweg. -</p> - -<p> -Prokop lachte und schlug mit der Hand den Takt zu -den Klängen, die die dünne Winterluft her über die -Dächer trug. -</p> - -<p> -Dann nahm er meine alte, zerbrochene Gitarre von -der Wand, tat, als zupfe er die zerbrochenen Saiten und -sang mit kreischendem Falsett und gespreizter Betonung -in Rotwelsch ein wunderliches Lied: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„An Bein-del von Ei-sen</p> - <p class="verse2">recht alt</p> - <p class="verse">„An Stran-zen net gar</p> - <p class="verse2">a so kalt</p> -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> - <p class="verse">„Messinung, a’ Räucherl</p> - <p class="verse2">und Rohn</p> - <p class="verse">„und immerrr nurr putz-en — — —</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -„Wie großartig er mit einem Mal die Gaunersprache -beherrscht!“ und Vrieslander lachte laut auf und brummte -mit: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Und stok-en sich Aufzug</p> - <p class="verse2">und Pfiff</p> - <p class="verse">„Und schmallern an eisernes</p> - <p class="verse2">G’süff.</p> - <p class="verse">„Juch, —</p> - <p class="verse">„Und Handschuhkren, Harom net san — — —</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -„Dieses kuriose Lied schnarrt jeden Abend beim -‚Loisitschek‘ der meschuggene Nephtali <a id="corr-1"></a>Schaffranek mit -dem grünen Augenschirm, und ein geschminktes Weibsbild -spielt Harmonika und gröhlt den Text dazu“, erklärte -mir Zwakh. „Sie sollten auch einmal mit uns in diese -Schenke gehen, Meister Pernath. Später vielleicht, -wenn wir mit dem Punsch zu Ende sind, — was meinen -Sie? Zur Feier Ihres heutigen Geburtstages?“ -</p> - -<p> -„Ja, ja kommen Sie nachher mit uns,“ sagte Prokop -und klinkte das Fenster zu, — „man muß so etwas gesehen -haben.“ -</p> - -<p> -Dann tranken wir den heißen Punsch und hingen -unseren Gedanken nach. -</p> - -<p> -Vrieslander schnitzte an einer Marionette. -</p> - -<p> -„Sie haben uns förmlich von der Außenwelt abgeschnitten, -Josua,“ unterbrach Zwakh die Stille, „seit Sie -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -das Fenster geschlossen haben, hat niemand mehr ein -Wort gesprochen.“ -</p> - -<p> -„Ich dachte nur darüber nach, als vorhin die Mäntel -so flogen, wie seltsam es ist, wenn der Wind leblose -Dinge bewegt,“ antwortete Prokop schnell, wie um sich -wegen seines Schweigens zu entschuldigen: „Es sieht -gar so wunderlich aus, wenn Gegenstände plötzlich zu -flattern anheben, die sonst immer tot daliegen. Nicht? -— Ich sah einmal auf einem menschenleeren Platz zu, -wie große Papierfetzen, — ohne daß ich vom Winde -etwas spürte, denn ich stand durch ein Haus gedeckt, — -in toller Wut im Kreise herumjagten und einander verfolgten, -als hätten sie sich den Tod geschworen. Einen -Augenblick später schienen sie sich beruhigt zu haben, -aber plötzlich kam wieder eine wahnwitzige Erbitterung -über sie und in sinnlosem Grimm rasten sie umher, -drängten sich in einen Winkel zusammen, um von neuem -besessen auseinander zu stieben und schließlich hinter -einer Ecke zu verschwinden. -</p> - -<p> -Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie -blieb auf dem Pflaster liegen und klappte haßerfüllt auf -und zu, als sei ihr der Atem ausgegangen und als schnappe -sie nach Luft. -</p> - -<p> -Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, -wenn am Ende wir Lebewesen auch so etwas Ähnliches -wären wie solche Papierfetzen? — Ob nicht vielleicht -ein unsichtbarer, unbegreiflicher „Wind“ auch uns hin -und her treibt und unsre Handlungen bestimmt, während -wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, <a id="corr-2"></a>freiem -Willen zu stehen? -</p> - -<p> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wäre als -ein rätselhafter Wirbelwind? Jener Wind, von dem die -Bibel sagt: weißt du von wannen er kommt und wohin -er geht? — — — Träumen wir nicht auch zuweilen, -wir griffen in tiefes Wasser und fingen silberne Fische, -und nichts anderes ist geschehen, als daß ein kalter Luftzug -unsere Hände traf?“ -</p> - -<p> -„Prokop, Sie sprechen in Worten wie Pernath, was -ist’s mit Ihnen?“ sagte Zwakh und sah den Musiker -mißtrauisch an. -</p> - -<p> -„Die Geschichte vom Buch Ibbur, die vorhin erzählt -wurde, — schade, daß Sie so spät kamen und sie nicht -mit anhörten, — hat ihn so nachdenklich gestimmt“, -meinte Vrieslander. -</p> - -<p> -„Eine Geschichte von einem Buche?“ -</p> - -<p> -„Eigentlich von einem Menschen, der ein Buch brachte -und seltsam aussah. — Pernath weiß nicht, wie er heißt, -wo er wohnt, was er wollte, und trotzdem sein Aussehen -sehr auffallend gewesen sein soll, lasse es sich doch nicht -recht schildern.“ -</p> - -<p> -Zwakh horchte auf. -</p> - -<p> -„Das ist sehr merkwürdig,“ sagte er nach einer Pause, -„war der Fremde vielleicht bartlos und hatte er schrägstehende -Augen?“ -</p> - -<p> -„Ich glaube,“ antwortete ich, „das heißt, ich — ich — -weiß es ganz bestimmt. Kennen Sie ihn denn?“ -</p> - -<p> -Der Marionettenspieler schüttelte den Kopf: „Er -erinnert mich nur an den ‚Golem‘.“ -</p> - -<p> -Der Maler Vrieslander ließ sein Schnitzmesser -sinken: -</p> - -<p> -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -„Golem? — Ich habe schon so viel davon reden hören. -Wissen Sie etwas über den Golem, Zwakh?“ -</p> - -<p> -„Wer kann sagen, daß er über den Golem etwas -<em>wisse</em>?“, antwortete Zwakh und zuckte die Achseln. -„Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich eines -Tages in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn -plötzlich wieder aufleben läßt. Und eine Zeitlang spricht -dann jeder von ihm, und die Gerüchte wachsen ins -Ungeheuerliche. Werden so übertrieben und aufgebauscht, -daß sie schließlich an der eigenen Unglaubwürdigkeit zugrunde -gehen. Der Ursprung der Geschichte reicht wohl -ins siebzehnte Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen -Vorschriften der Kabbala soll ein -Rabbiner da einen künstlichen Menschen — den sogenannten -Golem — verfertigt haben, damit er ihm als -Diener helfe die Glocken in der Synagoge läuten, und -allerhand grobe Arbeit tue. -</p> - -<p> -Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden -und nur ein dumpfes, halbbewußtes Vegetieren habe ihn -belebt. Wie es heißt, auch das nur tagsüber und kraft -des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm hinter -den Zähnen stak und die freien siderischen Kräfte des -Weltalls herabzog. -</p> - -<p> -Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner -das Siegel aus dem Munde des Golem zu nehmen -versäumt, da wäre dieser in Tobsucht verfallen, in der -Dunkelheit durch die Gassen gerast und hätte zerschlagen, -was ihm in den Weg kam. -</p> - -<p> -Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den -Zettel vernichtet habe. -</p> - -<p> -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -Und da sei das Geschöpf leblos niedergestürzt. Nichts -blieb von ihm übrig, als die zwerghafte Lehmfigur, -die heute noch drüben in der Altneusynagoge gezeigt -wird.“ -</p> - -<p> -„Derselbe Rabbiner soll einmal auch zum Kaiser auf -die Burg berufen worden sein und die Schemen der -Toten beschworen und sichtbar gemacht haben,“ warf -Prokop ein, „moderne Forscher behaupten, er habe sich -dazu einer <span class="antiqua">Laterna magica</span> bedient.“ -</p> - -<p> -„Jawohl, keine Erklärung ist abgeschmackt genug, daß -sie bei den Heutigen nicht Beifall fände,“ fuhr Zwakh -unbeirrt fort. — „Eine <span class="antiqua">Laterna magica</span>!! Als ob Kaiser -Rudolf, der sein ganzes Leben solchen Dingen nachging, -einen so plumpen Schwindel nicht auf den ersten -Blick hätte durchschauen müssen! -</p> - -<p> -Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage -zurückführen läßt, daß aber irgend etwas, was nicht -sterben kann, in diesem Stadtviertel sein Wesen treibt -und damit zusammenhängt, dessen bin ich sicher. Von -Geschlecht zu Geschlecht haben meine Vorfahren hier -gewohnt, und niemand kann wohl auf mehr erlebte und -ererbte Erinnerungen an das periodische Auftauchen des -Golem zurückblicken, als gerade ich!“ -</p> - -<p> -Zwakh hatte plötzlich aufgehört zu reden, und man -fühlte mit ihm, wie seine Gedanken in vergangene -Zeiten zurückwanderten. -</p> - -<p> -Wie er, den Kopf aufgestützt, dort am Tische saß und -beim Scheine der Lampe seine roten, jugendlichen -Bäckchen fremdartig von dem weißen Haar abstachen, -verglich ich unwillkürlich im Geiste seine Züge mit den -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -maskenhaften Gesichtern seiner Marionetten, die er mir -so oft gezeigt. -</p> - -<p> -Seltsam, wie ähnlich ihnen der alte Mann doch sah! -</p> - -<p> -Derselbe Ausdruck und derselbe Gesichtsschnitt! -</p> - -<p> -Manche Dinge der Erde können nicht loskommen voneinander, -fühlte ich, und wie ich Zwakhs einfaches Schicksal -an mir vorüberziehen ließ, da schien es mir mit einem -Mal gespenstisch und ungeheuerlich, daß ein Mensch wie -er, obschon er eine bessere Erziehung als seine Vorfahren -genossen hatte und Schauspieler hätte werden sollen, -plötzlich wieder zu dem schäbigen Marionettenkasten zurückkehren -konnte, um nun abermals auf die Jahrmärkte -zu ziehen und dieselben Puppen, die schon seiner -Vorväter kümmerliches Erwerbsmittel gewesen, von -neuem ihre ungelenken Verbeugungen machen und -schläfrigen Erlebnisse vorführen zu lassen. -</p> - -<p> -Er vermag es nicht, sich von ihnen zu trennen, begriff -ich; sie leben mit von seinem Leben, und als er fern von -ihnen war, da haben sie sich in Gedanken verwandelt, -haben in seinem Hirn gewohnt und ihn rast- und ruhelos -gemacht, bis er wieder heimkehrte. Darum hält er sie -jetzt so liebevoll und kleidet sie stolz in Flitter. -</p> - -<p> -„Zwakh, wollen Sie uns nicht weitererzählen?“ forderte -Prokop den Alten auf und sah fragend nach Vrieslander -und mir hin, ob auch wir gleichen Wunsches -seien. -</p> - -<p> -„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll,“ meinte der -Alte zögernd, „die Geschichte mit dem Golem läßt sich -schwer fassen. So wie Pernath vorhin sagte: er wisse -genau, wie jener Unbekannte ausgesehen habe, und doch -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -könne er ihn nicht schildern. Ungefähr alle dreiunddreißig -Jahre wiederholt sich ein Ereignis in unsern Gassen, das -gar nichts besonders Aufregendes an sich trägt und dennoch -ein Entsetzen verbreitet, für das weder eine Erklärung -noch eine Rechtfertigung ausreicht: -</p> - -<p> -Immer wieder begibt es sich nämlich, daß ein vollkommen -fremder Mensch, bartlos, von gelber Gesichtsfarbe -und mongolischem Typus aus der Richtung der -Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider gehüllt, -gleichmäßigen und eigentümlich stolpernden Ganges, -so, als wolle er jeden Augenblick vornüber fallen, -durch die Judenstadt schreitet und plötzlich — unsichtbar -wird. -</p> - -<p> -Gewöhnlich biegt er in eine Gasse und ist dann verschwunden. -</p> - -<p> -Ein andermal heißt es, er habe auf seinem Wege einen -Kreis beschrieben und sei zu dem Punkte zurückgekehrt, -von dem er ausgegangen: einem uralten Hause in der -Nähe der Synagoge. -</p> - -<p> -Einige Aufgeregte wiederum behaupten, sie hätten ihn -um eine Ecke auf sich zukommen sehen. Wiewohl er -ihnen aber ganz deutlich entgegengeschritten, sei er dennoch, -genau wie jemand, dessen Gestalt sich in weiter -Ferne verliert, immer kleiner und kleiner geworden und -— schließlich ganz verschwunden. -</p> - -<p> -Vor sechsundsechzig Jahren nun muß der Eindruck, -den er hervorgebracht, besonders tief gegangen sein, -denn ich erinnere mich — ich war noch ein ganz kleiner -Junge —, daß man das Gebäude in der Altschulgasse -damals von oben bis unten durchsuchte. -</p> - -<p> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -Es wurde auch festgestellt, daß wirklich in diesem Hause -ein Zimmer mit Gitterfenstern vorhanden ist, zu dem -es keinen Zugang gibt. -</p> - -<p> -Aus allen Fenstern hatte man Wäsche gehängt, um -von der Gasse aus einen Augenschein zu gewinnen, -und war auf diese Weise der Tatsache auf die Spur -gekommen. -</p> - -<p> -Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich -ein Mann an einem Strick vom Dache herabgelassen, -um hineinzusehen. Kaum aber war er in die Nähe des -Fensters gelangt, da riß das Seil, und der Unglückliche -zerschmetterte sich auf dem Pflaster den Schädel. Und -als später der Versuch nochmals wiederholt werden -sollte, gingen die Ansichten über die Lage des Fensters -derart auseinander, daß man davon abstand. -</p> - -<p> -Ich selber begegnete dem ‚Golem‘ das erste Mal in -meinem Leben vor ungefähr dreiunddreißig Jahren. -</p> - -<p> -Er kam in einem sogenannten Durchhause auf mich zu, -und wir rannten fast aneinander. -</p> - -<p> -Es ist mir heute noch unbegreiflich, was damals in -mir vorgegangen sein muß. Man trägt doch um Gotteswillen -nicht immerwährend, tagaus, tagein die Erwartung -mit sich herum, man werde dem Golem begegnen. -</p> - -<p> -In jenem Augenblick aber, bestimmt — ganz bestimmt, -noch ehe ich seiner ansichtig werden konnte, schrie etwas -in mir gellend auf: der Golem! Und im selben Moment -stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor, -und jener Unbekannte ging an mir vorüber. Eine Sekunde -später drang eine Flut bleicher, aufgeregter Gesichter -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -mir entgegen, die mich mit Fragen bestürmten, -ob ich ihn gesehen hätte. -</p> - -<p> -Und als ich antwortete, da fühlte ich, daß sich meine -Zunge wie aus einem Krampfe löste, von dem ich -vorher nichts gespürt hatte. -</p> - -<p> -Ich war förmlich überrascht, daß ich mich bewegen -konnte, und deutlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich -mich, wenn auch nur den Bruchteil eines Herzschlages -lang — in einer Art Starrkrampf befunden haben mußte. -</p> - -<p> -Über all das habe ich oft und lang nachgedacht, und -mich dünkt, ich komme der Wahrheit am nächsten, wenn -ich sage: immer einmal in der Zeit eines Menschenalters -geht blitzschnell eine geistige Epidemie durch die Judenstadt, -befällt die Seelen der Lebenden zu irgendeinem -Zweck, der uns verhüllt bleibt, und läßt wie eine Luftspiegelung -die Umrisse eines charakteristischen Wesens -erstehen, das vielleicht vor Jahrhunderten hier gelebt -hat und nach Form und Gestaltung dürstet. -</p> - -<p> -Vielleicht ist es mitten unter uns, Stunde für Stunde, -und wir nehmen es nicht wahr. Hören wir doch auch -den Ton einer schwirrenden Stimmgabel nicht, bevor -sie das Holz berührt und es mitschwingen macht. -</p> - -<p> -Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk, -ohne innewohnendes Bewußtsein, — ein Kunstwerk, -das entsteht, wie ein Kristall nach stets sich gleichbleibendem -Gesetz aus dem Gestaltlosen herauswächst. -</p> - -<p> -Wer weiß das? -</p> - -<p> -Wie in schwülen Tagen die elektrische Spannung sich -bis zur Unerträglichkeit steigert und endlich den Blitz -gebiert, könnte es da nicht sein, daß auch auf die stetige -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -Anhäufung jener niemals wechselnden Gedanken, die hier -im Ghetto die Luft vergiften, eine plötzliche, ruckweise -Entladung folgen muß? — eine seelische Explosion, die -unser Traumbewußtsein ans Tageslicht peitscht, um — -dort den Blitz der Natur — hier ein Gespenst zu schaffen, -das in Mienen, Gang und Gehaben, in allem und jedem -das Symbol der Massenseele unfehlbar offenbaren -müßte, wenn man die geheime Sprache der Formen nur -richtig zu deuten verstünde? -</p> - -<p> -Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen -des Blitzes ankünden, so verraten auch hier gewisse -grauenhafte Vorzeichen das drohende Hereinbrechen -jenes Phantoms ins Reich der Tat. Der abblätternde -Bewurf einer alten Mauer nimmt eine Gestalt an, die -einem schreitenden Menschen gleicht; und in Eisblumen -am Fenster bilden sich die Züge starrer Gesichter. Der -Sand vom Dache scheint anders zu fallen als sonst und -drängt dem argwöhnischen Beobachter den Verdacht -auf, eine unsichtbare <a id="corr-3"></a>Intelligenz, die sich lichtscheu verborgen -hält, werfe ihn herab und übe sich in heimlichen -Versuchen, allerlei seltsame Umrisse hervorzubringen. — -Ruht das Auge auf eintönigem Geflecht oder den Unebenheiten -der Haut, bemächtigt sich unser die unerfreuliche -Gabe, überall mahnende, bedeutsame Formen zu -sehen, die in unsern Träumen ins Riesengroße auswachsen. -Und immer zieht sich durch solche schemenhafte -Versuche der angesammelten Gedankenherden, die Wälle -der Alltäglichkeit zu durchnagen, für uns wie ein roter -Faden die qualvolle Gewißheit, daß unser eigenstes -Inneres mit Vorbedacht und gegen unsern Willen ausgesogen -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -wird, nur damit die Gestalt des Phantoms -plastisch werden könne. -</p> - -<p> -Wie ich nun vorhin Pernath bestätigen hörte, daß ihm -ein Mensch begegnet sei, bartlos, mit schiefgestellten -Augen, da stand der ‚Golem‘ vor mir, wie ich ihn damals -gesehen. -</p> - -<p> -Wie aus dem Boden gewachsen stand er vor mir. -</p> - -<p> -Und eine gewisse dumpfe Furcht, es stehe wieder -etwas Unerklärliches nahe bevor, befiel mich einen Augenblick -lang; dieselbe Angst, die ich schon einmal in meinen -Kinderjahren verspürt, als die ersten spukhaften Äußerungen -des Golem ihre Schatten vorauswarfen. -</p> - -<p> -Sechsundsechzig Jahre ist das wohl jetzt her und knüpft -sich an einen Abend, an dem der Bräutigam meiner -Schwester zu Besuch gekommen war, und in der Familie -der Tag der Hochzeit festgesetzt werden sollte. -</p> - -<p> -Es wurde damals Blei gegossen — zum Scherz — -und ich stand mit offenem Munde dabei und begriff -nicht, was das zu bedeuten habe, — in meiner wirren, -kindlichen Vorstellung brachte ich es in Zusammenhang -mit dem Golem, von dem ich meinen Großvater -oft hatte erzählen hören, und bildete mir ein, jeden -Augenblick müsse die Tür aufgehen und der Unbekannte -eintreten. -</p> - -<p> -Meine Schwester leerte dann den Löffel mit dem -flüssigen Metall in das Wasserschaff und lachte mich, der -ich aufgeregt zusah, lustig an. -</p> - -<p> -Mit welken, zitternden Händen holte mein Großvater -den blitzenden Bleiklumpen heraus und hielt ihn -ans Licht. Gleich darauf entstand eine allgemeine Erregung. -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Man redete laut durcheinander; ich wollte mich -hinzudrängen, aber man wehrte mich ab. -</p> - -<p> -Später, als ich älter geworden, erzählte mir mein -Vater, es wäre damals das geschmolzene Metall zu -einem kleinen, ganz deutlichen Kopf erstarrt gewesen, — -glatt und rund, wie nach einer Form gegossen, und von -solch unheimlicher Ähnlichkeit mit den Zügen des ‚Golem‘, -daß sich alle entsetzt hätten. -</p> - -<p> -Oft sprach ich mit dem Archivar Schemajah Hillel, -der die Requisiten der Altneusynagoge in Verwahrung -hat und auch die gewisse Lehmfigur aus Kaiser Rudolfs -Zeiten, darüber. Er hat sich mit Kabbala befaßt und -meint, jener Erdklumpen mit den menschlichen Gliedmaßen -sei vielleicht nichts anderes als ein ehemaliges -Vorzeichen, ganz so wie in meinem Fall der bleierne -Kopf. Und der Unbekannte, der da umgehe, müsse das -Phantasie- oder Gedankenbild sein, das jener mittelalterliche -Rabbiner zuerst <em>lebendig gedacht</em> habe, ehe -er es mit Materie bekleiden konnte, und das nun in -regelmäßigen Zeitabschnitten, bei den gleichen astrologischen -Sternstellungen, unter denen es erschaffen -worden — wiederkehre, vom Triebe nach stofflichem -Leben gequält. -</p> - -<p> -Auch Hillels verstorbene Frau hat den ‚Golem‘ von -Angesicht zu Angesicht erblickt und ebenso wie ich gefühlt, -daß man sich im Starrkrampf befindet, solange das -rätselhafte Wesen in der Nähe weilt. -</p> - -<p> -Sie sagte, sie sei felsenfest überzeugt gewesen, daß es -damals nur ihre eigene Seele habe sein können, die — -aus dem Körper getreten — ihr einen Augenblick gegenübergestanden -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -und mit den Zügen eines fremden Geschöpfes -ins Gesicht gestarrt hätte. -</p> - -<p> -Trotz eines furchtbaren Grauens, das sich ihrer damals -bemächtigt, habe sie doch keine Sekunde die Gewißheit -verlassen, daß jener andere nur ein Stück ihres -eignen Innern sein konnte.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -„Es ist unglaublich“, murmelte Prokop in Gedanken -verloren. -</p> - -<p> -Auch der Maler Vrieslander schien ganz in Grübeln -versunken. -</p> - -<p> -Da klopfte es an die Türe und das alte Weib, das -mir des Abends Wasser bringt und was ich sonst noch -nötig habe, trat ein, stellte den tönernen Krug auf den -Boden und ging stillschweigend wieder hinaus. -</p> - -<p> -Wir alle hatten aufgeblickt und sahen wie erwacht im -Zimmer umher, aber noch lange Zeit sprach niemand ein -Wort. -</p> - -<p> -Als sei ein neuer Einfluß mit der Alten zur Tür -hereingeschlüpft, an den man sich erst gewöhnen -mußte. -</p> - -<p> -„Ja! Die rothaarige Rosina, das ist auch so ein Gesicht, -das man nicht loswerden kann und aus den Winkeln -und Ecken immer wieder auftauchen sieht“, sagte -plötzlich Zwakh ganz unvermittelt. „Dieses erstarrte, -grinsende Lächeln kenne ich nun schon ein ganzes Menschenleben. -Erst die Großmutter, dann die Mutter! — -Und stets das gleiche Gesicht, kein Zug anders! Derselbe -Name Rosina; — es ist immer eine die Auferstehung -der andern.“ -</p> - -<p> -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -„Ist Rosina nicht die Tochter des Trödlers Aaron -Wassertrum?“ fragte ich. -</p> - -<p> -„Man spricht so“, meinte Zwakh, — — „Aaron -Wassertrum aber hat manchen Sohn und manche Tochter, -von denen man nicht weiß. Auch bei Rosinas Mutter -wußte man nicht, wer ihr Vater gewesen, — auch nicht, -was aus ihr geworden ist. — Mit fünfzehn Jahren hatte -sie ein Kind geboren und war seitdem nicht mehr aufgetaucht. -Ihr Verschwinden hing mit einem Mord zusammen, -soweit ich mich entsinnen kann, der ihretwegen -in diesem Hause begangen wurde. -</p> - -<p> -Wie jetzt ihre Tochter, spukte damals <em>sie</em> den halbwüchsigen -Jungen im Kopfe. Einer von ihnen lebt -noch, — ich sehe ihn öfter, — doch sein Name ist mir -entfallen. Die andern sind bald gestorben, und ich meine, -sie hat sie alle frühzeitig unter die Erde gebracht. Ich -erinnere mich aus jener Zeit überhaupt nur noch an -kurze Episoden, die wie verblichene Bilder durch mein -Gedächtnis treiben. So hat es damals einen halb blödsinnigen -Menschen gegeben, der nachts von Schenke zu -Schenke zog und den Gästen gegen ein paar Kreuzer -Silhouetten aus schwarzem Papier schnitt. Und wenn -man ihn betrunken machte, geriet er in eine unsägliche -Traurigkeit, und unter Tränen und Schluchzen schnitzelte -er, ohne aufzuhören, immer das gleiche scharfe Mädchenprofil, -bis sein ganzer Papiervorrat verbraucht war. -</p> - -<p> -Aus Zusammenhängen zu schließen, die ich längst -vergessen, hatte er — fast als Kind noch — eine gewisse -Rosina, wohl die Großmutter der heutigen, so heftig -geliebt, daß er den Verstand darüber verlor. -</p> - -<p> -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -Wenn ich die Jahre zurückzähle, kann es keine andere -als die Großmutter der jetzigen Rosina gewesen sein.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Zwakh schwieg und lehnte sich zurück. — — — -</p> - -<p> -Das Schicksal in diesem Haus irrt im Kreise umher -und kehrt immer wieder zum selben Punkt zurück, fuhr -es mir durch den Sinn, und ein häßliches Bild, das ich -einmal mit angesehen — eine Katze mit verletzter Gehirnhälfte -im Kreise herumtaumelnd — trat vor mein -Auge. — — — -</p> - -<p> -„Jetzt kommt der Kopf“, hörte ich plötzlich den Maler -Vrieslander mit heller Stimme sagen. -</p> - -<p> -Und er nahm einen runden Holzklotz aus der Tasche -und begann an ihm zu schnitzen. -</p> - -<p> -Eine schwere Müdigkeit legte sich mir über die Augen, -und ich rückte meinen Lehnstuhl aus dem Lichtschein in -den Hintergrund. -</p> - -<p> -Das Wasser für den Punsch brodelte im Kessel und -Josua Prokop füllte wiederum die Gläser. Leise, ganz -leise klangen die Klänge der Tanzmusik durch das geschlossene -Fenster; — manchmal verstummten sie vollends, -dann wiederum wachten sie ein wenig auf, wie -sie der Wind unterwegs verlor oder zu uns von der Gasse -emportrug. -</p> - -<p> -Ob ich denn nicht mit anstoßen wolle, fragte mich -nach einer Weile der Musiker. -</p> - -<p> -Ich aber gab keine Antwort, — so vollkommen war -mir der Wille, mich zu bewegen, abhanden gekommen, -daß ich gar nicht auf den Gedanken, den Mund zu öffnen, -verfiel. -</p> - -<p> -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -Ich dachte ich schliefe, so steinern war die innere Ruhe, -die sich meiner bemächtigt hatte. Und ich mußte hinüber -auf Vrieslanders funkelndes Messer blinzeln, das -ruhelos aus dem Holz kleine Späne biß, — um die Gewißheit -zu erlangen, daß ich wach sei. -</p> - -<p> -In weiter Ferne brummte Zwakhs Stimme und erzählte -wieder allerlei wunderliche Geschichten über Marionetten -und krause Märchen, die er für seine Puppenspiele -erdacht. -</p> - -<p> -Auch von Dr. Savioli war die Rede und von der vornehmen -Dame, der Gattin eines Adligen, die in das -versteckte Atelier heimlich zu Savioli zu Besuch komme. -</p> - -<p> -Und wiederum sah ich im Geiste Aaron Wassertrums -höhnische, triumphierende Miene. — -</p> - -<p> -Ob ich Zwakh nicht mitteilen sollte, was sich damals -ereignet hatte, überlegte ich, — dann hielt ich es nicht -der Mühe für wert und für belanglos. Auch wußte ich, -daß mein Wille versagen würde, wollte ich jetzt den Versuch -machen zu sprechen. -</p> - -<p> -Plötzlich sahen die drei am Tische aufmerksam zu mir -herüber und Prokop sagte ganz laut: „Er ist eingeschlafen“, -— so laut, daß es fast klang, als ob es eine -Frage sein sollte. -</p> - -<p> -Sie redeten mit gedämpfter Stimme weiter, und ich -erkannte, daß sie von mir sprachen. -</p> - -<p> -Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und -fing das Licht auf, das von der Lampe niederfloß, und -der spiegelnde Schein brannte mir in den Augen. -</p> - -<p> -Es fiel ein Wort wie: „irr sein“, und ich horchte auf -die Rede, die in der Runde ging. -</p> - -<p> -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -„Gebiete, wie das vom ‚Golem‘ sollte man vor Pernath -nie berühren,“ sagte Josua Prokop vorwurfsvoll, -„als er vorhin von dem Buche Ibbur erzählte, schwiegen -wir still und fragten nicht weiter. Ich möchte wetten, -er hat alles nur geträumt.“ -</p> - -<p> -Zwakh nickte: „Sie haben ganz recht. Es ist, wie -wenn man mit offenem Lichte eine verstaubte Kammer -betreten wollte, in der morsche Tücher Decke und Wände -bespannen und der dürre Zunder der Vergangenheit -fußhoch den Boden bedeckt; ein flüchtiges Berühren nur -und schon schlägt das Feuer aus allen Ecken.“ -</p> - -<p> -„War Pernath lange im Irrenhaus? Schade um ihn, -er kann doch erst vierzig sein“, sagte Vrieslander. -</p> - -<p> -„Ich weiß es nicht, ich habe auch keine Vorstellung, -woher er stammen mag und was früher sein Beruf gewesen -ist. Aussehen tut er ja wie ein altfranzösischer -Edelmann mit seiner schlanken Gestalt und dem Spitzbart. -Vor vielen, vielen Jahren hat mich ein befreundeter -alter Arzt gebeten, ich möchte mich seiner ein wenig -annehmen und ihm eine kleine Wohnung hier in diesen -Gassen, wo sich niemand um ihn kümmern und mit -Fragen nach früheren Zeiten beunruhigen würde, aussuchen.“ -— Wieder sah Zwakh bewegt zu mir herüber. -— „Seit jener Zeit lebt er hier, bessert Antiquitäten aus -und schneidet Gemmen und hat sich damit einen kleinen -Wohlstand gegründet. Es ist ein Glück für ihn, daß er -alles, was mit seinem Wahnsinn zusammenhängt, vergessen -zu haben scheint. Fragen Sie ihn beileibe nur -niemals nach Dingen, die die Vergangenheit in seiner -Erinnerung wachrufen könnten, — wie oft hat mir das -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -der alte Arzt ans Herz gelegt! Wissen Sie, Zwakh, -sagte er immer, wir haben so eine gewisse Methode; -wir haben seine Krankheit mit vieler Mühe eingemauert, -möchte ich’s nennen, — so wie man eine Unglücksstätte -einfriedet, weil sich an sie eine traurige Erinnerung -knüpft.“ — — — -</p> - -<p> -Die Rede des Marionettenspielers war auf mich zugekommen -wie ein Schlächter auf ein wehrloses Tier -und preßte mir mit rohen, grausamen Händen das Herz -zusammen. -</p> - -<p> -Von jeher hatte eine dumpfe Qual an mir genagt, — -ein Ahnen, als wäre mir etwas genommen worden und -als hätte ich in meinem Leben eine lange Strecke Wegs -an einem Abgrunde hin durchschritten wie ein Schlafwandler. -Und nie war es mir gelungen, die Ursache zu -ergründen. -</p> - -<p> -Jetzt lag des Rätsels Lösung offen vor mir und brannte -mich unerträglich wie eine bloßgelegte Wunde. -</p> - -<p> -Mein krankhafter Widerwillen, der Erinnerung an -verflossene Ereignisse nachzuhängen, — dann der seltsame, -von Zeit zu Zeit immer wiederkehrende Traum, -ich sei in ein Haus mit einer Flucht mir unzugänglicher -Gemächer gesperrt, — das beängstigende Versagen -meines Gedächtnisses in Dingen, die meine Jugendzeit -betrafen, — alles das fand mit einem Male seine furchtbare -Erklärung: Ich war wahnsinnig gewesen und man -hatte Hypnose angewandt, hatte das — „Zimmer“ -verschlossen, das die Verbindung zu jenen Gemächern -meines Gehirns bildete, und mich zum Heimatlosen inmitten -des mich umgebenden Lebens gemacht. -</p> - -<p> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -Und keine Aussicht, die verlorene Erinnerung je -wiederzugewinnen! -</p> - -<p> -Die Triebfedern meines Denkens und Handelns liegen -in einem andern, vergessenen Dasein verborgen, begriff -ich, — nie würde ich sie erkennen können: eine verschnittne -Pflanze bin ich, ein Reis, das aus einer fremden -Wurzel sproßt. Gelänge es mir auch, den Eingang in -jenes verschlossene „Zimmer“ zu erzwingen, müßte ich -nicht abermals den Gespenstern, die man darein gebannt, -in die Hände fallen?! -</p> - -<p> -Die Geschichte von dem ‚Golem‘, die Zwakh vor einer -Stunde erzählte, zog mir durch den Sinn, und plötzlich -erkannte ich einen riesengroßen, geheimnisvollen Zusammenhang -zwischen dem sagenhaften Gemach ohne -Zugang, in dem jener Unbekannte wohnen sollte, und -meinem bedeutungsvollen Traum. -</p> - -<p> -Ja! auch in meinem Falle „würde der Strick reißen“, -wollte ich versuchen, in das vergitterte Fenster meines -Innern zu blicken. -</p> - -<p> -Der seltsame Zusammenhang wurde mir immer -deutlicher und nahm etwas unbeschreiblich Erschreckendes -für mich an. -</p> - -<p> -Ich fühlte: es sind da Dinge — unfaßbare — zusammengeschmiedet -und laufen wie blinde Pferde, die -nicht wissen, wohin der Weg führt, nebeneinander her. -</p> - -<p> -Auch im Ghetto: ein Zimmer, ein Raum, dessen -Eingang niemand finden kann, — ein schattenhaftes -Wesen, das darin wohnt und nur zuweilen durch die -Gassen tappt, um Grauen und Entsetzen unter die -Menschen zu tragen! — — — -</p> - -<p> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -Immer noch schnitzte Vrieslander an dem Kopfe, und -das Holz knirschte unter der Klinge des Messers. -</p> - -<p> -Es tat mir fast weh, wie ich es hörte, und ich sah hin, -ob es denn nicht bald zu Ende sei. -</p> - -<p> -Wie der Kopf sich in des Malers Hand hin und her -wandte, war es, als habe er Bewußtsein und spähe von -Winkel zu Winkel. Dann ruhten seine Augen lange -auf mir, befriedigt, daß sie mich endlich gefunden. -</p> - -<p> -Auch ich vermochte meine Blicke nicht mehr abzuwenden -und starrte unverwandt auf das hölzerne Antlitz. -</p> - -<p> -Eine Weile schien das Messer des Malers zögernd etwas -zu suchen, dann ritzte es entschlossen eine Linie ein, und -plötzlich gewannen die Züge des Holzkopfes schreckhaftes -Leben. -</p> - -<p> -Ich erkannte das gelbe Gesicht des Fremden, der mir -damals das Buch gebracht. -</p> - -<p> -Dann konnte ich nichts mehr unterscheiden, der Anblick -hatte nur eine Sekunde gedauert, und ich spürte, -daß mein Herz zu schlagen aufhörte und ängstlich flatterte. -</p> - -<p> -Dennoch blieb ich mir — wie damals — des Gesichtes -bewußt. -</p> - -<p> -<em>Ich war es selber geworden und lag auf -Vrieslanders Schoß und spähte umher.</em> -</p> - -<p> -Meine Augen wanderten im Zimmer umher, und -eine fremde Hand bewegte meinen Schädel. -</p> - -<p> -Dann sah ich mit einem Male Zwakhs aufgeregte -Mienen und hörte seine Worte: um Gottes Willen, das -ist ja der Golem! -</p> - -<p> -Und ein kurzes Ringen entstand, und man wollte -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Vrieslander mit Gewalt das Schnitzwerk entreißen, -doch der wehrte sich und rief lachend: -</p> - -<p> -„Was wollt ihr, es ist doch ganz und gar mißlungen.“ -Und er wand sich los, öffnete das Fenster und warf den -Kopf auf die Gasse hinunter. -</p> - -<p> -Da schwand mein Bewußtsein und ich tauchte in eine -tiefe Finsternis, die von schimmernden Goldfäden durchzogen -war, und als ich, wie es mir schien, nach einer -langen, langen Zeit erwachte, da erst hörte ich das Holz -klappernd auf das Pflaster fallen. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -„Sie haben so fest geschlafen, daß Sie nicht merkten, -wie wir Sie schüttelten,“ — sagte Josua Prokop zu mir, -„der Punsch ist aus, und Sie haben alles versäumt.“ -</p> - -<p> -Der heiße Schmerz, über das, was ich vorhin mitangehört, -übermannte mich wieder, und ich wollte aufschreien, -daß ich nicht geträumt habe, als ich ihnen von -dem Buche Ibbur erzählte — und es aus der Kassette -nehmen und ihnen zeigen könne. -</p> - -<p> -Aber diese Gedanken kamen nicht zu Wort und konnten -die Stimmung allgemeinen Aufbruches, die meine Gäste -ergriffen hatte, nicht durchdringen. -</p> - -<p> -Zwakh hängte mir mit Gewalt den Mantel um und -rief: -</p> - -<p> -„Kommen Sie nur mit zum Loisitschek, Meister -Pernath, es wird Ihre Lebensgeister erfrischen.“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-7"> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Nacht -</h2> - -<p class="first"> -Willenlos hatte ich mich von Zwakh die Treppe hinunterführen -lassen. -</p> - -<p> -Ich spürte den Geruch des Nebels, der von der Straße -ins Haus drang, deutlicher und deutlicher werden. Josua -Prokop und Vrieslander waren einige Schritte vorausgegangen, -und man hörte, wie sie draußen vor dem -Torweg mitsammen sprachen. -</p> - -<p> -„Er muß rein in das Kanalgitter gefallen sein. Es -ist doch zum Teufelholen.“ -</p> - -<p> -Wir traten hinaus auf die Gasse, und ich sah, wie -Prokop sich bückte und die Marionette suchte. -</p> - -<p> -„Freut mich, daß du den dummen Kopf nicht finden -kannst“, brummte Vrieslander. Er hatte sich an die -Mauer gestellt und sein Gesicht leuchtete grell auf und -erlosch wieder in kurzen Intervallen — wie er das Feuer -eines Streichholzes zischend in seine kurze Pfeife sog. -</p> - -<p> -Prokop machte eine heftig abwehrende Bewegung -mit dem Arm und beugte sich noch tiefer herab. Er -kniete beinahe auf dem Pflaster: -</p> - -<p> -„Still doch! Hört ihr denn nichts?“ -</p> - -<p> -Wir traten an ihn heran. Er deutete stumm auf das -Kanalgitter und legte horchend die Hand ans Ohr. Eine -Weile standen wir unbeweglich und lauschten in den -Schacht hinab. -</p> - -<p> -Nichts. -</p> - -<p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -„Was war’s denn?“ flüsterte endlich der alte Marionettenspieler; -doch sofort packte ihn Prokop heftig -beim Handgelenk. -</p> - -<p> -Einen Augenblick — kaum einen Herzschlag lang — -hatte es mir geschienen, als klopfte da unten eine Hand -gegen eine Eisenplatte — fast unhörbar. Wie ich eine -Sekunde später darüber nachdachte, war alles vorbei; -nur in meiner Brust hallte es wie ein Erinnerungsecho -weiter und löste sich langsam in ein unbestimmtes Gefühl -des Grauens auf. -</p> - -<p> -Schritte, die die Gasse heraufkamen, verscheuchten den -Eindruck. -</p> - -<p> -„Gehen wir; was stehen wir da herum!“ mahnte -Vrieslander. -</p> - -<p> -Wir schritten die Häuserreihe entlang. -</p> - -<p> -Prokop folgte nur widerwillig. -</p> - -<p> -„Meinen Hals möcht’ ich wetten, da unten hat jemand -geschrien in Todesangst.“ -</p> - -<p> -Niemand von uns antwortete ihm, aber ich fühlte, -daß etwas wie leise dämmernde Angst uns die Zunge -in Fesseln hielt. -</p> - -<p> -Bald darauf standen wir vor einem rotverhängten -Schenkenfenster. -</p> - -<p class="center"> -„SALON LOISITSCHEK“.<br /> -„Heinte großes Konzehr“ -</p> - -<p class="noindent"> -stand auf einem Pappendeckel geschrieben, dessen Rand -mit verblichenen Photographien von Frauenzimmern -bedeckt war. -</p> - -<p> -Ehe noch Zwakh die Hand auf die Klinke legen konnte, -öffnete sich die Eingangstür nach innen und ein vierschrötiger -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -Kerl mit gewichstem, schwarzem Haar, ohne -Kragen — eine grünseidene Kravatte um den bloßen -Hals geschlungen und die Frackweste mit einem Klumpen -aus Schweinszähnen geschmückt — empfing uns mit -Bücklingen. -</p> - -<p> -„Jä, jä, das sin mir Gästäh. — — — Pane Schaffranek, -rasch einen Tusch!“ setzte er, über die Schulter in -das von Menschen überfüllte Lokal gewendet, hastig -seinem Willkommengruß hinzu. -</p> - -<p> -Ein klimperndes Geräusch, wie wenn eine Ratte -über Klavier<a id="corr-4"></a>saiten liefe, war die Antwort. -</p> - -<p> -„Jä, jä, das sin mir Gästäh, das sin mir Gästäh. Da -schaut man“, murmelte der Vierschrötige immerwährend -vor sich hin, während er uns aus den Mänteln half. -</p> - -<p> -„Ja, ja, heinte ist der ganze verehrliche Hochadel des -Landes bei mir versammelt“, beantwortete er triumphierend -Vrieslanders erstaunte Miene, als im Hintergrund -auf einer Art Estrade, die durch Geländer und eine -zweistufige Treppe vom vorderen Teil der Schenke getrennt -war, ein paar vornehme junge Herren in Abendtoilette -sichtbar wurden. -</p> - -<p> -Schwaden beißenden Tabakrauches lagerten über den -Tischen, hinter denen die langen Holzbänke an den -Wänden vollbesetzt von zerlumpten Gestalten waren: -Dirnen von den Schanzen, ungekämmt, schmutzig, barfuß, -die festen Brüste kaum verhüllt von mißfarbigen -Umhängetüchern, Zuhälter daneben mit blauen Militärmützen -und Zigaretten hinter dem Ohr, Viehhändler -mit haarigen Fäusten und schwerfälligen Fingern, die -bei jeder Bewegung eine stumme Sprache der Niedertracht -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -redeten, vazierende Kellner mit frechen Augen -und blatternarbige Kommis mit karrierten Hosen. -</p> - -<p> -„Ich stell’ ich Ihnen spanische Plente umadum, damit -Sie schön ungestört sein“, krächzte die feiste Stimme des -Vierschrötigen, und eine Rollwand, beklebt mit kleinen -tanzenden Chinesen, schob sich langsam vor den Ecktisch, -an den wir uns gesetzt hatten. -</p> - -<p> -Schnarrende Klänge einer Harfe machten das Stimmengewirr -im Zimmer verlöschen. -</p> - -<p> -Eine Sekunde eine rhythmische Pause. -</p> - -<p> -Totenstille, als hielte alles den Atem an. -</p> - -<p> -Mit erschreckender Deutlichkeit hörte man plötzlich wie -die eisernen <a id="corr-5"></a>Gasstäbe fauchend die flachen herzförmigen -Flammen aus ihren Mündern in die Luft bliesen — — -dann fiel die Musik über das Geräusch her und verschlang -es. -</p> - -<p> -Als wären sie soeben erst entstanden, tauchten da zwei -seltsame Gestalten aus dem Tabakqualm vor meinem -Blick empor. -</p> - -<p> -Mit langem, <a id="corr-6"></a>wallendem, weißem Prophetenbart, ein -schwarzseidenes Käppchen — wie es die alten jüdischen -Familienväter tragen — auf dem Kahlkopf, die blinden -Augen milchbläulich und gläsern — starr zur Decke gerichtet -— saß dort ein Greis, bewegte lautlos die Lippen -und fuhr mit dürren Fingern wie mit Geierkrallen in -die Saiten einer Harfe. Neben ihm in speckglänzendem, -schwarzem Taffetkleid, Jettschmuck und Jettkreuz an -Hals und Armen — ein Sinnbild erheuchelter Bürgermoral -— ein schwammiges Weibsbild, die Ziehharmonika -auf dem Schoß. -</p> - -<p> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Ein wildes Gestolper von Klängen drängte sich aus -den Instrumenten, dann sank die Melodie ermattet zur -bloßen Begleitung herab. -</p> - -<p> -Der Greis hatte ein paarmal in die Luft gebissen und -riß den Mund weit auf, daß man die schwarzen Zahnstumpen -sehen konnte. Langsam aus der Brust herauf -rang sich ihm, von seltsamen hebräischen Röchellauten -begleitet, ein wilder Baß: -</p> - -<p> -„Roo — n — te, blau — we Stern — —“ -</p> - -<p> -„Rititit“ (schrillte das Weibsbild dazwischen und -schnappte sofort die keifigen Lippen zusammen, als habe -sie schon zuviel gesagt) -</p> - -<p class="unwrap"> -„Roonte blaue Steern<br /> -Hörndlach ess i’ ach geern“;<br /> -„Rititit“<br /> -„Rothboart, Grienboart<br /> -allerlaj Stern“ — —<br /> -„Rititit, rititit.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Die Paare traten zum Tanze an. -</p> - -<p> -„Es ist das Lied vom ‚chomezigen Borchu‘“, erklärte -uns lächelnd der Marionettenspieler und schlug leise mit -dem Zinnlöffel, der sonderbarerweise mit einer Kette -am Tisch befestigt war, den Takt. „Vor wohl hundert -Jahren oder mehr noch hatten zwei Bäckergesellen, Rotbart -und Grünbart, am Abend des ‚Schabbes Hagodel‘ -das Brot — Sterne und Hörnchen — vergiftet, um ein -ausgiebiges Sterben in der Judenstadt hervorzurufen; -aber der ‚Meschores‘ — der Gemeindediener — war -infolge göttlicher Erleuchtung noch rechtzeitig daraufgekommen -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -und konnte die beiden Verbrecher der Stadtpolizei -überliefern. Zur Erinnerung an die wundersame -Errettung aus Todesgefahr dichteten damals die -‚Lamdonim‘ und ‚Bocherlech‘ jenes seltsame Lied, das -wir hier jetzt als Bordellquadrille hören.“ -</p> - -<p> -„Rititit — Rititit“ -</p> - -<p> -„Roote blaue Steern — — — —“ immer hohler und -fanatischer erscholl das Gebell des Greises. -</p> - -<p> -Plötzlich wurde die Melodie konfuser und ging allmählich -in den Rhythmus des böhmischen „Schlapak“ -— eines schleifenden Schiebetanzes — über, bei dem die -Paare die schwitzenden Wangen innig aneinander preßten. -</p> - -<p> -„So recht. Bravo. Äh da! fang, hep, hep!“ rief von -der Estrade ein schlanker, junger Kavalier im Frack, das -Monokel im Auge, dem Harfenisten zu, griff in die -Westentasche und warf ein Silberstück in der Richtung. -Es erreichte sein Ziel nicht: ich sah noch, wie es über das -Tanzgewühl hinblitzte; da war es plötzlich verschwunden. -Ein Strolch — sein Gesicht kam mir so bekannt vor; ich -glaube, es muß derselbe gewesen sein, der neulich bei -dem Regenguß neben Charousek gestanden — hatte seine -Hand hinter dem Busentuch seiner Tänzerin, wo er sie -bisher hartnäckig ruhen gehabt, hervorgezogen — ein -Griff in die Luft mit affenartiger Geschwindigkeit, ohne -auch nur einen Takt der Musik auszulassen, und die -Münze war geschnappt. Nicht eine Muskel zuckte im -Gesicht des Burschen auf, nur zwei, drei Paare in der -Nähe grinsten leise. -</p> - -<p> -„Wahrscheinlich einer vom ‚Bataillon‘, nach der Geschicklichkeit -zu schließen“, sagte Zwakh lachend. -</p> - -<p> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -„Meister Pernath hat sicherlich noch nie etwas vom -‚Bataillon‘ gehört“, fiel Vrieslander auffallend rasch -ein und zwinkerte heimlich dem Marionettenspieler -zu, daß ich es nicht sehen sollte. — Ich verstand -gar wohl: es war wie vorhin, oben auf meinem -Zimmer. Sie hielten mich für krank. Wollten mich -aufheitern. Und Zwakh sollte etwas erzählen. Irgend -etwas. -</p> - -<p> -Wie mich der gute Alte so mitleidig ansah, stieg es mir -heiß vom Herzen in die Augen. Wenn er wüßte, wie -weh mir sein Mitleid tat! -</p> - -<p> -Ich überhörte die ersten Worte, mit denen der Marionettenspieler -seine Worte einleitete, — ich weiß nur, -mir war, als verblute ich langsam. Mir wurde immer -kälter und starrer, wie vorhin, als ich als hölzernes Gesicht -auf Vrieslanders Schoß gelegen hatte. Dann war -ich plötzlich mitten drin in der Erzählung, die mich -fremdartig umfing, — einhüllte, wie ein lebloses Stück -aus einem Lesebuch. -</p> - -<p> -Zwakh begann: -</p> - -<p> -„<em>Die Erzählung vom Rechtsgelehrten Dr. -Hulbert und seinem Bataillon.</em> -</p> - -<p> -— — — No, was soll ich Ihnen sagen: Das Gesicht -hatte er voller Warzen und krumme Beine wie ein -Dachshund. Schon als Jüngling kannte er nichts als -Studium. Trockenes, entnervendes Studium. Von dem, -was er sich durch Stundengeben mühsam erwarb, mußte -er noch seine kranke Mutter erhalten. Wie grüne Wiesen -aussehen und Hecken und Hügel voll Blumen und Wälder, -erfuhr er, glaube ich, nur aus Büchern. Und wie -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -wenig von Sonnenschein in Prags schwarze Gassen fällt, -wissen Sie ja selbst. -</p> - -<p> -Sein Doktorat hatte er mit Auszeichnung gemacht; -das war eigentlich selbstverständlich. -</p> - -<p> -Nun, und mit der Zeit wurde er ein berühmter Rechtsgelehrter. -So berühmt, daß alle Leute — Richter und -alte Advokaten — zu ihm fragen kamen, wenn sie irgend -etwas nicht wußten. Dabei lebte er ärmlich wie ein -Bettler in einer Dachkammer, deren Fenster hinaus -auf den Teinhof schaute. -</p> - -<p> -So vergingen Jahre um Jahre und Dr. Hulberts -Ruf als Leuchte seiner Wissenschaft wurde allmählich -Sprichwort im ganzen Lande. Daß ein Mann wie er -weichen Herzensempfindungen zugänglich sein konnte, -zumal sein Haar schon anfing weiß zu werden und sich -niemand erinnerte, ihn je von etwas anderem als von -Jurisprudenz sprechen gehört zu haben, hätte wohl -keiner geglaubt. Doch gerade in solchen verschlossenen -Herzen glüht die Sehnsucht am heißesten. -</p> - -<p> -An dem Tage, als Dr. Hulbert das Ziel erreichte, das -ihm wohl schon als höchstes seit seiner Studentenzeit vorgeschwebt -hatte: — als nämlich Seine Majestät der -Kaiser von Wien aus ihn zum Rektor Magnifikus an -unserer Universität ernannte, da ging es von Mund zu -Mund, er habe sich mit einem jungen, bildschönen Fräulein -aus zwar armer, aber adliger Familie verlobt. -</p> - -<p> -Und wirklich schien von da an das Glück bei Dr. Hulbert -eingezogen zu sein. Wenn auch seine Ehe kinderlos -blieb, so trug er doch seine junge Gattin auf Händen, -und jeden Wunsch zu erfüllen, den er ihr nur irgend von -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -den Augen abzulesen vermochte, war seine höchste -Freude. -</p> - -<p> -In seinem Glück vergaß er jedoch keineswegs, wie es -wohl so manch anderer getan hätte, seiner leidenden -Mitmenschen. „Mir hat Gott meine Sehnsucht gestillt,“ -soll er einmal gesagt haben, — „er hat mir ein Traumgesicht -zur Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz -vor mir hergegangen ist seit Kindheit an: er hat mir das -lieblichste Wesen zu eigen gegeben, das die Erde trägt. -Und so will ich, daß ein Schimmer von diesem Glück, -soweit es in meiner kleinen Macht steht, auch auf andere -fällt.“ — — — -</p> - -<p> -Und so kam es, daß er sich bei Gelegenheit eines armen -Studenten annahm, wie seines eignen Sohnes. Vermutlich -in der Erwägung, wie wohl ihm selbst ein solch -gutes Werk getan hätte, wäre es ihm am eigenen Leib -und Leben in den Tagen seiner kummervollen Jugendzeit -passiert. Wie aber nun auf Erden manche Tat, die -dem Menschen gut und edel scheint, Folgen nach sich -zieht gleich der einer fluchwürdigen, weil wir wohl -doch nicht richtig unterscheiden können zwischen dem, -was giftigen Samen in sich trägt und was heilsamen, -so begab es sich auch hier, daß aus Dr. Hulberts -mitleidsvollem Werk das bitterste Leid für ihn selbst -sproß. -</p> - -<p> -Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher -Liebe zu dem Studenten, und ein erbarmungsloses -Schicksal wollte, daß sie der Rektor gerade in dem Augenblicke, -als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum -Zeichen seiner Liebe mit einem Strauß Rosen als Geburtstagspräsent -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -zu überraschen, in den Armen dessen -antraf, auf den er Wohltat über Wohltat gehäuft hatte. -</p> - -<p> -Man sagt, daß die blaue Muttergottesblume für immer -ihre Farbe verlieren kann, wenn der fahle, schweflige -Schein eines Blitzes, der ein Hagelwetter verkündet, -plötzlich auf sie fällt; gewiß ist, daß die Seele des alten -Mannes für immer erblindete an dem Tage, wo sein -Glück in Scherben ging. Am selben Abend noch saß er, -er, der bis dahin nicht gewußt, was Unmäßigkeit ist, hier -beim „Loisitschek“ — fast bewußtlos vom Fusel — bis -zum Morgengrauen. Und der „Loisitschek“ wurde seine -Heimstätte für den Rest seines zerstörten Lebens. Im -Sommer schlief er irgendwo auf dem Schutt eines Neubaues, -im Winter hier auf den hölzernen Bänken. -</p> - -<p> -Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte -beließ man ihm stillschweigend. Niemand hatte das -Herz dazu, gegen ihn, den einst berühmten Gelehrten, -den Vorwurf zu erheben, daß man Ärgernis nähme an -seinem Wandel. -</p> - -<p> -Allmählich sammelte sich um ihn, was an lichtscheuem -Gesindel in der Judenstadt sein Wesen trieb, und so kam -es zur Gründung jener seltsamen Gemeinschaft, die man -noch heutigentags „das Bataillon“ nennt. -</p> - -<p> -Dr. Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das -Bollwerk für alle die, denen die Polizei zu scharf auf die -Finger sah. War irgendein entlassener Sträfling daran, zu -verhungern, schickte ihn Dr. Hulbert splitternackt hinaus auf -den Altstädter Ring — und das Amt auf der sogenannten -„Fischbanka“ sah sich genötigt, einen Anzug beizustellen. -Sollte eine unterstandslose Dirne aus der Stadt gewiesen -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -werden, so heiratete sie schnell einen Strolch, der -bezirkszuständig war, und wurde dadurch ansässig. -</p> - -<p> -Hundert solcher Auswege wußte Dr. Hulbert, und -seinem Rate gegenüber stand die Polizei machtlos da. -— Was diese Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft -„verdienten“, übergaben sie getreulich auf Heller -und Kreuzer der gemeinsamen Kassa, aus der der nötige -Lebensunterhalt bestritten wurde. Niemals ließ sich -auch nur eines die geringste Unehrlichkeit zuschulden -kommen. Mag sein, daß angesichts dieser eisernen Disziplin -der Name „das Bataillon“ entstand. -</p> - -<p> -Pünktlich am ersten Dezember, wo sich der Tag des -Unglücks jährte, das den alten Mann betroffen hatte, -fand jedesmal nachts beim „Loisitschek“ eine seltsame -Feier statt. Kopf an Kopf gedrängt standen sie hier: -Bettler, Vagabunden, Zuhälter und Dirnen, Trunkenbolde -und Lumpensammler, und eine lautlose Stille -herrschte wie beim Gottesdienst. — Und dann erzählte -ihnen Dr. Hulbert dort von der Ecke aus, wo jetzt die -beiden Musikanten sitzen, gerade unter dem Krönungsbilde -Seiner Majestät des Kaisers seine Lebensgeschichte: -— wie er sich emporgerungen, den Doktortitel erworben -und später <span class="antiqua">Rektor magnificus</span> geworden war. Wenn -er zu der Stelle kam, wo er mit dem Busch Rosen in -der Hand ins Zimmer seiner jungen Frau trat, — zur -Feier ihres Geburtstages und zugleich zum Gedächtnis -jener Stunde, da er dereinst um sie anhalten gekommen -und sie seine liebe Braut geworden war, — da versagte -ihm jedesmal die Stimme, und weinend sank er am Tisch -zusammen. Dann geschah es wohl zuweilen, daß irgendein -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -liederliches Frauenzimmer ihm verschämt und heimlich, -damit es keiner sehen sollte, eine halbwelke Blume -auf die Hand legte. -</p> - -<p> -Von den Zuhörern rührte sich dann noch lange Zeit -keiner. Zum Weinen sind diese Menschen zu hart, aber -an ihren Kleidern blickten sie herunter und drehten unsicher -die Finger. -</p> - -<p> -Eines Morgens fand man Dr. Hulbert tot auf einer -Bank unten an der Moldau. Er wird, denke ich, erfroren -sein. -</p> - -<p> -Sein Leichenbegängnis sehe ich noch heute vor mir. -Das „Bataillon“ hatte sich fast zerfleischt, um alles so -prunkvoll wie möglich zu gestalten. -</p> - -<p> -Voran ging der Pedell der Universität in vollem -Ornat: in den Händen das purpurne Kissenpolster mit -der güldenen Kette darauf und hinter dem Leichenwagen -in unabsehbarer Reihe — — das „Bataillon“ -barfuß, schmutzstarrend, zerlumpt und zerfetzt. Einer -von ihnen hatte sein Letztes verkauft und ging daher: -Leib, Beine und Arme mit Lagen aus altem Zeitungspapier -umwickelt und umbunden. -</p> - -<p> -So erwiesen sie ihm die letzte Ehre. -</p> - -<p> -Auf seinem Grabe, draußen im Friedhof, steht ein -weißer Stein, darein sind drei Figuren gemeißelt: Der -Heiland gekreuzigt zwischen zwei Räubern. Von unbekannter -Hand gestiftet. Man munkelt, Dr. Hulberts -Frau habe das Denkmal errichtet. — — — -</p> - -<p> -Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war -ein Legat vorgesehen, danach bekommt jeder vom -„Bataillon“ mittags beim „Loisitschek“ umsonst eine -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -Suppe; zu diesem Zwecke hängen hier am Tisch die -Löffel an den Ketten, und die ausgehöhlten Mulden in -der Tischplatte sind die Teller. Um 12 Uhr kommt die -Kellnerin und spritzt mit einer großen, blechernen Spritze -die Brühe hinein und, wenn sich einer nicht ausweisen -kann als „vom Bataillon“, so zieht sie die Suppe mit -der Spritze wieder zurück. -</p> - -<p> -Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als -Witz die Runde durch die ganze Welt.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich -aus meiner Lethargie. Die letzten Sätze, die Zwakh -gesprochen, wehten über mein Bewußtsein hinweg. Ich -sah noch, wie er seine Hände bewegte, um das Vor- und -Zurückschieben eines Spritzenkolbens klarzumachen, dann -jagten die Bilder, die sich rings um uns abrollten, so -rasch und automatenhaft und dennoch mit so gespenstischer -Deutlichkeit an meinem Auge vorüber, daß ich -in Momenten ganz mich selbst vergaß und mir wie ein -Rad vorkam in einem lebendigen Uhrwerk. -</p> - -<p> -Das Zimmer war ein einziges Menschengewühl geworden. -Oben auf der Estrade: dutzende Herren in -schwarzen Fräcken. Weiße Manschetten, blitzende Ringe. -Eine Dragoneruniform mit Rittmeisterschnüren. Im -Hintergrund ein Damenhut mit lachsfarbigen Straußenfedern. -</p> - -<p> -Durch die Stäbe des Geländers stierte das verzerrte -Gesicht Loisas hinauf. Ich sah: er konnte sich kaum aufrecht -halten. Auch Jaromir war da und schaute unverwandt -hinauf, mit dem Rücken dicht, ganz dicht, an der -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -Seitenwand, als presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen. -</p> - -<p> -Die Gestalten hielten plötzlich im Tanzen inne: der -Wirt mußte ihnen etwas zugerufen haben, was sie erschreckt -hatte. Die Musik spielte noch, aber leise; sie -traute sich nicht mehr recht. Sie zitterte; man fühlte es -deutlich. Und doch lag der Ausdruck hämischer, wilder -Freude in dem Gesicht des Wirtes. -</p> - -<p> -— — — — In der Eingangstür steht mit einem Mal -der Polizeikommissär in Uniform. Er hat die Arme ausgebreitet, -um niemand hinauszulassen. Hinter ihm ein -Kriminalschutzmann. -</p> - -<p> -„Wird also doch hier getanzt? Trotz Verbotes? Ich -sperre die Spelunke. Sie kommen mit, Wirt! Und was -hier ist, marsch auf die Wachstube!“ -</p> - -<p> -Es klingt wie Kommandos. -</p> - -<p> -Der Vierschrötige gibt keine Antwort, aber das hämische -Grinsen bleibt in seinen Zügen. -</p> - -<p> -Bloß starrer ist es geworden. -</p> - -<p> -Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur -noch. -</p> - -<p> -Auch die Harfe zieht den Schwanz ein. -</p> - -<p> -Die Gesichter sind plötzlich alle im Profil zu sehen: -sie glotzen erwartungsvoll hinauf auf die Estrade. -</p> - -<p> -Und da kommt eine vornehme schwarze Gestalt gelassen -die paar Stufen herab und geht langsam auf den -Kommissär zu. -</p> - -<p> -Die Augen des Kriminalschutzmannes hängen gebannt -an den heranschlendernden schwarzen Lackschuhen. -</p> - -<p> -Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamten -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -stehen geblieben und läßt den Blick gelangweilt ihm von -Kopf bis zu den Füßen und wieder zurückschweifen. -</p> - -<p> -Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben -sich über das Geländer gebeugt und verbeißen das -Lachen hinter ihren grauseidnen Taschentüchern. -</p> - -<p> -Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstück ins -Auge und spuckt einem Mädchen, das unter ihm lehnt, -seinen Zigarettenstummel ins Haar. -</p> - -<p> -Der Polizeikommissär hat sich verfärbt und starrt in -der Verlegenheit immerwährend auf die Perle in der -Hemdbrust des Aristokraten. -</p> - -<p> -Er kann den gleichgültigen, glanzlosen Blick dieses -glattrasierten, unbeweglichen Gesichtes mit der Hakennase -nicht ertragen. -</p> - -<p> -Es bringt ihn aus der Ruhe. Schmettert ihn nieder. -</p> - -<p> -Die Totenstille im Lokal wird immer quälender. -</p> - -<p> -„So sehen die Ritterstatuen aus, die mit gefalteten -Händen auf den Steinsärgen liegen in den gotischen -Kirchen“, flüstert der Maler Vrieslander mit einem Blick -auf den Kavalier. -</p> - -<p> -Da bricht der Aristokrat endlich das Schweigen: -„Äh — Hm.“ — — — er kopiert die Stimme des Wirtes: -„Jä, jä, das sin mir Gästäh — da schaut man.“ Ein -schallendes Gejohle explodiert im Lokal, daß die Gläser -klirren; die Strolche halten sich den Bauch vor Lachen. -Eine Flasche fliegt an die Wand und zerschellt. Der -vierschrötige Wirt meckert uns erläuternd und ehrfurchtsvoll -zu: „Seine Durchlaucht Exzellenz Fürst Ferri -Athenstädt.“ -</p> - -<p> -Der Fürst hat dem Beamten eine Visitenkarte hingehalten. -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Der Ärmste nimmt sie, salutiert wiederholt -und schlägt die Hacken zusammen. -</p> - -<p> -Es wird von neuem still, die Menge lauscht atemlos, -was weiter geschehen wird. -</p> - -<p> -Der Kavalier spricht wieder: -</p> - -<p> -„Die Damen und Herren, die Sie hier versammelt -sehen, — äh — sind meine lieben Gäste.“ Seine Durchlaucht -deutet mit einer nachlässigen Armbewegung auf -das Gesindel, „wünschen Sie, Herr Kommissär, — äh — -vielleicht vorgestellt zu werden?“ -</p> - -<p> -Der Kommissär verneint mit erzwungenem Lächeln, -stottert verlegen etwas von „leidiger Pflichterfüllung“ -und rafft sich schließlich zu den Worten auf: „Ich sehe -ja, daß es hier anständig zugeht.