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-The Project Gutenberg EBook of Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Auf silbernen Gefilden
- Ein Mond-Roman
-
-Author: Jerzy Zulawski
-
-Translator: Kasimir Lodygowski
-
-Release Date: March 7, 2016 [EBook #51386]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF SILBERNEN GEFILDEN ***
-
-
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-
-Produced by Jens Sadowski based on scanned images from The
-Internet Archive (cover image reproduction courtesy of
-Gerd Küveler).
-
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- Zulawski / Auf silbernen Gefilden
- Zweite Auflage
-
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- Auf silbernen Gefilden
-
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- Ein Mond-Roman
-
- von
- Jerzy von Zulawski
-
- Deutsch von Kasimir Lodygowski
-
- München 1914 / Verlegt bei Georg Müller
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-
- Vorwort
-
-
-Fast fünfzig Jahre sind seit jenen beiden Expeditionen verstrichen, den
-wahnsinnigsten, die je von Menschen unternommen und ausgeführt wurden.
-Die ganze Sache war der Vergessenheit anheimgefallen, als eines schönen
-Tages, in einer Zeitung in K.... ein Artikel des Assistenten am dortigen
-Observatorium erschien, der alles aufs neue in Erinnerung brachte. Der
-Autor behauptete, daß er Nachrichten über das Schicksal der vor fünfzig
-Jahren auf den Mond hinausgeschossenen wahnsinnigen Teilnehmer der
-Expedition in Händen habe. Die Angelegenheit wirbelte viel Staub auf,
-obwohl man sie anfangs nicht ganz ernst nahm. Diejenigen, die damals von
-dem Aufsehen erregenden Unternehmen gehört oder gelesen hatten, wußten,
-daß die kühnen Abenteurer ihr Leben einbüßten und zuckten die Achseln,
-daß die für tot Gehaltenen nicht nur leben, sondern sogar Nachrichten
-vom Monde schicken sollten.
-
-Der Assistent blieb trotz alledem bei seiner Behauptung. Er zeigte
-Neugierigen eine vierzig Zentimeter hohe, nach vorn zugespitzte
-Eisenkugel, in der er ein auf dem Monde angefertigtes Manuskript
-vorgefunden haben wollte. Die Kugel, die sich auf eigentümliche Art
-aufdrehte, war innen leer und mit einer dicken Schicht von Ruß und
-Schlacken bedeckt; sie konnte von jedermann besichtigt und bewundert
-werden, das Manuskript jedoch wollte der Assistent niemandem zeigen. Er
-erklärte, daß es aus verkohlten Papieren bestände, deren Inhalt er erst
-mit Hilfe künstlicher photographischer Aufnahmen, die mit großer Mühe
-und Vorsicht gemacht werden müßten, ablesen könne. Diese
-Geheimnistuerei, und vor allem, daß der Assistent beharrlich verschwieg,
-wie er in den Besitz der mysteriösen Kugel gekommen war, machte die
-Leute stutzig; aber die Neugierde wuchs dennoch stetig. Man erwartete
-mit einem gewissen Mißtrauen die versprochenen Aufklärungen und begann
-indes, sich aus den damals erschienenen Abhandlungen die fünfzig Jahre
-zurückliegenden Ereignisse zu vergegenwärtigen. Und plötzlich fing man
-an, sich zu wundern, daß alles das so schnell vergessen wurde .... Es
-gab doch in jener Zeit keine Tagesblätter, keine Wochen- oder
-Monatsschriften, die sich nicht Jahre hindurch verpflichtet fühlten, in
-jeder Nummer mehrere Spalten dieser so unerhörten und unwahrscheinlichen
-Expedition zu widmen. Vor Antritt der Forschungsreise war alles voll von
-Berichten über den Stand der Vorarbeiten; man beschrieb jede Schraube in
-dem »Waggon«, der durch den Planetenraum fahren und die kühnen Reisenden
-auf die Oberfläche des Mondes hinausschleudern sollte, die man bis dahin
-lediglich aus den vorzüglichen, im »Licke-Observatory« gemachten
-photographischen Aufnahmen kannte. Über alle Einzelheiten des
-Unternehmens wurde lebhaft diskutiert. Die Porträts und ausführlichen
-Lebensbeschreibungen der Reisenden tauchten überall auf. Fast Entrüstung
-erregte die Nachricht, daß einer von ihnen im letzten Augenblicke
-zurücktrat, nicht ganz zwei Wochen vor dem festgesetzten Termin zur
-»Abfahrt«. Dieselben, die noch vor kurzem den ganzen »albernen und
-abenteuerlichen« Plan der Expedition verhöhnten und die Teilnehmer
-Narren nannten, die nur verdienten, ihr Leben lang in einer Irrenanstalt
-interniert zu werden, waren jetzt empört über die »Feigheit und das
-Zurücktreten« eines Menschen, der es offen aussprach, daß er hoffe, auf
-der Erde ein gleich ruhiges und ungleich späteres Grab zu finden, als
-seine Kameraden auf dem Monde. Das größte Interesse jedoch erweckte die
-Person, die sich für die freigewordene Stelle meldete. Es hieß
-allgemein, daß man einen neuen Teilnehmer nicht aufnehmen könne, da die
-Zeit zu kurz für das notwendigerweise vorausgehende Trainieren sei, dem
-sich die anderen einige Jahre hindurch unterziehen mußten. Sie waren
-schließlich zu geradezu unerhörten Resultaten gelangt. Man erzählte
-sich, daß sie es dahin brachten, in leichter Kleidung einen
-vierziggradigen Frost wie eine vierziggradige Hitze zu ertragen, ganze
-Tage hindurch ohne Wasser zu leben und ohne Schaden für die Gesundheit
-in einer Luft zu atmen, die viel dünner war als die Erdatmosphäre auf
-den höchsten Bergen. Das Staunen war daher groß, als man erfuhr, daß der
-Neuling von den »Lunatikern«, wie man sie nannte, aufgenommen sei und
-ihre Zahl vervollständigen sollte. Die Berichterstatter waren in heller
-Verzweiflung, daß sie nichts Näheres über diesen geheimnisvollen
-Abenteurer erfahren konnten. Trotz aller Bemühungen der Reporter ließ er
-keinen von ihnen bei sich vor, ja, er hatte sogar den Tageszeitungen
-weder seine Photographien zugeschickt noch auf briefliche Anfragen
-geantwortet. Die anderen Mitglieder der Expedition hüllten sich
-ebenfalls in tiefstes Schweigen über ihn, und erst zwei Tage vor der
-Abreise erschien eine nähere, im höchsten Grade phantastische Nachricht.
-Einem Journalisten war es nach vielen Anstrengungen endlich gelungen,
-den neuen Teilnehmer zu Gesicht zu bekommen, und er machte die
-verblüffende Mitteilung, daß dieses Expeditionsmitglied eine Frau in
-Männerkleidern sei. Man wollte nicht recht daran glauben, und es war
-übrigens auch keine Zeit, sich lange damit zu beschäftigen. Der große
-Augenblick nahte. Die fieberhafte Erwartung erreichte ihren Höhepunkt.
-An der Mündung des Kongo, von wo aus die Expedition »die verwegene Fahrt
-antreten sollte«, hatte sich die ganze zivilisierte Welt ein
-Stelldichein gegeben.
-
-Die phantastische Idee Jules Vernes sollte endlich verwirklicht werden,
--- über hundert Jahre nach dem Tode ihres Urhebers.
-
-An der afrikanischen Küste, zirka zwanzig Kilometer von der Mündung des
-Kongo entfernt, gähnte die breite Öffnung eines dafür konstruierten
-Schlundes aus Gußstahl, der in einigen Stunden das erste Projektil mit
-den darin eingeschlossenen fünf waghalsigen Forschern hinausschießen
-sollte. Eine besondere Kommission untersuchte noch einmal genau
-sämtliche komplizierten Berechnungen, wie die Nahrungsvorräte und
-Instrumente: alles war in Ordnung, alles war bereit!
-
-Am andern Tage, kurz vor Sonnenaufgang, verkündete ein betäubender,
-durch die Explosion hervorgebrachter Knall der Welt -- in einem Umkreis
-von einigen hundert Kilometern -- den Beginn der abenteuerlichsten aller
-Fahrten ...
-
-Nach den ungemein genauen Berechnungen hatte das Projektil unter der
-Wirkung der explodierenden Kraft eines senkrechten Wurfes, der Anziehung
-der Erde und der treibenden Kraft, die durch die tägliche Drehung der
-Erde um die Achse entsteht, im Weltenraum eine mächtige Parabel von
-Westen nach Osten zu beschreiben und an dem bezeichneten Punkte und in
-der bezeichneten Stunde in die Sphäre der Anziehung des Mondes, fast
-senkrecht auf die Mitte seiner uns zugewendeten Scheibe zu fallen, in
-der Gegend des »Sinus Medii«. Der Lauf des Projektils, der von
-verschiedenen Punkten der Erde aus durch Hunderte von Teleskopen
-beobachtet wurde, zeigte sich als ganz genau mit der Berechnung
-übereinstimmend. Den Beobachtenden schien das Projektil am Himmel in der
-Richtung von Osten nach Westen zurückzuweichen, zunächst viel langsamer
-als die Sonne, dann immer schneller, je mehr es sich von der Erde
-entfernte. Die scheinbare Bewegung war das Resultat der Drehung der
-Erde, der gegenüber das Projektil zurückblieb.
-
-Man beobachtete es lange, bis es endlich, in der Nähe des Mondes, selbst
-durch die stärksten Teleskope nicht mehr zu sehen war. Trotzdem hörte
-die Verbindung zwischen der Erde und den in das Projektil
-eingeschlossenen Reisenden noch längere Zeit hindurch keinen Augenblick
-auf. Sie hatten, neben allen andern Vorrichtungen, auch einen
-vorzüglichen Apparat der drahtlosen Telegraphie in ihrem Fahrzeug,
-der, nach den Berechnungen, sogar auf eine Entfernung von
-dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern, die den Mond von der Erde
-trennten, funktionieren mußte. Jedoch erwiesen sich diese Berechnungen
-als unrichtig; die letzte Depesche erhielten die astronomischen
-Stationen aus einer Entfernung von zweihundertundsechzigtausend
-Kilometern. Das Telegraphieren war entweder durch die ungenügende Kraft
-des Stromes der Luftwellen, oder auch eines fehlerhaften Baues des
-Apparates wegen auf eine größere Entfernung unmöglich. Aber die letzte
-Depesche klang ganz aufmunternd: »Alles gut, kein Grund zu Besorgnissen
-vorhanden.«
-
-Sechs Wochen später schickte man, wie verabredet, eine zweite Expedition
-aus. Diesmal nahmen nur zwei Personen in dem Projektil Platz; sie hatten
-dafür bedeutend größere Nahrungsvorräte und notwendige Instrumente bei
-sich; auch einen weit stärkeren telegraphischen Apparat als ihre
-Vorgänger. Es war kein Zweifel, daß er zur Übersendung von Nachrichten
-vom Monde genügen mußte; jedoch erhielt man keine Depesche mehr von
-dorther. Das letzte Telegramm war ganz nahe dem Ziele der Expedition,
-direkt vor dem Fallen auf die Mondoberfläche, abgesandt. Die Nachricht
-lautete nicht besonders günstig. Das Projektil wich, aus einem
-unerklärlichen Grunde, etwas vom Wege ab und konnte infolgedessen nicht
-senkrecht auf den Mond fallen; es fiel schräg, in einem ziemlich
-scharfen Winkel, und da es für einen solchen Fall nicht konstruiert war,
-fürchteten die Insassen, zerschmettert zu werden. Diese Befürchtungen
-schienen sich bewahrheitet zu haben, da dieser Depesche keine weitere
-mehr folgte.
-
-Unter solchen Umständen gab man eine beabsichtigte dritte Expedition
-auf. Man konnte sich bezüglich des Schicksals der Unglücklichen nicht
-täuschen; warum sollte man noch mehr Menschenleben opfern? Die
-begeistertsten Anhänger der »interplanetarischen Kommunikation«
-verstummten, und man sprach und schrieb über die Expeditionen nur noch,
-daß sie Wahnsinn seien, der geradezu an Verbrechen grenze. Und in
-einigen Jahren endlich war die ganze Angelegenheit vergessen.
-
-Sie lebte erst wieder in der Erinnerung auf, als der besagte Artikel des
-bis dahin gänzlich unbekannten, nun aber zum Tagesgespräch gewordenen
-Assistenten des kleinen astronomischen Observatoriums erschien. Seitdem
-brachte jede Woche etwas Neues. Der Assistent lüftete allmählich die
-Schleier seines Geheimnisses, und obwohl es an Ungläubigen nicht fehlte,
-begann man doch die Sache immer ernster zu nehmen. Bald interessierte
-sich alle Welt dafür, und schließlich legte der Assistent auch klar, auf
-welche Weise er in den Besitz des wertvollen Manuskriptes gekommen und
-wie er es abgelesen habe. Er erlaubte sogar Fachleuten, die verkohlten
-Überreste, wie die in der Tat wundervollen photographischen Abzüge zu
-besichtigen.
-
-Mit jener Kugel und dem Manuskript verhielt es sich aber folgendermaßen:
-»Eines Nachmittags,« erzählte der Assistent, »als ich bei der
-Aufzeichnung der täglichen meteorologischen Beobachtungen saß, meldete
-mir der Stationsdiener, daß ein junger Mann mich zu sprechen wünsche. Es
-war mein Kollege und guter Freund, der Eigentümer eines benachbarten
-Gutes, der nur selten in die Stadt kam. Ich mußte ihn warten lassen, um
-erst meine Arbeit zu beendigen; dann begab ich mich zu ihm, und er
-erklärte mir sofort nach der Begrüßung, daß er mir eine Nachricht
-bringe, die mir zweifellos viel Freude bereiten werde. Er wußte, daß ich
-mich seit Jahren eifrig mit der Erforschung der Meteoriten beschäftigte
-und kam mir mitzuteilen, daß vor einigen Tagen ein Meteor von größerer
-Dimension, wie es schien, auf seinem Gute herabgefallen sei. Den Stein,
-der sich wahrscheinlich tief in den Morast gebohrt, hätte man nicht
-gefunden, aber wenn ich ihn haben wolle, wäre er gerne bereit, mir
-Arbeiter zum Hervorholen zur Verfügung zu stellen. Natürlich wollte ich
-den Stein haben, und nachdem ich mir einen kurzen Urlaub genommen, fuhr
-ich selbst an Ort und Stelle, behufs Nachforschungen. Aber trotz
-zweifelloser Merkmale und schwerer Mühen konnten wir nichts finden. Nur
-ein Stück bearbeitetes Eisen, in Form einer Kanonenkugel, das an dieser
-Stelle zu finden mich sehr in Staunen versetzte, wurde hervorgeholt. Ich
-zweifelte schon an einem Resultat und ließ die weiteren Arbeiten
-einstellen, als mein Freund meine Aufmerksamkeit auf jene Kugel lenkte.
-Sie sah in der Tat sehr merkwürdig aus. Ihre Oberfläche war mit
-Schlacken bedeckt, wie sie sich auf eisernen Meteoriten bei ihrem
-Erglühen während des Durchganges durch die Erdatmosphäre bilden. Sollte
-_sie_ etwa jener herabgefallene Meteor sein?
-
-In diesem Augenblicke kam mir plötzlich der Gedanke an die Expedition
-vor fünfzig Jahren, deren Geschichte ich genau kannte. Ich muß
-hinzufügen, daß ich, trotz des hoffnungslosen Inhalts der letzten
-Depesche, die von den Mondfahrern zur Erde gelangte, niemals an ihren
-Tod geglaubt hatte. Es war jedoch noch zu früh, Vermutungen
-auszusprechen. Ich nahm die Kugel mit der größten Vorsicht an mich und
-brachte sie nach Hause, fast sicher, daß sie wertvolle Fingerzeige über
-jene Verlorenen enthalte. Aus ihrem verhältnismäßig geringen Gewicht
-erriet ich, daß sie hohl sei, und begab mich sofort an die Arbeit. Ich
-war mir klar darüber, daß Papiere, die eventuell in der Kugel
-eingeschlossen waren, bei dem Erglühen des Eisens in der Erdatmosphäre
-verkohlt sein mußten. Man durfte daher die Kugel nur so öffnen, daß die
-Überreste nicht vernichtet wurden. Vielleicht, dachte ich, läßt sich aus
-ihnen doch noch etwas entziffern.
-
-Die Arbeit war überaus mühsam, besonders dadurch, daß ich niemanden zu
-Hilfe nehmen wollte. Meine Annahmen waren höchst unsicher und, wie ich
-zugeben muß, zu -- phantastisch, als daß verfrüht etwas darüber
-verlauten durfte.
-
-Ich bemerkte, daß die Spitze der Kugel eine Schraube bildete, die man
-aufdrehen mußte und befestigte sie also in einem starken Schraubstock,
-um sie vor einer Erschütterung zu bewahren, die ihren Inhalt beschädigen
-könnte. Die Schraube war verrostet und wollte nicht nachgeben. Nach
-langen Anstrengungen gelang es mir endlich, sie zu bewegen. Bei diesem
-ersten Kreischen der gedrehten Schraube erfaßte mich ein Freudentaumel,
-und zugleich schnürte mir eine beklemmende Angst die Kehle zu. Ich mußte
-die Arbeit unterbrechen, da mir die Hände zitterten; erst nach einer
-Stunde konnte ich sie, immer noch mit klopfendem Herzen, wieder
-aufnehmen.
-
-Die Schraube bewegte sich langsam, als ich plötzlich ein seltsames
-Zischen vernahm. Anfangs konnte ich seine Ursache nicht begreifen. Fast
-gedankenlos drehte ich in umgekehrter Richtung, und sofort hörte das
-Zischen auf; drehte ich wieder in der ersten Weise, begann es von neuem,
-obwohl es jetzt etwas schwächer war. Endlich begriff ich alles! Das
-Innere der Kugel war vollständig leer! Das Zischen entstand durch das
-Eindringen der Luft vermittels einer Öffnung, die sich durch die
-Lockerung der Schraube gebildet hatte.
-
-Dieser Umstand bestärkte mich in der Überzeugung, daß die in der Kugel
-vermutlich eingeschlossenen Dokumente nicht ganz vernichtet sein
-dürften, da das Fehlen der Luft sie vor der Verbrennung bewahrt haben
-mußte, als die Kugel, bei ihrem Fall durch die Erdatmosphäre, erglühte!
-Bald stellte sich auch die Richtigkeit meiner Annahme heraus. Nach
-Beseitigung der Schraube fand ich in der Kugel, deren innere Wände mit
-einer Schicht gebrannten Lehms ausgelegt waren, ein Päckchen verkohlter,
-aber nicht verbrannter Papiere. Ich wagte fast nicht zu atmen, aus
-Furcht, die wertvollen Schriften zu beschädigen. Ich nahm sie mit der
-größten Vorsicht heraus und ... war verzweifelt. Auf dem verkohlten
-Papier waren die Buchstaben fast unsichtbar und dieses Papier selbst so
-mürbe, daß es mir beinahe in der Hand zerfiel.
-
-Trotzdem beschloß ich, alles daranzusetzen, um das Werk zu Ende zu
-führen und den Inhalt des Manuskriptes zu entziffern. Einige Tage dachte
-ich darüber nach, wie ich das bewerkstelligen solle. Endlich flüchtete
-ich mich zu den Röntgenstrahlen. Ich nahm, wie es sich später zeigte,
-richtig an, daß die Tinte, deren man sich zum Schreiben bediente,
-mineralische Bestandteile enthielt und infolgedessen die mit ihr
-überschwärzten Stellen den Röntgenstrahlen einen größeren Widerstand
-leisten würden, als das verkohlte Papier selbst. Ich klebte vorsichtig
-jedes Blatt des Manuskripts auf eine dünne Haut, die ich in einen Rahmen
-gespannt hatte und machte photographische Aufnahmen mittels
-Röntgenstrahlen. Auf diese Weise erhielt ich Klischees, die nach der
-Übertragung des Bildes auf das Papier eine Art von Palimpsesten ergaben,
-wo die Buchstaben auf beiden Seiten des Papiers geschrieben, sich
-miteinander verbanden. Es war so zwar schwierig, aber durchaus nicht
-unmöglich abzulesen.
-
-Nach einigen Wochen war ich mit dem Entziffern der Aufzeichnungen so
-weit vorgeschritten, daß ich keinen Grund mehr sah, die Angelegenheit
-weiter zu verheimlichen und schrieb den ersten Artikel, der über den
-Vorfall berichtete ... Heute liegt das ganze Manuskript vor mir bereit,
-geordnet und abgeschrieben, und ich hege absolut keinen Zweifel, daß es
-von einem der fünf zuerst ausgesandten Expeditionsmitglieder auf dem
-Monde verfaßt und von dort aus auf die Erde gesandt wurde.
-
-Was das Weitere betrifft, so mag der Inhalt der Aufzeichnungen für sich
-selbst sprechen.«
-
-Dieser Erklärung, die der Veröffentlichung des Manuskriptes vorausging,
-fügte der Assistent einen kurzen Bericht über die Vorgeschichte der
-damaligen Expedition bei.
-
-Er erinnerte daran, daß der Gedanke von dem irländischen Astronomen
-O'Tamor ausgegangen war, der einen glühenden Anhänger in dem jungen,
-seinerzeit in Brasilien berühmten portugiesischen Ingenieur, Peter
-Varadol, fand. Diese beiden gewannen einen dritten Kameraden, den Polen
-Jan Koretzki, der ihnen sein ganzes, ziemlich bedeutendes Vermögen zur
-Verfügung stellte. Darauf unternahmen sie die ersten Schritte zur
-Verwirklichung des schon festgelegten Planes. Man unterbreitete den
-Akademien und wissenschaftlichen Instituten die Skizzen des Projektes
-und wandte sich dann an Fachautoritäten betreffs Ausarbeitung der
-Einzelheiten. Die Idee rief Begeisterung hervor; in kurzem beschäftigten
-sich nicht nur Fachleute damit, sondern die ganze zivilisierte Welt, die
-ihre Vertreter auf den Mond auszusenden begehrte, um Näheres über diesen
-Globus zu erfahren. Auf Antrag der Akademien und astronomischen
-Stationen sprangen die Regierungen mit finanzieller Hilfe bei und da es
-auch an privaten Opfern nicht fehlte, hatten die Initiatoren bald ein
-Kapital zur Verfügung, das zur Ausrüstung mehrerer Expeditionen genügte,
-von denen aber, wie bekannt, nur zwei ausgesandt wurden.
-
-Die Besatzung des ersten Projektils sollte aus fünf Personen bestehen,
-darunter O'Tamor, der den Gedanken ins Leben gerufen, und seine beiden
-Kameraden. Der vierte war der englische Arzt Tomas Woodbell, der fünfte
-Braun, ein Deutscher, der jedoch im letzten Augenblick zurücktrat; statt
-seiner meldete sich ein Unbekannter als Teilnehmer der Expedition. In
-das zweite Projektil hatten sich zwei Franzosen eingeschlossen, die
-Brüder Remogner.
-
-Nach dieser kurzen Übersicht erging sich der Assistent ausführlicher
-über die technische Seite des Unternehmens. Er beschrieb bis ins
-kleinste Detail die Konstruktion der mächtigen Kanone, von der Form
-eines stählernen Brunnens; berichtete über den Bau des Projektils, das
-man nach der Ankunft auf der luftlosen Oberfläche des Mondes in einen
-hermetisch verschlossenen Wagen verwandeln konnte, der durch einen
-besonderen Elektromotor bewegt wurde. Er schilderte die
-Schutzvorrichtungen, die die Reisenden im Augenblick des Schusses wie
-beim Herabfallen auf den Mond vorm Zerschmettern bewahren sollten und
-endlich zählte er alle Gegenstände der inneren Einrichtung und die
-Vorräte des »transportablen Zimmers« auf.
-
-Der Mond ist keine gastfreundliche Welt. Die Astronomen wissen das schon
-lange, obwohl sie ihn nur aus der Ferne und -- einseitig kennen. Trotz
-der großartigen Vervollkommnung der optischen Instrumente des
-zwanzigsten Jahrhunderts widersetzte sich der Mond siegreich allen
-Versuchen, ihn mit ihrer Hilfe dem menschlichen Auge so nahe zu bringen,
-daß man alle Einzelheiten seiner Oberfläche erforschen könnte. Sich in
-der mittleren Entfernung von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern
-um die Erde drehend, scheint er durch Gläser mit tausendfacher
-Vergrößerung nur dreihundertvierundachtzig Kilometer von ihr entfernt zu
-sein, was immerhin noch ein ganz ansehnliches Stück Wegs bedeutet.
-Schärfere Gläser dagegen kann man zu seiner Erforschung nicht verwenden,
-da man bei stärkerer Vergrößerung, infolge einer zu geringen Helligkeit
-der Erdatmosphäre, nur ein unklares Bild erhält, so daß es sogar
-unmöglich ist, die Berge zu erkennen, die man durch schwächere Gläser
-ganz deutlich beobachten kann.
-
-Überdies ist der Forschung nur eine Halbkugel des Mondglobus zugänglich.
-Der Mond macht nämlich auf seinem Wege um die Erde in siebenundzwanzig
-Tagen, sieben Stunden, dreiundvierzig Minuten und elf Sekunden nur eine
-Drehung um seine Achse, so daß er immer mit derselben Seite seiner
-Oberfläche zur Erde gewendet bleibt. Diese Erscheinung ist keine
-zufällige. Der Mond, der keine vollkommene Kugel bildet, nähert sich,
-seiner Form nach, einem etwas länglichen Ei. Die Anziehungskraft der
-Erde bringt es mit sich, daß jenes Ei sich mit dem scharfen Ende zu ihr
-kehrt und derart dreht, als wenn es, angebunden, sich nicht abwenden
-könnte.
-
-Die den Astronomen bekannte Hälfte des Mondes genügt jedoch, ihn ganz
-und gar bei denjenigen zu mißkreditieren, die vom Bewohnen anderer
-Planeten als der Erde träumen. Die Oberfläche unsres Satelliten, deren
-Ausdehnung zweimal so groß als Europa ist, stellt sich in den Teleskopen
-als eine wasserlose, wüste Hochebene dar, die mit einer ungeheuren
-Anzahl mächtiger, kraterähnlicher Ringberge besät ist. Diese Bergriesen,
-deren Gipfel sich bis zu 7000 Metern erheben, haben nicht selten einen
-Durchmesser von 100 Kilometern. Durch den nördlichen Teil der uns
-zugewandten Halbkugel zieht sich eine Reihe großer, kreisförmiger
-Flächen, die die ersten Selenographen »Meere« nannten. Diese Ebenen mit
-steilen Ufern, die durch in den Himmel ragende Gebirgsketten gebildet
-werden, sind nach verschiedenen Richtungen von großen Spalten
-durchschnitten, deren Entstehung die Astronomen stets in Staunen
-versetzte, vor allem, weil auf der Erde keine ähnlichen Erscheinungen
-vorhanden sind. Diese Spalten, manchmal über hundert Kilometer lang und
-einige Kilometer breit, haben eine Tiefe von ungefähr tausend Metern und
-mehr.
-
-Wenn wir uns noch vergegenwärtigen, daß diese Oberfläche fast gar keine
-Atmosphäre hat, daß der »Tag« auf dem Monde an Zeitdauer vierzehn
-unserer Tage gleichkommt, daß während dieses endlosen Tages ein
-beständiger Sommer herrscht, dessen Glut eine unerhörte Spannung
-annimmt, daß hingegen die vierzehntägige Nacht einen Winter
-repräsentiert, der kälter ist als die Winter in unseren antarktischen
-Ländern, so entrollt sich uns ein Bild, das uns nicht gerade verlockt,
-diesen Planeten als ständigen Wohnsitz zu wählen! Um so mehr ist der
-Opfermut der Leute zu bewundern, die ihr Leben nichtsachtend lediglich
-in jenes unbekannte Land auszogen, um menschliches Wissen zu erweitern
-und sichere Nachrichten über das der Erde am nächsten liegende Gestirn
-geben zu können.
-
-Die Reisenden hatten übrigens die Absicht, diese ungastliche Halbkugel
-so schnell wie möglich zu durchdringen und auf die andere Seite des
-Mondes zu gelangen, die von der Erde abgewendet ist, wo sie, nicht ohne
-Grund, erträgliche Lebensbedingungen anzutreffen hofften. Die Mehrzahl
-der über den Mond schreibenden Gelehrten behauptet zwar, daß auch auf
-der anderen Seite die Atmosphäre zu dünn sei, um atmen zu können; aber
-O'Tamor nahm, sich auf langjährige Forschungen und Berechnungen
-stützend, an, daß er dort dichtere Luft zur Erhaltung des Lebens
-vorfinden werde, wie auch Wasser und Pflanzen, zur notdürftigsten
-Nahrung genügend. Diese tollkühnen Forscher waren bereit ihr Leben zu
-wagen, nur um dem sternenbesäten Himmel ein einziges seiner Geheimnisse,
-die er so eifersüchtig vor den Menschen hütet, zu entreißen. Der
-Gedanke, daß dieses Opfer keinesfalls vergebens gebracht werde, da sie
-ihre Beobachtungen den auf der Erde Zurückgebliebenen, mit Hilfe des
-mitgenommenen telegraphischen Apparates, würden mitteilen können,
-verstärkte noch ihren Wagemut. Sie träumten, von der Größe ihres
-Vorhabens berauscht, daß sie auf der andern, geheimnisvollen Seite des
-Mondes ein märchenhaft seltsames Paradies vorfinden könnten, eine neue
-Welt, die ganz verschieden ist von der Erde! Sie träumten, dann neue
-Kameraden zum Durchfliegen jener Hunderttausende von Kilometern zu
-gewinnen, -- von der Gründung einer neuen Gemeinschaft dort auf der
-hellen Seite der in die stillen Nächte leuchtenden Kugel, -- von einer
-neuen, vielleicht glücklicheren Menschheit ...
-
-Indessen mußte man mit der Notwendigkeit rechnen, die gebirgige, luft-
-und wasserlose wüste Hochebene zu durchqueren, die die ganze, der Erde
-zugewandte Halbkugel des Mondes einnimmt. Es war dies wahrhaftig keine
-Kleinigkeit! Der Umkreis des Mondes beträgt fast elftausend Kilometer;
-wenn sie also, wie sie annahmen, auf die Mitte der der Erde zugekehrten
-Scheibe fallen würden, hätten sie zum mindesten dreitausend Kilometer zu
-machen, bevor sie die Gegend erreichten, wo sie hoffen durften, atmen
-und leben zu können. Das Projektil, in der Form eines länglichen, auf
-der einen Seite kegelförmig geschlossenen Zylinders, war so
-eingerichtet, daß es sich in eine Art geschlossenes Automobil verwandeln
-ließ, und reichlich mit Vorräten von verdichteter Luft, Wasser,
-Nahrungsmitteln und Brennmaterial versehen, die für fünf Personen auf
-ein ganzes Jahr ausreichen konnten, das heißt also noch für länger, als
-man zum Gelangen auf die andere Seite des Mondes gebrauchte.
-
-Außerdem hatten die Reisenden eine Anzahl Handwerkszeuge mitgenommen,
-eine kleine Bibliothek und -- eine Hündin mit zwei Jungen. Es war dies
-eine schöne große englische Spürhündin, die Tom Woodbell gehörte, und
-die man vor der Reise einstimmig mit dem Namen Selena taufte.
-
-All diese Dinge wurden durch die ausführlichen, in K.... erschienenen
-Artikel aufgefrischt, als quasi Ergänzung zu dem kurz darauf
-herausgegebenen Manuskripte.
-
-Die Aufzeichnungen selbst, von Jan Koretzki, dem einen Teilnehmer der
-ersten Expedition, in polnischer Sprache auf dem Monde verfaßt, setzten
-sich aus drei Teilen zusammen, die zu verschiedenen Zeiten entstanden
-sind. Sie verschmolzen zu einem Ganzen, das eine Schilderung des
-wundersamsten Schicksals eines Schiffbrüchigen bildet, der an ein
-fremdes Land geworfen wurde, das dreihundertvierundachtzig Millionen
-Meter über der Erde im tiefen Himmelsblau schwebt.
-
-Hier folgt der wörtliche Abdruck jenes Manuskriptes, von dem Assistenten
-des Observatoriums in K.... herausgegeben und zusammengestellt ...
-
-
-
-
- Erster Teil
-
-
- Ein Reisetagebuch.
-
- Auf dem Monde den .....
-
-Mein Gott, welches Datum soll ich angeben?! Jene mächtige Explosion,
-durch die wir uns von der Erde hinausschleudern ließen, zersprengte uns
-das Dauerndste und Festgeprägteste, was dort existiert, -- zersprengte
-und zerstörte uns die Zeit. In der Tat, das ist furchtbar! Zu bedenken,
-daß es hier keine Jahre, keine Monate, keine Wochen gibt, noch unsere
-kurzen, wonnigen Erdentage ... Die Uhr sagt mir, daß bereits vierzig
-Stunden seit dem Augenblick verflossen sind, da wir hier herabfielen;
-wir fielen in der Nacht herab und die Sonne ist noch nicht aufgegangen.
-Wir dürfen erst in einigen zwanzig Stunden hoffen, sie zu sehen. Sie
-wird aufgehen und sich träge am Himmel bewegen, neunundzwanzigmal
-langsamer als dort auf der Erde. Dreihundertvierundfünfzig Stunden wird
-sie über uns leuchten, und dann kommt wiederum die Nacht, die
-dreihundertvierundfünfzig Stunden dauert. Und nach der Nacht der Tag,
-wie der vorhergehende, und abermals die Nacht und dann der Tag, und so
-endlos weiter, ohne Veränderung, ohne Jahreszeiten, ohne Jahre, ohne
-Monate ...
-
-Wenn wir es erleben werden ...
-
-Wir sitzen ohne irgend etwas zu tun, eingeschlossen in unserem Fahrzeug
-und warten auf die Sonne. Oh, diese furchtbare Sehnsucht nach der Sonne!
-
-Die Nacht ist zwar hell, unvergleichlich heller als unsere Nächte dort
-auf der Erde während des Vollmondes. Der mächtige Halbkreis der Erde
-ruht unbeweglich über uns am Zenit des schwarzen Himmels und überflutet
-mit weißem Licht diese entsetzliche Wüste um uns her. In diesem
-seltsamen Lichte ist alles so geheimnisvoll und tot ... und der Frost
-... Oh, dieser furchtbare Frost! Sonne! Sonne!
-
-O'Tamor ist seit der Zeit des Falles noch nicht zum Bewußtsein gekommen.
-Woodbell, obwohl selbst verwundet, weicht nicht einen Augenblick von
-seiner Seite. Er fürchtet, daß es eine Gehirnerschütterung ist und hat
-wenig Hoffnung. Auf der Erde, sagte er, würde er ihn durchbringen. Aber
-hier, in dieser fürchterlichen Kälte, hier, wo wir als einzige Nahrung
-nur Vorräte von künstlichem Eiweiß und Zucker haben, wo wir mit Luft und
-Wasser sparen müssen ... Es wäre entsetzlich, O'Tamor zu verlieren,
-gerade ihn, der die Seele unserer Expedition ist! ...
-
-Varadol, Martha und ich, ja sogar Selena mit den beiden Jungen, wir sind
-gesund. Martha scheint nichts zu wissen und zu fühlen. Sie folgt nur
-beständig Woodbell mit den Augen, wegen seiner Wunden beunruhigt. Der
-glückliche Tomas! Wie dieses Weib ihn liebt!
-
-Oh, diese Kälte! Es scheint, daß unser verschlossenes Fahrzeug sich
-gleichzeitig mit uns in einen Eisklumpen verwandelt. Die Feder gleitet
-mir aus den erstarrten Fingern. Wann wird die Sonne endlich aufgehen!?
-
- In derselben Nacht, siebenundzwanzig Stunden
- später.
-
-Mit O'Tamor wird es immer schlimmer; man kann sich nicht täuschen -- das
-ist schon die Agonie. Tomas vergaß, bei ihm wachend, seine eigenen
-Wunden und ist jetzt selbst so schwach, daß er sich hinlegen muß. Martha
-vertritt ihn bei dem Kranken. Woher nimmt diese Frau so viel Kraft?
-Seitdem sie sich von der ersten Betäubung des Falles erholt hat, ist sie
-am tätigsten von uns allen. Ich glaube, daß sie noch gar nicht
-geschlafen hat.
-
-Oh, diese Kälte! ...
-
-Varadol sitzt starr und schweigend da. Auf seinen Knien zusammengekauert
-liegt Selena. Er sagt, daß es ihnen beiden so wärmer ist. Die Jungen
-haben wir ins Bett gelegt, neben Tomas.
-
-Ich habe versucht zu schlafen, aber ich kann nicht. Die Kälte läßt mich
-nicht schlafen -- und dieses gespensterhafte Licht der Erde über uns!
-Man sieht nur wenig mehr als die Hälfte ihrer Scheibe. Das ist ein
-Zeichen, daß die Sonne unverzüglich aufgehen muß. Wir können nicht genau
-berechnen, wann dies erfolgen wird, da wir nicht wissen, auf welchem
-Punkte der Mondscheibe wir uns befinden. O'Tamor hätte das mit
-Leichtigkeit aus dem Stand der Gestirne berechnet, aber er liegt
-bewußtlos danieder. Nun wird sich Varadol an diese Arbeit machen müssen
-und ich begreife nicht, warum er es hinausschiebt.
-
-Wir hätten nach der Berechnung auf den _Sinus Medii_ fallen müssen, aber
-Gott allein weiß, wo wir uns wirklich befinden. Auf dem _Sinus Medii_
-müßte um diese Zeit die Sonne bereits scheinen. Vermutlich sind wir
-weiter nach »Osten« gefallen, wie man auf der Erde die Seite des Mondes
-bezeichnet, wo für uns die Sonne untergehen wird, jedoch nicht weit von
-der Mitte der Mondscheibe, da die Erde über uns fast im Zenite steht.
-
-Ich empfange so viele neue und seltsame Eindrücke, daß ich sie nicht
-zusammenfassen und ordnen kann. Vor allem dieses unerhörte, geradezu
-entsetzliche Gefühl der Leichtigkeit. Wir wußten auf der Erde, daß der
-Mond, der neunundvierzigmal kleiner und einundachtzigmal leichter als
-die Erde ist, uns sechsmal schwächer anziehen würde, obwohl wir uns
-seinem Schwerpunkte näher befinden; aber es ist zweierlei -- etwas zu
-wissen oder etwas zu fühlen. Wir sind fast schon siebzig Stunden auf dem
-Monde und können uns noch nicht daran gewöhnen. Wir sind noch nicht
-imstande, die Anstrengung unserer Muskeln dem kleineren Gewicht der
-Gegenstände anzupassen, ja sogar nicht dem kleineren Gewichte unseres
-eigenen Körpers. Ich erhebe mich schnell von meinem Sitze und springe
-einen Meter in die Höhe, obwohl ich nur aufstehen will. Varadol wollte
-vor einigen Stunden aus einem starken Draht, der an der Wand unserer
-Behausung befestigt war, einen Haken biegen; er faßte ihn mit der Hand
--- und hob sich ganz in die Höhe! Er vergaß, daß er jetzt statt zirka
-siebzig Kilo nicht ganz dreißig Pfund wiegt! Jeden Augenblick wirft
-einer von uns gewaltsam die Gegenstände um sich, während er sie nur
-rücken will. Das Einschlagen eines Nagels ist geradezu unmöglich, weil
-der Hammer, der auf der Erde zwei Pfund wiegt, hier kaum einige
-hundertsiebzig Gramm schwer ist. Die Feder, mit der ich schreibe, fühle
-ich kaum in der Hand.
-
-Martha sagte vor kurzem, daß sie den Eindruck habe, als wenn sie schon
-ein körperloser Geist geworden sei. Das ist eine ganz gute Erklärung. Es
-liegt wirklich etwas Unheimliches in dem Gefühl dieser fabelhaften
-Leichtigkeit ... man könnte tatsächlich glauben, daß man nur noch Geist
-ist, besonders beim Anblick der Erde, die am Himmel strahlt wie der
-Mond, nur vierzehnmal größer und heller als das die Erdkugel
-erleuchtende Nachtgestirn. Ich weiß, daß dies alles wahr ist -- und
-trotzdem scheint es mir immer, als wenn ich träume oder mich in einem
-Theater befinde, ein seltsames Feenspiel anzusehen. Jeden Augenblick,
-denke ich, muß der Vorhang fallen, und diese Dekorationen werden
-verschwinden -- wie ein Traum ...
-
-Wir wußten doch vor unserer Abfahrt genau, daß die Erde über uns wie
-eine mächtige, unbewegliche Lampe, die mitten am Himmel hängt, scheinen
-würde. Ich wiederhole mir immer wieder, daß dies ganz natürlich ist: der
-Mond wandelt seine Bahn, immer mit der einen Seite der Erde zugewendet;
-infolgedessen muß sie den vom Monde aus auf sie Blickenden unbeweglich
-erscheinen. Ja, das ist doch so einfach, und dennoch versetzt mich
-dieses leuchtende Glasgespenst der Erde, das uns seit siebzig Stunden
-unbeweglich und hartnäckig aus dem Zenite anstarrt, in Schrecken.
-
-Ich sehe sie durch die Scheibe, die in der oberen Wand des Fahrzeugs
-angebracht ist, und unterscheide mit bloßem Auge die dunklen Flecken der
-Meere und die hellen Flächen der Länder. Sie gleiten langsam an mir
-vorüber, brechen der Reihe nach aus dem Schatten hervor: Asien, Europa,
-Amerika; verkleinern sich am Rande des schillernden Globus und gehen
-unter, um nach vierundzwanzig Stunden wiederum zu erscheinen.
-
-Es kommt mir vor, als wenn sich die ganze Erde in ein weitaufgerissenes
-Auge verwandelt hätte, das unbarmherzig, wachsam und staunend, auf uns
-niederstarrt; auf uns, die wir von ihr geflohen sind, als die ersten
-aller ihrer Kinder!
-
-Gleich als wir nach dem Fall etwas zum Bewußtsein kamen und die eisernen
-Deckel abschraubten, die die runden Fenster unsres Fahrzeugs verdeckten,
-sahen wir sie über uns. Sie war in der letzten Phase ihres Zunehmens.
-Damals glich sie einem starr auf uns gerichteten Auge; jetzt senkt sich
-über diesen grauenhaft unbeweglichen Blick allmählich das Lid des
-Schattens. In dem Moment, da die Sonne wie eine flammende Kugel am
-schwarzen Himmel, ohne vorhergehende Dämmerung, emporsteigt, wird dieses
-Auge sich zur Hälfte schließen und wenn die Sonne senkrecht über uns
-steht, das Augenlid sich gänzlich niedersenken ...
-
- Drei Stunden später.
-
-Ich unterbrach diese Aufzeichnungen, mit denen ich die langen Stunden
-ausfülle, die wir gezwungenerweise tatenlos verbringen, als ich zu
-O'Tamor gerufen wurde. Niemals haben wir mit der furchtbaren
-Eventualität gerechnet, daß wir allein, ohne ihn bleiben könnten. Wir
-waren auf den Tod vorbereitet, aber auf den eigenen, vielleicht
-gemeinsamen, nicht auf den seinen! Und hier gibt es keine Rettung ...
-Tomas liegt ebenfalls im Fieber, und statt den Kranken zu behandeln,
-bedarf er selbst der Pflege. Martha weicht keinen Augenblick von ihrer
-Seite, sich einmal zu Woodbell, dann wieder zu O'Tamor wendend und wir
-stehen ratlos dabei und wissen nicht, was wir tun sollen.
-
-O'Tamor ist noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen und wird es auch
-nicht mehr! Sechzig Jahre hat er auf der Erde gelebt, um hier ... Nein,
-nein, ich kann das Wort nicht niederschreiben, es ist furchtbar! Er!
-Gleich bei der Ankunft ...
-
-Wir sind so entsetzlich allein in dieser langen, furchtbar kalten Nacht!
-
-Vor einigen Stunden hat sich Martha, als wenn sie plötzlich von diesem
-Gefühl der grenzenlosen Leere und Einsamkeit erfaßt würde, mit
-zusammengefalteten Händen vor uns niedergeworfen. Sie weinte und rief
-immer wieder: »Auf die Erde, auf die Erde! Warum telegraphiert ihr
-nicht? Warum teilt ihr dort nichts mit? Seht, Tomas ist krank!«
-
-Armes Mädchen! Was sollten wir ihr antworten?
-
-Sie weiß so gut wie wir, daß unser Apparat schon ungefähr hundertzwanzig
-Millionen Meter vor dem Monde zu funktionieren aufgehört hat ... Endlich
-erinnerte Peter sie daran, aber als wenn die Übersendung von Nachrichten
-die Kranken retten könnte, drängte sie fieberhaft, daß man die Kanone
-aufstellen solle, die wir für den Fall des Unbrauchbarwerdens des
-telegraphischen Apparates von der Erde mitgenommen haben. Dieser Schuß
-ist jetzt die einzige, letzte Möglichkeit, uns mit denen, die dort
-zurückgeblieben sind, zu verständigen.
-
-Varadol und ich gaben nach und wagten uns aus dem Fahrzeug heraus. Ich
-gestehe es, daß die Angst vor diesem Schritt mich schüttelte. Dort,
-hinter den uns schützenden Wänden ist in der Tat schon nichts mehr als
-Leere ... Das Barometer zeigt nämlich draußen ein Vorhandensein von
-Atmosphäre an, deren Dichte nicht einmal den dreihundertsten Teil
-unserer Erdluft erreicht. Der Umstand, daß die Atmosphäre, wenn auch in
-einer solchen Verdünnung, überhaupt existiert, ist für uns überaus
-günstig, da er uns hoffen läßt, daß wir sie, auf der _anderen Seite_, in
-zum Atmen genügender Dichte vorfinden werden. Ach, mit welchem Zagen
-steckten wir vor einigen Stunden das Barometer nach außen! Anfangs sank
-das Quecksilber so gewaltig, daß es uns schien, als wenn es bis zum
-Nullpunkt herabfiel. Zitternde Angst schnürte uns die Kehle zu; das
-hieße -- eine absolute Leere, und mit ihr der unabwendbare Tod! Aber
-nach einer Weile hob sich das Quecksilber in der Röhre auf 2,3
-Millimeter! Wir atmeten auf, obwohl man in dieser Luft eigentlich gar
-nicht atmen kann! Und nun sollten wir, zwecks Aufstellung der Kanone, in
-diese Leere hinausgehen! Nachdem wir unsere »Taucheranzüge« angelegt und
-über dem Nacken die Behälter mit verdichteter Luft befestigt hatten,
-stellten wir uns in der Vertiefung, die sich in der Wand des Fahrzeugs
-befand, bereit. Martha verschloß hinter uns die Innentür ganz dicht,
-damit nicht die so wertvolle Luft zugleich mit uns entweichen sollte,
-und dann öffneten wir den äußeren Deckel ...
-
-Wir berührten mit den Füßen den Mondgrund, und in diesem Augenblick
-umfaßte uns eine entsetzlich betäubende Stille. Ich sah durch die
-Glasmaske auf Peters Gesicht und bemerkte, daß er die Lippen bewegte;
-ich dachte mir, daß er spreche, aber ich hörte keinen Laut. Die Luft ist
-hier zu dünn, als daß sie eine Menschenstimme übermitteln könnte. Ich
-hob einen Stein auf und warf ihn. Er fiel langsam, langsamer als auf der
-Erde und ohne jegliches Geräusch. Ich wankte wie ein Betrunkener; ich
-glaubte wirklich schon in der Welt der Geister zu sein.
-
-Wir mußten uns durch Gesten verständigen. Die Erde, die uns genährt hat,
-verhalf uns dazu durch ihr Leuchten.
-
-Wir nahmen die Kanone heraus, die in einer nach außen zu öffnenden
-Seitenwand untergebracht war, und ein Gefäß mit Explosionsmaterial, das
-für sie besonders hergestellt wurde. Diese Arbeit ging leicht
-vonstatten, da die Kanone hier kaum den sechsten Teil dessen wog, was
-ihr Gewicht auf der Erde betrug.
-
-Jetzt hieß es nur das aufgestellte Geschütz genau bis zur Bleischnur zu
-laden, nachdem man in die hohle Kugel eine Karte gelegt hatte; bei der
-Leichtigkeit der Gegenstände auf dem Mond mußte diese Explosionskraft
-vollständig genügend wirken, um sie in gerader Linie auf die Erde zu
-befördern. Aber es war uns unmöglich, diese Arbeit zu vollenden. Eine
-unbeschreiblich entsetzliche Kälte schnürte uns wie mit eisernen Krallen
-die Brust zusammen. Seit ungefähr dreihundertundzehn Stunden hat hier
-die Sonne nicht mehr geschienen, und die Atmosphäre ist nicht dicht
-genug, so lange Zeit hindurch die Wärme der während des langen Tages
-sicherlich erglühten Steine festzuhalten ...
-
-Wir kehrten zu dem Fahrzeug zurück, das uns wie ein Paradies an Wärme
-erschien, obwohl wir mit dem Feuer sparen. Vor dem Aufgang der Sonne,
-die diese Welt erwärmen wird, ist es unmöglich, die Versuche,
-hinauszugehen, zu erneuern. Und diese Sonne will und will nicht kommen!
-
-Wann wird sie endlich erscheinen, und was wird sie uns bringen?
-
- Siebzig Stunden sechsundvierzig Minuten nach
- Ankunft auf dem Mond.
-
-O'Tamor ist gestorben.
-
- Der erste Mondtag, drei Stunden nach
- Sonnenaufgang.
-
-Wir sind nur noch vier. In einer Weile treten wir die Reise an. Alles
-ist bereit: unser Fahrzeug hat sich, nachdem die Räder befestigt sind
-und nach Aufstellung des Motors, in einen Wagen verwandelt, der uns,
-diese Wüste durcheilend, dem Lande zuführen soll, wo wir leben und atmen
-können ... O'Tamor wird hier bleiben ...
-
-Wir sind von der Erde geflohen, -- aber der Tod, der mächtige Herr des
-Erdengeschlechtes, hat mit uns den Weltenraum durchflogen und uns gleich
-im Anfang in Erinnerung gebracht, daß er bei uns ist -- unbarmherzig,
-siegreich -- wie dort! Wir fühlten seine Gegenwart und Nähe, seine
-Allherrschaft so lebhaft wie niemals auf der Erde. Wir sehen uns
-unwillkürlich an: Wer kommt jetzt an die Reihe? ...
-
-Es war noch Nacht, als plötzlich Selena aus der Ecke hervorkam, wo sie
-seit einigen Stunden zusammengekauert gelegen und, die Schnauze dem
-durch das Fenster leuchtenden Halbmond der Erde entgegenstreckend,
-entsetzlich zu heulen begann. Wir sprangen alle auf, wie von einer
-inneren Kraft in die Höhe geworfen.
-
--- Der Tod kommt! schrie Martha.
-
-Woodbell, der sich besser fühlte, stand am Lager O'Tamors und wandte
-sich langsam zu uns:
-
--- Er ist schon gekommen, sagte er.
-
-Wir trugen die Leiche aus dem Fahrzeug hinaus. In diesem felsigen Grunde
-ist es unmöglich ein Grab zu graben. Der Mond will unsere Toten nicht
-beherbergen -- wie wird er uns Lebende aufnehmen?
-
-Wir legten also die Leiche auf diesem harten Mondfelsen auf den Rücken,
-das Gesicht der am Himmel leuchtenden Erde zugekehrt und sammelten die
-hier und da auf der Ebene zerstreut liegenden Steine, um aus ihnen ein
-Grab zurechtzulegen. Wir umgaben den Dahingeschiedenen mit einem nicht
-allzu hohen Wall, konnten jedoch keine genügend große Steinplatte
-finden, um ihn zu bedecken. Da sagte Peter durch das Rohr, das unsere
-Köpfe verband und so eine Verständigung ermöglichte:
-
--- Lassen wir ihn hier so liegen ... Siehst du nicht, daß er auf die
-Erde blickt?
-
-Ich betrachtete den Toten. Er schien in der Tat mit verglasten, weit
-aufgerissenen Augen in das Auge der Erde zu starren, das sich immer mehr
-schloß, immer mehr vor dem Glanze der uns noch unsichtbaren Sonne, die
-bald aufgehen sollte. Mag er so liegen bleiben ...
-
-Aus zwei Eisenstäben, den Bruchstücken des zerschmetterten Gerüstes, das
-uns während des Falles vorm Zermalmen bewahrt hatte, machten wir ein
-Kreuz und befestigten es auf dem Steinwall über dem Haupte O'Tamors.
-
-Da -- als wir die traurige Arbeit gerade beendet hatten und zum Fahrzeug
-zurückkehren wollten, geschah etwas Seltsames. Die Gipfel der Berge, die
-vor uns in dem fahlen Schein der Erde auftauchten, färbten sich
-plötzlich, ohne jeglichen Übergang, blutigrot und dann erstrahlten sie
-in einem weißlich glühenden Glanze auf dem Hintergrunde des
-tiefschwarzen Himmels. Der Fuß der Berge erschien jetzt, durch den
-Kontrast der Beleuchtung gänzlich verdunkelt, fast unsichtbar; nur die
-höchsten Kappen hingen über uns, wie ein im Feuer erglühter Stahl, sich
-allmählich, aber stetig vergrößernd. Infolge des Mangels der
-Luftperspektive, die auf der Erde die Schätzung der Entfernung
-ermöglicht, schienen diese weißen Flecke auf dem Hintergrunde des
-schwarzen Himmels, inmitten der Gestirne, gerade über unseren Häuptern
-zu hängen, wie abgerissen von dem felsigen Fundament, das sich in der
-Dämmerung verlor. Wir wagten kaum die Hand auszustrecken, aus Furcht,
-diese Stücke des lebendigen Lichtes zu berühren.
-
-Sie aber wuchsen und wuchsen vor unseren Augen, als wenn sie sich uns in
-langsamer, unerbittlicher Bewegung näherten; bald waren sie so dicht vor
-uns, daß wir unwillkürlich zurückwichen ... gänzlich vergessend, daß
-diese Gipfel Hunderte, vielleicht auch Tausende von Metern von uns
-entfernt sind.
-
-Plötzlich sah Peter sich um und stieß einen Schrei aus. Ich wandte,
-seiner Bewegung folgend, den Kopf und -- stand wie festgebannt vor einem
-unerhörten, nicht zu schildernden Schauspiel im Osten!
-
-Über dem schwarzen Grat eines Berges glimmte die blasse, silberne Säule
-eines Zodiakallichtes. Wir starrten, einen Augenblick den Toten
-vergessend, auf diesen Punkt, als unten an der Säule, dicht an der
-Grenze des Horizontes, kleine, springende rote Flämmchen im Kranze zu
-flackern begannen.
-
-Die Sonne ging auf! Die mit so heißer Sehnsucht erwartete,
-lebenspendende Sonne, die O'Tamor hier nicht mehr sehen soll!
-
-Wir weinten beide wie Kinder.
-
-Und schon erstrahlte sie am Horizonte, hell und weiß. Jene zuerst
-wahrgenommenen roten Flämmchen waren Protuberanzen, starke Ausströmungen
-glühender Gase, die von der Sonnenkugel nach allen Richtungen
-hinschießen und auf der Erde, wo sie durch die Atmosphäre verblassen,
-nur während einer vollkommenen Sonnenfinsternis sichtbar sind. Hier,
-beim Fehlen der Luft, zeigten sie uns das Erscheinen der Sonnenscheibe
-an und werden es noch lange jeden Tag so anzeigen, für kurze Augenblicke
-einen blutigen Schein auf die Berge werfend, ehe sie in blendender Weiße
-im vollen Tagesglanz erglühen.
-
-Nach einigen Minuten erschien an Stelle des roten Flammenkranzes ein
-weißes Segment der Sonnenscheibe über dem Horizont; eine volle Stunde
-brauchte diese Scheibe, um hinter den Felsen im Osten hervorzukommen.
-
-Diese ganze Zeit hindurch waren wir, trotz der immensen Kälte, mit den
-Vorbereitungen zur Reise beschäftigt. Jeder Augenblick ist wertvoll; man
-darf die Abfahrt nicht länger hinausschieben. Jetzt ist schon alles
-bereit.
-
-Es ist seit Aufgang der Sonne wärmer geworden. Ihre Strahlen, obwohl sie
-noch schräg fallen, wärmen mit der ganzen Kraft, da sie nicht durch die
-Atmosphäre abgeschwächt sind, wie dies auf der Erde der Fall ist. Ein
-seltsamer Anblick! ...
-
-Die Sonne flammt wie eine strahlenlose Kugel, die auf den Bergen wie auf
-einem mächtigen schwarzen Kissen ruht. Es gibt hier nur zwei Farben, die
-durch ihren scharfen Kontrast das Auge unaussprechlich quälen: Weiß und
-Schwarz. Der Himmel ist schwarz und, obwohl es schon Tag geworden, mit
-einer unermeßlichen Anzahl von Sternen übersät; rings um uns breitet
-sich eine leere, wilde, Entsetzen erregende Landschaft, ohne Milderung
-des Lichtes, ohne Halbschatten, zur Hälfte schimmernd weiß vom
-Sonnenglanz, zur Hälfte dagegen in tiefes Schwarz gehüllt. Es fehlt jene
-Atmosphäre, die auf der Erde dem Himmel die wundervolle blaue Farbe
-verleiht, die, selbst von Licht übersättigt, die Sterne vor
-Sonnenaufgang verrinnen läßt und wonnige Dämmerungen schafft; die sich
-beim Morgen- und Abendrot in zartes Rosa taucht, in Regenbogen tränkt,
-mit Wolken verfinstert und feine Übergänge vom grellen Licht zur milden
-Dämmerung malt.
-
-Nein, unsere Augen sind nicht für dieses Licht und diese
-Landschaftsbilder geschaffen!
-
-Wir befinden uns auf einer weiten Ebene von massivem Gestein, das hie
-und da von Spalten zerrissen ist, die sich in nordwestlicher Richtung
-erstrecken. Im Westen (_Osten_ und _Westen_ unsrer Welt bezeichne ich,
-übereinstimmend mit der _tatsächlichen_ Lage, also _umgekehrt_ wie wir
-dies in den Mondkarten auf der Erde finden) im Westen also sieht man
-steile Hügel, über denen in nordwestlicher Richtung der zerrissene Grat
-eines Berges thront. Im Norden erhebt sich die Ebene allmählich, jedoch,
-wie es scheint, zu bedeutender Höhe. Nach Osten zu werden unzählige
-Spalten, Gebirgsvorsprünge und kleine Schluchten, die künstlich
-ausgegrabenen Vertiefungen ähneln, sichtbar, und gegen Süden erstreckt
-sich eine unabsehbare Flachebene.
-
-Varadol behauptet, auf Grund der in Eile vorgenommenen Messungen des
-Höhenstandes der Erde am Himmel, daß wir uns tatsächlich auf dem _Sinus
-Medii_ befinden, wohin wir nach den Berechnungen hätten fallen müssen.
-Mir scheint dies jedoch nicht ganz richtig zu sein, denn die Gipfel, die
-im Norden und Westen jene Flachebene begrenzen, nämlich die aus den
-Karten bekannten: _Mosting_, _Sommering_, _Schroter_, _Bode_ und
-_Pallas_, entsprechen weder ihrer Lage noch ihrer Höhe nach dem, was wir
-hier vor uns sehen. Aber schließlich ist es einerlei! Wir fahren nach
-Westen, um längs dem Äquator, wo nach den Karten der Mondgrund am
-gleichmäßigsten zu sein scheint, diesen Globus zu umkreisen und auf
-seine _andere Seite_ zu gelangen.
-
-Bald wird von uns hier nichts mehr übrig sein! Nur das Grab mit dem
-Kreuze bezeichnet für ewige Zeiten die Stelle, an der die ersten
-Menschen auf dem Monde gelandet sind.
-
-Lebewohl denn, Grab meines Freundes, du erster Bau, den wir auf dieser
-neuen Welt errichteten! Lebewohl, toter Freund, teurer und treuloser
-Vater, der du uns von der Erde entführtest und beim Eintritt ins neue
-Leben verlassen hast! Das Kreuz, das über deinem Grabe steht, gleicht
-einer Standarte, die Zeugnis dafür ablegt, daß der siegreiche Tod mit
-uns gekommen und auch dieses Reich erobert und in Besitz genommen hat
-... Wir fliehen vor ihm; du bleibst mit ihm zurück, ruhiger als wir, auf
-die unbewegliche Erde starrend, die dich gezeugt, das Kreuz, dessen
-treuer Bekenner du warst, über deinem Haupte.
-
- Am ersten Mondtage, einhundertsiebenundneunzig
- Stunden nach Sonnenaufgang. Mare Imbrium,
- 11° westlicher Länge, 17° 21' nördlicher
- Mondbreite.
-
-Endlich kann ich meine Gedanken sammeln! Welch ein furchtbarer,
-erbarmungslos langer Tag, was für eine entsetzliche Sonne, die ihre
-Gluten fast seit zweihundert Stunden aus diesem grundlos schwarzen
-Himmel herabsendet! Zwanzig Stunden sind schon seit Mittag vergangen und
-sie steht noch immer fast senkrecht über unseren Häuptern, inmitten
-einer Fülle glanzloser Sterne, neben dem schwarzen Reifen der verblaßten
-Erde, die von einem Hof lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben ist. Wie
-seltsam dieser Himmel über uns! Alles um uns herum hat sich verändert,
-nur die Konstellationen der Gestirne sind wie wir sie von der Erde aus
-gesehen haben. Hier, wo die Luft den Blick nicht trübt, sind
-unvergleichlich mehr Sterne sichtbar. Das ganze Firmament scheint wie
-mit Sand von ihnen überstreut zu sein. Die doppelten Sterne leuchten wie
-farbige Punkte, grün, rot oder bläulich, nicht in der uns bekannten
-Silberfarbe zerfließend. Dabei erscheint der Himmel, der hier keinen
-farbigen Lufthintergrund hat, nicht als flache, hohle Kuppel. Man wird
-sich im Gegenteil seiner unermeßlichen Tiefe bewußt und bedarf keiner
-Berechnungen, um festzustellen, welcher Stern weiter entfernt oder näher
-liegt. Blickt man auf den Großen Wagen, bemerkt man, daß einige seiner
-Sterne tief zurückliegen, im Vergleich mit anderen nähergerückten,
-während er, von der Erde aus betrachtet, wie sieben Stifte, die in eine
-glatte Decke eingeschlagen sind, aussah. Die Milchstraße ist hier kein
-loser Lichtstreifen, sondern eine kompakte Schlange, die sich durch die
-schwarzen Untiefen wälzt. Ich habe den Eindruck, als wenn ich durch ein
-wundervolles Stereoskop auf den Himmel sähe.
-
-Und was das Merkwürdigste ist, die Sonne flammt inmitten der Sterne in
-strahlendster Helle und verdunkelt auch nicht das schwächste der
-himmlischen Lichter ...
-
-Die Glut ist entsetzlich; man glaubt, die Felsen müßten zu schmelzen
-beginnen und zerfließen wie an schönen Märztagen das Eis auf unsern
-Flüssen. So endlos lange Stunden sehnten wir uns nach der Sonne und
-ihren erwärmenden Strahlen und jetzt müssen wir vor ihr fliehen, um
-unser Leben zu retten. Seit etwa zehn Stunden stehen wir auf dem Grunde
-einer tiefen Spalte, die sich vom Fuße des zerklüfteten Berges
-_Eratosthenes_ den _Apennin_ entlang in die Tiefe des _Regenmeeres_
-erstreckt. Hier erst, tausend Meter unter der Oberfläche, fanden wir
-Schatten und etwas Kühle ...
-
-Nachdem wir hierher geflüchtet, schliefen wir vor Erschöpfung zehn
-Stunden ohne Unterbrechung. Im Traume schien es mir, daß ich mich noch
-auf der Erde befinde, in grünen, kühlen Hainen, wo von frischem Moos
-umrahmt ein kristallklarer Bach plätscherte. Weiße Wolken glitten am
-blauen Himmel dahin; ich hörte den Gesang der Vögel, das Summen der
-Käfer und Stimmen der Menschen, die vom Felde heimkehrten.
-
-Selenas Bellen weckte mich auf.
-
-Ich öffnete die Augen, war aber so verschlafen, daß ich lange nicht
-begreifen konnte, wo ich bin, was mit mir geschieht, was dieser
-verschlossene Wagen bedeutet und diese Felsen ringsumher, so öde und
-wild! Endlich wurde mir alles klar -- und ein unaussprechliches Weh
-schnürte mir das Herz zusammen ... Selena bemerkte, daß ich nicht
-schlief und kam zu mir; ihre Schnauze auf meine Knie legend, sah sie
-mich mit ihren verständigen Augen groß an und es schien mir, daß ich in
-ihrem Blick einen stummen Vorwurf las ... Ich streichelte schweigend
-ihren Kopf, sie begann traurig zu winseln, sich nach ihren Jungen
-umsehend, die in der Wagenecke munter miteinander spielten. Diese
-Jungen, Wotan und Leda, sind die einzigen Geschöpfe, die hier froh sind.
-
-Ah, es ist wahr! Manchmal ist auch Martha noch froh wie ein kleines
-Kind, aber nur, wenn Woodbell, der immer gleich elend ist, die Hand
-ausstreckt, um ihr üppiges, dunkelbraunes Haar zu streicheln. Dann
-strahlt ihr schmächtiges Antlitz in hellem Lächeln und ihre großen,
-schwarzen Augen blicken in grenzenloser Hingebung auf ihren Geliebten,
-der noch bis vor kurzem so männlich schön war und jetzt vom Fieber
-verzehrt und abgemagert dahinsiecht. Sie tut alles, um ihn aufzumuntern,
-ihm mit jeder Bewegung, mit jedem Blick zu sagen, daß sie ihn liebt und
-in seiner Nähe glücklich ist, selbst hier, wo es so schwer ist,
-glücklich zu sein. Ich kann mich einer schmerzlichen Eifersucht nicht
-erwehren, wenn ich sehe, wie sie ihre vollen, leidenschaftlichen Lippen
-über seine magere Hand, seinen Hals und sein Gesicht gleiten läßt; wie
-sie die Lider seiner kalten, müden Augen küßt und ihn liebkosend wie ein
-kleines Kind an ihre wundervoll geformte Brust bettet, ihm seltsame, für
-uns unverständliche Weisen singend. Er hörte sie wohl von denselben so
-heiß küssenden Lippen dort -- in ihrem Heimatlande -- am malabarischen
-Strande und jetzt, da sie wieder erklingen, muß er von den säuselnden
-Palmen, vom Rauschen des blauen Meeres träumen ... Dieses Weib bewahrte
-ihm in ihrer liebenden Seele die ganze Welt, die für uns
-unwiederbringlich verloren ist.
-
-Nie werde ich den Tag vergessen, da ich sie zum erstenmal gesehen habe.
-Es war unmittelbar nachdem wir die Nachricht erhalten hatten, daß Braun
-zurücktritt. Wir saßen alle vier in Marseille, im Hotelzimmer, von
-dessen Fenstern aus man auf den Meerbusen blickt und sprachen über
-diesen Rücktritt des Kameraden, der uns sehr nahe ging.
-
-Da meldete man uns, daß eine Frau uns sofort sprechen wolle. Wir
-überlegten noch, ob wir sie empfangen sollten, als sie schon selbst ins
-Zimmer trat. Sie war gekleidet wie die Töchter reicher Eingeborener im
-südlichen Indien. Das Gesicht, ungewöhnlich schön, hatte einen halb
-verängstigten, halb entschlossenen Ausdruck. Wir sprangen alle erstaunt
-auf, Tomas aber erblaßte und starrte, sich über den Tisch neigend,
-aufmerksam forschend in ihr Antlitz. Mit gesenktem Kopfe blieb sie an
-der Tür stehen.
-
--- Martha, du hier! rief endlich Woodbell.
-
-Sie kam näher und erhob das Haupt. In ihren Zügen war keine Spur mehr
-von Zaudern oder Unsicherheit; nur eine wahrhaft südländische
-Leidenschaft flammte aus ihren von schweren Lidern halb bedeckten
-schwarzen Augen.
-
-Das volle runde Kinn war vorgebeugt; die roten Lippen halb geöffnet,
-streckte sie Tomas die Hände entgegen und antwortete, zu ihm
-aufblickend:
-
--- Ich bin dir gefolgt und werde dir überallhin folgen, selbst auf den
-Mond!
-
-Woodbell war blaß wie eine Leiche. Er fuhr sich mit beiden Händen an den
-Kopf und rief fast stöhnend:
-
--- Das ist unmöglich!
-
-Sie sah uns an, und scheinbar dem Alter nach schließend, daß O'Tamor
-unser Führer sei, warf sie sich ihm zu Füßen, so schnell, daß er nicht
-Zeit hatte, sie aufzuhalten.
-
--- Herr! rief sie, seine Knie umklammernd, Herr, nehmt mich mit Euch!
-Ich bin die Geliebte Eures Kameraden; alles habe ich für ihn hingegeben,
-er darf mich jetzt nicht verlassen! Ich liebe ihn! Ich hörte, daß einer
-Eurer Genossen zurücktrat und bin von Indien hierher gekommen. Nehmt
-mich mit! Ich werde Euch keine Unbequemlichkeiten verursachen. Ich will
-eure Dienerin sein! Ich bin reich, sehr reich, ich gebe Euch Gold und
-Perlen, soviel Ihr wollt. Mein Vater war Radscha in Travancore am
-malabarischen Strand und hinterließ große Schätze. Ich bin auch kräftig
-genug, seht!
-
-Bei diesen Worten streckte sie die nackten, schwarzbraunen Arme aus.
-
-Varadol stammelte:
-
--- Aber für eine solche Reise bedarf es der Vorbereitungen! Das ist
-etwas anderes, als eine Fahrt mit dem Dampfer von Travancore nach
-Marseille!
-
-Da begann sie zu erzählen, wie sie ohne Tomas' Wissen im geheimen
-dasselbe Training vornahm wie wir, immer in dem Gedanken, daß es ihr im
-letzten Augenblick gelingen werde, uns zu erbitten, sie mitzunehmen.
-Jetzt benutzte sie Brauns Rücktritt, die seit langem gefaßte Absicht
-auszuführen. Sie weiß wohl von Tomas, daß man dort auf dem Mond den Tod
-finden kann, aber sie will nicht ohne ihn leben und abermals flehte sie
-uns an.
-
-Da wandte sich O'Tamor, der bis jetzt geschwiegen hatte, mit der Frage
-zu Tomas, ob er sie mit sich nehmen wolle, und als Woodbell, unfähig ein
-Wort hervorzubringen, mit dem Kopfe nickte, legte er seine Hand auf die
-üppigen Haare des Mädchens und sprach langsam und feierlich:
-
--- Du wirst mit uns gehen, Tochter. Vielleicht hat dich Gott zur Eva des
-neuen Geschlechtes erkoren -- möge es glücklicher sein als das irdische!
-
-So lebendig ist mir diese Szene in Erinnerung ...
-
-Eben ruft mich Martha. Tomas fiebert wieder; man muß ihm Chinin geben.
-
- Zwei Stunden später.
-
-Die Glut, anstatt nachzulassen, wird immer größer. Wir flüchteten noch
-tiefer, um uns vor ihr zu retten. Solange diese entsetzliche Hitze
-andauert ist es unmöglich an ein Weiterfahren auch nur zu denken. Die
-Angst schüttelt mich, wenn ich mir sage, daß wir fast noch dreitausend
-Kilometer vor uns haben, bis wir ans Ziel gelangen ... und wer bürgt uns
-dafür, daß man dort leben kann? ... Der einzige, O'Tamor, der nicht
-daran zweifelte, ist nicht mehr unter uns.
-
-Der Wegmesser auf unserem Wagen gibt an, daß wir bereits
-hundertsiebenundsechzig Kilometer zurückgelegt haben; die Zeit
-zusammengerechnet, kommt auf jede Stunde ein Kilometer. Und wir bewegten
-uns doch verhältnismäßig ziemlich schnell vorwärts ...
-
-Vier Stunden nach Sonnenaufgang brachen wir auf und wendeten uns nach
-Westen. In dem Glauben, daß wir uns auf dem _Sinus Medii_ befinden,
-wollten wir auf die Flachebene zwischen den Bergen _Sommering_ und
-_Schroter_ gelangen und von dort den _Sommering_ von Norden und Westen
-umkreisen. So beabsichtigten wir, uns dem Äquator zu nähern und an ihm
-entlang, direkt in der Richtung des Gebirgsringes _Gambart_ und des
-höheren, weiter gegen Westen auf dem Äquator liegenden _Landsberg_
-vorzudringen.
-
-Der Grund war ausnahmsweise gleichmäßig, fast ohne Spalten, so daß der
-Wagen leidlich fahren konnte. Hoffnung und Zuversicht erfüllten unsere
-Herzen; es war uns warm und leicht -- nur die Erinnerung an O'Tamor
-trübte unsere Freude. Tomas ging es besser und Martha strahlte vor
-Glück, als sie es bemerkte. Wir begannen aufs neue Pläne zu schmieden.
-Der Weg schien uns nicht lang, die Mühe nicht allzu groß. Wir
-bewunderten die Wildheit der in ihrer Erstarrung großartigen Landschaft
-oder bemühten uns, vermittels der vor uns ausgebreiteten Karte im voraus
-die phantastischen Bilder zu erraten, die unserer warten. Varadol
-erinnerte uns an alle Forschungen und Beweise O'Tamors, nach denen die
-entgegengesetzte Seite des Mondes durchaus den Bedingungen zum Leben
-genügen und dabei interessant und über alle Beschreibung erhaben sein
-sollte. Wir sagten uns, wenn dort dieselben Berge sind, die
-jetzt am Horizonte im Sonnenschein vor uns erglänzen und
-außerdem noch frisches Grün und Wasser, lohnt es wohl der Mühe,
-dreihundertvierundachtzigtausend Kilometer zurückzulegen, um diese
-Herrlichkeiten zu sehen. Wir unterhielten uns lebhaft und Tomas und
-Martha, wie gewöhnlich fest aneinandergeschmiegt, entwarfen rosige Pläne
-für das zukünftige Leben in diesem Paradies. Sogar Selena begann, als
-sie die munteren Stimmen hörte, fröhlich zu bellen und im ganzen Wagen
-mit ihren spielenden Jungen herumzuspringen.
-
-So verflossen drei Stunden und wir hatten schon gegen dreißig Kilometer
-zurückgelegt, als Varadol, der gerade an der Reihe war am Steuer zu
-stehen, den Wagen plötzlich anhielt. Vor uns erhob sich ein nicht hoher,
-stumpfer Steinwall, der sich von Süden nach Nordwesten erstreckte. Man
-hätte den Wall mit Leichtigkeit überwinden können, aber es handelte sich
-darum, die Richtung genau festzustellen, in der wir uns vorwärtsbewegen
-sollten. Im Nordwesten erhoben sich wild zerklüftete, mächtige Berge,
-die wir für die Gipfel des Kraters _Sommering_ hielten. Jener Krater,
-wie die Astronomen auf Erden diese runden Berge hier bezeichnen, erhebt
-sich zwar nur eintausendvierhundert Meter über der benachbarten Ebene,
-während diese Berge uns ungleich höher vorkamen, aber wir schrieben dies
-der leicht erklärlichen optischen Täuschung zu. Außerdem ist es aber
-auch möglich, daß wir mit unserem Projektil auf den südwestlichen Teil
-des _Sinus Medii_, auf die Flachebene, gefallen sind, die sich dem
-breiten Halbkreis des Zirkus des _Flammarion_ zu öffnet und jetzt zur
-Rechten den Krater _Mosting_, von der ansehnlichen Höhe von
-zweitausenddreihundert Metern, vor uns haben. Auf alle Fälle mußte jener
-Berg von Norden her umkreist werden, um nicht den ursprünglichen Plan zu
-ändern. Woodbell riet noch einmal astronomische Messungen vorzunehmen
-zur Festlegung des Punktes, an dem wir uns befinden, aber da wir jetzt
-keine Minute verlieren wollten, verschoben wir diese Arbeit auf die
-heißere Zeit, wo wir infolge der großen Glut würden Aufenthalt machen
-müssen. Wir lenkten also den Wagen direkt nach Norden. Der Weg wurde
-immer schwieriger und führte allmählich in die Höhe; hie und da trafen
-wir Spalten an, denen wir ausweichen mußten, öfter ganze Felder von
-massivem Gestein, dem Gneis ähnlich, mit vielen losgelösten Felsstücken
-übersät. Wir bewegten uns immer langsamer und mit großer Mühe vorwärts.
-An einigen Stellen mußten wir, nachdem wir die Luftbehälter angelegt
-hatten, den Wagen verlassen, um den Weg zu bahnen und die hindernden
-Felsblöcke fortzuräumen. Wir priesen dabei die geringe Anziehungskraft
-des Mondes, durch die es uns möglich war, derartige Felsstücke von der
-Stelle zu rücken. Anfangs belustigte uns sogar diese Arbeit. Jedem
-erschien der andere Gefährte, wenn er die mächtigen Klumpen bewegte, wie
-ein Riese. Selbst Martha half mit. Nur Tomas blieb im Wagen zurück, da
-er vom Fieber, das immer wiederkehrte, wenn auch das Schmerzen der
-Wunden aufgehört hatte, zu sehr geschwächt war.
-
-Wir entfernten uns auf diese Weise einige Kilometer weit von dem Punkte,
-von wo wir uns nach Norden gewandt hatten. Zur Linken eine Reihe kleiner
-und überaus steiler Hügel, hinter denen sich phantastische Gipfel
-erhoben. Vor uns stieg der Boden immer schroffer in die Höhe und aus dem
-mächtigen Wall, den er bildete, ragte eine scharfe Bergspitze hervor.
-Rechts, gegen Osten, erstreckte sich eine Kette gigantischer Berge.
-
-Vierundzwanzig Stunden waren schon seit Aufgang der Sonne verflossen,
-als wir auf die glatte Fläche von massivem Gestein gelangten, auf der
-man sich schneller vorwärtsbewegen konnte. Hier beschlossen wir
-anzuhalten, um auszuruhen. Dabei beunruhigte uns die seltsame Gestaltung
-der Landschaft immer mehr.
-
-Wir waren bereits überzeugt, daß wir uns in einer anderen Gegend des
-Mondes als auf dem _Sinus Medii_ befanden. Man mußte demnach endlich
-genaue Messungen vornehmen.
-
-Nach kurzer Rast machten wir uns an die Arbeit. Peter stellte die
-astronomischen Instrumente auf. Der Mittelpunkt der Erdscheibe war vom
-Zenite 6° gegen Osten und 2° gegen Norden entfernt -- wir befanden uns
-also unter dem 6.° westlicher Mondlänge und dem 2.° südlicher Breite,
-das heißt, an der Grenze des _Sinus Medii_, neben dem Krater _Mosting_.
-Was diesen betrifft, so konnte kein Zweifel obwalten. Die Messungen
-waren ganz genau.
-
-Wir beschlossen weiterzufahren, ohne die Richtung zu ändern. Als wir den
-Weg antreten wollten, rief Varadol plötzlich:
-
--- Und unsere Kanone! Wir haben die Kanone zurückgelassen!
-
-In der Tat, jetzt erst erinnerten wir uns, daß unsere Kanone, das
-einzige und letzte Mittel, uns mit den Erdbewohnern zu verständigen, mit
-dem Geschoß und der Kugel beim Grabe O'Tamors zurückgeblieben war. Sein
-Tod und Begräbnis hatten uns so verwirrt, daß wir beim Aufbrechen
-vergaßen, die für uns so wertvolle Kanone mitzunehmen. Das war ein
-unersetzlicher Verlust und um so empfindlicher, als nach der Zerstörung
-der telegraphischen Verbindung mit ihr der letzte Faden zerriß, der uns
-mit der Erde verband. Wir fühlten uns plötzlich so grenzenlos
-vereinsamt, als wenn wir uns in diesem Augenblicke wiederum um Hunderte
-von Kilometern von dem Globus entfernt hätten, der schon Hunderttausende
-von Kilometern hinter uns lag.
-
-Unser erster Gedanke war umzukehren und die Kanone zu holen. Vor allem
-bestand Woodbell darauf, da er es für nötig hielt, uns mit der Erde zu
-verständigen, damit man weiter beabsichtigte Expeditionen nicht
-aussende, bevor wir nicht mitteilen konnten, daß wir hier mögliche
-Lebensbedingungen gefunden haben.
-
-Wenn wir umkommen müssen, sagte er, warum sollen noch andere ihr Leben
-opfern. Ihr wißt doch, daß die Brüder Remogner zur Fahrt bereit sind.
-Sie erwarten Nachrichten von uns, aber unser telegraphischer Apparat
-funktioniert nicht. Man muß sie zurückhalten, wenigstens noch für einige
-Zeit.
-
-Es hatte jedoch seine Schwierigkeiten mit dem Umkehren. Jede Stunde ist
-von höchstem Werte, da uns im Falle einer Fahrtverlängerung die
-Nahrungs- und Luftvorräte ausgehen können, wodurch wir zum sicheren Tode
-verurteilt wären. Wir haben uns so schon durch die Krankheit O'Tamors zu
-lange aufhalten müssen und wer konnte dafür bürgen, daß wir die Stelle
-wiederfinden, wo die Kanone zurückblieb?
-
-Varadol bemühte sich, Tomas' Bedenken zu zerstreuen. Die Brüder
-Remogner, führte er an, werden den Weg doch nicht antreten, wenn sie
-keine Nachrichten von uns erhalten. Im übrigen weiß man nicht, ob die
-hinausgeschossene Kugel gerade auf eine Stelle der Erde fällt, wo sie
-jemand auffindet und die Depesche gelangt vielleicht gar nicht in die
-Hände derjenigen, für die sie bestimmt ist.
-
-Auch fiel uns noch der Umstand ein, daß wir die Kanone, die lediglich
-für einen senkrechten Schuß konstruiert war, nur in der Nähe des
-Mittelpunktes der Mondscheibe gebrauchen könnten, wo sich die Erde im
-Zenite über uns befindet. Für einen parabolischen Schuß von einer andern
-Stelle des Mondes aus genügte die Kraft des Geschosses nicht und selbst
-wenn sie genügen würde, hätten wir keine Möglichkeit, die Kanone genau
-so aufzustellen, um sicher zu sein, daß die Kugel, eine krumme Linie
-beschreibend, trotzdem ihr Ziel -- die Erde -- nicht verfehlt. So hätten
-wir also vielleicht mit einem Schusse weitere Expeditionen aufgehalten,
-wären alsdann aber nicht mehr imstande, durch einen zweiten Schuß neue
-Kameraden herbeizurufen, falls wir -- bis zur Grenze der von der Erde
-aus sichtbaren Mondscheibe gelangt -- dort günstige Lebensbedingungen
-antreffen sollten. Auf diese Weise wären wir hier zu einer ewigen
-Einsamkeit verurteilt. Sollten indessen die Brüder Remogner trotz
-alledem hierher kommen, so würden sie vielleicht einen stärkeren
-telegraphischen Apparat mit sich führen und wir so durch sie eine
-dauernde Art der Verständigung mit den Erdbewohnern erhalten.
-
-Alle diese Umstände sprachen dafür keine Zeit mit dem Suchen der Kanone
-zu verlieren. Nach kurzer Unterbrechung setzten wir daher unsere Reise
-fort.
-
-Es sind wiederum vierundzwanzig Stunden verflossen und wir hatten schon
-gegen hundertdreißig Kilometer hinter uns. Die Sonne stand bereits 28°
-über dem Horizont und die Hitze wurde immer größer. Wir konstatierten
-dabei eine interessante Erscheinung. Während sich nämlich die Wand des
-Wagens, die der Sonne zugekehrt war, so erhitzte, daß sie geradezu
-brannte, war die der Sonne abgewandte Seite kalt wie Eis. Das Gefühl der
-Kälte hatten wir auch jedesmal, wenn wir in den Schatten irgendeines
-Felsvorsprunges fuhren, die wir immer häufiger unterwegs antrafen. Der
-Grund für diese gewaltsamen Übergänge zwischen Wärme und Kälte ist das
-Fehlen der Atmosphäre, die auf der Erde zwar die direkte Kraft der
-Sonnenstrahlen vermindert, sich dafür aber selbst erwärmt und diese
-Wärme gleichmäßig verteilt, weiterleitet und ein zu schnelles Verfliegen
-derselben durch Ausstrahlen verhindert.
-
-Aus demselben Grunde ist hier jeder Schatten gleichbedeutend mit Nacht.
-Das Licht, das nicht in der Atmosphäre verbreitet ist, dringt nur an
-solche Orte, die den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. Hätten wir nicht
-den Reflex der von der Sonne erleuchteten Berge und das Licht der Erde,
-müßten wir jedesmal wenn wir in einen Schatten hineinfahren unsere
-elektrischen Lampen aufflammen lassen.
-
-Wir hatten jene abschüssige glatte Fläche passiert und begannen uns nach
-Westen zu wenden, um den vermutlichen Krater _Mosting_ zu umkreisen, nur
-mit großer Mühe und sehr langsam in diesem wilden Gebirgslande
-vorwärtsdringend.
-
-Die Landschaft ähnelt in keiner Beziehung den Alpenlandschaften auf der
-Erde! Dort breiten sich zwischen Gebirgskämmen, die die Gipfel
-miteinander verbinden, üppige Täler, die durch das Wirken des Wassers im
-Laufe von Jahrtausenden ausgehöhlt worden sind; hier ist keine Spur von
-alledem zu finden. Der ganze Grund ist gewölbt und mit einer
-unermeßlichen Anzahl nicht miteinander verbundener Mulden mit
-vorspringenden Rändern angefüllt, oder auch mit glatten, vereinzelten
-Hügeln, oft von ganz ansehnlicher Höhe. Die Stelle der Täler nehmen
-tiefzerklüftete Risse ein, die sich meilenweit erstrecken und aussehen,
-als wenn sie mit einem mächtigen Beile in gerader Linie bis auf den
-Grund gespalten wären. Ich zweifle nicht daran, daß es sich hier um ein
-Bersten der erlöschenden und sich krümmenden Mondoberfläche handelt.
-
-Dagegen fanden wir keine Spur irgendeiner Wasserwirkung der auf der Erde
-so übermächtigen Erosion. Ich glaube auch, daß dieses Land niemals Luft
-und Wasser gehabt hat.
-
-Wir staunten anfangs über die große Menge des Gesteins, das auf dem
-felsigen Boden zerstreut lag. Aber ungefähr dreißig Stunden später, als
-die Spannung der Hitze sich auf ein unerhörtes Maß steigerte, erkannten
-wir die Ursache. Wir fuhren gerade an einem hohen Felsen entlang, dessen
-Gestein unserem Marmor außerordentlich ähnlich war, als sich plötzlich
-vor unseren Augen ein Felsblock von einigen zehn Metern im Durchmesser
-vom Gipfel loslöste und, in Kieselsteine zerstäubend, jählings in die
-Tiefe hinabsauste. Und dies geschah mit einer geradezu schaurigen
-Lautlosigkeit. Infolge des Luftmangels hörten wir kein Geräusch; nur der
-Grund erbebte unter unserem Wagen, als wenn der Mond plötzlich wankte.
-Die Felsen, die in der Nacht durch die Kälte wie durch einen eisernen
-Reifen zusammengepreßt werden, erweitern sich während der furchtbaren
-Glut des Tages an der Seite, die den brennenden Strahlen ausgesetzt ist;
-die ungleichmäßige Verteilung von Hitze und Kälte muß das Zerspringen
-und Zerbröckeln vereinzelter Blöcke dieser gigantischen Steinwelt
-verursachen.
-
-Inzwischen empfanden wir jene scharfen Steine, die die mächtigen Flächen
-übersäten, ziemlich unangenehm. Wir passierten Stellen, wo unser
-Fahrzeug sich vermittels der Räder absolut nicht vorwärtsbewegen konnte.
-Dort ließen wir die »Tatzen« aus, die dem Wagen ermöglichten die größten
-Hindernisse zu überklettern wie ein behendes, leichtfüßiges Tier. So
-kamen wir glücklich über die sich auftürmenden Steinmassen hinweg. Trotz
-der zahlreichen Versuche, die wir mit dem Wagen auf der Erde machten,
-hatten wir keine Vorstellung von den Beschwerden einer derartigen,
-länger andauernden Fahrt. Wenn die Anziehungskraft des Mondes und die
-damit verbundene Schwere nur um die Hälfte größer wäre, hätten wir in
-diesem Gestein, unfähig uns von der Stelle zu rühren, elend zugrunde
-gehen müssen.
-
-Seit Sonnenaufgang ist schon der dritte Erdentag vorübergegangen,
-während dessen wir kaum zwanzig Kilometer weiter kamen. Die Hitze wird
-unerträglich. In der dumpfen, glühenden Luft des Wagens und durch die
-heftigen Bewegungen gerüttelt, fiebert Woodbell aufs neue. Die Wunden,
-die er beim Fallen des Projektils auf die Mondoberfläche davontrug,
-beginnen ihn wieder zu schmerzen. Ein Glück, daß wir drei wenigstens
-heil davongekommen sind! Noch jetzt erfaßt mich ein Schaudern bei dem
-Gedanken an jene furchtbare Erschütterung!
-
-Erst noch im Weltenraum eine dumpfe Explosion der am Projektil
-angebrachten Minen, die die Schnelle des Fallens verringern sollten,
-dann ein Druck auf den Knopf -- das schützende Stahlgerüst breitete sich
-aus und ... Nein, das läßt sich nicht mit Worten beschreiben! Ich sah
-nur noch, wie Martha sich aus der Hängematte herausbeugte und ihre
-Lippen auf Tomas' Mund preßte. O'Tamor rief: _Wir sind da!_ -- und ...
-ich verlor das Bewußtsein.
-
-Als ich die Augen öffnete, lag O'Tamor blutüberströmt am Boden, Woodbell
-ebenfalls schwerverwundet; Varadol und Martha waren ohnmächtig ... Aus
-den Trümmern des Stahlgerüstes haben wir dann das Kreuz auf dem Grabe
-O'Tamors errichtet.
-
-Unsere Chronometer gaben 98 Stunden nach Sonnenaufgang an als wir vor
-Erschöpfung und Glut zusammenbrechend endlich bemerkten, daß wir uns dem
-Gipfel des Berges näherten, den wir mit so großer Mühe erkletterten.
-Während dieser vier Erdentage, die wenig mehr als den vierten Teil des
-»Tages« auf dem Monde ausmachten, schliefen wir fast gar nicht und
-beschlossen nun eine Zeitlang zu rasten.
-
-Woodbell vor allem brauchte Schlaf und Ruhe.
-
-Wir stellten den Wagen in den Schatten eines Felsens, der uns
-tatsächlich vorm lebendigen Verbraten durch die unerträglichen
-Sonnenstrahlen bewahrte und legten uns alle schlafen. Nach zwei Stunden
-schon erwachte ich sehr gestärkt; die andern schliefen noch. Ich wollte
-sie nicht aufwecken, nahm meinen Luftbehälter und ging allein aus dem
-Wagen, um die Gegend zu erforschen. Aber kaum hatte ich mich etwas aus
-dem Schatten begeben, glaubte ich mich in das Innere eines glühenden
-Hüttenwerkes versetzt. Das war keine Hitze mehr -- eine wahre
-Feuersbrunst ergoß sich vom Himmel; der Boden brannte mir die Füße durch
-die dicken Sohlen des Luftbehälters. Ich mußte meine ganze Willenskraft
-zusammennehmen, um nicht in den Wagen zurückzukehren.
-
-Wir befanden uns in einem flachen Felsengang, der zwei Berge aus
-massivem Gestein trennte und zwischen diesen in einer Art Einsattlung
-endete, die, soviel ich von der Stelle wo ich stand bemerken konnte, in
-eine hinter jenen Hügeln nach Süden laufende Ebene überging. Diese Hügel
-verhüllten mir die Aussicht nach Norden und Süden. Nur nach Osten war
-der Blick über den Weg frei, den wir gerade zurückgelegt hatten. Ich sah
-auf steinige Felder, voll von Mulden, Vorsprüngen, Spalten und Gipfeln
--- und traute meinen eigenen Augen kaum, daß wir mit unserem großen,
-schweren Wagen da hindurchkommen konnten.
-
-Auf der Erde, bei dem sechsmal größeren Gewichte, wäre das geradezu
-unmöglich gewesen.
-
-In diesem Augenblicke fühlte ich, daß mich jemand berührte. Ich sah mich
-um; hinter mir stand Varadol und machte verzweifelte Zeichen. Er hatte,
-gleich mir, den Luftbehälter angelegt und den Wagen verlassen, da er
-aber das Sprachrohr nicht mitgenommen, konnten wir uns nicht
-verständigen. Ich sah nur, daß er blaß und furchtbar erregt war. Ich
-glaubte, es sei mit Tomas schlechter geworden und stürzte zum Wagen
-zurück. Er folgte mir.
-
-Kaum hatten wir uns der Luftbehälter entledigt, als Varadol mit vor
-Aufregung zitternder Stimme sagte:
-
--- Wecke die andern nicht auf und höre: es ist etwas Furchtbares
-geschehen, ich habe mich geirrt.
-
--- Inwiefern? rief ich, ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich
-handelte.
-
--- Wir sind nicht auf den _Sinus Medii_ gefallen.
-
--- Wo sind wir also?
-
--- Unter dem Eratosthenes, auf der Einsattelung, die diesen Krater mit
-dem Mond-_Apennin_ verbindet.
-
-Mir wurde schwarz vor den Augen. Ich wußte aus den auf der Erde
-gemachten photographischen Aufnahmen der Mondoberfläche, daß der Grat,
-auf dem wir uns demnach befanden, fast senkrecht gegen die nach Westen
-zu gelegene mächtige Fläche des _Mare Imbrium_ abfällt.
-
--- Wie kommen wir hier herunter? rief ich entsetzt.
-
--- Ruhig. Gott allein weiß es. Es ist meine Schuld. Wir sind auf dem
-_Sinus Aestuum_. Sieh ...
-
-Er schob mir eine Karte und einige Blätter zu, die mit Reihen von
-Ziffern beschrieben waren.
-
--- Irrst du dich nicht etwa? frug ich, einer letzten Hoffnung Raum
-gebend.
-
--- Diesmal irre ich mich sicher nicht, leider! Auch die anderen
-Messungen waren ganz genau, ich vergaß nur, daß sich damals die Erde
-nicht im Zenite über dem Mittelpunkt der Mondscheibe befinden konnte. Du
-weißt doch, daß der Mond während der Drehung um die Achse kleinen
-Schwankungen, den sogenannten Librationen unterliegt, wodurch die Erde
-nicht gänzlich unbeweglich am Himmel erscheint, sondern eine kleine
-Ellipse umschreibt. Ich habe nun vergessen, aus dieser ihrer Neigung vom
-Zenit die Verbesserungen vorzunehmen und infolgedessen ihrer Lage nach
-die Mondlänge und -breite des Punktes, auf dem ich die Messungen machte,
-falsch bezeichnet. Jetzt können wir das alle mit dem Leben bezahlen!
-
--- Beruhige dich! sagte ich, obwohl ich am ganzen Körper bebte.
-Vielleicht gelingt es dennoch, uns zu retten.
-
-Wir machten uns zusammen an die Untersuchung der Messungen. Diesmal war
-jeder Zweifel ausgeschlossen. Nachdem die notwendige Verbesserung
-vorgenommen war, zeigte es sich, daß wir auf dem _Sinus Aestuum_ unter
-dem 7.° 35' westlicher Mondlänge und dem 13.° 8' nördlicher Mondbreite
-herabgefallen sind. Wir bewegten uns die ganze Zeit hindurch längs den
-steilen Bergen, zu Füßen des mächtigen _Eratosthenes_, vor uns den nicht
-großen, aber außerordentlich steilen Krater ohne Namen, der in dem hier
-schon beginnenden _Apennin_ eingeschlossen ist. Gegenwärtig befanden wir
-uns unter dem 11.° westlicher Mondlänge und dem 15.° 51' nördlicher
-Mondbreite.
-
-Wir bezeichneten uns diesen Punkt auf der Mondkarte. Nach dieser erhebt
-sich die Einsattelung, die wir einige hundert Schritte weit vor uns
-hatten, neunhundertzweiundsechzig Meter über dem _Mare Imbrium_.
-
-Es ist doch seltsam: während die Astronomen auf der Erde aus der
-Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern mit Leichtigkeit die Höhe
-eines jeden Mondberges berechnen, indem sie im Teleskop die Länge des
-Schattens, den er wirft, messen, mußten wir, die wir uns auf diesem
-Berge befinden, zu der auf der Erde gemachten Karte flüchten, um
-konstatieren zu können, wie hoch er sich erhebt. Der Mangel der
-Atmosphäre macht die barometrischen Messungen der Höhe unmöglich. Die
-Veränderung, die wir am Barometer bemerkt hatten beruhte darauf, daß das
-Quecksilber bis zum Nullpunkt gesunken war. Auf der Höhe, auf welcher
-wir uns befanden war eine absolute Leere.
-
-Tomas und Martha erwachten bald darauf. Es war unmöglich ihnen die
-entsetzliche Situation zu verheimlichen, doch schienen unsere
-Eröffnungen keinen besonderen Eindruck auf sie zu machen. Tomas runzelte
-die Stirn und biß die Lippen zusammen, während sich Martha, soweit ich
-aus ihrem Benehmen schließen konnte, keine klare Rechenschaft über das
-Grauen der Lage zu geben vermochte.
-
--- Wir werden hinabfahren, sagte sie, wie wir heraufgefahren sind, oder
-umkehren ...
-
-Wir werden hinabfahren, wie wir heraufgefahren sind! Mein Gott, es war
-doch nur ein reiner Zufall, daß wir den Weg gefunden haben, der uns
-hierher führte! Und umkehren? -- So viel vergebliche Mühen und verlorene
-Stunden? ...
-
-Wir beschlossen endlich uns auf die Einsattelung zu begeben um zu sehen,
-ob wir uns nicht auf die Ebene _Mare Imbrium_ herablassen könnten. Nach
-einigen Minuten befand sich unser Wagen an dem Abgrund!
-
-Der Anblick, der sich uns bot, machte uns erstarren. Der Felsen brach zu
-unseren Füßen fast senkrecht ab und dort unten, tausend Meter tiefer,
-erstreckte sich, soweit das Auge reichte, die Ebene _Mare Imbrium_, von
-einigen zerstreut liegenden Bergen unterbrochen. Das Fehlen der
-Luftperspektive brachte es mit sich, daß auch die ziemlich entfernt
-liegenden Gipfel deutlich sichtbar waren und sich mit ihrem märchenhaft
-schimmernden Weiß vom schwarzen Hintergrund des sternenbesäten Himmels
-abhoben. Ein wahrhaft bezaubernder Anblick, über den wir für einen
-Augenblick das Grauenhafte unserer Lage vergaßen.
-
-Am Horizonte gegen Norden starrte inmitten der unermeßlichen Fläche, wie
-eine Insel im Meere, der majestätische Krater _Timocharis_, vierhundert
-Kilometer von uns entfernt und gegen siebentausend Fuß hoch.
-
-Auf der Erde nehmen die aus der Ferne gesehenen Berge infolge der
-unklaren Luft eine blaßbläuliche Farbe an; hier erschien jener Gipfel,
-in der Sonne erglänzend, wie ein weiß erglühter Stahl, mit großen
-schwarzen Streifen von Schatten und rotschimmernden Adern dunklerer
-Felsen durchzogen. Etwas gegen Westen sah man ebenfalls deutlich am
-Himmel die Zacken des Kraters _Lambert_, der kleiner und weiter entfernt
-war. Im Westen selbst begrenzten den Horizont zahlreiche niedere
-Höhenzüge und Felsen, sich mit der uns viel näher liegenden Kette der
-Mond-_Karpaten_ vereinigend, die das _Mare Imbrium_ von Süden her
-einschließen.
-
-Hinter dieser Kette, die sich in der Richtung unseres Sehwinkels
-erstreckte, erhoben sich in der Ferne von Südwesten her die auf
-kleineren Hügeln gestützten mächtigen Gipfel des _Kopernikus_, eines der
-größten Berge auf dem Monde. Wenn ich sagte, daß der _Timocharis_ wie
-glühender Stahl leuchtete, so habe ich kein Gleichnis mehr zur
-Beschreibung des blendenden Lichtes, das sich aus der Entfernung von
-Hunderten von Kilometern von jenem riesenhaften Felsenringe her ergoß,
-der einen Durchmesser von neunzig Kilometern hat!
-
-Im Nordosten, in endloser Weite, lagen die Gipfel des breiten Zirkus des
-_Archimedes_. Der Blick nach Osten und Süden war uns verschlossen -- von
-der einen Seite durch die Kette des Mond-_Apennins_, von der andern
-durch den _Eratosthenes_, der durch den Paß, auf dem wir gerade stehen,
-mit dem _Apennin_ verbunden ist.
-
-Und in diesem Rahmen das _Regenmeer_. Wie ironisch erschien uns diese
-Bezeichnung, die von den alten Astronomen auf der Erde erdacht wurde!
-Eine entsetzliche Wüste, kalt und grau, hie und da durch große Spalten
-zerrissen, die, zu länglichen Garben gedehnt, sich vom _Timocharis_ zum
-_Eratosthenes_ erstrecken. Nirgends eine Spur von Leben! Nur am Fuße der
-mächtigen, weit entfernten Krater schimmerten in der Sonne vereinzelte,
-kostbaren Edelsteinen gleichende, gelbe, rote und stahlbläuliche Adern
-von Felsschichten.
-
-Wir starrten schweigend vor uns hin und wußten nicht, welchen Weg wir
-wählen sollten. Wenn wir die Fläche des _Regenmeeres_ erreichten, hätten
-wir eine Strecke vor uns, auf der wir uns schnell vorwärtsbewegen
-könnten; aber darin lag eben die Schwierigkeit; wie sollten wir dorthin
-gelangen? Wie uns von jener tausend Meter hohen, senkrechten Wand
-hinablassen?
-
-Nach kurzer Beratung gingen wir zu Fuß nach Süden, in der Hoffnung, daß
-es uns vielleicht gelingen könnte, abseits vom Krater des _Eratosthenes_
-einen Weg zu finden. Wir schritten auf der schmalen Fläche, die zwischen
-den Felsen und dem Abgrund lag, der sich nach dem _Mare Imbrium_ zu
-öffnete. An der einen Stelle war der Durchgang so eng, daß wir schon
-umkehren wollten, weil es uns unmöglich schien hier mit dem Wagen
-durchzukommen. Zum Glück erinnerte uns Martha, die uns begleitete, daß
-wir einen Vorrat von Minen besitzen, mit denen sich die nicht große, uns
-den Weg versperrende Steinschwelle mit Leichtigkeit sprengen ließe. Wir
-passierten sie daher, über den schwindelnden Abgrund schlüpfend, und
-gingen weiter. Jetzt erhob sich der Gebirgskamm, der breiter und flacher
-wurde, langsam nach oben. Wir gingen immer nach Süden zu. Rechts und
-links starrten die Riesengipfel des Ringes des _Eratosthenes_.
-
-Zwei Stunden nach der Umkreisung jener Schwelle wurden wir durch einen
-neuen Abgrund aufgehalten, der sich so unerwartet vor uns auftat, daß
-Peter, der voranging, mit einem Schrei des Entsetzens zurückprallte. In
-der Tat war der Anblick, den wir jetzt vor uns hatten, wohl das
-Furchtbarste, was man sich vorstellen kann.
-
-Immer in südlicher Richtung vorwärtsdringend, gelangten wir, ohne zu
-wissen wie, in eine tiefe Scharte, die schon am Rande des _Eratosthenes_
-lag. Zur Rechten und zur Linken türmten sich zerrissene Gipfel, von
-denen der eine weißschimmernd im Sonnenglanze erstrahlte, während sich
-der andere im Schatten in tiefes Schwarz hüllte. Und vor uns ... Nein,
-wer vermag das zu beschreiben! -- Vor uns ein Abgrund! Eine unabsehbare,
-bodenlose Untiefe. Es lag etwas so grauenhaft Raubgieriges in dieser
-Majestät des Schreckens und der Starrheit, daß mich noch jetzt Schauer
-der Angst schütteln, wenn ich daran zurückdenke!
-
-Wir sahen in das Innere des Kraters des _Eratosthenes_.
-
-Ein mächtiger Bergwall, wie eine Säge mit Zacken besetzt, bildete einen
-geschlossenen Kreis von einigen zehn Kilometern im Durchmesser und auf
-diese Weise eine Mulde, die furchtbarste wahrscheinlich, die das
-menschliche Auge je gesehen hat. Die Gipfel, viertausend Meter über den
-Grund dieser Tiefe des Grauens emporragend, fielen fast senkrecht in
-seltsamen Windungen ab, als wenn sich Steinkaskaden in wilden Sprüngen
-herabwälzten. Die Mulde, die im Verhältnis zu der Oberfläche des durch
-den Wall abgetrennten _Mare Imbrium_ zweitausend Meter tiefer lag,
-erschien uns noch unergründlicher durch die mächtigen sich daneben
-auftürmenden Berge und die dichten Schatten, die sie gespensterhaft
-einhüllten. Aus ihrem Grunde reckten sich noch einige vereinzelte
-kegelförmige Gipfel, die beinahe die halbe Höhe des benachbarten Walls
-erreichten. Wir blickten von unserem Steinfenster auf sie herab. Kleine,
-dunkelgraue Rauchwolken stiegen von Zeit zu Zeit empor und senkten sich
-infolge der fehlenden Atmosphäre sofort wieder, um sich am Fuße der
-Berge wie Asche auszubreiten. Es war kein Zweifel, daß wir hier noch
-nicht erloschene Vulkane vor uns hatten.
-
-Die grellen Gegensätze von Licht und Schatten vergrößerten noch das
-Gefühl des Grauens. Der ganze östliche Rand des Innern war in
-geheimnisvolle Dämmerung gehüllt, die mit dem schwarzen Himmel
-zusammenzufließen schien. Der westliche Rand hingegen flammte in der
-Sonne wie eine weiße, von dunklen Bergrinnen zerrissene und mit
-unzähligen spitzen Gipfeln bedeckte Wand, gleich Elfenbeintürmen, die
-auf dem Hintergrunde der schwarzen Schattenflecke leuchteten. Nach Süden
-zu erschien der Wall durch die Entfernung niedriger und erweckte den
-Eindruck, das mit Stacheln versehene Tor dieser Untiefe zu sein. Zu
-unseren Füßen -- ein schwindelnder Abgrund.
-
-Und über all dem Schauerlich-Erhabenen wandelte am schwarzen Himmel die
-feurige, strahlenlose Sonne, immer näher der Erde, die, in starrem
-Glanze schimmernd, zu einer schmalen, scharfen Sichel gekrümmt, über
-diesem Tal schwebte wie ein Zeichen des Todes.
-
-Unwillkürlich dröhnten mir die Worte Dantes in den Ohren:
-
- Vero é che in su la proda mi trovai
- della valle d'abisso dolorosa ....
-
-Und bei dieser Erinnerung tauchten in meinem vor Ermattung, Glut und
-Entsetzen geschwächten Gehirne Visionen der Danteschen Hölle auf, die
-nicht furchtbarer sein konnte als das, was ich hier vor mir sah! Der am
-Boden des mächtigen Kessels sich wälzende Rauch schien mir der
-Geistertanz der Verfluchten zu sein, die sich im Wirbel um Luzifers
-mächtige Gestalt drehten, dessen Formen einer der Vulkankegel in meinen
-Augen annahm ... Geister -- Geister -- eine entsetzliche Prozession der
-Verfluchten! Sie ziehen dahin, fließen in mächtigen Fluten über die
-felsigen Abhänge der Untiefe, gleiten in den Abgrund, wälzen -- drängen
-sich. Einige wollen sich erheben, auf -- auf -- zur Sonne -- sie reißen
-sich vom Boden los und stürzen, wieder zusammenfallend, wie Bleiklumpen
-auf dieselbe Stelle, -- hinab -- hinab zur ewigen Verdammnis ...
-
-Und alles das spielt sich in dieser entsetzenerregenden, schaudervollen
-Stille ab ...
-
-Die Welt begann mir im Kopfe zu wirbeln; ich fühlte, daß ich einer
-Ohnmacht nahe war.
-
-Da vernahm ich Weinen. Ich war so verwirrt, daß ich im ersten Augenblick
-wirklich glaubte das Jammern der Verfluchten zu hören. Aber diesmal war
-es keine Vision. Es war wirkliches, herzzerreißendes Weinen, das durch
-das Rohr, das die Köpfe unserer Luftbehälter verband, zu mir drang.
-
-Ich erwachte aus meiner Betäubung und blickte um mich. Woodbell stand da
-wie versteinert, den Rücken an den Felsen gelehnt, blaß, mit gesenktem
-Haupte. Varadol glich in seinen Bewegungen einem gefesselten wilden
-Tiere; er stampfte unruhig auf und ab, soweit es ihm der Boden und die
-Länge des Rohres erlaubte und sah sich nach allen Seiten um, als wenn er
-zwischen diesen Steinmassen einen Weg und Ausgang suchte. Martha kniete
-am Boden, von einem Schluchzen, das durch die höchste Erregung der
-Nerven hervorgerufen wurde, geschüttelt.
-
-Ein grenzenloses Erbarmen erfaßte mich. Ich näherte mich ihr und legte
-langsam den Arm um ihre Schultern. Da begann sie wie ein Kind zu klagen
-und rief, wie in jener denkwürdigen langen Nacht vor dem Tode O'Tamors:
-
--- Auf die Erde! Auf die Erde!
-
-In ihrer Stimme lag eine so tiefe, markerschütternde Verzweiflung, daß
-ich kein Wort finden konnte, sie zu trösten. Wie sollte ich das auch
-anfangen? Unsere Situation war tatsächlich eine verzweifelte. Ich wandte
-mich zu Varadol:
-
--- Was soll jetzt werden?
-
-Peter zuckte die Achseln.
-
--- Ich weiß, nicht ... Der Tod. Es ist doch unmöglich, hier
-herunterzukommen.
-
--- Und wenn wir umkehrten? warf ich ein.
-
--- O ja! Umkehren! Umkehren! schluchzte Martha.
-
-Varadol schien ihr Weinen nicht zu hören. Er sah eine Zeitlang vor sich
-hin, dann antwortete er, sich zu mir wendend:
-
--- Umkehren ... Höchstens um auf einem andern Wege auf dasselbe
-Hindernis zu stoßen, nachdem wir schon so viel kostbare Zeit verloren
-haben. Sieh!
-
-Er wandte sich mit dem Gesicht nach Norden und blickte über die
-unabsehbare Fläche des _Mare Imbrium_.
-
--- Wenn wir dorthin gelangen könnten, sagte er, würden wir einen
-verhältnismäßig ebenen Weg vor uns haben, aber wie wäre das zu
-ermöglichen ... Höchstens wenn wir uns kopfüber ...
-
-Ich folgte mit den Blicken der bezeichneten Richtung. Das _Regenmeer_,
-glatt und eben, von der Sonne beleuchtet, erschien mir als ein Paradies,
-im Vergleich mit dem furchtbaren Innern des _Eratosthenes_. Es begann
-fast dicht unter unseren Füßen, scheinbar so nahe, daß ein Sprung
-genügen würde, es zu erreichen. Doch trennte uns ein senkrecht
-abstürzender, tausend Meter hoher Felsen von dieser Ebene.
-
-Wir drängten uns alle aneinander und sahen mit unaussprechlicher
-Sehnsucht hinunter. Wir fühlten weder Ermattung, noch die brennenden
-Strahlen der Sonne, die bereits hinter der Felsengrenze über uns
-aufging.
-
-Nach einer Weile wiederholte Peter:
-
--- Dorthin werden wir nicht gelangen ...
-
-Ein lauter Weinkrampf Marthas, die nicht mehr fähig war sich zu
-beherrschen, antwortete ihm.
-
--- Schweig! schrie Varadol, sie bei der Schulter packend, oder ich werfe
-dich von hier hinab! Wir haben genug Sorgen!
-
-Da trat plötzlich Tomas hervor.
-
--- Sei still -- und du weine nicht; wir werden auf das _Mare Imbrium_
-hinüberkommen, -- holen wir den Wagen.
-
-Es war so viel Entschlossenheit in diesen ruhig gesprochenen Worten, daß
-wir seine Weisung sofort ausführen wollten und nicht wagten uns zu
-widersetzen oder auch nur zu fragen.
-
-Woodbell hielt uns noch zurück.
-
--- Seht, sagte er, auf die äußeren, dem _Regenmeere_ zugewandten Abhänge
-des _Eratosthenes_ zeigend, seht ihr diese Kante dort, die fünfzig Meter
-tiefer am Fuße der Wand liegt? Soweit man von hier berechnen kann, senkt
-sie sich ziemlich sanft bis zur Fläche; da werden wir hinunterfahren
-können ...
-
--- Aber diese Wand ... flüsterte ich, unwillkürlich auf den senkrecht
-herabstürzenden Felsen blickend, der uns von dem ziemlich breiten Grat
-der Kante trennte.
-
--- Unsinn, wir sind doch geübt im Erklettern der Felsen! Wir werden sie
-seitlich leicht umgehen können.
-
--- Und der Wagen? ...
-
--- Den Wagen werden wir zuerst herunterlassen, nachdem wir ihn an Seilen
-festgebunden haben. Vergeßt nicht, daß wir auf dem Monde sind, wo alles
-sechsmal leichter ist und das Herabfallen aus einer Höhe von fünfzig
-Metern nicht mehr bedeutet wie auf der Erde ein Fall von acht!
-
-Tomas' Rat wurde also befolgt.
-
-Hundertneun Stunden nach Sonnenaufgang begannen wir den steilen Abhang
-des _Eratosthenes_ hinabzufahren, um zum _Mare Imbrium_ zu gelangen.
-Fast drei ganze Erdentage dauerte das Hinunterlassen in die Ebene, die
-dicht zu unsern Füßen lag. Den größten Teil des Weges legten wir zu Fuß
-zurück, von unbarmherzigen, immer senkrechter auf uns niederbrennenden
-Sonnenstrahlen gequält, vor Ermattung und Erschöpfung fast umsinkend.
-Den Wagen mußten wir aus einer Höhe von zirka fünfzig Metern
-herablassen; er blieb unbeschädigt. Aber die Hunde, die wir einschließen
-mußten, waren, trotz unserer größten Vorsicht, schrecklich zerschlagen
-und zerschunden. Einige Male hielten wir an, da wir die Hoffnung
-aufgaben, lebend in die Ebene hinabzukommen. Die Kante war kein so
-erträglicher Weg, wie uns dies von oben aus der Ferne geschienen. Durch
-Zerklüftungen und Vorsprünge zerrissen, zwang sie uns oft umzukehren
-oder Stellen zu umgehen, was um so schwieriger war, weil wir überall den
-Wagen hinter uns herschleppen oder an Seilen herablassen mußten. Oft
-packte uns die Verzweiflung. Dann zeigte Woodbell, obwohl durch das
-Fieber und die Wunden geschwächt, am meisten Geistesgegenwart und
-Willensstärke. Wenn wir leben und leben werden, so haben wir es ihm zu
-verdanken.
-
-Ich weiß nicht, ob wir während dieser drei Tage mehr geschlafen haben
-als zwölf Stunden, jedesmal eine leidlich schattige Stelle
-heraussuchend, um uns vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Manchmal nahm
-die mörderische Glut uns gänzlich das Bewußtsein.
-
-Es war gerade Mondmittag, und die Sonne stand senkrecht über uns, neben
-der verblaßten Erdkugel, die mit einem blutroten Reifen
-lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben war, als wir, bis zum äußersten
-erschöpft, endlich auf der Ebene anlangten.
-
-Die Glut war so groß, daß sie uns den Atem nahm; in den Schläfen klopfte
-und hämmerte es zum Zerspringen. Sogar der Schatten gab keinen Schutz
-mehr! Die glühenden Felsen flammten überall wie im Feuer, wie der Rachen
-eines Hüttenofens.
-
-Selena keuchte mit heraushängender Zunge, die Jungen winselten und lagen
-bewegungslos in der Wagenecke. Wir wurden, einer nach dem andern,
-ohnmächtig und glaubten, daß uns der Tod am Eingang der so ersehnten
-Ebene ereilen müsse. Nur vor der Sonne fliehen -- aber wohin?
-
-Da erinnerte uns Martha daran, daß wir beim Abstieg vom Berge eine tiefe
-Spalte sahen, die jetzt scheinbar durch die Ungleichmäßigkeit des
-Grundes vor uns verdeckt war. Wir fuhren daher in der bezeichneten
-Richtung und fanden wirklich nach einer Stunde Fahrt, die uns wie ein
-Jahr vorkam, jene rettende Spalte, das heißt eine Schlucht, durch das
-Bersten der Mondschale gebildet, tausend Meter tief und einige hundert
-breit, im übrigen den Schluchten auf der Erde in keiner Weise ähnlich.
-
-Sie zieht sich, soweit wir von hier aus berechnen können, einige zehn
-Kilometer parallel der _Apenninkette_ hin. Auf den Mondkarten ist sie
-nicht angegeben; wahrscheinlich entging sie den Astronomen infolge des
-Schattens, in den sie immer gehüllt sein muß, da sie in der Nähe hoher
-Berge liegt.
-
-Uns wurde diese Spalte zur Rettung! Wir fuhren schnell in ihre Tiefe
-hinab, tausend Meter unter der Oberfläche des _Mare Imbrium_ und fanden
-dort erst ein wenig Kühle ....
-
-Der Schlaf hat uns gestärkt und erquickt. Nur Tomas, den bis jetzt eine
-eiserne Willenskraft aufrecht hielt, fiebert wieder. Er ist so
-geschwächt, daß er sich nicht rühren kann. Trotzdem werden wir in zirka
-zwanzig Stunden weiterfahren. Die Sonne beginnt sich vom Zenit nach
-Westen zu neigen. Dort auf der Ebene muß die Glut immer noch entsetzlich
-sein, aber jedesfalls nicht mehr so wie vor einigen Stunden. Übrigens
-können wir sie nach der Rast leichter ertragen.
-
-Nach langer Überlegung änderten wir den Plan der Fahrt. Statt nach
-Westen werden wir uns nach Norden wenden, zum Pol des Mondes. Wir
-gewinnen dabei zweifach. Vor allem haben wir tausend Kilometer guten,
-glatten Weg durch die Ebene _Mare Imbrium_ vor uns, was die Fahrt
-bedeutend beschleunigen wird. Dann kommen wir, uns dem Pole nähernd, in
-eine Gegend, wo die Sonne am Tage nicht so hoch über dem Horizonte
-steht, dahingegen in der Nacht tief unter den Horizont fällt; wir hoffen
-dort also eine erträglichere Temperatur zu finden. Noch ein solcher
-Mittag wie heute -- und unser Tod wäre unabwendbar.
-
- Auf Mare Imbrium, dreihundertvierzig Stunden
- nach Sonnenaufgang.
-
-Der Tag geht schon zur Neige. Bald in 14½ Stunden wird die Sonne
-untergehen, die jetzt über den fernen, runden Hügeln im Westen steht, --
-kaum einige Fuß über dem Horizonte. Jede Ungleichmäßigkeit des Terrains,
-jeder Stein, die kleinste Erhebung werfen lange, unbewegliche Schatten,
-die die mächtige Ebene, auf der wir uns befinden, in einer Richtung
-zerschneiden. Soweit das Auge reicht, nichts als eine endlose, tote
-Wüste, von Süden nach Norden in lange Steinfurchen gepflügt, die jene
-schwarzen Schattenstreifen kreuzen ... Weit, weit am Horizonte starren
-die höchsten Bergspitzen, die wir vom _Eratosthenes_ aus gesehen haben
-und deren Fuß jetzt durch die Kugelform des Mondglobus vor uns verhüllt
-ist.
-
-In dem Maße wie wir uns vom Äquator entfernen, neigt sich die gläserne
-Erde über uns vom Zenit nach Süden. Sie nähert sich bereits dem ersten
-Viertel und leuchtet hell -- wie sieben Vollmonde. Dort, wohin der
-schwächer werdende Glanz der Sonne nicht dringt, färbt sich ihr
-gespensterhaftes Licht in zartes Silbergrau. Wir haben zwei
-Himmelslichter, von denen durch den Kontrast das eine, stärkere, gelb
-und das andere blaßbläulich erscheint. Diese ganze Welt ist zur Hälfte
-grellgelb und zur Hälfte graublau. Wenn ich nach Osten sehe, färben sich
-die Wüste und die weit entfernten Gipfel des Mond-_Apennins_ gelb; von
-Westen, gegen die Sonne, ist alles kalt, bläulich und in Dämmerung
-gehüllt. Und über der zweifarbigen Wüste immer dieser schwarzsamtene
-Himmel, mit verschiedenfarbigen, funkelnden Steinen, mit wundervollem
-Staub vom feinsten goldenen Sand übersät ...
-
-Die Nacht ist nahe. Sie hat schon ihren Verkünder ausgesandt, den
-einzigen, der ihr auf dieser Welt ohne Dämmerung und Abendröte geblieben
-ist ... Ihr voran geht die Kühle über die Wüste, setzt sich in jede
-Spalte, in jeden Schatten und wartet geduldig, -- früh wird die Sonne
-vom Firmamente herabgleiten, ihr und der Nacht die Alleinherrschaft
-überlassend ...
-
-Solange wir in dem vollen Glanze sind, ahnen wir nicht einmal die
-Gegenwart dieses Kameraden, aber im Schatten erfaßt unsere durchwärmten
-Glieder bereits ein leichter Schauer, der uns von seiner Nähe spricht
-...
-
-In unserem verschlossenen Wagen ist es nicht mehr so dumpf und uns allen
-ist etwas leichter und froher zumute. Varadol schmiedet hoffnungsvoll
-wieder Pläne oder spielt mit der Hündin und ihren Jungen; Woodbell ist
-bedeutend wohler; er unterhält sich jetzt, am Steuer stehend, mit
-Martha. Wenn ich den Blick vom Papier erhebe, sehe ich sie beide. Vor
-allem sehe ich Martha deutlich; sie lacht gerade. Sie lacht so seltsam.
-Ihre Lippen nehmen eine Form an, als wenn sie die Luft küßten. Ihre
-Augen sind voll von diesem Lachen wie ihre Brust, die sich in leichter,
-schneller Bewegung hebt und senkt. Während der Glut des Tages war ihre
-Brust entblößt; sogar für sie, die die indische Sonne braun gebrannt
-hat, war die Hitze unerträglich. Jetzt hüllt sie sich bis zum Halse ein
-... Es ist unsinnig, daß ich so viel an diese Frau denke, -- aber sie
-ist ja überall. Seit der Tod sich ein wenig von unserem Wagen entfernt
-hat, ist die ganze Atmosphäre von ihr durchtränkt. Sogar Varadol! Er
-spielt mit den Hunden, aber ich weiß, daß er sie verstohlen anblickt.
-Mich ärgert das. Warum bemerkt es Tomas nicht? Und übrigens -- was geht
-es mich an?
-
-Fast sechzig Stunden sind wir unterwegs. Der Wagen fährt ununterbrochen.
-Wir schlafen abwechselnd; jetzt will ich weiterschreiben. Wir blieben
-etwas stehen, die Akkumulatoren unseres Elektromotors zu füllen. Um
-Brennmaterial, das wir in der nächtlichen Kälte noch viel verbrauchen
-werden, zu sparen, setzten wir die Maschine mit Hilfe der sich
-ausdehnenden, verdichteten Luft in Bewegung. Die Akkumulatoren mußten
-wir füllen, weil die Batterien allein bei der schnellen Fahrt nicht
-genügen.
-
-Wir bewegen uns so schnell vorwärts, wie es das Terrain irgend zuläßt.
-Größere Ungleichmäßigkeiten des Bodens erlaubten uns nicht, nachdem wir
-die »_Spalte der Erlösung_« verließen, uns sofort nach Norden zu wenden.
-(Wir bezeichneten jene Schlucht unter dem _Eratosthenes_ mit diesem
-Namen, da sie uns durch ihre Kühle tatsächlich vom Tode erlöste.) Unter
-dem 12.° westlicher Länge stießen wir auf einen jener Lichtstreifen, die
-wie Strahlen vom Berge des _Kopernikus_, auf Hunderte von Kilometern im
-Umkreis, ausgehen. Diese Streifen, die man sogar durch schwächere
-Teleskope von der Erde aus sehen kann, setzten die Astronomen immer in
-Staunen. Wie wir uns mit eigenen Augen überzeugt haben, sind dies einige
-Kilometer breite Streifen eines zu Glas geschmolzenen Felsengesteins.
-Ich kann mir das Entstehen dieser seltsamen Bildungen nicht erklären ...
-Überhaupt ist hier so vieles für uns ein Rätsel, selbst Dinge, die wir
-fast mit Händen greifen können. Wie ist jene Ebene entstanden, auf der
-wir uns befinden, -- wie die Ringberge, von manchmal Hunderten von
-Kilometern im Durchmesser und einigen tausend Metern Höhe? Daß dies
-keine erloschenen Vulkankrater sind, wie man einst auf der Erde
-behauptete, steht wohl fest. Wir sahen in das Innere des _Eratosthenes_
-und bemerkten dort vulkanische Kegel, die sich in nichts von den
-Erd-Vulkanen unterschieden; aber dieser mächtige Ring selbst war niemals
-ein Krater! Dagegen spricht -- abgesehen von seinen riesigen Dimensionen
--- sowohl die Art des Felsens, aus dem der Wall gebildet ist, wie die
-Einsenkung des Bodens, der unter der Oberfläche der ihn umgebenden
-Ebenen liegt und viele andere Dinge, die bestätigt zu finden wir
-Gelegenheit hatten.
-
-Ich glaube man muß, um diese Formation zu verstehen, im Geiste zu jenen
-grauen Zeiten zurückkehren, da der Mond noch eine flüssige,
-glühende Kugel war, die erst auf der Oberfläche in dem kalten,
-interplanetarischen Weltenraum zu erlöschen begann. Da haben diese
-ungeheuerlichen, die menschliche Vorstellungskraft überschreitenden
-Explosionen von Gasen, die durch die flüssige Masse verschlungen und
-während ihres Erlöschens ausgestoßen wurden, seine noch nachgiebige
-Oberfläche gedehnt und bildeten sozusagen riesige Blasen. Die Blasen
-erloschen beim Zerplatzen, ehe sie ganz auf die sie umgebende Ebene
-herabflossen und diese Ringberge sind ihre Spuren. Später hat die Sonne
-ihre Gipfel herausgebrannt, sie zerschnitten und zerrissen; vulkanische
-Kräfte bildeten in ihrem Innern kegelförmige Krater und so sind sie
-heute -- durch das auf der Erde alles nivellierende Wasser nicht
-vernichtet -- Zeugen der Schöpfermacht im Weltall, für die die Planeten
-und die feurigen Kugeln der Sonnen nur ein gehorsames Material in dem
-mächtigen Tiegel des ewigen Werdens sind.
-
-So lebhaft sprechen die großen Berge und die kleinen, ähnlich wie sie
-entstandenen Mulden, die man am Wege antrifft, und diese ganze mich
-umgebende Landschaft zu mir, daß es mir manchmal scheinen will, die von
-der Sonne grellgelb gebrannten Steine seien noch jetzt eine glühende,
-flüssige und fast lebendige Masse; bald, dünkt mich, müsse die ganze
-Fläche wie ein Meer zu gären beginnen, sich biegen und beugen und
-wachsen und sich bäumen und unter dem Drange der inneren Gase zu dem
-schwarzen Himmel mit der ursprünglichen Lava emporschäumen, die zu
-mächtigen Ringbergen erstarrt ist.
-
-Und wie viele Hunderte von Jahrtausenden sind seit jenen Zeiten
-dahingegangen. Die Mondkruste ist, sich fortwährend krümmend, erloschen
-und zersprungen; irgendwelche geheimnisvolle Feuerkräfte brannten
-riesige Strahlenstreifen vergläserten Gesteins in ihr aus und hier, wo
-einst entfachte Schöpferkräfte, wild miteinander ringend, rasend tobten,
-herrscht jetzt eine Stille und Starrheit, so furchtbar und beklemmend,
-daß uns in dieser Umgebung das eigene Leben beschämt und wunder nimmt
-...
-
-Bis zu diesem Augenblick bewegten wir uns immer auf dem hellen
-Lichtstreifen, der durch jene Ader des zu Glas geschmolzenen Gesteins
-gebildet wurde, die vom _Kopernikus_ ausging. Sie dient uns als
-bequemer, gleichmäßiger Weg. Ihre nordöstliche Richtung ist uns sehr
-gelegen, da sie uns direkt auf die Fläche zwischen dem _Archimedes_ und
-_Timocharis_, die wir durchqueren müssen, führen wird. Den _Archimedes_
-sieht man jetzt, wo wir uns auf der Fläche befinden, nicht mehr. Kleine,
-steile Erhebungen, Felseninseln im Meere ähnlich, verdecken ihn in
-dieser Richtung. Wahrscheinlich jene Gruppe der »Krater«, die sich unter
-dem 11.° westlicher Länge und dem 19.° nördlicher Mondbreite erhebt. Wir
-hoffen sie noch vor Sonnenuntergang zu umgehen und dann nach Norden,
-immer nach Norden, nur fort aus dieser furchtbaren Zone, wo sich, --
-neben der schlimmen Vorbedeutung der Erdsichel direkt über unseren
-Köpfen, -- die mörderische Sonne wie ein rasendes Ungetüm am Zenite
-bäumt. Nein! Das ist nicht unsere lebenspendende, goldene Erden-Sonne,
--- diese träge, weiße, strahlenlose Kugel! Das ist irgendein Gott, ein
-höllischer und höhnender, ein Gott-Vernichter und Gott-Verschlinger! Und
-wir vier -- wir sind die einzigen lebenden Opfer, auf die er es in
-dieser Welt des Todes abgesehen hat! Wir müssen ihm entfliehen, ehe er
-zum zweitenmal aus diesem schwarzen, edelsteindurchwirkten Firmament
-hervorbricht ...
-
-Varadol, der Tomas ablöste, ruft mir vom Motor zu, daß jetzt die Reihe
-an mir ist, am Steuer des Wagens zu stehen. Die andern schlafen schon.
-Martha, wie gewöhnlich aus ihrer Hängematte geneigt, den Kopf auf der
-Brust dieses -- unter uns einzigen glücklichen Menschen.
-
- Den ersten Mondtag, vier Stunden nach
- Sonnenuntergang auf Mare
- Imbrium, 10° westlicher Länge,
- 20° 28' nördlicher Mondbreite.
-
-Schon hat die Nacht begonnen, die endlos lange, für die die Erdentage
-kleinere Teilchen sind als die Stunden für die ganze Erdennacht. Wie
-eine große, helle Uhr leuchtet, sich immer nach Süden neigend, die Erde
-über uns. Nach dem Gleiten des Schattens über ihre Scheibe können wir
-leicht die Zeit bestimmen. Sie war bei Sonnenuntergang im ersten
-Viertel, um Mitternacht wird sie voll sein und wiederum im Viertel sein
-bei Sonnenaufgang. Die Rolle des Minutenzeigers auf dieser Himmelsuhr
-spielen die Weltteile. Nach ihrem Untergang in den Schatten
-können wir die Stunden erkennen, die die Minuten für unsere
-siebenhundertneunstündige Zeit sind.
-
-Nach Sonnenuntergang wurde es plötzlich so kalt, daß wir das Gefühl
-hatten, als wenn wir aus einem Dampfbad in ein Bassin mit Eiswasser
-gesprungen wären, doch wurde uns dabei eine wundervolle Überraschung
-bereitet: Wir erwarteten das sofortige Eintreten der Nacht, statt dessen
-sahen wir noch lange Zeit hindurch ein seltsames Leuchten, das mit dem
-Glanz der Erde rang und unseren Dämmerungen ähnlich war.
-
-Jener Glasstreifen, auf dem wir über hundert Kilometer weit gefahren
-waren, nahm gerade sein Ende, als wir den Schatten der kleinen Krater,
-von denen ich vorher gesprochen hatte, verließen. Wir näherten uns,
-jetzt direkt nach Norden fahrend, schon dem zwanzigsten Parallelkreis,
-als die Sonnenscheibe, die vor dem Untergang nicht gerötet, sondern im
-Gegenteil hell und leuchtend war wie am Tage, langsam unter den Horizont
-zu sinken begann. Und plötzlich erfaßte uns eine furchtbare Sehnsucht
-nach dieser schwindenden Sonne, die sich uns erst in vierzehn Tagen
-wieder zeigen wird. Wir standen alle nebeneinander am westlichen Fenster
-unseres Wagens. Martha erhob ihre Hände zu dem untergehenden Gestirne
-und begann mit singender, monotoner Stimme indische Hymnen zu sprechen,
-mit denen die Fakire auf der Erde von dem Gotte des Lichtes Abschied
-nehmen.
-
-Woodbell antwortete ihr manchmal mit unverständlichen Sätzen aus den
-heiligen Büchern, wahrscheinlich der Zeiten gedenkend, die er in
-Travancore verbracht hatte, wo er so oft die flammende Sonne in den
-uferlosen Ozean tauchen sah.
-
-Die Sonne indessen, mit einem Teile der Scheibe vertieft, schien am
-Horizonte zu stehen und zu warten. Ihr Glanz bespiegelte die
-ausgestreckten Arme des Mädchens und flackerte auf ihren weißen Zähnen,
-die zwischen den sich öffnenden Lippen sichtbar wurden. Ich konnte mich
-des Eindrucks nicht erwehren, daß sie beide miteinander sprechen müssen
--- dieses Mädchen und diese Sonne.
-
-Nach einer halben Stunde war nur noch ein Segment der Sonnenscheibe
-sichtbar. Die Steinwüste verfinsterte sich unter diesem hellen
-Lichtstreifen, als hätte sie sich in ein Tintenmeer verwandelt. Hier und
-da nur schimmerten glatte Steine, die das blaßbläuliche Licht der Erde
-wiedergaben. Martha hatte den Hymnus bereits beendet; und stand, in die
-Wüste starrend, den Kopf an Tomas' Schulter gelehnt.
-
-Wir waren alle von einer seltsamen Trauer erfaßt; sogar Peter, der am
-wenigsten zur Rührung neigte, blickte finster vor sich hin und bewegte
-die Lippen, als wenn er leise mit seinen Gedanken Zwiesprache hielte.
-
-Und ich selbst ... Ah ... wie wahnsinnig schnell ist mein Leben auf der
-Erde dahingeflogen. Ein seltsamer Reigen von Erinnerungen zog an meinem
-inneren Auge vorüber. Ich träumte von Weichselebenen und von den
-finsteren Gipfeln der Tatra -- und alles war von einer unabsehbaren
-Menge teurer -- für ewig verlorener Menschen bevölkert ... für ewig! ...
-
-Da plötzlich erlosch die Sonne. Rote Protuberanzen flackerten wie kleine
-feurige Zungen noch eine Zeitlang über dem Horizont, endlich
-verschwanden auch sie -- und in der über die Wüste hereinbrechenden
-Dämmerung geschah etwas so Unerwartetes, daß wir uns unwillkürlich
-aneinanderdrängten, als wenn wir uns vor etwas schützen wollten, das
-sich auf uns wirft wie eine wilde Katze. In diesem Augenblicke nämlich,
-als der letzte Sonnenstrahl verschwand, schoß im Westen eine lichte
-Säule empor, die wie eine Kuppel gewölbt war und einer wundervollen
-Fontäne schillernden Staubes ähnelte.
-
-Das Zodiakallicht erglänzte vor uns in einer Erhabenheit, wie es auf der
-Erde menschliche Augen niemals sahen. Wir starrten lange auf diese
-glühende Säule, die leicht nach Süden geneigt, mit verschiedenfarbigen
-Sternen besät war; der kosmische Staub, durch den sie leuchteten,
-umkreiste die Sonne und warf nach ihrem Untergange ihr funkelndes Licht
-zurück.
-
-Dann erlosch alles! Nur die Erde sahen wir noch über uns und die Sterne,
--- die seltsamen Sterne, ganz tief in dem schwarzen Himmel -- nicht
-flackernd, doch verschiedenfarbig. Diese Verschiedenfarbigkeit der
-Sterne, die durch die hier fehlende Luft nicht verdunkelt werden ist so
-staunenerregend, daß ich mich nicht daran gewöhnen kann, obwohl sie doch
-während des ganzen Mondtages über uns glitzerten.
-
-Die Erde gibt uns so viel Licht, daß wir bei ihrem Schein die Reise ohne
-Unterbrechung fortsetzen können. Das ist für uns ein sehr günstiger
-Umstand, da wir keine Zeit zu verlieren brauchen und während der Nacht
-so weit nach Norden vordringen können, daß wir den senkrechten
-Sonnenstrahlen des nächsten Tages nicht mehr ausgesetzt sein werden. Nur
-der Gedanke an die nächtliche Kälte, die uns schon zu schütteln beginnt,
-erfaßt uns mit Grauen.
-
-Der Boden ist wieder ungleichmäßig, was uns zu vielen Abbiegungen und
-Umwegen veranlaßt, die die Reise verlangsamen. Vorn am Wagen brennen wir
-eine elektrische Laterne, die uns den Weg erleuchtet; ohne sie könnten
-wir leicht in irgendeine Spalte stürzen, die bei dem schwachen Licht der
-Erde nicht gut zu sehen ist. Wir richten unsere Fahrt nach den Sternen,
-da wir mit dem Kompaß nicht recht fertig werden können auf dieser
-seltsamen Welt. Dabei verändern die Metallwände des Wagens die Lage der
-Nadel.
-
- Auf Mare Imbrium, 7° 45' westlicher Länge 24° 1'
- nördlicher Mondbreite, ein Uhr des zweiten
- Mondtages.
-
-Mitternacht ist schon vorüber und wir haben beinahe vergessen, wie die
-Sonne aussieht; wir begreifen kaum mehr, wie wir uns über ihre Glut
-beklagen konnten. Fast hundertachtzig Stunden, die seit Sonnenuntergang
-verflossen, sind wir einem so unerhörten Froste ausgesetzt, daß wir das
-Gefühl haben, die Gedanken im Hirne müßten uns einfrieren. Unsere Öfen
-arbeiten mit der ganzen Kraft und wir kauern um sie herum und zittern
-vor Kälte.
-
-Schreibend lehnte ich mich an den Ofen. Die Glut bratet mir den Rücken
-und gleichzeitig fühle ich, wie mir das Blut in den Adern gerinnt und
-erstarrt. Die Hunde drängen sich an uns und bellen unaufhörlich, uns
-aber packt schon der Wahnsinn. Wir sehen uns schweigend mit einem
-merkwürdigen Haß an, als wenn einer von uns daran schuld wäre, daß die
-Sonne hier dreihundertvierundfünfzig und eine halbe Stunde lang nicht
-leuchtet und wärmt ...
-
-Ich wollte mich aufraffen und einige Eindrücke von der Reise nach
-Sonnenuntergang niederschreiben, aber ich sehe, daß ich nicht fähig bin
-auch nur die einfachsten Vorstellungen auszudrücken ... Mein Gehirn ist
-eingefroren ... Verworrene Bilder gleiten mir lose, unzusammenhängend
-durch den Kopf; ich kann sie auf keine Weise miteinander verbinden.
-Manchmal habe ich die Empfindung, daß ich mit offenen Augen schlafe. Ich
-sehe Martha, Tomas, die Hunde, Peter, den Ofen -- und ich weiß nicht,
-was das bedeutet, ich weiß nicht, wer ich bin, wie ich hierher komme,
-weshalb ...
-
-Ja -- weshalb ...
-
-Ich wollte darüber nachdenken, mich daran erinnern, aber ich kann nicht.
-Es muß eine Ursache gewesen sein, daß ich mit diesen Menschen die Erde
-verlassen habe ... Ich erinnere mich nicht -- das Denken erschöpft mich.
-
-Es scheint mir, daß wir stehen. Ich höre das Zischen des Motors nicht,
-ich muß hingehen und nachsehen, was geschehen ist; aber ich weiß, daß
-weder ich noch sie -- daß niemand dies tun wird. Wir müßten uns vom Ofen
-entfernen. Eine wahnsinnige Kälte!
-
-Durch das Fenster sehe ich Felsen, die von der Erde hell beleuchtet
-sind. Vielleicht stehen wir deshalb, weil wir zwischen Felsen gerieten
-...
-
-Das ist alles seltsam und gleichgültig ...
-
-Was schreibe ich? Habe ich wirklich den Verstand verloren? Ich bin sehr
-müde und ich weiß, daß ich erfrieren und nicht mehr aufwachen werde,
-wenn ich einschlafe ... Man muß den Schlaf abschütteln, zum Bewußtsein
-kommen ...
-
-Es ist sonderbar, daß die Kälte während der ersten Nacht auf dem _Sinus
-Aestuum_ nicht so furchtbar war. Scheinbar erstrecken sich unter jener
-Fläche vulkanische Adern, die den Boden etwas erwärmen.
-
-Schreiben, schreiben, nur nicht einschlafen, denn das bedeutet sterben
-...
-
-Seit Sonnenuntergang fuhren wir immer nach Nordwesten -- in stets
-stärkerem Lichte der zunehmenden Erde und in immer zunehmender Kälte.
-Unter dem 9.° westlicher Länge und dem 21.° nördlicher Breite
-durchdrangen wir die niedrigen, runden Wälle, die uns den Weg
-versperrten. Wir änderten den Kurs; statt direkt nach Norden wendeten
-wir uns nach Nordosten, in der Richtung der Berge, die sich um den Ring
-des _Archimedes_ ausdehnen, in der Hoffnung, daß wir hier irgendeinen
-tätigen Krater finden und in ihm ein wenig Wärme. Wir sind an der Grenze
-dieses gebirgigen Landes, aber alles bleibt starr und kalt. Wir fuhren
-in die Mitte des Halbmondes hinein, der von den amphitheatralisch sich
-erhebenden Felsen gebildet wird. Varadol machte astronomische Messungen,
-um die Lage dieser Berge zu bestimmen. Aus seinen Messungen geht hervor,
-daß dies eine Erhöhung ist, die auf den Mondkarten gewöhnlich mit dem
-Buchstaben ^E^ bezeichnet wird und unter dem 7.° 45' westlicher Länge,
-24.° 1' nördlicher Mondbreite liegt.
-
-Kälte, Kälte, Kälte ... Aber man muß sich überwinden und nicht schlafen.
-Nur nicht schlafen, das wäre der Tod! Dieser Tod muß hier irgendwo in
-der Nähe sein. Dort auf der Erde müßten sie ihn auf dem Monde sitzend
-malen, denn das ist sein Königreich ...
-
-Weshalb stehen wir? Ach -- richtig! Es ist alles einerlei!
-
-Ja, man muß sich überwinden. Wovon schrieb ich? Aha! Diese Berge ... Das
-seltsame Amphitheater, zirka vier Kilometer breit, nach Süden geöffnet.
-Über ihm hängt, wie eine Lampe, die Erde. Der höchste Gipfel im Norden,
-direkt vor uns, ist wahrscheinlich gegen zwölfhundert Meter hoch. Das
-alles sieht so furchtbar aus. Ein Theater für Riesen, für Ungeheuer --
-für Skelette von Riesen. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sich
-diese Abhänge plötzlich mit einer Menge von riesigen Skeletten
-anfüllten, die langsam im Lichte der Erde dahinschreiten und die Plätze
-der Zuschauer einnehmen. Die Riesenschädel derjenigen, die am höchsten
-Platz genommen haben, würden am Hintergrunde des schwarzen,
-sternenbesäten Himmels weiß leuchten! Es scheint mir, daß ich das alles
-sehe. Die Skelette von Giganten sitzen und sprechen so zueinander:
-»Welche Stunde ist es? Es ist bereits Mitternacht; die Erde, unsere
-große, lichte Uhr, steht schon voll am Himmel -- es ist Zeit, zu
-beginnen.« Und dann zu uns: »Es ist Zeit, zu beginnen, sterbt also; wir
-sehen zu« ...
-
-Schauer schütteln mich ...
-
- Palus Putredinis, auf dem Grund der Spalte
- delta, 7° 36' westlicher
- Länge, 26° nördlicher Mondbreite.
- Zweiter Tag. 62 Stunden nach Mitternacht.
-
-Es ist also geschehen. Wir sind zum Tode verurteilt, ohne jegliche
-Hoffnung auf Rettung. Wir wissen das seit sechzig Stunden; Zeit genug,
-sich mit dem Gedanken zu befreunden. Und dennoch -- dieser Tod ...
-
-Ruhe, Ruhe, das führt doch zu nichts. Man muß sich mit dem aussöhnen,
-was unabwendbar ist. Übrigens ist es für uns doch nichts Unerwartetes.
-Als wir diese Reise antraten -- noch dort auf der Erde -- wußten wir,
-daß wir uns dem Tode aussetzten. Aber warum ist dieser Tod nicht
-plötzlich über uns gekommen, wie ein Blitz, warum hat er sich vor uns
-gezeigt und nähert sich so langsam, daß man jeden seiner Schritte
-berechnen kann, -- daß wir genau wissen, wann er uns mit der kalten Hand
-an der Gurgel packen und würgen wird ...
-
-Ja, würgen. Wir werden alle ersticken. Der Vorrat an verdichteter Luft
-wird uns bei höchster Sparsamkeit noch für kaum dreihundert Stunden
-ausreichen. Und dann ... Nun ja, man muß sich beizeiten darauf
-vorbereiten, was dann sein wird ... Im Verlauf dieser Frist wird sich
-der letzte Behälter der verdichteten Luft ausleeren, der einzige, der
-uns noch geblieben ist. Nach dreihundert Stunden ... Das wird gerade der
-Mondmittag sein ... Die Sonne wird noch hoch oben stehen. Es wird hell
-und warm sein -- sogar heiß, vielleicht zu heiß. Einige Zeit hindurch --
-mehrere Stunden -- wird noch alles in Ordnung sein. Dann werden wir
-langsam eine Schwere fühlen, ein Sausen im Kopfe, ein Klopfen des
-Herzens ... Die Atmosphäre unseres Wagens, die mit Sauerstoff, der uns
-schon fehlt, nicht erfrischt worden ist, wird mit der von uns
-ausgeatmeten Kohlensäure überfüllt sein. Jetzt beseitigen wir sie
-künstlich, aber wozu soll man sie noch beseitigen, wenn wir keinen
-Sauerstoff mehr haben, um sie damit zu ersetzen? Wir werden dann
-beginnen, uns mit dieser Kohlensäure zu vergiften. Ein Blutandrang, --
-eine Schwere, -- dumpfe Luft -- Schlafsucht ... Ja, Schlafsucht,
-unüberwindbare Schlafsucht. Wir werden uns niederlegen und den Tod
-erwarten. Martha wird sich aus ihrer Hängematte wahrscheinlich
-herausbeugen und ihren Kopf an Tomas' Brust lehnen, wie gewöhnlich ...
-Dann beginnen wir zu träumen ... Erde, heimatliche Länder, Wiesen, Luft
--- oh! Luft -- viel, viel Luft, ein ganzes, grenzenloses, reines Meer!
-Und im Traum ein erstickender, furchtbarer Alp hier auf der Brust; es
-scheint mir, daß ich ihn schon fühle! Er zerbricht die Rippen, würgt an
-der Gurgel, schnürt das Herz zusammen. Eine wütende Angst erfaßt uns.
-Man möchte sie abschütteln, aufstehen, fliehen ... Endlich enden die
-Träume. Auf dem Monde, inmitten der mächtigen Fläche _Mare Imbrium_,
-werden vier Leichen im Wagen eingeschlossen sein.
-
-Nein, nein, nicht so! Im Augenblick, in dem wir keine frische Luft mehr
-haben werden, öffnen wir die Tür des Wagens -- sperrangelweit. Eine
-Sekunde -- und wir werden uns in der Leere befinden. Das Blut wird aus
-dem Munde, den Ohren, den Augen, der Nase schießen; einige krampfartige,
-verzweifelte Bewegungen der Brust, ein wütendes Herzklopfen und --
-Schluß.
-
-Weshalb schreibe ich das alles? Weshalb schreibe ich überhaupt? Das hat
-doch weder Sinn noch Zweck. In dreihundert Stunden werde ich sterben.
-
- Eine Stunde später.
-
-Ich kehre zum Schreiben zurück. Ich muß mich mit etwas beschäftigen,
-denn der Gedanke an den unabwendbaren Tod ist unerträglich. Wir gehen im
-Wagen auf und ab und lächeln sinnlos vor uns hin oder sprechen über ganz
-gleichgültige Dinge. Vor einer Weile sagte Varadol, wie man in Portugal
-eine gewisse Sauce aus Nieren von jungen Hühnern mit Kapern bereitet.
-Währenddessen dachten wir alle und auch er daran, daß wir in
-zweihundertneunundneunzig Stunden sterben werden.
-
-Eigentlich ist der Tod gar nicht furchtbar -- warum fürchten wir ihn so
-sehr? Er ist doch ...
-
-Ach, wie hirnverbrannt ist diese ganze Philosophiererei über den Tod!
-Lauter als alle Gelehrten, die Gleichmut vor dem Sterben empfehlen,
-spricht das Ticken meiner Uhr in der Tasche. Ich höre ruhige, kleine
-Metallschläge und ich weiß, daß dies die Schritte des nahenden Todes
-sind. Er wird hier sein, ehe die Sonne dieses bald beginnenden, langen
-Tages untergeht. Er wird sich nicht um eine Stunde verspäten ...
-
-Wir befanden uns gerade zwischen jenen hufeisenförmigen Felsen, vor
-Kälte erstarrt, als Varadol, der zufällig auf den Manometerzeiger des
-Luftbehälters sah, einen markerschütternden Schrei ausstieß.
-
-Wir sprangen alle wie elektrisiert in die Höhe, nach der Richtung
-blickend wohin Peter, der kein Wort hervorbringen konnte, mit zitternder
-Hand deutete.
-
-Es überlief mich heiß und kalt: der Manometer zeigte innen keinen Druck
-an. Vielleicht hatte sich die Luft in dem Behälter, der in der Wand
-angebracht war, infolge der ungeheuren Kälte verflüssigt ... Ich öffnete
-den Hahn -- der Behälter war leer. Ebenso der zweite, dritte, vierte und
-fünfte. Nur im sechsten, dem letzten, befand sich Luft.
-
-Da packte uns das Entsetzen. Ohne über die Ursache der für uns
-rätselhaften Entleerung der Behälter nachzudenken, ohne zu wissen, was
-wir tun, was wir sagen und raten sollen, warfen wir uns plötzlich alle
-auf den Motor und fühlten keine Kälte, keine Erschöpfung, keinen Schlaf
-mehr -- nichts, nichts -- nur von dem einen Gedanken beseelt: fliehen,
-fliehen, fliehen -- als wenn man vor dem Tode fliehen könnte.
-
-In einigen Augenblicken war der Wagen in Bewegung. Aus der zwischen
-Felsen eingeschlossenen Fläche hinausgekommen, sausten wir mit der
-ganzen Kraft nach Norden, zwischen kleinen Bergen, die sich vom Ring des
-_Archimedes_ erstrecken und über den ganzen westlichen Teil des hier an
-das Regenmeer grenzenden _Palus Putredinis_ ausbreiten. Das Terrain war
-außerordentlich ungleichmäßig. Der Wagen sprang auf und ab, erzitterte,
-hob sich oder fiel herab, uns unbarmherzig hin und her werfend; wir
-achteten nicht darauf, in der furchtbaren Angst und Verzweiflung und
-waren nur von dem einen Gedanken erfüllt, daß es uns gelingen könnte,
-auf die andere Seite des Mondes zu gelangen, ehe unser geringer Vorrat
-an Luft zu Ende geht!
-
-Welch ein lächerlicher Gedanke! Die Luft wird kaum für dreihundert
-Stunden ausreichen und von dem Pol des Mondes trennen uns in gerader
-Linie fast zweitausend Kilometer Weges, wovon die Hälfte auf bergiges
-und undurchdringliches Land fällt!
-
-Die Kälte machte uns das Blut in den Adern erstarren und hielt uns den
-Atem in der Brust zurück, aber wir fühlten es kaum; wir sausten
-unaufhörlich über Berge, die im Lichte der Erde silbern leuchteten,
-durch schwarze Mulden, über steinbesäte Ebenen -- nur weiter, weiter,
-weiter! Sogar an den Schlaf, der uns vor kurzem zu überwältigen drohte,
-dachte niemand mehr.
-
-In dieser höllischen Fahrt, die ebenso ziellos wie wahnsinnig war, hielt
-uns ein plötzliches Hindernis auf. Blindlings vorwärtsstürmend stießen
-wir auf eine Spalte, die der »_Spalte der Erlösung_« unter dem
-_Eratosthenes_ ähnlich, nur bedeutend weiter und tiefer war. Wir
-bemerkten sie so spät, daß wir beinahe mit dem Wagen in ihre Tiefe
-hinabgesaust wären.
-
-Der Wagen blieb stehen und eine grauenhafte Apathie ergriff uns. Die
-Energie der Verzweiflung, mit der wir so viele Stunden sinnlos
-dahinrasten, war plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war, einer
-unaussprechlichen, ohnmächtigen Bedrückung Platz machend. Es war uns auf
-einmal alles vollständig gleichgültig. Warum sich anstrengen, wenn es
-doch zwecklos ist. Wir müssen sterben.
-
-Wir setzten uns neben den Ofen, ohne etwas zu tun, in Schweigen
-versunken. Die Kälte quälte uns immer furchtbarer, aber wir kümmerten
-uns nicht mehr darum. Der Tod ist doch immer gleich, ob vor Kälte oder
-durch Ersticken. Viel Zeit ist so vorübergegangen. Wir wären zweifellos
-erfroren, wenn nicht Woodbell, der sich als erster faßte, uns beschworen
-hätte, ernst über unsere Situation nachzudenken.
-
--- Suchen wir einen Ausweg, eine Möglichkeit der Rettung, sagte er, wenn
-wir sie auch nicht finden sollten, so haben wir wenigstens etwas, das
-uns beschäftigt, unsere Gedanken für einen Augenblick vom Tode abwendet,
-der wie ein Alp auf uns lastet.
-
-Der Rat war gut, aber wir waren so erschöpft und erstarrt, daß wir ihn
-ganz gleichgültig hinnahmen und nicht einmal auf die Vorstellungen
-Tomas' antworteten.
-
-Ich erinnere mich, daß ich auf Tomas blickte und sah, wie er die Lippen
-bewegte, aber ich verstand kein Wort von dem, was er sagte. Das einzige,
-was mich in jenem Augenblick beschäftigte, war: wie wird er wohl nach
-dem Tode aussehen?
-
-Mit irrsinniger Hartnäckigkeit starrte ich auf seine Kinnbacken und riß
-in Gedanken das Fleisch von ihnen herunter, dann entblößte ich ebenso
-seinen Schädel, seine Rippen, seine Knochen -- und auf einen lebenden
-Menschen sehend, hatte ich plötzlich ein Gerippe vor Augen, das mit
-einer boshaften Grimasse zu sagen schien: So werdet ihr alle aussehen --
-in kurzer Zeit!
-
-Als Tomas sich endlich überzeugte, daß mit uns nichts mehr anzufangen
-war, stellte er sich selbst an den Motor und bald bewegte sich unser
-Wagen längs des Randes der Spalte, deren Ende wir in einer halben Stunde
-erreicht hatten. Als Varadol dies bemerkte schrie er, von dem Mut der
-Verzweiflung erfaßt und fortgerissen, wie wahnsinnig:
-
--- Wir können die Spalte umkreisen und weiter nach Norden fahren zum
-Pol, dort, wo es Luft gibt!
-
-Er lachte und warf sich, als wenn er die Sinne verloren hätte, auf das
-Steuer; Tomas stieß ihn leicht beiseite und sagte kurz, aber
-entschieden:
-
--- Wir werden die Spalte nicht umkreisen, sondern in sie hineinfahren.
-
-Peter sah ihn eine Zeitlang mit starrem Blick an -- dann stürzte er sich
-plötzlich, scheinbar einen neuen Nervenanfall bekommend, auf ihn und
-packte ihn bei der Gurgel.
-
--- Mörder! brüllte er, Würger! Du willst uns töten, und ich will leben,
-leben! Hörst du? Nach Norden, nach Norden, zum Pol, dort ist Luft!
-
-Er schäumte und schrie und da er stärker war als Tomas, warf er ihn, ehe
-wir es hindern konnten, zu Boden und kniete auf seiner Brust. Ich sprang
-mit Martha herbei, um den Wahnsinnigen festzuhalten und es begann eine
-Verwirrung, die das Bellen der verängstigten Hunde begleitete. Wir
-packten ihn endlich bei den Schultern, als er plötzlich aufschrie und
-unter unsern Händen schlaff zusammenfiel. Tomas erhob sich, erschöpft
-und blaß.
-
-Da neigte sich der Wagen; ich fühlte eine gewaltsame Erschütterung und
-verlor das Bewußtsein.
-
-Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, daß ich auf meiner Matte lag;
-Tomas stand über mich gebeugt und rieb mir die Schläfen mit Äther ein.
-Martha und Varadol saßen finster und schweigend neben mir.
-
-Tomas ist wirklich ein tüchtiger Mensch. Während er mit Peter rang, fuhr
-der Wagen, dessen Steuer niemand lenkte, mit seinem Vorderteil an einen
-Felsen. Durch diese Erschütterung nach vorn geworfen, prallte ich mit
-dem Kopf an die Wand des Wagens und wurde ohnmächtig.
-
-Tomas und Martha gingen aus diesem Unfall unversehrt, hervor; ebenso
-Varadol, der bewußtlos am Boden lag, von dem vorhergegangenen Anfall
-erschöpft. Tomas empfahl Martha, uns auf die Lagerstätten zu legen, und
-lenkte den Wagen in die Tiefe der Schlucht hinein. Hier erst, auf dem
-Grunde, wo es unvergleichlich wärmer ist als auf der Oberfläche, begann
-er uns zur Besinnung zu bringen. Zuerst erwachte Peter. Er erinnerte
-sich absolut nicht des Anfalls, der uns so sehr erschreckt hatte.
-Endlich kam auch ich wieder zu mir.
-
-Für den Augenblick drohte uns der Tod durch Erfrieren nicht, da in
-dieser tiefen Spalte die Kälte nicht so übermäßig war. Scheinbar ist das
-Innere des Mondes, ähnlich wie das der Erde, noch nicht ganz um die
-eigene Wärme gebracht, obwohl er, neunundvierzigmal kleiner als die
-Erde, auch bedeutend früher erkalten mußte.
-
-Tomas hatte das richtig angenommen und fuhr in die Spalte, um es uns zu
-ermöglichen, hier miteinander zu beraten, was nun anzufangen sei,
-nachdem wir vor der jeden Gedanken ertötenden Kälte Schutz gefunden.
-
-Wir dachten hin und her. Es fiel uns ein, daß es vielleicht gelingen
-wird, mit Hilfe der Druckpumpe die uns umgebende Mondatmosphäre so weit
-zu verdichten, um damit die Luft im Wagen auffrischen zu können. Dieser
-Gedanke flammte wie ein Stern der Hoffnung auf. Wir machten uns auch
-sofort an seine Ausführung. Jedoch nach einer Stunde schweren und
-angestrengten Arbeitens überzeugten wir uns, daß sich dies nicht
-verwirklichen läßt. Die Mondatmosphäre ist hier so dünn, daß sie sich
-nach dem vollständigen Herablassen des Pumpenstempels nicht einmal so
-weit verdichtet, den Druck der Luft in unserem Wagen zu überwinden und
-die Klappe zu öffnen. Wir versuchten dann, sie mit Hilfe der Pumpe in
-einem der leeren Behälter zu verdichten, nachdem wir den Riß fest
-verschlossen hatten, durch den uns die Luft entwichen war; aber auch das
-erwies sich als unmöglich.
-
-Nachdem wir allen Mut verloren hatten und gänzlich erschöpft waren,
-ließen wir endlich von der zwecklosen Arbeit ab. Tomas bemühte sich noch
-uns damit zu trösten, daß wir vielleicht etwas weiter gegen Norden
-dichtere Atmosphäre finden würden, bei der sich unsere Pumpe gebrauchen
-ließe, aber ich weiß, daß er selbst nicht daran glaubt. Auf der ganzen
-mächtigen Strecke des _Mare Imbrium_ wird sie gleich dünn sein und ehe
-wir diese zurücklegen, wird unser Luftvorrat ausgehen und kommen, was
-unabwendbar ist. In zweihundertneunzig Stunden müssen wir sterben.
-
-Trotzdem werden wir, sobald es nur hell und wärmer wird, aus dieser
-Spalte herausfahren und weiter nach Norden eilen. Das führt freilich zu
-nichts, aber auch das Hierbleiben führt zu nichts. Und vielleicht ...
-vielleicht ... werden wir dennoch irgendwo etwas dichtere Atmosphäre
-finden ...
-
- An derselben Stelle, siebzig Stunden nach
- Mitternacht.
-
-Endlich entdeckten wir die Ursache, durch die wir unsere Luftvorräte
-verloren haben. Die Behälter wurden während des Herabgleitens des Wagens
-von den Abhängen des _Eratosthenes_ beschädigt. Ein scharfer Stein, der
-auf dem Wege, auf dem der Wagen hinabglitt, gelegen, hat sich tief
-eingezeichnet und der innere Druck des Gases tat das übrige. Die Risse
-sind sichtbar. Zwei Dinge setzen mich bei alledem in Erstaunen; erstens,
-daß der Druck der verdichteten Luft die beschädigten Behälter aus Erz
-nicht zersprengte, und zweitens, daß wir den Verlust nicht früher
-bemerkten ... Ich zerbreche mir über diese Rätsel den Kopf, als wenn
-ihre Lösung unsere Lage irgendwie ändern könnte.
-
-Ich kann an nichts anderes denken; immer und immer steht mir dieses
-Gespenst des Todes vor Augen. Und das Schrecklichste dabei ist die
-Gewißheit, daß wir sterben müssen, und uns dabei vollständig gesund
-fühlen. Das vergrößert das Grauen dieses Furchtbaren, das über uns
-kommen soll. Tomas ist am ruhigsten von uns allen, aber ich sehe,
-besonders aus seinem Benehmen Martha gegenüber, daß auch er unaufhörlich
-daran denkt. Er läßt mit einer fast weiblichen Zartheit die Hand über
-ihr Haar gleiten und sieht sie dabei an, als wenn er sie um Verzeihung
-bitten wollte. Und sie küßt seine Hand, nur mit dieser Liebkosung und
-den Augen zu ihm sagend: Gräme dich nicht, Tom, -- alles ist gut, wir
-werden ja zusammen sterben ...
-
-Für sie ist das vielleicht ein Trost, daß sie zusammen sterben, aber für
-mich, ich gestehe es offen, verkleinert die Gemeinsamkeit des Schicksals
-in nichts seine Grausamkeit. Mein ganzes Innere bäumt sich so maßlos
-gegen dieses Ungeheuerliche auf, daß alle Reflexionen vergebens sind.
-Ich bemühe mich klar und nüchtern zu denken, -- ich versuche mir über
-alles Rechenschaft zu geben; hundertmal wiederhole ich mir, daß ich
-zusammen mit diesen Menschen sterbe, als das freiwillige Opfer eines
-übermächtigen Dranges nach Erkenntnis, der uns von der Erde fortgerissen
-und auf diesen unwirtlichen Globus geworfen hat, ich rede mir gewaltsam
-ein, daß ich mich mit diesem Schicksal aussöhnen und Ruhe bewahren muß.
-Und trotz all dieser Reflexionen fühle ich immer nur eins: Angst,
-grenzenlose, verzweifelte Angst! Ah -- es ist so grauenhaft,
-unerbittlich, und es nähert sich so langsam ...
-
-Ich begreife wirklich nicht, warum wir nicht daran denken, diesem
-fürchterlichen Zustand ein Ende zu machen. Es liegt doch in unserer
-Macht, dieses Leben von uns zu werfen, jetzt, wo es nur noch eine
-lächerliche Parodie des Lebens ist! ...
-
- Eine Stunde später.
-
-Nein, ich kann es nicht! Ich weiß nicht, was mich zurückhält, aber ich
-kann nicht. Vielleicht ist es diese kindische Sehnsucht nach der Sonne,
-dem guten Stern des Tages, der bald über uns aufgehen soll, vielleicht
-ein lächerlicher, fast tierischer Trieb zum Leben, obwohl es nur noch
-einige Stunden zählen wird, vielleicht die Reste einer wahnsinnigen,
-gänzlich haltlosen Hoffnung ...
-
-Ich weiß, daß nichts uns erretten kann und begehre so sehnsüchtig
-danach, zu leben -- und so sehr ... ängstige ich mich ...
-
-Meinetwegen! -- Mag geschehen was will.
-
-Ich bin entsetzlich müde, -- möchte es doch endlich kommen, dieses
-Unabwendbare! Bei jedem Atemzug denke ich, daß ... Es ist einerlei ...
-
- Bei Sonnenaufgang.
-
-In einer Stunde fahren wir weiter. Der westliche Rand der Spalte glänzt
-schon über uns im Sonnenschein. Wir werden in die weite Wüste
-hinausfahren, um noch einmal die Sonne zu sehen, die Sterne und die
-Erde, die so ruhig leuchtend und still an diesem schwarzen Himmel steht
-...
-
-Und wir werden nach Norden fahren. Weshalb? Ich weiß es nicht. Niemand
-von uns weiß es; aber wir werden nach Norden fahren. Der Tod wird
-langsam neben uns gehen, über die Steinfelder, über die Berge und Täler,
-und wenn der Zeiger des Manometers im letzten Luftbehälter sich dem
-Nullpunkt nähert, wird der Tod in den Wagen kommen.
-
-Wir sprechen nicht miteinander; wir haben von nichts zu sprechen. Jeder
-von uns bemüht sich nur, sich mit irgend etwas zu beschäftigen,
-vielleicht mehr aus falscher Scham vor den andern, als zur eigenen
-Zerstreuung; denn welche Arbeit kann einen Menschen beschäftigen, der
-weiß, daß alles was er tut, zwecklos ist?
-
-Wir gehen also unserem Schicksal entgegen!
-
- Zweiter Mondtag, vierzehn Stunden nach Mittag.
- Auf Mare Imbrium, 8° 54' westlicher Länge, 32°
- 16' nördlicher Mondbreite, zwischen den Kratern
- ^c--d^.
-
-Wir sind gerettet! -- Und die Rettung kam so plötzlich, so unerwartet
-und auf so seltsame und -- schreckliche Weise, daß ich mich bis jetzt
-nicht erholen kann, obwohl schon zwanzig Stunden verflossen sind seit
-der Tod, der uns zwei Erdenwochen hindurch begleitete, sich von uns
-abgewandt und entfernt hat.
-
-Er hat sich entfernt, -- aber nicht ohne Beute ... Der Tod entfernt sich
-niemals ohne Beute. Wenn er aus Mitleid oder aus Zwang denjenigen zu
-leben erlaubt, die er schon in seinen Krallen hatte, so nimmt er ein
-Pfand für sie ... wo er es eben findet -- ohne Wahl ...
-
-Bei Sonnenaufgang traten wir die Reise an, mehr aus Gewohnheit, als aus
-irgendeinem wohlüberlegten Grunde. Wir waren sicher, daß wir den Abend
-dieses langen Tages nicht erleben würden. Wir fuhren schweigend mit
-diesem Gespenst des Todes, das in unserer Mitte saß und ruhig auf den
-Augenblick wartete, wo es uns in seine kalte, würgende Umarmung nehmen
-sollte. Wir fühlten seine Gegenwart, als wenn es ein greif- und
-sichtbares Wesen wäre -- und wir sahen uns erstaunt um, daß wir es nicht
-tatsächlich bemerkten.
-
-In diesem Augenblick ist das alles nur noch Erinnerung, aber damals war
-es eine über alle Beschreibung furchtbare Wirklichkeit. Ich kann es
-nicht begreifen, wie wir in dieser wahnsinnigen Angst über dreihundert
-Stunden leben konnten! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß wir in
-jeder Stunde starben, bei dem Gedanken, daß wir unabwendbar sterben
-müssen. Denn auf eine Rettung hoffte niemand von uns.
-
-Jetzt kommt mir das alles wie ein wüster, grauenhafter Traum vor und ich
-muß meine ganze Energie zu Hilfe rufen, um daran zu glauben, daß es
-Wirklichkeit war.
-
-Ich erinnere mich nicht mehr genau des Weges, den wir zurückgelegt
-haben.
-
-Eine Stunde schleppte sich nach der anderen dahin; der Wagen fuhr immer
-gleichmäßig schnell nach Norden -- und wir sahen wie im Traume auf die
-vorüberfliegenden Landschaften. Jetzt fühle ich erst, daß alle Eindrücke
-in mir in einen zusammengeflossen sind, -- in diesen Eindruck des
-unerbittlichen Todes. Ich kann mich aus diesem Chaos nicht herausfinden.
-Alles, woran ich mich erinnere, ist furchtbar. Anfangs bewegten wir uns
-auf der Grenze zwischen _Palus Putredinis_ und _Mare Imbrium_, zu
-unserer rechten Seite eine bergige und wilde Gegend. Zur Linken, gegen
-Westen, dehnte sich eine Ebene, die in der Ferne in nicht hohe,
-wellenförmige Berge überging, sich parallel der Richtung unserer Fahrt
-erstreckend. Hinter diesen Bergen glänzten die Gipfel des _Timocharis_,
-die von den gerade auf sie herabfallenden Sonnenstrahlen beleuchtet
-waren.
-
-Nur das Grauen blieb mir im Gedächtnis und der sich so seltsam damit
-verbindende unerhörte Farbenreichtum dieser Landschaft. Die höchsten
-Spitzen des Kraters waren weiß, aber von ihnen aus erstreckten sich nach
-unten Streifen und Kreise, die in allen Regenbogenfarben spielten. Ich
-weiß nicht, wie das zu erklären ist; sollte der _Timocharis_, ein
-Ringberg von der Höhe des _Eratosthenes_, einstmals ein tätiger Krater
-gewesen sein? Sollten diese Farbenstreifen von auf den Kratern
-ausgeworfenem Feldspat, Trachit, Schwefel, von Lava und Asche herrühren?
-Ich kann diese Rätsel nicht lösen und damals dachte ich nicht darüber
-nach. Ich hatte nur den Eindruck von etwas Unwahrscheinlichem -- von
-Märchen und Zauberländern -- von Bergen, aus Edelsteinen erbaut ... und
-starrte auf diese von Topasen, Rubinen, Amethysten und Diamanten
-besäten, in der Sonne erglühenden Gipfel. Gleichzeitig schüttelte mich
-ihre frostige Starrheit. Es war etwas unbarmherzig Grauenhaftes und
-Unerbittliches in diesem kalten, harten Glitzern des farbigen Gesteins,
-in diesem grellen, durch nichts gemilderten Schimmern ...
-
-Eine Pracht des Todes wehte von diesen Bergen.
-
-Einige Stunden nach Sonnenaufgang, stets die Gipfel des _Timocharis_ vor
-uns, fuhren wir in den Schatten des Kraters _Beer_; nachdem wir ihn
-passiert hatten, weiter, längs dem Fuße des dicht neben ihm liegenden
-Kraters _Feuillée_ und kamen auf eine unabsehbare Ebene, die sich
-sechshundert Kilometer vor uns erstreckte, bis zur nördlichen Grenze des
-_Mare Imbrium_. Nach Norden gewandt, hatten wir die Gipfel des
-_Timocharis_ fast hinter uns; dafür zeigte sich uns gegen Nordosten an
-der Grenze des Horizontes der weite, in Schatten gehüllte Wall des
-Ringes des _Archimedes_.
-
-Ich hatte plötzlich den Eindruck, daß wir durch ein mächtiges Tor jagen,
-das gegen die Ebene des Todes weit geöffnet war. Wieder erfaßte mich
-eine grenzenlose, würgende Angst. Ich wollte den Wagen anhalten, ihn
-zwischen die hinter uns sich verlierenden Felsen lenken -- nur nicht in
-diese weite Ebene hineinfahren, die wir -- ich wußte es -- nicht
-lebendig verlassen würden.
-
-Ich glaube, daß dieses Gefühl nicht nur in mir erwachte; die drei andern
-sahen ebenfalls mit finsteren Blicken auf diese sich vor uns öffnende
-Steinwüste.
-
-Woodbell schien, mit gesenktem Haupt und zusammengebissenen Lippen,
-lange mit den Augen die Strecke der Ebene zu messen, deren Grenzen nicht
-zu erkennen waren; dann ließ er langsam den Blick über den Zeiger des
-Manometers gleiten, der an dem letzten Behälter mit verdichteter Luft
-befestigt war. Der Zeiger in der Kupfertrommel fiel langsam, aber
-unaufhörlich ...
-
-Da tauchte plötzlich ein furchtbarer Gedanke in mir auf: Die Luft genügt
-nicht für _vier_, aber sie wird für _einen_ ausreichen. Einer würde mit
-diesem Vorrat bis zu den Gegenden vordringen, wo die Atmosphäre des
-Mondes dicht genug ist, um, wenn auch durch Gebrauch der Pumpe, atmen zu
-können.
-
-Dieser widerwärtige, ungeheuerliche Gedanke machte mich schaudern und
-kaum aufgetaucht, wollte ich ihn verjagen, aber er war stärker als mein
-Wille und kehrte immer wieder! Ich konnte meine Augen von dem Zeiger des
-Manometers nicht losreißen, und in den Ohren dröhnte es mir fort und
-fort: Für vier wird sie nicht ausreichen, aber für einen ...
-
-Endlich warf ich einen Blick auf die Kameraden -- heimlich wie ein Dieb
-und -- Entsetzen faßte mich. In ihren unruhig flackernden Augen las ich
-denselben Gedanken. Wir verstanden uns. Eine Zeitlang herrschte ein
-dumpfes, bedrückendes Schweigen. Dann rieb sich Tomas die Stirn und
-sagte ruhig:
-
--- Wenn wir es tun, so muß es schnell geschehen, ehe der Vorrat sich
-noch verringert ...
-
-Wir wußten, wovon er sprach; Varadol nickte schweigend mit dem Kopf; ich
-fühlte eine brennende Röte im Gesicht, aber widersprach nicht.
-
--- Sollen wir Lose ziehen? fragte wiederum Tomas, sich anscheinend zu
-dem Herauswürgen dieser Worte zwingend. Aber -- hier stockte seine
-Stimme, und einen weichen, flehenden Ton annehmend, sagte er: Aber ...
-ich wollte ... euch bitten, daß ... Martha am Leben bleibt ... wie auch
-...
-
-Wiederum herrschte ein qualvolles Schweigen. Endlich stammelte Peter:
-
--- Für zwei wird es nicht genügen ...
-
-Tomas warf mit einer stolzen Bewegung den Kopf zurück:
-
--- Also gut, mag es geschehen! Es ist so besser.
-
-Nach diesen Worten nahm er vier Streichhölzer, brach einem den Kopf ab,
-versteckte sie so in der Hand, daß nur ihre Enden zu sehen waren und
-hielt sie uns entgegen.
-
-Während dieser ganzen Unterredung stand Martha abseits und hörte kein
-Wort davon. Erst in dem Augenblick, als wir nach jenen Losen greifen
-wollten, trat sie zu uns und fragte unvermittelt mit vollständig ruhiger
-Stimme:
-
--- Was tut ihr?
-
-Und dann zu Tomas:
-
--- Zeige, was du in der Hand hast ...
-
-Und sie nahm diese Streichhölzer, die das Todesurteil für drei von uns
-sein sollten, damit der vierte leben konnte.
-
-Und das geschah so schnell und unerwartet, daß wir keine Zeit hatten,
-sie zu hindern. Eine tiefe Röte der Scham überflog unsere Wangen; wir
-fühlten, daß uns dieses Mädchen bei dem widerwärtigen Verbrechen des
-Egoismus und der Feigheit ertappte. Wir blickten uns an und fielen uns
-plötzlich in die Arme, in ein krampfhaftes, lang zurückgehaltenes Weinen
-ausbrechend.
-
-Von dem Losen war keine Rede mehr. Durch die Reaktion, die ein
-prinzipielles Recht der menschlichen Seele ist, hatte sich der
-gegenseitige, durch die Nähe und Unabwendbarkeit des Todes
-hervorgerufene Haß jetzt in das Gefühl einer herzlichen Zärtlichkeit
-verwandelt. Es kam etwas seltsam Weiches, Linderndes über uns. Wir
-setzten uns nahe nebeneinander; Martha schmiegte sich mit dem biegsamen,
-schlanken Körper an Tomas und wir begannen miteinander zu sprechen, mit
-leiser Stimme, über eine Unmenge Kleinigkeiten, die uns einst auf der
-Erde angingen. Jede Erinnerung, jede Einzelheit nahm für uns jetzt eine
-große Bedeutung an, wir fühlten, daß diese Unterredung der Abschied des
-Lebens sei.
-
-Und der Wagen sauste unaufhörlich nach Norden, durch die unermeßliche,
-todbringende Ebene.
-
-Stunden und Erdentage gingen vorüber; der Zeiger des Manometers fiel
-stetig, aber wir waren ruhig und mit unserm Schicksal ausgesöhnt. Wir
-sprachen, aßen, tranken sogar, als wenn nichts vorgefallen wäre. Ich
-fühlte nur ein seltsames Drücken in der Gegend des Herzens und der
-Gurgel -- wie ein Mensch, der einen großen Verlust erlitten hat und sich
-vergebens ihn zu vergessen bemüht ...
-
-Gegen Mittag befanden wir uns zwischen dem 31. und 32. Parallelkreis.
-Die Glut, obwohl sie sehr stark war, quälte uns nicht mehr so wie am
-vorhergehenden Tage, da sich unter diesem Grade die Sonne nur zirka 60°
-über dem Horizonte erhebt. Die Erde, die seit Mittag in der gleichen
-Höhe am Himmel steht, war verblaßt, als die strahlenlose Sonnenscheibe,
-den flammenden Reifen ihrer Atmosphäre berührend, langsam hinter ihr zu
-versinken begann.
-
-Wir hatten Sonnenfinsternis, die hier gegen zwei Stunden dauerte und
-sich den Erdbewohnern als eine Mondfinsternis darstellte.
-
-Der leuchtende Reifen der Erdatmosphäre wurde in dem Augenblick, als die
-Sonne ihn berührte, einem Kranze blutigroter Blitze ähnlich, in dessen
-Mitte ein mächtiger schwarzer Fleck lagerte, -- die einzige Stelle am
-Himmel, auf der keine Sterne leuchteten. Fast eine Stunde brauchte die
-Sonnenscheibe, um hinter diesem schwarzen Kreis inmitten der flackernden
-Flammen unterzugehen. Während dieser Zeit wurde der Kranz immer
-intensiver und breiter. In dem Augenblick als die Sonne verschwand war
-das Licht bereits so stark, daß man die Linien der Landschaften erkennen
-konnte, die in einem orangegelb schillernden Feuer auftauchten. Der
-schwarze Fleck der Erde sah jetzt wie der gähnende Schlund eines
-seltsamen Brunnens aus, der am sternenbesäten Himmel ausgehöhlt, von
-einem schmalen, blutigrot flammenden Hof umkränzt war; dieser ging
-stufenweise in ein rotes, dann orangegelbes Licht über, um sich
-schließlich am schwarzen Hintergrund in einem schwachen weißen Leuchten
-zu verlieren. Und hinter diesem Kranze schossen nach Westen und Osten
-zwei Strahlengarben, zwei Fontänen goldenen Lichtstaubes hervor: es war
-das Zodiakallicht, das man während der Finsternis sehen konnte, ähnlich
-wie nach dem Untergang der Sonne.
-
-Die Beleuchtung auf dem Monde gestaltete sich indessen, als wenn
-Blutströme über die vor uns in Dämmerung gehüllte Wüste ausgegossen
-würden.
-
-Wir mußten halten, da es unmöglich war, in diesem schwachen rötlichen
-Licht den Weg zu erkennen. Gleichzeitig mit dem Schatten trat nach
-Schwinden der Sonne eine empfindliche Kälte ein. Nachdem wir uns
-eingehüllt hatten, schmiegten wir uns aneinander und warteten, daß sich
-die Sonne wieder zeige. Über uns brannte in unerhörter Pracht der
-leuchtende Kranz der verschiedenfarbigen Flammen, als plötzlich die
-Hunde zu bellen begannen, erst leise, dann immer lauter und
-verzweifelter. Ein eisiger Schauer überflog uns bei diesem Bellen. Wir
-erinnerten uns der Nacht vor dem Tode O'Tamors, als Selena ebenso
-bellte, den Tod begrüßend, der in unseren Wagen eintrat. Und wir alle
-empfanden im Angesicht dieser Erhabenheit am Himmelsdome das ganze,
-grenzenlose Elend unserer Lage noch furchtbarer; es schien uns, daß
-diese Feuer dort oben wie zum Hohn über den Häuptern von uns Sterbenden
-flammten ...
-
-In dem Behälter hatten wir nur noch Luft für ungefähr zwanzig Stunden.
-
-Nach Verlauf von zwei Stunden wurde ein Segment der Sonne auf der
-westlichen Seite der schwarzen Erdscheibe sichtbar, und die leuchtende
-Aureole verengerte sich und begann langsam zu erlöschen. Beim Anblick
-der Sonne überkam mich zunächst ein Gefühl des Erstaunens; ich hatte
-mich schon so an diese blutig leuchtende Nacht gewöhnt, sie erschien mir
-als die Verkünderin einer tieferen Nacht, einer ewigen, die uns während
-der Abwesenheit der Sonne einhüllen sollte, daß der strahlende Tag für
-mich etwas ganz Unfaßbares war. Und dann plötzlich -- ich weiß nicht
-woher -- stieg eine neue Hoffnung in mir auf, als wenn mit dem
-Erscheinen der Sonne irgendein Wunder uns erretten müsse.
-
--- Wir werden leben! rief ich so plötzlich und mit einer solchen
-Überzeugung, daß aller Augen fragend -- wie gebannt -- an meinem Munde
-hingen.
-
-Da geschah etwas Seltsames. Aus der Kiste, in welcher der jetzt
-unbrauchbare telegraphische Apparat eingeschlossen war, vernahmen wir
-ein Pochen. Anfangs wollten wir unseren Ohren nicht trauen, aber das
-Pochen wurde immer deutlicher. Wir warfen uns auf die Kiste, und nachdem
-wir sie aufgerissen, zeigte es sich, daß der Apparat wirklich klopfte,
-als wenn er eine Depesche entgegennehmen wollte. Vergeblich bemühten wir
-uns, den Sinn der Depesche zu verstehen. Etwas war nicht in Ordnung oder
-hatte sich verwirrt. Kaum konnten wir einige abgerissene Worte erfassen:
-Mond ... in einer Stunde ... vom Mittelpunkt der Scheibe ... unter dem
-Winkel ... möge ... _Frankreich_ ... die andern ... und wenn ... der Tod
-...
-
-Grenzenloses Staunen erfaßte uns. Varadol sprang an den Apparat und
-telegraphierte: Wer läßt sich vernehmen?
-
-Wir warteten einen Augenblick -- keine Antwort. Peter wiederholte die
-Frage zwei-, dreimal, aber ohne Erfolg.
-
-Der Apparat verstummte und das Klopfen wiederholte sich nicht mehr.
-
-Eine halbe Stunde der vollständigen Stille ging vorüber; wir begannen
-schon anzunehmen, daß die ganze Sache auf einer unfaßbaren Täuschung
-beruhte.
-
-Die Sonne war gerade hinter der Erde aufgestiegen und stand neben ihr am
-Himmel. Die Glut wurde wieder größer.
-
-Da flog und blitzte etwas in den Sonnenstrahlen an uns vorbei und
-gleichzeitig erbebte der Boden unter unseren Füßen, wie eine von einer
-Kanonenkugel getroffene Mauer. Wir schrien vor Entsetzen und
-Verwunderung auf. An das Fenster stürzend, bemerkten wir eine Masse von
-metallischem Glanz, die, auf der Oberfläche des Mondes abprallend, vor
-unseren Augen einen mächtigen Bogen im Raume beschrieb und wiederum
-aufschlug und zum zweitenmal abprallte, zum drittens, zum viertenmal, in
-ungeheuren Sprüngen nach Nordosten jagend.
-
-Wir schwiegen und konnten uns diese Erscheinung nicht erklären, bis
-Peter plötzlich aufschrie:
-
--- Die Brüder Remogner kommen!
-
-Jetzt wurde uns alles klar! Es waren gerade sechs Erdenwochen vergangen,
-seit wir um Mitternacht auf den Mond herabfielen; die Zeit ist also
-gekommen, da die zweite Expedition uns folgen sollte. Unser Apparat
-klopfte unter dem Einfluß der Depesche, die die Brüder Remogner aus der
-Nähe des Mondes auf die Erde herabsandten. Er ließ sich vielleicht schon
-früher vernehmen, nur daß uns das Klopfen in der Kiste, in der sich der
-Apparat befand, nicht auffiel. Ebenso bemerkten die Brüder Remogner
-anscheinend unsere Depesche nicht, da sie im letzten Augenblick mit der
-Vorbereitung zum Fall beschäftigt waren.
-
-Diese Gedanken schossen mir wie ein Blitz durch den Kopf, während wir in
-fliegender Eile unseren Motor in Bewegung setzten. In einigen
-Augenblicken sausten wir schon mit der ganzen Kraft in der Richtung, in
-der das Projektil unseren Blicken entschwunden war und alle fühlten und
-dachten wir in diesem Augenblick nur das eine: Die Brüder Remogner
-führen Luft mit sich!
-
-In nicht ganz einer halben Stunde waren wir an der Stelle, an der das
-Projektil nach einigem Abprallen herabgefallen war. Ein entsetzlicher
-Anblick bot sich unseren Augen: Inmitten der zerstreuten Trümmer des
-zerschmetterten Projektils lagen zwei blutige, zermalmte Leichen.
-
-Zitternd vor Aufregung legten wir die Luftbehälter an und nachdem wir
-sie mit dem Reste unseres Vorrates gefüllt hatten, gingen wir aus dem
-Wagen. Unsere Erschütterung, unser Beben wurde -- wozu es verheimlichen!
--- weniger durch den furchtbaren Tod der Freunde, als vielmehr durch die
-Angst hervorgerufen, daß ihre Luftbehälter bei der Katastrophe
-beschädigt worden sein könnten.
-
-Zwei waren in der Tat zerplatzt und lagen leer inmitten der
-zertrümmerten Metallplatten, aber vier von ihnen blieben unversehrt.
-
-Wir waren gerettet!
-
-Ein Freudentaumel erfaßte uns, der wenig im Einklang stand mit dem
-Entsetzlichen, das uns umgab und dennoch -- wir waren dreihundertfünfzig
-endlose Stunden dahingestorben und erfuhren in diesem Augenblick, daß
-wir leben werden!
-
-Nachdem wir uns bezüglich unseres Schicksals versichert hatten, konnten
-wir erst über das furchtbare Los, das die Brüder Remogner getroffen,
-nachdenken. Was uns errettete, ward die Ursache ihres Todes! Ein reiner
-Zufall -- eine Ungenauigkeit in der Berechnung, ließ sie hier vor uns
-niederfallen, statt auf dem Mittelpunkt der Mondscheibe, die in diesem
-Augenblick gegen tausend Kilometer von uns entfernt ist. Dieser Zufall,
-der uns mit Luftvorräten versorgte, hat sie getötet. Sie fielen, in
-dieser Gegend herabkommend, nicht senkrecht auf die Mondoberfläche,
-sondern im Winkel. Das Projektil schlug daher mit der Seite auf den
-Boden, wo es nicht durch ein Stahlgerüst geschützt war und einige Male
-abprallend, mußte es endlich zerschmettern. Wir schauderten bei dem
-Gedanken, daß uns dasselbe hätte widerfahren können ...
-
-Nachdem wir die Leichen sorgfältig zwischen den Steinen begraben hatten,
-machten wir uns an ihren Nachlaß. Wir haben alles aus den Trümmern
-hervorgesucht, was uns irgendwie von Nutzen sein konnte; vor allem die
-kostbaren Behälter mit verdichteter Luft, die wir in unseren Wagen
-hinübertrugen, wie auch die Nahrungsmittel, Wasservorräte und einige
-weniger beschädigte Instrumente. Mit klopfendem Herzen suchten wir nach
-ihrem telegraphischen Apparat, in der Hoffnung, daß er vielleicht stark
-genug sein würde, uns mit den Erdbewohnern in Verbindung zu setzen.
-Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch. Der Apparat wurde bei
-der Katastrophe beschädigt. Dasselbe war mit der Mehrzahl der
-astronomischen Instrumente der Fall. Den Motor des Wagens nahmen wir
-mit, obwohl er stark gelitten hat.
-
-Welch unbeschreibliches Glück für uns, daß gerade die kupfernen
-Luftbehälter diesem entsetzlichen Anprall getrotzt haben.
-
-Nachdem wir den Nachlaß der bedauernswerten Brüder Remogner an uns
-genommen hatten, traten wir unverzüglich die Weiterreise nach Norden an,
-da die Glut, die durch die Kühle während der Sonnenfinsternis
-unterbrochen wurde, wieder stärker einsetzte und wir irgendeine Erhebung
-finden mußten, die uns Schatten gewährte.
-
-Hier erst, zwischen den Kratern ^c--d^, blieben wir stehen.
-
-Diese steilen Kegel, die sich am Fuße fast berühren, sind zweifellos
-vulkanischer Herkunft. Die ganze mit Schwefel bedeckte Gegend färbt sich
-gelb in dem blendenden Sonnenglanz. Tiefe Bergrinnen, mit denen die
-Abhänge der Krater von oben bis unten bedeckt sind, geben uns einen
-vorzüglichen Schutz vor der brennenden Glut.
-
-Wir sind gerettet und dennoch verläßt uns die tiefe Niedergeschlagenheit
-keinen Augenblick. Immer und immer habe ich die furchtbar verstümmelten
-Leichen der Remogners vor Augen; wir sind in keiner Weise schuld an
-ihrem Tode und trotzdem empfinde ich es wie einen Vorwurf, daß wir durch
-ihn gerettet wurden ...
-
-Ich bin erschöpft von all dem, was wir durchgemacht haben, erschöpft von
-dem langen Schreiben. Ich muß mich hinlegen und ein wenig ausruhen vor
-der weiteren Fahrt. Die Mühen und wahrscheinlich auch die Gefahren sind
-wohl noch lange nicht für uns vorbei.
-
-In diesem Moment fällt mein Blick auf Selena, die munter mit ihren
-Jungen spielt; sie sind im Lauf dieser paar Wochen sehr gewachsen ...