“ -</p> - -<p> -Das bringt Leben in den Dragonerrittmeister: er -eilt in den Hintergrund auf den Damenhut mit der -Straußenfeder zu und zerrt im nächsten Augenblick -unter dem Jubel der jungen Adligen — Rosina am Arm -herunter in den Saal. -</p> - -<p> -Sie schwankt vor Trunkenheit und hält die Augen geschlossen. -Der große, kostbare Hut sitzt ihr schief, und sie -hat nichts an als lange rosa Strümpfe und — einen -Herrenfrack auf dem bloßen Körper. -</p> - -<p> -Ein Zeichen: Die Musik fällt ein wie rasend — — — -„Rititit — Rititit“ — — — — — und schwemmt den -gurgelnden Schrei fort, den der taubstumme Jaromir, -als er Rosina gesehen, an der Wand drüben ausgestoßen -hat. — — — -</p> - -<p> -Wir wollen gehen. -</p> - -<p> -Zwakh ruft nach der Kellnerin. -</p> - -<p> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Der allgemeine Lärm verschlingt seine Worte. -</p> - -<p> -Die Szenen vor mir werden phantastisch wie ein -Opiumrausch. -</p> - -<p> -Der Rittmeister hält die halbnackte Rosina im Arm -und dreht sich langsam mit ihr im Takt. -</p> - -<p> -Die Menge hat respektvoll Platz gemacht. -</p> - -<p> -Dann murmelt es von den Bänken: „Der Loisitschek, -der Loisitschek“, die Hälse werden lang und zu dem -tanzenden Paar gesellt sich ein zweites noch seltsameres. -Ein weibisch aussehender Bursche in rosa Trikots, mit -langem blondem Haar bis zu den Schultern, Lippen und -Wangen geschminkt wie eine Dirne und die Augen -niedergeschlagen in koketter Verwirrung, — hängt -schmachtend an der Brust des Fürsten Athenstädt. -</p> - -<p> -Ein süßlicher Walzer quillt aus der Harfe. -</p> - -<p> -Wilder Ekel vor dem Leben schnürt mir die Kehle -zusammen. -</p> - -<p> -Mein Blick sucht voll Angst die Türe: der Kommissär -steht dort abgewendet, um nichts zu sehen, und flüstert -hastig mit dem Kriminalschutzmann, der etwas einsteckt. -Es klirrt wie Handschellen. -</p> - -<p> -Die beiden spähen herüber auf den blatternarbigen -Loisa, der einen Augenblick sich zu verstecken sucht und -dann gelähmt — das Gesicht kalkweiß und verzerrt vor -Entsetzen — stehen bleibt. -</p> - -<p> -Ein Bild zuckt in der Erinnerung vor mir auf und -erlischt sofort: Das Bild, wie „Prokop lauscht, wie ich -es vor einer Stunde gesehen, — über das Kanalgitter -gebeugt — und ein Todesschrei gellt aus der Erde empor.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -Ich will rufen und kann nicht. Kalte Finger greifen -mir in den Mund und biegen mir die Zunge nach unten -gegen die Vorderzähne, daß es wie ein Klumpen meinen -Gaumen erfüllt und ich kein Wort hervorbringen kann. -</p> - -<p> -Ich kann die Finger nicht sehen, weiß, daß sie unsichtbar -sind, und doch empfinde ich sie wie etwas Körperliches. -</p> - -<p> -Und klar steht es in meinem Bewußtsein: sie gehören -zu der gespenstischen Hand, die mir in meinem Zimmer -in der Hahnpaßgasse das Buch „Ibbur“ gegeben haben. -</p> - -<p> -„Wasser, Wasser!“ schreit Zwakh neben mir. Sie -halten mir den Kopf und leuchten mir mit einer Kerze -in die Pupillen. -</p> - -<p> -„In seine Wohnung schaffen, Arzt holen — der -Archivar Hillel kennt sich aus in solchen Dingen — — -zu ihm bringen!“ — beraten sie murmelnd. -</p> - -<p> -Dann liege ich starr wie eine Leiche auf einer Bahre -und Prokop und Vrieslander tragen mich hinaus. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-8"> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -Wach -</h2> - -<p class="first"> -Zwakh war vor uns die Treppen hinaufgelaufen und -ich hörte, wie Mirjam, die Tochter des Archivars Hillel, -ihn ängstlich ausfragte und er sie zu beruhigen trachtete. -</p> - -<p> -Ich gab mir keine Mühe, hinzuhorchen, was sie miteinander -sprachen, und erriet mehr, als ich es in Worten -verstand, daß Zwakh erzählte, mir sei ein Unfall zugestoßen -und sie kämen bitten, mir die erste Hilfe zu leisten -und mich wieder zu Bewußtsein zu bringen. -</p> - -<p> -Noch immer konnte ich kein Glied rühren, und die -unsichtbaren Finger hielten meine Zunge; aber mein -Denken war fest und sicher und das Gefühl des Grauens -hatte von mir abgelassen. Ich wußte genau, wo ich war -und was mit mir geschah, und empfand es nicht einmal -als absonderlich, daß man mich wie einen Toten herauftrug, -samt der Bahre im Zimmer Schemajah Hillels -niedersetzte und — allein ließ. -</p> - -<p> -Eine ruhige, natürliche Zufriedenheit, wie man sie -beim Heimkommen nach einer langen Wanderung genießt, -erfüllte mich. -</p> - -<p> -Es war finster in der Stube, und mit verschwimmenden -Umrissen hoben sich die Fensterrahmen in Kreuzesformen -von dem mattleuchtenden Dunst ab, der von der -Gasse heraufschimmerte. -</p> - -<p> -Alles kam mir selbstverständlich vor und ich wunderte -mich weder darüber, daß Hillel mit einem jüdischen -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -siebenflammigen Sabbatleuchter eintrat, noch, daß er -mir gelassen „Guten Abend“ wünschte wie jemandem, -dessen Kommen er erwartet hatte. -</p> - -<p> -Was ich die ganze Zeit, die ich im Hause wohnte, nie -als etwas Besonderes bemerkt hatte, — trotzdem wir -einander oft drei- bis viermal in der Woche auf den -Stiegen begegnet waren, — fiel mir plötzlich stark an -ihm auf, wie er so hin und her ging, einige Gegenstände -auf der Kommode zurechtrückte und schließlich mit dem -Leuchter einen zweiten, gleichfalls siebenflammigen anzündete. -</p> - -<p> -Nämlich: sein Ebenmaß an Leib und Gliedern und -der schmale, feine Schnitt des Gesichtes mit dem edlen -Stirnaufbau. -</p> - -<p> -Er konnte, wie ich jetzt beim Schein der Kerze sah, -nicht älter sein als ich: höchstens 45 Jahre zählen. -</p> - -<p> -„Du bist um einige Minuten früher gekommen“, — -begann er nach einer Weile — „als anzunehmen war, -sonst hätte ich die Lichter schon vorher angezündet.“ — -Er deutete auf die beiden Leuchter, trat an die Bahre -und richtete seine dunklen, tiefliegenden Augen, wie es -schien, auf jemand, der mir zu Häupten stand oder -kniete, den ich aber nicht zu sehen vermochte. Dabei -bewegte er seine Lippen und sprach lautlos einen Satz. -</p> - -<p> -Sofort ließen die unsichtbaren Finger meine Zunge -los und der Starrkrampf wich von mir. Ich richtete -mich auf und blickte hinter mich: Niemand außer Schemajah -Hillel und mir war im Zimmer. -</p> - -<p> -Sein „Du“ und die Bemerkung, daß er mich erwartet -habe, hatten also mir gegolten!? -</p> - -<p> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Viel befremdender als diese beiden Umstände an sich -wirkte es auf mich, daß ich nicht imstande war, auch nur -die geringste Verwunderung darüber zu empfinden. -</p> - -<p> -Hillel erriet offenbar meine Gedanken, denn er -lächelte freundlich, wobei er mir von der Bahre aufstehen -half und mit der Hand auf einen Sessel wies, -und sagte: -</p> - -<p> -„Es ist auch nichts Wunderbares dabei. Schreckhaft -wirken nur die gespenstischen Dinge — die Kischuph — -auf den Menschen; das Leben kratzt und brennt wie ein -härener Mantel, aber die Sonnenstrahlen der geistigen -Welt sind mild und erwärmend.“ -</p> - -<p> -Ich schwieg, da mir nichts einfiel, was ich ihm hätte -erwidern sollen. Er schien auch keine Gegenrede erwartet -zu haben, setzte sich mir gegenüber und fuhr gelassen fort: -„Auch ein silberner Spiegel, hätte er Empfindung, litte -nur Schmerzen, wenn er poliert wird. Glatt und glänzend -geworden, gibt er alle Bilder wieder, die auf ihn -fallen, ohne Leid und Erregung.“ -</p> - -<p> -„Wohl dem Menschen“, setzte er leise hinzu, „der von -sich sagen kann: Ich bin geschliffen.“ — Einen Augenblick -versank er in Nachdenken, und ich hörte ihn einen -hebräischen Satz murmeln: „<span class="antiqua">Lischuosècho Kiwisi Adoschem</span>.“ -Dann drang seine Stimme wieder klar an -mein Ohr: -</p> - -<p> -„Du bist zu mir gekommen in tiefem Schlaf und ich -habe dich wach gemacht. Im Psalm David heißt es: -</p> - -<p> -„<em>Da sprach ich in mir selbst: jetzt fange ich -an: Die Rechte Gottes ist es, welche diese Veränderung -gemacht hat.</em>“ -</p> - -<p> -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -Wenn die Menschen aufstehen von ihren Lagerstätten, -so wähnen sie, sie hätten den Schlaf abgeschüttelt, und -wissen nicht, daß sie ihren Sinnen zum Opfer fallen und -die Beute eines neuen viel tieferen Schlafes werden, -als der war, dem sie soeben entronnen sind. Es gibt -nur ein wahres Wachsein und das ist das, dem du dich -jetzt näherst. Sprich den Menschen davon und sie werden -sagen, du seist krank, denn sie können dich nicht verstehen. -Darum ist es zwecklos und grausam, ihnen davon zu -reden. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse"><em>Sie fahren dahin wie ein Strom —</em></p> - <p class="verse"><em>Und sind wie ein Schlaf,</em></p> - <p class="verse"><em>Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird —</em></p> - <p class="verse"><em>Das des Abends abgehauen wird und verdorret.</em>“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -„Wer war der Fremde, der mich in meiner Kammer -aufgesucht hat und mir das Buch „Ibbur“ gab? Habe -ich ihn im Wachen oder im Traum gesehen?“, wollte -ich fragen, doch Hillel antwortete mir, noch ehe ich den -Gedanken in Worte fassen konnte: -</p> - -<p> -„Nimm an, der Mann, der zu dir kam und den du -den Golem nennst, bedeute die Erweckung des Toten -durch das innerste Geistesleben. Jedes Ding auf Erden -ist nichts als ein ewiges Symbol in Staub gekleidet! -</p> - -<p> -Wie denkst du mit dem Auge? Jede Form, die du -siehst, denkst du mit dem Auge. Alles, was zur Form -geronnen ist, war vorher ein Gespenst.“ -</p> - -<p> -Ich fühlte, wie Begriffe, die bisher in meinem Hirn -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -verankert gewesen, sich losrissen und gleich Schiffen ohne -Steuer hinaustrieben in ein uferloses Meer. -</p> - -<p> -Ruhevoll fuhr Hillel fort: -</p> - -<p> -„Wer aufgeweckt worden ist, kann nicht mehr sterben; -Schlaf und Tod sind dasselbe.“ -</p> - -<p> -„— — kann nicht mehr sterben?“ — ein dumpfer -Schmerz ergriff mich. -</p> - -<p> -„Zwei Pfade laufen nebeneinander hin: der Weg -des Lebens und der Weg des Todes. Du hast das Buch -„Ibbur“ genommen und darin gelesen. Deine Seele ist -schwanger geworden vom Geist des Lebens“, hörte ich -ihn reden. -</p> - -<p> -„Hillel, Hillel, laß mich den Weg gehen, den alle -Menschen gehen: den des Sterbens!“, schrie alles wild -in mir auf. -</p> - -<p> -Schemajah Hillels Gesicht wurde starr vor Ernst. -</p> - -<p> -„Die Menschen gehen keinen Weg, weder den des -Lebens, noch den des Todes. Sie treiben daher wie -Spreu im Sturm. Im Talmud steht: „Ehe Gott die -Welt schuf, hielt er den Wesen einen Spiegel vor; darin -sahen sie die geistigen Leiden des Daseins und die -Wonnen, die darauf folgten. Da nahmen die einen die -Leiden auf sich. Die anderen aber weigerten sich, und -diese strich Gott aus dem Buche der Lebenden.“ Du -aber <em>gehst</em> einen Weg und hast ihn aus freiem Willen -beschritten, — wenn du es jetzt auch selbst nicht mehr -weißt: Du bist berufen von dir selbst. Gräm’ dich nicht: -allmählich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die -Erinnerung. <em>Wissen und Erinnerung sind dasselbe.</em>“ -</p> - -<p> -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Der freundliche, fast liebenswürdige Ton, in den -Hillels Rede ausgeklungen war, gab mir meine Ruhe -wieder, und ich fühlte mich geborgen wie ein krankes -Kind, das seinen Vater bei sich weiß. -</p> - -<p> -Ich blickte auf und sah, daß mit einem Male viele -Gestalten im Zimmer waren und uns im Kreis umstanden: -Einige in weißen Sterbegewändern, wie sie -die alten <a id="corr-7"></a>Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut -und Silberschnallen an den Schuhen — aber Hillel fuhr -mir mit der Hand über die Augen und die Stube war -wieder leer. -</p> - -<p> -Dann geleitete er mich hinaus zur Treppe und gab -mir eine brennende Kerze mit, damit ich mir hinaufleuchten -könne in mein Zimmer. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ich legte mich zu Bett und wollte schlafen, aber der -Schlummer kam nicht, und ich geriet statt dessen in einen -sonderbaren Zustand, der weder Träumen war, noch -Wachen, noch Schlafen. -</p> - -<p> -Das Licht hatte ich ausgelöscht, aber trotzdem war -alles in der Stube so deutlich, daß ich jede einzelne Form -genau unterscheiden konnte. Dabei fühlte ich mich vollkommen -behaglich und frei von der gewissen qualvollen -Unruhe, die einen foltert, wenn man sich in ähnlicher -Verfassung befindet. -</p> - -<p> -Nie vorher in meinem Leben wäre ich imstande gewesen, -so scharf und präzis zu denken wie eben jetzt. Der -Rhythmus der Gesundheit durchströmte meine Nerven -und ordnete meine Gedanken in Reih und Glied wie eine -Armee, die nur auf meine Befehle wartete. -</p> - -<p> -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -Ich brauchte bloß zu rufen, und sie traten vor mich -und erfüllten, was ich wünschte. -</p> - -<p> -Eine Gemme, die ich in den letzten Wochen aus -Aventurinstein zu schneiden versucht hatte, — ohne damit -zurecht zu kommen, da sich die vielen zerstreuten Flimmer -in dem Mineral niemals mit den Gesichtszügen decken -wollten, die ich mir vorgestellt, — fiel mir ein, und im -Nu sah ich die Lösung vor mir und wußte genau, wie ich -den Stichel zu führen hatte, um der Struktur der Masse -gerecht zu werden. -</p> - -<p> -Ehedem Sklave einer Horde phantastischer Eindrücke -und Traumgesichter, von denen ich oft nicht gewußt: -waren es Ideen oder Gefühle, sah ich mich jetzt plötzlich -als Herr und König im eigenen Reich. -</p> - -<p> -Rechenexempel, die ich früher nur mit Ächzen und auf -dem Papier hätte bewältigen können, fügten sich mir -mit einem Male im Kopf spielend zum Resultat. Alles -mit Hilfe einer neuen, in mir erwachten Fähigkeit, das -zu sehen und festzuhalten, was ich gerade brauchte: -Ziffern, Formen, Gegenstände oder Farben. Und wenn -es sich um Fragen handelte, die durch derlei Werkzeuge -nicht zu lösen waren: — philosophische Probleme und -Ähnliches —, so trat an Stelle des inneren Sehens das -Gehör, wobei die Stimme Schemajah Hillels die Rolle -des Sprechers übernahm. -</p> - -<p> -Erkenntnisse seltsamster Art wurden mir zuteil. -</p> - -<p> -Was ich tausendmal im Leben achtlos als bloßes Wort -an meinem Ohr hatte vorübergehen lassen, stand wertgetränkt -bis in die tiefste Faser vor mir; was ich „auswendig“ -gelernt, „erfaßte“ ich mit einem Schlag als -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -mein „Eigen“tum. Der Wortbildung Geheimnisse, die -ich nie geahnt, lagen nackt vor mir. -</p> - -<p> -Die „hohen“ Ideale der Menschheit, die vordem mit -kommerzienrätlich biederer Miene, die Pathosbrust mit -Orden bekleckst, mich von oben herab behandelt hatten, -— demütig nahmen sie jetzt die Maske von der Fratze -und entschuldigten sich: sie seien selber ja nur Bettler, -aber immerhin Krücken für — einen noch frecheren -Schwindel. -</p> - -<p> -Träumte ich nicht vielleicht doch? Hatte ich etwa gar -nicht mit Hillel gesprochen? -</p> - -<p> -Ich griff nach dem Sessel neben meinem Bett. -</p> - -<p> -Richtig: dort lag die Kerze, die mir Schemajah mitgegeben -hatte; und selig wie ein kleiner Junge in der -Christfestnacht, der sich überzeugt hat, daß der wundervolle -Hampelmann wirklich und leibhaftig vorhanden ist, -wühlte ich mich wieder in die Kissen. -</p> - -<p> -Und wie ein Spürhund drang ich weiter vor in das -Dickicht der geistigen Rätsel, die mich rings umgaben. -</p> - -<p> -Zuerst versuchte ich zu dem Punkt in meinem Leben -zurückzugelangen, bis zu dem meine Erinnerung reichte. -Nur von dort aus — glaubte ich — könnte es mir möglich -sein, jenen Teil meines Daseins zu überblicken, der -für mich, durch eine seltsame Fügung des Schicksals in -Finsternis gehüllt lag. -</p> - -<p> -Aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich kam nicht -weiter, als daß ich mich wie einst in dem düsteren Hofe -unseres Hauses stehen sah und durch den Torbogen den -Trödlerladen des Aaron Wassertrum unterschied — als -ob ich ein Jahrhundert lang als Gemmenschneider in -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -diesem Hause gewohnt hätte, immer gleich alt und ohne -jemals ein Kind gewesen zu sein! -</p> - -<p> -Schon wollte ich es als hoffnungslos aufgeben, weiter -zu schürfen in den Schächten der Vergangenheit, da -begriff ich plötzlich mit leuchtender Klarheit, daß wohl -in meiner Erinnerung die breite Heerstraße der Geschehnisse -mit dem gewissen Torbogen endete, nicht aber eine -Menge winzig schmaler Fußsteige, die wohl bisher den -Hauptpfad ständig begleitet hatten, von mir jedoch nicht -beachtet worden waren: „Woher“, schrie es mir fast in -die Ohren, „hast du denn die Kenntnisse, dank derer du -jetzt dein Leben fristest? Wer hat dich Gemmenschneiden -gelehrt — und gravieren und all das andere? Lesen, -schreiben, sprechen — und essen — und gehen, atmen, -denken und fühlen?“ -</p> - -<p> -Sofort griff ich den Rat meines Innern auf. Systematisch -ging ich mein Leben zurück. -</p> - -<p> -Ich zwang mich, in verkehrter, aber ununterbrochener -Reihenfolge zu überlegen: was ist soeben geschehen, was -war der Ausgangspunkt dazu, was lag vor diesem und -so weiter? -</p> - -<p> -Wieder war ich bei dem gewissen Torbogen angelangt -— — jetzt! Jetzt! Nur ein kleiner Sprung ins Leere -und der Abgrund, der mich von dem Vergessenen trennte, -mußte überflogen sein — da trat ein Bild vor mich, das -ich auf der Rückwanderung meiner Gedanken übersehen -hatte: Schemajah Hillel fuhr mir mit der Hand über -die Augen — genau wie vorhin unten in seinem Zimmer. -</p> - -<p> -Und weggewischt war alles. Sogar der Wunsch, -weiter zu forschen. -</p> - -<p> -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Nur eins stand fest als bleibender Gewinn: die Erkenntnis: -die Reihe der Begebenheiten im Leben ist -eine Sackgasse, so breit und gangbar sie auch zu sein -scheint. Die schmalen, verborgenen Steige sind’s, die -in die verlorene Heimat zurückführen: das, was mit -feiner, kaum sichtbarer Schrift in unserem Körper eingraviert -ist, und nicht die scheußliche Narbe, die die Raspel -des äußeren Lebens hinterläßt, — birgt die Lösung der -letzten Geheimnisse. -</p> - -<p> -So, wie ich zurückfinden könnte in die Tage meiner -Jugend, wenn ich in der Fibel das Alphabet in verkehrter -Folge vornähme von Z bis A, um dort anzulangen, -wo ich in der Schule zu lernen begonnen, — -so, begriff ich, müßte ich auch wandern können in die -andere ferne Heimat, die jenseits alles Denkens liegt. -</p> - -<p> -Eine Weltkugel aus Arbeit wälzte sich auf meine -Schultern. Auch Herkules trug eine Zeitlang das Gewölbe -des Himmels auf seinem Haupte, fiel mir ein, -und versteckte Bedeutung schimmerte mir aus der Sage -entgegen. Und wie Herkules wieder loskam durch eine -List, indem er den Riesen Atlas bat: „Laß mich nur -einen Bausch von Stricken um den Kopf binden, damit -mir die entsetzliche Last nicht das Gehirn zersprengt“, -so gäbe es vielleicht einen dunkeln Weg — dämmerte -mir — von dieser Klippe weg. -</p> - -<p> -Ein tiefer Argwohn, der Führerschaft meiner Gedanken -weiter blind zu vertrauen, beschlich mich plötzlich. -Ich legte mich gerade und verschloß mit den Fingern -Augen und Ohren, um nicht abgelenkt zu werden durch -die Sinne. Um jeden Gedanken zu töten. -</p> - -<p> -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -Doch mein Wille zerschellte an dem ehernen Gesetz: -Ich konnte immer nur einen Gedanken durch einen -anderen vertreiben, und starb der eine, schon mästete -sich der nächste an seinem Fleische. Ich flüchtete in den -brausenden Strom meines Blutes, aber die Gedanken -folgten mir auf dem Fuß; ich verbarg mich im Hämmerwerk -meines Herzens: nur eine kleine Weile, und sie -hatten mich entdeckt. -</p> - -<p> -Abermals kam mir da Hillels freundliche Stimme zu -Hilfe und sagte: „Bleib auf deinem Weg und wanke -nicht! Der Schlüssel zur Kunst des Vergessens gehört -unseren Brüdern, die den Pfad des Todes wandeln; -du aber bist geschwängert vom Geiste des — Lebens.“ -</p> - -<p> -Das Buch Ibbur erschien vor mir, und zwei Buchstaben -flammten darin auf: der eine, der das erzene -Weib bedeutete, mit dem Pulsschlag, mächtig, gleich -einem Erdbeben, — der andere in unendlicher Ferne: -der Hermaphrodit auf dem Thron von Perlmutter, -auf dem Haupte die Krone aus rotem Holz. -</p> - -<p> -Dann fuhr Schemajah Hillel ein drittes Mal mit der -Hand über meine Augen, und ich schlummerte ein. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-9"> -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -Schnee -</h2> - -<div class="letter"> -<p class="adr"> -„Mein lieber und verehrter Meister Pernath! -</p> - -<p class="noindent"> -Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile -und höchster Angst. Bitte, vernichten Sie ihn sofort, -nachdem Sie ihn gelesen haben, — oder besser noch, -bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit. — Ich hätte -keine Ruhe sonst. -</p> - -<p> -Sagen Sie keiner Menschenseele, daß ich Ihnen -geschrieben habe. Auch nicht, wohin Sie heute gehen -werden! -</p> - -<p> -Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir — „neulich“ — -(Sie werden durch diese kurze Anspielung auf ein -Ereignis, dessen Zeuge Sie waren, erraten, wer Ihnen -diesen Brief schreibt, denn ich fürchte mich, meinen -Namen darunter zu setzen) — so viel Vertrauen eingeflößt, -und weiter, daß Ihr lieber, seliger Vater mich -als Kind unterrichtet hat, — alles das gibt mir den -Mut, mich an Sie, als vielleicht den einzigen Menschen, -der noch helfen kann, zu wenden. -</p> - -<p> -Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um -5 Uhr, in die Domkirche auf dem Hradschin. -</p> - -<p class="sign"> -Eine Ihnen bekannte Dame.“ -</p> - -</div> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Wohl eine Viertelstunde lang saß ich da und hielt -den Brief in der Hand. Die seltsame, weihevolle Stimmung, -die mich von gestern nacht her umfangen gehalten, -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -war mit einem Schlag gewichen, — weggeweht -von dem frischen Windhauch eines neuen irdischen Tages. -Ein junges Schicksal kam lächelnd und verheißungsvoll -— ein Frühlingskind — auf mich zu. Ein Menschenherz -suchte Hilfe bei mir. — Bei mir! Wie sah meine Stube -plötzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte -Schrank blickte so zufrieden drein, und die vier Sessel -kamen mir vor wie alte Leute, die um den Tisch herumsitzen -und behaglich kichernd Tarok spielen. -</p> - -<p> -Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, -einen Inhalt voll Reichtum und Glanz. -</p> - -<p> -So sollte der morsche Baum noch Früchte tragen? -</p> - -<p> -Ich fühlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, -die bisher schlafen gelegen in mir — verborgen -gewesen in den Tiefen meiner Seele, verschüttet -von dem Geröll, das der Alltag häuft, wie -eine Quelle losbricht aus dem Eis, wenn der Winter -zerbricht. -</p> - -<p> -Und ich <em>wußte</em> so gewiß, wie ich den Brief in der -Hand hielt, daß ich würde helfen können, um was es -auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen gab mir die -Sicherheit. -</p> - -<p> -Wieder und wieder las ich die Stelle: „und weiter, -daß Ihr lieber, seliger Vater mich als Kind unterrichtet -hat — — — — — —“; — mir stand der Atem still. -Klang das nicht wie Verheißung: „Heute noch wirst du -mit mir im Paradiese sein?“ Die Hand, die sich mir -hinstreckte, Hilfe suchend, hielt mir das Geschenk entgegen: -<em>die Rückerinnerung, nach der ich dürstete</em>, -— würde mir das Geheimnis offenbaren, den -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -Vorhang heben helfen, der sich hinter meiner Vergangenheit -geschlossen hatte! -</p> - -<p> -„Ihr lieber, seliger Vater“ — —, wie fremdartig die -Worte klangen, als ich sie mir vorsagte! — Vater! — -Einen Augenblick sah ich das müde Gesicht eines alten -Mannes mit weißem Haar in dem Lehnstuhl neben -meiner Truhe auftauchen — fremd, ganz fremd und doch -so schauerlich bekannt; — — dann kamen meine Augen -wieder zu sich, und die Hammerlaute meines Herzens -schlugen die greifbare Stunde der Gegenwart. -</p> - -<p> -Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit verträumt? -Ich blickte auf die Uhr: Gott sei Lob, erst -halb fünf. -</p> - -<p> -Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte -Hut und Mantel und schritt die Treppen hinab. Was -kümmerte mich heute das Geraune der dunkeln Winkel, -die bösartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die -immer von ihnen aufstiegen: „Wir lassen dich nicht, — -du bist unser, — wir wollen nicht, daß du dich freust — -das wäre noch schöner, Freude hier im Haus!“ -</p> - -<p> -Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen -diesen Gängen und Ecken her um mich gelegt mit würgenden -Händen: heute wich er vor dem lebendigen Hauch -meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an -Hillels Tür. -</p> - -<p> -Sollte ich eintreten? -</p> - -<p> -Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir -war so ganz anders heute, — so, als <em>dürfe</em> ich gar nicht -hinein zu ihm. Und schon trieb mich die Hand des Lebens -vorwärts, die Stiegen hinab. — — -</p> - -<p> -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -Die Gasse lag weiß im Schnee. -</p> - -<p> -Ich glaube, daß viele Leute mich gegrüßt haben; ich -erinnerte mich nicht, ob ich ihnen gedankt. Immer wieder -fühlte ich an die Brust, ob ich den Brief auch bei mir -trüge: -</p> - -<p> -Es ging eine Wärme von der Stelle aus. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengänge -auf dem <a id="corr-9"></a>Altstädter Ring und an dem Erzbrunnen -vorbei, dessen barockes Gitter voll Eiszapfen hing, hinüber -über die steinerne Brücke mit ihren Heiligenstatuen -und dem Standbild des Johannes von Nepomuk. -</p> - -<p> -Unten schäumte der Fluß voll Haß gegen die Fundamente. -</p> - -<p> -Halb im Traum fiel mein Blick auf den gehöhlten -Sandstein der heiligen Luitgard mit „den Qualen der -Verdammten“ darin: dicht lag der Schnee auf den -Lidern der Büßenden und den Ketten an ihren betend -erhobenen Händen. -</p> - -<p> -Torbogen nahmen mich auf und entließen mich, -Paläste zogen langsam an mir vorüber mit geschnitzten, -hochmütigen Portalen, darinnen Löwenköpfe in bronzene -Ringe bissen. -</p> - -<p> -Auch hier überall Schnee, Schnee. Weich, weiß wie -das Fell eines riesigen Eisbären. -</p> - -<p> -Hohe, stolze Fenster, die Simse beglitzert und vereist, -schauten <a id="corr-10"></a>teilnahmslos zu den Wolken empor. -</p> - -<p> -Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender -Vögel war. -</p> - -<p> -Wie ich die unzähligen Granitstufen emporstieg zum -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Hradschin, jede so breit, wie wohl vier Menschenleiber -lang sind, versank Schritt um Schritt die Stadt mit -ihren Dächern und Giebeln vor meinem Sinn. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Schon schlich die Dämmerung die Häuserreihen entlang, -da trat ich auf den einsamen Platz, aus dessen Mitte -der Dom aufragt zum Thron der Engel. -</p> - -<p> -Fußtapfen — die Ränder mit Krusten aus Eis — -führten hin zum Nebentor. -</p> - -<p> -Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen -leise, verlorene Töne eines Harmoniums in die Abendstille -hinaus. Wie Tränentropfen der Schwermut fielen -sie in die Verlassenheit. -</p> - -<p> -Ich hörte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters, -wie die Kirchentüre mich aufnahm, dann stand ich im -Dunkel, und der goldene Altar blinkte in starrer Ruhe -herüber zu mir durch den grünen und blauen Schimmer -sterbenden Lichtes, das durch die farbigen Fenster auf -die Betstühle niedersank. Funken sprühten aus roten, -gläsernen Ampeln. -</p> - -<p> -Welker Duft von Wachs und Weihrauch. -</p> - -<p> -Ich lehne mich in eine Bank. Mein Blut wird seltsam -still in diesem Reich der Regungslosigkeit. -</p> - -<p> -Ein Leben ohne Herzschlag erfüllte den Raum — -ein heimliches, geduldiges Warten. -</p> - -<p> -Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen -Schlaf. -</p> - -<p> -Da! — Aus weiter, weiter Ferne drang das Geräusch -von Pferdehufen gedämpft, kaum merklich an -mein Ohr, wollte näherkommen und verstummte. -</p> - -<p> -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -Ein matter Schall, wie wenn ein Wagenschlag zufällt. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich -zugekommen, und eine zarte, schmale Damenhand hatte -meinen Arm berührt. -</p> - -<p> -„Bitte, bitte, gehen wir doch dort neben den Pfeiler; -es widerstrebt mir, hier in den Betstühlen von den -Dingen zu sprechen, die ich Ihnen sagen muß.“ -</p> - -<p> -Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nüchterner -Klarheit. Der Tag hatte mich plötzlich angefaßt. -</p> - -<p> -„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Meister -Pernath, daß Sie mir zuliebe bei dem schlechten Wetter -den langen Weg hier herauf gemacht haben.“ -</p> - -<p> -Ich stotterte ein paar banale Worte. -</p> - -<p> -„— — Aber ich wußte keinen andern Ort, wo ich -sicherer vor Nachforschung und Gefahr bin, als diesen. -Hierher, in den Dom, ist uns gewiß niemand nachgegangen.“ -</p> - -<p> -Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der -Dame. -</p> - -<p> -Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren -Pelz, aber schon am Klang ihrer Stimme hatte ich sie -wiedererkannt als dieselbe, die damals voll Entsetzen vor -Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpaßgasse -flüchtete. Ich war auch nicht erstaunt darüber, denn ich -hatte niemand anders erwartet. -</p> - -<p> -Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der -Dämmerung der Mauernische wohl noch blasser schien, -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -als es in Wirklichkeit sein mochte. Ihre Schönheit benahm -mir fast den Atem, und ich stand wie gebannt. -Am liebsten wäre ich vor ihr niedergefallen und hätte -ihre Füße geküßt, daß sie es war, der ich helfen sollte, -daß sie mich dazu erwählt hatte. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -„Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, — -wenigstens so lange wir hier sind — die Situation, in -der Sie mich damals gesehen haben,“ sprach sie gepreßt -weiter, „ich weiß auch gar nicht, wie Sie über solche -Dinge denken — —“ -</p> - -<p> -„Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges -Mal in meinem Leben war ich so vermessen, daß ich mich -Richter gedünkt hätte über meine Mitmenschen“, war -das einzige, was ich hervorbrachte. -</p> - -<p> -„Ich danke Ihnen, Meister Pernath“, sagte sie warm -und schlicht. „Und jetzt hören Sie mich geduldig an, ob -Sie mir in meiner Verzweiflung nicht helfen oder -wenigstens einen Rat geben können.“ — Ich fühlte, wie -eine wilde Angst sie packte, und hörte ihre Stimme -zittern. — „Damals — — im Atelier — — — damals -brach die schreckliche Gewißheit über mich herein, daß -jener grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgespürt -hat. — Schon durch Monate war mir aufgefallen, daß, -wohin ich auch immer ging, — ob allein, oder mit meinem -Gatten, oder mit — — — mit — mit Dr. Savioli, — -stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses Trödlers -irgendwo in der Nähe auftauchte. Im Schlaf und im -Wachen verfolgten mich seine schielenden Augen. Noch -macht sich ja kein Zeichen bemerkbar, was er vorhat, aber -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -um so qualvoller drosselt mich nachts die Angst: wann -wirft er mir die Schlinge um den Hals! -</p> - -<p> -Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen, -was denn so ein armseliger Trödler wie dieser Aaron -Wassertrum überhaupt vermöchte — schlimmsten Falles -könnte es sich nur um eine geringfügige Erpressung oder -dergleichen handeln, aber jedesmal wurden seine Lippen -weiß, wenn der Name Wassertrum fiel. Ich ahne: -Dr. Savioli hält mir etwas geheim, um mich zu beruhigen, -— irgend etwas Furchtbares, was ihm oder -mir das Leben kosten kann. -</p> - -<p> -Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen -wollte: daß ihn <em>der Trödler mehrere Male -des Nachts in seiner Wohnung besucht hat!</em> — -Ich <em>weiß</em> es, ich spüre es in jeder Faser meines Körpers: -es geht etwas vor, das sich langsam um uns zusammenzieht -wie die Ringe einer Schlange. — Was -hat dieser Mörder dort zu suchen? Warum kann Dr. Savioli -ihn nicht abschütteln? Nein, nein, ich sehe das nicht -länger mit an; ich muß etwas tun. Irgend etwas, ehe -es mich in den Wahnsinn treibt.“ -</p> - -<p> -Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, -aber sie ließ mich nicht zu Ende sprechen. -</p> - -<p> -„Und in den letzten Tagen nahm der Alb, der mich -zu erwürgen droht, immer greifbarere Formen an. -Dr. Savioli ist plötzlich erkrankt, — ich kann mich nicht -mehr mit ihm verständigen — darf ihn nicht besuchen, -wenn ich nicht stündlich gewärtigen soll, daß meine Liebe -zu ihm entdeckt wird —; er liegt in Delirien, und das -einzige, was ich erkundigen konnte, ist, daß er sich im -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Fieber von einem Scheusal verfolgt wähnt, dessen Lippen -von einer Hasenscharte gespalten sind: — Aaron Wassertrum! -</p> - -<p> -Ich weiß, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher -— können Sie sich das vorstellen? — wirkt es auf -mich, ihn jetzt gelähmt vor einer Gefahr, die ich selbst -nur wie die dunkle Nähe eines grauenhaften Würgengels -empfinde, zusammengebrochen zu sehen. -</p> - -<p> -Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich -denn nicht offen zu Dr. Savioli bekenne, alles von mir -würfe, wenn ich ihn doch so liebe —: alles, Reichtum, -Ehre, Ruf und so weiter, aber —“ sie schrie es förmlich -heraus, daß es widerhallte von den Chorgalerien, — „ich -<em>kann</em> nicht! — Ich hab’ doch mein Kind, mein liebes, -blondes, kleines Mädel! Ich <em>kann</em> doch mein Kind nicht -hergeben! — Glauben Sie denn, mein Mann ließe es -mir!? Da, da, nehmen Sie das, Meister Pernath“ — -sie riß im Wahnwitz ein Täschchen auf, das vollgestopft -war mit Perlenschnüren und Edelsteinen — „und bringen -Sie es dem Verbrecher; — ich weiß, er ist habsüchtig -— er soll sich alles holen, was ich besitze, aber -mein Kind soll er mir lassen. — Nicht wahr, er wird -schweigen? — So reden Sie doch um Jesu Christi willen, -sagen Sie nur ein Wort, daß Sie mir helfen wollen!“ -</p> - -<p> -Es gelang mir mit größter Mühe, die Rasende wenigstens -so weit zu beruhigen, daß sie sich auf eine Bank -niederließ. -</p> - -<p> -Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. -Wirre, zusammenhanglose Sätze. -</p> - -<p> -Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so daß ich -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -selbst kaum verstand, was mein Mund redete, — Ideen -phantastischer Art, die zusammenbrachen, kaum daß sie -geboren waren. -</p> - -<p> -Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten -Mönchsstatue in der Wandnische. Ich redete -und redete. Allmählich verwandelten sich die Züge der -Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger Überzieher -mit hochgeklapptem Kragen, und ein jugendliches Gesicht -mit abgezehrten Wangen und hektischen Flecken wuchs -daraus empor. -</p> - -<p> -Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Mönch -wieder da. Meine Pulse schlugen zu laut. -</p> - -<p> -Die unglückliche Frau hatte sich über meine Hand gebeugt -und weinte still. -</p> - -<p> -Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war -in der Stunde, als ich den Brief gelesen hatte, und mich -jetzt abermals übermächtig erfüllte, und ich sah, wie sie -langsam daran genas. -</p> - -<p> -„Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an -Sie gewendet habe, Meister Pernath“, fing sie nach -langem Schweigen leise wieder an. „Es waren ein -paar Worte, die Sie mir einmal gesagt haben — und -die ich nie vergessen konnte die vielen Jahre hindurch —“ -</p> - -<p> -Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut. -</p> - -<p> -„— — Sie nahmen Abschied von mir — ich weiß -nicht mehr, weshalb und wieso, ich war ja noch ein Kind, -— und Sie sagten so freundlich und doch so traurig: -</p> - -<p> -‚Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken -Sie meiner, wenn Sie je im Leben nicht aus noch ein -wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr, daß <em>ich</em> es -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -dann sein darf, der Ihnen hilft.‘ — Ich habe mich damals -abgewendet und rasch meinen Ball in den Springbrunnen -fallen lassen, damit Sie meine Tränen nicht -sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen das rote -Korallenherz schenken, das ich an einem Seidenband um -den Hals trug, aber ich schämte mich, weil das gar so -lächerlich gewesen wäre.“ — — — -</p> - -<p> -<em>Erinnerung!</em> -</p> - -<p> -— Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner -Kehle. Ein Schimmer wie aus einem vergessenen, -fernen Land der Sehnsucht trat vor mich — unvermittelt -und schreckhaft: Ein kleines Mädchen in weißem Kleid -und ringsum die dunkle Wiese eines Schloßparks, von -alten Ulmen umsäumt. Deutlich sah ich es wieder -vor mir. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ich mußte mich verfärbt haben; ich merkte es an der -Hast, mit der sie fortfuhr: „Ich weiß ja, daß Ihre Worte -damals nur der Stimmung des Abschieds entsprangen, -aber sie waren mir oft ein Trost und — und ich danke -Ihnen dafür.“ -</p> - -<p> -Mit aller Kraft biß ich die Zähne zusammen und jagte -den heulenden Schmerz, der mich zerfetzte, in die Brust -zurück. -</p> - -<p> -Ich verstand: Eine gnädige Hand war es gewesen, -die die Riegel vor meiner Erinnerung zugeschoben hatte. -Klar stand jetzt in meinem Bewußtsein geschrieben, was -ein kurzer Schimmer aus alten Tagen herübergetragen: -Eine Liebe, die für mein Herz zu stark gewesen, hatte -für Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht des Irrsinns -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -war damals der Balsam für meinen wunden Geist -geworden. -</p> - -<p> -Allmählich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins -über mich und kühlte die Tränen hinter meinen Augenlidern. -Der Hall von Glocken zog ernst und stolz durch -den Dom, und ich konnte freudig lächelnd der in die -Augen sehen, die gekommen war, Hilfe bei mir zu suchen. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Wieder hörte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags -und das Trappen der Hufe. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in -die Stadt. -</p> - -<p> -Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden -Augen, und aus geschlichteten Bergen von Tannenbäumen -raunte es von Flitter und silbernen Nüssen und -vom kommenden Christfest. -</p> - -<p> -Auf dem Rathausplatz an der Mariensäule murmelten -bei Kerzenglanz die alten Bettelweiber mit den grauen -Kopftüchern der Muttergottes ihren Rosenkranz. -</p> - -<p> -Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die -Buden des Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit -rotem Tuch bespannt, leuchtete grell, von schwelenden -Fackeln beschienen, die offene Bühne eines Marionettentheaters. -</p> - -<p> -Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett, die -Peitsche in der Hand und daran an der Schnur ein -Totenschädel, ritt klappernd auf hölzernem Schimmel -über die Bretter. -</p> - -<p> -In Reihen fest aneinandergedrängt starrten die -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -Kleinen — die Pelzmützen tief über die Ohren gezogen -— mit offenem Munde hinauf und lauschten gebannt -den Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die -mein Freund Zwakh da drinnen im Kasten sprach: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Ganz vorne schritt ein Hampelmann,</p> - <p class="verse">Der Kerl war mager wie ein Dichter</p> - <p class="verse">Und hatte bunte Lappen an</p> - <p class="verse">Und torkelte und schnitt Gesichter.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf -den Platz mündete. Dicht, Kopf an Kopf, stand lautlos -eine Menschenmenge da in der Finsternis vor einem -Anschlagszettel. -</p> - -<p> -Ein Mann hatte ein Streichholz angezündet, und ich -konnte einige Zeilen bruchstückweise lesen. Mit dumpfen -Sinnen nahm mein Bewußtsein ein paar Worte auf: -</p> - -<div class="container"> - <div class="box"> -<p class="center"> -<em>Vermißt!</em> -</p> - -<p class="center"> -1000 fl Belohnung -</p> - -<p class="box108"> -Älterer Herr ...... schwarz gekleidet <span class="right">...........</span><br /> -................... Signalement:<br /> -...... fleischiges, glattrasiertes Gesicht <span class="right">......</span><br /> -................. Haarfarbe: weiß <span class="right">...............</span><br /> -..... Polizeidirektion .... Zimmer Nr. <span class="right">..........</span> -</p> - - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Wunschlos, <a id="corr-12"></a>teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging -ich langsam hinein in die lichtlosen Häuserreihen. -</p> - -<p> -Eine Handvoll winziger Sterne glitzerte auf dem -schmalen, dunklen Himmelsweg über den Giebeln. -</p> - -<p> -Friedvoll schweiften meine Gedanken zurück in den -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Dom, und die Ruhe meiner Seele wurde noch beseligender -und tiefer, da drang vom Platz herüber, -schneidend klar — als stünde sie dicht an meinem Ohr -— die Stimme des Marionettenspielers durch die -Winterluft: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Wo ist das Herz aus rotem Stein?</p> - <p class="verse">Es hing an einem Seidenbande,</p> - <p class="verse">Und funkelte im Frührotschein“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-10"> -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -Spuk -</h2> - -<p class="first"> -Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer -durchmessen und mir das Gehirn zermartert, wie ich -„ihr“ Hilfe bringen könnte. -</p> - -<p> -Oft war ich nahe daran gewesen, hinunter zu Schemajah -Hillel zu gehen, ihm zu erzählen, was mir anvertraut -worden, und ihn um Rat zu bitten. Aber jedesmal -verwarf ich den Entschluß. -</p> - -<p> -Er stand im Geist so riesengroß vor mir, daß es eine -Entweihung schien, ihn mit Dingen, die das äußere -Leben betrafen, zu behelligen, dann wieder kamen Momente, -wo mich brennende Zweifel befielen, ob ich in -Wirklichkeit alles das erlebt hätte, was nur eine kurze -Spanne Zeit zurücklag und doch so seltsam verblaßt -schien, verglichen mit den lebenstrotzenden Erlebnissen -des verflossenen Tages. -</p> - -<p> -Hatte ich nicht doch geträumt? Durfte ich — ein -Mensch, dem das Unerhörte geschehen war, daß er -seine Vergangenheit vergessen hatte, — auch nur eine -Sekunde lang als Gewißheit annehmen, wofür als -einziger Zeuge bloß meine Erinnerung die Hand aufhob? -</p> - -<p> -Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch -auf dem Sessel lag. Gott sei Dank, wenigstens das eine -stand fest: ich war mit ihm in persönlicher Berührung -gewesen! -</p> - -<p> -Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm, -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -seine Knie umfassen und wie Mensch zu Mensch ihm -klagen, daß ein unsägliches Weh an meinem Herzen -fraß? -</p> - -<p> -Schon hielt ich die Klinke in der Hand, da ließ ich sie -wieder los; ich sah voraus, was kommen würde: Hillel -würde mir mild über die Augen fahren und — — — -nein, nein, nur das nicht! Ich hatte kein Recht, Linderung -zu begehren. „Sie“ vertraute auf mich und -meine Hilfe, und wenn die Gefahr, in der sie sich fühlte, -mir in Momenten auch klein und nichtig erscheinen -mochte, — <em>sie</em> empfand sie sicherlich als riesengroß! -</p> - -<p> -Hillel um Rat zu bitten, blieb morgen Zeit — ich -zwang mich, kalt und nüchtern zu denken; — ihn jetzt -— mitten in der Nacht zu stören? — es ging nicht an. -So würde nur ein Verrückter handeln. -</p> - -<p> -Ich wollte die Lampe anzünden; dann ließ ich es -wieder sein: der Abglanz des Mondlichts fiel von den -Dächern gegenüber herein in mein Zimmer und gab -mehr Helle, als ich brauchte. Und ich fürchtete, die Nacht -könnte noch langsamer vergehen, wenn ich Licht machte. -</p> - -<p> -Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken, -die Lampe anzuzünden, nur um den Tag zu erwarten, -— eine leise Angst sagte mir, der Morgen rücke dadurch -in unerlebbare Ferne. -</p> - -<p> -Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der -Luft schwebender Friedhof lagen die Reihen verschnörkelter -Giebel dort oben — Leichensteine mit verwitterten -Jahreszahlen, getürmt über die dunkeln Modergrüfte, -diese „Wohnstätten“, darein sich das Gewimmel -der Lebenden Höhlen und Gänge genagt. -</p> - -<p> -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich -leise, ganz leise zu wundern begann, warum ich denn -nicht aufschräke, wo doch ein Geräusch von verhaltenen -Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein -Ohr drang. -</p> - -<p> -Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein -Mensch. Das kurze Ächzen der Dielen verriet, wie seine -Sohle zögernd schlich. -</p> - -<p> -Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde -förmlich kleiner, so preßte sich alles in mir zusammen -unter dem Druck des Willens zu hören. Jedes Zeitempfinden -gerann zu Gegenwart. -</p> - -<p> -Noch ein rasches Knistern, das vor sich selbst erschrak -und hastig abbrach. Dann Totenstille. Jene lauernde, -grauenhafte Stille, die ihr eigener Verräter ist und -Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht. -</p> - -<p> -Regungslos stand ich, das Ohr an die Wand gedrückt, -das drohende Gefühl in der Kehle, daß drüben einer -stand, genau so wie ich und dasselbe tat. -</p> - -<p> -Ich lauschte und lauschte: -</p> - -<p> -Nichts. -</p> - -<p> -Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben. -</p> - -<p> -Lautlos — auf den Zehenspitzen — stahl ich mich an -den Sessel bei meinem Bett, nahm Hillels Kerze und -zündete sie an. -</p> - -<p> -Dann überlegte ich: Die eiserne Speichertüre draußen -auf dem Gang, die zum Atelier Saviolis führte, ging -nur von drüben aufzuklinken. -</p> - -<p> -Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenförmiges Stück -Draht, das unter meinen Graviersticheln auf dem -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -Tische lag: derlei Schlösser springen leicht auf. Schon -beim ersten Druck auf die Riegelfeder! -</p> - -<p> -Und was würde dann geschehen? -</p> - -<p> -Nur Aaron Wassertrum konnte es sein, der da nebenan -spionierte, — vielleicht in Kästen wühlte, um neue -Waffen und Beweise in die Hand zu bekommen, legte -ich mir zurecht. -</p> - -<p> -Ob es viel nützen würde, wenn ich dazwischentrat? -</p> - -<p> -Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken! -Nur dies furchtbare Warten auf den Morgen zerfetzen! -</p> - -<p> -Und schon stand ich vor der eisernen Bodentüre, -drückte dagegen, schob vorsichtig den Haken ins Schloß -und horchte. Richtig: Ein schleifendes Geräusch drinnen -im Atelier, wie wenn jemand eine Schublade aufzieht. -</p> - -<p> -Im nächsten Augenblick schnellte der Riegel zurück. -</p> - -<p> -Ich konnte das Zimmer überblicken und sah, obwohl -es fast finster war und meine Kerze mich nur blendete, -wie ein Mann in langem, schwarzem Mantel entsetzt -vor einem Schreibtisch aufsprang, — eine Sekunde lang -unschlüssig, wohin sich wenden, — eine Bewegung machte, -als wolle er auf mich losstürzen, sich dann den Hut vom -Kopf riß und hastig damit sein Gesicht bedeckte. -</p> - -<p> -„Was suchen Sie hier!“ wollte ich rufen, doch der -Mann kam mir zuvor: -</p> - -<p> -„Pernath! Sie sind’s? Gotteswillen! Das Licht -weg!“ Die Stimme kam mir bekannt vor, war aber -keinesfalls die des Trödlers Wassertrum. -</p> - -<p> -Automatisch blies ich die Kerze aus. -</p> - -<p> -Das Zimmer lag halbdunkel da — nur von dem -schimmrigen Dunst, der aus der Fensternische hereindrang, -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -matt erhellt — genau wie meines, und ich mußte -meine Augen aufs äußerste anstrengen, ehe ich in dem -abgezehrten, hektischen Gesicht, das plötzlich über dem -Mantel auftauchte, die Züge des Studenten Charousek -erkennen konnte. -</p> - -<p> -„Der Mönch!“ drängte es sich mir auf die Zunge -und ich verstand mit einem Male die Vision, die ich -gestern im Dom gehabt! <em>Charousek! Das war -der Mann, an den ich mich wenden sollte!</em> — -Und ich hörte seine Worte wieder, die er damals im -Regen unter dem Torbogen gesagt hatte: „Aaron Wassertrum -wird es schon erfahren, daß man mit vergifteten, -unsichtbaren Nadeln durch Mauern stechen kann. Genau -an dem Tage, an dem er Dr. Savioli an den Hals -will.“ -</p> - -<p> -Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen? Wußte -er ebenfalls, was sich zugetragen? Sein Hiersein zu so -ungewöhnlicher Stunde ließ fast darauf schließen, aber -ich scheute mich, die direkte Frage an ihn zu richten. -</p> - -<p> -Er war ans Fenster geeilt und spähte hinter dem Vorhang -hinunter auf die Gasse. -</p> - -<p> -Ich erriet: er fürchtete, Wassertrum könne den Lichtschein -meiner Kerze wahrgenommen haben. -</p> - -<p> -„Sie denken gewiß, ich bin ein Dieb, daß ich nachts -hier in einer fremden Wohnung herumsuche, Meister -Pernath,“ fing er nach langem Schweigen mit unsicherer -Stimme an, „aber ich schwöre Ihnen — —“ -</p> - -<p> -Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn. -</p> - -<p> -Und um ihm zu zeigen, daß ich keinerlei Mißtrauen -gegen ihn hegte, in ihm vielmehr einen Bundesgenossen -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -sah, erzählte ich ihm mit kleinen Einschränkungen, die -ich für nötig hielt, welche Bewandtnis es mit dem Atelier -habe, und daß ich fürchte, eine Frau, die mir nahestehe, -sei in Gefahr, den erpresserischen Gelüsten des Trödlers -in irgendwelcher Art zum Opfer zu fallen. -</p> - -<p> -Aus der höflichen Weise, mit der er mir zuhörte, ohne -mich mit Fragen zu unterbrechen, entnahm ich, daß er -das meiste bereits wußte, wenn auch vielleicht nicht in -Einzelheiten. -</p> - -<p> -„Es stimmt schon,“ sagte er grübelnd, als ich zu Ende -gekommen war. „Habe ich mich also doch nicht geirrt! -Der Kerl will Savioli an die Gurgel fahren, das ist -klar, aber offenbar hat er noch nicht genug Material -beisammen. Weshalb würde er sich sonst noch hier -immerwährend herumdrücken! Ich ging nämlich gestern, -sagen wir mal: ‚zufällig‘ durch die Hahnpaßgasse,“ erklärte -er, als er meine fragende Miene bemerkte, „da -fiel mir auf, daß Wassertrum erst lange — scheinbar -unbefangen — vor dem Tor unten auf und ab schlenderte, -dann aber, als er sich unbeobachtet glaubte, rasch -ins Haus bog. Ich ging ihm sofort nach und tat so, als -wollte ich Sie besuchen, das heißt, ich klopfte bei Ihnen -an, und dabei überraschte ich ihn, wie er draußen an der -eisernen Bodentür mit einem Schlüssel herumhantierte. -Natürlich gab er es augenblicklich auf, als ich kam, und -klopfte ebenfalls als Vorwand bei Ihnen an. Sie schienen -übrigens nicht zu Hause gewesen zu sein, denn es öffnete -niemand. -</p> - -<p> -Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte, -erfuhr ich, daß jemand, der nach den Schilderungen -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -nur Dr. Savioli sein konnte, hier heimlich ein Absteigequartier -besäße. Da Dr. Savioli schwer krank liegt, -reimte ich mir das übrige zurecht. -</p> - -<p> -Sehen Sie: und das da habe ich aus den Schubladen -zusammengesucht, um Wassertrum für alle Fälle -zuvorzukommen“, schloß Charousek und deutete auf ein -Paket Briefe auf dem Schreibtisch; „es ist alles, was ich -an Schriftstücken finden konnte. Hoffentlich ist sonst -nichts mehr vorhanden. Wenigstens habe ich in sämtlichen -Truhen und Schränken gestöbert, so gut das in -der Finsternis ging.“ -</p> - -<p> -Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das -Zimmer und blieben unwillkürlich auf einer Falltüre -am Boden haften. Ich entsann mich dabei dunkel, daß -Zwakh mir irgendwann erzählt hatte, ein geheimer -Zugang führe von unten herauf ins Atelier. -</p> - -<p> -Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran -als Griff. -</p> - -<p> -„Wo sollen wir die Briefe aufheben?“, fing Charousek -wieder an. „Sie, Herr Pernath, und ich sind wohl die -einzigen im ganzen Ghetto, die Wassertrum harmlos -vorkommen, — warum gerade <em>ich</em>, das — hat — seine -— besonderen — Gründe“, — (ich sah, daß sich seine -Züge in wildem Haß verzerrten, wie er so den letzten -Satz förmlich zerbiß —) „und Sie hält er für — —“ -Charousek erstickte das Wort „verrückt“ mit einem raschen, -erkünstelten Husten, aber ich erriet, was er hatte sagen -wollen. Es tat mir nicht weh; das Gefühl, „ihr“ helfen -zu können, machte mich so glückselig, daß jede Empfindlichkeit -ausgelöscht war. -</p> - -<p> -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -Wir kamen schließlich überein, das Paket bei mir -zu verstecken, und gingen hinüber in meine Kammer. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Charousek war längst fort, aber immer noch konnte -ich mich nicht entschließen, zu Bette zu gehen. Eine gewisse -innere Unzufriedenheit nagte an mir und hielt -mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun, fühlte -ich, aber was? was? -</p> - -<p> -Einen Plan für den Studenten entwerfen, was -weiter zu geschehen hätte? -</p> - -<p> -Das allein konnte es nicht sein. Charousek ließ den -Trödler sowieso nicht aus den Augen, darüber bestand -kein Zweifel. Ich schauderte, wenn ich an den Haß -dachte, der aus seinen Worten geweht hatte. -</p> - -<p> -Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte? -</p> - -<p> -Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte -mich fast zur Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges -rief nach mir, und ich verstand nicht. -</p> - -<p> -Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, -das Reißen am Zügel spürt und nicht weiß, welches -Kunststück er machen soll, den Willen seines Herrn nicht -erfaßt. -</p> - -<p> -Hinuntergehen zu Schemajah Hillel? -</p> - -<p> -Jede Faser in mir verneinte. -</p> - -<p> -Die Vision des Mönchs in der Domkirche, auf dessen -Schultern gestern der Kopf Charouseks aufgetaucht war -als Antwort auf eine stumme Bitte um Rat, gab mir -Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefühle nicht -ohne weiteres zu verachten. Geheime Kräfte keimten -in mir auf seit geraumer Zeit, das war gewiß: ich empfand -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -es zu übermächtig, als daß ich auch nur den Versuch -gemacht hätte, es wegzuleugnen. -</p> - -<p> -Buchstaben zu <em>empfinden</em>, sie nicht nur mit den -Augen in Büchern zu lesen, — einen Dolmetsch in mir -selbst aufzustellen, der mir übersetzt, was die Instinkte -ohne Worte raunen, darin muß der Schlüssel liegen, -sich mit dem eigenen Innern durch klare Sprache zu -verständigen, begriff ich. -</p> - -<p> -„Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren -und hören nicht“, fiel mir eine Bibelstelle wie eine Erklärung -dazu ein. -</p> - -<p> -„Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel“, wiederholten mechanisch -meine Lippen, derweilen mir der Geist jene -sonderbaren Ideen vorgaukelte, bemerkte ich plötzlich. -</p> - -<p> -„Schlüssel, Schlüssel — —?