-Merkwürdig, als uns der Tod durch Luftmangel drohte, waren wir eine
-Zeitlang bereit, das Leben dreier von uns zur Rettung des vierten zu
-opfern und keinem kam es in den Sinn die Hunde zu töten, die doch
-ebenfalls viel Luft verbrauchten, und auf diese Weise die Spanne Zeit zu
-verlängern, die uns -- wie wir glaubten -- zum Leben übrig blieb! Wie
-entsetzlich, wenn wir wirklich einen von uns geopfert hätten und dabei
-die Hunde verschonten, nur weil niemand an sie dachte!
-
-Die Gefahr ist zunächst vorüber, und es ist gut, daß die Hunde leben.
-Sie erinnern uns in ihrer Schlichtheit mehr an die Erde, als wir sie uns
-gegenseitig in Erinnerung bringen können. Mit Rührung blicke ich auf
-diese Tiere ... Wir sind so einsam und so furchtbar von der Erde
-losgerissen. Zwei Menschen hat sie uns nachgesandt, aber wir sahen nur
-noch ihre Leichen. Wir hatten die Hoffnung, durch die Ankunft der Brüder
-Remogner Kameraden zu erhalten und gleichzeitig ein Mittel, uns mit der
-Erde zu verständigen; statt dessen haben sie uns zwar das Leben gerettet
--- aber wir sind dafür zur ewigen Vereinsamung verurteilt.
-
- Auf Mare Imbrium, 9° westlicher Länge, 37°
- nördlicher Mondbreite.
- Zweiter Tag, einhundertzweiundfünfzig
- Stunden nach Mittag.
-
-Seit ungefähr hundert Stunden, das heißt fast vier Erdentage, schleppen
-wir uns durch die Ebene, die kein Ende zu haben scheint! Soweit das Auge
-reicht -- nichts -- keine Erhebung, kein Gipfel, keine Unterbrechung,
-auf der der Blick ausruhen könnte. Eine entsetzliche Gleichmäßigkeit der
-Landschaft bedrückt und erschöpft uns. Ich machte einmal auf der Erde
-eine Reise durch die Sahara; aber die Sahara erscheint mir als ein
-buntes Märchenland, gegenüber dieser trostlosen Öde, die uns hier
-umgibt! Auf der Sahara begegnet man Felsenketten, wellenförmigen
-Sanderhebungen, hinter denen sich oft grüne Kronen der Palmen zeigen,
-die auf üppigen Oasen wachsen; über der Sahara wölbt sich ein blauer
-Himmel, der sich abwechselnd silbern färbt, dann im Mittagsglanz
-leuchtet, durch die Abendröte schillert oder sich mit einem
-sternenbesäten Schleier überzieht. Durch die Sahara wehen Stürme und
-dieses Sandmeer aufwühlend, zeugen sie mit ihrer Bewegung vom Leben;
-hier ist nichts von alledem. Ein felsiger, in Furchen gepflügter Boden,
-auf der Oberfläche von der Sonnenglut ausgetrocknet, immer dasselbe
-grauenhaft bleierne Einerlei! Wie dieser Himmel da oben, der in weit
-über dreihundert Stunden sich fast nicht verändert hat! Wo seid ihr --
-Wind -- Wasser -- Leben -- Himmelsblau und grüne Triften? ...
-
-Alles das erscheint uns wie ein wunderschönes Märchen, das man einst
-gehört und durchlebt hat, in der Jugendzeit -- lang, lang ist's her --
-ach, sehr lange ...
-
-Nach der Zeitrechnung der Erde sind wir noch nicht ganz zwei Monate auf
-dem Mond, aber uns scheint es, daß schon ein Menschenalter verflossen
-ist, seit wir die Heimat verlassen haben. Wir gewöhnen uns langsam an
-die neuen Lebensbedingungen; wir wundern uns nicht mehr über das, was
-uns umgibt, wir wundern uns vielmehr über die Erinnerungen, die uns
-sagen, daß dort auf jener hellen Kugel, die von Sternen umgeben am
-schwarzen Himmel in einer Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern
-über uns hängt, das selige Land ist, wo wir geboren und aufgewachsen
-sind, das so verschieden ist von diesem -- und so schön -- so zauberhaft
-schön! ...
-
-Oh! Die Menschen können die Schönheit der Erde nicht schätzen! Wenn sie
-hierher gelangten, würden sie sie lieben, wie wir sie jetzt lieben, sie,
-die ewig Verlorene! Und sie würden von ihr träumen -- so wie wir -- in
-Fieberphantasien, in unruhigen, schmerzlichen, bangen Fieberträumen,
-voll von quälender Sehnsucht ... Ach, wie diese Träume erschöpfen! Ich
-wache nach einigen Stunden auf und sehe, daß die Sonne am Himmel steht,
-fast an derselben Stelle, an der sie stand, ehe ich eingeschlafen war,
-daß unser Wagen, trotz der unaufhörlichen Fahrt, immer noch auf
-derselben Wüste ist, immer gleich weit vom Horizonte entfernt und
-beginne fast zu glauben, daß es keine Zeit mehr gibt und keinen Raum,
-sondern nur noch Raumlosigkeit und Ewigkeit!
-
-Um uns zu zerstreuen und in dieser Wüste nicht wahnsinnig zu werden,
-erzählen wir uns lange, manchmal ganz kindische Geschichten oder lesen
-die von der Erde mitgebrachten Bücher. Wir haben einige
-naturwissenschaftliche Werke, eine ausführliche Geschichte der
-Zivilisation, einige der besten Dichter und die Bibel. Die Bibel lesen
-wir vor allem sehr oft. Gewöhnlich liest Woodbell mit wohlklingender,
-deutlicher Stimme Teile aus der Genesis oder die Evangelien vor ...
-
-Wir hören zu, wie Gott die Erde erschaffen hat für den Menschen, damit
-er auf ihr wandle und den Mond, damit die Erde ihr nächtliches Licht
-habe; wie er die Nacht dem Tage folgen hieß, wie er Adam aus dem
-blühenden Paradies in ein wüstes, unfruchtbares Land hinaustrieb. Wir
-hören, wie der Heiland auf die Welt gesendet wurde, das
-Menschengeschlecht zu erlösen. Wie er mit einer treuen Schar über die
-wonnigen Wiesen und grünen Hügel von Galiläa dahinging, wie er litt und
-starb; wir hören all dem zu -- auf die Erde blickend, die einer
-silbernen Sichel am schwarzen Samt des Himmels gleicht und fahren durch
-die wüsten, entsetzlichen Weiten unter dieser Sonne dahin, die, sich
-träge fortschleppend, vergißt, uns Tage und Stunden anzugeben.
-
-Martha versinkt mit ihrer ganzen Seele in diese Erzählungen und wenn
-Tomas zu lesen aufhört, stellt sie ihm verschiedene, oft seltsame
-Fragen. Alles bezieht sich auf unsere gegenwärtige Lage ... Vor kurzem
-sagte sie zu Tomas: »Wir sind beide hier wie Adam und Eva.« In der Tat,
-sie sind hier das erste Menschenpaar, von der Erde in die Wüste
-hinausgetrieben, wie einstmals jene aus dem Paradies Hinausgetriebenen.
-Aber ich und Peter -- was sind wir? Es ist etwas Unmenschliches in
-unserem gegenwärtigen Dasein: Tomas und Martha haben allein in sich die
-Berechtigung ihres Seins, aber wir -- wozu leben wir?
-
-Ich erinnere mich, was wir auf der Erde gesagt haben, als wir uns zu
-dieser Reise rüsteten: Wir begeben uns dorthin der _Erkenntnis_ wegen!
-Jetzt sehe ich, daß die Erkenntnis allein den Menschen nicht befriedigt,
-wenn es keine Möglichkeit gibt, sie anderen mitzuteilen! Wir sehen
-Wunder, wie sie seit Erschaffung der Welt noch kein Mensch gesehen hat
-und bemerken staunend, daß uns das ziemlich gleichgültig ist -- eben
-weil wir niemandem sagen können, was wir sehen! Aus diesem Grunde auch
--- unwillkürlich -- untersuchen wir viele Dinge nicht, die wir
-untersuchen könnten und müßten ... Ach, wenn wir ein Mittel zur
-Verständigung mit der Erde hätten! Ohne diese ist unser Leben ziellos.
-Glücklicher Tomas und glückliche Martha! Sie leben, weil einer für den
-anderen lebt!
-
-Ein Fieber schüttelt mich, wenn ich auf sie sehe, wenn ich an sie denke.
-Über dreißig Jahre habe ich auf der Erde gelebt; ich gehörte zu den --
-Wahnsinnigen, -- heute kann ich es nicht anders bezeichnen, -- für die
-nur eine Liebe existiert: das Wissen -- und nur ein Trachten: nach
-Wahrheit. Jetzt beginne ich, sehnsüchtig nach diesem großen Geheimnis
-des Lebens zu forschen, das das Weib in sich birgt und nach dem heiligen
-Irrsinn, in dem sich jenes Geheimnis offenbart -- nach der Liebe ...
-
-Ha! Ha! Wie lächerlich sieht dieser Satz -- hier niedergeschrieben --
-aus! Ich bin allein und werde allein sein bis zum Tode, der mich
-überfallen und gleichzeitig mit dieser unverbrauchten Kraft, die Leben
-zeugt, verschlingen wird, zugleich mit diesem unverbrauchten Wissen, das
-wie ein Quell zwischen starren, unfruchtbaren Felsen quillt ...
-
-Martha ... Ich weiß nicht, warum ich diesen Namen aufgeschrieben habe.
-Was geht mich diese halbwilde Malabarin an, die auf diese
-Hunderttausende von Kilometern von der Erde entfernte Welt nicht die
-erhabene Begierde des Forschens, nicht das Verlangen, tiefste
-Geheimnisse zu enträtseln, getrieben hat, sondern die banale,
-alltägliche, alberne Liebe zum Manne? Nein, sie geht mich nichts an und
-dennoch denke ich unaufhörlich an sie, hartnäckig, fast schmerzhaft. Wir
-sind hier drei Männer, kräftig und klug, und dennoch haben nicht wir den
-Menschen auf diese Welt gebracht, sondern sie, dieses unverständige,
-schmächtige Weib. Von uns hat nur derjenige einen Wert, den sie
-ausgewählt hat ...
-
-Wir zwei sind nichts und dienen in der Tat nur den zwei andern mit
-unserm Gehirn -- wie Arbeitstiere mit ihren Muskeln.
-
-Eigentlich ist das ungerecht. Warum er, warum nur er, warum gerade er?
-...
-
-Martha sagte auf der Erde, als sie uns bat, sie mit auf den Mond zu
-nehmen: »Ich werde eure Sklavin sein.« Und in Wirklichkeit sind wir ihre
-Sklaven, obwohl sie uns niemals etwas befiehlt, noch wir uns bemühen,
-ihr zu dienen. Wir sind durch den so ungeheuer einfachen Umstand ihre
-Sklaven, daß wir unwillkürlich, -- obwohl auf verschiedene Weise, dem
-Zwecke dienen, den sie allein verwirklichen kann: hier eine neue
-Menschheit zu schaffen.
-
-Wohin nur tragen mich diese Gedanken! Kaum ist das Gespenst des Todes
-vor meinen Augen entschwunden, so träume ich schon mit der alten
-Gewohnheit von der Zukunft, die sich vielleicht niemals erfüllen wird.
-Menschheit, neue Menschheit! Und rings um uns nur lebloses, totes Land,
-ohne Wasser und Luft! Der Mond hat uns noch nichts gegeben; wir leben
-bisher von diesen winzigen Erdenteilchen, die wir mit uns genommen
-haben. Wir fanden bis jetzt nichts, was uns zu der Annahme berechtigt,
-hier leben zu können! Wir haben schon Hunderte von Kilometern
-zurückgelegt, ohne eine Veränderung in der Gestalt der Grundoberfläche
-zu bemerken, noch in der Dichte der Atmosphäre. Die Luft bleibt hier
-immer so dünn, daß sie die Sterne am Tage nicht zu verblassen vermag,
-noch das schwarze Kolorit des Himmels blau zu färben; auf dem felsigen
-Boden finden sich nirgends Spuren, daß einstmals Wasser war und wirkte.
-
-Und dennoch verlieren wir die Zuversicht nicht. Fast alle unsere
-Unterhaltungen beginnen mit den hoffnungsvollen Worten: Und wenn wir
-erst auf der _anderen_ Seite sein werden ... Wie wird die _andere_ Seite
-aussehen? Wir wissen heute davon nicht mehr als in dem Augenblick, da
-wir diese Reise von der Erde antraten, das heißt: wir wissen absolut
-nichts.
-
- Unter den Drei Köpfen, 7° 40' westlicher Länge,
- 43° 6' nördlicher
- Mondbreite. Vor Mitternacht des
- zweiten Tages.
-
-Wir befinden uns am Fuße des Berges, der sich im nördlichen Teil des
-_Mare Imbrium_ erhebt und von allen bisher unterwegs angetroffenen
-Formationen unterscheidet. Das Licht der Erde, die hier nur einige
-vierzig Fuß über dem Horizonte steht, fällt schräg auf die Felsen, die
-einer mächtigen gotischen Kirche oder einem Märchenschloß für Riesen
-ähnlich sind.
-
-Der nächtliche Glanz ist hier bedeutend schwächer als dort, wo die Erde
-im Zenite über uns leuchtete; man sieht jedoch bei seinem Scheine noch
-die allgemeinen Linien. Der erste Berg, der nicht die Gestalt eines
-Ringkraters hat. Nur noch die Reste der Steinmassen sind vorhanden, der
-Ring selbst muß durch einen furchtbaren Kataklysmus der Natur zerstört
-worden sein, oder auch durch das langsame Wirken des Wassers.
-
-Wir sagen schon: »durch das Wirken des Wassers«, und obwohl das nur eine
-Vermutung ist, überläuft uns ein Freudenschauer, als wenn es Wahrheit
-wäre ... Denn wenn hier Wasser _war_, so kann man annehmen, daß dort auf
-der »anderen Seite« Wasser _ist_, und wenn dort Wasser ist, so muß auch
-Luft in genügender Dichte vorhanden sein, um atmen zu können. Trotz des
-Frostes, der uns, obwohl bedeutend schwächer als in der vorhergehenden
-Nacht, empfindlich quält, gingen wir für kurze Zeit aus dem Wagen und
-erforschten beim schrägen Licht der Erde, die Gegend, um Spuren zu
-finden, die unsere Annahme bestätigen. Etwas Sicheres wissen wir noch
-nicht, aber es ist zweifellos, daß andere Ursachen bei der Entstehung
-dieses Berges gewirkt haben, als bei den bisher angetroffenen
-ringartigen Erhebungen. Dicht vor uns steigt eine fast senkrechte Wand
-empor mit drei mächtigen Gipfeln, gewissermaßen ein Stück Zyklopenmauer
-mit drei in ihr eingeschlossenen Basteien. Wir bezeichnen sie mit _Drei
-Köpfe_. Die Mauer erstreckt sich in nordöstlicher Richtung und ist uns
-mit der schwarzen, nichtbeleuchteten Seite zugewandt. Nur die Gipfel
-färben sich weiß, an den der Erde zugekehrten Flächen und sehen wie drei
-silberne Helme auf schwarzen Köpfen aus. Der ganze Berg ist vom
-Hintergrund des Himmels nur insofern verschieden, daß auf seinem Schwarz
-keine Sterne leuchten, mit denen der Himmel übersät ist. Seine Form
-erscheint uns ungefähr wie auf der Erde nachts eine schwarze Wolke am
-schwarzen, aber sternenhellen Himmel.
-
-Wir sind in vollständiges Dunkel gehüllt, da der Berg uns die Erde
-verdeckt. Den Weg vor uns erhellen wir mit elektrischen Laternen. Das
-erschwert die Fahrt ungemein. Jede Erhebung wirft hier schon einen
-langen Schatten und wir müssen uns mit der größten Vorsicht vorwärts
-bewegen, um nicht in einer Unebenmäßigkeit oder Zerklüftung des Bodens
-stecken zu bleiben, die wir hier immer häufiger antreffen. Ich glaube,
-wir werden vor Sonnenaufgang nicht viel Weges zurücklegen können, vor
-allem, weil der Frost, der gegen Ende der Nacht stärker wird, uns
-wahrscheinlich zum längeren Aufenthalt an einer geschützten Stelle
-zwingen dürfte. Wir möchten vorher wenigstens bis zum Gipfel _Pico_
-vordringen, der nach der Karte gegen siebzig Kilometer nach Norden von
-uns entfernt ist, weil wir schon aus Erfahrung wissen, daß es in der
-Nähe der Berge bedeutend wärmer ist als auf der Ebene. Wir erklären uns
-diese Erscheinung durch den vulkanischen Charakter der meisten; es
-müssen wohl unterirdische Adern eines inneren Feuers vorhanden sein.
-
-Nach kurzem Aufenthalt, der durch die Notwendigkeit den Motor zu
-versorgen hervorgerufen wurde, fahren wir weiter. Ich muß das Schreiben
-unterbrechen, da es während der Bewegung unmöglich ist, auch nur daran
-zu denken. Des ungleichen Grundes und der Schatten wegen, die das Licht
-der zum Horizont geneigten Erde wirft, müssen wir alle auf dem Posten
-sein. Mit dem Schlaf richten wir uns jetzt so ein, daß immer nur einer
-schläft und die drei anderen wachen, um die Fahrt nicht aufzuhalten. In
-diesem Augenblick schläft Martha. Ich höre ihr gleichmäßiges, ruhiges
-Atmen, ich sehe bei dem gedämpften Schein der Laterne ihr Gesicht, das
-aus einer Fülle von Pelzen hervorschimmert. Ihre Lippen sind ein wenig
-geöffnet, wie zum Lächeln oder Küssen ... Wovon träumt sie wohl? ...
-Ach, Unsinn! -- Wir fahren weiter.
-
- Dritter Tag, dreißig Stunden nach Mitternacht,
- auf Mare Imbrium, 9° 14' westlicher Länge, 43° 58'
- nördlicher Mondbreite.
-
-Seltsam, seltsam ist das, was ich sehe ...
-
-Ungefähr um Mitternacht setzten wir unsere Fahrt von den _Drei Köpfen_
-aus fort. Der Weg war außerordentlich beschwerlich, vor allem, weil wir
-jeden Augenblick in den Schatten kleiner Bodenerhebungen gerieten.
-Mehrere Male im Verlauf einer Stunde mußten wir anhalten und mit Hilfe
-des elektrischen Lichts das Terrain erforschen oder auch Messungen
-vornehmen bezüglich des Höhenstandes der Sterne, die jetzt der einzige
-Wegweiser für uns sind. Es ist unmöglich, etwas zu erkennen, mit
-Ausnahme der allgemeinen Linien. Und dennoch ... Vielleicht gerade
-deswegen ...
-
-Im Verlauf von dreißig Stunden haben wir kaum etwas mehr als vierzig
-Kilometer zurückgelegt. Endlich gelangten wir zu einem eigenartigen
-grauen, einer Sandbank gleichenden Streifen. Er zieht sich auf der
-Strecke nach Nordwesten in einem leicht gekrümmten Bogen und hebt sich
-mit seiner helleren Farbe von dem dunklen Untergrund der Steinwüste ab.
-Soweit ich beim Licht der Erde sehen kann, endet er bei einer
-sonderbaren Felsengruppe, die von weitem einer phantastischen Burg oder
-einer Stadt ähnlich sieht. Einer Stadt? ...
-
-Wir fahren weiter, längs diesem Streifen, der einen bedeutend
-gleichmäßigeren Weg für uns darstellt, als die mit Steinen übersäte
-Wüste und nicht zu sehr von der gesteckten Richtung abbiegt. Wir kommen
-ziemlich schnell vorwärts und jene von ferne gesehene Felsengruppe tritt
-immer deutlicher hervor. Jetzt kann man schon die einzelnen Teile
-erkennen, die durch ihre sonderbare Formation die Täuschung von
-Turmruinen und Gebäuden hervorrufen. Ich weiß nicht, was ich von alledem
-denken soll. Ich bemühe mich, darüber klar zu werden ... wahrhaftig, es
-ist zu seltsam! Eine fast abergläubische Furcht überkommt mich ...
-Sollte das ...
-
- Dritter Tag, sechsunddreißig Stunden auf Mare
- Imbrium.
-
-Barmherziger Himmel! Wenn wir Tomas verlieren ... Er war durch das erste
-Fieber schon so erschöpft und nun abermals ... O Gott, rette ihn, denn
-wir werden sonst ... diese Totenstadt ...
-
- Neunundfünfzig Stunden nach Mitternacht auf Mare
- Imbrium am Pico, 9° 12 'westlicher Länge, 45° 27'
- nördlicher Mondbreite.
-
-Ich sammle meine Gedanken. Ich muß sie endlich niederschreiben.
-
-Ich erinnere mich -- als ich gerade die letzten Notizen beendet hatte,
-blickte ich auf die phantastischen Ruinen oder Felsengruppen und rief
-unwillkürlich:
-
--- Das sieht doch wirklich wie eine Stadt aus!
-
-Tomas, der die ganze Zeit hindurch am Fenster stand und mit steigendem
-Interesse die näherkommenden Felsen beobachtete, wandte sich auf meine
-Worte schnell zu mir. In seinen Zügen malte sich eine starke Erregung.
-
--- Ich glaube, du hast recht, sagte er ernst, mit leicht vibrierender
-Stimme. Das kann in der Tat eine Stadt sein ...
-
--- Was!?
-
-Wir stürzten alle ans Fenster, nach den Fernrohren greifend. Sogar Peter
-verließ das Steuer, nachdem er den Wagen angehalten hatte, um die
-seltsame Erscheinung zu beobachten. Tomas streckte die Hand aus ...
-
--- Seht, seht, sagte er, dort nach rechts. Das sind doch Trümmer eines
-Steintores. Man sieht die beiden Säulen und oben hält sich noch das
-Stück eines Bogens ... Oder hier, -- ist das nicht ein Turm, zur Hälfte
-zerfallen? Und dort, seht nur, ein mächtiges Gebäude, mit einer
-niedrigen Säulenreihe vorn und zwei stumpfen Pyramiden zur Seite. Ich
-bin überzeugt, daß diese scheinbare Klamm, die stellenweise mit Steinen
-übersät ist, eine Straße war ... Jetzt ist alles zertrümmert und starr
-... Eine Totenstadt.
-
-Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, das sich meiner bemächtigte.
-
-Je länger ich hinsah, desto geneigter war ich, zu glauben, daß Tomas
-recht hatte. Vor meinen Augen wuchsen immer neue Türme, Bogen und
-Säulen, Teile eingefallener Mauern und steinübersäte Straßen. Das Licht
-der Erde färbte diese phantastischen Ruinen in zarten Silberton; aus
-einem schwarzen See sprangen geheimnisvolle Schatten empor -- wie
-Geistererscheinungen. Ein kalter Schauer durchlief mich. Ein
-Mond-Pompeji und Herculanum, nur nicht aus dem Sande herausgegraben,
-sondern im Sande zerfallen, furchtbarer, mächtiger, viel mehr Tod in
-dieser ungeheuren Einsamkeit und in diesem seltsamen Lichte.
-
-Varadol zuckte die Achseln und murmelte:
-
--- Ja, das ist wahrhaftig Trümmern verteufelt ähnlich ... diese Felsen
-... Aber hier war doch niemals ein lebendes Wesen.
-
--- Wer weiß, antwortete Tomas. Heute hat diese Seite des Mondes weder
-Luft noch Wasser, aber sie konnte beides haben, einst, vor
-Jahrtausenden, als sich der Mondglobus noch schneller drehte und die
-Erde auf- und unterging an seinem Himmel ...
-
--- Das ist möglich, flüsterte ich in tiefem Nachdenken.
-
--- Wir haben an keiner Stelle Spuren von Erosionen angetroffen und das
-beweist, daß hier niemals Wasser war, was wiederum für das Fehlen der
-Luft, also auch des Lebens zeugt, entgegnete Peter.
-
-Woodbell lächelte und wies auf den Boden unter unserem Wagen:
-
--- Und dieser Sand? Und die »_Drei Köpfe_«, an denen wir vor kurzem
-vorbeigekommen sind? Sie sahen doch aus wie der Rest eines Berges, der
-vom Wasser abgespült ist. Man kann nicht behaupten, daß es hier niemals
-Wasser gegeben hat. Vielleicht wurde nur durch das Wirken der Kälte und
-Sonnenglut alles verwischt und vernichtet ...
-
-Eine Zeitlang schwiegen wir alle; dann sagte Woodbell plötzlich:
-
--- Ich glaube, daß wir das interessanteste Rätsel vor uns haben, dem wir
-überhaupt auf dem Monde begegnen konnten. Man muß es lösen.
-
--- Wie meinst du das? fragte ich.
-
--- Nun, wir werden an diese Trümmer heranfahren und sie untersuchen ...
-
-Ich weiß nicht weshalb, aber ein Frösteln durchlief mich bei diesen
-Worten; es war keine Angst, aber etwas, das ihr sehr ähnlich ist. Diese
-Trümmer der -- Gebäude oder der Felsen sahen wie Leichen aus in dieser
-unermeßlichen Wüste.
-
-Peter zuckte unwillig die Achseln:
-
--- Eine hirnverbrannte Idee! Schade um die Zeit, diese Felsmassen zu
-besichtigen, die beim Licht der Erde allerdings mit Gebäuden etwas
-Ähnlichkeit haben, aber auch nichts mehr.
-
-Trotzdem lenkten wir den Wagen den Ruinen zu. Martha betrachtete sie mit
-Spannung und gleichzeitig mit einer sichtlichen Unruhe.
-
--- Und wenn diese Stadt der Toten durch Tote erbaut, flüsterte sie, als
-uns schon kaum mehr zwei Kilometer von den Arkaden trennten, die den
-Eingang zu dieser sonderbaren Stadt bildeten.
-
--- Eine Stadt der Toten ... sicherlich ... sagte Tomas lächelnd, aber
-glaube mir, daß sie einst von Lebenden erbaut werden mußte.
-
--- Oder durch Naturkräfte, warf Peter ein, und in diesem Augenblick
-blieb der Wagen mit einem heftigen Ruck stehen.
-
-Wir stürzten zum Motor, zu sehen, was vorgefallen. Die Sandbank hatte
-gerade ihr Ende erreicht, und vor uns lag ein Feld, so übersät mit
-großen Steinen, daß keine Rede von einem Durchdringen mit dem Wagen sein
-konnte. Als Tomas dies bemerkte, zögerte er einen Augenblick und sagte
-dann:
-
--- Ich werde zu Fuß hingehen!
-
-Wir wollten ihn alle zurückhalten, ohne uns klar darüber zu sein,
-weshalb. Vielleicht war es ein Vorgefühl dessen, was geschehen sollte!
-
-Er blieb jedoch bei seinem Entschluß. Peter fluchte unter dem
-Schnurrbart hervor und meinte, daß man ein kompletter Idiot sein müsse,
-die Zeit zu verlieren und sich durch das Verlassen des Wagens der
-furchtbaren Kälte auszusetzen, nur eines Hirngespinstes wegen. Ich
-erklärte mich bereit, Tomas zu begleiten, aber als er sagte, daß er
-allein gehen wolle, drängte ich nicht weiter. Ich weiß noch immer nicht,
-was mich eigentlich zurückgehalten hat, die Angst vor der Kälte oder
-auch dieses unerklärliche Gefühl der Furcht beim Anblick dieser toten
-Stadt. Genug, ich blieb im Wagen ...
-
-Als Tomas uns verlassen, wandte er sich direkt den geheimnisvollen
-Trümmern zu. Wir standen am Fenster und sahen ihn im Schein der Erde
-klar und deutlich vor uns. Er ging langsam vorwärts, sich oft bückend,
-wahrscheinlich um den Boden zu untersuchen. Für einen Augenblick
-verschwand er im Schatten eines kleinen Felsens, dann sahen wir ihn
-wieder, schon bedeutend weiter. Plötzlich geschah etwas Merkwürdiges.
-Woodbell, der vielleicht schon den dritten Teil des Weges zurückgelegt
-hatte, reckte sich in die Höhe, stand wie erstarrt und begann dann in
-wahnsinnigen Sprüngen zum Wagen zurückzulaufen.
-
-Wir sahen seine Bewegungen und konnten sie uns nicht erklären. Da,
-einige Schritte bevor er den Wagen erreicht hatte, wankte er und fiel.
-Als wir bemerkten, daß er nicht wieder aufstand, wollten wir ihm zu
-Hilfe eilen, aber ehe wir hinaus konnten, verging eine geraume Zeit, da
-wir erst die Luftbehälter anlegen mußten. Dann stürzten wir zu ihm; er
-lag bewußtlos am Boden. Wir hoben ihn auf und trugen ihn in den Wagen.
-
-Nachdem wir ihm den Luftbehälter heruntergerissen hatten, bot sich uns
-ein entsetzlicher Anblick dar. Das Gesicht war geschwollen und bläulich,
-ganz von Blut überströmt, das ihm aus Mund und Nase hervorquoll; an den
-Armen und am Halse waren ebenfalls dicke Blutstropfen sichtbar, obwohl
-wir nirgends eine Wunde entdecken konnten.
-
-Martha schrie verzweifelt auf und wollte sich über den Geliebten
-stürzen. Nur mit Gewalt konnte Varadol sie zurückhalten. Ich begann
-indessen mit den Wiederbelebungsversuchen. Anfangs dachten wir, daß er
-einen apoplektischen Anfall bekommen habe, als jedoch Peter den
-Luftbehälter untersuchte, zeigte sich der wahre Grund der Ohnmacht. Das
-Glas in der Maske war zerschlagen, was wir nicht sofort wahrgenommen
-hatten. Anscheinend zerbrach es, als Tomas stolperte und fiel und
-infolgedessen war die Luft aus dem Behälter entwichen. Ehe wir ihm zu
-Hilfe kamen, hatte sich der Luftbehälter fast gänzlich entleert, was den
-Blutsturz und die Ohnmacht verursachte; aber aus welcher Veranlassung er
-so gelaufen war, blieb uns allen zunächst ein Rätsel.
-
-Endlich nach langer Zeit gelang es uns, ihn zum Bewußtsein zu bringen.
-Das erste Zeichen des wiederkehrenden Lebens war ein tiefer,
-krampfartiger Atemzug, worauf ihm abermals das Blut aus dem Munde
-herausschoß. Dann öffnete er die Augen und sah uns mit irren Blicken an;
-er begriff scheinbar nicht, was mit ihm vorgegangen war. Plötzlich
-schrie er entsetzt auf und streckte die Hände aus, als wenn er etwas von
-sich stoßen wollte, dann wurde er von neuem ohnmächtig. Wir versuchten
-zum zweitenmal, ihn wieder zu sich zu bringen, aber vergebens: Er fiel
-in ein Fieber, das die Vorbotin einer längeren Krankheit war.
-
-Nachdem wir Tomas aufs sorgfältigste gebettet hatten, fuhren wir weiter.
-An die phantastischen Berge und die geheimnisvolle Stadt dachte niemand
-mehr! Wir hatten nach diesem entsetzlichen Vorfall nur die eine Sorge,
-so schnell wie nur möglich aus dieser grauenvollen Gegend
-herauszukommen.
-
-In zwanzig Stunden sind wir endlich bis zu den Abhängen des _Pico_
-vorgedrungen, wo wir augenblicklich rasten. Wir werden bis zum Morgen
-hier bleiben.
-
-Der Zustand Woodbells ist sehr besorgniserregend. Der Blutsturz hat sich
-zwar nicht wiederholt, aber das Fieber wird immer heftiger. Manchmal
-springt er auf, als wenn er fliehen wollte, phantasiert und stößt
-unverständliche Worte hervor; oft glauben wir, die Namen der
-unglücklichen Brüder Remogner herauszuhören. Solchen Anfällen folgt
-meist eine vollständige Erschlaffung. Er sieht dann leichenblaß aus, als
-wenn in seinem ganzen Körper nicht ein Blutstropfen mehr vorhanden wäre.
-
-Wir sind durch das alles im höchsten Grade beunruhigt. Martha verliert
-vor Verzweiflung und Angst fast den Verstand. Aber sie versucht immer
-wieder, sich zu beherrschen, weil der Kranke so dringend ihrer Pflege
-bedarf. Wir trösten sie so gut wir können und verheimlichen ihr unsere
-eigenen Befürchtungen.
-
-Hinter diesem ganzen grauenhaften Vorfall steckt irgendein Rätsel. Ich
-begreife noch immer nicht, was Tomas zu jener wahnsinnigen Flucht
-veranlassen konnte, die schließlich die Ursache seines Unglücks geworden
-ist. Denn es ist sicher, daß sich die Glasmaske erst bei seinem Fall
-zerschlagen hat. Wenn ich nur damals auf den Gedanken gekommen wäre, den
-von ihm zurückgelegten Weg zu erforschen, vielleicht hätte uns das etwas
-Klarheit gebracht ... Denn es muß dort etwas Unerhörtes geschehen sein!
-Wenn ein Mensch sich nicht von grundloser Angst erfassen ließ, so war es
-Tomas, der stets so viel Geistesgegenwart und Ruhe in den
-fürchterlichsten Situationen bewahrte. Aber was hat ihn so entsetzt? Was
-konnte ihn überhaupt in dieser toten Welt entsetzen? ... Er hatte nicht
-einmal die Hälfte des Weges zu den Toren jener mutmaßlichen Stadt der
-Toten zurückgelegt ...
-
- Am Pico, einhundertachtundvierzig Stunden nach
- Mitternacht.
-
-Endlich atmen wir etwas freier! Ich glaube, daß es uns gelingen wird,
-Tomas am Leben zu erhalten. Jetzt ist er eingeschlafen, ein Zeichen, daß
-die Krisis überstanden ist. Wir verhalten uns so ruhig wie nur möglich,
-sprechen sogar nur im Flüsterton, um ihn nicht zu stören. Vielleicht
-wird ihn dieser Schlaf erretten.
-
-Wir fürchten nur sehr, daß die Hunde mit ihrem Bellen Lärm machen
-könnten, -- denn Tomas jetzt aufzuwecken, hieße ihn morden.
-Infolgedessen wachen wir abwechselnd bei den Tieren, wenn eins von ihnen
-bellen sollte, wird es aus dem Wagen geworfen. Aber zum Glück verhalten
-sich die Hunde ganz ruhig. Selena, seine geliebte Hündin, sitzt neben
-dem Lager wie zur Wache und wendet keinen Blick von ihrem kranken Herrn.
-Ich bin überzeugt, daß dieses kluge Tier versteht, was mit Tomas
-vorgeht. Wenn wir uns dem Kranken nähern, brummt Selena leise, wie
-warnend, daß sie wacht und ihm kein Unrecht zufügen läßt, und dann
-schwänzelt sie wieder, um zu erkennen zu geben, daß sie an unsere guten
-Absichten glaubt und über unsere Sorgfalt erfreut ist. Und bei alledem
-liegt so viel Angst und Trauer in ihren treuen Augen.
-
-Auch Martha weicht nicht von Tomas' Seite. Fast hundert Stunden bereits
-spricht sie kein Wort. Sie öffnet den Mund nur, wenn sie sich mit uns
-bezüglich der Pflege verständigen muß. Ich kann mir keinen größeren
-Schmerz vorstellen. Sie weint nicht, sie klagt nicht, im Gegenteil, sie
-ist ganz ruhig, aber in dieser Ruhe, in diesen zusammengebissenen,
-trockenen Lippen, den weitgeöffneten Augen liegt etwas so Trostloses,
-daß es uns geradezu das Herz zerreißt. Wir möchten sie beruhigen, ihr
-Hoffnung und Mut zusprechen -- und wagen nicht, uns ihr zu nähern, so
-achten wir sie und ihren großen Schmerz. Und sie blickt so seltsam
-gleichgültig auf uns; wir fühlen, daß wir sie nur so weit angehen, als
-wir ihr bei Tomas' Rettung behilflich sind. Außerdem existieren wir
-nicht für sie.
-
- Am Pico, vor Sonnenaufgang am dritten Tage.
-
-Der höchste Gipfel des _Pico_ flammt in der Sonne auf! Drei oder vier
-Stunden -- und der Tag wird auch schon hier in der Tiefe leuchten. Die
-ganze Nacht hindurch sahen wir im Schein der Erde die silberne Wand des
-mächtigen Berges vor uns; jetzt ist diese Wand durch den Kontrast mit
-dem in der Sonne glühenden Gipfel grau und dunkel.
-
-Wie die »_Drei Köpfe_« ist auch der _Pico_ kein Krater, sondern vielmehr
-die letzte mächtige Felsenpartie eines zerstörten Ringberges. Wir stehen
-unter seinem höchsten Gipfel, der sich im Nordwesten erhebt. Er bricht
-hier fast senkrecht zur Ebene ab. Man kann schwindlig werden beim
-Anblick dieser enormen Höhe, die sich noch stärker dadurch abhebt, daß
-sich ringsherum eine glatte Fläche ausdehnt. Der Gipfel erhebt sich über
-zweitausendfünfhundert Meter.
-
-Es ist schwer zu erraten, was den Zerfall dieses Ringberges, von dem nur
-die vor uns liegenden Reste übrig blieben, veranlaßt hat. Vielleicht ist
-der Felsen, aus einem weicheren Material gebildet, unter dem Einfluß der
-Temperaturveränderungen zerbröckelt -- oder hat ihn das Wasser
-unterspült?
-
-Schon das zweitemal während unserer Fahrt kommt uns diese Vermutung.
-Auch der Umstand spricht dafür, daß man nirgends einen Wall von
-Felsstücken sieht, der hätte entstehen müssen, wenn diese Berge durch
-Kälte und Sonne zerfressen wären.
-
-Dort, wo sich einst scheinbar der Kamm des Ringes erhob, befindet sich
-jetzt kaum eine kleine, glatte Erhebung, die im Lichte der Erde unklar
-vor uns auftaucht. Peter hat sich trotz der großen Kälte für einen
-Augenblick aus dem Wagen herausgewagt, um den Boden zu erforschen. Er
-konnte sich nicht länger aufhalten, aber er brachte ein Stück Gestein
-mit, dem ähnlich, das sich im Wasser ansetzt ...
-
-Wenn die Sonne aufgeht und diese Gegend erhellt, werden wir vielleicht
-Näheres erfahren.
-
-Tomas schläft andauernd fast seit dreißig Stunden. Wir sind dadurch
-etwas freier, aber andererseits beginnt uns ein so langer Schlaf zu
-beunruhigen. Eine beklemmende Angst befällt uns, wenn wir auf dieses
-totenblasse Gesicht blicken. Die Augen hat er geschlossen, die Wangen
-sind eingefallen, die Lippen vertrocknet und blutleer. Er liegt
-regungslos da. Die Rippen heben sich kaum beim leisen Atmen. Manchmal
-glaube ich, daß ich keinen lebenden Menschen, sondern eine Leiche vor
-mir sehe. Wie froh wäre ich, wenn er endlich aufwachte.
-
-Martha schweigt und weicht nicht einen Augenblick von seinem Lager. Von
-Müdigkeit überwältigt, schläft sie manchmal so sitzend ein. Aber das
-dauert nur ganz kurze Zeit; sie wacht sofort wieder auf und sieht mit
-weit aufgerissenen Augen auf den Kranken, als wenn sie ihn durch den
-Blick gesund machen wollte. Ich beginne wirklich für ihre Gesundheit zu
-fürchten. Gott, wenn sie uns auch noch krank würde! Aber alle
-Vorstellungen unsererseits sind vergebens. Nur mit Mühe können wir sie
-dazu bringen, etwas zu essen. Ich bin sehr in Sorge, was werden soll,
-wenn Woodbell vor Anbruch des Tages nicht erwacht. Wir möchten sofort
-weiterfahren, fürchten aber wiederum, seinen Schlaf zu unterbrechen.
-Anfangs hatten wir die Absicht, uns vom _Pico_ nach Osten zu wenden, um
-die _Alpenkette_ zu umkreisen, die die nordöstliche Grenze des _Mare
-Imbrium_ bildet, aber schließlich fahren wir direkt nach Norden, dem
-mächtigen Ringe des _Plato_ zu. Peter glaubt, nach ausführlichem Studium
-der Karten, daß es uns gelingen wird, durch diesen Ring hindurch direkt
-auf das _Mare Frigoris_ zu gelangen, hinter dem sich ein gebirgiges Land
-auftut, das sich alsdann bis zum Pol erstreckt. Das würde uns den Weg
-bedeutend verkürzen.
-
- Auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 47°
- nördlicher Mondbreite,
- zwanzig Stunden nach Sonnenaufgang
- des dritten Tages.
-
-Wir nähern uns endlich der Grenze des unermeßlichen _Regenmeeres_, zu
-dessen Durchquerung wir fast zwei Monate brauchten. Hier sind das zwei
-Tage, aber dort auf der Erde hat sich der Mond indessen zweimal
-erneuert, zweimal ist er im Vollmond aufgeflammt und zweimal hat er sich
-im Neumond verfinstert.
-
-Seit mehreren Stunden sehen wir den mächtigen Wall des _Platoringes_ vor
-uns. Sein östlicher Teil schimmert bereits in der Sonne wie eine
-mächtige Mauer am schwarzen Himmel; in westlicher Richtung ist noch
-Nacht. Die höheren Gipfel flammen wie Fackeln. Es ist dies entschieden
-der erhabenste und mächtigste Anblick, den wir bis jetzt hatten; wir
-sind jedoch durch den Zustand Tomas' so niedergedrückt, daß wir fast gar
-nicht beachten, was uns umgibt.
-
-Tomas ist bei Sonnenaufgang erwacht. Er sah uns kurze Zeit erstaunt an
-und dann versuchte er, sich zu erheben, aber die Kräfte versagten ihm,
-er fiel schlaff zurück. Martha hat ihn aufgerichtet, und ich frug ihn,
-ob er etwas wünsche. Peter stand indessen am Steuer des Wagens.
-
-Tomas wunderte sich zuerst, daß es Tag sei. Er erinnerte sich an nichts
-aus seiner Krankheit, sogar der Vorfall, der ihr vorausgegangen, war
-seinem Gedächtnis entschwunden. Als ich ihn erwähnte, dachte er kurze
-Zeit nach, und dann erblaßte er plötzlich, wenn man vom Erblassen eines
-Gesichtes sprechen kann, aus dem schon jeder Blutstropfen gewichen zu
-sein scheint. Er bedeckte die Augen mit den Händen, und mit einem
-Ausdruck der qualvollsten Angst wiederholte er fortwährend: Das war
-entsetzlich, entsetzlich! -- Schauer schüttelten ihn.
-
-Als er sich nach einer Weile etwas beruhigt hatte, versuchte ich
-vorsichtig zu erfragen, was ihn so entsetzt und zu dieser in ihren
-Folgen so verhängnisvollen Flucht veranlaßt hatte. Aber alle meine
-Bemühungen waren umsonst. Er schwieg hartnäckig oder fertigte mich mit
-Antworten ohne jeglichen Zusammenhang ab. Schließlich gab ich das
-zwecklose Fragen auf, als ich bemerkte, daß ich ihn nur damit peinigte
-und ermüdete. Statt dessen mußte ich ihm ausführlich erzählen, in
-welchem Zustande wir ihn gefunden und den ganzen Verlauf der Krankheit.
-Er hörte aufmerksam zu, nannte manchmal halblaut lateinische Namen von
-Medikamenten, erkundigte sich nach den kleinsten Umständen und
-Begleiterscheinungen, und nachdem er sich alles angehört hatte, wandte
-er sich zu mir und sagte mit seltsamer Ruhe:
-
--- Ich glaube, daß ich sterben werde.
-
-Ich widersprach lebhaft, aber er nickte nur mit dem Kopfe:
-
--- Ich bin Arzt, und jetzt, wo ich die Besinnung wiedererlangte, sehe
-ich als solcher auf meine eigene Krankheit. Ich wundere mich nur, daß
-ich überhaupt noch am Leben bin. Als ich damals fiel, wie du sagst,
-zerschlug sich das Glas in der Maske des Luftbehälters. Daß ich nicht
-sofort gestorben bin, verdanke ich nur dem Umstand, daß ihr früh genug
-zu Hilfe kamt, bevor die in dem Behälter befindliche Luft nach außen
-gelangen und verfliegen konnte. Aus dem, was du von meinem Zustand
-erzählst, nehme ich jedoch an, daß die Atmosphäre in meinem Luftbehälter
-schon außerordentlich dünn gewesen sein muß. Durch den erhöhten inneren
-Druck stürzte mir das Blut nicht nur aus Mund und Nase, sondern sogar
-durch die Poren der Haut. Wenn ihr euch um einige Sekunden verspätet
-hättet, würdet ihr nur noch eine blutlose Leiche gefunden haben. Ich
-wundere mich übrigens, wie ich nach einem so furchtbaren Blutverlust die
-vielen Tage hindurch das Fieber aushielt ... Wenn es auch nicht stark
-sein konnte, denn woher ... bei dem Fehlen des Blutes und der so
-schwachen Herztätigkeit ... aber schließlich habe ich das Fieber
-überstanden und lebe, -- doch das bedeutet durchaus noch nicht, daß ich
-leben werde. Ich habe kein Blut; sieh her, den Puls fühlt man kaum, leg'
-mir die Hand auf die Brust, du fühlst nicht einmal, daß das Herz
-schlägt. Auf der Erde würde ich vielleicht aufkommen, aber hier fehlen
-die Bedingungen.
-
-Er brach erschöpft ab und fiel in die Kissen zurück. Ich dachte, daß er
-wieder einschliefe. Aber seine Blicke flackerten unstät unter den
-gesenkten Lidern und folgten unaufhörlich Martha, die mit der
-Zubereitung der Arzneien, die er sich selbst verschrieben hatte,
-beschäftigt war. Ein grenzenloses Leid lag in seinen Augen. Er bewegte
-einige Male die Lippen, und dann sagte er ruhig, mich fest ansehend:
-
--- Ihr werdet gut zu ihr sein, nicht wahr?
-
-Ein Krampf schnürte mir das Herz zusammen und gleichzeitig schien es
-mir, daß mir eine widerwärtige, teuflische Stimme ins Ohr flüsterte:
-Wenn er stirbt, wird Martha einem von euch gehören, vielleicht dir ...
-
-Ich blickte zu Boden aus Scham vor mir selbst, aber er schien schon
-diesen Gedanken in meinen Zügen gelesen zu haben, obwohl ich bei Gott
-schwöre, daß er kürzer war als die kleinste Sekunde.
-
-Er lächelte unsagbar schmerzlich, und die von kleinen blauen Äderchen
-durchzogene Totenhand nach mir ausstreckend, fügte er hinzu:
-
-Zankt euch nicht um sie. Überlaßt ihr ... achtet ... achtet ...
-
-Er konnte es nicht beenden. Nach einer Weile erst, nachdem er Atem
-geschöpft hatte, sagte er hart, den Ton plötzlich ändernd:
-
--- Ich kann auch am Leben bleiben. Es ist absolut nicht gewiß, daß ich
-sterben muß.
-
-Seit dieser Unterredung sind einige Stunden verflossen, aber sein
-Zustand besserte sich in nichts; im Gegenteil, er scheint sich sogar zu
-verschlimmern. Immer wiederholen sich das Herzklopfen, die Beklemmungen
-und Ohnmachten. Ich weiß, wie das weitergehen wird. Er ist dabei sehr
-erregt und ungeduldig geworden. Martha darf ihn keine Minute verlassen;
-auf uns blickt er wie auf Feinde.
-
-Ich versuchte noch mehrere Male die Ursache jener geheimnisvollen Flucht
-von ihm zu erfahren, aber immer wenn ich das Gespräch darauf brachte,
-verstummte er sofort und seine Augen nahmen den Ausdruck einer solchen
-Angst an, daß ich es nicht mehr über mich bringe, ihn mit Fragen zu
-quälen. Schließlich, was liegt mir daran? Es genügt, daß ein Unglück
-geschehen ist, -- wenn es nur damit seine Bewandtnis hätte!
-
- Dritter Mondtag, sechsundsechzig Stunden nach
- Sonnenaufgang, unterm Plato, auf dem Wege nach
- Osten.
-
-Die Annahmen Varadols haben sich als vollständig irrig erwiesen. Mit dem
-Wagen durch die Mitte des _Platoringes_ zu kommen, ist eine reine
-Unmöglichkeit. Wir müssen die _Alpenkette_ umkreisen, was unsere Reise
-außerordentlich verlängert. Aber es gibt keinen anderen Ausweg.
-
-Kaum mehr als dreißig Stunden sind seit Sonnenaufgang verstrichen; in
-dieser Zeit legten wir fast hundert Kilometer Weges zurück, allerdings
-auf einem Boden, der ausnahmsweise glatt war. Nun haben wir am Fuße des
-_Plato_ haltgemacht.
-
-Der mächtige, zirka neunzig Kilometer im Durchmesser zählende
-_Platoring_ erhebt sich an der nördlichen Grenze des _Regenmeeres_.
-Nordöstlich von ihm erstreckt sich die Kette der Mondalpen bis zum
-_Palus Nebularum_, der das _Mare Imbrium_ mit dem _Mare Serenitatis_
-verbindet.
-
-Die Kette ist nur an einer Stelle durch eine breite, querliegende
-Tiefebene unterbrochen, wohl der einzigen auf dieser Seite des Mondes,
-die zum _Mare Frigoris_ führt, durch das wir auf der Fahrt zum Pol
-hindurch müssen. Im Westen des _Plato_ erstreckt sich ein hoher,
-steiler, im Halbkreis gekrümmter Rand, in den sich noch der breite
-»_Abhang des Regenbogen_« hineinzieht. Der _Platoring_ selbst ist aus
-einem Bergwall entstanden, der eine innere Fläche von ungefähr
-siebentausendfünfhundert Quadratkilometer Raum umfaßt. Die höchsten
-Gipfel im östlichen Teil des Walls erreichen eine Höhe von
-zweitausendfünfhundert Metern.
-
-Nachdem wir alles dies genau auf der Karte erforscht hatten, bemerkten
-wir, daß sich im nördlichen Wall des _Plato_, dicht neben dem in ihm
-eingeschlossenen kleinen Krater ein Kamm senkt und verflacht, der eine
-Art von breitem Paß bildet.
-
-Wir wollten nun nach dem Plan Peters, um den Weg zu verkürzen, über
-diese Einsattelung auf die mittlere Fläche gelangen und, sie in
-nördlicher Richtung durchschneidend, einen Ausgang auf die Höhe suchen,
-die sich schon sanft nach dem _Mare Frigoris_ senkt.
-
-An den Abhängen des _Plato_ angelangt, fanden wir leicht die auf der
-Karte angegebene Stelle. Dabei war uns jener herausragende Krater
-behilflich, der sich über der Einsattelung erhob. Der Weg dorthin schien
-nicht sehr beschwerlich zu sein; der Boden stieg nur allmählich und es
-waren keine Unebenheiten auf ihm zu bemerken. Trotzdem wagten wir es
-nicht sogleich mit dem Wagen weiterzufahren. Wir mußten uns
-vergewissern, ob wir diese Strecke wirklich passieren konnten.
-
-Nachdem wir also Woodbell unter Marthas Schutz zurückgelassen hatten,
-traten Peter und ich den Weg zu Fuß an. Der Wagen sollte auf unsere
-Rückkehr warten. Wir umkreisten den Krater im Massiv des _Plato_ von
-Osten aus, immer höher hinaufsteigend. Der Weg war nicht so einfach, wie
-es von unten den Anschein hatte. Wir trafen Steinfelder und Abgründe an,
-die wir umgehen mußten. Trotzdem waren wir überzeugt, mit dem Wagen
-durchzukommen. Eine frohe, hoffnungsvolle Stimmung hatte uns beide
-erfaßt. Die Sonne stand noch nicht hoch über dem Horizont und erwärmte
-uns genügend. Es war uns warm und leicht; rings um uns boten sich
-wundervolle Landschaftsbilder dar! Die Abhänge der Felsen, die von
-schwarzen Schatten durchbrochen waren, glänzten, von der blendenden
-Sonne bestrahlt, in der ganzen Pracht der köstlichsten Regenbogenfarben.
-Wir schritten über Schätze hinweg, für die man auf Erden hätte
-Königreiche und Kronen kaufen können: zwischen den zerbröckelten Steinen
-schillerten blutigrote Rubine; Malachitadern leuchteten von ferne wie
-Grasflächen, auf denen zerstreute Stücke von Onixen und Topasen den
-Eindruck von Blumen hervorriefen. Manchmal schoß plötzlich aus einer
-Spalte, in die ein Sonnenstrahl drang, eine ganze Fontäne von Glanz,
-eine wahre Orgie des Lichts, das in den mächtigen Prismen des
-Gebirgskristalls verteilt war.
-
-Dieser maßlose Reichtum, der durch eine Laune der Natur an dieser Stelle
-ausgeschüttet war, blendete und berauschte uns, aber bald gewöhnten wir
-uns so an diesen Anblick und an die hier ganz wertlosen Schätze, daß wir
-auf ihnen schritten wie auf gewöhnlichen Kieselsteinen.
-
-Jedoch wirkte diese herrliche Umgebung ungemein belebend auf uns und wir
-waren glücklich und guter Dinge. Wir vergaßen Kummer und Sorgen, die
-Krankheit Tomas', die überstandenen Mühen und Unglücksfälle, die
-Gefahren, die uns noch drohten, sogar die gänzlich unsichere Zukunft,
-der wir entgegengingen. Wir freuten uns wie die Kinder über diesen
-einzig schönen Morgen! An die etwas unbequemen Luftbehälter hatten wir
-uns schon vollständig gewöhnt, und auch der Gedanke an die Gefahr, der
-wir durch die uns umgebende Leere ausgesetzt waren, trübte, trotz des
-neuerlichen Vorfalls mit Woodbell, unsere Fröhlichkeit nicht.
-
-Von unserm leichten Körpergewicht auf dem Monde und einer nicht
-geschwächten Muskelkraft profitierend, setzten wir über mächtige Felsen
-oder sprangen von hohen Wänden herab.
-
-Diese Ausbrüche der guten Laune wurden allein durch die Notwendigkeit
-der baldigen Umkehr eingedämmt. Luft und Nahrung hatten wir nur für
-vierzig Stunden mitgenommen und wir mußten bedenken, daß irgend etwas
-Unvorhergesehenes eintreten konnte, das uns zu einem längeren Aufenthalt
-nötigte.
-
-In ungefähr zehn Stunden standen wir auf der Einsattelung. Vor uns
-öffnete sich der Blick auf das geheimnisvolle Innere des _Plato_. Der
-nördliche Wall des Ringes, der von uns gegen hundert Kilometer entfernt
-lag, erschien wie eine mächtige Säge, die in unzählige Zacken zerrissen
-war. Bis zu dieser Grenze erstreckte sich eine glatte Fläche,
-dunkelgrau, erloschen und still. Hie und da nur zerschnitten sie
-hellere, breite Ketten, mit einigen kleinen Kratern, die darauf
-zerstreut lagen und flachen Mulden ähnlich waren. Zu unsern Füßen brach
-der Felsen im Innern außerordentlich scharf ab; es war keine Rede davon,
-daß wir hier mit dem Wagen vordringen konnten.
-
-Eine unsagbare Trauer wehte uns aus dieser trostlosen Öde an. Es wäre
-unmöglich, sich eine Landschaft vorzustellen, in der mehr Schweigen und
-mehr Starrheit lag. Die Felsen sogar senkten sich hier langsam und träge
-zur Tiefe, -- die Gipfel starrten traumverloren und so finster in den
-Sonnenschein, als wenn sie sich nur mit Mühe und ungern erhoben hätten,
-weil man sie auf Wache stehen hieß und jene mächtige, graue Ebene zu
-umgrenzen.
-
-All unsere Fröhlichkeit war spurlos verschwunden ...
-
-Seltsam, wie eine Landschaft auf das menschliche Herz wirkt! Ich schaute
-lange, in Schweigen versunken, und konnte die Augen von dieser Wüste
-nicht abwenden, und ein immer größeres Leid bedrückte mich, ich weiß
-nicht, warum und um wen ... So gleichgültig war mir alles geworden, so
-wertlos, und so überflüssig erschien mir jede Anstrengung und so
-verlockend der Tod-Erlöser, der mich doch vor kurzem noch mit einer so
-höllischen Angst erfüllte.
-
-Ich fühlte, daß mich dieser Anblick mordet; ich konnte ihn nicht länger
-ertragen und bedurfte doch der ganzen Willensanstrengung, um mich von
-ihm loszureißen.
-
-Ich wandte den Blick nach Süden, der am Himmel leuchtenden Erdsichel zu.
-Über den Gipfeln des Kraters, der uns beim Eingang als Wegweiser gedient
-hatte und jetzt in der Tiefe versank, tauchte das _Regenmeer_ vor mir
-auf. Diese mächtige zurückgelegte Strecke! Ich schaute auf sie, wie
-einst von der Einsattelung unter dem _Eratosthenes_, nur daß sie damals
-noch vor mir lag, ein unbekannter Weg, der zu dem unbekannten, ersehnten
-Lande führte -- jetzt hatte ich sie schon hinter mir ...
-
-Grau war sie, tot und unermeßlich wie damals; aber statt der in der
-Sonne flammenden Gipfel des _Timocharis_ und _Lambert_ erhoben sich die
-in Schatten gehüllten Spitzen: _Pico_ und weiter nach Osten _Piton_ vor
-meinen Augen.
-
-Die Erdsichel stand über diesem Meere, dem Horizont schon näher als der
-Himmelswölbung. Und so schien mir die ganze Ebene wie eine breite
-Straße, die von dieser Erde hierherführt. Welch ein furchtbarer,
-beschwerlicher Weg und wie weit! Während wir ihn zurückgelegt haben, ist
-zweimal die Sonne über uns dahingegangen wie eine glühende und lebendige
-Flamme, zweimal umhüllten uns kalte, endlos lang andauernde Schatten.
-Und wieviel Mühen, Ängste und Qualen! Der Abstieg vom _Eratosthenes_,
-die tödliche Sonnenglut, dann eine entsetzliche Kälte und dieses
-Gespenst des Todes, das uns so viele Stunden begleitete; der Tod der
-Brüder Remogner, der unglückselige Vorfall und Woodbells Krankheit ...
-Mit dem Tode O'Tamors hat unser Weg begonnen -- aber er ist noch nicht
-zu Ende ...
-
-Ich war in diese finsteren Gedanken vertieft und erfüllt von einer immer
-stärker aufkeimenden, unbezwinglichen Sehnsucht nach der Erde, die in
-der Ferne über der unabsehbaren Fläche sichtbar war, als mich ein Schrei
-Varadols aus meinem Nachdenken aufschreckte. Ich wandte mich schnell um,
-schon fürchtend, daß wieder irgendein Unglück herannahe, aber Peter
-stand wohlbehalten neben mir und deutete nur mit der Hand nach der
-Richtung, in der sich der weite nördliche Wall des _Plato_ entlangzog.
-Ich blickte dorthin und bemerkte etwas wie eine Wolke, nein, kaum wie
-den flüchtigen Schatten einer Wolke, die den Fuß der Berge verhüllte,
-den man noch vor kurzem deutlich sehen konnte.
-
-Ich bebte an allen Gliedern bei diesem Anblick. Es sah indes nicht aus,
-als wenn sich die Wolke bewegte, sondern die Berge schienen sich von der
-Stelle zu rühren und vor uns herzuschreiten. Und Peter schrie wie
-besessen durch das Rohr:
-
--- Eine Wolke! Also dort ist Atmosphäre, dort ist Luft, dort wird man
-atmen können!
-
-Eine wahnsinnige Freude klang aus diesen von der Hoffnung geschwellten
-Worten. Wahrhaftig, über dieser Ebene des Todes, wie ich sie nannte,
-zeigte sich uns der erste Strahl der Hoffnung und des Lebens! Die Wolke
-beweist zwar noch nicht, daß der Mensch bei dieser Atmosphäre schon
-atmen kann, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß die Luft dort dichter
-ist als in den bisher durchquerten Gegenden, da sich dort Wolken bilden
-und halten können, wenn auch nicht allzu hoch über der Oberfläche. Der
-Rauch der Krater senkte sich außerhalb des _Eratosthenes_ sofort zu
-Boden wie Sand.
-
-Durch diese Erscheinung in der Hoffnung bestärkt, daß auf der anderen
-Seite des Mondes und vielleicht schon früher genügend dichte Luft sein
-müsse, begaben wir uns wieder zum _Mare Imbrium_ hinab. Wir waren in
-freudigster Stimmung, obwohl der eigentliche Zweck des Ausfluges nicht
-erreicht worden war, da wir den Weg durch den _Platoring_ nicht gefunden
-hatten. Beim Hinuntersteigen sprachen wir darüber, was weiter zu tun
-sei. Vielleicht würden wir im Westen des _Plato_ eine Stelle ausfindig
-machen, durch die wir auf den steilen Rand der Erhöhung gelangen
-konnten, aber es schien fast unmöglich, dies zu wagen. Wenn es uns
-nämlich nicht gelingen sollte, müßten wir tausend Kilometer zurücklegen,
-um die Grenze des _Mare Imbrium_ von Westen her zu umkreisen. Es ist
-also bedeutend sicherer, sich sofort nach Osten zu wenden. Am Ende
-gelingt es uns, das schon erwähnte Quertal in der _Alpenkette_ zu
-durchdringen und sollte sich auch dies als undurchführbar erweisen, so
-werden wir, selbst um die ganze Kette herumfahrend, verhältnismäßig
-keinen allzu großen Umweg machen.
-
-Unter diesen Erwägungen stiegen wir in das Tal hinab. Wie groß war
-jedoch unser Entsetzen, als wir den Wagen nicht an der Stelle bemerkten,
-an der wir ihn verlassen hatten. Zunächst glaubten wir, uns verirrt zu
-haben, aber nein -- die Gegend war dieselbe; es waren genau die Felsen,
-unter denen wir den Wagen zurückließen. Trotz der Ermüdung stürmten wir
-vorwärts, unseren Augen noch nicht trauend. Der Wagen war nicht da. Wir
-bemühten uns, die Spuren seiner Räder zu entdecken, um zu wissen, in
-welcher Richtung wir ihn suchen sollten, aber auf diesem Steinboden war
-keine Spur zu erkennen. Da packte uns die Verzweiflung. Unsere
-Nahrungsmittel waren bereits verzehrt, von dem mitgenommenen Wasser
-hatten wir ebenfalls nur noch einen kleinen Rest und Luft kaum mehr für
-einige Stunden. Varadol begann zu rufen; er vergaß, daß ich das einzige
-Wesen war, das sein Schreien hier -- durch das Sprachrohr mit ihm
-verbunden -- hören konnte.
-
-Wir suchten, von grenzenloser Angst getrieben, die ganze Gegend ab,
-sechs Stunden damit verlierend; der Wagen war wie verschwunden. Als wir
-nach all den fruchtlosen Nachforschungen zu der alten Stelle
-zurückkehrten, begann uns der Hunger zu peinigen, das Wasser war zu Ende
-und der Luftvorrat an der Neige. Ratlos warfen wir uns auf die Erde --
-den Tod erwartend. Varadol fluchte laut und ich zerbrach mir in wilder
-Verzweiflung den Kopf, was sie dazu veranlassen konnte, vor unserer
-Rückkehr davonzueilen.
-
-Plötzlich schoß es mir durch den Kopf, daß Tomas vielleicht absichtlich
-geflohen war, um uns dem sicheren Verderben preiszugeben. Die krankhafte
-Eifersucht, die ich bei ihm bemerkt hatte, als er von seinem Tode und
-von Martha sprach, konnte ihn auf diesen Gedanken gebracht haben. Die
-Wut schüttelte mich. Ich sprang auf und wollte davonstürmen, ihm nach,
-mich rächen, morden ...
-
-Da erblickte ich einige Schritte von mir entfernt Martha. Sie kam uns
-langsam entgegen und sah uns durch die Glasmaske mit ihrem sich immer
-gleich bleibenden traurigen Lächeln an. Wir stürzten beide auf sie zu
-und redeten abwechselnd voll Entrüstung und Freude auf sie ein. Martha
-blickte eine Zeitlang ruhig auf unsere Lippen und als wir uns endlich
-heiser und gegenseitig taub geschrien hatten, begann sie Zeichen zu
-geben, daß sie nichts verstehe. Wir hatten ganz vergessen, daß sie
-infolge des Luftmangels nichts hören konnte und plötzlich war alle Wut
-und Aufregung verschwunden und wir brachen in ein herzliches Lachen aus.
-Dann gaben wir ihr durch Gesten zu verstehen, daß wir zu dem Wagen
-zurückkehren wollten. Martha führte uns hin; der Wagen stand nicht weit
-hinter dem Felsen, der ihn verdeckte.
-
-Hier erst hat sich alles aufgeklärt. Einige Zeit nachdem wir fort waren,
-ging die Sonne, einen schwachen Bogen am Firmament bildend, hinter dem
-Felsen unter, so daß sich der Wagen im Schatten befand. Woodbell begann
-vor Kälte zu zittern. Martha fuhr daher weiter um den Felsen herum und
-blieb mehr nach Süden stehen, wo die Sonne den Kranken genügend
-erwärmte. Als wir zurückkehrten und über das Verschwinden des Wagens
-entsetzt waren, suchten wir ihn in der ganzen Umgegend, aber es fiel uns
-nicht ein, hinter dem Felsen nachzusehen, der sich dicht neben uns
-befand. Martha hatte uns vom Wagen aus bemerkt, dachte aber, als wir uns
-von neuem entfernten, daß wir eine andere Seite der Gegend erforschen
-wollten und wartete geduldig auf unsere Rückkehr. Erst als wir uns, zum
-zweitenmal zurückkommend, dem Fahrzeug nicht näherten, kam sie uns
-entgegen, ohne zu ahnen, daß wir den Wagen nicht wieder fanden. Der
-ganze Vorgang endete also mit einem Lachen, obwohl er für uns mehr als
-verhängnisvoll hätte werden können.
-
-Woodbell trafen wir in verhältnismäßig gutem Zustand an. Während unserer
-Abwesenheit war er nur viermal ohnmächtig geworden. Jetzt ist er ruhiger
-und sagt, daß er sich besser fühle. Sein leichenblasses und jammervoll
-abgemagertes Gesicht sieht zwar nicht danach aus, aber Gott gebe es, daß
-er der Genesung entgegengeht. Für den Anfang ist es schon genug der
-Opfer -- und des Schreckens ...
-
-Wir fahren weiter nach dem festgesetzten Plan, bis jetzt immer nach
-Osten zu, stets den mächtigen Gipfel des _Plato_ vor unseren Augen. Bald
-werden wir an der _Alpenkette_ angelangt sein.
-
-Mit Rücksicht auf Tomas' Gesundheit tut die größte Eile not. Je eher wir
-eine Zone erreichen, wo er den geschlossenen Wagen verlassen und frei
-atmen und sich bewegen kann, desto wahrscheinlicher ist seine Rettung.
-Wir werden auch Tag und Nacht dahinsausen, um uns nur immer weiter von
-dieser Wüste zu entfernen und dem Pole näher zu kommen, wo
-wahrscheinlich Luft und Wasser ist.
-
- Unter den Alpen, 3° westlicher Länge, 47° 30'
- nördlicher Mondbreite,
- einhunderteinundsechzig Stunden
- nach Sonnenaufgang des dritten Tages.
-
-Unsere Hoffnung Woodbell am Leben zu erhalten wird immer geringer. Wir
-fahren so schnell es das Terrain nur erlaubt, aber der Pol ist noch weit
-und Tomas stirbt uns indessen unter den Händen. Wir zittern vor Unruhe
-und Ungeduld und nun zwingt uns diese vermaledeite Alpenkette, die den
-Weg versperrt, uns in nordöstlicher Richtung zu halten, so daß wir uns,
-statt dem ersehnten Pol näher zu kommen, zunächst noch von ihm entfernen
-müssen. In einigen Stunden werden wir am Ausgang des _Quertals_ sein;
-wenn man nur wenigstens nach Norden ablenken könnte! Bis jetzt haben wir
-zur Linken immer nur die steilen Wände der _Alpen_, neben denen unser
-Wagen wie ein winziger Käfer hinter der Mauer einer riesigen Festung
-aussieht. Wir warten mit Sehnsucht, daß sich das Tor dieser Mauer vor
-uns öffne und mit ihm ein hundertfünfzig Kilometer langer Felsengang,
-der zum _Mare Frigoris_ führt. Schon begegnen wir vereinzelten kleinen,
-aber steilen Felsen, die wie Säulen vor dem Eingang dieses Tales stehen,
-ein Zeichen, daß wir uns ihm nähern.
-
-Woodbell fragt fortwährend, ob es noch weit sei. Er möchte so schnell
-wie möglich auf den Pol gelangen, und dabei haben wir vom _Sinus
-Aestuum_ kaum den halben Weg zurückgelegt! Eine gräßliche Angst befällt
-mich, wenn ich daran denke! Er hat, scheint's, die Entfernung ganz
-vergessen. Er sprach mit Sehnsucht von dem Polarlande, von Luft und
-Wasser wie von Dingen, die wir schon morgen finden werden! Statt dessen
-wird der nächste Mondmorgen, obwohl er noch so weit ist, noch immer
-nichts davon bringen, das ist gewiß! Tomas glaubt immer fester an seine
-Genesung -- je mehr er die Kräfte verliert. Er schmiedet Pläne für die
-Zukunft und legt sich schon sein Leben mit Martha zurecht ... Mich
-beunruhigt diese Zuversicht; auf der Erde sagt man, daß das ein böses
-Zeichen bei einem Kranken ist.
-
-Martha hört all dem geduldig zu, mit dem gleichen traurigen Lächeln.
-Gott, was muß sie leiden! Es ist doch unmöglich, daß sie nicht weiß, wie
-es um ihn steht ...
-
- Im Quertal, zweiundachtzig Stunden nach Mittag.
-
-Eine innere Stimme sagt mir, daß alles vergebens ist. Die Verzweiflung
-packt mich, denn ich will, daß er lebt. Ich will es um so mehr, weil ich
-in meinem Hirn eine giftige Schlange fühle, die mir trotz meines
-Aufbäumens dagegen zuflüstert: Wenn er stirbt, wird Martha einem von
-euch gehören -- vielleicht dir. Nein, nein, er muß leben, er muß! Und
-wenn er sterben sollte, weiß ich, daß Martha ihm folgen wird. Was dann?
-Was dann? Wozu werden wir hier bleiben, zu welchem Zweck? ... Ich klagte
-einst, daß wir zwei diesen beiden dienen und jetzt fühle ich, daß dieser
-Dienst die einzige Berechtigung unseres Daseins hier ist. Mit ihrem Tode
-wird unser Dahinsterben beginnen, denn wir werden nicht fähig sein, aus
-uns selbst etwas zu schaffen, unser Leben und unsere Arbeit werden
-niemandem etwas nützen, nicht einmal uns selbst! Denn wozu, wozu? ...
-
-Höchstens wenn Martha nach seinem Tode am Leben bliebe, wenn sie einem
-von uns, vielleicht mir, ihre Arme so um den Hals schlänge, ihre Lippen
-so auf den Mund preßte wie jetzt Tomas ... Ich habe das Gefühl, als wenn
-eine Kugel voll heißer Luft mir in der Brust zerplatzte, den Atem
-zurückhielte und Feuer in alle meine Adern ergösse ...
-
-Fort, fort mit diesem Gedanken! Übrigens könnte dieser Eine auch Varadol
-sein ... Nein, es wäre besser, wenn diese Frau nicht unter uns wäre. Ich
-bemerke zu meinem Entsetzen, daß ich den Tod Woodbells herbeizusehnen
-und Varadol zu hassen beginne ... Und sie sitzt ruhig da und starrt in
-die Züge des sterbenden Geliebten.
-
-Tomas will nicht sterben, er wehrt sich verzweiflungsvoll gegen den Tod.
-Jeden Augenblick erzählt er, wie um seiner eigenen Überzeugung zu
-trotzen, daß er leben wird und läßt uns dem beipflichten. Wir tun es ihm
-zuliebe, unehrlicherweise; und Martha nickt ihm in festem Vertrauen zu
-und antwortet wieder und wieder mit tiefer, singender Stimme: »Ja, du
-wirst leben, du mein Einziger« ... Dabei verschleiern sich ihre Augen in
-einem Nebel der Wonne und des Rausches. Kann sie es denn wirklich für
-möglich halten, daß in diesem ausgetrockneten Körper ohne Kraft, ohne
-einen Tropfen Blut in den Adern, noch Leben ist!? Und dennoch, was würde
-ich dafür geben!
-
-Mittags hielten wir nicht an. Die Glut war nicht so groß wie an den
-vorhergehenden Tagen, infolge der bedeutenden Mondbreite. Wir müssen
-uns, aus Rücksicht für Tomas, außerordentlich beeilen. Jetzt sind wir in
-der Mitte des _Quertals_; vor Sonnenuntergang müssen wir bis zum _Mare
-Frigoris_ vordringen.
-
-Gegen Mittag befanden wir uns, nachdem wir kleinere, auf der Ebene
-zerstreut liegende Felskuppen passiert hatten, plötzlich bei dem breiten
-Auslauf der Ebene. Die senkrechte Wand der _Alpen_ bricht hier ab und
-weicht nach Osten zurück, durch die Gurgel der mächtigen Klamm
-unterbrochen. Die Fläche des _Mare Imbrium_ verengt sich in einem großen
-Halbkreis zu dem eigentlichen Tal, das anfänglich durch einen
-terrassenförmigen Abhang verdeckt ist, der spitz hervortritt, wie ein
-mächtiges, einige hundert Meter hohes Felsenstockwerk. Auf der anderen
-Seite jenes Halbkreises erhebt sich der Mond-_Montblanc_ gegen
-viertausend Meter über der benachbarten Fläche.
-
-Wir zögerten einen Augenblick, ehe wir in die Ebene einfuhren. Jenes
-Stockwerk erschreckte uns, denn wir dachten, wenn wir unterwegs mehrere
-solcher Hindernisse anträfen, würde unsere Reise sich immer mehr
-verlängern, da wir jedesmal steile Abhänge erklimmen müßten.
-
-Varadol vertiefte sich wieder in die Photographien der Mondoberfläche,
-obwohl sie uns schon öfter getäuscht haben; das letztemal auf dem
-_Plato_. Aber es gab kein anderes Mittel der Orientierung in dieser
-Gegend. Endlich wagten wir, nach kurzer Überlegung, in das Tal
-einzubiegen. Zu diesem Entschlusse hat auch Tomas beigetragen. Er
-drängte mit der Hartnäckigkeit eines Kranken, der keinen Widerspruch
-duldet, daß man sich nach Norden wenden solle, da er wisse, daß die
-zeitraubende Umkreisung der Alpen und die lange Fahrt durch den _Palus
-Nebularum_ ihn zweifellos töten würde.
-
-Was hat die Krankheit aus diesem Menschen gemacht! Früher ruhig,
-entschieden, voll Überlegung und von einem unbeugsamen Willen, ist er
-jetzt ein launenhaftes, trotziges Kind. Er schilt uns wegen jeder
-Kleinigkeit und dann entschuldigt er sich wieder oder fleht uns an, ihn
-zu retten ... Jedoch ist uns das lieber als die Zeiten der vollständigen
-Apathie und Kraftlosigkeit, wo er stundenlang auf dem Rücken liegt,
-einer Leiche ähnlicher als einem lebenden Menschen. Oft spricht er auch
-unaufhörlich, als wenn er sich durch den Klang der eigenen Stimme
-versichern wollte, daß er noch lebt. Nur sobald einer von uns
-unvorsichtigerweise den unglücklichen Vorfall erwähnt, verstummt er
-sofort und beginnt am ganzen Leibe zu zittern. Vergeblich zerbreche ich
-mir den Kopf, was das für ein Geheimnis sein kann ...
-
-Es war schon Nachmittag, als wir unter dem Felsenstockwerk anhielten,
-das den Eingang zu dem Tal versperrt. Mit großer Mühe fanden wir einen
-Weg, der es uns zu erklimmen ermöglichte. Als wir auf der Höhe standen,
-blickten wir noch einmal auf das hinter uns liegende _Mare Imbrium_, das
-wir bald für immer aus den Augen verlieren sollten. Was mich betrifft,
-so muß ich gestehen, daß ich nicht ohne ein gewisses Weh von dieser
-Ebene Abschied nahm, obwohl sie uns nur Mühen, Qualen und Verzweiflung
-gebracht hat ... Wie seltsam ist doch das menschliche Herz! Wir
-durcheilten diese endlose Fläche während voller sechzig Tage, von einem
-Mondmittag bis zum anderen, nur von dem einen Wunsche beseelt, sie so
-schnell wie möglich hinter uns zu haben -- und jetzt blicke ich fast mit
-Sehnsucht nach ihr zurück ...
-
-Im Tale kommen wir ziemlich schnell und verhältnismäßig leicht vorwärts;
-die breiten Stockwerke treffen wir nicht mehr an und kleinere Berge, die
-nicht seine ganze Breite einnehmen, lassen sich umgehen. Die Sonne steht
-jetzt so am Himmel, daß sie die Ränder des Tales erleuchtet. Zu beiden
-Seiten erhebt sich ein mächtiger, gegen viertausend Meter hoher
-Gebirgswall. Das am Eingang einige Kilometer breite Tal verengt sich
-gegen Nordosten, was den Eindruck hervorruft, als wenn sich seine
-mächtigen Wände einander näherten und wir uns in einem enormen,
-schnurgerade unter den Felsen ausgehauenen Gang fortbewegten. Wir sehen
-den entfernten Auslauf dieses Ganges, der einer kleinen, aber tiefen
-Aushöhlung zwischen weißen Felsen gleicht, die durch ein Stück Himmel
-ausgefüllt ist. Ich weiß nicht, ob mich mein Blick nicht täuscht, aber
-es scheint mir, daß der Himmel nicht mehr so schwarz ist und die Sterne
-weniger zahlreich daran erglänzen. Dies würde von dem Vorhandensein
-einer dichteren Atmosphäre über dem _Mare Frigoris_ zeugen ... Unser
-Barometer steigt ebenfalls langsam. Wenn wir nur Tomas lebend bis zu der
-Zone bringen könnten, wo genügende Luft zum Atmen ist! ...
-
- Im Quertal, einhundertachtundsechzig Stunden
- nach Mittag, dritter
- Mondtag.
-
-Wir haben seit Sonnenaufgang schon fünfhundert und einige Kilometer
-zurückgelegt und nähern uns dem Ausgang des _Quertales_. Die ungeheure
-Felsgurgel verengt sich immer mehr und die Wälle zu beiden Seiten werden
-immer niedriger. Der Ausgang der Klamm auf das _Mare Frigoris_, deutlich
-vor uns sichtbar, scheint sich in dem Maße als wir uns ihm nähern zu
-erweitern und die Felsen, die dieses Tor bilden, wachsen vor unseren
-Augen. Bei Sonnenuntergang werden wir abermals auf eine Fläche
-hinausfahren -- gebe Gott, daß wir _alle_ hinausfahren ...
-
-Oh, welch ein furchtbarer Kreuzesgang war unsere heutige Reise! Wohl
-dreißig Stunden zitterten wir, bei dem kleinsten Geräusch auf Woodbells
-Lager blickend: -- etwa jetzt? ... Es geht mit ihm zu Ende, darüber
-besteht kein Zweifel. Er ist still und ruhig geworden und sieht uns nur
-immerwährend an, mit flehenden Augen, in denen die Sehnsucht liegt, --
-die glühende Sehnsucht zu leben! Und wir können ihm nicht helfen ...
-
-Die letzte Erschütterung bei der Fahrt durch die Spalte hat ihm den Rest
-gegeben. Wir hatten fast zwei Drittel des Weges hinter uns, als wir,
-unter dem 3.° östlicher Länge ungefähr, auf ein Hindernis stießen, das
-uns beinahe gezwungen hätte auf das _Mare Imbrium_ zurückzukehren. Die
-Sonne stand schon tief am Horizont und die ganze westliche Seite des
-Quertales war in undurchdringlichen Schatten gehüllt, der kaum hie und
-da durch schräge schwache Lichtstrahlen der Erde erleuchtet war. Wir
-mußten uns am Fuße des östlichen Walls halten, um uns nicht in der Nacht
-zu verlieren. Der Wall erreicht hier die größte Höhe; er erhebt sich
-steil und riesenhaft, beinah wie die senkrechte _Alpenwand_, unter der
-wir vormittags hindurchfuhren.
-
-Da plötzlich erblickten wir einige hundert Schritte vor uns einen
-schwarzen Streifen, der uns den Weg auf der ganzen Breite versperrte.
-Vorher hatten wir ihn infolge der leichten Erhebung des Grundes nicht
-gesehen. Als wir uns ihm näherten, zeigte es sich, daß dieser Streifen
-eine Spalte war, die beide Felsenwälle und den Grund des Tales quer
-durchschneidet. Sie lag bis an die Ränder im Schatten, so daß wir nicht
-in ihre Tiefe sehen konnten. Tausende Meter hohe Felswände waren bis zum
-Fuße durch sie zerrissen.
-
-Ratlos standen wir vor diesem neuen, unüberwindlichen Hindernis.
-
-Auf der Karte hatten wir diese Spalte allerdings gesehen, auch daß sie
-die Hochebene durchschneidet, die das _Mare Imbrium_ vom _Mare Frigoris_
-bis zu den nördlichen Abhängen des _Plato_, in südöstlicher Richtung,
-trennt; aber wir nahmen nicht an, daß sie sich bis auf den Grund des
-_Quertales_ erstreckte, das zwei- bis dreitausend Meter tiefer als die
-Oberfläche der benachbarten Höhen, die sich hinter den Wällen
-ausdehnten, lag. Ich fühlte, daß mir beim Anblick dieser Untiefe der
-Schweiß auf die Stirne trat. Peter begann leise zu fluchen.
-
-Tomas, durch unser Benehmen wie durch das Halten des Wagens beunruhigt,
-fragte uns, was geschehen sei. Wir wagten nicht, ihm die Wahrheit zu
-sagen; er jedoch, unseren Ausflüchten scheinbar keinen Glauben
-schenkend, strengte den Rest seiner Kräfte an, erhob sich und blickte
-durch das Fenster. Eine Zeitlang sah er schweigend hinaus, dann legte er
-sich wieder und sagte fast gleichgültig:
-
--- Sie wollen nicht, daß ich lebe ...
-
--- Wer? frug ich erstaunt.
-
--- Die Brüder Remogner, antwortete der Kranke, verstummte und schloß die
-Augen, als wenn er den Tod erwartete.
-
-Ich sprach nicht weiter mit ihm und hatte nicht einmal Zeit, über die
-Bedeutung dieser seltsamen Worte nachzudenken, da ich mit Peter beraten
-mußte, was jetzt zu tun sei. Wir zogen schon eine Rückkehr auf das _Mare
-Imbrium_ in Erwägung, als Peter auf die glückliche Idee kam, mit Hilfe
-des starken Reflektors den Boden der Spalte zu beleuchten und uns über
-ihre Tiefe zu vergewissern. Nachdem wir uns dem Rand genähert hatten,
-warfen wir also einen Strahl des elektrischen Lichtes in die Spalte, die
-an dieser Stelle ziemlich eng und nicht tief war. Ihr Boden zeigte sich
-ganz von Schutt angefüllt, aus dem mächtige Felsstücke hervorragten,
-eine Erscheinung, die uns an das ausgetrocknete Bett eines mächtigen
-Gebirgsstromes gemahnte. Und wer weiß, ob hier nicht tatsächlich einmal
-Wasser geflossen, den Weg ausnützend, der durch andere Kräfte gebildet
-ward?
-
-Der Schein des Reflektors glitt über die schwarzen, sich wild
-übereinandertürmenden Felsen, flammte auf und verlor sich in tiefen,
-unregelmäßigen Zerklüftungen. Wir standen immer noch ratlos, ohne zu
-einem Entschluß zu kommen, als sich Martha uns näherte.
-
--- Warum fahrt ihr nicht weiter? fragte sie in einem Tone, als wenn sie
-uns einen Befehl erteilte.
-
-Und dann fügte sie, auf Tomas deutend, hinzu:
-
--- Ich muß leben, für ihn ... Um meinetwillen braucht ihr jetzt nichts
-zu befürchten ...
-
-Wir sahen sie erstaunt an. Was ist mit ihr geschehen? So hatte sie
-niemals zu uns gesprochen. Ihre Augen leuchteten seltsam; in der ganzen
-Gestalt, in den Worten und in der Bewegung lag eine Würde, eine
-selbstbewußte Hoheit. Oh, wie schön ist dies Weib und wie begehrenswert!
-... Varadol betrachtete sie mit flammenden Blicken! Da packte mich
-plötzlich eine rasende Wut. Ich rüttelte ihn brutal bei der Schulter und
-schrie:
-
--- Siehst du nicht, daß wir keine Zeit zu verlieren haben! Fahren wir
-zurück oder vorwärts?
-
-Peter wandte sich hastig zu mir und wir maßen uns eine Weile, wie
-bereit, uns gegenseitig an die Gurgel zu springen. Ein halblautes,
-höhnisches und verächtliches Lachen Marthas ließ sich vernehmen. Ich
-hatte das Gefühl, als wenn sich mir ein Igel mit hundert Stacheln ins
-Herz bohrte. Wir ließen beide beschämt den Blick sinken. Mir scheint,
-daß ich dies Weib zu hassen beginne.
-
-Endlich beschlossen wir, uns in die Spalte hinabzulassen und sie, die am
-Boden zerstreuten Steine benützend, zu überklettern. Das war freilich
-leichter gesagt als getan. Nachdem wir an einer Stelle dicht unter der
-östlichen Wand des Quertales einen schrägen Abhang entdeckt hatten
-begannen wir den Wagen mit der größten Vorsicht dort hinabgleiten zu
-lassen. Die Hauptschwierigkeit jedoch wartete unserer auf dem Boden der
-Spalte. Bis hierher konnte weder das Licht der Sonne noch das der Erde
-dringen, so daß wir uns in vollständiger Nacht befanden. Es ist mir
-unmöglich, die Mühen zu schildern, die uns der Weg über diese paar
-hundert Meter kostete. Der Reflektor der elektrischen Lampe erleuchtete
-nur einen schmalen Streifen vor uns; es war fast ausgeschlossen, sich zu
-orientieren. Abwechselnd ging einer von uns zu Fuß voraus, während der
-zweite beim Steuer blieb. Der Wagen schaukelte, sprang in die Höhe,
-schlug an die Felsen oder senkte sich; einmal blieb er sogar so stecken,
-daß wir daran zweifelten, ihn wieder loszubekommen. Endlich gelangten
-wir an die gegenüberliegende Seite der Spalte. Zum Glück neigte sich
-hier der Boden ein wenig, so daß wir auf der so entstandenen Senkung mit
-Hilfe der »Tatzen« hinaufklettern konnten.
-
-Ungefähr in der Mitte des Aufstiegs kamen wir schon ins Licht der Sonne.
-
-Der Übergang vom Schatten zum Licht war nach einem Ruck des Wagens so
-plötzlich, daß ich vor der uns überflutenden Welle die Augen schließen
-mußte; als ich sie wieder öffnete, hatte ich das Gefühl, daß der ganze
-fürchterliche Weg durch diese Schlucht nur ein Traum gewesen. Einige
-hundert Schritte hinter mir sah ich eine sich jäh in den Boden senkende
-Wand, die durch einen Streifen absoluter Schwärze von uns getrennt war.
-Ich hatte nur eine unklare Vorstellung, daß wir uns vor wenigen
-Augenblicken dort befanden, auf der Tiefe dieser, wie es schien,
-grundlosen Zerklüftung, in undurchdringlicher Nacht, daß wir uns
-hindurchgearbeitet haben durch schwarze, mächtige Felsen, die vor uns im
-elektrischen Licht aufleuchteten, als wenn sie, aus dem Nichts
-herausgewachsen, in Nichts wieder zerfließen würden -- aber an die
-Wirklichkeit dieser entsetzlichen Fahrt konnte ich gar nicht glauben.
-
-An der Oberfläche des _Quertales_ angelangt, blieben wir stehen, um die
-»Tatzen« abzunehmen und den Wagen zu untersuchen, ob er nicht etwa
-beschädigt sei. Alles war in Ordnung, und wir konnten weiterfahren.
-Alles -- mit Ausnahme der Gesundheit Woodbells. Die erlittenen
-Erschütterungen hatten ihn so geschwächt, daß er ein paar Stunden wie
-tot dalag, nur manchmal leise stöhnend.
-
-Wir waren schon ein gutes Stück Wegs gefahren, als Tomas plötzlich
-aufsprang und sich auf das Lager setzte. In seinen weit aufgerissenen
-Augen brannte wieder das Fieber. Peter war am Steuer des Wagens
-beschäftigt, aber Martha und ich eilten sofort hinzu. Er schaute uns mit
-irren Blicken an, dann rief er plötzlich:
-
--- Martha, ich werde sterben!
-
-Martha erblaßte und neigte sich zu ihm:
-
--- Nein, du wirst leben, sagte sie leise, aber deutlich, und eine Röte
-übergoß ihr Gesicht.
-
-Tomas schüttelte leicht das Haupt, aber sie bückte sich noch tiefer zu
-ihm herab und begann halblaut malabarisch zu ihm zu sprechen. Ich
-verstand die Worte nicht, aber ich sah, daß sie einen großen Eindruck
-auf Tomas machten. Zuerst erhellte sich sein Gesicht, dann glitt ein
-unendlich trauriges Lächeln darüber und schließlich füllten sich seine
-Augen mit Tränen. Wimmernd küßte er das üppige Haar des auf seine Brust
-gebeugten Mädchenkopfes.
-
-So lag er einen Augenblick ruhig, Marthas Finger in seinen
-ausgetrockneten gelben Händen pressend. Bald jedoch versuchte er von
-neuem sich aufzusetzen. Es fehlte ihm, scheint's, der Atem.
-
--- Martha, ich werde sterben! wiederholte er immer wieder angstvoll, und
-sie antwortete unermüdlich: »Du wirst leben.« Für gewöhnlich verstummte
-er darauf wie ein kleines weinendes Kind, das die Mutter tröstet. Aber
-diesmal antwortete er verzweifelt auf ihre Worte:
-
--- Was hilft es mir, wenn ich es nicht erlebe ... Und dann fügte er
-hinzu: Sie werden mir nicht erlauben, zu leben ... die Brüder Remogner
-...
-
-Ich konnte die Neugierde nicht mehr zurückhalten und fragte ihn, alle
-Rücksicht auf seinen Zustand vergessend, was die Brüder Remogner mit
-seiner Krankheit gemein hätten.
-
-Er zögerte, dann sagte er schmerzlich:
-
--- Es ist ja doch einerlei ... jetzt werde ich es euch sagen ...
-
-Und er begann zu erzählen, mit leiser Stimme, die durch sein Herzklopfen
-und die Atemnot unterbrochen wurde.
-
--- Erinnert ihr euch, sagte er, an diese Totenstadt, dort in der Wüste
-hinter den »_Drei Köpfen_«? Heute noch sehe ich sie vor mir, mit ihren
-zertrümmerten Türmen und halbzerfallenen Toren ... Ich weiß, daß ich
-sterben muß, und doch tut es mir noch immer leid, daß ich sie nicht
-aufsuchen konnte. Aber seht ihr, das war so ... Als ich den Wagen
-verlassen hatte, mußte ich über viel aufgehäuftes Gestein klettern, das
-dem zerstörten Pflaster eines alten römischen Kastells irgendwo in der
-Schweiz oder im italienischen Apennin ähnlich war ... Endlich kam ich an
-eine etwas gleichmäßigere Stelle. Jetzt hatte ich die Stadt vor mir wie
-auf der flachen Hand. Ich sah schon deutlich das mächtige Tor mit dem
-halben Bogen und den hohen Säulen, als plötzlich, plötzlich ...
-
-Er griff nach unseren Händen und erhob sich etwas vom Lager. Die Augen
-hatte er weit geöffnet, das leichenblasse Gesicht wurde jetzt grün.
-
--- Ich weiß, sagte er, euch scheint es, und auch mir schien es so ...
-einst ... daß die einzige Wahrheit das Wissen ist, das sich auf die
-Erfahrung stützt und sich in mathematische Formeln fassen läßt. Und
-dennoch gibt es unfaßbare und seltsame Dinge ... Ihr mögt über mich
-lachen, aber das ändert nichts an der Tatsache ... Wir wissen bis jetzt
-sehr wenig, oh, sicherlich, sehr, sehr wenig ...
-
-Er verstummte einen Augenblick und sah uns an, als wenn er sich
-vergewissern wollte, ob wir nicht etwa über seine Worte spöttelten, aber
-wir saßen still und in Nachdenken versunken. Er atmete tief auf und fuhr
-in der unterbrochenen Erzählung fort:
-
--- Da ... erblickte ich ... zwei Schatten -- nein, zwei Menschen,
-Leichen oder Gespenster. Sie kamen aus dem Tore direkt auf mich zu ...
-Die Knie wankten mir. Ich schloß die Augen und wollte das Hirngespinst
-verjagen, aber als ich wieder aufblickte, sah ich ... keine fünf
-Schritte vor mir -- die Brüder Remogner! Sie standen beide da, sich bei
-der Hand haltend, entsetzlich, aufgedunsen, blutig, wie wir sie gefunden
-haben. Und beide starrten mich so gräßlich an ... Ihr kennt mich, daß
-ich nicht ängstlich bin und nicht zu Phantastereien neige, aber das sage
-ich euch, sie standen wahrhaftig vor mir und die Angst versteinerte mich
-und das Blut gerann mir in den Adern. Ich konnte mich nicht rühren --
-mich nicht abwenden ... Da begannen sie zu sprechen, ja, zu sprechen!
-Und ich hörte ihre Stimmen wie ich euch höre, obwohl dort keine Luft war
-...
-
--- Und was haben sie gesprochen? stieß ich unwillkürlich hervor.
-
--- Wozu sollt ihr das wissen, sagte er. Es ist genug, daß ich es hören
-mußte, oh, mehr wie genug, mehr wie genug! ... Sie sagten mir wie ich
-sterben würde und wie ihr sterben werdet, ihr -- beide ... Sie
-bezeichneten Tag und Stunde ... Und sie sagten weiter, daß man nicht
-ungestraft die Erde verläßt und in die Geheimnisse zu dringen versucht,
-die dem menschlichen Auge verborgen sind. Sie sagten, es wäre besser
-gewesen, wenn wir dort gestorben wären, auf dem _Mare Imbrium_, statt
-ihnen, den Toten, die Luft zu stehlen, um unser Leben der Qualen zu
-verlängern, ja, der Qualen ... »Wir sind euch gefolgt,« sagten sie, ich
-hörte es ganz deutlich, »und ihr seid an unserem Tode schuld, aber auch
-ihr« ... Bei diesen Worten blinzelten sie haßerfüllt mit den erloschenen
-Augen und verzogen die geschwollenen Lippen zu einem boshaften Lächeln.
-Da bemerkte ich, daß hinter ihnen O'Tamor stand, blaß und vertrocknet
-... Er lächelte nicht und sagte nichts, er war nur traurig und blickte
-voll Mitleid auf mich ... Ich schrie vor Entsetzen laut auf, und die
-ganze Willenskraft zusammennehmend, riß ich die erstarrten Füße vom
-Boden los und stürzte davon. Ich dachte nicht mehr an die Stadt -- an
-gar nichts. Ich lief und lief und stolperte; ich wollte mich erheben und
-aufstehen, aber da fühlte ich, daß ich keine Luft hatte und verlor das
-Bewußtsein ...
-
-Er verstummte erschöpft, und uns erfaßte eine seltsame Beklemmung. Ich
-bin in tiefstem Herzen überzeugt, daß das alles nur eine Täuschung war,
-wie jene Stadt selbst, die ich heute ebenfalls für eine Täuschung,
-hervorgerufen durch eine seltsame Gruppierung der Felsen, halte, aber
-ich wagte nicht recht, ihm das zu sagen.
-
-Und übrigens ... weiß ich es? ... Uns umgeben so unlösbare Rätsel -- so
-unerforschliche Geheimnisse! ... Auf diesen erloschenen Globus sind
-Menschen gekommen, ist der Tod mit ihnen gekommen; vielleicht ist dem
-Menschen und seinem unzertrennlichen Begleiter, dem Tode, auch jenes
-Etwas, jenes Unbekannte, das seit ewigen Zeiten auf Erden jedem Wissen,
-jeder Forschung getrotzt hat, gefolgt ...
-
-Tomas schlief nach dieser Erzählung ein. Als er aufwachte frug er wo wir
-seien. Ich sagte ihm, daß wir uns dem Ende des _Quertales_ näherten und
-bald auf das _Mare Frigoris_ gelangen würden. Er hörte zu, als wenn er
-meine Worte nicht verstünde.
-
--- Ah, ja! antwortete er endlich, ja, ja ... ich träumte, daß ich auf
-der Erde war ...
-
-Dann wandte er sich zu Martha:
-
--- Martha, erzähle mir, wie es auf der Erde ist.
-
-Und Martha begann zu erzählen:
-
--- Auf der Erde ist blaue Luft und über sie dahin wandeln die Wolken.
-Auf der Erde ist viel, viel Wasser, ganze mächtige Meere. Am Strande der
-Meere ist Sand, und verschiedenfarbige Muscheln liegen dort verstreut,
-und dann gibt es Wiesen, auf denen süße, wonnige Blumen blühen, und
-Vögel singen in den Wäldern. Wenn der Wind sich erhebt, so heult das
-Meer auf, und die Wälder brausen, und die Blätter säuseln ...
-
-So erzählte sie ihm mit kindlicher Einfachheit, und wir hörten ihren
-Worten zu, wie dem schönsten Zaubermärchen ... Der Kranke bewegte
-langsam die Lippen, als wenn er wiederholen wollte: und die Wälder
-brausen, und die Blätter säuseln ...
-
--- Wir werden nie mehr dort sein, sagte er endlich laut.
-
-Ein herzzerreißendes Schluchzen Marthas antwortete ihm. Sie konnte sich
-nicht mehr beherrschen. Die Stirn an den Rand des Lagers gedrückt,
-erbebte sie in krampfhaftem verzweifelten Weinen.
-
--- Ruhig, ruhig, sagte Tomas, leicht mit der Hand ihr Haar berührend.
-
-Aber auch ihn packte die Furcht. Er wandte sich mit dem Gesicht zu uns
-und begann wieder mit abgebrochener Stimme, die wie mit großer
-Anstrengung aus der Brust hervordrang, zu sprechen:
-
--- Rettet mich, habt Mitleid, rettet mich! Ich will nicht sterben! Nicht
-hier! Hier ist's so entsetzlich! Rettet mich! Ich will ... leben, noch
-... leben ... Martha ...
-
-Er weinte wie ein Kind und streckte jammernd die dürren Hände nach uns
-aus.
-
-Was sollten wir ihm antworten? ...
-
-Wir nähern uns dem Ausgang des Tales, und die Fläche des _Mare Frigoris_
-liegt schon vor uns. Ich habe die schmerzliche Gewißheit, daß wir sie
-allein zurücklegen werden -- ohne Tomas!
-
- Auf Mare Frigoris, dritter Mondtag,
- dreiundzwanzig Stunden nach
- Sonnenuntergang.
-
-Ich sehe auf die letzten Worte, die ich niederschrieb; sie haben sich
-bewahrheitet. Auf die Ebene _Mare Frigoris_ fuhren wir allein. Tomas
-Woodbell ist heute bei Sonnenuntergang gestorben.
-
-Eine fürchterliche Leere! Wir werden immer weniger; nur mehr drei sind
-geblieben ... Ich kann an nichts anderes denken als an diesen stillen,
-entsetzlichen Tod Woodbells.
-
-Die Sonnenscheibe berührte bereits mit dem unteren Rande den Horizont,
-als wir endlich, nach einer Woche Weges, aus dem Felsengang fuhren. Vor
-uns erstreckte sich eine glatte, von den letzten Sonnenstrahlen
-vergoldete Flachebene. Ich sage vergoldete, weil die Sonne, was wir bei
-ihren früheren Untergängen nicht bemerkt haben, sich dem Horizont
-zuneigend, eine gelbliche Farbe annahm und das Rund des schwarzen
-Himmels um sich herum ein wenig erleuchtete. Das ist ein zweifelloses
-Zeichen, daß die Atmosphäre hier dichter ist. Wir stellten auch einen
-zweiten, sehr günstigen Umstand fest: Das _Mare Frigoris_ ist ganz mit
-Sand bedeckt, was darauf schließen läßt, daß diese Ebene tatsächlich
-einstmals Meeresgrund gewesen ist.
-
-Unsere Herzen waren voll Zuversicht, vor allem, weil Tomas sich
-scheinbar ein wenig besser fühlte. Wir wurden schon hoffnungsvoller; es
-schien uns, daß wir im Fluge diese Ebene durcheilen, und ehe die neue
-Sonne aufgeht, mit Tomas zusammen im Reiche des Lebens sein würden! Daß
-wir das Wehen des Windes fühlen, das Rauschen des Wassers hören, das
-Grün der Wiesen wiedersehen sollten ...
-
-Allein wie anders wollte es das Schicksal!
-
-Wir waren kaum einige Meter auf der Fläche gefahren, als Tomas uns bat,
-den Wagen anzuhalten. Die kleinste Bewegung quälte ihn unsagbar ...
-
-Ich will ausruhen, sagte er mit schwacher Stimme, und auf die Sonne
-schauen, bevor sie untergeht.
-
-Wir hielten also an und er blickte mit glanzlosen Augen zur Sonne, die
-ihre letzten goldenen Strahlen auf sein totenbleiches Gesicht
-herabfließen ließ. Er starrte eine Zeitlang unbeweglich in ihr Leuchten,
-dann wandte er sich zu Martha:
-
--- Martha, wie ist das: »Sonne, du lichter Gott« ... Wie geht das
-weiter?
-
-Und Martha stellte sich, wie bei dem ersten vom Monde aus gesehenen
-Sonnenuntergang, in den vollen Glanz, streckte die Hände aus und die
-tränenvollen Augen zu dem schwindenden Lichte erhebend, begann sie halb
-sprechend, halb singend eine seltsame, in Rhythmen tönende Hymne:
-
-Sonne, du lichter Gott, du wandelst von uns zu Ländern, die wir nicht
-kennen!
-
-Sonne, du Leuchte des Himmels, du Wonne der Erde, du gehst, unsere Augen
-in Trauer zurücklassend, um denen zu leuchten, die schon aus der
-irdischen Hülle erlöst sind ...
-
-Die, aus den Körpern erlöst, noch keine neue Gestalt annahmen, wie
-Gefangene, die man für eine Spanne Zeit freiließ, damit sie einen Tag
-der Stille und Ruhe genießen, ehe sie zum Gefängnis, in ihre Ketten
-zurückkehren.
-
-Gut ist ER, gut ist der Urewige, Unfaßbare, der einen Tag der Stille
-zwischen Kampf und Sorgen geschaffen hat ...
-
-In Ihm ist der Ursprung und der Ausgang aller Dinge; in Ihm sind die
-Seelen derjenigen erlöst, die den Kampf schon beendet haben, dahin
-heimkehrend, von wo sie vor grauen Zeiten ausgegangen sind.
-
-Oh, Sonne, lichter Gott, du gehst von uns, und wir bleiben in Trauer
-zurück -- mit unserer Sehnsucht ...
-
-Woodbell hörte zu und schien einzuschlafen. Plötzlich rief er angstvoll:
-
--- Martha, O'Tamor ist gestorben?
-
--- Ist gestorben.
-
--- Die Remogners sind gestorben?
-
--- Sind gestorben.
-
--- Ich werde auch sterben ... und sie ... sie ... er deutete mit den
-Augen auf uns.
-
--- Du wirst leben, sagte sie wieder mit dieser seltsamen tiefen
-Überzeugung.
-
--- Ah, ja ... flüsterte der Kranke, aber was hilft es mir ...
-
-Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Selena legte ihre Vorderpfoten auf
-das Lager und leckte die herabhängende Hand ihres Herrn. Er blickte auf
-sie und machte eine Bewegung, als wenn er das treue Tier streicheln
-wollte, aber scheinbar fehlten ihm schon die Kräfte.
-
--- Meine, meine Hündin ... flüsterte er nur.
-
-Dann sagte er, daß er auf die Erde schauen wolle. Wir legten ihn so, daß
-er sie vor sich hatte. Sie stand gerade im ersten Viertel über den
-Felsen im Süden. Er blickte lange, die Hände ausstreckend, in heißem
-Verlangen auf diesen am Himmel leuchtenden Halbkreis, den gerade der
-Schatten des Indischen Ozeans, mit dem hellen, sich in seine Fluten
-erstreckenden Dreieck Indiens langsam durchglitt.
-
--- Sieh, sieh, dort ist Travancore! rief der Kranke.
-
--- Dort ist Travancore, wiederholte Martha wie ein Echo.
-
--- Dort waren wir glücklich ...
-
--- Ja, glücklich.
-
-Der Kranke begann wieder unruhig zu werden.
-
--- Martha, werde ich dorthin kommen, nach dem Tode? ... Denn sieh, ich
-will nicht ... hier herumirren ... auf dieser Wüste ... in dieser
-Totenstadt ... Martha, werde ich dorthin kommen ...
-
-Martha schwieg und ließ den Kopf sinken, Tomas drängte wieder und wieder
-...
-
--- Martha, werde ich dorthin kommen ... nach dem Tode ... auf die Erde?
-
-Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper, aber sie überwand
-sich und antwortete mit tränenerstickter Stimme:
-
--- Du wirst hinkommen, auf einen Augenblick, für einen Tag der Stille
-... aber dann wirst du zu mir zurückkehren.
-
-Seine Augen verschleierten sich; die schlaff herunterhängenden Hände
-waren bläulich und kalt. Er zuckte noch einmal und flüsterte kaum
-hörbar:
-
--- Martha, wie ist es auf der Erde? ...
-
-Und Martha erzählte von neuem vom rauschenden Meer, von blühenden
-Wiesen, von duftenden Blumen!
-
-Um seine Lippen lagerte sich ein schmerzliches, aber ruhiges Lächeln und
-die Augen begannen sich langsam zu schließen. Noch einmal öffnete er sie
-für einen Augenblick, schaute auf die Erde und auf die Sonne, von der
-nur noch ein schmaler Streifen über der Wüste sichtbar war -- seufzte
-leise und verschied mit dem letzten Leuchten des erlöschenden Tages ...
-
-In der Dunkelheit haben wir ein Grab gegraben und ihm die Augen mit Sand
-bedeckt.
-
-Und wiederum sind wir seit fast zwanzig Stunden unterwegs.
-
-Wir fahren auf ebener, sandiger Wüste und passierten schon beim Ausgang
-aus dem _Quertale_ den fünfzigsten Parallelkreis; die Erde erhebt sich
-nur noch 40° über dem Horizont, aber zum Glück gibt es auf dieser Fläche
-keine schattenwerfenden Erhöhungen. Wenn es geht, wollen wir die ganze
-Nacht ohne Unterbrechung vorwärtseilen.
-
-Eine namenlose Trauer bedrückt uns. Martha sitzt ganz erschlafft da,
-fast wahnsinnig vor Schmerz, und zu ihren Füßen heult Selena nach ihrem
-verstorbenen Herrn. Wir geben dem Tier zu fressen, um es zu beruhigen,
-aber Selena nimmt nichts; sie war gewöhnt, nur von Tomas gefüttert zu
-werden.
-
- Auf Mare Frigoris, 0° 6' östlicher Länge, 55°
- nördlicher Mondbreite, nach
- Mitternacht, zu Beginn des
- vierten Tages.
-
-Wir wenden uns direkt nach Norden, zum Pol. Seit hundertsiebzig Stunden,
-das heißt, seit dem Tode Woodbells, bewegten wir uns in nordwestlicher
-Richtung. Jetzt ist sein Grab schon weit zurückgeblieben, sehr weit ...
-Auf der Erde ist bereits eine Woche verflossen, seit wir ihn begraben
-haben.
-
-Die ganze Zeit über fließt der Sand durch die Räder unseres Wagens,
-während nur das Zischen des Motors die lautlose Stille und das bleierne
-Schweigen unterbricht, das auf uns lastet. Martha weint nicht; sie sitzt
-da, stumm, mit zusammengepreßten Lippen und weit aufgerissenen Augen, in
-denen die Tränen schon vertrocknet sind.
-
-Selena lebt nicht mehr. Seit Woodbells Tod wollte sie nicht mehr
-fressen, heulte stundenlang und lief im Wagen herum, alle ihm gehörigen
-Gegenstände und was seine Hand nur einmal berührt hatte beschnüffelnd.
-Schließlich legte sie sich in eine Ecke, wurde schwach und knurrte, wenn
-einer von uns sich nähern wollte. Wir fürchteten, daß sie die Tollwut
-bekäme, und mußten sie töten, obwohl es uns unendlich leid tat. Übrigens
-bin ich überzeugt, daß sie auch so nicht mehr lange gelebt hätte.
-
-Ach, es ist so entsetzlich still in unserem Wagen, denn wir -- was
-können Peter und ich miteinander sprechen? Es ist etwas Furchtbares
-geschehen. Der Tod Woodbells bedeutet in diesem Falle nicht nur den
-Verlust eines Menschen, eines treuen und teuren Freundes: nein, dieser
-Tod ist ein unermeßliches Unglück, -- eine wahnsinnige Ironie des
-Schicksals, das zwischen uns beide diese Frau geworfen hat, die wir in
-gleichem Maße heiß begehren. Ich kann nicht auf sie sehen, ohne daß mich
-ein Schauer erfaßt und gleichzeitig empfinde ich den ganzen Ekel dieser
--- Schändung, gegenüber dem frischen Grab des Freundes. Es scheint mir,
-daß Woodbells Geist uns noch nahe ist, daß er mir ins Herz sieht, diese
-meine Gedanken lesend, aber ich kann dennoch nicht widerstehen -- ich
-kann nicht! Das Fieber verzehrt mein Hirn, das Blut rast wild durch alle
-Adern, und mein Inneres ist so ganz voll von ihrem Bilde, daß ich sie
-vor mir sehe -- immer -- mit einer furchtbar unerhörten Deutlichkeit,
-auch wenn ich die Augen schließe. Ich versuche meine Gedanken von ihr
-abzulenken, sie mit Gewalt zurückzudrängen wie eine Meute toller Hunde,
-aber sie reißen sich los von der Kette meines Willens, werfen sich auf
-sie, reißen ihr die Kleider herunter, reiben sich an ihren Formen,
-schlängeln sich um ihren Leib und beschmutzen ihn mit den lüsternen
-Schnauzen, und da sie sehen, daß sie unnahbar und kalt ist, beginnen sie
-zu bellen, mit den Zähnen zu fletschen, nach ihr zu beißen und sie hin
-und her zu zerren ... Oh, diese schändlichen Gedanken, wie sie mich
-peinigen und quälen!
-
-Varadol ergeht es ebenso; ich weiß, ich fühle, ich sehe es! Und er weiß
-ebenfalls, was in mir vorgeht. Daher dieser stumme, verbissene Haß
-zwischen uns. Weshalb soll man sich täuschen, weshalb die Dinge mit
-schönen Namen belegen, wir sind beide schlecht und gemein, denn sie
-steht zwischen uns. Wir sind nur zu zweit auf dieser fürchterlichen
-Welt, und es schreit etwas in der Tiefe unserer Seele, daß einer von uns
-zu viel ist. Wir sprechen nicht miteinander und sehen uns nicht in die
-Augen. Manchmal nur begegne ich verstohlen Varadols Blick, seinem
-entsetzlichen Blick, aus dem der Tod leuchtet wie ein Brand durch die
-Fenster eines im Innern flammenden Hauses.
-
-Ob ich ihn fürchte? Nein, nein, tausendmal nein! Obwohl ich weiß, daß er
-mich jeden Augenblick, ohne zu wissen, was er tut, hinterrücks
-niederschlagen und morden kann, wie zum Beispiel jetzt, während ich
-schreibe und er hinter mir steht und meinen entblößten Nacken sieht. Ein
-Schauer durchläuft mich, aber ich wende mich nicht um, ich will seinem
-Blick nicht begegnen, in dem ich, wie in einem Spiegel, meine eigene
-Gemeinheit sehe.
-
-Im übrigen fürchte ich mich absolut nicht vor einem plötzlichen,
-unerwarteten Tode! Der Tod ist nur dann über allen Ausdruck furchtbar,
-wenn er sich langsam nähert und unabwendbar. Ich weiß das aus Erfahrung.
-Ich fürchte nur eins, daß er diese Frau besitzen könnte, auf die er kein
-größeres Recht hat als ich; daß er vielleicht ihre vom Kummer noch
-bleichen Wangen durch Küsse röten, ihre Brust, die noch in ungestilltem
-Schluchzen bebt, zu schnellen, leidenschaftlichen Seufzern zwingen kann.
-Ah, ich darf nicht daran denken! Wir verfolgen uns gegenseitig so mit
-unserer Eifersucht, daß sie, solange wir beide leben, ohne jegliche
-Gefahr ist!
-
-Aber manchmal packt mich die Wut. Ich möchte mir ins Gesicht speien und
-dann vor ihn hintreten und sagen: Komm, schlagen wir uns um sie! Beißen
-wir uns, wie zwei tolle Wölfe um eine Wölfin, unsicher des kommenden
-Tages, unsicher des Lebens, verbannt auf diese entsetzensvolle Welt,
-kämpfen wir um die Geliebte unseres toten Freundes, die für uns nichts
-fühlt als Gleichgültigkeit und Verachtung. Komm, schlagen wir uns heute
-um sie, ehe wir morgen sterben!
-
-Aber ich bin zu sehr Hypokrit und zu feige, um das zu tun. Oh, wie ich
-mich verachte!
-
-Und ich verachte und hasse auch sie! Es gibt Augenblicke, in denen ich
-fähig wäre, mich auf sie zu werfen und ihren schweigenden, traurigen
-Mund durch Schläge zum Schreien zu zwingen, um dann diesen Schrei
-zugleich mit dem Leben zu ersticken! Vielleicht wäre das besser ... Wir
-würden allein bleiben, ohne Ziel, ohne Verlangen zu leben, am Ende dann
-sogar freiwillig sterben, aber zum wenigsten würde nichts zwischen uns
-sein ...
-
-Wozu lebt sie? Was hält sie hier? Wie kann sie noch leben, wenn sie
-diesen Menschen so geliebt hat, und wenn er für sie alles gewesen ist
-und mit ihm für sie alles geendet hat? Wir sind gemein, aber auch sie
-ist gemein! Das Tier, die unvernünftige Hündin, hat mehr Anhänglichkeit
-gezeigt, denn sie konnte den Tod ihres Herrn nicht überleben. Und diese
-Hündin hat doch nicht den hundertsten Teil der Liebkosungen gekostet,
-hat nicht den tausendsten Teil der Liebe genossen, mit der er diese Frau
-überhäuft hat! Aber die Frau lebt ... und wer weiß, wer weiß, vielleicht
-wirft sie aus diesen Augen, die scheinbar im Schmerz erkaltet und
-erloschen sind, schon auf einen von uns verstohlene Blicke, vielleicht
-keimt in ihrem Hirn, das noch voll ist vom Bilde jenes Toten, schon der
-Gedanke: Welchen von diesen zwei Lebenden soll ich wählen, um das ewige
-Werk des Weibes zu erfüllen? ...
-
-Vielleicht, vielleicht ist in alledem irgendein ursprünglicher,
-elementarer, durch die Natur in unser Wesen gelegter, also heiliger
-Trieb des Seins und des Zeugens, der uns nicht zurückblicken, mit der
-Vergangenheit nicht rechnen, noch an die Zukunft denken läßt. Und
-dennoch ist für mich das alles so ekelhaft -- so widerwärtig --
-ungeheuerlich! ...
-
-Ah, warum lebt dieses Weib? Warum?
-
-Und ich fühle, daß ich trotz alledem ihren Tod niemals verwinden könnte.
-
- Auf Mare Frigoris, 0° 30' östlicher Länge, 61°
- nördlicher Mondbreite,
- vierter Tag, einhundertzweiundsiebzig
- Stunden nach Mitternacht.
-
-Martha hatte recht, als sie zu Tomas sagte: Du wirst leben! Ach, daß ich
-das damals nicht gleich verstanden habe!
-
-Es waren fast drei Viertel der Nacht verstrichen, als ich, am Steuer
-sitzend, bemerkte, daß Peter sich fortgesetzt um mich herum zu schaffen
-machte, mit einer Miene, als wenn er eine Unterredung beginnen wollte.
-Mich wunderte das, weil wir immer nur das Notwendigste besprachen, aber
-gleichzeitig freute es mich auch. Ich fühlte, daß die Zeit endlich
-gekommen war, dieser unerträglich drückenden Situation durch eine
-Aussprache ein Ende zu machen.
-
-Ich frug ihn also so höflich wie nur möglich:
-
--- Wünschst du etwas von mir?
-
--- Ja, ja, sagte er schnell, sich neben mich setzend, ich wollte mit dir
-reden ...
-
-Ich bemerkte, daß er sich zu einem Lächeln zwang, aber seine Züge
-zuckten krampfhaft dabei. Unwillkürlich blickte ich auf seine Hände. Und
-er, als wenn er meinen Blick verstanden hätte, errötete und zog die
-Hände leer aus den Taschen, sie auf seine Knie legend. Dann begann er
-etwas stockend:
-
--- Ja, ja, siehst du, ich wollte mit dir ... denn es scheint, daß wir
-diese Nacht nicht anzuhalten brauchen, da die Kälte nicht so empfindlich
-ist und der Weg eben und hell genug, obwohl die Erde niedrig am Horizont
-steht; im übrigen wirst du zugeben, daß man sich eilen muß, also ...
-
-Ich wendete keinen Blick von ihm ab, und er wurde immer verwirrter.
-Plötzlich änderte er den Ton und schrie heftig:
-
--- Zum Teufel! Wir fahren ohne Unterbrechung nach Norden?
-
--- Ja ... pflichtete ich bei, mich zur Ruhe zwingend.
-
-Dann folgte ein Augenblick qualvollen Schweigens. Varadol sprang auf und
-begann unruhig auf und ab zu gehen. Ich war mir klar darüber, was in ihm
-vorging; ich wußte, wovon er mit mir sprechen wollte, und daß er über
-gleichgültige Dinge redete, weil er das Wort nicht hervorbringen konnte,
-das uns Auge in Auge der Entscheidung gegenüberstellte, die früher oder
-später schließlich fallen mußte. Eine Zeitlang empfand ich eine boshafte
-Freude über seine Hilflosigkeit, aber dann tat er mir plötzlich so
-unendlich leid, daß ich fähig gewesen wäre, mich ihm an den Hals zu
-werfen und ihn bei unserer alten Freundschaft zu beschwören, ihm alles
-mögliche zu sagen, daß ich ihm das Weib abtreten wolle, -- oder ihn zu
-bitten, sich mit ihrem Tode einverstanden zu erklären -- ah, ich weiß
-selbst nicht mehr, was ich beginnen wollte, aber ich beherrschte mich
-sofort; das führt absolut zu nichts. Ich fühlte indes, daß es unmöglich
-war, die endgültige Auseinandersetzung noch weiter hinauszuschieben.
-
--- Wolltest du weiter nichts, fragte ich ihn unvermittelt.
-
-Er blieb stehen, scheinbar durch den freundlichen Ton in meiner Stimme
-betroffen, und sah mir forschend in die Augen. Dann lächelte er traurig
-und fuhr mit der Hand über die Stirn. Ich bemerkte, daß seine Hand wie
-im Fieber zitterte.
-
--- Ja, in der Tat, ich wollte -- überdies ...
-
-Er brach ab und blickte auf Martha; nach einigem Zögern sagte er mit
-abgebrochener, rauher Stimme in deutscher Sprache, damit sie ihn nicht
-verstehen konnte:
-
--- Was werden wir mit diesem Weibe tun?
-
-Ich erwartete diese Worte, aber trotzdem trafen sie mich wie ein
-Keulenschlag! Ich bremste gewaltsam den Wagen; das Blut klopfte mir in
-den Schläfen und verschleierte mir die Augen. Mein Herz schlug zum
-Zerspringen; die Lippen waren wie ausgetrocknet. Der entscheidende
-Augenblick war gekommen.
-
-Ich sah auf Varadol. Er stand vor mir, blaß wie eine Leiche und starrte
-mir hartnäckig in die Augen. Diesen Blick werde ich bis zu meinem Tode
-nicht vergessen! Es lag eine Angst darin und ein fast hündisches Flehen
--- und gleichzeitig wieder eine entsetzliche Drohung.
-
-Ohne zu antworten, schob ich ihn beiseite und ohne mir klar darüber zu
-sein, was ich tat, trat ich an Martha heran, die still dasaß und irgend
-etwas nähte. Er folgte mir.
-
--- Warum lebst du, Weib? Diese unerhörte und, wie mir jetzt scheint,
-lächerliche Frage, obwohl ich damals keine Lust zum Lachen hatte, stieß
-ich ganz unvermittelt hervor.
-
-Martha schaute uns erstaunt an, dann wurde sie feuerrot und sagte
-langsam mit leicht zitternder Stimme, als wenn sie sich rechtfertigen
-wollte:
-
--- Ich warte auf Tomas' Rückkehr ...
-
-Eine rasende Wut packte mich.
-
--- Genug der albernen Redereien! schrie ich, ihr die Arbeit, über die
-sie sich neigte, aus den Händen reißend. Ich weiß nicht, was weiter
-geschehen wäre, wenn ich nicht in diesem Moment einen Blick auf das
-Stück Leinwand, an dem sie nähte, geworfen hätte: Es war ein Kinderhemd.
-
-Ich verstand plötzlich alles. Unfähig, ein Wort hervorzubringen,
-streckte ich nur die Hand aus, Peter darauf aufmerksam machend. Er
-schrie leise auf und ging schnell zum Steuer des Wagens.
-
-Also darum sagte sie zu dem sterbenden Tomas mit einer solchen
-Überzeugung: Du wirst leben! Darum folgte sie ihm nicht!
-
-Nach dem Glauben ihres Volkes geht in das nach dem Tode des Vaters
-geborene Kind die Seele des Verstorbenen über. Sie wartet also, fest
-überzeugt, daß Tomas in dem Kinde zu ihr zurückkehren wird, nachdem er
-als Geist die Erde umkreist, die ihn beim Sterben mit so namenloser
-Sehnsucht erfüllte! Sie mußte ihm die »frohe Kunde« gebracht haben, daß
-sie in diesem Kinde seiner warten werde, wohl damals, als sie kurz vor
-seinem Tode malabarisch zu ihm gesprochen hatte. Das alles durchfuhr
-mich wie ein Blitz.
-
-Ich blickte auf sie: sie weinte still, das Gesicht in dieses kleine
-Hemdchen verborgen, das aus der Wäsche des Verstorbenen
-zurechtgeschnitten war.
-
-Und plötzlich geschah etwas Seltsames mit mir. Ich hatte das Gefühl, als
-wenn in meinem Herzen etwas zersprungen wäre, irgendein widerwärtiges
-Geschwür und gleichzeitig fiel es mir wie ein Schleier von den Augen.
-Martha erschien mir als ein anderes Wesen. Ich schaute auf sie mit einem
-Staunen, als wenn ich sie zum erstenmal sähe! Das war nicht mehr das
-Weib, um dessen Besitz ich noch vor einem Augenblick mit meinem Freund
-und einzigen Kameraden auf dieser einsamen Welt ringen wollte. Das war
-die Mutter des neuen Geschlechts, der siegende Tod durch das große
-Geheimnis des Lebens und der Liebe.
-
-Eine unaussprechliche Dankbarkeit erfüllte meine Seele; Dankbarkeit
-dafür, daß wir durch sie nun hier nicht mehr allein sein werden, und daß
-sie sich mit der Heiligkeit der Mutterschaft vor uns schützte, vor uns,
-die wir -- blind! -- in ihr nur das begehrenswerte Erbe des Toten
-gesehen haben. Ich neigte mich, ohne es zu wissen, und küßte ihre Hand.
-Sie zuckte zusammen und verstand anscheinend meine stumme Huldigung,
-denn sie erhob ihr Gesicht, das noch verweint war, aber schon von Stolz
-über die neue und anerkannte Würde aufleuchtete.
-
-Wie unbegreiflich ist doch die Seele des Menschen! Das alles löst ja die
-uns quälende Frage durchaus nicht, sondern rückt sie nur für eine
-bestimmte Zeit in die Ferne und trotzdem sind wir beide jetzt so ruhig,
-als wenn die ganze Angelegenheit erledigt wäre. Wir haben die
-Überzeugung, daß dieses Weib keinem von uns Lebenden gehört, sondern
-demjenigen, der gestorben ist, und wir ehren und achten sie, ganz
-vergessend, daß vielleicht die Zeit wieder kommen wird, wo ...
-
-Aber nein, nein, ich will nicht daran denken!
-
-Jetzt nur nach Norden, immer nur nach Norden!
-
- Unter dem Timaeus, nach Sonnenaufgang des
- vierten Mondtages.
-
-Noch kein Sonnenaufgang hat eine solche Freude in uns geweckt und eine
-solche Hoffnung! Es war ihm ein Glanz vorausgegangen, eine Erscheinung,
-wie wir sie hier auf dem Mond noch nicht gesehen hatten.
-
-Die Nacht war gerade zu Ende und wir hofften jeden Augenblick, daß der
-Gipfel des Berges, der im Lichte der Erde vor uns emporstieg, in den
-ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchten würde. Jedoch bevor
-dies geschah, nahm der schwarze Himmel im Osten eine etwas hellere Farbe
-an, als wenn ihn ein opalweißer Nebel umhüllte. Zuerst glaubten wir, daß
-sich unter dieser bedeutenden Breite -- wir passierten bereits den
-sechzigsten Parallelkreis -- das Zodiakallicht, das in der Nähe des
-Äquators und vor Sonnenaufgang sichtbar ist, in so seltsamer Weise
-zeige. Aber nein, das war nicht das Zodiakallicht; der Himmel färbte
-sich weit und breit leicht silbern über dem Horizont und die Sterne
-verblaßten in diesem weißen Glanze. Bald blitzten auch die Gipfel des
-_Timaeus_ -- jener Krater, dem wir uns näherten, -- in der Sonne auf,
-aber -- o Wunder! sie waren auf dem Hintergrunde der Nacht wie zart
-erglühende Rosen erblüht. Es war unmöglich noch länger daran zu
-zweifeln, daß diese Dämmerung und dieses rosige Licht uns dichtere Luft
-verkündeten, die schon genügte, durch die sie durchgleitenden
-Sonnenstrahlen zu leuchten und ihre Farben zu röten.
-
-Eine berauschende Freude erfaßte uns; ich lächelte Peter zu, der mit der
-ganzen Seele in diese Erscheinung versunken war; dann wandte ich mich zu
-Martha.
-
--- Sieh, rief ich, dein Kind wird dort zur Welt kommen, wo wir atmen
-können wie auf der Erde!
-
-Sie erhob das Haupt und schaute nach Osten, wo sich alles mit einem
-traumhaft zarten Gold überzog, das den ganzen Horizont erfüllte -- wie
-unsere Herzen die Hoffnung eines neuen Lebens ...
-
-Die Sonne ging langsam auf, langsamer noch als die vorhergehenden Tage,
-denn sie stieg nicht gerade in die Höhe, sondern erhob sich hinter dem
-stark nach Süden geneigten und niedrig über dem Horizont hängenden Bogen
-der Erde. Nachdem sie ganz hervorgekommen war, stand sie am Himmel in
-einem großen Kreise wie von weißem Nebel, der langsam ins Blaue überging
-und sich allmählich in dem schwarzen Hintergrund verlor. In der Nähe der
-Sonne waren keine Sterne mehr sichtbar; sie glänzten nur noch weiter von
-ihr entfernt am Firmament, und die Verschiedenheit ihrer Farbe ist
-geschwunden; sie ähneln immer mehr jenen glitzernden Flämmchen, mit
-denen sich der nächtliche Himmel über der Erde schmückt.
-
-Noch ein, höchstens zwei Mondtage, und wir werden diesen Wagen verlassen
-können und mit voller Brust zum erstenmal die Mondluft einatmen!
-
-In der letzten Nacht legten wir ein bedeutendes Stück Wegs zurück! Die
-Nachtkälte ist hier in der Nähe des Pols bedeutend geringer als am
-Äquator, da die Sonne nicht so tief unter den Horizont fällt; wir
-brauchten uns infolgedessen nicht aufzuhalten und fuhren bei
-Sonnenuntergang auf das _Mare Frigoris_, das wir jetzt bereits hinter
-uns haben. Im Westen beginnt gebirgiges Land vor uns aufzusteigen; der
-_Timaeus_ ist ein Grenzpfahl, den wir gerade passieren.
-
-Vor uns, nach Norden zu, erstreckt sich eine Flachebene, die, einer
-breiten Bucht gleich, in das Gebirge einschneidet und, wie die Karten
-zeigen, bis zum achtundsechzigsten Parallelkreis reicht. Sie ist nicht
-so eben wie das _Mare Frigoris_, im Gegenteil, ganz mit kleinen und
-gleichlaufenden Hügeln besät, die uns jedoch die Reise nicht erschweren
-werden, da sie sanfte Abhänge haben. Wir müssen diese Strecke
-zurücklegen, bevor der Tag zu Ende geht, so daß wir beim Anbruch der
-nächsten Nacht schon im Gebirge sind. Dann trennen uns noch gegen
-sechshundert Kilometer vom Pole. Aber was bedeuten sechshundert
-Kilometer, nachdem wir schon so viele zurückgelegt haben!
-
-Wir sind voll Hoffnung und Zuversicht! Alle Feindseligkeiten zwischen
-uns sind verflogen; der quälende Alp, der während der Nacht auf uns
-lastete, ist wie Nebel im Glanz der aufgehenden Sonne verschwunden. Der
-Gedanke, daß wir zu dem ersehnten Ziele unserer schweren Pilgerfahrt den
-Keim eines neuen Lebens tragen, stärkt uns und macht uns so froh und
-ruhig, daß es uns manchmal vorkommt, als wenn wir um die verlassene Erde
-nicht mehr trauerten ...
-
-Warum ist Tomas nicht unter uns? Er teilte unsere Qualen; was würde ich
-dafür geben, wenn wir mit ihm die Hoffnung des Lebens teilen könnten!
-...
-
- Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach
- Sonnenaufgang, 0° 2' östlicher Länge, 65°
- nördlicher Mondbreite.
-
-Eine seltsame Niedergeschlagenheit befällt mich. Ich weiß nicht, woher
-sie kommt und was sie von mir will. Die Reise geht schnell vonstatten,
-der Himmel überzieht sich langsam mit dunklem Blau, durch das die bis
-jetzt strahlenlosen Sterne zu flimmern beginnen, alles verkündet die
-Nähe jener »versprochenen Erde«, wo wir endlich nach allen, nun schon
-vier Monate währenden Mühen ausruhen sollen, und ich, statt mich zu
-freuen, bin traurig, unsagbar traurig und niedergedrückt. Was ist daran
-schuld? Vielleicht diese Erde, die sich immer mehr zum Horizonte neigt
-und die wir in einigen hundert Stunden schon ganz aus den Augen
-verlieren werden, vielleicht diese Gräber, die unseren Weg durch die
-entsetzliche, luftlose Mondwüste bezeichnen, vielleicht diese inneren
-Erlebnisse, von denen sich meine Seele noch nicht erholen kann,
-vielleicht auch der Gedanke an dieses Kind des Verstorbenen, das in
-einem unbekannten Land für ein unbekanntes Schicksal geboren werden
-soll.
-
-Ich bin ruhig, -- nur diese unerträgliche Traurigkeit und diese
-Ermattung! Unsere Augen sind halb blind von den blendenden
-Sonnenstrahlen; der Anblick der endlosen Flächen und zerklüfteten Berge
-ermüdet mich unsagbar ... Wenn nur ein kleines, ganz kleines Wässerchen,
-ein Teich, ein grüner Zweig, ein wenig Gras zu sehen wäre ...
-
-Die uns umgebende Gegend ist wie ein mächtiger Kirchhof. Wir fahren auf
-dem Grunde eines seit Urzeiten ausgetrockneten Meeres, auf darauf
-angesetzten, an der Oberfläche zerbröckelten Kalkbänken, aus denen sich
-die Reste ursprünglicher Ringfelsen erheben, die vom Wasser zerspült
-worden sind.
-
-Was ist aus diesem Meer geworden, das einst hier flutete, den gebogenen
-Nacken der Erde entgegenstreckend, die damals wie eine goldene Scheibe
-zwischen den Wolken, die über den Wassern dahinzogen, sichtbar war? Nur
-der Strand erhebt sich noch über der ausgetrockneten Mulde, steil,
-riesenhaft, ausgefressen durch die Brandung der nicht mehr vorhandenen
-Wogen ... Wind und Sturm haben seine zu Staub zerriebenen Überreste
-verweht, jetzt gibt es auch diese nicht mehr -- nur Leere und Starrheit
-...
-
-Ich sehne mich so unbeschreiblich danach, endlich Leben zu sehen! Oh,
-nur so schnell wie möglich, die Kräfte könnten erlahmen!
-
-Martha ist die geduldigste von uns dreien; aber das ist natürlich! Sie
-hat ihre Welt jetzt in sich und es scheint, daß sie an diese Welt sogar
-mehr denkt als an den verstorbenen Geliebten. Ich sehe oft, wie sie,
-über der Arbeit sitzend, plötzlich die Hände sinken läßt und in die
-Zukunft schaut, ihren eigenen Gedanken zulächelnd. Ich bin überzeugt,
-daß sie dann mit den Augen der Seele das kleine rosige Kind sieht, wie
-es die Händchen nach ihr ausstreckt. Manchmal verscheucht wohl ein
-tiefer Seufzer dieses glückselige Lächeln, und ihre Augen füllen sich
-mit Tränen. Das ist die Erinnerung an Tomas, der sein Kind niemals sehen
-wird ... Aber dann lächelt sie wieder, denn sie weiß, daß seine Seele
-nicht in ihrem Kinde zu ihr zurückkehren könnte, wenn er am Leben
-geblieben wäre.
-
-Martha ist immer mit ihren Gedanken beschäftigt und spricht wenig mit
-uns; nur einmal sagte sie zu mir:
-
--- Es ist gut, daß ich Tomas hierher gefolgt bin, denn ich werde ihm
-aufs neue das Leben geben ...
-
-Wie sollte sie sich nicht glücklich fühlen, wenn sie so von sich
-sprechen kann?
-
- Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf
- der Hochebene vor dem
- Goldschmidt, 1° 3' östlicher Länge,
- 69° 3' nördlicher Mondbreite.
-
-Die Ebenen haben ein Ende genommen; wir sind in den Bergen, die sich bis
-zum Pole hinziehen. Diese Hochebene ist ganz eigentümlich; sie ist wie
-übersät mit einzelnen kreisförmigen Bergen, zwischen denen sich hohe,
-weit ausgedehnte Bergringe erheben, wie zum Beispiel der vor uns
-liegende mächtige _Goldschmidt_ und der sich mit ihm im Osten berührende
-und noch höhere _Barrow_. Es kommt mir jetzt erst zum Bewußtsein, wie
-seltsam es ist, daß wir hier Berge und Länder vorfinden, die noch kein
-menschlicher Fuß betreten hat, und die doch schon von Menschen
-bezeichnet sind ... Ein sonderbarer Gedanke.
-
-Der Mittag sah uns heute auf dem Gipfel des Grenzwalles der Hochebene.
-Wenn wir hinter uns blickten, würden wir über dem Horizont der Wüste die
-verblaßte Erde, die durch einen leichten Luftschleier verhüllt ist,
-bemerken. Der leuchtende Ring der Atmosphäre glänzte durch diese
-Verhüllung noch blutiger als an den vorhergehenden Tagen. Dicht über der
-Erde, ihre mächtige schwarze Kugel fast berührend, stand die Sonne.
-
-Ich habe den Eindruck, daß die Erde sich im Verlauf dieser vier Monate
-vom Zenite dem Horizonte zu gesenkt hat und nur wir, uns dem Pole
-nähernd, von ihr geflohen sind. Das Klima ist hier ein gänzlich anderes.
-Die nachmittagliche Sonne, die nicht hoch über dem Horizonte steht,
-quält uns nicht mehr mit ihrer Glut, blendet uns nicht mit ihrem Glanze.
-Traurig und müde scheint diese Sonne zu sein, so wie wir ... Rings auf
-der Hochebene lagern tiefe Schatten ... Der Himmel färbt sich nach
-Norden zu immer bläulicher, die Sterne sieht man nicht mehr in dieser
-Richtung, obwohl sie im Süden noch blaß und weißlich scheinen, in einem
-breiten Kreise um Erde und Sonne zerstreut.
-
-Ich bin über alle Beschreibung müde. Trotz der Leichtigkeit des eigenen
-Körpers auf dem Monde habe ich manchmal das Gefühl, daß Kopf und Hände
-und Füße aus Blei sind. Ich habe Angst, daß ich krank werde. So
-unendlich lang erscheint mir die Reise! Ich beginne, trotzdem wir die
-sichersten Zeichen dafür haben, daß sie bald beendet ist, zu zweifeln,
-ob wir überhaupt jemals ans Ziel gelangen werden ... Übrigens -- Ziel?
-Welches Ziel? Ach, alles ist so ermüdend und traurig!
-
-Martha ist von einer maßlosen Güte. Ich glaube, wenn sie nicht wäre,
-hätte ich nicht mehr die Energie, die Hand zu rühren, um das Steuer des
-Wagens nach dem Pole zu lenken, dem wir mit solcher Anstrengung
-entgegeneilen. Aber sie sieht meine grenzenlose Ermüdung und versteht
-es, mir mit lieben, herzlichen Worten Mut zuzusprechen und mich aufrecht
-zu erhalten. Wodurch habe ich so viel Güte ihrerseits verdient? Etwa
-durch das Unrecht, das ich ihr durch meine schändlichen Gedanken
-zugefügt habe? Ich bin so müde, daß mir alles gleichgültig ist, mit
-Ausnahme, so wahr mir Gott helfe, des Glückes dieser Frau. Ich möchte
-leben, um ihr irgendwie von Nutzen zu sein ... Und wer weiß, ob ich
-leben werde.
-
-Vor uns Berge, große steile Berge. Man muß sie überwinden. Diese und
-andere und wieder andere, denn zum Pol ist es noch weit ... Ich habe
-keine Kräfte mehr, ich kann nicht einmal schreiben. Die Worte fehlen
-mir, ich bringe sie nicht recht zusammen; ich vergesse immer, was ich
-sagen wollte. Ich möchte mich am liebsten auf der Hängematte ausstrecken
-und unter den halbgeschlossenen Augenlidern auf Martha schauen, die
-immerfort lächelt -- im Gedanken an ihr Kind. Die Glückliche!
-
- Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und
- Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach
- Mittag des vierten Mondtages.
-
-Ich kämpfe mit dem Rest meiner Kräfte gegen die mich überfallende
-Ermüdung an. Ich fühle, daß ich krank bin und habe Angst davor. Wie
-werden sie sich zu zweit helfen können -- ohne mich? Der Weg wird immer
-beschwerlicher, und die Nacht, eine lange Nacht, ist nahe. Ob ich ihr
-Ende erleben werde? Vielleicht kommt nach O'Tamor und Woodbell nun die
-Reihe an mich? Sie haben doch vorausgesagt ...
-
-Es wäre mir hart, jetzt sterben zu müssen. Ich möchte das Kind noch
-sehen, das geboren werden soll, ich möchte, wenn auch nur noch einmal,
-mit voller Brust aufatmen können.
-
-Ach, wann wird dieser Weg ein Ende nehmen! Nach den Karten zu urteilen,
-sind die Berge, durch die wir uns eben hindurcharbeiten, das letzte
-große Hindernis, das uns vom Pol trennt. Wenn wir uns von der
-Einsattelung, auf der wir uns augenblicklich befinden, herabgelassen
-haben, werden wir uns, in einer breiten Klamm fahrend, nach Westen
-wenden, längs den nördlichen Abhängen des _Goldschmidt_, dann wieder in
-nördlicher Richtung die Ringe _Challis_ und _Main_ passieren, im Osten
-den Ring _Gioja_ umkreisen, seine niedrige Abzweigung, die sich dem
-Parallelkreis zu erstreckt, überfahren und auf eine Ebene gelangen, die
-von dem Polarlande nur mehr durch eine einzige schmale Gebirgskette
-getrennt ist.
-
-So stellt sich unser Weg nach den Karten dar. Aber die Karten dieser
-Gegenden, die von der Erde aus schlecht zu sehen sind, erweisen sich als
-ungenau. Dazu kommt, daß der größte Teil des Weges in der Nacht, die
-schon beginnt die Berge zu verhüllen, zurückgelegt werden muß.
-
-Von unserer Höhe sehen wir bereits ein Stück dieser Welt vor uns, aber
-nur die Gipfel der rötlich in der Sonne erglänzenden Berge. Die Tiefen
-überflutet ein schwarzes Schattenmeer. Wenn wir dort hinunterkommen,
-werden die Sterne unsere einzigen Führer sein.
-
-In meinem Kopfe ist etwas zerstört oder unterbrochen, nur mit der
-größten Willensanstrengung vermag ich klar zu denken. Träume im
-Halbschlaf, Angstgefühle, Wahnvorstellungen wechseln in meinem Hirne.
-Habe ich etwa Fieber? Ich beiße in meine Finger, um zur Besinnung zu
-kommen, aber auch das hilft nichts. Alle Bilder zerrinnen mir vor den
-Augen; ich sehe ein Meer der Dämmerung mit darauf schwimmenden blutigen
-Berggipfeln. Unser Wagen erscheint mir wie ein Schiff, das wir jeden
-Augenblick in diese Untiefe hinabstoßen werden ... Ich bin so
-entsetzlich müde. Wohin sollen wir durch diesen schwarzen Ozean segeln?
-Vielleicht zur Erde? ... Ach, es ist wahr, die Erde ist weit hinter uns
-geblieben, weit im Weltenraum; dorthin werden wir niemals zurückkehren,
-niemals! ...
-
-In meinem Kopfe klappert eine furchtbare Mühle; ich glaube, ich habe
-Fieber.
-
- Nach Sonnenuntergang in Schluchten zwischen
- Bergen.
-
-Ich habe mich doch vom Lager geschleppt. Martha sagte mir, ich solle
-mich niederlegen, aber was weiß sie! Ich hatte noch etwas zu tun oder zu
-schreiben -- ich weiß es nicht mehr, aber ich muß mich daran erinnern.
-Ich bin überzeugt, daß wir in der Dunkelheit versinken, wenn ich es
-nicht tun werde ... Aber was wollte ich tun? Warum ist es hier so
-dunkel? Irgendeine Bombe ist mir scheinbar im Kopf zerplatzt, muß
-zerplatzt sein, denn der Kopf dehnt sich mehr und mehr, schwillt an,
-wächst; ist jetzt so groß wie der Mond ... Wie unterhaltend das ist, daß
-wir auf dem Monde sind; aber vielleicht träume ich es nur? Denn wo in
-aller Welt kämen denn die Hunde her? Wo ist Woodbell? Es ist etwas mit
-ihm geschehen, aber ich weiß nicht was. Tomas hieß er mit Vornamen ...
-
-Jemand steht bei mir und sagt, daß ich mich hinlegen müsse, weil ich
-Fieber habe ... Ah, einerlei! Warum soll ich es nicht haben ... Ist es
-mir nicht erlaubt? ...
-
-Die Feder wird zentnerschwer, aber auch meine Finger sind wie Blei ...
-Ich weiß nicht, was das alles bedeutet -- ich höre nur zwei Stimmen
-neben mir -- ich kann nicht mehr ...
-
- Ende des ersten Teiles.
-
-
-
-
- Zweiter Teil
-
-
- Auf der andern Seite.
-
-
-
-
- I.
-
-
-Ich werde niemals den Eindruck vergessen, als ich nach der langen
-Krankheit, die mir das Bewußtsein geraubt hatte, gegen Ende jener
-entsetzlichen Reise durch die luft- und wasserlose Mondwüste die Augen
-wieder öffnete. Heute, wo ich das Niederschreiben unserer Erlebnisse auf
-diesem Globus wieder aufnehmen will, steht mir dieser Augenblick so
-lebhaft in der Erinnerung, als wenn kaum einige Stunden seitdem
-verflossen wären. Und dennoch, wenn ich die Mondtage zähle, sehe ich,
-daß auf der Erde bereits das elfte Jahr seit jener Zeit, da wir auf die
-Mondoberfläche gefallen sind, vorübergegangen ist und zehn Jahre, seit
-wir den Wagen verließen, in dem wir fast ein halbes Jahr eingeschlossen
-waren. Jetzt atmen wir längst wieder mit voller Brust, unter freiem
-Himmel, genau so wie auf der Erde, am Strande eines wirklichen Meeres,
-und blicken auf Wälder von Pflanzen, die uns seltsam und fremd
-erscheinen, aber ebenfalls grün und voll von eigenem Leben sind.
-Hundertvierunddreißigmal hat die Sonne vor unseren Augen diese Welt, an
-die wir uns fast schon gewöhnt haben, umkreist. Unser Haar beginnt zu
-ergrauen, und neben uns wächst das neue Geschlecht heran, ein Geschlecht
-von Menschen, die die Geschichte ihrer Vorväter, wie diese einst von der
-Erde hierhergelangten, von jenem fernen Stern, der in der Gestalt einer
-mächtigen leuchtenden Kugel vor ihnen am Horizont emporsteigen wird,
-wenn sie zu den Grenzen der luftlosen Wüste vordringen sollten, für eine
-Mythe halten werden. Ihnen wird dieses Himmelslicht eine selten
-gesehene, interessante Erscheinung am Himmelsdome sein, für uns ist es
-die Mutter, die wir für immer verlassen und verloren haben. Aber den
-einzigen und stärksten Faden, der uns noch mit ihr verbindet, konnten
-wir nicht zerreißen -- die bis zum letzten Atemzuge in uns lebende
-Sehnsucht.
-
-Es werden noch einige zehn oder mehr Mondtage vorübergehen, und wir
-werden alle sterben, die wir auf der Erde geboren sind. Das neue
-Geschlecht wird mein Tagebuch lesen und es wahrscheinlich lange Zeit
-hindurch für ein heiliges Buch halten, _Exodus_, bis hier ein »Kritiker«
-erscheint und unzweifelhaft nachweist, daß die Überlieferung von der
-Erdenherkunft des Menschen nur eine Phantasie grauer Zeiten ist.
-
-Ich denke daran wie an eine ganz natürliche Sache; erscheint mir doch
-schon vieles von dem, was ich selbst erlebt habe, nur noch wie ein
-phantastischer Traum. Vor allem hat die Krankheit, während der ich einen
-ganzen Mondtag hindurch ohne Bewußtsein daniederlag, in meinem Leben
-eine seltsame Unterbrechung geschaffen, so daß es mir zuerst schwer
-wurde, das, was vorher geschehen ist, mit dem zu verbinden, was ich sah
-und erlebte, als ich wieder zu mir kam, die Wirklichkeit von den
-Fieberträumen zu unterscheiden. Aber wahrhaftig, mein Erwachen war
-überaus seltsam.
-
-Ich öffnete die Augen und konnte absolut nicht verstehen, wo ich mich
-befand. Mich umsehend, gewahrte ich eine weit ausgedehnte Wiese, von
-Hügeln umgeben, die mit frischem üppigem Grün bedeckt waren. Und alles
-von einem eigenartigen Halblicht überflutet, den Dämmerungen auf der
-Erde ähnlich, wenn sich die Sonne am Horizont erhebt. Nur die kahlen
-Gipfel der hohen Berge glühten in vollem roten Lichte. Über ihnen wölbte
-sich der blaßblaue Himmel, mit einem leichten Nebelschleier überzogen.
-Ich schaute und schaute und konnte noch immer nichts begreifen. Da
-erblickte ich auf der Wiese zwei Menschen, die langsam gingen und sich
-jeden Augenblick bückten, als wenn sie etwas suchen wollten. Um sie
-herum sprangen zwei Hunde, fröhlich bellend.
-
-Ich glaubte zuerst, daß ich auf der Erde sei, in irgendeiner unbekannten
-Gegend, und ich dachte nach, wie ich wohl hierher gekommen, als ich mich
-plötzlich unserer Mondexpedition erinnerte und der langen Fahrt in dem
-geschlossenen Wagen durch die Mondwüsten. Ich blickte noch einmal rings
-umher, soweit ich dies tun konnte, ohne den Kopf zu erheben, der schwer
-war, als wenn er mit Blei angefüllt wäre. Wo ist der Wagen geblieben, wo
-sind diese grotesken Landschaften, die ich durch seine Fenster gesehen
-habe? Ich wollte die Menschen rufen, die sich in der Nähe befanden, aber
-plötzlich überfiel mich eine so starke Ermattung, daß ich keinen Laut
-hervorbringen konnte. Im übrigen begann ich anzunehmen, daß alle diese
-unerhörten Erlebnisse nur ein Traum waren. Ich sollte eine Expedition
-auf den Mond mitmachen und bin irgendwo auf einer Wiese eingeschlafen,
-wer weiß, wie lange ich schon geschlafen habe. Und es träumte mir nur,
-daß ich wirklich dorthin gelangte, daß ich mit furchtbaren
-Schwierigkeiten kämpfte, Kameraden verlor, dem Tode ausgesetzt war ...
-Das eine ist nur merkwürdig, daß ich diese Gegend nicht kenne.
-
-Eine unklare Erinnerung an eine schwere, überstandene Krankheit tauchte
-in meinem Gedächtnis auf. Ja, wahrscheinlich hatte ich Fieber, und in
-Fieberträumen wandelte ich auf dem Mond. Ah, wie gut, daß diese
-Phantasiegespinste vorüber sind. Ich fühlte eine wahre Erleichterung bei
-dem Gedanken, daß das alles nur ein Traum war, daß ich mich auf der Erde
-befinde und niemals gezwungen sein werde, sie zu verlassen. Es überkam
-mich ein wohliges, glückseliges Gefühl, nach einer Weile empfand ich,
-daß ich abermals zu träumen beginne.
-
-Als ich zum zweitenmal erwachte, bemerkte ich, daß über mein Lager
-gebeugt zwei Menschen standen, die vorher gesehenen Gestalten, und
-halblaut miteinander sprachen. Ich glaubte den leisen Ausruf zu hören:
-er schläft, worauf die zweite Stimme antwortete: er wird leben. Das
-wunderte mich sehr, aber ich wollte sie nicht merken lassen, daß ich
-wach war und nur unbeweglich dalag und begann sie unter den halb
-geschlossenen Lidern aufmerksam zu beobachten. Obwohl ich, wie es mir
-schien, ziemlich lange geschlafen, hatte sich die Beleuchtung der Gegend
-nicht geändert; es war mir daher schwer, in dem unsicheren Scheine die
-über mich geneigten Gesichter zu erkennen. Nach einiger Zeit, als meine
-Augen sich an dieses schwache Licht gewöhnt hatten, schienen mir diese
-Menschen bekannt zu sein, ich konnte mich nur nicht auf ihre Namen
-besinnen. Langsam wandte ich meinen Blick von ihnen zu den Bergen, die
-an der Grenze des Horizontes sichtbar waren und deren Gipfel immer
-gleich beleuchtet blieben, obwohl, wie ich bemerkte, der Schein von
-einer anderen Seite auf sie fiel.
-
-In diesem Augenblick sah ich etwas, das meine ganze Aufmerksamkeit in
-Anspruch nahm. Über der tiefen Einsattelung, zwischen zwei hohen Bergen,
-stand ein mächtiger grauweißer Reifen, zur Hälfte aus dem Horizont
-geneigt. Ich starrte ihn lange an, bis mir alles klar wurde: das war die
-Erde -- dort, am Himmel leuchtend!
-
-Das Bewußtsein, daß ich mich tatsächlich auf dem Mond befinde, kehrte in
-seiner ganzen Klarheit zurück und durchlief mich wie ein eisiger
-Schauer. Ich stieß einen Schrei aus und sprang vom Lager auf. Peter und
-Martha -- sie waren es, die ich vor einer Weile über mich gebeugt
-gesehen hatte -- kamen mit lebhafter Freude herbei, aber ich fühlte nur
-einen Schwindel und verlor abermals die Besinnung.
-
-Das war die letzte Ohnmacht im Verlauf meiner langen Krankheit; ich
-begann langsam gesund zu werden, obwohl noch über hundert Stunden
-verflossen, ehe ich es vermochte, mich zu erheben und allein wieder
-gehen zu können. Peter und Martha pflegten mich mit geradezu rührender
-Fürsorge, und ich, noch zu schwach, um zu fragen und zu sprechen, dachte
-nur darüber nach, was um mich vorging, und was sich alles zugetragen
-hatte. Ich wußte nun, daß wir während meiner Krankheit das so ersehnte
-Land, wo es Luft und Pflanzen gab, erreichten, aber daß dies auf ganz
-natürliche Weise geschehen sei, konnte ich mir noch lange Zeit hindurch
-nicht klar machen. Es fiel mir nämlich schwer, daran zu glauben, daß ich
-einen vollen Erdenmonat bewußtlos gelegen, und der Wagen, sich indessen
-immer nach Norden bewegend, endlich zum Pole gelangte, der noch einige
-hundert Kilometer von uns entfernt war, als mich das Fieber aufs Lager
-geworfen hatte.
-
-Wir befanden uns also auf dem Nordpol des Mondes. Ein seltsames Land!
-Ein Land, zugleich des ewigen Lichtes und der Dämmerung, wo es keine
-Himmelsrichtungen gibt, weder Osten noch Westen, nicht Süden, nicht
-Norden. Die Mondachse steht fast senkrecht zur Erdbahn, daher sinkt die
-Sonne hier nicht unter den Horizont, noch erhebt sie sich am Himmel,
-sondern scheint sich nur in alle Ewigkeit am Horizont hinzuschleppen.
-Besteigt man einen Berg, deren es mehrere in der Nähe gibt, erscheint
-diese Sonne wie eine rote feurige Kugel, die sich träge direkt am
-Horizont bewegt. Die Gipfel der Berge leuchten ewig im rosigen Lichte,
-das stets von einer anderen Seite auf sie fällt; seitdem die Welt
-besteht, gibt es für diese Berge keine Nacht. Aber dafür haben die
-grünen Täler zu ihren Füßen niemals die Sonne gesehen. Sie liegen im
-Schatten dieser Berge, in immer gleicher, zarter Dämmerung. Ihr frisches
-dunkles Grün sieht nur den Abglanz der kahlen, von der Sonne geröteten
-Gipfel, die einem mächtigen Kranze blasser Rosen ähnlich sind. Nur
-selten, während einiger Erdenmonate, blitzt die Sonne, infolge der
-Libration des Mondes etwas über dem Horizont erhoben, in irgendeinem
-tiefen Felsenspalt mit einem flammend roten Antlitz auf und steht so
-einen Augenblick im Tor der Berge, wie ein in gleißendes Gold gehüllter
-Cherub. Dann ergießt sich ein mächtiger Lichtstrom durch die Klamm,
-fällt in Kaskaden von den Felsen herab und malt auf der dämmerigen Wiese
-einen breiten goldroten Streifen. Einige Stunden gehen vorüber, die
-Sonne versteckt sich hinter den Bergen, und wiederum überflutet ein
-sanftes Dämmern das stille Tal. Manchmal nur wird diese Dämmerung von
-der der Sonne entgegengesetzten Seite her durch ein seltsames,
-schwaches, einem breiten, schillernden Regenbogen ähnlichen Leuchten
-unterbrochen -- das ist die Morgenröte auf dem Mondpol. Sie verhält sich
-zu derjenigen auf der Erde wie ein Traum zur Wirklichkeit; wie ein
-Traum, der schön und rein und traurig ist.
-
-Es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem schwachen Licht der Polarländer
-des Mondes. Ich erinnere mich, daß ich bei ihrem Anblick die Empfindung
-hatte, als wenn ich mich im Traume auf einem elysäischen Zaubergefilde
-befände. Leichte Nebelschleier irren dort wie Geister über die Erde;
-kein Laut unterbricht die tiefe, unheimliche Stille. Ein immerwährender,
-herrlicher, wenn auch kühler Frühling herrscht in diesem Lande, das wir
-schon über ein halbes Jahr bewohnen und während dieser Zeit hat sich der
-blaßblaue Himmel nur einmal mit Wolken überzogen. Es regnet fast niemals
-und infolgedessen gibt es auch kein Wasser, keine Quellen, keine Bäche.
-Die Luft ist jedoch so mit Wasserdampf angefüllt, daß diese Feuchtigkeit
-für die Entwicklung der Pflanzen vollständig genügt. Unsere Gräser,
-Bäume und Blumen würden hier wahrscheinlich vertrocknen, aber diese
-Länder am Mondpol haben eine besondere, den Verhältnissen angepaßte
-Flora ...
-
-Die hiesigen Wiesen bestehen aus saftigen Pflanzen, die dem Moose auf
-der Erde ähnlich sind und wie jenes die Eigenschaft haben, die
-Feuchtigkeit der Luft aufzusaugen, nur in weit erhöhtem Maße. Sie nehmen
-so viel Wasser in sich auf, daß wir durch Ausdrücken der Pflanzen die
-zum Leben nötige Quantität dieser Flüssigkeit erhalten. Das Getränk
-gewinnen wir also auf bequeme Weise, aber mit dem Essen ist es schon
-schwieriger. Wir fanden zwar einige Gattungen saftiger, dafür
-verwendbarer Pflanzen und eine reichliche Anzahl eigenartiger Lebewesen,
-die großen Schnecken ohne Schalen ähneln, doch hatten wir nichts, uns
-eine Nahrung daraus zu bereiten. Unser von der Erde mitgenommener Vorrat
-an Brennmaterial war bald erschöpft und in der ganzen weiten Gegend
-nichts zu sehen, womit wir es hätten ersetzen können. Sogar die
-dickeren, verholzten Moosstengel waren so mit Feuchtigkeit gesättigt,
-daß wir sie unmöglich zum Feuermachen verwenden konnten und an ihr
-Austrocknen in dieser Dampfbad-Atmosphäre war gar nicht zu denken. Der
-Torf, den wir in großen Mengen vorfanden, triefte ebenfalls von Wasser,
-wenn man ihn nur in der Hand zusammendrückte.
-
-Ich war schon kräftiger und konnte das in aller Eile hergestellte Zelt
-verlassen, um auf der Ebene spazieren zu gehen, als wir durch diesen
-vollständigen Mangel an Brennmaterial bedroht wurden. Wir pflogen
-diesbezüglich große Beratungen und machten verschiedene vergebliche
-Versuche zur Abhilfe. Peter kam mit dem Vorschlag, man solle die
-stärkeren, zerspaltenen Zweige und den ausgepreßten Torf auf die Berge
-tragen, da er hoffte, daß sie dort in der Sonne leichter trocknen
-würden, wie in diesem immer gleich dämmerigen Tale. Aber auch auf den
-Höhen war die Wärme der Sonnenstrahlen zu schwach. Nach kurzer Zeit nahm
-der ausgepreßte Torf durch die Dämpfe der Luft von neuem so viel
-Feuchtigkeit auf, daß die Arbeit sich als vergeblich erwies.
-
-Wir opferten also alles, was wir von den mitgebrachten Holzgegenständen
-irgend entbehren konnten und schürten damit ein letztes großes Feuer an,
-um das in der Gegend gesammelte Brennmaterial auszutrocknen. Wäre uns
-das gelungen, konnten wir ein stetes Feuer unterhalten, das immer mit
-neuem, durch sich selbst ausgetrockneten Brennmaterial versorgt wurde.
-Aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Wir erhielten, nachdem
-wir alles verbrannt hatten, kaum eine kleine Handvoll trockener Äste und
-Torf. Es zeigte sich, daß zum Austrocknen einer gewissen Menge von
-Brennmaterial das Dreifache nötig gewesen wäre. Unser »ewiges Feuer«
-erlosch nach einigen Stunden ... Wir hatten nur den Vorteil davon, daß
-wir die Maschine in Bewegung setzten, die die Akkumulatoren des Wagens
-lud.
-
-So hieß es also ohne Feuer auszukommen! Die von Wasserdampf
-durchtränkte, immer gleichmäßig temperierte Luft bewahrte aufs
-glänzendste die spärliche Sonnenwärme, so daß uns die Kühle nichts
-anhaben konnte. Doch fiel es uns sehr schwer uns an die Rohkost zu
-gewöhnen. Die Reste der Vorräte an künstlichen, für die Verdauung
-entsprechend zubereiteten Eiweiß- und Zuckerpräparaten hoben wir für den
-Fall, bei der weiten Reise in eine Gegend zu kommen, die uns gar keine
-Nahrung liefern sollte, sorgfältig auf. Wir ließen nämlich die Absicht
-niemals fallen, noch weiter nach der Mitte der von der Erde abgekehrten
-Halbkugel des Mondes vorzudringen. Jedoch hielten uns drei Gründe von
-der Ausführung dieses Planes zurück: vor allem war ich nach der
-überstandenen Krankheit noch zu schwach, um die Beschwerden der Reise
-ertragen zu können, und auch Martha, die in Kürze der Geburt des Kindes
-entgegensah, durfte sich keinen Gefahren aussetzen. Schließlich gesellte
-sich noch, infolge des Mangels an Brennmaterial, die Angst vor den
-langen, kalten Nächten hinzu, die über uns hereinbrechen würden, sobald
-wir uns nur von dem Pol, dem Land des ewig gleichmäßig fahlen Lichtes,
-entfernten.
-
-Trotz aller Entbehrungen und Befürchtungen sind die auf dem Pol
-verbrachten Monate die einzigen schönen Erinnerungen meines Lebens auf
-dem Monde. Das Zelt, das wir von der Erde mitnahmen, stellten wir genau
-am Polpunkt auf, so daß wir die Konstellation des Drachen, wo der
-Polarstern des Mondes leuchtet, direkt über uns hatten. Diesen Stern,
-der uns lange als Wegweiser diente, sahen wir nur einmal, während der
-Sonnenfinsternis, am Zenit, als wir die weitere Reise antreten wollten.
-Die Sterne, die auf der luftlosen Wüste Tag und Nacht sichtbar sind,
-zeigen sich hier niemals, ausgenommen wenn die Sonne hinter der
-Erdscheibe untergeht und diese Länder der ewigen Dämmerung in kurze
-Nacht versinken.
-
-Das Zelt benützten wir nur noch zum Schlafen. Unsere Hauptzeit
-verbrachten wir unter freiem Himmel und berauschten uns an der
-Landschaft, die, obwohl sie uns schon vertraut geworden, ihren
-eigenartig ergreifenden Reiz nicht für uns verloren hat. Alles ist so
-seltsam harmonisch auf einen gleichmäßig ruhigen Ton gestimmt: grüne und
-rosige Berge unter blauem Himmel und diese frische, kühle, mit dem
-balsamischen Duft der Pflanzen durchtränkte Luft! In unsere Seelen zog
-ein tiefer Frieden ein ... Warme Herzlichkeit herrschte in unserm
-kleinen Kreise. Alle Kränkungen, Leidenschaften, Bitterkeiten und
-Mißverständnisse lagen weit hinter uns, wie jene furchtbaren Wüsten, die
-wir durcheilen mußten und die uns noch in der Erinnerung mit Schaudern
-erfüllten.
-
-Die Zeit floß unmerklich dahin, während wir uns ganze Stunden lang von
-der Erde unterhielten, deren Segment sich nur noch manchmal zur Zeit des
-Vollseins in Gestalt einer grauweißen Wolke über dem Horizont zeigte;
-dann von den teuren Kameraden, die in den stillen Gräbern der Wüsten
-schliefen, dann wiederum von der unbekannten Zukunft, die unserer
-wartete. Wir sprachen von dem Kinde, das zur Welt kommen sollte, von
-Ländern, die wir sehen würden, von allem, mit Ausnahme einer einzigen
-Sache ... Wir berührten niemals wieder die Frage, wem von uns nun in
-Zukunft Martha gehören solle. Es klingt seltsam, aber ich glaube
-wirklich, daß wir in jener Zeit nicht einmal daran dachten. Wenigstens
-dachte ich nicht daran. Heute, nach Jahren, kann ich es mir eingestehen
-... ich liebte diese Frau, ich liebte sie mehr, als ich es heute
-auszudrücken fähig bin, aber diese Liebe war seltsam ...
-
-Wenn ich sie ansah, ihr liebliches, so schmal gewordenes Gesicht, das
-immer ein träumerisches Lächeln umspielte, ihre zarten weißen Hände, die
-stets mit irgendeiner Arbeit beschäftigt waren, schien sie mir jener
-Martha, die ich einst kannte, so unähnlich zu sein, und ich fühlte eine
-ganze Welt von Zärtlichkeit für dieses so sanfte, gute und
-bedauernswerte Wesen. Wie gern hätte ich oftmals mit der Hand ihr Haar
-berührt und ihr gesagt, daß ich bereit sei, alles für sie zu tun und zu
-opfern, auf alle eigenen Wünsche zu verzichten, damit nur sie ein wenig
-glücklich wäre -- aus Dankbarkeit, daß ich sie sehen darf.
-
-Auf der Erde würde man über eine solche Liebe lachen; wenn ich heute
-daran zurückdenke, bin ich nur unsagbar traurig, denn ich weiß, daß ich
-nichts für sie zu tun vermochte, obwohl ich das größte Opfer gebracht
-habe, das ein Mensch zu bringen imstande ist.
-
-Und sicherlich, wenn ich lebe, so habe ich es nur ihr zu verdanken. Als
-mich damals das Fieber befiel, hat mir nur ihre Pflege die Gesundheit
-wiedergegeben, und auch heute hält mich allein der Gedanke an sie
-aufrecht. Dieser Gedanke ist schmerzvoll, aber dort auf dem Pol ahnte
-ich noch nicht, wie sich alles gestalten würde, und daher sagte ich mit
-Recht, daß das die glücklichste Zeit meines Lebens auf dem Monde war.
-Ich hatte Martha stets um mich. Während meiner Krankheit wachte sie über
-mir; als ich wieder gesund war, machten wir zusammen Ausflüge in das Tal
-und suchten Schnecken zu Mittag oder sammelten duftende Kräuter, mit
-denen sie dann das Innere des Zeltes schmückte.
-
-Als ich wieder zu Kräften gekommen war, erkletterte ich mit Peter die
-Berge, um die Sonne zu sehen und den mächtigen blassen Reifen der Erde
-am Horizont, und mit neugierigem Auge auf unbekannte und geheimnisvolle
-Länder zu schauen, die noch kein menschlicher Blick erreichte, und zu
-denen wir vordringen wollten. Martha blieb dann im Zelte zurück; sie
-durfte sich um diese Zeit derartige Anstrengungen nicht mehr zumuten.
-
-Bei einem solchen Ausfluge zeigte mir Peter vom Berge aus den Weg, auf
-dem wir in dieses Tal gekommen waren, und erzählte mir von all den
-Schwierigkeiten, mit denen er in diesem bergigen Lande zu kämpfen hatte,
-in eine undurchdringliche Nacht gehüllt, mit mir, dem schwer Kranken,
-und mit Martha, die noch von dem Schmerze über den Verlust des Geliebten
-halb von Sinnen war.
-
--- Ich mußte alles allein machen, sagte er, und es gab Stunden, wo mich
-die Verzweiflung packte. Einige Male verlor ich den Weg in den Felsen
-oder mußte zurückfahren, weil ich in eine Klamm ohne Ausgang geraten
-war. Oft dachte ich, daß wir nicht lebend ans Ziel kämen. In solchen
-Momenten erfüllte mich der Anblick des Barometers, der sich stetig hob,
-mit neuer Zuversicht. Aber einer sicheren Hoffnung gab ich erst Raum,
-nachdem wir die Ebene hinter dem _Gioja_ erreicht hatten. Die Astronomen
-der Erde ahnten, als sie jenen Berg mit diesem Namen belegten, gewiß
-nicht, daß er für uns eine wörtliche Bedeutung haben würde, daß uns nach
-den unermeßlichen Mühen und Qualen hier tatsächlich endlich die _Freude_
-lächeln sollte ...
-
-Die Nacht hatte sich hier schon erhellt. Wir waren dem Pol so nahe, daß
-das in der ziemlich dichten Atmosphäre zerstreute Licht der Sonne, die
-nicht tief unter dem Horizont verborgen lag, eine Art grauer Dämmerung
-hervorbrachte, bei der man die Gegenstände unterscheiden konnte. Dort
-wagte ich es auch zum erstenmal, den Wagen ohne Luftbehälter zu
-verlassen. Im selben Augenblick befiel mich ein Schwindel; die
-Atmosphäre war noch dünn, und ich mußte kräftig mit der Brust arbeiten,
-um atmen zu können; aber ich werde niemals das Gefühl vergessen, als ich
-zum ersten Male Mondluft schöpfte.
-
-Er erzählte mir dann weiter, welche ungeheuren Mühen er beim
-Durchdringen der letzten Gebirgskette bestehen mußte, die die Ebene
-unter dem _Gioja_ vom Polarlande trennte. Auf die Hilfe Marthas konnte
-er nicht rechnen, vor allem weil ich, zwischen Leben und Tod schwebend,
-unaufhörlich ihrer Pflege bedurfte; er mußte daher bei dem schwachen
-Lichte den Wagen allein auf dem steilen Abhang führen, der mit
-verwitterten Steinen übersät war.
-
-Ungefähr achtzig Stunden nach Mitternacht war er auf der Einsattelung
-angelangt. Von dort aus sah er das Polarland schon vor sich liegen.
-
--- Es schien mir, sagte er, daß ich die »versprochene Erde« sehe; vor
-meinen Blicken, die nur noch an wilde Felsen und Wüsten gewöhnt waren,
-breitete sich diese mächtige grüne Ebene aus ... Die Freude hielt mir
-fast den Atem in der Brust zurück, und Tränen stürzten mir aus den
-Augen. Durch Freudentränen schaute ich auf die dämmerigen Wiesen und auf
-die rote Sonne, die von meiner Höhe aus über ihnen sichtbar war, obwohl
-noch sehr viel an der Zeit fehlte, bis sie auf diesem Meridian aufgehen
-mußte.
-
-Als er das sagte, wandten wir uns unwillkürlich der Sonne zu. Sie stand
-am Horizont in der Himmelsrichtung, die für uns bis jetzt Norden war und
-von nun ab Süden werden sollte. Auf der der Erde abgekehrten Halbkugel
-des Mondes war es Tag.
-
-Da packte mich zum erstenmal der unbezwingliche Wunsch, diese
-geheimnisvollen Länder, über denen gerade die Sonne stand, kennen zu
-lernen. Nach unserer Rückkehr von dem Berge dachte ich nur noch daran
-und begann im Zelte sogleich die Pläne der weiteren Fahrt
-zurechtzulegen.
-
-Peter war ebenfalls der Meinung, daß man nach Süden, zur Mitte der
-unbekannten Halbkugel vordringen müsse.
-
--- Hier haben wir es gut, sagte er, und wir könnten hier schließlich das
-ganze Leben verbringen, aber leben könnten wir noch ruhiger auf der
-Erde. Wir sind auf den Mond gekommen, um seine Geheimnisse zu
-erforschen!
-
-So wurde also die neue Expedition im Prinzip beschlossen. Im Augenblick
-hielt uns nur die Rücksicht auf Martha zurück. Auf den Zeitpunkt
-wartend, da es möglich sein würde, die Reise fortzusetzen, trafen wir
-unsere Vorbereitungen und sammelten Vorräte.
-
-Vor allem haben wir den Wagen genau geprüft und Veränderungen
-vorgenommen. Es hätte keinen Zweck gehabt, eine so schwere Maschine mit
-uns zu führen. Wir wollten zunächst seine obere Hälfte abnehmen, wodurch
-er einem tiefen Boote auf Rädern ähnlich geworden wäre. Aber der
-Gedanke, daß wir in Gegenden mit kalten Nächten geraten könnten, wo uns
-der dicht geschlossene und geheizte Wagen unentbehrlich sein würde,
-hielt uns davon zurück. Wir entfernten infolgedessen nur den ganzen
-hinteren Teil, der sich abschrauben ließ und bis dahin unsere Magazine
-enthielt. Zum Verschließen der so entstandenen Öffnung hatten wir eine
-Aluminiumplatte, die vorher den Verschluß der Magazine von innen her
-bildete. Außerdem beseitigten wir alle Metallteile, die zur Verstärkung
-der Wände dienten und jetzt unnötig waren. Den einst den unglücklichen
-Brüdern Remogner genommenen Motor haben wir, soweit es ging,
-ausgebessert und im Wagen aufgestellt, falls der unsrige beschädigt
-werden sollte.
-
-Alle diese Vorbereitungen wie die Fertigstellung der Nahrungs- und
-Wasservorräte, die wir mühsam aus dem Moos auspressen mußten, nahmen
-mehr als drei Monate in Anspruch. Schließlich war alles zur Weiterreise
-bereit.
-
-Das fünftemal schon stand die Erde seit unsrer Ankunft auf der
-Polarebene voll am Firmament, als ich, von einem weiteren Ausflug
-zurückkehrend, im Zelte das Schreien eines Kindes vernahm. Kein Laut ist
-mir im Leben so zu Herzen gegangen wie dieses schwache Stimmchen!
-Gehörte es doch jenem winzigen kleinen Wesen, das unsern Kreis zu
-vergrößern und unsere Einsamkeit freudiger zu gestalten kam. Als ich es
-hörte, warf ich die Bündel mit dem gesammelten Eßmoos hin und stürzte in
-das Zelt. Da lag Martha blaß und erschöpft, aber vor Freude strahlend.
-Sie schien sogar meine Ankunft nicht bemerkt zu haben. Ihre ganze
-Aufmerksamkeit galt dem kleinen Geschöpf, das in weiße Tücher gewickelt
-war und aus Leibeskräften schrie. Sie drückte es mit wahrer Leidenschaft
-an sich und flüsterte fortwährend: Mein Tom, mein Tom, mein schöner,
-lieber Sohn! Dabei lächelte sie glückselig durch ihre Tränen. Neben ihr
-am Lager schwänzelten beide Hunde und streckten die neugierigen
-Schnauzen aus, um den ihnen unbekannten kleinen Schreier zu
-beschnuppern.
-
-Ich sah mich nach Peter um und war erstaunt über seine finstere Miene.
-Er saß in einer Ecke des Zeltes in tiefes Nachdenken versunken, ohne auf
-Martha zu achten, aber ich dachte im Augenblick nicht weiter darüber
-nach. Ich lief zu ihr und wollte ihr sagen, wie ich mich über ihr Kind
-freue, wie ich sie segne für dieses Geschenk des Lebens, aber ich konnte
-kein Wort hervorbringen.
-
-Ich ergriff nur ihre zarte, magere Hand und stammelte etwas
-Unverständliches. Sie blickte mich an, als wenn sie mich jetzt erst
-bemerkt hätte. Ich empfand ein Stechen im Herzen, denn ihr Blick sagte
-mir, daß ich ihr so gleichgültig bin, wie nur ein Mensch dem andern sein
-kann. Eine große Traurigkeit erfaßte mich und sie bemerkte dies
-scheinbar, denn sie lächelte mir zu, als wenn sie die mir unabsichtlich
-zugefügte Kränkung wieder gut machen wollte, und sagte, auf das Kind
-zeigend:
-
--- Sieh, Tomas ist zurückgekehrt, mein Tomas ...
-
-Da verstand ich, daß keiner von uns jemals einen Platz im Herzen dieser
-Frau einnehmen konnte, denn es wird immer nur diesem Kinde gehören, in
-dem sie nicht nur ihr eigenes Fleisch und Blut, sondern die Seele des
-Verstorbenen liebt.
-
-Schweigend machte ich mich an die Zubereitung der Nahrung für Martha.
-Peter ging mit mir aus dem Zelte.
-
--- Was denkst du von alledem? fragte er mich, als wir draußen waren.
-
-Ich wußte zunächst nicht, was ich antworten sollte.
-
--- Nun ja, Woodbells Sohn ist zur Welt gekommen ... murmelte ich nach
-einer Weile.
-
--- Ja, ja, Woodbells Sohn, wiederholte Peter und verstummte.
-
-Ich wollte nicht weiter fragen, ich wußte, woran er dachte. Wie aus
-Furcht das zu berühren, was alle unsere Gedanken beschäftigte, sprachen
-wir von jetzt ab fast ausschließlich von der bevorstehenden Reise.
-Martha kam schnell zu Kräften, die Gesundheit des kleinen Tom weckte
-keine Besorgnisse, so beschlossen wir also, vor dem nächsten ersten
-Viertel der Erde die Fahrt anzutreten. Das war die beste Zeit, da auf
-dem mittleren Meridian, der entgegengesetzten Halbkugel des Mondes, dem
-entlang wir uns dem Äquator zu bewegen wollten, gerade mit dem ersten
-Viertel der Tag beginnt. Wir würden demnach zwei Erdenwochen hindurch
-Licht vor uns haben und könnten, falls wir keine günstigen Bedingungen
-vorfinden sollten, vor Einbruch der Nacht zum Polarland zurückkehren.
-
-Indessen verblaßte zwei Wochen nach Toms Geburt die Erde, und währenddem
-hatten wir Sonnenfinsternis, die zweite, die wir auf dem Monde sehen
-sollten.
-
-Der ersten, dort auf der Wüste, während wir, von der Angst vor dem uns
-drohenden Erstickungstode gefoltert, dahinjagten, hatten wir gar keine
-Aufmerksamkeit zugewendet. Jetzt wollten wir die Gelegenheit besser
-wahrnehmen. Wir packten daher die astronomischen Instrumente in einen
-kleinen, von den Hunden gezogenen Wagen und erstiegen einen Hügel, der
-dem Pol am nächsten gelegen war, von wo man die Erde und die Sonne sehen
-konnte.
-
-Das Schauspiel war erhaben, aber die Forschungsversuche blieben
-resultatlos. Der niedrige Stand der Erde über dem Horizont, bei einer
-mit Wasserdampf gesättigten Atmosphäre, ließ keine genauen Messungen zu
-und störte die Beobachtungen derartig, daß wir einige Minuten nach
-Untergang der Sonne hinter die Erdscheibe die astronomischen Instrumente
-hinwarfen, um mit bloßem Auge das Zauberspiel des Lichtes am Horizont zu
-bewundern. Die Erde leuchtete auf dem blutiggoldenen Hintergrunde der
-Morgenröte in Gestalt eines mächtigen schwarzen Halbkreises, von dem
-dunkel erglühenden, mit Sternen übersäten Himmel umgeben. Ein Anblick,
-als wenn am nächtlichen Firmament eine riesige Feuersbrunst flammte oder
-jenes flackernde Polarlicht, das auf der Erde in der Nähe der Pole
-glüht, plötzlich hierherversetzt, erstarrt und, sich vor unsern Blicken
-ins Ungeheure dehnend, erloschen wäre.
-
-Gerade jetzt steht mir die Erinnerung daran so lebhaft vor Augen. Es
-schien mir damals, als wenn sich mir der verkohlte Leichnam der Erde im
-Feuer zeigte, es war darin etwas Furchtbares und seltsam Erschütterndes.
-Heute noch, wenn ich an die Erde denke, erscheint sie mir oft in dieser
-entsetzlichen schwarzen Gestalt, wie ich sie damals gesehen habe, und
-dann muß ich meine ganze Vorstellungskraft anstrengen, um sie mir als
-eine silberne, leuchtende Scheibe zu denken.
-
-Ich konnte diesen über allen Ausdruck erhabenen, aber schmerzlichen
-Anblick nicht lange ertragen und wandte den Blick zu den Sternen, die
-ich seit einigen Monaten nicht gesehen hatte. Sie leuchteten alle über
-mir, scharf glitzernd, wie manchmal bei uns auf der Erde in klaren
-Winternächten. Ich blickte mit heißem Verlangen auf sie, wie auf gute
-alte Bekannte; ich suchte mir seit den Kinderjahren bekannte
-Konstellationen auf und frug sie in Gedanken, was es dort auf meinem
-heimatlichen Globus, der jetzt wie Schlacken auf einer flammenden
-Feuersbrunst vor mir lag, wohl Neues zu hören gäbe.
-
-Plötzlich bemerkte ich, daß die Sterne verblaßten; ich rieb mir die
-Augen, weil ich glaubte, die Tränen, die diese Erinnerung mir entlockte,
-verschleierten mir den Blick. Aber nein, es war keine Täuschung: die
-Sterne wurden immer schwächer und schwächer. Auch Peter bemerkte es, und
-wir beunruhigten uns, da wir für diese Erscheinung keine Erklärung
-fanden. Die Sterne verschwanden gänzlich, ja sogar die Morgenröte wurde
-in der Richtung, in der die Sonne hinter der Erde unterging, immer
-undeutlicher und wie verwischt. Einige Minuten später hüllte uns eine
-sternenlose Nacht ein; nur in südlicher Richtung war noch ein leichter
-roter Schein am Himmel zu erkennen. Da plötzlich fühlten wir einen
-starken Windstoß, etwas in dieser Gegend für uns vollständig Neues. Vor
-Schreck und Staunen wagten wir nicht, uns von der Stelle zu rühren.
-
-Endlich wich die Finsternis, und die Sonne schaute hinter der Erdkugel
-hervor. Wir schlossen wenigstens nach dem wiederkehrenden Tage darauf,
-denn wir konnten trotz der Helligkeit weder die Sonne noch die Gegend
-erkennen. Alles versank in einem dichten milchweißen Nebelschleier ...
-
-Jetzt erst verstanden wir diesen Vorgang. In dem Polarlande fällt weder
-Regen noch bilden sich Wolken, weil die Luft immer gleichmäßig erwärmt
-ist; es fehlt also die Anregung für das Ausscheiden des Wasserdampfes.
-
-Dies gilt sozusagen unter gewöhnlichen Bedingungen, aber heute fiel
-während der Finsternis plötzlich die Temperatur, wodurch sich der Wind
-erhob und der Wasserdampf sich in kälterer Luft zu Nebel verdichtete.
-
-Diese natürliche Erklärung der erstaunlichen Erscheinung beruhigte uns
-zwar, jedoch wurde unsere Lage dadurch nicht besser. Eine empfindliche
-Kälte schüttelte uns, und in dieser Dämmerung war es unmöglich, den Weg
-ins Tal zu entdecken, wo das Zelt stand. Dazu quälte mich der Gedanke an
-Martha. Aber es blieb nichts übrig, wir mußten uns setzen und besseres
-Licht abwarten ....
-
-Bald begann sich denn auch der Nebel zu heben. In nicht ganz einer
-halben Stunde öffnete sich der Blick auf das Tal; nur noch die Gipfel
-höherer Berge waren in Wolken getaucht, die mit jedem Augenblick dichter
-wurden. Es war ohne Zweifel Regen in Aussicht und wir begannen in
-größter Eile den Abstieg vom Hügel. Ehe wir jedoch den Weg nur zur
-Hälfte zurückgelegt hatten, blitzte es über uns auf und fast
-gleichzeitig sauste mit dem dumpfen Echo eines Donners eine wahre
-Sündflut auf uns nieder. In einigen Sekunden waren wir vollständig
-durchnäßt. Durch den niederströmenden dichten Regen konnte man absolut
-nichts sehen; die Blitze und Donner setzten nicht einen Augenblick aus.
-
-So ging es ungefähr zwei Stunden lang, während deren wir uns,
-durchkältet und durchnäßt, mit den Hunden unter den Vorsprung eines
-Felsens, der uns übrigens nur einen sehr schwachen Schutz gewährte,
-flüchteten. Als der Regen aufhörte, wollten wir sofort den Rückweg
-antreten, aber kaum hatten wir das schützende Felsdach verlassen, als
-sich uns ein Anblick darbot, der uns das Blut in den Adern gerinnen
-ließ. An Stelle der grünen Mulde lag ein breiter See zu unseren Füßen.
-
-Mein erster Gedanke war: Was ist aus Martha und dem Kinde geworden? Die
-Stelle, wo das Zelt stand, muß überschwemmt sein. Ich stürzte zum See,
-ohne auf Peter zu achten, der mich zurückhalten wollte. Als ich das
-Wasser erreicht hatte, versuchte ich, hindurchzuwaten; zunächst war es
-nicht tief, aber bald ging es mir bis an die Hüften. Einen Augenblick
-zögerte ich, ob ich weiterwaten oder umkehren sollte, indessen war Peter
-hinter mir ins Wasser gesprungen, packte mich mit aller Kraft und zwang
-mich, an das Ufer zurückzukehren.
-
-Meine Situation war fürchterlich. Eine wahnsinnige Angst um Martha trieb
-mir den Schweiß auf die Stirne, und doch mußte ich Peter recht geben,
-daß ich mein Leben riskierte, ohne ihr damit zu helfen.
-
--- Wenn Martha die Überschwemmung rechtzeitig bemerkt hat, sagte er, und
-sich auf dem Hügel in Sicherheit brachte, ist unsere Hilfe
-augenblicklich nicht nötig; es ist Zeit genug, sie zu suchen, wenn das
-Wasser gefallen ist. Hat sie indessen die Flucht nicht mehr ergreifen
-können, so kommen wir, ob jetzt oder in einigen Stunden, auf alle Fälle
-zu spät.
-
-Er sagte das ganz ruhig, sogar mit einer gewissen Grausamkeit, die mich
-schaudern machte. Ich sah ihm in die Augen, und ich glaubte den
-furchtbaren Gedanken darin zu lesen: »Lieber soll sie zugrunde gehen,
-als jemals dein sein!« ...
-
--- Ich werde ihr zu Hilfe eilen, trotz alledem! rief ich.
-
--- Geh, antwortete er und setzte sich gleichgültig ans Ufer.
-
-Ich wollte wirklich gehen, aber das war leichter gesagt als getan. Und
-übrigens -- wohin sollte ich gehen? Auf die Mitte dieses Sees? Sie unter
-dem Wasser suchen?
-
-Ich setzte mich neben Peter, wütend und verzweifelt, und starrte ratlos
-ins Wasser. Auf seiner Oberfläche schwammen hier und da abgerissene
-Moosstengel, im übrigen war es ruhig und glatt, von keinem Windstoß
-getrübt. Ich dachte eben darüber nach, wie in so kurzer Zeit so
-unendlich viel Wasser aus der Atmosphäre herabfließen konnte und wie
-lange Stunden vergehen würden, ehe dieses Meer austrocknet und wir die
-Leichen Marthas und des Kindes finden (ich zweifelte gar nicht mehr
-daran, daß sie umgekommen waren), als ich plötzlich bemerkte, daß die
-Moosstengelchen alle ziemlich schnell in einer Richtung flossen, also
-anscheinend vom Strom getragen wurden, ein Zeichen, daß das Wasser
-irgendwo einen Ausgang aus der Mulde gefunden hatte. Diese Beobachtung
-beruhigte mich unendlich, da sie mich hoffen ließ, daß wir auf das
-Fallen des Wassers nicht allzu lange würden warten müssen. Um mich von
-der Richtigkeit dieser Annahme zu überzeugen, ging ich das Ufer entlang,
-den anscheinenden Lauf der Strömung verfolgend.
-
-Nachdem ich einige Kilometer gegangen war, kam ich an eine Art Bach, den
-ich durchwatete. Ich war von dem Vorhandensein eines Abflusses hinter
-diesem Bach überzeugt, da ich auf der Oberfläche erhabenere Stellen sah,
-die aus der Flut wie flache grüne Inselchen hervortauchten.
-
-Dies alles bot einen schönen, äußerst interessanten Anblick, vor allem,
-daß sich in der glatten Scheibe des Wassers, inmitten der grünen Inseln,
-die am Ufer gelegenen kahlen Berge, die bereits wieder von der Sonne
-rosa beleuchtet waren, spiegelten. Aber ich achtete nicht im geringsten
-auf diese Landschaft, weil mich nur ein einziger Gedanke beschäftigte:
-Martha. Ich fühlte wohl damals zum erstenmal, wie unendlich teuer mir
-diese Frau war, und was ich durch ihren Tod verlieren würde ... Ich
-konnte diesen Gedanken auch gar nicht fassen und obwohl ich keine Ahnung
-hatte, auf welche Weise sie sich hätte retten können, fühlte ich im
-tiefsten Herzen den Rest einer unbegreiflichen Hoffnung, daß sie leben
-müsse und eilte immer schneller vorwärts, als wenn ihre Rettung davon
-abhinge, daß ich so bald als möglich den Abfluß dieses Wasser erreichte.
-Aber ich war zu aufgeregt, um logisch denken zu können. Nur eines fühlte
-ich klar, daß ohne dieses Weib, das nicht mir gehörte und ohne dieses
-Kind, das ebenfalls nicht mein war, mein Leben wert- und ziellos vor mir
-lag. Ich schwor in meinem Innern, sie niemals für mich zu verlangen,
-wenn ich sie dadurch retten könnte ... Wer weiß, ob das Schicksal nicht
-manchmal die stillen Gelöbnisse des Menschen hört ...
-
-Zwölf Stunden waren schon vergangen seit ich Peter verlassen hatte, als
-mich ein brausender Fluß am Weitergehen hinderte. Durch eine breite
-Klamm, die, von uns bis jetzt unbemerkt, ein Tor der Polarmulde gegen
-die unbekannte Seite der Mondkugel bildete, ergossen sich diese
-Wassermassen. Ermattet und hungrig setzte ich mich an das Ufer und wußte
-nicht, was ich nun beginnen sollte.
-
-Die Zwecklosigkeit meines Suchens und Jagens wurde mir jetzt erst klar.
-Übermüdet streckte ich mich, fast gedanken- und willenlos, auf dem Moose
-aus, das noch von dem frischgefallenen Wasser triefte und starrte in den
-Himmel, der sich wieder so ruhig und blaß über mir wölbte wie vor jener
-verhängnisvollen Sonnenfinsternis.
-
-Da war es mir, als wenn mich jemand beim Vornamen riefe; ich sprang auf
-und horchte gespannt. Nach einer Weile vernahm ich die Stimme abermals,
-doch schon deutlicher. Als ich mich umsah, bemerkte ich auf der anderen
-Seite der zu einem Fluß verwandelten Klamm Martha, die mir von ferne
-Zeichen gab, mit dem Kinde auf dem Arm. Ein wahrer Freudentaumel erfaßte
-mich. Ohne auf die Gefahr zu achten, warf ich mich ins Wasser und stand
-bald neben ihr. Das Übermaß des Glücks erstickte mir die Stimme, ich
-konnte nur ihre Hände mit Küssen bedecken, was sie mir, selbst stark
-erschüttert, nicht wehrte.
-
--- Mein Freund, mein guter, teurer Freund, wiederholte sie öfter mit
-blassen, aber lächelnden Lippen.