“ mein Blick fiel auf den -krummen Draht in meiner Hand, der mir vorhin zum -Öffnen der Speichertüre gedient hatte, und eine heiße -Neugier, wohin wohl die viereckige Falltür aus dem -Atelier führen könnte, peitschte mich auf. -</p> - -<p> -Und ohne zu überlegen, ging ich nochmals hinüber -in Saviolis Atelier und zog an dem Griffring der Falltüre, -bis es mir schließlich gelang, die Platte zu heben. -</p> - -<p> -Zuerst nichts als Dunkelheit. -</p> - -<p> -Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab -in tiefste Finsternis. -</p> - -<p> -Ich stieg hinunter. -</p> - -<p> -Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Händen die -Mauern entlang, aber es wollte kein Ende nehmen: -Nischen, feucht von Schimmel und Moder, — Windungen, -Ecken und Winkel, — Gänge geradeaus, nach -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -links und nach rechts, Reste einer alten Holztüre, Wegteilungen -und dann wieder Stufen, Stufen, Stufen -hinauf und hinab. -</p> - -<p> -Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde -überall. -</p> - -<p> -Und noch immer kein Lichtstrahl. — -</p> - -<p> -Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen hätte! -</p> - -<p> -Endlich flacher, ebener Weg. -</p> - -<p> -Aus dem Knirschen unter meinen Füßen schloß ich, -daß ich auf trockenem Sand dahinschritt. -</p> - -<p> -Es konnte nur einer jener zahllosen Gänge sein, die -scheinbar ohne Zweck und Ziel unter dem Ghetto hinführen -bis zum Fluß. -</p> - -<p> -Ich wunderte mich nicht: die halbe Stadt stand doch -seit unvordenklichen Zeiten auf solchen unterirdischen -Läuften, und die Bewohner Prags hatten von jeher -triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen. -</p> - -<p> -Das Fehlen jeglichen Geräusches zu meinen Häupten -sagte mir, daß ich mich immer noch in der Gegend des -Judenviertels, das nachts wie ausgestorben ist, befinden -mußte, obwohl ich schon eine Ewigkeit gewandert war. -Belebtere Straßen oder Plätze über mir hätten sich durch -fernes Wagenrasseln verraten. -</p> - -<p> -Eine Sekunde lang würgte mich die Furcht: was, -wenn ich im Kreise herumging!? In ein Loch stürzte, -mich verletzte, ein Bein brach und nicht mehr weitergehen -konnte!? -</p> - -<p> -Was geschah dann mit <em>ihren</em> Briefen in meiner -Kammer? Sie mußten unfehlbar Wassertrum in die -Hände fallen. -</p> - -<p> -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -Der Gedanke an Schemajah Hillel, mit dem ich vag -den Begriff eines Helfers und Führers verknüpfte, beruhigte -mich unwillkürlich. -</p> - -<p> -Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und -tastenden Schrittes und hielt den Arm in die Höhe, um -nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen, falls der -Gang niedriger würde. -</p> - -<p> -Von Zeit zu Zeit, dann immer öfter stieß ich oben -mit der Hand an, und endlich senkte sich das Gestein so -tief herab, daß ich mich bücken mußte, um durchzukommen. -</p> - -<p> -Plötzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen -leeren Raum. -</p> - -<p> -Ich blieb stehen und starrte hinauf. -</p> - -<p> -Nach und nach schien es mir, als falle von der Decke -ein leiser, kaum merklicher Schimmer von Licht. -</p> - -<p> -Mündete hier ein Schacht, vielleicht aus irgend einem -Keller herunter? -</p> - -<p> -Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Händen -in Kopfeshöhe um mich herum: die Öffnung war genau -viereckig und ausgemauert. -</p> - -<p> -Allmählich konnte ich darin als Abschluß die schattenhaften -Umrisse eines wagerechten Kreuzes unterscheiden, -und endlich gelang es mir, seine Stäbe zu erfassen, mich -daran emporzuziehen und hindurchzuzwängen. -</p> - -<p> -Ich <em>stand</em> jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich. -</p> - -<p> -Offenbar endeten hier die Überbleibsel einer eisernen -Wendeltreppe, wenn mich das Gefühl meiner Finger -nicht täuschte? -</p> - -<p> -Lang, unsagbar lang mußte ich tappen, bis ich -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -die zweite Stufe finden konnte, dann klomm ich -empor. -</p> - -<p> -Es waren im ganzen acht Stufen. Eine jede fast in -Manneshöhe über der andern. -</p> - -<p> -Sonderbar: die Treppe stieß oben gegen eine Art -horizontalen Getäfels, das aus regelmäßigen, sich schneidenden -Linien den Lichtschein herabschimmern ließ, den -ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte! -</p> - -<p> -Ich duckte mich, so tief ich konnte, um aus etwas -weiterer Entfernung besser unterscheiden zu können, -wie die Linien verliefen, und sah zu meinem Erstaunen, -daß sie genau die Form eines Sechsecks, wie man es -auf den Synagogen findet, bildeten. -</p> - -<p> -Was mochte das nur sein? -</p> - -<p> -Plötzlich kam ich dahinter: es war eine Falltür, die -an den Kanten Licht durchließ! Eine Falltür aus Holz -in Gestalt eines Sternes. -</p> - -<p> -Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte, -drückte sie aufwärts und stand im nächsten Moment -in einem Gemach, das von grellem Mondschein erfüllt -war. -</p> - -<p> -Es war ziemlich klein, vollständig leer bis auf einen -Haufen Gerümpel in der Ecke und hatte nur ein einziges, -stark vergittertes Fenster. -</p> - -<p> -Eine Türe oder sonst einen Zugang mit Ausnahme -dessen, den ich soeben benützt, vermochte ich nicht zu -entdecken, so genau ich auch die Mauern immer wieder -von neuem absuchte. -</p> - -<p> -Die Gitterstäbe des Fensters standen zu eng, als daß -ich den Kopf hätte durchstecken können, so viel aber sah ich: -</p> - -<p> -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -Das Zimmer befand sich ungefähr in der Höhe eines -dritten Stockwerks, denn die Häuser gegenüber hatten -nur zwei Etagen und lagen wesentlich tiefer. -</p> - -<p> -Das eine Ufer der Straße unten war für mich noch -knapp sichtbar, aber infolge des blendenden Mondlichts, -das mir voll ins Gesicht schien, in tiefe Schlagschatten -getaucht, die es mir unmöglich machten, Einzelheiten -zu unterscheiden. -</p> - -<p> -Zum Judenviertel mußte die Gasse unbedingt gehören, -denn die Fenster drüben waren sämtlich vermauert -oder aus Simsen im Bau angedeutet, und nur -im Ghetto kehren die Häuser einander so seltsam den -Rücken. -</p> - -<p> -Vergebens quälte ich mich ab herauszubringen, was -das wohl für ein sonderbares Bauwerk sein mochte, in -dem ich mich befand. -</p> - -<p> -Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitentürmchen -der griechischen Kirche sein? Oder gehörte es irgendwie -zur Altneusynagoge? -</p> - -<p> -Die Umgebung stimmte nicht. -</p> - -<p> -Wieder sah ich mich im Zimmer um: nichts, was mir -auch nur den kleinsten Aufschluß gegeben hätte. — -Die Wände und Decke waren kahl, Bewurf und Kalk -längst abgefallen und weder Nagellöcher, noch Nägel, -die verraten hätten, daß der Raum einst bewohnt gewesen. -</p> - -<p> -Der Boden lag fußhoch bedeckt mit Staub, als -hätte ihn seit Jahrzehnten kein lebendes Wesen betreten. -</p> - -<p> -Das Gerümpel in der Ecke zu durchsuchen, ekelte ich -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -mich. Es lag in tiefer Finsternis, und ich konnte nicht -unterscheiden, woraus es bestand. -</p> - -<p> -Dem äußern Eindruck nach schienen es Lumpen zu -einem Knäuel geballt. -</p> - -<p> -Oder waren es ein paar alte, schwarze Handkoffer? -</p> - -<p> -Ich tastete mit dem Fuß hin, und es gelang mir, mit -dem Absatz einen Teil davon in die Nähe des Lichtstreifens -zu ziehen, den der Mond quer übers Zimmer -warf. Es schien wie ein breites, dunkles Band, das sich -da langsam aufrollte. -</p> - -<p> -Ein blitzender Punkt wie ein Auge! -</p> - -<p> -Ein Metallknopf vielleicht? -</p> - -<p> -Allmählich wurde mir klar: ein Ärmel von sonderbarem, -altmodischem Schnitt hing da aus dem Bündel -heraus. -</p> - -<p> -Und eine kleine weiße Schachtel oder dergleichen lag -darunter, lockerte sich unter meinem Fuß und zerfiel -in eine Menge fleckiger Schichten. -</p> - -<p> -Ich gab ihr einen leichten Stoß: Ein Blatt flog ins -Helle. -</p> - -<p> -Ein Bild? -</p> - -<p> -Ich bückte mich: Ein Pagad? -</p> - -<p> -Was mir eine weiße Schachtel geschienen, war ein -Tarokspiel. -</p> - -<p> -Ich hob es auf. -</p> - -<p> -Konnte es etwas Lächerlicheres geben: Ein Kartenspiel -hier an diesem gespenstischen Ort! -</p> - -<p> -Merkwürdig, daß ich mich zum Lächeln zwingen -mußte. Ein leises Gefühl von Grauen beschlich mich. -</p> - -<p> -Ich suchte nach einer banalen Erklärung, wie die -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -Karten wohl hierhergekommen sein könnten, und zählte -dabei mechanisch das Spiel. Es war vollständig: 78 Stück. -Aber schon während des Zählens fiel mir etwas auf: -Die Blätter waren wie aus Eis. -</p> - -<p> -Eine lähmende Kälte ging von ihnen aus, und wie -ich das Paket geschlossen in der Hand hielt, konnte ich es -kaum mehr loslassen: so erstarrt waren meine Finger. -Wieder haschte ich nach einer nüchternen Erklärung: -</p> - -<p> -Mein dünner Anzug, die lange Wanderung ohne -Mantel und Hut in den unterirdischen Gängen, die -grimmige Winternacht, die Steinwände, der entsetzliche -Frost, der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinfloß: -— sonderbar genug, daß ich erst jetzt anfing zu -frieren. Die Erregung, in der ich mich die ganze Zeit -befunden, mußte mich darüber hinweggetäuscht haben. — -</p> - -<p> -Ein Schauer nach dem andern jagte mir über die -Haut. Schicht um Schicht drangen sie tiefer, immer -tiefer in meinen Körper ein. -</p> - -<p> -Ich fühlte mein Skelett zu Eis werden und wurde -mir jedes einzelnen Knochen bewußt wie kalter Metallstangen, -an denen mir das Fleisch festfror. -</p> - -<p> -Kein Umherlaufen half, kein Stampfen mit den -Füßen und nicht das Schlagen mit den Armen. Ich biß -die Zähne zusammen, um ihr Klappern nicht zu hören. -</p> - -<p> -Das ist der Tod, sagte ich mir, der dir die kalten Hände -auf den Scheitel legt. -</p> - -<p> -Und ich wehrte mich wie ein Rasender gegen den betäubenden -Schlaf des Erfrierens, der, wollig und erstickend, -mich wie mit einem Mantel einhüllen kam. -</p> - -<p> -Die Briefe, in meiner Kammer, — <em>ihre</em> Briefe! -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -brüllte es in mir auf: man wird sie finden, wenn ich hier -sterbe. Und sie hofft auf mich! Hat ihre Rettung in -meine Hände gelegt! — Hilfe! — Hilfe! — Hilfe! — -</p> - -<p> -Und ich schrie durch das Fenstergitter hinunter auf die -öde Gasse, daß es widerhallte: Hilfe, Hilfe, Hilfe! -</p> - -<p> -Warf mich zu Boden und sprang wieder auf. Ich -durfte nicht sterben, durfte nicht! ihretwegen, nur ihretwegen! -Und wenn ich Funken aus meinen Knochen -schlagen sollte, um mich zu erwärmen. -</p> - -<p> -Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke, und -ich stürzte darauf zu und zog sie mit schlotternden Händen -über meine Kleider. -</p> - -<p> -Es war ein zerschlissener Anzug aus dickem, dunklem -Tuch von uraltmodischem, seltsamem Schnitt. -</p> - -<p> -Ein Geruch nach Moder ging von ihm aus. -</p> - -<p> -Dann kauerte ich mich in dem gegenüberliegenden -Mauerwinkel zusammen und spürte meine Haut langsam, -langsam wärmer werden. Nur das schauerliche -Gefühl des eigenen, eisigen Gerippes in mir wollte -nicht weichen. Regungslos saß ich da und ließ meine -Augen wandern: die Karte, die ich zuerst gesehen, — -der Pagad, — lag noch immer inmitten des Zimmers -in dem Lichtstreifen. -</p> - -<p> -Unverwandt mußte ich sie anstarren. -</p> - -<p> -Sie schien, soweit ich auf die Entfernung hin erkennen -konnte, in Wasserfarben ungeschickt von Kinderhand gemalt, -und stellte den hebräischen Buchstaben Aleph dar, -in Form eines Mannes, altfränkisch gekleidet, den grauen -Spitzbart kurz geschnitten und den linken Arm erhoben, -während der andere abwärts deutete. -</p> - -<p> -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -Hatte das Gesicht des Mannes nicht eine seltsame -Ähnlichkeit mit meinem, dämmerte mir ein Verdacht -auf? — Der Bart — er paßte so gar nicht zu einem -Pagad, — — ich kroch auf die Karte zu und warf sie -in die Ecke zu dem Rest des Gerümpels, um den quälenden -Anblick los zu sein. -</p> - -<p> -Dort lag sie jetzt und schimmerte — ein grauweißer, -unbestimmter Fleck — zu mir herüber aus dem -Dunkel. -</p> - -<p> -Mit Gewalt zwang ich mich zu überlegen, was ich zu -beginnen hätte, um wieder in meine Wohnung zu -kommen: -</p> - -<p> -Den Morgen abwarten! Unten die Vorübergehenden -vom Fenster aus anrufen, damit sie mir von außen -mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne heraufbrächten! -— Ohne Licht die endlosen, sich ewig kreuzenden -Gänge zurückfinden, würde mir nie gelingen, empfand -ich als beklemmende Gewißheit. — Oder, falls das -Fenster zu hoch läge, daß sich jemand vom Dach -mit einem Strick — —? Gott im Himmel, wie ein -Blitzstrahl durchfuhr es mich: jetzt wußte ich, wo ich -war: Ein Zimmer ohne Zugang — nur mit einem -vergitterten Fenster — das altertümliche Haus in der -Altschulgasse, das jeder mied! — schon einmal vor -vielen Jahren hatte sich ein Mensch an einem Strick -vom Dach herabgelassen, um durchs Fenster zu schauen, -und der Strick war gerissen und — Ja: ich war in -dem Haus, in dem der gespenstische Golem jedesmal -verschwand! -</p> - -<p> -Ein tiefes Grauen, gegen das ich mich vergeblich -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -wehrte, das ich nicht einmal mehr durch die Erinnerung -an die Briefe niederkämpfen konnte, lähmte jedes -Weiterdenken, und mein Herz fing an, sich zu krampfen. -</p> - -<p> -Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen, es sei nur -der Wind, der da so eisig aus der Ecke herüberwehte, -sagte es mir vor, schneller und schneller, mit pfeifendem -Atem — es half nicht mehr: dort drüben der weißliche -Fleck — die Karte — sie quoll auf zu blasigen Klumpen, -tastete sich hin zum Rande des Mondstreifens und kroch -wieder zurück in die Finsternis. — Tropfende Laute — -halb gedacht, geahnt, halb wirklich — im Raum und doch -außerhalb um mich herum und doch anderswo, — tief -im eigenen Herzen und wieder mitten im Zimmer — -erwachten: Geräusche, wie wenn ein Zirkel fällt und mit -der Spitze im Holz stecken bleibt! -</p> - -<p> -Immer wieder: Der weißliche Fleck — — — der -weißliche Fleck — —! Eine Karte, eine erbärmliche, -dumme, alberne Spielkarte ist es, schrie ich mir ins Hirn -hinein — — — umsonst — — jetzt hat er sich dennoch — -dennoch Gestalt erzwungen — der Pagad — und hockt -in der Ecke und stiert herüber zu mir mit <em>meinem -eigenen Gesicht</em>. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Stunden und Stunden kauerte ich da — unbeweglich -— in meinem Winkel, ein frosterstarrtes Gerippe in -fremden, modrigen Kleidern! — Und er drüben: ich -selbst. -</p> - -<p> -Stumm und regungslos. -</p> - -<p> -So starrten wir uns in die Augen — einer das gräßliche -Spiegelbild des andern. — — — -</p> - -<p> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -Ob er es auch sieht, wie sich die Mondstrahlen mit -schneckenhafter Trägheit über den Boden hinsaugen und -wie Zeiger eines unsichtbaren Uhrwerks in der Unendlichkeit -die Wand emporkriechen und fahler und fahler -werden? — -</p> - -<p> -Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm -nichts, daß er sich auflösen wollte in dem Morgendämmerschein, -der ihm vom Fenster her zu Hilfe kam. -</p> - -<p> -Ich hielt ihn fest. -</p> - -<p> -Schritt vor Schritt habe ich mit ihm gerungen um -mein Leben — um das Leben, das mein ist, weil es nicht -mehr mir gehört. — — — -</p> - -<p> -Und wie er kleiner und kleiner wurde und sich bei -Tagesgrauen wieder in sein Kartenblatt verkroch, da -stand ich auf, ging hinüber zu ihm und steckte ihn in die -Tasche — den Pagad. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Immer noch war die Gasse unten öd und menschenleer. -</p> - -<p> -Ich durchstöberte die Zimmerecke, die jetzt im stumpfen -Morgenlichte lag: Scherben, dort eine rostige Pfanne, -morsche Fetzen, ein Flaschenhals. Tote Dinge und -doch so merkwürdig bekannt. -</p> - -<p> -Und auch die Mauern — wie die Risse und Sprünge -darin deutlich wurden — wo hatte ich sie nur gesehen? -</p> - -<p> -Ich nahm das Kartenpäckchen zur Hand — es dämmerte -mir auf: hatte ich die nicht einst selbst bemalt? -Als Kind? Vor langer, langer Zeit? -</p> - -<p> -Es war ein uraltes Tarokspiel. Mit hebräischen -Zeichen. — Nummer 12 muß der „Gehenkte“ sein, überkam’s -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -mich wie halbe Erinnerung. — Mit dem Kopf -abwärts? Die Arme auf dem Rücken? — Ich blätterte -nach: Da! Da war er. -</p> - -<p> -Dann wieder, halb Traum, halb Gewißheit, tauchte -ein Bild vor mir auf: Ein geschwärztes Schulhaus, -bucklig, schief, ein mürrisches Hexengebäude, die linke -Schulter hochgezogen, die andere mit einem Nebenhaus -verwachsen. — — — Wir sind mehrere halbwüchsige -Jungen — ein verlassener Keller ist irgendwo — — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Dann sah ich an meinem Körper herab und wurde -wieder irre: Der altmodische Anzug war mir völlig -fremd. — — — -</p> - -<p> -Der Lärm eines holpernden Karrens schreckte mich -auf, doch wie ich hinabblickte: Keine Menschenseele. -Nur ein Fleischerhund stand versonnen an einem Eckstein. -</p> - -<p> -Da! Endlich! Stimmen! menschliche Stimmen! -</p> - -<p> -Zwei alte Weiber kamen langsam die Straße dahergetrottet, -und ich zwängte den Kopf halb durch das -Gitter und rief sie an. -</p> - -<p> -Mit offenem Mund glotzten sie in die Höhe und berieten -sich. Aber als sie mich sahen, stießen sie ein gellendes -Geschrei aus und liefen davon. -</p> - -<p> -Sie haben mich für den Golem gehalten, begriff ich. -</p> - -<p> -Und ich erwartete, daß ein Zusammenlauf von Menschen -entstehen würde, denen ich mich verständlich machen -könnte, aber wohl eine Stunde verging, und nur hie -und da spähte unten vorsichtig ein blasses Gesicht herauf -zu mir, um sofort in Todesschreck wieder zurückzufahren. -</p> - -<p> -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -Sollte ich warten, bis vielleicht nach Stunden oder -gar erst morgen Polizisten kamen — die Staatsfalotten, -wie Zwakh sie zu nennen pflegte? -</p> - -<p> -Nein, lieber wollte ich einen Versuch machen, die -unterirdischen Gänge ein Stück weit auf ihre Richtung -hin zu untersuchen. -</p> - -<p> -Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein -eine Spur von Licht hinab? -</p> - -<p> -Ich kletterte die Leiter hinunter, setzte den Weg, den -ich gestern gekommen war, fort — über ganze Halden -zerbrochener Ziegelsteine und durch versunkene Keller — -erklomm eine Treppenruine und stand plötzlich — — -im Hausflur des <em>schwarzen Schulhauses</em>, das ich -vorhin wie im Traum gesehen. -</p> - -<p> -Sofort stürzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf -mich ein: Bänke, bespritzt mit Tinte von oben bis unten, -Rechenhefte, plärrender Gesang, ein Junge, der Maikäfer -in der Klasse losläßt, Lesebücher mit zerquetschten -Butterbroten darin und Geruch nach Orangeschalen. -Jetzt wußte ich mit Gewißheit: Ich war einst als Knabe -hier gewesen. — Aber ich ließ mir keine Zeit nachzudenken -und eilte heim. -</p> - -<p> -Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete, -war ein verwachsener alter Jude mit weißen -Schläfenlocken. Kaum hatte er mich erblickt, bedeckte er -sein Gesicht mit den Händen und heulte laut hebräische -Gebete herunter. -</p> - -<p> -Auf den Lärm hin mußten wahrscheinlich viele Leute -aus ihren Höhlen gestürzt sein, denn es brach ein unbeschreibliches -Gezeter hinter mir los. Ich drehte mich um -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -und sah ein wimmelndes Heer totenblasser, entsetzenverzerrter -Gesichter sich mir nachwälzen. -</p> - -<p> -Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand: — -ich trug noch immer die seltsam mittelalterlichen Kleider -von nachts her über meinem Anzug, und die Leute -glaubten, den „Golem“ vor sich zu haben. -</p> - -<p> -Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und riß -mir die modrigen Fetzen vom Leibe. -</p> - -<p> -Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen -Stöcken und geifernden Mäulern schreiend an mir vorüber. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-11"> -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -Licht -</h2> - -<p class="first"> -Einige Male im Laufe des Tages hatte ich an Hillels -Türe geklopft; — es ließ mir keine Ruhe: ich mußte -ihn sprechen und fragen, was alle diese seltsamen Erlebnisse -bedeuteten; aber immer hieß es, er sei noch -nicht zu Hause. -</p> - -<p> -Sowie er heimkäme vom jüdischen Rathaus, wollte -mich seine Tochter sofort verständigen. — -</p> - -<p> -Ein sonderbares Mädchen übrigens, diese Mirjam! -</p> - -<p> -Ein Typus, wie ich ihn noch nie gesehen. -</p> - -<p> -Eine Schönheit, so fremdartig, daß man sie im ersten -Moment gar nicht fassen kann, — eine Schönheit, die -einen stumm macht, wenn man sie ansieht, und ein -unerklärliches Gefühl, so etwas, wie leise Mutlosigkeit -in einem erweckt. -</p> - -<p> -Nach Proportionsgesetzen, die seit Jahrtausenden verloren -gegangen sein müssen, ist dieses Gesicht geformt, -grübelte ich mir zurecht, wie ich es so im Geiste wieder -vor mir sah. -</p> - -<p> -Und ich dachte nach, welchen Edelstein ich wählen -müßte, um es als Gemme festzuhalten und dabei den -künstlerischen Ausdruck richtig zu wahren: Schon an dem -rein Äußerlichen; dem blauschwarzen Glanz des Haares -und der Augen, der alles übertraf, worauf ich auch riet, -scheiterte es. — Wie erst die unirdische Schmalheit des -Gesichtes sinn- und visionsgemäß in eine Kamee bannen, -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -ohne sich in die stumpfsinnige Ähnlichkeitsmacherei der -kanonischen „Kunst“richtung festzurennen! -</p> - -<p> -Nur durch ein Mosaik ließ es sich lösen, erkannte -ich klar, aber was für Material wählen? Ein Menschenleben -gehörte dazu, das passende zusammen zu -finden. — — -</p> - -<p> -Wo nur Hillel blieb! -</p> - -<p> -Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben, alten -Freunde. -</p> - -<p> -Merkwürdig, wie er mir in den wenigen Tagen — -und ich hatte ihn doch, genau genommen, nur ein einziges -Mal im Leben gesprochen, — ins Herz gewachsen -war. -</p> - -<p> -Ja, richtig: die Briefe — <em>ihre</em> Briefe wollte ich doch -besser verstecken. Zu meiner Beruhigung, falls ich wieder -einmal länger von zu Hause fort sein sollte. -</p> - -<p> -Ich nahm sie aus der Truhe: — in der Kassette würden -sie sicherer aufbewahrt sein. -</p> - -<p> -Eine Photographie glitt zwischen den Briefen heraus. -Ich wollte nicht hinschauen, aber es war zu spät. -</p> - -<p> -Den Brokatstoff um die bloßen Schultern gelegt — -so wie ich ‚sie‘ das erste Mal gesehen, als sie in mein -Zimmer flüchtete aus Saviolis Atelier — blickte sie mir -in die Augen. -</p> - -<p> -Ein wahnsinniger Schmerz bohrte sich in mich ein. -Ich las die Widmung unter dem Bilde, ohne die Worte -zu erfassen, und den Namen: -</p> - -<p> -Deine <em>Angelina</em>. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -<em>Angelina!!!</em> -</p> - -<p> -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -Wie ich den Namen aussprach, zerriß der Vorhang, -der meine Jugendjahre vor mir verbarg, von oben bis -unten. -</p> - -<p> -Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu müssen. -Ich krallte die Finger in die Luft und winselte, — biß -mich in die Hand: — — nur wieder blind sein, Gott im -Himmel, — den Scheintod weiter leben, wie bisher, -flehte ich. -</p> - -<p> -Das Weh stieg mir in den Mund. — Quoll. — -Schmeckte seltsam süß, — wie Blut. — — -</p> - -<p> -Angelina!! -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Der Name kreiste in meinen Adern und wurde — zu -unerträglicher gespenstischer Liebkosung. -</p> - -<p> -Mit einem gewaltsamen Ruck riß ich mich zusammen -und zwang mich — mit knirschenden Zähnen — das -Bild anzustarren, bis ich langsam Herr darüber wurde! -</p> - -<p> -<em>Herr</em> darüber! -</p> - -<p> -Wie heute nacht über das Kartenblatt. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Endlich: Schritte! Männertritte. -</p> - -<p> -Er kam! -</p> - -<p> -Voll Jubel eilte ich zur Tür und riß sie auf. -</p> - -<p> -Schemajah Hillel stand draußen und hinter ihm — -ich machte mir leise Vorwürfe, daß ich es als Enttäuschung -empfand — mit roten Bäckchen und runden Kinderaugen: -der alte Zwakh. -</p> - -<p> -„Wie ich zu meiner Freude sehe, sind Sie wohlauf, -Meister Pernath“, fing Hillel an. -</p> - -<p> -Ein kaltes „Sie“? -</p> - -<p> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -Frost. Schneidender, ertötender Frost lag plötzlich im -Zimmer. -</p> - -<p> -Betäubt, mit halbem Ohr, hörte ich hin, was Zwakh, -atemlos vor Aufregung, auf mich losplapperte: -</p> - -<p> -„Wissen Sie schon, der Golem geht wieder um? Neulich -erst sprachen wir davon, wissen Sie noch, Pernath? -Die ganze Judenstadt ist auf. Vrieslander hat ihn selbst -gesehen, den Golem. Und wieder hat es, wie immer, -mit einem Mord begonnen“ — Ich horchte erstaunt -auf: Ein Mord? -</p> - -<p> -Zwakh schüttelte mich: „Ja, wissen Sie denn von -gar nichts, Pernath? Unten hängt doch großmächtig -ein Polizeiaufruf an den Ecken: den dicken Zottmann, -den ‚Freimaurer‘ — na, ich meine doch den Lebensversicherungsdirektor -Zottmann — soll man ermordet -haben. Der Loisa — hier im Haus — ist bereits verhaftet. -Und die rote Rosina: spurlos verschwunden. -— Der Golem — der Golem — es ist ja haarsträubend.“ -</p> - -<p> -Ich gab keine Antwort und suchte in Hillels Augen: -warum blickte er mich so unverwandt an? -</p> - -<p> -Ein verhaltenes Lächeln zuckte plötzlich um seine -Mundwinkel. -</p> - -<p> -Ich verstand. Es galt mir. -</p> - -<p> -Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen vor -jauchzender Freude. -</p> - -<p> -Außer mir in meinem Entzücken, lief ich planlos im -Zimmer umher. Was zuerst bringen? Gläser? Eine -Flasche Burgunder? (Ich hatte doch nur eine.) Zigarren? -— Endlich fand ich Worte: „Aber warum setzt ihr euch -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -denn nicht!?“ — Rasch schob ich meinen beiden Freunden -Sessel unter. — — — -</p> - -<p> -Zwakh fing an, sich zu ärgern: „Warum lächeln Sie -denn immerwährend, Hillel? Glauben Sie vielleicht -nicht, daß der Golem spukt? Mir scheint, Sie glauben -überhaupt nicht an den Golem?“ -</p> - -<p> -„Ich würde nicht an ihn glauben, selbst wenn ich ihn -hier im Zimmer vor mir sähe“, antwortete Hillel gelassen -mit einem Blick auf mich. — Ich verstand den -Doppelsinn, der aus seinen Worten klang. -</p> - -<p> -Zwakh hielt erstaunt im Trinken inne: „Das Zeugnis -von hunderten Menschen gilt Ihnen nichts, Hillel? — -Aber warten Sie nur, Hillel, denken Sie an meine -Worte: Mord auf Mord wird es jetzt in der Judenstadt -geben! Ich kenne das. Der Golem zieht eine unheimliche -Gefolgschaft hinter sich her.“ -</p> - -<p> -„Die Häufung gleichartiger Ereignisse ist nichts -Wunderbares“, erwiderte Hillel. Er sprach es im Gehen, -trat ans Fenster und blickte durch die Scheiben hinab -auf den Trödlerladen — „Wenn der Tauwind weht, -rührt sich’s in den Wurzeln. In den süßen, wie in den -giftigen.“ -</p> - -<p> -Zwakh zwinkerte mir lustig zu und deutete mit dem -Kopf nach Hillel. -</p> - -<p> -„Wenn der Rabbi nur reden wollte, der könnte uns -Dinge erzählen, daß einem die Haare zu Berge stünden,“ -warf er halblaut hin. -</p> - -<p> -Schemajah drehte sich um. -</p> - -<p> -„Ich bin nicht ‚Rabbi‘, wenn ich auch den Titel tragen -darf. Ich bin nur ein armseliger Archivar im jüdischen -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -Rathaus und führe die Register — über die Lebendigen -und die Toten.“ -</p> - -<p> -Eine verborgene Bedeutung lag in seiner Rede, -fühlte ich. Auch der Marionettenspieler schien es unterbewußt -zu empfinden, — er wurde still und eine Zeitlang -sprach keiner von uns ein Wort. -</p> - -<p> -„Hören Sie mal, Rabbi —, verzeihen Sie: ‚Herr -Hillel‘, wollte ich sagen,“ — fing Zwakh nach einer -Weile wieder an, und seine Stimme klang auffallend -ernst, „ich wollte Sie schon lange etwas fragen. Sie -brauchen mir ja nicht drauf zu antworten, wenn Sie -nicht mögen, oder nicht dürfen — — —“ -</p> - -<p> -Schemajah trat an den Tisch und spielte mit dem -Weinglas — er trank nicht; vielleicht verbot es ihm das -jüdische Ritual. -</p> - -<p> -„Fragen Sie ruhig, Herr Zwakh.“ -</p> - -<p> -„— — Wissen Sie etwas über die jüdische Geheimlehre, -die Kabbala, Hillel?“ -</p> - -<p> -„Nur wenig.“ -</p> - -<p> -„Ich habe gehört, es soll ein Dokument geben, aus -dem man die Kabbala lernen kann: den ‚Sohar‘ — —“ -</p> - -<p> -„Ja, den Sohar, — das Buch des Glanzes.“ -</p> - -<p> -„Sehen Sie, da hat man’s“, schimpfte Zwakh los. -„Ist es nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, daß -eine Schrift, die angeblich die Schlüssel zum Verständnis -der Bibel und zur Glückseligkeit enthält —“ -</p> - -<p> -Hillel unterbrach ihn: „— nur einige Schlüssel.“ -</p> - -<p> -„Gut, immerhin einige! — also, daß diese Schrift -infolge ihres hohen Wertes und ihrer Seltenheit wieder -nur den Reichen zugänglich ist? In einem einzigen -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Exemplar, das noch dazu im Londoner Museum steckt, -wie ich mir habe erzählen lassen? Und überdies chaldäisch, -aramäisch, hebräisch — oder was weiß ich wie — -geschrieben? — Habe <em>ich</em> zum Beispiel je im Leben -Gelegenheit gehabt, diese Sprachen zu lernen oder nach -London zu kommen?“ -</p> - -<p> -„Haben Sie denn alle Ihre Wünsche so heiß auf -dieses Ziel gerichtet?“ fragte Hillel mit leisem Spott. -</p> - -<p> -„Offen gestanden — nein“, gab Zwakh einigermaßen -verwirrt zu. -</p> - -<p> -„Dann sollten Sie sich nicht beklagen,“ sagte Hillel -trocken, „wer nicht nach dem Geist schreit mit allen Atomen -seines Leibes, — wie ein Erstickender nach Luft, — der -kann die Geheimnisse Gottes nicht schauen.“ -</p> - -<p> -„Es sollte trotzdem ein Buch geben, in dem sämtliche -Schlüssel zu den Rätseln der anderen Welt stehen, -nicht nur einige“, schoß es mir durch den Kopf, und -meine Hand spielte automatisch mit dem Pagad, den ich -immer noch in der Tasche trug, aber ehe ich die Frage -in Worte kleiden konnte, hatte Zwakh sie bereits ausgesprochen. -</p> - -<p> -Hillel lächelte wieder sphinxhaft: „<em>Jede Frage, -die ein Mensch tun kann, ist im selben Augenblick -beantwortet, wo er sie geistig gestellt -hat.</em>“ -</p> - -<p> -„Verstehen <em>Sie</em>, was er damit meint?“, wandte sich -Zwakh an mich. -</p> - -<p> -Ich gab keine Antwort und hielt den Atem an, um -kein Wort von Hillels Rede zu verlieren. -</p> - -<p> -Schemajah fuhr fort: -</p> - -<p> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -„Das ganze Leben ist <em>nichts</em> anderes als formgewordene -Fragen, die den Keim der Antwort in sich -tragen — und Antworten, die schwanger gehen mit -Fragen. Wer irgend etwas anderes darin sieht, ist ein -Narr.“ -</p> - -<p> -Zwakh schlug mit der Faust auf den Tisch: -</p> - -<p> -„Jawohl: Fragen, die jedesmal anders lauten, und -Antworten, die jeder anders versteht.“ -</p> - -<p> -„Gerade <em>darauf</em> kommt es an,“ sagte Hillel freundlich. -„Alle Menschen über <em>einen</em> Löffel zu — kurieren, -ist lediglich Vorrecht der Ärzte. Der Fragende erhält -<em>die</em> Antwort, die ihm not tut: sonst ginge nicht die Kreatur -den Weg ihrer Sehnsucht. Glauben Sie denn, -unsere jüdischen Schriften sind bloß aus Willkür nur in -Konsonanten geschrieben? — Jeder hat <em>sich selbst</em> die -geheimen Vokale dazu zu finden, die ihm den nur für -ihn allein bestimmten Sinn erschließen, — soll nicht das -lebendige Wort zum toten Dogma erstarren.“ -</p> - -<p> -Der Marionettenspieler wehrte heftig ab: -</p> - -<p> -„Das sind <em>Worte</em>, Rabbi, <em>Worte</em>! Pagad ultimo -will ich heißen, wenn ich daraus klug werde.“ -</p> - -<p> -<em>Pagad!!</em> — Das Wort schlug in mich ein wie der -Blitz. Ich fiel vor Entsetzen beinahe vom Stuhl. -</p> - -<p> -Hillel wich meinen Augen aus. -</p> - -<p> -„Pagad ultimo? Wer weiß, ob Sie nicht wirklich so -heißen, Herr Zwakh!“ — schlug Hillels Rede wie aus -weiter Ferne an mein Ohr. „Man soll seiner Sache -niemals allzu sicher sein. — Übrigens, da wir gerade -von Karten sprechen: Herr Zwakh, spielen Sie Tarok?“ -</p> - -<p> -„Tarok? Natürlich. Von Kindheit an.“ -</p> - -<p> -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -„Dann wundert’s mich, wieso Sie nach einem Buche -fragen können, in dem die ganze Kabbala steht, wo Sie -es doch selbst tausende Male in der Hand gehabt haben.“ -</p> - -<p> -„Ich? In der Hand gehabt? Ich?“ — Zwakh griff -sich an den Kopf. -</p> - -<p> -„Jawohl, <em>Sie</em>! Ist es Ihnen niemals aufgefallen, -daß das Tarokspiel zweiundzwanzig Trümpfe hat, — -genau so viel, wie das hebräische Alphabet Buchstaben? -Zeigen unsere böhmischen Karten nicht zum Überfluß -noch Bilder dazu, die offenkundig Symbole sind: Der -Narr, der Tod, der Teufel, das letzte Gericht? — Wie -laut, lieber Freund, wollen Sie eigentlich, daß Ihnen -das Leben die Antworten in die Ohren schreien soll? -— — Was Sie allerdings nicht zu wissen brauchen, ist, -daß ‚<span class="antiqua">tarok</span>‘ oder ‚<span class="antiqua">Tarot</span>‘ soviel bedeutet wie das jüdische -‚<span class="antiqua">Tora</span>‘ = das Gesetz, oder das altägyptische ‚<span class="antiqua">Tarut</span>‘ = -‚die Befragte‘, und in der uralten Zendsprache das Wort: -‚<span class="antiqua">tarisk</span>‘ = ‚ich verlange die Antwort‘. — Aber die Gelehrten -sollten es wissen, bevor sie die Behauptung aufstellen, -das Tarok stamme aus der Zeit Karls des Sechsten. -— Und so, wie der Pagad die erste Karte im Spiel -ist, so ist der Mensch die erste Figur in seinem eignen -Bilderbuch, sein eigner Doppelgänger: — — der hebräische -Buchstabe Aleph, der, nach der Form des Menschen -gebaut, mit der einen Hand zum Himmel zeigt -und mit der andern abwärts: das heißt also: ‚So wie es -oben ist, ist es auch unten; so wie es unten ist, ist es auch -oben‘. — Darum sagte ich vorhin: Wer weiß, ob Sie -wirklich Zwakh heißen und nicht: ‚Pagad‘ — Berufen -Sie’s nicht,“ — Hillel blickte mich dabei unverwandt -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -an, und ich ahnte, wie sich unter seinen Worten ein -Abgrund immer neuer Bedeutungen auftat — „berufen -Sie’s nicht, Herr Zwakh! <em>Man kann da in finstere -Gänge geraten</em>, aus denen noch keiner zurückfand, -der nicht — <em>einen Talisman bei sich trug</em>. Die -Überlieferung erzählt, daß einmal drei Männer hinabgestiegen -seien ins Reich der Dunkelheit, der eine wurde -wahnsinnig, der zweite blind, nur der dritte, Rabbi ben -Akiba, kam heil wieder heim und sagte, er sei sich selbst -begegnet. Schon so mancher, werden Sie sagen, ist -sich selbst begegnet, z. B. Goethe, gewöhnlich auf einer -Brücke, oder sonst einem Steig, der von einem Ufer -eines Flusses zum andern führt, — hat sich selbst ins -Auge geblickt und ist <em>nicht</em> wahnsinnig geworden. Aber -dann war’s eben nur eine Spiegelung des eigenen Bewußtseins -und nicht der wahre Doppelgänger: nicht -das, was man ‚den Hauch der Knochen‘, den ‚Habal -Garmin‘ nennt, von dem es heißt: <em>Wie er in die -Grube fuhr, unverweslich, im Gebein, so -wird er auferstehen am Tage des letzten Gerichts.</em>“ -— Hillels Blick bohrte sich immer tiefer in -meine Augen — „Unsere Großmütter sagen von ihm: -‚<em>er wohnt</em> hoch über der Erde <em>in einem Zimmer -ohne Türe, nur mit einem Fenster</em>, von dem -aus eine Verständigung mit den Menschen unmöglich -ist. Wer ihn zu bannen und zu — — verfeinern versteht, -der wird gut Freund mit sich selbst.‘ — — — -Was schließlich das Tarok betrifft, so wissen Sie so gut -wie ich: für jeden Spieler liegen die Karten anders, -wer aber die Trümpfe richtig verwendet, der gewinnt -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -die Partie — — —. Aber kommen Sie jetzt, Herr -Zwakh! Gehen wir, Sie trinken sonst Meister Pernaths -ganzen Wein aus, und es bleibt nichts mehr übrig für -ihn selbst.“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-12"> -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -Not -</h2> - -<p class="first"> -Eine Flockenschlacht tobte vor meinem Fenster. Regimenterweise -jagten die Schneesterne — winzige Soldaten -in weißen, zottigen Mäntelchen — hintereinander -her an den Scheiben vorüber — minutenlang — immer -in derselben Richtung, wie auf gemeinsamer Flucht vor -einem ganz besonders bösartigen Gegner. Dann hatten -sie das Davonlaufen mit einem Mal dick satt, schienen -aus rätselhaften Gründen einen Wutanfall zu bekommen -und sausten wieder zurück, bis ihnen von oben und unten -neue feindliche Armeen in die Flanken fielen und alles -in ein heilloses Gewirbel auflösten. -</p> - -<p> -Monate schien mir zurückzuliegen, was ich an Seltsamem -erst vor kurzem erlebt hatte, und wären nicht -täglich einigemal immer neue krause Gerüchte über den -Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch aufleben -ließen, ich glaube, ich hätte mich in Augenblicken -des Zweifels verdächtigen können, das Opfer eines -seelischen Dämmerzustandes gewesen zu sein. -</p> - -<p> -Aus den bunten Arabesken, die die Ereignisse um mich -gewoben, stach mit schreienden Farben hervor, was mir -Zwakh über den noch immer unaufgeklärten Mord an -dem sogenannten „Freimaurer“ erzählt hatte. -</p> - -<p> -Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang -zu bringen, wollte mir nicht recht einleuchten, obwohl -ich einen dunklen Verdacht nicht abschütteln konnte, — -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener Nacht aus -dem Kanalgitter ein unheimliches Geräusch gehört zu -haben geglaubt, hatten wir den Burschen beim „Loisitschek“ -gesehen. Allerdings lag kein Anlaß vor, den Schrei -unter der Erde, der überdies geradesogut eine Sinnestäuschung -gewesen sein konnte, als Hilferuf eines Menschen -zu deuten. — — — -</p> - -<p> -Das Schneegestöber vor meinen Augen blendete mich, -und ich fing an, alles in tanzenden Streifen zu sehen. -Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Gemme -vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams Gesicht -entworfen hatte, mußte sich vortrefflich auf den -bläulich leuchtenden Mondstein da übertragen lassen. — -Ich freute mich: es war ein angenehmer Zufall, daß ich -etwas so Geeignetes unter meinem Mineralienvorrat -gefunden hatte. Die tiefschwarze Matrix von Hornblende -gab dem Stein gerade das richtige Licht, und die -Konturen paßten so genau, als habe ihn die Natur -eigens erschaffen, ein bleibendes Abbild von Mirjams -feinem Profil zu werden. -</p> - -<p> -Anfangs war meine Absicht gewesen, eine Kamee -daraus zu schneiden, die den ägyptischen Gott Osiris -darstellen sollte, und die Vision des Hermaphroditen -aus dem Buche Ibbur, die ich mir jederzeit mit auffallender -Deutlichkeit ins Gedächtnis zurückrufen konnte, -regte mich künstlerisch stark dazu an, aber allmählich entdeckte -ich nach den ersten Schnitten eine solche Ähnlichkeit -mit der Tochter Schemajah Hillels, daß ich meinen -Plan umstieß. — — — -</p> - -<p> -— Das Buch Ibbur! — -</p> - -<p> -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -Erschüttert legte ich den Stahlgriffel weg. Unfaßbar, was -in der kurzen Spanne Zeit in mein Leben getreten war! -</p> - -<p> -Wie jemand, der sich plötzlich in eine unabsehbare -Sandwüste versetzt sieht, wurde ich mir mit einem Schlage -der tiefen, riesengroßen Einsamkeit bewußt, die mich von -meinen Nebenmenschen trennte. -</p> - -<p> -Konnte ich je mit einem Freund — Hillel ausgenommen -— davon reden, was ich erlebt? -</p> - -<p> -Wohl war mir in den stillen Stunden der verflossenen -Nächte die Erinnerung wiedergekehrt, daß mich all -meine Jugendjahre — von früher Kindheit angefangen -— ein unsagbarer Durst nach dem Wunderbaren, dem -jenseits aller Sterblichkeit Liegenden, bis zur Todespein -gefoltert hatte, aber die Erfüllung meiner Sehnsucht -war wie ein Gewittersturm gekommen und erdrückte -den Jubelaufschrei meiner Seele mit ihrer Wucht. -</p> - -<p> -Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst -kommen und das Geschehene in seiner vollen, markverbrennenden -Lebendigkeit als <em>Gegenwart</em> empfinden -mußte. -</p> - -<p> -Nur jetzt sollte es noch nicht kommen! Erst den Genuß -auskosten: Unaussprechliches an Glanz auf sich zukommen -zu sehen! -</p> - -<p> -Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur -hinüberzugehen in mein Schlafzimmer und die Kassette -aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das Geschenk der -Unsichtbaren, lag! -</p> - -<p> -Wie lang war’s her, da hatte es meine Hand berührt, -als ich Angelinas Briefe dazuschloß! -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -Dumpfes Dröhnen draußen, wie von Zeit zu Zeit -der Wind die angehäuften Schneemassen von den Dächern -hinab vor die Häuser warf, gefolgt von Pausen tiefer -Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut -verschlang. -</p> - -<p> -Ich wollte weiterarbeiten, — da plötzlich stahlscharfe -Hufschläge unten die Gasse entlang, daß man’s förmlich -Funken sprühen sah. -</p> - -<p> -Das Fenster zu öffnen und hinauszuschauen war unmöglich: -Muskeln aus Eis verbanden seine Ränder mit -dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur Hälfte -weiß verweht. Ich sah nur, daß Charousek scheinbar -ganz friedlich neben dem Trödler Wassertrum stand — -sie mußten soeben ein Gespräch mitsammen geführt -haben — sah, wie die Verblüffung, die sich in ihrer -beider Mienen malte, wuchs und sie sprachlos offenbar -den Wagen, der meinen Blicken entzogen war, anstarrten. -</p> - -<p> -Angelinas Gatte ist es, fuhr es mir durch den Kopf. -— Sie selbst konnte es nicht sein! Mit ihrer Equipage -hier bei mir vorzufahren, — in der Hahnpaßgasse! — -vor aller Leute Augen! Es wäre hellichter Wahnsinn -gewesen. — Aber was sollte ich ihrem Gatten sagen, -wenn er’s wäre und mich auf den Kopf zu fragte? -</p> - -<p> -Leugnen, natürlich leugnen. -</p> - -<p> -Hastig legte ich mir die Möglichkeiten zurecht: es kann -nur ihr Gatte sein. Er hat einen anonymen Brief bekommen, -— von Wassertrum — daß sie hier gewesen -sei zu einem Rendezvous, und sie hat eine Ausrede gebraucht: -wahrscheinlich, daß sie eine Gemme oder sonst -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -etwas bei mir bestellt habe. — — — Da! wütendes -Klopfen an meiner Tür und — Angelina stand vor -mir. -</p> - -<p> -Sie konnte kein Wort hervorbringen, aber der Ausdruck -ihres Gesichtes verriet mir alles: sie brauchte sich -nicht mehr zu verstecken. Das Lied war aus. -</p> - -<p> -Dennoch lehnte sich irgendetwas in mir auf gegen -diese Annahme. Ich brachte es nicht fertig, zu glauben, -daß das Gefühl, ihr helfen zu können, mich belogen haben -sollte. -</p> - -<p> -Ich führte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr -stumm das Haar; und sie verbarg todmüde wie ein Kind -ihren Kopf an meiner Brust. -</p> - -<p> -Wir hörten das Knistern der brennenden Scheite im -Ofen und sahen, wie der rote Schein über die Dielen -huschte, aufflammte und erlosch — aufflammte und -erlosch — aufflammte und erlosch — — — -</p> - -<p> -„Wo ist das Herz aus rotem Stein — — —“ klang -es in meinem Innern. Ich fuhr auf: wo bin ich! Wie -lang sitzt sie schon hier? -</p> - -<p> -Und ich forschte sie aus, — vorsichtig, leise, ganz leise, -daß sie nicht aufwache und ich mit der Sonde die schmerzende -Wunde nicht berühre. -</p> - -<p> -Bruchstückweise erfuhr ich, was ich zu wissen brauchte, -und setzte es mir zusammen wie ein Mosaik: -</p> - -<p> -„Ihr Gatte weiß — —?“ -</p> - -<p> -„Nein, noch nicht; er ist verreist.“ -</p> - -<p> -Also um Dr. Saviolis Leben drehte sich’s; — Charousek -hatte es richtig erraten. Und weil’s um Saviolis -Leben ging, und nicht mehr um ihres, war sie hier. Sie -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -denkt nicht mehr daran, irgend etwas zu verbergen, begriff -ich. -</p> - -<p> -Wassertrum war abermals bei Dr. Savioli gewesen. -Hatte sich mit Drohungen und Gewalt den Weg erzwungen -bis zu seinem Krankenlager. -</p> - -<p> -Und weiter! Weiter! Was wollte er von ihm? -</p> - -<p> -Was er wollte? Sie hatte es halb erraten, halb erfahren: -er wollte, daß — — daß — er wollte, daß sich -Dr. Savioli — — ein Leid antue. -</p> - -<p> -Sie kenne jetzt auch die Gründe von Wassertrums -wildem, besinnungslosem Haß: „Dr. Savioli habe einst -seinen Sohn, den Augenarzt Wassory, in den Tod getrieben.“ -</p> - -<p> -Sofort schlug ein Gedanke in mich ein wie der Blitz: -hinunter laufen, dem Trödler alles verraten: daß <em>Charousek</em> -den Schlag geführt hatte, aus dem Hinterhalt -— und nicht Savioli, der nur das Werkzeug war — — —. -„Verrat! Verrat!“ heulte es mir ins Hirn, „du willst -also den armen schwindsüchtigen Charousek, der <em>dir</em> -helfen wollte und <em>ihr</em>, der Rachsucht dieses Halunken -preisgeben?“ — Und es zerriß mich in blutende Hälften. -— Dann sprach ein Gedanke eiskalt und gelassen -die Lösung aus: „Narr! Du hast es doch in der Hand! -Brauchst ja nur die Feile dort auf dem Tisch zu nehmen, -hinunter zu laufen und sie dem Trödler durch die Gurgel -zu jagen, daß die Spitze hinten zum Genick herausschaut.“ -</p> - -<p> -Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ich forschte weiter: -</p> - -<p> -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -„Und Dr. Savioli?“ -</p> - -<p> -Kein Zweifel, daß er Hand an sich legen wird, wenn -sie ihn nicht rettete. Die Krankenschwestern ließen ihn -nicht aus den Augen, hätten ihn mit Morphium betäubt, -aber vielleicht erwacht er plötzlich — vielleicht -gerade jetzt — und — und — nein, nein, sie müsse fort, -dürfe keine Sekunde Zeit mehr versäumen, — sie wolle -ihrem Gatten schreiben, ihm alles eingestehen, — solle -er ihr das Kind nehmen, aber Savioli sei gerettet, denn -sie hätte Wassertrum damit die einzige Waffe aus der -Hand geschlagen, die er besäße und mit der er drohe. -</p> - -<p> -Sie wolle das Geheimnis selbst enthüllen, ehe er es -verraten könne. -</p> - -<p> -„Das werden Sie <em>nicht</em> tun, Angelina!“ schrie ich -und dachte an die Feile, und die Stimme versagte mir -in jubelnder Freude über meine Macht. -</p> - -<p> -Angelina <a id="corr-16"></a>wollte sich losreißen: ich hielt sie fest. -</p> - -<p> -„Nur noch eins: überlegen Sie, wird Ihr Gatte denn -dem Trödler so ohne weiteres glauben?“ -</p> - -<p> -„Aber Wassertrum hat doch Beweise, offenbar meine -Briefe, vielleicht auch ein Bild von mir, — alles, was im -Schreibtisch nebenan im Atelier versteckt war.“ -</p> - -<p> -Briefe? Bild? Schreibtisch? — ich wußte nicht -mehr, was ich tat: ich riß Angelina an meine Brust und -küßte sie. Auf den Mund, auf die Stirn, auf die Augen. -</p> - -<p> -Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor -meinem Gesicht. -</p> - -<p> -Dann hielt ich sie an ihren schmalen Händen und -erzählte ihr mit fliegenden Worten, daß der Todfeind -Wassertrums — ein armer böhmischer Student — die -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -Briefe und alles in Sicherheit gebracht hätte und sie -in meinem Besitz seien und fest verwahrt. -</p> - -<p> -Und sie fiel mir um den Hals und lachte und weinte -in einem Atem. Küßte mich. Rannte zur Tür. Kehrte -wieder um und küßte mich wieder. -</p> - -<p> -Dann war sie verschwunden. -</p> - -<p> -Ich stand wie betäubt und fühlte noch immer den -Atem ihres Mundes an meinem Gesicht. -</p> - -<p> -Ich hörte, wie die Wagenräder über das Pflaster -donnerten und den rasenden Galopp der Hufe. Eine -Minute später war alles still. Wie ein Grab. -</p> - -<p> -Auch in mir. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Plötzlich knarrte die Tür leise hinter mir, und Charousek -stand im Zimmer: -</p> - -<p> -„Verzeihen Sie, Herr Pernath, ich habe lange geklopft, -aber Sie schienen es nicht zu hören.“ -</p> - -<p> -Ich nickte nur stumm. -</p> - -<p> -„Hoffentlich nehmen Sie nicht an, daß ich mich mit -Wassertrum versöhnt habe, weil Sie mich vorhin mit -ihm sprechen sahen?“ — Charouseks höhnisches Lächeln -sagte mir, daß er nur einen grimmigen Spaß machte. — -„Sie müssen nämlich wissen: Das Glück ist mir hold; -die Kanaille da unten fängt an, mich in ihr Herz zu -schließen, Meister Pernath. — — Es ist eine seltsame -Sache, das mit der Stimme des Blutes,“ setzte er leise -— halb für sich — hinzu. -</p> - -<p> -Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und -nahm an, ich hätte etwas überhört. Die ausgestandene -Erregung zitterte noch zu stark in mir. -</p> - -<p> -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -„Er wollte mir einen Mantel schenken,“ fuhr Charousek -laut fort. „Ich habe natürlich dankend abgelehnt. -Mich brennt schon meine eigene Haut genug. — Und -dann hat er mir Geld aufgedrängt.“ -</p> - -<p> -„Sie haben es angenommen?!“ wollte es mir herausfahren, -aber ich hielt noch rasch meine Zunge im -Zaum. -</p> - -<p> -Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote -Flecken: -</p> - -<p> -„Das Geld habe ich selbstverständlich angenommen.“ -</p> - -<p> -Mir wurde ganz wirr im Kopf! -</p> - -<p> -„— an — genommen?“ stammelte ich. -</p> - -<p> -„Ich hätte nie gedacht, daß man auf Erden eine so -reine Freude empfinden kann!“ — Charousek hielt -einen Augenblick inne und schnitt eine Fratze. — „Ist es -nicht ein erhebendes Gefühl, im Haushalt der Natur -‚Mütterchen Vorsehungs‘ ökonomischen Finger allenthalben -in Weisheit und Umsicht walten zu sehen!?“ — -Er sprach wie ein Pastor und klimperte dabei mit dem -Geld in seiner Tasche, — „wahrlich, als hehre Pflicht -empfinde ich es, den Schatz, mir anvertraut von milder -Hand, auf Heller und Pfennig dereinst dem edelsten -aller Zwecke zuzuführen.“ -</p> - -<p> -War er betrunken? Oder wahnsinnig? -</p> - -<p> -Charousek änderte plötzlich den Ton: -</p> - -<p> -„Es liegt eine satanische Komik darin, daß Wassertrum -sich die — Arznei selber bezahlt. Finden Sie nicht?“ -</p> - -<p> -Eine Ahnung dämmerte mir auf, was sich hinter -Charouseks Rede verbarg, und mir graute vor seinen -fiebernden Augen. -</p> - -<p> -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -„Übrigens lassen wir das jetzt, Meister Pernath. Erledigen -wir erst die laufenden Geschäfte. Vorhin, die -Dame, das war ‚<em>sie</em>‘ doch? Was ist ihr denn eingefallen, -hier öffentlich vorzufahren?“ -</p> - -<p> -Ich erzählte Charousek, was geschehen war. -</p> - -<p> -„Wassertrum hat bestimmt keine Beweise in den -Händen,“ unterbrach er mich freudig, „sonst hätte er -nicht heute morgen abermals das Atelier durchsucht. — -Merkwürdig, daß Sie ihn nicht gehört haben!? Eine -volle Stunde lang war er drüben.“ -</p> - -<p> -Ich staunte, woher er alles so genau wissen könne, -und sagte es ihm. -</p> - -<p> -„Darf ich?“ — als Erklärung nahm er sich eine Zigarette -vom Tisch, zündete sie an und erläuterte: — „Sehen -Sie, wenn Sie jetzt die Tür öffnen, bringt die Zugluft, -die vom Stiegenhaus hereinweht, den Tabaksrauch -aus der Richtung. Es ist das vielleicht das einzige -Naturgesetz, das Herr Wassertrum genau kennt, und für -alle Fälle hat er in der Straßenmauer des Ateliers — -das Haus gehört ihm, wie Sie wissen — eine kleine, -versteckte, offene Nische anbringen lassen: eine Art Ventilation, -und darin ein rotes Fähnchen. Wenn nun -jemand das Zimmer betritt oder verläßt, das heißt: die -Zugtür öffnet, so merkt es Wassertrum unten aus dem -heftigen Flattern des Fähnchens. Allerdings weiß ich -es ebenfalls,“ setzte Charousek trocken hinzu, „wenn’s -mir drum zu tun ist, und kann es von dem Kellerloch -<span class="antiqua">vis-à-vis</span>, in dem zu hausen ein gnädiges Schicksal mir -huldreichst gestattet, genau beobachten. — Der niedliche -Scherz mit der Ventilation ist zwar ein Patent -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -des würdigen Patriarchen, aber auch mir seit Jahren -geläufig.“ -</p> - -<p> -„Was für einen übermenschlichen Haß Sie gegen ihn -haben müssen, daß Sie so jeden seiner Schritte belauern. -Und noch dazu seit langem, wie Sie sagen!“ -warf ich ein. -</p> - -<p> -„Haß?“ Charousek lächelte krampfhaft. „Haß? — -Haß ist kein Ausdruck. Das Wort, das meine Gefühle -gegen ihn bezeichnen könnte, muß erst geschaffen werden. -— Ich hasse, genau genommen, auch gar nicht -<em>ihn</em>. Ich hasse sein Blut. Verstehen Sie das? Ich -wittere wie ein wildes Tier, wenn auch nur ein Tropfen -von seinem Blut in den Adern eines Menschen fließt, -— und“ — er biß die Zähne zusammen — „das kommt -‚zuweilen‘ vor hier im Ghetto.“ Unfähig, weiter zu -sprechen vor Aufregung lief er ans Fenster und starrte -hinaus. — Ich hörte, wie er sein Keuchen unterdrückte. -Wir schwiegen beide eine Weile. -</p> - -<p> -„Hallo, was ist denn das?“ fuhr er plötzlich auf und -winkte mir hastig: „Rasch, rasch! Haben Sie nicht einen -Operngucker oder so etwas?“ -</p> - -<p> -Wir spähten vorsichtig hinter den Vorhängen hinunter: -</p> - -<p> -Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des -Trödlerladens und bot, soviel wir aus seiner Zeichensprache -erraten konnten, Wassertrum einen kleinen -blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg, -zum Kauf an. Wassertrum fuhr danach wie ein Geier -und zog sich damit in seine Höhle zurück. -</p> - -<p> -Gleich darauf stürzte er wieder hervor — totenblaß -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -— und packte Jaromir an der Brust: Es entspann sich -ein heftiges Ringen. — Mit einem Mal ließ Wassertrum -los und schien zu überlegen. Nagte wütend an seiner -gespaltenen Oberlippe. Warf einen grübelnden Blick -zu uns herauf und zog dann Jaromir am Arm friedlich -in seinen Laden. -</p> - -<p> -Wir warteten wohl eine Viertelstunde lang: sie -schienen nicht fertig werden zu können mit ihrem Handel. -</p> - -<p> -Endlich kam der Taubstumme mit befriedigter Miene -wieder heraus und ging seines Weges. -</p> - -<p> -„Was halten Sie davon?“ fragte ich. „Es scheint -nichts Wichtiges zu sein? Vermutlich hat der arme -Bursche irgendeinen erbettelten Gegenstand versilbert.“ -</p> - -<p> -Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend -wieder an den Tisch. -</p> - -<p> -Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung -bei, denn er fuhr nach einer Pause da fort, wo -er stehen geblieben war: -</p> - -<p> -„Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. — Unterbrechen -Sie mich, Meister Pernath, wenn ich wieder -heftig werde. Ich will kalt bleiben. Ich darf meine -besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich -sonst nachher wie Ernüchterung. Ein Mensch mit Schamgefühl -soll in kühlen Worten reden, nicht mit Pathos -wie eine Prostituierte oder — oder ein Dichter. — Seit -die Welt steht, wär’s niemand eingefallen, vor Leid die -‚Hände zu ringen‘, wenn nicht die Schauspieler diese -Geste als besonders ‚plastisch‘ ausgetüftelt hätten.“ -</p> - -<p> -Ich begriff, daß er mit Absicht blind drauflos redete, -um innerlich Ruhe zu bekommen. -</p> - -<p> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervös lief er -im Zimmer auf und ab, faßte alle möglichen Gegenstände -an und stellte sie zerstreut zurück an ihren -Platz. -</p> - -<p> -Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem -Thema: -</p> - -<p> -„Aus den kleinsten unwillkürlichen Bewegungen eines -Menschen verrät sich mir dieses Blut. Ich kenne Kinder, -die ‚ihm‘ ähnlich sehen und als seine <em>gelten</em>, aber doch -sind sie nicht vom selben Stamme, — man kann mich -nicht täuschen. Jahrelang erfuhr ich nicht, daß Dr. Wassory -sein Sohn ist, aber ich habe es — ich möchte sagen -— gerochen. -</p> - -<p> -Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen -konnte, in welchen Beziehungen Wassertrum zu mir -steht,“ — sein Blick ruhte eine Sekunde forschend auf -mir, — „besaß ich diese Gabe. Man hat mich mit Füßen -getreten, mich geschlagen, daß es wohl keine Stelle an -meinem Körper gibt, die nicht wüßte, was rasender -Schmerz ist, — hat mich hungern und dursten lassen, -bis ich halb wahnsinnig wurde und schimmlige Erde -gefressen habe, aber niemals konnte ich diejenigen hassen, -die mich peinigten. Ich <em>konnte</em> einfach nicht. Es war -kein Platz mehr in mir für Haß. — Verstehen Sie? -Und doch war mein ganzes Wesen getränkt damit. -</p> - -<p> -Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan -— ich will damit sagen, daß er mich jemals weder -geschlagen oder beworfen, noch auch irgendwie beschimpft -hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten herumtrieb: -ich weiß das genau, — und doch richtete sich alles, was -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -an Rachsucht und Wut in mir kochte, gegen ihn. Nur -gegen ihn! -</p> - -<p> -Merkwürdig ist, daß ich ihm trotzdem nie als Kind -einen Schabernack gespielt habe. Wenn’s die andern -taten, zog ich mich sofort zurück. Aber stundenlang -konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustüre -versteckt, durch die Angelritzen sein Gesicht unverwandt -anstieren, bis mir vor unerklärlichem Haßgefühl schwarz -vor den Augen wurde. -</p> - -<p> -Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem -Hellsehen gelegt, das sofort in mir aufwacht, wenn ich -mit Wesen, ja sogar mit Dingen in Berührung komme, -die in Verbindung mit ihm stehen. Ich muß wohl jede -seiner Bewegungen: seine Art, den Rock zu tragen, -und wie er Sachen anfaßt, hustet und trinkt, und -all das Tausenderlei damals unbewußt <em>auswendig</em> -gelernt haben, bis sich’s mir in die Seele fraß, daß -ich überall die Spuren davon auf den ersten Blick -mit unfehlbarer Sicherheit als seine Erbstücke erkennen -kann. -</p> - -<p> -Später wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf -harmlose Gegenstände von mir, bloß weil mich der Gedanke -quälte, seine Hand könne sie berührt haben, — -andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte -sie wie Freunde, die ihm Böses wünschten.“ -</p> - -<p> -Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er -geistesabwesend ins Leere blickte. Seine Finger streichelten -mechanisch die Feile auf dem Tisch. -</p> - -<p> -„Als dann ein paar mitleidige Lehrer für mich gesammelt -hatten und ich Philosophie und Medizin -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -studierte — auch nebenbei selbst denken lernte —, da -kam mir langsam die Erkenntnis, was Haß ist: -</p> - -<p> -Wir können nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, -was ein Teil von uns selbst ist. -</p> - -<p> -Und wie ich später dahinter kam, — nach und nach -alles erfuhr: was meine Mutter war — und — und -noch sein muß, wenn — wenn sie noch lebt, — und daß -mein eigner Leib“ — er wendete sich ab, damit ich sein -Gesicht nicht sehen sollte, — „voll ist von <em>seinem</em> eklen -Blut — nun ja, Pernath, — warum sollen Sie’s nicht -wissen: <em>er</em> ist <em>mein Vater</em>! — da wurde mir klar, -wo die Wurzel lag. — — — Zuweilen kommt’s mir -sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, daß -ich schwindsüchtig bin und Blut <a id="corr-17"></a>spucken muß: mein Körper -wehrt sich gegen alles, was von ‚<em>ihm</em>‘ ist, und stößt es -mit Abscheu von sich. -</p> - -<p> -Oft hat mich mein Haß bis in den Traum begleitet -und zu trösten gesucht mit Gesichten von allen nur -erdenklichen Foltern, die ich ‚ihm‘ zufügen durfte, aber -immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden Beigeschmack -des — Unbefriedigtseins in mir hinterließen. -</p> - -<p> -Wenn ich über mich selbst nachdenke und mich wundern -muß, daß es so gar niemanden und nichts auf der -Welt gibt, was ich zu hassen, — ja nicht einmal als -antipathisch zu empfinden imstande wäre, außer ‚ihn‘ -und seinen Stamm, — beschleicht mich oft das widerliche -Gefühl: ich könnte das sein, was man einen ‚guten -Menschen‘ nennt. Aber zum Glück ist es nicht so. — Ich -sagte Ihnen schon: es ist kein Platz mehr in mir. -</p> - -<p> -Und glauben Sie nur ja nicht, daß ein trauriges Schicksal -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -mich verbittert hat: (Was er meiner Mutter angetan -hat, erfuhr ich überdies erst in späteren Jahren) — ich -habe <em>einen</em> Freudentag erlebt, der weit in den Schatten -stellt, was sonst einem Sterblichen vergönnt ist. Ich -weiß nicht, ob Sie kennen, was innere, echte, heiße -Frömmigkeit ist, — ich hatte es bis dahin auch nicht gekannt -— als ich aber an jenem Tage, an dem Wassory -sich selbst ausgerottet hat, am Laden unten stand und -sah, wie ‚er‘ die Nachricht bekam, — sie ‚stumpfsinnig‘, -wie ein Laie, der die echte Bühne des Lebens nicht -kennt, hätte glauben müssen, — hinnahm, wohl eine -Stunde lang teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote -Hasenscharte nur ein ganz klein bißchen höher über die -Zähne gezogen als sonst und den Blick so gewiß — — -so — so — so eigenartig nach innen gekehrt, — — — — -da fühlte ich den Weihrauchduft von den Schwingen des -Erzengels. — — Kennen Sie das Gnadenbild der -schwarzen Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf -ich mich nieder, und die Finsternis des Paradieses hüllte -meine Seele ein.“ — -</p> - -<p> -— — — Wie ich Charousek so dastehen sah, die großen, -träumerischen Augen voll Tränen, da fielen mir Hillels -Worte ein von der Unbegreiflichkeit des dunklen Pfades, -den die Brüder des Todes gehen. -</p> - -<p> -Charousek fuhr fort: -</p> - -<p> -„Die äußeren Umstände, die meinen Haß ‚rechtfertigen‘ -oder in den Gehirnen der amtlich besoldeten -Richter begreiflich erscheinen lassen könnten, werden Sie -vielleicht gar nicht interessieren: — Tatsachen sehen sich -an wie Meilensteine und sind doch nur leere Eierschalen. -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -Sie sind das aufdringliche Knallen der Champagnerpfropfen -an den Tafeln der Protzen, das nur der Schwachsinnige -für das wesentliche eines Gelages hält. — -Wassertrum hat meine Mutter mit all den infernalischen -Mitteln, die seinesgleichen Gewohnheit sind, gezwungen, -ihm zu willen zu sein, — wenn es nicht noch viel schlimmer -war. Und dann — — nun ja — und dann hat er -sie an — ein Freudenhaus verkauft, — — — so etwas -ist nicht schwer, wenn man Polizeiräte zu Geschäftsfreunden -hat, — aber nicht etwa, weil er ihrer überdrüssig -gewesen wäre, o nein! Ich kenne die Schlupfwinkel -seines Herzens: an <em>dem</em> Tage hat er sie verkauft, -wo er sich voll Schrecken bewußt wurde, wie heiß -er sie in Wirklichkeit liebte. So einer wie er handelt da -scheinbar widersinnig, aber immer gleich. Das Hamsterhafte -in seinem Wesen quietscht auf, sowie jemand -kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner Trödlerbude -gegen noch so teures Geld: er empfindet nur den -Zwang des ‚Hergebenmüssens‘. Er möchte den Begriff -‚haben‘ am liebsten in sich hineinfressen, und könnte er -sich überhaupt ein Ideal ausdenken, so wär’s das, sich -dereinst in den abstrakten Begriff ‚Besitz‘ aufzulösen. — — -</p> - -<p> -Und da ist es damals riesengroß in ihm gewachsen -bis zu einem Berg von Angst: „seiner selbst nicht mehr -sicher“ zu sein, — nicht: etwas an Liebe geben zu -<em>wollen</em>, sondern geben zu <em>müssen</em>: die Gegenwart -eines Unsichtbaren in sich zu ahnen, das seinen Willen -oder das, von dem er möchte, daß es sein Wille sein -solle, heimlich in Fesseln schlug. — So war der Anfang. -Was dann folgte, geschah automatisch. Wie der Hecht -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -mechanisch zubeißen muß, — ob er will oder nicht — wenn -ein blitzender Gegenstand zu rechter Zeit vorüberschwimmt. -</p> - -<p> -Das Verschachern meiner Mutter ergab sich für -Wassertrum als natürliche Folge. Es befriedigte den -Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften: die Gier -nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. -— — — Verzeihen Sie, Meister Pernath,“ — Charouseks -Stimme klang plötzlich so hart und nüchtern, -daß ich erschrak, — „verzeihen Sie, daß ich so furchtbar -gescheit daherrede, aber wenn man an der Universität -ist, kommt einem eine Menge vertrottelter Bücher unter -die Hände; unwillkürlich verfällt man da in eine teppenhafte -Ausdrucksweise.