-
-Als wir uns beide etwas beruhigt hatten, erzählte sie mir, wie sie
-während des Unwetters die herannahende Überschwemmung bemerkte und es
-ihr, als das Wasser schon das Zelt unterspülte, noch gelang mit dem
-Kinde und den für uns wertvollsten Gegenständen in den Wagen zu
-flüchten, der in der Nähe stand. Der dichtverschlossene Wagen war nach
-Beseitigung vieler Teile, die ihn vorher beschwerten, leicht genug, um
-sich auf der Oberfläche des Wassers zu halten, das durch den kolossalen
-Regenguß und die sich in Kaskaden von den Bergen herabwälzenden Bäche
-immer gewaltiger anwuchs. Beim Donnern und Aufleuchten unaufhörlicher
-Blitze trieb der Wagen auf den Fluten dahin wie einst die Arche Noah,
-ihr um so ähnlicher, als auch er das menschliche Geschlecht auf diesem
-Globus vor dem Untergang bewahrte.
-
-Marthas Lage war geradezu entsetzlich. Da sie keine Möglichkeit hatte,
-ihr improvisiertes Schiff zu steuern, wurde der Wagen wie eine Schale
-hin und her geworfen. Zu ihrer eigenen Angst gesellte sich noch die
-Sorge um uns und unser Schicksal. Nachdem der Regenguß endlich nachließ
-und das Wasser aufhörte zu schwellen, bemerkte Martha, daß der Wagen in
-einer bestimmten Richtung schwimme. Sie dachte sich, daß ihn der Strom
-eines abfließenden Wassers mitriß, was ihre Angst noch vergrößerte. Der
-Wagen konnte auf diese Weise in eine Spalte geschleudert oder in eine
-entfernte Gegend fortgetrieben werden, wo es uns vielleicht unmöglich
-gewesen wäre, ihn wieder zu finden.
-
-Sie atmete erst auf, als nach einigen Stunden die Spitzen der Hügel aus
-dem fallenden Wasser wieder hervortauchten. Alle ihre Anstrengungen
-jedoch, das Fahrzeug nach einer dieser Spitzen hinzulenken, waren
-vergeblich. Sie hörte schon das Sausen des Stromes, der durch diese
-Klamm abfloß, über der ich sie antraf, und war auf das Schlimmste
-vorbereitet, als durch einen glücklichen Zufall der Wagen plötzlich von
-einem hervorspringenden Felsen angehalten wurde. Martha benützte mit
-Geistesgegenwart diesen Augenblick, ein Seil durch das geöffnete Fenster
-auf die Felsspitze zu werfen und brachte ihr Schifflein auf diese Weise
-in Sicherheit. Als ich kam, war die Gefahr schon vorüber und das Wasser
-so gesunken, daß der Wagen auf einer trockenen Stelle Halt gefunden
-hatte. Einige Stunden später waren nur noch kleine Tümpel vorhanden, die
-wie Glasscheiben inmitten der grünen Wiesen aussahen.
-
-Auf Peter mußten wir noch geraume Zeit warten, schließlich führten ihn
-die Hunde zu uns, die meiner Spur gefolgt waren. Er maß uns mit einem
-mißtrauischen Blick, und ohne ein Wort zu sprechen, machte er sich an
-die Untersuchung der geretteten Vorräte und Instrumente. Ein
-merkwürdiger Mensch! Schon elf Erdenjahre lebe ich hier mit ihm zusammen
-und es kommen immer wieder Momente, wo ich mir keine Rechenschaft über
-seinen Charakter geben kann, der eine sonderbare Mischung von Kühnheit,
-Aufopferung und Entschiedenheit, von Leidenschaft und Egoismus, von
-Eifersucht und Verschlossenheit ist. Nur das eine weiß ich bestimmt: er
-ist gänzlich unberechenbar.
-
-Die Katastrophe hat uns bedeutenden Schaden zugefügt. Wir haben bei der
-Überschwemmung viele notwendige Gegenstände verloren; andere mußten wir
-mühevoll in der breiten Mulde suchen. Das vom Wasser davongetragene Zelt
-konnten wir zunächst nicht finden. Es war ein Glück, daß sich in
-Anbetracht der seit langem getroffenen Vorbereitungen zur Weiterreise
-der größte Teil unserer Habseligkeiten zur Zeit der Überschwemmung schon
-im Wagen befand. Und außerdem hat uns dieses Unwetter einen ungeheueren
-Nutzen gebracht, indem uns nämlich das abfließende Wasser den Weg
-zeigte, auf dem wir weiter nach Süden fahren sollten.
-
-Unsere diesbezügliche Berechnung war sehr einfach: wenn das Wasser so
-schnell abfließen konnte, mußte die Klamm zu tiefer gelegenen Stellen
-führen, wo wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine größere
-Wasseransammlung vorfinden würden, einen See oder das Meer, und
-infolgedessen auch vom Regen benetzte Strecken, also sicherlich die
-nötigsten Lebensbedingungen. Längere Zeit vor dem uns gesetzten Termin
-der Abfahrt waren wir vollständig reisefertig. Der Wagen stand mit allem
-versehen am Ausgang der Klamm, die sich vor uns wie ein zur neuen Welt
-geöffnetes Tor auftat; man brauchte nur den Elektromotor mit Hilfe der
-Akkumulatoren, die von der Zeit her geladen waren, wo wir noch Feuerung
-besaßen, in Bewegung zu setzen. Wir hatten sogar ein Stück Wegs im
-voraus erforscht, indem wir zu Fuß in der Klamm vordrangen. Sie bot
-durchaus keine feste Straße, vor allem, weil die letzten Wassermassen
-den Boden stellenweise tief aufgerissen hatten, aber immerhin konnte man
-hier ruhig fahren, ohne sich größeren Schwierigkeiten auszusetzen. Wir
-warteten also nur eine günstige Zeit ab, um diesen Wasserspuren, die
-nach Süden wiesen, zu folgen -- in ein unbekanntes Land der Wunder,
-dessen lange Nächte die silberne Scheibe der Erde, die über den Wüsten
-leuchtet, niemals erhellt.
-
-
-
-
- II.
-
-
-Vierzig Stunden vor dem ersten Viertel der Erde haben wir die Fahrt
-angetreten. Auf der unbekannten Halbkugel des Mondes, wohin wir eilten,
-war noch Nacht, aber bald sollte die Sonne diese Länder erleuchten.
-
-Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut, ja sogar der größten Besorgnis haben
-wir das Polarland verlassen. Wir kannten es schon und wußten, was es uns
-geben konnte, während alles, was uns nun erwartete, wieder in Geheimnis
-gehüllt und nur eine Vermutung war. Wir sollten uns wiederum den
-brennenden langen Tagen und nächtlichen Kälten aussetzen, wir sollten
-von neuem Schluchten, Berge und vielleicht auch Wüsten durchdringen auf
-der Fahrt zu dem Lande, von dem wir absolut nicht wußten, ob es uns
-aufnehmen wird und ernähren kann. Überdies beunruhigte uns der Mangel an
-Brennmaterial. Was würde geschehen, dachten wir, wenn die Ladung unserer
-Akkumulatoren zu Ende geht, bevor wir neues Brennmaterial finden und die
-Maschine nicht mehr in Bewegung setzen könnten. Werden wir dann zu Fuß
-vor der hereinbrechenden Nacht zum Polarlande zurückzukehren imstande
-sein, um uns vor der Kälte, die um so bedrohlicher für uns wird, weil
-wir kein Feuer haben, in Sicherheit zu bringen? Es gab, kurz nachdem wir
-die Reise angetreten hatten, Augenblicke, wo wir schon infolge dieser
-Befürchtungen auf die mit Moos bewachsene Polarwiese zurückkehren
-wollten, um auf ihr das ganze Leben zu verbringen, uns an den schwachen,
-in der Atmosphäre zerstreuten schrägen Sonnenstrahlen wärmend und uns,
-wie die Tiere der Erde, von rohen Schnecken und Pflanzen nährend. Aber
-das Zaudern dauerte nicht lange, Neugierde und Hoffnung waren stärker.
-Die Nahrungsvorräte konnten für lange Zeit ausreichen; wir nahmen auch
-etwas ausgepreßten Torf mit, weil wir hofften, daß es uns in sonnigen
-Gegenden gelingen würde, ihn so weit auszutrocknen, um Feuer machen zu
-können. Übrigens haben wir für den schlimmsten Fall, nach Verbrauch der
-halben Ladung der Akkumulatoren, die Rückkehr zum Polarlande
-beschlossen.
-
-In den ersten zehn Stunden der Fahrt geschah nichts Bemerkenswertes. Die
-Klamm war zu Ende und wir kamen auf eine Ebene, die der am Pole ähnlich
-sah, nur bedeutend größer war. Hier mußte ebenfalls kürzlich eine
-Überschwemmung gewesen sein; in den Strahlen der eben aufgehenden Sonne
-waren hier und da noch große, flache Tümpel zu sehen. Sehr verwunderte
-uns die bereits gänzlich veränderte Flora, obwohl wir vom Pol kaum
-einige zehn Kilometer entfernt waren. Zwischen den uns bekannten
-Pflanzen, die nur kleiner waren als die auf dem Pol und mit rostiger
-Farbe überzogen, schossen trockene Stengel, vereinzelt wachsend und
-spiralförmig gewunden wie bei uns die jungen Wedel der Farrenkräuter,
-aus der Erde. Die Kälte machte sich empfindlich bemerkbar, während der
-Nacht, die diese Gegenden schon haben, obwohl sie eher einer Dämmerung
-gleicht, da die Sonne kaum einige Fuß unter den Horizont sinkt. Wir
-erwärmten uns, indem wir die Arme zusammenschlugen, wie es auf der Erde
-die Arbeiter tun, als Martha auf die Idee kam, jene Stengel abzupflücken
-und zu versuchen, ob man Feuer damit machen könne.
-
-Wir gingen sofort an die Arbeit; wie groß war aber mein Staunen, als der
-erste Stengel bei der Berührung mit der Hand sich zu strecken, dann
-wiederum zu krümmen begann, ganz wie ein lebendes Wesen. Ich ließ ihn
-unwillkürlich mit einem Schrei fallen. Nachdem ich mich von dem Schreck
-erholt hatte, begann ich diese sonderbaren Pflanzen zu untersuchen. Ich
-schnitt eine davon mit dem Messer ab und überzeugte mich, daß es große,
-längliche und fleischige Blätter waren, doppelt zusammengerollt nach
-vorn zugespitzt, wie eine Trompete, und dann schneckenförmig gewunden,
-ähnlich den Rollen englischen Tabaks. Auf der äußeren, hellgrünen Seite
-sah man zahlreiche rosige Äderchen. Die ganze Pflanze war, solange sie
-lebte, mit der Fähigkeit der Bewegung ausgestattet, ungefähr wie unsere
-Mimosen. Am meisten aber wunderte mich der Umstand, daß diese
-zusammengerollten Blätter bedeutend wärmer waren als die Umgebung;
-scheinbar erzeugte ihr Organismus durch irgendwelche chemobiologischen
-Prozesse sich selbst die Wärme, die ihm während der langen Nächte
-fehlte. Alles das war sehr interessant, aber die Hoffnung auf die
-Ausnützung dieser Pflanzen zum Feuern wieder zunichte. Wir wandten daher
-unsere Augen mit Sehnsucht der roten Sonne zu, wartend, ob ihre geizigen
-Strahlen bald die Gegend erwärmen würden.
-
-Zu der Kälte gesellte sich noch eine andere Sorge; wir wußten nicht,
-welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Wir sollten in der Richtung
-fahren, in der die Wasser abgeflossen waren, aber es war schwer, dies
-auf der Ebene, die während der Überschwemmung ganz überflutet war, zu
-erkennen. Als wir noch darüber nachdachten, bemerkte Peter in der
-Entfernung von einigen hundert Metern einen großen weißen Gegenstand.
-Wir fuhren neugierig darauf zu und fanden unser Zelt, das, von den
-Wassern davongetragen, sich erst hier auf einem kleinen Hügel
-festgesetzt hatte. Wir freuten uns über dieses Wiederfinden doppelt,
-erstens weil uns das Zelt, das einzige, das wir besaßen, tatsächlich
-unentbehrlich war, und zweitens wurden wir auf diese Weise über die
-Richtung des abgeflossenen Wassers orientiert. Das Zelt kam durch die
-Klamm, die wir eben zurückgelegt hatten, auf diese Ebene und wies uns
-daher die Linie, die von dem Ausgang der Klamm zu der Stelle, an der wir
-uns befanden, gezogen war, d. h. die ungefähre Richtung des abfließenden
-Wassers. Diese Linie lief durch die Flachebene nach Süden, mit einer
-kleinen Biegung nach Westen.
-
-Als wir uns in dieser Richtung weiter fortbewegten, trafen wir auf eine
-kleine gewundene Gebirgsklamm und nachdem wir noch eine flache Mulde
-passiert hatten, gelangten wir in ein breites grünes Tal, das sich
-direkt nach Süden erstreckte.
-
-Zu seinen beiden Seiten erhoben sich hohe Bergketten mit zahlreichen, in
-ihrem Massiv steckenden Kratern, denen ähnlich, die die luftlose
-Halbkugel des Mondes anfüllen. Die Gipfel der Berge waren mit Schnee
-bedeckt; der Schnee, der scheinbar in der Nacht gefallen war, lag auch
-noch stellenweise im Tal und taute erst durch die Strahlen der nicht
-hoch am Horizont stehenden Sonne auf. Die von den Bergen herabtriefenden
-Wasser bildeten einen ansehnlichen Bach, der in zahlreichen Biegungen
-schnell dahinfloß.
-
-Wir beschlossen, uns eine Zeitlang in diesem Tale aufzuhalten, nachdem
-wir uns überzeugt hatten, daß der weitere Weg nach Süden uns bei so
-früher Tageszeit einer empfindlichen Kälte in den Gegenden aussetzen
-würde, wo der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Wärme des
-Tages und der Nacht immer intensiver wird.
-
-Als wir wieder aufbrachen, hatte die Sonne fast schon den dritten Teil
-ihres täglichen Weges zurückgelegt. Es war warm und hell. Der Schnee im
-Tal war gänzlich verschwunden, und jene zusammengerollten Stengel, die
-wir hier zwischen den kleinen Pflänzchen vorwiegend fanden, begannen
-sich unter dem Einfluß der Sonnenwärme schnell zu mächtigen, in
-verschiedenen grünen Schattierungen gemalten Blättern zu entfalten. Ihre
-Form war überaus mannigfaltig; die einen sahen großen Fächern ähnlich,
-die mit zarten, flatternden Fransen behängt waren, andere wieder, mit
-allerhand Farben betupft -- unter denen Rot und Dunkelblau am meisten
-hervortraten -- erinnerten an die Pracht der Pfauenfedern. Es gab auch
-solche, deren Ränder in Formen eines Akantusblattes ausgeschnitten und
-mit Dornen übersät waren und wieder andere, die, unten zusammengerollt,
-einen Trichter bildeten, auch glatte, schimmernde oder mit langem
-goldgrünen Haar, das zu beiden Seiten bis zur Erde herabfiel, bedeckte,
--- mit einem Wort, die größte Verschiedenheit der Farben und Formen, und
-alles lebend, beweglich, sich bei der leisesten Berührung krümmend.
-
-Am Ufer des Baches wanden sich, halb in seine Kristallflut getaucht,
-langgezogene Wasserpflanzen wie rostgrüne Schlangen oder Fäden, mit
-Blumen von starkem berauschenden Duft behängt. An anderen Stellen, wo
-das Wasser sich ausbreitete und die Strömung aufhörte, entwickelten sich
-zarte Wasserlinsen, die in Kugelform den nächtlichen Frost überstanden,
-das Wasser mit einem leichten, zitternden Netz bedeckend, den feinsten
-Spitzengeweben aus violetter und grüner Seide vergleichbar.
-
-Wir waren ganz hingerissen von der Pracht dieser Pflanzenwelt; bei jedem
-Schritt bemerkten wir Neues und Staunenerregendes. Aus dem Dickicht
-krochen, von der Sonne hervorgelockt, wunderbare Geschöpfe, langen
-Eidechsen mit einem Auge und vielen Füßen ähnlich. Sie schauten
-neugierig nach uns aus und verschwanden schnell beim Herannahen des
-Wagens. Auf eines dieser Tiere stürzten sich die Hunde und fingen es.
-Wir nahmen ihnen diese Beute ab, aber das Tier war schon tot. Wir
-konnten also nur den ungemein interessanten Bau am leblosen Körper
-bewundern, der von den Organismen auf der Erde grundverschieden war. Das
-Knochengerüst erstreckte sich bis zu dem länglichen Ring, der sich aus
-beweglichen Reifen zusammensetzte, die zu beiden Seiten direkt unter der
-Haut lagen. Den ganzen Schädel bildeten nur zwei starke Kiefer. Das Hirn
-lag unter dem Kamm, innerhalb des Ringes. Das was wir für die Füße
-hielten, waren nur zwei Reihen elastischer Borsten, vermittelst derer
-sich das Tier auf dem Boden mit ungeheurer Schnelligkeit bewegte.
-
-Bedeutend später fanden wir auf dem Monde noch viele andere merkwürdige
-Geschöpfe, aber keins hat uns so interessiert wie dieses erste, das
-überaus typisch für die hiesige Fauna ist.
-
-Überhaupt war unsere ganze Reise durch jenes Tal wie ein Märchentraum,
-voll von unerwarteten und phantastischen Bildern. Die Stunden flossen
-schnell dahin und immer von neuem änderte sich der Blick. Stellenweise
-verengerte sich das Tal, felsige Pässe bildend, durch die wir mit Mühe
-dicht am Ufer des Baches, der schon zu einem breiten schäumenden Strom
-angewachsen war, hindurchdrangen; dann fuhren wir wieder auf die weite,
-kreisförmige Ebene, wo das Wasser sich zu einem großen See ausbreitete
-mit bewachsenen oder sandigen Ufern. Wir fanden immer mehr Tiere vor. In
-den Tiefen des Wassers schwammen sonderbare kleine Ungeheuer; in der
-Luft schwirrten fliegende Eidechsen, die von fern wie Vögel mit dicken
-Hälsen und langen Schwänzen aussahen. Aber das seltsamste ist, daß alle
-Tiere auf dem Monde stumm sind. Es fehlen hier diese unzähligen Stimmen
-des Lebens, die auf den Wiesen und in den Wäldern der Erde tönen; nur
-wenn der Wind weht säuseln die Blätter der Pflanzen, zugleich mit dem
-Rauschen des Stromes die ewige Lautlosigkeit unterbrechend.
-
-Die üppige Vegetation erschwerte uns das Vordringen bedeutend. Jeden
-Augenblick mußten wir stehen bleiben und die um die Achsen geschlungenen
-Farrenkräuter abwickeln, die die Bewegung der Räder hemmten; manchmal
-wieder fuhren wir durch so starkes Dickicht, daß der Wagen fast darin
-stecken blieb. Über diese Verzögerungen waren wir nicht gerade erfreut,
-besonders da die Fahrt auch so schon sehr langsam vonstatten ging, weil
-wir öfter anhalten mußten, um zu schlafen oder uns zu stärken, auch die
-Gegend zu erforschen oder Nahrung und Brennmaterial zu suchen. Nahrung
-fanden wir genügend vor. Unschätzbare Dienste erwiesen uns hierbei die
-Hunde. Immer herumsuchend und -schnüffelnd, fanden sie eßbare fleischige
-Pflanzen oder schmackhafte Molusken. Schlimmer stand es jedoch mit dem
-Brennmaterial. Der aus dem Polarlande mitgenommene Torf war zwar
-ausgetrocknet und brannte ganz gut, aber wir mußten sparsam damit
-umgehen, denn der Vorrat war nicht groß, und in der ganzen Gegend war
-nichts zu finden, womit wir hätten Feuer machen können. Bäume, wie sie
-auf der Erde sind, gibt es hier überhaupt nicht und jene breiten Blätter
-sind so saftig, daß sie im Feuer kochen, statt zu brennen, und den Torf,
-der fast die ganze Strecke des Polarlandes bedeckte, hatten wir weit
-hinter uns gelassen.
-
-Indessen näherte sich der Mondmittag und wir mußten uns schließlich
-entscheiden, ob wir weiterfahren oder infolge Feuermangels vor der Nacht
-zu dem Polarlande zurückkehren sollten. Zunächst hatten wir die Absicht,
-das letztere zu tun; vor allem drängte Martha, die den starken Frost mit
-Rücksicht auf Tom fürchtete, zur Rückkehr. Ich war ebenfalls dafür, aber
-Peter redete entschieden dagegen.
-
--- Jetzt umkehren, sagte er, hieße uns zu einem ewigen Aufenthalt in dem
-Polarlande verurteilen. Überlegt, daß wir gegenwärtig die Akkumulatoren
-noch geladen haben und diese Füllung für den Rückweg ausreichen wird;
-aber was weiter? Wenn wir wieder einmal in andere Gegenden des Mondes
-aufbrechen wollten, könnten wir die verbrauchten Akkumulatoren nicht
-laden, wenn wir keine Möglichkeit zum Feuermachen hätten.
-
--- Aber die Fahrt nach Süden führt ebenfalls zu nichts, bemerkte ich,
-denn wir setzen uns damit der nächtlichen Kälte aus, die wir ohne Feuer
-nicht überstehen würden ...
-
--- Vor der Nacht können wir noch Brennmaterial finden ...
-
--- Wir können es aber auch ebensogut nicht finden.
-
--- Ja, aber das ist nur eine Vermutung, während wir mit vollster
-Sicherheit wissen, daß wir es am Pol niemals finden werden. Übrigens
-haben wir noch etwas Torf. Mit diesem Vorrat können wir im äußersten
-Falle noch die Nacht durchhalten und den ganzen folgenden Tag werden wir
-dem Suchen widmen.
-
-Wir konnten gegen Peters Ausführungen nichts einwenden und fuhren
-infolgedessen weiter in der Richtung des Äquators.
-
-Einige Stunden nach Mittag überzog sich der Himmel mit Wolken und es
-fiel reichlicher Regen, der für uns ein sehr erwünschter Gast war, da er
-die glühende und schwüle Luft erfrischte. Kaum war der Regenguß
-herabgefallen und die Sonne aus den Wolken hervorgetreten, als wir ein
-seltsames Brausen vernahmen.
-
-Wir hielten dies zunächst für das Rauschen eines angeschwollenen
-Flusses, aber bald überzeugten wir uns von dem eigentlichen Grund dieser
-Erscheinung. Wir waren gerade an einer Stelle angelangt, wo das Tal,
-nach Westen abbrechend, ein Knie bildete, so daß man das Ende nicht
-übersehen konnte. Als wir jedoch an die Biegung kamen, bot sich uns ein
-über alle Beschreibung prachtvoller Anblick.
-
-Einige hundert Meter vor uns brach das Tal plötzlich ab, in breiten
-Terrassen zu einer unübersehbaren Ebene herabfallend, die sich bis an
-die Grenze des Horizontes erstreckte. Der Fluß stürzte in schäumenden
-Kaskaden über diese Terrassen herab, eine Reihe immer tiefer gelegener
-Teiche bildend, bis er die Fläche der Ebene erreichte und sie in einem
-gewundenen silbernen Bande durchfloß, das sich endlich in unermeßlicher
-Ferne verlor. Soweit das Auge reichte, war das Land eben und flach, nur
-in der Nähe der angrenzenden Berge erhoben sich einzeln zerstreute
-Ringhügel, die mit Wasser angefüllt waren, wie dafür geschaffene
-Behälter. Derartige kleine und runde Gewässer waren überall auf der
-ganzen Ebene verstreut. Die näher gelegenen sahen wie große Pfauenaugen
-aus, die weiter entfernten glichen Perlen, die auf bläulichgrünem Plüsch
-aufgenäht sind. Dazwischen wieder wanden sich silberne Bäche und größere
-Flüsse.
-
-Wir verließen den Wagen und blickten, auf dem Rande der Terrasse
-stehend, lange in tiefem Schweigen auf dieses eigenartige Land!
-
-Endlich sagte Martha:
-
--- Fahren wir dort hinunter, dort ist es so schön! ...
-
-In der Tat war es schön, aber wird es dort auch gut sein? Wir stellten
-uns unwillkürlich diese Frage, während wir uns zum Hinabfahren über die
-steilen Terrassenabhänge vorbereiteten.
-
-Als wir nach vielen Mühen unten anlangten, ließen wir den Wagen am Ufer
-des Flusses stehen und machten uns sofort auf die Suche nach
-Brennmaterial. Wir durchquerten die ganze Ebene der Breite und Länge
-nach, gruben tiefe Löcher, in der Hoffnung, Torf anzutreffen oder
-irgendeine Steinkohlenader, pflückten verschiedene Pflanzen, um zu
-versuchen, ob sie nicht zum Brennen geeignet wären, aber alles
-vergeblich. In ungefähr zehn Stunden sollte schon die Sonne untergehen,
-als wir gänzlich erschöpft das fruchtlose Suchen aufgaben.
-
-Unsere Lage war überaus trostlos, und wir begannen schon zu bereuen das
-Polarland so leichtsinnig verlassen zu haben. Die Angst schüttelte uns
-bei dem Gedanken, was uns die Nacht bringen würde. Torf hatten wir nicht
-viel; wir mußten außerordentlich sparsam damit umgehen, damit er für die
-ganze Nacht ausreichte. Als wir uns den Vorrat ansahen, zeigte es sich,
-daß auf vierundzwanzig Stunden kaum eine Handvoll fiel, die nicht einmal
-für einen kleinen transportablen Ofen genügte.
-
--- Aber wir werden ja sterben, wenn wir so sparsam heizen müssen, sagte
-Martha, als wir ihr die vorbereiteten Rationen zeigten.
-
-Peter zuckte die Achseln:
-
--- Wenn wir mehr verbrennen, werden wir erst recht erfrieren, da wir
-keinen Torf haben; wir müssen uns gut zudecken.
-
--- Weshalb haben wir das Polarland verlassen? erwiderte Martha. Tom wird
-die Kälte nicht ertragen, er ist so klein und zart.
-
--- Ach, Tom! zischte Peter ärgerlich durch die Zähne.
-
-Schon öfter hatte ich bemerkt, daß jede Erwähnung des Kindes ihn
-erregte. Ich empfand das doppelt schmerzlich, erstens weil ich selbst
-das prächtige Kind unaussprechlich lieb hatte und dann Marthas wegen.
-Sie hing mit ganzer Leidenschaft an dem Sohne, und oft gewahrte ich, wie
-sie den Blick, in dem sich ein bitterer Vorwurf mit instinktiver Angst
-vereinte, auf Peter richtete. Sie ließ das Kind auch niemals bei Peter
-allein, während sie es mir anvertraute, wenn sie mit etwas beschäftigt
-war.
-
--- Tom ist nicht die wichtigste Person, brummte Peter weiter, und wenn
-er auch erfrieren sollte ...
-
-Martha ertrug ähnliche Bemerkungen für gewöhnlich schweigend, aber heute
-sprang sie plötzlich auf und stürzte mit flammenden Augen auf Peter zu.
-
--- Höre! rief sie mit gedämpfter Stimme, Tom _ist_ die wichtigste Person
-und wird nicht erfrieren, denn erst werde ich dich töten und mit deinen
-Knochen diesen Ofen heizen!
-
-Bei diesen Worten schwang sie ein kleines indisches Stilett, dessen
-Spitze man dort gewöhnlich vergiftet, vor seinen Augen. Wir wußten bis
-zu dieser Zeit gar nicht, daß sie diese gefährliche Waffe bei sich
-führte.
-
-Peter wich unwillkürlich zurück. Dann versuchte er zu lächeln, aber in
-der Stimme und im Blick der Malabarin lag eine so grausam unerbittliche
-Drohung, daß er erblaßte und sich vergeblich bemühte seine Verwirrung zu
-verbergen ...
-
-Ich lachte laut auf, wenn auch etwas gezwungen, um die Erregung
-abzuschwächen.
-
--- Martha sorgt für ihr Söhnchen, kein Wort mehr, rief ich. Komm, Peter,
-wir wollen nachdenken, wie wir uns vor dem nächtlichen Frost in
-Sicherheit bringen, ohne die eigenen Knochen zum Heizen zu verwenden!
-
-Mein Plan war ziemlich einfach. Mit gemeinsamen Kräften gruben wir ein
-tiefes Loch aus, in dem der Wagen bequem Platz hatte und nachdem wir ihn
-dort hineingelassen bedeckten wir ihn von oben mit Erde und
-abgeschnittenen Blättern. Auf diese Weise konnten wir hoffen, daß der
-Wagen nicht allzuviel Wärme verlieren würde und sich dementsprechend
-leichter erwärmen ließe.
-
-Die Sonne war schon untergegangen, als wir die Arbeit beendet hatten.
-Wir gingen jedoch noch nicht in den Wagen. Nach dem langen Tage war die
-Luft warm und angenehm; eine breite, feurige Abendröte erleuchtete die
-sich langsam in Dämmerung hüllende Ebene, auf der die näher gelegenen
-Seen schimmerten, wie mit flüssigem Silber gefüllte Pokale oder, wenn
-man gegen die Morgenröte auf sie schaute, wie mit Blut angefüllt ...
-
-Wir setzten uns zusammen auf den Hügel, aber die Unterhaltung wollte
-nicht recht in Fluß kommen. Der letzte Vorfall hatte einen zu starken
-Eindruck hinterlassen; wir verstummten, und die Stille wurde bald
-nur noch von dem Rauschen der nahen Kaskaden und der damit
-zusammenfließenden Stimme Marthas, die dem Kinde weiche, gedehnte
-indische Wiegenlieder sang, unterbrochen. Ich lauschte diesen Tönen, auf
-die in der Dämmerung verschwimmende Scheibe des Sees blickend, als mich
-plötzlich ein leiser Schrei Peters aus meinen Gedanken aufschreckte. Ich
-sah ihn fragend an und er streckte die Hand in der Richtung nach der
-Ebene aus:
-
--- Sieh, sieh!
-
-Auf der Ebene geschah etwas Seltsames. In dem Maße, wie der Himmel sich
-verdunkelte, erhellte sich der Boden. Zunächst schien es, als wenn eine
-Handvoll kleiner, bläulichglänzender Funken am Ufer des Flusses
-ausgestreut wären. Und dieser Funken wurden immer mehr; sie flammten
-rechts, links, vor uns, überall auf. Eine halbe Stunde später schimmerte
-die ganze Ebene, als wenn sie mit einem blauen, sternenbesäten
-Nebelschleier überzogen wäre. Die Seen sahen darauf wie schwarze Flecke
-aus.
-
-Martha hörte auf zu singen und schaute mit uns wie gebannt auf dieses
-bezaubernde Bild.
-
-Nachdem wir uns von unserem Staunen über diese Erscheinung erholt
-hatten, überzeugte ich mich, daß sie auf einer Phosphoreszierung jener
-seltsamen Blattpflanzen beruhte, die diese ganze Fläche bedeckten. Die
-innere Oberfläche dieser Blätter glänzte wie morsches Holz im Dickicht
-unserer Wälder.
-
-Aber dieser märchenhaft schöne Anblick verschwand so schnell, daß wir
-keine Zeit hatten, uns daran sattzusehen. Die Flämmchen erloschen, eins
-nach dem andern; die Blätter schlossen sich und rollten sich unter dem
-Einflusse der Kälte zu einem zweiwöchentlichen Schlaf zusammen.
-
-Reichlicher Tau begann zu fallen; und es war höchste Zeit, uns in den
-schützenden Wagen zu flüchten.
-
-Die Nacht war kalt, aber nicht die schlimmste, die wir überstanden, dank
-unserm Torfvorrat und der getroffenen Vorsichtsmaßregeln. Den Wagen
-verließen wir keinen Augenblick, um nichts von der Wärme einzubüßen. Was
-draußen vorging, konnten wir nicht sehen, da er, wie ich schon bemerkte,
-ganz mit Erde und Blättern zugedeckt war. Durch diese zwei Nachtwochen
-waren wir somit von der Außenwelt gänzlich abgeschnitten. Erst als
-unsere Kalenderuhren die Zeit des Sonnenaufgangs anzeigten, wagte ich,
-hinauszugehen. Um mich vor der Kälte zu bewahren, zog ich den
-Luftbehälter an, dessen Stärke und entsprechend konstruierte Wände einen
-vorzüglichen Schutz bildeten. Draußen angelangt, überzeugte ich mich,
-daß meine Vorsicht durchaus nicht überflüssig war.
-
-Die Ebene konnte ich in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne
-zunächst nicht erkennen. Alles war von einer dichten Schneeschicht, die
-vom Froste schimmerte, bedeckt. Die Seeoberflächen waren zum Teil unter
-dem Schnee verschwunden, zum Teil glänzten sie in matten Eisscheiben. Es
-schien mir, als wenn ich plötzlich in arktische Länder hinübergetragen
-wäre.
-
-Ich kehrte schnell mit der Nachricht zum Wagen zurück, daß man noch
-nicht hinausgehen dürfe. Dieser Winter weckte in uns keine freudige
-Stimmung, da der Torfvorrat an der Neige war. Tatsächlich hatten wir die
-ganze Nacht hindurch nicht so sehr unter der Kälte gelitten als bei
-Tagesanfang, ehe es »Frühling« wurde. Noch drei Erdentage mußten wir auf
-ihn warten und, soweit es ging, ohne Feuer auskommen. Aber nach
-siebzigstündigem Kampfe mit dem Froste siegte endlich die Sonne! Der
-Schnee floß in Strömen, die Seen traten aus den Ufern, alle Bäche
-schwollen an und als wir uns nach einiger Zeit hinauswagten, reckten
-sich auf der vom Wasser triefenden Ebene schon mächtige verschieden
-geformte Blätter der Sonne entgegen und nur die Gipfel der Berge
-bedeckte noch ein weißer Schleier.
-
-Den Aufbruch zur Weiterreise, an die wir immer dachten, mußten wir noch
-verschieben, bis die Gegend etwas ausgetrocknet war. Indessen machten
-wir uns aufs neue auf die Suche nach Brennmaterial. Während einem der
-vielen Ausflüge, die wir zu diesem Zweck nach allen Richtungen hin
-unternahmen, kamen wir zufällig an ein tiefes Loch, das wir am
-vorhergehenden Mondtage in der Hoffnung, Torf oder Kohle dort
-anzutreffen, ausgegraben hatten. Das Loch war bis zu den Rändern mit
-Wasser angefüllt. Ich ging gleichgültig daran vorüber, aber Peter,
-scheinbar durch etwas Ungewöhnliches aufmerksam geworden, blieb stehen
-und begann sich die Öffnung genauer anzusehen. Ich war schon ein Stück
-Wegs weitergegangen, als ich seine Stimme hörte:
-
--- Jan, komm! Jan, komm so schnell wie möglich und sieh!
-
-Ich traf ihn kniend an; mit der einen Hand stützte er sich auf den Rand
-des Loches, mit der anderen gab er mir Zeichen. Sein Gesicht, das über
-die Öffnung geneigt war, brannte vor Erregung.
-
--- Was ist geschehen?
-
-Statt zu antworten, schöpfte er mit der Hand das Wasser heraus, das von
-sonderbarer, schmutziggelber Farbe war und hielt es mir unter die Nase.
-
--- Petroleum! rief ich, den bekannten scharfen Geruch einziehend.
-
-Peter nickte mit triumphierendem Lächeln. Um mich zu überzeugen, ob wir
-uns nicht täuschten, tauchte ich ein Taschentuch in die Flüssigkeit und
-steckte es an. Es flackerte in einer hellen roten Flamme empor, auf die
-wir beide starrten wie auf einen Regenbogen, der uns neues Leben
-verkündete.
-
-Wir beeilten uns, Martha diese frohe Nachricht zu bringen.
-
-Die Auffindung der Petroleumquelle hatte für uns eine ungeheure
-Bedeutung.
-
-Jetzt konnten wir weiter nach Süden fahren oder hier bleiben, ohne die
-kalten Nächte zu fürchten noch den Mangel an gekochten Speisen. Einige
-zehn Stunden widmeten wir dem Sammeln eines großen Vorrates dieser
-gesegneten Flüssigkeit. Wir gruben zu diesem Zweck noch andere tiefe
-Löcher aus und sammelten den darin befindlichen Inhalt, soweit es nur
-irgend möglich war. Vor Mittag hatten wir schon alle Reservoirs gefüllt.
-Jetzt hielten wir großen Rat ab, was weiter zu tun sei. Am
-vernünftigsten wäre es hier zu bleiben, in der Nähe der
-Petroleumquellen, aber wir konnten der Versuchung nicht widerstehen uns
-weiter zum Meere zu begeben, das nach allen Mutmaßungen nicht weit
-entfernt sein konnte. Außer der Neugierde sprach für die Reise auch der
-Umstand, daß wir am Strande infolge der großen Wasseransammlung ein
-bedeutend milderes und beständigeres Klima antreffen mußten, obwohl wir
-uns dem Äquator näherten. Im übrigen hatten wir nun einen so bedeutenden
-Vorrat an Brennmaterial, daß wir es wagen konnten, die Reise auch nur
-versuchsweise anzutreten, da wir sicher waren, im Falle ungünstiger
-Verhältnisse zu den Petroleumquellen zurückzufinden, wenn wir uns
-hinaufzu hinter dem Laufe des Stromes halten würden.
-
-Diesen Tag und die nächste Nacht verbrachten wir noch an derselben
-Stelle der _See-Ebene_, wie wir jene große Fläche genannt haben, in der
-Absicht, den Antritt der Reise bis zum nächsten Tage zu verschieben, da
-es bedeutend angenehmer wäre, über dreihundert sonnige Stunden vor uns
-zu haben, während deren wir die Fahrt infolge der Nacht und der Kälte
-nicht zu unterbrechen brauchten. Aber statt dessen brachen wir früh,
-sowie nur die erste Dämmerung den Schnee rosig färbte, auf, nicht einmal
-den Sonnenaufgang erwartend, obwohl sich der Frost empfindlich fühlbar
-machte.
-
-Die morgendlichen, oder wie man hier besser sagen müßte:
-Frühjahrswasserfluten, trafen uns bereits zirka hundert Kilometer von
-der Stelle entfernt, wo wir, nach Erdenzeiten rechnend, über sechs
-Wochen gestanden hatten. Zunächst beunruhigte uns das Schmelzen des
-Schnees ungemein; der Boden war so erweicht, daß die Fahrt geradezu
-unmöglich wurde. Zum Glück erinnerten wir uns rechtzeitig, daß sich der
-Wagen nach Anbringen eines entsprechenden Steuers und Einfügen von
-Schaufeln in die Räder leicht in ein schwimmendes Fahrzeug verwandeln
-ließe, und wir demnach eine Überschwemmung nicht zu fürchten brauchten;
-im Gegenteil, wir konnten sogar aus ihr Nutzen ziehen, indem wir uns den
-Fluten des hochgehenden Stromes anvertrauten. Dieser Gedanke war überaus
-glücklich, vor allem, weil der Strom sowieso der Wegweiser für uns war,
-der uns zum Meere führen sollte. Zum Überfluß sparten wir dabei eine
-Unmenge Brennmaterial, da die starke Strömung uns von selbst so schnell
-davontrug, daß wir, um den Lauf zu beschleunigen, die Schaufelräder gar
-nicht benötigten.
-
-Den ganzen langen Mondtag verbrachten wir so auf dem Wasser, nur selten
-ans Ufer fahrend, um auszuruhen oder irgendeine interessante Gegend
-näher zu besichtigen.
-
-Bevor die Fluten sanken, hatten wir uns schon so weit vorwärtsbewegt,
-daß der Fluß sich in einen Strom verwandelte, dessen Bett mehr als tief
-genug für unser kleines Fahrzeug war.
-
-Der Anblick und Charakter der Landschaft änderte sich unaufhörlich. Eine
-Zeitlang fuhren wir über eine breite und, wie es schien, trockene
-Steppe, von einer kleinen, zarten Pflanzenwelt belebt, gänzlich
-verschieden von den blättrigen Gebüschen, die höher am Strome wuchsen.
-Es war etwas unermeßlich Trauriges in der Eintönigkeit dieser Gegend.
-
-Die Ringberge, bis an den Rand mit Wasser gefüllt, und die runden Seen
-mit den felsigen, wenig über die Oberfläche erhobenen Ufern zwischen
-aufgeworfenen Hügeln, ließen wir schon weit hinter uns zurück. Jetzt
-erstreckte sich zur Linken und zur Rechten eine rostgrüne Flachebene,
-von der sich nur stellenweise fast violette Wiesen mit winzigen Pflanzen
-oder gelbe Sandbänke abhoben, die die unbedeutenden Erhebungen
-anfüllten. Der Strom breitete sich hier aus und floß so träge, daß wir
-den Motor in Bewegung setzten, um mit Hilfe der Schaufelräder schneller
-vorwärts zu kommen.
-
-Es war schon etwas nach Mittag, als wir uns der Kette der felsigen Berge
-näherten, die jene Steppe nach Norden abschloß. Der Fluß war hier auf
-einer Strecke von einigen Kilometern so von Felsen zusammengepreßt, daß
-die Fahrt höchst gefahrvoll wurde. Die Strömung riß uns jeden Augenblick
-fort und warf das Fahrzeug an die Felsen. Nur dem starken Bau des
-Projektils, das jetzt in ein Schiff verwandelt war, haben wir es zu
-verdanken, daß wir so davongekommen sind.
-
-Hinter diesem Felsentor ergoß sich der Strom in einen großen See. Seine
-Ufer bildeten kleine Hügel, mit einer unerhört üppigen Flora bedeckt und
-von zahlreichen Bächen durchzogen. Einer der schönsten Anblicke, die wir
-bis jetzt auf dem Monde antrafen.
-
-Wir hatten den See noch nicht durchfahren, als der Himmel, der jetzt
-fast immer heiter war, sich plötzlich mit dunklen Wolken überzog. Im
-ersten Augenblick waren wir froh darüber, da die unerträgliche Hitze uns
-schon empfindlich zusetzte, aber bald begannen wir uns zu beunruhigen,
-das Herannahen eines Gewitters ahnend. Man hörte schon von weitem das
-dumpfe Rollen des Donners, und der Himmel flammte seit Mittag in
-blutigen Blitzen auf. Wir hatten kaum so viel Zeit uns, seitwärts
-abbiegend, in einer kleinen, von Bergen geschützten Strömung in
-Sicherheit zu bringen, als das Gewitter sich entlud.
-
-Ich kannte auf der Erde die furchtbaren Gewitter der Tropenländer, aber
-so etwas Ungeheuerliches hätte ich mir nie vorstellen können. Betäubende
-Donner flossen in ein unaufhörliches Dröhnen zusammen; vor unseren Augen
-standen die Blitze wie die Saiten einer flammenden Harfe, die dicht
-nebeneinander zwischen Himmel und Mond gespannt sind. Und der Regen ...
-Nein, das war kein Regen mehr! Die Sündflut des aus den Wolken
-herabstürzenden Wassers verwandelte die ganze Atmosphäre in einen
-hängenden, von wütenden Stürmen hin und her geschleuderten See. Die
-Luft, mit Regen und den vom Sturme aufgepeitschten Fluten vermischt, war
-so mit Elektrizität geladen, daß sie aus sich selbst aufblitzte, -- ein
-seltsames, höllisches Schauspiel: unter den von unten blutig geröteten
-Wolken war die Atmosphäre mit einem Feuer von faustgroßen Tropfen
-angefüllt, die triefendem zerschmolzenem Metall glichen.
-
-Manchmal ließ das Gewitter plötzlich nach; die Wolken öffneten sich wie
-ein nach beiden Seiten auseinandergehender Vorhang, eine Aussicht auf
-den blauen Himmel und die Sonne gewährend, aber kaum hatten wir Zeit,
-aufzuatmen, verfinsterte sich der Himmel von neuem, und wiederum
-begannen, begleitet von einem furchtbaren Orkan, der von Süden
-daherstürmte, die Donner zu krachen und Ströme von Wasser
-herabzustürzen.
-
-Das alles dauerte mit kleinen Unterbrechungen fast vierzig Stunden.
-Erschöpft, verängstigt und betäubt schauten wir auf die ungeheure
-Ansammlung von Feuer, Wasser und Luft. Trotzdem wir das Fahrzeug mit
-Seilen an Wurzeln, die am Ufer hervorragten, befestigt hatten,
-fürchteten wir, daß die Strömung, die sich wie ein wildes Tier in der
-Agonie hin und her warf, uns auf den stürmenden See hinausschleudern
-könnte, den Winden und Wellen zum Fraß.
-
-Endlich wurde alles ruhig und der Himmel erhellte sich; nur die
-hochgehenden Bäche zwischen den Hügeln rauschten noch dahin, die
-stürmische Oberfläche des Sees aufwühlend. Die Wasser hatten enorm
-zugenommen. Wir mußten noch über zwölf Stunden warten, bevor sie
-wenigstens so weit gefallen waren, daß wir die Fahrt wieder aufnehmen
-konnten. Wir trieben jetzt bedeutend schneller, da die Strömung des
-hochgehenden Flusses um vieles stärker geworden war. Unterwegs trafen
-wir überall Spuren einer furchtbaren Vernichtung an: ganze Länderstriche
-waren weggespült, mächtige seltsame Pflanzen, die hier schon dichte
-Wälder sonderlich verflochtener Blätter und langer, dicker, fleischiger
-Stengel bildeten, lagen vom Sturm in Stücke gerissen am Boden. Aus jeder
-Spalte schossen Kaskaden trüben Wassers; auf den Ebenen standen flache
-Tümpel, über denen sich eine Unmenge der verschiedensten Tierarten
-ansammelte, die den Insekten ähnlich waren.
-
-Heute, wo wir uns schon auf dem Monde akklimatisiert haben, wissen wir,
-daß diese furchtbaren Stürme hier eine tägliche Erscheinung sind, in des
-Sinnes wörtlicher Bedeutung. Sie entstehen infolge der unerhörten Hitze
-in der Nachmittagszeit und sind für diese Welt, trotz ihres Grauens,
-eine Wohltat, da sie die Atmosphäre erfrischen und den Boden
-austrocknen. Ohne sie wäre das Leben hier eine Unmöglichkeit.
-
-Ich werde unsere Nachmittagsreise nicht beschreiben, da sie ohne
-besondere Ereignisse war. Nur die Landschaft änderte sich stetig und mit
-ihr auch die Flora, obwohl ich bemerken muß, daß die Flora auf diesem
-Globus, der keine klar umgrenzten Zonen hat, bedeutend eintöniger ist
-als auf der Erde.
-
-Der Abend näherte sich bereits, als wir an die Stelle gelangten, an der
-der Strom sich auszubreiten und unzählige Flachstellen zu bilden begann,
-die unsere Fahrt sehr erschwerten. Wir nahmen an, daß dies die Vorboten
-der nahen Mündung sein müßten.
-
--- Wir werden das Meer sehen, sagten wir uns, die Augen der Sonne
-zuwendend, als wenn wir uns vergewissern wollten, ob der Tag noch
-ausreichen würde, um zu diesem ersehnten Ziel der Reise zu gelangen.
-
-Indessen wurde die Fahrt immer schwieriger. Wir blieben einige Male auf
-seichten Stellen stecken, so daß wir endlich beschlossen, das Schiff
-wieder in einen Wagen umzuwandeln und auf dem Lande weiterzufahren.
-
-Der Sonnenuntergang traf uns am Fuße niedriger, spärlich mit Gras
-bewachsener Sandhügel an. Wir fühlten die Nähe des Meeres, wir glaubten
-sogar, ein mächtiges gedämpftes Rauschen zu vernehmen und den scharfen
-Duft des Meerwassers einzuatmen. Wir unterbrachen daher, von der
-Neugierde getrieben, trotz der hereinbrechenden Dämmerung die Fahrt
-nicht.
-
-Die Dunkelheit wurde bedeutend dichter, als wir auf den Gipfeln jener
-Sandhügel angekommen waren. Wir strengten den Blick an, um das Meer zu
-sehen, aber es war unmöglich, etwas zu unterscheiden. Vor uns schimmerte
-nur gespensterhaft die mit phosphoreszierenden Pflanzen bedeckte
-Tiefebene. Im Osten war das unbestimmte Murmeln und Rauschen eines
-flutenden Wassers zu hören, es glitten dichte weiße Nebel oder Wolken
-vorbei, wie irrende Geister auf leuchtenden Wiesen. Wir wußten im
-Augenblick nicht, was wir tun sollten, die ganze Nacht hindurch auf der
-Anhöhe bleiben oder wieder herunterfahren, als sich plötzlich ein Wind
-erhob und einen von einer Wolkenkette bedeckten Bach enthüllte, der
-zirka zehn Schritte vor uns auf steinigen Absätzen in natürliche Bassins
-floß, die stufenweise in einer Reihe lagen. Diesen Anblick hatten wir
-nur während einer Sekunde, da eine dichte Wolke das Wasser sofort aufs
-neue verhüllte und abermals nur das Rauschen und Murmeln an unsere Ohren
-drang. Die ungewöhnliche Menge und Dichte der Wolken setzte uns in
-Erstaunen, und wir brachen in der Richtung der Bassins auf. Bald
-befanden wir uns in einem dichten warmen Nebel. Die Räder des Wagens
-dröhnten auf steinigem Boden.
-
-Als der Wind den Nebel abermals auseinanderwehte, bemerkten wir, daß wir
-uns am Rande eines jener Bassins befanden, von dem aus uns feuchte warme
-Luft entgegenwehte.
-
--- Warme Wasserquellen, riefen wir wie aus einem Munde.
-
-In der Tat mußten sich in der Nähe heiße Quellen befinden, da das
-Wasser, das im Strome abfloß und sich in den Bassins ausbreitete,
-zwanzig und einige Grad Celsius hatte. Es war nicht an der Zeit, in der
-Dunkelheit die Gegend zu erforschen; wir beschlossen nur, aus diesem
-glücklichen Vorfall Nutzen zu ziehen und die kalte Nacht am Wasser zu
-verbringen, das uns eine beträchtliche Menge Wärme spendete. Die Nacht
-war ziemlich unruhig. Vier Erdentage nach Sonnenuntergang fiel dichter
-Schnee, und es wehte ein so kalter Wind, daß wir, um uns vor der Kälte
-zu schützen, den Wagen auf das warme Wasser des Bassins hinabstoßen
-mußten. Die Dunkelheit war undurchdringlich. Manchmal nur, wenn der Wind
-für Augenblicke die sich aus dem Wasser erhebenden Nebel
-auseinandertrieb, sahen wir die in der Höhe leuchtenden Sterne. Dann
-zeigte sich uns auch im Süden ein Streifen blauen Lichtes, der sich
-längs der Grenzen des Horizontes erstreckte. Wir wunderten uns über
-diese Erscheinung, die dauernd in der Nacht anhielt, obwohl die
-phosphoreszierenden Pflanzen, die wir anfänglich für die Ursache dieses
-Lichtes hielten, sich schon lange geschlossen hatten. Der uns
-unerklärliche Schein erlosch erst nach Mitternacht, als die Kälte, fern
-von den warmen Quellen, schon äußerst heftig sein mußte.
-
-Noch eine andere Wahrnehmung beschäftigte und beunruhigte uns. Gegen
-Mitternacht machte sich eine starke Bewegung des Wassers fühlbar, zu der
-sich ein dumpfes unterirdisches Donnern gesellte. Fast gleichzeitig
-bemerkten wir durch den Nebel im Osten einen blutigroten, sich
-säulenartig erhebenden Brand. Nach einigen Stunden war er erloschen,
-aber bald flammte er wieder auf und blieb mit wenigen Unterbrechungen
-vier irdische Tage hindurch am Himmel stehen, einem höllischen Geist,
-der sich im Nebel und in der Nacht über der schneebedeckten Wüste zeigt,
-vergleichbar. Die Temperatur des Wassers im Bassin, das durch die
-fortwährenden Erschütterungen des Grundes gärte, hob sich noch
-erheblich, so daß wir eher am Überfluß als an Mangel an Wärme zu leiden
-hatten.
-
-Schon in der Nacht, während der Dauer der Erscheinung, die uns
-anfänglich beunruhigte, ahnten wir, daß sich irgendwo in der Nähe ein
-Vulkan befinde, dessen Ausbruch wir gerade vor uns haben. Es sprach
-dafür auch das Vorhandensein der Warmwasserquellen, die meistens in
-vulkanischen Gegenden vorkommen. Der anbrechende Tag bestätigte unsere
-Vermutungen. Wir konnten zunächst trotz der Helligkeit nichts sehen, da
-die Nebel uns die Aussicht verhüllten. Erst vierzig Stunden nach
-Sonnenaufgang verließen wir den Wagen, nachdem wir bereits seit Mittag
-an dem steinigen Ufer hielten. Noch einige Schritte gingen wir im
-dichten Nebel, -- da plötzlich, als wenn sich ein Zaubervorhang gehoben
-hätte, eröffnete sich uns ein breiter Ausblick! Wir standen wie
-erstarrt, erschüttert vor Bewunderung und Freude.
-
-Einige Meter tiefer, in einer Entfernung von zwei bis drei Kilometern
-von der Stelle, wo wir standen, lag -- das Meer. Es waren seine von
-kleinen Lebewesen phosphoreszierenden Fluten, die über dem blassen
-Glanze in der Nacht durch Nebel und Schatten leuchteten.
-
-Jetzt hatten wir es deutlich vor uns! Die unübersehbare, an den Ufern
-durch das Eis noch abgeschnittene, aber weiter schon flutende und
-bewegliche, von der Sonne vergoldete Wasserfläche erstreckte sich von
-unseren Füßen bis an die Grenzen des Horizontes.
-
-Wir waren von diesem so überaus sehnsüchtig herbeigewünschten Anblick so
-begeistert, daß wir lange die Augen nicht abwenden konnten. Erst nach
-geraumer Zeit, nachdem wir uns an der seit dem Verlassen der Erde nicht
-bewunderten Majestät sattgesehen hatten, begannen wir uns die Gegend
-näher zu betrachten. Im Westen, zwischen weiten Ebenen, glänzte die
-breite, von zahlreichen Sandbänken unterbrochene Mündung des Stromes,
-auf dessen Fluten wir den größten Teil der Reise der vorhergehenden Tage
-zurücklegten. Im Osten war die Landschaft außerordentlich wild und
-mannigfaltig. Vor allem zog der mächtige, mit Schnee bedeckte
-Kegelgipfel eines Vulkans, der in der Entfernung von einigen zehn
-Kilometern über den benachbarten Felsenbergen thronte, unsere
-Aufmerksamkeit auf sich. Die südlichen Abhänge dieser sich zum Meere
-neigenden Berge waren von dichten Wäldern sonderbarer großer, seltsam
-ineinandergewundener blättriger Stauden und Lianen, die gerade aus dem
-nächtlichen Schlaf zum Leben zu erwachen schienen, besetzt; näher vor
-uns spritzten zwischen phantastisch übereinandergetürmten Felsen und
-kleinen rauchenden Seen zahlreiche perlende, in eine weiße Nebelwolke
-gehüllte Geiser. Der von ihnen abfließende Bach sprang über Terrassen,
-wälzte sich in die Bassins, floß von den Felsstücken, immer tiefer
-murmelnd, hernieder, bis er zuletzt in dem Dickicht der Flora
-verschwand, zum Meere eilend.
-
-So sollte unsere Odyssee enden ...
-
-
-
-
- III.
-
-
-Zehn Erdenjahre sind verflossen, seit wir an den Strand des Meeres
-gekommen sind, wo wir heute noch wohnen. Und wenig hat sich in all
-dieser Zeit geändert. Das Meer braust ebenso, und ebenso leuchtet uns
-die lange Nacht mit den erglühten Fluten; in gewissen Zeitabschnitten
-wiederholen sich die Ausbrüche des Vulkans, den wir zur Erinnerung an
-unsern teuren Freund »_Otamor_« genannt haben. Ebenso sprudeln die
-Geiser, und der Bach murmelt, über die Steine springend; nur über dem
-einen der Bassins erhebt sich jetzt auf Pfählen ein Winterhäuschen und
-tiefer am Meeresstrande eine Laubhütte, die uns als Sommerwohnung dient.
-Und an dem sandigen Strande oder auf den Wiesen spielen vier Kinder mit
-einigen Hunden, die schon auf dem Monde zur Welt gekommen sind, oder
-sammeln Muscheln und Blumen. Auch wir haben uns längst an diese Welt
-gewöhnt. Wir staunen nicht mehr über die langen kalten Nächte noch über
-die Tage, während denen die träge Sonne Feuer vom Himmel herabsendet;
-die nachmittäglichen furchtbaren Gewitter, die regelrecht alle
-siebenhundertneun Stunden über uns dahinziehen, haben aufgehört uns zu
-schrecken. Auf die wilde, phantastische Landschaft, die Pflanzenwelt,
-die von der irdischen so verschieden ist, und die ungeschickten
-Mondtiere blicken wir wie auf gute alte Bekannte. Dafür wird die Erde in
-unserer Erinnerung immer mehr einem Traume ähnlich, der vorübergezogen
-und nur eine nicht greifbare Spur in unseren sehnsüchtigen Herzen
-zurückließ. --
-
-Wir sitzen manchmal am Meeresstrande und sprechen über sie -- lange,
-lange! Wir erzählen uns viel von den kurzen Tagen, den Wäldern, dem
-Gesang der Vögel, von Ländern und von Menschen, die sie bewohnen, von
-einer Menge kleiner und bekannter Dinge wie von etwas ungemein
-Interessantem, und als wenn alles nur ein schönes Märchen wäre. Tom ist
-schon ziemlich groß und vernünftig und hört, aufmerksam folgend, wie
-einem wirklichen Märchen zu. Er war niemals auf der Erde ...
-
-Schließlich haben wir uns das Leben hier ziemlich erträglich
-eingerichtet. Zu Füßen des Otamor, auf dem zerbröckelten vulkanischen
-Grunde entdeckten wir Stauden, deren Stämme und mächtige Wurzeln
-genügendes Material bieten, das uns im Notfalle die Bäume ersetzen kann.
-Die ausgetrockneten und von den verholzten Schuppen gereinigten großen
-Blätter, die überaus fest und dauerhaft sind, liefern uns das Leder und
-aus den Fasern der anderen verfertigen wir eine Art starker und weicher
-Leinwand. Auf der Ebene hinter dem Flusse fanden wir nach langem Suchen
-einen Braunkohlenflötz, und ebenso entdeckten wir Petroleumquellen, die
-bedeutend näher liegen als die ersten. Eisen, Silber, Kupfer, Schwefel
-und Kalk sind hier in ziemlich reichlicher Menge vorhanden. Das Meer
-liefert uns zur Genüge brauchbare Muscheln und Bernstein, der sich von
-dem irdischen nur durch eine flammendrote Farbe unterscheidet.
-
-Aus dem Meer fischen wir auch vorwiegend unsere Nahrung. Es leben die
-verschiedensten eßbaren Muscheltiere und eine Art von Fisch und Eidechse
-darin, die ganz schmack- und nahrhaft sind. Außerdem sammeln wir im
-Sande oder Dickicht Eier; keins von den hiesigen Geschöpfen kommt lebend
-auf die Welt, sondern alle Tiere pflanzen sich durch Eierlegen fort.
-Diese Eier sind gegen den Frost unglaublich widerstandsfähig und überaus
-schnell in der Sonnenwärme ausgebrütet. Wir bereiten auch gute, kräftige
-Speisen aus verschiedenen Pflanzengattungen, die hier reichlich
-gedeihen.
-
-Im Anfang fiel es uns schwer, ohne Fleischnahrung auszukommen, aber
-jetzt haben wir uns schon vollständig daran gewöhnt. Alle hiesigen Tiere
-haben ein zähes, übelriechendes Fleisch, das ungenießbar ist. Nur die
-Hunde verachten es nicht.
-
-Einige Mondtage gingen vorüber, bevor wir uns hier irgendwie
-zurechtfanden. Zuerst machten wir uns auf die Suche nach Bau- und
-Brennmaterial, worauf wir auf Pfählen, die aus starken Wurzeln gefertigt
-wurden, ein Winterhäuschen zu bauen begannen, auf demselben Teiche der
-Warmwasserquellen, auf dem wir im Wagen die erste Nacht verbrachten.
-Nach Beendigung dieser wichtigsten Arbeit machten wir Ausflüge in die
-Umgegend, die wir vorwiegend zu Fuß zurücklegten. Ein Wägelchen mit
-Vorräten und Werkzeugen, von den Hunden gezogen, nahmen wir immer mit
-uns. Die Hunde sind hier unsere einzigen Arbeitstiere; von den
-Mondgeschöpfen züchten wir nur eine gewisse Art von großen beflügelten
-Eidechsen, die nahrhafte, wohlschmeckende Eier legen.
-
-Manchmal fuhren wir auf das Meer hinaus, uns längs dem Ufer haltend. Der
-Strand nach Westen ist flach und sandig, im Osten dagegen erheben sich
-zahlreiche, aus vulkanischen Bergen gebildete Vorgebirge, die durch
-tiefe, landeinwärts einschneidende Buchten getrennt sind. Fast ein jeder
-solcher Ausflug, ob zu Wasser oder zu Land, brachte irgendwelchen Nutzen
-mit sich; wir fanden immer etwas Neues oder lernten wenigstens die
-Eigentümlichkeiten und Geheimnisse der Gegend kennen, in der wir wohl
-nun bis zum Tode bleiben werden.
-
-Nach dreizehn Mondtagen, das heißt nach einem Erdenjahr, unseres
-Aufenthaltes am Meere, waren wir mit dem Lande schon ganz vertraut.
-Außer dem Wohnhause hatten wir Werkstätten, eine kleine Hütte, Magazine,
-einen Stall für die Hunde, mit einem Worte, alles, was uns für das Leben
-hier unentbehrlich war. Die Zeit der fieberhaften, angestrengten Arbeit
-nahm ein Ende, und langsam kam die Langeweile und, was noch schlimmer
-war, die Sehnsucht nach der verlassenen Erde über uns. Das waren
-qualvoll fürchterliche Zeiten; ich erinnere mich, daß wir unserer
-bedrückten Stimmung und unserem Heimweh ganz ratlos gegenüberstanden. Am
-Tage zerstreute uns noch dies und jenes, wir irrten auf den Bergen herum
-oder sammelten Nahrungsvorräte; aber während der Nacht packte uns die
-Verzweiflung. In dem kleinen Häuschen über dem warmen Teiche
-eingeschlossen, tatenlos und träge, bemühten wir uns, nur so viel wie
-möglich zu schlafen.
-
-Aber auch das gelang uns nicht immer. Dann saßen wir schweigend da,
-erschöpft von Langerweile und Sehnsucht, einander feindselig
-betrachtend. Es ist unzweifelhaft wahr, daß nichts die Menschen
-gegenseitig so verbittert wie das Unglück und die Langeweile. Ich hatte
-leider Gelegenheit, das mehrfach bestätigt zu finden.
-
-Man hätte sich wohl mit so manchem beschäftigen, irgendwelche
-Verbesserungen einführen, für die Zukunft sorgen können, aber der
-Gedanke, daß wir hier zum Aussterben verurteilt waren, machte uns dazu
-absolut unfähig. Die Menschen auf der Erde denken gar nicht daran, daß
-sie den größten Teil ihrer Energie, wenn auch unbewußt, dem Gefühl
-verdanken, daß sie nicht nur für sich, sondern auch für diejenigen, die
-nach ihnen kommen werden, arbeiten. Der Mensch will leben, das ist
-alles. Und indessen steht ihm immer der unerbittliche Tod vor Augen, und
-wenn er keinen Ausweg, keine Möglichkeit der Ablenkung, kein Mittel, ihn
-oder vielleicht auch nur sich selbst zu betrügen, findet? Bei Gott, ich
-glaube, daß kein anderer Gedanke außer diesem einen furchtbaren: _ich
-werde sterben_, in seinem Kopfe Raum hätte! Es gibt verschiedene
-Heilmethoden: Den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, den Glauben
-an die Unsterblichkeit der Menschheit und der menschlichen Werke. Der
-Mensch verlängert sein Dasein durch seine Taten; denn wenn er an jene
-Zeiten denkt, wo er nicht mehr sein wird, so stellt er sich vor, daß
-auch dann noch eine Spur seiner Arbeit übrig bleibt, und so wird er in
-seinen Gedanken selbst dieser Zukunft teilhaftig, die er mit lebendigen
-Augen nicht mehr schauen kann. Aber dafür muß er wissen, daß nach ihm
-Menschen existieren werden, die, wenn sie auch seinen Namen nicht
-erwähnen und kennen, doch wenigstens, ohne es zu wissen, von seinem
-Lebenswerk Nutzen ziehen. Das ist die absolute Grundlage des Lebens und
-seiner Tatkraft. Denn die Werke der Menschen sind wie die Menschen
-selbst: sie leben oder sterben. Das Werk, das in keinem Bewußtsein einen
-Wandel hervorruft, ist tot.
-
-Das sind alles außerordentlich einfache und natürliche Folgerungen, aber
-ich bin mir erst auf dem Monde, während jener langen taten- und
-hoffnungslosen Tage im Anfang unseres Aufenthaltes am Meere so recht
-klar darüber geworden.
-
-Manchmal dachte ich: Es wäre gut, die Grenzen dieses großen Wassers zu
-erforschen, das Land in seiner Länge und Breite zu durchqueren, seine
-Berge und Flüsse kennen zu lernen, Karten anzufertigen, die Pflanzen zu
-beschreiben, die Tiere und Mineralien, aber da tauchte in meinem Innern
-die höhnische Frage auf: Und wer wird etwas davon haben? Ja, wahrhaftig,
-wer wird etwas davon haben? Wem soll ich erzählen, was ich kennen lernen
-werde, wem das zurücklassen, was ich niederschreiben will? Tom? ... Aber
-der kleine Tom wird ebenfalls sterben wie ich, zwar etwas später, aber
-das ändert nichts an der Sache. Er wird der letzte Mensch auf dieser
-Welt sein, auf der wir die ersten gewesen sind. Mit ihm wird alles ein
-Ende nehmen ...
-
-Dieses Bewußtsein lähmte jedwede Tatenlust in mir! Ob ich nun dieses
-staunenerregende Land erforschen wollte oder dieses Meer, mit dem der
-Mond angefüllt ist wie ein silberner Becher, der seinen äußeren Boden
-der Erde zukehrt, oder wenn ich an das Erbauen eines dauerhafteren
-Hauses dachte, an die Einrichtung von neuen und besseren Werkstätten, an
-die Anlage eines Gartens und Tierkäfigs, mit einem Worte, an die Hebung
-des Wohlstandes unserer kleinen Wirtschaft.
-
-Und so erwuchs in Peter und mir zugleich das Gefühl der Notwendigkeit,
-hier eine neue Menschheit ins Leben zu rufen, und unsere Augen wandten
-sich wiederum auf Martha. Ich versuche heute mich vor mir selbst zu
-rechtfertigen, denn ich weiß, daß es Verbrechen und Egoismus war. Auch
-damals wußte ich es, aber ... aber ... Der Mensch will leben, um jeden
-Preis und auf jede Art, nur leben -- das ist alles!
-
-Es war etwas Ungeheuerliches in unserm Beschluß, vor allem, weil wir ihn
-kalt und nüchtern faßten, wenigstens was mich betrifft ...
-
-Ich hatte mich an Martha mit einer großen Liebe gewöhnt, einer stillen,
-selbstlosen, und jene Zeit, da ich sie für mich begehrte, für meine
-Sinne und mein Glück, war lange vorbei und, wie es mir schien,
-unwiderruflich. Ich weiß es nicht einmal, warum sie vorbei war ... Ich
-glaube, der Grund lag in der Überzeugung, daß sie mich nicht
-wiederliebte und niemals lieben würde, stets nur mit all ihren Gedanken
-an jenem Toten, in ihrem Sohne Wiedergeborenen, hängend.
-
-Nicht an Martha habe ich in jener Zeit gedacht, sondern an Kinder, an
-kleine frohe Mädchen, die Tomas, wenn sie erwachsen sind, heiraten
-könnte, auf diese Weise einer neuen Menschheit das Leben gebend. Ich
-erträumte mir das als höchstes Glück, denn dann war unsere Arbeit nicht
-vergebens. Alles, was wir entdeckten und schufen würde denjenigen, die
-nach uns von Geschlecht zu Geschlecht auf dem Mondglobus leben sollten,
-Früchte tragen.
-
-Ich will nicht sagen, daß diese meine Träumereien gänzlich unpersönlich
-waren. Im Gegenteil, indem ich an die Kinder dachte, stellte ich mir
-unwillkürlich vor, daß es meine Kinder wären und hinter ihren fröhlich
-lachenden Gesichtchen sah ich die liebe Gestalt Marthas, -- meiner
-Martha ... Das waren erschlaffende, fast schmerzliche Gedanken, denn
-ihre Verwirklichung schien mir so seltsam unmöglich zu sein ...
-
-Und dann machte ich mir, die ungastliche und nicht für Menschen
-geschaffene Mondwelt betrachtend, wieder Vorwürfe. Wie wird, dachte ich,
-das Schicksal der zukünftigen Menschheit sein, die hier leichtsinnig von
-uns geschaffen, um unsern Taten einen Zweck und unserm eigenen Leben
-eine Berechtigung zu geben? Ich hatte die Bedingungen dieses Globus
-genügend kennen gelernt, um zu wissen, daß sich die Menschheit auf ihm
-niemals würde entwickeln können wie auf der Erde. Der Mensch wird hier
-immer nur der Eindringling sein, der ungebeten und -- zu spät gekommen
-ist. Ja, zu spät. Der Mond ist, wie wir die Sache auch ansehen mögen,
-ein absterbender Globus.
-
-Auf das hiesige Leben blickend, das einen so unerhört kleinen Teil der
-Oberfläche des ganzen Gestirns einnimmt, auf die Pflanzenwelt, die
-großartig und üppig ist, aber viel weniger Lebenskraft als die irdische
-besitzt, auf die seltsamen Tiere, die degeneriert und gebrechlich sind,
-kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß ich auf die Pracht einer
-untergehenden Sonne schaue. Hier hat das Leben bereits aufgehört sich zu
-entwickeln. Es ist reif, überreif sogar, und wartet auf das Ende. Und
-diese Natur, die hier seit unvergleichlich längeren Zeiten arbeitet als
-auf der Erde (da der Mond, als kleineres Gestirn, früher als sie
-erkaltet und früher »Welt« geworden ist), hat es nicht vermocht, ein
-vernünftiges Wesen zu schaffen, und wenn sie es geschaffen haben sollte,
-ist seine Zeit unwiderruflich vorbei. Den besten Beweis liefert vor
-allem die Tatsache, daß dieser Globus heute nicht mehr für derartige
-Wesen geeignet ist.
-
-Dem Menschen wird es hier immer zu eng sein! Derartige Reflexionen
-stiegen wohl in mir auf, aber das Gefühl ist stärker als der abstrakte
-Gedanke; trotz allem begehrte ich mit ganzer Seele, daß hier nach uns
-Menschen leben sollten. Manchmal betrog ich mich selbst und versuchte
-mir einzureden, daß ich die Menschheit für Tom wolle, um ihn vor dem
-schrecklichen Schicksal zu bewahren, in der Einsamkeit der letzte Mensch
-zu sein. Aber das ist nicht wahr; ich wollte ein neues Geschlecht für
-mich, um meiner selbst willen.
-
-Ich weiß nicht, wie Peter dachte und fühlte; aber sicher ist, daß ihn
-dieselbe Sehnsucht beherrschte. Es ging viel Zeit vorüber, ehe wir beide
-uns aussprachen. Ich erinnere mich, es war gegen Sonnenuntergang. Martha
-war mit Tom auf dem Arme zu den warmen Quellen gegangen und wir beide
-saßen schweigend am Meeresstrande.
-
-Peter blickte Martha, als sie sich entfernte, lange nach, und dann
-zählte er leise die Mondtage, die wir schon durchlebt hatten.
-
--- Der dreiundzwanzigste Sonnenuntergang, sagte er endlich laut.
-
--- Ja! antwortete ich gedankenlos, der dreiundzwanzigste; wenn wir auch
-die Tage rechnen, die wir auf dem Pole verbrachten und während denen wir
-in Wirklichkeit keine Untergänge hatten ...
-
--- Und was weiter? fragte Peter.
-
-Ich zuckte die Achseln.
-
--- Nichts. Noch einige Untergänge, vielleicht einige zehn oder hundert,
-und dann wird es zu Ende sein. Tom wird allein bleiben.
-
--- Nicht um Tom geht es mir, sagte er, und nach einer Weile fügte er
-hinzu:
-
--- Jedenfalls steht es schlecht.
-
-Wir schwiegen lange, dann begann Peter von neuem:
-
--- Martha ...
-
--- Ah, ja, Martha, wiederholte ich.
-
--- Man muß etwas beschließen!
-
-Mir schien es, daß in seiner Stimme derselbe Ton vibrierte, an den ich
-mich aus jener furchtbaren Fahrt durch das _Mare Frigoris_ nach
-Woodbells Tod erinnerte. In mir empörte sich etwas. Ich sah ihm fest in
-die Augen und sagte mit Nachdruck:
-
--- Man muß.
-
-Er lächelte seltsam und antwortete nichts.
-
-An diesem Tage sprachen wir nicht mehr über diese Angelegenheit. Die
-lange Nacht verging in Schweigen und Langerweile. Tom war nicht ganz
-wohl und Martha sehr beunruhigt, immer nur mit ihm beschäftigt. Wir
-beobachteten ihre grenzenlose, mütterliche Zärtlichkeit, und wer weiß,
-ob nicht gerade damals, wenn auch unbewußt, der schändliche,
-widerwärtige Plan der Ausnützung ihrer Liebe für das Kind in uns
-aufkeimte, um sie unseren Wünschen geneigt zu machen. Jedenfalls
-bestärkte uns diese Nacht der Leere und Langweile darin, daß man absolut
-»etwas beschließen« müsse.
-
-Am Morgen des folgenden Tages begab ich mich mit Peter in die Wälder zu
-Füßen des Otamor. Während dieses Ausfluges wurde die Angelegenheit
-endgültig besprochen. Einer von uns sollte Martha zur Frau nehmen und
-der andere sich verpflichten, ihm niemals in den Weg zu treten.
-
-Einer von uns! Ich wiederholte in Gedanken diese Worte mit einer
-sehnsuchtsvollen und schmerzlichen Unruhe. In Peters Munde klangen sie,
-als er sie aussprach, fast wie eine Drohung. Ich weiß nicht, vielleicht
-täuschte ich mich auch, aber mir schien es so ... Die Wahl zwischen uns
-beiden sollten wir Martha überlassen, und erst wenn sie keine Wahl
-treffen wollte, sollten wir Lose ziehen. Peter meinte zwar, daß eine
-sofortige Entscheidung durch das Los ratsamer sei, da Martha sich
-weigern würde, zu wählen, aber ich lehnte mich entschieden dagegen auf
-und erreichte so viel bei ihm, daß er wenigstens damit einverstanden
-war, Martha zuerst die Entscheidung anheimzustellen. Er gab, wie ich
-bemerkte, nur ungern nach und als er endlich »ja« sagte, hatte er ein
-eigenartiges Lächeln auf den Lippen und seine Augen flammten seltsam
-tückisch.
-
-Zu Hause angekommen, schoben wir die entscheidende Unterredung noch
-lange hinaus, denn wir waren uns gewiß darüber, daß Martha uns nur mit
-Widerstreben anhören würde. Peter ging nachdenkend und finster auf und
-ab und stellte sich, als wenn er mit etwas beschäftigt wäre; ich irrte
-am Meere herum, das Herz von einer unklaren, quälenden Angst erfüllt. An
-diesem Tage sollten sich unsere Schicksale entscheiden.
-
-Und endlich kam der Mittag, schwül und heiß. Die Sonne, die seit
-hundertdreißig Stunden am Himmel leuchtete, sengte die Gegend mit einer
-unerträglichen Glut, die Pflanzen verdorrend, die auf den erfrischenden
-Regen warteten. Am Himmel, in südöstlicher Richtung, wo die Sonne schon
-über den Äquator gezogen war, türmten sich dichte schwarze Wolken auf.
-In geringen Zwischenräumen, während denen die Luft erkaltet und schwer
-über uns hing, erhob sich ein kurzer, heftiger Sturm. Er warf die
-Meeresfluten an den Strand, ließ die Wälder erbrausen, brach die
-perlenden Fontänen der Geiser und heulte zwischen den Felsen, die
-tägliche Gewitterzeit verkündend.
-
-Wir siedelten aus dem Sommerhäuschen am Strande zu der Höhle in der
-Gegend der Geiser über, die uns für gewöhnlich als Schutz während des
-Gewitters diente. Wir saßen alle drei vor ihrem Eingang, der kleine Tom
-spazierte, sich an den Knien der Mutter haltend, auf eigenen Füßen um
-diesen Stützpunkt herum, als Peter mir einen bedeutsamen Blick zuwarf
-und sich dann mit dem Ausdruck eines plötzlichen Entschlusses zu Martha
-wandte.
-
-Mein Herz schlug so heftig, daß ich es im Halse fühlte. Das herannahende
-Gewitter wirkte immer erregend auf uns. An diesem Tage gesellte sich
-noch die Aufregung der bevorstehenden Entscheidung hinzu. Vor allem
-befand sich Peter in einem anormalen Zustand: Seine weit aufgerissenen
-Augen flackerten unruhig, die Brust hob und senkte sich in
-ungleichmäßigen Atemzügen und auf seinen Wangen brannten dunkle Flecke.
-Ich blickte ihn in ängstlicher Erwartung an, er aber fragte sie, ohne
-jegliche Einleitung und Vorbereitung, ganz unvermittelt:
-
--- Martha, welchen von uns beiden würdest du wählen?
-
-Martha, durch diese plötzliche Frage überrascht, schien zuerst nicht zu
-verstehen, um was es sich handelte ... Sie sah erstaunt erst mich, dann
-Peter an, dann wiederum mich und zuckte verächtlich die Achseln.
-
-Peter wiederholte:
-
--- Martha, wen von uns beiden wirst du wählen?
-
-Sein hartnäckig auf sie gerichteter Blick mußte ihr mehr sagen als diese
-Frage, da sie plötzlich, alles verstehend, erblaßte und mit einem
-leichten Schrei von ihrem Sitze aufsprang. In ihrer Hand blitzte wieder
-das Stilett, mit dem sie Peter schon einmal gedroht hatte.
-
--- Von euch niemanden! rief sie.
-
-Peter trat ihr einen Schritt näher:
-
--- Und dennoch mußt du wählen und ... und auswählen! sagte er mit
-Nachdruck.
-
-Ihre Augen irrten in stummer Verzweiflung umher wie zitternde Vögel. Es
-schien mir, daß sie einen Augenblick, einen kurzen Augenblick, mit einem
-flehenden Ausdruck oder Zögern oder Sinnen auf mir ruhten. Aber nein,
-das mußte eine Täuschung sein, sicherlich schien es mir nur so, da sie
-im nächsten Moment die Hand mit dem Stilett erhob und hart sagte:
-
--- Ich werde niemanden wählen, und ich bin neugierig, wer es von euch
-wagt, sich mir zu nähern! Ich will keinen von euch!
-
-Und abermals schien es mir, daß die letzten Worte weicher von ihren
-Lippen kamen und ihre Augen meinem Blick begegneten, aber das war
-unzweifelhaft eine Täuschung. Ich war damals so erregt ... Mein Gott,
-ich will und muß glauben, daß es nur eine Täuschung war!
-
-Als die Mutter aufgestanden war, setzte sich Tom auf die Erde und
-schaute interessiert der ganzen Szene zu.
-
-Peter legte die Hand auf seinen Kopf. Martha bemerkte es.
-
--- Fort! schrie sie ängstlich, fort! Komm' ihm nicht zu nah'! Er ist
-mein!
-
-Peter rührte sich nicht. Die Hand immer auf dem Kopf des Kleinen,
-starrte er Martha hartnäckig mit einem verächtlichen Lächeln an.
-
--- Und was soll mit Tom werden? fragte er endlich.
-
-Martha zögerte.
-
--- Mit Tom? Was soll mit Tom werden? wiederholte sie fast
-verständnislos.
-
--- Nun ja, wenn wir sterben und er allein bleibt ...
-
-Diese Worte trafen sie wie ein Blitz. Sie riß die Augen weit auf, als
-wenn sie plötzlich vor einem Abgrunde stünde, den sie bisher nicht
-bemerkt hatte, seufzte tief und ließ sich auf einen Stuhl fallen, da sie
-anscheinend die Kräfte verließen.
-
--- Ja, was wird mit Tom ... wiederholte sie flüsternd, mit ratloser
-Verzweiflung auf das Kind sehend.
-
-Und Peter begann ihr auseinanderzusetzen und zu erklären, daß sie aus
-Liebe zu Tom einen von uns wählen müsse. Sie werde doch nicht ihren
-geliebten Sohn zu einem furchtbaren, einsamen Tod verurteilen und vor
-allem nicht zu einem noch furchtbareren Leben? Was soll nach unserem
-Tode aus ihm werden? Verlassen, verwildert, verzweifelt wird er auf
-diesen Bergen herumirren und am Strand dieses Meeres, der letzte Mensch,
-der einzige Mensch auf diesem Globus, nur an das eine, grauenhaft
-Unabwendbare denken: den Tod.
-
-Er wird die Mutter verfluchen, die ihm das Leben gegeben hat. Zu ewigem
-Schweigen verurteilt, wird er, der zu niemandem sprechen kann, die
-menschliche Sprache vergessen; die Worte, die er von uns gelernt hat,
-wird er, eins nach dem andern, verlieren, wie man das Geld auf der Wüste
-zerstreut, wo man nichts dafür kaufen kann. Vielleicht werden ihm
-schließlich nur noch einige Worte in der Erinnerung bleiben, mit deren
-Klang er spielen und kosen wird; obwohl das furchtbare Worte sein
-müssen, die nichts als Grauen, Einsamkeit, Verlassenheit und Trauer
-ausdrücken. Wenn er verzweifelt, wird ihm niemand Linderung bringen;
-wenn er etwas braucht, wird ihm niemand helfen. Wenn er krank ist, wird
-an seinem Lager nur das grauenhafte, höhnisch grinsende Gespenst des
-Hungertodes stehen. Dann werden selbst die Hunde, glücklicher als er,
-weil sie sich hier vermehrten, ihren Herrn verlassen, der nicht mehr
-fähig ist, ihnen Befehle zu erteilen. Am Ende wird auch einer, ein
-treuer, der ihm in der Einsamkeit, in Ermangelung eines Menschen, Freund
-und Kamerad war, länger bei ihm bleiben, so lange, bis er endlich,
-entsetzt durch die in der letzten Verzweiflung starrenden Totenaugen,
-angstvoll gedehnt zu heulen beginnt. Und andere, schon verwilderte,
-werden auf diesen Laut zusammenlaufen ... und ... sich eine Mahlzeit
-bereiten aus der noch warmen Leiche des letzten Menschen auf dem Monde.
-
-Er sprach noch lange, alle Greuel schildernd, zu denen Tom nach unserem
-Tode verurteilt sein wird, und ich, strafe mich Gott dafür, half ihm,
-sich an der Qual dieses Weibes zu weiden und versuchte ebenfalls die
-Ärmste zu überzeugen, daß sie um Toms willen einen von uns wählen müsse
-...
-
-Martha hörte das alles, ohne zu antworten. Nur in ihren Zügen malte sich
-anfänglich Erstaunen, dann der Reihe nach: Trauer, Angst, Verzweiflung,
-Resignation.
-
-Seit Mittag grollten die fernen Donner des nahenden Gewitters ... Martha
-saß stumm da.
-
-Als wir geendet hatten und Peter sie fragte, ob sie bereit sei, einen
-von uns zu heiraten, schien sie die Frage nicht gehört zu haben. Erst
-als er sie wiederholte, zuckte sie zusammen und erhob das Haupt, als
-wenn sie aus einem Traum erwacht wäre. Sie schaute uns an und sagte dann
-dumpf, mit Mühe die Worte hervorstoßend:
-
--- Ich weiß, daß es euch nicht um Tom geht, aber das ist einerlei ...
-Ihr habt recht ... Ich werde ... für Tom ... alles tun ... Sie seufzte
-krampfartig und verstummte.
-
--- Bravo! rief Peter, das läßt sich hören! Also, fügte er, sich zu ihr
-neigend, hinzu, welcher von uns ist dir lieber?
-
-Ich stand abseits und blickte auf Martha. Sie wich unwillkürlich zurück,
-als wenn sie von Widerwillen geschüttelt würde, beherrschte sich aber
-sofort und schaute uns an. Und wieder, schon zum drittenmal, schien es
-mir, daß ihr Blick eine Sekunde lang auf mir ruhte, der bittende Blick
-eines armen, gehetzten, in die Enge getriebenen und um Mitleid flehenden
-Wildes.
-
-Alles Blut drang mir aus dem zusammengepreßten Herzen zum Hirne. Auch
-Peter mußte ihren Blick aufgefangen haben, denn er erblaßte und wandte
-sich zu mir mit dem Ausdruck des unverkennbarsten Hasses.
-
-In diesem Moment brach Martha in ein heftiges, lang anhaltendes Weinen
-aus, warf sich auf den Boden und wimmerte verzweiflungsvoll:
-
--- Tomas, mein Tomas, mein guter, geliebter Tomas!
-
-Sie rief den Toten an, als wenn er sie von den Lebenden erlösen könne.
-Peter trat ungeduldig einen Schritt zurück.
-
--- Es ist Unsinn, noch länger zu reden oder zu warten, sagte er, ziehen
-wir Lose.
-
-Ich wollte mich noch widersetzen. Es war mir schwül und furchtbar
-zumute. Die Wolken bedeckten schon den halben Himmel; über dem Meer
-flammten blendende Blitze auf.
-
-Als der kleine Tom die Mutter weinen sah, begann er selbst zu weinen.
-Ich näherte mich ihm behutsam:
-
--- Martha ... Martha, wiederholte ich, leicht mit der Hand ihre Schulter
-berührend.
-
--- Fort! fort! schrie sie, ihr Widerwärtigen! ...
-
--- Ziehen wir Lose! drängte Peter.
-
-Ich sah mich um. Er stand hinter mir, in der geschlossenen Hand zwei
-Taschentuchenden haltend.
-
--- Wer den Knoten zieht, der nimmt sie. Er deutete auf die noch immer am
-Boden Liegende.
-
-In mir ging etwas Furchtbares vor. In meinem Kopf fühlte ich eine
-seltsame Klarheit; ich war sogar ruhig, es fehlte mir nur der Atem, als
-wenn jemand einen ganzen Berg auf meine Brust gewälzt hätte. Ich
-betrachtete die beiden Enden des Taschentuches, die aus Peters Hand
-hervorsahen, und zuerst beschäftigte mich die Einsäumung, die an einer
-Stelle etwas zerrissen war ... Dann erinnerte ich mich an eine Szene auf
-dem _Mare Imbrium_, wo wir ebenso Lose ziehen sollten -- um den Tod ...
-wie jetzt um ... die Liebe!
-
-Peter wurde ungeduldig.
-
--- Zieh! rief er.
-
-Ich blickte ihn an. Seine Züge waren verzerrt, seine Augen starr auf
-mich gerichtet. Ich verstand plötzlich alles. Wenn ich das Los ziehe,
-werde ich diesen Mann sofort töten müssen, da er, im entgegengesetzten
-Falle, mich ermordet. Unwillkürlich schob ich die Hand in die Tasche und
-suchte nach der Waffe. Aber da kam mir der Gedanke, daß ebensogut Peter
-das Los ziehen konnte, was dann? Werde ich dann die Kraft haben, auf
-dieses geliebte Weib zu verzichten, in dem Bewußtsein, daß nur ein
-elender Zufall alles entschieden hat? Werde ich mich nicht gegen ihn
-empören? Perlender Schweiß bedeckte mir die Stirn.
-
-Wenn ich wüßte, daß Martha mich lieber hat, daß sie für mich auch nur
-ein ganz klein wenig mehr empfindet als für Peter, würde ich auf das Los
-nicht warten.
-
-Aber so ...
-
-Sie sagte doch vor einem Augenblick: Ihr Widerwärtigen ... Ihr!
-
-Soll ich ihr Gewalt antun und dazu einen Menschen umbringen ... oder
-mich vor dem Zufall beugen?
-
-Ich blickte Martha an, sie hatte aufgehört zu weinen und saß still da,
-auf das weite Meer starrend, als wenn sie nicht wüßte, daß wir hier,
-einige Schritte von ihr entfernt ...
-
-Ein grenzenloses, herzzerreißendes Mitleid mit diesem Weibe erfaßte
-mich.
-
-Dies alles dauerte kaum eine Sekunde. Unwillkürlich berührte ich wieder
-den Griff des Revolvers in meiner Tasche, wie irrsinnig um mich
-blickend, wen ich ermorden sollte: Peter, Martha, mich selbst oder Tom,
-den wir zum Werkzeug der Tortur für sie gemacht hatten.
-
-Plötzlich ließ diese unerhörte Spannung der Nerven nach, und alles löste
-sich in meinem Innern. Es blieb mir nur noch die Gleichgültigkeit und --
-der Stolz. Ich öffnete die Hand, die schon den Revolver gepackt hatte.
-
--- Zieh! zischte Peter mit erstickter Stimme.
-
--- Nein! antwortete ich mit ruhigem Entschluß.
-
--- Wie?
-
--- Wir werden keine Lose ziehen.
-
-Er konnte es noch nicht begreifen, schob schnell die Hand in die Tasche,
-und ich hörte das Knacken des Revolverabzuges.
-
-Also auch er war vorbereitet; ich hatte mich nicht getäuscht. Mit einer
-blitzschnellen Bewegung packte ich ihn bei den Händen. Er beugte sich
-nach hinten und wand sich unter dem eisernen Druck meiner Fäuste; in
-seinen Augen flammte das höchste Entsetzen.
-
-Ich hörte einen durchdringenden Schrei Marthas. Im ersten Augenblick
-schien es mir, daß in ihm etwas wie Freude zitterte, aber dann dachte
-ich, daß sie sich vielleicht um Peter ängstige. Ich schaute ihn an; er
-blickte mir in die Augen mit einer ohnmächtigen, verzweifelten Wut. Es
-schien mir, daß er den Tod erwartete. Ich lächelte und schüttelte den
-Kopf.
-
--- Nein, das nicht, das ... Nimm sie dir, sagte ich und ließ ihn los.
-
-Zuerst war er ganz starr vor Staunen. Er schaute mich irr an, und dann
-lächelte er gezwungen:
-
--- Du bist edel, ja, ich danke dir ... Es ist wahr, ich bin jünger, also
-mit Recht ... Aber, hier wurde seine Stimme tiefer, aber, versprichst du
-mir, daß niemals ... niemals ...
-
-Er zeigte mit einer Kopfbewegung auf Martha.
-
-Ich sah ihm in die Augen.
-
--- Ja, ich weiß, es ist nicht nötig ... Ich danke dir, du bist ... sagte
-er schnell.
-
-Ein unbeschreiblicher Widerwille schüttelte mich. Peter zögerte, wandte
-sich dann schnell um und näherte sich Martha ... Auch ich schaute auf
-sie und wieder trafen sich unsere Augen, aber aus ihrem Blick sprach
-jetzt Haß und eine grenzenlose Verachtung.
-
--- Martha, ich soll dein Mann sein, sagte Peter.
-
--- Ich weiß es.
-
-Ihre Worte klangen ganz gleichgültig.
-
--- Martha ...
-
--- Was?
-
--- Das Gewitter kommt heran ...
-
--- Ich sehe es ...
-
-Peter seufzte nervös ...
-
--- Komm, flüchten wir uns in die Höhle.
-
-In seinen Augen glimmte eine tierische Leidenschaft; durch die
-krampfhaft zusammengepreßten Kiefer drangen nur mühsam die abgerissenen
-Sätze hervor und seinen Körper schüttelten Fieberschauer.
-
-Ich wagte es nicht, Martha anzusehen. Ich hörte nur ihre gedämpfte,
-gleichgültige Stimme:
-
--- Gut. Ich komme ...
-
-Peter zögerte noch:
-
--- Martha, gib mir zuerst das Stilett.
-
-Sie warf es auf die Erde, daß die Schneide auf den Steinen klirrte, und
-ging, ohne sich umzusehen, in die Grotte. Peter ergriff Tom beim
-Händchen und lief ihr nach.
-
-Ein blendender Blitzstrahl durchzuckte grelleuchtend den schwarzen
-Himmel; dumpfes, durch das Echo langgezogenes Dröhnen des Donners
-verkündete den Anfang des Gewitters. Strömender Regen stürzte herab und
-erfrischte die verbrannte, ausgetrocknete Erde!
-
-Es schwindelte mir im Kopfe. Ich warf mich auf die Fliesen, in
-verzweifeltes, unmännliches Weinen ausbrechend ...
-
-Über mir rollten die Donner, und die ganze Welt verfinsterte sich in
-endlosen Regengüssen.
-
-So gestaltete sich unser Leben auf dem Monde.
-
-
-
-
- IV.
-
-
-Es begannen für mich dann einsame, traurige Zeiten ... Meine Beziehungen
-zu Peter waren niemals herzlich, und was Martha betrifft, konnte ich
-mich nicht überwinden, ihr so zu begegnen wie früher. Etwas stand
-zwischen uns; ein Schmerz oder ein Gefühl der Scham beiderseits oder
-sonst etwas. Auch sie hatte sich verwandelt, war eine andere geworden,
-kaum mehr zu erkennen. Abgemagert und blaß, fast häßlich, verschlossen,
-wenig sprechend, schien sie mich zu meiden. Lange Stunden brachte sie
-allein mit Tom zu. Lediglich der Anblick dieses Kindes konnte das Wunder
-bewirken, daß ihre finsteren Züge sich für einen Augenblick im Lächeln
-des Glücks erhellten. Der Sohn war für sie alles. Sie dachte nur an ihn.
-Sie nahm ihn oft auf den Schoß, liebkoste ihn leidenschaftlich oder
-erzählte ihm Geschichten, die er noch gar nicht verstehen konnte: von
-der Erde, die wir zurückgelassen, weit im Himmelsblau, von dem Vater,
-der in dem Grabe auf der furchtbaren Wüste schlief, von sich selbst ...
-
-Peter war eifersüchtig. Er hatte von jeher eine Abneigung gegen das
-Kind, aber jetzt sah er es manchmal mit einem Blicke an, daß ich, der
-ich seinen Charakter kannte, zitterte, er könne ihm ein Leid antun.
-Übrigens war er auch auf mich eifersüchtig, obwohl ich alles vermied,
-was ihm dazu Veranlassung geben konnte. Nie begegnete ich Martha allein
-und auch in seiner Gegenwart sprach ich wenig mit ihr. Wenn ich aber hie
-und da ein Wort mit ihr wechselte, fühlte ich stets seinen unruhigen,
-haßerfüllten Blick.
-
-Schwer und traurig war Marthas Leben und das meinige, aber ich glaube,
-er war der Unglücklichste von uns dreien. Martha hatte wenigstens einen
-Trost in dem Kinde, ich diese stolze Genugtuung, die uns die Erfüllung
-eines freiwillig gebrachten Opfers gibt. Aber er, Peter, lebte von
-Eifersucht gequält an der Seite des heißbegehrten, ihm kalt und
-gleichgültig gegenüberstehenden Weibes, nirgends einen Halt findend. Ich
-habe mich unwillkürlich von ihm zurückgezogen und Martha gab zwar allen
-seinen Wünschen nach, aber sie zeigte ihm in jeder Minute, daß sie ihn
-lediglich als das Werkzeug betrachtete, durch das sie dem geliebten Sohn
-den Segen der menschlichen Gesellschaft auf dem Monde sichern wollte.
-Ich habe niemals gehört, daß sie auch nur ein wärmeres, herzlicheres
-Wort zu ihm gesprochen hätte; wenn er ihre Hände oder ihr Antlitz mit
-Küssen bedeckte, wehrte sie es nicht, aber sie saß unbeweglich und
-gleichgültig, in ihren Augen einen Ausdruck der Ermüdung und ... des
-Ekels.
-
-Und er liebte sie doch auf seine Art und tat alles, um bei ihr ein
-Gefühl für sich zu wecken, ihre Gegenliebe zu erzwingen, als wenn man
-Liebe erzwingen könnte! Es gab Augenblicke wo er ihr drohte und sich
-bemühte ihr seine Übermacht zu zeigen, aber sie schaute ihn auch dann
-gleichgültig und ruhig an und weder Angst, noch Lust sich ihm zu
-widersetzen, zeigte sich in ihren Zügen. Wenn er etwas befahl, tat sie
-es ohne zu murren, aber auch ohne zu lächeln, genau wie wenn er sie um
-etwas bat. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Ich sah, daß er manchmal in
-ihr Haß und Empörung wachrufen wollte, nur um sie aus dieser furchtbaren
-Gleichgültigkeit herauszureißen. Er ergriff also das letzte Mittel: er
-verfolgte Tom. In meiner Gegenwart wagte er es nicht das Kind zu
-berühren; ich sagte ihm einmal, daß ich ihm den Schädel zertrümmern
-würde, wenn er dem Kinde das kleinste Unrecht zufügte und er wußte, daß
-ich seit jenem denkwürdigen Mittag den Revolver stets bei mir trug. Aber
-sobald ich fort war, schlug er Tom. Ich habe das erst viel später und
-zufällig erfahren. Martha drohte ihm in solchen Momenten, ohne ein Wort
-zu verlieren, mit dem Stilett, das ich aufhob und ihr zurückgab, nachdem
-sie es damals, in die Grotte gehend, zu Boden geworfen hatte.
-
-Ein anderes Mal wieder warf sich Peter, von einem Extrem ins andere
-fallend, zu ihren Füßen und schluchzte und flehte um Erbarmen.
-
-Einmal war ich unbemerkt Zeuge einer solchen Szene. Ich kehrte gerade
-von einem Ausflug zu den ziemlich entfernten Petroleumquellen zurück und
-hörte, als ich mich dem Hause näherte, lautes Sprechen und dann Peters
-Weinen. Martha saß auf der Bank im Garten, den wir auf dem Hügel
-angelegt hatten, von wo sich ein herrlicher Blick auf das Meer und die
-Berge eröffnete. Zu ihren Füßen im Sande lag Peter. Die
-zusammengefalteten Hände stützte er auf ihre Knie und betete förmlich zu
-ihr, mit flehendem Blick und erstickter Stimme.
-
--- Martha, schluchzte er, Martha, erbarme dich meiner! Siehst du nicht,
-was mit mir vorgeht! Das ist doch grauenhaft ... Ich liebe dich bis zur
-Raserei, verliere die Sinne, und du ... und du ... Ein krampfhaftes
-Weinen unterbrach seine Worte.
-
-Martha zuckte nicht einmal.
-
--- Willst du etwas von mir, Peter? frug sie nach einer Weile.
-
--- Ich will deine Liebe!
-
--- Du bist mein Mann ...
-
--- Liebe mich!
-
--- Gut. Ich liebe dich ...
-
-Sie sagte das alles langsam, ruhig und mit einer so furchtbaren
-Gleichgültigkeit, daß sogar mich ein frostiges Gefühl durchlief.
-
-Peter sprang auf.
-
--- Weib, reize mich nicht! schrie er außer sich.
-
--- Ich werde dich nicht reizen.
-
-Peter packte sie mit beiden Händen bei den Schultern; seine Züge hatten
-sich in ohnmächtiger Wut verzerrt. Unwillkürlich griff ich zum Revolver;
-mein Blut hämmerte in den Adern, aber ich fühlte, daß mir die Hand nicht
-zittern würde.
-
--- Willst du mich schlagen, Peter? frug Martha wieder in einem Ton, als
-wenn sie sagte: Willst du Wasser trinken?
-
--- Ja, ich werde dich schlagen, zerren, morden, bis ... bis ...
-
--- Gut. Schlage mich ...
-
-Er wimmerte und wankte wie ein Betrunkener.
-
-Ich näherte mich, um durch meine Gegenwart diesem entsetzlichen Auftritt
-ein Ende zu machen.
-
-Marthas immer gleiche Traurigkeit und Peters furchtbare innere Kämpfe
-mitanzusehen, war mir im höchsten Maße qualvoll, und da auch sie mich
-zum Teile mieden, wenn auch jedes von ihnen aus einem anderen Grunde, so
-ergab es sich, daß ich den größten Teil der langen Mondtage in vollster
-Einsamkeit verbrachte. Ich habe mich langsam daran gewöhnt. Übrigens
-konnte ich schon jetzt mit dem Gedanken an die Zukunft die Leere und
-Langeweile ausfüllen, zu der ich mich selbst freiwillig verurteilte.
-Wohl hatte ich mir die Ehe »eines von uns« mit Martha anders
-vorgestellt: Ich träumte von einer heiteren, stillen, wenn auch von
-Sehnsucht nicht freien Idylle, von einem neuen herzlichen Band, das
-unsern kleinen Kreis vereinen könnte, von langen, mit gedämpfter Stimme
-geführten Plaudereien, die sich um das Glück und die Sorge und die
-Bequemlichkeit derjenigen, die nach uns kommen sollen, drehen würden.
-Aber wenn auch die Wirklichkeit all diese schönen Träume vernichtete, so
-hatte sie mir doch ein unschätzbares Gut gegeben: Die Hoffnung auf ein
-neues Geschlecht. Ich liebte das kommende Geschlecht, diese nicht von
-mir stammenden Kinder, noch ehe sie zur Welt kamen. Auf langen, einsamen
-Wanderungen dachte ich unaufhörlich an sie. Für sie sammelte ich
-Vorräte, erforschte die Gegend, schrieb die Beobachtungen nieder; für
-sie holte ich die von der Erde mitgenommene Bibliothek aus dem Staube
-hervor und ordnete die Bücher; für sie habe ich Ziegelsteine gefertigt
-und Kalk gebrannt, um ein gemauertes Haus zu bauen und ein kleines
-astronomisches Observatorium; für sie aus dem Erz Eisen geschmolzen oder
-aus dem Silber, das sich hier in großen Massen findet, verschiedene
-Geräte geschmiedet, Glas, Papier und andere für den zivilisierten
-Menschen unentbehrliche Gegenstände hergestellt. Ich habe mich so
-unaussprechlich auf diese Kinder gefreut, die erst geboren werden
-sollten! Ich glaubte, daß sich mit ihrem Erscheinen endlich alles zum
-Besseren wenden, ihr Lachen und ihre hellen Stimmchen diese drückend
-schwüle Atmosphäre verwehen müßten, die zwischen uns herrschte.
-
-Und ich brauchte nicht allzu lange auf sie zu warten. In nicht ganz
-einem Jahre gebar Martha Zwillinge: zwei Töchter. Sie kamen in der Nacht
-zur Welt. Als ich vom Nebenzimmer, wo ich mit Tom saß, ihr erstes
-schwaches Weinen vernahm, sprang ich auf, von einer wahnsinnigen Freude
-erfaßt, aber in demselben Augenblick schnürte mir ein furchtbarer
-Schmerz das Herz zusammen und ich konnte nur mit Mühe die aufsteigenden
-Tränen zurückhalten. Tom schaute mich erstaunt an, ebenfalls den Stimmen
-lauschend, die aus dem anderen Zimmer herüberdrangen.
-
--- Onkel (so nannte er mich stets), sagte er endlich, Onkel, was weint
-dort so? Etwa Mütterchen?
-
--- Nein, Kind, nicht Mütterchen weint, das ... sind so kleine Kinder wie
-du, vielleicht noch kleiner.
-
-Tom machte eine ernste Miene und begann nachzudenken.
-
--- Und woher diese Kinder? Wozu diese Kinder? fragte er gespannt.
-
-Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Er sah mich aufmerksam an.
-
--- Onkel, und weshalb weinst du? fragte er plötzlich.
-
-Ja, wahrhaftig, Tränen flossen mir aus den Augen. Weshalb weinte ich?
-
--- Weil ich dumm bin! sagte ich auffahrend, mehr meinen Gedanken
-antwortend als ihm.
-
-Das Kind schüttelte mit großer Würde den Kopf.
-
--- Das ist nicht wahr! Ich weiß, Onkel, daß du nicht dumm bist.
-Mütterchen sagte nicht so. Mütterchen sagte, daß der Onkel gut ist, sehr
-gut, nur ... nur ...
-
--- Nur was? Wie sagte dir Mütterchen?
-
--- Ich habe vergessen ...
-
-In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle stand
-Peter. Er war blaß und sichtlich erschüttert. Er lächelte mir bitter zu,
-aber ehrlich, zum erstenmal seit einem Jahr, und sagte:
-
--- Zwei Töchter ...
-
-Und dann:
-
--- Jan, Martha will, daß du ihr Tom bringst.
-
-Ich ging mit Tom in das Zimmer. Als sie den Sohn erblickte, streckte sie
-beide Hände nach ihm aus.
-
--- Tom, komm und sieh! Du hast zwei Schwesterchen, zwei auf einmal! Das
-ist für dich! Du wirst mir verzeihen, Tom, nicht wahr? Du wirst
-verzeihen ... Aber das ist für dich, nur für dich, mein Liebster,
-einziger, geliebter Sohn! Sie sagte das mit abgebrochener Stimme, das
-Kind an ihre Brust drückend.
-
-Tom dachte nach.
-
--- Mütterchen, was werde ich mit diesen Schwesterchen tun?
-
--- Was du willst, mein Kleiner; du wirst sie schlagen, lieben, kratzen,
-küssen, alles, was du willst, und sie werden dir gehorchen und für dich
-arbeiten, wenn sie groß sind, hörst du?
-
--- Martha, was sprichst du? schrie Peter. Martha, das sind _meine_
-Kinder!
-
-Sie sah ihn kühl an:
-
--- Ich weiß es, Peter, das sind _deine_ Kinder ...
-
-Peter machte eine Bewegung, als wenn er sich auf sie stürzen wollte,
-aber er hielt sich zurück und sich ihrem Lager nähernd, sagte er so
-sanft er konnte:
-
--- Das sind _unsere_ Kinder, Martha. Hast du für mich kein Wort? Nichts?
-...
-
--- O ja. Ich danke dir.
-
-Darauf begann sie wieder das helle Köpfchen des Sohnes zu streicheln und
-leidenschaftlich zu küssen:
-
--- Mein Tom, mein liebstes, geliebtes, goldenes Söhnchen ...
-
-Peter stürmte wie wahnsinnig aus dem Zimmer und mir wurde es schwül und
-bange. Es war etwas Ungeheures in dieser ausschließlichen Liebe der
-Mutter.
-
-Die Geburt dieser zwei Mädchen, Lilli und Rosa, änderte nicht viel in
-unserm Leben, ganz gegen unsere Erwartungen. Die Beziehungen Marthas und
-Peters blieben immer dieselben. Ich fühlte seit langem alles mit Martha;
-aber jetzt begann ich auch ein tiefes Mitleid für Peter zu empfinden. Er
-wurde stumm und finster. In jedem seiner Worte, in jeder seiner
-Bewegungen lag eine tödliche Ermüdung und Niedergedrücktheit. Einige
-Jahre jünger als ich, ging er gebückt, und sein Haar begann zu ergrauen.
-Die eingefallenen Augen flammten in einem ungesunden Glanz. Niemals
-hätte ich gedacht, daß ein Jahr des Lebens diesen unverbrauchten
-Organismus, der siegreich und kraftvoll am besten von uns allen die
-unerhörten Mühen der Reise durch die Wüste überstanden hatte, brechen
-könne. Der Grund war schließlich Martha, und doch konnte ich ihr keine
-Schuld geben ... Sie liebte nur diesen einen, der gestorben war; außer
-für ihn und für ihren Sohn gab es keinen Raum mehr in ihrem Herzen --
-das war das ganze Unglück.
-
-Es schien mir sogar, daß sie die Töchter nicht liebte. Sie kümmerte sich
-zwar fürsorglich um sie, aber es war ersichtlich, daß sie dies nur mit
-dem Gedanken an Tom tat. Sie hatten für sie nur die Bedeutung wertvoller
-Spielzeuge für den Sohn, die man nicht beschädigen darf, seltener Tiere,
-die der Aufmerksamkeit und Pflege bedürfen, weil ihr Verlust kostspielig
-wäre. Sogar die Art, wie sie von den Töchtern sprach, bewies das, denn
-sie sagte stets: Toms Mädchen. Peter sah es ratlos mit an und wurde noch
-finsterer.
-
-Jedesfalls bedurften diese Kinder vieler Sorgfalt und nahmen, vor allem
-in den ersten Monaten, Marthas ganze Zeit in Anspruch; auf diese Weise
-war Tom meist unter meiner Obhut. Ich hatte also einen Kameraden. Das
-Kind war sehr verständig und über sein Alter entwickelt. Er frug mich
-über alle möglichen Dinge aus und sprach mit mir wie ein Erwachsener. In
-kurzer Zeit hatte ich mich so an ihn gewöhnt, daß es mir unmöglich war,
-ohne seine Gesellschaft zu sein. Während meiner einsamen Mondtage war
-ich unaufhörlich herumgewandert; jetzt nahm ich auf alle, sogar die
-weiten Ausflüge Tom mit mir. Martha vertraute ihn mir auch gern an, denn
-sie wußte, daß er bei mir gut aufgehoben war, besser sogar wie zu Hause,
-da ihn der Stiefvater nicht leiden konnte.
-
-Ich erbaute einen Wagen und lehrte sechs starken Hunden im Gespann zu
-gehen. In Anbetracht unserer Leichtigkeit auf dem Mond genügte uns
-dieses Gespann vollständig, bequem und schnell von einem Ort zum andern
-fahren zu können. Manchmal machten wir weitere Ausflüge, die zwei und
-mehr Mondtage dauerten. Dann nahm ich, mit Rücksicht auf die kalten
-Nächte, einen dicht verschlossenen, von einem Elektromotor getriebenen
-und heizbaren Wagen mit, den ich aus unserem alten Projektil hergestellt
-hatte, indem ich es bedeutend verkleinerte. Im Innern war außer für Tom
-und mich noch für zwei Hunde Platz, ebenso für reichliche
-Nahrungsvorräte und Brennmaterial.
-
-Auf diese Art bereisten wir fast den ganzen nördlichen Strand des
-Mittelmeeres auf dem Monde und kamen nach Osten und Westen, und zwar so
-weit, bis uns die schon dünner werdende Luft an den Grenzen der Wüste
-zur Rückkehr zwang. Der am meisten nach Westen herausgerückte Punkt,
-wohin wir gelangten, war das _Mare Humboltianum_, eine Ebene, die
-ungefähr unter derselben Mondbreite gelegen wie das _Mare Frigoris_,
-manchmal von der Erde, während günstiger Librationen des Mondes,
-sichtbar ist wie ein kleines dunkles Wölkchen auf dem rechten Segment
-des oberen Teiles der silbernen Scheibe.
-
-Und wir erblickten von dort aus die Erde, die über dem Horizont
-emportauchte. Ich habe mich eine ganze lange, zweiwöchige Nacht daselbst
-aufgehalten, um mich an dem Anblick dieser seit langem nicht gesehenen,
-seit länger noch verlorenen heimatlichen Welt zu laben.
-
-Bei Sonnenaufgang stand die Erde in ihrer ganzen Fülle (wir befanden uns
-nämlich auf dem neunzigsten Meridian, der die Westgrenze der sichtbaren
-Halbkugel des Mondes bildet) vor uns! Als ich diese glühende, etwas
-gerötete Scheibe bemerkte und die über sie gleitenden hellen Linien
-Europas erkannte, packte mich eine unbezwingliche, heiße Sehnsucht nach
-diesem Globus, der am Himmel leuchtete. Es schien mir, daß ich,
-hinausgetrieben aus dem Paradies, nach einer langen, langen Wanderung
-für eine Sekunde seinen goldenen Schein erblickte, und ich streckte mit
-einer unverständigen beinah kindlichen, aber nicht zurückzuhaltenden
-Bewegung die Hände nach ihm aus: Noch einmal dorthin zu gelangen, wenn
-auch ... nach dem Tode. In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die
-Erde, so wie ich sie zum letztenmal im Polarlande gesehen hatte:
-schwarz, tot, auf dem Hintergrunde eines blutigen Brandes, und eine
-unbeschreibliche Traurigkeit kam über mich.
-
-Aller Jammer, alles Unglück und Elend, alle wilden Leidenschaften, die
-dort seit ewigen Zeiten das menschliche Geschlecht vernichten, ja sogar
-der allbezwingende, unerbittliche Tod, sind uns hierher gefolgt auf
-diesen Globus, der bis jetzt still und ruhig in seiner Starrheit
-thronte. Überall lebt der Mensch in Qual und Schmerzen, denn überallhin
-trägt er in sich selbst den Keim des Unglücks.
-
-Tom weckte mich aus meinem finsteren Grübeln. Er stand neben mir, eben
-aus einem langen Schlaf erwacht, und schaute auf das ihm unbekannte
-leuchtende Rund am Himmel.
-
--- Onkel, was ist denn das? fragte er endlich, mit dem Händchen nach
-oben deutend.
-
--- Du weißt doch, das ist die Erde, ich sagte dir öfter, daß ich dich
-hierherführen würde, um sie dir zu zeigen. Übrigens sahst du sie ja
-bereits, als wir hergekommen sind, erinnerst du dich nicht?
-
--- Nein, nein, ich habe diese Erde nicht gesehen; die andere war anders,
-auf der einen Seite zackig und diese ist rund.
-
--- Das ist dieselbe Erde, Kind. Tom dachte eine Weile nach.
-
--- Onkel ...
-
--- Was?
-
--- Ich weiß es schon, sie ist wahrscheinlich gewachsen oder hat sich
-morgens entrollt wie diese großen Blätter.
-
-Ich bemühte mich, ihm so gut ich konnte die Ursache der Veränderung der
-Erde zu erklären. Er hörte zerstreut zu und verstand scheinbar nicht,
-was ich sagte.
-
-Endlich unterbrach er mich mit der Frage:
-
--- Onkel, und was ist das, diese Erde?
-
-Ich erzählte ihm dann, wohl zum hundertstenmal, daß dort Meere sind,
-Berge und Länder und Flüsse wie auf dem Monde, nur weit größer und
-schöner; daß es dort viele Häuser gibt, nebeneinanderstehend, die man
-Städte nennt und in diesen Städten viele, viele, unzählige Menschen
-wohnen und kleine Kinder. Ich erzählte, daß wir von dort auf den Mond
-gekommen sind: ich und die Mutter und Peter und sein Vater, der nicht
-mehr lebt, und sogar die beiden alten Hunde, Wotan und Leda, mit denen
-er so gerne spielt.
-
-Als ich geendet hatte, machte Tom, der der Erzählung mit großem
-Interesse zuhörte, ein schlaues Gesicht und sagte, meinen Bart
-streichelnd:
-
--- Das weiß ich schon alles, aber jetzt, Onkel, mach' bitte keinen Spaß,
-sondern sage ganz vernünftig, was ist das, diese Erde?
-
-Beide Hunde standen neben uns, und die Köpfe zur Seite biegend, schauten
-sie ebenfalls neugierig auf die am Himmel leuchtende Scheibe.
-
-Einige Stunden nach Sonnenaufgang traten wir die Rückfahrt an. Die Erde,
-durch den Tagesglanz verblaßt, schien hinter uns nur noch wie eine
-aschgraue, kreisförmige Wolke, die über dem Horizont sichtbar war.
-
-Ein anderes Mal machten wir einen weiten Ausflug nach Süden. Der Strand
-des Meeres, der sich in gebrochener Linie erstreckt, ungefähr zwischen
-dem fünfzigsten und sechzigsten Parallelkreis, weicht in der Gegend des
-140.° östlicher Mondbreite gegen den Äquator zurück, eine mehrere
-Kilometer breite Halbinsel bildend und vielleicht auch eine Meerenge,
-die sich mit den Ländern der südlichen Halbkugel vereinigt. Ich wollte
-mich darüber orientieren und auf jener Halbkugel vordringen, aber dies
-gelang mir nur bis zum dreißigsten Parallelkreis. Weiter nach Süden zu
-war das Klima unmöglich zu ertragen. Die Nächte waren trotz der Nähe der
-Meere so kalt, daß sie mich an die Fröste erinnerten, die auf der
-luftlosen Halbkugel herrschten, und während der furchtbaren Glut des
-Tages hörten die ungeheuren Orkane fast gar nicht auf. Der Boden war
-felsig, vulkanisch und ganz kahl. Keine Pflanze, kein Leben, nichts --
-nur eine tote Wüste zwischen zwei feindlichen Meeren, aus denen die
-scharfen Spitzen vulkanischer Inseln herausragten, die nicht selten
-durch eine Rauchwolke oder eine blutige Feuersbrunst verhüllt waren.
-Öfter während dieses Ausfluges bedauerte ich schon, daß ich Tom mit mir
-genommen hatte, weil ich fürchtete, wir würden beide ums Leben kommen.
-Da wir der steilen Berge wegen in der Mitte jenes Landstreifens nicht
-vorwärtskamen, hielten wir uns an dem östlichen Strand, wo sich zu Füßen
-wilder und phantastischer Felsen eine etliche hundert Meter breite Ebene
-erstreckte. Es war schon gegen Mittag, und das Meer durch die Flut, die
-von der Anziehungskraft der hier sehr kräftigen Sonne hervorgerufen ist,
-so gestiegen, daß seine Oberfläche fast die Oberfläche des Strandes
-erreichte. Da ich eine Überschwemmung des Weges, den wir passierten,
-befürchtete, sah ich mich nach einem Ausgang zum Abhang der Felsen um,
-als sich ein Gewitter erhob, dem ein Orkan von Osten her vorausging. Die
-mächtigen Wogen ergossen sich über den Strand; eine davon traf unseren
-Wagen und warf ihn zurück, dicht an eine vorspringende Felsenecke. Es
-war keine Zeit zu verlieren. Ich befestigte den Wagen mit einer Kette an
-dem Felsen, und nachdem ich ihn von außen dicht geschlossen hatte begann
-ich, Tom auf die Schultern nehmend, den Vorsprung zu erklettern. Ich
-habe im ganzen Leben keine derartige Todesangst ausgestanden wie damals.
-Mit den Füßen und einer Hand hielt ich mich an dem verwitterten Felsen,
-mit der andern Hand hatte ich den Knaben gefaßt, der vor Entsetzen
-zitterte; unter mir das tobende, schäumende Meer und über mir eine
-Wolke, aus der sich die Donner entluden und strömender Regen
-herabstürzte. Zum Glück schützte mich der Felsvorsprung vor dem Orkan,
-sonst wäre ich unzweifelhaft mit den Steinblöcken, die, durch den Sturm
-vom Gipfel losgerissen, wie Hagel um meinen Kopf sausten, in die Tiefe
-geschleudert worden. Diese furchtbare Situation machte die Angst um den
-Wagen, der unten zurückgeblieben war, noch qualvoller. Wenn die Wellen
-die Kette losrissen und den Wagen davontrieben oder ihn an den Felsen
-zerschmettern, ja, wenn sie nur den Motor beschädigten, wären wir
-unrettbar dem Tode verfallen, da wir zu Fuß, ohne Lebensmittelvorräte,
-ohne Schutz vor der Kälte, unmöglich nach Hause gelangen konnten. Als
-ich die Stelle erreicht hatte, wo ich Tom unter einen Felsen setzen,
-zudecken und so festbinden konnte, daß er vor dem Sturme in Sicherheit
-war, kletterte ich sofort in die Tiefe zurück, um den Wagen besser zu
-befestigen. Nach vielen Mühen glückte es mir endlich, ihn in eine Kluft
-zu bringen, wo er vor den Wellen geschützt war.
-
-Wieder bei Tom angelangt, saß ich einige Stunden mit ihm, das Ende des
-Gewitters abwartend. Das verängstigte Kind schmiegte sich an mich und
-frug weinend, warum wir hierhergekommen seien. Ich konnte ihm nicht
-antworten, weshalb wir hierherkamen, wie ich mir schon seit langem die
-Frage selbst nicht mehr beantworten kann, weshalb wir auf den Mond
-gekommen sind ...
-
-Durch die Erfahrung betreffs der Rückkehr vorsichtiger geworden, wählte
-ich einen Weg, der hoch über dem Meeresspiegel führte.
-
-Übrigens war dies der einzige Zwischenfall, durch den uns während der
-Reise eine ernste Gefahr drohte. Alle andern Ausflüge legten wir ohne
-Abenteuer in froher Stimmung zurück.
-
-Wir hatten auch ein großes, starkes Boot. Den zweiten Elektromotor, der
-sich einst im Besitz der unglücklichen Remogners befand, haben Peter und
-ich ausgebessert und in der Schaluppe angebracht, zur Bedienung
-der treibenden Schraube. Die Schaluppe benützten wir zu
-Fischereiexpeditionen; auch fuhr ich öfter darin mit Tom des Vormittags
-oder in der Abendzeit aufs hohe Meer hinaus.
-
-Während einem dieser Ausflüge entdeckte ich eine Insel, die in jeder
-Beziehung beachtenswert war. Schon von weitem erstaunte ich über ihre
-Gestalt ...
-
-Alle Inseln, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte, waren entweder
-durch Vulkane an die Oberfläche des Meeres gehoben, oder die Gipfel vom
-Wasser überfluteter Ringberge. Diese Insel dagegen machte auf mich
-sofort den Eindruck des Überrestes eines vom Meere verschlungenen
-Landes. Sie war groß und ziemlich flach, lediglich im Südwesten erhob
-sich eine niedere Bergkette, die seit uralten Zeiten von Regen und Sturm
-zerbröckelt schien. Ihre Ufer waren steil und scheinbar durch die
-Brandung zerfressen, denn das Meer war in einem großen Umkreis so flach
-und mit Sandbänken angefüllt, daß es uns schwer fiel, mit der nicht
-tiefgehenden Schaluppe zu landen.
-
-Und wie viel Interessantes bot dieses neu entdeckte Stückchen Boden, das
-den uns bekannten Mondgegenden so gänzlich unähnlich war. Vor allem nahm
-uns die vollständig verschiedene Flora wunder. Weniger üppig wie
-anderswo, unterschied sie sich durch eine unendlich größere
-Verschiedenheit der Gattungen. Auf diesen paar Quadratkilometern Erde
-traf ich kaum mehr als drei oder vier Stauden an, die mir bereits
-bekannt waren, aber dafür eine Menge Pflanzen, die sonst an keiner
-anderen Stelle vorkamen. Alle waren seltsam traurig und degeneriert. Sie
-machten den Eindruck von Resten eines ausgestorbenen, überall
-ausgestoßenen Geschlechts, das hier noch, wie durch ein Wunder erhalten,
-existierte und von der Art des Lebens auf dem Monde vor alten, grauen
-Zeiten Kunde gab, als hier, wo jetzt das Meer wogt, Länder waren und das
-Wasser andere Gegenden überflutete. Dasselbe dachte ich, als ich die
-Tiere erblickte, die auf dieser seltsamen Insel hausten. Es waren nicht
-viel, und sie unterschieden sich ebenfalls von den mir bisher bekannten.
-Es lag etwas Greisenhaftes und Trauriges in ihrem Aussehen und
-Verhalten. Als ich mich näherte, krochen diese gebrechlichen,
-degenerierten Ungeheuer aus ihren Schlupfwinkeln heraus und schauten
-mich verständig und prüfend, aber ohne jedwede Furcht an. Erst der Hund,
-den ich mit mir genommen hatte, jagte ihnen Angst ein; sie ergriffen die
-Flucht vor ihm und stießen halb zornige, halb traurige Zischlaute aus.
-Wie ich mich überzeugte, waren das die einzigen Laute, die sie von sich
-geben konnten.
-
-Tom war wie immer mit mir. Er wunderte sich über alles und blieb
-fortwährend stehen, mit einem farbigen Stein oder einer Muschel
-beschäftigt oder eine duftende Pflanze betrachtend, die durch die
-Stellung der Blätter an irdische Blumen erinnerte. Ich hatte mich gerade
-einige Schritte von ihm entfernt, als ich sein Rufen vernahm:
-
--- Onkel, Onkel, komm her und sieh, was für schöne Stöcke!
-
-Ich kehrte um und fand den Knaben auf der Erde sitzend, von einer
-Unmenge weißer dünner langer Knochen umgeben. Ich prüfte sie näher und
-wußte auf dem Monde kein Tier, von dem sie herrühren konnten.
-
-Nach längerer Untersuchung bemerkte ich zwischen diesen Knochen einen
-merkwürdigen Gegenstand: es war ein Stück dicken, auf der einen Seite
-stark gebogenen Kupferblechs, das seiner Form nach an ein breites Messer
-erinnerte. Das Herz schlug mir heftig: wenn ich mich nicht irrte, wenn
-dies wirklich ein künstlich gefertigtes Instrument war, so hatten auf
-dem Monde einst verständige Wesen gelebt.
-
-Ich erinnerte mich an jene Stadt der Toten, die einst auf dem _Mare
-Imbrium_ vor uns auftauchte und die so denkwürdig war durch den
-entsetzlichen Vorfall, der den Tod Woodbells verursachte. Wir hatten
-damals jene Felsen, die Ruinen so täuschend ähnlich sahen, nicht näher
-betrachten können, und wunderbar, jetzt fand ich abermals etwas, das für
-die Existenz vernünftiger Geschöpfe hier lange, lange vor unserer
-Ankunft zu sprechen schien.
-
-Ich besichtigte die Insel weit und breit, stieg in verschiedene zu Füßen
-der Bergkette liegende Grotten, fand aber nichts, was mich hätte von der
-Richtigkeit meiner Vermutungen überzeugen können. Zwar schien es mir,
-daß ich hier oder dort, in dieser oder jener Grotte Spuren einer
-zweckmäßig gefertigten Arbeit erkannte. Am Ufer des kleinen Teiches sah
-ich zwei, drei Stück versteinerter Wurzeln, die gewissermaßen
-Einschnitte hatten, und der Damm, der den Bach verhinderte sich in den
-Teich zu ergießen, schien mir künstlich erbaut zu sein. In einer anderen
-Richtung wieder lagen Steine aufeinander, wie der Überrest einer
-zertrümmerten Mauer; aber das alles konnte ebenso das Werk des Zufalls
-sein oder nicht verständiger, aber schlauer Tiere. Auf der Erde erheben
-doch zum Beispiel die Biber die interessantesten Bauten.
-
-Ich konnte also dieses wichtige Rätsel nicht lösen, aber die
-vorgenommenen Untersuchungen bestärkten meine Vermutungen, daß diese
-Insel das Überbleibsel eines größeren, im Meere verschwundenen Stück
-Landes sei, und gaben ein annäherndes Bild von der Mondwelt und des sich
-auf ihr entwickelnden Lebens in grauen Zeiten, die der gegenwärtigen
-Epoche vorausgingen.
-
-Ich nannte dieses Land die Friedhofinsel. Gern und oft kam ich hierher,
-um von den Berggipfeln auf das sich rings erstreckende, von der Sonne
-golden gefärbte Meer zu schauen, in dessen Fluten wahrscheinlich der
-Rest dieses Landes versank und ein wer weiß wie seltsames und reiches
-Leben.
-
-Vor mir am Horizont leuchteten die Gipfel entfernter Vulkane, über denen
-der finstere, fast unaufhörlich mit einer Feuersbrunst umlohte, mächtige
-Otamor thronte. Das Meer schäumte, seine Wogen zu der am Himmel träge
-wandelnden Sonne emporschleudernd, und ich, von seinem dumpfen Brausen,
-das etwas vom Rauschen dahingegangener Äonen, etwas von der
-geheimnisvollen Stimme der menschlichen Seele an sich hatte, in
-Halbschlaf gewiegt, träumte, was wohl an diesem Globus vorübergezogen
-sein mag, vielleicht ohne denkende Zeugen und unwiederbringlich.
-
-Wann hat hier das Leben begonnen? Vielleicht kühlte sich damals die
-Erde, in dem frostigen Weltenraum hängend, erst auf der Oberfläche ab,
-und die Sonne ging, infolge der schnelleren Drehbewegung des
-Mondklumpens, die im Laufe der Zeiten langsamer wurde, rascher über
-diese Länder und Meere, dem üppig erwachenden Leben kurze Tage und
-Nächte schenkend, die schnell aufeinander folgten, ohne Frost und ohne
-unerträgliche Gluten. Damals stand auch die Sonne nicht über der
-furchtbaren Wüste des Todes, sondern kreiste am Mondhimmel, auf- und
-untergehend ... Damals gab es vielleicht noch keine luft- und wasserlose
-Ebene.
-
-Es konnten doch lange, unerhört lange Zeiten der Starre auf dieser
-Halbkugel, die, sich einmal dauernd zur Erde wendend, die Luft verlor
-und mit ihr das Wasser, so weit alle Spur des früheren Lebens
-verwischen, daß es heute scheint, als wenn sie eine Wüste gewesen wäre
-seit Anfang der Welt. Tomas hat das einst angenommen.
-
-Ich schloß die Augen und stellte mir vor, daß ich in dem unaufhörlichen
-eintönigen Brausen die Stimmen jenes ursprünglichen Lebens vernehme.
-Wälder von hohen mächtigen Bäumen, die sich vor dem Froste der langen
-Nacht, die noch nicht existierte, nicht zu neigen brauchen, rauschen,
-ihre Wipfel im Winde wiegend; in ihrem Dickicht leben Tiere, kräftig,
-riesenhaft, die Vorfahren der heute auf dieser Welt degenerierten
-Nachkömmlinge; zwischen den Ästen schlagen die Flügel fliegender
-Eidechsen ... Es ist Abend, und der Wind legt sich, und dort über den
-Nebeln der feuerspeienden Berge erhebt sich das blutigrote helle Rund
-der Erde.
-
-Und wer weiß, wer weiß, ob nicht auf dieses aufgehende Licht von den
-Mauern herrlicher Städte, von schlanken Türmen herab verständige Augen
-schauten? Ob sich nicht Hände diesem Lichte entgegenstreckten, um den
-silbernen Schutzengel, der die langen Nächte erleuchtet, zu grüßen?
-
-Wer weiß, ob man nicht hier auf dem Monde einst vermutete, daß auf
-diesem mächtigen Globus, der zwischen den Himmeln hing, ebenfalls
-denkende Wesen sind, ob man nicht erriet, wie sie leben und aussehen?
-
-Und unwillkürlich nahm meine Vorstellung eine andere Richtung; sie riß
-sich vom Monde los wie ein aus dem Käfig flatternder Vogel und eilte
-weiter, Hunderttausende Kilometer im Weltenraum, dorthin zu jener Erde,
-die mir die Sehnsucht so göttlich schön gestaltete und so zauberisch
-malte, wie die untergehende Sonne die schneeigen Gipfel der Berge.
-
-Tom unterbrach gewöhnlich diese Träume auf der Friedhofinsel; das lange
-Schweigen machte ihn ungeduldig.
-
-Dann kehrten wir nach Hause zurück, wo die Mutter den Kleinen
-sehnsüchtig erwartete.
-
-Hier gehörte Tom nicht mehr mir. Die Mutter nahm ihn zärtlich in ihre
-Arme, und wenn die leidenschaftlichen Umarmungen und Küsse beendet
-waren, setzte sie sich mit ihm auf die Schwelle und begann ihre sich
-stets wiederholende Erzählung von dem jungen, schönen und guten
-Engländer, seinem Vater, dem sie auf den Mond gefolgt war, und der unter
-dem Sande der großen, stillen Mondwüste schlummerte. Eigentlich erzählte
-sie das mehr sich selbst als dem Sohne, und ihre heißen Tränen flossen
-auf das helle Köpfchen des Kindes.
-
-Peter grübelte gebrochen und niedergedrückt im Hause über etwas nach
-oder ging nach den Mädchen zu sehen.
-
-Meiner bedurfte niemand, und so zog ich mich zurück, um in der
-Einsamkeit zu träumen oder mich mit irgendeiner Arbeit zu beschäftigen.
-
-Die Stunden zogen dahin, die Sonne ging auf und unter, die Erdenjahre
-schwanden, mühsam an den Mondtagen gezählt; Tom wurde größer und die
-Mädchen liefen schon hinter ihm her auf den Wiesen, aber für mich hat
-sich nichts geändert.
-
-Nach alter Gewohnheit zog ich allein im wüsten Lande umher, verbrachte
-lange Stunden auf der Friedhofinsel, und wenn ich nach Hause kam,
-blickte ich auf Martha, die immer gleich traurig und schweigsam war, und
-auf Peter, der einem Gespenst mehr glich als einem lebenden Menschen ...
-
-Und nur die Sehnsucht nach der Erde lebte allgewaltig in meinem Herzen
-und wuchs mit den Jahren, bis sie schließlich eine furchtbare,
-unerträgliche, mich zu Boden drückende Last wurde. Um mich vor ihr zu
-schützen, dachte ich an das neue Geschlecht, unternahm große
-Wanderungen, ergriff fieberhaft die Arbeit, aber in den Augenblicken der
-Unterbrechung, wenn ich müde und erschöpft niedersank, kehrte sie wieder
--- sieghaft, unabwendbar, grausam, zeigte mir die blassen Züge meiner
-Kameraden hier und gaukelte mir Träume vor von jenen dort, die ich auf
-ewig verlassen hatte ...
-
-
-
-
- V.
-
-
-Dort, wo es Jahre gibt, die der Wechsel der Jahreszeiten anzeigt und der
-Lauf der Sonne, deren Bahn sich hebt oder senkt am blauen Himmelsbogen,
-dort auf der Erde, näherte sich schon das siebente Jahr seinem Ende,
-seit unserer Ankunft auf dem Monde, als Martha zum drittenmal Mutter
-werden sollte. Sie erwartete die Geburt des Kindes mit Ungeduld, denn
-sie hoffte, daß es ein Sohn sein werde, den sie von vornherein Tom zum
-Begleiter versprach. Als die Zeit ihrer Niederkunft nach langer
-Unterbrechung heranrückte, sagte sie zu uns:
-
--- Jetzt erst werde ich ruhig sein, wenn ich Tom endlich einen Diener
-und Sklaven gebe ...
-
-Sie sagte das scheinbar gleichgültig, als wenn sie eine ganz natürliche
-Sache erwähnte, aber ich hatte das Gefühl, aus ihrem Ton noch etwas
-Unausgesprochenes herauszuhören ...
-
-Es war wie der Schrei eines schwer erkauften Triumphes, wie das Stöhnen
-eines Arbeiters, der eine freiwillig aufgenommene Last von seinen
-Schultern wirft, von Ekel, aber auch von Freude erfüllt, daß er sie
-getragen hat, wie er beabsichtigte, und nicht unter ihrer Last
-zusammenbrach, sie auch nicht abwarf vor dem gesteckten Ziel.
-
-Peter war vollständig gebrochen und in Marthas Grausamkeit ergeben. Sie
-verwundete ihn mit jedem Worte, mit jedem Blick, mit allem, was sie tat
-und sagte und dabei so unmerklich und so unerbittlich, als wenn es
-unbewußt geschähe und ein fataler, ungewollter Zufall sei. Aber damals,
-nach diesen Worten, schaute er sie mit erloschenem Blick an und lächelte
-verächtlich und dann streckte er die Hand nach Tom aus. Er faßte den
-Knaben bei der Schulter, und ihn zu sich heranziehend, blickte er ihn
-lange durchdringend an. Tom war geistig sehr entwickelt, aber für sein
-Alter auffallend schmächtig. Der Stiefvater schob den breiten Ärmel der
-Bluse des Kindes zurück und entblößte seine zarte Schulter, schlug
-leicht mit der Hand auf die schmalen Achseln, betastete die Hüften und
-Knie, klopfte auf die Brust, lächelte wieder höhnisch, und die Hand auf
-den Kopf des verängstigten Knaben legend, zischte er, Martha anstarrend,
-jedes Wort betonend, durch die Zähne:
-
--- Ja ... Tom ist stark genug, um den Mädchen zu befehlen, aber sein
-Bruder kann stärker sein.
-
-Martha erblaßte und schaute unruhig auf den Knaben. Aber ihre Besorgnis
-dauerte nicht lange. In den glänzenden Augen des Kindes las sie
-scheinbar das, was zu allen Zeiten in den Augen der Schöpfer einer neuen
-Ordnung geschrieben stand, denn sie lächelte nur und antwortete kurz:
-
--- Tom wird stärker sein, wenn auch der andere größer sein sollte.
-
-In der Tat verriet Tom schon damals, als kleiner sechsjähriger Knabe,
-ungewöhnlichen Scharfsinn und bewundernswerte Energie. Er entwickelte
-sich schnell und auf eine seltsame Art; in gewisser Beziehung ganz
-anders, wie sich für gewöhnlich das Gemüt der Kinder dort auf der Erde
-entwickelt. Beizeiten lernte er Selbständigkeit und hatte einen so
-ausgeprägt praktischen Sinn, daß wir manchmal staunten. Es war keine
-Spur einer kindlichen Schwärmerei an ihm zu entdecken; Tom war nüchtern,
-so entsetzlich nüchtern, daß es mir manchmal weh tat, wenn ich auf
-dieses helle Haupt des Kindes schaute, in dem die Gedanken, von
-keinerlei Träumereien getrübt, so ruhig und klar dahinflossen wie unter
-dem kahlen Schädel eines Greises. Der Knabe hatte trotz alledem viel
-Herz: er liebte die Mutter zärtlich und hing sehr an mir; nur Peter
-konnte er nicht leiden. Stets sicher und selbstbewußt, wie sein Vater,
-war er in Peters Gegenwart verängstigt und verwirrt. Übrigens weiß ich
-es nicht einmal, ob ich die Ausdrücke recht gewählt habe, um zu
-beschreiben, was in der Seele des Kindes in Gegenwart des Stiefvaters
-vorgehen mußte. Tom schwieg alsdann stets so hartnäckig, daß es schien,
-als wenn er lieber alle Qualen ausstehen würde als die Lippen öffnen.
-Nur die Augen irrten unruhig umher. In seinem Benehmen war Angst, aber
-auch Trotz, Verbissenheit, Haß und Widerwille lagen darin. Peter fühlte
-und sah das, und es schien mir, daß er schon damals dieses seltsame Kind
-fürchtete.
-
-Martha hatte recht: Tom war keiner von denen, die zum Gehorchen
-geschaffen sind. Es war zu viel des entschiedenen, weltumfassenden
-Geistes der Engländer in ihm und zu viel flammendes Blut der stolzen
-Radschas aus Travancore.
-
-Daher bin ich auch überzeugt, daß, wenn er einen Bruder bekommen sollte,
-der größer und stärker ist als er, dieser genau so hinter ihm herlaufen
-und ebenso demütig in seine Augen schauen würde, wie die beiden kleinen
-Schwestern Lilli und Rosa.
-
-Aber Tom wurde kein Bruder geboren; es kam ein drittes Mädchen zur Welt,
-das wir Ada tauften.
-
-Martha begrüßte ohne Freude und Rührung die Geburt dieses Kindes.
-
--- Tom, sagte sie einige Stunden später, als wir auf ihren Wunsch den
-Knaben an das Lager gebracht hatten, Tom, du wirst keinen Bruder mehr
-haben, aber du hast dafür drei Schwestern. Sie müssen dir genügen als
-Ehefrauen, als Kameraden, als Dienerinnen ...
-
-Tom fragte nicht mehr, wie bei der Geburt der ersten Mädchen, was er mit
-der neuen Schwester tun solle, sondern schaute sich nach Lilli und Rosa
-um, die sich in einer Ecke bei der Hand hielten und an dem Knaben wie
-gewöhnlich mit Augen voller Liebe und Bewunderung hingen; er berührte
-leise mit den Fingern das kleine aus Leibeskräften schreiende Geschöpf
-und sagte, ernst mit dem Kopfe nickend:
-
--- Sie werden genügen, Mütterchen, sie werden genügen ...
-
--- Tom, sagte ich darauf, durch Marthas Worte und das Benehmen des
-Kindes unangenehm berührt, du mußt gut zu ihnen sein.
-
--- Weshalb? fragte er naiv.
-
--- Damit sie dich lieb haben, antwortete ich.
-
--- Sie lieben mich auch so ...
-
--- Ja, wir lieben Tom sehr! riefen die beiden Mädchen fast einstimmig.
-
--- Siehst du, Tom, sagte ich, sie sind besser als du, denn sie lieben
-dich, obwohl du es nicht immer verdienst. Aber diese Kleine könnte dich
-vielleicht auch _nicht_ lieben ..
-
-Tom antwortete nichts; ich bemerkte, daß er voller Mißmut auf das
-Neugeborene schaute und die zarten Augenbrauen zusammenzog.
-
-Schließlich ist es ganz gut, daß Tom kein Bruder geboren wurde, er wäre
-sein Sklave oder -- sein Feind geworden.
-
-Ich verließ das Zimmer und dachte lange über die furchtbare Ironie des
-menschlichen Daseins nach, die uns von der Erde auf den Mond nachfolgte.
-Zu O'Tamor eilten meine Gedanken. Edler Träumer! Wie er es sich so schön
-vorstellte, daß hier auf dem Monde aus den Kindern Marthas und Tomas',
-die vor dem schlechten Einfluß der irdischen »Zivilisation« bewahrt
-blieben, ein neues, ideales Geschlecht erblühen würde, dem alles fremd
-und unbekannt wäre, was die ewige Ursache des menschlichen Unglücks auf
-der Erde ist! Ich blicke auf diese Kinder und denke mir, daß der kluge,
-edle O'Tamor nur eines vergessen hat, nämlich daß die Nachkommenschaft
-des Menschen sich stets aus menschlichen Wesen zusammensetzen wird, die
-in ihrer Brust den Keim alles dessen tragen, was der Jammer der
-menschlichen Geschlechter geworden ist. Und ist es nicht die grausamste
-Ironie, daß der Mensch seine Feinde in sich selbst sogar bis auf die
-Sterne hinüberträgt, die am fernen Himmel über ihm leuchten?
-
-Es ist gut, daß Tom keinen Bruder hat, wenigstens wird dadurch die Zeit
-der Bruderkämpfe und Feindseligkeiten hinausgerückt, und wir werden
-vielleicht indessen sterben und sie nicht mehr mit anzusehen brauchen
-...
-
-Und die Mädchen? ... Es scheint mir, daß sie dazu geschaffen sind, ihm
-zu gehorchen. Sie werden am Ende nicht einmal das ihnen zugefügte
-Unrecht verstehen, sondern glücklich sein, wenn ihr Bruder, Gatte und
-Herr sich ihnen gegenüber manchmal gnädig zeigt ... Bezüglich Lilli und
-Rosa bin ich dessen bereits sicher; Ada hingegen ist noch zu klein, sie
-ist jetzt nach irdischer Zeitrechnung kaum drei Jahre alt, um
-irgendwelche Vermutungen bezüglich ihrer zukünftigen Stellung zu dem
-Stiefbruder auszusprechen. Ich bemerke nur, daß sie ihn nicht so liebt
-wie die älteren. Tom ist ihr gegenüber ebenfalls sehr gleichgültig.
-
-Die aufmerksame Beobachtung des Heranwachsens und der geistigen
-Entwicklung dieser vier Kinder bildet in der letzten Zeit meine einzige,
-wenn auch traurige Zerstreuung. In physischer Beziehung haben sie sich
-den Bedingungen der Mondwelt, die für uns von der Erde Gekommenen immer
-fremd und unerträglich sind, obwohl wir schon so viele Jahre hier leben,
-vortrefflich angepaßt. Etwas ungemein Schwieriges ist zum Beispiel für
-uns die Regulierung des Schlafes. Während des langen Tages müssen wir
-fast ebensoviel schlafen wie während der Nacht. Das bringt das
-Unangenehme mit sich, daß wir den dritten Teil der Zeit, während der die
-Sonne am Himmel steht, durch den Schlaf verlieren; das ist etwas
-Unnatürliches und infolgedessen wenig Erfrischendes. Und dafür sitzen
-wir zwei Drittel der Nacht schlaflos da, von der Kälte, der Dunkelheit
-und, was noch schlimmer ist, von der Langenweile gequält. Die Kinder,
-die hier geboren sind, schlafen am Tage sehr wenig, kaum eine, höchstens
-zwei Stunden in zwanzigstündigen Pausen, aber dafür schlafen sie fast
-die ganze Nacht mit kleinen Unterbrechungen. Einige Stunden nach
-Sonnenuntergang überkommt sie schon ein unbezwinglicher Schlaf. Wenn sie
-in der Nacht aufwachen, so ist das nur auf zwei, drei, höchstens vier
-Stunden, worauf sie wieder einschlafen, wie bei uns auf der Erde die
-Zieselmäuse oder Vögel bis zu der Zeit schlafen, da die erste zarte
-Dämmerung am Himmel das Herannahen des Tages verkündet.
-
-Sie vertragen auch das hiesige Klima unvergleichlich besser als wir. Die
-Hitze schwächt sie nicht in dem Maße und ruft nicht die Erregung noch
-den Schlaf hervor wie bei uns.
-
-Aber am meisten wundert es mich, daß die Kinder auch gegen die Kälte
-viel abgehärteter sind als wir älteren. Am Morgen, wenn es am kältesten
-ist, laufen sie, eben vom langen Schlafe erwacht, oft hinaus und
-entfernen sich, sogar ziemlich weit, während wir uns alsdann nur im
-äußersten Notfalle ins Freie wagen.
-
-Der Anführer dieser morgendlichen Ausflüge ist immer Tom. Die beiden
-älteren Mädchen laufen ihm nach, ebenso wie der alte Wotan, anscheinend
-von derselben blinden Anhänglichkeit geleitet. Dieser Hund und diese
-Mädchen bilden den ständigen Hof Toms.
-
-Ich glaubte anfänglich, daß die Kinder im Schnee spielen gehen, der früh
-nach Sonnenaufgang schmilzt, oder sich auf der Eisbahn am Strande des in
-der Nacht zugefrorenen Meeres unterhalten. Aber bald habe ich mich
-überzeugt, daß die kleine Schar unter der Führung Toms in aller Frühe --
-auf die Jagd geht! Seltsam, daß wir noch nicht auf diesen Einfall
-gekommen sind! Alle hiesigen Tiere graben sich zum Schutze vor der Kälte
-in die Erde ein und schlafen während der Nacht.
-
-Tom hat dies mit Hilfe Wotans, der eine vorzügliche Witterung hat,
-herausbekommen. Er suchte unter dem Schnee die Schlupfwinkel der
-verschiedenartigsten kleinen Ungeheuer auf und schlug sie tot, bevor sie
-aufwachten. Das Fleisch der hiesigen Landtiere ist zwar, wie ich schon
-bemerkte, nicht zu genießen, aber dafür liefern ihre Häute uns schöne
-dauerhafte Pelze oder Hornmaterial, das dem Schildpatt sehr ähnlich ist.
-Das Jagen ist während des Tages oft schwierig, da die Tiere uns wie auch
-den sie verfolgenden Hunden gegenüber mißtrauisch geworden sind. Wie
-groß war daher mein Erstaunen, als Tom eines Morgens mehrere Häute
-brachte, unter denen einige frisch waren und der Rest sehr sorgsam
-gegerbt! Diese letzteren stammten von früheren Jagden. Der Junge sah,
-wie wir die von den toten Tieren gerissenen Häute mit scharfen Muscheln
-gereinigt und mit Salz, das sich in ziemlicher Menge am Meeresstrande
-befand, gegerbt haben, und machte das alles auf eigene Faust und nicht
-viel schlechter als wir!
-
-Es fehlte ihm nicht an Scharfsinn. Acht Jahre alt, kannte er schon genau
-unsere Fabriken und verstand den Zweck und die Bedeutung jeder
-Einrichtung, die Brauchbarkeit eines jeden Instrumentes und Materials.
-Ich habe die Pflicht auf mich genommen, ihn zu unterrichten, aber für
-Bücher zeigte er keine besondere Lust. Es interessiert ihn alles, was
-einen praktischen Wert hat, um andere Dinge kümmert er sich sehr wenig.
-Ich wollte ihn die Geographie der Erde lehren, die Geschichte der
-dortigen Völker, ihn mit den seinem Verstande zugänglichen Meisterwerken
-großer Schriftsteller bekannt machen, aber ich bemerkte sehr bald, daß
-ihn das absolut nicht interessierte, so großes Interesse er auf anderen
-Gebieten zeigte. Zunächst brach ich den Unterricht nicht ab, denn ich
-glaubte, daß ich in ihm einen historischen und ästhetischen Sinn wecken
-könne; erst als er mich während einer derartigen Lehrstunde einmal ganz
-unvermittelt fragte:
-
--- Onkel, warum erzählst du mir das alles? -- gab ich die
-diesbezüglichen Bemühungen auf.
-
-Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, denn in der Tat, wozu?
-... Und er sagte weiter:
-
--- Das alles, was du mir da erzählst, soll wahrscheinlich auf der Erde
-sein, die ich, wie ich mich erinnere, während eines Ausfluges gesehen
-habe, wie eine große leuchtende Kugel, und von der du, Onkel,
-hierhergekommen sein sollst, nicht wahr?
-
--- Ja, das ist auf der Erde, von der ich gekommen bin, und von der
-überhaupt die Menschen stammen.
-
-Der Knabe sah mich an, als wenn er zögerte zu sagen was er dachte, und
-endlich kam es mit etwas schüchterner Miene heraus:
-
--- Aber ich weiß nicht, Onkel, ob das alles wahr ist.
-
-Ich war betroffen von dieser Bemerkung, obwohl sie bei einem Kinde, dem
-man Dinge erzählt, die sich auf einem entfernten und nur einmal von ihm
-gesehenen Planeten abspielen, ganz natürlich ist.
-
--- Hast du dich jemals überzeugt, daß ich die Unwahrheit spreche?
-
--- Nein, nein, niemals! rief er lebhaft, worauf er etwas leiser
-hinzufügte:
-
--- Aber jetzt kann ich mich nicht davon überzeugen, daß du die Wahrheit
-sprichst ...
-
-Ich nahm eine Uhr aus der Tasche.
-
--- Weißt du, was das ist? Eine Uhr ... Glaubst du, daß ich oder Peter
-oder deine Mutter ein solches Werk herstellen können? Du siehst auch
-Bücher, die wir nicht gedruckt, astronomische Instrumente, die nicht wir
-gebaut haben. Woher also sollte das alles stammen, wenn wir es nicht von
-der Erde mitgebracht hätten? Und wenn wir von der Erde hierhergekommen
-sind, so müssen wir doch wissen, wie es dort ist und aussieht.
-
-Der Knabe dachte nach.
-
--- Aber ich, nicht wahr, ich werde niemals auf die Erde kommen?
-
--- Nein, du wirst niemals auf die Erde kommen.
-
--- Weißt du was, Onkel, dann lehre mich lieber solche Bücher und
-Vergrößerungsgläser machen und erzähle mir nicht mehr davon, wie man da
-von einem Europa nach Amerika fährt, oder was dieser Alexander der Große
-gemacht hat und der andere, Napoleon ...
-
-Ich mußte in meinem Innern zugeben, daß Tom recht hatte. Er war doch
-niemals und wird niemals dort sein, wozu soll ich ihm also erzählen, was
-mich nur deswegen angeht, weil ich auf der Erde geboren bin? Diese
-Belehrungen sind nutzlos für ihn; und wenn er oder seine
-Nachkommenschaft einmal etwas von der Erde erfahren wollen, von der
-vielleicht nur die unklare Kunde zu ihnen dringt, daß man sie, die
-Mutter des menschlichen Geschlechts, am Himmel leuchtend von den Grenzen
-der toten Wüste aus sehen kann, so werden diese Bücher, die wir
-mitgebracht haben, den zukünftigen Mondbewohnern märchenhafter
-erscheinen als den Erdenkindern die phantastischsten Geschichten aus
-»Tausendundeiner Nacht«.
-
-Seitdem beschloß ich, Tom nur das beizubringen, was in seinem
-zukünftigen Leben auf dem Monde einen realen Wert für ihn hat. Dazu
-zeigte er auch eine ungewöhnliche Lust.
-
-Er verschlang gierig alle Lehren, sobald er nur einsah, daß sie ihm von
-Nutzen sein könnten. So interessierte ihn zum Beispiel anfangs die
-Astronomie sehr wenig, aber er beschäftigte sich mit wahrem Feuereifer
-mit ihr, als ich ihm den ganzen praktischen Nutzen klar machte, den man
-aus der Messung des Höhenstandes der Sterne ziehen kann.
-
-Ich bin überzeugt, daß, wenn wir die Bücher nicht mit hierhergebracht
-hätten, die nach uns bleiben, den kommenden Generationen die ideale
-Seite dieses kleinen Teiles der von der Erde überlieferten geistigen
-Arbeit des Menschen verloren ginge; denn durch die Vermittlung des
-unzweifelhaft befähigten, aber unerhört nüchternen Tom würde sie sicher
-nicht fortleben. Und doch denke ich immer und immer an dieses künftige
-Geschlecht. Es soll, dahin geht mein ganzes Sinnen und Trachten, nicht
-wild aufwachsen und dahinleben, sondern wissen, daß der menschliche
-Geist mächtig ist, daß er Großes und Schönes schafft und seinen Gott
-über den goldenen Sternen sucht! Daß er unaufhaltsam vorwärtsdringt und
-in glühendem Begehren nach Wahrheit und Schönheit strebt. Daß dieser
-Geist die stärkste Waffe in dem Lebenskampfe des Menschen mit der ihn
-umgebenden Natur ist, und sie ihn schätzen lernen und aus seiner Kraft
-Nutzen ziehen.
-
-Ich lechze geradezu danach, dies alles Tom zu sagen, obwohl er leider so
-wenig Verständnis dafür hat; ich lechze danach, als wenn ich fürchtete,
-daß mir die Zeit dazu fehlen wird. Denn wenn ich sterbe, wenn wir alle
-sterben, wir Erdenmenschen, wird der Lehrer und Prophet des Mondvolkes
-nur mehr er sein und diese alten Bücher, die zugleich mit den Menschen
-von dem fernen Planeten auf diese Welt geschleudert wurden.
-
-Als ich ihm einst sagte, er müsse fleißig sein und alles lernen, nicht
-nur das, was ihm gefällt, denn er würde in Zukunft der Erzieher des
-neuen Geschlechts sein, schaute er mich erstaunt an und fragte:
-
--- Und du, Onkel, was wirst du dann tun? Du kannst doch alles ...
-
--- Ich werde dann nicht mehr leben.
-
--- Wer wird dich töten?
-
-Tom verstand nicht, daß es einen natürlichen Tod gibt. Er sah die
-getöteten Tiere und tötete sie selbst, aber er sah noch nie ein
-sterbendes Wesen. Ich begann ihm dann die Notwendigkeit des Todes zu
-erklären. Er hörte mir aufmerksam zu, dann unterbrach er mich plötzlich,
-indem er rief:
-
--- Also wird auch Peter sterben?
-
--- Er wird sterben wie ich, wie deine Mutter, wie schließlich du selbst
-...
-
-Tom schüttelte den Kopf:
-
--- Ich werde nicht sterben, denn ... was hätte ich davon?
-
-Ich lachte unwillkürlich über diese kindliche Bemerkung und setzte ihm
-abermals auseinander, daß der Tod nicht von dem menschlichen Willen
-abhänge, aber Tom war nicht bei der Sache und dachte scheinbar an etwas
-anderes. Endlich sagte er mit gedämpfter Stimme und wie zögernd:
-
--- Onkel, wenn Peter sterben muß, so soll er früher sterben wie du,
-zuerst von uns allen, er soll bald sterben. Er ist doch vollständig
-unnötig. Dann würdest du allein mit uns und der Mutter bleiben und es
-wäre uns allen wohl ...
-
-Ich erklärte dem Knaben, daß er niemandem den Tod wünschen dürfe und um
-so weniger Peter, der doch der Vater seiner Schwestern Lilli und Rosa
-sei. Er schaute finster drein und seufzte, dann sagte er vorwurfsvoll:
-
--- Onkel, warum bist du nicht der Vater meiner Schwestern? Du bist mir
-viel lieber als Peter und auch der Mutter ... Peter ist überflüssig.
-
-Ich fühlte die verborgensten tiefsten Fasern meines Herzens erbeben, und
-gleichzeitig packte mich Entsetzen, denn das war ein Gedanke, der in
-letzter Zeit auch mir öfter durch den Kopf fuhr. Ich kann mich nicht
-anklagen. Ich hielt den einmal gefaßten Entschluß und harrte auf dem
-freiwillig gewählten und so unerhört lächerlichen Posten eines
-gutmütigen Lehrers fremder Kinder aus, aber was ich gekämpft, was ich
-gelitten habe, das kann ich heute nicht mehr mit Worten schildern.
-
-Denn ich hatte doch diese Frau, die mir so teure und einzige auf dieser
-Welt, stets um mich, ich sah, daß sie unglücklich war und manchmal
-redete ich mir sogar ein, daß sie mit mir glücklicher wäre. Es gab Tage,
-wo ich, auf Peter blickend, den Griff des Revolvers in der Tasche
-preßte, und andere, da ich mir den Lauf vor die Zähne hielt, weil ich
-glaubte, es nicht länger ertragen zu können.
-
-Aber ich habe es dennoch ertragen! Ich habe es ertragen, obwohl mir das
-Blut oft den Blick verschleierte und der Krampf meine Brust
-zusammenschnürte, ich habe es ertragen, trotzdem mich die Versuchungen,
-die mich im Schlaf und im Wachen folterten und verfolgten, dem Wahnsinn
-nahe brachten.
-
-An jenem unvergeßlichen Tage, als wir das Los um Martha ziehen sollten,
-dachte ich, auf ihren Besitz verzichtend, daß ich mit der Zeit ruhiger
-würde und vergessen könnte; aber vergeblich gingen die Jahre dahin,
-vergeblich irrte ich fern von ihr in der Einsamkeit, vergeblich widmete
-ich mich der Erziehung Toms und dem Gedanken an das künftige Geschlecht:
-Sie ist mir stets ebenso teuer wie damals, dort im Polarlande, als ich
-nach langer, dank ihrer Pflege glücklich überstandener Krankheit, mit
-ihr auf den wonnigen, in Dämmerung gehüllten Wiesen wandelte, über
-gleichgültige und so bedeutungsvolle Dinge sprechend.
-
-Meine Muskeln und Sehnen sind kräftig und rüstig, aber mein Geist
-beginnt zu altern, ich fühle es; die Sehnsucht nach der Erde lastet auf
-meiner Seele und eine immer größere Trauer greift um sich in meinem
-Innern: Ich sehe nicht nur durch Tränen, nein, ich denke auch nur noch
-durch Tränen! Nur diese Liebe in meinem Herzen will nicht älter und
-schwächer werden, im Gegenteil, sie wächst mit dem Alter, zugleich mit
-der mich immer mehr bedrückenden Sehnsucht. Ich weiß, daß ich lächerlich
-bin, und ich kann nicht einmal über mich lachen.
-
-Manchmal versuche ich es, zu spötteln. Ich wiederhole mir brutal, daß
-ich Martha nur deswegen liebe, weil sie die einzige Frau auf dem Monde
-ist und nicht mir gehört; daß dieses erhabene Gefühl ein nur in dem
-Prisma des menschlichen Geistes gebrochener, grober tierischer Drang
-ist, und viele, viele ähnliche Dinge; aber nachdem ich mir das alles zum
-hundertstenmal gesagt habe, suchen meine Augen unwillkürlich Martha und
-ich fühle, daß ich mich freudig ans Kreuz schlagen ließe, wenn ich
-dadurch ein einziges heiteres Lächeln auf ihre Lippen zaubern könnte.
-
-Fest eingewurzelt im Menschen, auch in der Wildnis, sogar auf einem
-anderen Globus, bleibt neben allerhand Instinkten auch das Gefühl des
-Rechts. Ich weiß nicht, ob das auf den Folgen der Erziehung oder auf
-einer angeborenen geistigen Organisation beruht, aber sicher ist, daß es
-in uns lebt und sich laut vernehmen läßt, sogar da, wo es niemanden
-gibt, der ihm sein Schweigen vorwerfen könnte.
-
-Martha gehörte zu Peter. Ich war damit einverstanden gewesen, und dieser
-Gedanke, mag es sein wie es will, hielt mich von manchem zurück, was ich
-sonst vielleicht getan hätte. Ich bemühte mich, sie zu meiden, um meinen
-Verdacht vor mir selbst, daß ich mich ihr zu gefallen bemühte, zunichte
-zu machen. Übrigens suchte auch sie nicht meine Gesellschaft; ich
-bemerkte sogar, daß meine Gegenwart sie stets mit Unruhe erfüllte. Aber
-das alles hat sich seit der Geburt des jüngsten Mädchens geändert, da es
-nach dieser zum vollständigen Bruch zwischen Martha und Peter gekommen
-ist.
-
-Zwei Mondtage nach der Geburt dieses Kindes, etwas vor Sonnenuntergang,
-saßen wir beisammen, was sehr selten vorkam, und schauten schweigend auf
-das weite Meer. Die untergehende Sonne vergoldete seine Fluten, die,
-leicht vom Winde bewegt, schon im Schatten der Felsen zu
-phosphoreszieren begannen. Der Schnee auf dem Gipfel des Otamor war
-vollständig blutig gefärbt, auf der schwarzen Rauchwolke, die über dem
-Krater hing, leuchteten ebenfalls dunkelrote Reflexe.
-
-Martha unterbrach das Schweigen. Ohne ihre Stellung zu verändern, ohne
-uns die Blicke zuzuwenden, die irgendwo in weite Fernen starrten, begann
-sie zu sprechen, scheinbar ruhig wie immer, obwohl es mir nicht entging,
-daß ihre Stimme anfangs zitterte.
-
--- Ich habe ein großes Verbrechen begangen, sagte sie, denn ich hielt
-meinem verstorbenen Manne die Treue nicht, und gern werde ich dafür
-büßen, Hunderttausende von Jahren in verschiedenen Verkörperungen ...
-Aber ihr wißt, daß ich es lediglich meines Sohnes wegen getan habe, in
-dem er selbst wiedergeboren ist und für mich lebt. Ich habe niemals
-daraus ein Hehl gemacht. Was ihr gedacht und welche Absichten ihr
-hattet, geht mich nichts an; ich wollte, daß Tom Schwestern und einen
-Bruder bekommt, er hat nun zwar keinen Bruder, aber drei Schwestern, und
-ich denke, daß ich meine Pflicht erfüllt habe ... Eine schwere Pflicht,
-du weißt es, Peter. Du tust mir leid, denn du täuschtest dich, daß du
-mir etwas mehr sein könntest ... Es ist nicht meine Schuld ... Aber
-jetzt hat alles ein Ende. Ich kehre wieder zurück zur Freiheit! Ich
-frage nicht, ob ihr ... ob du, Peter, sie mir geben willst: ich nehme
-sie mir selbst, ich bin nicht mehr dein Weib ...
-
-Sie seufzte tief auf und verstummte.
-
-Wir waren so überrascht, sowohl durch ihre Worte, wie auch durch die
-Art, wie sie sie hervorbrachte, daß wir eine Weile schweigend dasaßen,
-ohne eine Antwort finden zu können. Was sollte man ihr auch erwidern?
-Sie wartete ja nicht einmal darauf ... »Ich nehme mir die Freiheit ...
-Ich bin nicht mehr dein Weib« ... Einen ungeheuren Eindruck haben diese
-Worte auf mich gemacht. Eine Zeitlang dröhnten sie mir in den Ohren wie
-die Losung eines neuen Lebens, wie das Versprechen von etwas, das ich
-nicht einmal zu erträumen wagte, wie ... Nein, ich kann es nicht mehr
-schildern, was in meinem Innern vorging! Es schien mir, als wenn dieser
-eine Satz all das Traurige, das an mir vorübergegangen, verwischte und
-vernichtete; in der Brust empfand ich eine Fülle, ein Glücksgefühl; das
-Blut jagte mir durch die Adern und meine Pulse flogen.
-
-Ich blickte auf Martha.
-
-Sie saß unbeweglich und still da, auf das Meer starrend, nur ein
-unsagbar trauriges Lächeln zuckte um ihre Lippen, als wenn sie weinen
-wollte.
-
-»Ich nehme mir die Freiheit« ... so hatten diese Lippen vor kurzem
-gesprochen.
-
-Aber ihre Augen und ihr Lächeln sagten jetzt deutlich, daß sie diese
-Freiheit nicht als Flügel betrachtete, die zum Fluge bestimmt sind,
-sondern als einen Schleier, der das Recht der Ruhe bedeutet. Daß diese
-Freiheit für sie keine Dämmerung ist, die den Tag verkündet, vielmehr
-eine Dämmerung, die dem Ausruhen vorangeht.
-
-In ihren Augen erglänzten Tränen, und durch diese Tränen starrte sie
-unaufhörlich in die Ferne, auf das von der Sonne vergoldete Mondmeer.
-
-Das Herz schnürte sich mir in schmerzhaftem Krampf zusammen, denn ich
-begriff endlich, daß man sich von der Vergangenheit abwenden kann, aber
-daß es unmöglich ist, sie auszulöschen.
-
-Peter indessen sagte trocken:
-
--- Mir ist alles einerlei.
-
-Und nach einer Weile fügte er hinzu:
-
--- Was beabsichtigst du jetzt zu tun?
-
-Martha zuckte zusammen:
-
--- Nichts ... Noch ein wenig für Tom zu leben, für die Kinder. Und dann
-...
-
--- Für die Kinder, wiederholte Peter wie ein Echo.
-
-Vom Strande kamen gerade die beiden Mädchen gesprungen, lachend,
-strahlend, die Schürzchen voll gesammelter Steine, Muscheln und
-Bernstein. Sie riefen laut nach Tom, der auf dem nahen Bache Mühlen
-baute.
-
-Peter folgte ihnen langsam mit den Augen.
-
--- Für die Kinder ... wiederholte er noch einmal und stützte den Kopf
-auf die Hände.
-
-Ich erinnere mich an diesen Augenblick wie heute. Die Sonne berührte
-schon den Horizont, und die Welt begann sich aus dem Gold in Purpur zu
-färben. Ein leichter Wind trug uns vom Meer den scharfen Duft der
-Wasserpflanzen zu, und in das Rauschen der sich auf dem Sande
-zerschlagenden Flut mischten sich die hellen singenden Stimmen der
-Kinder.
-
-Plötzlich stand Martha auf und wandte sich zu Peter.
-
--- Peter, vergib, sagte sie in einem tiefen, warmen Ton, wie ich ihn
-schon lange nicht mehr bei ihr gehört hatte, vergib, ich war vielleicht
-... ungerecht ... vergib, aber ich ... siehst du, ich konnte nicht, kann
-nicht ... Es tut mir leid, daß du durch mich ... ein solches Leben
-hattest ...
-
-Sie streckte ihm die Hand entgegen.
-
-Peter erhob sich ebenfalls. Er blickte auf Martha, dann auf ihre
-ausgestreckte Hand, dann wieder in ihr Antlitz und brach plötzlich in
-ein furchtbares, krampfhaftes Lachen aus.
-
--- Ha! ha! ha! Das ist vortrefflich! So, mit einem Wort, nach so viel
-Jahren, ha, ha, willst du Freiheit? Ein guter Gedanke. Vielleicht eine
-neue Wahl? Ha! ha! ha! »Peter vergib! Ich bin nicht mehr dein Weib.«
-
-Er lachte wie toll und stieß verschiedene unverständliche Worte hervor.
-Dann brach er plötzlich ab, wandte sich um und schritt zum Hause.
-
-Martha stand eine Weile verwirrt da, mit einem Ausdruck des Widerwillens
-und der Demütigung in den Zügen, bis ihr endlich die Nerven den Gehorsam
-verweigerten und sie in ein lautes Weinen ausbrach -- zum erstenmal seit
-damals, als sie Peters Weib wurde.
-
-Ich entfernte mich schweigend, noch niedergedrückter als gewöhnlich.
-
-Die lange, vierzehntägige Nacht verbrachten wir fast ohne miteinander zu
-sprechen. Am andern Tage nahm scheinbar alles seinen alten
-gewohnten Lauf. Wir machten uns sofort am Morgen an die üblichen
-Tagesbeschäftigungen, sprachen sogar zusammen wie früher, die
-»Scheidung« nicht erwähnend, die sich seit jenem Abend tatsächlich
-vollzogen hatte. Die bisherigen Beziehungen zwischen Peter und Martha
-waren derart, daß wir alle ihren Bruch als eine Erleichterung empfanden.
-Ich bemerkte vor allem eine vorteilhafte Veränderung in Marthas
-Stimmung. Ich will nicht sagen, daß sie heiterer war, aber der Druck,
-der immer auf ihr gelastet hatte, war verschwunden. Sie sprach
-freimütiger mit uns, war sogar zu Peter freundlicher, obwohl er die
-herzlichen Worte, die sie an ihn richtete, so brutal von sich wies.
-
-Und was ging in ihm vor? Das wird mir wahrscheinlich immer ein Rätsel
-bleiben.
-
-Scheinbar hatte er alles gleichgültig hingenommen, und das widerwärtige
-Lachen an jenem Abend, als Martha den Bruch herbeiführte, war die
-einzige Äußerung seiner verborgenen Gefühle. Und dennoch, wie viel Leid,
-wie viel Demütigung und Schmerz mußte sich in der leidenschaftlichen
-Seele dieses Mannes angehäuft haben! Und welche Kraft des Willens
-gehörte dazu, um all das herunterzuwürgen und in sich zu verschließen!
-Denn er liebte sie trotz alledem -- und liebt sie bis zu diesem
-Augenblick; in dieser Beziehung hege ich absolut keinen Zweifel.
-
-Am ersten Tag nach der Trennung kam er gegen Mittag zu mir, als ich
-gerade von einem Ausflug auf das Meer zurückkehrte und das Boot an einem
-Pfahl am Strande festband. Eine Zeitlang ging er unruhig auf und ab, als
-wenn er mir etwas sagen wollte, aber er fand anscheinend die Worte
-nicht. Dann, als wenn er plötzlich einen Entschluß gefaßt hätte, packte
-er mich bei der Hand und sagte, mir scharf in die Augen sehend:
-
--- Erinnerst du dich an das Versprechen, das du mir damals, als ich
-Martha nahm, gegeben hast ...
-
-Ich blickte ihn erstaunt an und wußte noch nicht, wo er hinauswollte.
-
--- Du hast mir damals versprochen, daß du dich niemals darum bemühen
-willst, Martha für dich zu gewinnen -- niemals! Erinnerst du dich?
-
-Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.
-
-Peter lächelte bitter.
-
--- Übrigens wie du willst. Das ist lächerlich. Wie du willst. Aber erst
-... knalle mich nieder.
-
-Die letzten Worte sprach er dumpf und mit so schmerzlicher Leidenschaft,
-daß mich ein Schauer durchlief. Ich wollte ihm antworten, ihn beruhigen,
-aber er wartete es nicht ab, sondern wandte sich um und entfernte sich.
-
-Seit dieser Zeit begannen für mich die furchtbarsten Kämpfe und Qualen.
-Martha gehörte in der Tat keinem von uns und dennoch fühlte ich, daß es
-ein zweifaches Verbrechen wäre, die Hand nach ihr auszustrecken: ein
-Verbrechen ihr gegenüber, die sich nur noch nach Ruhe sehnte, um der
-Erinnerung an den geliebten Verstorbenen zu leben, wie der Sorge um
-ihren Sohn und gegen Peter, der so niedergedrückt und unglücklich war,
-daß jedes ihm zugefügte Unrecht ein tausendfaches Unrecht gewesen wäre.
-Und dennoch gab es Augenblicke, wo ich meine ganze Energie aufbieten
-mußte, um Peter nicht niederzuknallen, wie er es sich selbst wünschte,
-und mit Martha ein neues Leben zu beginnen. Derartige Versuchungen
-quälten mich vor allem dann, wenn ich glaubte, bei Martha eine wachsende
-Zuneigung für mich zu entdecken. Sie lächelte mir oft zu und nannte mich
-wie früher ihren Freund. Und dann schwirrte es mir im Kopfe, und ich
-sagte mir, wenn Peter nicht wäre, könnten wir beide miteinander
-glücklich sein! Aber alsbald kam wieder die Ernüchterung. Martha ist
-mir, so dachte ich weiter, doch nur deswegen geneigt, weil ich niemals
-zwischen sie und die Erinnerung an diesen Verstorbenen, einzig Geliebten
-getreten bin, weil ich nie die Heiligkeit ihrer Gefühle verletzte, nie
-ihren Körper berührte noch ihre Seele, die sie für alle Ewigkeiten nur
-jenem geweiht hat, der unter dem Sande des _Mare Frigoris_ schläft, für
-mich verlangte. Aber wenn ich etwas mehr gefordert hätte ...
-
-Trotzdem war ich einer wahnsinnigen Tat nahe ...
-
-Wir unternahmen zu dritt einen Ausflug auf den Gipfel des Kraters
-Otamor. Die Mädchen ließen wir zu Hause unter dem Schutze Toms, dem man
-sie schon anvertrauen konnte. Nachdem wir uns von der Meerseite aus
-durch das Gestrüpp der Lianen hindurchgearbeitet und ganze Wälder
-mächtiger verholzter Blattpflanzen passiert hatten, gelangten wir auf
-eine abschüssige Ebene, die einer weiten Alm ähnlich und mit flach am
-Boden wachsendem, großblättrigen Moos bedeckt war. Bis hierher hatte uns
-der Weg schon öfter geführt, jedoch wollten wir höher hinauf, wenn es
-möglich wäre, auf den Gipfel selbst gelangen, um den großartigen Anblick
-zu genießen, der sich von der Spitze dieses höchsten Berges der ganzen
-Gegend bieten mußte.
-
-Das Vorwärtskommen war nicht leicht, denn man mußte ziemlich steil in
-die Höhe steigen, in einer tiefen Bergrinne, die zwischen den Felsen der
-erkalteten und verwitterten Lava ausgeschnitten und in ihrem oberen
-Teile bis an die Ränder mit Schnee verschüttet war. Hier auf dem Monde
-ist es zwar eher möglich, einen solchen Weg zurückzulegen als auf der
-Erde, wo der menschliche Körper sechsmal schwerer wiegt, aber trotzdem
-war es keine geringe Mühe.
-
-Nach einigen Stunden der Anstrengung befanden wir uns direkt unter der
-Wand des Kraters, aber jede weitere Ersteigung erwies sich als
-vollständig ausgeschlossen. Oben auf der Höhe taute der Schnee durch die
-heißen Dämpfe, die unaufhörlich aus dem mächtigen Trichter, dessen
-Ränder jetzt über uns waren, emporstiegen und das herabtriefende Wasser
-gefror im Winde und bedeckte die Felsen mit einer glänzenden Eisdecke,
-auf der man sich nicht halten konnte. Nachdem wir uns von der
-Unmöglichkeit eines weiteren Emporklimmens überzeugt hatten, setzten wir
-uns in den Schnee, um uns vor der Rückkehr auszuruhen und die Gegend
-anzusehen.
-
-Der Blick war unvergleichlich schön. Dicht vor uns, hinter den schwarzen
-Wäldern zu unseren Füßen, erstreckte sich das Meer in grenzenlose
-Fernen, alle Regenbogenfarben spielend und mit Inseln übersät, die
-kleinen schwarzen Punkten inmitten einer glitzernden Flachebene oder
-buntumränderten Pfauenaugen ähnlich sahen. Links, gegen Osten, zeigten
-sich hinter der sich erhebenden Kante geschwärzte Gipfel und Ringe
-kleinerer Krater, zwischen denen hie und da das blaue Band eines Baches
-glänzte. Zur Rechten, hinter den Geisern, von denen nur eine kleine
-weiße Nebelwolke zeugte, dehnte sich eine breite Ebene, von einem in
-Windungen dahinziehenden Strom durchschnitten, auf dem in der Ferne wie
-Perlen auf einer Schnur aneinandergereiht weite, klare, an die Kette von
-grünen Bergen angelehnte Seen leuchteten.
-
-Wir saßen ziemlich lange, versunken in den zaubervollen Anblick, als uns
-ein dumpfes unterirdisches Rollen aufschreckte. Die Dämpfe, die sich
-über dem Krater erhoben, wurden schwärzer und drängten sich zu einem
-mächtigen Knäuel zusammen, aus dem bald feine erstickende Asche auf uns
-herniederzustäuben begann. Man mußte so schnell wie möglich umkehren, da
-anscheinend ein Vulkanausbruch in Aussicht war. Aber es gelang uns nicht
-mehr, rechtzeitig zu entkommen, denn kaum hatten wir den halben Weg in
-jener Bergrinne, die bei den Wiesen hinter den Wäldern endete,
-zurückgelegt, als plötzlich unter stärkerem unterirdischen Dröhnen die
-Felsen erbebten; von allen Seiten sausten Lawinen herab, und die bis
-dahin schwarze Rauchwolke flammte in blutigem Scheine auf.
-
-Wir flüchteten uns zitternd in eine nahe Spalte, den Augenblick
-erwartend, wo wir uns weiter nach unten herablassen konnten. Der Himmel
-über uns war mit dichten Rauchknäueln bedeckt und glich einem feurigen
-Höllenrachen; das dumpfe Donnern setzte keinen Moment aus, und die von
-Schwefeldünsten und feiner Asche erfüllte Luft würgte uns und benahm uns
-den Atem. Von oben fielen schon größere heiße Schlacken herab, die den
-schmutzigen Schnee ringsum mit schwarzen Flecken bedeckten. Wir mußten
-uns aus der Bergrinne, in die sich jetzt das mit Asche und Erde
-gemischte Wasser des geschmolzenen Schnees ergoß, eiligst flüchten.
-
-Der Ausbruch war ziemlich stark und die Erschütterungen des Bodens, die
-wir fühlen konnten, mußten eine große Ausdehnung auch am Fuß der Berge
-annehmen, denn als der Wind für kurze Zeit den erstickenden Dampf und
-den Aschenstaub auseinanderwehte, öffnete sich der Blick vor uns, und --
-wir sahen auf das stürmende, schäumende Meer.
-
-Uns an die scharfe Spitze haltend, die sich wie eine Landzunge an der
-Stelle erhob, wo die Bergrinne nach unten mündend nach zwei Seiten
-auseinanderging, von oben durch die herausragenden Felsen etwas bedeckt,
-verbrachten wir einige Stunden, zwischen Tod und Leben schwebend. Martha
-zitterte für die Kinder. Tom war zwar mit dem Erdbeben bekannt, das oft
-und sehr gefahrvoll in diesen Gegenden auftrat und man konnte seiner
-Umsicht und Vernunft vertrauen, aber Martha und auch mich quälte der
-Gedanke, daß, im Fall unseres Todes, auch die Kinder, sich selbst
-überlassen, dem unabwendbaren Tode verfallen wären. Peter war
-gleichgültig und ruhig, oder wenigstens stellte er sich so.
-
-Endlich wurde es etwas stiller. Der starke Wind, der sich plötzlich vom
-Meere erhob, reinigte die Luft und trieb die dünner werdenden
-Rauchwolken langsam auseinander. Der Regen von Asche und Schlacken hörte
-auf. Wir atmeten leichter und wollten gerade zur weiteren Rückkehr
-aufbrechen, als uns ein seltsames Zischen und Sausen über uns von neuem
-beunruhigte. Peter sprang zuerst aus dem Schlupfwinkel hervor um zu
-sehen, was das bedeute, aber kaum stand er auf dem vorspringenden
-Felsen, als er einen Schrei des Entsetzens ausstieß. Ein glühender
-Lavastrom stürzte dröhnend durch die Bergrinnen herab! Ich sah, daß
-Peter zu uns zurückkehren wollte, aber in diesem Augenblick erhob sich
-ein Orkan, der diesem Erguß des flüssigen Feuers voranging und fegte ihn
-vor unseren Augen fort, daß wir anfangs nicht wußten, was mit ihm
-geschehen war.
-
-Eine unerträgliche, erstickende Glut wehte uns entgegen. Beide
-Bergrinnen waren bereits von einer flüssigen, rotleuchtenden Masse
-ausgefüllt, die sich dröhnend in ungeheuren Feuer- und Steinkaskaden in
-die Tiefe hinabwälzte. Es war keine Sekunde zu verlieren. Wenn der
-Feuerstrom stärker werden sollte, würde uns die Lava die Rückkehr
-abschneiden, die quergelegenen Vertiefungen zwischen den Rinnen
-ausfüllen oder, was schlimmer wäre, unsern Steinwerder zermalmen und
-davontragen, wie die Strömung eines hochgehenden Flusses lehmige Inseln
-davonträgt. Infolgedessen dachte ich nicht mehr an Peter, den ich im
-ersten Augenblick für verloren hielt, nahm Martha, die vor Schreck
-ohnmächtig geworden war, auf die Schultern und begann mich so schnell
-wie möglich herabzulassen, an dem zerrissenen Kamm der zwischen den
-Bergrinnen emporragenden Kante einen Halt suchend.
-
-Noch heute ist es mir furchtbar, an diesen Abstieg zu denken! Die
-Felsen, an denen sich die höllische Flut brach, bebten unter meinen
-Füßen wie der Boden eines Schiffes, das mit voller Dampfkraft gegen den
-Wind fährt. Eine entsetzliche Glut drohte uns zu verbrennen, Martha hing
-ohnmächtig und schlaff auf meiner Schulter, was meine Bewegungen im
-höchsten Maße hemmte. Ich mußte alles tun, um nicht auszugleiten, denn
-jeder falsche Schritt bedeutete den Tod.
-
-Durch welches Wunder ich, von der Glut fast erstickt, von dem heißen
-Rauch und dem Glanz der Lava geblendet, von einem gräßlichen Sausen
-betäubt und zerschlagen von den herabfallenden Steinen, mit Martha auf
-die Ebene gelangte, von der aus wir den Aufstieg angetreten hatten, kann
-ich heute nicht mehr sagen.
-
-Wir waren jedoch gerettet. Die Lava floß irgendwo seitwärts durch die
-Wälder ab, die einen Moment aufrauchten, und hinterließ in der Mitte ein
-mächtiges freies Dreieck, dessen Spitze eine Wiese und eine über ihr
-sich erhebende Kante bildete, während die Basis der Meeresstrand schuf,
-der sich über tausend Meter unter uns erstreckte.
-
-Ich machte mich vor allem an Marthas Wiederbelebung. Nachdem sie die
-Augen aufgeschlagen und sich überzeugt hatte, daß uns keine Gefahr mehr
-drohe, frug sie sofort nach Tom. Ich beruhigte sie, daß Tom zu Hause sei
-und wir ihn gewiß gesund und munter wiedersehen würden, noch ehe der
-Mittag naht. Da streckte sie mir beide Hände entgegen und sagte, wie
-damals im Polarlande, als ich sie nach der Überschwemmung gesucht hatte:
-
--- Mein Freund, mein lieber Freund ...
-
-In ihrer Stimme lag etwas unbeschreiblich Weiches und Süßes, das meinen
-Körper erschauern machte und mir die Kehle wie im Krampf
-zusammenschnürte. Ich neigte das Gesicht, damit mich meine Augen nicht
-verrieten.
-
--- Ich schulde dir mein eigenes Leben und noch mehr, das Leben Toms, dem
-wir noch notwendig sind. Du bist gut ... flüsterte sie und preßte meinen
-Kopf an ihre Brust.
-
-Als ich sie aus ihrer Ohnmacht erweckte, hatte ich ihr das Kleid unter
-dem Halse aufgerissen. Nun berührte ich mit der Stirn diese entblößte
-Brust, und gleichzeitig fühlte ich ihre Tränen mein Haar benetzen.
-
-Da ergriff mich eine wilde Leidenschaft. Ich hatte dieses Weib, das noch
-so schön und so über alle Maßen begehrenswert war, vor mir; ich brauchte
-nur die Hand auszustrecken, sie an mich zu reißen, mit Küssen zu
-bedecken, in glühenden Umarmungen zu ersticken. Es wurde mir schwarz vor
-den Augen, in den Ohren dröhnte und sauste es, meine Pulse flogen; ich
-fühlte die Wärme und Weichheit ihres Körpers, sein Duft berauschte mich
-und machte mich wahnsinnig ...
-
-Wir sind, blitzte es in mir auf, die einzigen Menschen auf diesem
-Globus, denn Peter liegt wahrscheinlich als Leiche zwischen den Steinen
-...
-
-Und übrigens, was geht mich Peter an, was geht mich die ganze Welt an,
-wenn nur sie ... Eine unaussprechliche Zärtlichkeit, ein unermeßliches
-Glücksgefühl überströmte mein ganzes Wesen.
-
-Nein!
-
-Ich raffte meine Willenskraft zusammen und wich zurück. Peter liegt
-vielleicht in diesem Augenblick irgendwo auf dem Felsen, blutig, halb
-tot und wartet auf Rettung, während ich ...
-
-Martha schaute mich an und -- verstand.
-
--- Du hast recht, sagte sie, als wenn sie mir antwortete, obwohl ich
-kein Wort gesprochen hatte. Du hast recht, geh und suche Peter.
-
-Dann erhob sie sich und drückte mir die Hand.
-
-Ich fand Peter tatsächlich nicht weit von der Stelle, wo der Orkan ihn
-hinabgestoßen hatte. Er lag bewußtlos an einen spitzen Felsen gelehnt,
-der ihn vor dem Hinabsausen in den feuerflammenden Abgrund rettete. Wir
-trugen ihn nach Hause, und unsern gemeinsamen Mühen gelang es, ihm die
-Gesundheit wiederzugeben.
-
-Geraume Zeit ist schon seit diesem Vorfall verflossen, und ich, an den
-Augenblick der Schwäche denkend, bemühe mich um so eifriger, mit meinem
-Willen stets über diesem Rest zu stehen, der mit ihm zusammen die
-menschliche Seele ausmacht.
-
-Und Peter? ... Er sitzt wie immer schweigend und finster auf der
-Schwelle des Hauses und vielleicht, ich weiß es nicht, vielleicht tut es
-ihm leid, daß er auf den Abhängen des Otamor sein Leben damals nicht
-lassen durfte.
-
-Mit mir ist scheinbar alles zu Ende. Bald werden auch diese Kinder
-meiner nicht mehr bedürfen. Ich will mir ein Grab errichten -- auf der
-Friedhofinsel.
-
-
-
-
- VI.
-
-
- Nach sechs Tagen ...
-
-Ich blicke auf die letzten Worte, die ich vor einigen Mondtagen
-niederschrieb und meine Augen trüben sich, nicht mehr von Tränen, denn
-die sind längst vertrocknet; nein, es ist, als wenn Entsetzen und
-Verzweiflung sie mir wie mit heißem Sande geblendet hätten. Nicht für
-mich habe ich das Grab auf der Friedhofinsel erbaut ...
-
-Weshalb ... weshalb!
-
-Eine ewig stumme, qualvolle Frage -- ohne Antwort.
-
-Ich bin allein geblieben.
-
-Allein mit vier Kindern, die nicht meine Kinder sind. Ich bin der letzte
-Mensch auf dem Monde, der letzte derjenigen, die von der Erde gekommen
-sind. Die beiden andern, Martha und Peter, sind O'Tamor, den Remogners,
-sind Woodbell gefolgt. Und ich lebe.
-
-Das ist das Schicksal, das ich am meisten gefürchtet und -- am wenigsten
-erwartet habe.
-
-Und wenn ich bedenke, daß das alles so schnell geschehen konnte! Sechs
-Mondtage, ein halbes irdisches Jahr! Wer hätte das damals geglaubt! Und
-zum drittenmal schon ist diese träge Sonne über diesem Meer aufgegangen,
-seit ich sie begraben habe. Ich bin allein, so furchtbar, so grauenhaft
-allein, daß ich während der finstern Nächte aufspringe und herumlaufe
-und am Tage jedes Geräusch und die Schatten der sich im Winde wiegenden
-Pflanzenungeheuer fürchte.
-
-Ja, ich bin allein. Denn diese Kinder können mir nicht nahe stehen. Das
-sind Wesen aus einer anderen Welt, in des Wortes wahrster Bedeutung.
-
-Was würde ich dafür geben, wenn auch nur für einen Augenblick, Martha
-oder Peter hier bei mir zu haben!
-
-Als Martha krank wurde, hatte ich keine Ahnung, daß das so furchtbar
-enden sollte.
-
-Ich bemerkte zwar schon lange, daß ihr Organismus erschöpft war von all
-dem, was sie durchgemacht hatte, daß Kummer und Trauer an ihrem Leben
-nagten, aber dieser Gedanke war doch so fern von mir, so fern!
-
-Am letzten Mondtage begann Martha zu kränkeln. Noch stiller und
-nachdenklicher wie gewöhnlich, verbrachte sie fast die ganze Zeit mit
-den Kindern am Meeresstrande. Sie spielte mit Tom und liebkoste sogar
-die Mädchen, die sehr erstaunt waren über die so seltene Zärtlichkeit
-der Mutter. Gegen Mittag, als ich zum Strand ging, um ihr zu sagen, daß
-sie nach Hause zu den Teichen zurückkehren müsse, da die Gewitter im
-Anzuge seien, lächelte sie mir zu und wiederholte einigemal:
-
--- Ja, es ist Zeit nach Hause zurückzukehren, es ist Zeit,
-zurückzukehren ...
-
-All diese kleinen Einzelheiten sind mir so lebhaft im Gedächtnis, stehen
-so klar vor meiner Seele, daß ich sie jetzt beim Schreiben vor Augen
-habe, jede ihrer Bewegungen sehe, ihre Stimme höre und es nicht fassen
-kann, daß sie nicht mehr ist und ich sie nie mehr wiedersehen werde ...
-
-Als sie nach Hause ging, nahm sie die Jüngste, Ada, bei der Hand und
-frug sie, ob sie Tom liebe. Das Kind schüttelte den Kopf:
-
--- Nein, ich liebe ihn nicht.
-
-Martha wurde traurig.
-
--- Warum liebst du ihn nicht, warum, Ada?
-
--- Weil Tom nicht gut ist. Tom will, daß ich ihm gehorche.
-
--- Das ist unrecht, sagte die Mutter, du mußt Tom gehorchen und ihn
-lieben, denn du bist sein ...
-
--- Nein. Ich gehöre nicht Tom. Lilli und Rosa gehören Tom. Ich bin mein.
-
-Ich lachte laut über diese Antwort des Kindes, aber Martha traten die
-Tränen in die Augen.
-
--- Es ist unmöglich, sich selbst zu gehören, unmöglich, flüsterte sie
-mehr zu sich selbst und küßte das Kind herzlich.
-
-Nachmittags sprach sie lange mit Tom. Nachdem sie ihn zu sich gerufen
-hatte, erzählte sie ihm vom Vater, vielleicht zum tausendstenmal, eine
-Unmenge Einzelheiten wiederholend, die zusammengenommen ein seltsames
-Märchen bildeten, eine Hymne für den verstorbenen Geliebten. Tomas war
-ein tüchtiger, vortrefflicher Mensch, aber in den Erinnerungen Marthas
-wurde sein Bild göttlich, die Verkörperung von allem, was gut und groß
-und schön ist.
-
-Sie ermahnte Tom, daß er zu seinen Schwestern gut sein müsse. Das setzte
-mich in Erstaunen, denn solche Lehren hatte ich nie aus ihrem Munde
-gehört.