“ — -</p> - -<p> -Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lächeln; -innerlich verstand ich gar wohl, daß er mit dem Weinen -kämpfte. -</p> - -<p> -Irgendwie muß ich ihm helfen, überlegte ich, wenigstens -seine bitterste Not zu lindern versuchen, soweit -das in meiner Macht steht. Ich nahm unauffällig die -Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der -Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche. -</p> - -<p> -„Wenn Sie später einmal in eine bessere Umgebung -kommen und Ihren Beruf als Arzt ausüben, wird Frieden -bei Ihnen einziehen, Herr Charousek;“ sagte ich, -um dem Gespräch eine versöhnliche Richtung zu geben, -— „machen Sie bald Ihr Doktorat?“ -</p> - -<p> -„Demnächst. Ich bin es meinen Wohltätern schuldig. -Zweck hat’s ja keinen, denn meine Tage sind gezählt.“ -</p> - -<p> -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -Ich wollte den üblichen Einwand machen, daß er -wohl zu schwarz sehe, aber er wehrte lächelnd ab: -</p> - -<p> -„Es ist das beste so. Es muß überdies kein Vergnügen -sein, den Heilkomödianten zu mimen und sich zu guter -Letzt noch als diplomierter Brunnenvergifter einen Adelstitel -zuzuziehen. — — Andererseits,“ — setzte er mit -seinem galligen Humor hinzu, — „wird mir leider jedes -weitere segensreiche Wirken hier im Diesseits-Ghetto -ein für allemal abgeschnitten sein.“ Er griff nach seinem -Hut. „Jetzt will ich aber nicht länger stören. Oder wäre -noch etwas zu besprechen in der Angelegenheit Savioli? -Ich denke nicht. Lassen Sie mich jedenfalls wissen, wenn -Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hängen -einen Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, daß ich Sie -besuchen soll. Zu mir in den Keller dürfen Sie auf -keinen Fall kommen: Wassertrum würde sofort Verdacht -schöpfen, daß wir zusammenhalten. — Ich bin -übrigens sehr neugierig, was er jetzt tun wird, wo er -gesehen hat, daß die Dame zu Ihnen gekommen ist. -Sagen Sie ganz einfach, sie hätte Ihnen ein Schmuckstück -zu reparieren gebracht, und wenn er zudringlich -wird, spielen Sie eben den Rabiaten.“ -</p> - -<p> -Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, -Charousek die Banknote aufzudrängen; ich nahm daher -das Modellierwachs wieder vom Fensterbrett und sagte: -„Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück die Treppen -hinunter. — Hillel erwartet mich,“ log ich. -</p> - -<p> -Er stutzte: -</p> - -<p> -„Sie sind mit ihm befreundet?“ -</p> - -<p> -„Ein wenig. Kennen Sie ihn? — — Oder mißtrauen -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -Sie ihm,“ — ich mußte unwillkürlich lächeln — -„vielleicht auch?“ -</p> - -<p> -„Da sei Gott vor!“ -</p> - -<p> -„Warum sagen Sie das so ernst?“ -</p> - -<p> -Charousek zögerte und dachte nach: -</p> - -<p> -„Ich weiß selbst nicht warum. Es muß etwas Unbewußtes -sein: so oft ich ihm auf der Straße begegne, -möchte ich am liebsten vom Pflaster heruntertreten und -das Knie beugen wie vor einem Priester, der die Hostie -trägt. — Sehen Sie, Meister Pernath, da haben Sie -einen Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil von -Wassertrum ist. Er gilt z. B. bei den Christen hier im -Viertel, die, wie immer, so auch in diesem Fall falsch -informiert sind, als Geizhals und heimlicher Millionär -und ist doch unsagbar arm.“ -</p> - -<p> -Ich fuhr entsetzt auf: „arm?“ -</p> - -<p> -„Ja, womöglich noch ärmer als ich. Das Wort ‚nehmen‘ -kennt er, glaub’ ich, überhaupt nur aus Büchern; -aber wenn er am Ersten des Monats aus dem ‚Rathaus‘ -kommt, dann laufen die jüdischen Bettler vor ihm davon, -weil sie wissen, er würde dem nächsten besten von ihnen -seinen ganzen kärglichen Gehalt in die Hand drücken -und ein paar Tage später — samt seiner Tochter selber -verhungern. — Wenn’s wahr ist, was eine uralte talmudische -Legende behauptet: daß von den zwölf jüdischen -Stämmen zehn verflucht sind und zwei heilig, so verkörpert -er die zwei heiligen und Wassertrum alle zehn -andern zusammen. — Haben Sie noch nie bemerkt, -wie Wassertrum sämtliche Farben spielt, wenn Hillel -an ihm vorübergeht? Interessant, sag’ ich Ihnen! -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -Sehen Sie, <em>solches</em> Blut <em>kann</em> sich gar nicht vermischen; -da kämen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, daß -die Mütter nicht schon früher vor Entsetzen stürben. — -Hillel ist übrigens der einzige, an den sich Wassertrum -nicht herantraut; — er weicht ihm aus wie dem Feuer. -Vermutlich, weil Hillel das Unbegreifliche, das vollkommen -Unenträtselbare, für ihn bedeutet. Vielleicht -wittert er in ihm auch den Kabbalisten.“ -</p> - -<p> -Wir gingen bereits die Stiegen hinab. -</p> - -<p> -„Glauben Sie, daß es heutzutage noch Kabbalisten -gibt — daß überhaupt an der Kabbala etwas sein könnte?“ -fragte ich, gespannt, was er wohl antworten würde, -aber er schien nicht zugehört zu haben. -</p> - -<p> -Ich wiederholte meine Frage. -</p> - -<p> -Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tür des Treppenhauses, -die aus Kistendeckeln zusammengenagelt war: -</p> - -<p> -„Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine -zwar jüdische aber arme Familie: den meschuggenen -Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter, Schwiegersohn -und Enkelkindern. Wenn’s dunkel wird und er -allein ist mit den kleinen Mädchen, kommt der Rappel -über ihn: dann bindet er sie an den Daumen zusammen, -damit sie ihm nicht davonlaufen, zwängt sie in einen -alten Hühnerkäfig und unterweist sie im ‚Gesang‘, wie -er es nennt, damit sie später ihren Lebensunterhalt -selbst erwerben können, — das heißt, er lehrt sie die -verrücktesten Lieder, die es gibt, deutsche Texte, Bruchstücke, -die er irgendwo aufgeschnappt hat und im -Dämmer seines Seelenzustandes für — preußische -Schlachthymnen oder dergleichen hält.“ -</p> - -<p> -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -Wirklich tönte da eine sonderbare Musik leise auf den -Gang heraus. Ein Fiedelbogen kratzte fürchterlich hoch -und immerwährend in ein und demselben Ton die Umrisse -eines Gassenhauers, und zwei fadendünne Kinderstimmen -sangen dazu: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse2">„Frau Pick,</p> - <p class="verse2">Frau Hock,</p> - <p class="verse">Frau Kle — pe — tarsch,</p> - <p class="verse">se stehen beirenond</p> - <p class="verse">und schmusen allerhond — —“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich -mußte wider Willen hellaut auflachen. -</p> - -<p> -„Schwiegersohn Schaffranek — seine Frau verkauft -auf dem Eiermarkt Gurkensaft gläschenweise an die -Schuljugend — läuft den ganzen Tag in den Bureaus -herum,“ fuhr Charousek grimmig fort, „und erbettelt -sich alte Briefmarken. Die sortiert er dann, und wenn -er welche darunter findet, die zufällig nur am Rande gestempelt -sind, so legt er sie aufeinander und schneidet -sie durch. Die ungestempelten Hälften klebt er zusammen -und verkauft sie als neu. Anfangs blühte das Geschäft -und warf manchmal fast einen — Gulden im Tag ab, -aber schließlich kamen die Prager jüdischen Großindustriellen -dahinter — und machen es jetzt selber. -Sie schöpfen den Rahm ab.“ -</p> - -<p> -„Würden <em>Sie</em> Not lindern, Charousek, wenn Sie -überflüssiges Geld hätten?“ fragte ich rasch. — Wir -standen vor Hillels Tür, und ich klopfte an. -</p> - -<p> -„Halten Sie mich für so gemein, daß Sie glauben -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -können, ich täte es nicht?“ fragte er verblüfft zurück. -</p> - -<p> -Mirjams Schritte kamen näher und ich wartete, bis -sie die Klinke niederdrückte, dann schob ich ihm rasch die -Banknote in die Tasche: „Nein, Herr Charousek, ich halte -Sie nicht dafür, aber mich <em>müßten</em> Sie für gemein -halten, wenn ich’s unterließe.“ -</p> - -<p> -Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand -geschüttelt und die Tür hinter mir zugezogen. Während -mich Mirjam begrüßte, lauschte ich, was er tun würde. -</p> - -<p> -Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise -auf und ging langsam mit suchendem Schritt die Treppe -hinunter. Wie jemand, der sich am Geländer halten -muß. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Es war das erstemal, daß ich Hillels Zimmer besucht -hatte. -</p> - -<p> -Es sah schmucklos aus wie ein Gefängnis. Der Boden -peinlich sauber und mit weißem Sand bestreut. Nichts -an Möbeln als zwei Stühle und ein Tisch und eine Kommode. -Ein Holzpostament je links und rechts an den -Wänden. — — — -</p> - -<p> -Mirjam saß mir gegenüber am Fenster, und ich -bossierte an meinem Modellierwachs. -</p> - -<p> -„Muß man denn ein Gesicht <em>vor sich</em> haben, um die -Ähnlichkeit zu treffen?“ fragte sie schüchtern und nur, -um die Stille zu unterbrechen. -</p> - -<p> -Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie -wußte nicht, wohin die Augen richten in ihrer Qual und -Scham über die jammervolle Stube, und mir brannten -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -die Wangen von innerem Vorwurf, daß ich mich nicht -längst gekümmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten. -</p> - -<p> -Aber irgend etwas mußte ich doch antworten! -</p> - -<p> -„Nicht so sehr, um die Ähnlichkeit zu treffen, als um -zu vergleichen, ob man innerlich auch richtig gesehen -hat,“ ich fühlte, noch während ich sprach, wie grundfalsch -das alles war, was ich sagte. -</p> - -<p> -Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, -man müsse die äußere Natur studieren, um künstlerisch -schaffen zu können, stumpfsinnig nachgebetet und befolgt; -erst seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war mir -das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen -hinter geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, -wenn man die Augen aufschlägt, — die Gabe, die sie -alle zu haben glauben und doch unter Millionen keiner -wirklich besitzt. -</p> - -<p> -Wie konnte ich auch nur von der <em>Möglichkeit</em> sprechen, -die unfehlbare Richtschnur der geistigen Vision an den -groben Mitteln des Augenscheins nachmessen zu wollen! -</p> - -<p> -Mirjam schien Ähnliches zu denken. Nach dem Erstaunen -in ihren Mienen zu schließen. -</p> - -<p> -„Sie dürfen es nicht so wörtlich nehmen,“ entschuldigte -ich mich. -</p> - -<p> -Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem -Griffel die Form vertiefte. -</p> - -<p> -„Es muß unendlich schwer sein, alles dann haargenau -auf Stein zu übertragen?“ -</p> - -<p> -„Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.“ -</p> - -<p> -Pause. -</p> - -<p> -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -„Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist?“ -fragte sie. -</p> - -<p> -„Sie ist doch für Sie bestimmt, Mirjam.“ -</p> - -<p> -„Nein, nein; das geht nicht, — — das — das — —,“ -— ich sah, wie ihre Hände nervös wurden. -</p> - -<p> -„Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir -annehmen?“ unterbrach ich sie schnell, „ich wollte, ich -dürfte mehr für Sie tun.“ -</p> - -<p> -Hastig wandte sie das Gesicht ab. -</p> - -<p> -Was hatte ich da gesagt! Ich mußte sie aufs tiefste -verletzt haben. Es hatte geklungen, als wollte ich auf -ihre Armut anspielen. -</p> - -<p> -Konnte ich es noch beschönigen? Wurde es dann nicht -weit schlimmer? -</p> - -<p> -Ich nahm einen Anlauf: -</p> - -<p> -„Hören Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie -darum. — Ich schulde Ihrem Vater so unendlich viel, -— Sie können das gar nicht ermessen — —“ -</p> - -<p> -Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht. -</p> - -<p> -„— ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.“ -</p> - -<p> -„Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmächtig -wurden? Das war doch selbstverständlich.“ -</p> - -<p> -Ich fühlte: sie wußte nicht, welches Band mich mit -ihrem Vater verknüpfte. Vorsichtig sondierte ich, wie -weit ich gehen durfte, ohne zu verraten, was er ihr -verschwieg. -</p> - -<p> -„Weit höher als äußere Hilfe, dächte ich, ist die innere -zu stellen. — Ich meine die, die aus dem geistigen Einfluß -eines Menschen auf den andern überstrahlt. — -Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam? — -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -Man kann jemand auch seelisch heilen, nicht nur körperlich, -Mirjam.“ -</p> - -<p> -„Und das hat — —?“ -</p> - -<p> -„Ja, das hat Ihr Vater an mir getan!“ — ich faßte -sie an der Hand, — „begreifen Sie nicht, daß es mir da -ein Herzenswunsch sein muß, wenn schon nicht ihm, so -doch jemand, der ihm so nahesteht wie Sie, irgendeine -Freude zu bereiten? — Haben Sie nur ein ganz klein -wenig Vertrauen zu mir! — Gibt’s denn gar keinen -Wunsch, den ich Ihnen erfüllen könnte?“ -</p> - -<p> -Sie schüttelte den Kopf: „Sie glauben, ich fühle mich -unglücklich hier?“ -</p> - -<p> -„Gewiß nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen -Sorgen, die ich Ihnen abnehmen könnte? Sie sind verpflichtet -— hören Sie! — verpflichtet, mich daran teilnehmen -zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier -in der finstern, traurigen Gasse, wenn Sie nicht müßten? -Sie sind noch so jung, Mirjam, und — —“ -</p> - -<p> -„Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath,“ unterbrach -sie mich lächelnd, „was fesselt denn Sie an das -Haus?“ -</p> - -<p> -Ich stutzte. — Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte -ich eigentlich hier? Ich konnte es mir nicht erklären, -was fesselt dich an das Haus? wiederholte ich mir geistesabwesend. -Ich konnte keine Erklärung finden und vergaß -einen Augenblick ganz, wo ich war. — Dann stand ich -plötzlich entrückt irgendwo hoch oben — in einem Garten -— roch den zauberhaften Duft von blühenden Holunderdolden, -— sah herab auf die Stadt — — — -</p> - -<p> -„Habe ich eine Wunde berührt? Hab’ ich Ihnen weh -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -getan?“ kam Mirjams Stimme von weit, weit her zu -mir. -</p> - -<p> -Sie hatte sich über mich gebeugt und sah mir ängstlich -forschend ins Gesicht. -</p> - -<p> -Ich mußte wohl lange starr dagesessen haben, daß sie -so besorgt war. -</p> - -<p> -Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann -brach sich’s plötzlich gewaltsam Bahn, überflutete mich, -und ich schüttete Mirjam mein ganzes Herz aus. -</p> - -<p> -Ich erzählte ihr, wie einem lieben, alten Freund, -mit dem man sein ganzes Leben beisammen war, und -vor dem man kein Geheimnis hat, wie’s um mich stand, -und auf welche Weise ich aus einer Erzählung Zwakhs -erfahren hatte, daß ich in früheren Jahren wahnsinnig -gewesen und der Erinnerung an meine Vergangenheit -beraubt worden war, — wie in letzter Zeit Bilder in -mir wach geworden, die in jenen Tagen wurzeln mußten, -immer häufiger und häufiger, und daß ich vor dem Moment -zitterte, wo mir alles offenbar werden und mich -von neuem zerreißen würde. -</p> - -<p> -Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang -bringen mußte: — meine Erlebnisse in den unterirdischen -Gängen und all das übrige, verschwieg ich ihr. -</p> - -<p> -Sie war dicht zu mir gerückt und hörte mit einer -tiefen, atemlosen Teilnahme zu, die mir unsäglich -wohl tat. -</p> - -<p> -Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem -ich mich aussprechen konnte, wenn mir meine geistige -Einsamkeit zu schwer wurde. — Gewiß wohl: Hillel -war ja noch da, aber für mich nur wie ein Wesen jenseits -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -der Wolken, das kam und verschwand wie ein Licht, an -das ich nicht herankonnte, wenn ich mich sehnte. -</p> - -<p> -Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah -ihn so, trotzdem er ihr Vater war. -</p> - -<p> -Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm -— „und doch bin ich wie durch eine Glaswand von ihm -getrennt,“ vertraute sie mir an, „die ich nicht durchbrechen -kann. Solange ich denke, war es so. — Wenn -ich ihn als Kind im Traum an meinem Bette stehen sah, -immer trug er das Gewand des Hohenpriesters: die -goldene Tafel des Moses mit den 12 Steinen darin auf -der Brust, und blaue, leuchtende Strahlen gingen von -seinen Schläfen aus. — Ich glaube, seine Liebe ist von -der Art, die übers Grab hinausgeht, und zu groß, als -daß wir sie fassen könnten. — Das hat auch meine -Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich über ihn sprachen.“ -— — Sie schauderte plötzlich und zitterte am -ganzen Leib. Ich wollte aufspringen, aber sie hielt -mich zurück: „Seien Sie ruhig, es ist nichts. Bloß eine -Erinnerung. Als meine Mutter starb, — nur ich weiß, -wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines -Mädchen, — glaubte ich vor Schmerz ersticken zu müssen, -und ich lief zu ihm hin und krallte mich in seinen Rock -und wollte aufschreien und konnte doch nicht, weil alles -gelähmt war in mir — und — und da — — — — mir -läuft’s wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran -denke — — sah er mich lächelnd an, küßte mich auf die -Stirn und fuhr mir mit der Hand über die Augen. — -— — — Und von dem Moment an bis heute war -jedes Leid, daß ich meine Mutter verloren hatte, wie -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -ausgetilgt in mir. Nicht eine Träne konnte ich vergießen, -als sie begraben wurde; ich sah die Sonne als strahlende -Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich, -warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter -dem Sarge her, neben mir, und wenn ich aufblickte, -lächelte er jedesmal leise, und ich fühlte, wie das Entsetzen -durch die Menge fuhr, als sie es sahen.“ -</p> - -<p> -„Und sind Sie glücklich, Mirjam? Ganz glücklich? -Liegt nicht zugleich etwas Furchtbares für Sie in dem -Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben, das hinausgewachsen -ist über alles Menschentum?“ fragte ich -leise. -</p> - -<p> -Mirjam schüttelte freudig den Kopf: -</p> - -<p> -„Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. — Als -Sie mich vorhin fragten, Herr Pernath, ob ich nicht -Sorgen hätte, und warum wir hier wohnten, mußte ich -fast lachen. Ist denn die Natur schön? Nun ja, die Bäume -sind grün und der Himmel ist blau, aber das alles kann -ich mir viel schöner vorstellen, wenn ich die Augen -schließe. Muß ich denn, um sie zu sehen, auf einer Wiese -sitzen? — Und das bißchen Not und — und — und Hunger? -Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung -und das Warten.“ -</p> - -<p> -„Das Warten?“ fragte ich erstaunt. -</p> - -<p> -„Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das -nicht? Nein? Da sind Sie aber ein ganz, ganz armer -Mensch. — Daß das so wenige kennen?! Sehen Sie, -das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit -niemand verkehre. Ich hatte wohl früher ein paar Freundinnen -— Jüdinnen natürlich, wie ich —, aber wir -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -redeten immer aneinander vorbei; sie verstanden mich -nicht und ich sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach, -glaubten sie anfangs, ich mache Spaß, und als sie merkten, -wie ernst es mir war, und daß ich auch unter Wundern -nicht das verstand, was die Deutschen mit ihren Brillen -so bezeichnen: das gesetzmäßige Wachsen des Grases und -dergleichen, sondern eher das Gegenteil, — hätten sie -mich am liebsten für verrückt gehalten, aber dagegen stand -ihnen wieder im Wege, daß ich ziemlich gelenkig bin -im Denken, hebräisch und aramäisch gelernt habe, die -Targumim und Midraschim lesen kann, und was dergleichen -Nebensächlichkeiten mehr sind. Schließlich fanden -sie ein Wort, das überhaupt nichts mehr ausdrückt: -sie nannten mich ‚überspannt‘. -</p> - -<p> -Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, daß das Bedeutsame -— das Wesentliche — für mich in der Bibel -und anderen heiligen Schriften das <em>Wunder</em> und bloß -das Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und -Ethik, die nur versteckte Wege sein können, um zum Wunder -zu gelangen, — so wußten sie nur mit Gemeinplätzen -zu erwidern, denn sie scheuten sich, offen einzugestehen, -daß sie aus den Religionsschriften nur das -glaubten, was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch -stehen könnte. Wenn sie das Wort ‚Wunder‘ nur hörten, -wurde ihnen schon unbehaglich. Sie verlören den Boden -unter den Füßen, sagten sie. -</p> - -<p> -Als ob es etwas Herrlicheres geben könnte, als den -Boden unter den Füßen zu verlieren! -</p> - -<p> -Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu -werden, hörte ich einmal meinen Vater sagen, — dann, -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -dann erst fängt das Leben an. — Ich weiß nicht, was er -mit dem ‚Leben‘ meinte, aber ich fühle zuweilen, daß -ich eines Tages so wie: ‚erwachen‘ werde. Wenn ich -mir auch nicht vorstellen kann, in welchen Zustand -hinein. Und Wunder müssen dem vorhergehen, denke -ich mir immer. -</p> - -<p> -‚Hast du denn schon welche erlebt, daß du fortwährend -darauf wartest?‘ fragten mich oft meine Freundinnen, -und wenn ich verneinte, wurden sie plötzlich froh und -siegesgewiß. Sagen Sie, Herr Pernath, können <em>Sie</em> -solche Herzen verstehen? Daß ich <em>doch</em> Wunder erlebt -habe, wenn auch nur kleine, — winzig kleine —,“ — -Mirjams Augen glänzten, — „wollte ich ihnen nicht -verraten, — — — — — —“ -</p> - -<p> -Ich hörte, wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten. -</p> - -<p> -„— aber <em>Sie</em> werden mich verstehen: oft, Wochen, -ja Monate,“ — Mirjam wurde ganz leise, — „haben wir -nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein Brot mehr -im Hause war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann -wußte ich: jetzt ist die Stunde da! — Und dann saß ich -hier und wartete und wartete, bis ich vor Herzklopfen -kaum mehr atmen konnte. Und — und dann, wenn’s -mich plötzlich zog, lief ich hinunter und kreuz und quer -durch die Straßen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig -wieder im Hause zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und -— und jedesmal fand ich Geld. Einmal mehr, einmal -weniger, aber immer soviel, daß ich das Nötigste einkaufen -konnte. Oft lag ein Gulden mitten auf der -Straße; ich sah ihn von weitem blitzen und die Leute -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -traten darauf, rutschten aus darüber, aber keiner bemerkte -ihn. — Das machte mich zuweilen so übermütig, -daß ich gar nicht erst ausging, sondern nebenan in der -Küche den Boden durchsuchte wie ein Kind, ob nicht -Geld oder Brot vom Himmel gefallen sei.“ -</p> - -<p> -— Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf, und ich -mußte aus Freude darüber lächeln. — -</p> - -<p> -Sie sah es. -</p> - -<p> -„Lachen Sie nicht, Herr Pernath,“ flehte sie. „Glauben -Sie mir, ich weiß, daß diese Wunder wachsen werden, -und daß sie eines Tages —“ -</p> - -<p> -Ich beruhigte sie: „Aber ich lache doch nicht, Mirjam! -Was denken Sie denn! Ich bin unendlich glücklich, daß -Sie nicht sind wie die andern, die hinter jeder Wirkung -die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn’s — <em>wir</em> -rufen in solchen Fällen: Gott sei Dank! — einmal anders -kommt.“ -</p> - -<p> -Sie streckte mir die Hand hin: -</p> - -<p> -„Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr -Pernath, daß Sie mir — oder uns — helfen wollen? -Jetzt, wo Sie wissen, daß Sie mir die Möglichkeit, ein -Wunder zu erleben, rauben würden, wenn Sie es -täten?“ -</p> - -<p> -Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen -Vorbehalt. -</p> - -<p> -Da ging die Tür, und Hillel trat ein. -</p> - -<p> -Mirjam umarmte ihn; und er begrüßte mich. Herzlich -und voll Freundschaft, aber wieder mit dem kühlen „Sie“. -</p> - -<p> -Auch schien etwas wie leise Müdigkeit oder Unsicherheit -auf ihm zu lasten. — Oder irrte ich mich? -</p> - -<p> -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -Vielleicht kam es nur von der Dämmerung, die in -der Stube lag. -</p> - -<p> -„Sie sind gewiß hier, mich um Rat zu fragen,“ fing -er an, als Mirjam uns allein gelassen hatte, „in der -Sache, die die fremde Dame betrifft — —?“ -</p> - -<p> -Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel -mir in die Rede: -</p> - -<p> -„Ich weiß es von dem Studenten Charousek. Ich -sprach ihn auf der Gasse an, weil er mir merkwürdig -verändert vorkam. Er hat mir alles erzählt. In der -Überfülle seines Herzens. Auch, daß — Sie ihm Geld -geschenkt haben.“ Er sah mich durchdringend an und -betonte jedes seiner Worte auf höchst seltsame Weise, -aber ich verstand nicht, was er damit wollte: -</p> - -<p> -„Gewiß, es hat dadurch ein paar Tropfen Glück mehr -vom Himmel geregnet — und — und in diesem — -Fall hat’s vielleicht auch nicht geschadet, aber —,“ er -dachte eine Weile nach, — „aber manchmal schafft man -sich und anderen nur Leid damit. Gar so leicht ist das -Helfen nicht, wie Sie denken, mein lieber Freund! -Da wäre es sehr, sehr einfach, die Welt zu erlösen. — -Oder glauben Sie nicht?“ -</p> - -<p> -„Geben <em>Sie</em> denn nicht auch den Armen? Oft alles, -was Sie besitzen, Hillel?“ fragte ich. -</p> - -<p> -Er schüttelte lächelnd den Kopf: „Mir scheint, Sie -sind über Nacht ein Talmudist geworden, daß Sie eine -Frage wieder mit einer Frage beantworten. Da ist -freilich schwer streiten.“ -</p> - -<p> -Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber -wiederum verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete. -</p> - -<p> -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -„Übrigens, um zu dem Thema zurückzukommen,“ -fuhr er in verändertem Tone fort, „ich glaube nicht, daß -Ihrem Schützling — ich meine die Dame — augenblicklich -Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten. -Es heißt zwar: ‚der kluge Mann baut vor‘, aber -der Klügere, scheint mir, wartet ab und ist auf alles gefaßt. -Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, daß Aaron -Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das muß -dann von ihm ausgehen, — ich tue keinen Schritt, <em>er</em> -muß herüberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist -gleichgültig, — und dann will ich mit ihm reden. An -<em>ihm</em> wird’s sein, sich zu entscheiden, ob er meinen Rat -befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hände in -Unschuld.“ -</p> - -<p> -Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen. -So kalt und eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen. -Aber hinter diesem schwarzen, tiefliegenden -Auge schlief ein Abgrund. -</p> - -<p> -„Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns,“ -fielen mir Mirjams Worte ein. -</p> - -<p> -Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und — -gehen. -</p> - -<p> -Er begleitete mich bis vor die Türe und, als ich die -Treppe hinaufging und mich noch einmal umdrehte, -sah ich, daß er stehen geblieben war und mir freundlich -nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas -sagen möchte und nicht kann. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-13"> -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -Angst -</h2> - -<p class="first"> -Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen -und in die kleine Wirtsstube „Zum alten Ungelt“ essen -zu gehen, wo allabendlich Zwakh, Vrieslander und -Prokop bis spät in die Nacht beisammen saßen und einander -verrückte Geschichten erzählten; aber kaum betrat -ich mein Zimmer, da fiel der Vorsatz von mir ab, — -wie wenn mir Hände ein Tuch oder sonst etwas, was ich -am Leibe getragen, abgerissen hätten. -</p> - -<p> -Es lag eine Spannung in der Luft, über die ich mir -keine Rechenschaft geben konnte, die aber trotzdem vorhanden -war wie etwas Greifbares und sich im Verlauf -weniger Sekunden derart heftig auf mich übertrug, -daß ich vor Unruhe anfangs kaum wußte, was ich zuerst -tun sollte: Licht anzünden, hinter mir abschließen, mich -niedersetzen oder auf und ab gehen. -</p> - -<p> -Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen -und versteckt? War’s die Angst eines Menschen vor dem -Gesehenwerden, die mich ansteckte? War Wassertrum -vielleicht hier? -</p> - -<p> -Ich griff hinter die Gardinen, öffnete den Schrank, -ein Blick ins Nebenzimmer: — niemand. -</p> - -<p> -Auch die Kassette stand unverrückt an ihrem Platz. -</p> - -<p> -Ob es nicht am besten war, ich verbrannte die Briefe -kurz entschlossen, um ein für allemal die Sorge um sie -los zu sein? -</p> - -<p> -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -Schon suchte ich nach dem Schlüssel in meiner Westentasche -— aber mußte es denn jetzt geschehen? Es blieb -mir doch Zeit genug bis morgen früh. -</p> - -<p> -Erst Licht machen! -</p> - -<p> -Ich konnte die Streichhölzer nicht finden. -</p> - -<p> -War die Tür abgesperrt? — Ich ging ein paar Schritte -zurück. Blieb wieder stehen. -</p> - -<p> -Warum mit einem Male die Angst? -</p> - -<p> -Ich wollte mir Vorwürfe machen, daß ich feig sei: — -die Gedanken blieben stecken. Mitten im Satz. -</p> - -<p> -Eine wahnwitzige Idee überfiel mich plötzlich: Rasch, -rasch auf den Tisch steigen, einen Sessel packen und zu -mir hinaufziehen und „dem“ den Schädel damit von -oben herab einschlagen, das da auf dem Boden herumkroch, -— — wenn — wenn es in die Nähe kam. -</p> - -<p> -„Es ist doch niemand hier,“ sagte ich mir laut und -ärgerlich vor, „hast du dich denn je im Leben gefürchtet?“ -</p> - -<p> -Es half nichts. Die Luft, die ich einatmete, wurde -dünn und schneidend wie Äther. -</p> - -<p> -Wenn ich <em>irgend etwas gesehen</em> hätte: das Gräßlichste, -was man sich vorstellen kann, — im Nu wäre die -Furcht von mir gewichen. -</p> - -<p> -Es kam nichts. -</p> - -<p> -Ich bohrte meine Augen in alle Winkel: -</p> - -<p> -Nichts. -</p> - -<p> -Überall lauter wohlbekannte Dinge: Möbel, Truhen, -die Lampe, das Bild, die Wanduhr — leblose, alte, -treue Freunde. -</p> - -<p> -Ich hoffte, sie würden sich vor meinen Blicken verändern -und mir Grund geben, eine Sinnestäuschung -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -als Ursache für das würgende Angstgefühl in mir zu -finden. -</p> - -<p> -Auch das nicht. — Sie blieben ihrer Form starr getreu. -Viel zu starr für das herrschende Halbdunkel, als -daß es natürlich gewesen wäre. -</p> - -<p> -„Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst,“ -fühlte ich. „Sie trauen sich nicht, auch nur die leiseste -Bewegung zu machen.“ -</p> - -<p> -Warum tickt die Wanduhr nicht? — -</p> - -<p> -Das Lauern ringsum trank jeden Laut. -</p> - -<p> -Ich rüttelte am Tisch und wunderte mich, daß ich das -Geräusch hören konnte. -</p> - -<p> -Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe! -— Nicht einmal das! Oder das Holz im Ofen aufknallen -wollte: — das Feuer war erloschen. -</p> - -<p> -Und immerwährend dasselbe entsetzliche Lauern in der -Luft — pausenlos, lückenlos, wie das Rinnen von Wasser. -</p> - -<p> -Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner -Sinne! Ich verzweifelte daran, es je überdauern zu -können. — Der Raum voll Augen, die ich nicht sehen, -— voll von planlos wandernden Händen, die ich nicht -greifen konnte. -</p> - -<p> -„Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert, -die lähmende Schrecknis des unfaßbaren Nicht-Etwas, -das keine Form hat und unserm Denken die Grenzen -zerfrißt,“ begriff ich dumpf. -</p> - -<p> -Ich stellte mich steif hin und wartete. -</p> - -<p> -Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht ließ „es“ -sich verleiten und schlich von rückwärts an mich heran — -und ich konnte es ertappen?! -</p> - -<p> -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts. -</p> - -<p> -Dasselbe markverzehrende „Nichts“, das <em>nicht war</em> -und doch das Zimmer mit seinem grausigen Leben -erfüllte. -</p> - -<p> -Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich? -</p> - -<p> -„Es würde mit mir gehen,“ wußte ich sofort mit -unabweisbarer Sicherheit. Auch, daß es mir nichts -nützen könnte, wenn ich Licht machte, sah ich ein, — -dennoch suchte ich so lang nach dem Feuerzeug, bis ich -es gefunden hatte. -</p> - -<p> -Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam -lang aus dem Glimmen nicht heraus: die kleine Flamme -konnte nicht leben und nicht sterben, und als sie sich endlich -doch ein schwindsüchtiges Dasein erkämpft hatte, -blieb sie glanzlos wie gelbes, schmutziges Blech. Nein, -da war die Dunkelheit noch besser. -</p> - -<p> -Ich löschte wieder aus und warf mich angezogen übers -Bett. Zählte die Schläge meines Herzens: eins, zwei, -drei — vier ... bis tausend, und immer von neuem — -Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine Lippen -trocken wurden und das Haar sich mir sträubte: keine -Sekunde der Erleichterung. -</p> - -<p> -Auch nicht eine einzige. -</p> - -<p> -Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade -auf die Zunge kamen: „Prinz“, „Baum“, „Kind“, -„Buch“ — und sie krampfhaft zu wiederholen, bis sie -plötzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus barbarischer -Vorzeit nackt mir gegenüberstanden, und ich mit aller -Kraft nachdenken mußte, in ihre Bedeutung zurückzufinden: -P—r—i—n—z? — B—u—ch? -</p> - -<p> -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? — Ich -tastete an mir herum. -</p> - -<p> -Aufstehen! -</p> - -<p> -Mich in den Sessel setzen! -</p> - -<p> -Ich ließ mich in den Lehnstuhl fallen. -</p> - -<p> -Wenn doch endlich der Tod käme! -</p> - -<p> -Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr -fühlen! „Ich — will nicht — ich — will — nicht,“ — -schrie ich. „Hört ihr denn nicht?!“ -</p> - -<p> -Kraftlos fiel ich zurück. -</p> - -<p> -Konnte es nicht fassen, daß ich immer noch lebte. -</p> - -<p> -Unfähig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte -ich geradeaus vor mich hin. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -„Weshalb er mir nur die Körner so beharrlich hinreicht?“ -ebbte ein Gedanke auf mich zu, zog sich zurück -und kam wieder. Zog sich zurück. Kam wieder. -</p> - -<p> -Langsam wurde mir endlich klar, daß ein seltsames -Wesen vor mir stand — vielleicht schon, seit ich hier saß, -dagestanden hatte — und mir die Hand hinstreckte: -</p> - -<p> -Ein graues, breitschultriges Geschöpf, in der Größe -eines gedrungen gewachsenen Menschen, auf einen spiralförmig -gedrehten Knotenstock aus weißem Holz gestützt. -</p> - -<p> -Wo der Kopf hätte sitzen müssen, konnte ich nur einen -Nebelballen aus fahlem Dunst unterscheiden. -</p> - -<p> -Ein trüber Geruch nach Sandelholz und nassem -Schiefer ging von der Erscheinung aus. -</p> - -<p> -Ein Gefühl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir -fast die Besinnung. Was ich die ganze lange Zeit an -nervenzernagender Qual mitgemacht, drängte sich jetzt -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen -zur Form geronnen. -</p> - -<p> -Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich würde -wahnsinnig werden vor Entsetzen und Furcht, wenn ich -das Gesicht des Phantoms sehen könnte, — warnte -mich davor, schrie es mir in die Ohren — und doch zog -es mich wie ein Magnet, daß ich den Blick von dem fahlen -Nebelballen nicht wenden konnte und darin forschte -nach Augen, Nase und Mund. -</p> - -<p> -Aber so sehr ich mich auch abmühte: der Dunst blieb -unbeweglich. Wohl glückte es mir, Köpfe aller Art auf -den Rumpf zu setzen, doch jedesmal wußte ich, daß sie -nur meiner Einbildungskraft entstammten. -</p> - -<p> -Sie zerrannen auch stets — fast in derselben Sekunde, -wo ich sie geschaffen hatte. -</p> - -<p> -Nur die Form eines ägyptischen Ibiskopfs blieb noch -am längsten bestehen. -</p> - -<p> -Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft -in der Dunkelheit, zogen sich kaum merklich zusammen -und dehnten sich wieder aus, wie unter langsamen Atemzügen, -die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige Bewegung, -die zu bemerken war. Statt der Füße berührten -Knochenstumpen den Boden, von denen das Fleisch — -grau und blutleer — auf Spannenbreite zu wulstigen -Rändern emporgezogen war. -</p> - -<p> -Regungslos hielt das Geschöpf mir seine Hand -hin. -</p> - -<p> -Kleine Körner lagen darin. Bohnengroß, von roter -Farbe und mit schwarzen Punkten am Rande. -</p> - -<p> -Was sollte ich damit?! -</p> - -<p> -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -Ich fühlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung -lag auf mir — eine Verantwortung, die weit hinausging -über alles Irdische, — wenn ich jetzt nicht das Richtige -tat. -</p> - -<p> -Zwei Wagschalen, jede belastet mit dem Gewicht des -halben Weltgebäudes, schweben irgendwo im Reich der -Ursachen, ahnte ich, — auf welche von beiden ich ein -Stäubchen warf: die sank zu Boden. -</p> - -<p> -<em>Das</em> war das furchtbare Lauern ringsum! verstand -ich. „Keinen Finger rühren!“ riet mir mein Verstand, -— „und wenn der Tod in alle Ewigkeit nicht kommen -sollte und mich erlösen aus dieser Qual.“ — -</p> - -<p> -Auch dann hättest du deine Wahl getroffen: du hättest -die Körner <em>abgelehnt</em>, raunte es in mir. Hier gibt’s -kein Zurück. -</p> - -<p> -Hilfe suchend blickte ich mich um, ob mir denn kein -Zeichen würde, was ich tun sollte. -</p> - -<p> -Nichts. -</p> - -<p> -Auch in mir kein Rat, kein Einfall, — alles tot, gestorben. -</p> - -<p> -Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie -eine Feder in diesem furchtbaren Augenblick, erkannte -ich — —. -</p> - -<p> -Es mußte bereits tiefe Nacht sein, denn ich konnte die -Wände meines Zimmers nicht mehr unterscheiden. -</p> - -<p> -Nebenan im Atelier stampften Schritte; ich hörte, -daß jemand Schränke rückte, Schubladen aufriß und -polternd zu Boden warf, glaubte Wassertrums Stimme -zu erkennen, wie er in seinem röchelnden Baß wilde -Flüche ausstieß; ich horchte nicht hin. Es war mir belanglos -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -wie das Rascheln einer Maus. — Ich schloß die -Augen: -</p> - -<p> -Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir -vorüber. Die Lider zugedrückt — starre Totenmasken: -— mein eigenes Geschlecht, meine eigenen Vorfahren. -</p> - -<p> -Immer dieselbe Schädelbildung, wie auch der Typus -zu wechseln schien, so stand es auf aus seinen Grüften, -— mit glattem, gescheiteltem Haar, gelocktem und kurz -geschnittenem, mit Allongeperücken und in Ringe gezwängten -Schöpfen — durch Jahrhunderte heran, bis -die Züge mir bekannter und bekannter wurden und in -ein letztes Gesicht zusammenflossen: — das Gesicht des -Golem, mit dem die Kette meiner Ahnen abbrach. -</p> - -<p> -Dann löste die Finsternis mein Zimmer in einen -unendlichen leeren Raum auf, in dessen Mitte ich mich -auf meinem Lehnstuhl sitzen wußte, vor mir der graue -Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm. -</p> - -<p> -Und als ich die Augen aufschlug, standen in zwei sich -schneidenden Kreisen, die einen Achter bildeten, fremdartige -Wesen um uns herum: -</p> - -<p> -Die des einen Kreises gehüllt in Gewänder mit -violettem Schimmer, die des anderen mit rötlich schwarzem. -Menschen einer fremden Rasse, von hohem, -unnatürlich schmächtigem Wuchs, die Gesichter hinter -leuchtenden Tüchern verborgen. -</p> - -<p> -Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, daß der -Zeitpunkt der Entscheidung gekommen war. Meine -Finger zuckten nach den Körnern: — und da sah ich, wie -ein Zittern durch die Gestalten des rötlichen Kreises -ging. — -</p> - -<p> -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -Sollte ich die Körner zurückweisen?: das Zittern -ergriff den bläulichen Kreis; — ich blickte den Mann -ohne Kopf scharf an; er stand da — in derselben Stellung: -regungslos wie früher. -</p> - -<p> -Sogar sein Atmen hatte aufgehört. -</p> - -<p> -Ich hob den Arm, wußte noch immer nicht, was ich -tun sollte, und — schlug auf die ausgestreckte Hand des -Phantoms, daß die Körner über den Boden hinrollten. -</p> - -<p> -Einen Moment, so jäh wie ein elektrischer Schlag, -entglitt mir das Bewußtsein, und ich glaubte in endlose -Tiefen zu stürzen, — dann stand ich fest auf den Füßen. -</p> - -<p> -Das graue Geschöpf war verschwunden. Ebenso die -Wesen des rötlichen Kreises. -</p> - -<p> -Die bläulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring -um mich gebildet; sie trugen eine Inschrift aus goldnen -Hieroglyphen auf der Brust und hielten stumm — es -sah aus wie ein Schwur — zwischen Zeigefinger und -Daumen die roten Körner in die Höhe, die ich dem Phantom -ohne Kopf aus der Hand geschlagen hatte. -</p> - -<p> -Ich hörte, wie draußen Hagelschauer gegen die Fenster -tobten und brüllender Donner die Luft zerriß: -</p> - -<p> -Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen -Wut raste über die Stadt hinweg. Vom Fluß her dröhnten -durch das Heulen des Sturms in rhythmischen Intervallen -die dumpfen Kanonenschüsse, die das Brechen der -Eisdecke auf der Moldau verkündeten. Die Stube loderte -im Licht der ununterbrochen aufeinanderfolgenden -Blitze. Ich fühlte mich plötzlich so schwach, daß mir die -Knie zitterten und ich mich setzen mußte. -</p> - -<p> -„Sei ruhig,“ sagte deutlich eine Stimme neben mir, -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -„sei ganz ruhig, es ist heute die Lelschimurim: die Nacht -der Beschützung.“ — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Allmählich ließ das Unwetter nach, und der betäubende -Lärm ging über in das eintönige Trommeln der Schloßen -auf die Dächer. -</p> - -<p> -Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu, -daß ich nur mehr mit stumpfen Sinnen und halb im -Traum wahrnahm, was um mich her vorging: -</p> - -<p> -Jemand aus dem Kreis sagte die Worte: -</p> - -<p> -„<em>Den ihr suchet, der ist nicht hier.</em>“ -</p> - -<p> -Die andern erwiderten etwas in einer fremden -Sprache. -</p> - -<p> -Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz, darin -kam der Name -</p> - -<p class="center"> -„Henoch“ -</p> - -<p class="noindent"> -vor, aber ich verstand das übrige nicht: der Wind trug -das Stöhnen der berstenden Eisschollen zu laut vom -Flusse herüber. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Dann löste sich einer aus dem Kreis, trat vor mich -hin, deutete auf die Hieroglyphen auf seiner Brust — -sie waren dieselben Buchstaben wie die der übrigen — -und fragte mich, ob ich sie lesen könne. -</p> - -<p> -Und als ich — lallend vor Müdigkeit — verneinte, -streckte er die Handfläche gegen mich aus, und die Schrift -erschien leuchtend auf <em>meiner</em> Brust in Lettern, die -zuerst lateinisch waren: -</p> - -<p class="center"> -CHABRAT ZEREH AUR BOCHER<br /> -— — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten. -— — — Und ich fiel in einen tiefen, traumlosen -Schlaf, wie ich ihn seit jener Nacht, wo Hillel mir die -Zunge gelöst, nicht mehr gekannt hatte. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-14"> -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -Trieb -</h2> - -<p class="first"> -Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten -Tage vergangen. Kaum, daß ich mir Zeit zu den Mahlzeiten -ließ. -</p> - -<p> -Ein unwiderstehlicher Drang nach äußerer Tätigkeit -hatte mich von früh bis abends an meinen Arbeitstisch -gefesselt. -</p> - -<p> -Die Gemme war fertig geworden, und Mirjam hatte -sich wie ein Kind darüber gefreut. -</p> - -<p> -Auch der Buchstabe „I“ in dem Buche Ibbur war -ausgebessert. -</p> - -<p> -Ich lehnte mich zurück und ließ ruhevoll all die kleinen -Geschehnisse der heutigen Stunden an mir vorüberziehen: -</p> - -<p> -Wie das alte Weib, das mich bediente, am Morgen -nach dem Ungewitter zu mir ins Zimmer gestürzt kam -mit der Meldung, die steinerne Brücke sei in der Nacht -eingestürzt. — -</p> - -<p> -Seltsam: — Eingestürzt! Vielleicht gerade in der -Stunde, wo ich die Körner — — — nein, nein, nicht -daran denken; es könnte einen Anstrich von Nüchternheit -bekommen, was damals geschehen war, und ich hatte -mir vorgenommen, es in meiner Brust begraben sein -zu lassen, bis es von selbst wieder erwachte, — nur nicht -daran rühren! -</p> - -<p> -Wie lange war’s her, da ging ich noch über die Brücke, -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -sah die steinernen Statuen, — und jetzt lag sie, die -Brücke, die Jahrhunderte gestanden, in Trümmern. -</p> - -<p> -Es stimmte mich beinahe wehmütig, daß ich nie mehr -meinen Fuß auf sie setzen sollte. Wenn man sie auch -wieder aufbaute, war es doch nicht mehr die alte, geheimnisvolle, -steinerne Brücke. -</p> - -<p> -Stundenlang hatte ich, während ich an der Gemme -schnitt, darüber nachdenken müssen, und so selbstverständlich, -als hätte ich es nie vergessen gehabt, war es -lebendig in mir geworden: wie oft ich als Kind und auch -in späteren Jahren zu dem Bildnis der heiligen Luitgard -und all den andern, die jetzt begraben lagen in den tosenden -Wassern, aufgeblickt hatte. -</p> - -<p> -Die vielen, kleinen lieben Dinge, die ich in meiner -Jugend mein eigen genannt, hatte ich wieder gesehen -im Geiste — und meinen Vater und meine Mutter und -die Menge Schulkameraden. Nur an das Haus, wo ich -gewohnt, konnte ich mich nicht mehr erinnern. -</p> - -<p> -Ich wußte, es würde plötzlich, eines Tages, wenn -ich es am wenigsten erwartete, wieder vor mir stehen; -und ich freute mich darauf. -</p> - -<p> -Die Empfindung, daß sich mit einem Male alles natürlich -und einfach in mir abwickelte, war so behaglich. -</p> - -<p> -Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette -geholt hatte, — es war so gar nichts Erstaunliches daran -gewesen, daß es aussah, nun, wie eben ein altes, mit -wertvollen Initialen geschmücktes Pergamentbuch aussieht -— schien es mir ganz selbstverständlich. -</p> - -<p> -Ich konnte nicht begreifen, daß es jemals gespenstisch -auf mich gewirkt hatte! -</p> - -<p> -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -Es war in hebräischer Sprache geschrieben, vollkommen -unverständlich für mich. -</p> - -<p> -Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen -würde? -</p> - -<p> -Die Freude am Leben, die während der Arbeit heimlich -in mich eingezogen war, erwachte von neuem in -ihrer ganzen erquickenden Frische und verscheuchte die -Nachtgedanken, die mich hinterrücks wieder überfallen -wollten. -</p> - -<p> -Rasch nahm ich Angelinas Bild — ich hatte die -Widmung, die darunter stand, abgeschnitten — und -küßte es. -</p> - -<p> -Es war das alles so töricht und widersinnig, aber -warum nicht einmal von — Glück träumen, die glitzernde -Gegenwart festhalten und sich daran freuen, wie über -eine Seifenblase? -</p> - -<p> -Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfüllung gehen, -was mir da die Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte? -War es so ganz und gar unmöglich, daß ich über Nacht -ein berühmter Mann würde? Ihr ebenbürtig, wenn -auch nicht an Herkunft? Zumindest Dr. Savioli ebenbürtig? -Ich dachte an die Gemme Mirjams: wenn mir -noch andere so gelangen, wie diese, — kein Zweifel, -selbst die ersten Künstler aller Zeiten hatten nie etwas -Besseres geschaffen. -</p> - -<p> -Und nur ein Zufall angenommen: der Gatte Angelinas -stürbe plötzlich? -</p> - -<p> -Mir wurde heiß und kalt: ein winziger Zufall — und -meine Hoffnung, die verwegenste Hoffnung, gewann -Gestalt. An einem dünnen Faden, der stündlich reißen -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -konnte, hing das Glück, das mir dann in den Schoß -fallen müßte. -</p> - -<p> -War mir denn nicht schon tausendfach <a id="corr-19"></a>Wunderbareres -geschehen? Dinge, von denen die Menschheit gar nicht -ahnte, daß sie überhaupt existierten? -</p> - -<p> -War es <em>kein</em> Wunder, daß binnen weniger Wochen -künstlerische Fähigkeiten in mir erwacht waren, die mich -jetzt schon weit über den Durchschnitt erhoben? -</p> - -<p> -Und ich stand doch erst am <em>Anfang</em> des Weges! -</p> - -<p> -Hatte <em>ich</em> denn kein Anrecht auf Glück? -</p> - -<p> -Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit? -</p> - -<p> -Ich übertönte das „Ja“ in mir: — nur noch eine -Stunde träumen — eine Minute — ein kurzes Menschendasein! -</p> - -<p> -Und ich träumte mit offenen Augen: -</p> - -<p> -Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen -und umgaben mich von allen Seiten mit farbigen -Wasserfällen. Bäume aus Opal standen in Gruppen -beisammen und strahlten die Lichtwellen des Himmels, -der blau schillerte wie der Flügel eines gigantischen -Tropenschmetterlings, in Funkensprühregen über unabsehbare -Wiesen voll heißem Sommerduft. -</p> - -<p> -Mich dürstete, und ich kühlte meine Glieder in dem -eisigen Gischt der Bäche, die über Felsblöcke rauschten -aus schimmerndem Perlmutter. -</p> - -<p> -Schwüler Hauch strich über Hänge, übersät mit Blüten -und Blumen, und machte mich trunken mit den Gerüchen -von Jasmin, Hyazinthen, Narzissen, Seidelbast -— — — -</p> - -<p> -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -Unerträglich! Unerträglich! Ich verlöschte das Bild. -— Mich dürstete. -</p> - -<p> -Das waren die Qualen des Paradieses. -</p> - -<p> -Ich riß die Fenster auf und ließ den Tauwind an -meine Stirne wehen. -</p> - -<p> -Es roch nach kommendem Frühling — — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Mirjam! -</p> - -<p> -Ich mußte an Mirjam denken. Wie sie sich vor Erregung -an der Wand hatte halten müssen, um nicht -umzufallen, als sie mir erzählen gekommen, ein Wunder -sei geschehen, ein wirkliches Wunder: sie habe ein Goldstück -gefunden in dem Brotlaib, den der Bäcker vom -Gang aus durchs Gitter ins Küchenfenster gelegt. — — — -</p> - -<p> -Ich griff nach meiner Börse. — Hoffentlich war es -heute nicht schon zu spät, und ich kam noch zurecht, <em>ihr -wieder einen Dukaten zuzuzaubern</em>! -</p> - -<p> -Täglich hatte sie mich besucht, um mir Gesellschaft zu -leisten, wie sie es nannte, dabei aber fast nicht gesprochen, -so erfüllt war sie von dem „Wunder“ gewesen. Bis in -die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie aufgewühlt -und, wenn ich mir vorstellte, wie sie manchmal plötzlich -ohne äußern Grund — nur unter dem Einfluß ihrer -Erinnerung — totenblaß geworden war bis in die Lippen, -schwindelte mir bei dem bloßen Gedanken, ich könnte -in meiner Blindheit Dinge angerichtet haben, deren -Tragweite bis ins Grenzenlose ging. -</p> - -<p> -Und wenn ich mir die letzten, dunkeln Worte Hillels -ins Gedächtnis rief und in Zusammenhang damit brachte, -überlief es mich eiskalt. -</p> - -<p> -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung -für mich, — der Zweck heiligt die Mittel <em>nicht</em>, das sah -ich ein. -</p> - -<p> -Und was, wenn überdies das Motiv: „helfen zu -wollen“ nur <em>scheinbar</em> „rein“ war? Hielt sich nicht -vielleicht doch eine heimliche Lüge dahinter verborgen?: -der selbstgefällige, unbewußte Wunsch, in der Rolle des -Helfers zu schwelgen? -</p> - -<p> -Ich fing an, irre an mir selbst zu werden. -</p> - -<p> -Daß ich Mirjam viel zu oberflächlich beurteilt hatte, -war klar. -</p> - -<p> -Schon als die Tochter Hillels mußte sie anders sein -als andere Mädchen. -</p> - -<p> -Wie hatte ich nur so vermessen sein können, auf solch -törichte Weise in ein Innenleben einzugreifen, das vielleicht -himmelhoch über meinem eigenen stand! -</p> - -<p> -Schon ihr Gesichtsschnitt, der hundertmal eher in die -Zeit der sechsten ägyptischen Dynastie paßte und selbst -für diese noch viel zu vergeistigt war, als in die unsrige -mit ihren Verstandesmenschentypen, hätte mich warnen -müssen. -</p> - -<p> -„Nur der ganz Dumme mißtraut dem äußern Schein,“ -hatte ich irgendwo einmal gelesen. — Wie richtig! Wie -richtig! -</p> - -<p> -Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich -ihr eingestehen, daß ich es gewesen war, der die Dukaten -Tag für Tag ins Brot geschmuggelt hatte? -</p> - -<p> -Der Schlag käme zu plötzlich. Würde sie betäuben. -</p> - -<p> -Ich durfte das nicht wagen, mußte behutsamer vorgehen. -</p> - -<p> -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -Das „Wunder“ irgendwie abschwächen? Statt das -Geld ins Brot zu stecken, es auf die Treppenstufe legen, -daß sie es finden mußte, wenn sie die Tür aufmachte, -und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger -Schroffes würde sich schon ausdenken lassen, irgendein -Weg, der sie aus dem Wunderbaren allmählich wieder -ins Alltägliche herüberlenkte, tröstete ich mich. -</p> - -<p> -Ja! Das war das Richtige. -</p> - -<p> -Oder den Knoten zerhauen? Ihren Vater einweihen -und zu Rate ziehen? Die Schamröte stieg mir ins Gesicht. -Zu diesem Schritt blieb Zeit genug, wenn alle -andern Mittel versagten. -</p> - -<p> -Nur gleich ans Werk gehen, keine Zeit versäumen! -</p> - -<p> -Ein guter Einfall kam mir: ich mußte Mirjam zu -etwas ganz Absonderlichem bewegen, sie für ein paar -Stunden aus der gewohnten Umgebung reißen, daß sie -andere Eindrücke bekam. -</p> - -<p> -Wir würden einen Wagen nehmen und eine Spazierfahrt -machen. Wer kannte uns denn, wenn wir das -Judenviertel mieden? -</p> - -<p> -Vielleicht interessierte es sie, die eingestürzte Brücke -zu besichtigen? -</p> - -<p> -Oder der alte Zwakh oder eine ihrer früheren Freundinnen -sollte mit ihr fahren, wenn sie es ungeheuerlich -finden würde, daß ich mit dabei sei. -</p> - -<p> -Ich war fest entschlossen, keinen Widerspruch gelten -zu lassen. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -An der Türschwelle rannte ich einen Mann beinahe -über den Haufen. -</p> - -<p> -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -Wassertrum! -</p> - -<p> -Er mußte durchs Schlüsselloch hineingespäht haben, -denn er stand gebückt, als ich mit ihm zusammengestoßen -war. -</p> - -<p> -„Suchen Sie mich?“ fragte ich barsch. -</p> - -<p> -Er stammelte ein paar Worte der Entschuldigung in -seinem unmöglichen Jargon; dann bejahte er. -</p> - -<p> -Ich forderte ihn auf, näher zu treten und sich zu -setzen, aber er blieb am Tisch stehen und drehte krampfhaft -mit der Hutkrempe. Eine tiefe Feindseligkeit, die -er vergebens vor mir verbergen wollte, spiegelte aus -seinem Gesicht und jeder seiner Bewegungen. -</p> - -<p> -Noch nie hatte ich den Mann in so unmittelbarer Nähe -gesehen. Seine grauenhafte Häßlichkeit war es nicht, -die einen so abstieß; (sie machte mich eher mitleidig gestimmt: -er sah aus wie ein Geschöpf, dem die Natur -selbst bei seiner Geburt voll Wut und Abscheu mit dem -Fuß ins Gesicht getreten hatte) — etwas anderes, -Unwägbares, das von ihm ausging, trug die Schuld -daran. -</p> - -<p> -Das „Blut“, wie Charousek es treffend bezeichnet hatte. -</p> - -<p> -Unwillkürlich wischte ich mir die Hand ab, die ich ihm -bei seinem Eintritt gereicht hatte. -</p> - -<p> -So wenig auffällig ich es machte, er schien es doch bemerkt -zu haben, denn er mußte sich plötzlich mit Gewalt -zwingen, das Aufflammen des Hasses in seinen Zügen -zu unterdrücken. -</p> - -<p> -„Hübsch ham Se’s hier,“ fing er endlich stockend an, -als er sah, daß ich ihm nicht den Gefallen tat, das Gespräch -zu beginnen. -</p> - -<p> -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -Im Widerspruch zu seinen Worten schloß er dabei die -Augen, vielleicht, um meinem Blick nicht zu begegnen. -Oder glaubte er, daß es seinem Gesicht einen harmloseren -Ausdruck verleihen würde? -</p> - -<p> -Man konnte ihm deutlich anhören, welche Mühe er -sich gab, hochdeutsch zu reden. -</p> - -<p> -Ich fühlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet -und wartete, was er weiter sagen würde. -</p> - -<p> -In seiner Verlegenheit griff er nach der <em>Feile</em>, die -— weiß Gott wieso — noch seit Charouseks Besuch auf -dem Tisch lag, fuhr aber unwillkürlich sofort wie von -einer Schlange gebissen zurück. Ich staunte innerlich -über seine unterbewußte seelische Feinfühligkeit. -</p> - -<p> -„Freilich, natürlich, es gehört zum Geschäft, daß man’s -fein hat,“ raffte er sich auf, zu sagen, „wenn man — so -noble Besuche bekommt.“ Er wollte die Augen aufschlagen, -um zu sehen, welchen Eindruck die Worte auf -mich machten, hielt es aber offenbar noch für verfrüht -und schloß sie schnell wieder. -</p> - -<p> -Ich wollte ihn in die Enge treiben: „Sie meinen die -Dame, die neulich hier vorfuhr? Sagen Sie doch offen, -wo Sie hinauswollen!“ -</p> - -<p> -Er zögerte einen Moment, dann packte er mich heftig -am Handgelenk und zerrte mich ans Fenster. -</p> - -<p> -Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat, -erinnerte mich daran, wie er vor einigen Tagen den -taubstummen Jaromir unten in seine Höhle gerissen -hatte. -</p> - -<p> -Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden -Gegenstand hin: -</p> - -<p> -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -„Was glauben Sie, Herr Pernath, laßt sich da noch -was machen?“ -</p> - -<p> -Es war eine goldene Uhr, mit so stark verbeulten -Deckeln, daß es fast aussah, als hätte sie jemand mit -Absicht verbogen. -</p> - -<p> -Ich nahm ein Vergrößerungsglas: die Scharniere -waren zur Hälfte abgerissen und innen — stand da nicht -etwas eingraviert? Kaum mehr leserlich und noch überdies -mit einer Menge ganz frischer Schrammen zerkratzt. -Langsam entzifferte ich: -</p> - -<p class="center"> -K—rl Zott—mann. -</p> - -<p class="noindent"> -Zottmann? Zottmann? — Wo hatte ich diesen -Namen doch gelesen? Zottmann? Ich konnte mich -nicht entsinnen. Zottmann? -</p> - -<p> -Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der -Hand: -</p> - -<p> -„Im Werk is nix, da hab’ ich schon selber geschaut. -Aber mit’m Gehäuse, da stinkt’s.“ -</p> - -<p> -„Braucht man nur gerade zu klopfen — höchstens ein -paar Lötstellen. Das kann Ihnen ebensogut jeder beliebige -Goldarbeiter machen, Herr Wassertrum.“ -</p> - -<p> -„Ich leg’ doch Wert darauf, daß es eine solide Arbeit -wird. Was man so sagt: künstlerisch,“ unterbrach er -mich hastig. Fast ängstlich. -</p> - -<p> -„Nun gut, wenn Ihnen derart viel daran liegt —“ -</p> - -<p> -„Viel daran liegt!“ Seine Stimme schnappte über -vor Eifer. „Ich will sie doch selber tragen, die Uhr. -Und wenn ich sie jemanden zeig’, will ich sagen -können: schauen Sie mal her, <em>so</em> arbeitet der Herr von -Pernath.“ -</p> - -<p> -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -Ich ekelte mich vor dem Kerl; er <a id="corr-20"></a>spuckte mir -seine widerwärtigen Schmeicheleien förmlich ins Gesicht. -</p> - -<p> -„Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, wird -alles fertig sein.“ -</p> - -<p> -Wassertrum wand sich in Krämpfen: „Das gibt’s -nicht. Das will ich nicht. Drei Tag. Vier Tag. Die -nächste Woche ist Zeit genug. Das ganze Leben möcht’ -ich mir Vorwürfe machen, daß ich Ihnen gedrängt -hab’.“ -</p> - -<p> -Was wollte er nur, daß er so außer sich geriet? — -Ich machte einen Schritt ins Nebenzimmer und sperrte -die Uhr in die Kassette. Angelinas Photographie lag -obenauf. Schnell schlug ich den Deckel wieder zu — für -den Fall, daß Wassertrum mir nachblicken sollte. -</p> - -<p> -Als ich zurückkam, fiel mir auf, daß er sich verfärbt -hatte. -</p> - -<p> -Ich musterte ihn scharf, ließ aber meinen Verdacht -sofort fallen: Unmöglich! Er <em>konnte</em> nichts gesehen -haben. -</p> - -<p> -„Also, dann vielleicht nächste Woche,“ sagte ich, um -seinem Besuch ein Ende zu machen. -</p> - -<p> -Er schien mit einem Male keine Eile mehr zu haben, -nahm einen Sessel und setzte sich. -</p> - -<p> -Im Gegensatz zu früher hielt er seine Fischaugen -jetzt beim Reden weit offen und fixierte beharrlich meinen -obersten Westenknopf. — — -</p> - -<p> -Pause. -</p> - -<p> -„Die Duksel hat Ihnen natürlich gesagt, Sie sollen -sich nix wissen machen, wenn’s herauskommt. Waas?“ -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -sprudelte er plötzlich ohne jede Einleitung auf mich los -und schlug mit der Faust auf den Tisch. -</p> - -<p> -Es lag etwas merkwürdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit, -mit der er von einer Sprechweise in die -andere übergehen — von Schmeicheltönen blitzartig ins -Brutale springen konnte, und ich hielt es für sehr wahrscheinlich, -daß die meisten Menschen, besonders Frauen, -sich im Handumdrehen in seiner Gewalt befinden mußten, -wenn er nur die geringste Waffe gegen sie besaß. -</p> - -<p> -Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die -Tür setzen, war mein erster Gedanke; dann überlegte -ich, ob es nicht klüger sei, ihn zuvörderst einmal gründlich -auszuhorchen. -</p> - -<p> -„Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen, -Herr Wassertrum;“ — ich bemühte mich, ein möglichst -dummes Gesicht zu machen. „Duksel? Was ist das: -Duksel?“ -</p> - -<p> -„Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen?“ fuhr er -mich grob an. „Die Hand werden Sie aufheben müssen -bei Gericht, wenn’s um die Wurscht geht. Verstehen Sie -mich?! Das sag’ ich Ihnen!“ — Er fing an zu schreien: -„Mir ins Gesicht hinein werden Sie nicht abschwören, -daß ‚sie‘ von da drüben“ — er deutete mit dem Daumen -nach dem Atelier — „zu Ihnen heribber geloffen is mit -en Teppich an und — sonst nix!“ -</p> - -<p> -Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken -an der Brust und schüttelte ihn: -</p> - -<p> -„Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen, -breche ich Ihnen die Knochen im Leibe entzwei! Verstanden?“ -</p> - -<p> -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -Aschfahl sank er in den Stuhl zurück und stotterte: -</p> - -<p> -„Was is? Was is? Was wollen Sie? Ich mein’ -doch bloß.“ -</p> - -<p> -Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich -zu beruhigen. Horchte nicht hin, was er alles zu seiner -Entschuldigung herausgeiferte. -</p> - -<p> -Dann setzte ich mich ihm dicht gegenüber, in der -festen Absicht, die Sache, soweit sie Angelina betraf, -ein für allemal mit ihm ins Reine zu bringen und, sollte -es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich die -Feindseligkeiten zu eröffnen und seine paar schwachen -Pfeile vorzeitig zu verschießen. -</p> - -<p> -Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten, -sagte ich ihm auf den Kopf zu, daß Erpressungen -irgendwelcher Art — ich betonte das Wort — mißglücken -müßten, da er auch nicht eine einzige Anschuldigung -mit Beweisen erhärten könnte und ich mich einer -Zeugenschaft (angenommen, es wäre überhaupt im -Bereiche der Möglichkeit, daß es je zu einer solchen käme) -— <em>bestimmt</em> zu entziehen wissen würde. Angelina -stünde mir viel zu nahe, als daß ich sie nicht in der Stunde -der Not retten würde, koste es, was es wolle, <em>sogar -einen Meineid</em>! -</p> - -<p> -Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte, seine Hasenscharte -zog sich bis zur Nase auseinander, er fletschte die -Zähne und kollerte wie ein Truthahn mir immer wieder -in die Rede hinein: „Will ich denn was von die Duksel? -So hören Sie doch zu!“ — Er war außer sich vor Ungeduld, -daß ich mich nicht beirren ließ. — „Um den -Savioli is mir’s zu tun, um den gottverfluchten Hund, -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -— den — den —,“ fuhr es ihm plötzlich brüllend -heraus. -</p> - -<p> -Er japste nach Luft. Rasch hielt ich inne: endlich war -er dort, wo ich ihn haben wollte, aber schon hatte er sich -gefaßt und fixierte wieder meine Weste. -</p> - -<p> -„Hören Sie zu, Pernath,“ er zwang sich, die kühle, -abwägende Sprechweise eines Kaufmanns nachzuahmen, -„Sie reden fort von der Duk — — von der Dame. -Gut! sie ist verheiratet. Gut: sie hat sich eingelassen -mit dem — mit dem jungen Lauser. Was hab’ ich damit -zu tun?“ Er bewegte die Hände vor meinem Gesicht -hin und her, die Fingerspitzen zusammengedrückt, als -hielte er eine Prise Salz darin — „soll <em>sie</em> sich das selber -abmachen, die Duksel. — Ich bin e Weltmann, und Sie -sin auch e Weltmann. Wir kennen doch das beide. Waas? -Ich will doch nur zu meinem Geld kommen. Verstehen -Sie, Pernath?!“ -</p> - -<p> -Ich horchte erstaunt auf: -</p> - -<p> -„Zu welchem Geld? Ist Ihnen denn Dr. Savioli -etwas schuldig?“ -</p> - -<p> -Wassertrum wich aus: -</p> - -<p> -„Abrechnungen hab’ ich mit ihm. Das kommt doch -auf eins heraus.“ -</p> - -<p> -„Sie wollen ihn ermorden!“ schrie ich. -</p> - -<p> -Er sprang auf. Taumelte. Gluckste ein paarmal. -</p> - -<p> -„Jawohl! Ermorden! Wie lange wollen Sie mir -noch Komödie vorspielen!“ Ich deutete auf die Tür. -„Schauen Sie, daß Sie hinauskommen.“ -</p> - -<p> -Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und -wandte sich zum Gehen. Dann blieb er noch einmal -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -stehen und sagte mit einer Ruhe, deren ich ihn nie für -fähig gehalten hätte: -</p> - -<p> -„Auch recht. Ich hab’ Sie herauslassen wollen. -Gut. Wenn nicht: Nicht. Barmherzige Barbiere machen -faule Wunden. Mein Zarbüchel ist voll. Wenn Sie -gescheit gewesen wären —: der Savioli is Ihnen doch -nur im Weg!? — <em>Jetzt</em> — <em>mach</em> — <em>ich</em> — <em>mit</em> -— <em>Ihnen allen dreien</em>“ — er deutete mit einer -Geste des Erdrosselns an, was er meinte — „<em>Preßcolleeh</em>.“ -</p> - -<p> -Seine Mienen drückten eine so satanische Grausamkeit -aus, und er schien seiner Sache so sicher zu sein, daß -mir das Blut in den Adern erstarrte. Er mußte eine -Waffe in Händen haben, von der ich nichts ahnte, die -auch Charousek nicht kannte. Ich fühlte den Boden unter -mir wanken. -</p> - -<p> -„<em>Die Feile! Die Feile!</em>“ hörte ich es in meinem -Hirn flüstern. Ich schätzte die Entfernung ab: ein Schritt -bis zum Tisch — zwei Schritte bis zu Wassertrum — — -ich wollte zuspringen — — — da stand wie aus dem -Boden gewachsen Hillel auf der Schwelle. -</p> - -<p> -Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen. -</p> - -<p> -Ich sah nur — wie durch Nebel —, daß Hillel unbeweglich -stehen blieb und Wassertrum Schritt für Schritt -bis an die Wand zurückwich. -</p> - -<p> -Dann hörte ich Hillel sagen: -</p> - -<p> -„Sie kennen doch, Aaron, den Satz: <em>Alle Juden -sind Bürgen füreinander?</em> Machen Sie’s einem -nicht zu schwer.“ — Er fügte ein paar hebräische Worte -hinzu, die ich nicht verstand. -</p> - -<p> -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -„Was haben Sie das netig, an der Türe zu schnuffeln?“ -geiferte der Trödler mit bebenden Lippen. -</p> - -<p> -„Ob ich gehorcht habe oder nicht, braucht Sie nicht -zu kümmern!“ — wieder schloß Hillel mit einem hebräischen -Satz, der diesmal wie eine Drohung klang. Ich -erwartete, daß es zu einem Zank kommen würde, aber -Wassertrum antwortete nicht eine Silbe, überlegte einen -Augenblick und ging dann trotzig hinaus. -</p> - -<p> -Gespannt blickte ich Hillel an. Er winkte mir zu, ich -solle schweigen. Offenbar wartete er auf irgend etwas, -denn er horchte angestrengt auf den Gang hinaus. Ich -wollte die Türe schließen gehen: er hielt mich mit einer -ungeduldigen Handbewegung zurück. -</p> - -<p> -Wohl eine Minute verging, dann kamen die schleppenden -Schritte des Trödlers wieder die Stufen herauf. -Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel hinaus und machte -ihm Platz. -</p> - -<p> -Wassertrum wartete, bis er außer Hörweite war, -dann knurrte er mich verbissen an: -</p> - -<p> -„Geben Se mer meine Uhr zorück.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-15"> -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -Weib -</h2> - -<p class="first"> -Wo nur Charousek blieb? -</p> - -<p> -Beinahe 24 Stunden waren vergangen, und noch -immer ließ er sich nicht blicken. -</p> - -<p> -Sollte er das Zeichen vergessen haben, das wir verabredet -hatten? Oder sah er es vielleicht nicht? -</p> - -<p> -Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so, daß -der Sonnenstrahl, der darauf schien, genau auf das -vergitterte Guckloch seiner Kellerwohnung fiel. -</p> - -<p> -Das Eingreifen Hillels — gestern — hatte mich -ziemlich beruhigt. Bestimmt würde er mich gewarnt -haben, wenn eine Gefahr im Anzuge wäre. -</p> - -<p> -Überdies: Wassertrum konnte nichts von Belang mehr -unternommen haben; gleich, nachdem er mich verlassen -hatte, war er in seinen Laden zurückgekehrt, — ich warf -einen Blick hinunter: richtig, da lehnte er unbeweglich -hinter seinen Herdplatten, genau so, wie ich ihn schon -frühmorgens gesehen. — — — -</p> - -<p> -Unerträglich, das ewige Warten! -</p> - -<p> -Die milde Frühlingsluft, die durch das offene Fenster -aus dem Nebenzimmer hereinströmte, machte mich krank -vor Sehnsucht. -</p> - -<p> -Dies schmelzende Tropfen von den Dächern! Und -wie die feinen Wasserschnüre im Sonnenlicht glänzten! -</p> - -<p> -Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fäden. Voll -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -Ungeduld ging ich in der Stube auf und ab. Warf mich -in einen Sessel. Stand wieder auf. -</p> - -<p> -Dieses süchtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit -in meiner Brust, es wollte nicht weichen. -</p> - -<p> -Die ganze Nacht über hatte es mich gequält. Einmal -war es Angelina gewesen, die sich an mich geschmiegt, -dann wieder sprach ich scheinbar ganz harmlos mit -Mirjam, und kaum hatte ich das Bild zerrissen, kam -abermals Angelina und küßte mich; ich roch den Duft -ihres Haares, und ihr weicher Zobelpelz kitzelte mich -am Hals, rutschte von ihren entblößten Schultern — -und sie wurde zur Rosina, die mit trunkenen, halbgeschlossenen -Augen tanzte — im Frack — nackt; — — — -und alles in einem Halbschlaf, der doch genau so gewesen -war wie ein Wachsein. Wie ein süßes, verzehrendes, -dämmeriges Wachsein. -</p> - -<p> -Gegen Morgen stand dann mein Doppelgänger an -meinem Bett, der schattenhafte Habal Garmin, „der -Hauch der Knochen“, von dem Hillel gesprochen, — und -ich sah ihm an den Augen an: er war in meiner Macht, -<em>mußte</em> mir jede Frage beantworten, die ich ihm stellen -würde nach irdischen oder jenseitigen Dingen, und er -<em>wartete</em> nur darauf, aber der Durst nach dem Geheimnisvollen -konnte nicht an gegen die Schwüle meines -Blutes und versickerte im dürren Erdreich meines Verstandes. -— Ich schickte das Phantom weg, es solle zum -Spiegelbild Angelinas werden, und es schrumpfte zusammen -zu dem Buchstaben „Aleph“, wuchs wieder -empor, stand da als das Koloßweib, splitternackt, wie ich -es einstens im Buche Ibbur gesehen, mit dem Pulse -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -gleich einem Erdbeben, und beugte sich über mich und -ich atmete den betäubenden Geruch ihres heißen Fleisches -ein. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Kam denn Charousek immer noch nicht? — Die -Glocken sangen von den Kirchtürmen. -</p> - -<p> -Eine Viertelstunde wollte ich noch warten — dann -aber hinaus! Durch belebte Straßen voll festtägig gekleideter -Menschen schlendern, mich in das frohe Gewimmel -mischen in den Stadtteilen der Reichen, schöne -Frauen sehen mit koketten Gesichtern und schmalen -Händen und Füßen. -</p> - -<p> -Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufällig, entschuldigte -ich mich vor mir selbst. -</p> - -<p> -Ich holte das altertümliche Tarokspiel vom Bücherbord, -um mir die Zeit rascher zu vertreiben. — -</p> - -<p> -Vielleicht ließ sich aus den Bildern Anregung schöpfen -zum Entwurf einer Kamee? -</p> - -<p> -Ich suchte nach dem Pagad. -</p> - -<p> -Nicht zu finden. Wo konnte er hingeraten sein? -</p> - -<p> -Ich blätterte noch einmal die Karten durch und verlor -mich in Nachdenken über ihren verborgenen Sinn. -Besonders der „Gehenkte“, — was konnte er nur bedeuten?: -</p> - -<p> -Ein Mann hängt an einem Seil zwischen Himmel und -Erde, den Kopf abwärts, die Arme auf den Rücken gebunden, -den rechten Unterschenkel über das linke Bein -verschränkt, daß es aussieht wie ein Kreuz über einem -verkehrten Dreieck? -</p> - -<p> -Unverständliches Gleichnis. -</p> - -<p> -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -Da! — Endlich! Charousek kam. -</p> - -<p> -Oder doch nicht? -</p> - -<p> -Freudige Überraschung: es war Mirjam. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -„Wissen Sie, Mirjam, daß ich soeben zu Ihnen hinuntergehen -wollte und Sie bitten, eine Spazierfahrt -mit mir zu machen?“ Es war nicht ganz die Wahrheit, -aber ich machte mir weiter keine Gedanken darüber. — -„Nicht wahr, Sie schlagen es mir nicht ab?! Ich bin -heute so unendlich froh im Herzen, daß Sie, gerade Sie, -Mirjam, meiner Freude die Krone aufsetzen müssen.“ -</p> - -<p> -„— spazierenfahren?“, wiederholte sie derart verblüfft, -daß ich laut auflachen mußte. -</p> - -<p> -„Ist denn der Vorschlag gar so wunderbar?“ -</p> - -<p> -„Nein, nein, aber — —,“ sie suchte nach Worten, -„unerhört merkwürdig. Spazierenfahren!“ -</p> - -<p> -„Durchaus nicht merkwürdig, wenn Sie sich vorhalten, -daß es Hunderttausende von Menschen tun — -eigentlich ihr ganzes Leben nichts anderes tun.“ -</p> - -<p> -„Ja, <em>andere</em> Menschen!“ gab sie, immer noch vollständig -überrumpelt, zu. -</p> - -<p> -Ich faßte ihre beiden Hände: -</p> - -<p> -„Was <em>andere</em> Menschen an Freude erleben dürfen, -möchte ich, daß Sie, Mirjam, in noch unendlich viel -reicherem Maße genießen.“ -</p> - -<p> -Sie wurde plötzlich leichenblaß, und ich sah an der -starren Taubheit ihres Blickes, woran sie dachte. -</p> - -<p> -Es gab mir einen Stich. -</p> - -<p> -„Sie dürfen es nicht immer mit sich herumtragen, -Mirjam,“ redete ich ihr zu, „das — das Wunder. Wollen -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -Sie mir das nicht versprechen — aus — aus Freundschaft?“ -</p> - -<p> -Sie hörte die Angst aus meinen Worten und blickte -mich erstaunt an. -</p> - -<p> -„Wenn es Sie nicht so angriffe, könnte ich mich mit -Ihnen freuen, aber so? Wissen Sie, daß ich tief besorgt -bin um Sie, Mirjam? — Um — um — wie soll ich nur -sagen? — um Ihre seelische Gesundheit! Fassen Sie -es nicht wörtlich auf, aber —: ich wollte, das Wunder -wäre nie geschehen.“ -</p> - -<p> -Ich erwartete, sie würde mir widersprechen, aber sie -nickte nur in Gedanken versunken. -</p> - -<p> -„Es verzehrt Sie. Habe ich nicht recht, Mirjam?“ -Sie raffte sich auf: -</p> - -<p> -„Manchmal möchte ich beinahe auch, es wäre nicht -geschehen.“ -</p> - -<p> -Es klang wie ein Hoffnungsstrahl für mich. — „Wenn -ich mir denken soll,“ sie sprach ganz langsam und traumverloren, -„daß Zeiten kommen könnten, wo ich ohne -solche Wunder leben müßte — — —.“ -</p> - -<p> -„Sie können doch über Nacht reich werden und brauchen -dann nicht mehr —,“ fuhr ich ihr unbedacht in die -Rede, hielt aber rasch inne, als ich das Entsetzen in ihrem -Gesicht bemerkte, — „ich meine: Sie können plötzlich -auf natürliche Weise ihrer Sorgen enthoben werden, -und die Wunder, die Sie dann erleben, würden geistiger -Art sein: — innere Erlebnisse.“ -</p> - -<p> -Sie schüttelte den Kopf und sagte hart: „Innere Erlebnisse -sind keine Wunder. Erstaunlich genug, daß es -Menschen zu geben scheint, die überhaupt keine haben. -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -— Seit meiner Kindheit, Tag für Tag, Nacht für Nacht, -erlebe ich —“ (sie brach mit einem Ruck ab und ich erriet, -daß noch etwas anderes in ihr war, von dem sie mir -nie gesprochen hatte, vielleicht das Weben unsichtbarer -Geschehnisse, ähnlich den meinigen) — „aber das gehört -nicht hierher. Selbst, wenn einer aufstünde und machte -Kranke gesund durch Handauflegen, ich könnte es kein -Wunder nennen. Erst, wenn der leblose Stoff — die -Erde — beseelt wird vom Geist und die Gesetze der -Natur zerbrechen, dann ist das geschehen, wonach ich -mich sehne, seit ich denken kann. — Mir hat einmal mein -Vater gesagt: es gäbe zwei Seiten der Kabbala: eine -magische und eine abstrakte, die sich niemals zur Deckung -bringen ließen. Wohl könne die magische die abstrakte -an sich ziehen, aber nie und nimmer umgekehrt. Die -magische ist ein <em>Geschenk</em>, die andere <em>kann</em> errungen -werden, wenn auch nur mit Hilfe eines Führers.“ — -Sie nahm den ersten Faden wieder auf: „Das <em>Geschenk</em> -ist es, nach dem ich dürste; was ich mir erringen -kann, ist mir gleichgültig und wertlos wie Staub. Wenn -ich mir denken soll, es könnten Zeiten kommen, sagte ich -vorhin, wo ich wieder ohne diese Wunder leben müßte,“ -— ich sah, wie sich ihre Finger krampften und Reue und -Jammer zerfleischten mich, — „ich glaube, ich sterbe -jetzt schon angesichts der bloßen Möglichkeit.“ -</p> - -<p> -„Ist das der Grund, weshalb auch Sie wünschten, -das Wunder wäre nie geschehen?“, forschte ich. -</p> - -<p> -„Nur zum Teil. Es ist noch etwas anderes da. Ich -— ich —“, sie dachte einen Augenblick nach, „war noch -nicht reif dazu, ein Wunder in dieser Form zu erleben. -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -Das ist es. Wie soll ich es Ihnen nur erklären? Nehmen -Sie einmal an, bloß als Beispiel, ich hätte seit Jahren -jede Nacht ein und denselben Traum, der sich immer -weiter fortspinnt und in dem mich jemand — sagen wir: -ein Bewohner einer andern Welt — belehrt und mir -nicht nur an einem Spiegelbilde von mir selbst und seinen -allmählichen Veränderungen zeigt, wie weit ich von der -magischen Reife, ein ‚Wunder‘ erleben zu können, entfernt -bin, sondern: mir auch in Verstandesfragen, wie -sie mich manchmal tagsüber beschäftigen, derart Aufschluß -gibt, daß ich es jederzeit nachprüfen kann. Sie -werden mich verstehen: Ein solches Wesen ersetzt einem -an Glück alles, was sich auf Erden ausdenken läßt; es -ist für mich die Brücke, die mich mit dem ‚Drüben‘ verbindet, -ist die Jakobsleiter, auf der ich mich über die -Dunkelheit des Alltags erheben kann ins Licht, — ist -mir Führer und Freund, und alle meine Zuversicht, daß -ich mich auf den dunkeln Wegen, die meine Seele geht, -nicht verirren kann in Wahnsinn und Finsternis, setze ich -auf ‚ihn‘, der mich noch nie belogen hat. — Da mit einem -Mal, entgegen allem, was er mir gesagt hat, kreuzt ein -‚Wunder‘ mein Leben! Wem soll ich jetzt glauben? War -das, was mich die vielen Jahre über ununterbrochen -erfüllt hat, eine Täuschung? Wenn ich daran zweifeln -müßte, ich stürzte kopfüber in einen bodenlosen Abgrund. -— Und doch ist das Wunder geschehen! Ich -würde aufjauchzen vor Freude, wenn —“ -</p> - -<p> -„Wenn — — —?“ unterbrach ich sie atemlos. Vielleicht -sprach sie selbst jetzt das erlösende Wort, und ich -konnte ihr alles eingestehen. -</p> - -<p> -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -„— wenn ich erführe, daß ich mich geirrt habe, — -daß es gar kein Wunder war! Aber ich weiß so genau, -wie ich weiß, daß ich hier sitze, ich ginge zugrunde daran“; -(mir blieb das Herz stehen) — „zurückgerissen werden, -vom Himmel wieder herab müssen auf diese Erde? -Glauben Sie, daß das ein Mensch ertragen kann?“ -</p> - -<p> -„Bitten Sie doch Ihren Vater um Hilfe“, sagte ich -ratlos vor Angst. -</p> - -<p> -„Meinen Vater? Um Hilfe?“ — sie blickte mich verständnislos -an, — „wo es nur zwei Wege für mich gibt, -kann er da einen dritten finden? — — Wissen Sie, was -die einzige Rettung für mich wäre? Wenn <em>mir</em> das -geschähe, was Ihnen geschehen ist. Wenn ich in dieser -Minute alles, was hinter mir liegt: mein ganzes Leben -bis zum heutigen Tag — vergessen könnte. — Ist es -nicht merkwürdig: was Sie als Unglück empfinden, -wäre für mich das höchste Glück!“ -</p> - -<p> -Wir schwiegen beide eine lange Zeit. Dann ergriff -sie plötzlich meine Hand und lächelte. Beinahe -fröhlich. -</p> - -<p> -„Ich will nicht, daß Sie sich meinetwegen grämen;“ -— (sie tröstete mich — mich!) — „vorhin waren Sie so -voll Freude und Glück über den Frühling draußen, und -jetzt sind Sie die Betrübnis selbst. Ich hätte Ihnen überhaupt -nichts sagen sollen. Reißen Sie es aus Ihrem -Gedächtnis und denken Sie wieder so heiter wie vorhin! -— Ich bin ja so froh —“ -</p> - -<p> -„Sie? Froh? Mirjam?“, unterbrach ich sie bitter. -</p> - -<p> -Sie machte ein überzeugtes Gesicht: „Ja! Wirklich! -Froh! Als ich zu Ihnen heraufging, war ich so unbeschreiblich -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -ängstlich, — ich weiß nicht warum: ich konnte -das Gefühl nicht loswerden, daß Sie in einer großen -Gefahr schweben,“ — ich horchte auf — „aber, statt mich -darüber zu freuen, Sie gesund und wohlauf zu treffen, -habe ich Sie angeunkt und — —“ -</p> - -<p> -Ich zwang mich zur Lustigkeit: „und das können Sie -nur gutmachen, wenn Sie mit mir ausfahren.“ (Ich -bemühte mich, so viel Übermut wie möglich in meine -Stimme zu legen:) „Ich möchte doch einmal sehen, -Mirjam, ob es mir nicht gelingt, Ihnen die trüben Gedanken -zu verscheuchen. Sagen Sie, was Sie wollen: -Sie sind noch lange kein ägyptischer Zauberer, sondern -vorläufig nur ein junges Mädchen, dem der Tauwind -noch manchen bösen Streich spielen kann.“ -</p> - -<p> -Sie wurde plötzlich ganz lustig: -</p> - -<p> -„Ja, was ist denn das heute mit Ihnen, Herr Pernath? -So hab’ ich Sie noch nie gesehen! — Übrigens -‚Tauwind‘: bei uns Judenmädchen lenken bekanntlich -die Eltern den Tauwind, und wir haben nur zu gehorchen. -Tuen es natürlich auch. Es steckt uns schon so -im Blut. — Mir ja nicht,“ setzte sie ernsthafter hinzu, -„meine Mutter hat bös gestreikt, als sie den gräßlichen -Aaron Wassertrum heiraten sollte.“ -</p> - -<p> -„Was? Ihre Mutter? Den Trödler da unten?“ -</p> - -<p> -Mirjam nickte. „Gott sei Dank ist es nicht zustande -gekommen. — Für den armen Menschen freilich war es -ein vernichtender Schlag.“ -</p> - -<p> -„Armer Mensch, sagen Sie?“ fuhr ich auf. „Der Kerl -ist ein Verbrecher.“ -</p> - -<p> -Sie wiegte nachdenklich den Kopf: „Gewiß, er ist -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -ein Verbrecher. Aber wer in einer solchen Haut steckt -und kein Verbrecher wird, muß ein Prophet sein.“ -</p> - -<p> -Ich rückte neugierig näher: -</p> - -<p> -„Wissen Sie Genaueres über ihn? Mich interessiert -das. Aus ganz besonderen — —“ -</p> - -<p> -„Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen -hätten, Herr Pernath, wüßten Sie sofort, wie es in -seiner Seele ausschaut. Ich sage das, weil ich als Kind -sehr oft drin war. — Warum sehen Sie mich so erstaunt -an? Ist denn das so merkwürdig? — Gegen mich war -er immer freundlich und gütig. Einmal sogar, erinnere -ich mich, schenkte er mir einen großen blitzenden Stein, -der mir besonders unter seinen Sachen gefallen hatte. -Meine Mutter sagte, es sei ein Brillant, und ich mußte -ihn natürlich sofort zurücktragen. -</p> - -<p> -Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen, aber -dann riß er ihn mir aus der Hand und warf ihn voll -Wut weit von sich. Ich habe aber dennoch gesehen, wie -ihm dabei die Tränen aus den Augen stürzten; ich konnte -auch damals schon genug Hebräisch, um zu verstehen, -was er murmelte: ‚Alles ist verflucht, was meine Hand -berührt.‘ — — Es war das letzte Mal, daß ich ihn besuchen -durfte. Nie wieder hat er mich seitdem aufgefordert, -zu ihm zu kommen. Ich weiß auch warum: -Hätte ich ihn nicht zu trösten versucht, wäre alles beim -alten geblieben, so aber, weil er mir unendlich leid tat, -und ich es ihm sagte, wollte er mich nicht mehr sehen. — -— — Sie verstehen das nicht, Herr Pernath? Es ist -doch so einfach: er ist ein Besessener, — ein Mensch, der -sofort mißtrauisch, unheilbar mißtrauisch wird, wenn -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -jemand an sein Herz rührt. Er hält sich für noch viel -häßlicher, als er in Wirklichkeit ist, — wenn das überhaupt -möglich sein kann, — und darin wurzelt sein ganzes -Denken und Handeln. Man sagt, seine Frau hätte ihn -gern gehabt, vielleicht war es mehr Mitleid als Liebe, -aber immerhin glaubten es sehr viele Leute. Der einzige, -der vom Gegenteil tief durchdrungen war, war er. -Überall wittert er Verrat und Haß. -</p> - -<p> -Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme. -Ob es daher kam, daß er ihn vom Säuglingsalter an -hatte heranwachsen sehen, also das Keimen jeder Eigenschaft -vom Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte -und daher nie zu einem Punkte gelangte, wo sein Mißtrauen -hätte einsetzen können, oder ob es im jüdischen -Blute lag: alles, was an Liebesfähigkeit in ihm lebte, -auf seinen Nachkommen auszugießen — in jener instinktiven -Furcht unserer Rasse: wir könnten aussterben und -eine Mission nicht erfüllen, die wir vergessen haben, -die aber dunkel in uns fortlebt, — wer kann das wissen! -</p> - -<p> -Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte, -und bei einem unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar -ist, leitete er die Erziehung seines Sohnes. Mit -dem Scharfsinn eines Psychologen räumte er dem Kinde -jedes Erlebnis aus dem Wege, das zur Entwicklung der -Gewissenstätigkeit hätte beitragen können, um ihm -künftige seelische Leiden zu ersparen. -</p> - -<p> -Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten, -der die Ansicht verfocht, die Tiere seien empfindungslos -und ihre Schmerzäußerung ein mechanischer -Reflex. -</p> - -<p> -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -Aus jedem Geschöpf so viel Freude und Genuß für -sich selbst herauspressen wie nur irgend möglich, und dann -die Schale sofort als nutzlos wegwerfen: das war ungefähr -das Abc seines weitblickenden Erziehungssystems. -</p> - -<p> -Daß das Geld als Standarte und Schlüssel zur ‚Macht‘ -dabei eine erste Rolle spielte, können Sie sich denken, -Herr Pernath. Und so wie er selbst den eigenen Reichtum -sorgsam geheim hält, um die Grenzen seines Einflusses -in Dunkel zu hüllen, so ersann er sich ein Mittel, -seinem Sohn Ähnliches zu ermöglichen, ihm aber gleichzeitig -die Qual eines scheinbar ärmlichen Lebens zu -ersparen: er durchtränkte ihn mit der infernalischen Lüge -von der ‚Schönheit‘, brachte ihm die äußere und innere -Gebärde der Ästhetik bei, lehrte ihn <em>äußerlich</em>: die -Lilie auf dem Felde heucheln und <em>innerlich</em> ein Aasgeier -sein. -</p> - -<p> -Natürlich war das mit der ‚Schönheit‘ wohl kaum -eigene Erfindung von ihm — vermutlich die ‚Verbesserung‘ -eines Ratschlages, den ihm ein Gebildeter -gegeben hatte. -</p> - -<p> -Daß ihn sein Sohn später verleugnete, wo und wann -er nur konnte, nahm er niemals übel. Im Gegenteil, -er machte es ihm zur <em>Pflicht</em>: denn seine Liebe war -selbstlos und wie ich es schon einmal von meinem Vater -sagte: — von der Art, die übers Grab hinausgeht.“ -</p> - -<p> -Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an, -wie sie ihre Gedanken stumm weiterspann, hörte es an -dem veränderten Klang ihrer Stimme, als sie sagte: -</p> - -<p> -„Seltsame Früchte wachsen auf dem Baume des -Judentums.“ -</p> - -<p> -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -„Sagen Sie, Mirjam,“ fragte ich, „haben Sie nie -davon gehört, daß Wassertrum eine Wachsfigur in seinem -Laden stehen hat? Ich weiß nicht mehr, wer es mir -erzählt hat, — es war vielleicht nur ein Traum — —“ -</p> - -<p> -„Nein, nein, es ist schon richtig, Herr Pernath: eine -lebensgroße Wachsfigur steht in der Ecke, in der er, -mitten unter dem tollsten Gerümpel, auf seinem Strohsack -schläft. Er hat sie vor Jahren einem Schaubudenbesitzer -abgewuchert, heißt es, bloß weil sie einem Mädchen -— einer Christin — ähnlich sah, die angeblich einmal -seine Geliebte gewesen sein soll.“ -</p> - -<p> -„Charouseks Mutter!“ drängte es sich mir auf. -</p> - -<p> -„Ihren Namen wissen Sie nicht, Mirjam?“ -</p> - -<p> -Mirjam schüttelte den Kopf. „Wenn Ihnen daran -liegt — soll ich mich erkundigen?“ -</p> - -<p> -„Ach Gott, nein, Mirjam; es ist mir vollkommen -gleichgültig“ (ich sah an ihren blitzenden Augen, daß sie -sich in Eifer geredet hatte. Sie durfte nicht wieder zu -sich kommen, nahm ich mir vor) „aber was mich viel -mehr interessiert, ist das Gebiet, von dem Sie vorhin -flüchtig sprachen. Ich meine das vom ‚Tauwind‘. — -Ihr Vater würde Ihnen doch gewiß nicht vorschreiben, -wen Sie heiraten sollen?“ -</p> - -<p> -Sie lachte lustig auf: -</p> - -<p> -„Mein Vater? Wo denken Sie hin!“ -</p> - -<p> -„Nun, das ist ein großes Glück für mich.“ -</p> - -<p> -„Wieso?“ fragte sie arglos. -</p> - -<p> -„Weil ich dann noch Chancen habe.“ -</p> - -<p> -Es war nur ein Scherz, und sie nahm es auch nicht -anders hin, aber doch sprang sie rasch auf und ging -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -ans Fenster, um mich nicht sehen zu lassen, daß sie rot -wurde. -</p> - -<p> -Ich lenkte ein, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen: -</p> - -<p> -„Das eine bitte ich mir aus als alter Freund: Mich -müssen Sie einweihen, wenn’s einmal so weit ist. — -Oder gedenken <a id="corr-22"></a>Sie überhaupt ledig zu bleiben?“ -</p> - -<p> -„Nein! nein! nein!“ — sie wehrte so entschlossen ab, -daß ich unwillkürlich lächelte — „einmal muß ich ja doch -heiraten.“ -</p> - -<p> -„Natürlich! Selbstverständlich!“ -</p> - -<p> -Sie wurde nervös wie ein Backfisch. -</p> - -<p> -„Können Sie denn nicht eine Minute lang ernsthaft -bleiben, Herr Pernath?“ — Ich machte gehorsam ein -Lehrergesicht und sie setzte sich wieder. — „Also: wenn -ich sage, ich muß doch einmal heiraten, so meine ich -damit, daß ich mir zwar bis jetzt den Kopf über die näheren -Umstände nicht zerbrochen habe, den Sinn des Lebens -aber gewiß nicht verstünde, wenn ich annehmen würde, -ich sei als Weib auf die Welt gekommen, um kinderlos -zu bleiben.“ -</p> - -<p> -Das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich das Frauenhafte -in ihren Zügen. -</p> - -<p> -„Es gehört mit zu meinen Träumen,“ fuhr sie leise -fort, „mir vorzustellen, daß es ein Endziel ist, wenn zwei -Wesen zu einem verschmelzen, — zu dem, was — — -haben Sie nie von dem alten ägyptischen Osiriskult -gehört? — zu dem verschmelzen, was der ‚Hermaphrodit‘ -als Symbol bedeuten mag.“ -</p> - -<p> -Ich horchte gespannt auf: „Der Hermaphrodit —?“ -</p> - -<p> -„Ich meine: Die magische Vereinigung von männlich -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -und weiblich im Menschengeschlecht zu einem Halbgott. -Als Endziel! — Nein, nicht als Endziel, als Beginn -eines neuen Weges, der ewig ist — <em>kein</em> Ende hat.“ -</p> - -<p> -„Und hoffen Sie, dereinst denjenigen zu finden,“ -fragte ich erschüttert, „den Sie suchen? — Kann es nicht -sein, daß er in einem fernen Land lebt, vielleicht gar nicht -auf Erden ist?“ -</p> - -<p> -„Davon weiß ich nichts;“ sagte sie einfach, „ich kann -nur warten. Wenn er durch Zeit und Raum von mir -getrennt ist, — was ich nicht glaube, weshalb wäre ich -dann hier im Ghetto angebunden? — oder durch die -Klüfte gegenseitigen Nichterkennens — und ich finde -ihn nicht, dann hat mein Leben keinen Zweck gehabt -und war das gedankenlose Spiel eines idiotischen Dämons. -— Aber, bitte, bitte, reden wir nicht mehr davon,“ -flehte sie, „wenn man den Gedanken nur ausspricht, -bekommt er schon einen häßlichen, irdischen Beigeschmack, -und ich möchte nicht —“ -</p> - -<p> -Sie brach plötzlich ab. -</p> - -<p> -„Was möchten Sie nicht, Mirjam?“ -</p> - -<p> -Sie hob die Hand. Stand rasch auf und sagte: -</p> - -<p> -„Sie bekommen Besuch, Herr Pernath!“ -</p> - -<p> -Seidenkleider raschelten auf dem Gang. -</p> - -<p> -Ungestümes Klopfen. Dann: -</p> - -<p> -Angelina! -</p> - -<p> -Mirjam wollte gehen; ich hielt sie zurück: -</p> - -<p> -„Darf ich vorstellen: die Tochter eines lieben Freundes -— Frau Gräfin —“ -</p> - -<p> -„Nicht einmal vorfahren kann man mehr. Überall -das Pflaster aufgerissen. Wann werden Sie einmal in -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -eine menschenwürdige Gegend siedeln, Meister Pernath? -Draußen schmilzt der Schnee und der Himmel jubelt, -daß es einem die Brust zersprengt, und Sie hocken hier -in Ihrer Tropfsteingrotte wie ein alter Frosch, — — -übrigens wissen Sie, daß ich gestern bei meinem Juwelier -war und er gesagt hat: Sie sind der größte Künstler, -der feinste Gemmenschneider, den es heute gibt, wenn -nicht einer der größten, die je gelebt haben?!“ — Angelina -plauderte wie ein Wasserfall, und ich war verzaubert. -Sah nur mehr ihre strahlenden, blauen Augen, die -kleinen Füße in den winzigen Lackstiefeln, sah das kapriziöse -Gesicht aus dem Wust von Pelzwerk leuchten und -die rosigen Ohrläppchen. -</p> - -<p> -Sie ließ sich kaum Zeit auszuatmen. -</p> - -<p> -„An der Ecke steht mein Wagen. Ich hatte schon -Angst, Sie nicht zu Hause zu treffen. Sie haben doch -hoffentlich noch nicht zu Mittag gegessen? Wir fahren -zuerst — ja, wohin fahren wir zuerst? Wir fahren zuerst -einmal — warten Sie — — ja: vielleicht in den Baumgarten, -oder kurz: irgendwohin ins Freie, wo man so -recht das Keimen und heimliche Sprossen in der Luft -ahnt. Kommen Sie, kommen Sie, nehmen Sie Ihren -Hut; und dann essen Sie bei mir, — und dann schwätzen -wir bis abends. Nehmen Sie doch Ihren Hut! Worauf -warten Sie denn? — Eine warme, ganz weiche Decke -ist unten: da wickeln wir uns ein bis an die Ohren und -kuscheln uns zusammen, bis uns siedheiß wird.“ -</p> - -<p> -Was sollte ich nur sagen?! — — „Soeben habe ich -mit der Tochter meines Freundes hier eine Spazierfahrt -verabredet — —“ -</p> - -<p> -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet, -noch ehe ich aussprechen konnte. -</p> - -<p> -Ich begleitete sie bis vor die Tür, obschon sie mich -freundlich abwehren wollte. -</p> - -<p> -„Hören Sie mich an, Mirjam, ich kann es Ihnen hier -auf der Treppe nicht so sagen, wie ich an Ihnen hänge -— — und daß ich tausendmal lieber mit Ihnen — —“ -</p> - -<p> -„Sie dürfen die Dame nicht warten lassen, Herr Pernath,“ -drängte sie, „adieu und viel Vergnügen!“ -</p> - -<p> -Sie sagte es voll Herzlichkeit und unverstellt und echt, -aber ich sah, daß der Glanz in ihren Augen erloschen -war. -</p> - -<p> -Sie eilte die Treppe hinunter und das Leid schnürte -mir die Kehle zusammen. -</p> - -<p> -Mir war, als hätte ich eine Welt verloren. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Wie im Rausch saß ich an Angelinas Seite. Wir -fuhren in rasendem Trab durch die menschenüberfüllten -Straßen. -</p> - -<p> -Eine Brandung des Lebens rings um mich, daß ich, -halbbetäubt, nur noch die kleinen Lichtflecke in dem -Bilde, das an mir vorüberhuschte, unterscheiden konnte: -blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten, blanke -Zylinderhüte, weiße Damenhandschuhe, einen Pudel -mit rosa Halsschleife, der kläffend in die Räder beißen -wollte, schäumende Rappen, die uns entgegensausten in -silbernen Geschirren, ein Ladenfenster, drin schimmernde -Schalen voll Perlschnüren und funkelnden Geschmeiden, -— Seidenglanz um schlanke Mädchenhüften. -</p> - -<p> -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, ließ -mich die Wärme von Angelinas Körper doppelt sinnverwirrend -empfinden. -</p> - -<p> -Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll -zur Seite, wenn wir an ihnen vorüberjagten. -</p> - -<p> -Dann ging’s im Schritt über das Quai, das eine -einzige Wagenreihe war, an der eingestürzten steinernen -Brücke vorbei, umstaut vom Gewühl gaffender Gesichter. -</p> - -<p> -Ich blickte kaum hin: — das kleinste Wort aus dem -Munde Angelinas, ihre Wimpern, das eilige Spiel -ihrer Lippen, — alles, alles war mir unendlich viel -wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrümmer dort -unten den antaumelnden Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. — -</p> - -<p> -Parkwege. Dann — gestampfte, elastische Erde. -Dann Laubrascheln unter den Hufen der Pferde, nasse -Luft, blätterlose Baumriesen voll von Krähennestern, -totes Wiesengrün mit weißlichen Inseln schwindenden -Schnees, alles zog an mir vorbei wie geträumt. -</p> - -<p> -Nur mit ein paar kurzen Worten, fast gleichgültig, -kam Angelina auf Dr. Savioli zu sprechen. -</p> - -<p> -„Jetzt, wo die Gefahr vorüber ist,“ sagte sie mit entzückender, -kindlicher Unbefangenheit, „und ich weiß, -daß es ihm auch wieder besser geht, kommt mir alles -das, was ich mitgemacht habe, so gräßlich langweilig -vor. — Ich will mich endlich einmal wieder freuen, die -Augen zumachen und untertauchen in dem glitzernden -Schaum des Lebens. Ich glaube, alle Frauen sind so. -Sie gestehen es bloß nicht ein. Oder sind sie so dumm, -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -daß sie es selbst nicht wissen. Meinen Sie nicht auch?“ -Sie hörte gar nicht hin, was ich darauf antwortete. -„Übrigens sind mir Frauen vollständig uninteressant. -Sie dürfen es natürlich nicht als Schmeichelei auffassen: -aber — wahrhaftig, die bloße Nähe eines sympathischen -Mannes ist mir im kleinen Finger lieber, als das anregendste -Gespräch mit einer noch so gescheiten Frau. -Es ist ja schließlich doch alles dummes Zeug, was man da -zusammenschwätzt. — Höchstens: das bißchen Putz — -na und! Die Moden wechseln ja nicht gar so häufig. -— — Nicht wahr, ich bin leichtsinnig?“, fragte sie plötzlich -kokett, daß ich mich, bestrickt von ihrem Reiz, zusammennehmen -mußte, nicht ihr Köpfchen zwischen -meine Hände zu nehmen und sie in den Nacken zu küssen, -— „sagen Sie, daß ich leichtsinnig bin!“ -</p> - -<p> -Sie schmiegte sich noch dichter an und hängte sich in -mich ein. -</p> - -<p> -Wir fuhren aus der Allee heraus an Bosketts entlang -mit strohumwickelten Zierstauden, die aussahen in ihren -Hüllen wie Rümpfe von Ungeheuern mit abgehauenen -Gliedern und Häuptern. -</p> - -<p> -Leute saßen auf Bänken in der Sonne und blickten -hinter uns drein und steckten die Köpfe zusammen. -</p> - -<p> -Wir schwiegen eine Weile und hingen unseren Gedanken -nach. Wie war Angelina doch so vollständig -anders, als sie bisher in meiner Einbildung gelebt hatte! -— Als sei sie erst heute für mich in die Gegenwart gerückt! -</p> - -<p> -War das wirklich dieselbe Frau, die ich damals in der -Domkirche getröstet hatte? -</p> - -<p> -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen -Mund. -</p> - -<p> -Sie sprach noch immer kein Wort. Schien im Geiste -ein Bild zu sehen. -</p> - -<p> -Der Wagen bog über eine feuchte Wiese. -</p> - -<p> -Es roch nach erwachender Erde. -</p> - -<p> -„Wissen Sie, — — Frau — —?“ -</p> - -<p> -„Nennen Sie mich doch Angelina“, unterbrach sie -mich leise. -</p> - -<p> -„Wissen Sie, Angelina, daß — daß ich heute die ganze -Nacht von Ihnen geträumt habe?“, stieß ich gepreßt -hervor. -</p> - -<p> -Sie machte eine kleine rasche Bewegung, als wolle -sie ihren Arm aus meinem ziehen, und sah mich groß -an. „Merkwürdig! Und ich von Ihnen! — Und in -diesem Moment habe ich dasselbe gedacht.“ -</p> - -<p> -Wieder stockte das Gespräch und beide errieten wir, -daß wir auch dasselbe geträumt hatten. -</p> - -<p> -Ich fühlte es an dem Beben ihres Blutes. Ihr -Arm zitterte kaum merklich an meiner Brust. Sie -blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen hinaus. -— — — -</p> - -<p> -Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen, streifte -den weißen, duftenden Handschuh zurück, hörte, wie ihr -Atem heftig wurde, und preßte toll vor Liebe meine -Zähne in ihren Handballen. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -— — Stunden später ging ich wie ein Trunkener -durch den Abendnebel hinab der Stadt zu. Planlos -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -wählte ich die Straßen und ging lange, ohne es zu -wissen, im Kreise herum. -</p> - -<p> -Dann stand ich am Fluß über ein eisernes Geländer -gebeugt und starrte hinab in die tosenden Wellen. -</p> - -<p> -Noch immer fühlte ich Angelinas Arme um meinen -Nacken, sah das steinerne Becken des Springbrunnens, -an dem wir schon einmal Abschied voneinander genommen -vor vielen Jahren, vor mir, mit den faulenden -Ulmenblättern darin, und sie wanderte wieder mit mir, -wie soeben erst vor kurzem, den Kopf an meine Schulter -gelehnt, stumm durch den fröstelnden, dämmrigen Park -ihres Schlosses. -</p> - -<p> -Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief -ins Gesicht, um zu träumen. -</p> - -<p> -Die Wasser brausten über das Wehr und ihr Rauschen -verschlang die letzten, aufmurrenden Geräusche der -schlafengehenden Stadt. -</p> - -<p> -Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um -mich zog und aufblickte, lag der Fluß in immer tieferen -Schatten, bis er endlich, von der schweren Nacht erdrückt, -schwarzgrau dahinströmte und der Gischt des Staudamms -als weißer, blendender Streifen schräg hinüber -zum andern Ufer lief. -</p> - -<p> -Mich schauderte bei dem Gedanken, wieder zurück zu -müssen in mein trauriges Haus. -</p> - -<p> -Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich für -immer zum Fremdling in meiner Wohnstätte gemacht. -</p> - -<p> -Eine Spanne von wenigen Wochen, vielleicht nur von -Tagen, dann mußte das Glück vorüber sein — und nichts -blieb davon, als eine wehe, schöne Erinnerung. -</p> - -<p> -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -Und dann? -</p> - -<p> -Dann war ich heimatlos hier und drüben, diesseits -und jenseits des Flusses. -</p> - -<p> -Ich stand auf! Wollte noch durch das Parkgitter einen -Blick auf das Schloß werfen, hinter dessen Fenstern sie -schlief, ehe ich in das finstere Ghetto ging. — — — Ich -schlug die Richtung ein, aus der ich gekommen war, -tappte mich durch den dichten Nebel an Häuserreihen -entlang und über schlummernde Plätze, sah schwarze -Monumente drohend auftauchen und einsame Schilderhäuser -und die Schnörkel von Barockfassaden. Der -matte Schimmer einer Laterne wuchs zu riesigen, -phantastischen Ringen in verblichenen Regenbogenfarben -aus dem Dunst heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden -Auge und zerging hinter mir in der Luft. -</p> - -<p> -Mein Fuß tastete breite, steinerne Stufenflächen, mit -Kies bestreut. Wo war ich? Ein Hohlweg, der steil aufwärts -führt? -</p> - -<p> -Glatte Gartenmauern links und rechts? Die kahlen -Äste eines Baumes hängen herüber. Sie kommen vom -Himmel herunter: der Stamm verbirgt sich hinter der -Nebelwand. — -</p> - -<p> -Ein paar morsche, dünne Zweige brechen krachend -ab, wie mein Hut sie streift, und fallen an meinem Mantel -hinab in den nebligen grauen Abgrund, der mir meine -Füße verbirgt. -</p> - -<p> -Dann ein strahlender Punkt: ein einsames Licht in -der Ferne — irgendwo — rätselhaft — zwischen Himmel -und Erde. — — — -</p> - -<p> -Ich mußte fehlgegangen sein. Es konnte nur die -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -„alte Schloßstiege“ sein neben den Hängen der Fürstenbergschen -Gärten — — — -</p> - -<p> -Dann lange Strecken lehmiger Erde. — Ein gepflasterter -Weg. -</p> - -<p> -Ein massiger Schatten ragt hoch auf, den Kopf in -einer schwarzen, steifen Zipfelmütze: „die Daliborka“ = -der Hungerturm, in dem Menschen einst verschmachteten, -derweilen Könige unten im „Hirschgraben“ das Wild hetzten. -</p> - -<p> -Ein schmales, gewundenes Gäßchen mit Schießscharten, -ein Schneckengang, kaum breit genug, die -Schultern durchzulassen — und ich stand vor einer Reihe -von Häuschen, keines höher als ich. -</p> - -<p> -Wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich auf die -Dächer greifen. -</p> - -<p> -Ich war in die „Goldmachergasse“ geraten, wo im -Mittelalter die alchimistischen Adepten den Stein der -Weisen geglüht und die Mondstrahlen vergiftet haben. -</p> - -<p> -Es führte kein anderer Weg hinaus als der, den ich -gekommen war. -</p> - -<p> -Aber ich fand die Mauerlücke nicht mehr, die mich -eingelassen, — stieß an ein Holzgatter. -</p> - -<p> -Es nützt nichts, ich muß jemand wecken, damit man -mir den Weg zeigt, sagte ich mir. Sonderbar, daß hier -ein Haus die Gasse abschließt — größer als die andern -und anscheinend wohnlich? Ich kann mich nicht entsinnen, -es je bemerkt zu haben. -</p> - -<p> -Es muß wohl weiß getüncht sein, daß es so hell aus -dem Nebel leuchtet? -</p> - -<p> -Ich gehe durch das Gatter über den schmalen Gartenstreif, -drücke das Gesicht an die Scheiben: — alles finster. -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -Ich klopfe ans Fenster. — Da geht drinnen ein steinalter -Mann, eine brennende Kerze in der Hand, durch -eine Tür mit greisenhaft wankenden Schritten bis mitten -in die Stube, bleibt stehen, dreht langsam den Kopf -nach den verstaubten alchimistischen Retorten und Kolben -an der Wand, starrt nachdenklich auf die riesigen Spinnweben -in den Ecken und richtet dann seinen Blick unverwandt -auf mich. -</p> - -<p> -Der Schatten seiner Backenknochen fällt ihm auf die -Augenhöhlen, daß es aussieht, als seien sie leer wie die -einer Mumie. -</p> - -<p> -Er sieht mich offenbar nicht. -</p> - -<p> -Ich klopfe ans Glas. -</p> - -<p> -Er hört mich nicht. Geht lautlos wie ein Schlafwandler -wieder aus dem Zimmer. -</p> - -<p> -Ich warte vergebens. -</p> - -<p> -Klopfe ans Haustor: niemand öffnet — — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Es blieb mir nichts übrig, als so lange zu suchen, bis -ich den Ausgang aus der Gasse endlich fand. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ob es nicht am besten wäre, ich ginge noch unter -Menschen, überlegte ich. — Zu meinen Freunden: -Zwakh, Prokop und Vrieslander ins „alte Ungelt“, -wo sie bestimmt sein würden —, um meine verzehrende -Sehnsucht nach Angelinas Küssen wenigstens für ein -paar Stunden zu übertäuben? Rasch mache ich mich -auf den Weg. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -Wie ein Trifolium von Toten hockten sie um den -wurmstichigen, alten Tisch herum, — alle drei: weiße -dünnstielige Tonpfeifen zwischen den Zähnen, und das -Zimmer voll Rauch. -</p> - -<p> -Man konnte kaum ihre Gesichtszüge unterscheiden, so -schluckten die dunkelbraunen Wände das spärliche Licht -der altmodischen Hängelampe ein. -</p> - -<p> -In der Ecke die spindeldürre, wortkarge, verwitterte -Kellnerin mit ihrem ewigen Strickstrumpf, dem farblosen -Blick und der gelben Entenschnabelnase! -</p> - -<p> -Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Türen, -so daß die Stimmen der Gäste im Nebenzimmer nur -wie das leise Summen eines Bienenschwarms herüberdrangen. -</p> - -<p> -Vrieslander, seinen kegelförmigen Hut mit der geraden -Krempe auf dem Kopf, mit seinem Knebelbart, -der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe unter dem -Auge, sah aus wie ein ertrunkener Holländer aus einem -vergessenen Jahrhundert. -</p> - -<p> -Josua Prokop hatte sich eine Gabel quer durch die -Musikerlocken gesteckt, klapperte unaufhörlich mit seinen -gespenstisch langen Knochenfingern und sah bewundernd -zu, wie sich Zwakh abmühte, der bauchigen Arakflasche -das Purpurmäntelchen einer Marionette umzuhängen. -</p> - -<p> -„Das wird Babinski“, erklärte mir Vrieslander mit -tiefem Ernst. „Sie wissen nicht, wer Babinski war? -Zwakh, erzählen Sie Pernath rasch, wer Babinski war!“ -</p> - -<p> -„Babinski war“, begann Zwakh sofort, ohne auch nur -eine Sekunde von seiner Arbeit aufzusehen, „einst ein -berühmter Raubmörder in Prag. — Viele Jahre betrieb -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -er sein schändliches Handwerk, ohne daß es jemand bemerkt -hätte. Nach und nach jedoch fiel es den besseren -Familien auf, daß bald dieses, bald jenes Mitglied der -Sippe beim Essen fehlte und sich nie wieder blicken ließ. -Wenn man auch anfangs nichts sagte, da die Sache gewissermaßen -ihre guten Seiten hatte, indem man weniger -zu kochen brauchte, so durfte wiederum nicht außer acht -gelassen werden, daß das Ansehen in der Gesellschaft -leicht darunter leiden und man ins Gerede kommen -konnte. -</p> - -<p> -Besonders, wenn es sich um das spurlose Verschwinden -mannbarer Töchter handelte. -</p> - -<p> -Überdies verlangte es die Hochachtung vor sich selbst, -daß man auf ein bürgerliches Zusammenleben in der -Familie nach außen hin das nötige Gewicht legte. -</p> - -<p> -Die Zeitungsrubriken: „Kehre zurück, alles ist verziehen“ -wuchsen immer mehr und mehr, — ein Umstand, -den Babinski, leichtsinnig wie die meisten Berufsmörder, -in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte, — und -erregten schließlich die allgemeine Aufmerksamkeit. -</p> - -<p> -In dem lieblichen Dörfchen Krtsch bei Prag hatte -sich Babinski, der innerlich ein ausgesprochen idyllischer -Charakter war, mit der Zeit durch seine unverdrossene -Tätigkeit ein kleines, aber trautes Heim geschaffen. Ein -Häuschen, blitzend vor Sauberkeit, und ein Gärtchen -davor mit blühenden Geranien. -</p> - -<p> -Da es ihm seine Einkünfte nicht gestatteten, sich zu -vergrößern, sah er sich genötigt, um die Leichen seiner -Opfer unauffällig bestatten zu können, statt eines -Blumenbeetes — wie er es gern gesehen hätte — einen -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -grasbewachsenen und schlichten, aber, den Umständen -angemessen: zweckmäßigen Grabhügel anzulegen, der -sich mühelos verlängern ließ, wenn es der Betrieb oder -die Saison erforderte. -</p> - -<p> -Auf dieser Weihestätte pflegte Babinski allabendlich -nach des Tages Last und Mühen in den Strahlen der -untergehenden Sonne zu sitzen und auf seiner Flöte -allerlei schwermütige Weisen zu blasen.“ — — -</p> - -<p> -„Halt!“ unterbrach Josua Prokop rauh, zog einen -Hausschlüssel aus der Tasche, hielt ihn wie eine Klarinette -an den Mund und sang: -</p> - -<p> -„Zimzerlim zambusla — deh“. -</p> - -<p> -„Waren Sie denn dabei, daß Sie die Melodie so genau -kennen?“, fragte Vrieslander erstaunt. -</p> - -<p> -Prokop warf ihm einen bitterbösen Blick zu: „Nein. -Dazu hat Babinski zu früh gelebt. Aber was er gespielt -haben kann, muß ich als Komponist doch am besten -wissen. Ihnen steht darüber kein Urteil zu: Sie sind -nicht musikalisch. — — Zimzerlim — zambusla — busla -— deh.“ -</p> - -<p> -Zwakh hörte ergriffen zu, bis Prokop seinen Hausschlüssel -wieder einsteckte, und fuhr dann fort: -</p> - -<p> -„Das beständige Wachsen des Hügels erweckte allmählich -Verdacht bei den Anrainern, und einem Polizeimann -aus der Vorstadt Zizkov, der gelegentlich von -weitem zusah, wie Babinski gerade eine alte Dame der -guten Gesellschaft erwürgte, gebührt das Verdienst, -dem selbstsüchtigen Treiben des Unholdes ein für allemal -Schranken gesetzt zu haben: -</p> - -<p> -Man verhaftete Babinski in seinem Tuskulum. -</p> - -<p> -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -Der Gerichtshof verurteilte ihn unter Zubilligung -des mildernden Umstandes eines ansonsten trefflichen -Leumundes zum Tode durch den Strang und beauftragte -zugleich die Firma Gebrüder Leipen — Seilwaren -en gros und en detail — die nötigen Hinrichtungsutensilien, -soweit diese in ihre Branche fielen, unter Anrechnung -ziviler Preise einem hohen Staatsärar gegen -Quittung auszuhändigen. -</p> - -<p> -Nun fügte es sich aber, daß der Strick riß und Babinski -zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt wurde. -</p> - -<p> -20 Jahre verbüßte der Raubmörder hinter den Mauern -von Sankt Pankraz, ohne daß je ein Vorwurf über seine -Lippen gekommen wäre; — noch heute ist der Beamtenstab -des Institutes voll Lob über seine vorbildliche Aufführung; -ja, man gestattete ihm sogar, an den Geburtstagen -unseres allerhöchsten Landesherrn ab und zu die -Flöte zu blasen; —“ -</p> - -<p> -Prokop suchte sofort wieder nach seinem Hausschlüssel, -aber Zwakh wehrte ihm. -</p> - -<p> -„— infolge allgemeiner Amnestie wurde dem Babinski -der Rest der Strafe nachgesehen, und er bekam -die Stelle eines Pförtners im Kloster der ‚Barmherzigen -Schwestern‘. -</p> - -<p> -Die leichte Gartenarbeit, die er nebenbei mit zu versehen -hatte, ging ihm dank der großen, während seines -früheren Wirkungskreises erworbenen Geschicklichkeit im -Gebrauch des Spatens hurtig von der Hand, so daß ihm -hinlänglich Muße blieb, Herz und Geist an guter, sorgfältig -ausgewählter Lektüre zu läutern. -</p> - -<p> -Die daraus resultierenden Folgen waren hocherfreulich. -</p> - -<p> -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -So oft ihn die Oberin Samstagsabends ins Wirtshaus -schickte, damit er sein Gemüt ein wenig erheitere, -jedesmal kam er pünktlich vor Anbruch der Nacht nach -Hause mit dem Hinweis, der Verfall der allgemeinen -Moral stimme ihn trübe und soviel lichtscheues Gesindel -schlimmster Sorte mache die Landstraße unsicher, daß -es für jeden Friedliebenden ein Gebot der Klugheit sei, -rechtzeitig die Schritte heimwärts zu lenken. -</p> - -<p> -Es war nun damaliger Zeit in Prag bei den Wachsziehern -die Unsitte eingerissen, kleine Figürchen feilzuhalten, -die ein rotes Manterle umhängen hatten und -den Raubmörder Babinski darstellten. -</p> - -<p> -Wohl in keiner der leidtragenden Familien fehlte ein -solches. -</p> - -<p> -Gewöhnlich aber standen sie in den Läden unter Glasstürzen, -und über nichts konnte sich Babinski so empören, -als wenn er eines derartigen Wachsbildes ansichtig -wurde. -</p> - -<p> -‚Es ist im höchsten Grade unwürdig und zeugt von -einer Gemütsroheit sondersgleichen, einem Menschen -beständig die Verfehlungen seiner Jugendzeit vor Augen -zu führen,‘ pflegte Babinski in solchen Fällen zu sagen, -‚und es ist tief zu bedauern, daß von seiten der Obrigkeit -nichts geschieht, so offenkundigem Unfug zu -steuern.‘ -</p> - -<p> -Noch auf dem Totenbette äußerte er sich in ähnlichem -Sinne. -</p> - -<p> -Nicht vergebens, denn bald darauf verfügte die Behörde -die Einstellung des Handels mit den ärgerniserregenden -Babinskischen Statuetten.“ — — — -</p> - -<p> -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -— — — Zwakh tat einen mächtigen Schluck aus -seinem Grogglas und alle drei grinsten wie die Teufel, -dann wandte er vorsichtig den Kopf nach der farblosen -Kellnerin, und ich sah, wie sie eine Träne im Auge -zerdrückte. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -— „Na, und Sie geben nichts zum besten, außer — -natürlich — daß Sie aus Dankbarkeit für den überstandenen -Kunstgenuß die Zeche berappen, wertgeschätzter -Kollege und Gemmenschneider?“, fragte mich Vrieslander -nach einer langen Pause allgemeinen Tiefsinnes. -</p> - -<p> -Ich erzählte ihnen meine Wanderung durch den Nebel. -</p> - -<p> -Wie ich in der Schilderung zu der Stelle kam, wo ich -das weiße Haus erblickt hatte, nahmen alle drei vor -Spannung die Pfeifen aus den Zähnen, und als ich -schloß, schlug Prokop mit der Faust auf den Tisch und -rief: -</p> - -<p> -„Das ist doch rein — —! Alle Sagen, die es gibt, -erlebt dieser Pernath am eigenen Kadaver. — A propos, -der Golem von damals — Sie wissen: die Sache hat -sich aufgeklärt.“ -</p> - -<p> -„Wieso aufgeklärt?“ fragte ich baff. -</p> - -<p> -„Sie kennen doch den verrückten jüdischen Bettler -‚Haschile‘? Nein? Nun also: dieser Haschile war der -Golem.“ -</p> - -<p> -„Ein Bettler der Golem?“ -</p> - -<p> -„Jawohl, der Haschile war der Golem. Heute nachmittags -ging das Gespenst seelenvergnügt bei hellichtem -Sonnenschein in seinem berüchtigten altmodischen Anzug -aus dem 17. Jahrhundert durch die Salnitergasse -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -spazieren, und da hat es der Schinder mit einer Hundeschlinge -glücklich eingefangen.“ -</p> - -<p> -„Was soll das heißen? Ich verstehe kein Wort,“ fuhr -ich auf. -</p> - -<p> -„Ich sage Ihnen doch: der Haschile war es! Er hat -die Kleider, höre ich, vor längerer Zeit hinter einem -Haustor gefunden. — Übrigens, um auf das weiße Haus -auf der Kleinseite zurückzukommen: die Sache ist furchtbar -interessant. Es geht nämlich eine alte Sage, daß -dort oben in der Alchimistengasse ein Haus steht, das -nur bei Nebel sichtbar wird, und auch da bloß ‚Sonntagskindern‘. -Man nennt es die ‚Mauer zur letzten Laterne‘. -Wer bei Tag hinaufgeht, sieht dort nur einen großen, -grauen Stein, — dahinter stürzt es jäh ab in die Tiefe -in den Hirschgraben, und Sie können von Glück sagen -Pernath, daß Sie keinen Schritt weiter gemacht haben: -Sie wären unfehlbar hinuntergefallen und hätten sämtliche -Knochen gebrochen. -</p> - -<p> -Unter dem Stein, heißt es, ruht ein riesiger Schatz, -und er soll von dem Orden der ‚Asiatischen Brüder‘, -die angeblich Prag gegründet haben, als Grundstein -für ein Haus gelegt worden sein, das dereinst am Ende -der Tage ein Mensch bewohnen wird — besser gesagt ein -Hermaphrodit — ein Geschöpf, das sich aus Mann und -Weib zusammensetzt. Und der wird das Bild eines Hasen -im Wappen tragen, — nebenbei: der Hase war das -Symbol des Osiris, und <em>daher</em> stammt wohl die Sitte -mit dem Osterhasen. -</p> - -<p> -Bis die Zeit gekommen ist, heißt es, hält Methusalem -in eigener Person Wache an dem Ort, damit Satan nicht -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -den Stein beflattert und einen Sohn mit ihm zeugt: -den sogenannten Armilos. — Haben Sie noch nie von -diesem Armilos erzählen hören? — Sogar wie er aussehen -würde, weiß man — das heißt, die alten Rabbiner -wissen es, — wenn er auf die Welt käme: Haare aus -Gold würde er haben, rückwärts zum Schopf gebunden, -dann: zwei Scheitel, sichelförmige Augen und Arme bis -herunter zu den Füßen.“ -</p> - -<p> -„Dieses Ehrengigerl sollte man aufzeichnen“, brummte -Vrieslander und suchte nach einem Bleistift. -</p> - -<p> -„Also: Pernath, wenn Sie einmal das Glück haben -sollten, ein Hermaphrodit zu werden und <span class="antiqua">en passant</span> -den vergrabenen Schatz zu finden,“ schloß Prokop, -„dann vergessen Sie nicht, daß ich stets Ihr bester Freund -gewesen bin!“ -</p> - -<p> -— Mir war nicht zum Spaßmachen zumute, und ich -fühlte ein leises Weh im Herzen. -</p> - -<p> -Zwakh mochte es mir ansehen, wenn er auch den Grund -nicht wußte, denn er kam mir rasch zu Hilfe: -</p> - -<p> -„Jedenfalls ist es höchst merkwürdig, fast unheimlich, -daß Pernath gerade eine Vision an jener Stelle hatte, -die mit einer uralten Sage so eng verknüpft ist. — Da -sind Zusammenhänge, aus deren Umklammerung sich -ein Mensch anscheinend nicht befreien kann, wenn seine -Seele die Fähigkeit hat, Formen zu sehen, die dem Tastsinn -vorenthalten sind. — Ich kann mir nicht helfen: -das <em>Übersinnliche</em> ist doch das Reizvollste! — Was -meint ihr?“ -</p> - -<p> -Vrieslander und Prokop waren ernst geworden und -jeder von uns hielt eine Antwort für überflüssig. -</p> - -<p> -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -„Was meinen Sie, Eulalia?“ wiederholte Zwakh, -zurückgewendet, „ist nicht das Übersinnliche das Reizvollste?“ -</p> - -<p> -Die alte Kellnerin kratzte sich mit der Stricknadel am -Kopf, seufzte, errötete und sagte: -</p> - -<p> -„Aber gähn’ Sie! Sie sind mir ein Schlimmer.