-
-Gegen Abend begann sie über eine allgemeine Schwäche zu klagen, über
-Schwindel und Schmerzen in den Gliedern. Gewöhnlich ertrug sie alle
-Unpäßlichkeiten schweigend, so daß wir nur aus ihren Zügen erraten
-konnten, wenn ihr etwas fehlte; nie kam ein Wehlaut über ihre Lippen,
-noch suchte sie je bei uns Mitleid oder Hilfe. Selbst wenn wir
-bemerkten, daß sie schlecht aussah und sie frugen, was ihr fehle,
-schüttelte sie den Kopf und sagte lächelnd:
-
--- Es fehlt mir nichts ... Oder: Das geht vorüber, ich werde noch nicht
-sterben, denn ich bin Tom noch notwendig.
-
-Infolgedessen beunruhigten mich ihre Klagen an diesem Abend um so mehr.
-Ich sah sie forschend an und bemerkte erst jetzt, beim Lichte des
-erlöschenden Tages, daß Fieberflecke auf ihren Wangen brannten und ihre
-Augen schwarz umrändert und eingefallen waren. Sie hatten nichts von dem
-früheren Glanz verloren: All die vergossenen blutigen Tränen vermochten
-nicht den Strahl dieser Augen zu trüben, aber sie leuchteten jetzt in
-einem ungesunden Feuer, das nichts gemein hatte mit jener früheren
-sternenklaren Helligkeit!
-
-Als die Sonne untergegangen war, begann Martha, die sich niedergelegt
-hatte, mehr infolge der Schwäche als aus Schlaflosigkeit, unruhig zu
-werden. Sie sprang vom Lager auf, es war ersichtlich, daß sie fieberte.
-Sie rief die Kinder, die schon schliefen, dann rechtfertigte sie sich,
-kaum hörbar flüsternd, vor sich selbst oder auch vor dem Geiste des
-Verstorbenen, der ihr scheinbar vor Augen stand, ihres Lebens wegen und
-klagte sich der Geburt dieser armen Mädchen an, ja sogar wegen ihrer
-Liebe zu ihnen, die sie nicht hatte ganz unterdrücken können. Ich
-glaube, daß ihrer Überzeugung nach diese Mutterliebe ausschließlich
-ihrem Sohne gelten durfte und jede ihrer Äußerungen den Töchtern
-gegenüber ihr als ein Tom und dem Toten zugefügtes Unrecht erschien.
-
-Nach einiger Zeit beruhigte sie sich ein wenig. Ich saß mit Peter an
-ihrem Lager, angstvoll und niedergedrückt; vor allem peinigte uns der
-Gedanke, daß wir keine Arzeneien hatten und dieser Krankheit gegenüber
-ganz ratlos waren. Martha schaute uns lange mit weit geöffneten Augen an
-und frug dann plötzlich, ob die Sonne schon untergegangen sei. Ich
-antwortete ihr, daß die lange Nacht auf dem Monde bereits begonnen habe.
-
--- Ah, es ist wahr! sagte sie, wieder klarer bei Besinnung. Draußen ist
-es doch finster und hier brennen die Lichter ... Ich habe es nicht
-gleich bemerkt. Und dort auf dem _Mare Frigoris_, was ist jetzt dort?
-
--- Dort ist jetzt Tag. Eben ist dort die Sonne aufgegangen.
-
--- Ja, die Sonne ist aufgegangen und leuchtet jetzt über Tomas' Grab,
-nicht wahr? Und dieselbe Sonne über diesem Grabe wird hierher zu uns am
-Morgen kommen?
-
-Ich nickte schweigend.
-
--- Dieselbe Sonne, sagte abermals die Kranke. Und wenn ich daran denke,
-daß diese Sonne täglich, so viele Mondtage hindurch, auf das Grab
-schaute und dann auf mich hier, die Lebende, und dann wieder zu dem
-Grabe zurückkehrte, ihm zu erzählen, was sie hier gesehen hat!
-
-Sie bedeckte die Augen mit den Händen und begann am ganzen Körper zu
-zittern.
-
--- Das ist furchtbar! wiederholte sie einige Male.
-
-Peter ließ den Kopf sinken. Es schien mir, daß ich in seinem gelben,
-verdorrten Gesicht eine dunkle Röte aufsteigen sah, die sich bis in die
-gefurchte Stirne ergoß. Dies mußte auch Martha bemerkt haben, denn sie
-wandte sich zu ihm:
-
--- Ich wollte dir nicht weh tun, Peter ... jetzt ... Übrigens bist du
-nicht schuld daran, wie hättest du mich zwingen können, dein Weib zu
-werden, wenn ich es nicht selbst gewollt hätte ... für Tom ...
-
-Sie verstummte und atmete tief auf. Nach einer Weile sagte sie leise:
-
--- Ich möchte den Morgen erwarten. Es ist so furchtbar, in der
-Dunkelheit herumzuirren und den Weg dort auf der Wüste zu suchen. Wenn
-hier der Tag beginnt, wird dort über dem _Mare Frigoris_ die Erde
-leuchten. Ich will lieber bei ihrem Lichte an dem Grabe stehen, denn ich
-weiß nicht, ob ich den Mut hätte, in den vollen Glanz der Sonne zu
-schauen ...
-
-Martha, was sprichst du? rief ich unwillkürlich.
-
-Sie sah mich an und antwortete kurz:
-
--- Ich werde sterben ...
-
-Gegen Mitternacht stieg eine würgende Angst, daß sie wirklich sterben
-könne, in mir auf. Eine Krankheit, für die wir nicht einmal einen Namen
-fanden, raffte sie dahin. Wir bemerkten nur einen außerordentlich
-schnellen Kräfteverfall, der im Verein mit dem stets wiederkehrenden
-Fieber nichts Gutes ankündigte.
-
-Übrigens, was bedeuten alle ärztlichen Benennungen! Ich weiß nur zu gut,
-welch eine Krankheit das ist, ich kenne sie zur Genüge, sie heißt Leben!
-Sie weckt den Menschen aus dem Nichtbewußtsein, sie kost mit ihm und
-spielt und tändelt, und während des Spielens reißt sie und zerrt an ihm
-herum und drückt und überwindet und vernichtet ihn schließlich. Mit
-dieser Krankheit kommen wir alle zur Welt, und es gibt für sie kein
-Heilmittel als den Tod!
-
-Peter wich fast keinen Augenblick von Marthas Lager. Ich blickte auf
-seine finsteren, unbeweglichen Züge und dachte, trotz der tödlichen
-Angst, die mich erfaßt hatte, darüber nach, was für Gefühle sich unter
-dieser undurchdringlichen Maske verbergen könnten. Ich sollte es früh
-genug erfahren!
-
-Am Morgen war Martha sehr unruhig, und erst die Dämmerung brachte ihr
-ein wenig Linderung.
-
--- Ich werde die Sonne noch sehen! sagte sie und versuchte, mit blassen
-Lippen zu lächeln.
-
-Jetzt saß ich allein bei ihr, denn Peter, von dem langen Wachen
-übermüdet, gab schließlich meiner Überredung nach und legte sich in dem
-benachbarten Zimmer schlafen. Die Morgendämmerung drang durch die
-Scheiben von dickem Glas, das wir auf dem Monde gefertigt hatten,
-herein, und das Licht der Lampen wurde immer gelber. Der Schnee lag auf
-den Feldern, wie immer, und als der Wind die Dämpfe, die sich stets über
-den Warmen Teichen erhoben, verweht hatte, sah man durch das Fenster
-eine große glitzernde Fläche.
-
-In diesem scharfen und kalten, vom Schnee zurückgeworfenen Schein des
-nahenden Tages, der mit dem gelben, ersterbenden Licht der Lampe
-kämpfte, schaute ich auf Martha und zweifelte nicht mehr, daß sie in
-kurzer Zeit für immer von uns gehen würde. Ihr Gesicht war lang und
-blaß; die einst so vollen verführerischen roten Lippen nahmen die
-blaß-bläuliche Farbe des Todes an. Unter den gesenkten, fast
-durchsichtigen Lidern sahen erlöschende und über alle Beschreibung
-traurige Augen hervor.
-
-Ich lehnte meinen Kopf an den Rand des Bettes und biß die Zähne
-zusammen, um nicht in lautes, unmännliches Weinen auszubrechen, das in
-meiner Brust zerrte wie ein Tier an der Kette.
-
-Indessen wurde es draußen immer heller. Die bis vor kurzem grauen Nebel
-glitten jetzt, vom Winde getrieben, an den Fenstern vorüber wie weiße
-Gespenster. Manchmal verdichtete sich ihr Schleier und verhüllte die
-Welt; dann dehnten sie sich wieder zu langen, flatternden Gestalten, die
-plötzlich auftauchten, sich vor den Fenstern verneigten und
-weiterflogen. Auch schimmerten aus diesem Nebel weiße Felsstreifen und
-wolkenumhüllte, perlende Säulen der Geiser und weiter oben am
-Hintergrunde des hellblauen Himmels der Gipfel des Otamor, der sich in
-den ersten Strahlen der Sonne rötlich färbte.
-
-Martha frug nach den Kindern; als sie hörte, daß sie noch schliefen,
-ließ sie sie jedoch nicht aufwecken.
-
--- Mögen sie schlafen, flüsterte sie, ich werde sie noch sehen, bevor
-die Sonne aufgeht ... Indessen ist es gut, daß es so still ist.
-
-Dann wandte sie sich zu mir:
-
--- Du wirst ihnen immer ein Vormund sein, nicht wahr?
-
--- Ja, antwortete ich mit tränenerstickter Stimme.
-
--- Und du wirst sie niemals verlassen?
-
--- Nein.
-
--- Schwörst du mir das?
-
--- Ja, ich schwöre es.
-
-Sie streckte die Hand nach mir aus:
-
--- Du bist gut, mein Freund, flüsterte sie, nun kann ich ruhig sterben,
-weil ich weiß, daß du sie nicht verlassen wirst.
-
-Ich ergriff ihre Hand und preßte sie leidenschaftlich an die Lippen.
-Ihre Finger zitterten leicht, als wenn sie meine Hand drücken wollte.
-Eine so eisige Kälte entströmte ihnen, daß meine heißen Lippen sie nicht
-mehr erwärmen konnten.
-
--- Ich wollte dir, begann sie nach einer Weile, noch vor dem Tode sagen,
-daß du mir ... teuer warst. Ich machte mir darüber größere Vorwürfe, als
-daß ich Peters Weib wurde ... Vielleicht, wenn ich dir angehört hätte,
-statt ihm, vielleicht wäre mein Leben auf dem Monde in eine andere Bahn
-gelenkt, glücklicher und länger gewesen ...
-
-Sie sagte das alles ruhig, mit einer sanften, erlöschenden Stimme, in
-mir aber erhob sich ein Sturm; ich heulte weinend auf und ihre Hände
-sinnlos mit Küssen bedeckend, brachen aus meiner Brust von Tränen
-erstickte, unzusammenhängende Worte der Liebe hervor -- der Liebe, die
-ich so lange verbergen und zurückhalten mußte und die jetzt mit
-Allgewalt überschäumte, gegenüber der Sterbenden.
-
-Sie neigte sich leise zu mir und legte die Hand auf mein Haupt.
-
-Ruhig, sagte sie, ruhig ... Ich weiß ... Weine nicht ... es ist so
-besser ... Du warst mir teuer durch deinen Edelmut, durch deine Liebe
-für Tom, ich weiß es selbst nicht, wodurch ... Aber trotz alledem,
-vielleicht wäre ich nicht gut zu dir gewesen, wenn du zwischen mich und
-den Verstorbenen getreten wärst, der allein ein Recht auf mich hatte.
-Ruhig, weine nicht, du weißt es schon. Ich denke, daß Tomas es mir
-verzeihen wird, daß ich das für dich fühlte und es dir jetzt in der
-Todesstunde sage.
-
-Ich war maßlos unglücklich.
-
-Sie verstummte erschöpft, und ich, mein Gesicht an ihrer Brust
-verbergend, zitterte am ganzen Körper, von einem inneren Schluchzen
-geschüttelt.
-
-Martha versuchte abermals zu sprechen:
-
--- Mag es sein ... ich werde jetzt alles sagen. Ich spreche ja heute das
-letztemal zu dir ... an jenem Mittag ...
-
-Die Sterbende brach ab, als wenn ein Gefühl der Scham ihre Stimme
-ersticken machte, aber ich wußte wohl, von welchem Mittag sie sprach!
-
-Sie schwieg eine Zeitlang und bewegte nur leicht die Lippen. Plötzlich
-rief sie, wie verzweifelt ausbrechend:
-
--- Warum hast du Peter nicht getötet?
-
-In diesem Augenblick hörte ich ein unterdrücktes Stöhnen hinter mir. Ich
-wandte mich um; in der Tür stand, die Hand an die Pfosten gestützt,
-Peter, blaß wie eine Leiche, und blickte auf uns mit weit geöffneten
-Augen. Er mußte schon ziemlich lange dort stehen und hörte
-wahrscheinlich alles, was Martha zu mir sagte.
-
-Als er sah, daß ich ihn bemerkte, machte er schwankend einige Schritte
-nach vorn und stammelte etwas Unverständliches.
-
-Martha kehrte sich mit einem unterdrückten Schrei des Ekels zur Wand.
-
--- Verzeihung, wimmerte Peter, Verzeihung; es war unabsichtlich ... Ich
-wollte nicht ...
-
-Da ertönten im Nebenzimmer helle Stimmen.
-
--- Die Kinder! rief Martha und streckte die Hände aus. Aber die Mädchen
-waren befangen und blieben in der Tür stehen, nur Tom stürzte zu ihr;
-sie nahm seinen Kopf in ihre zitternden Hände und drückte ihn an sich.
-
-Peter beobachtete sie und trat an mich heran:
-
--- Du hast ihr versprochen, er deutete mit einer Bewegung auf Martha,
-für alle Kinder zu sorgen ... für alle! In gleicher Weise ... Bevor ich,
-durch diese seltsamen Worte überrascht, antworten konnte, war er nicht
-mehr im Zimmer.
-
-Durch die am Fenster vorübergleitenden Nebel drang schon der erste
-Sonnenstrahl, verwandelte die obern Scheiben in Stücke leuchtenden
-Goldes und eilte in hellen Lichtgarben durch die dumpfe Atmosphäre des
-Zimmers. Martha lag regungslos, mit erlöschendem Blick in den Streifen
-des Sonnenlichts starrend, der immer tiefer herunterglitt an der Wand
-und sich wie ein herabsteigender Engel ihrem Bette näherte. Die Mädchen
-schlichen auf den Fußspitzen heran und schauten erstaunt auf die
-blassen, unbeweglichen Züge der Mutter.
-
-Mir war es schwül; im Munde fühlte ich eine trockene Bitterkeit. Dieser
-anbrechende Tag kam zu mir wie ein erbarmungsloser, schmerzlicher Hohn,
-denn ich wußte, daß mit ihm eine endlose Leere und ein Bangen nach der
-Vergangenheit beginnt. Die Minuten flossen in Schweigen dahin ...
-
-Plötzlich schrie Tom:
-
--- Onkel, Onkel, ich ängstige mich! Mütterchen blickt so furchtbar!
-
-Ich wandte mich um: ein Lichtstrahl, der auf das Kissen fiel,
-erleuchtete Marthas Züge; die verglasten, erloschenen Augen starrten in
-die Sonne.
-
--- Eure Mutter ist gestorben, sagte ich mit einer würgenden, mir selbst
-fremden Stimme zu den Kindern, die sich erstaunt und verängstigt um das
-Lager drängten. Dann beugte ich mich über sie, um ihre Augenlider zu
-schließen.
-
-In demselben Moment ertönte ein Schuß.
-
-Ich stürzte zur Tür: Peter lag im benachbarten Zimmer am Boden, mit
-zerschmettertem Schädel, den rauchenden Revolver in der Hand.
-
-Ich wankte wie ein Betrunkener.
-
-Heute liegen beide schon im Grabe ... Ich habe ihnen den letzten Dienst
-erwiesen: Ihre Körper wickelte ich in große, aus Pflanzenfasern gewebte
-und mit Harz getränkte Tücher und trug sie auf meinen Armen in das Boot,
-das sie auf die Friedhofinsel fahren sollte. In dem Boot saßen neben mir
-und den Leichen vier Kinder. Die drei älteren drängten sich um die
-Mutter. Tom, durch den Anblick des Todes betroffen und verschüchtert,
-saß schweigend zu Füßen der Leiche; Lilli und Rosa griffen mit den
-Händchen nach dem Tuch und riefen weinend nach der Mutter, als wenn sie
-noch die ihnen gebührenden Liebkosungen verlangten, mit denen sie die
-Mädchen im Leben so spärlich bedachte. Die Leiche Peters lag verlassen
-in dem Boote. Nur die Jüngste näherte sich ihr, und das Tuch
-streichelnd, flüsterte sie leise:
-
--- Armes Väterchen, armes ...
-
-Unserer traurigen Fahrt war ein günstiges Wetter beschieden. Die Sonne,
-die noch nicht hoch über dem Horizont stand, erleuchtete golden die
-mächtige, ruhige, kaum von einem leichten Winde in zarte Furchen
-gepflügte Meeresfläche, auf der vor uns, in der Ferne, die Inseln
-auftauchten, in durchsichtigen blauen Nebel gehüllt. Und niemals im
-Leben empfand ich so bitter diese erbarmungslose, grausame Ironie, die
-in der sich immer gleichbleibenden Schönheit der Natur liegt, der Freude
-wie dem Schmerze des Menschen gegenüber gleichgültig! Denn ich fuhr doch
-in diesem Kahn die zwei letzten menschlichen Wesen, die mit mir auf
-diesen Globus gekommen waren und wie ich meine heimatliche Erde kannten;
-ich fuhr sie hierher, um sie in dem Grabe zu betten, das ich für mich
-gebaut hatte, um dann für immer allein zu sein! Und trotzdem leuchtete
-die Sonne erhaben und herrlich, genau so wie damals, da ich als
-glückliches Kind auf jenem in diesem Augenblick so weit von mir
-entfernten Planeten in ihrem warmen Scheine sorglos spielte.
-
-Von dem Boote aus trug ich sie beide auf dem Rücken zum Grabe, das ich
-auf der Höhe in der schönsten Gegend der Insel erbaut habe. Die Leichen
-waren leicht, sechsmal so leicht als sie auf der Erde sein würden, und
-ich beugte mich dennoch unter ihrer Last ... Das war freilich kein
-Wunder! Trug ich doch das letzte meines bitteren Glückes zu Grabe!
-
-Martha habe ich in dem Grabe gebettet, das ich für mich bestimmt hatte.
-Für Peter errichtete ich eine andere Ruhestätte, etwas tiefer gelegen.
-
-Und ich muß weiterleben ... Manchmal zwar, wenn mich die Last der
-Sehnsucht zu Boden drückt, packt mich die Versuchung, von diesem Globus
-fortzugehen, auf dem Wege, den schon die andern sechs vor mir gegangen
-sind: O'Tamor, die beiden Remogners, Woodbell, Varadol und Martha; aber
-dann denke ich an den Schwur, den ich der Sterbenden geleistet habe, daß
-ich die Kinder nicht verlassen werde. Für sie muß ich leben. Ich bin
-jetzt zum Leben verurteilt, wie ich -- so lange sie lebte, zur Liebe
-verurteilt war. Und diese zwei höchsten Güter des Menschen sind mir zur
-Qual, zur namenlosen Qual geworden.
-
-Meine Tage gehören diesen Kindern. Ich bemühe mich mit allen Kräften,
-stets an sie zu denken, beschäftige mich mit ihnen, lehre sie, nehme sie
-mit mir, schütze und pflege sie, denn, bei Gott, auf mir Kinderlosem
-lastet die geistige Vaterschaft des Mondgeschlechtes.
-
-Aber während der Nächte kehre ich auf die Erde zurück und spreche mit
-den Toten.
-
-Etwas ist wohl in meinem Hirne zerstört und unterbrochen, oder die
-Trauer hat mein Denken in Nebel gehüllt, denn die Wirklichkeit erscheint
-mir als Traum, und die Träume de Schlafes sind für mich wirkliches
-Leben.
-
-Ich sehne mich nach den Träumen. In ihnen wandle ich auf der Erde und
-küsse voll Rührung ihre Bäume und Blumen, sogar den Staub und die
-Steine, und es ist mir dann, als hätte mich niemals das wahnsinnige
-Verlangen nach Erkenntnis, der Wunsch, die Geheimnisse des
-sternenbesäten Weltenraumes zu erforschen, von ihr fortgerissen.
-
-Manchmal auch kommen sie zu mir, die verstorbenen Kameraden. Voran geht
-der greise O'Tamor und beschuldigt sich, er, der die Güte selbst war,
-daß er uns leichtsinnig auf diesen öden Globus, der wie eine Lampe für
-die Erde zwischen den Himmeln hängt, hinausgeführt hat. Dann sehe ich
-die Remogners. Sie beklagen sich, daß sie uns gefolgt sind und dadurch
-den Tod gefunden hätten. Woodbell erscheint blaß und fragt, was wir mit
-Martha getan haben. Ob sie glücklich mit uns war. Und Peter erzählt mir
-im Traum alles, was ich in den letzten Jahren seines Lebens aus seinen
-Augen gelesen habe: von seiner wilden, leidenschaftlichen Liebe zu
-Martha, die ihn verzehrte wie das Feuer eine Handvoll Holzspäne, von dem
-furchtbaren Schicksal, das ihm nicht einen einzigen Augenblick des
-Glücks gegeben hat! Wie er die langen Jahre hindurch nur Ekel,
-Widerwillen und Verachtung in dem angebeteten, so heiß begehrten Weibe
-erwecken konnte. Wie er all seine Liebe in sich ersticken, allen Schmerz
-hinunterwürgen mußte, wie sich die beleidigte Manneswürde in ihm
-aufbäumte. Er erzählt mir, was in jener letzten Nacht in seiner Seele
-vorgegangen ist, als er mich, das Gesicht an ihrer Brust verborgen, sah,
-und später, als er den Revolver an die Schläfe setzte.
-
-Diesen traurigen Geisterreigen beschließt Martha. Sie erscheint mir --
-still, mit einem schmerzlichen Lächeln auf den Lippen -- und dankt mir,
-daß ich ein Mensch war, und manchmal will es mir wieder scheinen, als
-mache sie mir einen Vorwurf, daß ich es nicht war ... Mein ganzes Innere
-ist ein Abgrund von Leid und Trauer ...
-
-So sprechen die Geister mit mir. Und obwohl sie mir nichts Frohes zu
-sagen haben, ist es mir doch heimatlich mit ihnen und heimlich und gut
-zumute, weil sie meinem Herzen nahe stehen.
-
-Das neue Mondgeschlecht, das um mich heranwächst, ist so anders. Es sind
-noch Kinder und dennoch fühle ich, daß sie schon jetzt eine besondere
-Welt für sich bilden, die mir, dem von der Erde Gekommenen, immer fremd
-sein wird, wie meine Welt ihnen, den auf dem Monde Geborenen,
-verschlossen ist.
-
-Und doch muß ich, der Bruder dieser sechs Gräber, die auf dem Monde
-verstreut liegen, mit denen leben, für die dieser Globus die Heimat ist
--- und wer weiß, wie lange noch ... wie lange ...
-
- Ende des zweiten Teiles.
-
-
-
-
- Dritter Teil
-
-
- Das neue Geschlecht.
-
-
-
-
- I.
-
-
- Im Polarlande.
-
-Es reift schon heran, dieses Geschlecht, und ich bin ihm immer weniger
-nötig und immer trauriger ... Ich bin nach dem Polarland gegangen, um
-auf die Erde zu schauen und allein zu sein.
-
-Seit unserem EXODUS von unserer verlorenen Erde sind schon
-zweihundertneunzehn Mondtage verflossen und siebenundsechzig seit dem
-Tode Marthas und Peters.
-
-Ich wundere mich, daß ich nicht sterbe ...
-
- * * * * *
-
-Ich wohne also wieder auf dem Pol. Die grenzenlose Sehnsucht nach meiner
-Heimat, der Erde, quält mich immer mehr. Sie läßt mich sogar dieses
-Geschlecht vergessen, das mir von Martha in ihrer Todesstunde übergeben
-wurde, aber es lebt dort am Meere und ist glücklich. Als ich fortging,
-erwachten Frühlingsgefühle der Liebe in mir! Zu wonnig und zu ...
-schmerzlich war es für mich, auf diesen Frühling zu schauen ...
-
-Hier ist Stille und Einsamkeit und Erinnerung ...
-
- * * * * *
-
-Es war wiederum eine Sonnenfinsternis und die schwarze Erde wie eine
-verkohlte Leiche über dem goldenen Regenbogen und Güsse und
-Überschwemmungen ...
-
-Seit unserem EXODUS zweihundertsechsundzwanzig Mondtage.
-
-Die Sorge um Marthas Kinder lastet auf mir. Ich werde zurückkehren
-müssen an das Meer und sehen, ob sie mich brauchen.
-
-Ich schlief so unruhig und sah Martha im Traume ...
-
- * * * * *
-
-Ich war in dem Lande der Warmen Teiche, nach siebenmondtägiger
-Abwesenheit. Die Sorge um Marthas Kinder hat mich hingeführt.
-
-Tom ist der Mann seiner Schwestern Lilli und Rosa.
-
-Es ist erstaunlich, wie diese Menschen auf dem Monde degenerieren! Tom
-ist schon erwachsen, reicht mir aber nicht einmal bis an die Schulter.
-Ada, glaube ich, wird noch kleiner.
-
-Während meines Aufenthaltes am Meere war ein furchtbarer Ausbruch des
-Otamor, der größte von allen, an die ich mich erinnern kann. Die
-südliche Seite des Kraters ist ins Meer gesunken. Es war dies der
-zweihundertachtunddreißigste Mondtag seit unserem EXODUS -- vierzehn
-Stunden nach Mittag hat der Ausbruch begonnen.
-
-Als ich fortging, erwartete Rosa Nachkommenschaft. Ada habe ich mit mir
-genommen -- sie war dort so verlassen. Sie bedarf jetzt meines Schutzes
-mehr als je. Es ist furchtbar, daß es mir noch immer nicht erlaubt ist,
-zu sterben!
-
-Ich kam zum Polarland zweihunderteinundfünfzig Mondtage nach unserem
-EXODUS. Tom bemühte sich, mich zurückzuhalten, aber ich fühlte trotzdem,
-daß er froh war, als ich fortging. Tom ist selbstherrlich und sieht
-ungern meine Achtung seinen Frauen gegenüber. Es ist ihm auch lieb, daß
-Ada mit mir gegangen ist, denn er mag sie nicht leiden, weil sie sich
-ihm nicht ergeben will, obwohl sie fast noch ein Kind ist.
-
- * * * * *
-
-Fahl und kühl ziehen die Stunden vorüber, wie dieses Licht der
-unsichtbaren Sonne auf dem Pol -- eine lange, lange, unendliche Reihe
-von Stunden ...
-
-Nur mit Mühe halte ich die Rechnung der Zeit aufrecht; ich spreche nicht
-viel und Ada ist immer schweigsam. Sie sitzt ganze Stunden auf dem
-grünen Moos und ihre traurigen Kinderaugen irren über die rosa
-beleuchteten Gipfel der Berge.
-
-Und ich? ...
-
-Seit langem habe ich aufgehört der Gegenwart zu leben und noch mehr der
-Zukunft. Ich sehe zurück und schaue unaufhörlich meinen Erinnerungen in
-die Augen. Eine trübselige Gesellschaft! Traurig bin ich dort am Meer
-und traurig hier, wo ich die Erde sehe am Horizont.
-
- * * * * *
-
-Eine lange Zeit ist vorübergegangen, seit ich die letzten Notizen
-niederschrieb. Ada wird größer und beginnt sich nach den Geschwistern zu
-sehnen. Ich merke ihr das an, obwohl sie selbst es nicht zugeben will.
-
-Auch ich denke, daß es trotz allem Zeit ist, an das Meer zurückzukehren.
-Ich werde älter, und wenn ich in dieser Einsamkeit sterben sollte, wäre
-Ada zum Tode verurteilt. Ihretwegen will ich zurückkehren, obwohl Gott
-weiß, wie gern ich hierbleiben und sterben möchte, auf die Erde
-schauend!
-
-Und ich fürchte fast, daß dieses Kind schon zu lange mit mir, dem
-Schweigenden, traurig Einsamen, gelebt hat. Seltsam ist dieses Kind --
-und auch das ist seltsam, daß wir uns in dieser Einsamkeit, statt uns zu
-nähern, gegenseitig immer fremder werden. Sie blickt auf mich mit weit
-geöffneten Augen, und ich fühle, daß sie vieles denkt, worüber sie nicht
-zu mir spricht.
-
-Ich muß es mir selber eingestehen, so lange ich auch mit diesem Mädchen
-zusammen bin, es ist mir unmöglich, mich an sie zu gewöhnen, im
-Gegenteil, sie reizt mich durch ihre Gegenwart. Allein möchte ich sein
-und ungestört über die Vergangenheit nachdenken ... über die Erde ...
-
-Und dennoch muß ich zurückkehren ... zu Tom, zu Toms Kindern, die mit
-Staunen und Furcht auf mich schauen werden, auf den alten Menschen, der
-einstmals von der Erde gekommen ist und jetzt lange in der Einsamkeit
-lebte. Ich muß zurück ... wir müssen zurück -- Ada ...
-
-Es ist mir noch nicht vergönnt, zu sterben ...
-
-
-
-
- II.
-
-
- Am Meere bei den warmen Teichen.
-
-Seit unserem EXODUS sind vierhundertzweiundneunzig Mondtage verflossen,
-das heißt, fast achtunddreißig Erdenjahre. Schon lange habe ich nichts
-mehr auf diesen Blättern niedergeschrieben, heute nehme ich sie zur
-Hand, um den Tod Rosas zu notieren.
-
-Sie ist gestorben, es ist furchtbar, durch die Schuld ihres Mannes und
-Bruders, meines geliebten einstigen Zöglings Tom, der sie im Zorn mit
-einem Stein erschlagen hat!
-
-Die zweite Frau Toms und seine älteren Kinder haben diese Tat schweigend
-hingenommen. Anscheinend glaubt er, das Recht zu haben, alle zu töten,
-die ihm nicht gehorchen. Die einzige, Ada, die sich stets von der
-Familie Toms ferngehalten hat, ist gegen diesen Verbrecher aufgetreten.
-Ohne Worte, ohne einen Gefühlsausbruch, nur mit drohender Miene und
-erhobenen Händen ging das Mädchen auf ihn zu, und er wich ängstlich
-zurück, obwohl er sie mit einem Faustschlag hätte niederschmettern
-können, weil er größer und stärker ist. Sie blieb zwei Schritte von ihm
-entfernt stehen, und mit der einen Hand auf die Leiche der Frau zeigend,
-erhob sie die andere über seinem Haupte und rief:
-
--- Für das Blut dieser Frau verfluche ich dich im Namen des Alten
-Menschen!
-
-(»Alter Mensch« ist der Name, den dieses neue Geschlecht mir gegeben
-hat.)
-
-Tom erschrak zuerst; dann sah er mich mit einem finsteren Blick an und
-sagte zu Ada, indem er sich bemühte, seinen Worten einen harten,
-herrischen Klang zu geben:
-
--- Rosa war mein Weib. Es stand mir frei, mit ihr zu tun, was ich wollte
-... sie zu ernähren oder zu töten. Warum war sie unfolgsam?
-
-Dieser entsetzliche Vorfall und dieses unfreiwillige Verbrechen, denn
-ich glaube bis zu diesem Augenblick nicht daran, daß Tom seine Frau mit
-der Absicht sie zu töten getroffen hat, haben mir plötzlich drei Dinge
-klar gemacht, über die ich mir bis jetzt keine genügende Rechenschaft
-gab.
-
-Ich sehe vor allem die Brutalität Toms und glaube, daß ich sie
-verschuldete, denn ich habe ihn erzogen und es nicht verstanden, seinen
-Charakter anders zu formen. Ferner hätte ich nicht einsame Jahre auf dem
-Pol verbringen und diese Menschen hier allein ihrem Schicksal überlassen
-dürfen, und endlich versetzt mich Ada in Staunen. Ich sehe jetzt aus
-ihrem ganzen Auftreten und aus vielen Dingen, an die ich mich erst
-nachträglich erinnere, so manches, worauf ich nicht genügend achtgegeben
-habe, vor allem ihre sonderbare Beziehung zu dem Bruder und seiner
-Familie. Es scheint mir, daß sie sich gegenseitig hassen, und trotzdem
-fürchten jene dieses Mädchen, das jüngste aus dem ersten Geschlecht
-dieser Menschen. Sie hält sich fern von ihnen und lebt unter ihnen wie
-eine Priesterin, obwohl ich nicht weiß, ob dieses Wort ihr Verhältnis zu
-den andern richtig ausdrückt. Ada tut mir leid, denn sie ist einsam und
-wird, glaube ich, immer einsam bleiben auf dieser Welt, so wie ich, sie
-tut mir um so mehr leid, weil ich ihr nicht das sein kann, was ich ihr
-eigentlich sein müßte: ein Vater und guter Freund. Aber auch in ihrer
-Beziehung zu mir liegt mehr eine abergläubische Verehrung als Liebe.
-Auch daran scheine ich selbst schuld zu sein ...
-
-Und das dritte, was mich am meisten entsetzt hat, weil es mich am
-nächsten angeht: sie halten mich für ... Aber nein, vielleicht täusche
-ich mich nur! Was ist's, daß Ada Tom in _meinem Namen_ verflucht hat?
-Ich bin doch der Älteste, also wahrscheinlich nur deswegen ... Und
-dennoch, wenn es so wäre? Sollte ich auch dieses ... Götzentum
-verschuldet haben?
-
-Wie seltsam sie alle diesen Namen aussprechen, mit dem sie mich
-belegten: »Der Alte Mensch« ...
-
- * * * * *
-
-Ich hatte heute wieder einen Traum, der mich schon seit Jahren
-unaufhörlich quält und es mit sich bringt, daß ich mich in dieser Welt
-immer fremder fühle ...
-
-Ich träumte, daß ich auf der Erde war.
-
-Aber heute war das ganz besonders seltsam.
-
-Ich war in der Gesellschaft von Menschen, mit denen ich über die
-Angelegenheiten des Staates, der Völker, des Fortschritts sprach. Man
-sagte mir, daß sich die Grenzen einiger Länder veränderten, seit der
-Zeit, da ich die Erde verlassen habe, daß jetzt andere Rechte herrschen
-und vieles von dem früheren Glauben hinfällig wurde. All das hatte mich
-interessiert und ich wollte nach langer Abwesenheit die Erde mit eigenen
-Augen besichtigen, um mich zu überzeugen, wie es dort aussieht.
-
-Ich machte mich also auf den Weg und ging durch mir einst bekannte
-Gegenden und Städte. Es hatte sich tatsächlich vieles geändert. Wie ein
-Vogel durchflog ich die Länder und wunderte mich, daß an Stelle der
-alten Metropolen Trümmer waren, an Stelle blühender Fluren sah ich
-Wüsten und Brandstätten, und dort, wo sich einst Wüsten ausdehnten, traf
-ich Wasser an oder bestellte Felder und Wiesen, die neue Residenzstädte
-umgaben, in denen starkes Leben pulsierte. Ich machte manchmal halt, um
-mir bekannte Häuser und Menschen aufzusuchen; ich frug nach Dingen, die
-sich zu meinen Zeiten zugetragen hatten, aber niemand konnte mir darauf
-antworten. Man schüttelte nur die Köpfe und sagte: »Wir wissen nichts
-davon«, oder: »Wir haben es vergessen.«
-
-Entsetzen packte mich und ein unaussprechliches Leid, denn ich sah, daß
-diese Erde anders geworden ist und der nicht mehr ähnlich sah, die ich
-gekannt habe.
-
-Scheinbar, so dachte ich im Schlafe, sind nicht nur Jahre, sondern
-Jahrhunderte verflossen, seit ich von hier gegangen bin; auf dem Monde
-ist es schwer, die langen, einander ähnlichen Tage zu zählen, ich habe
-ihrer wohl viele aus dem Gedächtnis verloren ... Ich komme auf die Erde,
-die ich nicht kenne und die auch mich nicht mehr kennt.
-
-Und plötzlich fühlte ich mich so namenlos unglücklich! Fremd auf dem
-Monde, auf dem ich mich nicht einleben kann, und fremd auf der Erde, auf
-die ich durch irgendein Wunder zurückgekehrt bin -- zu spät! Wo ist noch
-Raum für mich, wo werde ich Ruhe finden?
-
-Ich eilte also weiter durch die Lüfte, eine grenzenlose Leere im Herzen
--- und nach dem kurzen Tage sank schon die Nacht hernieder. Die ersten
-Sterne erglänzten am Himmel, als ich mich, durch einen inneren Drang
-vorwärtsgetrieben, schon über der uferlosen Fläche des Ozeans befand.
-Unter mir wälzten sich die Fluten wie sich in Windungen schlängelnde
-Seeungeheuer mit glatter schillernder Haut. Und die goldenen
-Himmelslichter spiegelten sich in den durchsichtigen Wogen.
-
-Meine Blicke irrten rings umher: hier allein hatte sich nichts geändert.
-Das Meer war unermeßlich wie früher und ebenso wild bewegt und
-veränderlich.
-
-Aber während ich noch darüber nachdachte, bemerkte ich, daß sich das
-Wasser seltsam zu dehnen begann und seine Fluten zu mir emporsandte.
-Jetzt erst sah ich auch, daß direkt über mir der Vollmond stand. Ich
-erschrak über die Erscheinung dieser Mondwelt dort in der Höhe und
-wollte fliehen, irgendwohin, wo ihr Glanz mich nicht erreichte; aber
-plötzlich fehlten mir die Kräfte. Ich fühlte, daß ich auf die sich immer
-höher hebenden Fluten hinabfiel; sie aber stiegen und stiegen, warfen
-mich nach oben, dem Monde entgegen, streckten sich zu ungeheuren, endlos
-langen Hälsen, heulten in einem wilden Lachen und wurden höher und immer
-höher. In wahnsinnigem Entsetzen blickte ich nach dem Monde: Er wuchs
-vor meinen Augen, dehnte sich, nahm schon den halben Horizont ein; der
-ganze Himmel war von ihm bedeckt, wie mit einem silbergrauen Schleier.
-Es schien mir, daß in seiner Scheibe die sich herausneigenden Köpfchen
-der degenerierten Nachkommenschaft Marthas sichtbar wurden und ich ihr
-boshaftes Rufen hörte:
-
--- Kehre zu uns zurück! Kehre zu uns zurück! Alter Mensch, du bist nicht
-von der Erde!
-
-Verzweiflung, Entsetzen, Ekel und ein grenzenloses Verlangen, auf der
-Erde zu bleiben, wenn sie mich auch nicht mehr kennen wollte, alles das
-durchlief im Sturme meine Seele. Ich stieß einen gellenden Schrei aus
-und strengte meine ganzen Kräfte an, um gegen die mich in den Weltenraum
-schleudernden Fluten anzukämpfen. Ich griff mit den Händen nach dem
-Wasser, schlug mit den Füßen die Luft ...
-
-Vergebens! Ich fühlte plötzlich, daß die Erde statt unter meinen Füßen
-schon über meinem Haupte war und ich wieder auf den Mond zurückfalle ...
-
-Ein furchtbarer Traum! Eine furchtbarere Wirklichkeit ...
-
- * * * * *
-
-Seit unserm EXODUS fünfhundertundein Mondtag.
-
-Tom hat mit seinen beiden ältesten Söhnen zu Schiff die Fahrt nach dem
-Süden angetreten. Aus seinen Erzählungen schließe ich, daß sie fast bis
-zum Äquator vorgedrungen sind. Von der weiteren Fahrt hielten sie
-furchtbare tropische Meeresstürme zurück. Und so mußten sie resultatlos
-umkehren.
-
-Tom redete nach der Rückkehr lange mit mir. Er sprach viel von seiner
-Mutter und von Rosa und bedauerte ihren Tod. Dann erzählte er mir von
-der Expedition und schilderte die Kämpfe und Mühen, die er zu bestehen
-hatte. Schließlich verfiel er in Nachdenken und sagte, er fürchte, daß
-dies seine letzte Fahrt gewesen sei.
-
-Ich sah ihn an und konnte es nicht begreifen. Dieser junge Mensch, kaum
-halb so alt wie ich, ist schon ein Greis. Auf der Erde wäre er jetzt in
-der Blüte der Jahre. Hier werden die Menschen bedeutend früher reif und
-altern früher. Desto erstaunlicher ist es, daß ich lebe.
-
-Ich sagte ihm das; er blickte mir in die Augen und antwortete nach einer
-Weile des Zögerns:
-
--- Ja, aber Ada und meine Kinder sagen, daß du der Alte Mensch bist.
-
-Seltsam klangen diese Worte aus seinem Munde.
-
--- Aber du, entgegnete ich, du, der du mich von deiner Kindheit an
-kennst, was sagst du über mich?
-
-Tom konnte mir keine Antwort geben.
-
- * * * * *
-
-Vierzehn Mondtage nach dem Tode Rosas starb Tom. Er hinterließ zwölf
-Kinder, fünf von der verstorbenen Frau und sieben von Lilli. Ich habe
-ihn selbst auf der Friedhofinsel begraben neben den andern Gräbern. Dort
-ruhen nun schon Martha, Peter, Rosa und Toms jüngstes, dreizehntes Kind,
-das kurz nach der Geburt gestorben ist.
-
-Lilli ist verzweifelt über den Tod ihres Mannes. Es scheint mir, daß
-auch sie ihm bald folgen wird.
-
-Nur Ada ist still und gleichgültig.
-
-Der Patriarch des Mondvolkes ist jetzt Jan, der älteste Sohn Rosas und
-Toms, verheiratet mit der Tochter Lillis.
-
-Ada sagte mir heute mit tiefer Überzeugung, daß ich niemals sterben
-würde ... Ich weiß nicht, ob sie wahnsinnig geworden ist und mit ihr
-dieses ganze Mondgeschlecht, das auf sie hört und ihr scheinbar glaubt,
-oder bin ich wirklich eine seltsam unerhörte Ausnahme zwischen diesen
-Menschen? ...
-
-Denn in der Tat -- woher lebe ich noch?
-
- * * * * *
-
-Lilli ist gestorben.
-
-Von dem ersten Mondgeschlecht lebt nur noch Ada.
-
-Seit unserm EXODUS fünfhundertsiebzehn Mondtage ...
-
- * * * * *
-
-Die Angst packt mich, denn um mich herum geschieht etwas, das ich nicht
-verstehen kann und nicht verstehen will, nicht will! ... Dieses Völkchen
-kam während des Sturmes, der heute noch furchtbarer tobte als gewöhnlich
-und zu dem sich ein drohender Ausbruch des Otamor gesellte, dieses
-Völkchen kam zu meiner Behausung mit Opfern, die wahnsinnige Priesterin
-Ada, der scheinbar der lange Aufenthalt und die Einsamkeit damals im
-Polarland die Sinne verwirrten, an der Spitze. Schon seit dem an Rosa
-begangenen Mord, der sie furchtbar erschütterte, bemerkte ich eine
-Verstörtheit an ihr, jetzt sehe ich, daß sie wirklich geisteskrank ist.
-Aber ich bin der einzige, der das bemerkt! Die andern verehren sie und
-halten sie für geheiligt! Und heute, unter ihrer Führung, -- es ist
-furchtbar, es auszusprechen! -- beteten sie zu mir, daß ich die Stürme
-niederwerfen und die unter ihren Füßen wankende Erde beruhigen sollte!
-Also sie halten mich wirklich für ... Oh, wie grauenhaft einsam bin ich
-in dieser Gemeinschaft der Irrsinnigen und Degenerierten!
-
- * * * * *
-
-Ich habe mich heute an das Ordnen der seit lange verstaubten Bibliothek
-und meiner Papiere gemacht, und plötzlich überkam mich der Wunsch, alles
-zu verbrennen -- auch dieses Tagebuch.
-
-Ich habe nichts verbrannt. Aber die Bücher und Papiere blieben zerstreut
-auf dem Boden liegen, und ich habe keine Lust, auch nur die Hand
-auszustrecken, um sie aufzuheben.
-
-Mögen sie so liegen bleiben. Wenn ich sterbe, wird sie wahrscheinlich
-niemand mehr anrühren ...
-
-
-
-
- III.
-
-
-So viele Tage, so viel unendlich lange Tage und Nächte ... Ich glaube,
-daß ich die Zeitrechnung verloren habe ... Es ist so schwer, die Tage zu
-zählen, die einander so ähnlich sind wie Wassertropfen; Tage, denen
-meine alte Erdenuhr nicht nachkommen kann und im Laufe stehen bleibt,
-ehe die Sonne sich zum Mittag erhebt. Nur mein Herz zeichnet mit seinem
-Pochen jeden kleinsten Abschnitt der Zeit und wenn ich es frage, welche
-Stunde es ist, so antwortet es mir: die Stunde der unermeßlichen
-Sehnsucht! Und wenn ich es frage, wieviel solcher Stunden
-vorübergegangen sind, antwortet es nur: zu viel! zu viel! So ist es, du
-mein banges, einsames Herz! Zu viel dieser Stunden, zu viel der
-Sehnsucht, zu viel schon des Lebens ...
-
-Meine Haare sind lange grau ... Wie lange? Ich weiß es nicht. Dort auf
-der Erde müssen wohl zwanzig oder mehr Jahre verflossen sein, seit ich
-die Gräber auf der Friedhofinsel grub und Peter und Martha darin
-bettete. Dieser Gräber sind es nun schon mehr geworden. Ich habe
-Ruhestätten für Tom, für Lilli und Rosa gegraben, die noch Kinder waren,
-als ich mich bereits beugte unter der Last der Jahre. Um mich herum
-wachsen Urenkel derjenigen auf, die einst mit mir von der Erde auf diese
-Welt kamen, und ich lebe noch immer.
-
-Das ist so erstaunlich, daß ich mein Wesen schon selbst nicht mehr
-begreife und fast fähig wäre, mit an diese unter dem Mondgeschlecht
-verbreitete Legende zu glauben, daß ich niemals sterben werde ...
-
-Ich erinnere mich, auf der Erde, auf meiner geliebten, für immer
-verlorenen Erde, las ich einmal in dem Buche eines bekannten
-Naturforschers, daß der Tod eine unbegreifliche und zufällige
-Erscheinung sei, die sich nicht absolut aus den Bedingungen des Lebens
-ergeben muß. Die Angst schüttelt mich, wenn ich denke, daß er mich
-vielleicht vergessen hat und nicht kommen könnte.
-
- * * * * *
-
-Wenn ich recht zähle, sind schon fünfzig Jahre vorübergegangen, seit ich
-mit den verstorbenen Kameraden die Erde verlassen habe.
-
-Von den Menschen, die ich kannte, leben heute wahrscheinlich nur noch
-wenige; diejenigen, die in der Kindheit von den Wahnsinnigen, die auf
-den Mond gefahren sind, hörten, werden längst grau sein und die Namen
-jener Reisenden vergessen haben, die man damals schon für tot und
-verloren hielt.
-
-Fünfzig Jahre! Wie vieles muß sich seit dieser Zeit auf der Erde
-geändert haben! Vielleicht würde ich mir einst vertraute Gegenden nicht
-mehr erkennen. Auch mein Gedächtnis wird schwächer ... Es hat eine
-Unmenge Einzelheiten aufbewahrt, mit denen ich in den langen Stunden des
-Nachdenkens spiele, aber ich sehe, daß die Bilder der Erinnerung immer
-loser werden, einer Mosaik wertvoller, durch meine Sehnsucht glänzender
-Steine gleich, die schon zerbröckelt und auseinanderfällt.
-
-Ich lege diese Mosaik in Gedanken immer wieder von neuem zusammen; die
-Steine, die ich im Lauf der langen Jahre verloren habe, ergänze ich
-durch irgendein trauriges Traumgebilde, und wiederum verändere ich die
-Bilder und spiele im Alter mit diesen Schätzen der Erinnerung wie ein
-Kind mit einem Kaleidoskop.
-
-Und wie schimmernde Perlen sind diese Erinnerungen, wenn ich durch meine
-Tränen auf sie blicke!
-
-Oh, nur ein Tag, eine Stunde dort, auf der Erde! Nur einmal noch
-Menschen sehen, wirkliche, mir ähnliche Menschen! Gott, wenn ich das
-Rauschen der Wälder hören könnte, der Tannen und Eichen; noch einmal die
-im Winde flatternden Blätter der Birke sehen, das Gras auf den Wiesen,
-den Duft irdischer Pflanzen und Blumen einatmen, dem Gesang der Vögel
-lauschen, wenn ich nur ein einziges Mal noch die grünen Fluren im
-Frühling oder im Sommer die goldene Ährenflut sehen dürfte!
-
-Ja, vieles muß sich auf der Erde geändert haben, aber die Menschen sind
-dieselben geblieben und auch die Bäume, die Blumen und die Vögel!
-
-Manchmal erinnere ich mich an das goldene Märchen, daß die menschliche
-Seele, vom Körper befreit, nach Gutdünken in den Welten herumwandern
-könne, auf Sternen und Sonnen. Als ich noch ein kleiner Knabe war, der
-auf der Erde wohnte, träumte ich davon und dachte an die Reisen im
-sternenbesäten Weltenraum. Jetzt möchte ich nur noch auf der Erde sein,
-ewig, ewig auf der Erde! Und wenn mich manchmal die Angst überfällt, daß
-die Erde heute so anders ist als da ich sie vor fünfzig Jahren kannte,
-dann erinnere ich mich, daß dort doch auch jetzt noch Menschen sind und
-Wälder und singende Vögel, daß es dort blühende Fluren und duftende
-Blumen gibt! Das genügt meinem Geiste, dorthin zu ziehen, wenn er die
-Freiheit erlangt hat.
-
-Wie lange habe ich den Gesang der Vögel nicht gehört! Und ich erinnere
-mich an wonnige Maienmorgen, die ganz von Vogelgesang erfüllt waren ...
-Die Dämmerung beginnt, der Himmel verblaßt, dann färbt er sich
-allmählich im Osten in zartes Rosa. Eine tiefe, andächtige Stille! Nur
-das Geräusch der von den Blättern der Bäume herabfallenden großen
-Tauperlen ist vernehmbar. Da plötzlich das erste kurze, abgebrochene
-Gezwitscher; das zweite von einer anderen Seite, das dritte, vierte ...
-Noch eine kleine Weile der Ruhe und dann, als wenn alle Bäume und
-Sträucher erwacht und lebendig geworden wären: rings umher ein Pfeifen,
-Singen, Schlagen, Jubilieren! Zunächst kann man die einzelnen Laute noch
-gar nicht unterscheiden; hier läßt sich die Amsel vernehmen, dort aus
-dem Walde tönt das Schreien des Habichts, wieder näher die Meisen, die
-Bachstelzen und Drosseln, die ihre Stimmchen erheben. Hoch oben die
-Lerche, die in den Lüften schmettert, und in lauschigen Büschen schlägt
-die Nachtigall. Ein jubelnder Chor, und die Luft, die Blätter und Blumen
-und Gräser erzittern ... Die Welt hat sich indessen erhellt, der Himmel
-wird röter und röter, bis endlich die goldene Sonne am Firmament
-emporsteigt ...
-
-Hier schleicht sie langsam und träge, diese Sonne! Man könnte fast
-glauben, daß sie sich nicht beeilt, weil keine süßen Stimmen sie rufen.
-Die mehrstündige graue Dämmerung, während der die Gegend in Frost und
-Schnee erstarrt und traurig daliegt, belebt kein Vogelgesang ... Hier
-erhebt sich die Sonne über einer toten Welt, die in eine grauenhafte
-Stille gehüllt ist. Nur der Mensch, der von einem fernen Gestirn
-gekommen, unterbricht die bange Lautlosigkeit durch seine Gegenwart; ein
-Kind, das erwacht, weint leise, oder ein verwilderter Hund heult in der
-Höhle, aus der er irgendein kleines Mondungeheuer verjagt hat, um vor
-der Kälte Schutz zu suchen. Still ist es, still, während des ganzen
-langen, unendlich langen Tages! Ein Sturm, der sich erhebt, das Meer,
-das um die Felsen braust, oder das entfernte Dröhnen eines Vulkans,
-sonst nichts, nichts ...
-
- * * * * *
-
-Heute steht mir alles, was ich erlebt habe, so klar vor der Seele! Ich
-durchwühle die vergilbten Blätter des Tagebuches, und wenn ich für eine
-Minute die Augen schließe, so scheint es mir, daß ich das Geräusch des
-Wagens höre, der uns durch die fürchterlichen Mondwüsten fährt, daß ich
-diesen grundlosen Himmel über mir sehe und die in seiner Dunkelheit
-leuchtende Erde. Die mächtigen Berge, die sich im Schatten im tiefsten
-Schwarz der Kohle malen und im Glanz der Sonne, die strahlenlos zwischen
-den verschiedengefärbten Sternen zu der eine immer engere Sichel
-bildenden Erde wandelt, in allen Regenbogenfarben spielen. Und dann
-tauchen die ersten Jahre, die ich hier am Meeresstrande verlebte, vor
-meiner Erinnerung auf. Durch die geschlossenen Augenlider sehe ich
-Martha, traurig und blaß, und Peter und diese wonnigen Kinder, die heute
-schon nicht mehr sind. Nur Ada ist noch am Leben, aber sie scheint sich
-nicht mehr an die Eltern zu erinnern, obwohl sie das, was sie durch mich
-von ihnen gehört hat, mit phantastischen Zutaten vermischt, dem neuen
-Geschlecht erzählt. Sie war noch so klein, als sie gestorben sind. Heute
-ist sie nach mir die älteste auf dieser Welt, und diese Zwerge verehren
-sie fast ebenso wie mich, nur mit dem Unterschied, daß sie mich auch
-noch fürchten, obwohl ich, Gott ist mein Zeuge, nicht weiß weshalb, denn
-ich habe ihnen niemals etwas zuleide getan.
-
-Eins ist wahr. Ich kann nicht mit ihnen umgehen wie mit mir gleichen
-Geschöpfen. Manchmal machen sie sogar den Eindruck von seltsam
-einfältigen Tieren auf mich. Schon das erste hier geborene Geschlecht
-war von uns, den von der Erde Gekommenen, grundverschieden. Tom und
-seine Schwestern sahen als erwachsene Menschen neben mir wie Kinder aus.
-Ihre Größe wie ihre Kräfte haben sich schon den Bedingungen dieser Welt
-angepaßt: ihren kleineren Maßen und dem verringerten Gewicht der Dinge.
-Dem heutigen Geschlecht gegenüber bin ich ein wahrer Riese. Die Enkel
-Marthas, schon erwachsene Menschen, die hier erstaunlich früh reifen,
-reichen mir kaum bis zu den Hüften und beugen sich unter der Last von
-Gegenständen, die ich mühelos mit einer Hand aufhebe. Trotz des überaus
-zarten Körpers sind sie jedoch von robuster Gesundheit und gegen Hitze
-und Kälte abgehärtet.
-
-Die langen Nächte verschlafen sie zum größten Teil, aber wenn es nottut,
-arbeiten sie auch bei der empfindlichsten Kälte mit einer Ausdauer, die
-meine Bewunderung erregt.
-
-Die geistige Entwicklung dieser Zwerge ist gänzlich zurückgeblieben. Die
-armseligen Brocken der Zivilisation, die wir von der Erde mit
-hierhergebracht haben, was ist aus ihnen geworden? Ich blicke um mich
-und habe den Eindruck, mich unter Wesen zu befinden, die auf die
-Bezeichnung »Mensch« kaum einen Anspruch mehr haben. Sie können lesen
-und schreiben, aus Erz Metalle schmelzen und Fallen stellen und Kleider
-nähen; sie bedienen sich des Feuers, wissen sogar mit der Verwendung
-verschiedener Meßinstrumente Bescheid, sprechen mit mir in ziemlich
-reinem Polnisch und verstehen so leidlich den Inhalt französischer und
-englischer Bücher, aber untereinander reden sie ein erbärmliches
-Kauderwelsch, das sie sich aus polnischen, englischen, malabarischen und
-portugiesischen Worten zusammenwürfeln. Unter ihren engen Schädeln
-fließen die Gedanken träge und schwerfällig und es scheint, daß sie sie
-nur mit der größten Anstrengung zu Worten formen, dabei mit den Händen
-gestikulierend und Grimassen schneidend, wie Wilde irgendwo im Innern
-Afrikas oder auf den südlichen Grenzen des amerikanischen Kontinents ...
-
-Und eine unermeßliche Trauer erfüllt mich, wenn ich auf diese dritte
-Generation der von der Erde hierhergekommenen Menschen blicke! Und diese
-Trauer wird dadurch um so größer, daß ich mich in dem Gefühl des eigenen
-Höherstehens einer gewissen Nichtachtung diesen armen Halbmenschen
-gegenüber nicht erwehren kann und mich gleichzeitig als Mitschuldiger an
-dem hier begangenen Verbrechen betrachten muß. Denn wir haben
-tatsächlich verbrecherisch die Würde des Menschengeschlechts geschändet,
-indem wir ihm erlaubten, sich auf diesem für seine Entwicklung nicht
-geeigneten Globus fortzupflanzen. Die Natur ist ebenso unerbittlich da,
-wo sie im Triumphzuge vorwärtsschreitet und, ihr Werk des Emporstrebens
-erfüllend, immer neue und immer höhere Formen schafft, wie auch dort, wo
-sie beleidigt zurückweicht und das widerruft und verneint, was sie
-geschaffen hat. Vergeblich habe ich mit ihr gerungen, vergebens
-versucht, dieses Mondgeschlecht auf der geistigen Höhe zu erhalten, die
-die Menschen auf der Erde erklommen haben. Das einzige und unerwartete
-Resultat all meiner Bemühungen ist diese mit heiliger Furcht vermischte
-Verehrung, die sie mir entgegenbringen. Ich bin für sie nicht nur ein
-Riese, sondern ein geheimnisvolles Wesen, das weiß, was sie nicht
-wissen, und versteht, was sie zu verstehen nicht fähig sind.
-
-Und dabei erzählt ihnen Ada immer wieder von neuem, daß im Norden ein
-Land liegt, wo die Sonne nicht untergeht, daß sich eine grenzenlose
-Wüste dort erstreckt und über dieser Wüste ein mächtiger goldener Stern
-leuchtet, von dem ich auf den Mond gekommen sei. Ist das nicht genug, um
-die Köpfe dieser armen Degenerierten zu verwirren? Sie waren niemals
-dort und haben die leuchtende Erde nie gesehen, aber Ada war mit mir im
-Polarlande und erzählt ihnen Wunder, und sie hören ihr mit angehaltenem
-Atem zu und blicken ängstlich auf mich, auf meine im Verhältnis zu ihnen
-riesenhafte Gestalt.
-
-Und so bin ich vereinsamt unter ihnen!
-
- * * * * *
-
-Es ist Nacht. Ich kann leider nicht dreihundert Stunden hintereinander
-schlafen wie diese Mondleutchen, und bin nun allein mit meinen trüben
-Gedanken.
-
-Ich sitze verlassen in dem alten Hause, das ich einst mit Martha und
-Peter erbaut habe; am Tage schleichen diese Zwerge um den Teich herum
-und schauen mir neugierig zu. Obwohl sie mich seit ihrer Kindheit
-kennen, wagt es keiner von ihnen, zu mir hereinzukommen. Nur Ada
-erscheint regelmäßig zu bestimmten Tageszeiten, bringt mir meine
-Nahrung, ordnet was notwendig ist, und wenn sie mich zu Hause antrifft,
-stellt sie mir immer dieselben gleichgültigen Fragen; dann sitzt sie
-noch einige Stunden schweigend auf der Schwelle und entfernt sich, mich
-wieder meinen Gedanken überlassend.
-
-Es scheint, daß sie diese Besuche als eine Art Pflicht mir gegenüber und
-gewissermaßen als Zeremonie, die dem »Alten Menschen« gebührt, auffaßt.
-
-Diese Frau, die scheinbar vollständig klar und bei Sinnen ist, lebt in
-einem seltsamen Wahn. Sie hält mich für ein übermenschliches Wesen, das
-diese Mondwelt beherrscht, und bildet sich ein, meine Priesterin und die
-Prophetin dieses Volkes zu sein, das unerschütterlich an sie glaubt.
-
-Sie verkündet den Kindern Toms eine neue phantastische Religion, die
-sich aus der Heiligen Schrift, meinen Erzählungen von der Erde und
-unserer Ankunft hier zusammensetzt. Anfangs versuchte ich, auf alle
-erdenkliche Art der Verbreitung dieser Irrlehren, in deren Mittelpunkt
-ich selber stehe, entgegenzuarbeiten, aber ich überzeugte mich
-schließlich, daß ich in dieser Beziehung vollständig machtlos bin. Ich
-setzte Ada lang und breit auseinander, daß ich genau derselbe Mensch sei
-wie all die andern auf dem Monde und wie auch ihre Eltern es gewesen, an
-die sie sich ja noch erinnern müsse. Ich versuchte ihr klar zu machen,
-daß meine der späteren Generation überlegene Kraft und Körpergröße nur
-darin ihren Grund haben, daß ich auf einem anderen, größeren Planeten,
-nämlich auf der Erde geboren bin. Sie hörte aufmerksam und schweigend
-zu, und als ich endlich ungeduldig wurde, flüsterte sie, mich mit einem
-flüchtigen Lächeln streifend:
-
--- Und wie konntest du, Alter Mensch, von der Erde hierher gelangen und
-meine Eltern hierher bringen, was kein anderer gekonnt hätte? Woher
-weißt du, was kein anderer weiß? Und vor allem, warum stirbst du nicht
-wie die andern?
-
-Ich schalt sie und verbot ihr ein für allemal, derartige Märchen von mir
-zu verbreiten, aber alles war vergebens. Einige Stunden später hörte
-ich, wie sie zu Jan, der jetzt der Mondpatriarch ist, und der gerade zu
-mir gehen wollte, sagte:
-
--- Der Alte Mensch ist unwillig; der Alte Mensch will nicht, daß man
-wisse, daß er ... ein Alter Mensch ist.
-
-Jan wurde traurig.
-
--- Das ist schlimm, das ist sehr schlimm, denn ich wollte ihn gerade
-bitten, einen Stein unter mein Haus zu schieben, den ich mit meinen
-Söhnen zusammen nicht von der Stelle bringen kann.
-
--- Man muß ihn durch Bitten umstimmen, sagte Ada. Bringt nur viel
-Schnecken, Salat und Bernstein, das werde ich ihm geben. Und vor allem,
--- hier legte sie den Finger an den Mund -- sprecht nichts vor ihm!
-Wehe! Denn er will es nicht.
-
-Ich trat aus der Ecke, von der aus ich der ganzen Unterredung zuhörte,
-hervor, machte Ada abermals Vorwürfe und begab mich zu Jans Haus, um ihm
-den Dienst zu erweisen, von dem er gesprochen hatte. Beim Fortgehen
-hörte ich noch, wie Ada dem bekümmerten »Patriarchen« zuflüsterte:
-
--- Siehst du, er hört und weiß alles!
-
-Wie ist in Adas Gehirn dieser Wahnsinn entstanden? Ich weiß es nicht,
-bin aber fest überzeugt, daß er den Inhalt ihres ganzen Wesens bildet
-und der Grund des großen Ansehens ist, das sie unter dem Mondvolke
-genießt. Rosa und Lilli fürchteten sie, so lange sie lebten, ja sogar
-Tom, der ihr gegenüber nicht immer zum Nachgeben geneigt war, zitterte
-vor ihr. Heute würden seine Kinder es nicht wagen, sich irgendeinem
-ihrer Befehle zu widersetzen. Mich empört es, daß sie diese Verwirrung
-in den armen Köpfen der bedauernswerten Zwerge anrichtet und
-gleichzeitig empfinde ich das innigste Mitleid mit ihr, denn ich fühle,
-daß sie in ihrem Irrsinn lichte Momente hat, während deren sie sich
-anscheinend klar darüber ist, daß sie in Hirngespinsten lebt, und
-dadurch entsetzlich leidet ...
-
-Ich erinnere mich an einen Vorfall, der mir das so recht zum Bewußtsein
-brachte: Es war bereits nach Mitternacht, als Ada zu mir kam. Ich
-staunte über ihren Besuch zu so ungewöhnlicher Zeit, vor allem der
-empfindlichen Kälte wegen, während der man das Haus des Nachts nicht gut
-verlassen konnte.
-
-Sie traf mich über ein Buch geneigt und da sie mich nicht zu
-unterbrechen wagte, setzte sie sich still auf eine Bank in der Ecke des
-Zimmers. Ich sah, daß sie mit mir sprechen wollte, aber ich tat
-absichtlich, als wenn ich sie nicht bemerkte. Ada saß eine Zeitlang
-schweigend da, bis sie sich mir endlich näherte und leise, ganz leise
-meine Schulter mit der Hand berührte:
-
--- Herr ...
-
-Ich wandte mich schnell zu ihr; so hatte sie mich noch niemals
-angeredet. Sie nannte mich immer nur »Alter Mensch«, und als ich jetzt
-das Wort Herr hörte, stiegen geteilte Empfindungen in mir auf. Halb war
-es Freude darüber, daß jemand in altgewohnter menschlicher Weise zu mir
-sprach, und andererseits empörte mich wiederum diese Anrede.
-
--- Herr ... kam es von neuem von Adas Lippen.
-
--- Was willst du, Kind? fragte ich so sanft ich nur konnte. Ich mußte
-diese Frage einige Male wiederholen, bis sie mir endlich antwortete.
-
--- Ich wollte fragen, ich wollte wissen ...
-
--- Was?
-
--- Herr, ich weiß nichts! rief sie plötzlich mit einer Verzweiflung in
-der Stimme und in den auf mich starrenden Augen, daß ich die Vorwürfe,
-die ich ihr abermals wegen ihrer dem Mondvolk erteilten falschen Lehren
-machen wollte, gewaltsam zurückdrängte. Sie indessen fuhr fort:
-
--- Ich weiß absolut nichts ... und ich wollte dich bitten, daß du mir
-endlich sagen mögest, was das alles bedeutet; wer du eigentlich bist und
-was wir sind? Ich sehe dich unter uns, einsam und alt, stark und groß,
-aber ich glaube, soweit ich mich noch an meine Eltern erinnere, daß sie
-ebenfalls anders waren als wir heute, dir ähnlich ....
-
-Sie verstummte, und nach einer Weile wiederholte sie, mir in die Augen
-schauend:
-
--- Sage, wer du bist und was wir sind?
-
-Und in meiner Brust drängten sich die widerstreitendsten Gefühle. Es
-schien mir zwar, daß ich ihr auf diese Frage schon oft und vor langer
-Zeit geantwortet habe, aber trotzdem gärte in mir ein Verlangen, zu
-sprechen, menschlich zu sprechen zu diesem Weibe, das endlich einmal
-menschlich denkend und fühlend vor mir stand. Eine tiefe Rührung kam
-über mich; mein Herz wurde weich, und Tränen traten mir in die Augen und
-schnürten mir die Kehle zu, daß ich zunächst keinen Laut hervorbringen
-konnte. Nach einer Weile wiederholte ich ihre Worte wie ein Echo:
-
--- Wer ich bin! ...
-
-Es schien mir, daß ich es eigentlich selbst nicht mehr recht wußte ...
-Und Ada fragte abermals:
-
--- Ja, wer du bist, Herr ... Wir nennen dich alle der »Alte Mensch«,
-aber ich dachte heute lange nach ... und bin zu dir gekommen, dich
-anzuflehen, sage mir die Wahrheit, ob du wirklich der Alte Mensch bist?
-
-Diesen meinen Namen, den sie selbst hier verbreitet hatte, sprach sie
-jetzt mit einer abergläubischen Furcht aus und dämpfte dabei
-geheimnisvoll ihre Stimme.
-
--- Ich will wissen, sagte sie weiter, ob du wirklich von _dort_, von
-jener Erde, die ich gesehen habe, hierhergekommen bist und du alles tun
-kannst, was du willst. Und ob du niemals sterben wirst und wir, wenn du
-uns, auf die Erde zurückkehrend, verläßt, der Vernichtung anheimfallen,
-so wie wir es denken?
-
-Sie sagte das alles fast in einem Atemzug, und ihre glänzenden, unruhig
-flackernden Augen starrten auf mich.
-
-Und was sollte ich ihr antworten? Vor einem Augenblick noch wollte ich
-ihr mein ganzes Innere enthüllen, noch einmal so recht von Herzen
-sprechen, ihr alles sagen, was ich schon so oft gesagt hatte, und von
-der Erde reden, von unserer Ankunft hier, von meinen verstorbenen
-Kameraden, aber als ich ihre Worte hörte, stieg plötzlich die
-Überzeugung in mir auf, daß alles vergeblich sein würde. Sie will nun
-einmal in dem Glauben bestärkt sein, daß ich der »Alte Mensch« sei, das
-heißt, nach ihren Begriffen ein übernatürliches Wesen.
-
-Ich suchte und konnte lange keine Worte finden.
-
--- Warum fragst du mich, sagte ich endlich. Ich habe es dir doch schon
-so oft erklärt.
-
--- Ja ... aber ich möchte, daß du mir ... die Wahrheit sagst!
-
-Ich erinnerte mich, daß vor vielen, vielen Jahren der kleine Tom ähnlich
-zu mir gesprochen hatte, als ich ihm die Erde zeigte und erzählte, daß
-ich von dort gekommen wäre. »Onkel, sage mir jetzt die Wahrheit!« hatte
-er mir damals geantwortet.
-
--- Sage mir, drängte Ada weiter, sage, ob es wahr ist, daß du mit meinen
-Eltern von jenem mächtigen Stern gekommen bist, den du Erde nennst.
-
-Sie faßte mich bei der Hand und starrte mich mit flammenden Augen an.
-Niemals hatte ich sie so gesehen.
-
--- Sage es mir! rief sie, denn ich wiederhole es diesen Leuten und sie
-glauben an dich!
-
-Die letzten Worte stieß sie wie einen Angstschrei hervor, der mich
-geradezu entsetzte. Ich hätte niemals gedacht, daß in diesem stillen,
-halb geisteskranken alternden Mädchen noch derartige Seelenkämpfe toben
-und ein so heißes Gefühl flammen kann. »Sie glauben an dich!« Darin
-faßte sie in diesem Augenblick die ganze Tragödie ihres Lebens zusammen.
-Sie hat dem Mondvolke einen neuen phantastischen Glauben geschaffen, und
-jetzt, da sich in ihr plötzlich der Zweifel an dem regte, was sie selbst
-verkündete, kam sie zu mir, um aus meinem Munde die Bestätigung ihrer
-Lehre zu hören. »Und sie glauben an dich!« In diesem Schrei lag etwas
-wie eine Klage darüber, daß diese Menschen so arm und so elend mir
-gegenüber sind, und zugleich auch die flehentliche Bitte, ihnen nicht
-das Höchste, ihren Glauben, zu nehmen.
-
-Ich blickte sie lange an und es schien mir, daß in ihren Augen Tränen
-glänzten.
-
--- Ada, willst du daran glauben, was ich dir jetzt sagen werde?
-
--- Ich will glauben, ich will glauben!
-
-Ich zögerte einen Augenblick: Sollte ich vielleicht die irdische
-Herkunft verleugnen? Wenn ich in ihnen den Glauben erweckte, daß ich auf
-dem Monde geboren bin wie sie, würden sie am Ende aufhören, mich für ein
-höheres Wesen zu halten? Aber plötzlich erschien es mir als etwas so
-Ungeheuerliches, die Erde zu verleugnen, daß mir bei dem bloßen Gedanken
-daran der Schweiß auf die Stirne trat. Mag kommen was will; ich
-beschloß, Ada auseinanderzusetzen, daß ich zwar ein alter Mensch bin,
-aber durchaus nicht »_der_ Alte Mensch«, wie sie es verstehen, und daß
-sie das endlich begreifen müßten, wenn ihnen auch der Verlust ihres
-Glaubens oder besser des unter ihnen verbreiteten Aberglaubens
-schmerzlich wäre.
-
--- Ich bin in der Tat von der Erde hierhergekommen, begann ich, aber Ada
-ließ mich nicht zu Ende sprechen.
-
--- Also das ist wahr, rief sie, das ist wahr?
-
-Ich nickte schweigend mit dem Kopfe. In diesem Augenblick warf Ada sich
-mir zu Füßen und umschlang meine Knie.
-
--- Ich danke dir, Alter Mensch, und bitte dich, mir zu verzeihen, daß
-ich es wagte ... jetzt weiß ich, daß du der Alte Mensch bist!
-
-Ich sah sie erstaunt an. In ihren Augen, die eben noch klar und
-verständig auf mir geruht hatten, brannte jetzt wieder dieses
-unheimliche Feuer; ihre Hände zitterten, und ihre Wangen bedeckten rote
-Fieberflecke.
-
--- Ich danke dir, Alter Mensch, wiederholte sie, ich werde gehen und es
-dem Volk verkünden ...
-
-Ehe ich mich noch von dem Erstaunen über diese unerwarteten Worte Adas
-erholen konnte, war sie verschwunden. Es blieb mir keine Zeit, sie
-zurückzuhalten oder zu rufen.
-
-Diese Frau ist zweifellos wahnsinnig, und ich wundere mich nur, daß die
-Nachkommenschaft Toms ihren Worten so bedingungslos glaubt; ich wundere
-mich, daß all diese Märchen einen so ergiebigen Boden bei diesen
-Degenerierten gefunden haben.
-
-Ich denke oft darüber nach, wie das alles gekommen ist. Ich bin wohl
-auch zum Teil selbst daran schuld: Ich hatte mich zu sehr von dem neuen
-Mondgeschlechte zurückgezogen, und als ich bemerkte, daß es meine Person
-mit einer Legende umgab, hielt ich das zuerst für eine Kinderei und
-bemühte mich nicht genügend, sie im Keim zu ersticken. Als ich endlich
-die Tragweite zu ermessen begann und dagegen auftreten wollte, war es zu
-spät.
-
-Schon zu Toms Lebzeiten bemerkte ich, daß unter seinen Kindern
-phantastische Gerüchte über mich herumgingen. Aus zufällig gehörten
-Worten entnahm ich, daß sie mein Wissen und meine im Verhältnis zu ihnen
-ungewöhnliche Kraft für etwas Übernatürliches hielten. Ich galt in ihren
-Augen zum wenigsten für einen mächtigen Gaukler. Tom hat zwar diese
-Ansicht nicht verbreitet, ihr aber, soviel ich weiß, auch nicht
-widersprochen.
-
-Mir selbst erschien das anfangs als eine harmlose Unterhaltung, bis nach
-dem Tode Toms die Dinge eine ernste Bedeutung annahmen. Ich fürchte, daß
-ich heute für dieses Volk weit mehr bin als ein Gaukler. Sie glauben,
-daß ich alles weiß und kann und wenn ich nicht immer das tue, was sie
-von mir erbitten, so geschieht das in ihren Augen nur, weil ich es nicht
-will. Haben sie mich doch in allem Ernste gebeten, die Stürme zu
-beschwichtigen und mir gesagt, daß Ada dies leider nicht gelinge,
-trotzdem sie in meinem Namen die Elemente beschwört. Und sie sandten sie
-zu mir, denn -- ich kann alles!
-
-Ein anderes Mal fragte mich Jan ganz geheimnisvoll, wann ich sie zu
-verlassen und auf die Erde zu gehen beabsichtige. Ada hat ihnen
-prophezeit, daß dies unzweifelhaft geschehen wird, und sie fürchten mein
-Fortgehen!
-
-Aber wie dem auch sei, ich sehe mit tiefem Schmerz auf das, was in den
-Köpfen dieses Geschlechts vorgeht. Ich kann nichts daran ändern;
-vielleicht bin ich auch zu träge, den Kampf mit dieser Naivetät
-aufzunehmen. Alles quält mich, alles drückt mich zu Boden. Ich bin froh,
-wenn ich einen Augenblick vergesse, wo ich bin und was um mich herum
-geschieht, und mit geschlossenen Augen wachend von der Erde träumen
-kann.
-
-Dort sind Menschen, wirkliche Menschen, und Wälder, Vögel, Wiesen,
-duftende Blumen ...
-
-Oh, dort! ...
-
-Und ich sehne mich immer glühender, auf ewig von hier fortzugehen!
-
-Ach, wenn ich es könnte, wie sie denken, auf die Erde zurückkehren! Ich
-bin ganz erfüllt von diesem Gedanken an die Erde. Womit ich mich auch
-beschäftige, er kehrt immer wieder und läßt mir am Tage und in der Nacht
-keine Ruhe. Wenn ich einschlafe, gleiten phantastische Bilder an meinen
-Augen vorüber, aber alle sind Variationen des einen Motivs: Erde! Erde!
-Erde! ...
-
-Einst, als ich noch dort lebte, waren das für mich verschiedene Länder,
-verschiedene Erdteile und Völker und Gesellschaften, jetzt hat sich
-alles zu einem Gedanken verschmolzen, zu einer einzigen Liebe und
-Sehnsucht. Ich kann aus der Entfernung nicht mehr die Jahre, die
-Grenzen der Staaten, noch die Völker verschiedener Zungen und
-Glaubensbekenntnisse unterscheiden. Die ganze Menschheit fließt in
-meiner Seele zu einem unzertrennlichen Ganzen, mit Tieren, Pflanzen und
-dem Erdball selbst zusammen, und alles das leuchtet und glänzt und
-strahlt in meinen Gedanken wie dort am schwarzen Himmel über den Wüsten!
-
-Erde! Erde! Erde!
-
- * * * * *
-
-Ich erinnerte mich heute an Tom, an jene glücklichen Zeiten, als er noch
-ein Kind und mein unzertrennlicher Kamerad und Freund war. Und jetzt in
-der stillen kalten Mondnacht tauchen vor den Augen des Verlassenen,
-Einsamen farbenschillernde bunte Bilder aus seinen Knabenjahren auf.
-
-Und wenn ich so sehnsüchtig an ihn zurückdenke, empfinde ich klar und
-schmerzlich, daß er der einzige Mensch aus dem neuen Geschlecht war, den
-ich wirklich liebte. Und wie lebhaft interessierte mich alles, was ihn
-betraf!
-
-Er entwickelte sich erstaunlich schnell, scheinbar unter den
-Einwirkungen der Bedingungen dieser Welt. Als er vierzehn Jahre zählte,
-war er bereits ein erwachsener, reifer Mensch. Die beiden älteren
-Schwestern wuchsen auch schon heran. Ich blickte auf sie wie auf
-blühende Blumen, die ihrer Reize noch unbewußt, aber schon wonnig und
-vielleicht instinktiv fühlen, daß sie reizvoll sind, -- daß sich in
-ihnen ein Geheimnis erfüllt, eine unerklärliche Macht von ihnen ausgeht,
-durch die sie wertvoll und begehrenswert sind.
-
-Ihr Verhalten Tom gegenüber änderte sich vollständig. Früher waren sie
-zwei Dienerinnen, zwei kleine Schmetterlinge, die um seinen hellen Kopf
-herumflatterten, nur die Gelegenheit suchend, ihm zu gefallen oder ihm
-nützlich zu sein. Er dagegen, seine große Übermacht über die Schwestern
-fühlend, hielt dieses Verhalten der Mädchen ihm gegenüber für etwas ganz
-Natürliches. Er machte sich auch nicht viel aus ihnen, und wenn er
-wirklich einmal in einer zärtlichen Anwandlung die üppigen weichen Haare
-einer der Schwestern streichelte oder gar küßte, so tat er dies immer
-mit der herablassenden Miene eines gütigen Herrschers, der die
-Anhänglichkeit seiner Untertanen zu belohnen geruht, aber auch dafür
-Sorge trägt, daß sie nicht etwa durch zu viele Beweise seiner Gunst und
-Zufriedenheit übermütig werden. Dieses Verhältnis Toms zu den Schwestern
-empfand ich oft peinlich und unangenehm und ich ermahnte den Knaben
-wiederholt, wenn ich sah, daß er den Schwestern gegenüber egoistisch und
-rücksichtslos war und dafür von ihnen noch verlangte, daß sie ihn lieben
-sollten. Ich ahnte nicht, daß sich das, für eine gewisse Zeit
-wenigstens, vollständig ändern würde.
-
-Bald begannen nämlich die Mädchen ihren Stiefbruder zu meiden und in
-ihren Liebesäußerungen zurückhaltender zu sein. Manchmal nur, wenn er es
-nicht sah, blickten sie heimlich und verstohlen nach ihm und erröteten,
-wenn er sich ihnen näherte. Im Verhältnis wie sie Tom gegenüber kühler
-wurden, wuchs ihre Herzlichkeit untereinander.
-
-Diese Veränderung ging so schnell und unmerklich vor sich, daß ich mir,
-als ich sie bemerkte, nicht klar darüber war, wie und wann sie
-eigentlich begonnen hatte. Nur das eine fühlte ich, wenn ich diese drei
-... die noch Kinder waren, nach irdischen Begriffen urteilend,
-betrachtete, daß sich hier vor meinen Augen eine vollständige Umwälzung
-vollzog, von der Natur, die zeugen will, bewirkt, obwohl sie sich später
-an den Werkzeugen und Werken ihres eigenen Willens grausam rächen
-sollte.
-
-Das waren keine Geschwister mehr: das waren zwei Frauen und ein Mann ...
-Sie selbst verstanden das natürlich noch nicht. Tom bemühte sich mit den
-Schwestern wie früher zu verfahren, aber es wurde ihm immer schwerer den
-rechten Ton zu finden. Er verlor die Sicherheit und wurde verwirrt in
-ihrer Gesellschaft. Diese stillen, schmächtigen Mädchen hatten jetzt
-entschieden das Übergewicht über den zukünftigen Herrscher der Mondwelt
-erlangt. Jetzt diente er ihnen, statt sie als Dienerinnen zu benützen.
-Er brachte ihnen Nahrung, kümmerte sich um ihre Bekleidung, ihre
-Bequemlichkeiten und Zerstreuungen; er sammelte bunte Muscheln und
-Bernstein für sie, die sie sich dann in die Haare flochten, oder fuhr
-sie zu schönen Tageszeiten im Kahn aufs Meer hinaus. An diesen Ausflügen
-nahm ich gewöhnlich teil, denn, es ist seltsam, die Mädchen, die mit Tom
-erzogen waren und bisher die ganzen Tage mit ihm verbracht hatten,
-wollten durchaus nicht mehr allein mit ihm sein. Manchmal schlug ich Tom
-vor, mich, weil ich stärker und erfahrener war, rudern zu lassen, aber
-er ließ es nie zu. Ich bemerkte wohl, daß ihm nicht daran lag, mich zu
-schonen, sondern vielmehr sich vor seinen Schwestern in seinen
-Kraftleistungen und in seiner Geschicklichkeit zu zeigen.
-
-Eine uralte, ewig neue Komödie spielte sich vor mir ab, und ich sah ihr
-gerne zu. Es schien mir, daß ich drei Vögel vor mir habe und meine Hand
-auf ihre pochenden Herzen halte; ich weiß genau, wie diese Herzen
-schlagen: und verstehe sogar, was sie selbst noch nicht verstehen. Ich
-glaube, daß dies die einzige Zeit seit Marthas Tod war, wo ich mich fast
-glücklich fühlte.
-
-Von diesen Kindern, in denen sich das große Geheimnis des Lebens und der
-Liebe vollzog, wehte es zu mir wie frische Frühlingsluft. Und das sind
-heute schon alte Erinnerungen! Voll Rührung rufe ich sie mir ins
-Gedächtnis zurück, denn ich habe auf diesem Globus nicht viel Tage
-erlebt, an die ich mich mit Freude und ohne Schmerz erinnern könnte. Nur
-eins -- und das ist wieder die furchtbare Ironie des Lebens! Die Liebe
-Toms zu Lilli und Rosa, denn beide liebte er gleich, deren Anblick mein
-Herz höher schlagen ließ und neu belebte, brachte auch dieser Welt das
-degenerierte Geschlecht, mit dem sich nun langsam die Gegend der Warmen
-Teiche bevölkert.
-
-So oft mir das in den Sinn kommt, schüttle ich mich, als wenn ich in
-einem Rosenkorb plötzlich ekelhafte Würmer gefunden hätte.
-
-Übrigens bin ich vielleicht ungerecht diesen Zwergen gegenüber. Sie sind
-vor allem arm, so arm, daß mein ganzes Inneres sich in Schmerz und
-Mitleid windet, wenn ich sie nur ansehe. Tom stand himmelhoch über
-ihnen. Oft denke ich an seine zarte, schmiegsame Gestalt ... Er war
-energisch und verständig und hatte in den Augen noch das, was ich
-vergebens in den Blicken seiner Kinder suche: die Seele.
-
-Das alles ist so schmerzlich für mich, daß es mir fast schwer fällt, es
-niederzuschreiben.
-
-Und warum mußte es so geschehen und nicht anders? Eine schwerwiegende
-Frage, auf die es keine Antwort gibt! Weil wir hierhergekommen waren,
-weil Tomas starb und Martha mit uns beiden zurückließ, weil ich auf sie
-verzichtet habe, obwohl ich ihrem Herzen näher stand, weil sie gestorben
-ist und ich leben blieb, das heißt, immer diese eiserne, unerbittliche
-Notwendigkeit, die die Sterne leuchten läßt und wieder auslöscht und
-sich um die Wünsche und das Glück des Menschen kümmert wie der Wind um
-ein Körnchen des Sandmeeres, das er davonträgt.
-
- * * * * *
-
-Ich lese, was ich auf diesen Blättern in der letzten Nacht
-niedergeschrieben habe und frage mich unwillkürlich, warum und für wen
-ich das niederschreibe ...
-
-Damals, als ich die Erlebnisse während der Fahrt durch die öde Wüste
-notierte, als ich unsere ersten Jahre auf dem Monde beschrieb, dachte
-ich, daß ich dieses Tagebuch den Mondvölkern zurücklassen würde, damit
-ihre künftigen Geschlechter erfahren, wie wir hierhergelangt und was wir
-alles erdulden und durchkämpfen mußten, bis es uns gelungen ist,
-erträgliche Lebensbedingungen zu finden. Aber heute ... Das ist doch
-lächerlich -- dieser Gedanke! Die Mondvölker, so wie sie sind, werden
-das niemals lesen. Und ich will nicht einmal, daß sie es lesen sollen.
-Was geht das sie an? Was gehen sie meine Erlebnisse, Gefühle, Schmerzen
-an? Könnten sie sie verstehen? Würden sie in diesen Blättern etwas mehr
-als eine phantastische und für sie unklare Erzählung erblicken? Und
-übrigens, warum sollen sie, wenn sie es begreifen könnten, wissen, daß
-sie degenerierte Nachkommen einer erhabenen Rasse sind, die mit ihrem
-Geiste über ein fernes und schönes Gestirn herrscht? Von dem Tage an, wo
-sie das erfahren würden, könnten sie nur noch Sehnsucht, Scham und
-Schmerz empfinden, so wie ich, wenn ich sie betrachte. Möge denn die
-hiesige Menschheit lieber gänzlich vergessen, was sie einst auf einem
-anderen Planeten gewesen ist und von keiner »metaphysischen Sehnsucht«
-gequält werden.
-
-Heute schreibe ich dieses Tagebuch so recht eigentlich nur für mich.
-Wenn ich davon träumen dürfte, es durch irgendein Wunder auf die Erde zu
-befördern, würde ich es wie einen Brief an meine früheren Brüder richten
-und auf jeder Seite die blühenden Fluren grüßen und segnen; die
-Getreidefelder, Blumen und Früchte, die Wälder und Gärten, die Menschen
-und Tiere und alles, alles, was mir in der Erinnerung so namenlos teuer
-ist!
-
-Aber ich weiß nur zu gut, daß dies niemals geschehen wird, daß ich nicht
-ein einziges kleines Wort auf die Erde schicken kann, zu der ich mich
-nur in Gedanken und mit den Augen erhebe, wenn ich manchmal, von der
-Sehnsucht getrieben, nach dem Polarlande pilgere, um meine über den
-Wüsten leuchtende Heimat zu sehen.
-
-Ich schreibe also für mich, ich plaudere mit mir selbst wie alle Greise.
-Und wenn es mir hier und da gelingt, mich für einen Augenblick der
-Täuschung hinzugeben, daß ich das alles den Menschen mitteile, die auf
-der Erde geblieben sind, dann schlägt mein Herz schneller und meine
-Augen leuchten, denn es scheint mir, daß ich einen Faden spinne zwischen
-mir und diesem Hunderttausende von Kilometern entfernten heimatlichen
-Planeten!
-
-Dann möchte ich gern die kleinsten Einzelheiten aus meinem armen Leben
-hier erzählen, meine Gedanken beichten und meine Schmerzen klagen und
-über die seltenen kurzen Freuden Bericht erstatten ...
-
-Ach ... dieser Freuden gab es wahrlich nicht viele!
-
- * * * * *
-
-Dann schrieb ich ausführlich über den einzigen Frühling, den ich auf
-diesem traurigen Globus erlebte, indem ich mich der erwachenden Liebe
-zwischen Tom und den Mädchen erfreute.
-
-Vielleicht hätte ich bei ihnen bleiben sollen, aber ich glaubte, wenn
-ich für einige Zeit von ihnen ginge, jenen zauberischen Frühling zu
-verlängern, und ich wollte erst zu der Zeit des Jahres zurückkehren, wo
-ich die reife Frucht vorfände.
-
-Ich alter Narr! Es wäre kein kleineres Wunder gewesen, einen
-herabfallenden Stein dadurch aufzuhalten, daß man sich von ihm abwendet.
-Das Leben ging seinen gewöhnlichen Gang!
-
-Als ich nach einigen Mondtagen, die ich im Polarlande verbracht hatte,
-ans Meer zurückkam, begrüßte mich Tom mit einer seltsamen Würde und
-führte mich in das alte Haus, das wir vorher gemeinsam bewohnt hatten.
-
--- Hier ist dein Haus, sagte er, so wie du es verlassen hast. Wir haben
-nichts angerührt. Nur Ada hat während deiner Abwesenheit hier gewohnt
-und deine beiden alten Hunde, die du zurückgelassen hast.
-
--- Und du? frug ich, und die älteren Mädchen? Wo seid ihr gewesen?
-
-Tom sah sich um. Ich folgte seinem Blick und bemerkte jetzt erst, daß
-sich nicht weit, am Ufer des höheren warmen Teiches, ein beinahe
-fertiges neues Häuschen erhob.
-
--- Ich habe mir ein neues Haus gebaut, sagte Tom.
-
--- Wozu? frug ich mit unverhüllter Verwunderung.
-
-Tom zögerte einen Augenblick, dann wies er auf die sich uns gerade
-nähernden Mädchen und sagte, mir fest in die Augen blickend:
-
--- Das sind meine Frauen!
-
--- Welche? frug ich fast unbewußt.
-
-Tom schwieg eine Weile, erhob den Kopf, und die Mädchen schauten uns
-ängstlich an.
-
--- Welche von ihnen? frug ich abermals.
-
--- Ich liebe beide, antwortete er, und beide sind mein!
-
-Mit diesen Worten nahm er die Mädchen bei den Händen und führte sie zu
-mir.
-
--- Segne uns, Alter Mensch!
-
-Damals hat er mich zum erstenmal bei diesem Namen genannt, der heute
-schon für immer mit mir verwachsen ist.
-
-Seit dieser Zeit erfuhr unser Leben eine gewisse Veränderung, die
-scheinbar unwesentlich und dennoch sehr eingreifend war. In unserem
-kleinen Kreis vollzog sich eine Spaltung. Tom bildete mit seinen Frauen
-eine eigene, in sich geschlossene Familie, deren Bande in dem Maße enger
-wurden, wie seine Nachkommenschaft sich vermehrte.
-
-Mit jedem Tage fühlte ich mehr, daß ich auf dieser Welt unnötig wurde,
-und mit jedem Tage wuchs in mir die Sehnsucht nach jener anderen, die so
-entfernt, ach, so ferne war! Und das Leben floß dahin, immer
-unaufhaltsam seinen alten Lauf!
-
-Nicht gerne denke ich an das weitere Zusammenleben Toms mit den
-Schwestern. Er war nicht gut zu ihnen, obwohl sie ihn unveränderlich bis
-zum letzten Atemzug liebten. Er verlangte zu viel von ihnen und war zu
-despotisch. Sogar ich hatte den alten Einfluß auf ihn verloren. Zum Teil
-waren diese unerquicklichen Verhältnisse auch die Veranlassung, daß ich
-zum zweitenmal nach dem Polarlande wanderte und diesmal Ada mit mir
-nahm.
-
-Nach meiner abermaligen Rückkehr beginnt schon, wie ich glaube, der
-Anfang dieses letzten Aktes meiner Mondtragödie, der bis auf den
-heutigen Tag dauert. Der furchtbare Tod Rosas, Adas Wahnsinn, später der
-Tod Toms und Lillis bedrücken mich unsagbar. Die Sehnsucht nach der Erde
-und die entsetzliche Einsamkeit martern und quälen mich mit jedem Tage
-mehr, obwohl die Zahl der Menschen hier auf dem Monde immer größer wird.
-
-Tom hatte mit seinen beiden Frauen eine zahlreiche Nachkommenschaft,
-sechs Söhne und sieben Töchter, von denen die jüngste einige Mondtage
-nach der Geburt gestorben ist. Noch zu Lebzeiten der Eltern Jans hat
-sich der älteste Sohn Rosas, ungefähr fünfzehn Jahre zählend, mit der
-Tochter Lillis verheiratet; später haben sich alle in dem Maße des
-Zuwachses gepaart. Heute, nach dem Tode Toms, sind sechsundzwanzig Enkel
-vorhanden, darunter zwei Urenkel, die Kinder von Jans ältestem Sohn, der
-schon seit zwei Jahren verheiratet ist, also zusammen zweiundvierzig
-Menschen, die diesen Globus bevölkern. Ihre Niederlassungen errichten
-sie längs dem Meeresstrande nach Westen zu, und mit ihrem Aufblühen
-schreitet auch die »Zivilisation« vorwärts. Häuser erheben sich,
-Schmieden und Hundezwinger.
-
-Ich blieb in dem alten Haus an den warmen Teichen und werde hier wohl
-bis zum Tode bleiben, den ich so heiß herbeisehne! Und so bin ich schon
-eine Ausnahme auf dieser seltsamen Welt, wo die Menschen, von der Erde
-verpflanzt, so früh reif werden und so früh sterben ...
-
-
-
-
- IV.
-
-
-Ich glaube, ich wäre ruhiger, wenn ich den Menschen auf der Erde ein
-Zeichen geben könnte, daß ich hier lebe und an sie denke. Das ist so
-wenig, und es würde mich so namenlos glücklich machen!
-
-Es ist doch furchtbar, wenn ich bedenke, daß mich viele Hunderttausende
-von Kilometern, eine interplanetarische Strecke, die noch niemals
-zurückgelegt wurde, von dieser Scholle aus Stein und Lehm, auf der ich
-geboren bin, trennen!
-
-Wie viel zufriedener müssen diese Zwerge hier sein, deren Gedanken nur
-damit beschäftigt sind, ob die Fischerei auf dem Meere reichlich
-ausfällt, der Salat gut aufwächst und die verwilderten Hunde nicht die
-eiertragenden Eidechsen in den Umzäunungen zerreißen ...
-
- * * * * *
-
-Heute habe ich einige Stunden auf der Friedhofinsel zugebracht ...