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -„Eine verdammt gespannte Luft war heute den ganzen -Tag über,“ fing Vrieslander an, nachdem sich unser -Heiterkeitsausbruch gelegt hatte, „nicht einen Pinselstrich -hab’ ich fertiggebracht. Fortwährend hab’ ich an -die Rosina denken müssen, wie sie im Frack getanzt hat.“ -</p> - -<p> -„Ist sie wieder aufgefunden worden?“ fragte ich. -</p> - -<p> -„‚Aufgefunden‘ ist gut. Die Sittenpolizei hat sie doch -für ein längeres Engagement gewonnen! — Vielleicht -ist sie dem Herrn Kommissär — damals ‚beim Loisitschek‘, -ins Auge gestochen? Jedenfalls ist sie jetzt — fieberhaft -tätig und trägt wesentlich zur Hebung des Fremdenverkehrs -in der Judenstadt bei. Ein verflucht dralles -Mensch ist sie übrigens geworden in der kurzen Zeit.“ -</p> - -<p> -„Wenn man bedenkt, was ein Weib aus einem Mann -machen kann bloß dadurch, daß sie ihn verliebt sein läßt -in sich: es ist zum Staunen,“ warf Zwakh hin. „Um das -Geld aufzubringen, zu ihr gehen zu können, ist der arme -Bursche, der Jaromir, über Nacht Künstler geworden. -Er geht in den Wirtshäusern herum und schneidet Silhouetten -für Gäste aus, die sich auf diese Art porträtieren -lassen.“ -</p> - -<p> -Prokop, der den Schluß überhört hatte, schmatzte mit -den Lippen: -</p> - -<p> -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -„Wirklich? Ist sie so hübsch geworden, die Rosina? -— Haben Sie ihr schon ein Küßchen geraubt, Vrieslander?“ -</p> - -<p> -Die Kellnerin sprang sofort auf und verließ indigniert -das Zimmer. -</p> - -<p> -„Das Suppenhuhn! Die hat’s wahrhaftig nötig, — -Tugendanfälle! Pah!“, brummte Prokop ärgerlich -hinter ihr drein. -</p> - -<p> -„Was wollen Sie, sie ist doch bei der unrichtigen -Stelle abgegangen. Und außerdem war der Strumpf -gerade fertig,“ beschwichtigte ihn Zwakh. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Der Wirt brachte neuen Grog und die Gespräche -fingen allmählich an, eine schwüle Richtung zu nehmen. -Zu schwül, als daß sie mir nicht ins Blut gegangen -wären bei meiner fiebrigen Stimmung. -</p> - -<p> -Ich sträubte mich dagegen, aber je mehr ich mich innerlich -abschloß und an Angelina zurückdachte, um so heißer -brauste es mir in den Ohren. -</p> - -<p> -Ziemlich unvermittelt verabschiedete ich mich. -</p> - -<p> -Der Nebel war durchsichtiger geworden, sprühte feine -Eisnadeln auf mich, war aber immer noch so dicht, daß -ich die Straßentafeln nicht lesen konnte und von meinem -Heimweg um ein geringes abkam. -</p> - -<p> -Ich war in eine andere Gasse geraten und wollte eben -umkehren, da hörte ich meinen Namen rufen: -</p> - -<p> -„Herr Pernath! Herr Pernath!“ -</p> - -<p> -Ich blickte um mich, in die Höhe: -</p> - -<p> -Niemand! -</p> - -<p> -Ein offenes Haustor, darüber diskret eine kleine, rote -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -Laterne, gähnte neben mir auf, und eine helle Gestalt -— schien mir — stand tief im Flur darin. -</p> - -<p> -Wieder: „Herr Pernath! Herr Pernath!“ Im -Flüsterton. -</p> - -<p> -Ich trat erstaunt in den Gang, — da schlangen sich -warme Frauenarme um meinen Hals und ich sah bei -dem Lichtstrahl, der aus einem sich langsam öffnenden -Türspalt fiel, daß es Rosina war, die sich heiß an mich -preßte. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-16"> -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -List -</h2> - -<p class="first"> -Ein grauer, blinder Tag. -</p> - -<p> -Bis tief in den Morgen hinein hatte ich geschlafen, -traumlos, bewußtlos, wie ein Scheintoter. -</p> - -<p> -Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte -vergessen einzuheizen. -</p> - -<p> -Kalte Asche lag im Ofen. -</p> - -<p> -Staub auf den Möbeln. -</p> - -<p> -Der Fußboden nicht gekehrt. -</p> - -<p> -Fröstelnd ging ich auf und ab. -</p> - -<p> -Widerwärtiger Geruch nach ausgeatmetem Fusel lag -im Zimmer. Mein Mantel, meine Kleider stanken nach -altem Tabakrauch. -</p> - -<p> -Ich riß das Fenster auf, schloß es wieder: — der -kalte, schmutzige Hauch von der Straße war unerträglich. -</p> - -<p> -Spatzen mit durchnäßtem Gefieder hockten regungslos -draußen auf den Dachrinnen. -</p> - -<p> -Wohin ich blickte, mißfarbige Verdrossenheit. Alles in -mir war zerrissen, zerfetzt. -</p> - -<p> -Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl — wie fadenscheinig -es war! Die Roßhaare quollen hervor aus den -Rändern. -</p> - -<p> -Man mußte es zum Tapezierer schicken — — ach was, -sollte es so bleiben — noch ein ödes Menschenleben hindurch, -bis alles zu Gerümpel zerfiel! -</p> - -<p> -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -Und dort, welch geschmackloser, zweckwidriger Plunder, -diese Zwirnlappen an den Fenstern! -</p> - -<p> -Warum drehte ich sie nicht zu einem Strick und erhenkte -mich daran?! -</p> - -<p> -Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge -wenigstens nie mehr zu sehen, und der ganze graue, zermürbende -Jammer war vorüber — ein für allemal. -</p> - -<p> -Ja! Das war das Gescheiteste! Ein Ende machen. -</p> - -<p> -Heute noch. -</p> - -<p> -Jetzt noch — vormittags. Gar nicht erst zum Essen -gehen. — Ein ekelhafter Gedanke, mit vollem Magen -sich aus der Welt zu schaffen! In der nassen Erde zu -liegen und unverdaute, verfaulende Speisen in sich zu -haben. -</p> - -<p> -Wenn nur nie wieder die Sonne scheinen und ihre -freche Lüge von der Freude des Daseins einem ins Herz -funkeln wollte! -</p> - -<p> -Nein! ich ließ mich nicht mehr narren, wollte nicht -länger der Spielball sein eines täppischen, zwecklosen -Schicksals, das mich emporhob und dann wieder in -Pfützen stieß, bloß damit ich die Vergänglichkeit alles -Irdischen einsehen sollte, etwas, was ich längst wußte, -was jedes Kind weiß, jeder Hund auf der Straße -weiß. -</p> - -<p> -Arme, arme Mirjam! Wenn ich <em>ihr</em> wenigstens -helfen könnte. -</p> - -<p> -Es hieß, einen Entschluß fassen, einen ernsten, unabänderlichen -Beschluß, bevor der verfluchte Trieb zum -Dasein wieder in mir erwachen konnte und mir neue -Trugbilder vorgaukeln. -</p> - -<p> -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -Wozu hatten sie mir denn gedient: alle diese Botschaften -aus dem Reich des Unverweslichen? -</p> - -<p> -Zu nichts, zu gar gar nichts. -</p> - -<p> -Nur dazu vielleicht, daß ich im Kreis herumgetaumelt -war und jetzt die Erde als unmögliche Qual -empfand. -</p> - -<p> -Da gab es nur noch eins. -</p> - -<p> -Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich -auf der Bank liegen hatte. -</p> - -<p> -Ja, nur <em>so</em> ging es. Das war noch das Einzige, Winzige, -was von meinen nichtigen Taten im Leben irgendeinen -Wert haben konnte! -</p> - -<p> -Alles, was ich besaß — die paar Edelsteine in der -Schublade dazu — zusammenschnüren in ein Paket und -es Mirjam schicken. Ein paar Jahre wenigstens würde -es die Sorge ums tägliche Leben von ihr nehmen. Und -einen Brief an Hillel schreiben, in dem ich ihm sagte, wie -es um sie stand mit dem „Wunder“. -</p> - -<p> -Er allein konnte ihr helfen. -</p> - -<p> -Ich fühlte: ja, er würde Rat wissen für sie. -</p> - -<p> -Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein, -sah auf die Uhr: wenn ich jetzt auf die Bank ging — -in einer Stunde konnte alles in Ordnung gebracht -sein. -</p> - -<p> -Und dann noch einen Strauß roter Rosen kaufen für -Angelina! — — — — es schrie auf in mir vor Weh und -wilder Sehnsucht. — Nur noch einen Tag, einen einzigen -Tag möchte ich leben! -</p> - -<p> -Um dann abermals dieselbe würgende Verzweiflung -mitmachen zu müssen? -</p> - -<p> -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -Nein, nicht eine einzige Minute mehr warten! Es -kam wie eine Befriedigung über mich, daß ich mir nicht -nachgegeben hatte. -</p> - -<p> -Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun? -</p> - -<p> -Richtig: die Feile dort. Ich steckte sie in die Tasche, -— wollte sie fortwerfen irgendwo auf der Gasse, wie ich -es mir neulich schon vorgenommen. -</p> - -<p> -Ich haßte die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich -wäre zum Mörder geworden durch sie. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Wer kam mich denn da wieder stören? -</p> - -<p> -Es war der Trödler. -</p> - -<p> -„Nur en Augenblick, Herr von Pernath“, bat er -fassungslos, als ich ihm bedeutete, daß ich keine Zeit -hätte. „Nur en ganz en kurzen Augenblick. Nur ä paar -Worte.“ -</p> - -<p> -Der Schweiß lief ihm übers Gesicht, und er zitterte -vor Aufregung. -</p> - -<p> -„Kann man hier auch ungestört mit Ihnen sprechen, -Herr von Pernath? Ich möcht’ nicht, daß der — der -Hillel wieder hereinkommt. Sperren Sie doch lieber -die Tür ab, oder geh’ mer besser ins Nebenzimmer“, — -er zog mich in seiner gewohnten, heftigen Art hinter -sich drein. -</p> - -<p> -Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flüsterte -heiser: -</p> - -<p> -„Ich hab mir’s überlegt, wissen Sie, — das von neilich. -Es is besser so. Es kommt nix heraus dabei. Gut. -Vorüber is vorüber.“ -</p> - -<p> -Ich suchte in seinen Augen zu lesen. -</p> - -<p> -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -Er hielt meinen Blick aus, krampfte aber die Hand -in die Stuhllehne, solche Anstrengung kostete es ihn. -</p> - -<p> -„Das freut mich, Herr Wassertrum,“ sagte ich so -freundlich ich konnte, „das Leben ist zu trüb, als daß -man es sich gegenseitig noch mit Haß verbittern -sollte.“ -</p> - -<p> -„Rein, als ob man ä gedrucktes Buch reden hört,“ -grunzte er erleichtert, wühlte in seinen Hosentaschen und -zog wieder die goldene Uhr mit den verbogenen Sprungdeckeln -hervor, „und damit Sie sehen, ich mein’s ehrlich, -müssen Sie die Kleinigkeit da von mir annehmen. Als -Geschenk.“ -</p> - -<p> -„Was fällt Ihnen denn ein,“ wehrte ich ab, „Sie -werden doch wohl nicht glauben — —“, da fiel mir -ein, was Mirjam über ihn gesagt hatte, und ich streckte -ihm die Hand hin, um ihn nicht zu kränken. -</p> - -<p> -Er achtete nicht darauf, wurde plötzlich weiß wie die -Wand, lauschte und röchelte: -</p> - -<p> -„Da! Da! Hab’ ich’s doch gewußt. Schon wieder -der Hillel! Er klopft.“ -</p> - -<p> -Ich horchte, ging ins andere Zimmer zurück und zog -zu seiner Beruhigung die Verbindungstür hinter mir -halb zu. -</p> - -<p> -Es war diesmal nicht Hillel. <em>Charousek</em> trat ein, -legte, wie zum Zeichen, daß er wisse, <em>wer</em> nebenan sei, -den Finger an die Lippen und überschüttete mich in -der nächsten Sekunde und ohne abzuwarten, was ich -sagen würde, mit einem Schwall von Worten: -</p> - -<p> -„Oh, mein hochverehrter, liebwerter Meister Pernath, -wie soll ich nur die Worte finden, Ihnen meine Freude -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -auszudrücken, daß ich Sie allein und wohlauf zu Hause -antreffe.“ — — Er sprach wie ein Schauspieler, und seine -schwülstige, unnatürliche Redeweise stand in so krassem -Gegensatz zu seinem verzerrten Gesicht, daß ich ein tiefes -Grauen vor ihm empfand. -</p> - -<p> -„Niemals hätte ich, Meister, es gewagt, in dem zerlumpten -Zustande zu Ihnen zu kommen, in dem Sie -mich gewiß schon des öfteren auf der Straße erblickt -haben, — doch, was sage ich: erblickt! haben Sie mir -doch oft huldreich die Hand gereicht. -</p> - -<p> -Daß ich heute vor Sie hintreten kann mit weißem -Kragen und in sauberem Anzug, — wissen Sie, wem ich -es verdanke? Einem der edelsten und leider — ach — -meist verkannten Menschen unserer Stadt. Rührung -übermannt mich, wenn ich seiner gedenke. -</p> - -<p> -Selber in bescheidenen Verhältnissen, hat er dennoch -eine offene Hand für Arme und Bedürftige. Von jeher, -wenn ich ihn traurig vor seinem Laden stehen sah, trieb -es mich aus tiefstem Herzen heraus, zu ihm zu treten -und ihm stumm die Hand zu drücken. -</p> - -<p> -Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich vorüberging, -schenkte mir Geld und versetzte mich dadurch in -die Lage, mir gegen Ratenzahlung einen Anzug kaufen -zu können. -</p> - -<p> -Und wissen Sie, Meister Pernath, wer mein Wohltäter -war? — -</p> - -<p> -Mit Stolz sage ich es, denn ich war von jeher der -einzige, der geahnt hat, welch goldenes Herz in seinem -Busen schlägt: Es war — Herr Aaron Wassertrum!“ — — -</p> - -<p> -— — Ich verstand natürlich, daß Charousek seine Komödie -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -auf den Trödler, der nebenan lauschte, gemünzt -hatte, wenn mir auch unklar blieb, was er damit bezweckte; -keinesfalls schien mir die allzuplumpe Schmeichelei -geeignet, den mißtrauischen Wassertrum hinters -Licht zu führen. Charousek erriet offenbar aus meiner -bedenklichen Miene, was ich dachte, schüttelte grinsend -den Kopf, und auch seine nächsten Worte sollten mir -wahrscheinlich sagen, daß er seinen Mann genau kenne -und wisse, wie dick er auftragen dürfe. -</p> - -<p> -„Jawohl! Herr — Aaron — Wassertrum! Es drückt -mir fast das Herz ab, daß ich ihm nicht selbst sagen kann, -wie unendlich dankbar ich ihm bin, und ich beschwöre -Sie, Meister, verraten Sie ihm niemals, daß ich hier -war und Ihnen alles erzählt habe. — Ich weiß, die Selbstsucht -der Menschen hat ihn verbittert und tiefes, unheilbares -— ach, leider nur zu gerechtfertigtes Mißtrauen -in seine Brust gepflanzt. -</p> - -<p> -Ich bin Seelenarzt, aber auch mein Gefühl sagt mir, -es ist am besten, Herr Wassertrum erfährt nie — auch -aus meinem Munde nicht — wie hoch ich von ihm denke. -— Es hieße das: Zweifel in sein unglückliches Herz -säen. Und das sei ferne von mir. Lieber soll er mich -für undankbar halten. -</p> - -<p> -Meister Pernath! Ich bin selbst ein Unglücklicher und -weiß von Kindesbeinen an, was es heißt, einsam und -verlassen in der Welt zu stehen! Ich kenne nicht einmal -den Namen meines Vaters. Auch mein Mütterlein -habe ich niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen. -Sie muß frühzeitig gestorben sein —“ Charouseks -Stimme wurde seltsam geheimnisvoll und eindringlich, -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -— „und war, wie ich bestimmt glaube, eine jener tiefseelisch -angelegten Naturen, die nie sagen können, wie -unendlich sie lieben, und zu denen auch Herr Aaron -Wassertrum gehört. -</p> - -<p> -Ich besitze eine abgerissene Seite aus dem Tagebuch -meiner Mutter — ich trage das Blatt beständig auf der -Brust — und darin steht, daß sie meinen Vater, obschon er -häßlich gewesen sein soll, geliebt hat, wie wohl noch nie -ein sterbliches Weib auf Erden einen Mann geliebt hat. -</p> - -<p> -Dennoch scheint sie es ihm nie gesagt zu haben. — -Vielleicht aus ähnlichen Gründen, weshalb ich z. B. -Herrn Wassertrum nicht sagen könnte — und wenn mir -das Herz darüber bräche — was ich für ihn an Dankbarkeit -fühle. -</p> - -<p> -Aber noch eins geht aus dem Tagebuchblatt hervor, -wenn ich es auch nur erraten kann, denn die Sätze sind -fast unleserlich vor Tränenspuren: mein Vater, wer -auch immer er gewesen war — sein Andenken möge -vergehen im Himmel und auf Erden! — muß scheußlich -an meiner Mutter gehandelt haben.“ -</p> - -<p> -— Charousek fiel plötzlich auf die Knie, daß der Boden -dröhnte, und schrie in so markerschütternden Tönen, daß -ich nicht wußte, spielte er noch immer Komödie oder war -er wahnsinnig geworden: -</p> - -<p> -„<em>Du Allmächtiger, dessen Namen der Mensch -nicht aussprechen soll, hier auf meinen Knien -liege ich vor dir: verflucht, verflucht, verflucht -sei mein Vater in alle Ewigkeit!</em>“ -</p> - -<p> -Er biß das letzte Wort förmlich entzwei und horchte -eine Sekunde lang mit aufgerissenen Augen. -</p> - -<p> -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -Dann feixte er wie der Satan. Mir schien es, als -hätte Wassertrum nebenan leise gestöhnt. -</p> - -<p> -„Verzeihen Sie, Meister,“ fuhr Charousek nach einer -Pause mit mimenhaft erstickter Stimme fort, „verzeihen -Sie, daß es mich übermannt hat, aber es ist mein -Gebet früh und spät, der Allmächtige wolle es fügen, -daß mein Vater, wer immer er auch sein möge, dereinst -das gräßlichste Ende nehme, das sich ausdenken läßt.“ -</p> - -<p> -Ich wollte unwillkürlich etwas erwidern, allein Charousek -unterbrach mich rasch: -</p> - -<p> -„Doch jetzt, Meister Pernath, komme ich zu der Bitte, -die ich Ihnen vorzutragen habe: -</p> - -<p> -Herr Wassertrum besaß einen Schützling, den er über -die Maßen ins Herz geschlossen hatte, — es dürfte ein -Neffe von ihm gewesen sein. Es heißt sogar, er sei sein -Sohn gewesen, aber ich will es nicht glauben, denn sonst -hätte er doch denselben Namen getragen, in Wirklichkeit -aber hieß er: Wassory, Dr. Theodor Wassory. -</p> - -<p> -Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich ihn -im Geiste vor mir sehe. Ich war ihm aus ganzer Seele -zugetan, als hätte mich ein unmittelbares Band der -Liebe und Verwandtschaft mit ihm verknüpft.“ -</p> - -<p> -Charousek schluchzte, als könne er vor Ergriffenheit -kaum weitersprechen. -</p> - -<p> -„Ach, daß dieser Edeling von der Erde gehen mußte! -— Ach! Ach! -</p> - -<p> -Was auch der Grund gewesen sein mag, — ich habe -ihn nie erfahren — er hat sich selbst den Tod gegeben. -Und ich war unter denen, die zu Hilfe gerufen wurden -— — ach, ach, zu spät — zu spät — zu spät! Und als -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -ich dann allein am Totenlager stand und seine kalte, -bleiche Hand mit Küssen bedeckte, da — warum soll ich -es nicht eingestehen, Meister Pernath? — es war ja -doch kein Diebstahl — da nahm ich eine Rose von der -Brust der Leiche und eignete mir das Fläschchen an, -mit dessen Inhalt der Unglückliche seinem blühenden -Leben ein schnelles Ende bereitet hatte.“ -</p> - -<p> -Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr -bebend fort: -</p> - -<p> -„Beides — lege — ich — hier — auf — Ihren Tisch, -die verdorrte Rose und die Phiole; sie waren mir ein -Andenken an meinen dahingegangenen Freund. -</p> - -<p> -Wie oft in Stunden innerer Verlassenheit, wenn ich -mir den Tod herbeiwünschte in der Einsamkeit meines -Herzens und der Sehnsucht nach meiner toten Mutter, -spielte ich mit diesem Fläschchen, und es gab mir einen -seligen Trost, zu wissen: <em>ich brauchte nur die Flüssigkeit -auf ein Tuch zu gießen und einzuatmen</em> -und schwebte schmerzlos hinüber in die Gefilde, wo mein -lieber, guter Theodor ausruht von den Mühsalen unseres -Jammertales. -</p> - -<p> -Und nun bitte ich Sie, hochverehrter Meister, — und -deswegen bin ich hergekommen — nehmen Sie beides -und bringen Sie es Herrn Wassertrum. -</p> - -<p> -Sagen Sie, Sie hätten es von jemandem bekommen, -dem Dr. Wassory nahestand, dessen Namen Sie jedoch -gelobt hätten, nie zu nennen, — vielleicht von einer -Dame. -</p> - -<p> -Er wird es glauben, und es wird ihm ein Andenken -sein, wie es ein teures Andenken für mich war. -</p> - -<p> -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe. -Ich bin arm und es ist alles, was ich habe, aber es macht -mich froh, zu wissen: beides wird jetzt <em>ihm</em> gehören, und -dennoch ahnt er nicht, daß <em>ich</em> der Geber bin. -</p> - -<p> -Es liegt darin auch zugleich für mich etwas unendlich -Süßes. -</p> - -<p> -Und jetzt leben Sie wohl, teurer Meister, und seien -Sie im voraus viel tausendmal bedankt.“ -</p> - -<p> -Er hielt meine Hand fest, zwinkerte und flüsterte mir, -als ich noch immer nicht verstand, kaum hörbar etwas zu. -</p> - -<p> -„Warten Sie, Herr Charousek, ich werde Sie ein Stückchen -hinunterbegleiten“, sagte ich mechanisch die Worte -nach, die ich von seinen Lippen las, und ging mit ihm -hinaus. -</p> - -<p> -Auf dem finsteren Treppenabsatz im ersten Stock -blieben wir stehen, und ich wollte mich von Charousek -verabschieden. -</p> - -<p> -„Ich kann mir denken, was Sie mit der Komödie bezweckt -haben. — — Sie — Sie wollen, daß sich Wassertrum -mit dem Fläschchen vergiftet!“ Ich sagte es ihm -ins Gesicht. -</p> - -<p> -„Freilich“, gab Charousek aufgeräumt zu. -</p> - -<p> -„Und <em>dazu</em>, glauben Sie, werde ich meine Hand -bieten?“ -</p> - -<p> -„Durchaus nicht nötig.“ -</p> - -<p> -„Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen, -sagten Sie vorhin!“ -</p> - -<p> -Charousek schüttelte den Kopf: -</p> - -<p> -„Wenn Sie jetzt zurückgehen, werden Sie sehen, daß -er sie bereits eingesteckt hat.“ -</p> - -<p> -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -„Wie können Sie das nur annehmen?“, fragte ich -erstaunt. „Ein Mensch wie Wassertrum wird sich niemals -umbringen, — ist viel zu feig dazu — handelt nie -nach plötzlichen Impulsen.“ -</p> - -<p> -„Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion -nicht,“ unterbrach mich Charousek ernst. „Hätte ich in -alltäglichen Worten geredet, würden Sie vielleicht recht -behalten, aber auch den kleinsten Tonfall habe ich vorher -berechnet. Nur das widerlichste Pathos wirkt auf solche -Hundsfötter! Glauben Sie mir! Sein Mienenspiel -bei jedem meiner Sätze hätte ich Ihnen hinzeichnen -können. — Kein ‚Kitsch‘, wie es die Maler nennen, ist -niederträchtig genug, als daß er nicht der bis ins Mark -verlogenen Menge Tränen entlockte — sie ins Herz -trifft! Glauben Sie denn, man hätte nicht längst sämtliche -Theater mit Feuer und Schwert ausgetilgt, wenn -es anders wäre? An der Sentimentalität erkennt man -die Kanaille. Tausende armer Teufel können verhungern, -da wird nicht geweint, aber wenn ein Schminkkamel -auf der Bühne, als Bauerntrampel verkleidet, -die Augen verdreht, dann heulen sie wie die Schloßhunde. -— — Wenn Väterchen Wassertrum vielleicht -auch morgen vergessen hat, was ihm soeben noch — -Herzjauche kostete: jedes meiner Worte wird wieder in -ihm lebendig werden, wenn die Stunden reifen, wo er -sich selbst unendlich bedauernswert vorkommt. — In -solchen Momenten des großen Misereres bedarf es bloß -eines leisen Anstoßes, — und für den werde ich sorgen -— und selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift. Es -muß nur zur Hand sein! Theodorchen hätte wahrscheinlich -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -auch nicht zugegrapst, wenn ich’s ihm nicht so bequem -gemacht hätte.“ -</p> - -<p> -„Charousek, Sie sind ein furchtbarer Mensch,“ rief ich -entsetzt. „Empfinden Sie denn gar kein — — —“ -</p> - -<p> -Er hielt mir schnell den Mund zu und drängte mich -in eine Mauernische! -</p> - -<p> -„Still! Da ist er!“ -</p> - -<p> -Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand stützend, -kam Wassertrum die Stiege herunter und wankte an -uns vorüber. -</p> - -<p> -Charousek schüttelte mir flüchtig die Hand und schlich -ihm nach. — — -</p> - -<p> -Als ich in mein Zimmer zurückgekehrt war, sah ich, -daß die Rose und das Fläschchen verschwunden waren -und an ihrer Stelle die goldene, zerbeulte Uhr des Trödlers -auf dem Tisch lag. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -‚Acht Tage müsse ich warten, ehe ich mein Geld bekommen -könne; es sei das die übliche Kündigungsfrist‘, -hatte man mir auf der Bank gesagt. -</p> - -<p> -Man solle den Direktor holen, denn ich sei in größter -Eile und gedächte in einer Stunde abzureisen, hatte ich -eine Ausrede gebraucht. -</p> - -<p> -Er sei nicht zu sprechen und könne an den Gepflogenheiten -der Bank auch nichts ändern, hieß es, und ein -Kerl mit einem Glasauge, der zugleich mit mir an den -Schalter getreten war, hatte darüber gelacht. -</p> - -<p> -Acht graue, furchtbare Tage auf den Tod sollte ich -also warten! -</p> - -<p> -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor. — — — -</p> - -<p> -Ich war so niedergeschlagen, daß ich mir gar nicht -bewußt wurde, wie lange ich schon vor der Türe eines -Kaffeehauses auf und niedergeschritten sein mochte. -</p> - -<p> -Endlich trat ich ein, bloß um den widerwärtigen Kerl -mit dem Glasauge los zu werden, der mir von der Bank -her nachgekommen war und sich immer in meiner Nähe -hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden -herumsuchte, als habe er etwas verloren. -</p> - -<p> -Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an -und schwarze, speckglänzende Hosen, die ihm wie Säcke -um die Beine schlotterten. Auf seinem linken Stiefel -war ein eiförmiger, gewölbter Lederfleck aufgesteppt, -daß es aussah, als trüge er darunter einen Siegelring -auf der Zehe. -</p> - -<p> -Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein -und ließ sich an einem Nebentisch nieder. -</p> - -<p> -Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon -nach meinem Portemonnaie, da sah ich einen großen -Brillanten an seinen wulstigen Metzgerfingern aufblitzen. -</p> - -<p> -Stunden und Stunden saß ich in dem Kaffeehause -und glaubte vor innerer Nervosität wahnsinnig werden -zu müssen, — aber wohin sollte ich gehen? Nach Hause? -Herumschlendern? Eines schien mir gräßlicher als das -andere. -</p> - -<p> -Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der -Billardkugeln, das trockene, unaufhörliche Geräusper -eines halbblinden Zeitungstigers mir gegenüber, ein -storchbeiniger Zollbeamter, der abwechselnd in der -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -Nase bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern -vor einem Taschenspiegel den Schnurrbart kämmte, ein -braunsammetenes Gebrodel ekelhafte, verschwitzter, -schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke, -die bald unter gellem Gekreisch ihre Trümpfe mit dem -Faustknöchel hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen -ins Zimmer spuckten. Und das alles in den Wandspiegeln -doppelt und dreifach sehen zu müssen! Es sog mir langsam -das Blut aus den Adern. — — -</p> - -<p> -Es wurde allmählich dunkel und ein plattfüßiger, knieweicher -Kellner tastete mit einer Stange nach den Gaslüstern, -um sich endlich kopfschüttelnd zu überzeugen, -daß sie nicht brennen wollten. -</p> - -<p> -So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich -dem schielenden Wolfsblick des Glasäugigen, der sich -dann jedesmal rasch hinter eine Zeitung versteckte oder -seinen schmutzigen Schnurrbart in die längst ausgetrunkene -Kaffeetasse tauchte. -</p> - -<p> -Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestülpt, -daß ihm die Ohren fast wagerecht abstanden, machte -aber keine Miene, aufzubrechen. -</p> - -<p> -Es war nicht mehr auszuhalten. -</p> - -<p> -Ich zahlte und ging. -</p> - -<p> -Wie ich die Glastür hinter mir zumachen wollte, nahm -mir jemand die Klinke aus der Hand. — Ich drehte -mich um: -</p> - -<p> -Wieder der Kerl! -</p> - -<p> -Ärgerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung -der Judenstadt zu, da drängte er sich an meine Seite -und hinderte mich daran. -</p> - -<p> -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -„Da hört denn doch alles auf!“ schrie ich ihn an. -</p> - -<p> -„Nach rechts geht’s,“ sagte er kurz. -</p> - -<p> -„Was soll das heißen?“ -</p> - -<p> -Er fixierte mich frech: -</p> - -<p> -„Sie sind der Pernath!“ -</p> - -<p> -„Sie wollen wahrscheinlich sagen: <em>Herr</em> Pernath?“ -</p> - -<p> -Er lachte nur hämisch: -</p> - -<p> -„Alsdann keine Faxen jetz! Sie gäh’n Sie mit!“ -</p> - -<p> -„Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?“, fuhr -ich auf. -</p> - -<p> -Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zurück und -zeigte vorsichtig auf einen abgeschabten Blechadler, der -im Futter festgesteckt war. -</p> - -<p> -Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete -mich. -</p> - -<p> -„So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist -denn los?“ -</p> - -<p> -„Sie werden sich’s schonn erfahrrähn. Auf dem Däpartemänt“, -erwiderte er grob. „Alla marsch jetz!“ -</p> - -<p> -Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen. -</p> - -<p> -„Nix da!“ -</p> - -<p> -Wir gingen zur Polizei. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ein Gendarm führte mich vor eine Tür. -</p> - -<div class="container"> - <div class="box"> -<p class="center"> -ALOIS OTSCHIN<br /> -Polizeirat -</p> - - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -las ich auf der Porzellantafel. -</p> - -<p> -„Sie kännen sich einträtten“, sagte der Gendarm. -</p> - -<p> -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufsätzen -standen einander gegenüber. -</p> - -<p> -Ein paar verkraxte Stühle dazwischen. -</p> - -<p> -Das Bild des Kaisers an der Wand. -</p> - -<p> -Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett. -</p> - -<p> -Sonst nichts im Zimmer. -</p> - -<p> -Ein Klumpfuß und daneben ein dicker Filzschuh -unter zerfransten grauen Hosen hinter dem linken -Schreibpult. -</p> - -<p> -Ich hörte rascheln. Jemand murmelte ein paar -Worte in böhmischer Sprache und gleich darauf tauchte -der Herr Polizeirat aus dem rechten Schreibtisch auf -und trat vor mich hin. -</p> - -<p> -Es war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und -hatte die sonderbare Manier, bevor er anfing zu reden, -die Zähne zu fletschen wie jemand, der in grelles Sonnenlicht -schaut. -</p> - -<p> -Dabei kniff er die Augen hinter den Brillengläsern -zusammen, was ihm den Ausdruck furchterregender -Niedertracht verlieh. -</p> - -<p> -„Sie heißen Athanasius Pernath und sind“ — er -blickte auf ein Blatt Papier, auf dem nichts stand — -„Gemmenschneider“. -</p> - -<p> -Sofort kam Leben in den Klumpfuß unter dem -anderen Schreibtisch: er wetzte sich an dem Stuhlbein, -und ich hörte das Rauschen einer Schreibfeder. -</p> - -<p> -Ich bejahte: „Pernath. Gemmenschneider.“ -</p> - -<p> -„No, da sin wir ja gleich beisammen, Herr — — — -Pernath, — jawohl Pernath. Ja wohl ja.“ — Der -Herr Polizeirat war mit einem Schlag von erstaunlicher -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -Liebenswürdigkeit, als hätte er die erfreulichste -Nachricht von der Welt bekommen, streckte mir beide -Hände entgegen und bemühte sich in lächerlicher Weise, -die Miene eines Biedermannes aufzusetzen. -</p> - -<p> -„Also, Herr Pernath, erzählen Sie mir einmal, was -treiben Sie so den ganzen Tag?“ -</p> - -<p> -„Ich glaube, daß Sie das nichts angeht, Herr Otschin“, -antwortete ich kalt. -</p> - -<p> -Er kniff die Augen zusammen, wartete einen Moment -und fuhr dann blitzschnell los: -</p> - -<p> -„Seit wann hat die Gräfin ihr Verhältnis mit dem -Savioli?“ -</p> - -<p> -Ich war auf etwas Ähnliches gefaßt gewesen und -zuckte nicht mit der Wimper. -</p> - -<p> -Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen -in Widersprüche zu verwickeln, aber, so sehr mir auch -vor Entsetzen das Herz im Halse schlug, ich verriet mich -nicht und kam immer wieder darauf zurück, daß ich den -Namen Savioli nie gehört hätte, mit Angelina von -meinem Vater her befreundet sei, und daß sie schon -öfter Kameen bei mir bestellt habe. -</p> - -<p> -Ich fühlte trotzdem genau, daß der Polizeirat mir -ansah, wie ich ihn belog, und innerlich schäumte vor -Wut, nichts aus mir herausbekommen zu können. -</p> - -<p> -Er dachte eine Weile nach, dann zog er mich am Rock -dicht an sich, deutete warnend mit dem Daumen auf -den linken Schreibtisch und flüsterte mir ins Ohr: -</p> - -<p> -„Athanasius! Ihr seliger Vater war mein bester Freund. -Ich will Sie retten, Athanasius! Aber Sie müssen mir -alles sagen über die Gräfin. — Hören Sie: alles.“ -</p> - -<p> -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. „Was -meinen Sie damit: Sie wollen mich retten?“, fragte -ich laut. -</p> - -<p> -Der Klumpfuß stampfte ärgerlich auf den Boden. -Der Polizeirat wurde aschgrau im Gesicht vor Haß. -Zog die Lippe empor. Wartete. — Ich wußte, daß er -gleich wieder losspringen würde; (sein Verblüffungssystem -erinnerte mich an Wassertrum) und ich wartete -ebenfalls, — sah, daß ein Bocksgesicht, der Inhaber des -Klumpfußes, lauernd hinter dem Schreibpulte auftauchte -— — dann schrie mich der Polizeirat plötzlich -gellend an: -</p> - -<p> -„<em>Mörder</em>“. -</p> - -<p> -Ich war sprachlos vor Verblüffung. -</p> - -<p> -Mißmutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein -Pult zurück. -</p> - -<p> -Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten -über meine Ruhe, versteckte es aber geschickt, indem er -einen Stuhl herbeizog und mich aufforderte, Platz zu -nehmen. -</p> - -<p> -„Sie verweigern also, über die Gräfin die von mir -gewünschte Auskunft zu geben, Herr Pernath?“ -</p> - -<p> -„Ich kann sie nicht geben, Herr Polizeirat, wenigstens -nicht in dem Sinne, wie Sie erwarten. Erstens kenne -ich niemand namens Savioli, und dann bin ich felsenfest -überzeugt, daß es eine Verleumdung ist, wenn man -der Gräfin nachsagt, sie hintergehe ihren Gatten.“ -</p> - -<p> -„Sind Sie bereit, das zu beeiden?“ -</p> - -<p> -Mir stockte der Atem. „Ja! Jederzeit.“ -</p> - -<p> -„Gut. Hm.“ -</p> - -<p> -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -Eine längere Pause entstand, während der der Polizeirat -angestrengt nachzugrübeln schien. -</p> - -<p> -Als er mich wieder anblickte, lag ein komödiantenhafter -Zug von Schmerzlichkeit in seiner Fratze. Unwillkürlich -mußte ich an Charousek denken, wie er dann mit -tränenerstickter Stimme anfing: -</p> - -<p> -„Mir können Sie es doch sagen, Athanasius, — mir, -dem alten Freund Ihres Vaters, — mir, der Sie auf -den Armen getragen hat —“ ich konnte das Lachen kaum -verbeißen: er war höchstens zehn Jahre älter als ich — -„nicht wahr, Athanasius, es war Notwehr?“ -</p> - -<p> -Das Bockgesicht erschien abermals. -</p> - -<p> -„Was war Notwehr?“, fragte ich verständnislos. -</p> - -<p> -„Das mit dem — — — <em>Zottmann</em>!“ schrie mir der -Polizeirat einen Namen ins Gesicht. -</p> - -<p> -Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann! -Zottmann! Die Uhr! Der Name Zottmann stand doch -in der Uhr eingraviert. -</p> - -<p> -Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen strömte: -Der grauenhafte Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben, -um den Verdacht des Mordes auf mich zu lenken! -</p> - -<p> -Sofort warf der Polizeirat die Maske ab, fletschte -die Zähne und kniff die Augen zusammen: -</p> - -<p> -„Sie gestehen also den Mord ein, Pernath?“ -</p> - -<p> -„Das alles ist ein Irrtum, ein entsetzlicher Irrtum. -Um Gottes willen hören Sie mich an. Ich kann es Ihnen -erklären, Herr Polizeirat — —!“, schrie ich. -</p> - -<p> -„Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf -die Frau Gräfin“, unterbrach er mich rasch: „ich mache -Sie aufmerksam: Sie verbessern Ihre Lage damit.“ -</p> - -<p> -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -„Ich kann nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist: -die Gräfin ist unschuldig“. -</p> - -<p> -Er biß die Zähne zusammen und wandte sich an das -Bocksgesicht: -</p> - -<p> -„Schreiben Sie: — Also, Pernath gesteht den Mord -an dem Versicherungsbeamten Karl Zottmann ein“. -</p> - -<p> -Mich packte eine besinnungslose Wut. -</p> - -<p> -„Sie Polizeikanaille!“ brüllte ich los, „was unterstehen -Sie sich?!“ -</p> - -<p> -Ich suchte nach einem schweren Gegenstand. -</p> - -<p> -Im nächsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute -gepackt und mir Handschellen angelegt. -</p> - -<p> -Der Polizeirat blähte sich jetzt wie der Hahn auf dem -Mist: -</p> - -<p> -„Und die Uhr da?“, — er hielt plötzlich die verbeulte -Uhr in der Hand, — „hat der unglückliche Zottmann -noch gelebt, als Sie ihn beraubten, oder nicht?“ -</p> - -<p> -Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit -klarer Stimme zu Protokoll: -</p> - -<p> -„Die Uhr hat mir heute vormittag der Trödler Aaron -Wassertrum — geschenkt.“ -</p> - -<p> -Ein wieherndes Gelächter brach los, und ich sah, wie -der Klumpfuß und der Filzpantoffel mitsammen einen -Freudentanz unter dem Schreibtisch aufführten. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-17"> -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -Qual -</h2> - -<p class="first"> -Die Hände gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit -aufgepflanztem Bajonett, mußte ich durch die abendlich -beleuchteten Straßen gehen. -</p> - -<p> -Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und -rechts mit, Weiber rissen die Fenster auf, drohten mit -Kochlöffeln herunter und schimpften hinter mir drein. -</p> - -<p> -Schon von weitem sah ich den massigen Steinwürfel -des Gerichtsgebäudes mit der Inschrift auf dem Giebel -herannahen: -</p> - -<p class="center"> -„Die strafende Gerechtigkeit ist<br /> -die Beschirmung aller Braven.“ -</p> - -<p class="noindent"> -Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer, -in dem es nach Küche stank. -</p> - -<p> -Ein vollbärtiger Mann mit Säbel, Beamtenrock und --mütze, barfuß und die Beine in langen, um die Knöchel -zusammengebundenen Unterhosen, stand auf, stellte die -Kaffeemühle, die er zwischen den Knien hielt, weg und -befahl mir, mich auszuziehen. -</p> - -<p> -Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus, -was er darin fand, und fragte mich, ob ich — Wanzen -hätte. -</p> - -<p> -Als ich verneinte, zog er mir die Ringe von den Fingern -und sagte, es sei gut, ich könne mich wieder ankleiden. -</p> - -<p> -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -Man führte mich mehrere Stockwerke hinauf und -durch Gänge, in denen vereinzelt große, graue, verschließbare -Kisten in den Fensternischen standen. -</p> - -<p> -Eiserne Türen mit Riegelstangen und kleinen, vergitterten -Ausschnitten, über jedem eine Gasflamme, -zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand entlang. -Ein hünenhafter, soldatisch aussehender Gefangenwärter -— das erste ehrliche Gesicht seit Stunden — -sperrte eine der Türen auf, schob mich in eine dunkle, -schrankartige, pestilenzialisch stinkende Öffnung und -schloß hinter mir ab. -</p> - -<p> -Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte -mich zurecht. -</p> - -<p> -Mein Knie stieß an einen Blechkübel. -</p> - -<p> -Endlich erwischte ich — der Raum war so eng, daß -ich mich kaum umdrehen konnte — eine Klinke, und stand -in — einer Zelle. -</p> - -<p> -Je zwei und zwei Pritschen mit Strohsäcken an den -Mauern. -</p> - -<p> -Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit. -</p> - -<p> -Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der -Querwand ließ den matten Schein des Nachthimmels -herein. -</p> - -<p> -Unerträgliche Hitze, vom Geruch alter Kleider verpestete -Luft erfüllte den Raum. -</p> - -<p> -Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt -hatten, sah ich, daß auf drei der Pritschen — die vierte -war leer — Menschen in grauen Sträflingskleidern -saßen; die Arme auf die Knie gestützt und die Gesichter -in den Händen vergraben. -</p> - -<p> -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -Keiner sprach ein Wort. -</p> - -<p> -Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete. -Wartete. -</p> - -<p> -Eine Stunde. -</p> - -<p> -Zwei — drei Stunden! -</p> - -<p> -Wenn ich draußen einen Schritt zu hören glaubte, -fuhr ich auf: -</p> - -<p> -Jetzt, jetzt kam man mich holen, um mich dem Untersuchungsrichter -vorzuführen. -</p> - -<p> -Jedesmal war es eine Täuschung gewesen. Immer -wieder verloren sich die Schritte auf dem Gang. -</p> - -<p> -Ich riß mir den Kragen auf — glaubte, ersticken zu -müssen. -</p> - -<p> -Ich hörte, wie ein Gefangener nach dem andern sich -ächzend ausstreckte. -</p> - -<p> -„Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen?“, -fragte ich voll Verzweiflung laut in die -Dunkelheit hinein. Ich erschrak fast vor meiner eigenen -Stimme. -</p> - -<p> -„Es geht net,“ antwortete es mürrisch von einem der -Strohsäcke herüber. -</p> - -<p> -Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand -entlang: ein Brett in Brusthöhe lief quer hin — -— — zwei Wasserkrüge — — — Stücke von Brotrinden. -</p> - -<p> -Mühsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstäben -und preßte das Gesicht an die Fensterritzen, um -wenigstens etwas frische Luft zu atmen. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -So stand ich, bis mir die Knie zitterten. Eintöniger, -schwarzgrauer Nachtnebel vor meinen Augen. -</p> - -<p> -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -Die kalten Eisenstäbe schwitzten. -</p> - -<p> -Es mußte bald Mitternacht sein. -</p> - -<p> -Hinter mir hörte ich schnarchen. Nur einer schien nicht -schlafen zu können: er warf sich hin und her auf dem -Stroh und stöhnte manchmal halblaut auf. -</p> - -<p> -Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen?! -Da! Es schlug wieder. -</p> - -<p> -Ich zählte mit bebenden Lippen: -</p> - -<p> -Eins, zwei, drei! — Gott sei Dank, nur noch wenige -Stunden, dann mußte die Dämmerung kommen. Es -schlug weiter: -</p> - -<p> -Vier? fünf? — Der Schweiß trat mir auf die Stirn. -— Sechs!! — Sieben — — — es war <em>elf</em> Uhr. -</p> - -<p> -Erst eine Stunde war vergangen, seit ich das letzte -Mal hatte schlagen hören. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Allmählich legten sich meine Gedanken zurecht: -</p> - -<p> -Wassertrum hatte mir die Uhr des vermißten Zottmann -zugespielt, um mich in Verdacht zu bringen, einen -Mord begangen zu haben. — Er mußte also selbst der -Mörder sein; wie hätte er sonst in den Besitz der Uhr -kommen können? Würde er die Leiche irgendwo gefunden -und dann erst beraubt haben, hätte er sich bestimmt -die tausend Gulden Belohnung geholt, die für die -Entdeckung des Vermißten öffentlich ausgesetzt waren. -— Das konnte aber nicht sein: die Plakate klebten noch -immer an den Straßenecken, wie ich deutlich auf meinem -Weg ins Gefängnis gesehen hatte. — — — -</p> - -<p> -Daß der Trödler mich angezeigt haben mußte, war -klar. -</p> - -<p> -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -Ebenso: daß er mit dem Polizeirat, wenigstens was -Angelina betraf, unter einer Decke steckte. Wozu sonst -das Verhör wegen Savioli? -</p> - -<p> -Andererseits ging daraus hervor, daß Wassertrum -Angelinas Briefe <em>noch nicht</em> in Händen hatte. -</p> - -<p> -Ich grübelte nach — — — -</p> - -<p> -Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher -Deutlichkeit vor mir, als wäre ich selbst dabei gewesen. -</p> - -<p> -Ja; nur so konnte es sein: Wassertrum hatte meine -eiserne Kassette, in der er Beweise vermutete, heimlich -an sich genommen, als er gerade mit seinen Polizeikomplizen -meine Wohnung durchstöberte, — konnte sie -nicht sogleich öffnen, da ich den Schlüssel bei mir trug -und war — — — vielleicht gerade jetzt daran, sie in -seiner Höhle aufzubrechen. -</p> - -<p> -In wahnsinniger Verzweiflung rüttelte ich an den -Gitterstäben, sah Wassertrum im Geiste vor mir, wie er -in Angelinas Briefen wühlte — — -</p> - -<p> -Wenn ich nur Charousek benachrichtigen könnte, daß -er Savioli wenigstens rechtzeitig warnen ging! -</p> - -<p> -Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung, -meine Verhaftung müsse bereits wie ein Lauffeuer -in der Judenstadt bekannt geworden sein, und ich -vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel. -Gegen seine infernalische Schlauheit kam der Trödler -nicht auf; „Ich werde ihn genau in der Stunde an der -Gurgel haben, in der er Dr. Savioli an den Hals will,“ -hatte Charousek schon einmal gesagt. -</p> - -<p> -In der nächsten Minute wieder verwarf ich alles und -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -eine wilde Angst packte mich: Wie, wenn Charousek zu -spät kam? -</p> - -<p> -Dann war Angelina verloren. — — — -</p> - -<p> -Ich biß mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die -Brust aus Reue, daß ich die Briefe damals nicht sofort -verbrannt hatte; — — — ich schwor es mir zu, Wassertrum -noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen, -wo ich wieder auf freiem Fuß sein würde. -</p> - -<p> -Ob ich von eigner Hand starb oder am Galgen — was -lag mir daran! -</p> - -<p> -Daß der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben -würde, wenn ich ihm die Geschichte mit der Uhr plausibel -machte, ihm von Wassertrums Drohungen erzählte, -— keinen Augenblick zweifelte ich daran. -</p> - -<p> -Bestimmt morgen schon mußte ich frei sein; zumindest -würde das Gericht auch Wassertrum wegen Mordverdacht -verhaften lassen. -</p> - -<p> -Ich zählte die Stunden und betete, daß sie rascher -vergehen möchten; starrte hinaus in den schwärzlichen -Dunst. -</p> - -<p> -Nach unsäglich langer Zeit fing es endlich an, heller -zu werden, und zuerst wie ein dunkler Fleck, dann immer -deutlicher, tauchte ein kupfernes, riesiges Gesicht aus -dem Nebel: das Zifferblatt einer alten Turmuhr. Doch -die <em>Zeiger fehlten</em>; — neuerliche Qual. -</p> - -<p> -Dann schlug es fünf. -</p> - -<p> -Ich hörte, wie die Gefangenen erwachten und gähnend -eine Unterhaltung in böhmischer Sprache führten. -</p> - -<p> -Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich -um, stieg von dem Brett herunter und — sah den blatternarbigen -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -Loisa auf der Pritsche, gegenüber der meinigen, -sitzen und mich verwundert anstarren. -</p> - -<p> -Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen -Gesichtern und musterten mich geringschätzig. -</p> - -<p> -„Defraudant? Was?“, fragte der eine halblaut seinen -Kameraden und stieß ihn mit dem Ellenbogen an. -</p> - -<p> -Der Gefragte brummte verächtlich irgend etwas, -kramte in seinem Strohsack, holte ein schwarzes Papier -hervor und legte es auf den Boden. -</p> - -<p> -Dann schüttete er aus dem Krug ein wenig Wasser -darauf, kniete nieder, bespiegelte sich darin und kämmte -sich mit den Fingern das Haar in die Stirn. -</p> - -<p> -Hierauf trocknete er das Papier mit zärtlicher Sorgfalt -ab und versteckte es wieder unter der Pritsche. -</p> - -<p> -„Pan Pernath, Pan Pernath,“ murmelte Loisa -dabei beständig mit aufgerissenen Augen vor sich hin, -wie jemand, der ein Gespenst sieht. -</p> - -<p> -„Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerkö,“ -sagte der Ungekämmte, dem dies auffiel, in dem geschraubten -Dialekt eines tschechischen Wieners und machte -mir spöttisch eine halbe Verbeugung: „Erlaubens mich -vorzustellen: Vóssatka ist mein Name. Der schwarze -Vóssatka. — — — Brandstiftung,“ setzte er eine Oktave -tiefer stolz hinzu. -</p> - -<p> -Der Frisierte spuckte zwischen den Zähnen durch, -blickte mich eine Weile verächtlich an, deutete sich dann -auf die Brust und sagte lakonisch: -</p> - -<p> -„Einbruch.“ -</p> - -<p> -Ich schwieg. -</p> - -<p> -„No, und zweng wos für einen Verdachtö sin Sie -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -hier, Herr Graf?“ fragte der Wiener nach einer -Pause. -</p> - -<p> -Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: -„Wegen Raubmord“. -</p> - -<p> -Die beiden fuhren verblüfft auf, der spöttische Ausdruck -auf ihren Gesichtern machte einer Miene grenzenloser -Hochachtung Platz, und sie riefen fast wie aus einem -Munde: -</p> - -<p> -„Räschpäkt, Räschpäkt.“ -</p> - -<p> -Als sie sahen, daß ich keine Notiz von ihnen nahm, -zogen sie sich in die Ecke zurück und unterhielten sich -flüsternd miteinander. -</p> - -<p> -Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir, -prüfte schweigend die Muskeln meines Oberarms und -ging dann kopfschüttelnd zu seinem Freund zurück. -</p> - -<p> -„Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den -Zottmann ermordet zu haben?“ fragte ich Loisa unauffällig. -</p> - -<p> -Er nickte. „Ja, schon lang.“ -</p> - -<p> -Wieder vergingen einige Stunden. -</p> - -<p> -Ich schloß die Augen und stellte mich schlafend. -</p> - -<p> -„Herr Pernath. Herr Pernath!“ hörte ich plötzlich -ganz leise Loisas Stimme. -</p> - -<p> -„Ja?“ — — — Ich tat, als erwachte ich. -</p> - -<p> -„Herr Pernath? Bitte entschuldigen Sie, — bitte — -bitte, wissen Sie nicht, was die Rosina macht? — Ist -sie zu Hause?“, stotterte der arme Bursche. Er tat mir -unendlich leid, wie er mit seinen entzündeten Augen an -meinen Lippen hing und vor Aufregung die Hände verkrampfte. -</p> - -<p> -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -„Es geht ihr gut. Sie — sie ist jetzt Kellnerin beim -— — alten Ungelt“, log ich. -</p> - -<p> -Ich sah, wie er erleichtert aufatmete. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Zwei Sträflinge hatten auf einem Brett Blechtöpfe -mit heißem Wurstabsud stumm hereingebracht und drei -davon in die Zelle gestellt, dann knallten nach einigen -Stunden abermals die Riegel und der Aufseher führte -mich zum Untersuchungsrichter. -</p> - -<p> -Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir -treppauf, treppab schritten. -</p> - -<p> -„Glauben Sie, ist es möglich, daß ich heute noch freigelassen -werde?“, fragte ich den Aufseher beklommen. -</p> - -<p> -Ich sah, wie er mitleidig ein Lächeln unterdrückte. -„Hm. Heute noch? Hm — — Gott, — möglich ist ja -alles.“ — -</p> - -<p> -Mir wurde eiskalt. -</p> - -<p> -Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tür und -einen Namen: -</p> - -<div class="container"> - <div class="box"> -<p class="center"> -KARL FREIHERR VON LEISETRETER<br /> -Untersuchungsrichter -</p> - - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte -mit meterhohen Aufsätzen. -</p> - -<p> -Ein alter, großer Mann mit weißem, geteiltem Vollbart, -schwarzem Gehrock, roten, wulstigen Lippen, knarrenden -Stiefeln. -</p> - -<p> -„Sie sind Herr Pernath?“ -</p> - -<p> -„Jawohl.“ -</p> - -<p> -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -„Gemmenschneider?“ -</p> - -<p> -„Jawohl.“ -</p> - -<p> -„Zelle Nr. 70?“ -</p> - -<p> -„Jawohl.“ -</p> - -<p> -„Des Mordes an Zottmann verdächtig?“ -</p> - -<p> -„Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter — —“ -</p> - -<p> -„<em>Des Mordes an Zottmann verdächtig?</em>“ -</p> - -<p> -„Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es. -Aber — —“ -</p> - -<p> -„Geständig?“ -</p> - -<p> -„Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter, -ich bin doch unschuldig!“ -</p> - -<p> -„<em>Geständig?</em>“ -</p> - -<p> -„Nein.“ -</p> - -<p> -„Dann verhänge ich die Untersuchungshaft über Sie. -— Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.“ -</p> - -<p> -„Bitte, so hören Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter, -— ich muß unbedingt heute noch zu Hause sein. -Ich habe wichtige Dinge zu veranlassen — —“ -</p> - -<p> -Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand. -</p> - -<p> -Der Herr Baron schmunzelte. — -</p> - -<p> -„Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und -immer noch saß ich in der Zelle. -</p> - -<p> -Um zwölf Uhr durften wir täglich hinunter in den -Gefängnishof und mit anderen Untersuchungsgefangenen -und Sträflingen zu zweit 40 Minuten im Kreis -herumgehen auf der nassen Erde. -</p> - -<p> -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -Miteinander zu reden, war verboten. -</p> - -<p> -In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender -Baum, in dessen Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes -eingewachsen war. -</p> - -<p> -An den Mauern wuchsen kümmerliche Ligusterstauden, -die Blätter fast schwarz vom fallenden Ruß. -</p> - -<p> -Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein -kittgraues Gesicht mit blutleeren Lippen herunterschaute. -</p> - -<p> -Dann ging’s wieder hinauf in die gewohnten Grüfte -zu Brot, Wasser und Wurstabsud und Sonntags zu faulenden -Linsen. -</p> - -<p> -Erst einmal war ich wieder vernommen worden: -</p> - -<p> -Ob ich Zeugen hätte, daß mir „Herr“ Wassertrum -angeblich die Uhr geschenkt habe? -</p> - -<p> -„Ja: Herrn Schemajah Hillel — — das heißt — nein“ -(ich erinnerte mich, er war nicht dabei gewesen) — — -„aber Herr Charousek — nein, auch er war ja nicht -dabei.“ -</p> - -<p> -„Kurz: also niemand war dabei?“ -</p> - -<p> -„Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter.“ -</p> - -<p> -Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und -wieder das: -</p> - -<p> -„Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter!“ -— — — -</p> - -<p> -Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen -Resignation gewichen: Der Zeitpunkt, wo ich um sie -zittern mußte, war vorüber. Entweder Wassertrums -Racheplan war längst geglückt, oder Charousek hatte -eingegriffen, sagte ich mir. -</p> - -<p> -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum -Wahnsinn. -</p> - -<p> -Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf -wartete, daß sich das Wunder erneuere, — wie sie früh -am Morgen, wenn der Bäcker kam, hinauslief und mit -bebenden Händen das Brot untersuchte, — wie sie -vielleicht um meinetwillen vor Angst verging. -</p> - -<p> -Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf, -und ich stieg auf das Wandbrett und starrte empor zu -dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und verzehrte mich -in dem Wunsch, meine Gedanken möchten zu Hillel -dringen und ihm ins Ohr schreien, er solle Mirjam -helfen und sie erlösen von der Qual des Hoffens auf ein -Wunder. -</p> - -<p> -Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt -den Atem an, bis mir die Brust fast zersprang, — um -das Bild meines Doppelgängers vor mich zu zwingen, -damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost. -</p> - -<p> -Und einmal war er auch erschienen neben meinem -Lager mit den Buchstaben: Chabrat Zereh Aur Bocher -in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte aufschreien -vor Jubel, daß jetzt alles wieder gut würde, aber er war -in den Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl -geben konnte, Mirjam zu erscheinen. — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Daß ich so gar keine Nachricht bekam von meinen -Freunden! -</p> - -<p> -Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken? -fragte ich meine Zellengenossen. -</p> - -<p> -Sie wußten es nicht. -</p> - -<p> -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -Sie hätten noch nie welche bekommen — allerdings -wäre auch niemand da, der ihnen schreiben könnte, -sagten sie. -</p> - -<p> -Der Gefangenwärter versprach mir, sich gelegentlich -zu erkundigen. — — -</p> - -<p> -Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen -und mein Haar verwildert, denn Schere, Kamm und -Bürste gab es nicht. -</p> - -<p> -Auch kein Wasser zum Waschen. -</p> - -<p> -Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz, denn -der Wurstabsud war mit Soda gewürzt statt mit Salz. -— — Eine Gefängnisvorschrift, um dem „Überhandnehmen -des Geschlechtstriebes vorzubeugen“. — — -</p> - -<p> -Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintönigkeit. -</p> - -<p> -Drehte sich im Kreis wie ein Rad der Qual. -</p> - -<p> -Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns -kannte, wo plötzlich einer oder der andere aufsprang und -stundenlang auf und niederlief wie ein wildes Tier, um -sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen zu -lassen und stumpfsinnig weiter zu warten — zu warten -— zu warten. -</p> - -<p> -Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen -gleich Ameisen über die Wände und ich fragte mich -erstaunt, warum denn der Kerl in Säbel und Unterhosen -mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein -Ungeziefer hätte. -</p> - -<p> -Fürchtete man vielleicht im Landesgericht, es könne -eine Kreuzung <em>fremder</em> Insektenrassen entstehen? -</p> - -<p> -Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf -herein mit Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen: -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -Der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt, und überzeugte -sich, daß alle vor Gesundheit strotzten. -</p> - -<p> -Und wenn einer sich beschwerte, gleichgültig worüber, -so verschrieb er — Zinksalbe zum Einreiben der Brust. -</p> - -<p> -Einmal kam auch der Landesgerichtspräsident — -ein hochgewachsener, parfümierter Halunke der „guten -Gesellschaft“, dem die gemeinsten Laster im Gesicht geschrieben -standen, und sah nach, ob — alles in Ordnung -sei: „ob sich noch immer kaner derhenkt hobe“, wie sich -der Frisierte ausdrückte. -</p> - -<p> -Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, -da hatte er einen Satz hinter den Gefangenwärter -gemacht und mir einen Revolver vorgehalten. — -„Was ich denn wolle“, schrie er mich an. -</p> - -<p> -Ob Briefe für mich da seien, fragte ich höflich. Statt -der Antwort bekam ich einen Stoß vor die Brust vom -Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf das Weite suchte. -Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte durch -den Türausschnitt: — ich solle lieber den Mord gestehen. -Eher bekäme ich in diesem Leben keine Briefe. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die -Hitze gewöhnt und fröstelte beständig. Selbst, wenn die -Sonne schien. -</p> - -<p> -Zwei der Gefangenen hatten schon einige Mal gewechselt, -aber ich achtete nicht darauf. Diese Woche war -es ein Taschendieb und ein Wegelagerer, das nächste -Mal ein Falschmünzer oder ein Hehler, die hereingeführt -wurden. -</p> - -<p> -Was ich gestern erlebte, war heute vergessen. -</p> - -<p> -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -Gegen das Wühlen der Sorge um Mirjam verblaßten -alle äußern Begebenheiten. -</p> - -<p> -Nur <em>ein</em> Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprägt — -es verfolgte mich zuweilen als Zerrbild bis in den -Traum. -</p> - -<p> -Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf -in den Himmel zu starren, da fühlte ich plötzlich, daß -mich ein spitzer Gegenstand in die Hüfte stach, und als -ich nachsah, bemerkte ich, daß es die Feile gewesen war, -die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter -gebohrt hatte. Sie mußte schon lange dort gesteckt -haben, sonst hätte sie der Mann in der Flurstube gewiß -bemerkt. -</p> - -<p> -Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen -Strohsack. -</p> - -<p> -Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, -und ich zweifelte keinen Augenblick, daß nur Loisa sie -genommen haben konnte. -</p> - -<p> -Einige Tage später holte man ihn aus der Zelle, um -ihn einen Stock tiefer unterzubringen. -</p> - -<p> -Es dürfe nicht sein, daß zwei Untersuchungsgefangene, -die desselben Verbrechens beschuldigt wären, wie er -und ich, in der gleichen Zelle säßen, hatte der Gefangenwärter -gesagt. -</p> - -<p> -Von ganzem Herzen wünschte ich, es möchte dem -armen Burschen gelingen, sich mit Hilfe der Feile zu -befreien. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-18"> -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -Mai -</h2> - -<p class="first"> -Auf meine Frage, welches Datum denn wäre — die -Sonne schien so warm wie im Hochsommer und der -müde Baum im Hof trieb ein paar Knospen — hatte der -Gefangenwärter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflüstert, -es sei der 15. Mai. Eigentlich dürfe er es nicht -sagen, denn es sei verboten, mit den Gefangenen zu -sprechen, — insbesondere solche, die noch nicht gestanden -hätten, müßten hinsichtlich der Zeit im unklaren gehalten -werden. -</p> - -<p> -Drei volle Monate war ich also schon im Gefängnis -und noch immer keine Nachricht aus der Welt da -draußen. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Wenn es Abend wurde, drangen leise Klänge eines -Klaviers durch das Gitterfenster, das jetzt an warmen -Tagen offen war. -</p> - -<p> -Die Tochter des Beschließers unten spiele, hatte mir -ein Sträfling gesagt. — — -</p> - -<p> -Tag und Nacht träumte ich von Mirjam. -</p> - -<p> -Wie es ihr wohl ging?! -</p> - -<p> -Zuzeiten hatte ich das tröstliche Gefühl, als seien meine -Gedanken zu ihr gedrungen und stünden an ihrem Bette, -während sie schlief, und legten ihr lindernd die Hand -auf die Stirne. -</p> - -<p> -Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit, -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -wenn einer nach dem andern meiner Zellengenossen -zum Verhör geführt wurde, — nur ich nicht, — drosselte -mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange -tot. -</p> - -<p> -Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie -noch lebe oder nicht, krank sei oder gesund, und die Anzahl -einer Handvoll Halme, die ich aus dem Strohsack -riß, sollte mir Antwort geben. -</p> - -<p> -Und fast jedesmal „ging es schlecht aus“, und ich -wühlte in meinem Innern nach einem Blick in die Zukunft; -— suchte meine Seele, die mir das Geheimnis -verbarg, zu überlisten durch die scheinbar abseits liegende -Frage, ob wohl für mich dereinst noch ein Tag kommen -würde, wo ich heiter sein und wieder lachen könnte. -</p> - -<p> -Immer bejahte das Orakel in solchen Fällen, und -dann war ich eine Stunde lang glücklich und froh. -</p> - -<p> -Wie eine Pflanze heimlich wächst und sproßt, war -allmählich in mir eine unbegreifliche, tiefe Liebe zu -Mirjam erwacht, und ich faßte es nicht, daß ich so oft -hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden können, ohne mir -damals schon klar darüber geworden zu sein. -</p> - -<p> -Der zitternde Wunsch, daß auch sie mit gleichen Gefühlen -an mich denken möchte, steigerte sich in solchen -Augenblicken oft bis zur Ahnung der Gewißheit, und -wenn ich dann auf dem Gange draußen einen Schritt -hörte, fürchtete ich mich beinahe davor, man könne mich -holen und freilassen und mein Traum würde in der -groben Wirklichkeit der Außenwelt in nichts zerrinnen. -</p> - -<p> -Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf -geworden, daß ich auch das leiseste Geräusch vernahm. -</p> - -<p> -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -Jedesmal bei Anbruch der Nacht hörte ich in der Ferne -einen Wagen fahren und zergrübelte mir den Kopf, -wer wohl darin sitzen möchte. -</p> - -<p> -Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken, -daß es Menschen gab da draußen, die tun und lassen -durften, was sie wollten, — die sich frei bewegen konnten -und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als -unbeschreiblichen Jubel empfanden. -</p> - -<p> -Daß auch ich jemals wieder so glücklich werden würde, -im Sonnenschein durch die Straßen wandern zu können -— — ich war nicht mehr imstande, es mir vorzustellen. -</p> - -<p> -Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, -schien mir einem längstverflossenen Dasein anzugehören; -— ich dachte daran zurück mit jener leisen Wehmut, -wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch aufschlägt -und findet darin welke Blumen, die einst die Geliebte -der Jugendjahre getragen hat. -</p> - -<p> -Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend für Abend -mit Vrieslander und Prokop beim „Ungelt“ saß und der -vertrockneten Eulalia das Hirn konfus machte? -</p> - -<p> -Nein, es war doch Mai — die Zeit, wo er mit seinem -Marionettenkasten durch die Provinznester zog und auf -grünen Wiesen vor den Toren den Ritter Blaubart -spielte. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ich saß allein in der Zelle. — Vóssatka, der Brandstifter, -mein einziger Gefährte seit einer Woche, war -vor ein paar Stunden zum Untersuchungsrichter geholt -worden. -</p> - -<p> -Merkwürdig lange dauerte diesmal sein Verhör. -</p> - -<p> -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -Da. Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tür. -Und mit freudestrahlender Miene stürmte Vóssatka herein, -warf ein Bündel Kleider auf die Pritsche und begann, -sich mit Windeseile umzukleiden. -</p> - -<p> -Den Sträflingsanzug warf er Stück um Stück mit -einem Fluch auf den Boden. -</p> - -<p> -„Nix hamms mer beweisen könna, dö Hallodri. — -Brandstiftung! — Ja doder“ er zog mit dem Zeigefinger -an seinem unteren Augenlid. „Auf den schwarzen -Vóssatka sans jung. — Der Wind war’s, hab i g’sagt. -Und bi fest blimm. Den kennens iazt eispirrn, wanns’n -derwischen — den Herrn von Wind. — No servus heit -Abend! — Do werd aufdraht. Beim Loisitschek.“ — -Er breitete die Arme aus und tanzte einen „G’strampften“. -— „Nur einmahl im Leböhn blie—het der Mai.“ -— Er stülpte sich mit einem Krach einen steifen Deckel -mit einer kleinen blaugesprenkelten Nußhäherfeder darauf -über den Schädel. — „Ja, richtig, das wird Ihna -intrissirn, Herr Graf: wissens was Neies? Eana Freund, -der Loisa, is ausbrochen! — Grad hab i’s erfahrehn oben -bei die Hallodri. Schon vurigen Monat — gegen Uldimoh -hat er das Weide gesucht und ist längs ieber — -pbhuit“ — er schlug sich mit den Fingern auf den Handrücken -— „ieber alle Bergöh“. — -</p> - -<p> -„Aha, die Feile,“ dachte ich mir und lächelte. -</p> - -<p> -„Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr -Graf,“ der Brandstifter streckte mir kameradschaftlich die -Hand hin, „daß Sie möglichst bei Zeitöhn freikommen. -— Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen -Sie sich nur beim Loisitschek nach dem schwarzen Vóssatka. -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -— Kennte mich jädes Madel durten. So! — Alsdann -Servus, Herr Graf. War mir ein Vergniegen.“ -</p> - -<p> -Er stand noch in der Türe, da schob der Wärter schon -einen neuen Untersuchungsgefangenen in die Zelle. -</p> - -<p> -Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot -mit der Soldatenmütze, der einmal neben mir bei -Regenwetter in dem Torbogen der Hahnpaßgasse gestanden -hatte. Eine freudige Überraschung! Vielleicht -wußte er zufällig etwas über Hillel und Zwakh und alle -die andern? -</p> - -<p> -Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu -meinem größten Erstaunen legte er mit geheimnisvoller -Miene den Finger an den Mund und bedeutete mir, -ich solle schweigen. -</p> - -<p> -Erst als die Tür von draußen abgesperrt und der Schritt -des Gefangenwärters auf dem Gange verhallt war, kam -Leben in ihn. -</p> - -<p> -Mir schlug das Herz vor Aufregung. -</p> - -<p> -Was sollte das bedeuten? -</p> - -<p> -Kannte er mich denn, und was wollte er? -</p> - -<p> -Das erste, was der Schlot tat, war, daß er sich niedersetzte -und seinen linken Stiefel auszog. -</p> - -<p> -Dann zerrte er mit den Zähnen einen Stöpsel aus -dem Absatz, entnahm dem entstandenen Hohlraum ein -kleines gebogenes Eisenblech, riß die anscheinend nur -locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides -mit stolzer Miene hin. — -</p> - -<p> -Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten -Fragen auch nur im geringsten zu achten. -</p> - -<p> -„So! Einen schönen Gruß vom Herrn Charousek.“ -</p> - -<p> -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -Ich war so verblüfft, daß ich kein Wort herausbringen -konnte. — -</p> - -<p> -„Brauchens’ bloß Eisenblechl nähmen und Sohlen -ausanand brechen in der Nacht. Oder wann sunst niemand -siecht. — Ise nämlich hohl inewändig“ — erklärte -der Schlot mit überlegener Miene, „und finden -Sie sich drinn eine Brieffel von Herrn Charousek.“ -</p> - -<p> -Im Übermaß meines Entzückens fiel ich dem Schlot -um den Hals und die Tränen stürzten mir aus den -Augen. -</p> - -<p> -Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll: -</p> - -<p> -„Missen sich mehr zusammennähmen, Herr von Pernath! -Mir habens me nicht eine Minutten zum Zeitverlieren. -Es kann sich soffort herauskommen, daß ich -in der falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens -me unt beim Pordjöh die Nummern mitsamm vertauscht.“ — -</p> - -<p> -Ich mußte wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht -haben, denn der Schlot fuhr fort: -</p> - -<p> -„Wann Sie das auch nicht verstähn, macht nix. Kurz: -ich bin ich hier, Pasta!“ -</p> - -<p> -„Sagen Sie doch,“ fiel ich ihm ins Wort, „sagen Sie -doch, Herr — — Herr — — —“ -</p> - -<p> -„Wenzel,“ — half mir der Schlot aus, „ich heiß’ ich -der schöne Wenzel.“ -</p> - -<p> -„Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar -Hillel, und wie geht es seiner Tochter?“ -</p> - -<p> -„Dazu ist jetz keine Zeit nicht,“ unterbrach mich der -schöne Wenzel ungeduldig. „Ich kann ich doch im näxen -Augenblick herausgeschmissen werden. — Also: ich bin -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -ich hier, weil ich einen Raubanfall extra eingestanden -hab — —“ -</p> - -<p> -„Was, Sie haben bloß meinetwegen, und um zu mir -kommen zu können, einen Raubanfall begangen, Wenzel?“ -fragte ich erschüttert. -</p> - -<p> -Der Schlot schüttelte verächtlich den Kopf: „Wann -ich wirklich einen Raubanfall <em>begangen</em> hätt, mecht -ich ihm doch nicht <em>eingestähen</em>. Was glauben Sie -von mir!?“ -</p> - -<p> -Ich verstand allmählich: — der brave Kerl hatte eine -List gebraucht, um mir den Brief Charouseks ins Gefängnis -zu schmuggeln. -</p> - -<p> -„So; zuverderscht“ — er machte ein äußerst wichtiges -Gesicht — „muß ich Ihnen Unterricht in der Ebilebsie -gäben.“ -</p> - -<p> -„Worin?“ -</p> - -<p> -„In der Ebilebsie! — Gäbm S’ amal scharf Obacht -und merkens Ihna alles genau! — Alsdann schaugens -här: Zuerscht macht me Speichel in der Goschen;“ — -er blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie -jemand, der sich den Mund ausspült — „dann kriegt me -Schaum vorm Maul, sengen S’ so“: — er machte auch -dies. Mit widerwärtiger Natürlichkeit. — „Nachhe -drehte ma die Daumen in die Faust. — Nachhe kugelt -me die Augen raus“ — er schielte entsetzlich — „und -dann — das ise sich bisl schwär — stoßt me so halbeten -Schrei aus. Segen S’, so: Bö — bö — bö, — und gleichzeitig -fallt me sich um.“ — Er ließ sich der Länge nach -zu Boden fallen, daß das Haus zitterte, und sagte beim -Aufstehen: -</p> - -<p> -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -„Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie’s uns der -Dr. Hulbert gottsälig beim ‚Bataljohn‘ gelernt hat.“ -</p> - -<p> -„Ja, ja, es ist täuschend ähnlich,“ gab ich zu, „aber -wozu dient das alles?“ -</p> - -<p> -„Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!“, -erklärte der schöne Wenzel. „Der Dr. Rosenblatt is -doch ein Mordsochs! Wenn einer schon gar kan Kopf -mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann -ise sich pumperlgesund! — Nur vor die Ebilebsie hat e’ -an Viechsräschpäkt. Wann aner daas gut kann: gleich -ise drieben in der Krankenzelle. — — Und da ise sich das -Ausbrechen dann ein Kinderspielzeug;“ — er wurde -tief geheimnisvoll — „den Fenstergitter in der Krankenzelle -ise nämlich durchgesägt und nur schwach mit Dreck -zusammenpappt. — Es ise sich das ein Geheimnis vom -Bataljohn! — Sie brauchen dann bloß ein paar Nächte -scharf aufpassen und, wenn Sie eine Seilschlingen vom -Dach herunter bis vors Fenster kommen segen, heben -Sie leise den Gitter aus, damit niemand nicht aufwacht, -steckens die Schultern in die Schlinge, und mir -ziegen Ihnen hinauf aufs Dach und lassen Ihnen -auf der andern Seiten hinunter auf die Straßen. — -Pasta.“ -</p> - -<p> -„Weshalb soll ich denn aus dem Gefängnis ausbrechen?“ -wandte ich schüchtern ein, „ich bin doch unschuldig.“ -</p> - -<p> -„Daß ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!“, -widerlegte mich der schöne Wenzel und machte vor Erstaunen -kreisrunde Augen. -</p> - -<p> -Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -ihm den verwegenen Plan, der, wie er sagte, das Resultat -eines „Bataillons“beschlusses war, auszureden. -</p> - -<p> -Daß ich „die Gabe Gottes“ von der Hand wies und -lieber warten wollte, bis ich von selbst freikommen würde, -war ihm unbegreiflich. -</p> - -<p> -„Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden -auf das allerherzlichste,“ sagte ich gerührt und -drückte ihm die Hand. „Wenn die schwere Zeit für mich -vorüber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen allen -erkenntlich zu zeigen.“ -</p> - -<p> -„Ise gar nicht nätig,“ lehnte Wenzel freundlich ab. -„Wann Sie ein paar Glas ‚Pils‘ zahlen, nähmen wir -sich dankbar an, abe sunst nix. Pan Charousek, was ise -jetz Schatzmistr vom Bataljohn, hat e’ uns schon erzählt, -was Sie für ein heimlicher Wohltäter sin. Soll ich ihm -was ausrichten, wenn ich in paar Täg wieder herauskomm?“ -</p> - -<p> -„Ja, bitte,“ fiel ich rasch ein, „sagen Sie ihm, er -möchte zu Hillel gehen und ihm mitteilen, ich hätte soviel -Angst wegen der Gesundheit seiner Tochter Mirjam. -Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen. — -Werden Sie sich den Namen merken?: <em>Hillel</em>!“ -</p> - -<p> -„Hirräl?“ -</p> - -<p> -„Nein: Hillel.“ -</p> - -<p> -„Hillär?“ -</p> - -<p> -„Nein: Hill—el.“ -</p> - -<p> -Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem für einen -Tschechen unmöglichen Namen, aber schließlich bewältigte -er ihn doch unter wilden Grimassen. -</p> - -<p> -„Und dann noch eins: Herr Charousek möge — ich -<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -lasse ihn herzlich drum bitten — sich auch, soweit es -in seiner Macht steht, der „vornehmen Dame“ — er -weiß schon, wer darunter zu verstehen ist — annehmen.“ -</p> - -<p> -„Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen, -die was das Gspusi ghabt hat mit dem Niemetz — dem -Dr. Sapoli? — No, die hat sich doch scheiden lassen und -ise mit ihrem Kind und dem Sapoli furt.“ -</p> - -<p> -„Wissen Sie das bestimmt?“ -</p> - -<p> -Ich fühlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich -um Angelinas willen freute, — es krampfte mir dennoch -das Herz zusammen. -</p> - -<p> -Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und -jetzt — — — war ich vergessen. -</p> - -<p> -Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmörder. -</p> - -<p> -Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle. -</p> - -<p> -Der Schlot schien mit dem Feingefühl, das verwahrlosten -Menschen seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, -die sich um Liebe drehen, erraten zu haben, wie mir -zumute war, denn er blickte scheu weg und antwortete -nicht. -</p> - -<p> -„Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels -Tochter, dem Fräulein Mirjam geht? Kennen Sie -sie?“, fragte ich gepreßt. -</p> - -<p> -„Mirjam? Mirjam?“ — Wenzel legte sein Gesicht in -nachdenkliche Falten — „Mirjam? — Gäht sich die -öfters in der Nacht zum Loisitschek?“ -</p> - -<p> -Ich mußte unwillkürlich lächeln. „Nein. Bestimmt -nicht.“ -</p> - -<p> -„Dann kenn ich sie nicht,“ sagte Wenzel trocken. -</p> - -<p> -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -Wir schwiegen eine Weile. -</p> - -<p> -Vielleicht steht in dem Briefchen etwas über sie, -hoffte ich. -</p> - -<p> -„Daß den Wassertrum der Deiwel g’holt hat“, fing -Wenzel plötzlich wieder an, „wärden Sie sich wohl schon -gehärt haben?“ -</p> - -<p> -Ich fuhr entsetzt auf. -</p> - -<p> -„No ja.“ — Wenzel deutete auf seine Kehle. — -„Murxi, murxi! Ich sag ich Ihnän; es war Ihnän -schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen haben, weil -er sich paar Täg nicht hat segen lassen, war ich natrierlich -der erschte drin; — wie denn nicht! — Und da hat e’ -durten g’sässen, der Wassertrum, in einen dreckigen Lähnsessel, -die Brust voller Blut und die Augen wie aus -Glas. — — — — — Wissen S’, ich bin ich ein handfeste -Kerl, aber mir hat sich alles gedräht, sag ich Ihnän, und -ich hab’ gemeint, ich hau ich ohnmächtig hi—iin. Furt’ a -furt’ hab’ ich mir vorsagen missen: Wenzel, hab’ ich mir -vorg’sagt, Wenzel, reg’ dich nicht auf, es is doch bloß -ein toter Jud. — Er hat eine Feile in der Kehle stecken -gehabt und im Laden war sich alles umedum geschmissen. -— Ein Raubmord natierlich.“ -</p> - -<p> -„Die Feile! Die Feile!“ Ich fühlte, wie mir der -Atem kalt wurde vor Grausen. — Die Feile! So hatte -sie also doch ihren Weg gefunden! -</p> - -<p> -„Ich weiß ich auch, wer’s war,“ fuhr Wenzel nach einer -Pause halblaut fort. „Niemand anders, sag ich Ihnän, -als der blattersteppige Loiso. — Ich hab’ ich nämlich -sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt -und rasch eing’stäckt, damit sich die Polizei nicht draufkommt. -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -— Er ise sich durch einen unterirdischen Gang -in den Laden — — — — —“ er brach mit einem Ruck -seine Rede ab und horchte ein paar Sekunden lang -angestrengt, dann warf er sich auf die Pritsche und fing -an, fürchterlich zu schnarchen. -</p> - -<p> -Gleich darauf klirrte das Vorhängeschloß und der -Gefängniswärter kam herein und musterte mich argwöhnisch. -</p> - -<p> -Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel -war kaum zu erwecken. -</p> - -<p> -Erst nach vielen Püffen richtete er sich gähnend auf -und taumelte, gefolgt von dem Wärter, schlaftrunken -hinaus. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief -auseinander und las: -</p> - -<p> -Den 12. Mai. -</p> - -<p> -„Mein lieber armer Freund und Wohltäter! -</p> - -<p> -Woche um Woche habe ich gewartet, daß Sie endlich -freikommen würden, — immer vergebens, — habe alle -möglichen Schritte versucht, um Entlastungsmaterial für -Sie zu sammeln, aber ich fand keins. -</p> - -<p> -Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu -beschleunigen, aber jedesmal hieß es, er könne nichts -tun, — es sei Sache der Staatsanwaltschaft und nicht -die seinige. -</p> - -<p> -Amtsschimmel! -</p> - -<p> -<em>Eben erst, vor einer Stunde</em>, gelang mir jedoch -etwas, von dem ich mir den <em>besten</em> Erfolg erhoffe: ich -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -habe erfahren, daß Jaromir dem Wassertrum eine goldene -Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung -seines Bruders Loisa in dessen Bett gefunden hatte, verkauft -hat. -</p> - -<p> -Beim ‚Loisitschek‘, wo, wie Sie wissen, die Detektivs -verkehren, geht das Gerücht, man hätte die Uhr des -angeblich ermordeten Zottmann — dessen Leiche übrigens -noch immer nicht entdeckt ist — als <span class="antiqua">corpus delicti</span> -bei <em>Ihnen</em> gefunden. Das übrige reimte ich mir zusammen: -Wassertrum <span class="antiqua">et cetera</span>! -</p> - -<p> -Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm -1000 fl. gegeben — —“ Ich ließ den Brief sinken und -die Freudentränen traten mir in die Augen: nur Angelina -konnte Charousek die Summe gegeben haben. -Weder Zwakh, noch Prokop, noch Vrieslander besaßen -soviel Geld. — Sie hatte mich also doch nicht vergessen! -— Ich las weiter: -</p> - -<p> -„— 1000 fl. gegeben und ihm weitere 2000 fl. versprochen, -wenn er mit mir sofort zur Polizei ginge und -eingestünde, die Uhr seinem Bruder zu Hause entwendet -und verkauft zu haben. -</p> - -<p> -Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief -durch Wenzel bereits an Sie unterwegs ist. Die Zeit -reicht nicht aus. -</p> - -<p> -Aber seien Sie versichert: es <em>wird</em> geschehen. <em>Heute</em> -noch. Ich bürge Ihnen dafür. -</p> - -<p> -Ich zweifle keinen Augenblick, daß Loisa den Mord -begangen hat und die Uhr die Zottmanns ist. -</p> - -<p> -Sollte <a id="corr-26"></a>sie es wider Erwarten nicht sein, — nun, -dann weiß Jaromir, was er zu tun hat: — <em>Jedenfalls -<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -wird er sie als die bei Ihnen gefundene -agnoszieren</em>. -</p> - -<p> -Also: harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht! -Der Tag, wo Sie frei sein werden, steht vielleicht bald -bevor. -</p> - -<p> -Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns -wiedersehen? -</p> - -<p> -Ich weiß es nicht. -</p> - -<p> -Fast möchte ich sagen: ich glaube es nicht, denn mit -mir geht’s rasch zu Ende, und <em>ich muß auf der Hut -sein, daß mich die letzte Stunde nicht überrascht</em>. -</p> - -<p> -Aber eins halten Sie fest: wir <em>werden</em> uns wiedersehen. -</p> - -<p> -Wenn auch nicht in <em>diesem</em> Leben und nicht wie -die Toten in <em>jenem</em> Leben, aber an dem Tag, wo die -Zeit zerbricht, — wo, wie es in der Bibel steht, der -HERR <em>die</em> ausspeien wird aus seinem Munde, die lau -waren und weder kalt noch warm. — — — -</p> - -<p> -Wundern Sie sich nicht, daß ich so rede! Ich habe -nie mit Ihnen über diese Dinge gesprochen und, als -Sie einmal das Wort ‚Kabbala‘ berührten, bin ich Ihnen -ausgewichen, aber — ich weiß, was ich weiß. -</p> - -<p> -Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn -nicht, so streichen Sie, ich bitte Sie darum, das, was ich -gesagt habe, aus Ihrem Gedächtnis. — — Einmal, -in meinen Delirien, glaubte ich — ein Zeichen auf Ihrer -Brust zu sehen. — Mag sein, daß ich wach geträumt habe. -</p> - -<p> -Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen -sollten, daß ich gewisse Erkenntnisse gehabt habe -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -— innerlich! — fast schon von Kindheit an, die mich einen -seltsamen Weg geführt haben; — Erkenntnisse, die sich -nicht decken mit dem, was die Medizin lehrt oder, Gott -sei Dank, noch nicht weiß; hoffentlich auch nie erfahren -wird. -</p> - -<p> -Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von -der Wissenschaft, deren höchstes Ziel es ist, einen — -‚Wartesaal‘ auszustaffieren, den man am besten niederrisse. -</p> - -<p> -Doch genug davon. -</p> - -<p> -Ich will Ihnen lieber erzählen, was sich inzwischen -zugetragen hat: -</p> - -<p> -Ende April war Wassertrum soweit, daß meine Suggestion -anfing zu wirken. -</p> - -<p> -Ich sah es daran, daß er auf der Gasse beständig -gestikulierte und laut mit sich selbst sprach. -</p> - -<p> -So etwas ist ein sicheres Zeichen, daß die Gedanken -eines Menschen sich zum Sturm rotten, um über ihren -Herrn herzufallen. -</p> - -<p> -Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich -Notizen. -</p> - -<p> -Er schrieb! -</p> - -<p> -Er schrieb! Daß ich nicht lache! Er <em>schrieb</em>. -</p> - -<p> -Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem -Hause wußte ich, was er oben machte: — er machte -sein Testament. -</p> - -<p> -Daß er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings -nicht gedacht. Ich hätte wahrscheinlich den Veitstanz -bekommen vor Vergnügen, wenn’s mir eingefallen -wäre. -</p> - -<p> -<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> -Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige -auf der Erde bin, an dem er noch etwas gutmachen -könnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn überlistet. -</p> - -<p> -Vielleicht war’s auch die Hoffnung, ich würde ihn -segnen, wenn ich mich nach seinem Tode durch seine -Huld plötzlich als Millionär sähe, und dadurch den Fluch -wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem -Mund hat mit anhören müssen. -</p> - -<p> -Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt. -</p> - -<p> -Rasend witzig, daß er heimlich also doch an eine -Wiedervergeltung im Jenseits geglaubt hat, während -er sich’s das ganze Leben lang mühselig ausreden -wollte. -</p> - -<p> -Aber so ist’s bei allen den ganz Gescheiten; man sieht -es schon an der wahnwitzigen Wut, in die sie geraten, -wenn man’s ihnen ins Gesicht sagt. Sie fühlen sich -ertappt. -</p> - -<p> -Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar -kam, ließ ich ihn nicht mehr aus dem Auge. -</p> - -<p> -Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern -seines Ladens, denn jede Minute konnte die Entscheidung -fallen. — -</p> - -<p> -Ich glaube, durch Mauern hindurch würde ich das -ersehnte schnalzende Geräusch gehört haben, wenn er -den Stöpsel aus der Giftflasche gezogen hätte. -</p> - -<p> -Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk -war vollbracht. -</p> - -<p> -Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. -Mit einer Feile. -</p> - -<p> -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -Lassen Sie sich das Nähere von Wenzel erzählen, mir -wird es zu bitter, alles das niederschreiben zu müssen. -</p> - -<p> -Nennen Sie es Aberglaube, — aber, wie ich sah, daß -Blut <em>vergossen</em> worden war — die Dinge im Laden -waren befleckt davon, — kam es mir vor, als sei mir -seine Seele entwischt. -</p> - -<p> -Etwas in mir, — ein feiner, untrüglicher Instinkt — -sagt mir, daß es nicht dasselbe ist, ob ein Mensch von -fremder Hand stirbt, oder von eigener: — daß Wassertrum -sein Blut mit sich in die Erde hätte nehmen müssen, -dann erst wäre meine Mission erfüllt gewesen. — Jetzt, -wo es anders gekommen ist, fühle ich mich als Ausgestoßener, -als ein Werkzeug, das nicht würdig befunden -wurde in der Hand des Todesengels. -</p> - -<p> -Aber ich will mich nicht auflehnen. <em>Mein Haß ist -von der Art, die übers Grab hinausgeht</em>, und -noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich vergießen -kann, wie ich will, damit es dem seinigen nachgehe im -Reich der Schatten auf Schritt und Tritt. — — — -</p> - -<p> -Jeden Tag, seit sie Wassertrum verscharrt haben, sitze -ich draußen bei ihm auf dem Friedhof und horche in -meine Brust hinein, was ich tun soll. -</p> - -<p> -Ich glaube, ich weiß es bereits, aber ich will noch -warten, bis das innere Wort, das zu mir spricht, klar -wird wie eine Quelle. — Wir Menschen sind unrein, -und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis wir -das Flüstern unserer Seele verstehen. — — — -</p> - -<p> -In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom -Gericht mitgeteilt, daß mich Wassertrum zum Universalerben -eingesetzt hat. -</p> - -<p> -<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> -Daß ich für mich keinen Kreuzer davon anrühre, -brauche ich Ihnen wohl nicht zu versichern, Herr Pernath. -— Ich werde mich hüten, ‚ihm‘ — für ‚drüben‘ -eine Handhabe zu geben. -</p> - -<p> -Die Häuser, die er besessen hat, lasse ich versteigern, -die Gegenstände, die er berührt hat, werden verbrannt, -und was an Geld und Geldeswert sich dann ergibt, -fällt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu. — -</p> - -<p> -Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren, -aber ich kann Sie beruhigen. Was Sie bekommen, -ist Ihr rechtmäßiges Eigentum mit Zinsen und -Zinseszinsen. Schon lange wußte ich, daß Wassertrum -vor Jahren Ihren Vater und seine Familie um alles -gebracht hat, — erst jetzt bin ich in der Lage, es aktenmäßig -nachweisen zu können. -</p> - -<p> -Ein zweites Drittel wird unter die zwölf Mitglieder -des „Bataillons“ verteilt, die den Dr. Hulbert noch persönlich -gekannt haben. Ich will, daß jeder von ihnen -reich wird und Zutritt bekommt zur Prager — „guten -Gesellschaft“. -</p> - -<p> -Das letzte Drittel gehört zu gleichen Teilen den nächsten -sieben Raubmördern des Landes, die mangels zureichender -Beweise freigesprochen werden müssen. -</p> - -<p> -Ich bin das dem öffentlichen Ärgernis schuldig. -</p> - -<p> -So. Das wäre wohl alles. -</p> - -<p> -Und jetzt, mein lieber, lieber Freund, leben Sie wohl -und gedenken Sie zuweilen -</p> - -<p class="sign"> -Ihres<br /> -aufrichtigen und dankbaren<br /> -Innocenz Charousek.“ -</p> - -<p> -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -Tief erschüttert legte ich den Brief aus der Hand. -</p> - -<p> -Ich konnte mich nicht freuen über die Nachricht von -meiner bevorstehenden Enthaftung. -</p> - -<p> -Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kümmerte -er sich um mein Schicksal. Bloß, weil ich ihm einst -100 fl. geschenkt hatte. Wenn ich ihm nur einmal noch -die Hand drücken könnte! -</p> - -<p> -Ich fühlte: ja, er hatte recht; der Tag würde nie -kommen. -</p> - -<p> -Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die -schwindsüchtigen Schultern, die hohe, noble Stirn. -</p> - -<p> -Vielleicht, daß alles ganz anders gekommen wäre, -wenn eine hilfreiche Hand rechtzeitig in dies verdorrte -Leben eingegriffen hätte. -</p> - -<p> -Noch einmal las ich den Brief durch. -</p> - -<p> -Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er -überhaupt irrsinnig war? -</p> - -<p> -Ich schämte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur -einen Augenblick geduldet zu haben. -</p> - -<p> -Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein -Mensch wie Hillel, wie Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch, -über den die eigene Seele Gewalt gewonnen hatte, — -den sie durch die wilden Schluchten und Klüfte des -Lebens emporführte in die Firnenwelt eines unbetretenen -Landes. -</p> - -<p> -Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen, -stand er nicht reiner da, als irgendeiner von denen, die -naserümpfend umhergehen und angelernte Gebote eines -unbekannten, mythischen Propheten zu befolgen vorgeben? -</p> - -<p> -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> -Er hielt das Gebot, das ihm ein übermächtiger Trieb -diktierte, ohne an eine „Belohnung“ hier oder jenseits -auch nur zu denken. -</p> - -<p> -Was er getan hatte, war es etwas anderes als frömmste -Pflichterfüllung in des Wortes verborgenster Bedeutung? -</p> - -<p> -„Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische -— eine Verbrechernatur“ — ich hörte förmlich, -wie das Urteil der Menge über ihn lauten mußte, -wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele -hineinleuchten käme, — dieser geifernden Menge, die -nie und nimmer begreifen wird, daß die giftige Herbstzeitlose -tausendfach schöner und edler ist als der nützliche -Schnittlauch. — — — -</p> - -<p> -Wieder ging das Türschloß draußen, und ich hörte, -daß man einen Menschen hereinschob. -</p> - -<p> -Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich -erfüllt von dem Eindruck des Briefes. -</p> - -<p> -Kein Wort über Angelina, nichts von Hillel stand -darin. -</p> - -<p> -Freilich: Charousek mußte in größter Eile geschrieben -haben, die Schrift verriet es mir. -</p> - -<p> -Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich überbracht -werden würde? -</p> - -<p> -Ich hoffte auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen -Rundgang der Gefangenen im Hof. — Da -war es noch am leichtesten, daß mir irgendeiner vom -„Bataillon“ etwas zusteckte. -</p> - -<p> -Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grübeleien: -</p> - -<p> -„Würden Sie gestatten, mein Herr, daß ich mich -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -Ihnen vorstelle? Mein Name ist Laponder. Amadeus -Laponder.“ -</p> - -<p> -Ich drehte mich um. -</p> - -<p> -Ein kleiner, schmächtiger, noch ziemlich junger Mann -in gewählter Kleidung, nur ohne Hut, wie alle Untersuchungsgefangenen, -verbeugte sich korrekt vor mir. -</p> - -<p> -Er war glattrasiert wie ein Schauspieler, und seine -großen, hellgrün glänzenden, mandelförmigen Augen -hatten das Eigentümliche an sich, daß, so geradeaus sie -auch auf mich gerichtet waren, sie mich doch nicht zu -sehen schienen. — Es lag so etwas wie — Geistesabwesenheit -darin. -</p> - -<p> -Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich -ebenfalls und wollte mich wieder umdrehen, konnte -aber lange den Blick von dem Menschen nicht wenden, -so fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften -Lächeln, das die aufwärts gezogenen Mundwinkel der -feingeschwungenen Lippen beständig seinem Gesicht -aufdrückten. -</p> - -<p> -Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus -Rosenquarz, mit seiner faltenlosen, durchsichtigen Haut, -der mädchenhaft schmalen Nase und den zarten Nüstern. -</p> - -<p> -„Amadeus Laponder, Amadeus Laponder“, wiederholte -ich vor mich hin. -</p> - -<p> -„Was er wohl begangen haben mag?“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-19"> -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -Mond -</h2> - -<p class="first"> -„Waren Sie schon beim Verhör,“ fragte ich nach -einer Weile. -</p> - -<p> -„Ich komme soeben von dort. — Hoffentlich werde -ich Sie hier nicht lange inkommodieren müssen,“ antwortete -Herr Laponder liebenswürdig. -</p> - -<p> -„Armer Teufel,“ dachte ich mir, „er ahnt nicht, was -einem Untersuchungsgefangenen bevorsteht.“ -</p> - -<p> -Ich wollte ihn langsam vorbereiten: -</p> - -<p> -„Man gewöhnt sich allmählich an das Stillsitzen, wenn -einmal die ersten, schlimmsten Tage vorüber sind.“ — — -</p> - -<p> -Er machte ein verbindliches Gesicht. -</p> - -<p> -Pause. -</p> - -<p> -„Hat das Verhör lange gedauert, Herr Laponder?“ -</p> - -<p> -Er lächelte zerstreut: -</p> - -<p> -„Nein. Ich wurde bloß gefragt, ob ich geständig sei, -und mußte das Protokoll unterschreiben.“ -</p> - -<p> -„Sie haben unterschrieben, daß Sie geständig sind?“ -fuhr es mir heraus. -</p> - -<p> -„Allerdings.“ -</p> - -<p> -Er sagte es, als ob es sich von selbst verstünde. -</p> - -<p> -Es kann nichts Schlimmes sein, legte ich mir zurecht, -weil er so gar keine Aufregung zeigt. Wahrscheinlich -eine Herausforderung zum Duell oder etwas -Ähnliches. -</p> - -<p> -„Ich bin leider schon so lange hier, daß es mir wie -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> -ein Menschenleben vorkommt;“ — ich seufzte unwillkürlich, -und er machte sofort eine teilnehmende Miene. -„Ich wünsche Ihnen, daß Sie das nicht mitzumachen -brauchen, Herr Laponder. Nach allem, was ich sehe, -werden Sie wohl bald wieder auf freiem Fuß sein.“ -</p> - -<p> -„Wie man’s nimmt,“ antwortete er ruhig, aber es -klang wie ein versteckter Doppelsinn. -</p> - -<p> -„Sie glauben nicht?“, fragte ich lächelnd. Er schüttelte -den Kopf. -</p> - -<p> -„Wie soll ich das verstehen? — Was haben Sie denn -gar so Schreckliches begangen? Verzeihen Sie, Herr -Laponder, es ist nicht Neugierde von mir, — lediglich -Teilnahme, daß ich frage.“ -</p> - -<p> -Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er, ohne mit -der Wimper zu zucken: -</p> - -<p> -„Lustmord.“ -</p> - -<p> -Mir war, als hätte er mich mit einem Stock über den -Kopf geschlagen. -</p> - -<p> -Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton -herausbringen. -</p> - -<p> -Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite, -aber nicht das leiseste Mienenspiel in seinem automatenhaft -lächelnden Gesicht verriet, daß er über mein plötzlich -verändertes Benehmen verletzt gewesen wäre. -</p> - -<p> -Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm -aneinander vorbei. — — — -</p> - -<p> -Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte, -folgte er sogleich meinem Beispiel, entkleidete sich, -hängte sorgsam seine Kleider an den Wandnagel, streckte -sich aus und schien, nach seinen ruhigen, tiefen Atemzügen -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -zu schließen, unmittelbar darauf fest eingeschlafen -zu sein. -</p> - -<p> -Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen. -</p> - -<p> -Das beständige Gefühl, ein solches Scheusal in meiner -nächsten Nähe zu haben und dieselbe Luft mit ihm atmen -zu müssen, war mir so gräßlich und aufregend, daß die -Eindrücke des Tages, Charouseks Brief und all das -erlebte Neue tief in den Hintergrund traten. -</p> - -<p> -Ich hatte mich so gelegt, daß ich den Mörder beständig -im Auge behielt, denn ich würde es nicht haben ertragen -können, ihn hinter mir zu wissen. -</p> - -<p> -Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt -durchdämmert und ich konnte sehen, daß Laponder -regungslos, fast starr, dalag. -</p> - -<p> -Seine Züge hatten etwas Leichenhaftes bekommen -und der halbgeöffnete Mund erhöhte diesen Eindruck. -</p> - -<p> -Viele Stunden hindurch änderte er nicht ein einziges -Mal seine Lage. -</p> - -<p> -Erst spät nach Mitternacht, als ein dünner Mondstrahl -auf sein Gesicht fiel, kam eine leise Unruhe über -ihn und er bewegte unhörbar die Lippen, wie jemand, -der im Schlaf spricht. Es schien immer dasselbe Wort -zu sein, — ein zweisilbiger Satz vielleicht, — so wie: -</p> - -<p> -„Laß mich. Laß mich. Laß mich.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Die nächsten paar Tage vergingen, ohne daß ich -Notiz von ihm genommen hätte, und auch er brach niemals -das Schweigen. -</p> - -<p> -Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswürdig. -So oft ich auf und ab gehen wollte, sah er es -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -mir sofort an und zog höflich, wenn er auf der Pritsche -saß, die Füße zurück, um mir nicht im Wege zu sein. -</p> - -<p> -Ich fing an, mir Vorwürfe wegen meiner Schroffheit -zu machen, konnte aber den Abscheu vor ihm beim -besten Willen nicht loswerden. -</p> - -<p> -So sehr ich gehofft hatte, mich an seine Nähe gewöhnen -zu können, — es ging nicht. -</p> - -<p> -Selbst in den Nächten hielt es mich wach. Kaum eine -Viertelstunde verbrachte ich im Schlaf. -</p> - -<p> -Abend für Abend wiederholte sich haargenau derselbe -Vorgang: Er wartete respektvoll, bis ich mich ausstreckte, -zog dann seine Kleider aus, legte sie pedantisch -in Falten, hängte sie auf, und so weiter und so weiter. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Eines Nachts — es mochte um die zweite Stunde -sein — stand ich schlaftrunken vor Müdigkeit wieder auf -dem Wandbrett, starrte in den Vollmond, dessen Strahlen -sich wie glitzerndes Öl auf dem kupfernen Gesicht -der Turmuhr spiegelten, und dachte voll Trauer an -Mirjam. -</p> - -<p> -<em>Da hörte ich plötzlich leise ihre Stimme -hinter mir.</em> -</p> - -<p> -Sofort war ich wach, überwach, — fuhr herum und -horchte. -</p> - -<p> -Eine Minute verging. -</p> - -<p> -Schon glaubte ich, ich hätte mich getäuscht, da kam es -wieder. Ich konnte die Worte nicht genau verstehen, -aber es klang wie: -</p> - -<p> -„Frag’ mich. Frag’ mich.“ -</p> - -<p> -<em>Es war bestimmt Mirjams Stimme.</em> -</p> - -<p> -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -Schlotternd vor Aufregung stieg ich, so leise ich konnte, -herab und trat an das Bett Laponders. -</p> - -<p> -Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich -konnte deutlich unterscheiden, daß er die Lider offen -hatte, doch nur das Weiße der Augäpfel war sichtbar. -</p> - -<p> -An der Starre der Wangenmuskeln sah ich, daß er -im Tiefschlaf lag. -</p> - -<p> -Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich. -</p> - -<p> -Und allmählich verstand ich die Worte, die hinter -seinen Zähnen hervordrangen: -</p> - -<p> -„Frag’ mich. Frag’ mich.“ -</p> - -<p> -Die Stimme war der Mirjams täuschend ähnlich. -</p> - -<p> -„Mirjam? Mirjam?“ rief ich unwillkürlich, dämpfte -aber sofort den Ton, um den Schläfer nicht zu erwecken. -</p> - -<p> -Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden -war, dann wiederholte ich leise: -</p> - -<p> -„Mirjam? Mirjam?“ -</p> - -<p> -Sein Mund formte ein kaum vernehmbares, aber doch -deutliches: -</p> - -<p> -„Ja.“ -</p> - -<p> -Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen. -</p> - -<p> -Nach einer Weile hörte ich <em>Mirjams Stimme</em> -flüstern — so unverkennbar ihre Stimme, daß mir -Kälteschauer über die Haut liefen. -</p> - -<p> -Ich trank die Worte so gierig, daß ich nur den Sinn -begriff. Sie sprach von Liebe zu mir und von dem unsagbaren -Glück, daß wir uns endlich gefunden hätten — -und uns nie wieder trennen würden — hastig — ohne -Pause, wie jemand, der fürchtet unterbrochen zu werden -und jede Sekunde ausnützen will. -</p> - -<p> -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> -Dann wurde die Stimme stockend — erlosch zeitweilig -ganz. -</p> - -<p> -„Mirjam?“ fragte ich, bebend vor Angst und mit -eingezogenem Atem, „Mirjam, bist du gestorben?“ -</p> - -<p> -Lange keine Antwort. -</p> - -<p> -Dann fast unverständlich: -</p> - -<p> -„Nein. — Ich lebe. — Ich schlafe.“ — — -</p> - -<p> -Nichts mehr. -</p> - -<p> -Ich lauschte und lauschte. -</p> - -<p> -Vergebens. -</p> - -<p> -Nichts mehr. -</p> - -<p> -Vor Ergriffenheit und Zittern mußte ich mich auf -die Kante der Pritsche stützen, um nicht vornüber auf -Laponder zu fallen. -</p> - -<p> -Die Täuschung war so vollständig gewesen, daß ich -Mirjam momentelang tatsächlich vor mir liegen zu sehen -glaubte und alle meine Kraft zusammennehmen mußte, -um nicht einen Kuß auf die Lippen des Mörders zu -drücken. -</p> - -<p> -„Henoch! Henoch!“ — hörte ich ihn plötzlich lallen, -dann immer klarer und artikulierter: „Henoch! Henoch!“ -</p> - -<p> -Sofort erkannte ich Hillel. -</p> - -<p> -„Bist du es, Hillel?“ -</p> - -<p> -Keine Antwort. -</p> - -<p> -Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, daß man Schlafenden, -um sie zum Reden zu bringen, die Fragen nicht -ins Ohr stellen dürfe, sondern gegen das Nervengeflecht -in der Magengrube richten müsse. -</p> - -<p> -Ich tat es: -</p> - -<p> -„Hillel?“ -</p> - -<p> -<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> -„Ja, ich höre dich!“ -</p> - -<p> -„Ist Mirjam gesund? Weißt du alles?“, fragte ich -schnell. -</p> - -<p> -„Ja. Ich weiß alles. Wußte es längst. — Sei ohne -Sorge, Henoch, und fürchte dich nicht!“ -</p> - -<p> -„Kannst du mir verzeihen, Hillel?“ -</p> - -<p> -„Ich sage dir doch: sei ohne Sorge.“ -</p> - -<p> -„Werden wir uns bald wiedersehen?“ — Ich fürchtete, -die Antwort nicht mehr verstehen zu können; schon der -letzte Satz war nur noch gehaucht worden. -</p> - -<p> -„Ich hoffe es. Ich will warten — auf dich — wenn -ich kann — dann muß ich — Land —“ -</p> - -<p> -„Wohin? In welches Land?“ — ich fiel beinahe auf -Laponder — „In welches Land? In welches Land?“ -</p> - -<p> -„— Land — Gad — südlich — Palästina —“ -</p> - -<p> -Die Stimme erstarb. -</p> - -<p> -Hundert Fragen schossen mir in der Verwirrung -durch den Kopf: Warum nennt er mich Henoch? -Zwakh, Jaromir, die Uhr, Vrieslander, Angelina, <em>Charousek</em>. -</p> - -<p> -„Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen,“ -kam es plötzlich wieder laut und deutlich von den Lippen -des Mörders. Diesmal in Charouseks Tonfall, aber ähnlich -so, als hätte ich es selbst gesagt. -</p> - -<p> -Ich erinnerte mich: es war wörtlich der Schlußsatz aus -Charouseks Brief. — -</p> - -<p> -Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das -Mondlicht fiel auf die Kopfenden des Strohsacks. In -einer Viertelstunde mußte es aus der Zelle verschwunden -sein. -</p> - -<p> -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort -mehr: -</p> - -<p> -Der Mörder lag unbeweglich da wie eine Leiche und -hatte die Lider geschlossen. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ich machte mir die heftigsten Vorwürfe, all die Tage -über in Laponder nur den Verbrecher und niemals den -Menschen gesehen zu haben. — -</p> - -<p> -Nach dem, was ich soeben erlebt, war er offenbar ein -Somnambuler — ein Geschöpf, das unter dem Einfluß -des Vollmonds stand. -</p> - -<p> -Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dämmerzustand -begangen. Bestimmt sogar. — -</p> - -<p> -Jetzt, wo der Morgen graute, war die Starrheit aus -seinen Zügen gewichen und hatte dem Ausdruck seligen -Friedens Platz gemacht. -</p> - -<p> -So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern, -der einen Mord auf dem Gewissen hat, sagte ich -mir. -</p> - -<p> -Ich konnte den Moment, wo er aufwachen würde, -kaum erwarten. -</p> - -<p> -Ob er wohl wüßte, was geschehen war? -</p> - -<p> -Endlich schlug er die Augen auf, begegnete meinem -Blick und sah zur Seite. -</p> - -<p> -Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand: „Verzeihen -Sie mir, Herr Laponder, daß ich bisher so unfreundlich -zu Ihnen gewesen bin. Es war das Ungewohnte, -das —“ -</p> - -<p> -„Seien Sie überzeugt, mein Herr, ich begreife vollkommen,“ -unterbrach er mich lebhaft, „daß es ein scheußliches -<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -Gefühl sein muß, mit einem Lustmörder beisammen -zu sein.“ -</p> - -<p> -„Reden Sie nicht mehr davon,“ bat ich. „Es ist mir -heute nacht so mancherlei durch den Kopf gegangen und -ich werde den Gedanken nicht los, Sie könnten vielleicht -— — — — —“ ich suchte nach Worten. -</p> - -<p> -„Sie halten mich für krank,“ half er mir heraus. -</p> - -<p> -Ich bejahte: „Ich glaube es aus gewissen Anzeichen -schließen zu dürfen. Ich — ich — darf ich Ihnen eine -direkte Frage stellen, Herr Laponder?“ -</p> - -<p> -„Ich bitte darum.“ -</p> - -<p> -„Es klingt etwas merkwürdig, — aber — würden -Sie mir sagen, was Sie heute geträumt haben?“ -</p> - -<p> -Er schüttelte lächelnd den Kopf: „Ich träume nie.“ -</p> - -<p> -„Aber Sie haben aus dem Schlaf gesprochen.“ -</p> - -<p> -Er blickte überrascht auf. Dachte eine Weile nach. -Dann sagte er bestimmt: -</p> - -<p> -„Das kann nur geschehen sein, wenn Sie mich etwas -gefragt haben.“ — Ich gab es zu. „Denn wie gesagt, -ich träume nie. Ich — ich wandere,“ setzte er nach einer -Pause halblaut hinzu. -</p> - -<p> -„Sie wandern? Wie soll ich das verstehen?“ -</p> - -<p> -Er schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen, -und ich hielt es für angezeigt, ihm die Gründe zu nennen, -die mich bewogen hatten, in ihn zu dringen, und erzählte -ihm in Umrissen, was nachts geschehen war. -</p> - -<p> -„Sie können sich fest darauf verlassen,“ sagte er ernst, -als ich zu Ende war, „daß alles auf Richtigkeit beruht, -was ich im Schlaf gesprochen habe. Wenn ich vorhin -bemerkte, daß ich nicht träume, sondern ‚wandere‘, so -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -meinte ich damit, daß mein Traumleben anders beschaffen -ist als das — sagen wir: <em>normaler</em> Menschen. -Nennen Sie es, wenn Sie wollen, ein Austreten aus -dem Körper. — — So war ich z. B. heute nacht in einem -höchst sonderbaren Zimmer, zu dem der Eingang von -unten herauf durch eine Falltür führte.“ -</p> - -<p> -„Wie sah es aus?“, fragte ich rasch. „War es unbewohnt? -Leer?“ -</p> - -<p> -„Nein; es standen Möbel darin; aber nicht viele. -Und ein Bett, in dem ein junges Mädchen schlief — -oder wie scheintot lag, — und ein Mann saß neben ihr -und hielt seine Hand über ihre Stirn.“ — Laponder -schilderte die Gesichter der beiden. Kein Zweifel, es -waren Hillel und Mirjam. -</p> - -<p> -Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen. -</p> - -<p> -„Bitte, erzählen Sie weiter. War sonst noch jemand -im Zimmer?“ -</p> - -<p> -„Sonst noch jemand? Warten Sie — — — nein: -sonst war niemand mehr im Zimmer. Ein siebenflammiger -Leuchter brannte auf dem Tisch. — Dann ging -ich eine Wendeltreppe hinunter.“ -</p> - -<p> -„Sie war zerbrochen?“ fiel ich ein. -</p> - -<p> -„Zerbrochen? Nein, nein; sie war ganz in Ordnung. -Und von ihr zweigte seitlich eine Kammer ab, darin -saß ein Mann mit silbernen Schnallen an den Schuhen -und von fremdartigem Typus, wie ich noch nie einen -Menschen gesehen habe: von gelber Gesichtsfarbe und -mit schrägstehenden Augen; — er war vornüber gebeugt -und schien auf etwas zu warten. Auf einen Auftrag -vielleicht.“ -</p> - -<p> -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> -„Ein Buch, — ein altes großes Buch haben Sie nirgends -gesehen?“, forschte ich. -</p> - -<p> -Er rieb sich die Stirn. -</p> - -<p> -„Ein Buch sagen Sie? — Ja. Sehr richtig: ein Buch -lag auf dem Boden. Es war aufgeschlagen, ganz aus -Pergament, und mit einem großen, goldenen ‚A‘ fing -die Seite an.“ -</p> - -<p> -„Mit einem ‚I‘ meinen Sie wohl?“ -</p> - -<p> -„Nein, mit einem ‚A‘.“ -</p> - -<p> -„Wissen Sie das bestimmt? War es nicht ein ‚I‘?“ -</p> - -<p> -„Nein, es war bestimmt ein ‚A‘.“ -</p> - -<p> -Ich schüttelte den Kopf und fing an zu zweifeln. -Offenbar hatte Laponder im Halbschlaf in meinem -Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr durcheinander -gebracht: Hillel, Mirjam, den Golem, das Buch Ibbur -und den unterirdischen Gang. -</p> - -<p> -„Haben Sie die Gabe zu ‚wandern‘, wie Sie es nennen, -schon lang?“, fragte ich. -</p> - -<p> -„Seit meinem 21. Jahr — — —“, er stockte, schien -nicht gern davon zu reden; da nahm seine Miene plötzlich -den Ausdruck grenzenlosen Erstaunens an, und er -starrte auf meine Brust, als ob er dort etwas sähe. -</p> - -<p> -Ohne auf meine Verwunderung zu achten, ergriff er -hastig meine Hand und bat — fast flehentlich: -</p> - -<p> -„Um Himmelswillen, sagen Sie mir <em>alles</em>. Es ist -heute der letzte Tag, den ich bei Ihnen verbringen darf. -Vielleicht schon in einer Stunde werde ich abgeholt, um -mein Todesurteil anzuhören — —.“ -</p> - -<p> -Ich unterbrach ihn entsetzt: -</p> - -<p> -„Dann müssen Sie mich mitnehmen als Zeugen! -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -Ich werde beschwören, daß Sie krank sind. — Sie sind -mondsüchtig. Es darf nicht sein, daß man Sie hinrichtet, -ohne Ihren Geisteszustand untersucht zu haben. -So nehmen Sie doch Vernunft an!“ -</p> - -<p> -Er wehrte nervös ab: „Das ist doch so nebensächlich, -— bitte, sagen Sie mir alles!“ -</p> - -<p> -„Aber was soll ich Ihnen denn sagen? — Reden wir -doch lieber von <em>Ihnen</em> und — —“ -</p> - -<p> -„Sie müssen, ich weiß das jetzt, gewisse, seltsame -Dinge erlebt haben, die mich nah angehen, — näher als -Sie ahnen können; — — ich bitte Sie, sagen Sie mir -alles!“, flehte er. -</p> - -<p> -Ich konnte es nicht fassen, daß ihn mein Leben mehr -interessierte als seine eigenen, doch wahrhaftig genügend -dringenden Angelegenheiten; um ihn aber zu beruhigen, -erzählte ich ihm alles, was mir an Unbegreiflichem geschehen -war. -</p> - -<p> -Bei jedem größeren Abschnitt nickte er zufrieden, wie -jemand, der eine Sache bis zum Grund durchschaut. -</p> - -<p> -Als ich zu der Stelle kam, wo die Erscheinung ohne -Kopf vor mir gestanden und mir die schwarzroten Körner -hingehalten hatte, konnte er es kaum erwarten, den -Schluß zu erfahren. -</p> - -<p> -„Also, aus der Hand geschlagen haben Sie sie ihm“, -murmelte er sinnend. „Ich hätte nie gedacht, daß es -einen <em>dritten</em> ‚Weg‘ geben könnte.“ -</p> - -<p> -„Es war das kein dritter Weg,“ sagte ich, „es war -dasselbe, wie wenn ich die Körner abgelehnt hätte.“ -</p> - -<p> -Er lächelte. -</p> - -<p> -„Glauben Sie nicht, Herr Laponder?“ -</p> - -<p> -<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> -„Wenn Sie sie abgelehnt hätten, wären Sie wohl -auch den ‚Weg des Lebens‘ gegangen, aber die Körner, -die magische Kräfte bedeuten, wären nicht zurückgeblieben. -— So sind sie auf den Boden gerollt, wie Sie -sagen. Das heißt: sie sind hier geblieben und werden -von Ihren Vorfahren so lange behütet, bis die Zeit des -Keimens da ist. Dann werden die Kräfte, die in Ihnen -jetzt noch schlummern, lebendig werden.“ -</p> - -<p> -Ich verstand nicht: „Von meinen Vorfahren werden -die Körner behütet?“ -</p> - -<p> -„Sie müssen es teilweise symbolisch auffassen, was -Sie erlebt haben“, erklärte Laponder. „Der Kreis der -bläulich strahlenden Menschen, der Sie umstand, war -die Kette der ererbten ‚Iche‘, die jeder von einer Mutter -Geborene mit sich herumschleppt. Die Seele ist nichts -‚Einzelnes‘, — sie soll es erst werden, und das nennt man -dann: ‚Unsterblichkeit‘; Ihre Seele ist noch zusammengesetzt -aus vielen ‚Ichen‘ — so, wie ein Ameisenstaat -aus vielen Ameisen; Sie tragen die seelischen Reste -vieler tausend Vorfahren in sich: — die Häupter Ihres -Geschlechtes. Bei allen Wesen ist es so. Wie könnte denn -ein Huhn, das aus einem Ei künstlich erbrütet wurde, -sich sogleich die richtige Nahrung suchen, wenn nicht -die Erfahrung von Jahrmillionen in ihm stäke? — -Das Vorhandensein des ‚Instinktes‘ verrät die Gegenwart -der Vorfahren im Leib und in der Seele. — -Aber, verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht unterbrechen.“ -</p> - -<p> -Ich erzählte zu Ende. Alles. Auch das, was Mirjam -über den „Hermaphroditen“ gesagt hatte. -</p> - -<p> -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -Als ich innehielt und aufblickte, bemerkte ich, daß -Laponder weiß geworden war wie der Kalk an der -Wand und Tränen über seine Wangen liefen. -</p> - -<p> -Rasch stand ich auf, tat, als sähe ich es nicht, und ging -in der Zelle auf und nieder, um abzuwarten, bis er sich -beruhigt haben würde. -</p> - -<p> -Dann setzte ich mich ihm gegenüber und bot meine -ganze Beredsamkeit auf, ihn zu überzeugen, wie dringend -nötig es wäre, den Richtern gegenüber auf seinen -krankhaften Geisteszustand hinzuweisen. -</p> - -<p> -„Wenn Sie wenigstens den Mord nicht eingestanden -hätten!“, schloß ich. -</p> - -<p> -„Aber ich mußte doch! Man hat mich auf mein Gewissen -gefragt“, sagte er naiv. -</p> - -<p> -„Halten Sie denn eine Lüge für schlimmer als — -als einen Lustmord?“, fragte ich verblüfft. -</p> - -<p> -„Im allgemeinen vielleicht nicht, in meinem Fall -gewiß. — Sehen Sie: als ich vom Untersuchungsrichter -gefragt wurde, ob ich gestünde, hatte ich die Kraft, die -Wahrheit zu sagen. Es stand also in meiner Wahl, zu -lügen oder nicht zu lügen. — Als ich den Lustmord beging -— — bitte, ersparen Sie mir die Details: es war -so gräßlich, daß ich die Erinnerung nicht wieder aufleben -lassen möchte — — als ich den Lustmord beging, da hatte -ich <em>keine</em> Wahl. Wenn ich auch bei vollkommen klarem -Bewußtsein handelte, so hatte ich <em>dennoch keine -Wahl</em>: Irgend etwas, dessen Vorhandensein in mir ich -nie geahnt hatte, wachte auf und war stärker als ich. -Glauben Sie, wenn ich die Wahl gehabt haben würde, -ich hätte gemordet? — Nie habe ich getötet — nicht einmal -<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> -das kleinste Tier, — und jetzt wäre ich es schon gar -nicht imstande. -</p> - -<p> -Nehmen Sie an, es wäre Menschengesetz: zu morden, -und auf der Unterlassung stünde der Tod — ähnlich -wie es im Krieg der Fall ist, — augenblicklich hätte ich -mir den Tod verdient. — Weil mir keine Wahl bliebe. -Ich könnte ganz einfach nicht morden. Damals, als ich -den Lustmord beging, lag die Sache umgekehrt.“ -</p> - -<p> -„Um so mehr, wo Sie sich jetzt quasi als ein anderer -fühlen, müssen Sie alles aufbieten, dem Richterspruch -zu entgehen!“, wandte ich ein. -</p> - -<p> -Laponder machte eine abwehrende Handbewegung: -„Sie irren! Die Richter haben von ihrem Standpunkt -aus ganz recht. Sollen sie einen Menschen wie mich -vielleicht frei umherlaufen lassen? Damit morgen oder -übermorgen wieder das Unheil losbricht?“ -</p> - -<p> -„Nein; aber in einer Heilanstalt für Geisteskranke -sollte man Sie internieren. Das ist es doch, was ich -sage!“ -</p> - -<p> -„Wenn ich irrsinnig wäre, hätten Sie recht“, erwiderte -Laponder gleichmütig. „Aber ich bin nicht irrsinnig. -Ich bin etwas ganz anderes, — etwas, was dem Irrsein -sehr ähnlich sieht, aber gerade das Gegenteil ist. -Bitte, hören Sie zu. Sie werden mich sogleich verstehen. -— — — Was Sie mir vorhin von dem Phantom -ohne Kopf — ein Symbol natürlich: dieses Phantom, -den Schlüssel können Sie leicht finden, wenn Sie darüber -nachdenken — erzählten, ist mir einst genau so -passiert. Nur habe ich die Körner <em>angenommen</em>. Ich -gehe also den ‚Weg des Todes‘! — Für mich ist das -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -Heiligste, das ich denken kann: meine Schritte vom Geistigen -in mir lenken zu lassen. Blind, vertrauensvoll, -wohin der Weg auch führen mag: ob zum Galgen oder -zum Thron, ob zur Armut oder zum Reichtum. Niemals -habe ich gezögert, wenn die Wahl in meine Hand gelegt -war. -</p> - -<p> -Darum habe ich auch nicht gelogen, als die Wahl in -meiner Hand lag. -</p> - -<p> -Kennen Sie die Worte des Propheten Micha: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist,</p> - <p class="verse">und was der Herr von dir fordert,“?</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Würde ich gelogen haben, hätte ich eine Ursache geschaffen, -weil ich die Wahl hatte; — — als ich den Mord -beging, schuf ich keine Ursache; nur die Wirkung einer -in mir schlummernden, längst gelegten <em>Ursache</em>, über -die ich keine Gewalt mehr besaß, wurde frei. -</p> - -<p> -Also sind meine Hände rein. -</p> - -<p> -Dadurch, daß das Geistige in mir mich zum Mörder -werden ließ, hat es eine Hinrichtung an mir vollzogen; -dadurch, daß mich die Menschen an den Galgen knüpfen, -wird mein Schicksal losgelöst von dem ihrigen: — ich -komme zur Freiheit.“ -</p> - -<p> -Er ist ein Heiliger, fühlte ich, und das Haar sträubte -sich mir vor Schauer über meine eigene Kleinheit. -</p> - -<p> -„Sie haben mir erzählt, daß Sie durch den hypnotischen -Eingriff eines Arztes in Ihr Bewußtsein lange die -Erinnerung an Ihre Jugendzeit vergessen hatten“, fuhr -er fort. „Es ist das das Kennzeichen, — das Stigma — -aller derer, die von der ‚Schlange des geistigen Reiches‘ -gebissen sind. Es scheint fast, als müßten in uns zwei -<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> -Leben aufeinandergepfropft werden, wie ein Edelreis -auf den wilden Baum, ehe das <em>Wunder der Erweckung</em> -geschehen kann; — was sonst durch den Tod -getrennt wird, geschieht hier durch Erlöschen der Erinnerung -— manchmal nur durch eine plötzliche innere -Umkehr. -</p> - -<p> -Bei mir war es so, daß ich scheinbar ohne äußere -Ursache in meinem 21. Jahr eines Morgens wie verändert -erwachte. Was mir bis dahin lieb gewesen, -erschien mir mit einem Mal gleichgültig: Das Leben kam -mir dumm vor wie eine Indianergeschichte und verlor -an Wirklichkeit; die Träume wurden zu Gewißheit — -zu apodiktischer, beweiskräftiger Gewißheit, verstehen -Sie wohl: <em>zu beweiskräftiger, realer</em> Gewißheit, -und das Leben des Tages wurde zum Traum. -</p> - -<p> -Alle Menschen könnten das, wenn sie den Schlüssel -hätten. Und der Schlüssel liegt einzig und allein darin, -daß man sich seiner ‚Ichgestalt‘, sozusagen seiner <em>Haut</em>, -im Schlaf bewußt wird, — die schmale Ritze findet, -durch die sich das Bewußtsein zwängt zwischen Wachsein -und Tiefschlaf. -</p> - -<p> -Darum sagte ich vorhin: ich ‚wandere‘ und nicht: ‚ich -träume‘. -</p> - -<p> -Das Ringen nach der Unsterblichkeit ist ein Kampf -um das Zepter gegen die uns innewohnenden Klänge -und Gespenster; und das Warten auf das Königwerden -des eigenen ‚Ichs‘ ist das Warten auf den Messias. -</p> - -<p> -Der schemenhafte Habal Garmin, den Sie gesehen -haben, der ‚Hauch der Knochen‘ der Kabbala, das war -der König. Wenn er gekrönt sein wird, — dann reißt -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -der Strick entzwei, mit dem Sie durch die äußern Sinne -und den Schornstein des Verstandes an die Welt gebunden -sind. -</p> - -<p> -Wieso es kommen konnte, daß ich trotz meinem Losgetrenntsein -vom Leben über Nacht zum Lustmörder -werden konnte, fragen Sie mich? Der Mensch ist wie -ein Glasrohr, durch das bunte Kugeln laufen: bei fast -allen im Leben nur eine. Ist die Kugel rot, heißt der -Mensch: ‚schlecht‘. Ist sie gelb, dann ist der Mensch: -‚gut‘. Laufen zwei hintereinander — eine rote und eine -gelbe, dann hat ‚man‘ einen ‚ungefestigten‘ Charakter. -Wir von der ‚Schlange Gebissenen‘, machen in einem -Leben durch, was sonst an der ganzen Rasse in einem -Weltenalter geschieht: die farbigen Kugeln rasen hintereinander -her durch das Glasrohr, und wenn sie zu Ende -sind — — dann sind wir Propheten, — sind die Spiegel -Gottes geworden.“ -</p> - -<p> -Laponder schwieg. -</p> - -<p> -Lange konnte ich kein Wort sprechen. Seine Rede -hatte mich fast betäubt. -</p> - -<p> -„Weshalb fragten Sie mich vorhin so ängstlich nach -<em>meinen</em> Erlebnissen, wo Sie doch so viel, viel höher -stehen als ich?“, fing ich endlich wieder an. -</p> - -<p> -„Sie irren,“ sagte Laponder, „ich stehe weit <em>unter</em> -Ihnen. — Ich fragte Sie, weil ich fühlte, daß Sie den -Schlüssel besitzen, der mir noch fehlte.“ -</p> - -<p> -„Ich? Einen Schlüssel? O Gott!“ -</p> - -<p> -„Jawohl <em>Sie</em>! Und Sie haben ihn mir gegeben. — -Ich glaube nicht, daß es einen glücklicheren Menschen auf -Erden gibt, als ich es heute bin.