-Früher, vor vielen Jahren, saß ich dort gerne und dachte über die
-Vergangenheit des heute erloschenen Mondglobus nach; jetzt zieht es mich
-wieder oftmals dorthin, aber wenn ich auf dem mit Gräbern bedeckten
-Hügel am grünen Meere sitze, denke ich nur an Martha, Peter, Tom und an
-mich selbst und wann ich wohl endlich, endlich neben ihnen ruhen werde.
-Gerade heute, als ich so dort bei ihnen saß und auf die stille
-Meeresoberfläche blickte, überfiel mich ein so grenzenloses Leid, ein so
-trostloses Weh, daß ich wie ein Kind zu weinen begann und die Hände
-ausstreckte zu den Gräbern und sie bat, sich zu öffnen und zu mir zu
-sprechen oder mich in ihre Gesellschaft aufzunehmen.
-
-Ich fühlte, daß es mir unmöglich ist, länger zu leben. Was hält mich
-auch noch auf dieser Welt? Schmerz, Leid, Sehnsucht, die furchtbarste
-Vereinsamung, alles das habe ich zur Genüge ausgekostet; seit langem bin
-ich niemandem mehr unentbehrlich: Nun ist es Zeit zum Fortgehen!
-
-Ja, es ist Zeit! Ich will nur einmal noch die Erde sehen, auf diese
-helle Kugel schauen, die am Himmel hängt, auf die Erdteile, die langsam
-darüber kreisen und die dahingleitenden weißen Flecke der Wolken. Ich
-will noch einmal das Auge anstrengen, vielleicht erkenne ich das Land,
-wo ich geboren bin, und dann ...
-
-Als ich zum Strande zurückruderte, war mein Entschluß gefaßt. Ich werde
-zum Polarlande gehen, um auf die Erde zu schauen.
-
-Ich näherte mich meinem Hause und legte mir in Gedanken die ganze Fahrt
-und die dafür nötigen Vorbereitungen zurecht. Auf der Schwelle des
-Sommerhäuschens fand ich Ada. Sie war zu der gewöhnlichen Stunde
-gekommen, und als sie mich nicht antraf, wartete sie geduldig auf meine
-Rückkehr.
-
-Mein Herz war so voll von der Hoffnung, die Erde, wenn auch nur von
-ferne, wiederzusehen, daß ich mich nicht zurückhalten konnte, Ada meine
-Absicht mitzuteilen.
-
--- Höre! rief ich, als sie mich begrüßte, bald werde ich von euch gehen!
-
-Sie sah mich mit dieser geheimnisvollen Würde an, die sie mir gegenüber
-stets bewahrt, und antwortete nach einem kleinen Zögern:
-
--- Ich weiß, daß du fortgehst, wenn du willst, Alter Mensch ... aber ...
-
-Noch niemals hatte mich die seltsame Art dieser Geschöpfe, mit mir
-umzugehen, an die ich mich schließlich schon hätte gewöhnt haben müssen,
-derartig aufgebracht. Im ersten Augenblick schnürte sich mir das Herz im
-Gefühl der Vereinsamung und Bitterkeit zusammen und dann packte mich ein
-unbezwinglicher Zorn.
-
--- Genug dieser Narrheiten, rief ich, mit dem Fuß stampfend. Ich werde
-fortgehen, wann es mir gefällt und wann ich will, aber daran ist nichts
-Geheimnisvolles, nichts Ungewöhnliches! Geh zu Jan und sage ihm, daß ich
-morgen früh die Hunde für den Wagen haben will; ich fahre zum Polarland.
-
-Ada sprach kein Wort und entfernte sich, um meinem Befehl nachzukommen.
-
-Ungefähr zwei Stunden später bemerkte ich eine ungewöhnliche Bewegung
-vor meinem Hause. Jan und die Kinder, mit einem Wort, alle, die Frauen
-nicht ausgenommen, hatten sich versammelt und standen entblößten
-Hauptes, schweigend und ängstlich auf meine Tür blickend. Ada trat aus
-ihrer Gruppe heraus und blieb auf meiner Schwelle stehen. Sie war in
-feierlicher Kleidung: einen Kranz in den Haaren, von dem Halse bis zu
-den Hüften herab hingen Schnüre von blutigrotem Bernstein und blaue
-Perlen; in der Hand hielt sie einen Stab, aus den Wirbeln eines Hundes,
-die geglättet auf einen langen Kupferdraht gesteckt waren.
-
--- Alter Mensch, wir wollen zu dir sprechen!
-
-Eine unbeschreibliche Wut erfaßte mich. Ich wollte die an der Wand
-hängende Riemenpeitsche ergreifen und diese Horde, die mit einem solchem
-Pomp zu mir gekommen, auseinandertreiben; aber dann taten sie mir wieder
-leid. Was können sie dafür.
-
-Ich hielt mich zurück und trat vor das Haus, in der Absicht, noch einmal
-den Versuch zu machen, ihnen vernünftig zuzureden. Der wilde Lärm des
-Beipflichtens, der sich nach Adas Ansprache erhoben hatte, verstummte
-sofort, als ich auf der Schwelle erschien. Man hörte in der Stille nur
-noch den jüngsten Enkel Jans leise weinen und das erstickte Flüstern der
-Mutter: Still, still, der Alte Mensch wird unwillig ...
-
-Da überkam mich das Gefühl eines grenzenlosen Mitleids.
-
--- Was wollt ihr von mir? sagte ich, Ada zur Seite schiebend.
-
-Jetzt trat Jan vor. Er schaute mir eine Zeitlang mit dem Blick eines
-ratlosen, verängstigten Zwerges in die Augen und sagte schließlich,
-nachdem er sich umgesehen, um aus den Mienen der Kameraden Mut zu
-schöpfen:
-
--- Wir wollten dich bitten, Alter Mensch, daß du noch nicht von uns
-fortgehen möchtest.
-
--- Ja, ja, gehe noch nicht von uns! wiederholten flehend über dreißig
-Personen.
-
-Es lag eine solche Angst und eine derartig inständige Bitte in ihren
-Worten, daß ich mich von einer tiefen Rührung ergriffen fühlte.
-
--- Und was liegt euch daran? sagte ich, diese Frage mehr mir selbst als
-ihnen vorlegend.
-
-Jan dachte eine Weile nach und begann dann langsam, mit sichtlicher
-Mühe, seine unklaren Gedanken und Empfindungen zusammenzufassen:
-
--- Wir wären allein ... Es würde die lange Nacht und die große Kälte
-kommen. Oh, die böse Kälte, die wie ein Hund beißt, und wir würden
-allein sein ... Dann würde die Sonne aufgehen, und du wärest nicht bei
-uns, Alter Mensch ... Ada -- hier blickte er auf die neben ihm stehende
-»Priesterin« -- Ada sagte uns, daß du dich mit der Sonne kennst und noch
-mit einem anderen Stern, der größer ist als die Sonne und geheimnisvoll
-und manchmal schwarz und dann wieder hell erscheint, den sie gesehen
-hat, als sie mit dir dort war im Norden ... Sie sagte, daß du von dort
-gekommen bist, und wenn du ihn siehst, zu diesem Sterne sprichst, in
-einer heiligen Sprache, dieselbe, in der wir zu dir sprechen müssen. Wir
-fürchten uns, daß du von dort nicht wieder zu uns zurückkehren könntest,
-denn wir würden allein bleiben. Wir bitten dich also ...
-
--- Ja, ja, wir bitten dich, bleibe bei uns! riefen die Zwerge, den Satz
-Jans beendend.
-
-Eine Zeitlang stand ich ratlos, ohne zu wissen, was ich ihnen antworten
-sollte. Die Männer und Frauen umringten mich, streckten die Hände aus
-und baten mit angstvollen Stimmen:
-
--- Bleibe bei uns, bleibe!
-
-Ich fühlte, daß es zwecklos wäre, ihnen jetzt zu wiederholen, was ich
-ihnen schon so oft gesagt hatte, daß ich ein gewöhnlicher Mensch sei,
-durchaus mit keinen geheimnisvollen Kräften begabt und ebenso wie sie
-alle dem Tode verfallen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte; in den
-Ohren tönte es mir nur unaufhörlich, gleichmäßig wie eine Litanei:
-Bleibe bei uns!
-
-Ich schaute auf Ada. Sie stand abseits in ihrem Priestergewande, mit
-einer außerordentlichen Würde in der ganzen Gestalt, aber es schien mir,
-daß ich auf ihren Lippen ein Lächeln bemerkte -- halb spöttisch, halb
-wehmütig ...
-
--- Weshalb hast du sie hierhergeführt? frug ich.
-
-Sie lächelte wieder und erhob die bis jetzt gesenkten Augen.
-
--- Du hörst doch, Alter Mensch, was sie von dir wollen.
-
-Rings umher dröhnte es unaufhörlich: Bleibe bei uns.
-
-Das war mir zu viel.
-
--- Nein, rief ich hart, ich werde nicht bleiben! Ich werde nicht
-bleiben, denn ...
-
-Und abermals wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Wie konnte ich ihnen
-erklären, daß ich gehe, um die Erde zu sehen, den mächtigen und hellen
-Stern, nach dem ich mich so grenzenlos sehne, ohne sie in dem
-wahnsinnigen Irrtum zu bestärken, daß ich ein übernatürliches Wesen bin?
-... Inzwischen war es still geworden. Ich blickte auf die Versammelten
-und bemerkte, daß diese Zwerge weinten! Sie weinten bei dem Gedanken,
-daß ich sie verlassen würde! Sie riefen nicht mehr, sie baten nicht,
-aber in ihren tränenvollen, auf mich starrenden Augen lag die Demut
-eines Hundes und ein Flehen, das lauter sprach als alle Worte. Sie
-dauerten mich unbeschreiblich.
-
--- Ich werde von euch gehen, sagte ich mit weicher Stimme, aber noch
-nicht jetzt. Ihr könnt ruhig schlafen!
-
-Ich hörte etwas wie ein Seufzen der Erleichterung, das sich ihren Kehlen
-entrang ...
-
--- Und wenn ich einmal die Reise antrete, fügte ich hinzu, von einem
-plötzlichen Gedanken erfaßt, die Reise, dort nach Norden, wo der
-schönste Stern leuchtet, von dem ihr von mir und von Ada gehört habt,
-dann werde ich auch euch mit mir nehmen, damit ihr ihn seht und später
-euren Kindern und Kindeskindern davon erzählen könnt.
-
--- Du bist groß, Alter Mensch, groß und gnädig! antworteten mir
-zahlreiche freudige Stimmen. Gehe nur nicht von uns auf diesen Stern,
-von dem du sprichst!
-
--- Wenn ich fortgehen könnte, seufzte ich unwillkürlich, aber leider bin
-ich nur ein Mensch, so wie ihr.
-
-In der Gruppe der Zwerge entstand eine Bewegung. Sie schauten sich
-untereinander an, und es schien mir, daß ich auf ihren breiten Lippen
-etwas bemerkte, das einem schnellen Lächeln des Einverständnisses glich
-und sagen wollte: Wir wissen schon, wir wissen! Ada hat uns gesagt, daß
-der Alte Mensch aus irgendeinem unerklärlichen Grunde nicht will, daß
-wir wissen sollen, daß er ... der Alte Mensch ist ... Von neuem erfaßte
-mich der Mißmut; ich wandte mich um und ging in das Zimmer. Vor dem
-Hause entstand Lärm. Ich sah durch das Fenster, wie sich alle um Ada
-scharten, die lebhaft etwas erzählte, wahrscheinlich von mir und meiner
-Übernatürlichkeit.
-
-Augenblicklich ist es nicht weit bis zum Sonnenuntergang, und das
-Mondvölkchen hat sich schon längst in seinen Häusern zerstreut, die sich
-in langer Reihe an den steinigen, nach Südwesten laufenden Ufern der
-warmen Teiche erheben. In einigen Stunden werden sie sich zu einem
-langen Schlafe niederlegen und wahrscheinlich von der ihnen vom Alten
-Menschen versprochenen Fahrt träumen und von der Erde, dem mächtigen,
-seltsamen und unbekannten Stern, den sie nur aus den Erzählungen kennen
-...
-
- * * * * *
-
-In einigen Stunden werde ich das einzige wachende Wesen auf dem Monde
-sein.
-
-Aber jetzt ist überall noch Leben. Ich sehe durch das Fenster, wie sich
-vor dem Hause Jans seine Söhne zu schaffen machen; nicht weit davon
-beenden die Frauen in aller Eile das Einsammeln der Nahrung vor der bald
-hereinbrechenden Nacht.
-
-Ich weiß nicht, ob ich gut daran tue, mich noch länger unter diesem
-Völkchen aufzuhalten; aber da gibt es kein Überlegen mehr, denn ich habe
-ihnen versprochen, daß ich noch bleibe.
-
-Und nur einen Trost fühlt mein altes, schwergeprüftes Herz -- lange wird
-es nicht mehr schlagen müssen. Noch einige Tage, einige Mondtage
-höchstens, und dann ziehe ich gen Norden, zum Polarland, um dort das
-Leben zu beenden, -- den Blick auf die geliebte Erde gerichtet.
-
-Diese Zwerge werden sich an mein Versprechen erinnern, ich weiß es, und
-mich begleiten wollen. Und so werde ich einige von ihnen mitnehmen auf
-diesen letzten Weg; mögen sie die Erde sehen und dann zu den Brüdern
-zurückkehren -- ohne mich.
-
-Eine quälende Sehnsucht drückt mich. Es tut mir leid, daß ich
-nachgegeben und ihnen versprochen habe, noch hier zu bleiben. Der
-Gedanke ängstigt mich, es könne mir in kurzer Zeit vielleicht schon an
-Kraft und Leben fehlen, die Reise nach dem Lande, wo ich die Erde vor
-Augen habe, anzutreten.
-
-Aber nein, meine Kräfte werden noch genügen! Ich wundere mich manchmal
-selbst über die Frische und Unverbrauchtheit meines Organismus. Ich
-nähere mich nun fast dem hundertsten Jahre, und es scheint, daß mich
-jeder Tag, statt meine Kräfte zu erschöpfen und meine Gesundheit zu
-untergraben, nur noch mehr stärkt und fester macht.
-
-Und wiederum denke ich unwillkürlich an jene zugleich lächerliche und
-entsetzenerregende Überlieferung, die unter diesem Volke verbreitet ist,
-daß ich niemals sterben werde.
-
-Ein furchtbarer Gedanke! Denn leider kann sich nur die physische Natur
-des Menschen an ihr Widersprechendes gewöhnen, die Seele niemals! Mein
-Schmerz und meine Sehnsucht werden nie verblassen, im Gegenteil, sie
-wachsen unaufhörlich ins Ungeheure, Riesenhafte.
-
-Ich jage diesen Gedanken von mir und denke nur noch mit einem heißen
-Glücksgefühl daran, daß ich in einigen Mondtagen die Erde sehen werde.
-Das Herz schlägt mir dabei, als wenn ich ein zwanzigjähriger Jüngling
-wäre, der zu einem Stelldichein mit einer erträumten und über alles
-geliebten Beatrice geht, mit der er bisher nur in Träumen zu sprechen
-gewagt hat.
-
-Aber ich weiß, meine Geliebte wird kalt sein, stumm und unerreichbar;
-ich werde sehnsuchtsvoll die Arme nach ihr ausbreiten und sie durch die
-undurchdringlichen Himmelsräume rufen, sie wird weder meine Stimme hören
-noch mir irgendeinen Gedanken, noch eine Erinnerung weihen.
-
-Es ist etwas Seltsames und zugleich Ungeheuerliches, den Gegenstand
-seiner Sehnsucht am Himmel zu haben. Es dünkt mich, daß ich an diesen
-entfernten, von hier aus unsichtbaren heimatlichen Stern mit einem
-langen Faden, der um mein Herz geschlungen ist, gebunden bin, der sich
-in die Unendlichkeit ausdehnen, aber niemals reißen kann. Und so an
-diese unerreichbare Welt gebunden, fühle ich, daß mir der Boden unter
-den Füßen fremd ist und immer fremd bleiben wird.
-
-Ja, es ist etwas Furchtbares um die Liebe zu den Sternen! Denn die Erde
-ist für mich nur noch ein Stern, den ich über alles liebe. Wenn es
-Geister gibt, die von erhabeneren und lichteren Welten, von flammenden
-Sonnen vielleicht auf dunkle Planeten herabfallen, so erdulden sie in
-der Tat, wenn sie die Erinnerung bewahrt haben, die schrecklichsten
-Qualen, wie auch ich sie erdulden muß.
-
-Wie oft am Tage wiederhole ich mir, daß jenes armselige, von mir so
-bemitleidete Mondvölkchen der Zwerge, das fast im Staube vor mir, dem
-Alten Menschen, kriecht, doch tausendmal glücklicher ist als ich.
-
-Jetzt, nachdem sie ihre Arbeit beendet haben, gehen diese Leutchen um
-ihre kleinen Häuser herum, unterhalten sich, lächeln einander zu und
-sind heiter und zufrieden. Jan, der durch das natürliche Recht des
-Ältesten ihr Oberhaupt ist, ruft sie vor dem Abend, wie ich das ein für
-allemal vor Jahren angeordnet habe, zwecks gemeinsamen Lesens einiger
-Abschnitte aus den ihnen von mir bezeichneten Schriften, zusammen.
-Früher, zu Toms Lebzeiten, als Jan noch ein kleiner Knabe war, habe ich
-diese Abendversammlungen gewöhnlich geleitet, ihnen die Bibel oder
-andere zum Lesen bestimmte Bücher erklärt und von der Erde erzählt und
-von den Menschen; aber jetzt zeige ich mich nicht einmal mehr am
-Versammlungsort, dort unter dem Kreuze, dessen Bedeutung sie kaum
-verstehen. Warum soll ich zu ihnen sprechen, da sie sich jedes meiner
-Worte doch nur nach ihrem Sinne deuten und jede Wahrheit durch
-phantastische Legenden entstellen und verwirren?
-
-Und dennoch, ich muß es mir immer wieder sagen: Sind sie schuld daran?
-Ist es ihre Schuld, daß sie alles, was sie hören, auf sich beziehen,
-unfähig, sich in Gedanken über diesen Landstreifen zu erheben, den sie
-bewohnen? Sind sie schuld daran, daß sie beim Lesen der Bücher der
-Genesis an ihren Großvater Peter denken, dessen Grab sie auf der
-Friedhofinsel kennen, und die Augen mit dem Ausdruck einer
-Götzenanbetung auf mich richten? Daß Menschen eine andere Welt bewohnen
-können, einen Stern, der denjenigen gleicht, die in der Nacht über ihnen
-leuchten, halten sie für etwas, woran man glauben muß, weil ich es
-gesagt habe, aber was sich vorzustellen unmöglich ist.
-
-Ich habe alles getan, um in diesen Menschen die Seele zu wecken, und
-erst dann meine Bemühungen aufgegeben, als ich mich von der gänzlichen
-Unmöglichkeit überzeugt hatte. Ich sollte mir daher also keine Vorwürfe
-machen, und trotzdem fühle ich die auf mir lastende furchtbare
-Verantwortung für diesen Fall des menschlichen Geschlechts, das mir
-anvertraut war. Und wiederum die Ironie des Lebens: Sie sind in ihrer
-Weise glücklich, und ich gräme mich ihretwegen und vergrößere durch eine
-quälende Sorge um sie meinen nagenden Schmerz und meine Sehnsucht ...
-
-
-
-
- V.
-
-
-Wieder sind Jahre auf der Erde verflossen, seit ich zum letztenmal diese
-Blätter in Händen hatte. Heute öffne ich das Tagebuch, um das Datum zu
-notieren, wo ich dieses Land am Meer für immer verlasse. Ich gehe
-endlich zum Polarland!
-
-Seit unserm EXODUS sechshunderteinundneunzig Mondtage.
-
- * * * * *
-
-Alles ist schon bereit. Unsern alten Wagen, bis zur Hälfte kleiner
-gemacht und verbessert, habe ich mit Lebensmitteln und Brennmaterial
-versehen, die mir für eine lange Zeit des Aufenthaltes im Polarland
-genügen werden -- länger vielleicht, als ich es benötige ... denn ich
-bin alt ... Ich sollte heute früh aufbrechen, aber es ist ein Umstand
-eingetreten, der meine Reise wohl um einen Mondtag verzögern wird.
-
-Die Sache verhielt sich so: Seit Toms Expedition nach Norden zum
-Äquator, die er fast mit dem Leben bezahlen mußte, hatte ich streng
-verboten, derartige Reisen zu unternehmen, denn ich war fest überzeugt,
-daß sie zu keinem Ziel führen und die Teilnehmer nur unnötig in Gefahr
-bringen. Bisher befolgte man diese meine Anordnung aufs genaueste und
-ich glaubte bestimmt, daß es immer so bleiben würde, besonders in
-Anbetracht des geringen Unternehmungsgeistes dieses Mondvolkes, das mit
-seinem ganzen Interesse nur an den praktischen und alltäglichen Dingen
-und Lebensbedürfnissen hängt.
-
-Und dennoch habe ich mich getäuscht. Es scheint selbst hierher ein Hauch
-jenes Feuergeistes von der Erde gedrungen zu sein und verborgen in der
-Brust dieser Zwerge zu leben; jenes Geistes, der dort den Fortschritt
-bewirkt und die Menschen zur Entdeckung neuer Weltteile im Ozean
-fortgerissen hat. Seit einiger Zeit schon bemerkte ich, daß einige der
-Männer mit sehnsüchtigen Augen nach Norden schauen, über das weite Meer.
-Sie frugen mich einst, was wohl dort sein könne hinter dem großen
-Wasser, und ich antwortete ihnen, daß ich es nicht weiß. Sie aber, wie
-in ihren Mienen deutlich zu lesen war, glaubten nicht daran. Sie hatten
-mich vielmehr im Verdacht, daß ich es ihnen nur nicht sagen wollte.
-
-Die letzte Nacht verbrachte ich mit Jan an den nahen Petroleumquellen,
-mit der Zubereitung der Vorräte für die Reise zum Polarland beschäftigt.
-Als ich am Morgen ans Meer zurückkehrte, mich von dem Mondvolke zu
-verabschieden, um fern von diesen Gegenden mein Leben zu beenden, erfuhr
-ich, daß drei Männer, die kräftigsten und kühnsten, meine Abwesenheit
-benützend, nach Norden gefahren sind, wie mir ihre Frauen erzählten. Sie
-bauten sich einen Schlitten, brachten darin den zweiten Elektromotor
-unter und nahmen außer den nötigen Lebensmitteln zwei Hunde und
-verschiedene Pelze mit. Sie fuhren in der Nacht auf das festgefrorene
-Meer hinaus, um noch vor dem Morgen an das gegenüberliegende Ufer auf
-der nördlichen Halbkugel zu gelangen.
-
-Ein wahnsinniges Unternehmen! Ich bin überzeugt, daß sie niemals
-zurückkehren werden, aber indessen muß ich den Bitten Jans und Adas
-nachgeben und noch einen Tag warten, um sie zu segnen, wenn sie
-heimkommen sollten, ehe ich fortgehe.
-
-Ich frug die Frau Kaspars, des ältesten der drei Abenteurer, weshalb sie
-nach Norden gegangen wären. Sie antwortete, daß sie sehen wollten, was
-dort sei ... Darüber hinaus konnte sie mir keine Erklärung geben.
-
-Schade um diese Menschen, denn sie werden unzweifelhaft zugrunde gehen
-und sind tüchtig, wie sie es bewiesen haben.
-
- * * * * *
-
-Endlich kommt der Tag der Abreise heran! Die Sonne ist seit einigen
-Stunden aufgegangen, und das Eis beginnt zu schmelzen, bald werde ich
-den Wagen besteigen und nach Norden aufbrechen.
-
-So ohne Leid nehme ich von diesem Lande Abschied, obwohl ich doch weiß,
-daß ich fortgehe, um nie mehr wiederzukehren.
-
-Ich sehe mich noch einmal nach dem Grabe Marthas, auf der entfernten
-Insel, um, und es ist mir seltsam weh zumute ...
-
-Gestern vor dem Abend habe ich einige Stunden an diesem Grabe verbracht.
-Es war mir schwer, mich von ihm zu trennen: Das ist das einzige, was ich
-auf dieser Welt liebe. Ich habe ein wenig Erde von diesem kleinen Hügel
-mitgenommen, die will ich an die Lippen pressen, wenn ich allein im
-weiten Lande sterben werde.
-
-Es ist Zeit, daß ich aufbreche ... Das Mondvolk sammelt sich, um mir
-Lebewohl zu sagen. Sie murren nicht, sie widersetzen sich nicht, sie
-wissen, daß es so sein muß. Ada, Jan und zwei seiner Brüder sollen mich
-zum Polarlande begleiten. Ich konnte ihnen das nicht abschlagen.
-
-Die drei andern sind noch nicht heimgekehrt und werden wohl auch niemals
-heimkehren. Aber ich will nicht mehr länger warten. Übrigens sind alle
-meiner Abreise wegen so niedergedrückt, daß sie nicht einmal an sie
-denken.
-
-Nur Jan hat heute bei Sonnenaufgang ihre Namen erwähnt und hinzugefügt:
-
--- Es ist ihnen ein Unglück zugestoßen, denn sie sind aufgebrochen, ohne
-den Alten Menschen um Rat zu fragen.
-
-Ein Schluchzen der Versammelten antwortete ihm.
-
--- Von jetzt ab werden wir niemanden mehr zu fragen haben, klagten sie
-und drängten sich weinend um mich.
-
-Fast scheint es mir, daß diese Menschen mich lieben. Eine seltsame
-Entdeckung -- in diesem letzten Augenblick ...
-
-Aber das alles ist gleichgültig! Es ist Zeit für mich, aufzubrechen!
-
- * * * * *
-
- Unterwegs auf der See-Ebene.
-
-Ach, wie erleichtert atme ich auf, wenn ich bedenke, daß nun das
-Mondleben hinter mir liegt und vor mir nur noch ein kurzer Aufenthalt im
-Polarland -- unser erster Aufenthalt einst auf diesem Globus -- und dann
--- der Tod im Angesicht der Erde, meiner geliebten, am Himmel
-leuchtenden Heimat.
-
-Langsam wird alles Traum für mich, mein vergangenes Leben und diese
-Menschen, die ich dort am Meere zurückgelassen habe; alles das zerrinnt
-in einen schillernden Traumnebel, durch den in meinem Geiste nur noch
-das flammende Rund der Erde glänzt.
-
-Ich bin schon voller Ungeduld und möchte sie so schnell wie möglich
-sehen, da ich die Sehnsucht nicht mehr bemeistern kann. Es ist Nacht und
-der Schlaf will sich nicht auf meine Lider senken. Ich versuche durch
-Schreiben die langen Stunden zu verkürzen.
-
-Wir haben zur Nacht hier haltgemacht, wo Peter einst die ersten
-Petroleumquellen entdeckte. Wie viele Jahre sind seitdem verflossen! Und
-wieder kehre ich in Gedanken zu diesem Leben zurück, das schon so weit
-hinter mir liegt. Meine verstorbenen Kameraden stehen mir vor Augen und
-Martha und ihre ersten Kinder, die ebenfalls nicht mehr leben ...
-
-Ach, fort mit diesen quälenden Erinnerungen, jetzt, da ich meine Kräfte
-anspannen muß, das Land zu erreichen, von wo ich die Erde sehen werde!
-
-Ich sehnte mich so unsagbar nach dieser Reise und dennoch muß ich
-zugeben, daß mir die letzten Augenblicke des Abschieds schwer wurden.
-Wie seltsam ist doch das menschliche Herz und wie stark die Macht der
-Gewohnheit! Man kann sich, scheint's, selbst an die Gitter des
-Gefängnisses gewöhnen ...
-
-Am letzten Morgen, als ich kaum die vorhergehende Notiz
-niedergeschrieben hatte, bemerkte ich, wie sich vor meinem Hause die
-ganze Bevölkerung dieser Welt versammelte. Sie kamen schweigend, finster
-und traurig und warteten. Ich zählte sie, am Fenster stehend; es waren
-alle, mit Ausnahme jener drei. Der Wagen stand bereit.
-
-Ich ließ meinen Blick noch einmal über diese Räume gleiten, in denen ich
-fünfzig Jahre lang gehaust habe und da ich nicht wollte, daß man diese
-Wohnstätte als Aufenthalt des Alten Menschen etwa abergläubisch verehrt,
-steckte ich sie mit allem, was noch darin zurückgeblieben ist und was
-ich einst gebraucht hatte, eigenhändig in Brand und ging hinaus zu den
-mich Erwartenden. Eine helle Flamme leuchtete hinter mir durch Tür und
-Fenster. Es war mein eigener Scheiterhaufen.
-
-Aus dem Munde der Versammelten brach ein gedämpfter kurzer Schrei. Sie
-schauten auf das brennende Haus und dann auf mich, und keiner rührte
-sich, um das Feuer zu löschen: Sie fühlten, daß ich es so wollte ... und
-alle schwiegen.
-
--- Ich bin heute zum letztenmal unter euch, begann ich, um etwas zu
-sagen, da mich in dieser Stille, die nur durch das Knistern des Feuers
-unterbrochen wurde, Wehmut und Trauer befielen. Ich gehe von euch, sagte
-ich weiter, zu dem Lande, wohin ich schon lange zu gehen beabsichtigte.
-Ich zweifle daran, daß ich jemals hierher zurückkehren werde, ihr aber,
-wenn ihr wollt, könnt mich dort aufsuchen, solange ich nicht sterbe.
-
-Die Zwerge schauten immer in Schweigen auf die flammenden Balken des
-Daches und auf mich; ich sah, daß einigen von ihnen Tränen über die
-Wangen liefen.
-
-Ich atmete schwer; ich hatte das Gefühl, als wenn eine drückende Last
-sich auf meine Brust wälzte.
-
--- Ihr seid alle unter meinen Augen aufgewachsen, begann ich wieder, mit
-Mühe nach Worten suchend, ihr wart mit mir bis zu diesem Augenblick, und
-von jetzt ab sollt ihr euch allein regieren. Denkt daran, daß ihr
-Menschen seid, denkt daran!
-
-Die Stimme versagte mir und ich konnte nur mit äußerster Anstrengung
-fortfahren:
-
--- Ich gab euch manche Lehren, vergeßt sie nicht! Ich lasse euch das
-Buch zurück, das heilige Buch, das ich von der Erde mitgebracht habe,
-das von der Erschaffung der Welt und von der Erlösung und Bestimmung des
-Menschen erzählt; lest es oft und lebt, wie es sich gehört.
-
-Ich brach wieder ab, da ich fühlte, daß ich zwecklose Dinge redete.
-
-Da trat ein junges Weib aus dem Kreise hervor und sprach:
-
--- Alter Mensch, ehe du fortgehst sage, ob es recht ist, daß der Mann
-die Frau schlägt?
-
-Diese Worte waren wie eine Losung. Im nächsten Augenblick umringten mich
-Frauen und Männer und begannen mit traurigen Stimmen zu fragen:
-
--- Alter Mensch, sage, ob es recht ist, daß der ältere Bruder den
-jüngeren zur Arbeit zwingt, weil er schwächer ist?
-
--- Sage, ob die Kinder das Recht haben, die Eltern aus der Hütte zu
-treiben, die sie einst selbst erbaut haben?
-
--- Sage, ob es billig ist, daß einer aus dem Volke spricht: »Das sind
-meine Felder!« und anderen nicht erlaubt, die Ernte davon einzubringen.
-
--- Ob es recht ist, daß einer dem andern die Frau nimmt?
-
--- Daß er die Handwerkszeuge beschädigt?
-
--- Daß er sich für die ihm zugefügte Unbill rächt?
-
--- Daß er zum eigenen Vorteil lügt?
-
--- Sage, ob das recht ist!
-
--- Sage es, ehe du fortgehst, denn sowohl du wie die Bücher haben
-gelehrt, daß man das alles nicht tun solle, und trotzdem geschieht es
-täglich in unserer Mitte!
-
-Ein stechender Schmerz schnürte mir die Brust zusammen. Dieses Volk
-verlassend, sah ich nur zu klar, auf welchen Bahnen seine Entwicklung
-schreiten wird. Vieles vom menschlichen Geiste ist auf dem Wege zum Mond
-verloren gegangen, aber der menschliche Jammer ist mit uns von der Erde
-hierhergekommen!
-
--- Das ist schlimm! antwortete ich endlich. Wenn unter meinen Augen
-derartige Dinge geschehen sind, was wird erst sein, wenn ich fortgehe?
-
--- Weshalb gehst du also fort? antwortete man mir.
-
-Diese Frage war so einfach und so furchtbar zugleich. Warum ich
-fortgehe?
-
-Ich ließ den Kopf sinken wie ein Schuldbewußter, ohne zu wissen, was ich
-erwidern sollte.
-
-Nur das Knistern des brennenden Hauses war in der Stille zu hören und
-ein dumpfes, entferntes Dröhnen des Vulkans.
-
-Die Zwerge standen schweigend um mich herum. Sie fühlten scheinbar
-dasselbe, was ich in jenem Augenblick empfand, daß meine Abfahrt das
-unabwendbare Schicksal ist, dem man sich vergebens widersetzen würde.
-
--- Vielleicht werde ich noch einmal zu euch zurückkehren. Lebt indessen
-in Frieden und menschlich, murmelte ich und wußte gar wohl, daß ich
-ihnen die Unwahrheit sagte, wie mir selbst.
-
--- Du wirst nicht zurückkehren, rief Ada, die bis jetzt kein Wort
-gesprochen hatte.
-
-Und dann, sich zu den Anwesenden wendend, fügte sie mit erhobener Stimme
-hinzu:
-
--- Der Alte Mensch verläßt euch!
-
-Es war etwas Grauenhaftes in diesem Schrei, der alle Versammelten wie
-mit einem Schauer überlief.
-
--- Es muß so sein! sagte ich dumpf.
-
-Eine Stunde später befand ich mich im Wagen und eilte mit Ada und drei
-ihrer Neffen gen Norden ...
-
- * * * * *
-
-Den vierten Mondtag sind wir schon unterwegs. Als die Sonne heute
-aufging, erhob sie sich nicht mehr gerade zur Höhe steigend, sondern
-schleppte sich am Horizont, gerötet kaum einige Fuß über der bläulichen
-Linie der Berge im Südosten. Das ist ein Zeichen, daß wir uns dem Ziel
-unserer Fahrt nähern. Im Norden taucht eine Bergkette vor mir auf; ich
-unterscheide schon mit bloßem Auge die höchsten, ewig von der Sonne
-beleuchteten Gipfel und die Schlucht, die das Tor zu der Polarmulde
-bildet.
-
-Das Herz schlägt mir zum Zerspringen ...
-
-Der heutige Tag wird kein Ende haben, denn in dem Augenblick, da die
-Sonne auf dieser Halbkugel untergehen müßte, werden wir schon auf dem
-Pol sein, im Land der ewigen Dämmerung, wo zu jeder Stunde gleichzeitig
-Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht für die verschiedenen Meridiane
-ist, deren Knotenpunkt man dort unter den Füßen hat.
-
-Und dort -- werde ich die Erde sehen!
-
- * * * * *
-
- Im Polarlande.
-
-Nach vier Mondtagen der Fahrt, gerade zu der Stunde, da die Sonne in den
-Gegenden an den Warmen Teichen untergehen sollte, kam der große
-Augenblick. Wir sind durch die Schlucht der Bergkette hindurchgekommen,
-die die Grenzmauer der Polarmulde bildet.
-
-Mit einer tiefen Rührung betrat ich dieses Land, die Augen nach der
-Himmelsrichtung lenkend, wo sich mir bald die Erde zeigen sollte, und
-als ich sie plötzlich in der Spalte der Felsen erblickte, war ich so bis
-ins Innerste der Seele erschüttert, daß ich zunächst meine Begleiter
-ganz vergessen hatte. Erst nach einer Weile, als ich mich von den Knien
-erhob (denn kniend begrüßte ich sie, meine geliebte Heimat, und mit
-ausgestreckten Händen, wie sie ein Kind der Mutter entgegenstreckt), sah
-ich auf meine Umgebung. Jan und sein ältester Sohn wie seine beiden
-Brüder, die mit mir hierhergekommen sind, standen mit entblößten
-Häuptern, wie versteinert, mit einer heiligen Furcht in den Zügen, die
-starren Blicke auf das Halbrund der Erde gerichtet; vor ihnen Ada, die
-Arme zu dem Sterne der Wüste erhoben. Geraume Zeit ging vorüber, bis sie
-sich endlich zu ihren in Nachdenken versunkenen Kameraden wandte:
-
--- Von dort ist _er_ gekommen, sagte sie mit gedämpfter Stimme, als wenn
-sie nicht wollte, daß ich es höre, und dorthin wird er zurückkehren,
-wenn die Zeit erfüllt ist. Werft euch zu Boden.
-
-Und sie warfen sich zu Boden vor dem Anblick der Erde, auf der ihre
-Väter einst gelebt haben ...
-
-Nachdem sie sich erhoben hatten, wagten sie es nicht, sich mir zu
-nähern, und ich rief sie zu mir und begann ihnen mit vor Rührung
-zitternder Stimme die Erscheinung zu erklären, die sie vor sich hatten.
-Sie drängten sich um mich, verängstigt, von Grauen geschüttelt, als wenn
-sie unsicher wären, ob ich mich nicht im nächsten Augenblick über ihre
-Köpfe erheben und durch die blasse Luft zu diesem hellen Sterne fliegen
-würde!
-
-Ach, wenn ich es könnte!
-
-Und als ich so zu ihnen sprach, so gänzlich unverstanden, beschäftigte
-mich plötzlich dieser Gedanke derartig, daß ich unwillkürlich
-verstummte, auf die Erde starrte und nur noch fühlte, daß ich diesen
-Menschen hier nichts mehr zu sagen hatte.
-
-Und sie schwiegen lange, bis sie sich endlich, etwas näher
-zusammentretend, mit den Ellbogen zu stoßen begannen und, auf die Erde
-zeigend, flüsterten:
-
--- Sieh, sieh, _er_ ist von dort gekommen.
-
--- Damals, als es hier noch niemanden gab ...
-
--- Ja ... _Er_ hat den Großvater Peter hierhergebracht und seine Frau
-Martha ... Und einen, der der Vater unseres Großvaters war, hat er auf
-der Wüste tot zurückgelassen ... so lehrt Ada.
-
--- Das steht nicht in der Heiligen Schrift. Dort ist nur die Rede von
-Adam, das ist sozusagen Peter, und von ...
-
--- Still, die Heilige Schrift ist anders ... Die Heilige Schrift hat er
-ebenfalls von dort mitgebracht.
-
--- Ja, alles hat _er_ geschaffen; für die ersten Menschen hat _er_ hier
-Meer und Sonne und Teiche geschaffen ...
-
-Ich wandte mich, als ich diese letzten Worte hörte, schnell um und die
-halblaut geführte Unterhaltung verstummte sofort.
-
-Ich wollte sie tadeln, aufklären, aber es fiel mir wieder ein, wie
-vergebliche Mühe das wäre. Ich sagte ihnen deshalb nur, daß sie das Zelt
-aufschlagen möchten, da wir hier längere Zeit bleiben würden. Und
-seitdem fließen die Stunden, von der unsichtbaren Sonne auf den
-rosagefärbten Berggipfeln aufgezeichnet, fließen für sie, scheint es,
-langsam, für mich aber viel zu schnell dahin!
-
-So teuer ist mir dieses Polarland, daß Angst und Schmerz mich bei dem
-Gedanken schütteln, dorthin zurückzukehren, dorthin zu den Warmen
-Teichen. Hier verweilend habe ich den Eindruck, daß ich mich schon im
-letzten Vorzimmer befinde, fast auf der Schwelle der Mondwelt, daß von
-hier nur noch ein Schritt durch den interplanetarischen Weltenraum zur
-Erde ist, und bei Gott, sie lockt mich mehr, diese endlose, tote Wüste
-hinter den Bergen dort vor mir, als jenes fruchtbare Land, wo ich so
-lange gelebt habe.
-
-Sogar das Grab Marthas auf der Friedhofinsel zieht mich jetzt nicht mehr
-dorthin. Ich habe ja hier so viel mehr von ihr um mich als dort ... Hier
-hat sie mir gehört, obwohl wir niemals miteinander davon gesprochen
-haben; hier stand sie über meinem Lager gebeugt, als ich krank war, hier
-wandelte sie mit mir auf den grünen üppigen Wiesen oder kletterte auf
-die rosigen Berggipfel, und dort ... war sie die Frau eines andern, dort
-schaute ich nur auf ihren Schmerz und auf ihre Demütigung, selbst
-gedemütigt und von Schmerz zerrissen.
-
-Wohl ist es mir hier im Polarland, so wohl wie es nur einem Menschen
-sein kann, der alles verloren hat, sogar die Erde unter seinen Füßen,
-und, auf einem silbernen Globus zwischen den Himmeln hängend, nur der
-Vergangenheit lebt und der Ferne und dem Gedanken an das, was
-unwiederbringlich dahin ist ...
-
-Still, still, du altes, unverbesserliches, ruheloses Herz! Hier hast du
-das lichte Rund der Erde vor dir, dieselben Wiesen, auf denen sie, die
-Tote, wandelte, und auch das Grab ist sicher nicht mehr fern -- was
-willst du noch?
-
- * * * * *
-
-O meine Brüder, dort auf der hellen Kugel, die in diesem Augenblick vor
-meinen Augen leuchtet!
-
-O meine fernen Brüder! O meine unbekannten und über alles teuren Brüder!
-
-O Erde, lichter Stern, Freude meiner Augen, flammende Leuchte über den
-Wüsten!
-
-Erde, du Paradies der höchsten Wonnen! Wahrhaftes Kleinod, lichter
-Smaragd, in die lasurblauen Meere gefaßt, o herrlichste Blume, duftender
-Weihrauch! Wie Vogelstimmen tönende Harfe!
-
-O Erde! Erde! Heimat! Verlorene Mutter!
-
-Schluchzen hebt mir die sehnsuchtsvolle Brust, und ich habe keine Tränen
-mehr, dich zu beweinen, Stern, über Wüsten leuchtend! Welt, über alle
-anderen der glühendsten Liebe wert!
-
-Zu dir strecke ich meine Arme aus, ich, der dir so Ferne, der
-unglücklichste deiner Söhne und der einzige, dem du dich jetzt in deiner
-goldenen Gestalt zu zeigen geruhst! Stern unter den Sternen am Himmel!
-
-Ich bete zu dir, einsam und verlassen, ich, den du als Kind kanntest,
-und der grau geworden ist, nicht auf deinem Mutterschoß:
-
-Erde!
-
-Vergib, daß ich mich von dir abwandte, durch die Begierde nach
-Erkenntnis, die du selbst in mir großgezogen, getrieben und verwirrt.
-Von dem Silbergesicht dieses toten Globus verführt, den du vor Zeiten
-von dir geworfen, daß er deine Nächte erleuchte und deine Meere
-einwiege!
-
-Ich flehe zu dir, dein für ewig verlorener Sohn, dem du alles Gute
-gegeben, die menschliche Gestalt und den denkenden Geist, Blumen, die
-seine Augen erfreuen, und Vögel, an deren Gesang er sich laben konnte,
-und Brüder, daß er Schmerz und Freude mit ihnen teile; der verlorene,
-grausam bestrafte, nie mehr zu dir zurückfindende Sohn und der Kinder
-schlechtestes auf deinem breiten Schoße:
-
-Erde!
-
-Vergiß mich nicht! Leuchte meinen Augen, ehe sie der Schleier des
-ersehnten Todes umhüllt! ...
-
-Ich trinke, verschlinge mit der ganzen Seele dein Licht! Berausche mich
-mit deinem gesegneten Lichte!
-
-Dein Licht, zurückgeworfen vom Lasurblau der Meere, von schneeigen
-Gipfeln und grünen Gefilden, von den kleinen schimmernden Blättern der
-Bäume, von blühenden Kelchen, vom Tau, der auf den Wiesen dort leuchtet,
-von Bauernhütten und von ragenden Türmen der Kirchen, von menschlichen
-Zügen, die in Nachdenken versunken zum Himmel schauen, Hunderttausende
-von Meilen hat es durchflogen, durch die ewige Wüste zu mir eilend, und
-ist mir jetzt alles: das Lasurblau deiner Meere und das Grün deiner
-Fluren, des Taues Glanz, wie der Blumen prächtigste Farbe und des
-menschlichen Geistes Widerschein, der sich in den zum Himmel gewandten
-Augen spiegelt!
-
-O Erde, meine Erde!
-
-Wann wird mein Geist, von der körperlichen Hülle befreit, endlich auf
-diesen leuchtenden Saiten, die zwischen dir und der furchtbaren Welt
-hier gespannt sind, zu deinem Mutterschoß zurückgelangen und in
-balsamischen Lüften alles mit Küssen bedecken, was er geliebt und wonach
-er sich so grenzenlos sehnt!
-
-O Erde!
-
-
-
-
- VI.
-
-
-Ich habe seltsame Ahnungen, daß ich bald sterben werde. Dieser Gedanke
-umkreist mich beständig; die Luft ist voll von ihm und die blutigen
-Sonnenstrahlen, der Himmel erscheint gleich einem weichen Schleier, und
-die Erde leuchtet wie eine silberne Lampe im Grabe. Niemals fühlte ich
-so wie jetzt, daß der Tod nahe ist.
-
-Ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Unruhe denke ich daran, aber -- was
-erstaunlicher ist -- auch ohne Freude, die doch die endlich nahende
-Erlösung in mir erwecken müßte ...
-
-Es scheint, daß mir noch etwas zu tun übrig bleibt, etwas ungemein
-Einfaches und ungeheuer Wichtiges, worauf ich jedoch nicht kommen kann.
-Und das bedrückt mich, und das ist die Ursache, daß ich ihn nicht mit
-Freuden begrüße -- den Tod-Erlöser!
-
-Im Traume höre ich, wie sie mich rufen von der Erde. Und ich, ebenfalls
-im Traume, antworte ihnen jedesmal: Ich sehne mich so maßlos danach, zu
-euch zu gehen, aber ich finde mich nicht zurecht ...
-
-Führt nicht der Weg auf die Erde dort durch die luftlose Wüste? ...
-
- * * * * *
-
-Ich war vor kurzem auf dem Berge, von dem aus ich mit Peter auf die
-Sonnenfinsternis geschaut habe und dann auf den See, der plötzlich die
-ganze Polarmulde überflutete.
-
-Ich habe Ada auf diesen Ausflug mitgenommen; sie bat mich darum, als sie
-gesehen, daß ich öfter auf die benachbarten Berge steige, um auf die
-Erde oder die Wüste zu blicken, die hier schon an der Grenze des
-Horizontes sichtbar ist. Sie drängte mich, daß ich sie einmal mitnehmen
-möchte, damit auch sie betrachten könne, worauf ich schaue und wonach
-ich mich sehne. Als sie heute mit mir ging, legte sie die feierlichsten
-Priestergewänder an und sagte zu Jan, daß sie auf die Heimat des Alten
-Menschen schauen werde. Unterwegs mußte ich über ihre Würde lachen; wenn
-man sie ansah, schien es, daß sie auf diesen Berg schreite, um ein
-heiliges Opfer darzubringen. Ich glaube, daß die Leute, die wir in dem
-Zelt im Tal zurückließen, zum wenigsten davon überzeugt waren. Sie
-blickten ihr mit Bewunderung und Ehrfurcht nach. Schweigend erstiegen
-wir den Berg. Das Lachen, das sich unwillkürlich in mir geregt hatte als
-ich Adas Priestergewänder gewahrte, ist davongeflogen, weit, weit fort
-von mir; ich habe sogar vergessen, daß dieses Geschöpf hinter mir ging.
-Ich sah nur noch die Erde, die sich langsam, je nachdem ich
-vorwärtsschritt, über dem Horizonte erhob, und auf die Sonne, die, hier
-schon sichtbar, wie eine rote Kugel auf der gegenüberliegenden Seite des
-Horizontes stand. Unter meinen Füßen breitete sich ein wahrer Teppich
-von Pflanzen, die dem Heidekraut ähnlich und von der Sonne rosig gefärbt
-waren, über meinem Haupte der blasse, erloschene Himmel.
-
-Eine seltsame Empfindung überkam mich! Es schien mir, daß ich mich,
-diesen Berg ersteigend, schon für immer von den Mondleuten entfernte und
-von dieser ganzen mir so widerwärtigen Welt; es schien mir, daß ich
-wirklich ein geheimnisvoller Alter Mensch bin, der sein schweres Werk
-vollbracht hat und jetzt zu der Heimat zurückkehrt, dort inmitten der
-Sterne ... Und die rotglühende Sonne liegt schon in meinem Rücken und
-nimmt Abschied von mir auf dieser Welt, die mir nur Mühe und Schmerz und
-Qual gewesen, und die Erde erhebt sich vor mir, mächtig, hell
-erstrahlend, bereit, mich in ihren lichten Schoß aufzunehmen ...
-
-Ich stand auf dem Gipfel des Berges und erkannte, mich in den Anblick
-der Erdscheibe versenkend, in der klaren Luft den vorübergleitenden
-hellen Keil Europas. Er war deutlich sichtbar, obwohl Wolken, die über
-Frankreich und England glitten, seine Konturen von dieser Seite her
-verwischten ... Aber die breiten polnischen Ebenen im Osten glänzten wie
-ein glatter silberner Spiegel, von der einen Seite an den dunklen
-Streifen des Baltischen Meeres gelehnt, von der anderen an die Kette der
-Karpathen, deren Gipfel jetzt wie eine Schnur kostbarer Perlen
-schimmerten. Die Erscheinung meiner Heimat an dem blauen Himmel war so
-unerwartet und bezaubernd für mich, daß ich einen Augenblick mit
-zurückgehaltenem Atem, ganz Auge geworden, dastand, bis ich plötzlich
-wie ein Kind in Weinen ausbrach und auf mein Antlitz fiel -- dort oben
-auf dem Gipfel des Mondberges.
-
-Als ich mich nach geraumer Zeit erhob, sah ich mit Staunen, daß Ada zu
-meinen Füßen kniete und helle Tränen über ihr Gesicht herabflossen.
-
--- Was ist dir? frug ich fast gedankenlos.
-
-Sie aber, statt mir zu antworten, umfaßte meine Knie und weinte
-herzzerreißend. Endlich hörte ich aus ihrem Schluchzen die abgerissenen
-Worte heraus:
-
--- Du bist unglücklich, Alter Mensch.
-
--- Und deshalb weinst du?
-
-Sie erwiderte nichts, unterdrückte nur ihr Schluchzen und starrte auf
-die goldene Scheibe der Erde.
-
-Und wieder verfloß eine lange Zeit in Schweigen.
-
-Dann erhob Ada das Haupt und schaute mir mit einem eigenartig
-durchdringenden Blick in die Augen.
-
--- Hier auf dem Monde ist alles traurig und unglücklich, sogar du, sagte
-sie. Weshalb bist du hergekommen? Weshalb von diesem Sterne ...
-
-Sie brach ab und fuhr nach einer Weile fort:
-
--- Meine Eltern sind gestorben. Und warum stirbst du nicht?
-
--- Ich weiß es nicht.
-
-Ich sagte die Wahrheit; ich weiß in der Tat nicht, warum ich nicht
-sterbe ...
-
-Und wieder überkam mich die schreckliche Angst, denn ich mußte an jenes
-furchtbare Mondmärchen denken, daß ich niemals sterben würde.
-
-Ada antwortete, wie zu sich selbst sprechend:
-
--- Denn du bist der Alte Mensch. Und trotzdem bist du unglücklich.
-
--- Gerade deswegen, entfuhr es mir unwillkürlich.
-
-Als wir den Berg hinabstiegen, gewahrte ich plötzlich an einer Biegung
-das Zelt Jans und der Kameraden, das an derselben Stelle aufgeschlagen
-war, an der einst unser Zelt gestanden, und eine Täuschung gaukelte mir
-vor, daß mich in diesem Zelt Martha, den kleinen Tom an der Brust,
-erwarte und Peter, wie gewöhnlich in Nachdenken versunken, aber noch
-jung und nicht gebrochen wie dort am Strand des Meeres.
-
-Dieses berauschende Traumbild wurde durch den Anblick der Zwerge, die
-sich um das Zelt zu schaffen machten, grausam zerstört.
-
-Als ich sie erblickte, blieb ich voll Widerwillen stehen. Ada bemerkte
-es.
-
--- Du willst nicht zu ihnen gehen, Alter Mensch? fragte sie.
-
-Was sollte ich antworten? Ich sah mich unwillkürlich nach der Erde um
-und schritt ins Tal hinab: nur noch ein kleines Segment von ihr war am
-Horizont sichtbar.
-
-Ada fing meinen flüchtigen Blick auf und legte flehend die Hände
-zusammen:
-
--- Nein, nein, noch nicht jetzt! Sie brauchen dich noch.
-
-Sie fürchtete, daß ich dorthin zu meiner Heimat gehen wollte.
-
--- Denkst du, daß ich auf die Erde zurückkehren kann? sagte ich.
-
--- Du kannst alles, was du willst, antwortete sie -- aber ... wolle
-nicht!
-
-Als ich ermüdet und niedergedrückt zum Zelt zurückgekehrt war, legte ich
-mich nieder, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Vor allem ließ mich
-einige Stunden hindurch das Flüstern meiner Begleiter hinter der
-Zeltwand keine Ruhe finden. Sie umringten Ada und frugen sie nach mir
-aus, was ich während meines Ausfluges gesprochen und getan hätte ... Ihr
-Geschwätz peinigte mich und als ich endlich eingeschlafen war, träumte
-mir von vergangenen Zeiten, von Martha, von der Mondwüste und von der
-Erde! ... Von der Erde ...
-
-Ach, wie mich diese Träume quälen ...
-
- * * * * *
-
-Ich möchte allein sein. Diese Menschen, die mit mir hierhergekommen
-sind, ermüden mich unsagbar. Es scheint mir, daß sie unaufhörlich
-zwischen mir und der Erde stehen und einen Schatten auf meine Seele
-werfen ...
-
-Sie indessen denken nicht einmal an die Abfahrt! Sie haben es sich
-bequem gemacht auf der Ebene, richten sich ein, tragen Vorräte zusammen,
-als wenn sie sich dauernd hier niederlassen wollten. Geben sie sich etwa
-der Täuschung hin, daß es ihnen mit der Zeit gelingen werde, mich zur
-Umkehr zu bewegen?
-
-Wer weiß, ob nicht Ada bei alledem die Hand im Spiele hat? Immer mehr
-staune ich über diese Frau. Manchmal weiß ich tatsächlich nicht mehr, ob
-ich es wirklich mit einer Irrsinnigen zu tun habe, so anders erscheinen
-mir neuerdings ihre Handlungen und Worte. Oder ist es etwa nicht
-wunderbar, daß diese Wahnsinnige eigentlich die Verständigste von all
-den hier Geborenen ist?
-
-Und übrigens, was kümmert es mich? Ich bin doch ein Mensch aus einer
-anderen Welt, der fertig ist mit dem Leben und so müde, so furchtbar
-müde durch das, was dieses Leben ihm brachte.
-
-Oh, wenn sie mir doch endlich Ruhe geben und fortziehen und mich allein
-lassen wollten!
-
-O Erde, Erde! Du weißt nicht, wie schwer es mir ist, ohne dich zu leben,
-und wie gerne ich sterben möchte! Morgen, heute, sofort ...
-
- * * * * *
-
-Welch eine Lästerung habe ich niedergeschrieben! Noch gestern wollte ich
-sterben, und heute will ich leben, muß ich leben, noch einige Mondtage,
-dann mag geschehen, was will! Es saust mir im Kopfe, und ein
-unaussprechlich wonniges Gefühl will mir die Brust zersprengen. So ist
-es, so ist es! Ich muß es erfüllen, ich muß!
-
-Gott, wie danke ich dir, daß ich unseren alten Wagen mit mir habe und
-genügende Vorräte. Und es ist so einfach! Wie sonderbar, daß ich nicht
-früher daran gedacht habe!
-
-O Erde! O meine Brüder! Ich bin doch nicht so verlassen und von euch
-abgeschnitten, wie ich es bis vor kurzem glaubte; ich habe ein Mittel,
-euch Nachrichten von mir zuzusenden und, obwohl ich es mit dem Leben
-bezahlen werde, will ich es tun, so wahr mir Gott helfe!
-
-Ich werde auf der Wüste sterben, im vollen Glanz meines geliebten
-Sternes, meiner Mutter! Aber vorher ...
-
- * * * * *
-
-Ach, daß ich sie finden möchte! An sie denke ich jetzt nur, von ihr
-träume ich, und wahrhaftig, ich weiß nicht, ob ich jemals im Leben den
-Anblick des geliebten Weibes so heiß begehrt habe, wie ich heute
-begehre, sie wiederzufinden -- diese Kanone, die wir vor fünfzig Jahren
-am Grabe O'Tamors zurückgelassen haben! ...
-
-Als mir dieser Gedanke zum erstenmal durch den Kopf fuhr, überkam mich
-ein wahrer Freudentaumel; er erschien mir wie eine Offenbarung, die mir
-das Mittel zur Verständigung mit meinen Brüdern auf der Erde zeigte.
-
-Denn, in der Tat, fünfzig Jahre lebe ich hier und habe nicht ein
-einziges Mal auch nur daran gedacht, daß dort, auf dem _Sinus Aestuum_,
-inmitten der Steinwüste, am Grabe O'Tamors, eine Kanone steht, die genau
-auf die Mitte der silbernen Erdscheibe zielt und nur auf den Funken
-wartet, um den ihr anvertrauten Brief in den Weltenraum, der Erde
-entgegenzuschleudern.
-
-So ist es. Ich werde auf die Wüste hinausgehen und diese Kanone suchen;
-ich werde die Leiche des greisen O'Tamor in dem felsigen Grabe
-auffinden. O'Tamor, der diese Kanone seit fünfzig Jahren bewacht, die
-leeren Augenhöhlen der Erde zugewendet ... Ich weiß, daß ich von dieser
-Expedition nicht zurückkehre; ich bin zu alt und zu erschöpft, und vor
-allem habe ich nichts, wohin ich zurückkehren könnte. Der Tod hat mich
-verschmäht, er wollte nicht zu mir an das Meer kommen, so werde ich ihm
-entgegengehen, in dieses furchtbare Land, das sein Königreich sein muß.
-
-Und ich werde dort ruhen, neben O'Tamor und der abgeschossenen Kanone,
-auf Felsen gebettet unter dem Rund der Erde am Zenit! ... Ach, wenn es
-doch bald wäre -- so bald wie möglich!
-
-Aber vorher ... Oh, wie das alte Herz hämmert! Vorher werde ich dieses
-Tagebuch zusammenfalten, dieses Buch des Schmerzes, das ich den
-künftigen Mondvölkern hinterlassen wollte; ich werde es an die Brust
-pressen und küssen und in einer Kugel, wie ein Brief in einer
-Stahlhülle, zu euch senden, ihr entfernten Brüder! Ich träume davon mit
-klopfenden Schläfen, wie dort auf der Erde jemand diese Stahlkugel
-findet, -- nach Wochen vielleicht, oder nach Jahren, nach Jahrhunderten.
-Und nachdem er sie geöffnet, ein Bündel Papiere herausnimmt ...
-
-Dann werdet ihr, meine unbekannten Brüder, lesen, was ich im
-unaufhörlichen Denken an euch und an unsere gemeinsame Mutter, die Erde,
-geschrieben habe. Ihr kennt sie im grünen Kleide, in der üppigen Pracht
-der Blüten und im Silberglanze der Wintermorgen, mir ist sie auch
-vertraut als Himmelslicht, rein und ruhig, das seit unendlichen Zeiten
-über dem Reich der Stille und des Todes leuchtet!
-
-Ihr wißt nicht, geliebte Brüder, wie schön eure Mutter ist, wenn man sie
-durch die Abgründe der Himmel erschaut, und wie ich mich nach ihr sehne
-und nach euch -- und diesen Weltenraum verfluche, der uns trennt, obwohl
-er mir mit zauberischem Glanze die goldene Heimat malt!
-
- * * * * *
-
-Die Sonne stand schon zum drittenmal über der Wüste und zum drittenmal
-verblaßte die Erde seit der Zeit, da wir nach langer, mühseliger Fahrt
-im Polarland anlangten, als Jan, der mich in Nachdenken versunken auf
-den Hügeln überraschte, zu mir trat und sprach:
-
--- Alter Mensch, es ist Zeit, zurückzukehren!
-
-Ich zuckte bei diesen Worten zusammen und war in meinen Gedanken so mit
-der Erde beschäftigt, daß ich den Sinn zuerst nicht verstand, sondern
-glaubte, er rufe mich zur Rückkehr dorthin, woher ich gekommen bin! ...
-
-Aber er sagte weiter:
-
--- Frauen und Kinder warten unserer ... Es ist Zeit, an das Meer zu den
-warmen Teichen zurückzukehren, zu unseren Behausungen und Feldern, Alter
-Mensch.
-
-Er sagte es befangen, vielmehr im Ton einer Frage, aber trotzdem las ich
-in seinen Zügen einen unerschütterlichen Entschluß. Und plötzlich
-überkam mich eine unsägliche Trauer: Diese Menschen sind mit mir
-hierhergekommen und denken jetzt an die Rückkehr, an ihre Familien, an
-die Heimat, nach der sie sich sehnen und die sie bald wiedersehen werden
--- und ich? ... Mein Haus, meine Familie und meine Heimat dort -- am
-Himmel! Ich kann nicht zu ihr zurückkehren, obwohl an mir sicherlich
-eine hundertmal heißere Sehnsucht nagt nach ihr, die ich auf ewig
-verloren habe, als an diesen Leuten nach einem Stückchen Mond, am
-Strande des Mondmeeres! Eifersucht bemächtigte sich meiner.
-
--- Kehrt zurück! sagte ich trocken.
-
--- Und du? rief Jan, mit Verwunderung und Entsetzen zu mir aufblickend.
-
--- Ich werde hierbleiben. Ich habe euch doch, als ich euch mit mir nahm,
-gesagt, daß ich gehe, um niemals wiederzukehren.
-
--- Ja, flüsterte Jan, aber ich dachte, daß mit der Zeit vielleicht doch
-... Hier ist es nicht gut für Menschen ...
-
--- Kehrt also zurück. Ich bleibe.
-
-Er entgegnete kein Wort mehr, neigte nur das Haupt, als wenn er von
-einem Wurf in den Nacken getroffen wäre und entfernte sich eiligst. Zu
-Ada, dachte ich mir, um Rat zu holen.
-
-Ich hatte mich nicht getäuscht. Nach einer Weile kam die
-»Mondpriesterin«. Ich war auf eine lächerliche Szene mit Bitten,
-Beschwörungen und Weinen vorbereitet, wie sie sich vor Aufbruch zu der
-Fahrt hierher abgespielt hatte, und daher sehr verwundert, als Ada
-allein und still kam, weder fragte, noch um etwas bat, sondern nur
-sagte:
-
--- Du bleibst hier, um auf die Erde zu schauen, Alter Mensch?
-
-Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.
-
--- Aber du wirst doch nicht _dorthin_ gehen?
-
-Bei diesen Worten deutete sie mit einer Bewegung auf die Erde und die
-unter ihr liegende Mondwüste.
-
-Unwillkürlich folgte ich ihren Blicken, und da war es, als zum erstenmal
-der Gedanke in mir auftauchte, daß ich mich dorthin begeben könnte, auf
-die Wüste, die ich vor fünfzig Jahren mit meinen Kameraden zurückgelegt
-hatte, um mich wenigstens für kurze Zeit, ehe ich sterbe, der Erde näher
-zu fühlen, sie direkt über mir zu haben. Heute erfüllt mich dieser
-Gedanke ganz und gar; er begleitet mich im Wachen und im Schlafe und ich
-kann mich nicht eine Minute von ihm losreißen. Aber damals war es kaum
-ein erstes Aufblitzen, das ich zunächst in mir erstickte, denn ich
-glaubte, daß es etwas Unmögliches sei; als wenn der Tod an der Grenze
-der Möglichkeit stünde und es unmöglich wäre, etwas zu kaufen, was man
-mit dem Leben bezahlen muß.
-
--- Dorthin wirst du also nicht zurückkehren, wiederholte die Priesterin.
-
-Ich zögerte.
-
--- Nein. Noch nicht.
-
--- So ... könntest du vielleicht doch noch mit diesen Armen am Meere
-wohnen? Sie möchten dich so gern in ihrer Mitte haben.
-
--- Nein! antwortete ich hart, da ich sah, daß ich wieder mit Bitten
-bestürmt werden sollte. Ich will hierbleiben.
-
--- Wie es dir gefällt, Alter Mensch. Sie werden sehr traurig sein, aber
-... wie es dir gefällt, so wirst du tun. Wenn sie allein zurückkehren,
-werden diejenigen, die zu Hause geblieben sind, fragen: Und wo ist der
-Alte Mensch, auf den wir seit unserer Kindheit geschaut haben? Sie aber
-werden die Köpfe sinken lassen und antworten: Er hat uns verlassen. Aber
-wie es dir gefällt. Schließlich wissen sie, daß du ein Gast unter ihnen
-bist und die Zeit kommen wird, da sie sich allein regieren müssen.
-
--- Du wirst bei ihnen bleiben und sie regieren, sagte ich. Sogar Jan
-gehorcht dir und achtet deinen Willen.
-
--- Nein, ich werde nicht bei ihnen bleiben.
-
-Ich sah sie erstaunt an; sie zögerte, dann glitt sie langsam zu meinen
-Füßen nieder:
-
--- Ich habe eine Bitte an dich, Alter Mensch.
-
--- Sprich.
-
--- Jage mich nicht fort!
-
--- Wie?
-
--- Jage mich nicht von dir. Erlaube mir, bei dir zu bleiben.
-
--- Bei mir, hier im Polarland?
-
--- Ja, bei dir im Polarland.
-
--- Aber weshalb? Was willst du hier? Dort sind diejenigen, die dir nahe
-stehen, dort am Meeresstrande.
-
--- Ich weiß, du stehst mir nicht nah, denn du bist von einem fernen
-Stern gekommen; ich weiß es, aber erlaube mir dennoch ...
-
-Ich dachte über diese seltsame Bitte nach.
-
--- Weshalb willst du bei mir bleiben? frug ich endlich zum zweitenmal.
-
-Ada neigte das Haupt und sagte mit dumpfer, aber fester Stimme:
-
--- Ich liebe dich, Alter Mensch.
-
-Ich schwieg, sie sprach nach einer Weile weiter:
-
--- Ich weiß es, daß es eine strafwürdige Kühnheit ist, wenn ich zu dir
-sage, daß ich dich liebe, aber ich kann das, was ich fühle, nicht anders
-bezeichnen. Meiner Eltern erinnere ich mich kaum mehr. Ich weiß nur
-noch, daß sie unglücklich waren. Auf dich schaue ich seit meiner
-Kindheit, und ich sehe in dir alles Große, Lichte, Mächtige, etwas, das
-ich nicht kenne, aber ich weiß, daß es von den Sternen mit dir
-hierhergekommen ist.
-
-Sie verstummte. Und als ich noch in höchstem Staunen ihre sonderbaren
-Worte an meiner Seele vorüberziehen ließ, begann sie von neuem:
-
--- Und dabei warst auch du unglücklich und so einsam, einsam das ganze
-Leben hindurch, einsam wie ich. Ich weiß nicht, weshalb du von dem dort
-leuchtenden Stern auf den Mond gekommen bist ... Du wolltest es so ...
-Ich weiß, daß du alles tust, was du willst, -- du genügst dir und
-bedarfst meiner nicht, aber ich will dir dienen und bis zum Ende mit dir
-zusammen sein. Jage mich nicht fort! Du Großer, du Guter und Kluger!
-
-Nach diesen Worten neigte sie sich abermals zu meinen Füßen und
-verharrte so, mit der Stirn auf meinen Knien.
-
--- Und wenn du dann fortgehen willst, zurückkehren zu deiner am Himmel
-strahlenden Heimat, sagte sie nach einer Weile des Schweigens, so werde
-ich dich bis an die Grenze dieser großen, toten Wüste begleiten und von
-dir Abschied nehmen und dir noch lange, lange nachschauen, bis du meinen
-Augen entschwunden sein wirst und dann zu den Menschen am Meeresstrande
-zurückkehren und ihnen nur sagen: Er ist fortgegangen ... Dann werde ich
-sterben.
-
-Während sie so mit einer Stimme zu mir sprach, flüsternd und
-träumerisch, wie ich sie noch nie bei ihr vernommen hatte, waren die
-Mondzwerge nahe herangeschlichen und lauschten ihren Worten mit
-angehaltenem Atem. Und plötzlich hörte ich Jan leise sagen:
-
--- Der Alte Mensch geht fort von uns ... auf die Erde!
-
-Und dann Weinen. Ein seltsames, durchdringendes, halblautes Weinen. Und
-sonderbar! Für gewöhnlich regte mich das Weinen dieser Antropomorphen
-auf und reizte mich, jetzt aber, ich weiß nicht, ob durch die
-unerwarteten Worte Adas hervorgerufen, die mich in tiefster Seele
-erschüttert hatten, oder in dem neu erwachten Gedanken an diese letzte
-Reise auf die Wüste hinaus -- im Angesicht der leuchtenden Erde, --
-genug, es überkam mich eine große Trauer, ein herzzerreißendes Mitleid.
-
-Ich wandte mich zu ihnen, und Jan, anscheinend durch meinen Blick
-ermutigt, kam einige Schritte näher und sagte, mir in die Augen
-schauend:
-
--- Alter Mensch. Ist das unwiderruflich? Erwartet man dich dort? Hast du
-deine Ankunft schon angekündigt? Müssen wir allein bleiben? In diesem
-Augenblick war es mir, als wenn mich ein Blitz durchzuckte, ein Gedanke:
-Das Geschütz!
-
-Ja, das Geschütz, am Grabe O'Tamors, dort in der Wüste!
-
-Vor meinen Augen drehte sich alles; ich drückte beide Hände aufs Herz,
-das mir die Brust zu sprengen drohte. Ich starrte in das kleine Segment
-der Erdscheibe, das noch am Horizont sichtbar war, und in meinem Hirne
-jagte und drängte es sich im wilden Durcheinander: Reise, Wüste, Kanone,
-der Schuß, meine Erdenbrüder, dieses Tagebuch ... und dann ein grauer
-Nebel, in dem alles zusammenschmolz. Ich fühlte, das ist der Tod!
-
-Ich vergaß, wo ich war, was um mich her vorging. Sie blickten stumm in
-höchstem Staunen auf mich, aber ich sah sie nicht mehr. Wie im Traum
-erreichte mich nur noch die Stimme Adas:
-
--- Entfernt euch, der Alte Mensch spricht mit der Erde. Bald wird er uns
-verlassen.
-
-Als ich mich ein wenig erholt hatte, befand ich mich allein.
-
-Ich verstand, daß das eine Offenbarung war, daß ich in die Wüste gehen,
-das Geschütz finden, die letzte Kunde und den letzten Gruß auf die Erde
-senden und dann -- sterben muß.
-
-Eine Weile später teilte ich Ada und Jan meinen Entschluß mit; sie
-nahmen ihn mit traurig gesenkten Köpfen auf, aber ohne ein Wort des
-Widerspruchs, als wenn sie darauf vorbereitet waren.
-
-Von ihrer Rückkehr an die Warmen Teiche ist keine Rede mehr. Sie wollen
-hierbleiben bis zum Augenblick meiner Abreise.
-
-Gegenwärtig, wenn ich das Gesicht der Erde zuwende, habe ich die Sonne
-zur Rechten; bevor sie mit dem halben Rund emporsteigt, den Tag auf die
-öde Halbkugel tragend und zur Linken stehend, werde ich aufbrechen.
-
- * * * * *
-
-Meine Mondtragödie ist somit zu Ende! Ich bin hier, wo ich auf diesem
-Globus die ersten Wiesen, das erste frische, lebendige Grün erblickte.
-Damals lag die Fahrt durch die todbringende Wüste hinter mir, jetzt will
-ich aufbrechen, um sie zum zweiten- und letztenmal anzutreten.
-
-Dunkel ist es in meinem Innern, aber ruhig. Ich lasse mein verflossenes
-Leben an mir vorüberziehen, und es dünkt mich, daß es Zeit ist, mit dem
-Gewissen abzurechnen. Ich möchte mich, wie es die Menschen auf der Erde
-tun, auf den Tod vorbereiten, alle meine Sünden beichten, und seltsam,
-auf meine Lippen drängt sich nur mein Unglück. Sollte beides ein und
-dasselbe sein?
-
-Du also, _Herr_, der Du die Stimme des elendesten Wurmes hörst, wie das
-Getöse der Welten, die durch den Weltenraum dahinsausen, der Du mich
-hier auf dem Monde siehst, wie Du mich einst auf der Erde gesehen hast,
-nimm meine Beichte an, durch die ich Dir bekenne, daß ich sündig war --
-und unglücklich!
-
-Als ich ein Kind war, da schien mir die Erde zu eng, die Du für mich
-geschaffen hast, und ich flog auf Flügeln der Sehnsucht mit all meinen
-Gedanken zu diesen am Firmamente glänzenden Welten und entzog mich den
-Liebkosungen der Mutter, um von den Wundern zu träumen, die Du
-geschaffen hast -- _nicht_ für mich! Ich war sündig, _Herr_, -- und
-unglücklich ...
-
-Als ich heranwuchs und die Brocken des Wissens verschlang, die Du den
-Menschen zu erringen erlaubst, schrie meine Seele in mir: Zu wenig! Und
-ich träumte davon, das siebenfache Siegel zu erbrechen und die Schleier
-aufzuheben, die Deine Hand herabgelassen hat. Sündig war ich und
-unglücklich ...
-
-Und kaum war ich ein Mann, erfaßte mich die Begierde, den Weltenraum zu
-durchfliegen, als wenn ich, auf der Erde stehend, nicht ebenfalls von
-den Unendlichkeiten des Weltalls umgeben wäre und nicht über Abgründen
-schwebte, und ich ergriff die Gelegenheit und verließ leichten Herzens
-die nährende Mutter, von dem silbernen, die Lunatiker lockenden Antlitz
-des Mondes verführt ... Sündig war ich, _Herr_, und ich bin unglücklich.
-
-Ich blickte auf den Tod meiner Kameraden und Freunde und war so
-erbärmlich, um ein wenig Luft, die ich für die Erhaltung des Lebens
-benötigte, mit ihnen zu kämpfen, oder um die Frau, die keinem von uns
-gehörte, die wir verlangend die Hände nach ihr ausstreckten. Und als ich
-Zeuge ihres Elends war, an dem ich, wenn auch unbeabsichtigt, Schuld
-getragen, habe ich nichts getan, um sie davon zu befreien. Sündig war
-ich und unglücklich ...
-
-Ich blieb allein auf dieser furchtbaren Welt, auf die mich mein eigener
-Wille verschlagen, und als mir das junge menschliche Geschlecht
-anvertraut ward, konnte ich in ihm den Geist nicht erwecken noch seine
-Augen zum Himmel lenken ... im Gegenteil, statt Liebe hatte ich nur
-Verachtung für die Unglücklichen und habe es geduldet, daß sie mich
-verehrten, während nur _Dir_ allein die Ehre gebührt ... Ich war sündig,
-_Herr_, und unglücklich ...
-
-Und jetzt, von Schmerz gebrochen, von der Sehnsucht erschöpft, verlasse
-ich diese Armen, deren Schicksal meinem Schutz und meiner Führung
-übergeben war und gehe der letzten, traurigen Wonne entgegen, dem Tod im
-Angesicht der Erde! Ich bin sündig, _Herr_, und unglücklich!
-
-Mein Leben ist in zwei große Teile zerfallen: Der eine heißt Verlangen
-nach dem Unbekannten, der andere Sehnsucht nach dem Verlorenen; und
-beide waren traurig, ach, so unendlich traurig ...
-
-Und was ich begehrte und erstrebte, konnte ich nicht erreichen, denn ich
-bin kaum einen elenden Schritt vorwärtsgekommen im Weltall, und ich
-kenne nicht einmal die Geheimnisse des Gestirns, auf dem ich mich
-befinde. Vergeblich habe ich alles geopfert, vergebens die Räume der
-Himmel durchflogen, eine Wüste durchwandert, die furchtbarer ist als
-irgendeine auf der Erde, vergebens fünfzig Jahre auf diesem Globus
-gelebt. Die Rätsel, die mich umgeben, sind heute so ungelöst wie vor
-einem halben Jahrhundert.
-
-Wonach ich mich auch sehne, ich weiß, daß ich es niemals erreichen
-werde.
-
-Und das ist mein ganzes Leben!
-
-Oh, es ist Zeit, es ist Zeit, daß es ende ...
-
-Mit Liebe und Sehnsucht blicke ich zur Wüste, auf die ich früh den Wagen
-lenken werde, um allein zu sein bis zum Tode ...
-
-Diese letzten Menschen, die ich noch um mich sehe, werden hierbleiben
-... Sie werden auf den Berg steigen und mir noch lange nachsehen, mir
-und dem schwarzen Wagen, der in der anbrechenden Morgenröte
-verschwindet; und dann werden sie zu ihrem Volke zurückkehren und sagen:
-Der Alte Mensch ist von uns gegangen ...
-
-Und aus diesem Begebnis und aus diesen Worten wird hier dereinst eine
-Legende entstehen, sowie aus unserer Ankunft auf dieser Welt!
-
-Sündig bin ich ...
-
-Es nähert sich die Zeit der Abreise ...
-
-
-
-
- VII.
-
-
- Auf Mare Frigoris.
-
-Ich bin allein, und mit einer so furchtbaren Angst durchdringt mich
-diese grenzenlose Stille! Es scheint mir, daß ich schon gestorben bin
-und in diesem Wagen dahinfahre, wie in dem Boote Charons, zu unbekannten
-Ländern.
-
-Und ich kenne doch diese Wüste und sah diese Berge, die sich dort am
-Horizont malen. Ich bin schon einmal hier gewesen, vor langen Jahren!
-Nur damals eilten wir zum Leben und jetzt ... Gott, gib mir noch so viel
-Kraft, bis zum Grabe O'Tamors zu dringen! Um nichts anderes bitte ich
-dich mehr.
-
-Ich habe dem Mondvölkchen versprochen, aus der Wüste zurückzukehren,
-wenn meine Kräfte reichen sollten und dann bis zum Ende meines Lebens
-bei ihnen zu bleiben; aber ich weiß, daß ich aus der Wüste nicht
-zurückkehren werde ... Obwohl vielleicht jetzt meine Gegenwart an den
-warmen Teichen notwendiger wäre als jemals.
-
-Wenn das wahr ist ...
-
-Eine seltsame und furchtbare Kunde vernahm ich im Augenblick meiner
-Abreise.
-
-Hört es, Menschen auf der Erde:
-
-Ich wollte gerade den Wagen besteigen und verabschiedete mich von der
-kleinen Schar der Zurückbleibenden, als ich plötzlich am Eingang zu der
-Mulde zwei Menschen bemerkte. Im ersten Augenblick dachte ich, daß dies
-eine Täuschung sei, aber bald konnte ich nicht mehr zweifeln. Zwei
-Zwerge näherten sich uns eilig. Jan bemerkte sie ebenfalls und stieß
-einen Schrei aus:
-
--- Sie senden nach uns! Es muß etwas Schlimmes geschehen sein!
-
-Die Vermutung hatte ihn nicht getäuscht. Die beiden Abgesandten kamen
-vom Meere mit einer erschreckenden Nachricht.
-
-Bald nach unserer Abfahrt aus dem Lande der warmen Teiche waren die
-kühnen Abenteurer, die ich für verloren hielt, von der Expedition nach
-der südlichen Halbkugel zurückgekehrt. Aber nur zwei von ihnen, der
-dritte wird niemals wiederkommen. Und nach den Berichten dieser beiden
-beschloß man, sofort zu mir ins Polarland zu senden, um mich zur
-Rückkehr ans Meer zu bewegen.
-
-Die zwei, die sie für diese Mission ausgewählt hatten, hielten sich bei
-ihrer Wanderung längs dem Lauf des Flusses, in der Richtung, wie sie den
-Weg aus Adas Erzählungen kannten; so gelangten sie auf die Höhe über der
-See-Ebene und von dort durch verschiedene Schluchten zur Polarmulde.
-
-Ich hörte ungeduldig ihren weitläufigen Beschreibungen zu und wollte
-endlich genau wissen, was sie zu dieser so ungewöhnlichen Reise bewogen
-hatte. Da begannen sie, von mir und Ada immer wieder befragt, sich
-gegenseitig unterbrechend, die Geschichte der Expedition zu erzählen.
-
-Aus dem Durcheinander ihrer ungefügigen Sätze erfuhr ich nur so viel,
-daß ihre drei Kameraden bei günstigem und überaus starken Winde im
-Schlitten, der mit Segeln versehen war, im Lauf der Nacht das
-zugefrorene Meer im Fluge zurückgelegt hatten und bei Sonnenaufgang zum
-gegenüberliegenden Strande auf der südlichen Halbkugel gelangten. Das
-war klar, aber das weitere nur mit Mühe aus ihren konfusen Reden
-herauszufinden. Und außerdem klang es so ungeheuerlich. Zwischen Bergen,
-auf weiten Ebenen, sollen dort sonderbare Wesen wohnen, halb Mensch und
-halb Tier, die sich vor der Kälte in tiefen Höhlen verkriechen. Diese
-Schlupfwinkel haben sie sich um scheinbar seit Jahrhunderten verlassene,
-in Trümmer zerfallene Städte herum ausgegraben. Und mit diesen
-entsetzlichen, raubgierigen Geschöpfen mußten unsere Zwerge Kämpfe
-bestehen, aus denen sie, nach Verlust des einen der ihrigen, dank des
-Besitzes von Schußwaffen, siegreich hervorgingen. Den Heimweg legten sie
-in wilder Flucht zurück, denn jene Unholde verfolgten sie hartnäckig auf
-dem Eise.
-
--- Das sind grauenhafte Ungeheuer, sagte der Erzähler und zitterte bei
-der bloßen Erinnerung dessen, was er gehört hatte; klein, aber
-fürchterlich! Die Unseren mußten fliehen, da ihrer viele, viele waren!
-Sie haben Schnäbel statt des Mundes und scheußliche, lange Hände. Kaspar
-haben sie mit einer Schnur gefangen und zerrissen und die Leiche dann in
-eine jener Höhlen geschleppt, worin sie hausen. Das Land dort ist
-herrlich, aber diese Geschöpfe sind furchtbar! Die beiden Heimgekehrten
-erzählten uns davon. Die Ungeheuer haben sie verfolgt, aber sie hatten
-den Schlitten mit Motor und die Hunde und so gelang es ihnen zu
-entfliehen, obwohl mit großer Mühe. Und seltsam ist das Land dort im
-Süden hinter dem Meere. Da stehen große Türme, die aber zerfallen sind,
-und mächtige Maschinen oder Fabriken, zerstört und überwachsen. Und
-diese Bestien bewachen das alles und verneigen sich vor den Türmen, es
-scheint jedoch, daß sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Sie
-wohnen in Höhlen und sind entsetzlich anzusehen.
-
-Vergeblich frug ich die Abgesandten aus, um nähere Einzelheiten über
-diese neu entdeckten Wesen hinter dem Mondmeer zu erfahren; sie konnten
-mir keine Antwort geben. Ich hörte nur noch die Geschichte der Heimfahrt
-der Reisenden, eine wahrhaft grauenerregende Odyssee! Der Wind war ihnen
-nicht günstig; infolgedessen gelang es ihnen nicht, in einer Nacht über
-das Meer zu kommen. Es war schon Morgen, und das Eis begann zu
-schmelzen, als sie glücklich zu einer kleinen Insel gelangten; dort
-verbrachten sie, vor der furchtbaren Äquatorhitze Schutz suchend, den
-ganzen Tag in einer Höhle und erwarteten die Nacht und die Kälte, um auf
-dem Eise die Weiterreise anzutreten. In der zweiten Nacht hat sie dann
-der Sturm weit nach Westen getrieben und, um das Maß des Unglücks voll
-zu machen, der Motor gegen Ende der Fahrt versagt, so daß sie, mit
-unsagbaren Mühen kämpfend, den Weg am Meeresstrande zu Fuß zurücklegen
-mußten, nachdem sie den Hunden das Ziehen des Schlittens auf dem Sande
-überlassen hatten. Und so kamen sie endlich zu dem Land der warmen
-Teiche, um zu erfahren, daß der Alte Mensch sie verlassen hat.
-
--- Was wollt ihr also von mir? frug ich, als die merkwürdige Erzählung
-zu Ende war.
-
--- Schütze uns, Alter Mensch, schütze uns! riefen beide gleichzeitig; es
-geht uns schlecht und Unglück kommt über uns! Diese raubgierigen
-Ungeheuer werden jetzt, da sie von unserem Vorhandensein erfahren haben,
-unzweifelhaft über das Meer kommen und mit uns kämpfen, uns
-niederdrücken und Angst und Sorgen bereiten! Und ihrer sind viele, viel
-mehr, bedeutend mehr als der Unsrigen!
-
-Sie warfen sich mir mit erhobenen Händen zu Füßen; ich fühlte ängstlich
-fragende, flehende Blicke Jans und seiner Brüder auf mich gerichtet, nur
-Ada war unbeweglich und scheinbar gleichgültig. Und ich stand, im
-Innersten erschüttert, zögernd und im Zweifel, was ich sagen und tun
-sollte. Es war nicht die Möglichkeit eines Überfalles jener Wesen auf
-die menschliche Mondkolonie, sondern die Kunde selbst, daß hier auf
-diesem Globus Geschöpfe leben und, wie es scheint, sogar verständige,
-die mich wanken machte. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich daran,
-auf das letzte Glück zu verzichten, auf die Aussicht, euch, ihr Brüder
-auf der Erde, Nachrichten von mir zu übersenden, und hierzubleiben unter
-dem Mondgeschlecht, jene seltsamen Völker kennen zu lernen, die hinter
-dem Meere wohnen, und von deren Existenz ich jetzt erst erfahren sollte,
-nach fünfzigjährigem Aufenthalt hier, und im Falle der Not die
-Nachkommenschaft meiner verstorbenen Freunde vor ihnen zu schützen.
-
-Aber dieses Zögern währte nicht lange. Was gingen mich die Mondvölker,
-die von der Erde gekommenen und jene, die Überreste irgendeines alten
-Mondstammes, an, die wie Maulwürfe in Höhlen rings um verfallene Städte
-wohnen, in denen scheinbar einst ihre Vorfahren stolz regierten? Mögen
-sie einander bekriegen, mögen sie kämpfen, sich gegenseitig vernichten.
-Was kümmert es mich? Ich bin alt und weiß nicht, ob ich noch lange genug
-leben werde, um jene weite Reise über die luftlose Wüste zu überstehen.
-Soll ich die letzten Kräfte jetzt eines lächerlichen Mitleids willen
-vergeuden oder für eine kindische Neugierde? Und wer bürgt mir dafür,
-daß die Erzählung dieser beiden Degenerierten wahr ist? Vielleicht
-stehen dort gar keine zerfallenen Städte, sondern aufeinandergetürmte
-Felsen? Vielleicht sind jene angeblichen Mondvölker nur unvernünftige
-Tiere? Ich bin alt und habe keine Zeit mehr, mich davon zu überzeugen,
-denn es eilt mir, dort zu sterben am Grabe O'Tamors, im vollen Schein
-der Erde.
-
--- Ich kann euch nichts mehr helfen, sagte ich endlich, ihr denkt nur an
-euch. Ich muß eine unaufschiebbare Fahrt antreten, und mein Weg führt
-nach einer anderen Richtung als der eure.
-
--- Ich wußte, daß du so antworten würdest, flüsterte Ada, während ich
-schon den Fuß auf die Stufen des Wagens setzte. Aber Jan berührte noch
-einmal meine Knie:
-
--- Versprich uns nur, rief er, wenn es nicht anders sein kann, versprich
-uns, daß du zu uns zurückkehren willst, wohin du auch zu fahren
-beabsichtigst! Wir werden dich erwarten, und der Gedanke an dich wird
-uns in den Kämpfen aufrechterhalten, die wir bestehen müssen!
-
-Ich zögerte.
-
--- Wenn ich die Kräfte habe und das Leben noch ausreicht, werde ich
-zurückkehren!
-
-Ada wandte sich zu der kleinen Schar:
-
--- Er wird zurückkehren, aber dorthin!
-
-Bei diesen Worten wies sie mit der Hand auf das kleine Segment der Erde,
-das über dem Horizont glänzte.
-
-Ich war schon im Wagen und hielt die Hand am Steuer, als ihre letzten
-Worte noch mein Ohr erreichten:
-
--- Und hierher wird _er_ wiederkehren erst nach Jahrhunderten, nach
-Jahrtausenden ... wenn die Zeit erfüllt ist ...
-
- Auf Mare Imbrium, unter den Drei Köpfen.
-
-Furchtbar ist der Weg, auf dem ich zu euch eile, ihr Brüder! Starres
-Entsetzen überkommt mich, wenn ich an die grenzenlose Einsamkeit denke,
-an die grauenhafte Fahrt über Zerklüftungen, Berge und endlose Wüsten.
-Ich fuhr durch die Meere der Dunkelheit und habe noch flammende Höllen
-vor mir, blendende Gluten und unbarmherzige Kälten. Und Leere ... Leere
-...
-
-Ein anderer Weg als der, den wir damals zurücklegten, hat mich dieses
-Mal hergeführt. Da ich die gefahrvolle Kluft in dem _Quertale_, in der
-ich ein Steckenbleiben des Wagens befürchtete, umgehen wollte, umkreiste
-ich vom _Mare Frigoris_ aus den Ring des _Plato_ von Westen her und
-erreichte so die große Ebene, auf der ich bis zum Fuße des
-_Eratosthenes_ gelangen werde.
-
-Wozu soll ich die Schrecknisse der bisherigen Reise erzählen? Es wartet
-meiner wohl noch Schlimmeres.
-
-Ich war auch an der Stelle, wo wir einst die Stadt der Toten gesehen
-haben. Aber ich fand nur eine glatte Wüste dort; weder Felsen noch jene
-ruinenartigen Steinmassen waren zu erblicken. Haben uns damals die Sinne
-getäuscht, oder irrte ich mich jetzt in den Berechnungen, so daß ich von
-fern an dieser verfluchten Stelle vorbeigekommen bin? Oder sollte
-vielleicht die Karawane der Leichen indessen die Steinzelte abgebrochen
-haben und weitergezogen sein durch die Wüste -- auf die grenzenlose
-Ebene des Todes? ...
-
-Die Furcht geht mit mir, die Furcht geht vor mir her, und ich mit meiner
-grauenhaften letzten Einsamkeit ...
-
-Flammend erhebt sich die Sonne, die verschiedenfarbigen Sterne leuchten
-am schwarzen Samthimmel -- grausig, fürchterlich ... Und warum soll ich
-die Stadt der Toten suchen -- ich werde sie sicherlich finden, früh
-genug -- ist das nicht das Reich des Todes rings um mich her?
-
- Unter dem Eratosthenes.
-
-Noch eine letzte kurze Anstrengung ... Der letzte Berg, der letzte
-Gipfel ... Ich werde ihn von Westen und Süden umkreisen und so auf den
-_Sinus Aestuum_ gelangen -- und von dort, vom Steingrabe des greisen
-O'Tamor ...
-
-Wilde, zerrissene Gipfel vor mir -- und die Erde fast im Zenit, in der
-Fülle wie eine entfaltete Blume, und die Sonne schon unter mir.
-
-Die Lebensmittel werden noch ausreichen und die Luft, oh, wenn doch auch
-die Kräfte reichen wollten, sie verlassen mich mehr und mehr ... Ich
-habe schon lange nicht geschlafen, weder in der Nacht noch in der Zeit
-der Mittagsglut. Das letztemal als ich ein wenig eingeschlummert war,
-nach Sonnenuntergang, irgendwo auf der Strecke des _Mare Imbrium_,
-verfolgten mich im Schlaf verschiedene Stimmen und Erscheinungen. Zuerst
-glaubte ich, hinter mir das Rufen der armseligen Zwerge zu hören, die
-mich anflehten, zu ihnen zurückzukehren, um sie vor den Mondbewohnern zu
-schützen, die über das Äquatormeer gekommen wären und ihnen die Hütten
-verbrennen und Frauen und Kinder morden ... Kaum war dieser Alp von mir
-gewichen, erschienen mir die Gestalten meiner verstorbenen Kameraden.
-Sie begrüßten mich in ihrer Mitte und forderten mich auf, ein Schatten
-unter Schatten, mit ihnen für ewig die Wüste zu durchirren ... Und
-endlich träumte mir, daß man mich von der Erde riefe -- und das war die
-einzige Stimme, der meine ganze Seele Antwort gab.
-
-Ich bin erwacht und gehe dieser Stimme nach, oh, meine Brüder auf der
-Erde! Ich weiß, daß ich nicht mehr einschlafe, bis daß es mir vergönnt
-sein wird, im letzten Schlaf die müden Augen zu schließen.
-
-Das währt nicht mehr lange -- nicht wahr, nicht mehr lange? ...
-
- Am Grabe O'Tamors -- in letzter Stunde.
-
-Gott dem Höchsten sei Lob und Dank! Ich habe den Weg und jene Stelle
-gefunden, jene verfluchte Stelle, wo unser Fuß zum erstenmal den Boden
-berührt hat, und ... sie sei gesegnet, -- von wo ich Kunde von mir auf
-die Erde senden kann.
-
-Ich stehe an der Leiche des Greises O'Tamor und bin erstaunt, daß er
-jünger ist als ich, frischer, lebendiger. Jahre sind über ihn
-dahingegangen, ohne ihn zu berühren, wie ein leichter Wind über
-Granitfelsen dahinweht. Hier in dieser luftlosen Leere gibt es keine
-Zerstörung: der Greis O'Tamor sieht aus wie in dem Augenblick, da wir
-ihn verlassen haben und starrt mit weit geöffneten toten Augen
-unaufhörlich auf die glänzende Erde, während ich, der ich als Jüngling
-von diesem Grabe fortging, jetzt über ihm gebeugt stehe mit weißem Bart
-und weißen Haaren und mit Entsetzen in den erlöschenden Augen ... Zu
-lange habe ich gelebt, Greis O'Tamor! Zu lange habe ich gelebt!
-
-Das Geschütz fand ich; es steht bereit und ist nicht zerstört; es
-wartete auf mich über fünfzig Jahre ... und ich schreibe die letzten
-Worte, ehe ich diese Papiere in die Kugel einschließe, die sie auf die
-Erde tragen wird.
-
-Die Nahrungsvorräte sind schon erschöpft, die Luft wird kaum mehr für
-zwei oder drei Stunden ausreichen. Ich muß mich eilen.
-
-Seit unserm EXODUS siebenhundertsieben Mondtage.
-
-O Erde! O verlorene Erde!
-...................................................................
-
- Hier bricht das Manuskript ab, das in der vom Monde
- herabgefallenen Kugel gefunden wurde.
-
- Gedruckt bei M. Müller & Sohn in München
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Die Namen der Mondkrater Mösting, Schröter und Sömmering sind im
-Original ohne Umlaut geschrieben, also Mosting, Schroter und Sommering.
-Dies wurde so belassen.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 180]:
- ... frischem üppigen Grün bedeckt waren. Und alles von ...
- ... frischem üppigem Grün bedeckt waren. Und alles von ...
-
- [S. 239]:
- ... -- Jedesfalls steht es schlecht. ...
- ... -- Jedenfalls steht es schlecht. ...
-
- [S. 349]:
- ... ganzes Innere sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...
- ... ganzes Inneres sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF SILBERNEN GEFILDEN ***
-
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- gbnewby@pglaf.org
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-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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