“ -</p> - -<p> -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -Draußen entstand ein Geräusch; die Riegel wurden -zurückgeschoben, — Laponder achtete kaum darauf: -</p> - -<p> -„Das mit dem Hermaphroditen war der Schlüssel. -Jetzt habe ich die Gewißheit. Schon deshalb bin ich -froh, daß man mich holen kommt, denn bald bin ich am -Ziel.“ -</p> - -<p> -Vor Tränen konnte ich Laponders Gesicht nicht mehr -unterscheiden, ich <em>hörte</em> nur das Lächeln in seiner -Stimme. -</p> - -<p> -„Und jetzt: leben Sie wohl, Herr Pernath, und -denken Sie: das, was man morgen aufhenkt, sind nur -meine Kleider; Sie haben mir das Schönste eröffnet, -— das Letzte, was ich noch nicht wußte. Jetzt geht’s -zur Hochzeit — — — —,“ er stand auf und folgte dem -Gefangenwärter — „es hängt mit dem Lustmord eng -zusammen“, waren die letzten Worte, die ich hörte und -nur dunkel begriff. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -So oft seit jener Nacht der Vollmond am Himmel -stand, glaubte ich immer wieder Laponders schlafendes -Gesicht auf der grauen Leinwand des Bettes liegen zu -sehen. -</p> - -<p> -In den nächsten Tagen, nachdem er weggeführt worden -war, hatte ich ein Hämmern und Zimmern aus dem -Hinrichtungshof heraufdröhnen hören, das manchmal bis -zum Morgengrauen dauerte. -</p> - -<p> -Ich erriet, was es bedeutete, und hielt mir stundenlang -die Ohren zu vor Verzweiflung. -</p> - -<p> -Monat um Monat verfloß. Ich sah, wie der Sommer -zerrann, am Krankwerden des kümmerlichen Laubs im -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> -Hof; roch es an dem pelzigen Hauch, der aus den Mauern -drang. -</p> - -<p> -Wenn mein Blick bei den Rundgängen auf den sterbenden -Baum fiel und das eingewachsene Glasbild der -Heiligen in seiner Rinde, zog ich unwillkürlich jedesmal -den Vergleich, wie tief sich auch Laponders Gesicht in -mich eingegraben hatte. Beständig trug ich es in mir -herum dieses Buddhagesicht mit der faltenlosen Haut -und dem seltsamen, immerwährenden Lächeln. -</p> - -<p> -Ein einziges Mal noch — im September — hatte mich -der Untersuchungsrichter holen lassen und mißtrauisch -gefragt, wie ich es begründen könne, daß ich bei dem -Bankschalter gesagt, ich müsse dringend verreisen, und -warum ich in den Stunden vor meiner Verhaftung so -unruhig gewesen wäre und meine sämtlichen Edelsteine -zu mir gesteckt hätte. -</p> - -<p> -Auf meine Antwort, ich sei mit der Absicht umgegangen, -mir das Leben zu nehmen, hatte es wieder hinter -dem Schreibtisch höhnisch gemeckert. — -</p> - -<p> -Bis dahin war ich allein in meiner Zelle gewesen und -konnte meinen Gedanken, meiner Trauer um Charousek, -der, wie ich fühlte, längst tot sein mußte, und Laponder -und meiner Sehnsucht um Mirjam nachhängen. -</p> - -<p> -Dann kamen wieder neue Gefangene: diebische -Kommis mit verlebten Gesichtern, dickwanstige Bankkassierer, -— „Waisenkinder“, wie der schwarze Vóssatka -sie genannt haben würde, — und verpesteten mir die -Luft und die Stimmung. -</p> - -<p> -Eines Tages gab einer von ihnen voll Entrüstung -zum besten, daß vor geraumer Zeit ein Lustmord in der -<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -Stadt geschehen sei. Zum Glück hätte man den Täter -sogleich erwischt und kurzen Prozeß mit ihm gemacht. -</p> - -<p> -„Laponder hat er geheißen, der Schuft, der gottserbärmliche“, -schrie ein Kerl mit einer Raubtierschnauze, -der wegen Kindsmißhandlung zu — 14 Tagen Gefängnis -verurteilt worden war, dazwischen. „Auf -frischer Tat habn’s’n g’faßt. Die Lampen is umg’fallen -bei dem Krawall und’s Zimmer is ausbrennt. Die -Leich’ von dem Madel is dabei so verkohlt, daß mer bis -zum heutigen Tage noch nöt hat rausbringen können, -wer sie eigentlich war. Schwarze Haar hat’s g’habt und -a schmal’s G’sicht, dös is alls, was mer weiß. Und der -Laponder hat net ums Verrecken rausg’ruckt mit ihrem -Namen. — Wann’s nach mir gangen wär, i hätt ihm -d’Haut ab’zogen und Pfeffer drauf g’streut. — Dös -san halt die feinen Herren! Mörder san’s, alle z’samm. -— — — — Als ob’s net anderne Mittel g’nua gebet, -wann aner a Madel los sein wüll“, setzte er mit zynischem -Lächeln hinzu. -</p> - -<p> -Die Wut kochte in mir und am liebsten hätte ich den -Halunken zu Boden geschlagen. -</p> - -<p> -Nacht für Nacht schnarchte er in dem Bett, auf dem -Laponder gelegen. Ich atmete auf, als er endlich freigelassen -wurde. -</p> - -<p> -Aber selbst da war ich ihn noch nicht los. Seine Rede -hatte sich wie ein Pfeil mit Widerhaken in mich eingebohrt. -</p> - -<p> -Fast beständig, hauptsächlich in der Dunkelheit, nagte -jetzt in mir der grausige Verdacht, Mirjam könne das -Opfer Laponders gewesen sein. -</p> - -<p> -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -Je mehr ich dagegen ankämpfte, desto tiefer verstrickte -ich mich in dem Gedanken, bis er beinahe zur -fixen Idee wurde. -</p> - -<p> -Manchmal, besonders wenn der Mond grell durchs -Gitter schien, wurde es besser: ich konnte mir die Stunden, -die ich mit Laponder verlebt, dann lebendig machen, -und das tiefe Gefühl für ihn verscheuchte mir die Qual, -— aber nur zu oft kamen die gräßlichen Minuten wieder, -wo ich Mirjam ermordet und verkohlt im Geiste vor -mir sah und glaubte, vor Angst den Verstand verlieren -zu müssen. -</p> - -<p> -Die schwachen Anhaltspunkte, die ich für meinen Verdacht -hatte, verdichteten sich in solchen Zeiten zu einem -geschlossenen Ganzen, — zu einem Gemälde voll unbeschreiblich -entsetzenerregender Einzelheiten. -</p> - -<p> -Anfangs November gegen 10 Uhr abends, es war -bereits stockfinster und die Verzweiflung in mir hatte -einen derartigen Höhepunkt erreicht, daß ich mich, um -nicht laut aufzuschreien, in meinen Strohsack verbiß wie -ein verdurstendes Tier, öffnete plötzlich der Gefangenwärter -die Zelle und forderte mich auf, mit ihm zum -Untersuchungsrichter zu kommen. Ich fühlte mich so -schwach, daß ich mehr taumelte als ging. -</p> - -<p> -Die Hoffnung, jemals dieses schreckliche Haus verlassen -zu dürfen, war längst in mir gestorben. -</p> - -<p> -Ich machte mich darauf gefaßt, wieder eine kalte Frage -gestellt zu bekommen, das stereotype Gemecker hinter -dem Schreibtisch zu hören und dann zurück in die Finsternis -zu müssen. -</p> - -<p> -Der Herr Baron Leisetreter war bereits nach Hause -<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -gegangen und nur ein alter, buckliger Schreiber mit -Spinnenfingern stand im Zimmer. -</p> - -<p> -Dumpf wartete ich, was mit mir geschehen würde. -</p> - -<p> -Es fiel mir auf, daß der Gefangenwärter mit hereingekommen -war und mir gutmütig zublinzelte, aber ich -war viel zu niedergeschlagen, als daß ich mir über die -Bedeutung alles dessen hätte klarwerden können. -</p> - -<p> -„Die Untersuchung hat ergeben“, fing der Schreiber -an, meckerte, stieg auf einen Sessel und kramte erst lange -auf dem Bücherbord nach Schriftstücken, ehe er fortfuhr: -„hat ergeben, daß der in Frage kommende Karl -Zottmann vor seinem Tode anläßlich einer heimlichen -Zusammenkunft mit der unverehelichten ehemaligen -Prostituierten Rosina Metzeles, die damaliger Zeit den -Spitznamen ‚die rote Rosina‘ führte, dann später von -einem taubstummen, nunmehr unter polizeilicher Aufsicht -stehenden Silhubettenschneider namens Jaromir -Kwáßnitschka aus dem Weinsalon ‚Kautsky‘ losgekauft -wurde und seit einigen Monaten mit Seiner Durchlaucht -dem Fürsten Ferri Athenstädt im gemeinsamen, -wilden Konkubinate als Majteresse lebt, von hinterlistiger -Hand in ein unterirdisches, aufgelassenes Kellergewölbe -des Hauses Nummer <span class="antiqua">conscriptionis</span> 21873, -gebrochen durch römisch III, der Hahnpaßgasse, laufende -Nummero sieben, gelockt, dortselbst eingeschlossen und -sich selbst, beziehungsweise dem Tode durch Verhungern -oder Erfrieren überlassen wurde. — — Der obenerwähnte -Zottmann nämlich“, erklärte der Schreiber -mit einem Blick über die Brille hinweg und blätterte -ein paarmal um. -</p> - -<p> -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> -„Die Untersuchung hat weiters ergeben, daß der obenerwähnte -Karl Zottmann allem Anscheine nach — nach -eingetretenem Ableben — seiner sämtlichen bei ihm -getragenen Habseligkeiten, insbesondere seiner sub faszikel -römisch P gebrochen durch ‚Bäh‘ beigeschlossenen -doppelmanteligen Taschenuhr“ — der Schreiber hob -die Uhr an der Kette in die Höhe — „beraubt wurde. -Der eidesstattlichen Aussage des Silhubettenschnitzers -Jaromir <a id="corr-30"></a>Kwáßnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 -Jahren verstorbenen Hostienbäckers gleichen Namens: -die Uhr im Bett seines inzwischen flüchtig gegangenen -Bruders Loisa gefunden und an den Altwarenhändler -und mehrfachen, inzwischen aus dem Leben geschiedenen -Realitätenbesitzer Aaron Wassertrum gegen Inempfangnahme -von Geldeswert veräußert zu haben, -konnte mangels Glaubwürdigkeit kein Gewicht beigelegt -werden. -</p> - -<p> -Die Untersuchung hat weiters ergeben, daß die Leiche -des erwähnten Karl Zottmann in der rückwärtigen -Hosentasche zur Zeit ihrer Auffindung ein Notizbuch -bei sich trug, in der sie vermutlich bereits einige Tage -vor erfolgtem Ableben mehrere den Tatbestand erhellende -und die Ergreifung des Täters durch die k. k. Behörden -erleichternde Eintragungen vorgenommen hatte. -</p> - -<p> -Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft -wurde demzufolge auf den nunmehr durch die -Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend <a id="corr-31"></a>verdächtig -gewordenen <em>Loisa</em> Kwáßnitschka, zurzeit flüchtig, gelenkt -und unter einem verfügt, die Untersuchungshaft -gegen Athanasius Pernath, Gemmenschneider, dermalen -<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> -noch unbescholten, aufzuheben, und das Verfahren gegen -ihn einzustellen. -</p> - -<p> -Prag im Juli -</p> - -<p class="sign"> -gezeichnet<br /> -Dr. Freiherr von Leisetreter.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Der Boden schwankte unter meinen Füßen, und ich -verlor eine Minute das Bewußtsein. -</p> - -<p> -Als ich erwachte, saß ich auf einem Stuhl, und -der Gefangenwärter klopfte mir freundlich auf die -Schulter. -</p> - -<p> -Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben, -schnupfte, schneuzte sich und sagte zu mir: -</p> - -<p> -„Die Verlesung der Verfügung hat sich bis heute -hinausgezogen, weil Ihr Name mit einem ‚Päh‘ beginnt -und naturgemäß im Alphabet erst gegen Schluß -vorkommen kann.“ — Dann las er weiter: -</p> - -<p> -„Überdies ist der Athanasius Pernath, Gemmenschneider, -in Kenntnis zu setzen, daß ihm laut testamentarischer -Verfügung des im Mai mit Tod abgegangenen -<span class="antiqua">stud. med.</span> Innocenz Charousek ein Drittel von dessen -gesamter Verlassenschaft ins Erbe zugefallen ist, und ist -er zur Unterfertigung des Protokolles hiermit anzuhalten.“ -</p> - -<p> -Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder -eingetunkt und fing an zu schmieren. -</p> - -<p> -Ich erwartete gewohnheitsmäßig, daß er meckern -würde, aber er meckerte nicht. -</p> - -<p> -„Innocenz Charousek“, murmelte ich ihm wie geistesabwesend -nach. -</p> - -<p> -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -Der Gefangenwärter beugte sich über mich und -flüsterte mir ins Ohr: -</p> - -<p> -„Kurz vor seinem Tode war er bei mir, der Herr -Dr. Charousek, und hat sich nach Ihnen erkundigt. Er -läßt Sie viel—vielmals grüßen, hat er g’sagt. Ich hab’s -natürlich damals nicht ausrichten dürfen. Es ist streng -verboten. Ein schreckliches Ende hat er übrigens genommen, -der Herr Dr. Charousek. Er hat sich selbst entleibt. -Man hat ihn tot auf dem Grabhügel des Aaron -Wassertrum, auf der Brust liegend, gefunden. — Er hat -zwei tiefe Löcher in die Erde gegraben gehabt, sich die -Pulsadern aufgeschnitten und dann die Arme in die -Löcher gesteckt. So ist er verblutet. Er ist wahrscheinlich -wahnsinnig gewesen, der Herr Dr. Char — — —“ -</p> - -<p> -Der Schreiber schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück -und reichte mir die Feder zum Unterschreiben. -</p> - -<p> -Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im -Tonfall seines freiherrlichen Vorgesetzten: -</p> - -<p> -„Gefangenwärter, führen Sie den Mann hinaus.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Wie vor langer, langer Zeit hatte wiederum der -Mann mit Säbel und Unterhosen im Torzimmer seine -Kaffeemühle vom Schoß genommen; nur daß er mich -diesmal nicht untersuchte und mir meine Edelsteine, das -Portemonnaie mit den zehn Gulden darin, meinen Mantel -und alles übrige zurückgab. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Dann stand ich auf der Straße. -</p> - -<p> -„Mirjam! Mirjam! Jetzt endlich naht das Wiedersehen!“ -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -— Ich unterdrückte einen Schrei wildesten -Entzückens. -</p> - -<p> -Es mußte Mitternacht sein. Der Vollmond schwebte -glanzlos wie ein fahler Messingteller hinter Dunstschleiern. -</p> - -<p> -Das Pflaster war mit einer zähen Schicht von Schmutz -bedeckt. -</p> - -<p> -Ich wankte auf eine Droschke zu, die im Nebel aussah -wie ein zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer. -Meine Beine versagten fast den Dienst; ich hatte -das Gehen verlernt und taumelte — auf empfindungslosen -Sohlen wie ein Rückenmarkskranker. — — -</p> - -<p> -„Kutscher, fahren Sie mich, so rasch Sie können, in -die Hahnpaßgasse 7! — Haben Sie mich verstanden?: -— Hahnpaßgasse 7.“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-20"> -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -Frei -</h2> - -<p class="first"> -Nach wenigen Metern Fahrt blieb die Droschke stehn. -</p> - -<p> -„Hahnpaßgassä, gnä’ Herr?“ -</p> - -<p> -„Ja, ja, nur rasch.“ -</p> - -<p> -Wieder fuhr der Wagen ein Stück weiter. Wieder -blieb er stehen. -</p> - -<p> -„Um Himmels willen, was gibt’s denn?“ -</p> - -<p> -„Hahnpaßgassä, gnä’ Herr?“ -</p> - -<p> -„Ja, ja. Ja doch.“ -</p> - -<p> -„In die Hahnpaßgassä kann me doch nicht fahrrähn!“ -</p> - -<p> -„Warum denn nicht?“ -</p> - -<p> -„Ise sich doch ieberall Pflaste aufgrissen, Judenstadt -wirde sich doch assaniert.“ -</p> - -<p> -„Also fahren Sie eben, soweit Sie können, aber jetzt -rasch gefälligst.“ -</p> - -<p> -Die Droschke machte einen einzigen Galoppsprung -und stolperte dann gemächlich weiter. -</p> - -<p> -Ich ließ die klapprigen Fenster herunter und sog mit -gierigen Lungen die Nachtluft ein. -</p> - -<p> -Alles war mir so fremd geworden, so unbegreiflich -neu: die Häuser, die Straßen, die geschlossenen -Läden. -</p> - -<p> -Ein weißer Hund trabte einsam und mißgelaunt auf -dem nassen Trottoir vorüber. Ich sah ihm nach. — Wie -sonderbar!! Ein Hund! Ich hatte ganz vergessen, daß -es solche Tiere gab. — Vor Freude kindisch rief ich ihm -<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -nach: „Aber, aber! Wie kann man nur so verdrossen -sein.“ — — — -</p> - -<p> -Was Hillel wohl sagen würde!? — Und Mirjam? -</p> - -<p> -Nur noch wenige Minuten und ich war bei ihnen. -Nicht eher wollte ich aufhören, an ihre Türe zu klopfen, -bis ich sie aus den Federn getrieben. -</p> - -<p> -Jetzt war ja alles gut — all der Jammer dieses Jahres -vorüber! — -</p> - -<p> -Würde das ein Weihnachten werden! -</p> - -<p> -Diesmal durfte ich es nicht verschlafen, wie das -letztemal. -</p> - -<p> -Einen Augenblick lähmte mich wieder das alte Entsetzen: -die Worte des Sträflings mit der Raubtierschnauze -fielen mir ein. Das verbrannte Gesicht — der Lustmord -— aber nein, nein! — Ich schüttelte es gewaltsam -ab: nein, nein, es konnte, es konnte nicht sein. -— Mirjam lebte! Ich hatte doch ihre Stimme aus Laponders -Mund gehört. -</p> - -<p> -Nur noch eine Minute — eine halbe — — und -dann — -</p> - -<p> -Die Droschke hielt vor einem Trümmerhaufen. Barrikaden -aus Pflastersteinen überall! -</p> - -<p> -Rote Laternen brannten darauf. -</p> - -<p> -Beim Schein von Fackeln grub und schaufelte ein -Heer von Arbeitern. -</p> - -<p> -Halden von Schutt und Mauerbrocken versperrten den -Weg. Ich kletterte umher, versank bis ans Knie. -</p> - -<p> -Das hier, das mußte doch die Hahnpaßgasse sein?! -</p> - -<p> -Mühsam orientierte ich mich. Nichts als Ruinen -ringsum. -</p> - -<p> -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -Stand denn da nicht das Haus, in dem ich gewohnt -hatte? -</p> - -<p> -Die Vorderseite war eingerissen. -</p> - -<p> -Ich kletterte auf einen Erdhügel; tief unter mir lief -ein schwarzer, gemauerter Gang die ehemalige Gasse -entlang. Ich schaute empor: wie riesige Bienenzellen -hingen die bloßgelegten Wohnräume in der Luft, halb -vom Fackelschein, halb von dem trüben Mondlicht beschienen. -</p> - -<p> -Das dort oben, das mußte mein Zimmer sein — ich -erkannte es an der Bemalung der Wände. -</p> - -<p> -Nur noch ein Streifen davon war übrig. -</p> - -<p> -Und daranstoßend das Atelier — Saviolis. Mir -wurde plötzlich ganz leer im Herzen. Wie seltsam! Das -Atelier! — Angelina! — — So weit, so unabsehbar -fern lag das alles hinter mir! -</p> - -<p> -Ich drehte mich um: von dem Haus, in dem Wassertrum -gewohnt, kein Stein mehr auf dem andern. Alles -dem Erdboden gleichgemacht: der Trödlerladen, die -Kellerwohnung Charouseks — — — alles, alles. -</p> - -<p> -„Der Mensch geht dahin wie ein Schatten“ — fiel -mir ein Satz ein, den ich einmal irgendwo gelesen. -</p> - -<p> -Ich fragte einen Arbeiter, ob er nicht wisse, wo die -Leute jetzt wohnten, die hier ausgezogen seien; ob er -vielleicht den Archivar Schemajah Hillel kenne. -</p> - -<p> -„Nix daitsch“, war die Antwort. -</p> - -<p> -Ich schenkte dem Mann einen Gulden: er verstand -zwar sofort deutsch, konnte mir aber keine Antwort -geben. -</p> - -<p> -Auch von seinen Kameraden niemand. -</p> - -<p> -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> -Vielleicht, daß beim „Loisitschek“ etwas zu erfahren -wäre? -</p> - -<p> -Der „Loisitschek“ sei gesperrt, hieß es, das Haus würde -renoviert. -</p> - -<p> -Also irgend jemand in der Nachbarschaft wecken! — -Ging das nicht? -</p> - -<p> -„Weit a breit wohnt sich keine Katz,“ sagte der Arbeiter, -„weil ise behärdlich verbotten. Von wägen -Typhus.“ -</p> - -<p> -„Der ‚Ungelt‘? Der wird doch offen haben?“ -</p> - -<p> -„Ungelt ise sich geschlossen.“ -</p> - -<p> -„Bestimmt?“ -</p> - -<p> -„Bestimmt!“ -</p> - -<p> -Aufs Geratewohl nannte ich ein paar Namen von -Höcklern und Tabaktrafikantinnen, die in der Nähe gewohnt -hatten; dann die Namen Zwakh, Vrieslander, -Prokop — — -</p> - -<p> -Bei allen schüttelte der Mann den Kopf. -</p> - -<p> -„Vielleicht kennen Sie den Jaromir Kwáßnitschka?“ -</p> - -<p> -Der Arbeiter horchte auf. -</p> - -<p> -„Jaromir? Ise sich taubstumm?“ -</p> - -<p> -Ich jubelte. Gott sei Dank. Wenigstens ein Bekannter. -</p> - -<p> -„Ja, er ist taubstumm. Wo wohnt er?“ -</p> - -<p> -„Schneit e’ sich Bildeln aus? Aus schwarzem Pappjir?“ -</p> - -<p> -„Ja. Er ist es schon. Wo kann ich ihn wohl treffen?“ -</p> - -<p> -So umständlich wie möglich bezeichnete mir der Mann -ein Nachtcaféhaus in der inneren Stadt und fing sofort -wieder an zu schaufeln. -</p> - -<p> -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -Über eine Stunde lang watete ich durch Schuttfelder, -balancierte über schwankende Bretter und kroch unter -Querbalken durch, die die Straßen versperrten. Das -ganze Judenviertel war eine einzige Steinwüste, als -hätte ein Erdbeben die Stadt zerstört. -</p> - -<p> -Atemlos vor Aufregung, schmutzbedeckt und mit zerrissenen -Schuhen fand ich mich endlich aus dem Labyrinth -heraus. -</p> - -<p> -Ein paar Häuserreihen, und ich stand vor der gesuchten -Spelunke. -</p> - -<p> -„Café Chaos“ stand darüber geschrieben. -</p> - -<p> -Ein menschenleeres, winziges Lokal, das kaum genügend -Platz ließ für die paar Tische, die an die Wände -gerückt waren. -</p> - -<p> -In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief -ein Kellner und schnarchte. -</p> - -<p> -Ein Marktweib, mit einem Gemüsekorb vor sich, saß -in der Ecke und nickte über einem Glas Caj. -</p> - -<p> -Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu -fragen, was ich wünschte. Bei dem frechen Blick, mit -dem er mich von Kopf bis zu Fuß musterte, kam mir erst -zum Bewußtsein, wie abgerissen ich aussehen mußte. -</p> - -<p> -Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte -mich: ein fremdes, blutleeres Gesicht, faltig, grau wie -Kitt, mit struppigem Bart und wirrem, langem Haar -starrte mir entgegen. -</p> - -<p> -Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen -sei, fragte ich und bestellte schwarzen Kaffee. -</p> - -<p> -„Woaß net, wo er so lang bleibt“, war die gegähnte -Antwort. -</p> - -<p> -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard -und schlief weiter. -</p> - -<p> -Ich nahm das „Prager Tagblatt“ von der Wand und -— wartete. -</p> - -<p> -Die Buchstaben liefen wie Ameisen über die Seiten -und ich begriff nicht ein einziges Wort von dem, was -ich las. -</p> - -<p> -Die Stunden vergingen und hinter den Scheiben -zeigte sich bereits das verdächtige tiefe Dunkelblau, das -den Einbruch der Morgendämmerung für ein Lokal mit -Gasbeleuchtung anzeigt. -</p> - -<p> -Hie und da spähten ein paar Schutzleute mit grünlich -schillernden Federbüschen herein und gingen in langsamem, -schwerem Schritt wieder weiter. -</p> - -<p> -Drei übernächtig aussehende Soldaten traten ein. -</p> - -<p> -Ein Straßenkehrer nahm einen Schnaps. -</p> - -<p> -Endlich, endlich: Jaromir. -</p> - -<p> -Er hatte sich so verändert, daß ich ihn anfangs gar nicht -wiedererkannte: die Augen erloschen, die Vorderzähne -ausgefallen, das Haar schütter und tiefe Höhlen hinter -den Ohren. -</p> - -<p> -Ich war so froh, nach so langer Zeit wieder ein bekanntes -Gesicht zu sehen, daß ich aufsprang, ihm entgegenging -und seine Hand faßte. -</p> - -<p> -Er benahm sich außerordentlich scheu und blickte -immerwährend nach der Türe. Durch alle möglichen -Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen, daß ich mich -freute, ihn getroffen zu haben. — Er schien es mir lange -nicht zu glauben. -</p> - -<p> -Aber, was für Fragen ich auch stellte, stets die -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -gleiche hilflose Handbewegung des Nichtverstehens bei -ihm. -</p> - -<p> -Wie konnte ich mich nur verständlich machen?! -</p> - -<p> -Halt! Eine Idee! -</p> - -<p> -Ich ließ mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander -die Gesichter von Zwakh, Vrieslander und -Prokop auf. -</p> - -<p> -„Was? Alle nicht mehr in Prag?“ -</p> - -<p> -Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum, machte die -Gebärde des Geldzählens, marschierte mit den Fingern -über den Tisch, schlug sich auf den Handrücken. -Ich erriet: alle drei hatten wahrscheinlich von Charousek -Geld bekommen und zogen jetzt als kaufmännische Kompagnie -mit dem vergrößerten Marionettentheater durch -die Welt. -</p> - -<p> -„Und Hillel? Wo wohnt er jetzt?“ — Ich zeichnete -sein Gesicht, ein Haus dazu und ein Fragezeichen. -</p> - -<p> -Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht; — er -konnte nicht lesen, aber er begriff, was ich wollte, — -nahm ein Streichholz, warf es scheinbar in die Höhe -und ließ es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden. -</p> - -<p> -Was bedeutete das? Hillel sollte auch verreist sein? -</p> - -<p> -Ich zeichnete das jüdische Rathaus auf. -</p> - -<p> -Der Taubstumme schüttelte heftig den Kopf. -</p> - -<p> -„Hillel ist also nicht mehr dort?“ -</p> - -<p> -„Nein!“ (Kopfschütteln.) -</p> - -<p> -„Wo ist er denn?“ -</p> - -<p> -Wieder das Spiel mit dem Streichholz. -</p> - -<p> -„Er meint halt, daß der Herr weg ist, und niem’d -weiß nicht, wohin“, mischte sich der Straßenkehrer, der -<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -uns die ganze Zeit über interessiert zugesehen hatte, -belehrend ein. -</p> - -<p> -Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen: -Hillel fort! — Jetzt war ich ganz allein auf der Welt. -— — Die Gegenstände im Zimmer fingen an vor meinen -Augen zu flimmern. -</p> - -<p> -„Und Mirjam?“ -</p> - -<p> -Meine Hand zitterte so stark, daß ich ihr Gesicht lange -nicht ähnlich zeichnen konnte. -</p> - -<p> -„Ist Mirjam auch verschwunden?“ -</p> - -<p> -„Ja. Auch verschwunden. Spurlos.“ -</p> - -<p> -Ich stöhnte laut auf, lief im Zimmer hin und her, -daß die drei Soldaten einander fragend anblickten. -</p> - -<p> -Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemühte sich, -mir noch etwas anderes mitzuteilen, was er erfahren -zu haben schien: er legte den Kopf auf den Arm, wie -jemand, der schläft. -</p> - -<p> -Ich hielt mich an der Tischplatte: „Um Gottes Christi -willen, Mirjam ist gestorben?“ -</p> - -<p> -Kopfschütteln. Jaromir wiederholte die Gebärde des -Schlafens. -</p> - -<p> -„War Mirjam krank gewesen?“ Ich zeichnete eine -Medizinflasche. -</p> - -<p> -Kopfschütteln. Wieder legte Jaromir die Stirn auf -den Arm. — — — -</p> - -<p> -Das Zwielicht kam, eine Gasflamme nach der andern -erlosch und noch immer konnte ich nicht herausbringen, -was die Geste bedeuten sollte. -</p> - -<p> -Ich gab es auf. Dachte nach. -</p> - -<p> -Das einzige, was mir zu tun blieb, war, in aller Frühe -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -auf das jüdische Rathaus zu gehen, um dort Erkundigungen -einzuziehen, wohin Hillel mit Mirjam gereist -sein könne. -</p> - -<p> -<em>Ich mußte ihm nach.</em> — — — -</p> - -<p> -Wortlos saß ich neben Jaromir. Stumm und taub -wie er. -</p> - -<p> -Als ich nach einer langen Zeit aufblickte, sah ich, daß -er mit einer Schere an einer Silhouette herumschnitt. -</p> - -<p> -Ich erkannte das Profil Rosinas. Er reichte mir das -Blatt über den Tisch herüber, legte die Hand auf die -Augen und — — weinte still vor sich hin. — — -</p> - -<p> -Dann sprang er plötzlich auf und taumelte ohne Gruß -zur Tür hinaus. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne -Grund ausgeblieben und nicht mehr wiedergekommen; -seine Tochter habe er jedenfalls mitgenommen, denn -auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit jener -Zeit, hatte man mir auf dem jüdischen Rathaus gesagt. -Das war alles, was ich erfahren konnte. -</p> - -<p> -Keine Spur, wohin sie sich gewandt haben mochten. -</p> - -<p> -Auf der Bank hieß es, mein Geld sei gerichtlich immer -noch mit Beschlag belegt, man erwarte aber täglich den -Bescheid, es mir auszahlen zu dürfen. -</p> - -<p> -Also auch die Erbschaft Charouseks mußte noch den -Amtsweg gehen, und ich wartete doch mit brennender -Ungeduld auf das Geld, um dann alles aufzubieten, -Hillels und Mirjams Spur zu suchen. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -Ich hatte meine Edelsteine verkauft, die ich noch in -der Tasche gehabt, und mir zwei kleine, möblierte, aneinanderstoßende -Dachkammern in der Altschulgasse — -die einzige Gasse, die von der Assanierung der Judenstadt -verschont geblieben, — gemietet. -</p> - -<p> -Sonderbarer Zufall: es war dasselbe wohlbekannte -Haus, von dem die Sage ging, der Golem sei einst -darin verschwunden. -</p> - -<p> -Ich hatte mich bei den Bewohnern — zumeist kleine -Kaufleute oder Handwerker — erkundigt, was denn -Wahres an dem Gerücht von dem „Zimmer ohne Zugang“ -sei und war ausgelacht worden. — Wie man -einen derartigen Unsinn denn glauben könne! -</p> - -<p> -Meine eigenen Erlebnisse, die sich darauf bezogen, -hatten im Gefängnis die Blässe eines längst verwehten -Traumbildes angenommen und ich sah in ihnen nur -noch Symbole ohne Blut und Leben, — strich sie aus -dem Buch meiner Erinnerungen. -</p> - -<p> -Die Worte Laponders, die ich zuweilen so klar in mir -hörte, als säße er mir gegenüber wie damals in der -Zelle und spräche zu mir, bestärkten mich darin, daß ich -rein innerlich geschaut haben müsse, was mir ehedem -greifbare Wirklichkeit geschienen. -</p> - -<p> -War denn nicht alles vergangen und verschwunden, -was ich einst besessen hatte? Das Buch Ibbur, das -phantastische Tarokspiel, Angelina und sogar meine -alten Freunde Zwakh, Vrieslander und Prokop! -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Es war Weihnachtsabend, und ich hatte mir einen -kleinen Baum mit roten Kerzen nach Hause gebracht. -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -Ich wollte noch einmal jung sein und Lichterglanz um -mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem -Wachs. -</p> - -<p> -Ehe das Jahr zu Ende ging, war ich vielleicht schon -unterwegs und suchte in Städten und Dörfern, oder -wohin es mich innerlich ziehen würde, nach Hillel und -Mirjam. -</p> - -<p> -Alle Ungeduld, alles Warten war allmählich von mir -gewichen und alle Furcht, Mirjam könne ermordet -worden sein, und mit dem Herzen wußte ich, ich würde -sie beide finden. -</p> - -<p> -Es war ein beständiges glückliches Lächeln in mir, -und wenn ich meine Hand auf etwas legte, kam mir’s -vor, als ginge ein Heilen von ihr aus. Die Zufriedenheit -eines Menschen, der nach langer Wanderung heimkehrt -und die Türme seiner Vaterstadt von weitem -blinken sieht, erfüllte mich auf ganz sonderbare Weise. -</p> - -<p> -Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen, -um Jaromir zum Weihnachtsabend zu mir zu -holen. — Er habe sich nie mehr blicken lassen, erfuhr ich, -und schon wollte ich betrübt wieder gehen, da kam ein -alter Tabulettkrämer herein und bot kleine, wertlose -Antiquitäten zum Kauf an. -</p> - -<p> -Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhängseln, -kleinen Kruzifixen, Kammnadeln und Broschen -herum, da fiel mir ein Herz aus rotem Stein an einem -verschossenen Seidenbande in die Hand und ich erkannte -es voll Erstaunen als das Andenken, das mir Angelina, -als sie noch ein kleines Mädchen gewesen, einst beim -Springbrunnen in ihrem Schloß geschenkt hatte. -</p> - -<p> -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor -mir, als sähe ich in einen Guckkasten tief hinein in ein -kindlich gemaltes Bild. — -</p> - -<p> -Lange, lange stand ich erschüttert da und starrte auf -das kleine, rote Herz in meiner Hand. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ich saß in der Dachkammer und lauschte dem Knistern -der Tannennadeln, wenn hie und da ein kleiner Zweig -über den Wachskerzen zu glimmen begann. -</p> - -<p> -„Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der -alte Zwakh irgendwo in der Welt seinen ‚Marionettenweihnachtsabend‘“, -malte ich mir aus, — „und deklamiert -mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines -Lieblingsdichters Oskar Wiener“: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Wo ist das Herz aus rotem Stein!</p> - <p class="verse">Es hängt an einem Seidenbande.</p> - <p class="verse">O du, o gib das Herz nicht her;</p> - <p class="verse">Ich war ihm treu und hatt’ es lieb,</p> - <p class="verse">Und diente sieben Jahre schwer</p> - <p class="verse">Um dieses Herz, und hatt’ es lieb!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Eigentümlich feierlich wurde mir plötzlich zumute. -</p> - -<p> -Die Kerzen waren heruntergebrannt. Nur eine einzige -flackerte noch. Rauch ballte sich im Zimmer. -</p> - -<p> -Als ob mich eine Hand zöge, wandte ich mich plötzlich -um und: -</p> - -<p> -<em>Da stand mein Ebenbild auf der Schwelle. -Mein Doppelgänger. In einem weißen Mantel. -Eine Krone auf dem Kopf.</em> -</p> - -<p> -Nur einen Augenblick. -</p> - -<p> -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -Dann brachen Flammen durch das Holz der Tür -und eine Wolke erstickenden heißen Qualms schlug -herein: -</p> - -<p> -Feuersbrunst im Haus! Feuer! Feuer! -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Ich reiße das Fenster auf. Klettere auf das Dach -hinaus. -</p> - -<p> -Von weitem rast schon das gellende Klingeln der -Feuerwehr heran. -</p> - -<p> -Blitzende Helme und abgehackte Kommandorufe. -</p> - -<p> -Dann das gespenstische, rhythmische, schlapfende Atmen -der Pumpen, wie die Dämonen des Wassers sich -ducken zum Sprung auf ihren Todfeind: das Feuer. -</p> - -<p> -Glas klirrt und rote Lohe schießt aus allen Fenstern. -</p> - -<p> -Matratzen werden hinuntergeworfen, die ganze Straße -liegt voll davon, Menschen springen nach, werden verwundet -weggetragen. -</p> - -<p> -In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder -Ekstase; ich weiß nicht warum. Das Haar sträubt sich -mir. -</p> - -<p> -Ich laufe auf den Schornstein zu, um nicht versengt -zu werden, denn die Flammen greifen nach mir. -</p> - -<p> -<em>Das Seil eines Rauchfangkehrers ist herumgewickelt.</em> -</p> - -<p> -Ich rolle es auf, schlinge es um Handgelenk und -Bein, wie ich es als Knabe beim Turnen gelernt habe, -und lasse mich ruhig an der Fassade des Hauses hinab. — -</p> - -<p> -Komme an einem Fenster vorbei. Blicke hinein: -</p> - -<p> -Drin ist alles blendend erleuchtet. -</p> - -<p> -<em>Und da sehe ich</em> — — — <em>da sehe ich</em> — — — -<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> -mein ganzer Körper wird ein einziger hallender Freudenschrei: -</p> - -<p> -„<em>Hillel! Mirjam! Hillel!</em>“ -</p> - -<p> -Ich will auf die Gitterstäbe losspringen. -</p> - -<p> -Greife daneben. Verliere den Halt am Seil. -</p> - -<p> -Einen Augenblick hänge ich, <em>Kopf abwärts, die -Beine gekreuzt zwischen Himmel und Erde</em>. -</p> - -<p> -Das Seil singt bei dem Ruck. Knirschend dehnen -sich die Fasern. -</p> - -<p> -Ich falle. -</p> - -<p> -Mein Bewußtsein erlischt. -</p> - -<p> -Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims, aber -ich gleite ab. Kein Halt: -</p> - -<p> -der Stein ist glatt. -</p> - -<p class="center"> -<em>Glatt wie ein Stück<br /> -Fett.</em> -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-21"> -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -Schluß -</h2> - -<p class="first"> -„— — — <em>wie ein Stück Fett!</em>“ -</p> - -<p> -<em>Das ist der Stein, der aussieht wie ein -Stück Fett.</em> -</p> - -<p> -Die Worte gellen mir noch in den Ohren. Dann -richte ich mich auf und muß mich besinnen, wo ich -bin. -</p> - -<p> -Ich liege im Bett und wohne im Hotel. -</p> - -<p> -Ich heiße doch gar nicht Pernath. -</p> - -<p> -Habe ich das alles nur geträumt? -</p> - -<p> -Nein! So träumt man nicht. -</p> - -<p> -Ich schaue auf die Uhr: kaum eine Stunde habe -ich geschlafen. Es ist halb drei. -</p> - -<p> -Und dort hängt der fremde Hut, den ich heute im -Dom auf dem Hradschin verwechselt habe, als ich beim -Hochamt auf der Betbank saß. -</p> - -<p> -Steht ein Name darin? -</p> - -<p> -Ich nehme ihn und lese in goldenen Buchstaben auf -dem weißen Seidenfutter den fremden und doch so -bekannten Namen: -</p> - -<p class="center"> -ATHANASIUS PERNATH -</p> - -<p class="noindent"> -Jetzt läßt es mir keine Ruhe mehr; ich ziehe mich -hastig an und laufe die Treppe hinunter. -</p> - -<p> -„Portier! Aufmachen! Ich gehe noch eine Stunde -spazieren.“ -</p> - -<p> -„Wohin, bitt schän?“ -</p> - -<p> -<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -„In die Judenstadt. In die Hahnpaßgasse. Gibt’s -überhaupt eine Straße, die so heißt?“ -</p> - -<p> -„Freilich, freilich“ — der Portier lächelt malitiös — -„aber in der Judenstadt, ich mache aufmerksam: ist -nicht mehr viel los. Alles neu gebaut, bitte.“ -</p> - -<p> -„Macht nichts. Wo liegt die Hahnpaßgasse?“ -</p> - -<p> -Der dicke Finger des Portiers deutet auf die Karte: -„Hier, bitte.“ -</p> - -<p> -„Und die Schenke ‚Zum Loisitschek‘?“ -</p> - -<p> -„Hier, bitte.“ -</p> - -<p> -„Geben Sie mir ein großes Stück Papier.“ -</p> - -<p> -„Hier, bitte.“ -</p> - -<p> -Ich wickle Pernaths Hut hinein. Merkwürdig: er -ist fast neu, tadellos sauber und doch so brüchig, als -wäre er uralt. — -</p> - -<p> -Unterwegs überlege ich: -</p> - -<p> -Alles, was dieser Athanasius Pernath erlebt hat, -habe ich im Traum miterlebt, in <em>einer</em> Nacht mitgesehen, -mitgehört, mitgefühlt, als wäre ich er gewesen. -Warum weiß ich denn aber nicht, was er in dem -Augenblick, als der Strick riß und er „Hillel, Hillel!“ -rief, hinter dem Gitterfenster erblickt hat? -</p> - -<p> -Er hat sich in diesem Augenblick von mir getrennt, -begreife ich. -</p> - -<p> -Ich <em>muß</em> diesen Athanasius Pernath auffinden, und -wenn ich drei Tage und drei Nächte herumlaufen sollte, -nehme ich mir vor. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Also das ist die Hahnpaßgasse? -</p> - -<p> -Nicht annähernd so habe ich sie im Traum gesehen! — -</p> - -<p> -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -Lauter neue Häuser. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Eine Minute später sitze ich im Café Loisitschek. Ein -stilloses, ziemlich sauberes Lokal. -</p> - -<p> -Im Hintergrund allerdings eine Estrade mit Holzgeländer; -eine gewisse Ähnlichkeit mit dem alten geträumten -„Loisitschek“ ist nicht zu leugnen. -</p> - -<p> -„Befehlen, bitt’ schön?“ fragt die Kellnerin, ein -dralles Mädel, in einen rotsammetnen Frack buchstäblich -hineingeknallt. -</p> - -<p> -„Kognak, Fräulein. — So, danke.“ -</p> - -<p> -— — — — — -</p> - -<p> -„Hm. Fräulein!“ -</p> - -<p> -„Bitte?“ -</p> - -<p> -„Wem gehört das Kaffehaus?“ -</p> - -<p> -„Dem Herrn Kommerzialrat Loisitschek. — Das -ganze Haus gehört ihm. Ein sehr feiner reicher Herr.“ -</p> - -<p> -— Aha, der Kerl mit den Schweinszähnen an der -Uhrkette! erinnere ich mich. — -</p> - -<p> -Ich habe einen guten Einfall, der mich orientieren -wird: -</p> - -<p> -„Fräulein!“ -</p> - -<p> -„Bitte?“ -</p> - -<p> -„Wann ist die steinerne Brücke eingestürzt?“ -</p> - -<p> -„Vor dreiunddreißig Jahren.“ -</p> - -<p> -„Hm. Vor dreiunddreißig Jahren!“ — ich überlege: -der Gemmenschneider Pernath muß also jetzt -fast neunzig sein. -</p> - -<p> -„Fräulein!“ -</p> - -<p> -„Bitte?“ -</p> - -<p> -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -„Ist hier niemand unter den Gästen, der sich noch -erinnern kann, wie die alte Judenstadt von damals -ausgesehen hat? Ich bin Schriftsteller und interessiere -mich dafür.“ -</p> - -<p> -Die Kellnerin denkt nach: „Von den Gästen? Nein. -— Aber warten S’: der Billardmarkör, der dort mit -einem Studenten Karambol spielt, — sehen Sie ihn? -Der mit der Hakennase, der Alte, — der hat immer -hier gelebt und wird Ihnen alles sagen. Soll ich ihn -rufen, bis er fertig ist?“ -</p> - -<p> -Ich folgte dem Blick des Mädchens: -</p> - -<p> -Ein schlanker, weißhaariger, alter Mann lehnt drüben -am Spiegel und kreidet sein Queue. Ein verwüstetes, -aber seltsam vornehmes Gesicht. Woran erinnert er -mich nur? -</p> - -<p> -„Fräulein, wie heißt der Markör?“ -</p> - -<p> -Die Kellnerin stützt sich im Stehen mit dem Ellenbogen -auf den Tisch, leckt an einem Bleistift, schreibt -in Windeseile ihren Vornamen unzählige Male auf -die Marmorplatte und löscht ihn jedesmal mit nassem -Finger rasch wieder aus. Dazwischen wirft sie mir mehr -oder minder sengende Glutblicke zu; — je nachdem -sie ihr gelingen. Unerläßlich ist natürlich das gleichzeitige -Emporziehen der Augenbrauen, denn es erhöht -das Märchenhafte des Blickes. -</p> - -<p> -„Fräulein, wie heißt der Markör?“, wiederhole ich -meine Frage. Ich sehe ihr an, sie hätte lieber gehört: -Fräulein, warum tragen Sie nicht nur einen Frack? -oder etwas Ähnliches, aber ich frage es nicht; mir geht -mein Traum zu sehr im Kopf herum. -</p> - -<p> -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -„No, wie wird er denn heißen,“ schmollt sie, „Ferri -heißt er halt. Ferri Athenstädt.“ -</p> - -<p> -„So so? Ferri Athenstädt! — Hm, — also wieder -ein alter Bekannter.“ -</p> - -<p> -„Erzählen Sie mir doch recht, recht viel von ihm, -Fräulein,“ girre ich, muß mich aber sofort mit einem -Kognak stärken, „Sie plaudern gar so herzig!“ (Ich -ekle mich vor mir selber.) -</p> - -<p> -Sie neigt sich geheimnisvoll dicht zu mir, damit -mich ihre Haare im Gesicht kitzeln, und flüstert: -</p> - -<p> -„Der Ferri, der war Ihnen früher ein ganz ein Geriebener. -— Er soll von uraltem Adel gewesen sein — -es ist natürlich nur so ein Gerede, weil er keinen Bart -nicht trägt — und furchtbar viel Geld g’habt hab’n. -Eine rothaarige Jüdin, die schon von Jugend auf eine -‚Person‘ war“ — sie schrieb wieder rasch ein paarmal -ihren Namen auf — „hat ihn dann ganz ausgezogen. — -Punkto Geld mein’ ich natürlich. No, und wie er dann -kein Geld nicht mehr gehabt hat, is sie weg und hat sich -von einem hohen Herrn heiraten lassen: — von dem ..“ -— sie flüsterte mir einen Namen ins Ohr, den ich -nicht verstehe. „Der hohe Herr hat dann natürlich -auf alle Ehre verzichten müssen und sich von da an -nur mehr Ritter von Dämmerich nennen dürfen. No -ja. Aber daß sie früher eine ‚Person‘ g’wesen ist, hat -er ihr halt doch nicht wegwaschen können. Ich sag’ -immer —.“ -</p> - -<p> -„Fritzi! Zahlen!“ ruft jemand von der Estrade -herab. — -</p> - -<p> -Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern, -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -da höre ich plötzlich ein leises metallisches Zirpen, wie -von einer Grille, hinter mir. -</p> - -<p> -Ich drehe mich neugierig um. Traue meinen Augen -nicht: -</p> - -<p> -Das Gesicht zur Wand gekehrt, alt wie Methusalem, -eine Spieldose, so klein wie eine Zigarettenschachtel, -in zitternden Skeletthänden sitzt ganz in sich zusammengesunken -— der <em>blinde, greise Nephtali Schaffranek</em> -in der Ecke und leiert mit der winzigen Kurbel. -</p> - -<p> -Ich trete zu ihm. -</p> - -<p> -Im Flüsterton singt er konfus vor sich hin: -</p> - -<p class="unwrap"> -„Frau Pick,<br /> -Frau Hock.<br /> -Und rote, blaue Stern<br /> -die schmusen allerhand.<br /> -Von Messinung, an Räucherl und Rohn.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -„Wissen Sie, wie der alte Mann heißt?“, frage ich -einen vorbeieilenden Kellner. -</p> - -<p> -„Nein, mein Herr, niemand kennt weder ihn noch -seinen Namen. Er selbst hat ihn vergessen. Er ist ganz -allein auf der Welt. Bitte, er ist 110 Jahre alt! Er -kriegt bei uns jede Nacht einen sogenannten Gnadenkaffee.“ -</p> - -<p> -Ich beuge mich über den Greis, — rufe ihm ein -Wort ins Ohr: „<em>Schaffranek!</em>“ -</p> - -<p> -Es durchfährt ihn wie ein Blitz. Er murmelt etwas, -streicht sich sinnend über die Stirn. -</p> - -<p> -„Verstehen Sie mich, Herr Schaffranek?“ -</p> - -<p> -Er nickt. -</p> - -<p> -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -„Passen Sie mal gut auf! Ich möchte Sie etwas -fragen, aus alter Zeit. Wenn Sie mir alles gut beantworten, -bekommen Sie den Gulden, den ich hier -auf den Tisch lege.“ -</p> - -<p> -„Gulden“, wiederholt der Greis und fängt sofort an -wie ein Rasender an seiner zirpenden Spieldose zu -kurbeln. -</p> - -<p> -Ich halte seine Hand fest: „Denken Sie einmal nach! -— <em>Haben Sie nicht vor etwa 33 Jahren einen -Gemmenschneider namens Pernath gekannt?</em>“ -</p> - -<p> -„Hadrbolletz! Hosenschneider!“ — lallt er asthmatisch -auf und lacht übers ganze Gesicht, in der Meinung, -ich hätte ihm einen famosen Witz erzählt. -</p> - -<p> -„Nein, nicht Hadrbolletz: — — <em>Pernath</em>!“ -</p> - -<p> -„Pereles?!“ — er jubelt förmlich. -</p> - -<p> -„Nein, auch nicht Pereles. — Per—<em>nath</em>!“ -</p> - -<p> -„Pascheles?!“ — er kräht vor Freude. — — -</p> - -<p> -Ich gebe enttäuscht meinen Versuch auf. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -„Sie wollten mich sprechen, mein Herr?“, — der -Markör Ferri Athenstädt steht vor mir und verbeugt -sich kühl. -</p> - -<p> -„Ja. Ganz richtig. — Wir können dabei eine Partie -Billard spielen.“ -</p> - -<p> -„Spielen Sie um Geld, mein Herr? Ich gebe Ihnen -90 auf 100 vor.“ -</p> - -<p> -„Also gut: um einen Gulden. Fangen Sie vielleicht -an, Markör.“ -</p> - -<p> -Seine Durchlaucht nimmt das Queue, zielt, gixst, -macht ein ärgerliches Gesicht. Ich kenne das: er läßt -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -mich bis 99 kommen und dann macht er in <em>einer</em> Serie -„aus“. -</p> - -<p> -Mir wird immer kurioser zumute. Ich gehe direkt -auf mein Ziel los: -</p> - -<p> -„Entsinnen Sie sich, Herr Markör: vor langer Zeit, -etwa in den Jahren, als die steinerne Brücke einstürzte, -in der damaligen Judenstadt <em>einen gewissen</em> — -<em>Athanasius Pernath</em> gekannt zu haben?“ -</p> - -<p> -Ein Mann in einer rotweißgestreiften Leinwandjacke, -mit Schielaugen und kleinen goldenen Ohrringen, der -auf einer Bank an der Wand sitzt und eine Zeitung -liest, fährt auf, stiert mich an und bekreuzigt sich. -</p> - -<p> -„Pernath? Pernath?“ wiederholt der Markör und -denkt angestrengt nach — „Pernath? — War er nicht -groß, schlank? Braunes Haar, melierten kurzgeschnittenen -Spitzbart?“ -</p> - -<p> -„Ja. Ganz richtig.“ -</p> - -<p> -„Etwa 40 Jahre alt damals? Er sah aus wie — —“, -Seine Durchlaucht starrt mich plötzlich überrascht an. — -„Sie sind ein Verwandter von ihm, mein Herr?!“ -</p> - -<p> -Der Schieläugige bekreuzigt sich. -</p> - -<p> -„Ich? Ein Verwandter? Komische Idee. — Nein. -Ich interessiere mich nur für ihn. Wissen Sie noch -mehr?“, sagte ich gelassen, fühle aber, daß mir eiskalt -im Herzen wird. -</p> - -<p> -Ferri Athenstädt denkt wieder nach. -</p> - -<p> -„Wenn ich nicht irre, galt er seinerzeit für verrückt. — -Einmal behauptete er, er hieße — — warten Sie mal, -— ja: Laponder! Und dann wieder gab er sich für einen -gewissen — Charousek aus.“ -</p> - -<p> -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> -„Kein Wort wahr!“ fährt der Schieläugige dazwischen. -„Den <em>Charousek</em> hat’s wirklich gegeben. Mein Vater -hat doch mehrere 1000 fl. von ihm geerbt.“ -</p> - -<p> -„Wer ist dieser Mann?“, frage ich den Markör halblaut. -</p> - -<p> -„Er ist Fährmann und heißt Tschamrda. — Was -den Pernath betrifft, so erinnere ich mich nur, oder -glaube es wenigstens — daß er in späteren Jahren -eine sehr schöne, dunkelhäutige Jüdin geheiratet hat.“ -</p> - -<p> -„Mirjam!“ sage ich mir und werde so aufgeregt, -daß mir die Hände zittern und ich nicht mehr weiterspielen -kann. -</p> - -<p> -Der Fährmann bekreuzigt sich. -</p> - -<p> -„Ja, was ist denn heute mit Ihnen los, Herr Tschamrda?“, -fragt der Markör erstaunt. -</p> - -<p> -„Der Pernath hat niemals nicht gelebt“, schreit der -Schieläugige los. „Ich glaub’s nicht.“ -</p> - -<p> -Ich schenke dem Mann sofort einen Kognak ein, -damit er gesprächiger wird. -</p> - -<p> -„Es gibt ja wohl Leut’, die sagen, der Pernath lebt -noch immer,“ rückt der Fährmann endlich heraus, „er -is, hör’ ich, Kammschneider und wohnt auf dem Hradschin.“ -</p> - -<p> -„Wo auf dem Hradschin?“ -</p> - -<p> -Der Fährmann bekreuzigt sich: -</p> - -<p> -„Das ist es ja eben! Er wohnt, wo kein lebender -Mensch wohnen kann: <em>an der Mauer zur letzten -Latern</em>.“ -</p> - -<p> -„Kennen Sie sein Haus, Herr — Herr — Tschamrda?“ -</p> - -<p> -„Nicht um die Welt möcht’ ich dort hinaufgehen!“, -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> -protestiert der Schieläugige. „Wofür halten Sie mich? -Jesus, Maria und Josef!“ -</p> - -<p> -„Aber den Weg hinauf könnten Sie mir doch von -weitem zeigen, Herr Tschamrda?“ -</p> - -<p> -„Das schon,“ brummt der Fährmann. „Wenn Sie -warten wollen bis 6 Uhr früh; dann geh’ ich zur Moldau -hinunter. Aber ich rat’ Ihnen ab! Sie stürzen in den -Hirschgraben und brechen Hals und Knochen! Heilige -Muttergottes!“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Wir gehen zusammen durch den Morgen; frischer -Wind weht vom Flusse her. Ich fühle vor Erwartung -kaum den Boden unter mir. -</p> - -<p> -Plötzlich taucht das Haus in der Altschulgasse vor -mir auf. -</p> - -<p> -Jedes Fenster erkenne ich wieder: die geschweifte -Dachrinne, das Gitter, die fettig glänzenden Steinsimse -— alles, alles! -</p> - -<p> -„Wann ist dieses Haus abgebrannt?“, frage ich den -Schieläugigen. Es braust mir in den Ohren vor Spannung. -</p> - -<p> -„Abgebrannt? Niemals nicht!“ -</p> - -<p> -„Doch! Ich weiß es bestimmt.“ -</p> - -<p> -„Nein.“ -</p> - -<p> -„Aber ich weiß es doch! Wollen Sie wetten?“ -</p> - -<p> -„Wieviel?“ -</p> - -<p> -„Einen Gulden.“ -</p> - -<p> -„Gemacht!“ — Und Tschamrda holt den Hausmeister -heraus. „Ist dieses Haus jemals abgebrannt?“ -</p> - -<p> -„I woher denn!“ Der Mann lacht. — -</p> - -<p> -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -Ich kann und kann es nicht glauben. -</p> - -<p> -„Schon siebzig Jahr’ wohn’ ich drin,“ beteuert der -Hausmeister, „ich müßt’s doch wahrhaftig wissen.“ -</p> - -<p> -— — — Sonderbar, sonderbar! -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Der Fährmann rudert mich in seinem Kahn, der -aus acht ungehobelten Brettern besteht, mit komischen -schiefen Zuckbewegungen über die Moldau. Die gelben -Wasser schäumen gegen das Holz. Die Dächer des Hradschins -glitzern rot in der Morgensonne. Ein unbeschreiblich -feierliches Gefühl ergreift Besitz von mir. Ein -leise dämmerndes Gefühl wie aus einem früheren Dasein, -als sei die Welt um mich her verzaubert — eine -traumhafte Erkenntnis, als lebte ich zuweilen an mehreren -Orten zugleich. -</p> - -<p> -Ich steige aus. -</p> - -<p> -„Wieviel bin ich schuldig, Herr Tschamrda?“ -</p> - -<p> -„Einen Kreuzer. Wenn Sie mitg’holfen hätten -rudern, — hätt’s zwei Kreuzer ’kost.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Denselben Weg, den ich heute nachts im Schlaf -schon einmal gegangen, wandere ich wieder empor: -die kleine, einsame Schloßstiege. Mir klopft das Herz -und ich weiß voraus: jetzt kommt der kahle Baum, -dessen Äste über die Mauer herübergreifen. -</p> - -<p> -Nein: er ist mit weißen Blüten besät. -</p> - -<p> -Die Luft ist voll von süßem Fliederhauch. -</p> - -<p> -Zu meinen Füßen liegt die Stadt im ersten Licht wie -eine Vision der Verheißung. -</p> - -<p> -Kein Laut. Nur Duft und Glanz. -</p> - -<p> -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -Mit geschlossenen Augen könnte ich mich hinauffinden -in die kleine, kuriose Alchimistengasse, so vertraut -ist mir plötzlich jeder Schritt. -</p> - -<p> -Aber, wo heute nacht das Holzgitter vor dem weißschimmernden -Haus gestanden hat, schließt jetzt ein -prachtvolles, gebauchtes, vergoldetes Gitter die Gasse ab. -</p> - -<p> -Zwei Eibenbäume ragen aus blühendem, niederem -Gesträuch und flankieren das Eingangstor der Mauer, -die hinter dem Gitter entlang läuft. -</p> - -<p> -Ich strecke mich, um über das Strauchwerk hinüberzusehen, -und bin geblendet von neuer Pracht: -</p> - -<p> -Die Gartenmauer ist ganz mit Mosaik bedeckt. Türkisblau -mit goldenen, eigenartig gemuschelten Fresken, die -den Kult des ägyptischen Gottes Osiris darstellen. -</p> - -<p> -Das Flügeltor ist der Gott selbst: ein Hermaphrodit -aus zwei Hälften, die die Türe bilden, — die rechte -weiblich, die linke männlich. — Er sitzt auf einem kostbaren, -flachen Thron aus Perlmutter — in Halbrelief — -und sein goldener Kopf ist der eines Hasen. Die Ohren -sind in die Höhe gestellt und dicht aneinander, daß sie -aussehen, wie die beiden Seiten eines aufgeschlagenen -Buches. — -</p> - -<p> -Es riecht nach Tau, und Hyazinthenduft weht über -die Mauer herüber. — — — -</p> - -<p> -Lange stehe ich wie versteinert da und staune. Mir -wird, als träte eine fremde Welt vor mich, und ein alter -Gärtner oder Diener mit silbernen Schnallenschuhen, -Jabot und sonderbar zugeschnittenem Rock kommt von -links hinter dem Gitter auf mich zu und fragt mich -durch die Stäbe, was ich wünsche. -</p> - -<p> -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -Ich reiche ihm stumm den eingewickelten Hut Athanasius -Pernaths hinein. -</p> - -<p> -Er nimmt ihn und geht durch das Flügeltor. -</p> - -<p> -Wie es sich öffnet, sehe ich dahinter ein tempelartiges, -marmornes Haus und auf seinen Stufen: -</p> - -<p class="center"> -ATHANASIUS PERNATH -</p> - -<p class="noindent"> -und an ihn gelehnt: -</p> - -<p class="center"> -MIRJAM, -</p> - -<p class="noindent"> -und beide schauen hinab in die Stadt. -</p> - -<p> -Einen Augenblick wendet sich Mirjam um, erblickt -mich, lächelt und flüstert Athanasius Pernath etwas zu. -</p> - -<p> -Ich bin gebannt von ihrer Schönheit. -</p> - -<p> -Sie ist so jung, wie ich sie heut nacht im Traum -gesehen. -</p> - -<p> -Athanasius Pernath dreht sich langsam zu mir, und -mein Herz bleibt stehen: -</p> - -<p> -Mir ist, als sähe ich mich im Spiegel, so ähnlich -ist sein Gesicht dem meinigen. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p class="noindent"> -Dann fallen die Flügel des Tores zu, und ich erkenne -nur noch den schimmernden Hermaphroditen. -</p> - -<p> -Der alte Diener gibt mir meinen Hut und sagt — -ich höre seine Stimme wie aus den Tiefen der Erde —: -</p> - -<div class="block"> -<p class="noindent"> -„Herr Athanasius Pernath läßt verbindlichst -danken und bittet, ihn nicht für ungastfreundlich -zu halten, daß er Sie nicht -einlädt in den Garten zu kommen, aber -es ist strenges Hausgesetz so von alters -her. -</p> - -<p> -Ihren Hut, soll ich ausrichten, habe er -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -nicht aufgesetzt, da ihm die Verwechslung -sofort aufgefallen sei. -</p> - -<p> -Er wolle nur hoffen, daß der seinige -Ihnen keine Kopfschmerzen verursacht habe.“ -</p> - -</div> - -<p class="printer"> -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -Gedruckt in der Buchdruckerei -G. Kreysing in Leipzig -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. <span class="handheld-only">Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.</span> -Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer -<span class="antiqua">anderen Schriftart</span> markiert. -</p> - -<p> -Auf <a href="#page-1">Seite 1</a> heisst es »<a href="#linke">linke Seite</a>« (des Mondes). Dies ist offenbar -falsch und wurde in späteren Auflagen zu »rechte Seite« berichtigt. -Hier wird der Originaltext unverändert belassen. -</p> - -<p> -Die Schreibweise der Vorlage wurde weitgehend beibehalten. Einige -offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt, teilweise -unter Verwendung weiterer Ausgaben (vorher/nachher): -</p> - - -<ul> - -<li> -... Das <span class="underline">hilfslose</span> Opfer aber saß, das Herz voll brennender ...<br /> -... Das <a href="#corr-0"><span class="underline">hilflose</span></a> Opfer aber saß, das Herz voll brennender ...<br /> -</li> - -<li> -... ‚Loisitschek‘ der meschuggene Nephtali <span class="underline">Schaffraneck</span> mit ...<br /> -... ‚Loisitschek‘ der meschuggene Nephtali <a href="#corr-1"><span class="underline">Schaffranek</span></a> mit ...<br /> -</li> - -<li> -... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, <span class="underline">freien</span> ...<br /> -... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, <a href="#corr-2"><span class="underline">freiem</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... auf, eine unsichtbare <span class="underline">Intelliganz</span>, die sich lichtscheu verborgen ...<br /> -... auf, eine unsichtbare <a href="#corr-3"><span class="underline">Intelligenz</span></a>, die sich lichtscheu verborgen ...<br /> -</li> - -<li> -... über Klavier<span class="underline">seiten</span> liefe, war die Antwort. ...<br /> -... über Klavier<a href="#corr-4"><span class="underline">saiten</span></a> liefe, war die Antwort. ...<br /> -</li> - -<li> -... die eisernen <span class="underline">Glasstäbe</span> fauchend die flachen herzförmigen ...<br /> -... die eisernen <a href="#corr-5"><span class="underline">Gasstäbe</span></a> fauchend die flachen herzförmigen ...<br /> -</li> - -<li> -... Mit langem, <span class="underline">wallenden, weißen</span> Prophetenbart, ein ...<br /> -... Mit langem, <a href="#corr-6"><span class="underline">wallendem, weißem</span></a> Prophetenbart, ein ...<br /> -</li> - -<li> -... die alten <span class="underline">Rabbinen</span> trugen, andere mit dreieckigem Hut ...<br /> -... die alten <a href="#corr-7"><span class="underline">Rabbiner</span></a> trugen, andere mit dreieckigem Hut ...<br /> -</li> - -<li> -... auf dem <span class="underline">Altstätter</span> Ring und an dem Erzbrunnen ...<br /> -... auf dem <a href="#corr-9"><span class="underline">Altstädter</span></a> Ring und an dem Erzbrunnen ...<br /> -</li> - -<li> -... schauten <span class="underline">teilnahmlos</span> zu den Wolken empor. ...<br /> -... schauten <a href="#corr-10"><span class="underline">teilnahmslos</span></a> zu den Wolken empor. ...<br /> -</li> - -<li> -... Wunschlos, <span class="underline">teilnahmlos</span>, ein lebender Leichnam, ging ...<br /> -... Wunschlos, <a href="#corr-12"><span class="underline">teilnahmslos</span></a>, ein lebender Leichnam, ging ...<br /> -</li> - -<li> -... Angelina <span class="underline">wolte</span> sich losreißen: ich hielt sie fest. ...<br /> -... Angelina <a href="#corr-16"><span class="underline">wollte</span></a> sich losreißen: ich hielt sie fest. ...<br /> -</li> - -<li> -... ich schwindsüchtig bin und Blut <span class="underline">spuken</span> muß: mein Körper ...<br /> -... ich schwindsüchtig bin und Blut <a href="#corr-17"><span class="underline">spucken</span></a> muß: mein Körper ...<br /> -</li> - -<li> -... War mir denn nicht schon tausendfach <span class="underline">Wunderbares</span> ...<br /> -... War mir denn nicht schon tausendfach <a href="#corr-19"><span class="underline">Wunderbareres</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er <span class="underline">spukte</span> mir ...<br /> -... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er <a href="#corr-20"><span class="underline">spuckte</span></a> mir ...<br /> -</li> - -<li> -... Oder gedenken <span class="underline">sie</span> überhaupt ledig zu bleiben?“ ...<br /> -... Oder gedenken <a href="#corr-22"><span class="underline">Sie</span></a> überhaupt ledig zu bleiben?“ ...<br /> -</li> - -<li> -... Sollte <span class="underline">Sie</span> es wider Erwarten nicht sein, — nun, ...<br /> -... Sollte <a href="#corr-26"><span class="underline">sie</span></a> es wider Erwarten nicht sein, — nun, ...<br /> -</li> - -<li> - (mehrfache Fälle)<br /> -... Jaromir <span class="underline">Kwaßnitschka</span>, verwaisten Sohnes des vor 17 ...<br /> -... Jaromir <a href="#corr-30"><span class="underline">Kwáßnitschka</span></a>, verwaisten Sohnes des vor 17 ...<br /> -</li> - -<li> -... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend <span class="underline">verdächig</span> ...<br /> -... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend <a href="#corr-31"><span class="underline">verdächtig</span></a> ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Golem, by Gustav Meyrink - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLEM *** - -***** This file should be named 51476-h.htm or 51476-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/4/7/51476/ - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, the University -of Toronto, and the Online Distributed Proofreading Team -at http://www.pgdp.net. This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive/Canadian -Libraries. - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/51476-h/images/cover-page.jpg b/old/51476-h/images/cover-page.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f4d652d..0000000 --- a/old/51476-h/images/cover-page.jpg +++ /dev/null |
